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We will not be alone. "WIR werden nicht allein sein"

Neue Wege und neue Ziele
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Trigger

Gewalt, Tot, Selbstmord,
Wird aber, wie ihr mich kennt, nur kurz angedeutet was passiert ist. Keine Details, die in Ü18 gehen. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Triggerwarnung, Gewalt an Kindern, Trauma und Depression.

Reale Erlebnisse meiner Großeltern aus der NS-Nachkriegszeit. Tina schilderte diese im Kapitel: Die Therapie - Das Theaterstück, jedoch wurde es dort nur erwähnt.

Hier wird das Thema erneut angesprochen.
Wer es nicht lesen will, Hört nach dem die Frage danach gestellt wird, zu lesen auf und nimmt das nächste Kapitel. Der Trigger ist nicht grundlos. Inhaltlich verpasst ihr dann weiter nichts.

Danke Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Viel Spaß beim Leben ab 12 Jahre.

Ich lasse wie immer die nötigsten Gedanken für euch da. =) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Triggerwarnung

Sex und Gewalt
alles im Rahmen, keine Angst. Es sollte nur erwähnt werden. Komplett anzeigen

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187. Ein unmoralisches Angebot

JAAAA Natürlich beginne ich mit einem erotischem Knaller. Viel Spaß beim Lesen.
 

Wie geht es weiter mit Tina, Kojiro und Co.?
 

Bitte lest vorher die 186 Kapitel, denn ohne sie wird es euch die Spannung nehmen.
 


 


 


 


 


 


 


 

Kapitel 187
 

Ein unmoralisches Angebot
 

Es klopft leise an der Tür von Apartment 3706. Eine junge Japanerin schreckt etwas auf und schaut dann auf die Uhr.

‚Oh, hat es eben wirklich geklopft? Jetzt ist es schon fast Mitternacht. Ob er es ist?‘, denkt sie und legt ihr Buch zur Seite. Dann steht sie auf, wirft sich einen Seidenmorgenmantel um und geht zur Tür. Als sie durch den Spion schaut, staunt sie nicht schlecht. Es ist der junge deutsche Mann, dem sie völlig unerwartet kurz vor dem Spiel begegnet ist.

‚Wow, er ist doch tatsächlich gekommen.‘, grinst sie und öffnet dann etwas angespannt die Tür und lächelt ihn an.

„Hallo. Ich habe nicht mehr mit dir gerechnet. Komm rein.“, spricht sie leise, klar und mit sicherer Stimme. Sie hält die Tür weit auf und macht die passende Handbewegung. Dann schließt sie die Tür hinter Karl-Heinz, nachdem er den Raum noch etwas zögerlich betritt. Er hat bewusst noch nichts gesagt, bis die Tür endlich geschlossen ist. Die Einladung war doch schon etwas seltsam und ein Concierge, der nur kurz aufschaut und nichts sagt oder ihn fragt wer er sei, kam ihm ebenso etwas seltsam vor.

Akane steht vor der Tür, sieht zu ihm und ihr Herz schlägt ganz schnell. Sein Blick schweift kurz durchs große offene Zimmer und dann dreht er sich zu ihr um und lächelt sie an.

„Hallo, Danke für die spontane Einladung.“ Er hält seine linke Hand in der Hosentasche so, dass die Strickjacke etwas darüber hängt. In seiner Rechten hält er seine kleine Herrentasche. Beide sehen sich einfach nur in die Augen und dann mustern sie sich gegenseitig. Es herrscht eine unbeschreibliche Stille und eine seltsame Anspannung zwischen ihnen.

‚Sie ist wirklich eine Schönheit. Diese glänzenden langen schwarzen Haare mit den hübschen Locken und ihre wunderschönen Augen. In diesem Licht leuchten sie besonders schön. Ich Dummkopf war die ganzen Jahre immer so auf Blondinen fixiert, dass mir völlig entfallen ist, dass es so viele andere schöne Frauen gibt. Natürlich waren auch andere Schönheiten da, aber ich hatte nie das Interesse sie kennenzulernen. Und jetzt, jetzt lädt mich hier ein Traum von einer Japanerin zu sich ein, einen ihr Fremden und sprach vorhin von Ablenkung und Trost. Was meinte sie wirklich damit? Das macht mich neugierig. Denken wir bei den Worten an Dasselbe?‘ Akane hält sich den Morgenmantel zu und fasst sich an den Armen. Sie verharrt richtig in seinen klaren leuchtenden Augen.

‚Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Mann je so durcheinanderbringen könnte. Schon vorhin bei unserer seltsamen Begegnung fing mein Herz an zu rasen, als er meine Arme zärtlich berührte, damit ich nicht auf ihn falle und ich ihm dann in die Augen sah. Was war das nur für ein sonderbarer Moment? Es fühlte sich alles so warm an. Und diese Augen. Wie Sterne funkeln sie und strahlen eine unwahrscheinliche Stärke aus. Wie kann ein Mann solche Augen haben? Ob er sich denken kann, wieso ich ihn eingeladen habe? Denkt er vielleicht, ich mache das öfters oder ist er jemand, der öfters eine Andere hat oder auf solche Angebote eingeht? Ich bin mir unsicher, aber er macht mir nicht den Eindruck, dass er ständig eine Andere hätte oder sich einfach mal nur so auf eine Fremde einlässt. Als er mit dem Kleinen plötzlich vor mir stand und ihn auf der Schulter hatte, war das ein seltsamer Anblick. Klein Takeru hatte noch nie Vertrauen zu jemanden außerhalb der Familie. Nur zu Tina. Meine Mädels mag er auch nicht alle. Er muss also in seinen naiven Kinderaugen etwas Besonderes an sich haben. Er hat sehr ehrliche Augen, ob der Kleine es erkannt hat? Ist er denn ehrlich oder wirkt es nur so?‘

„Ach, bitte entschuldige. Wie unhöflich von mir. Ich lade dich ein und biete dir nichts an. Möchtest du etwas trinken? Ich habe uns Wein kaltgestellt. Du kannst aber auch einen Kaffee haben oder ein Glas Wasser.“, löst sie sich von seinem Blick und geht in Richtung Küchenzeile.

„Wasser hätte ich gerne, danke.“, kommt höflich. Ein Lächeln kommt weniger, eher ein neugieriger Blick. Er beobachtet sie, wie sich ihr sportlicher Körper unter dem weißen zarten Stoff bewegt. Ihre Bewegungen empfindet er als sehr attraktiv. Ihr Körper bewegt sich hinter die Kochinsel und öffnet den Kühlschrank.

„Stört es dich denn, wenn ich mir einen Wein gönne?“

„Nein, mir ist es nur etwas zu spät für Alkohol.“, kommt seine feste Stimme.

„Du kannst gerne deine Sachen auf einen Stuhl legen oder an die Garderobe hängen. Natürlich nur, wenn du möchtest.“, versucht sie locker zu wirken, aber in Wirklichkeit ist sie sehr aufgeregt. Ihr letzter Männerbesuch ist schon sehr lange her. Karl zieht seine Schuhe aus und stellt sie neben ihre im Empfangsbereich ab. Dann geht er zum Esstisch, legt seine Tasche auf den Tisch, nimmt seine Strickjacke ab und hängt sie wie bei einer Puppe über die gesamte Lehne. Akane schenkt inzwischen ein und dreht sich kurz vorher zu ihm um. Sie hatte die Gläser bereits vorbereitet und auf der Arbeitsplatte neben dem Herd stehen. Ihr Blick ist aufmerksam und sie betrachtet seine elegante Bewegung beim Ausziehen und wie er die Strickjacke sorgsam über die Lehne hängt und dann nochmal kurz glatt herunterzieht, damit es auch ja keine Falten schlägt.

‚Er hat sich umgezogen. Vom Stil her sind sich die Sachen sehr ähnlich. Entweder er ist sehr eigen oder er mag dieses Kleidungsstück besonders gerne. Überhaupt ist er sehr elegant und trotzdem sportlich gekleidet. Trägt man sowas in Deutschland oder ist das einfach nur sein persönlicher Stil? Unsere jungen Männer tragen auch gerne solche Poloshirts, diese komischen Jacken und Stoffhosen mit Gürtel. Das scheint wohl überall zurzeit sehr in Mode zu sein. Bei ihm sieht das aber viel eleganter aus. Es hängt nicht einfach nur an ihm herunter. Auch wie er sich darin bewegt, richtig anmutig und stolz, als wäre er eine wichtige oder bedeutsame Persönlichkeit. Diese Kleidung versteckt seine Statur so sehr, dass es nur wirkt, als wäre er nicht dünn, sondern durchschnittlich gebaut. Nur an seinen Armen kann man erkennen, dass er doch sportlich sein muss. Ein stattlicher Typ mit breiter Schulter und großen Händen. In Europa wäre er vermutlich eher durchschnittlich groß. Hier hingegen gehöre er zu den großen Männern.

Ach Akane, du Dummerchen. Was hast du dir nur dabei gedacht einfach einen Fremden einzuladen? Ausgerechnet du, nachdem was damals passiert ist? Was willst du denn plötzlich mit einem Mann? Du wolltest dich nie wieder auf einen Mann einlassen. Sie haben dich nur ausgenutzt. Und dann lässt du einen wildfremden Touristen in deine Wohnung wo auch dein Kind lebt.

Aber, dieser Mann hat so eine besondere Anziehungskraft. Wieso habe ich keine Angst? Wieso fühle ich mich ihm hingezogen?‘ Nachdenklich geht sie auf ihn zu und reicht ihm das Glas Wasser. Sie selbst hat ein Glas Rose´ in der Hand. Er nimmt an und bedankt sich schlicht. Dann trinkt er das Wasser zwar schnell, aber auf eine elegante Art aus und stellt es vorsichtig auf den Glastisch.

„Das tat gut. Verrätst du mir jetzt, wieso du mich eingeladen hast? In der Regel gehe ich solchen Angeboten aus dem Weg.“, spricht er ernst aber lächelt sie dabei endlich an. Noch immer macht er sich Gedanken darüber was diese Einladung wirklich zu bedeuten hat. Diese Frau ist immerhin Mutter und hat viel Verantwortung für die Kinder zu tragen. Und dann steckt sie ihm einfach ihre Adresse zu und bietet ihm Trost und Ablenkung an? Was hat es damit auf sich? Es ist ein großes Risiko einen Fremden in die eigene Wohnung zu lassen, wenn man alleine ist. Mitten in der Nacht. Dass ausgerechnet eine Tochter eines Kommissars so ein Risiko eingeht, ist verwunderlich.

Akane nimmt einen großen Schluck von ihrem Wein und sieht ihm dabei in die blauen Augen. Dann hält sie das Glas fest und kommt ihm näher.

„Bist du Student und machst hier Urlaub? Ich hatte zuerst angenommen du gehörst zu dieser deutschen Familie und dann dachte ich du gehörst zum deutschen Verband. Aber dem scheint nicht so zu sein, oder? Ich hatte dich oben nicht bei denen gesehen und im Publikum warst du auch nicht.“ Karl stutzt einen kurzen Moment.

„Ja, ich bin Student und spontan hier, um alte Freunde zu besuchen.“

„Was studierst du, wenn ich fragen darf und in welchem Semester bist du?“

„Du willst wissen wie alt ich bin, stimmts? Ich bin zweiundzwanzig, studiere Maschinenbau und beginne mein 5. Semester. Und du?“ Akane kichert plötzlich. „Du hast Recht, bitte entschuldige. Aber ich kann dich schlecht einschätzen. Ich bin immerhin schon sechsundzwanzig. Ich werde jetzt mein letztes Semester im Masterstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen beginnen. Also wird nun unter anderem die Master-Arbeit geschrieben. Heißt das bei euch auch so oder gibt es noch das Diplom?“

„Noch gibt es das, aber wenn ich meinen Abschluss mache, wird es auch Master heißen.

Du musst dich nicht entschuldigen, ich kann dein Alter auch nicht schätzen. Ich bin erstaunt, dass du mich überhaupt hier her eingeladen hast. Schlafen die Kinder?“

„Ich bin alleine. Nach den Spielen nimmt sie mein Vater oder meine Schwägerin gewöhnlich und bringt sie erst spät am nächsten Nachmittag oder abends wieder.“

„Hast du noch ein Glas Wasser für mich? Die Luft ist hier sehr trocken.“, entgegnet er etwas nüchtern.

„Ähm, natürlich. Entschuldige.“ Sie stellt ihr Glas auf den Tisch und nimmt seins in die Hand. Karl ist etwas verwundert, er nahm an, dass sie ihr Glas bei sich behält. Auf dem Weg zur Arbeitsplatte spricht er sie erneut an.

„Wenn ich das richtig deuten kann, ist das hier eine Ausnahme und keine Regelmäßigkeit. Bist du alleinerziehend und Single? Was auch immer das hier noch werden soll; auf Affären habe ich keine Lust und auf Stress mit irgendwelchen festen Partnern auch nicht. Besonders nicht, wenn Kinder im Spiel sind.“, spricht er ehrlich aus, denn er geht immer auf Nummer sicher. Die schöne Japanerin sieht überrascht zu ihm. Dann greift sie die Wasserflasche und schenkt erneut ein.

„Keine Sorge. Meine letzte Beziehung habe ich vor einem Monat beendet. Und ja, das hier ist eine sehr spontane Ausnahme. Was ist mit dir?“ Er sieht sie ernst an. Dann schaut er auf die Uhr. Die Uhr steht direkt auf Mitternacht. Es dauert ein wenig, bis er antwortet.

‚Wieso muss er dabei auf die Uhr sehen? Aber seine geheimnisvolle Art macht ihn erst recht interessant. Was mag er für ein Mensch sein? Das letzte Mal, als ich mit einem Mann zusammen war, ging nicht gut aus. Und ich konnte mich seitdem nie wieder auf einen Mann einlassen. Aber vorhin habe ich bei ihm nichts gespürt, dass bei mir die Alarmglocken läuten würden. Ich habe ohnehin kaum Gespür für Menschen. Wieso habe ich jedoch das Gefühl, ihm nah sein zu wollen? Wie fühlt es sich an? Wie fühlt sich nach so vielen Jahren ein Mann an? Ich war noch sehr jung. Was wird es für Gefühle in mir auslösen, mich doch wieder auf jemanden einzulassen? Dieser Mann scheint genau zu wissen was er will und so wie er mich ansieht, hat er bestimmt seine Vorstellungen wie das hier ablaufen wird. Oder deute ich das eventuell falsch? Nein, er wäre sicher nicht hier, wenn er nicht genau wissen würde, was er erwartet.

Es beruhigt mich sehr, dass er kein Typ für Affären ist, sonst hätte er das nicht sofort klargestellt. Er will mir sicher damit Zeit verschaffen, es mir nochmal zu überlegen. Sind deutsche Männer alle so oder ist er einfach nur er? Ist es Teil seiner Persönlichkeit? Ich weiß ja eigentlich gar nichts über ihn. Ich kenne nicht einmal seinen Namen. Naja, es ist mir eigentlich auch egal. Er macht mir einen sehr netten Eindruck und ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen Europäer attraktiv finden würde.‘

„Es ist etwas kompliziert, aber ich will ehrlich zu dir sein. Immerhin scheinst du mir sehr zu vertrauen.

Ich habe vor genau 25 Stunden meine letzte Beziehung beendet.“ Sie macht große Augen und sieht zu ihm. Ihr begegnet ein überzeugter Blick. Erwartungsvoll offensichtlich, denn ihm ist bestimmt klar, dass diese Antwort eventuell nicht gut ankommt. Eine Beziehung beenden und kurz darauf dann auf so ein unmoralisches Angebot eingehen. Das sieht wohl auch in seinen Augen seltsam aus.

„Wow, was hat sie falsch gemacht?“ Ihre Blicke treffen sich und bei beiden steigt der Puls etwas an. Dann kommt sie auf ihn zu, um ihm das Glas zu geben.

„Gar nichts. Ich habe nur plötzlich eingesehen, dass ich mich verrannt habe. Und wenn ich Fehler mache, stehe ich dazu und versuche sie so gut es geht zu korrigieren. In diesem Fall, war es die Trennung.“, erklärt er sachlich, ohne groß Emotionen in seine Aussage zu legen.

„Sie ist sicher jetzt sauer, weil du sie hast so plötzlich sitzen lassen.“, vermutet sie und gibt ihm sein Wasser. Sie nimmt sich ihr Glas und schaut nachdenklich hinein.

„Nein, es war für beide Seiten okay. Sie wusste, dass dieser Moment irgendwann kommen könnte.“

„Darf ich wissen, wie lange ihr zusammen wart? Meine letzte Beziehung war nur kurz, etwa drei Monate. Dann habe auch ich es beendet.“

„Etwa sechs Monate. Und was hat er falsch gemacht?“, fragt er neugierig, um einen Gleichstand der Unterhaltung zu schaffen.

„Ich…ich habe sie mit einer anderen erwischt.“, haut sie plötzlich heraus und sieht ihm tief in die Augen. Nun ist Karl etwas irritiert, aber wirklich stören tut es ihm nicht.

„Sie muss dumm sein, wenn sie eine schöne Frau wie dich betrügt.“, antwortet er dann nur darauf und macht ihr dadurch auch ein Kompliment. Sein unerwartetes liebevolles Lächeln lässt sie verlegen werden und sie trinkt daraufhin ihre letzten Schlucke etwas hastig aus und stellt das Glas auf den Tisch.

‚Jetzt habe ich sie verlegen gemacht. Sie wird mit einer anderen Reaktion gerechnet haben. Aber ob Frau oder Mann, wenn man eine solche Schönheit an der Seite hat, kann man doch nur dumm sein, wenn man sie betrügt. Was war das für eine seltsame Person?‘

„Du hast mir immer noch nicht auf meine Frage geantwortet. Warum hast du mich eingeladen?“, bringt er der Stimmung wieder etwas mehr Spannung entgegen. Akane zuckt plötzlich etwas zusammen.

„Ich, weiß auch nicht so genau. Als wir uns vorhin begegnet sind…“, beginnt sie und schaut dann zur Seite auf den Tisch. Ihre Hände halten sich aneinander und berühren ihren Brustbereich, als würde sie sich ans Herz fassen. Es schlägt sehr schnell, denn sie ist aufgeregt. Wie könnte er reagieren, wenn sie ihm jetzt einfach ehrlich sagt was sie fühlt? Das hat sie nicht einmal bei den Frauen gekonnt. Mit Gefühlen kennt sie sich nicht so aus. Sie versuchte immer etwas zu empfinden, aber richtig etwas damit anfangen, kann sie nicht. Wenn sie ihm jetzt sagt, dass sie sich ihm hingezogen fühlt und wissen will wie sich Zweisamkeit zwischen Mann und Frau anfühlt, wird er sie entweder für verrückt halten und einfach gehen oder vielleicht tut er nur so nett und freundlich und nutzt seine Chance scharmlos aus mit ihr allein zu sein? Aber vielleicht ist er auch genauso wie sie es möchte, abenteuerlustig und wagt es einfach ihr näher zu kommen und dann sehen sie weiter? Was könnte er sonst tun? Warum sollte er sonst hier sein? Sie riskiert es einfach. Sie weiß nicht einmal wer er ist. und vielleicht weiß er auch nicht wer sie ist. Natürlich weiß er, wer sie an sich ist, aber weiß er wer ihr Vater ist? Wenn er es wüsste, wäre er sicherlich nicht gekommen. In ihrer Jugend war das auch immer ein Grund, wieso sie nie einen Freund fand, der es mal mit ihr versuchen würde. Keiner traute sich sie anzusprechen oder um ein Date zu bitten. Die Angst einen Fehler zu machen oder ihrem strengen Vater nicht zu gefallen, war ihnen zu riskant. Sie entschließt sich jedoch für die Wahrheit, denn auch er scheint so gut er kann ehrlich zu ihr zu sein und das wäre doch nur fair. Ein ehrlicher Umgang miteinander. Heucheleien kann sie gar nicht leiden.

„…da hatte ich so ein seltsames Gefühl. Das habe ich noch nie gespürt. Schon gar nicht bei einem Mann. Ich wollte nie wieder was mit Männern zu tun haben und dann tauchst du plötzlich auf, bringst mich total durcheinander und weckst meine Neugier.“ Dann schaut sie plötzlich zu ihm auf und sieht ihn lächelnd an.

„Als du mich kurz berührt hast, da schlug mein Herz plötzlich ganz doll. Überall wurde mir komisch. So wie jetzt auch. Und ich hatte sowas noch nie. Noch nie war ich so durcheinander, wenn mir jemand nah ist. Und wenn ich sage noch nie, dann meine ich das auch so. Ich…ich will wissen…wie es sich jetzt anfühlt, mit einem Mann, nein…nicht irgendein Mann, mit DIR. Ich habe lange überlegt. Deswegen gab ich dir meine Adresse. Ich wollte herausfinden was es damit auf sich hat. Ich bin davon ausgegangen, dass wir uns nie wieder sehen würden, außer es gibt einen Grund dazu. Dann fiel mir die Einladung ein.

Und nun…stehst du hier und hast es dir überlegt.“ Sie schaut erneut zur Seite und senkt den Kopf.

„Du hältst mich bestimmt für verrückt, weil ich so ein Risiko eingehe. Ich bin Mutter und lasse einen fremden Mann in meine Wohnung. Ich kenne ja nicht einmal deinen Namen. Ich weiß gar nicht wer du überhaupt bist und trotzdem…gehe ich das Risiko ein.“

‚Oha, sie weiß scheinbar wirklich nicht wer ich bin? Das ist auch interessant. Und sie fühlt etwas, was sie vorher nie gefühlt hat? Was meint sie damit?‘

„Was ist mit deinen Kindern? Für den Vater musst du doch was gefühlt haben?“, hakt er vorsichtig nach. Sie nimmt eine Hand auf den Tisch und stützt sich etwas darauf ab.

„Der Kleine ist mein Adoptiv-Bruder, nicht mein Kind. Und die Große, naja, sie war ein Jugendunfall. Ich war, naja, etwas früh neugierig auf die Liebe und dann haben wir nicht aufgepasst. Ich brachte es aber nicht übers Herz den Sport ihr vorzuziehen, also zog ich das durch. Großer Skandal in der Zeitung. Das fünfzehnjährige Volleyballwunder wird Mutter. Was haben die sich das Maul zerrissen. Den Vater haben die auch ganz schön niedergemacht. Er war auch so jung. So wurde ich dann mit sechzehn schon Mama. Mit Gefühlen wie man sie als Erwachsener hat, hatte das nichts zu tun. Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen, er ist ein guter Vater, aber wir lieben uns eben nicht. Es war damals nur unsere Neugier und das Einzige was wir beide lieben, ist unsere Tochter.“

„Ich verstehe was du meinst. Es gab also eine lange Pause im Sport und trotzdem bist du so weit oben angekommen, dass du im Nationalteam warst und sogar letztes Jahr bei der Olympiade. Und jetzt gehst du im September zur Asienmeisterschaft. So wurde es mir heute erzählt.“

„Das war immer mein Traum, den habe ich nie aufgegeben. Ich kam schnell wieder an die Spitze.“, grinst sie dann stolz. Plötzlich nimmt er die letzten Schlucke und stellt sein Glas entschlossen auf den Tisch.

„Du bist eine beeindruckende Frau. Ich bin bereit mich auf dich einzulassen, aber ich bin unsicher, ob du das auch willst und wie weit es gehen soll oder gehen darf. Ich lasse dir etwas Bedenkzeit. Dann lässt du mich wissen, ob ich für diese Nacht bleiben darf oder ob es zu früh ist und ich wieder gehen soll. Die Entscheidung liegt alleine bei dir.“, lächelt er sie herausfordernd an. Dann geht er einen Schritt vor, bleibt direkt vor ihr stehen, so nah, dass er ihren starken Herzschlag hören und spüren kann. Daraufhin berührt er zärtlich mit der linken Hand ihre rechte Wange und führt ihr Gesicht sanft zu sich. Nun sehen sich beide an. Ihre Augen bewegen sich irritiert und ihr Herz schlägt bis an die Decke, als sie seine liebevolle warme Berührung spürt. Plötzlich kann sie seinen angenehmen Atem spüren. Seine Finger wandern langsam über ihr Gesicht und streichen wie ein Hauch über ihre offenen Lippen. Dann machen sie an ihrem Kinn Halt und lassen sie bis auf Zeigefinger und Daumen los. Er kommt ihr entgegen und ihre Lippen berühren sich. Ein sanfter sinnlicher Kuss lässt sie fast erstarren. Sie schließt die Augen, hält sich krampfhaft am Tisch fest und dann berührt sie mit der Linken zurückhaltend seinen muskulösen Arm.

‚Fremder, was ist das nur? Eine große starke Hand und so kräftige Arme? Wie kann sich eine Berührung von dir dann so zart und sanft anfühlen? So habe ich das nicht in Erinnerung. Du berührst mich kaum und doch fühlt es sich an, als würdest du mich überall berühren. Wie kann sich denn so ein einfacher Kuss so anders als sonst anfühlen? Es ist doch noch gar nichts passiert.‘ Plötzlich spürt sie wie sich sein Kuss verändert und sie steigt neugierig auf seine Bewegungen ein. Kurz darauf berühren sich auch ihre Zungen und seine rechte Hand berührt ganz sachte ihren Arm und fährt diesen hinauf bis über die Schulter und fasst dann sachte ihren Hals, den Hinterkopf und ihr Ohr. Nur so leicht, als würde es ein Stück Stoff sein, das daran anliegt wie ihr Morgenmantel. Ihr Herz schlägt immer doller und zum ersten Mal in Ihrem Leben kann sie plötzlich eine Erregung spüren an Stellen, an denen sie es gewöhnlich erst spürt, wenn eine intime Phase weitaus fortgeschrittener ist als jetzt.

‚Was machst du denn mit mir? Ich kann gar nicht zuordnen was du mit mir anstellst. Wieso spüre ich so viel, obwohl noch gar nichts passiert ist? Deine starken großen Hände fühlen sich so angenehm an. Aber das kann doch gar nicht wirklich sein. Starke Hände sind doch bestimmend, grob und aggressiv. Aber deine, deine Hände sind mehr als angenehm. Zärtlich und sanft.

Fremder…bitte…höre nicht auf. Es ist so unbeschreiblich schön. Es könnte ewig so weitergehen. Was passiert als nächstes?‘ Karl spürt ihren deutlich festeren Griff an seinem Arm und dann lässt er plötzlich von ihr und geht einen Schritt zurück. Ihre Augen öffnen sich überrascht und ihr Körper ist wie angespannt und ihr Kopf und ihr Oberkörper richtet sich seinem unbewusst entgegen. Es ist eine unbewusste Bewegung, die ihm letztendlich sagt, dass es ihr gefallen haben muss. Mit offenem Mund und noch völlig im Gedanken an die seltsamen Gefühle, starrt sie ihn an. Er lächelt, greift zu seiner Ledertasche und geht in Richtung Flur.

„Ich gehe mal davon aus, dass ich mir hinter der Tür mit dem Frosch und der Duschhaube, das Gesicht erfrischen kann.“ Akane steht wie angewurzelt da und sieht ihm nach. Kaum ist er hinter der Badtür verschwunden, berührt sie ihre Lippen. Ihr Herz rast wie wild.

‚Was war das denn eben? Wieso reagiere ich so auf ihn? Ist das die Neugier oder weil er mir völlig fremd ist? Nein, das ist etwas anderes. Ein kleines Abenteuer mit einer Fremden, hatte ich doch schon. Das war aufregend und spannend, aber das hier eben. Das…ist unfassbar. Warum hat er das getan? Er sagte doch, er will mir Bedenkzeit geben. Und statt gleich ins Bad zu gehen, bringt er mich total durcheinander. Ich kann mich gar nicht richtig bewegen, weil ich wie erstarrt bin. Alles kribbelt bei mir und ich bin total angespannt.‘

Plötzlich klingelt ihr Telefon auf der kleinen Kommode. Sie kann sich wieder bewegen, wie eine Erlösung kommt es ihr vor. Sie geht zum Apparat und hebt ab.

„Hallo?“

„Akane, ich bin es, Tina. Du bist nicht ans Handy gegangen und hast dich nicht gemeldet. Ich wollte nur wissen, ob alles okay ist und du gut zuhause angekommen bist.“

„Und dann rufst du mitten in der Nacht an? Ja, alles ist okay.“, murrt sie etwas. „Gut, ich habe mich nur gewundert, weil du gar nicht zur Party mitgekommen bist. So lange sollte die doch eh nicht gehen. Wir sind jetzt auch auf dem Weg nach Hause.“

„Dann schlaf gut. Ich bin müde.“

„Du auch.“ Beide legen auf. Akane schnappt sich ihr Glas und geht zur Küchenzeile und schenkt sich ein neues ein. Sie trinkt es schnell aus und schenkt sich vor Aufregung ein weiteres ein. Dann Stellt sie die Weinflasche wieder in den Kühlschrank.
 

Kurze Zeit zuvor schließt sich die Badtür und Karl-Heinz starrt plötzlich durchs Badezimmer. Sein Blick ist auf den blauen Fliesenspiegel gerichtet. Dann lehnt er sich an die Tür.

‚Was war das? Wie sonderbar fühlte sich das an?‘ Er berührt nachdenklich seine Lippen. Das erste Mal in seinem Leben hatte er eine Japanerin geküsst. Noch nie ist er von seinem Frauentyp abgewichen. Es waren immer Blondinen, auch wenn es sich mal nur um eine kurze Sache handelte. Er ist ein Typ für feste Beziehungen, aber selten hat sich eine längere ergeben. Immer waren die Gedanken an Tina dabei und dann brach er sie von sich aus ab, wenn er merkte, es geht nicht. Und jetzt plötzlich war der Gedanke an sie weg. Natürlich, denn nun weiß er endlich die Wahrheit über sie. Und ja, diese Frau sieht ihr überhaupt nicht ähnlich. Immer hat er versucht einen Ersatz zu finden, aber den gibt es doch gar nicht. Niemand könnte sie ersetzen und jetzt schon gar nicht. Wie konnte er nur so vernarrt sein und hat sich nie auf etwas anderes eingelassen? Vielleicht hätte ihm das ja geholfen, sie aus dem Kopf zu bekommen. Ein anderer Frauentyp hätte eventuell schon geholfen. Aber jetzt ist alles anders. Er könnte nicht mehr an sie denken. Nicht nachdem er erfahren hat, dass Tina seine eigene Zwillingsschwester ist. Wie verrückt ist das nur? Hatte sie tatsächlich damit Recht und im Inneren hat sie es gespürt, dass es zwischen ihnen nicht weitergehen sollte? Ist sie deswegen gegangen und hat ihre Verbindung gekappt? Tina meinte noch, sie glaubt heute, es sei vermutlich keine richtige Liebe gewesen. Ihre Gefühle waren Vertrauen und Zuneigung und sie habe es natürlich als Jugendliche falsch gedeutet. Irgendwie hat er jetzt das Gefühl, dass es auch bei ihm so war. Kann das sein? Hat er sie deswegen nie versucht zu finden? Hatte Marie Recht und auch er hat nichts weiter als Freundschaft und die Nähe zu ihr gesucht? Für beide war es wohl nur die Suche nach Nähe, die ihnen weggenommen wurde und weil sie nicht wussten wer sie sind, haben sie es beide in der schweren Phase des Erwachsenwerdens mit der Liebe verwechselt.

Karl legt die Tasche auf die Armatur und schaut zum Spiegel auf. Dann schaut er auf seine Hände.

‚Wie schön sie ist. Sie fühlte sich so zart an und ihre Haare, wie weich sie sind und wie sie duften. Warum vernehme ich plötzlich ihren Duft so intensiv?

Habe ich das eben mit der Bedenkzeit tatsächlich gesagt? Ich weiß nicht einmal wer von uns die Bedenkzeit braucht. Mir war so, als müsste ich gar nicht darüber nachdenken. Ich wollte dieses Abenteuer einfach mal wagen und nun? Nun stellte sich heraus, dass sie gar nicht das wollte, was ich vermutet habe, als ich hergekommen bin. Als sie mir anbot zu sich zu kommen, wenn ich eine Ablenkung brauche und Trost suchen sollte, bin ich davon ausgegangen, dass sie mich damit meinte. Aber es scheint genau das Gegenteil davon zu sein. Sie sucht es bei mir.‘ Er öffnet seine Tasche und holt eine kleine Schachtel heraus, die er dann öffnet. Sorgsam betrachtet er die kleinen Tütchen darin einzeln.

‚Scheinen alle heile zu sein. Nun gut. Sehen wir weiter.‘ Ein Telefon ist zu hören. Leider kann er nicht verstehen was gesprochen wird, aber das Gespräch ist sehr kurz.

Es vergehen wenige Minuten, dann steht er erneut vor dem Spiegel und wäscht sich die Hände wie auch das Gesicht. Dann nimmt er sich ein paar Tütchen, steckt sie in die Hosentasche und legt die Schachtel zurück in seine Herrentasche. Kurz bevor er den Raum verlässt, schaut er nochmal in den Spiegel.

‚Sie fühlte sich wirklich sehr angenehm an. Ich musste mich vorhin sehr zurückhalten. Akane, du bist wirklich wunderschön und dir könnte kein Mann ausweichen, nein. Aber mir gibst du die Chance, mit mir willst du es nach langer Zeit wagen?

Es war eine sehr gute Idee erneut für zwei Stunden ins Hotel zu gehen und etwas zu schlafen. Kein Kaffee der Welt hätte mich jetzt noch wachgehalten. Ich fühle mich überhaupt nicht müde. Jetzt nach diesem wahnsinnigen Kuss bin ich hellwach. Nun, schöne Frau da draußen.‘ Er holt eines der Tütchen aus seiner Hosentasche und schaut darauf.

‚Und wieder eine Frau, die von einem Mann enttäuscht wurde. Ich habe scheinbar das Talent an solche Frauen zu geraten. Was kann da passiert sein? Naja, Tina hatte ebenso erzählt, dass sie nach dem Überfall lange gebraucht hat, um Männern wieder zu vertrauen und das obwohl sie doch nur von ihnen umgeben war und sich durchzusetzen wusste. Sie war aber auch noch so jung. Warum müssen manche Kerle nur so ekelhaft sein?‘ Er steckt das Tütchen wieder ein und wäscht sich erneut das Gesicht, um einen klaren Kopf zu bekommen und fährt mit den nassen Händen durch seine Haare.

„Na dann. Ich bin gespannt wie sie sich entschieden hat. Ich glaube, es hat dir gefallen, du hast den Kuss erwidert.“, sagt er ganz leise vor sich hin und lächelt in den Spiegel. Sein Puls steigt plötzlich enorm an. Das Ungewisse macht sich in ihm breit und er betrachtet nochmal seine Hände. Ihm wird bewusst wie schön sie ist und er stellt sich vor sie erneut zu berühren und zu küssen. Das hat ihm sehr gefallen.

Es kommt ein kleiner Zweifel auf. Wie wird das laufen mit einer Frau, welche eine völlig andere Kultur hat und dann entschied, sich nur noch auf Frauen einzulassen? Wird ihr denn überhaupt gefallen, was er sich unter dem Zwischenmenschlichem vorstellt? Ob ihr seine Berührungen gefallen werden? Er hat mal gelesen, dass Japaner auch bei ihren Frauen eine andere erotische Vorstellung haben. Sie empfinden zum Beispiel den freien Nacken oder eine helle Haut und die Handgelenke als sehr erotisch und anziehend. Aber was empfinden Japanerinnen denn an Männern anziehend? Darüber weiß er gar nichts. Er sieht es jedoch als Herausforderung dies nun herauszufinden. Sie muss sich ja etwas dabei gedacht haben, ihn als Ausländer einzuladen und sie hat bereits erzählt, dass sie in seiner Nähe etwas Besonderes fühlt. Das kommt ja nicht einfach so. Aber vielleicht ist sie auch anders als die anderen Japanerinnen und sie sind sich gar nicht so weit entfernt. Immerhin scheint es andersherum ja auch zu funktionieren. Ihre Reaktion auf seinen „Bedenk-Kuss“ sagt ihm jedoch, dass da etwas zwischen ihnen ist, was sie gemeinsam als schön empfinden.

188. Einsame Seelen

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

189. Die sonderbare Nacht mit Karl-Heinz

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

190. Morgendämmerung in Tokio

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

191. Vertrauensbeweis

Kapitel 191
 

Vertrauensbeweis
 

Einige Minuten später verlässt er das Bad, hält seine Tasche in der Hand und betritt das Schlafzimmer, schaut nochmal kurz durch den Raum, ob er was vergessen hat und geht dann in den Wohnbereich. Akane steht in der Küche und bestückt die Kaffeemaschine mit frischen Bohnen.

„Setz dich doch, ich mache uns Frühstück.“, ist sie freundlich und lächelt ihn an.

Sie trägt ein hübsches kurzes weißes Kleid und hat eine lange auffällige Kette mit bunten Perlen um. Ihre langen lockigen Haare sind hochgesteckt und ihre Füße sind barfuß.

„Ich danke dir für das nette Angebot, aber ich werde jetzt gehen. Im Hotel wundert man sich sonst, wieso ich überhaupt gebucht habe. Ich werde dort frühstücken.“, entgegnet er sachlich und ruhig. Dann geht er zu ihr und bleibt vor der Kochinsel stehen.

„Schade, ich dachte wir können noch gemütlich Frühstücken und uns unterhalten. Ich habe sogar schöne Brötchen da, die müssen nur aufgebacken werden.“, versucht sie ihn umzustimmen.

„Brötchen? Das klingt aber nicht nach einem typischen japanischen Frühstück.“, grinst er.

„Stimmt, ich mag es auch mal so wie im Hotel. Eine Freundin lässt sie backen, nach dem Rezept ihres Vaters.“ Sie dreht sich zur Küchenzeile und holt zwei Teller aus dem Schrank.

‚Georgs Brötchen. Das ist keine gute Ablenkung.‘ Er dreht sich von ihr weg und geht zum Stuhl auf dessen Lehne seine dünne Strickjacke hängt.

„Wie gesagt, danke für das Angebot.“, beginnt er, legt die Tasche auf den Tisch und zieht das Kleidungsstück elegant über. Dann dreht er sich wieder zu ihr und sieht sie an, während er sich einen Knopf nach dem anderen zumacht.

„Ich bin hier, um mich abzulenken. Wenn wir anfangen, persönlich zu werden, funktioniert das eventuell nicht. Und jetzt wo du weißt wer ich bin, ist es ohnehin besser, wenn ich gehe.“, wirkt er distanziert und mit fester Stimme. Akane sieht ihn verdutzt an und stellt die Teller ab. Sein Blick ist ernst, aber nachdenklich. Ihr kommt es vor, als würde er sie herausfordern wollen. Aber was ist so schlimm daran, wenn sie nun weiß, wie er heißt?

„Du hast es bemerkt. Es tut mir leid, dass ich dann doch auf Nummer sicher gehen wollte. Ich hatte es schon ein paar Mal, dass man mich des Alters wegen belogen hat.“, kommt sie konternd und schaut ebenso ernst zurück.

„Sehe ich in deinen Augen so jung aus, dass du kontrollieren musst? Du hättest mich auch einfach nach meinem Ausweis fragen können. Ich bin kein Fan davon, wenn man an meine persönlichen Dinge geht. Du redest von Vertrauen, aber ich weiß gar nicht, ob ich DIR vertrauen kann. Und dein Vertrauen mir gegenüber scheint ja nicht auszureichen, wenn du dir nicht mal traust mich nach dem Ausweis zu fragen. Was hast du denn gedacht würde passieren, wenn du fragst?“

„Gar nichts. Es fiel mir nur spontan ein, als ich an der Tasche vorbeikam. Das ist alles und du hast so tief geschlafen. Ich wollte dich nicht wecken. Ich habe deinen Reisepass sofort wieder reingelegt, es ging mir nur um das Alter.“ Sie kommt hervor und geht auf ihn zu. Dann bleibt sie direkt vor ihm stehen und schaut zu ihm auf. Sein Puls steigt an, weil sie ihm so nah ist, aber er möchte sich gar nicht erst von ihr beirren lassen und bleibt cool.

„Karl-Heinz Schneider, so ein schöner starker Name. Warum hast du ihn mir nicht genannt? Karl-Heinz, es tut mir wirklich leid. Aber ich weiß nicht, wie man sowas macht. Mir passieren ständig solche Fehler. Ich kann das einfach nicht, das, was ihr alle könnt. Ihr alle, die gestern noch feiern wart.“ Er stutzt.

„Was meinst du? Was kannst du nicht, was wir können?“

„Ich kann das nicht, das mit den Menschen, das Zusammensein. Ich habe kein Talent für so ein Feingefühl. Du hast es scheinbar schon. Ich konnte das noch nie, sowas was ihr wart. Freunde finden. Ich habe keine Freunde.

Mir ist egal wer du bist, dann bist du eben ein alter Freund von Tina, na und? Was ist daran so schlimm? Weil ihr als Kinder zusammen Fußball gespielt habt? Warum muss man daraus so ein Geheimnis machen? Ich habe das gestern überhaupt nicht verstanden, wieso sie es niemanden gesagt hat. Warum durfte niemand wissen, dass sie gespielt hat? Nur weil dieser Japaner in ihrem Team war? Oder weil sie das einzige Mädchen gewesen ist? Es ist doch bewundernswert, dass sie mit Jungs in ihrem Alter mithalten konnte und Spaß hatte.

Mich stört das nicht, wenn ihr alte Freunde wart oder noch seid, keine Ahnung. Und es ist doch okay, wenn du neben dem Studium weiter bei deinem Sport bleibst. Das mache ich doch auch. Ohne meinen Ball und die Herausforderungen wäre mir das Leben zu langweilig.

Und ich handhabe das auch genauso wie Tina. Ich schätze alle Leute, egal ob sie aus Gutem Hause kommen oder nicht. Für mich zählen nur innere Werte. Auch deswegen spiele ich Volleyball. Weil es das Einzige ist, was mich mit Freude erfüllt. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Spielerinnen. Ich hätte sonst überhaupt keine Menschen um mich, schon gar keine normalen Leute oder im ähnlichen Alter. Ich bin viel zu seltsam für andere, als dass mich jemand freiwillig mag.

Jetzt ist es auch mein Kind, aber vorher und neben ihr ist es das, was mich neben meinen anderen Interessen herausfordert. Der Sport und mein Kind, ohne beides zu haben, wäre ich schon lange nicht mehr da.“, plappert sie ihn offen und ehrlich voll, ohne überhaupt auf ihre Ausdrucksweise zu achten.

‚Sport neben dem Studium?‘, wundert er sich erneut. Sie hat seinen Ausweis gesehen und vermutlich die Reiseziele und trotzdem glaubt sie noch, er ist nur ein Student?

„Wovon redest du denn? Was meinst du damit, du hast keine Freunde? Das sah gestern beim Spiel aber ganz anders aus. Dein Team scheint dich sehr zu mögen und ich dachte Tina ist eine Freundin, so habe ich das eben verstanden.“

„Ähm, so ist es auch, aber mehr Freunde habe ich nicht. Nur Tina, mehr nicht. Die Frauen im Team, sind eher wie Kollegen.“

„Nur eine Freundin? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Ist leider so. Tina sagte, ein Freund ist immer füreinander da, wenn es schön ist und auch wenn man Kummer hat. Das trifft nur auf sie zu und auf meine Tochter und Familie natürlich.“

„Ich weiß nicht…das wird mir zu persönlich. Akane, tu mir bitte einen Gefallen.“, beginnt er seine Gedanken auszusprechen und berührt plötzlich zärtlich ihre linke Wange und sieht ihr in die grauen Augen.

‚Wie schön du bist, wenn ich in deine Augen sehe, bin ich bereits abgelenkt genug.‘ Ihr wird plötzlich heiß, als würde sie Fieber bekommen und ihr Puls rast wie wild.

„Jeden, Karl-Heinz, Hauptsache du bist mir nicht mehr böse. Das Foto, es tut mir leid. Es ist beim Reinlegen einfach rausgerutscht. Dass ich es gesehen habe, war keine Absicht.“, haucht sie aus und kann sich ihre Gedanken selbst nicht erklären.

‚Karl-Heinz, was bist du nur für ein Mensch? Warum berührst du mich plötzlich so sonderbar? Mir wird so heiß, wenn du mich ansiehst und berührst. Warum nur? Warum ist das so? Ich wünschte, du würdest nicht gehen und diese Nacht, nein diese unbeschreiblichen Momente, wären niemals vorbei.‘

„Deine Ablenkung hat funktioniert. Das hätte ich niemals für möglich gehalten. In der Regel kriege ich den Kopf nie frei, nicht von allem. Aber hier bei dir, da ging es.

Wenn du möchtest, dass das, was heute Nacht war, erneut geschieht, dann höre bitte auf mir zu misstrauen oder mich daran zu erinnern, wieso ich mich ablenken will. Beweise mir, dass du mir vertraust und auch ich dir vertrauen kann. Auch ich wurde bereits oft genug enttäuscht, nicht nur du. Deswegen bin ich so vorsichtig.“ Dann spürt sie unerwartet seine sinnlichen Lippen auf ihren und der zärtliche Kuss zieht sich wie ein Faden durch ihren ganzen Körper. Völlig verdattert steht sie da und kann sich kaum auf den Beinen halten. Ihre Hände greifen nach seinen starken Armen und versuchen sich festzuhalten.

‚Was ist nur los mit mir? Dieser Kuss, so intensiv.‘

Dann unterbricht sie den Kuss von sich aus und sieht ihm in die blauen Augen. Sie möchte ihm etwas sagen, aber irgendwie kommen keine Worte heraus.

„Ich…ich…vertraue dir doch.“ Sie schaut in ein lächelndes Gesicht.

„Kann ich dir denn auch vertrauen? Woher soll ich es wissen, wenn du einfach an meine Sachen gehst? Deswegen mache ich sowas in der Regel nicht. Auf ein eher unmoralisches Angebot eingehen. Es war…in dem Moment aus der Situation heraus und…weil du so schön bist und ich wusste, dass du eine der Spielerinnen bist. Im Notfall greifbar. Normalerweise gehe ich erst mit jemanden aus und man lernt sich kennen, aber weniger so.“

„Wirklich? Ich wusste, dass du vermutlich kein Draufgänger bist. Warte, ich beweise dir, dass du mir trauen kannst.“, spricht sie ernst. Sie lässt ihn los und geht zum Schrank, wo die Vitrine drin ist. Ihr Puls steigt enorm an. Dann öffnet sie eine Tür und holt einen Ordner heraus. Eilig blättert sie darin rum und klickt dann eine Folie mit einem Dokument heraus. Er wundert sich. Wieso will sie ihm etwas auf einem Dokument zeigen? Sie nimmt es an die Brust und dann kommt sie zu ihm.

„Ich will dir erzählen, wieso du mir vertrauen kannst. Mir ist bewusst, dass du nicht in Armut lebst und deswegen so vorsichtig bist. Aber du musst bei mir wirklich keine Angst haben, dass ich dir zum Beispiel deine Kreditkarte oder so klaue.

Karl-Heinz, ich werde dir eines meiner größten Geheimnisse offenbaren, aber dafür bleibst du wenigstens zum Frühstück. Wir können auch japanisch frühstücken, wenn es dir lieber ist. Ist das ein Deal? Ich verrate es dir und du bleibst zum Frühstück und besuchst mich irgendwann wieder, solange du hier in Japan bist.“

„Ich entscheide dann, okay? Wozu ein Dokument?“

„Das ist der Kaufvertrag dieser Wohnung. Ich werde dir erzählen, was es damit auf sich hat. Geh aber nicht wieder an die Decke, weil ich Tina dabei erwähne. Nicht einmal sie, also meine einzige Freundin, weiß wie ich wirklich an diese Wohnung gekommen bin. Die Leute und auch meine Familie denken, es sind meine Werbeeinnahmen und ich wohne zur Miete hier.“ Sie geht zum Fenster und legt den Vertrag kopfüber auf den Tisch, als sie daran vorbei geht. Sie schaut auf die Stadt und betrachten den Fuji-san.

„Ich sagte doch vorhin, dass ich das mit dem Zwischenmenschlichen nicht kann. Deswegen fällt es mir sehr schwer immer richtig einzuschätzen, wem ich trauen kann oder wie ich mich richtig verhalte. Mir fällt es sehr schwer Gefühle zu zeigen. Ich habe Probleme damit Emotionen zu erkennen und sie zu zeigen. Das musste ich erst lernen, damit es mein Kind lernen kann. Oder sagen wir mal so, das Bisschen, was geht, das habe ich von ihr gelernt. Ich habe Probleme damit zu erkennen, ob mich jemand belügt oder es ehrlich mit mir oder jemand anderen meint. Als ich dir begegnet bin, habe ich das erste Mal etwas gefühlt, etwas Neues. Ich wollte wissen, was das bedeutet, was es damit auf sich hat. Dir dieses Angebot zu machen, fiel mir sehr schwer, aber kurz bevor ich darauf kam, standest du mit dem Kleinen vor mir und dieses seltsame Gefühl war wieder da. Und ich dachte, ich versuche es, ich versuche es, dir zu vertrauen, obwohl du mir völlig fremd bist. Aber nur, weil der Kleine dir vertraute. Er hat im Gegensatz zu mir ein gutes Gespürt dafür, ob jemand vertrauensvoll ist oder nicht. Weil er dir scheinbar vertraute, habe ich es gewagt. Sonst kann ich das nicht.

Was ich aber kann, das sind die Zahlen in meinem Kopf. Ich habe das Talent extrem komplexe Zusammenhänge zu erkennen und Programme zu entwickeln oder mich in Computersysteme zu hacken. Ich sehe nicht so aus, aber ich bin wie ein Computer. Alles nur Einsen und Nullen im Kopf. Als Kind hatte ich damit extrem viel Probleme und erst später konnte ich langsam damit umgehen.

Ich wusste anfangs nicht, was ich damit anfangen sollte, außer meine Lehrer zu nerven und die Buchhaltung meiner Familie zu machen. Um wegen des Jobs meines Vaters kein Aufsehen zu erregen, wurde ich später zuhause unterrichtet und ging nur zum Training unter meine Altersgenossen. Ich interessierte mich neben dem Sport sehr für Technik und Computer. Das ist genau mein Ding. Ich konnte einige Portale und Firewalls knacken und kam in viele Firmendateien rein. Das hat mich sehr erschreckt, wie einfach es teilweise ging. Mir wurde bewusst wie wichtig es ist, dass niemand Fremdes auf diese Daten zugreifen darf. Zum Testen knackte ich sogar den Zugang zur Polizeidatenbank. Da wusste ich dann, was ich machen will. Daraufhin entwickelte ich ein hochkomplexes Sicherheitssystem, eine Software, die vor Hackern und Spionage schützen soll. Dazu gibt es spezielle Updates. Diese müssen regelmäßig durchgeführt werden und es gibt viele zusätzliche Extras.

Ich verkaufte dieses Programm anonym unter einen Firmennamen an etwa einhundert der größten Firmen und Konzerne Tokios und Japans. Auch der Polizei und an die Regierung.

Mit nur zwei dieser Verkäufe an Konzerne habe ich mir dann diese Wohnung gekauft. So habe ich alles, was ich wollte. Die Updates machen jeden abhängig von mir und das ist meine Absicherung und mein Einkommen, diese Updates. Nachfragen anderer Unternehmen kommen immer wieder dazu.

Damit du mir glaubst, kannst du gerne in den Vertrag sehen. Dann siehst du, warum mich das Geld Anderer nicht interessiert. Denn der Wert dieser Wohnung ist nichts im Vergleich zu dem, was ich wirklich verdiene.“

Sie bleibt ruhig und wartet seine Antwort ab, jedoch kommt kein einziges Wort. „Was meinst du? Reicht dir das als Beweis aus?“ Wieder keine Antwort. Dann dreht sie sich um und blickt ins Zimmer. Sie hat gar nicht mitbekommen, dass er bereits gegangen ist. Dann geht sie zum Tisch, um nach dem Vertrag zu schauen. Er wurde nicht berührt. Sie hat sich genau gemerkt, wie er liegt. Stattdessen liegt ihr kleiner Zettel daneben mit einer Handynummer darauf und dem Vermerk:

„SMS, wann es abends passt.“ Sie lächelt und geht mit dem Zettel wieder zum Fenster.

‚Wann bist du gegangen? Ich habe nichts gehört. Hast du überhaupt noch mitbekommen, was ich erzählt habe?

Karl-Heinz Schneider, wer bist du? Was bist du nur für ein geheimnisvoller Mann? Ein alter Freund von Tina? Ob ich dir deswegen vertrauen kann, jetzt wo ich es weiß, dass ihr alte Freunde seid? Tina ist immer noch die einzige Person, der ich immer vertrauen kann.‘

Völlig im Gedanken an die unbeschreibliche Nacht entfernt sie sich von dem Fenster, macht sich statt eines Kaffees einen Tee und nimmt ihn dann mit ins Schlafzimmer, schließt die Tür hinter sich und geht dort ans Fenster. Sie schaut hinaus und betrachtet die Metropole aus dem Blick eines der modernsten erdbebensichersten Wolkenkratzer der Welt. Seine gut 210m ragen ausreichend in die Höhe, um ein Gefühl zu geben über der Stadt zu schweben. Akane genießt ihren Tee, der sie nun von innen wärmt und sie erinnert sich an diese unglaubliche Erfahrung mit Karl-Heinz. Solche Berührungen kannte sie bisher gar nicht. Es fühlte sich alles ganz anders an. Und dieses seltsame neue Gefühl, was sie nicht erklären und deuten kann, das lässt sie gar nicht mehr los.

‚Karl-Heinz, was ist das für ein neues Gefühl? Abgesehen davon, wie mein Körper bei deinen Berührungen reagiert und ich das Gefühl habe, mich gar nicht gegen dich wehren zu wollen, ist da noch etwas anderes, was mich neugierig macht. Was kann das sein? Ich kann es nicht einmal richtig beschreiben. Gibt es denn überhaupt ein Wort dafür?‘ Kaum hat sie den Tee ausgetrunken, stellt sie das Glas auf ihre Kommode, stellt den Wecker, zieht ihr Kleid, den BH und den Slip aus und legt sich nackt auf die Decke und das Kissen, welche noch vor dem Fenster liegen. Sie dreht sich auf die rechte Seite und schaut aus dem Fenster. Dann berührt sie ihre Lippen mit der linken Hand. Die Küsse gehen ihr nicht aus dem Kopf. Nur der Gedanke daran, er würde sie jetzt in diesem Moment zärtlich berühren, ihr in die Augen sehen und sogar küssen, lässt sie erstarren. Sie zieht ihre Beine an sich heran und stößt dabei mit den Knien leicht gegen die Scheibe. Ihre Hände berühren dann das spezielle Glas. Es ist nichts zu spüren. Aber kurz darauf bewegt es ihr Herz und sie kann eine Mischung aus Kälte vom Glas, Wärme der Sommersonne und eine ganz leichte Vibration spüren. Dann lächelt sie.

‚Wie schön das ist. Ich habe dich lange nicht gespürt, mein geliebtes Tokio, meine geliebte Stadt, mein geliebtes Minibeben.‘ Mit ein paar Tränen in den Augen richtet sie sich auf und lehnt sich mit dem nackten Rücken an die Scheibe. Während sie dort sitzt und zur Decke hinaufschaut, in den gemalten Sternenhimmel, berühren ihre Hände nach dem Anwinkeln ihre Beine und halten diese fest an ihren Körper. Das Minibeben hält noch eine Weile an. Sie genießt das Gefühl, als würde alles um sie herum lebendig sein. Sie konnte diese Minibeben schon als Kind spüren, wenn andere noch gar nichts bemerkten. Solange sie sehr klein war, wusste sie nichts damit anzufangen und ihre Eltern erzählten ihr, sie habe manchmal einfach aus dem heiteren Himmel heraus gelacht und gelächelt. Später bevor sie sprechen konnte, habe sie in die Hände geklatscht und gelacht. Anfangs haben sie sich gewundert, aber Sorgen haben sie sich keine gemacht, immerhin hat ihr irgendetwas gefallen. Dann gab es mal ein stärkeres Beben, was andere auch spürten und wieder machte sie freudige Bewegungen. Da haben sie es dann bemerkt, was es ist.

Akane legt eine Hand auf den Fußboden.

‚Sei brav, mein liebes kleines Beben. Pass auf meine Stadt auf. Und vor allem pass auf mein Kind und meine Familie und meine Volleyball-Mädels auf. Ohne sie bin ich doch aufgeschmissen.‘ Dann grinst sie plötzlich.

„Und pass auch auf Karl-Heinz auf. Er scheint etwas Besonderes zu sein.“, spricht sie ihren Gedanken aus. Kurz nach dem Minibeben steht sie auf, verschwindet kurz hinter der Schranktür, kommt wieder und schnappt sich die zweite Decke, legt sich wieder hin, deckt sich zu und versucht dann am Fenster wie gewohnt auf dem Boden einzuschlafen. Als sie wieder in den Raum kam, stellte sie fest, dass es ihr etwas frisch wurde und sie hatte diesmal nicht das Bedürfnis ein Nachthemd anzuziehen, sondern eher die Decke zu nutzen. Das gab es bisher noch nie.
 

Kaum steht Karl im Lift und fährt die über 30 Etagen des Wolkenkratzers hinab, gehen ihm viele Dinge durch den Kopf. Er schaut sich um, ob es eine Kamera gibt. Es ist keine zu sehen. Nur die Spiegel an jeder Seite, einen festen Stuhl, welchen man aufklappen kann und für Notfälle als Toilette benutzt werden könnte, ein Warnhinweis zu Verhaltensregeln bei Stillstand und beim Erdbeben sowie Handgriffe. Er liest sich die Hinweise erneut durch und schaut auch mal in die Toilette. Tatsächlich, dort waren viele Dinge drin, die für Notfälle praktisch wären. Bei seiner Ankunft, weiß er, hat er sicherlich keinen freien Kopf dafür gehabt. In der Regel ist er immer ein sehr aufmerksamer Typ. Aber kurz vor diesem geheimnisvollen Date, wenn man es so nennen darf, war er mit seinen Gedanken auf die schöne Frau fixiert, weniger auf solche Details. Wenn was passieren würde, wäre ohnehin alles da gewesen. Karl-Heinz berührt seine Lippen und ist im Gedanken an die unglaubliche Nacht.

‚Akane Saito, diese Nacht...sie war...unglaublich. Was bist du nur für eine geheimnisvolle und schöne Frau? Deine Küsse waren so anders und so verlangend. Wie kann das sein? Noch nie haben sich die Küsse einer Frau so angefühlt. Und deine Haut, so zart und schön.

Dein Plan ist tatsächlich aufgegangen. Ich konnte mich ablenken, weil ich plötzlich nur noch an dich denken konnte. Erst jetzt, als du die Brötchen erwähntest, da kam die Erinnerung an meine Vergangenheit klar wieder.

Aber wie unglaublich intensiv war das bitte mit dir? Alles fühlte sich so anders an. Wieso wolltest du mir jetzt deinen Kaufvertrag zeigen? Was geht mich das denn an? Es hätte gereicht, wenn du gesagt hättest, dass es deine Wohnung ist, wenn du nur beweisen willst, dass dich Geld nicht interessiert. Ist das so ein kultureller Akt, den du als Beweis liefern wolltest? Ich kann mir sehr gut vorstellen, was sie kosten könnte. Ich weiß, was es in München wäre, Tokio ist da noch ein ganz anderes Level. Ich gehe mal davon aus, dass meine Villa mindestens vier Mal hier drinsteckt. Aber es erklärt sich, wenn du sagst, du bist Programmiererin und hast eine Software entwickelt und verkauft.

Was meinst du, dass du mit Menschen nicht umgehen kannst? Den Eindruck machst du mir nicht. Du kannst deine Gefühle nicht zeigen? Das habe ich aber anders empfunden. Du hast mir doch sehr eindeutig gesagt, was du fühlst. Warum denkst du dann, dass du das nicht kannst? So wie du auf mich reagiert hast, kannst du doch nicht gefühllos sein? Wie kannst du sowas behaupten?‘ Er sieht in den Spiegel und schaut wieder herab in seine Hände.

‚Wieso fühlst du dich so anders und besonders an? Als ich deine Wohnung betrat und dir endlich richtig in die Augen sehen konnte, da waren plötzlich die Gedanken an den komischen Tag wie weg. Jahrelang habe ich versucht Tina zu vergessen oder mich einfach auf jemanden anderes einzulassen. Aber nein, es half nichts. Egal was ich gemacht habe oder wie weit wir gingen, nichts half. Und dann kam gestern diese Nachricht. Am liebsten wäre ich schreiend rausgerannt und hätte es sofort Tina gesagt. Sie ahnt gar nichts und bringt sich damit vielleicht mal in Gefahr.‘

Plötzlich wird er durch das Stoppen des Aufzugs aus dem Gedanken gerissen. Schnell zieht er seine Sonnenbrille aus der Jackentasche und setzt sie auf. Die Tür geht auf und drei Männer in Anzug und Krawatte betreten den Lift, betätigen die Taste 6, begrüßen ihn nur kurz und höflich mit einem englischen Guten Tag. Dann reden sie in ihrer Heimatsprache miteinander. Die Etagen-Anzeige steht auf Fünfzehn. Genau in diesem Moment klingelt Karls Handy. Er wird von den anderen überrascht angesehen und dann schaut er aufs Display. Es ist eine Nummer aus Tokio.

‚Hm, wer mag das sein? Es hat doch eigentlich keiner meine Nummer.‘ Er entschuldigt sich kurz bei den Herren und geht ran.

„Hallo.“

„Ich bin es, wo steckst du denn so lange? Takeru wartet schon auf deine Zeugenaussage.“, ist Tinas Stimme zu hören.

„Sprich leiser, ich bin nicht allein. Ich dachte das hat Zeit. Es gab kein festes Zeitfenster.“

„Oh, okay, ja schon, aber je eher er alles hat, umso schneller kann er den Fall abschließen. Marie ist auch schon da und Martin und Andrea mit den Verkäufern auch. Sogar die Heinemanns waren schon hier. Nur du fehlst noch.“, erklärt sie ruhig.

„Ich beeile mich. Kann aber bestimmt mindestens eine Stunde dauern.“, meint er dann ehrlich.

„Wo treibst du dich denn rum?“, wundert diese sich.

„Das spielt doch keine Rolle. Ihr müsst nicht warten, richte ihm aus, dass ich bald da bin. Was ist das für eine Nummer?“

„Oh, die ist von Takerus Büro. Bis dann. Du kannst sie dir für Notfälle, während du hier bist, gleich einspeichern.“ Karl legt auf und holt eine Visitenkarte aus der Seitentasche heraus. Es ist die Nummer von Sakura, der Taxifahrerin. Er ruft durch.

„Hallo.“, geht sie ran.

„Guten Tag, sind Sie zufällig in der Nähe der Baker Street? Ich bin es, der Fahrgast von gestern.“

192. Eine heiße Sommernacht Teil I

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

193. Eine heiße Sommernacht Teil II

Kapitel 193
 

Eine heiße Sommernacht Teil II
 

Es öffnet sich die Tür zu einem edlen Sushi-Restaurant, ganz weit oben auf einem der höchsten Wolkenkratzer Tokios. Das elegante Paar, welches sich vom Platzservice zu einem Fensterplatz bringen lässt, genießt sofort die traumhafte Aussicht. Er stellt sich hinter ihren Stuhl und bittet sie an den Tisch, daraufhin nimmt auch er Platz.

„Ich bin überwältigt. Vitamin B gibt es also doch hier in Tokio. So spontan und direkt am Fenster. Die Aussicht ist wirklich interessant.“, spricht der charmante Brasilianer mit der Frau ihm gegenüber. Er lächelt sie an, ohne den Blick von ihr zu wenden.

„Sie sind mir Einer. Reden von der Aussicht, aber sehen gar nicht hinaus.“, äußert sich Hitomi. Beide sehen sich daraufhin in die Augen.

‚Sie zählt eindeutig zu den hübschen Japanerinnen, die an ihrer Tradition festhalten.‘ Der Kellner kommt und bringt die Speisekarte.

„Herzlich willkommen Frau Toshiko. Möchten Sie und Ihre Begleitung bereits etwas trinken?“ Sie bestellt sich einen Jasmin-Tee und ein Glas Rosé Wein.

Roberto nimmt ebenso den Wein und statt Tee eine Tasse Kaffee.

„Wie meinen Sie das mit dem Vitamin B?“, erkundigt sie sich bei ihm, denn der Spruch ist ihr nicht gebräuchlich.

„Oh, damit sind die Beziehungen oder ein Vorteil eines Sozialstandes gemeint. Manchmal gibt es Situationen, da hilft es entweder das eine oder das andere zu haben oder sich zu Nutzen zu machen. In Kürze also Vitamin B.“

„Ich verstehe was Sie meinen. Mein Sozialstand hier in Japan ist recht hoch. Sie werden sehen, es wird gleich ein kleines „Willkommen“ gebracht. Das ist immer so bei mir und sehen Sie die Blicke der anderen Gäste? Die wissen genau wer ich bin. Ich hoffe es stört Sie nicht, dass wir so öffentlich ausgehen und die anderen so neugierig gucken?“ Roberto lächelt fröhlich.

„Sie haben sich bestimmt etwas dabei gedacht mit mir genau hier her zu gehen und ich spüre letztendlich nur Neid oder Neugier.“ Nach den netten Worten, die sie etwas verwundern, schaut Roberto endlich in die Speisekarte. Das ist der erste Moment, dass er mit seinem freundlichen Blick von ihr abweicht. Hitomi grinst unauffällig und tut es ihm dann gleich. Es ist jedoch nur ein Vorwand, denn sie kennt die Speisekarte bereits auswendig, so oft wie sie hier essen geht. Sie schielt unauffällig über die Karte hinweg zu ihm.

‚Was für ein interessanter Mann du bist, Roberto Hongo, Nationaltrainer der Brasilianer und Trainer von Sao Paulo. Du hast es vorhin geschafft mich zum Lachen zu bringen. Ich wusste gar nicht, dass ich noch lachen kann. Die anderen waren auch ganz verdutzt. Das letzte Mal, dass ich wirklich herzhaft gelacht habe, war der Sieg über die Chinesinnen. Was war das nur für ein herzlicher Moment des Triumphs? Die Spielerinnen weinend am Boden zu sehen und ihre Trainerin obendrein machte ein Gesicht, als wäre ein Geist auferstanden. Wie habe ich diesen Anblick genossen. Nach so vielen Niederlagen, wenn auch knapp…endlich wieder ein eindeutiger Sieg.‘ Plötzlich grinst Hitomi einfach vor sich hin und schaut dann aus dem Fenster. Ihr siegessicheres Grinsen wird zu einem Lächeln. ‚Frau Chai, Sie werden sich so richtig umsehen, wenn Sie in der nächsten Saison auf diesen Wirbelwind treffen werden. Bisher hat Frau Fuchs keine großen internationale Spiele absolviert, weil sie entweder nicht zugelassen war, verletzt oder aus persönlichen Gründen absagte, aber jetzt…jetzt wird sie endlich ihre wichtigen Erfahrungen sammeln. Und die Weltmeisterschaften nächstes Jahr, die werden der Wahnsinn, denn sie wird sehr viel in Italien dazulernen und sich endlich voll auf ihren Sport konzentrieren können. Noch nie habe ich sie so glücklich gesehen. Als sie den Vertrag unterzeichnet hatte, da war sie sehr angespannt und trotzdem hatte sie ein gewisses Leuchten in den Augen.‘
 

Etwa drei Stunden später hält ein Taxi vor Hitomis Haus. Vor ihrer Haustür bleiben sie stehen und sehen sich in die Augen.

„Es war mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen, Hitomi. Sie sind wirklich eine außergewöhnliche Frau.“, lächelt er freundlich und sieht ihr kurz darauf zu, wie sie den Haustürschlüssel aus der Tasche holt, statt auf sein Kompliment einzugehen. Sie sieht ihm lächelnd in die blauen Augen.

„Und Sie sind ein außergewöhnlicher Mann, Roberto. Ich habe seit Jahren nicht mehr so herzhaft gelacht, wie heute. Darf ich Ihnen noch einen Drink und einen Tee anbieten?“ Sein Lächeln darauf verrät ihr, dass er zusagt, sie öffnet die Tür, tritt herein und bittet ihn einzutreten.
 

Pünktlich nach der Morgendämmerung gegen 5 Uhr wacht Hitomi auf. Sie liegt auf der Seite und schaut zum schlafenden Mann neben sich. Er liegt auf dem Bauch, hat eine Hand unter dem Kopf und die andere neben sich liegen. Roberto schläft tief und fest. Sein Blick ist zu ihr geneigt. Ein Lächeln kann sie sehen. ‚Was war das nur für ein wundervoller Abend? Was bist du nur…für ein wundervoller Mann?‘ Sie lächelt und berührt neugierig seine Haare, streicht durch die braunen kurzen Locken und erinnert sich an die schönen und zärtlichen Momente mit ihm.

‚Es liegt nicht daran, dass es eine Weile her ist, dass mich ein Mann berührt hat, nein…es war wirklich besonders mit dir, Roberto Hongo.‘ Sie verharrt noch ein paar Minuten in ihrer Position, streicht auch über seine Wange, zieht die dünne Decke, die auf Roberto liegt, bis zu seinem Hals hoch und steht dann auf. Hitomi greift sich ihren Morgenmantel, der über dem Buttler hängt und geht ins Badezimmer. Nach der Dusche föhnt sie sich, macht sich wie immer fertig, zieht sich an, geht in die offene Küche und bereitet das Frühstück vor.

Der Kaffeegeruch lässt Roberto aufwachen. Er dreht sich zur Seite und fasst plötzlich ins Leere. Als er die Augen öffnet, wundert er sich.

‚Nanu? Schon aufgestanden? Ihre Seite ist bereits kalt.‘ Er dreht sich auf den Rücken und legt seine Hände auf seinen Bauch. Sein Blick ist zur Decke gerichtet.

‚Was war das nur für eine aufregende Nacht? Und so ein schöner Abend davor? Was ist nur in mich gefahren? So schnell habe ich mich doch noch nie auf eine Frau eingelassen?‘ Er schließt die Augen und die starken Gefühle kommen wieder in seiner Erinnerung. Sein Puls steigt an, als ihr wunderschönes Gesicht vor ihm erscheint und ihm nicht nur die aufregenden Küsse in dem Sinn kommen.

Da die schöne Frau nicht neben ihm liegt und scheinbar das Frühstück vorbereitet, steht er endlich auf, geht duschen und zieht sich ebenso an. Dann geht er die Treppe hinunter zum offenen Wohnbereich. Der Tisch ist bereits gedeckt, der Kaffee in eine Kanne gefüllt auf dem Tisch und es liegen frische Brötchen im Backofen.

‚Du meine Güte. Sie ist aber früh auf den Beinen.‘ Hitomi steht mit dem Rücken zu ihm am Backofen und greift nach den Handschuhen.

„Guten Morgen.“, sagt sie schlicht ohne sich umzudrehen und öffnet den Backofen.

„Mm, das riecht wirklich sehr gut. Guten Morgen.“, antwortet er mit einem Lächeln auf den Lippen und geht auf sie zu. Er greift den Brotkorb, der neben ihr auf der Arbeitsfläche steht und reicht ihn ihr, damit sie die Brötchen direkt hineinlegen kann.

„Hast du gut geschlafen?“, kommen liebevolle Worte zurück. Damit hat er in diesem Moment und nach dem schlichten Gruß gar nicht gerechnet.

„Ja, das habe ich. Du bist aber früh auf den Beinen.“ Sie legt die Brötchen in den Korb und er stellt den Korb dann beiseite. Kurz darauf zieht sie die Handschuhe aus und hält sie in den Händen. Beide stehen sich sehr nah und sehen sich tief in die Augen.

‚Dieser liebevolle Blick. Was denkst du jetzt? Jetzt nach so einer schönen Nacht?‘, geht ihr durch den Kopf. Plötzlich spürt sie seine Hände am Kopf. Ganz sanft gleiten sie an ihre Ohren und fahren unter ihre Haare. Sie sind zaghaft, vermutlich damit sie keine Spuren auf ihrem Ruge oder an ihrem perfekten Haar hinterlassen.

„Und du? Hast du auch gut schlafen können?“ Hitomi hingegen starrt ihn eher überrascht an, als ihm zu antworten. Plötzlich beugt er sich ihr entgegen und gibt ihr einen sinnlichen Kuss. Ihr wird ganz heiß und obwohl er nur leicht ihren Kopf dabei gerührt, fühlt es sich wahnsinnig aufregend an. Kurz darauf lässt er von ihr und lächelt sie wie verliebt an.

„Du bist so schön, entschuldige.“ Sie lächelt ihn liebevoll an und berührt dann seinen linken Arm.

„Reichen dir zwei Brötchen? Möchtest du ein Frühstücksei?“, entgegnet sie.

‚Hitomi, du lenkst ab?‘ Er schmunzelt und geht ruhig auf sie ein.

„Vielen Dank, das ist nicht nötig. Zwei Brötchen reichen mir.“

„Bitte nimm Platz.“

Kurz darauf sitzen beide am Frühstückstisch und genießen ihren Kaffee. Es ist ruhig und Hitomi benutzt die Fernbedienung des Radios und schaltet es ein. Ein paar angesagte Songs laufen und dann folgt die Wettervorhersage. Heute sei es schön, aber in der nächsten Nacht und am nächsten Tag sieht es nach Regen und starkem Wind aus.

„Wie ist dein Fahrplan heute? Ich muss arbeiten. Ich habe zwei wichtige Termine, aber sie sind nicht festgelegt. Wir könnten nachmittags, wenn es passt, etwas zusammen unternehmen. Natürlich nur wenn du möchtest.“ Roberto ist sehr erstaunt. Diese Einladung sieht danach aus, dass sie ihn richtig kennenlernen möchte. Als er ihr gestern anbot sie für ein Abendessen auszuführen, da war er bereits sehr überrascht, dass sie zusagte und dann kam sogar noch diese aufregende Nacht dazu. Und nun fragt sie nach einem Ausflug, also eindeutig war es für sie eine schöne Zeit mit ihm und sie möchte es wiederholen. Wenn es nicht so wäre, würde sie ihn nicht fragen.

„Ich kann meine Vorhaben verschieben. Da bin ich flexibel, da ich ohnehin spontan hier bin. Ich habe zwei Wochen eingeplant. Wenn ich es nicht heute schaffe, dann würde ich jedoch gerne morgen nach Kashima fahren. Im Verein Kashima Antlers spielen ein paar Männer aus meinem Nationalteam. Sie waren sogar gestern unter den Zuschauern. Jetzt wo sie wissen, dass ich hier bin, warten sie natürlich auf meinen Besuch.“, erklärt er offen und legt das Messer zur Seite. Dann nimmt er sich die Gabel und legt sich eine Scheibe Käse auf sein Brötchen.

„Das kann natürlich sein. Sie werden sich bestimmt freuen, ihren Trainer mal zu sehen. Ich habe mich erkundigt. Nachdem du mich gestern nach einem Abend gefragt hast, war ich natürlich neugierig. Es tut mir leid, ich hoffe du nimmst mir das nicht übel.“, schmunzelt sie und beißt elegant von ihrem Marmeladen-Brötchen ab. Roberto lächelt zurück.

„Das ist vollkommen verständlich.“

„Bei mir spielen auch Brasilianer im Team. Zwei an der Zahl. Einer im Stammteam und einer in Reserve. Andere Teams haben ebenso den einen oder anderen Landsmann von dir. Die brasilianische Liga ist sehr stark. Bei den Damen wie bei den Herren.“

„Das stimmt. Ich glaube, wäre ich nicht beim Fußball geblieben, dann hätte ich Volleyball gespielt. So ein spannendes Spiel wie gestern habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe zu wenig Zeit, um mir solche Spiele anzusehen.“

„Wann war denn das letzte Mal, als du ein spannendes Spiel gesehen hast?“

„Oh, das Finale der Brasilianerinnen der letzten Saison. Jedoch davor die Asienmeisterschaft. Ich habe mir das Finale angesehen. Und gestern, war ich sehr überrascht, fast alle Spielerinnen auf dem Feld wiederzusehen. Als mir Tsubasas Eltern mitteilten, er sei bei einem Spiel als Zuschauer und ich könne ihn dort besuchen, habe ich nicht mit dieser Prominenz gerechnet. Ich dachte es sei einfach nur ein Spiel unter den Schülerinnen der Schule, weil sie diesmal dort ihr Trainingslager haben.“, erklärt er begeistert und beißt dann ebenso endlich ab. Es ist ein paar Minuten ruhig und dann wird wieder vom Kaffee getrunken und die Tasse hingestellt.

„Man spricht bei deinen Männern von der „Goldenen Generation“. Ich glaube in dieser Hinsicht hat die Presse ausnahmsweise mal Recht. Bei uns ist es ähnlich. In den Fachzeitschriften werden die Männer wie die Frauen aktuell auch so bezeichnet. Man nennt sie jedoch schlicht die „Neue Generation“. Wie empfindest du das? Ist das auch deine Meinung?“

„Auf jeden Fall. Es gab immer gute Spieler, aber diese Jahrgänge Anfang und Mitte der 80er fallen wirklich extrem auf. Fast in allen Ländern gibt es da Kandidaten auf die es zutrifft.“

„Das stimmt. Bei uns ist es auch die Ende 80er und die 90er Generation. Also beide Jahrgänge mit Ausnahme von Frau Saito und Kawasaki, welche gestern ebenso dabei war. Sie sind noch 79 wie auch 80 geboren. Sie waren meine großen Stars bevor Frau Fuchs auftauchte und das ganze System etwas durcheinanderbrachte.“, schmunzelt sie.

„Das kann ich mir gut vorstellen. Als ich mir das Finale gegen China vor gut zwei Jahren angesehen habe, da war ich sehr überrascht, dass eine deutsche Spielerin für Japan spielen durfte. Sie hätte so wie jetzt auch für Deutschland spielen können, oder nicht?“

„Das war gar nicht geplant. Frau Fuchs war zwar hier bereits bekannt und erfolgreich, aber internationale Spiele fehlten nach wie vor. Deutschland hatte zu dem Zeitpunkt noch kein Interesse an ihr. Aber wir wussten genau was wir an ihr haben und der Verband musste handeln, denn uns fehlten vergleichbar starke Angreiferinnen. So prüften sie die Bedingungen und es reichte knapp, aber es reichte für den Asien-Cup, wiederum nicht für die Weltmeisterschaften und weltoffenen Japan-Cups. So landete sie auf der Reserve und dann fiel Frau Saito unerwartet aus und dadurch kam sie in das Stammteam und bewies sich im Trainingscamp, als perfekten Ersatz. So war das damals. Ohne das Ausscheiden von Frau Saito wäre sie nicht dabei gewesen und hätte noch immer keine internationalen Erfahrungen. Erst dann erkannten alle endlich ihr großes Talent an. Es kamen viele Anfragen aus dem Ausland und auch wieder von den japanischen Teams. Ebenso meine Anfrage.“

„Aber sie lehnte alle ab?“

„Genau. Sie wollte im Uni-Team bleiben. Dabei hatten wir wirklich ein Angebot gemacht, dass sie nicht ausschlagen konnte. Da war nichts zu machen.“

„Hm. Wenn ich das gestern richtig gesehen habe, sind die beiden befreundet. Dann wollte sie vermutlich bei Frau Saito im Team bleiben? Warum ist sie dann doch gegangen?“

„Oh, nach dem Tod ihrer Eltern hat sie sich umentschieden und unser Angebot angenommen. Sie war im Zugzwang, da sie auch das Studium abbrach.“ Wieder ist es ruhig.

„Nun gut, ein anderes Thema.

Ich möchte nachher als erstes zum Vereinsbüro, ein paar Formalitäten klären und dann zu unserem Männerteam. Ich möchte ihnen ein paar wichtige Dokumente überreichen. Einige von ihnen wissen noch gar nichts von ihrem Glück oder waren noch auf der „Vielleicht-Liste“ für die Asienmeisterschaften, die jetzt kommen. Ich möchte ihnen die Einladung überreichen.“

„Da werden sie sicher begeistert sein. Die Männer wissen also noch gar nichts von ihrem Glück?“

„Richtig.“
 

Am vorigen Abend, kurz nach Mitternacht, legt Tina ihr Handy nach einem kurzen Gespräch mit Akane auf. Sie steckt es in ihre Tasche und lehnt sich an Kojiros Schulter, während sie im Taxi sitzen und zu ihrem Haus fahren.

„Frau Saito ist also gut zu Hause angekommen?“, kommt eine Stimme von vorne. Sakura ist erleichtert.

„Ja, es ist alles okay. Sie weiß eigentlich, dass sie sich kurz melden soll. Ich mag das nicht.“

„Ich verstehe das.“

„Danke übrigens nochmal für deine Hilfe mit Karl-Heinz und Pierre.“

„Nicht dafür. Es ist mir eine Ehre deinen Freunden zu helfen.“

„Danke trotzdem.“

„Wir sind auch gleich da. Nur noch zehn Minuten etwa.“

Bald sind sie zu Hause und betreten den Flur. Tina huscht sofort zum Bad durch und schließt die Tür hinter sich.

‚Oha, das ist es also, was sie am Einschlafen gehindert hat. Sie sagte ja, sie würde vermutlich sofort einschlafen, wenn es ginge.‘, erinnert Kojiro sich schmunzelnd an den Moment, als Tina sich im Taxi an ihn lehnte und seine Hand hielt. Er zieht seine Schuhe aus, stellt beide Paare an die Seite in den Schrank so wie immer und geht in die Küche, um die Kaffeemaschine zu bestücken. Da kommt Tina auch schon aus dem Bad und sieht ihn erleichtert an.

„Du machst Kaffee? Eine gute Idee. Wir hatten noch gar keine Zeit den morgigen Tag abzusprechen.“, lächelt sie ihn liebevoll an und geht dann zum Fenster und öffnet es. Dann geht sie zu ihm und bleibt direkt vor ihm stehen. Kojiro sieht ihr liebevoll in die Augen und berührt ihre Wangen.

„Du meinst den heutigen Tag?“ Sie grinst, als sie zur Uhr schaut.

„Stimmt, ich bin eindeutig müde. Überhaupt nicht bei der Sache.“ Kurz darauf küssen sie sich und vergessen alles um sich herum. Tina greift in seine Mähne und hält sich fest, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. Sie unterbricht den Kuss und sieht ihn verliebt und mit glasigen Augen an.

„Ich kann es kaum…erwarten. Endlich…haben wir Urlaub. Ich…ich liebe dich, Ko…jiro.“ Sein Herz rast vor Sehnsucht nach ihren Berührungen, nach diesem seltsamen Tag. Er nimmt sie in die Arme, drückt sie fest an sich, in der Annahme sie bald ganz spüren zu können. Wie lange sehnte er sich danach und er spürte es die ganze Zeit, dass auch sie sich nur nach seiner Wärme sehnte. Tina sieht zu ihm auf und flüstert etwas wirr vor sich hin.

„Ich…tut mir…leid. Ich…kann nicht mehr. Ich…ich liebe dich. Bitte…bring…mich…ins Bett bevor…ich...“

Tina spürt seine warmen Hände an ihrem Rücken und lächelt ihn glücklich an. ‚Liebster, wie schön es ist bei dir zu sein. Ich will nur noch in deinen Armen liegen und dich spüren. Ich will nur noch bei dir sein…für immer, liebster Kojiro.‘ Kojiro will sie küssen und ihr fester Griff in seine Haare signalisiert ihm, dass sie nur darauf wartet seine Lippen zu spüren. Kaum berühren sich ihre Lippen, lässt sie ihn los und sackt zusammen. Er erschreckt sich und hält sie einfach nur fest. „Bettina. Was ist los?“, unterbricht er natürlich und sieht sie verdutzt an. Ihre Augen sind geschlossen, sie lächelt fröhlich, aber festhalten muss er sie.

„Bettina?“ Er nimmt sie hoch, damit sie ihm nicht umfällt. Dann betrachtet er ihr fröhliches Gesicht.

‚Ob das nur so wie bei Schneider und meiner Mutter ist? Der Tag war so anstrengend. Ob es das ist?‘

„Bettina? Schläfst du wirklich nur?“, spricht er sie laut an. Es kommt jedoch keine Antwort. Um es zu prüfen, legt er sie im Wohnzimmer auf die Couch. Dann prüft er ihren Puls, aber er ist selbst noch aufgedreht, weil er noch an etwas ganz anderes dachte, als er sie küsste. Doch etwas besorgt greift er zum Handy und ruft Jun an.

‚Geh ran, Jun, geh ran.‘, hofft er auf Antwort und ja, nach dem zehnten Klingeln geht er tatsächlich ran.

„Was störst du mitten in der Nacht?“, brummt dieser ihn an.

„Bettina…sie ist einfach umgefallen. Also…ich glaube sie schläft, aber…kann das sein? So ein Schwächeanfall wie bei Mutter heute? Schneider hatte sogar einen wegen Schlafmangel und der Anspannung und Sorge um Marie.“

„Vielleicht, beschreibe mir ihr Gesichtsausdruck und was sagt die Atmung?“ „Flach, aber kommt mir normal schlafend vor. Sie lächelt.“

„Klingt gut. Beruhige dich zuerst. Ich tippe auf Schlafmangel. Leg sie auf den weißen Teppich, nicht aufs Sofa und dann holst du das Blutdruckgerät aus der Kommoden hinter dem Esstisch. Im rechten Fach.“ Kojiro tut was er sagt und schiebt den Tisch neben dem Sofa zur Seite, legt sie auf den Plüschteppich und geht zur Kommode. Dann misst er ihren Blutdruck.

„Was sagen die Werte?“ Er gibt ihm die Werte durch.

„Gut, alles okay. Miss in zehn Minuten nochmal. Ich gehe mal davon aus, dass sie wirklich nur schläft. Mit dem Kreislauf hat sie keine Probleme. Mach dir also nur einen Kaffee und warte ab. Wenn sie in der nächsten halben Stunde genauso friedlich schläft, der Blutdruck sich etwas verbessert und vom Ansprechen nicht aufwacht, dann ist alles okay. Lass sie schlafen. Ich gehe mal davon aus, dass du versucht hast sie anzusprechen.“

„Natürlich, sofort, aber keine Reaktion. Sie hat nur kurz vorher was geflüstert, ich solle sie ins Bett bringen.“

„Oh, na dann…ist alles klar. Sie kennt das schon. Mach dir also keine Sorgen, alles okay. Lass sie einfach schlafen, dann wacht sie irgendwann alleine auf. Euch hetzt ja morgen nichts. Wecke sie spätestens sechs Uhr, wie ich sie kenne hat sie vielleicht noch vor dem Urlaub Termine beim Facharzt und da ihr spontan fliegt, eventuell dann morgen. Aber vor 8 Uhr nimmt sie in der Regel keine Termine bei Ärzten. Dann hat sie immer noch zwei Stunden, um sich fertig zu machen.“

„Okay. Danke Jun. Und sorry, dass ich euch gestört habe.“

„Alles gut, war ja auch ein Notruf. Besser als gleich den richtigen Arzt zu rufen. Also wie gesagt, ruhig bleiben, es wird nur Schlafmangel sein, denn gewöhnlich macht sie irgendwann am Tag eine kleine Schlafpause, die hatte sie sicher nicht.“

„Das stimmt, da war keine und die Nacht davor kam Marie und hielt uns demzufolge auch wach.“

„Ich verstehe. Das wird es sein. Bis dann. Sollte sich doch was verändern, Fieber kommen oder ähnliches, ruf wieder an.“

„Okay.“ Kojiro legt auf und atmet tief durch. Er sieht zu Tina hinunter und hockt noch neben ihr. Das Blutdruckgerät lockert er an ihrem Arm und lässt es aber noch um, für die spätere Kontrolle. Er streichelt ihre Haare und schmunzelt vor sich hin.

‚Schlaf schön, meine Liebe. Ich hätte es gleich merken müssen. Du bist mir doch im Taxi schon ein paar Mal eingenickt. Vermutlich warst du nur noch wach, weil die Blase drückte.

Schlaf gut.‘ Er steht auf und geht in die Küche, macht sich den Kaffee fertig und setzt sich neben sie auf die Couch. Er greift zur Fernbedienung und macht so leise es geht den Fernseher an. Der Tisch zwischen Tina und dem Fernsehen verdeckt das helle Licht. Er stellt ihn trotzdem noch etwas dunkler, damit es nicht so grell ist und das Licht so flackert. Dann greift er zum Handy und sendet Jun eine SMS.

„Wieso sollte ich sie auf den Teppich legen?“

„Damit sie nicht herunterfällt, falls sie einen Albtraum hat. Entscheide selbst, ob es noch nötig ist. Wenn es um ihr jetziges Schlafverhalten geht, kennst du sie doch jetzt am besten.“, simst er zurück.

„War es denn damals so? Also, als ihr euch kennengelernt habt?“

„Ja. Es besserte sich dann etwas seitdem sie eine Schlaftherapie gemacht hat und jeden Tag mal etwas am Tag pausiert. Diese Pausen macht sie heute noch, wenn sie merkt, dass es nötig ist.“

„Ich verstehe. Danke. Und danke, dass du dich immer um sie gekümmert hast.“ „Pass du in Zukunft immer auf Tina auf, verspreche es mir. Ihr seid mir beide wichtig. Sie musste mir auch versprechen auf dich aufzupassen.

Irgendwie hatte ich es im Gefühl, dass ihr euch mögen würdet. Leider lehnte sie stets einen Kontakt zu meinen Freunden ab.“

„Kann ich nochmal kurz anrufen?“ Jun klingelt selbst durch.

„Hey, was gibt es denn noch, Kojiro?“

„Sorry. Ich störe euch hoffentlich nicht.“

„Schon gut. Wir trinken auch noch einen Kaffee. Der Tag war einfach zu aufwühlend.“

„Sag mal, dieser Typ, dieser Rugbyspieler. Wer…war das? Bettina meinte nur, er sei auf ihrer Schule gewesen und wir wollten nicht darüber reden.“

„Wie, ihr wollt nicht darüber reden?“

„Naja, wir…haben eine Abmachung. Als sie mir gestanden hat, dass damals in ihrer Jugend, naja, dass Schneider ihr Freund war, wenn auch kurz, da…haben wir abgemacht, dass wir nicht über unsere Ex-Partner reden werden. Außer es ist von uns selbst aus wichtig. Und in dem Fall war er wichtig für uns.“, versucht er zu erklären.

„Ach so. Ich verstehe. Naja, das mit Tangaroa…es war sehr knapp, Kojiro. Mehr kann ich dir nicht sagen. Er ist ein feiner Kerl, aber es hat damals nicht gepasst. Aber bei dir…bei dir passt alles.

Reicht dir das?“

„Ich weiß nicht. Wie lange…ist das denn her? Er hat so komische Sachen gesagt, als er mit Okawa allein war. Du hast mir doch noch gesagt, dass der Arzt okay ist, ehrlich und einen wirklich guten Job macht. Und er sei auf deiner Schule gewesen. Wieso reden die beide dann über Bettina?“ Jun zögert etwas.

„Verspreche mir, dass du ihr niemals erzählst, dass ich dir was über die beiden sage. Kannst du das?“ Kojiro zögert ebenso.

„Verdammt…ich…hätte nichts trinken sollen…mir geht zu viel durch den Kopf. Der Tag war so furchtbar und schön zugleich…ich weiß auch nicht mehr was ich will.“, stöhnt er plötzlich völlig genervt aus. Jun erkennt seine Verzweiflung. Er kennt ihn nur zu gut. In der Regel macht sich Kojiro kaum Gedanken über irgendwelche Kleinigkeiten, aber wenn es um Frauen geht oder darum schwere Entscheidungen zu treffen, dann ist Jun seit der ersten WM in Paris sein bester und vertrautester Ansprechpartner.

„Okawa ist perfekt in seinem Job, das stimmt auch. Die Wichtigkeit seines LKWs ist offensichtlich. So eine Situation, die du mir damals geschildert hast, beweist es. Er ist ein Typ, der für seine Patienten sein ganzes Leben opfert. Dass er studiert…ist nur für die Leute auf der Straße gedacht. Itachi lebt in einer Sardinendose und alles, was er nicht selbst zum Leben braucht, landet in seinem LKW. Ich habe bisher nie jemanden kennengelernt, der selbstloser ist als er. Er fühlt sich den ärmeren Leuten sehr verbunden, weil er selbst einer von ihnen war. Ein Pflegekind, das ständig umhergereicht wurde. Schwer erziehbar, meinte man auch.

Bis er mit etwa 15 an unsere Schule kam. Seitdem belegte er stehts den ersten Platz in der Punkteliste der gesamten Schule. Er hatte jedoch in unserer Schule den Ruf des Schlägers und gehörte zu den Mädchen, die Yayoi so drangsalierten, später auch Tina verletzten. Später stellte sich jedoch heraus, dass nicht er und die Mädchen die wirklichen Probleme machten. Er erkannte, dass Tinas Art die Probleme anzugehen, besser war als seine und so zettelte er eine Massenschlägerei an, welche Tina in kürzester Zeit vor der ganzen Schule auflösen konnte. Er wurde der Schule bis zu den Prüfungen verwiesen, überließ Tina dadurch aber bewusst seinen Einfluss. Sie war deutlich beliebter als er und seine Truppe. Die Probleme lösten sich auf und nachdem Tina dieses wahnsinnige Spiel gegen eure Mädels hatte, gegen Kioko, war sie plötzlich das beliebteste Mädchen an der ganzen Schule.

Tangaroa Taylor, ist in Japan aufgewachsen, ist seit einem Jahr Nationalspieler für Japan. Er nahm vor einem Jahr die japanische Staatsbürgerschaft an und verließ für Japan und seine Freunde, Neuseeland wie auch deren erste Liga. Ähnlich wie Tina, fühlt er sich mit seinem Sport Japan mehr verbunden als Neuseeland. Ihm liegt der Sport im Blut. Sein Vater war ebenso ein erfolgreicher Spieler. Du kennst ihn sogar. Er ersetzte euren damaligen Sportmediziner an der Toho. Tangaroa war ebenso wie Itachi letzter Oberschuljahrgang, als Tina in die Schule kam.

Er war der erste Junge, der sich traute, sie um ein Date zu bitten, und das vor allen anderen.

Itachi und er sind beide keine Freunde, mehr Konkurrenten gewesen. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.“ Kojiro schweigt eine ganze Weile.

„Ich glaube…er weiß was, also Okawa, das mit uns. Kann man ihm diesbezüglich vertrauen?“

„Mag sein. Natürlich…kannst du das. Er ist selbst ein distanzierter Typ und hat seine Prinzipien. Um ihn musst du dir keine Gedanken weiter machen. Unterstütze ihn ruhig, er kann jede Unterstützung gebrauchen, also seine Patienten. Du kannst dich jedenfalls darauf verlassen, dass jeder Yen auch bei den Patienten landet.

Die beiden haben sich an der Uni dann wiedergetroffen, da kamen sie zusammen. Warum Tina jedoch die Beziehung beendet hat, weiß ich nicht. Sie sprach immer nur von einer Enttäuschung und dass sie nicht darüber reden will.

So schlimm kann es jedoch nicht sein, weil sie ihn weiterhin mit Spenden indirekt unterstützt. Über die Obdachlosenhilfe von Ai, die Frau ihres Trainers.

Er behält euer Geheimnis für sich. Itachi kann Privates sehr gut von der Arbeit trennen. Dafür gab es einfach zu viele Situationen, die das belegen.“

„Ich verstehe. Okay. Du kennst ihn also sehr gut?“

„Nein, aber gut genug, um das zu wissen. Sonst hätte ich dir das auch gesagt.“ „Okay. Und…wie knapp…war es denn? Also bei…dem Rugbyspieler?“, hakt er nochmal nach.

„Tina liebt dich…sie hat sich eindeutig für DICH entschieden, sonst hätte sie uns allen das nicht mitgeteilt. Dir nach Italien zu folgen, sagt doch alles aus. Unser Team persönlich zu besuchen und uns allen beim Spielen zuzusehen…das…konnte sie damals…nicht. Behalte das immer im Kopf. Tina…glaubte, er sei der Richtige, nach Martin hat sie es mit ihm ein letztes Mal versucht, aber…mir und Tsubasa beim Spiel zusehen…das ging nicht…nicht mal…nur eine…Aufnahme. Wir haben es gemeinsam ausprobiert. Aber jetzt…deswegen zweifle ich nicht, auch nicht an euch beide, jetzt kann sie alles. Du musst dir in den nächsten Tagen, also in eurem Urlaub, nur selbst sicher sein.“ Kojiro schließt plötzlich die Augen und dann öffnet er sie wieder und schaut zu Tina herunter.

„Ach Jun…ich…bin…gerade unsicher…irgendwie…verdammt.“, flucht er leise und legt sich auf das Sofa. In seinen Gedanken schwirren die beiden Männer umher, die vermutlich…seine geliebte Bettina berührt haben und…geküsst haben…womöglich noch so wie er es jetzt tut. Ist sie deswegen so freizügig, weil sie bereits Erfahrungen mit älteren hatte? Wird es denn mit ihm überhaupt auf Dauer passen?

„Kojiro…was ist los?“, vernimmt er plötzlich die Stimme seines Freundes. Plötzlich ist ein leises Brabbeln von Tina zu hören. Sie lächelt im Schlaf und dann kann er seinen Namen hören.

„Ko…jiro…Kojiro…Meer…Strand…ich…liebe dich.“, stottert sie sich zurecht. Es kommt mehrmals aus ihr heraus.

„Was…bedeutet das? Sie…spricht im Schlaf.“, flüstert er in den Hörer.

„Oh, wirklich? Was sagt sie denn?“

„Ich weiß nicht, muss Deutsch sein. Aber…mein Name und…ihre Beine bewegen sich scheinbar dabei. Ich liebe dich…das kann ich verstehen.“

„Kojiro, was kam noch? Sie träumt von dir.“

„Hm…klang wie Mare, also Meer, und klang wie Sand…aber etwas anders.“

„Wo wollt ihr denn hin in eurem Urlaub?“

„Zu ihrer Familie, mich vorstellen und dann in die Hütte am Meer, wo sie aufgewachsen ist.“

„Welche Hütte denn? Tina ist am Meer aufgewachsen, ja, aber in einer Hütte? Ich dachte die hatten ein Haus, so wie hier.“

„Nein, nicht, bis sie in die Schule kam. Da wohnten sie in einer kleinen Hütte. Naja, egal jetzt.

Du hast Recht…ich bin ein Dummkopf. Wie kann ich an ihr zweifeln?“

„Du bist…verliebt und…eifersüchtig. Das ist normal. Du weißt doch wie eifersüchtig ich sein kann, oder?“

„Oh ja…ganz schlimm. Grüß Yayoi von mir. Ich bringe Bettina jetzt doch hoch ins Bett. Wie sieht das aus, wenn sie hier auf dem Boden liegt?“

„Gut, dann geh auch schlafen.“

„Gute Nacht.“

Kojiro steht auf, bringt seine leere Tasse in die Küche und dann nimmt er Tina hoch und bringt sie ins Schlafzimmer. Er legt sie behutsam aufs Bett, deckt sie zu und macht sich selbst bettfertig und legt sich neben sie.

194 Tangaroa und Bettina I - Das Wiedersehen

Kapitel 194
 

Tangaroa und Bettina I - Das Wiedersehen
 

Etwa fünf Monate nach der Trennung von Martin sind die Vorbereitungen für die Eröffnung des Fitnesscenters im vollen Gange. Es ist der schöne Monat Mai im Jahre 2004. Tina ist im Fitnessstudio und bereitet mit Martin und Jun die Dekoration im Empfangsbereich vor. Sie halten verschiedene Poster und Bilder an die kahlen Wände und grübeln was wo am besten hinpassen würde.

„Oh man. Für Sowas habe ich echt keine Nerven.“, stöhnt Tina genervt auf und sieht dann zu Martin auf, der gerade neben ihr ein Bild über ihrem Kopf an die Wand hält und Jun von Weitem schaut wie es für die Kundschaft wirken könnte. Martins Puls steigt etwas an, als er herunter in ihre Augen sieht. Auch Tinas Puls steigt plötzlich etwas an und verlegen weicht sie dem Augenkontakt aus.

‚Ach Tina, wie hübsch du heute wieder bist. Wie soll das nur alles werden mit unseren Ideen? Seit Jahren arbeiten wir daran und nun ist es endlich soweit und wir beide können nicht einmal mehr normal miteinander umgehen. Du kannst mir nicht mal richtig in die Augen sehen, dabei ging das früher immer. Nie hast du dich vor mir geschämt oder bist einem Blick oder einer normalen Berührung ausgewichen, aber jetzt? Ich war so dumm. Ich hätte mich nie auf dich einlassen dürfen, wir haben dadurch unsere Freundschaft kaputt gemacht.‘, geht ihm durch den Kopf. Während Tina an die Wand neben sich starrt und auf Juns Meinung wartet, gehen ihr ebenso Gedanken durch den Kopf.

‚Martin, es tut mir alles so leid. Niemals hätte ich gedacht, dass das jetzt so schwer wird in deiner Nähe zu sein. Wir wollten wieder wie früher einfach Freunde sein. Ich befürchte jedoch, das habe ich total vergeigt. Wie konnte ich annehmen mit dir könnte ich endlich alles vergessen? Meine Mutter hatte mich noch gewarnt, als das zwischen uns plötzlich anfing ernst zu werden. Als ich ihr davon erzählte, dass wir plötzlich zusammen sind, ging sie gleich an die Decke, aber statt auf ihre Warnung zu hören, dass es unsere Freundschaft zerstören könnte, wenn es schief geht, überrannten mich diese neuen Gefühle zu dir zu sehr. In deiner Nähe konnte ich mich immer sicher fühlen, und deine liebevolle Art mit mir umzugehen…das war doch was Besonderes, oder nicht? Ich wollte es versuchen und dachte bei dir würde alles stimmen. Wem sollte ich denn vertrauen, wenn nicht dir? Wir waren doch nur Freunde. Wie konnte ich das nur verwechseln? Ich dumme Kuh habe alles zerstört was wir mal hatten. Karl-Heinz, verdammt! Immer tauchst du auf. Immer bist du dabei. Wie mag es dir wirklich gehen? Genzo berichtet mir nur kurz ob es dir soweit gut geht. Schade, dass eure Freundschaft auseinander ging.‘ Plötzlich bemerkt sie wie ihr eine Träne herunterläuft. Sie schaut zum Boden. „Männer, ich muss mal dringend wohin.“, sagt sie nur trocken, nimmt das Poster in ihren Händen von der Wand und legt es ganz vorsichtig auf den großen Tisch vom Tresen, damit es nicht knickt. Nicht einmal sieht sie sich um zu den beiden und geht dann einfach nur in Richtung Toilette.

„Lass uns für Heute Schluss machen. So wichtig ist das mit den Bildern jetzt nicht. Ich teste lieber die Geräte und stelle sie richtig ein. Kommst du mit?“ Martin hält den Bilderrahmen fest in der Hand und stellt ihn auf den Fußboden gegen die Wand lehnend ab. Dann schaut er zu Jun rüber.

„Ihr macht mich echt Wahnsinnig. Wie soll das denn bitte mit euch beiden weiterlaufen? Ihr schweigt euch ja schon seit Monaten an. Es gibt nur noch die nötigsten Gespräche und nicht einmal so eine einfache Sache wie Bilder an die Wand hängen bekommt ihr beide hin. Wie stellt ihr euch da dann den Arbeitsalltag vor? Läuft das dann vor der Kundschaft auch so ab?“, murrt Jun rum und sieht dann ernst zu ihm auf. Martin seufzt und rollt mit den Augen.

„Keine Ahnung. Du kennst sie, sie ist Profi, wenn Kunden da sind, wird es niemand merken. Im Gefühle verstecken war sie ja immer gut.“, murrt er etwas zurück und geht dann zum Eingangsbereich des Studios in dem die Trainingsgeräte stehen und öffnet die milchige Glastür. Sein Blick ist auf die Rudermaschine gerichtet und schnurstrakt geht er darauf zu, setzt sich in die Maschine und greift die Ruder. Jun folgt ihm und stellt die richtige Stärke für ihn ein. Dann fängt er sachte an.

„Sie redet nicht mit mir darüber. Darf ich dich dann fragen, warum du Schluss gemacht hast?“ Martin rudert hastig los und versucht sich auf seine Atmung und Bewegungen zu konzentrieren.

„Sie hatte eben eine Träne auf der Wange. Ist dir das aufgefallen?“

„Du lenkst ab. Ich weiß, dass sie nicht auf die Toilette musste und sich stattdessen jetzt die Augen ausheult. Ich weiß nur nicht warum genau. Ich verstehe es nicht so ganz. Ihr wart doch so ein tolles Paar.“

„Nach dem Tod von Gesine und Georg fingen ihre Albträume wieder vermehrt an. Es war egal was ich machte oder was wir zur Ablenkung unternahmen. Es war einfach kaum noch möglich nachts mal ruhig zu schlafen. Und dann fing sie wieder an deutlich mehr im Schlaf zu reden. Viel verstehen konnte ich nicht. Aber es viel des Öfteren der Name Charly. Stephan kam auch oft vor, also ihr Bruder. Naja, ihre Eltern ebenso.“

„War das denn eine Weile weg? Hatte die Therapie was geholfen, damals?“

„Ja, ein weinig. Aber nie ganz. Es war jedoch dann wieder so schlimm wie nach unserem Umzug hier her. Damals musste sie sich auch immer auspowern, um überhaupt mal durchzuschlafen.“

„Und deswegen hast du es beendet? Wegen der Träume?“ Martin stellt das Rudern kurz ein und sieht zu ihm auf.

„Das ist nur eine Sache von mehreren. Sagen wir es so, die Luft zwischen uns war dann irgendwann raus und ich hatte das Gefühl, dass sie es mir nicht sagen konnte. Du kennst Tina doch, Fehler gibt sie zwar immer selbst zu und steht dazu, aber wenn sie weiß, dass sie andere verletzten würde, dann hält sie schnell mit ihrer Meinung oder ihren Gefühlen hinter den Berg. Ich glaube sie wollte mich nicht verletzen und hat daher nie etwas gesagt. Ich glaube, sie war nach einer Weile nicht mehr nur bei mir, mit ihren Gedanken. Es kam mir so seltsam vor, wenn wir alleine waren.“ Martin steht auf. Jun stellt das Gerät um und die beiden wechseln die Plätze.

„Nicht bei dir? Hm. Als ich mal mit Tsubasa telefoniert habe, ist ihm etwas rausgerutscht. Du weißt doch noch wie sie sich kennengelernt haben.“

„Ja, sie hat einem Wildfremden ihr Herz ausgeschüttet und er war ein guter Zuhörer. Das war kurz nach Gesines und Georgs Unfall.“

„Richtig, er hatte es schon immer drauf Menschen aufzubauen und ihnen Mut zu machen. Er ist in unserem Team der Optimist und Antrieb, deswegen kam es genau im richtigen Moment.

Ich erzählte ihm, dass da was bei euch nicht mehr ist und er verplapperte sich dann plötzlich, dass es eventuell noch immer ein Schuldgefühl sein könnte. Sie hatte ihm wohl damals erzählt, sie habe in Hamburg einen Freund gehabt bevor sie wegzogen. Er war mit ihrem Bruder befreundet und sie konnte es ihm nie sagen. Sie ist ohne sich zu verabschieden hergezogen. Er weiß vermutlich bis heute nicht, was passiert ist, weil sie es nicht übers Herz gebracht hatte es ihm zu sagen.“ Martin ist erstaunt. Dass Tina damals bereits wirklich einen Freund gehabt haben könnte war eher wie ein Gerücht im Hinterkopf. Und dann habe sie nicht den Mut gehabt ihm vom Tod ihres Bruders zu erzählen? Wenn es wirklich so ist, dann könnte sie eventuell wirklich Schuldgefühle haben. Aber es ergibt einen Sinn. Sie hatte mal eine dumme Bemerkung ihm gegenüber geäußert, nach dem Umzug, dass er sich um sie keine Sorgen machen solle, wenn es um Jungs ginge, weil nicht passieren kann, was eh schon war. Er tat es als dummen Spruch ab. Aber heute ergibt es einen Sinn, wenn da doch jemand war.

„Oh, und ihre Familie dachte immer, Tina war damals, als das Gerücht aufkam, sie hätte einen Freund, mit Genzo zusammen. Er war auch auf der Beerdigung, weißt du? Ich habe das auch gedacht, bis sie es dann beide richtiggestellt haben.“ Jun konzentriert sich ebenso auf seine Bewegungen.

„Das erzählte sie mir bereits und er später auch. Wir hatten dann was zum Lachen. Er sagte aber nicht, dass da jemand war. Aber wenn es jemanden gab, dann weiß er es ganz sicher und sagt es uns nur nicht.“

„Jo, immer diese Heimlichtuerei. Tina erzählt nie von damals. Ich kenne Tina schon seit ich etwa siebzehn war. Ich war ein Freund ihres Onkels. Und wir lernten uns dann auf seinem 18. Geburtstag kennen. Große Party und ich musste den Babysitter für sie und ihren Bruder spielen. Also plapperten die beiden mich voll mit ihrem Fußballwissen und spielten mit mir am Strand. So war das dann. Seitdem haben wir uns ab und an bei Familienfeiern gesehen. Und dann kam der Umzug hier her und Georg bat mir an sie zu begleiten. Ich hatte mein Studium fertig und hätte eigentlich zur Armee gemusst. Aber durch den Umzug, der für mich beruflich sinnvoll war, um meine Kampfsporterfahrungen zu erweitern, konnten wir das anders regeln und erst dann konnten wir uns wirklich anfreunden.“

„Ach so, ihr Onkel ist ein Freund von dir?“

„War, die Freundschaft ist beendet.“, spricht er leise und betrübt.

„War? Was ist passiert?“

„Worüber reden wir wohl gerade? Willst du, dass dein bester Freund mit deiner Nichte zusammen ist?“ Jun schüttelt den Kopf.

„Du hast Recht, ein seltsamer Gedanke.“ In diesem Moment klingelt sein Handy. Jun unterbricht seine Übung und geht ran.

„Hallo Jun, ich bin es. Es hat alles geklappt. Die Trainer und der Verband haben zugesagt und das Team freut sich schon auf das Programm. Ich habe eine Maschine eher nehmen können und bin heute schon da. Wir können sicher bereits ein paar Sachen klären. Ich stehe zufällig schon vor eurem coolen Eingang vom Center. Schickes Ding ist das geworden.“, kommt eine freundliche dunkle Stimme.

„Oh, das ist ja super. Ja. Komm ruhig hoch. Wir lassen dich rein, Moment. Du musst den Lift nehmen, die Treppe wird noch gestrichen. Wenn du reinkommst dann gleich hinter der Rolltreppe links.“ Es wird aufgelegt und Martin geht zum Empfangstresen und drückt auf den Knopf zum Öffnen der Eingangstür. Auf der Kamera kann er sehen wie der Kunde das Gebäude betritt und schon schließt er es wieder zu. Jun ist inzwischen auch zum Tresen gekommen.

„Wer kommt denn da jetzt? Scheint ja ein großer Typ zu sein. Vermutlich so groß wie ich?“, fragt Martin neugierig, denn Jun hat nur erwähnt, dass er es geschafft hat ein vorzeigbares Team aufzutreiben, die in das Programm eintreten wollen. Es wäre die erste Mannschaft mitsamt Trainer, die sie aufnehmen würden. Es war bis eben noch nicht klar, ob sie wirklich zusagen. Der alte Bekannte und der Kapitän aus dem Team sind seine Ansprechpartner.

„Ja, er hat deine Größe. Er ist auch kein gebürtiger Japaner. Du wirst ihn mögen. Mit ihm werden wir das erste richtige Nationalteam haben. Und natürlich dann sein Team hier in der Liga.“, grinst er.

„Okay, ich bin gespannt. Baseball kann es schonmal nicht sein. Die Herren kenne ich und die wollen erstmal abwarten wie unsere Kritiken sind und überlegen dann noch.“

„Tina ist aber lange weg. Ob alles in Ordnung ist?“, wundert sich Jun langsam. Martin schaut unter dem Tresen und entdeckt eine Lücke im Schlüsselfach. „Keine Sorge, sie powert sich mal wieder aus. Tina ist unten in der Schwimmhalle. Sie wird sicher ihre neuen Flossen auspacken.“, grinst Martin ihn an.

Unterdessen steht Tina bereits umgezogen im Badeanzug und mit Badelatschen vor dem Lift, um hinunter zur Schwimmhalle zu fahren. In den Händen hält sie ihre Utensilien für das Finswimming. Sie hat neue Flossen bestellt und will diese endlich testen. Die Anspannung oben hat sie nicht mehr ausgehalten. Sie musste da raus. In letzter Zeit kann sie es kaum in Martins Nähe lange aushalten. Immer wenn sie sich mal im Alltag oder auf Arbeit nahe sind, kommen die besonderen Momente miteinander in ihrer Erinnerung hoch. Es war doch eigentlich eine schöne Zeit mit ihm und er konnte ihr Halt geben, zumindest dachte sie das immer. Wenn sie jemanden vertrauen konnte, dann doch wohl ihm. Er war seit ihrer Ankunft in Japan immer für sie da. Sie weiß, dass sie ihm sehr wehgetan hat und er selbst auch stark damit zu kämpfen hat, seine Gefühle vor ihr zu verbergen. Manchmal gibt es seltsame Momente und er sieht sie nur an, sagt nichts und weicht ihrem Blick dann eine ganze Weile aus, indem er sich in eine andere Arbeit stürzt. Noch nie hatte sie jemals eine so lange Beziehung gehabt wie mit ihm. Es waren doch immerhin über sechs Monate. Ihre Männerbekanntschaften zuvor waren immer von kurzer Dauer, selten länger als einen Monat. Immer war etwas was nicht passte, aber bei ihm fühlte sie sich geborgen und trotzdem ging ihre Angst nicht weg und die Albträume kamen schnell wieder und nahmen nach dem Tod ihrer Eltern deutlich zu. Es war egal was sie beide zur Ablenkung machten. Immer war ihr Tod im Hinterkopf dabei. Trotzdem konnte sie Jun, Genzo oder Tsubasa immer noch nicht beim Spielen zusehen. Sie hatte es versucht und schaltete mal den Fernseher an, um sich gezielt ein Spiel von Genzo im HSV anzusehen, aber nein. Ihm konnte sie zusehen, aber kaum tauchten die anderen auf dem Platz auf, kamen wieder diese schrecklichen Bilder und sie musste abschalten.

Nun steht sie völlig im Gedanken einer eigentlich schönen und zärtlichen Zeit mit Martin im Lift, hält sich krampfhaft an der Tasche und der Taucherflasche fest. ‚Ach Martin, immer noch gehen mir deine Berührungen nicht aus dem Sinn. Es ist so schade, dass ich in deiner Gegenwart meine Träume nicht losgeworden bin und Karl-Heinz mir noch immer nicht aus dem Kopf ging. Warum nur ist alles zu kompliziert? Ich merke doch, wie du selbst darunter leidest, aber was soll ich denn machen? Es ist schon so lange her und trotzdem vermisse ich es. Ich habe das Gefühl alles kaputt gemacht zu haben. Unsere Freundschaft und zu guter Letzt womöglich noch unser Projekt. Deinen Traum vom Center, unseren Traum von einer gemeinsamen Arbeit. Alles ist so perfekt vorbereitet und es geht endlich los und dann kann ich dir nicht einmal in die Augen sehen? Wie jämmerlich ist das bitte?‘ Plötzlich bekommt sie eine Gänsehaut und fasst sich an die Arme so gut es geht, als ihr der Gedanke an einen besonders zärtlichen Moment der Zweisamkeit kommt. Wie sehr vermisst sie es, einfach mal in den Arm genommen zu werden? Wie sehr würde sie sich auf jemanden einlassen, um es erneut zu versuchen? Aber nein, sie kann niemandem trauen. Und jetzt wo alles mit dem Geschäft losgeht, muss sie sehr aufpassen, dass keine Gerüchte oder Ähnliches entstehen. Es ist schwer genug jeden Tag vor Martin zu stehen und sich nur auf die Arbeit zu konzentrieren. Es geht nur noch um die Arbeit. Von einer Freundschaft ist nichts mehr übrig. Nur das Vertrauen ist noch da. Verzweifelt kommen ihr die Tränen und sie schaut zur Decke hoch in die helle Lampe.

„Ich habe alles kaputt gemacht.“, haucht sie aus und weint bitterlich.

‚Niemals hätte ich es zulassen dürfen. Aber es war doch am Anfang alles so schön und so viele neue Gefühle. Die ganze Euphorie vor der Meisterschaft, die speziellen Trainingseinheiten und dann waren da plötzlich neue Gefühle da, weil du mich so überraschend geküsst hast. Es war doch so aufregend und schön. Nie hat mich jemals jemand wieder wirklich ernst genug genommen und mich so zärtlich berührt. Und nun? Was soll denn nur werden?‘ Tina wird auf einmal ganz kalt und sie beginnt zu zittern. Ihr wird doch sonst nie kalt? Kälte, nein die kennt sie nicht, nur das eine Mal als das mit Stephan passierte. Und dann als die Mädchen sie in der Dusche verprügelten und sie sich nicht wehren wollte, um zu erfahren wie sich ihr Bruder dabei gefühlt haben muss. Danach nie wieder. Und jetzt plötzlich ist es wieder da? Jetzt fühlt es sich plötzlich wieder so an. Wie soll sie denn jetzt ins kalte Wasser springen und tauchen? Nie ist ihr das Wasser zu kalt. Aber jetzt hat sie das Gefühl, es wird sich kalt anfühlen.

Sie drückt in ihrer Verzweiflung auf den Stoppknopf und der Lift bleibt stehen. Sie sackt zu Boden, sitzt mit dem Rücken zur Spiegelwand, lässt alles los, vergräbt ihren Kopf zwischen den Knien und weint bitterlich weiter. Sie nutzt die Gunst völlig allein zu sein. In diesem Moment weiß sie nicht mehr, ob sie noch schwimmen gehen will, ob sie nach Hause gehen will oder ob sie überhaupt noch irgendetwas will. Nicht einmal ans Spielen kann sie denken, geschweige denn an die Eröffnungsfeier, die bald ansteht. Ihre Gedanken sind völlig verloren und schweifen dann wieder bei dem Gefühl der Kälte zu den letzten Bildern ihres Bruders. Unter den Tränen wegen einer zerstörten tiefen Freundschaft und das Enttäuschen eines doch eigentlich tollen Mannes, dem sie das Herz gebrochen hatte, sackt sie zusammen und sitzt weinend am Boden.

‚Alles ist kaputt. Ich kann das bald nicht mehr…Martin. Warum nur? Was habe ich denn falsch gemacht? Was haben WIR falsch gemacht? Ich dachte wirklich, dass ich dich liebe und dann…dann tauchte bei unseren Zärtlichkeiten immer wieder Karl-Heinz auf. Und diese schrecklichen Träume kamen wieder. Warum nur? Es kann doch nicht sein. Ob ich ihn doch kontaktieren soll? Bin ich jetzt soweit? Kann ich es dir sagen? Ist das der Weg, den ich gehen muss?

Karl-Heinz? Gibt es nur eine Lösung, dich kontaktieren und dir endlich alles erzählen? Geht es mir dann besser? Aber…was wird dann werden?‘

Zur selben Zeit drückt der neue Kunde auf die Wunschtaste des Lifts. Dieser jedoch bewegt sich nicht und er wundert sich natürlich. Eine kleine rote Lampe blinkt.

‚Nanu, ist er steckengeblieben? Das kann gar nicht sein. Das Gebäude ist doch gerade erst komplett saniert worden.‘ Er drückt erneut. Keine Reaktion. Dann schaut er zur Treppe rüber und öffnet die Tür zum Treppenhaus. Da sehen ihn nur die Maler verdutzt an.

„Hier geht’s grade nicht. Sie müssen den Lift nehmen oder zur Not vorsichtig die Rolltreppe hochgehen.“, kommt man ihm freundlich entgegen. Er staunt nicht schlecht, als er die Männer auf der Leiter sieht, wie diese mit zwei weiteren Leitern quer über der Treppe in der Waagerechten liegt und nur von den anderen zwei Leitern gehalten werden.

„Oha, das sieht ja gefährlich aus. Alles klar. Der Lift hängt, deswegen dachte ich doch hier langgehen zu können.“

„Nur im Notfall einer Havarie.“, lacht der eine Maler belustigt, denn vorbei kommt an ihm vielleicht noch ein kleines Kind, um die Treppe zu nutzen. Der Gang ist zu schmal. Er geht wieder zum Lift zurück und drückt erneut. Diesmal hört er etwas. Beruhigt wartet er vor der Tür und freut sich schon Jun endlich wieder zu sehen.

Dann geht die Tür vom Aufzug auf und er steht völlig überrascht und verdattert da und starrt mit Herzklopfen auf Tina herab, welche sich gerade von ihrer Sitzposition hochbewegt und bückend in seine Richtung gedreht die Taucherflasche und die große Flossentasche aufhebt. Dann plötzlich erschrickt sie und zuckt zusammen, denn mit Schuhen vor ihr hat sie nun gar nicht gerechnet. Und dann so riesige Füße in geputzten eleganten Tretern. Sie richtet sich entsetzt auf und sieht zu dem großen Mann vor ihr auf. Ihr Gesicht hatte sie nicht einmal trockenreiben können, so schnell ging der Lift wieder an und die Tür war schon kurz vor dem Aufgehen. Die Unterbrechung der Fahrt war kurz vor dem Ende. Es herrscht eine unglaubliche Anspannung bei beiden, als sie sich wie magisch nach so vielen Jahren in die Augen sehen.

‚Tina, du hier und dann total verweint? Was ist passiert? Deine Augen sind ganz rot.‘ Sein Puls rast wie wild und am liebsten würde er sie aus Reflex in die Arme nehmen, vielleicht braucht sie jemanden zum Trösten? Er mochte sie doch immer so sehr. Ihre letzte Begegnung ist einige Jahre her. Neugierig was mit ihr los sein könnte, mustert er sie, jedoch kommt er nicht weit mit seinem Blick. Kaum hat er ihn von ihren Augen gewendet, landen sie auch schon unwillkürlich in ihrem Ausschnitt, denn der Badeanzug ist zwar klassisch geschnitten, aber mit einer schönen Frau im Badeanzug, so überraschend vor ihm gebückt, hat er im Moment des Besuchs nicht gerechnet. Sein Blickwinkel durch die Körpergröße ist in diesem Fall gar nicht von Vorteil, außer man möchte diesen Anblick bewusst nutzen. Das war jedoch nicht gewollt, aber genießen tut er es natürlich schon. Was wäre er denn für ein Mann, wenn er diesen Anblick nicht anziehend finden würde.

‚Bettina, wie schön du bist. Und du bist…so viel weiblicher als damals.‘ Auch Tinas Herz schlägt bis ins Unendliche und als sie ihm in die Augen sieht und erkennen kann, geht der Schreck, es könnte jemand Fremdes sein, etwas weg. Nun ist eher die Situation vor diesem Mann im Vordergrund.

„Tan-kun!?“, stößt sie sehr überrascht aus. Ihr ist klar, dass ihr Gesicht völlig verweint ist und die letzten Tränen noch an ihr herunterlaufen. Was soll sie denn nur in diesem Moment machen? Niemals sollte sie jemand so sehen. Niemals! In ihrer Reaktion stellt sie die Flasche ab und lässt die Tasche fallen. Dann dreht sie sich um und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Im Spiegel des Aufzugs kann er es trotzdem sehen.

„Tina, mit dir habe ich gar nicht gerechnet. Ist alles okay?“ Sie atmet ganz tief durch, als sie seine tiefe sanfte Stimme vernimmt und versucht sich wieder zu sammeln.

„Tut mir leid, dass…dass du mich so siehst. Ich…ich habe nicht damit gerechnet, dass jemand da ist.“, sagt sie mit verlegenem Ton.

„Mir tut es leid. Ich habe nicht mit jemanden im Aufzug gerechnet. Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Ein letztes Schniefen ist von ihr zu hören und sie dreht sich zu ihm um und schaut wie ein scheues Reh zu ihm auf.

„Bitte sag es niemanden. Niemand darf mich so sehen. Auch nicht Jun und Martin. Versprich es mir. Die nerven mich dann nur und sorgen sich unnötig.“

„Warum sollte ich das tun? Was ist mit Martin? Redet ihr dann heute Abend drüber?“, fragt er skeptisch. In seiner Erinnerung müsste sie noch mit ihm zusammen sein.

„Nein. Wir…wir sind…seit gut fünf Monaten auseinander.“, stammelt sie etwas und spürt in diesem Moment wie etwas kalte Luft durch den Flur in den Lift zieht. Sie weiß, dass es im Flur und Aufzugsbereich mal frisch werden kann, aber sie hatte vorher auch keine Ambition lange dort zu verweilen. Sie fasst instinktiv ihre Oberarme, während sie zu ihm aufsieht.

‚Er sieht so anders aus. Es kommt mir vor, als wäre er noch gewachsen. Tangaroa, du siehst ja in dieser modernen Kleidung richtig elegant aus.

Wieso wird mir auf einmal so kalt? Und dann kommt da so eine angenehme Wärme aus deiner Richtung. Deinen liebevollen Blick hast du immer noch. Ein warmes Lächeln und trotzdem groß und stark wie ein Baum. Aber wehe du stehst auf dem Feld und musst die anderen wegdrängen. Dann schaust du wie ein Stier. Mir wird irgendwie immer kälter, warum? Am liebsten würde ich jetzt einfach ins Wasser springen in der Hoffnung, dass es wärmer ist als hier draußen.‘, bleibt ihr Gesicht traurig. Ein Lächeln bekommt sie in diesem Moment gar nicht hin.

„Dein trauriges Gesicht gefällt mir gar nicht. Was hat er angestellt?“ Tangaroa erntet auf einmal einen skeptischen Blick.

„Wer? Wer hat was angestellt?“, wirkt sie etwas abwesend, denn ihre Gedanken sind an einem ganz anderen Moment ihrer Vorstellungen gefangen. Sie sitzt bereits am Beckenrand und legt die Flossen an.

„Na Martin. Erzählst du es mir? Was hat er falsch gemacht, dass es aus ist zwischen euch?“, ist er direkt und sieht sie weiter liebevoll an.

‚Wo ist dein bezauberndes Lächeln geblieben? Dich so traurig zu sehen, gefällt mir gar nicht. Du warst doch immer so fröhlich, selbstsicher und stark. Als du damals in unsere Schule kamst, da waren alle hin und weg von dir. So hübsch, geheimnisvoll und vor allem immer mit stolzem Gang und Blick voraus. Immer Kopf hoch und aufrecht. Das war dein Motto, dein Lebensweg. Genauso auch dein Schicksalsschlag mit deinen Eltern. Da standest du sogar vor der Kamera, stolz und stark und verkündetest, dass du dich nun nur noch um den Sport kümmern willst. Das hätten deine Eltern so gewollt. Du hast dein Studium aufgegeben für den Sport. Viele haben das nicht verstanden. Es gab böse Zungen in der Medienwelt, die behaupteten, dass du es nicht geschafft hast und deswegen exmatrikuliert wurdest. Einige meinten sogar dein Schulabschluss sei nicht echt oder die Aufnahmetests ermogelt. Man habe dir angeblich geholfen, damit du soweit kommen kannst und es in der Presse gut aussieht. Der Tod deiner Eltern war zeitlich Zufall. Alles Blödsinn was die schreiben. Du hast schon als Kind dieses Fach studieren wollen, das hast du mir damals gesagt. Keiner gibt sein Wunschfach auf und lernen konntest du immer schnell, sonst hättest du doch die Schule in so kurzer Zeit gar nicht gepackt und sogar die Aufnahmeprüfungen für die Uni hast du gemeistert. Und das alles neben dem Sport.‘

„Gar nichts. Er hat alles richtig gemacht.“, meint sie nur. Dann tritt sie einen kleinen Schritt zurück und greift nach der Tasche. Sie schaut auf die Flasche.

„Ich…ich bin schuld. Ich…bin gefühlt immer das Problem, wenn es schief geht.“, murmelt sie vor sich hin und greift die kleine Taucherflasche.

„Bist du so lieb und lässt mich durch? Ich muss ins Wasser.“, ist sie auf einmal ernst, aber freundlich und nicht laut. Sie versucht ihre Aufregung zu unterdrücken, denn in dem Moment als sie ihm erneut in die liebevollen braunen Augen sieht, fühlt sie sich diesem Mann plötzlich hingezogen. Wie kann das denn sein? Sie sind doch nur alte Bekannte und waren nur einen Eisbecher essen. Nie war da mehr von ihrer Seite aus. Oder doch? Der seltsame Moment, als sie das Pferd streichelten und es fütterten, ein sehr angenehmer Gedanke von ihrem ersten und einzigen Treffen.

Tangaroa geht natürlich einen Schritt zur Seite, damit sie endlich aus dem Lift gehen kann und kaum will sie an ihm vorbei, stolpert sie über die erhöhte Schwelle zwischen Lift und Fußboden des Erdgeschosses. Sie hat den Lift bisher nie benutzt, da er neu eingebaut wurde und zuvor nur die Treppe und die Rolltreppe zur Verfügung standen. Heute ist der erste Tag.

Vor Schreck lässt sie die Tasche fallen, um sich mit der rechten Hand aufzustützen und die linke Hand hebt sie mit der Flasche hoch, damit sie nicht herunterfällt. Genau in diesem Moment reagiert der Mann neben ihr, stellt sich schützend vor sie, greift mit der Rechten nach der Flasche und mit der linken Hand hält er sie am rechten Oberarm fest. Ihr Körper prallt leicht gegen seine Brust. Beiden steigt der Puls hoch und entsetzt sehen sie sich an.

‚Was war das? Der Aufzug? Es ist plötzlich so warm. Was ist das?‘ Seine große Hand lässt ihren Arm warm werden und der feste, aber trotzdem zärtliche Griff beruhigt sie auf eine wie vertraute Art. Mit dem Badeanzug und ihrem Busen berührt sie sein seidenes schwarzes Hemd und ist kurz an ihn gepresst, als sie ihm entgegenstürzt. Er sieht ihr verdutzt in die leuchtenden glasigen Augen, welche völlig überrascht zu ihm hinaufsehen und kann nichts sagen. Noch liegt beiden der Schreck im Magen, aber dann bemerkt er plötzlich wie ihm selbst ganz warm wird, als er dann nicht nur ihren Busen, sondern auch ihre rechte Hand auf seiner Brust auf dem Hemd spüren kann. Seine Hand auf ihrer nackten Haut merkt wie kalt sie ist. Es fühlt sich zwar schön und zärtlich an, sie zu berühren, aber auch als würde er einen weichen Ledersitz im Auto berühren, welches im kalten Winter draußen stand oder die Klimaanlage an dieser Stelle zu sehr draufgepustet hat. ‚Bettina, deine Augen fesseln mich. Am liebsten würde ich dich in den Arm nehmen und dir Trost spenden, aber das wäre jetzt sicher unpassend und unhöflich. Wie schön du doch bist, noch viel schöner als damals schon.‘

195 Tangaroa und Bettina II - Neuer Berufswunsch

Kapitel 195
 

Tangaroa und Bettina II - Neuer Berufswunsch
 

„Alles okay?“, fragt er dann vorsichtig und versucht zu erkennen was in ihr vor gehen könnte oder was er als nächstes tun muss. Tina rappelt sich auf, lässt ihn los und stellt sich gerade hin. Zuerst weicht sie seinem Blick aus.

„Ja, alles gutgegangen. Dank deiner Hilfe.“, lächelt sie unerwartet dann doch zu ihm auf. Er lässt sie los und gibt ihr die Taucherflasche wieder.

„Das ist beruhigend. Ich ging mal davon aus, dass dir die Flasche wichtiger war als deine Knie.“, grinst er zurück und freut sich, dass sie endlich wieder etwas lächeln kann.

„Stimmt. Fatal, wenn sie fällt.“

„Und was wäre passiert? Fliegt die dann wie wild durch die Gegend, wenn sie explodiert?“, schaut er fragend. Tina grinst zuerst nur. Dann stellt sie sich das Szenario vor und muss lachen. Die Vorstellung hier würde plötzlich eine Flasche durch die Gegend fliegen mit Wolken hinter sich herziehend, wie in einem Comic, lässt sie ihre Traurigkeit verdrängen. Sie hält sich die Hand vor dem Mund und muss herzlichst lachen. So schnell kriegt sie sich gar nicht wieder ein. Was ist das plötzlich für ein angenehm entspannter Moment? Wie sehr hat sie es vermisst mal wieder richtig zu lachen? So ein herzliches Lachen ist bestimmt gut ein Jahr her. Tangaroa lässt sich anstecken und lacht ebenso mit. Plötzlich ertönt eine lautere Stimme vom oberen Flur. Sie drängt sich an der Rolltreppe vorbei bis zu ihnen herunter.

„Tangaroa, ist das Tina da unten bei dir?“, ist Juns Stimme deutlich genug für ihn.

„Ja, alles gut. Ihr müsst aber auf jeden Fall nochmal den Lift-Service bestellen. Der Austritt ist nicht ebenerdig und könnte zur Stolperfalle werden.“, ruft er kräftig nach oben.

„Oh, echt? Wir haben den noch nicht benutzt. Er wurde vor etwa zwei Stunden erst freigegeben. Wir waren da alle schon oben. Okay, Martin ruft die gleich an.“

„Gut. Jun, wie siehts denn überhaupt aus? Habt ihr schon Zeit für mich als Spontanbesuch oder können wir noch eine Runde Quatschen? Wir haben uns lange nicht gesehen.“, fragt er ihn freundlich.

„Geht klar, wir haben noch viel zu tun. Tina wollte sicher schwimmen gehen. Moment, ich komme kurz runter. Ist ja doof hier so rumzubrüllen.“, beschließt Jun und geht vorsichtig die stehende Rolltreppe herunter. Er ist bereits erstaunt, dass er Tinas Lachen hören konnte. Scheinbar hat sein alter Schulkamerad sie zum Lachen bringen können. Er hat sie schon lange nicht mehr so lachen gehört.

Tina und Tangaroa nehmen einen größeren Abstand zueinander, indem er einfach in Juns Richtung unter der Rolltreppe hindurch, ihm entgegengeht. Sie begrüßen sich mit einem kräftigen Händedruck.

„Man, lange nicht gesehen. Wie geht es dir? Schön, dass es mit deinem Team geklappt hat. Ich freue mich sehr. Wenn erstmal einer anfängt, geht es sicher leichter neue Kunden zu gewinnen und vor allem die Mannschafts-Pläne zu verkaufen.“

„Ja, mir geht’s gut. Und dir?“

„Alles super.“, grinst er und hält seine Hand hoch und zeigt ihm seinen Ring. „Ach, habt ihr es endlich geschafft? Yayoi und du, das freut mich sehr für euch. Herzlichen Glückwunsch.“, freut er sich sehr und schaut dann zu Tina.

„Tina, das war sicher eine tolle Party. Es wurde bestimmt viel getanzt.“, merkt er fröhlich an und hofft sie steigt darauf ein und kann erneut lachen. Wenn es ums Tanzen ging, mussten sie damals doch immer lachen, weil die Aktion mit den Lehrern und Trainern so lustig war. Diese jedoch macht wieder ein trübes Gesicht, greift nach der Tasche, dreht sich weg und geht zur Tür der Schwimmhalle. Sie nimmt das Schlüsselband um dem Hals und steckt den Schlüssel ins Schloss. „Vermutlich. Ich konnte nicht dabei sein.“, sagt sie dann seufzend und öffnet die Tür, nimmt die Tasche wieder und geht hindurch ohne sich umzusehen.

Die Männer sehen ihr nachdenklich nach.

„Was hat sie? Warum war sie nicht dabei? Ihr seid doch so dick befreundet?“, wundert er sich. Jun weiß nicht so richtig was er sagen soll.

„Mein ganzes Team und die alten Freunde waren natürlich alle eingeladen und das war ihr dann nichts. Du weißt doch sicher noch, dass sie den Kontakt zu ihnen vermieden hat. Da hat sich nichts dran geändert.“ Verwundert sieht er zu Jun. „Hm, schon komisch. Aber ja, daran erinnere ich mich. Sie hat zwar nie etwas Schlechtes über euch gesagt aber gemieden hat sie es grundsätzlich mit euch etwas zu tun zu haben. Nur mit dir konnte sie reden. Weißt du warum das so ist? In den Medien habe ich mitbekommen, dass sie nach dem Turnier von ihnen einen neuen Namen bekommen hat. Und dann haben die Fans gewollt, dass sie sich mal mit deinem Stürmer trifft, aber sie hat es immer abgelehnt. Wieso eigentlich? Was ist er für ein Typ?“

„Es ging nicht um ihn persönlich. Spreche sie bloß nicht auf das Thema an. Sie mag es nicht, wenn man sie Tora nennt. Die Leute mögen es zwar und es passt ja auch gut zu ihr, aber sie hat Recht. Der Name gehört jemand anderen.

Kojiro, der ist voll in Ordnung. Er wirkt nach außen nur stur und unbedacht, aber in Wirklichkeit ist er sehr führsorglich und sehr ausgeglichen und bodenständig. Wir sind selbst nicht nur in derselben Mannschaft, sondern eng befreundet. Er weiß jedoch nichts von unserer Bekanntschaft oder groß von meiner Arbeit hier. Wenn wir mal reden, dann nur über unseren eigenen Sport und er erkundigt sich nur grob wie mein Studium läuft. Im Moment hat er eh selbst genug mit sich zu tun. Die Italiener haben ihn nach dem Mega-Transfer erstmal in die dritte Liga, also die C-Liga, ausgeliehen, um Erfahrungen zu sammeln und sein Ungleichgewicht richtig zu trainieren. Auch das ist ein Grund, warum mir die Arbeit hier so wichtig ist. Bei uns werden die Sportler gleich richtig untersucht und nicht einfach nach Gefühl ins Training gesteckt. Hätte es damals schon dieses Programm gegeben, hätte ein Spieler wie er nicht diese Defizite und könnte gleich bei den großen Stars spielen und dort Erfahrungen sammeln. Das wirft ihn ein ganzes Jahr im Profisport zurück.“

„Oha, ja das stimmt. Das kenne ich von Neuseeland. Unsere Teams sind alle so gut durchtrainiert und stehen permanent unter Kontrolle. Das hat mir wirklich sehr geholfen und mich weitergebracht. Mein Vorteil ist, dass es ein sehr wichtiger Sport dort ist. Wichtiger als hier. Ist wie bei euch. Hier wird mehr Wert auf Volleyball und Baseball gelegt als auf Fußball.“

„Genau deswegen ist es so wichtig. Und ein Spieler wie ich muss ohnehin mehr unter Kontrolle stehen, als die anderen. Ich hatte zwar die OP und es ist an sich alles gut, aber trotzdem ist immer ein gewisses Risiko dabei, wenn man Hochleistungssport betreibt. Mittlerweile weiß ich wie ich damit umgehe und wie sehr ich mich auspowern kann, aber ich beobachte mich selbst permanent.“

„Lass uns später weiterreden. Wir haben noch viel zu tun. Dein Besuch ist wirklich unpassend, aber das ist nicht schlimm. Am besten du bleibst hier bei Tina. Ich mag es nicht, wenn sie alleine in der Schwimmhalle ist und dann auch noch tauchen will. Aber das ist sie halt, unser Sturkopf. Daran wird sich nie was ändern.“, grinst er dann.

„Ich weiß ja nicht, ob sie das überhaupt möchte.“, sagt Tangaroa zu ihm. Jun geht zur Tür und klopft an.

„Tina?!“

„Ja!“, kommt eine Stimme zurück.

„Martin und ich haben noch viel zu tun, aber alleine lassen will ich dich in der Schwimmhalle noch nicht. Ihr wolltet doch eh noch etwas reden, wenn ich das richtig verstanden habe. Hast du was dagegen, wenn Tangaroa in deiner Nähe bleibt, dann könnt ihr ja noch reden und ich muss mir keine Sorgen machen.“

„Ist okay.“, antwortet sie nur. Tina ist gerade dabei sich die Flossen an die Füße zu stecken. Die Tür öffnet sich und beide Männer treten ein und ziehen sich vorne die Schuhe und Strümpfe aus und legen sie zur Seite.

Tina sitzt am Beckenrand und schnappt sich den Schnorchel. Die Tauchflasche steht weiter weg neben der Bank. Sie ist bereits nass und trägt die Badekappe.

„Oh, warst du schon drin?“, bemerkt Jun.

„Nein, ich war duschen, mich frisch machen.“, sagt sie und schaut dann zu den beiden auf.

„Tangaroa, ich habe echt das Gefühl du bist noch ein Stück gewachsen seit damals. Kann das sein?“

„Stimmt tatsächlich, aber nur so fünf Zentimeter. Als ich nach der Schule nach Neuseeland ging, kam nochmal so ein Wachstumsschub mit einundzwanzig. Jetzt ist aber Schluss.“, grinst er.

„Oh, verstehe. Wie groß bist du denn da jetzt?“ Er grinst und fasst sich belustigt an den Hinterkopf.

„Genau 1,99m. Aber nach manch einem Spiel weiß ich dann nicht genau, ob ich dann nicht doch mal zwei Meter bin.“ Tina sieht verdutzt zu ihm auf und muss wieder lachen.

„So eine Beule kann gemein sein.“, sagt er dann belustigt und hebt den Finger. Jun ist erstaunt, dass Tina erneut lachen kann und lacht dezent mit.

‚Na das ist interessant. Er hat es tatsächlich drauf sie zum Lachen zu bringen.‘ „Ich werde dann mal wieder. Ihr amüsiert euch ja scheinbar. Das ist gut. Die Eröffnung lässt uns alle etwas angespannt sein.“, verlautet er fröhlich und verlässt die Halle. Noch immer lacht Tina beherzt und hält den Schnorchel in den Händen. Tangaroa muss ebenso lachen.

„Das kommt mir bekannt vor, damit kenne ich mich auch aus.“, haut sie dann plötzlich raus und lacht weiter. Er ist jedoch verwundert. Was meint sie denn damit? Redet sie von den Beulen an Armen und Beinen, durch die Stürze? Aber das kann sie nicht meinen, denn bei der Bemerkung zeigte sie auf ihren Kopf. Tina steht in ihrem Eifer, endlich wieder lachen zu können, auf.

„So ein Ball auf dem Kopf kann sicher auch wehtun, das stimmt.“, versucht er sie etwas aus der Reserve zu locken. Sie geht lachend an ihm vorbei und bewegt sich auf den Startpunkt zu.

„Das auch, aber so eine Kuschelaktion mit dem Pfosten kann auch Beulen verursachen.“, haut sie nebenbei raus. Total verdutzt sieht er ihr nach. Was hat sie denn mit einem Pfosten zu tun? Meint sie jetzt die Stangen, an dem das Netz hängt? Da kann man sicher auch schnell im Eifer des Spiels gegenstoßen. Das kann er sich gut vorstellen. Also belässt er es dabei.

Jedoch beobachtet er ihre Bewegung, wie sie sich rückwährts mit den Flossen fortbewegt. Er lächelt dabei. Dann fällt ihm ihre sportliche weibliche Figur auf. In der Ferne eines Bildschirms sieht man es gar nicht so deutlich, aber jetzt so nah und direkt vor ihm mit den Wassertropfen auf ihrer schönen hellen Haut sieht man deutlich, dass Einiges bei ihr fraulicher und runder geworden ist. Es sind keine Haare zu sehen, die von ihrem Rücken und Nacken ablenken könnten. Sie sind gut unter der schwarzen Badekappe versteckt. Es irritiert ihn tatsächlich etwas, denn ohne Haare hat er sie nie gesehen, geschweige denn in einem Badeanzug. ‚Wie schön du bist. Ich wusste immer, dass du sehr hübsch bist, aber ich hätte zuerst nie gedacht, dass wir uns wirklich nochmal begegnen würden. Und schon gar nicht so alleine und dann auf diese Art. Ich dachte, ich sehe dich jetzt hier nur als Geschäftsfrau, die ihre Arbeit machen wird. Und nun? Zuerst hockst du total verweint vor mir und bietest mir so einen reizenden Anblick. Dann lachst du und nun? Nun kann ich dir das erste Mal beim Schwimmen zusehen. Heute muss mein Glückstag sein.‘ Dann stutzt er innerlich etwas, als er durch das kalte Licht in der Halle Tinas Narben auf dem Rücken zum Teil sehen kann, als sie sich umdreht. ‚Was ist dir denn passiert? Das sieht ja schmerzhaft aus.‘ Plötzlich sieht sie zu ihm.

„Du bist so still. Alles gut?“, fragt sie.

„Alles gut. Ich bin schon gespannt wie du dich im Wasser machst. Ich habe dich noch nie schwimmen sehen.“

„Du musst dich nicht rausreden. An deinem Blick kann ich erkennen, dass du sie gesehen hast. Wie gesagt, mit Publikum habe ich nicht gerechnet, sonst hätte ich einen anderen Badeanzug angezogen.“

„Entschuldige. Ich wollte nicht unhöflich sein.“, spricht er leise und sieht sie neugierig an.

„Lass gut sein. Du bist nicht der Erste und wirst nicht der Letzte sein, der es abstoßend findet.“, spricht sie leise, aber selbstsicher, als würde es sie nicht stören. Er jedoch sieht sie mit großen Augen an.

„Wie bitte? Welcher Idiot sagt denn sowas? Ich mache mir gerade darüber Gedanken was passiert ist.“, brummt er etwas und schaut strenger. Sie sieht ihn erstaunt an.

„Was passiert ist? Willst du das wirklich wissen?“

„Also wenn dir jemand wehgetan hat, dann ist das nicht lustig. Du musst es mir aber nicht erzählen, wenn du nicht willst.“, sagt er ruhig und mitfühlend.

„Du darfst es niemanden erzählen, nicht einmal den beiden da oben. Die wissen es auch nicht alles. Genauso wie die Heulerei.“

„Du machst mich damit nur neugieriger. Du musst wissen, ich werde nach meinem Studium das Fach wechseln. Und dann könnte man auch behaupten, es falle unter die Schweigepflicht.“, lächelt er, bleibt aber ernst.

„Oh, wirklich? Du wolltest immer Rechtsanwalt werden, das weiß ich noch. Hast du da keine Lust mehr drauf? Du hattest einen guten ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.“, wundert sie sich. Er grinst.

„Daran hat sich nichts geändert. Ich komme hier nach Japan, weil ich das Jurastudium abschließen will und ich habe mich bereits für ein Medizinstudium eingeschrieben. Im Herbst geht es los.“ Sie ist erstaunt.

„Wow, das ist aber was total anderes.“ Sie geht ein paar Schritte auf ihn zu.

„Und was haben meine Narben jetzt damit zu tun?“, ist sie neugierig.

„Im Laufe meines Studiums habe ich mich auch mit dem Thema Gerichtsmedizin und Pathologie beschäftigt. Und dann blieb es beim Gerichtsmediziner. Durch das vorherige Jurastudium habe ich ein paar kleine Vorteile. Das ist es also was ich später machen will, wenn der Sport vorbei ist. Ich wäre dann also in der Lage herauszufinden was zum Beispiel in deinem Falle, passiert sein könnte. So kann ich den Leuten doch am meisten helfen und nicht erst wenn jemand jemandem was angetan hat oder es schlimmer wird.

Ich durfte bereits bei einigen Vorlesungen und Seminaren in Auckland hineinschnuppern.“ Tina lächelt ihn neugierig an.

„Jetzt machst du mich aber neugierig. Dann leg mal los und zeig mir was du schon ohne dein Studium gelernt hast.“ Nun ist er etwas irritiert, als sie sich umdreht und er ihren Rücken betrachten kann.

„Mir wäre lieber du erzählst es mir einfach. Wenn ich total falsch liege, dann blamiere ich mich ja vor dir.“ Sie kichert.

„So leicht mache ich es dir nicht. Du willst es wissen, immerhin sind das sehr wichtige Geheimnisse, die du erfahren willst. Also schlimmer als meine Blamage vorhin vor dir, kann es ja nicht werden. Das war schon das Maß aller Dinge, echt.“

„Es war dir wirklich sehr unangenehm, tut mir leid.“, sagt er dann nur.

„Leg los, zuerst versuchst du es alleine zu erraten und dann kläre ich dich auf. Hast du dich denn schon mit solchen Narben beschäftigen können?“

„Ja, das habe ich. Ein paar wenige Grundlagen konnte ich mir bei einigen Seminaren an der Uni schon ansehen. Man darf auch mal in andere Bereiche reinschauen und das habe ich natürlich genutzt.“

„Gut, was siehst du? Fang mit dem leichtesten an, was eh jeder gleich erkennen würde. Trau dich ruhig auszusprechen was du denkst. Vielleicht ist es genau das. Ich kenne die Spekulationen. Immer wenn ich neue Ärzte habe, fragen sie doof.“ Er betrachtet ihren Rücken. Die Haut, die zu sehen ist reicht etwas bis unter die Schulterblätter, dann beginnt der Bogen vom Badeanzug und die Träger verdecken auch die eine oder andere interessante Stelle.

„Okay. Ich sehe zu allererst eine schöne Rückenpartie.“, beginnt er mit einem Kompliment.

„Schleimer. Ich rutsch gleich aus.“, lacht sie etwas. Dann dreht sie sich kurz um und schaut zu ihm auf.

„Wenn es dir doch unangenehm ist, musst du es nicht tun. Wenn es dir lieber ist, dann sag ich es dir einfach.“, kommt sie ihm entgegen. Er sieht ihr überrascht in die Augen und sein Puls steigt etwas an.

„Es geht schon. Ich habe dich provoziert und jetzt nehme ich deine Herausforderung auch an.“, sagt er dann trocken.

‚Wie kannst du mich so überraschen? Ich kann dir doch von diesem Blickwinkel nicht nur in die Augen sehen. Du bist so schön in diesem Badeanzug.‘ Tina bemerkt seinen Blick und dreht sich wieder um.

„Tut mir leid. Ich…ich wollte…dich jetzt…nicht verlegen machen.“, stammelt sie selbst verlegen und wird etwas rot auf den Wangen. Ihr Herz schlägt schneller, denn als sie ihm zuvor in die Augen sah, da war ihr plötzlich selbst etwas komisch.

„Schon gut. Am einfachsten sind die Brandwunden. Es waren vermutlich teilweise Blasen. Ich tippe…auf Zigarettenstummel.“, spricht er leise und vorsichtig.

„Richtig. Was meinst du wie alt sie sind?“, fragt sie leise zurück und schaut nach vorne zur Wand wo ein paar Bilder hängen.

„Ich bin nicht sicher. So gut bin ich noch nicht. Ein paar Jahre werden es sein.“, vermutet er.

„Stimmt, sie entstanden etwa eine Woche nachdem ich hier an unsere Schule kam.“ Verdutzt sieht er sie an. Sie lächelt dabei und schaut dann zur Decke hoch.

„Wer war das? Jemand aus unserer Schule?“, ist er entsetzt.

„Eines Tages war ich nach dem Sport duschen und danach auf Toilette. Ich war alleine. Dann kamen die drei Zicken herein, du weißt schon wen ich meine. Naja, da habe ich ihre Prozedur gehört und mich still verhalten. Aber dann haben sie mich doch bemerkt und statt mir einfach zuzuhören, was passieren könnte, wenn sie es nicht lassen, zerrten sie mich unter die Dusche. Dann machten sie sich über meine Narben lustig und meinten ein paar mehr fallen ja nicht auf. Sie sprachen meist auf Japanisch und ich verstand kaum was. Nur das Wenige, was sie bewusst auf Englisch sagten. Naja, das Ergebnis hast du vor dir.

Was siehst du noch?“, versucht sie es so trocken wie möglich zu berichten. Der große Mann hinter ihr kann gar nicht glauben was er da hört.

„Dann hast du das damals wirklich ernst gemeint, als du bei ihrer Bloßstellung meintest, sie hätten dich…“, er will es gar nicht aussprechen.

„Ich lüge nie. Wenn dann nur aus purem Selbstschutz. Aber ja. Das war mein Ernst, damit wollte ich allen mitteilen, dass sie dumm waren, statt Rat anzunehmen bringen sie sich lieber um.“

„Wieso hast du dich nicht gewehrt? Ich glaube, du hättest es gekonnt. Oder weglaufen, wäre das nicht gegangen?“ Sein Puls steigt immer mehr an, die Vorstellung diese drei dummen Weiber haben ihr das angetan, das will nicht in seinen Kopf. Aber nun versteht er warum sie diese Gelegenheit damals genutzt hat, als alle zusehen konnten und sie ihr nichts antun konnten, sondern ihr hilflos ausgeliefert waren.

„Weglaufen, bitte. Ich laufe niemals weg. Das hätte sie doch letztendlich auch nur angestachelt und ihnen einen noch viel größeren Sieg beschert. Stell dir vor das hätte die Runde gemacht, wenn ich weglaufe. Das hätte das Problem niemals gelöst und ich hätte meine Chance verspielt den Respekt der Schule zu bekommen. Aber ja, das hätte sicher gehen können, aber zum Einem war ich noch halb nackt, weil ich ja zuvor geduscht habe und dann gab es noch einen anderen Grund.“

„Ich weiß nicht. Du bist doch so mutig und stark.“

„Deswegen bin ich auch nicht weggelaufen. Es kam dann jemand und unterbrach die Situation.“

„Und wer?“

„Yoko. Sie hatte mich vermisst und gesucht.“

„Okay. Der Beginn eurer Freundschaft? Hast du ihr gesagt wer es war? Warum bist du nicht zur Schulleitung?“

„Ist das dein Ernst? Ich bin doch keine Petze. Das hätte doch ohne Beweise nichts gebracht.“

„Verstehe.“

„Richtig, keine Beweise. Und ihre Kippen haben die ausgemacht und mitgenommen. Also da war dann nichts da. Die Asche haben sie vorher schön weggespült noch bevor Yoko auftauchte und mich dann alleine vorfand.“ Es ist eine Weile still.

„Es tut mir leid, Tan-kun. Ich wollte dich jetzt nicht verschrecken. Immerhin warst auch du auf dieser Schule. Aber keine Angst, ich trage diese Narben aus Stolz, sonst hätte ich sie weglasern lassen so gut es geht. Das kann ich auch bei den anderen so sagen. Ich verstecke sie nicht, weil ich sie hasse, sondern nur damit mich keiner danach fragt.“

„Okay. Ich verstehe. Nun gut. Soll ich weitermachen, oder wollen wir es lieber lassen?“

„Mach weiter.“

„Hm, die vielen kleineren sind scheinbar sowas wie Einstiche? Ungleichmäßig und eventuell im selben Alter wie die Brandnarben?“

„Wow, wirklich gut. Sagen wir mal so, die sind eine Woche vor unserem Kennenlernen entstanden. Also vor der Schüsselaktion.“

„Okay, da waren sie frisch?“

„Was denkst du, kann es gewesen sein?“

„Hm, schwer zu sagen. Ein paar mehrere spitze Gegenstände. Im Besuch in einer Ausstellung habe ich Fotos von Leuten gesehen, die eine Splittergranate abbekommen haben. Das sieht zwar anders aus, aber diese Verteilung ist ähnlich, ungleichmäßig und unterschiedlich doll. Einige wurden genäht, das sieht man.“

„Hm. Gut, soll ich auflösen?“

„Gerne.“

„Den Hergang und die Umstände darf ich nicht sagen, dazu bin ich verpflichtet und es soll Beteiligte und auch mich beschützen, aber es ist nicht kompliziert. Jemand hat mich in eine Dornenhecke geschubst. Das war es schon.“

„Oh, verstehe. Dornenhecke. Ich bin als Kind mal beim Schaukeln in einen Rosenbusch geflogen. Das sieht man auch heute noch.“ Sie muss lachen.

„Ja genau, sowas musst du dir dann vorstellen. Nur, dass es kein Unfall war, aber das Ergebnis ist gleich.“

„Hm. So kann man das auch sehen. Und die erfüllen dich auch mit Stolz? Wenn es doch aber jemand absichtlich war?“, ist er skeptisch. Sie nickt und dreht sich wieder zu ihm um, nur diesmal mit einer kleinen Vorwarnung.

„Auf jeden Fall, denn ich habe verhindern können, dass einer Freundin etwas Schlimmes passiert. Das ist doch dann eine gute Erinnerung, oder nicht?“ Er sieht sie lächelnd an.

„Wenn das so war, dann stimmt es. Dann müsstest du die Brandnarben auch mit Stolz tragen, denn hättest du die drei Mädchen nicht erwischt und es nicht weiter beobachtet, dann hätte es vielleicht niemand bemerkt und eine von ihnen wäre irgendwann umgefallen und nicht mehr aufgestanden. Du hast ihnen mit deiner Aktion in der Kantine das Leben gerettet.“, meint er plötzlich. Tina grinst.

„Du bist wirklich gut. Du wirst ein guter Anwalt, wenn du das so deuten kannst. Das kann nicht jeder. Du solltest, jetzt wo du hier bist unbedingt ein paar Kurse und Vorlesungen bei Professor Kudo mitmachen.“ Er sieht sie erstaunt an.

„Du kennst Dr. Kudo? Seine Seminare und Vorlesungen sollen wirklich hart sein, aber sehr lehrreich. Und vor allem immer ausgebucht. Er lässt keinen Besuch zu, der nicht auf den richtigen Plätzen sitzt. Stehplätze lässt er nicht zu. Aus der Ferne war es leider schwer ihn mal zu besuchen.“

„Klar, er ist ein Genie. Wenn du dich in der Uni bei ihm vorstellst, dann sag ihm, ich schicke dich auf Empfehlung. Dann kannst du jeden Kurs bei ihm belegen. Du kannst es jetzt zum Ende hin und später in dem anderen Studiengang sicher gut gebrauchen. Sag ihm dann einfach, du bist der Schüler aus der Musashi mit der Schüssel. Dann weiß er genau, dass die Empfehlung nur von mir kommen kann.“

„Okay, das merke ich mir. Er kennt wohl deine Geschichte mit den Mädels?“ Sie nickt.

„So…nun die großen.“ Tina dreht sich wieder um und er schaut sie sich an.

„Wie viele sind es denn? Ich sehe hier zwei, die älter sind und einen Ansatz.“ Tina greift mit der Hand nach hinten an ihren schwarzen Badeanzug und zieht etwas den Stoff herunter.

„Jetzt könnten alle drei zu sehen sein. Ich bin gespannt.“, lächelt sie fröhlich dabei.

‚Wieso lächelt sie jetzt? Die sehen schon nach echt viel Schmerzen aus und sie lächelt dabei?‘

„An deiner Stimme erkenne ich, dass du die am meisten magst? Also, dass sie dich sehr stolz machen?“

„Stimmt. Ich überlege aber noch etwas was ich dir dazu sagen kann. Sie sind mein größtes Geheimnis. Aber ich vertraue dir. Ich weiß, du würdest niemals etwas verraten, was mich oder andere in Gefahr bringen könnte.“

„Du kannst es wieder loslassen, ich habe gesehen was ich sehen muss.“

„Und? Was meinst du?“

„Alle drei sind verschieden alt. Ich tippe auf stumpfe Gegenstände, vermutlich ähnlicher Natur. Haben sie denn alle drei dieselbe Geschichte oder verschiedene?“

„Gleiche Geschichten, nur unterschiedliche Zeitpunkte.“

„Okay. Hm. Wenn sie verschieden alt sind, sie alle drei auf gleiche Art genäht wurden und die große vermutlich recht tief war, kommt ein Unfall nicht mehr in Frage. Außer es wären dreimal die gleichen Unfälle gewesen.“ Sie kichert etwas.

„Ist das so lustig? Also wenn du nicht gesagt hättest, sie machen dich stolz, hätte ich fast vermutet man hat dich mit einem Schläger verprügelt. Aber da du darüber lachen kannst, musst du mir echt auf die Sprünge helfen.“, schmunzelt er selbst. Sie schaut zur Seite und lächelt.

„Ich gebe dir mal einen Tipp. Es waren alle drei Sportunfälle. Also, sie sind während des Trainings passiert.“

„Oh, wie kann man denn beim Volleyball…ne…Moment. Die sind älter. Und du hast vorhin noch gesagt, die Mädchen haben gelacht. Also stammen sie noch aus Deutschland?“ Sie nickt.

„Stimmt. Auch dort habe ich Sport getrieben. Jetzt musst du nur erraten welchen.“

Er überlegt, aber so richtig kann er sich nicht vorstellen bei welchem Sport man sich derart verletzen kann. Auf dem Rücken. Nicht einmal bei seiner Sportart würde es mal so aussehen. Da müsste man ihn schon direkt gegen die Pfosten schubsen, aber dann gibt’s blaue Flecken, keine Aufplatzungen der Haut oder Schlimmeres.

„Naja, bin echt überfragt. Ich kann mir da nicht wirklich was zusammenreimen. Schwimmen und Laufen kann es nicht sein. War es denn eine Teamsportart?“

„Richtig. Aber ja, das war es.“

„Wo kann man denn mit dem Rücken gegen etwas stürzen? Ich hatte jetzt schon ans Klettern gedacht, quasi ein Herunterfallen von der Wand und dann lag da was. Aber Teamsport? Nicht mal bei uns sieht jemand so aus.“ Tina kichert etwas und dreht sich wieder um, geht aber einen Schritt zurück.

„Noch ein Tipp?“

„Bitte.“

196 Tangaroa und Bettina III - Trost

Kapitel 196
 

Tangaroa und Bettina III - Trost
 

„Denk an deinen Sport und das was später Ähnliches daraus geworden ist.“, schmunzelt sie. Er macht einen sehr überraschten Blick.

„Da du vorhin etwas von einem Pfosten erwähntest, reden wir jetzt gerade über Fußball?“ Da sie auf seine Vermutung hin, lächelt und grinst, fällt ihm vor Überraschung nichts mehr ein. Er starrt sie nur an und weiß wirklich nicht was er dazu sagen soll. Hat Jun nicht eben noch erzählt, dass sie der Fußballer wegen nicht zu seiner Hochzeit gekommen ist? Aber wenn sie doch selbst gespielt hat, dann ergibt das doch keinen Sinn. Tina dreht sich um und greift ihren Schnorchel.

„Jetzt bist du platt, was? Wir sind uns ähnlicher als du je gedacht hast, stimmts? Zu Hause auf dem Rasen, Ball in der Hand und ein Tor. Das war mein Leben bevor ich herkam. Mein gesamtes Leben vom Kleinkind bis ich herkam.“

„Das verwirrt mich jetzt mehr als alles andere.“ Er schaut sich um und geht dann langsam und nachdenklich auf die Bank zu, wo Tinas Sachen liegen.

„Das kann ich mir vorstellen. Immerhin habe ich den Kontakt immer vermieden und vermeide ihn auch heute noch. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen. Und eine davon ist Jun. Er war der Erste, dem ich vertrauen konnte. Ich rede nicht darüber, auch nicht mit ihm, nicht einmal mit meinen Eltern habe ich später jemals wieder darüber geredet.“, plappert sie plötzlich wie ein Wasserfall. In dem Moment als sie anfing zu erzählen fühlte es sich für sie wie eine Befreiung an. Eine Befreiung wie damals als sie Tsubasa kennenlernte. Nur, dass der Mann vor ihr kein Fremder, sondern ein alter Schulfreund war.

Tangaroa setzt sich auf die Bank, stützt sich auf den Knien mit den Ellenbogen ab und sieht zu ihr, wie sie rückwährts zum Startblock schreitet. Tina legt beim Erzählen den Schnorchel zur Seite an den Beckenrand. Sie schaut zu ihm und lächelt.

„Ich kann deine Gedanken lesen. Du stellst dir bestimmt gerade vor wie ich über den Fußballplatz laufe und Tore schieße, oder?“ Dann steigt sie auf den Startblock. Er grinst etwas.

„Wohl wahr. Ich frage mich jedoch, wie kommt man beim Fußballspielen zu diesen Narben? Und warum vor allem spielst du es nicht mehr und vermeidest die Spieler? Das verstehe ich nicht.“

„Ich war Keeper und in der Verteidigung wie Jun in seinem Nationalteam. Also habe ich mich zwischen die Bälle geworfen, und wenn diese zu stark waren, konnte so etwas dabei rauskommen, wenn man nicht aufpasst. Ich war wirklich gut und unser Sturm demzufolge auch. Deswegen auch meine Ausdauer und die ganze Lauferei. Ich konnte gut drei Wochen lang nichts machen und mir taten alle Knochen weh. Deswegen hatte ich keine Angst vor den harten Bällen von Yako oder den anderen Gegnerinnen. Die waren nichts im Vergleich was ich schon gehalten hatte, auch ohne Handschuhe. Auch jetzt später, wenn ich gegen die Männer spiele, wäre ich nicht im Angriff, dann vermutlich die beste Libera.“ „Und warum spielst du nicht mehr? Du hättest doch hier auch ins Mädchenteam gehen können. Unsere Mädels damals waren doch auch gut.“ Sie atmet tief durch.

„Ich konnte nicht. Der Anblick von Fußballern…ich konnte sie nicht mehr sehen. Ich bin nach Japan gezogen, weil der Sport hier nicht so derart präsent ist wie in Europa. Und zu den Mädchen hätte ich eh nicht gehen wollen. Die haben mich in Rostock damals schon nicht haben wollen. Ich war ihnen zu gut und dann haben sie mich aus dem Team geschmissen und die Jungs dort wollten mich nicht, weil ich ja nur ein kleines Mädchen war.

In Hamburg…dort wollte ich auch nicht zu den Mädchen. Also konzentrierte ich mich auf das Schwimmen und Laufen.“ Sie pausiert kurz und schaut zur Decke hoch.

„Als wir nach Hamburg zogen, war ich erst elf. Und dann schwärmte mein Bruder ständig von seinem neuen Team. Er fühlte sich dort so wohl und die waren alle so toll und ach…für mich hatte er keine Zeit mehr, dabei haben wir von Klein auf immer nur zusammengespielt und waren wirklich gut als Team.“ Tangaroa beobachtet interessiert wie sie mit den Füßen etwas baumelt, da sie sich inzwischen hingesetzt hat und sich am Block festhält.

„Aber irgendwann hast du doch gespielt?“, bringt er sich ein.

„Ja, ich bettelte meinen großen Bruder an, mich mal mit zu seinem Team zu nehmen. Ich wollte immer nur mit ihm spielen, das war mir immer das Wichtigste, wir verstanden uns wahnsinnig gut als Geschwister, es kam schon wie Freundschaft rüber. Er war fast zwei Jahre älter als ich und wahnsinnig talentiert. Ich konnte damals schon mit ihm mithalten, deswegen war ich den anderen zu schnell.

Jedenfalls ließ er sich überreden, denn mit mir zu spielen, vermisste er auch und er konnte sich gut vorstellen, dass ich mit seinem Team mithalten könnte. So wurde dann aus der kleinen Tina ein Tino, also ein Junge.“ Sie dreht sich plötzlich zu ihm um.

„Verstehst du was ich damit meine?“, lächelt sie mit ernster Miene.

„Ich gehe mal davon aus, dass du dich als Jungen ausgegeben hast, damit dich die anderen nicht wieder wie ein kleines Mädchen behandeln.“, rät er richtig und Tina lächelt betrübt.

„Und sie haben meine Leistung bewertet und mich nicht verurteilt wie die anderen, als Mädchen habe man ja keine Ahnung von dem Sport. Außerdem war das bereits ein Profi-Team und es durften keine Mädchen dabei sein. Als ich damals in Rostock in das Team von meinem Bruder wollte, weil ich für die Mädchen zu gut war, schickten die mich weg, weil ich ihnen auch zu gut war. Sie haben es nur anders gesagt. Aber sie wussten genau, dass ich mit ihnen mithalten konnte. Das konnte aber natürlich niemand zugeben. Jungs halt.

Jedenfalls hat mich dieses Team anerkannt als Keeper und für die Verteidigung. Keeper hauptsächlich, weil sie einen brauchten. So kam das erst. Mein Bruder spielte in der Verteidigung, dabei war auch er ein guter Stürmer oder Mittelfeldspieler, aber das Team war vorne und in der Mitte bereits ausreichend aufgestellt. Es war wirklich ein sehr starkes Team. Letztendlich war uns egal wo wir spielten, Hauptsache zusammen im selben Team und vor allem in diesem tollen Team.“ Der große Mann lehnt sich an und schaut weiter zu ihr.

„Das erklärt also deine Fitness, als du hergekommen bist. Und auch warum du ständig draußen bei jedem Wetter laufen warst. Du musstest dich vermutlich erst an die Halle gewöhnen. Ich könnte das auch nicht. Ich war immer nur draußen, egal wie das Wetter war.

Aber jetzt verrat mir mal bitte, war euer Sturm so stark, dass es dich ins Tor befördert hat, oder wie sollen die Unfälle gewesen sein? Ich kann mir gar nicht vorstellen wie stark so ein Schuss sein soll, wenn ich da an Juns Spiele denke und die WM, die hier war. Solche Schüsse hat nicht jeder drauf. Du warst zwar nicht so ein Brocken von Keeper, wie es die Deutschen haben, aber auch dich muss man erstmal wegfegen können.“

„Ich sagte ja, unser Sturm war damals schon sehr stark. Aber wir waren dumm und haben außerhalb der regulären Trainingszeit auf irgendwelchen Bolzplätzen trainiert. Und zwar nicht nach Regeln des Trainers. Die Tore waren eckig oder es waren stattdessen Bäume. Naja, dabei sind die letzten zwei Narben entstanden. Die erste war gleich zu Beginn bei einem Sondertraining. Es gab ein Freundesgespann, mein Bruder, ich und zwei weitere aus dem Team, später kam noch ein fünfter Mann dazu. Wir waren ein echt toller Haufen und dicke Freunde. Das ganze Team war toll. Weißt du noch als dich dein Kapitän etwas nötigte mich anzusprechen? Da sagtest du noch, ihr seid ein tolles Team. Und ich glaube das war auch so. Ihr wart nicht nur stark und motiviert, sondern seid freundschaftlich miteinander umgegangen. Das ist mir gleich in den ersten Tagen an der Schule aufgefallen. Ihr und Juns Team, ihr habt auch neben dem Sport viel Zeit miteinander verbracht. Daran kann man das auch sehen. Also so ein Team waren wir.“

„Ich verstehe, ein unkontrolliertes Training. Da kann es schnell zu Verletzungen kommen. Das war wirklich unbedacht. Aber hättest du das nicht gleich nach dem ersten Unfall wissen müssen?“

„Ach wir waren alle sowas von vernarrt darin immer besser zu werden, dass es irgendwie egal war. Und ich konnte ja nicht klein beigeben, vor den Jungs. Es war dumm, aber uns war es egal. Ich habe die härtesten Bälle halten können, das war es mir bis heute wert.“

„Tina. Du machst mir etwas Angst, weißt du das? Du redest so viel davon und sprichst über Freundschaften und von einem Bruder, der nie in deiner Biografie erwähnt wird und hier war auch nie jemand. Und dann…sprichst du in der Vergangenheit von ihm.“, spricht er ein ernstes Thema an. Er atmet tief ein und wagt die Frage, die ihm auf der Zunge liegt.

„Was ist mit ihm passiert? Was ist passiert, dass du diesem Sport lebe Wohl gesagt hast und nicht mehr daran erinnert werden willst?“ Sie schaut plötzlich zu Boden.

„Es…es waren…Fans. Es waren fanatische Fußballfans in ihren Trikots. Nach einem Spiel der Profis…da wollten wir heim gehen. Und dann zogen sie meinen Bruder und mich plötzlich in eine Gasse, hielten uns fest. Sie…waren zu Fünft.“ Entsetzt richtet er sich auf.

‚Nein, was erzählt sie denn da?‘

„Tan-kun, sie…sie haben uns überfallen und ihn vor meinen Augen…sie haben meinen Blick direkt zu ihm gerichtet bis er am Boden lag und…sie hörten nicht auf…und…“ Sie dreht sich zur Wasserseite um und sieht ins Schwimmbecken. „…er bewegte sich nicht mehr. Dann…wollten sie…auf mich losgehen.“ Plötzlich steht der Fünfundzwanzigjährige hastig auf und geht zu ihr. Er steht neben ihr und geht dann in die Hocke. Sein Puls rast vor Wut und sein erster Gedanke ist nur, sie trösten zu wollen. Aber er ist sich unsicher, ob sie es will. „Verdammt. Bettina.“, kann er nur sagen. Sie blickt dann auf, als sie ihn bemerkt und dreht sich zu ihm.

„Er kam noch ins Krankenhaus, aber sie konnten ihn nicht mehr retten.“, schluchzt sie und sieht ihm in die braunen Augen. Es ist still.

„Und du? Haben sie dir auch noch wehgetan?“, fragt er und berührt ganz vorsichtig und zurückhaltend ihren rechten Arm. Sie schüttelt den Kopf.

„Es…es kam zum Glück Hilfe. Unser Freund Genzo, aus dem Team…er kam rechtzeitig und verjagte sie alle. Mehr als ekelhaftes Grabschen wurde es nicht.“ Zorn steigt in ihm auf, er kann es nicht glauben.

„Ist es der Freund, von dem du damals mal erzählt hast, dass er dir dein Leben gerettet hat?“ Sie nickt.

„Vorhin im Lift. Manchmal…manchmal kommt so eine Erinnerung mitten am Tag oder wenn ich eben jemanden in diesen Trikots sehe und auch deswegen…deswegen konnte ich nicht mehr selbst spielen. Bis auf Genzo konnte ich mich nicht mal vom Team verabschieden. Er war und ist noch immer mein bester Freund. Ohne ihn wäre ich nicht hier. Das passierte in den Sommerferien. In der ersten Woche habe ich versucht es zu verstehen und dann sagten meine Eltern, ich dürfe mir aussuchen wohin wir ziehen werden. Ich wollte nur noch ganz weit weg von den vielen Erinnerungen.

Ich entschied mich für Japan, weil Genzo hier geboren wurde und seine Familie hat und seine Freunde, Freunde wie Jun. Er sagte immer, ich solle jeden von ihm grüßen, wenn ich jemanden begegne. Ich konnte das aber gar nicht immer. Erst wenige Tage vor der Schüsselsache habe ich es Jun erzählt. An dem Tag hat es so doll geregnet. Er weiß jedoch nur, dass ich bei einem Jungenteam war, nicht in welchem. Und Genzo, als er nach Deutschland kam, war er mein Klassenkamerad. Im Sport wurde er mein Konkurrent im Tor, aber privat wie Jun und ich Klassenkameraden, deswegen kam er dann auch schnell hinter meine Maskerade. Aber wir freundeten uns an und das hält bis heute. Er war auch als einziger Freund auf Stephans Beerdigung. Von dieser Freundschaft darf aber niemand wissen. Das ist ganz wichtig. “ Plötzlich spürt sie einen Finger auf ihren Lippen.

„Pst. Du lenkst dich ab. Darf ich dich nun trösten oder nicht?“, spricht er leise und sanft. Dann spürt sie endlich bewusst die große warme Hand zaghaft auf ihrem Arm. Es ist wie vorhin, als sie im Flur diese Wärme bemerkte, die von ihm ausging. Genauso eine Wärme hat sie seit einer Ewigkeit nicht mehr verspüren können. Wie sehr sehnt sie sich nach Geborgenheit? Seitdem ihre Eltern nicht mehr da sind, mit denen sie sich einfach mal abends gemütlich einen Film ansehen konnte oder etwas unternehmen, seitdem gab es dann nur Martin und ihre Freundin Fane, die ihre Geschichte kennt. Aber Fane ist eine Freundin und alles andere würde den Rahmen sprengen. Ihre Sehnsucht war nicht einfach nur Freundschaft. Tangaroa bewegt seine Hand über ihre Wange, als er ihre Lippen loslässt und fasst sie dort sanft mit dem Ohr. Er sieht sie liebevoll an.

‚Tan-kun, du bist so lieb. Warum? Warum bist du so liebevoll zu mir? Wir haben uns ewig nicht gesehen und ich verstehe gar nicht, warum ich dir das jetzt alles erzählt habe? War es ein Fehler oder war ich wie bei Tsubasa einfach im Redebedarf und habe das Gefühl es dir anvertrauen zu können? Was mache ich nur? Und dann diese Berührungen. Was ist das denn plötzlich?‘

„Ich…ich…weiß nicht. Deine…deine Freundin wird mich dafür hassen“, meint sie plötzlich. Er lächelt verlegen.

„Da ist niemand. Keine Sorge. Schließ einfach die Augen und nutze die Gelegenheit, wenn du willst. Glaube mir, das kann sehr befreiend sein.“

Plötzlich beugt sie sich ihm entgegen und legt ihren Kopf an seine Brust. Er berührt ihren Hinterkopf und seine linke Hand wandert langsam von ihrem Arm um sie herum an ihren Rücken. Sie zuckt etwas zusammen, als sie diese angenehme Berührung wahrnimmt und plötzlich bitterlich zu weinen anfängt. Ihre Hände berühren ebenso seine Brust und er hockt einfach nur da, um für sie da zu sein.
 

Etwas später steht sie auf dem Startblock, springt und gleitet seicht ins Wasser. Ihre Füße bewegen sich im Wechsel und ihre Hände sind flach nach vorne gestreckt. Ihr Blick in der Taucherbrille ist nach unten auf die Beckenmarkierung gerichtet und der Schnorchel schaut oben heraus. Ihr Körper gleitet ein paar Meter an der Wasseroberfläche und dann beginnt sie zu kraulen. Die erste Bahn hat sie schnell hinter sich, sie macht eine Rolle an der Wand, stößt sich ab und schwimmt zurück. Wieder eine Rolle und nun wieder die kurze 25m Bahn. Schnell hat sie die 200m hinter sich und macht eine Pause am Startblock. Sie nimmt den Schnorchel ab und atmet tief durch. Tangaroa staunt nicht schlecht als sie wieder ansprechbar ist und lobt ihre Ausdauer.

„Wow, Wasser ist scheinbar wirklich dein Element, was? Du bist wahnsinnig schnell.“, lächelt er von der Bank aus. Tina grinst ihn an.

„Schnell? Du hast scheinbar keine Ahnung, oder? Hast du schonmal jemanden beim Finswimming gesehen?“ Er sieht sie nur mit großen Augen an.

„Meinst du mit Flossen schwimmen? Nö. Nur Taucher im Fernsehen oder so.“ „So so, dann warte es mal ab. Das eben war nur eine Aufwärmübung, um sich an die Temperatur des Wassers zu gewöhnen und die Gelenke etwas zu schmieren. Außerdem muss ich mich noch an die neuen Flossen gewöhnen. Jetzt kommt die zweite Aufwärmphase.“, spricht sie begeistert und steckt den Schnorchel wieder in den Mund und gibt ihm ein Daumen-Hoch-Zeichen. Dann richtet sie sich aus dem Becken und zieht sich am Beckenrand hoch, setzt sich seitlich, nimmt die Füße mit den langen Flossen zur Seite und richtet sich dann auf. Langsam geht sie zum Startblock und schaut nochmal zu ihm. Dann zur Wand gegenüber und wartet auf die richtige Position der Wanduhr, springt bei null und saust ins Wasser, diesmal bleiben die Füße parallel und bewegen sich wie eine geschlossene Flosse und ihr Körper gleitet mit einer eleganten Auf-und-ab-Bewegung und den flachen Händen nach vornegestreckt durchs Wasser. Es dauert gefühlt nur wenige Minuten, dann sind die ersten 100m geschafft und es wird eine Pause gemacht. Tina schaut beim Stopp schnell auf die Uhr, nimmt dann den Schnorchel ab und schaut nur starr zur Wand. Ihre Gedanken sind in diesem Moment nur auf ihre Atmung konzentriert.

‚Du meine Güte. Was war das denn? Wie ein Blitz.‘

„Wow, das war ja ein Tempo, alle Achtung. Und sag jetzt nicht, das war wirklich nur eine Aufwärmphase und geht noch schneller?“ Wieder grinst sie. Nach der Atempause entfernt sie sich die Flossen, legt sie neben den Schnorchel und steigt wieder aus dem Wasser.

„Doch, das geht noch schneller. Ich sagte ja, das ist nur zum Aufwärmen. Jetzt kommt die Flasche zum Einsatz.

Hast du wenigstens erkannt welches Tier ich bin?“ Er sieht sie erstaunt an.

„Was meinst du jetzt damit? Einem Fisch?“

„Sowas ähnliches. Welchem Tier sind meine Bewegungen denn so ähnlich?“ Wenige Minuten später hat sie aus ihrem Spint die Monoflosse geholt, steht nun damit und dem Schnorchel auf dem Startblock und schaut wieder konzentriert zur Wanduhr. Dann springt sie ins Wasser, pest förmlich die paar Meter mit Abstoßen an der Wand wieder gut 100 Meter und bleibt unter dem Starblock stehen und atmet deutlich länger tief durch. Sie nimmt den Schnorchel ab und legt ihn oben an den Beckenrand. Tangaroa kann gar nicht in Worte fassen was er da gerade gesehen hat.

„Du bist ja noch schneller mit dem Ding. Meine Güte. Aber jetzt weiß ich welches Tier zu meinst. Diese elegante Bewegung und das Luftschnappen zwischendurch, wow, du bist eindeutig ein Delfin.“, spricht er total begeistert. Tina hält nur den Daumen hoch und sieht zu ihm auf. Es dauert etwas bis sie wieder sprechen kann.

Dann endlich antwortet sie ihm.

„Genau. Du hast Recht. Das ist es was den Sport ausmacht. Schwimmen wie ein Delfin. Aber warte mal ab. Jetzt kommt die Flasche und ich muss keine Luft mehr zwischendurch holen oder auf den Schnorchel achten. Nur noch pure Konzentration aufs Wasser und den Beckenrand.“

„Oha. Das wird spannend.“ Er stellt sich neben das Becken und schaut ihr wieder gespannt zu.

‚Wie schnell sie ist. Das soll noch schneller gehen? Wahnsinn. Bettina, du bist wirklich total verrückt. Ich bin ja nun auch ein guter Schwimmer und trotz Größe recht beweglich, aber das hier…das ist eine ganz andere Liga. Du hast aber auch die Figur für so einen Sport. Bestimmt wärst du auch darin sehr erfolgreich, wenn du dich nur darauf konzentrieren würdest.‘

Tina entfernt die Monoflosse, legt sie hoch neben das Becken, richtet sich aus dem Becken raus, greift die Flosse und setzt sich auf den Startblock und kontrolliert die Falsche und bereitet sich alles vor. Dann geht die Taucherbrille wieder auf die Augen, die Flosse wird angelegt, sie richtet sich auf. Das Mundstück wird angelegt, sie und die Flasche mit beiden Händen nach vorne gestreckt festhaltend steht nun bereit und schaut wieder auf die Uhr. Dann schaut sie ganz konzentriert zum Wasser, macht einen Bogen mit der Flasche voran und stößt sich kräftig ab und springt gleitend ins kühle Nass. Wie ein tummelnder Delfin saust sie wieder durch das Becken, rollt sich ab, und wieder zurück. Diesmal werden es ein paar mehr Runden, als die Male zuvor. Der Mann am Beckenrand kommt gar nicht mit dem Hinterherschauen nach, so schnell kommt es ihm vor. Wäre es ein längeres Becken, würde sie sicher noch schneller sein, denkt er dabei nur.

‚Wow, das ist ja pure Konzentration. Aber das konntest du schon immer, dich auf etwas derart fixieren, dass es dann perfekt wurde. Deswegen konntest du auch so schnell Japanisch lernen.‘

Tangaroa setzt sich an die Seite und sah ihr nachdenklich zu.

‚Bettina…du bist einfach der Wahnsinn. Ich wusste immer, dass du ganz besonders bist. Wie konntest du das nur die ganzen Jahre durchstehen? Du bist unglaublich stark und hast trotzdem immer so viel Herz für alle anderen. Die ganzen Jahre schleppst du dieses schreckliche Geheimnis mit dir mit? Das ist wirklich unglaublich. Deswegen wolltest du dich auch nur auf die Schule und auf den Sport konzentrieren, damit du einen Neustart hast und dich ablenken kannst.‘

Etwa nach zehn Minuten macht Tina eine Pause und hält sich am Beckenrand fest, legt ihre Utensilien alle nacheinander an den Beckenrand hoch und atmet tief durch. Dann sieht sie zu ihm.

‚Er ist noch da. Wie schön. Er wirkt nachdenklich. Ich habe ihn sicher verunsichert mit meiner Geschichte. Aber…ich hatte das Gefühl es ihm erzählen zu können. Wie kam das nur? Nicht mal Martin konnte ich davon alles erzählen.‘

„Ich könnte dir stundenlang zusehen. Wie ein Delfin, tatsächlich. Jetzt verstehe ich es. Ich glaube, wenn du in einem 50m Becken schwimmen könntest, bist du sicher noch schneller.“

„Ja, das stimmt. Das wäre natürlich super, aber das ist trotzdem gut hier. Manchmal gehe ich in eine große Halle und dann habe ich das große Becken. Ab und an schwimme ich auch im Meer oder in einem See.“

„Da werden die Fische sicher ganz rot vor Neid, weil du schneller und hübscher bist als sie.“, schmunzelt er und stützt seine Arme auf seinen Knien ab.

Tina kichert etwas.

„Du erst, vielleicht.“, lächelt sie ihn an.

‚Dieses bezaubernde Lächeln. Das zeigst du nur sehr selten und ich habe jetzt das Glück es wieder zu sehen. Bettina…mit dir habe ich zwar irgendwie gerechnet aber auf eine andere Art. Ich dachte, wir sehen uns erst, wenn das Team aufgenommen wird und du mit Jun und Herr Müller uns alle aufnehmt und du dann deine Rezepte vorstellst. Na ich werde ja sehen wie das jetzt alles ablaufen soll.

Dafür, dass du vorhin so traurig warst und in meinen Armen geweint hast, bist du schon wieder sehr gut drauf. Du hast das Talent einen Schalter um zu knipsen. Und weinen, nein, das tust du nie vor anderen. Das ist verständlich.‘ Tina bewegt sich inzwischen aus dem Becken und kommt dann langsam auf ihn zu.

„Bist du so lieb und gibst mir das Handtuch?“, kann er nur ihre zarte Stimme hören, als sie vor ihm steht und zu ihm herabsieht. Viel größer als er ist sie nicht, weil er noch immer auf den Ellenbogen gestützt ist.

„Na klar.“ Er greift neben sich und gibt ihr das Handtuch. Sie sehen sich plötzlich in die Augen und beiden schlägt das Herz ganz laut.

‚Was ist denn jetzt los? Tina, warum wird dir plötzlich so warm? Lass bloß die Finger von diesem Mann, du wolltest niemanden mehr so schnell nah sein. Ein Typ wie er muss doch nur mit dem Finger schnippen, da sind die Frauen schon da. Lass dich nicht auf solche Männer ein.‘, hört sie ihre innere Stimme und geht ihm dann etwas aus dem Blick.

„Danke, Tangaroa.“, sagt sie leise und wischt sich sofort ins Gesicht. Sie merkt, dass sie plötzlich verlegen wird und das soll natürlich nicht zu sehen sein. Statt zu ihm zu sehen, dreht sie ihren Blick lieber in Richtung Wand mit der großen Sekundenuhr. Sie beobachtet den Zeiger, der niemals stillsteht. Er dreht sich gefühlt unglaublich langsam, während sie darauf schaut. Die eine Runde kommt ihr wie eine zehnminütige Pause vor. Dann vernimmt sie die dunkle sanfte Stimme von ihrem Zuschauer.

„Ist alles okay? Du wirkst so nachdenklich.“ Natürlich schaut sie nun zu ihm und wickelt sich das Handtuch um ihren nassen Körper.

„Alles gut. Ich bin mit dem Gedanken nur die Bahnen nochmal durchgegangen ob ich was besser machen könnte.“, lächelt sie ihn an. Tangaroa steht auf und lächelt ihr zurück.

„Da du dich abtrocknest, gehe ich davon aus, dass du nicht mehr ins Wasser gehst?“

„Stimmt. Ich bin fertig mit meiner Übung. Nachher habe ich noch Training, dafür brauche ich die restliche Energie.“, grinst sie.

„Also ich wäre nach der Aktion für den Rest des Tages erledigt.“, schmunzelt er. „Ach, alles eine Frage des Trainings. Jeder hat da sein eigenes Tempo. Ich schwimme ja nicht mit jemanden um die Wette. Ich mache das nur wie mir gerade danach ist.“

„Wie lange musst du denn heute trainieren? Die Spiele laufen doch sicher normal weiter, auch für die, die zur Olympiade gehen? Ich wünschte, Rugby wäre auch endlich mal dabei. Das wäre mal was Neues.“, versucht er sie etwas dazu zu bringen, von sich zu erzählen.

„Du hast es wohl noch nicht gelesen, oder?“

„Was meinst du?“

„Ich werde nicht dabei sein. Ich habe doch auch bei den World Cup schon nicht mitgespielt, damit die Mädels sich gleich vorbereiten können. Ich fahre nicht zur Olympiade.“, berichtet sie und sieht ihn ernst an.

„Oh, tut mir leid. Warum nicht? Ich dachte du warst nur nicht zur Qualifikation, weil es zu früh war.“ Tinas Puls steigt etwas an und in ihr kommt plötzlich eine betrübte Stimmung auf.

„Naja, das auch, aber…ich wäre ohnehin nicht dabei gewesen. Auch wenn das mit meinen Eltern nicht passiert wäre.“, spricht sie leise. Er geht überrascht auf sie zu.

„Tina, warum denn nicht? Das…das ist doch das Höchste der Gefühle für einen Sportler. Die größte Ehre.“, versucht er ruhig zu bleiben und kann sich nicht so richtig vorstellen warum man freiwillig auf so eine Möglichkeit verzichtet. Plötzlich sieht sie zu ihm auf, blickt ernst und nachdenklich zugleich in seine braunen Augen.

„Ich…würde doch auffliegen. Und ich darf und will…niemanden von damals, aus den Teams oder aus Juns Team…über den Weg laufen. Das Risiko…ist viel zu hoch.“

‚Bettina, ist das dein Ernst? Du verzichtest darauf, nur um sie alle zu schützen?‘ „Du…beschützt die Jungs immer noch?“ Sie nickt und freut sich, dass er es versteht.

„Das auch, aber auch meine Mädels. Stell dir vor, irgendwas kommt da in den Medien? Dann stört es die ganze Veranstaltung und alles redet nur noch über das Thema, Betrug und zweifelt die Männer und unser Team an. Am Ende haben die Teams alle nur Probleme und Anwälte ohne Ende am Hals. Das darf doch nicht sein, oder?“

„Anwälte? Meinst du wirklich?“ Tina sieht ihn verdutzt an.

„Du studierst doch Jura. Was würde denn passieren, wenn Transfergelder fließen, Sportwetten mit ihren Ergebnissen ungültig werden, weil ein Betrug vorlag? Eine Europameisterschaft ganz zu schweigen. Was glaubst du kamen danach für Werbeträger und Sponsoren auf uns zu? Wir haben eine EM gewonnen…gegen Frankreich und Italien…das wäre sogar bei euch ein dickes Ding. Was würde passieren, wenn herauskäme, dass ein Mädchen zwischen den Jungs war? Man würde ihnen doch ihre Erfolge anzweifeln und vielleicht sogar aberkennen. Hast du eine Ahnung was in Europa auch in diesen Altersklassen schon für Gelder fließen?“ Er sieht sie verblüfft an.

‚Den Blick kenne ich. Ihr ist das sehr bewusst was das für alle für Konsequenzen haben könnte. War das Team denn damals so gut, dass sie bei einer Europameisterschaft dabei war? Deswegen will sie nicht gehen, weil sie zu viele Leute kennt. Auch wenn es nicht die Deutschen sind, die vermutlich dichthalten würden, dann könnte einer ihrer Gegner die Situation ausnutzen und den Skandal offenlegen.‘

„Tut mir leid. Du hast Recht. Wenn die Jungs von damals so gut sind, dass es dabei um viel Geld geht, dann kann das schnell böse enden.

Tina…du warst schon immer klug und wusstest damals schon, dass es wichtig ist.“

„Alles gut, du kannst ja nichts dafür.“, lächelt sie, geht an ihm vorbei zur Bank und wechselt dann das Thema.

„Wie erging es dir eigentlich auf Neuseeland? Erzähl doch mal. Die Natur soll dort atemberaubend sein. Ich habe mir extra diese Filme angesehen mit dem Ring. Fantasy ist ja so gar nicht meins, aber wegen der Landschaften habe ich doch mal geschaut und dann war es doch spannend.“, kichert sie etwas vor sich, tupft sich mit dem Handtuch die Arme ab und sieht zu dem Mann, welcher sie überrascht ansieht.

„Oh, naja. Es war wirklich sehr schön. Nachdem ich so lange meine Familie nicht gesehen habe, war das wirklich eine tolle Abwechslung. Ich hatte damals schon in der Schule das Angebot eines Clubs gleich in der Nähe bekommen und das nahm ich ja an. Deswegen bin ich gleich nach der Schule dorthin. Und da wohnte ich dann gut zwei Jahre wieder direkt in meinem alten Dorf. Das war wirklich toll. Diese Ruhe…und diese ganzen viele Gerüche…wenn man dann von zehn Jahre Tokio wieder in der Natur sitzt, ist das der reinste Traum.“, schwärmt er von seiner Heimat.

„Das stelle ich mir wirklich romantisch vor. Damals sagtest du, dass du in einer Bucht aufgewachsen bist, am Meer.“

„Ja, genau. Wir leben dort vom Fischfang und etwas vom Tourismus. Durch diese Filme sind wahnsinnig viele neue Touristen gekommen und man interessiert sich auf einmal wieder mehr für unsere alten Traditionen.“

„Das ist doch sehr schön. Das freut mich sehr.“, lächelt sie ihn an und im selben Atemzug nimmt sie die Badekappe ab, legt sie auf die Bank und fährt dann durch ihre langen blonden Haare, um ihnen Platz zu schaffen, sich zu entfalten. Sie sind zwar nass, aber Tangaroa wird es plötzlich sehr warm und sein Puls steigt enorm an, als er sie so lächelnd dastehen sieht. In ihrem schwarzen Badeanzug sind ihre weiblichen Rundungen sehr deutlich zu sehen und dass das Wasser kalt ist, ist ebenso an den Abdrücken unter dem Badeanzug zu erkennen. So richtig wegsehen kann er nicht, da ihm sehr gut gefällt was er sieht.

‚Wie anmutig du dich bewegst, schöne Bettina, dieses bezaubernde Lächeln und deine schönen Haare und diese unglaubliche Wahnsinnsfigur…verdammt…ich glaube…ich…ich muss hier weg. Mein Herz zerspringt gleich. Das…das war so nicht geplant.‘, weicht er ihr aus, indem er sich selbst versucht abzulenken.

„Wenn du jetzt raus bist, dann wird meine Anwesenheit ja nicht mehr gebraucht. Jun sagte ja, er mag dich nicht alleine lassen, wenn du im Wasser bist.“

„Ach der…er ist übervorsichtig. Später gibt es dann so einen Pieper…der dient zur Kontrolle. Dann wird einiges einfacher hier unten.“

‚Nanu, was macht er denn plötzlich für ein Gesicht? Tangaroa, kann es sein…dass ich…dich eben gerade verlegen gemacht habe?‘, schmunzelt sie dann. Sie sieht neugierig zu ihm auf.

‚Tangaroa, was bist du nur für ein stattlicher Mann geworden? Wo ist der schüchterne Oberschüler, mit dem ich ein Eis essen war? Jetzt bist du nicht nur groß, stark und klug, nein…du bist ein richtiger Mann geworden.‘ Verlegen sieht sie selbst zur Seite, dreht sich dann um und geht Richtung Umkleide.

„Sorry, du kannst jetzt zu den Männern hoch gehen. Ihr habt sicher viel zu bereden.“ Dann geht sie einfach hinter die milchige Glastür und begibt sich unter die Dusche. Nachdenklich und mit schnellem Herzklopfen fährt sie aus dem Badeanzug heraus und legt ihn ab.

‚Was war das eben? Er macht mich doch glatt verlegen. Warum kann ich eigentlich alleine mit ihm sein? Ich meide doch sonst auch jeden Mann, der mir deutlich überlegen ist. Wie kann das sein? Kommt das nur, weil wir uns von Früher kennen?‘ Sie stellt das Wasser an und wäscht die Haare.

