Homecoming
Eisige Kristalle tänzelten durch die Winterluft, als der Wind flüsterte, manchmal einen schrillen Ton pfiff und die Landschaft unter einer dicken Schneeschicht vergrub. Heute herrschte dichter Schneefall, der erst mit wenig kleinen Flocken begann, die in drehenden Bewegungen auf die Landstraße herabsegelten, sich dann zu einem weißen Schleier von nah und fern bildete.
Akaza Rengoku zog den Wollschal enger um seinen Hals, als ihn ein frostiger Windzug von hinten erwischte und er bis auf die Knochen fror.
»Darf ich dich wärmen, mein Lieblingsdämon?«, flötete Kyojuro Rengoku süß an seinem Ohr.
Ruckartig zuckte er zusammen, schnellte herum und wich einen Schritt nach hinten aus.
»Verdammt, musst du mich so erschrecken?«, keifte Akaza und spürte weiterhin den warmen Hauch seiner Stimme. »Ich kann dich in zwei Sekunden besiegen!«
Daraufhin lachte Kyojuro und klopfte ihm als Entschuldigung auf die rechte Schulter. In seiner anderen Hand hielt er den Einkaufsbeutel aus dem Supermarkt, der am Rand der Kleinstadt stand und eine Tankstelle besaß.
»Du warst so in Gedanken versunken, da konnte ich einfach nicht widerstehen.«
Der internationale Kampfsportler schnaufte, dabei formten sich weiße Wölkchen, die nach oben stiegen und ihm temporär die Sicht versperrten. Dennoch strahlte Kyojuros Gesicht hell und klar, was Akazas Bauch mit Schmetterlingen flutete. Dagegen war er leider machtlos.
»Sei froh, dass ich dich liebe, du Hitzkopf.«
»Ich liebe dich auch.«
»Hm, wieso riechst du so komisch?«, bemerkte Akaza und schnüffelte an ihm. »Ist das etwa?«
»Richtig geraten.«
Kyojuro nickte stolz und öffnete den Beutel. Neben ein paar Snacks und Limos kaufte er eine Ware aus seiner Kindheit, die im Winter viele Leben gerettet hatte.
»Aber die Aktion machen wir erst nach dem Cafébesuch, oder?«, fragte er direkt.
»Bevor wir das Ritual aus unserer Jugendzeit zelebrieren, sitzen wir in unserem Lieblingscafé Amai kagayaki und schwelgen in alten Zeiten.«
Akazas Lippen kräuselten sich, boshaft und entzückend leckte er sich über die Lippen.
»Wie sehr ich den Geschmack meines Lieblingskaffees vermisst habe«, hauchte er und seine Fingerkuppen strichen über Kyojuro Wange. »Wann darf ich dich wieder vernaschen?«
Sein Gesicht färbte sich eine Nuance dunkler. Er wollte soeben etwas erwidern, doch Akaza kam ihn zuvor, indem er ein Zeigefinger auf seine Lippen legte und den Kopf schüttelte. Dann munkelte er einen Satz. Kyojuro erstarrte und schluckte einen Kloß im Hals hinunter.
»Bist du einverstanden, mein Feuerkrieger?«
Ohne eine andere Wahl zu haben, nickte er und schmollte unter Akazas triumphierenden Blick.
»So ist es brav«, lobte er ihn und küsste seine Stirn. »Und jetzt lass uns weiterfahren.«
»Manchmal habe ich das Gefühl, du spielst nur mit mir«, seufzte Kyojuro.
Seine Augen wurden etwas milder, doch seine Zunge brannte scharf. Akaza legte seine Stirn an Kyojuros. Jeder verlor sich in den Blick des anderen.
»Du verstehst das falsch, mein Liebling«, erklärte er besonnen. »Ich lehne nur die Schwachen ab. Ich verfluche nur die Versager. Seit dem Tod meines Vaters machen mich Schwächlinge und andere ohne Ziele nur krank. Ich respektiere nur die Starken. Und du bist mein Ehemann!«
Beinahe rührte die Ansage ihn zu Tränen. Kyojuro kicherte und blinzelte eine Träne weg.
»Dann koste meine ungestüme Rache für dein Verhalten, ob du willst oder nicht.«
»Ich liebe wahre Herausforderungen. Niemals unterschätzt du mich und kämpfst ehrenhaft.«
»Meine Mutter lehrte es mir und ich werde es an unseren Kindern weitergeben.«
»Im Gegenzug entscheide ich, welchen Namen sie bekommen«, erwiderte Akaza und streckte ihm die Zunge entgegen. »Das ist nur fair.«
Arrogant wie eh und je ging er wortlos zur Beifahrertür, doch setzte er ein aufrichtiges Lächeln auf. Es verriet die Zukunft. Bald bestand die Möglichkeit, eine eigene Familie zu gründen.
Die Worte erfroren in Kyojuros Kehle, weil sein Ehemann erst viel später Kinder haben wollte, und jetzt aus heiterem Himmel planten sie gemeinsam in der Richtung. Er konnte sich echt wie ein Arsch verhalten. Zunächst fackelte er nicht lange, ihm seine Meinung über eine Familie zu geigen, dann Jahre später, platzte ihn dieser Satz heraus. Ein Schmunzeln formte sich auf seinen Lippen, sein Gesicht kribbelte, als wollte sein Herz diese Berührungen nicht vergessen.
BOOOM!
Kyojuro schreckte auf, hörte das Blut in seinen Ohren rauschen und erlitt beinahe einen Herzinfarkt. Völlig perplex schaute er sich um, einzelne Schneeflocken kitzelten sein Gesicht, bis er den Grund im Auto fand. Flüchtig warf er Akaza einen finsteren Blick zu.
Er hielt sein Smartphone hoch und aktivierte eine App mit ohrenbetäubendem Lärm, der sich wie Feuerwerk-Explosion anhörte.
»Nicht träumen, losfahren!«
»Geduld ist eine Tugend, du Idiot«, sagte er und setzte sich auf den Fahrersitz. »Zum Glück bin ich als Polizist im Urlaub und bei deiner Aktion wurde niemand verletzt.«
»Wir haben bereits rosafarbene, flauschige Handschellen im Kofferraum«, entgegnete Akaza feuchtfröhlich.
Er schnaubte und grinste.
»Wir werden noch sehen. Halt dich gut fest.«
»Ach, stimmt ja!«, erinnerte sich Akaza und griff instinktiv nach dem Sicherheitsgurt auf seiner Brust. »Ich kenne deinen Fahrstil zu gut.«
»Flamme an!«, zitierte Kyojuro und fuhr mit einem Lachen los, direkt in das Herz der Kleinstadt, wo er geboren und aufgewachsen war.
Reunion
Kyojuro rümpfte die Nase, aber seine goldenen Augen, die ins heiße Rot übergingen, loderten wie Flammen. Das Vogelfutter hatte einen ungewöhnlichen Geruch, von dem er nicht ganz sicher war, ob er ihn widerlich oder nostalgisch finden sollte. Seit er aus dieser kleinen Stadt in die Großstadt umzog, vermisste und vergaß er beinahe dieses Gefühl.
»Autsch, das tut sehr weh«, rief Kyojuro wieder ins Bewusstsein und aß seine Miso-Suppe mit Süßkartoffeln weiter. »Wir sehen nur das, was uns unsere Erinnerungen zulassen zu sehen.«
Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf diesen Duft, der sich vertraut und fremd zugleich anfühlte. Der wilde Geruch schaffte einen starken Kontrast zu der Stadt, die er vor zwei Tagen verließ, um in seiner Heimat für zwei Wochen zu übernachten. Jetzt musste er an die frische Berg- und Waldluft, wie der Bach um die Steine murmelte, den feuchte Nebel über dem See, die Stimmen der Tiere und den ersten Schnee auf dem Reisfeld denken.
Neben ihm saß Akaza, der gerade an seinem Kaffee nippte. Als Kyojuro seine Gedanken laut aussprach, richtete Akaza seine sonnengelben Augen auf ihn und schmunzelte.
»Wovon redest du, mein Feuerkrieger?«
Leichtherzig öffnete er wieder die Augen. Dann packte er das Vogelfutter zurück in die Tasche.
»Ich habe mich nur an meine Kindheit erinnert. Die Sehnsucht nach alten Zeiten erschlug mich fast mit den ganzen Erinnerungen und Gefühlen.«
Akaza hob eine Augenbraue hoch, stellte seine verzierte Tasse auf dem Unterteller ab und zog verspielt an seinem langen, leuchtend gelben Haaren mit roten Strähnen.
»Das ist alles? Die Nostalgie warf dich fast vom Stuhl und brachte mich beinahe zum Lachen«, neckte er ihn. »Dich am Boden liegen zu sehen, wäre bestimmt das Highlight des Tages.«
»Seit wir uns kennen, stecke ich doch voller Überraschungen.«
Kyojuro fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, dabei verschränkten sich Akazas raue Hände mit seinen, und der Kontakt verursachte ein leichtes Kribbeln. Nicht mal zwei Sekunden später küsste er den Handrücken seines Ehemannes, machte sich nicht mal die Mühe, das reizvolle Lächeln zu verstecken. Er liebte es sehr, ihn stets zu überraschen.
Die Wangen des Kampfsportlers wurden rosarot, aber seine Mimik blieb unvermindert, bis auf das sture Verhalten, nicht gegen seinen engsten Rivalen und geliebten Ehemann zu verlieren.
»Bedauerlicherweise werde ich es dir nicht leicht machen. Aber!«
Um Kyojuro ein bisschen auf die Folter zu spannen, zog er das letzte Wort in Länge, grinste ihn unverschämt an und trank weiter seinen Kaffee, ohne den Blick von ihm abzuwenden.
Der Polizist biss sich auf die Unterlippe. Es war immer ein Tanz der Kampfkunst mit ihm. Beide Hände tauschten gemeinsam Wärme aus. Daher wechselte Kyojuro die Taktik.
»Aber beim Sex bist du nachsichtiger mit mir.«
»Du Arsch!«, zischte Akaza leise, als er die Augen weit öffnete und sich beim Kaffeetrinken verschluckte und hustete. »Das ist privat!«
Ihre Hände lösten sich voneinander.
Herzhaft lachte Kyojuro aus vollem Halse und wackelte mit den Augenbrauen.
»Seit wann bist du so schüchtern? Bei der Liebessache grunzt du vor Enthusiasmus.«
Unverständlich fluchte Akaza vor sich hin, wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und seine Ohrenspitzen brannten vor Verlegenheit. Daraufhin schaute er sich im Café um.
