Zum Inhalt der Seite

Feenblut II (Titel kann sich noch ändern)

von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Hast du alles dabei?“

Cat fixierte ihre Freundin und mischte die Tarotkarten. Ihr weisser Otter hüpfte auf den Koffer der Halbfee. Er streckte sich und fiepte. Antoinette verdrehte die Augen. Ihre langen Haare trug die Schülerin zu einem eleganten Zopf, geschmückt mit seidenen Bändern. Passend zu ihren Flügeln, die in der Abendsonne glänzten.

„Ich bin kein Baby, Cat.“

„Aber flennst jedes Mal, wenn etwas dein Gefühl berührt. Oder dir ein Pickel auf der Nase wächst.“

Laut lachte das Hausaufgabenheft, während es aus dem Koffer geschossen kam. Cat grinste breit, fing ihren Otter auf, der erschrocken in ihre Armee sprang.

Antoinette hörte nicht den Stichreihen zu, sondern schloss die Augen. Sie konzentrierte sich auf ihre innere Magie. Ihre Handflächen leuchteten schwach in einem bläulichen Ton. Sie spürte den Wind, der ihr zuflüsterte. Eine Brise umtanzte die Schülerin, hörte ihre Befehle. Bevor Antoinette die Magie wirken konnte, verschwand diese auch wieder.

Enttäuscht stampfte die Schülerin mit den Füssen auf, warf sich zornig auf ihr Bett. „Warum klappt es nicht? Warum kann ich mein Feenblut nicht beherrschen?“, murmelte sie. Tränen liefen ihre Wangen hinunter.

„Küken, Geduld. Du hast grosse Fortschritte gemacht“, sprach das Hausaufgabenheft väterlich. Ihre Freundin nickte und zählte jeden Moment auf, den sie den Wind rufen und beherrschen konnte. Das munterte Antoinette auf. Sie war nicht einmal böse, als Cat bemerkte, dass sie wieder weinte.

„Küken, pack lieber weiter deinen Koffer. Deine Reise startet zwar erst in drei Tagen, doch was erledigt ist, ist erledigt.“

Der Otter sprang auf das Schminktischen der Halbfee, schnappte sich die Haarbürste und sprang wieder auf den Koffer.

„Du putzt dir jetzt die Nase, hörst auf dich zu bemitleiden und packst weiter. Ich lege dir die Karten.“

 

Die Tage vergingen wie im Fluge. Antoinette war zweimal im Unterricht nervös, gab unverständliche Antworten auf die gestellten Fragen. Ihre Mitschülerinnen waren entweder gehässig oder mitfühlend. Zum Glück war Cat stets in ihrer Nähe und wachte über sie. Sie durfte sogar beim letzten Gespräch mit der Schulleiterin als Unterstützung dabei sein. Hexen und Hexenmeister waren loyal und wenn sie sich auf jemanden einlassen, liessen sie diese Person nie im Stich.

Mehrmals wollte Cat ihr die Karten legen, was Antoinette ablehnte. Cat wollte sogar irgendeinen Seelenzauber ausprobieren, damit sie stets miteinander verbunden wären und Cat bei Gefahr ihr zur Seite stehen konnte. Der Kompromiss, den die beiden Freundinnen schlossen, enthielt eine verzauberte Tarotkarte und ein Fläschchen von Cats Blut.

 

 

Antoinette blickte die Decke ihres Zimmers an, blies eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Ihre Mitbewohnerin war nicht da, sie besuchte ausnahmsweise den Unterricht in der Nachklasse. Sternenkunde, was sie Antoinette freudig erzählte. Sie versprach, fleissig zu studieren, während Antoinette zu ihrer Prüfung ging.

Antoinette war so froh, jetzt alleine zu sein. Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen und das Gefühl, niemand würde sie verstehen, schwoll in ihr hoch.