‚Tangaroa…was bist du nur für ein außergewöhnlicher Mann? Ich wollte doch gar keinem Mann mehr nahe sein, nicht bevor ich alles vergessen kann, aber vorhin…warum hatte ich das Bedürfnis dir meine Geschichte zu erzählen? Und dann…konnte ich sogar vor dir weinen? Was hat das zu bedeuten?‘ Sie nimmt das Duschbad und seift sich dann überall ein. Als sie ihren Bauch und ihre Brüste berührt, hält sie inne und schaut an sich herunter.

‚Wie…wie würde es sich anfühlen? Es war doch so schön, wenn Martin mich berührte und dann…dann waren da wieder diese Bilder. Diese aufregende Zeit war viel zu schnell vorbei. Und…ich hatte dann plötzlich das Gefühl, dass er sich nicht traute mich anzufassen. Was war das nur? Warum fühlte sich dann alles so komisch an? Und ständig tauchten diese Fantasien auf. Immer, wenn ich ihm in die Augen sah. Dann plötzlich…war sein Gesicht vor mir…und…er war wieder da.‘ Ihr kamen plötzlich Tränen und sie hockt sich unter dem Regen hin und starrte an die Kacheln.

‚Verdammt…Karl-Heinz…warum nur? Warum bist du immer da? Und vorhin? Vorhin konnte ich über uns alle reden und ich habe dich nicht gesehen? Warum denn nur? Warum tat es nicht weh, sondern kam nur als er mich in die Arme nahm? Dann war es aber auch gleich wieder weg, aber ich konnte weinen. Das konnte ich nicht mal bei Martin, nur bei Vater. Das letzte Mal, als mich ein Mann in den Arm nahm…das war er. Dieses Gefühl…diese warme Umarmung. Es war…es war so schön und es fühlte sich so unglaublich geborgen an.‘ In ihren neuen Gefühlen versunken, steht sie nach einigen Minuten wieder auf, macht sich fertig, föhnt die Haare und verlässt den Umkleideraum.

Als sie ihre restlichen Sachen von der Bank holen will, entdeckt sie einen Zettel. Er ist zusammengefaltet und ihr Name steht drauf. Neugierig öffnet sie ihn. Es steckt auch eine Visitenkarte darin.
 

„Liebe Tina,

ich habe mir unsere erste Begegnung nach den Jahren, etwas anders vorgestellt, aber nun ist es so gekommen.

Wenn du Lust auf einen Eisbecher hast, oder etwas Trost brauchst und reden willst, dann kannst du mich gerne in meiner neuen Wohnung besuchen.

Ich bin ab 22 Uhr immer da.
 

Tangaroa

PS: Ja, diesmal ist es ein echtes Date.“
 

Verdattert setzt sie sich hin und hält den Zettel in den Händen. Ihr Herz schlägt schneller und so richtig weiß sie gar nicht, was sie davon halten soll.
 

Einige Stunden später, etwa gegen 22:30 Uhr steht Tina mit einem kleinen Einkaufskorb an der Kasse eines kleinen Lebensmittelladens. Sie trägt ihre Joggingkleidung, lange schwarze Hose, Trainingsjacke mit weit runtergezogener Kapuze und Rucksack auf dem Rücken. Der Verkäufer an der Kasse nimmt langsam den Einkauf aus dem Korb und zieht ihn über das Band.

„Guten Abend, sagen Sie, haben Sie auch Schlagsahne? Also nicht nur Sprühsahne?“

„Oh, ja, klar. Wieviel brauchen Sie denn, die Päckchen sind je 200ml? Sie sind jedoch etwas teurer, da ich bei Milchprodukten nur noch direkt vom Bauern hole.“, ist der ältere Herr freundlich.

„Das ist perfekt. Machen Sie mal vier Packungen, wenn sie noch länger haltbar sind als eine Woche.“, entgegnet sie.

„Sehr gerne.“, lächelt er, dreht sich um, geht an den Kühlschrank hinter sich und holt 4 kleine Päckchen heraus. Er zieht sie über den Scanner und nennt ihren Einkaufspreis.

„Passt so, ach und haben Sie auch so Keksröllchen oder Schokolade zum Garnieren? Daran habe ich eben gar nicht gedacht.“

„Hm, ja, schauen Sie am besten mal hier an der Seite in der kleinen Süßwarenabteilung.“

Tina schaut neben den Tresen und entdeckt kleine Schokokugeln und ihre beliebten Mikado-Stäbchen mit Zartbitterschokolade.

„Ah, perfekt. Die Dinger mag ich. Dann haben wir alles.“, meint sie und holt ihre kleine Hello Kitty Geldbörse heraus. Als der Verkäufer ihr das Geld abnimmt und die Kasse öffnet, grinst er sie freundlich an.

„Sie müssen sich nicht verstellen, nur weil Sie mal ein Eis naschen wollen, Tora-san.“ Tina sieht ihn verdutzt an.

„Oh man. Sie haben mich erwischt.“, lächelt sie, schaut sich um und nimmt aus Höflichkeit die Kapuze ab, da niemand weiter im Laden ist.

„Ich sehe mir jedes Spiel an, na klar erkenne ich dann unsere gelbe Tigerin. Ich freue mich sehr, dass ich Ihnen mal persönlich begegnen darf.“

„Sieht schon doof aus, wenn ausgerechnet ich mal Eis kaufe.“, grinst sie dann.
 

Wenig später steht sie vor einem Wolkenkratzer und kontrolliert nochmal die Adresse auf der Visitenkarte. Sie stimmt. Apartment 162. Somit betritt sie den Eingangsbereich und schaut in die große Lobby. Ein Concierge steht am Empfang und schaut kurz auf. Der Mann sagt nichts, also schaut sie sich nur um zu welchem Lift sie gehen muss. Dann entdeckt sie den mit der richtigen Nummer und geht darauf zu.

„Einen schönen Guten Abend, junger Mann. Wären Sie so freundlich und würden Ihre Kapuze abnehmen? Draußen steht auch ein Hinweisschild an der Tür.“

‚Verdammt, muss das sein?‘ Sie atmet tief durch, Tina kennt die Regeln und akzeptiert diese auch, sie wollte jedoch nicht, dass man sie erkennt. Wie würde das denn aussehen, wenn sie spät abends noch unterwegs ist? Da muss sie dann wohl durch. Sie weiß ja, dass die Leute ihren Mund halten müssen, aber trotzdem wollte sie es vermeiden.

Also nimmt sie die Kapuze ab und dreht sich zu ihm um. Sie lächelt ihn freundlich an.

„Guten Abend. Bitte entschuldigen Sie, ich habe das Schild nicht wahrgenommen.“, behauptet sie. Gesehen hat sie es wirklich nicht, aber sie kennt die Regeln trotzdem. Er staunt nicht schlecht, als er sie sieht und natürlich auch erkennt.

„Vielen Dank. Es geht nur um die Sicherheit der Mieter, verstehen Sie?“, lächelt er und winkt sie durch.

„Das verstehe ich. Sie machen einen guten Job. Danke sehr.“ Dann setzt sie die Kapuze wieder auf und drückt auf den Knopf.

Im Aufzug macht sie die Kapuze etwas zurück, nutzt den Spiegel, holt ihren Eyeliner aus einer kleinen schwarzen Hello Kitty Tasche und zieht die Augen nach. Dann kommen die Wimpern dran und die Augenbrauen. In kurzer Zeit ist sie schon im 16. Stockwerk und blickt dann in einen Vorraum und drei lange Flure. Sie schaut nach den Nummern auf dem Wegweiser und geht nach rechts. Gleich die zweite Tür ist es. Sie klappt schnell ihren kleinen Spiegel auf und trägt ihren rosafarbenen Lippenstift auf. Dann steckt sie die kleine Schminktasche wieder in den Rucksack und atmet ganz tief durch.

‚Tangaroa, ich freue mich darauf mit dir einen Eisbecher zu essen. Damals waren es andere Umstände, wir waren auch anders, und noch deutlich jünger. Was wird das für ein Abend? Ein echtes Date, nun gut. Wieso bin ich so neugierig und habe das Gefühl dir vertrauen zu können? Warum habe ich dir überhaupt alles erzählt? Ich hoffe nur das geht alles gut. Bestimmt, ganz sicher wirst du es alles für dich behalten.

Und was war das heute für eine Wärme? Es fühlte sich alles so angenehm an. Wie fühlt es sich an, wenn wir erst richtig alleine und ungestört sind? Wie fühlt es sich an, wenn du mich berühren würdest? Ist es dann auch wieder so warm um mich herum? Ist es dann aufregend?‘ Sie lächelt und dann klingelt sie endlich. Das Läuten in der Wohnung ist nicht von außen zu hören. Sie glaubt, dass es gar nicht läutet. Trotzdem wartet sie einen Moment. Kaum will sie erneut auf die Klingel drücken, öffnet sich langsam die Tür. Sie blickt in ein ebenso fröhliches Gesicht und wird hereingebeten.

„Wie schön, dass du den Weg hergefunden hast.“, sagt er leise, bittet sie höflich herein und schließt dann die Tür hinter ihr.

„Danke für die Einladung.“ Tina schaut sich kurz etwas um, nimmt dann ihren Rucksack ab und stellt ihn auf den Boden. Dann holt sie die Kühltasche heraus und gibt sie ihm.

„Ich wusste nicht, ob du was dahast, deswegen habe ich selbst Eis mitgebracht. Am besten du legst es noch in das Tiefkühlfach. Der Rest ist Deko und fürs gute Gewissen.“, schmunzelt sie zu ihm auf, als sie ihm die Kühltasche gibt. Beide sehen sich neugierig in die Augen und sind etwas aufgeregt. Was würde das für ein seltsamer Abend werden? Das letzte Mal, als sie sich verabredet hatten, waren sie noch in der Oberschule. Sie gab ihm quasi einen Korb, weil sie keine Zeit für Verabredungen hätte und da war wohl noch ein Junge, den sie damals in Deutschland mochte. Sie sagte ihm damals, es sei zu früh.

‚Wir sind hier ganz alleine, niemand ist in meiner Nähe und ich kann mit einem Riesen wie dir alleine sein, ohne Angst zu verspüren? Etwas seltsam ist das schon. Und es liegt nicht nur alleine daran, dass wir uns von damals kennen. Nein, wir haben uns doch so ewig nicht gesehen. Menschen können sich auch verändern. Aber damals habe ich auch keinerlei Angst verspürt. Da warst du noch sehr schüchtern. Aber du hast mich damals im Wäldchen gefunden und zum Arzt gebracht.

Und nun? Nun stehst du so cool vor mir, so elegant, selbstsicher und erhaben. Von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Du bist so groß, stark und stolz. Und trotzdem hast du deine liebevolle fröhliche Art nicht verloren.‘

‚Schöne Bettina, wie du mich ansiehst. Am liebsten würde ich dich sofort in den Arm nehmen und küssen. Was wird das heute für ein Abend? Wir gönnen uns einen Eisbecher, reden und dann? Gehst du dann wieder?

Es sieht alles danach aus. Du hast dich zwar geschminkt, so wunderschön und sinnlich, aber nach einem Date sieht deine Garderobe gar nicht aus. Ist das etwa Absicht? Willst du es, wenn, dann ganz langsam angehen? Wenn es so ist, dann sag es mir nachher ruhig. Wir haben alle Zeit der Welt.‘ Kaum hat er die Tasche in den Händen, lächelt sie ihn wieder an.

„Ich würde gerne dein Bad benutzen, zum Frischmachen.“, blinzelt sie ihm plötzlich zu. Er ist etwas verdutzt und zeigt dann auf zwei Türen weiter.

„Natürlich. Dort befindet sich das Haupt-Bad und daneben die Gästetoilette. Nutze gern was du brauchst.“ Tina sieht in die Richtung, in die er zeigt und schnappt sich dann ihren Rucksack.

„Danke sehr.“

‚Bettina, was hatte dein Zwinkern eben zu bedeuten? War das eine Andeutung, oder möchtest du mich allgemein zum Lächeln bringen wie früher?‘, geht in ihm vor und er geht zur Küchenzeile und stellt die Tasche auf die Kochinsel.
 

Kurze Zeit später wurde bereits das Eis ins Tiefkühlfach gestellt. Die Früchte abgespült in ein Sieb zum Abtropfen stehen auf der Kochinsel. Zwei Teller und Löffel sind bereitgelegt und genau in dem Moment als Tina aus dem Bad kommt, stellt Tangaroa eine Flasche Weißwein zurück in den Kühlschrank.

Neben der Obstschüssel stehen zwei Weißweingläser. Dann dreht er sich zu ihr um und setzt wieder sein freundliches Lächeln auf. Als er sie erblickt, bleibt ihm fast der Atem weg. Mit einem bezaubernden Lächeln kommt sie langsam auf ihn zu und stellt ihren Rucksack neben die Eingangstür. Tangaroa ist noch immer sehr verblüfft und bewundert den Anblick der Frau, die er doch eigentlich bereits seit Jahren begehrte. Er hatte sich gleich zu Beginn in ihr hübsches Lächeln verliebt und sich nie getraut sie anzusprechen. Seine Schüchternheit war ihm eindeutig im Weg und dann kam plötzlich dieser magische Moment und er nutzte die Chance seines Lebens. Er bewunderte ihren Mut, gegen die Schul-Roudis zu rebellieren und nahm die Herausforderung an, die Schüssel zu erobern. Ihm brummte in dem Moment nicht nur der Magen, nein, auch sein Herz blieb fast stehen, als er vor ihr stand, wie sie auf dem Tisch saß und ihn anlächelte. Endlich, endlich konnte er ihr nah sein und ihre Augenfarbe erkennen.

Und dann stand das ganze Team hinter ihm, er war der Held der ganzen Truppe, er, der sich bei Mädchen nie etwas zutraute, er war der Mutige, der auf die Schüsselaktion einging und zu ihr ging. Seine Freunde bewunderten ihn und schubsten ihn etwas an, endlich nach einer Verabredung zu fragen.

Und nun? Gut fünf Jahre später ist sie wieder auf seine Einladung eingegangen. Nun steht sie plötzlich vor ihm, diese kleine schöne Blondine mit den Lagunenblauen Augen, die im Licht funkeln wie ein tropisches Meer. Diesmal hat sie Zeit und muss weder Japanisch lernen noch versuchen in der Schule mitzukommen. Diesmal weiß sie bereits genau wer sie geworden ist und wo sie hingehört. Und sie ist noch viel hübscher geworden. Ihre damals noch burschikose Art merkt man kaum noch, sie kam kurz zum Vorschein, als sie die Tür hereinkam, aber jetzt hier vor ihm in diesem bezaubernden roten kurzen Abendkleid, nein, eine echte Frau steht vor ihm, mit sinnlichen Lippen, einem verführerischen Blick und einer Traumfigur. Zierlich, nein, zierlich wirkt sie ihm nicht, aber wie würde sie sich wirklich anfühlen, ihr sportlicher Körper? Ihre Haut war vorhin so zart und obwohl er es besser weiß, wirkt sie doch zerbrechlich. Zerbrechlich im Inneren.

Ihre Rundungen sind in dem Feuerrotem Neckholder-Kleid und durch die sichtbare Haut gut zu sehen. Ihm wird ganz warm bei diesem Anblick und statt etwas zu sagen, greift er vorsichtig die Weingläser und reicht ihr eines entgegen. ‚Dieser Blick sagt alles. Mir war vollkommen klar, dass er keinen Eisbecher mit mir essen will.‘, schmunzelt sie vor sich hin.

„Mund zu, Tangaroa. Ich kann deine Gedanken lesen. Dachtest du echt ich komme im Jogginganzug zu einem Date?“, kichert sie etwas und lächelt ihn frech an. Dann weicht sie seinem Blick aus und bleibt vor der Kochinsel neben ihm stehen und greift in die Obstschale.

„Danke für den Wein, vielleicht später. Ich bin zu müde dafür, das würde nicht gut enden. Ich vergreife mich lieber an der Frischevariante davon. Vielleicht hast du ein Glas Wasser für mich und später eventuell einen Kaffee?“, äußert sie keck und zupft sich zwei weiße Trauben von der Rebe.

Er stellt die Gläser ab und holt zwei Wassergläser aus der Vitrine. Im Schrank steht eine Flasche stilles Wasser und er schenkt ihnen ein.

„Ich war wirklich sehr überrascht, das stimmt. Du hättest doch auch einfach einen Mantel drüberziehen können.“, versucht er eine Gesprächsbasis zu schaffen und genießt den Anblick von der Seite, wie sie sich über den Tisch lehnt und eine Erdbeere erhascht und in der Hand hält. Ihr Busen berührt ein wenig die Küchenplatte, da diese recht hoch eingebaut wurde, eben passend für ihn.

„Wenn ich alleine nachts unterwegs bin, ist es doch besser, wenn keiner weiß wer ich bin. Sogar dein Aufpasser da unten dachte ich sei ein Typ. Ich musste doch tatsächlich die Kapuze abnehmen und er hat mich sicher auch erkannt, nur nichts gesagt. Ich hoffe doch, dass er sich an seine Schweigepflicht hält.“

„Ich verstehe, du hast Recht. Er wird schon nichts sagen. Er wird ja sicher auch nicht wissen wo du genau hin wolltest.“

‚Sie riskiert lieber nichts. Das ist gut. Es war mir tatsächlich etwas unangenehm sie hier her einzuladen, ohne zu wissen wie sie herkommt. Ich dachte sie nimmt im Notfall einfach ein Taxi.‘ Er reicht ihr das Glas. Sie nimmt dankend an und trinkt es recht schnell und elegant aus. Ihm gefällt, wie sie das Glas hält und sich ihr Hals beim Schlucken bewegt.

‚Wieso sieht alles schön aus, was du machst? Dich einmal so um mich zu haben, das war immer nur ein Traum.‘

„Vielen Dank. Das habe ich gebraucht.“, sagt sie schlicht und lächelt ihn dabei an.

„Das schwarze Hemd steht dir echt gut. Ich bin erstaunt, dass du es langärmlig trägst. Ist dir kalt oder soll es einfach eleganter wirken?“

„Oh, danke für das Kompliment. Naja, man sagte mir mal, Schwarz macht eine schlankere Figur. Und Hemden gibt’s zum Glück in allen Größen, da muss ich nicht lange suchen.“, erklärt er und versucht ruhig zu bleiben. Dabei ist sein Puls bei ihrem Anblick bereits deutlich angestiegen.

„Hm, das stimmt. Ich trage auch gerne schwarz. Aber mir ist sowas egal, ich habe dir doch damals schon gesagt, mich interessieren nur starke und kluge Männer, und du bist doch klug und sehr stark, dich drückt bestimmt keiner so leicht weg.“, schmunzelt sie zu ihm auf. Er lächelt liebevoll.

„Ist das so?“, sagt er wiederum nur, trinkt sein Glas ebenso aus und stellt es auf die Kochinsel.

197. Tangaroa und Bettina IV - Die Manschettenknöpfe

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198 Tangaroa und Bettina V - Was ist Hingabe?

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199 Tangaroa und Bettina VI – Wärme

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200 Tangaroa und Bettina VII - Teambesprechung

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201. Tangaroa und Bettina VIII – Kaputte Freundschaft?

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202. Tangaroa und Bettina IX – Hingabe und Vertrauen unter Freunden

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203. Tangaroa und Bettina X – Das erste Team

Kapitel 203
 

Tangaroa und Bettina X – Das erste Team
 

Auf dem Weg zum Spielfeld beobachten sie interessiert die Vorbereitungen des Fotografen. Lee hat ein Stativ positioniert und weist die Nationalspieler nach und nach ein wo sie stehen oder hocken sollen. Tina steht neben Sora und dem Trainer Simon. Sie unterhalten sich über die optische Wirkung des Fotos und wie es als Poster gut wirken könnte. Simon weist die Männer hin und wieder an, ihre Plätze zu wechseln oder den Anweisungen des Fotografen zu folgen. Bei der Masse an Spielern ist es gar nicht so leicht sie alle gut zu ordnen. In der Regel sind nur die 15 Stammspieler auf den Gruppenfotos, aber diesmal sollen alle mit auf einem Bild und Tina irgendwie dazwischen. Als die beiden Männer von Weitem zu sehen sind, werden sie gleich herangerufen. Lee schaut zu ihnen und winkt die beiden zu sich.

„Also meine Idee ist folgende…“, erklärt er seine Vorstellungen, die mit dem Trainer und Sora bereits abgesprochen wurde und schon positionieren sich die beiden letzten Herren in der Mitte mit Sora zusammen. Jeweils an den Seiten stellen sich die Trainer und nun kommt Tina und stellt sich zwischen Sora und Tangaroa, weil sie die beiden Spieler sind, die sie aus der Musashi kennt. Es soll den persönlichen Bezug zum Team andeuten, so die Idee. Sora gibt ihr einen sauberen Ball. Endlich geht es los und alle Blicke sind auf das Team gerichtet. Lee gibt Zeichen zum Lächeln und Stillstehen. Er bedient die Fernbedienung der Kamera und drückt mehrfach drauf. Dann gibt er ein Zeichen zu Tina.

„Es könnte sicher noch lebendiger aussehen, wenn dich die Männer hochnehmen würden, vielleicht so, als würdest du den Ball auffangen. Weißt du wie ich meine?“ Tina wundert sich. Sollen die Männer sie jetzt wirklich anfassen und an der Hose hochziehen wie im Spiel, wenn der Fänger hochbefördert wird?

„Ist das nicht etwas zu viel?“, fragt Jun ihn dann skeptisch. Martin steht etwas neben sich, als er den Vorschlag hört und weiß nicht so richtig was er davon halten soll.

‚Lee, übertreib es nicht mit deinen Ideen. Sie sollte nur den Ball halten und vor dem Team stehen. Das Ganze soll noch seriös sein und nicht in die falsche Richtung schlagen.‘ Tinas Blickt sagt alles. Sie geht kurz zu Martin, denn sie hat seinen skeptischen Blick bemerkt.

„Ich regle das. Was hältst du von einem Zwischenweg? Nicht die Männer fassen mich an, sondern ich halte mich nur an ihnen fest? Die Idee mit dem Ball, den ich fange, ist gut. Es wirkt lebendiger, das stimmt.“ Er stimmt ihr zu und setzt auf ihre Professionalität. Tina geht zurück, lächelt Tangaroa und Sora an.

„Ihr steht nebeneinander, haltet mich auf den Händen und jemand wirft mir den Ball zu. Das restliche Team jubelt wie vorher gedacht nebenbei mit, als wären wir die Gewinner. Ich fange ihn und aus der Bewegung heraus könnte doch das Foto kommen. Lee lässt die ganze Szene aufnehmen und sucht dann das beste Bild raus.“ Der Vorschlag wird angenommen und die beiden Männer sehen sie überrascht an.

‚Eine gute Idee. Die andere fand ich aber auch toll. Jedoch ist es besser, wenn Sora dich nicht anfassen muss. Bettina…das…wäre komisch. Die Vorstellung war unangenehm.‘ Tina dreht sich plötzlich um und sieht zu Martin.

„Herr Müller! Du wirfst mir den Ball zu. Es ist DEIN Geschäft und es sind hauptsächlich DEINE ersten großen Kunden. Es war doch sicher mal dein Jugendtraum vor einem Nationalteam zu stehen?! Du hast früher doch selbst gespielt.“, ruft sie fröhlich. Er ist erstaunt und lächelt sie glücklich an.

‚Ach Tina, du bist so anders, seit ein paar Tagen schon. Dein fröhliches Lächeln haben wir alle vermisst. Ich…ich habe es vermisst. Heute wirkt alles so harmonisch wie früher.‘

„Gerne, dann mal sehen, ob ich diesen „Kürbis in Form einer Olive“ noch fangen kann.“, lacht er begeistert und hält sich bereit. Sie wirft ihm den Ball nicht zu leicht zu und er muss beide Hände nutzen, um ihn vor seiner Brust zu fangen.

„Du hast aber ne Wucht drauf.“, meint er spaßig. Alle anderen sind begeistert, denn niemand hat zuvor gewusst, dass er selbst mal Rugby gespielt hatte. Davon war nie die Rede.

„Wie jetzt? Sie haben früher selbst gespielt?“ Trainer Simon staunt selbst nicht schlecht wie zielgenau Tina den Ball aus der Entfernung überhaupt noch mit so einer Wucht zu ihm werfen konnte. Seine Drehbewegungen sind doch nicht ganz zu unterschätzen.

‚Das ist ja erstaunlich. Sie wirft doch nicht zum ersten Mal so einen Ball.‘

Tina grinst Sora und Tangaroa an und deutet auf ihre Füße.

„Na, Männer, wollen wir?“ Beide gehen etwas in die Knie und halten ihre Hände hin.

„Er hat echt mal gespielt? Fangen konnte er den Ball ja noch.“, äußert Sora begeistert.

‚Deswegen hat er sich mit Tinas Vater zusammen die Spiele angesehen. Das erklärt es natürlich. Auch warum Tina sich mit dem Spiel auskennt.‘

Alle sind nun in Position und Martin hält erwartungsvoll den Ball in den Händen, den er sich zuvor genauer angesehen hat.

‚Es fühlt sich gut an dich wieder zu berühren. Seltsam. Warum habe ich eigentlich nie wieder gespielt? Nach der Schule war ich nur noch mit dem Studium beschäftigt und dann…hier…vielleicht hätte ich ja nebenbei etwas spielen sollen? Irgendwo nur nach der Arbeit?‘ Er sieht auf zu Tina, die bereits auf den Wurf wartet und ihn anlächelt.

‚Ist das ein Hinweis von dir? Willst du mir damit sagen, dass ich wieder etwas neues wagen soll? Etwas Neues, was ich eigentlich bereits kenne? Tina, du gibst mir immer Hinweise, aber manchmal kann ich sie nicht richtig deuten.‘

Lee gibt ein Zeichen, dass die Kamera läuft und Martin nimmt die rechte Hand mit dem Ball hoch und wirft ihn zu Tina. Diese fängt ihn mit Leichtigkeit über ihrem Kopf auf und lächelt fröhlich dabei. Sie hat ihn zwar fest im Griff, aber dann jedoch ist die Wucht des Balls zu spüren und ihr eigentlich fester Stand wird wackelig. Da sie beide Hände zum Fangen brauchte, kann sie sich nicht einfach an den Schultern der Männer festhalten. Aus Reflex versucht Tina ihre ganze Kraft aus den Armen zu nutzen und lässt den Ball locker, versetz ihm einen Drall nach oben und fällt nach hinten. Beide Männer halten sie jedoch rechtzeitig am Rücken fest, als sie diese hastig herunternimmt, um sich abzustützen.

Eher aus einem Reflex heraus ist Tangaroas Hand zuerst an ihrem Rücken und hält sie fest als Soras Hand sie ebenso festhalten will. Beide Freunde sehen sich verdutzt an.

„Alles…okay?“, fragt Sora dann Tina, als beide sie endlich wieder auf den Boden stellen und loslassen konnten. Tinas Herz schlägt noch immer bis zum Anschlag und sie atmet tief durch.

„Puh, so eine Aufregung. Danke, dass ihr so schnell reagiert habt.“, spricht sie dann locker und sieht zu beiden abwechselnd auf. Martin und Jun eilen zu ihr. „Tut mir leid, ich habe viel zu doll geworfen. Es ist wohl echt zu lange her.“, spricht Martin besorgt zu Tina.

„Ach alles gut. Mir fehlte nur der feste Stand auf dem Boden. Mach dir keine Gedanken.“

„Tina, alles in Ordnung?“, ist Jun besorgt.

„Ja, alles gut. Was soll denn sein? Die beiden haben mich doch rechtzeitig aufgefangen.“

‚Tina, sie haben doch sicher doll zugepackt, das hat man doch gesehen. Was ist, wenn sie einen Nerv oder eine Rippe dabei getroffen haben?‘

„Dann später.“, sagt er nur und zieht sich dann zurück.

„Tina, warum hast du den Ball nicht einfach losgelassen? Hinter dir war doch niemand, wäre er eben runtergefallen. Ist doch nicht schlimm.“, kommt die Frage eines Spielers. Trainer Simon sieht Tina überrascht an, als sie antwortet.

„Äh, keine Ahnung, Reflex?“ Jun ist erstaunt und behält seine Meinung natürlich für sich.

‚Reflex? Das war eindeutig eine Abwehr als Keeper. Genzo hat auch solche Dinger drauf. Wenn er oberhalb merkt, dass die Wucht zu groß wird den Ball festzuhalten, dann lenkt er ihn über die Latte. Tina, das war so ein Moment, den du damals schon gemeint hast, als du mir versucht hast zu erklären, dass du dich ständig zurücknehmen musst, sonst würde man erkennen was du vorher gemacht hast. Aber warum eigentlich? Warum darf niemand wissen, dass du selbst Fußball gespielt hast? Das hast du mir nie erzählt. Was ist denn schon dabei? Genzo hat auch nie darüber gesprochen. Er sagte nur, ich solle auf sie aufpassen, weil sie ihm sehr wichtig ist und er sie wie eine Schwester liebt.‘
 

Einige Minuten später steht Tina alleine bei den Außenwaschbecken. Sie sieht beim Waschen auf ihre Hände und denkt über diese seltsame Situation nach. ‚Verdammt. Sowas darf mir nicht nochmal passieren. Sora hat Recht, warum habe ich den Ball nicht einfach losgelassen? Es ging doch um gar nichts. Ich hätte ihn nicht einmal fangen müssen. Es hätte sicher trotzdem ein tolles Foto gegeben. In letzter Zeit bin ich echt komisch. Gestern schon dieser Ausrutscher, als wir uns über Italien unterhalten haben.‘ Ihr Herz fängt plötzlich an schneller zu schlagen, als sie ihre Hände ins Gesicht nimmt und ihre Wangen berührt. Sie lächelt glücklich.

‚Liegt das an dir, Tangaroa? Ich bin doch immer so vorsichtig, aber irgendwie…war plötzlich der Drang in mir diesen Ball nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Nein, ich musste ihn abwehren, als dürfe er nicht hinter mir ins Tor fallen. Verdammt. Warum ist das denn so? Ich muss aufpassen. Irgendetwas verändert mich, aber was ist das? Ist das etwas Gutes oder was ist das?‘ In ihrer Vorstellung berühren sie seine warmen Hände an ihren Wangen und sie schließt lächelnd die Augen, als würde er sie in die Armen nehmen wollen.

‚Heute Abend, da werden wir uns wieder sehen können…was ist das nur was wir haben? Wenn es sich in deiner Nähe so gut anfühlt, dann kann es doch nur was Besonderes sein?‘ Ohne darüber nachzudenken und es selbst wirklich zu registrieren verlassen ihre Hände ihre Wangen und fassen um ihren Oberkörper. Es wirkt als würde sie sich anfassen, weil sie friert.

Genau in diesem Moment hört sie eine leise, aber vertraute Stimme.

„Tina, was ist los mit dir? Ist alles okay?“ Erschrocken zuckt sie zusammen, lässt sich los und dreht sich um. Verblüfft sieht sie in Juns besorgtes Gesicht.

„Musst du mich so erschrecken?“, murrt sie ihn an.

„Was war das eben? Wieso musst du hier so eine Genzo-Nummer abziehen?“ „Sorry, ich weiß auch nicht. War ja klar, dass du das gleich bemerkt hast.“

„Ich bin erstaunt, dass Martin nichts gesagt hat. Er hat eher blöd geguckt, weil dich die Männer so anfassen mussten, um dich festzuhalten. Das hat ihm sicher nicht gefallen. Aber er ist Profi und lässt sich nichts anmerken.

Aber Sora hat Recht, das Risiko war unnötig. Es hätte gereicht den Ball loszulassen.“, spricht er ruhig auf sie ein und stellt sich neben sie und nässt seine Hände.

„Die Männer ziehen sich jetzt um und machen sich auf dem Weg zum Studio. Wir sind soweit fertig mit allem. Den Rest macht Sato. Er hat sich extra den ganzen Tag frei genommen, um das ganze Team gleich zu untersuchen. Einige müssen wieder zu ihren Vereinen. Ich muss nachher auch wieder los.

Dein seltsamer Sturz, ich würde dich gerne kurz durchchecken, ich weiß, dass du gerne untertreibst, wenn es um Verletzungen geht. Aber unterschätze nicht den Druck der Männer in ihren Händen auf deine Rippen. Auch wenn es nur wie ein blauer Fleck wirkt, kann es eine ernste Prellung sein. Wir können das in Ruhe in Satos Praxis machen, im zweiten Untersuchungsraum.“

„Wenn es dich dann beruhigt. Okay. Etwas weh tut es wirklich. Ich weiß, es war riskant. Untersuch mich nachher. Danke.“, ist sie einsichtig und sieht ihn etwas betrübt an.

‚Ach Jun, du bist immer so lieb und verständnisvoll. Du sorgst dich immer um mich, wieso?‘
 

Zurück in der Arztpraxis gehen die beiden wie abgesprochen in den kleinen Untersuchungsraum.

„Setz dich. Es geht sicher schnell. So wie du noch rumrennen kannst, kann es ja nicht so schlimm sein, aber wir gehen lieber auf Nummer sicher.“

„Reicht ein Abtasten?“, fragt Tina ruhig. Ihr ist nicht ganz wohl bei der Situation.

„Leider nein, ohne visuelle Sichtung kann ich es nicht richtig erkennen wie schlimm es ist. Und ich kenne dich. Du bist jemand, die über den Schmerz hinweg spielen kann. Das ist riskant.

Aber ich kann dich beruhigen, ich bin genauso, wenn ich erst mittendrin stehe.“, grinst er sie an und lacht etwas über sich selbst. Tina sieht ihn grimmig an.

„Ja, ich weiß. Keine Angst, so dumm bin ich nicht! Ich spiele bestimmt nicht bis ich umfalle, obwohl ich wüsste, dass ich ein krankes Herz habe und im Krankenhaus lande.

Das…das war nicht lustig, klar?“, kommt vorwurfsvoll zurück. Ihre Blicke treffen sich sehr ernst und dann weicht sie ihm aus und schaut zu Boden.

„Und dann…dann konnte ich dich nicht mal im Krankenhaus besuchen. Das tat wirklich sehr weh und es tut mir immer noch wahnsinnig leid.“

„Ich weiß doch warum du mich nicht besuchen konntest. Das verstehe ich doch alles. Ich bin dir nicht böse und wir haben deswegen viel telefoniert. Das war immer sehr aufmunternd und ich schätze sehr, dass du mich zu der OP endlich überreden konntest. Ich war ein Narr, deswegen machen wir das doch hier alles. Tina, warum darf es eigentlich niemand wissen, dass du Keeperin warst? Was ist denn so schlimm daran? Hast du Angst, man würde dich darüber ausfragen? Das ist doch nach der langen Zeit niemanden mehr wichtig. Du bist doch nicht die Erste, die ihre Sportart wechselt.“ Tina schweigt und greift nur an ihre Strickjacke, um sie über die Arme zu ziehen.

„Jun, lass Sato das machen.

Ich…will dich nicht…ich vertraue dir, aber ich will dich nicht belügen müssen. Ich…habe meine Gründe, mehr kann ich dir dazu nicht sagen.“

„Ist es dir so wichtig? Genzo redet auch nie darüber. Tut mir leid, ich will euch nicht zu nahetreten. Ich mache mir nur meine Gedanken und sorge mich.

Warum soll ich Sato holen? Willst du nicht von mir untersucht werden? Ich habe dich doch schon öfters verarztet.“ Tina atmet tief durch.

„Du hast Recht, ich vertraue dir.“ Sie zieht die Strickjacke aus und legt sie auf die Liege neben sich. Während sie das Kleid ganz langsam über ihren Kopf zieht spricht sie weiter leise und ruhig auf Jun ein. Er geht zum Waschbecken und wäscht sich die Hände.

„Jun, manchmal muss ich einfach vorsichtig sein und ja, ich vertraue dir doch. Du weißt warum ich dir so sehr vertrauen kann?“

„Nein, aber es beruhigt mich sehr, dass du das kannst. Ich vertraue dir doch auch sehr.“

„Ich vertraue dir, weil du von Anfang an für mich da warst, obwohl du mich gar nicht kanntest und weil dir Genzo, Fane und auch Basa vertrauen können und weil…du immer so viel Verständnis für mich hast und…vor allem, weil…du keine unangenehmen Fragen stellst. Bitte sei so lieb und zwing mich nicht, lügen zu müssen. Einen Freund will…ich nicht belügen, okay?“ Jun blickt kurz in den Spiegel über dem Waschbecken und greift zur Desinfektion.

„Du machst dir viel zu viele Gedanken. Ich will dich nur an den blauen Flecken abtasten und schauen ob noch alle Rippen heile sind. Das ist alles. Dein Sturz war nicht ohne und das weißt du auch. Ich mag aktuell nur Student sein, aber trotzdem bin ich jetzt für dich nur ein Mediziner und unterliege genauso der Schweigepflicht wie Sato. Du kannst das Kleid auf die Liege legen.“ Er dreht sich um und geht auf sie zu. Tina sieht ihm lächelnd in die braunen Augen.

„Gut, hier an den Seiten drückt es ein wenig, aber nicht doll.“, zeigt sie an ihre Taille wo ebenso die festen Griffe der Männer gelandet sind. Es gibt auf der linken Seite einen kleinen blauen Fleck, der jedoch nicht weiter schlimm ist.

„Das sieht doch gut aus, das sind nur kleine Blutergüsse, schon dich ein wenig und dann geht das wieder. Was sagt der Rücken? Dein Gewichtig schien hauptsächlich darauf gefallen zu sein.“ Tinas Puls steigt etwas an und dreht sich dann mit dem Drehstuhl um, damit er ihren Rücken sehen kann. Es ist ruhig im Raum und Jun bleibt professionell. Natürlich macht er sich darüber Gedanken was ihr passiert sein kann, aber unter ihrem Träger vom BH waren zwei größere Abdrücke zu sehen, die von ihrem Sturz kommen könnten.

„Darf ich? Wie sehr tut es weh, wenn ich drücke?“, hört sie nur eine gewohnte freundliche Stimme.

‚Jun, du sagst nichts?‘, ist sie erstaunt. Dann spürt sie seine Hand auf der einen Stelle, an der es etwas weh tut und sie beschreibt ihm wie es sich anfühlt.

„Eine leichte Prellung ist es doch. Aber das sollte in wenigen Tagen wieder okay sein. Schone dich mal zwei Tage, das sollte reichen. Du willst doch sicher nichts riskieren.“

„Okay, mache ich. Ich danke dir. Wars das?“

„Ich würde dir noch eine Salbe auftragen, auf allen Stellen und das machst du dann heute Abend nochmal. Dreimal am Tag, okay?“

„Jo. Wenn das alles ist.“, lächelt sie. Jun geht zum Schrank und greift in eine Schublade.

„Sato hat eine sehr gut ausgerichtete Praxis. Es ist hier alles genauso eingerichtet wie damals in der Schule. Ich weiß gleich wo alles liegt, ist witzig, oder?“

„Ja, das stimmt. Wie vertraut alles. Ihr Ärzte seid schon ein komisches Volk.“, lacht sie. Kurz darauf öffnet Jun eine Tube, piekt die Tube auf und trägt die Salbe auf die Druck-Stellen auf.

„Das kitzelt und wird kalt.“

„Kühlen ist der Sinn der Sache. Du kennst dich doch aus und hast schon damit nebenbei angefangen, wie ich gesehen habe.“

„Oh, das stimmt. Kühlen kann nie schaden.“ Beide lachen seicht und Tina greift zum Kleid, als sie aufgestanden ist und zieht es wieder an.

„Danke Jun, danke…für alles.“, spricht sie. Jun legt die Tube zur Seite und geht zum Waschbecken und wäscht sich erneut. Nachdenklich schaut er in den Spiegel und beobachtet Tina, wie sie sich anzieht und die Strickjacke nimmt, zu ihm lächelt und die Knöpfe zumacht.

‚Was um alles in der Welt…was ist denn nur damals passiert? Was haben die dir angetan? Genzo…was ist damals bei diesem Überfall passiert? Ich denke…du bist rechtzeitig gekommen?‘ Sein Puls steigt enorm an. So richtig verstehen kann er es nicht, denn das Schweigen über die damaligen Ereignisse macht ihm Sorgen, Sorgen um Tina und auch Sorgen um Genzo. Ja, sie waren nicht wirklich Freunde, sondern eher sehr gut zusammen als Team, zuverlässig und stark, aber durch Tinas Bekanntschaft und ihre Telefonate, sind sie sich als Freunde nähergekommen. Aus Rivalen wurden Freunde. Es ist nicht mit der Freundschaft zu Kojiro zu vergleichen, aber immerhin sind sie sich durch Tina deutlich näher und vertrauter als zuvor.

Plötzlich rutscht ihm die Seife aus der Hand, poltert ins Waschbecken und saust durch den Schwung und der Nässe aus dem Waschbecken heraus auf den Boden und poltert durch den Raum. Er reagiert gar nicht darauf und spült sich die Hände einfach ab und greift zu den Papiertüchern, die er dann krampfhaft in den Händen hält und anstarrt. Er macht eindeutig Fäuste und bleibt am Waschbecken stehen. ‚Jun, du sorgst dich. Und nun bemühst du dich nichts zu sagen.‘ Tina geht und hebt die Seife auf, kommt auf Jun zu und stellt sich neben ihn ans Waschbecken. Dann nutzt sie die Nässe der Seife und wäscht sich selbst die Hände. Sie blickt zu ihm und betrachtet seinen starren Blick und wie er ihr dann ausweicht.

„Ich hätte dich vorwarnen sollen. Tut mir leid. Es ist nicht was du vermutlich denkst. Beruhigt es dich, wenn ich dir sage, dass mich alle mit Stolz erfüllen?“, spricht sie ruhig und einfühlsam. Dann greift sie zu den Papiertüchern und trocknet sich ab. Jun sieht zu ihr. Seine Augen sind glasig und schauen verwundert.

„Mit Stolz? Dann…sind sie nicht…dann war Genzo doch rechtzeitig da?“ Tina nickt lächelnd und berührt seine Schulter.

„Ja, so ist es. Er ist nach wie vor mein großer Held, weißt du?“

„Aber…wieso stolz?“

„Wenn ich es dir als Patient sage, dann darfst du es doch deinen Freunden nicht erzählen, oder?“ Er sieht zu ihr, löst die Fäuste und wirft das Papier in den Mülleimer.

„Meine Freunde?

Tina, ich nehme meine Arbeit sehr ernst, deswegen wissen wir doch beide, dass es mit dem Programm funktionieren wird.“

„Die Kurzform und regst dich nicht auf, klar?“

„Okay, ich frage nicht weiter nach. Ich sorge mich doch nur, das weißt du doch, oder?“

„Natürlich.“ Der angehende Arzt geht zum Sideboard mit dem Wasserkocher und schaltet ihn an.

„Willst du einen Tee? Soviel Zeit habe ich noch, dann muss ich leider los. Und nimm die Salbe mit.“

„Einen Pfefferminz-Tee gerne. Mit etwas Honig bitte. Was willst du zuerst wissen?“

„Tina, du musst es mir nicht erzählen, wenn du es wirklich nicht willst. Ich will mir nur keine Sorgen machen müssen. Bist du deswegen mit Sato so gut befreundet? Wenn du was hast, gehst du immer zu ihm, statt zum Mannschaftsarzt.“

„Ja, auch. Wenn es mehr ist als nur Beine und Arme. Jetzt weißt du warum. Ich mag es nicht, wenn jemand Fragen stellt. Der erste Arzt, dem ich damals begegnet bin kam gleich mit dem Klassiker und die Polizei damals nach dem Überfall, die dachten auch sonst was. Du kennst meine Eltern noch, niemals hätte mein Vater mir was angetan.“ Tina geht zu ihm und stellt sich neben ihn.

„Ja, das glaube ich auch. Für Außenstehende kommt der Gedanke sicher schnell auf.“

„Weißt du noch wie du mich mal vor Sayaka und ihren Mädels quasi gerettet hast? Gleich in der ersten Woche als du uns im Park bemerkt hast und sie dann von mir ließen?

Dann die Schüsselaktion in der Kantine?“

„Oh ja. Die hatten es echt auf dich abgesehen.“

„Als ich bei der Kantinensache erwähnt habe, dass sie mich verprügelt hätten, damit ich nichts sage, das sind die Kreise, die du gesehen hast.“ Jun greif ins Regal, nimmt zwei Teebeutel aus dem Pfefferminz-Tee Päckchen und hängt sie in die Tassen.

„Das sah ihnen ähnlich. Warum hast du dich nicht gewehrt? Du hättest es sicher gekonnt.“

„Was hätte das gebracht? Wir waren alleine in der Turnhalle, bei den Duschen und ich hatte sie bei ihrer Aktion erwischt.

Um ehrlich zu sein, hatte ich darauf keine Lust. Mir war noch alles so egal um mich herum und an diesem Tag wollte ich plötzlich selber wissen wie sich mein Bruder gefühlt haben musste. Ich kannte das Gefühl nicht, nie hat mich jemand drangsaliert oder ist mir körperlich angegangen. Ich habe eher sowas wie Mobbing oder Neid erfahren und das spiegelte sich dann eher in Abneigung wider. Ich kam an sich immer klar.

Aber du hast ihre Gesichter am nächsten Tag selbst gesehen. Du hast selbst nichts bemerkt, niemand hat überhaupt was bemerkt und die drei waren total baff, als ich wie immer am nächsten Tag in die Klasse kam. Was glaubst du was das für ein tolles Gefühl war zu erkennen, dass sie wussten, dass ich nicht vor ihnen einknicken werde, egal was sie machen. Ich habe mich selbst versorgt und die Brandnarben ständig eingecremt.

Ein paar Wochen danach war ich dann bereits im Team und abgesehen von Yoko hielten mich die Mädels echt auf Trapp. Kurz nach unserer Aussprache damals, am Mittwoch, da verließ Yako das Team schon deutlich vor Trainingsende, oder eher gesagt, sie kam nur und meldete sich ab.

Dazu muss ich sagen, ist mir bereits aufgefallen, dass es ihr nicht gut ging.

Du kennst vielleicht die Gerüchte, die schon eine Weile vorher da waren und durch den Vorfall mit dem Mädchen vor unserer Schule, erneut hochkam. Es gab das Gerücht, dass es einen Überfall im Park gab, Drohungen gegen Schülerinnen. Es stimmte. Es ging dabei um Yako. Am Dienstag habe ich sie zu Hause besucht, natürlich war sie sauer auf mich, sie konnte mich nicht leiden, aber ich habe einfach mal geklingelt und mich als Freundin aus dem Team ausgegeben und ihre Mutter hat mich dann zu ihr gelassen. Als wir in ihrem Zimmer waren, da flog plötzlich ein Stein mit einem Zettel dran durch ihr Zimmerfenster. Sie hätte ihn beinahe gegen den Kopf bekommen, aber sie rann zum Fenster und muss noch jemanden entdeckt haben. Aber sie sagte nichts. Ich wusste dann endlich was los war und sie musste mir erzählen, dass dieser Überfall im Park, dass sie es war. Man bedrohe sie schon seit Beginn der Ferien, dass sie aufhören soll zu spielen.“ Jun ist sehr erstaunt. Er kannte damals diese Gerüchte.

„Das ist echt heftig. Ich habe von den Gerüchten gehört. Wie ging es weiter?“

„Am Mittwoch dann folgte ich ihr einfach, statt weiter zu trainieren und dann schlich sie sich auf das Schulgeländer unseres stärksten Gegnerteams. Ich folgte ihr und fing sie vor der Turnhalle der Mädels noch ab. Sie wollte mit dem Team reden, da sie sich nicht vorstellen konnte, dass sie dahintersteckten, aber sie sagte mir, sie habe Jungs mit der Schuluniform erkannt.

Plötzlich tauchten zehn Oberschüler auf und bedrängten uns, drohten uns und griffen uns an. Wir liefen weg, aber zusammen waren wir nicht schnell genug und sie stießen uns dann in einen Brombeerbusch. Bei Yako tritt noch einer von ihnen nach und sie hatte am Ende viel mehr Verletzungen als ich. Es stellte sich heraus, dass einige von ihnen ihr nachstellten, weil sie die Qualifikationen immer gewann.“ Der Wasserkocher ist fertig und klickt. Da Jun nicht reagiert und in Gedanken ist, greift Tina danach und brüht den Tee für beide auf.

„Das…stärkste Team? Du…sagst mir hier gerade…dass das an der Toho passiert ist? Niemals.“ Tina schweigt.

„Wir haben eine Vereinbarung getroffen. Es wissen nur wenige Leute von der Schule und sonst niemand was passiert ist. Die Jungs mussten alle die Schule verlassen. Der Arzt hat sie von sich aus verlassen, habe ich kurz darauf erfahren. Ich weiß nicht mal, ob er noch praktiziert. Die Situation war doof für die Schule, aber letztendlich kann er froh sein, dass ihn mein Vater nicht noch angezeigt hat. Ich musste ihn davon abhalten, als er sein Werk gesehen hatte. Er hat gegen seinen Eid verstoßen und das war vermutlich der Grund, warum er die Schule von sich aus verlassen hat.“

„Ich bin…etwas platt. Noch mal für mich. Zehn Jungs von der Toho haben euch beide angegriffen?“

„Jo. So war das damals.“

„Aber…ich kann das kaum glauben. Zehn gegen euch beide?“ Tina nimmt die Tassen und geht zum Schreibtisch, stellt sie ab und setzt sich auf den Patientenstuhl.

„Tina…warum hast du mir das damals nie erzählt? Ich hatte…ich hatte dort doch Freunde auf der Schule. Vier Leute aus dem Team dort fahren sogar jetzt mit zur Olympiade. Wie…wieso haben wir alle nie etwas davon mitbekommen?“

„Weil alle den Mund halten mussten, Jun. Ich habe zwar die Polizei rufen lassen, aber nur, weil man mich nicht ernst genommen hatte. Die dachten, die kommen so davon und können das unter den Tisch kehren. Aber nicht mit mir.“ Er sieht zu ihr, dann folgt er ihr mit dem Honig und zwei Löffeln. Jun setzt sich auf den Bürostuhl und stellt den Honig ab.

„Die Polizei war da? Ich verstehe es immer noch nicht. Wenn die deswegen da war, warum kam nie etwas an die Öffentlichkeit? Das hätte doch ein gefundenes Fressen für die anderen Schulen bedeutet.“

„Ach Jun…denk doch mal nach. Weißt du noch wo der kleine Makoto auftauchte und wir uns um ihn gekümmert haben? Vater und Martin gingen damals zu seinem Vater und fanden ihn vollgestopft mit Schlaftabletten und Alkohol im Haus. Der Kommissar, der diesen Fall damals untersuchte, er tauchte auch bei dem Weihnachtsspiel auf. Weißt du noch wer er war? Milas Mentor?“ Er sieht sie etwas fraglich an.

„Natürlich weiß ich das noch. Kommissar Saito, der jetzt hier das Revier vor ein paar Jahren übernommen hat. Er war schon ein paar Mal hier, vor dem Umbau.“ „Richtig…er war es…er hat mich damals an diesem Tag selbst ermitteln lassen, da ich nicht wollte, dass diese Geschichte an die Presse geht. Ich hatte genug Beweise, um die Jungs alle zu identifizieren und so kam es dann dazu, dass ich dafür gesorgt habe, dass sie aus eigenen Stücken die Schule entehrt verlassen, aber eben ohne den Vorfall zu melden. Ihre Namen tauchen auch nicht in der Polizeiakte auf. Unsere ebenso wenig. Saito hat damals alles genau mit mir und meinem Vater abgesprochen.“ Tina nimmt den Honig, löffelt sich etwas in ihren Tee und rührt diesen um. Sie schaut zu Jun, ihr gegenüber und hat einen ernsten Blick.

„Saito war es damals? So lange kennt ihr euch schon?“

„Oh, hast du ihn damals nicht erkannt? Als er dann mit Mila auftauchte und die Eltern der Toho-Mädels mich wegen der Verletzungen verklagen wollten? Das war eine lustige Geschichte. Damit habe ich echt nicht gerechnet.

Naja, jedenfalls die Woche nach der Sache an der Toho und den Jungs, an dem Montag passierte ja das in der Kantine. Das ergab sich eher zufällig, du weißt es selbst, du warst im Klassenraum. Aber als die Mädels mich dann in der Kantine anmachten und mein Essen runterwarfen war ich endlich wieder bei mir. Durch die Aktion in der Toho war ich plötzlich wieder die Alte. Yako akzeptierte mich endlich als Teammitglied und fing an mich richtig zu trainieren.“ Jun rührt seinen Tee nun auch um und pustet ihn, während er ihn in den Händen hält.

„Okay, verstanden. Aber warum hast du die Jungs nicht alle einfach verklagt? Euer Recht wäre das gewesen? Georg war doch selbst Anwalt und ich kann mir nicht vorstellen, dass er da nur zugesehen hat.“

„Was glaubst du wäre denn passiert, wenn dieser Vorfall in der Presse gelandet wäre? Oder wenn es per Mund zu Mund weitergegangen wäre?“ Jun überlegt nicht lange.

„Die Schule hätte echt einpacken können. Wäre sie nur eine öffentliche Schule, dann gäbe es nur etwas Ärger von oben, aber da sie privat ist und dazu noch einen guten Ruf hat, das wäre sehr schlecht für alle gelaufen.“

„Siehst du. Da hast du deine Antwort. Yako und ich waren beide der Meinung, dass die anderen Schüler der Schule keine Schuld daran trugen, denn es gab einen Anstifter dieser Tat. Und übrigens, zuerst war geplant nur auf Yako loszugehen, ich war dabei gar nicht eingeplant. Ich habe ihnen nur dazwischengefunkt. Als ich meinen Vater daran erinnerte, wer auf dieser Schule ist, sah er es auch so.“

„Wie meinst du das? Wer auf dieser Schule war? Wer war denn dort?“ Tina atmet tief durch und setzt pustend zum Trinken an.

„Also echt. Wer wohl, eure Freunde natürlich und unsere Volleyballmädels. Wer hätte sie denn später nach so einer Sache oder Gerüchten noch an ihren Schulen oder in den Vereinen haben wollen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ohne Folgen für die geblieben wäre, die nichts dafürkonnten. Am Ende war alles nur ein dummes Missverständnis, weil man mal wieder nicht miteinander geredet hat.“ Jun stellt plötzlich die Tasse auf den Tisch und blickt seine Freundin vor sich an.

„Tina…willst du mir jetzt etwa sagen, du hast bewusst auf diese Anzeigen verzichtet, nur um meine Freunde zu schützen?“ Sie genießt den heißen Tee und grinst. Tina sagt nichts und schlürft nur etwas aus ihrer Tasse. Dann steht sie auf und geht zum Bild, welches Sato aufgehängt hat. Es ist ein altes Mannschaftsfoto von Tinas Musashi-Team. Es entstand nach dem Weihnachtsturnier, das erste Spiel, welches Tina spielte. Ihr Rachefeldzug von Yako und ihr gegen diese Schule. Jun sieht ihr nach und betrachtet ihren Rücken.

‚Tina, du hast sie für mich und Genzo beschützt?‘

„Wer, Tina, wer waren diese Feiglinge?“

„Das werde ich nicht sagen. Das gehört zum Abkommen. Ich habe schon zu viel erzählt. Sie dürfen auch niemanden etwas sagen.

Yako und ich wollten damals nicht als Opfer dastehen, es hatte also alles seinen Sinn und es ging auch auf. Die Jungs bekamen ihre Strafe, wenn auch nicht auf dem Papier. Die meisten haben ihre zweite Chance gut genutzt. Einer von ihnen ist sogar zur Polizei gegangen. Ihren Sport haben die meisten an den Nagel hängen müssen, aber trotzdem haben sie ihre Art Buße zu tun, gefunden. Nicht alle, aber die meisten.“

„Tina…was ist mit den großen Narben? Jetzt frage ich dich doch direkt. Die waren schon älter, hast du selbst vorhin gesagt. Was hat es damit auf sich?“ Tina schlürft erneut von ihrem Tee und setzt dann ab.

„Unfälle vom Training. Kannst Genzo fragen, ich habe damals mit meinem Bruder und ihm zusammen heimlich trainiert und dann war da mal ein Baum oder ein alter Pfosten im Weg. Das war es auch schon. Genäht hat die mein Vater.“ Er stutzt.

„Wie jetzt? War dein Bruder so stark mit seinen Schüssen, dass er dich komplett ins Tor gedrückt hat?“

„Ja, das war er. Er spielte zwar in der Verteidigung, aber er taugte auch viel im Angriff und spielte von hinten sehr starke Bälle nach vorne. Also…war er sehr stark. Ein guter Übungspartner für mich, als Keeper.“ Tina lächelt kurz und ihr fällt es wie ein Stein vom Herzen, zwar hat sie ihm nicht die Wahrheit gesagt, aber so richtig belogen hat sie ihn auch nicht.

„Genzo erzählt nie von ihm, ich glaube es tut ihm noch immer weh.“

„Er hätte dich und dein Team sicher geliebt. Mit Basa hätte er sich sehr gut verstanden und ihr hättet eure Themen gehabt.“ Plötzlich kommen ihr ein paar Tränen und sie dreht sich etwas zur Seite, damit Jun sie nicht sehen kann. „Deswegen…deswegen erfüllen dich alle mit Stolz? Egal was der Grund dazu war, du hast gewonnen?“

„Genau. Ich habe diese Bälle halten können, auch wenn es wehtat, ich habe diesen dummen Mädchen das Leben retten können und ich habe dafür gesorgt, dass Yako nichts Schlimmes passiert ist. Keiner weiß wie weit das wirklich gegangen wäre. Und obwohl die Mädchen nichts dafürkonnten, haben wir uns an ihnen bzw. der Schule gerächt, auf sportliche Art und Weise. Und so hatten wir gleich für die nächsten Spiele einen Meilenstein gesetzt.

NIEMAND legte sich mehr mit der MUSASHI an! Als sich die Verletzungen, die noch gut einige Wochen anhielten, sich erst rumgesprochen hatten, wagte niemand mehr meine Bälle anzunehmen. So hatte ich genug Zeit, mich auf die Schule und auf die Technik zu konzentrieren. Die Mädels hatten Zeit ihre Kondition zu verbessern und so wurden wir die nächsten Jahre auch ohne Yako Nationalsieger und wir schraubten damit angefangen den Anspruch in der Liga hoch und gewannen viele neue Nachwuchstalente, und wenn es der kleine Makoto war.

Er ist jetzt schon gut genug, um im Liga-Team zu spielen. Mit gerade mal 15.“, beendet Tina ihre Rede und trinkt danach nur noch in Ruhe ihren Tee aus und verlässt das Arztzimmer. Sie wechseln nur noch ein „Auf Wiedersehen bis dann“.

204. Tangaroa und Bettina XI – Freund und Zuhörer

Kapitel 204
 

Tangaroa und Bettina XI – Freund und Zuhörer
 

Kurz nachdem Tina den Raum verlassen hat, klopft es an der Tür.

„Herein.“ Es ist Martin.

„Hi, kann ich reinkommen?“ Jun nickt ab und die Tür wird geschlossen.

„Ist alles okay? Kann sie weiter Sport machen oder haben die Jungs etwas zu doll zugepackt?“

„Du weißt schon, dass ich eine Schweigepflicht habe, oder?“ Martin sieht ihn verdutzt an.

„Ja, ich will ja nur beruhigt sein.“

„Alles okay. Mach dir keine Sorgen.“

„Gut. Wenn du sagst, es ist okay, dann bin ich beruhigt. Mir würde sie ja sowieso nichts sagen.

War irgendwie komisch.“, haucht er dann aus und geht zum Foto und betrachtet es. Jun nimmt einen Schluck von seinem Tee.

„Was meinst du? Was war komisch?“

„Na als Tina vor dem Team stand, so selbstverständlich mit ihnen umgegangen ist und dann werfe ich Trottel ihr den Ball so doll zu, dass sie das Gleichgewicht verliert.“

„Ich verstehe, wenn das Yayoi gewesen wäre, hätte ich auch komische Gedanken dabei. Ich kann manchmal echt eifersüchtig sein, schlimm.“, grinst er und versucht ihn etwas aus der Reserve zu locken. Martin lacht kurz und schmunzelt dann.

„Stimmt, sah schon seltsam aus, wenn jemand anderes sie anfasst. Früher hat mich das gar nicht so sehr gestört oder irritiert. Tut mir leid, Jun, dass ich dich mit so einem Kinderkram belästige.“, sagt er dann, atmet tief durch und dreht sich wieder zu ihm um und geht Richtung Tür.

„Martin, wenn du jemanden zum Reden brauchst, natürlich bin ich für dich da. Wir sind doch schon lange Freunde und nicht nur Geschäftspartner, oder?“ Der große Mann blickt zu ihm.

„Danke. Das weiß ich zu schätzen. “, stöhnt er dann plötzlich auf, geht zu ihm und lässt sich auf dem Stuhl nieder, auf dem Tina zuvor gesessen hat.

„Das war ein toller Tag. Jetzt haben wir viel zu tun, Tina muss ihr erstes Kochbuch schreiben und ich habe echt einen Haufen Arbeit vor mir, um die Fitnesspläne zusammenzustellen.

So habe ich dann aber gleich was zum Wachbleiben.“

„Zum Wachbleiben? Wieso?“

„Genzo kommt heute Nacht mit dem Flieger. Das ist etwas ungewöhnlich im Frühling, aber er hat mich heute früh noch vor dem Abflug schnell informiert.“ „Ach so, das kann natürlich sein. Er wollte erst in zwei Wochen kommen, aber dann jetzt, auch gut. Wir haben viel vorzubereiten und er ist aktuell ohne Verein.“

„Wie jetzt ohne Verein?“

„Naja, der HSV hat ihn wegen der Ausländerregelung aus dem Kader geschmissen und nun spielt er mal dort und mal hier, weil er irgendwie nicht richtig weiß wohin er will. Er tut sich aktuell echt unnötig schwer, dabei könnte er viel Geld verdienen, wenn er sich endlich mal entscheiden würde. Also kommt er her und kümmert sich um die Olympiade. Er will uns beim Training helfen. Deswegen muss ich nachher auch gleich los zum Training.“

„Ach ja, ihr dürft ja noch mal mitmachen. Ein nächstes Mal wird es nicht geben.“

„Stimmt, nicht als Team. Dann dürfen nur zwei Leute über 21 sein. Meist sind es dann wirklich erfahrene Männer, die man dafür auswählt. Wir werden auch zwei davon dabeihaben. Gute Männer.“

„Ich kann euch allen nur alles Gute wünschen. Ihr packt das schon.“

„Tina wird sich sehr freuen, wir haben eben von Genzo gesprochen. Überhaupt, sie spricht plötzlich von ihrem Bruder. Was war er für ein Mensch? War er wirklich ein starker Spieler?“ Martin lehnt sich zurück.

M: „Da fragst du mich was. Keine Ahnung. Ich kenne mich da echt nicht aus. Fußball war ehrlichgesagt nie mein Fall. Ich habe die beiden nie richtig spielen gesehen, muss ich gestehen. Ich habe da auch nie nachgefragt. Wir haben uns bei den Familientreffen gesehen und das war es auch schon. Ich habe ja viel lieber Rugby und Tennis gespielt. Und Volleyball, das war auch echt toll. Bis ich etwa fünfzehn war, spielte ich sogar im Volleyball-Verein. Wir waren echt gut. Nebenbei war ich bereits im Judo. Dann waren die Kampfsportarten mein Ding. Daraus wollte ich dann immer einen Beruf machen. Ich war schon als Kind immer so großgewachsen und durch meinen Vater, der Ringer war, kam das Interesse zum Judo. Das gefiel mir mehr. Meine Mutter war auch Volleyballerin wie Tina, so bin ich dann dazu gekommen. Ebenso im Angriff, aber sie musste leider vor ihrem ersten großen Turnier aufhören, da kündigte sich meine große Schwester an. Danach spielte sie nur noch freizeitlich und trainierte ehrenamtlich Kinderteams. Der Sport liegt mir also im Blut.“

J: „Ach so. Meine Eltern sind da eher weniger sportlich. Und durch meine Herzkrankheit brauchte es viel Mühe sie davon zu überzeugen, dass ich überhaupt Sport treibe. Die hatten natürlich ständig Angst um mich.“

M: „Das weiß ich noch. Als Georg und ich uns mal dein erstes Spiel angesehen haben, als wir uns dann kannten, da haben die wie auf heißen Sohlen gesessen.“

J: „Ja, ich durfte ja auch nur eine Halbzeit damals spielen. Und dann nur 20 Minuten mal. Das war echt nervig. Ich wäre sicher noch besser, hätte ich damals schon voll mitspielen können. Aber nun ja.“

M: „Das stimmt, aber nun kannst du ja normal spielen. Das ist doch auch was.“

J: „Ja, das habe ich euch zu verdanken. Ohne deine neuen Trainingspläne und die gute Zusammenarbeit mit Sato und meinem Trainer hätten wir niemals so gut werden können. Die Arbeit mit dir hat damals so viel Spaß und Erfolg gehabt. Ich hätte die OP schon eher machen sollen, das habe ich Tina heute auch schon gesagt. Aber so ist das eben jetzt.

Nun sag aber mal, hast du echt ein paar Fotos mit dem Team gemacht und sogar noch etwas mit ihnen gespielt, während wir die Männer aufgenommen haben?“

M: „Ja, hat echt Spaß gemacht. Gut, dass ich für den Fall der Fälle was zum Umziehen dabeihatte. Tina hatte Recht, sie hat damit gerechnet, wenn es erst herauskommt, dass ich selbst gespielt habe, dass die mich mit aufs Feld ziehen. Ich hatte schon ewig keinen solchen Spaß mehr. Eine tolle Truppe hast du da ran organisiert. Die sind alle wirklich gut drauf.“

J: „Die Männer sind schon klasse. Ich kenne einige von ihnen sehr gut. Mit Sora zum Beispiel bin ich schon seit der Schulzeit gut befreundet. Wir tauschten uns gerne Taktiken aus. Ich habe viel von ihm gelernt. Und bei Tangaroa ist es ähnlich. Wir hatten nicht viel miteinander zu tun, aber auf ihn ist immer Verlass gewesen.“

M: „Tina wäre dir sicher auch eine gute Ratgeberin, wenn sie mehr aus sich rauskommen würde. Sie stand doch damals nicht nur im Tor, sondern auch in der Verteidigung. Wenn ich Georg richtig verstanden habe, war sie neben dem Sturm die Taktikerin im Team und erledigte hinten die Libero-Aufgaben.“

J: „Hm, sicher schade ums Talent im Frauenfußball.“

M: „Auf jeden Fall. Ich habe jedoch das Gefühl, dass ihr das Volleyballspielen noch mehr Spaß macht.“

J: „Hm, das kann sein.“

M: „Optisch passt Volleyball zumindest jetzt besser zu ihr.“, grinst er.

J: „Hm, mag sein. Sag mal…darf ich was Persönliches fragen? Etwas…zu Tina?“

M: „Frag und ich sage ob ich antworten kann.“ Er nippt vom Tee, den Jun inzwischen für ihn gemacht hatte.

J: „Dieser Überfall…wie schlimm…war er für sie? Also…ich meine…hat man ihr dabei wehgetan?“ Martin ist erstaunt. Noch nie hat Jun danach gefragt. Warum jetzt?

M: „Wie kommst du jetzt darauf? Traust du dich nicht, sie selbst zu fragen?“

J: „Hm, naja. Ich gehe mal davon aus, dass ich bei dir da keine Schweigepflicht habe, da du weißt, wie sie am Rücken aussieht? Ich habe es vorhin bei der Untersuchung das erste Mal gesehen. Sie trägt deswegen sicher immer die geschlossenen Badeanzüge, damit es nicht zu sehen ist? Und die Kleider oder Oberteile, die bis fast ganz oben alles abdecken.“

M: „Du sorgst dich also darum? Was hat sie denn gesagt? Ich weiß auch nur, was ihre Eltern mir erzählt haben.“

J: „Sie meint, die drei größeren Narben seien vom Training mit ihrem Bruder und Genzo. Die kleinen von ein paar Jungs aus der Toho-Schule und die Brandkreise von den Mädels aus der Musashi.“

M: „So ist es auch. Da gibt es nichts hinzuzufügen.“

J: „Also kam Genzo wirklich rechtzeitig zur Hilfe, bevor die Typen ihr auch etwas antun konnten?“

M: „Nicht so ganz. Aber ja. Da war zwar was, aber das ist verheilt und sie hat es nicht so ganz wahrgenommen. Es fiel dann plötzlich auf, als sie hier einen Unfall hatte, weißt du noch, ihre Schlaftherapie? Bei dem Röntgenbild ist Dr. Taylor was aufgefallen, deswegen musste sie komplett pausieren und ich konnte ihr da nicht mehr viel als Trainingseinheiten geben. Komplette Funkstille, musste sein. Aus ihrer Verzweiflung hat sie sich dann mit Yoga beschäftigt. Das tat ihr aber sehr gut.“

J: „Eine alte Verletzung, die nicht geheilt war? Aber muss man nach solchen Vorfällen nicht zu einem Amtsarzt oder wird von der Polizei untersucht? Also, ich meine für die Anzeige oder das Protokoll?“

M: „Ja, aber die Ergebnisse gingen nur an die Polizei, nicht an sie. Da der Arzt nichts sagte, dachten alle, es sei nur eine einfache Prellung. Aber das war es nicht. Sie hatte etwas an der Rippe abbekommen. Tina erklärte es dann so, als sie festgehalten wurden und sich am Anfang wehrte, da stieß sie gegen eine Mülltonne und der eine Typ hielt sie genau an der Stelle dann besonders doll fest. Das muss es gewesen sein. Aber…es ist ja nun alles verheilt.“

J: „Ich verstehe, also stimmen ihre Angaben soweit?“

M: „Ja, du kennst sie. Wirklich anlügen würde sie dich nie.“

J: „Okay, danke. Aber weißt du eigentlich in welchem Team sie damals gespielt hat?“ Martin wundert sich.

M: „Nö, ist doch auch egal. Ich habe so gar keine Ahnung von Fußball und von den Frauen erst recht nicht. Da sie sicher in einem Jugendteam war, kennt die meist in der Regel niemand.“

J: ‚Hm, er denkt wirklich, die hat in einem Mädchenteam gespielt. Sie sagte mir damals, er weiß es nicht, dass es ein Jungenteam war.‘

„Ich verstehe. Naja, sowas wie Onlineseiten oder so gibt es da sicher nicht.“

M: „Keine Ahnung. Also wie gesagt, ich nehme gerne jedes Sportteam auf, aber Ahnung habe ich nicht von jeder Liga. So schlecht und unbedeutend kann das Team nicht gewesen sein, denn als ich hier anfing sie zu trainieren, kam sie mit viel Fachwissen an und ihr körperlicher Zustand war perfekt. Sie kannte sich mit den ganzen Geräten im Studio aus, wusste ihre Maße und Gewichte ganz genau. Jeder Wert war richtig. Und dann diese Sprungkraft. Perfekt, um aufs Volleyballspielen zu wechseln. Basketball wäre wohl unpassender gewesen, weil sie auch dafür hier zu klein ist. Aber dort reicht die Sprungkraft ja aus und wie wir wissen, passt das.“

J: „Aber du weißt in welchem Team ihr Bruder gespielt hatte, also in welchem Jugendteam?“

M: „Das war wohl sehr stark. Immerhin spielte er mit Genzo zusammen und der ist beim HSV gewesen und bei euch im Team. Ihr seid wirklich sehr gut. Welchen Platz belegt er aktuell unter den Weltklasse-Keepern?“ Jun sieht ihn völlig überrascht an.

J: „Sag mal, du hast auch jetzt keine Ahnung, oder wie? Sein Team war Europas stärktes Jugendteam! Genzo…steht ganz weit oben. Trotz seines jungen Alters steht er gut bei den Top 4. Genzos damaliger Stürmer und Mittelfeld Spieler sind unsere stärksten Gegner auf internationaler Ebene. Schneider, der stärkste Sturm unserer Generation. Frag mal nicht nach den Duellen zwischen meinem Freund Kojiro und ihm. Schon mit gerademal 15 ist er ins Profiteam der Bayern gegangen. Ein Wahnsinns Transfer. So eine hohe Summe gab es für jemanden in seiner Altersklasse noch nie, geschweige denn für jemanden mit Erfahrung.“

M: „Wow, mit 15 in die erste Liga. Das muss man erstmal schaffen. Gelesen hatte ich natürlich davon. Ob das immer so gut ist, ich weiß nicht. Dein Freund, das ist der aus dieser komischen Werbung, oder?“

J: „Ja genau. Er ist doch mit 19 dann nach Italien gewechselt. Dieser wahnsinnige Transfer.“

M: „In der Werbung kommt er eher wie ein Weiberheld und Model rüber. Aber so ist er nicht, oder?“

J: „Ne, so gar nicht. Er mag die Werbung so gar nicht, aber damit hat er sich ein erstes Standbein aufbauen können und hat seine Familie endlich aus dem ganzen Schuldenhaufen gerettet. Kojiro, hat schon als Kind die Verantwortung für seine Familie übernommen und ging bereits in der Grundschule neben Sport und Schule arbeiten, damit es seine Geschwister nicht so schwer haben. Als sein Vater starb hat dieser durch seine Werkstatt viel Schulden hinterlassen und jetzt endlich konnte er sie begleichen und dann mit dem Geld vom Transfer seiner Familie ein Haus bauen lassen. So sind sie aus allem raus und unabhängiger. Ich glaube feste, wenn er ähnliche Bedingungen gehabt hätte wie dein Landsmann Schneider, dann wäre er ebenso mit 15 zu den Profis gegangen. Aber so war es leider nicht. Ich hätte es auch gekonnt, wäre die Krankheit nicht gewesen. Ich habe ähnliche Bedingungen wie Genzo. Aber dann bekam er das Stipendium an die Toho und konnte dort einen super Abschluss machen.“

M : „Makoto ist jetzt auch im Profiteam, mit 15. Dafür, dass er erst zu Tinas Ankunft mit Volleyball angefangen hat, ist das wirklich sehr beeindruckend. Ich bin fest davon überzeugt, sie könnte deutlich besser sein, wenn sie sich nicht immer verstellen müsste. An Makoto kann man sehr deutlich sehen wie praktisch es war, vorher Fußball gespielt zu haben. Wer holt am Ende am schnellsten die Bälle ein und rettet sie mit einem gezielten Tritt? Natürlich er. Tina könnte das auch. Noch immer kann sie mit dem Ball jonglieren...das ist die kurze Auszeit, die sie sich jeden Tag irgendwie nimmt, nur um ihrem Bruder nah zu sein.“

J: „Sie jongliert, das stimmt. Ich habe es mal gesehen. Tina muss eine sehr gute Spielerin gewesen sein.“

M: „Das glaube ich auch.“ Martin nimmt erneut einen großen Schluck. Dann

sieht er nachdenklich zum Fenster und starrt auf das Nebengebäude.
 

„Jun...sag mal...wie tief...ist eure Freundschaft eigentlich? Ich kann das so

schlecht einschätzen.“, beginnt er.

„Was meinst du damit?“ Jun ist überrascht, dass er so eine seltsame Frage stellt.

„Naja...wie weit...würdest du für sie gehen? Du sprichst manchmal von deinem

Freund, der dir sehr wichtig ist. Ich weiß noch wie sehr du dich um seine

Familie gekümmert hast, als seine Mutter krank war und er mit deinem Team

Unterwegs war. So eine Hilfe ist nicht selbstverständlich. Ist sie dir genauso

wichtig? Würdest du für sie quasi durchs Feuer gehen? Also…wenn es nötig

wäre?“ Sein Blick ist ernst.

„Wieso fragst du das? Geht es hier um unser Geschäft? Hast du plötzlich Bedenken?“ Martin steht auf und geht zum Fenster.

„Es geht nicht ums Geschäft. Das wird laufen. Daran zweifle ich nicht. Sagen wir es eher so. Es ist sehr privat und…ich habe Bedenken, dass ich bald meine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann.

Beantworte mir bitte diese eine Frage. Was ist dir eure Freundschaft wert? Wie weit würdest du für Tina gehen?“

„Martin, Tina mag sich von allem fernhalten wollen, was sie traurig macht. Nur deswegen hat sie auf die Anwesenheit auf Fanes und meiner Hochzeit verzichtet. Sie fehlte uns sehr an so einem wichtigen Tag.

Aber als ich mit meinem Herzanfall im Krankenhaus lag und auch danach nach der Operation, da besuchte sie mich jeden Tag. Sie wusste, dass man mich aus dem Team besuchen kommt, trotzdem ging sie jeden Tag das Risiko ein, jemanden von ihnen über den Weg zu laufen. Und ich weiß, dass sie keine Krankenhäuser betritt. Das konnte sie noch nie. Aber für mich…für mich tat sie es. Für MICH ist sie gefühlt durch eine Hölle gegangen. Ich kenne Leute, denen es ebenso geht. Sie verzichtete für MICH auf ihren ruhigen Schlaf, sie riskierte wieder ihre Träume zu bekommen, diese schlimmen Bilder zu sehen, nur um zu mir zu kommen, weil ich ihr so wichtig bin.

Als ich sie fragte, warum sie das kann, aber nicht zur Hochzeit kommen konnte, da sagte sie mir nur, dass ihr meine Gesundheit wichtiger sei, als ein Tanz mit mir auf meiner Hochzeit. Einen Tanz…könne man nachholen, diesen Besuch und die Gewissheit, dass es mir gut ginge, wiederum nicht.

Ich kann dir also nicht sagen wie wichtig sie mir ist. Wie soll ich denn eine wichtige Freundschaft in Worte fassen? Du weißt, dass ich immer für Tina da sein würde. So wie sie es getan hat.

Ja, ihre Freundschaft ist mir sehr wichtig und ich würde alles für sie tun. Tina ist mir nach meiner Familie, Yayoi und meinen engen Freunden und dir, wahnsinnig wichtig.“

„Gut, hör mir zu. Es ist sehr wichtig und muss unter uns bleiben.“

„Du machst mich etwas nervös mit deiner heimlichen Art, Martin. Ich vertraue dir sehr und bin voll von unserem Projekt und allem überzeugt.

Du willst wissen wie wichtig mir Tina ist.“ Jun stellt sich neben ihn an das Fenster.

„Ja, es ist mir wichtig. Jetzt, wo Tina und ich vermutlich so schnell keine Freunde mehr sein können, so unbedacht wie früher, so wie es mal war, als wir alles ins Rollen brachten…muss ich genau wissen…wie sehr ich DIR vertrauen kann. Wie sehr ich SIE DIR als einen Freund, anvertrauen kann. Jemand, der genauso auf sie aufpasst wie Genzo. Er sieht sie wie eine Schwester, nur so als Info.“

„Ich soll auf sie aufpassen wie auf eine Schwester? Sowas in der Richtung erwähnte er mir mal, ja. Sagen wir es so…dieses Team heute…es ist auch ein Beweis, wie wichtig mir Tina ist.“

„Wie meinst du das?“

„Wenn es nach mir und meiner Überzeugung von unserer Idee ginge, hätte ich mein Team und das Nationalteam als erstes Team vorgeschlagen. Ihretwegen jedoch halte ich mich bewusst zurück, meine Männer nicht einzubinden. Ich möchte ihr nicht wehtun, damit, dass hier ständig jemand von ihnen rumläuft oder einen Kontakt zu ihr wünscht, weil es eben dazugehört. Wie wäre das heute denn gelaufen, wenn es mein Team gewesen wäre? Was meinst du? Ich tue mich sehr schwer, unsere Freundschaft nicht so an die große Glocke zu hängen, damit keine großen Fragen kommen. Wir waren Schulkameraden und jetzt rein geschäftlich bekannt. Mehr muss die Öffentlichkeit nicht wissen.

Aber durch diese Art gehen uns sehr viele potenzielle und gute Kunden verloren. Denn mit Tsubasa und mit Genzo an unserer Seite hätten wir sofort einen Kontakt zum Team und auch nach Europa. Das weißt du.“

„Ich verstehe. Also…gehst du quasi bereits für sie durchs Feuer? Durch das Feuer auf einen riesigen Umsatz und einen Teil deiner Teilhabe zu verzichten, bewusst? Nur für Tina?“ Jun nickt nur und greift dann zu seiner Tasse Tee und trinkt den letzten Schluck aus.

„Ja, das tue ich.“

„Weißt du eigentlich warum ich hier in Japan bin? Warum man mich mitgenommen hat?“ Jun schweigt eine Weile.

„Georg sagte mir mal eines Tages, nebenbei, dass du auf Tina aufpassen sollst. Das ist ihm mal rausgerutscht, kurz nachdem ihr zusammengekommen seid. Er war stink sauer auf dich. Er…war sich plötzlich sehr unsicher, ob er dir noch vertrauen kann, weil deine Blickweise eine andere geworden war. Da fragte ich ihn was er damit meinte und er meinte nur, dass du nur hier bist, um auf sie aufzupassen. Mehr wollte er mir dann nicht verraten. Es hatte etwas mit dem Tod ihres Bruders zu tun.“

„Das stimmt. Das war meine Aufgabe. Ich sollte ihr Bodyguard sein und irgendwann wieder zurück nach Deutschland gehen. Als Stephan starb, war unklar was das wirklich zu bedeuten hatte und ob da mehr als nur ein zufälliger Überfall dahintersteckte. Leider klärte sich das bis heute nie auf.

Dass er auf mich sauer war, das hat er mir deutlich genug gemacht. Ich habe ihn noch nie so enttäuscht erlebt. Du hast selbst erlebt wie seltsam die Feiern plötzlich waren. Vor Tina spielte er den Coolen, aber das Vertrauen zu mir war weg. Das hat er mich reichlich spüren lassen.“ Es wird ein paar Minuten geschwiegen und jeder macht sich seine Gedanken.

„Sie hatten…also Angst um sie?“, kommt Jun auf das Thema zurück.

„Jetzt Jun, jetzt wo Tina und ich…weder Freunde, noch ein Paar sind, weder ihr Vater aufpassen kann und ich so wie die letzten Monate lang, nicht mehr richtig aufpassen kann…da…müssen es ihre Freunde machen. Ich…stehe voll hinter unserer Arbeit und es wird super laufen, aber…es birgt auch Gefahren…Gefahren für sie, gefunden zu werden.“ Entsetzt tritt Jun einen Schritt zurück und stellt seine Tasse auf den Tisch.

„Martin, du…du machst mir Angst. Tina…sie ist…in Gefahr?“

„Versprich mir, dass du auf sie aufpasst…wenn ich es nicht tun kann.“, gibt es sehr ernste Blicke.

„Martin…was…meinst du damit? Wer könnte sie finden?“

„Gesine…sie wurde damals mit Tina und ihrem Bruder zusammen entführt. Da war sie erst zwei Jahre alt. Die Täter…sie sind seit einigen Jahren wieder auf freien Fuß. Deswegen…war so viel Vorsicht geboten und der Umzug so weit weg kam so ungeplant.“

„Martin…eine Entführung?! Die sind noch draußen?“ Martin nickt diesmal nur. „Aber…die werden sie schnell finden, so bekannt wie sie mittlerweile ist. Was…was weiß sie selbst denn davon? Spielt sie deswegen nicht bei den großen internationalen Turnieren mit? Auf die Olympiade verzichtet sie auch, dabei hätte sie jetzt mitspielen können.“

„Tina weiß nichts von der Entführung, sie weiß nur, dass mal irgendwas war, aber was, weiß sie nicht. Gesine und Georg wollten nicht, dass die Kinder in Angst aufwachsen. Deswegen haben sie nur allgemein verlauten lassen, dass mal jemand ihrer Mutter wehgetan hat und die Personen nie gefunden wurden. So war es zu Beginn auch. Zwischenzeitlich waren die Männer wohl in Haft, aber im Frühling 1998 kamen sie wegen guter Führung wieder raus. Ich persönlich weiß auch nur das. Keine Namen, keine Gesichter. Es waren Vater und Sohn, mehr weiß ich nicht. Totales Schweigen was passiert war und was wirklich Sache ist.“

Juns Herz rast vor Aufregung. Sorge macht sich in ihm breit. Er entfernt sich von Martin und setzt sich auf den Bürostuhl, um zur Ruhe zu kommen.

„Alles okay? Dein Herz?“, blickt ihn Martin besorgt an.

„Schon gut. Ich…sorge mich nur. Wenn wir auch in Europa arbeiten werden. Was ist…wenn die unser Programm buchen und wir…kriegen es nicht mit und dann…tun sie ihr weh?“, äußert er bewusst.

„Das wird so schnell nicht passieren. Internationale Kunden betreue ich alleine, außer sie kennt sie persönlich. Hier ist sie auch nie alleine mit jemanden. Entweder ich oder Axel werden immer mit im Raum sein. Bisher klappte das ganz gut. Vorerst haben wir ausschließlich mit Japanern zu tun. Und Tinas Familie hat inzwischen ihren Familiennamen so wie auch ihre Vornamen ändern lassen. Alles noch bevor Deutschland wieder vereint war. Neue Urkunden das ganze Programm. Die Männer kennen also die neuen Namen nicht. Die Polizei hat das organisiert. Darüber musst du dir also keine Gedanken machen. Wenn, dann eher, weil sie ihrer Mutter immer ähnlicher sieht. Es ist ungewiss ob die Herren überhaupt noch ein Interesse an ihr haben könnten.“

„Gut, das beruhigt mich. Also sollten wir allgemein erstmal im Großen nur hier agieren und abwarten?“

„Wir müssen einfach nur die Augen aufhalten. Tina weiß, dass sie die Augen aufhalten muss, aber sie weiß auch, dass ich aufpasse. Deswegen soll jeder Kontakt über mich laufen. Oder in Zukunft auch über dich. Es wird keinen Kundenkontakt persönlich geben, immer nur über das Studio mit offizieller Anmeldung und mit Termin. Das alleine wird die Leute fernhalten.“

„Ach so. Deswegen wollt ihr alles nur darüber laufen lassen. Ich verstehe. Es geht nicht nur allgemein um ihren Promistatus und ihre diesbezügliche Sicherheit?“ „Richtig. Kriegst du das hin?“ Jun richtet sich auf, bleibt aber sitzen. Er greift in die Schublade und bedient sich an einem Eukalyptusbonbon. Dann atmet er tief durch und lehnt sich an.

„Das kriege ich hin. Wie…wie hieß sie denn früher? Also…vor der Namensänderung? Besser ich weiß es, damit ich erkennen, ob über sie geredet wird.“

„Ulrike…Ulrike Fischer.“ Der junge Japaner steht auf und sieht zu Martin auf. Er reicht ihm die Hand.

„Gut…ich passe auf. Wenn es wichtige Informationen diesbezüglich gibt, dann lass es mich wissen. Ich halte meine Augen und Ohren auf.“

„Danke. Ich weiß genau, dass ich mich auf dich verlassen kann.“
 

Der Tag neigt sich dem Ende zu und in der kleinen Wohnung im 16. Stockwerk des Hochhauses öffnet sich die Wohnungstür. Tina tritt ein und hält lächelnd eine Schale Erdbeeren in den Händen.

„Heute…gibt’s aber wirklich ein Eis. Was hältst du davon? Immerhin müssen wir darauf etwas anstoßen, dass ihr unsere ersten großen Kunden seid.“

„Ah, eine tolle Idee. Hast du schon zu Abend gegessen?“ Tina schüttelt den Kopf.

„Tatsächlich mal nicht. Es ist noch etwas früh dafür. Hast du denn?“

„Nein. So früh habe ich nicht mit dir gerechnet. Ich wollte mir gleich Sushi bestellen.“

„Dann lass uns doch zusammen bestellen? Ich habe nur Salat eingepackt. Der passt auch dazu. Und nur zur Info, ich muss morgen wirklich mal früh raus. Mein Tag beginnt schon mit der Frühschicht im Betrieb. Und ich wollte gleich die Zeit nutzen und deinen Fragebogen durchgehen, wenn du willst. Oder zumindest hierlassen. Dann kannst du den morgen in Ruhe ausfüllen.“

„Das klingt ja nach Arbeit.“, grinst er, nimmt ihr die Erdbeeren und den Salat ab und geht zur Küchenzeile, stellt es ab und greift in den Schrank und holt Teller raus.

„Auf dem Esstisch liegt der Zettel für die Bestellung. Such dir aus was du haben möchtest. Dann rufe ich gleich an.“ Tina zieht ihren Jogginganzug aus, hängt die Sachen auf und geht zuerst ins Bad, die Hände waschen. Danach setzt sie sich an den Tisch.

„Der Laden ist gut. Da bestelle ich auch gerne mal.“

„Das war es was ich total vermisst habe auf Neuseeland. So richtig gutes Sushi und die japanische Küche. Ich steh doch auf diese Suppen und Reisbällchen und das alles.“

„Das kannst du mir dann ja alles in deinem Fragebogen ankreuzen. Ich passe die Rezepte und Kochbücher genau auf jeden an. Beliebte Speisen und Vorlieben und Allergene sind wichtig. Auch was du gar nicht magst.“

„Ich esse an sich alles. Und du?“

„Ich mag ja so gar keine Rosinen. Das mag ich nicht.“

„Oh, aber Wein magst du doch?“

„Klar, ich mag dieses komische Kauen nicht und das fühlt sich an, als würde ich auf einem Wurm rumkauen, würg.“, verzieht sie spaßig das Gesicht.

„Also allgemein mag ich solche Konsistenzen nicht so sehr. Backpflaumen wiederum, so richtig schön saftig im Rippenbraten, das ist lecker.“, schwärmt sie dann wiederum.

„Das klingt interessant. Rippen klingt gut.“

„Ich kann das ja mal machen oder du kommst zu uns in der Gaststätte vorbei und probierst es dort. Morgen bin ich den ganzen Tag da.“

„Das klingt sehr gut. Wann öffnet ihr denn?“

„Ab 10 Uhr gibt es Mittagstisch. Frühstück auf Bestellung ab 6 bis 8 Uhr.“

„Ich komme morgen gerne vorbei. Du bist ja dann auch da. Das passt doch.“

„Eine gute Idee.“
 

Am nächsten Morgen klingelt Tinas Handy. Sie sieht liebevoll in Tangaroas schlafende Augen. Sein Arm ist über ihren Körper und sie ist ganz dicht an ihn gekuschelt.

‚Wie schön warm es immer bei dir ist, mein Großer. Tangaroa, du bist so zärtlich und immer wieder entdecke ich etwas Neues mit dir. So aufregende Dinge hat Martin nie mit mir gemacht. Warum?‘ Sie streichelt über seine Wange.

‚Du machst einfach was dir in den Kopf kommt. Aber…genau das ist doch auch so aufregend. Und jetzt…ist es besonders schön. Einfach hier bei dir sein, in deinen starken Armen liegen und deine Wärme fühlen. Das ist doch das…worum es geht, oder nicht?‘ Ihr Puls steigt etwas an, als er anfängt sich ein wenig zu bewegen. Seine Augen öffnen sich plötzlich und seine Hand, die um sie liegt greift sie sanft am Rücken.

„Meine schöne Tina. Guten Morgen. Ich träume, oder?“, lächelt er sie verliebt an. Tina kichert leise und ihre Hand, die in seinem Gesicht ist geht an seinen Kopf an die Haare.

„Ja. Nein. Du träumst nicht.“ Er berührt ebenso ihre Wange und kommt ihr dann näher und küsst sie. Für eine kurze Zeit versinken beide in morgendlichen Zärtlichkeiten.

205. Tangaroa und Bettina XII – Neue Lehrlinge

Kapitel 205
 

Tangaroa und Bettina XII – Neue Lehrlinge
 

Die Uhr schlägt 8 Uhr und Tina betritt das Lokal, geht direkt in die Umkleide und zieht sich um. Sie entdeckt dabei natürlich den Kleiderbügel mit dem grauen Anzug mit Sacko, roter Krawatte und langer Hose, den vermutlich der neue Lehrling trägt. Seine eleganten Schuhe stehen direkt darunter und sein schwarzer Tranche Code hängt am Haken neben der Tür. Die Box für die anderen Kleidungsstücke findet sie dann im Regal hinter dem Vorhang. Fein säuberlich zusammengelegtes weißes Hemd mit eleganten und hochwertigen Knöpfen. Neugierig wie sie ist schaut sie in die Markenschilder der Sachen hinein und staunt nicht schlecht.

‚Du meine Güte. Was ist das für ein Jugendlicher? Der Größe nach zu urteilen muss er mindestens schon um die 1,80 m sein. Und dann ist er erst 15, nun bald 16, sagte Roland? Ein großer eleganter Japaner, der Diätkoch werden will. Der Kleidergröße nach ist er nicht nur groß, sondern auch nicht zu schmal. Oder es ist eine Breitengröße mehr als er braucht. Nun gut. Dich werde ich mal unter die Lupe nehmen, Junge. Roland scheint jetzt schon sicher zu sein, dass du her passt, also muss da was dran sein.‘

Fest entschlossen den Neuen auf die Probe zu stellen, verlässt sie die Umkleide und betritt die Küche. Die Küche ist leer. Damit hat sie nun so gar nicht gerechnet. Alles ist bereits bis auf die Frischware, die erst kurz vor Eröffnung vorbereitet wird, fertig. Das gab es noch nie. Neugierig schaut sie in die Abwäsche, auch dort ist alles fertig. Die Maschine ist an und die Körbe stehen bereit zum Befüllen. Das Licht ist aus. Die Backstube gibt einen herrlichen Duft von sich. Neugierig geht sie hinein und macht das Licht an.

‚Wow, was ist denn hier los? Das gibt es doch nicht. Alles schon im Ofen. Das Brot bäckt bereits und die Suppen sind angesetzt. Das ist doch sonst erst halb 10 rum fertig. Also wenn Roland mit diesem Jungen alles so schnell fertigbekommt, muss er ja was taugen.‘, lächelt sie fröhlich und schaut durch die Fenster der einzelnen Backeinheiten. Sogar Brötchen liegen schon drin. Die werden sonst erst nach dem großen Mittagsgeschäft fertig gemacht, damit sie am nächsten Morgen für das Frühstück da sind.

Tina steht wie angewurzelt da und starrt einfach nur auf den Ofen. Der Geruch der frischen Brötchen lässt sie an alte Zeiten denken. Wenn sie damals früh morgens in die Backstube kam, um vor dem morgendlichen Training ihren Vater zu besuchen, da roch es genauso. Jeden Morgen klaute sie ihm dann eines der frischen Brötchen gleich vom Blech und riss es mit Begeisterung auseinander, damit es schnell kalt wurde und dann tunkte sie es in die Marmelade und gönnte es sich. Danach ging sie in die Schule und lief ihre paar Runden vor dem Unterricht. So war doch die schöne Schulzeit nachdem die Gaststätte geöffnet hatte.

Sie schließt die Augen und sieht vor sich ihren Vater stehen, der in seiner Bäckerkleidung stolz das Blech nach dem Abkühlen aus dem Regal nimmt und die Brötchen in den großen Korb schiebt.

‚Papa…ich…vermisse dich so sehr.‘ Plötzlich kommen ihr ein paar Tränen. Genau in dem Moment bemerkt sie es und wischt sich ganz schnell wieder sauber, geht zum Waschbecken und nässt sich das Gesicht. Dann trocknet sie es sich ab und schaut in den Spiegel darüber.

‚Papa…nein…das hättest du nicht gewollt. Eine weinende Bettina, nein. Du musstest immer für Mama stark sein und sie festhalten und ich habe euch beide festgehalten. Ja…so sollte es immer sein. Ihr wart immer so stolz auf mich, dass ich nie aufgegeben habe.‘

„Nein…niemals. Niemals werde ich aufgeben!“, sagt sie leise vor sich hin und lächelt dann.

„Ist alles okay, Tina?“, hört sie unerwartet eine vertraute dunkle Stimme. Es ist Roland. Er steht in der Tür aus Richtung Küche. Tina sieht zu ihm.

„Natürlich…was soll sein?“, kommen ernste Töne von ihr.

‚Ach Kleines, ich sehe doch wie du dich immer quälst. Ständig ist es leise um dich herum, wenn du mal alleine bist. Seit Gesine und Georg nicht mehr sind, hast du dich sehr zurückgezogen. Warum aber auch vor mir?‘

„Ich muss euch loben. Ihr habt mehr fertig als sonst.“, lächelt sie dann doch und geht auf ihn zu, cool und selbstsicher, ebenso wie sie sonst auch ist.

„Das habe ich dem Neuling zu verdanken. Er ist sehr fleißig und hat fachlich bereits viel drauf. Ich muss gar nicht so viel erklären. Sogar hier hinten hat er schon alles alleine gemacht. Dabei stand er laut seiner Angaben noch nie in der Abwäsche.“

„Wie jetzt? Fachlich hat er viel drauf und Abwaschen war er nie? Das ist doch das was man als erstes lernt.“, wundert sie sich.

„Er sagte, bisher war er immer nur in der Küche beschäftigt. Deswegen habe ich ihn gestern drei Stunden in die Abwäsche gestellt, damit er weiß wie es hier läuft.“

„Oh, wie lange hast du ihn denn gestern arbeiten lassen?“

„Ganz normal die 8 Stunden mit Pause. So wie es später auch sein würde.“

„Und da kam keine Diskussion?“

„Nein. Man merkt, dass er richtig viel Spaß an der Arbeit hat und am Backen hat er auch Interesse. Ich will mich ja nicht loben, aber…ich habe genau den Richtigen rausgesucht. Nicht mal in Paris hatte ich jemals einen solchen tollen Lehrling. Das Tempo wird er sicher beibehalten.“

„Lob ihn nicht zu früh. Am Anfang ist jeder nett und arbeitswillig.“, zieht Tina die Augenbraue hoch.

„Du bist echt eine Miesmacherin. Wo ist denn nur die liebevolle und lebensfrohe Tina geblieben? Kannst du nicht mal mehr positiv voraussehen? Stattdessen siehst du nur noch das Schlechte, egal worum es geht. Warum um alles in der Welt gehst du nicht zur Olympiade? Das ist doch total doof. Das wichtigste Sportereignis und du könntest gehen und gehst nicht? Es hätte dich von allem abgelenkt, so wie damals, als ihr hergezogen seid und du den Volleyball für dich entdeckt hast. Warum nicht? Warum gehst du nicht mal mehr dort hin wo alle hinwollen?“ Tinas Herz schlägt plötzlich enorm stark. Diese Worte treffen sie wie ein Stich ins Herz und sie kann ihn nur starr ansehen. Es kommt fast keine Reaktion, wie abgestumpft und reaktionslos geht sie an ihm vorbei. Im Innerem kocht es vor Wut, aber sie weiß genau, Roland hat Recht und er will nur ihr Bestes, doch sie kann nicht mehr, nicht mehr in seiner Nähe sein. Zu stark sind ihre schönen Zeiten gewesen und zu sehr sehnte sie sich nach dieser unbeschwerten Zeit zurück, mit ihm zusammen in der Küche zu stehen, zu plaudern, zu kochen, Scherze zu machen und ab und an auch zu weinen, wenn sie bewusst die Zwiebeln zerkleinerte. Nein, diese schöne Zeit, als ihre Eltern noch nebenbei hier waren und ihre Anwesenheit es so besonders machten. Als ihre Mutter beim Arbeiten vorne mit den Gästen in die Küche kam und den nächsten Gang ansagte oder die Speisen abholte. Wie sehr konnten sie nebenbei lachen und sich gegenseitig ablenken. Diese schöne Zeit ist vorbei, alles ist weg…aller Zauber, die ganze Magie hier zu sein und die fröhlichen Gäste zu sehen oder ihren Eltern beim Arbeiten zuzusehen. Alles ist weg. Es war doch immer so schön und hielt sie aufrecht. Sie war doch immer so stark, um für sie stark zu sein, um für ihre Eltern der Halt zu sein, nach all dem Leid, den sie ertragen mussten. Für wen soll sie denn jetzt stark sein, außer für sich selbst? Sie hat doch nur noch ihre Freunde und ihre Fans, alle, die hier an sie glauben, weiter niemanden mehr in Japan.

„Roland! Ich weiß…du meinst es gut mit mir, aber…ich…ich kann nicht. Ich kann nicht dort hingehen, egal ob ich es will oder nicht. Ich habe eine Verantwortung zu tragen und sie würde mit meiner Anwesenheit nicht mehr funktionieren. Irgendwann vielleicht eine Weltmeisterschaft oder die Tokio-Spiele. Aber eine Olympiade…die geht nicht.“

„Aber…welche Verantwortung denn nur? Du hast doch nur dich. Auf uns musst du da keine Rücksicht nehmen, wir kommen hier auch ohne dich klar. Ich habe das früher in Paris auch alleine gemacht, eine Gaststätte geleitet. Und Anja ist auch sehr erfahren darin. Immerhin hatte sie die Verantwortung des Lokals in einem Luxushotel hier in Tokio.“

„Es geht nicht. Akzeptiere das einfach. Und…“, kommt sehr ernst und sie dreht sich zu ihm um und blickt ihn fast zornig an.

„…frage mich nie wieder danach! Andere können auch nicht gehen, auch wenn sie wollten.“, fügt sie dann noch hinzu. Dann verlässt sie die Backstube und geht geradewegs zum Kühlhaus, öffnet die schwere Tür und verschwindet darin. Roland steht wie angewurzelt da und sieht ihr nach.

‚Bettina…wie soll das denn nur hier weitergehen? Damals hast du mich so aufbauen können, als mein Kleiner von mir ging und jetzt schaffe ich es nicht dich aufzubauen. Jetzt bin ich doch eigentlich dran. Zuerst gehen Gesine und Georg so plötzlich von uns und dann kannst du nicht einmal mehr Halt bei Martin finden. Wo soll das denn nur enden?‘ Er folgt ihr nachdenklich zum Kühlhaus.

‚Was will sie denn jetzt hier drin?‘ Roland bleibt vor der Tür stehen und wartet darauf, dass sie wieder herauskommt. Plötzlich öffnet sich die Tür. Tina sieht ihn überrascht an.

„Oh, sorry. Sag mal, wie viele Rippenbraten kannst du heute spontan machen? Wo sind die denn jetzt gelagert? Ich habe keine gefunden.“

„Was willst du im Frühling mit einem Wintergericht? Es sind eventuell noch um die 30 Stück da. Dann ist Schluss damit. Ich wollte sie jedoch anders verarbeiten.“

„Ist egal. Und Rotkohl hast du auch genug dafür da?“

„Komm, ich zeig es dir.“ Er geht mit ihr zusammen nachsehen und holt das Fleisch aus dem Regal.

„Was ist das denn für ein doofer Platz? Wieso hast du alles umgeräumt? So ein Durcheinander.“, murrt sie ihn an, als sie die Portionen abzählt. Roland nimmt ihr die große Schale ab und knurrt sie an.

„Pass auf, Bettina. Ich bin aktuell alleine mit Fane. Ich musste mir etwas logistisch einfallen lassen, damit wir das alleine hinbekommen. Mehr als jeden Tag zu arbeiten kann ich auch nicht! Wenn dir meine Art nicht mehr passt, dann such dir einen neuen Koch oder schließ die Gaststätte doch. Sie scheint dich eindeutig nur zu belasten! Vielleicht ist das auch besser so. Konzentriere dich auf den Sport und fertig!“, macht er eine klare Ansage.

„Niemals! Sie bleibt!“, faucht sie wütend und schlägt gegen die kalte Wand neben der Tür des Tiefkühlhauses. Er sieht sie entsetzt an.

‚Bettina, was ist nur los?‘

„Ich…ich…habe doch…sonst nichts mehr.“, haut sie plötzlich raus und schaut verzweifelt zu ihm auf. Roland sieht in ihre feuchten Augen, legt die Schale zur Seite und nimmt sie plötzlich einfach in die Arme. Er ist erstaunt, als plötzlich ein Schluchzen kommt und sie tatsächlich weint und sich trösten lässt. Das ist das erste Mal, seitdem sie die Ausbildung angefangen hat.

„Sie…fehlen mir so sehr.“, nuschelt sie dann in seine Uniform hinein. Es ist eine Weile still und er lässt sie einfach nur weinen.

„Ich vermisse sie doch auch. Bettina, lass mich einfach machen. Ich nehme dir doch schon so viel Arbeit wie möglich ab. Du kannst nicht ständig deine Launen an mir auslassen. Du bist nur noch am Meckern. Du merkst es schon gar nicht mehr. Das ist das Schlimmste.“ Tina sieht zu ihm auf und wischt sich die Tränen weg.

„Tut mir leid. Du hast Recht. Ohne dich…wäre alles schon kaputt.“, lächelt sie ihn liebevoll an.

„So ist gut. Das gefällt mir gleich viel besser. Vorgestern hast du erwähnt, du hättest abends einen Termin. Was war das für ein Termin? Du hast dich scheinbar sehr darauf gefreut.“, schmunzelt er.

„Ein Termin? Habe ich das echt gesagt?“

„Ja, war es denn keiner?“ Tina wird plötzlich etwas rot im Gesicht.

„Äh, naja…eher ein Date.“, haut sie raus und lässt ihn dann los.

„So so…schau einer an. Du hattest ein Date. Das ist doch toll. Später musst du mir dann alles über den Glücklichen erzählen. Er ist hoffentlich ein feiner Kerl?“ Tina schmunzelt und fasst ihr Gesicht. Ihr wird trotz der Kälte plötzlich ganz warm. In diesem Moment fällt ihr die aufregende Nacht und die romantische Aufweckeinheit von heute Früh ein.

„Ja…das ist er.“, steckt sie ihm dann die Zunge raus, wie in alten Zeiten und geht ihm sofort aus dem Blick. Sie öffnet den Hebel der Tür.

„Gut. Was ist jetzt mit dem Fleisch?“

„Ach so. Äh, ja nimm alles raus was du für den Mecklenburger Rippenbraten brauchst. Auf der Karte kannst du sie streichen. Die Männer gehen vor. Wir bekommen heute spontan hohen Besuch und die wollen den haben.“

„Wie jetzt? Wie hoch ist denn der Besuch und wann kommen die?“

„Sie wollen gegen 14 Uhr kommen. 40 hungrige Rugbyspieler inklusive Trainer und Mannschaftsarzt und Managerin. Es wird also nicht nur bei dem einem Essen bleiben. Sie kommen von einem harten Trainingsspiel.“

„Ein Rugbyteam?“

„Nicht irgendeins, die neue Nationalmannschaft. Heute haben sie ihr erstes Trainingsspiel zusammen in neuer Formation und gestern haben wir sie ins Programm aufgenommen. Sie werden neben Jun unser Aushängeschild sein.“ „Wow, das erste Team. Und dann ein Nationalteam. Rugby ist so gar nicht mein Ding. Da habe ich keine Ahnung von. Unsere Japaner aber sind seit Jahren sehr stark.“

„Hm, ich finde es cool. Wäre ich ein Mann wie ein Baum, würde ich es wohl auch spielen wollen, statt das feine Volleyball.“, schmunzelt sie vor sich hin und verlässt mit einem Korb Äpfeln das Kühlhaus. Roland sucht noch ein paar Sachen zusammen, bestückt den Servicewagen bis oben hin und folgt ihr dann. Er schiebt den Wagen vorerst in die Backstube. Nachdenklich schaut er zum Ofen, wie Tina wieder davorsteht, nachdem sie die Äpfel auf den Tisch gelegt hat.

„Und dieser Junge wird erst 16?“, fragt Tina skeptisch.

„Richtig. Zweifelst du daran, dass er in der Lage ist schon so gut mitzukommen?“

„Na ja. So jung und er lässt sich freiwillig von dir rumkommandieren? Na dann. Ich will ihn kennenlernen, diesen Wunderknaben. Er muss ein großer Typ sein wie du. Er trägt jetzt schon große Sachen. Groß und vermutlich sportlich, ähnlich wie Carsten?“

„Ja, das ist er. Groß und sehr sportlich. Ich sagte ja, er wird dir gefallen, ganz sicher.“

„Gut. Na dann. Hat er das Brot gemacht? Es sieht etwas anders in der From aus als sonst.“

„Ja tatsächlich. Das war er. Aber Übung macht bekanntlich den Meister, weißt du ja.“ Tina atmet tief durch. Dann geht sie zum Spiegel und checkt ihre Schminke.

„Gut. Wo sind denn alle? Warum ist niemand in der Küche?“

„Wir sind vorne, es kam keiner zum Frühstück und da habe ich abgeschlossen, lohnt ja nicht mehr. So haben wir die Zeit genutzt und alles vorbereitet. Jetzt sitzen wir am Personaltisch und lernen uns alle kennen. Wir haben quasi auf dich gewartet.“

„Dieser Junge, er ist sicher schon aufgeregt, mich kennenzulernen, oder weiß er nicht wo er sich hier beworben hat?“

„Oh, doch. Er ist ein großer Fan von dir. Vermutlich sogar dein größter Fan? Aufgeregt, weiß ich nicht, aber er ist definitiv ein Fan.“, erklärt Roland. Beide gehen los.

„Mein größter Fan? Er ist sicher nur so fleißig, um mich zu beeindrucken.“

„Lerne ihn kennen, dann mach dir selbst ein Bild.“

Die Pendeltür wird benutzt und die beiden stehen neben dem Tresen und Tina sieht zum Personal. Sie sind am Lachen und Fane richtet sich gleich auf und kommt zu ihr.

„Tina, wie schön, dass du endlich da bist.“ Freudig wird sie von ihr begrüßt und umarmt.

„Fane, hast du nicht erst heute Nachmittag Dienst?“

„Ach das…ich bin schon wach gewesen und kam aus Neugier vorbei.“

„Aus Neugier?“ Carsten unterbricht sein lautes Lachen und geht auch zu ihr. Der neue Küchenlehrling hingegen sitzt noch immer mit dem Rücken zu ihr am Tisch und unterhält sich mit Hitomi.

„Tina…du hast keine Ahnung wie cool er ist.“, haut er begeistert raus und zeigt zum Neuen.

„Beruhige dich mal. Du bist doch selber neu hier bei uns.“, grinst sie ihn an. Seine fröhliche Art heitert sie jedoch auch auf.

Kurz darauf steht er auf, der Neue, nimmt sein Kopftuch ab und dreht sich zu Tina um. Er lächelt Tina freundlich an und spricht sie dann auf Deutsch an.

„Guten Morgen Tora-san. Lange nicht gesehen. Ich hoffe du schmeißt mich nicht gleich wieder raus. Du weißt ja, ich bin frech und ein Naseweis.“, grinst er.

Sehr überrascht sieht Tina in das Gesicht eines fast erwachsenen Makoto.

„Der kleine Makoto. Ist ja nicht wahr.“, lächelt sie ihn an und geht auf ihn zu. „Klein, ich weiß ja nicht.“, grinst er sie weiter an und reicht ihr die Hand.

„Wow. Das nenne ich eine Überraschung. Roland dieses Schlitzohr hat nichts gesagt.“, äußert sie lachend.

„Hey, stimmt nicht. Du wolltest dir seine Bewerbung nicht ansehen, so war das.“, geht Roland dazwischen und grinst.

„Aber…was machst du hier? Ich denke du willst Anwalt werden. Und was ist mit dem Training?“

„Das habe ich alles schon mit der Uni und der Berufsschule geklärt. Meinen Schulabschluss habe ich endlich fertig und die Aufnahmetests für die Uni auch. Ich darf als Fernstudium schon anfangen, aber die Ausbildung ist dann offiziell.“

„Wieso reden wir jetzt Arabisch?“, hakt Tina überrascht nach.

„Das Fernstudium soll erstmal nicht jeder wissen. Du weißt doch, für andere bin ich nicht so ein Hochbegabter, das ist besser. Offiziell mache ich nur ne Lehre, fertig.“ Tina grinst.

„Okay. Ich verstehe. Du ziehst das weiter durch? Wie lange soll das gehen?“

„So lange es geht?“, grinst er frech. Die anderen sehen die beiden total verdutzt an.

„Was reden die denn da?“, wundert sich Carsten.

„Das ist vermutlich Arabisch.“, meint Fane plötzlich. Sie ist ebenso erstaunt, aber die Klangfärbung der Sprache kennt sie von Tina, da sie mit Gesine öfters in dieser Sprache gesprochen hat.

„Gut, du Held. Dann beweise mir, dass du hierhergehörst.“, grinst Tina ihn an. „Leute! Mit der Pause ist es vorbei. Wir erwarten heute 14 Uhr das Nationalteam der Rugbyspieler. Der Veranstaltungsraum muss hergerichtet werden, in der Küche gibt es genug zu tun und dann ist noch das laufende Geschäft. Also…Zack Zack an alle.“, spricht Tina streng und hebt die Hand für alle sichtbar.

„Oha, da bleibe ich dann wohl besser gleich da.“, vermerkt Fane und geht sofort in die Küche, durch zur Umkleide und macht sich fertig.

Roland und Makoto folgen ihr.

„Roland, warte. Ihr müsst alle Rippenbraten machen, aber es kommen gut 40 Mann. Also halte bitte ähnliches für a la Carte bereit. Es wird sicher Eisbein gewünscht und Schnitzel und Steaks. Mach da ordentlich was fertig. Was übrig bleibt können wir ja abends zur Not als Angebot anbieten, damit es verbraucht wird.“ Er hebt die Hand und grinst.

„Geht klar, Chefin.“ Makoto lächelt Tina an und geht an ihr vorbei.

„Supi, endlich Action hier. Klingt nach dem Mecklenburger Rippenbraten, sehr lecker.“

„Na dann, hau rein. Ich bin gespannt. Zeig uns was du drauf hast, Makoto.“ Roland und Makoto verschwinden kichernd in der Küche und Tina ordert Hitomi an, sich zu beeilen.

„Carsten, du schnappst dir mit mir jetzt die Tische und wir stellen zwei große Tafeln. Schieb schonmal die Stühle zur Seite. Dann kommst du zu mir und ich zeige dir gleich wie man den Raum herrichtet.“

Etwas später gehen die beiden in den Wäscheraum und holen Tischdecken. Carsten hält die Arme hin und Tina holt die Tischdecken aus dem alten Bauernschrank und stapelt sie auf Carstens Armen.

„Wow, die haben echt Gewicht.“, staunt er nicht schlecht. Carsten ist seit zwei Wochen da und arbeitet bis zum Anfang der Lehre als Aushilfe. So kann er sich zwei Monate lang bereits einarbeiten und ein nettes Taschengeld verdienen.

Tina zeigt ihm wo er sie hinlegen soll.

„So, hast du schonmal eine Tafel eingedeckt?“

„Nur zu Hause. Aber ist ja dann nur irgendwie. Da nimmt man ja die Decken die da sind.“

„Gut. Jetzt stellen wir die zwei langen Tafeln erst einmal richtig hin.“ Gesagt getan und schon sieht der Raum etwas anders aus. Zuvor standen die Tische einzeln, als Ergänzung für viele Gäste, die normal zum Tagesgeschäft kommen. Danach will Carsten die Stühle wieder ran stellen. Tina jedoch, schreitet ein.

„Zuerst die Tischdecken.“

„Oh, alles klar. Warum?“

„Die Stühle stehen dir doch erstmal nur im Weg. Wenn du die Möglichkeit hast, immer erst eindecken, wenn die weg sind. Die ersten Stühle stellt man dann später erst wieder heran, damit man die Plätze fachgerecht eindecken kann. Das erkläre ich dir dann.“

„Okay.“

„Wo würdest du jetzt anfangen? Wir müssen je Tischreihe drei große Tafeltischdecken auflegen.“

„Hier vorne...wo sonst?“

„Hier stehen wir wie die Gäste kommen. Das ist unser Orientierungspunkt. Kommt der Gast, darf er nicht unter die Tischdecke gucken können. Was meinst du also, wo fangen wir nun an?“

„Dann hinten, damit beim Übereinanderlegen kein Reinsehen möglich ist? Meinst du das? Und immer Falte auf Falte. Das weiß ich schon.“

„Genau. Das nennt man Bruch. Also Bruch auf Bruch. Auch bei den Servietten nennt man das so. Man faltet sie nicht, man bricht Servietten. Dazu kommen wir nachher.

Oberbruch auf Oberbruch und Unterbruch auf Unterbruch und der Mittelbruch ergibt sich von selbst.

Wo kommt der Oberbruch hin und wo der Unterbruch, also von der jetzigen Gastansicht gesehen?“, zeigt sie auf die Bügelkanten der Tischdecke.

„Keine Ahnung, sag.“

„Der Oberbruch zum Gast, der Unterbruch davon weg. Ähnlicher Grund wie das mit dem „unter die Decke schauen“.“

„Okay, alles klar. Wozu denn eigentlich die roten Abdecker? Sind die nicht für Weihnachten oder Hochzeiten besser? Sind doch Männer.“

„Was glaubst du, warum wohl für dieses Team? Weiße Tischdecken und rote Abdecker darauf? Wäre es dein Kickbox-Verein, würde ich wohl was Maskulines in Braun oder Grau raussuchen.“

„Ach, bin ich doof. Du hast Recht. Da passt das gut. Cool wären dann wohl runde Deckchen?“, lacht er. Tina muss grinsen.

„Genau. Aber ihr Trikot ist auch rot-weiß gestreift. Also passt es allgemein für dieses Team. Na dann, legen wir los.“ Sie zeigt ihm wie es richtig geht und nach dem die Tischdecken gemeinsam richtig auf die Tische gelegt wurden, kommen die beiden in die Küche.

„Makoto, hast du kurz zwei Hände frei?“, spricht Tina ihn an, als er die Spüle herunterdrückt. Er kommt zu ihr.

„Was kann ich denn helfen?“

„Du bist auch groß und stark. Wir brauchen jetzt 40 Platzteller. Ihr zwei holt die dort runter und bringt sie in den Saal.“, gibt sie klare Ansagen und geht dann zu Fane und Roland.

„Passt alles? Was habt ihr so geplant?“ Roland erklärt kurz welche Fleisch-Gerichte er für die Männer vorbereitet und reserviert hat.

Die Jungs kümmern sich um die großen Teller und Carsten will gleich beginnen sie an die Plätze zu stellen.

„Was machst du da?“, fragt Makoto, als er die ersten drei Teller auf der Tafel platzierte.

„Na die Teller hinstellen, wieso?“ Makoto schüttelt den Kopf.

„Ich denke du fängst auch hier an? Hast du deine Lehrbücher noch nicht angesehen? Da stehen die Eindeckregeln ganz genau drin.“, geht er auf ihn zu und fährt dann mit dem Daumen an der Tischkante entlang und verschiebt dabei die drei Teller, die bereits stehen.

„Schau…zu dicht am Gast, wenn da einer sich hinsetzen will, könnten die Teller verrutschen, dann kann sich jemand verletzen, wenn es runterfällt. Und die Abstände sind ungleichmäßig zueinander.“

„Oh, echt? Nein, die Bücher bekommen wir erst wenn die Schule angefangen hat. Hast du denn deine schon?“

„Ich habe mir die gekauft. Ich habe ja zwei Jahre Koch und nicht Restaurantfach gelernt. Aber die Regeln stehen auch in einigen Kochbüchern drin. Hol mal schnell den Besteckkasten. Ich hole die Gläser, die wir brauchen. Ich zeige es dir schnell, dann kannst du bei Tora gleich Punkte sammeln. Sie wird sicher noch eine Weile in der Küche sein.“, grinst er ihn an.

Kurz darauf stehen beide am Tisch und Makoto deckt einmal komplett ein.

„Siehst du? Beim Besteck ist es genau dasselbe. Gleiche Höhe wie der Teller. Hast du keinen Platzteller, gilt die Regel ebenso. Und dann immer je nach Menü, Besteck von innen nach anlegen, So wie der Gast es nehmen muss. Vorspeise außen, Hauptgang heute innen. Es gibt nur drei Gänge heute, schlicht und einfach. Wir werden den Männern die Option lassen, Salat und oder Suppe. Deswegen legen wir einfach nur das Salatbesteck als Vorspeise hin, das ist das Mittelbesteck hier. Das kennst du von Zu Hause. Wenn jemand Suppe will, legen wir den Löffel nach. Innen beginnst du mit dem großen Besteck, das hier. Messer und Gabel. Unten gleiche Höhe und natürlich gerade, Rechte Winkel zur Tischkante. Immer in Linie oder, wenn es sehr viele Gänge sind, sieht es schöner und platzsparender aus, wenn du es versetzt machst. Das ist Übungssache. Jetzt reicht in Linie, da die Herren weit genug auseinander sitzen werden. Oben kommt die Nachspeise. Wir wollen den Herren eine einfache Zitronenspeise anbieten. Dazu etwas frisches Obst. Alles klein, also benötigen sie kleinen Löffel und kleine Gabel. Wären es größere Stücken zu schneiden, legt man einen Teller mit Messerchen hin. Alles klar?“ Carsten sieht sich genau das Beispiel an und versucht es nachzumachen.

„Wieso weißt du als Koch sowas auch?“

„Gehört zu den Grundlagen dazu.“

„Danke dir für die Tipps.

Du bist doch genauso alt wie ich, wieso kannst du da schon zwei Jahre gelernt haben? Das wundert mich jetzt etwas. Da müsstest du doch schon mit 13 in die Lehre gegangen sein.“

„Ich musste damals schon neben der Schule und dem Sport arbeiten gehen und da ich mich schnell für den Beruf des Kochs entschieden habe, fing ich mit 12 an in einem Luxushotel zu arbeiten. Ich habe die Salate fertig gemacht und viel Arbeiten abgenommen, wenn es ums Gemüse und Obstschneiden ging. Dabei habe ich dann immer mehr dort gelernt und durfte immer mehr mitmachen. Also auf dem Papier bin ich nur sowas wie ein Beikoch. Ich wollte eigentlich immer zu Roland, aber ich war zu jung dafür. Und meine Wohnung war zu weit weg. Aber jetzt werde ich ja 16 und dann kann ich viel mehr machen.“

„Wie lange kennt ihr euch denn schon?“

„Hm, etwas mehr als 5 Jahre. Ist ne komplizierte Geschichte.“

„Sport? Was machst du denn? Ich überlege immer schon wo ich dein Gesicht einordnen soll. Makoto sagt mir auch grad nichts. Immer hört man nur die Nachnamen, das nervt etwas hier in Japan. Und gestern hatten wir gar keine Zeit mal zu plaudern.“

„Ichii. Sagt dir das was?“ Carsten sieht ihn verdutzt an.

„Wie jetzt? So wie der Neue Spieler im Tokio-Team der Männer?“ Makoto grinst.

„Genau der. Makoto Ichii, mit 15 ins Profiteam gewechselt. Cool, oder? Das habe ich Tina zu verdanken. Ihretwegen spiele ich seit unseres Kennenlernens Volleyball, statt wie früher Fußball. Ich wollte immer ihren Ball halten. Ich kann dir sagen, das ist eine Wucht.“

Carsten ist platt und starrt ihn an, wie er die nächsten Teller auflegt.

‚Wow, wie cool ist das denn? Aber ja, jetzt wo ich es weiß, erkenne ich ihn auch. Er ist das größte Talent, was die Männer in dem Alter zurzeit zu bieten haben und darf jetzt schon zur Olympiade. Und dann geht er statt zu studieren hier zu uns in die Küche? Er verdient doch im Verein ein bomben Gehalt. Wozu die Lehre?‘ Tina und Roland kommen etwas zeitgleich um die Ecke und betrachten die beiden beim Eindecken.

„Siehst du? Gleiches Alter, ähnliches Schicksal. Die werden sicher gut zusammenarbeiten.“, meint Roland leise.

‚Ach Roland, du hast keine Ahnung. Du hast so recht. Niemand würde besser zu dir in die Küche passen als Makoto. Er hat dich gleich in sein Herz geschlossen und wollte seitdem immer für seine Familie kochen. Jetzt wird sein großer Traum in Erfüllung gehen. Er hat es bis nach oben ins Profiteam geschafft und nun darf er endlich machen was er wirklich will. Bei dir lernen was er noch nicht kann. Ach Makoto, wie sehr hätten sich meine Eltern gefreut, wenn sie noch hier wären? Sie mochten dich immer sehr. Und meine Mutter, sie liebte deinen kleinen Bruder so. So ein niedlicher kleiner Fratz, den sie in den Armen halten durfte. Es machte sie glücklich, wieder ein Baby im Arm zu halten und zu füttern.

Du hast bewusst den Kontakt einschlafen lassen, um dich nur auf den neuen Sport zu konzentrieren und um für deine Familie da zu sein. Wie ist es dir neben dem Sport inzwischen ergangen? Wir sehen uns ja nur auf Veranstaltungen.‘ Tinas Herz schmerzt ein wenig. So richtig weiß sie nicht ob sie sich freuen oder trauern soll. Wie schön wäre es denn nur, wenn ihre Eltern noch da wären und die beiden Jungs so sehen würden? Sie mochten auch Carsten so sehr und schleppten ihn eines Tages hier an. Von oben bis unten verdreckt, weil ihn die japanischen Jungs aufgelauert haben und durch den Matsch vom Regentag zogen. Ihr Vater kümmerte sich dann um ihn und brachte ihm im Studio ein paar Verteidigungstricks bei. So kam er dann zum Kickboxen und nutzte jede Minute dazu ins Studio zu gehen, später dann im Verein. Nun ist er schon drei Jahre dabei und kann sich mittlerweile sehr gut behaupten. Niemand legt sich mehr so schnell mit ihm an.

206. Tangaroa und Bettina XIII – Der Beginn einer besonderen Freundschaft

Kapitel 206
 

Tangaroa und Bettina XIII – Der Beginn einer besonderen Freundschaft
 

Gegen 14:18 Uhr geht die Tür auf. Sora, die Managerin und Trainer Simon betreten zuerst den Gastraum. Gefolgt von den anderen. Sofort geht Tina auf sie zu und begrüßt sie freundlich.

„Herzlich willkommen. Bitte folgen Sie mir. Wenn auch spontan, aber der Raum ist frei, da können Sie sich dann frei bewegen. Wenn Sie es wünschen können wir die Schiebetür schließen. Wir freuen uns sehr, Sie bei uns zu haben.

Die kleine Begrüßung geht aufs Haus. Sekt und Limonade.“

„Wir sind sehr neugierig. Tut uns leid, dass wir spontan kommen. Tangaroa hat uns den Mund so wässrig gemacht, als er zum Training kam und erzählte, dass er danach herkommen will.“, spricht Sora freundlich zu ihr.

„Es klappt doch alles noch. Immer rein in die gute Stube.“, lächelt sie ihn an.

„Ein neuer Anblick, würde ich sagen. Ich war lange nicht mehr hier.“, sagt der Trainer begeistert.

„Das hätten wir schon früher mal machen sollen. Mit Delfine war ich oft nach der Arbeit hier essen. Es hat immer sehr gut geschmeckt und wir sind die französische Küche gewohnt. Die Messlatte ist also sehr hoch.“, lobt er.

„Stimmt, daran kann ich mich noch erinnern.“, schmunzelt Tina und wie immer, wenn sie ihn sieht, muss sie an die seltsame Situation denken, als sie zufällig ihren Heiratsantrag mitbekam. Damals wollte sie doch nur einen Beutel Kräutertee aus dem Besprechungsraum holen, für später dann, aber dann kamen plötzlich diese seltsamen Geräusche und Laute und entsetzt schlich sie sich wieder davon.

Tina muss heute etwas lächeln dabei, weil ihr mal wieder diese Erinnerung kommt. Die Managerin reicht ihr die Hand und bedankt sich freundlich für die spontane Aktion.

„Das ist wirklich toll geworden. Vielen Dank. Die Männer freuen sich sehr. Vereinzelnd waren einige schon mal hier. Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Gaststätte haben.“

„Oh, das hänge ich bewusst nicht so an die große Glocke, sonst stehen hier bald nur noch Fans rum, die Autogramme wollen. Mir ist wichtig, dass die Leute herkommen, denen es hier einfach gefällt.“

„So kann man das auch sehen, stimmt.“ Sie gehen an ihr vorbei. Carsten und Anja stehen bereits zum Empfang im Eingangsbereich des Saals und begrüßen jeden Einzelnen mit zwei Tabletts. Carsten hat die Limonaden und Anja den Sekt. Jeder kann sich ein Glas nach Belieben nehmen.

Mittendrin zwischen den vielen anderen Spielern tauchen auch Tangaroa und Sasuke auf. Sie lächeln Tina fröhlich an und grüßen neutral wie die anderen. Natürlich freut er sich besonders, seine Liebste anzutreffen, jedoch weiß er auch, dass es vorerst geheim bleiben muss, sonst würde es seltsam aussehen und dem Geschäft des Studios vermutlich schaden. Die Leute könnten etwas falsch verstehen.

‚Tina, wie schön du wieder bist. So ein hübsches Kleid hast du an. Traditionell mit der frechen Bluse.‘ Sasuke bemerkt Tangaroas Reaktion und stößt ihn etwas leicht an.

‚Bleib mal locker, Großer. Du hast das hier jetzt angezettelt, da musst du durch.‘

„Hi, Tina.“, sagt Tangaroa dann nur etwas nachdenklich.

„Was denn? Immer noch so schüchtern? Genießt eure Zeit. Habt ihr wenigstens gewonnen?“

„Ja klar! Wir gewinnen doch immer. Die Weltmeisterschaft wird viel härter.“, erklärt Sasuke dann frei raus. Sie gehen dann wie alle anderen weiter durch und nehmen sich ein Glas. Zum Schluss betreten Jun und Martin die Gaststätte und gehen zu Tina.

„So, das waren alle. Guten Tag Tina.“, wird sie von beiden begrüßt.

„Kommt erst einmal zum Tresen.“ Beide setzen sich an die Theke.

„Ich komme gleich zu euch, wir nehmen die Getränke auf und verteilen die Karten.“
 

„Herzlich willkommen alle zusammen. Wir freuen uns wirklich sehr Sie hier begrüßen zu dürfen. Mein Lehrling geht gleich mit den Speisekarten rum. Natürlich kann a la Carte bestellt werden. Ich habe noch 30 Mecklenburger Rippenbraten mit hauseingelegten Backpflaumen, Salzkartoffeln und Rotkohl. Wer davon einen möchte bitte einmal die Hände hoch.“, grinst Tina. Sie notiert sich die Anzahl je Tafel und Carsten verteilt dann die Speisekarten an die, die etwas anderes essen möchten.

„Habt ihr auch vegetarische Gerichte?“, wird er von der Managerin gefragt.

„Ja, schauen Sie ab Seite fünf. Ansonsten sind alle Beilagen auch miteinander mischbar oder einzeln bestellbar. Zum Beispiel der Rotkohl und Klöße oder Kartoffeln. Manche Gäste möchten nur mal das probieren, ohne Fleisch.“

„Das klingt gut. Vielen Dank.“

„Sehr gerne. Die Bestellung machen Sie dann bei Frau Fuchs.“
 

Später am Tresen:

Tina poliert mit Carsten zusammen die Gläser und macht die Getränke fertig. Sie stellt den beiden Männern am Tresen je ein Glas Wasser hin.

„Carsten, jetzt wird wie folgt vorgegangen. Wir beginnen mit dem Bier. Du hältst das Tablett so und ich stellte dir die Gläser rauf. So bekommst du schon ein Gefühl dafür. Dann gehen wir zu den Gästen und ich nehme dir ein Glas nach dem anderen herunter. So kannst du ausbalancieren und mir dann nach und nach hinterher gehen. Du musst nur freundlich lächeln und nichts sagen.“

„Das sagst du so einfach. Die Männer…sind voll cool.“, äußert er etwas unsicher. Tina ist verwundert, denn sie kennt ihn nur selbstsicher und locker.

„Das sind sie, ich weiß. Ich wusste gar nicht, dass du Rugby magst. Vergiss nicht. Du bist mein Helfer, weiter nichts. Also denk immer an die Rangordnung. Anja ist die Einzige, die über mir steht, und du ganz unten. Du weißt was ich damit meine, oder?“

„Ja natürlich. Ich habe meine Klappe zu halten. Sag es doch gleich so.“

„Gut, Mund zu, egal was ist. Du beantwortest auch keine Fragen. Nur wenn jemand was möchte, dann verweist du auf uns und gibst uns die Info weiter, damit wir bedienen können.“

„Ich bemühe mich.“

„Immer cool bleiben, du packst das schon. Die Männer sind doch alle sehr nett.“

„Jo, das kann ich nur bestätigen. Wir haben gestern sogar noch nach den Fotos etwas zusammengespielt. War echt lustig.“, meint Martin erfreut.

„Mit ihnen gespielt? Haben Sie früher Rugby gespielt, Herr Müller?“

„Ja, in meiner Jugend. Volleyball und Rugby. Mit Judo und Aikido habe ich dann erst später angefangen. Meine Mutter war Volleyballerin und mein Vater Ringer. Also musste ja was irgendwo dazwischen bei mir rumkommen. Meine Schwester hingegen spielt Basketball, auch nur freizeitlich.“, plaudert er und ist einfach erfreut mal wieder mit jemanden in Deutsch zu reden.

„Cool. Eine richtige sportliche Familie.“ Kurz darauf geht es auch schon zu den Gästen im Festsaal.
 

Bald sind die Salate und danach die Hauptgerichte auf den Tischen und wieder gibt es neue Getränke.

Carsten hat sich bereits an seine Aufgaben gewöhnt und seine großen Stars bedient er sehr gerne. Er soll erneut die leeren Gläser abräumen und geht eine Tafel nach der anderen durch. Überall schnappt er die unterschiedlichsten Gespräche auf. Unter anderem auch eines welches ihn dann stutzig macht.

„Was glaubst du, wie wird das Kochbuch werden? Ich bin sehr gespannt.“

„Darauf freue ich mich auch schon.“

An anderer Stelle schnappt er folgendes auf:

„Ich wüsste ja zu gerne warum sie ihr Studium wirklich aufgegeben hat.“

„Das werden wir wohl alle nie erfahren.“

„Gute Frage, wenn man erst an der Uni ist, kann man doch auch das Fach wechseln, wenn es einem nicht gefällt. Ist besser als exmatrikuliert zu werden.“ „Glaubst du echt, Tora-san hat das nicht gepackt? Ich weiß nicht. Sie ist doch sehr klug.“

„Eine sehr gute Strategin, sagt Sora immer wieder mal.“

„Mag ja sein, aber manche sind sich unsicher wie sie die schweren Aufnahmeprüfungen überhaupt geschafft hat. Ich zweifle da nicht dran, aber in nur drei Jahren Oberschulzeit, neue Sprache und so weiter, dass man da so schnell mitgekommen ist…ist schon unwahrscheinlich. Andere schaffen das ihr Leben lang nicht.“

„Also ich finde es auch etwas zu schwer, aber irgendwie wird sie es geschafft haben. Tina hatte schon immer viel Ehrgeiz.“

„Warum dann aber nur, geht sie und verlässt die Uni?“

„Ich glaube nach dem Tod der Eltern hat sie sicher lange getrauert. So hat sie es der Presse doch verkündet. Ob sie immer noch trauert?

Manche zweifeln doch tatsächlich noch, ob sie die Prüfungen wirklich bestanden hatte.“

„Ich bin davon überzeugt, dass sie es geschafft hat.“

„Ich auch.“

„Manchmal gibt es schon böse Gerüchte.“

„Also Sora und Tangaroa, sogar Sasuke sind voll davon überzeugt, dass sie sehr viel gelernt hat. So sehe ich das auch, aber andere zweifeln eben daran.“

„Was sagen andere denn so?“ Es wird flüsternd geantwortet. Kurz darauf wird es etwas laut im Saal und Carstens Stimme erhebt sich.

„Das würde sie niemals tun!“, haut er wie erbost raus und sieht die Männer entsetzt an. Durch seine Reaktion rutscht ihm ein Glas vom Tablett und fällt zu Boden. Es zerspringt in viele kleine Splitter.

Tina steht in dem Moment am Tresen und unterhält sich mit einem neuen Gast, der sich an den Tresen gesetzt hat und schaut auf. Martin ist inzwischen gegangen. Sie ist verwundert, stellt das angefangene Bierglas unter dem Zapfhahn ab und geht sofort zu den Männern am Tisch.

„Bitte entschuldigen Sie ihn. Er ist noch jung und muss lernen.“ Sie nimmt Carsten das Tablett mit den leeren Gläsern aus der Hand und sieht streng zu ihm.

„Mach das weg und dann gehst du ab jetzt hinter den Tresen. Mach die Getränke fertig.“, fordert sie ihn auf und sofort verlässt er den Raum.

„Es tut mir leid für die Unannehmlichkeiten, kann ich Ihnen etwas bringen?“

„Der Junge hat was falsch verstanden. Tut mir leid.“, spricht der Spieler einsichtig und lächelt sie freundlich an.

Carsten kommt mit Besen und Schaufel wieder, bückt sich und macht sauber, während Tina die Gäste bedient. Danach steht er angesäuert am Zapfhahn und schenkt für den neuen Gast am Tresen ein Pilsener ein. Sein Blick ist zornig und sein Puls noch immer in der Höhe.

„Was ist passiert? Meckerei von der Chefin wegen einem kaputten Glas?“ Carsten kommentiert den Gast nicht und brummt nur etwas. Nachdenklich starrt er das Glas in seiner Hand an.

‚Wie können andere denn nur so denken? Das ist nicht fair. Tora-san hat so viel für ihren Erfolg getan. Wieso denken einige Leute so schlecht über sie?‘

„Egal was die gesagt haben, der Mensch hat zwei Ohren. In eines gehts hinein und beim anderen wieder raus. Schalte bei sowas einfach auf Durchzug. Tina muss das auch jeden Tag machen.“, kommen wieder freundliche ruhige Worte, nur diesmal auf Deutsch. Carsten dreht sich zum Gast um. Er ist Japaner, trägt ein Basecap, welches er bis tief an die Nase heruntergezogen hat, so dass man sein Gesicht nicht sehen kann. Carsten stellt ihm das Bier hin.

„Das sagen Sie so einfach. Lassen Sie es sich schmecken. Möchten Sie auch etwas essen?“

„Ja, ich habe bei Tina schon Leber mit Zwiebeln und Kartoffelstampf bestellt. Das ist immer lecker.“, klingt es freudig. Dann wird von dem Bier etwas getrunken. „Okay. alles klar.“ Carsten geht zur Besteckschublade und holt Besteck für ihn heraus und legt es ihm mit einer Serviette zusammen hin.

„Danke.“ Kurz darauf kommt Tina wieder und gibt Carsten ein Zeichen ihr zu folgen. Somit verschwinden beide in der Küche. Anja verbleibt am Tresen. Sie gehen in die Backstube, da dort gerade niemand ist.

„Und? Weißt du was dein Fehler war?“, spricht sie ernst, aber ruhig.

„Tut mir leid, aber der eine hat so gemeine Sachen gesagt.“

„Wie gemeine Sachen?“

„Naja, die haben darüber geredet ob du wirklich die Prüfungen für die Uni geschafft hast. Sowas eben, was andere reden.“, murrt er.

„Hör zu: Es ist unerheblich was Gäste sagen. Ihrer Unterhaltung hast du niemals beizuwohnen und schon gar nicht zu beurteilen.“

„Aber...“, hebt er seine Stimme.

„Nichts Aber. Und wenn die den Dritten Weltkrieg bereden, hast du nicht zu urteilen. Klar? In dem Moment, wenn du beim Gast stehst, gehst du auch etwas wie eine Verschwiegenheit ein. Hier in Japan ist das besonders wichtig. Niemand hat zu urteilen was Gäste miteinander sprechen. Wenn es so wäre, würde niemand mehr in die Lokale gehen oder in ein Hotel einchecken, okay? Hier hast du zu schweigen.

Und die Gespräche bleiben nur in deinem Kopf, sie gehören niemanden. Stell dir nur mal vor die Leute, die diese Love-Hotels nutzen würden beurteilt werden und bleiben nicht anonym? Das wäre doch furchtbar.“

„Okay. Ich habe es kapiert. Ich mag es aber trotzdem nicht, wenn jemand so über dich denkt.“, brummt er etwas, aber ist einsichtig.

„Ich kenne diese Gerüchte und ich denke nicht, dass diese Männer dort so über mich denken. Sie würden doch dann nicht herkommen oder ins Programm einsteigen. Sie sagten mir, sie haben sich lediglich über diese Gerüchte unterhalten. Kommt das hin?“

„Ja, das stimmt. Sie selbst scheinen das nicht so zu sehen.“

„Siehst du? Ein Grund mehr nicht zu reagieren. Dann ist doch alles gut. Sei froh darüber. Was meinst du? Kannst du wieder zu ihnen oder willst du lieber am Tresen bleiben?“

„Ich bleibe am Tresen. Ist mir lieber.“

„Okay. Mit solchen Situationen umzugehen muss man lernen. Also denk dran, nicht mit Gästen reden, wenn es nicht nötig ist. Und wenn du sowas hörst, hast du zwei Ohren. In einem rein, am anderen wieder raus. Einfach auf Durchzug schalten.“, grinst sie und klopft ihm dann auf die Schulter.

„Du weißt was wirklich Sache ist, das ist doch das Wichtigste. Du weißt doch wer ich bin und nur das zählt, nie die Meinung anderer.“

‚Nanu? Den gleichen Spruch hat der Gast doch eben auch gesagt. Ist ja seltsam. Die scheinen sich zu kennen. Immerhin kann er Deutsch sprechen. Es ist immer wieder komisch, wenn Japaner Deutsch sprechen.‘

„Carsten, sag mal. Du würdest doch ganz sicher auch niemandem von dem erzählen, was hier im Betrieb besprochen wird oder passiert, oder?“

„Bist du verrückt? Natürlich nicht.“

„Du würdest also den Mund halten, egal wer sich hier mal rumtreiben würde?“

„Auf jeden Fall. Wie kannst du sowas fragen? Und wenn der Sohn vom Tenno persönlich hier ist und durch die Küche marschiert und mit Fane flirtet, ich würde das niemanden sagen.“, spaßt er etwas. Tina muss plötzlich herzhaft lachen.

„Das nenne ich eine Vorstellung, wow, jetzt habe ich Kopfkino. Das muss ich mir als Witz aufheben, wenn ihr Mann das nächste Mal zu Besuch kommt. Mal sehen was der dazu sagt.“

„Ihr Mann? Fane ist verheiratet? Oh. Das wusste ich nicht.“

„Ja das ist sie.“

„Wie alt ist sie denn schon?“

„Erst 21, warum?“

„Naja, ich verstehe. Ein Jahr jünger als du. Früher haben viele Leute in dem Alter geheiratet.“

„Stimmt, aber sie haben schon vor zwei Jahren geheiratet.“

„Okay. Ich könnte mir das jetzt gar nicht vorstellen in drei Jahren heiraten? Wow. Naja…meine Freundin hat ohnehin gerade andere Sachen im Kopf.“, murmelt er vor sich hin und schaut zur Seite.

„Oh, du hast eine Freundin. Ist doch schön. Geht es ihr denn nicht gut?“

„Sie muss ständig nur auf ihren kleinen Bruder aufpassen und wir haben dadurch kaum Zeit uns überhaupt mal zu sehen.“

„Ich verstehe. Lass uns später mal reden. Wir sollten wieder vorgehen.“

„Tina, sag mal. Woher kennst du Makoto? Er sagte, ihr kennt euch schon seit seiner Kindheit?“

„Ja, das stimmt. Ist eine komplizierte Geschichte. Wenn, dann muss er sie dir mal erzählen. Ich weiß nicht ob er das überhaupt will. Lass ihn erstmal ankommen. Ich habe bereits bemerkt, dass ihr gut miteinander klarkommt.“

„Ja, er ist wirklich sehr cool. Einfach der Wahnsinn, so ein Star hier als Kollegen im selben Alter. Also, äh, nichts gegen dich, aber ein Junge im selben Alter ist schon toll.“

„Das ist auch für euch beide gut. Ihr seid sehr verschiedene Männertypen und werdet euch gut miteinander einarbeiten. Das ging doch vorhin schon gut los. Wenn es um fachliche Fragen geht, frag ihn ruhig. Wie ich dieses Lexikon kenne, hat er schon alle theoretischen Infos im Kopf und langweilt sich schon vor Lehrbeginn in der Schule. Das ist aber auch gut, denn er muss wie ich seine Arbeit als Profisportler machen. Das ist nun mal der wirkliche Job. Du hast ja sicher schon bemerkt, dass ich nicht so oft da bin. Wenn du nachher erst richtig anfängst und in die Berufsschule gehen musst, dann wirst du es noch mehr merken. Ich gehe nur für Pflichtstunden hin, um Arbeiten zu schreiben oder mal bestimmte Fächer zu besuchen. Die Schulzeit liegt in meiner Trainingszeit, das macht es eben schwerer alles unter einen Hut zu bekommen. Oft gehe ich nach dem Training fix hin, schreibe meine Klausuren nach und hau wieder ab. Bei Yoko ist das ähnlich. Und bei Makoto wird das am Ende auch so ablaufen, eher so wie bei einem Fernstudium. Als Sportler kann man das dann so einrichten. Man muss nur eine Art Schulgebühr zahlen, um sich quasi freizukaufen.“

„Klingt interessant. Könnte ich das auch machen, wenn ich im Sport deutlich besser wäre und zu Turnieren fahren müsste?“

„Theoretisch ja, aber ich empfehle es dir nicht. Du solltest den normalen und einfachen Weg gehen, dann findest du schneller Freunde. Das ist schon okay so.“

„Hm. Freunde. Das klingt ja echt komisch. Das klingt als hätte ich keine. Du bist in letzter Zeit echt komisch.“, meint er betrübt. Tina sieht ihn verwundert an.

„Was meinst du? War es falsch, dir die Wahrheit zu sagen?“ Carsten geht ihr aus dem Blick und schaut zum Sandsack, der an die Decke gezogen wurde.

„Früher hast du dich anders ausgedrückt. Du hättest mir nur geraten was ich machen soll, aber beleidigt hättest du mich nicht.“, spricht er seinen Gedanken vorsichtig aus. Sie sieht ihn nachdenklich an.

‚Er hat Recht. Das klang wirklich nicht nett.‘

„Tut mir leid. Du hast Recht.“, haucht sie leise. Sein nachdenklicher Blick zum Sandsack erinnert sie sehr an Georg. Ihr Vater schleppte ihn eines Tages an und brachte ihm hier ein paar Grundlagen bei.

„Tut mir leid, Carsten, du vermisst ihn auch sehr.“ Sie stellt sich neben ihn und legt ihre Hand auf seine rechte Schulter. Auch Tina schaut hoch zum Sandsack.

„Ich vermisse sie beide auch sehr. Glaube mir, das tut wahnsinnig weh.“, spricht sie ehrlich aus. Jeden Tag, wenn ich hier bin, in die Bäckerei komme oder das Büro betrete. Auch zu Hause, überall sind sie.“

„Wann ist dieses doofe Gefühl vorbei?“

„Niemals, aber es wird irgendwann erträglicher. Standet ihr euch so nahe, dass es dich wirklich so mitnimmt?“

„Tina...ja. Du kannst es nicht wissen. Du kennst ja meine Vorgeschichte nicht. Georg...er war...mir mehr ein Vater als meiner es je gewesen ist. Und...Gesine...sie war eine perfekte Mutter...perfekt, um sie zu ersetzen. Irgendwie...hatte ich immer das Gefühl...bei euch willkommen zu sein.“

„Du hast Recht. Ich weiß im Grunde gar nichts über dich, nur, dass du meine Eltern sehr mochtest. Ich habe mich einfach nur darauf verlassen, dass sie dir vertrauen.“

„In meiner Naivität habe ich damals tatsächlich gehofft, sie würden mich als Pflegekind aufnehmen oder…adoptieren. Aber…das ging ja nicht. die Pflegschaft hatten sie sogar in Betracht gezogen.“, berichtet er leise und lächelt dabei. Sein Herz schlägt unwahrscheinlich laut. Der Gedanke daran, dass er so tolle Eltern haben würde machte ihm damals mit gerademal 13 viel Hoffnung.

„Wirklich? Glaubst du echt, sie hätten das gemacht? Davon höre ich zum ersten Mal.“, wundert sie sich.

„Ja, sie wollten sich später nochmal erkundigen, bei Freunden, ob es einen Weg gäbe mich aus diesen dämlichen Wohngruppen zu holen. Aber naja…dann kam nie eine Antwort.“

„Lass uns wieder reingehen.

Und grüß deine Mutter das nächste Mal von mir, wenn du sie besuchst, okay? Geht es ihr denn inzwischen besser?“ Er macht plötzlich Fäuste und schaut wieder runter zu ihr.

„Sie…ist nicht in einer Klinik, wenn du das meinst. Ich weiß noch nicht…wann ich sie wieder besuchen darf.“, murmelt er mit fester Stimme.

„Wieso solltest du deine Mutter nicht besuchen dürfen?“ Er dreht sich um und löst sich von ihrem Griff und sieht sie mit einer Träne in den Augen an.

„Sie ist…im Gefängnis.“ Tinas Puls rast plötzlich und etwas Angst macht sich in ihr breit. Die ganze Zeit dachte sie seine Mutter sei schwer krank und liege in einer Klinik für alte und kranke Leute.
 

Ein paar Minuten später stehen beide wieder hinter dem Tresen und bereiten die nächsten Getränke vor. Die Nachspeisen werden von den Nationalspielern in Windeseile verspeist.

„Deine Gäste sind heute aber sehr hungrig und trinken viel.“, kommt in Deutsch leise vom Gast mit Basecap.

„Was hast du erwartet? Die hatten vorhin ein Spiel.“, murrt Tina ihn etwas an. „Ich bin trotzdem erstaunt.“, antwortet er ruhig und etwas angespannt.

‚Was ist denn heute mit ihr los? Jetzt murrt sie mich plötzlich so an? Vorhin war doch noch alles gut.‘ Carsten äußert sich dazu nicht und hört dem Gespräch nur zu.

‚Tina ist irgendwie angespannt. Ich glaube ich hätte ihre Eltern vorhin nicht erwähnen dürfen. Das war mein Fehler.‘

„Tut mir leid, Tora-san.“, sagt er flüsternd zu ihr, als er direkt neben ihr steht. Tina wundert sich nur.

„Was meinst du?“

„Na das vorhin…unser Gespräch. Ich wollte keine Wunden aufreißen. Sorry.“, kommt betrübt.

„Schon gut. Mach einfach jetzt deine Arbeit. Es ist alles okay.“, meint sie ernst und bringt dann die Getränkebestellung zu den Nationalspielern. Carsten sieht ihr betrübt nach. Genzo stutzt etwas.

‚Irgendwas stimmt doch nicht und der Kleine hat etwas damit zu tun.‘ Jun schräg neben ihm flüstert.

„Ich kenn dieses Gesicht. Mach dir nichts draus. Sie ist schon seit Tagen komisch. Wobei sie an sich gut gelaunt ist. Was nun wieder ist, keine Ahnung.“

„Ich weiß nicht. Muss ich mir Sorgen machen? Oder ist alles okay?“, kommt von Genzo zurück.

„Frag sie am besten später selbst.“

„Das mache ich.“ Anja kommt wieder an den Tresen und bereitet sich die nächsten Getränke vor, während Carsten die Gläser poliert.

„Jun, es war eine tolle Idee, dass die Männer herkommen. Die anderen Gäste fragen schon die ganze Zeit nach, wer das ist. Darf ich es ihnen sagen?“

„Natürlich, ist doch die perfekte Werbung. Sag ihnen ruhig, dass es über Tina, Martin und mir ein Fitnessprogramm für ganze Teams gibt. Wenn sie Fragen haben, dann komme ich gerne zu ihnen. Aber in einer Stunde muss ich dann los zum Training.“

„Oh, du musst echt noch los? Ist dein Training nicht morgens?“

„Ja, aber wir bereiten die Olympiade vor und da gibt es auch abends Termine.“ „Ach so, ist das so? Aber ist es dann nicht etwas spät für die Männer hier, wenn sie jetzt erst ins Programm einsteigen? Lohnt das noch bis dahin?“

„Rugby ist doch nicht olympisch.“, haut Carsten dann plötzlich wie pikiert raus und sieht Anja an.

„Was mischt du dich denn da jetzt ein?“, murrt sie ihn an.

„Sorry.“ Plötzlich klirrt es in seinen Händen. Da er mit seinen Gedanken woanders ist hat er nicht aufgepasst, dass das Glas in seinen großen Händen viel zu dünn ist und er packte zu doll zu, als er mit dem Handtuch hineinging.

„Es…tut mir leid.“, sagt er selbst von sich erschrocken und hält sich die Hand fest, damit das Glas mit seinen Einzelteilen im Tuch bleibt und nicht noch die Splitter herunterfallen. Sein Fingerknöchel wurden etwas angeschnitten und er blutet ein wenig. Das Handtuch wird langsam rot.

„Carsten, was ist denn mit dir los? Gönnst du uns die schönen Biergläser heute nicht?“, spricht Anja ernst, aber auch mit einem besorgten Unterton.

„Ich…tut mir leid. Ich gehe nach Hinten und bringe das in Ordnung.“ Kurz darauf drängt er sich an ihr vorbei und geht durch die Pendeltür. Sein Herz rast wie benommen. Es geht nicht um das Glas oder um das Blut, sondern eher darum, dass er nicht bei der Sache ist und wich zu sehr darüber aufregt, was manche Leute so lästern.

Wenig später entscheidet sich Jun ihm zu folgen, um nach seiner Wunde zu sehen.

„Ich helfe ihm.“ Kaum hat er die Küche betreten, sind Roland und Fane erstaunt, dass er überhaupt da ist.

„Ach, was machst du denn hier?“, kommt von Fane.

„Hallo Fane, wo ist Carsten hingegangen?“

„In die Spülküche.“ Er biegt ab, aber sehen kann er niemanden, also geht er an der Spüle vorbei und will die Tür zur Bäckerei öffnen. Sie steht einen Spalt auf und er kann Stimmen hören. Plötzlich einen dumpfen Schlag.

„Verdammt! Ich hasse das!“.

„Nun reg dich mal wieder ab. So schlimm siehts nicht aus.“, kommen beruhigende Worte mit fester Stimme. Ein kleines Klacken ist zu hören.

„Darum geht’s doch gar nicht.“, murrt Carsten.

„Worum denn dann?

Jetzt halt still. Es war klug das Tuch in Ruhe nur auszuschütteln und dann erst abzunehmen. Das Blut geht bei der Wäsche wieder raus. Ebenso die feinen Splitter. Mir ist das anfangs auch oft passiert.“ Carsten schweigt und ist sehr erstaunt, dass sich ein großer Volleyball-Star wir Makoto überhaupt um ihn kümmert. Ein Japaner, in seinem Alter, der doch so stolz und stark ist und unwahrscheinlich beliebt. Auch die Mädels reden viel über einen Jungen wie ihn. Dass er ihn jemals persönlich kennenlernen würde, daran war bisher kaum zu denken. Und nun ist er sogar so nett und will ihm seine Knöchel reinigen und mit Pflaster versehen.

„Danke, warum machst du das überhaupt?“ Makoto sieht ihm verwundert in die blauen Augen.

„Warum denn nicht? Machen Kollegen sowas etwa nicht?“

„Äh, schon, aber ich bin kein Japaner und…bisher war nie ein Japaner in meinem Alter nett zu mir.“, spricht er frei raus, denn er hat das Gefühl, dass man mit ihm frei reden kann. Seine Schüchternheit von Früher ist ebenso nicht mehr so stark. Durch das Kennenlernen mit Georg und Gesine stieg sein Selbstbewusstsein von Tag zu Tag.

„Was kennst du denn für komische Leute? Du sprichst doch so gut Japanisch, da musst du doch hier aufgewachsen sein. Hast du keine japanischen Freunde?“

„Nö, nur meine Freundin. Keine Jungs, wenn du das meinst. Ja, ich bin hier geboren und aufgewachsen.“

„Hm, verstehe ich nicht, du bist doch nett. Aber immerhin eine Freundin hast du schon. Das ist doch was. Ist sie denn Japanerin?“ Carsten lächelt verlegen.

„Ja, eine total hübsche, ganz lieb und klug.“

„Was interessieren dich dann die Jungs? Hat man einen Freund, dann hat man doch was man braucht. Ich habe auch nicht viele Freunde, also so richtige. Aber ich bin ohnehin kein Maß. Ich bin total der Sonderling, also brauche ich auch nicht viele. Lieber ganz wenige, aber man kann sich auf sie verlassen.“ Carsten schweigt. Makoto sagt ihm das so trocken, als wäre es total normal.

„Verstehe ich nicht. Du bist doch kein Sonderling, sondern total beliebt. Dir rennen die Mädchen doch nur so hinterher.“

„Was hat das mit Freunden zu tun? Die Fans kennen mich doch gar nicht. Wenn die mich kennen würden, würden sie wieder weglaufen. Ich wäre ihnen viel zu anstrengend.“

„Meinst du wirklich? Ich weiß nicht. Warum sollst du anstrengend sein?“

„Ich bin ständig nur unterwegs, Training, Spiele, jetzt hier, hoffe ich mal, Familie und dann die Werbetermine und so weiter. Da wäre keine Zeit mehr für jemanden. Und dann bin ich so ein penetranter Besserwisser, ganz schlimm.“, grinst er.

„Besserwisser? Ich fand es toll, dass du mir vorhin geholfen hast. Und die Zeit nimmt man sich dann einfach. May und ich treffen uns immer abends nach dem Training.“

„Da darf sie sich noch mit dir treffen?“

„Nein, nicht wirklich. Aber anders geht es nicht. Wenn ich vom Training heim gehe, treffen wir uns auf meinem Heimweg vor der U-Bahn oder im Park. Ich kann sie nicht zu mir einladen und sie ebenso wenig. Das ist echt doof und macht es schwer sich zu sehen, aber wir nehmen uns einfach die Zeit.“

„Euren Eltern ist das zu früh, was?“

„Nein, ich…wohne nicht bei ihnen, sondern…in einer Wohngruppe. Und sie in einer Pflegefamilie.“ Makoto sieht wieder zu ihm auf, als das letzte Pflaster aufgetragen hat.

„Kannst du nicht auch in eine Pflegefamilie?“ Carsten schüttelt den Kopf.

„In meinem Alter ist es ohnehin schwer, aber mich…will niemand haben.“

„Weil du kein Japaner bist?“

„Bin ich sogar, ich habe die japanische Staatsbürgerschaft, aber wenn die meinen Namen lesen oder mich sehen, lehnen die Paare ab. Keine Ahnung wieso.“

„Die sind einfach nur dumm und verbohrt. Fremdes ist Japanern zu wieder.

Sag mal, deine Hände sind wahnsinnig kräftig, sehen deine Arme auch so aus? Welchen Sport machst du?“ Carsten schiebt seinen Ärmel hoch und grinst stolz. „Ich bin Kickboxer. Das hat mir Georg beigebracht, also das Boxen. Der Rest kam dann dazu.“

„Georg? Er war ein wirklich toller Kerl.

Wow, ist doch cool. Ich mach nebenbei etwas Karate. Das schult meine Reaktionsfähigkeiten und ich habe dadurch schon den einen oder anderen guten Ball erfunden.“

„Echt jetzt? Wie cool. Würdest du…auch…mal gegen mich kämpfen? Ich…brauche unbedingt einen Trainingspartner.“

„Bist du nicht in einem Verein?“

„Schon, aber die sind alle viel älter und erfahrener als ich und…die nehmen das immer gleich alles so ernst.“

„Warum lernst du es denn? Ich dachte jetzt, du willst zu einem Wettkampf.“ Carsten schüttelt den Kopf.

„Ne, das interessiert mich nicht. Klar, wäre cool damit etwas Geld nebenbei zu verdienen, aber mir geht es nur darum mich und meine Freundin zu verteidigen. Freund eben oder später mal meine Familie oder so. Ich verabscheue Gewalt, aber verteidigen will ich mich können.“

„Ganz nach meinem Geschmack. Können wir gerne machen. Müssen wir sehen wie es zeitlich dann passt. Im Moment geht es gar nicht, da ich nur fürs Spielen trainieren kann. Ich fahre zur Olympiade, weißt du?“

„Echt? Wie geil ist das denn? Du kommst dann sicher Mega groß raus. So wie Tora-san.“

„Vielleicht. Mal sehen. Wird meine erste internationale Erfahrung.“

„Das wird sicher spannend.“ Makoto geht zur Ecke, wo die kleinen Bürosachen stehen und nimmt sich einen Notizzettel und einen Bleistift. Er schreibt seine Handynummer auf und reicht sie ihm.

„Ruf an, oder schick ne SMS. Dann können wir uns verabreden. Wir sehen uns ja erst wieder bei Schulbeginn und dann wegen der Olympiade so schnell nicht. Kannst mich jederzeit anrufen, ich rufe bei Zeiten zurück. Ich kann Roland ja fragen, ob er mich in der Berufsschule im selben Block anmelden kann wie du bist.“ Carsten ist erstaunt, dass er so offen ist und ihm einfach seine Nummer gibt. Er nimmt sie an sich und schaut auf den Zettel.

„Äh, danke. Tolle Idee. Du bist echt nett. Du…vertraust mir nach nicht mal einem Tag…deine Nummer an?“ Makoto sieht ihn skeptisch an.

„Wieso denn nicht? Willst du sie an die Fans verkaufen?“ Carstens Puls steigt plötzlich an und er schaut brummig.

„Was denkst du von mir?! Spinnst du? Ich…wundere mich nur.“

Plötzlich stellt sich Makoto direkt vor ihn und sieht ihm streng in die Augen. Ihre Köpfe sind auf gleicher Höhe und nur eine halbe Armlänge auseinander.

„Du bist ein richtiger Idiot, echt. Ohne Zweifel!“, sagt er dann voller Überzeugung. Carsten zuckt verdutzt zusammen, als er seinen Atem im Gesicht spürt.

‚Was…meint er denn jetzt? Und wieso kommt er mir auf einmal so derart nah?‘ Dann geht Makoto an ihm vorbei und weicht seinem Blick aus.

„Du kannst die Nummer auch wieder hinlegen, wenn du nicht willst. Ich dachte, wenn du keine Freunde hast, dann kannst du vielleicht einen gebrauchen, einen Freund oder jemanden in deinem Alter zum Reden. Ich lade dich ein zu der Handvoll Freunden in meinem Telefon zu gehören und du lehnst ab?“

„Aber…äh…so war das nicht gemeint, Makoto. Natürlich…freue ich mich über das Angebot. Ich…war nur so überrascht.“ Makoto dreht sich zu ihm um.

„Hast du eigentlich schon den Ausbildungsvertrag unterzeichnet?“

„Äh, ja. Warum?“

„Wenn ich auch hier anfange, denk an die Verschwiegenheitsklausel. Sie gilt für alle hier, auch dann für mich, nicht nur für Tora-san.“ Makoto öffnet die Tür zur Küche und sieht Jun an der Spüle stehen, wie er tut, als hätte er nichts gehört.

„Oh, Jun, wie kommts? Bist du mit den Männern hier? Ist Martin dann auch da?“, entgegnet er ihm dann fröhlich.

„Hallo Makoto. Dich hier anzutreffen ist wirklich eine große Überraschung. Da hast du uns ganz schön auflaufen lassen.“, grinst er ihn an.

„Es sollte eine Überraschung für Tina sein.“, wird zurück gegrinst und an den Korb mit dem sauberen Geschirr gegangen, um es wegzuräumen.

„So so. Warum bist du denn ausgerechnet hier? Die Überraschung ist dir wohl gelungen, würde ich sagen.“ Makoto legt den letzten Teller zur Seite und spült das nächste benutzte Geschirr vor.

„Ich hörte, Tina geht es nicht so gut. Und ich bin hier, um euch alle etwas aufzumuntern und um endlich mit Roland zu kochen. Das wollte ich doch schon seit unserer ersten Begegnung.“

207. Vertiefung einer Freundschaft

Kapitel 207
 

Vertiefung einer Freundschaft
 

Nach dem großen Ansturm der a la Carte Gerichte ist es ganz still in der Restaurantküche vom „De Mecklenburger“ und die Uhr über den Türen zeigen neben dem Datum 25.07.2005 auch eine Nachmittagszeit an. In der Backstube sitzen die Polizisten, welche mit den Zivilkollegen im Gastraum und Kommissar Saito aus der Ferne im Kontakt stehen. Roland und Makoto sind dabei die nächsten Salatbeilagen fertig zu schnippeln. Makoto ist mit seinem Part fertig und geht in die Spülküche, um das Messer zu reinigen und die Abfallschüssel zu leeren, als plötzlich die Pendeltür leise aufgeht, etwas zu leise für seinen Geschmack.

‚Nanu, Anja und Carsten treten sonst immer etwas kräftiger dagegen.‘ Er legt das Messer neben das Waschbecken, und tritt langsam zurück, um die Tür zur Backstube zu öffnen, leise, nur damit die Polizei mitbekommt, dass etwas nicht stimmt. In der Küche erscheint ein großer fremder Japaner mit einem Messer in der Hand. Er hält Anja in den Armen und hält ihr den Mund zu. Das Messer ist auf Roland gerichtet. Dieser richtet sich aufmerksam auf und sieht zu Anja. Sie ist völlig verängstigt und hat Tränen in den Augen.

„Rufen Sie Tora an. Sie soll herkommen, sonst muss die Kellnerin dran glauben!“, bedroht er ihn mit strengem Ton.

„Sie bedrohen einen japanischen Koch, der ein Messer in der Hand?“, reagiert er mit einem freundlichen und festen Ton. Kurz darauf wird es draußen im Gastbereich lauter. Irgendetwas geht dort vor sich und kurz ertönt ein leises Klacken, als würde man Gläser aneinanderstoßen, um anzustoßen.

„Spielen Sie hier nicht den Helden. Los, rufen Sie sie an, sonst muss dort draußen auch der Kellner dran glauben. Ich bin nicht alleine!“, geht der Kerl weiter in den Raum und bleibt neben der Durchgangstür zur Spülküche stehen. Er bemerkt Makoto, der neben der Spüle steht und sieht auch kurz zu ihm.

„Kleiner, los, geh zu deinem Chef und nimm ihm das Messer ab. Sofort!“, fordert er ihn auf. Makoto bleibt ruhig, hält die Hände hoch und geht langsam auf ihn zu. Er muss zwangsläufig an ihm vorbei, um zu Roland zu gehen.

‚Wie blöd ist der eigentlich? Wieso soll ich zu Roland gehen?‘, wundert er sich eher. Dann bleibt er mit einem getäuschten ängstlichen Blick neben ihm stehen und spricht ihn an.

„Bitte tun Sie uns nichts. Ich rufe Tora-san an. Sie müssen mich nur ans Telefon lassen.“, spricht Makoto selbstsicher.

‚Seltsames Küchenpersonal. Wieso sind die überhaupt nicht nervös? Das stimmt doch was nicht.‘ Der Mann wird unsicherer in seiner Position und hält plötzlich das Messer dichter an Anjas Hals.

„Wehe ihr spielt hier die Helden. Nix da. Du Küchenjunge, du gehst zum Koch rüber. Und er ruft an.“, fordert der Kerl dann verunsichert und schaut zu Roland. Genau in dem Moment nutzt Anja die Situation aus und beißt ihm in die Hand, Makoto nimmt ihn das Messer aus der Hand, indem er sein Handgelenk packt und den Arm nach unten schlägt, dass er das Messer loslässt und versetzt ihm einen Schlag an den Hals, damit er zu Boden sinkt. Sein Aufschrei durch das Zubeißen alarmiert die Polizei in der Backstube und es kommen zwei Beamte sofort hinausgestürmt. Makoto hält den Täter, der versucht sich zu wehren am Boden fest. Die Beamten nehmen ihn sofort fest. Er grinst zu Roland. Dieser grinst zurück. Anja geht sofort zu Roland rüber und er nimmt sie in den Arm.

„Alles okay?“, erkundigt er sich bei ihr und sie lächelt ihn glücklich an.

„Ja, alles gut. Ich…bin so froh, dass Andrea mit uns solche Situationen so oft durchgespielt hat. Carsten hat perfekt reagiert. Ich bin so froh.“, atmet sie tief durch und sieht ihm in die Augen.

„Beruhige dich…alles ist gut. Vorne sollte alles okay sein.“

„Ja, das mit dem versteckten Signal ist genial.“, schmunzelt sie.

„Ist bei Ihnen alles okay?“, erkundigt sich der Kommissar, der Vor Ort ist und geht auf die beiden zu. Kurz darauf ertönt sein Funk und es kommt ein positiver Rückruf.

„Gastraum gesichert!“, wird gesagt. Kurz darauf öffnet sich die Pendeltür erneut und Carsten kommt mit einem Kühl-Pad auf dem Kopf in die Küche und grinst vor sich hin.

„Anja, alles okay bei dir?“ Makoto schaut ihn verdutzt an.

„Was ist passiert? Alles okay bei dir?“, fragt er nach.

„Alles gut, nur ne kleine Beule. Der Polizist wollte auf den Täter eindreschen, der mich bedrohte und der hat sich dummerweise doof gedreht, da bekam ich den ersten Schlag mit dem Knüppel ab. Aber keine Sorge, den Kerl habe ich dann selbst eine reingehauen und dann lag er auch am Boden.“, lacht er. Die Handschellen klackten zu und die Beamten bringen den Täter aus der Küche nach vorne in den Gastraum. Kaum sind sie vorne, da klacken schon die nächsten drei Handschellen und alle Täter werden abgeführt. Ein Beamter kommt auf Carsten zu und entschuldigt sich gefühlt hundert Mal für seine falsche Handhabung des Schlagstocks.

„Alles gut. Ich leb ja noch.“, meint er nur zu ihm und grinst. Der Kommissar greift zum Funk und informiert Takeru über den aktuellen Stand.
 

Etwa zwei Stunden später sitzt das Personal am Personaltisch und macht nach über einer Stunde endlich Pause. Die Polizei ist gegangen und es ist wieder still in der Gaststätte. Das Lokal ist geschlossen.

„Wow, das war ein Tag.“, haut Carsten heraus. Roland steht auf und hält eine kurze Rede. Er hat ein Glas Saft in der Hand.

„Leute…ich bin wahnsinnig stolz auf euch. Jungs, ihr habt viel Mut und Stärke bewiesen. Anja, du bist trotz der Gefahr ruhig geblieben und konntest ebenso Andreas Plan durchziehen. Das ging alles nur so gut aus, weil wir das immer wieder geübt haben und ihr alle ruhig und besonnen geblieben seid.

Ein Hoch auf einen gelungenen „Scheiß-Tag“!“, grinst er. Alle beginnen zu lachen und zusammen stoßen sie mir ihren Gläsern an.

Wenig später gehen Roland und Anja ins Büro.

„Wir müssen noch ein paar Nachbesprechungen machen, Jungs. Räumt ihr bitte schonmal alles für den Feierabend auf?“ Es wird natürlich zugestimmt und die beiden gehen ins Büro.
 

Carsten nimmt den letzten Schluck von seiner Cola und grinst Makoto an.

„Die beiden glauben doch wohl nicht im Ernst, dass wir an einer Nachbesprechung denken, wenn sie wieder alleine verschwinden.“ Makoto sieht ihn nur überrascht an.

„Wieso denn nicht?“

„Also echt mal, die knutschen bestimmt rum und er tröstet sie jetzt, weil sie eine Geisel war.“ Makoto steht auf und geht etwas desinteressiert mit den leeren Gläsern zum Tresen.

„Ist doch egal was die machen. Hauptsache Anja kann wieder unverletzt zu ihren Kindern zurück und sie heute Abend in die Arme nehmen. Was interessiert mich das, wenn die beiden rummachen?“ Carsten steht auf und folgt ihm mit seinem leeren Glas. Beide stehen nun am Tresen und reinigen die Gläser.

„Manchmal bist du echt komisch. Überhaupt bist du seit Wochen so komisch drauf. Was hast du überhaupt gemeint, als du gesagt hast, dass dein Bruder in der Klinik war? Was hat er denn? Du hast nie von ihm gesprochen. Ich kenne nur den Kleinen. Aber du hast zwei Brüder, nicht wahr?“

„Richtig. Stört dich das?“

„Warum sollte mich das stören? Ist doch schön, wenn man Geschwister hat. Ich bin alleine, das nervt und langweilt.“

„Ich habe einen älteren Bruder. Der ist so alt wie Tina. Aber er war eine Weile im Kontakt mit Drogen, Herion, wenn man es genau sagen soll. Und dann war er im Entzug. Das ging auch ne Weile gut, aber dann kam vor gut 6 Monaten ein Rückfall. Ich weiß leider immer noch nicht wieso, einfach aus heiterem Himmel und dann war er wieder in der Klinik und kam raus. Naja. Vier Monate Ruhe, alles schick, neue Ausbildung und so. Er hatte endlich Anschluss gefunden…und dann vor drei Wochen…ging es wieder los. Deswegen war ich nicht da. Ich war die Woche in der Klinik mit ihm.“ Carsten sieht ihn entsetzt an.

„So alt wie Tina? Oh, das tut mir echt leid. Warum kümmert sich dein Vater denn nicht um ihn?“ Der Volleyballer stöhnt etwas genervt auf.

„Der schafft das nicht und gibt sich nur immer selbst die Schuld. Er ist nur arbeiten und hat auch keine Zeit. Also kümmere ich mich um alles.“

„Aber…was wird dann aus unserer geplanten WG? Wir wollten doch zusammenziehen?“, stutzt er plötzlich.

„Das können wir doch trotzdem. Warum sollte das jetzt nicht gehen?“

„Naja, es klingt so, als würdet ihr vier noch zusammenwohnen. Deswegen. Ich dachte die ganze Zeit, dass der Kleine bei deinem Vater wohnt und du jetzt alleine. Aber jetzt klingt es eher, als würdet ihr doch noch alle zusammenwohnen.“

„Nein, keine Sorge. Ich habe mir eine eigene Bude besorgt, das stimmt schon. Wir werden neben den dreien wohnen. So habe ich meine Ruhe, wenn ich sie brauche und trotzdem kann ich auf alle drei aufpassen. So in etwa wie ein Mehrgenerationshaus wo die Großeltern mit drin wohnen.“

„Oh. Ich verstehe. Und in deiner eigenen Wohnung wohnen wir dann zusammen? Jeder mit einem eigenen Zimmer?“

„Genau. Und deine Miete ist so wie besprochen. Du bist dann offiziell mein Untermieter, bzw. Vaters Untermieter.“

„Alles klar. Jetzt verstehe ich. Wann kann ich mir das denn ansehen?“

„Mal sehen, vielleicht heute Abend? Nach Tinas Spiel. Da wir nun schon Feierabend haben und zu ihrem Spiel gehen wollten, ist ja dann Zeit und ich habe auch Zeit, denn heute ist mein Vater dran auf Ichiro und den Kleinen aufzupassen. Er ist nun jeden Tag in so einer Art Tagesklinik. Er kommt also den ganzen Tag für Therapien und Aktivitäten in die Klinik und abends ist er wieder zu Hause. Das klappte nun die drei Tage sehr gut. Ich glaube das ist genau der richtige Weg, statt komplett in der Einrichtung über Nächte zu bleiben.“, erklärt er überzeugt.

„Ich finde die Idee auch gut. So kann er bei der Familie sein und trotzdem behandelt werden.“

„Denke ich auch. Tina hat mir damals schon so eine Behandlung empfohlen, aber ich konnte sie nicht bezahlen. Nun habe ich aber das nötige Kleingeld dafür, durch die neuen Vereinsverträge, neue Sponsoren und einem Zusatzverdienst durch eine Bekannte. So ein Extra-Job ist ne klasse Sache. Mit ihrem Zuverdienst kann ich die Klinik bezahlen. Die Klinik ist wirklich sehr teuer.“

„Ich kann mir denken, dass dein Vater es als LKW-Fahrer alleine nicht bezahlen könnte.“, bringt er sich ein.

„Sein Gehalt reichte gerade mal für unsere damalige Miete. Das stimmt.“ Carsten stellt das letzte polierte Glas ins Regal und legt das Handtuch zur Seite.

„Wenn hier die Mieten nicht so derart teuer wären, könnte man viel besser leben. Wir haben damals in einer winzigen Zweiraumwohnung gelebt. Ich hatte kein eigenes Zimmer und musste in der eigentlichen Abstellkammer schlafen. Die Wände waren dünn und ich habe alles mitbekommen, wenn es mal bei meinen Eltern laut wurde. Das war furchtbar.“

„Das kenne ich auch so. Tina ging es damals auch nicht anders, als die hergezogen sind. Sie schlief auch nur im Abstellzimmer. Kein Fenster, nur Tisch und Bett.“ „Echt? Woher weißt du das denn?“

„Wir kennen uns doch aus der Zeit. Das habe ich dir alles schon mehrmals erzählt. Sogar Martin wohnte damals noch bei ihnen und musste im Wohnzimmer pennen.“

„Ach so. Ja. Stimmt. Als kleiner Junge haben dich Georg und Tina gefunden und dann haben sie euch geholfen.“

„Hm. Geholfen ist etwas untertrieben, um ehrlich zu sein. Georg und Martin haben meinem Vater das Leben gerettet, vermutlich sogar meinem kleinen Bruder. Vater musste ins Krankenhaus und kleiner Bruder wurde dann von Gesine versorgt. Ichiro war weg und niemand konnte sich um den Kleinen kümmern. Wir drei kamen dann für eine Weil ein eine Wohngruppe bist die Ermittlungen abgeschlossen waren.“

„Makoto. Du redest nie darüber und ich will dir da auch nicht zu nahetreten, aber…wirst du mir irgendwann mal erzählen was damals passiert ist? Ich…habe dir doch auch von mir und meinen Eltern erzählt. Du warst der Erste, dem ich mal alles erzählen konnte. Nicht einmal meiner Süßen kann ich es erzählen. Ich habe Angst, dass sie mich dann verlässt, weißt du? Aus Angst oder so.“, klingt Carsten betrübt und hofft darauf, dass sein bester Freund ihm auch mal etwas von sich erzählt. Sie vertrauen sich einander doch sehr und wollen sogar zusammenwohnen, weil die Mieten so hoch sind. Makoto war so freundlich ihm ein Zimmer in seiner neuen Wohnung anzubieten, als er erfuhr, dass seine WG-Wohnung wegen baulichem Zustand abgerissen wird. Makoto sieht Carsten nachdenklich an.

‚Er hat Recht. Dass er und seine Mutter von seinem Vater misshandelt wurden und sie ihn dann eines Tages aus dem Effekt erschlug, um ihn zu beschützen, und nun lebenslang im Gefängnis sitzt, hat er mir auch erzählt. Es hat ihn immer sehr belastet.‘

„Gut, aber du musst es auch für dich behalten, okay? Und deine Freundin, was deine Mutter getan hat, das hat nichts mit deiner Persönlichkeit zu tun. Irgendwann musst du es ihr mal erzählen.“ Carsten nickt und lächelt.

„Genauso wie du meine Geschichte für dich behältst. Okay, du hast Recht.“

„Sagt dir die Bankenkrise im Jahre 1998 etwas?“ Carsten überlegt.

„Nur so in Etwa. Was genau aber passiert ist, keine Ahnung. Ich war noch zu jung.“

„So ging es mir damals auch. Ich habe es nicht gewusst und war zu jung. Meine Eltern waren von dieser Krise betroffen. Meine Mutter und ihr Bruder betrieben eine Bank und finanzierten neben den Kundschaften auch junge Unternehmen und Privathaushalte. Wir selbst besaßen eine riesige Villa mit all dem Luxus, den man sich so vorstellen kann. Tolle Urlaube, teure Autos das ganze Programm. Mein Vater betrieb eine große Speditionsfirma mit an die 50 LKWs und dazugehörigem Personal. Seine Geschäfte liefen super. Alles schien super zu laufen. Und dann kamen die Spekulationen meines Onkels hinzu. Die Bank stürzte immer weiter in Ungunst und war plötzlich von einem Tag auf dem anderen völlig überschuldet. Die Kredite platzten, die Aktien sanken, alles ging den Bach runter. Hast du eventuell mal von der Ichii-Bank gehört oder gelesen? Meinen Namen kennst du ja schon ne Weile. Vielleicht ist dir dadurch mal was in der Presse aufgefallen.“

„Das…klingt gar nicht gut. Hm. Ich weiß nicht, ich glaube neulich stand was von einer solchen Bank in der Zeitung. Irgendwas mit einer Rückzahlung?“

„Richtig. Das was du gelesen hast, das war vor einem Monat. Als ich meinen neuen Vertrag beim Verein unterzeichnete habe ich wieder einen Teil unserer unzähligen Schulden begleichen können. Der neue Sponsor war mir mit einer privaten Finanzierung sehr behilflich. Es ist aber…ein Tropfen auf den heißen Stein.“

„Makoto, aber…da stand doch auch was von…den Geschwistern…die sich…“, kann er es gar nicht aussprechen, denn nun fallen ihm ein paar Details ein, die er sich gemerkt hatte.

„Richtig…meine Mutter und mein Onkel…sie haben…sich aus Schuldgefühl und Scharm erhängt.“, spricht Makoto es erstaunlich trocken aus.

„Genau an dem Tag verschwand mein Bruder und ich machte mir Sorgen und verließ das Haus, um ihn zu suchen und um meine Mutter zu suchen, weil sie noch immer nicht heimkam. In dieser Nacht fand mich Familie Fuchs und sie kümmerten sich solange um mich und den Kleinen, bis die Polizei das Nötigste klärte, Ichiro wieder auftauchte. Auch mein Vater hatte einen Suizid versucht, aber Georg und Martin kamen noch rechtzeitig, um ihn zu retten.

Vater musste seine Firma verkaufen, wir mussten unser Haus verkaufen und nichts blieb mehr übrig. Alles wurde von der Polizei beschlagnahmt, um es an die Gläubiger zu zahlen.“

„Makoto, das ist...ja schrecklich.“ Es ist still und dann sagt Carsten etwas.

„Wir...haben bzw. hatten schon komische Mütter.“ Makoto sieht ihn ernst an.

„Wieso?“

„Hm...ich weiß nicht. Sie haben beide unüberlegt gehandelt. Und jetzt müssen wir ihre Last tragen.“, murmelt er vorsichtig vor sich hin.

„Das trifft vielleicht auf meine Mutter zu, aber deine hat dich nur beschützt. Sie wollte dir das Leben retten, als er dich halb totgeschlagen hätte. Sie hat nur ihr Kind beschützt und wusste in dem Moment keinen anderen Ausweg. Dass sie im Gefängnis sitzt ist nur der japanischen Justiz und der schlechten Verteidigung zu verdanken. In anderen Ländern hätte sie ein Anwalt besser beraten und da wäre sie nur in eine Psychische Anstalt gekommen bis es ihr besser geht. Es war Verteidigung und höchstens Totschlag im Effekt, kein Mord. Sogar ich hätte sie da rausholen können, aber jetzt…jetzt ist es zu spät. Ist hier einmal ein Urteil gefällt, gibt es kein Zurück mehr.“

„Ich verstehe nicht…wieso hättest du sie da rausholen können?“

„Na ich beschäftige mich doch die letzten Jahre schon die ganze Zeit mit Strafrecht und Jura allgemein. Als ich nach Mutters Tod beschloss statt Fußball, Volleyball zu spielen und kochen zu lernen, da traf ich auch den Entschluss Rechtsanwalt zu werden. Seitdem lerne ich neben den anderen Dingen schon fleißig die unzähligen Gesetzestexte und Fallbeispiele. Wenn es nach mir ginge, könnte ich rein fachlich bereits als Rechtsanwalt arbeiten. Ich bin nur zu jung fürs Studium, aber das Wissen der letzten 7 Jahre nimmt mir keiner weg. Jetzt bin ich hier, halte den Ball flach, mache die Ausbildung in Ruhe und mache einfach mal was mir Spaß macht und danach gehe ich offiziell zum Jurastudium. Ab 18 kann ich das dann endlich beginnen. Jetzt mache ich nebenbei eine Art Fernstudium, das auf meinen Vater angemeldet ist. So habe ich Ansprechpartner, wenn ich Fragen habe und kann offiziell schon in richtige Vorlesungen gehen.“

„Du machst mir Angst Makoto. Wie schaffst du das denn alles? Ich bin froh, wenn ich meinen Abschluss nebenbei schaffe und du studierst schon, sprichst mehrere Sprachen und bringst Hochleistung im Sport. Und dann noch die Ausbildung. Meine Güte. Wann machst du mal Pausen?“ Makoto sieht seinen Freund nachdenklich an.

„Ich…mache vermutlich mehr Pausen als du. Ich schlage sogar meine normalen 8 Stunden am Tag. Bisher konnten wir doch immer was zusammen unternehmen, oder waren das keine Pausen?“

„Doch, aber…du sagtest vorhin, du machst noch einen Job bei einer Freundin? Was ist das für ein Job?“ Makoto geht an das Kassensystem und schaut sich aus Neugier die Tagesumsätze an.

„Ich nehme ihr etwas Arbeit ab, wenn es ums Programmieren von Software geht. Ihre Zeit ist im Gegensatz zu meiner begrenzt, da sie bereits Familie hat. So kann ich etwas dazuverdienen und das ist nicht wenig.“
 

Bald darauf kommen Roland und Anja wieder zu den Lehrlingen und bedienen sich an der Kaffeemaschine.

„Setzt euch. Wir haben einiges zu bereden. Ihr habt ja mitbekommen, dass ich das Lokal von Tina übernehmen darf, das heißt, es ist nicht nur die Leitung allein, sondern ich werde der Eigentümer. Auf Grund dessen sind einige Formalitäten zu klären und ihr gehört dazu.“

Die Jungs bedienen sich auch am Kaffee und setzen sich zu ihnen. Es dauert nicht lange, da klingelt das Betriebstelefon und Tina ist am Apparat und gibt die Information durch, dass das Spiel verlegt wurde und in der Musashi-Schule stattfindet.
 

Nach dem Spiel und der Party werden ausnahmsweise mal alle Dinge stehen und liegen gelassen. Roland steht in der Küche und macht eine große Ansage.

„Es werden heute nur die Maschinen abgeschaltet, das restliche Geschirr zum Abwaschen vorgespült und der Müll rausgebracht. Das meiste haben wir ja schon nebenbei gemacht. So viel ist es nicht mehr. Nur das Nötigste.

Morgen schlafen alle aus und wir treffen uns ab 10 Uhr bis 11 Uhr rum wieder hier. Alle zusammen. Ist das für jeden möglich?“ Alle stimmen zu und sind erstaunt, dass ausgerechnet der strenge Roland anfängt schlampig zu sein.

„Ist das wirklich eine so gute Idee?“, fragt Makoto.

„Das eine Mal ist nicht so wild. Es ist ohnehin jetzt ein paar Wochen geschlossen und dann machen wir alle morgen in Ruhe alles wieder schick und bereiten auch die lange Pause vor.

Wir hatten heute alle einen anstrengenden und langen Tag, also ab in die Betten und die Ruhe genießen. Die Anordnung kommt von Tina und mir.“
 

Es werden die Geräte vom Kabel genommen, die nicht gebraucht werden. Makoto geht mit Carsten durch die Küche.

„Und der hier? Was ist da alles an der Leiste dran?“, fragt Carsten, als er vor einer Steckerleiste steht, die er noch nie benutzt hat.

„Moment. Ich komme.“

„Also, bis auf den einen hier, das ist der kleine Tiefkühlschrank hier in der Ecke. Die anderen drei können raus.“

„Okay. Dann waren es alle, oder?“

„Noch nicht ganz. Was glaubst du, wo könnten wir noch die nächsten Wochen Strom sparen?“

„Hm, ich weiß nicht. Die Kühlschränke und das Kühlhaus werden noch gebraucht, sonst wüsste ich nicht.“

„Gut, genau der richtige Gedanke. Aber einen Kühlschrank können wir ausschalten. Das machen wir dann aber erst morgen, wenn wir danebenstehen und aufpassen können.“

„Hm. Einer kann ganz aus gemacht werden?“ Carsten überlegt und sein Blick wird skeptisch und er schaut kurz nach Vorne zur Richtung Pendeltür.

„Sag einfach was du denkst.“

„Also wenn ich es nicht besser wüsste, der kleine Würfel vorne am Tresen.“

„Super, warum?“

„Da ist nur Schnaps drin. Die sind nur da drin, damit sie kalt sind. Ansonsten ist es dem Alkohol egal. Und die Früchte braucht man auf oder legt sie mit den Eiswürfeln ins Tiefkühlhaus.“

„Siehst du? Und du behauptest immer, du kannst dir den Kram in den Prüfungsbüchern nicht merken.“

„Voll fies. Aber ja. Da hast du Recht. Dann können wir aber auch die Temperaturen in den Kühlhäusern etwas erhöhen. Schon ein Grad Celsius macht auf Dauer viel aus.“ Makoto grinst und stößt wie lobend an seine Schulter.

„Na dann, machen wir das doch.“ Sie gehen ins große Kühlhaus und schließen hinter sich die Tür.

„Kalt hier, echt mal. Wo stellt man das denn ein?“

„Draußen, aber ich wollte dir noch was dazu sagen, deswegen sind wir hier drin.“

„Na dann, du Lexikon. Ich höre.“, grinst Carsten ihn an.

„Siehst du hier oben die Ecken? Da bildet sich zu viel Eis. Und hier hinten, auch dort ist zu viel. Du kennst das aus dem normalen Kühlfach sicher auch. Das kommt davon, wenn ständig Türen auf und zu gehen, man sich hier aufhält und Feuchtigkeit reinkommt. Hier kann man den Kühlschrank nicht einfach mal eben abtauen, daher müssen wir das regelmäßig abmachen. Also als Roland vorhin von einer Inventur gesprochen hat, dann ist diesmal auch das Kühlhaus betroffen. Denn wenn ich ihn richtig verstanden habe, will er die Dinger komplett einmal leer haben, um es zu reinigen, Fehler zu finden und es komplett neu einzurichten und aufzuteilen.“

„Alles klar, was passiert mit den ganzen Lebensmitteln? Ist ja schade drum.“

„Das werden wir sicher morgen mit Tina zusammen klären, denn durch die Übergabe der Firma muss auch eine Bestandsliste gemacht werden und das in jedem Bereich. Auch im Büro und die Möbel und alles das. Das will Roland ja teilweise erneuern und umbauen lassen. Wir werden also heute noch nichts herunterfahren, denn wir müssen die Inventur hier erst abgeschlossen haben, sonst reichen die Temperaturen nicht mehr aus.“ Sie verlassen das Kühlhaus und stellen sich vor die Thermostate.

„Hier stellt man dann alles ein. Aber wie gesagt. Erst wenn Roland es dann sagt. Auf was würdest du es drehen?“

„Hm…den Tiefkühler vielleicht auf -22, statt der -25 jetzt und den Kühlbereich auf 6, statt auf die 4.“

„Warum den Tiefkühler nicht auch nur auf -19 oder so?“

„Na ja, da kommen ja noch Sachen wieder rein und das dauert sicher zu lange bis sie einfrieren.“

„Gut. Das stimmt. Wenn wir hier mit allem durch sind, dann reichen später aber solange keine Bewegungen groß sind gut -20. Also nochmal etwas sparsamer und ausreichend für das was wir dort drin haben.“

„Und den Thermostat hier, der mit dem roten Knopf, schau mal. Den solltest du auch kennen.“

„Der Notstromaggregat. Klaro. Und der blaue daneben ist auch dafür, wenn ein Erdbeben war. Er kontrolliert die Temperatur.“

„Supi. Na dann. Wollen wir heute in der neuen Wohnung gleich pennen? Ich bin todmüde und habe schon Matten und das Nötigste drin liegen. Ist echt ruhig dort im Haus.“

„Gerne. Ich muss dann nur bei meinem Betreuer anrufen und ihn fragen. Du musst aber eh damit rechnen, dass er auch einfach mal unangekündigt zur Kontrolle kommt und er will dich kennenlernen.“

„Alles klar. Kein Ding. Ich kenne das doch. Wegen Ichiro kommt auch immer jemand vorbei und der ist bereits erwachsen, also auf dem Papier.“, grinst er.

Die beiden verlassen den Küchenbereich und gehen zur Umkleide. Makoto verschwindet sofort in der Dusche und Carsten unterhält sich mit Roland, welche kurz darauf ebenso in die Umkleide kommt.

„Oh, na habt ihr alles abgeschaltet was ging?“ Er kramt in seiner Kochhosentasche herum und holt einen Schlüssel heraus.

„Ja, alles soweit aus.“, antwortet der Junge nachdenklich und knöpft sein Hemd auf. Roland bemerkt nebenbei, dass er etwas nachdenklich ist.

„Alles okay bei dir? Du bist so betrübt? Liegt das an heute?“ Er schüttelt den Kopf.

„Weniger. Ich…ich weiß auch nicht.“, atmet er tief durch und zieht sich die Hose aus und legt diese in den Wäschekorb.

„Rede ruhig. Du weißt doch, dass ich euch Junges immer zuhöre.“

„Hm…ich darf doch bei Makoto einziehen, das weißt du doch schon.“

„Ja, ist doch cool, so eine Männer WG kann richtig lustig sein. In jungen Jahren hatte ich auch mal so eine WG. Da war es nie langweilig.“, lacht er fröhlich vor sich hin.

„Naja…ich bin mir unsicher, ob wir wirklich auf dieser Ebene klarkommen werden. Ich…bin doch so speziell und er, er strotzt immer so vor Selbstsicherheit und Coolnes. Ich will ihm keine Last sein, weißt du? Ständig stell ich Fragen und dann noch mehrfach dieselben. Das wird ihn sicher irgendwann nerven. Er sagt zwar einfach, dass ihn das nicht stört, weil er gerne hilft, aber es sind auch manchmal alltägliche Dinge. Aber er kann mir gerade fachlich oder technische Dinge besser erklären als andere oder als im Buch. Und dann immer in so einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, als wäre er ein Lexikon, dass nur einfach antwortet oder erklärt.“

Roland legt seine Hand auf seine Schulter und sieht ihn freundlich an.

„Genau deswegen kommt ihr so gut klar. Ihr ergänzt euch perfekt. Ihr seid gleichalt, aber tickt vom Alter her verschieden entwickelt. Während er noch mit seinen Rezepten jongliert und nur ans spielen denken kann, hast du zum Beispiel schon eine Freundin und knutscht vermutlich mit ihr rum und gehst trainieren, damit du sie beschützen kannst.

Du hast immer viele Fragen und das ist gut. Sie sind ehrlich und kommen auch aus reinem Interesse. Du fragst ja nichts, was unwichtig ist. Und Makoto, er will gebraucht werden, er liebt es, wenn man ihn fragt, denn er redet gerne viel und besonders gerne über das was ihn interessiert. Aufdringlich will er aber selbst auch nicht sein, weil er weiß, dass das nicht jeder mag. Er hält sich grundsätzlich sehr zurück, wenn wir hier am Arbeiten sind.

Dass er dich als Mitbewohner eingeladen hat, ist sicher nicht ganz uneigennützig. Er will endlich Abstand von der Familie haben, aber sich weiterhin um sie kümmern. Jedoch möchte er nicht alleine sein. Und du bist ihm doch sehr vertraut und er weiß, dass du ein ruhiger Typ bist und dir sein Wohl wichtig ist. So hat er jemanden um sich, den er schätzt, dem er vertraut und dem er auch ein Freund sein kann. Das wird euch sicher beiden guttun, mal aus euren Blasen herauszukommen und einfach mal ein paar Dinge zu machen, die ihr nicht immer kontrollieren müsst.“ In dem Moment geht die Tür zur Dusche auf und Makoto steckt den Kopf raus.

„Sind wir Männer unter uns?“

„Ja, Anja zieht sich im Büro um.“ Demzufolge steigt er einfach nackt aus der Dusche heraus, tapst an den beiden vorbei und geht an seinen Spint.

„Ich habe mein Handtuch doch glatt vergessen.“, lacht er etwas vor sich hin, greift nach dem Handtuch und trocknet sich dann zuerst die Haare trocken. Mit dem Blick zum Spint gerichtet. Es ist still im Raum. Roland geht an seinen Spint und holt sich sein Handtuch heraus.

„Dann bin ich jetzt mal dran.“, schmunzelt er vor sich hin.