»Wie ich kann sich hier jeder klar und deutlich verstehen.«
»Statt Sex sagte ich doch Liebessache. Es kann auch als ein Kuss interpretiert werden.«
»Nur weil ich stärker bin als du, denkst du also, mich nicht beschützen zu müssen?«
Kyojuro beugte sich nach vorne und seine warme Aura streichelte über Akazas Haut. Erinnerte ihn an den ersten Kampf und Kuss mit ihm. Wie ein Jäger brachte er sein Gesicht nahe an seins, erkundete jedes Muskelzucken und jeden Atemzug.
»Ich wollte es sehen«, raunte der Polizist verführerisch ins Ohr. »Ich liebe deinen Eigensinn.«
Ihre Nasen berührten sich fast zu einem Anstupsen, sodass Akaza unter dem freudestrahlenden Feuer dahinschmolz, das sich durch die Iris zogen.
»Das erlebst du doch jeden Tag, mein Feuerkrieger«, keuchte der Kampfsportler, schüttelte das Kribbeln in einem Inneren ab, das sich wie Eisfeuer anfühlte, sein Herz mit Wärme fühlte und seine Haut mit Kälte einritzte.
»Dann beweise es mir, mein Lieblingsdämon.«
Ihre Lippen verschmolzen sich zu einem Kuss. Sie verstummten und spürten nur die süßen, weichen Lippen des anderen, wie Zuckerwatte auf dem Sommerfestival zu probieren.
»Wenn ihr es hier treibt, wird der Tisch unter eurem Gewicht nicht lange standhalten.«
Aus heiterem Himmel endete der Kuss mit einem »Was?« und das Ehepaar blickte sich erst blinzelnd an, dann bemerkten sie die Situation. Erstaunt darüber, eine Stimme zu hören, die nicht zu denen von ihnen passte, sahen die Männer auf.
Kyojuro schrie erfreut auf und winkte der Person zu, sich ebenfalls an dem Tisch zu setzen.
Akaza hingegen wirkte etwas enttäuscht, bis er sich an die Anmerkung erinnerte und seufzte.
»Du hast dich kein Stück verändert, Shinobu«, meinte Kyojuro frohgestimmt und begrüßte die zweite Person. »Schön auch dich wiederzusehen, Mitsuri.«
Mit dem Anflug eines Lächelns nickte Shinobu ihrem ehemaligen Klassenkameraden zu.
»Und du bist immer noch der fröhliche, exzentrische Kampfgeist«, konterte sie ungeniert.
»Und zu guter Letzt bin ich dran«, meldete sich Mitsuri zu Wort und hob euphorisch die Hände hoch. »Wir sind bis zum Schluss immer noch die besten Freunde.«
Synchron fingen Kyojuro und Mitsuri an, über das Treffen aufgeschlossen zu lachen und die ersten Freudentränen glitzerten an den Augenwinkeln. Ihre glockenhellen Stimmen hallten im Café wider, welche die Aufmerksamkeit anderer Gäste und Mitarbeiter erregte. Neben ihnen konnten Shinobu und Akaza nur schmunzelnd zustimmen. Auch im Winter strahlte die Sonne.
»Jetzt warte nicht länger und umarme deine Freunde, du süßer Dussel.«
Mit sanfter Gewalt schupste Shinobu ihre Verlobte nach vorne und schritt elegant zum Tisch. Sie zog ihre Winterjacke mit veilchenblauen Schmetterlingsmuster aus. Folglich schlich sich ein liebevolles Lächeln auf ihre Lippe und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»Oh, du hast Recht. Ich will heute keine Zeit verschwenden«, quickte Mitsuri und fixierte die Männer mit ihren großen, runden, blassgrünen Augen.
»Das wird lustig«, grunzte Akaza.
Kyojuro blickte zu seinem Ehemann und legte den Kopf schief.
»Hast du wieder fiese Witze auf Lager?«
Halbherzig rollte Akaza mit den Augen. Scherze juckten ihn kein bisschen, vor allem wenn es Mitsuri betraf, die er zutiefst respektierte und das war der Punkt. Er kannte ihre Stärke zu gut. Hinter dem niedlichen Aussehen und unschuldigen Charakter versteckte sich Geschmeidigkeit und Robustheit. Ihre Verlobte dagegen war ein anderes Kaliber.
»Nein, aber dafür ist es zu spät«, scherzte er und spannte die Muskeln an.
»Du bist als erstes dran, Akaza. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Sieg in Kyoto«, sagte sie und umarmte ihn, ihre Wange drückte sich gegen seine. »Ich habe mitgefiebert.«
Die herzliche Begrüßung nahm er wiederstandlos an. Er erwiderte dankbar die Umarmung.
»Vielen Dank, meine Götting der Liebe. Ich gratuliere dir auch zu deiner Tanzschule, die bereits mehrere Wettbewerbe gewann.«
Mitsuri drückte fester zu und strahlte über das ganze Gesicht.
»Das weiß ich zu schätzen, Akaza.«
»Nichts zu danken, Mitsuri«, japste er und klopfte ihr auf den Rücken. »Das reicht jetzt!«
»Du schnürst ihm die Luft ab«, informierte Kyojuro ernst.
»Vielleicht übertreibt ihr bloß«, sagte Shinobu ruhig, setzte sich gegenüber Kyojuro hin und überprüfte die Menükarte. »Aber trotzdem verschwende nicht deine Güte, meine Süße.«
Akaza brummte und Ärgernis zierte sein Gesicht.
Daneben schüttelte der Polizist den Kopf, dass er mit einem Schnauben quittierte.
Schließlich reagierte Mitsuri und ihre Lippen formten sich zu einem stummen »Oh!«. Endlich befreite sie ihn. Panisch klatschte sie die Hände auf ihre Wangen und verbeugte sich.
»Es tut mir so leid, Akaza. Manchmal unterschätze ich meine Körperkraft.«
Kurz hustete der Kampfsportler.
»So schnell krepiere ich schon nicht. Ich bin kein Schwächling«, versicherte er stolz.
»Das freut mich«, lächelte sie und nahm neben Shinobu Platz.
Den hellgrün-rosafarbenen Schal entwickelte sie schnell und legte ihre schwarze, gefütterte Jacke ab. Darunter hatte Mitsuri einen weißen Wollpullover an.
»Selbst ich hatte meine Schwierigkeiten mit ihm«, fügte Kyojuro schmunzelnd hinzu.
»Wie romantisch von euch.«
Shinobu kommentierte beiläufig bei der Suche nach einem süßen Getränk und sprach damit auf ihr ersten Treffen im Dojo der Schule an, wo die beiden fast zwei Wochen das Krankenbett hüteten. Aus ihrer Sichte stank es nach Klischee. Nur Mitsuri war eine Ausnahme.
Keine Sekunde später räusperte Akaza in seiner geballten Hand und schaute nach links.
»Shinobi, wie sie leibt und lebt.«
»Hör auf, sie anzustacheln«, ermahnte Kyojuro ihn.
Auch Mitsuri wirkte nervös und kam ins Schwitzen.
Die dunkelvioletten Augen lösten sich von der Menükarte und starrten Akaza an. Ein zaghaftes Lächeln spannte ihre Gesichtsmuskeln an.
»Ich erstelle und besitze Gifte, die niemand nachweisen kann.«
Ein Frösteln breitete sich auf Akazas tätowierter Haut aus, denn ihre Wortwahl klang düster, wie die Schatten, die über ihr Gesicht huschten. Dennoch zeigte er keine Spur von Angst.
»Oho! Du bist hinterlistiger geworden. Wie aufregend.«
Ohne zu zögern verpasste Kyojuro ihm eine Kopfnuss und seufzte abermals.
»Worum habe ich dich gebeten?«
»Du hast nicht Bitte gesagt, also war es ein Befehl und ich bin selbstständig«, verspottete Akaza ihn und rieb sich den Kopf.
»Das ist kein Wettstreit.«
»Mit dir ist es stets ein Kampf, den ich gerne gewinne, meine Flamme.«
Plötzlich kicherte Mitsuri leise. Ihre Mimik blühte wie eine Kirschblüte im Frühling auf und ihre Gestik drückte sich leidenschaftlich für die Liebe aus. Sie klatschte mit den Händen und fiepte schrill auf. Fremde Personen könnten denken, sie litt unter Zahnschmerzen.
»Wie sehr ich die Liebe bewundere. Das Gefühl des wilden Herzpochens hinter den Rippen, die zuckersüßen Gedanken für anderen und die Gegensätze, die sich anziehen. Wo Liebe ist, wird das Unmögliche möglich«, sang sie voller Freude. »Ihr zwei seid der lebendige Beweis.«
Gleichzeitig wurden Akaza und Kyojuro rot um die Nase.
Die sonnengelben Augen wandten sich von all dem Gefühlstrubel ab. Mitsuris Liebesgefasel, Shinobus giftiger Blick, Kyojuros silberhelles Lachen, so viele Ergebnisse, die er in Sekunden wahrnahm und nun seinen Ehemann anblickte. Einst war er ein krimineller Einzelkämpfer, hatte in der Unterwelt Ruhm erworben, wurde von den gierigsten Versagern umgarnt, aber sein Herz gehörte nur ihm und niemanden anderem. Der Weg war gefühlt endlos und blutig.
»Hahaha, ich liebe dein Temperament, Mitsuri. Akaza und ich fühlen uns sehr geehrt.«
Daraufhin küsste er ihn und holte ihn aus der Vergangenheit zurück. Ein Zwinkern folgte.
Bei Akaza funktionierte es selten, seine Überheblichkeit zu unterdrücken. Irgendwie fühlte er sich verwundbar, nackt, als ob er wie damals auf der Straße um sein Leben kämpfte. Doch für Kyojuro riss er sich zusammen und schlug sich ein schiefes Grinsen in die Wangen ein.
»Danke.«
»Ich glaube, du brauchst mehr Kaffee, sonst schläft dein innerer Frieden ein«, erkannte er das Problem, streichelte mit seinem Daumen über Akazas Handrücken.
»Scharf und schön wie ein Katana«, flüsterte er fasziniert.
Mitsuri murmelte hinter den Händen »Das ist wahre Liebe« und errötete.
»Schön und gut, aber wir sind das süßere Pärchen«, mischte sich Shinobu ein und hielt liebevoll Mitsuris Hand. »Du stimmst mir doch zu, oder meine Süße!?«
Die Hitze in ihrem Kopf stieg an, Dampf zischte aus ihren Ohren. Sie stotterte schüchtern.