Sie fürchtete sich, obwohl sie den Ort kannte, wo sie hinging. Sie fürchtete sich davor, zu viel im Unterricht zu verpassen. Sie fürchtete sich, ihre Eltern und Verwandten zu enttäuschen. Sie fürchtete sich, zu versagen. Sie fürchtete sich, zu wenig Vorbereitungen getroffen zu haben.

Das Schnarchen ihres Heftes war so laut, dass niemand hörte, wie die Schülerin aus dem Zimmer schlich.

Leise lief sie hinunter zum gemütlichen Aufenthaltsraum. Vorsichtig guckte die Halbfee hinein. Er war verlassen. Theaterisch warf sie sich auf das weiche Sofa, welches aus dem braun-grünen Leder eines Erddrachen gefertigt wurde. Die Decke, aus den Spinnenweben einer Tsuchigumo, fühlte sich sanft und trotzdem stark an. Antoinette weinte hemmungslos, bis sie einschlief.

Ihre letzten Gedanken, bevor der Schlaf sie übermannte, waren, dass sie noch mehr Vorbereitungen treffen müsste.

Flatternd nährte sich die Nachtwache des Mädcheninternats. Es war ein Gargoyle, der weibliche Züge an sich hatte. Mütterlich hob sie die Schülerin hoch und trug sie zurück in ihr Zimmer. Legte sie ins Bett und deckte sie zu.

 

 
 

[***]

 

 

Freudig sprang Antoinette aus der Kutsche. Sie spannte ihre Flügel und tanzte im Kreis. Die Freude, hier zu sein, überwältigte Antoinette. Es fühlte sich so gut an, hier zu sein. Der Aufstieg zum Berg würde ein Kinderspiel sein. Wäre da nicht ihr Koffer.

Der Kutscher, ein Kyklop mit freundlichem Lächeln, beobachtete den Tanz. Nach einer Weile fragte nach er, was er mit dem Gepäck machen soll. „Ich würde gerne vorgehen. Könnten Sie es später hochbringen?“, flötete sie. Sie wollte ihn nicht ausnutzen, aber gerne wäre sie den Berg bis zu dem Haus ihrer Ahnen hochspaziert, um sich in Erinnerungen suhlen.

Der Kyklop nickte und wünschte gute Reise. Um nicht undankbar zu wirken, holte die Halbfee aus einem kleinen Beutel ein paar Bonbons hervor. Sie bot es dem Kutscher an. Dieser klatschte erfreut in die Hände und nahm die Bonbons an. Gerührt sagte er, dass ihm nie Süssigkeiten angeboten wurden, obwohl er diese so sehr mochte.

Verstehe ich. Auch ich habe immer noch mit Vorurteilen und meinem Stolz zu kämpfen. Diese Pfade zu verlassen, um Neue zu entdecken und sich dabei zu hinterfragen, ist nicht leicht.

Zum Abschied knickste die Halbfee höflich, bevor sie singend und tanzend den Weg entlang schwebte.

 

 

So fühlte sich Heimat an. Tief holte sie Luft und sprang in einen Blumenteppich. Einige kleine Blumenelfen flogen erschrocken davon. Dann erkannten sie, wer sich hier in ihre Blumen legte.

Summend umrundeten die Wesen die Schülerin. Fragten tausende Sachen.

Es tat ihr gut, im Mittelpunkt zu stehen. Selbstverständlich auch, bewundert zu werden. Antoinette nahm sich Zeit und beantwortete jede Frage.

„Hast du Angst?“, fragte eine Elfe mit einem Tulpenhut und Kleid. Die Schülerin zog die Beine zusammen. Sie überlegte, wie sie es sagen wollte. Sie entschied sich für die Wahrheit.

„Ich habe grosse Angst. Ich möchte niemanden enttäuschen. Und da ist ja noch mein Stolz.“

Die Elfen tänzelten um sie herum, murmelten und versuchten, sie aufzubauen. Immerhin kannten sie Antoinette, seit sie im Bauch ihrer Mutter heranwuchs. „Dein Vater ist stets stolz auf dich“, rief eine vorwitzige Elfe in einem wunderschönen Gänseblümchenkleid, in dem sie wie eine Königin aussah. Antoinette lächelte und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Du bist doch klug. Sicher hast du dich vorbereitet“, flüsterte eine Elfe in ihr Ohr und schmückte ihre Haare mit Blumen.