„Sag mal, Roland. Was hast du nach der Inventur mit den restlichen Lebensmitteln vor?“

„Das werde ich morgen mit Tina alles in aller Frisch bereden. Es ist eine sehr große Menge, da die Betriebsferien und der Umbau nicht eingeplant waren, ist viel Neues dabei. Ich hatte bereits bestellt.“

„Aber wenn das Kühlhaus gereinigt werden muss, dann geht doch vieles verloren. Wegwerfen mag man davon nichts.“, bringt sich Carsten ein.

„Wie gesagt. Berede ich morgen.“

208. Eine heiße Sommernacht Teil III oder Endlich frei sein

Kapitel 208
 

Eine heiße Sommernacht Teil III oder Endlich frei sein
 

„Und…wenn wir was…davon einfach spenden würden? Geht das?“ Makoto dreht sich erstaunt um und trocknet sich den Bauch und den Rest auch ab.

„Wem würdest du das denn spenden?“

„Naja, den Obdachlosen oder anderen armen Leuten eben. Familien, die es brauchen könnten.“, meint er und fährt dann fort.

„Ich habe da vor einigen Tagen so einen netten Typen kennengelernt. Er ist neu in unserem Kickbox-Verein und kommt nur ab und an abends vorbei, wenn ich auch da bin. Wir hatten vorgestern einen Kampf und ich konnte viel von ihm lernen. Danach kamen wir dann ins Gespräch. Er ist Medizinstudent und arbeitet nebenbei bei den Sanitätern und sogar für arme Leute, die sich keine normale medizinische Behandlung leisten können. Da sind oft auch Kinder und Senioren dabei, die einfach nur unterernährt sind.

Wir kamen auf das Thema, weil ich ihm sagte, dass ich in einer Wohngruppe bin und dass er auch mal in so einer Gruppe war und dann aber eine gute Pflegefamilie bekommen hatte. Deswegen hatte er Glück und konnte normal in die Schule gehen und später studieren.

Naja. Ich erzählte ihm dann von meiner Ausbildung als Restaurantfachmann und da erklärte er mir, dass dort ab und an was übrigbleibt und wenn ich höre, dass mal was zu viel ist, aber noch verschlossen und nicht abgelaufen, dann kann ich gerne an ihn denken. Er habe eine Liste in seiner Praxis liegen mit Namen von den Patienten, die Bedarf haben und sich immer freuen würden etwas abholen zu dürfen.“, erklärt er ganz begeistert.

Makoto schaut ihn ebenso verdutzt an wie Roland.

„Äh, wieso klingt das so nach Itachi?“, stellt Makoto in den Raum, legt das Handtuch um seine Hüfte und befestigt es. Dann sieht er die beiden verdutzt an. „Itachi Okawa. Jo, klingt nach ihm. Soweit ich noch weiß macht er Kickboxen, das kann doch sein.“, meint Roland.

„Ja, aber eigentlich ist es Blödsinn. Er ist im Ausland. Mein letzter Stand war, dass er mit den „Ärzte ohne Grenzen“ wegen des Tsunamis letzten Jahres in Indonesien war. Er ist sicher noch dort.“, meint Makoto. Dann aber schaut er zu Roland.

„Woher kennst du denn überhaupt Itachi? Was hast du mit ihm zu tun?“ Roland grinst und legt seine Hand an den Hinterkopf.

„Äh, oha. Ich hätte den Mund halten sollen. Das ist der Alkohol, also Finger weg davon, Jungs. Tina reißt mir den Kopf ab.“, meint er dann.
 

Etwa eine Stunde später stehen die Jungs vor einem Hochhaus und sehen hinauf.

„Wow, wie viele Etagen hat das?“

„Sind nur zwanzig, aber immerhin. Wir wohnen ganz oben. Und es gibt eine coole Aussicht. So würdest du das sicher sagen.“, grinst Makoto.

„Ne, ich sage dann sicher noch was viel Besseres, wenn wir erst einmal oben sind.“, lacht er zurück. Makoto geht vor und die Schiebetüren gehen auf. Sie gehen zum Lift und es wird die oberste Etage gewählt.

‚Hier sieht es alles so schön aus. Wie ist er denn an so eine Wohnung gekommen? Unten ist sogar ein Aufpasser. Es ist alles so sauber und gut erhalten. Mir kommt das viel zu modern vor, als dass ich hier jemals meine Miete zahlen könnte.‘, geht Carsten zweifelnd durch den Kopf.

Oben angekommen gehen sie durch einen Flur und halten an der zweiten Tür. Apartment 202 wird von Makoto geöffnet. Kurz darauf stehen sie in einem großen Flur, alles modern hergerichtet. Die Tür schließt sich und beide ziehen die Schuhe aus.

„Wow. Der Flur ist so groß wie unsere Wohnung damals.“, sagt Carsten spaßig. Makoto schaut ihn verdutzt an.

„Echt jetzt?“

„Naja, es fühlt sich so an. Ganz so mini nun auch wieder nicht.“, grinst er.

„Ich weiß was du meinst. Wohnt man mit anderen auf engstem Raum, kommt einem jeder Raum leer total anders vor. Bevor wir jetzt hier die beiden neuen Wohnungen nutzen werden, waren wir zu viert in einer 30 qm Wohnung in einem anderen Hochhaus.“ Er geht zur großen Schiebetür im Flur und öffnet sie.

„Na dann…lass es auf dich wirken, solange der Raum leer ist.“, lacht Makoto, läuft in den Raum von über 50qm und dreht sich mit offenen Armen mitten im Saal. Eine große Fensterfront zeigt zur Stadt und die bunte Beleuchtung des Nachbargebäudes erhellt den ganzen Raum mit gefühltem Diskolicht. Der Volleyballer dreht sich ganz schnell und schaut lachend zur Decke dabei. „Carsten…wir brauchen unbedingt eine Diskokugel und einen Tischkicker, was meinst du? Diesen Gemeinschaftsraum richten wir uns zusammen ein. Das wird richtig viel Spaß machen, hier zu wohnen…mit dir, mit einem echten Freund zusammen, nicht mit einem Bruder oder einem Vater, einfach mal nur Spaß haben und tun was man will!“ Er bleibt stehen und lässt sich gefühlt auf den Boden fallen und streckt alle Glieder von sich.

„Es ist einfach nur wie eine Art Befreiung. Endlich mal Entscheidungen treffen, die man für sich treffen kann, nicht für andere.“ Es ist still und Carsten sagt nichts dazu. Er sieht ihn nur verwundert an. Bald steht Makoto auf und schaut zu Carsten.

„Na komm her. Traust du dich nicht? Komm rein und dreh dich auch so…das macht Mega Spaß. Du bist doch sonst immer gleich dabei, wenn wir in die Disko gehen und Spaß haben. Oder draußen in der freien Natur, am Strand und so.“, versucht er ihn zu motivieren. Carsten ist etwas irritiert. Er kann sich nur wundern und sorgt sich um seine Freundschaft. Ist jetzt doch ein Moment gekommen, an dem sie zu verschieden sind? Roland sagte, er mag es gebraucht zu werden und hilft anderen gerne, aber was kann er ihm denn hier schon helfen? Carsten kennt die Mietpreise, lange genug hat er nach einer Alternative zur Wohngruppe gesucht, damit er endlich auf eigenen Beinen stehen kann und dann ergab es sich, dieses verlockende Angebot. Wie viele tolle Sachen haben die beiden schon miteinander erlebt und wie viel Spaß haben sie immer zusammen? Das war eine große Verlockung, die Vorstellung, dass sie sich jeden Tag sehen können, privat, immer Scherze machen und lustige Spiele spielen. Doch wenn er ihn jetzt so sieht, so heiter, so fröhlich und kindlich, sorgt es ihn doch. Vorhin war er so ernst und kontrolliert und jetzt macht er wieder einen auf Spaßvogel. Irgendetwas stimmt hier doch nicht. Roland und Tina vertrauen ihm und trotzdem, was denkt er sich denn dabei?

‚Makoto…natürlich haben wir hier Spaß und kommen sicher auch irgendwie gut klar, aber…was denkst du dir dabei, bei dieser großen Wohnung? Wie soll ich das denn bezahlen?‘ Er bleibt im Flur stehen und lehnt an der Tür. Er verschränkt die Arme und sieht mit einem skeptischen Blick zu seinem Freund.

„Makoto…was soll das werden?

Ich freue mich sehr für dich. Das ist eine schöne Wohnung und ich würde natürlich gerne mit dir hier wohnen. Du weißt, du bist mein bester Freund, und ich bin glücklich, dass du mir so sehr vertrauen kannst, mich hier als Mitbewohner haben zu wollen, aber…du benimmst dich gerade wieder wie ein Kind und ich weiß nichts damit anzufangen. Wir sollten lieber darüber reden, wie du dir das wirklich alles vorstellst. Ich kann mit meinem mickrigen Gehalt keine Luxuswohnung bezahlen, geschweige denn die Unterhaltskosten. Ich habe dir meine Höchstmiete genannt und das hier…liegt ganz sicher nicht in meiner Gehaltsklasse. Tina bezahlt mich schon überdurchschnittlich gut und ich habe erstaunlich viele freie Tage, ähnlich wie in Deutschland, aber…das ändert nichts daran, dass es nur eine Ausbildungsvergütung ist.“

Makoto grinst ihn an und geht auf ihn zu. Dann nimmt er einfach seinen Arm und zieht ihn mit sich. Er sieht ihm grinsend in die Augen.

„Wir klären das gleich. Deswegen sind wir doch jetzt hier. Endlich können wir über alles reden. Und genau das mag ich so an dir, du sagst mir ehrlich, was du denkst.

Komm, ich zeig dir die zwei freien Zimmer und du suchst dir eins davon aus. Mach dir keine Gedanken um die Miete. Ich nehme nur, was du gesagt hast, okay?“

„Echt?“, ist er total baff. Carsten ist zwar immer noch irritiert, aber dem fröhlichen Grinsen folgt er dann doch wieder. Sie gehen zum Flur zurück und Makoto öffnet die dritte von vier Türen.

„So, das wäre Zimmer Nummer eins zum Aussuchen für dich. Ich habe mir meins bereits rausgesucht.“

„Äh, wie jetzt rausgesucht? Wie viele Zimmer hat die Wohnung denn?“

„Es sind genau 5 Zimmer, die große Wohneinheit und eine große Küche, natürlich mein Lieblingsraum.“, lacht er.

„Oha. So viele?“ Carsten schaut in den Raum, der nun offen ist und staunt nicht schlecht. Er staunt nicht schlecht.

„Ich zeige dir erst einmal die beiden und dann sagst du welches du willst. Alle Zimmer sind 15qm groß, nur unterschiedlich geschnitten oder mit anderen Fenstern. Dieses hier ist aus meiner Sicht her das schönste, da es auch das Fenster über Eck hat und nicht so schmal geschnitten ist. Kann man gut Tisch, Schrank und großes Bett stellen, bzw. Futon-schrank einbauen etc. Wie du dann willst. Auch ein Raumteiler wäre hier möglich.“ Carsten betritt es begeistert.

„Es ist wirklich toll und so groß, wow.“

„Meins ist auch so, aber ohne Eckfenster, mir reicht das andere.“ Das zweite Zimmer wird geöffnet und es ist schmal und ebenso hell.

„Das ist aber auch schön.“

„Und? Willst du noch überlegen?“

„Wo sind denn eigentlich die Bäder und wo ist die Küche?“

„Ah, ein Mann mit einem Plan. Also hier ist ein großes Hauptbad mit der japanischen Badewanne und all dem. Daneben ist eine Gästetoilette und dort hinten am anderen Ende ist die Küche und neben der das zweite kleine Komplettbad mit einfacher Dusche. Eher eine Art Nasszelle. So kennst du es sicher bisher.“ Makoto geht vor und öffnet die Badtüren nebenbei und Carsten staunt nicht schlecht wie modern das alles eingerichtet ist.

„Das Haus schient noch nicht alt zu sein, oder haben die das erst kürzlich saniert?“

„Ne, ist neu, deswegen habe ich meine Beziehungen spielen lassen und zwei von diesen Wohnungen ergattert. Die meiner Familie liegt genau gegenüber und ist gespiegelt. Die haben jedoch ein Zimmer weniger, weil sie die Küche offen haben wollten. Es gab beide Varianten und ich wollte die Küche geschlossen haben, weil ich es nicht mag in der Wohnstube. Außerdem ist dort genug Platz zum Essen, so muss nichts durch die Räume getragen werden. Komm ich zeig dir noch die anderen Zimmer.“, erklärt Makoto begeistert.

„Das hier ist dann meins. Wie du siehst, liegt das freie nun neben dir. Es soll ein Gästezimmer werden für Besucher, Familie oder als Spiele- und Schlafzimmer für den Kleinen dienen, wenn ich mal auf ihn aufpassen muss.

Dann ist das hier mein Büro. Das wird neben der Küche mein Arbeitsreich sein. Siehst du dort die Markierungen an der Wand?“

„Ja, soll dort ein Bücherregel hin?“

„Genau, ich wollte bewusst das innenliegende Zimmer, damit mir die Sonne die Bücher und die Technik, die hier noch reinkommt, nicht kaputt macht. ,Häuser.“

„Technik? Also dein PC und sowas?“

„Genau. Also vom Prinzip habe ich später kein Problem damit, wenn du auch mal hier an die Fachbücher gehst, die dich interessieren, aber es ist immer besser mich vorher zu fragen. Das bereden wir dann nochmal, wenn das Zimmer eingerichtet ist. Von der Sache her wird es aber immer abgeschlossen sein. Meine Familie oder Gäste haben hier dann nichts drin verloren. Dort das Loch in der Wand, das wird ein Tresor, der noch mit dem Regal eingebaut wird. Also bedenke, dort legen wir dann unsere wichtigsten Dokumente rein und nur wir beide haben den Zugangscode.“

„Oha. Das ist aber ein großes Loch.“

„Das liegt daran, dass es ein großer Tresor wird. Und ein Aktenschrank kommt auch noch, der immer abgeschlossen wird. Da werde ich später meine Unterlagen für das Studium lagern.“

„Cool, klingt spannend und jetzt musst du mir die Küche zeigen. Das wird doch dein Herzblut, so wie ich dich kenne.“

Auf dem Weg zur Küche wird eine weitere Tür geöffnet. Darin steht aktuell ein Schwerlastregal mit einer Werkzeugkiste, Putzutensilien und Farbeimer. An den Wänden sind technische Anlagen, daneben Tisch und Stühle so wie die beiden Futons, Bettdecken und Kissen.

„Der Wirtschaftsraum, würde ich mal sagen.“, grinst Carsten. Makoto nickt nur ab. Dann grinst er, geht vor und bleibt er vor der Tür stehen und hält sich selbst ans Herz.

„So…der große Augenblick ist gekommen.“, meint er dann und Carsten wundert sich.

„Du wirst ja gleich richtig sentimental.“, neckt er ihn so, wie sie es sonst auch tun, wenn sie miteinander scherzen.

„Du kennst mich eben zu gut. Genau, mein Herzblut.

Sagen wir so…der Tag war heute etwas anders geplant und ich musste meinen Vater bitten hier zu sein. Und jetzt…puh…bin ich echt gespannt, wie es aussieht.“ Er atmet ganz tief durch.

„Jetzt ist sie da. Das erste Stück, was die Wohnung lebendig macht.“, grinst er und endlich öffnet er die Tür, macht das Licht an und beide treten hinein. Makotos Herz schlägt so sehr, als würde er auf dem Spielfeld stehen und den stärksten Gegner bezwingen. Es fehlt zu dem begeisterten Gefühl nur noch das Adrenalin. „Wow, sieht die toll aus. Und dann so modern mit den matten grauen Blenden. Echt cool. Du hast wirklich Geschmack.“ Carsten geht einmal neugierig um die große Kochinsel drumherum und begutachtet alles genau.

„Sogar mit einer kleinen Bar, zum Cocktails-Mixen. Und dann diese vielen Schränke und die großen Arbeitsflächen in weißem Granit sind wahnsinnig cool.

Und dann der kleine Esstisch, echt modern.“

Makoto sieht seinem Freund nach, wie er mit leuchtenden den Händen über die weiß-marmorierte Arbeitsfläche fährt.

‚Ich wusste doch, dass es ihm gefällt. Carsten ist ein offenes Buch. Aber manchmal ist er eindeutig anders als ich. Bis auf Jun und Martin hatte ich neben meiner Klasse doch keine richtigen Freunde. Niemand war mehr bereit sich mit mir anzufreunden und später, in den Teams…war es auch so. Wir sind alle nur Spielpartner, aber keine Freunde, so wie es bei Tina in ihren beiden Teams der Fall ist oder bei Jun im Nationalteam und im Tokio Team.‘

Makoto geht zum Kühlschrank und öffnet ihn.

„Willst du was trinken?“, fragt er und Carsten schaut in den großen Kühlschrank und entdeckt Cola, Wasser und Säfte.

„Oh, du trinkst echt Cola? Davon nehme ich gern eine.“ Es wird die Flasche herausgenommen und zwei Gläser eingeschenkt. Nun stehen sie beide an der Kochinsel am erhöhten Tresen und sehen sich grinsend an. Makoto erhebt das Glas.

„Auf unsere gemeinsame Zeit. Kannst du dir nun vorstellen hier zu wohnen?“ „Natürlich kann ich das. Du musst mir nur noch die Einzelheiten erklären, dann können wir gerne anstoßen.“, äußert Carsten streng, aber etwas belustigt.

„Gut. Dann lass uns jetzt reden. Warte kurz, ich hole die Unterlagen.“ Er stellt sein Glas unbenutzt ab, geht in den Flur zu seiner Tasche und holt einen schmalen Ordner heraus. Dann legt er ihn vor Carsten hin.

„Schau am besten erst einmal rein. Les dir alles in Ruhe durch und wenn du Fragen hast, dann frag einfach.“ Er geht zum Waschbecken, nimmt aus dem Fach darunter einen frischen Waschlappen, nutzt das Spülmittel und wischt dann die ganze Arbeitsfläche auf der Kochinsel sauber und trocknet es mit dem Handtuch ab. Dann dreht er sich wieder um und bedient sich am Kühlschrank.

„Ich werde jetzt den Kühlschrank plündern und meinen allerersten Salat fertig machen. Ich muss unbedingt irgendwas machen, jetzt wo die Küche endlich steht.“, lacht er und stellt das Gemüse neben die Abwäsche, holt Schüsseln aus einem Schrank, spült das Gemüse ab und greift in die Schublade zu den Messern. Dann holt er ein Holzbrett und legt es vor Carsten auf die Insel und legt los. Carsten trinkt nun doch aus dem Glas, ohne anzustoßen.

„Sorry, habe Durst. Wir stoßen dann gleich nochmal an.“, spricht er ernst. Er öffnet den Ordner und schaut auf einen Mietvertrag.

„Das ist er? Mein Mietvertrag?“

„Genau. Schau rein, der Rest im Ordner sind deine Unterlagen inklusiver Hausordnung und WG-Regeln und ein paar Ideen für die Gestaltung der Gemeinschaftsräume.“

Carsten ist erstaunt, als er die Miethöhe sieht.

„Das…ist ja weniger als abgemacht. Warum?“, wundert er sich sehr.

„Les es dir in Ruhe durch. Dann erklärt es einiges. Aber ja, ich bin dein Gehalt und deine laufenden Kosten mal durchgegangen und habe dir einen Haushaltsplan erstellt. Den findest du gleich dahinter. Laut dieser etwas fiktiven Rechnung kommt die Miete als sinnvoller Betrag zustande. Also nehme ich genau diesen Betrag. Wenn dir jedoch im Haushaltsplan was fehlt, was ich nicht mitgerechnet habe, dann sag Bescheid, damit ich die Höhe noch anpassen kann.“

„Du hast was? Woher weißt du denn was ich verdiene und ausgebe?“, wundert er sich etwas. Während der Kochlehrling die ersten Paprika zerkleinert, antwortet er schlicht.

„Ich gehe einfach davon aus, dass wir ein ähnliches Ausbildungsgehalt bekommen. Den habe ich als Ausgangspunkt genommen, dann deine Fahrkarte, deine Handykosten, deine Vereinsgebühren und Auslagen für die üblichen alltäglichen Dinge.

Es ist nur eine fiktive Summe, denn ganz genau kann ich ja nicht wissen was du so neben der Miete brauchst.“

„Es passt schon. Ich danke dir. Hier in den Bedingungen steht etwas von Hilfe im Haushalt. Was ist damit gemeint? Ich dachte wir teilen uns diese ganzen normalen Haushaltspflichten wie Wäsche waschen und Putzen und Einkaufen etc.? Ist das der Haken an der Sache?“ Carstens Gegenüber schiebt die Paprikastückchen in eine große Schüssel und legt das Messer beiseite.

„Mir war klar, dass du das so interpretierst. Das ist aber gut so. Laut Vertrag soll es genau das heißen, was du denkst. Rechtlich muss ich eine festgelegte Miete verlangen, welche prozentual an die Grundmiete anknüpft. Jedoch wäre diese noch sehr hoch und da habe ich diese Klausel eingearbeitet, denn wenn der Untermieter offiziell die Arbeiten einer Haushaltshilfe komplett übernimmt, kann ich offiziell auch ein Gehalt an die Person zahlen. Stattdessen jedoch erlasse ich dir nur die überschüssige Miete, wir teilen uns die Arbeit wie bereits abgemacht und du hilfst mir trotzdem. Deine Hilfe wird aber einfach deine Anwesenheit sein, deine Freundschaft zu mir. Das ist mir mehr wert, als irgendeine Haushaltshilfe. Du musst also im Grunde nichts weiter machen, als was du immer machst.

Es wäre nur schön, wenn du mir bei Fragen beistehst, die ich nicht beantworten kann oder du weist mich darauf hin, wenn ich mal was falsch mache. Aber das machst du ohnehin schon die ganze Zeit, es wird also nicht wirklich auffallen.“ „Was denn für Fragen?“

„Na zum Beispiel, wenn es so um Sozialkompetenzen geht, dieses Zwischenmenschliche. Ich bin zwar ein sehr kontaktfreudiger und fröhlicher Menschentyp, aber es gibt da manchmal so komische Situationen wie vorhin, dass ich nicht genau weiß, wie ich etwas rüberbringen soll, damit mein Gegenüber meinem Gedanken folgen kann. Fachlich kann ich zwar immer alles gut erklären und auch im Team kommt jeder damit klar, wie ich Strategien vermittle, aber das wirklich menschliche ist schwer. Das konnte ich noch nie. Es sieht nur danach aus, dass ich das kann, aber in Wirklichkeit nicht.

Aber du…du kannst das alles. Du kannst Gefühle zeigen, deine Meinung dazu äußern und erkennst sofort, wenn jemand Kummer hat oder emotional reagiert. Wenn du mir also weiterhin einfach beistehst und mich in die richtige menschliche Richtung lenkst, tust du schon mehr als jede Miete wert ist, denn ich brauche diese Übungen und dieses Training quasi, um mein Jura-Studium zu schaffen.“

„Oh, ich weiß nicht. Du bist doch emotional und erkennst, wenn jemand traurig ist. Ja, manchmal ist es schwer dir und deinen Gedanken zu folgen. Vielleicht solltest du einfach nur zuerst deine Gedanken aussprechen und dann sagen, was du wirklich willst. Hättest du mir vorhin gleich gesagt, dass es für mich mehr als nur eine Wohngemeinschaft wird und hättest mich nach meinem eigenen Haushaltsbudget gefragt, dann wäre es doch auch einfacher gewesen mir die Skepsis zu nehmen. Ich kann mir gut vorstellen, was hier die Miete kostet.“

„Siehst du? Genau das ist es, was du mir immer für Ratschläge gibst. Die anderen sagen mir nie ihre Meinung und verstehen nicht, dass ich total anders ticke. Ich handle oft eher rational als emotional oder spreche Leute mit dem falschen Ton an. Sie sagen mir dann nie, was ich falsch mache. Du aber tust das gleich von Beginn an. So bist du eben. Wir zeigen uns immer gegenseitig unsere Fehler auf und erklären sie, aber auf einem freundschaftlichen und gehobenen Niveau, ohne gleich beleidigend zu sein oder eine Wertung abzugeben. Und du bist nie beleidigt, wenn ich dir mal was zeige, erkläre oder dich mit meinen langweiligen Interessen vollquatsche.“ Carsten sieht ihn verwundert an.

‚Das ist schon wieder so ein Ding. Jetzt redet er wieder wie ein Erwachsener, als würde er über allem stehen und genau wissen was er tut und drückt sich so gehoben aus.‘, grinst er dann.

„Ehrlichgesagt nervst du mich nie, wenn du mir was erzählst. Im Gegenteil, du hast eine interessante Art Dinge zu erklären oder darüber zu reden, dass es trotz Desinteresse interessant wird. Also passt das schon. Und ich darf immer fragen, ohne, dass du stöhnst, genervt bist oder mit den Augen rollst, nur weil ich öfters frage, oder viel frage.

Du hast Recht. Deswegen mag ich dich. Die anderen fühlten sich immer genervt, sogar die Lehrer in der Schule und auch jetzt in der Berufsschule. Wehe man fragt mal was, was sie nicht auf ihrer Liste stehen haben.“ Er pausiert beim Reden und sieht zu wie Makoto die Tomaten schneidet.

„Sag mal, darf ich auch mal meine Freundin einladen? Also auch generell Freunde?“

„Natürlich. Wir wohnen hier zu gleichen Teilen, genauso wie im Vertrag steht. Du kannst einladen, wen du willst, bedenke nur eben wer wirklich hier zu uns passt. Aber ich mache mir da keine Sorgen, wenn ich dir diesbezüglich nicht vertrauen würde, hätte ich dir das nie angeboten.“

„Okay, also…auch mal…über Nacht oder so?“, hakt er genauer nach. Makotos Blick richtet sich auf und er grinst ihn an.

„Wie alt ist Mai? Du hast sie mir nie vorgestellt.“

„Oh, sie ist schon 18. Oberschülerin. Sie will später studieren.“, berichtet er stolz.

„Sie ist älter als du? Was will sie studieren?“

„Veterinärmedizin. Sie will Tierärztin werden und in die Bauern-Wirtschaft gehen.“

„Okay. Macht was ihr wollt, aber macht es leise.“ Carsten läuft etwas rot an.

„Man, du wieder mit deiner offenen Art. Okay. Ich nehme dich beim Wort.“

„Das kannst du.“

„Nun gut. Wo hast du einen Stift zum Unterschreiben?“

„Vorne im Ordner-Cover ist eine kleine Schachtel eingebaut. Dort findest du einen Kugelschreiber.“

„Ach so, dachte mir, das ist für Quittungen oder sowas.“ Carsten öffnet die Schachtel und holt den Stift heraus, unterschreibt den Mietvertrag und legt den Stift zur Seite.

„Gut, dann rufe ich morgen gleich mal meinen Betreuer an, damit er mir sofort das Geld für meine Erstausstattung überweist. Da ich nicht mehr in der Wohngruppe bin und allein wohne, darf ich die Kosten, die sonst in der Gruppe anstehen, für mich in die Wohnung investieren. Das sind drei Monatskosten, ähnlich wie eine Kaution.

Apropos, über eine Kaution haben wir nichts im Vertrag stehen.“

„Oh, das klingt doch gut. Gehen wir morgen zusammen nach meinem Training ins Möbelhaus. Was dann noch fehlt bezahle ich dir natürlich. Richte dir bitte dein Zimmer so ein, dass du dich wirklich darin wohl fühlst. Ich will nicht, dass du dir jetzt den billigsten Kram holst, nur weil es nicht reicht. Okay? Also was dann über dein Budget geht, schenke ich dir dazu, okay?“

„Danke. Du machst viel zu viel für mich. Ich hoffe nur, dass das unsere Freundschaft nicht beeinflusst. Kennst du den Spruch: Bei Geld hört die Freundschaft auf? Ich habe“

„Hm, nein, aber er ergibt einen Sinn, stimmt. Keine Sorge, denn jetzt…wo du den Vertrag unterzeichnet hast…werde ich dir mein Geheimnis verraten.“

Carsten ist erstaunt, was denn für ein Geheimnis?

„Wow, du packst jetzt noch irgendeine Keule aus. Du meine Güte. Na dann leg los.“ Der Kochlehrling grinst ihn an.

„Die Wohnungen gehören mir. Mein Sponsor hat sie mir quasi geschenkt, als ich nach der Olympiade ein neues Angebot von ihm bekam. Ich muss nur noch die Unterhaltungskosten von meinem Volleyballgehalt bezahlen. Deswegen kann ich die Miete für einen Mitbewohner auch einfach selbst bestimmten. Ebenso den Mitbewohner, denn normalerweise müsste ich erst den Vermieter fragen ob du einziehen darfst. Ich bin also nicht nur dein Mitbewohner, sondern auch dein Vermieter selbst.“

„Oha. Das ist ja der Wahnsinn. Also waren die Wohnungen schon eine Weile geplant und jetzt haben sie sich ergeben? Sowas in der Richtung hast du schon erwähnt.“

„Genau, in meinem Fall sind Sachspenden sinnvoller als Geldspenden, denn wenn ich Geld von den Sponsoren nehme, dann kommt gleich die Bank an, der meine Familie noch Schulden zurückzahlen muss.“

„Eins musst du mir mal erklären. Wieso meldet ihr nicht einfach Insolvenz an? Das war doch eine Firma.“

„Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen hatte mein Vater kein Geld für einen guten Anwalt. Der Anwalt der Firma selbst ist gegangen. Dann hatte er nicht die Kraft es rechtzeitig zu tun und so kamen dann die Gläubiger alle an, verständlich. Mehr als unsere eigenen Besitztümer zu verkaufen und die ersten Rückzahlungen zu starten, ging nicht.

Bei Selbstmord zahlt die Lebensversicherung nicht, und auch die Betriebshaftpflicht hält die Füße still. Also keiner konnte was machen. Meiner Tante ging es ja ähnlich wie uns. Sie stand auch mit zwei Kindern ohne was da. Und dann kam mein Alter dazu. Ich darf erst mit 18 eine Insolvenz beantragen und genau das wollte ich nächstes Jahr machen, wenn ich 18 werde. Nun gab es aber noch ein Problem, die Anwaltskosten dafür. Bei den großen Summen hilft das allein nichts, weil es keine Privatinsolvenz ist. Also brauche ich trotz meines Alters und meiner rechtlichen Fachkenntnis doch noch einen Anwalt.“

„Also musst du jetzt echt noch jeden Gläubiger von damals auszahlen?“

„Theoretisch ja. Aber ich konzentriere mich hauptsächlich auf die Privatkunden, denn die anderen konnten sich zum Teil vorerst selbst helfen. Aber alle die, die so wie wir ihre privaten Häuser für die Familien finanziert haben, standen genauso doof da wie wir. Die meisten waren mitten im Bau und dann stand alles still. Nun hatten sie teure Immobilien und konnten nicht weiterbauen und in dem Zustand verkaufen sie sich besonders schlecht, da meist individuell gebaut wurde. Und wer will schon ein halbes Haus?“

„Ich verstehe.“

Endlich stoßen die beiden an.

„Auf die erste Wohnung.“, sagt Makoto.

„Auf unsere Freundschaft.“, grinst Carsten. Makoto grinst zurück.

„Schon wieder sage ich was falsches und du kennst die richtigen Worte.“

„Ist das nicht mein Job, auch ein Besserwisser zu sein?“

„Jup. Auf uns Besserwisser!“, erhebt er erneut das Glas und sie stoßen an und trinken. Carsten stellt sein leeres Glas ab.

„Nun gut. Was jetzt? Du sagtest wir können heute schon hier schlafen?“

„Jetzt…nimmst du mal meine Kamera, die in der Tasche ist und machst ein paar Fotos von mir, wie ich hier stehe und den Salat mache.“

„Oh, als Erinnerung an dein erstes Gericht in der neuen Küche?“

„Genau, so ähnlich. Du kannst auch gerne einen kleinen Film machen. Was Kurzes, denn das wird eine neue Einnahmequelle für mich sein. Bzw. für uns.“ „Wie jetzt? Filme drehen davon, dass du kochst? Wie verdient man denn da Geld mit?“

„Erkläre ich dir alles dann. Mach schön gerade Aufnahmen und ich schneide mir das später alles zurecht.“

„Okay. Also ein längerer Film und du bearbeitest ihn noch?“

„Jo, und Fotos. Man kann beides zusammenführen. So eine Art Werbespot. Das werden wir später öfters machen.“

Carsten geht an die Tasche und holt die Digitalkamera heraus. Dann kommt er wieder.

„Wer bekommt dann die Aufnahmen, wenn es eine Art Werbung sein soll?“

„Das bleibt allein bei mir. Hast du schon mal was von dieser neuen Internetseite gehört? Die, wo die Leute Videos hochladen können und jeder andere sie kostenlos ansehen darf?“

„Oh, ja, hab da schon paar nette Sachen gesehen.“

„Dort richte ich eine Seite ein, Tina wird es ebenso für sich nutzen. Und dann laden wir das hoch, wenn wir was kochen und wollen auch mal gemeinsam live gehen. Wir müssen jetzt schauen wie wir das dann machen, wenn sie in Italien ist, aber da wird sich bestimmt auch ein Weg finden.“

„Klingt cool, aber wie verdient man damit Geld?“

„Erkläre ich dir nachher alles. Ich werde auf jeden Fall Werbung für den Sponsor machen und dann ergibt sich nebenbei was, je nachdem wie erfolgreicher man dort wird. Ich probiere es einfach aus, denn die Idee finde ich sehr gut. Besser als eine normale Webseite, die man speziell und gezielt aufsucht. Durch Schlagwörter wird man einfach entdeckt und gefunden.

Mach aber mal erst ein paar Bilder und dann einen Film aus mehreren Perspektiven.“

209. Eine heiße Sommernacht Teil IV oder Die Abmachung

Kapitel 209
 

Eine heiße Sommernacht oder Die Abmachung
 

Etwa eine Stunde später holen sich die Jugendlichen beide die Matten und Kissen hervor und legen sie sich gegenüber mittig in den Raum.

„Gut, dass ich noch genug Wechselsachen im Spint hatte, wegen Nachtwäsche.“ „Stimmt, ich habe dich ganz schön überfallen. Aber dir gefällt es doch hier?“ „Natürlich, ist cool…so viel Platz nur für uns beide. Wahnsinn.“ Beide haben bereits Zähne geputzt und ihre Nachtwäsche an.

„Es ist echt heiß diese Tage. Gut, dass du hier eine Klimaanlange drin hast. Das wäre ja sonst gar nicht auszuhalten.“ Carsten dreht sich gleich auf die Seite, als er sich hinlegt, und schaut aus dem Fenster.

Sie liegen sich Kopf an Kopf, etwa ein Meter voneinander entfernt.

„Das stimmt. Was sagt dein Betreuer, wann kommt er vorbei den Vertrag unterschreiben?“

„Heute gegen 10 Uhr. Ich habe Roland bereits eine SMS geschickt, damit er Bescheid weiß, dass wir deswegen später kommen.“

„Alles klar.“

„Hm. War ein echt komischer Tag heute.“

„Wie geht es deiner Beule?“

„Alles gut. Jun hat sie sich vorhin nochmal angesehen. Alles okay. Was haut der Typ auch daneben, also echt.“, lacht er etwas.

„Zum Glück konnte er nicht so doll zuschlagen. Sei froh darüber. So ein Gummiknüppel ist echt hart, wenn man genug Kraft einsetzt.“

„Stimmt. Dafür sah das Gesicht von dem Typen nicht mehr so frisch aus, als er meine Faust gespürt hat. Ich habe jetzt noch etwas Kopfweh, aber es geht. Der andere leidet sicher mehr und das im Knast.“, lacht er etwas.

„Lass es dann später nochmal untersuchen. Ja, der Kerl bei uns in der Küche war auch voll dämlich.“

„Zum Glück. Die schlauen Verbrecher sind die gefährlichsten.

Du sag mal, was Anderes. Was war das eigentlich mit Hyugas Schwester da noch in der Backstube? Das sah komisch aus.“

„Du hast uns gesehen?“ Makoto liegt auf dem Rücken und schaut zur Decke. Er hat sich seine Bettdecke bis zur Brust hochgezogen und die Beine langstreckt. „Was soll da gewesen sein? Sie hat geweint und ich habe versucht sie zu trösten, war das wieder falsch?“

„Nein, ich dachte nur…du magst sie vielleicht.“

„Blödsinn…also nicht das, was du meinst. Klar mag ich sie, sie ist nett und ließ sich auf meine seltsame Art ein. Das war ähnlich wie bei dir. Sie ist nur halt ein Mädchen. Ich werde ihr nach der Olympiade Nachhilfe geben. Ihr Lehrer ist wohl ein Idiot und sie sucht einen neuen. Kojiro hat bereits zugestimmt.“

„Nachhilfe? Ich weiß ja nicht. Sie ist schon echt niedlich. Findest du sie nicht hübsch? Was hast du eigentlich für einen Frauengeschmack? Wir reden nie darüber.“

„Boa, keine Ahnung. Bisher habe ich da nie Interesse dran gehabt. Klar weiß ich ob jemand hübsch ist oder nicht, aber etwas dabei empfunden, wenn eine Frau oder ein Mädchen neben mir steht, habe ich nie. Warum fragst du?“

„Hm, echt nicht? Und…bei…Männern? Da auch nicht?“

„Du spinnst doch, echt mal. Was denkst du von mir?“, haut er plötzlich raus.

„So war das nicht gemeint. Mir ist das an sich egal, aber um dir zu helfen mehr dieses Zwischenmenschliche zu verstehen, ist es schon besser, wenn ich da Bescheid weiß, oder? Ich muss doch wissen, wie du so heute oder später in der Liebe tickst.“

„Ach so. Ich verstehe. Habe ich dich mit meiner komischen Art so sehr irritiert, dass du sowas denkst?“, ist er wieder ruhig.

„Irgendwie schon, aber das ist ja nun geklärt. Und? Hast du echt keine Vorstellung wie mal deine Traumfrau aussieht?“

„Keine Ahnung, bestimmt sportlich und lange Haare? Vielleicht eine Volleyballerin. Ich weiß nicht. Das weiß ich dann wohl, wenn sie vor mir steht und ich diese besagten Schmetterlinge im Bauch bekomme, oder?“

„Spinner, also echt mal. Die Schmetterlinge bekommen die Mädchen, bei uns äußert sich das anders und das muss ich dir ja wohl nicht beschreiben, oder?“

„Oh man, das meinst du. Okay, ich werde drauf achten.“

„Darauf achten, na das klingt ja komisch.“

„Wie ist das denn bei dir? Was…fühlst du denn? Wie weit seid ihr denn überhaupt? Ihr seid doch schon mehr als ein Jahr zusammen, oder?“

„Ja, schon zwei Jahre sogar. Hm, wie soll ich das beschreiben? Wenn sie bei mir ist, dann schlägt mein Herz ganz doll und ich will am liebsten, dass sie immer bei mir ist. Es ist schwer das zu beschreiben. Das Gefühl war nicht sofort da, es kam erst nach und nach.“

„Also nicht sofort, wenn man sich begegnet? So wie im Film? Aber…wenn ich das richtig verstanden habe, dann war das doch bei Tina und Kojiro so, oder nicht?“

„Oh, gute Frage. Doch, das soll es wohl geben, das nennt man dann Liebe auf dem ersten Blick. Meistens ist es aber eher so; man lernt sich kennen und irgendwann hat man mehr Gefühle zueinander als zu Beginn. Eine Art Prozess. Interesse ist manchmal gar keine da oder sofort, aber die kommt dann bei beiden irgendwann. Jeder Einzelne oder jedes Paar ist da anders. Oft auch schüchtern und die eine Seite traut sich nicht es der anderen Seite zu sagen. So war das bei uns. Ich habe mich nicht getraut was zu sagen, immerhin ist Mai älter als ich. Meist ist es ja umgedreht.“

„Ich verstehe, alles ist möglich. Bei jedem ist es anders.“ Es ist etwas leise.

„Du Carsten, glaubst du, die beiden bleiben jetzt für immer zusammen? Ob die mal heiraten und Kinder kriegen und so?“

„Keine Ahnung, sieht alles danach aus. Jetzt ziehen sie ja erstmal zusammen und vorher haben sie Urlaub. Tina ist definitiv urlaubsreif. Sie hatte bestimmt noch nie wirklich mal eine Pause.“

„Sie macht doch Urlaub. Ist das keine Pause?“

„Ne, sie hat im Lokal offiziell Urlaub und in Wirklichkeit arbeitet sie dann fürs Studio oder trainiert. Das ist kein Urlaub, bei dem man sich erholt. Wenn sie Urlaub macht, dann erledigt sie nur einen anderen ihrer Jobs, aber eine Pause ist das nicht. Weder für den Kopf noch für den Körper.

Aber wenn sie nun mit Kojiro nach Deutschland zu ihrer Familie fliegt, im Hotel wohnt oder so, dann ist sie weit weg von allem und hat wirklich Urlaub.“

„Aber ist sie nicht jedes Jahr dort?“

„Schon, aber wenn die Familie geflogen ist, dann war sie dort und klappert jeden Verwandten ab und am Ende ist das auch keine Erholung, jeden zu besuchen in ihrer kurzen Zeit. Also reist sie dann nur von einer Stadt zur nächsten.“

„Hm…das stimmt. Was hast du vor, wenn wir jetzt so lange nicht zur Arbeit müssen? Keine Berufsschule und dann keine Arbeit. Sie sagte, sie gibt uns vier Wochen.“

„Also jetzt sind wir doch erstmal mit der Wohnung beschäftigt, oder? Streichen, tapezieren, alles einrichten und Möbel aufbauen und so. Da geht schnell Zeit ins Land.“

„Willst du Tapeten in deinem Zimmer?“

„Ja, mal sehen, was es so gibt. Irgendwas Modernes und Gemütliches. Jetzt mit den großen Fenstern muss ich mal schauen. Damit habe ich nicht gerechnet. Bei Tageslicht wirken Farben ganz anders. Aber vielleicht male ich mir auch selbst was ran, wenn ich darf.“

„Selber was malen? Klar kannst du das. Du kannst dein Zimmer gestalten, wie du willst. Hauptsache es ist immer sauber. Die Optik ist mir egal.

Du sag mal, darf ich dich noch was sehr persönliches fragen?“, beginnt Makoto ein neues Thema.

„Klar, frag ruhig.“

„Wenn du eine Chance sehen würdest, deine Mutter freizubekommen, würdest du das dann wollen? Würdest du die Chance nutzen?“ Carsten schweigt ein paar Sekunden.

„Das nenne ich einen Themenwechsel. Natürlich, um jeden Preis, aber da wird nichts passieren. Du kennst die Gesetze hier, einmal verurteilt und dabei bleibt es.“

„Hm…kann man so nicht sehen. Wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass ihr Rechtsbeistand Fakten vergessen hat oder ihr Geständnis ohne psychologisches Gutachten so akzeptiert hat, dann kann man dagegen an gehen. Sowas wie eine Berufung, immerhin ist sie keine richtige Japanerin, sondern nur geduldet. Es besteht ja auch die Möglichkeit, dass dein Vater Vorerkrankungen hatte und dadurch mehr als nur eine Beule bekam. Du sagtest es war eine Bratpfanne. Jemanden mit der Bratpfanne auf den Kopf zu schlagen, muss nicht gleich der Tod sein. Ähnlich wie bei dir mit dem Schlagstock.

Abgesehen davon, wollte sie nur ihr Kind beschützen und in so einem Fall sind Mütter zu allem fähig und denken in erster Linie nur ans Kind. Da ist nicht nur bei uns Menschen so, sondern auch bei den Tieren, also bei Tieren mit Sozialverhalten. Es ist eine Art Instinkt.“

„Klingt logisch, aber…ob das was bringt, keine Ahnung. Mir wurde immer gesagt, ich kann da gar nichts mehr machen. Zeugen fehlen ja auch, außer ich eben.“

„Hat man denn nach Zeugen gesucht?“

„Keine Ahnung ich war nur bei den Jugendbetreuern, während die Polizei alles geklärt hatte. Und bei der Gerichtsverhandlung war kein Zeuge da, nur wir beide. Ich war der einzige Zeuge.“ Es bleibt still.

„Gut, ich würde mir gerne mal deinen Fall ansehen, wenn ich darf, und wenn es zum Üben ist. Ich will mich im Strafrecht und Wirtschaftsrecht vertiefen.“

„Ich habe keine Unterlagen dazu. Da müsste man sicher zur Polizei gehen und die anfordern.“

„Das ist kein Ding. Meine Freundin, die, bei der ich mit den Softwaren helfe, sie ist ein Genie, Hackerin und Programmiererin. Sie hat zum Beispiel die Datenbank der Polizei gehackt.“

„Oh, echt jetzt? Aber wenn sie das macht, machen wir uns strafbar. Am Ende fragt man noch, wo wir die Details herhaben.“, ist er erstaunt.

„Kein Ding, denn niemand wird davon erfahren. Wir sehen uns nur die Sachen an und schauen, ob es überhaupt etwas zu finden gibt. Und dann, wird zufällig mal was unternommen. Erstmal sehen.“

„Okay, aber ich will nicht in irgendeinen Ärger geraten und auch nicht, dass sie sich da erwischen lässt und Ärger bekommt.“ Makoto lacht.

„Oh, die kriegen nix mit, denn sie hat ihr neues Sicherheitssystem selbst geschrieben. Sie hat es geknackt und entwickelt dann eine Software dagegen. Cool, oder?“

„Oh, echt. Also kommt sie quasi an ihrer Eigenen Tür vorbei, ohne erwischt zu werden?“

„Genau.“

„Das klingt cool, dann kann sie ja gleich die Unterlagen von deiner Mutter raussuchen. Ich finde nicht, dass da alles sauber ist. Die solltest du dir dann auch ansehen.“, schlägt er vor. Entsetzt richtet sich Makoto auf. Es steigt Wut in ihm auf. Noch nie kam sie Carsten gegenüber auf. Sein Herz pocht enorm.

„Du spinnst ja wohl! Die Polizei hat alles getan, was sie konnte. Davon bin ich fest überzeugt!“ Carsten ist sehr überrascht über diese Reaktion.

„Wieso regst du dich jetzt so auf? Glaubst du wirklich an Selbstmord?“

„Natürlich, die waren beide verzweifelt und hatten Angst, dass sie wegen der Spekulationen ins Gefängnis müssen. Ich muss doch nicht ausgerechnet dir sagen, wie scheiße es hier in den Gefängnissen ist. Was die Leute dort ertragen und erdulden müssen. Genau davor hatten die beiden Angst! Mutter wollte bestimmt nicht, dass wir sie dort besuchen müssen.“ Carsten steht auf und sein Puls steigt enorm an. Sein Blick ist streng auf seinen Freund gerichtet, der noch auf seinem Futon sitzt und nur wütend zu ihm aufschaut.

„Jetzt hörst du mir mal zu, mein Lieber! Ständig erwähnst du nebenbei, wie liebevoll deine Mutter war, was ihr alles gemacht habt und dass ihr sogar Hunde zusammen aufgezogen habt, so schöne Geschichten. Ich würde gerne solche Geschichten erzählen können.

Das, was ihr damals hattet, das war eine liebevolle Familie und eine Mutter, die ihre Kinder so liebt, wie sie es sicher auch tat, die…würde niemals aufgeben. Keine Mutter würde das!

Weißt du, was meine Mutter vor Gericht mit ihren letzten Worten sagte, als sie wegen Mord verurteilt wurde?“ Er hält kurz Inne und atmet tief ein. In der Pause des Redeflusses steht Makoto selbst auf und beide sehen sich wie Rivalen in die Augen.

„Ich bereue nichts! Ich bereue gar nichts, weil ich mein Kind beschützt habe. Das tun Mütter so.“, zitiert er sie und wartet Makotos Reaktion ab.

„Aber…das ist doch normal. Was…hat das mit meiner Mutter zu tun?“, kommt als Gegenwind. Carsten geht mit verschränkten Armen zum Fenster und sieht hinaus.

„Ganz einfach, Makoto. Immer wenn ich meine Mutter im Gefängnis besuche, dann sagt sie mir jedes Mal dasselbe. „Mir geht es gut, weil es dir gut geht. Mir ist egal, ob ich hier bin, solange du da draußen bist und leben kannst. Denk immer daran, ich bereue nichts. Und ich würde für dich erneut hier her gehen. Du bist das Wichtigste, was es für mich gibt.“. Das sagt sie mir jedes Mal. Und weißt du was das heißt?

Es sagt mir nur, dass eine Mutter, die ihre Kinder wirklich geliebt hat, niemals aufgeben würde und schon gar keine Japanerin. Überleg mal. Ihr redet hier von Ehrenmord und den Mauern und Zäunen, die ihr um euch aufbaut, alles nur, um euer Gesicht zu wahren oder um ein ehrvolles Leben zu führen. Ich glaube, dass dieser Selbstmord deiner Mutter und vielleicht auch deines Onkels gar kein Selbstmord war. Sie hat doch gerade erst wieder ein Baby bekommen, das festigt die Bindung an alle Kinder nochmal neu. Eine Mutter, die gerade ein Kind bekommen hat, die gibt nicht einfach auf, schon gar nicht nur wegen Geldsorgen. Auf ein Leben mit ihren Kindern zu verzichten, hätte sie für ein paar Jahre sicher auf sich genommen, solange sie euch irgendwie aufwachsen sieht und wieder in die Arme nehmen kann. Bei solchen Finanzsachen kann die Strafe im Gefängnis doch nicht höher sein als bei Mord? Was sind das dann, ein paar Jahre in Demut, weil sie sich verrechnet haben?“

Makotos Puls steigt weiter an und plötzlich schmerzt sein Herz etwas. Das Gefühl hatte er erst einmal, und zwar dann, als er erfuhr, dass seine Mutter tot ist. Das ist ewig her.

‚Was ist, wenn er Recht hat? Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht, aber Vater sagte immer, sie hatte Angst vor dem Gefängnis oder vor der Scham, allen gegenübertreten zu müssen, wenn sie ihr Geld wieder haben wollen. Sich zu rechtfertigen, das lag ihr nicht.

Aber…Kommissar Saito…niemals hätte er falsch ermittelt. Das kann ich mir nicht vorstellen. Er ist doch ein Profi, das hat man heute wieder gemerkt. Ich durfte sogar noch ins Haus und die Wertpapiere und den Schmuck holen.‘ „Carsten…bist du sicher? Vater sagte immer, sie hatte Angst…Angst vor den Konsequenzen. Und ich…ich kenne den ermittelnden Kommissar. Er ist wirklich gut in dem, was er tut. Ich denke nicht, dass er was übersehen hätte.“ Er geht zu Carsten und stellt sich neben ihn.

„Tut mir leid. Ich habe mich etwas im Ton vergriffen. Aber sei doch ehrlich…würdest du ihre Liebe zu euch anzweifeln?“ Makotos Puls sinkt wieder etwas, jedoch macht ihn sein Schmerz in der Brust zu schaffen. Es kommt kein Ton zurück, nur etwas schwereres Atmen.

„Ich will dem Ermittler ja nichts unterstellen, aber oft sieht alles nur nach Selbstmord aus und in Wirklichkeit ist es was anderes und hier bei euch wird ja schnell mal geurteilt, wenn kein einziger Hinweis gegen die offensichtlichen Fakten zu finden ist. Es wird schnell alles fertig gemacht und schon kommt der nächste Fall. Bei einem Prominenten hätten die länger ermittelt. Wie lange dauerte denn die Ermittlung an? Hast du jemals die Unterlagen eingesehen oder weißt du nur das, was alle sagen und die Presse gesagt hat?“

„Carsten, vielleicht hast du Recht. Ichiro hat es immer angezweifelt, Vater wiederum nicht. Er beharrt nach wie vor darauf und wollte uns nie die Unterlagen zeigen, damit es uns nicht belastet. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Kommissar damals was falsch gemacht haben soll.

Heute hatte doch auch alles super funktioniert. Er ist doch Profi und sehr erfahren.“

„Hm. Heute? Sag mir jetzt nicht, dieser komische Typ Heute war der Ermittler damals? Der war komisch.“

„Nein, nicht der, sondern Saito, der Hauptkommissar, der den gesamten Fall hat. Er ist mittlerweile der Revierleiter im 87. Und damals wohnten wir hier in der Nähe und da war er normaler Hauptkommissar.“

„Und wenn wir ihn jetzt fragen? So klein bist du ja nicht mehr, dass er nicht mit dir darüber reden kann, was damals war.“

„Ich frage Vater. Mal sehen, was er dazu sagt.“

„Dumme Idee. Hast du nicht eben noch gesagt, er wollte selbst auch „von euch gehen“, naja...dann ist er viel zu befangen, um da was zu beurteilen.“

‚Oder er ist ein Zeuge, der nur nicht aussagen will. Vielleicht sogar mehr? Makoto, dass du da nie dran gezweifelt hast, wundert mich sehr.‘

„Lass uns schlafen gehen und dann reden wir später nochmal, wenn wir ausgeschlafen sind. okay?“ Wütend schlägt Makoto auf den Stahlträger zwischen den bodenlangen Scheiben.

„Verdammt. Was ist, wenn du Recht hast?“

„Dann besteht vielleicht noch Hoffnung, dass jemand anderes die Schulden zahlen muss oder die Lebensversicherung auszahlt und ihr Kinder wisst, dass eure Mutter euch nicht im Stich gelassen hat. Das müssen wir abwarten. Vielleicht ist es das, was dein Bruder immer wieder so runterzieht, wenn er einen Rückfall hat.“

„Die Lebensversicherung…stimmt. Sie greift bei Mord auch ein, dafür wurde eine extra Klausel eingebaut, weil viel Privateigentum da war. Die lag in dem Ordner, der im Tresor lag.“ Plötzlich fällt ihm was auf und er sieht seinen Freund neben sich verdutzt an.

„Carsten…der Tresor, aber ja. Als ich damals mit dem Kommissar noch mal im Haus war, da war er bereits angefangen mit dem Code. Ich hatte mich gewundert, warum die erste Zahl bereits eingedreht war, aber ich habe mir nichts dabei gedacht und habe einfach nur die restlichen Zahlen eingedreht und die Unterlagen, das Geld und den Schmuck herausgenommen. Das war alles. Dem Kommissar habe ich das damals nicht gesagt, vermutlich aus Unwissenheit, dass es wichtig sein könnte. Aber jetzt…ist es ein Hinweis, oder?“ Carsten dreht sich zu ihm um und berührt seine Schulter.

„Das ist ein sehr wichtiger Hinweis, würde ich sagen. Wer war alles in dem Moment dabei, als du ihn geöffnet hast, und wo war er und wo war dein Vater, als man ihn gefunden hatte?“

„Der Tresor war im Schlafzimmer und Vater auch. Er lag auf dem Bett und hatte Schlaftabletten und Alkohol getrunken. Als Martin und Georg kamen, um nach ihm zu sehen, fanden sie ihn dort vor und retteten ihm das Leben, indem sie ihn aufwecken konnten. Mehr weiß ich nicht.“

„Wo war denn dein großer Bruder? Du hast einfach das Haus verlassen, um nach ihm und deiner Mutter zu suchen?“

„Genau. Sie tauchte ja nicht auf, um mich zu wecken, wie sonst. Und Ichiro war in der Nacht auch nicht da. Ich wollte Vater nicht wecken und ging einfach aus dem Haus, um zu ihr zur Arbeit zu laufen. Ich dachte, sie könne zu lange dort sein und eventuell dort eingeschlafen sein.“

„Hm…und dann haben dich Tinas Eltern gefunden?“

„Tina und Georg, ja. Auf dem Weg zu meiner Mutter fing es so doll an zu regnen und ich hatte mich mit einem kaputten Regenschirm aus der Mülltonne im Gebüsch verkrochen. Kurz vorher fand ich Tinas Haarspange auf dem Gehweg gegenüber auf der anderen Straßenseite.“

„Wo genau war denn der Busch, dass dich die beiden mitten in der Nacht finden konnten?“

„Genau neben ihrer Wohnung, neben dem Hochhaus.“

„Und das war Zufall? Du findest die Haarspange und gehst dann dort rüber, wieso? War auf deiner Seite kein Gebüsch?“

„Doch. Als mich Ichiro die Woche ins Bett brachte und mir noch eine Geschichte vorlas, erwähnte er nebenbei immer mal, wenn ich unterwegs sei und mir würde was passieren, dann soll ich mich in der Nähe des Hochhauses verstecken. Ich habe ihm einfach vertraut und es in der Situation gemacht. Ich bildete mir als Kind ein, dass dort ein Fuchs versteckt sei, der sich vor den Menschen versteckt.“

„Wie kommst du denn darauf? Also wieso hast du als Kind das gedacht? Ein Fuchs, mitten in der Stadt, ist doch unlogisch. Füchse sind außerhalb der Stadt, weit weg von Menschen und Lärm oder in Stadtnähe, aber nicht mitten in so einer Metropole. Das hast du doch sicher schon mit zehn Jahren gewusst.“

„Ich weiß, total albern, war halt so. Ich liebte Füchse, weil sie schlau sind. Sie sind schlau und müssen sich verstecken, das erinnerte mich immer an mich selbst. Ich bin mit einer Hochbegabung geboren und war immer klüger als alle anderen um mich herum. Das war immer ein großes Problem, weil ich dadurch von anderen Kindern und später auch Erwachsenen gemieden wurde.

Damals als Ichiro mir meine Lieblingsgeschichte von dem Fuchs und seinen Freunden, die ihren Wald verlassen mussten, vorlas, erwähnte er irgendwann zwischendurch mal, dass er einen Fuchs dort in der Nähe gesehen habe. Er sei sehr schlau und kann sich vor allen Menschen verstecken. Er helfe angeblich guten Menschen in Not. Deswegen entschied ich, mich in seine Nähe zu begeben. Vielleicht finde ich ihn dort, den Fuchs oder Ichiro.“ Carstens Puls steigt etwas an. Er schaut hinaus in die Dunkelheit mit den bunten Lichtern der Reklameschilder.

‚Er hat sowas nebenbei erwähnt? In der Nähe von Tinas Hochhaus soll ein Fuchs leben?‘ Er atmet tief durch und schaut auf die Uhr.

„Lass uns jetzt wieder hinlegen. Ich muss nochmal aufs Klo. Wir sollten jetzt schlafen.“, bestimmt er dann nachdenklich und verlässt den Raum.

Im Bad wäscht er sich das Gesicht mit kaltem Wasser.

‚Was hat das zu bedeuten? Ichiro, hat er etwa seinen Bruder manipuliert? Ihr seid doch beide auf Tinas Schule gewesen. Du noch in der Mittelschule und er ist so alt wie Tina. Das hast du doch vorhin noch bei Roland gesagt, dass du durch ihn diesen Itachi kennst. Sie seien mal zusammen in derselben Wohngruppe gewesen. Ob er sie kannte, ob er Tina kannte? War er auch an der Musashi?‘ Nach der Badbenutzung geht er wieder zum Wohnbereich und sieht seinen Freund auf dem Futon liegen und schlafen.

‚Jetzt schläft er schon. Dass er einschlafen kann, obwohl wir gerade über solche Dinge geredet haben. Das ist erstaunlich.‘ Er betrachtet ihn genauer. Makoto liegt zwar unter seiner Decke, aber auf dem Rücken und alle Glieder von sich gestreckt. Sein Kopf ist Richtung Fenster geneigt. Er lächelt beim Schlafen.

‚Hochbegabt, ja? Das erklärt einiges. Das ist es was Hyuga meinte, als er sagte, er müsse sich um seine Schwester nicht sorgen, weil er noch andere Dinge im Kopf hat. Er hat es erkannt, dass Makoto eins der Kids ist, die hier keine oder zu viel Aufmerksamkeit genießen. Makoto hat immer wieder erwähnt, dass ihn Sprachen und die Kulturen anderer Länder mehr interessieren, als nur stupides Lernen. Er kann das und lernt was ihn interessiert, aber die Sprachen und seine Gerichte sind ihm wichtiger. Deswegen kann er auch schon so viele Sprachen sprechen.‘ Er legt sich endlich selbst hin und schaut nochmal auf sein Handy, stellt den Wecker auf 8 Uhr und versucht zu schlafen.

‚Ich wollte ihn noch fragen, ob er diese Geschichte und die Erwähnung, dass dort ein Fuchs sein soll, auch der Polizei gesagt hat. Das ist doch nicht gerade unwichtig und kann ein Hinweis sein. Eventuell wusste sein Bruder irgendetwas.

So ein Blödsinn. Ein Fuchs, der lieben Menschen in Not hilft? Klingt wie eine dämliche Kindergeschichte.‘
 

Das Handy klingelt punkt 8 Uhr, Carsten wacht auf und macht ihn aus.

„Guten Morgen du Schlafmütze.“, grinst ihn ein fröhlicher Makoto an und hält ihm eine Tasse Kaffee vor die Nase.

„Oha, guten Morgen. Du bist schon wach?“

„Klaro, seit zwei Stunden schon. Schläfst du immer so lange?“

„Also echt, wir sind doch erst bei zwei rum ins Bett gegangen. Ich habe mir extra den Wecker gestellt, damit wir rechtzeitig frühstücken können.“

„So ist es. Geh fix duschen und dann komm in die Küche. Ich habe uns Frühstück gemacht. Der Salat von heute Nacht ist perfekt durchgezogen.“

„Alles klar, ich beeile mich.“ Carsten steht auf, schnappt sich seinen Rucksack und verschwindet in der Dusche.

Wenig später steht er in der Küche, frisch angezogen und die Haare nach hinten gekämmt.

„Noch ist dein Kaffee etwas heiß.“, grinst Makoto sitzend vom kleinen Esstisch aus. Er bedient sich an einem frischen Brötchen und schneidet es auf. Carsten kommt zu ihm und setz sich ihm gegenüber und greift zu seiner Tasse.

„Danke. Aber nicht, dass du jetzt immer der bist, der hier die ganze Arbeit macht. Sieht toll aus.“ Er greift zur kleinen Schüssel und füllt sich etwas Salat auf.

„Hast du gut geschlafen?“, beginnt er und sieht in Makotos ausgeschlafenes Gesicht.

„Klaro, es war echt besonders. Und ich habe was geträumt, war voll komisch.“ „Oh, echt? Ich hörte mal, das, was man in der ersten Nacht in der neuen Wohnung oder im neuen Zuhause träumt, geht in Erfüllung.

War es ein schöner Traum?“

„Ich weiß noch nicht. Es war eher eine Erinnerung, weniger eine Vision oder ein Traum.“

„Oh, eine Erinnerung?“

„Ja, meine Mutter, Ichiro, Vater und ich spielten mit unseren Hunden im Garten. Wir liefen mit ihnen um die Wette, ließen sie an ihrer Spielecke in der Erde buddeln und spielten sogar Verstecke in der Gartenhütte. Das machte immer viel Spaß. Ich war in der Hütte und musste mich vor ihnen verstecken und dann bin ich aufgewacht.“, erklärt er angeheitert und schwelgt in Erinnerungen, wie schön doch immer die Zeit zusammen als Familie war, bevor Ichiro das erste Mal in die Wohngruppe musste und bevor dann später alles kaputt ging. Vor ihm ist das glückliche Lächeln seiner Mutter zu sehen.

„Das klingt großartig. Ich hätte auch gerne so eine Kindheit gehabt. Das klingt so sorglos.“

„Das war es auch und ich glaube…du hast Recht mit dem, was du gesagt hast. Unsere Mutter hätte uns niemals freiwillig verlassen. Das sollte mir sicher der Traum sagen.“

„Und warum bist du dir da jetzt so sicher?“

„Weil sie es in den letzten Wochen des Öfteren erwähnt hatte. Ich habe es nur wie immer heruntergespielt und mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich war halt zu jung und die ganze Welt drehte sich nur um mich. Ichiro hatte Recht, als er mir einen gewissen Egoismus vorwarf, nach ihrem Tod.

Wenn ich jetzt darüber so nachdenke, fallen mir immer mehr Details auf, die ich damals nur hingenommen und nie für wichtig erhalten habe. Das beginnt mit dem Einreden, dass ich bei einem Fuchs Hilfe bekomme, der bereits eingedrehten Zahl am Tresor, wie auch einige Gegenstände, die im Haus anders standen, als ich aufwachte und später nochmal drin war, um den Tresor zu öffnen und meine Spielsachen zu holen.“

„Gut, das ist super. Dann können wir doch damit an deine Freundin herantreten. Es ist besser auch die Akten vorerst nur allein anzusehen. Was meinst du?“ Makoto steht auf und holt die Kaffeekanne, um sich nachzuschenken.

„Daraus wird nichts. Ich habe sie bereits angeschrieben, aber es kam nur eine Nachricht zurück, dass sie meinen Fall nicht raussuchen wird. Deinen Fall sucht sie noch. Sie mailt mir die Unterlagen dann zu, wenn sie was findet.“

„Oh, warum das denn nicht? Was ist mit deinem Fall?“

„Hm, das wüsste ich auch gerne, aber ich habe eine Vermutung. Die Vermutung habe ich ohnehin seit gestern. Diese ganze Zeit am Buffet war sehr aufschlussreich. Mir sind ein paar Dinge aufgefallen.“

„Was ist dir denn aufgefallen? Was hat das Spiel gestern mit den Fällen zu tun?“ „Ganz einfach, als der Kommissar bei uns war und Tina plötzlich kam, grinste er sie so komisch an. Du hattest ihr doch noch viel Glück gewünscht und dass sie diese Frau Saito unbedingt besiegen soll, sie sei immer so arrogant.“

„Hm. Ja. Das ist mir auch aufgefallen. Aber das stimmt doch. Was ist jetzt dabei gewesen?“

„Tina hat ihm was zugeflüstert. Hast du es gehört?“

„Nein, was hat sie denn gesagt?“

„Wenn der wüsste.“, zitiert er Tina. Carsten grinst.

„Und…ich verstehe nicht ganz. Willst du darauf hinaus, dass die sich kennen? Akane Saito und der Kommissar Saito? Die Namen gibt’s doch eh wie Sand am Meer.“

„Das schon, aber…Akane, ist die besagte Freundin. Also…wenn er sie kennt…und der Kleine, also sein Sohn, der hat noch zu ihr gezeigt und sie beim Namen gerufen, obwohl er Tinas Fantrikot anhatte. Ich behaupte mal, er ist ihr Vater. Sie erwähnte nebenbei, dass sie den Kontakt zu ihrem Vater in der Öffentlichkeit meidet, aus Schutz beider Seiten.“

„Du vermutest also, dass er ihr Vater sei? Vom Alter käme es ja hin. Lass ihn so alt sein wie Roland, gleicher Männertyp.“

„Gleiche Grübchen, würde ich mal sagen. Also ist klar, dass sie seine Fälle nicht rausrückt.“

„Gut, dann…sehen wir es uns selbst an. Wir beide…finden ein Beweis und dann gehen wir zu ihm und fordern die Akten an.“, schlägt Carsten vor und reicht ihm die Hand. Makoto grinst und nimmt an.

„Gut, abgemacht.“

210. Nachmittags in Tokio

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

211. Guten Morgen Gruß

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

212. Gelungene Überraschung

Kapitel 212
 

Gelungene Überraschung
 

Ein junger Mann steht vor Tinas Haustür. Blonde kurze gefärbte Haare, blaue Kontaktlinsen, schwarze Leder Kleidung. Ein langärmliges schwarzes Shirt mit weitem V-Ausschnitt, hervorglänzend eine goldene Kette mit einem schlichten Kreuz, ebenso Kreuze zu finden, hängend an seinen Ohren. Kapuze auf dem Kopf und kurze Ärmel der offenen dünnen Lederjacke, sowie Ledergürtel und Lederarmbänder mit einzelnen Ring-Perlen daran. Seine Hände haben offene dünne Lederhandschuhe an, die seine Finger frei lassen, ideal passend zum Radfahren oder ähnliches. Nachdenklich betrachtet er den Vorgarten. In der rechten Hand hält er eine schmale Ledertasche mit langen Riemen.

‚Hm, ich hoffe du bist noch da, Tina. Es eilt wirklich sehr. Nicht, dass du schon in den Urlaub geflogen bist.‘, geht ihm durch den Kopf. Er betätigt die Klingel und schaut zeitgleich auf die Uhr seines Handys. Es ist etwa gegen 6:30 Uhr. Die Klingel ist nicht zu hören.

‚Nanu, die hört man doch sonst immer.‘ Er versucht er erneut und ein drittes Mal. Kein Ton zu hören. Und dann kann er plötzlich seltsame Laute vernehmen, zu verstehen ist nichts, aber es klingt in seinen Ohren etwas bedrohlich. Die Laute kommen eindeutig aus dem Haus. Er hält sein Ohr an die Tür. Ja, da war irgendwas.

‚Tina, ist alles in Ordnung bei dir? Um die Zeit hast du sicher nicht den Fernseher an. Das passt nicht zu deinem geregelten Tagesablauf. Du müsstest um diese

Zeit jedoch wach sein.

Oder bist du gar nicht da und jemand Fremdes ist im Haus?‘ Etwas Sorge macht sich in ihm breit. Die Gerüchte, dass neuerdings wieder Einbrecher unterwegs seien, die in Häuser einsteigen, wenn die Leute im Urlaub sind, häufen sich seit Wochen. Wenn es um solche Dinge geht, ist er sehr informiert.

Und plötzlich wieder ein seltsamer Laut. Wie einem Schrei ähnelnd, eindeutig eine Art Schrei einer Frau. Sehr gedämpft, aber es kommt aus ihrem Haus. ‚Verdammt, ob jemand an der Tür war und dich überrumpelt hat?‘ Die strengen Worte seines großen Halbbruders gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Jetzt wo es hier so seltsam scheint.

„Halt die Augen bei Gelegenheit auf, Kleiner. Im Moment sind brutale Einbrüche gemeldet worden. Treffen sie doch auf jemanden im Haus, hinterlassen sie nicht nur ein Chaos, sondern auch Leichen und geschändete Frauen.“ Besorgt greift er erneut zum Handy und versucht Tina anzurufen. Das Handy sei aktuell nicht erreichbar, also ist es ausgeschaltet. Das wundert ihn, denn um diese Zeit ist sie immer wach und zu hören ist doch was. Dann versucht er das Haustelefon anzurufen, angeblich keine Verbindung. Seltsam meint er. Das gab es noch nie.

„Sie kappen die Telefone und Klingelanlagen, damit niemand was merkt.“, klingeln erneut die Worte des Verwandten im Ohr. Kurz entschlossen greift er in seine Umhängetasche und holt einen speziellen Dietrich heraus, fummelt das Schloss auf, zückt sein Taschenmesser, betritt sehr leise das Haus, legt seine Tasche an die Seite und schließt die Tür hinter sich. Sein Puls ist sehr angestiegen, denn was erwartet ihn nur, wenn es wirklich zum Schlimmsten kommt? Wie geht es Tina, was ist passiert?

Kurz darauf geht er leise den Flur entlang, schaut zum Telefon auf der Kommode, Kabel ist nicht in der Dose. So viel zum Thema Leitung tot. Dann steht er vor der großen Schiebetür des Wohnzimmers, aus dem zuerst gar keine Geräusche kommen, aber dann doch sehr gedämpfte Töne, leise keuchende Töne, die ihm dann aber eher etwas skeptisch machen.

‚Das klingt ja…eher…Bin ich zu spät, oder ist es nur das, was ich denke?‘, beginnt er zu grinsen, aber vergewissern will er sich dann lieber doch. Er öffnet leise die Schiebetür und schaut vorsichtig ins Wohnzimmer. Zuerst kann er nur Tinas Kopf hinter dem Sofa sehen, wie sie schwitzend und stark atmend zu jemanden heruntersieht. In ihrem Gesicht ist eindeutig ein zufriedenes Lächeln zu sehen. Es ist rosig, schon von der Seite zu sehen und ihre Haare sind eindeutig an einigen Stellen nass. Sie wippt ein wenig vor sich hin, als würde sie noch in bestimmten Bewegungen stecken, die er sich in seinen Gedanken lieber nicht bildlich ausmalt.

‚So so, soviel zum Thema Einbrecher.‘, stellt der junge Mann fest, dass er völlig falsch mit seiner Vermutung lag und sein Puls geht wieder etwas herunter. Sofort wegsehen, kann er jedoch nicht. Die Tatsache, dass es ihr gut geht, beruhigt ihn jedoch sehr.

„Bet…tina, du bist so…wunderschön. Viel zu schön…für mich.“, hört er plötzlich die kräftige Männerstimme, die etwas außer Atem ist.

‚Was für eine Stimme, und so starke Worte. Meine Herren. Wer auch immer das ist, er weiß scheinbar, was sie hören will, um sie rumzukriegen.‘ Er lehnt sich an den Türrahmen, klappt sein Messer unhörbar zusammen und steckt es in die Hosentasche. Dann sieht er wie eine große Hand zu ihrem Gesicht fährt, sich auf ihre Wange legt und streichelt. Bald darauf berührt auch Tina diese Hand und küsst ihre Innenfläche. Noch ist es still, bis bald seine zweite Hand an ihren Kopf greift und ihr Haar berührt.

„Bettina…ich liebe dich so sehr. Ich…ich freue mich auf unseren Urlaub…und dass du bei mir sein willst, für immer. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit. Ich ersehne den Augenblick, wenn du an deinem geliebten Strand stehst, der Wind in deinen Haaren weht und nur noch wir beide während eines Kusses das angenehme Meeresrauschen deiner geliebten Ostsee hören.“, ist wieder die feste Stimme zu hören. Kurz darauf richtet sich ihr Partner auf und küsst sie sinnlich. ‚Oha…Tina…ein Liebesgeständnis? Was ist denn hier los? Und dann ein langhaariger Typ? Hm, groß und scheinbar ordentlich Muskeln, ganz deins, stimmt. Aber ich wusste gar nicht, dass du auf solche Typen stehst, die so geschwollen daherreden, aber…das scheint sehr ernst zu klingen.

Ich wusste nicht mal, dass du einen neuen Freund hast, aber gleich solche Liebesschwüre, ich weiß ja nicht.‘ Er geht kurz in den Flur zurück, um nicht weiter zu stören und dann schaut er auf seine Tasche.

‚Verdammt, ich kann nicht einfach gehen. Ich brauche deine Unterschrift noch heute Vormittag.‘ Dann hört er das erste Mal auch ihre Stimme. Sie klingt wie verträumt. Er stellt sich wieder in den Türrahmen und macht sich ab nun einen Spaß daraus, ihnen zuzusehen und grinst vor sich hin. Wirklich viel sehen kann er nicht, nur die Köpfe und ein wenig die Schultern, weiter durchaus nicht. Das sofa ist im Weg.

„Ko…jiro…Liebster…ich…sehe dieses Bild ständig vor mir. Endlich…haben wir Urlaub.

Ich…liebe dich auch so sehr. Ich…habe manchmal das Gefühl, dass es immer schlimmer wird, von Tag zu Tag.“, dann berührt sie sein kantiges maskulines Gesicht und sieht verträumt zu ihm auf.

„Nur noch die Erledigungen heute, dann…endlich…geht’s nach Deutschland und…du lernst meine Chaoten-Familie kennen.“ Er scheint zu lächeln, berührt sie bestimmend am Rücken und führt sie fest an sich heran. Viel kann er von ihm nicht sehen, nur die langen schwarzen Haare, kurz die Nase und ein Ohr. Eindeutig ein großer kräftiger Japaner, mehr ist nicht zu deuten.

„Die werden sich wundern, wen du da anschleppst.“

„Sie…werden dich lieben und sich wahnsinnig freuen…denn immerhin…werden wir uns öfters sehen können. So weit ist es nicht mehr auseinander.“

„So betrachtet…stimmt. Hauptsache ist…du bist bei mir, für immer.“ Seine Lippen berühren die ihre, und sie versinken in einem sinnlichen Kuss. Als er beginnen will ihren Kimono endlich von der rechten Schulter zu gleiten, damit sie erneut in ihren Leidenschaften versinken können, ist eine tiefe Stimme zu hören. „Statt meiner Unterlagen, hätte ich lieber Popcorn einpacken sollen. Auf so einen schnulzigen Live-Porno war ich nicht vorbereitet.“

Das Paar lässt sich entsetzt los. Kojiros Puls rast und er weiß gar nicht wie er so schnell reagieren soll. Tinas Herz pocht so sehr, vor Scham, gerade wollte sie sich doch ihrem Liebsten erneut hingeben. Dann diese Stimme. Sie sehen sich verlegen in die Augen. Dann endlich dreht sich Tina Richtung Stimme. Sie legt ihre Hand von Kojiros Kopf auf sein Gesicht und deutet ihm an, sich in die andere Richtung zu drehen, was er natürlich auch tut.

Der junge Mann grinst frech und legt noch einen drauf.

„War ja klar, dass die Tigerin oben sitzt. Sogar im Bett hast du das Sagen, oder wie?

Aber keine Angst. Ich habe eure Höhepunkte nicht gesehen, nur das langweilige Liebesgesülze. Ich kam eindeutig zu spät.“ Wie zornig greift Tina zu einem der Sofakissen und wirft es mit voller Wucht in seine Richtung.

„Verschwinde! Wie kommst du überhaupt hier rein?! Du Spanner!!“ Er fängt das Kissen auf und lacht. Dann hält er seinen Dietrich hoch.

„Na damit natürlich. Bin ja schon weg. Ich habe mich nur gesorgt. Von außen klang es wie ein Überfall. Dein Geschreie. Ich wusste ja nicht, dass du neuerdings einen Freund hast. Aktuell sind brutale Einbrecher unterwegs und überfallen die Leute, besonders die Damen. Du solltest unbedingt dein Schloss austauschen, es war viel zu leicht zu knacken. Ich kann dir bessere empfehlen.

Und du hast selbst gesagt, wenn ich eine neue Ausbildung gefunden habe, soll ich sofort zu dir kommen. Tada…da bin ich. Leider brauche ich deine Unterschrift heute schon.

Ich warte in der Küche, bis ihr fertig seid, mit was auch immer.“

Tina greift zum nächsten Kissen und wirft es ihm ebenso hart zu.

„Warte! Tobi! Geh ins Gästezimmer und warte dort, bis ich dich rufe.“ Tobi fängt das Kissen auf.

„Oh man. Ins Gästezimmer? Na gut.“ Somit verlässt er das Wohnzimmer und geht direkt in die gegenüberliegende Tür und schließt die Tür. Kaum ist er hinter der Tür verschwunden, grinst er vor sich hin.

‚Da hat sie doch glatt einen Freund und keiner weiß was davon. Ein wirklich kräftiger Typ. Wieso durfte ich jetzt sein Gesicht nicht sehen? Am liebsten wäre er mir sicher an die Gurgel gegangen, würde mich nicht wundern.

Und jetzt schon Urlaubspläne und Liebesgerede? So richtig kann ich es gar nicht glauben. Sie will ihm ihre Familie vorstellen?‘ Er schaut sich etwas verwundert im Gästezimmer um. Es hat den Eindruck, dass es vor Kurzem benutzt wurde. Das Bett ist etwas unordentlich gemacht. Der Vorhang zugezogen und als er ins Bad schaut, sieht es benutzt aus.

‚Seltsam, das ist doch gar nicht ihre Art. Ob jemand vor Kurzem hier war? Ein Gast?‘ Plötzlich vernimmt er seltsame Geräusche im Flur. Ein kleines Poltern an der Tür.

„Tobi? Du hast wirklich, was gefunden, was du auch durchziehst? Wann soll das losgehen?“

„Ja. Morgen schon, deswegen eilt es. Ich muss heute die Unterlagen abgeben und einen Vormund vorweisen. Du hast gesagt, du würdest das machen, wenn ich was finde.“

„Und damit kannst du jetzt und später auch gut verdienen?“

„Ja. Im Handwerk wird immer gesucht.“

„Gut, warte ne halbe Stunde. Wir werden zusammen frühstücken.“

„Wie jetzt? Mit deinem Freund zusammen?“

„Was denkst du denn? Soll ich ihn wegschicken, oder was? Natürlich wir alle drei. Dann kann er dich gleich kennenlernen und du ihn.“

„Oha. Dann haut er mir vermutlich gleich Eine rein, weil ich euch „in flagranti“ erwischt habe.“, kommt prompt zurück.

„Wenn du darum bettelst, überlege ich es mir noch!“, haut Kojiro brummig durch die Tür. Tina fängt an zu kichern.

„Also echt mal. Kojiro…du bist gemein. Er meinte es doch nur gut mit mir.“, spricht sie liebevoll und belustigt.

„Man kann auch gehen, wenn doch alles okay ist. Fertig!“, knurrt er erneut.

„Siehst du? Dann komme ich also mit einem blauen Auge zu meinem Bewerbungsgespräch und der Probearbeit, klasse. Die werden ja begeistert sein.“ Tobi geht zur Tür und will sie öffnen, um mit ihnen von Angesicht zu Angesicht zu reden, doch die Klinke lässt sich nicht herunterdrücken.

„Hä? Was soll das?“ Wieder fängt Tina an zu kichern.

„So einfach wird das diesmal nicht. So ein Stuhl ist schon sehr praktisch. Bleib da drin, bis ich dich rauslasse.“

„Wie gemein, das nennt sich Freiheitsberaubung.“, murrt er.

„Nö, ich weiß, dass du gut aus dem Fenster steigen kannst, aber das tust du ja nicht, denn dann gibt es keine Unterschrift. Oder?“

„Stimmt.“ Es kommt nur die kurze Antwort. Tina und Kojiro gehen Richtung Küche, räumen ihre romantischen Hinterlassenschaften wie zum Beispiel seine Unterhose, weg und richten die Magnete am Kühlschrank wieder. Kojiro geht hoch ins Schlafzimmer, um seine Sachen aus dem Schrank zu holen.

„Tina-san?“, kommt eine feste Stimme aus dem Gästezimmer. Tina geht natürlich zu ihm.

„Was ist?“

„Es tut mir leid. Ich hätte mich gleich bemerkbar machen müssen.“, spricht er ehrlich und überzeugend.

„Das hättest du, ja.“

„Bitte nimm den Stuhl wieder weg. Ich bleibe. Ich warte hier auch ohne deine Absperrung.“ Der Tonfall klingt in Tinas Ohren etwas besorgniserregend.

‚Tobi, was meinst du damit? Stört es dich so sehr? Da ist so ein ängstlicher Tonfall dabei.‘

„Versprochen? Ich will nur nicht, dass es nochmal zu peinlichen Situationen kommt.“

„Ja, ich bleibe hier drin. Ich würde dich nie belügen, das solltest du wissen.“, kommt mit festem Ton zurück. Tina nimmt den Stuhl weg und stellt ihn wieder an die Kommode, auf der das Telefon steht.

„Okay. Du hast Recht. Wenn du willst, kannst du selbst auch duschen gehen, dann bist du beschäftigt. Im Schrank liegen frische Handtücher.

Dai, ich weiß, dass du es eigentlich gut gemeint hast, aber an den Feinheiten und dein Feingefühl, musst du echt noch arbeiten. Das wird dir sonst wieder auf die Füße fallen.“, spricht sie besorgt.

„Ich merke es mir. Dieses Drumherum ist halt echt nicht mein Ding.“

„Du musst es lernen, das hilft alles nichts.“, ist sie ruhig. Inzwischen ist Kojiro wieder unten an der Küche und kann Tinas Unterhaltung hören.

‚Dai? Moment mal…ein Jugendlicher namens Dai? Und wieso nennt sie ihn vorhin Tobi?

Das ist doch nicht etwa…der Junge, aus dem Brief?‘ Kojiro denkt an die letzte Nacht zurück. Sie war sehr kurz und wirklich lange geschlafen hat er diesmal nicht. Er fühlt sich zwar ausgeschlafen, aber das liegt eher an etwas anderem.

Was ist in der Nacht passiert? Was bringt ihn nur dazu, eventuell zu wissen, wer der Junge ist?
 

Kaum hat Kojiro Tina ins Bett gebracht und ihr die Decke bis zum Hals gelegt, geht er ins Bad duschen. Es ist bereits 00:45 Uhr. Danach geht er ins Bett und legt sich neben sie und versucht einzuschlafen. Er dreht sich nur von einer Seite zur anderen und verharrt dann auf der Seite, dass er Tina beim Schlafen zusehen kann. Sie liegt noch immer auf dem Rücken und lächelt im Schlaf vor sich hin.

‚So glücklich siehst du aus. Morgen wollen wir um diese Zeit fast am Flughafen sein und in den Urlaub fliegen? Morgen schon? Deine Familie werde ich bald kennenlernen.‘ Er lächelt glücklich und betrachtet sie verliebt. Dann berührt er ihre Wange, keine Reaktion ihrerseits, nur ihr glückliches Lächeln und ein regelmäßiges seichtes Atmen. Sie ist eindeutig völlig weggetreten.

‚Du bist so wunderschön. Schade, dass wir unser nächtliches Zusammensein verschieben müssen. Natürlich würde ich dich am liebsten ganz fest in die Arme nehmen.‘ Es schwirren ihm plötzlich so viele Dinge in seinen Gedanken umher, dass er nicht einschlafen kann. Er steht auf und stellte sich ans aufgeklappte Fenster. Die Hitze ist auch in der Nacht zu spüren. In der Regel stört es ihn nicht, aber heute kommt es ihm heißer vor als sonst.

‚Was ist, wenn das alles doch zu schnell geht und wir einen Fehler machen? Zwei Wochen, Bettina…gerade mal zwei Wochen. Das ist sehr kurz. Deine Familie kennenlernen?

Jun, Tsubasa? Genzo? Ihr sagt, es passt und ihr mögt sie sehr und wir gehören zusammen, aber ist es nicht doch zu früh für alles das? Zusammenziehen…ich bin doch viel zu sehr darauf eingestellt alles allein zu regeln. Nie hat jemand im Haushalt in meinen Rhythmus reingeredet. Schon als Kind musste ich das alles selbst managen. Klar, meine Mutter hat die Grundlagen gelegt, aber letztendlich habe ich alles so angepasst, dass es für meinen Tagesablauf am besten passt. Und jetzt ebenso.‘ Er dreht sich zu ihr um und lehnt gegen das Fensterbrett und blickt zu ihr.

‚Bettina, warum…kommen plötzlich Zweifel? Warum denn? Ich liebe dich doch, das kann ich doch nicht falsch verstehen, oder doch? Das, was ich für dich fühle…ist doch nicht nur…DAS EINE? Es ist so viel mehr.‘ Er geht zu ihr, setzt sich an ihre Seite und betrachtet ihr Gesicht. Sein Herz schlägt wie wild, denn der Zweifel fühlt sich so falsch und berechtigt zugleich an, dass es ihn Sorgen bereitet.

„Du musst dir in den nächsten Tagen, also in eurem Urlaub, nur selbst sicher sein.“, gehen ihm Juns Worte ebenso wenig aus dem Kopf. Er denkt über das seltsame Gespräch zwischen Itachi und Tangaroa nach. Der angehende Arzt und der große Rugbyspieler. Mit ihnen war Tina vor ihm zusammen? Warum stört es ihn nur so sehr? Mit Martin kommt er doch auch klar und macht sich darüber keine Gedanken. Er ist doch sogar deutlich älter als die beiden anderen Männer. Das Gespräch, was er zwischen ihnen mitbekam, irritiert ihn trotzdem zu sehr. Es lässt ihn trotz des Telefonats mit Jun keine Ruhe. Die Vorstellung, dass Tina mit den beiden irgendwann mal zusammen war oder mit ihnen intim gewesen ist, das will nicht in seinen Kopf. Dass sie mit Martin lange zusammen gewesen ist, das kann er irgendwie verarbeiten, vermutlich auch, weil er noch immer mit ihr viel zu tun hat und nun selbst die Liebe seines Lebens gefunden hat. Er hat gesehen wie er mit ihr umgeht und sie mit ihm, es scheint wieder alles wie eine reine Freundschaft zu sein. Zumindest glaubt er das, da es danach aussieht. Die Vorstellung in seiner blühenden Fantasie, seine geliebte Bettina würde in den Armen jeweils der beiden Männer liegen und womöglich mehr, so wie bei ihm, dass lässt ihn einfach nicht in Ruhe und versetzt ihn in einen seltsamen Zustand, den er noch nie gespürt hat. Sein Herz fängt an zu schmerzen und es schlägt ganz doll, als hätte er eine Art Wut im Bauch. Was ist das nur? Es macht ihn bei dem Gedanken daran wütend und ist zugleich besorgniserregend. Diese Unterhaltung zwischen den Beiden, die er zufällig aufschnappte, lässt ihn mehr als unendliche Fragen aufkommen. Ist das Gefühl wirklich nur Eifersucht? Eifersucht, weil er sie liebt? Eifersucht hat er noch nie hinsichtlich einer Frau gespürt, niemals. Aber anders kann er sich dieses Gefühl nicht erklären.
 

Es war kurz nach dem Spiel und er wollte nur nochmal nach seiner Mutter schauen und vermutete sie in der Krankenstation. Kurz vor der Tür vom Behandlungszimmer hörte er laute kräftige Stimmen. Sie drangen durch eine Tür im Gang.

„Was soll das? Was machst du hier? Und hier hinten hast du ohnehin nichts verloren. Normale Zuschauer haben die übliche Gästeseite der Halle zu nutzen. Da hat sich all die Jahre nichts dran geändert.“

„Tut mir sehr leid, aber ich wusste nicht, dass du hier bist. Ich wollte mit Tina reden.“

„Blödsinn. Sie spielte gerade und wird bei ihrem Team sein. Was willst du wirklich?“

„Ich wollte mit Jun reden. Er betreut mich und ich wollte ihm Informationen geben, die er neu berechnen muss.“

„Misugi? Also auf der Webseite steht, dass Tina euch betreut.“

„Das kommt auf dasselbe raus. Wieso bist du hier? Musst du nicht irgendwo in einer Klinik sein oder sowas?“

„Ich wollte nicht hier sein. Ich habe ab heute Urlaub und wollte nur in den Container, mal ein ruhiger Tag und dann rief mich der Direktor an und bat mich Ersatzmann zu spielen. Es gäbe ein spontanes Volleyballspiel. Er sagte mir jedoch nicht welches. Naja, ich kann jeden Yen gebrauchen und es ist mal eine Abwechslung nur Kleinkram zu machen. Also sagte ich zu und hier bin ich. Dumm gelaufen, als Tina dann auftauchte. Sie ist ebenso wenig begeistert.“

„Ich verstehe. Jun sagte sein Team hat aktuell hier das Trainingslager und dann kam das Spiel plötzlich hier her, weil die Deutschen vom Verband spontan da sind und unbedingt an die Schule wollten. Sein Team hat dann geholfen alles mit den Frauen zusammen herzurichten. Sie wollen sich wohl davon überzeugen, dass sie hier für ihre Freunde spielen will und nicht nur des Geldes wegen.“

„Ja, das ist sehr interessant. Und die Fußballer sitzen echt jetzt alle im Publikum? Ich bin sehr erstaunt.“, vermerkt Itachi.

„Ich auch. Ja. Das Nationalteam und das Tokio-Team. Und einige andere auch noch. Ansonsten nur die geladenen Gäste. Familie, Freunde und VIPs. Es sollte ein Freundschaftsspiel sein. Ich bin ehrlichgesagt sehr überrascht, dass Tina das zugelassen hat. Damals konnte sie nur Jun um sich haben und alle anderen hat sie immer vermieden.

Er sagte mir, sie habe einen neuen Freund und hat seinem Team gestern bei einem Spiel gegen Tokio zugesehen und es wie unseres ins Programm aufgenommen. Das hat sie noch nie getan. Was meinst du? Was mag das für ein Typ sein? Das muss an ihm liegen, oder?“ Es war kurz ruhig.

„Ist doch schön, wenn Tina endlich über ihren Schatten springen kann.“

„Ich freue mich ja auch. Es wird doch Zeit, dass endlich Normalität einkehrt.“

„Normalität? Was meinst du denn damit?“

„Na, dass es egal ist, welchem Sport sie sich ansieht. Das meine ich.“

„Eben. Wo ist jetzt dein Problem dabei?“ Es gibt eine Gesprächspause.

„Sag mal, Okawa…wieso verteidigst du sie so? Immerhin musstest du ihretwegen die Schule vorzeitig verlassen.“

„Wovon redest du? Ich habe den Verweis wegen der angezettelten Prügelei auf dem Schulhof kassiert, schon vergessen? Gab ja wohl genug Zeugen.“

„Blödsinn…den Verweis hast du vorher schon bekommen. Ebenso dein erstes blaues Auge, es kam von Bettina. Das zweite kam erst bei der Prügelei auf dem Hof.“

„Wow, interessant. Hat dein Vater etwa seine ärztliche Schweigepflicht gebrochen? Du weißt schon, dass ich ihn damit heute noch verklagen könnte, wenn es mir darum ginge?“

„Was hat er denn damit zu tun? Ich…habe euch gesehen. Dann habe ich mit Bettina gesprochen. Sie hat es mir quasi erzählt. Das ist alles. Wie kannst du behaupten, dass mein Vater seinen Job falsch macht?“

„Okay, wenn das so war. Und wenn du uns gesehen hast, warum bist du nicht dazwischen gegangen?“

„Weil ich es in dem Moment falsch verstanden habe.“

„Hä? Was gab es da falsch zu verstehen? Lange hat der Kuss ja nicht gerade gedauert, da hatte ich schon ihre Faust im Gesicht.“

Kojiro staunt nicht schlecht, als er das hört. Was hat das denn nur zu bedeuten? „Es war zu kurz, das, was ich gesehen habe.“ Ein Lachen kommt von Itachi.

„Ach, ne? Sag bloß, du warst genau in diesem Moment da und bist gleich gegangen? Hast du etwa weder den Anfang noch das Ende gesehen? Dann, warst du sauer auf sie? Du warst also eifersüchtig, weil du bei eurem komischen Date zu feige warst zu tun, was ich dann einfach tat?“, haut er hinaus.

„Oh Taylor, echt mal. Du bist ne Wucht. Wie konntest du bei so einem Anblick weggehen? Bei Eifersucht geht man gewöhnlich an die Decke, geht dazwischen, vor allem, wenn man den anderen Kerl nicht leiden kann, aber du…du verkriechst dich sofort und lässt sie allein?

Das sagt doch nur, dass eine Frau wie Bettina sowieso nicht zu dir passen würde. Du könntest so einen temperamentvollen Wirbelwind niemals festhalten. Du bist scheinbar nicht einmal in der Lage sie zu beschützen.

Und jetzt sag mir nicht, du hättest mir später am liebsten eine runtergehauen, als du es erfahren hast, was wirklich war.“

„Am liebsten würde ich es jetzt noch tun, aber was soll das bringen? Gewalt war noch nie mein Ding, das weißt du. Von dir kann man das ja nicht behaupten.“

„Hm. Man merkt, du hast nie verstanden was da damals wirklich gelaufen ist. Aber Bettina hat es recht schnell durchschaut und deswegen kam diese Schüsselaktion überhaupt zu Stande.

So konnte sie allen ganz offen klarstellen, dass sie nicht mehr angreifbar war und mit dem Kompliment, dir gegenüber, hat sie sich gleich ihren ersten Schutzschild aufgebaut.

„Ein Mann mit Muskeln und Verstand“, wie das schon klingt. Ihr Rugbyspieler wart doch gleich Feuer und Flamme, als sie es vor allen zu dir gesagt hat, nur weil du ihr sagtest welchen Sport du machst. Jeder wusste plötzlich, was sie für einen Männergeschmack hat und wer in Zukunft hinter ihr stehen würde. Mit deinen Freunden wollte sich keiner anlegen und mit Yako ohnehin nicht.“

„Nun verrat du mir doch mal, warum du sie geküsst hast? Du bist ihr doch die ganzen Tage nur auf die Nerven gegangen. Ich wusste gar nicht, dass du überhaupt Interesse an ihr hast. Und auf Gegenwind musst du doch vorbereitet gewesen sein.“

„Hm. Mir gingen wohl wie allen anderen einfach die Hormone durch. Das war alles. Verrat du mir lieber mal, warum wir hier die ganze Zeit über Tina reden, was ist mit dir? Was soll das an deinem Finger sein? Ein Verlobungsring? Wenn du verlobt bist, was gehen dich da so alte Geschichten noch an?“

„Oh, ja. Wir sind frisch verlobt und wollen nächstes Jahr heiraten. Ich werde sogar Vater.“

„Oha. Wie lange seid ihr zusammen?“

„Ein halbes Jahr und…naja…da ist es gleich passiert.“

„Okay. Lass nach der Geburt auf jeden Fall einen Vaterschaftstest machen. Mir wollte auch mal eine ein Kind unterschieben, in der Hoffnung, ich könnte ihr später als Arzt genug Alimente zahlen.

Ist nur ein guter Rat unter Männern. Dein Verdienst in der ersten Liga wird nicht schlecht sein, denke ich mal.“

„Echt? Wie hinterhältig. Aber so ist sie nicht. Keine Sorge.

Ja, ich kann nicht klagen. Aber ich habe ein Transfer nach Europa. Ich werde nach England gehen. Da sieht das alles noch viel besser aus.“

„Oh, ist England nicht die Wiege des Rugbys?“

„Jo. Ist es. Es ist eine Ehre dort in der obersten Liga, die Premiership zu spielen. Die Erfahrungen kann ich dann gut für die nächsten Spiele mit dem Nationalteam gebrauchen.“
 

An dieser Stelle wurde Kojiro als Zuhörer unterbrochen, weil jemand den Flur entlangkam.
 

Er verlässt das Schlafzimmer und geht hinunter, sich einen Tee machen, in der Hoffnung, ein wenig abschalten zu können. Er füllt ihn in einen Thermobecher, geht nachdenklich wieder hoch und holt seinen Laptop aus dem Rucksack und geht in Tinas Arbeitszimmer, in dem die Bälle und Trikots sind. Sie sagte ihm, dass er den Schreibtisch frei benutzen kann, wenn er möchte und Ruhe benötigt. Er versucht sich etwas über Tinas Heimat zu informieren und schaut sich im Internet ein wenig um was man in der Nähe der Hansestadt Rostock so machen könnte.

Die Ablenkung ist anfangs gut, aber plötzlich kommen ihm wieder Zweifel auf, ob sie nicht beide doch viel zu schnell mit allem handeln. Der Gedanke mit ihr jeden Tag zusammen zu sein, lässt sein Herz zwar mit Freude füllen, aber trotzdem kommen Zweifel auf, ob es überhaupt funktionieren würde. Sie hat hier im Haus ihre eigene Ordnung und er hat in seinem Haus seine Ordnung und er weiß doch wie sehr er sich aufregt, wenn mal was nicht so ist, wie er es haben will. Wird das gut gehen mit ihnen beiden? Sie sind doch beide so temperamentvoll und eigen. Nachdenklich dreht er sich mit dem Stuhl durch den Raum und schaut sich aufmerksam um. Sein Blick bleibt bei den Bällen im Regal hängen.

Wie besonders war es für sie, als er ihr den Fußball aufpumpte und ihr in das Ausstellungsregal stellte. Endlich war die Lücke belegt. Sie sagte, seit einem halben Jahr wartet sie darauf diesen letzten Ball testen zu lassen und aufzustellen. Er lächelt und dreht sich dann zum Karton um, indem der Ball drin war. Dann steht er auf, nimmt einen weiteren Prototyp heraus und pumpt diesen ebenso auf. Er hält ihn drehend auf seinem Finger in den Händen.

‚Gutes Gleichgewicht. Wenn wir endlich Ruhe haben, werde ich mich mal mit Cusavier unterhalten, ob er ihn schon ausgetestet hat. Am besten wir nehmen einen Ball mit in den Urlaub. Ob sie das überhaupt möchte?

Ein Prototyp. Ich hatte noch nie einen in den Händen, der sogar völlig unbedruckt war. Wir kriegen immer neue Bälle und müssen uns ständig neu orientieren. Getestet habe ich noch nie einen. Jedes Mal muss ich meine Spezialschüsse neu eintrainieren, das nervt gewaltig und kostet viel Zeit und Kraft. Wenn man wie früher als Kind, immer die gleichen Balltypen hätte, dann könnte man das Erlernte viel mehr verfeinern und leichter neue Techniken eintrainieren. Ich muss Bettina fragen, ob es im Volleyball auch ständig neue Bälle gibt.‘

213. Eine heiße Sommernacht Teil V oder Das kleine Versteck

Kapitel 213
 

Eine heiße Sommernacht Teil V oder Das kleine Versteck
 

Während Kojiro sitzend mit seinen Füßen leicht mit dem Ball etwas spielt, rollt er ihm dann doch plötzlich vom Fuß und kullert durch den Raum. Er stößt gegen einen kleinen Vorhang, der unter einem kleinen Regal hängt. Bei der Aktion wird der Vorhang heruntergerissen und darunter kommt eine schwarze Schachtel zum Vorschein, die viele kleine Hello Kitty-Köpfe darauf hat. Er macht sich weiter keine Gedanken darum und steht auf, kniet sich hin und versucht den Vorhang wieder zu richten, doch dabei stürzt ihm das ganze Regal von der Wand und bringt die Schachtel zum Umfallen. Der lose Deckel fällt zur Seite.

‚Mist. Ich bin eindeutig zu müde.‘ Er schaut sich das Regal genauer an und stellt fest, dass es nur auf den Halterungen lag, nicht befestigt war. Das ist nur ein Legesystem, kein Schraubregal, wie er zuerst dachte. Also richtet er es wieder her und sammelt dann den Inhalt der Kiste zusammen. Dann aber stutzt er.

‚Briefe? Socken und Fotos?‘ Der erste Brief sieht aus wie der von Genzo, den er bei ihr gesehen hatte. Und ja, das war er und das Foto was anbei lag, ist auch dabei. Es waren eindeutig einige Briefe mit Genzos krakeligen Schrift, auch wenn er sein Deutsch nicht lesen kann. Sogar einen von Tsubasa hält er plötzlich in der Hand. Er schenkt ihm jedoch weiter keine Beachtung. Auch seine krakelige Schrift kann er genau erkennen. Er grinst und legt die Sachen alle zusammen, die er sieht. Er geht davon aus, dass es alles Genzos und Tsubasas Briefe sind. Natürlich bewahrt sie diese irgendwo auf, damit sie niemand lesen kann. Das macht er doch auch. Die Briefe seiner Geschwister hat er ebenso in einer schönen bunten Schachtel verstaut.

Doch dann hält er eine ganz andere Schrift in der Hand und vor allem wird in Englisch geschrieben. Die Schrift kommt ihm jedoch seltsamerweise bekannt vor. Wie kann das sein? Jun seine war es nicht und warum dann auf Englisch? Ein weiterer Brief kommt zum Vorschein, als er ihn zur Seite legen will. Neugierig betrachtet er ihn genauer und liest Worte wie „Liebe Tina“, „Schreckliches passiert“ und „Fußballfeld“. Das macht ihn dann doch stutzig. Er fasst sich ans Herz und faltet den Brief auseinander und erblickt ganz unten den Namen des Absenders.

„Tangaroa Taylor.“, flüstert er dann selbst vor sich hin. Er schaut dann oben aufs Datum und entdeckt einen Oktober im Jahre 1998. Es spiegelt die seltsame Unterhaltung wider, die er mitbekommen hatte. Kojiro zweifelt auf keinen Fall an Tinas Gefühle zu ihn, da ist er sich sehr sicher, aber etwas seltsam waren die beiden schon. Er liest den Brief. Danach legt er die Blätter bei Seite und atmet tief durch.

‚Bettina…er hat dir scheinbar mal sehr geholfen? Was genau ist da passiert? Dich gefunden und zum Arzt gebracht. War das so ein Moment von dem Jun erzählt hat? Dein plötzliches Einschlafen? Der Tiefschlaf von jetzt ist auch sehr stark. So tief hast du bisher nicht geschlafen. War es so ein Moment und er hat dich im Park gefunden?‘

(Zur Erinnerung an die Leser:)

„Liebe Tina,

du wirst dich sicherlich wundern, was es mit den Socken auf sich hat. Nachdem du am Montag die Schulidioten aufgemischt hast und später mit unserem Kapitän gesprochen hattest, da habe ich mir vorgenommen dich endlich zu fragen, ob du mit mir ausgehen würdest. Es war ein sehr aufregender Tag und nach dem Training musste ich den Kopf frei kriegen und bin eine andere Strecke als sonst gelaufen. Dann fand ich dich plötzlich unter dem Baum. Ich dachte, dir sei etwas Schreckliches passiert und brachte dich zu Dr. Sato. Du hast zum Glück nur geschlafen und deine Platzwunde am Kopf war nicht so schlimm wie es aussah. Ich ging davon aus, dass dir deine Haarspange wichtig ist, als ich bemerkte, dass sie fehlte und deswegen ging ich nochmal los, um sie zu suchen, ebenso deine Schuhe. Ich fand die Schuhe unter dem Laub und deine Spange später auf dem Fußballfeld.

Was ich damit sagen will; Sei Dr. Sato und deinem Vater nicht böse, ich wollte nicht, dass du es weißt. Wenn, dann sollte deine Zustimmung zum Eisessen von dir kommen, nicht aus einer Dankbarkeit heraus.

Wie auch immer der Tag heute ausgeht, ich freue mich, dass du mir die Möglichkeit gibst, dich einfach nur kennenzulernen.

Du hast jedoch Recht damit, als du sagtest, es würde uns beide nur ablenken. Das stimmt, denn ich bin bereits mit meinen Vorbereitungen für die Prüfungen beschäftigt. Die Aufnahmetests der Todai sind hart und ich brauche sie, damit ich auch im Fernstudium studieren kann. Ja, Fernstudium. Ich werde nach dem Abschluss wieder nach Neuseeland zurückkehren. Das betrifft jedoch nur mich, nicht meine Familie. Man hat mir dort ein Platz in der Zweiten Liga angeboten und es ist in der Nähe meiner alten Heimat. Das Angebot konnte ich nicht abschlagen und das kam bereits vor dem Ende des letzten Schuljahres. So kann ich viele Erfahrungen sammeln und mein Studium selbst finanzieren.

Wir würden uns demzufolge ohnehin nicht lange sehen können und du wolltest dich auch erst einmal nur in deine Aufgaben stürzen. Das ist klug, alles andere lenkt nur unnötig ab, denn die Energie und die Zeit wirst du für deine Ziele brauchen. Den nötigen Mut und deinen Stolz hast du bereits. Das bewundere ich sehr. Du wirst ganz sicher alle deine Ziele erreichen.

Wusstest du eigentlich, dass Sora jetzt mit deiner Kapitänin zusammen ist? Laut seiner Aussage hast du die beiden zusammengebracht. Er war schon seit Jahren in sie verliebt, aber da kam nie etwas rüber. Yako ist sehr speziell.

Er erwähnte bei meiner Frage, wie es sich plötzlich ergeben hat, dass es etwas mit dem Weihnachtsturnier zu tun habe. Sie habe ihm wohl etwas erzählt, was nur ihr beide erlebt habt, und es hat etwas mit der Toho zu tun. Mehr sagte er, darf er nicht erzählen. Aber sie akzeptiert dich seitdem endlich und das ist sehr gut, denn sie hat viel Einfluss an der Schule und sie ist sehr stark im Spiel. Danke, übrigens, dass du und deine Familie euch um den kleinen Makoto gekümmert habt. Wir waren alle sehr erstaunt, als wir es gestern erfahren haben und dass du ihm deine Spange überlassen hast, weil sie Kraft und Mut spendet. Das ist sehr lieb und er wird sie brauchen. Ich hoffe seinem Vater geht es schnell wieder besser und die drei kommen trotz der Umstände klar.

Ein kleiner Tipp noch für die nächsten Jahre an unserer Schule:

So wie ich das bisher beobachten konnte, hast du dich mit Misugi und seiner Freundin Yayoi angefreundet. Auch wenn du den Rest seiner Mannschaft nicht magst, mit ihnen und Yoko hast du auf jeden Fall gute Freunde gefunden, denn auf sie ist immer Verlass und Misugi hat nach Yako und Sora den größten Einfluss an der Schule. Er ist immerhin der Erste, der einen Weltmeistertitel an die Schule gebracht hat. Und er ist sehr klug und hat auch meinem Team schon hin und wieder in strategischen Abläufen geholfen. Dein Tipp mit der Positionsänderung von 6 und 7 hat der Trainer übrigens gerne angenommen. Er denkt, er kam von Sora, aber wir wissen beide, dass er von dir kommt, denn dein Vater hat mir denselben Tipp als Dank hinterlassen, weil ich keinen Dank von ihm annehmen wollte. Ich sagte ihm, dass ich dich rechtzeitig gefunden habe, ist mir Dank genug. Du verstehst sicher, was ich damit meine. So etwas Ähnliches hast du bezüglich Makoto auch gesagt.

Warum ich dir das alles jetzt schreibe?

Du hast sicher mitbekommen, dass ich eher zurückhaltend bin, aber das betrifft nicht jeden Lebensbereich. Ich wollte diese Worte gerne loswerden und ich weiß nicht, wie unser Treffen verlaufen wird. Daher der Brief.

Warum die Socken, fragst du dich noch immer?

Als ich deine Schuhe fand und die Socken darin, waren diese nicht nur nass, sondern auch kaputt. Daher dachte ich mir, dir geht es genauso wie mir und du kannst immer eine Notreserve brauchen. Ich empfehle dir diese Firma, die halten erstaunlich lange und sind bequem in den Sportschuhen.
 

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg und dass du hier in Japan weiterhin gut ankommst und dich wohl fühlst. Ich habe dazu lange gebraucht, schon weil ich die Sprache erst lernen musste wie du, das ist ein hartes Stück Arbeit, aber du hast zum Glück das Talent für Sprachen.
 

Somit auf ein gutes letztes Schuljahr meinerseits und wir sehen uns.

Tangaroa Taylor

PS: Nein, das ist kein Liebesbrief, nur eine Aussprache, falls ich nicht dazu komme alles bei unserem Treffen zu erzählen.“
 

‚Bettina, dann habt ihr euch erst viel später wieder getroffen. Das kam bei Juns Erklärung nicht so rüber. Nun gut.‘ Kojiro greift den nächsten Brief, der dessen Schrift ihm bekannt vorkommt. Der wundert ihn am meisten. Auch dieser ist in Englisch geschrieben.

Als er ihn liest, steigt sein Puls enorm an. Mit totaler Verwunderung hält er einen Brief seines alten Trainers aus der Mittelschulzeit von der Toho in den Händen. Von Trainer Makoto Kitasume.

‚Wie…kann das sein? Ihr kennt euch persönlich? Deswegen war er heute hier beim Spiel? Mit seiner ganzen Familie. Deswegen hat er mich angesprochen und meinte, es ist genau der richtige Ort für eine Aussprache? Bettina…‘
 

„Hallo Frau Bettina,
 

ich habe lange überlegt wie ich Ihnen diesen Brief, den Sie im Zug verloren haben, übermitteln kann. Er wird Ihnen sicher sehr wichtig sein.
 

Ich entschied mich dafür ihn Ihnen dann zu überreichen, wenn ich zu Ihrem Weihnachtsturnier komme und Sie bei Ihrem ersten Spiel anfeuere. Sollten wir uns nicht antreffen, dann finde ich sicher einen Weg, ihn Ihnen trotzdem zukommen zu lassen.
 

Warum nun ein Brief noch anbei?
 

Ich bin Ihrem Rat gefolgt, einfach zu verzeihen und den ersten Schritt zu machen. Sie rieten mir meiner Tochter wegen, über meinen Schatten zu springen und meinen Stolz hinter mir zu lassen, damit ich mich frei fühlen kann. Sie machten Mir Mut, als Sie meinten, wenn sie mich vor dem Streit geliebt habe, dass sie es noch immer tun würde und mir sicher verzeihen könnte. Sie würde vermutlich nur darauf warten, dass ich es tue und mich melde.

Genau diesem Rat bin ich gefolgt. Ich habe mich bei ihr gemeldet, um mich mit ihr zu versöhnen.

Sie nahm bereits die Entschuldigung an, bevor ich groß etwas sagte. Ich rief ihre alte Nummer an und schon lud sie mich ein, in den Park, um sie und ihre Familie kennenzulernen.

Nun, ich sage Ihnen, das ist eine wirklich große Familie. Wir sprachen uns aus und ich entschied mich ab nun für sie, den neuen Ehemann und ihre Kinder da zu sein.

Sie hatten Recht…über den eigenen Schatten zu springen, kann eine Befreiung sein, denn manchmal steht einem der Stolz und die Sturheit im Weg.
 

Nach dem Anruf hatte ich den Mut auch anderes zu erledigen, was keinen Aufschub bedarf. Ich füllte eine To-Do Liste aus und darauf stand unter meiner Tochter, meine zweite Aufgabe.

Ich wollte mich mit jemanden aussprechen. Die Aussprache war sehr wichtig, weniger für mich, eher wichtig für ihn, denn er war ebenso ein Sturkopf wie ich, aber er war im Recht. Wir gingen unschön auseinander und ich kündigte seinetwegen meinen Traum-Job und ging wieder ins Labor, nur weil ich ihm am Ende doch gewähren lies und nachgab, um an unser gemeinsames Ziel zu gelangen. Das konnte ich nicht akzeptieren.

Als ich ihn aufsuchte und mit ihm reden wollte, wies er mich jedoch ab.

Ich kann ihn verstehen, zu tief sitzen die Wunden, die er meinetwegen bekam. Er tat eigentlich genau das, was Sie mir geraten haben, aber von sich aus.

Er sprang über seinen Schatten und stellte seinen Stolz hintenan, sein Flehen, um meine Akzeptanz ihm gegenüber, kam einer Demütigung gleich und ich war der Sturkopf, der nicht verzeihen konnte. Ein noch sehr junger Mensch macht Fehler, aber ich alter Herr hätte es besser lenken können. Wir haben beide große Fehler gemacht, aber ich habe meine eigenen erst durch das angenehme Gespräch mit Ihnen erkannt, als wir darüber sprachen, dass etwas, was anders ist, etwas Gutes sein kann oder für eine gute Veränderung sorgen kann. Er hat es in seinen jungen Jahren bereits verstanden, ich leider erst jetzt. Ich als der „Erwachsene“ hätte es rechtzeitig erkennen und richtig lenken müssen. Er wollte etwas verändern, teilte es mir auch regelmäßig mit und ich habe ihn nicht gelassen, dabei wäre es sicher in richtiger Kombination mit dem Alten, etwas Gutes geworden. Seine jugendliche Denkweise und meine erfahrene Denkweise zusammenzubringen, das wäre sicher der richtige Weg gewesen ans gemeinsame Ziel zu gelangen.
 

Da er meinem Gespräch ausgewichen ist, erkenne ich deutlich an, dass es um so schlimmer war, dass er sich mir gegenüber demütigen musste. Aber ich werde nicht aufgeben. Es werden sich hin und wieder Gelegenheiten ergeben, dass wir uns sehen und ich werde das Gespräch mit ihm so lange suchen, bis er es annimmt und wenn es viele Jahre dauert. Mehr als es immer wieder zu versuchen, so wie er es damals bei mir tat, kann ich nicht tun. Meine Tochter hat es die ganzen Jahre nie aufgegeben und immer gehofft, dass ich ihr verzeihen kann, nun bin ich an der Reihe zu warten, dass man mir verzeihen kann.
 

Ich fühle mich gut, denn es ist jeden Tag ein Genuss meinen Enkeln beim Spielen zuzusehen und mit ihnen unterwegs zu sein. Hätte ich diesen Schritt schon eher gewagt, dann hätte ich meine Fehler eher erkannt oder eine noch bessere berufliche Laufbahn in meinem Traumjob einschlagen können. Wer weiß das schon?
 

Ich bin nun sehr gespannt auf Ihr erstes Spiel und wünsche Ihnen genau den Erfolg und das Ergebnis, was Sie sich erhoffen.

Als ich in Ihrer Schule anrief und mit dem Direktor sprach, versicherte er mir mich an einem Platz zu setzen, der mir den besten Einblick in Ihr Spiel bieten wird. Ich bin gespannt. Ich werde meine Tochter und die großen Kinder mitnehmen, denn ich habe Ihnen von Ihnen erzählt und nun wollen die Sie natürlich auch anfeuern.
 

Somit wünsche ich Ihnen nun alles Gute für das Spiel und für Ihre weitere Zukunft.
 

Mit freundlichen Grüßen
 

Ihr Sitznachbar im Zug, der „große Makoto“, wie Sie mich gerne nannten.
 

PS: Anbei ein Bild meiner Enkel an Sie.

PPS: Ich hoffe Ihrem Freund in Nankatsu geht es gut und Sie konnten die kurze Zeit gut zum Trainieren nutzen.“
 

Alles in Kojiro dreht sich wie in einem Kreis. So richtig kann er es gar nicht begreifen wie nah er ihr all die ganzen Jahre bereits war. Der Brief ist nicht viel älter als der andere und vermutlich liegt er schon seit Jahren hier in Tinas Kiste, direkt in ihrem alten Jugendzimmer.

‚Ich…war die ganze Zeit durch die Erwähnung meines Trainers bei dir? Zuerst begegnen wir uns am Flughafen noch in Deutschland und dann lernst du meinen alten Trainer kennen und er schreibt über mich in einem Brief an dich?‘

Er hält den Brief noch eine kurze Weile in der Hand und betrachtet das gemalte Bild mit einem Fuji-san darauf und drumherum sind Blumen und Tiere gemalt. Kojiro erinnert sich an den seltsamen Moment in der Halle.

Während des Spiels gegen Akanes Team kam sein ehemaliger Trainer im zweiten Satz ans Buffet, an dem er stand und sich eine Suppe holte und neben dem Spielfeld stehen blieb, um im Stehen die Suppe zu löffeln. Er nahm ihn zuerst nicht wahr, aber dann stellte er sich einfach neben ihn und sprach ihn freundlich an.

„Ein spannendes Spiel, nicht wahr?“, hörte er seine vertraute Stimme, aber sie war nicht wütend, streng oder lauf, eher sanft und ruhig. Kojiro sah zur Seite und war erstaunt.

„Herr Kitazume? Sie hier?“

„Ja, meine Familie und ich sehen uns bei Möglichkeiten die Spiele des Tokio-Teams an.“

„Ich habe mich vorhin schon gewundert und dachte mich verguckt zu haben.“

„Das kann ich mir vorstellen. Wie geht es Ihnen?“

„Hm. Mir geht es gut. Wie geht es Ihnen?“

„Sie fragen mich ernsthaft nach meinem Befinden?“, war er erstaunt. Kojiro sieht freundlich zu ihm.

„Sagen Sie doch einfach, dass Sie erneut versuchen ein Gespräch mit mir zu führen. Das kürzt die ganze Sache ab.“

„Hm. Mir geht es sehr gut. Sie sehen auch glücklich aus. Vielleicht ist dies diesmal wirklich der richtige Ort für eine Aussprache. Sie wissen doch, ich bin ein sturer Esel und gebe nicht so schnell auf, wenn ich mir etwas vorgenommen habe.“, grinste er ihn an.

„Gut, reden Sie.“

„Die Suppe ist wirklich sehr lecker. Was halten Sie von ihr? Schmeckt Sie Ihnen auch?“

„Wir reden über die Suppe?“

„Ja, sie ist ein wichtiger Teil des Buffets, und das ist anders als sonst.“ Kojiro grinst.

„Ja, das ist es. Ein anderer Caterer.“

„Nein, das ist es nicht, was es anders macht. Sie Suppe ist anders gewürzt als wir es sonst kennen. Das ganze Buffet ist mit Zutaten gestaltet, die wir auch in Japan kennen, aber sie sind anders kombiniert, als in unserer Küche üblich ist. Und die Suppe ist der Höhepunkt. Sie lockt alle an den Tisch und stellt das Herz des Ganzen dar. Das Buffet wird sehr gelobt.

Was glauben Sie, würde es auch ohne die Suppe gut bei den Zuschauern ankommen?“

„Ja, das würde es.“

„Das glaube ich auch. Aber mit ihr zusammen, ist es perfekt. Wissen Sie, nehmen wir das als Grundlage, dann wären die anderen Speisen auf dem Buffet Ihre Mannschaft, die, die alles am Laufen halten und Sie waren unsere Kartoffelsuppe, heißblütig und gewürzt. Und ich…ich war der japanische alte Koch, der die Suppe falsch zubereitet hat, weil er immer nur nach Kochbuch würzte. Meinetwegen ist sie übergekocht, statt langsam vor sich hinzuköcheln, um stärker im Geschmack zu werden.“ Kojiro staunte nicht schlecht. Was war das für ein seltsamer Vergleich? Er schaut in seine Schüssel und schluckte das hinunter, was er im Mund hatte.

„Ich…war die Kartoffelsuppe?“, haute er erstaunt hinaus.

„Genau. Was ich damit sagen will, ich hätte sie von Anfang an anders trainieren müssen. Gleich nach der ersten Niederlage gegen Nankatsu hätte ich es erkennen müssen, Ihr Talent und Ihr Temperament anders fördern und ins Team einbauen müssen. Statt Ihnen mit dem Zwang des Stipendiums zu drohen, und Ihr Temperament versuchen zu zügeln, hätte ich es gezielter fürs Team ausnutzen müssen.

Ich habe Sie in Ihrer sportlichen Karriere ausgebremst und das betrifft auch die anderen im Team.

Mein Nachfolger hat es auch nicht besser getan, aber durch den WM-Titel hat er Sie anders ins Team eingebunden und besser wertgeschätzt als ich.“ Es war eine Weile still und Kojiro sah sich das Spiel sehr interessiert an. Er löffelte seine Suppe auf und legte den Löffel in die Schüssel.

„Wir haben beide Fehler gemacht. Ich wusste, dass ich mich auf mein Team verlassen konnte. Sie waren auch ohne mich sehr stark, es war Ihnen nur nie wirklich bewusst, weil ich immer bei ihnen war. Als ich einfach nach Okinawa ging, ohne mich abzumelden, weder bei Ihnen noch bei meinem Team, da habe ich einen großen Fehler gemacht. Das war mir danach selbst klar, aber ich kam deutlich stärker zurück und dachte, es könnte uns weiterbringen, denn gegen Tsubasa half eindeutig kein normales Spielen mehr. So wie Sie gerade sagten, es war vorausschaubar, wenn es läuft wie nach dem Bilderbuch.

Sagen wir es so; damals trafen zwei dumme Sturköpfe aufeinander und fanden nicht zusammen, aber dann…wäre mir beinahe ein noch größerer Fehler passiert, als ich meine Faust wegen Ihrer Sturheit gegen Sie erhob. In diesem Moment kamen meine Freunde und waren im richtigen Augenblick für mich da.

Das ist es, worum es am Ende geht. Sie haben am Ende nachgegeben, damit waren wir bereits im Reinen, auch wenn ich es erst später begriffen habe.“

„Also…nehmen Sie meine Entschuldigung an?“

„Nein. Die Demütigung vor Ihnen niederknien zu müssen, wird bleiben, aber mein törichter Glauben, Sie könnten mir verzeihen, und dann kam keine Zusage, das trieb mich in den Wahnsinn und beinahe…hätte ich einen noch größeren Fehler begangen, wenn Ken und Takeshi nicht aufgetaucht wären.“ Kojiro sieht zu ihm und lächelt. Dann legt er seine Hand auf die Schulter seines ehemaligen Trainers.

„Sie werden sicher verstehen, wenn ich Ihre Entschuldigung nicht annehmen kann. Jedoch…freut es mich sehr, dass Sie auch Ihre Fehler eingesehen haben und das ist doch ein guter Ausgleich. Einigen wir uns auf ein Unentschieden? Ihr Versuch sich zu entschuldigen gegen meine Demütigung?“ Der Mann lächelte ihn ebenso an.

„Eine Art Ausgleich? Dann sind wir jetzt im Gleichgewicht?“

Kojiro nickte und ging dann zur Geschirrrückgabe. Kurz darauf sah er wie eine junge Frau mit zwei Kindern auf ihn zu gerannt kam und ihn umarmte.

‚Das wird seine Familie sein. Er hat damals nie erwähnt, dass er eine Tochter hat. So kunterbunt und fröhlich. Die Kleinen scheinen ihn als Großvater sehr zu mögen.‘
 

Kojiro steht auf und legt den Brief zurück in die Schachtel. Stehend hebt er die restlichen Briefe auf, wieder sind eindeutig einige von Genzo zu sehen. Und dann ist einer etwas weiter bis zum Laufband gerutscht. Auch danach greift er und plötzlich hält er inne. Auch diese Schrift kommt ihm bekannt vor, aber sie ist nicht von Genzo oder Tsubasa. Ohne zu ahnen, was er da wirklich in der Hand hält, und ebenso anfängt zu lesen, weil er ein „Liebste Bettina“ liest, lässt er sich plötzlich in den Bürostuhl fallen und sein Puls rast vor Aufregung und Entsetzen.

‚Was um alles in der Welt…hat das zu bedeuten?‘

Es sind Zeilen wie folgende zu lesen:
 

„Liebste Bettina,

ich weiß, ich breche unsere Abmachung, aber ich muss dir ein paar wichtige Informationen mitteilen.“

„Dich zu informieren ist das Mindeste, was ich noch als Dank tun kann.“

„Sein Halbbruder sorgte dafür, dass es genug Beweise gab und Dai später trotzdem anonym bleibt. Er wird offiziell als Waise in eine Wohngruppe gehen, wie ich damals.“

„Ich werde das Angebot aus New York annehmen. Ich weiß nicht für wie lange, aber die Arbeit wird mich ablenken und viel Erfahrung im Job einbringen. Im Moment werde ich mich vom Wind treiben lassen, wann ich wieder japanischen Boden unter den Füßen haben werde, weiß ich nicht. Spätestens zu den Endprüfungen.“

„Mach‘s Gut, liebe Bettina. Du bist das Beste, was mir je passiert ist, wenn es auch nur kurz war.

Dein Itachi.

PS: Ich wünsche dir, dass du dein Glück bald findest. Ich war es nicht.

PPS: Ich muss dir sicher nicht sagen, dass du diesen Brief verbrennen musst.“
 

Ein zweiter Zettel liegt anbei, beginnend mit den Worten:

„Lieber Dai, liebster Sohn“
 

Völlig entnervt sitzt Kojiro da. Was hat das alles nur zu bedeuten? Sein Puls rast wie wild und ohne weiter nachzudenken, steht er dann auf, geht ins Schlafzimmer und schaut zu Tina herab. Er hält den Brief von Itachi in der Hand.

‚Bettina, was hat das wirklich zu bedeuten? Bist du…vielleicht in Gefahr?‘ Er geht zu seiner Bettseite und schnappt sich sein Handy, verlässt das Zimmer und ruft Jun an. Ihm ist klar, dass es nur eine Person geben kann, die ihm diese Frage beantworten kann. Nur eine bestimmte Person, kann ihm eventuell die Angst nehmen.
 

Etwa eine halbe Stunde später klingelt es bei Itachi in der Wohnung. Er schreckt auf. Sein Arm liegt auf der nackten Schönheit neben ihm, in seinem Hochbett. „Verdammt. Wer ist das denn jetzt?“ Die Japanerin wacht ebenso auf und schaut ihn schlaftrunken an.

„Was ist los? Wer ist das um diese Zeit noch?“ Er zuckt mit den Schultern. Erneut klingelt es.

„Bleib bitte hier oben und verhalte dich ruhig.“, spricht er liebevoll, aber streng. Er klettert die Leiter herunter und schaut durch den Spion.

‚Jun? Was soll das denn?‘

„Jun, was ist los? Brennt mein Container, oder was willst du jetzt um diese Zeit?“

„Nein, aber es ist trotzdem sehr wichtig und hat keine Zeit. Es ist privat.“

„Privates hat Zeit bis morgen früh. Du spinnst wohl, mich, um meinen wertvollen Schlaf zu bringen. Es ist gerade mal gegen 2 Uhr.“

„Nein. Es eilt. Nun mach schon auf, so durch die Tür geht das nicht.“, kommt fordernd. Sein Blick ist fest.

„Wir haben privat nichts zu klären, das weißt du.“

„Mach einfach auf. Ich gehe nicht eher weg.“

„Sturkopf. Warte.“, kommt als Antwort. Itachi zieht sich schnell etwas an, räumt die nächtlichen Hinterlassenschaften weg und macht sich das Gesicht frisch. Dann stellt er die Schuhe der Besucherin in den Küchenschrank unten zwischen die Putzsachen und hängt ihren Mantel in den Kleiderschrank. Nichts mehr von Damenbesuch zu sehen. Er sprüht kurz noch einen dezenten Raumduft, damit auch da kein Verdacht auf Besuch kommt.

„Habe ich das richtig gehört? Ist da Misugi? Was will er?“

„Keine Ahnung. Bleib bitte einfach da oben, hinten an der Wand. Deck dich zu und sei still. Er darf nichts merken. Wenn er um diese Zeit kommt, muss es wirklich wichtig sein.“ Dann geht er zur Tür und öffnet diese langsam. Brummig sieht er Jun an.

„Was gibt’s denn nun so dringend? Und sag jetzt nicht, du willst nur über heute Abend reden. Wieso ich da war. Das haben wir bereits geklärt.“

„Nein, ich tue nur einem Freund einen großen Gefallen und ich hoffe doch für dich, dass du bereit bist mit ihm zu reden.“, sagt er leise und kurz darauf taucht Kojiro in seiner dunklen Gestalt auf. Er hat die Kapuze bis zur Nase gezogen, zieht sie etwas hoch und blickt ihn mit einem ernsten Gesicht an.

„Tut mir leid für die Störung, Okawa, aber es drängt. Morgen habe ich keine Zeit.“ Erstaunt sieht er ihn an, den „Wilden Tiger“.

„Oha. Wie jetzt? Worüber müssen wir denn reden?“ Er schaut zu Jun.

„Du bringst mich in eine unangenehme Lage. Wir sind durch die Spende geschäftlich verbunden. Privat haben wir nichts zu klären.“ Jun hebt die Hände. „Scheinbar doch. Ich werde jetzt gehen.“ Er sieht zu Kojiro auf.

„Halt dich an unsere Abmachung. Ich hoffe auch für dich, dass es hier um eine wichtige Angelegenheit geht, nicht um einen Hahnenkampf.“ Kojiro hebt seine Hand, als würde er mit ihm auf dem Spielfeld stehen und gibt ihm ein Handzeichen. Er kennt seinen Freund und diesen ernsten Blick.

‚Verlass dich auf mich, ich regle das.‘, bedeutet es. Kurz darauf verschwindet Jun und Kojiro drängt sich etwas unhöflich Itachi entgegen in die Wohnung.

„Echt blöde Zeit. Kommen Sie rein. Viel Zeit habe ich jedoch nicht. Bitte schließen Sie selbst die Tür hinter sich.“ Itachi stellt sich im vorderen Bereich seiner Wohneinheit und nötigt Kojiro somit im Flurbereich zu bleiben. Über ihm das Hochbett.

„Worum geht es denn nun? Ich wüsste nicht was wir privat miteinander zu tun haben?“

„Es geht um Bettina.“, sagt er mit festem Ton und sieht ihm wie bei einer Herausforderung in die Augen. Es liegt eine große Anspannung in der Luft. Itachi ist noch immer irritiert, was er denn ausgerechnet um diese Uhrzeit von ihm will, wenn es nur um solche Beziehungssachen ginge. Ist da etwa Eifersucht im Spiel?

„Jun hat geredet, stimmts? Also doch nur ein belangloser Eifersuchtsauftritt. Sie wollen wissen was zwischen uns war und ob da noch etwas ist?“, kommen ebenso ernste Töne zurück.

„Nein. Was mal zwischen Ihnen war, geht mich nichts an und Ihre Fachkompetenz und ihre Arbeit im Container zweifle ich nicht an, aber mir ist da vorhin etwas in die Hände gefallen und das bereitet mir Sorgen. Sorgen um ihre Sicherheit. Ich brauche dazu Infos.“, spricht Kojiro streng, aber höflich.

„Sorgen?“, ist sein Blick ebenso streng. Kojiro greift in seine Hosentasche und holt die beiden Briefe heraus. Er hält ihm diese vor die Nase.

„Das hier…macht mir Sorgen. Was hat das alles zu bedeuten? Wer sind Sie wirklich, Itachi Okawa?

Worauf muss ich achten, um Bettina in Europa, wie auch hier zu beschützen?“ Itachis Blick wird wütend, als er seinen alten Brief erkennt und begreift, dass diese wichtigen Infos die ganze Zeit irgendwo in Tinas Haus rumliegen.

„Sie…hätte es verbrennen müssen. Wieso hat sie es nicht getan?“ Er greift danach, aber Kojiro nimmt die Briefe zurück.

„Das wird sie mir sicher erzählen, nachdem wir beide geredet haben und ich mit ihr geredet habe.

Wir führen eine sehr offene Beziehung, so offen es geht. Ehrlich und offen. Es ist nur noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber wenn sie es weiß, gibt es neue Blickpunkte. In Europa wird sie deutlich mehr im Fokus stehen, als es manchen Leuten lieb sein wird.

Aber jetzt…will ich wissen, wo wir stehen. Ist sie in Gefahr?“

„Hm. Weiß Jun was davon?“

„Nein. Das soll auch so bleiben.“

„Es geht Ihnen nur um ihre Sicherheit?“

„Richtig. Erzählen Sie mir die Geschichte und worauf ich achten muss, dann gehe ich. Ich bin kein Typ, der jemanden verurteilt, aber ich bin gerne im Bilde, wenn es darum geht, meine Familie zu beschützen. Und Bettina…wird in Zukunft dazugehören.“

‚Zu seiner Familie? Oha, das sind ja starke Worte. Hm…Familie.‘

„Nun gut. Aber sie soll die Briefe verbrennen. Ich komme in Teufelsküche, wenn herauskommt, dass ich ihr diese Infos zukommen lassen habe.“
 

Etwa eine halbe Stunde später verlässt Kojiro die Wohnung wieder. Er geht auf den direkten Weg zurück zu Tinas Haus. Jun öffnet ihm die Tür von innen, denn er hat inzwischen auf Tina aufgepasst. Es hätte ja sein können, dass sie aufwacht und sich über Kojiros Abwesenheit sorgt.

„Und? Hast du deine Antworten bekommen, die du brauchst?“ Er sieht seinem besten Freund ins beruhigte Gesicht.

„Ja, das habe ich. Du kannst wieder gehen. Grüß Yayoi von mir. Und danke für deine spontane Hilfe.“

„Wie jetzt? Du willst es mir echt nicht sagen, worum es geht?“

„Nein. Das muss ich mit Bettina klären. Aber es ist scheinbar alles okay. Mach dir keine Sorgen. Bis dann. Ich bin todmüde.“, kommt ernst zurück. Jun verlässt die Wohnung, bestellt sich ein Taxi und fährt zu seiner Frau nach Hause. Kojiro räumt das Büro auf, legt die Briefe zurück in die Box, geht erneut duschen und legt sich dann neben Tina. Es dauert diesmal nicht lange, da schläft er sofort ein.
 

Yayoi wartet mit einem Kaffee in der Küche und sitzt am Küchentresen.

„Und? Was war jetzt so wichtig? Kojiro ist nicht der Typ, der wegen irgendwelchem Blödsinn so eine Hektik macht.“, spricht sie besorgt.

„Keine Ahnung. Aber wir sollen uns keine Sorgen machen. Es scheint alles okay zu sein. Das würde er niemals sagen, wenn es anders wäre.“

„Irgendwas muss gewesen sein, dass er sich sorgte. Das hörte man an seiner Stimme. Sie vibrierte richtig, als er anrief.“

„Deswegen bin ich ja auch los. Und wenn es um Tina geht, weiß ich jetzt umso mehr, dass er sie liebt und sich sehr sicher ist, was sie angeht. Bei Maki damals gab es keine Sorgen. Er hatte nach wie vor nur seinen Sport im Kopf und seine Familie.“

„Er liebt sie wirklich sehr, oder? Das habe ich heute in seinen Augen gesehen. Ich kann es irgendwie noch nicht glauben. Und wir beide dachten immer, wir lassen die beiden mal zufällig aufeinander zukommen, trauten uns aber nicht es zu bewusst zu versuchen. Und nun hat es das Schicksal selbst getan. Ach, wie romantisch.“, schwärmt sie vor sich hin. Jun geht zu ihr, seine Anspannung ist trotzdem enorm und dagegen hilft nur noch eins, die Frau, die er liebt in die Arme zu nehmen. Beide küssen sich sinnlich und machen an der Stelle weiter, an der Kojiro das erste Mal in der Nacht störte. Diesmal hat er das Handy ausgestellt, als er das Haus betrat.

214. Die große Enttäuschung Teil I oder Der Hilferuf

Kapitel 214
 

Die große Enttäuschung Teil I oder Der Hilferuf
 

Es ist ein sonniger Freitagabend und Tina ist auf dem Weg zum Container, um Itachi wie fast jeden Abend seit ihrer Beziehung miteinander zu helfen. Als Ersthelferin im Ehrenamt hat er sie registriert und seitdem ist sie immer, wenn sie keine Spiele hat, abends bei ihm, statt wie üblich in der Küche, und kümmert sich um die kleinen Fälle. Die ersten zwei Stunden vergehen wie im Fluge. Es war bisher gut besucht, aber auch nichts Ernsthaftes dabei. Die üblichen Prellungen, Verstauchungen und Schnittwunden. Hier und da ein hungriger Magen.

Inzwischen ist es draußen dunkel und der herbstliche starke Wind nimmt wie so oft in dieser Jahreszeit zu. Die Wolken verdichten sich. Man spürt, dass der Winter näherkommt.

Tina steigt aus dem Container und gönnt sich einen Kaffee. Itachi hat sie rausgeschickt, weil es etwas ruhiger geworden ist und nur noch zwei Leute im Warteraum sitzen und wegen einer Untersuchung zu ihm rein gehen müssen. In der Regel kommt der nächste Ansturm in etwa einer Stunde, wenn die nächste Schicht seines Kollegen beginnt.

Sie steht an ihrem beliebten Baum, den sie immer aufsucht, wenn sie Pausen macht oder auf den Schichtwechsel wartet, denn später gehen sie zusammen etwas essen oder gleich zu Itachi, um die Nacht zu verbringen.

Sie lehnt entspannt am Baum und schaut zur bedeckten Wolkendecke hinauf.

‚Ach Itachi…ich war noch nie so glücklich und alles ist immer so besonders mit dir. Noch nie konnte ich jemanden mehr vertrauen. Ob es endlich so weit ist, dass ich es dir erzähle? Vorgestern Abend, ja, wie schön war es doch nur wieder mit dir? Diese zärtlichen Momente, sollen nie zu Ende gehen.‘ Verträumt schließt sie die Augen und hält die warme Tasse in den Händen.

Die Erinnerung an die letzten romantischen Momente lassen Sehnsucht in ihr aufsteigen. Ihr Herz wird wärmer bei dem Gedanken an ihre schönen gemeinsamen Momente.

Er nahm sie zärtlich in die Arme und küsste sie sinnlich. Ihre Körper schmiegten sich leidenschaftlich aneinander und beide konnten sich spüren. Nie hätte sie es für möglich gehalten, nach dem was passiert war, jemals einem Mann ihrem Körper anzuvertrauen. Nie fragt er nach ihren Narben, oder schenkt ihnen Beachtung. Es war so wie sie es damals zu Yako sagte, der Mann, den sie stören würden, der ist es nicht wert. Es stört ihn scheinbar nicht, also ist er es wert. Nach gut zwei Monaten soll endlich eine neue Zeit ihrer Beziehung beginnen, denn sie ist sich sehr sicher, dass er es wert ist und sie ihm voll vertrauen kann. Warum also noch die vielen Geheimnisse? In den letzten Wochen waren sie auch viel unterwegs. Sie haben schöne Ausflüge gemacht, Museen besucht und gemeinsam das Land bei Möglichkeit entdeckt. Sie lachen viel miteinander und können nicht nur über Studium und Arbeit miteinander reden. Sie haben in vieler Hinsicht die gleiche Meinung oder hören dem anderen sehr gerne zu. Es ist doch alles so schön mit ihm. Schon eine Weile überlegt sie, ob sie ihm von dem Überfall erzählen kann, denn sie hat das Gefühl, es könnte sie von dem befreien, was sie belastet. Gerade als sie an ein bevorstehendes intensives Gefühl denkt, welches sie mit ihm zusammen das erste Mal wirklich an sich entdeckte, hofft, dass sie es heute Nacht erneut spüren würde, hört sie einen lauten Knall und wird aus ihrem Traum gerissen. Erschrocken fällt ihr die Tasse aus der Hand und sie sieht sich um. Ihr Herz rast, denn was war das nur für ein seltsames Geräusch? Kurz darauf vernimmt sie einen Schatten zwischen den Bäumen am angrenzenden Park. Es sind schwere Schritte zu hören und jemand ist an einem Baum gelehnt und schreit laut auf. Schmerzvolle Schreie ertönen die Umgebung. Tina überlegt nicht lange und läuft zu der Person und entdeckt einen Jungen, etwa dreizehn oder vierzehn Jahre alt, sich den Bauch haltend am Baum lehnend. An der Stelle ist es sehr dunkel.

„Verpiss dich!“, murrt er sie mit seiner schmerzerfüllten Stimme an und versucht sie wegzuschubsen. Jedoch schreit er vor extrem starken Schmerzen auf.

„Ich helfe dir, Junge, was ist passiert?“ Er versucht ihr auszuweichen und wegzulaufen, aber dann stürzt er zu Boden und liegt gekrümmt da und hält sich weiter den Bauch. Durch seine schwarzen Sachen und der schlechten Beleuchtung kann sie nicht viel sehen, nur Nässe. Aber sie kniet sich zu ihm hinunter und berührt ihn einfach dort, wo er sich festhält.

„Was ist los? Junge, nun rede doch schon. Ich kann dir helfen, hier ist gleich der Street-Doc, er behandelt jeden, auch wenn du kein Geld hast. Keine Polizei, okay? Du musst keine Angst haben.“ Er atmet immer schwerer und sie stellt eindeutig fest, dass er viel Blut verliert, als sie ihre Hand betrachtet. Sie ist rot.

„Verdammt! Itachi!! Komm schnell!!“, brüllt sie in seine Richtung, in der Hoffnung, dass er sie hören kann und zur Hilfe eilt.

„Ein…Schuss. Ein Schuss.“, stammelt der Junge. Er kann kaum noch reden und schreit nur vor Schmerzen, dann versucht er sich leiser zu verhalten, aber es fällt ihm sehr schwer. Er hält sich bewusst zurück, um leiser zu sein. Er kneift die Augen zu.

„Bleib bei mir, Junge. Wie heißt du? Lass die Augen auf. Es kommt gleich Hilfe.“, versucht sie ihn zu beruhigen. Danach brüllt sie wieder nach Itachi.

„Sag, wie heißt du?“ Sie setzt sich auf den Boden und nimmt seinen Kopf tröstend auf ihren Schoß, sie weiß, bewegen kann sie ihn nicht, das würde alles nur schlimmer machen. Sie drückt mit ihm zusammen auf seine Schusswunde und versucht die Blutung zu stillen. Dann zieht sie schnell ihre Strickjacke aus und presst sie zusätzlich mit auf die Wunde. Er versucht ihr tatsächlich zu antworten. „Dai, mein…Name…ist Dai.“, stottert er sich zusammen und blickt sie mit Tränen in den Augen an.

„Itachi!! Komm endlich!!“ Kurz darauf steht er am Ausgang und eilt zu ihr. Tina streichelt über den Kopf des Jungen und versucht ihn zu beruhigen. Sie sieht ihm in die Augen. Quälende Augen. In ihr kommen plötzlich schreckliche Erinnerungen hoch und vor ihr erscheint das Bild ihres Bruders. Bei all dem Blut war es zwar anders als bei ihm, aber er hustet plötzlich los und auch an seinem Mund läuft etwas Blut herunter. Es ist eindeutig dringend.

Itachi ist nun endlich bei ihr. Sie atmet beruhigt durch und lächelt den Jungen an.

„Halte durch, Dai. Sei tapfer. Der Arzt hilft dir. Es ist gleich wieder alles gut. Du schaffst das.“ Sie sieht entschlossen zu Itachi auf, der in seinem Kittel neben ihnen hockt.

„Was ist passiert?“

„Er hat eine Schusswunde. Er hat schon zu viel Blut verloren. Wir müssen ihn zusammen reinbringen. Oder eine Trage holen.“, erklärt sie schnell. Inzwischen ist die helfende Krankenschwester ebenso bei ihnen. Sie beobachtet das Geschehen vorerst nur.

„Was ist passiert? Eine Trage? Ich hole schnell eine.“, sagt sie besorgt.

‚Eine Schusswunde? Das klingt gar nicht gut.‘, steigt Itachis Puls enorm an. Vieles geht ihm durch den Kopf, als er den Jungen genauer betrachtet. Bestimmend zieht er Tinas Hand vom Bauch weg, zieht das Shirt vom Jungen hoch und sieht sich die Wunde an. Dann drückt er ihre Hand mit dem dicken Stoff wieder auf die Wunde.

„Verdammt.“, äußert er nachdenklich und schaut kurz auf, als würde er nach jemanden sehen.

„War er allein? Hast du jemanden gesehen?“ Sein Blick ist zornig.

„Nein, er ist allein. Da ist niemand gewesen. Nur ein lauter Knall und dann fand ich ihn am Baum hier drüben.“ Itachi atmet tief durch und zieht dem Jungen den rechten Ärmel seiner Jacke mitsamt dem Shirt hoch und entdeckt ein großes Tattoo.

„Das habe ich mir gedacht! Ich darf ihn nicht behandeln!

Lass ihn liegen. Seine Leute werden in der Nähe sein und ihn holen und ihm helfen. Die haben ihre eigenen Ärzte.“, sagt er dann und steht wieder auf.

„Was soll das heißen? Er verblutet, das weißt du doch ganz genau! Nicht mal ein Notarzt wäre rechtzeitig da.“, kommt sie ihm verdutzt.

„Siehst du es denn nicht? Wieso eigene Leute? Hier ist doch niemand. Die brauchen viel zu lange! In fünf Minuten ist es vorbei. Schau doch…er verdreht schon die Augen.“ Sie schlägt sachte gegen das Gesicht des Jungen, um ihn bei Bewusstsein zu behalten. Sein Puls wird immer niedriger und Tina ihrer steigt noch mehr an. Wieso weigert er sich, den Jungen zu behandeln?

„Ich darf ihn nicht behandeln. Versteh das doch. Er gehört zu den Yakuza. Wenn ich ihn behandle, stehen die hier auf der Matte und werfen mir Hilfe der Gegenseite vor. Und die Polizei denkt, ich helfe ihnen. So bin ich nicht mehr das, was ich bin. Unabhängig, anonym und neutral. Versteh das doch. Dieses Symbol dort ist nicht grundlos sichtbar genug für alle.“, zeigt er auf die Symbole an der weißen Wand.

„KEINE Yakuza! Du musst den Notarzt rufen, als diensthabender Sanitäter könnte ich helfen, aber nicht im Ehrenamt hier. Die müssen helfen. Das ist ihre Pflicht und dann gibt es auch keinen Ärger mit den Clans. Lass ihn liegen, damit sie ihn jetzt holen können. Glaube mir, irgendwer ist da und bringt ihn direkt in die Klinik oder zum eigenen Arzt.“

„Wie bescheuert ist das denn?! Das ist doch nur ein Kind! Also muss ich ihn zur Klinik hinterm Block bringen und dann muss er behandelt werden?“

„Richtig, anders geht es nicht. Tina! Bitte, vertrau mir. So ist hier nun mal das Gesetz der Straße, ob es uns gefällt oder nicht. Kind oder nicht Kind. Yakuza ist Yakuza.

Ich werde jetzt wieder reingehen, denn auch du solltest dich von ihm entfernen, denn dich betrifft es ebenso, da du aktuell vertraglich im Ehrenamt bist und nicht als Privatperson hilfst. Wir können nur den Notarzt rufen, mehr dürfen wir nicht tun.“

„So ein Blödsinn!“ Sie fängt verzweifelt an zu weinen und sieht zu Itachi auf. „Bitte Itachi. Tu es für mich. Rette ihn. Es wäre sonst zu spät.“ Er schüttelt nur mit ernster Miene den Kopf und entfernt sich langsam wieder.

„Du musst ihn liegen lassen, damit ihm seine Leute helfen können. Solange du dort bei ihm bist, können sie nicht helfen. Glaube mir, Yakuza sind nie allein unterwegs. Ihre Kids schon gar nicht. Aber sie wollen nicht gesehen werden.“ Sie schüttelt nur den Kopf.

„Dann bring mir raus, was ich brauche. Ich mach es selbst. Die Kugel entfernen und die Blutung stillen und ihn zunähen. Bring mir was, damit ich es machen kann! Jetzt hier sofort!“

„Du bringst dich nur unnötig in Gefahr. Versteh das doch!“, bleibt er bei seiner Meinung. Er geht wieder zu ihr und versucht an ihr zu ziehen, um sie von dem Jungen wegzuholen, damit seine Leute ihn holen können.

„Er verliert wertvolle Zeit, Tina. Bitte. Komm in den LKW und seine Leute können ihn holen.“

„NEIN! Und wenn er ihnen wichtig wäre, wären die längst da. Die könnten doch einfach ihre Gesichter verdecken und herkommen, ihn holen. Was ist, wenn es die sind, die auf ihn geschossen haben? Die helfen doch nicht. Das wissen wir doch nicht. Hol mir was, damit ich es machen kann. Geh weg und lass mich dann mit ihm allein. Wenn die Polizei meckert, dann kläre ich das selbst. Und wenn ich es nicht schaffe, steh ich dafür ein.“

„Versteh doch, du weißt nicht, worauf du dich einlässt. Hier geht es nicht nur um ein Kind. So klein ist er nicht mehr. Er könnte ebenso schon ein Dealer oder Mörder sein wie die anderen.

WIR DÜRFEN UNS DA NICHT EINMISCHEN! Wenn wir helfen, stehen wir zwischen den Clans!“ Erbost sieht sie zu ihm auf. Tinas Herz schmerzt unendlich, denn es kommt ihr vor, als würde er sie mit der fast ausweglosen Situation völlig im Stich lassen.

„Du lässt lieber ein Kind vor deinen Augen qualvoll sterben, nur weil er zu irgendeinem Clan gehören könnte? Vielleicht ist er da gar nicht mehr drin und wollte weglaufen. Das wissen wir doch gar nicht.

Ich helfe jedem, egal wer es ist! Und wenn er ein Mörder ist, ist mir egal! Jedes Leben ist es wert gerettet zu werden!

Als Arzt musst du das doch auch ausblenden.“

‚Ach liebste Bettina, dein Herz ist zu groß…zu groß für mich. Das habe ich immer schon geahnt. Deswegen habe ich mich in dich verliebt. Du liebst jeden Menschen, aber es wird dich in ernste Schwierigkeiten bringen.‘, weiß Itachi ihren Einsatz zu schätzen. Er steht zwischen den Stühlen. Voller Verzweiflung hält Tina den Jungen fest an sich und versucht ihn noch immer wach zu halten.

„Halte durch, Kleiner…ich sorge dafür, dass dir jemand hilft. Du darfst nicht sterben, hast du gehört?

Sprich mit mir…sprich mit mir. Wie alt bist du? Dai, antworte mir.“ Sie weint bitterlich und sieht ihn an. Dann schaut sie nochmal zu Itachi.

„Itachi!? Was ist denn nur mit dir los? Es war dir doch immer so wichtig, dass jedem geholfen wird? Er ist vielleicht ein Junge wie du es mal warst. Jemand ohne Familie. Nur weil er ein Tattoo trägt, sagt das doch gar nichts. Und wenn. Du sagst doch selbst immer, du behandelst jeden, ohne Fragen, ohne Polizei und ohne Wertung der Person. Dem Mädchen hast du doch auch geholfen. Warum denn ihm nicht? Nur wegen eines Tattoos?

Ich…ich erkenne dich gar nicht wieder.“, geht ihr Reden immer mehr in Verzweiflung und Enttäuschung über, denn sie kann sich ihre Tränen einfach nicht zurückhalten. Der Junge atmet immer schwerer. Zum Glück ist er noch immer bei Bewusstsein.

„Wie…kannst du nur so herzlos sein? Hilf ihm oder verschwinde!“ Er steht zwischen zwei Stühlen. Entweder er verliert sie und mit ihnen ist es vermutlich für immer aus, wenn er dem Jungen nicht hilft, oder er bekommt unvorhersehbaren Ärger mit den Clans, die in der Sache involviert sind. Bei einer Schussverletzung ist sehr davon auszugehen, dass es zu ihren Bandenkriegen zählt und egal mit welcher Seite er mit seinem Einmischen in Missgunst gerät, es wäre das Ende für den LKW und seine Patienten, denn der LKW würde vermutlich nicht mehr lange stehen.

„Tina…bitte komm mit. Es geht nicht. Tut mir leid. Wir retten ihn, aber für die anderen könnten wir nicht mehr da sein.

Auch wenn ich dir die Sachen rausbringe, es wäre dasselbe. Ich will nicht, dass du da hineingerätst.“, versucht er noch einmal ruhig und in der letzten Hoffnung, dass sie es versteht, den Jungen loslässt und ihm folgt. Doch alles hilft nichts. „Verschwinde einfach, wenn du eh nicht hilfst! Du verstehst gar nichts…was haben wir denn zu urteilen wer leben darf und wer nicht?! Wenn wir das täten, wären wir doch genauso wie die, die ihn angeschossen haben. Das ist doch der Sinn hier. Wir müssen jedem helfen, egal wer es ist!“ Erbost sieht sie wieder zu ihm auf.

„Und du? Du willst ein Urteil fällen, nur weil es irgendwelche Risiken gibt? Die Feuerwehrleute rennen doch auch ins brennende Haus, um die Leute zu retten, egal wer da drin liegt. Sie riskieren ihr eigenes Leben, was du hier noch nicht mal machen musst.“ Plötzlich spuckt der Junge erneut etwas Blut und beginnt zu husten.

„Ich…bitte…helft mir. Ich…Doktor…“

„Junge…bleib bei mir.

Sag mir…wer hat geschossen? Wer war es? Ich bleibe bei dir. Keine Sorge. Dai.“

„Ich…nein…ich…Vater.“, stammelt er vor sich hin und schließt die Augen. Tina streichelt seinen Kopf und hält ihn so gut sie kann fest.

„Mutter…ich…Vater…“, stammelt er erneut und verdreht wieder die Augen. „Bleib bei mir.“

„Itachi! Es ist mir egal ob die mir was antun!

Bitte…ich…ich flehe dich an. Tu es für mich…ich…sag den Typen auch…dass du es nur für mich getan hast, dann lassen die dich sicher in Ruhe. Niemand sucht sich aus in welche Familie er geboren wird, dieser Junge hat sich sein Leben doch nicht aussuchen können. Uns steht nicht zu, das zu verurteilen!“ Sie schnieft. „Ich…kann ihn nicht sterben lassen, solange es Hoffnung gibt. Bitte…ich…ich lasse ihn nicht nochmal sterben!!“, brüllt sie dann zum Schluss sehr laut und vor Verzweiflung. In ihren Armen erscheint ihr das Gesicht ihres Bruders. Er sieht sie an, als wäre es jetzt gerade passiert, als würde er dort in ihren Armen liegen, so wie es damals war. Nein, niemals könnte sie ihn einfach liegen lassen, ihren Bruder. Itachi sieht sie völlig überrascht an.

‚Was heißt denn hier „nochmal“? Bettina…was meinst du damit?‘ Er zögert weiter und schaut sich nochmal um. Tina beachtet ihn schon gar nicht mehr, da sie sich selbst an den Jungen klammert und bitterlich weint. Ihr Herz pocht laut und es schmerzt vor Angst und Enttäuschung zu ihm.

„Stephan, bitte verlass mich nicht…Brüderchen…bitte…mach die Augen auf. Bleib bei mir.“, brabbelt Tina plötzlich unüberlegt vor sich hin.

‚Stephan? Wer ist das? Bettina? Hast du etwa jemanden auf diese Weise verloren? Ist es das? Kannst du deswegen nicht in die Klink gehen? Du wirkst plötzlich selbst wie weggetreten.

Sie hat Recht. Seine Familie sucht man sich nicht aus. Verdammt. Aber dieses Risiko…‘ Plötzlich entdeckt er zwei Gestalten hinter den Bäumen. Sie halten sich ihre Hände vors Gesicht und treten hervor.

„Tun Sie es! Wir klären das. Bitte retten Sie den Jungen!“, kommt eine kräftige, verstellte Stimme.

„Sie bekommen keinen Stress. Dafür sorgen wir! Jetzt! Sonst ist es zu spät! Beide Seiten haben es beschlossen.“, ertönt die zweite Stimme.

Itachi ist verdutzt. Er kennt die Regeln der Straße und er ist sich seiner Aufgabe sehr bewusst. Von den Männern gebeten zu werden, das erstaunt ihn jedoch sehr. Aber wenn es eins gibt, was man über diese Leute sagen kann, dann…dass sie in solchen Situationen einem Kodex folgen und niemals Außenstehende um etwas bitten würden, wenn es nicht wichtig wäre. Selbst einmischen ist verboten, aber einer Bitte von beiden Seiten, sollte man lieber nachkommen.

„Beweisen Sie mir, dass Sie von beiden Clans kommen.“, spricht er streng. Dann heben beide ihre Ärmel hoch und siehe da, es sind zwei verschiedene Tattoos zu sehen, eins sieht dem Muster des Jungen sehr ähnlich und das andere ist ein Tiermotiv.

„Tun Sie es! Aber keine Polizei! Anonym.“, kommt erneut von dem mit dem Tiermotiv. Fest entschlossen sieht sich Itachi um, zu seiner Assistentin, die etwas verdattert dasteht.

„Mach Feierabend! schick die Leute heim, schließ den Container hinter mir zu. Sie sollen, wenn möglich, morgen wiederkommen!“, ordnet er mit sehr strengem Ton an und geht wieder zu Tina, die mit dem Jungen hilflos am Boden sitzt. Er bückt sich und berührt ihre Schulter.

„Tina, ich mach es. Okay? Komm schnell. Ich nehme ihn und du musst weiter die Blutung stillen und drücken.“, spricht er sie ganz ruhig, sanft aber fordernd an. Wie eine Erlösung strahlt sie ihn plötzlich glücklich an. Sein Blick ist streng, aber mit einer gewissen Weiche, die sie von ihm gewohnt ist.

„Wirklich? Wir retten ihn?“ Er nickt und geht in die Hocke, um den Jungen hochzunehmen. Kaum hat er ihn in den Armen, schreit der Jugendliche erneut laut los. Tina steht hastig auf und folgt Itachis Anweisung. Die Leute wurden bereits weggeschickt. Sie betreten das Wartezimmer des LKWs und verschwinden sofort im Behandlungszimmer. Die Assistentin entscheidet sich zu bleiben und zu helfen. Die Notfall-Lampe geht an und sie ruft auf Itachis Aufforderung hin den Arzt in der Klinik an. Kaum ist die Krankenschwester bereit direkt zu helfen und wäscht sich die Hände und greift zur Handschuhbox, will er sie erneut wegschicken.

„Mach Schluss! Du musst da nicht mit reingezogen werden!“, meint er nur. Sie schüttelt aber den Kopf.

„Nein, ich helfe dir. Wie Tina-san sagt, er ist noch ein Kind, für ein Kind bleibe ich.“ Er akzeptiert und schickt stattdessen aber Tina raus.

„Geh dich duschen und umziehen, dann raus, halte uns die Polizei vom Hals, falls die auftauchen sollten. Wenn die reinkommen, gibt es nur Ärger, weil sie ermitteln müssten. Beeile dich.“

Es vergehen etwa 15 Minuten und Tina steht in ihren Wechselsachen und nassen Haaren wieder am Baum. Ihr Herz schlägt noch immer wie wild und sie kann es gar nicht glauben, dass er ihn zuerst gar nicht behandeln wollte. Was hat ihn umgestimmt? Es kam doch kein Weg an seiner Meinung dran vorbei? Sie sorgt sich sehr um den Jungen und sieht sich in die Hände. Erneut kommen Tränen. Diese Situation hat plötzlich wieder alles hervorgeholt. Die ganzen Geschehnisse von damals, als Genzo noch gerade rechtzeitig kam, um sie vor Schlimmeren zu bewahren. Sie setzt sich auf den Boden und verschränkt ihre Arme auf den Knien vor ihrem Gesicht und weint.

‚Itachi, warum nur? Warum konntest du nicht gleich über deinen Schatten springen? Du lässt ein Kind vor deinen Augen sterben, nur weil es irgendeine Regel in der Straßenszene von dir verlangt? Das kann doch nicht dein Ernst sein?

Wie kannst du nur so sein? Du steckst doch so unendlich viel Liebe und Leidenschaft in diesen Job hier draußen…hier draußen bei all denen, die deine Hilfe so dringend brauchen. Du willst alle unvoreingenommen behandeln? Warum dann nicht auch ihn? Du musst doch genau wissen, wie es sich anfühlt von anderen verstoßen zu werden, nur weil man nicht der normalen Gesellschaft angepasst ist oder anders leben muss?

Was ist, wenn dieser Dai auch nur ein Junge aus einer Wohngruppe ist, weil er seinem Clan weggelaufen oder ausgetreten ist? Das wissen wir doch gar nicht. So ein dämliches Tattoo kann auch nur ein dummer Jugendstreich sein. Es kann doch auch angemalt sein. So schnell würde ich das nicht erkennen.

Warum nur? Itachi, ich konnte dich endlich so kennenlernen wie du wirklich bist und habe dir die Gelegenheit gegeben mich auch kennenzulernen und dann war doch auch alles so schön…so ablenkend von all dem Kummer der letzten Jahre. Es war doch immer so schön mit dir, so zärtlich und so geborgen. DU bist doch…ein so wundervoller Mann. Ein Mann, der für seine Prinzipien einsteht und genau weiß, was er will. Du warst es doch, der damals immer die Schuld der anderen auf sich genommen hat, nur um für eine bessere Ruhe in der Schule zu sorgen.

Aber jetzt? Jetzt ist alles kaputt…hättest du ihm gleich geholfen, dann wären die Bilder bestimmt nicht wiedergekommen. Sie waren doch hin und wieder weg, immer, wenn wir uns gesehen haben, immer, wenn ich meinen Ball in den Händen hielt. Sogar bei unseren schönen Ausflügen und vielen Unternehmungen. Immer, Itachi, wenn du bei mir warst. Es war nicht alles weg, aber es war immer weg, wenn du bei mir warst, wenn du meine Hände gehalten hast und wenn wir uns geküsst haben. Ich dachte…endlich ist es mit der Trauer um Brüderchen vorbei. Itachi…ich habe dir vertraut, mich sogar für dich vor meinen Eltern eingesetzt und du? Von Stephan wollte ich dir heute erzählen, weil ich dachte, dass ich dir vertrauen kann, aber so? Und nun? Alles kaputt! Alles hast du kaputt gemacht!‘
 

Kurz nachdem die Drei mit dem Jungen im LKW verschwunden sind, verstecken sich die Männer wieder.

„Was war das denn? Spinnst du? Er hat sich nicht einzumischen.“, murrt einer den anderen an. Mann A1, der Itachi als erstes angesprochen hat, knurrt leise zurück. „Was sollte ich denn machen? Das nahm ja kein Ende. Wolltest du etwa, dass die Kleine ihn die ganze Zeit in den Händen hält, bis er abgenippelt ist, oder wie? So kommen wir kein Stück weiter. Umso besser, wenn der Kleine noch überleben sollte. Dann kann man uns den Scheiß nicht anhängen. Denk doch mal nach!“ „Trotzdem. Wie willst du das jetzt erklären? Und was ist mit der Kugel? Wir brauchen die.“, murrt Mann B1.

„Lass mich das klären.“ Plötzlich sind weitere Personen zu vernehmen und die beiden drehen sich um.

„Wo ist er?“, kommt eine kräftige Stimme von Clan B.

„Im Container. Der Street-Doc behandelt ihn.“, kommt trocken von A1 zurück. „Wieso? Der hat sich da nicht einzumischen, dass müsste er wissen. Nur offizielle Einsatzkräfte dürfen unsere Leute anfassen.“, meint der Mann von Clan B.

„Die kleine Blondine ist schuld. Sie hat ihn überredet. Vermutlich schläft er mit ihr. Mann bleibt Mann, egal welchen Job man ausübt. Ihre Diskussion war heftig.“, kommt von einer weiteren Person des heraneilenden restlichen Clans. Nun stehen plötzlich gut sieben Leute herum und verstecken sich im Schatten der Bäume und Büsche. Drei Männer von Clan A und vier von Clan B.

A3: „Wie kommen wir jetzt an die scheiß Kugel ran? Wenn der Doc sie hat, können wir nichts weiter tun.“

B1: „Wir müssen die Kleine dazu bringen, sie uns zu geben. Aber wie?“

A2: „Ihr wisst schon, dass die Kugel uns gehört, oder? Ihr seid befangen und denkt sowieso, dass wir das waren.“

B2: „Das wissen wir. Nehmt euch nicht zu viel raus! Noch besteht kein Waffenstillstand.“, kommt brummig.

B3: „Hört auf! Wir müssen einen klaren Kopf bewahren. Wer hat geschossen? Das ist jetzt die große Frage. Und die muss dringend geklärt werden!“

A3: „Wie kommen wir nun an die Kugel, ohne einen von ihnen zur Strecke zu bringen?“

A1: „Ich mach das. Ich werde mit der Blondine reden. Ich weiß, wie sie in etwa tickt. Ihr geht es scheinbar nur ums Wohl des Jungen, das war vorhin sehr deutlich zu vernehmen.“

B3: „Wieso weißt du wie die drauf ist? Wer ist das?“

A1: „Na die kleine deutsche Volleyballerin. Hat sie keiner erkannt? Man nennt sie „Tina-san“ oder „die gelbe Füchsin“.

B2: „Eine Sportlerin? Was ist das für ein dämlicher Name? Gelbe Füchsin? Wie kommt sie denn dazu?“

A1: „Weil sie eine ausgezeichnete Strategin ist und ihr deutscher Name Fuchs heißt. Deswegen. Sie hat erst diese Saison in der Profiliga angefangen. Sie spielt im Uni-Team. Der Doc ist noch Student, daher kennen die sich bestimmt. Deswegen ist sie noch nicht so bekannt.“, erklärt er.

B2: „Aber immerhin kennst du sie. Klingt, als wärst du ein Fan.“

B4: „Bleibt bei der Sache, Männer! Mach das. Sprich mit ihr. Wenn sie dich verpfeift, denk dran, dann musst du allein bluten. Entscheide, ob du ihr dein Gesicht zeigen willst. Es birgt immer große Gefahren, vor allem dann, wenn man nicht zum verborgenen Auftragskommando gehört, sondern öffentliche Geschäfte leitet wie ich.“ Die ernsten Worte lassen den jungen Mann zögern, aber dann sieht er zu ihr. Tina richtet sich in dem Moment auf und wischt sich die Tränen weg. Sie schaut sich eindeutig aufmerksam um und hat einen konzentrierten Blick aufgesetzt. Plötzlich spricht sie laut in den Park hinein.

„Hallo?! Ist jemand da? Sie müssen sich nicht verstecken!“ Die Männer sind etwas irritiert. Was hat das zu bedeuten? Natürlich kommt keine Antwort. Die Herren sehen sich nur fragend an und bewegen sich nicht.

„Ich meine das Ernst! Wenn da jemand ist, kommen Sie heraus. Ich will mit Ihnen reden! Der Junge wird es hoffentlich schaffen und Sie wollen irgendwas, sonst wären Sie bereits weg. Die OP kann lange dauern, bei dem Blutverlust.“ Natürlich wird sich erneut nicht gemeldet.

215. Die große Enttäuschung Teil II oder Snacks, Kaffee und Traubenzucker

Kapitel 215
 

Die große Enttäuschung Teil II oder Snacks, Kaffee und Traubenzucker
 

Die Volleyballerin stellt sich nun provozierend hin, mit den Händen in der Taille und zu ihnen blickend.

„Wo ist jetzt das Problem? Zuerst auf ein Kind schießen, nicht zum Helfen kommen und dann zu feige sein, mir gegenüberzutreten? Ich weiß, dass Sie da sind. Sie sind zu siebt. Allesamt Herren der Schöpfung und keiner hat die Eier in der Hose, um sich mit einer kleinen dummen Blondine zu unterhalten, der man am Ende sowieso eine Kugel in den Kopf jagt, damit sie die Klappe hält?!“
 

„Wir sind nicht zu sehen. Warum weiß sie, dass wir sieben Leute sind?“, fragt Mann A2.

„Was nun?“, fragt A1.

„Du gehst wie abgemacht, aber lasst sie etwas zappeln. Ich bin neugierig, was sie noch macht, um uns herauszufordern.“, bestimmt B4.
 

„Und? Fertig mit der Diskussion? Sie fragen sich bestimmt, woher ich weiß, dass

jemand da ist und woher ich weiß, wie viele Sie sind. Das lässt sich ganz einfach

erklären. Was für andere ein gutes Versteck ist, so in der Dunkelheit und zwischen

den Bäumen und Büschen, der Lärm der Stadt, der Lärm des Windes, das ist für mich das reinste Paradis. Überall Bewegung im Laub, überall falsche Schatten durch den Wind in den Ästen, überall seltsame Laute, die nicht wie ein Säuseln der Zweige im Wind klingen. Ich kann Ihre Anwesenheit vernehmen, da ich zwischen Bäumen und ständigem Meeresrauschen aufgewachsen bin. Drei Leute stehen hinter den großen Büschen, zwei hinter den Ahornbäumen und zwei weitere versuchen verzweifelt zwischen Bank und Buschwerk dahinter ihre Position zu wahren, in der Hocke wohl angemerkt.

Also. Kommt nun jemand zu mir? Am besten derjenige, der jetzt gerade bei Ihnen das Sagen hat.“ Die Männer sehen sich sehr erstaunt an. Alles, was sie sagt, stimmt genau. Trotzdem kommt nach einiger Zeit immer noch niemand hervor. Alle verharren in ihren Verstecken und geben sich nur Fingerzeichen.

„Echt jetzt? Feige auf ein Kind schießen und sich nicht verantworten wollen?! Wovor haben Sie Angst? Vor mir? Einer kleinen Ausländerin, der Sie ohnehin nie Beachtung schenken würden, schon allein, weil ich eine Frau bin?

Nun gut, dann komme ich zu Ihnen, ich habe nicht ewig Zeit.“, geht Tina zügig mit strengem Blick in ihre Richtung.

Plötzlich tritt jemand hervor. Ein großer sportlicher Typ in Anzug und Krawatte. Er kommt auf sie zu und bleibt direkt vor ihr stehen und sieht zu ihr herab.

„Reden Sie.“ Er erntet einen skeptischen Blick. Angst sieht er in ihren schönen Augen nicht. Das wundert ihn sehr.

‚Sie ist wirklich live hübscher als auf dem Feld.‘

„Sie wollen mir wohl einen Bären aufbinden? Wo ist der, der hier jetzt das Sagen hat?“

„Wie bitte? Ich stehe doch vor Ihnen.“

„Sie schon, aber nicht die Person, die ich sprechen will. Der, dem Sie niemals widersprechen würden, den Mann will ich sprechen. Sie sind eventuell sein starker Turm oder einer der klugen Generäle, aber der König, der sind Sie nicht.“

„Sie nehmen sich für Ihre Position ziemlich viel heraus.“, spricht er sehr ernst. „Was habe ich denn schon zu verlieren? Und Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich das nicht merke? Sagen Sie ihm, dass ich ihn sprechen möchte.“ „Das wird nicht passieren. Reden Sie, was Sie zu sagen haben.“

„Was ich zu sagen habe, ist nicht für Sie bestimmt.“

„Und wenn er vielleicht der Schütze ist? Was dann? Ich könnte es auch sein.“, entgegnet er mit sehr strengem Blick.

„Sie sind nicht der Schütze und er wird es auch nicht sein.“

„Hm, was lässt Sie davon ausgehen, dass ich es nicht bin?“

„Hm. Das bleibt mein Geheimnis. Nun rufen Sie ihn schon, meine Zeit wird knapp.“ Er grinst und hebt die Hand. Es bewegt sich jemand hinter einem der Bäume und kommt hervor. Er geht in ihre Richtung. Der Mann ist etwas kleiner als der andere und hat einen strengen schmalen Blick. Er bleibt neben seinem Landsmann stehen und blickt ihr, ohne etwas zu sagen, in die Augen.

Tina mustert ihn nicht einmal, bereits, als er auf sie zugeht, verschränkt sie enttäuscht die Arme und schaut verdutzt, statt respektvoll. Sie sieht zu dem großen Mann auf.

„Wieder der Falsche. Können Sie mir bitte verraten, warum mich hier keiner ernst nimmt? Liegt das daran, dass ich eine Ausländerin bin? Eine Frau oder eine Fremde von außen? Warum kommt jetzt wieder jemand anderes?“

„Sie sollten aufpassen, was Sie sagen! Sie wollten mit mir reden, hier bin ich.“, gibt es böse Blicke von B2.

„Ein böser Blick allein, reicht mir nicht. Nichts für ungut, mein Herr. Es geht nicht gegen Sie.“ Plötzlich packt er sie grob am Kragen und grunzt sie zornig an. „Schluss mit dem Spielchen, Schlampe! Besorg uns die Kugel, dann kannst du zu deinem Gott beten, dass du überhaupt lebend davonkommst. Nicht du hast hier die Zügel in der Hand!“ Es vergehen wenige Sekunden.

„Ich dachte zuerst, Sie sind die Bauernfigur, die sich opfern muss, aber nein…es ist viel schlimmer. Sie sind des Bauern unkontrollierbarer Pitbull.“, kommt nur ohne jegliches Zurückweichen Tinas. Ihr Blick ist provokativ und grinsend, ihr Atmen flach genug, um nicht aufzufallen, dass sie selbst aufgeregt ist. Ihre Arme noch immer verschränkt. Keinerlei Angst kann man erkennen, nur ihren Mut spürt man in der Luft, in der Luft, die sich mit dem herbstlichen Wind mischt und wie ein Säuseln in den Baumkronen verschwindet.

„Lass sie los!“, ist der Große neben ihm zornig. B2s zorniges Gesicht rümpft die Nase und hebt die Frau vor sich etwas weiter hoch. Dann stößt er sie kräftig von sich, in der Annahme, dass sie zu Boden fällt und ihr hochnäsiges Grinsen endlich endet, weil sie begreift, dass sie für ihn nichts wert ist. Doch zu aller Erstaunen kann sie dem Gegendruck standhalten, löst zwar die Arme voneinander, aber ihr Stand ist sicher genug, um nicht nach hinten zu fallen. Voller Wut auf das Misslingen der Stärkendemonstration spuckt er ihr vor die Füße.

„Miststück.“ Sie grinst ihn weiter an.

„Sie wollen also die Kugel? Gut zu wissen. Dann will ich den Anführer sprechen, immer noch. So mein Deal. Wenn wir geredet haben, dann überrede ich Herrn Okawa mir die Kugel auszuhändigen und ich gebe sie Ihnen. Ehrenwort.“, spricht sie mit fester sicherer Stimme. Es klingt letztendlich auch freundlich. Das überrascht beide, denn darauf sind sie nicht gefasst. Freundliche Worte. Ängstliche Ausreden oder vergebliche Vorschläge, winseln um ihr Leben, so etwas haben sie eher erwartet. Die versteckten Männer sind besonders irritiert. Tina stellt sich mit ihrer üblichen selbstsicheren Art neben B2 und schaut wieder zu den Verstecken.

„Die Lust auf Ihre Kindergartennummer ist mir vergangen. Mir läuft die Zeit davon. Sie wissen, was ich will, und ich weiß, was Sie wollen. Für mich steht der Dael. Ich werde Sie schon nicht an die Polizei oder so verpfeifen, auf diesen Scheiß, habe ich so gar keinen Bock. Ich hasse Polizeireviere, echt mal.“
 

„Wieso hat die Kleine keine Angst?“, stellt A3 eine interessante Frage, die jedem auf den Lippen brennt. B4 erhebt den Ton.

Kurz darauf ist Geraschel zu hören und fünf Männer kommen als Pulk mit erhobenen Köpfen und erhabenen Schritten auf sie zu. Alle unmaskiert, mit den Händen in den Taschen und ernstem Blick. Als hätten sie sich bewusst abgesprochen, den gleichen Gesichtsausdruck zu benutzen und die gleiche Haltung einzunehmen. Sie gehen nebeneinander in der Größe geordnet. Tinas Puls steigt diesmal enorm an. Ihr ist vollkommen klar, dass sie sich in großer Gefahr begibt, aber ihr bleibt keine andere Wahl, denn wenn sie noch irgendwie aus der Nummer herauskommen will, dem Jungen helfen will, oder vielleicht die Möglichkeit sehen sollte lebend oder ohne Racheaktionen an ihrer Familie oder Freunden davon zu kommen, dann muss sie das durchziehen, das, was sie immer tut, wenn es um das geht, was sie am besten kann: Kritiker und Skeptiker von sich und ihrer Art zu überzeugen. Aber wie macht man das mit solchen Leuten? Hier geht es nicht um einen arroganten Textil-Guro oder einer eitlen Teamchefin, oder Machtkämpfe in der Schule oder im Jungenteam, nein…hier sind ganz andere Mächte am Werk und vor allem, schwebt sie in diesem Moment in größter Gefahr, stehend zwischen 7 vermutlich gewaltbereiten Yakuza, die mit ihr machen könnten, was sie wöllten. Und was das vielleicht wäre, will sie gar nicht wissen. Diese Leute haben ihre eigenen Regeln und ihre eigenen Gesetze. Niemand kann sie wirklich so genau kennen, und mit Verbrechern hatte Tina nie etwas zu tun. Das Einzige, was sie von diesen Männern weiß, ist, dass sie in der Regel ihren Anführern oder Familien treu ergeben sind, jeden Befehl von oben ausführen würden, für sie durchs Feuer gehen würden und jederzeit für sie jede Gefahr auf sich nehmen würden, sei es aus Respekt, aus Liebe oder aus Ehrfurcht, auch um ihr eigenes Leben, oder das Leben ihrer Liebsten zu schützen. Und genau an dieser Stelle will sie die Herren anpacken, an ihrer Ehre zur Familie oder der Loyalität zum Clan. Denn damit kennt sie sich aus, Familie und Freunde beschützen.

Die fünf Männer, alle in schwarzen Anzügen, schlicht und neutral gekleidet, auf der Straße unauffällig, ebenso wie die anderen beiden, bleiben etwa drei Meter vor ihr stehen. In erster Linie sehen sie aus wie normale Leute, als wären sie aus einem Büro gekommen und würden zur Mittagspause in die nächste Sushibar gehen. Alle Blicke sind auf sie gerichtet, keiner sagt etwas. Tina lächelt freundlich, verbeugt sich leicht, sieht trotzdem hoch zu ihnen und grüßt höflich. „Guten Abend, vielen Dank, dass Sie meiner Bitte doch gefolgt sind.“ Die erhebt sich wieder und niemand sagt etwas.

‚Die sind aber auch stur, meine Güte. Ich hoffe nur, die Sache geht irgendwie gut aus.‘ Sie schaut sich alle Männer genauer an und verharrt dann in den Augen eines der kräftigeren größeren Herren. Er scheint etwa zehn Jahre älter als sie zu sein. „Auf ein Wort unter vier Augen?“

„Wow…nun bin ich aber neugierig. Wie haben Sie mich erkannt?“, staunt er überrascht, löst seine rechte Hand aus der Hosentasche, geht auf sie zu und reicht ihr die Hand. Sie lächelt freundlich und nimmt an. Eine unbeschreibliche Spannung herrscht zwischen ihnen und ihr Händedruck ist fester Natur.

„Der Deal gilt. Wir reden und Sie organisieren uns die Kugel.“ Tina blickt zu ihm auf, er ist von den Herren der zweitgrößte und etwa so groß wie ihr Vater.

„Wer das System eines Rudels versteht, findet immer den Leitwolf. Sie können sich noch so gut verstellen, aber ich erkenne ihn.“

‚Erstaunlich. Wir haben bewusst alle die gleichen Bewegungen gemacht und ebenso finster geschaut. Ohne uns zu kennen, hat sie mich erkannt.

Und was sind das überhaupt für Augen? Wieso kann man bei ihr keine Angst spüren?‘
 

Beide gehen etwas zur Seite, nachdem die anderen durch eine Handbewegung aufgefordert werden, weiter weg zu gehen. Tina versucht cool zu bleiben. Sie weiß nicht, wen sie wirklich vor sich hat. Sie kann ihn nur als jemanden erkennen, der in der jetzigen Gruppe den höchsten Respekt genießt. Er sieht mit ernster Miene zu ihr.

„Sprechen Sie.“

„Wissen Sie welche Blutgruppe der Junge hat?“ Er schaut verdutzt.

„A positiv.“

„Ich auch, ich kann helfen. Aber ob es reicht? So wie ich es vorhin vernehmen konnte, hat er viel Blut verloren. Es könnte knapp werden. Wollen Sie, dass er es schafft?“, erklärt sie sehr schnell die Fakten. Seine Arme verschränken sich skeptisch und sein Blick wirkt plötzlich unfreundlicher.

„Sie wollen mir doch jetzt nicht etwa sagen, dieses ganze Risiko hier, dieses Spielchen...uns zu provozieren, veranstalten Sie für den Jungen, für jemanden, den Sie gar nicht kennen?

Ich dachte, sie wollen nur um Ihr Leben flehen und versuchen den Doc reinzuwaschen.“ Ihr Blick wird ernst.

„Wollen Sie, oder nicht? Soll er sterben, gehen Sie alle einfach weg. Soll er überleben, dann sagen Sie mir, ob jemand helfen könnte oder nicht. So einfach ist die Sache. Uns bleibt keine Zeit mehr zum Reden. Der Spender muss gesund sein. Keine Drogen, kein Alkohol, kein AIDS etc. Ich brauche einen zweiten Spender. Ich kann nicht genug abgeben. Ihre Kugel kriegen Sie trotzdem. Ob jemand hilft oder nicht.“ Es ist kurz ruhig. Ihr Blick ist geprägt von Ehrlichkeit und Sorge. „Sagen Sie dem Doc, ich bin bereit. Wir haben die gleiche Glutgruppe und ich bin gesund, kräftig genug zum Spenden. Sagen Sie ihm das.“ Ein erleichtertes Lächeln huscht über ihr Gesicht und sofort rennt sie los und verschwindet im LKW. Er sieht ihr überrascht und etwas irritiert nach.

‚Wieso riskiert sie ihr Leben für ihn? Die Kleine ist wirklich seltsam. Macht mir hier so klare Ansagen, als wäre ich für sie nur irgendein Typ.‘ Kurz darauf kommen die Männer zu B4.

„Und? Was wollte sie? Was war so wichtig, dass sie dabei ihr Leben erneut riskiert?“ Er blickt alle mit festem Blick an.

„Sie suchte einen möglichen Spender für eine Bluttransfusion.

Ihr verschwindet. Ich bleibe hier. Die Kugel bringe ich danach mit und übergebe sie persönlich. Um den Lagebericht kümmere ich mich ebenso persönlich. Gebt nur an, dass ich noch beschäftigt bin. Keine weiteren Infos.“ Die Männer sehen ihn ebenso überrascht an und dann folgen sie sofort seinen Anweisungen.
 

Nachdem der Junge Stunden später stabil ist, kommt ein Notarzt-Transporter herangefahren. Zwei Männer und eine junge Frau in normaler Sanitäter Ausrüstung holen eine Trage und gehen in den Container. Kurz darauf bringen sie den Jugendlichen und B4 weg.
 

Eine gute Stunde zuvor ist es im Wartezimmer sehr ruhig. Dort sitzen sich Tina und B4 gegenüber. Sie haben beide spenden müssen und warten auf das Ergebnis, dass endlich ein Transport möglich ist. Sie wechseln kein einziges Wort. Sie sitzen nur da, versuchen sich mit Kaffee, Snacks und Traubenzucker wach zu halten. Noch ist nicht alles sicher genug, zu unsicher, zu lange mit der Hilfe gewartet, zu viel Blut verloren. Einmal musste man den Jungen reanimieren. Noch ist es nicht sicher, ob es der Junge schafft.

„Warum? Warum wollten Sie ihm helfen? Sie hätten das nicht tun müssen. Sie haben Ihr Leben riskiert für einen von uns?“, beginnt er dann das Gespräch. Tina sieht nicht zu ihm, sie blickt zur Seite auf die Kinderecke. Er betrachtet sie, wie sie ihren Arm hält, mit den Spuren der Transfusion.

„Bitte, bitte sagen Sie es mir. Wen wollten Sie nicht „nochmal“ verlieren?“, provoziert er sie etwas, aber behält einen ruhigen Ton. Sie schweigt weiterhin. „Sagen Sie schon, was ist passiert? Ist es ein Geheimnis? Darf es niemand wissen?“ Tinas Herz schlägt stark, aber so richtig gut auf dem Damm ist sie durch den Energieverlust und die Anspannungen nicht. Sie hat Angst ihre Haltung ihm gegenüber zu verlieren. Nachdenklich blickt sie dann doch zu ihm und sieht in die braunen strengen Augen.

‚Komischer Typ. Wieso hat er gefühlt ehrliche Augen? Das ergibt doch gar keinen Sinn.‘

„Ja, ein Geheimnis. Behalten Sie es für sich? Auch Itachi…darf es nicht erfahren.“

Er nickt.

„Ehrenwort. Als Dank…als Dank, dass Sie so stur und mutig sind.“, grinst er plötzlich. Tina steht auf, stellt sich in die Kinderecke und betrachtet das bunte Poster an der Wand. Es ist eine große Landkarte von Japan mit niedlichen Abbildungen von Sehenswürdigkeiten und heimischen Tieren. Sie atmet tief durch.

„Es war...als würde...mein Bruder in meinen Armen liegen.

Zuerst war es nur wie immer, jedes Leben ist es wert gerettet zu werden. Daran ändert sich nichts, aber...“, sie unterbricht.

„Ihr Bruder?“

„Ja. Bevor ich herzog...hatte ich meinen großen Bruder verloren. Er war erst 17. Wir waren nach einem Fußballspiel auf dem Weg nach Hause und wurden überfallen. Fünf Männer...zwei hielten mich fest und die anderen prügelten auf ihn ein, vor meinen Augen. Er lag dann in meinen Armen, so wie der Junge. Leider kam jede Hilfe für ihn zu spät. Er erlag während der Operation seinen inneren Verletzungen. Deswegen…kann ich nicht in Krankenhäuser gehen. Hier helfen ist kein Problem, auch Blut ist kein Problem, aber diese weißen Wände oder Polizeireviere, da kriegen mich keine zehn Pferde mehr rein.“ Er schweigt kurz und lehnt sich zurück.

„Hm. Ihr Bruder also. Hatte er denn Kontakt zu einer Bande oder steckte in Schwierigkeiten? Schulden oder so?“ Ein böser Blick kommt von ihr.

„NEIN! Damit hatte das nichts zu tun! Es war grundlos…einfach nur…grundlos. Das…waren betrunkene Fußballfans, weiter nichts. Vermutlich sogar noch auf irgendeinem Drogen-Tripp. Er war…zu jedem nur nett, hilfsbereit und freundlich, nie bösartig oder gemein, niemals. Ein sanftmütiger kräftiger Typ, der sich auch zu wehren wusste. Es reichte aber nicht gegen alle fünf, weil sie ihn mit mir bedrohten.“ Tina bemüht sich ihre Tränen zurückzuhalten. Vor diesem Mann weinen, nein, das wäre nicht gut. Die Situation vorhin am Park war genug des Guten.

„Grundlos? Meinen Sie…einfach aus Spaß? Und was war mit Ihnen? Sie sagten, die hielten Sie fest.“ Sie schweigt und fasst sich daraufhin an die Oberarme. „Ich…hatte nur Glück, dass ein Freund rechtzeitig kam und die Kerle in die Flucht trieb. Es blieb bei einem großen Schreck und bei den Bildern meines Bruders. Als der Junge in meinen Armen lag, da waren die Bilder plötzlich wieder da. Deswegen habe ich nicht aufgepasst und dieser Kommentar ist mir rausgerutscht.“

„Ein Freund? Er muss sehr mutig und stark gewesen sein.“

„Das war er. Um nicht zu sagen, das ist er immer gewesen und ist es noch. Ein sehr mutiger, ehrgeiziger, kluger und stolzer Typ. Jemand, der immer zu seinen Prinzipen steht, der für seine Freunde da ist und durchs Feuer geht und niemals aufgibt, weil er immer Hoffnung im Herzen trägt.“

„Das klingt, als würde er mehr als ein Freund sein.“, schmunzelt er sie an.

„Das ist er, aber nicht wie Sie das denken. Es ist zwischen uns eher wie eine Busenfreundschaft bei Frauen, nur, dass er ein Mann ist. Da war nie mehr und wird auch nie mehr sein.“ Er grinst weiter.

„Das sagen Sie. Ein Mann ist ein Mann, oder ist er andersherum?“

„Ne, er steht nur nicht auf Blondinen mit blauen Augen. Sein Frauengeschmack ist völlig anders. Perfekt für eine Freundschaft zwischen Mann und Frau. Wir lieben und streiten uns eher wie Geschwister, und dann ist die Freundschaft und das Vertrauen da. Das ist alles.“

„Hm. Wie sahen seine Freundinnen denn bisher aus?“, bleibt er beim Thema. Diesmal muss Tina grinsen.

„Sie glauben mir sowieso nicht.“

„Ach…wieso nicht? Sagen Sie schon.“

„Er steht auf Japanerinnen und hat es daher in Deutschland etwas schwer.“ Seine Augen werden groß.

„Oh. Ein Mann mit gutem Geschmack. Dann ist er selbst Japaner?“ Tina nickt. „Ich verstehe. Das wird wirklich schwer. Abgesehen vom Äußeren sind die inneren Werte auch anders als in Europa. Die Frauen hier sind ganz anders erzogen.“

„Sehen Sie, da haben wir gleich einen Grund, warum es zwischen uns nie funktionieren würde. Ich bin viel zu temperamentvoll und selbstbewusst und will mein eigenes Ding machen, als er es gerne hätte. Mit einem Mann, mit seinen Eigenschaften, käme ich so gar nicht klar. Als Freunde jedoch sind wir wie ein eingeschworenes Team, perfekt aufeinander eingespielt und wissen genau wie wir miteinander umzugehen haben.“

„Hm. Nun gut. Ich für meinen Teil sehe das trotzdem anders. Eine wahre rein platonische Freundschaft unter Mann und Frau kann es gar nicht geben. Irgendwann kommt immer der Punkt, der darüber hinausgeht. Und so ein gemeinsames dramatisches Erlebnis kann schnell dazu führen, dass dies passiert. Wer weiß, vielleicht sagt er Ihnen nur, dass er auf Japanerinnen steht, um Ihre Freundschaft zu erhalten. Männer, die sich wirklich verlieben haben Hoffnung, Hoffnung die Erbetete eines Tages doch zu erobern, egal wie viele andere Männer dazwischenfunken.“

„Sie sind nicht der Erste, der das sagt, aber so ist es nun mal. Ob das in Ihr Verständnis passt oder nicht.“

„Nun gut. Sie bleiben bei ihrer naiven Ansicht. Verstehe.

Was meinen Sie eigentlich mit „einem großen Schrecken“? Was ist denn genau passiert, als Ihr Freund kam, und helfen konnte?“ Tina schweigt. Ihre Hände greifen ihre Arme etwas fester und sieht ihn nur mit ernstem Blick an. Er hingegen lehnt sich entspannt zurück und schlägt die Beine übereinander.

„Sie müssen es nicht sagen. Ich kann es mir denken. Sie sind ein hübsches Mädchen, sicher wollten die Sie vergewaltigen. Also...gab es doch einen Grund und der waren Sie selbst. Die Männer mussten den Anhang loswerden und wollten sich danach über Sie hermachen. Somit war der Überfall nicht grundlos, wie Sie sagten, und Ihr Bruder starb, um Sie zu beschützen. Er hielt vermutlich so lange wie möglich durch, um Zeit zu schinden. Es hat scheinbar auch funktioniert, denn der Freund kam zur Rettung. Ihr Bruder war ein schlauer Kerl.“

„Es ging nicht um mich! Das Interesse an mir hatten sie erst, als sie mit ihm fertig waren. Die waren einfach nur in ihrem Rausch und dann kam es ihnen erst in den Sinn mir derartige Beachtung zu schenken.

Ihren Aussagen zufolge sind sie eindeutig nur auf ihn aus gewesen, nicht auf mich.“, wird sie wütend.

„Sind Sie sich da sicher? Woher wollen Sie wissen, dass nur aus einer Gruppendynamik heraus auf Sie abgesehen wurde? Männer, solcher Sorte sind alle gleich. Sie haben ihr Ziel und ziehen das durch, egal was ihnen im Weg ist. Vor allem dann, wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind. Und in diesem Fall war Ihr Bruder im Weg und Sie waren das Ziel. Also nix mit grundlosem Überfall. Der Grund waren SIE, ganz sicher.

Wer war denn bei der Gruppe der Leitwolf? Bei uns haben Sie es erkannt, ohne, dass Sie uns alle gesehen haben. Sie wollten vorhin nicht erklären, woran Sie erkannten, wer das Sagen hat.“

„Denken Sie, was Sie wollen, Sie waren nicht dabei.

Und Sie haben nicht das Sagen, nicht in dieser Gruppe. Ich kann es nicht richtig erklären, bei Ihnen ist es etwas anders als normalerweise, ich weiß nur nicht wieso. Sie sind jedoch derjenige, der den größten Respekt aller Anwesenden erntet. Also haben Sie innerhalb dieser sieben Männer den höchsten Rang oder keine Ahnung was für einen Stand. Ich kenne Ihre Hierarchie nicht und Ihre Regeln.

In meinem Fall war der Anführer der Mann, der zuerst zugeschlagen hat. Die anderen vier haben uns festgehalten. Da war die Sache sehr eindeutig.“

„Und wie haben Sie mich zwischen uns Fünfen erkannt, wenn ich dann doch nicht der „richtige Anführer“ bin? Ich wüsste zu gerne was mich verraten hat. Ich bin ein Mann, der gerne dazulernt.“

„Ihr Blick hat Sie verraten.“

„Mein Blick? Wir haben extra alle gleich grimmig geschaut, damit Sie es schwer haben.“

„Ich weiß, extra noch der Größe nach sortiert, ist mir aufgefallen. Das sagte mir schonmal, dass es nicht der Größte sein konnte und dann kam der Blick. Auch ihr Gang war anders als der der anderen.

Sie haben zum Mann hinter mir geschaut, zu dem, der mich angefasst hatte. Alle anderen waren ohne Abweichungen mit ihrem Blick auf mich gerichtet, aber da war gut eine Sekunde lang ein Aufblick rechts an mir vorbei. Ein winziger Augenschlag. Ich gehe mal davon aus, dass der Mann mich nicht hätte anfassen dürfen, es war vermutlich nicht geplant oder gehörte nicht zu dem, was Sie abgesprochen haben, und der Blick sollte es ihm signalisieren, dass er Mist gebaut hat. Kurz darauf war hinter mir aus seiner Richtung ein Rascheln zu hören. Das bestätigte mir, dass er es gesehen und vernommen hat.“

„Wow. Das war vielleicht eine Sekunde oder so. Das haben Sie bemerkt?“

„Ich bin Profi, wenn es darum geht Details in einer Gruppe zu erkennen. Ich weiß, dass das nicht jeder kann. Mir müssen Sie nichts über Gruppendynamik, Gewaltbereitschaft, Rangordnungen und Respekt innerhalb einer Gruppe erzählen. Ich habe genug Erfahrungen darin Gruppenstrukturen zu durchschauen und aufzubauen. Dies zu können, ist als Strategin meine tägliche Aufgabe im Team.“

„Im Team? Ich hörte schon, Sie sind Volleyballspielerin. Eine Teamsportart, die ein gewisses Tempo und große Ausdauer abverlangt.“

„Das kann man so sagen, ja.“ Es wird kurz geschwiegen.

„Versprechen Sie mir etwas?“ Er macht große Augen.

„Hm. Was denn?“

„Der Mann, der mich angefasst hat, lassen Sie ihm seine Finger dran.“

„Oh, seine Finger? Wie meinen Sie das?“

„Ich kenne ja Ihre Regeln nicht, aber auch wenn er einen Fehler gemacht haben sollte, mich anzugehen, können Sie es mir versprechen, ihn nicht zu bestrafen? Egal womit. Eine Strafe wäre dafür nicht angebracht. Ich bin ihm nicht böse.“, erklärt sie.