»Oh, unsere Liebe ist anders. Wir haben uns und sie haben sich. Jede Liebe ist besonders.«
»Da kann ich nicht widersprechen.«
Erst neigte sie den Kopf, dann glitzerten ihre Augen. Bevor Mitsuri reagieren konnte, wagte sie einen Kuss, wobei ein leises Fiepen ertönte. Im Kuss schmunzelte Shinobu über ihr reizendes Geräusch, hörte ihre beiden Herzen höherschlagen.
Nach dem Überraschungsmoment agierte Mitsuri und drückte ihre Lippen gegen Shinobus.
»Wie Feuer und Flamme«, sagte Kyojuro eifrig. »Ich liebe es!«
»Beide haben es faustdick hinter den Ohren«, murmelte Akaza und trank seinen Kaffee aus.
Die Frauen befreiten ihre Lippen voneinander.
Von Mitsuri ertönte ein hohes, unangenehmes »Jetzt bin ich sprachlos und entzückt zugleich.«
»Das war mein Ziel!«
Ein herzliches Lachen begleitete Shinobus Erklärung und zerzauste das nach Lotus duftende Haar. Sie zog Mitsuri näher an sich heran, streifte mit ihrer Wange ihr Gesicht, fühlte ihre Wärme und atmete ihren Geruch ein. Anschließend wandte sie sich zu Akaza.
»Manche Leute altern«, betonte sie unheimlich freundlich und bewunderte dann wieder ihre Verlobte. »Andere wundervolle Menschen reifen.«
Mitsuri legte den Kopf schief, blinzelte und grübelte, bis ihre Augen tellergroß wurden.
»S-Shinobu!«
»Ich sage nur die Wahrheit.«
»Nur ein Jahr trennt uns im Alter«, fauchte Akaza bestimmt.
Kyojuro fuhr mit der Hand über das Gesicht, doch seine freudestrahlende Aura blieb erhalten.
»Ruhig Blut. Wir sind in einem öffentlichen Café. Genießen wir einfach unser Wiedersehen.«
Akaza kannte ihre Taktik zu gut und zwang seine Gedanken wieder in die Gegenwart, doch der positive Einfluss Kyojuros ließ sich nicht vertreiben, wonach seine raue Miene weicher wurde, bis sich sein Grummeln zu einem geselligen Lächeln bog.
»Meinetwegen. Dieser Giftfalter hat aber nicht gewonnen«, zeterte er und traute sich, verlogen zu sein, bis sein Ehemann ihn mit einem Lächeln ansah und dann sich flüsternd entschuldigte.
Erleichtert atmete Mitsuri durch.
»Da fällt mir ein Stein vom Herzen.«
Neben ihr hob Shinobu beschwichtigend die Hände hoch.
»In Ordnung, Kyojuro. Für heute gilt Waffenstillstand.«
»Ich schließe mich dem an.«
Ein melancholischer Hauch war in seiner Stimme, doch er spürte trotzdem das Kribbeln unter der Haut, als er an Kyojuro Zufriedenheit dachte. Somit war die Sache fürs Erste erldigt. Akaza seufzte und starrte in die leere Tasse, die noch schwach nach Kaffee duftete. Auf einmal erschienen Bilder in Akazas Kopf, seine Finger krampften sich um den Tassenhenkel und er schloss die Augen, bis er tief in sein Gedächtnis eintauchte.
Der 16-jährige Kyojuro öffnete die Glastür eines kleinen, charmanten Cafés an der Ecke einer ruhigen Straße. Er war ein Stammgast hier, bekannt für sein strahlendes Lächeln und seine überschwängliche Art, die Baristas immer wieder zum Schmunzeln brachte.
»Einen doppelten Espresso, bitte! Und einen Muffin – heute ist ein großartiger Tag!«, rief Kyojuro mit seiner lauten, energischen Stimme, die die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich zog. Einige warfen ihm neugierige Blicke zu, doch er bemerkte es kaum, während er an der Theke wartete und das angenehme Aroma des frisch gemahlenen Kaffees genoss.
Zur selben Zeit schob Akaza die Tür auf und betrat das Café. Seine markante, tätowierte Haut fiel sofort ins Auge, ebenso wie sein intensiver Blick, der meist die Leute abschreckte. Heute war er jedoch auf der Suche nach Ruhe. Ein Cappuccino mit wenig Schaum, wie immer, sollte genügen. Er hielt sich von Gesellschaft fern, mochte keine übertriebenen Unterhaltungen und schwache Menschen erst recht nicht.
Doch als er an die Theke trat und sein Getränk bestellte, hörte er eine starke, klare Stimme, die ihn sofort in seinen Bann zog.
»Oh! Sieht so aus, als hätten wir gleichzeitig bestellt«, lachte Kyojuro und drehte sich zu ihm um, sein Lächeln so strahlend wie die Morgensonne. Das ist ein Zeichen, dass wir zusammen einen Kaffee trinken sollten, findest du nicht?«
Akaza blinzelte stutzig. Misstrauen besetzte sein Gesicht, die Augen wurden schmal und er musterten den Fremden vom Haaransatz bis zur Zehenspitze. Instinktiv wusste er bereits, dass von diesem Mann keine Gefahr drohte, aber er lehnte trotzdem das Angebot ab.
»Kein Interesse!«
Doch bevor Akaza einen klaren Gedanken fassen konnte, zog Kyojuro zwei Stühle an einem Fensterplatz zurecht. Feuer loderte in den Iriden, die Lippen bogen sich zu einem Lächeln.
»Nicht so schüchtern! Ich bestehe darauf! Das Leben ist zu kurz, um Kaffee allein zu trinken.«
»Ich bin nicht schüchtern, du Idiot!«, murrte Akaza.
»Perfekt. Dann steht unserer gemeinsamen Zeit nichts im Weg, oder?«
Ein Seufzer entkam aus seiner Kehle. Bis zu seinem nächsten Wettkampf hatte er heute viel Zeit und widerwillig ließ sich er auf den Stuhl sinken. Zunächst bereute er seine Entscheidung, aber tief in seiner Seele keimte eine Sehnsucht, die ihn dazu aufforderte, der Bitte nachzukommen. Er hielt den Blick gesenkt und rührte schweigend in seinem Cappuccino.
Niemand sagte ein Wort. Kyojuro runzelte die Stirn, doch er ließ sich nicht entmutigen.
»Du siehst aus, als könntest du einen geselligen Tag gebrauchen. Ich bin Kyojuro. Und du?«
Nichts weiter als ein Zischen verließ Akazas Mund und er schweig eisern.
»Ist dir dein Name peinlich? Hat er eine weibliche Note?«, redete Kyojuro munter weiter. »Keine Sorge. Ich verurteile niemanden nach Namen oder Herkunft.«
Als er seinen Cappuccino probierte, verschluckte er sich bei der Frage und klopfte sich auf die Brust. Wütend knirschte er mit den Zähnen, sein Blick hing an seinem Getränk.
»Hast du eigentlich geübt, so nervig zu sein, oder kommt das natürlich?«, murmelte er zynisch, ohne aufzusehen. »Akaza ist mein Name.«
»Akaza! Ein kraftvoller Name! Es freut mich sehr, dich kennenzulernen.«
Kyojuros Stimme war stets voller Energie, als hätte er gerade die spannendste Entdeckung seines Lebens gemacht. Die abweisende Haltung Akazas ignoriert er gekonnt.
»Was verschlägt dich in dieses Café? Bist du auch ein Fan dieser Köstlichkeiten?«
Er schnalzte mit der Zunge und verdrehte die Augen.
»Nicht wirklich«, sagte er trocken. »Ich mag Cappuccino.«
»Ah, Cappuccino ist ein würdiger Begleiter an jedem Tag«, erklärte Kyojuro aufgeregt, nahm einen Schluck von seinem Espresso und grinste zufrieden. »Das Getränk schmeckt köstlich und kann die Stimmung heben, nicht wahr?«
Akaza wollte gerade eine spitze Bemerkung machen, dass der Mann vor ihm nicht den Eindruck machte, beruhigt zu sein, als Kyojuro fortfuhr: »Manchmal frage ich mich, wie viele Geschichten an so einem Ort beginnen. Zwei Fremde, eine zufällige Begegnung und plötzlich reden sie über alles, was das Leben ausmacht.«
Akaza hob eine Augenbraue.
»Vielleicht sind manche Leute nicht daran interessiert, sich zu öffnen.«
»Das glaube ich nicht! Jeder hat etwas zu erzählen, selbst wenn er es nicht merkt.«
Ein paar Sekunden vergingen in Stille, während die beiden an ihrem warmen Getränk nippten. Doch Kyojuro war nicht der Typ, der sich mit Schweigen zufriedengab.
»Haben du ein Lieblingsbuch? Einen Film? Oder eine Geschichte, die dich inspiriert hat?«
Akaza seufzte, doch irgendetwas in Kyojuros Hartnäckigkeit brachte ihn dazu zu antworten.
»Geschichten über Menschen, die sich durchkämpfen und trotz allem weitermachen.«
Kyojuros Gesicht leuchtete auf. Beinahe sprang er auf und stammte die Hände auf den Tisch.
»Das ist eine großartige Wahl! Kämpferischer Geist ist das, was uns Menschen stark macht!«
Erneut überraschte er Akaza und irgendwann bemerkte er, dass er nicht mehr so angespannt war. Kyojuros positive Energie war ansteckend, und Akaza begann zu verstehen, warum dieser Mann die Aufmerksamkeit aller auf sich zog.
Als sie etwa eine halbe Stunde miteinander sprachen und das Café anschließend verließen, fiel ein leichter Nieselregen. Kyojuro spannte fröhlich einen roten Regenschirm auf und reichte ihn Akaza.
»Hier, den kannst du behalten. Es scheint, als würden wir uns bald wiedersehen.«
Akaza schnaubte leise, doch ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen.
Enjoyment
»Willkommen in meinem prachtvollen Café, wo alles eine Stufe über dem Gewöhnlichen ist!«
Prompt öffneten sich zwei Augen, die nostalgisch glänzten, bis sich der Schimmer schmälerte. Kurz blinzelte er, seine Ohren waren gespitzt. Akaza erkannte diese imposante Stimme des Mannes und schaute auf, begrüßte ihn mit einem hämischen Grinsen.