Die Schülerin schloss die Augen. Das Heft war noch im Koffer, was er ihr sicher für ewig vorbehalten wird, da hatte sie sich alles aufgeschrieben. Hätte sie wirklich alles getan, was ihr möglich war?

 

Ihre Gedanken schweiften zurück zum Internat.

Wie das Bibliotheksehepaar mit ihr Magieformeln geübt hatte und ihr half, sie zu konzentrieren. Eine Beschwörung, die ihr helfen sollte, ihr Feenblut unter Kontrolle zu halten, trug sie nahe an ihrem Herzen.

Wie Wahlberth stundenlang mit sprach und dabei war, wenn sie ihre Feenmagie ausprobierte. Das klappte zwar nicht wie gewünscht, aber das Blut übermannte sie nicht mehr und verwandelte sie in eine bösartige Gestalt von ihr selbst. Natürlich hatte sie Cats Sachen bei sich. Was sollte noch schiefgehen?

Ausserdem trug Antoinette den Brief bei sich, den sie von der Zunft der Zauberer zugeschickt bekam, die sie zu der Prüfung beorderten. Und zum Schluss erhielt sie von der Schulleiterin einen Talisman, als diese Antoinette zu einem Gespräch einlud. Sie wünschte ihr persönlich viel Glück und egal, welchen Weg sie einschlagen würde, würde sie mit Freude wieder ins Internat eingeladen werden.

Sie nahm den geliehenen Talisman aus einer versteckten Tasche, die in ihr moosgrünes Kleid eingenäht wurde. Entzückt umrundeten die Elfen den Stein. „Was ist das?", sangen sie im Chor. Antoinette erklärte es mit Ehrfurcht, aber wurde zäh unterbrochen.

Eine warme Windböe ergriff den Talisman. Die Elfen wurden zurück in die Blumen geschleudert.

Empört nahm das Mädchen die Verfolgung auf. Sie bereitete ihre Flügel vor, eine Magie hielt sie zurück.

„Komm zurück! Gibt es zurück!“, schrie sie. Der Wind schleuderte den Talisman in das Nest eines Raben. Alarmiert krähte der Vogel, warnte ihre Kameraden. Ein Kreis aus schwarzen Vögeln zog runden um das Nest und blickte prüfend zu dem Fremdling. Antoinette verzog das Gesicht, überlegte, was sie tun sollte. Obwohl sie keine Magie einsetzen könnte, würde sie den Talisman zurückholen. Kaum berührte sie den Baum, krähte der Rabe und hüpfte aus dem Nest. Das Mädchen ignorierte die Warnung und versuchte, den Baum zu erklimmen.

Der Chor der Raben stimmte ein Lied an, bevor das Mädchen von schwarzen Federn umhüllt wurde.

Der Schmerz war weniger schlimm als der Schock. Antoinette blickte auf die Wunde am Arm. Sie plumpste auf ihren Hintern. Plötzlich fühlte sie eine vertraute Art von Magie. Windmagie.

Eine süsse Stimme erklang, machte sich über Antoinette lustig. Der Geruch von einer Frühlingsbrise umwehte die am Boden sitzende Person.

„Kannst du gar nichts alleine bewältigen, meine unwürdige Cousine?“

Antoinette sah nicht auf. Diese Freude würde sie IHR nicht bereiten.

Der Talisman schwebte in ihren Schoss zurück. „Bist später, kleine Versagerin“, flötete die Windfee. Die Raben wurden von der Magie weggedrückt, konnten die edle Fee nicht berühren. Ihr wütendes Krähen verfolgen den Störenfried.

 

War sie hier, um die Prüfung zu sabotieren? Wollte sie sehen, wie sie versagte?

Antoinette war gewachsen und würde sich deswegen keine Sorgen machen. Die Prüfung war anspruchsvoll genug.