„Warum? Er hat sich nicht an meine Anweisungen gehalten. Das kann man nicht durchgehen lassen, so einfach ist das. Ich überlege noch was folgen wird.“, brummt er etwas.

„Aber…er war zornig, ja und emotional, doch aber nur, weil er sich sorgte. Ich habe in seinen Augen nicht nur Zorn oder Wut gesehen, welcher gegen mich gerichtet war, sondern…auch Besorgnis. Sein starker Herzschlag sagte es ebenso aus. Wut hört sich anders an. Ich glaube er mag den Jungen und macht sich nur Sorgen um ihn.

Wenn er sich um ihn sorgt, hat er doch keinen Fehler gemacht.

In welchem Verhältnis steht er zu ihm? Es muss sehr eng sein.“

„Sie haben Besorgnis in seinen Augen und seinem Herzschlag erkannt?“

„Ja.“

„Hm. Nun gut. Er ist sein Onkel. Beide stehen sich sehr nah. Er hat ihn ausgebildet, bzw. ist für seine Ausbildung zuständig.“ Tina lächelt seicht.

„Also, versprechen Sie es mir? Keine Strafe für den Onkel, bitte.“, lächelt sie ihn an.

„Sie sind ein wirklich naives Ding. Seine Beziehung zu dem Jungen ist keine Entschuldigung für sein Fehlverhalten. Und ich, ich gebe nur einen Bericht ab und die Entscheidung einer Strafe trifft die Person, die den Bericht erhält. In seinem Fall unterliegt er nicht meiner Autorität.“

„Mir ist egal, für was Sie mich halten.

Dann legen Sie ein gutes Wort für ihn ein oder erwähnen den Vorfall nicht. Wie in einem normalen Prozess. Wo kein Kläger, da kein Angeklagter. Geht das? Ich habe ihn ja auch ordentlich provoziert. So unschuldig daran bin ich nicht.“

„Ich überlege es mir.“

216. Die große Enttäuschung Teil III oder Rätselraten

Kapitel 216
 

Die große Enttäuschung Teil III oder Rätselraten
 

„Aber ein „ich überlege es mir“ reicht mir nicht aus. Sie sind sicher ein Mann von Ehre, also können Sie mir das doch wohl sagen. Setzen Sie sich für ihn ein, oder nicht? Wenn dieser Mann sich vorher um den Jungen gekümmert hat, dann sicher auch dann, wenn er es überlebt. Also wird er gebraucht, um sich ihm anzunehmen. Ich kenne das. Ich habe zu einem Onkel auch ein besseres oder anderes gutes Verhältnis als zu meinem Vater.“

„Sie sind nicht in der Position irgendetwas zu verhandeln. Unser Deal bleibt bestehen. Ich habe Ihnen zugehört und warte auf die Kugel. Das war es.“

„Und wenn Sie die Kugel haben, dann schießen Sie mir und den anderen dreien in den Kopf und sind uns als Zeugen los, weil wir Ihr Gesicht gesehen haben. Was passiert dann? Welchen Aufgaben gehen Sie dann nach?“, provoziert sie ihn plötzlich etwas frech. Er ist erstaunt, dass sie auf einmal so angeht.

„Hm. Das sind Ihre Gedanken? Sie glauben, dass Sie hier nicht lebend rauskommen? Sie denken, dass ich den Jungen mitnehme und das wars?“

„Genau und mit der Kugel wollen Sie nur beweisen, dass die Gegenseite geschossen hat und dann werden Sie sich an denen rächen, weil die einen von Ihnen angeschossen haben und dann geht das Ganze wieder von vorne los. Immer im Kreis drehen…seit wie vielen Jahren oder Generationen geht das schon?“ Der Mann mit nach hinten gekämmten lackierten Haaren und zwei Narben im Gesicht grinst sie nur an. Seine Sitzhaltung bleibt bei, locker und entspannt.

„Das sind interessante Vorurteile, meinen Sie nicht? Hm. Was glauben Sie, denke ich denn über Sie?“

„Keine Ahnung. Sagen Sie es mir doch. Ist mir egal.“, murrt sie und lehnt sich an die Wand.

„Sie fragten mich, welchen Aufgaben ich hiernach nachgehen werde. Wollen Sie es noch wissen?“

„Hm, das, schon, aber jetzt lenken Sie vom Thema ab. Was denken Sie denn nun über mich?“

„Sie sagten, es sei Ihnen egal. Also werde ich es Ihnen nicht sagen. Mal sehen, vielleicht später.“

„Okay, Sie haben Recht. Es ist mir egal. Und was ist nun Ihre Aufgabe im Clan?“

„Sie können ja mal raten.“

„Oha. Ich weiß doch gar nicht was es da so für Aufgaben gibt.“

„Lassen Sie sich was einfallen. Mit Ihrer guten Beobachtungsgabe kann das ja nicht so schwer sein.“, grinst er. Tina geht zu ihm und betrachtet ihm von Nahem.

„Darf ich Ihre Hände sehen?“ Er hält sie ihr hin. Tina fasst ihn natürlich nicht an und betrachtet nur seine Linien und die Handrücken. Viel ist da nicht zu sehen. Sie erschienen ihr eher als normal. Auch beim Handgeben hat sie nicht wirklich etwas von ungewöhnlicher Hornhaut oder Rötungen an den Knöcheln bemerkt. Seine Hände sind zwar groß und kräftig, aber nicht so rau, wie die des Onkels, des Jungen zum Beispiel.

„Ich versuche es ohne Ihren Hintergrund zu betrachten.

Ein Handwerker sind Sie schonmal nicht. Auch keiner von denen, die groß Gewalt ausüben. Ich glaube Sie werden sich gut verteidigen können, aber das Benutzen einer Waffe ist nicht Ihr Alltag, sondern vielleicht nur, zur Selbstverteidigung. Dafür sind die Hornhautanteile falsch verteilt und Abschürfungen an den Knöcheln haben Sie auch keine.“

„Klingt schonmal gut. Aber was ist hiermit? Die Narbe hier und dann das hier? Die Hornhaut an den Stellen? Was sagen die Ihnen?“

Tina grinst.

„Ganz normale Spuren von der Hantelbank, vom Gewichtheben mit Einzelgewichten und Handgriffen. Die restliche Haut sieht unbenutzt aus. Ihre Finger sind eher fein, ähnlich wie bei einem Arzt. Sie sind nicht so schlank wie die von den beiden da drin, die gerade versuchen dem Jungen zu helfen, aber auch kräftige Hände können weiche Hautstellen haben. Sie sind ein Denker mit flinken Händen und einer sehr kräftigen Statur, die sich unter ihrem Anzug verbirgt.

Ich gehe davon aus, dass Sie etwas machen, wobei Ihre Hände sehr wichtig sind, und trotzdem können Sie eine hohe Position belegen.“

„Wow, klingt gut. Was könnte das sein? Was ist mit meinen Lebenslinien?“

„Oh, die beachte ich in der Regel nicht. Narben sind viel wichtiger, aber die könnten auch einfach beim Abwaschen und einem Griff ins Waschbecken in das Messer oder ein dummer Griff in eine Schere passiert sein. Etwas alltägliches.“

„Okay. Was ist denn nun mein Job?“

„Wenn ich es nicht besser wüsste, dann sind Sie Musiker, spielen Klavier oder legen Platten auf. Etwas, was keine Hornhaut hinterlässt. Jedoch tippe ich nun eher in Richtung PC. Sie sind sicher einer der klügeren Leute. Buchhalter nicht, aber etwas mit einem gewissen Intellekt und einer fingerfertigen Begabung.

Ein Koch könnten Sie auch sein. Aber ich glaube das ist es nicht.“

„Hm, so richtig kommen wir nicht weiter. Aber danke fürs Kompliment, dass Sie mich für klug halten. Das ist immerhin etwas.“

„Es ist schwierig, da ich nicht alle Berufe und Aufgaben kenne, die eventuell von Ihrer Familie ausgeführt werden könnte.“

„Gut, dann denken Sie nicht zu kompliziert und bedenken Sie nun doch mal meinen Hintergrund. Soll ich einen Tipp geben?“

„Gerne.“

„Ich habe jeden Tag mit viel Geld zu tun. Wie Sie sagten, so ganz falsch ist der Buchhalter nicht. Ich mache zwar meine eigene Buchhaltung, aber das ist nicht mein Job.“

„Viel Geld, dachte ich mir. Es bestätigt nur alles meine Vermutung.“ Sie grinst ihn an und geht zu ihrem Platz.

„Beenden wir das Spielchen. Ich weiß schon die ganze Zeit, welchen Job Sie haben. Sehen Sie?“ Sie nimmt ihr Handy in die Hand, öffnet das Notizbuch und zeigt ihm die Notiz, die sie vor über einer Stunde geschrieben hat.

„Spielbank, Croupier, Karten, Kartenzählen, Systemwartung, Glücksspiel, Wetten.“, liest er wirklich überrascht vor.

„Wow, das haben Sie schon vor 90 Minuten erkannt? Wie das denn? Und warum dann das Spielchen eben?“

„Weil Sie ein Spieler sind und ich mich ablenken muss. So konnten wir uns beide etwas ablenken.“ Er verändert seine Sitzhaltung.

„Was hat Sie dazu veranlasst zu glauben, dass ich was mit Glücksspiel zu tun habe?“

„Stimmt es denn wirklich?“

„Ja, ich habe so eine Spielhalle und betreibe im Hintergrund ein illegales Casino mit Wettbüro. Wie gesagt, viel Geld. Es läuft gut.“

„In Deutschland wäre es nicht ganz verboten, nur wenn betrogen wird, dann ist Glücksspiel illegal. Aber solange die Automaten der Norm entsprechen und auch die Spielbank ihre richtigen Spielregeln einhalten, ist alles legal. Man muss es dort nur entsprechend anmelden und versteuern. Das wars.

Ein perfekter Ort hier im Hintergrund Geld zu machen und auch, um es zu waschen. Stimmts?“ Er grinst.

„Richtig. Perfekt, aber auch schnell im Fokus der Polizei. Die Spielhöllen werden sehr streng kontrolliert.“

„Deswegen sind Sie auch gesund und sauber, mit Drogen im Körper kann man so ein Geschäft nicht führen. Ein Geschäft am Rande der japanischen Legalität.“

„Hm. Und wie sind Sie nun darauf gekommen?“

„Ganz einfach, als ich nach Ihnen aus dem Behandlungszimmer kam, haben Sie mit den Memori-Karten der Kinder gespielt. Sie räumten es weg, als ich kam, vermutlich weil Sie dann hofften mit jemanden zu reden. Ich tat Ihnen den Gefallen aber nicht. Ihr Blick ging ab und an immer wieder zur Kinderecke, auf die Box mit den Karten und auf die Murmelbahn.

Naja, Ihre Luftbewegungen mit der freien Hand als gelangweilte Beschäftigung sagte mir dann den Rest. Sie spielten gedanklich eine Spielkarte zwischen den Fingern umher. Sie stehen also selbst gerne am Brett oder Tisch und machen mit oder sind der Croupier selbst.“

„Ich verstehe. Das sind die Details, die Sie meinen, dass Sie die für Ihren Sport ausnutzen. Sie können innerhalb eines Spiels Bewegungen und Abläufe erkennen und sich entsprechend darauf einstellen.“
 

Tinas Handy blinkt kurz auf. Eine SMS geht ein. Sie liest die Nachricht und verzieht das Gesicht.

‚Verdammt. Das passt so gar nicht. Aber war klar, dass da was kommt.‘

„Ist bei Ihnen alles okay? Ich bin unterwegs zum Container. Ein anonymer Hinweis. Ca. 5 min.“, steht dort als SMS vom Kommissar. Tina sieht sich um, greift ins Spielregal und holt ein Schachbrett heraus und stellt es auf den Tisch.

„Sie können doch Shogi, oder?“

„Ja, wieso?“

„Bauen Sie ein anspruchsvolles Spiel auf. Sofort.“, spricht sie streng. Dann geht sie zur Tür, zum Behandlungszimmer.

„Was ist los?“, fragt der Herr hinter ihr.

„Ich regle das. Machen Sie bitte einfach.“ Sie verschwindet hinter der Tür.

„Du störst. Was ist los?“, knurrt Itachi sie leise an, während er noch immer mit dem Doktor beschäftigt ist, den Jungen zu stabilisieren.

„Die Polizei ist unterwegs. Ich kümmere mich drum. Ich brauche einen Kittel und einen für den Patienten und FFP2 Masken für uns alle.“ Die Schwester hat freie Hände, entfernt die benutzten Handschuhe und besorgt die Sachen schnell. Tina greift an den Haken neben der Tür mit den Warnschildern und sucht eins heraus. Dann öffnet sie die Tür wieder.

„Was wird das?“, kommt dann misstrauisch vom Chirurgen, dessen Namen Tina nicht weiß. Er will anonym bleiben.

„Setzen Sie auch welche auf, die Zeit muss leider sein, zur Sicherheit. Falls jemand reinkommt. Wir stehen nun unter Quarantäne! Verdacht auf Masern! Wir warten auf das Ergebnis des Bluttests.“, grinst sie mit ernster Miene. Er hebt den Daumen hoch.

„Geniale Idee.“

Die Schwester drückt ihr eine Packung mit den Masken in die Hand und es gibt noch zwei Haarteile und Gummihandschuhe in zwei Größen.

Sofort stürmt Tina wieder vor und drückt dem Yakuza-Mann einfach den großen weißen Kittel in die Hände, legt alles auf einen Stuhl und zieht sich selbst ihren Kittel um.

„Habe ich das eben richtig verstanden? Wir haben die Masern? Warum?“

„Ziehen Sie einfach alles an. Wir bekommen Besuch.“ Sie wirft einen Blick zum Spielbrett. Es sieht vielversprechend aus.

„Sieht gut aus. Das wirkt authentischer, als doof rumsitzen.“

‚Besuch? Wer hat sich denn da eben gemeldet?‘ Tina öffnet die Tür und hängt das Schild ran.
 

Es dauert nicht lange, da sind Motorengeräusche zu hören. Der Kommissar und sein Kollege steigen aus. Es ist ruhig und er schaut sich um.

„Hm. Alles wie immer. Was hatte dieser Anruf denn zu bedeuten? Ein Schuss?“, äußert der junge Polizist an seiner Seite.

„Hm. Im Moment gehen wir jedem Verdacht nach. Das ist unsere Pflicht. Auch, wenn es aktuell etwas ruhiger geworden ist, heißt es nicht, dass die Banden still sind.“, kommt belehrend zurück.

Er schaut sich etwas Richtung Park um und bemerkt einen großen Laubhaufen, einen freigefegten Weg Richtung Patienten-Eingang und ein großes Schild an der Tür. Sie gehen zum Eingang.

„Wegen Quarantäne geschlossen?“, liest der Jüngling erstaunt vor.

Der Kommissar klopft an und geht etwas zurück.

„Polizei, öffnen Sie!“, fordert er streng und laut. Die Tür öffnet sich vorsichtig und Tina steht mitsamt Maske und Handschuhen sowie Haarschutz an der Tür. Sie hält sie bewusst nicht weit auf.

„Entschuldigen Sie bitte, wir stehen unter Quarantäne. Was kann ich für Sie tun, Sir?“

„Quarantäne? Frau Fuchs? Haben Sie nicht schon Feierabend?“

„Wir müssen die Bluttests abwarten, ob sich der Verdacht bestätigt.“

„Was wäre das dann bitte?“

„Die Masern, bleiben Sie lieber fern, zu gefährlich es ins Revier zu schleppen, zu ihrer schwangeren Kollegin. Viel zu riskant.“ In der Hand hat sie zwei Masken, welche noch verpackt sind und drückt ihm diese in die Hand.

„Masern? Ich bin geimpft. Wer ist krank?“

„Ein Junge. Er ist im Behandlungsraum mit Herrn Okawa und der Schwester. Es spielt keine Rolle, ob Sie erkranken könnten, Sie schleppen es doch weiter. Schwangere und Kleinkinder sind besonders gefährdet. Denken Sie auch an Ihre Frau, sagten Sie nicht neulich, sie sei Frauenärztin? Mehr muss ich dazu sicher nicht sagen, oder?“ Sein Blick wird streng.

„Ich verstehe. Das Kind ist doch aber sicher nicht allein hier. Wo sind die Eltern?“

„Bitte treten Sie weiter zurück. Der alleinerziehende Vater ist mit ihm hier.“ Tina öffnet etwas vorsichtig die Tür und der Kommissar kann einen großen Mann ebenso komplett eingepackt auf einem Stuhl sehen. Er hat einen besorgten Blick und hebt nur schlicht die Hand. Vor ihm ist ein Shogi-Spiel aufgebaut.

„Guten Abend, Sir.“, spricht er sehr leise und mit betrübtem Ton. Die Männer sehen sich kurz in die Augen.

‚Der Hauptkommissar, habe ich doch seine Stimme richtig gedeutet. Der Kerl ist in letzter Zeit aber auch überall. Ich hoffe, er erkennt mich nicht. Das wäre gar nicht gut.‘

„Guten Abend. Und Ihr Name ist?“

„Oh nein, Sie wissen doch, dass wir hier nur anonym arbeiten. Das gilt für alle Patienten. Keine Namen, keine Herkunft, das wissen Sie.“, erhebt Tina streng, aber freundlich ihre Stimme.

„Stimmt, ein Versuch war es wert. Sie sind wie immer auf der Hut. Wie ein Wachhund.

Okay. Gute Besserung dem Jungen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, melden Sie es dem Gesundheitsamt, Frau Fuchs.“, kommt streng. Die Tür wird wieder halb geschlossen.

„Natürlich Herr Hauptkommissar. Wenn es sich bestätigt, dann darf ich morgen nicht spielen. Das wäre wirklich doof.“, stöhnt sie etwas auf.

„Was anderes. Wieso ist hier draußen der Weg gefegt? Das Laub? Was ist damit? Vorgestern lag noch alles rum.“

„Oh, bevor der Junge kam, ist ein Patient vor seinem Besuch wegen der Feuchtigkeit ausgerutscht und gestürzt. Da habe ich den Weg gefegt, damit es nicht nochmal passiert.“

„Okay. Alles klar. Dann bis dahin. Rufen Sie im Revier durch, ob sich der Masernverdacht bestätigt hat oder nicht.“

„Machen wir. Ihnen noch einen ruhigen Abend.“

„Hm. Ach noch etwas. Es gab vorhin einen anonymen Anruf, ein Anwohner hörte einen Knall. Könnten Sie einen lauten Knall gehört haben? Ist schon ein paar Stunden her.“ Tina schüttelt den Kopf.

„Ich wüsste nicht.“ Sie dreht sich zu B4 um.

„Haben Sie etwas gehört? Wir sind ja schon ne ganze Weile hier.“

„Nein.“ Somit blickt sie wieder zum Kommissar.

„Nichts, einen Knall gab es keinen.“

„Okay, dann müssen wir wohl doch mal im alten Haus nachsehen. Seien Sie auf der Hut, es ist noch immer zu unruhig im Viertel.

Entschuldigen Sie die Störung.“

„Wir achten darauf. Passen Sie auch auf sich auf, Herr Hauptkommissar.“

Der Kommissar greift in seine Tasche und reicht eine Visitenkarte rüber.

„Sollte doch noch was sein, dann rufen Sie mich gern an.“ Tina nimmt natürlich an.

„Danke.“ Die Tür wird geschlossen und Takeru sieht sich erneut etwas um. ‚Irgendwas stimmt trotzdem nicht. Sie erwähnt den Beruf meiner Frau? Mich damit abzuwimmeln, musste ihr sehr wichtig sein. Und dieser Mann? Er kam mir bekannt vor. Durch die Maske und dem ganzen Zeug, war leider nicht viel zu sehen.‘

Neugierig geht er einmal langsam um den Container herum. In der Müllecke entdeckt er einige große hellblaue Mülltüten. Die Mülltonnen sind jedoch mit einem Zaun drumherum abgeschlossen. Er greift durch das Gitter und versucht den Inhalt zu ertasten. Dann packt er oben am Zugband zu und hebt eine Tüte an. ‚Laub, würde ich sagen. Der Haufen da draußen kam mir gleich zu klein vor, für den langen Weg. Die Menge kommt dann eher hin. Vor allem, warum nur ein Haufen, statt es nur zur Seite zu fegen oder den Rest auch in eine Tüte zu packen? Das ist doch nicht nötig.‘ Er schaut sich die Tüten genauer an und entdeckt bei einer Tüte ganz unten einen dunklen verwischten kleinen Fleck. Er nimmt seine Taschenlampe hervor und der rote Fleck ist eindeutig zu sehen.

‚Blut, verdammt. Also doch. Von der Gerinnung her, kann es zeitlich hinkommen.‘ Er holt ein Wattestäbchen und ein Tütchen heraus, nimmt eine Probe und stellt alles wieder hin, wie es war. Seine Runde um den LKW-Container schließt er damit ab und geht dann den Weg langsam entlang und schaut sich jeden Zentimeter genauer an. Plötzlich leuchtet sein Handy. Eine SMS geht ein. Er holt es raus und liest. Die Nachricht kommt von Tina.

„Ich habe alles im Griff. Gehen Sie bitte und vertrauen mir. Mir ist klar, dass Sie jetzt alles absuchen werden.“

‚Also doch. Was ist passiert?‘

„Ein Kind? Wie alt?“, antwortet er zurück.

„13 oder 14 rum.“

„Und der Mann? Wer ist das?“

„Wie ich, hat er ihm Blut spenden müssen. Bitte gehen Sie jetzt. Alles ist geklärt.“ Takeru bleibt besorgt vor dem Laubhaufen stehen.

„Ich bin gleich weg.“, schreibt er noch und steckt das Handy in die Tasche. Dann holt er nachdenklich Einweghandschuhe heraus und zieht sie über. Sein Helferlein steht kurz darauf neben ihn und hilft.

„Glauben Sie ihr nicht?“, fragt er leise.

„Was auch immer unter diesem Haufen ist, es wird im Bericht nicht erwähnt, haben Sie mich verstanden? Wir haben kontrolliert, aber nichts gefunden.“ Er sieht ihn verdutzt an.

„Kommissar? Also ist das jetzt ein „eigenes Ermessen-Spielraum“?“

„Richtig. Holen Sie eine größere Probentüte heraus und halten sie auf.“ Kurz darauf greift Takeru unter den Haufen in die Erde hinein, ertastet zuerst vorsichtig und holt dann ein paar Proben feuchte Erde mit ein paar Blättern zusammen hervor und lässt es in den Beutel fallen. Dann schiebt er das Laub wieder normal zusammen, als wäre nichts passiert und erhebt sich.

‚Wow, Kommissar Saito ist so cool. Wenn er solche Dinge macht, dann ist es immer besonders spannend. Ich habe so ein Glück, dass ich ihn seit drei Wochen begleiten darf.‘
 

Ruhe legt sich bald über den Spätherbst und die Schachpartie geht noch gar nicht lange, da geht die Lampe aus. Tinas Blick wird wieder ernst. Kurz darauf geht die Tür zum Behandlungszimmer auf und Itachi steht im Türrahmen. Sein Blick ist angespannt, sein Tonfall sehr ernst.

„Er ist über den Berg. Ihre Leute holen ihn gerade ab und ab nun müssen Sie sich selbst kümmern, dass er es wirklich auf dem restlichen Weg schafft. Es war eine sehr knappe Sache.“ B4 steht auf und sieht ihn ernst an.

„Wie knapp?“

„Ohne die rechtzeitigen Blutspenden, wäre er nicht zu retten gewesen.“, kommt trocken und er drückt ihm ein kleines Plastiktütchen mit dem Projektil in die Hand.

„Und jetzt verschwinden Sie aus meiner Praxis und halten Sie sich an unsere Absprache.“

„Sie haben mein Ehrenwort.“, kommt zurück. Genau in diesem Moment hören sie ein Rumsen im Warteraum. Wie ein Stein ist Tina plötzlich eingeschlafen und vom Stuhl gefallen. Beide Männer sehen verdutzt zu ihr. B4, der ihr am nächsten steht, steckt die Tüte in die Hosentasche und eilt zu ihr, kaum hockt er sich hin, um sie hochzunehmen, um sie ihr zu helfen, spürt er Itachi neben sich.

„FASS sie nicht an!“, kommt ein sehr bedrohlicher Ausruf. Er erhebt sich und die Männer sehen sich mit sehr ernsten Blicken an. Itachi signalisiert Zorn und Wut und B4 ein unverständliches angriffsbereites Grinsen.

„Vergiss nicht mit wem du hier sprichst! Ich wollte nur helfen. Oder willst du sie mit deinem Kittel vollschmieren? Sieh dich mal an.“

‚Itachi Okawa, was bildest du dir eigentlich ein?‘ Itachis Zorn senkt sich nicht, aber sein Puls ist auf 180, bei dem Gedanken daran, jemand anderes würde seine Tina berühren und dann auch noch ein Mann wie dieser, der vor ihm steht.

Er sagt nichts, zieht seinen Kittel aus und faltet ihn zusammen und legt ihn auf den Stuhl. Dann geht er zu Tina, nimmt sie hoch, würdigt B4 nicht einen einzigen Blick mehr und bringt sie ins Behandlungszimmer und legt sie behutsam auf die zweite Liege. Tief in seinen Gedanken legt er eine Decke über sie und streicht mit einem fast erzwungenen Lächeln ihre Wange.

‚Bettina, was wird nun werden? Wie ich dich kenne, wirst du mir nicht verzeihen können. Wer war es, den du retten wolltest? Meine liebe schöne Bettina…‘ Itachi greift unter die Liege und holt die Schnallen hervor und schnallt Tina an. Er weiß, dass sie manchmal die Angewohnheit hat, schnell aus dem Bett zu fallen. Und Jun kann ihn zwar nicht leiden, aber er gab ihm als Tipp auf dem Weg, dass sie nach einem Tiefschlaf aufschrecken könnte. Dann greift er nach dem Blutdruckgerät und misst an ihrem Arm. Alles ist im Normalbereich.

„Ich verstehe, du liebst sie. Einer wie ich darf, sie natürlich nicht anfassen.“, kommt die kräftige Stimme von B4. Er steht neben ihm und schreitet den Weg Richtung Hinterausgang.

„Geh einfach.“

„Hm. Sie wäre perfekt, das weißt du hoffentlich. Denk darüber nach.“ Es kommt keine Antwort. Nur ein Ablegen des Geräts und ein Hinsetzen auf den Stuhl neben der Liege. Itachis Blick weicht nicht von ihr und er streicht verträumt durch ihr Haar.

„Geh.“, fordert er ihn auf.

Der Mann dreht sich noch einmal kurz um.

„Als Frau hast du sie ohnehin verloren. Danke…für Dais Rettung deinerseits.“ Mit diesen Worten verlässt er den Hintereingang und steigt zum Patienten in den RTW. Die Fahrt geht sofort los und das Motorengeräusch ist von Itachi im Inneren des Containers bald nicht mehr zu hören. Er legt seinen Kopf auf ihren Brustkorb und umarmt sie liebevoll und vorsichtig.

Tränen laufen plötzlich über seine Wangen.

‚Bettina…heute war der Tag, vor dem ich am meisten Angst hatte. Immer der Gedanke, eines Tages wird etwas passieren, dass du mir bestimmt nie wieder vertrauen kannst.

Liebste Bettina, ich hätte dich niemals hier arbeiten lassen dürfen. Dann wäre das nie passiert und schon gar nicht…so. Auch wenn du das nicht verstehen kannst, ich muss gewissen Regeln einhalten, sonst kann ich diese Arbeit nicht ausüben.‘

217. Die große Enttäuschung Teil IV oder Der Blumenstrauß

Kapitel 217
 

Die große Enttäuschung Teil IV oder Der Blumenstrauß
 

Es vergeht etwa eine Woche nachdem der Junge gerettet wurde und Tina sich von Itachi getrennt hat. Ein Blumenlieferant betritt die Gaststätte und hat einen großen bunten Blumenstrauß dabei. Anja sieht ihn überrascht an.

„Nanu? Für wen ist der?“

„Für eine Bettina. Bin ich da richtig?“ Sie nickt.

„Ja. Das ist die Tochter der Chefin.“

„Bitte unterzeichnen Sie den Empfang.“

Kurz darauf ruft Anja im Büro bei Gesine an.

„Komm bitte mal vor. Hier wurden für Tina Blumen abgegeben.“ Natürlich dauert es nicht lange und sie steht am Tresen.

„Wow, ist der schön. Der ist bestimmt von Itachi, ich weiß nicht was da war, aber vielleicht will er sich damit entschuldigen?“

„Keine Ahnung. Hier ist ein Brief. Aber natürlich verschlossen.“

„Hm, steht nur Bettina drauf. Na gut. Sie kommt ja gleich. Stell ihn bitte ins Büro. Ich muss sowieso zu Roland was absprechen.“, gibt sie an und verschwindet dann in der Küche.
 

Etwa eine viertel Stunde später kommt Tina vom Training und betritt die Personaltür.

„Na? Habt ihr euch wieder vertragen?“, kommt Roland grinsend um die Ecke.

„Hä, wovon redest du denn?“

„Na von Itachi und dir. Oder war der Strauß nicht groß genug?“

„Welcher Strauß?“

„Ach so. Du hast ihn noch gar nicht gesehen. Er steht im Büro.“ Tina geht nachdenklich ins Büro. Ihre Mutter grinst sie an.

„Was hat er denn überhaupt angestellt? Der Strauß ist sicher von ihm.“

„Mama, das kann ich dir nicht sagen. Es hat etwas mit seiner Arbeit zu tun und wir sind da verschiedener Meinung. Das muss reichen.“

„Aber wenn er doch so einen schönen Strauß schickt, um sich zu entschuldigen. Kannst du ihm da nicht verzeihen? Gib ihm doch noch eine Chance. Ich musste deinem Vater auch ab und zu mal verzeihen und er mir. So ist das in einer Beziehung.“

„Mama, es geht nicht darum irgendwas zu verzeihen. Es geht um seine Einstellung zur Arbeit. Das passt mit uns nicht mehr.

Und…Papa hatte vermutlich Recht. Ich…ich bin vermutlich die, die ihn nicht liebt.“ Sie geht zum Blumenstrauß, der auf dem Personaltisch steht.

„Meine Güte. Was ist das denn für ein Monster? Der kann unmöglich von ihm sein. Dafür hätte er ja sein ganzes Haushaltsgeld verbraten. Außerdem weiß er, dass ich so ein verspieltes Zeug nicht mag. Schon gar nicht so viele, eine Rose wie immer, hätte gereicht. So viel Geld ausgeben für Blumen, die eh wieder verwelken und seine Patienten verhungern. Das passt nicht.“

„Bettina, also wirklich. Du redest manchmal alles schlecht. Der ist doch total schön und dann dieses hübsche gestickte Herz mit den Knöpfen. Das ist total niedlich. Das lächelt einen so richtig an.“, brummt ihre Mutter. Sei der Anfang auch schwer gewesen, fing sie an Itachi und seine Art zu mögen. Tina wird stutzig und sieht sich den Strauß genauer an.

‚Knöpfe?‘ Sie sieht sich das große Herz an, das als Stecker zwischen den roten Rosen steckt. Dann entdeckt sie den weißen Umschlag mit ihrem Namen darauf. ‚Bettina? Was soll das? Itachi würde mich niemals mit Bettina anschreiben oder einfach meinen Namen nur so raufdrucken. Nein, er würde „für Dich“ oder sowas schreiben und dann mit der Hand oder einer Handschriftlichen Schriftart.‘ Sie steht nachdenklich vor dem Strauß und betrachtet den Brief von allen Seiten. Es ist einfach nur ein schlichter Umschlag.

„Wann kam der denn und wie lange steht er schon hier im Büro?“

„Vor nicht mal zwanzig Minuten. Anja hat ihn gleich hergebracht, ich war noch in der Küche beschäftigt.“

„Hast du ihn noch irgendwie bewegt oder mit jemanden telefoniert, nachdem Anje ihn hingestellt hat?“

„Ich war allein. Telefoniert habe ich, ja. Wieso? Naja, ich habe ihn so gedreht, dass mich das Herz anlacht.“, schmunzelt sie.

„Nun mach den Brief schon auf.“

„Wie stand er vorher so in etwa?“

„Ist doch egal. Zur Wand hin mit dem Herzen zum Poster, deswegen habe ich es ja gedreht.“

„Mama, du hast doch sicher noch was mit Roland zu bereden. Ich würde gerne eine Weile allein sein.“

„Wie jetzt? Du schickst mich aus MEINEM Büro raus?“ Tina dreht sich komplett zu ihr und sagt lautlos, dass sie einfach machen soll und in die Backstube gehen soll, bis sie wieder bei ihr ist.

„Er hatte vorhin erwähnt, dass du noch mal kommen sollst. Irgendein neues Rezept von Vater durchrechnen.“, spricht Tina dann jedoch danach aus.

‚Bettina, was ist denn los? Du gibst mir versteckte Informationen?‘ Ihr Puls steigt etwas an und dann steht sie auf und schnappt sich zwei Ordner, die auf dem Tisch liegen.

„Das kann natürlich sein, dann hat er es eben vergessen zu erwähnen. Melde dich dann.“ Sie verlässt das Büro und Tina schließt hinter ihr die Tür ab. Dann sieht sie sich nochmal den Strauß an.

„Puh. Wer hat euch geschickt? Von welcher Seite des Jungen kommt ihr? Steht da nur ein Danke drin, oder haut mich gleich ne Packung weißes Pulver aus den Latschen?“ Sie geht mit dem Brief in der Hand auf und ab und sieht ab und zu nachdenklich zum Herzen. Dann bleibt sie stehen und geht direkt darauf zu. Sie lächelt das Herz an. Inzwischen kommt eine SMS von ihrer Mutter rein, die sie liest und beruhigt schickt sie eine Nachricht zurück und eine weitere an Itachi. Auch dieser antwortet recht schnell, dass er bei seiner Mutter sei. Beruhigt steckt sie das Handy wieder weg.

„Was bist du? Eine Kamera oder eine Tonaufnahme? Bist du vielleicht beides? Oder kommt da irgendein Giftgas raus, wenn ich den Brief öffne oder dich anfasse, wie in einem Krimi?“ Sie macht ein paar Grimassen und steckt die Zunge raus.

„Was wollt ihr sehen? Was wollt ihr hören? Welche Seite seid ihr? Geben Sie mir ein Zeichen.“ Sie sieht sich nun die Blumen genauer an.

„Hm, rote Rosen und eine Handarbeit. Eine liebevolle Stickerei…ein rotes Herz. Wozu die ganze Mühe, wenn man kein Lob dafür erhalten kann?“ Sie grinst in das Herz hinein, richtet sich dann auf und sieht den Brief nochmal an. Sie hält ihn gegen die Lampe, riecht daran und dann sieht sie erneut zum Herz.

„Nur damit Sie es wissen. Egal was das für ein Dank sein soll…ich werde ihn nicht annehmen. Die Blumen werde ich für die Gäste verteilen. Es wäre nur schade drum.

Ich habe nur meine Pflicht erfüllt, das wars und fertig. Ich öffne nur aus Höflichkeit.“ Dann atmet sie tief durch und öffnet den Brief vorsichtig, aber fest davon überzeugt, dass er von der Familie des Jungen kommt. Behutsam nimmt sie die Grußkarte heraus. Es ist eine gewöhnliche Klappkarte mit einer weiteren zarten Stickerei in Blumenform darauf. Es sind zwei rote Rosen.

„Wieder so eine schöne Stickerei. Da steckt Liebe drin. Solche Karten und Schilder würden sich bestimmt gut verkaufen lassen.“, lobt sie. Sie klappt sie auf.

Innen steht das Wort „Danke“ groß in Deutsch drauf. Darunter etwas in der japanischen Schrift, jedoch handgeschrieben. Tina ist erstaunt über die Worte und die feine Schrift.
 

„Vielen Dank, dass Sie meinem einzigen Sohn das Leben gerettet haben.

Es war jedoch viel mehr als das.

Ich habe gehört, dass Sie Herausforderungen lieben.

Mein Dank steckt in den Blumen.
 

Von einer Mutter

Tipp: Folgen Sie Ihrem Herzen.“
 

Nachdenklich schaut sie zum Blumenstrauß.

‚Von seiner Mutter? Also sind die Blumen doch eine Botschaft, nicht der Brief allein. Oh man. Jetzt muss ich wirklich noch rätseln?‘ Neugierig schaut sie auf den Strauß.

„Oh man. Was ist das für eine Botschaft? Was soll das alles sein? Ein buntes Durcheinander. Weder die Farben, die Sorten noch die Anzahl entsprechen einer Logik. Saisonal sind die auch nicht. Die Blumen wachsen nicht einmal zeitgleich.“ Tina geht zum Schreibtisch und betrachtet die Blumen von der Position ihrer Mutter aus.

‚Hm. Wo ist das Geheimnis versteckt? Was kann es sein?‘ Sie legt ihren Kopf auf den Tisch und sah sich im Raum um, ob ihr irgendetwas einen Hinweis geben könnte. Wahllos auf die Blumen zu starren, ohne zu wissen, welche Botschaft sie haben, nutzt ihr wenig.

‚Verdammt. Die Lösung ist das Herz, eindeutig. Alles ist gebunden und im Brief steht, es steckt in den Blumen. Also sind es nicht die Blumen selbst. Bleiben also das Band und der Herzstecker.‘

„Der Stecker…nur er steckt in den Blumen. Aber was soll mir der Stecker sagen?“ Plötzlich wird sie stutzig und sieht genauer hin.

‚Diese Rosen nerven…sie sind genauso im selben Farbton wie das Herz, aber…sie sind alle auf einem Haufen genau dahinter und daneben, statt wie alle anderen Blumen gemischt. Wieso?‘

„Mama…das kommt von einer Mutter? Hm…es lächelt dich an? Wo siehst du denn da in deiner Fantasie ein Lächeln? Da gibt’s, wenn dann nur Augen und Nase.“ Sie steht auf und geht hin, nimmt den Stecker einfach heraus und sieht ihn sich erneut an, nur einzeln.

„Ein Gesicht? Wo denn? Mit Kunst habe ich es nun gar nicht.“ Plötzlich klingelt das Handy. Tina geht ran, es ist ihre Mutter.

„Was ist los? Warum sollte ich weggehen?“

„Alles gut, bleib wo du bist. Ich brauche noch etwas. Die Blumen sind von einem Sponsor und er hat mir ein Rätsel aufgegeben, damit er sich zu erkennen gibt. Falscher Alarm.“

„Okay, das beruhigt mich.“

„Mama, du sagst, es lächelt dich an, dieses Herz. Wie kann das ohne Gesicht lächeln?“

„Na hast du es mal von Weitem gesehen? Unten die Ecke, also die Spitze, vom Herzen selbst. Das sieht aus wie ein Mund, das lächelt, ist eben nur eckig.“

„Echt mal. Wer soll sowas denn sehen? Für Kunst bin ich echt nicht gemacht.“ „Naja. Ist auch speziell. Wenn du es so ansiehst, dass es vor den Rosen steckt, dann wirft es einen Schatten. Dein Vater spielt auch gerne mal mit solchen Schattenwürfen, wenn er die Torten mit dem Zucker oder Marzipan belegt und seine Figuren macht.“

„Stimmt, wie eine Marzipanfigur. Seine Blumen sehen auch immer nur wegen der Schattenspielerei so schön aus. Du bist ein Genie, Mama. Danke.“ Tina legt auf und nimmt das Herz dann zum Tisch und legt es auf die Schreibunterlage.

„Aber was ist deine Botschaft, kleines Herz? Warum machen Sie mir das so schwer? Können Sie mir nicht einfach nur sagen, was Sie mir mitteilen wollen? Der Biref mit einem Dankeschön reicht doch, wenn das Bedürfnis dazu da ist.“ Tina nimmt nun entschlossen alle Blumen aus der Vase und legt sie immer wieder verschieden auf den Tisch und sortiert sie nach unterschiedlichen Möglichkeiten. Es sind genau 6 Blumensorten, aber in verschiedenen Mengen. Eine Uhrzeit oder ein Datum ist nicht möglich. Nun breitet sie das Schleifenband aus, sieht es sich genauer an und entdeckt römische Ziffern und Zahlen. Dann dreht sie es um und schaut ob auch auf der anderen Seite etwas steht und tatsächlich. An einem Ende steht ein großes E und am anderen Ende auf der anderen Seite ein Z. So richtig kann sie damit nichts anfangen.

„Was haben Sie sich denn da nur Doofes einfallen lassen? Also echt. Ich und Zahlen. Mit Rechnerei habe ich ja so gar nichts am Hut. Ich kann nur, was ich wirklich brauche, mehr nicht.“ Etwas genervt von den Zahlen setzt sie sich wieder hin und starrt auf das Band. Das Band liegt direkt auf der großen Schreibunterlage. Dieses ist kariert, damit man gut Notizen darauf schreiben kann. Ihre Mutter liebt kariertes Papier. Es erleichtert ihr das Übersetzen, da sie immer gleich eine Tabelle anfertigen kann. Tina legt das Schleifenband immer wieder hin und her.

„Du bist die Lösung, oder ein grundlegender Anfang. Das steht schonmal fest. Symbolisch hältst du immerhin alles fest. Als etwas, was alles zusammenhält. Hm. Wie muss ich es legen, damit die Rückseite lesbar ist?“ Ihr fällt das Karomuster darunter ein. Sie probiert etwas herum und dann fasst sie sich an den Kopf.

„Wie dumm, das ist kein Z, sondern ein N. Aber ja. Wenn ich es so lege, dass es einmal kreuzt und ausschaut wie ein Koordinatensystem. Nun gut, also Koordinaten. Wie auf einem Schachbrett bestimmt. Einige Leute wissen, dass ich Shogi und Schach spielen kann. Und mit dem Mann habe ich immerhin Shogi gespielt.“, spricht sie wieder vor sich hin. Ihr ist klar, dass die Knöpfe Kameras sind und eventuell auch den Ton aufnehmen.

„Was haben aber die römischen Zahlen zu bedeuten? Die ergeben so gar keinen Sinn. Immer Zehner vorweg und ne logische Reihenfolge ist da keine. X. Hm. “ Das Band liegt nun wie zwei Koordinaten-Achsen auf dem Tisch. Oben das N und rechts das E. Zwischendurch stehen versetzt die römischen Ziffern. Jeweils zwei an der Zahl.

‚Welche Art Koordinaten sollen es sein? Norden und Osten? Da gibt es keine Werte. Nach Schach sieht es auch nicht aus und da gibt es auch keine Xe oder römische Ziffern. Es muss etwas mit mir zu tun haben und die Rosen sind die Lösung. Sicher um etwas abzuzählen, aber was?

Folge deinem Herzen.‘ Sie greift erneut das Herz auf dem Spieß und hält es in der Hand. Dann legt sie es einfach auf den Tisch, zwischen die Achsen. So berührt die Spitze vom Herzen zufällig eines der Kreuze auf der Unterlage.

„Cool. Wie eine Pinnnadel.“ Plötzlich muss sie lächeln.

„Aber ja, der Volleyball fehlt bei der ganzen Sache. Er ist der Schlüssel zu allem. Mein Herz ist der Ball, aber ja. Es ging nicht um das Herz an sich, sondern darum was ich liebe. Der Ball und Koordinaten. Verdammt…die Weltkugel.

Deswegen auch Norden und Osten.

Es sind Koordinaten, sicher für einen Treffpunkt. Na dann. Norden sollen sicher die Längengrade sein und Osten die Breitengrade. Deswegen die römischen Ziffern, sie multiplizieren die Blumen, die von der Anzahl her nicht reichen.“ Tina macht sich an die Arbeit und sortiert die Blumen wieder um, so dass es einen Sinn ergab. Es waren 28 rote Rosen, es ging eindeutig um die Farben, denn andere rote Blumen waren nicht dabei. Nach einiger Zeit und vielem Notieren kommen dann doch sinnvolle Längen und Breitengrade dabei raus. Tina geht an den Schrank, sucht einen Stadtplan heraus und wird fündig.
 

35° 41′ 2″ N, 139° 46′ 28″ E
 

„Och nö. Das ist ja am Ende der Welt. Da brauche ich aber gut über zwei Stunden, weil da nur ein Bus direkt hinfährt.“ Plötzlich klingelt das Telefon im Büro. Tina ist erstaunt. Sie nimmt ab und meldet sich normal.

„Guten Tag, De Mecklenburger, Fuchs am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Sie haben Recht. Der Weg ist weit. Bitte kommen Sie zwei Blöcke weiter Richtung Ihrer alten Schule. Tragen Sie etwas Weißes bei sich und stellen sich an den Straßenrand neben dem Blumenkübel.“, ist eine freundliche weibliche Stimme zu hören.

„Weit weg ist es nicht. Okay. Wehe ich werde entführt oder sowas. In der Regel werde ich schnell vermisst, da ich mich ständig melde. Und ich nehme keine Geschenke an oder irgendetwas in der Richtung.“, spricht sie freundlich zurück. Es wird einfach aufgelegt. Tina nimmt das Herz, greift es als Beweis und Kommunikationsmittel und steckt es mit dem Brief und den Notizen zusammen in ihren Rucksack. Sie geht in die Umkleide und zieht sich nochmal um und macht sich etwas frisch. Sie macht sich ein weißes dünnes Halstuch um. Da es draußen frisch wird, passt es gut und fällt nicht sonderlich auf. Natürlich sagt sie kein Wort.

Dann geht sie los und bleibt ein paar Häuser weiter an einem Baum stehen, der in einem riesigen Blumenkübel steht und sieht sich um. Niemand ist zu sehen. Es sind kaum Leute da.

„Ich bin jetzt da.“, spricht sie laut, sodass es eventuell im Rucksack zu hören sein könnte. Plötzlich klingelt ihr Telefon. Es ist eine fremde Handynummer. Sie geht ran und sagt zuerst gar nichts.

„Es kommt genau in einer Minute ein gewöhnliches Taxi. Bitte steigen Sie dort ein. Es bringt Sie zu mir. Es ist keine Entführung, nur eine Unterhaltung unter Frauen.“, ist wieder die freundliche Stimme zu hören.

„Sie können viel sagen.“, antwortet Tina ruhig und besonnen.

„Mein Ehrenwort.“ Tina legt auf und atmet tief durch. Kurz darauf erscheint ein Taxi und sie wird vom Fahrer angesprochen.

„Sind Sie die Person mit dem Herz?“ Sie wundert sich und bejaht es.

„Beweisen Sie es mir, steigen Sie bitte ein.“ Wirklich wohl ist ihr dabei nicht, aber was hat sie schon für eine Wahl? Der Kontakt ist jetzt da und einem Treffen, das abgesprochen war, kann sie doch nicht einfach doch absagen. Wenn man ihr etwas Bösen antun wöllte, würde man es anders machen, da ist sie sich sicher. Tina steigt vorne ins Taxi und macht die Tür zu. Der Fahrer sagt nichts und sieht nur zu ihr. „Moment, es ist im Rucksack.“ Sie holt das Herz heraus. Zeigt es ihm mit den Augen auf ihn gerichtet.

„Gut, anschnallen bitte.“, fordert er dann und fährt los. Die Fahrt dauert etwas zu lange, denn es vergeht gut eine halbe Stunde ohne, dass irgendein Wort gewechselt wurde oder ein Anruf kam.

„Wo fahren wir denn hin? Wie lange soll das noch dauern? Fahren wir zu den Koordinaten?“, beginnt Tina ein Gespräch.

„Nein, das war nur eine beliebige Gegend. Wir sind gleich da. Wir müssen aus der Stadt raus, nur dort ist es möglich einen sicheren Kontakt herzustellen.“, ist eine feste monotone Stimme von dem Mann zu hören.

„Meine Güte. Muss das so umständlich sein? Ich dachte ich unterhalte mich nur mit einer besorgten Mutter, die ihren Sohn wieder in den Arm nehmen kann. Stattdessen kommt das einem seltsamen Ausflug nahe.“ Es kommt keine Reaktion. Kurz darauf klingelt Tinas Handy. Sie sieht die Nummer ihrer Mutter. „Darf ich rangehen? Das ist meine Mutter.“ Er nickt.

„Mama?“

„Wo bist du denn? Ich dachte du fährst nach Hause.“

„Ich bin mit dem Sponsoren im Gespräch. Ich melde mich dann, wenn ich fertig bin. Wenn die Bude voll ist, lass Roland ruhig mal Überstunden machen. Er kann das ja zu Weihnachten abbummeln.“, rät sie ihr noch und legt dann auf.
 

Zeitgleich am anderen Ende des Herz-Steckers wird sich erstaunt angesehen. „Nicht zu fassen. Hast du das gehört? Das war schon wieder so eine versteckte Botschaft. Wieso machen die das? Ihre Mutter soll also bei ihrem Chefkoch bleiben? Kannst du dir vorstellen wieso?“ Die gegenübersitzende Person sieht nachdenklich aus dem Fenster.

„Sie wird ihre Gründe haben, Mutter.“

„Diese Kleine hats wirklich drauf. Du hast wirklich Glück, an sie geraten zu sein.“, meint diese.

„Das sehe ich anders.“, wird ihr gegenüber gemurrt.

„Nun sei doch nicht so brummig. Mit einer Ansicht hat sie doch Recht. Ich kann meinen Sohn endlich wieder in den Arm nehmen.“, grinst sie und beugt sich zu ihm vor und berührt seine Knie und die eine Hand, die darauf liegt. Er zieht sie jedoch weg und lässt ihre Äußerung unkommentiert. Sein Blick ist raus auf die Landschaft gerichtet. Die Dämmerung ist fast vollendet und das Licht der Stadt erhellt nur noch den Himmel hinter dem Reisfeld und den Bäumen.

„Brummbär. Da kommen sie.“, wird begeistert gesprochen.

„Bleibt es beim Plan oder machst du einen Rückzieher?“, erkundigt sie sich bei ihm.

„Was habe ich denn für eine Wahl? Der Drops ist jetzt gelutscht.“ Sie sieht ihn verdutzt an.

„Was für ein Ding? Du und deine komische Sprache manchmal. Naja, okay. Ich steige jetzt aus und werde sie begrüßen.“ Die Tür wird aufgehalten und die gestandene Japanerin steigt aus der Limousine aus und ihr Fahrer lässt hinter sich die Tür offen. Innen wird das Licht deutlich gedimmt.

Das Taxi fährt heran und bleibt etwa zehn Meter entfernt stehen. Die Fahrertür öffnet sich, der Fahrer geht um das Auto herum und öffnet Tina die Tür. Sie steigt aus und schon stehen sich die Frauen gegenüber. Tina versucht natürlich alle Eindrücke so gut sie kann zu registrieren und sich jedes Detail zu merken. Nun sind nur die beiden Fahrer und die Frauen zu sehen.

„Guten Abend, Bettina. Nennen Sie mich gerne Masako-san. Ich hoffe, ich mache es richtig. Man spricht sich doch in Deutschland gerne bei Vornamen an?“, wird Tina sehr freundlich angesprochen und in einem traditionellen Kimono begrüßt, wie man ihn gern an staatlichen Feiertagen trägt. Tina sagt zuerst nichts, außer „Guten Abend.“ Beide sehen sich dann nur an. Es herrscht eine unglaubliche Stille und Spannung in der Luft, obwohl etwas Wind weht und die Baumkronen am Straßenrand rascheln.

Masako geht ein paar Schritte auf Tina zu. Beide sehen sich noch immer nur an. Auch Tina bewegt sich langsam in etwa gleichem Tempo auf sie zu und verliert sie nicht aus den Augen.

„Ich würde Sie sehr gerne auf mein Anwesen einladen. Es wäre wirklich nur ein normales Plauschen unter Frauen. Vielleicht ein Tee oder ein Snack, ganz unbefangen. Ich kann mich leider auf keine andere Weise mit Ihnen in Ruhe unterhalten. Sie haben auch die Möglichkeit meinen Sohn kennenzulernen.

Mein Fahrer bringt Sie danach wieder nach Hause.“ Tina stimmt dem einfach zu. Ihr ist klar, dass sie nicht so einfach absagen kann, und ein vernünftiges Gespräch kann es mitten auf einer Straße auch nicht geben. Es scheint eindeutig um mehr zu gehen als nur um ein kurzes dankendes Gespräch, sonst hätten sie dies auch in der Limousine tun können. In der Regel sollte es zum Reden darin bequem und privat genug sein. Die Japanerin lächelt und geht zu ihrer Limousine zurück, bleibt vor der Tür stehen und bittet Tina hinein.

„Bitte nehmen Sie Platz. Wir werden etwa eine halbe Stunde fahren. Sie entscheiden auch, ob der Fenstersichtschutz von innen geöffnet sind oder geschlossen bleiben sollen. Dann können Sie sich den Weg merken. Ich möchte Transparenz zeigen. Immerhin gehen Sie ein Risiko ein, sich mit mir zu treffen.“

„Die Fenster können gerne geschlossen sein. Ich muss nicht wissen, wohin wir fahren. Ihr Taxi bringt mich doch auch wieder zurück, zum Abholstandort?“, fragt sie skeptisch.

„Das ist so geplant. Sie haben mein Ehrenwort.“, lächelt diese und reicht ihr die Hand. Tina ist erstaunt. Sie reicht ihr die Hand? Das ist sehr ungewöhnlich. Ist das ein Versuch ihr Vertrauen zu gewinnen? Was steckt dahinter, dass sie unbedingt zu ihr auf das Anwesen fahren muss?

„Ich glaube Ihnen. Sie sind eine Frau von Ehre.“, versucht sie ihr Angebot des Händedrucks freundlich abzulehnen. Stattdessen verbeugt sie sich ein wenig.

‚Ich will auf keinen Fall in irgendwelche kulturellen Fallen geraten. Ich weiß ja gar nicht wie diese Frau tickt und wer sie wirklich ist. Wenn es um Traditionen geht, sollte ich aufpassen.‘

Tina steigt ein und setzt sich in Fahrtrichtung. Die vornehme Frau ihr gegenüber. Der Fahrer schließt die Tür. Das Licht wird wieder etwas heller. Inzwischen wurde die Trennwand aufgezogen und die Frauen nutzen nur eine Seite des Fahrzeugs. Die Limousine ist von innen komplett mit weißem Leder, einer weißen Trennwand, einer Bar und Klapptischen ausgestattet. Tina schaut sich nicht wirklich um, nimmt die Umgebung so gut sie kann wahr und betrachtet die Frau ihr gegenüber und setzt ein freundliches, aber angespanntes Gesicht auf.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Vielleicht einen Champagner zum Anstoßen?“

„Worauf möchten Sie anstoßen?“, wundert sie sich.

„Na auf das Leben, was Sie gerettet haben. Einen Sohn zu verlieren, wäre das Schlimmste, was einer Mutter passieren könnte. Aber Sie haben ihn gerettet.“

„Ich stoße, wenn, dann nicht mit Alkohol an. Ich darf hier in Japan noch nicht trinken. Was haben Sie noch im Angebot?“ Die Frau ihr gegenüber ist überrascht.

„Aber hier erfährt das doch keiner und in Europa dürften Sie bereits alles tun, was Sie wollen.“ Sie öffnet die Bar. Tina kann alles genau einsehen und entscheidet sich für die nicht angerissene Cola.

„Ich bin verblüfft. Sie sind Sportlerin und trinken sowas?“

„Weniger, aber es ist ein Partygetränk, es prickelt und hat Koffein. Also passt es gerade. Das hält meine grauen Zellen wach. Es ist das Getränk der Jugend, also passt es doch auch, wenn wir dann auf einen Jugendlichen anstoßen, oder nicht?“ Sie erntet ein schmunzelndes Lächeln und öffnet vorsichtig die Flasche. Es zischt etwas, knackt und sie schenkt behutsam die Cola in das Champagnerglas. Dann stellt sie die Flasche zurück in die Halterung und reicht Tina das Glas rüber. Sie stoßen an und sehen sich dabei in die Augen. Plötzlich muss die Mutter schmunzeln, als sie das Glas danach in den Händen hält.

„Gibt es bei Ihnen eine Regel, beim Anstoßen? Sie sind meinem Blick nicht ausgewichen.“

„Eine Regel? Meinen Sie, dass man sich dabei in die Augen sehen soll?“

„Genau. Ich habe da was gelesen, als ich mich über Ihre Kultur erkundigt habe.“ Tina grinst plötzlich.

„Was haben Sie denn gelesen?“ Ihr Gegenüber kichert dezent und hält die Hand vor dem Mund.

„Das klingt zu komisch, um es zu sagen.“

„Hm, komisch? Oder eher frech und unaussprechlich?“, lächelt sie die Japanerin an und geht auf ihre Anspielung ein.

„Naja…frech trifft es wohl am besten.“

„Dann sagen Sie ruhig, was Sie gelesen haben. Ich bin gespannt, was man über uns Deutsche schreibt, um uns zu beschreiben.“ Die hübsche Japanerin sieht ihr etwas schüchtern in die Augen und spricht es aus.

„Na man sagt sich wohl, wenn man sich beim Anstoßen nicht in die Augen sieht, dann gibt es sieben Jahre schlechten Sex.“, kichert sie dann wieder etwas. Tina grinst nur, kontert ihr keck und reicht ihr Glas erneut hin.

„Na dann wissen Sie ja, warum wir Frauen das lieber nicht riskieren sollten.“ ‚Humor hat sie, und das sogar in so einer angespannten Situation.‘ Sie geht auf Tinas Aufforderung ein und beide grinsen sich beim Anstoßen an. Dann trinkt sie den Rest ihres Glases aus, greift zur Flasche und schenkt sich erneut einen edlen Champagner ein.

218. Die große Enttäuschung Teil V oder Die elegante Frau

Kapitel 218
 

Die große Enttäuschung Teil V oder Die elegante Frau
 

„Ich kenne europäische oder deutsche Männer nicht. Stimmt es, was man sagt? Japaner neigen gerne dazu zu behaupten, dass alles klein sei, Kleidung, Autos, Wohnungen, Haus und naja. Die Männer eben, Sie wissen, was ich meine…stimmt das? Können Sie das bestätigen? Ich wollte das schon immer wissen, aber ich kann ja niemanden fragen.“, kichert sie.

„Wow, Sie können Fragen stellen. Woher soll ich das denn wissen? Ich bin doch erst 19. Jede Nation hat so seine Witze und Eigenheiten, ist doch gut so. Wenn wir alle gleich wären, das wäre ja langweilig. Wenn man etwas über sich selbst lachen kann, ist das doch schön.“

„Ich verstehe, Langeweile mag ich auch nicht. Was haben Sie denn für einen Männertyp? Mein Mann war groß, sehr klug und richtig gutaussehend. Ein stattlicher Kerl.“ Tina sieht zur Cola-Flasche.

„Darf ich mir nachschenken?“

„Gerne, bedienen Sie sich.“ Tina greift zur Flasche und schenkt sich nach.

„Ich bin sehr erstaunt über Ihren guten Fahrer. Ich merke kaum, dass wir in einem Auto sitzen. Ist das dieser Luxus, den man hier drin hat, nicht zu spüren, dass man doch eigentlich unterwegs ist?“, lenkt sie ab.

„Warum lenken Sie ab? Schade, ich habe selten jemanden zum Reden, vor allem wenn es um Männer geht.“ Die Flasche wird wieder in der Halterung platziert und Tina nimmt ein paar kleinere Schlucke.

„Wieso reden wir über Männer?“

„Ich bin nur neugierig. Sie stehen doch auf Männer, oder nicht? Ich bin nur von Männern umgeben, wann habe ich mal die Gelegenheit Frauengespräche zu führen, die auch ehrlich sind? Ich habe mir sagen lassen, dass Sie stets ehrlich zu Ihren Mitmenschen sind.“, schmunzelt diese und trinkt das zweite Glas leer.

„Wow, Sie sind aber trinkfest. Wie lange halten Sie das durch?

Und natürlich stehe ich auf Männer, aber was soll ich junges Ding Ihnen denn schon über so ein Thema erzählen? Sie sind doch die Frau hier mit der Erfahrung.“, grinst Tina etwas frech zurück und versucht ein wenig auf sie einzugehen, ohne es zu übertreiben.

„Da haben Sie Recht. Trotzdem müssen Sie doch eine Vorstellung haben, was Sie so für Männertypen mögen. Bestimmt so hübsche große blonde Burschen mit blauen Augen oder allgemein ein recht maskuliner Typ.“ Tina sieht nachdenklich auf ihr Glas.

„Keine Ahnung. Aufs Aussehen lege ich da nicht so den Wert. Er muss Kopf und Herz haben, wenn dann noch eine Art Anziehung besteht, dann fehlt ja nicht mehr viel. Langweilig darf er auf keinen Fall sein. Und Nerven auf Stahl muss er haben, immerhin muss er es mit mir aushalten. Ich bin sehr temperamentvoll, da muss man erstmal gegensteuern können.“, grinst sie plötzlich etwas vor sich hin.

‚Hm, an wen denkt sie jetzt? Das würde ich zu gerne wissen.‘

„Und was mögen Sie an Charaktertypen?“

„Weiß nicht, jeder ist ja anders. Aber auf jeden Fall muss er fähig sein auf eigenen Beinen zu stehen. So ein Schmarotzer, der nur von Papis Geld lebt, kommt gar nicht in Frage. Faulheit kann ich so gar nicht leiden. Ich kenn solche Typen schon aus Deutschland, die gibt es überall. Schönlinge, die der Meinung sind, sie sind die Kings. Hier auf der Uni gibt es genug davon. Die haben es gerade mal so geschafft die Tests zu schaffen und dann lassen sie die Sau raushängen und gehen jeden Tag irgendwo feiern, statt zu lernen. Und dann so ein dummes Posen, was sie für dicke Autos fahren oder Uhren tragen und in irgendwelchen tollen Luxuswohnungen wohnen. Und am Ende glauben die auch noch, dass man mit ihnen ausgehen würde, nur weil man Ausländerin und blond ist oder manche Leute Sonst was über einen reden. Männer wie die, sind es nicht mal wert angesprochen zu werden. Am Ende können sie gar nichts, und schon gar nicht allein leben oder wirklich einen richtigen Beruf ausüben. Die meisten von solchen Typen wissen nicht einmal, was die Kellnerin wirklich verdient, die sie bedient oder der sie an den Hintern fassen.

Ich mag allgemein nur Menschen, die ehrlich sind, zu sich und zu anderen. Höflich, hilfsbereit und fleißig.

Und dann beleidigen die einen auch noch und glauben nicht, dass man es aus eigener Kraft an die Uni geschafft hat. Selbst haben sie keine Ahnung vom Leben oder wie es ist hier in so kurzer Zeit Fuß zu fassen.“

„Stopp…Sie reden sich in Rage, merken Sie es?“, bringt sich ihr Gegenüber plötzlich leise ein, denn Tina wird bei ihren Ausführungen langsam immer lauter. Tina sieht überrascht auf.

„Oh, tut mir leid. Aber manchmal muss das mal raus.“ Sie fasst sich an die Schulter und lächelt seicht.

„Ich kenne solche Typen auch, die nur eine große Klappe haben, aber nichts dahinter. Die gibt es wirklich überall, in jeder Schicht und in jeder Gesellschaft.“

„Das stimmt. Aber bei den Frauen ist das nicht anders. Auch dort gibt es solche Typen. Und dann immer diese Neider, nervig.“, lacht Tina.

„Wohl wahr. Neider gibt es überall.

Jetzt mal Hand aufs Herz. So unter Frauen. Wie lange sind Sie schon mit diesem Medizinstudenten zusammen? Er ist ein wirklich gutaussehender Typ. Sie haben Geschmack, was Japaner betrifft. Was mögen Sie denn an diesem Mann? Er scheint ja nicht wie die anderen zu sein, sonst wären Sie nicht mit ihm zusammen.“ Tina sieht sie erstaunt an.

„Woher wissen Sie das?“ Es wird das Glas zur Seite gestellt und gegrinst.

„Naja, ich habe mich eben erkundigt.“ Tina wird stutzig.

„Der Herr, der ebenso gespendet hat, hat Ihnen scheinbar genug Informationen über mich verraten.“

„Richtig, man berichtet mir in der Regel sehr genau. Als der eine Herr Sie angegangen ist, haben Sie ihn wirklich böse provoziert. Als einen Hund eines Bauern haben Sie ihn bezeichnet. Das war sehr riskant. Warum haben Sie das gemacht? Sie haben sich selbst unnötig in Gefahr gebracht.“ Tina sieht zum dunklen Fenster.

„Es war ein Test. Weiter nichts. Er hat sich dafür perfekt geeignet.“

„Oh, ein Test für was? Was wollten Sie damit testen?“

„Ob ich diese Situation überleben werde und ob ich weiterhin die Zügel in der Hand halten werde.“, sagt sie frei raus und voller Überzeugung.

„Wie meinen Sie das? Er hätte Sie einfach erschießen oder erwürgen können. Der Mann ist sehr stark, wenn auch klein von Statur.“

„Ich weiß, das habe ich bemerkt, aber das hat er nicht. Daher wusste ich, dass ich lebend aus der Situation herauskommen werde. Die Frage war später nur, wie lange das anhält. In erster Linie wollte ich den Jungen retten und dann dafür sorgen, dass die anderen drei ebenso überleben.“

„Sie wollten Ihre Position abgesichert wissen, nur um den Studenten zu retten? Warum?“

„Warum wohl, natürlich, um ihn zu schützen. Sie sagen es doch bereits.“ Sie macht ein ernstes Gesicht.

„Bettina, das klingt ja romantisch. Lieben Sie diesen Mann?

Sie wissen, dass das bei uns kompliziert werden kann, wenn Sie noch nicht volljährig sind.“ Die junge Frau sieht wieder zur Mutter.

„Wir sind jetzt getrennt. In Deutschland wäre es egal. Warum reden wir jetzt über ihn?

Wie geht es Ihrem Sohn? Hat er bis jetzt alles gut überstanden und kann sich erholen?“

„Das werden Sie gleich erfahren. Ich sagte ja, Sie werden ihn kennenlernen. Meinem Sohn geht es gut.“

„Gut, Hauptsache ihm geht es besser und er kann ein unbeschwertes Leben führen. Das würde ich mir für ihn wünschen. Er ist noch sehr jung und kann alles aus sich machen.“ Die Mutter sieht sie überrascht und nachdenklich an. Sie lächelt dabei.

„Sie klingen naiv, wenn Sie sowas sagen. Das passt gar nicht zu Ihnen.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt. Kennen Sie diesen Spruch?“ Es wird genickt und gelächelt.

Tina setzt plötzlich einen ernsten Blick auf und greift erneut zur Cola-Flasche. Ohne die Japanerin anzusehen, findet sie strenge Worte.

„Nun gut, Masako-san, warum wollten Sie wirklich mit mir reden? Dieser Plausch scheint mir in die falsche Richtung zu gehen. Mit dem Smalltalk sind wir, denke ich mal, durch. Worum geht es hier wirklich?“

„Wow, Sie haben mich durchschaut. Ich bin wirklich beeindruckt.“, kommen feste lobende Worte zurück. Tina stellt die Flasche zurück und lehnt sich mit ihrem Glas wieder an.

„Nun rücken Sie schon raus. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit. Ich muss morgen wieder zur Uni und habe Training. Termine mit Kundschaft habe ich auch. Der Tag wird stressig genug. Also kürzen wir das Ganze mal ab. Sagen Sie mir einfach, was Sie wirklich von mir wollen.“

„Gut, es gibt drei Dinge, die ich von Ihnen will.“, beginnt sie ernst und lächelt dabei. Tina sieht ihr aufmerksam in die schwarzen Augen, sagt nichts und trinkt einen Schluck.

„Ich möchte Ihnen meine Geschichte erzählen, die Geschichte über meinen Sohn, während wir gemütlich in einer heißen Quelle baden, und danach möchte ich Sie um einen Gefallen bitten, aber das kann ich erst danach. Vorher ergibt es keinen Sinn.“

„Nun gut. So wirklich eine Wahl habe ich sicher nicht.“, kommt als Konter. Tina macht große fragliche Augen. Die Mutter klopft zweimal an die Scheibe zum Fahrer. Kurz darauf hält das Auto an und die Tür geht auf. Der Fahrer ist ausgestiegen und hält die Tür auf.

„Es steht Ihnen frei jederzeit zu gehen. Wie ich ihnen bereits sagte, das ist ein Gespräch, nichts anderes. Und wenn Sie mir zuhören möchten, können Sie bleiben, wenn nicht, können Sie auch ein normales Taxi rufen und heimfahren. Ich würde Ihnen natürlich genug Bargeld geben, damit Sie nicht auf den Kosten sitzen bleiben.“ Tina lacht etwas und hält sich die Hand vor dem Mund.

„Sie wissen doch bestimmt ganz genau, dass das eben nur eine Provokation war, um Sie dazu zu bringen, die Tür zu öffnen. Jetzt weiß ich immerhin, dass wir nicht einfach wieder nach Tokio zurückgefahren sind. Vielen Dank für die erfrischende Information.“ Tina erntet einen verdutzten Blick.

„Sie sind mir Eine, also wirklich. Eine wirkliche Füchsin, man warnte mich bereits vor. Aber ja, natürlich habe ich damit gerechnet, dass es ein Test war.“

„Wie lange fahren wir noch?“

„Etwa eine halbe Stunde.“

„So viel zum Thema eine halbe Stunde. Das ist bereits eine ganze Weile her. Am Ende sind wir bei einer Stunde. Da wir sicherlich nicht an irgendeinem Rasthof pausieren können, würde ich gerne die Gelegenheit nutzen und den Wald aufsuchen. Es wäre mir lieb, wenn Sie mich ein Stückchen begleiten würden, denn mit Ihrem Fahrer will ich jetzt nicht allein im Wald sitzen. Aber allein will ich auch nicht sein.“ Tina greift in ihren Rucksack und holt eine Packung Taschentücher und Feuchttücher heraus. Dann steigt sie etwas hastig aus dem Auto, streckt die Arme von sich und macht einige Rumpfbeuge.

„So lange sitzen, das ist mir gar nichts. Ich werde Sie zu Ihrem Anwesen begleiten.“ Dann dreht sie sich um und reicht der Frau elegant die Hand hin, als wäre sie der Mann und helfe ihr aus dem Auto.

„Kommen Sie Masako-san, ich helfe Ihnen. Sie tragen so einen traumhaft schönen Kimono, da dürfen Sie nicht drauftreten. Ich werde auch einen sauberen Weg nehmen, damit Sie nur zum Baum sehen müssen, dass ich nicht einfach weggehe.“ Masako sieht sie verdutzt an und zögert.

‚Wieso macht sie das? Sie will mich in den Wald locken? Warum?‘

„Ach kommen Sie ruhig. Die frische Luft wird Ihnen guttun. Tokio ist immer so stickig.“ Plötzlich geht eine SMS bei der Frau ein. Sie geht ran und legt das Handy wieder zur Seite. Dann sieht sie in Tinas fröhliches Lächeln und nimmt ihre Hand an. Plötzlich schlägt ihr Puls etwas schneller. Als sie der Blondine in die Augen sieht und ihre warme angenehme Hand berührt, welche sie sanft, aber mit festem Griff anfasst, um ihr eine Stütze zu sein, da wusste sie nicht mehr wirklich, was sie denken sollte. Was war das auf einmal für ein angenehmes Gefühl? In Gegenwart eines Mädchens, einer jungen Frau, verspürt sie ein angenehmes Gefühl von Wärme? Das kann nicht sein und es irritiert sie sehr. Ohne weiter etwas zu sagen, steht sie nun vor ihr, der freundlichen frechen Blondine.

„Ich hoffe doch, mir hört nachher niemand zu, falls es etwas lauter strullert oder mir was rausrutscht und knallt? Ich musste mir eben viel verkneifen.“, lacht Tina etwas frech und zeigt mit den Händen auf ihre eigenen Haare. Die Andeutung wird verstanden. Sie nimmt ihre eigene Haarspange raus und lässt die Haare offen fallen. Ihr Gegenüber ist erstaunt und nickt nur und zeigt den Daumen hoch.

‚Sie ist wirklich klug. Sie will mit mir allein sein und glaubt, ich sei selbst verwanzt? Erstaunlich. Mein Haarschmuck wäre groß genug für solche Abhörmethoden.‘

„Keine Sorge, Bettina, uns wird niemand folgen. Deswegen gehen wir Frauen doch immer zusammen auf Toilette. Damit wir mal loslassen können.“, kommt ein seichtes Lachen. Die Frauen gehen langsam zum Waldesrand. Der Fahrer sieht ihnen skeptisch nach.

„Wie kann Sie ihr einfach vertrauen? Was ist, wenn sie doch abhaut oder ihr was über den Kopf zieht?“, murrt der Fahrer leise.

„Blödsinn. Lassen Sie einfach die Situation laufen. Sie hat doch gesagt, dass sie mitkommen wird, warum sollte sie weglaufen? Das ergibt doch keinen Sinn. Sie weiß doch genau, dass sie nicht weglaufen kann.“

„Meinen Sie, ich weiß nicht. Würde Ihre Frau Mutter sie denn wirklich gehen lassen, wenn sie es wollte?“

„Natürlich, das ist doch keine Entführung. Bettina ist anders als die Menschen, die sie sonst kennt und ich glaube, Mutter hat es bereits erkannt. Ich kann ja leider nichts sehen, schade, eigentlich, aber es war eben zu still. Irgendwas war. Beschreiben Sie mir was eben war.“

„Sie hat ihr beim Aussteigen geholfen, quasi an meiner Stelle. Mir gefällt das trotzdem nicht. Sie ist mir zu freundlich.“

„Haben Sie mehr Vertrauen. Warten wir es ab.“ Der Fahrer sieht trotzdem misstrauisch den Frauen hinterher.

‚Masako-san hat eben einen Scherz gemacht. Das habe ich seit über 21 Jahren nicht mehr erlebt. Das letzte Mal, als sie Scherze machte ist wirklich ewig her.‘
 

Unterdessen wird am Waldesrand ein dicker Baum aufgesucht. Tina stellt sich dahinter und beginnt zu reden.

„Sind wir wirklich allein?“ Die Japanerin stutzt.

„Ja, wir können reden. Woher wussten Sie das?“

„Sie sagten, Sie wollen mir Ihre Geschichte erzählen, und zwar in einer heißen Quelle. Vermutlich, weil es der einige Ort ist, wo Sie mal allein sein können, stimmt es?“

„Das stimmt.“

„Na dann, Kurzfassung bitte, ich höre zu, aber lange darf es nicht dauern, sonst fällt es auf.“

„Sie sind wirklich klug, mich hier raus zu locken und dann so etwas Peinliches sagen. Ich musste mir wirklich auf die Zunge beißen, da passend drauf zu reagieren.“

„Ich höre Ihnen jetzt zu, denken Sie dran, viel Zeit haben wir nicht. Ich gehe mal davon aus, dass Sie keine Frau sind, die lange um den heißen Brei redet, wenn sie was zu sagen hat. Dann mal los, kurz und knapp bitte, auch wenn es traurig wird.“

„Also gut. Sie haben recht. Deswegen habe ich Sie eingeladen.“ Sie atmet tief durch.

„Ich bin in diese Familie hineingeheiratet worden. Ich hatte viel Glück mit meinem Mann. Er war zwar zu seinen Leuten hart, aber mich behandelte er wirklich wie eine Königin und wir liebten uns wirklich sehr.

Wir hatten vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Alles Kinder der Liebe. Ich vermisse sie sehr. Als das dritte Kind geboren wurde, trat ich mit einem Wunsch an meinen Mann heran. Ich wollte wieder ein normales Leben haben und es auch mit ihm und den Kindern verbringen. Er brauchte ein paar Jahre, um es selbst auch zu wollen.

Dann geschah es. Sein Bruder und dessen Kinder verübten einen Mordanschlag auf unsere Familie. Mitten in der Nacht brannte unser Anwesen nieder und die Einzige die überlebte, war ich. Mit meinem Überleben war nicht geplant worden, denn ich habe die Täter noch gesehen und es dem Familienoberhaupt gemeldet. Somit wurden er und die Kinder mit ihren Frauen zusammen auf immer und ewig verbannt. Man nahm ihnen alles weg und kurz darauf nahmen sie sich und ihren Kindern in ihrer Verzweiflung und Schande das Leben.“ Sie atmet tief durch.

„Ich verstehe nicht, was ist denn mit Ihrem Sohn? Einer lebt doch noch.“, schaut Tina unauffällig hinter dem Baum hervor. In Wirklichkeit ist sie nur in der Hocke und tut nur als würde sie sich erleichtern. Die Frau hinter ihr weiß dies natürlich, aber sie bemühte sich sehr ihre Geschichte so kurz wie möglich zu erzählen.

„Das stimmt auch. Nach dem Brand ging es mir nicht so gut. Ich verzog mich für fast ein Jahr zurück, um zu trauern und um mich auf meine neue Aufgabe zu konzentrieren. Immerhin hatte mein Mann über hundert Männer und unsere Familie unter sich, die versorgt und bezahlt werden mussten. Die Geschäfte einfach einstellen ging nicht, das hätte allen das Leben gekostet. Der Ausstieg war damals anders geplant.

In der Zeit, meiner Trauer war ich erneut schwanger, natürlich noch von ihm und ich gebar Zwillinge. Zwei Jungs, zweieiig, sie sahen sich tatsächlich nicht mal als Baby groß ähnlich. Jedoch, wenn die Gegenseite und der Rest der Familie erfahren hätte, dass da wieder Nachwuchs da war, hätten sie mir im Weg gestanden, meine Ziele langsam vorzubereiten. Meine Familie ebenso, denn nicht jeder war damit einverstanden das Unternehmen zu reformieren. Ich wollte außerdem nicht, dass den beiden dasselbe Schicksal ereilte wie ihren Geschwistern. Also hatte ich keine Wahl. Somit entschied ich sie als Findelkinder vor einem Schrein auszusetzen. Da waren sie etwa drei Monate alt. Ich befahl meinem Fahrer von Weiten ein Auge darauf zu halten, dass sie auch rechtzeitig gefunden würden. Es lief alles nach Plan.

Es gab einen Brief in ihrem Körbchen mit ihren Vornamen, mit der Bitte, dass sie diese bitte behalten mögen. Das wurde später tatsächlich auch berücksichtigt. Um für spätere Eventualitäten ihre Herkunft zu versichern habe ich beiden Gen-Proben entnommen und ihre sowie meine Ergebnisse in ein Schließfach verstaut. Somit wissen nur der Fahrer und ich von den beiden Jungs und wo die Genproben liegen.“

„Hm, Zwillinge sogar? Wissen Sie, ich bin auch ein Zwilling. Ich hatte einen Zwillingsbruder, leider starb er sehr früh. Er ist ertrunken. Und…ich hatte…einen großen Bruder.“, erzählt sie ihr ehrlich, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

„Er…und ich…wir wurden überfallen.“ Sie erzählt kurz die Situation und die Japanerin war sehr baff, denn mit so einem Schicksal hat sie nicht gerechnet. Die Geschichte kannte sie noch nicht. Sie hätte gar nicht geglaubt, dass sie Gemeinsamkeiten haben oder, dass sie mit ihrer Mutter Gemeinsamkeiten hat. „Ihre Mutter…sie hat…viel erleiden müssen. Und trotzdem kann sie noch so fröhlich sein? Mir ist die Fröhlichkeit verloren gegangen…“, stöhnt sie auf. Tina steht deutlich auf und kommt hinter dem Baum hervor. Sie sieht die Japanerin an und lächelt dann.

„Meine Eltern sind fröhlich…weil sie mich noch haben und weil ich mit ihnen fröhlich und glücklich sein kann. Und wenn dieser schreckliche Tag sich jährt, dann unternehmen wir immer was ganz besonders Schönes. So als wären meine Brüder da oben auf den Wolken und würden sich mit uns zusammen amüsieren. So…Masako-san, so machen WIR das. Anders geht es manchmal nicht.

Nun habe ich eine Frage. Ihre Geschichte ist noch nicht am Ende, oder?“

„Richtig. Fragen Sie.“

„Ihr Sohn, der, der in meinen Armen lag. Warum…warum hatte er trotzdem diese Tattoos, wenn er doch gar nicht Teil der Familie ist? Und warum schrieben Sie mir, „der letzte Sohn“?“

„Das…ist etwas speziell. Ich würde das gerne wieder im Auto besprechen, denn dieses Detail…ist wichtig für unsere Zuhörer. Eins noch:“

„Okay. Ich verstehe.“

„Dass es Zwillinge waren, das weiß niemand, weder meine Familie noch die Gegenseite. Das ist sehr wichtig, dass wir es niemanden sagen. Ich sage es jetzt schnell, damit ich nachher im Auto die offizielle Version an Sie preisgebe.“ Sie gehen langsam auf das Fahrzeug zu.

„Beide Jungs wuchsen verschieden auf. Das war beabsichtigt, damit sie sich einzeln entwickeln konnten. Als sie zwölf Jahre alt wurden, habe ich sie einzeln aufgesucht und ihnen die Wahl gelassen. Sie durften wählen, wollten Sie ihr Leben so wie es war weiterleben, oder wollten Sie zur Familie kommen und bei mir sein. Einer hat so entschieden und der andere so. Derjenige, der sich für mich entschieden hat, weiß wer er wirklich ist. Der andere nicht, denn ich habe mich nur einfach als eine Mutter vorgestellt, nicht, dass ich bin, was ich bin. Das heißt also, auch die Familie und die Gegenseite weiß nur von diesem einem Sohn. Der Einzige, der es noch weiß, das ist er, damit er im Notfall weiß, wer sein Bruder ist. Nur so…kann ich den anderen beschützen, damit ihm niemand in seinem Lebensweg stört.“ Tina nickt ab.

„Versprechen Sie es mir, egal was passiert oder wem Sie noch begegnen, Niemand darf vom Zwilling wissen. Es bringt ihn unnötig in Gefahr. Offiziell habe ich nur einen Sohn!“

„Sie haben mein Wort. Und Sie erwähnen meine Brüder nicht. Niemals, okay?“

„Okay.“

„Sagen Sie, die Zuhörer, können nur hören oder auch sehen?“

„Nur hören. Die einzige Kamera ist am Herz.“

„Und der Mann hinter der Abtrennung? Wer ist das? Kann der alles hören und sehen?“

„Wow, warum gehen Sie davon aus, dass da ein Mann sitzt?“

„Ich habe eine gute Nase und es riecht eindeutig nach einem Aftershave, aber das des Fahrers ist es nicht. Ich habe zuerst gedacht, es sei Ihr Mann, aber das konnte ja nun nicht mehr sein.“

„Ich stelle Ihnen diesen Mann gleich vor. Im Auto, nach der Erklärung.“ Es wird wieder genickt und kurz darauf betreten beide das Fahrzeug. Als Tina zuletzt einsteigt, überkommt sie plötzlich eine sanfte, aber kalte Briese über den Nacken. Sie fasst sich an die Stelle und wundert sich. Kaum sitzt sie im Auto und lehnt sich an, hat sie ein ungutes Gefühl. Wo kommt das plötzlich her? In diesem Moment klingelt ihr Handy. Es ist Genzo. Sie drückt ihn weg.

„Oh, Sie können ruhig rangehen.“

„Alles gut, den kann ich eine Weile ignorieren, das kennt er schon.“, grinst sie. „So, nun wollten Sie auch endlich mal was von sich erzählen. Ich habe vorhin gefragt, warum Ihr Sohn trotzdem diese Tattoos hat, wenn er doch als Findelkind nicht bei der Familie aufgewachsen ist.“

„Ich muss Sie diesbezüglich enttäuschen…“ Die Fahrt geht weiter und das Auto setzt sich wieder sachte in Bewegung.

„Was meinen Sie damit?“

„Der Junge, dem Sie geholfen haben, er ist nicht mein Sohn. Er ist der Sohn meiner Gegenseite und der Mann, mit dem Sie gesprochen haben, der ihm auch Blut gespendet hat, dem Sie die Kugel ausgehändigt haben…das ist keiner meiner Männer.“ Tina ist baff. Ihr Herz schlägt plötzlich enorm in die Höhe. Damit hat sie jetzt gar nicht gerechnet. Wie kann das sein? Sie war sich doch so sicher und nun stellt sich plötzlich heraus, dass diese Frau sie die ganze Zeit belogen hat und ihre Geschichte wird ganz sicher auch nicht stimmen.

„Dann war das doch eine Falle? Sie haben mich mit falschen Behauptungen angelockt und mit diesen liebevollen Stickereien Mutterliebe und Dankbarkeit vorgeheuchelt. Schicken mir diese Blumen und wer weiß wo die Stickereien wirklich herkommen. Ich denke Sie sind eine Frau von Ehre? Dann würden Sie mich nicht so schamlos belügen.

Wenn Sie die Gegenseite sind, wozu dann das hier? Wollen Sie sich an mir rächen, weil ich einem Kind der Gegenseite geholfen habe?“

„Nein. Ich habe Sie nicht belogen, denn Sie haben meinem Sohn wirklich das Leben gerettet. Es war nur auf eine andere Art und Weise.“ Tina sieht zur Seite auf die Trennwand.

„Er ist es, oder? Ihr richtiger Sohn sitzt die ganze Zeit neben mir und hört zu. Und Ihre Männer wollten den Jungen umbringen? Klasse, mir gefällt ganz und gar nicht in welche Richtung das jetzt geht.

Was wollen Sie dann von mir? Ich habe niemanden geholfen.“

„Doch, das haben Sie, nur nicht als Ersthelferin. Mich hat beeindruckt, wie Sie es geschafft haben, diesen Straßen-Doktor davon zu überzeugen, über seine Prinzipen zu springen, obwohl er, wie alle anderen seiner Art, angehalten ist die Finger von unseren Leuten zu lassen. Eben, damit genau das nicht passiert. Einmischung von außen.

Die Einzigen, die sich um Verletzte kümmern dürfen, sind die normalen Sanitäter oder Ärzte, wenn offizielle Einsätze laufen. Aber ein Ehrenamt hat die Hände still zu halten, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Trotzdem haben Sie es geschafft.“

‚Wieso reden wir schon wieder über Itachi? Sie haben doch nicht etwa?‘ Tina greift zum Handy und wählt eine Nummer. Es wird jedoch nicht abgenommen. „Ist das noch erlaubt, oder hat sich die Freiheit erledigt?“, knurrt sie die Frau vor sich an.

„Ich halte Sie nicht fest, wenn Sie das meinen. Das hier ist keine Entführung oder was auch immer Sie denken.“

‚Sie blufft doch nur. Verdammt, sie haben mich in eine Falle gelockt und ich dumme Kuh habe es nicht mal bemerkt. Aber was war das dann vorhin im Wald? Sie kann sich doch nicht so verstellt haben…ich habe eindeutig in ihrem Unterton gehört, dass da Trauer war.‘ Dann schickt sie eine SMS.

„Wen wollen Sie anrufen?“, wird gefragt.

„Wehe Ihnen, wenn Sie ihm was angetan haben!“, knurrt Tina sie zornig an. Ihr Blick ist verbittert.

‚Wow, das nenne ich mal einen bösen Blick. Die Kleine hat es wirklich drauf.‘ Kurz darauf versucht sie erneut anzurufen. Ihr wird deutlich unwohler und in ihr steigt Angst auf, denn warum meldet sich Itachi denn jetzt plötzlich nicht mehr? Er weiß doch, dass er rangehen soll, wenn sie anruft und SMS schickt. Niemals würde er sie ignorieren, denn er will sich doch mit ihr aussprechen. Dienst hat er heute keinen. Eben war er doch noch bei seiner Familie.

Sie wählt in ihrer Verzweiflung die Nummer der Sushibar auf. Die Mutter geht ans Telefon.

„Hier ist Tina, ist Itachi bei euch?“

„Nein, warum?“

„War er denn heute schon da?“

„Nein. Meldet er sich etwa nicht? Vielleicht hat er bei den Sanitätern Dienst.“

219. Die große Enttäuschung Teil VI oder Angst

Kapitel 219
 

Die große Enttäuschung Teil VI oder Angst
 

Tina legt auf und wählt die nächste Nummer.

„Anja? Tina hier, ist Itachi zufällig bei euch?“

„Nein, warum sollte er ohne dich hier sein?“

„Wie viele Gäste habt ihr aktuell? Wo ist Mama?“

„Es ist voll, läuft gut heute. Für die Uhrzeit viel los. Hier muss irgendein Kongress oder so gewesen sein. Total viele Geschäftsleute hier.

Soll ich sie ans Telefon holen?“

„Nein, schon gut. Geh zu ihr und gib ihr den Umschlag, der in der Schublade liegt. Danke dir. Ich habe etwas von Minibeben gehört. Seid also wachsam.

Hast du schon die Blumen in den Vasen verteilt, wie ich dir gesagt habe?“

„Ja natürlich.“

„Verteile sie bitte jetzt im Gastraum. Tausche sie gegen die anderen aus. Sowas mögen Gäste, Abwechslung. Wenn einer fragt, sag einfach, als Anordnung von der Tochter der Chefin.“

„Okay, bis dann.“ Anja legt auf, wundert sich zwar über die seltsame Anordnung, aber holt dann den Brief aus der Schublade mit Gesines Namen drauf und bringt ihr diesen in die Küche.
 

„Wow, warum soll Ihre Kellnerin die Blumen jetzt verteilen?“

„Warum denn nicht? Wenn sie nur rumstehen, wäre es doch schade drum.“ Tina versucht erneut Itachi selbst anzurufen. Wieder geht niemand dran. Tina atmet tief durch und sieht gegenüber in die schwarzen Augen der Japanerin.

„Sie haben Ihn schon, oder?“

„Wen habe ich?“

„Na Itachi, Itachi Okawa, den Studenten, der dem Jungen die Kugel entfernt hat.“

„Warum denken Sie denn, dass ich ihn habe?“

„Das weiß ich doch nicht! Ich kenne Ihre seltsamen Spielchen nicht und Sie sagten selbst, er hätte sich nicht einmischen dürfen, hat es aber meinetwegen doch getan. Und vorhin haben Sie noch über ihn geredet. Jetzt haben Sie mich hergelockt und erpressen ihn damit. Keine Ahnung, was das soll! Haben Sie ihn schon? Ist er bereits bei Ihnen? Dann kann ich mir das Suchen sparen.“, faucht Tina sie an. Die Frau ihr gegenüber grinst plötzlich, greift zur Bar und schenkt sich erneut einen Schampus ein. Grinsend stellt sie die Flasche wieder ab und lehnt sich entspannt zurück.

„Ja, ich habe ihn bereits eingesammelt und er ist ebenso unterwegs zum Anwesen. Sie werden sich dort wiedersehen.“ Diese Worte treffen wie ein Pfeil in Tinas Herz. Diese furchtbare Frau hat Itachi entführen lassen? Er ist in Gefahr und sie kann gar nichts machen. Ihr kommen Tränen und sie hält ihre Hände vors Gesicht. „Warum? Er hat doch nur seinen Job gemacht und einem Jungen das Leben gerettet. Das…war nicht falsch. Alles meinetwegen. Und er hat mich noch gewarnt.“

„Die Stickereien sind tatsächlich von mir und Sie haben mein Sohn wirklich gerettet.“

„Ist mir egal. Was auch immer da mal war. Lassen Sie Itachi frei! Er hat nichts Falsches getan!“

„Sie lieben ihn also doch, oder warum ist er Ihnen so wichtig?

Bettina, sagen Sie mir eins…was ist Ihnen lieber? Das Leben dieses Mannes oder Ihres? Es gibt ein paar festgelegte Regeln. Wenn solche Dinge passieren, dann muss jemand dafür Verantwortung übernehmen. Und ich habe entschieden, dass Sie diejenige sind, die das entscheiden darf.“ Entsetzt sieht Tina sie an. Ein fieses Grinsen wurde aufgelegt und die Lippen sind am Glas, um erneut davon zu nippen.

„Was soll ich?!“ Masako sieht ihr in die Augen.

‚Tränen, oha. So stolz, stark und mutig, aber weinen kann sie trotzdem. Ich habe schon lange nicht mehr geweint…es bringt alles nichts.‘

„Na Sie sollen entscheiden, welches Leben Ihnen wichtiger ist. Das des gutaussehenden Studenten oder Ihr eigenes. Sie haben eine Minute Zeit darüber nachzudenken.“ Die Frau schaut auf ihre Uhr. Tina richtet sich energisch auf und faucht sie an.

„Darüber denke ich bestimmt nicht nach! Niemand hat das Recht, darüber zu entscheiden, ob jemand leben darf oder nicht. Lassen Sie ihn gehen und ich bleibe stattdessen bei Ihnen. Und wehe Sie haben ihm schon was angetan!“

„Was soll ich ihm denn angetan haben?“

„Was weiß ich denn? Beweisen Sie mir, dass er noch lebt und seinen Job weiter ausüben kann!“, fordert Tina streng.

„Seinen Job? Wieso ist das so wichtig?“

„Sie begreifen gar nichts! Ohne ihn…ohne die Arbeit…kann er nicht sein. Ich habe meinen Sport und er seine Patienten. Also…beweisen Sie, dass er unversehrt ist, nur dann können Sie mit mir machen, was Sie wollen!“

„Das nenne ich Liebe, wow.“ Tina knurrt sie an.

„Das hat damit gar nichts zu tun. Ich würde auch so entscheiden, wenn wir uns nicht kennen würden. Wenn man wirklich über Leben entscheiden muss, dann rational, nicht aus Liebe. Was ist mein Leben schon wert…gegen jemanden, der täglich vielen Menschen das Leben retten kann?“ Es ist plötzlich still und das Glas mit dem edlen Getränk wird ausgetrunken.

„Sie retten als Ersthelferin doch auch Leben.“

„Das ist nicht zu vergleichen. Ich bin hauptsächlich dafür da, die Menschen mit meinem Sport zu unterhalten und sie für Bewegung und gesunder Ernährung zu begeistern.“

„Ja, damit sie länger und gesünder leben, also ist es doch dasselbe. Prävention nennt man das. Glauben Sie, ich habe mich nicht ausreichend über Sie informiert? Werten Sie Ihre Arbeit also nicht selbst so runter.“

„Sie schinden Zeit. Beweisen Sie mir, dass es ihm gut geht und dass Sie ihn im ganzen Stück und heiler Haut frei lassen.“, fordert Tina streng.

„Das geht nicht. Diese Entscheidung, ihn freizulassen muss mein Sohn treffen, und das wird ihm sicher nicht gefallen, denn Ihr Leben ist ihm wichtiger als das von Herrn Okawa.“ Tina wundert sich sehr, denn was hat sie überhaupt mit ihrem Sohn, den sie nicht einmal kennt, zu tun? Sie schaut zur Seite an die Trennwand. „Warum? Warum bin ich ihm wichtiger und wieso sollte ich trotzdem eine Entscheidung treffen, obwohl sie bereits gefallen ist?“

„Ganz einfach, weil er sich in Sie verliebt hat. Deswegen sind Sie ihm wichtiger als er.“

„Ist mir egal, dann sorge ich dafür, dass er sich ENTLIEBT! Soll er mir das doch selbst sagen!“ Sie schaut sich die Wand genauer an und berührt sie vorsichtig. Sie ist zwar optisch aus Stoff, aber es ist eine feste Wand dahinter.

„Geht sie kaputt, wenn ich dagegen schlage?“

„Natürlich nicht. Das ist Panzerglas. Wie soll er sich denn „entlieben“?“, wundert sich Masako.

‚Was meint sie denn damit?‘

„Kann er mich sehen oder nur hören?“

„Nur hören. Soll ich Sie für ihn sichtbar machen? Diese Möglichkeit habe ich, ohne, dass er was dagegen tun kann. Sie sehen ihn nicht, aber er kann hören und sehen.“

„Ja, er soll mich sehen. Wieso zeigt er sich nicht einfach und sagt mir, was er von mir will? Ist er etwa dieser schmierige Typ von neulich? Da hat mich einer so komisch angemacht, der könnte zu Ihren Leuten gehört haben.“

„Von wem reden Sie? Nein, er ist schüchtern, er kann sowas nicht sagen oder würde Sie niemals einfach bedrängen.“
 

Wenige Minuten zuvor wurde es plötzlich ruhig auf der anderen Seite der Wand.

‚Nanu, wieso höre ich nichts mehr? Was soll das?‘

„Tom, hat Mutter den Ton abgestellt?“

„Ja, Sir.“

‚Bettina, ich bin wichtiger als du? Wie kannst du sowas sagen? Warum hat Mutter den Ton abgestellt? Was soll das denn? Diese Frage zu stellen war auch nicht abgemacht. Wie kann Mutter sie vor so eine Entscheidung stellen?‘ Plötzlich geht neben ihm die Abdeckung auf, so dass er die Frauen sehen kann. Eine zornige Tina schaut zu ihm und der Ton ist wieder zu hören. Das Glas ist verspiegelt und Tina sieht nur sich selbst.

„Zeigen Sie sich, Sie Feigling! Lassen Sie Itachi frei! Er hat niemanden etwas getan! Haben Sie gehört? Was erlauben Sie sich überhaupt?! Wer gibt Ihnen das Recht über Leben anderer zu entscheiden? Haben Sie den Jungen angeschossen? Auf ein Kind schießen und einfach abhauen! Feigling! Sie können ja nicht einmal über Ihr eigenes Leben entscheiden. Wenn Sie jemanden mögen oder was von mir wollen, dann muss das Ihre Mutter für Sie tun? Sie muss mir sagen, was SIE sagen müssten. Wie peinlich ist das denn? Was sind Sie denn für ein Mann? Mit so einem Feigling würde ich sowieso nie ausgehen! Was wollen Sie überhaupt von mir?!“, faucht sie laut, fast kreischend und gefühlt ohne Punkt und Komma. Tina holt kurz Luft und schlägt dann gegen die Scheibe, die für sie wie ein Spiegel aussieht. Ihre Wut ist deutlich zu sehen und in zittriger Stimme zu hören.

„Jetzt hören Sie mir mal ganz genau zu! Wehe Sie tun Itachi irgendetwas an, dann lernen Sie mich kennen! Und wenn Sie glauben ich würde irgendwie bei Ihnen sein können, und Sie könnten mit mir tun was Sie wollen, dann haben Sie sich die Falsche ausgesucht! Ich lasse mich von niemanden besitzen und mich interessiert Ihr scheiß Geld überhaupt nicht! Ich will gar nicht wissen woher es kommt! Wissen Sie überhaupt, was Ihre Buchhaltung macht? Haben Sie eine Ahnung, was der Champagner kostet, den Sie so einfach wegschlürfen? Haben Sie nur eine leiseste Ahnung davon, was diese eine Flasche Wein, die schon 20 Jahre alt ist, kostet? Davon könnte Itachi seinen LKW neu ausstatten und dann haben andere auch was davon! Normale Leute müssen dafür einige Jahre arbeiten, hart arbeiten bis sie umfallen!

Eins verspreche ich Ihnen: Mich werden Sie niemals haben können! Ich werde Niemandes Werkzeug sein, ist das klar!? Mit mir werden Sie keine Freude haben, denn ich kann solche Muttersöhnchen gar nicht leiden. Kriegen alles in den Arsch gesteckt und glauben das Recht, Macht über Andere zu haben! Sie hängen jetzt noch am Rockzipfel Ihrer Mutter und sind zu feige mir gegenüberzustehen? Ist Ihr Selbstwertgefühl so klein? Ach…nein…stimmt ja, ihr Japaner macht euch selbst immer darüber so lustig, dass alles klein sei. Vermutlich ist es das…ein intimes Problem, natürlich…solche Probleme müssen kompensiert werden, weil man sich ja keine Hilfe suchen darf, das könnte ja am Ruf nagen. Lieber läuft man rum und unterdrückt die Schwächeren, schneidet wem den Finger ab, entführt Frauen oder schießt auf Kinder! Was wollen Sie überhaupt von mir?! Was hat Sie dazu gebracht, sich angeblich in mich zu vergucken?!“ Sie greift in ihr Haar und zeigt es ihm.

„Ist es das, was Sie wollen? Meine Engelsgelben Haare? Ich rasiere sie ab! Immer wieder! Oder ich lasere sie weg!“ Dann fasst sie mit beiden Händen an ihre Brüste und drückt sie etwas zusammen, dass ein deutlicheres Dekolleté in seine Blickrichtung entsteht.

„Oder meine kleinen Brüste? Da ist doch noch gar nichts dran! Was?! Verflucht!“ Danach dreht sie sich etwas seitlich und greift auf ihre Pobacke.

„Oder mein süßer Hintern? Ich werde nichts mehr essen, dann sieht das alles hässlich aus.

Was? Was lieben Sie angeblich an mir und hat Sie dazu bewegt, mir das hier anzutun?! Mein Charakter kann es doch nicht sein, wir kennen uns nicht und mit meinem Temperament kommen Sie niemals klar!“

‚Oha, die legt aber los. Was hast du dir nur dabei gedacht, mein Sohn?‘ Tina verschränkt nun die Arme und setzt einen sehr ernsten Blick auf.

„Was auch immer es ist. Ich werde dafür sorgen, dass Sie davon nichts mehr haben werden, wenn Sie mich festhalten oder jemals anfassen sollten!

Lassen Sie Itachi laufen, wenn Sie nur ein kleines bisschen männlichen Stolz in sich tragen!“ Plötzlich bewegt sich die Scheibe ein wenig. Ein kleiner Spalt ist oben auf. Das Herz des jungen Mannes rast vor Aufregung, er zögert etwas und es tut ihm weh diese Worte zu hören. Er weiß auch nicht, warum diese vielen bösen Worte plötzlich gefallen sind. So richtig versteht er den Kontext nicht, da zuvor der Ton ausgestellt wurde.

„Es sind…deine Augen und dein großes Herz, warum ich mich in dich verliebt habe, Tina. Das habe ich doch bereits gestanden.

Mir…geht es gut.“, kommt leise über seine Lippen und ganz langsam öffnet sich die Trennwand und verschwindet im Sitzbereich. Tinas Herz bleibt fast stehen, wie tausend Schläge fühlt es sich an, als sie völlig ungeahnt in die dunklen liebevollen Augen Itachis sieht. Sein Blick ist trüb und er kann nicht einmal lächeln, dabei würde er es so gerne tun, um sie zu besänftigen. Ihre Worte waren hart, aber die Sorge um ihn, ist sein einziger Halt. Er ist ihr also nicht egal. Das ist ihm nun klar. Wenn diese doofe Wand nicht wäre, seine Mutter nicht da wäre, würde er sie am liebsten einfach in die Arme nehmen, aber das geht ja nun nicht. Tina setzt sich entsetzt hin und starrt ihn nur an. Ihr tut plötzlich alles weh, als würde ihr die Luft wegbleiben.

„Itachi?“, haucht sie erleichtert auf.

„Du…du bist unversehrt?“ Er hebt seine Hände hoch und wackelt mit den Fingern.

„Alle noch dran. Tina…es tut mir leid. Ich…ich wollte dir nichts vormachen.“ „Ich…ich hatte Angst um dich…stimmt es? Bist du wirklich ihr Sohn?“ Sie reicht ihre Hände mit einem liebevollen Lächeln zu ihm rüber. Er nimmt sie beruhigt an.

„Du hast dir ernsthaft Sorgen gemacht? Um mich?“ Sie nickt nur, dann kommen ihr ein paar Tränen, denn die Anspannung, dass ihm etwas passiert sein könnte, löst sich langsam auf.

„Natürlich, ich will hier raus, Itachi. Ich…ich brauche frische Luft. Mir ist schlecht…ich…glaube…ich…“, sie nimmt ihre Hände plötzlich vor den Mund und zuckt etwas.

„Tom, sofort anhalten!“, ruft die Mutter und schon gibt es eine halbe Notbremsung und die Türen gehen auf. Tina sprintet heraus und läuft einige Meter und dann beugt sie sich neben einem Busch vor, hält ihre offenen Haare zurück und übergibt sich. Itachi läuft ihr natürlich nach und bringt einen Beutel, feuchte Tücher und eine Papierrolle mit. Es ist schnell vorbei und Tina greift nach den Feuchttüchern, dann nach trockenen Tüchern.

„Holst du mir mein Zahnputzzeug aus dem Rucksack und die Flasche Wasser, die in der Bar steht?“

Er geht dann los, kramt die rosafarbene Tasche heraus und greift nach der Flasche.

„Was wird das? Was ist da drin?“

„Ihr Zahnputzzeug. Sie hat es immer bei sich, wundere dich nicht drüber.“, murrt er seine Mutter an.

„Was hast du ihr denn gesagt, als du einfach den Ton ausgemacht hast? Sie ist ja völlig ausgetickt.“ Sie grinst nur vor sich hin.

„Bist du sicher, dass du so ein Temperament zügeln kannst? Meinst du wirklich, dass sie die Richtige für diese große Aufgabe ist?“ Er nickt.

„Nur sie kann diese Aufgabe richtig ausführen, vertrau mir uns bitte.“

„Ich weiß nicht, wenn sie diese Nummer eben bei unserem Gegenpart gemacht hätte, dann so eine derartige vulgäre Provokation, das kann schnell nach hinten losgehen.“, erklärt sie skeptisch.

„Hat sie aber nicht.“, sagt er nur und zeigt dann mit dem Finger aufs Handy. Dann geht er los zu Tina und hilft ihr, sich wieder etwas frisch zu machen. Sie schnappt sich die Flasche und trinkt erst einmal ein paar Schlucke. Dann putzt sie sich die Zähne und wäscht ihr Gesicht mit den feuchten Tüchern und dem Wasser aus der Flasche. Als sie sich abtrocknet, beginnt sie endlich mit ihm leise zu reden. Ihr Puls ist noch immer auf 180 und sie versucht sich sehr zurückzuhalten, um die Kontrolle nicht zu verlieren.

„Bist du verwanzt?“

„Nein, die sind nur im Herz und im Auto.“ Sie wirft die Tücher in den kleinen Müllbeutel.

„Itachi…was hast du dir dabei gedacht? Warum hast du mir nie was gesagt? Hätte ich es gewusst, wäre ich viel vorsichtiger gewesen. Ich hätte dir bei deiner Arbeit gar nicht erst geholfen, damit so eine Situation nicht entstehen kann.“, versucht sie ihm zu erklären. Sie sehen sich beide nur an.

„Ach Tina, das konnte ich doch nicht. Es ist etwas kompliziert, so richtig gehöre ich auch gar nicht zu ihnen. Ich will nur meinen eigenen Kram machen, aber es gibt dabei ein Problem. Als ich damals dem Kennenlernen mit Mutter eingegangen bin, bin ich auch Verpflichtungen eingegangen. Als sie damals plötzlich vor mir stand, da hat sie nur gesagt, dass es mir an nichts fehlen würde und allein entscheiden dürfe, was ich will. Dass sie zur Yakuza gehörte, wusste ich nicht. In meiner kindlichen Vorstellung war sie eine traurige wohlhabende Frau, die mal eine Fehlentscheidung traf und nun will sie es wieder gutmachen. Und ich…ich war zu diesem Zeitpunkt bei der sechsten Pflegefamilie und die waren mal wieder nicht gerade nett zu uns. Also entschied ich mich mitzugehen. Von meinem Zwillingsbruder wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Das erzählte mir Mutter erst Jahre später. Nun ist es so.

Tina, wir haben ein Problem. Ich gehe mal davon aus, dass Mutter dir ihre Geschichte bereits erzählt hat?“ Tina nickt und plötzlich holt sie kräftig aus und verpasst ihm eine schallende Ohrfeige.

„Oh man. Die war verdient.“, sagt er leise und verständnisvoll. Kurz darauf knallt es etwas sachter auf der anderen Wange.

„Die ist für deine Mutter. Du hast gar keine Ahnung wie sehr eure Aktion mich erschreckt hat. Was denkt sie sich eigentlich dabei mich derart in Angst und Schrecken zu versetzen? Macht mir vor, man hätte dich entführt. Was soll die ganze Aktion und was habe ich mit EUREN Problemen zu tun?“

„Was hat Mutter dir in Kürze erzählt?“

„Sag einfach was weiter gehen soll. Sie sprach davon, mir ihre Geschichte zu erzählen und danach wollte sie irgendwas von mir. Einen Gefallen. Was denn?“ „Sie hat es geschafft ein Abkommen zu treffen, mit der Familie des Jungen, den DU gerettet hast. Seine Familie ist seit Jahrzehnten mit ihrer in Konkurrenz. Beide Seiten waren plötzlich erneut bereit zu verhandeln…diese Verhandlung fand noch nach dem Vorfall statt. Ziel ist ein Zusammenschluss der beiden Clans.

Der Halbbruder, welcher mit dir gemeinsam gespendet hatte, erstattete einen ausführlichen Bericht an den Ältesten. Der Junge ist wie ich, der letzte im Bunde der Hierarchie. Jedoch ist er noch sehr jung. Gerade mal vierzehn. Er sollte ursprünglich die Geschäfte des Vaters übernehmen. Nun soll es der Halbbruder machen.

Dieses Abkommen, die Familien zusammenzufügen, soll heute Abend unterzeichnet werden. Infolgedessen werden sich die Familien zusammentun und zu einer großen legalen Firma fusionieren. Die Details sind jetzt zu umständlich, aber es sollen die aktuellen Vermögen und Geschäfte eingestellt, sowie umgewandelt werden. Alles, um die Leute trotz Ausstieg des Clan-Geschäfts zu beschäftigen. Würde es nur aufgelöst werden, wäre das Vermögen beider weg und viele würden im Gefängnis landen oder sich anderen Clans anschließen.

So eine Fusion, bzw. so ein Abkommen kann es nur unter zwei Bedingungen geben.

Die erste ist erfüllt, wenn du als unser neutrales Medium dabei bist und die zweite dann, wenn ich als einziger Nachfolge, aus der Familie aussteige. Dies geht aber nur auf zwei Arten.“ Er atmet tief durch.

„Der Tod, oder eine Heirat nach Außen, noch bevor ich der Familie offiziell beigetreten bin. Und genau das bin ich noch nicht.“ Tina sieht ihn verdutzt an. „Also darf es keine Nachfolger geben?“

„Richtig. Die obersten zwei Glieder müssen ausgetreten sein, nur so kann eine der beiden Familien die gesamten Geschäfte übernehmen und legalisieren.“ „Itachi…was willst du mir denn jetzt damit sagen? Ich heirate dich doch jetzt nicht, oder was soll das hier werden? Und was meinst du mit Medium?“

„Versteh das jetzt nicht falsch. Vor vier Jahren waren wir bereits an einem ähnlichen Punkt, weil Mutter mich offiziell als Sohn in der Familie aufnahm und es mit dem DNA-Test bewies. Zu diesem Zeitpunkt stand dieser Vertrag bereits in den Kinderschuhen und ich hatte jedoch entschieden die Familie verlassen zu wollen. Ich hatte auch bereits jemanden, die bereit war eine Scheinehe mit mir einzugehen. Die Sache ging jedoch schief. Aus der geplanten Hochzeit wurde nichts.“

„Eine Scheinehe? Was ging denn schief? Hatte sie sich dann doch in jemanden richtig verliebt?“

„Das auch, aber das war kein Problem, sie wäre der Abmachung trotzdem gefolgt. Mich hätte das auch nicht gestört.“

„Was ging denn schief?“

„Tina…können wir das drin bereden? Uns drängt etwas die Zeit. Ich erkläre dir alles und nicht, dass du was falsch verstehst…“ Er berührt plötzlich ihre linke Wange und sieht ihr tief in die Augen.

„Ich liebe dich wirklich, und zwar genauso wie du bist und…es hat mit dem ganzen Clan hier nichts zu tun. Im Gegenteil, ich hätte mir nichts Schöneres vorstellen können, als mit dir ein ganz normales Leben zu führen…auch…ohne Ehe oder alles was irgendwann vielleicht wäre…verstehst du?“

„Ich…ich muss erst darüber nachdenken, aber jetzt…jetzt müssen wir zuerst schauen was wird, Itachi. Ich stecke jetzt in deinem Mist mit drin. Sag schnell, was mit dem Medium ist? Warum soll ich das neutrale Medium sein?“

„Es muss eine Person von außerhalb der Yakuza sein, also zu keinem der Clans gehören und es muss eine Person sein, die noch keine eigene Familie gegründet hat und minderjährig sein. Frag mich nicht warum das die Regeln sind, sie sind einfach so. Das war schon immer so. Früher hieß minderjährig auch was anderes als heute, aber so definiert es das Medium. Ach und es muss von der Familie gestellt werden, die ihre Position in der Führung aufgibt. Das kannst also du sein.“

Tina ist trotzdem etwas irritiert, aber die Notwendigkeit versteht sie durchaus. „Okay. Ich mache es, immerhin soll es dazu dienen, dass sich eure Familien nicht mehr gegenseitig erschießen, oder wie habe ich das jetzt verstanden?“ Er weicht etwas zurück.

„Sowas in der Art ja, nenne es bitte nur Streiten, das klingt nicht so furchtbar.“

„Ist dann eher ein Bekriegen.“

„Gut, dann so. Machst du es also?“

„Ich mache es, aber nur für dich und für den Jungen, damit ihr Söhne nicht die gleichen Fehler macht wie eure Eltern.“, legt sie fest. Er lächelt und steckt seine Hände in die Hosentaschen und geht langsam Richtung Fahrzeug.

„Itachi…eins musst du mir noch verraten. Warum? Warum haben eure Leute auf den Jungen geschossen und warum…brauchtet ihr die Kugel?“ Ruft sie dann laut. Er dreht sich um und sieht sie sehr ernst an.

„Die Kugel brauchen wir als Beweis. Als Beweis dafür, dass nicht wir geschossen haben! Der Schütze…er kam vermutlich von außerhalb unserer Familien. Das wird gerade untersucht. Niemand hat ihn gesehen, den wahren Täter.“ Tina stutzt und er bleibt stehen, bis sie bei ihm ist.

„Itachi, wirklich? Ihr wart es nicht? Aber wer könnte es denn gewesen sein?“ „Keine Ahnung, es kann auch jemand einer anderen Familie sein, um uns gegeneinander auszuspielen. Man weiß es nicht. Genau deswegen habe ich dich als Medium ausgewählt, nicht weil ich dich liebe, sondern weil du besondere Fähigkeiten hast. Vielleicht kannst du uns das Problem ja lösen, ohne, dass wir uns die Köpfe einschlagen, weil Misstrauen herrscht. Die Polizei können wir nicht darum bitten, uns diesen Fall zu klären. Wir müssen es selbst klären und beweisen.“, lächelt er sie stolz an.

„Und warum hört die Familie von dem Jungen auch immer mit? Haben die auch die Blumenrätsel-Sache gesehen und gehört?“

„Ja, das haben sie. Die Blumengeschichte haben sich beide Seiten zusammen ausgedacht, um dich auf die Probe zu stellen. Natürlich haben beide Seiten nicht geglaubt, dass du es würdig bist ein Medium zu sein, also wurde das Rätsel erstellt, damit du allein und von selbst zu uns findest, weil du zu uns kommen willst.“

„Okay.“ Beide steigen wieder ins Auto, aber diesmal geht Tina auf Itachis Seite und setzt sich ihm gegenüber.

„Deine Seite jetzt?“

„Ja.“ Er macht Mundbewegungen in Englisch, dass sie nichts sagen soll. Die Limousine fährt wieder los und seine Mutter schaut erstaunt zu den beiden rüber.

„Was ist jetzt? Sind Sie unser Medium oder nicht?“

„Sie macht es. Lass uns jetzt in Ruhe allein reden. Du hast es dir bei ihr sowieso verscherzt. Was hast du dir bei der Provokation denn nur gedacht? Zu behaupten, dass ich entführt wurde, was sollte das? Darüber reden wir später noch.“, murrt er sie an und fordert den Fahrer auf die Wand und diesmal auch die Frontwand komplett zu schließen.

„Wir fahren nicht mehr lange. Sag mal, du hast vorhin beim Zähneputzen dabei zum Himmel gesehen und dich oben umgeschaut. Hatte das eine Bedeutung? Das war doch kein normales Gurgeln.“, beginnt er ruhig. Tina grinst.

„Du kennst mich eindeutig zu gut. Ich habe mir das Sternenbild und den Stand des Mondes eingeprägt. Einfach für den Fall der Fälle, um zu wissen, wo ich ungefähr bin.“

„Wow, sowas kannst du?“

„Jo. Bei klarem Himmel ideal. Kann nie schaden. Ist so was wie Pfadfinderwissen.“

„Ich verstehe. Nun gut. Du hast sicher noch Fragen. Ich habe dich unterbrochen.“

„Ja, also deine Scheinehe…was ging schief?“ Er lehnt sich zurück und greift zu seinem Wasserglas.

„Hm, da ging so einiges schief, ja. Das war vor gut drei Jahren, das Mädchen, es hätte drei Jahre warten müssen, bis wir heiraten konnten, aber damit war meine Familie einverstanden. Wir mussten nur weiterhin eine Beziehung vortäuschen, zumindest für sie. Egal, darum geht’s nicht. Sie hat sich, wie du sagtes, wirklich in jemanden anderen verliebt, aber auch das war gar nicht das Problem, denn er war eingeweiht. Er wusste zwar nicht wieso, aber er wusste, dass wir dieses Abkommen hatten. Damit gab er sich zufrieden. Aber dann passierte es, auch ich…hatte mich in jemanden verguckt und das bekam sie mit. Das gefiel ihr ganz und gar nicht. Dann eines Tages kam ihre Familie dazwischen, weil sie sich deutlich mehr um sie kümmern mussten. Das war einerseits gut, aber andererseits kamen sie dann hinter unseren Plan und verboten ihr natürlich mit mir zusammen zu sein. Ihnen war ihr gleichaltriger Freund lieber. Verständlich. Er war ja auch kein einfacher Junge von der Straße. Somit hatte sich das dann erledigt. Und auch der Vertrag platzte, denn ohne meinen Ausstieg, kam er nicht zustande.

Und ich…ich Trottel habe mich dann tatsächlich in eine andere verliebt, ganz plötzlich…von einem Tag auf dem anderen.“ Er dreht sich weg und sieht in den Bereich, wo die kleine Bar ist. Tinas Herz schlägt plötzlich wieder schneller und sie sieht ihn in seinem Profil nachdenklich an.

„Itachi…wieso…wieso kommt mir das…irgendwie bekannt vor?“ Er sagt nichts und atmet nur seicht und starrt auf die Wand.

„Redest du etwa von Sayaka?“, kam ihre Vermutung. Sein Blick ändert sich und er dreht sich wieder zu ihr.

„Ja, sie war…meine Verlobte, bis sie 18 wurde, so war das geplant, aber so weit kam es nicht mehr.“ Sie sieht ihn verbittert an und fasst ihre Hände ineinander. „Bin ich jetzt etwa daran schuld, dass dieser Vertrag das letzte Mal nicht zustande kam?“ Itachi sieht wieder zur Seite und tippt ablenkend mit den Fingern auf dem Leder seines Sitzes rum. Er schlägt seine Beine übereinander und richtet mit der anderen Hand seine Krawatte.

„Ich…ich konnte das doch nicht wissen. Was mussten die drei auch so einen Mist machen?“

220. Die große Enttäuschung Teil VII oder Die Alte

Triggerwarnung, Gewalt an Kindern, Trauma und Depression.
 

reale Erlebnisse meiner Großeltern aus der NS-Nachkriegszeit. Tina schilderte diese im Kapitel: Die Therapie - Das Theaterstück, jedoch wurde es dort nur erwähnt.
 

Hier wird das Thema erneut angesprochen.

Wer es nicht lesen will, Hört nach dem die Frage danach gestellt wird, zu lesen auf und nimmt das nächste Kapitel.

Der Trigger ist nicht grundlos. Inhaltlich verpasst ihr dann weiter nichts.
 

Danke
 


 


 

Kapitel 220
 

Die große Enttäuschung Teil VII oder Die Alte
 

„Lass uns das später klären. Du musst jetzt wissen, was du für eine Aufgabe als Medium hast.“

„Okay, du hast Recht. Leg los.“ Er erklärt in kurzen Umrissen ihre Aufgabe.

„Das Wichtigste ist, du als Medium hast eine Freiheit, die niemand weiter besitzt. Mit dir zusammen wird ein Shintō-Priester anwesend sein. Er hat weder Fragen zu stellen, noch irgendetwas zu kommentieren oder zu verurteilen. Niemand hat das Recht ihn überhaupt anzusprechen. Mit einer Ausnahme, das bist du. Er darf nur seine übliche Zeremonie abhalten. Und wenn er jemanden anspricht, dann nur, weil es zur Zeremonie gehört.

Er hat die Aufgabe als eine Art Notar zu fungieren, denn sein Zeugnis und seine Unterschrift versiegelt den Vertrag. Die Versiegelung wird mit dem Medium zusammen gemacht. Er versiegelt ihn mit heißem Wachs, aber gemischt mit einem Tropfen Blut des Mediums. So das Ritual. Das Blut soll für beide Vertragspartner stehen und das weitere „Blutvergießen“ beenden. Also ein Tropfen statt viele. Er wird dir also dann einen kleinen Tropfen mit einer Nadel entlocken. Ein winziger Piecks in den Finger, wie beim Blutzuckertest und fertig. Früher war es ein kleiner Einstich an einer Stelle, die niemand sehen kann. Es wird später nie etwas zu sehen sein. Das war es dann schon.“

„Okay, klingt spannend, aber dann kann man mein Blut irgendwann finden, was dann?“

„Nein, es wird mit dem flüssigen Wachs vorher gemischt. Da muss man schon das ganze Siegel öffnen und es schmelzen oder speziell filtern. Und dann weiß trotzdem niemand Fremdes, wer es war, denn deinen Namen kennen nur die Anwesenden und die sind vertraglich alle verpflichtet niemals diesen Namen preis zu geben. Das würde sie komplett entehren. Du fungierst fast wie ein Diplomat mit gewissen Freiheiten, die andere nicht haben. Alles, was du sagst und tust, hat ohne Wertung zu bleiben. Somit also wieder zu deinen Freiheiten. Im Gegensatz zum Priester oder allen anderen Anwesenden darfst du dich im Gebäude, auf dem Grundstück und im Raum komplett frei bewegen, all deine Gegenstände bei dir behalten und jeden, wenn du es für nötig hältst, ansprechen oder sogar berühren. Das darf sonst niemand. Auch ich muss mich an diese Regeln halten.“

„Oha, das klingt ja komisch. Wieso darf ich das denn alles?“

„Als Medium stehst du einem höheren Wesen gleich. Soweit ich weiß, wurde das erst einmal gemacht, dass das Medium überhaupt groß irgendwas gesagt hat. In der Regel steht es nur da, bezeugt den Vertrag und gibt sein Blut ab. Das war es.“

„Oh man. Du gibst mir wirklich eine schwere Aufgabe. Wenn man nur danebensteht, wozu dann das Blumenrätsel? Dann kann das doch jeder machen.“

„Ganz einfach. Ein Medium hat nebenbei die Aufgabe bei Einwänden oder Zweifeln zu schlichten. Das macht die Aufgabe erst kompliziert. Niemand weiß so richtig was sein könnte, also haben wir als beide Seiten beschlossen, dass wir ein Medium wählen, welches auch die Fähigkeiten zum Schlichten hat. Und so kommst du mit deinen Fähigkeiten, deinem Herzen und deinem Verstand ins Spiel. Während unsere Vertragspartner nur deine Kombinationsgabe erkennen konnten, weiß ich um deine Fähigkeit, zu beobachten und Menschen zusammenzubringen. Und genau das war mein Anliegen, dich dafür vorzuschlagen. Das ist immerhin der Sinn der ganzen Aktion, dass sich die Clans zusammenschließen.“

„Hm, wo wird der Vertrag denn eigentlich hinterlegt? In einem Bankschließfach oder in dem Schrein des Priesters?“

„Weder noch. Es wird zwei Verträge geben. Beide werden als Originale behandelt und versiegelt. Früher waren es mal Schriftrollen und heute sind es normale Verträge wie bei einem Notar. Einer der Dokumente wird der Polizei übergeben. Sie sind die Einzigen, die ihn öffnen dürfen und auch nur bestimmte Leute. In dem Vertrag stehen alle Mitglieder der Familien namentlich drin und die obersten Angestellten. Buchhalter und ähnliche Leute. Alle, die mit ihrer Position die Geschäfte am Laufen gehalten haben. Auch Söldner, wenn sie denn direkten Kontakt mit dem Oberhaupt haben. Also als Bodyguards. Meist übernehmen das aber die Familienmitglieder, Cousins oder Onkels, Geschwister etc. Das ist wichtig, denn für einen legalen Ausstieg gibt es Regeln für die Wiedereingliederung in die normale Gesellschaft. Ehemalige Mitglieder müssen 5 Jahre abwarten, bis sie wieder als volles Glied in der Gesellschaft angenommen werden. Sie dürfen keine Verträge wie Wohnungen oder Kredite schließen und bei Bewerbung um eine Arbeitsstelle müssen sie ihren Ausweis mit dem Vermerk vorzeigen, dass sie ein „Ausgestiegener“ sind. Nur zu diesem Zwecke darf die Polizei den Vertrag öffnen, damit sie die Personen registrieren. Oft gibt es Leute, die wie der Junge, auch nie als Bürger gelistet wurde. Er ging zum Beispiel nie in die Schule, besuchte immer nur die eigenen Hauslehrer. Seine Mutter ebenso. Sie ist auf dem Papier vor seiner Geburt gestorben, damit sie sich von ihrer damaligen Familie loslösen konnte. Sie ist wie meine Mutter angeheiratet. Das ist bei den meisten Damen hier der Fall.

Der Zweite Vertrag landet dann beim Tenno. Er wird diesen Vertrag nicht öffnen, sondern nur im Staatsarchiv sichern. Der Tenno dient nur der reinen Sicherheitsfunktion und wird nur darüber informiert um welche Familienclans es sich handelt. Mehr weiß er nicht. Keine Namen, keine Anzahl. Er ist die höchste Priesterfunktion des Landes und steht über jeden anderen Shinto-Priester. Niemand würde seine Treue zum Land und ihren Traditionen anzweifeln. Keine Bank ist sicherer als unser Staatsarchiv.

Auch deswegen ist der Priester wichtig. Er ist die Vermittlerfigur, die die Verträge mit seinem Ehrenamt übergibt. Zuerst dem Tenno, ohne Presserummel. Eher im Geheimen. Und dann der Polizei des entsprechenden Bezirks, welche die letzten Jahre mit den Clans zu tun hatte. In unserem Falle dem 87. Revier, da es das größte Revier, der umliegenden Viertel ist und somit die größte Macht besitzt.“

„Okay, verstanden. Das heißt, dieser neue Revierleiter bekommt den Vertrag zu sehen und kann die Namensliste und meinen Namen darin sehen?“, ist sie skeptisch.

„Dein Name wird nicht im Vertrag stehen. Du wirst einfach nur im Protokoll des Priesters als „Das Medium“ bezeichnet. Weder Geschlecht, noch Alter, werden genannt, nur, eine Garantie, dass das Medium die Voraussetzungen nach aktuellen Regeln der Zeremonie erfüllt. Und das tust du.“ Tina nickt ab.

„Jetzt noch eine ganz doofe Frage, aber irgendwie kam das vorhin komisch rüber.

Du sagst, eure Seite muss die zwei obersten Positionen abgeben. Welche Position ist denn deine Mutter? Ist sie denn die Oberste Position, wenn du auch gehen musst?“

„Ja, das ist sie. Sie ist seit dem Tod meines Vaters die Clan-Chefin. Bei dem Brand waren neben meinen Geschwistern noch meine Großeltern mit im Haus, sie war wie gesagt, die Einzige, die überlebte. Also ist sie die Einzige, die übrig ist und dann komme ich als anerkannter Sohn dazu. Offiziell wäre somit unsere Blutlinie beendet, wenn ich aussteige.“

„Aber was passiert mit deiner Mutter?“

„Sie hat die Wahl zwischen einer Vermählung und eben, naja…dem Tod.“, erklärt er.

„Muss die Vermählung denn auch mit einer Person außerhalb des Clans sein?“ „Nein, nur außerhalb der Familie. Es könnte theoretisch ein Angestellter oder ein Söldner sein. Das wäre egal. Hauptsache es ist ein Mann. Gleichgeschlechtliche Ehe sind nicht zulässig, da sie ohnehin unzulässig sind und somit unglaubwürdig.

Nur bei mir muss es so sein, weil ich jung bin. Ab 50 Jahre und als verwitwet gibt es die Angestelltenehe als weitere Option. Das hat man vor Ewigkeiten eingeführt, da meist die Männer übrigblieben und sich oft eine der angestellten Frauen wählten. So blieben die Familiengeheimnisse intern.“

„Wieso bei dir nicht?“

„Damit sich umgedreht das Blut mischt und damit man nicht einfach zu zweit in einer Scheinehe aussteigt. Das würde dann ja jeder einfach machen, wenn er das will. Außerdem, wenn es ginge und jeder Mann eine Frau mit rausnimmt, dann bleibt kaum jemand übrig, denn wir haben einen Männerüberschuss.“ Tina grinst plötzlich.

„Das kann ich mir vorstellen. Ich gehe mal davon aus, dass deine Mutter niemanden hat, den sie heiraten kann.“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Und du? Verheiratet bist du doch nicht. Wie kann dann der Vertrag trotzdem stattfinden?“

„Tja, das ist ein Problem, wir haben jedoch schon eine Einigung getroffen. Weil ich den Jungen retten konnte, und wenn sich bestätigt, dass der Schuss nicht von uns kam, dann darf ich den Clan nach dem Vertrag offiziell verlassen, statt mit der Regelung, die Blutlinie zu beenden. Es wird also eine Ausnahme sein. Man zweifelt meine Loyalität nicht an, und auf der Liste stehe ich ohnehin nicht.“

„Oh, das ist doch aber gut. Du kannst dann ganz normal leben, so wie du es immer wolltest und getan hast?“

„So wie ich es tun will, Tina. Bisher stand ich immer irgendwie dazwischen. Es war wie ein Doppelleben, das ich aber gar nicht so wollte.“

„Nun gut, Hauptsache du musst dich nicht ins Schwert stürzen, oder wie sollte das ausgehen?“ Er schweigt und macht eine Faust. Sein Blick ist sehr angespannt, bei dem Gedanken daran was noch kommen wird, wenn der Vertrag erst besiegelt ist. Plötzlich beugt sich Tina vor zu ihm und berührt sanft seine Hand, die eine Faust macht.

„Itachi…ich schau, was ich machen kann, oder? Ich versuche deine Mutter zu retten. Sie steigt dann aus dem Clan aus, so habe ich das verstanden?“ Er atmet tief durch und dreht sich zu ihr. Ihre klaren Augen sehen ihn liebevoll an.

„Wenn das jemand schafft, dann du.“ Er löst seine Faust und greift ihre Hände. „Tina…ich…“, beginnt er und sieht ihr nur tief in die Augen.

„Ich würde dich am liebsten…küssen…und in die Arme nehmen, aber mit einem blauen Auge wollte ich nicht dort erscheinen.“ Sie steht auf und setzt sich einfach auf seinen Schoß und legt seine Hand an ihre Wange.

„Tu es einfach, vielleicht ist es unser letzter Kuss? Wir sind doch schließlich nicht mehr zusammen. Ein Abschiedskuss, zur Entspannung?“, sagt sie flüsternd und kurz darauf spüren beide die Lippen des anderen und er drückt sie fest an sich. Seine Anspannung vergeht etwas und ihre Nähe macht ihm Hoffnung.

Wenige Minuten später sitzt sie noch immer auf seinem Schoß und genießt seine Wärme.

„Du hast Angst, oder? Ich habe dich noch nie so angespannt erlebt. Das kann ich verstehen.“

„Das gleiche kann ich auch zu dir sagen. Dieses Gesicht kenne ich nicht von dir. Erzähl mir von den Regeln des Rituals.“

„Hm, es findet in einem Raum statt, wo auch Feiern abgehalten werden können. Anwesend sind nur die engsten Familienmitglieder und jeweils nur vier Angestellte, je nachdem, wie groß die Familien sind. Das sind dann meist die, die uns in der Wartezeit mit Getränken und Snacks versorgen oder ein Bodyguard. Es sind anwesend die obersten Anführer der Clans, also die Familienoberhäupter, der Oyabun, der Älteste bzw. Vater. In unserem Falle meine Mutter, da Vater und Großvater tot sind. Dann deren Geschwister, Kinder und volljährige Kindeskinder, also Enkel. Jeder muss vor dem Einlass seine Waffen abgeben. Das war früher nicht so, aber vor etwa hundert Jahren hat man das mal eingeführt. Aus Sicherheitsgründen. Also niemand darf etwas bei sich führen, was als Waffe genutzt werden kann. Alle Leute müssen in traditioneller oder gehobener Kleidung kommen. Auch ich werde mich noch umziehen müssen. Du als Medium darfst anziehen, was du willst. Du trägst zwar jetzt einen kurzen Rock und die Bluse, aber das ist nicht verboten, auch wenn es etwas viel Haut ist. Meine Mutter wird dir noch nach dem Bad eine große Auswahl Kleidung anbieten, nutze es ruhig, wenn du es für angemessener findest, denn du wusstest ja zuerst nicht, warum du überhaupt eingeladen wurdest. Vielleicht ist dir der Anlass selbst unpassend. Das musst du aber selbst entscheiden. Das Einzige, was du auf jeden Fall machen solltest, deine Haare hochstecken. Lass dir von den Frauen eine hübsche Hochsteckfrisur machen, denn offene Haare wären extrem respektlos und das möchtest du doch sicher nicht ausdrücken.“

„Okay. Kriegen wir hin. Muss ich dieses Bad denn unbedingt nehmen? Wir haben doch bereits alles besprochen, also deine Mutter und ich.“

„Ja, es gehört zum Ritual dazu und soll eine Art „Waschzeremonie sein“. Du wirst mit ihr und der Frau des Oberhauptes der anderen Familie zusammen in die heiße Quelle gehen. Es werden noch zwei weitere Frauen dabei sein. Jede Familie sucht sich dabei eine aus, die vorher nicht bestimmt wurde. Das lässt sich leider nicht vermeiden. Das Medium muss „rein“ sein, also lässt sich das heiße Bad nicht umgehen.

Die Männer nehmen ebenso ein Bad, wärst du ein Mann, bzw. Junge, müsstest du mit den Herren gehen. Also es läuft auf dieselbe Prozedur hinaus.“

„Okay.“

Einige Minuten vergehen und das Auto hält langsam an. Itachi greift nochmal kurz ihre Wange und ihren Hinterkopf, führt sie plötzlich bestimmend zu sich und küsst sie leidenschaftlich.

‚Liebe Bettina, ich hoffe nur, dass alles gut ausgeht. Mach das Beste draus. Was auch immer passiert…du warst das Beste, was mir je passiert ist, wenn auch nur für kurze Zeit.‘ Sein Herz rast und er drückt sie fest an sich, als wolle er sie gar nicht wieder loslassen, aber dann berührt sie sein Ohr und zieht sachte daran und unterbricht von sich aus den schönen Kuss. Er lässt sie los.

„Tina…entschuldige. Aber…pass auf dich auf. Wir werden uns den Rest des Abends oder der Nacht nicht mehr groß sehen. Alle wissen, dass wir ein Paar waren, vermutlich denken sie noch, dass es so ist. Lege du selbst fest, wie es ist. Ich werde mich nicht dazu äußern. Für deine Aufgabe ist es egal. Als meine Freundin dürftest du trotzdem ein Medium sein. Pass auf dich auf.“, spricht er besorgt und lässt sie dann los, damit sie sich wieder setzen kann. Sie lächelt ihn an.

„Ach Itachi…danke für den Abschiedskuss. Pass auch du auf dich auf. Wir sehen uns spätestens morgen in der Uni? Wollen wir dann wieder zusammen essen?“ Er lächelt sie liebevoll an. Er weiß genau, dass sie es diesmal nicht ernst meint und ihn vermutlich in Zukunft meiden wird. Es ist ihm jedoch egal, denn die Hoffnung, dass sie ehrlich meint und, dass sie zusammen in der Menso sitzen würden, um gemeinsam zu Mittag zu speisen, stimmt ihn glücklich.

Kurz darauf öffnet sich die Autotür und der Fahrer steht mit einer Plane im Fußbereich da.

„Oh, es hat begonnen zu regnen?“, äußert Tina freundlich zu ihm und lässt sich von Itachi, welcher vor ihr ausgestiegen ist, beim Aussteigen helfen. Er reicht ihr die Hand hin.

„Bettina, denk dran, ab jetzt gelten nur noch unsere Regeln. Versuche irgendwie mitzukommen und bedenke, hier haben die Männer IMMER das Sagen. Behalte das bitte im Hinterkopf. Die einzige Frau, die den Mund aufmachen darf, das ist Mutter. So wäre es im Normalfall. Du bist das Medium und erst wenn du von den Frauen begrüßt worden bist, sie kurz kennengelernt hast und sie dich zum Bad einladen, dann bist du offiziell das Medium. Und alle Anwesenden müssen dich als Medium anerkennen und erst dann gelten deine Sonderregeln. Nach dem Bad, also der „Reinigung“ dann darfst du alle Anwesenden ansprechen, die dich jedoch aber nicht als erstes. Egal wer, keine Person hat dich als Erstes anzusprechen. Das musst du also tun. Halt dich einfach an meine Mutter, sie und die anderen Frauen der Familien werden sich jetzt hauptsächlich um dich kümmern. “

„Also Benimmregeln hättest du mir vorher ja noch erklären können.“, schmunzelt sie.

„So viel Zeit hatten wir ja nicht. Du bist doch über Traditionen informiert. Ab jetzt Bettina.“ Sie nickt und sieht sich um. Itachis Mutter steht in ihrem schönen Kimono vor ihnen und ein großer Mann hält ihr ebenso seitlich eine Plane.

‚Wie anmutig sie ist. Ihr aufrichtiger Stand und ihr Lächeln, kaum zu glauben, dass sie überhaupt hierhergehört. Ich habe mal gelesen, dass nur Männer die oberen Anführer sind, aber das scheint hier nicht der Fall zu sein. Dass tatsächlich eine Frau das Sagen hat, ist schon beeindruckend.‘

Viele Leute stehen im Eingangsbereich des großen Anwesens. Alle mit tiefer Verbeugung. Zwar steht die Limousine unter einem Dach, aber durch den Starkregen kommt einiges an den Seiten unter das Dach geweht oder platscht sehr stark auf den Boden. Aus diesem Grunde werden die Planen gespannt.

Die Clanchefin wird nur vom Fahrer und Itachi angesehen, alle anderen verbeugen sich mit dem Blick nach unten. Sie bleibt beim Laufen an einem Herrn stehen und spricht ihn mit fester Stimme an.

„Sind alle Vorbereitungen getroffen worden?“

„Ja. Masako-san. Mit einer Ausnahme. Wegen des Regens muss der Garten etwas später vorbereitet werden.“, antwortet er trotz Verbeugung.

„Eine gute Entscheidung. Im Notfall verlegen Sie es in die Bibliothek. Dazu nochmal Rücksprache.“, lobt sie streng. Sie spricht danach laut und offen zu allen.

„Das Medium ist weiblich, nur die Frauen dürfen sich erheben und sie sehen. Ihr folgt uns zum Empfangsbereich.“, ordnet sie an.

„Ist von der Gegenseite schon jemand da?“, wird der Mann erneut gefragt.

„Nur die Älteste mit Begleitung für die „Reinigungszeremonie“, Masako-san.“

„Gut.“ Dann dreht sie sich zu Tina um.

„Folgen Sie mir. Ich stelle Ihnen die Frauen der Familien vor. Erst nach ihrer Prüfung, ob Sie als Medium geeignet sind, unterliegen Sie der Funktion des Mediums.“ Tina verbeugt sich tief und folgt ihr dann. Da sie vorerst niemanden ansprechen darf, entscheidet sie sich auch nicht zu antworten, da es keine richtige Frage war, sondern nur eine Aufforderung und eine Information über den Ablauf. Beide Frauen schreiten den Weg bis ins Haus. Es ist still. Nur das laute Prasseln des Regens ist zu hören. Kaum hat Tina als Letzte das Haus betreten, wird es hinter ihr plötzlich unruhig. Sie sieht sich neugierig um und einer der Männer, die am Rand standen, liegt am Boden und wird von zwei weiteren Männern weggebracht.

„Es tut mir leid. Bitte…es tut mir leid.“, jammert er leise.

‚Was war mit ihm? Warum bringen die ihn weg? Was hat er denn getan?‘, ist ihr Blick fragend.

„Kümmern Sie sich nicht drum.“, kommt eine feste Stimme von Masako. Sie hat ihren Blick richtig gedeutet. Natürlich folgt Tina ihrem Rat und beachtet es nicht weiter.

‚Irgendwas muss gewesen sein? Ob er geguckt hat? Was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Es hieß ja, dass nur die Frauen mich sehen dürfen.‘
 

Nach dem Betreten des schönen traditionellen Anwesens wird Tina in einen schönen Saal gebracht. Dort warten bereits drei Frauen, ebenso in schönen Kimonos. Die anderen Frauen bleiben draußen vor der Tür. Die Tür wird geschlossen, als sie mit Masako im Raum stehen, und nun sind sie nur noch zu fünft. Die Frauen sind alle deutlich älter als Tina. Eine etwa im Alter ihrer Mutter, vielleicht sogar etwas jünger Mitte bis Ende Dreißig und die anderen beiden vermutlich um die 70 oder 80 Jahre. Es ist schwer für Tina sie einzuschätzen. Sie kommen ihr jedoch vor wie Großmütter oder Urgroßmütter.

„Herzlich willkommen, Medium.“, wird Tina freundlich von der ältesten von ihnen begrüßt. Tina ist sich noch etwas unsicher, wie sie nun richtig und passend reagiert, denn sie darf doch niemanden ansprechen. War ein Grüßen eine Ansprache? Sie entscheidet sich dafür sich mit der tiefsten üblichen Verbeugung vor sie zu stellen und ebenso zu grüßen. Ein Grüßen kann doch kein Ansprechen sein.

„Guten Tag, danke für Ihr Vertrauen.“ Die alte Frau ihr gegenüber staunt nicht schlecht.

„Ich hätte nie gedacht, dass mich mal die „Gelbe Füchsin“ persönlich begrüßt und dann so förmlich. Sie dürfen sich aufrichten Frau Fuchs.“ Tina sagt vorerst nichts und zögert noch. Sie bleibt in der Verbeugung.

„Bettina, ist okay. Saya ist die Älteste im Raum. Sie hat nun das Wort. Danach ich.“

„Entschuldigung.“, kommt sie höflich hoch und sieht der Frau nun freundlich in die schwarzen Augen.

‚Das ist also die „Gelbe Füchsin“. Sie hat sich in sehr kurzer Zeit in der Sportwelt hochgekämpft und es sogar bis an die Uni geschafft, in nur drei Jahren.‘

„Wie dürfen wir Sie nennen?“ Tina stutzt etwas. Was meint sie denn nun damit?

„Wie einen Sie das?“, fragt sie sehr höflich und mit klarer Stimme.

„In der Regel übernehmen Kinder diese Position, Sie sind jedoch schon eine junge Frau. Es wäre unhöflich Sie also einfach „Das Medium“ zu nennen, oder wie sehen Sie das?“ Tina lächelt.

„Es ist sehr höflich mich danach zu fragen. Wie steht es in den traditionellen Regeln?“, entgegnet Tina freundlich.

„Hm. Eine gute Frage. Sehen wir doch mal nach.“ Sie gibt ihrer Schwiegertochter die Aufgabe das Regelwerk zu organisieren.

„Wenn möglich bitte das aktuelle. Ich hörte, dass es überarbeitet wurde.“, bringt Tina sich vorsichtig ein. Die Frau geht zur Tür und öffnet sie. Die Aufforderung wird an das nächste Personal weitergegeben und die Tür wieder von innen verschlossen. Kaum kommt sie wieder zurück und stellt sich neben ihre Schwiegermutter, ertönt die strenge Stimme der Ältesten.

„Sie sind klug. Das war doch ein Trick.“ Tina bleibt cool, lächelt neutral und sagt nichts. Eine Frage wurde nicht gestellt und einfach sprechen darf sie noch nicht. Die Alte bewegt sich langsam und so elegant wie sie noch kann um Tina herum und mustert sie von allen Seiten. Es wird nichts gesagt. Alle Frauen stehen nur um sie herum. Auch Masako sagt keinen Ton. Sie denkt sich nur ihr Teil.

‚Richtig so, Kleines. Itachi hat Recht. Du bist genau die Richtige für diese Aufgabe. Stolz, erhaben und klug.‘

„Sie sind eine starke schöne Frau, warum können Sie das Medium sein? Sind Sie denn überhaupt noch jungfräulich?“, haut die Alte plötzlich heraus.

„Ist es eine Bedingung, um als Medium zu fungieren?“

„Das war keine Antwort, sondern eine Frage. Man antwortet nicht mit einer Frage. Das ist unhöflich.“, faucht die Dame wieder.

„Das stimmt, manchmal gibt es nicht immer nur ein Ja oder ein Nein als Antwort, daher die Gegenfrage. Bitte entschuldigen Sie mich bzw. meine offene Art.“

„Was ist denn nun Ihre Antwort?“, drängt sie brummig.

„Nach den Voraussetzungen, die man mir nannte, bin ich als Medium geeignet. Wir können dies im Zweifel gleich nachlesen und prüfen.“

„Sie maßen sich an, einfach zu behaupten, dass Sie in der Lage wären ein Medium zu sein, eine neutrale Figur mitten zwischen zwei Clans, die seit Jahrzehnten bis aufs Blut verfeindet sind? Ich zweifle Ihre Kompetenz an!“ Masako ist erstaunt. ‚Es war doch alles abgesprochen und die Alte ist sogar ein Fan von Tina, jedes Spiel sieht sie sich seit Jahren an. Die Besuche ihrer Spiele hält sie fit. Für etwas anderes verlässt sie nicht mehr das Haus. Warum zweifelt sie plötzlich ihre Fähigkeiten als Medium an? Oder ist das ein Trick?‘

„Sie wollen in aller Ernsthaftigkeit das Einschätzungsvermögen der Person anzweifeln, die mich als Medium eingeladen hat? Dann beleidigen Sie diese Person zutiefst. Ich denke nicht, dass Sie das möchten.

Ich bin nicht hier, um zwischen Ihren Familien zu stehen, sondern, um dafür zu sorgen, dass Sie Ihren Streit beilegen und in Zukunft zusammenarbeiten und ein neues Leben beginnen können, in Frieden.

Ob ich dazu in der Lage bin, keine Ahnung, denn ich hatte noch nie so eine Situation. Ich werde mein Bestes geben. Letztendlich haben Sie selbst die Wahl. Entweder akzeptieren Sie mich oder ich gehe und der Tag wird nicht so enden wie wir alle wollen.“ Die Alte grinst, hebt ihre schrumpelige Hand und sieht sie mit ihren faltigen schmalen Augen an. Ihre Stirn ist verrunzelt, ihre Haut teilweise etwas fleckig und eine Augenbraue zieht sich hoch.

„Sie sind nicht einmal in der Lage höflich zu sein, wie wollen Sie dann ein Medium sein?“ Diesmal kommt keine Antwort und beide sehen sich nur fest an. Keine Reaktion von Tina, nur ein höflicher Blickkontakt, als würde sie ihrer eigenen Urgroßmutter gegenüberstehen und mit ihr streiten. Mit Großmüttern streitet man nicht, das war immer Tinas Einstellung. Großmütter haben am Ende ohnehin das letzte Wort und das steht ihnen auch zu. Die Anspannung ist kaum zu ertragen und alle Anwesenden machen sich ihre Gedanken.

‚Was soll das? Was machen die beiden da? Warum antwortet sie nicht? So wie sie mit Mütterchen spricht, so kann das nur im Chaos enden. Ich dürfte das nicht. Warum ist sie so frech? Zuerst war sie so höflich und korrekt? Aber jetzt habe ich eher das Gefühl, dass sie Mütterchen provoziert. Warum riskiert sie das? Weiß sie nicht, was es für Auswirkungen haben kann, ihr frech gegenüberzustehen?‘, denkt die Schwiegertochter der Frau des Familienoberhaupts.

„Sie sind ein naives kleines Mädchen. Ich werde Sie nicht als Medium akzeptieren.“, spricht die Alte plötzlich leise und mit fester Stimme und sieht Tina direkt in die Augen.

‚Was hat diese Füchsin nur für einen Blick drauf? So stolz und klar. Kein Wunder, dass sich ein Mann wie Itachi sich in sie verliebt hat. Er hat sich wahrhaftig in sie verliebt und trotzdem will er sie opfern? Das habe ich nicht verstanden. Aber jetzt, jetzt steht sie hier mit ihrem stolzen Blick und ihrer aufrichtigen Haltung immer genau zu wissen, was sie will. Gut „Gelbe Füchsin“, du bist eine wahnsinnig gute Strategin. Ich liebe es, wie du deine Teams führst, immer siegst. Keine einzige Niederlage hast du bisher erfahren. Einmal auf dem Feld und immer gesiegt. Was aber…machst du jetzt? Legst du dich wahrhaftig mit der Yakuza an? Wir sind doch kein Volleyballteam, das du einfach austricksen kannst, oder dem du deinen starken Ball um die Ohren hauen kannst. So wie du es sonst auch tust, um den Respekt des Gegners zu erkaufen.‘ Kaum hat die Alte die Worte ausgesprochen, verbeugt Tina sich vor ihr.

„Wenn das so ist, dann kann ich ja wieder gehen. Ich habe noch genug auf meinem Schreibtisch zu liegen, was ich lernen muss. So ein Studium macht sich nicht von allein. Man sagte mir, ich könne jederzeit gehen und Sie sind Leute von Ehre.“, sagt sie höflich, trocken, ohne jeglichen Unterton und richtet sich daraufhin wieder auf, schaut höflich wie zu Beginn in die Runde.

„Sie entschuldigen mich?“ Sie geht dann erhobenen Hauptes direkt zur Tür, um den Raum zu verlassen.

„Ich wünsche Ihnen noch einen erfolgreichen Abend.“ Alle sind total verdutzt. Masako stutzt, denn sie hat eine ganz andere Reaktion erwartet. Sie wollte ihr doch helfen. Sie wollte doch Itachi helfen aus dem Clan auszusteigen und überhaupt wollte sie dafür sorgen, dass es nicht im Blutbad endet, was hier heute angefangen wurde.

„Mutter.“, kommt plötzlich eine zarte leise Stimme mit enttäuschtem Unterton. Es ist die Schwiegertochter, die empört zu ihrer Schwiegermutter schaut und einen Schritt auf sie zumacht. Ihr Puls steigt enorm an und Angst macht sich in ihr breit. Tina vernimmt zwar den leisen zarten Zwischenruf mit zittriger Stimme, aber sie reagiert nicht darauf und legt ihre Hand ohne Zögern einfach an die Schiebetür, um sie zu öffnen, doch genau in dem Moment kommen Fragen von dem Mütterchen, die Tina stoppen lässt. Mit diesen Fragen hätte sie niemals gerechnet.

„Erzählen Sie es uns! Was hat Ihre Großmutter auf ihrer Flucht im Eisenbahnwagon erlebt? Was hat Ihr Großvater als Jugendlicher getan? Wie ist es Ihrem anderen Großvater ergangen, als er als kleiner Junge mit russischen Soldaten umherzog? Was, Bettina Fuchs aus Deutschland? Blondes Mädchen mit Wurzeln im Naziland! Was?“ Tinas Puls steigt enorm an. Woher kennt sie diese Geschichten? Dass man sie ab und an auf das Thema Geschichte anspricht kennt sie schon, darauf ist sie immer vorbereitet, aber so persönliche Informationen über ihre Familie hat sie nur einmal preisgegeben. Woher kennt sie diese Infos über ihre Großeltern? Tina bleibt äußerlich cool, aber innerlich ist sie sehr stutzig. Sie lässt die Tür zu. Eigentlich hatte sie gehofft, dass sie endlich als Medium offiziell akzeptiert wird.

„Die unverblümte Wahrheit?“, geht Tina auf sie ein und schaut die Tür an, die direkt vor ihrer Nase ist.

„Ja. Die Wahrheit, was war damals? Es kursieren Gerüchte, ich will sie bestätigt wissen.“

„Ich möchte es aber ungern vor Masako-san und Ihrer jüngeren Begleitung sagen. Ihre Generation hingegen kann damit besser umgehen.“, spricht Tina ernste Worte und dreht sich zu ihnen um.

‚Bettina, was meint sie damit? Wovon redet sie?‘, wundert sich Masako.

„Die sind erwachsen genug und haben durch unsere Familie genug schlimme Dinge gesehen und erlebt, da sind diese Geschichten nichts dagegen. Wenn ich Ihnen was von damals erzähle, dann wird nur darüber gelächelt. Aber…wie war es in Deutschland?“

„Sie reden selbst über diese schreckliche Zeit? Das ist doch ausreichend. Hier war es doch anders und trotzdem hat das Land leiden müssen. Reicht das nicht?“, beginnt Tina und versucht davon abzukommen ihre Familiengeschichten zu erzählen.

„Sagen Sie es schon! Erzählen Sie es uns, wir wollen die Erwachsenenversion hören! Kein Drumherum und keine Blümchen!“, fordert sie plötzlich hastig, laut und mit zittrigen Händen. Ihr Herz schlägt deutlich schneller.

„Masako-san, ich bitte vielmals um Entschuldigung für das, was ich zu erzählen habe.“, spricht sie förmlich zu der Clanchefin.

„Ist okay. Jetzt bin ich auch neugierig.“, kommt trocken zurück. Tina geht ein paar Schritte zurück in den Raum und berichtet mit ernsten klaren Worten von den Erlebnissen, die man ihr erzählt hat. Sie beginnt mit dem Großvater, mütterlicherseits, der als verlorengegangener kleiner Junge mit sowjetischen Soldaten unterwegs war, später seine Eltern mit ihrer Hilfe wiederfand und fuhr dann weiter fort.

„Mein Großvater väterlicherseits…hat nach den Bombenangriffen auf die Stadt Dresden als Fünfzehnjähriger mit den Trümmerfrauen zusammen die kaputten Häuser durchkämmt, auf der Suche nach Überlebenden, Lebensmitteln, Medikamenten. Dresden ist eine der Städte, die am meisten Gegenwind von den Amerikanern abbekommen hat. Seine Eltern mussten mit ihm aus Königsberg fliehen und ließen ihn auf der Flucht, auf seinem eigenen Wunsch aus, dort. Er war einer von den Jungs, die die Leichen aus den Kellern ziehen und auf die Wagen und Schubkarren packen mussten, um sie für die Verbrennung zur Sammelstelle zu bringen. Jeden Tag, viele Monate lang.“ Tina atmet tief durch. „Meine Großmutter mütterlicherseits floh als Zehnjährige beim Rückstoß der roten Armee aus Ostpreußen Richtung Westen, mit vielen anderen zusammen waren sie tagelang mit der Eisenbahn im Viehwaggon unterwegs, keine Pausen, keine Nahrung, kein Platz. Sie hockten einfach nur da, zusammengepresst. Ähnlich wie die Juden, die man zu den Lagern brachte. Einige starben auf der Reise an Hunger, Kälte und Krankheiten. In ihrem Waggon war eine hochschwangere Frau. Sie bekam mitten in dem ganzen Dreck und Elend ihr Kind. Es hatte noch viele Tage vor sich im Waggon zwischen Menschendreck, Kälte und Krankheiten und am Ziel wusste man nicht, was wirklich kommt, ob man als eigentlich deutscher Flüchtling aufgenommen würde. Und dann…kurz nach der Geburt…erstickte sie es und warf es aus der Tür, aus der Not, denn es gab keine Hoffnung für das Kleine, keine Nahrung, denn durch die verhungerte Mutter gab es kaum Milch. Keine Hoffnung es ernähren zu können.

Noch heute sieht meine Großmutter dieses Bild mit dem Kind, wenn sie Babys sieht.“, berichtet sie weiter. Dann sieht sie nebenbei in die Runde und alle drei Frauen sehen sie überrascht an. Ihre Blicke sind angespannt.

Es dauert nur wenige Sekunden, dann kommt die Alte auf sie zu, mit strengem Blick und bleibt direkt vor ihr stehen und sieht zu ihr auf.

„Danke. Danke, dass du es uns erzählt hast. Jetzt habe ich doch noch zwei Fragen. Antworte, bevor du gehst.“, klingen ihre Worte plötzlich etwas persönlicher. Tina nickt nur. Ihr Puls ist etwas erhöht, denn es fällt ihr nicht leicht, diese Erlebnisse zu schildern.

221. Die arrangierte Ehe

Kleiner Zeitsprung in die Vergangenheit:
 

Kapitel 221
 

Die arrangierte Ehe
 

Seit langer Zeit steht der Keeper Ken Wakashimazu nachdenklich vor dem Eingang seiner alten Schule, der Toho.

‚Was war das nur für eine komische und auch aufregende Zeit hier?‘ Sein Handy klingelt. Es ist Ken Hyuga, Kojiros sechzehnjähriger Bruder.

„Hi, wie geht’s dir?“, entgegnet er seinem besten Schüler.

„Super. Aber ich muss mit jemanden reden. Geht es gerade bei dir, Sensei?“

„Ja, rede.“

„Kojiro, er hat mir von heute Vormittag erzählt.“

„Okay. Und?“

„Er ist jetzt bei ihr, bei Tora-san.“

„Bei ihr? Wie meinst du das? Über Nacht? Ist doch normal.“, hakt er verwundert nach.

„Ja, aber ich meine, für den Rest des Urlaubs. Wie ein Einzug in ihr Haus. Also…sind die richtig ein Paar? Was hältst du von ihr?“

„Mach dir darüber keine zu großen Gedanken. Es wird schon alles gut gehen. Kümmere dich wie immer um alle und gut ist.“

„Danke. Dir noch einen schönen Abend.“, kommt nur schlicht und schon legt der Junge auf.

‚Hm. Bei ihr? Kojiro…was wird nun mit euch? Tina hat dir von dem Überfall auf ihren Bruder erzählt und du meinst das echt ernst mit ihr. An deinem kleinen Flirt heute Früh war es deutlich zu erkennen. Man war das eine Vorstellung von euch beiden. Und dann kam Genzo noch dazwischen. Mikamis Gesicht war schon ein interessanter Anblick. Und du Kojiro…wie du Tina angesehen hast und sie dich. Da hat es so richtig gefunkt zwischen euch. Die Spannung konnte wirklich jeder spüren. Verbergen konntet ihr es nicht. Es hat nur niemand was gesagt.‘ Dann grinst er und schaut zum Himmel hinauf.

‚Und du, schöne Yoko? Was war das denn nur für eine seltsame Situation? Da berührst du einfach meine Wange und siehst mich so hin reizend an. Mein Puls steigt jedes Mal so an, wenn ich nur daran denke, wie schön sich das angefühlt hat. Deine kleine zärtliche Hand auf meinem Gesicht. Was bist du nur für eine besondere Frau, dass mich das so mitnimmt? Es war doch nur eine einfache zarte Berührung. Nur ein ganz kurzer Moment.‘ Sein Herz fängt wieder an enorm zu schlagen. Er blickt hinab zu seinen Händen. Auch er hat sie berührt…so zärtlich und warm fühlte sich ihre Hand an, die seine Wange berührte. Ihre Augen gehen ihm nicht aus dem Sinn. Wie sie leuchteten, als sie sich einfach nur angesehen haben.

‚Ob du mich magst, schöne zärtliche Yoko? Warum hast du das gemacht, mich berührt und mich so sinnlich angesehen? Was waren das denn nur für Andeutungen? Ich hätte mich das gar nicht getraut, dich einfach so anzufassen, aber du…du hast es einfach getan. Wir kennen uns doch überhaupt nicht und irgendein Groupie bist du auch nicht. Vor denen muss man sich sehr in Acht nehmen.‘ Er lächelt. Das unglaubliche Zusammenspiel mit Tina kommt ihn in den Sinn. Dieses blinde Vertrauen ihrer Freundin gegenüber, das war ein Anblick, den er sicher nie wieder vergisst.

‚Wie würdest du dich anfühlen, eine schöne sportliche Frau wie du? Dein sanfter Blick…du bist sehr offen, wenn es um deine Gefühle geht, sonst hättest du mir nie so liebevolle Worte gesagt.‘ Dann macht er Fäuste und schüttelt den Kopf. ‚Ich bin ein Idiot, was bilde ich mir überhaupt ein? Es sind nie die Frauen, die ich interessant finde. Warum sollte das eine Ausnahme sein? Nur weil sie mich so angesehen und berührt hat? Und wenn…am Ende ist es immer gleich, ein Flirt, ein Kuss, eine Nacht, mehr nicht.‘ Er atmet tief durch und dann versucht er seinen Kopf frei zu kriegen und führt seinen Ausdauerlauf auf seiner alten Route fort. Nach etwa einer halben Stunde kommt er an einer Brücke vorbei und läuft hinüber, da hört er plötzlich komische Stimmen und darauf einen Hilferuf.

„Hilfe! Lasst mich los!“, kann er deutlich hören. Es ist die Stimme einer Frau. Eilig, aber vorsichtig geht er zur Treppe, die unter die Eisenbahnbrücke führt. Er ist der einzige Passant in der Nähe, ebenso ist die nächste Polizeiministation einige Kilometer entfernt. Um diese Zeit in der Dunkelheit eine perfekte Voraussetzung für Überfälle. Er schleicht sich hinunter und erblickt drei Typen. An der Betonwand ist zu sehen, dass eine Frau von ihnen bedrängt wird. Mehr kann er nicht deuten. Leider ist von seiner Sicht aus nicht zu erkennen, ob sie bereits etwas in den Händen halten, wie Messer oder ähnliches, noch wie alt die Frau sein könnte. Es könnte auch ein Mädchen oder eine alte Dame sein.

„Du kannst noch so laut schreien, Süße. Dich hört hier sowieso niemand. Auch nicht, wenn wir erst mit dir fertig sind.“, kommt gehässig und lüstern.

„Hilfe! Bitte hilft mir doch jemand! Verschwindet, ihr Perverslinge!“, wird wieder gerufen und kurz darauf fallen zwei von ihnen einfach um und daraufhin gleich Nummer drei. Als hätte man sie erschossen, lautlos und heimlich in den Rücken, aber nein. Es ist Ken, der sich gezielt anschlich und seine Spezialtechnik anwendete, zuerst mit beiden Händen, dann mit der Rechten und schon war Ruhe. Er schaut zu den dreien hinunter, um sich ihrer Bewusstlosigkeit zu vergewissern und testet noch kurz ihren Puls.

„Alles okay bei Ihnen?“, spricht er noch in der Hocke und blickt nach dem Testen zu der Frau, die er soeben gerettet hatte.

„Ken?“

„Yoko?“ Beide sehen sich völlig überrascht an und ihr Puls rast plötzlich wie wild. Ihre Gedanken sind beide in diesem Moment völlig leer. Was ist das denn nur für ein seltsamer Zufall?

„Was…hast du gemacht?“, fragt Yoko.

„Äh, naja. Ich äh…einfach einen bestimmten Schlag ausgeführt, damit sie bewusstlos sind. So schnell kommen die nicht wieder auf die Beine.

Ist…bei dir alles okay? Haben die dich angefasst?“ Yoko grinst plötzlich und lacht los.

„Das hätten die sich mal trauen sollen. Danke, aber es war gar nicht nötig. Wie langweilig, jetzt kann ich gar nicht ihre dämlichen Gesichter sehen, wenn ich sie verprügle. Das ist immer zu lustig.“ Sie zückt das Handy und ruft bei der Polizei an.

„Hallo, ich will drei Männer anzeigen, wegen versuchter Vergewaltigung. Kommen Sie her und sammeln Sie sie ein.“ Sie gibt ihren Standort durch, dass drei RTWs kommen müssen und legt auf.

„Wie jetzt? Was meinst du damit, ich hätte nicht helfen müssen?“

„Oh, du hast dich anscheint nach unserem Kennenlernen heute Früh gar nicht über mich informiert?“

„Oh, naja. Du bist eine Freundin von Tina und spielst mit ihr im Tokio-Team, quasi ähnlich wie ich. Ich spioniere doch jetzt niemanden hinterher.“

„Warst du gar nicht neugierig auf mich?“, haut sie einfach raus. Ken fasst sich verlegen an den Kopf und blickt ihr dabei trotzdem in die Augen.

„Schon, aber…muss ich dafür denn irgendwelche Internetseiten besuchen? Ich dachte…wenn, dann lernt man sich doch so kennen, oder nicht? Vielleicht nicht unbedingt so wie jetzt, aber…irgendwie halt normal? Durch…gemeinsame Kontakte zum Beispiel? Da muss doch Gesprächsstoff übrigbleiben.“, redet er etwas wirres Zeug. Sie geht an den Typen, die vor ihren Füßen liegen vorbei und stellt sich neben ihn und schaut zu ihm auf und lächelt.

„Wow, ich wusste gleich, du bist nicht so ein Schleimbeutel wie die anderen. Du solltest mich nachher ins Dojo begleiten. Ich will jetzt unbedingt wissen, wie stark du bist.“, sagt sie liebevoll und berührt ihn schon wieder an seiner Wange.

‚Ken, was bist du nur für ein unwiderstehlich anziehender Mann? Jemanden wie dir bin ich noch nie begegnet.‘ Sein Puls rast so sehr, dass er überhaupt nichts anderes mehr hören kann, außer seinen eigenen Herzschlag. Das gab es noch nie. Natürlich fand er die eine oder andere Frau unwiderstehlich attraktiv, was wäre er denn für ein Mann, wenn es nicht so sein würde, aber hier und da sich auf jemanden nur zum Spaß und zum Vergnügen einzulassen, das ist doch nicht damit zu vergleichen, jemanden nur in die Augen zu sehen und eher fast zu erstarren oder sich plötzlich mehr als nur das EINE auszumalen. Immer waren es Enttäuschungen, wenn er doch mal mehr erhoffte und sich mit jemanden einließ. Yokos Fröhlichkeit und ihre Art sich zu bewegen und zu lächeln, faszinierte ihn schon seit ihrer Begegnung. Und dann war dann diese unbekannte Anziehung da. Eine Anziehungskraft, die er zuvor nie gespürt hatte. Er fasst ihre Hand erneut an, so wie am Vormittag, als sie auf den Notarzt gewartet haben. Dann lächelt er smart.

„Du solltest aufpassen, wen du auf diese Weise berührst, das könnte auch falsch verstanden werden.“ Er versucht sie mutig aus der Reserve zu locken und sich etwas abzulenken, denn wenn es nach ihm und seinen Hormonen geht, dann würde er sie sofort in die Arme nehmen und küssen wollen. Aber er ist ein feiner Kerl und keiner, der sich einfach nur nimmt, was er gerne will. Außerdem will er auch, dass es auf Gegenseitigkeit beruht. Das wollte er doch eigentlich immer, aber nie hat es sich wirklich so ergeben. Einmal, ja, da dachte er, es war was Ernstes, aber dann kam die große Lüge heraus und die Enttäuschung war groß. Diesen Fehler will er auf keinen Fall erneut machen.

„Oh, keine Sorge…so berühre ich sonst niemanden, es gab nie einen Grund dafür. Aber bei dir…dich will ich so berühren, keine Ahnung wieso.“ Sie hält inne und nimmt ihre zweite Hand und fasst ebenso seine andere Wange. Ihr Puls steigt immer mehr an und ihr wird ganz heiß. Bei ihm sieht das nicht groß anders aus. Auch sein Herz schlägt immer lauter. Wie benommen nimmt er ihre Hände und ihre schönen Augen wahr, ohne zu wissen, wie er darauf reagieren soll.

„Aber heute Vormittag…ich habe da was gespürt und das war komisch…neu und so aufregend…und…dann siehst du mich schon wieder…so an…so…besonders und…du riechst so gut…und du…bist so nett und stark und…verdammt!“, wird sie in ihrem Redefluss immer lauter und flucht plötzlich los.

„Verdammt nochmal…was ist das denn jetzt plötzlich?“ Erschrocken lässt sie ihn los und starrt ihn an. Ihre Hände sind wie feucht und überall kribbelt es an ihr. Das kann sie sich nicht erklären. Dieses seltsame Gefühl kennt sie nicht an sich. Sie weiß genau in welche Richtung es gehen soll, aber so plötzlich und dann so stark hat sie es noch nie gefühlt.

„Oh mein Gott, tut mir leid.“, nimmt sie ihre Hände vor den Mund. Ihr Blick ist noch immer auf ihn gerichtet.

„Es tut mir leid. Du musst denken…ich bin total bescheuert. Jetzt…habe ich es mir…sicher total bei dir verscherzt.“ Ken ist etwas von der Rolle. Sie berührt ihn einfach und plappert ihn voll mit allem, was ihr scheinbar durch den Kopf geht, und dann lässt sie ihn plötzlich doch los und so richtig weiß er gar nichts damit anzufangen. Noch nie ist er einer Frau begegnet, die einfach nur sagt, was sie denkt oder empfindet. So frei raus und unverblümt, ohne gleich alles auf die Waage zu legen.

„Yoko…du bist…ähm…so direkt…und ehrlich…und so…schön.“, stammelt er sich zurecht, denn irgendwie hat er das Gefühl, diese Frau will genau so direkt und ehrlich behandelt werden, wie sie es tut. Er ist ihr doch sehr ähnlich, denn auch er sagt gerne was er denkt, manchmal auch etwas zu vorschnell, aber wenn es wichtig ist, gut überlegt. Ihre Hände schwinden von ihrem Mund und dann tritt sie plötzlich wieder an ihn heran und schaut ihn mit glasigen Augen an und grinst wie herausfordernd.

„Wirklich? Du magst mich auch, obwohl ich so viel dummes Zeug rede? Kannst du auch was Besonderes spüren?“ Er lächelt und seine rechte Hand hebt sich und fasst ihre Hand.

„Ich…nein…anders. Du…gehst mir seit heute Früh nicht mehr aus dem Kopf.“, haut er einfach heraus und macht verlegen die Augen dabei zu, denn er hofft, sie würde es nicht für total dämlich finden, wenn sie selbst schon so komische Sachen einfach sagt.

„Ken…dann…küss mich doch endlich! Jetzt noch…bevor die Blaulichter da sind!“ Verdutzt reißt er seine Augen auf und sieht in ihr zauberhaftes Lächeln. Durch die Abendstimmung leuchten ihre Augen besonders aufregend, denn der Mond ist bei wolkenlosem Himmel gut zu sehen.

‚Yoko…du…‘ Sein Herz bleibt fast stehen, als er das hört. Er soll sie küssen? Jetzt sofort, an diesem seltsamen Ort? Er zögert kurz und dann kommt ihm jedoch ein Spruch seines Trainers Kira in den Sinn, als er als Stürmer spielte und jetzt hört er den Spruch immer wieder zu Kojiro und den anderen.

„Wenn sich eine Lücke auftut, sei sie noch so klein, dann nutze sie, sofort! Es kann die kleinste Lücke sein, die dich zum Sieg führt.“ Nun ist so eine Lücke da. Sie lädt ihn ein, zu einem Kuss und einer Berührung.

Plötzlich fasst er ihre Hand bestimmender, zieht sie etwas an sich heran, berührt mit der Linken ihren Kopf, fährt sanft durch ihre schönen braunen Haare an ihre Hochsteckfrisur mit den zwei zusammengesteckten, geflochtenen Zöpfen und beugt sich ihr entgegen. Yokos Herz zerspringt förmlich, als sich ihre Lippen berühren und sie sich sinnlich küssen. Es erscheint ihnen, als wären sie gar nicht an so einem Ort wie diesen. Nein, um sie herum ist keine alte Steinbrücke, die eine kleine Landstraße über eine Eisenbahntrasse führt, und neben ihnen liegen auch keine drei Kerle, die im Traumland sind und es ist auch auf keinem Fall zu spüren, dass die Blaulichter sich näheren und lauthals ihre Sirenen anhaben. Nein, das alles bemerken sie nicht, denn sie sind in ihrer Welt, in der Yoko-und-Ken-Welt.
 

Etwa eine Stunde später schiebt Yoko die Tür zu ihrem Zimmer im Familienanwesen auf.

„Endlich…Ken. Wir sind allein, nur wir zwei.“, blickt sie zu ihm auf und zieht ihre Haarklemmen aus den Haaren, so dass sie langsam herunterfallen. Er staunt nicht schlecht und greift vorsichtig in ihre schönen Wellen, die durch das Flechten und Hochstecken entstanden sind.

„Wie wunderschön du bist.“, flüstert er offen und sieht sie wolllustig an. Er bemerkt sehr wohl wie es langsam in ihm pulsiert und es ihm immer schwerer fällt ihr zu widerstehen. Ihre Hände sind an seinem Shirt, dann wandern sie hastig zu ihm hoch und fassen beide an seinen Hinterkopf und führen seinen Kopf zu ihr herunter. Ihm war schon klar, was es bedeutet, wenn sie ihn zu sich einlädt und dass sie nicht nur „einen Tee trinken“ oder sich ihr „Dojo“ ansehen werden, aber dass sie gleich so loslegt, ähnlich wie mit dem Kuss unter der Brücke, das erstaunt ihn jedoch schon. Aber es geht ihm genauso. Seit des Kusses sind seine Sensoren mehr als in Bereitstellung und es kann ihn nichts und niemand mehr davon abhalten diese aufregende Nacht mit dieser Schönheit zu verbringen. Ihre Lippen berühren sich hastig und leidenschaftlich, denn beiden kann es plötzlich nicht mehr schnell genug gehen, den anderen spüren zu können. Wie fühlt es sich nur an, den anderen zu fühlen? Wie? Das geht in beiden vor und kaum ist die Tür hinter ihnen zugeschoben, zieht sie ihm das T-Shirt über den Kopf, knüpft er ihre Bluse auf und streift diese über ihre Arme und drängt sie weiter in den Raum. Er umfasst sie zärtlich, aber bestimmend und genießt ihren warmen Körper an seiner durchtrainierten Statur. Unter ihrem Sport-BH zeichnen sich deutlich ihre erregten Brüste ab und das kann er sehr deutlich spüren. Yokos Körper kann nicht mehr viel leugnen und verbergen, was sie nun will, was sie von ihm erwartet und was sie spüren will. Bei ihm ist es nicht anders. Ihre fordernde Art lässt auch bei ihm ihr alles deutlich spüren, was er als nächstes erwartet.

Wenig später lassen sie ihrer Leidenschaft einfach freien Lauf und genießen jede zärtliche Berührung und jede aufregende neue Erfahrung miteinander. Sie haben beide das Gefühl in einer eigenen Welt zu schweben und komplett den Boden unter den Füßen zu verlieren.
 

Am frühen Morgen wacht Ken neben der Schönheit auf. Sie liegen beide auf einem Futon und Yoko liegt auf dem Bauch, ihren Arm auf seiner Brust und mit dem Blick zu ihn gerichtet. Er lächelt. Seine Gedanken liegen noch versunken in den schönen intensiven Gefühlen mit ihr.

Noch vor Kurzem hat er gedacht, er würde niemals eine solche Erfahrung machen, eine ehrliche Frau kennenzulernen. Bisher war nie ein Mädchen oder eine Frau ehrlich und offen zu ihm. Er nimmt ihren Arm vorsichtig und behutsam von sich herunter und legt sie neben ihr. Dann steht er auf, denn er muss leider dringend das Zimmer verlassen.

Wenig später kommt er wieder und legt sich neben sie. Er streichelt ihren Rücken und fährt durch ihr schönes langes braunes Haar.

‚Du bist so schön, und so aufregend, Yoko. Ich bin gespannt, was das hier noch wird mit uns. Wird das was Besonderes werden, so wie es sich jetzt anfühlt oder täusche ich mich wieder? Hm. Ich habe jedoch bei dir gar kein schlechtes Gefühl. Sonst kommt es schon kurz vorher oder gleich danach, noch bevor der Morgen anbricht, noch bevor ich einschlafe.‘ Er dreht sich auf den Rücken und legt die Decke über seinen nackten muskulösen Körper. Seine Hände liegen neben ihm und die linke Hand berührt die weiche Haut der Frau neben sich. Er schaut zur Decke und die aufregenden Momente der Nacht kommen ihn ins Gedächtnis. Noch nie hat er es erlebt, dass sich eine Frau ihm so derart hingibt, dass es den Anschein hatte, sie kennen sich schon so lange und würden sich blind vertrauen. Was waren das nur für neue intensive Gefühle und er hatte das Gefühl, dass sie ihm in seinen Händen wie Butter zerschmelzen würde und im nächsten Moment gab sie wieder den Ton an und brachte ihn dazu, Dinge zu tun, die er sich zuvor nie getraut hätte zu tun. Vermutlich weil der Gedanke immer da war, etwas falsch machen zu können. Immerhin ist er ein Mann, der viel in der Öffentlichkeit steht und ein kleinster Fehler, dann könnte es Probleme bringen.

Plötzlich vernimmt er ihr Wachwerden neben sich. Er dreht sich sofort zu ihr und stützt sich auf seinem linken Arm ab. Die Hand am Kopf und lächelnd blickt er zu ihr herunter, als sie die Augen öffnet.

„Du bist wach?“, spricht sie sanft und lächelt ihn glücklich an. Er lächelt nur und berührt dann zärtlich ihre Wange. Daraufhin richtet er sich auf und sitzt neben ihr. Das dünne Tuch, das als Zudecke dient, rutsch ihm in den Schoß und sie kann den Mann neben sich wohlwollend bewundern.

„Guten Morgen.“, sagt er nur leise. So ganz klar, was er in so einer Situation sagen soll, weiß er noch nicht. Meist trennen sich die Wege nach einer Nacht und es folgt einfach nur ein normaler Alltag.

„Gehst du jetzt? War es doch…nur der Spaß für dich? Ich dachte…da war auch für dich…was Besonderes.“, stellt sie plötzlich etwas betrübt in den Raum. Er sieht sie verdutzt an.

‚Wie kann sie denn sowas sagen? Wie kommt sie denn plötzlich darauf?‘

„Nein, ich…ich muss nur zum Training. Wir haben…ein wichtiges Freundschaftsspiel. Da darf und will ich nicht fehlen.“, erklärt er sich ehrlich. „Wirklich? Also…schläfst du nochmal mit mir oder…gehen wir jetzt miteinander?“ Yoko richtet sich auf, sitzt nun nackt neben ihm und schaut ernst zu ihm auf. Etwas verdutzt blickt er sie an. Sein Puls steigt bei dem Anblick ihres nackten makellosen Körpers deutlich an.

„Hast du wirklich gedacht, dass ich einfach gehe?“ Er beugt sich etwas zu ihr, berührt ihre Hand auf seiner Seite und sieht ihr liebevoll in die Augen.

„Du bleibst?“, lächelt sie jetzt auch liebevoll. Seine linke Hand lässt das Laken los und berührt nun ihre Wange. Er kniet neben ihr.

„Jetzt wo ich endlich…jemanden gefunden habe, die genauso verrückt nach Bällen ist und sich gerne im Dojo prügelt wie ich, gehe ich doch nicht einfach wieder.“ Ken kommt ihr entgegen und bleibt mit seinen Lippen direkt vor ihrem sinnlichen Mund stehen. Er genießt ihren starken Atem, der gefühlt immer schneller wird.

„Ich für meinen Teil…kann dich…gar nicht wieder…loslassen. Aber…DU entscheidest…ob ich hier bei dir sein darf oder nicht.“ Beiden wird in diesem Moment unwahrscheinlich heiß. Viel zu aufregend war die Nacht und Yoko würde am liebsten wieder in seinen Armen liegen und ihn mit allen Sinnen genießen. „Ken…ich…“, stottert sie sich zusammen. Ihre Wangen werden rot und kurz darauf spürt sie seine Lippen auf ihren und genießt den leidenschaftlichen Kuss. Die Sonne geht langsam auf, taucht das Wasser im Innenhof des Anwesens in ein buntes Lichtspiel, während die beiden in morgendlichen kurzen Zärtlichkeiten versinken.
 

Etwa eine Stunde später, so gegen 5 Uhr stehen sie vom Frühstückstisch auf. Es war ein kurzes Frühstück, denn viel Zeit hat Ken nicht mehr, bis sein Training beginnt. Sie gehen direkt zum Familien-Dojo und Yoko schiebt die Tür auf. Ken staunt nicht schlecht. Es ist etwas größer als das seiner Familie. Vermutlich liegt es daran, dass sie in einer größeren Stadt lebt und daher mehr Schüler kommen und der Platz gebraucht wird.

„Wow, ist größer als bei uns.“

„Wir haben Glück, meine Eltern sind auf Hokkaido, Bekannte besuchen und das Dojo ist für zwei Wochen beurlaubt. Ich muss mich aktuell um mein Training kümmern, für die Asienmeisterschaft. Also ist jetzt Trainingspause für mich als Ausbilderin.“

„Seit wann bist du schon Meisterin deiner Kunst? Ich habe meinen 4. Dan mit 13 Jahren etwa erreicht. Aber da unser Dojo nicht in Tokio liegt, kann ich nur wenige Schüler nebenbei ausbilden und muss mich bei jemanden einmieten, das ist immer sehr kostspielig, leider. Es gibt also nur wenige Schüler, unter anderem Kojiros Bruder.“

„Auch so mit 14 rum. Wow, ist ein hartes Stück Arbeit und dann der Sport nebenbei. Das ist schon heftig.“

„Dann ging es dir also genauso?“, fragt er neugierig nach. Beide betreten barfuß den Raum.

„Wie meinst du das? Genauso?“

„Na ja. Als ich etwa mit sieben Jahren durch Kojiro Fußball für mich als Sport entdeckte, da rastete mein Vater völlig aus, dass ich das als Hauptsport machen will. Er war immer fest davon überzeugt, dass ich das Dojo eines Tages übernehme. Ich hatte viel Arbeit ihn davon zu überzeugen, dass ich für Fußball auch talentiert genug bin. Anfangs war ich Stürmer, bis unser Keeper ausfiel und ich ihn ersetzte. Ohne Kojiro und Trainer Kira zusammen hätte ich das nie geschafft ihn zu überzeugen. So einigten wir uns dann, dass ich das Dojo zwar hauptsächlich besuchte, aber auch zum Training und den Spielen gehen durfte. Und ich übernehme dann das Dojo, wenn ich meinen 5. Dan erreichen kann und kein Fußball mehr spiele. Also so mit 30 etwa rum, wo die meisten eh aufhören und ich dann meine Aufgaben auf den 5. Dan anstreben kann. Ich musste also beides lernen. Ich liebte beides, das war immer so. Bis heute.“

„Oh, ich verstehe. Und wie seid ihr jetzt damit verblieben? Dein Dojo willst du doch wirklich übernehmen, oder?“ Ken schaut sich nebenbei um und bewundert die schönen Malereien an den Wänden und auf den Schriftrollen.

„Auf jeden Fall, das war gedanklich immer mein zweites Standbein. Aber dann…als ich meinen vierten Dan hatte, da fing das ganze Theater von vorne an. Wieder gab es Stress, immerhin war ich dann wie meine Urgroßväter 14 und damals wurde man verheiratet. Mein Vater übrigens auch. Meine Eltern sind eine arrangierte Ehe, weil keine Geschwister kamen, so wie bei mir. Sie wurden mit 14 bzw. 16 verlobt, lernten sich kennen und heirateten dann mit 16 und 18 Jahren. Was das betrifft, bleibt er voll bei den alten Traditionen. Voll altmodisch und überholt.“ Yoko ist erstaunt. Er hat Recht. Ihm ging es scheinbar wirklich wie ihr.

„Dann brannte unser Dojo im Frühling 1998 durch einen Blitzeinschlag und es fielen viele Sanierungen an und es musste fast neu aufgebaut werden. Das war eine schwere Zeit. Mein Vater verletzte sich bei den Löscharbeiten. Seitdem ist er nicht mehr in der Lage vollwertig zu trainieren und kann nicht alle Künste weitergeben. Deswegen drängte er erneut mit meiner Übernahme, denn offiziell war ich ja nun bereit genug und auch im passenden Alter.“

„Und dann?“

„Um das Dojo auf Dauer finanziell retten und übernehmen zu können, wollte er sich mit einem anderen zusammenschließen. Es sei sinnvoll in der modernen Zeit verschiedene Techniken miteinander zu verbinden. Also arrangierte er für mich eine Verlobung. Ein alter Freund habe wie er nur ein Kind, aber ein Mädchen, im selben Alter. Frauen dürfen ein Dojo nicht unverheiratet übernehmen. Sie benötigen einen Meister als Ehepartner. Also entschieden das die beiden Männer einfach so.“ Yoko hört ihm aufmerksam zu und plötzlich wird ihr wieder sehr warm. Warum kommt ihr die Geschichte so bekannt vor? Ken dreht sich zu ihr und sieht sie fragend an.

„Hast du denn Geschwister? Wie ist das bei euch geregelt?“ Sie lächelt und grinst etwas.

„Hm, erzählst du zuerst deine Geschichte zu Ende? Ich will wissen, wie ihr verblieben seid, denn immerhin bist du Fußballer geblieben. Oder bist du verlobt?“

„Äh, nein. Auf keinen Fall. Und dann würde ich bestimmt nicht bei dir sein. Was denkst du von mir?“, kommen etwas irritierte Worte.

„Schon gut. Das war ein Scherz.“, lächelt sie.

„Hm. Sagen wir mal so, ich habe meinen Vater etwas ausgetrickst. Ich musste ihm ein Versprechen geben. Auf die Idee kam er aber selbst.

Ich sollte ihm versprechen, dass ich es in Japan an die Spitze schaffe, also die Nummer 1 bin und genug Geld verdiene, um mein Studium zu finanzieren und das Dojo zu erhalten. Nur dann darf ich mir meine Frau selbst aussuchen, egal wer sie ist, also wie jeder andere und wie zuvor geplant muss ich erst mit etwa 30 das Dojo offiziell übernehmen.“, grinst er sie an.

„Wow…hast du sie mal kennengelernt, also das Mädchen, die es sein sollte?“ „Nein, war mir auch egal…ich heirate doch niemanden, den ich nicht kenne und wer weiß ob ich sie mögen würde oder sie mich. In dem Alter ist das eh Blödsinn. Sowas geht doch eh nach hinten los.“

„Ich verstehe. Ich würde auch niemanden heiraten, den ich nicht kenne. Und…was meinst du mit ausgetrickst?“

„Ach das, ja. Das war so. Als er mich nach dem Training eines Tages abfing und mir von seinem dämlichen Plan erzählte, wusste er nicht, dass ich bereits Japans Nummer 1 war. Ich hielt in diesem Moment die Anwerbung und Zusage des japanischen Fußballverbands für die U16 in der Hand. Dass die mich beim Training abgefangen haben und mir sofort eine Zusage gaben, als ich zustimmte, konnte er nicht wissen.

Somit war es bewiesen, die beste Sportschule besuchte ich bereits und folglich die Uni dazu, sahen in mir die Nummer 1. So war mein Studium finanziell abgesichert, solange ich den Abschluss schaffe. Den frisch verdienten Meistertitel in der Tasche und dann folgte die WM und ich konnte es allen beweisen, dass ich Japans Nummer 1 bin.“

„Aber du bist doch Nummer zwei, also im Japanteam.“

„Ja, jetzt. Aber damals war Genzo nicht offiziell im Team und ich stand als Nummer 1 im Tor. Und jetzt bin ich im Land Nummer 1 und das in meinem Alter. Das erkannte mein Vater an, denn das Land verlassen sollte ich nicht. Es gab keine Steigerung mehr.“

„Wow, tolle Geschichte. Bei mir war das ähnlich.“

„Hm. Erzähl mir deine Geschichte, aber vorher habe ich doch noch eine Frage. Klingt vermutlich etwas dämlich, aber wer hat euch die Wände bemalt?“ Yoko schaut erstaunt und grinst wieder. Dann geht sie zu dem Motiv mit dem Vulkan und der Sonne. Er sieht ihr von hinten zu und genießt den Anblick, wie sie mit ihrem Karategi vor dem großen Bild steht.

„Das war meine Mutter. Sie stammt aus einer alten Samuraifamilie und diese legte sehr viel Wert in die Bildung, Kunst und Dichtung, daher auch Malerei. Meine Oma kann auch so gut malen.“

„Oh, deine Mutter? Hat sie auch Aufträge gemacht? Ich habe das Gefühl, dass die Bilder in unserem Dojo die gleiche Handschrift haben. Nach dem Brand und der Sanierung mussten auch die Wände neu bemalt werden und die Malerin kam während unserer Trainingszeit vorbei. Also während ich mit Vater trainierte. Sie war sehr nett.“

„Ja, für Freunde und Bekannte macht sie das.“ Yoko dreht sich um und sieht zu ihm. Ihr Herz klopft plötzlich sehr stark.

„Ken? Sag mal…wie heißt dein Vater mit Vornamen?“, kommt sie plötzlich mit einem ernsten Ton. Ken ist erstaunt. Warum fragt sie denn danach? Plötzlich beginnt sein Puls extrem anzusteigen. Was hat das denn zu bedeuten? Ihre Mutter war eventuell die Malerin in seinem Dojo? Er sieht sich seit Jahren die Bilder von Yokos Mutter an? Aber woher kennen die sich denn?

„Er…heißt Mamoru, Mamoru Wakashimazu. Und…wie heißt dein Vater?“ „Hinata, Hinata Fuma. Mein Vater stammt ebenso aus einer Samuraifamilie, wie Mutter, aber die waren allesamt reine Krieger, Schwertkämpfer, um es genau zu sagen. Mein Kempo bzw. Karate war ihr zweites Standbein und diente eher zum Beiwerk und Ersatz zum Schwert. Deswegen lernen die Schüler je nach Wunsch bei uns mehrere Stile. Einfaches Kempo, Karate und das Verteidigen mit dem Stock und Bambusschwert. Ich habe mittlerweile in jedem meinen Meister gemacht und unterrichte alles drei. Mein Vater hat damals noch von meinem Großvater mit echten Schwertern gelernt. Ich übrigens auch. Aber er wollte es dann nicht fortführen, schon allein, da es heutzutage nicht mehr von Nöten ist.“ Sie holt tief Luft und kommt auf Ken zu. Dann bleibt sie vor ihm stehen.

„Ken, ich…ich bin auch ein Einzelkind, da mein Bruder kurz nach der Geburt starb. Ich…sollte mit 15 verlobt werden, mit einem Jungen einer anderen Familie, einer Familie ehemaliger Ninjas. Ich wollte jedoch ebenso niemanden heiraten, den ich gar nicht kenne. Und die Jungs, die sich vorher anboten, waren alles volle Looser.

Jedoch…konnte ich meinen Vater überreden zu warten, denn auch das Volleyballspielen machte mir so viel Spaß und ich war bereits sehr erfolgreich. Wir…haben ausgemacht, dass ich erst dann heirate, wenn ich mit dem Sport fertig bin. Bis dahin führen meine Cousins das Dojo, sollte er nicht mehr in der Lage sein es selbst zu tun. So läuft es aktuell auch. Denn auch er war schwer krank und musste gegen den Krebs ankämpfen. Meine Cousins leiten es offiziell, aber die Ausbildung übernehme ich zum größten Teil selbst.“ Ken sieht sie verdutzt an. Beide sehen sich nachdenklich in die Augen.

„Ich stamme aus einer alten Ninja-Linie. Dein Vater heißt Hinata?“

„Deswegen dein perfektes Anschleichen gestern? Und dein Vater heißt Mamoru?“ Ihre Herzen schlagen plötzlich extrem hoch, aber diesmal ist es ein anderes Gefühl als vorher. Wie kann das denn sein? Ist es denn die Möglichkeit, dass sie beide…bereits seit Jahren füreinander bestimmt waren? Einfach so, weil ihre Väter es so beschlossen haben?

„Ken…was…machen wir jetzt?“, flüstert sie und sieht ihm in die dunklen aufregenden Augen.

„Yoko…ich…weiß nicht. Ändert es denn was daran…was heute Nacht war?“, stottert er vorsichtig und spricht seine Gedanken ganz offen aus. Sie lächelt und schüttelt den Kopf.

„Nein…aber…es macht…die Nacht noch bedeutungsvoller, als sie bereits war.“, sagt sie liebevoll und legt ihre Hand auf seine Brust. Ihr Blick ist unwiderstehlich und es überkommt Ken der seltsame Drang sie berühren zu müssen, ihr unendlich nah sein zu wollen und sie fühlen zu wollen. Das muss doch alles ein Traum sein. Er berührt zärtlich ihre Wange, fährt dann hinter ihren Kopf und greift ihre schönen langen Haare, welche nur schlicht hochgesteckt sind. Ohne etwas zu sagen, küsst er sie sinnlich. Beide schließen die Augen, schmiegen sich fest aneinander und genießen diesen seltsamen magischen Moment. Sie können es gar nicht wirklich fassen, denn sie sind schon so lange miteinander verbunden und haben es nie bemerkt.

222. Was sind Freunde?

Kapitel 222
 

Was sind Freunde? (26.07.2005)
 

Nachdem Makoto und Carsten die Villa verlassen haben, gehen sie durch den Park und setzen sich auf eine Bank. Mit den Fotos in den Händen blickt Makoto wehmütig auf die Familienbilder.

„Was machen wir nun? Was glaubst du, warum lagen die Fotos in der Schatulle und wurden unter dem Zwinger vergraben?“

„Oh man. Wenn ich das wüsste.“ Beide lehnen sich an und atmen tief durch.

„Die Unterlagen von der Polizei wären schon genial. Vielleicht würde uns auf den Fotos was auffallen, wenn du jetzt draufschauen würdest. Was haben die Fotos denn gemeinsam? Was unterscheidet sie von den anderen Familienfotos? Und wer mag sie versteckt haben?“, meint Carsten leise im Gedanken.

„Hm. Lass mich nochmal schauen.“ Makoto reicht ihm die Schatulle rüber. Carsten geht die an die zwanzig Fotos durch. Es sind alles Bilder aus der gleichen Zeit. Es musste vor dem Vorfall in einem Zeitraum von etwa einem Jahr gemacht worden sein.

„Hm. Wer hat die Fotos gemacht? Mal seid ihr alle drauf, mal nur mit deiner Mutter und dem Kindermädchen?“

„Na Papa oder sie eben. Mehr waren ja nicht da.“

„Nun, ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber…euer Kindermädchen ist schon ein heißer Feger gewesen, oder nicht?“

„Hallo?! Kannst du dich nicht anders ausdrücken? Immerhin habe ich jeden Tag mit ihr gespielt und dann kam das Baby und sie hat sich drum gekümmert, während meine Eltern arbeiten waren.“, murrt Makoto ihn an.

„Ich mein ja nur. Wie alt sind die Fotos denn? Genau aus dieser Zeit, würde ich sagen.“

„Ja, das hier ist mein neunter Geburtstag und das hier mein zehnter. Sie kam etwa kurz vor meinem neunten Geburtstag, als sich das Baby ankündigte. Ihre Hilfe im Haus hat meine Mutter neben der Arbeit während der Schwangerschaft entlastet. Sie hat sich also um uns Jungs und um den ganzen Haushalt gekümmert. Sie war wirklich sehr nett und hat mir Shogi beigebracht. Und wenn wir Ausflüge gemacht haben, war sie auch ab und an dabei.“

„Dein Bruder sieht sie hier auf diesem Bild so komisch an. Ich glaub der steht auf sie. Ich hätte sie in dem Alter vermutlich auch angehimmelt.“

„Du hast echt ne blühende Fantasie. Sie war doch viel älter als er.“, murrt Makoto.

Plötzlich ist lautes Gebrüll zu hören. Nur etwa dreißig Meter entfernt sind vier Jugendliche, etwa in ihrem Alter zu sehen. Sie drängen eindeutig jemanden, bis an die Wand der öffentlichen Toilette.

„Rück die Knete raus, Kleiner, sonst bist du ein Kopf kleiner! Blondi!“, ist zu hören und die Typen bedrängen ihr Opfer und zeigen ihre Fäuste. Carsten schließt die Schatulle, packt sie in die Tasche und beide stehen auf und gehen zu der Meute.