Ohne zu zögern, erwiderte der Mann die arrogante Mimik und warf ihm einen scharfen Blick. In einer stolzen Pose präsentierte er sein attraktives Aussehen. Seine gebräunte Haut bildete einen Kontrast zu seinem gestylten, schneeweißen Haar, dass er lang trug, teilweise geflochten, mit einem Pony, das seine Stirn betonte.
»Mit deinen Tattoos kommst du nicht gegen mich an. Davon kannst du lange träumen, Akaza«, verspottete Tengen ihn.
»Dass du es von dir aus ansprichst, ohne auf meine Stärke zu warten, klingt in meinen Ohren, als ob ich doch eine Gefahr für dich bin.«
Überheblich lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und spitze die Lippen. Selbst wenn er nur als Gast hier speiste, wäre ihm nichts Angemessenes eingefallen. In der Situation konnte er nicht widerstehen.
»Ich glaube, mein Schwein pfeift. Tengen, bist du das? Wir haben uns seit dem Abschluss nicht mehr gesehen«, begrüßte Mitsuri erfreut ihn. »Du hast also das Café übernommen?«
Anders als bei Akaza schenkte Tengen ihr ein aufrichtiges Lächeln. Dann schnipste er übertrieben.
»Dein Geschmack für Mode hat sich sehr verbessert. Ich liebe deine Ohrringe und Halskette, die passen perfekt zu deiner Schönheit.«
Bei dem Kompliment murmelte sie verlegen ein Dankeschön und fasste instinktiv nach ihrer Halskette, die aus pinken und limettengrünen Glasherzen bestand und im Licht glänzte.
Der Kampfsportler würgte gespielt und zeigte offen seine Abneigung.
»Haha! Du bist und bleibst der Gott der Feste«, sagte Kyojuro laut. »Respekt für deine Arbeit.«
»Der einzige Mensch auf der Welt, der manchmal mehr auffällt als ich«, schrie er beinahe und zwinkerte. »Danke für dein Lob. Das höre ich immer wieder gerne.«
Wie aus dem Nichts räusperte sich Shinobu. Ihr Einschreiten war spontan und trügerisch.
»Meine geliebte Mitsuri! Die Inneneinrichtung des Cafés ist eine wahre Augenweide. Schau dir die edlen Kristallleuchten an der Decke an oder die samtigen Sitzmöbel in grellen Farben und kunstvolle Dekorationen zieren an jeder Ecke diesen Raum. Der Besitzer achtet also darauf, dass alles prachtvoll wirkt, ohne kitschig zu sein. Mir war sofort klar, dass es sich um Tengens Macken handelte. Ganz einfach!«
Ihr langes, rosafarbenes Haar, das auf halber Höhe in ein Limettengrün überging, hüpfte mit, als Mitsuri leicht ihren Kopf neigte, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstanden hatte. Anschließend blies sie die Wangen auf.
»Ich lasse mich gerne überraschen.«
»Das pure Herz auf zwei Beinen«, meinte sie zuckersüß und erhaschte Mitsuris Verlegenheit.
»Ich liebe dich auch, mein Herzchen.«
Kyojuros verdutzte Reaktion war genauso intensiv wie sein Enthusiasmus. Seine Augen weiteten sich, aber es war kein erschrockenes Ausdehnen, vielmehr sagte es aus, als hätte er gerade die unglaublichste Geschichte seines Lebens gehört. Die Stimme donnerte wie immer, als ob er sich selbst in der Situation Freude zusprach.
»Ohhhh! Das ist ja bemerkenswert! Wir wussten schon vorher Bescheid, als er uns begrüßte.«
»Er ist auch kein unsichtbarer Chef, der hinter den Kulissen bleibt«, brummte Akaza.
Tengen legte eine Hand dramatisch an die Stirn und die andere an die Brust, fast als er gleich eine grandiose Show aufführen wollte. Nur sein Blick blieb konstant.
»Was?! Das ist ja völlig unaufdringlich!«, sagte er und machte eine dramatische Pause, um das Gewicht des Moments zu betonen, bevor er empört die Arme verschränkte. »Mehr hast du zu meinem Lebenswerk nicht zu sagen?«
Shinobu zuckte mit den Schultern und zeigte hemmungslos auf die Menükarte.
»Ja, ich möchte jetzt bestellen.«
In der besonders lustigen Situation klatschte Mitsuri in die Hände, während sie sich leicht nach vorne beugte und zwischen den Lachern »Typisch, mein Herzchen!« hauchte.
Kyojuro warf seinen Kopf in den Nacken und seine feuerroten Haare schwangen mit, bevor seine Stimme und Augen vor Heiterkeit lachten.
Sogar Akaza grunzte.
Der Cafébesitzer schnaubte. Seine Augen verengten sich dramatisch und er schüttelte den Kopf, um ein Urteil über die gesamte Situation zu fällen.
»Was?! Das ist ja jetzt völlig unauffällig!«, klagte er beleidigt. »Ich, Tengen Uzui, lasse mich nicht mit so etwas Durchschnittlichem abspeisen! Wo bleibt der Glanz?«
»Oh, haben meine Worte etwa dein Herz getroffen? Ich entschuldige mich zutiefst, denn ich wollte nur ehrlich sein.«
Ihr Lächeln wirkte höflich und warm, gerade genug, um die Situation zu entschärfen.
Mit einem charmanten Grinsen hob Tengen beide Hände in einer entwaffnenden Geste. Ein tiefes Lachen brach aus ihm heraus, zuerst leise, dann dröhnend und ansteckend.
»Na gut, das war vielleicht nicht glanzvoll, aber es hatte definitiv Stil. Ich respektiere das!«
»Juhu! Endlich gibt es was zu essen. Ich bin schon am Verhungern«, schrie Mitsuri glücklich und verstummte schnell, als sie die Hände auf ihrem Mund legte. »Tut mir leid.«
Doch ihre Entschuldigung ging in sorgenfreiem Lachen unter. Anschließend verzog Akaza das Gesicht halb vergnügt, halb hitzköpfig. In solchen Augenblicken reagierte Mitsuri flatterig und überdreht, was ihn an einen Schmetterling erinnerte und kurz zu Shinobu spähte, die sich ein Kichern nicht verkneifen konnte.
»Das ist mal eine ehrliche Bestellung.«
Mit einem freudigen Gesichtsausdruck überlegte Kyojuro dann, ob er nicht Tee oder etwas Süßes probieren sollte. Er erinnerte sich daran, das auf dem Schild stand, dass Kekse mit neuem Rezept im Angebot waren, und leckte sich über die Lippen.
Sofort wusste Akaza, was durch seinen Kopf ging, darum suchte er sich auch etwas aus.
»Verschiebe nichts auf Morgen, was du heute kannst, besorgen.«
»Seit wann hast du solch großen Hunger, Akaza? Diesen Glanz sehe ich zum ersten Mal bei dir«, fragte Tengen, beugte sich nach vorne, legte den Kopf schief und die Augen funkelten, um zu signalisieren, dass er aufmerksam zuhörte.
Er runzelte die Stirn, presste die Lippen fest zusammen und schnaubte genervt.
»Das geht dich nichts an.«
»Ganz einfach! Liebe geht durch den Magen«, kicherte Mitsuri.
»Ich bin halt heiß begehrt«, scherzte Kyojuro und fasste sich ans Herz.
»Harte Schale, weicher Kern«, fügte Shinobu nüchtern hinzu.
Mit einem Mal fühlte Akaza sich gefangen, umzingelt von diesen Verrätern. Um seinen Mann nicht erneut zu verärgern, nickte er nur, konzentrierte sich auf die Speisekarte, um ihnen nicht wie erwartet schlecht gelaunt zu antworten. Damit gewann er diese Schlacht für sich.
»Kann ich endlich was bestellen?«
Er wirbelte mit einem eleganten Schwung zu seinem Gast und schwang dabei ein kleines Notizbuch, als ob er auf einer Bühne performte. Mit einer dramatischen Handbewegung zeigte Tengen den Daumen nach oben und ein breites, strahlendes Grinsen rückte an, das pures Selbstbewusstsein ausstrahlte.
»Deinen Wunsch umzusetzen, ist mir ein Vergnügen.«
»Dann enttäusche mich nicht, Glitteprinz«, witzelte Akaza in Bezug auf Tengens übertriebenen Glamour und seinen Hang zum Luxus.
»Die Herausforderung nehme ich an, Stahlfaust«, betonte Tengen Akazas beeindruckende Kampfeskraft, doch blickte er ihn indes von oben herab.
Kyojuro schüttelte den Kopf. Wieso kämpfte Akaza gefühlt gegen jeden? Obwohl das eher ein Kompliment seinerseits war, da er sie als würdige Konkurrenz betrachtete.
»Das ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt für so etwas!«
»Ich bin ganz deiner Meinung«, sagte Shinobu. »Ich nehme ein Stück von der Prachtvollen Rubintorte und einen Glanzvolle Saphir-Limonade.«
»Endlich! Also ich habe Hunger auf Zuckerblüten-Küchlein, Süßes Trüffel-Paradies und Uzi's Feuerfrucht-Törtchen. Dazu einen Honig-Gold Latte.«
Ein Kichern kitzelte in Kyojuros Kehle, als er ihre Bestellung hörte, und legte die Hand an sein Kinn, wie immer, wenn er nachdachte. Kurz weiteten sich die Pupillen leicht, als eine positive Emotion sein sympathisches Nervensystem aktivierte, was er in einem Radiointerview auf der Fahrt in die Heimat kennenlernte. Zufälle waren sonderbar. Das liebte er!
»Ich nehme zwei Diamantbomben und eine Vanille Rose Late.«
Zu guter Letzt war Akaza an der Reihe. Er hätte am liebsten mit den Augen gerollt, als Tengen ihn gespannt anstarrte, doch das Lodern, das in Kyojuros Mimik aufglomm, wenn er sich von ganzem Herzen freute, war herzbewegend, weil er jetzt die harte Seite als Polizist ablegte und einfach das Leben genoss, nach den vielen grausamen Fällen der letzten Monate.
»Für mich bitte nur ein Kampfquellenglas. Wie auch immer das Getränk schmeckt.«
Der zweite Satz ging in ein bedenkliches Murmeln unter, was aber die Ohren Tengens erreichte und er schnaubte amüsiert, beinahe erfreut über diese Herausforderung. Mit Akaza wurde es nie langweilig, das Gleiche galt auch für Shinobu.
»Eure Wünsche werden erfüllt, meine verehrten Gäste«, bekräftigte er mit einer Verbeugung und die Steinketten in seinem Haar klimperten. »Bis gleich.«
Akaza streckte seine Arme nach oben und lehnte sich entspannt zurück, als Tengen summend und grinsend wegging. Endlich eine Nervensäge weniger. Dabei wollte er sich im Urlaub nur entspannen und seinen Ehemann rund um die Uhr lieben und ärgern.