Diese Unwürdige darf weiterhin das Internat mit ihrer Anwesenheit beschmutzen?“

Verärgert knüllte die erwachsene Fee den Brief zusammen. Ihre langen Haare peitschten durch die Luft, ihre Stimme wurde schrill.

Weshalb waren ihre Schwester und ihr Bastard stets in der Gunst der heiligen Fortuna? Obwohl sie die Blutlinie beschmutzte und das Gör ihre Magie nicht beherrschte?

Der Wind zerschnitt die Luft, liess die Magie einfrieren. Die Augen der Fee wurden vor Neid dunkelviolett, ihre sonst anmutigen Flügel strahlten eine diabolische Aura aus. Ihr Schrei war noch weit zu hören, jede Fee spürte ihren Schmerz und Wut.

Die Gespräche von früher sind in ihren Gedanken fest verankert.

Wie ihre Schwester vor der Feenältesten von ihrer Liebe zu einem Sterblichen sprach und diese ihr den Segen gab.

Wie ihre Urgrossmutter ihr den Familienschatz anvertraute und damit das Wissen über die uralte Magie.

Wie das Gör Antoinette als Fee in das Internat aufgenommen wurde und jetzt nicht einmal hinausgeschmissen wurde.

 

„Mutter, bitte beruhige dich“, holte ihre Tochter sie aus den düsteren Gedanken. Eine perfekte Fee aus der Familie der Windfeen. Ihre Stimme lieblich wie eine Frühlingsbrise. Ihre Haare schimmerten in verschiedenen hellblauen und silbernen Tönen. Ihre Haut in hellen grauen Farben. Ihre Flügel schimmerten in leichtem grün. Ihre Haare umhüllten ihren nackten Körper.

Sie war vollkommen und erfreute das Herz ihrer neidischen Mutter.

„Sie ist jung und verdorben. Sie wird niemals zu uns gehören“, flötete sie und schwebte zu ihrer Mutter. Die Worte beruhigten Eléonore, die den zerknüllten Brief mit einem Schnipsen, mit einem heissen Wind verbrannte.

Ihre Chance wird noch kommen, diesen Schandfleck aus der Familie zu verbannen.

Sie, Eléonore Silvercloud, würde persönlich dafür sorgen, dass ihr Feenvolk rein bliebe.

 

 
 

[***]

 

 

Mit höchster Konzentration legte Eléonore einen Feenkreis. Ihre dumme Schwester wollte es vor ihr verheimlichen, aber nichts blieb ihr verborgen. Ein bösartiges Lächeln zierte ihr makelloses Gesicht.

Sie spuckte dreimal in die Mitte des Kreises, bevor sie eine Haarsträhne ihrer Nichte in die Mitte legte. Langsam formte sich aus dem Nichts die Gestalt von Antoinette. Sie sass in der Bibliothek und lernte Magie.

„Mein Schatz, du vergeudest deine Zeit. Niemals wirst du die edle Feenmagie meistern“, flüsterte sie und schnippte mit den Fingern. Der Kreis leuchtete in einem violettfarbenen Schimmer. Das Abbild von Antoinette keuchte, plumpste auf ihren Hintern. Was sie zu dem besorgten Geisterehepaar sagte, hörte ihre Tante nicht. Und auch wenn, interessierte es sie nicht. Eléonore benutzte ihre Magie, um Antoinette zu stören. Wollte ihren letzten Rest der Hoffnung nehmen, ihre Nichte davon abhalten, an der Prüfung teilzunehmen.

Zauberer, Hexen, Magier und der Rest der Sterblichen, die Zugang zu Magie besassen. Abschaum. Schmutz. Unwürdig. Sie sollten unter sich bleiben, sich nur unter sich fortpflanzen. Lachend breitete die Fee die Flügel aus, verband sich mit dem Wind. Der Feenkreis leuchtete wieder auf. Kleine, fast unsichtbare Ranken schossen aus dem Boden. Schlangen sich um die Füsse von Eléonore. Ihre süsse Nichte würde auf die harte Tour lernen müssen, was es heisst, eine Halbfee zu sein.