„Wie ich das hasse! Diese Feiglinge. Siehst du das? Die vergreifen sich wieder an einen Ausländer wie mir. Nur weil er blond ist, wollen sie ihn fertigmachen, aber nicht mit mir.“, knurrt Carsten aufgebracht. Sie beide können deutlich sehen, dass ihr potenzielles Opfer viel kleiner ist und blonde Haare hat. Wütend zieht Carsten sein gutes dunkelblaues Hemd aus und drückt es Makoto in die Hände, fest entschlossen dem Jungen zu helfen.

„Hey, ich helfe dir. Du musst das nicht allein machen.“, murrt Makoto ihn an. „Diese Feiglinge schaffe ich sicher allein. Schone deine Hände, du brauchst sie dringender als ich. Misch dich nur ein, wenn es nötig ist.

Ich werde das hier beenden, bevor es wirklich angefangen hat!“, wird Carsten immer lauter und sein Zorn macht sich in seinem sonst so fröhlichen Gesicht breit.

„Hey Ihr!! Feiglinge! Vier Mann gegen einen?! Gut, könnt ihr haben!“ Seine feste brummige Stimme weckt die Aufmerksamkeit der Angreifer. Sie sehen sich allesamt um und sind verdutzt. Carsten steht mittlerweile fast direkt vor ihnen, fester erhabener Gang, mit dem Kopf provokativ zu den Seiten drehend und bedrohlich schauend, mit den Händen vor sich ineinandergreifend und händeknackend.

„Was willst du denn? Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß!“ „Verpisst euch, lasst den Jungen gehen, sonst lernt ihr mich kennen! Oder wollt ihr euch zur Abwechslung mal mit jemanden prügeln, der euch gewachsen ist?!“, spricht er sehr kampfeslustig. Der Anführer der Gruppe geht auf ihn zu. Sein Blick ist streng und erhaben.

„Misch dich hier nicht ein, Ausländer.“, faucht er ihn eher an. Er bleibt nur einen Meter vor Carsten stehen und sieht ihm in die zornigen Augen. Plötzlich wird es hinter ihm unruhig und seine Kameraden schreien kurz nacheinander laut auf. „Hi…YA…Ha!“, kommt aus dem Mund des angegriffenen Jugendlichen. Ehe der Bandenchef sich versieht, steht der blonde kleine Typ direkt vor ihm und tritt ihn, wie die anderen, mit einem gekonnten Karatekick zu Boden. Dieser sieht zu ihm herab und grinst hämisch. Noch in Ausholposition verharrend blickt er zu Carsten auf. Er steht direkt neben ihm.

„Deine Hilfe war nicht nötig, aber trotzdem danke für die geniale Ablenkung. Du bist definitiv kein Feigling.“ Plötzlich klatscht es hinter Carsten und beide sehen zu Makoto. Dieser grinst begeistert vor sich hin und klatscht wie wild.

„Wie genial war das denn? Du bist echt klasse. So eine extreme Präzision, das musst du mir beibringen. Voll genial!“, ist er total begeistert.

Der Fremde sieht ihn etwas verdutzt an und senkt den Fuß zu Boden und lockert seine Ausgangsposition.

„Wer bist du überhaupt? Und beibringen, tu ich niemanden was.“, kommt etwas brummig zurück.

Makoto kommt auf ihn zu und gibt Carsten sein Hemd wieder, damit er sich wieder anziehen kann. Dann sieht er zu den vier Jungs herab. Sie scheinen bewusstlos zu sein.

„Das war echt genial.“, äußert er noch immer begeistert. Der blonde Junge wiederum ignoriert ihn total und geht zu seiner Tasche, die vor der Wand liegt, kommt mit ihr wieder, holt acht Kabelbinder heraus und schnürt die Chaoten allesamt zusammen.

„Was wird das denn?“, wundert sich Carsten. Dann wird zum Handy gegriffen. „Leise jetzt.“, wird gewarnt. Es tutet einige Male und dann geht jemand ran. Er hält seine Nase zu und verstellt zusätzlich seine Stimme.

„Sir, es gibt wieder Nachschub, im Park, Laterne 20 direkt vor den Toiletten. Sofort.“, spricht er ernst hinein und legt wieder auf. Er holt sich zwei Gummihandschuhe aus seiner Tasche, geht dann zu einem der Kerle an die Hosentasche und holt dessen Geldbörse heraus.

„Willst du den jetzt beklauen? Ist ja wohl ne miese Nummer, echt mal.“, haut Carsten plötzlich raus, während er sein Hemd zuknöpft. Der Junge zieht sich ein paar größere Scheine heraus und ebenso den Ausweis.

„Ne, aber der Blödmann hat mir meine Schuhe ruiniert. Das soll er bitte bezahlen. Von den Bullen bekomme ich ja nichts erstattet. Mehr als ein Dankeschön kommt da nicht.“ Er betrachtet nebenbei den Ausweis.

„Hm, dachte ich es mir doch. So ein reicher Schnösel, der einen auf dicke Hose machen will. Arschloch. Nur deine scheiß Drogen im Kopf. Namen und Adresse merke ich mir, dich holen deine Alten sicher wieder raus.“ Genervt packt er den Ausweis zurück, faltet die Geldbörse wieder zu und steckt sie ihm so wie sie war in die Hosentasche zurück. Die vier Herrschaften sind noch immer bewusstlos. „Drogen? Meinst du echt?“

„Natürlich, oder was meinst du, was das hier ist?“, zeigt er mit dem Finger auf einen anderen Kerl und seine Bauchtasche aus Stoff. Carsten sieht genauer hin. Es ist weißes Pulver zu sehen, es wirkt wie Mehl oder Backpulver.

„Könnte sein, stimmt. Der geht sicher nicht in die Bäckerei. Aber es könnte ja doch Puderzucker oder sowas sein. Was meinst du Makoto?“ Makoto kommt begeistert auf die beiden zu und bückt sich. Er nimmt den kleinen Finger und nimmt eine winzige Probe. Dann hält er es vorsichtig und nicht zu dicht unter die Nase und schließt die Augen. Wenige Sekunden später wischt er es sich von den Händen in der Erde ab und verbuddelt den Mist. Dann steht er auf.

„Kein Lebensmittel, in solcher feinen Pulverform, welches ich kenne. Also könnte es eine Droge sein.“, meint er dann mit sehr ernstem Ton.

„Wie jetzt? Das kannst du riechen? Ich dachte eben schon, du bildest dir ein es schmecken zu können, wie die Idioten im Fernsehen.“

„Ich bin doch nicht blöd und nehme was in den Mund, was ich nicht kenne. Echt mal. Aber ja, ich hätte es vermutlich auch geschmeckt.“

„Lasst uns jetzt gehen, bevor die Bullen da sind. Sonst muss ich aufs Revier, darauf habe ich so gar keinen Bock. Oder habt ihr da Lust zu?“ Alle drei verlassen zusammen den Tatort und finden sich dann außer Sichtweite der Typen wieder. „Und wie geht das jetzt weiter mit den Typen?“, fragt Makoto.

„Die Bullen sammeln die ein, schauen sich alles an und je nach dem, was sie an Drogen und Bargeld bei sich tragen, entscheidet ihre Akte und der Staatsanwalt was passiert. Also abwarten ob die nochmal hier rumlaufen. Passt am besten dann auf, die haben eure Gesichter gesehen.“

„Hm, musst Du nicht eher aufpassen? Immerhin hast Du die fertig gemacht, das war echt ne abgefahrene Nummer. Ich wäre das anders angegangen, aber es war echt speziell. Du hast eine spezielle alte Technik drauf, würde ich sagen.“

„Das stimmt, ist was Uraltes. Von Generation zu Generation weitergegeben.“ „Cool, dann haben deine Eltern sicher ein Dojo oder sowas.“, meint Carsten.

„Nein, eher weniger. Aber mein Onkel hat mich seit Kindesbeinen auf trainiert, er ist der Karateexperte der Familie.

Und ihr? Was genau sollte das werden, wenn du fertig bist? Und du scheinst wohl auch Karate zu machen.“

„Ich mache Kickboxen und ja, er macht Karate.“

„In welches Dojo gehst du?“

„Ich mache nur etwas für die Selbstverteidigung, nix Spezielles wie du. Angefangen hat es mit Kickboxen und dann bin ich ins Dojo einer Bekannten gegangen und das hat mir mehr zugesagt.“

„Okay und welches Dojo ist das nun?“

„Fuma, Das Dojo Fuma. Sagt dir das was?“ Tobi sieht ihn erstaunt an.

„Natürlich sagt mir das was. Das hat einen sehr guten Ruf.“

‚Interessant, Yoko Fumas Dojo.‘

„Nun gut. Sagt mal, ich würde dort drüben mal fix neue Schuhe kaufen gehen und wenn was übrig ist, darf ich euch dann zum Essen einladen? So als Dankeschön, dass ihr mir helfen wolltet und nicht solche Feiglinge seid wie die anderen Passanten im Park.“ Carsten und Makoto sehen sich überrascht an.

„Hm, mal essen gehen ist auch ne gute Sache. Wollen wir, Carsten?“

„Gerne, aber…was ist mit den Schnitzeln, die du machen wolltest?“

„Die können wir auch morgen essen. Wir haben doch frei. Solange sie kühl lagern, alles gut.“

„Okay, dann gehen wir morgen ins Möbelhaus. Besorgen wir uns nur den Katalog. Dann gehen wir in Ruhe heute Abend alles durch.“, meint Carsten.

„Gut, danke für die Einladung. Das ist sehr nett von dir. Aber eigentlich musst du das nicht tun. Wir helfen gern und wirklich was geholfen haben wir am Ende gar nicht.“, meint Makoto zu Tobi.

„Ihr habt sie doch abgelenkt, das war eine sehr große Hilfe. So musste ich mir die Finger nicht dreckig machen.“ Tobi sieht die beiden etwas verwundert an.

‚Was meinen die denn jetzt mit Schnitzel machen und Möbelhaus?‘

„Wie alt seid ihr eigentlich? Ich bin 18.“

„Oh, wir auch. Zumindest fast. Ich bin 17 und habe bald Geburtstag und Carsten ist gerade ganz frisch 18 geworden.

Ach so, also ich heiße Makoto und du?“, reicht er ihm die Hand rüber.

„Nennt mich einfach Tobi. Und ihr seid jetzt Freunde oder was war das eben mit dem Möbelhaus und was kochen?“ Carsten grinst und lacht etwas.

„Klingt komisch, stimmt. Wir sollten gewisse Gespräche wohl in Zukunft anders führen. Also wir sind Arbeitskollegen und Freunde und seit heute wohnen wir auch zusammen. Das hat sich so ergeben. Deswegen das Möbelhaus. Wir müssen die Wohnung noch einrichten.“ Carsten reicht auch seine Hand rüber. Tobi nimmt beide nacheinander an.

„Ich verstehe. Klingt wirklich komisch. Ihr wohnt also nicht bei euren Eltern?“ „Nicht so wirklich. Ist etwas kompliziert.“, meint Carsten dann.

„Nun gut. Wart ihr vorher in einer Wohngruppe, oder wie? Ihr seht gar nicht danach aus. Ich muss auch in so eine dämliche Gruppe. Naja, bald bin ich raus. Ich habe jetzt eine gutbezahlte Ausbildung angefangen.

Bis nachher. Treffen wir uns dann dort drüben bei der Nudelsuppenbar? Da bekommt man oft noch einen Platz.“

„Geht klar.“ So trennen sich ihre Wege kurz und Tobi geht in den Schuhladen und verlässt ihn auch kurz darauf wieder. Die alten Schuhe wirft er in einen Mülleimer mit geschlossener Klappe.

‚Erledigt, nicht, dass ich doch zu viele Spuren hinterlassen habe.‘

Einige Zeit später steht er vor dem Nudelsuppenrestaurant und wartet auf die anderen beiden.

‚Etwas komisch sind die zwei schon. Aber irgendwie sind sie nett. Und Feiglinge sind sie auch nicht. Tina sagte heute früh, ich brauche auch Freunde, nicht nur meine alten Kontakte und die Familie. In dem Betrieb werde ich wieder der jüngste sein, da die immer nur einen Lehrling ausbilden. Leute in meinem Alter, hm. Ich bin ja so gar nicht kontaktfreudig, und Humor habe ich auch keinen. Wie soll man da Freunde finden? Die beiden können das scheinbar schon. Sie sind total verschieden, würde ich sagen. Sicher kann ich was von ihnen darüber lernen, wie man Freunde findet. Die haben sich ja auch irgendwie angefreundet.‘ Er sieht wie Makoto und Carsten zügig in seine Richtung kommen. Makoto ist zwar elegant gekleidet, aber trägt wieder seine Kapuze tief. Carsten hingegen ist eher lässig und sehr offen mit Jeans und Hemd. Er fällt zwar in der Größe nicht sehr neben den gleichgroßen Makoto auf, aber dass er europäischer Herkunft ist, kann er mit seinen dunkelblonden Haaren und blauen Augen nicht leugnen. Sie reden angeheitert miteinander und heben kurz die Hand, als sie Tobi entdecken.

„Ein Japaner mit blonden Haaren und blauen Augen irritiert mich etwas, aber das sind sicher Kontaktlinsen.“, äußert Carsten.

„Denke ich auch. Blond trägt man ja hier gerne mal, auch in Kombination, das sieht man oft, aber mit den Augen hast du Recht. Warum ist ihm das so wichtig? Das würde mich interessieren.“, sagt Makoto daraufhin.

„Auf jeden Fall scheint er nett zu sein, sonst würde er uns doch nicht einladen. Ich denke, er wird okay sein, immerhin hat er die Typen nicht nur einfach zur Strecke gebracht, sondern auch bei der Polizei gemeldet. Er muss einen Kontakt dort haben, der quasi den Dreck einsammelt.“

„Vermutlich. Erinnert mich an Tinas Beziehung zu Saito. Vielleicht hat er auch so einen Kontakt. Etwas punkig, der Typ. Aber mir gefällt seine Garderobe. Wenn ich könnte, würde ich auch so rumlaufen. Frech und sieht nach Freiheit aus. Was meinst du?“, grinst der angehende Diätkoch.

„Na meins ist das gar nicht. Aber es steht ihm, so wirkt er nicht so schmächtig. Man nimmt ihn dadurch gut wahr. Du in Leder und komplett in schwarz? Sieht sicher witzig aus. Die Kapuze hat jetzt bei der Hitze immer schon so einen Beigeschmack.“

Tobi wundert sich über ihre erhabene Art zu Laufen. Er hält nachdenklich seine Umhängetasche fest.

‚Ob sie über mich reden oder über ihre Einrichtung?‘ Die zwei bleiben vor ihm stehen und grinsen ihn an.

„Schicke neue Schuhe. Was war bei den anderen denn kaputt?“, meint Carsten keck und auf seine lässige Art.

„Hm. Zu viele Kratzer und abgenutzte Sohlen. Ich mags gerne ordentlich.

Wollen wir?“, schaut er zu ihm auf.

„Gibs zu, die waren vorher schon abgenutzt?“, grinst Makoto dann.

„Die Kratzer waren neu und sahen echt doof aus.“, meint Tobi trocken und dreht sich dann zum Eingang des Restaurants.

„Ach, ist doch jetzt egal. Die Feiglinge haben es eh nicht anders verdient. Vermutlich hätte ich es auch so gemacht.“, meint Carsten einsichtig zu Makoto. „Das schon, aber stehlen ist stehlen. Wir wissen beide, dass es Situationen gibt, wo man jede Möglichkeit nutzt über die Runden zu kommen, aber trotzdem kommt es auf dasselbe hinaus.

Wir bleiben doch dabei, dass wir unsere Suppen selbst bezahlen werden?“

„Schon klar, du hast Recht. Ja natürlich. Letztendlich zählt der gute Wille, vermutlich würde er uns trotzdem einladen, aber auf diese Weise kann er es tun.“, sprechen sie sehr leise auf Deutsch.

‚Nanu? Die reden Deutsch miteinander? Und es ist dasselbe? Stehlen ist stehlen…hm. Kann man das vergleichen? Immerhin haben die Typen MICH angegriffen und nicht umgedreht. Irgendjemand muss doch den Schaden bezahlen, den die angerichtet haben.‘ Er hält plötzlich inne, kurz bevor er die Tür zum Lokal öffnen will. Tobi greift kurz nachdenklich an seinen Anhänger um den Hals.

‚Stehlen ist stehlen…stimmt. Ich tu dem Viertel zwar einen Gefallen, wenn ich diese Typen ausliefere, aber sie haben Recht. Sie wollten mich ausrauben, mich bestehlen und stattdessen tue ich es selbst?‘ Er schaut wieder auf und blickt durch die Glastür.

„Alles okay, Tobi?“, fragt Carsten etwas verwundert, dass er innehält. Tobi dreht sich zu ihnen um und sieht mit festem Blick zu ihnen auf.

„Falls es euch unangenehm ist, ihr müsst nicht mit einem wie mir da reingehen. Die Einladung soll nur meinen Dank ausdrücken, mehr nicht. Ich bin genug Idioten und Feiglingen begegnet, aber ihr scheint nicht dazuzugehören. Ich will mich euch ganz sicher nicht aufdrängen. Ihr seid sicher nicht die Ersten, die ein Problem mit Leuten wie mir haben, ich verstehe das.“ Plötzlich ist Makotos Hand über seinem Kopf an der Tür und drückt diese auf.

„Du redest dummes Zeug. Wir haben Hunger, du kennst uns Chaoten doch selbst nicht. Wir sehen nur so elegant aus. Wenn ich könnte, würde ich auch so Punk rumlaufen wie du, aber das geht nicht. Ich will mal Rechtsanwalt werden, das käme nicht so gut. Ich habe ohnehin einen Ruf zu verlieren und kann mir nicht den kleinsten Ausrutscher erlauben, der meine Glaubwürdigkeit in Frage stellen könnte. Also ist mein Äußeres, reines Spiel zum Zweck.“, meint er.

„Du willst Rechtsanwalt werden?“

„Jup. Wirtschaft und eventuell Strafverteidigung. Mal sehen was sich dann ergibt.“ Die Tür öffnet sich und die drei betreten endlich das Lokal und schauen sich um. Es ist sehr leer, nur wenige Plätze sind belegt und in einer Ecke sitzt eine größere Gruppe junger Leute.

„Äh, oh. Oje. Was nun? Wie machen wir das jetzt? Müssen wir sie ignorieren oder wie soll das ab jetzt laufen?“, fragt Carsten flüsternd seinem Nebenmann in Deutsch. Er hat natürlich sofort die Gruppe entdeckt, die bereits in einer Ecke sitzt und sich angeheitert unterhält. Makoto staunt nicht schlecht und grinst.

„Nö, wieso denn? WIR kennen uns doch aus der Berufsschule und ich werde meine Meisterin bestimmt nicht ignorieren, wie doof ist das denn?“, haut Makoto raus und setzt einen ernsten Blick auf. Genau in diesem Moment schauen Yoko und Naoko auf zur Tür. In der Runde sitzen ebenso Shinichi mit seiner Cousine Hinata, Ken Wakashimazu und Naoko und Kojiros Brüder Ken und Kaiichi. Yoko winkt den jungen Männern zu und grinst über beide Ohren.

„Wie cool ist das denn? Makoto, Carsten, was macht ihr denn hier? Kommt zu uns!“, klingt sie gleich fordernd und heiter. Yoko ist immer gut gelaunt. Es vergeht in der Regel kein Tag, ohne Witze oder Heiterkeit. Nur beim Spielen oder als Trainerin im Dojo der Eltern gibt es strenge Blicke oder ernste Worte. Naokos Blick ist auf Makoto gerichtet und als sie ihn entdeckt, wird ihr plötzlich ganz warm ums Herz. Ihr schwirrt die seltsame Begegnung mit ihm durch den Kopf und kaum geht er lächelnd und ebenso winkend cool auf die Gruppe zu und grüßt alle zusammen und sieht sie besonders freundlich an, da läuft sie knallrot an und weicht seinem Blick verlegen aus. Nur ein kurzes „Hi“ kommt aus ihr heraus. „Hey, Yoko, Hinata, Shinichi, ihr hier? Habt ihr kein Zuhause, wenn die Berufsschule aus ist?“, kommt belustigt aus Makotos Mund.

„Wir haben heute Trainingsfrei.“, haut Shinichi raus und Ken bestätigt es.

„Jo, sogar beide Teams, welch ein Glück. Da können wir gut Energie tanken.“ „Hallöchen, wenn wir zu euch kommen sollen, darf unser Kumpel auch dazustoßen? Wir wollten gerade was zusammen essen und quatschen.“, spaßt Carsten aus reiner Höflichkeit.

„Klar, eure Freunde, sind auch unsere Freunde, oder wie seht ihr das?“ Alle sehen sie etwas verdutzt an und dann kommt Kens Zustimmung.

„Klar. Vor allem, wenn sie so cool aussehen. Fester Stand, stolzer Blick, ein Mann, der weiß wer er ist, ganz mein Geschmack.“, haut Ken, der Keeper, locker raus und deutet mit der Hand auf den Platz neben sich, der noch frei ist. Es wird gelacht am Tisch. Sein Karateschüler Ken stupst ihn an.

„Du musst echt an deiner Wortwahl arbeiten. Das klang komisch.“ Yoko lacht laut los und hält sich die Hand vor den Mund.

„Oh ja, aber ich fand es witzig. Ganz mein Humor.“ Ken und Yoko sehen sich grinsend an.

‚Ken hat Recht. Ich sollte mich etwas zurückhalten. Aber solange es ihr gefällt? Meiner lieben Yoko.‘, geht dem Keeper durch den Kopf. Tobi kommt sich etwas seltsam vor, aber er versucht sich dem Umstand einfach anzupassen und grüßt freundlich.

„Danke, für eure Gastfreundlichkeit. Hallo erst einmal. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragt er neugierig, obwohl er Yoko natürlich sofort erkannt hat. Immerhin sieht er sich Tinas Spiele seit ihrem Kennenlernen an, ebenso hat er sie auf der einen oder anderen traditionellen Veranstaltung gesehen, um ihren Dojo zu bewerben oder um selbst an Wettkämpfen teilzunehmen.

„Nenn mich einfach Ken, das ist Yoko.“, beginnt der noch immer etwas lachende Keeper. Yoko macht dann weiter und zeigt auf Shinichi und Hinata und berichtet, dass die beiden ihre Klassenkameraden in der Berufsschule sind. Dann zeigt sie auf Naoko, Kaiichi und Ken.

„Und das sind unsere Küken im Bunde, Naoko, Kaiichi und Ken, also quasi noch ein Ken.“

„So viele Kens? Ich heiße Tobi.“, sagt er schlicht und geht dann um den Tisch herum und setzt sich einfach auf den freien Stuhl, der ihm angeboten wurde. Er lehnt sich locker zurück und legt seinen Arm auf die Lehne.

‚So schnell wird aus einer Dreierrunde eine Gruppe von 10 Leuten. Was das wohl wird? Die Leute scheinen nett zu sein. Yoko, so so. Unser Volleyballass aus Tinas Team. Wir sind uns nie persönlich begegnet, aber sie ist sehr stark und hat eine gute Technik. Den 4. Dan hat sie und unterrichtet bereits seit Jahren.‘ Carsten und Makoto setzen sich mit an den Tisch und es kommt jemand, um die Bestellungen anzunehmen.

„Wo kommt ihr jetzt her? Wollt ihr mit anstoßen? Wir haben Shinichi gerade gratuliert, dass er es ins Team geschafft hat.“, fragt Ken.

„Oh, stimmt. Ich habe da was gehört. Es war gestern alles etwas durcheinander. Da kam so eine Info nicht bei mir an.“, grinst Makoto.

„Stimmt. Und mir ist es nicht aufgefallen, weil er eh in deinem Team spielt und seine Anwesenheit logisch erschien.“, erklärt sich Carsten.

Somit stoßen alle kurz darauf mit einem sprudelnden Softdrink erneut an.

„Und ein Hoch auf Makoto. Immerhin darfst du, wie ich im September zum Asien Championship. Und das in deinem Alter.“, lobt Yoko ganz stolz und erhebt das Glas erneut. Tobi blickt nach dem Anstoßen zu Shinichi. Ihm kommt der Mann nicht bekannt vor. Dann blickt er zu Ken neben sich, auch er sagt ihm nichts und dann sieht er zu Makoto, der ihm gegenübersitzt.

‚Ins Team gekommen, wer ist das überhaupt? Welches Team? Und Makoto? Welche Meisterschaft meint Yoko? Bist du etwa wie sie Volleyballer? Das erklärt deine Größe und deine Bekanntschaft mit ihr.‘ Er überlegt und stößt erneut, ohne weiter was zu sagen und zu kommentieren an.

„Dass ich dabei bin, war doch schon lange klar. Durch die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen war ich qualifiziert genug. Es wurde heute nur nochmal bestätigt, weil noch zwei aus meinem Team dabei sein werden, die vorher nur auf der Ersatzliste zum Nachrücken standen. Zwei Wackelkandidaten.

Es gibt aber noch einen Grund zum Anstoßen, da wir gerade dabei sind.

Carsten ist ab heute mein Mitbewohner. Er verlässt offiziell die WG und zieht zu mir. Jetzt haben wir eine richtige Männer-WG.“, berichtet Makoto trocken und erhebt das Glas und grinst zu Carsten neben sich. Alle sind erstaunt.

„Männer WG? Das kann echt Spaß machen. Im Internat waren wir auch zweier WGs und mussten dann mit zwei anderen Gruppen die Küche und zwei Bäder teilen.“

„Oha, also zu sechst zwei Bäder und eine Küche?“

„Jup. Ich weiß nicht, wie es mal zu Beginn war, aber als ich in diese Gruppe kam, lief alles super. Wir hatten auch echt viel Spaß und wir halfen uns gegenseitig mit der Schule.“

„Ihr müsst dann ne Einweihungsparty schmeißen. Ich lad mich als dein Sensei schonmal ein. Darf Ken dann auch kommen?“, lacht Yoko frei raus. Die beiden sehen sie verdutzt an.

„Äh, es wird sicher eine Party geben, aber sich selbst einladen ist schon frech. Echt mal.“, lacht Makoto Yoko an.

„Also wirklich, mich als deinen Sensei musst du einladen. Ist ja wohl klar, sonst bin ich beleidigt.“, knurrt sie spaßig.

„Aber wieso sollen wir denn Ken einladen? Wir kennen uns doch gar nicht, wir sind uns erst gestern begegnet.“, bringt sich Carsten ein. Er findet die Idee zwar toll, weil er ein großer Fan des Nationalteams und auch des Tokio-Team ist, aber komisch kommt ihm das trotzdem vor. Yoko grinst und sieht zu Ken.

„Naja…wir sind jetzt zusammen. Aber wir müssen uns noch ein wenig zurückhalten. Sonst bringt die Gerüchteküche alles durcheinander. Also psst.“, flüstert sie. Alle sehen sie verdutzt an. Ken grinst nur und hält den Finger vor den Mund.

„Wie jetzt?“, kommt aus Ken Hyugas Mund und er sieht seinen Sensei an.

„Leise, Kleiner.“, sagt er nur ruhig und grinst.

„Dann hat die Verkopplungsaktion ja funktioniert. Ist doch super.“, meint Shinichi grinsend und sieht zu Yoko.

„Du siehst das auch so, oder? War volle Absicht uns da rauszuschicken.

Aber mal andersherum: Wie lief denn Euer Doppeldate?“, grinst Yoko zurück. Ihr Blick ist auch auf Hinata gerichtet. Diese läuft augenblicklich rot an und hält verlegen die Hände vor ihr rotes Gesicht.

„Äh, naja…war schön. Wir konnten uns in Ruhe kennenlernen.“, fasst sich Shinichi an den Hinterkopf und schmunzelt etwas.

„Das ist schön. Wieso wirst du da gleich so rot, Hinata? Da ist doch nix dabei. Ihr wart doch nur im Museum, hörte ich.“ Hinata kommt gar nicht wieder zur Ruhe. Ihr Herz schlägt so doll, dass sie Yokos Worte nicht wirklich registriert. Ihre Erinnerung an ihr erstes Date mit Genzo lässt sie so schnell gar nicht wieder los. Schon der Gedanke daran, wie sie sich verabschiedet haben, lässt ihr Puls enorm ansteigen. Nach dem Museumsbesuch gingen sie noch etwas im Park spazieren und unterhielten sich angeheitert über Deutschland. Was sie schon alles dort gesehen hat und was sie sich gerne alles ansehen würde. Als sie ihm voller Begeisterung gestand, schon immer Hamburg sehen zu wollen, oder als Kind schon davon träumte direkt bei Ebbe und Flut an der Nordsee stehen würde, dort spazieren gehen, im Watt, da blieb er stehen, berührte ihre Hände und fragte sie, ob sie spontan Lust darauf hätte…er hätte noch etwas Urlaub und würde dann einfach eher fliegen und sie mitnehmen und die letzte Woche mit ihr zusammen an der Nordsee verbringen. Er lade sie ein. Sie sagte ihm so spontan zu, weil ihr Herz so laut schlug und die Vorstellung mit einem so liebevollen, witzigen, starken Mann zu verreisen, das würde sie garantiert nie bereuen. Bisher hatte sie immer Pech mit Männern und ließ niemanden mehr an sich ran. Keine Dates mehr, keine Flirts, keine Zweisamkeiten. Dann kam Shinichi mit seiner Mutter nach Japan und da sie sich von niemanden pflegen lassen wollte, mussten es die beiden machen. Sie teilen sich seit der Ankunft die Pflege neben Arbeit und Schule, bzw. dem Sport. Da war weder Zeit für Flirts, noch hatte sie Lust darauf, denn sie machte es sich zur Aufgabe für die beiden da zu sein. Irgendjemand muss Shinichi doch helfen. Er war immer ihr kleiner liebenswerter Cousin, um den sie sich bei Familientreffen in Deutschland und Frankreich kümmern musste.

Jetzt, als sie Genzo zusagte, war sie so glücklich, gestand ihm, sich in ihn verliebt zu haben und umarmte ihn plötzlich, wie aus dem heiteren Himmel. Noch nie hatte ihr jemand so offensichtlich mitgeteilt, dass er sie auch mag, das da etwas Besonderes ist. Die letzten Tage waren doch so aufregend. Das wunderte ihn zwar sehr, aber er nutzte die Gelegenheit der Nähe und küsste sie einfach. Es war wie ein Traum, als sie sich dann beide umarmten und er sie an sich drückte. Sie fühlte plötzlich so viel, dass sie es kaum wahrhaben wollte.

Ihre Verabschiedung heute, die war dann gut vor etwa einer Stunde in seinem Hotelzimmer. Erst dann trennten sich ihre Wege.

„Ich…äh…wir…wir werden Urlaub machen.“, haut sie dann einfach raus und schaut kurz zwischen den Fingern hindurch in die Runde.

„Wie cool ist das denn? Wo wollt ihr hin oder bleibt ihr einfach in Japan?“, fragt Yoko weiter.

„Wir fliegen an die Nordsee. Ich war immer nur in den Bergen.“

223. Erster Kontakt Teil 2 oder Doofer Geburtstag

Kapitel 223
 

Erster Kontakt Teil 2 oder Doofer Geburtstag
 

Es ist ein freundlicher Dienstag. Dienstag, der 12. Juli 2005. Einige dicke Regenwolken ziehen Richtung Tokio. Sie machen sich langsam auf den Weg die heiße Sommerluft zu erfrischen. Seit Tagen hat es nicht geregnet und endlich könnte es so weit sein. In Tokio ist es nur eine Frage des Glücks, dass jeder Stadtteil etwas von der Erfrischung abbekommt.

Tina betritt das De Mecklenburger. Heute ist Ruhetag und morgen steht ein 60. Geburtstag für einen Professor aus der Universität Todai an. Er unterrichtet Fächer für die Biotechnologie und ist auf Empfehlung einiger Kollegen zu ihr gekommen. Er war erstaunt zu hören, dass die gelbe Füchsin ein eigenes Lokal hat. Seine Familie ist international viel unterwegs und schätzt mehr die internationale Küche als die Japanische. So fiel die Entscheidung auf ein europäisches Lokal und wenn sie dann sogar persönlich von einer so prominenten Person bedient werden, wird es ihnen sicher sehr gefallen. Sie werden sich sehr freuen, denn dass Tina viele Sprachen spricht, ist jedem bekannt.

Tina geht in die Umkleide und stellt ihre Tasche ab, sieht sich in der Küche um, ob alles vorbereitet ist und macht sich ein paar Notizen. Kurz darauf klingelt es an der Hintertür, wo auch die Lieferungen eintreffen, und sie öffnet. Der Getränkelieferant steht da.

„Hallo Tina. Tut mir leid, aber es war spontan, weil ich morgen nicht kommen kann.“

„Okay, stell mir einfach alles ins Lager auf die linke Seite. Das müssen die Männer dann morgen räumen.“

„Alles klar.“ Tina steht beim Ausladen mit dem Lieferschien daneben und kontrolliert die Liste.

„Wo hast du die Orangensäfte gelassen? Es sind nur drei Kisten und sollten fünf sein.“

„Oh, dann bringe ich übermorgen noch zwei mit. Reicht das aus?“

„Gut, ich vermerke es.“ Danach schließt Tina die Tür ab, denn heute ist sie mal allein. Sogar Herr Satsujinsha hatte sich abgemeldet, um seine nächste Deutschlandreise vorzubereiten. Tina schaut auf die Küchenuhr. Es ist gegen halb 12 Uhr Mittag. Dann geht sie in die Backstube und kontrolliert dort ebenso. Danach bleibt sie vor dem großen Ofen stehen und berührt das Fenster von der Etage, die in ihrer Kopfhöhe liegt. In ihrer Erinnerung ist dort ihr Geburtstagskuchen drin, denn den hat ihr Vater immer am Tag zuvor gebacken und dann gab es den bereits morgens zum Frühstück und dann nochmal zum Kaffeetrinken. So war die Tradition. Aber heute, da gibt es keinen Kuchen für sie. Auch morgen nicht. Die Lust auf ihren eigenen Geburtstag ist ihr seit letztem Sommer vergangen. Ein Geburtstag ohne ihre Eltern ist noch viel seltsamer als einer ohne ihren Bruder. Sie hat letzten Sommer hier gestanden und sich als Aufmunterung selbst ihren Lieblingskuchen gebacken, aber dann am nächsten Morgen hat er überhaupt nicht geschmeckt. Nein, nicht, weil sie etwas falsch gemacht hat, sondern einfach nur, weil sie ganz allein zum Frühstück im Wohnzimmer saß. Allein, am großen Esstisch mit bunter Tischdecke, einer Kerze, Konfetti in Volleyballdeko und trotzdem, ohne ihre Eltern war es nicht zu ertragen. Sie saß am Tisch, allein und es war, egal wie sehr sie sich einbildete, sie würden alle da sein und mit ihr fröhlich sein, unerträglich. Es half nichts. Die Einsamkeit machte sie extrem traurig.

Ihr letzter Versuch, sich endgültig auf jemanden einzulassen, ging ebenso in die Brüche. Wieder kamen die Erinnerungen zurück und dann dieser furchtbare Streit mit Jun. Niemals hätte sie gedacht, dass sie jemals so beleidigt sein würde, sich gekränkt fühlen würde, weil er ihr sagte, was am Ende doch wahr gewesen ist. An diesem seltsamen 13. Juli 2004, einem perfekten freien Dienstag, ihrem 22. Geburtstag, sagte sie ihre geplante Party ab. Es war am Ende ohnehin kaum jemand da. Nur Martin, Roland und Anja und die Leute aus dem Fitnessstudio. Alle anderen waren teilweise im Ausland und mit den Vorbereitungen für die Olympiade beschäftigt. Sogar Fane war im Trainingslager ihres Mannes, um die Männer zu unterstützen. Genzo, Jun, Tsubasa, Fane und auch ihre Volleyballfreunde, alle waren sie wegen der Olympiade beschäftigt oder im Ausland. Nur sie nicht.

In diesem Moment, als ihr klar wurde, dass sie für alle anderen darauf verzichtete, am wichtigsten Sportereignis der Welt teilnehmen zu können, kam Wut in ihr auf. Weil die Gefahr bestand, von den Deutschen oder anderen erkannt zu werden, gab sie anderen Spielerinnen den Vortritt, dabei hätte sie mitmachen dürfen und wurde eingeladen. Eine Olympiade, wie konnte sie so dämlich sein und wieder für alle anderen zurückstecken? Dieser Wettkampf hätte sie doch sicher von allem abgelenkt. Oder nicht? Hätte er sie doch daran erinnert, dass es zuvor im Oktober nach dem Asien-Cup, der Championship, den schrecklichen Unfall ihrer Eltern gab? In diesem Moment war sie sich nicht einmal sicher, ob es nicht doch ein Fehler war, die Einladung abzusagen und zu sagen, sie sei noch nicht für neue Wettkämpfe dieser Größenordnung bereit, aus einer Art Aberglaube, es könnte erneut etwas schreckliches geschehen. Das erste Mal in ihrer ganzen Laufbahn gestand sie eine Schwäche ein, eine Angst, vor laufender Kamera, vor ihren Fans, vor ganz Japan, vor der ganzen Welt.

Alles kam ihr vor, als wäre es sinnlos. Wozu spielt sie denn überhaupt noch, wenn sie alle großen Wettkämpfe in Zukunft absagt? Die Tokio-Spiele sagt sie auch ab, angeblich wegen Verletzungen.

Sie griff wütend den Teller mit dem Kuchen und warf ihn quer durch die Stube. Er knallte neben dem Fernseher gegen die Wand und hinterließ ein Loch. Die Scherben des Porzellans und die Kuchenkrümel verteilten sich auf dem Bord, den Möbeln und dem Fußboden. Überall Teig, Porzellansplitter und Schokoglasur. Als sie das Ausmaß wirklich registrierte, weinte sie bitterlich und legte ihren Kopf auf den Tisch. An diesem Tag nahm sie keinen Anruf mehr an, ignorierte sie jeden Gruß, legte alle Grußkarten in eine Kiste und nahm auch keinen Besuch entgegen.
 

Nun steht sie vor dem Backofen und starrt ins Leere. Ihr laufen ein paar Tränen hinunter, denn diesmal wird es keinen Kuchen geben, keine Party, keine Grüße und sie wird morgen erneut allein sein. Sie wird einfach zum Training fahren, so wie heute, so wie immer, denn nur der Ball und die Mädels können sie noch von ihrem blöden Geburtstag oder allem anderen Kummer ablenken. Dieses Jahr sind sie da. Ihre Freunde sind alle da. Zwar findet bald wieder die Asien Championship statt, an der sie diesmal nicht teilnimmt, aus selbigen Gründen wie letztes Jahr, aber das stört sie nicht ganz so sehr, denn sie will bewusst den Wert ihres Nachwuchses stärken und somit auch das Team stärken, für die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Dort war sie sich bereits sehr sicher teilnehmen zu wollen. Japans Einladung hat sie schon angenommen. Deutschland fragte auch, aber sie ist noch etwas unsicher, ob sie einfach absagen soll. Die Meisterschaft findet Anfang September statt und noch ist etwas Luft. In zwei Wochen hingeben wird es ernst für alle Teilnehmer. Dann beginnen die Trainingslager und Tina muss dann auf ihre Volleyballfreunde verzichten, das weiß sie, aber Jun bleibt ihr immerhin erhalten, das ist ein Trost. Auch Genzo kann sie später weiterhin anrufen. Das ist ihr wichtig. Die abendlichen Gespräche mit ihm sind Gold wert, vor allem an solchen Tagen, wenn ihre anderen Freunde fehlen.

Tina entschließt sich ins Büro zu gehen, die Unterlagen für die Gäste morgen zu holen und später den Festsaal vorzubereiten.

Im Büro setzt sie sich an den Schreibtisch und schaltet den PC an. Dann holt sie sich Stift und Schreibblock aus der Schublade und greift natürlich wie gewohnt die Bilderrahmen der Familie.

Es sind die drei Fotos, die sich ihre Eltern auch immer zum Arbeiten hinstellten. Das Familienbild mit allen drei Kindern, wo sie noch ein Baby war und ihre Mutter sie und ihren Zwillingsbruder auf dem Arm hielt. Dann das Foto mit Stephan zusammen, wo er ein einfaches weißes Trikot trägt und einen Ball in den Händen hält. Sie hat ein einfaches Kleid an. An diesem Tag sind sie gerade nach Hamburg umgezogen und stehen vor dem neuen Haus. Dann holt sie auch das Bild heraus, auf dem nur sie mit ihrem Zwilling drauf ist, das Baby Foto mag sie besonders gerne. Aber heute…heute fühlt es sich seltsam an, es zu sehen. Alle drei Bilder stellt sie vor sich hin, sowie doch eigentlich immer, wenn sie allein ist und hier sitzt. Plötzlich empfindet sie es als störend, denn es ruft ihr noch mehr ins Gedächtnis, dass sie ihren Geburtstag morgen komplett ohne ihre Familie verbringen wird. Und dann…etwa zwei Wochen später…kommt wieder dieser beschissene Tag. Der furchtbare Tag, an dem ihr ganzes Leben aus den Fugen geriet. Sie legt ihren Kopf in ihre Arme und kann ihre Tränen plötzlich nicht mehr zurückhalten. Sie hat Angst, dass der Tag morgen wieder so schrecklich wird wie letztes Jahr. Nicht nur ihr Geburtstag war so furchtbar, auch Weihnachten war nicht mehr, was es mal war. Schon zwei Weihnachten ohne ihre Eltern, das war zu schwer. Auch wenn sie bei ihren Großeltern war, dort schlief und sich verwöhnen ließ, am Ende lag sie nur nachts im Bett und weinte. Martin war auch nicht mehr bei ihr, die Wärme war verflogen, denn die Träume waren mehr als zuvor wieder da.

Während Tina mit dem Kopf weinend auf dem Schreibtisch liegt und die Ruhe genießt, hört sie plötzlich ein paar Tropfen auf dem Wellblech der kleinen Hütte im Innenhof. Neben ihr ist das Fenster auf. Sie richtet sich auf, um es zu schließen. Dann lächelt sie. Sie kann es sich nicht erklären, aber der Regen macht sie plötzlich etwas fröhlich, denn es übertönt ihr Weinen. Im Innenhof steht eine kleine Rutsche für das Kind vom Betreiber des Comic-Ladens. Wenn es nach der Schule kommt, beschäftigt es sich dort, bis Papa Feierabend hat. Entweder es spielt oder es liest im Laden Comics. Immer ist es da, fast jeden Tag. Heute wird es lesen, denn es beginnt sicher bald zu regnen. Die Luftfeuchtigkeit kündigt es ihr an. Tina schließt das Fenster, schnappt sich das Bestellbuch mit den wichtigen Notizen und schaut nachdenklich zu den Fotos. Ein Lächeln geht über ihr Gesicht, sie reibt sich die Tränen aus den Augen und sie greift sich das Familienbild, wo alle vier vor dem neuen Haus in Hamburg stehen.

„Vielleicht muss ich einfach nur mal etwas verändern…irgendwie habe ich das Gefühl, es muss sich was ändern, damit sich was ändert. Heute, Heute seid ihr drei bei mir. Den ganzen Tag und morgen dann auch.“, spricht sie sich leise aus. Dann geht sie vor zum Tresen, legt das Buch wie immer auf der Spülmaschine ab und geht zur Wand, wo ein Foto mit ihr und ihren Eltern hängt. Es hängt dort, seitdem sie tot sind. Die Gäste fragten danach und kondolierten ihr. Eine große Kiste voller Kondolenzkarten steht im Schrank im Büro. Ab und an steht jemand davor und betet innerlich und leise. Das Bild in ihrer Hand wird ausgetauscht. Sie fasst sich ans Herz.

‚Stephan…nein…heute hängst du auch mal hier. Solange ich da bin, bin ich dann nicht allein, denn ihr drei seid alle bei mir.‘ Sie legt das andere Bild in die Schublade unter dem Kassensystem. Plötzlich hört sie den starken Regen auf die Straße Prasseln. Nun schließt sie die Gäste-Tür auf, denn sie erwartet heute noch Post. Wenn der Postbote kommt, soll er nicht erst klopfen müssen, sondern lieber gleich reinkommen, sonst steht er unnötig lange im Regen. Kaum hat sie die Tür aufgeschlossen, sieht sie kurz hinaus in die Gasse. Wie ein Wasserfall kommt es runter und prallt vom Boden aus wieder weit hoch. Sie atmet tief durch und macht die Tür wieder zu. Vor ihr erscheint ein glücklicher Moment. Eine Szene aus ihrer Kindheit, wie sie mit ihrem Bruder zusammen am Strand bei dem Wetter Ball spielt.

‚Stephan…du hast den Regen immer geliebt. Wie gerne hast du auch bei Regen trainiert und gespielt. Schon damals am Strand war das immer so aufregend, ein schöner erfrischender Sommerregen. Und dann sind wir im Sand gewesen und haben uns duelliert und dann waren wir von oben bis unten vollgemoddert und sprangen ins Meer, um uns abzuwaschen. Das war immer so schön.‘ Unerwartet muss sie lächeln und begibt sich in den Festsaal, schnappt sich einen Stapel Servietten und setzt sich an den Tisch, um die ersten zweifarbigen Fächer zu fertigen. Während sie dasitzt, wundert sie sich plötzlich. Warum kam ihr eben der schöne Gedanke an ihren Bruder? Kurz vorher war sie doch noch so traurig und die schlimmen Bilder der bösen Männer waren da. Sie schaut zum Foto, auch wenn sie von ihrer Sichtweite nicht wirklich was erkennen kann, muntert es sie auf. Die Vorstellung, dass sie wie eine Familie wieder vereint auf einem Foto sind, muntert sie auf.

‚Es war eine sehr gute Idee euch alle hinzuhängen. Vielleicht hilft es mir wirklich den Tag zu überstehen?‘ Sie schließt kurz die Augen und dann schaut sie zum Hagebuttenbild an der Wand im Festsaal. Der Strand, das Meer und die Hagebuttensträucher kommen ihr heute, wie echt vor und in ihrer Fantasie spielt sie mit ihrem Bruder am Strand, hinter der Düne, hinter den Hagebuttensträuchern, im Regen. Es erfüllt sie plötzlich mit Fröhlichkeit, der schöne Gedanke, der ihr so unverhofft kommt.

Plötzlich geht die Tür auf und jemand stürmt gefühlt ins Lokal. Eine große kräftige Gestalt eines Mannes. Er hat eine große Tasche bei sich, eine Kapuze auf, lange schwarze Haare und einen schwarzen Trainingsanzug an. Tina staunt nicht schlecht, als sie ihn erblickt. Sie ist jedoch mehr verwundert, als er sich umschaut und die Kapuze abnimmt, und einfach so vor dem Tresen steht.

‚Wow, reißt die Tür einfach auf und kommt hier rein. Ein stürmischer Typ, würde ich sagen.‘, grinst sie vor sich hin und richtet ihren Blick zu ihm. Er wischt sich das Wasser aus dem Gesicht und hat einen sehr erhabenen stolzen Stand, als er zum Tresen blickt und scheinbar jemanden sucht. Sein maskulines Auftreten imponiert ihr sehr. Es wundert sie, dass sie schmunzeln muss, bei dem Anblick, statt sich darüber Gedanken zu machen, dass sie nun mit einem fremden großen Mann allein ist.

„Einen guten Tag wünsche ich, aber eigentlich haben wir geschlossen.“, fällt ihr in dem Moment keine andere Begrüßung ein. Ihre Blicke treffen sich und für wenige Sekunden hält sie inne. Ihr Herz klopft so unbeschreiblich doll, dass sie eher in seinem aufregenden Blick verharrt.

‚Dieser Blick, so stolz und erhaben. Er kommt mir irgendwie vertraut vor. Warum? Wer ist das nur? Ist er auch ein Teil der Veränderung? Ein Teil von dem, was sich verändern soll?‘ Sie sieht zwar in seine aufregenden Augen, aber auch kurz an ihm vorbei zum Foto ihrer Familie. Es ist nur noch Stephan zu sehen, ihre Eltern und sie werden von seiner kräftigen imposanten Statur überdeckt.
 

Etwa eine Stunde zuvor steht Kojiro mit seinem Team in der Umkleide. Der Trainer macht noch eine kurze Ansage.

„Männer, ihr habt heute wieder bewiesen, dass ihr genau da seid, wo ihr hingehört. Denkt dran, die Freundschaftsspiele starten in den nächsten Tagen. Die Franzosen kommen wie jedes Jahr und diesmal auch Kens Team. Das Spiel gegen Tokio ist das wichtigste, aber nicht nur für euch, sondern für das Team selbst. Ich will wissen ob die Neuzugänge bei dieser Hitze standhalten. In Deutschland kann es auch schnell im Juni und Juli heiß werden oder regnen. Das sollte man nicht unterschätzen. Genzo und Taro wissen, was ich meine. Deswegen wird das Spiel auch in regulärer Länge gespielt, nicht so wie das freundschaftliche gegen Frankreich.“ Die Männer sind aufmerksam und stimmen ihm zu.

Nach der Ansage verlässt Mikami den Umkleideraum und geht ins Trainerbüro zu Kira und Fane. Die beiden sitzen am Tisch und gönnen sich einen Kaffee.

„Fane, wie schön, dass du da bist. Musst du heute nicht arbeiten?“

„Nein, dienstags ist frei und mit der Berufsschule bin ich heute durch.“

„Ich verstehe. Irgendwann wollen wir mal dort essen gehen, wo du in der Küche stehst. Ist das mal möglich? Du sagst, es sei eine internationale Küche. Das klingt interessant. Ich vermisse die deutsche Küche. Die war schön deftig.“, ist Mikami freundlich und zieht sich nun auch einen Kaffee.

„Das geht nicht. Nur der kleinste Verdacht, dass ich dort sein könnte, bringt mich unnötig in Gefahr. Das wissen Sie doch. Hm, meine Chefin ist tatsächlich Deutsche. Am besten wir laden Sie mal zu uns ein und dann koche ich uns was.“

„Auch eine gute Idee. Nun gut. Ist trotzdem schade. Was genau lernst du denn dort? Köchin?“

„Köchin hatte ich schon in Spanien in der Tasche. Ich werde am Ende Diätköchin sein. Ich habe einen wirklich guten Lehrmeister.“

„Diätköchin. Oh, das ist natürlich sehr praktisch für deinen Mann. Dann kannst du ihm einen gezielten Plan anfertigen.“, meint Mikami.

„Genau. Das ist das Ziel.“

Bald klopft es an der Tür. Es ist Tsubasa. Er möchte Fane abholen und mit ihr den Rest des Tages verbringen. Kojiro, Jun und Ken stehen hinter ihm und wollen sich ebenso verabschieden. Plötzlich klingelt Kojiros Handy. Er schaut auf die Nummer und rollt mit den Augen.

„Es nervt gewaltig. Ich habe Urlaub.“, murrt er und überlegt, ob er überhaupt rangeht. Es ist sein Trainer aus Italien.

„Wer ist das denn?“, fragt Tsubasa.

„Mein Trainer. Im Moment ist doch total Stress im Verein, wegen dieser dämlichen Wettskandale.“

„Du solltest gerade jetzt rangehen, Hyuga. Ich kenne ihn, er ruft nur an, wenn es wichtig ist.“ Kojiro schaut aufs Handy und lässt es ausklingeln.

„Ich rufe gleich zurück. Sie haben Recht. Er kann mich gut leiden und will mich sicher nur über den aktuellen Stand informieren.

Es nervt trotzdem im Moment alles. Keiner weiß mehr wie es nun weitergeht und alle sind nervös und aggressiv. Das Team dreht am Rad. Sie sind verunsichert, ob der Verein es noch lange machen wird oder nicht.“

„Du hast doch genug Angebote in der Tasche, die du nur ziehen musst, wenn es hart auf hart kommt. Einige andere können das natürlich nicht von sich behaupten.“

„Das ist trotzdem doof. Cusavier wollte noch diese eine Saison machen, hat Spanien verlassen und will seine Karriere bei uns beenden. Seine Anwesenheit als alter Captain soll das Team etwas stärken und genau jetzt aufmuntern. Ich habe mich schon die ganze Zeit darauf gefreut wieder mit ihm zu spielen. Wenn der Verein dicht macht oder die Sparbremse zieht, dann ist er der erste, der gehen muss. Sein Transfer hängt auch davon ab. Er ist unser teuerster Spieler, aber eben dann nur noch eine Saison dabei. Alles Mist.“

„Oh, das stimmt. Und dann ist wieder eine Legende weniger auf dem Rasen. Ist schon komisch das nächste Jahr nicht gegen ihn in der La Liga zu spielen. Rivaul vermisst ihn jetzt schon als Erzgegner.“, äußert Tsubasa.

„Dann wird es leichter für euch. Ist doch auch gut.“, grinst Ken.

„Wie langweilig. Jetzt bleibt uns nur noch Carlos Santana als wirklich ernsten Gegner.“, murrt Tsubasa. Er lächelt Fane an.

„Fane, lass uns gehen. So gerne ich auch hier bei den Männern bin, den Rest des Tages gehöre ich dir. Was hast du heute Schönes gekocht? Ich bin schon ganz gespannt.“ Fane schmunzelt, stellt ihre Tasse in den Geschirrspüler und geht zu ihm.

Mit diesen Worten verlassen Tsubasa und Fane die Halle.

„Na dann bis morgen, Männer.“, sagt Mikami und trinkt den ersten Schluck seines Kaffees. Kira spricht Kojiro an.

„Kojiro, wie willst du jetzt weitermachen? Wo würdest du hingehen, wenn es Hart auf Hart kommen sollte und der Verein sich auflösen muss?“

„Ich will gar nicht weg. Endlich habe ich die Sprache drauf und dort guten Anschluss gefunden. Und dann soll ich gehen? Und nach nicht mal zwei Jahren das Haus wieder verkaufen? Ist doch bescheuert.“, knurrt er zornig.

„Hm, was du dabei willst, spielt dann keine Rolle mehr. Ihr Spieler solltet euch jetzt schon Gedanken darüber machen, wo ihr hingehen wollt und könnt. Einen Stürmer wie dich wollen alle haben, die besten Angebote kamen bisher aus Deutschland, nicht wahr? Sie wollen eine Konkurrenz zu Schneider, Müller und Genzo haben. Immerhin sind sie seit ihrer Anwesenheit in der ersten Bundesliga immer auf den oberen zwei Plätzen.“, erklärt Kira.

„Zu Schneider? Ne…ganz sicher nicht. Da gehe ich lieber nach Spanien zu Tsubasa oder nach Frankreich zu Taro. Angebote kamen dort auch genug her.“ „Was hältst du von England?“

„Bloß nicht, diese arroganten Vögel brauche ich echt nicht um mich herum. Das wäre der Notnagel.“, brummt er wieder und macht Fäuste.

„Ruf deinen Trainer an und kläre, was er will. Wir können ja als Zuhörer dabeibleiben, wenn du willst.“, schlägt Kira vor.

„Genau, vielleicht sind es ja gute Nachrichten.“ Kojiro überlegt. Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee.

‚Was er wohl wirklich will? Er ruft mich im Urlaub nur an, wenn es brennt. Es wird also sehr wichtig sein.‘ In dem Moment, als er auf sein Handy schaut und noch überlegt, geht eine SMS von seinem Trainer ein.

„Rufen Sie sofort zurück. Es eilt sehr!“

Sein Puls beginnt zu rasen, denn das klingt gar nicht gut. Er atmet tief durch, schließt die Tür hinter sich und ruft endlich in Turin an. Es tutet nur sehr kurz, vermutlich hat der Trainer auf den Rückruf gewartet.

„Guten Tag Trainer Monetti. Ich hoffe doch, es sind gute Nachrichten.“, versucht er so freundlich wie möglich zu sein. Jedoch hat er ein schlechtes Gefühl dabei. „Gar nichts ist gut. Hyuga, wir haben ein großes Problem. Die Kommission, die den Skandal untersucht, ist jeden Spieler einzeln durchgegangen, soweit klar. Das ist immer so, bei solchen Anschuldigungen. Aber Sie stehen natürlich besonders im Fokus, da Sie als unser Top-Stürmer den meisten Einfluss auf die Ergebnisse haben. Schießen Sie also daneben, könnte es gewollt sein, um Torverhältnisse oder hohe Wetteinsätze zu beeinflussen.“

„Wie bitte?!“, brüllt Kojiro in den Hörer.

„Hören Sie mir erst zu!“, kommt grunzend zurück.

„Sie haben im vorletzten Spiel gegen Inter Mailand zwei Duelle gegen Ihren Landsmann Shingo Aoi gewonnen, jedoch gingen die Torversuche danach daneben. Der erste ging knapp gegen die Latte und den zweiten konnte Hernandez auffangen. Bei dem ersten sagt keiner so schnell was, passiert jedem und eine Ablenkung ist wahrscheinlich, aber das zweite Tor hätte in ihren Augen sitzen müssen.

Es steht der Verdacht im Raum, dass Sie mit Aoi oder allein am Ergebnis drehen wollten, um ein bestimmtes Ergebnis herbeizuführen. Das Spiel ging 3:2 für uns aus. Genau diese Prognose hatte in einigen hochpreisigen Wettbüros den größten Einsatz und musste natürlich ausgezahlt werden. Aber die Gegenseiten zweifeln das Ergebnis an.“

Kojiros Herz fühlt sich plötzlich an, als würde man es mit einem Schwert durchstoßen. Er fasst sich mit der linken Hand an die Brust und kneift die Augen zu. Er hatte schon viel erlebt, aber solch eine Beleidigung ist genau das wonach es sich gerade anfühlt. Es fühlt sich hilflos an. Wie soll er denn beweisen, dass es keine Absicht war? Niemals würde er bewusst „kein“ Tor schießen. Das ist gegen seine Natur. Für ihn gibt es nur das Tor, nichts davor oder dazwischen. Und an illegalen Aktionen würde er ohnehin niemals mitmachen. Was weiß er denn schon, was die Leute so wetten? Das ist ihm auch völlig egal. Extreme Wut steigt in ihm auf und ohne, dass er es bemerkt, drückt er das Handy in seiner Hand immer fester, bis es plötzlich zerspringt. Die Einzelteile fliegen aus seiner Hand und er lässt es entsetzt los, damit er sich nicht noch verletzt.

„Kojiro…du meine Güte.“, haut Kira aus und Mikami, Jun und Ken sehen ihn verdattert an.

„Verdammt! Scheiße nochmal! Die spinnen jawohl!“, lässt er seinem Zorn etwas lauter Luft und bückt sich dann, um die Einzelteile aufzusammeln. Das Telefonat ist natürlich dadurch unterbrochen worden. Ken zückt sein Handy und reicht es ihm.

„Hier, tausch schnell die Sim-Karten aus und ruf zurück. Er war sicher noch nicht fertig.“, fordert er ihn auf. Kojiro nimmt dankend das Handy an und greift das Teil, wo seine Karte drinsteckt, geht zum Tisch und tauscht die Karten aus. Dann gibt er seinen Pin-Code ein und ruft zurück. Ken sammelt inzwischen die Kleinteile auf und legt sie in eine Schüssel.

„Trainer, sorry, mir ist das Handy gerade heruntergefallen und kaputt gegangen.“, entschuldigt er sich natürlich sofort und der Mann an der anderen Leitung zeigt Verständnis.

„Kann ich verstehen. Okay. Also passen Sie auf. Suchen Sie sich einen juristischen Spezialisten, am besten jemanden, dem Sie vertrauen können, schauen Sie nicht zu sehr auf sein Honorar, denn Sie brauchen einen Profi. Mein persönlicher Tipp: Tun Sie sich mit Aoi zusammen. Er hat genau dasselbe Problem wie Sie. Zwar steht der Verein an sich nicht im Fokus, aber er als Spieler, da Sie international im selben Team spielen und ihre Freundschaft bekannt ist. Genau das werden die Gegner in der Presse breittreten und die Kommission wird diesem Verdacht nachgehen müssen.“ Zuerst kann Kojiro dazu nichts sagen. Er atmet tief durch und spricht dann endlich seinen Gedanken aus.

„Sie wissen, dass ich sowas niemals machen würde. Und Shingo ebenso wenig. Wir sind Freunde…aber auch Rivalen, das stärkt uns gegenseitig. Wenn ich Rücksicht nehme, dann nur, um ihn nicht unnötig stark zu verletzen. Nachdem das mal zwischen Genzo und Schneider und Tsubasa so böse ausging, nehmen wir alle etwas mehr Rücksicht.“

„Ich weiß das, jeder im Vorstand oder aus dem Team weiß das. Ich warne Sie nur vor. Die Anzeige ging eben erst raus. Es wird etwa einen oder zwei Tage dauern bis da etwas speziell an Sie herangetreten kommt.“

„Okay. Ich danke Ihnen für die vielen Informationen. Ich werde schauen, was ich tun kann.“

„Hyuga, beeilen Sie sich damit. Es drängt. Klärt sich die Sache nicht bis zu Beginn der nächsten Saison, sind Sie bis auf Weiteres nicht nur auf der Bank. Sie dürfen nicht spielen. Weder in der italienischen Liga noch in der Champions Leage. Nichts dergleichen. Aoi könnte es genauso ergehen. Das Team zu wechseln, würde ebenso das gleiche sein. Es betrifft Sie als Person.“ Das Gespräch wird beendet. Kojiro legt auf, ohne weiter etwas zu sagen. Plötzlich geht die Tür auf und Shingo stürmt herein.

„Kojiro, Kojiro…zum Glück bist du noch da! Wir…wir haben ein Problem! Es ist so furchtbar…was machen wir denn jetzt?!“, zappelt er total aufgebracht vor ihm umher und sieht ihn mit ein paar Tränen in den Augen an.

„Beruhige dich Shingo. Ich weiß schon bescheid. Wir brauchen einen Profi.“ „Richtig, ihr müsst beide einen klaren Kopf bewahren. Und was ihr noch braucht, außer einen guten Anwalt, sind Zeugen.“, bringt sich Jun ein.

„Zeugen? Wer soll denn das sein? Wir können schlecht unsere Männer fragen, die dabei waren und andere kommen als Außenstehende nicht in Frage.“, wundert sich Kojiro.

„Das kann man so nicht sehen. Natürlich sind eure Teamkollegen gute Zeugen, aber es würde ohnehin jeder für sich selbst nur im Guten aussagen. Deswegen wäre ihre Glaubwürdigkeit getrübt. Und bei Konkurrenzkampf, ist sich oft jeder selbst der nächste.

Aber wenn jeweils die Gegenseite den anderen bezeugt, dann sieht die Sache anders aus. Ihr müsst mit euren Leuten reden und die Vereine müssen jeweils aus den Gegenseiten Zeugen für sich finden.“

„Das klingt ja auch wie Absprache.“, murrt Kojiro.

„Nur bedingt. Zusätzlich zu diesen Zeugen braucht ihr Leute von außerhalb, die weder mit euch spielen noch mit euch befreundet sind. Unabhängige Zeugen, die von eurer Spielweise überzeugt sind und im Notfall unter Eid zu euren Gunsten aussagen würden.“

„Ich rufe auf jeden Fall gleich Gino an. Hätte er was bemerkt, dann hätte er mir das gleich vor Ort gesagt. Immerhin muss er doch am besten wissen, ob die Tore richtige Versuche waren oder nicht.“, bringt sich Aoi schnell ein.

„Eine gute Idee. Er wäre ein Zeuge für Kojiros Seite. Die beiden können sich ohnehin nicht leiden, aber wenn es um faires Spielen geht, dann ist er dabei.“, meint Mikami.

„Hernandez? Ausgerechnet der soll für mich aussagen?“, knurrt Kojiro los.

„Eben drum, weil Sie sich privat nicht mögen, passt es hervorragend.“ Kojiro legt das Handy auf den Tisch, fummelt die Sim-Karte wieder heraus und Ken seine wieder rein und gibt ihm das Handy wieder.

„Kojiro, was du eben gesagt hast, mit dem Zurücknehmen, um unnötige Verletzungen zu umgehen, das schreibe dir gleich auf. Ein super Satz für den Richter. Beschreibe dann gerne den Vorfall, um den es dir geht. Riskantes Spielen ist gegen die Regeln und du bist ein aggressiver Spieler, aber du spielt mittlerweile immer nach dem Regelwerk. Das ist deine Stärke, faires Spielen mit Rücksicht und Respekt dem Gegner gegenüber. Du spielt mit einer gesunden Kraft, schon lange nicht mehr wie ein Kind, ohne Rücksicht. Diese Spielweise hast du nach dem ersten Grundschulturnier in der Toho abgelegt. Das wird gut ankommen.“, bringt sich Kira mit stolzen und wichtigen Argumenten ein. Kojiro sieht ihn an, dann geht er zum Tisch, greift Schreibblock und Stift und notiert genau das, was er gesagt hatte und was Kira sagte.

„Je genau. Kojiro, du würdest niemals ohne Rücksicht spielen.“

„Shingo, informiere mich umgehend, was Hernandez dazu sagt. Ich kümmere mich um einen Anwalt, der uns beide vertreten kann. Je nachdem, wie die Anzeige bzw. der Verdacht formuliert wird.“

„Natürlich. Mache ich.“

„Ich gehe jetzt. Ich muss mir schnell ein neues Handy holen. Ich befürchte das hier macht es nicht mehr.“, blickt er auf den Tisch und greift die Schüssel. Ken geht zum Küchenbereich und schaut nach einer Tüte. In der Schublade wird er fündig, kleine Mülltüten, also perfekt. Die Kleinteile werden hineingelegt und schon verabschiedet sich Kojiro.

Der Beutel landet in der großen Sporttasche und am Ausgangstor schnappt er sich eines der Taxen und lässt sich zum nächsten Handyladen fahren, der ihm vom Fahrer empfohlen wurde. Dort gäbe es eine nette und gute Beratung und eine große Auswahl an Modellen.

Während Kojiro darauf wartet, dass ihm der Händler versucht sein Handy wieder zusammenzubauen, was nach seiner Meinung nicht unmöglich sei, schaut er aus dem Fenster. Er betrachtet durch seine Sonnenbrille die Einkaufspassage und entdeckt einen Spielzeugladen.

‚Hm, Kaiichi hat bald Geburtstag. Am besten ich nutze die Zeit gleich mal. Fröhliches Spielzeug sehen, bringt mich sicher wieder etwas runter. Was soll nur werden? Auf so einen Gerichtsscheiß habe ich so gar keinen Bock. Das erscheint alles so sinnlos. Mir die Absicht zu unterstellen bei diesen Manipulationen mitzumachen. Das kann mir meinen ganzen Ruf ruinieren. Wie soll das nur alles weitergehen? Ob es jetzt schon mit allem zu Ende ist? Ich fange doch gerade erst an ganz oben mitzumischen.‘ Er macht Fäuste und kann sein Gesicht nicht mehr freundlich zeigen. Es brodelt alles nur so in ihm. Ihm geht das Spiel nicht aus dem Kopf. Warum mussten auch ausgerechnet die Wetten mit diesem speziellen Ausgang passen? Zweimal in einem Spiel fast klare Tore zu versemmeln, das hat ihn ohnehin schon derart geärgert. Zum Glück haben sie trotzdem gewonnen. Keiner hat da was angezweifelt, warum jetzt auf einmal?‘

Das Handy ist wieder repariert und Kojiro schaltet es ein.

„Herr, da haben Sie großes Glück gehabt. Aber einen zweiten Sturz wird es vermutlich nicht überstehen.“

„Danke sehr. Das ist okay. Ich sollte also lieber zur Sicherheit ein neues mitnehmen, dann kann ich es gleich austauschen?“

„Eine gute Idee.“ Es wird ein neues einfaches Handy ausgesucht und alles bezahlt. Er verlässt den Laden und geht mit Sonnenbrille, Kapuze bis zur Nase in den gegenüberliegenden Spielzeugladen. Vor einem Regal mit Sammelfiguren und speziellen Videospielen für eine Konsole greift er gezielt ein FiFa Spiel des Jahrgangs 2006. Es ist das letzte seiner Art und er weiß, es ist überall vergriffen, denn eigentlich kommt es erst in zwei Monaten heraus. Nur spezielle Händler haben es bereits im Laden. Dann überlegt er welche Figur er mitnehmen soll. Kaiichi bekommt immer eine neue, das weiß er. Immer zu Weihnachten und zum Geburtstag. Kojiro steht vor seinem Nationalteam. Gut sechs Herren hat sein Bruder bereits und wer fehlt denn noch alles? Dann lächelt er und greift Ken und Shingo. Ken als kleinen Anhänger in Angriffsposition als Karate-Keeper, in der schlagenden Hand der Fußball und Shingo als Actionfigur in Barbie-Ken-Größe. Er trägt sein Nationaltrikot und als Wechselsachen liegt das Inter-Mailand Trikot mit den passenden Socken bei. Er betrachtet Shingos Puppe.

‚Ich hoffe doch, dass wird uns Glück bringen. Jetzt kann Kaiichi mit dir gegen mich spielen.‘ Dann geht er zur Kasse und steht in der Reihe zum Bezahlen. Während er dort steht, bleibt er vor einer Reihe Kugel-Automaten stehen. In den durchsichtigen Kugeln sind kleine Figuren von verschiedenen Themen und Serien oder Sportarten dabei. Er greift in die Hosentasche und holt einen passenden Taler heraus und dreht am Automaten der National-Volleyballfiguren. Die sind gemischt, Männer wie Frauen.

‚Vielleicht erwische ich Kioko. Kioko war von den Frisuren her nicht dabei. Da wird sich Naoko sicher freuen. Ich glaube die sammelt sie, die sind mir doch gestern in ihrem Zimmer aufgefallen.‘ Es dauert etwas, bis die Kugel durchs verspielte Labyrynth gerollt ist und unten im Auswurf landet. Er greift danach und schaut sie sich an, ob er die bei seiner Schwester schon gesehen hat.

‚Oh, nanu. Ein blondes Mädchen? Und dann mit so komischen Ohren? Sehen aus wie Plüschohren.‘ Er muss grinsen und schaut auf die Liste, welche Figuren es gibt. Keine Namen, nur Motive. Einige Damen und Herren haben manchmal verschiedene Eigenheiten. Einer der Herren trägt zum Beispiel eine Kochmütze, ein anderer hält neben dem Volleyball auch einen Fußball mit einem Handschuh in der Hand und eine Dame hat zwei zusammengedrehte Zöpfe, und nimmt wie Kens Figur eine Karatestellung ein. Also muss es wohl normal sein, mit den Ohren. Die Reihe wird kürzer und er ist bald an der Kasse. Es war eine gute Idee sich von dem Stress abzulenken und dort hinzugehen, wo es immer fröhlich ist. Buntes Spielzeug und fröhliche Kindergesichter. Wenn er dann nach Hause kommt und seinen Geschwistern jeweils was mitgebracht hat, dann werden sie sich auch sehr freuen.

224. Augenkontakt Teil 2 oder Die Einladung

Kapitel 224
 

Augenkontakt Teil 2 oder Die Einladung
 

Als er an der Kasse steht und bezahlen möchte, macht der Verkäufer große Augen.

„Guten Tag, Sie haben aber Glück. Das letzte Spiel erwischen und dann noch Tora-san ergattern. Da werden sich Ihre Kinder aber freuen.“ Er lächelt zu Kojiro auf.

„Tora-san?“, stutzt er und schaut nochmal in die Kugel.

‚Hm, ich verstehe. Das muss diejenige sein, die Frau Matzumoto damals meinte, sie benütze meinen Namen. Aber was sollen dann die Ohren? Mit einem Tiger haben die nichts zu tun. Aber soweit ich weiß, hat Naoko sie mal erwähnt, so nebenbei, dass sie sie mag.‘

„Das Spiel ist schwer zu bekommen, das stimmt. Ich habe schon lange gesucht und war erstaunt, dass es eins gibt. Es kommt doch erst in zwei Monaten raus.“ „Das haben wir unserem Chef zu verdanken, er ist großer Sportfan und hat Beziehungen zum Hersteller. Da bekommt er dann jedes Jahr schon vor normalem Start zehn Exemplare. Die werden unangekündigt in den Laden gelegt. So gibt es dann keinen Streiten. Hat also etwas mit Glück zu tun und jeder, der das weiß, der schaut jeden Tag vorbei und nimmt dann auf Höflichkeit was anderes mit, damit das nicht so auffällt.“, grinst er und gibt den Artikel ein. Dann greift er die Kugel.

„Die ist ja schon bezahlt. Aber ich kann Ihnen von Tora-san den Verkaufsschlager empfehlen. Wenn man schon so viel Glück hat, eine der vier seltensten Figuren zu erwischen.“ Er zeigt auf das Regal neben sich. Es hängen dort gefühlt unendlich viele Schlüsselanhänger und unter anderem auch der Volleyballer mit der Kochmütze, Kens Figur, die er schon am anderen Regal rausgesucht hatte und natürlich die blonde Volleyballerin mit den Öhrchen und natürlich seine eigene Figur.

„Hier stehen die beliebtesten Figuren von allen Serien. Die kleine Figur in der Kugel ist hübsch zum Hinstellen, aber die eben sehr praktisch. Dann hat man sie immer dabei. Vielleicht ist das auch etwas für die Tochter?“

„Oh, äh, Schwester, bitte. Okay, die nehme ich auch mit. Bitte packen Sie mir das Spiel und die Puppe nett ein. Das ist für meinen Bruder zum Geburtstag.“

„Was ist mit dem Anhänger von Wakashimazu?“

„Der ist extra.“

„Okay, sehr gerne.“ Er ordert seine Angestellte herbei und gibt ihr die Sachen zum Einpacken.

Plötzlich ist hinter ihm ein Weinen zu hören. Er dreht sich um und erblickt einen kleinen Jungen, etwa sechs Jahre alt mit seiner Mutter. Sie hockt sich zu ihm runter und nimmt ihn in den Arm.

„Es tut mir leid, Häschen, ich konnte nicht eher Schluss machen.“

„Immer bin ich zu spät…nur weil du arbeiten musst. Vorhin nach der Schule lag das Spiel noch da.“ Er weint bitterliche Tränen.

„Ob er das Spiel meint, das ich eben gekauft habe?“, flüstert er zum Verkäufer.

„Ja, er war vor einer Stunde schon hier, allein und hat es reservieren wollen, aber ich darf das nicht machen, nicht bei Dieser Sonderaktion.“ Kojiro schaut zu seinem Spiel, es wird bereits eingepackt und er braucht es leider selbst schon in ein paar Tagen. Da kommt kein Weg dran vorbei. Er schaut sich im Laden um, es ist erstaunlich leer. Der große Ansturm kommt meist nach der Arbeitszeit und im klassischen Tourismusgebiet liegt der Laden nicht. Der Stürmer geht zu dem Jungen und spricht die Mutter freundlich an.

„Entschuldigen Sie, wollte der Kleine das Videospiel mit den Fußballern?“ Sie ist erstaunt und nickt nur zurückhaltend.

„Nun ist es schon eingepackt und ich brauche es für meinen Bruder. Vielleicht kann ich aber etwas Nettes für ihn tun, was viel wertvoller als das Spiel ist und dann kann er die zwei Monate in Ruhe darauf warten.“, macht er ein Angebot. Der Junge schaut ihn skeptisch an. Er schnieft und wischt sich die Tränen weg. „Sie…wollen sich doch nur über mich lustig machen. Ich will die Fußballer haben und nichts anderes.“, schluchzt er. Kojiro geht in die Hocke und lächelt.

„Niemals würde ich das. Wen magst du denn am liebsten? Jemanden aus dem japanischen Team?“ Plötzlich starrt ihn der Kleine ganz verdutzt an. Was er wirklich in diesem Moment denkt, kann niemand so genau sagen, aber er schnieft erneut und reibt sich die Augen nochmal.

„Tsubasa und Kojiro, die sind die Allerstärksten, aber…ich…“, er schnieft wieder los und schüttelt traurig den Kopf und vergräbt ihn bei Mama im Arm, die noch neben ihm hockt und ihn liebevoll festhält.

„Ja, sie sind vermutlich die stärksten, das stimmt.“

„Ich…ich kann mir ja nie…ihre Spiele ansehen. Sie sind so weit weg.“ Kojiro schaut auf, es ist aktuell so gut wie niemand im Laden und in der Nähe erstrecht nicht. Er blickt den Kleinen an. Dann grinst er und nimmt seine Sonnenbrille ab und hält den Finger vor den Mund.

„Aber nicht verraten, ja? Sonst komme ich hier heute nicht mehr weg.“ Total begeistert starrt er ihn an. Wie kann das denn sein? Zuerst dachte er nur, er sieht seinem Vorbild ähnlich, aber nein, er ist es persönlich.

„Wow…Kojiro? Wirklich? Ich…kann das gar nicht glauben.“, flüstert er, denn er ist klug und weiß genau, wenn er zu laut ist, dann kommen die anderen angerannt und wollen Fotos und Autogramme. Kojiro nickt.

„Folgender Vorschlag, kleiner Mann. Du suchst dir was als Trost aus und ich signiere es dir. Und dann kommst du mit deiner Familie zu unseren Trainingsspielen. Wir treffen uns jedes Jahr im Sommer, wenn wir Urlaub haben und diesmal sind wir hier gleich in der Nähe, bei Jun an der alten Schule. An der Musashi. Aber sag das niemanden weiter, okay? Es dürfen nur geladene Fans zusehen. Dann kannst du das ganze Team sehen und dir Autogramme und Fotos abholen.“ Er setzt seine Sonnenbrille wieder auf und steht auf. Dann kramt er in seiner großen Tasche und holt einen Block und einen eleganten Füller heraus. Er schreibt etwas darauf und reicht es der Mutter rüber.

„Ist das denn für Sie okay? Das wären die Tage und die Uhrzeiten, an denen die drei Spiele stattfinden.“

„Oh, äh. Ja. Da muss ich schauen wer mit ihm geht. Ich…muss arbeiten.“

„Darf ich fragen, was Sie arbeiten?“

„Oh, ich äh, ich arbeite in der Gebäudereinigung und mache Büros sauber.“, sagt sie etwas zurückhaltend.

„Da findet sich doch sicher jemand, der Sie mal einen Tag vertreten kann oder die Schichten tauschen. Versuchen Sie es einfach. Haben Sie eine Karte?“ Sie greift in ihre Handtasche und holt eine Visitenkarte heraus.

„Ich versuche es. Hier, da arbeite ich.“
 

Wenige Minuten später steht Kojiro mit einer Puppe von sich selbst an der Kasse und bezahlt diese. Dann holt er einen Stift aus der Tasche und signiert die Verpackung.

„Wie heißt du?“

„Ken, ich heiße Ken.“, strahlt er ihn an.

„Einer meiner Brüder heißt auch Ken. Ein starker Name.“ Dann gibt er ihm die Puppe.

„Sollte es mit dem Freinehmen nicht gehen, melden Sie sich bitte rechtzeitig unter der Nummer, die ich Ihnen aufgeschrieben habe. Meine Managerin lässt sich was einfallen. Es wäre schade diese seltene Gelegenheit verstreichen zu lassen.“
 

Mit diesen Worten und dem eingepackten Geschenk, verlässt er den Laden und geht wieder in die Richtung seiner Familie. Als er an einem Dekorationsgeschäft vorbeikommt, macht er am Schaufenster Halt.

‚Hm. Eine kleine Deko für Mutter. Für die Kids habe ich was und da habe ich dann nichts für sie in der Hand. Das ist auch doof.‘ Er geht hinein und entdeckt sofort eine kleine niedliche Figur einer schwarzen Katze mit weißen Pfötchen. Seine Mutter liebt Katzenfiguren. Die Figur findet sicher einen Platz in ihrer Sammlung in der Glasvitrine. Kurz darauf verlässt er auch diesen Laden. Die handgroße Figur gut eingewickelt in Papier und gebettet zwischen seinen Sportsachen. Nun ist die Tasche voll, denn die große Puppe von Shingo nimmt viel Platz ein.

Als er sich wieder auf dem Weg macht, klingelt sein Handy. Er bleibt stehen, holt es aus der Hosentasche und geht mit Herzklopfen ran. Es ist die Nummer seiner Managerin.

„Kojiro? Wir haben ein großes Problem. Kannst du reden?“ Er atmet tief durch. „Jetzt nicht. Aber…ich kann mir denken, worum es geht. Kam ein Anruf vom Verein?“

„Oh, du bist schon informiert?“

„Vorgewarnt, ja. Wie schlimm ist es? Brauche ich einen Anwalt?“

„Auf jeden Fall. Es sieht nicht gut aus. Ich habe unseren Rechtsanwalt informiert und er prüft die Aufnahmen. Ich befürchte jedoch, dass wir jemand spezielleres brauchen. Jemand, der sich mit Analytik von Spielen auskennt.“

„Kennen Sie da jemanden?“

„Nein, nicht im Fußball. Ich muss mich erst umhören. Wettbetrug oder Manipulation ist eine heikle Angelegenheit. Sollte irgendjemand oder die Presse schon Fragen stellen und ich bin nicht dabei, kein Kommentar, hast du gehört? Das ist sehr wichtig. Das klären die Anwälte und Fachleute, mehr kannst du nicht sagen. Alles andere kann auch nach hinten losgehen.“

„Ich habe verstanden.“

„Ich melde mich, wenn es Neuigkeiten gibt.“ Sie legt auf und er atmet tief durch. Inzwischen steht er vor einem Comiccorner. Um sich wieder etwas aufzuheitern, sieht er sich im Schaufenster die vielen bunten Bilder und Bücher an. Dann muss er schmunzeln, denn er entdeckt einen alten Manga, total abgegriffen und scheinbar viel gelesen. Er ist in eine Schutzhülle gepackt, vermutlich, um es vor der Sonne und Staub zu schützen. Auf dem Schild daneben steht, dass es die Erstauflage 1986 ist und leider mit einigen Eintragungen versehen wurde. Jedoch ist der Preis sehr hoch, da es trotz der Mängel einen sehr hohen Sammlerwert darstellt.

‚Zu meinem vierten Geburtstag schenkte mir Vater dieses Buch. Es war gerade neu erschienen. Er las es mir immer vor und dann stückweise im Wechsel, bis ich selbst lesen konnte. Ich war so begeistert von diesem fröhlichen Kakeru (Gregor), der hier auf dem Cover ist, dass ich mich endgültig für Fußball entschied. Er schaffte es eine Mannschaft aufzumuntern, die völlig am Boden lag und den Sport aufgeben wollte. Vater sagte immer, man darf niemals aufgeben und muss immer an seine Ziele denken. Egal wie schwer der Weg auch sei, es gibt immer einen Weg nach vorn, wenn er auch manchmal schwer sei.

An seine Regel habe ich mich immer gehalten. Jeden Tag…Vater…bis heute.‘ Kojiro dreht sich vom Schaufenster weg und geht ein paar Schritte, aber dann kommen ihm die Worte seines Vaters erneut in den Sinn.

„Immer gibt es einen Weg, Kojiro. Und wenn der Berg noch so hoch ist, der Vulkan noch so sehr Feuerspuckt oder die Welle noch so groß ist, ein Hyuga gibt niemals auf und hält an seinen Träumen fest.“, kommt es ihm vor, als würde er seine raue, vertraute Stimme von damals hören. Fest entschlossen betritt er den Laden und schaut sich kurz um. Es ist ruhig, kein Kunde da und niemand ist zu sehen. Er geht langsam auf die Kasse zu. In diesem Moment taucht ein Mann nur wenig älter als er hinter der Theke auf. Er hat etwas in der Hocke eingeräumt und begrüßt ihn nun freundlich.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag. Ich würde gerne das Sammlerstück aus dem Schaufenster kaufen.“

„Oh, gerne. Welches genau? Es liegen dort drei Stück aus.“

„Ganbare! Kikkāzu Band 1 bitte.“ (Kickers)

„Dass dort von einem ehemaligen Leser Notizen drin sind, haben Sie gelesen? Das schreckt viele vom Kauf ab. Ich habe den Preis schon ständig runtergesetzt.“

„Das stört mich nicht. Es hat eher einen mentalen Wert. Ich habe als Kind alle Bände gelesen und musste sie dann irgendwann schweren Herzens verkaufen. Die haben sicher auch nicht besser ausgesehen. So oft, wie ich die gelesen habe. Und was reingekrakelt habe ich auch ständig. Teilweise ausgemalt, schlimm.“, grinst er den Verkäufer an. Der Verkäufer greift in der Schublade nach einem kleinen Schlüsselbund und geht zum Schaufenster, um die Glasvitrine mit den Sammlerstücken zu öffnen.

„Das höre ich immer wieder. Als Kind hat man nie daran gedacht, dass sowas mal einen Wert darstellen könnte. Man hat mit seinen Sachen eben gespielt oder es so benutzt, dass man Spaß und Freude damit hatte.“ Kojiro folgt ihm ans Fenster und der Mann schließt die Vitrine auf. Als er die Glastür öffnet und der Schlüsselbund daran hängt, stutzt Kojiro.

‚Nanu, da hängt ja so ein Anhänger, den ich eben für Naoko gekauft habe. Wieder diese Volleyballerin mit den spitzen Tierohren.‘

Das Buch wird zur Theke genommen, nachdem die Vitrine wieder zugeschlossen wurde und liegt nun auf der bunten Unterlage.

„So, dann schauen wir doch mal rein.“, spricht der Verkäufer und legt den Schlüsselbund an die Seite der Kasse, sichtbar für Kojiro.

Er nimmt eine feine Schere und öffnet die Folie des Buches, nimmt es heraus und gibt es seinem Kunden rüber. Kojiro hält es in den Händen und lächelt.

‚So abgegrabbelt sah mein erster Band definitiv auch aus.‘ Als er vorsichtig durchblättert, stutzt er.

„Moment mal.“, stößt er verdutzt aus. Mit Erstaunen über die Eintragungen und die ausgemalten Bilder, wirft er sofort einen Blick auf die erste Seite und entdeckt tatsächlich seine eigenen Initialen und die Widmung seines Vaters.

„Alles Gute zum Geburtstag, Großer. Und bleib am Ball. In Liebe, Dein Vater.“

„Hm. Haben Sie die anderen neunzehn Bände auch oder nur den einen hier?“

„Es hat noch nie jemand danach gefragt. Aber ja, ich habe die anderen auch. Sie stammen aus einer Haushaltsauflösung. Die anderen Händler haben sich gesträubt sie wegen der vielen Eintragungen für den angebotenen Preis zu nehmen. Aber ich handhabe das mit Sammlerstücken etwas anders als andere. Solange ich nicht auf den Kosten hängen bleibe, reicht mir das. Meinen nötigen Umsatz mache ich mit den aktuellen Büchern. Es verkaufen sich außerdem solche Raritäten besser im Internet.“

„Meine Aufmerksamkeit für die anderen Bücher, haben Sie.“ Kojiro blättert weiter im Buch herum, solange der Verkäufer hinter sich an den Holzschrank geht und ihn wieder mit dem Schlüssel öffnet und eine Kiste herausnimmt und auf den Tisch stellt.

Dann wird sie geöffnet und die Bücher liegen alle in den Folien liebevoll verpackt.

„Und die sind alle vom selben Verkäufer?“

„Ja, genau. Ein Bekannter, der sich um Haushaltsauflösungen kümmert. Wenn er Mangas und andere Comics oder Ähnliches findet, bin ich sein Ansprechpartner. Er kommt aber nicht aus Tokio. Er bekommt immer Aufträge von der Stadt, wenn ärmere Leute etwas verpfänden müssen oder die Wohnung aufgeben müssen. Auch Umzüge organisiert er mit. Ein fleißiger Typ.“

„Ich verstehe. Bitte geben Sie mir Band 13.“

„Ich kann Ihnen auch alle einmal öffnen, wenn Sie möchten.“

„Das reicht mir.“ Etwas irritiert öffnet der Mann den 13. Band und reicht ihn diesen rüber. Kojiro schaut in die Widmung und tatsächlich.

„Danke für deine Hilfe.“, steht darin.

„Gut. Was sollen alle zusammen kosten?“

„Sie möchten wirklich alle nehmen? Hm. Sie sagten, Sie mussten Ihre Bücher verkaufen?“

„Ja, als Kind. Als mein Vater starb, wurde jeder Yen gebraucht und dann habe ich auch meine Spielsachen verkauft, viel hatte ich nicht, aber als letztes diese Bücher.“

„Oh, das tut mir sehr leid. Was…haben Sie dann dafür gekauft?“

„Windeln für meine jüngeren Geschwister.“

„Windeln? Da gab es doch damals die zum Waschen.“, meint der Verkäufer erstaunt.

„Meine Mutter war schwanger und als das Baby dann da war, ging sie gleich wieder arbeiten und hatte nur wenig Zeit. Da war das eine gute Lösung, weil deutlich weniger Wäsche anfiel, somit also weniger Arbeitszeit zu Hause.“, erklärt er.

„Nun gut, das verstehe ich. Wenn ich mir vorstellen würde, ich müsste das noch alles waschen und aufhängen, da haben Sie Recht. Die Wegwerfdinger sind eine große Arbeitsersparnis. Ich kenne diese Situation. Als meine Tochter geboren wurde, stand ich auch allein da. Und dann hatte ich noch das Studium an der Backe. Das gab ich dann auf und war arbeiten, in einem Buchladen.“

Er atmet tief durch und holt die anderen Bücher langsam aus dem Karton. Er legt sie sorgsam auf den Tisch.

„Also Sie möchten wirklich alle 20 Bücher haben?“

„Ja.“

„Sie kennen den Preis des ersten Bandes, was wäre Ihnen der Rest dazu wert?“

„Sie fragen mich was. Ich habe da keine Ahnung von. Es steht doch überall ein Preis drauf, wenn ich das richtig gesehen habe. Ich denke das ist für solche Sammlerstücke angemessen?“ Kojiro erntet ein Lächeln und der Mann holt eine Liste aus dem Karton und legt ihn neben die Kasse. Natürlich ist er vorbereitet für den Fall der Fälle. Dass er alle auf einmal loswird, hätte er so schnell nicht gedacht.

„Ich danke Ihnen. Meist handeln die Leute noch herum und versuchen den Preis deutlich zu drücken.“

„Sie werden sich bei dem Preis schon etwas gedacht haben.“, meint Kojiro nur. Die einzelnen Preise und Bandnummern werden im Kassensystem eingegeben. Nebenbei spricht er Kojiro weiter an.

„Kleine Hintergrundinformation zu der Geschichte. Der ehemalige Besitzer hat ein interessantes Gerücht über diese Bücher verbreitet. Als man die Wohnung auflöste, standen sie neben den Fanartikeln und Zeitungsausschnitten unseres Fußballhelden dem „Wilden Tiger“. Er behauptete bei der Pfändung, die Bücher haben ihm als Kind gehört. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber bis auf die Initialen weist nichts in den Büchern darauf hin. Ich habe sie sehr genau einzeln durchgesehen. Es ist also reine Spekulation. Auf solche Aussagen lege ich keinen Wert, denn ohne Echtheitszertifikat oder irgendeinen Beweis, ist sie nichts wert. Ich erwähne die Behauptung zwar ab und zu, aber ob dem so ist, muss ich der Fantasie des Kunden überlassen.“

„Ich verstehe. Und wenn es so wäre? Was würden die dann wert sein?“, ist Kojiro einfach zu neugierig. Er schaut auf und betrachtet Kojiro etwas genauer. Dann schaut nachdenklich zur Kasse.

„Keine Ahnung. Vermutlich unverkäuflich.“ Er nennt ihm dann den Gesamtpreis.

Haben Sie noch einen Wunsch?“, fragt er dann.

„Das ist dann alles, danke sehr. Kann ich mit Kreditkarte bezahlen?“

„Das geht, natürlich. Den Mindestbetrag haben wir erreicht.“, kommt etwas angespannt zurück. Er drückt auf den Rechnungsknopf und Kojiro zückt seine Kreditkarte, steckt sie ins Gerät und gibt den Pin ein. Der Kauf ist akzeptiert und der Kassenbon kommt aus dem Drucker. Er reißt ihn ab und überreicht ihn Kojiro.

„Hm, vielen Dank für Ihren Einkauf, Herr Hyuga.“, blickt er ihn lächelnd an.

„Sehr gerne. Es gibt vermutlich einen Beweis dafür, dass sie mir gehörten.“, grinst er zurück.

„Wirklich? Ich habe alles genau angesehen, nichts weist eindeutig darauf hin.“

„Hm, ich weiß nicht mehr welches Buch es genau war, aber in einem haben Ken und ich gemeinsam reingeschrieben. Jetzt wo ich die Bücher sehe, kommt mir die Erinnerung zurück.“

„Oh, und da wäre ein Beweis dabei? Wollen wir nachsehen?“ Inzwischen sind die beiden allein im Laden.

„Gerne. Ich weiß nur noch, dass es um dieses spiel ging, wo das Team gegen die aus der Computerschule gespielt haben. Solche Hochbegabten.“

„Ah, ja. Das sagt mir was. Die Handlung war glaube ich, etwas in der Mitte.“ Sie sehen sich die Bücher an und dann greift der Verkäufer einen Band und öffnet die Folie und reicht es Kojiro rüber.

„Hier, das sollte es sein.“ Kojiro blättert darin rum und entdeckt eine komplett bunt ausgemalte Seite.

„Hier, diese Seite. Das Buch schenkte mir mein Freund Ken, also Ken Wakashimazu, zu Weihnachten. Er beschäftigte sich zu der Zeit noch nur mit seinem Karate und war aktuell beim Lernen der Kalligrafie. Wir konnten beide noch nicht so schönschreiben, aber er wollte mir beweisen, wie gut er ist. Also malten wir wie so oft zusammen jeweils eine Seite aus, da das Wetter extrem schlecht war und wir nicht rausgehen konnten. Als er mit seiner Seite fertig war, gab er mir seine Signatur darunter. Diese hier.“, zeigt er auf eine Signatur.

„Oh, die ist von Herrn Wakashimazu?“

„Ja, das ist der Leitspruch seines Familien-Dojos. Ein sehr alter Spruch, der von Generation zu Generation weitergeführt wird. Er hängt als große Zeichnung im Dojo. Und zwar nur in dem einen. Irgendwann hat sich die Familie den Spruch rechtlich schützen lassen, damit es nie Verwechslungen gibt und sie etwas Eigenes haben. Heute nutzt er die Signatur, wenn er ganz besondere Autogramme gibt. Also bei persönlichen Treffen oder auf dem Ball, wenn genug Zeit dafür ist. Er schreibt seinen Namen und dann diese Signatur darunter. Andere wie ich, malen gerne einen kleinen Fußball dazu. Er nutzt stattdessen die Familiensignatur.“

„Wow, darauf muss erstmal jemand kommen. Aber ein wirklicher Beweis, ist es ja nicht. Eine Wertschätzung hätten sie nicht überstanden.“

„Das ist zu speziell, das kann ich mir vorstellen.“

„Jetzt sind die Bücher wieder dort, wo sie hingehören. Das ist doch auch schön. Nehmen Sie sie mit nach Italien?“, lächelt der Verkäufer ehrlich.

„Nein, ich werde sie meinen Geschwistern schenken. Da wir damals alles verkaufen mussten, blieb nicht ein Stück mehr von unserem Vater übrig. Und jetzt, wo ich gemerkt habe, dass es meine Bücher waren, da kam mir die Idee, so haben sie etwas von ihm. Die meisten Bücher waren Geschenke von ihm. Und seine Schrift ist darin. Die drei haben ihn leider nie wirklich kennenlernen können.“ „Eine schöne Idee.“

Kojiro schielt auf den Schlüsselanhänger.

„Hm, verraten Sie mir, warum diese Figur solche Öhrchen hat? Sie sind scheinbar Fan.“, kann er sich diese Frage nicht mehr verkneifen. Er will vor seiner Schwester ja nicht ganz so dumm dastehen.

„Oh, naja. Das ist „Japans Gelbe Füchsin“ Die deutsche Volleyballerin. Das sind Fuchsohren. Damals als sie mit dem Team die Asienmeisterschaft heimbrachte, da verglich man ihre starken Bälle mit denen von Ihnen. Die Presse machte sich einen Streich daraus sie seitdem also einfach „Die Gelbe Tigerin“ zu nennen, statt Füchsin. Sogar die Bezeichnungen der Bälle wurden einfach umbenannt, dabei hatten die einen Namen. So entstand das Gerücht, sie würde Ihren Namen zum Zwecke ihres Erfolges nutzen und damit es nicht zum Rechtsstreit kommt, gab sie mehrfach bekannt, sich niemals so nennen zu wollen. Der Name gehöre bereits jemanden. Um dem ganzen ein Ende zu setzen, setzte sie sich eine halbe Saison lang, nach dem Asien-Cup diese Ohren als Haarreifen auf und drohte der Presse mit einer Klagewelle, wenn sie den Namen wieder verfälschen. Es sind also Fuchsohren, damit es keinen Zweifel mehr darangibt. So entstand dann dieser Verkaufsklassiker und es verlief alles im Sand. Nur ein paar eingefleischte Fans nennen sie einfach noch so. Teilweise auch ihre eigenen Bekannten. Tora-san, nennen sie sie dann einfach. Und ich muss ehrlich gestehen. Auch ich gehöre dazu, ebenso meine Kinder.“, grinst er und fasst sich dann and en Hinterkopf.

„Oh, so war das. Naja, als man mir das mit den Namen mitteilte, sagte ich nur, solange niemand damit von sich selbst behauptet, so zu heißen, liegt kein Problem meinerseits vor.“

„Eine gute Einstellung. Sie hätte es nicht verdient. Sie ist wirklich ein sehr netter Mensch.“ Kojiro schaut auf seine Uhr.

„Bestimmt. Bitte verpacken Sie mir die Bücher in Ruhe, heute kann ich sie nicht mitnehmen. Ich würde sie morgen um diese Zeit etwa abholen. Geht das?“

„Oh, ja das geht natürlich.“

„Okay, dann komme ich morgen vorbei und hole sie ab.“

Sie verabschieden sich und Kojiro verlässt den Comic-Corner. Kaum hat er den Laden verlassen, klingelt erneut sein Handy. Wieder ein Anruf aus Italien. Die Nummer ist ihm jedoch unbekannt. Er geht natürlich ran. Es kann nur wichtig sein. Um nicht gleich aufzufallen, falls es ein unschöner Anruf wird, geht er etwas in die Seitengasse hinein, die gleich neben dem Laden ist.

„Hallo.“, geht er neutralen Tons ran.

„Hyuga? Ich bin es, Mazzantini.“, kommt die vertraute Stimme seines ehemaligen Fitnesstrainers. Er ist bereits seit gut 4 Monaten nicht mehr für seinen Verein zuständig, weil er sich fachlich fortbilden möchte. Kojiro kennt ihn seit seiner Ankunft in Italien trotz anfänglicher Diskrepanzen, haben sich die beiden etwas angefreundet.

„Herr Mazzantini, wie geht es Ihnen?“

„Mir geht es gut. Die Frage ist eher, wie es Ihnen geht.“

„Naja. Muss ich abwarten. Warum rufen Sie an?“

„Nun gut, ich wollte Ihnen nur etwas Erfreuliches mitteilen. Meiner Tochter geht es wieder besser. Sie ist wohl auf und kann endlich die Klinik mit dem Baby zusammen verlassen. Morgen ist es so weit. Die Operationen haben beide gut überstanden.“ Kojiro atmet tief und erleichtert durch.

„Oh…das ist eine schöne Nachricht. Das tut gut. Danke sehr, dass Sie es mir sofort mitgeteilt haben.“ Schon seit einer Woche gibt es immer wieder Sorgen um die beiden. Die Geburt verlief nicht wie es hätte sein sollen und es kam zu Komplikationen. Dann ein offenes Herz des Babys. Es war bisher für beide ein großes Risiko.

„Wie wird es heißen? Was ist es geworden?“

„Es ist ein Mädchen, sehr niedlich, die Kleine. Ganz wie ihre Mutter. Eine kleine Vittoria. Sicher wird sie mal eine Sportlerin wie ihre Mutter. Das Herz wird verheilen und dann kann sie vielleicht auch Sport machen.“

„Das wäre schön. Aber erstmal muss sie stark bleiben und wachsen. Ein schöner Name. Eine wahre Siegerin ist sie doch jetzt schon. Grüßen Sie mir Romana und ihren Mann von mir.“

„Ja. Das werde ich.

Und Hyuga, ich bin bei Ihnen, das wissen Sie, oder?“

„Ja.“ Somit legt er auf. Kojiro steckt das Handy in die Tasche und schaut erleichtert nach oben in die dicke Regenwolke, aus der in diesem Moment aus den bisher kleinen Tropfen immer größere fallen. Er lächelt und sein Herz schlägt schneller. Das Erfrischende Wasser auf seinem Gesicht ist wie eine kleine Dusche.

„Das…habe ich jetzt gebraucht. Wenigstens die beiden sind wieder Fitt. Nicht auszudenken, wenn es nicht so geendet wäre.“ Plötzlich platschen die Tropfen immer mehr und doller. Wie eine Sintflut kommt es hinunter und seine langen schwarzen Haare sind sofort nass. Zwar fühlt es sich toll an, aber in dem Moment überkommt ihn ein großer Durst.

‚Man habe ich einen riesigen Durst.‘ Er blickt in die Seitenstraße und entdeckt ein Restaurant. Ohne groß nachzudenken, läuft er zum Eingang und stürmt durch die Eingangstür. Er sieht sich halb durchnässt im Lokal um.

‚Hübsch hier. Scheint ein ausländisches Restaurant zu sein. Europäisch denke ich. Hm...niemand hier?‘ Er wischt sich das Wasser aus dem Gesicht, um besser sehen zu können.

„Einen guten Tag, wünsche ich, aber eigentlich haben wir geschlossen.“, vernimmt er eine sanfte und freundliche Frauenstimme. Verdutzt sieht er in ihre Richtung. Dann erblickt er eine junge Blondine, etwa in seinem Alter, welche an einem Tisch Servietten fertigt und ihn anlächelt.

‚Was für ein schönes Lächeln sie hat. Was ist das heute nur für ein seltsamer Tag? Dieses Auf und Ab in meiner Brust. Als wäre ich auf dem Rasen und würde ein aufregendes Spiel haben, bei dem das Ergebnis noch nicht voraussehbar ist.‘, geht ihm durch den Kopf. Neugierig geht er zu ihr und bleibt vor der Schiebetür des Festsaals stehen und schaut ihr in die schönen Augen.

„Ähm...Entschuldigung. Das wusste ich nicht. Warum ist um diese Zeit geschlossen?“

‚Sie ist sehr schön. Dann diese angenehme Stimme und dieses Lächeln. Wer ist sie?‘

„Wir haben dienstags immer Ruhetag. Deswegen ist geschlossen. Was führt dich überhaupt hier her?“

„Ich habe Durst, aber wenn geschlossen ist, kann man wohl nichts machen.“

‚Das ist ja doof. Wie gerne würde ich sie kennenlernen. Aber jetzt nach etwas zu trinken zu fragen, wäre unhöflich und aufdringlich. Am besten ich komme morgen nach dem Training zum Essen hier her. Das würde passen und wäre nicht aufdringlich.

Dass mich der Regen hier her lotst, kann doch kein Zufall sein. So eine schöne Nachricht und dann begegne ich so einer Schönheit? Das muss Schicksal sein.‘ Kojiro bewegt sich langsam und bewusst zur Tür zurück, in der Hoffnung, sie zeige von sich aus auch Interesse daran ihn eventuell kennenzulernen.

„Hey, warte!“, ruft sie deutlich. Ihre Stimme klingt wie eine Aufforderung für ihn, eine freundliche Aufforderung, auf die Herausforderung einzugehen. Die Herausforderung, diese Schönheit kennenzulernen. Verblüfft sieht er zu ihr und lächelt erleichtert.

„Ich habe nicht gesagt, dass du deswegen nichts trinken darfst.“, vernimmt er ihre angenehme Stimme, die aus ihrem Mund in seiner Heimatsprache besonders hübsch klingt. Er beobachtet ihre sportliche Gestalt, wie sie sich aufrichtet und zum Tresen geht.

„Setz dich doch, was kann ich dir bringen?“ Der Fußballer geht zu ihr an den Tresen und setzt sich auf einen der Hochstühlen. Sein Herz klopft schnell, aber er versucht es sich nicht anmerken zu lassen, als er ihr dabei zusieht, wie sie ihm etwas zu trinken macht. Er genießt ihre Anwesenheit, denn es fühlt sich erleichternd an, als wäre jeder Kummer von einer Minute zur anderen weg.

‚Es muss Schicksal sein. War der Anruf von Mazzantini und ist dieser schöne Lichtblick in ihr schönes Lächeln ein Hinweis? Ein Hinweis, dass am Ende doch alles gut wird? Es fühlt sich plötzlich alles an, als wäre nichts passiert.‘

225. Eine heiße Sommernacht Teil VI oder Die Dreier-Regel beim Daten

Kapitel 225
 

Eine heiße Sommernacht Teil VI oder Die Dreier-Regel beim Daten
 

Michiro Matzumoto steht noch etwas unschlüssig vor der dunklen Gasse, hinter der Hausreihe in der Nähe der belebten Geschäftsstraße.

‚Was mache ich hier eigentlich?‘, geht ihr durch den Kopf, als sie mit einer tiefen Mütze und Sonnenbrille den Warteraum der Sozialstation betritt. Unter dem Vorwand nach der Lieferung und deren Nutzung der Ultraschallgeräte zu sehen, mischt sie sich bewusst unter die Patienten. Der seltsame Streit zwischen Itachi und dem Direktor der Schule geht ihr nicht aus dem Kopf. Und dann war noch vorher so ein seltsamer Moment, als sie mit ihm allein im Arztzimmer der Turnhalle war. Sie konnte sich das selbst nicht erklären, wo ihre plötzlichen Gedanken hin schweiften, wenn sie diesem besonders attraktivem jungen Mann in die Augen sah.
 

Es klopft wenige Stunden später an der Wohnungstür im alten Hochhaus mit den vielen Graffitis an den Wänden. Itachi blickt durch den Spion.

‚Ich bin erstaunt. Ich dachte wirklich, dass sie sich das nochmal anders überlegt.‘ Sein Puls geht etwas hoch, denn die Frau, die vor seiner Tür steht und auf eine Antwort wartet, ist eigentlich ganz sein Geschmack.

Selbstbewusst, selbstständig, stolz und sehr schön. Was will ein Mann mehr, vor allem, wenn er seine große Liebe ohnehin nie wieder in den Armen halten wird? Er öffnet und bittet sie höflich hinein. Beide lächeln sich nur freundlich an und sie betritt die kleine Wohnung und sieht sich um. Er schließt die Tür hinter ihr. „Guten Abend, Frau Matzumoto.“

„Wow, ich dachte die Wohnung ist noch kleiner. Mehr beengt, wie meine damals.“, spricht sie begeistert aus.

„Ihre Wohnung? Als Studentin?“, hakt er höflich nach. Sie nickt nur, zieht ihre Schuhe aus und dreht sich dann zu ihm.

„Ja. Das waren gerade mal 10 qm.“

„Oha, ja, da dreht man sich nur im Kreis, das stimmt. Ich habe immerhin 5qm mehr. Das macht schon was aus, vor allem, wenn man es modern und nicht traditionell einrichtet. Kann ich Ihnen einen Kaffee oder einen Tee anbieten?“ „Oh, ich…äh…einen Tee bitte.“ Itachi greift in seiner Miniküchenzeile in das Hängeregal und holt eine kleine Schachtel heraus. Er zeigt sie ihr und sie sucht sich einen Früchtetee aus. Sofort wird der Wasserkocher angesetzt und zwei Tassen hingestellt. Sich selbst gönnt er einen kräftigen Kaffee.

„Sie können sich gerne umsehen oder einfach auf dem Sofa Platz nehmen.“ Michiro traut sich kaum in die Stube zu gehen. Doch dann sieht sie zum Fenster hinaus. Ein schöner Blick Richtung Fuji erhellt ihr Gemüt, denn eigentlich ist sie sehr angespannt und aufgeregt. Wovon kommt die Aufregung nur, das wüsste sie gerne. Schon als sie in der Sporthalle ankam, um das nötige Gespräch mit Kojiro zu suchen, war ihr so komisch um den Bauch herum. Und dann kam der große Schock. Er ist mit Bettina Fuchs zusammen. Wie konnte das nur sein? Dieses in ihren Augen eher hintertriebene Mädchen, welches ihre Positionen garantiert nie auf ehrliche Weise erlangt hatte und der Toho beinahe einen unglaublichen Skandal verschafft hätte. Ausgerechnet dieses Mädchen krallt sich ihren Schützling.

Als er ihr die ganze Geschichte erzählte, wie sie sich begegneten und dass sie sich sogar schon in Deutschland am Flughafen begegnet sind und das Schicksal sie durch gemeinsame Freunde mehrfach hat zusammenkommen lassen, ohne es zu wissen, das schockte sie sehr. „Ich liebe Bettina. Noch bevor der Transfer kam, war sie bereit mir nach Italien zu folgen, von sich selbst aus. Sie will einfach bei mir zu sein. Sie wollte den Vertrag beim Verein kündigen, ihre Gaststätte abgeben, ihr Haus verkaufen und ich war ebenso bereit für sie den Verein zu verlassen, entweder hier her zu kommen oder in Deutschland zu spielen, bei ihrer Familie. Aber sie entschied es dann von sich aus, ihre Position hier aufzugeben, ihr hohes Ansehen, nur um bei mir zu bleiben.“

„Aber…dieses Mädchen ist…manipulativ. Du kannst ihr nicht vertrauen.“ Kojiro erzählte ihr dann was passiert war, warum Tina nach Japan zog und von ihrer besonderen Freundschaft zu Genzo und seinem Team. Diese sonderbare Unterhaltung war sehr kurz und Kojiro ließ sie dann zum Nachdenken allein in einem der Trainerbüros.

Als er den Raum verließ, musste sie sich setzen. Ihr Herz raste und sie machte sich plötzlich sehr viele Gedanken. Ihr schießen seine letzten Worte immer wieder durch den Kopf, kurz bevor er den Raum verließ.

„Frau Matzumoto, ich war und bin immer sehr dankbar für alles, was Sie für mich getan haben und tun. Mir ist jedoch egal was Sie von ihr halten. Ich kenne die Geschichte, die sie beide verbindet. Man hat sie mir bereits zugetragen.

Ich nehme weiterhin jeden Rat an und mache auch, was Sie mir empfehlen, aber, wenn es um Bettina geht, dann werde ich in Zukunft Ihren Rat zwar weiterhin aufsuchen und anhören, jedoch werden wir gemeinsam entscheiden was sinnvoll ist. Es wird keine Entscheidungen ohne mich oder ohne uns beide und Fane, so wie Genzo geben. Das wird nach Bekanntmachung ein hartes Stück Arbeit.

Bitte sprechen Sie sich schon jetzt mit Fane ab, wenn es um die Presse oder andere Dinge geht.

Sie wird Bettinas Managerin sein und für alles Ihre erste Ansprechpartnerin. Vor allem jetzt, wenn wir eine Weile nicht erreichbar sein werden.

Wir vertrauen ihr beide und ich, ich vertraue Ihnen, voll und ganz. Daran wird sich nie etwas ändern, aber die Absprachen, die werden anders verlaufen als bisher.

Es tut mir leid, dass ich das jetzt alles so plump von mir gebe, aber…Sie verstehen sicher, dass ich heute sehr angespannt bin und jetzt, wo ich weiß, was damals in der Schule war, als Tina in unserer Schule war und ich ihren Eltern begegnet bin, ihrer Mutter begegnet bin, voller Sorge und Tränen in ihren Augen, brauche ich etwas Abstand und Zeit, Frau Matzumoto. Zeit, um nachzudenken und um mein Leben neu zu ordnen, denn es wird anders sein.“ Er unterbrach kurz seinen Redefluss und atmete ganz tief durch und sah ihr in die Augen. Seine Hände waren nun in seinen Hosentaschen. Er stand vor ihr wie vor einem Gegner, zwar nicht mit dem strengen, aber mit einem ernsten Blick.

„Und noch zwei Dinge:

Dieser Vorfall, damals an der Toho, an diesem Tag haben Sie nicht nur Bettina als anwesende Frau im Stich gelassen, sondern unwissentlich auch meine Cousine. Heute hat sich durch die Begegnung von Yako Kawasaki und meiner Mutter herausgestellt, dass sie die Tochter ihrer Schwester ist. Ich gehe mal davon aus, dass Sie meiner Mutter nun selbst nicht so schnell in die Augen sehen können. Es war offensichtlich, dass die Jungs ihr wehtun wollten, ohne Bettinas Eingriff hätte es noch schlimmer enden können. Diese Jungs steckten immerhin hinter den Angriffen auf sie. Diese Gerüchte, sie gingen alle auf sie zurück.

Und statt Bettina als Lügnerin und Manipulatorin hinzustellen, sollten Sie ihr lieber dankbar sein. Ohne ihre eigene Art das Problem mit der Schule zu klären, hätte es einen großen Skandal gegeben. Den Ruf der Schule ruiniert und wir hätten weder einen hochwertigen Abschluss noch unseren Erfolg gehabt. Das wissen Sie genau. Bettina hat es nur unseretwegen vermieden, dass es eine Anzeige gab. Uns Schülern, die keine Schuld daran hatten, hat sie den Arsch gerettet.“ Seine Worte waren hart und mit fester Stimme. Sie sah ihm schon gar nicht mehr in die Augen. Sie konnte nicht. Zu tief saß die Schuld in ihr, die sich plötzlich aufbaute wie ein Wasserfall, der nicht aufhörte Druck zu machen und auf sie einprasselte.

„Frau Matzumoto, meinen Respekt Ihnen gegenüber, muss ich erst wieder etwas mehr Raum geben. Wie gesagt, ich schätze Sie weiterhin sehr als meine Managerin, als meine Mentorin und auch als jemanden, auf den ich mich immer verlassen konnte und kann.

Ich erwarte von Ihnen nur eins:“, begann er seine letzten Worte.

„Geben Sie mir bitte mal Ihr Handy.“, sprach er plötzlich im ruhigen Ton. Sie blickte verdutzt auf.

„Wieso?“, konnte sie nur fragen.

„Ich möchte einen sehr wichtigen Termin eintragen.“

„Das kann ich auch machen, sag ihn einfach.“

„Das möchte ich selbst tun.“ Sie sah in seinen Augen, dass er nicht umzustimmen war. Sie kannte ihn mittlerweile wie das eigene Kind. Seit gut über zehn Jahren betreute sie ihn, den wilden, starken und stolzen Kojiro, welchen sie als größtes Talent entdeckte und alle Hebel in Bewegung setzte ihn in der Schule aufnehmen zu können. Sie vertraute ihm. Ohne weiter etwas zu sagen, nahm sie ihr Handy in die Hand, gab den Pin ein und reichte es ihm.

Kaum hatte Kojiro das Ding in den Händen, drückte er die Ausschalttaste so lange, dass es komplett ausging.

„Was soll das?“, wunderte sie sich.

„Machen Sie mal Urlaub, verdammt!

Immer wenn ich meinen Urlaub mache, dann sind Sie selbst wieder nur unterwegs. Termine hier und Termine da. Gönnen Sie sich endlich mal eine komplette Auszeit!“, sprach er plötzlich mit fester Stimme. Er steckte das Handy in seine Hosentasche.

„Was soll ich?“, kam eher verängstigt. Ihr Puls raste. War das jetzt eine Kündigung? Noch nie hat er so mit ihr gesprochen. Die Ruhe vor dem Sturm? Wollte er sie jetzt plötzlich als Managerin kündigen? Zuerst redet er sich seinen Zorn von der Leber und nun will er sie in Sicherheit wiegen und dann nach dem Urlaub rauswerfen?

„Aber ich…ich habe doch…nur die Arbeit. Und ich mache das gerne. Das weißt du doch. Mein Leben ist dein Leben. Und ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als dir zu helfen und dich zu unterstützen. Und Urlaub, ich habe doch auch mal Urlaub.“

„Pah, die zwei drei Tage, die Sie sich mal gönnen, weil ich selbst weg bin? Nein, das ist kein Urlaub. Das nennt sich nur eine kleine Auszeit. Ein Päuschen.

Sie werden jetzt genauso wie wir, vier ganze Wochen pausieren! Ich werde persönlich in der Agentur anrufen und Sie freistellen. Es wird in den nächsten Wochen nichts wichtiger sein als Ihre Gesundheit. Ich schalte das Handy alle paar Tage mal kurz an, ob es wichtige Nachrichten gibt. Aber dann war es das auch.

Nach dem Urlaub wird es stürmisch, das werden Sie wissen. Also ist jetzt Kraft tanken angesagt. Machen Sie Ausflüge, besuchen Sie Ihre Familie oder gehen Sie mal mit jemanden aus. Genießen Sie die Ruhe vor dem Sturm.“

„Aber…was ist mit dem Wettskandal?“

„Der wird sich klären. Dafür habe ich bereits gesorgt. Ich habe sehr glaubwürdige Zeugen auf meiner Seite und alles andere klärt ab nun ein Rechtsanwalt, mit dem sich auch in Italien so schnell niemand anlegt.“
 

Im Gedanken an dieses Gespräch hält sie ihr neues Handy in den Händen und schaut darauf. Dann blickt sie aus dem Fenster und betrachtet die größte Stadt der Welt, als wäre sie das erste Mal hier. Es fühlt sich seltsam an, denn sie ist doch hier geboren und aufgewachsen.

„Eine schöne Aussicht, nicht wahr? Da fällt einem die Winzigkeit der Räume gar nicht mehr auf. Deswegen wohne ich hier. Statt etwas Größeres, lieber diese Aussicht.“ Sie zuckt kurz zusammen, als sie seine Hand auf der Schulter spürt. Sie dreht sich zu ihm und er reicht ihr den Tee.

„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“, spricht er sanft und stellt sich neben sie an die große Fensterscheibe.

Ihre grün-grauen Augen sehen ihn überrascht an.

‚Ich muss bescheuert sein. Was mache ich hier überhaupt? Er ist mir doch völlig fremd und dann ist er ein Exfreund von Bettina. Und ein Kunde, dem wir etwas spenden. Und dann…ist da noch…seine seltsame Vergangenheit?‘

Den Streit zwischen Itachi und dem Direktor hat sie gut mitbekommen. Niemand wusste, dass sie gehört wurden, denn beide dachten, sie seien allein.

Itachi reicht ihr den Tee und sie nimmt ihn etwas zögerlich an. Kaum hält sie die Tasse in den Händen, zittert ihre Hand so sehr, dass die Tasse klappert. Er nimmt sie ihr wieder ab.

„Du bist eindeutig überarbeitet und angespannt, kann das sein?“

„Ich…es tut mir leid. Das war eine dumme Idee. Ich bin doch viel zu alt für dich. Und ich…es ist schon…zu lange her.“ Er stellt die Tasse auf den Tisch und stützt sich neben ihr am Fenster ab, sieht sie herausfordernd an und berührt plötzlich ihre kurzen lockigen braunen Haare.

„Entspann dich einfach. Es ist alles genauso…wie es sein muss. Du bist wunderschön, sicher traut es sich nur niemand, es dir zu sagen.“

„Vermutlich…nicht auf die nette Art.“, stammelt sie und fühlt sich wie erstarrt. Er blickt ihr in die Augen und fasst mit der linken Hand nun sanft ihren Hinterkopf, kommt ihr näher und küsst sie zärtlich. Einfach so, ohne sie vorzuwarnen.

Als würde eine Flamme durch ihren Körper fahren, so intensiv fühlt sich dieser Kuss an. Wie lange ist es nur her, dass sie das letzte Mal jemand geküsst hat? Viele Jahre sind vergangen, seitdem ihr Mann starb und danach war nie jemand wieder bei ihr. Zuerst konnte sie nicht über seinen Verlust hinwegkommen und dann waren alle Angebote nicht nach ihrem Geschmack. So ergab es sich nie wieder und sie stürzte sich nur noch in die Arbeit an der Schule, denn die Kinder dort, sie waren ihre neue Familie. Vor allem die kleinen Fußballer, die hatten es ihr besonders angetan, weil sie sie an ihren Sohn erinnerten. Sie schließt ihre Augen und genießt einfach diesen Moment. Was ist das nur für eine seltsame Situation? Sie trifft sich hier mit einem Ex von Kojiros neuer Freundin? Wie kann das denn nur sein? Plötzlich reißt sie die Augen auf und sieht ihn etwas erschrocken an.

„Ich…muss verrückt sein.“

„Warum? Weil du dich jetzt entspannen willst? Oder hast du vergessen, wie das so läuft?“ Er grinst sie frech an und fährt mit seinen Fingern ihren Armen hinunter bis zu ihrer Hand, greift diese zärtlich, aber bestimmend und drängt sie etwas langsamer zur Glasfront hinter ihr. Er kennt diese Situationen nur zu gut.

„Mach dir keine Gedanken über irgendwen oder irgendwas. Jetzt bist du einfach nur hier und lässt dich verwöhnen.“ Ihr Puls rast und ihr Herz scheint zu zerspringen, als er ihr das ins Ohr haucht und beginnt daran zu knabbern. Es kribbelt überall an ihr, so hat sie es ewig nicht gespürt. Er drängt sie bestimmend an die Scheibe und hält ihre Hand diesmal zärtlich neben ihr ans Glas und küsst sie erneut, diesmal etwas fordernder und er kann ihre Erregung bereits wahrnehmen. Ihre prallen Brüste und erregten Deutlichkeiten unter der weißen Seidenbluse zeigen ihm eindeutig in welche Richtung diese Nacht hier noch gehen wird.
 

Einige Leidenschaftlichen Momente später liegen beide auf dem Hochbett über dem Eingangsbereich der kleine Wohnzelle und sehen sich seitlich liegend lächelnd an.

„Du bist wunderschön.“, meint er und fährt durch ihr Haar.

„Was ist mit Bettina? Liebst du sie wirklich noch?“, grinst sie etwas frech.

„Das hier, hat nichts mit Liebe zu tun. Das weißt du hoffentlich.“ Sie murrt ein wenig.

„Natürlich weiß ich das. Die Frage war ernst gemeint.“

„Es ist unerheblich ob ich sie noch liebe oder nicht. Für mich und auch für sie ist das Thema durch. Jeder muss mal verliebt gewesen sein. So ist das Leben.“

Er beugt sich, entschlossen sie erneut spüren zu wollen, über sie und küsst sie leidenschaftlich. Erneut versinken sie in Sehnsüchten, die sie beide eine Weile nicht mehr spüren konnten. Auf dieses Weite endet der Tag, der so aufregend war und an dem Itachi dem Direktor einen letzten Gefallen getan hat und für das Spiel als Ersatz-Arzt einsprang.
 

Am anderen Stadtteil der Metropole und viele Stunden später am Folgetag sind Tina und die anderen weiterhin im Wolkenkratzer. Es ist ruhig in der großen offenen Wohneinheit in Akanes schöner Wohnung. Marie ist konzentriert, schaut immer wieder hinaus und auf ihre große Leinwand und hält ihren Bleistift in der Hand. Das eine oder andere Gebäude ist bereits gut zu erkennen.

Akane beobachtet sie von ihrem Sitzplatz aus und wundert sich über ihre Art zu zeichnen. Gelangweilt schaut sie auch zu Kojiro an den Tresen. Er hat eine Gabel in der Hand und nascht genüsslich vom Salat, den Tina ihm in eine Schüssel gefüllt hat. Sein Blick ist weich, richtig verliebt und nachdenklich zugleich. Sie deutet es nur als einen fröhlichen Blick. Sie kennt Kojiro nicht, hat sich auch nie für ihn als Sportler oder als Prominenter, ähnlich ihrem Status interessiert. Während sie die stärkste Angreiferin im Volleyball ist, ist er der stärkste Stürmer im Fußball. Natürlich würde sie ihn auf der Straße erkennen. Immerhin standen sie bereits zusammen bei der Olympiade jeweils auf dem Podest. Und als der Vergleich mit Tina aufkam, war sein Name hier und da gefallen. Seine Werbung sieht sie auch oft im Fernsehen.

Genzo hat sich den Stuhl in Maries Richtung gedreht, so dass er neben dem Spielen mit dem Handy, hinaus auf die Stadt sehen und ihr beim Zeichnen zusehen kann. Er lächelt vor sich hin. Seine Gedanken sind bei der schönen und liebevollen Hinata, irgendwo zwischen der schönen und interessanten Museumstoure und der Verabschiedung in seinem Hotelzimmer. Die aufregende Zeit dazwischen war seltsam.

Solange Tina mit im Raum war, ging das auch gut, das Ablenken mit dem Handy, das Spielen eines Spiels, was ihn herausfordert. Jetzt, wo er aus dem Fenster sieht und die Dächer der Stadt erblickt, muss er lächeln. Sein Hotelzimmer ist auch mit dem Blick auf den Fuji gerichtet, jedes Jahr aufs Neue und immer fühlt es sich nach Heimat und doch nach einer Fremde an, wenn er hier in Japan ist, vor allem in Tokio, in einem Hotel. Im Gedanken versunken schaut er dann auf seine Hände, löst das Handy in der rechten Hand und betrachtet diese. Vor ihm erscheint das hübsche Lächeln von Hinata und wie sie ihm nach dem Angebot, mit ihr Urlaub zu machen einfach ihre Liebe gestand. Es ginge alles so schnell und sie hatte Angst, es ihm zu sagen. Was würde er nur über sie denken? Sie kennen sich doch erst so kurz und dann…küsste er sie einfach, weil sein Herz so sehr schlug, dass er es kaum glauben konnte. Mitten im Park, vor anderen Leuten. Ihm war in diesem Moment nicht klar, dass sie in Japan sind und andere sich eventuell gestört fühlen könnten. Aber auch er hatte sich inzwischen in sie verliebt und war so unsicher, sie damit zu konfrontieren. Und vorher waren die netten Tage, an denen er sie jeden Tag besuchte, bis sie endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sie trafen sich eines Nachmittages spontan zu einer Comedyshow. Es war lange her, dass er so viel lachen konnte und immer wieder waren da diese netten und magischen Momente. Manchmal berührten sich ihre Hände, als sie sich in einer Menschenmenge befanden oder nebeneinander in der Show saßen und sich beim Lachen ansahen und ihr herzhaftes Lachen in seinen Ohren wie Gesang erklang. Ein schöner lustiger Nachmittag war es. Der Nachmittag nach der Übernachtung bei Tina. Der Nachmittag, den er zuerst mit traurigen Gedanken begann, weil er seinen Freunden von Stephan erzählen musste. Nach der langen Erzählzeit, die ihm sehr schwerfiel und alles abverlangte. Nachdem sich das Team trennte und in einen frühzeitigen Feierabend ging, da saß er in der Umkleide, neben Tsubasa und ließ sich von ihm das erste Mal trösten, als sie allein waren. Die anderen wussten, dass sie Zeit für sich brauchten. Er riet ihm sich ablenken zu lassen. Etwas machen, was ihm Spaß macht. Er ginge nun mit Fane etwas schönes unternehmen und das sollte er auch tun, vielleicht nicht allein.

Also griff er in seine Tasche, holte den kleinen rosafarbenen Notizzettel mit Hinatas Telefonnummer heraus und rief sie an, ob sie bereits Zeit hätte, er bräuchte etwas, was Spaß macht und würde mit ihr den Nachmittag gerne verbringen. So kam es dann, dass sie sich trafen und sie ihm das Lokal mit dieser Veranstaltung zeigte.

Und nun sieht er vor sich ihr Lächeln, ein bezauberndes Lächeln, während er sie in den Armen hielt und sie vor wenigen Stunden dann küsste, sie in seinem Hotelzimmer waren und einen unbeschreiblichen romantischen und erotischen Nachmittag verbrachten. Wie zart sie sich anfühlte, wie viele Gefühle sich plötzlich auftaten, mit ihr, mit dieser wundervollen Frau. Wäre es nach ihnen gegangen, hätten sie den Rest des Tages dort verbracht, aber leider waren sie beide bereits verplant.

Doch diese aufregenden Momente hinterlassen ihre Spuren an ihm, an Genzo, der sonst nur den Coolen raushängen lassen kann. Ein großer Romantiker war er nie. So richtig hat es nie mit den Frauen lange funktioniert. Viel zu sehr war er noch mit seinem Sport beschäftigt, zu wenig Zeit und ständig nur unterwegs. Jedes Spiel musste er mitnehmen und hatte er mal Zeit, reiste er lieber nach Japan, zu seiner Familie, zu seinen Freunden und zu Tina, sie endlich wieder besuchen und in die Arme schließen, ihr eine Stütze sein, sie selbst als eine Stütze nutzen. Niemals hätte das eine Frau verstanden, diese tiefe Freundschaft zu ihr. Nicht, ohne ihr die Wahrheit zu sagen, was sie so sehr verbindet. Aber die schüchterne, hübsche Hinata, vor ihr muss er sich noch nicht einmal verstellen. Die Freundschaft zu Tina ist offensichtlich und vor ihr muss er keine Geheimnisse groß verbergen. Er hatte in dem Moment, als er sie im Park nach dem Urlaub fragte, das Gefühl, dass alles stimmt. Er hoffte, sie würde auch etwas für ihn empfinden, denn ihre Signale kamen ihm so rüber, an den Tagen davor und vor allem an dem Comedy-Nachmittag, vorgestern. Immer dann, wenn sie sich ansahen, so sehr lachten, dass ihnen Tränen kamen, Tränen aus Freude und Spaß, immer dann war all der Kummer vergessen.

„Hast du…noch…was vor?“, fragte sie dann plötzlich nach dem schönen Kuss im Park. Ihre Wangen waren ganz rot und ihren starken Herzschlag konnte er gut vernehmen. Wie sehr kannte er bereits ihren Herzschlag. Er war oft recht hoch, anfangs im Krankenhaus machte er sich dann Sorgen, aber nein, ihr Puls erhöhte sich immer dann, wenn er sie besuchte. Das konnte doch nur ein Zeichen sein. Ein Zeichen dafür, dass sie ihn mag. Wie konnte es nur sein, dass eine Frau, die ein paar Jahre älter ist als er, ihn, den doch eher spaßigen und verspielten Genzo mag? Einen Mann, der manchmal etwas überheblich daherkommt, so sehr mag, dass sie seinetwegen Herzrasen bekommt?

Im Hotelzimmer, ja da war es dann endlich ruhig um sie herum, niemand war in ihrer Nähe und niemand konnte sich verlegen schämen, weil sie in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigten, so plötzlich und unerwartet. Hier waren sie allein, endlich, das erste Mal wirklich allein und dann waren da diese plötzlichen Gefühle, so verlangend, so neugierig aufeinander, so voller Vorfreude sich kennengelernt zu haben. Sie betraten das Zimmer, zogen die Schuhe aus und Hinata ging ans bodentiefe Fenster, bewunderte den Vulkan, hielt sich die Arme und atmete tief durch.

„Genzo…wie schön du es hier hast. Obwohl es noch so hell ist, ist es so romantisch.“, sprach sie mit ihrer sanften Stimme. Sie klar zwar sanft und lieblich, aber für ihn klang sie auch wie eine Aufforderung. Romantisch, ja, so war es auch, bei der Aussicht und dann mit ihr zusammen in einem Raum, ganz ohne Zuschauer und Lärm? Er ging zu ihr und sie drehte sich um und lächelte ihn lieblich an. Sein Puls stieg enorm an und noch bevor er selbst auf ihre Anmerkung eingehen konnte, waren ihre zarten Hände schon an seinen Wangen, fuhren bestimmend in seine Haare und zogen ihn zu ihr herab und sie küsste ihn verlangend. Was für ein magischer Moment war das denn bitte? So stürmisch und leidenschaftlich. Das hatte er noch nie erlebt. Er nahm sie in die Arme und konnte dieser Versuchung und Aufforderung natürlich nicht widerstehen und er wollte sie doch ebenso fühlen wie sie es eindeutig wollte. Kurz darauf nahm er sie hoch, trug sie zum Bett und er genoss mit ihr zusammen besondere intensive Gefühle.
 

Ausgerechnet in diesem Moment der Erinnerung funkt ihn Kojiro dazwischen, welcher am Tresen sitzt und sich langweilt, weil Tina immer noch weg ist.

„Genzo, wie war euer Doppeldate? Hats bei der Kleinen und dir gefunkt?“

Genzo richtet sich auf und sieht zu ihm.

„Das geht dich ja so gar nichts an.“

„Du bist ja empfindlich, also hats funktioniert. Ist doch gut. So ein erstes Date ist was Besonderes. Wird es wiederholt?“

„Boa ey, du nervst. Frag was anderes, echt mal. Und das war nicht unser erstes Date, sondern schon das zweite, wenn du es genauer wissen willst. Und ja, wir werden uns nochmal sehen. Morgen Abend gehen wir ins Kino. Karl ist uns nur zuvorgekommen, das war alles.“ „Okay. Wenn du meinst, na dann…das dritte Date ist noch wichtiger, das weißt du hoffentlich?“

„Wie jetzt? Was soll da wichtiger sein?“, wundert sich Genzo.

„Er meint die Dreierregel. Du bist Japaner und kennst die Dreierregel nicht?“, mischt sich Akane plötzlich ein. Ihr ist ebenso langweilig, also will sie bei den Männern mitreden.

„Und was sagt die Dreierregel?“

„Na beim dritten Date hat man Sex.“, haut Akane dann ganz unverblümt heraus. In diesem Moment kommen Tina und Karl-Heinz aus dem Zimmer und Tina traut ihren Ohren kaum, als sie das Wort „Sex“ aufschnappt, ohne den Zusammenhang schon gehört zu haben. Beide bleiben vor dem Esstisch stehen.

„Was ist denn hier los? Was habt ihr bitte für Themen?“, fragt Tina verwundert in die Runde. Genzo sieht sie bedröppelt an. Kojiro grinst vor sich hin und könnt sich wieder einen Happen seines Salates.

„Tina, kennst du die Dreierregel beim Daten?“, fragt Genzo in Englisch.

„Oha, ja. Wieso? Du etwa nicht?“, wundert sie sich.

„Ne, woher denn? In der Regel flirte ich hier in Japan ja nicht rum.“, grunzt er dann.

„Sogar ich kenne die, also Genzo, echt mal.“, grinst Karl-Heinz etwas verwundert und geht dann eher, wie desinteressiert zum Schrank mit dem Glasteil, wo das Shogi-Spiel steht, und sieht es sich an.

„Hey, ihr seid gemein. Worum geht es hier? Ich höre hier was vom Daten und Sex? Oder klang das jetzt nur so im Japanischen?“, murrt Marie plötzlich dazwischen und dreht sich zu den anderen um. Sie legt den Bleistift zur Seite.

Alle sehen sie verdutzt an.

‚Oha, da halte ich mich lieber raus. Ich fand die Regel sowieso immer albern und habe mich so gut wie nie darangehalten. Bei Bettina schonmal gar nicht.‘,

grinst Kojiro vor sich hin und blickt etwas verstohlen zu Tina.

‚So richtig gedatet haben wir uns so gut wie gar nicht. Miteinander ausgehen, ja das wäre mal schön, aber im Moment geht das noch nicht. Ist irgendwie komisch.‘ Dann stutzt er, als er Tina und Karl-Heinz so fast nebeneinander sieht. Tina ist Karl gefolgt und blickt mit in die Vitrine. Beide sind seitlich zu sehen.

‚Hm, wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man sie wirklich für Geschwister halten. So ganz unwahrscheinlich ist das nicht, dass Akane sie als Außenstehende so sieht. Aber ich habe auch nicht viel Ahnung davon. Sicher sind es nur ihre äußeren Merkmale und diese Körperhaltung.‘

Akane wird stutzig und denkt in diesem Moment ähnlich.

‚Es kommt mir so komisch vor. Zuerst hat er so eine Narbe wie sie und dann vorhin schon diese Ähnlichkeit mit der Kleinen. Wenn ich die beiden jetzt sehe…seltsam.‘

„Was ist denn nun? Worum ging es eben?“, kommt Maries Stimme erneut. Tina dreht sich zu ihr um.

„Naja, es gibt hier in Japan für alles Regeln und Richtlinien, auch fürs Daten. Wenn man sich als erwachsener Single mit einem potenziellen Partner verabredet, geht es meist selten über eine zweite Verabredung hinaus. Denn ab der dritten Verabredung, also dem dritten Date, da sollte man sich entschieden haben, ob es passt oder nicht. Und deswegen kann es dann schnell auch gleich etwas intimer werden, wenn du weißt, was ich meine.“, versucht es zu erklären.

„Oh. Also muss man nach dem zweiten Rendez-vous wissen, ob es Liebe ist oder nicht?“, ist sie erstaunt.

„Müssen tust du gar nichts! Du lässt dir gefälligst so lange Zeit, wie Du willst.“, zischt Karl leise auf Deutsch, ohne sich umzudrehen.

226. Lösungsansätze

Kapitel 226
 

Lösungsansätze
 

Kaum hat Karl das Schachbrett aufgebaut, da piepst sein Handy auf. Eine SMS aus Deutschland geht ein.

‚Karl-Heinz, wir müssen reden. Geht es gerade bei dir?‘

‚Ungünstig. Worum geht es, schreib einfach, das geht.‘

‚Es geht um die Japaner. Ich hatte eben einen Anruf von Hernandez. Er will mich um einen Gefallen bitten. Ich soll als Zeuge aussagen, es geht um die Wett-Skandale in Turin. Die Öffentlichkeit wird bald Bescheid wissen. Hyuga und Aoi hatten ein Spiel und sollen es angeblich manipuliert haben. Nun suchen sie beide Zeugen, die ihre ehrliche Spielweise bestätigen. Natürlich müssen es Leute außerhalb ihrer Freunde sein. Auch Pierre kann es nicht tun. Aber ich und wir Deutschen allgemein. Wärst du dabei? Ich habe ihm bereits zugesagt und würde für beide unter Eid aussagen, wenn es nötig ist. In so einem Fall müssen wir zusammenhalten. Das siehst du doch genauso. Uns könnte es alle treffen.‘ Karls Puls steigt plötzlich an. Er blickt verdutzt auf und sieht zu Kojiro, der schon wieder schmachtend am Tresen sitzt und Tina beim Rollen des Sushis zusieht.

‚Wenn er so einen Skandal an den Hacken hat, warum kann er da so ruhig hier rumflirten? Da stimmt doch was nicht. Und diesem kleinen Aoi habe ich gestern auch nichts anmerken gesehen. Oder lag das an meiner Müdigkeit?‘ Er schaut auf die Shogi-Steine.

‚Jedoch erklärt es die Aussage von Pierre, dass es in der Öffentlichkeit so ruhig ist und nichts durchsickert. Klar, wenn die Gefahr besteht, dass Turin durch einen Wettskandal in die Binsen geht, dann wollen alle die besten Pferde im Stall sichern.‘

„Ist was passiert?“, spricht ihn Genzo besorg an. Er kennt diesen nachdenklichen ernsten Blick.

‚Ob er was weiß?‘

„Eine Nachricht von meinem Keeper.“, sagt Karl leise und legt einen Stein zurecht. Er erntet einen skeptischen Blick.

„Wie jetzt? Ich denke der geht?“

„Nicht der.“, antwortet er nur und simst Dieter zurück, dass er mit ihm rechnen kann.

„Super, ich wusste, wenn es um solche Dinge geht, kann man sich auf dich verlassen Kapitän.

Wo bist du jetzt? Können wir uns treffen? Ich habe bereits zugesagt für Hyuga auszusagen, übernimmst du dann den Kleinen?“ Karl sagt ihm zu.

Kurz darauf piepst Kojiros Handy auf und ein Anruf seiner Managerin geht ein. Natürlich geht er ran.

„Sie sollen doch Urlaub machen.“, kommt er freundlich entgegen.

„Schimpf nicht mit mir, es gibt gute Nachrichten. Es haben bereits zwei Leute zugestimmt als Zeugen zu fungieren. Du hast also deine zwei Zeugen, die für dich als ehrlicher Spieler aussagen würden. Shingo muss noch zwei finden. Das ist etwas kompliziert.“

„Und von wem reden wir jetzt?“

„Dieter Müller, aus dem deutschen Team und ich bin selbst erstaunt, Carlos Santana. Beide können dich an sich nicht leiden, nicht als Gegner, aber als ehrlichen Spieler.“ Kojiros Blick geht plötzlich und überrascht zu Karl-Heinz. Ihre Blicke treffen sich, scharf und als wüssten sie genau, was der andere denkt.

„Interessant. Okay. Nummer zwei habe ich gestern persönlich gefragt. Er ist aktuell in Japan und hat das Spiel gestern gesehen. Da kam mir die Idee. Geben Sie ihnen die Kontaktdaten meines Anwalts durch. Ich Simse sie Ihnen sofort.“ ‚Er weiß es…war das seine SMS? Eine SMS von Müller?‘ Kojiro legt auf, simst Kudos Daten rüber und eine SMS zurück.

‚Nicht wundern, das ist bereits seit gestern abgesprochen. Er wird unser Trumpf sein. Kudo ist ein Freund von Bettina und ihr persönlicher Rechtsanwalt.‘

„Wir müssen reden.“, sagt Karl dann plötzlich mit strengem Ton und steht auf. Kojiro richtet sich auf und sieht mit einem Lächeln zu Tina.

„Kurz was wegen der Arbeit.“, sagt er schlicht. Genzo blickt auf und wundert sich.

„Was habt ihr denn wegen der Arbeit zu bereden?“, wundert er sich.

„Das müssen wir allein bereden.“, meint Kojiro locker.

„Also wenn ich das richtig deute, was du am Handy eben gesagt hast, dann weiß ich doch eh, worum es geht. Ihr müsst mich da nicht raushalten. Immerhin geht es auch um Shingo, oder nicht?“ Die Stürmer sehen ihn überrascht an.

„Nun gut. Wenn du es eh weißt.“, sagt Kojiro und erntet von Karl-Heinz nur ein Schulterzucken, weil er kein Wort versteht. Genzo erhebt sich. Marie ist erstaunt, dass die drei plötzlich etwas zu dritt zu bereden haben. Tina ist ebenso verwundert.

Kaum sind die Männer im Kinderzimmer verschwunden, klingelt Tinas Handy ebenso und ein Anruf eines Stammkunden aus Europa geht ein. Sie wundert sich. Zwar passt die Zeit anzurufen, aber seit wann ruft er sie ohne Vorwarnung an. Sie wäscht fix die Hände ab und geht ran.

„Guten Abend, wie kommt es?“

„Hallo Tina, ich bin es Dieter. Wie geht es dir?“

„Hä? Seit wann fragst du mich, wie es mir geht? Ist was passiert? Warum rufst du nicht Martin an? Ich habe ab heute Urlaub.“

„Das ist etwas kompliziert. Aber vielleicht kannst du mir ja helfen. Es geht nicht um dein neues Angebot. Es geht eher…um meine Arbeit. Ich muss vermutlich demnächst geschäftlich nach Japan. Aber wie es aussieht, gibt es keine Hotelzimmer mehr. Hast du einen Geheimtipp für mich?“

„Geschäftlich? Wann willst du denn herkommen?“

„Das kann ich noch nicht genau sagen. Ich muss noch einen genauen Zeitraum erfahren. Genau das macht es doch so kompliziert.“

„Ich habe dafür echt keine Zeit. Ich fliege morgen ganz früh schon nach Deutschland. Unterwegs kann ich da nichts für dich tun. Wenn, dann muss ich das jetzt wissen. Ich kann dir nur zwei Hotels nennen und du sagst denen dann einfach, dass du ein Kunde von mir bist. Vielleicht schieben die dich dann irgendwie mit rein. Kommst du allein?“

„Das kann sein, aber es könnten auch zwei Zimmer werden.“

„Du hast vielleicht Vorstellungen. Ich müsste heute noch rumtelefonieren, wenn du mir einen genauen Zeitplan gibst, denn ohne wird das gar nichts.“

„Da muss ich noch abwarten, wann sich der Termin auftut. Aber von der Sache her ist es möglich?“

„Versprechen kann ich nichts. Wenn die Hotels ausgebucht sind, dann ist das eben so.“

„Es ist leider sehr wichtig. Okay. Ich melde mich dann nochmal, wenn ich Genaueres weiß. Ich danke dir schonmal.“

„Gut.“

„Ach so, und da ist noch was. Ich habe auf einem Blog gelesen, dass du neuerdings das japanische Fußballnationalteam aufnimmst? Ist das wahr? Ich dachte du nimmst keine Fußballer in dein Programm auf.“, kommt seine dunkle Stimme. Tina stutzt.

„Du meine Güte. Das spricht sich aber schnell rum. Ja, ich habe das Team mit Misugi zusammen vorgestern offiziell aufgenommen. Warum fragst du?“

„Naja, ich…sagen wir mal so…Martin hat sicher nie gesagt…was ich mache. Also welchen Sport.“ Es ist ruhig am anderen Ende der Leitung. Tina sieht etwas genervt in den Flur, der zum Kinderzimmer verläuft.

„Sag jetzt nicht…du bist kein Ringer, der gerne läuft?“, stöhnt sie etwas enttäuscht.

„Ähm…naja…sei ihm nicht böse. Nein. Ich bin Fußballer und stehe im Tor. Tut mir leid. Martin hat es damals nicht sagen wollen, weil du…naja…weil das mit deinen Eltern war und dann…seid ihr gerade auseinander.“

„Man, ich hau Martin die Rübe ab, echt mal. Sowas muss er mir doch sagen. Er müsste wissen, dass ich das so gar nicht mag.“, flucht sie leise, aber spricht ernst in den Hörer rein.

„Tu das gerne. Ich fand das auch doof. Aber das ganze Angebot ist perfekt für mich. Und dein Kochbuch ist klasse.“ Tina beruhigt sich etwas.

„Ist trotzdem doof. Ich richte mich etwas an deinem Tagesablauf und wenn du kein Ringer, sondern Fußballer bist, dann sieht der doch ganz anders aus.“

„Das hat Martin alles angepasst, keine Sorge. Mir geht’s blendend. Ich kann es ja jetzt mal weiterempfehlen.“

„Oh man. Nun gut. Ist dann eben so. Dann muss ich aber deinen Tagesablauf anpassen. Wo spielst du denn? In Stuttgart direkt?“

„Ja, in der ersten Bundesliga und im Nationalteam. Nun ja, als ich jetzt davon gelesen habe, dass du die Japaner aufgenommen hast, da wollte ich mal fragen, wie gut du die Männer kennst? Also persönlich.“

„Warum? Ich fang jetzt bestimmt nicht an wen auszuspionieren. Das kannst du vergessen.“, brummt sie etwas.

„Nein, was denkst du von mir? Darum geht es nicht. Es…ist nur…wie gut kennst du…zum Beispiel Shingo Aoi oder Kojiro Hyuga?“, fragt er etwas zurückhaltend. Tina stutzt wieder und es vergehen ein paar wenige Sekunden.

„Warum willst du ausgerechnet die beiden wissen?“

„Ach man. Ich darf es dir nicht sagen, du kennst das doch. Ist so ein interner Kram. Es geht nur um ihre private Persönlichkeit.“, meint er dann etwas genervt.

‚Was hat sie überhaupt für ein Problem mit Fußballern? Martin hat nie etwas gesagt.‘

„Sie sind beide sehr nett, was soll ich da groß sagen?“

„Hm…gut. Sorry. War ne doofe Frage.“

„Und wer soll dann bitte die zweite Person sein, wenn du zwei Zimmer brauchst? Willst du das Team besuchen?“

„Ähm, naja…ein Kollege. Ja, wir wollen mit den beiden reden. Mehr kann ich dir nicht sagen.“

„So so…mit ihnen reden.“

„Welcher Kollege denn? Und rede jetzt nicht um den heißen Brei rum, wenn ihr VIPs seid, dann findet sich auch schneller ein Zimmer.“, kommt sie ihm deutlich entgegen.

„Hm. Ich weiß ja nicht, wie weit du dich auskennst. Martin sagte mal, du beschäftigst dich gar nicht mit dem Sport. Aber es könnte Schneider sein. Das muss ich noch absprechen.“ Tinas Puls steigt enorm an. Plötzlich fühlt sich alles so seltsam an. Überrascht schaut sie zu Marie.

„Bei Aoi weiß ich nicht, aber Hyuga wirst du hier die nächsten Wochen nicht antreffen. Er hat auch Urlaub und wird in Europa sein.“

„Oh, äh. Okay. Das wusste ich nicht. Er ist sonst immer in Japan, bis die Champions-Leage beginnt.“

„Mag sein. Dieses Jahr nicht. Ruf mich einfach an, wenn du Näheres weißt. Eventuell musst du gar nicht herkommen.“, antwortet sie wie benommen und legt einfach auf. Sie schaut zu Marie und atmet tief durch. Etwas Unmut gepaart mit etwas Angst steigt in ihr auf. Das klang alles so betrübt und wichtig und was ist mit ihrem Urlaub, wenn da in Europa irgendetwas los ist? Was kann das sein, dass sich der Nationalkeeper der Deutschen mit Karl auf dem Weg nach Japan machen will? Und warum hat Martin sie belogen, was ihn angeht? Sogar zu einem Familientreffen war sie mal zu Martins Familie, damals, als sie noch zusammen waren. Dort lernte sie Dieter doch kennen. Er war zwar immer speziell, aber doch sehr nett. Immerhin ist er sein Cousin.

„Marie, du sagst, die Reise hier her war von Karl spontan? Oder war das doch geplant?“ Sie sieht sie erstaunt an.

„Wieso fragst du jetzt? Natürlich war es spontan. Ich habe nur zufällig davon erfahren und habe vermutet, dass er herkommt, und bin ihm auf gut Glück nach.“

„Okay.“, sagt Tina dann nur und geht dann zum Kinderzimmer und bleibt kurz vor der Tür stehen und lauscht. Nichts zu hören, alles schalldicht. Sie klopft an die Tür.

„Ich bin es, Tina.“, kündigt sie sich an und öffnet die Tür einfach. Die Blicke der Männer sind ernst und sie betritt den Raum und schließt die Tür hinter sich.

„Was ist hier los? Und wehe ihr lügt mich an.“, spricht sie ernst, aber mit freundlichem Ton. Ihr Blick jedoch fordert eine Antwort. Genzo und Karl kennen diesen Blick noch zu gut.

„Was soll denn sein?“, kommt Genzo grinsend, als würde er es runterspielen wollen.

„Irgendwas ist los. Es hat was mir Aoi und Kojiro zu tun. Und du, Karl-Heinz, steckst da auch mit drin.“, murrt sie dann plötzlich und sieht zu ihm.

„Wie jetzt? Wie kommst du denn darauf?“, stutzt er überrascht. Kojiro geht auf sie zu.

„Ich wollte dich nicht beunruhigen, aber aktuell gibt es ein paar ernste Probleme und Shingo und ich benötigen Hilfe. Die Hilfe jedoch ist nun da. Darüber haben wir soeben gesprochen. Schneider, sein Keeper und zwei weitere Leute werden uns helfen. Du musst dir also keine Sorgen machen.“

„Mache ich mir aber. Was genau ist denn los? Bitte sagt es mir.“

„Es geht um Spielmanipulationen und einen Wettskandal. Kojiro und Shingo wurden mit reingezogen. Sie haben natürlich nichts damit zu tun, aber du kennst die Welt da draußen. Irgendwer hat ein Interesse daran den beiden, Juventus oder uns als Japan-Team zu schaden und da scheut sich manch einer nicht davor den einen oder anderen Ruf zu ruinieren.“, knurrt Genzo plötzlich dazwischen. Entsetzt sieht Tina zu Kojiro auf. Ihr Herz klopft wie wild, aber voller Sorge. Sorge um ihn, um sein Team und um ihren heiß ersehnten Urlaub. Sie sagt zuerst gar nichts und blickt dann zur Seite, zum Schreibtisch und geht zum Drehstuhl und setzt sich hin.

„Es ist alles geklärt. Wir müssen nur abwarten, was die Gegenseite überhaupt unternimmt.“, versucht sie Karl-Heinz zu beruhigen.

„Was ist denn genau passiert? Wie soll ich das mit Wettskandalen verstehen? Wer wird denn überhaupt wirklich verdächtigt?“, versucht sie sich einen Überblick zu verschaffen.

„Juventus Turin selbst. Der gesamte Verein steht auf der Kippe und wird in jeden Winkel kontrolliert. Deswegen wurden alle Spiele in der letzten Saison untersucht und da wurde das Spielergebnis von dem letzten Spiel zwischen Kojiro und Shingo angekreidet. Man behauptet, dass Kojiro bewusst ein Tor danebengeschossen hätte und Shingo als Gegner wirft man vor, damit durch seinen Einsatz im Duell mit ihm auch zu tun zu haben.

Es gab wohl genau auf dieses Spiel und die Wetten hinsichtlich des Torergebnisses besonders viele Wetteinsätze und durch das vermasselte Tor von Kojiro glauben die Zweifler, er habe es bewusst getan, damit dieses Torverhältnis stimmt.“

„Was? Niemals!“, faucht sie auf, als sie Karl-Heinz seine Erklärung hört.

„Sehen wir ebenso. Deswegen wollten wir ihnen helfen. Ich wurde eben selbst erst darüber in Kenntnis gesetzt und gefragt, ob ich als Zeuge für einen der beiden aussagen würde. Deswegen stehen wir hier.“

„Verdammt, und wer ist da noch mit dabei? Dein Keeper? Dieter Müller und wer noch?“

„Tina, woher weißt du das jetzt schon wieder?“, fragt Genzo vorsichtig.

„Ganz einfach, er hat mich eben gerade angerufen und mich nach einem Hotelzimmer gefragt. Dann hat er nebenbei erwähnt, dass mich Martin angelogen hat, was seinen Sport angeht. Von wegen ringen und Laufen. Und als er dann auch noch nach dem japanischen Team fragte, weil er gelesen hat, dass ich euch aufgenommen habe, da kann ich mir alles zusammenreimen. Er fragte direkt nach Kojiro und Shingo, ob ihr privat nett seid.“, erklärt sie.

„Echt? Er ist dein Kunde?“, ist Kojiro verwundert.

„Ja, seit der Firmengründung. Martin betreut ihn hauptsächlich, aber wegen des Kochbuchs telefonieren wir ab und zu, Kochtipps eben. Er ist Martins Cousin. Wir kennen uns von einer Familienfeier.“

„Interessant.“, meint Karl-Heinz und sieht dann zu Kojiro.

‚Tinas Kundschaft überrascht mich immer wieder. Ausgerechnet Kojiros stärkster Gegner neben Genzo und Gino ist ihr Kunde und mit diesem Martin verwand. Das wird hier noch sehr lustig.‘ Plötzlich sehen alle etwas stutzig zu Genzo.

„Genzo, sag mal, wusstest du das etwa? Du kennst Dieter doch.“, knurrt Tina ihn skeptisch an. Er grinst und hält sich den Kopf.

„Tut mir leid. Anordnung von Martin. Beschwere dich bei ihm.“

„Vollidiot, echt mal! Toller bester Freund. Hast du noch mehr Geheimnisse vor mir? Dann gleich raus damit!“

„Dieter weiß nichts von dir. Ich habe nie erwähnt, dass wir uns kennen.“

„Nun gut. Egal jetzt. Also er wird für Kojiro aussagen, wenn es vor Gericht gehen sollte?“, hinterfragt sie, macht ein nachdenkliches Gesicht und schaut zu Kojiro. „Richtig.“, sagt er mit fester und ernster Stimme.

„Und wer noch? Wen hast du noch auf deiner Seite? Doch nicht jetzt Karl-Heinz?“

„Nein, das wäre zu komisch. Karl wird für Shingo da sein. Mein zweiter Mann war gestern zufällig auch bei deinem Spiel und da habe ich ihn persönlich gefragt. Es ist Carlos Santana.“ Karl-Heinz ist erstaunt und sieht ihn verdutzt an.

„Wie jetzt? Wieso ist der hier und du hast ihn echt auf deine Seite gebracht? Ich habe ihn gestern gar nicht gesehen.“

„Er ist mit Roberto zusammen hier. Er war der Meinung Tsubasa zu überraschen und ist mit seiner Mutter zusammen hergekommen. Er will seine Landsleute besuchen, die hier in der Liga spielen.“, erklärt Genzo.

„Wenn er mit Tsubasa befreundet ist, dann kann er nicht als Zeuge einspringen.“, sagt Tina ernst.

„Nein, die sind keine Freunde, nur Rivalen. Tsubasas Freund ist Pepe, der hier spielt. Aber Leo hingegen ist ein Freund von Carlos. Sie spielen beide in der japanischen Liga.“, erklärt Kojiro.

„Du meine Güte. Nun gut. Wer sagt noch für Shingo aus?“

„Darüber haben wir gerade diskutiert. Jeder, der uns einfällt ist irgendwie mit uns verbunden. Das ist das Problem.“

„Wir brauchen für ihn auch jemanden, der ihn so gar nicht als Gegner mag und mit uns Japanern lieber nichts zu tun haben will.“, sagt Genzo.

„Fällt dir da jemand ein?“, fragt er sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Woher soll ich das denn wissen? Ich bin seit gut acht Jahren aus dem ganzen Thema raus. Ich weiß doch gar nichts mehr und schon gar nicht wer hier wo mit wem irgendwas.“, plappert Tina ihn zu. Ihr Puls ist noch weit oben.

„Uns fällt echt niemand ein. Noch ein Deutscher sollte es nicht sein. Am besten auch jemand aus einem anderen Land, damit es besonders glaubwürdig ist.“, erklärt Kojiro.

Tina dreht sich nachdenkend mit dem Stuhl etwas rum und schaut sich im Raum nebenbei um.

„Pierre geht nicht, der ist mit euch befreundet.“, spricht sie ihre Gedanken aus.

„Und mit mir. Vor allem mit Aoi. Die beiden sind sogar sehr gut und auch öffentlich bekannt als Freunde. Bei Pierre und mir ist es nicht öffentlich.“, bringt Karl sich ein.

„Wir brauchen am besten jemanden, der weder das japanische Team, noch das deutsche Team leiden kann. Das macht es sehr glaubwürdig. Am Ende geht es uns Spielern nur um Fair Play. So einen Scheiß kann jeden von uns mal treffen.“, grunzt Genzo. Dann sieht er zu Tina.

„Sag mal, wie hast du das damals eigentlich geregelt? Du hast doch auch mal in so etwas Ähnlichem dringesteckt.“, spricht er ein empfindliches Thema an. Tinas Blick wird böse.

„Spinnst du? Ich habe in gar nichts dringesteckt, dass das mal klar ist!“, faucht sie ihn wütend an.

„Mach mich nicht so an. Natürlich gab es da mal was. Das war am Anfang, als du die erste Saison im Uni-Team mit Akane gespielt hast. Man warf dir vor die Spiele zu sehr zu beeinflussen, weil ihr oft nach dem ersten oder zweiten Satz schon gewonnen hattet, weil die Gegnerinnen nicht mehr spielen konnten.“ Ihr Pul sstieg immer mehr an.

„Das hat doch nichts mit Manipulation und Wetten zu tun gehabt! Was kann ich denn dafür, dass keiner in der Lage war meine Bälle anzunehmen und weiterspielen zu können? Ich stand vor den stärksten Spielerinnen der Welt. Überleg doch mal. Da kam die unerfahrene Deutsche, die erst drei Jahre Volleyball spielt an und will ihnen zeigen wie es geht? Was glaubst du denn, was die so geredet haben? Am Ende habe ich nur gemacht was meine Kapitänin von mir verlangt hat, Punkten, fertig.

Akane ist die stärkste und beste Spielerin ganz Japans, ihre Anfänge waren in der Profiliga genauso. Keiner konnte ihre Bälle annehmen, bis Hikari es schaffte und dann erst wieder ich.

Irgendwie musste ich mir den Respekt der Nation über ja verschaffen. Also bitte. Erzähl mir nichts von Manipulation. Wer auf uns gewettet hat, hatte eben Glück. Da kann ich nichts dafür.“

„Du fährst ja richtig hoch und wirst immer lauter, Tina. Regt dich das jetzt immer noch so auf?“, grinst Genzo. Tina steht genervt auf und sieht ihn böse an.

„Du…kommst vom Thema ab!“

„Kriegt euch wieder ein! Ihr benehmt euch wie Kinder. Wir brauchen endlich eine Idee, wen wir fragen können.“, spricht Karl-Heinz ein Machtwort und bleibt ruhig. Streitereien kann er so gar nicht leiden.

„Schneider hat Recht. Bettina, jedoch würde es mich interessieren wie du die Vorwürfe beendet hast.“, sagt Kojiro ruhig und mit ernstem Ton.

Tinas Puls geht etwas runter, als sie seine Stimme hört und sie blickt zu ihm.

„Naja, ich habe den Kritikern unsere Strategie verraten und angefangen weniger den Ball zu spielen. Das wars schon.“

„Und was war das für eine Strategie?“, hinterfragt Karl-Heinz.

„Ausgerechnet du fragst mich das? Du wirst ja wohl auch nicht auf die Bremse getreten haben, als du in Bayern im Profiteam angekommen bist, oder doch? Ältere und erfahrene Spieler und Teams kann man anfangs nur mit Stärke besiegen, waren doch deine eigenen Worte, als es hieß, dass du den Transfer bekommst.“ Karl grinst als hätte er einen Sieg errungen.

„So so.“ Es ist kurz wieder still im Raum. Kojiro steht inzwischen am Fenster und schaut hinaus.

„So kommen wir nicht weiter. Wen könnte man ins Boot holen? Schneider…wer kann dich nicht leiden?“ Karl lacht plötzlich etwas.

„Die Liste ist lang, glaube mir. Hätte ich den Skandal an der Backe, würde es schwer aussehen. Da gibt es genug Leute, die an meinem Tischbeinen sägen.“ Tina sieht ihn plötzlich verdutzt an.

„Verdammt. Du kannst doch selbst nicht aussagen, was ist mit deiner Freundschaft zu Genzo? So bist du doch unglaubwürdig.“, haut sie plötzlich raus. Die Männer sehen sie entsetzt an.

„Mist, du könntest Recht haben.“, meint Genzo plötzlich selbst.

„Gut, ich kenn die aktuellen Spieler nicht, aber wer könnte dich ersetzen und wer kann die Nummer zwei für Shingo sein? Auch als Teamkapitän von Dieter kannst du nicht als Zeuge eintreten. Ich kann nicht viel beitragen, ich kenne nur die alten Leute und weiß nicht mal wer noch spielt und wie die alle jetzt so drauf sind.“, sagt sie betrübt und lässt sich wieder im Stuhl nieder.

Es ist wieder still im Raum und alle überlegen.

„Moment, es gibt eine Lösung, die alles umgehen kann.“, sagt sie etwas heiter. Wieder sind die Blicke auf sie gerichtet.

„Welche Lösung?“, fragt Kojiro.

„Eine professionelle Analyse des Spiels und der besagten Situationen. Ihr braucht jemanden, der Profispiele unparteiisch beurteilt und ein umfassendes Protokoll dazu ablegt, dass jedes Tor und jeder Torversuch gerechtfertigt und ehrlich waren.“, erklärt sie begeistert.

„Aber wer soll das machen? Immerhin reden wir hier von einem A-Liga Spiel zwischen Juventus und Inter Mailand.“, spricht Genzo.

„Ganz einfach, jemand, der vom Fach ist, beide Teams niemals groß unterstützen würde und jemand, der unbestechlich ist. Ich kenne mich wie gesagt nicht aus, wer sowas heutzutage machen könnte, aber mir fällt da jemand ein.“ Ihr Blick ist auf Karl-Heinz gerichtet.

„Vergiss es. Denk gar nicht erst darüber nach.“, brummt er plötzlich.

„Warum denn nicht? Gibt es denn jemanden, der es besser kann als ER?“ Kojiro wird stutzig und setzt einen festen Ton an, als er Karl fixiert.

„Von wem redet sie?“ Karl verschränkt die Arme und hat einen eher zornigen Blick aufgesetzt.

„Von Rudi Schneider.“, haut Genzo raus. Kojiros Puls geht in die Höhe.

„Dein Vater?“, spricht er laut.

Tina steht begeistert auf.

„Nun sag schon, gibt es inzwischen einen Besseren? Sei ehrlich. Jemand, der unbestechlich ist und sich nicht scheut die Wahrheit zusagen, wenn es Ungereimtheiten gibt. Sein damaliger Skandal, den er als Trainer hatte, spielt euch jetzt in die Karten, denn er hatte mit all dem, was er sagte Recht behalten. Er war der Einzige, der erkannt hat, dass der Spieler eine versteckte Verletzung hatte und sein Geld am Ende nicht wert war. Man wollte ihm nur nicht glauben, aber am Ende hat es sich herausgestellt, dass er mit seinem geschulten Auge solche kleinsten Details erkennt.

Er ist der perfekte Analytiker für diese komplizierte Situation. Er ist unbestechlich und er ist sicher immer noch der Beste, sonst würde er nicht dein Team trainieren.“, bringt Tina die Argumente auf den Punkt.

„Ich werde ihn trotzdem nicht fragen. Dieser Mann kann mir den Buckel runterrutschen!“, murrt Karl und sieht sie ernst an.

„Das musst du doch auch gar nicht. Wenn die Anwälte von Kojiro und Shingo ihn anfordern, hast du doch damit nichts zu tun.“, erklärt sie und zeigt grinsend auf Kojiro. Sie geht zu ihm ans Fenster und schaut zu ihm auf.

„Was meinst du denn dazu? Rudi ist perfekt für den Job und als Trainer von Bayern euer beider Gegner, aber ein unbestechlicher Gegner. Ihm liegt in der Öffentlichkeit also keinerlei Zweifel vor, wenn er eine präzise Analyse schreibt und diese entweder den Klägern oder im Notfall den Medien vorlegt.“ Kojiro sieht seine Liebste liebevoll an.

‚Bettina, vertraust du ihm so sehr, dass du ihm das zutraust? Ausgerechnet Schneider, Rudi Schneider, der große Stratege. Was ist, wenn er doch gegen uns schießt? Er würde selbst davon profitieren, wenn Shingo und ich weg vom Fenster sind.‘

„Wenn du der Meinung bist, es gibt keinen Besseren und er kann das neutral beurteilen, dann gebe ich das weiter.“, spricht er leise und ruhig.

Dann schaut er zu Karl-Heinz.

„Hat sie Recht? Würde er neutral beurteilen, ohne selbst einen Vorteil davon zu haben?“

„Du hast sie ja wohl nicht alle! Natürlich! Was bildest du dir eigentlich ein, die Fachkompetenz meines Vaters in Frage zu stellen?“, knurrt Karl plötzlich los. Kojiro lächelt ihn an.

„Das war überzeugend, danke.“ Er greift zum Handy und ruft seine Managerin an.

„Frau Matzumoto? Ich habe da jemanden als Analytiker vorzuschlagen. Bitte geben Sie dies an meinen Anwalt weiter. Er soll sofort eine Spielanalyse von ihm beantragen. Es handelt sich um Rudi Schneider. Er soll der Beste auf diesem Gebiet sein.“ Michiro ist total überrascht.

„Wie bitte? Schneider? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst?“

„Doch, er wurde mir wärmstens empfohlen.“

„Wer hat ihn dir denn empfohlen? Doch nicht etwa Bettina?“, hinterfragt sie skeptisch.

„Hm, das schon, aber es war dann wohl eher sein Sohn.“

„Was? Ihr bringt mich alle noch ins Grab, echt mal. Nun gut. Aber dir muss klar sein, dass dieser Mann kein Schnäppchen ist.“

„Eben drum, er soll der Beste sein. Veranlassen Sie alles Weiter, damit wir endlich Urlaub machen können. Wenn er jetzt noch Bescheid bekommt, dann kann er das sofort fertig machen.“, legt er fest und legt gleich auf.

„Naja, die Ablenkung wird ihm guttun.“, murmelt Karl vor sich hin.

„Das denke ich auch.“, grinst Tina und atmet erleichtert durch.

227. Karls neues Team Teil I oder Wer ist Karl-Heinz Schneider? Teil III

Kapitel 227
 

Karls neues Team Teil I oder Wer ist Karl-Heinz Schneider Teil III
 

Es ziehen dunkle Wolken über München herüber. Es ist Montag, der 31. August 1998 und Karl-Heinz steht ehrfürchtig vor dem Eingang seiner neuen Trainingsstätte des FC Bayern München. Sein Vater steht neben ihm.

„Und? Bist du aufgeregt? Dein erster Tag bei den Profis. Ich bin sehr gespannt. Die Männer sind schon neugierig wie du dich machen wirst und haben viele Fragen gestellt. Ich habe ihnen nur gesagt, dass sie dich einfach kennenlernen sollen.“, versucht er ihm etwas die Anspannung zu nehmen.

„Hm. Irgendwie werden wir schon zusammenfinden, trotz des Altersunterschieds.“, meint er dann locker und geht los.

„Denk dran, ab jetzt bin ich dein Trainer, nicht dein Vater. So wie einst ganz zu Anfang, als du noch ganz klein warst. Kannst du dich daran noch erinnern?“

„Ja, du bist ein guter Trainer, sonst hätten die dich auch nicht genommen.“, kommt überzeugt zurück. Sie gehen gemeinsam zum Trainerbüro und klopfen an. „Herein.“ Sie betreten den Raum und werden vom Chef-Trainer Förster, dem Torwarttrainer Mayer, dem Vereinsvorsitzendem Haase, und dem Fitnesstrainer Schmidt, freundlich empfangen.

„Herzlich willkommen Herr Schneider.“ Alle begrüßen ihn mit einem kräftigen Händedruck und bitten ihn an den runden Tisch.

„Wir müssen ein paar Dinge vorweg abklären, immerhin sind Sie noch sehr jung und abgesehen von dem, was auf dem Spielfeld passiert, müssen wir uns hier an gewisse Regeln halten, wenn es um das Thema Jugendschutz geht.“ Karl lehnt höflich das Angebot zu sitzen ab und steht lieber neben dem Tisch, wo er sitzen sollte.

„Danke sehr, ich stehe lieber. Was genau meinen Sie?“

„Es werden hier und da Situationen geben, die anders ablaufen werden, als für das restliche Team. Angefangen von den Trainingszeiten bis hin zu den Partys und Veranstaltungen, die abends stattfinden.“

„Ich kennen meine Einschränkungen. Nur 6h Training und ab 22 Uhr ist Schluss in der Öffentlichkeit. An Partys habe ich eh kein Interesse. Ich nutze die Zeit lieber zum Lernen.

Wenn das jetzt alles war, dann würde ich sehr gerne gleich aufs Feld. Mir tun die Knochen nach der langen Pause weh und ich möchte das Team kennenlernen.“, spricht er klar und mit fester rauer Stimme.

„Hm, an Ihrer Stimme hört man, dass Sie noch mitten im Stimmbruch sind.“, grinst Herr Förster.
 

Etwa eine halbe Stunde später steht Karl in der Umkleide und sucht einen freien Spint.

„Junge, du sollst doch in die andere nebenan gehen.“, versucht ihm sein Vater klar zu machen.

„Wieso? Ist doch total albern. Hier sind noch Spinte frei. Welchen darf ich nehmen?“, steht er vor einem der unbeschrifteten Umkleidebereichen. Eine kleine Bank, drei Haken an der Wand, ein oberes Fach und daneben ein großer Spint. „Hm. Nun gut. Wenn du das so willst. Ist egal, welchen du nimmst.“ Karl sucht sich den heraus, der am nächsten an den Duschen ist und legt seine Tasche auf die Bank.

„Gut, ich bin dann gleich draußen. Ich finde den Weg alleine, Trainer. Ich war ja schonmal kurz hier.“, sieht er ihn ernst an. Rudi verlässt nachdenklich die Umkleide und begibt sich zu seinem Team auf die Trainingsfläche.

‚Ach Karl-Heinz. Du immer mit deinem eigenen Kopf. Mal sehen wie es die anderen aufnehmen werden.‘ Gleich kommen nach einer Ansage des Co-Trainers alle Spieler auf ihn zu und begrüßen ihn höflich.

„Trainer, haben Sie Ihren Sohn heute mitgebracht?“, wird gefragt.

„Ja, er zieht sich gerade um. Aber denken Sie immer daran, hier sind wir genauso wie wir, nur Trainer und Spieler. Er hat schon deutlich verlauten lassen, keine Sonderregeln zu wollen. Nehmen Sie diese Entscheidung also ernst.“

Etwa zehn Minuten später erscheint die Presse und viele Leute drängen sich in die Zuschauerbereiche. Mehrere Kamerateams sind gekommen und der Vereinsvorstand erscheint in voller Zahl. Mit Regenschirmen stehen sie am Spielfeldrand.

In dem Moment, als Karl-Heinz aus dem Torbereich der Umkleiden kommt, beginnen die Blitzlichter der Kameras nur so zu flackern. Das Wetter macht vielen einen Strich durch die Rechnung. Das Club eigene Kamerateam steht voran und darf direkt mit seinen Schützlingen reden.

„Da ist er, der jüngste Spieler, den ein Profiteam der Bundesliga jemals eingekauft hat. Er ist 15 Jahre und 59 Tage alt. Er trägt die Trikot-Nummer 11. Diese Saison wird spannend, meine Damen und Herren.“, wird aufgebracht in die Kamera gesprochen, welche vor der jungen Reporterin den Blick direkt auf Karl-Heinz richtet, welcher mit seiner stolzen und erhabenen Art im neuen Trikot den Rasen der Seitenlinie betritt. Sie dreht sich dann zu ihm um und spricht ihn direkt an, denn er geht bewusst am Zuschauerzaun entlang, wo die Reporter alle auf ihn warten.

„Herr Schneider, wie fühlen Sie sich heute? Sind Sie aufgeregt?“, hält sie ihm das Mikrofon hin. Karl bleibt höflich stehen und lächelt mit einem strengen Blick in die Kamera.

„Es ist mir eine Ehre hier sein zu dürfen. Meine Hochachtung, ihnen gegenüber, werde ich dem Team hoffentlich ausreichend entgegenbringen.“

„Werden Sie Ihren Feuerball heute ausprobieren?“

„Wir werden sehen, was das Training abverlangt.“

„Glauben Sie, dass unser Keeper Ihren Ball halten kann?“

„Ja! Ich erwarte es von ihm. Immerhin ist Drener der weltbeste Keeper.

Mehr habe ich nicht zu sagen.“ Mit diesen starken Worten wendet er sich ihr ab und geht direkt zu den Trainern, dem Vorstand und dem Team, welche bereits neugierig zu ihm sehen.

„Wow, so jung und schon so ein Selbstbewusstsein. Es wird spannend, liebe Fans. Wird er mit dem starken Feuerball, den er uns in der Weltmeisterschaft mehrmals gezeigt hat, heute gegen das Keeper-Genie Drener, ein Tor erzielen? Immerhin ist er bereits 29 Jahre alt und sehr erfahren. Das fragt sich heute jeder. Karl-Heinz Schneider, ein starker und mutiger Jugendlicher, der sich gegen die Erwachsenen durchzusetzen versucht.

Liebe Fans, liebe Zuschauer, wir werden für Sie am Ball bleiben.“, spricht sie begeistert und es gibt ein Cut. Sie atmet tief durch und blickt Karl hinterher. „Wahnsinn, oder? Was meinst du, ob er ihn versenkt?“, spricht sie ihren Kameramann an.

„Er sagte ja, er geht davon aus, dass er gehalten wird. Das zeugt doch nur davon, dass er nicht unrealistisch an seine neue Aufgabe herangeht. Das hättest du ruhig noch dazu sagen können, finde ich.“, murrt er.

„Du hast Recht. Aber nun gut. Er hat eine gesunde Einstellung und leidet nicht an Selbstüberschätzung, das ist gut.“
 

Karl-Heinz bleibt vor den Trainern stehen und schaut dann mit einem entschlossenen Gesicht zum Team. Ihm ist klar, dass innerhalb des Trainings in Englisch gesprochen wird, damit jeder alles genau verstehen kann, egal wo er herkommt.

„Guten Tag. Mein Name ist Karl-Heinz Schneider und ich freue mich sehr in Zukunft mit Ihnen zusammenzuarbeiten.“ Alle sind erstaunt. Mit so einer förmlichen Begrüßung haben sie nicht gerechnet. Man dachte eher an ein schlichtes „Hallo“ oder „Hi“, so wie sonst auch.

„Wow, kann er wirklich schon so gut Englisch sprechen, oder hat er den Satz jetzt so einstudiert?“, wird in der hintersten Reihe leise getuschelt.

„Hast du die Jugend-WM nicht verfolgt? Er spricht sehr gut Englisch. In jedem Interview war er sehr gut zu verstehen.“, kommt eine Antwort vom Nachbarn. Der 37jährige Team-Chef und Mittelfeldspieler kommt auf Karl zu und reicht ihm freundlich die Hand.

„Willkommen, Herr Schneider. Wir sind gespannt auf eine erfolgreiche Saison.“ Karl sieht den erfahrenen Mann ehrfürchtig an.

‚Was für eine Erscheinung. Mit Genies wie ihn zusammen spielen zu dürfen, das wird hoffentlich genug Ablenkung sein, dass mir meine Freunde so sehr fehlen. Also ran an die Elite, Karl-Heinz, immer voran, niemals zurück.‘

„Es ist mir eine große Ehre.“, lächelt er. Das Kamerateam macht Fotos und nimmt die Begrüßung weitgehendst auf.

„Gut, Männer! Wir als Trainer haben uns gedacht, machen heute mal Blau und sehen uns nur Ihre Kennlernzeit an. Wir beobachten nur. Wir übergeben also das heutige Training ganz an den Kapitän Matthias. Machen Sie was Sie wollen. Wenn doch Fragen sind, wir sind da.“, spricht Herr Förster ein Machtwort und lacht etwas fröhlich dabei. Dann legt er seine Hand auf Karls Schulter, um etwas familiärer auf ihn einzugehen.

„Lernen Sie das Team einfach kennen und es lernt Sie kennen.“, lacht er etwas. Karl weicht ihm gekonnt aus, an der Schulter von Fremden berührt zu werden, mochte er noch nie. Er weiß wen er da neben sich stehen hat und er schätzt ihn sehr, aber das mag er nicht. Seine Bewegung ist diskret, nur eine leichte Drehung und ein Lächeln.

„Eine gute Idee, Trainer.“, meint er dazu und schon ist die kurze Berührung beendet. Der Kapitän grinst Karl an und fragt ihn nach seinem Aufwärmtraining. „Meine Laufrunden hatte ich vorhin schon, ich müsste nur noch ein paar Dehnübungen machen, als würden wir ein Spiel haben.“, kommt als Antwort und schon wird das ganze Team aufgefordert erneut ein paar kleine Dehnübungen zu machen. Sie verteilen sich etwas auf dem Rasen und der Kapitän Matthias bleibt bei ihm.

„Heute bleibst du erstmal in meiner Nähe und ich stelle dir nach und nach die Männer vor. Du kennst sie sicher nur aus den Medien.“, ist die Fußballlegende sehr freundlich.

„Das stimmt. Ich denke mal, das beruht auf Gegenseitigkeit. Eine Frage, hätte ich jedoch.“

„Frag alles was du willst.“

„Duzen sich alle Spieler untereinander, oder ist das jetzt nur an mich gerichtet? Ich will keine Extrawurst, wenn Sie verstehen.“, kommt ein ernster Blick. Der Mann grinst.

„Du gefällst mir. Ein Mann mit klaren Linien und Prinzipen.

Ja, wir duzen uns untereinander, daran wirst du dich gewöhnen müssen. Ich hätte gedacht, das hat dir dein Vater bereits erzählt.“

„Nein, ich habe ihm gesagt, ich will keine Infos haben, die sonst auch kein Neuling erhält.

Wenn ich was wissen will, dann frage ich. Und wenn mir was nicht passt, dann sage ich das auch.“

„Das ist eine gesunde Einstellung. Was hältst du von einem Trainingsspiel? Ich teile das Team auf und wir legen einmal ordentlich los. Wir Sportler lernen uns doch so am besten kennen. Darauf hast du sicher Bock?“

„Das klingt gut. Darf ich einen Wunsch bei der Aufteilung äußern?“ Es wird wieder gegrinst.

„Ich merke, du hast sehr genau deine Ziele im Kopf. Aber ich denke mal, ich werde das Team schon passend zusammenstellen. Vertrau mir.“ Karl grinst.

„Gut.“ Er stellt sich zurecht, läuft noch ein paar Male auf der Stelle und springt mehrmals, um die Fußgelenke zu schmieren.

„Gut. Ich bin soweit. Gibt es vorab eine Teambesprechung? Eure internen Zeichen benötige ich auch noch.“, ist er gleich in seinem Element.

Kurz darauf stehen sich zwei komplette Teams gegenüber. Natürlich spielt er mit Matthias zusammen im Team und sein Gegner ist der Keeper Drener. Sein Herz schlägt bis an die Stirn und es brodeln große Erwartungen in ihm auf. Endlich steht er dort, wo er sich schon als kleiner Junge immer hin erträumt hatte. Er steht mit seinen großen Vorbildern und Helden zusammen auf demselben Rasen, auf demselben Feld und dann zusammen im selben Team. Endlich kann er sich austesten, wie gut er wirklich schon ist. Er weiß, er ist der Beste und auch wenn er diese furchtbare Niederlage gegen Japan erdulden musste, weiß er, dass er hier bei den Profis mithalten können müsste. Wäre es nicht der Fall, dann hätte ihn der Club nicht gekauft, nicht für diesen Betrag, bei dem einem schwindelig wird.

Es wird angepfiffen und die Doppelspitze mit dem weiteren Stürmer legt sofort los. Karl ist sehr aufmerksam wie immer und überwindet mit seinem Spielpartner die ersten Hürden. Die gegnerischen Verteidiger sind erstaunt, als sie sein perfektes Zusammenspiel feststellen, wie die Mittelfeldspieler ausgetrickst wurden. Erfahrene Männer, die schon viele Länderspiele hinter sich hatten. Die Verteidigung baut sich wie eine Mauer auf und ihre Körpergröße ist durch ihr Alter nicht zu übersehen. Natürlich kommt da nicht jeder heran, wenn man nur 1,71m groß ist. Die großen Männer glauben ihm durch ihre Größe und ihrer Erfahrung im Vorteil zu sein, aber da haben sie sich geirrt. Karls Spielpartner ist selbst sehr erstaunt, dass jedes Zuspiel perfekt läuft und seine vorher angesprochenen Taktiken bisher aufgehen. Ein dritter Mann nähert sich von hinten und bietet sich plötzlich an. Es wird nach hinten abgespielt und Matthias ist am Ball.

‚Du hast dich eindeutig mit unseren Stärken und Schwächen vertraut gemacht. Sehr gut.‘, geht in dem Kapitän vor sich.

„Na dann, Kleiner. Du bist kein Typ der langen Diskussionen, das weiß ich bereits und das zeigst du mir jetzt. Ich bin gespannt, was du dir gegen mich einfallen lassen hast.“, murmelt der Keeper konzentriert und hält sich bereit.

Es wird eng und nun steht Karl mit dem ebenso neuen Spielen, als Sturmspitze kurz vor dem Strafraum und will annehmen, doch es entsteht eine Gefahr des Abseits. Er grinst, und der erfahrene Stürmer spielt zurück. Auch er hat es erkannt. Erneut wird das Spiel aufgebaut und dann wird Karl für einen neuen Angriff angespielt und deutet an erneut los zu dribbeln, doch plötzlich bleibt er stehen und setzt sofort zum Feuerschuss an, untere linke Ecke, die größte Schwachstelle eines jeden Keepers. Die Chance war perfekt, eine Lücke tat sich durch das Verlassen der Positionen, um ihn erneut anzugreifen auf, und diese Lücke wurde genutzt. Natürlich erkennt der Profi im Tor seine Absicht und stürmt dem Ball entgegen und will ihn mit vollem Körper abfangen, was ihm auch gelingt, doch die Wucht des Balls ist zu seinem eigenen Erstaunen so derart hart, dass es ihn etwas aus dem Gleichgewicht bringt und nach hinten drängt. Er hat arge Mühen ihn zu halten, denn mit so einer Wucht hat er nicht gerechnet. Es ist vergleichbar mit dem des eigenen sehr starken Sturms und anderen Profis.

‚Verdammt nochmal. Wie kann ein Kind so eine Kraft aufbringen?‘ Sein Gegendruck und seine Kraftanstrengung das Gewicht noch weiter entgegen zu wirken und die Füße auf dem Boden zu behalten, werden belohnt. Kurz vor der Torlinie bleibt er stehen und hält den Ball noch immer fest in den Händen. Das Leder rotiert noch etwas in seinen Händen. Eine eindeutig knappe Geschichte. ‚Dieser Ball, unvorhersehbar geschossen, wäre noch knapper gewesen. Jetzt kam er so gut einsehbar, aber sollte er durch meine Verteidigung verdeckt abgesendet werden, ist er unhaltbar.‘, erkennt der Keeper erstaunt an.

Als er den Ball mit den Händen wieder ins Spiel werfen will, kullert er ihm plötzlich aus den Händen und rollt beinahe hinter ihm über die Linie, hätte er nicht noch rechtzeitig den Fuß davorgestellt. Schnell hebt er den Ball wieder auf, denn Karl-Heinz grätscht plötzlich direkt von der Seite zu ihm und wollte dem Leder einen kleinen Stoß versetzen. Als hätte er gewusst, dass das Leder nochmal aus den Händen fallen würde und um den Weg zum Tor zu suchen. Verdutzt sieht Drener hinab zu dem Jungen.

‚Das hat er doch nicht etwa so geplant? Dass mir der Ball aus den Händen rutscht? Wie kann das sein?‘ Karl grinst nur und steht auf. Durch die Nässe des Rasens ist seine Rutschpartie länger als sonst. Er liegt bereits mit einem Fuß hinter der Torlinie.

„Wer von den anderen Keepern in der Bundesliga hätte ihn noch halten können?“

„Dein Ball ist super. Ich will ehrlich sein. Ich wüsste niemanden, niemanden in Europa, der ihn so einfach hätte halten können.“, kommt eine ehrliche Meinung zurück.

„Dann reicht er also aus, um das eine oder andere Tor für unser Team zu machen?“

„Auf jeden Fall.“ Drener schaut sich den Ball genauer an.

‚Was hat er nur damit angestellt?‘

„Er ist heile, da war nichts. Der Drall ist gewollt. Es ist ein neuer Ball, ich habe nur noch keinen Namen dafür.“

„Oh, also war das nicht der berühmte Feuerball?“

„Doch, aber in einer neuen Variante. Vor zwei Tagen ist mir endlich der Durchbruch gelungen und nun…konnte ich ihn testen.“

„Hm…ich verstehe. Wollen wir weitermachen? Du bist doch zum Spielen hier.“

„Gut. Sehr gut.“, kommt nur und Karl-Heinz läuft los, um sich zu positionieren. Das Spiel geht weiter und nach einigen weiteren Versuchen schafft er es dann doch noch ein Tor mit Hilfe eines Fallrückziehers bei dem Profi zu erlangen.
 

Nach dem Spiel soll Karl als Erster in die Umkleide, weil noch etwas besprochen wird.

„Und Männer? Habe ich zu viel versprochen?“, grinst Karls Vater mit stolzer Brust. Die Stimmung ist verschieden.

„Der Junge hat zur U16 WM bereits gezeigt was er für ein Potenzial hat und Europameister ist er auch nicht grundlos mit seinem Team des HSV gewesen. Er passt trotz seiner Jugend super zu uns.“, äußert der Keeper zur Überraschung aller.

„Das sehe ich genauso.“, kommt jemand weiteres dazu.

„Er ist stark und gut im Spiel, aber ob er in dem Alter dem Druck der Medien gewachsen ist? Als Heranwachsender ist es ohnehin schwerer mitzuhalten oder auch schulisch noch die Leistungen zu bringen, um später studieren zu können. Wenn ihr mich fragt, ist er ein riesiges Talent und sollte trotzdem noch etwas abwarten. Jedoch ist er nun hier. Also machen wir das Beste draus.“, meint jemand aus der Stürmerleiste.

„Gut, letztendlich habe ich ihn nicht grundlos geholt. Unser Team ist in die Jahre gekommen, nichts für ungut an euch erfahrenen Spieler, aber alle wissen, ist ein Team im Durchschnitt zu alt, leidet die Leistung darunter, also auch die Erfolge. Mit einem Frischling wie ihm im Sturm, holen wir diese Saison garantiert den Sieg, der uns letzte Saison flöten ging. Wir können es uns nicht leisten mit den Erfolgen zu geizen. Ab morgen werden wir das reguläre Training aufnehmen und am 9. September ist bereits ein neues Spiel. Wir haben also noch 8 Tage, um ihn als einsatzfähigen Spieler fit zu machen. Ich würde ihn dann, wenn es mir bereits zusagen sollte, spielen lassen. Je nachdem wie gut er sich im Training machen wird, lege ich die Aufstellung fest. Das wird auch erst am letzten Tag passieren. Den Wunsch aufgestellt zu werden, hat er bereits geäußert. Ihm scheint das Spiel gegen Hansa Rostock wichtig zu sein.“ Die klare Ansage des Trainers Förster dringt durch jedes Ohr. Mit ihren verschiedenen Gedanken verlassen die Männer das Feld.
 

Karl-Heinz sitzt auf seiner Bank in der Umkleide, zieht sich das Trikot über den Kopf und betrachtet es in den Händen. Das weiß-blaue Logo erfüllt ihn mit Stolz. Er lächelt vor sich hin.

‚Ein Tor gegen Drener, wow. Das hätte ich niemals gedacht. Schade dass ihr es nicht live sehen könnt, Tina, Stephan. Wo seid ihr denn nur hingezogen? Seht ihr es euch dann im Fernsehen an? Ihr hättet euch doch inzwischen mal melden können. Nach dem ganzen Trubel der WM. Irgendein Zeichen, damit ich weiß, dass es euch gut geht. Mehr verlange ich doch schon gar nicht mehr.‘ Im Gedanken legt er das Trikot zur Seite, zieht sich weiter aus, holt sich ein frisches Handtuch aus seinem Fach und bringt die durchgeschwitzte Wäsche in die Waschecke und lässt es in den großen Korb für Trikots fallen. Dann verschwindet er in der Dusche.
 

Im Flur wird es inzwischen etwas lauter. Die Männer unterhalten sich angeregt und planen den Rest ihres angefangen Tages. Der jüngste von ihnen biegt in seine Umkleide ab, denn auch er ist noch keine 18, erst in wenigen Monaten. Nach Heiligabend gehört er erst offiziell zu den Großen. Als er den Raum betritt und niemanden entdeckt, wundert er sich. Er hat mit Karl-Heinz gerechnet, aber es ist niemand da, nicht einmal eine Spur von ihm, dass er überhaupt da war.

‚Komisch, ist er schon wieder weg? Das ging aber schnell. Das waren doch jetzt nur etwa 15 Minuten. Nun, er hat eindeutig nicht geduscht, komischer Typ.‘ Ohne sich jedoch weiter darüber Gedanken zu machen, zieht auch er sich aus und verschwindet in der Dusche.
 

Der Kapitän Matthias betritt als Erster die Umkleide und so schnell registriert er es gar nicht, dass einer der leeren Plätze belegt ist. Alle betreten nach und nach den Raum und reden durcheinander.

„Also so wie ich das sehe, wird es hier eine enge Kiste für euch Stürmern. Das könnt ihr wissen. Ihr wisst, dass es eine Begrenzung der Spieleranzahl gibt. Wir sind erstaunlich viele, im Gegensatz zu anderen Teams, aber wir sind nun einer zu viel.“, erklärt der Keeper.

„Du willst doch wohl nicht andeuten, dass der Kleine eine ernstzunehmende Konkurrenz ist?“, haut einer der Ersatzstürmer aus. Ihm ist dies jedoch tatsächlich schon bewusst.

„Doch, natürlich ist er das. Lass ihn mal ein Jahr hier bei uns sein, dann geht der, der nicht mithalten kann, und das wird einer von euch sein. Schaut euch also schonmal gezielt auf dem Markt um, wo ihr im Notfall hingehen könntet.“, meint Drener mit fester Stimme.

„Am Anfang sind alle motiviert und wenn sie erst einmal dem Druck der Medien ausgesetzt sind und die langen Spielzeiten auf Dauer aushalten müssen, dann sieht die Situation wieder anders aus.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht? Hast du nicht bemerkt, dass er nach dem kurzen Spiel kaum außer Atem war? Keine Frage, Förster hat ihn nicht nur geholt, weil er talentiert und stark ist, sondern auch, weil er mithalten kann.“, macht der Kapitän deutlich klar.

„Und glaube mal nicht, dass du der Einzige bist, der um seinen Platz kämpfen muss. Ich bin auch schon ein alter Herr und froh, dass ich immer mithalten kann. Verdammt, ich geh schon auf die 40 zu, vergesst das mal nicht. Da kommt eine Generation, die uns bei der nächsten EM oder WM so richtig einpacken wird. Vermutlich bin ich nicht mal mehr dabei. Denkt doch mal an die WM, die wir gerade hinter uns haben und die Kids, die haben uns noch so einiges gezeigt, wenn ihr mich fragt. Die Japaner haben nicht grundlos gewonnen und es war sehr knapp. Unsere Jungs hatten nur einen entscheidenden Nachteil, sie waren überhaupt nicht gut aufeinander eingespielt. Die paar wenigen, die sich bereits kannten und gut eintrainiert waren, die haben nicht gereicht. Aber das nächste Spiel mit der gleichen Konstellation, die werden ein starkes Team sein. Kommen dann noch ein paar Leute von unserem erfahrenen Schlag dazu, da müssen sich die Japaner und auch die Franzosen und Italiener vorsehen. Als Profis gibt es nicht so viele Japaner in der Weltebenen, aber dieser Ohzora, der jetzt in Brasilien bei einem Genie wie Hongo trainiert und spielt, glaubt mal nicht, der wird eine sehr große Entwicklung machen. Und wer weiß jetzt schon wie sich die anderen entwickeln werden?“

„Dieser Japaner aus Schneiders Team, mit dem er befreundet ist, der Keeper, ein sehr guter Mann, wenn ihr mich fragt. Gerade weil er mit Schneider trainiert hat und ihn so gut kennt. Deswegen war es für mich wiederum schwer auf ihn einzugehen. Seine Bälle sind sehr stark. Wenn das noch reift, auf beiden Seiten, dann haben wir ebenso eine gute Voraussetzung für die nächsten Spiele. Ich würde ganz ehrlich sagen, das Spiel eben hat uns genau aufgezeigt, dass wir diese Saison keine Probleme haben werden, den Titel zu holen, vor allem, solange der Japaner noch im Jugendteam spielt.“, macht der Keeper eine deutliche Ansage.

„Also Männer, strengt euch noch mehr an, wenn von euch einer meinen Posten irgendwann übernehmen will, solltet ihr euch ranhalten, sonst sitzt ihr nur auf der Bank rum, weil die Trainer irgendwann auf die Idee kommen, den jungen Burschen fürs Tor auch noch zu holen. Immerhin sind die Jungs befreundet, das darf man nicht unterschätzen.“, meint Drener. Es ist ruhig und plötzlich haut jemand eine Verwunderung aus.

„Äh, sagt mal. Wer duscht denn da eigentlich? Wir sind doch alle zusammen reingegangen?“

„Du hast Recht. Der Platz neben mir ist belegt. Das ist sicher Karl-Heinz, wenn ich mir die Schuhgröße ansehe und die jugendliche Kleidung hier.“

„Wieso ist er denn hier? Er sollte zu Sergey, weil er noch unter 18 ist.“, meint der Kapitän dann.

„Du wolltest ihm doch nachher noch die Trainingsräume und das Gelände zeigen.“

„Ja, das wollte ich, aber wir wollten uns in der Cafeteria treffen.

Nun gut, dann warten wir eben jetzt auf ihn. Kann ja nicht mehr lange dauern.“, bestimmt er einfach. Alle bleiben sitzen und ziehen sich nur bis zur Unterhose aus und holen sich schonmal die Handtücher aus ihren Fächern.

„Was ist, wenn er uns gehört hat? Kommt auch doof.“, meint jemand.

„Das war doch kein Lästern oder was meinst du? Glaub mal nicht, dass er sich nicht denken kann, was wir so reden.“, meint der Keeper.

„Hm, mein Sohn ist doch im Jugendteam und kennt ihn schon etwas. Er soll sehr verschlossen sein, meinte er mal. Etwas introvertiert und desinteressiert am Team. Deswegen wundert es mich jetzt sogar eher, dass er freiwillig zu uns Männern kommt, wenn er lieber allein ist.“, meint einer der Verteidiger.