»Du hast dieses Funkeln in den Augen!«
»Hm? Was?«
Verwirrt blinzelte Akaza und setzte sich kerzengerade auf. Sein Blick fixierte sich auf Mitsuri. Ihr Lächeln strahlte aufrichtig, doch dahinter steckte auch etwas Spitzbübisches, das roch er aus mehreren Kilometern. Er schmälerte die Augen, die Mundwickel hob er angriffslustig an.
»Bestimmt dachte er an einem unsinnigen Gewinn, der völlig überbewertet ist und niemanden interessiert«, schlussfolgerte Shinobu.
»Falsch! Ich kenne sein inneres Feuer und dieses hier brennt eher auf schmutzigem Boden«, erfasste Kyojuro und tippt ihm gegen die Schläfe.
»Halt die Klappe, Shinobu.«
Das Brummen klang tief und herb, jedoch nicht hasserfüllt, obwohl sich eine Spur Betroffenheit einschlich. Als sie ihn unschuldig anlächelte, zuckte sein linkes Auge. Sie war eindeutig lästiger als Insekten. Dann schnaufte er seinen Unmut heraus, da eine warme Hand auf seine Schulter ruhte. Kyojuro wusste, wie er ihn beruhigen konnte.
»Dass du mich beim Namen nennst und mich nicht wie immer beschimpft, ist ein Fortschritt.«
»Oh, das stimmt«, sagte Mitsuri.
»Wir sind an einem öffentlichen Ort. Manieren und Respekt gehören selbstverständlich dazu«, erklärte Kyojuro und starrte Mitsuri nachdrücklich an. »Was war jetzt mit diesem Funkeln?«
Für einen Augenblick herrschte Stille am Tisch, bis Akaza wie vom Blitz getroffen mit der Faust auf die Holzplatte schlug, aber nicht gewaltsam und mit purpurfarbenem Gesicht, eine Mischung aus Empörung und Verlegenheit, schaute er in die Runde. Einige Gäste blickten auf.
»Ich bin auch noch anwesend, also diskutiert nicht über mich, als wäre ich nur Deko am Platz.«
Sein erzürntes Schnauben beendete seine Aufregung und seine Muskeln entkrampften sich, als er Mitsuris bestürztes Gesicht, Shinobus ernsthaften Stirnrunzeln und Kyojuros kritisches Kopfschütteln bemerkte. Kurz zog sich sein Herz zusammen, sogar den Kopf senkte er ungern. Vorurteile oder wie ein Schwächling behandelt zu werden, verletzten sein Ego enorm.
»Du hast einen guten Standpunkt«, warf Shinobu unbekümmert ein.
»Was?«, kam es von den anderen synchron.
Beinahe biss Akaza sich auf die Zunge und konnte seinen eigenen Ohren nicht trauen, dass sie ihm auf unheimlicher Art zustimmten. Ihm entfuhr ein überraschter Laut, zumal sein Grinsen milder als sonst arbeitete, da die Strenge aus seinem Gesicht entwich.
Ein helles Kichern eroberte den Moment. Ihr Blick glitt erst zur einen, dann zur anderen Seite.
»Es macht mich wütend, wenn wir dieses besondere Treffen nicht friedlich genießen können«, wisperte Shinobu und spannte die Kiefermuskeln an. »Also reißt euch bitte zusammen.«
»Sagt genau die Richtige«, stichelte Akaza zurück.
»Und jetzt geht es wieder von vorne los«, lachte Kyojuro klar und deutlich, bis ihm ein Seufzer entfuhr und er seinen Ehemann reizvoll zuzwinkerte. »Das Feuer erlischt wohl nie.«
»Schon gut. Ich halte meinen Mund und bringe niemanden um.«
»Mehr verlange ich auch nicht, mein Lieblingsdämon.«
»Manchmal bist du erbarmungsloser als ich, mein Feuerkrieger. Und das liebe ich!«
Beide teilten sich einen leidenschaftlichen Kuss.
»Dann planst du doch eine erotische Strafe für deinen Mann«, antwortete Mitsuri schließlich, ihre Stimme verlor an Kraft und legte ihr Kinn auf die verschränkten Arme an der Tischkante. »Und ich habe Hunger!«
Shinobu schmunzelte. Wohlwollend berührte sie ihren Hals und spürte ihre Muskeln unter dem Pullover, was ihr ein erregtes Glitzern in den Augen und ein starkes Herzpochen entlockte.
»Was für ein Plan?«
Kyojuros Augenlidern flatterten konfus. Sein Blick rutschte zu Mitsuri, die halb verhungert, halb traurig vor sich hinträumte und er wusste, dass sie gerade nicht ansprechbar war, dann nahm er Akaza ins Visier, der mit glühenden Wangen erzürnt knurrte.
»Ich bin auch neugierig geworden«, sagte Shinobu.
»Nicht du auch noch!«
»In deinen Augen kann ich lästig wie ein Insekt sein. Nur bin ich das Raubtier und du die Beute!«
»Charmant wie eine Gottesanbeterin«, kommentiert er mit beißendem Humor.
»Kreativ wie eine Eintagsfliege«, gab sie zuckersüß zurück.
Umgehend atmete Kyojuro tief durch. Seine Miene, die soeben Fröhlichkeit ausgedrückt hatte, verspannte sich. Um die Lage zu entschärfen, strich er ihm über den Arm, doch in Akazas Augen, die seine behutsame Geste ignorierten und weiterhin Shinobu fixierten, tanzten Blitze. Daraufhin schmollte er, bis er friedlich lächelte und um die Aufmerksamkeit räusperte.
»Wer sich weiter mit jedem streitet, bezahlt die Rechnung von uns allen und muss den Kellnern viel Trinkgeld bezahlen.«
Plötzlich wurde es still am Tisch. Nur das Scheppern von Besteck und Tellern, die Musik und die Gespräche der Gäste im Hintergrund waren zu hören. Unbeabsichtigt schnaubte Kyojuro zufrieden, aber sein Lächeln dankte für den ruhigen Moment.
»Seit wann erpresst du jemanden, mein Feuerkrieger der Gerechtigkeit?«, hauchte Akaza ihm höhnisch ins Ohr. Stolz regte sich auf sein Gesicht. »Das erwarte ich auch heute Abend.«
Seine Ohrenspitzen erhitzten sich und er bemühte sich, nicht die Fassung zu verlieren, indem er den Kopf zur Seite neigte. Der Atem seines Mannes kribbelte an seiner Halsbeule und die Blicke der Frauen brannten sich tief in seine Seele ein.
»Nachtisch, also?«, summte Shinobu.
»Bald wird es heiß und schmutzig«, fiepte Mitsuri und ihre Augen formten sich zu Herzen.
Fluchend verzog Akaza das Gesicht, doch er leugnete es nicht, wie sehr ihm dieser Gedanke gefiel. Beinahe kräuselten sich seine Lippen zu einem dunklen Schmunzeln, daher bebten sie ununterbrochen, bis er einen Moment beobachtete, der sein Herz höherschlagen ließ.
Kyojuro verabscheute diese süße Versuchung, die in seiner Brust entfacht wurde, und dass er dieses Kribbeln im Bauch verspürte, wie immer, wenn er etwas Verbotenes wollte.
»Nackt und wehrlos klingt wie eine Erdbeere auf der Sahne«, flüsterte er zurück. »Aber nicht ohne eine Strafe.«
Akaza lächelt verschämt, als er eine Gänsehaut bekam.
»Genau wie du? Eher nicht!«
Empört stupste er ihn mit seiner Schulter an, dennoch lauschte er neugierig seinen Worten.
»Weil ich stärker und leidenschaftlicher bin?«
Ein Muskel in Akazas Kiefer zuckte. Er begriff sofort, was Kyojuro meinte, und hob den Blick.
»Wir sind gleich stark. Keine Widerrede!«
Sein Lachen schallte durch den Raum, warm und ansteckend, als hätte die Freude selbst ihn übermannt. Tränen glitzerten in den Augen, während er sich den Bauch hielt und nach Luft schnappte. Von Natur aus war Akaza ein kampflustiger und temperamentvoller Mann, der auch feinfühlig wie ein Stein oder sensibel wie eine Feder sein konnte.
Launisch verdrehte Akaza die Augen.
Daraufhin reagierten Mitsuri und Shinobu. Leises Kichern ertönte am Tisch, ein unterdrücktes Glücksgefühl, das sich wie kleine Wellen ausbreitete. Sie hielten die Hände vor den Mund, ihre Schultern zuckten vor unterdrücktem Lachen.
Wenn Blicke töten könnten, blieb von ihnen nichts weiter als Asche zurück und ihre Stimme verstummten für immer, da Akaza beide übelwollend anstarrte. Er spannte die Schultern an.
Bevor er den Mund öffnete und seinen Frust frei herausbrüllte, mischte sich Kyojuro ein. Mit einem heimtückischen, aber liebevollen Trick beruhigte er ihn. Seine Finger glitten sanft über seine Haut, ein warmes, beruhigendes Streicheln, das wie eine leise Melodie wirkte. Mit jeder Bewegung spürte Akaza die Zärtlichkeit, die in dieser Berührung lag, ein sanftes Kraulen im Nacken, das ihn wohlig seufzen ließ. Kyojuro Hände zeichneten kleine Kreise, federleicht und voller Wärme, als er jede Sorge einfach wegstreichen wollten.
»Besser?«
Akazas Gesicht wurde ganz warm. Die Muskeln lockerten sich und er genoss den Moment.
»Viel besser, du Arsch!«
»Ich liebe dich auch«, lachte er und küsste ihn auf die Wange.
Gerade als die Liebe eine Runde machte, durchbrach ein lautes Magenknurren die Ruhe. Alle schauten sich verblüfft an, dann huschte ein Grinsen über ihre Gesichter.
»Tut mir leid«, wiederholte sich Mitsuri.
Keine Sekunde später erfüllten Lachen und Freude den Augenblick.
Sweetness
Zarte Eismuster überzogen das Fensterglas, als der Frost sich draußen frei entfaltete. Feine, verzweigte Linien breiteten sich aus wie die Äste eines gefrorenen Baumes, während sich an anderen Stellen dichte Kristalle zu schimmernden Blüten bildeten. Die Dunkelheit des Winters ließ die Muster im Licht des Cafés glänzen, als wären sie aus reinem Silber geworben.