 

Die Sonne umrundete mehrmals den Horizont, bevor Eléonore den Feenkreis verliess. Ihr Verstand musste zuerst den Körper erreichen. Der Wind umhüllte die Fee, bildete eine schützende Mauer.

Sie tat, was sie tun konnte. Und doch spürte sie in dem Augenblick, als sie den Kreis verliess, dass es nicht genügte. Hatte es nicht genügt, ihre Magie zu stören und ihr Albträume zu schicken? Antoinette war auf dem Weg zur Prüfung. Das durfte nicht sein. Mit einem Flüstern rief sie ihre Tochter. Artig knickste diese vor der Mutter und nahm den Auftrag an.

 

 

„WIE?“

Der Schrei liess den Wind erzittern. Geknickt sass ihre Tochter vor Eléonore. Ihre Flügel liess sie hängen. Ihre Haare waren zwar perfekt, aber ihre Mimik war verzehrt. „Mutter, kaum habe ich ihr das Amulett abgenommen und sie mit einem Fluch belegt, hatte ich nichts mehr unter Kontrolle. Dann die Raben. Diese schrecklichen, bösartigen Vögel.“

Weiter musste sie nicht sprechen. Ihre Mutter konnte sich denken, was der Grund war. Auch, weshalb sie keine zu grosse Macht über die Träume und Gedanken ihrer Nichte hatte.

Ihre Freundschaft mit der verdammten Hexe.

„Ich kümmere mich darum, mein Liebling“, sprach Eléonore. Sie bereitete die Flügel auf und flog in die Berge.

Ihre Tochter blieb geknickt zurück. Die Schande, versagt zu haben, brannte in ihrer Seele. Das Amulett erkannte sie. Nicht nur sie hätte alles dafür getan, das Schmuckstück zu berühren.

Sie fragte sich zum wiederholten Male, weshalb sich Antoinette so veränderte. Früher hätte sie alles getan, um als wahre Fee anerkannt zu werden. Der Stolz, den jede Fee empfand, verhinderte, dass sie es sehen konnte.

 

 
 

[***]

 

 

Das ihre Ankunft und Einmischung nicht unbemerkt blieben, spürte Eléonore nicht. In ihrem Hass ignorierte sie die Warnzeichen. Das der Nebel in den Bergen immer dichter wurde, war ihr gleich. Das Stimmen flüsterten, sie soll verschwinden, überhörte die Fee.

Sterbliche Magie gegen ihre? Lächerlich. Wenn es sein musste, würde sie Antoinette mit körperlicher Kraft davon abhalten. Bösartig lachte Eléonore, beschwor ihren Windbegleiter.

Der Wind formte sich zu einem vogelähnlichen Wesen, das ihr den Weg weissen sollte. Doch er konnte nicht den Schutz der Zauberer durchbrechen.

Störrisch flog die Fee durch den immer dicker werdenden Nebel, schrie die Stimmen an: „Wagt es nicht, mich aufzuhalten.“

Eléonore war sich sehr siegessicher.

Bis sie in einen Gletscher rutschte und dieser sich über sie schloss. 

Missmutig trank der alte Mann seinen dampfenden Trunk. Er lauschte den Gerüchten der Moorgeistern und dem Geschwafel der Windmaiden. Was er vernahm, gefiel ihm nicht. Nicht nur, dass sein Mündel die Zeit mit den qurligen Blumenelfen verplemperte, sie fiel auf einen alten Trick herein. Mit einem Wink seiner Hand ploppte aus dem Nichts seine Brille auf. 

„Dummes Mädchen“, murmelte der Alte, strich sich über seinen langen, silbernen Bart. Aus seiner Umhängetasche zog er seine selbstgemachte Uhr. Diese hatte 100 Ziffern, 5 Zeiger und verschiedene Symbole, die sich je nach Blickrichtung änderten. Tief in Gedanken versunken bemerkte er nicht, wie eine Besucherin in sein Turmzimmer erschien.