„Also introvertiert kam er mir jetzt nicht rüber. Wer weiß was da war. Sein altes Team schien ihn sehr zu mögen, sicher hat er sie nur vermisst. Immerhin musste er auch Mutter und Schwester in Hamburg zurücklassen. Ich hätte ja bestimmt keinen Bock darauf gehabt mit 14 oder 15 nur noch mit meinem „Alten“ zusammen zu wohnen, ne Art Männer WG, weit weg von Familie und Freunden.“, meint der Kapitän.

„Hm, er ist so alt wie deine Große, schon aufgefallen?“, grinst plötzlich einer.

„Sie ist schon 16, also echt mal.“

„War nur mal so erwähnt. Sicher weiß der Club, dass er für die Jugend ein Zuschauermagnet ist, egal jetzt ob Jungs oder Mädels. Damit wird hier und da der Umsatz steigern, mit dem ganzen Merchandising, nur alleine wegen seines Alters. Oder sehe ich das falsch?“

„Ich sehe das genauso, total der Mädchenschwarm. Das hat man immer zu seiner HSV-Zeit und jetzt zur WM eindeutig gesehen. Meine Kids fahren auch voll auf ihn und die anderen im HSV-Team ab.“

„Natürlich, ihre gleichaltrigen Helden. Wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre.“

„Der Fußballer und Hoffnungsträger der Jugend. Schon jetzt sind mehr Anfragen in unseren Jugendsektionen, als vor seinem Transfer.“, spricht der Vater des Jungen im Jugendteam.

„Aber so muss es doch auch sein. War bei uns auch nicht anders. Ohne Vorbilder für die Jugend, kein guter Nachwuchs. Unsere aktuelle Generation braucht solche Jungs, damit es wieder große Titel gibt.“

„Sehe ich auch so. Er wird uns alle gut auf Trapp halten. Seine Taktik gegen dich ging auf und das ohne jemals mit uns gespielt zu haben. Er muss deine Schwächen und unsere Stärken ganz genau kennen und hat deswegen die Möglichkeiten der Sichtverhältnisse gegen dich ausgenutzt. Seine aktuelle Körpergröße ist ihm nicht einmal ein Hindernis.“

„Ein scharfsinniger Stratege wie sein Vater. Das wird noch eine heiße Kiste mit ihm, wenn er sich erst richtig im Profisport in dieser Altersklasse einfindet. Ich wette mit euch, dass er jeden von uns mit der passenden Strategie in die Tasche stecken kann. Er muss uns nur erst richtig kennenlernen.“

„Das kannst du glauben, ja. In dem Alter schon so einen guten Beobachtungssinn, und das als Stürmer, statt als Mittelfeldspieler oder in der Funktion des Liberos. Matthias, was meinst du dazu? Er wäre sicher auch im Mittelfeld eine große Nummer.“

„Auf jeden Fall. Ich habe mir viele seiner Spiele vor dem Transfer extra noch angesehen. Sein Team ist nicht grundlos Europas stärkstes Team. Da sind sehr fähige und große Talente drin.“

„Das stimmt. Aber scheinbar nicht mehr. Diese beiden Verteidiger, die noch vor zwei Jahren mit ihm zur EM gefahren sind, die sind vor dem Freundschaftsspiel gegen Japan nicht mehr dabei.“, bringt der Keeper Nummer zwei ein.

„Ja, komisch, eigentlich. Wie weg, die beiden. Das waren Brüder, oder?“

„Ja. Brüder.“ In diesem Moment der Unterhaltung geht das Rauschen der Dusche aus und alle sind sehr leise.

„Was macht ihr jetzt noch mit dem Nachmittag? Also ich fahre nur heim, zu meinen Kindern. Vermutlich Spielenachmittag. Ne Runde Monopoly oder sowas. Bei dem Wetter haben die eh keine Lust rauszugehen.“, bringt sich ein Mittelfeldspieler ein und wechselt das Thema und es werden einige Hobbys aufgezählt.

Kurz darauf betritt Karl-Heinz mit einem Handtuch um die Hüfte die Umkleide und geht an seinen Platz.

„Hey Karl-Heinz. Mit dir haben wir hier jetzt gar nicht gerechnet. Warum bist du nicht bei Sergey?“, wird mit einem spaßigen Ton in die Runde gehauen. Karl dreht sich nicht um, legt das Handtuch neben sich auf die Bank, greift eine Unterhose und zieht sie einfach an, während er antwortet.

„Entweder wir sind ein Team, oder keins. Was soll ich da nebenan? Ist doch total bescheuert.“ Die Männer sind etwas überrascht.

„Hm, schon, aber letztendlich geht’s ja um den Jugendschutz. Sagen wir es einfach mal so wie es ist.“ Karl-Heinz dreht sich um und zieht sein weißes T-Shirt an.

„Ich weiß worum es geht, aber mich persönlich stört es nicht. Also wenn es euch nicht stört. Mann ist Mann, egal wie alt.“, beginnt er seine Meinung kund zu tun und setzt sich auf die Bank. Er schnappt sich seine Strümpfe und zieht sie an. „Außerdem…wenn das Team was zu bereden hat, dann ist das doch doof, wenn Sergey und ich immer fehlen. Wie sollen wir da jemals zum Team gehören? Er ist doch eh bald 18. Was machen die drei Monate noch aus?“

„Ein Team sollen wir sein? Ich will dir ja nicht zu nahetreten, Junge, aber glaubst du echt wir sind hier alle Freunde oder sowas? So wie in deinem alten Team?“, fragt der erfahrene Stürmer, welcher mit ihm zusammengespielt hat. Auch er ist neu im Team.

„Wer redet hier von Freundschaft? Ich spreche davon ein Team zu sein, nicht von Freundschaft.“, kommt trocken. Ein dünner moderner Pullover wird über den Kopf gezogen, aufgestanden und nach der sportlichen Stoffhose gegriffen.

„Karl-Heinz, was machst du, wenn du nicht gerade hier bei uns bist und trainierst oder zu den Spielen gehst? Hast du noch irgendwelche anderen Interessen? Wir haben heute früher Schluss als sonst und haben uns darüber unterhalten, was wir so mit der Freizeit anfangen.“, bringt sich der Keeper ein, der versucht etwas mit Freude das Thema zu wechseln. Karl-Heinz zieht die Hose an und schließt den Reißverschluss und den Knopf.

„Ich würde bei dem Wetter vermutlich in ein Museum gehen oder nach Hause.“, steigt er darauf ein.

‚Jetzt wechseln sie wieder das Thema, weil es unangenehm wird. Aber damit habe ich schon gerechnet.‘

„Museen sind dein Ding?“

„Ja, ich bin noch nicht alle durch hier in München und Umgebung.“

„Und welches würdest du am liebsten besuchen?“

„Das Technikmuseum. Ich war schon einmal dort, aber bin nicht ganz durch. Viel zu interessant, es an einem Tag anzusehen.“, lächelt er dann in die Runde und nimmt das nasse Handtuch neben sich und bringt es zu den großen Wäschekörben.

„Sagt mal, ist das noch die Wäsche von gestern, oder wieso ist der mit den Handtüchern noch voll?“, fragt er dann skeptisch und legt sein Handtuch zu den anderen.

„Nö, wieso? Das sind die von heute Früh. Das Wäscheteam holt sich nachher die Wäsche ab, wenn wir weg sind.“

„Ist das jeden Tag so?“

„Natürlich.“, kommt von jemanden.

„Und warum benutzt ihr das Handtuch nicht nach dem Training nochmal? Dann, wenn ihr wirklich dreckig seid? Bei den Duschen sind doch genug Haken, alle mit Namen versehen. Zwei Haken pro Person. Kommt ihr dreckig zur Arbeit, oder wozu müsst ihr vorher alle duschen? Lag das am Regen?

Das ist doch totale Ressourcenverschwendung und kostet unnötig Wasser, Strom und Waschmittel.“, kommt vorwurfsvoll von dem Jugendlichen. Dann dreht er sich um und blickt fragend in die Runde.

„Na wegen der Hygiene natürlich. Wenn die so nass da den Tag über in der feuchten Dusche rumhängen, kann ja nicht gut sein.“, meint jemand dann fest überzeugt.

„Wenn die da alle hängen, dann trocknen sie doch wieder bis sie gebraucht werden, weil sie Luft abbekommen. Liegen sie aber hier nass zusammen im Korb, dann staut sich die Nässe und Wärme und es schimmelt viel schneller oder die Bakterien und Viren verteilen sich in allen Tüchern. Die Haken in der Dusche sind nicht grundlos dort und die Anlage ist gut gelüftet. Es beginnt die Erkältungswelle und wir können uns alle keine Pausen leisten. Liegt der kram zusammen hier nass rum, verbleibt alles hier im Raum.

Wenn jeder zu Hause so wirtschaften würde, gäbe es in einigen Familien weniger auf dem Mittagstisch.“, erklärt er dann einfach und geht wieder zu seinem Platz.

„Wir sehen uns gleich, Kapitän?“, spricht er seinen neuen Kapitän freundlich an.

„Ähm, ja. Bis gleich.“

„Ab wann ist morgens jemand von euch hier?“, fragt er in die Runde.

„Ich komme meist als Erste rund bin gegen halb 7 da.“, meldet sich jemand zu Wort.

„Okay.“ Karl-Heinz nimmt seine Regenjacke, hängt sie sich über die Schulter und greift die Sporttasche. Dann geht er durch den großen Raum, an allen vorbei und verlässt die Umkleide mit einem Winken und einem freundlichem „Bis morgen, Männer.“.
 


 

Infos:
 

FC Bayern München
 

27 Spieler 1998 davon:

3 Keeper 1. Keeper Drener (CT) - (Original: Kahn 29 Jahre alt)

9 Verteidiger

9 Mittelfeld

6 Sturm (7 mit Karl-Heinz zusammen)

Also 28 Spieler
 

Chef-Trainer Franz Förster, (CT)

Co-Trainer, Rudi Frank Schneider, (CT)

Torwarttrainer Ingo Mayer, (fiktiv)

Vereinsvorsitzender Haase, (fiktiv)

Fitnesstrainer Emil Schmidt (fiktiv)

228. Karls neues Team Teil II oder Schöne Stuckrosette

Kapitel 228
 

Karls neues Team Teil II oder Schöne Stuckrosette
 

Der Regen prasselt nur so auf die Dächer und Sitzbänke der Trainingsanlage des Erstligisten. Draußen zu sein, ist definitiv kein Wetter mehr, aber das hält Menschen mit Leidenschaft zu ihrem geliebten Sport nicht zurück. Der Mannschaftskapitän Matthias und sein neuer Schützling stehen einerseits mit Regenschirm und andererseits nur mit Regenjacke und Kapuze am Spielfeldrand der Damenmannschaft.

„Warum wolltest du ausgerechnet als erstes zu den Damen?“, wird Karl gefragt.

„Ich wollte bereits herkommen, als ich noch im Juniorenteam war, aber leider hat es sich wegen der Trainingszeiten und der Lernzeiten nie ergeben. Heute ist es perfekt, später passt es wieder nicht, weil wir die gleichen Zeiten haben.“

„Okay. Ich verstehe. Wir haben ein sehr starkes Frauenteam. Das wird leider oft unterschätzt. Meine Tochter spielt auch Fußball, aber in einem kleineren Verein.“

„Auf welcher Position spielt sie?“, fragt Karl.

„Links außen, Mittelfeld. Wenn du mich fragst, passt sie jedoch besser in die Verteidigung. Aber sie ist erst 11, also, wer weiß, was noch kommt.“

„Die meisten wollen Anfangs immer vorne sein, das ist normal. Ausnahmen sind Keeper. Die sind ein ganz anderer Schlag Menschen. Als ich angefangen habe zu spielen, war ich auch erst im Mittelfeld, so wie Vater.“

„Wie bist du dann zum Stürmer geworden? Und ab wann?“

„Mit 9 Jahren erst. Uns fehlte ein starker Angriff und da stellte Vater mich an die Spitze, weil ich schon immer starke Bälle schießen konnte. Den Überblick zum Team hinter mir konnte ich trotzdem behalten. Dann kamen plötzlich die Siege und ein Jahr später kam Kaltz ins Team, als der erste gute Mittelfeldspieler, der auch mit mir mithalten konnte. Später kamen gute Keeper und gute Verteidiger. So baute sich das Team dann nach und nach auf und ich blieb vorne.“

„So wirkte das auch für mich. Ich habe mir im letzten Jahr mit Trainer Förster zusammen mehrere Spiele angesehen. Wusstest du, dass wir deinen großen Verteidiger Fuchs auch haben wollten? Da er im Dezember 18 wird, hätte er perfekt ins Team gepasst. Wir haben hinten zu viele Leute, die auch schon über 30 sind. Einmal dort auch ein junges Blut in den Reihen hätte uns gutgetan.“ Karl sieht erstaunt zu ihm auf.

„Ach, ist das so? Wann wurde er denn gefragt?“

„Zeitgleich mit dir, aber nach dem Angebot und einem Gespräch mit ihm und seinem Vater haben sie sich beide dagegen entschieden. Er wollte wohl nur mit euch spielen, nie irgendwo in der Profiliga, darum ging es ihm scheinbar nie. Auch nicht, wenn ihr zusammen hättet spielen können.

Er will studieren und nur freizeitlich beim Sport bleiben, wenn er das Team mit 18 verlässt.

Wenn du mich fragst, ein wirklich vergeudetes Talent.“, berichtet er.

„Das hat er also wirklich ernst gemeint. Wow. Ich dachte immer, er sagt sowas nur, um die Freundschaft zum Team zu festigen.“, ist Karl sehr überrascht.

„Naja, die Freundschaft ist ihm scheinbar sehr wichtig, immerhin war sein Angebot nicht ohne. Der Verein war nicht gerade begeistert, dass er es ablehnte. Wir reden hier ebenso von eine dir ähnlichen Summe. Etwas mehr als die Hälfte deiner Transfersumme, jedoch mit ähnlichem Grundgehalt und Wochengeld.“

„Dieser Mann ist nicht käuflich! Niemand im Team war käuflich, nur ich war das, weil es immer mein Ziel war, in einem Team wie diesem hier zu spielen. Natürlich haben alle gehofft, dass es später sein wird, aber so ist es nun mal.“ Matthias blickt zu dem Jungen neben sich, wie der Regen so an ihm herunterläuft und er sich überhaupt nicht davon stören lässt. Sein Blick ist streng zum Spielfeld gerichtet, konzentriert und beobachtend dem Trainingsspiel der Frauen.

„Diese Gerüchte kannte man und deswegen musste ich dabei sein. Ich sollte ihm in dem Fall überreden, aber keine Chance. Er stand einfach auf und verließ den Raum. Er sagte nur zu uns, dass er sich bedanke, sehr geehrt fühle, das Geld nicht brauche und er lieber bei der Familie und seinen Freunden bleibt.“ Karl schweigt dazu. Er ignoriert bewusst was er gehört hat.

‚Das sah ihm ähnlich. Stephan, Tina, wo steckt ihr nur?‘

„Ich verstehe. Er wollte vermutlich nicht ohne seinen kleinen Bruder irgendwo hin. Das kann ich verstehen. Ich habe auch einen kleinen Bruder, geht man auseinander, leidet die Beziehung zueinander.“ Karls Herz schlägt plötzlich etwas doller, denn der Gedanke, dass er Tina vermutlich nie wieder sehen wird, will ihm nicht so ganz in den Kopf. Was ist denn nur passiert, dass es kein Zeichen von ihnen gibt? Er nimmt sich fest vor, seinen Vater heute Abend in Ruhe nochmal zu fragen. Wenn die beiden nur umgezogen wären, dann hätten sie doch wenigstens mal anrufen können oder einen Brief schrieben, irgendein Lebenszeichen von sich geben wäre schon nett. Sie können doch nicht einfach verschwinden ohne sich abzumelden. Sie wollten doch auch das Spiel gegen Japan spielen. Darauf haben sie doch so eifrig hingearbeitet.

Plötzlich geht er los, Richtung Treppe, um zum Team hinunterzugehen.

„Das Spiel ist beendet. Du musst nicht mitkommen. Ich will hauptsächlich nur mit der Nummer 1 reden.“

„Was willst du denn von ihr? Darf ich das wissen?“ Karl-Heinz dreht sich grinsend um und zeigt ihm mit seiner Hand einen „Daumen hoch“.

„Ein Autogramm.“, sagt er einfach und geht dann die Treppe hinunter. Sein Kapitän bleibt auf der Tribüne und sieht ihm nur nach, wie er ohne einen Zwischenhalt die Trainerinnen und Trainer begrüßt. Diese winken die Keeperin Albrecht zu sich. Etwas abseits unterhält er sich bald mit ihr.

‚Er will nur wegen eines Autogramms zu ihr? Ein wenig seltsam ist der Junge ja schon.‘
 

Während Karl sich mit der Keeperin unterhält, verlassen die anderen bereits den Platz. Kurz zuvor gehen sie alle ebenso zu ihm und begrüßen Karl-Heinz. Eine der Spielerinnen hat Matthias bemerkt und kommt zu ihm hoch, um ihn zu begrüßen.

„Hey, was machst du hier oben? Du hättest doch auch mit runterkommen können.“

„Hallo Annita, nö lass mal. Unser Frischling machte eher den Eindruck, als würde er mit deiner Kapitänin alleine reden wollen. Fragt er wirklich nur nach einem Autogramm?“

„Ja, tatsächlich. Aber nicht für sich, sondern für eine Freundin. Und er wollte wissen ob wir uns sein Spiel mit euch angesehen haben. Er habe wohl wegen des Regens nicht alles so genau im Zuschauerbereich erkennen können, wer da so gewesen ist.“

„Ich verstehe. Interessant, dass es ihm so wichtig ist, dass er extra zu euch geht.“ Dann muss er schmunzeln.

„Also das Autogramm soll für eine Freundin sein? Ich war der Meinung, dass er keine Freundin hat.“

„Es kann doch irgendeine Freundin sein.“

„Hast du einen Namen gehört? Immerhin soll es für sie sein.“

„Nein, Albrecht soll nur schlicht für einen großen Fan drauf schreiben.“

„Komisch. Dann ist das Autogramm aber später auch nicht viel wert, wenn man es mal verkaufen will.“

„Frag mich nicht. Ich glaube, es darf niemand von ihr wissen. So mein Eindruck. Er meinte nur, sie war selbst Keeperin und hat sie immer sehr bewundert, aber könne nicht mehr spielen.“

„Oh. Das klingt aber traurig. Es dürfe keiner was von ihr wissen? Das hat er gesagt?“

„Indirekt schon. Er meinte, niemand muss davon wissen.“

„Komisch. Das erklärt aber, warum er ohne seinen Vater den Rundgang machen wollte. Er hat also Geheimnisse vor ihm. Nun gut. In dem Alter waren wir alle voller Geheimnisse, vor allem, wenn es um Mädchen ging. Er wird wissen, dass er aufpassen muss, jetzt wo er hier ist und mehr im Fokus stehen wird als früher. Was hast du für eine Meinung zu ihm? Ihr habt das Spiel ja vorhin gesehen und nun bist du ihm jetzt kurz begegnet.“ Sie grinst.

„Er ist niedlich. Ein Kind, das zu schnell erwachsen werden will und auch muss, jetzt wo er hier sein wird. Karl-Heinz macht mir einen sehr bodenständigen und anständigen Eindruck. Freundlich und höflich. Ein gutaussehender, charmanter Bursche ist er auch, also halt deine Große schön fest. He, he. Die Mädels werden ihm alle zu Füßen liegen, das kann ich dir versprechen. Eure Fans werden ab nun deutlich jünger werden. Während er mit seinem Charme den Mädels den Kopf verdrehen wird, werden die Jungs ihn wegen seiner Leistung bewundern und nacheifern wollen.“

„Typisch Frau. Du siehst also auch noch ein Kind in ihm?“

„Natürlich! Spinnst du? Mein Sohn ist selbst erst 14 und wird jetzt im September 15. Die beiden sind also fast gleichalt. In dem Alter wollen sie gerne Männer sein, aber oben im Kopf…da sind sie Kinder.“, murrt sie ihn pikiert an.

„Ja, ja. So meinte ich das nicht.

Wann sehen wir dich mal wieder? Ständig verpasst du alle Familienfeiern.“

„Keine Ahnung. Rechne mal nicht vor dem 3. Oktober mit uns. Du weißt doch selbst wie ungünstig die Spielzeiten immer sind.“

„Ja, das ist wahr. Nun gut, Schwesterchen. Er kommt wieder her.“

Karl-Heinz steht bald wieder bei ihnen.

„Und, hast du dein Autogramm bekommen?“

„Ich bekomme später eins, bei dem Regen ist es ungünstig. Aber später hätte ich sicher nie eine Chance gehabt zu fragen.“, kommt prompt als Antwort.

„Ich habe mich schon gewundert. Dann können wir ja unseren Rundgang fortsetzen.“

„Das können wir.

Habt ihr euch wenigstens für den Rest der Ferien verabreden können? Meine Schwester ist noch die zwei Wochen hier, sonst werden wir uns erst wieder zu Weihnachten sehen.“, vermerkt Karl und sieht die beiden mit einem strengen Gesicht an.

Die Geschwister sehen sich nur verdutzt an.

„Äh, wie jetzt? Du weißt, dass wir Geschwister sind?“, haut sie raus und erntet einen irritierten Blick.

„Ich kann Zeitung lesen.“, meint er dann nur und weicht den beiden aus. Er geht ein paar Schritte.

„Nun, wie ist nun? Heute noch Rundgang oder dann der Rest morgen? An sich kenne ich doch alles schon. Ich muss nur noch wissen wo eure Fitnessräume sind. Da hätte ich jetzt gleich nochmal etwas Bedarf und würde dann mit einem Taxi zu meiner Familie fahren, wenn das ginge.“
 

Etwa eine Stunde später verlässt er mit Matthias zusammen den Fitnessraum und geht wieder unter die Dusche.

Während er zur Regenbrause hinaufschaut und das Wasser auf seiner Haut genießt, schließt er die Augen.

‚Was für ein seltsamer Tag. Jetzt habe ich die Männer alle mal etwas kennengelernt. Und du, Stephan? Wie schön wäre es gewesen, wärst du auch hergekommen und hättest das Angebot angenommen. Wir hätten so viel Spaß zusammen gehabt. Wieso wusste niemand etwas davon? Ein paar Vereine standen vor der Tür und wollten dich haben, ja, aber dieser hier? Sie wollten uns beide haben, das hätte ich nie gedacht. Und dann so ein hohes Angebot? Der Verein muss geflucht haben, dass er dich nicht gehen lassen konnte. Es wäre doch aber perfekt gewesen. Du kommst zu uns und sicher wäre deine Familie mit hier runtergekommen.

Und du, Tina? Du wärst ohne große Umstände mit hergekommen. Warum denn nur? Du hättest bei den Frauen bereits mitmachen können. Sicher ebenso mit viel weiterem Training, aber eigentlich…bist du stark genug. Sie sind sehr nett und hätten dich sicher gerne aufgenommen. Auch ihnen fehlt der Nachwuchs.‘

Als er wieder in der Umkleide ist und sich seine trockenen Sachen anzieht, greift er nur nach der nassen Regenjacke und legt sie zusammen, denn er braucht sie jetzt nicht mehr und möchte sie zuhause nur aufhängen.

Matthias wartet in der Cafeteria auf ihn und sitzt bei der Ausgabe am Tresen und gönnt sich einen Kaffee und einen Schoko-Donut.

Karl betritt den Saal. Es ist ruhig, nur die Angestellten und ein paar Leute von der Presse und der Abrechnungsetage sind noch da. Natürlich sind alle Blicke auf ihn gerichtet. Die Reporterin, welche ihn vor dem Spiel angesprochen hatte ist ebenso da und gönnt sich eine Cola. Sie geht die Aufnahmen mit ihrem Kameramann und dem Pressesprecher durch.

„Das ist richtig gut geworden.“, grinst sie total begeistert vor sich hin und blickt kurz darauf auf zum Einfangsbereich.

„Oh, da kommt er. Ich frage ihn gleich mal.“ Sie steht auf und winkt ihm zu.

„Herr Schneider? Hätten Sie noch ein paar Minuten für uns? Wir würden Ihnen gern etwas zeugen und fragen, ob es gesendet werden darf.“

‚Nanu? Die Reporterin, okay. Erstaunlich, dass mich jemand fragt. Bisher machten die Medien doch eh immer was sie wollen.‘

Matthias isst den letzten Bissen vom Donut, steht auf und schnappt sich den Kaffee.

„Ist okay. Daran musst du dich gewöhnen. Genieße es, solange du keine 18 bist. Danach fragt dich keiner mehr nach deiner Meinung.“, scherzt er. Karl schmunzelt.

„Ich verstehe.“ Somit geht er zu den Presseleuten und begrüßt sie freundlich. Matthias folgt ihm.

Die Reporterin stellt sich kurz vor und fängt gleich an, ihre Aufnahme zu zeigen, um die es geht. Karl-Heinz stimmt zu. Ihre Kommentare dazu und der Spruch unter dem geplanten Bild als Cliffhanger gefällt ihm.

„Das passt. Ist okay.“
 

Gut eine halbe Stunde später kommt er in der neuen Wohnung an. Er holt seinen Schlüssel heraus und will die Tür öffnen, da geht die Tür bereits von selbst auf und die kleine Marie umarmt ihn stürmisch.

„Karl-Heinz! Du warst im Fernsehen und du warst so cool und hast sogar ein Tor geschossen!“, strahlt sie über beide Ohren. Auch seine Mutter empfängt ihn herzlichst und umarmt ihn.

„Mein Großer. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich. In dem Alter schon so weit oben. Komm rein.“ Die Tür wird geschlossen. Gemeinsam sehen sei sich die Aufnahme von der Liveübertragung an und unterhalten sich darüber. Marie ist dicht an ihren Bruder gekuschelt, während er im Sessel sitzt und sie auf der Lehne neben ihm.

„Mein großer Bruder!“ Ute steht auf und macht von ihren Kindern ein Foto.

„Das hänge ich mir dann an die Wand. So bist du immer bei mir, mein Großer.“, lächelt sie. Karl sieht sie etwas pikiert an. Was meint sie denn jetzt damit? Während der WM hieß es doch noch, dass sie mit Marie nach München zieht. Wozu braucht sie dann ein Foto? Er wirft seinem Vater einen fragenden Blick zu. Dieser weicht ihm lieber aus.

‚Ach Karl-Heinz. Es tut mir so leid. Du beginnst endlich deine große Karriere und erlebst die große Bühne und dann…war deine ganze Mühe, uns wieder zusammenzubringen für die Katz.‘

Ute steckt die Kamera wieder ein und ruft ein Taxi.

„Ich werde dann mal. Marie, du willst sicher über Nacht hierbleiben?“, fragt sie die Kleine. Marie sieht ihre Mutter verdutzt an.

„Äh, Mama, wie meinst du das? Wo willst du denn hin? Ich dachte…wir bleiben beide hier?“

„Nein, Kleines. Ich gehe ins Hotel. Aber wenn du willst, kannst du natürlich hierbleiben und ich hole dich morgen früh ab und wir sehen uns die Stadt an.“ Marie sieht mit Tränen in den Augen ihren großen Bruder an.

„Aber…ich dachte…wir wohnen jetzt hier. Hier ist doch…so viel Platz.“ Karl versucht sie zu trösten.

„Marie, lass uns morgen nach meinem Training ins Technikmuseum gehen. Da kannst du ganz viel ausprobieren und ich zeige dir alles. Was hältst du davon? Lass Mama jetzt nicht allein, okay?“

„Aber…ich…ich will bei dir bleiben.“, schluchzt sie etwas.

„Du schläfst doch sowieso gleich ein. Deine Äuglein fallen schon zu. Also seid beide morgen früh zum Frühstück da und nachmittags besuchen wir das Museum. Okay? Ich bin auch müde und will gleich schlafen gehen.“ Marie befolgt unfreiwillig seinem Vorschlag und verabschiedet sich von ihm und ihrem Vater.
 

Kaum haben Mutter und Tochter die Wohnung verlassen, raunzt Karl seinen Vater wütend an.

„Was bitte hatte das zu bedeuten? Ich denke, ihr seid wieder ein Paar? Was war das dann die letzten Wochen?“ Sein Puls steigt immer mehr an und er steht zornig vor ihm. Rudi setzt sich an den Esstisch und holt einen Brief aus der Schublade und reicht ihm diesen rüber. Karl nimmt ihn an und öffnet ihn. Es ist ein großer Umschlag und ein Hefter kommt zum Vorschein.

„Scheidungspapiere im Fall Schneider mit besonderen Bedingungen.“

„Verdammt nochmal…warum denn jetzt doch noch? Ich verstehe das nicht.“

„Wir haben es die letzten Wochen versucht, für euch beide…aber…wenn die Liebe ausgebrannt ist, Karl-Heinz…dann reicht ein Versuch nicht aus.

Wir haben es versucht, haben von vorne begonnen, mit Ausgehen und neu kennenlernen und allem…viel reden…und auch mehr, aber…trotzdem…“ Er geht zur Couch, schmeißt sich förmlich auf die vielen Kissen, lehnt sich an, seufzt und schaut zur Zimmerdecke hinauf zur schönen Rokoko-Rosette. Die Wohnung ist ein schöner modernisierter Altbau mit hohen Decken und originalem Stuck. Die Wände sind im sanften Beige gestrichen, der Stuck in Weiß. An den Wänden hängen noch keine Bilder, sie sind noch kahl, denn der Umzug ist noch nicht lange her. Ihre restlichen Möbel müssen noch ausgesucht und geliefert werden. Eine Dekoration gibt es noch gar nicht.

„…es ist diesmal endgültig, tut mir leid. Wir haben beide bereits unterzeichnet. Sie will ihren Mädchennamen wieder annehmen und ich bestand darauf, dass sie beide umziehen. Sie soll sich eine Wohnung kaufen, oder meinetwegen ein Haus. Ist mir egal. Ich lasse ihnen die nötige Summe zukommen, wenn es soweit ist. Die beiden sollen es guthaben. Im Vertrag…steht auch, dass ich auf gemeinsames Eigentum verzichte. Sie können alles behalten. Wir kaufen eh alles neu. Und Marie…sie soll in eine Privatschule gehen, wo man ihr Talent fördern kann. Die Kunst wird ihr helfen, ihre Gefühle zu kontrollieren, vor allem dann, wenn sie uns vermisst.“

„Hör auf! Was ist…mit Weihnachten? Was ist mit Ostern und Geburtstagen? Wir sehen uns doch sowie schon wenig und dann ziehen sie nicht mit hier her? Das ist doch total doof!

Marie hat sich bereits so sehr darauf gefreut in unserer Nähe zu sein und wie du gehört hast, glaubte sie sogar, dass wir zusammenziehen.“ Zornig geht er zu ihm und stellt sich vor seinen Vater vor das Sofa.

„Liebst du Mama denn wirklich nicht mehr?! Du hast doch immer gesagt, sie ist die Liebe deines Lebens…und jetzt nicht mehr?!“

„Schrei mich nicht so an. Natürlich tue ich das, aber…bei ihr ist es eben nicht mehr so. Wenn es auf einer Seite nicht mehr so ist, dann ist leider vorbei, was mal war. So ist das manchmal. Man kann eine Ehe nicht erzwingen, Karl-Heinz. Davon hat am Ende niemand was. Auch die Kinder nicht. Ich würde das auch nicht wollen. Der Vertrag wurde von unseren Anwälten neu aufgelegt, an meine neue Lebenssituation angepasst, nach meinem Wunsch, übrigens. Deine Mutter wollte nichts haben, sie wollte nur die normalen Unterhaltskosten einfordern, aber das möchte ich nicht. Schon über sowas…haben wir vorhin nochmal gestritten. Nur weil ich ihr dann sagte, so oder gar nicht, hat sie dann doch unterschrieben. Zu den Feuertagen sehen wir uns natürlich, das bleibt. Es ist aber auch von unseren Arbeitszeiten abhängig.“ Karl lässt sich genervt in den Sessel fallen, in dem er zuvor noch mit Marie gesessen hat und starrt ihn an.

‚Ich kann das alles nicht glauben. Meine ganze Mühe…alles umsonst.‘

„Und…hat sie dir denn gesagt, dass sie dich nicht mehr liebt?“ Rudi schüttelt den Kopf.

„Das nicht direkt, aber…Marie hat wohl was mitbekommen, als sie eines Tages nach der Schule heimkam und Besuch da war. Das hat sie mal vor einer Woche nebenbei erwähnt und von einem Kollegen Namens Jens gesprochen.“

„Jens? Wer soll das sein? Mutter hat keine Kollegen. Sie kümmert sich immer nur alleine um ihre Klienten und im Moment sind das die Großeltern und Tante. Da ist doch niemand, oder?“

„Das war auch mein Gedanke. Marie meinte dann nur, sie haben etwas miteinander besprechen müssen und saßen im Wohnzimmer am Esstisch. Er trug wohl Hemd und Krawatte und sei sehr nett.“ Rudi stützt sich auf seinen Knien auf und blickt zu Karl, ihm gegenüber.

„Ein Altenpfleger in vornehmer Kleidung. Ergibt keinen Sinn. Verdammt.“, sagt er und tut es seinem Vater gleich.

„Wann war das?“

„Schau mal in den Hefter.“, sagt er dann etwas mit zornigem Blick. Karl stutzt und steht auf. Er holt den Hefter mit dem Vertrag und blättert darin rum. Ganz hinten ist ein Teil des Vertrages in einer Klarsichtfolie gesteckt.

„Scheidungspapiere im Fall Schneider“, steht darauf. Karl wundert sich. Warum fehlen hier die besonderen Bedingungen? Er holt die zusammengehefteten Seiten heraus und sieht, dass es nur eine Kopie ist. Jedoch auf der ersten Seite gleich steht der Name des Anwalts, der es aufgesetzt hat und ein Datum im Mai dieses Jahres.

„Dr. Jens Jansen, Scheidungsanwalt“, spricht Karl überrascht aus.

„Und jetzt schau mal auf den aktuellen Vertrag.“ Karl blättert auch dort zur ersten Seite und entdeckt denselben Namen.

„Oh man. Echt jetzt? Ihr Anwalt?“

„Der Klassiker, ich kenne ihn nicht und will nur hoffen, was auch immer das war oder noch sein könnte, dass er es ernst meint. Aber das Problem, was aufkommen könnte, bin ich mit diesem jetzigen Vertrag umgangen.“

„Welches Problem meinst du?“ Karl liest sich nebenbei die Bedingungen durch. „Na dass er sie dazu bringen könnte, mich immer wieder anzufixen wegen irgendwelchen Unterhaltssachen. Das gibt es leider oft. So ein Anwalt, der es nicht gut mit seinen Klientinnen meint und nur auf sein eigenes Wohl bedacht ist, macht sich an einsame Frauen ran. Zuerst geht es dabei nur, herauszufinden wie viel ihr die Klage einbringen kann und alles läuft normal, aber in unserem Fall, ist es ähnlich wie bei einem Mann, der viel Vermögen hat. Meine neue Situation, mit meinen neuen hohen Einkünften lässt so ein Typ schnell bluten, wenn er es geschickt einfädelt. Aber…“ Er grinst siegessicher.

„…er hat nicht mit mir gerechnet. Ich hätte ohnehin jetzt, wo ich es kann, den beiden garantiert, dass sie ein sorgenfreies Leben haben werden. Ich hätte nie die Absicht gehabt sie nicht daran teilhaben zu lassen, dass es mir jetzt gut geht. Deswegen haben mein Anwalt und ich diese Sonderregeln getroffen, die er niemals ablehnen kann, mit keinerlei Begründung. Es zeigt mehr als nur meinen guten Willen einen Rosenkrieg zu vermeiden.“

„Hm. Hier steht, sie könne sich bis zu einem Wert von 500.000 DM mit Marie eine Wohnung oder ein Haus kaufen bzw. bauen lassen. Für Innenausbau, Einrichtung und weitere Gestaltungen wie Garten etc. bekäme sie ebenso deinen Zuschuss voll erstattet bis zu einem Wert von 150.00 DM. Alles auf Rechnung und Kostenvoranschläge über dich.

Also, du willst ihr nicht die Summe überweisen und sie kann damit wirtschaften, sondern du kaufst an ihrer Stelle die Immobilie? Warum?“

„Damit der Kerl oder ein anderer, ihr nicht das Konto leerräumen kann, Karl. Les mal weiter.“

„Hm. Oh, Hauherren seid ihr beide zu gleichen Rechten?“ Er grinst diesmal selbst.

„Sehr gut, also egal was mit ihr passiert, die Immobilie kann er sich nicht schnappen, weil er deine Zustimmung braucht?“

„Genau. Geht noch weiter.“

„Oh, du hast hier gleich eine Art Testament einbauen lassen?“

„Jo, sollte ich früher als geplant vor die Hunde gehen und du bist noch keine 18, geht mein Anteil trotzdem an dich und verwalten muss sie es bis du 18 bist. Ihre Seite ist genauso geregelt. Sollte sie vor Maries 18. gehen, geht ihr Anteil an sie und verwaltet wird es von mir. Gehen wir beide zu früh, geht es ganz normal an euch beide und du als Ältester suchst dir einen Vormund, solange du keine 18 bist. Das könnte ein Verwandter deiner Wahl sein. Zum Beispiel Onkel Andreas, ihr seid euch sehr vertraut.

Sollte also wirklich jemand auf die Idee kommen, deine Mutter finanziell ausnutzen zu wollen, dann sind überall Schlösser vor den Türen.

Bei Unterhaltskosten ist es genauso geregelt. Sie bekommt ihren Pflichtanteil, der gesetzlich vorgeschrieben ist. Dieser richtet sich an mein Gehalt. Und wenn etwas darüber liegt, dann kann sie mich fragen und bekommt es von mir bezahlt. Zum Beispiel die Schule für Marie oder wenn die verreisen wollen, uns besuchen wollen, Hotelkosten etc. Sowas eben.“ Karl lehnt sich beruhigt zurück.

„Puh. Wenigstens das hast du richtig gemacht. Ich hatte eben schon Sorge, dieser Kerl kann uns ausnutzen oder irgendwann mal jemand anderes.

Ihr habt mir heute meinen ersten Tag, an dem mein Traum endlich in Erfüllung geht, so richtig versaut.“, knurrt er dann aber auch etwas.

„Tut mir leid, Großer. Wollen wir noch ne Runde was spielen? Nur wir beide? Du kannst aussuchen. Oder willst du einen Film sehen?“

„Hm…du hast doch die ganzen Kataloge von den Einrichtungshäusern da. Wo sind die?“

„Jo, liegen in der Küche im Schrank neben der Abwäsche. Da war noch Platz.

Und im Kühlschrank steht frischer Kartoffelsalat. Den hat deine Mutter heute Vormittag für dich gemacht.“ Karl steht auf, bedient sich am Kühlschrank, holt sich eine große Schüssel Kartoffelsalat und die Bockwürstchen heraus. Bringt alles in die Stube auf den großen Tisch und organisiert Besteck und Teller. Dann holt er die Kataloge aus dem Schrank.

Karl genießt die Kartoffeln und blättert nebenbei im Katalog nach Möbeln für sein Zimmer.

„Jetzt, wo wir eh mal reden. Kannst du mir wenigstens endlich die Wahrheit sagen, warum meine Verteidiger plötzlich verschwunden sind? Wie vom Erdboden verschluckt. Und erzähl mir nichts von wegen Wegziehen wegen neuem Job von Georg.“ Rudi stutzt und atmet tief durch.

„Wieso kannst du das nicht einfach so akzeptieren?“

„Es ergibt keinen Sinn. Sie würden sich doch dann mal melden. Unsere Freundschaft war viel zu stark, als dass sie sich nicht innerhalb von gut zwei Monaten melden würden.“

Der Vater lehnt sich zurück und schlägt den Katalog, den er anschaut zu.

„Du hast Recht. Aber ich konnte es euch als Team nicht sagen. Es ist…zu gefährlich und würde sie unnötig in Gefahr bringen.“, beginnt er.

„In Gefahr? Was meinst du damit?“

„Herr Fuchs ist doch Rechtsanwalt, Strafrecht. Er hatte mal einen Fall und der war sehr schwierig. Einige Anhänger des Verurteilten sind frei. Es stellte sich dann heraus, dass er bedroht wurde und um die Familie zu schützen, mussten sie von einem Tag auf den anderen in ein Zeugenschutzprogramm. Also Umzug, irgendwo ins Ausland vermutlich und neue Identität. Ich weiß leider auch nicht, wo sie hin sind. Ein Kontakt nach außen ist ihnen strengstens verboten.“ Karls Puls rast plötzlich wie wild.

„Zeugen…schutz?“, äußert er erschrocken.

‚Tina…Stephan…nein. Das…erklärt euer Schweigen natürlich. Verdammt.‘ Ihm ist unwohl, aber schlafen kann er jetzt auch nicht mehr so schnell. Diese Gedanken lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Den Rest des Abends verbringen die beiden mit Möbeln und Home-Deko.

„Papa?“, fragt Karl plötzlich zwischendurch.

„Ja?“

„Sind dir die Bilder an den Wänden egal?“

„Klar. Such dir raus was du willst. Wir können ja mal in so eine moderne Kunstgalerie gehen. Vielleicht ist da was für dich dabei?“

„Ich kenne da eine Künstlerin, die macht sehr schöne Bilder. Ich würde ihr ein paar Aufträge erteilen.“, grinst er ihn an. Rudi ist verwundert, wen meint er denn nur? Seit wann kennt er Künstlerinnen?

„Ich bin erstaunt, Junge. An wen hast du da gedacht?“

„An eine junge Lady namens Marie Schneider.“, schmunzelt er ihn an. Sein Vater grinst zurück.

„Das ist eine ganz tolle Idee. Ihre Bilder sollen an jeder Wand hängen?“

„Natürlich. Vielleicht bastelt sie uns auch ein paar nette Skulpturen oder töpfert uns ne schöne Schüssel für Salate?“

„Dann wird das eine sehr bunte Männer WG.“

„Ist mir egal und sie wird sich gut ablenken können.“

229. Tangaroa und Bettina XIV oder Freundschaft in Gefahr

Kapitel 229
 

Tangaroa und Bettina XIV oder Freundschaft in Gefahr
 

Nachdem das erste Profiteam in das Programm aufgenommen wurde sind gut zwei Wochen vergangen. Der Mai im Jahre 2004 ist bemüht langsam wärmer zu werden und die Sonne taucht die größte Stadt der Welt in der Mittagszeit in ein schönes helles buntes Treiben.

Jun steht am Beckenrand der kleinen Schwimmhalle im Fitnessstudio und betrachtet Tina beim Flossenschwimmen. Sie genießt die Zeit im Wasser, denn dort kann sie ihren Kopf frei machen. Nach ein paar schnellen Runden pausiert sie und erblickt dabei Jun, der inzwischen hereingekommen sein muss. Sie macht ihre Atemübung bis sie endlich wieder reden kann, dann schaut sie zu ihm auf. Er sieht sie ernst an, seine Arme sind verschränkt, sein Blick ernst.

„Hey, wie kommts? Was machst du hier? Wolltest du nicht um diese Zeit bei deinem Team sein?“, spricht sie ihn fröhlich an.

„Du bist dabei unser ganzes Geschäft zu gefährden! Unsere Professionalität unseren Geschäftspartnern und den Kunden gegenüber!“ Sie wundert sich.

„Wovon redest du?“, brummt sie zurück.

Er ist fassungslos, denn wie kann sie nur so leichtsinnig sein? Vor ihm spielt sich eine kleine Erinnerung auf, als er vorhin spontan Tangaroa einen Besuch abstattete, um ihm seine Werte der ärztlichen Untersuchung mitzuteilen. Sein alter Bekannter aus Jugendzeiten war erstaunlich wenig gastfreundlich, als er ihn besuchte. Das hatte er anders erwartet. Irgendetwas stimmte nicht. Sein geschultes Auge sah zuerst nichts, was auch immer war, es müsse in seiner Wohnung sein. Warum wollte er ihn nicht sofort hereinlassen? Das sah ihm doch gar nicht ähnlich.

Bald gab er vor, mal auf Toilette zu müssen. Natürlich war alles sauber und ordentlich, aber dann wunderte er sich über eine seltsame Spur am Spiegel und an der Trennscheibe der Dusche. Es war der Abdruck einer halben Hand, einer viel zu kleinen Hand, als seine oder Tangaroa seine zu sein. In dem Moment fielen ihm ein paar Details auf, seitdem er da war. Er erzählte noch bei ihrem Telefonat, ob er das Team fragt, dass er Single sei. Und nun? Zuerst war da Tinas herzliches Lachen im Treppenflur, dann waren sie doch im Schwimmbad alleine und sie redet plötzlich über ihren Bruder und fing an fröhlicher zu sein. Dann das Fotoshooting mit dem Team und die Situation wo Tina in die Arme der Männer gefallen war, später dann ihre Unterhaltung bei der Untersuchung. Tina sprach von ihren Narben.

Bei den Gedanken sah er sich dann doch etwas genauer um und ging an den Abfluss der Dusche, hob das Sieb an und entdeckte natürlich lange blonde Haare, die neben den schwarzen kurzen Haaren lagen. Enttäuscht wusch er sich gründlich die Hände, spülte die Toilette zur Tarnung und wusch sich erneut die Hände. Dann verabschiedete er sich bei ihm, nachdem alles besprochen wurde. Sein Verdacht war naheliegend. Wie mit Zorn erfüllt, fuhr er sofort zum Center und nun steht er da, vor seiner Freundin, die ihn belügt, die ihm etwas vormacht und die sonst immer zuverlässig ist. Eine liebevolle, zuverlässige Freundin und nun Geschäftspartnerin. Seine Stimme zittert fast, als er mit ihr spricht.

„Du musst nicht doof tun, ganz ehrlich. Ich bin sowas von sauer auf dich, du kannst von Glück reden, dass wir beide so gut befreundet sind, dass ich zu dir gehe und nicht zu Martin renne! Wenn der das erfährt, dreht er am Rad. Seit Jahren arbeiten wir gemeinsam darauf hin, dass dieses ganze Ding hier funktionieren wird und dann ziehst du sowas ab. Dir ist das doch genauso wichtig, dass alles läuft und viele Kunden kommen und deine Rezepte kaufen, sowie im Laden die Artikel erwerben. Es ist auch dein Geschäft hier!

Und auch MEIN Ruf hängt davon ab, meine Liebe! Vergiss das mal nicht! Willst du, dass ich meine Glaubwürdigkeit verliere? Gegenüber meinen Freunden? Gegenüber der ganzen Nation!? Schon vergessen, dass ich als Nationalspieler und bald Olympionike, einen Ruf zu verlieren habe?!“

Tinas Herz schlägt plötzlich wieder schneller und sie steigt aus dem Wasser bevor sie etwas sagt, geht zur Bank und schnappt sich das Handtuch. Dann geht sie zu Jun und sieht ihn fragend an.

„Jun, nun beruhige dich erstmal wieder bevor du die falschen Worte wählst. Was ist los und was willst du von mir?“, spricht sie so ruhig sie kann und rubbelt sich den Rücken trocken.

„Mich beruhigen? Ich bin ruhig! Du hast mich noch nie zornig erlebt, das ist vielleicht das Problem! Du weißt ganz genau worum es geht!“ Sie zischt ihn an. „Nein, weiß ich nicht!“, sagt sie streng und hängt das Handtuch über ihre Schultern und legt ihre Hände in die Taillen.

„Und was meinst du passiert mit unserem ganzen Projekt, wenn die Öffentlichkeit davon erfährt, dass du mit einem Kunden schläfst?! Und nicht mit irgendeinem, NEIN, jemanden aus dem ersten Team, welches ausgerechnet ICH organisiert habe!

Tangaroa und du? Echt jetzt? Nach den ganzen Jahren dann doch? Was ist das zwischen euch? Eine Ablenkung? Ein Nachholen? Ein Trost oder wollt ihr euch beide nur die Hörner abstoßen?! Hat ER dir den Kopf verdreht oder warst DU es? Ich verstehe es nicht. Ausgerechnet jetzt! Konntet ihr euch das nicht für später aufheben, was auch immer das ist?!“, knallt er ihr zornig an den Kopf. Tina sieht ihn total entsetzt an. Wie kann er das wissen? Die beiden haben doch so aufgepasst. Vor allem sie hat sich gar nichts anmerken lassen, war Profi wie immer. Auch bei dem Fotoshooting war doch alles gut. Wie kommt er darauf? Und dann sagt er das so gehässig, als würden die beiden nur stupiden Sex miteinander haben. Da sind doch so viele neue Gefühle und Erfahrungen und ausgerechnet Jun, der immer so gefühlvoll und verständnisvoll ist, haut ihr sowas an den Kopf. Ihr Herz tut weh und es schnürt sie plötzlich die Luft ab. Dieses Gefühl, das kann sie ganz und gar nicht leiden. Es ist ein Gefühl der Hilflosigkeit und der Wut zugleich. Noch nie hat Jun sie so angemacht oder wurde ihr gegenüber laut. Zornig kennt sie ihn gar nicht. Er ist doch immer besonnen, ruhig und klar bei Verstand. Sie haben sich noch nie so sehr gestritten. In ihrer Wut zuckt ihre linke Hand hoch, als würde sie ihm Eine knallen wollen. So eine Gehässigkeit aus seinem Mund, das tut weh. Doch dann bemerkt sie ihre Überreaktion und hält inne. Entsetzt sieht sie ihn an und hält mit der anderen Hand ihre linke fest.

‚Oh mein Gott. Was war das denn? Ich…ich war kurz davor ihn zu schlagen?‘ „Ent…entschuldige.“, kommt aus ihr und mit ein paar Tränen in den Augen geht sie einfach an ihm vorbei und geht zügig zur Umkleide. Kaum ist die Tür zu, geht Jun ihr nach.

„Tina. Du kannst nicht einfach gehen. Wir müssen darüber reden.“, spricht er laut und stellt sich an die Tür.

„Wozu denn? Du verstehst das sowieso nicht. Du…du hast doch immer nur Yayoi gehabt und sie war immer nur für dich da. Niemals musstest du lernen dich auf was Neues einzustellen und hast neue Gefühle entdeckt und überhaupt...nicht mal um sie kämpfen musstest du. Sie hatte immer nur Augen für dich. Was weißt du denn schon wie das ist, nicht jedem vertrauen zu können? Lass mich doch einfach jemanden lieben, dem ich vertrauen kann und es ist doch alles so schön mit ihm. Was kann ich denn dafür, dass der Zeitpunkt gerade nicht passt? Es hat doch keiner was gemerkt.“, schluchzt sie verzweifelt und setzt sich auf den Boden und lehnt an der Tür.

„Bist du sicher, dass es Liebe zwischen euch ist? Ihr seht euch nach so vielen Jahren das erste Mal wieder und dann soll es gleich Liebe sein?

Tina, sei doch mal ehrlich zu dir selbst. Liebe ist ein Prozess und es verlangt viel ab, von beiden Seiten. Die ist nicht einfach mal da.“, versucht er einfühlsamer mit ihr zu reden und setzt sich an die andere Seite der milchigen Tür. Nun sitzen sie Rücken an Rücken, ohne sich zu nah zu sein.

„Aber…ich kann ihm vertrauen, weißt du? Und…es ist alles so aufregend mit ihm, diese ganzen neuen Gefühle…das kannte ich bisher nicht.“ Sie schluchzt und das Herz schlägt schnell.

„Neue Gefühle?“

„Ja, zuerst…war es nur die Aufregung und wie ein Trost, aber dann…war es nur noch schön und so intensiv, das kannst du sicher gar nicht nachvollziehen. Ich weiß ja nicht…wie…das so zwischen euch ist. Das geht mich auch nichts an, aber…so viele und starke Empfindungen nur in der ersten Nacht, das…ist so unbeschreiblich schön, weißt du?“ Juns Gesicht läuft nun doch etwas rot an. Sein Zorn weicht vo ihm, denn eine weinende Tina, die kennt er nicht. Es sorgt ihn eher, sie so zu hören mit unsicherer und zittriger Stimme. Redet sie etwa gerade mit ihm über Sex? Das kann er gar nicht glauben.

„Reden wir jetzt etwa wirklich über das, was ich denke?“, hakt er nochmal nach. „Natürlich. Oder denkst du, es geht hier ums Händchenhalten? Auf welchem Planeten lebst du denn?“, haut sie plötzlich raus.

„Naja…äh…solltest du solche intimen Dinge nicht lieber…mit Genzo bereden?“

„Ach der…was will er mir schon raten? Und hier ist er jetzt auch nicht. Du bist immerhin verheiratet und musst doch wissen worum es geht. Oder nicht?“

„Hm. Wenn du meinst.“

„Wie fühlt sich Liebe denn an? Woher soll ich wissen, wann es wirklich Liebe ist? Ich dachte mal, es zu wissen, aber dann…ich weiß auch nicht. Was fühlst du für Yayoi?“

„Hm, also ich kann mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen, weißt du? Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir uns schon so lange kennen und aus einer Freundschaft mehr wurde, aber ohne sie…ich sehe viele andere Frauen und auch schöne und nette Frauen, aber irgendwie…sehe ich nur sie, wenn ich an zum Beispiel solche Momente denke, wie du beschrieben hast.

Das war nicht immer so, es hat sich erst so entwickelt, sicher auch des Alters wegen, aber…sie um mich zu haben, das erfüllt mich mit purem Glück. Ich weiß, dass sie immer für mich da sein wird und sie war auch immer für mich da, schon seit Grundschulzeiten. Und ich will immer für sie da sein.“

„Oh, wirklich? Du siehst die anderen nicht?“

„Nein, dich zum Beispiel. Du bist eine schöne Frau, sicher aus der Sicht anderer Männer sehr aufregend und anziehend, aber ich sehe wieder nur eine Freundschaft, also in unserem Fall, so wie du bei Genzo und er bei dir, dabei ist Genzo als Japaner ein wirklich gutaussehender Typ. Das kann nicht jeder von sich behaupten, nicht mal alle aus meinem Nationalteam. Man sagt zwar wissenschaftlich, dass Männer und Frauen keine richtigen Freunde sein können, aber das stimmt nicht. Manchmal ist einfach auf beiden Seiten keine intime Anziehung da und dann kann es eine Freundschaft geben, so wie bei euch und bei uns beiden, oder? Bei Martin hingegen ging es wohl eher nach den Regeln der „es kann keine reine Freundschaft geben“ Fraktion.“

„Ja. Damals dachten unsere Familien tatsächlich, Genzo und ich wären ein Paar, komisch, oder? Das mussten wir bei der Beerdigung erst zurechtrücken.

Und Martin, ja da hast du Recht. Als ich volljährig wurde, fühlte sich alles für beide Seiten komisch an und dann kam eins zum anderen.“

„Naja, Yayoi und ich waren ja schon fest zusammen, als wir uns beide kennenlernten.

Wusstest du eigentlich, dass Fane mal eifersüchtig auf sie war?“, versucht er eine fröhliche Situation zu schaffen.

„Echt? Auf Yayoi?“, wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Ja, als wir von der Grundschule unser erstes Nationalturnier bestritten, da trafen wir das erste Mal auf Tsubasa. Jedenfalls kamen wir im Stadion an und sie jubelte ihm gleich total begeistert zu. Als Fane das mitbekam, wurde sie richtig rot und wütend vor Eifersucht und beschimpfte sie, dass es ihr Tsubasa sei und sie kein Recht hätte ihn anzuhimmeln. Du kennst sie ja nur besonnen und bedacht, aber damals war sie ganz schön zickig.

Yayoi kennt Tsubasa schon länger als mich. Die beiden sind seit der ersten Klasse an befreundet gewesen und gingen hier in Tokio auf dieselbe Grundschule bis Tsubasa nach Nankatsu umzog und sie wiederum in der 5. Klasse innerhalb der Stadt die Schule wechselte, weil auch ihre Eltern umzogen. Sie hat doch mal erwähnt, dass sie hier auf der Ecke wohnte. Also kam sie dann an unsere Schule. So lernten wir uns kennen. Die Freundschaft zu Tsubasa hält bis heute.“

„Ist ja niedlich. Ach…so alte Freundschaften sind schon was Tolles.“, säufst sie. „Ja, das ist es. Manchmal ist aber nicht entscheidend wie lange man sich kennt, sondern nur wie gut und wie sehr man sich vertraut. Was ist denn damals bei Euch im Park gewesen? Keiner wusste so genau was das nun wurde, war es ein Date oder war es keines? Ich fand, dass es im Park alles danach aussah. Deswegen kam Yayoi auch auf die Idee, euch mit uns bekannt zu machen. Sie fand das total niedlich, wie ihr da so romantisch bei dem Pferd wart und sie dachte ihr passt gut in unsere Pärchen Runde.“, grinst er vor sich hin.

„Echt? Sah bestimmt komisch aus. Und wenn ich ehrlich bin, Tangaroa, er hat mir da bereits gefallen, aber…dann…fühlte es sich auf einmal so falsch an. Immerhin hatte ich damals einen Freund in Hamburg und den habe ich einfach zurückgelassen. Und dann schlug mein Herz trotzdem so doll, als wir dort bei dem Pferd waren. Ich sah in seine liebevollen Augen und mein Herz schlug ganz doll. Das muss doch was bedeutet haben, dachte ich. Und dann plötzlich, tauchte Yayoi auf und kurz darauf Makoto und steckte mir die Haarspange wieder an. In dem Moment war alles vorbei. Plötzlich fühlte ich mich, als hätte ich jemanden betrogen und ich brach unsere Verabredung ab, erzählte Tangaroa genau das, was ich dir gerade sage, dass da jemand war und es zu früh sei für was Neues.“ Tina atmet tief durch und lächelt.

„Ich glaube, er hat mein schnelles Herz gehört und wusste, das was von meiner Seite war, aber…ich noch nicht so weit gewesen bin. Er fragte mich zum Abschluss noch, ob er mich irgendwann später, wenn es doch mal zeitlich passt, ich nicht mehr lernen muss und wenn ich meine Ziele erreicht habe, zu einem Eis einladen dürfte.“ Sie pausiert wieder.

„Und jetzt, nach so vielen Jahren, stand er plötzlich vor mir. Ich war total verheult im Lift und stolperte dann in seine starken Arme und mein Herz schlug wieder so sehr, weißt du? Jun, so unglaublich doll und wir sahen uns in die Augen, so sonderbar, so sanftmütig und er brachte mich plötzlich wieder zum Lachen. Das war das Schönste Gefühl, was ich seit Martins Trennung hatte, dieses herzliche Lachen und dann später im Schwimmbad seinen Trost. Mein Kummer war plötzlich wie weggeblasen. Ich…habe ihm von Stephan erzählt und mich bei ihm ausgeweint, weißt du? Das…kann ich nicht mal bei Martin, das ging nur bei meinem Vater oder mal bei Fane. Ich…weine auch mal, Jun…auch wenn man mir das nicht ansieht…fast jede Nacht, alleine, seitdem das mit meinen Eltern passiert ist…geht das wieder los. Früher war es als ich hergekommen bin, fast jede Nacht, nie konnte ich richtig durchschlafen. Aber…seit ich bei Tangaroa bin und…er bei mir ist…und ich in seinen starken Armen liege, seine Wärme und seine Geborgenheit spüren kann…dann…kann ich auch schlafen. Und ich habe ihm von mir erzählt, Jun. Ich habe…ihm alles erzählt…weißt du?“, plappert sie sich ihre Gedanken von der Seele.

„Bist du verrückt? Vertraust du ihm so sehr? Was ist, wenn er redet?“

„Das wird er nicht. Und er ist ehrlich, ganz sicher. Ich fühle das, weißt du?“

„Ich weiß nicht. Es ist sehr riskant, das hast du selbst immer gesagt. Und das hier, ist es ebenso.“

„Tangaroa liebt mich, das hat er mir gleich an unserem ersten Abend gestanden. Er war immer in mich verliebt, hatte aber die Hoffnung aufgegeben, auch der Entfernung wegen und jetzt…kann ich es spüren, weißt du? Jun…er liebt mich und ich spüre das ganz nah an meinem Herzen. Ich kann seine Liebe spüren…und überhaupt…überall, wenn wir uns nah sind…wie zärtlich er immer ist und wie sanftmütig und so…liebevoll und dann kann ich so viel spüren…und was wir alles ausprobieren…das ist so schön und aufregend…Martin hat solche Sachen nie gemacht…das kann doch nur etwas Ernstes sein, wenn es…nicht etwas…Besonderes wäre, oder?“ Jun zuckt etwas zusammen. In seiner Fantasie spielen sich plötzlich seltsame Gedanken ab. Was meint sie denn nur mit „Ausprobieren“?

„Jun…bitte sag es mir…ist das keine Liebe? Mama sagte mal, Liebe erkennt man daran, dass man sich völlig hingeben kann, denn das geht nur, wenn man einander voll vertraut. Es darf keine Angst geben, keine Scham, kein Druck und wenn einem was nicht gefällt, dann muss das akzeptiert werden, von beiden Seiten. Dann ist es Liebe. Und…so ist es auch.

Du als Mann…kannst das sicher nicht nachvollziehen, aber…es ist so schön…in den starken Armen…eines Mannes zu liegen und…alles um sich herum…zu vergessen.

Ich…ich kann auch nicht immer nur…die Starke sein. Das musste ich immer…für meine Eltern sein, besonders für meine Mutter und jetzt…“ Jun sagt gar nichts. Ihm wird etwas seltsam in der Magengegend.

„…bin ich nur noch für mich da.“

‚Tina…sowas fühlst du bei ihm?‘

„Tina…hast du das bei Martin…denn nicht auch gefühlt? Diese Geborgenheit und diese Sicherheit? Er hätte doch sicher auch nie etwas von dir verlangt, was du nicht magst und war oder ist immer für dich da?“, kommt leise.

„Anfangs ja, so lange die Meisterschaften liefen und alles davor, aber bald nicht mehr. Und dann…war ich irgendwie nur noch mit ihm zusammen. Natürlich hat er alles akzeptiert, was mir nicht gefiel oder sorgte.

Ich hatte das Gefühl, dass es nicht so wie am Anfang war und dann…der Unfall. Da kamen die Träume wieder, obwohl ich bei ihm war. Ich…lag in seine Armen und trotzdem…kamen unter anderem die Träume wieder.

Aber jetzt…sind diese Gedanken weg…jede Nacht, bei ihm, Jun, sind sie weg, weißt du? Ich kann das gar nicht beschreiben.“

„Tina…sag mal…hast du ihm auch gesagt, dass du ihn liebst?“, stellt er plötzlich eine seltsame Frage. Tina zögert und atmet tief durch.

„Nein…ich…wir…wollten es offenlassen. Wir…probieren es aus, ob es mit uns passt und…wenn ich das Gefühl habe, dass es passt, dann werde ich es ihm sagen, Jun.“, versucht sie zu erklären.

„Ihr…versucht es? Aber er liebt dich?“ Entschlossen steht er auf und dreht sich zu ihr. Ihr Schatten am Glas der Tür ist eindeutig zu sehen, dass sie daran lehnt. „Ja…ein letzter Versuch. Mein letzter Versuch…eine echte Beziehung einzugehen…So haben wir es gleich zu Beginn festgelegt, ich war unsicher…was…das plötzlich für eine Anziehung…ist…ihm gegenüber, weißt du?“

‚Was redet sie denn da für einen Unsinn? Sie will austesten, ob sie eine feste Beziehung mit ihm eingehen kann? Tina…du bist ja völlig durcheinander.‘

„Kann ich reinkommen? Ich will dir was sagen, aber nicht durch die Tür.“ „Moment. Ich bin aber verheult.“, sagt sie und beugt sich etwas vor, damit er die Tür öffnen kann.

„Das ist egal.“ Jun schiebt sie auf und blickt zu ihr herab. Ihr Gesicht ist wirklich verweint und rot angelaufen. Ihre Augen haben bereits Ringe und sehen ihn wie ein scheues Reh an, hoch zu ihm, nicht so stolz und zuversichtlich, wie er es von ihr kennt. Sie wirkt in seinen Augen wie ein kleines Mädchen, oder wie eine Jugendliche, die Liebeskummer hat und nicht weiß wie sie damit umgehen soll. Ihre seltsame Körperhaltung verrät ihm, dass er gar nicht so falsch liegt. Ihre Beine sind angewinkelt und ihre Hände halten sie fest. Das gab es bisher nur einmal, als ihre Eltern starben und die Beerdigung kam. Vor dem Flug nach Deutschland, da saß sie im Büro, starrte vor sich hin und hatte die Beine wie ein Kleinkind angewinkelt. In ihren Augen war deutlich zu sehen, dass sie geweint hatte, aber sie richtete sich sofort auf und setzte sich normal hin, als er den Raum betrat und tat natürlich cool.

Die letzten Wochen waren erfrischend mit ihr. Sie war wieder fröhlicher und machte auch hier und da mal einen Scherz, so wie damals, als sie sich kennenlernten. Sie lächelte deutlich mehr, als die letzten Monate. Sogar den einen oder anderen Erinnerungsschub hatte sie und erzählte von ihren Freunden und ihrem Bruder, dass sie so gerne miteinander gespielt haben, nur wenig, aber es kam bisher nie vor. Martin und er dachten, es ginge ihr plötzlich etwas besser, seitdem die Eröffnung vor der Tür steht. Endlich ist ein Ziel in greifbarer Nähe und auch Martin war deutlich besser drauf, seitdem er sich mit dem Team ab und an traf, um abzuschalten.

Er hockt sich vor ihr hin und greift das Handtuch, welches neben ihr liegt. Er breitet es aus und legt es ihr über den Oberkörper, so dass sie mit ihrem Badeanzug vor ihm bedeckt ist.

„Tina…hör zu. Ich glaube…du liebst ihn nicht. Seine Gefühle will ich gar nicht abstreiten. Alle wussten damals, dass er in dich verknallt war, da war er nicht der Einzige und das weißt du. Ich denke da mal an Itachi. Auch er gehörte zu denen, die sich in dich verguckt haben.“

„Du kannst…die beiden…doch nicht vergleichen.“, murrt sie plötzlich.

„Darum geht es nicht. Deine Mutter hat vermutlich Recht, mit dieser Erklärung wegen der Hingabe, aber…Hingabe und Vertrauen muss auf beiden Seiten liegen. Nur dann kann man vielleicht von Liebe reden.

Jedoch…gehört zur Wahren Liebe etwas mehr, als nur das.“

„Was gehört denn noch dazu?“

„Dass man keinerlei Zweifel hat, dass man sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann und dass man immer für den anderen einsteht.“ Er lächelt und berührt ihre Schulter.

„Und jetzt sieh mich an und beantworte die eine Frage.

Kannst du dir vorstellen mit Tangaroa zusammen zu leben, gemeinsam in einer Wohnung oder einem Haus und kannst du dir vorstellen mit ihm Kinder zu haben? Später Enkelkinder? Kannst du das? Wo siehst du dich mit ihm in mehr als zehn Jahren?“ Tina erschrickt etwas. Sie versucht sich das vorzustellen, schließt auch ihre Augen und versucht sich das bildlich vorzustellen. Doch es kommt nichts, nichts in diese Richtung. Sie sieht nur sein fröhliches Lächeln, seinen verlangenden Blick und auch sein liebenswertes Grinsen, wenn sie beide ihre Höhepunkte erleben, aber ein Haus mit Kindern, Hunden, die sie beide so lieben und einen Garten…eine Vorstellung wie sie einen Alltag haben…nein. Es ist nur der Gedanke daran da, mit ihm ihre schöne Zweisamkeit zu genießen.

Plötzlich wird es ihr bewusst. So eine Vorstellung hat sie nicht, nicht einmal, wenn sie darüber nachdenkt. In ihrer Fantasie existieren im Moment nur die schönen Abende.

Noch während sie die Augen geschlossen hält, kommen erneut Tränen. Sie laufen einfach nur an ihr herunter und die Augen kneifen sich diesmal gleich zusammen und sie schluchzt. Ihr Puls steigt etwas an.

‚Habe ich es mir gedacht.‘ Jun nimmt sie in den Arm und versucht sie etwas zu trösten. Tina kann nicht an sich halten. Ihre Tränen versucht sie zu verbergen, aber sie kommen einfach, keine Chance.

„Aber…das kommt doch erst…mit der Zeit. Sowas ist nicht gleich am Anfang da.“, schnieft sie.

„Das stimmt, aber du kannst ja einfach mal darüber nachdenken.“ Es ist eine Weile still.

„Was ist, wenn es doch nur…dieses EINE ist?“, stottert sie sich zurecht.

„Wenn es so ist, dann musst du genau wissen, ob du NUR das Abenteuer willst oder ob du doch lieber etwas für immer suchst, eine dauerhafte Sache.

Manchmal gibt es auch ein Abenteuer und dann aber wieder etwas was mit Liebe zu tun hat. Ich weiß, ich bin da ein schlechter Ratgeber, weil ich immer nur die feste Beziehung hatte, ein Abenteuer mit einer Anderen, gab es da nie, so wie vielleicht bei anderen Männern, aber vielleicht kann ich dir trotzdem damit einen Weg zeigen.“ Tina sieht ihn fragend an.

„Das…muss schön sein.“, meint sie nur dazu.

„Tina, ich kenne dich bereits lange genug, um zu wissen, dass du niemals etwas tun würdest, was andere traurig macht. Denke also bei einem Abenteuer auch an die Gegenseite. Wenn dich Tangaroa wirklich lieben sollte, was ich jetzt nicht weiß, dann musst du dich entscheiden, und zwar noch bevor du ihm zu viele Hoffnungen machst. Das würdest du von einem Mann genauso erwarten wollen. Martin war so ein Mann, er hat dann von sich aus die Reißleine gezogen, weil er bemerkte, dass von deiner Seite nichts mehr mit Liebe kommt. Aber er ist auch viel erfahrener in solchen Dingen und gibt sich selbst die Schuld, es viel zu spät erkannt zu haben.“

„Hat er dir das erzählt?“

„Ja.“ Tina sieht zu ihm.

„Mama hat mich noch gewarnt, es könnte unsere Freundschaft kaputt machen. Sie hatte Recht. Papa hat ihn seitdem gemieden. Er hat zwar getan, als würde es ihn nicht stören, aber das tat es sehr. Sein Vertrauen zu Martin war weg. Er hat mit mir nie darüber geredet, er sagte immer, nur, dass ich wissen müsste, was ich will. Er will nur, dass ich glücklich bin. Aber…mir konnte er nichts vormachen.“

„Das war auch so. Ich habe einmal am Anfang ein Gespräch deiner Eltern mitbekommen. Dein Vater sagte, jetzt sei das passiert, was sie jahrelang vermeiden wollten. Deine Mutter stimmte ihm zu und meinte dann aber, es hätte auch schlimmer kommen können.

Weißt du was sie damit meinte?“ Tina wundert sich.

„Nein, keine Ahnung, sicher nur, dass er mir nie weh tun würde oder sowas.“

„Vermutlich. Vielleicht einfach der Altersunterschied.“, belassen es die beiden dann dabei.

‚Freundschaft kaputtmachen, ja. Das habe ich getan. Ich hätte bei Martin schon viel eher etwas sagen müssen. Und als das wieder mit Karl-Heinz anfing, dass er mir ständig erschien, dann hätte ich es selbst abblocken müssen. Ich wollte unsere tolle Freundschaft nie kaputt machen. Ich will überhaupt keine Freundschaften mehr kaputt machen.‘ Plötzlich wird sie wieder traurig.

Jun, ich…will unsere Freundschaft…nicht zerstören. Es…es tut mir so leid…Jun, aber…ich…ich…es tat so weh, als du mir…so böse Sachen gesagt hast. Es tat so weh…ich…hätte dich niemals geschlagen und jetzt…hast du vermutlich…doch Recht. Kannst du mir verzeihen?“

„Ist schon gut. Es ist doch nichts passiert.“

„Aber beinahe…nur der Gedanke…schrecklich. Ich…du weißt doch…hoffentlich, dass ich dir niemals weh tun würde, oder?“ Er lächelt sie an. „Alles ist gut. Ich kenne so einen Moment. Ich hatte auch mal so einen Ausrutscher, aber…leider ging es schief.“, schaut er zur Seite.

„Jun, was…war passiert?“ Er steht auf und kann sie dabei nicht ansehen.

„Erzähl es aber niemanden. Versprich es mir.“

„Natürlich. Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.“, lächelt sie und spricht plötzlich wieder in einer vertrauten Tonlage.

„Mir…ist…einmal die Hand gegenüber von…Yayoi ausgerutscht.“, gesteht er ihr dann. Sein Herz rast, denn er weiß, wenn er noch heute daran denkt, wird ihm ganz schlecht. Ihr enttäuschtes Gesicht und ihre rote Wange, das will ihm nie aus dem Kopf.

Tina schreckt zusammen. Ihr Puls steigt enorm an und sie kann es gar nicht glauben. Jun, ausgerechnet der immer besonnene Jun schlägt seine Frau? Das muss doch ein Scherz sein.

„Jun! Ist das dein Ernst? Du…hast Yayoi geschlagen?“ Er dreht sich zu ihr, sein Puls noch immer ganz oben und nun sieht er in ein zorniges Gesicht seiner besten Freundin.

„Ja, so ist es. Aus demselben Grund wie es dir…beinahe passiert wäre. Aus verletztem Stolz, Wut und Hochmut.“

„Ich…weiß gar nicht…was ich dazu sagen soll. Ich weiß ja, dass du…etwas jähzornig sein kannst, das ist mir damals aufgefallen, wenn auch gering, aber dass sich das…so auswirkt…und dann…deiner Frau gegenüber?“, versucht sie die passenden Worte zu finden.

„Sie hat mir verziehen, aber trotzdem…ich mache mir noch immer Vorwürfe deswegen.“

„Das ist nicht zu verzeihen, Jun! Was um alles in der Welt war passiert, dass ausgerechnet dir bei ihr so ein „Ausrutscher“ passiert? Sowas ist nicht nur ein „Ausrutscher“ und das weißt du genau!“, spricht sie sehr ernst.

„So gefällt mir dein Gesicht gleich besser. Zwar zornig, aber klar bei Verstand.“, grinst er sie dann an.

„Sag jetzt nicht, das eben war ein Scherz, nur um mich von meinen Gedanken abzulenken?“, kommt ein ernster Blick und eine feste Stimme.

„Nicht ganz, aber ja, es sollte dich ablenken.“

„Und…hast du sie geschlagen oder nicht?“, knurrt sie.

„Ja, aber das ist gut 10 Jahre her, kurz nachdem wir uns kennenlernten. Eine Freundschaft gab es da noch nicht, nur ihre Schwärmerei für mich und ihre Besorgnis um meine Gesundheit.“, beginnt er zu erklären und reicht ihr die Hand, damit sie sich aufrichten kann.

„Dann wart ihr beide noch Kinder?“

„Genau, 6. Klasse.“, setzt er wieder ein ernstes Gesicht auf.

„Ist trotzdem falsch, Jun. Wenn sie um dich besorgt war, was war denn los?“

„Am besten ich erzähle dir das nachher. Was hältst du davon, wenn du heute Abend mal bei uns isst und wir uns einen netten Abend machen? Yayoi freut sich ganz sicher über deinen Besuch. Das hatten wir schon lange nicht mehr.“

„Hm, dann…muss ich Tangaroa absagen.“, schaut sie verlegen zur Seite und hält sich das Handtuch vor die Brust.

„Habt ihr euch heute wieder verabredet?“

„Äh, ja, natürlich, jeden Abend.“

„Jeden Abend? Gehst du gar nicht mehr nach Hause?“, kommt ein skeptischer Blick.

„Was…soll ich denn da? Nur morgens mal, wenn ich es eilig habe und was holen muss. Wir kochen abends zusammen und dann bleibe ich gleich da.“

„Wie lange geht das denn eigentlich schon mit euch? Also…dass ihr…du weißt schon was.“

„Na seitdem wir uns hier getroffen haben, oder dachtest du jetzt echt, wir sind ewig am Daten?“, wundert sie sich etwas.

„Ähm, naja…macht man das nicht so? Echt vom ersten Tag an schon?“

„Wir kennen uns doch. Er war doch kein Fremder.“, meint sie dann und geht ihm trotzdem verlegen aus dem Weg.

„Okay. Wenn du meinst.

Die Ablenkung wird dir guttun. Kommst du dann nun zu uns heute, oder nicht?“

„Ich überlege es mir noch.“, sagt sie und verschwindet im Duschbereich und schließt die Tür hinter sich.

„Du überlegst noch? Wie lange willst du überlegen? So oft haben wir doch gar nicht die Zeit dazu, weil Wir beide nebenbei noch arbeiten müssen und ich habe oft mein Training, vor allem jetzt, vor der Olympiade.“

„Reit noch schön drauf rum, danke auch.

Wie gesagt, Ich denke darüber nach.“

‚Tina…was meinst du denn damit? Darauf rumreiten?‘

„Gut. Sag uns aber spätestens bis 15 Uhr Bescheid, damit wir dich einplanen können, okay?“ Es dauert einen kleinen Moment, bis sie antwortet.

„Darf ich jemanden mitbringen?“, fragt sie plötzlich.

„Klar kannst du ihn mitbringen, machen wir ein Pärchen Abend.“, schlägt er dann vor.

„Ich dachte an Genzo. Er fühlt sich sowieso etwas vernachlässigt.“

„Ist okay. Gerne. Können ja dann was zusammenspielen, so wie sonst bei dir?“ „Okay, dann komme ich.“ Kurz darauf geht die Dusche an. Jun ist etwas verwundert, denn Tangaroa mit einzuladen war doch eine gute Idee, findet er. Er war eben fest davon überzeugt, dass sie ihn in ihrem Gedanken meinte, damit sie sich besser kennenlernen können, eben gerade, um zu erfahren, ob es mit ihnen passt.

‚Tina, manchmal verstehe ich deine Gedanken nicht.‘ Jun verlässt den Duschraum der Damen und schaut sich in der kleinen Schwimmhalle um.

Auf der Bank, wo Tina ihre Sachen liegen hat, wirft er einen allgemeinen prüfenden Blick. Dann entdeckt er ihre Haarspange, welche fein säuberlich auf einem Taschentuch liegt.

‚Deine Spange, du trägst sie jeden Tag und legts sie so gut wie nie ab. Mut und Kraft soll sie verleihen, ist es wirklich so?‘ Er zögert, aber dann greift er nach ihr und sieht sie sich genauer an. Die Gravur und die Punze der Legierung sind lesbar. Er versteht zwar kein Deutsch, aber er merkt sich die beiden Worte, die darauf stehen. Er erinnert sich an Gesine, wie liebevoll sie doch immer zu jedem war und eines Tages bekam er mit, wie sie die Spange heimlich ansah, denn nicht einmal sie durfte die Spange berühren, sagte Tina damals. Ihre eigene Mutter nicht. Warum nur? Sie sah sich die Spange an und machte ein sehr trauriges Gesicht. Dann legte sie die Spange wieder an ihren Platz, strich nochmal drüber, als würde sie sie streicheln und holte aus der Schmuckschatulle eine ähnliche Spange heraus, diese jedoch war in Silber und sie legte sie einfach daneben und lächelte. Es kam ihm seltsam vor.

Jetzt hält er die Spange in der Hand.

„Und dann plötzlich, tauchte Yayoi auf und kurz darauf Makoto und steckte mir die Haarspange wieder an. In dem Moment war alles vorbei. Plötzlich fühlte ich mich, als hätte ich jemanden betrogen und ich brach unsere Verabredung ab.“, schießen ihm plötzlich ihre Sätze durch den Kopf, die sie vorhin noch gesagt hatte. Sie meinte, sie habe in Deutschland einen Freund zurückgelassen.

„Ist die Spange von euch?“, fragte Jun Gesine damals leise, so dass es niemand mitbekam. Sie erschrak, als sie ihn bemerkte und sah dann zu ihm und sagte kurz gar nichts. Dann lächelte sie.

„Nein, aber von jemanden, ganz Besonderen.“

230. Tangaroa und Bettina XV oder Freundschaft 2.0

Kapitel 230
 

Tangaroa und Bettina XV oder Freundschaft 2.0
 

Abends klingelt es am Tor der Misugis. Genzo und Tina stehen vor dem Tor und es wird geöffnet. Tina fährt mit ihrem kleinen Auto auf das Gelände, stellt das Auto ab und sie werden von Jun und Yayoi begrüßt.

„Wie schön, Genzo, wir haben uns ja auch ewig nichts gesehen.“, wird sich umarmt und begrüßt. Yayoi mag Genzo. Er ist immer so lustig und gut gelaunt. Es wird vornehm im Saal gegessen, auch Juns Eltern sind da. Bald gehen diese auf ihre Zimmer im Westflügel und die jungen Leute begeben sich in die Bibliothek, in der die Spiele sind, ein Heimkino und ein Regal mit vielen Filmen.

„Was wollen wir spielen? Habt ihr einen Wunsch?“, fragt Jun und geht an den Schrank mit den vielen Brett- und Gesellschaftsspielen.

Genzo steht auch davor und sucht sich etwas heraus und legt es auf den großen Tisch.

„Das ist cool. Da muss man nicht drüber nachdenken, einfach würfeln und fertig. Ich brauche was zum Entspannen.“, grinst er. Auf dem Tisch liegt ein Spiel, welches dem „Mensch ärgere Dich nicht“ ähnelt. Es wird aufgebaut und die Figuren verteilt.

Etwa eine Stunde lang wird beherzt und belustigt gespielt und dann gewinnt Genzo und jubelt.

„Wie cool ist das denn? Ich habe noch nie gegen dich gewonnen, Tina.“ Sie lächelt.

„Es gibt immer ein erstes Mal.“, grinst sie. Das Spiel wird weggeräumt und Genzo wagt ein Thema anzusprechen.

„Nun erzähl doch endlich mal was von deinem neunen Freund, Tina. Du hast ihn vor ein paar Tagen bereits erwähnt, aber groß was erzählt, hast du noch nicht.“, neckt er sie. Ihr wird etwas warm und sie grinst und setzt sich auf ihren Platz. „Ach Manno. Du bist zu neugierig.“ Yayoi ist plötzlich total aufgekratzt.

„Oh wirklich? Du hast einen neuen Freund? Wer ist es?“, fragt sie. Jun geht an die Bar und holt eine Flasche Wein und Gläser.

„Für mich nicht, ich muss noch fahren, danke Jun.“, wird sofort von Tina abgelehnt.

„Ach stimmt, bist ja heute mal selbst am Steuer. Was kann ich dir dann anbieten?“

„Ich nehme gerne einfach nur einen Schluck Wasser. Das reicht mir schon.“

„Nun erzähl doch endlich.“, drängelt Yayoi.

„Ihr nervt. Man. Also gut. Es ist Tangaroa. Du kennst ihn noch aus der Schule. Wir haben doch sein Team jetzt aufgenommen und naja, da hat es sich dann ergeben.“, grinst sie etwas verlegen.

„Wie jetzt? Tangaroa? Echt?“

„Oh. Dieser Große von damals, mit dem du vor unserem Treffen in Nankatsu ausgegangen warst? Und, wie weit seid ihr schon? Also naja, du weißt schon.“, hakt Genzo nach.

„Ja, genau der.“

„Das sah damals so niedlich aus, wo ihr da bei den Pferden wart.“

„Echt? Niedlich?“

„Ja, total. Ich fand, dass er ganz gut zu dir passt. Er war immer so ein schüchterner Typ, aber wenn es drauf ankommt, dann konnte er auch etwas brummig werden. Vor allem auf dem Sportplatz.“, meint sie und nippt aus ihrem Weinglas, nachdem Jun ihr eingeschenkt hat.

„Brummig? Na ich weiß nicht. Im Sport ja, aber doch sonst nicht.“, ist Tina etwas verwundert.
 

„Ist doch aber schön. Ihr müsst nur aufpassen, denn wenn das an die Öffentlichkeit geht, dann hast du gleich deinen nächsten Skandal. Und er sicher auch.“, meint Yayoi.

„Wieso ein Skandal?“, hakt Genzo nach.

„Na weil das Team jetzt im Programm ist. Wie sieht das aus, wenn die beiden ein Paar sind und zeitgleich im Programm? Da könnten manche Leute ja Sonst was denken. Ihr kennt doch unsere Medien. Um wichtige Dinge kümmern die sich nicht, aber wenn es heißt, jemand schläft mit irgendwem, dann sind sie da.

War doch bei Martin so. Was geht denen das denn überhaupt an? Immerhin kennen die sich so lange schon. Dann ist das manchmal so. Bei uns ist das doch auch nicht anders. Nur redet niemand, weil wir gleichalt sind. Aber kaum geht Tina offiziell mit ihm, ist das ein großes Problem und die Leute zerreden sich das Maul. Du hast ja keine Ahnung was da so alles in der Presse stand. Angeblich hätten die beiden schon vorher ein Verhältnis gehabt, aber für die Öffentlichkeit haben sie des Alters wegen gewartet. Furchtbar solche Behauptungen. Dadurch kam die Diskussion dann wieder neu auf, ob Tina die Aufnahmetests der Uni überhaupt wirklich bestanden habe. Sie könnte sich ja hochgeschlafen haben. Es ist echt nur zum Heulen.“, murrt Yayoi aufgebracht. Tina steht auf. Ihr ist die Diskussion zu doof.

„Ich bin kurz auf Toilette.“, sagt sie einfach und verschwindet ein paar Türen weiter.
 

„Was meinst du, Genzo? Du kennst Tina am besten. Tut er ihr gut oder könnte es nur etwas von kurzer Dauer sein? Manchmal ist es bei ihr schwer das einzuschätzen. Wir hatten eine hitzige Unterhaltung, sagen wir es mal so.“

„Hm. Sie hat mir damals von ihm erzählt. Er hat ihr wohl das Leben gerettet, wenn ich das richtig verstanden habe.“

„Wie das Leben gerettet?“

„Gleich zu Anfang, da ist sie wohl im Wald mal einfach eingeschlafen und er hat sie zufällig gefunden und zu Dr. Sato gebracht.“

„Ach, echt? Davon weiß ich ja gar nichts.“

„Das war an dem Abend, als ihr diese Schüsselaktion hattet. Er war doch der Rugbyspieler, der die Schüssel erobert hat. Ich habe das Video damals gesehen. Georg hat es mir gezeigt. Tina weiß nix davon.

Ich find den Typ okay. Aber ich weiß ja nicht wie er jetzt so persönlich ist. Tina wird sich schon was dabei denken, sich auf ihn einzulassen.“, meint Genzo ruhig und locker.

‚Letztendlich soll sie doch nur glücklich sein. Die letzten Monate waren ja gar nicht auszuhalten. Kaum Anrufe, kaum irgendein Ton von ihr. Da sorgt man sich doch viel zu sehr. Wenn ihr dieser Typ dabei hilft wieder fröhlicher zu sein, warum denn nicht?‘

„Er ist okay. Darum geht es weniger. Ich habe eher Angst, dass sie sich unnötig verrennt.“

„Also wenn ihr mich fragt, die Wahre Liebe ist dann, wenn man nicht nur einander vertraut und sich nah sein möchte, sondern auch, wenn man alle schlechten Gedanken komplett abschalten kann oder keine Ängste mehr hat. Zumindest die Ängste, die das Sozialleben und die eigene Karriere zu sehr beeinflussen. Es kann doch so nicht weitergehen...mit diesem Ausweichen unserer anderen Freunde. Sogar zwei Hochzeiten hat sie nur deswegen abgesagt. Wenn du also mal heiratest, kommt sie dann auch nicht oder lädst du alle Fußballfreunde nicht ein? Wie soll das dann laufen?“, spricht Yayoi ihre bedenklichen Gedanken frei aus. „Ich weiß nicht. Woran soll man das denn erkennen? Ich habe auch noch nicht die „Richtige“ gefunden. Ist halt schwer. Vielleicht ist es genau das Problem, wenn man danach sucht. Vielleicht muss man es einfach nur auf sich zukommen lassen. So alt sind wir doch noch nicht. Unbedingt heiraten muss ich zum Beispiel auch nicht. Das Absichern der Erbschaft haben alles meine Brüder schon erledigt.“ „Blödmann, hier geht es nicht ums Heiraten. Wir reden jetzt nur über eine Beziehung, mehr erstmal nicht.“, sagt Jun. Es bleibt ein paar Minuten ruhig. Keiner kann irgendwie was sagen.

„Ich sorge mich nur, das ist alles. Was ist, wenn es nur…das EINE ist?“, spricht Jun plötzlich seine Bedenken aus.

„Also echt mal, Jun. Wie kannst du sowas sagen? Das klingt ja furchtbar.“, knurrt ihn seine Frau an. Er verschränkt die Arme und lehnt sich in seinem Sessel zurück. Sein Gesicht ist ernst.

„Denk was du willst. Ich habe das Gefühl, dass da keine Liebe ist, nicht aus ihrer Sicht.“, äußert er einfach. Wieder ist es ruhig. Genzo steht auf und geht nachdenklich zum Fenster und schaut in den schönen bunten Garten.

‚Liebe Tina, bist du verliebt oder bist du es nicht? Ist es mit diesem Mann nur eine Ablenkung, ein Trost? Willst du wirklich nur Erfahrungen sammeln oder was ist es? Du hast mir erzählt, dass du sehr viel in seiner Nähe empfindest. Du sagst, es ist stärker, als das mit Martin und davor mit diesem Itachi. Sogar über Stephan konnten wir neulich etwas plaudern, das war neu.‘

„Wir testen es aus.“, sagt er dann plötzlich und dreht sich zu seinen Freunden um.

„Was austesten?“, hinterfragt Jun.

„Yayoi hat Recht. Im Prinzip ist mir egal mit wem Tina zusammen ist, Hauptsache er macht sie glücklich. Sollte dieser Mann genau der Richtige sein, dann muss es sich bei ihr ganz sicher so auswirken wie bei ihren Eltern. Und genau danach sucht sie auch. Nach jemanden, der ihr für immer diese schrecklichen Bilder von damals nehmen kann. Aber das…kann nicht nur dann so sein, wenn…sie sich sehr nah sind. Also es muss…wie Yayoi sagte, grundsätzlich so sein. Ein ganz normaler Alltag.“

„Gut, verstehe. Aber wie willst du das jetzt testen?“

„Mit einem Spiel. Wir sehen uns gemeinsam eine Aufnahme an, wo wir beide oder einer von uns gegen jemanden spielt. Ein Fußballspiel. Du hast doch alles greifbar in deiner Sammlung.“

„Hm. Meinst du das funktioniert?“, zweifelt Yayoi.

„Es könnte funktionieren. Immerhin haben wir die letzten Tage sogar ab und an über Fußball gesprochen. Das ist ein großer Schritt. Und Tina hat von ihrem Bruder gesprochen, ihren Italienurlaub mit dem Camper. Solche Dinge hat sie früher nie erzählt. Und in der Psychologie ist es bewiesen, dass eine Konfrontation mit einer Angst, oder eines Auslösers, auch Schritt für Schritt heilen kann. Man muss es nur richtig angehen.

So kommen wir drei jetzt ins Spiel. Wir sind sehr vertraute Freunde und Genzo sogar ihr Lebensretter. Das sollte genug Motivation sein den Test zu wagen.“

„Tina testet sich selbst ab und an. Das weiß ich. Wir versuchen es gemeinsam ab und an, aber bisher hat es nie geklappt. Schon beim Einlaufen des Teams verlässt sie den Raum. Ich kann es selbst nicht richtig verstehen, denn ich war doch auch dabei und kann sogar bei meinem Sport beibleiben.

Ich habe damals mit ihren Eltern darüber gesprochen und sie waren auch der Meinung, es müsste sich so verhalten wie bei ihnen selbst. Die Liebe zueinander und der Wille immer für sie da zu sein, der muss das Trauma überdecken. Sicher kann immer mal wieder ein kleiner Schub kommen, aber es sollte den Alltag nicht beeinflussen und die Nächte durchschlafen lassen, regelmäßig, denn noch immer ist das nicht der Fall. Die Schlaftherapie damals hat ihr am Ende nur einen Weg gezeigt genug Schlaf am Tag zu bekommen, aber die Angst und die Träume, waren immer noch da.“

„Hört auf damit!“, kommt plötzlich Tinas strenge Stimme. Alle sehen verwundert zu ihr. Sie steht in der Tür und hält sich mit einer Faust an die Brust. Es tut weh, ihre Freunde so reden zu hören. Sie weiß, sie sorgen sich nur und wollen nur ihr Bestes, da ist sie sich sicher, aber trotzdem klingen ihre Worte nicht schön. Es klingt in ihren Ohren eher danach, als würden sie ihr nicht mehr zutrauen, selbst zu erkennen, ob sie jemanden liebt oder nicht. Als würde sie keine Menschenkenntnis mehr haben. Wie ein Messer sticht es in ihr Herz und in ihren Bauch. Schmerzen machen sich in ihr breit.

„Warum? Warum tut ihr das? Ich…ich empfinde doch so viel, das…mit meinen Eltern nur überhaupt zu vergleichen…das tut weh. Die…hatten eine ganz andere…Verbindung zueinander. Und…“ Sie holt tief Luft.

„Mama hat immer viel geweint. Ihr habt davon nur nichts mitbekommen!“, faucht sie plötzlich los. Dann blickt sie zu Genzo.

„Und du? Du müsstest es wissen. Wenn sie traurig war, konnte nur mein Vater sie trösten. Ich konnte mir so viel Mühe geben wie ich wollte. Das ging nicht.“

„Wo ist dein Problem, Tina? Das ist eindeutig die „Wahre Liebe“, oder nicht?“ Tina muss sich die Tränen zurückhalten.

„Es…es…WAR die „Wahre Liebe“, Genzo. Die Betonung liegt auf „WAR“, um nicht zu sagen…“ist gewesen“! Also ist es Geschichte!“ Ihre rechte Hand stützt sich am Türrahmen und zornig sieht sie ihre Freunde an.

„Was empfindest du denn für diesen Tangaroa? Kann man es damit vergleichen?“, fragt Genzo provozierend. Tina weicht ihm aus und sieht zu Jun und Yayoi. „Ich…wäre gerne zu eurer Hochzeit gekommen. Es tut mir leid.

Am besten…wir bleiben nur noch Kollegen. Eine Freundin, die nicht mal zur Hochzeit ihrer Freunde gehen will…ihr habt was Besseres verdient.“, sagt sie leise und verschwindet plötzlich im Flur. Die Männer gehen ihr sofort nach.

„Warte Tina! Du kannst doch nicht einfach gehen.“, ruft Genzo.

„Und wie ich das kann, wenigstens eins, was ich noch machen kann.“

„Was meinst du?“

„Ich kann gar nichts mehr machen, außer an unserem Projekt zu arbeiten. Im Sport bin ich fertig, steh auf einer Stelle und privat sowieso. Nichts wird da kommen…ich…ICH hänge hier fest…in einer verdammten Endlosschleife, während alle um mich herum stärker werden und vergnügt zur Olympiade fahren könnt!“

Sie läuft den Flur entlang, die große Treppe hinab und zur Garderobe. Sie schnappt sich ihren Mantel und verlässt die Villa. Zügig geht sie zum Auto und steigt ein. Der Pförtner öffnet das Tor und kurz darauf ist sie unterwegs. Ihre Gedanken sind heute nicht auf der Straße. Es ist bereits dunkel und es gehen viel zu viele Gedanken durch ihren Kopf. Sie ist auf dem Weg nach Hause. An einer Ampel bleibt sie bei Rot stehen und wartet auf Blau. Gegenüber ist ein Reklameschild von einer Sushibar und im Hintergrund ist das Meer zu sehen, in dessen tropischen Farben.

„Das Meer. Ja…wie gerne würde ich jetzt ans Meer fahren.“ Etwas verträumt fährt sie an, als Blau wird und entscheidet die Stadt spontan zu verlassen und an den nächsten Strand zu fahren. Der Tank ist voll, da kann also nichts passieren. Somit macht sie sich auf in den Süden, Richtung Küstenstreifen.

Sie ist gut eine Stunde unterwegs, bis sie in der Nähe ihres Lieblingsstrandes kommt. Seitdem sie die Stadt und die Vororte verlassen hat ist es dunkel draußen, nur noch der bewölkte Nachthimmel und die Reflektoren der Straßenmarkierungen. Kurz zuvor überkommt sie ein Hauch Müdigkeit, aber sie tut es einfach ab, denn immerhin muss sie doch wieder zurück. Die kurvige Strecke hat sie bereits hinter sich und endlich geht es mal nur gerade aus. Musik hat sie heute keine an, ihre Gedanken sind leer, denn so richtig findet sie weder einen Anfang, noch irgendein Ziel in ihrem Kopf. Sie fährt einfach nur weiter, mit Aussicht sich an den Strand zu legen und die Stille und das Meeresrauschen zu genießen. Plötzlich fallen ihre Augen zu, fährt blind und sie verreißt unbewusst ein wenig das Lenkrad nach rechts. Ein kurzes Wegnicken. Dann wird es holprig und sie wacht wieder auf, reißt die Augen weit auf und sieht vor sich einen Baum und tritt ohne zu zögern auf die Bremse. Ihr Puls ist ganz weit oben, ihr Herz rast, Schweißperlen bilden sich auf der Stirn und kaum bleibt sie bei dem Geruckel des Antiblockiersystems auf dem Rasen noch vor dem Baum stehen, hört sie nur noch ihr Herzrasen. Der Schreck sitzt tief. Sie starrt nur auf den Stamm und hält das Lenkrad krampfhaft fest.

„Oh mein Gott.“, geht ihr durch den Kopf und schreit sie laut aus. So richtig kann sie noch keinen Gedanken fassen. Sie weiß nur eins: Das war eindeutig ein Sekundenschlaf. Niemals hätte sie gedacht, dass sie es selbst einmal treffen könnte. Sie hat doch immer so aufgepasst, dass sie niemals zu müde ans Steuer geht. Ihr Puls normalisiert sich erst etwas später langsam wieder, denn sie muss nun einen klaren Kopf bewahren. Der Motor ist abgewürgt, ihr Fuß auf Bremse und Kupplung. Sie atmet tief durch, zieht die Handbremse an und drückt auf den Knopf für die Warnblinkanlage. Dann schaltet sie die Zündung aus und zieht sich eine Warnweste über, greift eine Taschenlampe aus der Nebentasche in der Fahrertür, wo die Weste lag, kontrolliert im Rückspiegel die Straße, niemand kommt, und steigt aus. Sie geht nach vorne zum Baum und schaut, ob sie doch etwas angefahren hat. Am Baum ist nichts zu sehen. Ihre Front steht einen halben Meter entfernt und hat ihn nicht berührt. Dann leuchtet sie ihre Front ab, auch dort ist nichts zu sehen. Noch immer rast ihr Herz, bei dem Gedanken daran, was hätte alles passieren können. Immerhin ist sie einmal quer über beide Fahrstreifen nach rechts abgedriftet. Sie bückt sich, schaut von ganz unten, auch nichts zu sehen. Es scheint in ihrem „Schlafzustand“ nichts angefahren worden zu sein. Dann geht sie ums Auto herum und sieht sich jede Ecke ganz genau an, in der Hoffnung, NICHTS zu finden, weil NICHTS passiert sein darf. Sie wird jedoch wirklich nicht fündig und atmet wieder beruhigt durch.

„Glück gehabt. Nichts passiert, nur ein Schreck.“

Bald darauf sind Scheinwerfer zu sehen. Es scheinen wohl doch auf dieser verlassenen Strecke so spät abends noch Leute zu sein. Die Scheinwerfer sind sehr hell und die Beleuchtung weiter darüber deuten darauf hin, dass es sich um einen LKW handeln muss. Tina steigt schnell ins Auto und schließt die Türen von innen ab. Ihr ist es lieber, dort drin zu sitzen, als mit jemand Fremden draußen gefühlt am Arsch der Welt zu sein. Natürlich wird der LKW langsamer, macht selbst die Warnblinker an und hält an. Ein stabil gebauter Mann steigt aus. Er trägt ein Basecap, Arbeitshose und Warnweste. Er schaut sich um, bevor er zu ihr geht. Er kommt aus der Richtung, in die Tina fahren wollte. Er hat etwas Seltsames längliches in der rechten Hand und blickt sich um.

„Hallo? Ist bei Ihnen alles okay?“, erkundigt er sich freundlich und mit fester Stimme. Tina weiß, er will nur helfen, so wie alle anderen, die anhalten und fragen. In ihrem Kopf ist es klar, dass 99% der Helfer auch helfen wollen, aber was ist, wenn sie doch wieder an das eine Prozent gerät, so wie damals, nach dem Spiel? Tausende Fans und 5 von so vielen waren die fehlenden Prozent.

Sie entschließt sich jedoch bei seinem freundlichen Gesicht die Scheibe einen kleinen Spalt zu öffnen, damit sie reden können.

„Guten Abend, Herr. Mir geht es gut. Danke. Sie können gerne weiterfahren, es ist nichts passiert und sieht nur komisch aus.“

„Hm, okay. Also Sie sind nicht verletzt oder sowas? Sie stehen so schräg. Es sah aus, als hätten Sie den Baum gerammt.“, spricht er seine Vermutung aus.

„Ich habe kontrolliert, alles heile. Ich hatte Glück. Ein Sekundenschlaf, mehr nicht. Danke der Nachfrage.“

„Nun gut. Dann können Sie aber nicht hier einfach nur rumstehen und im Auto sitzen. Bei einem Unfall, hat man nicht im Auto zu sitzen, sondern mit Warnweste am Straßenrand. Haben Sie das nicht gelernt? Was ist, wenn ein anderer auch nicht aufpasst und Sie dann mitnimmt? Ein LKW wie meiner zum Beispiel.“

„Ich war draußen, sagte ich doch. Ich bin nur wieder eingestiegen, weil jemand kam.“ Er stutzt plötzlich.

„Ach so. Ich verstehe. Entschuldigung. Manchmal brauche ich etwas länger…zum Selbstschutz, weil Sie eine Frau sind?“, lächelt er dann und fasst sich verlegen an den Kopf.

„Genau. Es ist eben erst passiert.“, lächelt Tina zurück. Der Mann macht ihr dann doch einen netten Eindruck und auf dem Beifahrersitzt scheint niemand zu sein. „Was haben Sie in der rechten Hand?“, fragt sie dann freundlich zurück. Er hebt die Hand und eine Taschenlampe kommt zum Vorschein.

„Moment.“ Sie kurbelt die Scheibe hoch und steigt nun doch aus. In ihrer Rechten ebenso ihre Taschenlampe.

„Na dann sind wir ja fast gleich gut ausgestattet, nicht wahr?“, versucht sie einen Scherz zu machen und zeigt ihm ihre Lampe.

„Oh, äh. Ja. Das sah sicher komisch aus, stimmt.

Aber nun können Sie hier nicht so rumstehen.“ Er betrachtet ihr Gesicht und überlegt, woher er es schonmal gesehen hat. Es ist ja nicht so, dass er viele blonde junge Frauen kennen würde. Sein Job lässt es nicht so richtig zu, viele Ausländer zu sehen. Und ein großer Frauentyp ist er auch nicht. Er fährt nur gelegentlich einmal die Woche mit einem LKW voll mit Kleinkram beladen durch das Land. Immer die gleiche Tour, von Shop zu Shop und beliefert sie mit Sammelfiguren und Stickertüten. Hier und da muss er Automaten befüllen.

„Sie kommen mir bekannt vor, kennt man Sie aus den Medien?“, fragt er vorsichtig nach. Tina grinst und zeigt auf ihre Haarspange.

„Kommt die Ihnen bekannt vor?“ Er staunt nicht schlecht, als er die Haarspange sieht.

„Äh, oh…Sie sind doch nicht etwa…Tora-san?“, stottert er sich zusammen. „Erwischt. Aber nennen Sie mich einfach nur Tina-san oder die Gelbe Füchsin, okay?“

„Jetzt bin ich aber platt. Da liefere ich jede Woche ein Haufen Figuren aus und heute stehe ich wahrhaftig vor dem Original.“, haut er erstaunt aus. Tina stutzt. „Wie meinen Sie das?“ Er grinst und zeigt zu seinem LKW.

„Was glauben Sie, was ich da drin habe? Das ist die nächste Lieferung aus der Fabrik und sie kommt morgen in die Regale. Ich hole einmal die Woche eine Ladung ab, beginne in Tokio zu verteilen und fahre dann durchs ganze Land und verteile den Rest. Alles Ihr Merchandising. Ich bin ein großer Fan und habe den Job deswegen auch gerne angenommen, als er ausgeschrieben wurde.“

„Das ist ja witzig. Dann sind Sie ein Angestellter meines Sponsors? Das ist ja super.“

„Ja genau. Naja, wie ist jetzt? Wollen Sie noch weiterfahren? Aber das ist gefährlich, immerhin haben Sie gerade noch Glück gehabt. Sie sollten lieber schlafen gehen oder sich abholen lassen.“

„Sie haben Recht. Ich rufe einen Abschleppdienst und fahre dann mit denen nach Hause.“ Tina öffnet hinten die Tür und stutzt.

‚Verdammt. Meine Tasche ist nicht da. Die muss ich bei der Aktion bei Jun liegengelassen haben.‘ Sie schließt die Tür wieder.

„Haben Sie ein Handy?“

„Oh, äh. Nein. Sowas habe ich nicht, nur Funk. Da kann ich aber auch einen Abschlepper rufen, das ist kein Problem. Oder die Polizei, wenn Ihnen das lieber ist.“ Tina überlegt.

„Gut, machen wir das so. Aber…ich würde gerne jemand Bestimmtes anfunken. Geht das? Das hier muss sehr diskret bleiben, sonst kommt das gleich mit, keine Ahnung was für komischen Kommentaren, in die Presse. Sie verstehen?“

„Ja, aber wen wollen Sie denn anfunken?“

„Einen guten Bekannten. Er kann mir dann das Auto abholen lassen. Würden Sie mich dann mit nach Tokio nehmen?“

„Oh, ja sehr gerne. Gut.“ Beide gehen zum LKW rüber und er öffnet die Tür und steigt ein.

„Dann sagen Sie mir bitte mal die Frequenz. Ich gebe Ihnen das Gerät dann rüber.“ Tina staunt. Er hält ein modernes Gerät ohne Schnur in der Hand. Es hat Tasten und sieht aus wie ein altes Handy im Film.

„Das ist aber modern. Wow.“ Sie gibt ihm die Frequenz durch und er reicht es ihr rüber.

„Honigbiene an Wespe. Honigbiene an Wespe. Bitte melden.“ Es dauert einen kleinen Moment.

„Große Wespe an Honigbiene. Bist du allein?“

„kleine Honigbiene an große Wespe, ja.“

„Einen kleinen Moment.“ Tina wartet etwa eine Minute, dann geht der Funk wieder an.

„Wespe an Honigbiene. Wo bist du und was ist passiert? Hast du kein Handy bei dir?“ Tina sieht den LKW-Fahrer fragend an.

„Haben Sie die genaue Position?“ Er ist etwas irritiert und greift dann aber auf seinen Plan, zeigt den Finger darauf und reicht es ihr rüber.

„Honigbiene muss abgeholt werden. Ist Wespe jetzt allein?“

„Ja, du kannst sprechen.“

„Geh nicht gleich an die Decke, ja? Bist du im Dienst oder zu Hause?“

„Im Dienst, ist aber okay. Ist nichts los.“

„Ich habe meine Handtasche bei Jun liegen lassen, inklusive Handy und Papiere und wollte an den Strand fahren. Dummerweise bin ich eindeutig zu müde zum Fahren. Naja. Kannst du einen Abschlepper schicken? Ich hol das Auto dann einfach bei ihm wieder ab. Natürlich auf meine Kosten, ist ja klar. Ich bin auf folgender Straße: Landstraße 46. Ende.“

„Was heißt hier zu müde? Hast du etwa einen Unfall gebaut, weil du müde warst?“

„Nein, alles ging gut. Nix passiert. Nicht mal ne Beule. Aber ich kann so ja nicht weiterfahren. Und ohne Ausweise und ohne Geld geht auch kein Taxi oder Polizei. Bin doch ohne Papiere unterwegs. Die Presse macht dann nur gleich so einen Wirbel drum.“

„Ich verstehe. Du hast mir einen Schrecken eingejagt.

Ich ruf den nächsten vertrauten Abschleppdienst an und sorge für Diskretion. Wie kommst du dann nach Hause?“

„Hier ist ein netter LKW-Fahrer, der nach Tokio fährt. Er würde mich mitnehmen.“

„Fahr doch beim Abschleppdienst mit.“

„Ne, ist okay. Er ist ein Fan und fährt sogar meine Merchandising-Sachen aus. Lustig, oder?“

„Wenn du meinst. Er soll mir seine Daten geben. Ich will nicht, dass du bei einem Fremden mitfährst.“, kommen strenge Worte.

„Ist okay, Tora-san. Äh, Tina-san.“, lächelt der Mann neben ihr und reicht ihr die Hand, damit sie ihm das Funkgerät gibt.

„Okay.“ Er gibt seine Daten durch und Tina geht inzwischen zu ihrem Auto und stellt zwei Warndreiecke auf und schließt es ab.
 

Etwa eine halbe Stunde später sitzt sie mit dem LKW-Fahrer im Führerhaus und fahren über die Stadtgrenze.

„Wo müssen Sie denn jetzt hin? Ausliefern ist ja erst morgen.“

„In die Nähe ihrer alten Schule. Meine erste Adresse ist ein Kiosk direkt neben der Schule. Dann kommt ein kleines Spielzeuggeschäft.“

„Oh, dann könnten Sie mich ja direkt bei meinem Freund Jun Misugi rauslassen. Das ist nur zehn Gehminuten von der Schule entfernt. Dort kam ich her.“

„Ist das das große Anwesen, was so europäisch gebaut wurde?“

„Ja genau das. Lassen Sie mich einfach dort vor dem Tor raus.“

„Das ist perfekt. Ich parke in der Nähe.“

„Meine Gaststätte ist auch auf der Ecke.“

„Ihre Gaststätte? Ich wusste gar nicht, dass Sie eine haben.“

„Die gehörte meinen Eltern. Dort habe ich kochen gelernt. So kam das dann mit den Kochbüchern von denen Ich Ihnen vorhin erzählt habe.“

„Ach so. Ich verstehe. Na da muss ich mal essen gehen, mit meiner Familie.“ „Sehr gerne. Sagen Sie der Bedienung dann nur, dass Sie der LKW-Fahrer sind. Mehr nicht. Dann bekommen Sie einen netten Rabatt. Für Ihre Hilfe heute.“

Vor Juns Villa wird bald gehalten. Er steigt aus, geht um das Fahrerhaus herum und öffnet die Tür und hilft ihr abzusteigen.

„Danke, ist ja wie in einer Kutsche hier.“, schmunzelt sie. Sie verabschieden sich höflich und Tina klingelt am Tor und wird hereingelassen. Der LKW macht sich wieder auf den Weg.

Am Eingang warten Jun, Genzo und Yayoi. Genzo rennt ihr plötzlich entgegen und nimmt sie in die Arme.

„Es tut mir leid. Ich war ein Idiot.“

„Der Idiot bin dann wohl eher ich. Ihr macht euch doch letztendlich nur Sorgen, weil ihr wahre Freunde seid.“ Jun und Yayoi kommen ebenso dazu.

„Wir hätten das mit dir bereden sollen, so klang das auch ziemlich doof. Tut uns leid.“, sagt Jun. Yayoi nimmt sie in die Arme.

„Ach Tina, wehe du machst nochmal so einen Blödsinn.“

„Ich habe doch keinen Blödsinn gemacht. Ich wollte nur ans Meer, um den Kopf frei zukriegen. Das war es schon.“

„Komm doch rein, wir müssen nicht hier draußen stehen. Es wird kalt.“, bittet Jun sie herein.

„Okay, aber ruf mir bitte ein Taxi. Ich will dann gleich los.“ Im Vorsaal der Villa wird angeregt geredet.

„Was ist denn nun passiert? Wo ist dein Auto?“

„Das wird vermutlich gerade nach Tokio gebracht. Ich hole es morgen bei einem Abschleppdienst ab. Es ist ja nichts passiert, aber wenn ich schon so müde bin und beim Fahren einschlafe, dann war es jetzt besser ich lasse es stehen, statt in die nächste Stadt zu fahren und zu schlafen. Ich wollt auch nicht dort alleine bleiben, so mitten im Wald. Zum Glück war der LKW-Fahrer so nett und hilfsbereit.“

„Ja, welch ein Glück. Wie hast du eigentlich Martin informieren können?“, fragt Jun skeptisch nach.

„Naja, ich habe einen Bekannten, der sich anfunken lässt. Und der hat dann Martin informiert, damit er euch informieren kann.“

„Wen du so kennst.“, grinst er dann.

„Kannst du mal sehen.“ Jun greift zum Telefon und ruft ein Taxi. Yayoi geht zum Stuhl und greift nach Tinas Handtasche.

„Na so ein Theater, nur weil ich sie vergessen habe. Man man.“ Sie greift hinein und holt ihr Handy heraus. Es gab so einige Anrufe, das war ihr sofort klar, als sie bemerkte, dass es auch nicht da war.

Anrufe von Takeru, Martin und Jun natürlich. Auch Tangaroa hat angerufen. Auch die eine oder andere SMS ging ein. Als erstes öffnet sie jetzt die Nachrichten von Martin, um ihm sofort zu schreiben, dass sie wieder da ist und Heimfährt. Dann öffnet sie die SMS von Tangaroa und muss schmunzeln.

„Freunde, ich werde dann mal. Das Taxi ist sicher gleich da.“ Sie umarmt Genzo zum Abschied.

„Grüß Tsubasa von mir. Er ist doch sicher auch hier, oder?“

„Er kommt erst morgen Früh, eher ging es wohl wegen seiner Saison nicht. Der Verein ließ ihn nicht eher gehen.“, bringt sich Jun ein.

„So ist das dann bei den Profis, da zählt nur der Profit, alles andere ist denen egal. Die eigenen Spieler lassen sie sicher zu ihrem Team fahren.“

„Das stimmt. Genzo hat nur Glück, die anderen vier weniger.“, meint Jun locker. Plötzlich klingelt ihr Telefon. Tina geht natürlich ran. Es ist Takeru.

„Na? Bist du gut gelandet?“

„Ja, alles okay. Danke dir nochmal für deine Hilfe. Ich hoffe du bekommst jetzt keinen Ärger von Oben, oder so.“

„Scherzkeks. Ich stehe doch oben…schon vergessen? Ich habe nur telefoniert. Es ist nicht ein Yen ausgegeben worden, den man mir ankreiden könnte oder die Zeit eines Kollegen unnötig für deine Rettung geopfert. Alles ist okay.

Dein Auto steht dann morgen auf dem Privatparkplatz vom Flughafen. Ein Bekannter bewahrt ihn für dich auf. Melde dich dann morgen einfach bei mir, wenn du ihn abholen willst. Mein Dienst ist wie heute, ab 18 Uhr. Er ist ebenso über Nacht vor Ort.“

„Okay, du bist meine Rettung gewesen. Danke sehr. Schickst du mir noch die Rechnung vom Abschleppdienst?“

„Hast du schon im E-Mail-Postfach.“

„Alles klar. Danke dir.“ Es wird wieder aufgelegt und sie wendet sich Genzo zu. „Genzo, deine Idee…das mit dem Fußballabend. Lass sie uns machen. Aber vielleicht übermorgen, mit Tsubasa und Fane zusammen.“

„Eine sehr gute Entscheidung, Tina.“, lächelt er erleichtert und umarmt sie erneut.

„Wir werden ein ganz tolles Spiel heraussuchen, extra für dich. Aber Übermorgen geht es nicht. Es geht nur morgen, denn wir müssen ab Übermorgen ins andere Trainingslager nach Fukushima.“, erklärt Jun.

„Ach so. Okay. Na dann morgen. Am besten ich melde mich, wenn ich Zeit habe. Ich habe immerhin an einem Kochbuch für 40 Mann zu arbeiten.“, grinst sie locker.

231. Tangaroa und Bettina XVI oder Ist es wirklich Liebe?

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

232. Tangaroa und Bettina XVII oder 50. Geburtstag

Kapitel 232
 

Tangaroa und Bettina XVII oder 50. Geburtstag
 

Am Morgen klingelt Tinas Handy um sieben Uhr. Sie erwacht sofort. Tangaroa bewegt sich zwar kurz, aber er dreht sich nur auf den Rücken und atmet tief durch.

„Guten Morgen, Tangaroa.“, spricht sie ihn mit liebevoller Stimme an. Keine Reaktion, nur lautes Atmen.

‚Nanu? Ist er so schnell wieder eingeschlafen?‘, wundert sie sich und steht dann auf und verlässt das Bett. Plötzlich ertönt eine dunkle Stimme hinter ihr.

„Wo willst du hin?“

„Aufs Klo.“, brummt sie ein wenig. Er blickt kurz zu ihr und lächelt. Dann schließt er wieder die Augen.

„Ach so.“, sagt er beruhigt. Tina sieht verdutzt zu ihm.

‚Was sollte das denn? Ich geh doch immer auf Toilette, wenn ich nur aufstehe und der Wecker geklingelt hat.‘

In der Stube schnappt sie sich ihr Top, einen frischen Slip, ein Shirt aus dem Rucksack und den Trainingsanzug. Dann verschwindet sie mit Duschbad und Shampoo im Bad.

Nach der weckenden Dusche betritt sie komplett angezogen die offene Küche und bereitet das Frühstück für sie beide vor. Kaum hat sie die Kaffeemaschine angestellt, klingelt auch sein Wecker. Der Kühlschrank wird geöffnet und es werden einige Dinge herausgeholt und auf die Kücheninsel gestellt. Tina öffnet die Deckel vom Eiersalat und dem Aufschnitt für das frische Brot, welches sie gestern noch mitgebracht hatte. Sie stellt alles auf den Tisch und geht dann im Wohnbereich an die Vitrine, um zwei Gläser herauszuholen für den frischgepressten Orangensaft. Da kommt Tangaroa aus dem Schlafzimmer und bleibt überrascht stehen, bevor er ins Bad geht.

„Nanu? Heute gleich gehbereit? Hast du es heute eilig?“

‚Warum ist sie nicht wieder ins Bett gekommen? Wir stehen doch sonst auch später auf, damit wir nochmal etwas den Morgen genießen können.‘

„Ich habe einen vollen Plan heute und das Auto muss ich auch noch am Abend abholen. Ich bin außerdem heute Abend wieder bei Freunden eingeladen, also warte diesmal nicht auf mich.“, spricht sie.

„Oh, das ist aber schade. Ich würde gerne wieder etwas mit dir aus dem Buch kochen.“

„Versuche es heute mal alleine, okay? Lass uns frühstücken. Duschen kannst du danach. Ich habe es eilig. Ich habe dir bereits deine Sachen hingelegt. Ne frische Unterhose musst du dir noch holen.“ Er ist verwundert und stimmt ihr dann nur zu. Ihr zu widersprechen würde ohnehin keinen Sinn machen und wenn sie sagt, dass sie keine Zeit hat, dann wird das auch so sein.

„Okay.“, sagt er schlicht, dreht um, holt sich eine frische Unterhose aus dem Schrank, schnappt sich dann seine Sachen von gestern Nacht und geht ins Bad. Er blickt in den Spiegel, nachdem er das Nötigste Erledigt hat.

‚Was ist nur los mit ihr? Habe ich etwas falsch gemacht?‘, überlegt er und dann schaut er in seine großen Hände.

‚Du hast dich wieder so wunderschön und aufregend angefühlt, es war diesmal nicht so lange und so oft wie die anderen aufregenden Tage, aber es war trotzdem der Wahnsinn. Was kann ich denn falsch gemacht haben, dass du heute Früh so komisch drauf bist?‘
 

Nachdem er aus dem Bad gekommen ist, setzt er sich an den Frühstückstisch, ihr gegenüber und lächelt sie fröhlich an.

„Lass es dir schmecken, Tangaroa.“, lächelt sie zurück. Er greift begeistert zum frisch aufgebackenem Vollkornbrötchen und schneidet es sich auf.

„Es wird wieder ein wundervoller Start, Tina. Vielen Dank für das schöne Frühstück.“, versucht er normal zu wirken, jedoch ist ihm schon etwas unwohl in der Magengegend, weil er nicht wirklich weiß, was sie vorhin so verstimmt haben könnte.

„Das tue ich gerne.“ Es ist ein Weilchen ruhig. Tina schneidet sich das Brötchen auf und drückt mit der Gabel ihr gepelltes weiches Ei aufs Brötchen und legt die Gabel an den Tellerrand. Sie beginnt zu essen, während Tangaroa den Frischkäse greift und ihn aufs Brötchen schmiert und den frischen Schnittlauch darauf streut. Es herrscht eine seltsame Stimmung im Raum. Nach Tangaroas zweiten Happs spricht er sie dann endlich wieder an. Normalerweise reden sie beiden jetzt über ihre Tagesplanungen und verabreden sich wieder. Ganz so, wie es in jeder Beziehung normal wäre.

„Wie ist deine Tagesplanung heute? Ich habe heute frei und wollte etwas Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich bin zum Mittag eingeladen. Mein Vater hat heute seinen 50. Geburtstag. Eine große Feier gibt es nicht, aber eine gemütliche Runde.“

„Das ist doch schön. Familie ist immer wichtig. Ich wünsche euch einen schönen Tag.“

Wieder Schweigen, bis Tina ihre erste Hälfte vom Brötchen aufgegessen hat. Beide trinken einen Schluck von ihrem Kaffee. Plötzlich legt Tangaroa das Brötchen aus der Hand und sieht sie liebevoll an.

„Es…tut mir leid, Tina.“, sagt er ruhig. Tina blickt auf zu ihm und lächelt glücklich.

‚Ach Tangaroa, ich bin so froh, dass du es jetzt selbst ansprichst und wir darüber reden können, was passiert ist. Ich wusste, dass du es bald allein bemerkst. Du bist doch eigentlich immer so umsichtig und liebevoll.‘

„Das ist ein guter Anfang, Tangaroa. Was genau tut dir denn leid? Sprich es ruhig offen aus. Wir sind ja hier unter uns.“, versucht sie ihn zu ermutigen die Worte zu finden, auch wenn es etwas unangenehm wird. Erleichtert, dass er seine Fehler von der Nacht einzusehen scheint, greift sie zum Messer und bereitet sich das nächste halbe Brötchen mit dem Griff zur Marmelade vor.

„Naja, ich…war wohl eindeutig zu müde gestern, bzw. heute Nacht, als du gekommen bist. Ich…wäre gerne besser auf dich eingegangen, damit du dich…besser entspannen…kannst.“, beginnt er seine Erklärung. Tina stutzt etwas. Was meint er denn jetzt mit „auf sie eingehen und besser entspannen“?

„Gut, und weiter?“, spricht sie verständlich, als wisse sie genau wovon er redet.

„Naja, ich…“ Er steht entschlossen auf und geht zu ihr. Sein Herz klopft laut, denn er will ihr doch nur sagen, wie wichtig sie ihm ist. Er bleibt vor ihr stehen und sieht liebevoll zu ihr herab. Seine rechte Hand berührt zögerlich ihre Wange.

„Wie gerne hätte ich dich…noch besser und länger verwöhnt, wenn ich nicht…zu müde gewesen wäre. Es tut mir leid, das kommt nicht wieder vor.“ Dann sieht er in ihre plötzlich weit geöffneten verdutzten Augen, deutet es als Entschuldigung, beugt sich zu ihr herunter und küsst sie zärtlich. Seine Hand an ihrer Wange berührt sie kaum, nur andeutungsweise, so als wäre er übervorsichtig, weil sie zerbrechen könnte. Auch sein Kuss ist ungewöhnlich zögerlich. Tinas Herz rast vor Entsetzen und ihr wird klar, dass er gar nichts verstanden hat. Sie geht nicht auf den Kuss ein, genießt ihn zwar für einen kurzen Moment, aber dann fällt ihr vor Schreck das Messer aus der Hand, fällt zu Boden und holt sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie steht auf, kaum, dass er den Kuss unterbricht, weil er selbst bemerkt, dass sie diesmal nicht darauf eingeht.

‚Bettina? Was ist los? War es doch etwas anderes?‘ Sie weicht ihm aus, drückt ihn etwas von sich und sieht ihn enttäuscht an.

„Tanga…roa…ist das jetzt dein Ernst? Du versuchst dich dafür zu entschuldigen, weil du am Anfang zu früh gekommen bist und wir nur…zwei…kurze Momente hatten? Dafür musst du dich…doch nicht entschuldigen.“, spricht sie ihre verwirrten Gedanken offen aus. Er ist überrascht und lässt von ihr. „Aber…was…habe ich dann…falsch gemacht?“ Tina atmet tief ein und wieder aus.

„Ich…muss hier raus.“, sagt sie plötzlich und alles in ihr zieht sich wie bei einem langen Tauchgang um ihre Brust herum zusammen. Sie schiebt den Stuhl zur Seite und geht ihm aus dem Weg, sofort zur Tür, zieht ihre Schuhe an und schnappt sich ihren Rucksack. Dann greift sie die Türklinke, schaut zu ihm zurück, mit einer Träne in den Augen und klaren Worten.

„Ich war doch genauso müde. Ich wollte nur einfach bei dir sein. Ich hätte und habe dich niemals zu irgendwas gedrängt oder von dir verlangt. NIEMALS, Tangaroa.

Denk den Tag mal ganz genau über heute Nacht nach und dann kannst du dein Glück ein letztes Mal versuchen. Ich…kann aber noch nicht garantieren was heute passieren wir und ob ich heute noch zu dir kommen werde. Das entscheide ich heute Abend, nach dem Besuch bei meinen Freunden.“ Ihre Blicke treffen sich, verwirrt und enttäuscht, irritiert und unverständlich.

„Ach und noch was. Jun weiß über uns Bescheid. Ich weiß ja nicht, wie er es herausbekommen hat, aber er war gestern bei mir und hat mir seine Meinung gesagt. Martin weiß nichts. Dabei soll es auch bleiben.“ Mit diesen Worten verlässt sie die Wohnung.

Vor dem Lift drückt Tina mehrmals auf den Knopf, als würde er deswegen eher kommen. Aber natürlich dauert es seine gewohnte Zeit. Sie zieht sich die Kapuze ins Gesicht und schnallt sich den Rucksack um. Später im Lift schaut sie in den Spiegel. Wie sieht sie denn nur aus? Als hätte sie die ganze Nacht durchgemacht. Schnell nimmt sie ihre Schminke aus der Tasche und versucht das Gröbste zu verdecken, damit man es ihr nicht gleich ansieht, diese Augenringe sind ja grauenvoll. Tina steckt alles wieder ein, kurz vor dem Erdgeschoss und verlässt dann den Lift. Eilig will sie das Haus verlassen und hat ihren Kopf gesenkt, als sie den Ausgang passiert. Doch plötzlich stößt sie mit einem großen kräftigen Mann zusammen, der hineingehen will. So früh am Morgen hat sie nicht mit Gegenverkehr gerechnet und mit ihren Gedanken ist sie ohnehin woanders. Durch das Anrempeln fallen dem Mann Orangen aus dem kleinen Körbchen, den er bei sich trägt. Ohne weiter zu sehen, wen sie da getroffen hat, entschuldigt sie sich schnell und höflich und bückt sich, um das Obst aufzusammeln und es ihm zu reichen, ohne ihn anzusehen.

„Es tut mir leid, Herr.“, spricht sie und genau in dem Moment, als sie sich bückt, geht auch er in die Hocke und sie stoßen etwas mit dem Kopf zusammen und sehen sich dann in der Hocke an und sie hält ihren Kopf an der Stelle wo die Haarspange klemmt. Ausgerechnet Doktor Taylor sieht sie überrascht an. Tina fühlt sich plötzlich wie gelähmt. Warum muss es denn ausgerechnet er sein? Er kennt sie doch. Er sieht sie natürlich verdutzt an.

„Oh, Frau Fuchs? Nanu? Habe ich Sie jetzt verletzt? Das tut mir leid, das wollte ich nicht.“, erkundigt er sich freundlich und zeigt auf ihren Kopf. Sie schüttelt nur benommen den Kopf, steht dann auf und legt ihm die Orange, die sie bereits in der Hand hat, in seinen Korb.

„Tut mir leid, Doktor. Es ist alles okay. Ich…habe es leider eilig. Und Herzlichen Glückwunsch zum 50.“, sagt sie nur schnell und freundlich. Dann entfernt sie sich sofort von ihm, verschwindet in der belebten Passage und ist für ihn kaum noch zu sehen.

Sie greift sofort zu ihrem Handy und versucht Tangaroa zu warnen. Leider geht er nicht ran. Erneut versucht sie es. Wieder nichts. Dann schickt sie schnell eine SMS.

„Dein Vater kommt hoch. Er hat mich erkannt.“ Eine Antwort kommt keine. Sie atmet tief durch.

‚Dann ist das eben so. Er wird schon nichts sagen.‘
 

Kaum ist die Tür geschlossen, herrscht eine ängstliche Ruhe in der Wohnung. Wie starr steht er da, ein Mann wie ein Baum, völlig unverständlich und ohne jede Aufklärung, was denn überhaupt gewesen sein soll. Sein Blick ist fast unendlich lang auf die Tür gerichtet. Sein Puls rast und einfach so zurückgelassen setzt er sich in Tinas Stuhl. Er geht ihr nicht einmal hinterher, denn er kennt sie soweit gut genug, dass das nach solchen strengen Worten keinen Sinn hätte, außer er wüsste genau, was er sagen oder tun soll. Das weiß er jedoch nicht. ‚Bettina…was…war denn nur? Ich verstehe dich nicht. Du sagst doch immer was dir nicht passt. Warum denn diesmal nicht? Warum…lässt du mich hier jetzt einfach sitzen?‘ Sein gesenkter Blick ist auf ihr Brötchen gerichtet, welches nur zur Hälfte mit Marmelade bestrichen ist. Dann fällt ihm das Messer wieder ein und er bückt sich und hebt es auf. Tangaroa versucht die letzte Nacht in seinen Gedanken abzuspielen, um seinen Fehler zu finden. Es will ihm jedoch nicht gelingen. Es war doch alles wie immer. Sie hat sich ihm wieder hingegeben und hatte auch trotz der kurzen Zeit ihren Höhepunkt. Was ist denn dabei jetzt schiefgelaufen? Er stützt sich mit den Ellenbogen auf den Tisch auf und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Sein Puls rast, denn er hat Angst, dass nun alles vorbei ist. Alles Schöne und Aufregende mit ihre, mit seiner schönen Bettina. Er würde ihr doch auch nie wehtun. Nein, niemals. Das hat er sicher auch nicht, sonst hätte sie sich bemerkbar gemacht. Es gab nicht einmal etwas Neues, was er noch nice mit ihr ausprobiert hat. In seiner Verzweiflung bleibt er in dieser Pose sitzen und denkt immer wieder darüber nach, was nun passieren wird? Wird sie jemals wieder zu ihm kommen? Wird sie ihm nochmal vertrauen können? Was ist nur, wenn er sie nie wieder in seine Arme nehmen kann, sie berühren oder spüren kann? Es war doch alles so traumhaft schön mit ihr. Noch nie hatte er solche starken Gefühle für eine Frau. Nie hat er je so viel empfunden, wenn eine Frau bei ihm war oder er sie berührte und intensiv spüren konnte, nie gab es etwas Vergleichbareres.

Plötzlich vibriert sein Handy. Er schreckt zusammen und schaut auf. Es hört gar nicht auf zu vibrieren, also eindeutig ein Anruf. Er steht hastig auf und geht zum Tresen und schaut auf die Nummer. Es ist Tina. Was um alles in der Welt will sie jetzt telefonieren? Will sie mit ihm Schluss machen? Hat sie sich dazu bereits entschlossen und will es gleich erledigen? Sie sagte doch aber, er könne den Tag noch darüber nachdenken. Was ist, wenn sie es ihm aber jetzt einfach über das Telefon sagen will, was nicht stimmte? Dann kann er doch kaum darauf reagieren, wenn sie sich nicht gegenüberstehen. Er lässt das Handy verstummen und atmet tief durch. Puh, sie gibt auf. Er dreht sich um und will zum Tisch zurück, doch da vibriert es erneut los. Es klingt in seinen Ohren furchtbar und er hat Angst, wenn er rangeht…macht sie mit ihm Schluss und er kann sie nie wieder sehen. Nur noch als Kunde, mal flüchtig, denn sie wird ihn nicht mehr betreuen. Nein. Das will er ganz sicher nicht. Wieder nimmt er nicht ab. Das Ding verstummt erneut. Wieder atmet er durch, nimmt das Handy aber in die Hand und schaut nachdenklich.

Dann kommt eine SMS rein. Kaum hat er die ersten drei Worte gelesen, schreckt er auf.

„Wie? Mein Vater kommt?“ Eilig schaut er zum Tisch.

‚Ne, das ist egal. Leugnen brauche ich da nichts, aber…‘ Er blickt zum Schlafzimmer und schließt daraufhin die Tür. Er schaut sich im offenen Wohnbereich und, ob irgendetwas mehr als ein Frühstück aussieht. Nichts zu finden. Dann geht er ins Bad und kontrolliert schnell alles. Er schnappt sich ihr benutztes Handtuch, bringt es in den HWR und wirft es in den Wäschekorb.

Kurz darauf klingelt es an der Wohnungstür.

Er atmet tief durch. Dann geht er zur Tür und schaut durch den Spion. Tatsächlich. Sein Vater steht da. Er öffnet die Tür und begrüßt ihn freundlich.

„Guten Morgen Vater, was verschafft mir denn die Ehre?“, lächelt er. Sein Vater hält ihm den kleinen Korb vor die Nase und grinst.

„Ich dachte wir frühstücken mal zusammen. Lass mich erstmal rein, oder störe ich?“

Kurz danach wird die Tür geschlossen und die Schuhe werden ausgezogen.

„Oh, du hast schon gefrühstückt?“

„Hm. Du hast meinen Frühstücksgast scheinbar gesehen.“

„Vermutlich. Sie schien es eilig zu haben.“

Tangaroa nimmt ihm den Korb ab und geht zum Tresen.

„Möchtest du einen Kaffee? Er ist noch frisch.“ Sein neuer Gast zieht seinen Mantel aus und hängt ihn an die Garderobe. Dann geht er sich umschauend zu ihm.

„Schön hast du es hier? Wie viele Zimmer hat die Wohnung?“

„Nur zwei, also der offene Bereich hier und ein Schlafzimmer.“

„Reicht ja auch, solange man keine Kinder hat.“, meint er locker und beobachtet seinen großen Sohn, wie er eine neue Tasse aus dem Schrank nimmt und mit dem Kaffee aus der Maschine die Tasse füllt. Es ist still und Tangaroa schweigt. Ihm ist es unangenehm, dass er ausgerechnet jetzt erscheinen muss. Sein Vater, Hone, dreht sich um und schaut gezielter auf den Esstisch.

„Wo darf ich sitzen? Deine Wohnung, deine Regeln.“, spricht er ruhig und wie immer.

„Wo du möchtest.“ Hone entscheidet sich für einen Platz links neben ihn und setzt sich. Tangaroa bringt ihm den Kaffee und legt ihm einen Teller hin. Dann holt er Besteck und räumt Tinas Sachen weg.

„Bediene dich. Es ist genug da.“, fordert er Hone auf und starrt auf das Marmeladenbrötchen auf dem Teller. Dann wirft er es in den Mülleimer, schüttet den Rest Kaffee weg und räumt das Geschirr und Besteck in den Geschirrspüler.

‚Ach Bettina, wie soll das denn nur heute noch werden? Gut, dass ich Heute frei habe. Auf das Training hätte ich gar keinen Bock.‘ Dann kommt er wieder zum Tisch und setzt sich.

„Naja…immerhin scheint sie zu wissen was heute für ein Tag ist. Sie hat mir sogar gratuliert.“, versucht er es etwas mit Humor. Er weiß, wenn sein Großer reden muss, muss man ihn etwas aus der Reserve locken. Hone greift sein Brötchen und legt ein paar Käsescheiben drauf.

„Sie sah traurig aus. Aufgegessen hat sie auch nicht. Das sah nach einem Streit aus.“ Tangaroa legt sein Brötchen wieder hin und lehnt sich etwas genervt an.

„Tut mir leid. Mir ist jetzt nicht nach Feiern. Jetzt versaue ich dir deinen Geburtstag.“

„Das tust du nicht.

Klar, ich hätte gerne einen fröhlichen Sohn hier sitzen, aber ich habe mit deiner Mutter den Tag umgeplant. Wir werden nicht zum Mittag bei uns sein, sie muss arbeiten und stattdessen dachte ich, verbringe ich meinen freien Tag heute nur mit euch. Tane muss zwar auch arbeiten, aber er hat dann ab 14 Uhr rum Schluss und da können wir immer noch etwas unternehmen, nur wir drei Männer.“ Plötzlich vibriert Tangaroas Handy. Eine SMS geht ein. Er blickt auf und schaut zum Tresen. Es liegt noch immer dort. Er überlegt und entscheidet sich, lieber nur sitzen zu bleiben.

„Willst du nicht rangehen und nachschauen?“

‚Oh man. So habe ich ihn ja schon lange nicht mehr gesehen. Dabei war er doch die letzten zwei Wochen so fröhlich und motiviert.‘ Tangaroa steht betrübt auf und geht langsam zum Handy. Dann greift er es und schaut nach Tinas SMS.

„Ich bin beruhigt, dass du jetzt nicht alleine sein musst. Wir sehen uns heute Abend, aber ich weiß noch nicht wann ich da bin. Mein Auto muss ich auch noch abholen. Das geht erst nach 18 Uhr.“ Sein Herz schlägt plötzlich wieder schneller, weil es plötzlich wärmer um ihn herum wird. Sie hat für heute Abend zugesagt. Das ist eine große Erleichterung, ein Lichtblick und endlich lockt es ein Schmunzeln aus ihm hervor. Sein Vater vernimmt es wohlwollend und lächelt. ‚Oh, das gefällt mir gleich besser.‘

„Die Nachricht ist wohl von der Füchsin?“, scherzt er etwas. Tangaroa nimmt das Handy mit an den Tisch.

„Ja. Das ist sie.“, seufzt er erleichtert.

„Darf ich fragen was los ist? Worum ging es in eurem Streit?“ Der junge Mann setzt sich wieder hin und greift etwas erleichtert zu seinem Brötchen. Der Appetit ist etwas zurückgekehrt.

„Wenn ich das nur wüsste.“

„Wie jetzt? Du weißt nicht worum es geht?“

„Nein.“, sagt er und beißt in sein Brötchen.

„Wie kann das sein? Die Kleine ist nicht auf den Mund gefallen. Sie sagt doch in der Regel immer gleich, wenn ihr was nicht passt. Warum sollte das bei ihr in einer Beziehung anders sein? Ihr seid doch ein Paar, oder wie soll ich das hier alles deuten?“ Es wird das Brötchenstück heruntergeschluckt.

„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.“ Wieder schaut er betrübt auf den Tisch. „Du verwirrst mich jetzt. Du musst doch wissen was das hier ist.“, lässt Hone seine Hand über den Tisch gleiten und bleibt dann noch mit dem Finger in Richtung Schlafzimmer stehen.

Tangaroa versteht seine Geste, aber richtig darauf antworten kann er auch nicht. „Ich liebe Bettina. Das habe ich doch damals schon. Und dann…stand sie so unerwartet und total verweint vor mir und…wir…haben uns unterhalten und…dann weinte sie sich bei mir aus. Naja…so kam das dann.“

„Du hast sie getröstet? Warum? Was war denn?“ Sein Sohn schweigt kurz.

„Das kann ich nicht sagen. Ein Geheimnis. Sie hatte Kummer, ich war da.“

„Hm…wie lange geht das denn schon mit euch? Lange bist du ja noch nicht hier.“

„Naja…um ehrlich zu sagen…schon seitdem ich da bin. Als ich mich bei Jun gemeldet habe, wegen des Fitnessprogramms.“

„Oh, so lange schon. Das sind bereits mehr als zwei Wochen. Und wie oft seht ihr euch dann?“

„Jeden Tag. Wir kochen abends gemeinsam und dann bleibt sie über Nacht.“ „Jeden Tag? Oha. Wenn ihr euch heute Morgen gestritten habt, was war denn? Also, dass sie nicht mal zu ende frühstückt, das sagt doch nur, dass es etwas sehr Ernstes sein muss.“ Der gestandene Mann beißt von seinem Käsebrötchen ab und wartet gespannt auf eine Antwort.

„Wenn ich das wüsste.“, seufzt der junge Mann wieder.

„Du machst es mir nicht leicht dir zu helfen oder dich zu beraten, wenn du nur halbe Antworten gibst. Es muss ja irgendwas anders gewesen sein, als die anderen Tage. Was war denn anders als sonst?“ Die Antwort dauert etwas, weil der Mund leer gemacht werden muss.

„Es war immer alles gut. Sie war fröhlich und glücklich. Ja, das war an unserem ersten Tag hier nicht der Fall. Also als wir uns wiedergesehen haben. Aber seitdem geht es ihr deutlich besser. Das sagten Müller und Jun nebenbei schon mehrmals.“

„Das klingt doch gut. Den Fotos mit eurem Team zusammen zu urteilen, kann ich das nur bestätigen. Sie lächelt richtig glücklich dabei.

Und was war nun anders?“

„Bettina…hatte gestern…einen Sekundenschlaf. Sie war mit ihrem Auto unterwegs und kam erst nachts traurig zu mir.“, spricht er dann leise und betrübt. Hone verschluckt sich fast an seinem Kaffee und stellt die Tasse entsetzt auf den Tisch. Dann sieht er seinen Sohn überrascht an.

„Wie bitte? Hatte sie etwa deswegen einen Unfall?“, haut er raus.

„Nein, so genau weiß ich auch nicht was passiert ist, nur dass niemand zu Schaden kam. Sie hat wohl noch rechtzeitig bremsen können und es ist nichts passiert.“, erklärt er betrübt.

„Na zum Glück. Also habt ihr heute Nacht darüber geredet? War es das, was anders ist?“

„Nicht wirklich. Sie schrieb zwar, dass sie reden will, aber dann kamen wir nicht dazu. Haute morgen dann war sie schlecht gelaunt.“

„Ihr redet nicht über solche Erlebnisse? Das wird es vermutlich sein, was sie stört. Hat sie dir denn nicht gesagt, was ihr nicht gefällt?“

„Nein, das ist es nicht. Sie wollte doch gar nicht reden. Sie hat es mir nur gesagt und das war es auch schon. Ich sagte dann, sie solle besser aufpassen und dass ihr nichts passieren darf.“

„Hm. Okay. Ich verstehe.

Sag mal, hast du ihr gesagt, dass du sie liebst?“

„Ja, warum?“

„Und liebt sie dich auch?“ Es wird kurz geschwiegen.

„Ich weiß nicht. Sie ist noch unsicher.“, sagt er dann leise.

Hone nutzt eine Serviette und legt sie dann auf den Teller. Dann steht er auf und geht zum bodenlangen Fenster mit der schönen Aussicht auf die Stadt.

„Unsicher? Jemand wie sie ist nicht „unsicher“. Was ist, wenn sie dich nur ausnutzt? Was auch immer ihr macht, was ist, wenn sie es nur ausnutzt, weil es ihr gefällt? Oder schlimmer noch…“ Er dreht sich zu ihm um.

„…weil sie dich ausnutzt, weil du deutlich besser verdienst? Ich denke mal dein Grundgehalt ist höher als ihres.“ Tangaroa macht ein zorniges Gesicht.

„Niemals! Nimm das wieder zurück!“ Er steht wütend auf. Sein Puls beginnt zu rasen.

„Woher willst du das wissen? Keiner kennt sie gut genug, um das wirklich zu wissen. Manche munkeln sogar, dass sie die Prüfungen für die Uni nicht geschafft hätte und nur des Sports wegen dort gewesen sei. Was ist, wenn die Gerüchte stimmen?“

„Das wäre doch idiotisch. Wenn es ihr ums Geld ginge, dann hätte sie gleich ins Tokio-Team gehen können. Aber sie wollte mit Saito spielen, deswegen, war es ihr so wichtig. Egal was Tina tut, ums Geld geht’s ihr nie und du irrst dich…was das Gehalt angeht. Es mag im Grundgehalt stimmen, dazu kommen aber noch ihre Werbeeinnahmen, ihr Merchandising und die Anteile vom Sportcenter. Wenn du das zusammenzählst ist es sicher mindestens das Doppelte von dem, was mir zur Verfügung steht. Also auf einen Mann, der verdient, ist sie überhaupt nicht angewiesen!“, knurrt er ihn an.

„Wenn du dich da mal nicht irrst. Immerhin muss ein frisch saniertes Studio erst mal schwarze Zahlen schreiben. Und wer weiß schon warum sie sich von dem Müller getrennt hat. Die waren immerhin lange zusammen.“

„Blödsinn. Keine Ahnung was mit dem Studium ist, aber die Trennung ging von ihm aus, nicht von ihr. Mehr weiß ich auch nicht. Trotzdem. Es geht ihr nie ums Geld. Dann hätte sie doch auch die Angebote aus dem Ausland annehmen können. Da kamen wohl so einige, nach der Asienmeisterschaft. Sogar aus Italien, die bezahlen wirklich gut, auch den Damen.“

„Ach, da kam mal ein Angebot?“

„Ja.“

„Und warum…hat sie es abgelehnt?“

„Na weil es dort noch schlimmer ist als in…“, beginnt er sich in Rage zu reden, aber dann stoppt er.

‚Verdammt. Jetzt habe ich mich verquatscht.‘ Hone sieht ihn verwundert an.

„Rede ruhig weiter. Was ist dort schlimmer als wo?“ Tangaroa setzt sich wieder auf seinen Stuhl und nimmt ein paar Schlucke Kaffee, bis die Tasse leer ist.

„Vergiss es einfach. Sie hatte ihre Gründe.“, sagt er dann leise und blickt nachdenklich zur Seite.

„Hm…du hast vorhin von einem Geheimnis gesprochen. Geht es darum? Hat dieses Geheimnis auch etwas mit Italien zu tun?“ Sein Sohn sieht ihn überrascht an.

233. Tangaroa und Bettina XVIII oder Die Suche nach der Schuld

Kapitel 233
 

Tangaroa und Bettina XVIII oder Die Suche nach der Schuld
 

„Wie kommst du darauf?“

„Weil du dich eben eindeutig verplappert hast. Sprich dein Satz gern aus. Was auch immer du sagen willst, ich bin doch jemand, dem du voll vertraust, oder nicht? Ich will dir ja nur helfen.

Keine Angst, ich mag die Kleine Füchsin, ich halte viel von ihr und ihrer Leistung und ihrer aufrichtigen Art. Also was auch immer dich bedrückt, oder was dir durch den Kopf geht. Du kannst gerne mit mir reden. Ich werde sicher nicht zur Presse rennen und ihr oder anderen Probleme machen.“ Tangaroa sieht seinen Vater etwas irritiert an.

‚Moment…weiß er etwa was? Das kann doch aber nicht sein. Woher denn auch. Wenn, dann sind sich die beiden mal flüchtig begegnet, in der Schule. Sie erwähnte damals, dass sie bei ihm war, wegen der Rückenverletzung. Er brummte ihr zwei Wochen Pause auf.‘ Hone grinst, geht zur Kochinsel und spült sich eine der Orangen ab. Dann greift er sich das Kleine Holzbrett und ein Obstmesser aus dem Messerblock. Er beginnt sich die Orange zu schälen und die Stücken zu trennen.

„Du weißt es?“, spricht ihn Tangaroa bald darauf an, geht zu ihm an den Tresen und stellt sich vor ihn.

„Was glaubst du denn, was ich weiß?“, kommt als Antwort und schon landet das erste Stückchen in seinem Mund.

„Hm. Deine Andeutung eben.“

„Hm. Die sind wirklich sehr süß.“, meint er begeistert.

„Sagen wir mal so. Sie hat dir scheinbar etwas anvertraut. Wenn es was mit Hamburg zu tun hat, etwas, was vor Japan war, dann könnte ich es eventuell wissen. Aber ich darf das natürlich nicht sagen, Schweigepflicht, du weißt. Also, erzähl du, was du weißt.“

„Hamburg? Wieso weißt du was darüber was vor Japan war?“

„Schweigepflicht.“, zuckt er mit den Schultern.

„Echt jetzt? Oh man. Ich darf das nicht sagen. Sie wird das sicher nicht wollen, dass ausgerechnet du es weißt.“

„Warum? Hat sie was gegen mich?“, schaut er skeptisch und verdrückt das nächste Orangenstückchen.

„Nein, nicht dass ich wüsste, aber…du bist mein Vater. Ist ja dann doof.“ „Hm…sagen wir so. Du hast vermutlich eh schon das gesehen, was ich sehen musste. Und das was am Ende ganz unten etwas anders genäht ist, das war ich. Deswegen damals die zwei Wochen Pause.“

„Die Narbe? Ich verstehe. Du hast sie sicher damals gefragt was es damit auf sich hat und dann hat sie es dir gesagt.“

„Nein, nicht direkt. Sagen wir es mal so. Als ich zufällig mitbekommen habe wo es herkommen könnte, habe ich mit ihrem Vater darüber gesprochen. Er hat mir erlaubt ihren ehemaligen behandelnden Arzt in Deutschland anzurufen, um wirklich alle medizinischen Daten abzuklären und sie richtig zu behandeln. Deswegen weiß ich…wer sie ist. Und keine Angst. Ich habe von ihrer Vergangenheit nichts in ihrer Akte vermerkt.“

„Du hast was? Mit ihrem Arzt gesprochen? Darfst du das denn einfach?“

„Nö, aber ihr Vater hat es mir erlaubt, sagte ich doch eben. Er hat mir seine private Nummer gegeben und ich habe ihn privat angerufen. Ich benötigte wichtige Informationen, damit sie weiter als Profi spielen kann und er war der Einzige, der sie mir liefern konnte.“

„Hm, war es wirklich dieser Doktor Stein? Als Tina mir erzählte wer sie war, habe ich natürlich irgendwann mal geschaut, was ich über ihre alten Freunde finde. Wusstest du, dass sie sogar Europameister ist?“ Hone grinst.

„Das waren starke Spiele. Ja, ich habe mir das später mal alles angesehen. Sie war sehr stark, kein Wunder, dass sie so fit hier ankam. Eine Hochleistungssportlerin, Schwimmen auf hohem Level, dass sie mit Wettkämpfen mithalten könnte, und dann das Fußballspielen mit den Jungs zusammen. Ihr Bruder war genauso talentiert. Dr. Stein war sehr begeistert davon, mit mir zu reden und von ihr zu hören. Leider konnte ich ihm nicht viel von ihr berichten, weil ich ja nur Vertretung machte. Er war sehr beruhigt zu wissen, dass sie hier gut angekommen ist und wieder in den Profisport geht.

Wir stehen übrigens seitdem fachlich immer mal im Kontakt. Er ist ein Genie im Bereich der Sportmedizin und konnte mir für meine Arbeit an der Toho viel Tipps geben. Die Arbeit mit Jugendlichen war für mich ja neu, das war damals der Grund des Wechsels. Ich wollte mit Jugendlichen arbeiten. Nur deswegen nahm ich das spontane Angebot eines alten Studienkollegen an.“ Das nächste Obststückchen wandert in seinem Mund.

„Dad? Was glaubst du? Ob Bettina jemals frei sein kann?“ Hone sieht ihn überrascht an.

„Was meinst du damit, frei sein?“

„Naja, sie sagte, sie hält sich beim Spielen seit ihrer Ankunft immer zurück, damit man nicht erkennt, dass sie Fußballerin war. Sie könnte vermutlich noch viel stärker sein. Sie wird deswegen auch nicht zur Olympiade fahren. Man wollte sie haben, aber die Gefahr dort als „Tino“ erkannt zu werden, auch wegen des Namens, ist ihr zu riskant. Und im japanischen Dorf würde sie Juns Freunden über den Weg lauf, nicht nur ihm oder diesem Keeper, mit denen sie befreundet ist, auch den anderen. Das will sie nicht riskieren, schon gar nicht, weil man ihr den Namen der Tigerin verpasst hat. Sie will weiterhin den Kontakt mit allen vermeiden.“

„Was mit ihrem Bruder passiert ist, das weißt du also auch? Ihr Vater hat es mir dann erzählt.“

„Ja, diese Schweine…vor ihren Augen.“

„Was genau hat sie dir denn erzählt?“ Tangaroa schildert kurz, was Tina ihm erzählt hatte, als sie in der Schwimmhalle waren. Dann lehnt er sich auf die Theke.

„Wenn ich nur daran denke, wenn man das mit uns gemacht hätte.“, macht er Fäuste und ein zorniges Gesicht. Hone nickt, legt eine Hand auf seine Schulter und sieht ihn mitfühlend an.

„Großer, wenn du so genau weißt was passiert ist, dann denk noch mal ganz genau über gestern nach.

Was könntest du falsch gemacht haben? Es muss ihr sehr wichtig gewesen sein, sonst hätte sie doch wenigstens noch zu Ende gegessen.

Was hat sie dir eigentlich vorhin geschrieben, dass du plötzlich wieder etwas lächeln konntest und Appetit bekommen hast?“ Tangaroa nimmt sein Handy in die Hand.

„Dass wir uns heute Abend sehen. Das hat mich beruhigt, denn ich dachte es ist alles vorbei.“

„Darf ich…die Nachricht lesen?“ Tangaroa zögert etwas und dann reicht er seinem Vater doch das Handy rüber.

„Glaubst du, sie hat mir einen Hinweis hinterlassen?“

„Ja, du kannst es nicht wissen, aber…wir haben damals, als sie mich jeden Tag wegen der Verletzung besuchen musste, Shogi gespielt. Sie hat mich ganz schön alt aussehen lassen, als es dann zu Ende war. Bei ihrem Lehrmeister wundert mich das jedoch nicht.

Glaube mir, unsere kurzen Gespräche nebenbei sagten mir viel aus. Sie ist eine Frau, die nie etwas ohne Hintergedanken tut oder sagt. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt dann schon wer sie ist.

Hm. Egel bist du ihr ja scheinbar noch nicht. Sie hat dich vor mir warnen wollen und rief zweimal an. Dann die SMS, dass ich komme. Und ihre Nachricht dazu, dass ich sie erkannt habe. Das ist wichtig gewesen, richtig?“

„Naja. War schon gut. So wusste ich gleich, dass ich nicht lange drum rumreden brauche.“

„Was ist denn dabei, wenn ihr zusammenseid? Ihr seid beide Singles, das Alter passt diesmal auch. Wo wäre das Problem?“

„Naja, da sie uns ins Programm aufgenommen hat, sieht das ja jetzt doof aus. Und Jun hat es gestern wohl mitbekommen und mit ihr gemeckert.

Klar, es gibt Leute, die das falsch verstehen könnten.“

„Ach, es weiß doch keiner wann ihr euch das erste Mal gesehen habt. Das sind zwei Wochen her, natürlich kann man sich durch die Arbeit näher kennenlernen und dass ihr euch von der Schule noch kanntet, das weiß doch jeder, wenn er eure Biografie ansieht.

Ich denke eher, jetzt sollte es egal sein. Deine Mutter und ich haben uns doch auch durch die Arbeit kennengelernt, ist doch hier in Japan zu 80% aller Paare so. Freizeit gibt es kaum, also kommen so die meisten Beziehungen zustande. Nur der Rest datet außerhalb oder halt die, die schüchtern sind über diese Treffen. Aber…schau hier: Ein Hinweis.“, zeigt er dann auf die Nachrichten.

„Ich muss reden.“

„Ich höre dir immer gerne zu.“

„Bin noch was essen und komme dann.“

„Du bist aber spät was essen.“

„Passiert manchmal. Bis gleich. X.“

„<3 <3 <3“

„Sie hat geschrieben, dass sie reden muss, nicht nur, dass sie reden will.

Habt ihr denn geredet, über den Sekundenschlaf?“

„Ja, ein wenig. Tina war etwas durcheinander und machte sich Vorwürfe, dass sie hätte jemanden verletzen können. Das ist doch aber normal, das würde ich auch. Sie meinte, sie oder sogar der LKW-Fahrer hätten dabei auch sterben können und sie habe nur Glück gehabt. So habe ich das verstanden.“

„Okay. Dann ist ja gut. Also habt ihr geredet.

Dann geh in Ruhe einfach mal die restliche Zeit miteinander durch und überlege genau was diesmal anders war als sonst.

So ein Ereignis kann für traumatisierte Menschen sehr verstörend sein. Immerhin hat sie nicht nur ihren Bruder auf brutale Art verloren, sondern ihre Eltern auch durch einen Autounfall. Kommt dann eine solche Erfahrung dazu, kann es viel ändern. Es weckt ein neues Bewusstsein für das weitere Leben. Es ist zwar nichts passiert, aber wie du schon sagst, es hätte etwas Schlimmes passieren können und das ist sie sich natürlich bewusst.

So wie ich Frau Fuchs von früher kenne und wie sie sich in der Öffentlichkeit gibt, sieht sie ihre Aufgabe als Sportlerin immer im Hinblick auf Verantwortung. Verantwortung gegenüber sich, Familie, Freunde und der Jugend. Deswegen auch dieses Sportprogramm, welches dazu führen soll, dass weniger Verletzungen und Gesundheitsprobleme im Leistungssport entstehen.

Vielleicht hat sie etwas anderes von dir erwartet, als sie sich entschied herzukommen.

Wo war sie denn überhaupt so lange? Wann ist das mit dem Sekundenschlaf passiert?“

„Sie war bei Freunden eingeladen und danach muss das wohl passiert sein.“ Hone wundert sich.

„Wie danach? Das weißt du nicht?“

„Sie hat weiter nichts gesagt, nur, dass es passiert war, mehr nicht. Aber da sie zum Abendessen eingeladen war, kann es nur danach gewesen sein.“

„Und wo ist das passiert?“

„Keine Ahnung. Darüber haben wir nicht geredet.“

„Hm. Nun gut. Das hört sich eher an, als hättet ihr doch nicht darüber gesprochen.“, seufzt Hone leise und geht am Tresen vorbei.

„Solche Dinge fragt man nach. Nur wenn man über die Ereignisse, die einen beschäftigen redet, kann man auch darüber hinwegkommen. Wenn ihr euch also heute Abend wieder seht, rede mit ihr, statt das zu machen, was ihr vermutlich sonst tut.“

„Das war nun schon meine Idee. Aber ich denke nicht, dass es das war, was sie gestört hat, dann hätte sie es gesagt oder weiter versucht mit mir zu reden.“
 

„Hat sie eigentlich mal gesagt, was sie für dich empfindet? Liebt sie dich auch?“ Tangaroa schaut ihn betrübt an.

„Ich…weiß nicht. Sie wollte es…erstmal nur versuchen. Eine Art letzter Versuch.“

„Wie letzter Versuch? Was für ein Versuch?“ Der junge Mann setzt sich wieder an den Tisch und füllt sich einen zweiten Kaffee ein.

„Willst du auch noch einen?“ Hone nickt.

„Naja, ein letzter Versuch eine feste Beziehung zu wagen. Deswegen sehen wir uns ja auch jeden Tag.“ Tangaroa stellt die leere Kanne auf eine Serviette.

„Jeden Tag? Seit wann geht das denn jetzt schon?“

‚Sie will versuchen eine feste Beziehung zu führen? Das klingt aber gar nicht gut.‘

„Seit unserer ersten Begegnung im Studio. So zwei Wochen etwa.“

„Ach, jeden Abend kommt sie hier her zu dir? Wart ihr auch mal bei ihr?“

„Nein, bisher nicht.“

„Und geht ihr auch mal aus, oder seht ihr euch nur hier?“

„Ausgehen ist schwer. Aber du hast Recht, nach der Zeit könnten wir es doch mal tun. Dann sind wir eben offiziell in der Kennlernphase. Vielleicht lockert es dann alles etwas auf. Vor allem jetzt nach dieser Sache gestern.“, lächelt Tangaroa.

„Das wäre ein Anfang. Frag sie mal, ob es eine Möglichkeit zum Ausgehen für sie gibt, die nicht gleich so auffällt. Immerhin seid ihr euch von damals bekannt und nun geschäftlich verbunden.“

„Wenn das alles so einfach wäre.“

„Es ist so einfach. Ihr müsst es nur tun. Wenn sie mit dir eine ernsthafte Beziehung eingehen will und es auch willst, dann solltet ihr langsam auch damit anfangen es wie eine Beziehung zu sehen und euch nicht nur hier oben in der Wohnung verstecken. Lasst die Medien doch denken was sie wollen, dabei ist gar nichts verwerflich.

Ihr seid jung, ihr habt jetzt das richtige Alter, seid beide erfolgreiche Sportler und seid euch nach Jahren endlich wieder begegnet. Klingt doch total romantisch, wie in einem kitschigen Liebesroman. Solche Geschichten lieben die Fans.“ Er pausiert kurz und nippt an seinem Kaffee.

„Es ist so einfach, Tangaroa. Weißt du was die Medien geschrieben haben, als ihre Beziehung zu diesem Herrn Müller rauskam? Das kann euch doch gar nicht passieren. Und sie ist medientauglich und nicht auf den Mund gefallen. Egal was die schreiben, sie wird euch da schon rausholen. Aber da wird nicht viel kommen. Es gibt überhaupt nichts wovor ihr euch schämen oder verstecken müsst. Das muss euch beiden bewusstwerden.“ Sohnemann seufzt und schaut nur auf seinen Teller.

„Ich weiß nicht. Meinst du wirklich, dass Jun mit seiner Angst um seinen Ruf Unrecht hat?“

„Sein Ruf? Natürlich. Er übertreibt. Er fürchtet um seine Glaubwürdigkeit, nur weil ihr ein Paar seid und gleichzeitig bist du Kunde? Unsinn sowas. Da merkt man nur, dass er viel zu jung und unerfahren ist, als solche Tragweiten zu begreifen. Es mag zuerst seltsam wirken, aber da es noch niemand weiß und schon so viel Zeit vergangen ist, ist es doch jetzt egal.“ Er steht auf.

„So. Ich werde mal in dein Bad gehen und du nutzt die Zeit, alleine darüber nachzudenken, wie du dir eine richtige Zukunft mit ihr vorstellst. Träume ein wenig vor dich hin und dann erzählst du es mir, deine Vorstellung mit ihr zu leben.“

„Okay. Möchtest du noch etwas essen?“

„Nein, ich bin satt. Danke sehr.“ Mit diesen Worten verschwindet der Arzt im Bad und Tangaroa vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Die Ellenbogen auf dem Tisch.

‚Ein Leben mit dir, schöne Bettina? Wie könnte das sein?‘

Er versucht sich einen Alltag vorzustellen und bleibt irgendwie ständig nur hier in der Wohnung hängen. Ihr liebevolles Lächeln erscheint und ihre zarten Hände, wie sie ihn berühren. Wie in einem Traum streichelt sie ihn am Kopf und am Ohr, sie küssen sich und schmiegen sich aneinander. Und dann…bleibt nur der Rest…alles das, was in der Regel danach passiert. Diese starken und intensiven Gefühle, die er mit ihr erfährt, nur bei ihr. Sie ist doch nicht seine erste Freundin, aber es fühlt sich alles so besonders an, aber ein Leben außerhalb der Wohnung, ein gemeinsames Einkaufen, ein Spaziergang, ein Urlaub oder womöglich das Bringen von ihren Kindern zum Kindergarten oder der Besuch bei ihrer Familie oder bei seiner Familie. Eine Hochzeit? Nein, nur zarte Worte, nur liebliche und erotische Gespräche, nur ihr schönes Antlitz und ihr schönes Lächeln bleiben erhalten. Etwas Neues, nein, das kommt nicht. Es erscheinen nur erlebte genussvolle Momente, wenn sie allein hier in der Wohnung sind. Wenn seine Gedanken außerhalb sind, dann stehen sie am Strand, küssen sich und genießen einander. Auch ein Urlaub versucht er sich vorzustellen und da wäre es ihm völlig egal wo das ist, denn Hauptsache er kann sie in die Arme nehmen, seine liebliche, schöne Bettina.

Und wenn er sich hinreißen lässt an die unglaublichen Genüsse zu denken, wenn er sie in seinen starken Armen hält, sie küsst, ihr Zittern spürt und ihr starkes Atmen genießt, um sich mit ihr zusammen in unendlichen Ekstasen wiederzufinden, dann erscheint ihr keuchendes Gesicht, ihre glänzenden Augen und ihr Lächeln. So wie letzte Nacht. Diese Anspannung, als sie plötzlich doch noch bei ihm war und er sich nicht zurückhalten konnte. Ihre Schönheit, ihr betörender Duft und nur der Gedanke an die starken Gefühle, wenn er sie um sich herum spüren kann, ja. Nur das ist es was er denkt…das will er nicht, nein. Das soll doch gar nicht alles sein. Er kann doch, wenn er an sie denkt, nicht nur ihre intimen Erlebnisse sehen? Etwas von sich selbst überrascht öffnet er die Augen wieder und öffnet seine Hände, betrachtet sie.

‚Bettina, meine Schöne…warum…denke ich nur an Sex, wenn ich an dich denke? Was ist das? Warum nur? Ich…liebe dich doch, ich…habe dich doch immer so gerne bei mir haben wollen und habe mir unzählige Male eine Zukunft mit dir vorgestellt, aber jetzt? Nichts…gar nichts außer das?

Warum? Bist du denn überhaupt glücklich bei mir?‘ In dem Moment als er sich diese Frage ernsthaft stellt, kommt ihm ein Gesichtsausdruck von ihr in den Sinn, ein Ausdruck der Enttäuschung. Derselbe Gesichtsausdruck wie heute Morgen, nur etwas anders. Sie liegt in seiner Erinnerung auf dem Tisch, ja, gleich nach ihrer Begrüßung, denn die war recht kurz. Er kann sie um sich spüren, so extrem intensiv, dass es ihm fast benebelt und dann…spricht sie ihn an. Aber was…hatte sie gesagt? Sie hat ihn zweimal angesprochen und er weiß nicht mehr was es war? NEIN, wie konnte das sein? Wütend schlägt er plötzlich auf den Tisch. Das Geschirr klappert etwas und ein dumpfes Geräusch, gepaart mit Keramikklappern, zieht sich durch die Wohnung.

„Verdammt nochmal.“, spricht er laut aus. Die Situation fällt ihm endlich wieder ein. Wie konnte er nur so rücksichtslos sein? Warum hat er ihre Worte nicht gehört, oder hat er sie bewusst ignoriert? Was war in diesem Moment mit ihm los? Er hat ihre Signale doch immer bemerkt und ist entsprechend darauf eingegangen. Genauso, wie sie es gleich zu Beginn abgesprochen hatten.

Kurz darauf kommt sein Vater aus dem Bad.

„Alles okay? Warst du das eben?“

„Mir ist es eingefallen…mein Fehler.“, schluchzt er leise und vergräbt sich wieder hinter seinen Händen. Sein Puls ist deutlich angestiegen.

„Okay. Wie kommt es? Jetzt plötzlich?“ Eine Antwort erhält er nicht. Hone geht zu ihm und legt seine Hand auf seine Schulter.

„Was auch immer es war, war es wirklich DEIN Fehler oder habt ihr beide einen Fehler gemacht?“ Es folgt ein Kopfschütteln.

„Sie…trifft keine Schuld. Ich…ich glaube…ich habe…ihr wehgetan.“, sind ganz leise Worte zu hören.

‚Er hat ihr wehgetan? Sohn, was ist denn nur passiert? Du würdest doch nie jemanden weh tun. Du bist doch viel zu sanftmütig und nimmst immer Rücksicht auf alle um dich herum. Oft viel zu viel Rücksicht.‘

„Bist du sicher?“

„Vermutlich, ja. Kannst du…mich jetzt alleine lassen? Ich muss nachdenken.“ „Natürlich. Wichtig ist, dass du es jetzt weißt. Dann kannst du dir überlegen wie du dich bei ihr entschuldigst.

Was immer war, Großer…du musst immer an unseren Leitspruch denken. Dieser betrifft vor allem auch die Frauen.“ Er legt seine Hand nun auf sein linkes Schulterblatt. Gena an dieser Stelle hat Tangaroa nach seiner Ankunft im Dorf ein neues Tattoo bekommen. Es hat eine große Bedeutung für ihn.

„Denk daran, wenn du mit einer Frau zusammen bist, vor allem, wenn ihr intim seid. Du hast schon sehr oft bewiesen, dass du es kannst. Es ist deine Lebenseinstellung, das weiß ich genau, das weiß auch das Dorf. Deswegen denk immer an deine wichtigste Aufgabe im Leben.

Wenn ihr heute Abend wieder zusammen seid. Redet, aber nur reden, Großer, nimm sie nur in die Arme, aber nichts anderes.“

„Gehst du bitte?“

„Laut ihrer letzten Nachricht war ihr scheinbar wichtig, dass WIR reden. Das haben wir jetzt getan. So schlimm kann es nicht gewesen sein, wenn sie dir eine Chance lässt, selbst zur Erkenntnis zu gelangen.“ Hone geht zur Tür und greift nach seinem Mantel.

„Ruf mich an, wenn du für unseren Ausflug bereit bist. Es wird dich auf andere Gedanken bringen. Ich bleibe vorerst in der Nähe und erledige ein paar andere Dinge.“

Kaum hat er die Wohnung verlassen, steigt Tangaroas Puls weiter enorm an. Er hat das Gefühl sich selbst nicht wiederzuerkennen. Wie konnte er ihre Signale und sogar ihre Worte ignorieren? Sie hat sich in ihrer seltsamen Situation gewehrt und er hat es ignoriert und falsch gedeutet. Wie konnte das nur geschehen?

Bei dem Gedanken daran, dass er sie gegen ihren Willen an den Beinen festgehalten hat und in diesem Moment nur an seine eigenen Bedürfnisse gedacht hat, wird ihm schwindelig. Er steht auf und legt sich ins Bett, auf den Rücken und schaut zur Decke.

„Was habe ich nur getan?“, haucht er verzweifelt aus. Er hält seine Hände in die Luft und betrachtet sie.

„Verantwortung…große starke Männer…tragen viel Verantwortung. Verantwortung Schwächeren gegenüber.“

‚Dad, das hast du uns immer gesagt. Wir haben uns auch immer darangehalten. Wie konnte ich nur?

Arme liebste Bettina, jetzt wo ich darüber nachdenke. Du hast dich vermutlich schrecklich gefühlt, als ich dich einfach festhielt. Und du hast es mir noch gesagt, dass ich dich loslassen soll.

Was genau hat dich so derart gestört? Ich halte dich doch öfters mal etwas fest, aber diesmal hat dich was gestört. Ich habe sicher zu doll gedrückt.

Ich kann mich nicht erinnern, verdammt. Du hast noch irgendwas gesagt, nicht nur, dass ich dich loslassen soll.‘ Verzweifelt legt er die Arme neben sich und seufzt wieder.

‚Was hast du gesagt?‘ Er schließt die Augen und stellt sich die Situation von der Nacht vor.
 

Währenddessen blickt eine junge Frau auf die vielen Kerzen, die vor ihr auf einem Treppchen und in Kerzenständern stehen. Kleine Teelichter, die brennen und einige sind bereits ausgegangen und andere noch gar nicht angezündet. Sie greift zum Streichholz und sucht sich einen Ort aus, wo vier Kerzen wie ein Grüppchen zusammenstehen. Sie lächelt, während sie die Kerzen anzündet.

‚Stephan, Henry, Mama, Papa. Beinahe…wäre ich wieder bei euch gewesen. Nein, das ist zu früh, ihr würdet mit mir schimpfen, ganz sicher.‘ Mit diesen Gedanken geht sie etwas zurück und setzt sich auf eine der Bänke. Ihr Blick ist auf das Kruzifix über den Kerzen gerichtet. Ihre Arme verschränkt.

‚Wie konnte ich nur so dumm sein und auf die dämliche Idee kommen in meiner Verfassung eine so lange Strecke zu fahren? Da draußen, wo keine Lichter sind und keine Ampeln, die einen immer mal wieder wachhalten?‘ Es vergehen etwa zehn Minuten und dann kommt der Pfarrer zu den Kerzen, tauscht die abgebrannten gegen neue aus und begrüßt sie freundlich.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen Herr Pfarrer. Haben Sie Zeit? Ein kleines Gespräch wäre nett.“ Er ist erstaunt und lächelt sie natürlich an.

„Sehr gerne. Lassen Sie uns in den Beichtstuhl gehen. Dort sind wir ungestört.“ Tina sagt weiter nichts, nickt nur freundlich und folgt ihm.

234. Tangaroa und Bettina XIX oder Einseitige Liebe

<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

188. Kapitel Einsame Seelen U18

Kapitel 188
 

Einsame Seelen? U18
 

Endlich richtet er sich entschlossen auf und geht zur Tür. Als er den Flur betritt, entdeckt er sie zuerst nicht und geht in den großen offenen Wohnbereich. Die hübsche Frau steht mit ihrem Weinglas an der großen Fensterfront und schaut in die bunt beleuchtete Nacht. Er geht auf sie zu, legt seine Tasche wieder auf den Tisch und stellt sich hinter sie. Es ist nur eine kleine Stehlampe weiter hinten im Raum an, damit man das Panorama besonders gut sehen kann. Karl-Heinz staunt nicht schlecht. So eine beeindruckende Aussicht ist es von hier oben.

„Es ist wirklich beeindruckend. Hast du dir diese Wohnung der Aussicht wegen genommen?“, spricht er liebevoll. Sie sagt nichts und nimmt nur erneut einen Schluck. Er wundert sich und versucht einen zweiten Anlauf. Immerhin muss er doch erfahren, ob er aus ihrer Sicht bleiben soll oder nicht.

„Wenn ich dich vorhin mit meiner seltsamen Art verschreckt haben sollte, dann sag es ruhig. Ich dachte nur, du willst vielleicht wissen worauf du dich einlassen würdest, bevor du dich entscheidest.“ Er stellt sich nun neben sie ans Fenster, verschränkt die Arme und schaut wie bei einer Herausforderung raus in Richtung Vulkan.

„Ich weiß ja nicht was du überhaupt magst. Eine kleine Kostprobe kann nicht schaden, dachte ich. So wie bei einem Wein.“, erklärt er ruhig, aber mit etwas festerer Stimme. Es ist noch einen Moment still.

‚Dieser Mann ist wirklich seltsam. Eine Kostprobe nennt er das? Das war doch keine Kostprobe mehr. Es fühlte sich an wie ein ganzes Vorspiel. Ob er bereits bemerkt hat, dass es mir gefiel? Jetzt fällt es mir schwer überhaupt neben ihm zu stehen und darauf zu verzichten ihm in die Augen zu sehen. Wenn das eine kleine Kostprobe war, was kommt denn danach? Mir war jetzt schon heiß und es kribbelte überall. Wenn es nach mir geht, hätte er nicht aufhören brauchen.‘

„Nun gut, jetzt werde ich mal da hingehen wo du eben warst und danach kann ich dir antworten. Am besten du genießt in der Zwischenzeit die Aussicht. Immerhin bist du hier in der größten Stadt der Welt.“ Dann nimmt sie die letzten Schlucke, dreht sich um, stellt das Glas auf den Tresen und geht ins Bad. Sie sieht ihn nicht an. Als sie vor der Scheibe an ihm vorbei geht, kann er ihre Aufregung spüren. Sie ist vermutlich sehr aufgeregt und er hat sie vorhin mit Sicherheit etwas durcheinandergebracht. Aber genau das war ja auch seine Absicht mit dem Kuss. Wenn er es geschafft hat sie durcheinander zu bringen und sie ihn nicht gleich vor die Tür setzt, kann das nur ein gutes Zeichen sein. Ein NEIN kann es also nicht mehr werden. Er geht zum Kühlschrank, um sich ein weiteres Glas Wasser zu gönnen. Als er ihn öffnet und die vielen gesunden Lebensmittel sieht, kommt ihm der Anblick sehr bekannt vor. Typisch Profisportlerin. Warum sollte es bei ihr anders aussehen, als bei ihm? Dann greift er zur Wasserflasche in der Tür und bemerkt die Weinflasche, welche nicht mal mehr zu einem Viertel voll ist.

‚Nanu, war das etwa nicht das zweite Glas? Also wenn bei 750 Milliliter nicht mal mehr ein Viertel drin ist, muss sie doch mindestens drei ganze Gläser getrunken haben.‘ Karl schließt den Kühlschrank wieder und holt sich sein Glas vom Esstisch und schenkt sich ein. Sein Blick schweift durch das große Zimmer. Dann geht er zu einer beleuchteten Glasvitrine, welche in der Wand eingebaut ist wie ein Einbauschrank. Darin ist ein Shogi-brett aufgebaut und es scheint ein angefangenes Spiel zu sein. Er genießt das Wasser und schmunzelt. Wer mag nur das Spiel spielen? Mit wem spielt sie und stellt es dann wieder hier rein? Es scheint von beiden Seiten eine sehr angriffsreiche Partie zu sein. Ähnlich wie das atemberaubende Volleyballspiel zwischen Tina und Akanes Uni-Team.

Er vernimmt die Toilettenspülung und entscheidet sich wieder zum Fenster zu gehen. Auf dem Weg dorthin stellt er sein leeres Glas auf den Tresen und die Flasche wieder in den Kühlschrank. Es dauert nicht lange da geht die Badtür auf und Akane geht langsam auf ihn zu. Er kann sie etwas im Spiegelbild durchs Fenster sehen. Ihre Bewegungen lässt seinen Puls ansteigen und sein aufrichtiger selbstsicherer Stand fällt ihr ebenso positiv auf. Er hat die Arme wieder verschränkt und hält etwa einen Meter Abstand zur Scheibe.

‚Wie stolz er dasteht, so aufrichtig und selbstsicher. Wie ein gewöhnlicher Student kommt er mir gar nicht vor. Eins ist klar, es wird nicht sein Studium sein, dass ihm aktuell dazu bringt eine so weite teure Reise zu machen und derart hochwertige Kleidung zu tragen. Ihm scheint es finanziell nicht schlecht zu gehen und trotzdem hat es den Anschein, dass er mit den Dingen, die ihn umgeben sorgsam umgeht. Wie er vorhin seine Strickjacke abgelegt hat und auch jetzt liegt seine edle Herrentasche so sorgfältig auf dem Tisch. Auch das Glas stellte er vorhin vorsichtig und nicht selbsterklärend auf den Tisch. Da habe ich schon ganz anderen Besuch gehabt. Ich mag es nicht, wenn Leute ihre Umgebung nicht respektieren. Schmarotzer und selbstgefällige Menschen kann ich gar nicht leiden. Und Menschen die die Arbeit anderer nicht zu würdigen wissen, mag ich auch nicht. Aber dieser deutsche Mann hier, er scheint entweder haben zu können was er will, oder er weiß genau wie viel Arbeit in jedem Ding steckt, was ihm umgibt. Auch Türen kann er sorgsam öffnen und schließen, viele finden die Klinke nicht oder grabschen gleich meine Scheibe an, wenn sie die Aussicht genießen. Er nicht, er hält so viel Abstand zu ihr, dass er keine Spuren hinterlassen kann.‘ Dann bleibt sie hinter ihm stehen und ihr Herz fängt wieder etwas an zu rasen.

‚Was für eine Ausstrahlung er hat und das nur von hinten. Jetzt durch den Abdruck seines Rückens erkennt man doch, dass er ein muskulöser Typ ist, weniger durchschnittlich. Ein starker Mann, der vermutlich machen könnte mit mir was er wöllte, wenn er es denn wollen würde. Ich will wissen wie das ist, wie fühlt es sich an in den Armen eines starken Mannes, der so derart gut küssen kann und so zärtlich ist?

Was meinte Tina, als sie mir versuchte zu erklären was sie plötzlich für Hyuga empfindet? Sie könne sich das erste Mal voll und ganz hingeben und alles Schlimme vergeht? Auch im Alltag seien die Gedanken weg. Sie sehe nur das Schöne was war. Was kann sie damit meinen? Ich will auch wissen wie das geht und wie es sich anfühlt. Vor allem will ich vergessen können.‘ Sie blickt ihn durch die Scheibe an. Ihre Blicke treffen sich auf diese Weise. Sie lächelt kurz.

„Wenn du willst, kannst du gerne bleiben.“, sagt sie trocken und angespannt. Karl atmet tief durch und dreht sich dann zu ihr um und lächelt sie an. Sie stehen sich etwa einen Meter voneinander gegenüber und sie schaut zu ihm auf. So viel kleiner ist sie nicht. Für eine Japanerin ist sie größer als der Durchschnitt und passt dadurch natürlich perfekt ins Volleyballteam. Sie ist größer als ihre blonde Rivalin. Sein Puls steigt enorm an und er malt sich bereits aus wie es mit ihnen weitergehen könnte.

„Schöne Frau, ich fühle mich geehrt bei dir sein zu können.“, spricht er charmant, berührt ihre Wange, sieht ihr tief in die Augen und beugt sich ihr entgegen, um sie zu küssen. Kaum hat er ihre Lippen berührt, öffnet sie plötzlich ihren Morgenmantel und lässt ihn herunterfallen. Er ist etwas irritiert, als sie so unerwartet komplett nackt vor ihm steht. Er unterbricht und blickt sie überrascht an.

„Ist es das was du willst? Nur eine schnelle unromantische Nummer?“, klingt er höflich und skeptisch zugleich. Fragend wird er angesehen. Ihr wird plötzlich ganz heiß und es huschen ein paar Tränen über ihr Gesicht. Sie schüttelt den Kopf.

„Es tut mir leid. Ich dachte…es gefällt dir. So ähnlich…wie deine Kostprobe.“ „Wirklich? War meine Kostprobe so gut, dass du mir stattdessen gleich das ganze Buffet eröffnest bzw. den Hauptgang servierst?“, grinst er, wischt ihr sanft die Tränen aus dem Gesicht und weicht ihrem Blick dann aus, geht hinter sie und bückt sich. Er hebt den Morgenmantel auf.

‚Wieso macht sie das? Das bringt mich ganz aus dem Konzept.‘

„Ich weiß ja nicht wie das so zwischen Frauen abläuft, oder hier in Japan üblich ist, aber ich für meinen Teil, lasse mich überraschen und packe ein Geschenk gerne aus. Das erhöht die Spannung oder wolltest du, dass ich gleich nackt aus dem Bad komme?“ Plötzlich muss sie selbst etwas kichern.

„Tut mir leid. Es ist eindeutig zu lange her und ich war zu jung dafür. Ich dachte…es gehört dazu.“ Karl berührt ihren linken Arm ganz vorsichtig und streift ihr den Ärmel über. Dann fährt er mit dem Seidenstoff über ihren Rücken und deutet an den anderen Arm ebenso in den Mantel fahren lassen zu wollen. „Was meinst du? Wozu sollte es gehören?“, fragt er, stellt sich wieder vor sie, nimmt den Stoff und schlägt ihn sorgsam übereinander. Dann nutzt er den zarten Gürtel und macht eine Schleife. Er bemüht sich sehr, trotz seiner Neugier ihren nackten Körper nicht zu sehr zu betrachten. Leicht fällt es ihm nicht, da sie ihm sehr schön und ansprechend erscheint.

„Na dazu sich einem Mann…hinzugeben. So hat es eine Freundin gesagt. Ich habe mir heute extra noch Rat bei ihr geholt.“, erklärt sie. Er stutzt.

„Ist es denn das was du heute willst? Dich mir hingeben? Was genau hat sie denn gesagt?“

„Sie sagte, um sich einem Mann hingeben zu können, muss man alles bei ihm fallen lassen können. Und sie muss es ja wissen, immerhin ging es ihr früher auch ein wenig wie mir. Aber jetzt kann sie das.“

‚Sie hat sich vorher Rat geholt?‘

„Vertraust du dieser Freundin? Vertraust du ihr und ihrem Rat?“ Sie nickt und mit etwas feuchten Augen antwortet sie voller Überzeugung.

„Ja, vollkommen. Ihr Rat war immer richtig und ich kann ihr blind vertrauen. Ich liebe sie wie eine Schwester, denn auch unsere Familie hat ihr sehr viel zu verdanken.“ Karl-Heinz ist selbst etwas erstaunt. Es klingt, als würde sie von Tina sprechen. Wie kann es sein, dass sich Rivalen so persönlich wichtig sind?

„Ich weiß was sie damit meint. Ich werde versuchen es dir zu erklären.

Vertraust du mir? Dann schließe die Augen.“, spricht er bestimmend. Sie tut was er sagt und steht erwartungsvoll vor ihm. Dann berührt er ihre Arme und streicht zärtlich hinauf zu ihrem Kopf und hält diesen sanft an den Seiten fest.

„Sie meinte damit, dass du deinen Kopf von allem frei machen sollst. Wenn du alles andere oder allen Kummer vergessen kannst, dann ist es der richtige Moment bzw. ist es das was du fallen lässt. Erst dann, dann kann man hingebungsvoll sein.“, erklärt er kurz und küsst sie wie zuvor. Er spürt ihre zittrige Reaktion und dann berührt sie seine Arme und greift bestimmend zu. Es fühlt sich an, als würde sie sich an ihm festhalten.

‚Karl-Heinz, was redest du denn da nur? Wie kannst du ihr denn etwas erklären, was du selbst noch nie gefühlt hast? Du hast es immer wieder versucht, aber nie war es wirklich so wie man es sich vorstellt.‘

‚Was ist das nur wieder, Fremder? Wie kann es sein, dass ich derart erregt auf dich reagiere? Ich weiß doch was sie meint. Ich bin doch schon dabei alles um mich herum zu vergessen, das ist ja das Erstaunliche, dass es so schnell geht. Aber es klingt interessant wie du es versuchst mir zu beschreiben.‘ Karl stutzt plötzlich innerlich, als er bemerkt wie sie anfängt, ihn hastig zu erwidern und ihre Zungen miteinander spielen. Aus sinnlichen zärtlichen Küssen werden schnell verlangende Küsse und er bemerkt sehr wohl, wie sie versucht sich an ihn zu schmiegen. Ihr erregter Busen ist sehr deutlich zu spüren und ehe er sich versieht, gleiten ihre zarten Hände zu seinem Rücken hinauf und ertasten diesen neugierig.

‚Oha, jetzt gibt sie aber ein gutes Tempo vor. Nun gut, dann soll es wohl so sein. Ich war mir nur nicht sicher, wie schnell es laufen wird. Aber es war zu vermuten, wenn es dir gefallen würde, dass du wie im Spiel eine leidenschaftliche Angreiferin bist. Wie angenehm sich deine zarten Hände anfühlen. Und dein Duft deiner Haare ist sehr anregend. Was ist das für ein Duft?‘ Seine Hände greifen nun zärtlich aber neugierig in ihre langen schönen lockigen Haare. Sie fühlen sich in seinen starken Händen so angenehm weich an, dass er sie ungern wieder loslassen würde. Somit beschließt er nur mit einer Hand ihren Nacken hinab bis zu ihrem Rücken zu fahren und sie dann sanft an sich zu drücken, damit er sie deutlicher spüren kann. Sie öffnet die Augen in diesem Moment und beide sehen sich an.

‚Wie schön ihre Augen sind. Dieser Blick fesselt mich richtig. Ich habe noch nie in so schöne graue Augen gesehen. Es fühlt sich anders an als sonst, so besonders. Zum Ausweichen ist es jetzt zu spät. Ich habe es vorhin schon bemerkt, dass ich ihr nicht ausweichen kann, wenn wir uns näherkommen.‘

‚Wer bist du nur, dass du mich so verrückt nach dir machst? Deine warmen großen Hände sind so stark und zärtlich. Und deine Augen, wahnsinnig geheimnisvoll und so klar, so ehrlich. Ich habe das Gefühl mich gerade zu verlieren.‘ Plötzlich stutzt sie und unterbricht den Kuss. Er wundert sich und hält sie einfach nur fest. ‚Sie fühlt sich so angenehm an. Dieser seidene Stoff auf ihrer zarten Haut rutsch immer wieder etwas hin und her. Das macht es besonders spannend.‘

„Lass uns nach nebenan gehen. Ich…ich will…ich will dich fühlen…aber nicht hier.“ Sein Herz schlägt bis an die Decke und er lächelt kurz.

„Okay. Wo?“ Sie zeigt mit den Augen zur Tür gegenüber vom Flur, also auf die andere Seite des großen Wohnzimmers. Er schaut in die Richtung und entdeckt nur eine einzelne Tür, welche eine Schiebetür zu sein scheint. Sie lässt ihn los, streift jedoch langsam und forschend von seinem Rücken aus über seine Oberarme zum Brustkorb und fasst dann weiter oben an seinen Schultern an. Sie sieht ihm ernst in die Augen.

„Und noch etwas. Denk nicht so viel darüber nach, was ich vorhin gesagt habe, also das wegen der Männer. Tu einfach genau das was du vorhattest, als du beschlossen hast meine Einladung anzunehmen. Behandle mich wie jede andere Frau, die du jemals berührt hast. Ich bin kein rohes Ei.

Ich habe dich aus zwei Gründen eingeladen. Einerseits, damit du mir zeigst, warum ich plötzlich so verrückt nach dir bin und wie die Liebe mit einem Mann sein kann, was also anders ist und andererseits, damit du dich ablenken kannst und ich dich tröste. Dann tun wir das ab jetzt, okay? Du lenkst mich von meinem Kummer ab und ich tröste dich und ich lenke dich von deinem Kummer ab und du tröstest mich. Wollen wir es so versuchen?“ Er ist erstaunt. Ihm wird plötzlich klar, dass er hier doch wie vermutet eine erfahrene Frau vor sich hat, die bereits genau weiß was sie will und eher einfach gestrickt ist. Sie weiß was sie will, sagt was sie will und zieht das durch. So hat sie auch gespielt.

„Deswegen bin ich hier, stimmt. Ich war neugierig was du damit meintest.“, erklärt er ruhig und sachlich, lässt sie langsam los und stellt sich dann gerade hin, greift vorsichtig an seine Gürtelschnalle und öffnet diese. Sie ist etwas verdutzt. Was hat das denn zu bedeuten?

„Als ich dir in diesem Flur begegnet bin, habe ich noch gedacht. Wie schade, so eine schöne Frau werde ich vermutlich nie wieder sehen. Ich werde niemals die Chance haben sie kennenzulernen, und wieder nach Hause muss ich so oder so irgendwann.“, beginnt er zu erzählen, um die Stimmung romantischer und etwas persönlicher zu gestalten und die Zeit zu dehnen. Er zieht inzwischen langsam und vorsichtig seinen Gürtel aus der Hose und rollt diesen dann sorgsam zusammen.

„Ich hatte wirklich ein paar sehr angespannte und unangenehme Tage und dann wetzte plötzlich der Kleine an mir vorbei. Ich hätte ihn beinahe nicht bemerkt, aber er weinte und lief einfach aufs Fußballfeld und versteckte sich hinter einem Torpfosten. Als ich ihn fand und zu ihm ging, hörte er auf zu weinen. Ich weiß nicht wieso, aber er sah mich nur an und dann war Ruhe. Er ließ sich wieder ins Haus bringen und dann standest du plötzlich überglücklich vor mir.“ Er legt den Gürtel vorsichtig auf den Tisch, nimmt auch seine Uhr ab und erzählt weiter, während seine Hände dann ihre Arme berühren und er sie liebevoll ansieht.

„Dann war diese kurze Verwechslung mit den Räumen und du hast meine Schwester und mich gesehen, als sie mir etwas sehr Wichtiges mitteilte. Ihre Nachricht hat mich sehr aus der Bahn geworfen und ich habe dir dann in dem Eifer die Tür unhöflich vor der Nase zu gemacht. Sorry nochmal dafür.

Und dann, kamst du plötzlich zu mir und du hast mich so besonders angesehen, so wie jetzt auch. Dann gabst du mir einfach den kleinen Zettel und sagtest, wenn ich eine Ablenkung und Trost brauche, kann ich noch heute vorbeischauen. Das tat genau in diesem Moment unwahrscheinlich gut.“ Plötzlich fasst er ihren Rücken mit beiden Händen und drückt sie wieder nah an sich, so dass beide ihren starken Herzschlag spüren können. Er sieht ihr tief in die Augen und kommt ihr entgegen. Kurz vor ihren Lippen macht er Halt und spricht seinen letzten Satz aus.

„Was ich damit sagen will, du hast mir bereits etwas Trost gespendet als du mir begegnet bist. Somit bin ich also dran dir als nächstes eine Ablenkung zu verschaffen und vielleicht kann ich dich auch trösten.“ Dann küsst er sie sinnlich. Die Japanerin hat plötzlich das Gefühl kein Gefühl mehr in den Beinen zu haben. So ein Gefühl hatte sie noch nie, egal wie hart ein Training oder ein Spiel war, so ein seltsames Gefühl kennt sie nicht.

‚Ich fühle plötzlich meine Beine nicht mehr. Was machst du denn nur mit mir? Wir wollten doch nach nebenan gehen. Jetzt, jetzt kann ich mich nicht mehr rühren. Was ist das nur für ein seltsames Gefühl?‘ Wie kann es nur sein, dass sie sich nicht mehr regen kann und das nur von einem Kuss, einer zarten eigentlich bekannten Berührung und seiner warmen Hand am Rücken? Als er ihr Erstarren bemerkt, werden seine Küsse etwas intensiver und seine Hände wandern nun beide entschlossen und zielstrebig zu ihrem Gesäß. Dann gleitet er eine Hand nach der anderen unter ihren Morgenmantel und ertastet ihre Taille und wieder ihren Po. Jetzt weiß er, dass sie ihm nicht aus den Händen rutschen kann, wenn er sie hochnehmen will. Mit der linken Hand greift er zärtlich aber bestimmend ihren rechten Oberschenkel und deutet an sie hochnehmen zu wollen.

‚Was hat er vor? Es fühlt sich zwar schön an, aber wieso fasst er mein Bein so seltsam?‘

‚Sie weiß vermutlich nicht was ich will.‘ Er unterbricht seinen Kuss und flüstert ihr stattdessen ins rechte Ohr.

„Ich wollte dich hochnehmen, so ein Bein auf jeder Seite, dass du dich entspannen kannst. Dann trage ich dich ins Zimmer.“ Sie schüttelt skeptisch den Kopf.

„Hast du Angst, dass ich dich fallen lasse?“, vermutet er und flüstert wieder ins Ohr.

„Vielleicht.“ Er ist erstaunt. Niemals hatte jemand Zweifel an seiner Stärke. Kräftig genug müsste er ihr doch vorkommen. Ihm fällt etwas ein. Er lässt sie los und zieht sein weißes langärmliges Poloshirt aus der Hose. Dann stülpt er es sich langsam über den Kopf und hängt es ausgebreitet auf die freie Stuhllehne neben sich. Er lächelt sie an und fasst dann ihre Hände und führt sie zärtlich an seine Schultern. Ihr Puls steigt enorm an, als sie seinen muskulösen Oberkörper sieht und seine nackte Haut berührt.

„Das was du siehst und fühlst, das ist alles echt, wie bei dir. Ich bin ebenso sportlich wie du. Du sagtest, du möchtest wissen was anders ist. Das Tragen gehört zum Beispiel dazu.“, versucht er sie zu beruhigen. Neugierig berührt sie seine Arme und betrachtet ihn genauer. Er hat noch ein weißes schlichtes hautenges Muskelshirt an. Diesmal zeichnet sich seine Brustmuskulatur unter dem Shirt deutlicher ab. Sie fasst nun endlich seinen Nacken und lächelt ihn an. „Okay, aber trage mich irgendwie anders.“, spricht sie ihre Gedanken aus und kommt ihm dann selbst mit einem sinnlichen Kuss entgegen.

‚Wie zart sich ihre Hände anfühlen. Du machst es mir nicht leicht, mich zurückzuhalten. Gut, dann vielleicht später mal. Wir müssen beide erst einmal Vertrauen zueinander gewinnen.‘ Kurz darauf löst er den Kuss auf und geht etwas in die Knie, greift bestimmend um ihren Rücken, packt vorsichtig ihre Schenkel und hebt sie endgültig hoch. Diesmal ist es ihr nicht unangenehm, denn so hatte sie sich das zuerst vorgestellt. Nun kann sie seinen schnellen Herzschlag spüren. Er trägt sie quer durchs große Zimmer und macht vor der Schiebetür Halt. Beide genießen diesen etwas anderen Moment und sie sieht die ganze Zeit nur erwartungsvoll zu ihm auf.