Mitsuri beobachtete, während sie ein Zuckerblüten-Küchlein naschte, wie der Schnee vor dem Fenster wie Puderzucker herabfiel. Der Winter herrschte grausam, bevor die Natur aus ihrem Schlaf erwachte, aber seine Bilder aus Schnee, Eis und Frost spiegelten seine freundliche Seite wider. Ihre Lippen krümmten sich zu einem Lächeln, weil ihr Vater es ihr einst erzählte, als sie zum ersten Mal im Winter krank wurde.
»Ich freue mich, meine Familie wiederzusehen«, murmelte sie gedankenverloren.
Dann lächelte sie voller Vorfreude auf ihren Kuchen, doch gerade, als sie die Gabel hob, spürte sie ein leichtes Zupfen an ihrer Wange.
Zunächst starrte sie nach vorne. Akaza saß ihr gegenüber am Tisch und nippte an seinem Kampfquellenglas. Sie blinzelte ihn an, doch er zuckte nur mit den Schultern und nickte in eine bestimmte Richtung, der Mitsuri geduldig folgte. Zwei Augen sahen sie mit sanftem Blick direkt an.
»Hast du dich schon wieder mit Sahne bekleckert, mein Stern?«, witzelte Shinobu mit süßlich-sanfter Stimme, aber mit einem Hauch von Verspieltheit.
»Äh?! Wo?!«
Mitsuri wurde panisch, wischte sich mit den Händen übers Gesicht, doch es war gar nichts da.
Shinobu grinste verschmitzt und lehnte sich mit dem Ellenbogen auf den Tisch. Dabei fielen ihr einige Strähnen ins Gesicht und schmeichelten der Farbe ihrer Augen, ein elegantes Violett.
»Oh, habe ich mich vielleicht geirrt?«
Sie legte einen Finger an ihre Lippen, als würde sie darüber nachdenken.
Das Zuckerblüten-Küchlein schmeckte süß und lieblich auf der Zunge, doch Shinobus Scherz gab einen bitteren Nachgeschmack hinzu. Mitsuri schmollte. Gelegentlich überkam sie die Wut, unabhängig davon, ob es sich um vertraute oder fremde Menschen handelte – so wie jetzt.
»Shinoooobu! Du ärgerst mich!«
Augenblicklich klang Mitsuri empörter, als sie sich fühlte, und versuchte, sich zu beherrschen, doch ihr Unmut kämpfte sich hindurch.
»Vielleicht«, gab Shinobu zu und nahm einen Schluck von ihrer Glanzvollen Saphir-Limonade. »Aber du bist einfach zu niedlich, wenn du so reagierst.«
»Und ich liebe deine freche Art, wie du mir deine Liebe beweist.«
Shinobu lächelte mild, bevor sie Mitsuris Gesicht mit zarten Fingern umfasste und ihr einen federleichten Kuss auf die Lippen hauchte. Süß wie Honig und flüchtig wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
Die Tanzlehrerin spürte, wie ihr Herz schneller schlug, ihre Wangen in einem sanften Rosa glühten, während sie sich instinktiv näher lehnte, um den Moment zu verlängern. Als sich ihre Lippen schließlich trennten, blieb ein Hauch von Lavendel in der Luft zurück.
»Jetzt fehlen nur noch Glitzer und Rosen«, würgte Akaza. »Autsch!«
Ein scharfes Zischen stieß seine Kehle hervor, als ihm jemand schmerzhaft am Ohr zog, ohne Gnade zu zeigen. Instinkt wollte er dieser Person das Handgelenk brechen und den Arm mit einer Bewegung vom Körper entreißen, aber der Täter tadelte ihn mit einem Kopfschütteln.
»Worum habe ich dich gebeten, Akaza!«
Kaum sprach Kyojuro seinen Vornamen aus, statt eines der Spitznamen zu verwenden, wurde Akaza verlegen und missvergnügt, aber es reichte noch für ein Fluchen.
»Oh, ein Mist!«
»Falsche Antwort.«
»Sorry«, knurrte er leise.
»Wieso verlierst du immer gegen die Bitterkeit?«, stellte er die Frage und ließ sein Ohr in Ruhe.
Akaza legte die Stirn in Falten und rieb sich brummig das Ohr.
»Ich bin nicht verbittert!«
Hinter dem Glas Honig-Gold Latte versteckte Mitsuri ein Schmunzeln, das zwischen Humor und Schadenfreude schwankte. Früher in der Highschool stritten sich die Jungs wie ein altes Ehepaar, und heute glich es der ersten Streit-Romanze nach dem Liebesgeständnis.
Plötzlich prickelte ein Flüstern an ihrem Ohr.
»Brauchst du ein Betäubungsmittel?«
»Dann brauche ich eins für einen Elefanten«, scherzte Mitsuri, bis sie verstand, um welches Angebot es sich handelte und schaute ihre Verlobte perplex an. »Du hast was?«
»Vergiss nicht, meine Süße. Ich habe Chemie studiert und arbeite in einem Unternehmen mit Gift und Gegenmitteln. Als Frau habe ich dafür ein Feingefühl.«
Sie nickte. Der fruchtig- vanillige Geschmack ihres Getränkes schmeichelte ihren Gaumen und erfüllte ihr Herz mit Genuss. Flüchtig genoss sie den Moment und wandte sich ihr wieder zu.
»Nicht, wenn es um Männer geht, die du als Dämonen betrachtest. Ich glaube, einige Spinnen, also Weibchen, töten doch ihren Partner nach der Paarung.«
Die violetten Augen glänzten und schlossen sich ein wenig. Shinobu musterte ihre Verlobte mit einer amüsierten Neugier. Ihre Stimme nahm einen eleganten Ton an.
»Oh? Wie charmant von dir, mein Stern. Versuchst du, mich zu umgarnen?«, betonte sie vor allem das letzte Wort und auf ihrer Miene zeichnete sich eine unausgesprochene Verführung ab. »Ich habe immer noch den rosafarbenen Liebesbrief von dir.«
Wenn Shinobus Haltung und Wortspiel ihr gegenüber bis dahin harmlos gewesen waren, wurde sie jetzt auffallend, denn Mitsuri wurde auf einen Schlag nüchtern. Ihr Herz stand kurz still und sie schluckte einen Kloß den Hals hinunter.
»Du hast ihn noch?«
»Dafür sind Schätze doch da!«
Ein warmer Frühlingswind, der nach Sonne und Blumen roch, fächelte durch die Straßen der Stadt, während Mitsuri nervös vor einem Eiscafé stand. Ihre Hände zitterten, umklammerten einen rosa-weißen Umschlag, der einen handgeschriebenen Liebesbrief enthielt. Ihre Wangen färbten sich genauso zart und rosig wie die Kirschblüten, die sachte in der Luft tanzten.
»Okay, Mitsuri! Du schaffst das!«, nuschelte sie schüchtern und holte tief Luft.
Gerade als sie sich noch einmal Mut zusprach, erschien eine schlanke Gestalt mit elegantem Schritt aus der Menschenmenge. Es war Shinobu, ihr Liebesschwarm. Endlich kam die Zeit, diese Gefühle aus Herzen zu befreien und frei auszusprechen. Leider tauchte ein Problem auf. Je näher Shinobu auf sie zulief, desto trockener wurde ihr Mund. Der Plan platzte wie eine Seifenblase und die Worte steckten im Hals fest.
»Perfektes Timing«, dachte sie frustriert.
Das Outfit betonte Shinobus Schönheit. Sie trug ein schlichtes, aber stilvolles weißes Kleid mit einem dunklen Schmetterlingsmuster. Ihre violetten Augen funkelten leicht vergnügt, als sie Mitsuris aufgeregte Miene entdeckte.
»Tut mir leid, falls du lange warten musstest. Der Verkehr war das reinste Chaos«, sagte Shinobu mit ihrem typischen sanftmütigen Lächeln.
»Nein, nein! „Ich bin auch gerade erst angekommen!«, erklärte Mitsuri schnell und versteckte den Brief hinter ihrem Rücken.
»Wunderbar! Dann lass uns hineingehen.«
Aufgeregt nickte sie und folgte Shinobu mit pochendem Herzen.
Sie betraten das kleine, gemütliche Eiscafé, in dem es nach frischer Waffel und süßer Vanille duftete. Sie setzen sich an einen Tisch am Fenster, von dem aus sie einen Park mit wildem Unterholz und bunten Blumenbeeten beobachten konnten. Familien gingen spazieren. Freunde skateten oder zockten gemeinsam um den Sieg.
»Oh, schau mal!«, rief Mitsuri begeistert aus und deutete auf eine getigerte Katze, die sich auf einer Parkbank räkelte.
Shinobu beobachtete sie mit einem leichten Schmunzeln.
»Du liebst Katzen wirklich, oder?«
Mitsuri lächelte fröhlich und erzählte von den Katzen ihrer Großtante, die aus einem regionalen Tierschutzverein kamen, während sie von Shinobi still, aber neugierig betrachtet wurde und die Kellnerin die Bestellungen aufnahm.
»Eine extra große Portion Erdbeer-Schokolade und eine kleine Zitronen-Lavendel-Kombination, richtig?«, wiederholte die Frau freundlich.
»Genau«, bestätigte Mitsuri und leckte sich über die Lippen.
»Danke schön«, sagte Shinobu.
Als die Kellnerin wegging und das Gesprächsthema endete, wurde Mitsuri erneut nervös. Sie wippte leicht mit den Beinen, spielte mit einer Haarsträhne und schaute sich immer wieder um, als wollte sie die Stille mit einer spontanen Bemerkung durchbrechen. Gefühle und Gedanken waren entweder einfach oder komplex, nur der Zeitpunkt stimmte fast nie. Etwas verärgert seufzte sie und blickte zögernd ihre Begleitung an.
Shinobu blieb vollkommen gelassen. Ehrlich gesagt, genoss sie den Moment und beobachtete Mitsuri mit sachtem, amüsiertem Blick. Summend tippte sie mit den Fingern leicht auf die Tischkante und fühlte die Sonnenstrahlen auf dem Gesicht, während sich die Stille vorsichtig in die Länge zog, nur um zu sehen, wann Mitsuri sie durchbrach. Wenn ihr danach war, konnte sie sich Mitsuri wortlos nähern, eine ihrer Haarsträhnen anmutig zwischen die Finger nehmen und ihr etwas ins Ohr flüstern. Jedoch entschied sie sich für den direkten Weg.
»Hast du etwas auf dem Herzen, oder genießt du einfach meine Gesellschaft?«
Die Hitze eroberte Mitsuris Gesicht. Soeben öffnete sie den Mund, als die Kellnerin mit zwei Eisbechern zurückkam und ihnen einen guten Appetit wünschte.
»Beides«, antwortete sie entschlossen.
Erst blinzelte Shinobu überrascht, als sie die feste Stimme ihrer Freundin hörte und formte die Lippen zu einem stummen »Oh!«, dann nickte sie verständnisvoll.
Im Radio spielte man ein Lied ab und andere Gäste lachten im Eiscafé, indes genossen sie das Eis, das wirklich gut auf der Zunge schmeckte. Nebenbei griff Mitsuri vorsichtig nach ihrer Tasche und zog den Umschlag hervor. Ihre Hände versagten, als sie den Brief Shinobu reichte.
»D-Das ist für dich! Ich wollte dir schon lange etwas sagen…und habe es daher aufgeschrieben.«
Shinobu nahm den Brief entgegen und betrachtete ihn mit erwartungsvollen Augen, bevor sie ihn vorsichtig öffnete. Jedes Wort las sie sorgfältig und dankbar, die Mitsuri mit Herzklopfen geschrieben hatte, und lächelte sie nach dem letzten Satz an.
»Das ist wirklich süß von dir, Mitsuri.«
Glück und Zuversicht strahlten auf Mitsuris Gesicht. Langsam schrumpfte ihre Nervosität, aber dafür stieg die Angst vor einer Ablehnung.
Ohne ein weiteres Wort legte Shinobu den Brief behutsam auf dem Tisch lehnte sich dann leicht nach vorne und tippte sanft mit einem Finger gegen Mitsuris Nase.
»Ich mag dich auch sehr.«
Mitsuri erstarrte für eine Sekunde. Sämtliche Zahnräder kreisten und dampften in ihrem Kopf, sie versuchte, den Satz zu kapieren, weil sie fest mit einer schlechten Nachricht rechnet hatte, doch ihr Herz flüsterte nur Positives. Nachdem sie es verstanden hatte, wurde sie knallrot und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
»Aaaaah! Das ist zu viel für mein Herz!«
Shinobu lachte aufrichtig und nahm einen weiteren Löffel vom Eis.
»Du bist wirklich zuckersüß«, kicherte sie und kam auf eine Idee. »Meine Süße, mein Stern.«
»Es gibt jetzt schon süße Kosenamen?«
»Gesagt. Getan. Und jetzt genießen wir unser Date!«
»Warte, wir haben jetzt schon ein Date? O-Okay. Wie aufregend!«
Draußen flatterte ein Schmetterling am Fenster vorbei, während die Frühlingsbrise durch die Baumkronen wehte. Somit begann für die beiden der erste Schritt in der Liebe.
Die Erinnerung lief wie ein Film vor ihren Augen ab. Mitsuri wirkte verträumt, doch dann wurde sie hellwach, als ihre Verlobte etwas aus ihre Kuriertasche holte. Ihre Augen fixierten den Brief, der zwischen Shinobus Fingern glitt. Ihre Sinne spielten ihr einen Streich. Es duftete auf einmal nach Frühling, warm und blumig, spürte dieses Gefühl, das man kannte, aber nicht beschreiben konnte. Ein Lächeln spiegelte ihr Glücksgefühl.
»Du hast es persönlich für mich geschrieben und etwa erwidern«, fügte Shinobu zwinkernd hinzu.
Die Tanzlehrerin wollte ausholen, wusste jedoch nicht, wie sie beginnen sollte und senkte den Kopf. Wieder hämmerte ihr Herz in der Brust. Jetzt durfte sie nicht einknicken, darum richtete sie sich auf, blickte ihre Verlobte beherzt an, bevor sich ein Lächeln auf ihre Lippen stahl.
»Danke«, brachte sie frohgemut hervor.
»Für dich erstelle und benutze ich jedes Gift oder Gegenmittel, um dein Glück zu sichern.«
»Zweifelsohne! Dagegen komme ich niemals an.«
Ihre Mundwickel sackten nach unten. Es dauerte nur wenige Herzschläge, da war ihre Freude außer Gefecht gesetzt, bis eine Wärme ihre Hand berührte und fest drückte.
»Du bist eine süße Idiotin«, schimpfte Shinobu zaghaft. »Aber meine süße Idiotin!«
Mitsuri keuchte ein »Ja, ich bin deine süße Idiotin!« und ihr Handrücken prickelte, genau wie ihr Gesicht, blinzelte sie ihre Verlobte an und konnte nicht anders, als dankerfüllt zu lächeln.
Als Nächstes fing Shinobu an, von ganzem Herzen zu kichern. Es wirkte schnell mühelos, als ob sie es genoss, mit Mitsuri zu spielen, ohne sie dabei ernsthaft zu verspotten.
»Scheiße! Dieses Kampfquellengas schmeckt besser als gedacht«, stellte Akaza erst stutzig, dann enttäuscht fest und grinste höhnisch. »Heute kommt er mit einem Okay davon.«
Aus den Gedanken gerissen, tauschten die Frauen überraschte Blicke aus und schauten zu Akaza hinüber, der das Glas seufzend hinstellte.
Mit einem Klaps auf den Hinterkopf züchtete Kyojuro ihn für sein unverschämtes Verhalten.
»Das habe ich schon befürchtet.«
»Hey, ich sage doch nur die Wahrheit!«
Das theatralische Spiel zwischen den beiden Ehemännern sorgte bei Mitsuri und Shinobu für amüsierte Blicke. Es war einfach zum Niederknien. Kurz, aber innig küssten sie sich, atmeten den Duft der anderen ein, genossen den einen Moment zusammen.
»Mit ihnen wird es nie langweilig. So leidenschaftlich und originell«, ging es ihr durch den Kopf.
Sie schaute nach vorne. Ihre hellen Augen entdeckten ein Detail, wie ein fahler Lichteinfall, der sich durch die Wolken nach unten kämpfte.
Brummend rieb Akaza sich an der pochenden Stelle am Kopf und sein Gesichtsausdruck blieb glatt, aber seine Augen flackerten einen Moment lang, gerade lange genug, damit Mitsuri diese subtile Veränderung wahrnehmen konnte.
Erwartungsvoll beobachtete sie seine Mimik. Plötzlich standen ihre Nackenhaare aufrecht, als er den Kiefer anspannte und etwas aus der Hosentasche holte.
Sein Grinsen strahlte Selbstbewusstsein aus, seine Bewegung war blitzschnell und fließend.
»Was?«, japste Mitsuri perplex und blinzelte.
Neben ihr zuckten auch Shinobus Augen, die konzentriert auf dem Geschehen ruhten.
Kyojuro probierte soeben die zweite Diamantbombe, die besonders nach Vanille, Orangen, Blaubeeren sowie sauren Kirschen schmeckte, und stoppte das Kauen, nachdem er als letzter Beteiligter die Situation bemerkt hatte. Zunächst sah er Shinobu an, deren bedachtsamen Blick er verfolgte, und entdeckte Mitsuri, die geradeaus auf Akazas Smartphone starrte.
»Oh!«, sagte sie und kicherte. »Wie unerwartet, aber unverblümt.«
Der Polizist hob eine Augenbraue hoch. Erstaunt wischte er sich die Krümel vom Mund ab.
Dann wurde auch Shinobu neugierig, rückte etwas weiter zu Mitsuri rüber, lehnte sich eng an ihren Körper, sodass sich ihre Wangen berührten. Aus ihrem ruhigen Mienenspiel formte sich ein vergnügter Ausdruck, gefolgt von einem Lachen.
»Schade, dass sexy Polizisten immer vergeben sind.«
Stolz spiegelte sich auf Akazas Lippen.
»Ich bin ein Karma-Liebling!«, feixte er feuchtfröhlich und schielte zu Kyojuro.
Beinahe erstickte Kyojuro an einem Krümel, der im Hals feststeckte und mit der Faust gegen die Brust hämmerte und hustete.
Instinktiv handelte Mitsuri und überreichte ihm die Honig-Gold Latte, die sie für ihre süße Zunge bestellte und atmete erleichtert aus, als er es eilig trank und dann behaglich räusperte.
»Danke, Mitsuri«, sagte er und leckte sich über die Lippen. Hm, schmeckt erfrischend.«
Bevor Shinobu es kommentieren konnte, entkam Mitsuri ein befreites Lachen.
»Es war mir eine Freude. Zum Glück geht es dir besser.«
Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, klopfte Akaza ihm auf den Rücken, vorsichtig, mit einem halbwegs unterhaltenen, halbwegs schuldbewussten Blick. Er küsste ihn zärtlich auf die Wange und erhaschte von Kyojuro ein sanftes Schnauben.
»Ersticken an einem Krümel ist kein würdiger Tod für dich.«
»Kein Interesse«, lachte er trocken, doch der Nervenkitzel zuckte an seinen Mundwickeln, als ob er ein triumphierendes Grinsen unterdrückte. »Ich bin noch kein altes Eisen.«
Daraufhin grunzten beide. In ihren Augen glitzerte ein entflammendes Gefühl, welches sie gut kannten, häufig in ihrer Privatsphäre ausübten und es in jeder Sekunde genossen.
Mit aufrichtiger Freude ließ Mitsuri den Ehemännern ihren unbeschwerten Augenblick.
Von der anderen Seite ertönte ein Kichern, das den Eigensinn von Shinobu zeigte und ihre Verlobte auf sich aufmerksam machte. Ihre Gesichtszüge waren weich, doch die unschuldige Maske bröckelte, als ihre Lippen sich zu einem beherzten Schmunzeln kräuselten.
»Kein Wunder, warum wir heute so viele süße Nachspeisen essen oder es als Synonym für erwachsene Inhalte verwenden.«
Aus Akazas Kehle entwich ein erpichter Laut und rollte dann mit den Augen, was Shinobu registrierte, während sich dessen Augen selbst verengten.
Allerdings zeigte Kyojuro kein Interesse daran, was sie sagen wollte, denn er starrte nur auf Akazas Handy, welches ein Bild beinhaltete und ihn nicht in Ruhe ließ. Dennoch hallte ein Lachen durch seinen Kopf, lebensfroh und unbesonnen, erregt durch Akazas Schamlosigkeit.
Mitsuri hingegen legte nur den Kopf schief.
»Wovon redest du?«
»Ups«, spielte sie brav und setzte die Finger auf ihre Lippen. »Ich habe wohl zu laut gedacht.«
Frohlockend stieß sie ein »Aber sicher doch!« aus und zog die Augenbrauen zusammen. Jetzt dauerte es nicht mehr lange, bis sie entweder einen Witz oder eine Beleidigung von. Dann fiel ihr etwas auf. Bei diesen Gedanken legte sie Daumen und Zeigefinger an das Kinn. Gab es zwischen diesen Worten einen Unterschied?
Auch der Kampfsportler runzelte die Stirn.
»Zufälle passieren, oder? Also spuck es einfach aus und spanne uns nicht auf die Folter.«
Aus den Gedanken gerissen, konnte Mitsuri erkennen, wie der Polizist ihn kopfschüttelnd von der Seite musterte, die Augenbrauen anhob und erneut das Smartphone ins Visier nahm. Sie wusste ganz genau, dass sein reines Herz ihn daran hinderte, das Gerät zu stehlen.
Unerwartet klatschte Shinobu mit den Händen.
»Die lange Hinfahrt und die Winterkälte haben uns alle etwas gestresst«, fing sie lächelnd an und nippte an ihrem Glas. »Und die meisten Menschen essen Süßes, um die Nerven zu glätten. Dabei fiel mir etwas Lustiges auf.«
Abermals kostete sie die Glanzvolle Saphir-Limonade, nickte zufrieden und spitze bei dem exotischen Geschmack die Lippen.
»Komm auf den Punkt, du Giftzwerg!«
»Geduld ist eine Tugend. Bis heute kannst du nicht warten, du Tintenklecks!«
»Denkt an meinen Vortrag«, predigte Kyojuro und tippte mit dem Finger auf die Tischplatte.
Selbst Mitsuri spürte kurz eine innere Unruhe im Magen und nickte ihrem besten Freund aus Kindheitstagen zustimmend zu. Mit leuchtenden Augen bat sie ihre Verlobte um die Lösung.
»Und weiter, Shinobu?«
»Wusstet ihr, dass das englische Wort stressed rückwärts Desserts geschrieben wird?«
Unermüdlich versuchte sie, die Gruppe zu provozieren, während sie sie unentwegt anlächelte. Aber an eine Niederlage dachte sie nicht, stattdessen streckte sie ihnen die Zunge heraus.
Eine Wutader pochte auf Akazas Schläfe. Es fiel ihm recht schwer, die Anspannung aus seinen Schultern zu vertreiben und zugleich seinen Stolz zu bewahren, ohne ihn zu erzwingen, da er sonst den Kürzeren gezogen hätte. Auf keinen Fall konnte und wollte er gegen sie verlieren.
Gespannt beobachteten Mitsuri, die das Wortspiel deliziös fand, und Kyojuro, der über diese Reaktion Akazas verlockend lachte.
»Tchz, selten so einen geschmacklosen Witz gehört«, schnalzte Akaza mit der Zunge.
»Ich find ihn unterhaltsam. Wie die legendäre Essensschlacht aus unserer Zeit auf der High School«, meinte Mitsuri, um die Stimmung zu lockern.
»Das war eine unvergessliche Pausenzeit«, schwelgte der Polizist in Erinnerungen und fragte Akaza nach einem Gefallen. »Hast du noch die Videos auf deiner Speicherkarte?«
Egal, was es kostet, er wird dieses Foto zu Gesicht bekommen.
Homesickness
»Aus welchem Grund dieses Foto?«
Kyojuros Gesicht lag auf dem Tisch, das von der wilden Haarmähne verdeckt wurde, bis er sich kerzengerade hinsetzte und Akaza mit gemischten Gefühlen durchblickte. Es fühlte sich an, als ob sein Herz aussetzte und ihm in die Kniekehlen rutschte. Eine warme Röte überzog seine Wangen und Ohren.
Ein Brummen vibrierte zwischen seinen Lippen. Akaza wusste, dass es sinnlos war, ihm diese Frage zu beantworten, da Kyojuro mit dem Witzeln anfing. Die Hände hob er respektvoll hoch, das Grinsen beschrieb allerdings seine egoistische Kampfnatur.
»Unter Freunden teilt man solche Geheimnisse«, sagte er ungeklärt.
Nachdenklich verzog Kyojuro die Miene, offensichtlich nicht überzeugt von der Antwort.
Akaza erwiderte das Funkeln in den Augen, hob und senkte ausdruckslos die Schultern, ohne weiter darauf einzugehen.
»Genau, auch nicht den Mut verlieren! Niemand außer uns hat es gesehen, stimmt?«
Mit einem tiefen Atemzug verdrängte Mitsuri ihre Besorgnis, setzte ein ermutigendes Lächeln auf und ließ ihren Blick über den Tisch wandern, in der Hoffnung, einen positiven Ansatz zu finden, um die angespannte Stimmung zu mildern.
Shinobu zuckte mit den Schultern, doch sie verschränkte die Arme vor der Brust. Die Frauen tauschten zankende Blicke miteinander aus, die zwischen Fürsorge und Eigenwillen pendelten.
Am Ende unterlag sie Mitsuri in diesem Duell und quittierte es mit einem leisen Summen.
»Akaza ist zwar ein Arsch, aber kein Verräter!«
Erst nickte der Kampfsportler abweisend, dann stockte sein Atem, ein Schatten huschte über sein Gesicht, und er knurrte Shinobu ernst an.
Sie warf ihm ein selbstsicheres Zwinkern zu. Ein Glimmen durchzog Akazas sonnengelbe Augen, und sie erkannte, dass er nicht an eine Niederlage dachte, sondern an seinen Triumph.
Mitsuris bedrückter Blick wanderte ständig zwischen Akaza und Shinobu hin und her. Dann entdeckte sie, wie Kyojuro stark überlegte und wiederholt den Mund bewegte. Doch bevor er etwas erzählen konnte, erhob sie ihre Stimme.
»Was ist mit unserer Tradition? Habt ihr das Versprechen vergessen?«
»Wie bitte?«, fragte Shinobu, schlug überraschte die Augen nieder und spürte prompt, wie die Reue in ihr aufstieg. »Oh, ich verstehe.«
»Richtig, da war ja noch eine Sache!“, brummte Akaza, und löste rasch die harte Mimik aus seinem Gesicht. »Ein weiteres Theater brauchte das Café nicht.«
Die Lippen Mitsuris formten ein leises »Dankeschön«, und ihr entging nicht, wie beide über ihre Worte nachdachten. Auch Kyojuros Reaktion schenkte ihr ein angenehmes Gefühl.
»Hahahaha!“, entfuhr Kyojuro ein froh gestimmtes Lachen. »Das habe ich vermisst, Freunde.«
Gelassen über das, was Akaza soeben hörte, verdrehte er die Augen, schnalzte mit der Zunge und schmunzelte ihn anschließend an. Er rümpfte die Nase, als der Geruch des Wildtierfutters auftauchte.
Shinobus Augen schimmerten traurig, dann heller und stärker, spiegelten ihre Gefühle wider.
»Ich hatte auch oft Sehnsucht, zurück nach Hause zu reisen.«
»Du sprichst mir aus der Seele, mein Schmetterling«, gestand Mitsuri und umarmte sie fest. »Deshalb lasst uns diese zwei Wochen unvergesslich machen.«
Aus Shinobus Kehle entwich ein freudiges Kichern, und sie schloss sich der Umarmung an.
Auf dem Tisch lag der Beutel mit dem holzigen, modrigen Aroma, den Kyojuro zuvor aus dem Einkaufsbeutel herausgeholt hatte und der bei der heimischen Bevölkerung das Gefühl von Heimat erweckte. Er schloss die Augen, atmete mehrmals den Duft ein, empfing die Wärme in der Brust, und sein Kopf fiel auf Akazas Schulter.
Alles in ihm verkrampfte sich und wurde zu Eis. Akaza schluckte, als er Kyojuros Lippen sah, die halb offen standen. Sein Herz schwieg, und sein Körper zitterte sich warm. Sein Gesicht lief heiß an, da er sein Lächeln begehrte.
»Da kann ich dir nicht widersprechen, mein Lieblingsdämon. Unter Freunden teilt man vieles miteinander«, verhandelte Kyojuro. »Danke, dass du unsere Rechnung bezahlst.«
Für einen Moment zeigte er Geduld, bis er mit den Zähnen knirschte und seufzte, ehe er selbst seinen Stolz ablegte, jedoch nicht auf direkte Art.
»Ist mir recht, wenn ich heute die Kontrolle behalte.«
»Einverstanden!«, frohlockte er und lauschte dem Herzklopfen.
Mitsuri und Shinobu verspürten ebenfalls ein Kribbeln auf den Lippen und brachen schließlich in Gelächter aus. Tränen glitzerten in ihren Augen. Dieses Gefühl, das sie in der Schulzeit täglich erlebten, keimte nach langer Zeit wieder auf. Sie hatte es wirklich vermisst.
»Wunderschön, dieser Moment«, trällert eine markante Stimme, und zwei Hände klatschen erfreut. »Der Glanz eurer Freudentränen und das Glimmern eures leidenschaftlichen Feuers erhellen mein Café zu meiner Zufriedenheit.«
»Du bist doch nur hier, weil ich jetzt bezahlen muss«, sagte Akaza.
Als Antwort grinste Tengen und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander, um zu zeigen, dass er nicht lange fackelte. Seine harte Arbeit und seine erstklassige Show waren ihm eine angemessene Bezahlung wert. Anschließend bekam er von Akaza die Bezeichnung Geizhals.
»Vielen Dank für das Essen«, bedankte sich Kyojuro, während sein Ehemann bezahlte.
»Es schmeckte himmlisch«, lobte Mitsuri ihn und leckte sich über die Lippen.
Daraufhin nickte Shinobu und ließ spielerisch Mitsuris Haarsträhne durch ihre Finger gleiten.
»Du hast dich ja ganz schön angestrengt, dieses Café zu leiten. Es freut mich zu sehen, dass sich deine harte Arbeit auszahlt.«
Plötzlich hatte Akaza eine Idee, die ihm zu bitter war, aber bestimmt Kyojuro zum Schmunzeln brachte. Die Lippen zog er zu einem schmalen Strich zusammen und blickte Tengen direkt an.
»Hast du später Zeit, mit uns die Wildtiere zu füttern?«, fragte er und raunte angepisst, als ihn die anderen überrascht anstarrten: »Was? Es war nur eine Frage und kein Flirt!«
Herzhaft lachte Tengen und klopfte Akaza auf die Schulter.
»Wo bleibt das Zauberwort, mein Freund?«