Ihre Flügel schimmerten in verschiedenen Farben. Ihre Aura war so mächtig, dass sie die Zeit und jede Bewegung einfrieren liess. Ihre Haare flatterten, obwohl kein Lüftchen wehte. Ihre Kleidung leuchtete in den Farben des Himmels und des Windes. 

„Wie immer beschäftigt in der Forschung.“

„Wie immer zu fein, auf den Einlass zu warten.“

Sie mussten nicht sprechen, um zu kommunizieren. Beide waren in der Lage, ohne Stimme zu reden. Der alte Mann zog die Brille ab, tippte auf die Uhr. Ein summendes Geräusch ertönte. 

„Wills du deinem edlen Gast nichts anbieten? Ihr Menschen seid doch stolz auf Eure Gastfreundschaft.“

„Bin beschäftigt. Geh und hol dir selber was, Weib.“

Das Lachen der alten Fee klang wie Wind, der durch ein Tal wehte. Sie setzte sich auf einen Sessel, der aus der Haut eines Basilisken gefertigt war. Der Tisch, auf den das Teeservice von zwei Kobolden gebracht wurde, war aus weissem Marmor aus dem fernen Osten. 

Während die Fee den Rosentee genoss, beobachtete sie den Zauberer. Seine Robe war alt und abgenutzt. Das Blau war nicht mehr zu erkennen. Seinen Bart verwuschelt und mehrmals geflochten. Auch seine langen Haare waren verwildert. Einige kleine Tierchen, Vögelchen und Mäuschen wohnten in seinen Haaren. Seine Seele war rein, auch wenn er sich grob und unwirsch gab.

Sie verstanden sich auf Anhieb, obwohl sie unterschiedliche Wesen waren. Sie sollten eine Abneigung spüren. Beide waren schon so viele Jahre auf der Welt und waren störrische Charaktere, die sich nicht an die Normen hielten.

„Hattest du eine gute Reise?“

Die Fee schmunzelte, beantwortete die Frage. Diese Frage stellte der Zauberer nicht aus ehrlichem Interesse. Der aufkommende Nebel wurde immer dicker und druckender. 

„Ich bin beeindruckt, dass du noch deine Magie verwenden kannst“, sprach der Alte, setzte sich zu seinem Gast. Anmutig nickte die Fee und zog eine Sanduhr aus ihrem Ärmel. 

„Willst du ihr nicht helfen? Du sorgst dich so sehr um sie.“

Die Mimik des Mannes änderte sich minimal. Sanft tätschelte die Fee seine schrumpelige Hand. Er durfte es nicht, da Antoinette sonst durch die Prüfung fallen würde. 

Still sassen sie da und lauschten den Gerüchten der Moorgeistern und dem Geschwafel der Windmaiden. 
 

[***]

Die Fee war beeindruckt, wie tief der Hass von Eléonore auf Antoinette war. Die Emotionen von Feen waren ein Teil ihrer Magie. Da gab es noch etwas, was die Magie der Feen beeinflusste. Etwas, was den meisten Feen verborgen blieb. 

Die Alte setzte sich die Brille auf, die ihr geliehen wurde. Mit ihr gelang es der Feeältesten, die Spur aufzunehmen. Raben folgten ihr, krähten fröhlich und versuchten der Fee zu helfen.

Mein Geleit, schoss es der Alten durch den Kopf. Sie war dankbar dafür, dass die Raben ihr vertrauten. 

Der alte Zauberer hatte sie gewarnt. Eléonore hatte die Schutzgeister und die schützende Magie der Berge gestört. 

„Ihr edlen Vögel, Boten alter Götter und Beschützer mächtiger Hexen“, flüsterte die Alte und kämpfte gegen ihre aufkommende Erschöpfung an, „erlaubt mir einen Zauber zu wirken.“
 

Eléonore war erstaunt, wie stark das Gör geworden ist. Zum Glück hatte sie einen Zwischenraum in den Welten erschaffen und musste sich nicht der Magie der Berge aussetzen. Sie hatte in ihrem Übermut vergessen, wie stark die Magie der Sterblichen sein konnte. 