‚Wie stark er ist. Er hat Recht, es gibt Situationen die ich nicht gleich richtig deuten kann. Vielleicht war er deswegen vorhin noch so zögerlich.

Wie gut er riecht, und diese angenehme Wärme, die er ausstrahlt. Warum habe ich das Gefühl ihm vertrauen zu können? Ich hatte immer das Gefühl keinem Mann mehr trauen zu können, außer meiner Familie.‘ Er dreht sie so, dass sie die Tür öffnen kann und er geht hinein und schaut sich kurz um. Ihr Schlafzimmer ist ebenso westlich eingerichtet und hat ihm vertraute Möbel. Es ist ein sehr großer Raum von gut 30 Quadratmetern, ebenso mit einer Bodenebenen großen Scheibe, oder eher einer ganzen Fensterfront mit der schönen Aussicht auf die Stadt und auf den Vulkan. Wäre es ein Hotel, würde es vermutlich eines der teuersten Suiten sein. Kurz hinter der Tür setzt er sie vorsichtig ab und greift hinter sich und zieht die Tür wieder zu. Die Helligkeit der beleuchteten Stadt reicht aus, um den Raum ausreichend zu belichten. Trotzdem geht Akane ein paar Schritte zur Seite an die Kommode und macht die kleine Tischlampe an. Dann stellt sie sich direkt vor ihn und schaut herausfordernd zu ihm auf und berührt zärtlich seine Arme. Sie tastet neugierig seine Muskeln ab und schmunzelt.

„Die sind hart antrainiert, oder? Machst du auch einen ausdauernden Sport wie ich?“ Er grinst etwas und nickt nur.

‚Ist wirklich erstaunlich, dass sie überhaupt keine Ahnung hat wer ich bin. Das wäre in Deutschland oder Europa kaum möglich. Ich stehe einfach derart im Fokus der Medien, dass mich jeder überall gleich erkennt. Ganz besonders die Frauen.‘

Er hebt seine rechte Hand und berührt neugierig ihr schönes langes weiches Haar, welches ihr über dem Oberkörper hängt. Es ist so schön lang, dass es sogar mit den großen schwarzen Locken ihren Busen bedeckt.

„Du bist wirklich eine sehr schöne Frau. Ich habe noch nie so schöne Haare berührt. So weich und sie duften so angenehm.“, schmeichelt er ihr und hält sie dann etwas an seine Nase und schließt kurz die Augen. Dann lässt er die Strähnchen langsam durch seine Finger gleiten und nach unten fallen.

‚Wie betörend sie duften. Und ihre Augen, so strahlend und schön.‘ Sein Puls steigt wieder enorm an und dann spürt er ihre zarten Hände auf seinem Oberkörper, wie sie über das glatte Muskelshirt gleiten und ertasten was darunter liegt. Dann berührt sie seinen Bauch und zieht das Shirt aus seiner Hose. Endlich geht sie auch mehr auf ihn zu und sie deutet ihm an das Shirt auszuziehen. Karl-Heinz hilft und während sie es hochschiebt, nimmt er es dann über Kreuz in die Hände und zieht es sich daraufhin aus und lässt es über seinen Arm gleitend zu Boden fallen. Ihr wird es deutlich wärmer und die Vorstellung alleine sie würden sich nun schon näher sein und ihre Haut würde sich berühren, lässt sie plötzlich nach ihm verlangen. Natürlich weiß sie noch wie es damals war mit ihrem ersten Freund, dem Vater ihrer Tochter und dem Partner danach, aber sie hatte niemals solche Gefühle dabei, dass sie nur noch das Bedürfnis hatte ihnen nah zu sein. Es waren irgendwie nur Neugier und dann eher wie eine Pflicht in der Beziehung und ein Versuch nach der Geburt neu anzufangen.

„Ich…ich würde dich…gerne ansprechen können. In meinen Gedanken bist du immer nur, der Fremde. Das ist doch doof. Mir reicht auch ein Buchstabe, irgendwas.“, lächelt sie ihn erwartungsvoll an und berührt seinen durchtrainierten Oberkörper.

„Wie heißt du?“, entgegnet er vorerst. Dann fasst er mit beiden Händen sanft ihre Hände.

„Akane. Ich dachte du weißt das schon.“ Er schüttelt den Kopf.

„Ich wollte es gerne von dir hören. Ein schöner Name.“ Karl-Heinz nimmt ihre Hände und führt sie sachte zu seinem Hals und legt sie an seinen Nacken, so als würde sie sich dort festhalten wollen.

„Karl-Heinz, mein Name ist Karl-Heinz.“

„Das klingt interessant. Karl-Heinz. Er klingt…“, sie stoppt und nutzt die angenehme Position ihrer Hände aus und greift plötzlich fordernd in seine blonden Haare. Sie gehen ihm bis kurz unter die Ohren und sind etwas nach hinten und zur Seite gestylt. Sie blickt ihm ehrlich in die Augen.

„…so ehrlich, herausfordernd und stark.“, beendet sie ihren Satz.

‚Karl-Heinz, ein schöner Name. Ob er mir jetzt wirklich seinen richtigen Namen verraten hat? Es klang ehrlich. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass er mir nicht weh tun würde. Wenn er das wollte, hätte er es sicher schon getan. Er hat sich versucht zurückzuhalten, das fiel ihm sicher schwer. Ich weiß wie ich auf die Männer wirke, auch wenn es nicht immer gewollt ist.‘ Sie schließt kurz die Augen. Vor ihr erscheint Karls erste Begegnung und dann dieser freudige Moment wie er ihren kleinen Bruder auf der Schulter hatte. Der Kleine vertraut niemanden, nur wenigen Menschen. Er hat ein Gespür für einen guten Charakter oder eine Art inneren Sensor für gute Gedanken. Man konnte sich bisher immer auf ihn verlassen. Sie öffnet ihre Augen wieder und lächelt.

‚Schöner blonder Mann, ich bin bereit, dass ich dir versuche zu vertrauen. Bitte enttäusche mich nicht. Ich…fühle so viele andere und neue Dinge, seit ich dir begegnet bin. Warum nur?‘ Plötzlich schmiegt sie sich eng an ihn, damit sie seine Wärme besser spüren kann und führt seinen Kopf ganz nah an ihren. Ihre Lippen berühren sich fast. Dann weicht sie ihm doch aus und flüstert ihm hauchend ins Ohr.

„Karl-Heinz, zeig mir deine Welt, deine Welt mit einer Frau. Sei einfach du selbst, halte dich nicht meinetwegen zurück. Deine Art war bisher sehr schön und…wenn mir was nicht gefällt, sag ich stopp oder schüttle den Kopf und du schaust ob es auch anders geht, so wie vorhin. Ich will versuchen zu fühlen…wie andere auch fühlen können. Und ich will…vergessen…vergessen was mich sorgt. Es hat bereits etwas geholfen.“ Ihm wird plötzlich ganz warm und sein Herz fängt an zu rasen. Ihr Hauchen ins Ohr und ihre Worte verursachen ein Schaudern, ein angenehmes Schaudern, welches ihm einmal komplett durch den ganzen Körper zieht. Hat sie das eben ernst gemeint?

Unerwartet bewegt sie ihren Kopf wieder etwas weg, lenkt seinen in die andere Richtung und haucht ihm diesmal ins andere Ohr.

„Lass mich heute Dein sein, damit auch du Trost findest!“ Dann schaut sie ihm wieder in die blauen Augen.

Es folgt ein leidenschaftlicher Kuss. Ihre Zungen spielen fordernd miteinander und seine Liebkosungen werden immer fordernder.

‚Was ist das nur wieder? Warum spüre ich etwas obwohl wir noch gar nicht so weit sind? Was hat das zu bedeuten? Es fühlt sich alles so schön und anders an. Wie kann das nur sein? Ist das dieses Ungewisse was als nächstes kommt? Was werde ich als nächstes spüren?‘

Seine starken Hände haben sie sehr nah an sich gedrückt und sie genießt seitdem die Nähe besonders jetzt wo sich neue Gefühle auftun. Es macht sich eine enorme Wärme in ihr breit.

‚Du bist der Wahnsinn, schöne Akane. Wie geht es jetzt weiter hier mit uns? Du machst mich wirklich verrückt. Es fühlt sich sehr interessant und besonders mit dir an. Wagen wir den nächsten Schritt? Wenn es dir passt, sagst du es mir. Das hat bisher gut geklappt.‘

‚Es wird eine sehr interessante Nacht, schöner Mann mit himmelblauen Augen und starken Armen. Was kommt als nächstes? Wie wirst du versuchen mir deine Welt zu zeigen? Ich zweifle bei all den vielen Empfindungen nicht mehr daran, dass es mir gefallen wird.‘, geht in ihr vor.

189. Kapitel Die sonderbare Nacht mit Karl-Heinz U18

Kapitel 189
 

Die sonderbare Nacht mit Karl-Heinz U18
 

Er fängt an sie plötzlich hastiger zu küssen und beide schmiegen sich fest aneinander. Einen kurzen Moment später hat er sie wieder im festen Griff wie zuvor und legt sie behutsam auf das Bett. Beim Ablegen lächelt sie ihn erwartungsvoll an und kichert kurz auf, als seine Hand sie langsam unter ihren Kniekehlen hervorzieht.

„Das kitzelt etwas.“ Er lächelt zurück während er sich seitlich neben sie legt und ihre schönen Tattoos betrachtet. Bereits während des Spiels sind ihm einige davon aufgefallen.

‚Wie kann es nur sein, dass ich plötzlich das Glück habe eine so schöne Frau hier bei mir haben zu dürfen? Darauf war ich nach dem ganzen Stress überhaupt nicht vorbereitet. Wie zart sie sich anfühlt und wie betörend sie ist. Schöne Akane, ich werde jede Sekunde mit dir genießen und ich hoffe das kannst du ebenso.‘ Er sieht sie lächelnd an und berührt ihre rechte Hand. Dann beugt er sich von ihrer linken Seite über sie. Sein Mund bleibt kurz vor ihren Lippen und haucht ihr etwas zu. „Wie wunderschön du bist.“ Dann küsst er sie leidenschaftlich.

‚Warum fühlt sich das nur so gut an? Ich habe das Gefühl dir nicht ausweichen zu können. Warum? Es kribbelt überall.

Wie kann das nur sein? Und diese Küsse. Wieso nur kann ich so empfinden? Das…das ist unglaublich, unglaublich anziehend.‘

Während seine rechte Hand am aufstützenden Arm ihre weichen fruchtig duftenden Haare streicheln und ihren Kopf berühren küsst er sie.
 

Er beendet kurz seinen Kuss, lehnt sich dann mit seinem gesamten Oberkörper über sie, greift auf dem Nachttisch in eine seiner Hosentaschen und holt eines der kleinen Tütchen heraus.

Er bewegt sich wieder zurück und nimmt das Tütchen in die rechte Hand. Akane blickt ihn etwas verdutzt an. Dann schließt sie kurz die Augen und öffnet sie wieder.

‚Akane, vertrau ihm einfach! Hab mehr Vertrauen, sonst wirst du nie erfahren wie es mit einem Mann sein kann, wie es wirklich sein kann, wenn es schön ist. Es kam überraschend, aber er hat doch nur an die Verhütung gedacht.‘, geht ihr durch den Kopf, als sie die Augen geschlossen hält. Karl nimmt ihre Reaktion wahr und greift sanft ihre rechte Hand und führt sie an sein Herz.

„Ich hätte dich vorwarnen sollen. Ich habe nur…“ Sie legt plötzlich ihre linke Hand auf seine Lippen und lächelt.

„Schon gut, ich weiß doch. Es…ist nur anders.“, spricht sie schnell. Er lässt ihre Hand los und berührt diesmal ihren Kopf und streichelt mit dem kleinen Finger ihr Ohr. Mit dem Daumen geht er zärtlich über ihre Lippen.

„Gut, ich werde nichts tun, was dir nicht gefällt. Denk bitte dran.“ Sie nickt und schließt plötzlich wieder die Augen, aber diesmal nur, um seine Berührungen so intensiv wie möglich zu spüren. Kurz darauf berühren ihre Hände wieder seinen warmen Oberkörper. Sie spürt plötzlich wieder seine Lippen auf ihren und versucht sich einfach auf ihn einzulassen.

Seine warme große Hand im Gesicht und seine zärtlichen Küsse wie sie von ihren Lippen dann plötzlich auch im Gesicht, auf den Augen, auf dem linken Ohr und später den Hals hinabwandern lässt sie nicht mehr los. Ihr Blick verrät ihm, dass es ihr gefällt.

‚Du machst mich total verrückt. Wie kann das sein? Wieso kann ich es kaum erwarten dich zu spüren? Was kommt als nächstes, geheimnisvoller Mann?‘ Plötzlich schließt sie ihre Augen und dann kneift sie diese kurz zusammen. ‚Vertrauen? Ich versuche es und es ist doch so schön bis jetzt. Ich will es nicht kaputt machen und es wird bestimmt schön, aber…‘

‚Geheimnisvoller Mann, wie kann es nur sein, dass ich so empfinde? Es fühlt sich alles so schön an.‘

‚Was machst du nur mit mir, schöne Frau? Du fühlst dich unbeschreiblich intensiv an und raubst mir den Atem. Es ist schöner als ich es mir vorgestellt habe.‘

„Du bist so schön.“, haucht er seinen Gedanken aus.

Beide versinken bald in einem magischen Moment des Tröstens und vergessen endlich alles um sich herum.
 

Etwa drei Stunden später klingelt ihr Wecker. Akane wacht auf und macht das Ding aus. Verwundert schaut sie neben sich. Der ihr eigentlich immer noch unbekannte Tourist Namens Karl-Heinz liegt auf dem Rücken und hat ein Stück der Decke über sich liegen. Den rechten Arm auf seiner Brust und greifend ein Deckenteil in der Hand. Der linke Arm liegt ausgestreckt etwas über die Bettkannte. Ihr Puls steigt etwas an, denn sie ist es nicht gewohnt neben einem Mann aufzuwachen. Die gut letzten sechs Jahre ist sie den Männern grundsätzlich aus dem Weg gegangen. Nie wieder hat sie sich mit einem eingelassen, zu tief lagen die Wunden. Sie hat jede Freundschaft abgebrochen und nur noch der Familie vertraut. Und nun plötzlich tauchte dieser Deutsche völlig unerwartet auf, war nicht nur höflich und freundlich, sondern sie konnte ihm in die Augen sehen und hatte keinen einzigen Gedanken an jenem Tag. Ihr Herz schlug hingegen schneller, aber nicht vor Misstrauen, nein, weil es sich gut anfühlte ihm in die Augen zu sehen und dann diese kurze Berührung.

Sie legt sich auf die Seite und betrachtet ihn. Sein Kopf ist in ihre Richtung geneigt und er scheint tatsächlich sehr tief zu schlafen. Karl lächelt ein wenig. Sie nimmt neugierig seine Hand etwas hoch und lässt sie in ihrer hängen. Keinerlei Reaktion, also legt sie die Hand wieder an ihren Platz.

‚Du bist ein wirklich schöner Mann, Karl-Heinz. In Deutschland liegen dir die Frauen sicher zu Füßen. Du sagst, es sei eine Ausnahme. Ist es wirklich so? Du wirkst mit deinen gerade mal zweiundzwanzig Jahren recht erfahren. Hat es damit etwas zu tun, dass ihr schon mit achtzehn volljährig seid und daher früher Erfahrungen sammeln könnt als wir? Tina hat das immer verflucht. Sie fühlte sich mit achtzehn auch schon erwachsen, aber hier konnte sie das nicht ganz sein. Wenn ihr doch mal ein Mann gefallen hat, hatte es des Alters wegen nicht gepasst und Ärger wollte sie den Männern nicht machen. Es gab nur einmal eine Ausnahme, das war dieser Arzt.‘ Akane hat ihren Kopf auf ihr Kissen gelegt und lächelt. Der linke Arm ist unter dem Kissen und schaut in Karls Richtung mit der Hand heraus. Ihre Decke ist unter ihr, eher selten zugedeckt. Sie mag es allgemein weniger, irgendwelche Dinge auf sich liegen zu haben. Wenn ihr kalt ist, trägt sie einfach dickes Nachtzeug oder warme Kleidung allgemein. Decken und Kuscheldecken liegen in der Regel unter ihr oder dienen als Kissen. Dass diese Nacht zwei Decken in ihrem Bett liegen, ist nur dem geplanten Besuch zu verdanken. Es sieht einfach netter aus und ist angenehm unter sich zu spüren und der Besuch kann sie nutzen, wenn er will. Sie nimmt ihre Hand hoch und streicht leicht durch sein Haar.

‚Wie weich es ist. Und dann diese sinnlichen Lippen. Und wie berauschend sich deine Küsse anfühlen.‘ Sie schmunzelt und blickt in seine geschlossenen Augen. Sie erinnert sich an die schöne Nacht, wie besonders seine Küsse waren und welche neuen Gefühle sie entdeckt hat. Sie bewundert seine starken Arme und seinen gesamten muskulösen Körper.

‚Deine großen Hände, so stark und doch so sanft und zärtlich. Ich hätte dich zuerst gar nicht für so kräftig gebaut eingeschätzt. Das fällt in deiner Kleidung nicht so sehr auf. Dass du so modern gekleidet bist, ist schon interessant genug. Du bist nicht nur gutaussehend, nein, du hast auch Stil.‘ Sie fährt mit ihrer Hand dann gedanklich über ihre Taille und die Seite von ihrem Oberschenkel. Sie stellt sich vor, er würde sie erneut dort berühren und sieht ihn dabei an. Plötzlich wird ihr ganz warm und es überkommt sie wie ein leichter Windhauch und sie spürt eine kleine Erregung. Neugierig massiert sie sich zärtlich. Sie versucht seine Bewegung nachzumachen, aber es ist einfach nicht zu vergleichen. Nicht einmal sie selbst hat das Gefühl so zärtlich sein zu können wie es sich angefühlt hat.
 

Dann dreht sie sich gedanklich auf den Rücken und schließt die Augen. Vor ihr erscheint sein Gesicht und sie versucht sich an den magischen Moment zu erinnern, als er von selbst erkannte, dass ihr diese eine Pose nicht gefiel. Kurz darauf überließ er ihr mit der neuen Position im Grunde die Zügel. Wie hat er es denn nur bemerkt? Und er hat es einfach akzeptiert und eine Lösung gefunden, trotzdem alles schön werden zu lassen.
 

Dann öffnet sie die Augen wieder und dreht den Kopf zu ihm.

‚Wie konntest du das von selbst erkennen? Ich war am Anfang so von dir überwältigt und meinen intensiven Gefühlen und meine Reaktionen auf deine Liebkosungen, dass mir das erst im letzten Moment im Weg stand. Ich musste dich eindeutig aus deiner eigenen Erregung reißen und trotzdem hast du es erkannt und akzeptiert. Das hätte sicher nicht jeder bemerkt oder so reagiert. Du weißt ja auch nicht wieso.‘ Akane schaut wieder hoch zur Decke und betrachtet die schöne Malerei. An der Decke ist der Sternenhimmel abgebildet. Es ist nicht sehr dunkel, wie man es sonst kennt, sondern es hat eine besondere Farbe, so als wäre es beim Sonnenaufgang abgelichtet worden. Sie nimmt die Hände hoch in die Luft und lächelt. Dann hält sie diese als würde sie jemanden vor sich berühren. Sie schließt die Augen und vor ihr erscheint Karl-Heinz. In ihrer Erinnerung an die restlichen aufregenden Momente mit ihm, winkelt sie ihre Beine an und macht die Pose nach, als sie erneut in dieser zuerst ungewollten Position waren. Bei den vielen Momenten des Ausprobierens, was ihnen beiden gefällt und den schönen intensiven Gefühlen und Ekstasen, war ihr dann nicht einmal aufgefallen, wie sie sich im Bett drehten, denn es waren einfach nur schöne Gefühle dabei, seine Wärme und seine starken Arme und diese neuen warmen Empfindungen, die sie noch nicht einordnen kann. Sowas hatte sie noch nie empfunden und kann es kaum richtig deuten. Obwohl er dann doch auf ihr lag und sie ihm, wie die Augenblicke zuvor, vertrauen konnte, war ein himmlischer Genuss. Wie konnte sie nur glauben, dass es nie mit einem Mann wirklich schön sein kann? So schön, dass man es nicht nur der Beziehung halber tut oder sicherheitshalber komplett darauf verzichtet?

In ihrem Erinnerungsmoment schaut sie kurz zu ihm rüber, noch immer sind seine Augen zu und sein Atem deutet auf einen tiefen Schlaf hin.

‚Er hat echt einen tiefen Schlaf. Dabei kommt er mir eher so kontrolliert und korrekt vor. Als wäre alles was er tut streng durchgeplant und er hat immer alles unter Kontrolle. Ach man, was war das nur für eine Nacht? Sowas unglaubliches habe ich noch nie erlebt.‘ Plötzlich schaut sie hoch an die Decke.

‚Es ist gleich soweit. Jetzt muss ich mich aber beeilen.‘ Sie steht vorsichtig auf, damit sie ihn nicht weckt und geht zur Schrankwand, welche sich über die komplette Wand gegenüber der Glasfront erstreckt. Sie ist in matter Lackoptik und hat als Motiv ein Stadtpanorama Tokios aufgeklebt. Es ist vom Ansatz her genau an das Panorama hinter dem Fenster angepasst. Die Wand daneben zum Fenster grenzend ebenso. Diese ist jedoch von etwa einer Kommodenhöhe an oberhalb mit Fenstern versehen. Alles geht ineinander über, als würde man oben auf dem Dach des Hochhauses stehen und sich drehen. Die Kommoden unter den dachhohen Fenstern sind ebenso mit der gleichen Folie versehen, aber stellt die Stadt genau an dieser Stelle dar.

Die schöne Japanerin öffnet in der Mitte der Schrankwand eine Tür, geht hinein und schließt die Tür hinter sich. Hinter der Tür befindet sich ein kleiner Vorraum. Darin eine Tür nach links und eine Tür nach rechts. Sie geht nach links. Dort ist ein großes Badezimmer mit Dusche, Whirlpool und großem Waschtisch. Dazu wieder eine Fensterfront von der Decke bis zum Boden. Sie geht durch die eine von zwei Türen im Bad. Es ist die Spiegeltür, dahinter befindet sich ein kleiner Toilettenraum mit WC und Bidet.

Nach ein paar wenigen Minuten kommt sie wieder hinaus, bindet ihre Haare zusammen, steckt sie hoch und huscht kurz unter die Dusche, braust sich nur kurz ab, seift sich ein und braust sich erneut ab. Dann nimmt sie sich ein Handtuch und trocknet sich ab, indem sie sich abtupft. Am Waschbecken wäscht sie sich noch das Gesicht und putzt die Zähne. Danach geht sie mit einem neuen trockenen Handtuch wieder aus dem Bad. Als sie die Tür öffnet, fällt ihr auf, dass Karl-Heinz zwar immer noch schläft, aber er muss sich etwas bewegt haben. Die Decke ist deutlich verrutscht und seine Beine liegen komplett frei. Sein Oberkörper ist ebenso nicht mehr groß bedeckt und die Decke ist durch das Drehen zur linken Seite bis auf einen kleinen Zipfel an die Erde gerutscht. Akane blickt kurz zur Uhr über der Tür. Es ist genau 4 Uhr.

‚Ein paar Minuten habe ich noch.‘, lächelt sie vor sich hin und geht dann langsam auf ihren Besuch zu und bleibt auf ihrer Bettseite stehen und betrachtet ihn zuerst von dort aus. Sie setzt sich etwas aufs Bett und schaut sich seine Rückenpartie und seine gesamte Rückansicht an. Ihr Blick schweift bis zu den Beinen.

‚Einen ausdauernden Sport wie meinen betreibst du, das hast du gesagt. Daran zweifeln kann man nicht. Eine so kräftige und gleichmäßig trainierte Statur habe ich bisher nur sehr selten gesehen. Abgesehen davon, dass ich Männer so oder so selten auf diese Weise so genau sehe.‘, schmunzelt sie etwas. Sie legt das Handtuch an ihr Fußende, setzt sich etwas knieend vorsichtig aufs Bett und betrachtet seinen Körper von den Füßen an aufwärts. Ihr gefällt was sie sieht und sie grinst etwas wehmütig vor sich hin. Ohne ihn zu berühren, fährt sie mit ihrer Hand vom Fuß an seinen Waden vorbei bis oben zum Kopf.

‚Was für einen Sport machst du? Ich hatte das Gefühl du machst da ein Geheimnis draus. Oder wolltest du für mich einfach nur die Spannung lassen, damit du geheimnisvoll auf mich wirkst? Du bist auf deinen Sport erst eingegangen als es nötig war. Auf jeden Fall läufst du viel. Du bist auch kein Läufer oder Tennisspieler, nein, etwas mit viel Muskelkraft. Da du nicht sehr groß bist, wirkst du auch etwas stämmiger. Vielleicht sowas wie Rugby.‘ Dann fallen ihr die Narben an einigen Stellen auf. Es gibt neben mehreren kleineren eine größere auf seinem Rück auf der linken Seite und einige an seinen Beinen. Die Waden scheinen einiges abbekommen zu haben und auch an den Knöcheln sieht es nach kleineren Stellen aus. Seine rechte Hand weist ebenso eine größere Narbe am Handgelenk auf. Dann schaut sie zu seinem Hals und will ihn wieder an den Haaren streicheln.

‚Nanu, was ist das denn? Wieso hat er am Halsbereich eine Narbe, die fast genauso aussieht wie die von Tina? Das kann doch gar nicht sein.‘, wundert sie sich und richtet sich etwas mehr auf, um sich die Narbe genauer anzusehen.

‚Komisch. Sie ist kaum zu sehen und trotzdem…sie sieht aus wie die von Tina, nur etwas größer oder sie ist tiefer. Das kann doch aber gar nicht sein.‘ Plötzlich bewegt er sich und sie schreckt etwas zusammen und entfernt sich ein wenig. Er fängt im Schlaf an etwas zu murmeln. Sie kann es nicht verstehen, es ist sehr undeutlich. Dann dreht er sich auf einmal wieder zu ihr um und er liegt erneut auf dem Rücken. Sein linkes Bein fällt bei der Bewegung fast von der Bettkante. Sie muss aufpassen, dass sie seinen rechten Arm nicht abbekommt, als er sich wieder auf den Rücken dreht. Kurz vor ihrem Körper hält sie den Arm fest, geht etwas zur Seite und legt ihn dann auf ihre Bettseite. Sein linker Arm liegt wieder auf seinem Brustkorb, ähnlich wie zuvor. Akane bemerkt seinen plötzlich ansteigenden Puls und sieht ihm überrascht ins Gesicht. Als sie vorhin noch nach ihm sah, lächelte er etwas und sah fröhlich aus, als würde er zufrieden sein. Aber jetzt wirkt sein Gesicht angespannt und seine Lippen bewegen sich wieder.

„Mutter…“, kann sie plötzlich hören. Dann lächelt er plötzlich wieder und seine Anspannung scheint sich zu lösen. Jedoch bewegen sich seine Augen unter den Lidern.

„Du träumst, etwa von deiner Mutter?“, spricht sie leise aus.

‚Wie kannst du nach so einer Nacht von deiner Mutter träumen? Also echt. Komischen Traum hast du da. Aber es scheint doch kein Albtraum zu sein, ich dachte eben schon.‘ Entschlossen steht sie auf. Dann brabbelt er erneut etwas vor sich hin, lächelt und die Japanerin wird hellhörig.

„Mutter…ja…Salat…Mutter Gesine…gut…Bruder.“, kann sie verstehen. Sie steht völlig irritiert da und sieht zu ihm.

‚Wie jetzt, Mutter Gesine? Was um alles in der Welt träumt er denn da? Was meint er damit? Tinas Mutter hieß doch Gesine. Sie war eine wirklich liebenswerte und schöne Frau. Genauso hübsch wie sie. Ihr Vater war auch immer sehr nett. Unsere Eltern haben sich damals sehr gut verstanden. Ihre Mutter kam mir jedoch immer sehr verschlossen vor und beide redeten nicht viel von ihrer Zeit vor Japan. Es ging immer nur um unseren Sport oder um ihre Arbeit in ihrer Gaststätte. Nie fiel ein Wort über ihren großen Bruder, welcher verstorben war. Soviel habe ich gestern noch verstanden. Ich war etwas neben der Spur und habe mich nur noch aufs Spiel konzentrieren wollen. Da kommt sie an und erzählt uns solche Märchen. Tina habe mit ihm als Kind in einem Fußball-Jungen-Team gespielt bis kurz vor dem Umzug hier her. Ihr Bruder und sie seien überfallen worden und deswegen ist er verstorben. Und weil ihr bester Freund, welcher auch im Team war, also dieser Keeper vom Nationalteam, aus Japan kommt, ist sie hergezogen, um alles hinter sich zu lassen. Deswegen ein neuer Sport und ihre Ausdauer. Und nun ist sie plötzlich mit dem Wilden Tiger, Hyuga zusammen und kann wieder über all die Dinge reden. So ist mein Stand. Angeblich hat sie der Anblick von Fußballern eventuell schwach aussehen lassen und daher hat sie den Kontakt zu ihnen gemieden. Es ist ähnlich wie bei mir. Aber was um alles in der Welt hat dieser Mann jetzt mit Tina zu tun? Und wieso hat er die gleiche seltsame Narbe wie sie? Tina erzählte, sie sei als Kleinkind entstanden, weil sie mal am Strand nach hinten gefallen sei und sie eine Muschel geschnitten habe. Aber das klang schon damals seltsam.‘

Sie steht auf und geht dann um das Bett herum und betrachtet ihn genauer. Trotz der plötzlichen Skepsis muss sie schmunzeln, denn immerhin liegt ein völlig nackter Mann auf ihrem Bett. Der Anblick macht sie verlegen und sie versucht sich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das sind im Moment seine Füße und seine kräftigen Beine. Dann schaut sie ihm wieder ins Gesicht.

‚Wieso muss ich denn überhaupt an Tina denken? Wegen der Narbe? Oder weil er ein Deutscher ist?

Hm, wobei, als sie damals nach Mutters Tod drei Tage hier bei mir war, damit ich nicht alleine sein musste, lag sie auch so da. Natürlich hatte sie zwar etwas an, aber sie ist auch Rückenschläfer und hatte die Hand auf der Brust. Ich habe mich damals an mein Fenster verkrochen, aber sie lag im Bett. Vor sich hin brabbeln konnte sie auch gut. Ich habe nur nie etwas verstanden.‘ Dann bleibt sie neben ihm stehen, hebt die Decke vom Boden auf und legt sie über seinen Körper. Sie schaut in sein zufriedenes Gesicht. Dann schaut sie zur Uhr.

„Noch fünf Minuten, gut. Das reicht.“, entschließt sie für sich und verlässt leise aber schnell das Zimmer. Sie lässt die Schiebetür einen Spalt offen, damit sie hören kann, wenn er aufwacht. Ohne weiter nachzudenken geht sie zum Esstisch und schaut auf die Herrentasche.

‚Oha, die war nicht billig. Schon eine kleine Frauenhandtasche von dieser Marke kostet für viele Leute mehr als ein Monatsgehalt.

Wer bist du schöner Mann, dem ich vertrauen kann? Was hast du mit Gesine und Tinas Narbe zu tun?‘ Dann blickt sie zur Strickjacke, welche direkt vor ihr an der Stuhllehne hängt. Sie sieht sehr weich und edel aus. Sie berührt den Stoff und dann schaut sie innen aufs Label.

‚Du meine Güte. Auch so ein teures Stück. Deswegen hast du so darauf aufgepasst. Und deinen Gürtel hast du auch so sorgsam zusammengerollt.‘ Dann betrachtet sie die Gürtelschnalle und erkennt ein bekanntes Logo.

‚Du bist definitiv kein Student. Also wenn, dann hast du reiche Eltern. Tina hatte nie so teures Zeugs an. Immer nur normale Sachen. Sie legt keinen Wert auf solche Dinge. Ich trage ja auch teure Marken, aber doch nicht ganz so wie das hier. Eher in die mittlere gehobene Preisklasse.‘ Dann greift sie entschlossen, aber vorsichtig zur Tasche, klappt das vordere Leder um und macht die Schnallen auf. Es sind zwei Bereiche. Sie öffnet einen Reißverschluss und grinst dann nur. Auf dieser Seite findet sie sicher keinen Ausweis. Es schauen sie gleich eine noch eingepackte neue Zahnbürste, Kondome und etwas Stoff an. Also macht sie gleich wieder zu und öffnet die andere Seite. Dann schaut sie hinein und entdeckt eine Geldbörse. Noch zögert sie und dann aber will sie es wissen und holt diese heraus. Wie alt ist der Mann überhaupt, nicht, dass sie sich getäuscht hat und er hat sie angelogen. Sie kennt das Problem. Oft haben sie die Frauen angelogen und dann waren sie noch minderjährig. Seitdem lässt sie sich den Ausweis zeigen. Aber ist er auch wirklich nur ein Tourist? Dann sieht sie den Reisepass und legt die Börse zur Seite und nimmt diesen in die Hand.

‚Sieht aus wie Tina ihrer. Eindeutig ein deutscher Pass.‘ Dann öffnet sie ihn und sieht in den Ausweis. Beruhigt atmet sie auf.

‚Gut, du hast mit deinem Alter nicht gelogen. Aber du hattest vor Kurzem erst Geburtstag. Dein Name stimmt auch. Karl-Heinz Schneider. Ein typischer deutscher Name. Er klingt irgendwie nach Stolz. Vielleicht etwas aus der Mode, aber er passt zu dir.‘ Dann schaut sie auf die Adresse und den Geburtsort.

‚Aha, geboren in Hamburg. Da war Tina doch bevor sie herzog. Das ist sicher kein Zufall. Und dann Wohnort jetzt München. Du sagtest, du wolltest spontan alte Freunde besuchen. Sind das dann Tina und dieser Keeper? Vielleicht kennt ihr euch von damals und deswegen warst du auch beim Spiel. Was anderes kann ich mir echt nicht vorstellen.‘ Akane blättert nur aus Gewohnheit im Ausweis durch die Seiten und entdeckt die vielen Stempel für Flüge.

‚Oha, du bist aber unterwegs. Oh, sogar in Japan warst du schon. Vor drei Jahren etwa. Ach, ja, da war die Fußball WM. Du hast dir sicher die Spiele der Japaner und Deutschen angesehen, weil du diesen Keeper kennst. Die Zeit könnte hinkommen mit Anreise, Zwischenflüge und Abreise.‘ Dann sieht sie, dass er erst vor zwei Tagen angereist ist. Danach klappt sie das Büchlein zu und legt es wieder in die Tasche. Als sie die Geldbörse greift, um sie ebenso wieder hineinzulegen, fällt plötzlich etwas heraus. Es flattert etwa zwei Meter weiter zu Boden. Sie legt das Leder auf den Tisch und geht zum Zettel. Als sie zu Boden blickt, staunt sie nicht schlecht. Es ist das alte Foto, welches Karl bei sich hat.

‚Tatsächlich. Ich lag genau richtig.‘ Sie hebt es sorgsam auf und sieht es sich genauer an.

‚Dann stimmt es was Tina erzählt hat. Sie war als Junge in einem Jungenteam. Man, das erklärt echt einiges. Das ist sie, und das ist dieser Japaner, und Karl-Heinz. Also in ihrem Team warst du. Ihr habt als Kinder zusammengespielt. Dann ist er sicher heute auch noch Fußballer. Er ist bei seinem Hobby geblieben, schön. Sport neben dem Studium ist wirklich wichtig. Und dieser größere Junge wird ihr Bruder sein. Man sieht das Gesicht von Georg in ihm, das stimmt. ER hat sein Lächeln. Der Bruder war echt groß.‘ Plötzlich klingelt wieder ihr Wecker. Sie schreckt zusammen. Dann eilt sie zum Tisch, steckt das Foto in die Geldbörse und legt es wieder in die Tasche und macht diese zu. Am Standort hat sie nichts verändert, da passte sie gleich auf. Sie nimmt die Bewegungen im Schlafzimmer wahr und geht hinter die Kochinsel, öffnet den Kühlschrank und nimmt sich die offene sowie die geschlossene Flasche Wasser heraus und stellt sie auf die Arbeitsplatte.

Kurz vor dem Klingeln des Weckers wacht Karl-Heinz von selbst auf und öffnet die Augen. Verwundert schaut er zur Decke und betrachtet den Sternenhimmel. ‚Nanu, wo bin ich? Sterne?‘, er schaut sich dann um. Dann atmet er wieder tief durch.

‚Hab mich schon gewundert. Mir war doch so, als wäre ich bei der schönen Akane.‘ Er richtet sich auf und schaut sich um. Karl wundert sich, dass sein linkes Bein etwas über den Bettrand hinweg liegt und die Decke so sorgsam auf ihm gelegt ist. Er realisiert langsam wo er ist.

‚Was war das nur für ein seltsamer Traum? Ich habe doch nie aus der Zeit geträumt. Und schon gar nicht so seltsam. Als wären wir richtige Geschwister gewesen und haben nur unserer Mutter im Imbiss geholfen.‘ Er setzt sich auf die Bettkante und schaut aus dem Fenster. Es ist knapp vor dem Sonnenaufgang. Er schaut zum Wecker. Genau in diesem Moment klingelt er. Es ist 04:10 Uhr.

190. Kapitel Morgendämmerung in Tokio U18

Kapitel 190
 

Morgendämmerung in Tokio
 

Karl steht auf und schaut hinaus auf die Stadt in Richtung Westen. In dem Moment kommt Akane mit zwei Wassergläsern zur Tür hinein. Sie schaut fröhlich zu ihm, wie er neugierig aus den Fenstern schaut.

„Es ist beeindruckend, oder?“ Er dreht sich etwas zu ihr und ihre Blicke treffen sich.

‚Oh, sie hat nichts an. Wie schön sie ist. Ihre Tattoos sind mir gestern schon aufgefallen, aber sie ist ohne bereits so schön, dass man seinen Blick kaum darauf wirft. Von Weitem fallen sie natürlich mehr auf. Auf ihrer zarten hellen Haut fallen sie besonders auf und sie sehen auch hübsch aus. Die Motive passen zu ihr. Was mögen sie bedeuten? Prüde ist sie jedenfalls gar nicht. Das ist mir heute Nacht bereits aufgefallen. Sie scheint ein eher freizügiger Mensch zu sein, auch wenn es da Einschränkungen gibt. Nun gut, Schönheit. Ich werde mich einfach mal darauf einlassen. Zu verlieren habe ich ohnehin nichts.‘

„Ja, ist es. Guten Morgen.

Klingt es jetzt kitschig, wenn ich sage, dass du schöner bist als jeder Sonnenaufgang?“, schmunzelt er. Sie grinst.

„Ja, klingt es. Trotzdem danke.

Guten Morgen. Beeil dich, wenn du noch ins Bad möchtest. Du hast nur noch zehn Minuten, dann zeige ich dir etwas Besonderes. Das gibt es nur an einem perfekten Tag wie heute.“, lächelt sie ihn an.

„Das klingt nach einem perfekten Sonnenaufgang.“, äußert er überzeugt und mit sanfter Stimme. Dann dreht er sich komplett zu ihr um, bleibt mit ihr im Blickkontakt und geht um das Bett herum direkt auf sie zu. Sein Puls steigt an und er muss sich sehr zurückhalten, denn einer so schönen Frau einfach so nahe zu kommen, ist nicht leicht für ihn. Immerhin sind sie beide nackt und haben eine unglaubliche Nacht miteinander verbracht. Er springt jedoch einfach über seinen eigenen Schatten, denn was soll schon passieren? Sie hat ihn eingeladen und sie hatten aufregenden Sex. Hätte es ihr nicht gefallen, hätte sie ihn mit ihrem Selbstbewusstsein bereits rausgeschmissen. Einfach plötzlich vor ihr zu stehen, ihr die Gläser aus der Hand zu nehmen, diese auf die Kommode zu stellen und mit der linken Hand ihr Gesicht sanft zu berühren, weiter keinen Kontakt zu haben und sie kurz sinnlich zu küssen, das kann doch nicht falsch sein. Er ist überzeugt davon, dass diese Frau zwar alles unter Kontrolle haben will, aber eine Überraschung wird ihr sicher gefallen.

‚Was wird das? Wieso bist du so direkt zu mir? Wie kannst du mich nur so überrumpeln?‘, geht ihr zuerst durch den Kopf und dann aber kann sie seinem Kuss nicht widerstehen und geht auf ihn ein. Genau in diesem Moment, als sie anfängt ihn zu erwidern, bricht er plötzlich ab und grinst sie an. Seine Hand lässt ihr Gesicht los und fährt langsam seitlich an ihrem Körper herunter. Sein Blick folgt dieser Bewegung.

„Ich beeile mich.“, sagt er wie eine sanfte Herausforderung und blickt ihr nochmal tief in die Augen. Dann geht er an ihr vorbei durch das große Zimmer Richtung Esstisch. Sie steht wie benommen da und weiß zuerst gar nicht was sie sagen oder geschweige denn tun soll. Plötzlich spricht sie leise aber schnell.

„Warte, nicht dort. Bitte hier im großen Badezimmer.“ Karl schnappt sich blindlinks die Tasche und geht wieder zu ihr.

„Es gibt zwei Bäder?“, fragt er überrascht.

„Hinter…der…Schrankwand hier.“ Sie geht zum Schrank und öffnet die Tür, die nur aussieht wie eine normale Schranktür. Er geht zu ihr und sieht sie kurz an und grinst.

„Okay, wie ein Versteck.“

„Ja, du musst nach links, dann die erste Tür rechts. Nutze was du brauchst. Handtücher habe ich liegen für dich.“ Er schaut auf die Uhr über der kleinen Sitzgruppe im Vorflur und bleibt neben ihr stehen.

„Wie viele Minuten habe ich noch?“

„Sieben.“ Plötzlich dreht er sich zu ihr und sieht ihr wieder tief in die Augen. „Machen wir Sechs.“, sagt er und streicht ganz kurz und leicht mit dem Handrücken von ihrer Schulter bis zum Beginn ihres Tattoos mit den Kirschblütenzweigen, welches sich scheinbar halb um sie herumgewickelt hat. Es beginnt auf ihrer linken Brust nur zwei Fingerbreit neben der Brustwarze. Sein Blick bleibt in ihren schönen grauen Augen hängen.

„Dann haben wir vielleicht vorher noch Zeit für einen Kuss?“, lächelt er und geht daraufhin sofort durch die erste Tür. Herzklopfend bleibt er hinter ihr stehen und lehnt sich kurz an und schließt die Augen.

‚Oh man. Was war das denn eben? Was ist denn heute plötzlich mit mir los? Wieso überkommt es mich so unerwartet und ich habe plötzlich ständig das Bedürfnis sie zu berühren? So etwas habe ich noch nie verspürt.‘ Dann richtet er sich wieder auf, verschwindet in der nächsten Tür und kurz darauf putzt er seine Zähne und steht unter der Dusche. Die Zeit liegt ihm im Nacken. Das lauwarme Wasser prasselt nur so auf ihn herab und es ist sehr angenehm und erfrischend. Nun fühlt er sich gleich viel wacher, obwohl er noch ein paar Stunden Schlaf gebrauchen könnte. Unter der Brause geht er gedanklich die aufregende Nacht nochmal durch. Wie berauschend war es nur diese Frau in den Armen halten zu können? Und dieser kleine Kuss eben, auch das war schon so sonderbar, als würde er sie bereits auf seiner Haut spüren. Diese neuen Gefühle machen ihn nachdenklich. Er ist irritiert und wundert sich, dass es so plötzlich von einem Tag auf dem anderen solche Empfindungen gibt. Er ist doch nach Japan gekommen, um Tina zu sehen und er hoffte zu Beginn sie würde seine Gefühle noch erwidern und es könnte irgendwie mit ihnen wieder ein Beisammensein geben, jetzt wo sie erwachsen sind und ihre Erfahrungen gemacht haben. Doch dann kam der große Knall und alles wurde in seinem Leben völlig auf den Kopf gestellt. Genau als er diesen Gedanken hat, klatscht er sich mit beiden Händen kräftig ins Gesicht.

‚Schluss damit, jetzt bist du hier, Karl-Heinz. Was interessiert dich jetzt die Vergangenheit? Du musst voraussehen. Lange genug hast du alten Gefühlen hinterhergehangen. Und wofür, um zu erfahren, dass du diese Gefühle nie hättest haben dürfen? Oder waren sie auch bei dir keine echten Gefühle wie bei Liebenden? So hat es Tina doch beschrieben. Sie hatte plötzlich das Gefühl nur Freundschaft zu fühlen, nicht mehr.‘ Er stellt die Dusche aus, schnappt sich das Handtuch, trocknet seine Haare schnell ab und rubbelt sich überall trocken. Dann hängt er das Handtuch zu dem anderen nassen auf die Vorrichtung dafür und nimmt sich das zweite Handtuch und wickelt es sich schnell um die Hüfte. Danach geht er zum Waschbecken, nimmt seinen Kamm aus der Tasche und kämmt sich die Haare zurück. So können sie einfach von selbst trocknen. Er schaut nochmal kurz in den Spiegel.

‚Jetzt bist du dran, Karl-Heinz. Du bist hier, um dich abzulenken. Du musst auf neue Gedanken kommen. Du bist frei, frei von Gedanken an damals und frei von Gedanken an irgendjemanden. Vor dir liegt ein großes neues Leben, es wird schwer und holprig sein, aber es wird anders sein! Zuerst musst du sehen was das hier überhaupt wird? Auf jeden Fall wird es ein Neuanfang sein, egal wie es endet. Zu verlieren hast du doch gar nichts mehr. Entweder es bleibt ein aufregendes Abenteuer oder etwas anderes. Keiner weiß das. Niemand kann in die Zukunft schauen und nun wird die Gelegenheit genutzt die da ist. Da draußen wartet eine der schönsten Frauen und du hast die vermutlich aufregendste Nacht hinter dir!‘, sagt er sich selbst und setzt dann einen siegessicheren Blick auf und verlässt das Badezimmer.

(Notiz: Sonnenaufgang 26.07.2005 laut Angaben gegen 4:15 Uhr Bürgerliche Dämmerung bis 4:44 Uhr.)
 

Beide stehen an der Fensterfront und genießen die schöne Aussicht und ihr Glas Wasser. Es ist so still, dass sie sich selbst beim Atmen zuhören können.

„Karl-Heinz. Dieser Moment…er ist so sonderbar. Und ja, du hast Recht. Ich wohne genau deswegen hier. Ich stelle mir jeden Tag bei Sonnenschein den Wecker, genieße diesen magischen Moment und dann schlafe ich gegebenenfalls wieder weiter.“

„Sie ist wirklich schön, deine Stadt, wenn man es von hier aus so sehen kann.“ ‚So ein Anblick ist unbezahlbar. Ich kann sie wirklich verstehen. Wenn man schon in einer solchen Stadt lebt, wo alles so hektisch ist und immer Action herrscht, nie alle schlafen, dann muss man diesen ruhigen Moment genießen.‘

Plötzlich stellt Akane ihr Glas auf den Boden und greift beim Aufstehen links neben sich zu Karl. Sie berührt seine rechten Schenkel und fährt dann über das Handtuch hinauf bis zu seinem Arm. Noch hält er sein Glas fest und sie streicht über den Ellenbogen und über seine Muskeln am Oberarm. Dann berührt sie sanft seine Hand und deutet ihm an schnell auszutrinken. Dies tut er dann auch und sein Herzschlag wird stärker. Dann nimmt sie ihm das Glas ab und stellt es ebenso schnell auf den Boden. Plötzlich schmiegt sie sich an seinen Arm und ihre nackte helle Haut kann ihn spüren.

Sein Puls steigt enorm an und er schaut ihr in die Augen.

„Karl-Heinz, weißt du eigentlich wie schön es war? Wie schön es heute Nacht mit dir war?“

„Wahnsinnig schön…du bist…“, spricht er, dreht sich zu ihr und berührt ihren Kopf, greift Gesicht und Ohr mit der linken Hand, sieht sie wie verliebt an und geht auf ihre Einladung ein.

„Du bist…unbeschreiblich.“, spricht er seinen Satz zu ende. Etwas benebelt von ihren Empfindungen hält sie sich krampfhaft an seinem starken Arm fest und blickt ihn mit feuchten Augen an.

„Lass mich…dich spüren, starker Mann. Ich…ich will…ich will dich nochmal spüren! Bitte…nimm mich…nimm mich…in deine starken Arme. Und lass…mich alles spüren.“ Sie küssen sich leidenschaftlich.

Er unterbricht den Kuss sachte und sieht ihr in die Augen.

„Moment, bin sofort wieder da. Schließ die Augen solange und stell dir vor, ich halte dich weiter fest.“, sind seine liebevollen leisen Worte und seine Hände lassen sie langsam los. Ihre Augen sind geschlossen und sie fasst sich selbst an die Arme solange er weg ist. Wie ein kleiner Windhauch spürt sie seine schnelle Bewegung in Richtung Bett. Karl ist froh, dass er im letzten Moment überhaupt noch daran gedacht hat. Die vielen neuen Gefühle bringen auch ihn etwas aus der Spur. Er greift auf den Nachttisch nach einem Tütchen und schaut dann kurz auf die Bettwäsche. Dann schnappt er Decke und Kissen und geht sofort wieder zu ihr. „Lass die Augen noch geschlossen. Du sagtest vorhin, du liegst auch gern direkt am Fenster.“ Dann legt er schnell die Decke aufgeschüttelt auf den Boden und lässt das Kissen drauffallen. Die wenigen Sekunden sind rum und endlich stellt er sich wieder zu ihr und nimmt sie behutsam in die Arme. Küssend schmiegen sie sich erneut aneinander und genießen die Wärme.
 

Die morgendliche Dämmerung hat ihre Aufgabe des Tages erfüllt, während im Hintergrund die Sonne langsam aufgeht und nun auch den letzten Bewohner Tokios weckt.

Karl steht im Bad und putzt sich die Zähne. Es ist etwa gegen 10 Uhr. Es vibriert sein Handy. Pierres Nummer blinkt auf.

‚Das passt jetzt gar nicht. Den rufe ich zurück, wenn ich raus bin.‘, beschließt er und macht sich weiter fertig. Doch Pierre versucht es weiterhin und sendet dann nach dem vierten Anruf eine SMS. Er solle sofort anrufen. Das macht ihn dann doch stutzig.

‚Was kann denn so wichtig sein?‘ Im selben Moment ruft eine völlig fremde Nummer an. Sie hat eine deutsche Vorwahl aus München. Er wundert sich, wer könnte das sein? Die wichtigsten Nummern hat er im Kopf und ansonsten sind sie direkt eingespeichert. In Deutschland ist es noch mitten in der Nacht, wer will da was von ihm? Karl-Heinz holt sein Rasierzeug aus der Tasche und bereitet sich alles vor. Erneut kommt die Nummer aus München und lässt lange klingeln.

‚Hm, nicht dass es doch wichtig ist.‘ Er entscheidet sich ranzugehen.

„Guten Tag.“, sagt er streng aber höflich.

„Hallo Junge, ich muss dringend mit dir reden.“, ertönt die Stimme seines Vaters.

„Mit Lügnern rede ich nicht mehr. Tschüss.“, legt er einfach auf.

‚Ruft er mit einer fremden Nummer an. Frechheit. Was denkt er sich dabei?‘ Kurz darauf ruft wieder Pierre an. Diesmal geht er ran.

„Was gibt es denn so Wichtiges?“

„Meine Güte, wieso gehst du nicht ran?“, kommt als Antwort.

„Komm zum Punkt. Also wenn du jetzt nur anrufst, um dich mit mir zu treffen, dann hätte es auch warten können.“

„Nein, das zwar auch, aber ich fliege heute Nachmittag eh wieder.

Was anderes. Ich hatte gestern schon den ganzen Tag so ein mulmiges Gefühl im Bauch. Ich bin doch nun wirklich immer sehr informiert und weiß gleich, wenn es Neuigkeiten gibt. Und seit zwei Tagen und auch heute kam kaum irgendeine neue Info in den Medien. Jetzt weiß ich auch wieso.“

„Was meinst du mit Gefühl? Was ist denn komisch?“ Karl geht zur Tür und schaut ob die Tür zum Vorflur zu ist. Akane ist eindeutig in der Küche und bereitet das Frühstück vor.

„Ist dir nicht selbst aufgefallen, dass sich kaum was bewegt auf dem Markt? Es ist Sommer und es laufen Verträge ab und werden neue geschlossen. Und nichts, oder kaum was von ganz oben ist zu verlauten? Das kann gar nicht sein. Irgendwer wechselt immer. Vor meiner Ankunft hier war einiges in Planung und nun seit zwei Tagen Totenstille.“

„Ach echt? Kam da nichts neues in den Tagen? Das ist wirklich seltsam. Ich hatte eben einen Anruf von meinem Vater. Ich habe ihn gleich abgewimmelt, aber er hat über eine Festnetznummer angerufen. Ob das wegen der Arbeit war?“ Er macht die Tür zu und geht zurück zum Waschtisch. Er stellt das Handy auf Lautsprecher und stellt den Ton so leise wie möglich. Nun liegt es neben ihm während er sich rasiert.

„Das kann sein. Hör zu, Karl-Heinz. Ich habe Angebote bekommen. Die sind intern und ohne Öffentlichkeitsbeteiligung. Du weißt was das heißt. Und Napoleon hat mich auch angerufen und erzählt, dass er vier Angebote reinbekommen hat. Wir sind ja nun echt keine Freunde, aber wenn es um sowas geht, informieren wir uns gerne.“

„Oha. Das ist kein gutes Zeichen. Dann wird da einmal gut gemischt? Etwa jetzt nur weil Cusavier ausfällt? Du hast das doch gestern auch mitbekommen, dass Sawada nach Turin geht. Das ist eine offene Sache und weiß inzwischen jeder. Also haben die Italiener vermutlich Angst bekommen, dass es eine japanische Spitze geben wird. Die beiden sind perfekt eingespielt. Wenn plötzlich die Vereine sogar Napoleon haben wollen, sind sie scheinbar sehr in Bedrängnis. Wer hat sich denn bei dir gemeldet? Und willst du gehen?“

„Ich stehe dummerweise im Zugzwang. Mein Vertrag ist noch nicht verlängert gewesen und durch den verpatzten Transfer von Shinichi sind die noch sauer auf mich. Naja. Letztendlich muss ich mich zwischen fünf Teams entscheiden. In der Regel nimmt man ja den, der am meisten bietet. Aber du weißt, um das Geld geht’s mir nicht. Ist es mir nie gegangen. Aber unwichtig ist es in Zukunft nicht mehr. Am Ende entscheidet der Verein, der meinem am meisten zahlt.

Ich stehe jetzt zwischen FC Barcelona, Juventus Turin, Inter Mailand, Florence und dem HSV. Ich denke mal die wollen mich nur haben, weil Genzo jetzt zu dir gehen will und er ist doch offiziell raus und auf dem freien Markt.“

„Gleich fünf Vereine, wow. Zu wem würdest du von dir aus gehen wollen? Auf jeden Fall sieht es ganz danach aus, als wäre da in Italien gerade alles hellhörig. Irgendwer muss einen ganz dicken Fisch geangelt haben. Und dann haben sie alle Muffensausen.“

„Das denke ich auch. Also vom Wollen her, Inter Mailand. Wenn diese Sache mit Bettina nicht gewesen wäre, dann hätte mich Turin auch gereizt. Cusavier zu vertreten wäre mir die größte Ehre. Er hat mich vermutlich vorgeschlagen. Aber es macht Spaß mit Shingo zu spielen, das habe ich gestern auch wieder bemerkt und ein Genie wie Hernandez im Tor zu haben ist auch super.“ Karl muss lachen.

„Ja. Turin wäre da nun wirklich ungünstig. Nach der dummen Anmache, wäre Hyuga sicher begeistert. Inter ist gut. Gute Besetzung und die können sich einen wie dich auch leisten. Sie stehen auf Platz zwei, gleich nach Juventus.“

„Ja. Gut, ich werde das wohl tatsächlich in Betracht ziehen. So bin ich öfters bei Phillipe.“

„Oh, was hat dich denn dazu bekehrt? Willst du jetzt doch Vater sein?“

„Ich habe mich gestern mit Bettina noch ausgesprochen und dann habe ich ihr davon erzählen müssen.“ Karl stutzt etwas.

„Wann habt ihr denn geredet? Auf der Feier?“

„Nein, noch in der Turnhalle. Dort war ein Fitnessraum und wir sind uns zufällig begegnet. Naja, egal. Natürlich hat sie mir geraten die Vaterschaft offiziell zu machen. Zumindest innerhalb der Familien. Am besten jetzt noch, solange der Junge so klein ist und mich als Vater anerkennen würde. Das hat wohl was mit dem Alter zu tun.“

„Das klingt ganz nach ihr, stimmt. Und wieso warst du gezwungen es ihr zu erzählen? Wie soll ich das verstehen?“

„Ja, das wollte ich dir auch noch erzählen. Ich habe es gestern total vergessen. Ich denke mal, sie wird es dir bei Gelegenheit selbst sagen wollen, aber ich glaube gestern kam sie nicht mehr dazu. Du musst es aber wissen. Vor allem wegen der anstehenden Transfers. Sie hat ein Transfer zum Chieri Torino und als wir uns getroffen haben, hatte sie kurz vorher ein Telefonat mit dem Vereins-Geschäftsführer, also mit Valentini. Der Großvater von Phillipe. Es verlief wohl nicht nach ihrem Plan und dann erzählte sie mir davon und ich riet ihr zurück zu rufen.

Naja, kurz um. Die Geschäftsetage und die Trainer wissen bereits über sie Bescheid, also dass sie in deinem Team war. Frage mich aber nicht woher.“

„Echt? Wieso das denn? Das ist aber gar nicht gut. Dann wundert mich das jetzt gar nicht mehr, dass sie so angespannt war, als Ohzoras Frau ihren Managervertrag nicht unterzeichnet hatte.“

„Wie jetzt, nicht unterzeichnet?“

„Ist ja jetzt egal. Sie hat es am Ende doch getan. Was hat das mit dir zu tun?“

„Als Bettina zurückgerufen hatte, kamen zufällig Cusavier und seine Frau Viola ins Zimmer und wurden von ihm ins Gespräch mit einbezogen. Naja, jedenfalls kam dabei rum, dass wir uns kennen. Später hat sie mich dann gefragt woher.“ Wieder muss Karl stutzen.

„Was meinst du jetzt, Cusavier weiß Bescheid? Was weiß er?“

„Na dass Bettina bei dir im Team war und auch damals bei der Europameisterschaft dabei gewesen ist.“ Karls Puls schlägt plötzlich höher.

„Das ist gar nicht gut. Du weißt doch wie sehr er immer hinter seinen Titeln her ist. Und du bist ihm sehr wichtig, wenn es um deinen Erfolg geht. Er schätzt dich sehr. Sicher war er es, der dich bei Juventus als Ersatz vorgeschlagen hat. Was ist, wenn er jetzt zu eurem Verband läuft und das mit Tina die Runde macht? Man könnte unseren Titel aberkennen oder sogar die ganze alte Meisterschaft für ungültig erklären.

Glaubst du, er wird sie verpfeifen? Dann kommt da echt was auf uns alle zu.“ „Nein, keine Sorge. Natürlich war das sein Gedanke, aber er mag sie zum Glück und bedauert Stephans Tod sehr. Und durch die Freundschaft zu Hyuga hält er dicht. Es würde ihm doch genauso schaden. Ich habe ihm auch etwas zugeredet. Es ist alles okay.“ Karl atmet wieder beruhigt durch.

„Dann bin ich ja beruhigt. Ich habe echt andere Dinge zu klären. So, ich rufe jetzt mal meinen Trainer an. Es war dann wohl doch wichtig. Ich informiere dich dann. Aber bitte per Nachricht, Telefonieren ist grade noch ungünstig.“

„Okay. Wo bist du überhaupt?“

„Unterwegs. Bis dann.“

„Halt…sag schon. Bist du bei der Japanerin? Welche von ihnen war es denn nun?“ „Du nervst, echt. Sei nicht so neugierig.“

„Nun sag schon, ich weiß nur, aus dem gegnerischem Team. Da waren viele Schönheiten dabei. Aber okay. Hauptsache du bist nicht ausgerechnet bei Saitos Tochter, wobei die wirklich schön ist. Mit dem würde ich mich lieber nicht anlegen. Er mag dich.“, neckt er ihn. Karl legt einfach auf. Pierre starrt verdutzt in sein Handy.

‚Hä? Wie jetzt? Ich habe doch wohl nicht etwa ins Schwarze getroffen. Karl-Heinz…fängst du jetzt etwa an mit dem Feuer zu spielen? Das kann gar nicht gut enden.‘

Plötzlich erscheint eine weitere unbekannte Nummer auf Karls Handy. Neugierig geht Karl ran.

„Hallo.“

„Karl-Heinz, ich bin es, Genzo.“

„Oh, Guten Morgen. Was gibt es?“

„Ich wurde eben gerade von deinem Verein angeworben. Wir hatten ja gestern noch darüber gesprochen. Was meinst du, bleibst du dabei?“

„Das ist gut. Ja, es bleibt dabei. Du kommst zu uns. Hat sich zufällig noch ein weiterer Verein bei dir gemeldet?“

„Oh, ja tatsächlich. Hier klingelt schon den ganzen Vormittag mein Handy. Nervig. Vor allem, weil ich mich jetzt eh entschieden habe. Nun kommen die alle auf einmal gleichzeitig an.“

„Ach ja? Wer will dich aktuell haben?“

„Bayern eben, Stuttgart, Leverkusen, BVB, Rom und sogar Valencia, Madrid und Barcelona, die haben noch nie angefragt.“

„Ich weiß ja nur von dem was in den Medien war. Nun gut. Antworte noch nicht auf Bayern. Und lass die anderen erstmal zappeln. Wir werden deinen Wert hochtreiben, klar. Immerhin hast du schon viel zu lange darauf verzichtet. Ich melde mich, aber nur per SMS, okay?“

„Okay, alles klar.

Aber wieso will Stuttgart mich haben? Müller würde niemals seine Heimat verlassen wollen.“

„Wer weiß das schon. Vielleicht zwingen sie ihn dazu? Es muss einen enormen Grund dazu geben, denn zwei Top Keeper in einem Team wären Unsinn.“ Beide legen auf. Dann endlich ruft er die Münchner Nummer zurück. Sein Vater geht ans Telefon.

„Schneider, guten Tag.“

„Trainer? Was gibt es so wichtiges?“, entgegnet Karl ihm streng.

‚Karl, du wirst mir vermutlich nie verzeihen. Das kann ich verstehen. Wo bist du nur? Etwa in Japan bei ihr?‘

„Karl-Heinz, es tut mir leid. Was auch immer du jetzt von mir denkst. Ich rufe jetzt nur wegen der Arbeit an. Es kamen sechs Angebote rein.“

„Welche?“

„Inter Mailand, Rom, FC Turin, FC Barcelona, Valencia und Manchester United. Die Transfer-Summen sind aktuell etwa gleich hoch. Alle Transferangebote laufen ohne Öffentlichkeit.“ Karl-Heinz überlegt kurz und gibt dann eine klare Antwort.

„Sag dem Vorstand, dass ich darüber nachdenken werde. Ich wäre bereit zu wechseln, wenn die Summe stimmt. Sorge du dafür, dass der Preis steigt und sende mir privat SMS, wenn es Neuigkeiten oder Vorschläge gibt. Sollte es noch andere betreffen, ebenso. Kein Anruf!“, legt er fest. Es ist still am anderen Ende. „Du willst wirklich gehen? Etwa meinetwegen?“

„Entweder du gehst, oder ich. Gebe einfach weiter was ich dir eben gesagt habe, wenn du bleibst, gehe ich.“

„Die überlegen Genzo zu holen. Diesmal ganz offiziell. Das Angebot ist bereits intern an ihn raus.“, sagt er dann plötzlich.

„Gut zu wissen. Hat er schon geantwortet?“

„Nein, er überlegt wohl noch.“

„Die sollen ihm ein Top-Angebot machen. Wenn ich weg bin, wird er gebraucht.“

„Junge, es tut mir wirklich leid. Hast du wenigstens einen Favoriten?“

„Habe ich.“, kommt trocken zurück und er legt auf. Nachdenklich schaut er in den Spiegel, macht die letzten Schliffe und legt den Rasierer zur Seite. Dann kontrolliert er nochmal alle Stellen genauer, wäscht das Gesicht und holt sein Aftershave heraus.

‚Ich hoffe du vermasselst das jetzt nicht, Vater. Du kannst es dir im Moment nicht leisten, dich mit mir anzulegen. Ich weiß, dass ich dir wichtig bin, aber wie konntest du nur die ganzen Jahre damit leben Bettina nicht mehr um dich zu haben? Jetzt wo sie nicht mehr in deiner Nähe war? Eure Idee uns Kinder trotz der Situation zusammenzubringen klang sicher anfangs gut und war eine gute Möglichkeit, auch damit ich meine leibliche Mutter kennenlernen konnte, sowie Tina auch dich kennenlernen konnte. Eure Idee ging aber gewaltig schief. Was habt ihr vier euch da nur bei gedacht? Ich weiß, es ist aus einer Not heraus gewesen uns zu trennen, aber es wäre sicher auch anders gegangen. Aber trotzdem, ich bin derart stinkig auf dich, den Gegenwind musst du jetzt noch lange ertragen. Ich will dich auf jeden Fall für eine lange Zeit nicht mehr sehen, Vater.‘

192. Kapitel Eine heiße Sommernacht Teil I U18

Kapitel 192
 

Eine heiße Sommernacht Teil I
 

Nach dem aufregenden Spiel und emotionalen Gesprächen liegt Anke aufgewühlt im Hotel-Bett. Sie kann nicht einschlafen und dreht sich nur von einer Seite zur anderen.

„Verdammt. Wieso geht mir diese Frau nicht mehr aus dem Kopf?“, murmelt sie vor sich hin.

‚All die Jahre glaubte ich wirklich, Tino sei ein Junge. Jetzt ein Mann. Wie nur? Wie kann das sein, dass er ein Mädchen war? Wie hat sie nur die ganze Zeit dieses harte Training überstanden und mit den Jungs mithalten können? Und du Stephan? Du bist tot? Verdammter Scheiß. Warum nur? Du warst doch ein netter Kerl und noch so jung. Warum haben die das getan? Diese…Arschlöcher!‘ Wütend schlägt sie mehrmals auf ihr Kissen ein und richtet sich dann auf.

„Bettina. Bet…tina.“

‚Wie konnte ich das die ganze Zeit nie sehen? Ich habe mich als Mädchen…in ein Mädchen verknallt? Wie bescheuert ist das denn? Ich hatte sogar ein Poster von dir an meiner Wand und habe das nie gesehen? Deswegen damals die Abfuhr. Du hast an dem Abend beim Billard gesagt, dass du bereits jemanden magst. Ich glaube nicht, dass du gelogen hast. Wer mag das damals gewesen sein?‘ Es vergehen ein paar ruhige nachdenkliche Minuten.

„Verdammt nochmal. Wieso denke ich jetzt über dich nach, Bettina?“ Anke legt sich auf den Rücken und schaut zur Decke. Dann hält sie ihre Hände hoch und schaut sie gedanklich an.

‚Eine Frau? Du bist auch wirklich sehr hübsch. Ich habe dich immer nur als Tinos Schwester gesehen. Wir kannten uns quasi nicht. Und nun? Du bist mit einem Mann wie Hyuga zusammen? Wie werden deine alten Freunde reagieren, wenn sie es herausfinden oder wenn sie es aus der Presse erfahren? Wie ist das dann so zwischen euch? Weiß er wer du im HSV warst? Es hatte den Anschein. Wie weit seid ihr mit dem, was ihr habt? Ihr mögt noch nicht lange zusammen sein, aber so wie er reagiert hat, als es um euren Urlaub ging, da kam echte Leidenschaft rüber. Er verzichtet für dich auf keine Ahnung wie viel an Tages- oder Wochengehalt. Was verdient so ein Fußballstar denn eigentlich so? In den Medien bekommt man nebenbei nur so mit was die Transfers für die Vereine kosten und welche Grundgehälter man bekommt. Dazu kommen doch aber noch die Tagessätze und die Boni nach Leistung. Ebenso sogar Sponsorengelder und Werbeeinnahmen.‘ Sie schaut zum Fenster.

‚Es muss ihm sehr wichtig sein, mit dir zusammen zu sein. Kein Mann würde sonst auf so ein Gehalt verzichten. Die Champions-Liga fängt doch auch bald an. Ob er auf die ersten Wochen für dich verzichtet?‘ Sie schließt die Augen und fährt dann mit den Händen unter die Decke und berührt zärtlich ihre Brüste und beginnt sie sanft zu massieren.

‚Berührt er dich so? Wie fühlst du dich denn für ihn an? Was fühlt ein Mann, wenn er eine schöne Frau wie dich berührt? Ich kann mir das irgendwie gar nicht vorstellen mit einem Mann wie ihn. Sex mit einem Japaner? Ja, Hyuga ist ein wirklich gutaussehender Typ, aber er wäre mir etwas zu groß. Ich mag es nicht, wenn Männer auf mich herabsehen können oder ich ihnen beim Stehen direkt in die Augen sehen kann.‘ Sie öffnet die Augen wieder, massiert sich derweil weiter, als wäre jemand bei ihr und würde es tun und sie küssen. Sie stellt sich in ihrer Fantasie vor, es wäre ein Mann bei ihr. Dann schließt sie wieder die Augen und lässt ihrer Fantasie etwas mehr Spielraum. Als sie bemerkt, dass sie erregt wird, nur bei dem Gedanken daran, man würde sie an Stellen küssen, wo die Sonne nicht hin scheint, erscheint plötzlich Tinas Lächeln vor ihr. Erschrocken unterbricht sie und reißt die Augen auf.

„Verdammt. Geh weg...ich steh doch überhaupt nicht auf Frauen...wieso? Wieso erscheinst du dann hier?“, stöhnt sie eher genervt aus und richtet sich auf. In ihr wird es komisch, ihr Körper sagt zwar, dass sie etwas fühlen will und dass sie sich nach Zärtlichkeiten und Küssen und starken intensiven Gefühlen sehnt, aber es darf doch nicht sein, dass es sich dabei um eine Frau handelt, wenn sie an solche Zuneigungen denkt. Das gab es doch auch noch nie. Es muss also eine Ausnahme sein. Sie versucht einfach ohne weitere Streicheleinheiten einzuschlafen, aber nein. Nichts. Irgendwann steht sie genervt auf, überall kribbelt es an ihr und dann geht sie ins Bad, verschwindet kurz darin und sieht später in den Spiegel.

‚Was mache ich denn nur? Am liebsten...würde ich...ich werde dieses Kribbeln nicht los. Verflucht. Ich will jetzt etwas spüren…etwas Besonderes…und ständig kommt mir dein Gesicht in den Sinn und deine schöne sportliche Figur. Verdammt. Das muss aufhören! Was…mache ich denn jetzt?‘ Verzweifelt legt sie die Hände auf ihr Gesicht, kneift die Augen ganz fest zu und versucht sich vorzustellen, dass sie von einem Mann berührt wird. So war es doch schon immer, warum sollte es jetzt anders sein? Es war doch auch immer schön und aufregend mit einem Mann. Ihr erscheint plötzlich bei dem Gedanken daran, sich von einem Mann in diesem Moment berühren und küssen zu lassen, ein Gesicht. Blaue Augen und kurze helle Haare, markanter fester Blick, starke Arme. Sie öffnet die Augen und grinst.

‚Genau…du bist perfekt. Ein attraktiver Mann, sportlich und erfahren genug. Dir geht es bestimmt genauso. Ein Single.‘ Fest entschlossen greift sie zu ihren Klamotten, zieht Slip und Kleid an und schnappt sich Handtasche und den Zimmerschlüssel. Dann verlässt sie das Hotelzimmer, geht eine Etage tiefer und klopft an der Zimmertür 337. Es dauert zu ihrer Verwunderung nicht lange, bis sich die Tür öffnet. Im Türrahmen steht Andy. Er ist deutlich überrascht, als er sie sieht.

„Anke, was willst du denn um diese Zeit noch?“

„Lässt du mich rein? Ich kann nicht schlafen.“, kommt nur mit angespannter Stimme.

„Hm. Ich...habe aber nur den Bademantel an. Ist jetzt nicht so für Besuch. Ich weiß nicht. Was willst du denn?“, ist er noch verwundert.

„Das stört mich nicht.“, sagt sie trocken. Er zögert etwas.

‚Irgendwie ist sie komisch.‘

„Wovor hast du denn Angst?“

„Ich weiß nicht. Du benimmst dich seltsam. Hast du was getrunken?“, rümpft er die Nase.

„Meine Güte, bist du verklemmt! Es ist mitten in der Nacht und ich will jetzt mit dir schlafen, oder bin ich dir nicht hübsch genug?“ Völlig verdattert sieht er sie an.

„Äh, wie jetzt? Spinnst du? Kommst hier einfach her und willst bitte was? Wir kennen uns doch eigentlich so gut wie gar nicht. Und wir sind ...auf Geschäftsreise oder sowas.“ Anke stellt sich direkt vor ihn und packt seine Hand. Dann legt sie diese einfach auf eine ihrer Brüste. Ihr Blick ist eindeutig.

„Trau dich ruhig. So schnell wie du an der Tür warst, kannst du doch auch nicht schlafen. Woran hast du gedacht? Oder soll ich eher fragen, an wen?“ „Äh...was...wie...an wen?“ Andy stutzt und zögerlich zieht er seine Hand zurück. Es macht ihn unsicher, was sie wirklich jetzt will. Ein kleines Abenteuer? Ein Quickie oder was soll der Blödsinn? Sie packt seine Hand jedoch erneut und legt sie auf die andere Brust. Unter dem Kleid ist nicht nur zu sehen was sie will. Natürlich kann er es deutlich fühlen und empfindet es auch als wahnsinnig anregend. Es wäre gelogen, wenn es ihn nicht anmachen würde, wenn eine attraktive Frau wie sie, sich von ihm berühren lassen will.

„Spürst du das? Ich…ich will dich…jetzt! Jetzt sofort!“ Sein Puls steigt enorm an und so richtig weiß er nicht, was er davon halten soll. Es verunsichert ihn in seiner aktuellen privaten Situation.

‚Anke, was ist denn nur los? Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich es nicht wollen würde, aber so? Einfach so nur…ohne Gefühle? Das ist so gar nicht meins…und dann so kurz nach der Scheidung? Ich weiß doch auch gar nicht…wie du es magst. Es gab doch nur…Ach Beatrice, du bringst alles durcheinander in mir…und du Bettina? Eben noch musste ich an dich denken, wie schön du bist und wie aufregend es sein müsste dich in den Armen zu halten und dich intensiv zu spüren? Was du jetzt wohl machst? Bei einem Mann wie Hyuga? Ganz sicher…nichts anderes.‘

Etwas verwirrt sieht er Anke in die hübschen blauen Augen und schüttelt dann jedoch den Kopf.

„Tut mir leid, aber…ich…bin nicht…so ein Typ…für so eine Nummer. Und ich…habe gerade fünf Jahre Ehe hinter mir und stecke im Sorgerechtsstreit. Das stresst genug.“, flüstert er dann und zieht endgültig die Hand von ihr weg.

„Ein Grund mehr die Schlampe hinter dich zu lassen. Ich bin auch Single. Du tust doch nichts Verbotenes. Die Scheidung ist doch durch.“

„Du bezeichnest die Mutter meiner Kinder als Schlampe? Geh besser.“, knurrt er etwas.

„Vorhin hast du noch gesagt, dass sie dich seit Monaten betrügt und jetzt will sie dir auch noch die Kinder wegnehmen? Also ist sie eine Schlampe. Du bist ihnen sicher ein guter Vater. Eindeutig Schlampe.“ Mit einem bösen Blick tritt er einen Schritt zurück und will die Tür einfach schließen, ohne, dass er ihre Aussage kommentiert. Anke stellt in letzter Sekunde ihren Fuß in die Tür.

„Gut, wenn DU nicht willst…ich wollte es wenn, dann gerne mit Niveau und Klasse, aber wenn es dir lieber ist. Okay. Ich gehe dann jetzt da raus, da gibt es sicher einen hübschen kleinen Japaner, der es mal mit mir versuchen will. Blonde Volleyballerinnen sind wohl sehr gefragt.“ Er hält inne und blickt nochmal kurz zu ihr auf.

„Wie jetzt?“

„Ach, und ich kann ja gleich mal testen ob diese komischen Gerüchte stimmen, über die sich die Japaner selbst immer so lustig machen.“

„Gerüchte?“, wird er skeptisch.

„Naja, sie sind kleiner als der Durchschnitt auf der Welt, aber es ist alles kleiner…Wohnungen, Autos…Männer und ihr…naja…ich werde es ja erfahren. Sie strengen sich dann wohl mehr an, sagt man.“, grinst sie selbstsicher, nimmt ihren Fuß weg und zieht die Tür selbst einfach vor seiner Nase zu. Hinter der Tür sieht Andy total verdutzt auf die Tür.

‚Meint sie das jetzt echt ernst? Will sie jetzt auf die Straße gehen und irgendeinen fremden Kerl abschleppen?‘ Seine Gedanken drehen sich plötzlich total im Kreis. Eben noch, kurz bevor es geklopft hatte, lag er doch im Bett und konnte selbst nicht einschlafen. Sein Herz raste nur bei dem Gedanken daran die schöne Bettina würde bei ihm sein und sie würden sich berühren. Als sie ihm so plötzlich bei ihrer ersten Begegnung in die Augen sah, da wurde ihm ganz warm.

Er war doch gerade kurz davor sich diesem Gedanken einfach hinzugeben und sich von seinem Kummer abzulenken, als es plötzlich klopfte. Trotz des ganzen Stresses mit seiner Exfrau, war dieses Lächeln an der Tür plötzlich wie ein Sonnenschein in seinem Herzen.

‚Mist…Anke…du hast Recht. Wir machen doch nichts Verbotenes, nur…weil wir es hier im Hotel tun? Du bist doch eine wahnsinnig schöne Frau…und…ich…will doch auch…alles vergessen.‘ Er nimmt seine Hände hoch und betrachtet sie.

‚Du fühlst dich so aufregend an. Bin ich doof? Ich muss doch bescheuert sein! Wie kann ich so ein Angebot ablehnen, wenn ich selbst…im Moment…nichts anderes will?‘ Plötzlich dreht er sich um, öffnet die Tür leise und sieht in den Flur.

„Zu spät.“

‚Sie ist weg. Verdammt!‘, atmet er tief durch und will die Tür wieder schließen. Plötzlich spürt er eine Hand auf der Schulter.

„Lässt du mich jetzt rein? Vielleicht hilft es uns beiden, auch nur zu reden?“ Er sieht sie überrascht an, aber er sagt kein Ton. Stattdessen fasst er ihre Hand auf seiner Schulter, macht die Tür weiter auf und zieht sie quasi in sein Zimmer hinein. Anke ist selbst erstaunt und ihr Herz rast wie wild, als sich die Tür hinter ihr schließt, er sie plötzlich gegen die Tür lehnt und ihr tief und lustvoll in die Augen sieht. Sein Körper schmiegt sich ohne etwas zu sagen, an sie und presst sie förmlich an das Holz der Tür. Seine Hände gleiten fast wie gierig über ihre Seiten, an ihre Taille vorbei und die rechte Hand fährt zu ihrem Kopf rauf. Während diese ihren Hals mit dem Daumen abtastet und dann ihr Kinn und danach ihre Lippen berührt, gleitet die andere hinab unter ihren zarten violetten Stoff. Beiden steigt der Puls enorm an und sie atmen schwerer.

‚Du bist wirklich sehr schön und hast eine Wahnsinnsfigur, Anke.‘ Plötzlich führt er ihren Kopf zu sich herunter und küsst sie leidenschaftlich und fordernd. Sie geht überrascht darauf ein.

‚Andy, was bist du nur für ein aufregender Mann? So eine stürmische Art…kenne ich noch gar nicht. Du bist so herausfordernd und zärtlich zugleich. Was ist das für ein wahnsinniger Kuss?‘ Ihre Hände gehen an seinen Kopf und krallen sich in seinen kurzen Haaren fest.

‚Wie deine Augen leuchten, Anke. Jetzt…wo ich dich hier so fühlen kann…machst du mich richtig rasend. Es ist auch schon über drei Monate her, als ich das letzte Mal Sex hatte. Seitdem nur Stress.‘ Plötzlich unterbricht sie den Kuss.

„Andy…was?“, stößt sie verdutzt stöhnend aus. Sie sieht ihn mit großen Augen an.

„Was…hast du erwartet? Nach drei Monaten Ehe-aus? Glaubst du, nur, weil ich…im Spiel eher der Verteidiger bin, dass ich…das jetzt auch bin?“, keucht er etwas in seiner lustvollen Erwartung.

„Wahnsinn!“, stöhnt sie erregt.
 

„Oh mein Gott. Du bist so aufregend.“, flüstert sie. Gemeinsam vergessen sie die ganze beschissene Welt um sie herum, die sie sonst nur verwirrt und von ihrem Sport ablenkt.
 

Nach weiteren unglaublichen starken Gefühlen liegen beide nebeneinander und sehen nachdenklich und etwas erschöpft zur Deckenbeleuchtung. Sie atmen schwer und versuchen wieder runterzukommen.

„Wahnsinn. Andy…was…war das denn? Ich glaube…ich hatte gerade den besten Sex meines Lebens.“, beginnt sie ihre Gedanken zu ordnen. Andy ist etwas verdutzt. Einerseits fühlt er sich geschmeichelt und andererseits weiß er nicht so richtig was er darauf sagen soll. Ihm hat es auch sehr gefallen, aber es war…eben nur das, mehr leider nicht.

„Wow. Und das aus deinem Mund.“, sagt er dann nur.

„Blödmann. Ich sag das jetzt nicht einfach nur so.“ Sie dreht sich zu ihm und stützt ihren Kopf auf ihre Hand. Sie liegt einfach nackt neben ihm und berührt dann seinen Bauch und sieht zu ihm ins Gesicht. Sein Blick bleibt stur zur Decke gerichtet.

„Das war…so…intensiv. So hat mich noch nie jemand berührt. Verstehst du?“ „Kann sein. Ich kenne ja…deine anderen Männer nicht. Ich weiß auch nicht was andere machen. Ist mir auch egal. Geht mich nix an.“, sagt er trocken und grinst etwas dabei.

„Bist du sicher?“

„Was bin ich mir sicher?“

„Dass du sie nicht kennst?“

„Ist das dein Ernst? Wen denn zum Beispiel?“

„Ich kann schweigen wie ein Grab. Ich geh doch nicht damit hausieren. Aber nur mal so, es gibt genug gutaussehende Singles unter deinen Artgenossen.“, streckt sie die Zunge raus. Er zuckt mit der Schulter.

„Wenn du meinst. Solange sie Singles sind, ist mir das egal.“

„Was ist jetzt mit deiner Ex-Frau? Was wird mit den Kindern?“

„Oh man. Musst du mich jetzt daran erinnern?“

„Also mein Ex ist ein Arsch. Er hatte es mit der Treue auch nicht so. Aber gleich mit, keine Ahnung, wie vielen nebenbei. Durch seine dumme Reiserei habe ich nichts mitbekommen.“

„Wie lange ist es her? Und wie lange wart ihr zusammen?“

„Wir waren nur ein halbes Jahr zusammen. Meine längste Beziehung bisher. Seit einem Monat etwa sind wir getrennt. Ich habe ihn mit einer anderen erwischt. Und bei dir? Wie war das bei euch? Seit wann seid ihr getrennt?“

„Wir kannten uns schon seit der Kindheit. Waren in derselben Klasse und so. Dann vor fünf Jahren geheiratet und nun seit drei Monaten getrennt. Aber die Scheidungspapiere habe ich erst letzte Woche unterzeichnet. Zuerst räumte sie mir quasi das Konto leer, dann nahm sie sich einfach alles Wertvolle aus der Wohnung, was uns gemeinsam gehörte und seitdem geht dieser Gerichtsmist los. Ständig ist irgendwas. Jetzt will sie mir das Besuchsrecht der Kids entziehen. Deswegen kann ich nicht zur EM, die Gerichtstermine wurden natürlich in diese Zeit datiert.“

„Ich sage ja, die hat echt nicht mehr alle Latten am Zaun. Wie kommt sie darauf, dass du kein guter Vater für sie währst?

Ich habe eigentlich auch ein Kind, weißt du?“, haut sie plötzlich raus. Er sieht sie erstaunt an.

„Eigentlich? Was ist mit deinem Kind?“ Anke legt sich auf den Bauch und dreht den Kopf von ihm weg. Ihre Arme sind unter dem Kissen.

„Ich war erst zwölf und wir hatten da einen netten Nachbarn, der ab und an auf uns drei aufgepasst hat. Ein junger Mann. Irgendwie hatte ich mich in den verguckt. Ein wirklich hübscher netter Typ. Naja, er hat es wohl bemerkt, dass ich ihn mochte und da ist es dann mal passiert und...dann bekam ich einen Jungen. Ich verstand erst zu spät, dass er die Situation nur ausgenutzt hatte. Meine Eltern haben ihn natürlich angezeigt und er ist auch verurteilt worden. Ich...habe den Jungen dann zur Adoption freigegeben. Ich war ja selbst noch ein halbes Kind. Da haben es meine Eltern so entschieden. Und er, er weiß nicht, dass ein Kind dabei entstanden war. Wir haben es extra nicht angegeben, damit er nie Anspruch darauf erheben kann.“, erklärt sie und es laufen plötzlich ein paar Tränen über ihre Wange. Sofort wischt sie diese weg. In ihrer Brust tut es ihr weh darüber zu reden, aber bisher hat sie es noch niemanden erzählt. Andy ist fassungslos. Nicht nur, dass sie ihm so eine furchtbare Geschichte erzählt, sondern auch, dass ihm auffällt, dass es sie eindeutig belastet.

„Anke...Du wolltest es damals behalten? Das Baby? Oder?“

„Ja, es war mir egal wo es herkam, aber...meine Eltern hatten zu viel Angst, es könnte mir im Weg sein. Wegen meines Alters würde jeder wissen was mir passiert war und das wollten sie nicht. Heute bereuen sie ihre Entscheidung. Aber es ist eh zu spät.“

„Das sehe ich aber anders. In solchen Fällen kannst du Kontakt mit dem Jugendamt aufnehmen. Immerhin war es nicht deine eigene Entscheidung es wegzugeben. Wenn du ihnen deine Geschichte erzählst und deine Eltern dich diesmal sogar unterstützen. Vielleicht bekommst du die Chance das Kind kennenzulernen. In seiner Familie wird er bleiben, aber du könntest über das Jugendamt anfragen, ob die Eltern Interesse daran hätten einen Kontakt herzustellen oder wenigstens ein wenig zu erfahren wie es ihm ergeht. Rechtlich wird er nie dein Kind sein, aber wichtig ist doch nur, dass du weißt wie es ihm geht oder ihr euch kennenlernen könnt.“

„Das habe ich schonmal versucht. Als ich 18 wurde und mein Abi in der Tasche hatte. Ich dachte, wenn ich jetzt Studentin und erfolgreiche Sportlerin bin, habe ich alles was ich brauche. Aber das reichte denen wohl nicht aus. Sie äußerten sich auch nicht dazu was ich denn noch machen soll, damit ich den Kontakt anfragen kann.

Meine Eltern wissen aber nichts davon. Ich wollte sie damals nicht damit belasten.

Irgendwo in Hamburg oder keine Ahnung wo...läuft er rum. Ein kleiner zehnjähriger Junge...der bestimmt seinem Vater oder meinem Vater oder Bruder ähnlichsieht. Ständig sehe ich die Kinder in dem Alter genauer an. Es ist einfach total komisch.“

„Du solltest es jetzt nochmal versuchen. Er ist doch nun alt genug. Vielleicht meinte das Amt, er sei zu jung, es zu verstehen. Jetzt sind doch schon wieder gut 5 Jahre vergangen.“

„Meinst du? Aber jetzt bringt es gerade gar nichts. Ich...könnte ihn eh nie besuchen.“

„Wieso?“

„Weil...ich das Land verlassen werde. Ich habe endlich meinen ersten Transfer und gehe für zwei Jahre nach Italien.“

„Italien? Waren die Italiener deswegen so angespannt? Ich hatte das Gefühl, die hatten was zu verbergen, weil sie kaum was gesagt haben.“

„Vermutlich. Aber nicht nur deswegen. Und ja, ich gehe ins Torino-Team. Ich befürchte, nicht ich werde dort die große Angreiferin für sie sein, die Cusavier Viola ersetzen soll. Diese Frau ist extrem stark und ich kann sie mit meiner jetzigen Leistung auch nicht ersetzen. Nein. Die…haben sich jemand anderes geholt. Und jetzt…weiß ich auch wen.“, lässt sie ihre Gedanken frei und dreht sich dann zu ihm um und sieht Andy an.

„Bettina! Aber ja, deswegen waren sie hier, obwohl ihr Team gar nicht gespielt hat.“, haut er raus.

„Genau. Mein Transfer ist nicht ohne, aber der große Knaller auch nicht und eine Weltspielerin wie Viola kann niemand ersetzen, also brauchen sie jemanden, der Bälle schlägt, die keiner halten kann und will. Bettina bringt zwar nicht die große Spielerfahrung mit wie ich, aber sie ist als kraftvolle Spielerin wie auch als Strategin unschlagbar. Du hast es doch heute gesehen. Dieser neue Ball und dann ihre alten Bälle sind der Wahnsinn. Die Italiener zahlen im Volleyball wahnsinnige Gehälter, wenn die Ergebnisse stimmen. Und sie haben Madame bereits vor zwei Jahren schon einmal gefragt. Und jetzt…wo wir beide ja wissen, dass sie mit Hyuga zusammen ist…dreimal darfst du raten, wer da zu wem zieht?

Ich glaube, die Italiener haben sich sofort nach Violas Unfall bei ihr gemeldet, weil sie Tina ohnehin schonmal haben wollten. Sie haben es einfach nochmal versucht und diesmal…geht sie für die Liebe doch. Deswegen auch diese komische Managerin. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist sie die Frau von Ohzora. Die mag ja ne Freundin für sie sein, aber eine solche Frau muss man gut bezahlen. Ich bin echt gespannt, wenn endlich klar wird, was sie auf dem Markt wert ist. Da sie niemals Japan verlassen wollte, fragte kaum einer nach dem ersten Ansturm an. Und hier, hier wird sie so gut bezahlt, dass erst jemand richtig Großes kommen muss, um den Verein zum Verkauf zu zwingen.“

„Klingt plausibel. Und du wirst also mit ihr dann im selben Team spielen?“ „Genau. Es ist nur eine Vermutung, aber so glücklich wie sie heute war, ich sage dir, das ist so. Die zieht zu ihm und als Boni kommt dieser Transfer genau richtig.“

„Kann ja sein. Wenn es so ist, hast du denn Bock mit ihr zusammen zu spielen?“ Anke richtet sich auf und lehnt sich ans Bett. Die Zudecke zieht sie sich bis über die Brüste und legt ihre Hände auf die Knie, die sie anwinkelt.

„Im Moment…weiß ich gar nichts mehr. Einerseits ja, und andererseits bin ich mir nicht sicher, ob ich es noch will.“

„Verstehe ich jetzt nicht. Du hast doch den ganzen Flug über so von ihr geschwärmt und gehofft, dass sie uns zusagt. Und jetzt auf einmal weißt du nicht, ob du sie in deinem Team haben willst? Ist doch toll, wenn du da in Italien nicht ganz alleine als Deutsche im Team bist. Und mit ihr zusammen seid ihr sicher ein Mega Angriff.“

„Ja, das schon, aber jetzt…ach man…jetzt wo ich weiß, wer sie wirklich ist…ist das total doof.“, stöhnt sie aus und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Ihre Finger fahren durch ihr langes Haar.

„Das…ist doch jetzt alles voll Mist. Da verknall ich mich mal in einen Gleichaltrigen und dann entpuppt er sich plötzlich als Schwindler heraus.“, haucht sie wie verzweifelt aus.
 

Es ist der 25. Juli, die Luft ist fast unerträglich, so warm ist sie auch in der Nacht. Die Uhr schlägt 23 Uhr und es klopft an einer Hotelzimmertür. Kurz darauf öffnet die Zimmertür und Alexandra Wünsche lächelt ihren Besuch an.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie wirklich vorbeikommen.“, spricht sie sehr leise, aber setzt ein fröhliches Gesicht auf.

„Ich gehe nicht davon aus, dass ich da vorhin etwas missverstanden habe.“, grinst er zurück. Sie öffnet die Tür weit genug und bittet ihn mit einer Handgeste herein. Die Tür schließt sich hinter ihm und er schaut sich etwas um.

„Nettes Zimmer. Tolle Aussicht.“ Alexandra geht zum Fenster und bleibt mit dem Rücken zu ihm gerichtet vor dem bodenlangen Fenster stehen.

„Es ist der Wahnsinn. Alles hier…in Tokio…ist irgendwie aufregend.“, spricht sie seicht. Es ist für eine kurze Weile still. Nur wenige Geräusche sind zu vernehmen, weil die Schuhe zum Beispiel ausgezogen werden. Dann plötzlich spürt sie wie der Mann hinter sich ihr nähert und direkt hinter ihr stehen bleibt. Seine Wärme strahlt sie förmlich an und sein Atem kommt ihr sehr nah ans Ohr. Dann haucht er ihr ins Ohr und berührt sanft ihre langen Haare.

„Viel aufregender ist, wenn man einer schönen Frau wie Ihnen…ausgerechnet HIER begegnet.“, hört sie sehr überrascht deutsche klare Worte. Seine angenehme Stimme und sein Atem, verursachen bei ihr Gänsehaut und sie spürt deutlich eine Erregung unter ihrem Bademantel.

„Sie…was…für eine Überraschung.“, haucht sie aus und spürt unerwartet seine rechte Hand an ihrer Schulter. Er greift nach dem Kragen vom Bademantel und dann lässt er ihn los, fährt bis zu ihrer Taille, zieht an der Schlaufe und löst den Knoten der Schleife, damit er sich öffnet.

„Das ganze Leben…steckt…voller Überraschungen. Es wäre doch sonst langweilig.“, flüstert er, berührt diesmal mit beiden Händen den Kragen des Bademantels und streift ihn über ihre Arme hinab bis er von selbst einfach herunterfällt. Kaum liegt der Stoff auf dem Boden, dreht sie ihren Kopf zu ihm nach hinten und lächelt verschmitzt.

„Stimmt. Aufregend und abenteuerlich muss es sein. Und…“ sie dreht sich plötzlich zu ihm um, schaut frech zu ihm auf, nimmt vorsichtig seine Sonnenbrille ab, legt sie neben sich auf das kleine Tischchen und berührt dann seine Krawatte. „…prickelnd wie ein Champagner.“ Er grinst, berührt ihren Arm und ihren Hinterkopf. Kurz darauf küsst er sie fordernd und leidenschaftlich. Sie lässt sich von ihm an die Scheibe drängen und nutzt die Aufregung, seine Krawatte komplett zu lösen und sie zu Boden fallen zu lassen. Als sie sich beide wollüstig ansehen, geht es plötzlich schnell, da Alexandra hastig sein Hemd aufknöpft und er sie loslässt und seinen Gürtel aus der Hose zieht und zu Boden fallen lässt. Seine linke Hand fährt ihren rechten Arm herunter und greift zärtlich, aber etwas bestimmend ihre Hand, nimmt sie hoch und presst sie über ihren Kopf gegen die Scheibe. Er lächelt verlangend, küsst nun ihren Hals und ihre Schläfen. Im Inneren weiß Munemasa, woran er bei ihr ist. Es brauchte nicht lange, bis sie ihm mitteilt, was sie wirklich will und von ihm erwartet. Bereits bei ihrem netten Gespräch während des Spiels fiel es ihm auf, dass sie nicht nur berufliches Interesse an ihm zeigt. Es kommt auch selten vor, dass man ihn so akzeptiert wie er ist, mit seinem fehlenden Auge und der Narbe an dieser Stelle. Besonders die Frauen stören sich oft daran. Es irritiert sie und dann halten sie Abstand. Nur wenige können ihn mit ihren schönen Augen ansehen, wie es Alexandra nun tut. Meist waren es tatsächlich die Frauen aus europäischen Ländern. Er weiß, dass er durch die rätselhafte Art mit der Sonnenbrille geheimnisvoll wirkt und dass er eigentlich ein recht ansehnlicher sportlicher Mann ist. Deswegen spielt er seit einigen Jahren grundsätzlich gleich mit offenen Karten, wenn ihm eine Dame schöne Augen macht und er sie interessant findet. Meistens weist man ihn ab, aber manchmal passt es doch und es stört sie nicht. Etwas wirklich Ernstes kam bisher nicht dabei heraus. Diese Tatsache hat er bereits für sich abgeschlossen. Deswegen hat er es aufgegeben die Frau fürs Leben zu finden und genießt sein Single-Dasein. Er ist ständig unterwegs und kaum wirklich lange zu Hause. Das wäre ohnehin für eine Familie ungünstig, aber in seinem Job geht es nicht anders. Sein Zuhause sind die Hotels auf der ganzen Welt. Fußballtalente findet er überall auf der Welt.

Erstaunt ist er heute trotzdem. Diese Frau scheint sich eindeutig auf ihn einlassen zu wollen und macht es ihm mehr als nur deutlich klar, dass auch sie ihn unbedingt „kennenlernen“ will. Zuerst ihre unmissverständliche Einladung für ein erotisches Stelldichein und nun ihre hastigen Bewegungen, sein Hemd aufzuknöpfen. Ihre angenehmen verlangenden Küsse lassen ihn rasend werden vor Sehnsucht. Sehnsucht ihr mehr als nur nah sein zu wollen.

Es sind nun zwei Seelen, die sich in dieser seltsamen Nacht blind aufeinander einlassen und jede Berührung und Sehnsucht, die gestillt werden will, miteinander genießen. Es vergeht eine aufregende Zeit mit unerwartet vielen Gefühlen.
 

Alexandra liegt auf dem Bauch, hat ihre Hände unter dem Kopf und schaut zu ihm. Munemasa liegt lächelnd neben ihr und streicht mit seinen Fingern zärtlich über ihren Rücken und fährt ihre fraulichen Rundungen nach.

„Sie sind eine wahnsinnig schöne Frau.“, flüstert er frech.

„Sind wir nicht langsam mal beim DU?“, antwortet sie grinsend darauf.

„Hm, wenn wir uns nochmal sehen sollten, gerne. In meinem Job ist es besser, man duzt sich erst nach dem zweiten Date.“, lächelt er.

„Wenn DU mal nach Deutschland kommst und es dich nach Dresden verschlägt, oder DU morgen Abend bzw. heute Abend Zeit hast? Können wir das gerne wiederholen.“ Er ist erstaunt.

„Dresden klingt gut, ich sagte ja, deine Klinik klingt interessant. Meine Familie wohnt in Leipzig und meine Schwester in einem Vorort von Dresden. Das passt also.

Ich dachte jedoch, du fliegst heute schon heim?“

„Ich habe hier was Interessantes entdeckt und daher…werde ich ein paar Tage bleiben und habe bereits für eine Woche das Hotel gebucht. Musst du denn wieder los?“ Er grinst.

„Noch nicht. Im Moment bin ich hier ausreichend beschäftigt. Es muss mindestens eine Lücke geschlossen werden und ich benötige noch jemanden für die Auswahlmannschaft. Wir sind an sich komplett, aber ich habe da noch wen auf meiner Liste. Und du hast auch was entdeckt? Etwa jetzt durch das Spiel?“ „Genau, nicht nur deswegen. Uns ist eine Spielerin im Europateam weggefallen und die wird auch in ihrem Verein eine Weile fehlen. Sie ist schwanger, sehr erfreulich, aber fürs Team ungünstig. Daher wollten wir her…einen Ersatz finden. Und bei den Männern ist es ähnlich. Die japanische Liga ist sehr beliebt und stark. Viele würden gerne mal herkommen. Und wir…wir hätten gerne mal Japaner bei uns. Es ist nur leider immer sehr schwer echt gute Spieler für uns zu gewinnen, da wir keine so großen Transfersummen und Gehälter anbieten können wie ihr hier oder in anderen Ländern. Manchmal, wenn die Spieler noch ohne Partner sind, gehen sie nebenbei noch arbeiten, um alles auszugleichen was anfällt. Das ist natürlich für den Profisport störend. Ich habe jedoch ein paar Leute auf meiner Liste und will sie hier vor Ort in ihrem Verein oder beim Training beobachten und mit ihnen oder dem Verein reden. Mal sehen was sich ergibt. Vielleicht kann man auch eine Art Tausch vornehmen, ähnlich wie das Verleihen von Spielern.“, erklärt sie.

„Ein Tausch? Klingt auch interessant. Also Japaner für die deutsche Liga und umgedreht? Unter zwei Vereinen dann?“

„Wenn möglich, ja. Wie Austauschschüler.“

„Klingt auch nett. Da könnte ich mir auch einige vorstellen, die das bei uns machen würden. Für internationale Spielerfahrungen wäre das schon gut. Vom Ausleihen halte ich nicht immer was, aber ein Tausch klingt doch für beide Seiten sinnvoll.“ Er legt sich auf den Rücken und verschränkt seine Arme und Hände unter seinem Kopf.

‚Hm…was wird werden, wenn Sawada die J-Liga verlässt und mit Hyuga zusammenspielt? Und vor allem…was hat sich Ohzora bei seinem seltsamen Wechsel gedacht? Ob das was mit Sanae und Bettina zu tun hat? Warum will er unbedingt in der Nähe seiner Frau sein? Näher als zuvor?‘ Er richtet sich nachdenklich auf und geht zum Fenster.

„Alles okay?“, kommt eine fragende Stimme.

„Ich muss nur etwas nachdenken.“, sagt er leise. Alexandra steht ebenso auf, aber sie geht ins Bad. Während Katagiri hinaus auf die Einkaufspassagen schaut, geht ihm einiges durch den Kopf.

‚Was waren das nur für komische Tage? Zuerst taucht Bettina auf, nicht zu fassen. Dass mir das all die Jahre nie aufgefallen ist? Ihre Ähnlichkeit mit Gesine ist doch gar nicht zu übersehen und ich habe nie darüber nachgedacht. Auch damals nicht. Da bist du doch tatsächlich die kleine freche Ulrike. Das war gestern ein echt heftiger Tag und dann taucht der deutsche Kommissar auf. Natürlich hat er mich erkannt. Dass er Ulrike erkannt hat, das ist natürlich dumm. Warum hat er mich gefragt wo der Zwillingsbruder ist? Wieso geht er davon aus, dass ich es weiß? Henry ist tot, das hat uns Bettina ja ausreichend erklärt. So war auch immer mein Stand der Dinge. Als ich die Familie besucht habe, war kein Henry da. Nicht einmal die Kinder haben ihn erwähnt. Der arme Junge ist ertrunken und warum sollte Heinrich mich anlügen? Er und Adelheid haben sehr darunter gelitten. Das denkt man sich doch nicht aus.‘ Er holt sich ein Glas Wasser vom Tisch und stellt sich wieder ans Fenster. Plötzlich klingelt sein Handy.

‚Was ist das für eine Uhrzeit? Kurz nach Mitternacht.‘, denkt er bei sich und geht natürlich zu seiner Tasche und holt das Ding raus.

„Guten Tag.“

„Katagiri…machen Sie sofort den Fernseher an! Das müssen Sie sehen!“, kommt eine englischsprachige Stimme. Der Mann am anderen Ende der Leitung ist ganz aufgebracht.

„Oh man, Sie sind das. Welcher Sender? Ich bin in Japan.“, kommt mit fester Stimme zurück.

„Das ist egal, irgendein Sportsender, da kommt es vermutlich erstrecht. Was ist da bei euch los?“ Munemasa geht zum Fernsehen und schnappt sich die Fernbedienung. Er sucht einen der bekanntesten Sender heraus und staunt nicht schlecht. Es wird über Yamamoto und Sawada gesprochen.

„Meinen Sie den Transfer von Sawada und dass Yamamoto ins Nationalteam kommt?“

„Ja genau das. Aber nicht nur das. Ich hatte eben einen Anruf und wurde gefragt, ob ich jemanden von meinem Team abtreten kann. Es wird scheinbar jemand für das Mittelfeld in Barcelona gesucht. Was soll das denn bitte bedeuten? Ich denke Ohzora wollte dort noch länger bleiben? Wenn die jemanden mit Erfahrung suchen ist doch da was los. Mehr als Platz eins in der La Liga geht doch nicht. Ganz zu schweigen vom ersten Platz der Champions Liga.“

„Dazu kann ich nichts sagen. Ich weiß da auch nichts. Ich sehe mir jetzt die Sache mal na. Danke für den Hinweis.“ Katagiri legt auf und sieht sich den Bericht an. „Kaum zu glauben. Dieser Junge folgt seinem alten Schulfreund nach Turin. Japan spricht vom zweithöchsten Transfer der japanischen Fußballgeschichte. Nur Hyuga toppt es noch immer. Wird Sawada in seinen jungen Jahren im Mittelfeld ein Genie wie Cusavier ersetzen können? Das sicher nicht, aber er wird auf jeden Fall eine große Bereicherung für das Team sein, da er und Hyuga seit ihrer Grundschulzeit zusammengespielt haben. Blindes Vertrauen stärkt die Sturmspitze und könnte den Verlust Cusaviers etwas abmildern.

Wer aber wird den Franzosen in seinem Verein ersetzen? Wie wird die Japan-Liga diese Saison aufgestellt, wenn ein Mann wie Sawada fehlt?

Und nun der nächste Kracher. Der Neuling Yamamoto wurde ins Nationalteam aufgenommen. Sicher muss er sich noch beweisen und Erfahrungen sammeln, aber er hat nur alleine bei der Rückrunde der Saison gezeigt was er draufhat. Aufgewachsen in Frankreich, ehemals Spieler der Paris German, welcher vor gut einem Jahr den Transfer zum FC Madrid abgelehnt hat. Statt nach Spanien in die La Liga zu gehen, kehrte er nach Japan zurück und studiert über ein französisches Fernstudium. Er kehrte dem Sport fast ein halbes Jahr den Rücken. Yamamoto begann zu Beginn beim FC Tokio auch eine neue Ausbildung. Die Fans wissen, wie wichtig er für das Team ist und, dass er perfekt in das Tokio-Team passt.“

197. Kapitel Tangaroa und Bettina IV - Die Manschettenknöpfe U18

Kapitel 197 U18
 

Tangaroa und Bettina IV - Die Manschettenknöpfe
 

Plötzlich berührt sie seinen linken Ärmel genau am Manschettenknopf.

„Wie elegant, ein Mann mit Stil. Deswegen lange Ärmel?“

„Vielleicht? Vielleicht auch nicht? Wann möchtest du dein Eisbecher essen?“, versucht er abzulenken, denn ihm ist nicht so wirklich klar, was sie mit ihren Andeutungen bezwecken will. Lieber geht er auf Nummer sicher, um zu wissen wie er jetzt auf sie reagieren kann. Sein Puls steigt immer mehr an. Fehler möchte er sich keine erlauben.

„Oh, jetzt nicht wirklich. Ich habe im Moment keinen Appetit darauf. Hast du denn? Möchtest du jetzt ein Eis essen?“, fragt sie und spielt ein wenig an dem silbernen Knopf mit schwarzem Stein. Plötzlich spürt sie seine rechte Hand an ihrem linken Arm. Er streift mit dem Handrücken ihrem Arm hinauf und dann hinab und greift zaghaft ihre Hand.

„Nicht jetzt, stimmt. Ich…ich dachte du willst es, wenn, dann langsam angehen. Ich kann warten.“ Sagt er liebevoll und sieht ihr verliebt in die Augen.

‚Du bist so schön. Ich weiß vor Aufregung gar nicht, wie ich auf dich reagieren kann.‘

„Tan-kun, hast du nicht schon lange genug gewartet? Du hast vorhin etwas Schönes geschrieben. Ich könne zu dir kommen, reden und Trost finden. Nun haben wir schon geredet und ich bin hier.“ Er ist erstaunt, dass sie das sagt. Es ist also doch so, wie er es empfindet? Sie will sich tatsächlich auf ihn einlassen? „Willst du das wirklich, dich auf mich einlassen? Wir…haben uns doch erst heute…nach so langer Zeit wiedergesehen…und ich hätte niemals gedacht, dass du meine Einladung richtig verstehst.“

„Ich...ich werde es versuchen. Ein letztes Mal. Wir versuchen es. Und wenn es wieder nicht geht, dann müssen wir es beenden.“

„So ganz ohne Liebe?“

„Ich weiß doch eh nicht was das ist. Ich dachte es mal, aber irgendwie...keine Ahnung. Aber was ich weiß, das ist...“ Sie stellt sich direkt vor ihn hin und sieht zu ihm auf. Dann berührt sie mit beiden Händen sein Hemd und fährt über seinen muskulösen Brustkorb nach oben bis zu seinem Hals. Ihr wird ganz warm, nur bei dem Gedanken daran, er würde sie wieder mit seinen großen warmen Händen berühren wie im Schwimmbad. Es war doch vorher so schön es zu spüren. Diese Wärme zu spüren, zwar war ihr da nur nach Trost, weil sie in ihrem Kummermoment unterbrochen wurde, aber jetzt...jetzt wartet sie nur darauf, dass er sie endlich berührt und wie würde es sich anfühlen, sich von ihm überall berühren zu lassen? Ist es dann auch so besonders und angenehm? So geborgen, wie sie es sich vorstellt?

Er kann seinen Blick nicht von ihr wenden und er ist etwas starr vor Anspannung. Wie kann es denn sein, plötzlich steht die Frau seiner Träume vor ihm und es erscheint ihm wie ein Traum.

„Was ich weiß, das ist, dass ich jetzt wissen will wer du bist, was du für ein Mann bist. Ich...ich muss doch wissen, was ich da heute plötzlich gefühlt habe? Ob ich mich vorhin in dich verguckt habe. Ich weiß nicht ob das Liebe ist, aber irgendetwas habe ich gefühlt. Ich habe es gefühlt, als du mich berührt hast und mir in die Augen gesehen hast. Und ich…ich bin hier, um das herauszufinden.“, versucht sie ihm zu erklären.

„Tangaroa, alles okay? Traust du dich jetzt nicht mehr mich zu berühren? Wovor hast du Angst?“ Plötzlich nimmt er seine Hände etwas hoch, so als würde er andeuten sie nicht anzufassen.

„Du spürst etwas? Ich will dich…ich will dich ja…ich…will…dich berühren, aber ich…will dir nicht…wehtun.“ Tina wundert sich, warum sagt er das denn? Warum denkt er nur, dass er ihr wehtun würde? Und warum kommt das so plötzlich? Vorhin war er doch noch so offen und er hat sie doch eingeladen. Sie berührt seinen rechten Ärmel an der Stelle wo der Manschettenknopf hängt und zieht ihn aus den Ösen heraus. Dann wendet sie sich der anderen Hand zu und zieht auch diesen heraus. Dann lächelt sie ihn glücklich an, legt die Schmuckstücke behutsam auf die Küchenplatte und berührt seine Hände mit ihren. Bestimmend geht sie zwischen seine Finger und übt etwas Druck aus. „Tangaroa, fühlt sich das an, als würde ich dir nicht vertrauen? Glaubst du echt ich bin wie eine Eiswaffel, die dir in der Hand zerbricht? Ich bin eher wie ein Eisbecher, ein stabiles Glas, welches nur richtig berührt werden will. Ich weiß ganz genau, dass du mir nicht weh tun kannst. Ich wäre doch sonst nicht hier, mit dir, ganz alleine, in deiner Wohnung. Ich…gehe doch solch großen Männern wie dir sonst immer aus dem Weg, nie bin ich mit ihnen alleine, aber du…ich weiß genau…du würdest mir nie weh tun.“ Seine Hände bewegen sich mit ihren zusammen und auch er greift endlich etwas zu.

„Woher? Woher willst du das wissen?“

„Weil…du mir niemals wehtun willst. Das hättest du doch nie gewollt oder zugelassen. Das würdest du auch jetzt nie zulassen. Was man nicht will, das tut man auch nicht.

Wenn es dich beruhigt, ich werde mich schon bemerkbar machen, wenn mir irgendetwas nicht gefällt. Okay?“ Plötzlich kann er wieder lächeln und seine Hände bewegen sich in ihren, sie lösen sich und umfassen diese nun. Er sieht zu ihnen herab und betrachtet die Größenunterschiede.

„Okay.“ Sie nickt, nimmt ihre rechte Hand aus seiner und fährt etwas seinen Ärmel hinauf und erforscht neugierig seine Muskeln, die sich unter dem Ärmel sehr deutlich abzeichnen.

„Wow, da ist aber gut was dazugekommen.“ Er lächelt sie an und sein Herz schlägt immer schneller. Sie löst ihre linke Hand von ihm und fasst dann direkt auf seinen Brustkorb und kann ganz deutlich seinen starken Herzschlag spüren und sogar hören. Tina lässt ihn wieder los und fährt wie zuvor mit beiden Händen sein Hemd herauf bis zum Hals. Diesmal beginnt sie den ersten Knopf am Kragen zu öffnen. Noch immer sieht sie zu ihm auf. Sie wandert immer weiter hinab und knöpft einen nach dem anderen auf.

„Tangaroa, ich will dich…ich will dich doch fühlen. Es war…vorhin so angenehm, als du mich in deine starken Arme genommen hast.“

‚Was ist los mit dir? Ich dachte, du wolltest mich berühren?‘ Als sie endlich den letzten Knopf blind geöffnet hat und weiterhin in seine liebevollen Augen sieht, fasst sie auf seine nackte Haut und genau in diesem Moment bewegt er sich und ihm wird endlich bewusst, dass es kein Traum ist. Nein. Sie ist wirklich bei ihm, ganz nah und sie will bei ihm sein. Seine Hände fassen zärtlich ihr Gesicht. Ihre Wangen werden komplett bedeckt und seine Finger erreichen die Ohren und fahren in ihr weiches schulterlanges Haar.

„Tina, ich…ich war schon vom ersten Tag an…als ich dich das erste Mal gesehen habe…in dich verliebt.“, gesteht er ihr frei raus und beugt sich zu ihr runter.

„Tan-kun, wirklich?“, staunt sie und genießt endlich seine warmen Hände. Wie schön es sich anfühlt. Ihr wird ganz warm und ihre Hände streicheln ihn und fahren zu seinem Kopf hoch und fassen seinen Nacken.

„Du bist, nein du warst schon immer…so…schön. Ich…kann es kaum glauben, dass du hier bist und bei mir sein willst. Und jetzt…jetzt bist du noch schöner als damals schon.“ Seine Daumen streicheln ihre Wangen, streichen sinnlich über ihre Lippen, er kommt ihr ganz nah und dann plötzlich küsst er sie zärtlich.

‚Du bist so schön. Und du bist endlich bei mir. Wie zart du dich anfühlst. Bettina, wie lange habe ich nur darauf gehofft, dir jemals so nah sein zu dürfen und dann heute so eine stürmische Begegnung. Ich will dich nur noch in den Händen halten. Ich will bei dir sein und dich berühren, endlich berühren und ich will…‘, geht in ihm vor. Seine rechte Hand verlässt ihr Gesicht und berührt ihren Hinterkopf. Sein Kuss wird fordernder und er kann spüren wie sie ihn ebenso fordernd entgegnet und seinen Kopf festhält, als dürfe er sie nicht mehr loslassen. Endlich schmiegen sie sich aneinander und er wandert mit der linken Hand ihren Arm herab und greift um sie und hält ihren Rücken fest. Ihr Kleid ist nicht nur kurz, sondern ihr Rücken liegt frei und er drückt sie fest an sich, so, dass sie kurz unterbricht und ihre Hände seinen Hals hinabgleitet, zu seinem Hemd greift und es versucht über seine Arme zu ziehen, damit es herunterfällt. Dann lächelt sie ihn an.

„Tangaroa, es ist schön. Mach einfach nach Gefühl. Trau dich einfach. Ich…ich bin zu neugierig auf dich.“ Dann spürt er plötzlich ihre Hände auf seiner Haut und sie fährt seine starken Arme hinauf, nachdem das Hemd heruntergefallen ist. Sein Herz schlägt immer doller und verliebt blickt er sie an. Seine Hand an ihrem Rücken geht herunter bis zu ihrem Po und drückt sie an sich. In ihm macht sich endlich ein aufregendes Kribbeln breit und es zieht sich durch seinen gesamten Körper, da er nun weiß, dass sie ihn wirklich will.

„Neugierig?“, spricht er etwas benommen aus und streichelt ihren Kopf und genießt ihre weichen Haare. Sie grinst ihn etwas frech an und fährt mit ihren Händen zu seinen Ohren hoch und deutet an ihr entgegenzukommen. Natürlich beugt er sich ihr herunter und Tina legt ihren Mund an sein rechtes Ohr.

„Berühre mich, Tangaroa, berühre mich so, wie du es dir immer vorgestellt hast. Berühre mich einfach überall. Ich…ich kann es kaum erwarten.“, haucht sie ihm ins Ohr, während sie ihr linkes Bein etwas hochnimmt und an seines schmiegt. Beide küssen sich kurz darauf leidenschaftlich und ihre Hände sind wieder an seinem Nacken und bereiten sich darauf vor, sich festzuhalten. Endlich nimmt er sie hoch und sie klammert sich um seinen kräftigen Oberkörper.
 

Beiden schlägt das Herz so laut und stark, dass sie es gegenseitig hören können. Ihre Hände berühren seine Schultern und fahren dann wie forschend an seinen stark muskulösen Armen herunter.

„Wie stark du bist, und alles echt.“, schmunzelt sie und wandert tiefer bis zu seinen Händen.

„Tina, du bist…so schön.“, sagt er hauchend.

Sie hascht mit den Lippen nach seinen und erneut küssen sie sich, diesmal etwas hastiger und ihre linke Hand fasst plötzlich bestimmend seinen Hinterkopf und führt ihn während des Küssens weiter zu ihr. Er spürt ihre zarte und bestimmende Hand auf seiner Kopfhaut. Diese zarte Berührung führt sich über seinen Undercut bis hoch zu seinen kurzen Haaren fort.

„Unbeschreiblich...“, haucht er mitten in seinen Gedanken aus und küsst sie sinnlich.
 

Etwas später liegen beide seitlich nebeneinander und sehen sich an. Ihre Hände berühren sich, welche auf dem Bett liegen und die anderen streicheln jeweils den anderen. Sie spürt seine Hand an der Wange. Dann legt er seinen Arm um sie und sie sind sich ganz nah. Beide sagen gar nichts und sind nur in ihren eigenen Gedanken verharrt.

‚Tangaroa, was sind das plötzlich für neue Gefühle? Du siehst mich nur an und du nimmst mich dann in den Arm und ich fühle mich unendlich sicher. So geborgen und als könne uns niemand etwas antun. Das ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl.‘ Dann plötzlich schließen sich ihre Augen, ihr zartes Streicheln auf seinem Oberkörper lässt langsam nach und dann zuckt sie ein paar Minuten später etwas zusammen und landet schnell im Land der Träume. Tief schläft sie ein, wecken kann sie jetzt bestimmt nichts mehr. Tangaroa betrachtet sie noch ein Weilchen.

‚Du bist so wunderschön, Bettina. Und es fühlt sich mit dir alles so sonderbar und aufregend an. Ich hatte noch nie solche intensiven Gefühle wie jetzt eben mit dir. Das, obwohl es eben eher ein paar kürzere wunderschöne Momente waren. Wie kann das sein? Ist das auch die Zeit, die zwischen uns liegt? Ich konnte mich selbst kaum zurückhalten. Dass du dich überhaupt so schnell, plötzlich innerhalb eines Tages, auf mich einlässt, das ist erstaunlich. Du bist doch immer so vorsichtig mit allem und so durchdacht mit jeder Handlung und Aussage die du machst. Und nun liegst du hier neben mir und ich kann dich in meinen Armen halten. Wie warm du bist. Ich will dich gar nicht wieder loslassen. Ich kann meinen Blick nicht von dir wenden und wie zauberhaft du dich anfühlst.

Ob das wirklich so ganz plötzlich etwas mit uns wird? Etwas wirklich Ernstes? Oder wird es eine kurze Zeit sein? So richtig vorstellen kann ich mir das jetzt noch gar nicht.

Der Zeitpunkt ist auch gerade ungünstig. Wäre es etwas eher oder nach Eröffnung eures Studios gewesen...wäre es wohl egal. Jetzt müssen wir uns auch noch zurückhalten, dabei sind wir beide Singles und es wäre an sich nichts dabei. Sowas Dummes.‘ Er dreht sich auf den Rücken, nimmt seine Hände hoch und betrachtet sie.

‚Wie zart du dich anfühlst. Nie hätte ich gedacht, dass wir uns überhaupt je wiedersehen und dann standest du plötzlich so unerwartet völlig verweint und halb nackt vor mir. Dieser Anblick kam wie ein Schock. Du warst doch immer nur fröhlich und stark und mutig. Ich bewundere dich seit unserem Kennenlernen so sehr, dass du den Mut hattest und allen in der Schule einen riesigen Gefallen getan hast. Niemals hätte sich jemand gewagt gegen die Sechs ein Wort zu erheben. Nicht einmal die Lehrer hatten den Mut wirklich etwas zu unternehmen. Und dann kamst du plötzlich in die Schule und alle Schüler redeten über dich. Die Jungs waren hin und weg von dir und deiner stolzen Art dich zu bewegen und mit den Leuten umzugehen, obwohl du die Sprache nicht verstanden hast. Du warst zu jedem freundlich, fröhlich und hilfsbereit. Das wurde dir hoch angerechnet. Zwischen uns Jungs gab es viel Gerede, auch die, die bereits Freundinnen hatten redeten über dich und zerrissen sich teilweise unsittlich das Maul. Einige Mädchen wiederum mochten dich, weil du als Neuling trotzdem immer erhaben schienst und keine Angst vor deinem neuen Leben hattest. Andere wiederum waren neidisch und hassten dich, weil ihre Jungs, die sie mochten, plötzlich nur noch über dich redeten. Unter anderem die drei Damen, denen du vor aller Augen die Zähne gezogen hast. Das war damals aber auch ein Auftritt. Immer warst du so gut es ging zurückhaltend, wenn es um solche Dinge ging. Nach der Aktion bewunderten dich alle an der Schule und der Auftritt mit den Lehrern und Trainern am nächsten Morgen mit unseren Teams verschaffte dir auch bei ihnen großen Respekt. Dann die Hilfe für den kleinen Makoto. Ichiro und er hatten es wirklich schwer getroffen. Dass deine Familie ihnen geholfen haben, kam sehr gut an. Und als dieser Flegel Itachi dich einfach küsste, du ihm deinen Unmut spüren lassen hast und dann wie er die Prügelei anzettelte und dir vor allen Augen das Zepter in die Hand gab, das war schon ein interessanter Moment. Schade, dass ich es verpasst habe. Plötzlich wagte es nie wieder jemand dir irgendwie im Weg zu sein. Jeder wusste, wenn er sich mit dir anlegen würde, kommt es mit mehr als der doppelten Wucht irgendwann zurück. Endlich konntest du dich voll und ganz nur noch deinen Aufgaben widmen und musstest in der Schule weder über Anfeindungen noch über irgendwelche Neider stolpern.

Und dann…dann waren da diese zwei Moment zwischen uns. Ja, ich glaube schon…da war damals was, nicht nur von meiner Seite aus.‘ Er grinst plötzlich und legt die Hände auf seinen Bauch. Dann atmet er tief ein und dreht sich nochmal zu ihr um. Noch immer hat sie ein fröhliches Lächeln drauf.

‚Und dann, schöne starke Bettina, dann hast du dafür gesorgt, dass nicht nur unsere Schule deine wahre Stärke kennenlernte. Du hast dir mit deinem ersten speziellen Ball bei deinem größten Konkurrenten den größten Respekt verschafft und dafür gesorgt, dass sie und alle weiteren Gegner vor dir zitterten. Bis heute will keiner deinen Ball ein zweites Mal spüren. Der Sieg über das Toho-Team zum Weihnachtsfestturnier der Volleyballer wurde von der ganzen Schule gefeiert, als wäre es ein Sieg über das stärkste Team der Welt gewesen. Es waren immer abwechselnde Siege in diesem traditionellem Jahresereignis sowie in den Qualifikationen, aber diesmal gab es nur einen Satz, da zu viele Spielerinnen verletzt waren und es keine 6 Mädchen mehr aufs Feld schafften. Zuerst hast du sie zappeln lassen und Tollpatschigkeit vorgespielt, dann hast du dir genau die als erstes rausgesucht, die am lautesten gelacht haben.

Ab dem nächsten Schultag wurde euer Team gefeiert und jeder wusste plötzlich, du bist auch im Sport unschlagbar. Jedes Team profitierte von euch und wurde mutiger und trainierte härter.

Zum ersten Nationalturnier war die Qualifikation ein Kinderspiel, vorher gab es immer ein starkes Spiel zwischen den Schulen und dank dir und dem Fehlen der starken Gegenspielerin der Toho, gab es kein Hindernis. Bei den nächsten Spielen und beim Nationalturnier hast du allen deine Stärke spüren lassen und du wurdest von Spiel zu Spiel besser in deiner Angriffsposition, sowie später als Kapitänin und Strategin des Teams.‘ Nun fährt er sanft durch ihr Haar und streicht es zurück.

‚Was für ein aufregendes letztes Schuljahr der Oberstufe. Niemals hätte ich gedacht so eine aufregende Zeit zu haben. Durch die ganze Aufregung hatte ich Schwierigkeiten mich auf die Prüfungen zu konzentrieren. Du hattest damals völlig Recht, zu sagen, ich soll mich lieber auf meine Prüfungen konzentrieren als auf eine neue Freundin.‘ Seine Hand berührt plötzlich ihre Schulter und ihren linken Oberarm. Lächelnd beginnt er langsam ihren Körper nachzufahren, der sich unter der dünnen Decke befindet.

‚Als ich dich vorhin in diesem schönen sexy Kleid gesehen habe, musste ich echt an mich halten. Du bist so hübsch und wirkst jetzt als würdest du klein und zerbrechlich sein. Aber wenn ich dich anfasse und genauer betrachte, bist du sehr stark und wahnsinnig anziehend. Du hast dich äußerlich total verändert. Auf den Bildern oder in der Kamera kommt das gar nicht so sehr rüber, auch deine weibliche Figur kommt nicht so sehr zum Vorschein als vorhin im Badeanzug oder in diesem Kleid.‘ Dann hält seine Hand an ihrem Becken inne und in seiner Erinnerung an die vorherigen Gefühle fängt sein Herz wieder an schneller zu schlagen und es kommen unerwartete Impulse in ihm auf. Es kribbelt plötzlich von oben bis unten durch seinen gesamten Körper, als würde sie vor ihm liegen, nackt und stöhnend, als würde sie ihm erneut ins Ohr flüstern, dass sie ihn spüren will. Ihre Augen, die ihn wie ein tropisches Meer anfunkeln und verzaubern, erscheinen ihm und lassen seine Hormone etwas außer Kontrolle geraten. ‚Bettina, du liegst hier schlafend neben mir und ich…ich würde am liebsten wieder deine ganze Wärme spüren wollen, ganz nah, ganz besonders bis…NEIN. Niemals würde ich…auch wenn ich es wollte.‘ Er lässt sie los und dreht sich hastig auf die andere Seite, damit er sie gar nicht mehr sieht.

‚Du meine Güte, ist ja schlimm. Tangaroa, was willst du denn nur? Neben dir liegt nach unbeschreiblichen Gefühlen eine der begehrtesten Frauen Japans? Die schönste und vermutlich stärkste Spielerin Japans. Ihre Augen, ja sie sind der Wahnsinn. Diese Figur und diese Berührungen und starken Empfindungen…so unwirklich, noch immer. Du musst was machen…geh weg von ihr, das ist sicherer, verschaffe dir einen klaren Kopf.‘, geht in ihm vor. Entschlossen steht er auf, greift in seinen Schrank, holt ein Badehandtuch und ein frisches Boxershort heraus und verschwindet in der Dusche. Er steht gut eine halbe Stunde darunter und genießt das kalte Wasser. Nur das kann ihn herunterfahren. Dann trocknet er sich ab, putzt die Zähne zur Erfrischung und geht dann nur mit Boxer bekleidet in seine offene Küche und bestückt die Kaffeemaschine. Damit es nicht so laut ist, geht er zum Schlafzimmer und will die Tür schließen. Doch dann schaut er noch zu ihr, nach der schönen Blondine in seinem Bett. Mittlerweile hat sie sich auf den Rücken gelegt und liegt eher auf der Decke, als darunter.

‚Du hast einen interessanten Schlafstil, meine Schöne. Sogar im Bett hast du immer alles unter Kontrolle. Wie schön du bist. Jetzt liegst du einfach nackt auf der Decke und brauchst den Platz für zwei. Du hast ein wirklich sehr einnehmendes Wesen, meine Schöne.‘ Er schmunzelt und geht wieder zum Schrank, holt eine zweite Decke heraus und ein zweites Kopfkissen. Das Kopfkissen legt er auf seine Seite. Die Decke breitet er langsam in der Luft aus und will diese auf sie legen. In diesem Moment fängt sie an etwas zu nuscheln. Es ist jedoch sehr undeutlich und eine Bewegung mit dem Fuß kommt hinzu. Nur ein kurzes Zucken und sie lächelt. Kurz muss er sie anstarren, ihre schönen Rundungen und überhaupt, wie sie da liegt, mit der einen Hand zwischen Kopf und Kopfkissen, ein Bein etwas gespreizt zur Seite und das andere etwas angewinkelt. Wenn er es nicht besser wüsste, erinnerte es ihn eher daran, wenn er seine kleinen Neffen oder Nichten im Kleinkindalter zudecken müsste. So haben die auch geschlafen, als sie klein waren. Vollkommen Unbehagen, ohne Schamgefühl und mit viel Vertrauen zu ihrer Umgebung. Dann ist es ruhig, er nutzt die Pause und legt die Decke endlich auf sie. Es macht ihn unruhig, wenn sie so nackt auf diese Weise einfach vor ihm liegt. Es kommt ihm so einladend vor. Er war doch extra deswegen duschen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Dieser Anblick ist dabei definitiv nicht förderlich. Sie muss viel Vertrauen ihm gegenüber haben. Er könnte auch ein Arsch sein und einfach Fotos von ihr machen. Die würden sicher durch die Decke gehen. Aber nein, sie vertraut ihm scheinbar sehr, denn sicher weiß sie wie sie schläft.

198. Kapitel Tangaroa und Bettina V - Was ist Hingabe? U18

Kapitel 198
 

Tangaroa und Bettina V - Was ist Hingabe?
 

Als er den Raum verlassen will, um seine Kaffeemaschine zu starten, ist wieder Gebrabbel zu hören und er dreht sich zu ihr um. Diesmal ist etwas zu verstehen. Natürlich ist es auf Deutsch, aber er kann es verstehen. Er war damals so von ihr fasziniert und hat dann auch ihren Rat angenommen, dass Sprachen die Welt beherrschen. Also lernte er inzwischen Deutsch und Spanisch. Er hatte den Vorteil, dass sein Vater bereits Deutsch sprach und als er die letzten Jahre in seiner Heimat war, nutzte er die Beziehungen zum Nachbarort, in dem einige deutschsprachige Familien wohnen. Durch sie hat auch sein Vater diese Sprache gelernt.

„Los…jetzt…“, kommt aus ihr heraus. Dann folgt zeitnah eine kurze Bewegung zur Seite und wieder ist etwas zu verstehen.

„Zwiebel…Fisch…Butter…Mama ich mach.“ Danach ist wieder Ruhe. Keine Reaktionen mehr. Plötzlich sind erneut Worte zu hören.

„Nein…Karl…Ehre…Stephan. Genzo.“ Er schaut erstaunt. Damit kann er etwas anfangen. Sie hat ein Lächeln auf den Lippen und wiederholt öfters diese vielen Worte. Damit sie sich wieder etwas beruhigt, setzt er sich nun neben sie und legt ihr die Hand behutsam auf die Schulter. Und tatsächlich. Sie wird ruhiger und atmet dann normal.

‚Was magst du geträumt haben? Etwas Schönes aus deiner Zeit in Hamburg? Stephan ist dein Bruder, das weiß ich schon. Du hast seinen Namen bei deinen Erzählungen erwähnt. Und wen meinst du mit Karl? Wer ist das? Jemand aus deinem Team, dem Jungenteam wo dieser Wakabayashi mitgespielt hat? Ich kenne mich da so gar nicht aus. Ich habe mich nie damit beschäftigt. Aber du sagtest noch, dass es damals schon um viel Geld ging, bei den Jungs aus dem Team. Ich weiß nur, dass dieser Keeper in Deutschland lebt und spielt. So wie du es mir dann erzählt hast, seit seiner Kindheit. Mit zwölf Jahren, wenn ich Jun da richtig verstanden habe.‘

Da weiter keine Worte mehr kommen und ihre Atmung wieder normal ist, steht er auf, schließt die Tür und geht nun endlich in die Küche. Während sein Kaffee durchläuft, ist er doch etwas neugierig geworden und holt seinen Laptop aus dem Schrank und lässt ihn hochfahren. Er stellt sich Tasse und Untertasse zurecht und wartet auf den Laptop. Sein Kaffee ist fertig und er schenkt sich ein und setzt sich an den Tisch.

Dann öffnet er die Suchmaschine und sucht nach Jun Misugi. Er findet ihn schnell auf einer japanischen Seite. Genzo Wakabayashi, findet er dann, als er das Nationalteam aufruft und geht auf den Link seiner Person. Und tatsächlich. Er kann seine Biografie aufrufen und entdeckt ein paar Fotos aus seiner Zeit in Hamburg. Tina findet er jedoch nicht. Es ist auch ein Foto zu finden auf dem die ganze Mannschaft ist, aber datiert auf den Tag des Freundschaftsspiels gegen Japan. 5:1 hat der HSV gewonnen. Genzo stand natürlich beim HSV im Tor. Er geht die Namensliste komplett durch und entdeckt den Namen Karl-Heinz Schneider.

‚Oh, das wird er sein, aber wieso ist nichts von ihrem Bruder zu finden? Hm. Dieser Keeper hat bestimmt bewusst kein Foto online von ihr, damit es keiner groß bemerkt.‘ Dann geht er auf die Verlinkung von Karl-Heinz, aber auch dort findet er nicht wirklich viel. Daher gibt er seinen Namen separat in die Suche ein und es erscheint ein Link zu seiner persönlichen Fanseite.

In der Biografie wird er dann plötzlich fündig. Ein älteres Foto taucht auf, aus der Zeit als Kinder, dann eins mit dem Vermerk, dass sie den U16 Europacup gegen die Franzosen gewonnen haben und dann ein Foto mit Genzo zusammen und weiter unten mit diesem Karl-Heinz und zwei weiteren Jungs zusammen. Darunter der Vermerk „Bestes Team für immer“. Er lehnt sich zurück und atmet tief durch.

‚Oha, Das ist also dann ihr Bruder gewesen. Ein großer Typ. Sie sagte er war erst siebzehn.

Zu sagen, sie war in einem starken Team war nicht untertrieben. Wie konnte sie so lange mithalten?

Bettina, wow, du warst jahrelang im stärksten Team Europas und hast bereits eine Europameisterschaft hinter dir. Kein Wunder, dass du dich hier nicht hast unterkriegen lassen. Da kamen dein Stolz und deine Selbstsicherheit her. Du wusstest damals schon wer du bist und zu was du fähig sein kannst. Und dieser Karl-Heinz ist scheinbar einer der besten Stürmer der Welt, so wie unser Wilder Tiger Hyuga. Da wundern mich deine Verletzungen gar nicht mehr, schöne Bettina. Deswegen bist du so stolz darauf, weil du selbst ein Teil von Wakabayashis Team warst.

Moment mal. Jun bereitet sich doch wie die anderen jetzt alle auf die Olympiade vor. Wieso ist Bettina nicht dabei? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur daran liegt, dass sie wegen ihrer Eltern trauert. Das passt doch gar nicht zu ihr. Es gibt sicherlich einen anderen Grund.‘ Er nimmt einen Schluck vom Kaffee und in diesem Moment hört er leise Geräusche im Schlafzimmer. Dann geht die Tür auf und Tina steht nackt und lächelnd im Türrahmen.

„Hm, Kaffee, damit kriegst du mich immer wach. Ich bin ein richtiger Kaffeejunkie.“, grinst sie und geht dann auf ihn zu.

„Ich hatte nicht vor dich zu wecken. Entschuldige.“, sagt er ruhig und schielt über seine Tasse hinweg.

„Alles gut, kannst du ja nicht wissen. Aber ich muss sowieso woanders hin.“, spricht sie und geht dann an ihm vorbei und verschwindet hinter der Bad-Tür. Er sieht ihr etwas verwundert nach.

‚Nanu, sie kommt einfach aus dem Zimmer und stolziert hier nackt an mir vorbei. Und wieder dieser erhabene Gang, als hätte sie mit Stolz ihr Trikot oder ihr schönes Kleid an. Diese Frau macht mich echt wahnsinnig.

Wie kannst du einfach hier so rumlaufen und mich durcheinanderbringen? Schon wieder fängt es überall an zu reagieren an mir.‘ Sein Puls steigt an.

‚Tangaroa, reiß dich zusammen. Sie hat keinerlei getan, dass du auf sie reagieren musst. Sie ist doch nur zur Toilette gegangen.‘ Plötzlich hört er das Rauschen der Spülung und kurz darauf das Rauschen der Dusche. Die Vorstellung, dass sie jetzt duscht, ist nicht sehr vorteilhaft. Er wollte sich doch ablenken. Er wundert sich und nebenbei nimmt er wieder einen Schluck und schaut sich die Biografie weiter an. Das lenkt ihn etwas ab.

Das Rauschgeräusch ist bald aus, es waren nicht mal fünf Minuten, da wurde es wieder ausgestellt. Kurz darauf öffnet sich die Tür und Tina kommt heraus und geht auf ihn zu. Sie ist immer noch nackt. Nun bleibt sie direkt neben ihm stehen und lächelt.

„Ich habe dein Handtuch genommen. Ich habe keins gefunden und da waren noch ein paar trockene Stellen.“, grinst sie.

„Du hast interessante Zeiten, um zu arbeiten.“, ergänzt sie lächelnd. Ihre feuchten Augen, ihr feuchtes Haar und ihr angenehmer Duft kurbeln in dem Moment seine Fantasie an. Vor ihm erscheint eine Vorstellung, wie er sie wieder berühren würde, er würde sie am liebsten fest an sich drücken, ihre zarten Rundungen auf seiner Haut spüren, sie küssen und ihre blonden Haare zwischen den Fingern spüren. Er klappt den Laptop zu, lächelt zurück und gibt ihr eine ehrliche Aussage.

„Und du hast eine interessante Einstellung von Schamgefühl.“

„Stört es dich? Dann ziehe ich mir das nächste Mal was über. Sorry. Ich bin da nicht so empfindlich. Und das mit dem Handtuch, naja, das Duschen war spontan und ob wir uns nun küssen oder dasselbe Handtuch nutzen, da kommt auch dasselbe bei raus.“ Er wirkt etwas verlegen, da sein Puls wieder ansteigt.

„Mich stört es natürlich nicht. Es ist nur ungewohnt.“

„Keine Angst, ich laufe nicht den ganzen Tag so rum. Aber ich dachte, wir wollten ohnehin wieder ins Bett.“, schmunzelt sie. Sein Puls steigt weiter enorm an, der Kaffee war wohl doch keine gute Idee. Schlafen konnte er doch aber nicht. Er ist viel zu aufgewühlt und seine Gefühle spielen ihm genug Streiche.

Plötzlich sieht sie ihm liebevoll in die Augen und schmiegt sich an seinen großen starken Arm.

Tangaroa fühlt sich plötzlich wie benebelt. Ihm wird heiß und er merkt deutlich, dass der Kaffee keine Ablenkung war. Im Gegenteil, das Koffein macht sich plötzlich bemerkbar und er verharrt in ihren schönen Augen.

„Tina…ich wollte mich ablenken. Ich konnte nicht…neben dir liegen.“, spricht er ernst und liebevoll zugleich. Er will sie damit warnen, denn weiß sie wirklich was in diesem Moment in ihm brodelt? Sie schaut verwundert. Ihre Hände greifen um seinen Arm und fassen unter seine warme Hand.

„Wie meinst du das? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Dann lässt sie seinen Arm los.
 

„Du hast nichts falsch gemacht. Ganz im Gegenteil, du bist perfekt.“, sagt er schnell. Sie sehen sich beide intensiv in die Augen und spüren ihre Herzen. „Tangaroa, bitte zeig es mir. Bring es mir bei. Ich…ich habe das Gefühl, du kannst es…du kannst es mir beibringen.“, flüstert Tina plötzlich leise und lehnt ihren Kopf an seine Schulter. Er stutzt. Was genau meint sie? Was soll er ihr zeigen? „Was meinst du?“, klingt seine dunkle Stimme sanft in ihrem Ohr.

„Was es heißt, sich jemanden hinzugeben. Ich kann das nicht. Ich habe in meinen Büchern gelesen, wenn man wissen will, ob man wirklich lieben kann, dann muss man sich dem Partner hingeben können. Aber was genau bedeutet das? Ich dachte, ich mache es richtig und trotzdem geht immer etwas schief. Ich habe das Gefühl, dass ich es falsch mache. Dabei gebe ich doch alles. Es scheint aber nicht zu reichen. Und dann…habe ich es versucht und…wurde leider enttäuscht. Seitdem bin ich immer unter Strom und kann mir keine Fehler erlauben. Und vorhin, Tan-kun, vorhin, als wir uns so nah waren…da habe ich das erste Mal nur an den Moment gedacht, an dem Moment, den wir hatten und an den Mann, der bei mir ist. Das…konnte ich noch nie.“

„Wirklich? Ich soll dir beibringen wie Hingabe geht?“, wundert er sich nur und seine Arme umschlingen ihren Körper und seine Hände fassen sie bestimmend und haltend, als würde er sich von etwas ablenken wollen. Und ja, er muss sich darauf konzentrieren, ihren Worten zu folgen. Er muss sich zusammenreißen, denn in ihm brodelt es immer mehr und er will nur eins…nicht mit ihr reden, nein, sondern sie fühlen, ganz nah und am liebsten sofort. Doch er will ihr ja nicht weh tun oder sie mit seinen Gefühlen oder Sehnsüchten überrumpeln. Jedoch…wenn sie der Meinung ist, sich ihm hingeben zu wollen, dann…spricht doch aber nichts dagegen. Was soll er denn dann falsch machen, wenn sie es doch will? Seine Gefühle spielen Achterbahn mit ihm und er ist hin und her gerissen zwischen Vernunft, Sehnsucht und Wollust. Plötzlich wandern seine Hände ihren Körper entlang nach oben zu ihrem Kopf und greifen verlangend in ihre Haare. Er sieht sie durchdringlich an und genießt ihren verwirrten Blick, als sie die Augen aufreißt.

„Tina, du weißt doch schon was das heißt. Jedes Mal, wenn ich dich spielen sehe, dann spüre ich deine Leidenschaft und deine Hingabe zum Sport. Wenn du dasselbe tust, wenn wir uns lieben, dann bist du doch ganz nah dran.“ Sie schüttelt den Kopf.

„Ich bin immer nur voll konzentriert, klar, jetzt mag das alles gut aussehen, aber damals, als ich anfing, war das eine echte Herausforderung. Auch heut eist es noch so. Ich musste mich absichtlich blöd anstellen, Bälle anzunehmen oder zu blocken oder vor allem nicht den Fuß zu benutzen, obwohl es erlaubt war. Eine falsche Bewegung und man hätte sofort bemerkt, dass ich vorher Fußball gespielt habe. Ich musste mir dieses Denken abtrainieren, es…steht noch immer zu viel auf dem Spiel. Dass ich dir mein großes Geheimnis anvertraut habe, das war mein Anfang. Ich…versuche es anders anzugehen als sonst. Tangaroa, wenn dieses Geheimnis jemals an die falschen Leute gerät, dann…dann sind meine alten Freunde und auch meine neuen Freunde…in Gefahr…also…ihre Karrieren.“, plappert sie ihn voll, dabei will er das doch jetzt gar nicht nochmal hören.

„Tina…ist das dein Ernst? Darüber denkst du immer nach?“ Tina senkt den Kopf und schaut zur Seite.

„Nicht einmal Jun und Martin wissen es. Immer muss ich mich zurückhalten, damit es niemand erfährt.“

„Martin auch nicht?“

„Er denkt nur, dass ich in irgendeinem Mädchenteam gespielt habe und mein Bruder im HSV. Mehr weiß er nicht.“ Dann plötzlich sieht sie wieder zu ihm in die braunen Augen.

„Tangaroa, dass ich es dir erzählt habe, das ist sehr besonders, denn normalerweise rede ich mit niemanden darüber, schon gar nicht über Fußball. Seit Jahren rede ich nie darüber, weder mit Jun, noch mit Genzo, es macht mich sonst immer nur traurig und erinnert mich an das, was passiert ist. Aber komischerweise kann ich es in deiner Nähe. Das…das muss doch was bedeuten, oder?“ Plötzlich führt er seine rechte Hand an ihren Mund und legt den Zeigefinger auf ihre Lippen. Er sieht sie verliebt an und hält ihren Kopf bestimmend mit der Linken fest.

„Pst! Schließ bitte die Augen.“, sagt er einfach. Sie sieht ihn verdutzt an.

„Wieso? Ich…sehe dir doch gerne in die Augen.“, protestiert sie nuschelnd unter seinem Finger.

„Hast du noch nie deine Augen geschlossen, wenn du jemanden so nah warst?“ Es kommt nur ein Kopfschütteln und noch immer blickt sie ihn mit großen Augen an.

‚Ach, Tangaroa, wenn du wüsstest. Doch…das hatte ich mal, aber dann…kam die Enttäuschung.‘ Ihre Gedanken sind ganz kurz bei Itachi. Doch sie weiß, auf diese Art, wie er, würde er sie niemals enttäuschen können.

„Vielleicht ist das dann etwas, was du zuerst lernen musst, wenn du…mir blind vertrauen willst.“, haucht er in ihr Ohr. Er setzt sich etwas aufrecht und bewegt den Stuhl ein wenig vom Tisch weg und lehnt sich dann an.

„Blind vertrauen?“, murmelt sie wieder unter seiner Hand.

„Ja, ohne wird es nie funktionieren. Folge einfach mal nur deinen Gefühlen und konzentriere dich nur darauf, nur auf das, was du empfindest. Aber dafür musst du mir blind vertrauen. Nur dann, meine Schöne Tina, nur dann, kannst du erfahren was Hingabe heißt.“ Dann nickt sie und lächelt etwas. Ihre Hände lassen ihn los und sie schließt endlich die Augen. Nun steht sie nur da und genießt seine warme große Hand im Gesicht. Dann plötzlich spürt sie auch eine warme Hand am Rücken. Es fühlt sich sehr schön an und ihr wird wärmer. Dann spürt sie seine Lippen auf ihren und seine Hand lässt ihren Kopf zärtlich los. Neugierig geht sie auf ihn ein, genießt das intensive Zungenspiel und bemüht sich sehr ihre Augen zuzulassen, damit sie alles intensiver spüren kann als vorhin.
 

Die Wärme und Zärtlichkeit überrascht sie und ihre Augen öffnen sich daraufhin. Der Mann bei ihr unterbricht den Kuss und schüttelt streng den Kopf, aber er lächelt dabei.

„Augen wieder zu.“, sagt er.

„Aber…es…ich…“, stottert sie sich zurecht. Es ist so schön, will sie doch nur sagen.

„Vertrau mir einfach, lass es einfach nur geschehen. Vorhin warst du die, die die Kontrolle hatte, jetzt werde ich das sein.“ Sie schließt die Augen, aber spricht weiter.

„Ich? Ich hatte die Kontrolle? Aber…ich wollte doch, dass du machst, was du willst. Und dann hast du dich nicht bewegt und ich wollte…ich konnte…“, er legt seine Hand auf ihren Mund.

„Du wolltest nicht mehr warten, stimmts?“, beendet er ihren Satz. Sie nickt. „Deine Ungeduld ist dir im Weg. Lass einfach mal nur alles auf dich zukommen. Stell dir einfach vor, was auch immer passiert, es kann nur schöner werden.“

„So ähnlich wie mit dem Vögelchen?“

„Genau, nur, dass du nichts in den Händen hältst, sondern eher, dass es zu dir kommt, aber eben nur, wenn du es zulässt. Also das Gefühl und die Empfindungen.“

„Und…wann weiß ich…wann weiß ich, dass es der magische Moment ist?“

Dann wandert seine Hand auf ihrem Rücken weiter hoch zu ihren Schultern und später an ihren Kopf und er küsst sie unerwartet, sanft und zaghaft, dann ruhig und sinnlich mit Zunge. Ihr Puls rast und ihre Hände richten sich wieder vor zu ihm an den Oberkörper. Sie will ihn berühren und spürt endlich wieder seine warme Haut an ihren Händen.

‚Bettina, du bist so wunderschön und ich glaube du hast es jetzt verstanden. Es ist so unbeschreiblich schön mit dir.‘ Dann verlässt er ihre Lippen und sie sehen sich beide verlangend an.

„Vertraust du mir? Kannst du mir blind vertrauen?“, fragt er vorher. Sie lächelt und nickt nur und hascht nach seinen Lippen, als wolle sie erneut geküsst werden. Er tut ihr den Gefallen und beide küssen sich erneut.
 

Auch sie fühlt so viel, dass sie es nicht beschreiben kann. Was sind das nur plötzlich für neue Gefühle?

Ist das jetzt doch endlich die wahre Liebe oder der Anfang davon?

199. Kapitel Tangaroa und Bettina VI – Wärme U18

Kapitel 199
 

Tangaroa und Bettina VI – Wärme
 

Beide sehen sich danach nur glücklich an. Zuerst sagt niemand etwas. Es vergeht gefühlt eine halbe Ewigkeit, aber eine schöne Ewigkeit. Ihre Gedanken sind noch in ihren vorherigen starken Gefühlen gefangen. Er berührt noch immer neben ihr liegend und den Kopf aufstützend, ihr schönes blondes schulterlanges Haar. Sein rechtes Bein liegt auf ihren und schenkt ihr ebenso viel geborgene Wärme wie sein warmer Oberkörper, der neben ihr liegt und ihren Arm wie umschließt. Ihre rechte Hand liegt neben ihr. Sie sehen sich nur an und genießen das starke Gefühl des Zusammenseins. Ihr Atem kommt langsam zur Ruhe und normalisiert sich. Trotzdem ist ihr Herzschlag noch hoch, denn die neuen Gefühle in ihnen lassen sie nicht so schnell zur Ruhe kommen. Seine Gedanken versinken in ihren schönen Augen.

„Du bist so unbeschreiblich schön. Weißt du das eigentlich?“, lächelt er glücklich.

„Ich weiß nicht, du machst mich echt verlegen. Nicht, dass ich gleich rot werde.“, grinst sie, berührt dann seinen Kopf und streichelt über seine kurzen schwarzen Haare und seine großen Blumenkohlohren.

„Tangaroa, ich…es…war…es…ist so schön. Glaubst du…ich habe es geschafft? Glaubst du, dass ich es jetzt kann?“, hat sie eine unsichere Stimme.

‚Bettina, du kannst Fragen stellen.‘ Seine Hand an ihrem Kopf berührt nun ihre Wange und streicht über ihr linkes Ohr.

„Hm, das lässt sich nicht einfachmal so beantworten. Das wird sich später zeigen.“, lächelt er sie schmachtend an.

„Später? Wann denn?“, ist sie etwas irritiert.

„Wie fühlst du dich jetzt gerade?“, kommt er mit einer Gegenfrage. Sie wundert sich über diese Frage.

„Ich…weiß nicht genau. Es ist…alles neu. Du bist…so wundervoll. Es ist wundervoll.“, spricht sie zurückhaltend aus und plötzlich überzieht sie ein kleiner Windhauch über ihren nackten freiliegenden Oberkörper. Er vernimmt es natürlich und seine Hand vom Gesicht berührt zuerst sinnlich ihre roten Lippen, fährt dann langsam über ihr Kinn und den Hals hinunter.
 

„Ich sagte ja, du bist so schön und wenn ich hier so liege und dich bewundere…und du mich dann so…berührst…das macht etwas mit mir.

Aber ich merke, es macht auch etwas mit dir.“, spricht er liebevoll. Tina schließt neugierig die Augen, denn er hat Recht, seine Reaktion auf sie und seine Berührungen machen etwas mit ihr. Was es ist, kann sie jedoch noch nicht genau deuten. Das Einzige was sie weiß ist, dass sie scheinbar in seiner Nähe alles um sich herum vergessen kann und das ist es doch was sie will.
 

Dieser magische Moment ist etwa eine Stunde her und Tinas Augen öffnen sich, nachdem sie für eine kurze Zeit eingeschlafen war. Sie liegt auf der rechten Seite zu dem Mann neben ihr gerichtet und sie ist komplett an seinen warmen Arm gekuschelt, denn er liegt halb zugedeckt auf dem Rücken. Seine linke Hand ist zwischen ihren Knien und fühlt sich ebenso angenehm warm an, als würde er sie festhalten damit sie nicht aus dem Bett fällt. Sie lächelt und genießt die geborgene Wärme und betrachtet Tangaroa wie sich sein Brustkorb beim Atmen anhebt und wieder absenkt. Er schnarcht nicht, aber ein kräftiges Atmen ist schon zu hören. Es klingt jedoch gesund und angenehm.

‚Tangaroa, was hast du nur mit mir angestellt? Was waren das für schöne Momente mit dir?‘ Sie streichelt seinen Arm und löst ihre Beine von seiner Hand. Dann küsst sie seinen Arm und versucht vorsichtig aufzustehen, ohne ihn zu wecken.

„Schlaf weiter, Großer.“, flüstert sie ganz leise und lächelt.

In dem Moment als sie auf der Bettkannte sitzt und sich aufrichten will, greift er plötzlich nach ihrer Hand.

„Alles gut? Wo willst du hin?“ Sie grinst ihn an.

„Da muss man halt mal ab und an hin.“ Diesmal greift sie nach ihrem Kleid und zieht es über.

„Diesmal mit Kleid? Mich stört das wirklich nicht.“, meint er dann grinsend und sieht ihr nach.

„Ich dachte es stört dich.“

„Wenn es dich nicht stört. Du kannst machen wie du willst. Ich war nur vorhin überrascht, dass du so freizügig bist. Es hätte ja auch sein können, dass es dir etwas zu frisch ist.“ Tina lacht etwas und bleibt in der Tür stehen.

„So schnell ist mir nicht kalt. Ich bin etwas speziell, Tangaroa. Ich musste mich doch erstmal an die Halle gewöhnen und vorher war ich immer nur draußen und auch als Kind schon immer nur an der frischen Luft und im kalten Meer baden. Sogar im Winter war ich im Meer baden. Und das andere, naja…unsere Familie war nicht so, wie soll ich sagen, prüde? Sagen wir es so, ich bin etwas freizügiger aufgewachsen und daher stört mich das alles nicht. Das hat aber nichts mit deutscher Kultur oder so zu tun. War halt bei uns einfach so.“ Mit diesen Worten geht sie dann ins Bad. Tangaroa sieht ihr nach und legt sich dann wieder auf die Seite mit dem Blick zu ihrer Betthälfte, wo sie gelegen hatte. Seine Hand legt er nachdenklich auf das Bettlaken an die Stelle wo sie lag.

‚Es ist noch warm. Bettina, was bist du nur für eine geheimnisvolle Frau? Jetzt hast du mir zwar so viel von dir erzählt, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass du noch lange nicht fertig bist mit deinen Geheimnissen.‘ Er sieht sich seine Hand an und lächelt. Ihm kommen die Erinnerungen wie schön diese neuen Gefühle mit ihr sind. Sein Herz schlägt etwas schneller, nur bei dem Gedanken daran, sie würde gleich wieder neben ihm liegen und ihn anlächeln. Diese unbeschreiblichen Berührungen gehen ihm nicht aus dem Kopf. Wie gut sie sich doch anfühlt und wie intensiv ihre innigen Empfindungen sind. Das hat er selbst noch nie erlebt. Bei dem intensiven träumenden Gedanken an ihre schönen Augen und die starken Gefühle schließt er die Augen und es dauert nicht lange, da ist er plötzlich wieder eingeschlafen, noch bevor Tina wieder bei ihm ist. Im Bad wird die Spülung betätigt und die Hände werden gewaschen. Tina sieht in den Spiegel und richtet ihre Haare.

‚Was ein paar Jahre plötzlich ausmachen können? Nicht nur ich habe mich verändert, auch du, Tangaroa. Damals noch so schüchtern zu mir und heute hast du ein großes Selbstbewusstsein. Hattest du das damals schon und konntest es nur nicht zeigen, nicht den Mädchen gegenüber, die du mochtest?‘ Sie berührt ihre Wangen und lächelt. Ihre Gedanken sind bei den unglaublichen Berührungen und diese neuen starken Gefühle, die sie plötzlich hat. Wie kann das denn sein, dass ausgerechnet er ihr plötzlich zeigt wie es wirklich funktioniert? Noch nie konnte sie sich jemanden ernsthaft so hingeben. Immer hat sie letztendlich den Ton angegeben. Niemals hätte sie einem Mann wirklich die Macht über sich übergeben. War das vielleicht auch der Fehler? War das ihr Fehler, als sie mit einem Traummann wie Martin zusammen war? Er war doch eigentlich alles was sie mag. Liebevoll, zuverlässig, verständnisvoll, klug, groß und stark. Sie vertraut ihm sehr und würde ihm immer ihr Leben anvertrauen. Aber wenn sie alleine waren und intim wurden, hatte sie zwar das Bedürfnis danach und auch nach den neuen schönen Gefühlen, aber sie konnte sich nie komplett auf ihn einlassen. Warum denn nur? Warum aber geht das jetzt bei diesem Mann? Bei Martin gab es doch auch keine Schamgefühle, oder Angst. Was sollte denn schon passieren? Er war doch immer für sie da, seitdem sie in Japan ist und stand ihr immer bei. Er hätte ihr doch niemals wehgetan, nein, niemals. Nie würde er etwas tun, was sie nicht wollen würde.

Er machte mit seiner professionellen Arbeit nicht nur eine sensationelle Sportlerin aus ihr, sondern sorgte auch dafür, dass sie endlich wie eine Frau leben konnte und sich auch als eine Frau sehen konnte. Sogar, dass sie den Blick nicht aus den Augen verliert, wie eine Frau auszusehen, schön, weiblich und gesund. Neben ihrem Sport und der Bildung hatte sie in Japan doch nur ein Ziel, endlich ein echtes Mädchen zu sein und eines Tages so hübsch und elegant wie ihre Mutter auszusehen. Sie war immer so schön mit ihren langen gelbblonden Locken.
 

Der Tag verging wie im Flug und der Abend neigt sich über die Metropole. Eine dunkle Gestalt begibt sich unauffällig in ein Hochhaus. Kapuze bis zur Nase gezogen und Rucksack auf dem Rücken. Die Gestalt geht direkt zum Lift und drückt den Knopf.

„Ich gehe davon aus, dass ich weiß wer Sie sind? Junger Mann?“, wird Tina wieder angesprochen, weil sie die Kapuze noch trägt. Sie sagt nichts und hebt nur ihre Hand und zeigt ihm den Daumen hoch. Als sie im Lift ist, schminkt sie sich wieder und oben angekommen, geht sie direkt zur Nummer 2 und läutet. Es dauert nicht lange, da öffnet sich die Tür. Tangaroa ist erstaunt, als er zur Tür geht, denn er hat nicht mit ihr gerechnet. Sie sind morgens eher so auseinander gegangen, als würde sie noch nachdenken wollen was sie will und das sah eher nach Zweifel aus. Dann steht sie plötzlich doch vor ihm, die Schönheit, die ihm den ganzen Tag nicht aus dem Kopf ging. Diese unglaublichen Gefühle mit ihr, die er in der letzten Nacht mit ihr erlebt hat, das war nicht nur das Eine. Er ist fest davon überzeugt, dass es mehr als nur die Zweisamkeit ist, die sie verbindet. Am liebsten würde er sie den ganzen Tag in den Armen halten, seine Bettina, seine Schöne, wie er sie liebevoll in seinen Gedanken nennt.

Kaum ist die Tür hinter ihr zu, sieht sie sehnsüchtig zu ihm auf und legt den Rucksack ab.

„Tangaroa…Tan-kun, ich…will…ich will…heute Nacht…bei dir sein. Und…morgen Nacht…und…nächste Nacht…ich…zeig es mir…zeig es mir wieder. Bitte!“ Sie sehen sich tief in die Augen und ihre Herzen schlagen ganz doll. Er berührt zärtlich ihre Kapuze und schiebt sie zurück, damit er sie endlich richtig ansehen kann.

„Tina, was soll ich dir zeigen?“, lächelt er liebevoll.

„Na…du weißt schon.“, grinst sie plötzlich verlegen und hält den Kopf etwas schief.

„Du musst es aussprechen. Es gehört zum Spiel.“, erklärt er dann plötzlich. Ihr Puls schlägt auf einmal sehr hoch und sie setzt einen ernsten Blick auf.

„Was soll das werden? Ein Machtkampf? “, spricht sie unerwartet streng, bückt sich, schnappt sich ihren Rucksack wieder und dreht sich um zur Tür.

„Tina, was…? Es…es tut mir leid.“, sagt er erschrocken. Sein Puls ist plötzlich ganz weit oben vor Aufregung. Er hat plötzlich das Gefühl alles ruiniert zu haben. Die Vorstellung, sie würde jetzt plötzlich wieder gehen, obwohl sie doch gekommen ist, um ihm nah zu sein, nein, das würde er jetzt nicht verkraften. Viel zu groß ist seine Sehnsucht nach ihr. Diese letzte aufregende Nacht war viel zu besonders, als die einzige Nacht gewesen zu sein. Was hat er denn jetzt falsch gemacht?

Sie greift die Türklinke und stülpt sich mit der anderen Hand die Kapuze wieder über.

„Ich dachte…du weißt warum ich da bin. Aber wenn nicht, dann geh ich wieder. Auf solche Machtspielchen kann ich verzichten. Das hatte einen unterwürfigen Klang. Ich…werde mich niemals jemanden unterwerfen, das hat nichts mit Vertrauen zu tun.“, spricht sie klar und bestimmend aus.

„So…war das nicht gemeint. Tina, bitte geh nicht. Ich…ich freue mich so sehr, dass du da bist und wiedergekommen bist. Ich dachte, du willst mir sagen, dass es dir gefallen hat und dass ich es wieder so angehen soll wie heute Nacht?“, versucht er sich zu erklären. Eine böse Absicht stand wirklich nicht dahinter. Er dachte, ihr hatte es so gefallen, dass er die Kontrolle übernimmt. Aber scheinbar hatte er sich geirrt. Das was sie will, liegt irgendwo dazwischen. Irgendwo zwischen ihrer Art die Kontrolle über alles zu haben und dem Moment diese Kontrolle mal abzugeben, um sich hinzugeben. Wo aber genau liegt dieser Moment? Das muss er noch herausfinden und er atmet tief durch, als sie die Klinke herunterdrückt.

Plötzlich steht er hinter ihr, hält mit der linken Hand die Tür über ihr an die Wand gedrückt und beugt sich zu ihr herunter.

Er berührt sie bewusst nicht, auch wenn er es am liebsten tun würde. Nichts liegt ihm ferner, als sie berühren zu wollen.

„Warte. Ich würde nie etwas tun was du nicht auch willst. Ich halte dich auch nicht davon ab zu gehen, wenn du das möchtest. Aber dann verrate mir bitte, warum du gekommen bist. Du wolltest darüber nachdenken und musst dir sicher gewesen sein, dass du wieder kommen willst. Was war der Grund dazu?“ Tina lässt unerwartet die Klinke los, ihr Herz schlägt deutlich schneller und ihr kommt eine Träne. Die Erinnerung an die letzte Nacht überkommen sie plötzlich und sie will doch gar nicht gehen. Sie will doch nur in seinen starken Armen liegen, diese unglaubliche Wärme und Geborgenheit genießen und wieder alles um sich herum vergessen. Ihre Hände berühren die Tür und sie schaut zur Seite.

„Ich…ich weiß es selbst nicht. Ich…ich weiß nicht was das ist, aber ich…kann in deinen Armen alles vergessen. Das gab es noch nie. Nicht so.“

„Wirklich?“, hinterfragt er sanft und nimmt seine Hand wieder von der Tür und berührt nun stattdessen ihre Kapuze und zieht sie langsam herunter.

„Dann war es also für dich schön, hier bei mir?“ Sie nickt nur und kann ihn dabei nicht einmal ansehen. Verlegen sieht sie weiter zum Boden.

Plötzlich spürt sie Tangaroas Hände an der Schulter, wie sie ihr andeuten sich zu ihm zu drehen. Natürlich steigt sie auf die Andeutung ein und ihr Blick ist noch immer nach unten gerichtet.

„Ich…weiß doch selbst nicht was es bedeutet. Ich weiß nur, dass es so ist.“, spricht sie sehr leise und unsicher. Er berührt sanft ihr Kinn, richtet ihren Kopf auf und er sieht ihr tief und liebevoll in die Augen. Seine rechte Hand wandert zu ihrem Gesicht und fasst komplett ihre linke Wange und ihr Ohr. Sein Daumen fährt zärtlich über ihre Unterlippe.

„Tina, es ist doch erstmal egal was es ist, solange du hier bei mir sein willst und es dir gut geht. Was es zu bedeuten hat, finden wir vielleicht später heraus. Wichtig ist nur das Hier und Jetzt. Und wenn du bei mir sein willst, dann sei sehr gerne bei mir. Ich will doch auch, dass du bei mir bist.“ Sie lächelt plötzlich etwas und ihr Puls steigt wieder an. Seine warme große Hand genießt sie in ihrem Gesicht und dann schließt sie die Augen. Er beugt sich zu ihr runter und küsst sie sanft. Beiden wird es warm und ihre Hände berühren seinen Oberkörper. Er trägt heute Abend nur ein dünnes Shirt und eine bequeme dünne Bündchen Hose. Während des Kusses streift er ihr den Rucksack von der linken Schulter, legt diesen neben die Tür und dann fahren seine Hände erwartungsvoll an ihre Trainingsjacke und öffnen den Reißverschluss langsam. Tina bewegt sich kaum, sie genießt einfach seine Nähe und wartet sehnsüchtig auf die nächsten Berührungen. Der Kuss wird intensiver und ihre Zungen spielen miteinander. Unter der Jacke kommt eine zarte rosa Bluse mit Spitzenkragen zum Vorschein. Um den Hals trägt sie eine kurze graue Perlenkette. Ihre Lippen sind diesmal rosa und nicht rot gefärbt, wie den Abend zuvor.

Er hängt die Jacke neben sich an die Garderobe und berührt neugierig ihren zarten rosa Stoff am kurzen Ärmel. Sie legt jedes Mal ihre Hände wieder an ihn. Dann fährt er die Arme hinunter zu den Ellenbogen und zur Hose und ihre Hand kommt nun selbst hinzu und beide bedienen sich dem Bündchen und ziehen die Trainingshose herunter bis sie den Rest des Weges selbst findet und zu den Füßen rutscht. Sie unterbrechen den Kuss und er bewundert sie wie hübsch sie in ihrer Bluse und dem grauen sehr kurzem Wickelrock aussieht. Tina blickt nur zu ihm auf und lächelt.

„Du bist wieder so wunderschön.“, sagt er begeistert und fast flüsternd. Dann berührt er plötzlich mit beiden Händen hastig ihre Taille und geht langsam in die Knie und sieht zu ihr auf, während er ihren Körper mit seinen warmen Händen erforschend streichelt und dann über den Rock hinweg ihre Beine herabgleitet. Sie landen an ihren Füßen. Sie trägt heute leichte Sneaker, gerade so, dass es ausschaut, als würde sie joggen gehen. Er öffnet die Schleifen und hält hinten an den Fersen einen Schuh nach dem anderen fest, damit sie einfach herausschlüpfen kann. Kaum ist sie aus den Schuhen und der Hose heraus, steht sie auf den Fliesen im Eingangsbereich. Tina sieht zu ihm herunter und ihre Hände berühren seine Haare und seinen Kopf. Sie streichelt ihm zärtlich an den Ohren und deutet an, dass er zu ihr hochkommen soll.

Sie schließt die Augen und atmet schwerer als zuvor. Ihre Hände greifen plötzlich etwas bestimmend in seine kurzen Haare.

„Tanga-roa…ich…ich…will nicht!“, sagt sie plötzlich laut. Etwas verdutzt blickt er sie an und hält inne.

‚Wie jetzt? Ich dachte es gefällt ihr. Bettina meine Schöne, was willst du nicht? Du verwirrst mich.‘

Sie schmiegt sich an seinen Oberkörper, umfasst diesen und blickt mit ihren glasigen Augen zu ihm auf.

„Tangaroa, du bist so schön warm und ich…ich habe den ganzen Tag darauf gewartet bei dir zu sein.“ Er lächelt sie glücklich an und nimmt sie fest in die Arme. Seine Hände berühren ihren Rücken und drücken ihren Körper fest an sich, dann beugt er sich zu ihr runter und küsst sie leidenschaftlich.

‚Bettina, das sieht nicht nach Gehen aus. Du willst wieder nicht abwarten. Ist es das, was du sagen willst?‘, ist er überzeugt und deutet es richtig

Ihre Hände fahren seinen Rücken rauf.
 

Nach unglaublichen Momenten der Leidenschaften liegen beide zusammengekuschelt im Bett. Sie liegt auf der Seite und ist ganz dicht an ihn gekuschelt. Ihr Rücken liegt an seinem warmen Oberkörper und sein rechter Arm ist über ihr und hält sie ganz doll fest. Er spendet ihr Wärme und Geborgenheit. Ihre Arme umklammern diesen Arm und halten seine Hand. So kann sie seine Geborgenheit überall fühlen, während sie schläft. Während er noch etwas aufgewühlt ist und gedanklich ihre Zärtlichkeiten spürt, schläft sie plötzlich tief ein.

Als sie kurz zusammenzuckt, weil sie in der Einschlafphase ist, zuckt er auch zusammen.

Er streichelt ihr Haar mit der linken Hand, die über ihrem Kopf an ihrem Kissen liegt.

‚Warum bist du nur so schön und fühlst dich so unglaublich aufregend an, schöne Bettina? Wie soll ich jemals neben dir einschlafen? Das ist doch verrückt. Ich…ich kann nicht…ich kann nicht einfach nur neben dir liegen. Verdammt. Das gibt es doch nicht.‘ Plötzlich muss er sie loslassen. Diese Situation macht ihn vollkommen verrückt und es verunsichert ihn. Es steigen ungewohnt starke Gefühle in ihm auf, die ihm nach ihrer Wärme und ihrer Stärke, die er mit ihr und in ihr spüren kann, verlangen lässt. So ein starkes Verlangen nach solchen Gefühlen hatte er zuvor noch nie. Was hat das nur zu bedeuten? Tangaroa versucht sich vorsichtig von ihr zu lösen und sich zu entfernen, ohne sie zu wecken. Langsam nimmt er seine Hand von ihrem Kopf, um zu testen, ob sie aufwacht. Vorerst kommt keine Reaktion. Dann versucht er die rechte Hand vorsichtig von ihr zu lösen. Tinas Arm jedoch hat ihn zu fest und natürlich wacht sie davon etwas auf.

„Musst du aufstehen?“

„Ja, tut mir leid. Ich wollte dich nicht wecken.“

„Alles gut. Bis gleich.“ Ohne weiter etwas zu sagen, richtet er sich auf, sitzt kurz auf der Bettkante und zögert einen Moment. Soll er wirklich einfach aufstehen ohne etwas zu sagen? Er entschließt sich erst einmal ins Bad zu gehen. Das kann auf keinen Fall schaden und damit rechnet die Schönheit neben ihm.

Im Bad steht er nach einer Weile vor dem Spiegel und betrachtet sich nachdenklich.

‚Ach man. Es ist so schön mit dir Bettina und ich kann neben dir einfach nicht zur Ruhe kommen. Wie kann das denn sein? Ist das die aufregende Nacht? Aber das kann es doch nicht sein. Du bist doch aber nicht die Erste, mit der ich aufregende Nächte verbracht habe. Ich konnte immer gleich einschlafen. Und bei dir geht das nicht? Es ist doch sonst nichts anders? Oder doch?‘ Er wäscht sich mit kaltem Wasser das Gesicht und entscheidet sich nach ihr zu sehen. Vielleicht ist sie ja inzwischen eingeschlafen. Dann kann er sich einfach neben sie legen, nur auf den Rücken oder auf die andere Seite, damit es kein zu großer Körperkontakt ist. Er befürchtet, dass er erneut auf sie reagieren könnte, wenn er erst wieder in ihrer Nähe ist. Somit verlässt er das Bad und geht ins Schlafzimmer. Tina ist inzwischen tatsächlich eingeschlafen und liegt nun auf seiner Seite. Sie ist zugedeckt und schläft auf dem Rücken. Ihre Arme schauen heraus und liegen mit den Händen auf der Decke. Sie lächelt beim Schlafen.

Tangaroa grinst vor sich hin und setzt sich dann auf ihre vorherige Bettseite und legt sich langsam neben sie. Er ist sehr müde und endlich kann er auch einschlafen, nachdem er auf dem Rücken liegt und seine Decke ebenso auf sich legt. Ein wenig gehen ihm noch Gedanken durch den Kopf, aber dann schließen sich die Augen und er schläft ein.

200. Kapitel Tangaroa und Bettina VII - Teambesprechung U18

Kapitel 200
 

Tangaroa und Bettina VII - Teambesprechung
 

Am nächsten Morgen werden beide von einem Handywecker geweckt. Tina richtet sich auf und eilt sofort ins Bad. Tangaroa ist erstaunt, ohne etwas zu sagen, ist sie gleich weg. Er bleibt noch liegen und schaut ihr einfach neugierig nach. Es dauert nicht lange, da steht sie schon wieder in der Schlafzimmertür.

„Guten Morgen, sorry, ich hatte es eilig.“, grinst sie ihn an.

„Guten Morgen, schöne Frau. Hast du gut geschlafen?“

„Das habe ich, ja. In der Regel schlafe ich eher kurz, aber ich habe scheinbar gut sechs Stunden durchgehalten. Der Wecker war nur eine Notreserve. Meist brauche ich ihn nicht. Ich könnt noch weiterschlafen, aber leider habe ich heute ein wenig Arbeit vor mir.“

„Ich dachte du hast frei. Als ich gestern bei Martin im Büro war, standen freie Tage für dich drin.“

„Ja, die gelten aber nur für das Studio. Dort habe ich mir kurz vor unserem Wiedersehen drei freie Tage eingetragen, weil mir die Decke auf dem Kopf fiel. Ich muss heute in den Betrieb, ein paar Stunden arbeiten. So eine Ausbildung macht sich nicht von alleine.“

„Welche Ausbildung? Ich dachte du hast zwar das Studium abgebrochen aber bist nur noch für Sport und für diese Programme zuständig.“, wundert er sich und richtet sich auf. Tina schüttelt entsetzt den Kopf, geht auf ihn zu und bleibt vor dem Bett stehen. Mit ernsten Augen sieht sie ihn an.

„Bist du verrückt? Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass ich ohne einen Beruf bleiben will. Ich habe das Studium doch nur wegen der Ausbildung abgebrochen. Meine Eltern hatten eine Gaststätte und damit ich die Leute nicht entlassen musste und Mutters Traum aufgeben musste, entschied ich mich dafür lieber eine kaufmännische Ausbildung zu machen, damit die Gaststätte bleiben kann. Wäre der Studiengang in dieser Richtung gewesen, dann wäre ich an der Uni geblieben und hätte des Geldes wegen nur das Team gewechselt. So verdiene ich sehr gutes Geld im Verein, durch die Sponsoren und Werbeeinnahmen und kann mir dadurch den Spaß mit der Ausbildung leisten.“, erklärt sie.

„Ach so. Ich habe mich tatsächlich schon gewundert, als ich davon gelesen habe, dass du nur noch für den Sport da sein willst. Wieso steht davon nichts in der Presse oder auf deiner Fanseite?“

„Die Leute können mich gerne für dumm halten, dann habe ich mehr Zeit für wichtige Sachen. Ich möchte nicht, dass man mich auf Arbeit besucht oder nur zum Essen kommt, weil ich da bin. Die Gäste sollen kommen, weil es ihnen schmeckt und weil es ihnen gefällt. Die meisten Stammgäste wissen ja auch Bescheid und hängen das nur nicht an die große Glocke. Sie wissen es jedoch zu schätzen. Wenn sie uns empfehlen, dann einfach, weil es ihnen gefällt und nicht, weil ich ein Promi bin.“

„Und was genau ist das dann für eine Ausbildung? Was bist du dann?“

„Es ist eine dreijährige Ausbildung zur Restaurantfachfrau. Ich komme jetzt ins zweite Lehrjahr. Hast du echt geglaubt ich bin der Typ, der ohne Plan B oder C Sport macht?“ Tangaroa lächelt sie an und reicht ihr die Hand hin, als würde er sie einladen zu ihm zu kommen.

„Es hat mich schon gewundert und ich dachte du machst nur eine Pause oder studierst was anderes. Wann musst du denn auf Arbeit sein? Haben wir noch Zeit für einen Morgengruß?“, grinst er frech. Sein Puls rast schon wieder, als er sie so nackt und wunderschön vor sich sieht. Das Verlangen nach ihrer Sinnlichkeit und den gemeinsamen Zärtlichkeiten macht sich in ihm breit. Sie lächelt ihn an, greift zu ihrem Handy, stellt den Wecker erneut ein und kniet sich dann zu ihm aufs Bett. Sie nimmt seine Hand an und er zieht sie dann fordernd an sich und sie küssen sich leidenschaftlich. Über diesen Morgengruß müssen sie nicht lange nachdenken und sie genießen ihre gemeinsame Zeit, die sie noch haben.

Nach einer Weile aufregender Momente und einer Pause klingelt erneut das Handy und diesmal stehen beide auf. Sie machen sich fertig, frühstücken und Tina verlässt das Haus auf die übliche Weise wie sie gekommen ist.
 

Abends als es schon dunkel wird, öffnet sich erneut die Haustür des Hochhauses. Die Aufsichtsperson des Hauses schaut auf und erkennt den abendlichen Besuch. Diesmal sagt er nichts und die junge Frau unter ihrer Kapuze geht ohne Weiteres zum Lift und fährt in die 16 Etage hoch.

Die Wohnungstür öffnet sich und kurz darauf ist sie wieder geschlossen, der Rucksack wird ihr liebevoll abgenommen und auf den Boden gestellt. Beide sehen sich nur an, als hätten sie sich ewig nicht gesehen und kurz darauf berührt er mit beiden Händen ihren Kopf und streicht mit den Daumen über ihre Lippen.

„Guten Abend, meine Schöne.“, lächelt er sie freudig an. Kaum kann er ihr Lächeln genießen, sind ihre Hände auch schon auf seinem Shirt und krallen sich daran fest. Ihre Augen sehen ihn feucht und sehnsüchtig an. Beide Herzen schlagen enorm und sie sehen sich tief in die Augen.

„Tangaroa…ich…ich…mir ist kalt.“, haucht sie leise raus und kurz darauf beugt er sich zu ihr runter und küsst sie sinnlich. Seine Hormone spielen wieder verrückt und er ist sich sehr sicher zu wissen, was die Frau ihm gegenüber will.

Tina hat einen anstrengenden Tag hinter sich und hielt nur den Tag durch, für diesen Moment. Genau das ist das Einzige, was sie im Moment aufheitern konnte, der Gedanke daran, sie könne wieder in seinen starken warmen Armen liegen und seine Zärtlichkeiten und Geborgenheit spüren. Sie weiß noch immer nicht genau was es ist, was sie mit und bei ihm spüren kann, aber es ist eindeutig schön und angenehm. Wenn es so ist, kann es doch nur bedeutend und richtig sein wieder eine Nacht mit diesem wundervollen zärtlichen starken Mann zu verbringen. Plötzlich greift sie hastig sein Shirt und zieht es aus dem Hosenbund seiner Trainingshose.

‚Bettina, du überraschst mich. Heute gleich so verlangend? Du machst mich wahnsinnig, wahnsinnig verlangend nach dir und deinen Berührungen.‘ Gleich darauf nimmt er sie liebevoll in seine Arme. Ihre Küsse werden hastiger und es dauert nicht lange, da finden sie sich im Schlafzimmer wieder und genießen einen erneuten aufregenden Abend mit all ihren Sinnen und neuen Gefühlen.
 

Am nächsten Morgen etwa gegen 6 Uhr wacht Tina auf und geht zum Bad. Nach dem Toilettengang auf der anderen Seite der Wand, springt sie unter die Dusche und steht dann mit dem Handtuch umwickelt und einem kleinen Handtuch auf dem Kopf vor dem Spiegel und holt ihr Zahnputzzeug aus der Hello Kitty Tasche. In diesem Moment klopft es an der Tür.

„Guten Morgen, darf ich reinkommen?“ Tangaroa ist kurz nach ihr ebenso wach geworden, nutzte auch die separate Toilette und hörte, dass sie duschen ist. Tina geht zur Tür und nutzt die Klinke, denn antworten kann sie mit der Zahnbürste im Mund nicht. Nun steht er mit einem Handtuch um die Hüfte in der Tür und lächelt zu ihr.

„Hast du gut geschlafen?“ Sie nickt und lächelt so gut es geht zurück. Dann stellt sie sich wieder ans Waschbecken und spült sich den Mund aus. Als sie in den Spiegel schaut und den Zahnputzbecher zur Seite stellt, steht er unerwartet hinter ihr.

„Stört es dich, wenn ich schon anfange zu duschen?“, grinst er etwas durch das Spiegelbild.

‚Wie schön du bist, Bettina. Am liebsten würde ich dich wieder in die Arme nehmen und küssen. Diese unglaubliche Nacht geht noch immer durch meine Knochen.‘ So richtig kann Tina dazu nichts sagen. Sie läuft etwas rot an, denn die Vorstellung, dass dieser Mann gleich in diesem kleinen Bad nackt hinter der Glasscheibe stehen wird und sich einseift und abduscht, lässt sie etwas verunsichern. In ihrer Fantasie würde er sie jetzt, so wie sie dasteht, berühren und küssen. Diese Vorstellung alleine lässt sie tief ein und ausatmen. Ihr Puls steigt deutlich an. Was würde jetzt passieren? Sie sieht ihn durch den Spiegel etwas irritiert und neugierig an. Seine große Gestalt und sein breites Kreuz mit seinen stark muskulösen Armen erinnern sie an die magischen Momente, die sie bisher hatten und sie bekommt bei dem Gedanken an seine Berührungen eine Gänsehaut.

Bei Martin hat es sie nie gestört, da mussten sie in seiner kleinen Wohnung immer alles zusammen in dem kleinen Bad machen, wenn es morgens losging. Abends haben sie sich dann abgewechselt. Aber seine Anwesenheit hat sie nie irgendwie erregt oder Gefühle in ihr ausgelöst. Dafür musste bereits mehr passiert sein. Es war einfach so. Es war vermutlich die Gewohnheit, sich ein Bad zu teilen, noch von der Zeit vor dem Hausbau. Damals war sie zu jung und sah ihn als einen Freund, mehr eben nicht.

„Nein.“, sagt sie dann nur und weicht seinem Blick aus.

‚Die Antwort dauerte aber lange. Sie ist doch sonst immer so schlagfertig.‘, stellt er erfreut fest und deutet natürlich ihre roten Wangen und ihrem Ausweichen seines Blickes.

„Ich glaube es ist noch zu früh. Ich werde draußen etwas warten bis du soweit bist.“, meint er dann liebevoll und berührt plötzlich zärtlich ihre Schultern mit beiden Händen und streift kurz mit der Rechten zu ihrem Gesicht hoch.

„Bis gleich.“, spricht er hauchend und lässt seine Hände beide einfach an ihren Armen heruntergleiten und geht dann langsam zur Tür. Es sind nur gut zwei seiner großen Schritte und als er die Türklinke berührt, hört er ein starkes Atmen. Er dreht sich zu ihr um. Sie fasst sich selbst die Arme und blickt dabei in den Spiegel und er kann ihre Gänsehaut erkennen.

„Alles okay?“, fragt er mit besorgtem Ton.

„Mir…mir ist kalt.“, kommt dann völlig überrascht und ganz leise. In Wirklichkeit ist ihr jedoch gar nicht kalt, sondern sie überkommt ein plötzliches Verlangen nach seiner Wärme. Es kribbelt überall an ihr und in diesem Moment kann sie sich nichts Schöneres vorstellen, als von ihm in seine Arme genommen zu werden. Er geht zu ihr und umarmt sie zärtlich. Sein großer warmer Körper umschließt ihren komplett und seine Hände fassen einmal oben am Brustkorb mittig und einmal etwas unterm Bauchnabel aufs Handtuch und drückt sie ganz zaghaft an sich. Er schmiegt sich an sie und betrachtet ihre Reaktion im Spiegel. Ihr Gesicht lächelt und er merkt, dass es ihr gefällt und sie etwas zittert.

„Ist es so besser?“, spricht er liebevoll, beugt sich zu ihr runter und legt dann sein Kinn leicht auf ihre linke Schulter. Es vergehen etwa zwei Minuten ohne, dass etwas passiert. Nur ihre Herzen klopfen sehr laut. Plötzlich fasst sie sanft seine Wange und dreht ihren Kopf zu ihm. Sie sieht ihm tief in die Augen und ist wie erstarrt, als er ihre Andeutung richtig einschätzt und mit der rechten Hand ihren Kopf berührt und sie beginnt am Hals zu küssen. Sie legt ihren Kopf in den Nacken. Es dauert nicht lange bis sich ihre Lippen berühren und ihre Zungen miteinander spielen. Ihre Hand berührt dann seine, die auf ihrem Bauchbereich liegt und fasst diese bestimmend und führt sie bewusst an ihr Tuch unterhalb des Halses, als würde sie ihm sagen, er solle es lösen.
 

„Was…Tan-kun, was machst du nur…mit mir?“, haucht sie plötzlich stotternd aus.

Tangaroas linke Hand verlässt ihren Kopf und geht nun doch an ihr Handtuch und löst es, damit es einfach zu Boden fallen kann.
 

„Ich…werde jetzt duschen und wenn du willst, kommst du mit.“, hört sie seine dunkle, angenehme Stimme. Es ist eindeutig eine Herausforderung. Plötzlich lässt er von ihr und streift nur ihren Arm herunter und zieht diesen dann sanft mit sich, als er ihre Hand greift. Nur jeweils ihre Fingerkuppen berühren sich noch, statt zuzugreifen, als sie ihm neugierig folgt. Seine große kräftige Gestalt steht nun mit dem Rücken zu ihr und stellt das Wasser an.

„Wie magst du es am liebsten? Ich bin leider ein Kaltduscher.“, spricht er sie normal an, um die Spannung etwas zu lösen.

„Egal, ich auch.“ Er entscheidet sich dann für ein lauwarmes Wasser, denn es ist ihm bereits so warm, dass kalt an seinen empfindlichen Stellen eher unangenehm und unvorteilhaft wäre.

Tina betrachtet seinen Rücken. Ihr fallen nun noch mehr seine ganzen Tattoos auf. Was haben die nur alle zu bedeuten? Es gab auch noch eine große Lücke am linken Schulterblatt. Hier und da waren kleine freie Stellen zu sehen, als solle dort noch irgendetwas später hin.

„Tan-kun…“, beginnt sie als sie den Schwamm und das Duschbad in die Hände nimmt und einen Spritzer der Seife auf den Schwamm gibt.

„…du hast keine Haut, sondern eine Leinwand.“, klingt sie schmunzelnd und kichert etwas. Dann setzt sie den Schwamm an seiner Schulter an und drückt ihn kräftig aus. Der Schaum läuft seinem Rücken herunter und neugierig fährt sie mit der anderen Hand dem Schaum hinterher.

„So kann man das auch sehen, stimmt. Es erschlägt dich hoffentlich nicht. Es sind einige dazugekommen.“, sagt er leise.

„Dazugekommen? Sag bloß du hasstest damals auch schon welche. Ich bin erstaunt, dass da keiner rummeckert. Die Japaner sind doch so eigen, wenn es um das Thema geht. Für die ist jeder gleich ein Mitglied der Yakuza, nur weil er Tattoos trägt.“

„Das stimmt, aber wir Maoris oder die Polynesier haben da einen kleinen kulturellen Vorteil. Uns ist es erlaubt die traditionellen Tattoos zu tragen, da sie zur Kultur gehören. Würden sie diese verbieten, dann würde es rassistisch wirken, und das wollen die Japaner auch wieder nicht.“

„Hm, nicht rassistisch wirken? Das sag mal meinem Verband. Da gibt es so den einen oder anderen, der froh sein kann, dass ich nur spielen will und mir dieses Machtgehabe nicht wichtig ist.“, spricht sie plötzlich im ernsten Ton.

„Wie meinst du das?“, wundert er sich plötzlich und dreht seinen Kopf zu ihr. Während sie seinen Rücken sanft einseift und alle Muskeln nachfährt und auf die vielen Muster schaut, berichtet sie in kurzen Sätzen, dass sie eigentlich die Kapitänin des Nationalteams sei, aber sie musste den Posten abgeben, damit es keine Ausländerin ist. Es sei ohnehin eine Ausnahme gewesen, dass sie mitspielen durfte. Sie war es dann, die Yako als Kapitänin benannt hat. Die Öffentlichkeit hat davon nichts mitbekommen.

„Echt? Das ist ja eine Frechheit.“

„Pass also auf, falls dir das auch passiert.“

„Darüber musst du dir keine Sorgen machen. Ich werde ganz normal im Nationalteam der Japaner sein, weil ich nicht nur geduldet sein werde…“ Tina ist etwas irritiert und hört plötzlich auf ihn einzuseifen.

„Wie meinst du das?“ Er hebt die Hand und stützt sich dann an der Duschwandbekleidung ab und lächelt stolz.

„Ich…bin…seit gestern offiziell…ein Japaner.“ Entsetzt fällt ihr der Schwamm aus der Hand. Er platscht auf den nassen Boden und sie starrt völlig verdutzt zu ihm auf.

„Wie bitte? Aber…aber du kannst doch nicht einfach deine Heimat verleugnen.“, haut sie dann raus und ist wie erstarrt. Er ist plötzlich total verwundert, dass sie so einen großen Nationalstolz hat. Dass sie das so sieht, hätte er nie gedacht. Er dachte sogar eher, sie würde sich darüber freuen. Vor allem, weil sie jetzt dabei sind zu schauen was das miteinander wird. Es würde doch nur heißen, dass er länger im Land bleiben darf. Für ihn steht der Entschluss fest. Er will hier bei seinen Freunden sein. Nur wenn der Sport ihn woanders hintreiben sollte, dann könnte er sich vorstellen für eine Weile wegzugehen, aber er will hier den Rest seines Lebens verbringen. So war sein Gedanke und dann kam das Angebot des Verbands. Man bot ihm an ins Nationalteam zu kommen. Das ist für ihn ein Beweis dafür, dass die Leute ihn hier haben wollen, denn für das neuseeländische Nationalteam hätte seine Leistung nicht gereicht. Jedoch die Vorstellung gegen sie oder die anderen großen Teams wie Südafrika, Frankreich oder England zu spielen, ist einer der größten Träume, die er je verfolgt hat.

„Tina, du bist mir doch jetzt nicht etwa böse?“, spricht er leise und behutsam. So ganz ruhig lässt ihn das nicht. Er war schon darauf vorbereitet wieder eine wundervolle Zeit mit ihr zu verbringen und es war doch gerade so schön romantisch und aufregend ihre zarten Streicheleinheiten zu genießen. Es sollte doch noch viel aufregender werden und er wollte sie küssen und spüren, ganz romantisch wie unter einem Wasserfall. Und nun? Nun weicht sie ihm aus und lässt ihn los und er weiß gar nicht so richtig was er machen soll. Sein Puls rast und seine Konzentration auf die späteren Gefühle, lässt plötzlich etwas nach. Er schaut zu ihr herab und sie weicht seinem Blick dann aus und schaut zur Seite, durch die Glasscheibe der Dusche und starrt an den Spiegel, der über dem Waschbecken hängt.

‚Japanische Staatsbürgerschaft? Tangaroa, warum? Du warst doch immer so stolz auf deine Herkunft und hast mir so viel von deiner Familie und deinem Dorf erzählt. Was hat dich denn nur dazu bewegt?‘

„Natürlich nicht, aber ich könnte das nicht. Das ist ein sehr mutiger Schritt von dir.“ Plötzlich spürt sie seine zärtlichen Hände auf der Schulter. Er versucht sie sanft zu massieren und sie abzulenken.

„Wir können ja später darüber reden. Oder was meinst du?“ Er dreht sich endgültig zu ihr um und sieht zu ihr runter.

„Tina, du bist so schön und du stehst jetzt mit mir hier in der Dusche und irgendwie…habe ich gerade nur Gedanken an dich und an nichts Anderes. Ich…ich…kann es kaum erwarten…dich wieder zu fühlen.“, spricht er ganz offen aus was in ihm vorgeht. Tina bleibt der Ton weg und als sie in seine liebevollen lustvollen Augen sieht, ist der Gedanke von eben wie weggeblasen. Natürlich ist es seine Entscheidung und er wird sich was dabei gedacht haben, so einen großen Schritt zu gehen.

„Entschuldige. Ja, ich…bin hier mit dir. Es ist doch so schön.“, flüstert sie etwas verunsichert und ihre Hände berühren wieder seinen Oberkörper. Beiden kommen erneut große Gefühle in ihnen auf und Tangaroa lächelt, geht langsam in die Knie und greift nach dem Schwamm. Dann verweilt er unerwartet für sie in dieser tiefen Position, schnappt sich das Duschbad, seift den Schwamm neu ein und beginnt ihre Beine langsam einzuseifen.

„Jetzt wasche ich dich, okay?“ Er blickt zu ihr auf. Dieser Blick ist ihr zu komisch, der große Tangaroa plötzlich ganz klein.
 

Es fühlt sich plötzlich alles so anders und wahnsinnig aufregend an. Noch nie hatte sie so eine Situation im Badezimmer. Was könnte als nächstes passieren?
 

Diese unglaubliche Morgendusche ist nun etwa zwei Stunden her und Tina steht mit Jun und Martin im Studio, um die nächsten Schritte für die Aufnahme des ersten Profiteams zu besprechen. Um ihre Besprechung locker zu gestalten, schlug Jun vor sich statt ins Büro, einfach in den zukünftigen Kundenbereich zwischen die Geräte zu setzen. Jeder nahm sich einen Stuhl und einen Kaffee und sie sitzen nun an einem Klapptisch und halten jeweils die Unterlagen des Teams in den Händen.

„Wenn ihr mich fragt, ist das das ideale Team, um einen Anfang zu machen. Was sagst du eigentlich Martin, du hast bereits mit Tangaroa, Sora, dem Captain und dem Trainer gesprochen. Geht das morgen klar mit dem ganzen Programm-Vorstellen, abmessen, Datenerfassung beim Doktor und Ausfüllen der Fragebogen für die Kochbücher? Dann brauchen wir ein Gruppenfoto.“

„Also das Team ist ideal für unser Programm. Es ist nicht nur ein Profiteam, sondern gleich das Nationalteam. So werden wir auch außerhalb Japans etwas bewegen können.“

„Einige aus dem Team spielen im Ausland. Sora ist zum Beispiel in Italien, bei Tangaroa weiß man nicht wie lange er bleibt. Vorerst ist er nur ein Jahr hier unter Vertrag. Soweit ich verstanden habe, kann es auch sein, dass er wieder nach Neuseeland geht. Und der Trainer geht ab nächste Saison auch nach Italien in Soras Team. Vielleicht öffnet uns das gleich die Türen nach Europa.“

„Oh, in welches Team geht er denn? Ich weiß nicht wo Sora gelandet ist. Ich habe das nicht so verfolgt.“, bringt sich Tina ein.

„Piacenza, wenn ich das richtig verstanden habe. Ist oben im Nordteil.“

„Genauer gesagt liegt es zwischen Mailand und Genua, nur etwas östlich von beiden. Ich war da schon mal.“ Beide sehen sie verdutzt an.

„Wie du warst schonmal dort?“, kommt von Martin. Jun ist auch erstaunt.

„Na bevor wir herzogen, waren wir regelmäßig im Urlaub in Italien. Wir haben uns ganz viele Städte angesehen und eine davon war Piacenza. Die lag so praktisch auf dem Weg von Mailand nach Genua. Wir waren doch Campen und konnten überall mal bleiben.“

„Oh, verstehe. Stimmt, Georg hat davon erzählt. Campen wäre ja so gar nicht mein Ding. Ich bin eher Typ Hotel.“, meint Martin.

„Ich auch, zelten wäre ja echt nicht mein Ding.“

„War eine tolle Zeit. Kein Zelten, Campen mit Campingwagen. Wir hatten immer viel Spaß und viel brauchten wir ja nicht, Badezeug, Karten, Schachbrett und einen…“, plötzlich stoppt sie.

‚Moment mal, was ist denn plötzlich mit mir los? Ich rede einfach aus der alten Zeit mit Stephan? Beinahe wäre mir doch glatt das Wort „Fußball“ über die Lippen gekommen. Wie kann das sein?‘

„Jun, wir können morgen bei der Aktion doch einfach mal mit Sora und dem Trainer reden wie das mit dem Team dort ist? Ich bin in meiner Urlaubszeit in Deutschland, aber plane einen Woche Besuch bei meiner Freundin aus dem Chieri Torino-Team ein. Eventuell kann ich dann einen Ausflug zum Rugbyteam machen und das Programm vor Ort vorstellen?“, versucht sie von ihrem Ausschweifen in die Vergangenheit abzulenken.

‚Nanu, was war das denn? Sie hört mitten im Satz auf und wechselt das Thema? Eine Ablenkung? Tina hat doch noch nie von ihrem Bruder gesprochen oder aus der damaligen Zeit vor Japan. Das vermeidet sie grundsätzlich.‘, fällt Jun besonders auf.

„Du kennst übrigens den Trainer. Hast du schon auf die Namensliste geschaut?“, vermerkt er dann, um beim Thema zu bleiben. Tina ist erstaunt.

„Oh, Herr Ito. Bzw. jetzt ja Herr Simon. Dann sind die echt immer noch verheiratet?“

„Ja, aber ihre Familie war davon damals nicht begeistert. Du hast es ja nicht mitbekommen, da er die Schule verlassen hat.“

„Was war denn mit der Familie?“

„Sie ist eine Adlige, also sie stammt aus einer alten Adelsfamilie und da darf es natürlich nur standesgemäße Ehen geben und schon gar kein Kind vor der Ehe. Sie war wohl schon schwanger bevor sie sich verlobten und dann hat man sie aus der Familie enterbt.

Nun gut, darum geht’s grad nicht.“, meint er dann, als er bemerkt, dass sie vom Thema abweichen.

„Klingt aber interessant. Wie gemein von der Familie. Enterben, in welchem Zeitalter leben wir denn bitte? Kennt man die Familie aus der Presse? Der Name Simon hat mir bisher nie etwas gesagt.“

„Oh, das ist der Name aus ihrer ersten Ehe, deswegen kennt man die nicht. Der Exmann war auch ein Adliger. Sie ist tatsächlich mit einer Familie aus der Presse verwandt. Sie ist die Cousine von der Mutter eines meiner Bekannten. Also sowas wie seine Großcousine.“, fährt er fort und bemüht sich sehr nicht genau zu sagen um wen es sich handelt. Tina sieht ihn verwundert an.

„Und wer? Das klingt, als würdest du um den heißen Brei reden. Ich kenne dich.“ Er ist etwas erstaunt, da sie in der Regel bei seinen schwammigen Erklärungen zwar weiß worum es geht, aber genau deswegen nicht weiter nachhakt. Wenn er von seinen Bekannten spricht, sind in der Regel Fußballer gemeint. Das weiß sie eigentlich auch und dieses Thema wird ignoriert.

„Äh, naja. Du willst doch in der Regel nicht darüber reden. Ein Bekannter eben.“

Martin sieht Tina verwundert an.

‚Was ist denn heute mit ihr los? Sie hat schon seit Jahren nicht mehr über Stephan gesprochen. Auch vor ihren Eltern wurde das Thema am besten vermieden.‘

„Hat der Bekannte auch einen Namen? Sag schon.“

„Hm, es ist ein Rivale und ein Freund unseres Nationalteams, Tina.“, sagt er dann plötzlich ernst. Tina sieht ihn überrascht an.

‚Oha, da kommt sicher nur einer in Frage, Eru Shido Pierre.

Du meine Güte, wieso kann ich denn jetzt auf einmal über solche Dinge reden? Liegt das etwa an Tangaroa? Was hat das zu bedeuten? Ich muss aufpassen was ich sage.‘, stieg ihr Puls ein klein wenig an.

„Du hast Recht. Entschuldige. Wir kommen vom Thema ab.

Wollen wir also morgen Simon und Sora daraufhin ansprechen oder nicht?“

„Wir warten ab wie es läuft. Vielleicht kommen sie von alleine auf das Thema. Ich kann mir vorstellen, dass sie erst einmal abwarten wollen wie es dem eigenen Team geht, wenn sie das Programm nutzen. Wir können bisher nur einzelne Personen als Referenzen nehmen. Ein ganzes Team ist doch anders und vor allem ein Nationalteam ist speziell, da die Leute nicht immer zusammensind, sondern sich in der Regel nur wenige Male zusammenfinden und dann auch mal wechseln.“, erklärt Martin.

„Das stimmt. Tina, ich hatte übrigens eine Idee zum Thema Fotos. Du solltest mit auf dem Bild sein, quasi als Autorin des Kochbuches. Vielleicht mit dem Buch in den Händen. Immerhin ist es etwas was die Männer dann ständig nutzen werden und du bist unser Promi, der die Kunden anlocken muss. Das bin nicht ich.“, kommt von Jun.

„An was für Bilder hast du denn gedacht? Ich mit auf dem Team-Foto oder wie?“

„Genau, Jun hat das Thema gestern bereits angesprochen und die drei fanden die Idee sehr gut.“

„Okay, wenn ihr meint. Ich bin dabei, Hauptsache es bringt auch etwas.“

„Ich habe Lee bereits informiert und er würde sich dann um die Fotos kümmern. Man könnte es dann mit den anderen als Poster in den Laden hängen.“

„Das klingt wirklich gut. Sind wir dann soweit durch?“

„Ein paar Dinge sind noch.“

201. Kapitel Tangaroa und Bettina VIII - Kaputte Freundschaft? U18

Kapitel 201
 

Tangaroa und Bettina VIII – Kaputte Freundschaft?
 

Nach etwa einer halben Stunde sind die Details geklärt und Tina verlässt die Runde. Sie geht zum Büro und möchte sich noch Unterlagen holen. Als sie aus dem Büro kommt und die Tür öffnet, steht Martin plötzlich vor ihr. Sie schreckt etwas zusammen und weicht dann seinem Blick aus.

„Tina, ist alles in Ordnung? Du bist irgendwie anders als sonst.“, fragt er mit besorgter Stimme. Sie bleibt im Flur stehen und sieht dann zu ihm zurück.

„Es ist alles gut. Keine Sorge, es wird schon alles gut gehen.“, antwortet sie dann trocken. Plötzlich verharrt sie in seinem liebevollen Blick. Sie kennt dieses Gesicht. Er war doch immer nur liebevoll zu ihr und hat sie wie eine Königin behandelt und trotzdem kam ihr bei ihren Zweisamkeiten Karl-Heinz in den Sinn oder die Albträume fingen wieder an. Auch den Fußballern konnte sie noch immer nicht zusehen oder darüber reden, geschweige denn von der alten Zeit über ihren Bruder. Ja, heute ist ihr etwas rausgerutscht, das fiel wohl beiden Männern auf. ‚Ach Martin, warum konnte ich mich in all der langen Zeit niemals auf dich ganz einlassen? Warum hast du mich aber auch nie so angefasst, wie es Tangaroa macht? Diese unbeschreiblichen Gefühle mit ihm und diese vielen neuen Erfahrungen, warum denn nur? Hätte ich mich dir auch so hingeben können, hätte ich bei dir die Augen geschlossen oder solche verrückten Sachen gemacht wie heute früh, hätte es geholfen? Warum aber hast du es nie von dir ausgetan? Ich wollte doch eigentlich, dass du mich einfach nur so behandelst wie alle anderen, die du vor mir hattest. Du warst doch der mit der Erfahrung und wusstest wie man eine Frau berührt. Genau das habe ich auch bemerkt und genau das habe ich auch gewollt. Warum konntest du das scheinbar nicht? Und jetzt? Jetzt kann ich es mir nicht einmal mehr vorstellen mit dir. Das ist auch irritierend.‘ An dem Gedanken daran, was in der Dusche vor sich gegangen war, wird sie etwas verlegen und wendet sich dem Blick erneut ab. Sie geht den Flur weiter zum Lift und verabschiedet sich nur schlicht.

„Bis dann Martin.“ Martin sieht ihr etwas irritiert nach.

‚Nanu, was war das denn? Ist sie gerade rot geworden? Tina, kann es sein, dass du noch etwas für mich empfindest? Woran hast du denn eben gerade gedacht?‘ Als sie im Lift verschwunden ist, steht er noch immer fragend da und betrachtet nun seine Hände.

‚Haben wir uns jetzt alles kaputt gemacht? Es wird sicher nie wieder so sein wie früher. Warum musste ich Dummkopf sie damals auch küssen? Was habe ich mir nur damals dabei gedacht? In diesem seltsamen Moment, als sie dann plötzlich in meine Arme stolperte, weil sie so hastig durch das Schwimmbad lief und ausrutschte, da sah sie mich so seltsam an. Die ganzen Tage vorher hatte sie sich so über diesen einen Kerl aufgeregt, der sie scheinbar nur ausnutzen wollte und wegen der Asienmeisterschaften war sie ohnehin total aufgeregt und fröhlich und angespannt zugleich. Sonst war sie immer nur cool, professionell und besonnen. Aber an diesen Tagen schlug mein Herz plötzlich mehr als zuvor und wenn wir zusammen waren, kamen mir neue Gedanken in den Sinn. Gedanken, die mir vorher nie in den Sinn gekommen wären, Gedanken die mehr wollten, als nur Freundschaft und dann waren wir alleine und ich hielt dich in meinen Armen und erkannte, wie wunderschön du bist. Da konnte ich dir plötzlich nicht mehr ausweichen und half dir, dich aufzurichten und plötzlich war dein Gesicht so nah und…dieser unglaubliche Blick…ich musste dich küssen. Dass du es erwidert hattest, das habe ich in diesem Moment gar nicht vermutet. Es war doch so sonderbar. Mein Herz schlug so sehr, dass es zerspringen wollte und auch dein Puls war hoch, das konnte ich spüren.

Dann standest du plötzlich noch am selben Abend vor meiner Wohnungstür und hast gestanden auch etwas zu empfinden.‘, geht ihm durch den Kopf und seine Erinnerungen an den ersten magischen Moment mit ihr kommen plötzlich wieder, als wäre es erst gestern passiert.

Sie stand vor seiner Tür und lächelte ihn an. Er ließ sie hinein und plötzlich schmiegte sie sich an ihn und sah ihn mit feuchten Augen an.

„Martin, ich…ich weiß noch nicht…aber…dieser Kuss…und deine Wärme…es war so schön.“, sprach sie stotternd aus. Martins Puls stieg ins Unermessliche und er sah sie plötzlich nicht mehr als kleines Mädchen, nein, das war ja das Problem. Schon seit ein paar Wochen machte es ihn eher etwas nervös in ihrer Nähe zu sein. Er wusste, er hatte sich plötzlich in sie verliebt und es war ihm nicht möglich herauszufinden was es wirklich damit auf sich hatte. War es nur eine Laune, weil sie ständig zusammen waren oder weil sie sich so sehr vertrauen? Was war das nur plötzlich? Diese neuen Gefühle in ihrer Nähe? Lag es einfach nur daran, dass sie plötzlich volljährig wurde und es dann war? Es kam doch genau dann besonders über ihn. Ihre Geburtstagsfeier, ja da hatte er plötzlich so ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Und dann passierte es nicht mal zwei Wochen danach, dass er sich nicht zusammenreißen konnte und sie küsste.

Nun stand sie in seiner Wohnung, so hübsch wie immer. Sie trug ein weißes kurzes Kleid und lächelte ihn einfach an und sagte diese Worte.

„Tina, es tut mir leid. Ich…ich wollte nichts kaputt machen.“, sprach er leise und sah nur verunsichert zu ihr herab. Sie trat einfach in seine Wohnung, schloss die Tür hinter sich und dann berührte sie zärtlich seinen Oberkörper. Er trug bereits nur eine leichte kurze Hose für die Nacht und ein weißes lockeres Shirt. Die Temperaturen draußen waren den Tag über heftig warm und jetzt erschien es ihm als würde er in einem Vulkan stehen, als er ihre Hände auf seiner Brust spürte. „Vielleicht machst du gar nichts kaputt. Was ist, wenn du es nur schöner machst?“, kamen ihre zarten Worte über ihre rosaglitzernden Lippen.

‚Was ist denn nur plötzlich in sie gefahren?‘, dachte er in diesem Moment und konnte so schnell gar nicht darauf reagieren. Er kannte doch ihre stürmische Art, aber dass sie in so einer Situation auch so ein Typ ist, war ihm natürlich nicht bewusst.

„Ich äh…bist du sicher?“ Sein Puls stieg enorm an. Ohne Vorwarnung griff sie seine Hände und hielt sie ganz fest und führte diese an ihre Taille.

„Nun trau dich endlich oder war der Kuss nur ein Reflex? Nimm mich…in deine starken Arme und küss mich nochmal!“, forderte sie grinsend. Noch zögerte er etwas, irgendwie ging ihm das plötzlich zu schnell. Sollte man sich nicht erst einmal vorher daten und etwas unternehmen, schauen ob es wirklich passt? Ihr Blick wurde wieder lieblicher und sie nahm seine linke Hand und legte sie auf ihren Brustkorb.

„Martin, spürst du es? Mein Herz…es schlägt ganz doll…wegen dir. Bitte Martin, so doll hat es noch nie geschlagen. Das muss doch was bedeuten, oder nicht? Du willst mich doch jetzt nicht erst noch daten? Wir kennen uns doch.“ Sie legte ihr Ohr an seine Brust und er merkte wie sie auch seinen starken Herzschlag spüren konnte, denn er pochte ihm bis an die Ohren. Endlich nahm er sie in die Arme, beugte sich ihr entgegen und küsste sie sanft. Es ging dann plötzlich alles ganz schnell und sie zog ihm das Shirt über den Kopf, drängte ihn bis zu seinem Schlafzimmer wissentlich, dass sie wusste was sie wollte.

Es überkam ihm plötzlich ein großes Verlangen. Ein Verlangen, dass er bisher unbewusst unterdrückt hatte. Die Enttäuschung seiner letzten Beziehung saß noch zu tief. Plötzlich lag sie vor ihm, seine schöne Tina, die doch immer auch für ihn da war und so klug und hübsch war. Die kleine Tina, die kein Kind mehr war, schon lange nicht mehr im Kopf, aber für ihn war sie das noch lange. Und jetzt ist sie so perfekt, er hatte sie so trainiert, eine perfekte Sportlerin mit Traummaßen und Kondition. Sie war doch immer der lebende Beweis dafür, dass er Ahnung hatte von seinem Fach und genau das verkaufen sie doch auch. Genau das ist doch ihr Ziel, die Perfektion zu schaffen, sportlich und gesund. Seine Hand fuhr überall an ihrem Körper entlang und ertastete ihre Rundungen und schließlich blieb sie an ihrer Wange hängen und streichelte diese. Sie hatten bereits eine Rötung und die Frau vor ihm sah noch hübscher und aufregender aus, als sie es bereits war.
 

„Ich…ich liebe dich, Tina.“, haute er plötzlich raus, berührte mit beiden Händen ihr Gesicht und küsste sie energisch. Ihre Augen wurden groß und feucht und ihre Hände umarmten ihn weiterhin.

So richtig wusste er in diesem Moment nicht wohin mit seinen Gefühlen, deswegen mussten diese Worte einfach raus. Anders konnte es doch gar nicht sein. Was würde sie jetzt sagen? Tina sagt immer nur was sie auch meint.

„Ich…ich habe schon eine ganze Weile Gefühle für dich…aber…ich…durfte es nicht zeigen.“, erklärte er sich plötzlich.

„Ich…ich liebe dich auch. Martin…du bist…so wundervoll.“, kam als Antwort und seitdem trafen sie sich jeden Abend in seiner Wohnung.
 

Jetzt, an dem seltsamen Mai-Tag im Jahre 2004, geht Martin erst ein Licht auf, dass er hätte warten sollen. Wie konnte er sich nur in diesem Moment so gehen lassen und es überstürzen? Mit seiner großen Zuneigung hat er alles kaputt gemacht. Sie hatten doch eine tolle Freundschaft und dann kam so ein dummes verlangendes Gefühl dazu. Der Gedanke daran, sie wäre nicht mehr unerreichbar, ließ ihn sich ernsthaft in sie verlieben. Heute sieht er es als Fehler, denn so ganz war der Gedanke an ihre Zeit vor Japan nicht weg. Sie war doch immer das burschikose kleine Mädchen, dass den Kopf nur mit Fußball voll hatte und am Strand mit ihrem Bruder Ball spielte. Und hier entpuppte sie sich plötzlich als starker Charakter mit viel Scharfsinnigkeit. Mutig, stark, stolz und mit klaren Zielen. Dann machte er aus diesem burschikosen Mädchen eine schöne junge Frau mit all ihren schönen Reizen und stark und gesund für ihren geliebten Sport. So hat er sie damals als sie noch ein Kind war, nie gesehen, fraulich, schön und begehrlich.

‚Verdammt nochmal, wie konnte ich so dämlich sein! Ich hätte niemals etwas mit ihr anfangen dürfen!‘, geht plötzlich wütend in ihm vor und ohne es zu registrieren haut seine linke Faust voller Wucht auf die Wand neben sich ein. Sein Puls steigt enorm an und dann kommt das große Erwachen. Er sieht zur Wand, ein Loch. Mitten im Nirgendwo in der langen kahlen Wand, welche doch erst vor kurzem fertig geworden war.

‚Verdammt! Ich habe vergessen, dass da nur Gipskarton ist. Was jetzt?‘ Erschrocken blickt er sich um und entdeckt eines der Bilder im Glasrahmen, welche noch aufgehängt werden sollen. Noch waren sie sich nicht einig wo es am besten hinpasst. In seiner Eile geht er ins Büro, holt den Bohrer, die passenden Dübel und Schrauben und richtet das Bild am Ende gerade an die Wand. Das ist erstaunlich schnell fertig und er stellt sich davor und betrachtet es. In diesem Moment kommt Jun um die Ecke und spricht ihn an.

„Martin, was war das vorhin für ein Lärm? Es klang, als wäre etwas umgefallen. Ein Stuhl oder sowas.“, klingt er besorgt.

„Alles okay. Mir ist nur der Bürostuhl umgefallen, als ich das Werkzeug geholt habe, stimmt. Schau mal…das erste Bild hängt endlich.“, redet er sich raus. Sein Herz klopft wie wild. Wenn Jun erfährt, dass er einen Ausraster hatte, wird er sicher mit ihm meckern. Die schöne Wand. Jun stellt sich zu ihm und schüttelt mit dem Kopf.

„Was soll das denn? Ist für dieses Motiv ein blöder Platz. Hier geht doch kaum jemand lang. Nur wir, das Personal. Was sollen wir hier oben mit den Öffnungszeiten der Schwimmhalle?“, sagt er offen seine Meinung und betrachtet das Bild mit einer hübschen lächelnden Tina im Badeanzug, wie sie ein Schild in den Händen hält. „Nur Mut, Schwimmen kann bei uns jeder lernen.“, steht darauf.

„Ach was. Dann machen wir für vorne noch eins hin. Unten muss auch noch eins stehen. Bis wir uns selbst alle Zeiten gemerkt haben, dauert er eh eine Weile. Je öfter wir es sehen, umso besser merken wir es uns.“

„Ich weiß ja nicht. Aber die Höhe ist komisch. So hoch. In einem so schmalen Gang ist Kopfhöhe besser und das ist im Durchschnitt nicht deine Kopfhöhe, Martin, sondern eher meine und etwas tiefer. Ich bin auch kein Durchschnitt mehr.“, versucht er ihn zu überregen. Martin legt seine Hand auf das Bild und sieht ihn streng an.

„Egal, war ich zu vorschnell. Das hängt jetzt und fertig. Ich bin der Chef und habe das so entschieden. Wenn ich es jetzt tiefer hänge, ist oben ein Loch vom Haken. Und wenn hier ja angeblich eh keiner langgeht, ist es doch egal. Kümmere dich lieber um die ganze Organisation morgen.“ Kurz darauf lässt er ihn stehen und geht zum Empfangsbereich.

Jun steht verdattert da und wundert sich nur über ihn. Martin neigte in der Regel nicht dazu ihm was vorzumachen oder ihm unglaubwürdige Dinge zu vermitteln. Etwas seltsam kam er ihm eben schon rüber. Den Chef lässt er in der Regel auch nie raushängen. Außerdem ist er ja kein Angestellter, sondern ein Geschäftspartner. Als sein großer Freund außer Sichtweise ist, blickt er sich nochmal vorsichtig um, dass er auch wirklich verschwunden ist. Dann geht er zum Bild und nimmt es vorsichtig ab.

‚Hier stimmt doch was ganz gewaltig nicht. Zuerst dieses dumpfe Geräusch als gäbe es ein Minierdbeben und dann hängt hier sinnlos der Bilderrahmen.‘, geht ihm durch den Kopf und dann entdeckt er das große Loch in der Wand.

‚Oha. Wie ist das denn passiert?‘ Er hat eine Ahnung, denn die vermutlichen Kreidespuren an Martins linker Hand waren nicht an der Handfläche, sondern seitlich als hätte er wo draufgeschlagen. Ja, er prüft die Höhe und den Winkel, und legt seine Faust neben das Loch. Dort ist noch Gips-Staub und der sieht der Kreide sehr ähnlich. Dann hängt er das Bild wieder an und bringt das Werkzeug zurück ins Büro.

‚Ach Martin. Was ist nur los? Was ging dir denn eben nur so sehr durch den Kopf, dass dir sowas rausrutscht? Du bist doch immer so beherrscht.‘ Dann geht er wieder zum Tresen zurück und hält kurz vor dem Bild an und sieht es sich an. ‚Ach Tina, du machst es uns allen echt schwer. Was hat denn nur nicht bei ihm gepasst? Ich glaube er liebt dich immer noch, auch wenn er Derjenige war, der es beendet hat. Und was war das heute? Du hast noch nie in meiner Gegenwart von deinem Bruder gesprochen. Das kam nur das eine Mal vor, als du mir davon erzählt hast. Und jetzt plauderst du auf einmal los und redest über Ferien und Urlaub mit ihm und deiner Familie? Was ist nur los?‘
 

Später in der Gaststätte zieht sich Tina ihr Dirndl an und begrüßt das Küchenpersonal.

„Hallo. Fane, meine Liebe. Schön, dass du da bist.“ Sie umarmen sich kurz.

„Wo ist Roland?“

„Im Büro. Er geht die Bewerbungen durch.“

„Welche Bewerbungen denn?“

„Na die für den neuen Lehrling. Es kommt doch jedes Jahr ein neuer.“, grinst sie. Tina geht zum Büro und klopft an.

„Herein.“

„Guten Tag Tina, wie geht es dir?“, kommt Roland freundlich. Sie sieht ihn jedoch etwas skeptisch an.

„Du kümmerst dich jetzt doch um die Bewerbungen? Wir wollten das doch zusammen machen.“

„Kannst du auch „Guten Tag“ sagen?“, murrt er etwas zurück.

„Guten Tag.“, kam muffelig.

„Es hat sich da jemand bereits ergeben und er kommt morgen zum Probepraktikum.“

„Wie jetzt? Morgen kann ich nicht. Ich bin den ganzen Tag unterwegs. Wir haben doch das Team und müssen morgen alle ins Programm aufnehmen. Das dauert sicher ewig bei gut über 36 Leuten plus Trainer.“

„Ich weiß. Aber das ist gut so. Ich sehe mir den Jungen in Ruhe an. Ich kann mir gut vorstellen, dass er zu uns passt.“

„Wie alt ist er?“

„Fünfzehn, wird aber dann bald sechszehn sein.“

„Oha. So jung? Was ist mit seinem Schulabschluss? Will er den dann wie Carsten in der Abendschule weitermachen?“

„Sieht wohl so aus. Er will unbedingt arbeiten gehen, Geld verdienen und gezielt Diätkoch werden. Vorkenntnisse hat er bereits. Hier, du kannst ihn dir ja mal ansehen.“, ist Roland wieder fröhlich und reicht ihr die Bewerbung hin. Er ist sich sehr sicher, dass ihr der Lehrling gefallen wird. Tina jedoch winkt ab.

„Lass mal. Wenn ich morgen eh nicht da bin. Ist er Japaner oder Deutscher?“

„Japaner.“

„Oh. Und dann will er zu uns und nicht zur traditionellen Küche?

Nun gut. Du machst das schon. Lad ihn zwei Tage ein, damit ich ihn mir auch ansehen kann. Und das spornt ihn sicher gleich an, wenn ich ihn mir erst mal vorknöpfen kann.“

„Das klingt ja gemein. Willst du ihn mir gleich verschrecken oder wie?“

„Na mal sehen wen du da aufgegabelt hast.“, grinst sie dann unerwartet.

„Er kam immerhin persönlich vorbei. Das haben die anderen nicht gemacht. Und er wollte ganz gezielt zu mir als Lehrmeister.“, berichtet er ganz stolz.

„Oh, dann muss er ja was ganz Besonderes sein. Nun gut. Ich lasse mich überraschen und du entscheidest. Die Küche ist dein Reich. Ich habe dir schon mit Fane genug reingeredet. Es ist nur fair, wenn du diesmal alleine entscheidest. Ich will aber trotzdem übermorgen dann da sein und ihm bei der Arbeit zusehen. Du weißt ja, dass wir nicht irgendwen hier arbeiten lassen können. Vor allem zu Schutz von Fane und auch meinetwegen.“, lächelt sie dann und sieht die Bewerbung nicht an. Sie geht nur vor in den Service und macht ihre Pflichtstunden.
 

Am Abend wird wieder der Rucksack gepackt und Tina zieht ein kurzes schwarzes Kleid an. Wie die letzten Tage zieht sie einen schwarzen Trainingsanzug darüber und verlässt dann das Haus. Sie geht zur Taxistation und lässt sich ein Haus vorher aussteigen. Als sie das Hochhaus betritt und zum Lift geht, wird sie vom Aufpasser freundlich angesprochen.

„Ich bin zwei Tage nicht da. Ich empfehle Ihnen das kleine Hotel drei Häuser weiter. Meine Vertretung ist zwar gut im Job, aber wenn es um den Sport geht, sieht er nur seine Wettergebnisse. Sein Draht zur Presse sieht da nicht besser aus.“ Tina ist erstaunt. Er weiß tatsächlich wer sie ist. Warum sonst wäre es interessant für die Presse. Sie dreht sich zu ihm um und lächelt ihn an.

„Danke. Warum tun Sie das für mich?“

„Ich bin ein treuer Fan, ich kann Sie doch nicht ans Messer laufen lassen. Immerhin haben wir endlich mal wieder Gold bekommen.“, grinst er.

„Ans Messer? Ich tu doch nichts Verbotenes. Es ist einfach nur ein ungünstiger Zeitpunkt.“, wundert sie sich wieder.

„Ähm, naja. Ich will Ihnen jetzt nicht zu nahetreten und mich geht das auch nichts an, aber…werden Sie nicht…nachts vermisst?“ Ihr Blick wird etwas rot, aber dann versteht sie was er meinen könnte.

„Oha, Sie denken doch nicht etwa ich fahre zweigleisig?“ In diesem Moment öffnet sich der Lift neben ihr und sie stellt ihren Fuß vor die Tür, damit sie nicht schließen kann. Der Blick des netten Mannes am Empfang wird fragend.

„Bitte entschuldigen Sie. Das war anmaßend von mir.“, versucht er sich zu entschuldigen.

„Denken die Fans, wir sind noch zusammen? Wir sollten wohl mal eine offizielle Erklärung äußern. Der Zeitpunkt war nur sehr ungünstig. So wie er es jetzt ist. Keine Sorge, wir sind schon seit gut fünf Monaten kein Paar mehr, sondern wieder nur Freunde.“

„Oh, es tut mir leid.“ Tina steigt in den Lift und sieht zum Spiegel, statt zu ihm. „Das muss es nicht, wir…nein ich, ich habe da nur was verwechselt.“ Sie wartet darauf, dass die Tür schließt und drückt dann wieder ihre Etagen-Tasten. Der Mann ist erstaunt, dass sie ihm überhaupt etwas davon erzählt hat.

‚Jetzt drückt sie wieder absichtlich vier Etagen, statt nur die eine, die sie braucht. Sie denkt vermutlich, dass sie damit verschleiern kann, wo sie wirklich hinwill. Aber das bringt ihr gar nichts. Die letzten Tage habe ich mich darum nicht gekümmert und bewusst nicht geschaut, wer es sein könnte, wen sie besucht, aber diesmal bin ich doch zu neugierig. Drei Nächte hintereinander sind schon verdächtig genug.‘ Er geht an seinen PC und ruft die Mieterliste auf.

‚Hm, die 15 ist für eine Firma mit Büros belegt, ebenso die 17. Und die 18 wiederum, da gibt’s nur alte Leute mit kleinen Haustieren. Und in der 16 haben wir doch nur Familien oder ein paar wenige Singles. Hm…wen haben wir denn da…eine Freundin oder ein Mann? Ihrer Andeutung nach zu urteilen, ein Mann, sonst hätte sie es nicht verheimlichen müssen. Da bleiben nur drei übrig. Nummer 2, die 15 und die 17.

So so, vom Alter bleiben nur zwei übrig. Dieser komische bunte Kauz von Künstler und der Große, der vor Kurzem eingezogen ist. Herr Taylor, Tangaroa Taylor. Er ist sehr freundlich und immer höflich. Ein sehr netter Typ und sehr sportlich. Das kann ich mir gut vorstellen. Hm, schade, ich habe hier immer nur Namen stehen, das ist wirklich ungünstig. Er zieht ein und bekommt von ihr Besuch, aber woher kennen die sich? Und wie lange geht das schon?‘ Neugierig gibt er den Namen ins Internet ein und wird natürlich fündig.

‚Ah, ein Rugbyspieler. Ich wusste es, er ist Profisportler und war die letzten Jahre in der neuseeländischen Liga. Oh und vorher hier aufgewachsen und ging auf die Musashi-Schule. Jetzt ist er zu uns nach Tokio gewechselt. Da haben wir es doch. Sie haben einen gemeinsamen Jahrgang und kennen sich wohl daher. Aber das ist doch nichts wovon man ein Geheimnis machen muss? Wenn sich alte Freunde wieder sehen und beide Singles sind.‘, wundert er sich jedoch. Er ruft auch ihre Webseite vom Studio auf und ihre Fanseite. Da findet er dann die Ankündigung der Eröffnung. Das ist ihm jedoch als Fan natürlich bekannt und er hat sich schon einen Platz gesichert, um ins Programm einzusteigen. Aber was hat das mit dem jungen Mann hier zu tun? Warum soll es ein falscher Zeitpunkt sein? Er scrollt etwas weiter und entdeckt einen Aufruf, dass eine Mannschaft gesucht wird, die als erstes ins Programm einsteigen will. Es gibt auch einen Sonderrabatt, weil sie dann die Ersten sind.

‚Hm, vielleicht meint sie das? Es könnte doch sein neues Team hier sein. Wenn natürlich rauskäme, dass die beiden was haben, dann sieht das wirklich komisch aus und die Presse würde es auseinandernehmen statt sich auf das Programm zu konzentrieren. Das soll doch wirklich sehr gut sein. Die Glaubwürdigkeit würde natürlich dadurch fehlen.‘ Er lehnt sich wieder in seinen Bürostuhl und starrt auf den Lift.

‚Hm, es muss so sein. Wenn ich darüber nachdenke, war er die letzten Tage wirklich etwas fröhlicher, als ohnehin schon in den ersten paar Tagen. Und er fragte mich nach ihrem ersten Treffen hier wie es mir geht und ob ich meinen Job liebe. Das macht eher selten jemand. Er wollte sicher wissen, ob ich schweigen kann.‘
 

Endlich in der 16. Etage angekommen läutet es auch schon an der Wohnung Nummer Zwei.

Keine Minute später hat sich die Tür hinter ihr wieder geschlossen und sie schaut verlegen zu dem großen Mann vor ihr auf.

„Hi. Ich…ich will…ich möchte…“, stottert sie plötzlich vor sich hin und fasst sein Hemd, fährt mit den Händen unter den flattrigen Stoff und legt ihre Hände auf seinen nackten warmen Bauch. Tangaroas Puls steigt enorm an und wie jeden Abend macht sich ein großes Verlangen in ihm breit.

‚Schöne Bettina, wie kannst du mich nur immer so ansehen? Und deine zarten Hände, sie machen mich ganz verrückt nach dir. Ich will dich fühlen…meine Schöne. Jetzt sofort und so lange du willst.‘ Fest entschlossen packt er ihren Rucksack am oberen Griff hinter ihrem Kopf und deutet an ihn herunternehmen zu wollen. Sie lässt ihn los und er kann ihn ablegen. Gleich darauf schiebt er ihre Kapuze zurück und öffnet ihren Reißverschluss von der Trainingsjacke. Er lächelt sie wolllustig an und hängt die Jacke auf den Haken neben der Tür. Dann packt er sanft ihre Hand und zieht sie etwas mit sich in den Raum hinein. Tina lässt sich einfach von ihm führen und zieht nur unterwegs die Schuhe aus.

Kaum betrachtet er sie endlich im sanften Licht seiner offenen Wohneinheit und bückt sich, um ihre Hose am Bündchen herunterzuziehen, berührt sie seinen Kopf mit beiden Händen, streichelt über seine kurzen schwarzen Haare, massiert seine Kopfhaut und spielt etwas mit den kurzen Stoppeln seines Undercuts über den Ohren. Tina steigt vorsichtig aus der Hose heraus und sein Gesicht ist plötzlich zu ihr hoch gerichtet und lächelt sehnsüchtig. Ihre Blicke sind durchdringlich.

„Wie schön du heute wieder bist. Wo hast du nur immer diese schönen Kleider her? Du wirst von Tag zu Tag schöner.“, lächelt er und fährt langsam und wie ein gefühlter Hauch über ihren schwarzen Stoff.

„Ich…Tangaroa…ich…mein Herz zerspringt. Nimm mich…in deine starken Arme.“, sagt sie leise und hauchend. Seine Zuneigung zu ihr wird immer größer und er hat Mühe ihr nicht gleich sofort seine Sehnsüchte zu offenbaren und sie, wie er es am liebsten wollte, direkt einfach zu packen und hochzunehmen, sie zu küssen und sie ganz fest an sich zu drücken. Er ist doch ein ordentlicher Kerl, keiner, der sich einfach nimmt was er haben will.

In seiner Vorstellung hält er sie fest in den Armen, küsst sie leidenschaftlich, trägt sie ins Schlafzimmer, setzt sie auf die kleine Kommode, genießt ihren verlangenden Blick mit ihren wunderschönen lagunenblauen Augen, berührt sie überall zärtlich und küsst ihre sinnlichen Lippen.
 

Lieber nimmt er sie nur in die Arme und schläft einfach neben oder mit ihr zusammengekuschelt ein. Keine weiteren Hintergedanken mehr, keine Ablenkungen mehr, nur weil er sie wieder berühren will, während sie schon schläft. Das ist sein sehnlichster Wunsch, mit ihr zusammen in ihren zärtlichen Momenten einfach einiges ausprobieren was ihr, ihm und ihnen zusammen besonders gut gefällt.

Er spürt nun, dass seine schöne Bettina Sehnsucht nach ihm hat und das macht ihn etwas neugierig. Bisher hat er den Ton angegeben, ja, aber vielleicht will sie das ja auch so. Sie sagte doch beim ersten unbeschreiblichen Akt der Hingabe, dass sie sonst immer alles unter Kontrolle hat und dass sie es nicht ablegen kann. „In seine starken Arme nehmen“, sagte sie eben, was genau meint sie damit? War es nur eine allgemeine Aussage, dass sie jetzt mit ihm gleich intim werden will oder möchte sie etwas anderes, etwas mehr als nur das? Er ist ein wenig irritiert, denn eigentlich musste sie doch wissen, dass sie sich jetzt gleich nah sein werden, daran gab es doch gar keinen Zweifel mehr. Warum also war ihr Bedürfnis, es ihm so deutlich nochmal mitzuteilen da? Er weiß, dass sie nie etwas sagt, ohne damit etwas zu bezwecken. Alles was sie bisher getan hat, war besonders und bedeutend. Er versucht sich trotzdem noch zurückzuhalten, denn er hat das Gefühl, er könnte sie mit seinen Sehnsüchten überhäufen und im schlimmsten Falle verschrecken. Aber das will er doch nicht. Die Schönheit bei ihm soll doch auch bei ihm bleiben.

Der Punkt, wie vor Jahren, sie vergessen zu müssen, ist bereits überwunden und durch ihre Anwesenheit Vergangenheit. Diese unbeschreiblichen letzten Nächte waren wie im Rausch. Das möchte er so oft es geht wiederholen. Wer wäre er denn, wenn er das nicht wollen würde?

„Tangaroa…ich dachte du nimmst mich ernst. Jetzt hast du mir gezeigt wie ICH es richtig machen muss und du? Du verstehst mich auch nicht richtig. Ich…ich dachte…ich glaube…du hältst dich plötzlich zurück, so wie Martin. Als ich ihn heute gesehen habe, fiel es mir auf. Er hat sich scheinbar immer zurückgehalten, aber wieso? Warum hat er sich nie getraut solche Dinge zu tun, wie du es machst? Weil wir eigentlich nur Freunde waren? Jetzt ist es sowieso zu spät und ich würde auch nichts mehr empfinden, aber…Tangaroa…“ Während sie sich verzweifelt auszusprechen versucht, kommen ihr ein paar Tränen, denn sie hat plötzlich das Gefühl, dass es kälter um sie wird.

„Tina…ich will…ich will nur, dass du glücklich bist…und manchmal habe ich…das Gefühl…oder Angst…dass ich dich…dass ich dir…“, stottert er sich zurecht, denn sein Herz pocht so sehr, dass sich gefühlt seine Kehle zuzieht und er nichts mehr sagen kann.

„Angst? Wovor denn? Sehe ich dir so zerbrechlich aus?“, spricht sie verwundert. Dann lässt sie seinen Bauch los und fährt mit den Händen seinen starken Armen hinauf und sieht ihn sehnsüchtig an.

„Ich…genieße jeden Moment mit dir und…sei es ein zarter Moment oder voller starker Gefühle. Jeder Moment, ist schön mit dir. Und ich kann alles um mich herum vergessen. Aber nur…wenn du dich auch hingeben kannst, dann erst wissen wir doch…was das hier ist...oder?

Tangaroa, ich weiß nicht was wir hier bisher haben und ob es Liebe ist oder keine Ahnung was und wenn wir es aber herausfinden wollen, dann…müssen wir uns doch gegenseitig vertrauen. Ich vertraue dir und nun musst du mir auch vertrauen.

Also…mach endlich wirklich was du mit mir machen willst, wenn mir was nicht gefällt, dann melde ich mich schon. Mach bitte nicht denselben Fehler wie er.“, erklärt sie mit sanfter Stimme. Seine Hände wandern nun endlich an ihrem Kleid an die Taille und berühren sie dort. Sie kann seine Wärme deutlich spüren und er lächelt sie an.

202 Kapitel Tangaroa und Bettina IX – Hingabe und Vertrauen unter Freunden U18

Kapitel 202
 

Tangaroa und Bettina IX – Hingabe und Vertrauen unter Freunden
 

„Du hast es also…wirklich so gemeint? So…wie du an unserem ersten Abend…gesagt hast? Also, dass…ich dich überall berühren soll, so wie ich es mir vorstelle? Und…du …bist neugierig auf mich?“ Mit einem glücklichen Lächeln nickt sie und greift mit ihren Händen verlangend an seine Ohren und zieht ihn zu sich herunter.

„Tangaroa, lass…mich einfach…dein sein!“ So eine Einladung hat er nicht erwartet und natürlich lässt er sich das nicht zweimal sagen. Er hat gehofft, dass sie ihm so nah sein will, wie er ihr, aber dass es so schnell passieren würde, das war ihm nicht bewusst.

‚Bettina, meine Schönheit, du bist unglaublich. Du machst mich so wahnsinnig verrückt nach dir und wenn ich dich erst berühre, dann kann ich dich gar nicht mehr loslassen, weil du dich so unbeschreiblich gut anfühlst.‘
 

Seine Küsse werden deutlich verlangender und er genießt ihren starken Herzschlag und ihre überraschte Reaktion. Ihre schönen Augen sehen ihn glasig und erwartungsvoll an.

Herausfordernd und verlangend kann sie seine warmen festen Berührungen spüren und schließt dann daraufhin ihre Augen.
 

„Ich…end…schuldige…ich…ich kann…heute…nicht warten.“, keucht er und nimmt dann ihren Kopf in die Hände.

„Du bist…einfach der Wahnsinn.“, stößt er aus, als sie ihre Augen öffnet und ihn anlächelt. Dann küsst er sie hastig.

Erneut versinken beide in ihren neuen Gefühlen.
 

Der Wecker klingelt früh morgens sechs Uhr, die Sonne geht auf und erhellt das Schlafzimmer in der kleinen Zweiraumwohnung im 16. Stockwerk.

„Guten Morgen, meine Schöne.“, wird Tina fröhlich begrüßt. Tangaroa liegt auf der Seite und streichelt über ihre weichen blonden Haare.

„Guten Morgen.“, kommt von ihr und sie lächelt ihn an. Sie liegt auch auf der Seite und sieht ihm direkt in die Augen.

„Hast du gut geschlafen?“

„Ja. Seit langem wieder. Deswegen bin ich doch bei dir. Weil ich endlich auch mal ausschlafen kann.“, lächelt sie und ihre linke Hand berührt liebevoll seinen Arm, welcher sie am Kopf mit der Hand berührt. Er lächelt.

„So so, du bist also zum Schlafen hier. Was sagt jetzt dein Tagesplan?“

„Naja wir müssen ja beide zum Termin. Am besten ich verlasse dich heute gleich und frühstücke bei mir zu Hause, denn ich muss noch Einiges für nachher vorbereiten. 10 Uhr treffen wir uns dann bei euch auf dem Platz.“

„Und was machen wir jetzt? Ich kann dich doch nicht einfach so gehen lassen?“, grinst er plötzlich und berührt dann ihre Wange, streicht mit dem Daumen über ihre roten Lippen und kommt ihr mit seinem Kopf etwas näher. Es wird ein weiteres Grinsen geerntet.

„Du bist eine Raupe Nimmersatt, also wirklich.“

„Ich…ich kann doch nichts dafür, wenn du so schön bist und so hin reizend neben mir liegst.

Die morgendliche Zeit wird zärtlich genutzt und für kurze Zeit werden nochmal die Augen geschlossen bis der Wecker erneut klingelt und die Uhr bei 7 Uhr steht.
 

Etwa eine Stunde später findet sich Tina in ihrem Haus wieder und duscht endlich in Ruhe, dann frühstückt sie und packt ihre Sachen zusammen. Sie zieht sich heute ein kurzes buntes Kleid an. Sicher sieht es auf den Fotos sehr fröhlich aus. Dann klingelt ihr Handy. Es ist Martin.

„Hallo Tina, wie siehts aus? Hast du schon alles mit Lee besprochen wegen der Fotos?“

„Nein, dazu kam ich noch gar nicht. Was sollen wir denn da groß bereden?“

„Naja, du musst doch wissen was du anziehst.“

„Ich habe jetzt ein kurzes buntes Kleid an. Ich dachte das passt.“

„Ruf ihn mal an. Ich er hatte da irgendwie Ideen mit deinem Trikot oder der Sportkleidung aus dem Laden. Quasi ne Art Werbung dafür.“ Tina stimmt ihm zu und legt auf. Dann wählt sie Lees Nummer.

„Hallo Lee, Martin sagt, du hast was vor mit mir und den Sachen aus dem Laden?“

„Guten Morgen. Tina-san. Ja, komm einfach her in den Laden und wir suchen alles zusammen. Bring aber sicherheitshalber dein Trikot mit.“

„Welches denn? Das rote darf ich nicht tragen. Das Tokio-Trikot mit Lila?“

„Hast du auch noch das alte aus der Musashi? Das würde am besten passen, wenn da immerhin drei Männer von deiner alten Zeit auf der Schule dabei sind, sieht das vielleicht gut aus. Ich entscheide das vor Ort.“

„Hm. Das habe ich noch, ja. Wegen des Tokio-Trikots muss ich erst die Vorsitzende fragen, nicht dass es da Ärger geben kann.“

„Okay, mache das. Aber das wäre schon toll, immerhin verkaufen wir das Trikot im Laden und euer Verein hat damit auch seine Einnahmen. Der Sponsor wird sicher begeistert davon sein.“

„Ich kläre das ab.“

Tina klärt das mit Frau Toshiko ab und sie gibt ihr eine Erlaubnis. Sie macht sich endlich auf den Weg zum Studio und trifft sich mit Lee im Sportladen. Er sucht ihr einige Sachen heraus, wo er meint, es könnte dann auf dem Gruppenfoto gut aussehen. Tina schüttelt den Kopf.

„Das geht gar nicht. Ich finde das zu kindlich. Was hältst du von dem hier?“

„Hm, eine schwarze Leggings und ein gelbes Top. Auch eine gute Idee.“
 

Ein Stadtteil weiter wird sich angeregt im Besprechungsraum der Rugbyspieler unterhalten. Die National-Trainer stehen vor ihrem Team und erklären den Tagesablauf.

„So Männer, in etwa einer Stunde kommt das Team vom Fitnessstudio Müller. Der Ablauf wird folgendermaßen ablaufen.

Ihr werdet bereits miteinander ein ganz normales Trainingsspiel absolvieren. Es soll der Auflockerung dienen und es wird euren Gesundheitszustand optisch eingeschätzt. Es geht also nicht um eure spielerische Leistung, die ihr natürlich wie immer voll zeigt, aber sie ist für das spezielle Programm unwichtig. Danach zieht ihr euch um, es werden eure ersten Werte wie Gewicht und Größe aufgenommen und nebenbei werden Fragebögen für den Ernährungsplan ausgeteilt. Danach werdet ihr wie hier auf dem Plan an der Wand zu euren Terminen zum Sportmediziner Sato gehen. Er hat seine Praxis im Erdgeschoss des Studios. Dort werden die medizinischen Werte aufgenommen erneut ein Fragebogen zu eurem Gesundheitszustand gemacht und Blutabnahme, Urintest, EKG, MRT etc. gemacht. Darüber gesprochen haben wir alle schon.

Ganz wichtig für euch ist, dass eure Daten nur der Arzt selbst einsehen kann. Er unterliegt genauso wie jeder andere Arzt der Schweigepflicht. Sollte also zum Beispiel jemand von euch schwanger sein, dann werde ich das jedenfalls nicht erfahren.“, grinst er die Männer an und ein großes Gelächter beginnt.

„Na seht ihr, werdet mal ein bisschen locker. Ihr seid viel zu aufgeregt.“ „Aber…Tora-san wird doch dabei sein.“, vermerkt jemand.

„Ja genau. Viele von uns sind ihr noch nie persönlich begegnet.“

„Und sie ist doch so hübsch und wahnsinnig stark.“

„Und sehr klug ist sie auch.“

„Macht euch darüber nicht so viele Gedanken. Die Frau ist sowieso vergeben, also schlagt sie euch gleich aus dem Kopf.“

„Ach stimmt. Die Medien haben sich ja ausreichend das Maul über sie zerrissen. Die beiden können einem richtig leidtun, als wäre das was Schlimmes, wenn der Mann deutlich älter ist als sie. Wichtig ist doch nur, dass es passt. Meine Frau ist auch acht Jahre jünger als ich. Was kann ich dafür, wenn es bei den anderen nie gepasst hat?“

„Das sehe ich genauso. Bei mir ist es genau umgedreht. Ich bin zehn Jahre jünger als meine Freundin. Aber Jungs, wir wollen bald heiraten. Ich kam noch gar nicht dazu es euch zu erzählen. Wir sind also jetzt schon verlobt.“

Alle jubeln mit dem Spieler zusammen und gratulieren ihm.

‚Die Leute denken tatsächlich, dass du kein Single bist, Bettina. Wir müssen also ohnehin aufpassen. Du musst das wirklich klarstellen. Wenn ich es jetzt einfach mache, sieht das sicher komisch aus.‘
 

Später nach dem Trainingsspiel, als alle umgezogen sind, wird eine Pause eingelegt und Tin bekommt die Möglichkeit alleine mit Tangaroa zu reden.

„Und, was sagst du zu unserem Team? Ich war sehr erstaunt wie schnell die mich angenommen haben. Zwar kennen wir uns alle, aber Freunde habe ich ja nur die beiden, Sora und Sasuke.“

„Du hättest ihnen ruhig nebenbei mitteilen können, dass Martin und ich schon seit Monaten nicht mehr zusammen sind. Ich kam mir vorhin richtig doof vor neben Martin zu stehen und sie fragen so komische Sachen. Er musste auch etwas stutzen. Ich bin froh, dass er das jetzt selbst in die Hand genommen hat. Aber wir müssen das unbedingt noch öffentlich machen, damit es alle wissen, denn es kann schnell zu Missverständnissen führen.“

„Okay, wie meinst du das?“

„Na zum Beispiel dein Concierge. Er hat mich gestern Abend angesprochen und vorgewarnt, weil er zwei Tage fehlt und vertreten wird. Er hat Angst, dass mich jemand verrät. Das musst du dir mal vorstellen, er ist ein großer Fan von mir, hat mich erkannt und hält den Mund, aber da glaubt er doch tatsächlich, dass ich zweigleisig fahre. Das war vielleicht peinlich, echt mal. Überhaupt, dass er sowas von mir denkt.

Ich werde noch heute mit Martin reden, dass wir unsere Trennung wegen meines Sozialstatus leider öffentlich machen müssen, sonst kommen nur irgendwann dumme Gerüchte auf und er muss sich doch auch mal auf jemand Neues einlassen können. Um nicht zu sagen, auch die Damen müssen wissen, dass er wieder zu haben ist.“, grinst sie ihn an.

„Ich verstehe. Er ist ein feiner Kerl. Irgendwann wird es auch bei ihm passen.“

„Er hat es nicht leicht gehabt und ein Gutes hatte der dämliche Skandal für ihn. Ganz Japan weiß jetzt wer er ist und dass er vor allem kein Amerikaner ist. Das haben nämliche viele gedacht, wenn er nur unterwegs war oder auf Wohnungssuche etc. Mich hat man auch oft als Amerikanerin gehalten, sowas kann echt nerven.“

„Das hast du damals schon erwähnt. Ich kann das nachvollziehen. Als ich mitbekam, dass Mila dann mit ihm zusammen war, habe ich mich für beide gefreut. Sie passten gut zusammen.“ Tina macht ein ernstes Gesicht.

„Erwähne nur nie wieder ihren Namen und schon gar nicht in seinem Beisein. Diese Frau, sie war für jeden nur eine Enttäuschung. Er hat sehr viel Zeit gebraucht darüber hinwegzukommen.“

„Oh, was hat sie denn getan?“

„Ich werde da jetzt nichts groß zu sagen. Nur so viel, dass sie ihre Arbeit vor die Familie gestellt hat. Als Martin das zu viel wurde, hat er sich von ihr getrennt.“ Tangaroa sieht erstaunt zu ihr herab.

„Sie war immer etwas seltsam. Naja. So ist das manchmal.“ Sein Puls steigt plötzlich an wie er sie so ansieht, in ihrem lilafarbenen Volleyball-Trikot und dem weißen eiförmigen Ball in der Hand.

‚Nie hätte ich gedacht dich jemals so vor mir stehen zu haben, so nah und so schön in deinem Trikot. Und dann hast du einen unserer Bälle in der Hand. Dieses Lächeln macht mich einfach wahnsinnig.‘ Plötzlich berührt er ihre Wange, lächelt sie liebevoll an und fährt mit den Fingern durch ihr Haar.

„Sehen wir uns heute Abend wieder?“, fragt er etwas zurückhaltend, aber auf eine Art auch herausfordernd.

„Vielleicht…wenn ich bis dahin…“ Ohne Vorwarnung kommt er ihr entgegen und küsst sie.

‚Du bist so schön…du musst…Bettina, du musst heute Abend wieder zu mir kommen. Diese Anspannung hier ist nicht zu ertragen. Die letzten Nächte waren so unbeschreiblich berauschend.‘ Tinas Herz schlägt enorm vor Überraschung. Mit diesem plötzlichen Ansturm hat sie nicht gerechnet. Bewusst schließt sie ihre Augen nicht, denn sie will konzentriert bleiben.

‚Wie kannst du mich so überrumpeln? Aber…es…ist aufregend.‘, stellt sie fest, krallt den Ball in ihrer Hand fest und genießt seinen zärtlichen Kuss. Er berührt sie bewusst nicht, damit er nicht zu viele Spuren hinterlässt. Es werden doch jetzt die Fotos gemacht. Tinas linke Hand berührt nun auch seine Wange und dann wandert sie zu seinem Ohr und dann zum Hinterkopf und drückt ihn fest an sich.

‚Wie kannst du es wagen mich nur hier so zu küssen? Tangaroa…das…musst du heute Abend wiederholen…und dann…kann ich wieder in deinen starken Armen liegen und endlich durchschlafen.‘ Sie erwidert seinen Kuss und lässt sich für einen kurzen Moment auf ihn ein. Dann löst sie diesen Moment auf und sieht ihn liebevoll in die Augen.

„Heb dir…das für später auf. Wir…wir müssen jetzt Profis sein.“ Er lässt sie schweren Herzens los und gibt ihr Recht.

„Du hast Recht. Tut mir leid.“ Sie schüttelt den Kopf.

„Das muss es nicht, es…war aufregend. Aber…wir müssen aufpassen, sonst versteht man es falsch. Wir müssen noch abwarten.“

„Ja, der Zeitpunkt ist ungünstig.“

„Naja, immerhin ist dein neues Team unser erstes Team, das ist doch eine Ehre für beide Seiten. Dass Jun dich deswegen angesprochen hat, wusste ich ja nicht.“ Tangaroa stellt sich wieder gerade hin und lässt sie nach einer kurzen Streicheleinheit mit dem Daumen über ihre Lippen los.

‚Ach, verdammt bist du hübsch, Bettina.‘

„Das stimmt.“ Tina geht ihm aus dem Weg und hebt den Ball über ihren Kopf. „Ich gehe vor, Lee wartet schon und macht sich so viele Gedanken um die Fotos.“

„Gut. Bis gleich.“ Sie läuft direkt zum Spielfeld und Tangaroa bleibt noch ein paar Minuten in der Ecke neben dem Notausgang stehen. Plötzlich hört er eine dunkle Stimme.

„So so, und wie lange geht das schon mit euch?“ Tangaroa sieht erstaunt in Sasukes grinsendes Gesicht.

„Wie lange stehst du da schon?“

„Sagen wir so, ich bin dir gefolgt, weil du vorhin so eine seltsame Bewegung gemacht hast. Das hat mich neugierig gemacht. Ich sag schon nichts. Mir ist klar, dass ihr wisst, dass es für andere komisch wirken könnte, wenn ihr plötzlich zusammenseid und nun geht dieses Team ins Programm.“ Tangaroa schaut zum Himmel und atmet tief durch.

„Wir…sind uns zufällig im Studio begegnet. Sie fiel mir quasi in die Arme und naja…sie brauchte jemanden zum Trösten und nun…war plötzlich mehr als…eine Umarmung…passiert.“ Sasuke stellt sich neben ihn und schaut auch zum Himmel. Die Wolken ziehen an ihnen nur so vorbei. Der Wind ist kräftig, aber angenehm.

„Du liebst sie, stimmts? Damals als ich euch bei eurem komischen Date das erste Mal gesehen habe, habe ich es in deinen Augen bereits gesehen. Du hast dich schon damals in sie verliebt, aber es war viel zu früh für euch. Und nun? Hast du es ihr gesagt?“

„Ja, vielleicht nicht so direkt, aber, dass ich schon damals in sie verliebt war, das habe ich ihr gesagt.“

„Und Tina? Was empfindet sie? Du hast eben von Trost gesprochen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass eine Frau wie sie mal Trost braucht. Sie ist doch immer so stark und selbstbewusst. War es wegen ihren Eltern? Das ist wirklich heftig, beide so plötzlich verlieren und hier alleine sein. Das war sicher hart.“

„Das auch, aber Bettina…ist…sie…hat eine große Last zu tragen. Ich glaube…das treibt sie einerseits an und andererseits hemmt es sie…weil…sie…es niemanden sagen darf. Ich stell mir das ganz furchtbar vor…ständig aufpassen was man sagt und tut.“ Er macht Fäuste und vor ihm laufen Bilder in seiner Vorstellung ab, wie schrecklich der Tag gewesen sein muss, als Tina ihren Bruder verlor.

„Sag bloß sie hat dir ein Geheimnis anvertraut?“ Er nickt nur und dann schaut er zu seinen Fäusten herab.

„Es macht mich einfach nur wütend, wenn ich nur daran denke. Aber…sie sagt…wenn wir zusammen sind…dann…muss sie nicht darüber nachdenken.“ „Oh, das klingt ernst. Du wirst mir sicher nicht sagen was passiert ist, aber du weißt, dass ich euch wünschen würde, dass ihr es gemeinsam schafft, oder? Ich weiß wie wichtig es ist, dass man jemanden zum Reden hat. Wenn ihr natürlich bisher jemand gefehlt hat, dann sei einfach für sie da und wenn es das Einzige ist, was wir Männer machen können; zuhören und Halt geben. Eine Frau wie Tina braucht keinen großen Zuspruch oder Mutmacher, das scheint sie alleine zu können. Aber sie sucht sicher Halt. Wenn es dann doch mehr ist, dann haben wir gewonnen, und wenn es nur das ist, dann haben wir jedenfalls nicht verloren und können weiter einen stolzen Weg gehen.“ Völlig überrascht schaut er zu seinem alten Klassenkameraden und Spielpartner aus Jugendtagen. Freunde waren sie nie, viel zu unterschiedliche Lebenseinstellungen, aber seit ein paar Jahren hatte es sich dann anders entwickelt. Sasuke ist ein Jahr nach Tangaroa ebenso in die neuseeländische Liga gewechselt und sie trafen sich dort als Gegner wieder und freundeten sich langsam an. Nun sehen sie sich hier endlich im Nationalteam wieder und statt nach Japan zurückzukehren, bekam Sasuke ein super Angebot aus Italien. Als Sprinter ist er unschlagbar.

„Was ist denn aus dir geworden? Der ehemalige Raufbold und jetzt Liebesweisheiten?“, grinst er ihn an.

„Wir ändern uns alle mal, das solltest du wissen. Deswegen sind wir doch jetzt auch Freunde, oder sind wir das etwa nicht?“, packt er ihn plötzlich und macht einen symbolischen Schwitzkasten. Er lässt seinen Kumpel natürlich wieder los. „Bettina…sie…hat in Deutschland ihren…älteren Bruder bei einem Überfall verloren.“ Entsetzt sieht der Japaner ihn an.

„Ein…Überfall?“ Es wird genickt und wieder zum Himmel geschaut.

„Es…waren fanatische Fußballfans, fünf Männer überfielen sie und ihren Bruder auf dem Heimweg von einem Spiel. Ein Freund kam zufällig noch vorbei und konnte Tina retten, aber…ihr Bruder hat es nur noch bis ins Krankenhaus geschafft.“

„Verdammt!“

„Behalte das für dich. Mehr kann ich dir nicht sagen. Aber…das macht mich so wütend. Warum kann sowas einfach passieren? Vor ihren Augen. Sie war doch…noch so jung.“

„Tangaroa, du…du weißt doch, dass ich nicht so war, oder?“

„Natürlich nicht. Ihr wart zwar scheiße, ja, aber ihr wusstet wann Schluss ist. Wenn jemand am Boden lag, seid ihr gegangen.“

„So ähnlich. War eine komische Zeit.

Verdammte Schweine. Ich hätte niemals gedacht, dass ich etwas mit ihr gemeinsam habe. Aber muss es ausgerechnet sowas sein?“ Beide Männer schweigen einen Moment.

„Sag mal, geht sie deswegen den Fußballern aus dem Weg? Weil sie sie daran erinnern?“

„Ja. Genau deswegen. Es gibt nur wenige, die sie mag und weiterhin mit ihnen befreundet ist.

Sasuke, versprich mir, dass du es für dich behältst. Ich habe es dir jetzt nur erzählt, weil ich weiß, dass du es nachvollziehen kannst.“ Sasuke sieht ihn sehr ernst mit einem bitteren Blick an.

„Versprochen. Tangaroa.“

„Schwöre es. Es ist sehr wichtig.“

„Hm, da wir bereits bei Geheimnissen sind. Soll ich dir eins über mich verraten, damit wir gegenseitig die Klappe halten?“ Sein Freund sieht ihn überrascht an. „Okay, dann leg mal los. Ich kann jedes Geheimnis für mich behalten.“

„Ach…kannst du das? Und was ist jetzt mit dem von Tina? Wenn ich es weiß, ist es schon kein Geheimnis mehr.“, wird er ernst.

„Ich weiß, dass du sie niemals verraten würdest. Sonst hätte ich es nicht gesagt. Und irgendwie…muss ich ja mit jemanden darüber reden. Es macht mich wahnsinnig.“

„Gut. Du hast Recht. Ich würde eine Frau wie Tina niemals ans Messer liefern. Um kein Geld der Welt.“, beginnt Sasuke.

„Das klingt ja komisch.“

„Was niemand weiß und wissen darf…ich habe einen Zwillingsbruder.“ Tangaroa sieht ihn überrascht an.

„Wie jetzt? Du bist doch ein Findelkind. Hast du deine Familie irgendwann ausfindig gemacht?“

„Jup, so ähnlich. Ist kompliziert. Du kennst ihn auch. Wir sind zweieiig, deswegen fällt es nicht so auf.“

„Aber…bist du sicher?“

„Ja, es gibt Gentests. Es ist kompliziert und muss auch geheim bleiben. Unsere beiden Leben könnten davon abhängen, wenn es jemand Falsches erfährt.“

„Sasuke, euer Leben? Das von dir und deinem Zwilling?“

„Genau. Mehr kann ich dir nicht verraten.“

„Aber…wer…ist dann dein Bruder?“

„Hm…es ist Itachi. Magst du denken über ihn was du willst, aber…diese Schüsselaktion, von dem alle geredet haben…die hatte nicht nur für die Mädchen Konsequenzen.“ Sasuke sieht wieder zum Himmel.

„Auch für ihn war es nicht Folgenlos.“ Sasuke sieht zu ihm.

„Sei so lange für Tina da, wie du kannst. Was auch immer das mit euch ist, es scheint etwas Gutes zu sein. Für euch beide.

Es sah eben echt süß aus, ihr seid ein niedliches Pärchen.“, klopft er ihm auf die Schulter und dann reicht er ihm die Hand.

„Ich bin übrigens auch bald in Italien. Gestern kam ein Transfer aus Turin rein. Cool, oder? Ich freue mich schon riesig. Für drei Jahre wollen die mich haben. Das habe ich auch dir zu verdanken. Wenn du mich nicht damals ins Team geschliffen hättest, dann hätte ich nie den Sprung geschafft, den Sprung von der Straße. Du, der Trainer und Sora, ihr habt immer an mein Talent geglaubt.“

‚Itachi? Sein Zwilling?‘

„Das ist doch fantastisch. Dann wirst du Sora wieder als Gegner haben und ihr seid nicht weit voneinander entfernt. Das ist auch super. Wenn ich das richtig verstanden habe, habt ihr euch im letzten Jahr durch das Tokio-Team und jetzt das Nationalteam gut angefreundet. Ich bin ja leider erst ab jetzt bei euch hier dabei.“

„Ich freue mich riesig mit euch beiden zusammen auf die ersten Spiele. Wir drei wie in ganz alten Zeiten zusammen…im selben Team gegen die ganze Welt. Mega stark, oder?“ Tangaroa lächelt ihn an.

„Ja, mit euch allen zusammen gegen die ganze Welt.“ Beide gehen entschlossen zum Rest des Teams.

210. Kapitel Nachmittags in Tokio U18

Kapitel 210
 

Nachmittags in Tokio
 

Es ist mittlerweile gegen 16 Uhr, als die Jungs vor einer großen Villa stehen.

„Wow, hier habt ihr gewohnt? Ist ja echt Mega.“, haut Carsten raus.

„Jo, war schon cool. Bist du bereit?“

„Ja klar. Und du kennst die Leute?“

„Ja, ich kam damals nach dem Verkauf ab und zu hier lang und war natürlich neugierig, wer es gekauft hat. Die Familie ist sehr nett und wird uns sicherlich helfen.“ Sie stehen vor dem Tor und Makoto will klingeln.

„Oh, verdammt.“

„Was ist?“

„Hier steht ein anderer Name.“

„Wann warst du denn das letzte Mal hier?“

„Vor drei Jahren und vier Monaten.“

„Müssen wir es mit den neuen Besitzern versuchen. Bringt ja nichts. Wir müssen da rein.“

„Hm, und was willst du denen sagen? „Hallo wir wollen einen Selbstmord aufklären, bitte helfen Sie uns?“ Ich weiß nicht.“

„Also echt mal. Du bist doch sonst die Selbstsicherheit in Person. So viel Stolz und Selbstsicherheit hätte ich auch gerne mal.

Schon vergessen, dass du ein Star in der Volleyball-Liga bist? Glaube mal, wenn ein Olympiasieger an meiner Tür klingeln würde, wäre ich total begeistert, egal welche Sportart er macht, wenn er sich mein Haus ansehen will, weil er dort als Kind gewohnt hat. Du musst ja nicht gleich sagen, worum es geht.“

Entschlossen klingelt Makoto am Tor und wartet auf eine Antwort. Es dauert eine Weile und dann kommt plötzlich jemand an das Tor, statt über die Sprechanlage zu antworten. Ein älterer Mann begrüßt die beiden freundlich.

„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag, sagen Sie, haben die Vorbesitzer das Haus verkauft? Hier steht ein neuer Name.“

„Ja, dem ist so. Meine Herrin hat es vor drei Jahren erworben. Sie wollten vermutlich die Familie besuchen, die hier lebte?“

„So ähnlich. Ich bin der Sohn von der Familie, die vor denen hier gewohnt hat. Meine Eltern haben das Haus damals erbauen lassen und es musste 1998 verkauft werden.

Ist es möglich mit Ihrer Herrin zu sprechen? Ich würde gerne mit ihr reden, es ist sehr wichtig.“, ist Makoto natürlich sehr höflich. Der Mann mustert ihn und auch seine Begleitung.

„Wie alt sind Sie denn, wenn ich fragen darf. Sie wirken so jung.“

„Wir sind beide 17 Jahre alt.“

„Sie müssen verstehen, es könnte ja jeder kommen und behaupten, dass er hier gewohnt hat.“ Makoto lächelt und greift in die Tasche und holt ein Foto heraus. Er reicht ihm dieses durch den Zaun.

„Sehen Sie hier? Das ist eines unserer letzten Familienfotos, welches wir im Garten gemacht haben. Meine Eltern und meine Brüder. Ich bin der Mittlere von den Jungs. Mein Name ist Makoto Ichii.“ Verdutzt sieht der Mann ihn an und mustert ihn erneut.

„Oh, doch nicht etwa der Ichii, der mit dem Volleyballteam die letzte Olympiade gewonnen hat?“ Es geht ein breites Grinsen über das Gesicht des Jugendlichen. „Genau der bin ich.“

„Wow, ich fühle mich geehrt. Sie sehen ihm wirklich sehr ähnlich. Nun gut. Könnten Sie mir noch kurz Ihren Ausweis zeigen? Nicht dass ich einen Fehler mache, das mag meine Herrin gar nicht. Sie mag es nicht, unnötig bei ihrer Arbeit gestört zu werden.“, spricht er streng. Makoto holt seinen Ausweis heraus und der Mann nickt ab.

„Okay, Sie sagen die Wahrheit. Wow, vor mir steht ein Olympiasieger. Herzlichen Glückwunsch nachträglich, Herr Ichii.“ Plötzlich ertönt eine grelle Frauenstimme durch die Sprechanlage.

„Lassen Sie die jungen Herren eintreten. Das ist okay. Ich möchte sie kennenlernen. Bringen Sie sie ins Gartenhaus. Ich komme nach.“ Die Jungs sehen sich erstaunt an.

„Oh. Das ist sehr nett. Danke sehr, Frau Takahashi.“, ertönt Makotos feste Stimme dankend zurück. Carsten stößt ihn neckend an, als das Tor aufgeht und sie hereingelassen werden und dem Gärtner zum Gartenhaus folgen.

„Siehst du? Dein Ruf eilt dir voraus. Das kann manchmal sehr nützlich sein.“

„Ich bin gespannt, was das für eine Frau ist. Sie klang nett.“

„Das bin ich auch.“, grinst Carsten. Makoto schaut sich nebenbei um und wirft einen Blick zum Küchenfenster. Darunter steht noch immer der Zwinger der Hunde. Jedoch ist er jetzt eher eine Art Gewächshaus. Das Dach wurde entfernt. Die Gitter sind mit schönen Kletterrosen verziert und an der Erde steht eine niedliche kleine Sitzgruppe.

„Da waren unsere Hunde drin, wenn es draußen warm war oder sie nur mal wegen Besuch gesichert werden mussten. Das war dann ihr Reich und ein Ort wo sie immer Schatten und Nahrung gefunden haben.“

„So richtig scharfe Wachhunde, nicht wahr? Was waren das für welche?“

„Rottweiler. Sie durften nicht mit in die neue Wohnung und Juns Vater organisierte dann eine Unterkunft in einer Tierpension. Gesine hat sich um sie gekümmert. Ihr haben sie vertraut. Sie war die Einzige, der sie etwas zu Essen abnahmen. Und dann konnte ich sie noch besuchen und nach der Schule mit ihnen spielen.“

„Wow, Juns Vater, echt? Ich dachte immer er ist total der Geizhals.“

„Nein, ohne seine Hilfe wären sie gestorben. Sie haben ja nichts mehr gefressen, nachdem meine Mutter nicht mehr wieder kam.“

„Das ist ja auch doof. Dann hat er ihnen das Leben gerettet?“

„Kann man so sagen. Er hat die Tierarztkosten übernommen und auf seine Rechnung die Pension bezahlt, bis sie starben. Aber wirklich zu verdanken habe ich das Tina. Sie hat sich darum gekümmert eine Lösung für die beiden zu finden. Und Gesine, sie liebte die beiden und die waren plötzlich voll auf sie fixiert.“ „Gesine liebte Hunde, das weiß ich noch. Stimmt, sie hat damals nachmittags irgendwo Hunde betreut. Waren das etwa deine? Sie erwähnte nie welche Hunde es waren.“

„Bestimmt. Kommt von der Zeit her hin. Die beiden sind kurz nach ihrem Tod ebenfalls gestorben. Wieder haben sie nicht gefressen. Vermutlich, weil sie nicht mehr kam. Tina hat es noch versucht, aber das brachte diesmal nichts.“

„Ich verstehe. So etwas gibt es. Aber vom Alter her kam das sicher eh hin, oder?“

„Ja, die waren dann schon alt.“

Die Jungs stehen nun neben einem kleinen Pavillon und betrachten neugierig das große Blumenbeet daneben. Viele hochgewachsene bunt gemischte Feldblumen strahlen richtig viel Farbe aus. Es schwirren viele Bienen darin und das ist sogar für sie schön anzusehen.

„Herzlich willkommen in meinem bunten Reich!“, hören sie die freundliche helle Stimme der Hausherrin. Sie drehen sich zur Veranda um und sehen sie auf sich zukommen. Sie ist etwa um die 45 Jahre alt, trägt ein langes kunterbuntes Kleid in Regenbogenfarben, rote Ballerinas und hat eine sehr ausgefallene Frisur mit bunten Schleifchen und Bändern. Die hellen Farben fallen auf ihrem schwarzen langen Haar besonders gut auf. In den Händen hält sie eine Glaskaraffe mit Wasser und Zitrusfrüchten darin. Der leichte Wind lässt ihr langes Kleid etwas umher flattern.

‚Oha, wer ist das denn nur? So einen Paradiesvogel sieht man nicht alle Tage.‘, geht durch Carstens Kopf.
 

Zeitgleich stehen Tina und Kojiro mit Genzo, Marie und Karl-Heinz vor einem großen Hochhaus.

Genzo trägt eine Staffelei und Karl-Heinz hat Maries schwere Tasche umgehängt. Kojiro hat einen Hocker in der einen Hand und eine große Leinwand in der anderen. Marie hat einen bunten Blumenstrauß in den Händen. Tina trägt einen großen Korb mit Gemüse, Obst und frischen Fisch und Reis. Sie hält ihr Handy in der Hand und wählt durch. Während ihres Telefonats betreten sie die Lobby des Hauses. Karl-Heinz schaut skeptisch zum Empfang. Der Mann von gestern Nacht sitzt da und schaut nur kurz auf.

In der 37. Etage vibriert ein Handy im Arbeitszimmer. Akane schaut überrascht. ‚Tina, nanu? Was will sie denn?‘ Natürlich geht sie ran.

„Hallo Tina. Was gibt es?“

„Hallo Liebes, bist du zu Hause? Dein Vater meinte, du seist da.“

„Äh, ja. Wieso?“, wundert sie sich sehr.

„Du hast doch gestern zufälligerweise verlauten lassen, dass man von dir so eine schöne Aussicht auf Tokio hat, und nun würde Marie, also die Malerin von gestern, natürlich gerne ein Panorama für ihre Studienbewerbung malen. Wäre das okay?“

„Wie jetzt? Ein Panorama von hier? In meiner Wohnung?“

„Genau. So wie die Malerin, die damals das Kinderzimmer bemalt hat. Wir haben Leinwand, Farbe und alles dabei. Bitte, bitte. Du bist mir einen Gefallen schuldig. Jetzt löse ich ihn ein.“

„Jetzt? Sag jetzt nicht, ihr steht schon unten?“

„Äh, jo. Tut mir leid. Aber morgen geht ja nicht mehr. Da bin ich weg. Es war spontan Zeit.“, kommt zurück. Erschrocken steht Akane auf, ihr Puls rast plötzlich etwas in die Höhe. Auf Besuch ist sie nicht vorbereitet.

„Du weißt, dass ich das nicht mag. So unangekündigt. Ich bin am Arbeiten.“, murrt sie durch die Leitung.

„Was arbeitest du denn jetzt? Es sind Semesterferien.“

„Du nervst manchmal echt. Na gut, kommt hoch. Aber gebt mir etwas Zeit, bis ich öffne.“

„Okay. Wir warten dann vor der Tür und du öffnest einfach, wenn es geht.“ Etwas erbost legt sie auf. So eine Situation ausgerechnet heute kann sie gar nicht gebrauchen. Sie wollte den Tag einfach nur entspannen und bald wollten doch die Kinder kommen. Akane setzt sich wieder hin, lehnt sich kurz an und atmet tief durch.

‚Oh man. Tina, du hast es echt drauf mich herauszufordern. Die Malerin bringst du mit? Nun gut. Eine kleine Frauenrunde, na dann. Die Kleine scheint sehr nett zu sein. Sie hat sehr viel Talent. Und sie ist…Karl-Heinz kleine Schwester. Dann kann ich sicher mehr über ihn erfahren, was er für ein Mensch ist. Seine kleine Schwester, sie liebt ihn sicher sehr. Ich habe meinen Bruder sehr gemocht.‘

Sie schaut auf ihren Bildschirm und sieht auf ein paar Fotos eines Tatorts.

‚Und du Makoto, was hat deine Anfrage plötzlich zu bedeuten? Zweifelst du jetzt plötzlich an dem, was war? Menschen tun sowas leider. Was ist dir eingefallen, dass du jetzt daran zweifelst? Ich kann da keine Unstimmigkeiten sehen. Vater hat sicher wie immer alles richtig gemacht. Laut des Protokolls ist er viele Versionen durch, hat viele Zeugen befragt und viele Fotos und Filmchen vom Tatort wie dem Haus gemacht. Es gab keine Hinweise in eine andere Richtung. Es war leider Selbstmord, da kannst du dich drehen, wie du willst.‘ Sie schließt das Fenster, macht nur den Bildschirm aus und steht auf. Dann verlässt sie das Arbeitszimmer, macht die Beleuchtung aus, verschließt die Tür und steckt den Schlüssel in die Tasche. Dann geht sie zu ihrer Wohnung, nutzt den versteckten Zugang über den Vorraum des großen Bades, schiebt das tropische Bild vor die Geheimtür und stellt die Möbel wieder zurecht. Dann verlässt sie das Bad und schaut nochmal kurz durch das Schlafzimmer.

‚Hm, ich habe hoffentlich nichts übersehen?‘ Plötzlich muss sie lächeln.

‚Was war das nur für eine sonderbare Erfahrung, Karl-Heinz? Wie sonderbar war doch alles. Ob du wirklich heute Abend wiederkommen willst? Karl-Heinz, ein Mann, dem ich vertrauen kann? Ein Freund von Tina?‘ Sie berührt ihre Arme und schaut auf die Stadt.

‚Karl-Heinz, diese zärtlichen Berührungen…was war das nur, was du mit mir gemacht hast? Warum…kann ich dir denn nur vertrauen? Einem starken Mann? Einem Ausländer sogar. Was ist es, was dich so anziehend macht?

Sind es deine schönen Augen? Dein liebevoller Blick, wenn du mich küsst, oder was ist es? In deinen Armen liegen, das war unbeschreiblich. Was war das nur? Es fühlte sich so schön an, dass es nicht enden sollte. So etwas habe ich noch nie gefühlt. Überhaupt war die ganze Nacht so sonderbar, wie voller Magie. So viele neue Gefühle.

Wenn die beiden weg sind und auch die Kids abgeholt wurden, dann werde ich dir eine SMS senden.‘, grinst sie verträumt vor sich hin und verlässt dann das Schlafzimmer, schiebt die Tür zu und schaut sich nochmal um.

‚Habe ich alles? Ich habe alles sehr gründlich geputzt und hoffentlich nichts übersehen? Tina ist immer so genau, wenn es um Details geht.

Karl-Heinz, jetzt kann ich deine Vorsicht nachvollziehen. Du hast meine Einladung wirklich nur angenommen, weil du wusstest, wer ich bin, so wie du sagtest. Ein Art greifbares Blind-Date. Nun gut. Tina, wen du alles so kennst und mit wem du so befreundet bist. Der deutsche junge Fußballkaiser. Ein Freund aus deiner Kindheit. Skandale hatte er nie, nur die üblichen Gerüchte. Privat wird er als sehr freundlich und höflich beschrieben. Setzt sich für die Jugendförderung ein und engagiert sich auch für den Frauenfußball. Ein sehr attraktiver und aktiver Mann, der sehr beliebt ist bei seinen Fans und viel zu Shows und Spendenaktionen eingeladen wird. Du bist in deinem Land sehr beliebt, scheinbar nicht nur als Sportler. Du machst Schlagzeilen, aber keine Skandale und Affären oder solche Sachen.‘

„Nun gut. Dann trinken wir einen Kaffee Mädels.“, lächelt sie und geht zur Wohnungstür und schaut durch den Spion. Sie erblickt Tina und Marie, wie sie sich angeheitert unterhalten.

‚Nanu? Ich denke sie will ein Bild malen? Wo hat sie denn ihre Malsachen? Tina hat doch was von einer Leinwand gesagt. Nun gut, vermutlich an die Wand gestellt solange sie warten.‘ Sie holt tief Luft und öffnet dann die Tür.

Beide Blondinen sehen sie fröhlich an.

„Akane, meine Liebe. Du hättest gestern auch zur Party bleiben können. So lange ging die doch gar nicht. Nur eine kleine Ablenkung vom stressigen Tag.“

„Hi. Und die Kleine will jetzt hier malen? Ganz ohne Farben und Rahmen?“, murrt sie etwas und spricht natürlich Japanisch. Tina grinst und schaut sie ganz lieb an, wie ein kleines Kind.

„Also…naja…du hast Recht. Da gibt es ein kleines Detail, dass ich vorhin verschwiegen habe. Ich hatte die Befürchtung, du lässt uns dann nicht rein. Natürlich bringen wir das Nötigste mit, aber…wir haben unter Anderem Hilfe, beim Tragen.“ Dann schaut sie vorsichtig zur Seite in den Flur und Akanes Blick wird streng, als sie die drei Männer sieht. Karl fällt so schnell gar nicht auf, weil die beiden Japaner vor ihm stehen und Genzo sie dick breit angrinst.

„Tina und ihre Überraschungen. Tut uns leid. Sie konnte Marie diesen Wunsch nicht abschlagen.“, spricht er freundlich.

„Hm, mit Überraschungsangriffen kennt sie sich ja aus. Aber ich mag es nicht, fremde Leute in meiner Wohnung zu haben und das ohne Vorwarnung.“, murrt sie und geht dann einen Schritt zur Seite.

„Bitte Akane. Sie sind doch meine Freunde aus Deutschland, du kannst ihnen voll vertrauen, versprochen. Und Kojiro kennst du doch nun auch schon.“ Tina hebt die Hand mit dem Beutel und grinst sie an.

„Ich mache uns auch Sushi und Salate. Ich habe alles frisch dabei.“ Als Akane an Genzo und Kojiro vorbei schaut, staunt sie nicht schlecht. Ihr Puls geht deutlich in die Höhe, als sie Karl-Heinz sieht, wie er sichtlich gelangweilt wirkend an der Wand lehnt, mit einer großen Tasche in der Hand und einem nachdenklichen Blick. Er sieht bewusst nicht zu ihr, sondern eher starrt auf die gegenüberliegende Wand.

‚Ach Tina, wenn du wüsstest, wie falsch ich hier jetzt bin. Akane kann es hoffentlich verbergen. Diese Nacht, sie war einfach zu sonderbar.‘

‚Oh nein, Karl-Heinz. Warum bist du denn auch da?‘ Um nicht aufzufallen, spielt sie es etwas brummig wieder, dass noch jemand da ist, den sie nun gar nicht kennt.

„Und wer ist das?! Wieso schleppst du mir völlig fremde Leute an?“ Im Innerem zieht sich alles zusammen in ihr. Noch nie musste sie Tina gegenüber so dreist lügen. Aber sie kann ihn nicht kennen, weil er nicht beim Spiel zu sehen war. Tina geht zu ihr.

„Das ist Karl-Heinz, der große Bruder von Marie und auch ein Freund aus Deutschland. Ebenso ein Rivale von Kojiro und Genzo. Genzo und er sind Freunde, so ähnlich wie bei uns.“ Karl richtet sich nun auf und dreht sich höflich zu ihr.

„Guten Tag. Marie wird stets von mir begleitet. Bitte entschuldigen Sie.“

„Ich erkenne Sie. Sie sind Derjenige, der Klein Takeru gefunden hat.“, haut sie frei raus, um ihre Aufregung zu verbergen und einen Grund zu finden dem zuzustimmen, im zu vertrauen. Tina weiß, sie würde niemals fremde Männer einfach so in ihre Wohnung lassen.

„Karl, was meint sie damit? Wie gefunden? Ihr seid euch gestern wohl schon begegnet?“, fragt Tina ihn skeptisch. Die Situation ist ihr nicht bekannt. Karl versucht etwas lockerer zu wirken.

„Richtig. Ich wollte eigentlich gehen, so richtig Lust dein Spiel zu sehen hatte ich nicht wirklich mehr, aber da rann der Kleine einfach an mir vorbei und verließ die Halle. Ich fand ihn dann auf dem Fußballplatz wieder. Er saß im Tor und weinte. Irgendwie konnte ich ihn beruhigen und brachte ihn in die Halle zurück. Er wollte scheinbar zu dir. Er hat ständig deinen Namen gesagt und hatte dein Trikot an.“, erklärt er lächelnd mit.

„Und als ich ihn suchte, kamen Sie mit ihm auf den Schultern wieder in die Halle und ich habe mit Amy geschimpft, weil sie ihn hat weglaufen lassen.“ Akane atmet durch.

„Nun gut, er kann Ihnen vertrauen, der Kleine vertraut sonst Niemanden. Sie dürfen auch mit reinkommen.“, meint sie dann freundlich und endlich betreten Tina und Marie zuerst die Wohnung, ziehen die Schuhe aus und bleiben stehen, bis alle drin sind. Karl verlässt als Letzter den Hausflur und geht an Akane vorbei, während alle anderen bereits mit ihren Schuhen beschäftigt sind und weiter hineingehen.

„Sorry, aus der Nummer kam ich nicht raus. Vorwarnen ging nicht.“, flüstert er unhörbar, ohne sie anzusehen.

„Okay.“, sagt sie nur leise und dann begrüßt sie alle zusammen laut und freundlich.

„Hallo alle zusammen. Nehmt bitte einfach Platz. Ich setz dann mal die Kaffeemaschine an. Oder möchte jemand Tee?“ Akane spricht natürlich für alle in Englisch. Marie geht zu ihr und lächelt sie freundlich an.

„Hallo. Ich nehme gerne einen Tee.“, sagt sie vorsichtig und versucht sich in ihrem neuangelernten Englisch.

Tina drängt sich etwas vorlaut in die Küche vor und legt ihren Korb ab.

„Akane, ich mach das alles. Sag Marie nur, wo sie sich platzieren darf, und dann können die Männer ihr alles hinstellen und sie kann sich einrichten. Ich kümmere mich um die gesamte Verpflegung und mache dir natürlich auch deine Küche hinterher wieder sauber.“

„Was hat Tina gesagt?“, wendet sich Marie an Genzo. Er übersetzt ihr. Akane nickt Tinas Vorschlag ab, sie kennt ihre Art und weiß, dass sie alles immer sehr ordentlich hinterlässt. Sie wendet sich Marie zu und spricht sie an.

„Du möchtest jetzt ein Bild von Tokio malen? Such dir eine Position aus, die dir gefällt.“ Marie sieht ihr begeistert in die Augen. Genzo übersetzt.

„Vielen Dank. Wow, bist du schön. Gestern auf dem Feld hast du schon so schön ausgesehen und jetzt mit dem Kleid und diesen schönen langen Haaren. Diese Locken. Ein Traum. Und dann deine grauen Augen, Wahnsinn.“ Genzo grunzt Marie etwas an.

„Das ist ja lieb gemeint, aber wenn ich das jetzt übersetze, ist ja peinlich, echt mal.“ Kojiro ist erstaunt, als er das Geplapper von Marie hört und grinst.

„Genzo, ich glaube nicht, dass du da was übersetzen musst. Sogar ich habe die Hälfte davon verstanden, ohne Deutsch zu können. Ich denke mal, der Sinn ist angekommen.“ Tina bestätigt es.

„Das denke ich auch. Akane, hast du es verstanden?“ Diese nickt mit einem geschmeichelten Grinsen.

„Du bist auch sehr hübsch. Du hast Haare wie ein Engel. So wie Tina, nur viel länger und etwas heller. Ihr könntet fast Schwestern sein.“, lächelt sie Marie belustigt an, glaubt ein Kompliment gemacht zu haben und schaut zwinkernd zu Tina rüber.

‚Ist mir der Scherz gelungen? Du sagst doch, wenn man Besuch hat, kann man versuchen Scherze zu machen. Das ist gastfreundlich.‘ Tina fängt an laut zu lachen, während sie die Kaffeebohnen in die Maschine füllt.

„Akane, also wirklich. Aber ich verstehe das. Als ich herkam, sahen auch alle gleich aus. Und dann hatten alle in der Schule die gleichen Sachen an, das war echt schwer die Leute auseinander zu halten.“

„Das kann ich nur bestätigen. Ich hatte auch Mühe, aber zum Glück hatten alle Leute andere Sachen an. Mein Vorteil.“, bringt sich Genzo sofort ein, bevor der seltsame Gedanke überhaupt Früchte trägt. Karl-Heinz blieb locker und stellt sich zu Kojiro ans Fenster. Dieser sieht wieder hinaus.

„Stimmt das? Sehen wir für euch alle gleich aus?“, fragt Kojiro Karl-Heinz.

„Ich kann für mich nicht sprechen, ich konnte schon immer Gesichter gut unterscheiden. Jeder ist da anders. Aber im Grunde stimmt das schon.“, kommt schlicht zurück. Plötzlich steht Marie neben Kojiro und drückt mit voller Begeisterung ihre Nase an die bodentiefe Scheibe. Ihre Hände sind jeweils neben ihrem Kopf und kleben am Spezialglas.

„Wahnsinn…das ist der absolute Traum, als würde man im Himmel auf einer Wolke schweben und auf die Stadt schauen. Und dann der Fuji-san. Der absolute Wahnsinn!“ Karl-Heinz zuckt zusammen und sein Puls steigt etwas an. Er beugt sich zurück und schaut an Kojiro vorbei zu seiner kleinen Schwester und knurrt sie leise mit einem ernsten Blick an.

„Marie, benimm dich! Grabsch doch nicht alles so an wie ein Kleinkind!“ Seine feste Stimme ist zwar leise, aber alle sind erstaunt, dass er sich dazu äußert.

„Du bist voll der Spießer geworden, echt mal.“, knurrt sie etwas zurück und lässt die Scheibe wieder los.

„Ich denk du willst erwachsen sein, dann benimm dich auch so.“, spricht er streng.

„Ich wisch das doch wieder sauber, keine Angst.“ Tina muss wieder laut lachen. Es ist zu herrlich die beiden miteinander etwas diskutieren zu sehen. Was hat sie es vermisst? Es fühlt sich etwas, wie früher an, als sie auch mit ihrem Bruder manchmal neckisch umging.

‚Das ist Marie, wie sie leibt und lebt.‘, schießt es durch Genzos Kopf. Er lächelt und blickt zu ihr und dann zu Tina. Ihr Lachen erhellt sein Herz. Es ist lange her, dass er sie mal so lachen gesehen hat.

‚Aber sie ist gut darin für eine Ablenkung zu sorgen. Das war eine sehr gute Idee, kleine Marie.‘
 

Es vergeht einige Zeit, bis Marie alles vorberietet hat und ihre Malerdecke auf dem Boden liegt, die Staffelei wie auch der Hocker und ein Tischchen darauf vor dem Fenster platziert sind und sie sich die Farbtuben und Pinsel aus der Tasche holt. Sie legt sie auf den Tisch, aber zuvor zückt sie eine schmale Dose mit Bleistiften und Buntstiften hervor.

„Ihr steht im Weg. Könntet ihr bitte etwas zur Seite gehen?“, äußert sie streng, als sie sich mit ihrem Bleistift vor ihren großen Keilrahmen stellt. Damit meint sie natürlich Karl und Kojiro. Ihre Konzentration ist bereits auf das Motiv und die geplante Anordnung auf der Leinwand fixiert. Beide drehen sich um. Kojiro sieht sie erstaunt an. Er hat zwar keinen Ton verstanden, aber mit ihrer Handbewegung, ihn ansehend und die Hand zur Seite wedelnd, sagt sie ihm alles.

‚Auf den Mund gefallen ist die Kleine nicht, gestern wirkte sie so schüchtern.‘ Er grinst und geht dann zu Tina an die Kochinsel und stellt sich ihr gegenüber, um ihr beim Waschen und Gemüseputzen zuzusehen. Sie holt die Messer raus und beginnt die Gurken und Tomaten zu schneiden. Nach einer Weile lächelt er. Seine Gedanken schweifen etwas ab, aber er kann das natürlich nicht genau so sagen wie er denkt.

„Du strahlst jetzt genauso wie beim Spielen gestern. Endlich kann ich dir bei deiner zweiten Leidenschaft zusehen.“, vermerkt er schlicht und stützt sich mit verschränkten Armen auf die Arbeitsfläche der Theke. Tina grinst vor sich hin und blickt kurz zu ihm auf. Ihre Augen treffen sich und sie versinken jeweils ineinander.

‚Ach Kojiro…wenn du wüsstest, was ich gerade denke. Am liebsten würde ich jetzt wieder nach Hause fahren und da weitermachen, wo wir heute Morgen aufhören mussten. Mal wieder…hat man uns unterbrochen…und nun…müssen wir uns alles für später aufheben.‘

„Ich…freue mich auf unseren Urlaub.“, sagt sie einfach und etwas benommen, als würde er sie in diesem Moment in den Armen halten und sie nicht nur leidenschaftlich küssen, sondern auch dort berühren, wo sie besonders empfindlich ist.

In ihr fährt der schöne Morgengruß durch die Adern. Auch Kojiro ist dieser Erinnerung gefangen, während er ihr beim Schnippeln zusieht und ihr glückliches Lächeln bewundert. Dieser verstohlene Blick verrät ihm, dass auch sie an den Morgen denkt.

Sie wachte auf und lag im Bett, neben ihr war das Bett frei. Verwundert stand sie auf und ging ins Bad. Kojiro schien bereits unten zu sein. Nach ihrem Badbesuch ging sie die Treppe hinab und hörte die Kaffeemaschine in der Küche. Sie schlich sich in die Küche und langsam und vorsichtig schmiegte sie sich von hinten an ihn heran. Ihre Hände tasteten sich an seinen Seiten entlang und landeten vorne auf seinem nackten Oberkörper. Eine fuhr bestimmend zu seiner Brust hinauf, während die andere zärtlich nach unten wanderte und frech unter das Bündchen seiner Shorts fuhr und dort einfach verweilte, wo es besonders warm wurde. Ihr Körper hatte sich bereits fest an ihn geschmiegt. Ihre Brüste drückten sich fest an ihn. Ihre vertraute Stimme klang wie Musik in seinen Ohren.

„Guten Morgen, Liebster…endlich…unser erster Urlaubstag. Ich werde ihn jede Sekunde mit vollen Zügen genießen.“

‚Kojiro…nimm mich in deine starken Arme…darauf warte ich schon den ganzen Tag gestern. Endlich war es so weit, und du hast mich geküsst und ich war in deinen Armen und dann…schlaf ich einfach ein. Ich konnte es doch kaum erwarten, endlich mit dir allein zu sein, dich wieder mit allen Sinnen zu genießen und dann das.‘ Überrascht stellte er die Tassen ab, verharrte einen guten Moment in dieser Position, genoss diese warmen und erregenden Berührungen und drehte sich dann zu ihr um. Er lächelte sie glücklich an und berührte ihre Wangen. Beider Herzen schlugen bis zur Decke. In ihm pulsierte es bereits, denn auch seine Sehnsucht war groß. Was war das gestern für seltsamer Tag und wie seltsam endete er?

„Guten Morgen, Liebste. Ich kann es kaum erwarten, dich die nächsten drei Wochen lang, täglich um mich zu haben.“, kann sie seinen liebevollen Blick genießen und die feste angenehme Stimme hören. Ohne weitere Sekunden verlaufen zu lassen, küsste er sie sinnlich. Sie trug provokativ nur den Morgenmantel und band ihn bewusst an der linken Schulter etwas lockerer, als er liegen sollte. Ihre Schulter hing etwas hinunter und ihre nackte Haut war zu sehen. Sie hatte diesen ersten Kuss des Tages so sehr ersehnt und alles in ihr sagte ihr, dass sie genau da war, wo sie hingehörte.

Dieser Kuss in diesem Moment der morgendlichen Stille war wie eine Methode einen starken Krampf im Muskel zu lösen. Wie eine Befreiung. Plötzlich entwich ihr jegliche Kraft, aber diesmal nicht aus Müdigkeit oder Erschöpfung, sondern eher mit dem Gedanken, er würde sie einfach packen, zärtlich an sich ziehen und leidenschaftlich küssen und bestimmend ganz besondere Gefühle in ihr auslösen.

Und wirklich, ihre Sehnsüchte wurden erfüllt, als seine linke Hand ihren Kopf verließ, hastig zum Rücken herunterwanderte, sie endlich sanft und bestimmend an sich drückte und sie bereits jetzt schon in seiner Lendenhöhe spüren konnte, dass er nur die ganze Zeit auf sie gewartet hatte. Ihre Küsse wurden hastiger und verlangender und er drängte sie plötzlich gegen den Kühlschrank. Er atmete bereits schwerer und schob die Magnete mit den Notizen zur Seite und presste sie deutlich gegen die Edelstahltür. Seine linke Hand stützte sich ab und seine rechte Hand berührte ihre freiliegende Schulter, strich mit den Fingerkuppen sanft zu ihrem Hals, fuhr an ihre Wange, ihr Ohr und dann langsam wieder zurück zur Schulter.

Er liebte neben ihren verführerischen Blicken ihre freie Schulter, ihre Brüste, ihren Bauchnabel und ihren wohlgeformten Po. Sie musste nur irgendetwas davon signalisieren, da sprangen seine Sensoren an. Sie wusste bereits ganz genau welche Knöpfe sie bei sich selbst drücken musste, um ihn aus der Reserve zu locken. Der Rest kam von allein. Auch er kannte ihre Signale ganz genau und wusste, wie er auf sie eingehen musste. Mal gab es die ruhigen sanften und unglaublich zärtlichen Momente der Sinnlichkeit und dann gab es diese Momente, wenn sie ihm signalisierte, dass sie nicht mehr lange auf ihn warten will. Dieser Moment in der Küche, kurz nach ihrem Aufstehen und kurzen Duschen, was er wohlwollend vernommen hatte, ja genau das war so ein Moment, denn sie berührte ihn noch bevor sie ihn überhaupt ansprach. Ihm fiel ebenso sofort auf, dass sie unter ihrem Morgenmantel komplett nackt war. Das war ihr Signal, dass sie ihn jetzt und sofort spüren will und Kojiro, ja, der ließ sich das natürlich nicht zweimal sagen, denn auch er war den gestrigen Tag angespannt, wartete sehnsüchtig auf den Abend und ihre Zweisamkeit, die es dann aber nicht mehr gab. Er wusste, er würde seine starken Gefühle ihr gegenüber am nächsten Tag offenbaren können und ihr extrem nah sein können. Nun waren beide in ihren Sehnsüchten gefangen und wechselten kaum noch ein Wort, denn eigentlich wussten sie beide, was sie wollten.

Seine Hände wanderten bald wie aufgeregt über ihren schönen Körper auf und ab.

Tinas Arme waren um seine Schulter gelegt, griffen einerseits in seine Mähne und andererseits krallte sie sich an ihm fest.

„Ich…liebe…dich Ko…jiro“, stöhnte sie laut aus. Obwohl es diesmal so eine schnelle Sache war, war sie so intensiv, dass sie sich gemeinsam unglaublich in ihren Gefühlen verloren.

Nun sah er sie an, seine schöne Bettina, schwer atmend, an in geklammert, ihm verliebt und verlangend zugleich in die Augen sehend.

‚Ich will nur noch dich spüren, meine liebste Bettina.‘, schoss ihm durch den Kopf, bei ihrem bezaubernden Anblick. Ihr Morgenmantel hing zur Hälfte an ihr herunter, nicht einmal das Band wurde gelöst. Diesmal war es eine schnelle Sache und doch so extrem intensiv, dass sie an nichts anderes mehr denken konnten.

211. Kapitel Guten Morgen Gruß U18

Kapitel 211
 

Guten Morgen Gruß
 

Er nahm sie bald wieder richtig in seine Arme. Seine starken Arme umschlossen ihren Körper und seine Hände hielten sie sicher fest und ließen sie unendliche Geborgenheit und Sicherheit spüren. Sein Blick war weich und wolllustig zugleich.

„Ich…liebe dich auch. Und du bist…so wahnsinnig schön, zu schön für mich. Ich…kann dich jetzt…noch nicht gehen lassen.“, hauchte er

In ihren glasigen Augen erkannte er, dass sie ebenso noch nicht loslassen wollte. Tina brachte kein Wort über die Lippen. Viel zu befangen war sie noch in ihren starken Gefühlen.

Ihre Hand wanderte zu seinem Kopf hinauf, fuhr etwas forsch in seine langen schwarzen Haare, packte ihn verlangend am Hinterkopf und zog ihn sich entgegen. Ihre Lippen berührten sich und ein herausfordernder leidenschaftlicher Kuss folgte.

‚Bettina…du machst mich wahnsinnig. Mit dir zusammen zu sein, ist wie in einem Rausch voller unwirklichen Gefühlen. Du willst mich nochmal spüren? Gut…das will ich auch.‘

‚Kojiro, Ich will nicht an gestern denken…oder an vorgestern…oder an irgendetwas, was mich stresst. Nur noch an jede Sekunde mit dir, mit dir allein. Deine Liebe, Liebster. Nichts anderes mehr, niemals mehr will ich an was anderes denken als an Deine Liebe. Ich will dich jetzt spüren, so besonders und intensiv wie immer.‘ Sie küssten sich innig und verlangend.

Ihre Augen schlossen sich voller Erwartungen und noch immer hing der Morgenmantel irgendwie nur halb an ihr herunter, als würde er nur darauf warten endlich aus der Befestigung des Gürtels zu fallen, sich aus dem Halt der Schulter zu lösen und an ihren rechten Arm herunterzurutschen, um alles von ihr zum Vorschein zu bringen, dieser seidige glatte schwarze Stoff mit zarten roséfarbenen Kirschblüten und sanft gezeichneten Blättern und Zweigen. Er, dieser schöne Morgenmantel, war dem jungen Japaner ein Dorn im Auge, denn einerseits war es irritierend nur die Hälfte seiner Liebsten zu sehen, denn wie sehr liebte er es ihren Körper vor sich zu haben, mit einem verlockenden Blick, ihm signalisierend, dass er sie verwöhnen soll, bis es beiden den Atem raubte und ihnen die Energie ausging. Jedoch war es nun auch eine aufregende unfertige Situation, die ihm eine doppelte Schönheit bot, denn er liebte Kirschblüten und die Farbe Schwarz, die er nur zu gerne trug und auch an seiner Liebsten mochte. Die Verlockung, ihr schönes Antlitz unvollkommen zu sehen und wie eher verboten und frech präsentiert zu bekommen, machte ihn unwahrscheinlich an. In ihm tobte ein Sturm der Wollust und er berührte ihre Schulter und ihren Kopf, beugte sich ihr entgegen und begann sie sanft zu küssen. Aus dem ersten Kuss auf ihre Lippen, folgten unzählige zarte Liebkosungen auf ihrem Gesicht. Es blieb kaum eine Stelle aus. Zwischendurch berührten sich ab und an ihre Lippen und ihre Zungen spielten voller Leidenschaft miteinander.

Sie wusste im Innersten, dass es nur noch schöner würde, denn er war bei ihr, ihr geliebter Kojiro. Dem Mann, dem sie voll vertraute.
 

Einige schöne Momente später lagen sie auf dem weichen Teppich in der Stube. Zwischen Tisch und Sofa konnten sie sich unendlich nah sein.

Er wusste, genau, dass sie kurz vor ihrem ersehnten Höhepunkt stand.

„Soll…ich aufhören?“, provozierte er sie. Tina riss die Augen auf, grinste ihn pikiert an.

„NEIN…bitte nicht! Nein…du quälst mich!“, kam plötzlich laut aus ihr heraus, es klang fast wie ein ernster Ton, aber das war es nicht. Es gehörte zum kleinen frechen Spielchen. Sie lächelte ihn dann an, so wie sie es öfters mal tut. „Ko…jiro…du…machst mich verrückt.“, flüsterte sie dann wieder benommen. Er grinste, küsste sie sehr verlangend.
 

„Ich…liebe dich.“, flüsterte sie plötzlich. Beide küssten sich sinnlich. Ihre Körper waren noch immer wärmend aneinandergeschmiegt.

‚Kojiro…du bist so wundervoll…alles ist mit dir so wundervoll…nie könnte ich genug von dir bekommen. Nie.

Es fühlt sich alles immer so schön und intensiv an. Egal was du machst, ich kann dir nie ausweichen oder dir widerstehen. Nein…niemals. Lass mich dich nochmal spüren…ganz nah, ganz fest, so intensiv wie möglich.‘

Plötzlich richtete er sich auf, unterbrach den Kuss und sah ihr verlangendes und verliebtes Lächeln und ihre halboffenen Lippen, wie sie neugierig nach ihm haschten.

Er lächelte sie verliebt an.

„Du bist…so unglaublich…unglaublich schön und…ich…“, begann er herauszubringen.

„Bettina…ich…“, versuchte er wieder etwas zu sagen, was ihm auf den Lippen lag, aber seine Gefühle spielten plötzlich mehr als verrückt und er bekam nur bruchweise Worte heraus.

Plötzlich löste er den Griff aus ihren Händen. Er hielt sie am Rücken fest und küsste sie leidenschaftlich. Bald deutete er an die Position wechseln zu wollen. Kurz darauf lag er auf dem Boden und Tina lag auf ihm, sie küssten sich wieder leidenschaftlich.

Es erschien ihnen alles, als wären sie allein auf der Welt und nichts und Niemand würde sie nun stören können. Viel zu extrem waren die schönen entspannten Gefühle an diesem Morgen, an jenem Morgen ihres ersten offiziellen Urlaubstages.
 

Wenige Minuten später saß sie noch immer auf ihm und genossen ihre Liebe zueinander.

„Bettina, du bist so…wunderschön. Viel zu schön…für mich.“, kam plötzlich leise und mit dunkler noch wackliger Stimme. Seine rechte Hand fuhr zu ihrem Gesicht hoch, legte sich auf ihre Wange, streichelte sie so sanft, als würde er nur wie gehaucht ihr Gesicht berühren. Tinas Herz pochte so sehr, noch von ihren vielen Höhepunkten, dass sie kaum etwas wahrnehmen konnte. Es war ihr nicht möglich darauf etwas zu sagen, nur ihr Mund stand wie benommen etwas offen, sie sah zu ihm herab, wie er sie noch liegend anschmachtete und dann aber griff sie mit ihrer linken Hand seine Hand im Gesicht und streichelte sie und küsste sie an der Handinnenfläche. Kojiro lächelte glücklich, ein Lächeln, welches sie nur in so einer Situation kannte. Manchmal, wenn sie sich küssten, gab es diesen glücklichen Blick auch.

‚Wie du mich jetzt ansiehst, Bettina, Liebes. Niemals würde ich um alles in der Welt etwas dagegen eintauschen. Dein glückliches Lächeln lässt mich in deiner Nähe wie Butter in der Sonne schmelzen. Ich würde dich am liebsten den ganzen Tag nur um mich haben wollen und dich berühren und fühlen. Dein Lächeln genießen und mit dir so viel Zeit wie möglich verbringen, ja…das will ich…nicht nur das hier, was so unglaublich ist, nein…auch jeden Alltag. Ich…liebe dich so sehr. Alles ist so perfekt mit dir.

Bettina…ich bin so glücklich…und ich bin DER, für den du dich am Ende wirklich entschieden hast. Meine schöne, liebevolle Bettina…ich liebe dich so sehr, dass ich nicht einmal weiß…wie ich es dir jemals ausreichend beweisen könnte.‘ In seinen tiefen Gedanken führte er auch seine zweite Hand nun zu ihrem Kopf und griff an ihren Hinterkopf. Ganz zärtlich strich er durch ihr Haar und lächelte weiter.

„Bettina…ich liebe dich so sehr. Ich…ich freue mich auf unseren Urlaub…und dass du bei mir sein willst, für immer. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit.

Ich ersehne den Augenblick, wenn du an deinem geliebten Strand stehst, der Wind in deinen Haaren weht und nur noch wir beide während eines Kusses das angenehme Meeresrauschen deiner geliebten Ostsee hören.“ Kurz darauf richtete er sich auf und küsste sie sinnlich. Sein Herz klopfte noch immer so sehr, dass er sie am liebsten nie wieder loslassen wöllte. Beide versanken genau in dieser romantischen Vorstellung an ihrer bevorstehenden Zukunft.
 

Genau an diese unglaublichen Momente müssen die beiden nun denken, am Tresen, sich in die Augen blickend, bei Akane in der offenen Küche. Tina und Kojiro verharren plötzlich in dieser erotischen Erinnerung voller Zufriedenheit und starken Gefühlen und sehen sich verliebt in die Augen. Sie legt das Messer zur Seite bevor noch etwas passiert, was nicht passieren dürfte. Denn konzentriert sein, nein, das kann sie jetzt nicht, nicht wenn sie Kojiro so in die Augen sieht. „Tina, hebt euch eure Flirterei für später auf, echt mal.“, kommt plötzlich in Japanisch muffelig von Genzo. Er sitzt am Tisch und spielt gelangweilt mit seinem Handy. Tina richtet sich auf und nimmt das Messer wieder in die Hand. „Du bist ja nur neidisch, weil es mit deiner Flirterei heute zu Ende ist, Genzo. Bitte werde erwachsen.“, haut sie neckend entgegen, ohne ihren Blick von Kojiro zu wenden. Kojiro grinst, richtet sich auf, setzt sich auf den Barhocker und dreht sich etwas von ihm weg. Sein Blick ist auf die Wand gerichtet, die neben Tina ist

„Jo, sehe ich auch so. Wir machen doch gar nichts.“, meint er mit fester Stimme.

„Hier geht es nicht um mich, meine Liebe!“, knurrt er in Deutsch zurück.

„Brumm hier nicht rum.“, kichert sie, wechselt das Messer und beginnt die Kräuter zu hacken.

Plötzlich klingelt Karl-Heinz sein Handy und er geht erleichtert ran. Jede Ablenkung ist ihm genehm, solange es nicht sein Vater ist, der anruft.

„Karl-Heinz? Ich bin es, Mama.“, kommt die zarte besorgte Stimme seiner Mutter.

„Mutter? Warte bitte kurz, bevor du weiterredest.“ Er steht auf und blickt höflich zu Akane.

„Entschuldigung, ist es möglich irgendwo in Ruhe zu telefonieren?“ Sie ist erstaunt.

„Ja, Sie können ins Kinderzimmer gehen, wenn Sie die Unordnung dort nicht stört?“, entgegnet sie freundlich und bewegt sich in den Flurbereich und steht vor der Badtür und zeigt dann mit nachdenklichem Blick wie er auf sie zugeht und sein Handy in der Hand hält. Er grinst sie dankend an, als sie mit der linken Hand auf die letzte Tür im längeren Flur zeigt.

„Dort hinten, wo das Bild drauf ist.“ Karl-Heinz tut unwissend und bedankt sich. Er geht auf das Zimmer zu und betrachtet das Bild, welches wie aufgemalt wirkt. Es ist eine große Manga Figur eines Mädchens mit blauen mittellangen Haaren und blauen Augen, in einem blau-weißem Matrosen-ähnlichem Heldenkostüm. Sie hat ein goldenes Stirnband, Seifenblasen um sich herum und einen kurzen blauen Faltenrock und lange blaue Stiefel an. Über der Figur steht ein Symbol des Planeten Merkurs, das erkennt er. Daneben steht der Name Amy mit drei schlichten Buchstaben geschrieben. Hinter der Figur ist eine naturgetreue Abbildung des Planeten Merkur zu deuten.

‚Dieses Motiv ist mir weder nachts noch heute Früh aufgefallen. Es passt gut zu ihrer Fototapete im Schlafzimmer. Er grinst etwas und öffnet die Tür. Überrascht über die vielen Farben und die ebenso schöne Aussicht, die ihm dort erwarten, dreht er sich zu ihr um.

„Keine Sorge, ich werde nichts anfassen. Ich möchte nur mit meiner Mutter reden. Vielen Dank.“, lächelt er sie an. Sein Herz schlägt deutlich schneller, als er ihr in die schönen Augen sieht. Aber er muss sich tarnen, dass sie sich näher kennen, darf niemand wissen.

‚Schöne Akane, tut mir leid, dass ich dir so einen komischen Tag bescheren muss. Und das ausgerechnet kurz nach unserer aufregenden Nacht. Ich wäre am liebsten einfach nur heute Abend wieder gekommen, aber nun…müssen wir erst sehen.‘ Leise flüstert er zu ihr, da ihm die Situation noch immer unangenehm ist und er sich vorstellen kann, dass es für sie ebenso seltsam ist.

„Sorry, so persönlich sollte es wirklich nicht werden.“ Sie lächelt ihn an und flüstert zurück.

„Alles gut. Mich stört es nicht. Im Gegenteil. So kann ich…mehr vertrauen.“

„Hä? Karl? Wieso redest du in Englisch mit mir? Du bist außerdem zu leise.“, haut seine Mutter plötzlich fraglich durch die Leitung. Kurz darauf stutzt er etwas.

„Oh, sorry, ging nicht an dich.“ Er hält symbolisch den Finger vor den Mund und schließt dann die Tür hinter sich.

‚Mehr vertrauen? Ich verstehe, weil sie sonst keinen Mann mehr vertrauen konnte?‘

„Wie, das ging nicht an mich? Was war denn zu persönlich? Wo bist du denn überhaupt?“, klingt Utes Stimme verwundert.

„Sorry. Wir sind mit den anderen bei einer Freundin von Tina.“

„Oh, das ist doch schön. Ihr lernt also ihre Freunde kennen?“

„Kann man so sagen, ja. Die Freundin wohnt in einer Wohnung ganz oben in einem Wolkenkratzer, 37. Etage. Marie darf hier ein Panorama von der Stadt malen.“, erklärt er neutralen Tons.

„Wow, das klingt ja traumhaft. Quasi über den Wolken Tokios? Wie schön. Ist dann auch der Vulkan zu sehen? Der ist immer so schön auf den Fotos und Malereien.“

„Ja, ist er, sogar jetzt, hier im Kinderzimmer kann ich darauf sehen.“ Er blickt aus dem bodenlangen Fenster auf den Fuji.

„Warum rufst du an, Mutter?“ Es ist still am anderen Ende.

„Ich…ich wollte wissen, wie es euch geht.“

„Uns geht es so weit gut. Um Marie musst du dir keine Sorgen machen. Sie war den Tag mit Genzo unterwegs und war im Museum.“

„Du musst sie nicht freisprechen. Wir haben schon telefoniert. Sie sagte, sie hatte ein Doppeldate. Was meinte sie genau damit? Sie hat sich doch nicht etwa dort so spontan in jemanden verguckt? Ich wollte da nicht weiter nachfragen. Ich war nur froh, ihre fröhliche Stimme zu hören. Ich bin eher erstaunt, dass du da nicht dazwischen bist.“, spricht sie besorgt.

„Erinnere mich bloß nicht daran. Ändern kann ich daran eh nichts. Und ich war gestern eindeutig zu müde und gestresst, dass ich irgendwas bemerkt habe. Naja, als es dann zu spät war und Genzo scheinbar auch jemanden hatte, forderte ich ihn sie zu begleiten, damit sie nicht allein mit ihm unterwegs ist.“

„Was ist das denn für ein Mann? Sie meinte nur, er sei neu in Genzos Nationalteam. Also ein Japaner, ein Fußballer? Mehr weiß ich noch nicht. Aber er soll sehr lieb sein, sagt sie.“

„Ich kenne ihn doch kaum. Viel kann ich dir nicht sagen. Er macht so weit als Person einen netten Eindruck, sonst hätte ich schon was gesagt. Sie ist erwachsen, ich habe da ohnehin keinen Einfluss darauf.

Hat sie dir bereits erzählt, dass sie gleich hierbleiben will? Ihr Auslandsjahr nehmen? Sie will ihre Mappe für die Uni fertig stellen.“

„Ja, das hat sie mir erzählt und was sie alles schon gemalt hat und machen will. Ich mache mir so meine Gedanken dazu. Zuerst wollte sie das Haus nie verlassen und dann will sie gleich so weit weg allein in einem Land bleiben?“

„Du musst dir keine Sorgen machen, ich habe dafür gesorgt, dass sie nie allein unterwegs sein wird. Diese Frau Hopkins, die als Trainerin in dem Fitnessstudio arbeitet, sie ist in Wirklichkeit eine ausgebildete Personenschützerin. Sie ist eine ehemalige US-Marine, verließ die Armee und hat sich speziell ausbilden lassen. Ich habe ihre Referenzen überprüfen lassen und die beiden scheinen sich sehr gut zu verstehen. Sie wird sie auf meine Kosten begleiten. Zumindest dann, wenn sie allein unterwegs sein will.“

„Okay, das beruhigt mich. Genzo hat also eine Freundin, ist doch süß. Er hat jedes Jahr an Marie gedacht und war mit Kaltz zu ihrem Geburtstag da, wenn du es nicht geschafft hast.“ Diesmal kommt von Karls Seite keine direkte Antwort. Die Tatsache, dass er sich eindeutig zu wenig um Marie gekümmert hat, sitzt tief. Es hätte eindeutig mehr sein müssen.

„Wärt ihr einfach nach München gezogen, wäre das alles nie ein Problem gewesen. Für Tante und die Großeltern hätten wir auch hier eine Lösung gefunden.“, kommt vorwurfsvoll. Wieder herrscht eine Spannung zwischen ihnen.

„Karl…es…tut mir leid.“, kommt dann traurig und ihr kommen ein paar Tränen, die er zwar nicht sehen, aber im Herzen spüren kann.

„Entschuldige.“

„Nein, ist schon gut. Du hast ja Recht. Wir hätten mit runterziehen sollen. Wir hätten ja nicht zusammenwohnen müssen, aber eure Nähe, das wäre vielleicht schon genug gewesen.“, schluchzt sie.

„Weinst du jetzt etwa? Tut mir leid. Das waren die falschen Worte.“, kommt er ihr mit einer gefühlvollen Stimme entgegen. Leider kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und die ganze Situation steigt ihr über den Kopf.

„Es…es tut mir ja alles so leid. Dieser schreckliche Fehler! Diese blöde Party! Das alles hätte niemals passieren dürfen!“, weint sie verzweifelt und schluchzend los. Karls Puls steigt enorm an. Es kommt auch ein stechender Schmerz in der Brust dazu. So richtig schön klingt das nicht, wenn sie das so sagt. Er weiß zwar, was sie wirklich meint, aber es fühlt sich trotzdem furchtbar an, aus ihrem Mund zu hören, dass er und Tina in ihren Augen ein Fehler sind.

„Mutti, beruhige dich bitte wieder, du weißt schon nicht mal mehr, was du sagst.“ Gedankenversunken stellt er sich direkt ans Fenster, stützt sich mit der linken Hand an einem der Stahlträger ab und schaut hinunter auf die Häuser unter sich. „Karl, nein…es tut mir so leid. Du hast Recht. Du bist…doch mein Junge…bitte…du weißt das doch, oder?“

„Natürlich. Daran wird sich nichts ändern. Mutter…denk niemals wieder so, okay? Nicht die Party war der Fehler…sondern…“ Seine Augen sind geschlossen, er muss diese Worte loswerden, weil sie ihn zu zerdrücken vermögen. Er macht eine Faust und hämmert wütend gegen den Pfeiler.

„…diese Kerle…und…diese Entführung…und dann…diese dumme Polizei! Und…uns jahrelang…anzulügen, ihr alle vier! Das…das war auch ein Fehler! Was habt ihr euch nur dabei gedacht?“ Er bleibt leise, aber seine Faust schlägt immer wieder ein. Sein Puls rast und er hat Mühe sich leise zu verhalten, denn er weiß genau, dass er nicht zu laut sein darf.

„Aber sage niemals wieder…dass diese Party…ein Fehler war, verstanden?“, spricht er dann ruhiger, um ihr die Angst du nehmen, auf sie wütend zu sein. Er ist doch auch nicht wütend auf sie, sondern nur enttäuscht. Plötzlich öffnet er wieder die Augen und blickt auf den Vulkan.

‚Tina…wie würde es dir ergehen, wenn du das jetzt plötzlich alles erfahren würdest? Würdest du das Wagnis trotzdem eingehen zu Hyuga nach Europa zu ziehen? Würdest du noch in der Öffentlichkeit stehen wollen, wenn die Gefahr da wäre, entdeckt zu werden?

Oh man. Das ist alles kaum auszuhalten. Einerseits zerdrückt es mich, wenn ich euch beide so sehe, so glücklich und eindeutig verliebt und dann…sehe ich die Gefahr, die dahintersteht. Ich sehe dich plötzlich immer mehr als irgendeine Form einer Verwandten, aber…irgendwie auch nicht. Irgendetwas dazwischen. Aber was nur? Ich liebe dich und sorge mich, aber wirklich lieben darf ich dich nicht mehr.

Alles totaler Mist.‘ Er blickt hoch zum Himmel.

‚Stephan? Und du? Genzo sagte, du hast es kurz vor deinem Tod sogar gewusst und versucht aufzupassen? Aufzupassen, dass wir uns nicht sehen? Warum hast du es ihr denn nicht einfach erzählt, wenn du es wusstest? Das hätte uns viel Ärger erspart. Ach Manno…‘

„Karl-Heinz? Bist du noch dran? Du bist so ruhig.“, ist die zarte Stimme seiner Mutter zu hören.

„Ja, sorry. Ich war etwas im Gedanken.“

„Spreche ihn aus, diesen Gedanken?“

„Wieso? Ich soll ihn aussprechen?“

„Ja, es hilft bestimmt und kann wie eine Befreiung sein.“

„Meinst du wirklich das hilft mir jetzt? Eine Befreiung, ich weiß nicht.“

„Vertraue mir. Solche Übungen musste ich oft mit Marie machen, damit sie wieder fröhlich sein kann, weißt du?“

„Fröhlich? Und das hat geholfen?“

„Ja, sie hat sich dann entschieden Künstlerin zu werden und hat jeden Tag hart daran gearbeitet das zu erreichen. Die Kunst war immer ihr Zufluchtsort. Du kennst doch ihre Werke.“

„Die waren immer fröhlich, das stimmt.“

„Das waren sie aber nicht immer. Nun rück schon raus. In den Arm nehmen, um dir eine Stütze zu sein, kann ich doch nicht. Aber du kannst es dir doch sicher in etwa vorstellen, wenn ich bei dir wäre und neben dir sitzen würde und mit dir reden würde, oder?“ Ein zartes Lächeln geht über seine Lippen und dann dreht er sich um und schaut zur Tür. Sie ist verschlossen. Also lehnt er sich ans Fenster, denn auf den Fuji will er dabei nicht sehen. Langsam geht er in die Knie und dann setzt er sich einfach auf den weichen weißen Teppich, winkelt das rechte Bein an und stützt seinen rechten Arm darauf in dem er das Handy hält.

„Na gut. Ich versuche es. Wenn es bei Marie geholfen hat ihre Ängste loszuwerden…sollte es doch auch bei mir helfen, den Kopf frei zu kriegen?“

„Genau. Den Kopf frei kriegen. Gut, ich bin bereit, mein Großer.“

„Irgendwie…muss ich dabei schon wieder an Tina denken. Diese Psychonummern hatte sie früher auch immer drauf. Und das hat sie noch immer.“

„Na los. Was hast du für einen Gedanken? Versuche ihn einfach in Worte zu fassen, so wie es kommt.“ Er atmet tief durch und holt dann Luft.

„Ich…habe das Gefühl zu ersticken. Innerhalb von zwei Tagen stürzt mein ganzes Leben zusammen und…jetzt…frage ich mich…was ich überhaupt noch fühlen darf. Was, Mutter?

Zuerst erfahre ich, dass ich sie hätte die ganze Zeit besuchen können und dann…erfahre ich von Stephans schrecklichen Tod und dass…diese Kerle…sie beinahe, nein…ich kann das nicht sagen. Und dann…ist sie ausgerechnet mit Hyuga…zusammen. Es…es schnürt mir die Kehle zu, wenn ich die beiden da so rumturteln sehe und trotzdem freue ich mich für sie, dass sie endlich glücklich ist. Es wird nicht die Sache an sich sein, sondern eher, weil es Hyuga ist.

Ach, ich weiß auch nicht, es sind nicht mal 23 Stunden her und dieser Gedanke, dass ich…vermutlich die ganzen Jahre einem Geist nachgejagt bin, es tut weh. Aber was mich am meiste trifft…ist die Möglichkeit, dass wir in Gefahr sein könnten, dass sie es vor allem sein könnte. Dieses ungewisse jetzt, wer die Typen waren und wo sie jetzt sein könnten…und ob sie noch irgendwelche Aktionen machen werden. Hier konnte es noch gut gehen, aber wenn sie erst in Europa ist und durch den Bekanntheitsgrad mit Hyuga ständig in den Medien auftauchen wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Typen sie erkennen. Da hilft der neue Name auch nicht viel. Sie sieht…Gesine verdammt ähnlich.

Und ich? Je länger ich darüber nachdenke, je mehr Ähnlichkeiten sehe ich, auch an mir.“

„Das ist wahr, aber mache dir bitte nicht so viele Gedanken darüber. Du bist MEIN Sohn und das wirst du immer sein. Du siehst deinem Vater derart ähnlich, keiner wird je deine Herkunft anzweifeln. Und ja, du bist auch Gesines Sohn, aber…auch meiner.“, kommen warme Worte.

„Mutter? Warum? Warum habt ihr es uns nicht einfach irgendwann gesagt, dass wir Zwillinge sind? Jetzt…ist es zu spät. Ist es euch nie in den Sinn gekommen, dass das schief gehen kann? Vor allem dann, als ihr es zugelassen habt, dass wir uns kennenlernen.“

„Ich…hatte immer Angst…die Männer…waren so stur und…auch Gesine…sie hatten beide zu sehr Sehnsucht nach dir. Die Gefahr…haben sie bei ihrer Freude, dich endlich um sich zu haben, ignoriert. Karl, das haben wir anfangs auch. Bettina und Stephan, sie sind so liebe Kinder gewesen und haben dich glücklich gemacht.“

„Mich glücklich gemacht? Wie meinst du das?“

„Du warst…als Kleinkind extrem in dich gekehrt. Sicher auch, weil wir dich erst mit zwei Jahren bei uns hatten. Du brauchtest dringend Kontakt mit anderen Kindern, aber wir musste dieses eine Jahr überbrücken, dass es nicht auffällt. Deswegen bist du erst mit Eintritt ins Schulalter in Kontakt mit anderen gekommen. So wie Bettina und Stephan eben auch. Du wurdest von Onkel und mir zu Hause beschäftigt, weißt du noch? Du warst doch immer bei ihm in der Werkstatt, wenn ich arbeiten musste.“

„Hm, stimmt. In der Kita war ich nie, erst Marie ging dann später in den Kindergarten.“

„Du warst so verschlossen in der Schule, dass du keine Freunde hattest, die einzigen Kinder, mit denen du gespielt hast, das waren die anderen im Team. Ständig gab es Ärger in der Schule, schlechte Noten, nur weil du dich nicht gemeldet oder mit anderen gearbeitet hast, dabei warst du ein super Schüler. Das änderte sich erst, als du die ersten Erfolge im Sport hattest. Da wuchs dann nach und nach dein Selbstbewusstsein, dein Selbstvertrauen in deine Fähigkeiten und das wurde schnell Stolz daraus. Das warst du, Karl…bis die beiden ins Team kamen und du mehr als nur Spielkameraden hattest. Deine anfängliche kühle Art, blieb zwar bei, aber du hast erkannt, wer dich wirklich mochte. Mit deiner Art hast du dein Team mit einer gewissen Härte, aber auch mit Vertrauen geführt, an die Spitze, Karl-Heinz.

Bis heute. Die Jungs haben immer hinter dir gestanden. Und sie werden auch jetzt noch hinter dir stehen. Noch immer rufen einige hier an und erkundigen sich nach dir, wie es dir wirklich geht und wie es Marie geht. Glaube mir, sie stehen noch heute hinter dir, weil sie dich sehr mögen. Sie kennen dich besser als die Presse oder alle anderen, die nur den starken jungen Kaiser sehen.

Und deswegen hat Tina dich nie kontaktiert. Sie wollte nicht, dass du deinen Stolz verlierst und deine Selbstsicherheit, genau das Richtige zu tun. Sie hatte Angst, die Tatsache, die mit Stephan passierte, die könnte dich schwächen und ablenken von deinem Traum. Sie wollte dir deine Freiheit und Unbeschwertheit lassen. Sie wollte nicht, du wieder der verschlossene Typ wirst, der alles in sich reinfrisst. Denn das bist du doch auch so, nur nicht mehr ganz so schlimm wie damals als Kind.

Du warst immer ein fröhliches Kind, solange wir zusammen waren, aber anderen gegenüber warst du eben sehr verschlossen.“

„Sowas ähnliches sagte sie mir auch, mir meine Freiheit lassen, eine Art Sorglosigkeit.“, murmelt er leise vor sich hin.

„Willst du es ihr sagen?“

„Auf keinen Fall. Das passt jetzt nicht. Es reicht vorerst, dass ich es weiß und gut. Genzo und ich haben uns ebenso bereits ausgetauscht. Er ist nun von mir in Kenntnis gesetzt worden. Er ist derselben Meinung. Sie hat die ganze Zeit und beschützt, damit wir unsere Wege alle gehen konnten, und nun…bin ich dran. Wenn sie jetzt die Wahrheit erfährt, dann…dann wird es sicher alles wieder zunichtemachen, was sie sich so mühsam aufgebaut hat. Du hast keine Ahnung welchen Einfluss sie hier wirklich hat. Welchen Stand sie in der Gesellschaft einnimmt, unter denen, die sie kennen und achten.

Und…das mit Hyuga…wir werden sehen, wie weit das geht, aber es scheint eine sehr ernste Sache zu sein und das würde beide nur durcheinanderbringen. Ihn vermutlich mehr als sie. Ich denke nicht, dass das gut ist. Sie sollen jetzt ihr neues gemeinsames Leben beginnen und dann sehen wir weiter. Ich werde mir Gedanken machen, was ich dazu helfen kann.“

„Das klingt schön. Sie hat jedes Glück verdient und wenn dieser Mann sie glücklich macht, dann ist es gut. Hast du denn den Eindruck, dass es so ist?“ Es ist kurz still. Karl schließt kurz die Augen und vor ihm ist das Bild der Blicke zwischen den beiden von eben zu sehen.

„Ja, das glaube ich.“

„Wie romantisch. Sprich es bitte aus, für mich und um es dir zu verinnerlichen. Bettina…ist glücklich mit ihm. Sag es ruhig. So wie vorhin. Einfach nur aussprechen. Als wenn du ein Gedicht lernst.“ Wieder Ruhe und ein lautes Seufzen.

„Sie ist…“, er unterbricht kurz, schaut zur Decke mit den angemalten Wolken und Sternen. Er löst sein angewinkeltes Bein und lässt es zu Boden gleiten.

„…glücklich…Tina ist…glücklich…mit ihm.“, spricht er dann leise hinterher. Sein Tonfall klingt, als wäre er völlig kraftlos. Diese Worte ausgesprochen zu haben. Plötzlich lächelt er, in seiner Vorstellung sitzt sein alter Freund Stephan oben zwischen den Wolken an der Decke und grinst lobend. Als würde er ihm sagen wollen, dass er stolz auf ihn sei.

„Sei ihr ab heute ein Bruder, ein Bruder, der auf sie aufpasst. Genauso wie bei Marie. Du liebst sie sehr und sie dich. Genauso wird es in Zukunft sein, wenn du ihr ein Bruder bist, oder aus ihrer Sicht, der Freund, der du damals warst, bevor du ihre Weiblichkeit gesehen hast.

Sag dir immer wieder:

Ich bin…ein Freund…und ein Bruder.“

„Puh. Du verlangst zu viel. Das ist…noch zu früh. Aber ich…werde es mir innerlich immer sagen.“

Plötzlich klopft es an der Tür.

„Karl? Ist alles okay bei dir? Geht es deiner Mutter gut?“, kommt Tinas besorgte Stimme durch die Tür. Zuerst kommt keine Antwort. Karl muss sich erst einmal etwas sammeln. Dann klopft es nochmal und die Tür geht langsam einen Spalt auf.

„Karl, muss ich mir Sorgen machen?“, spricht sie sanft, ohne die Tür ganz zu öffnen.

„Nein, meiner Mutter geht es gut.“, gibt er dann von sich, um sie wieder loszuwerden.

„Darf ich reinkommen? Und darf ich auch mal mit ihr reden?“

„Tu, was du nicht lassen kannst. Aber ich weiß nicht, ob sie mit dir reden will.“

231. Tangaroa und Bettina XVI oder Ist es wirklich Liebe? U18

Es muss wieder ein Trigger vorweg.

Bitte seid bewusst, dass dieses Kapitel mal etwas anders sein wird, wenn es um die Romantik geht. Mehr will ich nicht verraten.

Es fiel mir schwer, es zu schreiben, ich hoffe ihr verzeiht, dass ich die blumigen Details diesmal etwas minimiere.
 

Viele Spaß beim Lesen.

=)
 


 

Kapitel 231 U18
 

Tangaroa und Bettina XVI oder Ist es wirklich Liebe?
 

Als Tina im Taxi sitzt und sich nach Hause fahren lässt, da schaut sie stumm aus dem Fenster. Was war das heute nur für ein seltsamer Tag? Sie hat sich mit Jun gestritten, zwar gleich versöhnt, aber dann wirft sie Genzo so ungerechte Dinge an den Kopf, dass es ihr im Nachhinein so leidtut.

Nach gut 40 Minuten ist sie schon zu Hause, denn es ist wegen der nächtlichen Uhrzeit eine schnelle Fahrt. Kaum ist sie im Flur und hat die Tür hinter sich geschlossen, zieht sie ihre Schuhe aus und schleppt sich gefühlt nur noch in die Stube. Die Stille im Haus mag sie gar nicht. Das Licht und die Pumpe im Aquarium sind bereits aus. Starr steht sie vor den Fischen und betrachtet sie im Dunkeln des Sternenlichts, das durch das große Wohnzimmerfenster fällt. Das Wasser glänzt und die schönen roten und weißen Schuppen der Fische glitzern. Tina hält sich ihre Brust, ihr tut es weh, dass sie so gemein zu ihren Freunden war und dann passierte sowas. Sie schaltet das Licht bei den Fischen einfach ein. In diesem Moment will sie ihrer Familie etwas sagen. Sie muss sie wecken und aus ihrem Schlaf reißen. Natürlich erschrecken sich die Tiere und zappeln kurz auf. Plötzlich sinkt Tina zu Boden, legt ihre Hände dabei an die Scheibe und weint. „Ich…war so dumm. So dumm!“

‚Wie konnte ich nur in meinem Zorn und meiner Wut ins Auto steigen? Wie konnte ich sowas Dummes tun? Sagt es mir? Der kurze Weg nach Hause hätte doch gereicht. Durch meine Wut habe ich meine Müdigkeit nicht richtig eingeschätzt.

Und Genzo? Wie konnte ich ihm so einen Vorwurf machen? Beinahe…wäre ich…oh man. Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können? Ich habe nicht nur mein eigenes Leben riskiert…verdammt…ich hätte auch…anderer Leben riskiert.‘ Tränen laufen nur so an ihr herunter und ihr Herz tut ihr weh, ihre Unvernunft schmerzt sehr in ihrer Brust. Diese Gleichgültigkeit anderen gegenüber kennt sie gar nicht an sich. Plötzlich wird ihr übel. Ihr kommt das Abendessen hoch, ganz unangenehm und sie kann nichts dagegen tun. Zügig stürmt sie ins Bad, hängt über der Kloschüssel und übergibt sich. Mit entsetzten weitgeöffneten Augen blickt sie nach mehrmaligem Würgen in die Toilette, nein…das will sie bestimmt nicht sehen und schon gar nicht riechen. Also drückt sie die Spülung und bleibt auf den Knien noch vor der Kloschüssel hocken. Sie weint und als ihr dann der freundliche LKW-Fahrer in den Sinn kommt, der hätte ihr Unfallopfer sein können, da muss sie sich erneut übergeben. Sie wäre ihm doch frontal plötzlich entgegengekommen und er hätte niemals rechtzeitig ausweichen können, nein…zu langer Bremsweg, für einen so plötzlichen Moment. In ihrer schlimmsten Fantasie laufen schreckliche Bilder vor ihr ab. Was wäre nur gewesen, wäre sie später eingeschlafen und was wäre gewesen, hätte sie nicht durch das Rütteln auf dem Rasen ihr Bewusstsein rechtzeitig wiedererlangt? Diese Bilder kommen immer wieder auf. Erneut hängt der Kopf über der Schüssel. Bald hat sie das Gefühl, dass nichts mehr kommen will. Wie schrecklich ist dieses Gefühl…ein Gefühl der Erschöpfung, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit?

Tina greift bald nach den Toilettentüchern und wischt sich den Mund ab. Weitere Griffe und sie schnaubt sich die Nase mehrmals aus, wischt die Schweißperlen von der Stirn und die Tränen aus dem Gesicht. Das Papier landet in der Toilette und es wird erneut gespült. Sie schaut hoch zum Waschbecken und zum Spiegel. Dann zieht sie sich mühsam auf, mit wackligen Beinen stellt sie sich unter die Dusche, hält sich am Griff fest und stellt einfach das Wasser an. In diesem Moment ist es ihr total egal, ob sie noch ihre Sachen anhat oder nicht. Ist doch nur Wasser. Sie dreht auf warm, sonst duscht sie kalt. Schon immer duscht sie kalt. Langsam kommt sie wieder zu sich und die Kraft in den Beinen kommt zurück. Sie stellt das Wasser ab, zieht ihre nassen Klamotten aus, legt sie in der Dusche an die Seite, damit sie einfach ablaufen und schnappt sich das Duschbad und das Shampoo und beginnt endlich normal zu duschen. Das Wasser jedoch bleibt diesmal warm und wurde noch wärmer gestellt. Es gab ihr ein wohliges Gefühl, denn Kälte…das wollte sie jetzt ganz bestimmt nicht fühlen.

Nach einer ausgiebigen Dusche, inklusive gründlichem Zähneputzen und Peeling der Beine, um die Durchblutung zu fördern, trocknet sie sich ab und betrachtet sich im Spiegel vor dem Waschbecken.

„Ich sehe so scheiße aus. Total verheult.“

‚Wieso muss ich immer gleich so rote Wangen und Augenringe kriegen? Das ist ja furchtbar.‘ Fest entschlossen wäscht sie ihr Gesicht mit kaltem Wasser und trocknet es wieder ab. Sie versucht zu lächeln.

‚Schon etwas besser.‘

Einige Zeit später hat sie ihre Haare geföhnt, ist wieder angezogen und verlässt fest entschlossen das Haus.

‚Wenn ich jetzt alleine bleibe, dann…geht dieser Scheiß wieder los. Jetzt…habe ich Hunger. Verdammt nochmal. Konnte das Gefühl nicht eben kommen, wo ich noch zu Hause war?‘ Sie blickt auf ihr Handy, es ist kurz nach Mitternacht. Dann schaut sie sich um und geht zur nächsten Nudelsuppenbar, die so spät noch geöffnet hat. Zum Glück ist der Flughafen in der Nähe, dass die eine oder andere Gastronomie in der Nähe so spät noch aufhat.

Mit ihrer Aufmachung, den schwarzen Trainingsanzug mit Kapuze und Rucksack, betritt sie das Lokal. Es ist niemand weiter da. So ein Glück. Sie geht zum Tresen und bestellt sich eine Nudelsuppe mit Geflügelfleisch, Gemüse wie Möhren, Sellerie und Eiern. Es kommt ihr wie eine Hühnersuppe vor, die muntert sie in der Regel auf. War sie erkältet und es war draußen kalt, da gab es oft Hühnersuppe. Selbst macht sie es sich auch gerne, aber zum Kochen war ihr jetzt nicht, und schon gar nicht nach alleine sein.

Tina setzt sich auf einen Platz und wartet. Nebenbei sieht sie in ihr Handy und blättert endlich die Nachrichten durch, die sie inzwischen erreichten. Neben den üblichen Nachrichten, die sie bekommt, taucht auch die von Tangaroa wieder auf.

„Liebe Tina, wenn du nach deinem netten Abend mit deinen Freunden noch einen Platz zum Übernachten brauchst, komme gerne vorbei. Ich bin immer für dich da. =) (Smiley)“. Sie lächelt.

‚Ach Tangaroa, wie lieb von dir.‘ Ihr Puls steigt etwas an und ihr wird warm, bei dem Gedanken daran, sie würde doch noch in seinen warmen starken Armen liegen können, um den schlimmen Tag hinter sich zu bringen.

Die Vorstellung erhellt ihr Gemüt und als der Kellner kommt, ihr die Suppe hinstellt, genießt sie diese mit vollen Zügen und lächelt dabei. Die Wärme im Bauch und das leckere Gemüse erfreut es sie so sehr, dass sie wieder etwas lächeln kann. Ihr leerer Magen zeigt sich dankbar und die Schmerzen, die sie zuvor noch erspürte sind weg.

Immerhin ist ja nichts passiert, alles ging gut aus und niemand kam zu Schaden, nicht einmal das Auto hat einen Kratzer. Dann greift sie fest entschlossen zwischendurch an ihr Handy.

„Bist du noch wach?“, antwortet sie nun endlich auf Tangaroas Nachricht. Es dauert nur wenige Minuten, da kommt eine SMS mit einem Symbol zurück.

„<3“ (Herz) Tina muss schmunzeln. Das Herz mag sie. Noch nie hat es ihr jemand geschickt, niemand, außer ihrer Freundinnen Yoko und Fane. Sie sendet ein Symbol und einen kurzen Satz zurück.

„xxx“ (drei Küsse) „Ich muss reden.“

„Ich höre dir immer gerne zu.“

„Bin noch was essen und komme dann.“

„Du bist aber spät was essen.“

„Passiert manchmal. Bis gleich. X.“ (Kuss)

„<3 <3 <3“
 

Gut eine halbe Stunde später steht sie vor seiner Wohnungstür und klingelt. Es dauert nicht lange, da öffnet er die Tür und bittet sie herein. Überrascht blickt er sie an. Tina legt den Rucksack neben sich, lehnt sich an die Tür hinter ihr und blickt traurig zu ihm auf.

„Ich…Tangaroa, ich…wäre beinahe…nicht mehr da.“, stottert sie sich zurecht. Ihr Atem ist etwas schwer. Ihr fällt es wahnsinnig schwer darüber zu reden, aber sie sehnt sich doch so sehr nach einem Trost. Und wem soll sie es denn sonst erzählen? Dafür ist doch eine Partnerschaft da, um sich alles anzuvertrauen. Sie will ihm gegenüber doch ehrlich sein und ihn an ihren Gefühlen und Sorgen teilhaben lassen und er weiß doch sowieso schon über ihre Vergangenheit so viel und vertraut ihm. So haben es ihre Eltern auch immer getan. Tangaroas Puls steigt plötzlich mehr an, als ohnehin schon. Schon seitdem sie sich ankündigte, war er etwas aufgeregt, denn die wundersame Vorstellung, dass seine schöne Bettina wieder bei ihm sein will, hält ihn mehr als nur wach. In seinen Adern pulsiert es bereits so sehr, dass er sie am liebsten gleich in die Arme nehmen will und dann möchte er sie wieder so nah fühlen, wie sie ihm nur nah sein könnte. Die liebreizende kleine Bettina, die in ihm die größten Sehnsüchte weckte, die er je erfahren konnte. Und nun? Nun steht sie vor ihm, mit so einem traurigen Gesicht und sagt ihm etwas, was ihm Sorgen bereitet.

„Wie…meinst du das?“, stottert er vorsichtig.

„Ich…ich…hatte…einen Sekundenschlaf.“, stammelt sie sich zurecht und schließt die Augen, lehnt sich vor zu ihm und schmiegt sich an seinen warmen kräftigen Oberkörper. Sie weint nicht, nein, aber sie genießt seine Wärme und versucht etwas zur Ruhe zu kommen. Er greift führsorglich und liebevoll um sie und nimmt sie fest in seine Arme.

„Tina…was ist denn nur passiert?“, spricht er besorgt.

„Ich hätte beinahe…ich wäre beinahe mit 60 km/h gegen einen Baum gefahren und…ich hätte jemanden verletzten können…oder schlimmer noch…jemand hätte sterben können. Zum Beispiel der nette LKW-Fahrer, der mir geholfen hat.“, redet sie sich ihre Sorgen von der Seele und klammert sich fest an ihn. Sie krallt sich in seinem Hemd fest.

‚Meine liebste Bettina, was redest du denn da? Du hättest beinahe ein Unfall verursacht? Willst du mir das sagen? Ein Autounfall und hättest dabei sterben können?

Nein, niemals. Du musst doch bei mir bleiben.‘, geht in seinem Kopf vor und er drückt sie fest an sich. Sie kann seinen starken Herzschlag spüren und deutlich hören. Es hört sich wie berauschend an, denn wenn es in der Regel so schnell in ihm pocht, dann geschieht wieder etwas Sonderbares. Sie lässt sich von seinem Pochen unter der Brust anstecken und ihr Puls steigt ebenso wieder an, jedoch nicht aus Sehnsucht nach ihm, sondern aus Mitgefühl. Sie weiß doch, dass er so sanftmütig ist und dass er sie liebt. Es tut ihm sicher weh, diese Vorstellung, dass sie nicht mehr bei ihm hätte sein können. Plötzlich bewegt er sich etwas, lässt ein klein wenig locker und berührt mit der linken Hand sanft und bestimmend ihr Kinn. Sie schrickt etwas zusammen, aber sie weiß, er will ihr nur zeigen, dass er sie niemals loslassen wollen würde. Seine große Hand führt ihr Kinn zu seinem Gesicht. Er lächelt sie sehnsüchtig an.

‚Dieser Blick. Bettina, du bist einfach unglaublich schön.‘

„Niemals, meine Schöne. Niemals…darf dir etwas passieren! Du musst doch…bei mir bleiben.“, sagt er dann zögerlich, aber mit festentschlossenen Worten. Sein Puls wird immer höher. Kurz darauf küsst er sie zärtlich, leidenschaftlich und mit einer gewissen Dominanz, wie sie es bisher noch nicht gab. Tina geht auf ihn ein und genießt seine neue Art, die sie wohl bemerkt.

‚Hast du so viel Angst um mich, dass du mich nicht loslassen willst? Ach Tangaroa, wie konnten die anderen nur an dir zweifeln? Ich spüre doch genau, wie sehr du dich sorgst und mich liebst.‘, ist sie fest überzeugt. Plötzlich hält er inne und sieht sie verliebt an. Seine Hand noch immer an ihrem Kinn.

„Ich…liebe dich, liebste Tina.“, gesteht er ihr seine Gefühle, denn es fühlt sich alles so besonders und schön an, wenn sie beide zusammen sind. Es kann nur Liebe sein, wenn er sie so lange bei sich haben will, unendlich am liebsten, immer in seinen starken Armen haltend und bei ihr sein und sie spüren und ihr Lächeln sehen, ihren betörenden Duft wahrnehmen, alles das will er niemals vermissen. Niemals soll sie jemals wieder gehen. Seine Hand, welche ihr Kinn berührt, fasst bestimmender zu und führt ihre Lippen wieder nah an seinen Mund. Ein fordernder Kuss folgt. Er hält ihren Kopf gefühlt so fest, als könne sie ihm nicht ausweichen, auch wenn sie es wöllte. Als er merkt, dass es ihr zu gefallen scheint, lässt er sie langsam los, bleibt jedoch zu ihr heruntergebeugt, um sie weiter zu küssen.

Ihre Zungen spielen leidenschaftlich miteinander, während er sein Hemd hastig aufknöpft, ab und an ihre Arme zärtlich berührt und das Hemd dann endlich von sich herunterfallen lässt. Sein Puls steigt immer mehr an, je näher er sich ihr fühlen kann und weiß wie sehr er sie noch spüren wird. Kaum hat sie nebenbei ihre Schuhe auszugezogen, drängt er sie an die Wand neben der Tür. Das hat ihr bisher immer gefallen, das Gefühl, ihm nicht ausweichen zu können. Plötzlich stoppt er wieder und sieht sie wolllustig an.

„Weißt du eigentlich…wie sehr…ich dich vermisst habe? Diese lange Wartezeit…sie war…fast unerträglich.“, äußert er ehrlich und mit fester Stimme.

‚Du hast mich vermisst? Bist du deswegen heute gleich so mittendrin und fordernd?‘

„So sehr…liebst du mich?“, fragt sie lieblich, denn sie weiß, ein kleines Katz- und Mausspiel gefällt ihm. Sie ist doch seine freche Tigerin, welche durch die Wälder streunt. Und manchmal muss er sie einfangen. Er lächelt sie an und beginnt ihren Reißverschluss ihrer Trainingsjacke zu öffnen. Darunter befindet sich heute ein schwarzes Top eindeutig ohne BH, bauchnabelfrei. Er staunt nicht schlecht. Heute sportlich und nicht niedlich, blumig oder elegant? Das ist etwas Neues. Er mag es immer, wenn es etwas Neues gibt.

„Ja, so ist es. Niemals…darf dir etwas passieren. Du hast mich…so erschreckt.“ Sanft streift er mit beiden Händen die offene Jacke ihre Arme hinab, hängt sie dann neben ihr an die Garderobe und greift bestimmend und zärtlich ihren Kopf. Seine großen Hände fahren richtig in ihr weiches langes Haar und führen ihren Kopf zu sich hoch.

„Du musst…auf dich aufpassen.“, spricht er ernst, aber liebevoll. Dann kommt er ihr entgegen und sein Mund bleibt nur wenige Millimeter vor ihrem stehen. Sie kann seinen angenehmen Atem riechen und schließt die Augen, denn sie weiß, sie kann ihm voll und ganz vertrauen. Ihr Herz rast vor Freude, dass er ihr so nah ist und ihr auf seine aufregende Art mitteilt, wie sehr er sie liebt. Zu spüren, dass sie geliebt wird, ja das genießt sie seit dem ersten Tag an. Sie spürt seine Lippen und einen langen leidenschaftlichen Kuss. Ihre Zungen spielen miteinander und ausweichen, nein, das kann sie ihm nicht mehr, viel zu sehr sehnt sie sich nach seinen Zärtlichkeiten. Es ist doch immer so besonders mit ihm. Sie genießt es, ihm so bedeutend zu sein und es kribbelt langsam wieder überall an ihr, weil sie sich vorstellen kann, was bald passiert. Er wird sie ganz sicher mit vollen Zügen verwöhnen. Seine großen starken Hände an ihrem Kopf fühlen sich sehr geborgen an.

Bald lässt er ihren Kopf los, streift an ihren Armen herunter und bleibt an ihrer Taille hängen, greift um ihren Körper herum und presst sie fest an sich, so dass er alle Rundungen von ihr spüren kann.
 

Sie Erwartung, sie bald zu spüren, steigt immer mehr an.

‚Bettina, wie sehr will ich dich jetzt gleich fühlen. Du bist so wunderschön und löst schon wieder so starke Sehnsüchte in mir aus. Jedes Mal, wenn ich mit dir zusammen bin, wird es immer stärker. Warum nur, meine Kleine, liebliche Bettina?‘
 

„Heute…so schlimm?“, erkundigt sie sich. Er legt eine Hand neben sie an die Wand, die wie eine Faust geballt ist.

„Mach das…nie wieder.“, sagt er plötzlich streng, aber leise, als würde er mit ihr schimpfen.

„Was meinst du?“, haucht sie etwas benommen.

„Mir Angst einjagen. Niemals…wirklich niemals darf dir was passieren.“, wiederholt er sich. Tina lächelt ihn glücklich an.

„Ich…passe auf mich auf. Versprochen.“ Er lächelt sie glücklich an und dann packt er sie wieder und drückt sie fest an die Wand. Ihre Hände sind an seinem Nacken und fahren zu seinen kurzen Haaren hoch.

Er schmiegt sich sehr stark an sie. Dann küsst er sie wieder, diesmal fest und verlangend, als würde er ihr das Gefühl geben wollen, sie nie wieder loslassen zu wollen. Für einen kurzen Moment spielt sie das Spielchen mit und geht auf seinen fordernden Kuss ein, jedoch dann hält sie plötzlich inne und sieht ihn an. Er bemerkt es nicht wirklich, weil er mit seinen Gedanken bereits ein paar Schritte weiter ist. Sie atmet etwas flach. Tina greift ihm in den Nacken, um ihm etwas mitzuteilen, denn sagen kann sie nichts mit seinen Lippen auf ihren. Dann endlich reagiert er und öffnet auch die Augen und unterbricht den Kuss.

„Habe ich…was falsch gemacht?“

„Ich…kriege…kaum Luft.“, schnappt sie gleich wieder nach Luft, denn er drückte sie etwas zu sehr an die Wand. Abrupt unterbricht er den Druck an die Wand und hält sie wieder sicher fest.

„Sorry. Besser?“ Tina lächelt. Dann zieht sie seinen Kopf wieder zu sich und will ihn küssen. Es war doch bis eben wieder aufregend.
 


 

…..

Anmerkung an dieser Stelle, die ich hier weglassen muss! Eine gekürzte Version ist in diesem Fall nicht möglich.

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Es entsteht eine Situation, in der Tina sich plötzlich unwohl fühlt. Sie teilt es Tangaroa auch genau dreimal mit, jedoch ignoriert er ihre Hinweise, etwas Bestimmtes, anders zu machen.
 

An dieser Stelle sei gesagt, NIEMALs gibt es Situationen, an denen ihr, NICHT beachtet werden dürft. Wenn also mal, egal an welchem Punkt ihr seid, eine Situation entsteht, die unangenehm ist oder Unsicherheit in euch auslöst, müsst ihr nicht akzeptieren, wenn es ignoriert wird. MACHT dies deutlich klar!
 

Somit: Sagt immer rechtzeitig, wenn ihr etwas komisch findet, dem Partner/der Partnerin Bescheid. Das ist sehr wichtig, denn alles andere ist FALSCH.
 

Das betrifft beide Seiten: Habt also IMMER ein Auge und ein Ohr für euer Gegenüber offen, denn man weiß nie, ob und wann plötzlich mal so eine Situation passiert. Euer Partner oder eure Partnerin weiß es auch oft selbst nicht, oder weiß nicht wie er/sie sich äußern soll.
 

REGEL: Wisst ihr es nicht einzuschätzen, fragt einfach zwischendurch mal nach. „Alles gut?“ oder „Wollen wir es anders machen?“ oder im Notfall auch: „Wir können es auch lassen. Wenn, dann muss es uns beiden gefallen.“

Das ist niemals verkehrt. ^-^v

UND: Jeder Tag ist anders. Das gilt auch beim "Kuscheln". Es wäre ja auch sonst langweilig.
 

LIEBER verzichtet auf einen Genuss, als dass es für BEIDE kein schönes Erlebnis ist!

…..
 

Weiter im Text:
 

So richtig kann sie nicht einordnen, was das eben für eine seltsame Situation war.

Obwohl sich die vorherige Situation so komisch anfühlte, lässt sie sich auf seine weiteren Zärtlichkeiten ein. Es war mit Sicherheit nur ein Versehen und sie hätte sich deutlich eher bemerkbar machen müssen.
 

„Wir…müssen uns beeilen…wenn ich dich noch etwas…verwöhnen soll.“, meint er auf seine lockere Art und legt sie behutsam aufs Bett, beugt sich über sie und streichelt ihren Arm. Tina kann ihn nur irritiert ansehen und versucht einfach das Geschehene auszublenden, es war ganz sicher keine Absicht, nein. Niemals würde er etwas tun, was ihr nicht gefällt. Bestimmt liegt es an der Uhrzeit und Training hatte er heute auch noch. Sicher ist er sehr müde, so wie sie. Wenn man müde ist, sind alle Empfindungen etwas anders als sonst. Mit diesen Gedanken lässt sie sich erneut auf ihn ein, gibt ihm eine neue Chance und diesmal kann sie es auch genießen. Es verläuft zwar nicht so lange wie an anderen Tagen, aber müde sind sie beide. Schöne gewohnte Gefühle werden in ihr geweckt und bald kommen beide diesmal zusammen zu ihrem Höhepunkt, den auch Tina etwas genießen kann.
 

Einige Minuten später liegen beide zusammengekuschelt im Bett. Tina kann zuerst nicht einschlafen, zu viel geht ihr durch den Kopf. Was war denn nur heute los? Warum hat er denn nicht bemerkt, dass sie sich unwohl gefühlt hat? Sie hat es ihm doch sagen wollen und war auch laut genug, als sie es erwähnte. Dreimal hat sie versucht ihm ihr Unwohlsein mitzuteilen. Sie zieht sich die Decke bis an den Hals, hat seinen rechten Arm an sich gelegt, wie ein Kissen zum Kuscheln. Im Rücken spürt sie eine Wärme, die sie doch immer so sehr genießt. Sie haben beide nicht über die Situation gesprochen, denn er legte sich kurz nach seinem zweiten Höhepunkt gleich zur Seite und schlief kurz danach so schnell ein, dass sie kaum die Möglichkeit hatte noch etwas zu erklären oder zu fragen, was denn los war. Er machte ein glückliches Gesicht, als er von ihr ließ, als hätte er nichts bemerkt. Er küsste sie und streichelte sie kurz und legte dann seinen Arm zu ihr, hauchte noch ein kurzes:

„Du bist der Wahnsinn. Du machst mich verrückt nach dir, Kleines. Schlaf gut.“ aus und schlief einfach ein. Zuerst beließ sie es dabei. Sicher waren beide viel zu müde, um noch irgendwelche rationalen Empfindungen zu haben, ähnlich, als hätten sie beide etwas zu viel Alkohol getrunken. So fühlt sie sich jetzt. Entschlossen steht sie langsam auf und geht ins Bad. Als sie durch die Stube geht, schaut sie nachdenklich zum Esstisch. (auf dem sie vorher gesessen hat)

‚Warum hat mich das nur so gestört? Es fühlte sich doch alles irgendwie aufregend an und es hat auch nicht wirklich wehgetan oder irgendetwas.‘ Sie ging ins Bad, auf Toilette und kurz danach, hat sie plötzlich ein seltsames Gefühl in ihrem Unterleib. Das kennt sie gar nicht. Auf einmal fühlt es sich ungewohnt an, dieses Nachgefühl, dass sie eben gerade Sex hatte.

Sie geht unter die Dusche. Lässt die Haare jedoch trocken und trocknet sich ab, geht in die Stube und dann zum Schlafzimmer. Sie sieht zu Tangaroa und überlegt, ob sie sich wieder zu ihm legt.

‚Es war eindeutig die Müdigkeit. Er war müde und wusste, dass er sich beeilen muss, sonst wären wir beide nur noch eingeschlafen, statt es zu tun und ich bin vermutlich etwas überempfindlich, weil ich beinahe einen Unfall hatte und auch völlig übermüdet bin.‘ Mit diesen Gedanken legt sie sich wieder zu ihm, kuschelt sich an ihn heran und schläft auch schnell ein.

234. Kapitel Tangaroa und Bettina Teil XIX oder Einseitige Liebe U18

Kapitel 234
 

Tangaroa und Bettina Teil XIX oder Einseitige Liebe
 

Sie lehnt ihren Kopf an seine Brust und klammert sich an einen starken Armen fest. Ihr Körper ist dicht an seinen gekuschelt. Sie kann seine Hitze im Rücken mehr als deutlich spüren. Er legt seine Hände um sie und sein Puls steigt enorm an. Ein Gefühl der Sorge kommt in ihm auf.

„Tina…liebe Tina…ist…ist es so weit? Ist es jetzt vorbei?“

„Ja, Tangaroa.“ Tina fasst hinter sich und berührt seinen Kopf.

„Es muss sein, eben drum, weil du mich liebst, aber…ich bin leider nicht in der Lage dazu. Es tut mir leid.“ Er drückt sie fest an sich, sie spürt seinen starken Herzschlag an ihrem Rücken. Tina legt seine Hand direkt auf ihre nackten Brüste und lehnt ihren Kopf dann an seinen Arm.

„Es tut mir so leid, Tangaroa. Ich…will dir nicht unnötig wehtun. Das hast du nicht verdient. Wenn ich es nicht beende, belüge ich mich nur selbst…und du…du hast etwas Besseres verdient. Es wird gut so sein. Auch wenn es weh tut.“ Sie schluchzt etwas und ihr Herz pocht ganz doll, denn ihr ist es unangenehm es ihm so deutlich zu sagen.

Tangaroa richtet sich etwas auf und bewegt seine Hand zu ihrem Kopf, fährt an ihre Wange und fasst ihr Kinn.

„Tina…ich verstehe was du sagen willst. Darf ich…dich trotzdem noch einmal…küssen? Ein letztes Mal nur, zum Abschluss?“, flüstert er leise und verunsichert. Tina willigt ein und dreht sich zu ihm um. Seine große warme Hand fährt ihre Wange entlang, er lächelt sie sehnsüchtig und liebevoll an.

„Ich liebe dich…meine liebste Bettina. So schnell wird sich daran nichts ändern. Du bist…so wundervoll.“, spricht er seine Gedanken offen aus und dann küsst er sie, sinnlich und leidenschaftlich, lange, so lange, als würde er sie nicht gehen lassen wollen. Er spürt, wie sie auf ihn eingeht, so wie so oft, aber etwas zurückhaltend. Als er leicht von ihr lässt, da lächelt sie ihn an.

„Es ist auch schwer für mich, glaube mir. Das mit uns…es war etwas Besonderes und wenn…ich diese dämlichen Träume nicht wieder hätte, dann…hätte es vielleicht was werden können, aber…so…nein…Tangaroa. Ich…fühle leider nicht…was du fühlst. Und einseitig…ist nicht gut, für keinen von uns beiden.“ Ihr huscht eine Träne über die Wange. Beide liegen auf der Seite und sehen sich nur an. Ihre Hände sind an seinem Arm und an seiner Brust. Seine sind einerseits an ihrem Kopf und andererseits an ihrem Arm. Er streichelt ihren Arm hinauf bis zu ihrem Hals und dann wieder hinab bis zu ihrer Hand.

„Bettina…darf ich…können wir…noch ein letztes Mal…die Welt um uns herum vergessen? Nur…das eine Mal? Nur noch heute Früh?“ Wieder landet seine linke Hand an ihrem Kopf und legt sich auf ihr Gesicht.

„Bitte…ich…ich kann nicht…ich kann dich nicht so einfach…gehen lassen…ohne Abschied.“ Plötzlich greift sie an seinen Oberkörper, fährt mit den Fingerspitzen dem Muster auf seiner Brust hinauf bis zu seinem Hals und endet wieder an seinem Oberarm.

„Ich…kann das…doch auch nicht.“, flüstert sie und dann richtet sie sich etwas auf, schiebt ihn zurück ins Kissen und lächelt ihn an.

„Nur das eine Mal noch, wir vergessen einfach…alles…für dieses letzte Mal, Tan-kun.“ Ohne weiter etwas zu sagen, dreht er sich auf den Rücken, zieht sie leicht mit sich, denn ihrer Andeutung, auf ihm sitzen zu wollen, folgt er liebend gern. Beide lächeln sich sehnsüchtig und verlangend an. Seine Hände wandern ihre Taille entlang und sie lassen sich Zeit, sehr viel Zeit. Als würde er sie das erste Mal lieben wollen und jeden Millimeter erkunden. Ihre Hände wandern ebenso an seinem Körper entlang, fahren einigen Linien und Abbildungen nach und landen dann auf seinem Brustbein.

„Ich muss mir alles…genau einprägen. Du bist einfach das Schönste Wesen, was ich kenne.“ Kurz darauf fasst er sie am Rücken, kommt ihr entgegen, drückt sie an sich und sie küssen sich leidenschaftlich und versinken in zärtlichen Momenten.
 

Etwa zwei Stunden später verlässt Tangaroa das Haus und geht zu seinem Termin.

Tina steht in der Küche und räumt den Geschirrspüler ein. Die Verabschiedung geht ihr so schnell nicht aus dem Kopf.

Kurz nach den schönen Momenten und ihrem Frühstück bringt sie ihn zur Tür. Plötzlich packt er sie zärtlich, aber unangekündigt und drückt sie fest an sich. Er umarmt sie, als hätte er sie vermisst und sehr lange nicht gesehen.

„Bettina…es tut mir leid…es fällt mir…wahnsinnig schwer.“ Sie kann plötzlich etwas Nasses auf ihrer Schulter spüren, es ist warm und wird eindeutig von seinem Schluchzen begleitet. Er drückt sie immer fester an sich.

„Tan-kun…du…erdrückst mich.“, sagt sie schwer atmend. Er schreckt zurück. „Tut mir leid. Ich…du…du wirst mir fehlen.“ Tina blickt zu ihm auf, legt ihre Hand auf seine Schulter und die andere wischt seine Tränen auf seiner Wange weg. Sie lächelt, als würde sie einem Kind sagen, dass es tapfer sein soll.

„Bleib stark, das muss ich doch auch. Immer wieder, jeden Tag. Es tut mir sehr leid, es ist nicht deine Schuld. Das musst du wissen. Aber…wenn nur du liebst, ist es besser so. Ich…bin vermutlich nicht dafür gemacht, nicht für dich, Tan-kun. Ich…ich kann es nicht erzwingen, ich habe es versucht und ich habe viel überlegt…es ist sinnlos.

Versprich mir eins: Sei fröhlich…so fröhlich, wie du immer bist. Sei ruhig ein wenig mutiger, wenn du wieder einer Frau begegnest, die du magst. Du hast alle Qualitäten, die ein Mann mitbringen muss. Viel Herz, Verstand, Mut und Ehrgeiz. Und sei stolz! Sei stolz auf das was und wer du bist und was du bereits alles erreicht hast. Beginne ein neues stolzes Leben hier in Japan, jetzt als Japaner. Leider…aber ohne mich.

Ab nun wird dich Jun hauptsächlich beraten und betreuen, dann Doktor Sato, oder du lässt den Kontakt über euren Mannschaftsarzt vom Tokio-Team laufen, das ist auch okay. Bitte sei mir nicht böse.

Wir sehen uns…aber erst dann, wenn wir beide den passenden Partner gefunden haben. Okay? Erst dann…dürfen wir uns wiedersehen, vor allem, alleine.“

Er fasst ihren Kopf und sieht sie verbittert an.

„Ich weiß, aber…es wird schwer, ich liebe dich doch wirklich.“

„Genau deswegen…deswegen muss es sein.“ Er küsst sie sinnlich und auf verzweifelte Art.

„Ich…liebe dich Bettina. Ich werde…dich bestimmt immer lieben.“, gesteht er und lässt sie dann los und greift nach seiner Sporttasche.

„Danke…danke, dass wir es wenigstens versucht haben.“, sagt er leise und sieht sie gar nicht dabei an. Sein Blick ist zur Tür gerichtet.

„Danke dir, Tan-kun. Danke dir, dass ich wieder Vertrauen gefunden habe. Das Gefühl, einem großen starken Mann vollkommen zu vertrauen.“

Sein Puls steigt enorm an, als er die Türklinke in der Hand spürt und ihre schönen Worte hört.

‚Ein Abschied für immer? Seitdem ich dich das erste Mal gesehen habe und dir dann in deine schönen Augen gesehen habe, seitdem gibt es nur EINE für mich.‘ Plötzlich lässt er die Tasche fallen, lässt die Tür los, dreht sich um und starrt Tina an. Sie steht in ihrem schlichten Hausanzug gleich vor ihm, neben der Kommode, auf der das Telefon und eine Vase stehen. Sie sieht ihn mit ihren großen Augen an und hat die Hände an ihren Armen gehalten, als wäre ihr kalt. Auch ihr ist es nicht wohl dabei, aber was sein muss, muss sein. Er tritt an sie heran, legt seine Linke an ihren Rücken, zieht sie an sich heran, fährt langsam und sinnlich mit der Rechten ihren Arm hinauf, gleitet über Hals und Ohr, führt diese in ihre Haare, greift zärtlich ihren Hinterkopf und führt ihren Kopf zu sich hoch, beugt sich hinab und küsst sie leidenschaftlich.

‚Ich will nicht mehr ohne dich sein, Bettina. Du bist so wundervoll und liebevoll. Es wird nie eine andere für mich geben.‘

‚Tangaroa…mach es uns doch nicht so schwer.‘ Ein Kuss, der sich durch beide hindurchzieht und ihre gemeinsame Zeit in Erinnerung ruft.

Als der Kuss ein Ende findet und er sie nur festhält und in ihre Augen sieht, spricht er mit fester Stimme.

„Versprich mir etwas. Komm gerne zu mir, wenn du dich einsam fühlst. Ich werde immer für dich da sein. Sei wieder fröhlich, Tina. Bitte…sei ab jetzt wieder fröhlich. Ein trauriges Gesicht passt nicht zu dir. Du bist eine Frohnatur. Genau in diese Frohnatur und deine selbstbewusste Art habe ich mich damals verliebt. Es war nicht nur deine Schönheit, dein Lächeln und dein warmes Herz.

Bitte sei ab nun wieder fröhlich…finde einen Weg, auch wenn dieser Weg nicht mit mir sein wird, aber…gehe ihn.

Ich will, dass du glücklich wirst.“
 

Die Trennung von Tangaroa ist etwa zwei Tage her. Inzwischen ist Tina voll mit dem Kochbuch für das Team beschäftigt und sitzt am PC, um die Daten in die einzelnen Kundenordner zu schieben, die ihr Doktor Sato gesendet hat. Im Radio hat sie sich eine schöne CD gelegt und summt fröhlich mit.

‚Ach Tangaroa, du hast ja so Recht. Ich muss fröhlich sein. Das verspreche ich. Ich versuche wieder fröhlicher zu sein.‘

Plötzlich hat sie ein furchtbares Stechen im Unterleib. Das ist nicht das erste Mal, dass es passiert, aber diesmal ist es sehr stark. Tina greift zur Schublade, nimmt eine Tablette gegen Regelschmerzen, denn darüber wegsehen kann sie heute nicht. Sie schiebt den furchtbaren Schmerz auf ihre aktuell bevorstehende Regelblutung. Sie weiß, sie ist jeden Tag damit fällig. Sie kann zwar nicht genau die Uhr danach stellen, aber die Tage passen. Dass es ihr dabei wehtut, das ist nicht ungewöhnlich. Somit arbeitet sie eifrig weiter. Der Schmerz legt sich etwas. Nach etwa einer Stunde steht sie auf und geht auf Toilette.

‚Hm. Wieder nix. So langsam dauert mir das diesmal zu lange.‘ Zur Sicherheit kontrolliert sie ihren kleinen Faden der Spirale und stutzt.

„Nein! Das kann nicht sein.“ Sie kann ihn nicht fühlen. Das kann sie doch sonst auch. Gleich nach ihrer ersten Nacht mit Tangaroa hat sie alles kontrolliert, um im Notfall zur Apotheke zu gehen. Alles war okay. Auch die darauffolgende Kontrolle bei ihrer Frauenärztin war normal. Alles da wo es hingehört. Warum soll da was sein? Sie steht bald auf und eilt zum Waschbecken. Der Griff zur Seife fühlt sich seltsam an, der Blick in den Spiegel ebenso.

‚Was ist…wenn es passiert ist?‘ In ihr steigt ein großes Unbehagen auf, gefühlt wie Angst. Angst es könnte plötzlich alles vorbei sein, denn darauf ist sie nicht vorbereitet. Nein. Ein Kind, ausgerechnet jetzt und dann…mit einem Ex-Partner, den sie nicht liebt? Nein das darf nicht sein, auf keinen Fall.

Mit zittriger Hand rechnet sie nochmal die Tage genau durch. Es sind fast drei Wochen rum und sollte etwas passiert sein, dann ist es eventuell schon mit einem Test nachweisbar. Ihre Regelblutung kommt im Normalfall gerne zu früh, aber eher selten zu spät, schon gar nicht drei Tage zu spät. Sie stellt sich auf die Waage, natürlich ist da nix Neues. Alles normal. Auch wenn, das ist ihr klar, würde da noch nichts zu messen sein. Hastig geht sie in die Küche und schaut sich ihren Ernährungsplan durch. Was war die letzten Tage? Was ist anders als sonst?

Gestern, ja, da hatte sie Heißhunger auf Sushi. Sushi mit Gurke, das ist eher selten sie mag lieber Lachs und Avocado oder Frischkäse und gegrillten Lachs.

Und gestern Abend, ja da hatte sie Appetit auf Nüsse. Als sie sich dann welche gönnte, war es gleich eine ganze Packung. Sie weiß, da muss sie heute auf gesättigte Fette verzichten. Also gab es heute Früh Salat und nur Brot mit Quark. Und heute Mittag da hatte sie Sodbrennen. Das hat sie sehr selten, meist nur, wenn es Alkohol und etwas Fettiges gab oder Chips und Schokolade zusammen. Nach einer Party. Deswegen macht sie danach immer eine Sonderkost mit vielen milden Früchten wie Bananen und Äpfel. Hastig schaut sie zur Uhr. Es ist kurz vor 18 Uhr.

„Jun. Er müsste noch in der Praxis sein.“ Sie stürmt zur Tür und läuft zum Studio. Unterwegs ruft sie Jun an.

„Hallo Tina. Kommst du voran? Ich habe hier gerade das nächste Team vor der Nase. Es ist das Tokio-Team der Rugbyspieler.“

„Ja, alles gut. Bist du noch in Satos Praxis?“

„Ja, warum?“

„Ich muss sofort zu dir. Du musst mich untersuchen.“

„Was ist denn? Geht es dir nicht gut?“

„Erzähle ich dann. Ich setz mich hinten in den VIP-Raum.“

„Okay. Bis gleich.“
 

Es dauert nicht lange, da wird sie aufgerufen und Jun kommt aus der Nebentür. „Na dann komm rein. Sato ist heute nicht da.“

„Ich weiß. Du kannst das auch.“ Sie betritt den Raum und die Tür wird geschlossen.

Tina bleibt stehen. Sie ist zu aufgewühlt, um sich setzen zu können. Jun steht vor ihr und reicht ihr zuerst die Hand, um sie zu begrüßen.

„Du siehst etwas blass aus. Was ist los?“

„Ich…es ist mir echt unangenehm, vor allem vor dir, aber…ich muss es sofort wissen und kann nicht bis Montag warten.“

„Okay. Nun sag schon.“

„Ich glaube…meine…Spirale ist verrutscht oder vielleicht sogar rausgerutscht.“ Jun sieht sie total entsetzt an. Er wusste bis dahin nicht einmal, dass sie eine trägt.

„Tina…ist das dein Ernst?“

„Ja, ist es. Kannst du das untersuchen? Mit dem Ultraschall?“

„Man, das muss ich sehen. In der Regel wird das vaginal untersucht. Dafür fehlen mir die Mittel und außerdem bin ich kein Gynäkologe. Ich müsste erst genau sehen wie es im Normalfall aussieht.

Und eine Freundin bist du auch. Das wäre doch irgendwie komisch, oder nicht?“, versucht er sich etwas herauszureden.

„Sato hat so ein Ding dafür damals mitbestellt. Einfach für den Notfall. Du weißt sicher wo die Ersatzteile und Zusatzteile von dem Gerät sind. Da war auch ein Buch dabei.“ Jun atmet tief durch.

‚Tina, du hast keine Ahnung was du da von mir verlangst.‘

„Nur weil sie verrutsch ist, heißt das noch gar nichts. Ihr werdet doch wohl nicht ohne zweite Verhütung gewesen sein. Du sicherst immer alles dreimal ab, also dann auch sicher bei sowas.“, erklärt er.

„Eben nicht. Ich…wir wollten es doch auf die ernste Tour, richtig als Paar, also…naja…also ohne Kondom.“, sagt sie etwas zögerlich und holt Luft.

„Und ich…bin schon drei Tage überfällig. Esse komische Dinge. In der Regel, kommt meine Blutung früh, aber nicht verspätet und Schmerzen habe ich auch.

Ich…finde den Faden nicht.“, versucht sie ihn verzweifelt zu überreden. Er setzt sich auf den Schreck hin.

„Wir können einen Test machen, das geht auch.“ Tina tritt an ihn heran und legt ihre Hand auf seine Schulter.

„Bitte. Ich bitte dich. Jun, ich muss erst wissen was mit dem Ding ist. Ich kann nicht so lange warten bis Sato wieder da ist. Wir haben Freitagabend, das geht nicht. Ich vertraue dir.“

Entschlossen steht er wieder auf und geht an einen Schrank und holt eine Schachtel heraus. Darin liegt das Gerät, was benötigt wird und eine Tube passendes Gleitgel sowie ein Buch. Er hält es noch eingepackt in den Händen schaut aufs Ablaufdatum des Gels.

‚Tina…du verlangst von mir wirklich, dass ich den Frauenarzt spiele und dich damit untersuche?‘

„Ich…habe das noch nie gemacht, was ist, wenn ich dir weh tue?“

„Quatsch. Was soll denn da weh tun? Ich bin doch kein junges Mädchen mehr, das sowas das erste Mal macht.

Hör zu, ich habe extra ein Laken mitgenommen und ich lege mich jetzt dort auf die Liege und du bereitest alles vor. Machst das Ding sauber und dann machst du das Ding da drüber, wenn du keins hast und dann mache ich es selbst. Du musst ja nur den Bildschirm sehen. Du musst mich nicht da unten ansehen, okay?“ Sie hält ihm eine Packung mit einem Kondom in durchschnittlicher Größe vor die Nase.

„Du bist also vorbereitet.“

„Klar. Mir ist klar, dass ich am Montag nochmal zum Arzt muss, aber ich muss es jetzt wissen. Ich habe morgen eine kleine Party und da wird in der Regel was getrunken. Ich muss wissen, ob ich darf oder nicht.“

„Du versuchst mir nur Mut zu machen, stimmts?“, lächelt er plötzlich.

„Jo.“, grinst sie zurück, geht zur Liege, zieht ihre Schuhe aus und holt ihr Bettlaken aus dem Rucksack. Dann legt sie sich auf die Liege, legt das Laken über ihren Körper und zieht den kurzen Rock hoch.

„Sag dann, wenn du soweit bist.“

„Okay.“ Jun macht alles Nötige fertig und rollt das Gerät zurecht, schließt alles an und zieht das Kondom auf die Vaginalsonde. Dann drückt er das Gel aus und verteilt es mit seinem Handschuh.

„Gut, wenn ich dir die Sonde gebe, dann teste bitte vorher an einem Oberschenkel, einfach, damit ich weiß, ob es Bilder gibt, die zuverlässig sind.“ Tina Nickt und zieht unter dem Laken den Slip aus und nimmt ihm dann die Sonde ab, die er ihr unter das Laken reicht.

„Sei vorsichtig. Es selbst zu tun ist sicher komisch.“

„Ach was. Ist doch fast wie ein Dildo, wo ist das Problem?“, lacht sie etwas und versucht es mit Humor zu nehmen. Sie legt die Sonde wie abgesprochen auf einen Schenkel und wartet auf seine Reaktion. Jun jedoch starrt nur auf den Bildschirm und versucht ihren Scherz zu überhören.

‚Also echt. Tina ist manchmal wirklich vulgär. Dieser Vergleich.‘

„Und? Sind es gute Bilder?“

„Äh, ja. Sieht alles gut aus. Kannst anfangen.“

Es dauert nicht lange, da kann er schon etwas sehen.

„Warte. Langsam zurück und nach links.“ Tina macht was er sagt.

„Oh, äh, nein, sorry. Nach rechts, meine ich.“

Tina schaut zu ihm zur Seite auf den Bildschirm.

„Du hast Recht. Es sieht nicht mittig aus. Bitte halte so still, ich schau fix ins Buch.“ Er blättert etwas durch das Buch des Ultraschallgeräts und sieht sich die Beispiele für diese Untersuchungsmethode an.

„Sie müsste mittiger liegen. Der Faden ist da, aber etwas verzogen. Deswegen kannst du ihn vermutlich nicht ertasten. Also muss dir deine Ärztin das Ding neu einsetzen.“

„Ich habe es befürchtet. Gut. Mehr kann man eh noch nicht sehen, oder?“

„Nein, alles andere geht erst ab der 5. oder 6. Woche, wenn denn was ist. Also machen wir jetzt noch einen Bluttest und einen Urintest. Mehr können wir jetzt nicht machen.“

„Okay. Warum diesmal einen Bluttest und keinen normalen Pinkeltest?“

„Es ist genauer. Aber egal wie er heute ausfällt, müssen wir den in drei Wochen oder vier Wochen nochmal wiederholen.“

„Warum das?“ Tina entfernt die Sonde, zieht unter dem Laken noch das Kondom ab, wickelt es ins Papier, welches sie sich schon zurechtgelegt hatte und reicht ihm die Sonde hin.

„Das sage ich dir dann, wenn wir den Test gemacht haben.“

Es wird alles fertig gemacht, sich gereinigt, der Müll entsorgt und bald sitzt Tina normal und aufrecht auf der Liege. Jun kommt mit der Spritze für den Bluttest. Auch den normalen Urintest hat er dabei.

„Wir machen beides. Wann hast du das letzte Mal die Spirale kontrolliert? Also vor dem heutigen Tag?“

„Hm, na gleich nach der ersten Nacht mit Tangaroa. Da war alles okay. Und bei der Ärztin war ich ja auch.“

„Okay. Dann kann es also ab da an passiert sein. Hast du nichts außergewöhnliches bemerkt?“ Tina schüttelt den Kopf.

„Nein, ich achte immer auf alles.“

„Und hormonell? Meinst du, da kann was sein?“

„Keine Ahnung.“ Jun legt Tinas Arm zurecht, desinfiziert und beginnt.

„Gut. Das Ergebnis dauert etwas und ich muss mich zum Testen zurückziehen. Deswegen machen wir den Urintest gleich danach.“

„Okay.“

„Den hättest du auch selbst holen und machen können.“

„Bist du verrückt? Wenn mich einer in der Apotheke erkennt, na dann prost Mahlzeit. Die große Schlagzeile, „Ist sie schwanger, ja nein und von wem?“ Da habe ich sicher keinen Bock drauf. Und außerdem ist es dann schneller in der Presse, als ich es Tangaroa gesagt habe.

Wir müssen erstmal wissen was wirklich ist, bevor ich irgendwelche Pferde scheu mache.“, knurrt sie ihn etwas an. Jun ist fertig und legt alles beiseite.

„Da hast du Recht. Gut. Also, du gehst jetzt in die Toilette und bringst mir deine Probe raus. Wir machen das gemeinsam.“

„Okay.“ Tina schnappt sich das Becherchen und verschwindet sofort. Kurz darauf kommt sie schon wieder und stellt es auf den Tisch neben dem Glas mit den Teststreifen. Sie will sich einen Streifen schnappe, aber da geht Jun dazwischen.

„Halt. Noch nicht.“

„Wieso? Sag jetzt nicht, das muss erst abkühlen oder so einen Quatsch.“

„Nein, darum geht es nicht. Setz dich bitte in den Stuhl.“

„Echt jetzt? Was kommt jetzt, eine Belehrung? Ich kenn diese Psychospielchen. Das gehört zu meinem Beruf.“

„Setzen, sonst passiert hier gar nichts und du musst bis Montag warten.“

„Man ey. Bist du gemein.“ Sie setzt sich widerwillig auf den Stuhl am Schreibtisch.

„Na dann, Doktor Misugi.“, grinst sie. Jun setzt sich hin und gibt etwas in den PC ein.

„Was schreibst du da jetzt? Kommt das in meine Akte?“

„Natürlich, oder glaubst du etwa, ich kann das mal so eben als Spesen abrechnen? Wenn was ist, muss es eh rein.“

„Ich will aber nicht, dass Martin davon was sieht.“

„Keine Angst. Das wird er nicht. Du weißt, dass die Daten von uns hierbleiben. Im Moment ist da noch gar nichts, was er wissen muss.“

Er lehnt sich zurück und sieht Tina an.

„Nun, ich möchte nur eine kleine Sache von dir. Dann bist du schon entlastet.“ „Leg los.“ Er greift einen kleinen Notizzettel und einen Stift und legt ihr beides hin.

„Nimm dir einen Moment Zeit und gehe in dich. Beantworte eine Frage. Ich muss das Ergebnis nicht sehen. Das ist dir überlassen.“

„Na toll. Echt jetzt?“

„Was wirst du tun, wenn die Tests beide positiv ausfallen? Wenn es also wirklich passiert ist?“

„Wieso soll ich das jetzt entscheiden? Dafür muss ich erst das Ergebnis wissen.“ „Weil du DU bist, Tina. Du fängst dann erst an darüber nachzudenken und wiegst unzählige Pro und Contras ab. DAS HIER…muss bei einer Persönlichkeit wie DIR eine spontane Entscheidung sein. Eine Entscheidung aus dem Herzen heraus, einfach so, ohne eine lange Überlegung. Ich weiß, egal was du entscheidest, genau das ist auch was du willst.“ Tina sieht ihn mit einem bösen Blick an, schnappt sich Zettel und Stift und schreibt etwas auf, faltet es zusammen und steckt es in die Rocktasche.

„Gut. Erledigt.“

‚Was war das für ein böser Blick? Das war aber eine schnelle Entscheidung.‘

„Du weißt schon, dass diese Entscheidung nicht nur dich alleine etwas angehen wird. Aber du bist die Person, die diese Entscheidung alleine treffen darf. Du solltest also nicht zu voreilig entscheiden.“

„Ist erledigt. Laver nicht so lange rum.“ Sie steht auf und geht zum Tischchen und greift sich endlich einen Streifen.

„Gut, tauche es ein und dann leg es daneben und warte ein paar Minuten.“

„Ich kenn das Spiel doch schon. Wir machen jeden Monat drei Tests.“ Neugierig schauen beide auf den Streifen, der nun auf dem Papier liegt.

Er beginnt sich langsam zu verfärben. Tinas Herz rast. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Warum nur? Sie setzt sich auf den Stuhl zurück und sagt nichts. Wie angespannt legt sie ihre rechte Hand auf den Tisch und spielt etwas mit ihren Fingern. Jun ist erstaunt, kein Wort, nur ein Hinsetzen.

„Nun gut. Ich werte jetzt den Bluttest aus. Der kann uns genauere Daten liefern. Aber da dieser Test positiv ist, ist das Hormon auch da, vor allem schon mindestens 10 Tage. Kürzer kann es nicht zurück nachgewiesen werden.“

„Was sagt uns der Test dann mehr aus, als der Einfache?“

„Das sage ich dir, wenn es soweit ist.“ Er verschwindet mit der Blutprobe im Nebenzimmer.

‚Dann ist es also schon vorbei…mit meinem Sport.‘ Tina steht nach einer Weile auf, geht an den Tisch mit der Urinprobe und greift drei weitere Stäbchen und taucht sie ein. Sie liegen nicht lange daneben, schon verfärben sie sich wieder. Sie atmet tief durch.

‚Tangaroa...was mache ich jetzt?

Ich kann mir das Leben gar nicht vorstellen, so alleinerziehend, ohne meinen Sport und wenn es nur eine Weile ist. Ein Leben dann wie Akane? Ein Kind und ohne Mann im Haus? Geteiltes Sorgerecht? Was soll das sein? Nichts Halbes und nichts Ganzes. So ein seltsames ungeordnetes Leben wollte ich nie führen.

Ich bewundere dich so sehr Akane, dass du es geschafft hast, wieder an die Spitze zu kommen, aber ob ich das auch kann? Ich habe keine Eltern oder Bruder, die mir das Kind mal abnehmen können, so wie du. Ja, auch jetzt sind sie nicht mehr alle da, nur noch Takeru, aber immerhin er und deine Schwägerin sind noch da. Und die Großeltern alle. Alle sind da und halfen mit. Und ich? Ich bin hier alleine. Freunde sind keine Familie.

Ja, ich weiß nicht wie das laufen soll, wenn es so ist.‘ Sie stützt sich auf dem Tisch auf und vergräbt ihr Gesicht in den Händen.

‚Warum jetzt und warum denn ausgerechnet so?

Jetzt kann ich gar nichts mehr erreichen. NICHTS. Ich nehme nicht an den internationalen Turnieren teil und die Olympiade habe ich auch abgelehnt. Wenn der Asien-Cup nicht gewesen wäre, wäre ich gar nichts.

Und jetzt? Mindestens zwei Jahre Pause? Wie soll ich das schaffen?

Alles geht doch kaputt, wenn ich nicht einmal meine Sponsorenverträge einhalten kann. Das Studio hat jetzt erst geöffnet und da kommt noch nicht viel rüber, um alleine davon zu leben, nein…zu zweit.‘ Sie geht zur Tür, hinter der sich Jun befindet.

„Weißt du schon mehr?“

„Geduld, Tina. Ich kann nicht zaubern.“

„Doch, das kannst du.“

„Es könnte zwar jetzt positiv sein, davon gehe ich auch aus, aber später in drei oder vier Wochen kann es auch negativ ausfallen. Wir müssen abwarten.“

„Oh. Wirklich? Und wieso?“

„Gerade bei einem Verrutschen der Spirale kann es sein, dass sich das Ei falsch einnistet. Entweder es stirbt dann von selbst einfach ab und verlässt auf natürlichem Weg durch die nächste Blutung, deinen Körper oder es ist eine Eileiterschwangerschaft.“

„Oh. Stimmt. Das stand bei den Nebenwirkungen drin. Die Nachteile. Und wieso gibt es trotzdem das Hormon?“

„Dein Körper weiß, dass da was ist, bildet es quasi automatisch. Du kannst also damit rechnen, dass sich so oder so ein wenig was in den nächsten zwei Monaten an dir ändern könnte. Das Hormon gibt immer Signale, dass ein Baby im Anmarsch ist und da kommt halt eins zum anderen.“

„Na toll. Aber eine Eileiterschwangerschaft ist doch riskant.“

„Ja, das ist es, aber wenn, dann sehen wir es rechtzeitig, weil wir jetzt schon einen Verdacht haben. Du musst dir also keine Sorgen machen, weil wir es in diesem Falle sofort wissen.“

„Und ab wann weiß man genauer Bescheid?“

„Erst nach etwa 5 bis 6 Wochen Einnistung. Vorher kann es nicht genau erkannt werden.“ Tina schweigt.

‚So eine lange Wartezeit. Das ist ja furchtbar.‘

„So, ich habs. Ich komme gleich raus. Setz dich bitte schon.“

Tina folgt seiner Ansage und geht wieder zurück an den Tisch. Jun tritt aus dem Hinterzimmer heraus und geht zu ihr. Er hat einen Ausdruck des dortigen PCs in der Hand und setzt sich ihr gegenüber.

„Ich kenne deine Entscheidung ja nun nicht, aber…hier. Sieh selbst.“, sagt er mit ernstem Blick und legt ihr das Blatt auf den Tisch.

„Positiv.“ Und ein paar Zahlen stehen hinter einigen Abkürzungen.

„Ich habe mit nichts anderem gerechnet. Was nun? Was genau bedeuten die ganzen Zahlen?“

„Dass es etwa 12 Tage her ist. Wie lange trägst du die Spirale denn bereits?“

„Hm, seit ich 15 bin. Das ist meine Erste, aber die Ärztin hier sagte mir solange ich regelmäßig kontrolliere, passt sie sich an. Ausgewachsen war ich ja bereits mit 16 etwa.“ Jun sieht sie völlig überrascht an.

„Wie jetzt mit 15 schon? Ist das in Deutschland so üblich? So früh?“

„Nein. Komme ich dir etwa normal oder durchschnittlich vor?“ Er lehnt sich zurück.

„Sorry. Geht mich ja nichts an. Tut mir leid.“ Tina lehnt sich ebenso an.

„Das hatte seine Gründe. Eine Klassenkameradin war schuld. Sie wurde eines Tages vergewaltigt und hat es niemandem gesagt. Dann wurde sie schwanger. Sie trieb das Kind ab.

Ich entschied für mich dann, sollte mir das mal passieren, sollte nicht auch das noch passieren. Außerdem…war damals jemand da, den ich mochte und das Thema stand eh auf dem Fahrplan. Ich wollte die Entscheidung treffen, dass ich schon verhüte. Da sprach ich mit meiner Mutter und sie riet mir dann zur Spirale. Ich wollte keine Pille nehmen, weil ich wegen der Schmerztabletten eh immer schon so viel Chemie in mich reinstopfte. Also blieb nicht viel Auswahl. Und die Wahrscheinlichkeit ist damit am geringsten.

Naja, wenn nix verrutscht.“, ergänzt sie grummelig und sieht zur Seite.

„Ich verstehe was du meinst. Du hattest echt schon einen Freund?“ Sie schweigt einen Moment.

„Erst später, vor dem Umzug hier her.“, sagt sie nur.

„Du hast vorhin gemeint, du hast Schmerzen. Wo genau sind die und wie stark?“

„Hm, es fühlte sich normal wie Regelschmerzen an. Etwas mittig, nicht an der Seite, wenn du das meinst.“

„Du weißt worauf ich hinauswill?“

„Ja, wegen der Vermutung einer Eileiterschwangerschaft. Das Risiko ist höher bei einer verrutschten Spirale, ich weiß. Soweit waren wir schon.“

„Okay, Wir werden diesen Bluttest in vier Wochen wiederholen. Solange musst du dich gedulden. Du kannst ihn aber auch bei deiner Frauenärztin machen.“

„Okay, mache ich. Ich werde am Montag gleich zu ihr gehen.“

„Gut, also, treten die Schmerzen nochmal auf oder werden stärker, melde dich bei mir oder bei ihr. Folgt deine Periode doch noch, melden. Und mach ruhig alle zwei Tage einen Urintest, nimm dir die Streifen mit. Vielleicht ist es nur das, was danebenging. Mehr können wir nicht tun. Wenn es so ist, dann geht das Hormon bald von selbst weg. Wann kann ich dir jetzt nicht sagen. Bin halt nicht vom Fach und kann jetzt nicht nachlesen. Ich werde dir aber ne SMS senden, und eine Tagesanzahl schicken. Dann weißt du, wann es eventuell zurückgehen müsste.“ „Okay. Was ist mit meinem Sport?“

„Mach weiter wie bisher. Da ist vorerst nichts zu beachten. Ich werde jedoch nochmal in einem Fachbuch zu Hause danach schauen, was dort geraten wird. Aber solange du keine zu großen Schmerzen hast, sollte es gehen.“

„Sato wird es eh sehen, oder?“

„Ja, das bleibt nicht aus. Ich kann ihn auch anrufen und gleich fragen, wenn du willst.“

„Bitte mach das. Ist okay.“ Jun greift zu seinem Handy und wählt eine Nummer. Plötzlich klingelt es und er nimmt etwas erschrocken ab, weil sein Finger noch an den Tasten liegt.

„Huch…äh. Sorry.“, sagt er in den Hörer, ohne zu wissen wer da am anderen Ende sitzt.

„Jun? Nanu. Das ging aber schnell.“

„Oh, du bist es. Ja, ich wollte eigentlich einen Kollegen anrufen, aber da klingelte es genau dann.

Ist es sehr wichtig?“

„Ja, sehr dringend.“

„Moment.“ Er sieht zu Tina.

„Ein Freund, darf ich kurz?“ Sie nickt ab.

„Gut, du kannst. Was gibt’s?“ Am anderen Ende sitzt Kojiro auf einer Bank, unter einem Baum im Schatten und macht eine Laufpause. Er befindet sich auch Okinawa.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Das Schöne heutzutage ist das Internet.

Man kann genau nach den Sonnenaufgängen in Tokio schauen, genau auf den Tag genau. Ist doch genial. Also, die Zeit stimmen in der bürgerlichen Dämmerungszeit. =) Ich habe noch ein wenig die hohen Häuser dazugerechnet.
Habt also gerne im nächsten Kapitel schonmal diesen Blick vor Augen. =) Komplett anzeigen

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