„Komm, zeig mir deine Feenmagie. Oh, kannst du es nicht?“, verhöhnte Eléonore ihre Nichte. 

Das Mädchen schloss die Augen, in ihr brodelte es. Ihr Feenblut wollte die Kontrolle übernehmen. Die Worte ihrer Tante schmerzten. Doch sie wollte sich keine Blösse geben. 

„Ich bin, wer ich bin. Ich werde meinen Weg finden. Eine Fee zu sein, ist nichts Besonderes.“

Die Augen ihrer Tante verengten sich. Als sie bemerkte, dass Antoinette ihre Worte ernst meinte und nicht ihre Feenmagie einsetzen wollte, schrie sie voller Abscheu: „Du widerliche Kröte. Ich erlöse dich von der Schande, sterblich zu sein.“

Antoinette zeigte keine Furcht. Sie stand einfach da und umklammerte das Amulett und die Tarotkarte. Ein Schutzschild umschloss das Mädchen. Eléonore fluchte und schrie weiter. 

Es war ihnen nicht bewusst, dass sie von der Feenältesten überwacht wurden. In der Gestalt eines weissen Raben flog unsichtbar sie über die beiden Feen. 

Sie wartete einige Minuten. Antoinette konnte nichts geschehen, die Hexenmagie war mächtig genug. Sie wollte sehen, ob es Eléonore wagen würde, ihre Nichte zu töten. Obwohl dies eines der schwersten Verbrechen einer Fee wäre. Niemals durfte eine Fee eine andere Fee ihres Clans töten. Als die Feenälteste merkte, wie sehr die Angst die kleine Halbfee befiel, liess sie von diesen Gedanken ab. 
 

[***]

„Deine falschen Tränen beeindrucken mich nicht. Deine Bestrafung wird angemessen sein- und deine Tochter wird sofort aus den Feenreigen verbannt werden.“

Das Jammern und Klagen waren herzzerreissend. Mit einem Finger schnippen wurde Eléonor in ein Loch gesogen und verschwand auf der Stelle. 

Ängstlich starrte Antoinette auf die Fee vor ihr, die ihr mütterlich zulächelte. Sie wollte einen Knicks machen, aber fiel hin. Beschämt stand Antoinette auf, klopfte sich den Dreck von ihrer Kleidung. 

„Der Nebel verschwindet. Dann kann man die mächtigen Berge sehen“, fing die Feenälteste ein Gespräch an. Antoinette nickte schüchtern. Die Fee betrachtete Antoinette voller Stolz. Sie war eine Halbfee und für viele Feen deswegen eine Schande. Für die Feenältesten war Antoinette ein kleiner, ungeschliffener Edelstein. Was aus ihr werden würde, entschied Antoinette ganz alleine. 

„Ich werde wohl zu spät kommen“, murmelte das Mädchen. Sie kämpfte mit den Tränen. Mütterlich legte die Alte eine Hand auf ihre Schulter. Liess ihr Zeit, um zu weinen. Sich zu sammeln und ihrer Magie Ruhe zu gönnen. 

„Ich bin sicher, die Prüfung wird verschoben werden“, sprach die Feenälteste nach einigen Minuten. Antoinette nickte wieder. Wischte sich die Tränen weg, putzte die Nase. Sie nahm die Blumenkrone von den Elfen und setzte sich diese wieder auf. Atmete tief ein und aus. 

„Ich werde es erklären", sprach Antoinette tapfer und sah zum Himmel, der nun seine schönste Seite zeigte. 

„Ich werde dich begleiten. Wenn du es erlaubst.“

„Es wäre mir eine grosse Ehre.“

Antoinette ergriff die Hand der Feenältesten und zusammen flogen sie leicht verspätet zu der Prüfungsstätte.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu dieser Fanfic (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück