Prolog
„Wir haben schon ewig nichts mehr von Fushiguro gehört.“
Satoru wurde hellhörig; hatte er bisher das Gerede rund um ihren neuen Fall komplett ausgeblendet und ignoriert, so war er jetzt mit ganzer Aufmerksamkeit bei der Sache.
„Wie lange genau ist denn ewig?“, hinterfragte er, noch relativ entspannt.
Undercover zu sein, bedeutete eben auch, dass man hin und wieder improvisieren musste und sich nicht an jede kleine Abmachung halten konnte. Satoru wusste das nur zu gut, da er selbst schon die eine oder andere Undercover-Mission erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Dabei hatte er sicherlich nicht selten dafür gesorgt, dass seine Kollegen schon seine Beerdigung planten.
„Zwei Monate“, antwortete Yaga. „Es ist schon das zweite Mal, dass er sich nicht bei uns meldet.“
„Hm“, machte Satoru. „Das könnte vielleicht doch … besorgniserregend sein.“
Von seiner inneren Unruhe ließ er nichts durchsickern, stattdessen trug er wie immer ein kleines Lächeln auf den Lippen. Nur wer es wirklich wagte, langfristig in seinen blau-leuchtenden Augen zu sehen, würde eventuell bemerken, dass sie nachdenklich wirkten.
Megumi war sein Schüler gewesen. In der Theorie hätte er jeden vergrault, der an seine Seite gestellt worden wäre - selbstverständlich hatte Yaga das eingeplant und Megumi durfte das ausbaden.
Nachdem Satoru den Jungen und seine Stiefschwester davor bewahrt hatte, auf der Straße zu landen, empfand er eine gewisse Verantwortung ihnen gegenüber. Er tat dies nicht, weil ihn Megumis Vater darum gebeten hatte - er tat es, weil es das Richtige war. Nicht, dass Satoru wirklich viel darüber wusste, was richtig und was falsch wäre.
Zumindest war es das, was Yaga gerne mal bemängelte.
Yaga hatte jedoch gewusst, dass Satoru es nicht lange durchziehen würde, Megumi irgendwie zu vergraulen, und sein Ziehsohn hingegen war all sein schlechtes Verhalten bereits gewohnt.
„Wie gehen wir vor?“, fragte er nach. „Schicken wir jemanden nach?“
Ein Undercover-Polizist könnte schon ein großes Risiko ergeben, wenn man eine große Sache aufdecken wollte. Meistens war es die einzige Möglichkeit, um an Informationen zu kommen, die helfen würden. Einen zweiten Polizisten hineinzuschicken, könnte schon fast zu viel des Guten sein. Satoru wusste dies natürlich, aber wenn es um Megumi ging? Er würde jedes Risiko eingehen.
Satoru würde nicht sagen, dass er sich als eine Art Vaterersatz ansah - wenn überhaupt, dann wäre er der coole Onkel! - aber für ihn zählte Megumi zur Familie. Vielleicht, weil seine eigene Familie nicht mehr existierte und Megumi ein ähnliches und doch völlig anderes Schicksal ereignet hatte. So etwas erschuf eine Verbindung.
„Das wird man sicherlich nicht gerne hören.“
Satoru verdrehte die Augen. Er wusste selbstverständlich, auf wen Yaga dabei hinwies. In seinem Kopf sammelten sich wüste Beleidigungen, welche er den Leuten auch gerne an den Kopf werfen würde - beim letzten Mal hatte Yaga jedoch darunter leiden müssen, was hieß, dass Satoru sich tatsächlich zurückhielt. Glücklicherweise hatte er nicht oft mit den hochrangigen Leuten zu tun.
„Einen besseren Vorschlag können die alten Säcke aber auch nicht bringen“, schnaufte Satoru dennoch passiv-aggressiv. „Wir können Megumi nicht dort zurücklassen; lasst mich hineingehen. Das war sowieso Plan A.“
Der einzige Grund dafür, weshalb Megumi stattdessen gegangen war, war dessen Bitte gewesen. Es war seine erste Undercover-Mission und eigentlich sollte sie simpel sein - aber wann war etwas wirklich so simpel wie gedacht?
„Das wird ihnen noch weniger gefallen“, warf Yaga ein.
Mei Mei fing an zu kichern: „Ihnen gefällt im Grunde gar nichts. Nachdem wir Suguru verloren haben, können wir aber nicht aufs Spiel setzen, noch mehr Leute zu verlieren.“
Satoru war sich nicht sicher, ob seine Kollegin gerade für oder doch gegen ihn war. Das war eventuell auch der Plan. Mei Mei war gut darin, zwischen verschiedenen Seiten zu balancieren, damit sie bei jedem gut dastand, Wünsche äußern und sich gut bezahlen lassen konnte. Loyalität stand an zweiter Stelle, wenn die Geldsumme besser aussah.
Er wusste das, es machte ihm auch nichts aus. Solange man sich darüber bewusst war, konnte man nicht enttäuscht werden und bisher hatte es nie eine Situation gegeben, in welcher sie gegeneinander standen.
„Satoru hat die meisten Erfahrungen von uns allen“, mischte sich Shoko ebenfalls ein, nur deutlicher auf einer Seite. „Wenn wir jemanden nachschicken, dann sollte er es sein. Megumi zu verlieren würde nur noch mehr Probleme bedeuten, als wenn wir jemanden schicken, der die Situation vor Ort beurteilen kann.“
Yaga seufzte schwer. Als Oberhaupt ihrer Einheit hatte es der Mann wirklich nicht leicht, er könnte Satoru fast leid tun. Nach all den Jahren hatte er jedoch gelernt, dass Yaga gut alleine zurechtkam, nur dank ihm gab es ihre Einheit überhaupt nach. Immerhin war die Situation rund um Suguru eine wirklich große Sache gewesen. Satoru empfand nach wie vor eine Mischung aus Enttäuschung und Traurigkeit, doch nach all der Zeit stand er darüber. Vor allem jetzt, wo seine Aufmerksamkeit auf Megumi liegen sollte.
„Wenn sie mich nicht hineingehen lassen, werde ich mich wohl privat umorientieren müssen“, er legte sein Kinn auf seine ineinander gefalteten Hände ab. „Immerhin wissen wir doch alle, dass niemand wirklich frei davon ist, sich einem Kult anzuschließen, nicht wahr?“
Satoru würde diese Unterhaltung ja gerne persönlich führen, die Wahrscheinlichkeit war jedoch höher, dass Yaga es schaffen würde, diese alten Säcke umzustimmen. Dennoch konnte er die eine oder andere Drohung im Raum stehen lassen, als Verdeutlichung dafür, wie ernst es ihm war. Es stand für ihn nicht zur Debatte, Megumi zurückzulassen. Selbst wenn es ihm den Job kosten würde.
„Ich werde direkt um ein Gespräch bitten“, meldete sich Yaga wieder zu Wort. „Irgendwie überzeuge ich sie schon davon, aber du wartest, bis ich wieder hier bin. Keine Alleingänge, Gojo!“
Mit so viel Unschuld, wie er als Erwachsener aufbringen konnte, klimperte er seinem Vorgesetzten mit langen weißen Wimpern entgegen.
„Ich? Alleingänge? Niemals“, erwiderte er, mit einem empörten Unterton in der Stimme. „Was denkst du bloß von mir?“
„Mei Mei, pass auf den Idioten auf, sonst kannst du dir das Extra-Geld für den nächsten Auftrag abschminken!“
Seine Kollegin schnaufte fast ein wenig beleidigt auf. Leider wusste Satoru, dass diese Aussage ziehen würde und seine Möglichkeit dafür, wirklich einen Alleingang durchzuziehen, sank beträchtlich.
„Ich werde schon warten“, gab er nun, mehr oder weniger, nach. „Immerhin werde ich meinen Alleingang durchziehen können, wenn sich die alten Säcke querstellen.“
Und dann würde auch keine Mei Mei ausreichen, um ihn davon abzuhalten.
Es gab immer ein gewisses Risiko, dem man ausgesetzt war, wenn man undercover in irgendein Gefilde auftauchte. Genau dieses Risiko war es, welches Satoru so sehr genoss. Zumindest, wenn es ihn allein betraf. Bisher hatte er es noch aus so ziemlich jeder Situation heraus geschafft, egal wie gefährlich sie gewesen sein mochte.
Auch, wenn er einmal beinahe gestorben wäre.
Er hatte sich erstaunlich schnell davon erholt, hatte Megumi und seine Stiefschwester aufgenommen und fast im gleichen Atemzug hatte er die Veränderungen bei Suguru miterlebt. Veränderungen, die von Jahr zu Jahr zugenommen hatten und am Ende dazu führten, dass er ihr Revier verließ. Nicht nur das Revier - einfach alles, was mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Satoru hatte seinen ehemaligen Partner und Freund ewig nicht mehr gesehen und auch wenn er das Thema gedanklich abgehakt hatte, gab es einen Teil von ihm, der stets daran zurückdachte.
Er konnte Megumi nicht verlieren!
Da sie bereits Megumi eingeschleust hatten, musste Satoru sich anders in diesen Kult einbringen. Sie wollten keine falsche Aufmerksamkeit schon von Anfang an auf ihn richten. Dennoch half ihr allgemeines Wissen dabei, ihn überhaupt in die Nähe zu bringen.
Die Zwiegesichter waren schon an sich ein ungewöhnlicher Name für einen Kult. Er beruhte vermeintlich auf jenen Gott, den sie so anbetungswürdig empfanden. Trotz vieler Recherche fand man darüber jedoch nur wenig. Satoru war an sich kein großer Recherche-Meister, doch wenn sich etwas Shokos geübten Auge entziehen konnte, dann existierte es entweder nicht oder man tat gut daran, es zu verbergen.
Was wussten sie also sicher?
- Sie baten einen vermeintlichen Gott an
- Einen Gott, welchen sie nur als Zwiegesicht oder auch als dunklen Schamanen kannten
- Ein Gott, welcher zwei Gesichter und vier Arme besaß
- Ein Gott, welchem man eben hin und wieder Menschenopfer darbieten wollte
- Das Ziel? Selbstverständlich ihrem Gott zu huldigen, aber auch einen Weg zu finden, diesen auf irdischer Weise zurückzubringen, damit er über sie und die ganze Welt herrschen konnte
Man könnte sagen, dass dieser Kult mal wieder etwas Neues war. Langweilig wurde es in seinem Job ja nie, aber so etwas erlebte er doch nicht so oft. Schon gar nicht so oft, wie es Filme einem weismachen wollten.
Allen voran hoffte Satoru im Moment einfach, dass man Megumi nicht als Opfer angeboten hatte. Bislang konnten sie keine Muster darin erkennen, wer geopfert wurde - gab es ein warum oder meldete man sich freiwillig?
Der Kult existierte - für sie - etwa fünf Jahre. Fünf Jahre, welche man dazu genutzt hatte, so viel wie möglich darüber herauszufinden, und ihre Informationen waren weiterhin spärlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kult schon viel länger existierte, war sehr hoch - bei einem vergangenen Kontakt zu Megumi, hatte dieser von Personen gesprochen, die vermutlich im Kult geboren wurden und sich dem Erwachsenenalter näherten. Es war nichts Ungewöhnliches, dass ein Kult vorerst unentdeckt blieb - sie waren gut darin, ihre Taten zu verschleiern. Außerdem wurden ihre Aktionen meistens mit der zunehmenden Zeit gefährlicher. Das bedeutete für Satoru - dem Kult beizutreten, könnte einfacher sein.
Mittlerweile gab es Leute, die nur darauf ausgelegt waren, neue Anwärter zu finden, sie zu unterrichten und zu überzeugen. Satoru musste einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Einfach. Er stand unter Zeitdruck, aber es würde nichts bringen, zu ungestüm an diese Sache heranzugehen. Damit würde er die Leute nur abschrecken, also-
„Guten Abend, Sir.“
Satoru blinzelte einmal irritiert. Langsam wurde er sich seiner Umgebung wieder gewahr. Ein heruntergekommenes Izakaya, in welchem sich Menschen ansammelten, die durch gewisse Lebensumstände nur noch Geister ihrer selbst waren. Es roch nach Sake und anderen alkoholhaltigen Getränken. Die Hocker und Stühle wackelten bei jeder kleinen Bewegung, und die letzte gründliche Reinigung der ganzen Räumlichkeiten musste schon Monate zurückliegen. Die Nacht war noch nicht einmal angebrochen, es war erst gegen 22 Uhr und schon sah er Gestalten, welche mit einem Becher voller Sake in der Hand auf ihrem Platz eingeschlafen waren. Manche sabberten, manche schnarchten, bei anderen war sich Satoru nicht einmal mehr sicher, ob sie noch atmeten.
„Sir?“
Satoru räusperte sich und wandte sich der Person zu, die ihn zum zweiten Mal angesprochen hatte. Überrascht wurde er von einem jungenhaften Gesicht - es schrie nach Lebensfreude, Fröhlichkeit und in den Augen funkelte eine gewisse Stärke. Selbstvertrauen?
„Hallo“, erwiderte er langsam.
Er versuchte den Jungen nicht so auffällig zu mustern, sein erster Gedanke blieb jedoch, „Er ist kaum älter als Megumi“. Der Fremde trug einen rein weißen Kimono, der recht locker an ihm wirkte, ein schwarzer Obi und einen schwarzen Schal. Das Auffälligste blieb jedoch sein Gesicht. Vielmehr war es das Zeichen an seiner Stirn - vielleicht war es nur aufgemalt, eventuell sogar tätowiert. Das Zeichen einer Person, die zu den Zwiegesichtern gehörte.
„Sie wirken ein wenig verloren“, redete der Junge weiter, die Stimme gefüllt mit einer Fröhlichkeit, die Satoru solchen Menschen kaum zutraute. „Unpassend in dieser Umgebung.“
Satoru war ein wenig froh darüber, dass man erkannte, dass er nicht zu den seelenlosen Hüllen gehörte, die um ihn herum saßen, und gleichzeitig war es beunruhigend. Er konnte nicht so schnell aufgeflogen sein, oder?
„Vielleicht wird es mein neuer Lieblingsort“, erwiderte er seufzend. „Was tust du hier? Bist du überhaupt alt genug, um hier hereinzudürfen?“
„Ich bin schon 20, selbstverständlich darf ich hier hineinkommen. Was genau treibt Sie hierher?“
Satoru fühlte sich unwohl. Das schaffte man nicht so schnell, doch irgendwas an diesem Blick des Jungen war beunruhigend. Als würde ihn etwas anderes anstarren. Gänsehautpotenzial und definitiv nichts, was er Shoko oder Mei Mei erzählen würde.
„Die billigen Getränke?“, schlug er schultern zuckend vor, während er gleichzeitig den Becher hochhob. Der vermeintliche Sake darin schmeckte mehr nach Seifenwasser. „Ich muss mich wohl noch an den Geschmack gewöhnen.“
„Oder Sie wählen einen anderen Weg.“
„Oh Mann“, stöhnte er entnervt aus. „Sag mir nicht, du bist so ein Religions-Fuzzi - sind die echt überall, um zu predigen? Ich dachte, hier hätte man seine Ruhe.“
Der Junge lachte ein wenig. Immer noch so voller Freude. „Aber nein, das bin ich nicht. Sehr wohl bin ich, aber jemand, der helfen könnte.“
Was sollte jemand aus einem Kult auch schon anderes sagen?
„Megumi hat mir von Ihnen erzählt.“
Das Blut in seinen Adern gefror sofort. Dennoch bemühte sich Satoru darum, es sich nicht ansehen zu lassen. Megumi hat mir von Ihnen erzählt, hallte es in seinem Kopf wieder. Das war nun wirklich beunruhigend und zeigte, dass der Junge bereits mehr wusste, als er eigentlich dürfte. Es könnte bedeuten, dass Megumi ihm vertraute. Es könnte allerdings auch bedeuten, dass man Megumi durch Folter oder andere grausame Taten dazu gezwungen hatte, so viel wie möglich zu erzählen.
„Sie sind sein Ziehvater, der wegen des Glücksspiels alles verloren hat, wodurch Megumi selbst dazu gezwungen war, alles zu verkaufen, was er verkaufen konnte - wie sich selbst“, redete der Fremde seufzend weiter. „Aber ihm geht es jetzt großartig. Er hat Freunde, ein erfüllendes Leben - und das Einzige, was ihm fehlt, sind Sie!“
Ein Stein fiel Satoru vom Herzen, auch wenn er nicht alles gleich glauben wollte - das war die Hintergrundgeschichte, die Megumi bekommen hatte. Auch wenn Satoru namentlich nie aufgenommen worden war, hatte es Megumi eventuell dabei geholfen, diese Geschichte in sich zu verankern und wiedergeben zu können.
„Ich habe Megumi ewig nicht mehr gesehen“, erwiderte Satoru, während er den Becher in seiner Hand drehte. „Und ihm geht es gut? Das … freut mich zu hören.“
„Es geht ihm ausgezeichnet, aber er hat geklagt, dass ihm etwas … jemand zum vollkommenen Glück fehlt und dieses Glück ist es, was wir anpeilen.“
„Wir?“, wiederholte Satoru fragend.
„Die Zwiegesichter“, antwortete man ihm bereitwillig. „Wir sind eine Gruppe von Menschen, welche sich umeinander sorgen und helfen, wir haben Megumi geholfen und wir würden auch gerne Ihnen helfen.“
„Aber warum?“
„Das Glück von jedem unserer Mitglieder liegt uns sehr am Herzen. Wir tun alles Mögliche, um es zu erweitern, und ich denke, dazu braucht es Sie in Megumis Nähe. Und dann können wir Ihnen ebenfalls helfen, raus aus diesem Leben voller Gestank, Sucht und diesen Orten hier.“
Hatte Megumi ihm wirklich einen Weg geschenkt, um einfacher in diesen Kult zu kommen? Vielleicht war dies unbeabsichtigt passiert und vielleicht hätte es nie so weit kommen sollen - eventuell war es aber auch ein Plan. Megumi könnte Probleme haben und sicherlich hatte er daran gedacht, dass etwas passieren würde, wenn er sich nicht melden würde.
„Wer bist du?“, fragte Satoru mit einem skeptischen Ausdruck im Gesicht nach.
„Oh, Verzeihung.“ Der junge Mann fuhr sich etwas durch das abstehende, rosa Haar. „Mein Name ist Yuji Itadori. Yuji ist in Ordnung.“
Ein vermeintliches Zeichen von Vertrauen, normalerweise redete man sich nicht so schnell mit dem Vornamen an.
„Satoru Gojo“, erwiderte er. „Aber … das weißt du wohl schon.“
Yuji nickte ein wenig: „Satoru - es ist doch in Ordnung, wenn ich Satoru sage, oder?“ Er wartete nur ein Nicken ab, bevor er das Sprechen wieder aufnahm. „Ich würde dich gerne zu uns einladen. Megumi zuliebe, aber auch deiner eigenen Zukunft zuliebe.“
Satoru starrte den Jungen an, vielleicht war dieser ebenfalls in diesem Kult geboren, kannte nichts anderes als das, was man dort erlebte und beigebracht bekam. Im jetzigen Augenblick wirkte er harmlos und schon fast liebenswürdig, vielleicht erinnerte er Satoru einfach zu sehr an Megumi - selbst wenn sie völlig gegensätzlich wirkten.
Megumi würde niemals so vor sich hinstrahlen und offenbaren, wie lebensfroh er war. Was das anbelangte, war jeder Mensch dazu fähig, sich selbst hinter einer Maske zu verbergen und vielleicht war Satoru darin sogar noch besser als Megumi oder dieser Yuji hier.
„Und ihr seid wirklich keine Leute vom Organhandel oder so etwas?“, fragte Satoru spaßeshalber nach. „Falls doch; meine Organe sind definitiv in einem schlechten Zustand. Die würde ich niemandem verkaufen.“
Yuji lachte ein wenig: „Nein, keine Sorge, Satoru. Uns geht es wirklich nur darum, zu helfen.“
Alles daran klang viel zu gut. Satoru fragte sich, wie irgendwelche Leute auf diesen Unsinn ernsthaft hereinfallen konnten - es musste wohl ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit sein. Natürlich war ihm bewusst, dass er dank seiner Arbeit auf vieles einen anderen Blick hatte - und manches Mal wohl auch etwas paranoid -, aber bei solchen Leuten wie Yuji mitzugehen … man musste eine wahrlich schwach ausgeprägte Menschenkenntnis haben und kein Gefühl für Gefahren, um bei so etwas einfach mitzugehen.
Oder eine Mission, wie Satoru.
„Megumi ist bei euch?“
Yuji nickte, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Was, wenn ich irgendwann nicht mehr bei euch sein will?“
„Niemand wird gefangen gehalten. Du kannst gehen, wann immer du das möchtest.“
Lüge. Das musste eine Lüge sein.
„Dann müsste ich mein Zeug holen. Was ist mit meiner Wohnung?“
„Keine Sorge. Darum werden wir uns kümmern und worum wir uns nicht kümmern können, darum kümmert sich die Zeit.“
Mietschulden, Misstrauen in ein plötzlich aufgelöstes Mietverhältnis, Räumung und der Verlust aller Gegenstände …
„Du brauchst auch nichts zu holen. Wir haben alles bei uns, was du benötigen könntest und das, was wichtig ist, werden wir für dich in deiner Wohnung abholen.“
Inklusive wichtiger Dokumente, die zurückgehalten werden könnten.
Satoru blinzelte ein wenig, warf einen Blick zu seinem Sake-Becher und zog seine Finger langsam davon zurück. Das alles könnte eine große Falle sein, aber nichts anderes war der Beitritt in einen Kult. Man schmierte einer Person Honig ums Mäulchen und nutzte die Gutgläubigkeit und Hoffnungslosigkeit aus - wenn nötig. Viele Personen bemerkten nicht einmal die Falle, in welcher sie gefangen waren.
Für Satoru war es jedoch nicht nur diese gewöhnliche Falle, wenn es um einen Kult ging. Es ging auch darum, dass dies eine ganz persönliche Falle für ihn sein könnte.
Für die Polizei, für Undercover-Missionen …
„Was hast du schon zu verlieren?“, merkte Yuji fragend an. „Kommst du zu uns, bist du wieder bei Megumi und ihr könnt euch annähern und ein normales, gemeinsames Leben aufbauen.“
„Das klingt zu schön, um wahr zu sein“, warf Satoru ein, während er sich auf dem Hocker bereits mehr in Yujis Richtung drehte.
Ein Symbol dafür, wie hörig er diesem schon war - selbst wenn dies nicht der Wahrheit entsprach.
„Aber es ist wahr“, antwortete man ihm sogleich. „Als Gegenleistung erwarten wir lediglich deine Mithilfe, beispielsweise bei der Gartenarbeit, beim Kochen und dergleichen. Ganz normale Aktivitäten, welche unserer ganzen Gruppe zugutekommen werden.“
„Wie … in einer WG?“, hinterfragte Satoru.
„Viel besser als in einer WG.“
Satoru erhob sich vom Hocker, wodurch er den Größenunterschied zwischen Yuji und sich selbst deutlicher bemerkte, als er vorher bereits geahnt hatte. „Ich komme mit. Vorerst“, erwiderte er.
Yuji lächelte und als dieses Lächeln auf seinem jugendlichen Gesicht erschien, wirkte es, als hätte eine Falle wirklich zugeschnappt.
Sie hatten nicht besonders viele Informationen über den Standort des Kults. Von außen betrachtet wirkte es wie ein großer Landhof, sicher eingezäunt und ausgestattet mit Kameras. Es hatte etwas von einem Gefängnis. Einem friedlichen Gefängnis, ein solches, wo man weniger schlimme Straftäter hinschicken würde, wo Straftäter vielleicht wieder eingegliedert werden würden, mit ehrenamtlicher Arbeit verbunden.
Es gab keine schwer bewaffneten Beamte, aber es gab Patrouillen - die einen aufmerksamen Blick jedem zu warfen, der sich eventuell näherte. Waffen konnte er dabei keine erkennen, er fragte sich also zurecht, was sie bei verdächtigen Gestalten tun würden.
Mit Yuji an seiner Seite kam Satoru sehr einfach hinein, er wurde nicht einmal abgetastet, nur mit freundlichen Gesichtern empfangen. Jeder hier trug so einen Kimono wie Yuji, lediglich der schwarze Schal fehlte - die Temperaturen waren jedoch auch recht mild.
Die Wege waren durch natürliche Kieselsteine geebnet, ansonsten gab es viel Natur drumherum. Wiesen, voller Blumen und dadurch auch mit vielen Insekten, welche sich hier fröhlich vermehren konnten. Es gab Hütten, welche wie selbstgebaut wirkten - vermutlich waren sie das auch - und scheinbar als Lager für viele Lebensmittel oder Utensilien benutzt wurden.
Am auffälligsten war der große Tempel. Er wirkte alt, sehr alt, doch man erkannte restaurierte Stellen. Wenn Satoru diesen Tempel ansah, bekam er eine Gänsehaut.
„Dort halten wir Treffen für alle zusammen ab“, hatte Yuji erklärt. Natürlich ganz ohne von Menschenopfern zu sprechen. „Ich zeige dir die Schlafräumlichkeiten.“
Sie waren mitten in der Nacht angekommen, also sah Satoru nicht alles, was es wohl zu sehen gab - wenngleich die aufgestellten Laternen gutes Licht spendeten.
Überraschenderweise wurde er von Yuji nicht in ein großes Gemeinschaftsschlafzimmer geführt, stattdessen verteilten sich über das gesamte Land verschiedene Hütten. Manche bestanden wie die Lager aus Holz, andere mehr aus Gestein, es gab auch Personen, welche in einem Zelt lebten, weil sie es so wollten. Alles lag um den Tempel herum. Es gab kleine Häuser, genauso wie größere für mehrere Personen. In ein solches Haus kam er auch, die Personen schliefen bereits und waren wie Satoru zum Großteil noch nicht sehr lange hier.
Ihm wurde ein Zimmer überlassen, eines für ihn ganz alleine, der Weg zum Badezimmer erklärt und anschließend verabschiedete sich Yuji von ihm. Auf dass Satoru noch ein paar Stunden Schlaf tanken könnte.
Es war ruhig und das Zimmer, welches ihm für den Augenblick gehörte, wirkte wie ein Zimmer bei einem Campingausflug in Serien und Filmen. Rustikal, aber gemütlich. Satorus Blick fiel auf das Bett, auf welchem Kleidung bereitlag. Der Kimono, den hier jeder trug, gleich dreimal. Als er einen davon anhob und auseinanderfalten ließ, bemerkte er sogleich die passende Größe.
Unheimlich.
Satoru zog sich dieses Teil dennoch an, der Stoff fühlte sich weich auf seiner Haut an und er passte wirklich perfekt. Glücklicherweise gab es sogar etwas zum darunter tragen. Leinenhosen und ein dünnes Unterhemd. Er war es nicht mehr gewohnt, traditionelle Kleidung zu tragen - nachdem er sich von seinem Elternhaus verabschiedet hatte, bevorzugte und genoss er die modernen Aspekte! Auch bei der Kleidung.
In der intensiven Ruhe kam ihm jedes Geräusch, welches er verursachte, umso lauter vor.
Er legte alles auf einen Hocker, um das Bett freizuhaben, trat danach jedoch zunächst an einen Spiegel heran, welcher an der Wand hing. Mit einem geübten Handgriff entfernte er sich die Kontaktlinsen und legte sie in ihre Kästchen zurück. Schnaubend rieb er sich über die empfindlichen Augen. Glücklicherweise war das Licht hier recht gedimmt und reizte seine lichtempfindlichen Augen nicht weiter. Seine blau-leuchtenden Augen hatten nur diesen einen Nachteil - zumindest wenn man den Optikern glauben wollte.
Ohne eine Sonnenbrille oder den selbst getönten Kontaktlinsen nach draußen zu gehen, wenn es sehr hell war, war es wirklich unangenehm. An manchen Tagen schon fast schmerzhaft, aber vor allem nervig.
Danach warf er einen Blick auf sein Handy, aber selbst wenn er wollen würde, könnte er jetzt keinen Anruf tätigen. Deshalb blieb es bei diesem Blick, bevor er das Handy weglegte und das Licht ausschalten konnte.
Auch das Bett fühlte sich gut an, als er sich hineinlegte - wenn er hier schon Monate verbringen würde, dann hätte er es zumindest bequem. Wenn es denn so blieb …
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Als gut gelaunter Morgenmensch war Satoru bereits aus den Beinen, als es in einem unbekannten Rhythmus gegen seine Tür klopfte.
„Komm herein“, forderte er die noch unbekannte Person auf.
Sofort wurde er von einem freundlichen Lächeln begrüßt - von Yuji. Ob dies zuständig für ihn war?
„Guten Morgen, Satoru. Wie ich sehe, hast du dich bereits eingekleidet!“, stellte der Junge fröhlich fest.
Schon im Izakaya hatte der Junge freundlich gewirkt, doch diese intensive Fröhlichkeit war jetzt definitiv ausgeprägter - vermutlich hielt er sich einfach weniger zurück. Um ihn zu bezaubern oder um diese ganze Umgebung freundlicher erscheinen zu lassen.
„Ich bin ein Morgenmensch“, verriet Satoru lächelnd.
„Ich verstehe“, nickte Yuji. „Ich bin tatsächlich eher ein Langschläfer, aber man passt sich irgendwann an, würde ich sagen. Wie auch immer, ich wollte dich zum Frühstück abholen und dann zeige ich dir alles, bei der Dunkelheit gestern konntest du immerhin kaum etwas erkennen.“
„Was ist mit Megumi?“, fragte er nach, während er sich die Schuhe anzog. Flache Getas, welche zur Kleidung an sich bereits passten. Ob man hier tagein, tagaus immer nur diesen Kimono trug?
„Ich denke, du wirst ihn heute Abend sehen. Beim Abendessen spätestens.“
Vorerst gab sich Satoru damit zufrieden, immerhin gab es bislang keine Ausflüchte, dass er Megumi nicht sehen könnte. Er folgte Yuji aus dem Zimmer hinaus, vernahm bereits leise Geräusche anderer Personen, welche bereits eine gewisse Routine zu besitzen schienen. In einem kleinen Raum des Hauses stand ein Tisch, auf dem ein Frühstück für zwei Personen vorzufinden war.
„Hast du auch noch nicht gegessen?“, fragte Satoru nach, während sie beide Platz nahmen.
„Ich wollte gerne mit dir zusammen essen.“
Das Frühstück bestand aus einer Schale Reis, eingelegtem Gemüse, Misosuppe und gebratenen Fisch. Es war ein genauso beschauliches Frühstück, wie er es sich hier vorgestellt hatte. Während sie in Ruhe aßen, ließ Satoru seinen Blick schweifen, jedoch gab es hier nicht sonderlich viel zu sehen. Alles wirkte einfach sehr friedlich - eine geschickte Täuschung.
Sobald sie beide aufgegessen hatten, tat Yuji genau das, was er angekündigt hatte - er zeigte ihm alles. Fast alles. Satoru sah die Felder, auf denen Gemüse, Obst und sogar Reis so gut wie möglich angebaut wurden. Er durfte in ein paar andere Häuser sehen und neue Leute kennenlernen. Manche Häuser waren auch für andere Dinge angedacht; für die Wäsche, um Kleidung zu flicken oder für andere Ausübungen, die einen freien Raum zu benötigen schienen. Wenn Satoru nicht für die Polizei arbeiten würde, dann würde er das alles hier wohl wirklich als friedlich und für eine Kommune halten.
„Was ist mit dem Tempel?“
Er blieb stehen, ungeachtet der kleinen Unhöflichkeit, da er Yujis leidenschaftlichen Erzählungen über die Restaurierungen nach einem vergangenen Sturm unterbrochen hatte. Sein Blick hing am Tempel, welcher einschüchtern und doch auf eine Art anziehend, einen großen Teil des umzäunten Gebiets ausmachte. Satoru sah ein paar Personen vor, die im großen und eleganten Tempel standen. Sie schienen sich entspannt zu unterhalten, doch gleichzeitig wirkten sie wachsam.
„Der Tempel?“, wiederholte Yuji, in seiner Stimme lag eine minimale Nervosität.
Satoru nickte dennoch: „Er scheint so etwas wie das Herz zu sein, oder?“ Als Yuji nichts darauf sagte, sondern ihn einfach nur anstarrte, redete er weiter. „Er sieht schon von außen sehr mächtig aus, wie sieht er von innen aus?“
Als er den Kopf zurück in Yujis Richtung drehte, bemerkte er plötzlich, wie nahe dieser ihm gekommen war. Er stand direkt vor ihm und sah ihn aus hellen, braunen Augen an. Nein. Es gab ein … rotes Schimmern in den Augen.
Satoru erwiderte den intensiven Blick, perplex aufgrund der Nähe - und weil sich Yuji so einfach nähern konnte. Normalerweise waren seine Sinne geschärft und er bemerkte so etwas, doch Yuji schien sich außerhalb seiner geschärften Sinne aufzuhalten.
„Ich zeige ihn dir.“ Yuji lächelte. Das Lächeln wirkte jedoch nicht so fröhlich und freundlich, wie Satoru es kannte.
Er bekam eine Gänsehaut am ganzen Körper. Noch mehr, als sich eine Hand um sein Handgelenk legte. „Uh- jetzt?“, fragte er überrascht nach, während Yuji ihn bereits mit sich zog.
Mit einer Kraft, die er diesem nicht zugetraut hätte.
„Warum denn nicht? Du warst doch neugierig, Satoru.“
Er konnte nicht genauer erklären, was los war, doch er empfand eine Veränderung. Ob Satoru anfing, sich das einzubilden, obwohl er keine 24 Stunden hier war? Er ließ sich die Stufen zum Eingang des Tempels hinaufführen. Die Personen am Eingang warfen ihnen nur kurze Blicke zu, doch Yuji an seiner Seite schien zu genügen, damit es keinen Ärger gab.
Wobei Satoru nicht einmal wusste, ob es hier Ärger geben würde, wenn er sich alleine genähert hätte. Er ging nur davon aus, weil es am besten zu seinen Beobachtungen des Gebiets passen würde. Irritierend war die Tatsache, dass er glaubte, eine leichte Verbeugung der Personen zu erkennen - doch wem galten sie?
Yuji drückte die Tür auf und führte ihn in den Tempel. Sandelholz lag in der Luft und eine angenehme Wärme umgab sie prompt. Satoru war selbstverständlich bereits in anderen Tempeln gewesen, doch er erinnerte sich nicht daran, dass es woanders auch nur ansatzweise so war wie hier.
„Bleib dicht bei mir.“ Yujis Stimme drang dunkel zu ihm durch.
Satoru nickte ihm zu, doch jetzt, wo er ihn wieder direkter ansah, bemerkte er etwas - das Mal an seiner Stirn hatte er bereits am Vorabend bemerkt, doch jetzt gab es mehr davon. Anstatt direkt nachzufragen, folgte er den sicheren Schritten des Jüngeren.
Auf ihrem Weg begegneten sie weiteren Angehörigen der Sekte, welche sich stets sanft verbeugen, sofern sie vorbeikamen, ehe sie sich ihrer Aufgabe wieder widmeten.
Auch wenn Satoru sich als durchaus anbetungswürdig empfand - nicht nur, weil er sein eigenes Spiegelbild kannte, sondern auch aufgrund der einen oder anderen Reaktion in der Vergangenheit - glaubte er zum jetzigen Zeitpunkt nicht, dass man sich vor ihm verbeugte.
Es musste also Yuji sein, vor dem sie sich alle verbeugten.
Mit jedem Schritt mehr empfand Satoru eine intensivere Wärme, genauso wie der Geruch von Sandelholz stärker wurde und beinahe belebend wirkte.
„Eigentlich“, fing Yuji an zu reden. „Führen wir nur die langjährigsten und vertrauenswürdigsten Anwärter zum Schrein.“
„Warum?“
„Wir wollen keine unangebrachten Reaktionen verursachen oder ein zu hastiges und ungläubiges Verhalten aufrufen. Es ist niemandes Pflicht, den Glauben zu teilen, doch für manche mag es so wirken, wenn sie zu früh hergeführt werden.“
Und wer wurde geopfert? Die Gläubigen oder die Ungläubigen?
„Warum führst du mich dann hierher?“
Yuji drehte sich zu ihm, hinter ihm eine Tür mit schwarzen Musterungen darauf, welche Satoru sogleich an jene Male in den Gesichtern erinnerte.
„Ich fühle eine Verbindung.“ Yuji streckte die Hand aus und legte sie flach auf Satorus Brustkorb. „Ein gewisses … Vertrauen. Sicherlich fühlst du es auch.“
„... sicher“, erwiderte Satoru langsam.
Verbindung? Vertrauen? Wohl eher den puren Wahnsinn.
Yuji lächelte ihm entgegen, immer noch so anders als normal und gleichzeitig vertraut. Danach wandte er sich wieder ab und der Tür zu, bevor er diese öffnete und eintrat. Satoru folgte natürlich sogleich, jedoch erwartete er nicht, auf Wasser zu treten.
Er sah direkt nach unten und betrachtete den nassen Boden. Satoru hob einen seiner Füße, sah wie Wasser von seiner Sohle tropfte und stellte sich zurück. Die unnatürliche Wärme hatte abgenommen, nachdem er eingetreten war; der Geruch von Sandelholz lag immer noch in der Luft, doch wesentlich sanfter und nicht mehr so aufdringlich.
In dem Raum herrschte eine Dunkelheit und das Licht, welches es gab, war ein türkises Schimmern, welches vom Boden her nach oben zu drängen schien. Die Wände um sie herum waren in einem dunklen Rot gehüllt, es fühlte sich bedrängend an - und eher wie Nebel, als wie Wände.
Satoru machte weitere Schritte hinein, sein Blick war gefesselt von dem Schrein vor sich. Umgeben von dem Wasser und dem erdrückenden Drumherum, erweckte er in ihm ein starkes Unbehagen. Ein knochiger Thron darin, umgeben von einer Art Gebiss und Knochenhaufen, die echt und gleichzeitig wie Attrappen wirkten.
Satoru hatte nicht damit gerechnet.
„Das ist … sehr beeindruckend“, räusperte er sich, als sein Blick wieder auf Yuji traf.
In Yujis Gesicht erschien so etwas wie Freude, gepaart mit einer Dunkelheit in den Augen. Beides wich von einer Sekunde auf die andere plötzlich komplett.
„Satoru“, schnappte der Junge plötzlich nach Luft, die Augen geweitet und die Hände zu Fäusten geballt.
Er blinzelte verwirrt: „Ja?“
Für einen Moment herrschte die reine Stille, es gab kein Geräusch, welches diese beunruhigende Umgebung noch verstärkte.
„Wir sollten gehen.“
„Oh?“
„Sofort.“
Mit zielstrebigen Schritten ging Yuji wieder auf die Tür zu. Satoru ließ seinen Blick nochmal schweifen, saugte alles auf, um es genauso an anderer Stelle wiedergeben zu können.
„Satoru.“
„Ich komme.“
Irgendwas an Yuji war anders und vielleicht sogar seltsam, und Satoru würde herausfinden, was es war.
Satoru war kein Mensch, der Däumchen drehte. Na ja, war er doch. Es kam auf die Situation an. Wenn es um Büroarbeit und Schreibkram ging - dann drehte er ziemlich gerne Däumchen! Wenn er auf einer Mission war, wo es um Leben und Tod ging, war es jedoch nicht der Fall. Schon gar nicht, wenn es um Megumi ging, welchen er bislang nicht gesehen hatte.
Yuji hatte ihn zurück zum Häuschen gebracht, in welchem Satoru auch sein Zimmer hatte. Danach hatte er sich verabschiedet, immer noch etwas abwesend. Auf seine Nachfragen hin hatte Yuji angeboten, dass er anderen seine Hilfe anbieten könnte, wenn er sich langweilen sollte. Vielleicht würde er zufällig Megumi über den Weg laufen. Ansonsten sollte er sich bis zum Abendessen gedulden.
Es wäre sicherlich hilfreich für ihn, sich unter die Leute zu mischen - insbesondere wenn er dabei Megumi begegnen könnte.
Deshalb ging er dieses Mal alleine los. Er musste sich unter die Leute mischen, aber vielleicht fand er dabei auch eine Beschäftigung, bei welcher er wirklich mitmischen wollte. Sein Blick schwebte aufmerksam über die Wege, Felder und Häuser - suchte nach einem bekannten schwarzen Stachelkopf. Ein anderer Teil von ihm hing noch an dem, was er vorher gesehen hatte.
Dieser Schrein.
Er bekam eine Gänsehaut, sobald er nur an diesen dachte. Vor seinem inneren Auge erschien dieser überwältigende Anblick und weiterhin die Frage, ob die Knochen echt gewesen waren oder nicht. Es würde natürlich zu seinen Überzeugungen passen, wenn sie echt wären - aber es wäre auch sehr riskant für diesen ganzen Kult.
„Hey!“
Satoru hielt inne, sowohl in seinen Gedanken als auch in seinen Bewegungen.
„Was träumst du hier so herum?“
„Huh? Wer redet da mit mir? Oh!“, schmunzelnd sah er zu der jungen Frau herunter. „Du bist ganz schön klein.“
„Pah!“, schnaubte die Fremde, die Hände in ihren Hüften gestemmt und ihr Gesicht ein wenig zornig verzogen. „Du bist eindeutig ein Neuling! Wen hat man da nur wieder angeschleppt?“
Vielleicht gehörte sie zu den wenigen Personen, die hier hineingeboren wurden und nichts anderes kannten?
„Ich bin tatsächlich erst in der vergangenen Nacht angekommen“, verriet Satoru, obwohl das die empörte Ansicht wohl nur verstärkte. „Ich dachte, ich sehe mich mal hier um.“
„Natürlich… hat man dir keine Aufgabe gegeben? Du bist doch groß und… na ja, du bist wohl etwas dürr-“, dürr? „-aber trotzdem kannst du dich doch wohl brauchbar machen.“
In diesem Kimono sah Satoru vielleicht nicht so aus wie normal, aber als dürr würde er sich dennoch nicht bezeichnen.
„Mir wurde gesagt, ich könnte mich umsehen und meine Hilfe anbieten, wenn ich möchte“, erwiderte Satoru in das grimmige Gesicht der jungen Frau. „Und nebenbei soll ich nach jemandem Ausschau halten. Megumi.“
„Megumi?“ Die haselnussbraunen Augen weiteten sich für den Hauch einer Sekunde, kurz darauf erschienen noch mehr Falten auf der Stirn. „Moment mal… Bist du etwa… Dieser Gojo-Typ?“
„Gojo-Typ?“, wiederholte Satoru fragend. „Aber ja, das bin ich. Satoru Gojo. Du kennst scheinbar Megumi?“
„Ja, im Gegensatz zu dir hat er sich von Anfang an brauchbar gemacht!“
„Kannst du mich zu ihm bringen?“
„Pff, sehe ich aus wie deine persönliche Rundführerin?“
„Du warst es doch, die mich angesprochen hat.“
„Meinetwegen!“, schnaubte sie mit erhobener Stimme. Sie beugte sich herunter und hob einen großen Weidenkorb an. „Dann trag das! Ich musste sowieso zu Megumi.“
Satoru nahm den Weidenkorb an, er fühlte sich schwer an und ein Blick hinein offenbarte Wäsche. Megumi schien also bei der Wäsche zu arbeiten? Als Yuji ihn herumgeführt hatte, hatte Satoru seinen Ziehsohn nicht entdecken können - doch die Hoffnung, ihn jetzt zu sehen, erleichterte sein Herz definitiv. Ein Herz, welches in den Augen der einen oder anderen Person nicht einmal existierte.
„Wie war dein Name noch gleich?“
„Ich habe mich nicht vorgestellt!“
„Und wie soll ich dich dann nennen?“, fragte Satoru nach, ehe er mit neckischem Unterton einen Vorschlag unterbreitete: „Zwerg?“
„Bitte!?“
„Verzeih, ich meinte selbstverständlich Zwergin!“
„Ich haue dir gleich eine-“
„Nobara?“ Eine andere junge Frau, die eine Brille trug, warf ihnen einen skeptischen Blick zu.
Satoru sah zu seiner Führerin herunter, welche sich räusperte und eine schnelle Entschuldigung vor sich her nuschelte, bevor sie weiterging.
„Nobara also?“
„Ja, du hast es erfasst. Herzlichen Glückwünsch.“
Er schmunzelte. Nobara war definitiv nicht auf den Mund gefallen und ihre Persönlichkeit war eine angenehme Abwechslung zu den anderen Personen hier. Die meisten Leute nickten ihm zu, lächelten friedlich oder wechselten ein paar ruhige Worte mit ihm, ohne dass es ein richtiges Thema gab. Yuji hob sich natürlich davon ab, aber das schien nochmal etwas speziell zu sein.
Nobara führte ihn zu einer Hütte, in deren Nähe eine weite, grüne Wiese zu sehen war, wo es Wäscheleinen gab. Sie stieß die Tür auf und sobald Satoru ihr folgte, ließ er seinen Blick schweifen. Sein von Sorge minimal verzerrtes Herz wurde plötzlich leichter, als er einen vertrauten Stachelkopf sah.
„Hier ist noch mehr Wäsche, Megumi!“, rief Nobara diesem zu.
Satoru stellte den Korb ab und beobachtete, wie sich sein Ziehsohn umdrehte. Es brauchte einen Augenblick, bis dieser scheinbar erfasste, dass Satoru mit dabei war.
„Was machst du denn hier!?“, platzte es dann scheinbar überrascht aus dem Jüngeren heraus.
Davon ließ er sich nicht beunruhigen. „Ich wurde gestern von jemandem angesprochen. Er redete von dir und von einer Chance, das Leben zu verändern und… Schon bin ich hier!“
Megumis Reaktion nach zu urteilen, hatte dieser das nicht erwartet - dabei sollte dieser das erwarten, wenn er sich nicht zurückmeldete. Nobaras Blick schweifte zwischen ihnen, bevor sie lautstark ein- und wieder ausatmete.
„Na los, mach eine Pause, Megumi, ich kümmere mich so lange um die Wäsche.“
„Nobara … Ist das wirklich in Ordnung?“
Die junge Frau nickte und griff bereits nach dem Korb mit der Wäsche: „Los, hau ab! Dafür schuldest du mir ein Onigiri!“
Megumi wartete noch einen Moment, doch schließlich bedankte er sich, bevor er nach draußen ging und mit einem Nicken anwies, dass Satoru folgte. Was Satoru sowieso getan hätte. Er verließ die Hütte also wieder, zog die Tür zu und kam neben Megumi auf dem staubigen Boden zu stehen.
„Megumi“, fing er gerade an, als sich sein Ziehsohn plötzlich umdrehte.
Überraschender war da nur die intensive Umarmung. Satoru wich instinktiv einen halben Schritt zurück, bevor er seine Arme noch immer perplex um Megumi legte. Megumi war vieles - aber sicherlich nicht der Typ für Umarmungen.
„Ich freue mich auch, dich wiederzusehen“, redete Satoru mit einem sanften Klopfen auf den Rücken des Jüngeren. „Aber-“
„Psst“, zischte es dicht an seinem Ohr. „Es gibt hier kaum Orte, wo man frei reden kann.“
Das war zu erwarten gewesen. Bisher hatte Satoru natürlich mit niemandem über irgendwas reden können, was man verheimlichen sollte, aber jetzt mit Megumi veränderte sich das natürlich. Es musste schwierig gewesen sein, geeignete Orte zu finden.
„Führ mich zu einem dieser Orte?“, schlug Satoru genauso leise vor.
Megumis Nicken war kaum wahrzunehmen, doch eigentlich war die Frage keine wirkliche Frage gewesen - es war klar, dass sie solch einen Ort aufsuchen würden. Damit sie nicht stärker auffielen, als sie es dadurch schon taten, dass er ein Neuankömmling war, lief Satoru gleichauf mit seinem Ziehsohn, damit sie ein paar Worte austauschen konnten. Natürlich solche, die kein Misstrauen erwecken würden.
„In welchem der Häuser lebst du denn?“
„In der Nähe der Wäsche-Hütte“, verriet ihn Megumi. „Du bist sicherlich in einem der größeren Häuser, oder?“
Satoru nickte ein wenig: „Richtig. Ich schätze, dort kommt jeder hin, der noch recht neu ist?“
„Soweit ich beurteilen kann, schon, ja. Wann bist du angekommen?“
„In der vergangenen Nacht.“
Satoru war noch keine 24 Stunden hier und eigentlich wirkte alles normal - bis auf diesen Schrein, von dem Bilder in seinem Kopf immer wieder auftauchten. Natürlich war so etwas einprägsam.
„Dann wirst du sicherlich morgen oder übermorgen deine eigenen Aufgaben bekommen. Ich frage mich, wo du dann landen wirst.“
Megumi runzelte bereits so nachdenklich die Stirn, als wäre dieses Thema bereits der Anfang seines Todes.
„Sicherlich bekomme ich irgendeine super coole Aufgabe!“, erwiderte Satoru schmunzelnd. „Vielleicht darf ich ja mit einer Kamera umherrennen und Fotos von euch schießen?“
„Unsinn“, schnaubte Megumi, welcher sich an seine Kindheit und Jugendzeit zu erinnern schien, so rot wie seine Wangen wurden.
Satoru hatte immer gerne Fotos gemacht. Egal unter welchen Umständen.
„Wir sind da.“
Megumi blieb inmitten eines blumigen Pavillons stehen. Aus schönem und dunklem Holz gebaut, waren die Blumen eine ergänzende Zierde. Es hatte etwas Verträumtes an sich, wirkte wie die Location für romantische Hochzeitsfotos - einfach harmonisch. Satoru folgte dem Beispiel seines Ziehsohnes, welcher sich auf die Bank setzte und nahm an dessen Seite Platz.
„Sicher, dass es hier-“
„Sicher“, nickte Megumi. „Wir dürfen dennoch keine Zeit verlieren, ich kann nicht ewig der Arbeit fernbleiben.“
„Wieso hast du dich die vergangenen Male nicht gemeldet?“
„Mein Handy ist verschwunden.“
Das war wirklich das Letzte, was man an dieser Stelle hören wollte.
„Also weiß hier jemand Bescheid?“
Megumi hob die Schultern: „Bisher geht es mir gut. Vielleicht wurde es mir nur aus Prinzip abgenommen.“
Satoru wollte nicht so optimistisch denken, auch wenn es besser für sie wäre. „Dann sollte ich auf meines wohl besser gut aufpassen.“
Sie konnten es sich nicht leisten, dass diese Mission noch eine weitere Person anziehen würde. Wobei es wohl viel eher darin enden würde, dass man diesen ganzen Kult aufmischte, selbst wenn die Beweise für nichts ausreichen würden.
Andererseits hatte Satoru diesen Schrein gesehen. Der war fast schon Beweis genug, sofern die Knochen echt waren.
„Weißt du schon irgendwas Interessantes?“
„Es ist nicht leicht, an Informationen zu kommen“, seufzte Megumi ein wenig frustriert. „Ich habe das Gefühl, die meisten hier wissen gar nichts - sie wirken immer völlig verwirrt über meine Fragen, was den Tempel angeht. Nobara weiß auch nicht viel oder sie erzählt mir zumindest nichts, dabei ist sie schon seit sie ein kleines Mädchen war hier.“ Der junge Mann hob etwas verloren die Schultern. „Ich versuche mir jedes Gesicht zu merken, damit mir auffällt, wenn Personen fehlen. Es sind meiner Meinung nach drei verschwunden - zwei junge Frauen und ein älterer Mann. Ob sie nun den Kult verlassen haben oder was anderes dahinter steckt, konnte ich bislang nicht ausmachen.“
Das waren wirklich magere Informationen; doch jetzt, wo sie zu zweit waren, könnte es nur besser werden!
„Vielleicht befragst du die falschen Leute“, warf Satoru ein. Es war nie leicht, die richtigen Personen auszumachen und Fragen zu stellen, ohne dabei aufzufallen. „Obwohl ich denken würde, dass jemand wie Nobara, die so lange hier ist, irgendwas wissen sollte.“
„Irgendwas vielleicht. Sie erzählte mir mal davon, dass sie den engen Kreis unheimlich findet.“
„Enger Kreis?“, wiederholte Satoru fragend.
„Das sind die, die bereits länger hier sind oder einen engen Draht zu denen haben, die etwas zu sagen haben hier. Bisher hatte ich nur mit Yuji etwas zu tun, aber er wirkt meistens ganz normal.“
„Aber nur meistens“, warf er sogleich ein. „Yuji war es, der mich hergebracht hat.“
„Er hat irgendeine spezielle Rolle hier, ein wenig verrückt, wenn du mich fragst. Alle sehen ihn so seltsam an.“
„Was meinst du mit seltsam?“
Megumi runzelte die Stirn, schien zu versuchen, das, was er dachte, in Worte zu fassen: „So … ehrwürdig?“, versuchte er es. „Der enge Kreis ist stets besorgt um ihn, wenn er nicht auffindbar ist oder den Ort verlässt, um nach draußen zu gehen. Es herrscht eine gewisse Anspannung, wenn er nicht da ist. Ich dachte erst, es läge daran das er ein Sonnenschein ist - so ein Typ Mensch den jeder liebt-“
„Ah, so wie mich!“, unterbrach Satoru grinsend.
Megumi ignorierte ihn jedoch geflissentlich. „-, aber das ist es nicht. Nicht nur, zumindest. Ich glaube, irgendwas steckt noch dahinter. Nobara meinte nur, dass Yuji auch schon immer hier gewesen ist. Obwohl sie sich nicht daran erinnern kann, ihn als Kind schon getroffen zu haben.“
Satoru hatte ebenfalls das Gefühl, dass irgendwas mit Yuji war, er hatte dies nur nicht als so weitreichend angesehen, wie Megumi es scheinbar derzeit schon machte.
„Allerdings hat Yuji mich damals nicht hergebracht, ich habe allgemein nur selten die Chance gehabt, mit ihm zu sprechen. Bisher konnte ich also diesem Gefühl nicht nachgehen.“
„Dann werde ich das wohl versuchen. Er hat mich hergebracht, also wird er sicherlich eine gewisse Verantwortung für mich übernehmen und ich kann das sicherlich ausnutzen!“, meinte er sogleich. „Ich schätze, wir sollten uns auch den Tempel vermehrt ansehen, oder?“
„Dort dürfen nur ausgewählte Personen rein.“
„Ich war heute früh schon darin.“
„Was!?“
Satoru zuckte unbesorgt mit den Schultern: „Ich war etwas neugierig und dann hat Yuji angeboten, ihn mir zu zeigen. Er hat mich zum Schrein gebracht.“ Er verzog ein wenig das Gesicht bei der Erinnerung daran. „Ein wahnsinnig creepy Ort. Stoff für Albträume und Horrorfilme … Was denn?“
„Was, wenn sie dich opfern wollen?“
„Wieso denn das?“
„Er hat dir den Schrein gezeigt. Das ist ein Ort, den hier kaum jemand zu Gesicht bekommt. Wir sprechen unsere Gebete für den Gott um den Tempel herum aus, manche auch innerhalb des Tempels, aber der Schrein … darüber spricht nie jemand und du warst dort bereits? Warum?“
Satoru hatte ein seltsames Gefühl im Nacken. Als würde man sie beobachten, als wäre da ein kalter Luftzug. Fröstelnd ließ er seinen Blick schweifen, doch es gab niemanden, der ihm auffiel.
„Er redete von einer Verbindung.“
„Wer?“
„Yuji. Er sagte, er fühlte eine Verbindung zwischen uns oder so etwas wie ein spezielles Vertrauen. Deshalb hat er mich zum Schrein mitgenommen.“
„Das gefällt mir nicht.“
„Du machst dir zu viele Gedanken darüber. Was zählt ist: Ich habe Kontakt zu Yuji und durch diese Verbindung scheinbar einen gewissen Vertrauensvorschuss - das können wir für uns nutzen.“
Megumis skeptischer Blick nahm kaum ab. So oft wie er die Stirn runzelte, würde er in wenigen Jahren schon ein Gesicht voller Sorgenfalten bekommen.
„Pass einfach auf dich auf, Idiot.“
„Willst du einen auf Yaga machen oder was?“, lachte Satoru auf.
Nachdem Megumi sich wieder an die Arbeit mit der Wäsche machte - und in Satorus Augen einen verdächtig langen Blick mit Nobara tauschte - löste er sich wieder davon. Er suchte nach Yuji oder jemandem anderen aus dem engen Kreis. Gekennzeichnet waren diese mit dem schwarzen Schal, den auch Yuji trug, soweit die vermehrten Zeichen im Gesicht. Beides war nicht sogleich auffällig, aber wenn man einmal darauf achtete, erkannte man die Unterschiede.
Satoru versuchte sich ihnen nicht zu auffällig zu nähern, doch sie von der Ferne anzustarren wäre alles andere als hilfreich.
Als sich eine dieser Personen von der Gruppe löste, wollte er diese Gelegenheit für ein Gespräch nutzen.
„Verzeihung!“, rief er, erlangte nicht nur die Aufmerksamkeit seines Ziels, doch auf dieser lag die seine. Der Mann war klein, vielleicht sogar kleiner als Nobara, und sein dunkler Haarschopf wurde größtenteils von einem Hut verborgen, der seinen Kopf wie einen Vulkan aussehen ließ. Wie der Fuji!
Doch sein Name war ein anderer, wie Satoru bald darauf feststellen durfte.
Jogo wirkte gebrechlich und doch war sein Handdruck eisern und fühlte sich heiß an, als würde Lava durch seine Glieder verlaufen. Vermutlich hing Satoru dem Fuji-Vergleich einfach zu sehr nach. Er starrte ihn unverhohlen mit seinen verschieden großen Augen an. Das eine wirkte wesentlich größer und schien ihn intensiv anzustarren. Satoru war es gewohnt, angestarrt zu werden, aber so etwas war er weniger gewohnt.
„Yuji?“, wiederholte Jogo fragend. „Er ist sicherlich mit seinen Aufgaben beschäftigt, für die nächste Predigt.“
„Oh, wann gibt es denn die nächste Predigt?“, hinterfragte Satoru sogleich. „Ich habe davon noch gar nichts gehört. Na ja, ich habe allgemein noch nicht viel von …“
„Dem Zwiegesicht.“
„Richtig, vom Zwiegesicht … ich habe nicht viel von ihm gehört. Eigentlich so ziemlich gar nichts. Aber der Schrein - er ist wirklich cool und atmosphärisch! Muss kompliziert gewesen sein, ihn aufzubauen und all das Wasser …“
„Schrein? Du warst beim Schrein? Im Tempel?“
„Gibt es außerhalb des Tempels noch einen Schrein?“, hinterfragte Satoru neugierig.
Jogo schüttelte den Kopf, die Stirn gerunzelt - sein Gesicht wirkte noch älter und miesepetriger. Wie bei den alten Säcken, die definitiv zu viel bei der Polizei zu sagen hatten!
„Yuji hat ihn mir vorhin gezeigt.“
„Hm …“, machte der Fuji-Kopf, als würde er abwägen, ihm zu glauben. „Wie war noch gleich dein Name?“
„Satoru. Satoru Gojo.“
„Satoru“, flüsterte es der Mann. Er wirkte so, als würde er ein Rätsel lösen. „Yuji wird bis zum Abend beschäftigt sein, doch ich kann dir alte Schriften zeigen, damit du unserem Glauben näherkommen kannst.“
Das war wohl eher ein Wahn als ein Glauben, doch Satoru sprach dies natürlich nicht aus - stattdessen nickte er mit einem fröhlichen Ausdruck im Gesicht. „Das wäre wundervoll, vielen Dank, Fuji-äh, Jogo!“
Mehr über diesen ganzen Glauben hier zu erfahren, könnte nur hilfreich für sie sein. Er folgte dem kleinwüchsigen Mann also, welcher vielleicht auch nur mit dem Alter geschrumpft war. Es ging tatsächlich wieder zurück zum Tempel, wo er dieses Mal durch Jogo Einlass erhielt.
„Ihr sammelt die Schriften also an einem Ort, den nicht jeder betreten darf?“, hinterfragte er sogleich.
Dafür, dass hier jeder daran glauben sollte, wirkte dies etwas kontraproduktiv.
„Nur die wichtigsten Schriften. Es gibt natürlich Kopien, welche frei verfügbar in einer der Hütten sind, doch ich glaube, du solltest zu allem Zugang erhalten.“
Satoru wusste, dass er darüber erfreut sein sollte - sicherlich würde es bei der Arbeit helfen - doch zeitgleich wuchsen in ihm Zweifel. Er galt sicherlich noch als so ziemlich außenstehend. Er war noch immer keine 24 Stunden hier und doch behandelte man ihn bereits wie jemanden, der schon eine lange Zeit hier verbracht hatte.
Ob man sich dem Verhalten von Yuji ihm gegenüber anpasste?
Als sie an der Tür vorbeigezogen, durch welche man den Schrein betreten würde, wurde sein Blick davon angezogen. Es war, als würde ein leises Flüstern zu ihm durchdringen und ihn fesseln, inklusiver einer Gänsehaut. Das Gefühl, etwas würde ihn in diese Richtung ziehen.
„Da sind wir auch schon.“
Satoru blinzelte einige Male, erfasste erst dann, dass sie bereits weitergelaufen waren und er nicht einmal mehr die Tür zum Schrein entdecken konnte. Stattdessen war da eine andere Tür, welche so gewöhnlich aussah wie jede Tür im Tempel. Jogo schob sie auf und der Geruch von altem Pergament kam ihnen entgegen.
„Sei bitte vorsichtig dabei, wenn du die Sachen berührst und liest.“
„Natürlich“, er deutete eine respektvolle Verbeugung an, als er den Raum betrat, welcher wie eine kleine Bibliothek wirkte.
Sein Blick wurde jedoch von einem Gemälde angezogen, welches die Wand, auf die man beim Eintreten sah, zierte. Es war groß, größer als Satoru selbst und auch in der Breite nochmal. Zu erkennen war der Schrein, jenen, den auch er selbst bereits gesehen hatte. Er kniff die Augen zu, um die Gänsehaut loszuwerden, und bemühte sich darum, alles andere zu betrachten, was man darauf sah. Es war eine Malerei des Zwiegesicht, wie man ihm sich wohl vorstellte.
Vier Arme wuchsen aus einem großen, muskelbepackten Körper heraus. Schwarze Tätowierungen zierten ihn, und das Gesicht war geteilt. Es waren zwei Gesichter, die sich den Platz von einem teilten. Umgeben war es von rosa Haar, welches Satoru sofort an Yuji erinnerte.
War das vielleicht der Grund dafür, dass Yuji dem engen Kreis angehörte? Eine minimale Ähnlichkeit zu einem Gott, welcher auf Satoru eher wie ein Monster wirkte?
Es benötigte einige Augenblicke, bis sich Satoru von dem Abbild lösen konnte, welches in ihm seltsame Gefühle weckte, denen er nicht nachgehen wollte. Während er sich umsah und die verschiedensten Bücher und Schriften betrachtete, wurde er das Gefühl einer gewissen Atmosphäre nicht los. Sie erinnerte ihn an jene vom Schrein. Er bekam direkt wieder eine Gänsehaut. Zum Glück übernahm Satoru diesen schauderhaften Anteil der Arbeit des Undercover-Auftrags!
Dafür schuldete Megumi ihm definitiv ein paar Kikufuku und weitere Süßigkeiten, damit er dieses Trauma hier verarbeiten konnte.
Natürlich hatte er bereits Schlimmeres gesehen. Weitaus Schlimmeres. Dieser Ort war auf eine andere Art und Weise unheimlich - es war einfach, was sie verströmte. Es fühlte sich so an, als wäre er hier in einem Horrorfilm gelandet. Ein paar Klischees würden sich hier sicherlich auch bestätigen.
Hauptsache weder Megumi noch er würden hinfallen, sofern sie von etwas gejagt werden würden …
Obwohl er für diesen Ort keinen Glauben übrig hatte - und dadurch auch definitiv keinen Respekt - wollte er sich in kein schlechtes Licht rücken. Er ging also behutsam mit allem um, was sich hier befand, auf der Suche nach brauchbaren Informationen und bemüht darum, nicht immer wieder zum Gemälde zu sehen, welches seine Blicke anzuziehen schien.
Der Raum war bei Tag ebenso dunkel wie bei Nacht - nur das Licht von Laternen erhellte den Raum. Es war entspannend für seine Augen, die so empfindlich auf das Tageslicht reagierten, selbst wenn das Lesen dennoch schwierig zu sein schien.
„Satoru.“ Die vertraute Stimme von Yuji sorgte dafür, dass er seinen Blick vom Buch löste. „Ich habe dich bereits gesucht. Wer hat dich hierhergeführt?“
Er begutachtete den Jüngeren, er hatte keine extra-Male wie bei ihrer Begegnung beim Schrein und wirkte etwas zurückgezogener. Unsicherer?
„Jogo“, erwiderte Satoru. „Er redete davon, dass ich eurem Glauben näherkommen könnte, wenn ich hier etwas lese.“
Geistesabwesend nickte Yuji, als wäre er im Inneren mit etwas beschäftigt.
„Du hast mich gesucht?“, versuchte er ihn wieder hervorzulocken.
„Richtig!“ Yuji blinzelte ein paar Mal, bevor er wieder so fröhlich lächelte, wie Satoru es von diesem kannte. „Es geht um das Abendessen. Ich wollte dich mitnehmen, damit wir gleich anfangen können. Dein erster Tag geht damit auch vorbei! Ich hoffe, er gefiel dir.“
„Er war sehr … spannend“, erwiderte er nickend.
Sorgsam legte er das Buch weg, um stattdessen auf Yuji zuzugehen, welcher am Türrahmen stand. Bevor er nach draußen trat, drehte sich Satoru jedoch ein weiteres Mal um.
„Das Gemälde“, sprach er prompt an. „Es zeigt das Zwiegesicht, richtig?“
„Richtig.“
„Er sieht sehr beeindruckend aus.“
„Gruselig“, hörte er ein Flüstern. „Er soll sehr mächtig gewesen sein.“
Satoru betrachtete Yuji mit Argusaugen, doch dieser schien das Flüstern selbst gar nicht wahrgenommen zu haben oder bevorzugte es, dies nicht weiter auszuführen.
„Ihr habt dieselbe Haarfarbe, kann das sein?“, schmunzelte er und griff nach vorne, um zwei seiner Finger an einer Strähne von Yuji zupfen zu lassen.
Unbehaglich drehte Yuji den Kopf, wich seinem Blick vollkommen aus: „Wir alle tragen etwas von unserem … Gott mit uns.“
„Aber-“
„Das Essen. Komm schon, wir sollten niemanden warten lassen.“
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Das Abendessen verlief ohne weitere Ereignisse. Satoru wurde allen noch einmal offiziell vorgestellt und er konnte bei Megumi und Nobara sitzen. Es verlief eher ruhig, Unterhaltungen wurden leise geführt, doch größtenteils schien jeder mit seinem Essen beschäftigt zu sein.
In diesem Umfang konnte er sich natürlich nicht so mit Megumi unterhalten, wie er es gerne tun würde - deshalb blieb es bei leichten Floskeln und Neckereien.
„Vergiss nicht, dein Gemüse zu essen“, tadelte er beispielsweise. „Du musst doch groß und stark werden.“
„Halt die Klappe“, zischte Megumi ihm dafür entgegen.
„Unrecht hat er aber nicht. Du bist zwar schon groß, aber von Stärke kann man nicht unbedingt reden“, mischte sich Nobara plötzlich ebenfalls neckend ein.
Megumi starrte sie mit seinen dunklen blauen Augen an, doch darin war kein Zorn - war das eher Verunsicherung?
„Unsinn. Ich bin stark“, widersprach er schließlich schnaubend.
„Also an unserem ersten Tag hast du es kaum geschafft, so einen Weidenkorb mit Wäsche herumzutragen.“
„Du hast dort einfach haufenweise Steine hineingelegt!“
Nobara zuckte ihre schlanken Schultern: „Das war natürlich ein Test, um deine Stärke gleich zu überprüfen. Wobei ich sagen muss, dass du dich seither gut gemacht hast!“
Sie zwinkerte Megumi auf eine Art und Weise zu, dass sich Satorus Stirn runzelte und die Wangen seines Ziehsohns sich rosa färbten. Aha! Satoru sah grinsend zu Megumi, welcher ihm seinerseits einen tödlichen Blick zuwarf. Das hielt ihn aber natürlich nicht ab.
„Wie süß ihr doch seid - fast wie ein altes Ehepaar!“
Nobara japste nach Luft, als sie sich an ihrem Tee verschluckte und hustend auf ihre Brust schlug. Megumi kam natürlich sogleich zur Hilfe, er streckte seinen langen Arm über den Tisch aus, um ihr zusätzlich sanft auf den Rücken zu schlagen, während sie von ihren weiteren Sitznachbarn bereits neugierig beobachtet wurden.
„Schnauze! Was laberst du denn da!?“, platzte es aus Nobara heraus, sobald sie wohl wieder etwas hervorbringen konnte.
„Nobara!“, zischte es aus verschiedenen Richtungen tadelnd.
Die junge Frau zuckte etwas zusammen und murmelte ein paar Entschuldigungen, bevor sie ihren tödlichen Blick auf ihn richtete. Dasselbe machte Megumi bereits. Ja, Satoru konnte sich immer besser vorstellen, was zwischen den beiden ablief, und irgendwie erfüllte es ihn mit Skepsis - aber auch mit Freude! Bisher hatte Megumi an nichts und niemandem Interesse gezeigt. Als Schüler hatte er sich eher in Prügeleien wiedergefunden - und dann hatte Satoru als Ziehvater auftauchen müssen, um ihn in Schutz zu nehmen. Mädchen oder Frauen hatten nie eine Rolle gespielt und Satoru hatte innerlich bereits darauf gewartet, dass sich Megumi einfach nur noch nicht traute, sich zu outen.
Offensichtlich hatte es einfach etwas gedauert, bis er jemanden interessant genug empfand. Dass dies gerade jetzt und hier - in einem Kult, während einer Undercover-Mission, passiert war … das erfüllte Satoru mit sehr viel Skepsis und Misstrauen!
Summend schob sich Satoru etwas von dem Fisch in den Mund, während er Nobara und Megumi ein fröhliches Lächeln zuwarf. Megumi schnaubte und Nobara verdrehte ihre Augen. Beide stachen ihr Essen mit mehr Gewalt auf, als notwendig gewesen wäre.
„Weißt du schon, wo du eingesetzt wirst zum Arbeiten?“, fragte Megumi irgendwann nach.
Nobara schaute immer noch grimmig - sie schien sehr nachtragend zu sein - doch Megumi guckte mittlerweile wie immer. Also ebenfalls grummelig.
„Noch nicht“, antwortete Satoru kopfschüttelnd. „Wie wird das denn entschieden?“
„Also ich wurde einfach von Nobara zur Wäsche verteufelt“, erwiderte Megumi monoton.
„Sag das nicht so!“, maulte Nobara mit roten Wangen. Vielleicht aufgrund von Wut - oder aufgrund von Verlegenheit. Satoru tippte selbstverständlich auf Letzteres.
„Ich schätze, man wird fragen, was du gerne tun würdest und dann schauen. Hilfe wird überall gebraucht werden können.“
„Dann lasse ich es einfach auf mich zukommen!“, meinte Satoru lächelnd. „Ich bin in allem großartig, also bin ich sehr wandelfreudig!“
Wobei er besser nicht zur Wäsche kommen sollte. Megumi war bereits dort und würde sich gut umhören können nach der ganzen Zeit. Da brauchte es nicht auch noch Satoru zusätzlich.
Damit ihre Treffen im Pavillon nicht zu auffällig werden würden, entschieden sie sich für heute dazu, keine weitere Unterhaltung dort zu führen. Satoru würde morgen versuchen, bei der Wäsche vorbeizukommen und dann könnten sie wieder zum Pavillon spazieren, wie normale Menschen eben. Das hieß auch, er ging nach dem Abendessen erst einmal zurück in das Haus, in welchem er sein Zimmer hatte.
An Schlaf war jedoch vorerst nicht zu denken, als sein Blick prompt auf einen Brief fiel, der auf seinem Bett abgelegt wurde. Er blinzelte ein paar Mal, ehe er sich näherte und nach einem weiteren Blick darauf, danach griff. Sein Name stand schwungvoll darauf, und als er den Brief entfaltete, las er nicht viele Worte.
„Komm zum Pavillon, wenn die Nachtruhe eingetreten ist.“
Satoru wusste bereits, dass ab 21 Uhr nur noch Leute draußen sein durften, welche dies wegen ihrer Arbeit oder einer speziellen Aufgabe tun durften. Es irritierte ihn, doch scheinbar waren diese Regeln hier völlig normal und er nicht hier, um dagegen zu rebellieren. Satoru sollte einfach nur dazu gehören - und jetzt wurde er recht direkt dazu aufgefordert, diese Regel zu brechen.
Ohne zu wissen, wer dort auf ihn warten würde. Megumi konnte es nicht sein und die meisten anderen Personen kamen für ihn auch nicht infrage.
War es vielleicht von Yuji?
Dieser benahm sich zeitweise seltsam - irgendwo zwischen aufdringlich und dann wieder zurückhaltend und unsicher.
Satoru würde dies definitiv herausfinden.
Er löschte das Licht in seinem Zimmer, damit es nicht direkt auffiel, dass er noch wach war. Danach wartete er geduldig darauf, dass die Zeit voranschritt. Das wäre der perfekte Augenblick für süße Snacks, aber er hatte so das Gefühl, erstmal auf Entzug davon gestellt worden zu sein. Ob er sich für die Küche einteilen lassen sollte? Dann könnte er vielleicht den einen oder anderen Nachtisch zumindest für sich selbst zubereiten …
Seine Umgebung wurde ruhiger und wenn er aus dem Fenster sah, war es ebenfalls finster, obwohl die Wege von Laternen beleuchtet wurden. Zur Sicherheit wartete er noch ein paar weitere Augenblicke ab, bevor er sich aus dem Haus schlich. Er trug die flachen Getas in seiner Hand mit sich, als er nach unten ging. Mit den wenigen Malen, die er hier herumgelaufen war, hatte Satoru bereits die eine oder andere quietschende Diele erfasst und wich diesen so geschickt wie möglich aus. Er wusste nicht, inwiefern die Umgebung bewacht wurde - sicherlich gab es Patrouillen, denn sonst ergab diese Nachtruhe ja gar keinen Sinn, oder?
Satoru war keine unauffällige Person - er war groß und sein reinweißes Haar war ebenfalls ein Blickfänger, auch von der Entfernung.
Seine Wanderung über die Wege oder auch an Stellen vorbei, welche nicht beleuchtet waren, wurde begleitet von sehr viel Glück. Satoru war ein Mensch, der oft sehr viel Glück besaß, etwas, wofür er nicht selten gescholten wurde, weil er sich manchmal zu viel darauf verließ. Irgendwann könnte es durchaus negativ auf ihn zurückfallen … doch heute war nicht der Tag dafür!
Der Pavillon war kaum beleuchtet, vermutlich da er des Nachts nicht besucht werden sollte. Das Licht einer Laterne genügte aber bereits, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
„Da bist du ja.“
„Yuji“, erwiderte Satoru, als er den Pavillon mehr betrat.
Sein Blick scannte Yuji so unauffällig wie möglich ab - da waren wieder ein paar Male mehr. Sein Haar wirkte sogar etwas stacheliger? Von Verunsicherung und Zurückhaltung war nicht mehr viel zu erkennen. Vielleicht hatte Yuji so etwas wie verschiedene Persönlichkeiten? Wobei es wohl nicht die plötzlichen Male erklären würde, die aus dem Nichts dazu kamen. Jetzt hätte Yuji vorab durchaus die Möglichkeit gehabt, sich zusätzlich etwas aufzumalen, vor ihrem Treffen - aber das traf beim letzten Mal nicht zu. Es musste also mehr dahinterstecken.
„Du wolltest mich hier treffen?“
„Yuji“, wiederholte der junge Mann, mit einem Unterton, den Satoru nicht zuzuordnen wusste. Abscheu, Enttäuschung, Hohn? „Ja, ich wollte dich nochmal treffen. Unter vier Augen reden.“ Er gluckste, als hätte er einen Witz gemacht.
Falls er dies getan hatte, dann verstand Satoru den Witz nicht.
„Worüber möchtest du reden?“
Anstatt zu antworten oder ein Gespräch anzufangen, starrte Yuji ihn einfach nur aus Augen an, die röter wirkten als normal. Satorus Blick fiel auf die Laterne, die neben Yuji auf der Bank abgestellt worden war; in ihr flackerte das Licht der Kerze ein wenig. Wenn Satoru darüber nachdachte, hatte dieser Augenblick etwas sehr Atmosphärisches an sich. Über ihnen ein wunderschöner Nachthimmel mit Millionen glitzernden Sternen und einem bezaubernden Halbmond. Es war ruhig, das Wetter mild und die Luft frischer, als in irgendwelchen Städten. Das Licht der Laterne war wie die Sonne, kurz vor ihrem kompletten Untergang.
Das könnte romantisch sein. Es könnte aber auch verdammt unheimlich sein. Glücklicherweise war er kein Mensch, der sich wirklich fürchtete. Dazu hatte er zu viele schreckliche Dinge bereits gesehen, es bräuchte mehr als eine gewisse Atmosphäre, um ihn zu schocken.
„Satoru.“
Er richtete seinen Blick wieder direkter auf Yuji, welcher sich von der Bank neben der Laterne erhob und näher kam.
„Warum trägst du Kontaktlinsen?“
Etwas überrascht sah er den Jüngeren an - einerseits weil er sicher war, dass dies kein Thema war, über das man in so einer Umgebung sprechen müsste, andererseits weil Yuji es bemerkt hatte. Satoru hatte davon gelesen, dass man Kontaktlinsen in einem bestimmten Winkel von der Nähe bemerken konnte, aber er selbst hatte das nie bei anderen bemerkt.
Obwohl er durchaus hier und da mal nachgefragt hatte, wenn er es vermutete. Er lag nie richtig und irgendwann hatte dieses Thema an Interesse von ihm verloren.
„Das Licht“, antwortete er sich räuspernd. „Meine Augen reagieren relativ empfindlich auf sehr helles Licht. Dann bekomme ich Kopfschmerzen, Schwindel … das nervt. Ich trage sie einfach immer, das hilft mir, den Alltag durchzustehen.“
Zumindest wenn Satoru seine vier Wände verließ und eben nicht einschätzen konnte, wie das Licht fiel - oder wie hell es den Tag über sein mochte. Es war schwer zu erfassen, was genau seine Augen empfindlich werden ließ und einfacher, sie stets zu schützen, wenn er die Möglichkeit hatte. Seine Sonnenbrille konnte ebenfalls helfen, aber manches Mal verdunkelte sie seine Sicht zu sehr.
Außerdem hatte er es Leid, mit irgendwelchen TV-Cops verglichen zu werden, egal wie lustig es anfangs gewesen war.
„Verstehe“, erwiderte Yuji, er wirkte dennoch etwas unzufrieden. „Ich glaube, es hält deine schönen Augen zurück.“
„Was?“
„Sie leuchten mehr, oder? Sind sie nicht heller als ein Blick ins Universum?“
Satoru hatte nicht immer schon diese verdunkelten Kontaktlinsen getragen, seine Empfindlichkeit gegenüber dem Licht war auch nicht immer so stark gewesen. Er bekam für seine Augen auch mit den Kontaktlinsen ausreichend viele Komplimente, doch so wie Yuji sich ausdrückte, erinnerte es ihn eher an seine Kindheit. Als seine Großeltern ihm noch alte Legenden davon erzählten, wo ihre Familie seinen Ursprung haben sollte.
Er hatte es nie komplett verstanden und irgendwann als Geschwafel von alten Menschen abgetan, welche mit seinem Freigeist einfach nicht zurechtkommen wollten.
„Vielleicht“, erwiderte er mit angehobenen Schultern. „Wenn meine Wahl zwischen Schönheit und dem Schutz vor Kopfschmerzen liegt - dann ist es wohl normal, das Zweite zu wählen, oder nicht?“
„Nimm sie raus.“
„Äh?“
„Die Kontaktlinsen. Ich will deine Augen sehen.“
Satoru lachte ein wenig. „Du siehst meine Augen. Die Kontaktlinsen sollten daran nichts verändern“, amüsierte er sich.
„Sie verändern alles. Du siehst mich nicht.“
„Ich bin ziemlich sicher, dass ich dich sehr deutlich vor mir sehe; wirklich.“
Er beobachtete, wie sich Yujis Hand nach ihm ausstreckte und nach seinem Kimono griff. Sein Mund öffnete sich gerade, um etwas zu sagen, doch eine andere Stimme unterbrach ihr Treffen.
„Was macht ihr dort?“
Satoru drehte den Kopf ruckartig in die Richtung der Stimme, die ihm sogar bekannt vorkam. War das etwa dieser Jogo? Er fühlte, wie sich die Finger in seinem Kimono verkrampften, als würden sie niemals wieder loslassen wollen.
„Jogo.“
Yujis Stimme klang angsteinflößend. Tief, dunkel und bedrohlich. Satoru sah, wie Jogo sich auf sie zu bewegte, nur um auf der Stelle stehenzubleiben, kaum vernahm er seinen Namen mit dieser Stimme.
„Oh- ich wusste nicht-.“
Yuji schnaubte unzufrieden: „Du störst. Wie so oft.“
„Bitte verzeih mir, es war nicht meine Absicht. Ich sah nur das Licht und hörte-“
„Tss“, machte Yuji fast ein wenig knurrend.
Diese Situation war um ein Vielfaches angespannter geworden und seltsamer. Selbst aus der Entfernung glaubte Satoru zu erkennen, wie Jogo an der Stelle, wo er stand, wie festgewurzelt blieb und völlig unter Spannung zu stehen schien.
Er hatte Angst, stellte Satoru in sich fest. Für einen Moment fragte er sich, wovor Jogo Angst zu haben schien - oder einen ungesunden Respekt - doch dann fiel sein Blick auf Yuji und die Antwort war klar. Er hatte Angst vor Yuji. Ein Gedanke, der seltsam für ihn war. Satoru bemerkte den Unterschied in der Luft und einen Unterschied darin, wie sich Yuji benahm - doch das machte ihn noch lange nicht angsteinflößend.
„Ich sollte besser auf mein Zimmer gehen“, durchbrach Satoru die angespannte Stimmung so locker wie möglich. „Es ist spät und ich bin wirklich, wirklich, müde.“
Behutsam griff er nach der Hand an seinem Kimono, an die Finger, welche sich nach wie vor darin verankerten. Yujis Haut war warm, sie fühlte sich beinahe heiß an, und sein Griff wirkte undurchbrechbar. Dennoch ließ er nach, kaum machte Satoru Anstalten, sie zum Lösen zu zwingen. Finger streiften seine Hand mehr als sie müssten, und für einen Augenblick war Satoru fasziniert von den Augen und dem intensiven Blick daraus.
„Natürlich bist du müde“, erwiderte Yuji, seine Stimme bereits wieder ruhiger. „Dann verbringe deine Nacht in Ruhe, wir werden morgen nochmal reden.“
Satoru befürchtete halb, dass er Jogo zu Tode verurteilte, indem er sich jetzt abwandte - aber das wäre sicherlich übertrieben, nicht wahr? Dieser Ort machte ihn vermutlich auch schon ein wenig verrückt, und das nach mittlerweile 24 Stunden.
„Habt eine erholsame Nacht“, sprach er noch zu Yuji und Jogo, bevor er den Weg zurück antrat.
Zurück, zu der Hütte, in welche er schlief. Wenn ihn jemand dieses Mal beobachtete, dann zeigte es ihm niemand. Satoru kam ohne Weiteres in seinem Zimmer wieder an und machte sich dieses Mal wirklich für die Nacht bereit. Als er sich die Kontaktlinsen entfernte, wie jeden Abend, musste er unweigerlich wieder an Yuji denken.
Du siehst mich nicht. Was für eine seltsame Aussage. Satoru wusste nach wie vor nicht, wie der junge Mann das gemeint haben könnte. Seine Sicht war durch die Kontaktlinsen weder schlechter noch besser. Sie half ihm einfach dabei, mit dem Licht klarzukommen, aber es hatte nie irgendwelche negativen Konsequenzen für ihn gehabt.
Neugierig über einen etwaigen Unterschied, ließ er die linke Kontaktlinse im Auge, während er die aus seinem rechten Auge bereits entfernt hatte, und begutachtete sein Spiegelbild. Er schloss ein Auge, sah sich um und öffnete dann das andere, um auch diese Sicht zu ergründen. Das war vermutlich kein vorzeigbares Experiment. An der Sicht machte er keinen Unterschied aus, lediglich am Gefühl davon. Mittlerweile bemerkte er die eingelegten Kontaktlinsen gar nicht mehr so stark - doch mit dem Vergleich jetzt wurde sie links wieder spürbarer.
Satoru entfernte schließlich auch die zweite Kontaktlinse und stellte den Behälter gut weg. Sein Blick blieb ein weiteres Mal an seinem Spiegelbild hängen, um seine Augen intensiv zu betrachten.
Leuchteten sie mehr? Sah er das Universum in ihnen?
Yujis Worte hingen in seinem Kopf nach, der Kitsch darin wurde Satoru nun richtig bewusst, auch wenn sie so gar nicht gemeint sein könnten.
Du siehst mich nicht.
Er wurde eindeutig verrückt hier. Ob es Megumi auch so erging? Satoru sollte das definitiv am nächsten Tag ansprechen, sobald sie Zeit fanden zu reden, richtig zu reden. Vorerst löste er seinen Blick vom Spiegel und ging ins Hauptzimmer, um sich dort ins Bett zu legen, das Licht auszuschalten und seufzend in die Dunkelheit vor sich hinzustarren. Das Licht von draußen drang kaum hinein. Satoru drehte sich auf die Seite, schloss die Augen und schlief binnen weniger Augenblicke ein. Trotz des Gemäldes, welches sich vor seinen geschlossenen Augen zu materialisieren schien - zwei Gesichter, vier Arme, waren es auch vier Beine gewesen?
Gruselig, hatte Yuji gesagt. Mächtig war ebenfalls als Wort gefallen.
Satoru wurde immer neugieriger, was das alles anging.
Wie schon am Tag zuvor startete auch der neue ähnliche - nur ohne Yuji, der ihn abholte. Satoru frühstückte mit den restlichen, eher neuen Mitgliedern, tauschte hier und da ein Wort mit ihnen aus und bereitete sich anschließend für den Tag vor. Sein Plan war bereits, dass er Megumi und Nobara aufsuchen würde - um zu helfen und vielleicht auch, um die beiden zu necken. Auch wenn er seine Arbeit nicht aus den Augen lassen durfte … als er das Haus jedoch verließ, begegnete er direkt einem wartenden Jogo.
Wie erwartet; er wurde nicht umgebracht, obwohl Satoru dies irgendwie doch erwartet hatte.
„Guten Morgen, Jogo“, begrüßte er den Mann beim Vorbeilaufen.
Nur um natürlich dabei aufgehalten zu werden. Satoru hatte damit gerechnet, aber er hatte dennoch versuchen wollen, weiterzugehen.
„Satoru.“ Er zog seinen Arm zurück, weg aus dem Griff der knochigen Finger des Fuji-köpfigen Mannes. Berührungen fühlten sich oftmals falsch für ihn an. „Ich bin hier, um dir deine Aufgabe mitzuteilen, die dich zu einem vollwertigen Mitglied machen wird.“
„Oh, spannend“, schnalzte er mit der Zunge. „Was ist denn meine Aufgabe?“
Jogos Lächeln wirkte angespannt, doch seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Du wirst Yujis Assistenz.“
„Assistenz?“, wiederholte Satoru fragend. „Was heißt das?“
„Du hilfst ihm bei allem, wobei er Hilfe braucht. Dadurch wirst du sicherlich auch unserem Glauben näher kommen. Es ist eine großartige Idee, nicht wahr?“
„Äh, ja. Wundervoll.“
Mehr Zeit mit Yuji zu verbringen war nicht das Schlimmste, was passieren könnte - dennoch fühlte sich Satoru minimal unbehaglich. Jogo wirkte auch nicht gänzlich begeistert davon, obwohl seine Worte anders klingen wollten.
„Aber wobei benötigt Yuji denn Hilfe?“
Jogo schielte zu ihm rüber, bevor er sich umdrehte und Satoru hinter sich her winkte. „Ich bringe dich gleich zu ihm, er wird dir dann alles Weitere erklären.“
Das klang in Satorus Ohren so, als würde Jogo entweder selbst nicht genau wissen, wobei Yuji Hilfe gebraucht könnte - oder er wollte es einfach nicht aussprechen. So oder so konnte er sich davor wohl nicht drücken und wenn es ihm dabei half, diesem Kult mehr auf die Schliche zu kommen, sollte dies in Ordnung sein.
Er setzte sich also direkt in Bewegung, um den Älteren zu folgen.
Bisher hatten sie im Kollegium zwar viele Informationen und Verdächtigungen gesammelt, doch nichts davon könnten sie handfest beweisen. Vor Gericht würden sie gnadenlos scheitern - vermutlich würde man sie bereits vorher abwimmeln, um Kosten für eine Verhandlung einzusparen, in welcher man keinen Sinn sah. Zusätzlich zu der vermutlich großen Sorge, die Leute in Panik zu versetzen, wenn es um einen Kult ging. Es gab bestimmte Themen, welche stets für Aufregung sorgen könnten, und nicht selten lag es daran, wie solche Sachen in Filmen, Serien oder ähnliche Medien dargestellt wurden.
Wobei Satoru an den Schrein denken musste, mit all den Knochen - und genau das erinnerte an einige Darstellungen in den Medien.
Jogo führte ihn in den Tempel hinein, in welchem es bereits wieder wesentlich wärmer war. Überraschenderweise war ihr Ziel der Raum vom Vortag, in welchem all die Schriften gelagert wurden, welche den Glauben der Zwiegesichter erklärten. Inklusive des Gemäldes.
„Yuji wartet drinnen auf dich“, kündigte Jogo an, blieb in der Nähe stehen und wirkte so, als würde er dort verbleiben, bis Satoru den Raum betreten hatte.
Ob das nur ein Trick war und man wollte ihn opfern?
Satoru verharrte noch einen Moment, welchen er damit verbrachte, Jogo anzusehen. Dieser erwiderte seinen Blick auch, er wirkte weder sonderlich nervös noch irgendwas anderes. Hm. Schließlich wandte sich Satoru der Tür zu und öffnete diese, um das Zimmer zu betreten. Yuji war sehr leicht zu finden, da der Raum weder sonderlich groß war, noch irgendwelche Gegenstände besaß, welche die Sicht blockierten. Regale standen am Rand, die Mitte des Raumes war freigehalten für ein Podest und gepolsterte Stühle.
„Guten Morgen Yuji“, machte er auf sich aufmerksam, als der Jüngere nicht reagierte.
Das Haar lag scheinbar flach an, es gab keine Stachelfrisur. Satoru achtete darauf, sich innerlich bereits darauf einzustellen, mit wem er es zu tun haben würde. Seine Theorie von verschiedenen Persönlichkeiten war derzeit die Einzige, welche halbwegs nachvollziehbar in Bezug auf Yuji und sein Verhalten klang.
„Satoru“, der junge Mann fuhr zusammen und drehte sich beinahe zeitgleich um, sein Blick wirkte irritiert. Fast so, als hätte er ihn nicht erwartet.
„Guten Morgen“, wiederholte er lächelnd, kam mehr hinein und an die Seite des Jüngeren. „Suchst du nach etwas?“
Yuji wirkte immer noch ein wenig so, als würde er neben sich selbst stehen, bevor er den Blick rasch abwandte und nickte. „Ja … ich suche nach Informationen.“
„Informationen? Worüber denn?“, stocherte er weiter nach. „Benötigst du dafür meine Hilfe?“
„Deine Hilfe?“
„Ja, Jogo hat gesagt, dass ich deine Assistenz sein soll.“
Obwohl Yuji ihn nicht ansah, sondern weiter auf das Buch auf dem Podest blickte, konnte Satoru erkennen, wie der junge Mann seine Augen weitete.
„Natürlich“, murmelte Yuji vor sich hin, für sich selbst oder auch für Satoru.
„Wonach suchst du denn genau?“ Satoru wandte sich den Regalen zu. Er hatte keinen richtigen Überblick darüber, was man wo finden würde - schließlich hatte er nur den Vortag gehabt, um sich etwas umzusehen.
„In all den Büchern geht es um … unseren Gott“, erklärte Yuji langsam. „Und ich versuche gerade mehr darüber erfahren, mit … was für Persönlichkeiten er sich umgeben hat, weißt du?“
Er runzelte die Stirn: „Du glaubst, er hatte Freunde oder eine Familie?“
„Nun“, es gab eine lange Pause nach diesem Wort, welche eine gewisse Verunsicherung deutlicher machte. „Ich meine, da mal etwas gelesen zu haben.“
„Also gut, dann schaue ich mal, ob ich etwas finden kann!“
Die ganze Zeit über erkannte Satoru keine Veränderung bei Yuji. Er war Yuji und er blieb Yuji. Das war beruhigend und gleichzeitig irritierte es ihn noch mehr. Sie stöberten durch zahlreiche Bücher und Schriften, die hier gelagert waren. Satoru hatte so immerhin Zeit, sich in diesen Glauben zu vertiefen, auch wenn es bislang nichts Interessantes gab. Sofern Yuji etwas gefunden hatte, so gab er davon nichts an ihn weiter.
Wozu Satoru wohl auch kein Recht hatte, schließlich war er nur als Assistenz gedacht. Als Assistenz, von welcher sogar Yuji überrascht gewesen schien.
Nach ein paar Stunden servierte ihnen ein hämischer junger Mann Tee und Gebäck, mit tiefen Verbeugungen und mit etwas an sich, was Satoru an eine Schlange erinnerte.
„Das schreit nach einer Pause“, merkte Satoru an, sein Blick hing vielleicht etwas zu gierig an dem Gebäck
Er liebte alles, was süß war, und hier hatte er bisher nichts davon erhalten. Dieser Anblick erfreute ihn also sehr, selbst wenn er noch gar nicht so lange hier war. Jeder Tag, ohne etwas Süßes, war für Satoru ein verschwendeter Tag! Selbst wenn es ein mickriges Opfer dafür war, dass sie diesen Kult entlarven könnten. Satoru wartete nicht darauf, dass Yuji der Pause zustimmte; er begab sich zum kleinen Sofa, auf welchem wohl nicht mehr als zwei Personen passen würde, und setzte sich darauf. Er überschlug die Beine und sah abwartend zu Yuji. Der junge Mann schien sich ein wenig zu zieren, doch schließlich kam er extrem langsam - es wirkte beinahe wie in Zeitlupe - zu ihm dazu, setzte sich auf das gegenüberliegende Sofa und wich seinem Blick geradezu aus.
„Geht es dir gut, Yuji?“, forschte er nach. „Du wirkst irgendwie neben der Spur.“
Yuji griff nach dem Becher frischen Tee, anstatt direkt auf seine Frage zu reagieren. Satoru ließ ihm diesen Moment und bediente sich an der Castella. Er hatte in einem der Bücher gelesen, dass das Zwiegesicht wohl ein Feinschmecker gewesen sein soll. Daher war seine Hoffnung natürlich groß, dass die Castella hier großartig schmeckte!
„Ich bin nur ein wenig besorgt um meine Mitmenschen“, antwortete Yuji plötzlich. „Es fühlt sich so an, als würde irgendwas passieren. Früher oder später.“
Satoru biss von seinem Stück Castella ab, nachdenklich darüber, wie er darauf reagieren sollte. Er vertraute einfach seinem Gefühl, denn dieses lag selten falsch.
„Etwas, das dem Kult zugutekommen wird oder eher nicht?“
„Kult?“
Er nickte: „Ich schätze, so würden es Außenstehende nennen, nicht wahr?“
Yuji lehnte sich zurück, den Blick aufmerksam auf ihm gelegt - doch die Augen waren normal. Es gab kein Anzeichen für diese andere Persönlichkeit, welche Satoru vermutete.
„Ich denke schon. Außenstehende würden nicht verstehen, dass wir nur eine … Gemeinschaft sind. Wir wollen nur friedlich leben. Zusammen. Friedlich.“
„Das glaube ich natürlich. Deshalb bin ich auch hier. Megumi fühlt sich hier auch sehr wohl, soweit ich es beurteilen kann.“
Satoru wollte glauben, dass dies alles war, was Yuji wollte. Bislang wirkte der Glauben hier nicht ungesund oder zwanghaft - abgesehen von dem unheimlichen Schrein. Das war eine Sache, die man kaum anders ansehen konnte, als für krankhafte Rituale, oder?
„Lebst du schon immer hier, Yuji?“
„Ja. Meine Großeltern sind den Zwiegesichtern beigetreten und meine Eltern sind hier zusammen aufgewachsen.“
Großeltern. Für sie existierte dieser Kult kaum 5 Jahre, mit all den Hinweisen darauf - aber eigentlich war dieser wesentlich älter. Sie mussten unfassbar gut darin gewesen sein, keine Beweise irgendwie zu hinterlassen. Andererseits waren da Knochenhaufen beim Schrein. Es könnten unglaublich viele Menschen hier gestorben sein und es gab keine Hinweise, weil der Tod hier blieb - nach außen gab es keine Indizien.
„Wo sind deine Eltern jetzt?“
„Sie sind verstorben.“
„Oh …“
„Für den Kult.“
„... ohh.“ Satoru blinzelte langsam, während sein Kopf verarbeitete, was Yuji so selbstverständlich gesagt hatte. „Warum?“
„Um … die Chance zu hören, dass das Zwiegesicht wieder auferstehen wird.“
Sein Blick wanderte zu dem Gemälde, auf welchem jenes Zwiegesicht abgebildet sein sollte. Immer noch dieselbe Ähnlichkeit zu Yuji und immer noch recht monströs. Auf Satoru wirkte es nicht mehr so gruselig wie bei dem ersten Anblick vom Vortag.
„Verstehe“, erwiderte er schließlich. „Wirst du das auch machen? Für den Kult sterben?“
Yuji presste die Lippen aufeinander, schüttelte den Kopf ein wenig: „Nein. Das wird mir nicht erlaubt sein.“
„Nicht erlaubt?“
„Bestimmte Personen werden ausgewählt. Wir alle folgen einem Plan.“
„Also ich auch?“
„Natürlich.“
„Warum weiß ich dann noch nichts von dem Plan?“
Yuji schwieg für einen Augenblick. Er trank etwas von dem Tee, bevor er antwortete. „Das versuche ich herauszufinden.“
Satoru runzelte die Stirn: „Das klingt so, als müsste ich den Plan kennen und dass ich es nicht tue, ist seltsam?“
„So ist es.“
Ob dies ein Plan dafür war, ihn notfalls zu opfern und das alles mit dem Kult zu begründen? Man wollte ihn schon aus anderen Gründen umbringen, das war also keine große Sache für ihn. Er musste nur besser auf sich achten. Und auf Megumi.
„Dann bin ich darauf gespannt, was der Plan für mich offen hält.“
„Ich auch.“
Warum klang Yuji nur so unglücklich dabei? Bis das Gespräch auf Satorus Rolle im Plan gefallen war, hatte der junge Mann sicher gewirkt. Er musste diesen Plan schon hunderte Male angesprochen haben, wann immer es neue Mitglieder gab. Satoru sollte eines von diesen weiteren Malen sein und keine spezielle Rolle einnehmen. Nicht für Yuji und noch weniger für diesen Plan.
„Was ist deine Rolle?“
„Ich werde da sein, wenn er zurückkehrt. Ich werde ihm eine Möglichkeit ebnen, wiederauferstehen zu können.“
„Du wirst also … so etwas wie ein Ritual anleiten?“
„Ich werde eine wichtige Rolle in diesem Ritual spielen.“
Für Satoru klang es danach, als würde sich Yuji opfern, aber er sprach das nicht aus. Er wusste noch zu wenig von diesem Kult, was es für Rituale durchführte und alles Weitere.
„Wir sollten so langsam zurück an unsere Aufgabe gehen. Dieses Wissen, nach welchem ich suche, ist äußerst wichtig für diese ganze Angelegenheit.“
„Ach ja? Weshalb?“
„Das Zwiegesicht wird wiederauferstehen, wenn …“
„Wenn?“
„... wenn eine bestimmte Person vor Ort ist.“
Das klang sehr unpräzise. Vielleicht wollte Yuji einfach nicht genauer sagen, was das für eine Person war oder was genau geschehen musste. Es hinderte Satoru jedoch nicht daran, Fragen zu stellen.
„Was ist das für eine bestimmte Person? Sein Koch?“
„Koch?“
„Ich habe gelesen, dass das Zwiegesicht ein Feinschmecker war. Der Koch könnte eine wichtige Person gewesen sein?“
Yuji kicherte ein wenig: „Das wäre wohl nicht weit hergeholt, aber … nein. Es geht um jemanden anderen. Wobei ich nichts Genaues weiß, deshalb suche ich ja danach.“
Satoru vermutete, dass Yuji eine Ahnung hatte und diese einfach nicht teilen wollte. Er akzeptierte dies vorerst stumm und anstatt weitere Fragen zu stellen, half er weiter dabei, irgendwas zu finden, was Yuji suchen könnte.
Natürlich erst, nachdem er die Castella bis auf den letzten Krümel verschlungen hatte.
Auch die nächsten Tage verliefen ähnlich.
Satoru verbrachte die Nacht in der Hütte und nach dem Frühstück ging er direkt zum Tempel, um dort Yuji zu helfen. Sie stöberten weitere Stunden durch all die Bücher und Schriften, welche sorgsam geordnet waren, und suchten nach Hinweisen. Satoru wusste nach wie vor nicht viel mehr, doch er versuchte so hilfreich wie möglich zu sein.
In dieser Zeit verging das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, und auch das Gemälde wirkte schon wesentlich weniger beeindruckend als zuvor. Lediglich die Atmosphäre, welche aus der Richtung des Schreins zu kommen schien, war für ihn nach wie vor deutlich zu spüren.
Yuji hatte sich in den vergangenen Tagen glücklicherweise auch wieder etwas mehr entspannt und ihre Unterhaltungen waren etwas lockerer. So locker wie sie bei einem Kultmitglied sein konnten!
„Gibt es hier eigentlich irgendwelche Regeln zur … Zweisamkeit?“
„Zweisamkeit?“, verwirrt drehte sich Yuji in seine Richtung.
Satoru zuckte locker mit den Schultern: „Komm schon, hier wurden doch auch viele geboren, oder? Du weißt doch, wie Babys entstehen, oder?“
Der Junge lief rot an, schien dies jedoch nicht in seinem Verhalten weitergehen zu lassen: „Natürlich weiß ich das! Wir haben keine … konkreten Regeln darüber.“
„Also muss man nicht verheiratet sein oder so einen Quatsch?“
„Nein“, schüttelte Yuji tief durchatmen den Kopf. „Es ist normal, dass sich die Personen hier näherkommen, und sofern es wirklich etwas unter zwei Personen ist und ernster wird, gibt es die Möglichkeit privatere Schlafräume zu bekommen. Das ist alles.“
Satoru nickte, um zu zeigen, dass er den Worten von Yuji folgte, als er bemerkte, wie dieser das Gesicht für einen kurzen Augenblick verzog. Fast so, als hätte er für einen Moment Schmerzen gehabt.
„Bist du … etwa an jemandem interessiert?“, räusperte sich der Jüngere.
„Ich? Nein“, schnaubte er auflachend. „Aber Megumi hat da definitiv etwas mit Nobara, weißt du? Ich sehe die Blicke von ihnen … aber vermutlich sind sie noch nicht so weit, dies zu vertiefen. Megumi ist da verdammt zaghaft.“
Dennoch zog er seinen Ziehsohn gerne damit auf, vor allem da dieser nicht einmal direkt widersprach. Satoru würde es natürlich vorziehen, Megumi und Nobara hier herauszubekommen, bevor sie irgendwas entwickelten, aber im Falle, dass sie hier noch Jahre feststecken würden, könnte man ja nachforschen.
„Ah, gut“, nickte Yuji. „Also, nicht das mit Megumi und dass er so zaghaft ist, obwohl ich denke, dass eine gewisse Zurückhaltung wirklich gut ist, sondern das … ähm … vergiss es.“
Satoru hob amüsiert eine Augenbraue: „Hast du an jemandem Interesse, Yuji?“
„Ich?“, schnappte Yuji entsetzt nach Luft, während er ihn mit großen Augen anstarrte, wie ein erschrockenes Reh. „Nein! Nein, wirklich nicht. Dafür habe ich auch gar keine … du weißt schon, ich muss meine Bestimmung erfüllen. Für Liebschaften ist da kein Platz.“
„Ach ja? Ist es euch untersagt, Spaß zu haben, bis ihr diesem Plan nachgehen müsst? Das ist ganz schön pingelig. Ich meine, sieh dir mich an! Ich weiß nicht einmal, welche Rolle ich erfüllen sollte, und ich hatte schon wahnsinnig viel Spaß in meinem Leben!“, er zwinkerte Yuji verheißungsvoll zu, ehe er zurück auf das Buch sah, welches er derzeit nach Hinweisen durchblätterte.
„Ist das so?“
„Hmhm“, summte Satoru. Eine plötzliche Nähe sorgte dafür, dass er das Buch wieder senkte und plötzlich starrte er ganz direkt in beinahe blutrote Augen. Sofort breitete sich eine Gänsehaut über seinem Körper aus.
„Erzähl mir mehr darüber, Satoru“, forderte Yuji ihn auf.
Yuji, der nicht mehr Yuji war. Zumindest nicht derselbe Yuji. Das war jedenfalls Satorus Ansicht darüber, Megumi hatte angemerkt, mehr darauf achten zu wollen. Bisher war es ihm aber wohl nicht aufgefallen, er beschrieb Yuji immer als sehr freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Dennoch merkte Megumi an, dass er beobachtet hatte, wie der innere Kreis mit Yuji umging - so viel respektvoller und ehrfürchtiger, als es notwendig wäre. Satoru hatte also die Hoffnung, nicht wahnsinnig zu werden, sondern dass Yuji diese Seite nicht jedem zeigte.
Womit er dieses Glück verdient hatte, wusste er jedoch auch nicht.
„Ein Gentleman schweigt und genießt“, erwiderte er lächelnd.
Yujis Blick wirkte noch etwas dunkler, als würde hinter diesen Augen ein Raubtier stehen. Einen Augenblick später verschwand das stechende Rot in den Augen, und Yuji geriet ins Schwanken. Satoru streckte die Hände aus, eines noch mit dem Buch besetzt, um den Jüngeren zu stützen und von einem etwaigen Fall aufzuhalten.
„Ohh …“, stöhnte Yuji auf.
Satoru wartete einen Moment, bevor er ihn ansprach: „Geht es dir gut, Yuji? Du solltest dich besser einmal setzen.“
„Alles in Ordnung, alles in Ordnung“, winkte der Jüngere ab, ließ sich aber dennoch zum Sofa dirigieren. „Das passiert ab und an mal.“
„Und das beunruhigt dich nicht?“
Yuji gab ein Geräusch von sich, das wie ein atemloses Lachen klang. „Das ist nichts.“
Satoru war sich da nicht so sicher, aber vielleicht brauchte es noch mehr Tage, damit Yuji dies auch bemerken würde.
„Übrigens …“
„Ja?“
„Ich dachte mir … da du an meiner Seite arbeitest, könntest du umziehen.“
Satoru blinzelte langsam: „Ah, richtig, die Hütte ist … für Neuankömmlinge, richtig?“
Yuji nickte langsam, als würde er Schwindel befürchten. „Genau. Wir haben ein Zimmer hier im Tempel für dich hergerichtet. Du könntest also das Zimmer heute noch bewohnen. Dann können wir auch etwas mehr Zeit zusammen unternehmen, abseits der Arbeit, meine ich.“
„Du willst, dass ich in den Tempel einziehe?“ Näher am Schrein? Satoru verspürte irgendeine Art von Aufregung durch seinen Körper schießen. Vielleicht gab es da einen angespannten Teil in ihm, der sich Sorgen machte - doch der größere Anteil war begeistert von der Gelegenheit, näher heranzukommen. Mehr herausfinden zu können.
„Natürlich nur, wenn du damit einverstanden bist.“
„Aber natürlich bin ich das. Weshalb sollte ich nicht einverstanden sein?“
„Das höre ich gerne“, lächelte Yuji. „Dann lass uns die letzten Bücher durchsehen, danach zeige ich dir das Zimmer, welches wir für dich vorbereitet haben.“
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„Hmpf …“
Satoru hatte damit gerechnet, dass es Megumi nicht gefallen würde, aber dass dieser ihn wieder so finster ansah, war wirklich unnötig.
„Es wird uns zugutekommen“, versprach er entspannt. „Vielleicht kann ich mir den Schrein mal alleine ansehen und eine Probe entnehmen. Irgendwie werde ich das dann Mei Mei zukommen lassen können.“
„Das könnte viel zu riskant sein, Satoru.“
„Aber es könnte uns sehr viel weiterbringen.“
Megumi seufzte schwer. In all den Malen, welche sie sich jetzt hier im Pavillon gesehen und besprochen hatten, war schnell geschlussfolgert worden, dass Megumi noch nicht an viel gekommen war. Seine Informationen beruhten auf den Aussagen von Personen, die vermeintlich recht am Rande waren und kein großes Wissen besaßen.
Satoru war sich sicher, dass dies nicht daran lag, dass Megumi schlechte Arbeit lieferte - aus irgendeinem Grund war Satoru einfach sehr schnell in Yujis Nähe geraten und bekam dadurch all die Gelegenheiten der Nachforschung. All die Bücher, die ganzen Besuche im Tempel und wie er direkt den Schrein zu Gesicht bekommen hatte - Satoru wusste, dass dies nicht normal für jeden Neuling in diesem Kult war.
„Du hast wohl recht“, gab Megumi seufzend nach. „Aber … sei vorsichtig, verstanden?“
„Klaaaro!“, grinsend streckte er seinem Ziehsohn den nach oben gestreckten Daumen entgegen. „Pass du auch auf dich auf. Und auf Nobara natürlich.“
Megumi schnaufte: „Wirst du mit diesen Sprüchen endlich mal aufhören. Nobara und ich sind-“
„-nur Freunde, jaja.“ Als ob er das Megumi abnehmen würde. „Ich werde übermorgen Yaga anrufen. Wir treffen uns am besten wieder hier, um alles, was wir wissen, durchzugeben.“
„In Ordnung. Pass auf dein Handy auf.“
„Mach dir nicht so viele Sorgen.“
Satoru wuschelte durch die Stachelfrisur seines Ziehsohns, bevor er den Pavillon verließ, um sich so unscheinbar wie möglich zum Tempel zu bewegen. Er vertraute darauf, dass Megumi ebenfalls sicher in seinem Häuschen ankommen würde. Mit seinem Umzug in den Tempel hatte Satoru augenscheinlich neue Privilegien bekommen, zumindest hielt ihn keiner davon ab, nach draußen zu gehen trotz der herrschenden Nachtruhe. Man ließ ihn ebenso leicht wieder in den Tempel hinein, in welchem es dunkler war als normal. Nur noch jede zweite Laterne war angezündet und verströmte ein gespenstisches Licht durch die ganzen Gänge.
Die großen Türen, welche zum Schrein führten, hatten zugleich etwas Anziehendes sowie Abstoßendes an sich, doch Satoru würde sich erst am nächsten Abend darum kümmern, dort hineinzukommen. Für heute ging er auf sein neues Zimmer zu - welches gar nicht so weit weg vom Schrein lag.
Und sich direkt neben dem Zimmer von Yuji befand …
Er warf einen kurzen Blick zur benachbarten Tür, ehe er seine eigene leise aufschob und sogleich ein Licht bemerkte.
„Satoru.“
Er blinzelte ein wenig, trat aber dennoch ein und zog die Tür anschließend leise zu.
„Yuji, was machst du denn hier?“, fragte er direkt nach. „Oh, bin ich im falschen Zimmer? Habe ich unsere Türen verwechselt?“
„Ach nein“, winkte Yuji lachend ab. „Du bist hier schon richtig, ich wollte eigentlich zu dir, aber … du warst weg. Warst du etwa draußen?“
„Ein kleiner Abendspaziergang.“
„Obwohl zur Nachtruhe niemand herausgehen sollte?“
„Was soll ich sagen?“, Satoru zuckte schmunzelnd die Augen. „Ich war schon immer ein Rebell.“
„Ein Rebell …“, wiederholte Yuji gedankenverloren nickend.
Satoru schob sich die Getas von den Füßen, stellte sie ordentlich weg und kam anschließend zum Bett, auf welchem auch Yuji sah. Eine Laterne stand auf dem Nachtschrank entzündet und erhellte das Zimmer ein wenig.
„Was wolltest du denn?“, fragte er nach, ließ sich gleichzeitig auf das Bett fallen und streckte sich dabei.
„Wie gefällt dir das Zimmer?“
Satoru ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen, bevor er auf Yuji fiel. „Gemütlich. Ich kann mich nicht beschweren.“
„Gut, das ist … gut.“
Für einen Augenblick ließ Satoru zu, dass die Stille über sie hereinzog. Er betrachtete Yuji, nur um festzustellen, dass es wirklich Yuji war. Es war beruhigend und gleichzeitig glaubte er, dass mehr dahintersteckte und vielleicht weiterhelfen könnte.
„Satoru.“
„Huh?“
Er beobachtete, wie Yuji sich nun auf das Bett kniete, die Getas lagen verlassen vor diesem. Der Blick des Jüngeren trug eine Mischung aus Verunsicherung und Selbstbewusstsein in sich; völlig gegensätzlich zueinander, und so empfand Satoru auch den Gesichtsausdruck.
„Ich habe etwas herausgefunden.“
Satoru dachte an ihre tagelange Durchforstung der kleinen Bibliothek hier. Sie hatten Buch für Buch gelesen und sich über die Inhalte darin ausgetauscht. Nichts davon hatte Yuji zufriedenstellen können und Satoru wusste nicht, was dieser genau suchte - war aber froh über all das, was er in den Büchern gelesen und über diesen Kult dazugelernt hatte.
„Was hast du denn herausgefunden?“, fragte er nach.
Yuji rutschte auf dem Bett näher, griff mit den Händen nach vorn, bis Satoru spürte, wie sie seine umfassten. Der Jüngere runzelte die Stirn, als wäre er davon überrascht, ehe er den Kopf ein wenig schüttelte, als würde er sich besinnen müssen.
„Ich glaube, dass Zwiegesicht … es besaß damals jemanden, den er liebte.“
„Liebte?“, wiederholte Satoru ungläubig.
Er hatte so viel gelesen. Das Zwiegesicht soll eigentlich ein Jujuzist gewesen sein, ein mächtiger noch dazu, der in Ungnade gefallen war. Es gab keine konkreten Angaben, wie genau er gefallen war - war es der Hunger nach Macht, nach mehr Stärke oder doch der Wunsch, einige Wesen auszulöschen, um schwächere Individuen vom Planeten zu entfernen? Satoru hatte viel über die zerstörerische Kraft gelesen, welche hunderte - tausende, zehntausende … - Leben forderte und einen Wandel der Zeit berief, wie man ihn nur bedingt erwartet hätte. Schon damals soll das Zwiegesicht viele Personen um sich gescharrt haben, Jujuzisten, die ihm folgen wollten, obwohl er gefallen war und damals als Fluch galt, der noch nicht zur kompletten Macht gereift war.
Dann wurde er gebannt. Das Wesen, welches dies bewerkstelligt, haben sollte, wurde kaum beschrieben - es wurde im Grunde gar nicht beschrieben. Er wurde jedoch nie komplett ausgelöscht, da dies vermeintlich unmöglich gewesen war. Bisher wurde das Zwiegesicht aber auch nicht mehr zurückgebracht, etwas, was dieser Kult vorhatte zu tun.
Das war natürlich nur eine Geschichte, wie man sie für viele Kulte aufbaute, um Menschen um sich zu scharren. Die Leute hier glaubten jedoch daran. Nicht alle wussten etwas davon, viele waren hier, weil sie hier ein besseres Leben führen durften - Menschen, die am Rand blieben und nie zum vertrauten Kreis gehören würden.
„Wie kommst du darauf, dass es jemanden gab, den er liebte?“, fragte er nach.
„All die Bücher, die wir gelesen haben“, flüsterte Yuji beinahe so, als befürchtete er, sie würden belauscht werden. „Mir ist etwas dabei klar geworden. Das Zwiegesicht war so unglaublich mächtig. Um ihn zu bannen … es hätte nicht ausgereicht, wenn ein starker Jujuzist aufgetaucht wäre, oder? Nein, es musste jemand sein, der … nahe dran kam. Dem das Zwiegesicht vertrauen würde, oder?“
Satoru hatte ein seltsames Gefühl im Brustkorb. Ein Zusammenpressen, eine Anspannung - ein Kloß im Hals. Sein Herz schlug schneller, während er Yuji ansah und dessen leise Stimme folgte.
„Ich glaube, der Jujuzist der das Zwiegesicht bannte, war die Person, die das Zwiegesicht liebte und demnach ist es die Person, auf welche er wartet, bevor er auferstehen wird.“
Satoru fühlte sich fast ein wenig benommen, während er Yuji zuhörte. Er war nicht müde, aber sein Kopf schien zu arbeiten. Als würde es Erinnerungen abspielen, die es nicht gab.
„Ich glaube, er braucht diese Person, um wieder aufzuerstehen. Vielleicht muss sie sterben, damit er existieren kann?“
Satoru stöhnte müde auf, als er sich morgens durch das Bett wälzte. Wann immer er eingeschlafen war, hatte er seltsame Träume gehabt und war dadurch wieder aufgewacht. Er hatte das alles bereits auf Yujis skurrile Erzählungen geschoben - natürlich musste sich sein Unterbewusstsein gierig darauf stürzen und im Schlaf verarbeiten. Genau dasselbe war auch passiert, als die ganze Sache mit Suguru passiert war - eine Sache, an die er jetzt nicht denken würde. Er rieb sich über die müden Augen und richtete sich auf, Sonnenstrahlen stahlen sich bereits durch die zugezogenen Gardinen und offenbarten, dass der Tag bereits angebrochen war.
Es war wohl an der Zeit, aufzustehen.
Er räkelte sich aus den Laken, befreite sich von der Decke und streckte sich so ausgiebig, bis er sich halbwegs lebensfähig fühlte. Sein erster Weg ging ins Badezimmer, wo er sich frisch machte und nach der neuen Wäsche griff. Unüblicherweise erhielt Satoru andere Kleidung. Yuji hatte das am Rande erwähnt und doch überraschte es Satoru.
Aller hier trugen dieselbe Kleidung und nun sollte er aus der Masse hervorstechen? Das tat er selbstverständlich auch so, mit seinem schneeweißen Haar, der großen Statur und den leuchtenden blauen Augen - doch das war nochmal ganz anders. Es wirkte beinahe wie eine Provokation.
Eine weit stehende weiße Hose, die bequem saß, ein recht eng anliegendes schwarzes Shirt, ein recht weit stehendes schwarzes Schlauchtuch und ein lockerer weißer Haori, der an einer Schnur über seinem Brustkorb festgemacht werden konnte.
Bei einem Blick in den Spiegel wurde Satoru plötzlich an Megumis Vater erinnert, dieser hatte recht ähnliche Kleidung getragen. Gruselig. Er besann sich dazu, nicht weiter darauf zu achten. Mit seinen Fingern fuhr er sich ein paar Mal durch das Haar, bevor er sich die Kontaktlinsen einlegte. Allzu lange würden seine Linsen nicht mehr halten, bevor er seine Gesundheit aufs Spiel setzen würde, sie täglich einzulegen.
Darüber sollte er sich bald mal Gedanken machen, derzeit standen aber andere Dinge an, die wichtiger erschienen.
Satoru kontrollierte nochmal, ob sein Handy vor Ort war, bevor er sein Zimmer verließ und direkt auf Yuji stieß.
„Oh, du trägst … die neue Kleidung“, stellte der Jüngere sogleich fest, welcher wie immer den Kimono trug, wie jeder andere hier auch.
„Natürlich“, erwiderte Satoru schmunzelnd und vollführte eine übertriebene Drehung. „Wie sehe ich aus?“
Yuji riss die Augen auf: „Oh, ähm …“ Er verzog das Gesicht und kniff die Augen zu, hielt sich die Hand an den Kopf. Satoru glaubte zu sehen, wie die Augen sich rot färbten, als sie sich kurz öffneten und dann wieder in ein vertrautes Braun übergingen.
Satoru trat nach vorne und fasste nach Yujis Arm: „Ich weiß ja, dass mein Aussehen den einen oder anderen umhauen kann, aber ernsthaft passiert ist das bisher nicht“, witzelte er locker herum. „Geht es dir gut?“
Yuji atmete tief durch, ehe er die Augen öffnete und ein schwaches Lächeln aufbaute. „Ja, alles gut. Entschuldige. Du siehst … gut aus. Wirklich.“
Er zog seine Hand zurück: „Warum hast du gewartet?“
„Ich wollte mit dir zusammen zum Frühstück. Dann stelle ich dir auch ein paar der anderen hier vor, die du häufiger sehen könntest.“
Mehr Leute aus dem inneren Kreis könnten mehr Informationen bedeuten. Satoru nickte ein wenig und folgte Yuji dorthin, wo sie in größeren Gruppen auch das Abendessen einnahmen. Der Raum war jetzt leerer und das verlieh ihm eine gewisse Kühle, egal wie warm es um sie herum doch war. Als einziger mit anderer Kleidung fühlte sich Satoru wirklich herausstechend, doch niemand reagierte auf irgendeiner Weise darauf - vielleicht, weil sie vorab informiert worden waren?
Satoru lernte ein paar Personen kennen, deren Gesichter er kannte, aber bislang keinen Namen hatte zuordnen können. Am Ende saß er dennoch zusammen mit Yuji an einem kleinen Tisch, alleine. Ihre Unterhaltung vom Vorabend lauerte noch in Satorus Gehirn, durchkaute Eventualitäten, die auf ihn zukommen könnten.
Yugi ging davon aus, dass die Auferstehung vom Zwiegesicht von einer anderen Person ausging. Eine Person, die noch nicht aufgetaucht war. Eine Person, welche Yuji versuchte mithilfe der Bücher von damals zu finden. Was hieß, diese Person könnte doch bereits vor Ort sein, richtig? Und wenn sie es war, dann war sie in Gefahr, sobald man herausfand, dass sie die vermeintliche Liebe von damals gewesen sein könnte.
‘Ich glaube, er braucht diese Person, um wieder aufzuerstehen. Vielleicht muss sie sterben, damit er existieren kann?’
Das klang ganz stark nach einem Opferritual. Ob es nun der Wahrheit entsprach oder nicht, Satoru hatte das Gefühl man würde Yujis Verdacht folgen. Obwohl er diesen jungen Mann als durchaus freundlich wahrnahm und dies auch Megumi so ansah - so hatte dieser junge Mann ebenfalls viel zu sagen hier. Es wirkte auf den ersten Blick nicht so. Nicht einmal auf den zweiten Blick, doch Satoru erkannte es. Wie man sie von außen skeptisch beobachtete, wie man Yuji jeden Wunsch von den Lippen abzulesen schien - das und so viel mehr.
Vielleicht lag es an der Rolle, welche Yuji zu erfüllen hatte - sie musste wichtig sein.
Das Frühstück war kaum anders als in der Hütte, wo er zuvor gegessen hatte, was ein wenig beruhigend war - selbst die Neulinge bekamen dasselbe wie der innere Kreis zu essen.
„Was werden wir heute tun?“, fragte Satoru nach. „Wir haben all die Bücher bereits gelesen und nach Hinweisen gesucht und konnten nichts finden, richtig?“
Yuji nickte mit etwas, das man durchaus als unzufriedenen Gesichtsausdruck beschreiben konnte.
„Richtig, aber ich denke, wir sollten weiter nach Informationen darin suchen. Vielleicht haben wir etwas übersehen … wir wechseln die Seiten und gehen die Bücher durch, die der andere von uns begutachtet hat. Vier Augen sehen mehr als zwei.“
Satoru gluckste: „Deshalb hat das Zwiegesicht ja auch vier Augen, richtig?“
Yuji sah ihn verwundert an, sein Gesicht verzog sich irgendwie zu einer Grimasse - als würde er in sein Glucksen einstimmen wollen und gleichzeitig ernst bleiben. Schließlich räusperte er sich, konnte ein Kichern nicht komplett unterdrücken: „Ja, ja … richtig.“
Wenn Satoru ehrlich war, dann könnte er sich etwas Besseres vorstellen, als erneut in der kleinen Bibliothek zu verrotten für die nächsten Tage, aber so hätte er mehr Zeit für alles andere, was sie planten.
Sobald sie beide aufgegessen hatten, ging es also wirklich wieder zum Raum der Bücher, welchen Satoru gefühlt in- und auswendig kannte. Sie wechselten die Seite, zumindest konnte er sich jetzt neue Bücher ansehen - eventuell stand dort auch etwas Neues drin? Es war fast ein Wunder, wie viele Bücher es benötigte, um eine Handvoll Informationen weiterzugeben. Es gab so viele Wiederholungen oder etwas, das nicht brauchbar erschien. Er fragte sich ernsthaft, weshalb hier das alles abgestellt wurde.
„Uhh“, machte Satoru.
„Hast du was gefunden!?“
Er schüttelte den Kopf: „Nein, nur … weißt du, was sein liebstes Essen war?!“ Yuji blinzelte irritiert in seine Richtung, also redete Satoru weiter. „Menschenfleisch! Ich habe ja gelesen, dass er gerne isst, aber ich dachte dabei an … normales Essen. Moment!“ Mit großen Augen sah er zu Yuji, welcher immer noch verwirrt wirkte. „Essen wir hier auch Menschenfleisch!?“
Yuji ließ sich viel zu viel Zeit dabei zu antworten, ehe er den Kopf schüttelte: „Natürlich nicht.“
„Puh …“
„Nur jene, die sich für das Zwiegesicht opfern, kommen in diesen Genuss.“
Satoru musste den entsetzten Aufschrei in seiner Kehle zurückdrängen, denn das wäre sicherlich nicht hilfreich. Stattdessen starrte er Yuji an, um zu erkennen, ob dieser das wirklich ernst meinte, aber ja. Yuji wirkte … unbesonnen und ernst.
„... also ich mag lieber Süßigkeiten“, seufzte Satoru auf. „Wie oft opfern sich denn Leute?“
Yuji zuckte mit den Schultern und sah zurück in sein Buch: „Das kommt sehr selten vor. Immerhin akzeptiert das Zwiegesicht nicht jeden, weißt du?“
Vielleicht bildete er es sich ein, aber er glaubte zu erkennen, wie sich Yujis Finger in das Buch verkrallten.
„Ah … natürlich nicht“, erwiderte Satoru einfach nur, blätterte um und atmete auf, als es nicht mehr um Menschenfleisch ging. „Oh!“, machte er dann erstaunt.
„Was ist?“, fragte Yuji sogleich aufgeregt nach.
„Er mochte scheinbar auch Süßigkeiten!“
„... was?“
„Ja, hier steht, dass er auch Unmengen an Süßkram bei sich gehabt haben soll.“
Yuji seufzte auf, vielleicht ein wenig enttäuscht, aber lächelte dann doch: „Dann habt ihr wohl eine Ähnlichkeit, was?“
„Wir hätten zumindest gemeinsam etwas essen können, schätze ich.“
Ob der Liebhaber auch Menschenfleisch gegessen hatte? Sofern dieser wirklich existiert hatte, natürlich. Was auch für das Zwiegesicht galt; dessen Geschichte klang wie die von einem Fantasy-Buch. Das war vermutlich auch der einzige Grund, weshalb er recht attraktiv war auf den Bildern, die es gab - in Fantasy-Büchern war das auch so, die Bösen waren heiß.
Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken und dem Buch, stattdessen sah er zur Tür, wo Jogo erschien - immer noch lebendig.
„Dürfte ich dich kurz bitten, mit mir zu kommen, Yuji?“
„Natürlich“, Yuji nickte und sah zu ihm. „Das ist doch in Ordnung, oder Satoru?“
„Aber klar doch.“
Er sah Yuji kurz nach, welcher mit Jogo nach draußen trat und fixierte sich dann für einen Augenblick wieder auf das Buch. Sein Drang mehr herauszufinden war groß und natürlich waren die Bücher eine gute Anlaufstelle, doch er hatte auch einen anderen Gedanken.
Behutsam legte Satoru das Buch zur Seite und ging eine kleine Treppe von nicht mehr als drei Stufen hinauf, dorthin, wo das Gemälde hing. Nicht nur hatte er haufenweise Krimi-Serien gesehen, hinzu war er selbst ein Ermittler, der es gewohnt war, alles zu begutachten. Und auch hinter einem Gemälde könnte etwas verborgen sein.
Ein Safe, ein geheimes Fach, eine Botschaft im Rahmen - irgendwas.
Vorsichtig legte er die Finger an den Rahmen und hob diesen an, um es aus der Halterung zu nehmen. Es gab keinen Alarm und auch nichts anderes, was seine Tat für andere offenbarte. Er schaffte es gut, das Gemälde abzuhängen, doch dahinter befand sich nur eine blasse Stelle der Wand, umrahmt von ein wenig Staub und dem Abdruck des Rahmens. Satoru machte einen Schritt zurück, um das Gemälde so vorsichtig wie möglich auf den Boden abzustellen, ohne ein lautes Geräusch zu machen.
Danach drehte er das Gemälde langsam um, suchte nach einer Botschaft, doch fand er etwas ganz anderes.
„Das … kann nicht …“
Blinzelnd begutachtete er die Rückseite des Gemäldes, welches ein weiteres Gemälde ergab. Seine Finger fuhren vorsichtig über die bemalten Stellen, während sein Kopf versuchte zu erfassen, was das zu bedeuten hatte.
Auf dem Gemälde war das Zwiegesicht zu erkennen, in einer etwas menschlicheren Form, würde er behaupten, die durchaus an Yuji erinnerte. Es existierten nach wie vor die weiteren Gliedmaßen und auch das Gesicht zeigte mehr Augen als das von den meisten anderen Menschen. Doch dieses Bild zeigte nicht nur das Zwiegesicht.
Man sah den Schrein, die Knochen - so wie es auch jetzt aussah.
Und er sah ein anderes, bekanntes Gesicht. Ein ach so bekanntes Gesicht …
Er schüttelte die Ratlosigkeit ab, drehte das Gemälde hastig wieder und hob es an, damit es wieder an die Wand käme. Keine Sekunde zu spät, denn prompt öffnete sich die Tür und alles, was Satoru noch tun konnte, war, das Gemälde noch etwas mehr auszurichten.
„Satoru? Was tust du dort?“
Er leckte sich über die Lippen, ehe er sich lächelnd umdrehte: „Ich wollte mir nur nochmal das Gemälde ansehen. Dachte, man sieht vielleicht etwas im Hintergrund, weißt du? Aber nein … da ist nichts zu sehen.“ Satoru fühlte förmlich die Blicke von Yuji an sich kleben, als er die kurze Treppe wieder hinunterkam. „Ist bei Jogo alles in Ordnung?“
„Natürlich“, nickte Yuji, welcher ebenfalls seine alte Position einnahm. „Es ging nur um einen Teil der Ernte, der leider aufgrund der Unwissenheit eines Mitglieds nicht zu ernten sein wird, keine große Angelegenheit.“
Satoru wusste nicht, ob Yuji die Wahrheit sagte. Andererseits tat Satoru genau dasselbe, schon die ganze Zeit, aber jetzt noch etwas direkter. Yuji lächelte ihm entgegen, genauso wie Satoru ihn anlächelte.
Er konnte nur hoffen, dass der Jüngere nicht anfangen würde, das Gemälde besser zu beäugen und zu untersuchen.
Satoru musste sofort mit Megumi sprechen!
Im Tempel zu leben hatte natürlich den Vorteil, dass man ihn einfach nach draußen ließ - der Nachteil war aber auch, dass er nicht mehr wirklich heimlich wegkäme.
Sobald das Abendessen vergangen war - während dem er Megumi unmissverständlich klargemacht hatte, dass sie sich bereits heute nochmal sehen müssten - hatte er sich noch kurz zur Ruhe gelassen. Sobald es dunkel genug draußen war, hatte er sich davon gestohlen und wartete nun erneut im Pavillon. Die Laterne bei sich hatte er ausgeschaltet, damit niemand auf ihn aufmerksam werden würde. Leise Schritte ließen ihn aufsehen, glücklicherweise war es Megumi der auftauchte.
„Da bist du ja“, atmete er auf und erhob sich von der Bank.
„Hier bin ich. War etwas überrascht, wir wollten uns doch erst morgen wiedersehen.“
„Ich weiß, ich weiß“, erwiderte Satoru. „Ich habe heute jedoch etwas herausgefunden, was … beunruhigend sein könnte.“
„Na da bin ich mal gespannt“, schnaufte Megumi mit verschränkten Armen.
„Im Tempel gibt es so etwas wie eine Bibliothek“, erklärte Satoru. „Und dort hängt ein Gemälde vom Zwiegesicht, wie es mal ausgesehen haben soll.“ Er wartete auf Megumis Nicken, bevor er fortfuhr, zu reden. „Yuji sucht nach Hinweisen darauf, dass das Zwiegesicht … einen Liebhaber hatte.“ Er sah die Augenbraue seines Ziehsohns hochschießen, winkte aber ab. „Er glaubt, wenn dieser Liebhaber da ist, wird das Zwiegesicht auferstehen, dafür müsste dieser Liebhaber aber sterben.“
„Also … wie in fast jedem Kult, was? Wir opfern die Person, um unseren Gott wiederzuerwecken.“
„Richtig.“
„Und das findest du beunruhigend?“
Satoru schüttelte den Kopf. „Wir sollten nochmal alle Bücher durchgehen, aber mein Spürsinn sagte mir eine andere Stelle. Hinter dem Gemälde.“ Ein schlechtes Versteck für irgendwas. „Dahinter war kein Safe oder so, aber hinter dem Gemälde gab es noch ein Gemälde. Darauf war wieder das Zwiegesicht gesehen, aber nicht alleine.“
„Du meinst … sein etwaiger Liebhaber war darauf zu sehen?“
„Es stand zwar nicht dort, dass es sein Liebhaber war, aber es ist wohl eine Möglichkeit, die man in Betracht ziehen könnte. Vor allem jemand wie Yuji, der nach so etwas sucht.“
„Fein und was findest du daran so beunruhigend?“
„Dieser Liebhaber … er sah aus wie … na ja …“ Satoru lachte auf und zuckte mit den Schultern. „Er sah aus wie du, Megumi. Wie ein Zwilling von dir.“
„Was?“, zischte Megumi, offensichtlich bemüht darum, nicht lauter zu werden.
„Glaub mir, ich war auch ein wenig irritiert davon“, schnalzte er mit der Zunge. „Da war ein Gemälde von dem Zwiegesicht und von dir an seiner Seite. Zugegeben, du sahst nicht wirklich glücklich aus, aber na ja … du siehst auch heutzutage nicht sehr glücklich aus, vielleicht war das damals auch schon dein normaler Gesichtsausdruck?“
„Vielleicht ist das Gemälde noch nicht so alt und man hat es erst kürzlich gemalt, nachdem ich hier ankam?“, schlug Megumi vor.
„Hm … möglich, aber es wirkte nicht so neu auf mich. Allerdings bin ich natürlich kein Experte, was Kunst angeht.“ Das wäre eine gute Möglichkeit, die Megumi vorschlug. „Allerdings … es ist im Grunde egal, was du oder ich denken - Yuji oder andere Leute hier werden glauben, was ihnen gefällt.“
Und das könnte schlecht für Megumi ausgehen. Yuji hatte davon geredet, dass der Liebhaber sterben müsste, damit das Zwiegesicht wieder auferstehen könnte - Satoru wollte sicherlich nicht, dass Megumi das Ziel dieser Aktion wurde.
„Ich werde nicht von hier verschwinden, Satoru.“
„Es wäre sicherer für dich, genau das zu tun.“
„Es wird schon nichts geschehen.“
Das wollte Satoru glauben, aber so wirklich tun konnte er das nicht. Er hatte Yuji gehört und der innere Kreis hatte ein großes Verlangen danach, das Zwiegesicht auferstehen zu lassen - seiner Beobachtung nach jedenfalls.
„Fein, aber wenn es den Anschein danach macht, dass etwas passieren könnte - dann verschwindest du. Du solltest dir einen Plan dafür zurechtlegen.“
Megumi nickte ein wenig: „Dann solltest du mitkommen. Sie wissen, dass wir eine Verbindung zueinander haben.“
„Und Nobara nehmen wir auch noch mit!“
„...“
Satorus eher lustig-gemeinte Aussage verfehlte die Wirkung, wenn Megumi nicht darauf einging und gleichzeitig bekräftigte sie seine kleine Sorge. Eine Regel bei einem Undercover-Einsatz war leicht; gehe keine zu intensiven Beziehungen ein - die könnten Ärger verursachen.
„Megumi …“
„Sie weiß nichts.“
„Aber du willst ihr was sagen.“
„Sie ist nicht so fanatisch wie andere, sie kennt eben nur nicht die normale Welt.“
„Ich will nur sagen … geh keine zu großen Risiken ein.“
„Das werde ich schon nicht. Pass du lieber auf dich selbst auf, du bist viel tiefer drinnen als ich.“
„Ich passe auf mich auf, Megumi.“ Er wuschelte nochmal schmunzelnd durch das stachelige Haar, bevor er seine Laterne ergriff. „Wir sehen uns morgen Nacht wieder hier.“
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In seinem Zimmer war Satoru dieses Mal alleine, Yuji wartete nicht auf ihn. Er machte sich soweit bettfertig wie jeden Abend, löschte die Lichter und legte sich ins Bett - jedoch nicht zum Schlafen. Satoru wartete auf einen Moment, den er nutzen konnte, um sich dem Schrein zu nähern. Natürlich besaß er keine Utensilien, mit welchen sie normalerweise arbeiten würden, um Beweise aufzubewahren - doch es ging in erster Linie nur darum herauszufinden, ob die Knochen echt und von Menschen waren. Eine kleine Plastiktüte sollte dazu genügen.
Er gähnte müde, quälte sich aber dennoch aus dem Bett. Vielleicht könnte Satoru am nächsten Morgen einfach etwas länger liegen bleiben und das Frühstück ignorieren?
Für jetzt musste er nochmal aufstehen. Er zog den Haori über den Kimono, welchen er zum Schlafen weiterhin trug, danach ging er leise zum Zimmer. Satoru ließ die Getas links liegen, in seinen Tabisocken wäre er sicherlich leiser unterwegs und genau das war, was er erzielen wollte. Er lauschte auf alles, was sich bemerkbar machen könnte, doch es gab keine geflüsterten Gespräche und auch Schritte waren nicht zu vernehmen.
Und dann erreichte er die großen Türen, welche ihn zum Schrein führen würden. Er starrte sie für einen Augenblick an, bevor er nach vorne griff - es blieb keine Zeit. Satoru verzog das Gesicht, als die Tür ein knirschendes Geräusch von sich gab, bevor er sich durch den schmalen Spalt presste und sie wieder zuzog, hoffnungsvoll, dass man diesem Geräusch nicht nachgehen würde.
Dann wurde es nass um seine Füße herum und er erinnerte sich daran, dass der Schrein von Wasser umgeben war. Satoru seufzte auf und sah zu seinen Füßen herunter. Die Socken waren komplett nass, aber der Kimono hing knapp über dem Wasser und wurde dadurch nicht nass.
Das Wasser war angenehm warm, was der Umgebung halber kaum überraschend war. Es war hier so viel wärmer als im restlichen Tempel, von draußen mal ganz zu schweigen.
Sich stumm fortzubewegen war fast unmöglich, aber es war leise genug, um nicht aufzufallen. Satoru ging geradewegs auf den Schrein mit der dunklen Atmosphäre zu und ging neben einem Haufen Knochen in die Knie. Er sammelte einen Knochen mit der Plastiktüte ein - klein genug, um der Teil eines Fingers sein zu können.
„Satoru?“
Seine Hand ballte sich um die Tüte, als er hochsah, geradewegs ins Gesicht des anderen Yuji.
„Ich habe nicht mit dir hier um diese Uhrzeit gerechnet.“
„Yuji“, erwiderte Satoru. „Ich dich auch nicht.“
„Was soll ich sagen? Der Schrein zieht mich magisch an.“
Satoru erhob sich langsam, immer noch die kleine Tüte in der Faust - es war unmöglich, dass Yuji das nicht bemerkt hatte, oder?
„Er hat etwas Anziehendes an sich.“
Satoru wusste nur nicht, ob das wirklich positiv war. Er hatte keine Gänsehaut mehr und fühlte sich auch nicht mehr so entsetzt von dem Anblick, wie zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht. Es war nur ein weiterer Punkt von vielen, die Satoru nun in sich verankert hatte und nicht mehr loswerden würde. Bei seiner Arbeit war das aber auch gar nicht mal so schlecht.
„Es freut mich zu hören, dass du diese Anziehung ebenfalls spürst, Satoru.“
Wenn er darüber nachdachte, dann war diese dunkle Atmosphäre vom Schrein ähnlich wie jene, die Yuji in solchen Augenblicken verströmte. Als wäre er ein Teil davon.
„Konntest du nicht schlafen?“, fragte er nach, machte ein paar Schritte durch das Wasser, um Yuji besser ansehen zu können, welcher etwas mehr innerhalb des Schreins stand.
„Du stiehlst mir den Schlaf, Satoru.“
„Das höre ich häufiger, aber es ist gar nicht mal so oft positiv gemeint“, lachte er auf.
„Bei mir ist es positiv gemeint. Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet.“
Und dann tat Yuji etwas, das Satoru überraschte. Er ging zu dem Thron und ließ sich darin nieder, als hätte er dies schon tausende Male zuvor getan - und es war so, als würde Yuji dorthin gehören. Satoru blinzelte einige Male, um seltsame Bilder in seinem Kopf loszuwerden, die Yuji zeigten - aber auch irgendwie nicht Yuji zeigten.
„Geht es wieder um diesen Plan, über den du gesprochen hast?“, neigte Satoru den Kopf. „Ist etwas eingetreten, worauf du gewartet hast?“
„Ja. Du bist endlich da.“
Er schnaubte amüsiert auf, bevor er ein paar vorsichtige Schritte machte, aus dem Wasser heraus, die Stufen zum Thron hinauf, dort, wo Yuji immer noch entspannt saß.
„Ich weiß nicht, ob du mit mir flirten möchtest oder das alles anders meinst, Yuji.“
„Du weißt, dass ich nicht Yuji bin, Satoru. Wann fragst du mich nach meinem richtigen Namen? Wann nimmst du die Kontaktlinsen raus und siehst mich richtig an?“
‘Du siehst mich nicht.’ Er erinnerte sich an diese Unterhaltung vor wenigen Tagen, an Yuji der schon damals nicht der richtige Yuji gewesen war.
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, erwiderte er unschuldig. „Aber wenn du anders angesprochen werden möchtest, dann musst du es mir schon sagen, Yuji.“
„Komm näher.“
„Ein wenig Abstand ist nie verkehrt.“
Satoru blieb auf der obersten Stufe stehen, während er Yuji abwartend ansah. Es gab nicht wirklich etwas, das er erwartete. Er glaubte nach wie vor, dass es sich um eine Art von gestaltender Persönlichkeit handelte. Falls dem so war, könnte es aber gut sein sich mit beiden Persönlichkeiten von Yuji anzufreunden, oder?
„Sukuna.“
„Sukuna?“
„Das ist mein Name.“
„Freut mich, dich kennenzulernen, Sukuna.“
Der junge Mann lächelte verschmitzt, wirkte ein Stück älter als Yuji. Diese äußerliche Veränderung blieb ihm weiterhin ein Rätsel, aber für alles gab es heutzutage irgendeine Erklärung. Satoru hatte sie bisher einfach nicht gefunden.
„Warum stiehlst du einen meiner Knochen?“
„Deiner Knochen?“
Sukuna deutete auf all die Haufen um sie herum, was seine Frage nicht beantwortete. War Sukuna eventuell der Henker all dieser Menschen?
„Ein Andenken.“
„Andenken?“, wiederholte Sukuna auflachend. „Lächerlich. Andenken sind für Menschen, die einen Ort besuchen und ihn verlassen werden, um sich an ihn zu erinnern. Du wirst diesen Ort nicht verlassen.“
Das klang definitiv nach einer Drohung. Satoru ließ sich nicht beunruhigen.
„Ich träumte vergangene Nacht vom Schrein und dachte, es könnte helfen, wenn ich etwas hiervon bei mir habe. Den Thron kann ich leider nicht in meinem Zimmer aufstellen.“
„Du wirst deinen eigenen Thron bekommen. Hier. Neben mir.“
„Weiß Yuji davon, dass du dir den Thron zu eigen machst?“
„Yuji ist ein idiotischer Bengel, der rein gar nichts weiß. Er hört nicht zu, sonst wären wir schon längst viel weiter in unserem Vorhaben!“, schnaufte Sukuna, mit einem fast schon aggressiven Unterton.
Satoru setzte sich auf die oberste Stufe, während er zu Sukuna hinauf sah, dessen Augen fast etwas dunkler zu werden schienen. „Erzähl mir von eurem Vorhaben, dann werde ich es an Yuji weitertragen.“
„Oh Satoru.“ Sukuna beugte sich nach vorne und streckte die Hand aus, um durch sein Haar zu streicheln, er wirkte beinahe etwas verträumt dabei. „Yuji würde dir vermutlich nicht glauben. Er ist bereits ganz heiß auf das Ritual, um mich wieder auf dieser Welt wandeln zu lassen.“
„Wird es funktionieren?“
„So, wie Yuji es plant? Nein.“
Jeder normale Mensch hätte diese Nacht vermutlich schlaflos verbracht, doch glücklicherweise traf dies bei Satoru nicht zu. Was durchaus bedeuten könnte, dass er kein normaler Mensch war.
Nach seinem Gespräch mit Sukuna hatte dieser ihn einfach gehen lassen, ohne Anstalten zu machen, ihn aufzuhalten oder den Knochen abzunehmen. Diese roten glühenden Augen hatten ihn lediglich beobachtet, solange bis er den Schrein hinter sich gelassen hatte.
Mit nassen Socken war Satoru zurück in sein Zimmer gekommen und hatte sich dort wirklich bettfertig gemacht, den Knochen sorgsam weggelegt, damit er diesen an Mei Mei oder wen auch immer weitergeben konnte. Die einzige Sorge, die er nach seinem Gespräch hatte, war jene um Megumi. Er hatte nicht so viel herausbekommen, doch durchaus, dass Yuji ein Ritual durchführen wollte und offenbar war es jenes, in welchem er einen vermeintlichen Geliebten des Zwiegesicht opfern wollte, um das Zwiegesicht heraufzubeschwören.
Satoru musste Megumi definitiv besser im Auge behalten.
Der nächste Tag verlief überraschend gewöhnlich, es gab keine Zwischenfälle und Yuji machte nicht wirklich den Anschein danach, als würde er irgendwas planen. Sie durchsuchten lediglich weiterhin die Bücher nach irgendwelchen Informationen, und Satoru behielt Yuji im Auge. Der junge Mann wirkte nicht anders, er veränderte auch zu keinem ihm ersichtlichen Zeitpunkt die Persönlichkeit. Sukuna. Ein Name, den Satoru nie zuvor gehört hatte, und dennoch fühlte er sich so vertraulich in seinen Gehirnzellen an. Er wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.
Erst als er am Abend wieder Megumi traf, war er beruhigt - denn seinem Ziehsohn ging es bestens.
„Ich glaube, die Situation wird sich enger zuschnüren“, meinte Satoru skeptisch, während er sein Handy hervorholte, um die Nummer von Yaga einzugeben.
„Vielleicht wirst du einfach nur wahnsinnig, weil du im Tempel lebst“, schlug Megumi vor.
Satoru gluckste ein wenig: „Ist das etwa Humor, mein lieber Gumi-chan?“
Der Jüngere verzog deutlich das Gesicht über den Spitznamen, sagte aber nichts weiter dazu, vermutlich da Satoru sich bereits das Handy ans Ohr hielt und darauf wartete, dass der Anruf angenommen werden würde.
„Ich behalte die Umgebung mehr im Auge“, murmelte Megumi schließlich leise.
Satoru nickte ihm nur ein wenig zu, beobachtete er, wie sein Ziehsohn etwas Abstand nahm, um einen guten Überblick zu haben, und zählte innerlich mit, wie oft das Handy schon diesen Piep-Ton von sich gegeben hatte. Als die Mailbox heranging, legte er seufzend auf. Satoru wartete einige Sekunden, bevor er die Nummer erneut eingab und wählte.
Glücklicherweise ging dieses Mal jemand ran.
„Halloooo?“, fragte eine bekannte weibliche Stimme.
„Ich bin's“, erwiderte Satoru.
„Schön, dass du noch lebst, wie sieht es mit Megumi aus?“
„Alles gut. Bisher.“
„Was bedeutet bisher?“
Mei Mei war selten beunruhigt, daher wunderte es Satoru nicht, dass sie bisher gelangweilt klang. Wenn sie sich alle ständig Sorgen um alles machen würden, dann wären sie falsch in ihrem Beruf!
„Wenn es schlecht läuft, will man ihn opfern.“
„Ach ja?“, gluckste die junge Frau. „Und ihr seid immer noch dort?“
„Du kennst uns doch“, auch wenn es Satoru tatsächlich lieber wäre, wenn Megumi verschwinden würde. „Ich habe etwas, das sich angesehen werden sollte.“
„Also soll ich es abholen?“
„Ich weiß nicht, inwiefern wir den Ort verlassen dürfen.“
Es hieß zwar, sie wären alle freiwillig hier und könnten gehen, wann sie wollten, doch Satoru war weder dumm noch naiv - niemals würde er dem Glauben schenken. Es könnte gefährlich sein, Mei Mei hierher zu verlangen, um ihr den Knochen zukommen zu lassen - aber besser so, als gar nicht, richtig? Ein gewisses Risiko gab es immer schon in ihrem Leben.
„Eine Übergabe wäre gut. Dann kann einer von uns mit dir gehen.“
„Megumi?“
„Ja.“
Vielleicht wäre dies eine Möglichkeit, seinen Ziehsohn hier unbescholten herauszubekommen - sie müssten nur schnell genug dafür sein. Megumi sollte es auch einsehen, das war wohl der schwierigere Punkt in dieser Angelegenheit.
Satoru unterdrückte einen Seufzer, als er hoch zum Himmel hinauf sah. Dort, wo viele funkelnde Sterne am Nachthimmel hingen.
„Wie schnell können wir das organisieren?“
„Ich werde mir die Umgebung morgen ansehen, dann wäre es übermorgen möglich, sofern es keine größeren Schwierigkeiten gibt. Wir sollten morgen nochmal telefonieren, um die Details zu klären.“
„Verstanden. Pass auf dich auf.“
„Selbsterklärend.“
Satoru hörte das Tuten, als Mei Mei auflegte und verwahrte das Handy wieder in seiner Kleidung - was das anbelangte, war sein neues Outfit definitiv angenehmer als der Kimono zuvor. Er ging auf Megumi zu, welcher sich nur minimal zu ihm drehte, als er seine Schritte zu vernehmen schien.
„Wir sehen uns morgen wieder hier?“
Megumi nickte ihm langsam zu, ehe sich ihre Wege auch schon trennten. Satoru beobachtete, wie Megumi sich wie ein Schatten zurück in das Häuschen aufmachte, in welchem er lebte. Gemeinsam mit Nobara und ein paar anderen Leuten, getrennte Zimmer, aber gleiches Haus. Ob Megumi einfach so bei Mei Mei mitgehen würde, wenn Satoru ihn darum beten sollte? Nobara schien ein Thema zu sein, selbst wenn sie nur wenig über die junge Frau sprachen. Vielleicht wäre es eine Option, wenn Nobara mitgehen würde.
Die Frage war eben nur, ob diese das überhaupt wollte und ob Megumi es tun würde. Satoru wusste wieder, warum er es bevorzugte, solche Aufträge solo auszuführen - es gab weniger Sorgen und Gedanken. Er tat, was er für richtig hielt, und brachte in der Regel niemanden in Gefahr, der ihm wichtig war. Satoru musste hoffen, dass Megumi auch auf sich selbst achten konnte.
Als er den Tempel wieder betrat, ließ er seinen Blick zum Raum schweifen, der zum Schrein führen würde, doch vorerst suchte er diesen nicht auf. Stattdessen ging er in sein Zimmer, zog sich dort für das Bett um und entnahm die Kontaktlinsen seinen Augen, bevor er sich gähnend ins Bett fallen ließ.
Er konnte nur hoffen, dass die Vorbereitung von so einem Ritual Wochen benötigte, zumindest aber mehr als drei Tage!
Satoru machte es sich bequem, mit zufallenden Augenlidern, und wurde recht zügig vom Schlaf erfasst. Glücklicherweise etwas, womit er nur äußerst selten Probleme hatte, ganz egal, was um ihn herum so geschah - und wie schrecklich das manches Mal sein konnte …
Mit einer hastigen Bewegung, die tief in ihm verankert war, wurde er jedoch wieder aus dem Schlaf gerissen. Noch bevor er die Augen richtig aufhatte, fühlte er schon ein Handgelenk in seiner Hand, nackte warme Haut und lockeren Stoff, den Satoru an seinem eigenen Handgelenk noch fühlte.
„Interessante Reflexe.“
Satoru blinzelte immer wieder, um die Müdigkeit aus seinen Augen abzuschütteln - aber auch, weil er einen Haufen von Dunkelheit vor sich sah. Nicht die normale Dunkelheit eines Zimmers, es war anders. Als würde ein dicker Nebel vor ihm verharren, bis er sich so weit lichtete, dass er eine Form erkennen konnte.
Einen Menschen.
Oder auch eine Person, die nur aussah wie ein Mensch?
„Sukuna?“, murmelte er mit leicht kratziger Stimme.
„Wer?“
Er ließ das Handgelenk der Person los und schob sich in eine sitzende Position, ehe er die Laterne an seinem Bett einschaltete, wodurch der Raum mit etwas Licht gefüllt wurde. Das reichte aus, um zu erkennen, wer dort saß.
„Yuji“, korrigierte Satoru sich selbst.
„Wer ist Sukuna?“
„Ach …“, er winkte lässig ab. „Wer weiß? Mein Kopf hat seltsame Szenarien im Traum erschaffen. Was genau tust du hier?“
Yuji wirkte für einen Augenblick noch erschüttert - Satoru wusste nicht, ob dies positiv oder negativ war - bevor er die Lippen aufeinander presste.
„Du hast von … Sukuna geträumt?“
Nicht wirklich … „Ja, aber ich erinnere mich an nichts mehr.“
„Weißt du nicht, wer das ist?“, flüsterte Yuji, weniger erschüttert als aufgeregt plötzlich. „Das Zwiegesicht! Es gibt einige Überlieferungen darüber, dass das Zwiegesicht diesen Namen getragen haben soll!“
„... ernsthaft?“, flüsterte Satoru ungläubig vor sich hin.
Yuji hingegen nickte, nach wie vor aufgeregt: „Ja! Ich wusste es! Deine Rolle, Satoru … Sie ist gigantisch, nie zuvor hat jemand von unserem Gott geträumt, schon gar nicht mit dem Wissen, über diesen Namen! Das muss eine große Bedeutung haben!“
Entweder es lebte in Yuji dieses Zwiegesicht, welches darauf wartete wieder lebendig zu sein - oder Yuji hatte wirklich eine andere Persönlichkeit und glaubte nur, dass ein Teil von ihm das Zwiegesicht war. Satoru wusste nicht, was davon beunruhigender sein sollte …
„Vielleicht war es nur ein Zufall? Ich habe viele Bücher von euch gelesen, da steht der Name sicherlich mal drinnen!“
„Nein, nein - ausgeschlossen“, erwiderte Yuji kopfschüttelnd. „Das ist eindeutig ein klares Zeichen! In den Büchern wird er stets als Zwiegesicht betitelt, sein menschlicher Name ist dort nicht zu lesen.“
Satoru betrachtete das verträumte Gesicht von Yuji, welches zu einer nachdenklichen Miene wurde. Was ging in diesem Kopf wohl vor?
„Warum bist du eigentlich hier?“
Wenn er genauer darüber nachdachte, hatte er wohl wirklich nie ‘Sukuna’ als Namen in den Büchern gelesen, aber eigentlich wollte er darüber auch nicht zu viel nachdenken oder mit Yuji besprechen. Selbst wenn es wohl egal war, was er tat - er war bereits im Fokus des Jüngeren geraten. Ebenso wie Megumi, wenn er herausfände, dass dieser wohl der Nachfahre eines Geliebten gewesen war.
„Hm?“
„Na ja, es ist mitten in der Nacht und soweit ich weiß, haben wir nicht ausgemacht, uns zu sehen, oder?“
„Ich wollte nur nach dir sehen. Du solltest dich gut ausruhen, ab morgen haben wir gut zu tun und ich brauche dich voller Energie! Keine nächtliche Wanderung mehr!“
„Selbstverständlich …“
War Yuji ein Creep, der ihn beim Schlafen beobachten wollte? War er hier in einer abstrusen Version von Twilight gelandet oder was? Wobei die Sorge darüber, dass er nachts umherwanderte, durchaus gerechtfertigt war. Ob Yuji auch davon wusste, dass Satoru den Schrein aufgesucht hatte? Immerhin war Yuji auch dort gewesen - wenn auch unter einem anderen Namen.
Wie viel wusste dieser Yuji über das, was der andere Yuji - Sukuna - machte und sagte - und wie war es auch andersherum?
Er hätte sich definitiv mal mehr darüber informieren sollen, wie solche verschiedenen Persönlichkeiten miteinander agierten und was man einfach darüber wusste. Sie hatten vermutlich sogar unzählige Weiterbildungen und Vorträge darüber bekommen - Satoru hatte einfach nie gut genug zugehört, so dass er nichts mehr davon abrufen konnte. Dabei würde ihm das gerade weiterhelfen, um zu wissen, wie er mit Yuji umspringen sollte - oder auch mit Sukuna.
In Zukunft sollte er wohl etwas mehr zuhören, gerade wenn Yaga mal wieder ankündigte, dass dieses Thema irgendwann mal wichtig sein könnte …
„Ich gehe jetzt wieder“, kündigte Yuji lächelnd an. „Schlaf gut, Satoru.“
„Ja, du auch, Yuji.“
Wie sollte man unter diesen Umständen wieder einschlafen!?
Satoru schaltete die Laterne wieder aus und legte sich seufzend an. Glücklicherweise konnte er unter schlimmeren Geschehnissen einschlafen, dennoch wäre er beruhigter, wenn er die Tür jetzt abschließen könnte, durch welche Yuji wieder trat. Er hatte den Jüngeren erst bemerkt, als dieser ihn berührt hatte - oder berühren wollte. Natürlich hatte man hier keine Schlüssel, es gab nicht einmal Schlüssellöcher in den meisten Türen hier - keine Chance, sich abzukapseln.
Einem inneren Drang nach stieg er nochmal aus seinem Bett, kontrollierte, ob sein Handy noch da war und atmete auf, als er dieses mit eigenen Augen sehen konnte. Vielleicht hatte er Yuji davon abgehalten, es sich zu nehmen, indem er aufgewacht war - vielleicht interpretierte er zu viel hinein. So oder so - er hatte das Gefühl, dass jeder Tag gefährlicher werden könnte …
Als Satoru, wie am Tag zuvor geplant, am Abend erneut Mei Mei anrufen wollte - oder eher die Nummer von Yaga - gab es ein gewisses Problem.
Sein Handy, welches am Vorabend noch da gewesen war, war verschwunden.
Den ganzen Tag über hatte er außerhalb von seinem Zimmer verbracht, was völlig normal war für ihn. Er bekam Aufgaben zu erfüllen und kam im Normalfall nicht in dieses Zimmer zurück. Dieses Mal hatte es jedoch einen Nachteil; sein Handy war verschwunden. Satoru atmete einige Mal tief ein und aus - auch Megumis Handy war verschwunden, wodurch er sich nicht mehr melden konnte. Jetzt war auch seines verschwunden und das, obwohl er sich mit Mei Mei absprechen wollte.
Er durchsuchte noch einmal jede Ecke und jedes Schubfach, doch natürlich tauchte es nicht wieder auf - es war weg. Irgendjemand hatte es sich geholt. Vielleicht auf Anweisung von Yuji.
Satoru rieb sich eine Schläfe, entschied sich aber vorerst dazu, seine Laterne zu greifen und damit den Weg nach draußen anzutreten. Selbst wenn er Mei Mei nicht anrufen konnte, so wollte er Megumi nicht einfach stehen lassen. Eine kurze Besorgnis überkam ihn bei dem Gedanken daran, dass sein Ziehsohn vielleicht auch verschwunden war.
Glücklicherweise erkannte er Megumis Stachelkopf auch schon von Weiten.
„Das Handy ist weg.“
Megumi reagierte nicht sofort auf seine Aussage, er starrte Satoru für einen Augenblick an und seufzte dann auf.
„War wohl ein Wunder, dass du es bisher hattest“, meinte er schließlich. „Was machen wir also jetzt?“
„Mei Mei wird sicherlich ihre Vermutung anstellen, wenn sie nichts von uns hört“, erwiderte Satoru nachdenklich. „Sie wird sicherlich nicht sofort etwas in Bewegung setzen, früher oder später wird es aber wohl dazu kommen. Immerhin sind wir dann schon zwei, die als verloren gelten.“ Das würde man nicht so stehen lassen können. „Vielleicht finde ich das Handy auch wieder, das wäre aber wohl etwas auffälliger, als es einfach zu ignorieren.“
Das war es dann wohl gewesen mit dem Plan, Megumi von hier wegzuschicken, bevor es zu heiß wurde.
„Irgendwas geht hier vor sich. Yuji plant etwas, ich musste seltsames Zeug herumschleppen“, merkte er nebenbei an. „Vielleicht das Ritual.“
„Und du glaubst, sie könnten mich einbeziehen.“
Satoru nickte ein wenig: „Du solltest von hier verschwinden.“
„Ich lasse dich hier nicht alleine, Satoru.“
„Wenn du geopfert wirst, bringt mir das aber auch nichts, Dummkopf“, schnaubte er belustigt. Satoru würde jedoch ähnlich handeln, selbst wenn er in Lebensgefahr wäre. „Fein, aber bleib wachsam. Ich will dich nicht nackt auf einem Tisch sehen, wo man dich umbringen will.“
„Wieso sollte ich nackt sein?“
„In Filmen ist das doch oft so, oder nicht?“
„In Filmen glaubt man aber auch, dass Nacktheit mehr Zuschauer anzieht, wir sind hier nicht in einem Film.“
„Wie beruhigend, dass du so pragmatisch bist wie eh und je“, schnalzte Satoru mit der Zunge. „Ich werde jetzt zurückgehen.“ Er griff nach seiner Laterne. „Ich glaube, ich muss da mit jemandem sprechen. Für etwas Klarheit.“
„Bring dich einfach nicht in irgendwelche Probleme, Satoru.“
„Ich glaube, wir sind schon mittendrin, Megumi. Da gibt es nichts, dem wir noch entgehen können.“
Er wuschelte durch das stachelige Haar seines Ziehsohns, bevor sie sich trennten. Satoru blieb am Eingang des Tempels stehen, suchte nach Megumi, um sicherzugehen, dass dieser gut im Häuschen ankam. Es war zu dunkel dazu, gerade weil Megumi sich bedeckt hielt - die Sperrstunde war nach wie vor ein Thema. Satoru musste einfach darauf hoffen, dass alles gut werden würde und falls doch irgendwas passierte, dass er irgendwas bewirken könnte.
Das alles waren die normalen Risiken bei einem solchen Einsatz. Risiken, welche Satoru immer wieder sorglos einging - schließlich gab es normalerweise niemanden, auf den er sonst nicht achtgeben müsste.
Nach einem weiteren Moment drehte er sich dem Tempel zu und betrat diesen unter den aufmerksamen Blicken der Leute, die hier wie immer Wache standen. Anstatt in sein Zimmer zurückzukehren, steuerte er sofort die Tür an, welche zum Schrein führen würde. Satoru bemühte sich nicht darum, unauffällig oder besonders leise zu sein; nicht mehr jetzt.
Er schob die Tür auf und trat mit den Getas direkt ins Wasser. Seine Socken zogen sich sofort mit dem warmen Wasser voll, während er die Tür hinter sich zuschob. Nach einem Moment, welchen er einfach stehen blieb und den Blick schweifen ließ, machte er seine ersten Schritte. Schon von Weiten konnte er eine Person auf dem Thron erkennen, fast so als würde sie nur auf ihn warten.
Es würde Satoru nicht einmal wundern, wenn es so wäre.
„Du bist wieder bei mir, Satoru.“
„Sukuna“, erwiderte er grüßend, die ersten Stufen in Angriff nehmend, bevor er sich wie beim letzten Mal auf eine davon niederließ. „Bist du nachts immer hier?“
Mit einem Schmunzeln winkte Sukuna ab: „Recht häufig kann man wohl sagen. Wenn Yuji schläft, ist es einfacher, die Kontrolle zu übernehmen. Auch wenn er dann morgens recht müde und schwerfällig ist; es ist wirklich lächerlich, wie empfindlich Menschen reagieren.“
„Die Kontrolle zu übernehmen?“, hakte er sogleich nach. „Es ist also ansonsten schwer für dich?“
„Zum jetzigen Zeitpunkt schon. Ich warte auf den richtigen Moment, bis ich meinen eigenen Körper bekomme.“
„Wie sieht dein eigener Körper aus?“
„Größer und stärker auf jeden Fall.“
„Mehr Gliedmaßen?“
Sukuna lachte auf, seine tiefroten Augen funkelten dunkel: „Du hast es erfasst, Satoru. Deshalb bist du aber nicht hier, was ist also der Grund für deinen Besuch?“
„Du traust es mir also nicht zu, einfach aus Freundlichkeit herzukommen?“
„Nein. Damals wie heute vermute ich stets einen Plan hinter deinem zu schönen Gesicht. Mich einmal täuschen zu lassen, bedeutete sogleich meinen Tod.“
Satoru runzelte die Stirn, während er versuchte herauszufinden, wovon Sukuna da sprach. Ganz offensichtlich glaubte dieser Anteil von Yuji wirklich daran, das Zwiegesicht zu sein.
„Was genau meinst du damit?“
Sukuna lächelte heimlichtuerisch: „Das wirst du mit der Zeit herausfinden, vertrau mir. Wovon träumst du die vergangenen Nächte über?“
„Bist du Traumdeuter oder so etwas?“, fragte er glucksend.
„Ich glaube, ich weiß, in welche Richtung deine Träume gehen - du solltest dich mehr damit beschäftigen, um weitere Informationen zu bekommen.“
„Wieso verrätst du mir nicht einfach, was du vermutest?“
„Wäre das nicht zu simpel?“
Manchmal war simpel etwas Gutes, das hatte Satoru gelernt, seitdem er im Dienst war. Vielleicht war es aber auch ganz gut, wenn Sukuna ihm nicht alles vorkaute - dies bot mehr Möglichkeiten dafür, ihn irgendwelche seltsamen Vermeintlichkeiten zu verkaufen, die sein Urteilsvermögen irritieren würden.
„Warum bist du also hier, Satoru?“
„Hast du Zugriff zu Yujis … Erinnerungen oder weißt du, was er so gemacht hat, den Tag über meine ich?“
Sukuna lehnte seine Wange bei seiner Faust ab: „Ich sehe alles, was er sieht - aber mein Interesse liegt nicht ständig dabei, weißt du? Es ist oft sehr langweilig, aber vielleicht erinnere ich mich ja an das, was du suchst?“
Natürlich könnte es ihm weitere Probleme geben, wenn er vom Handy erzählte - doch da man es ohnehin in seinem Zimmer gefunden hatte, wusste man sicherlich schon, dass es ihm gehörte. Es gab kaum etwas, was daher noch für größere Schwierigkeiten sorgen könnte.
„Ich war im Besitz eines Handys“, erklärte Satoru also. „Dieses wurde aus meinem Zimmer entfernt.“
„Das klingt nach etwas, das Yuji anweisen würde, wenn er es herausgefunden hätte.“
„Weißt du, wo es jetzt ist?“
„Es gibt einen Ort, wo Yuji Gegenstände sammelt, die er hier nicht sehen möchte und konfiszieren lässt, und natürlich weiß ich, wo dieser Ort ist.“
„Zeigst du ihn mir?“
„Was bekomme ich dafür?“
Satoru hatte damit gerechnet, dass Sukuna ihm nicht einfach so weiterhelfen würde - auch wenn er wohl eine gewisse Sympathie von diesem entgegen bekam. Vielleicht war gerade diese Sympathie der Grund dafür, dass Sukuna etwas im Gegenzug verlangte, anstatt ihm einfach zu helfen?
Vermutlich war es logischer zu glauben, dass Sukuna ihm sonst gar nicht helfen würde.
„Was hegst du für einen Wunsch?“
„Hm.“ Gespielt nachdenklich rieb sich Sukuna das Kinn, seine Augen funkelten von Belustigung, dann zeigte er mit einem Finger auf ihn. Der Fingernagel war tiefschwarz und scharf wie eine Kralle geformt. „Keine Kontaktlinsen mehr und du kommst abends hier zu mir.“
„Das sind zwei Wünsche“, erwiderte Satoru kritisch.
„Ich habe zugelassen, dass du einen meiner Knochen genommen hast und ich werde Yuji nichts davon erzählen - ich denke zwei Wünsche zu äußern stehen mir zu.“
Dagegen konnte er tatsächlich nicht viel sagen. „Meinetwegen. Einverstanden.“
„Sehr gut.“
Satoru erhob sich, damit sie direkt dazu übergehen konnten, diesen Ort aufzusuchen, von dem Sukuna gesprochen hatte. Stattdessen griff dieser in seine weiten Ärmel und hielt ihm das Handy hin, welches Satoru gesucht hatte.
„Warum hast du es bei dir?“
„Ich hatte die Vermutung, dass du mich deshalb aufsuchen könntest.“
Vielleicht kam die Anweisung von Sukuna und nicht von Yuji. Satoru konnte das nicht genauer ausmachen, also griff er nach dem Handy, er fühlte die Spitzen der Fingernägel, seine Haut sanft streifen, bevor sich der Kontakt auch wieder abrupt löste.
„Nun … danke, denke ich“, erwiderte Satoru schließlich. Ein Blick auf das Handy genügte, um festzustellen, dass es keine Anrufe gab. Es wäre viel zu gefährlich, angerufen zu werden, deshalb gingen Anrufe nur von ihm aus.
„Wen rufst du damit an?“
„Eine … Freundin. Von außerhalb.“
„Freundin?“, wiederholte Sukuna mit einem Unterton, den Satoru nicht richtig begreifen konnte.
„Wir haben früher zusammengearbeitet, das ist alles“, erklärte er, ohne zu viel zu verraten. Er schob das Handy in seine Hosentasche, bevor sich sein Blick wieder auf Sukuna legte.
Auf dem Thron sitzend, hatte dieser durchaus etwas Königliches an sich - wenn auch eher auf eine sehr dunkle Art und Weise. Das Zwiegesicht sollte aber auch nur bedingt ein guter Mensch - Jujutzist - gewesen sein. Zumindest für die große rein-menschliche Masse.
„Was genau möchtest du tun, wenn du einen eigenen Körper hast?“
„Was ich schon damals tun wollte; die Menschen auslöschen.“
„... und essen?“
„Wenn ich einen geeigneten Koch dafür finde, ja.“
Gruselig. Satoru erinnerte sich an die Stellen im Buch, die er lieber ausblenden würde. Das alles waren Sachen, die Yuji auch wusste, da dieser die Bücher auch gelesen hatte. Vermutlich war Sukuna wirklich nur ein anderer Anteil - leider aber einer, der die Macht über diesen Kult haben könnte.
„Ich bin auch ein Mensch“, merkte Satoru gedankenverloren an.
„Ich schätze, Jujutzisten sind in all dieser Zeit, die ich gewartet habe, ausgestorben oder nur noch schwach ausgeprägt. Aber keine Sorge, ich habe nicht vor, dich zu essen oder zu töten. Ich sagte doch schonmal; dein Platz wird auf deinem eigenen Thron an meiner Seite sein.“
Satoru wurde wirklich oft schon angeflirtet; auch von Schwerverbrechern; doch es ging nie so weit, dass er seinen eigenen Thron bekommen sollte.
„Bevor du mir einen ewigen Platz an deiner Seite anbietest, solltest du mich zumindest mal zum Date einladen, Sukuna.“
„Tss“, schnaubte Sukuna. „Date? Unnötig.“
„Also ich empfinde Dates als wichtig“, erwiderte Satoru, während er sich langsam abwandte, um die wenigen Stufen wieder hinabzugehen. „Woher soll ich wissen, ob ich mein restliches Leben lang mit dir verbringen möchte? Vielleicht hast du seltsame Angewohnheiten oder eine Verachtung gegenüber etwas, das mir selbst am Herzen liegt?“
„Es gibt nichts, womit du mich noch überraschen könntest, Satoru.“
„Du tust so, als würden wir uns ewig kennen - aber ich wusste nichts von dir, bis ich hergekommen bin und du dich gezeigt hast. Das ist ganz schön ungerecht, findest du nicht auch?“
„Daran solltest du dich gewöhnen.“
Obwohl Satoru es nicht tun wollte, konzentrierte er sich mehr auf das, was er träumte. Sobald er aufwachte, nahm er sich Stift und Papier, um aufzuschreiben, woran er sich noch schlaftrunken erinnerte. Seine Schrift am nächsten Tag zu entziffern, war definitiv komplizierter als alles andere daran.
Die erste Nacht gab nicht so viel her, wie er es sich bereits erhofft hatte. Nachdem er seine Schrift so weit wie möglich entziffert hatte, kamen aneinandergereihte Situationen daraus hervor. Manche davon riefen Bilder in seinem Kopf hervor. Satoru wusste nicht, was davon von dem Erlebten beeinträchtigt wurde, doch kurzgefasst konnte er ein paar Sachen erkennen.
Er sah den Schrein, den es auch hier gab - die Knochenhaufen waren gigantisch groß und der Thron an der Spitze angesiedelt. Satoru erinnerte sich an das Zwiegesicht, jenes vom Gemälde - nur weniger schrecklich, wie man es dort gemalt hatte. Es wirkte menschlicher. Er sah sich selbst. Mit einer Augenbinde, einem Grinsen - völlig entspannt.
Er erinnerte sich an Chaos, Tote und an Gefühle. Liebe, Hass, Enttäuschung, Verzweiflung und Traurigkeit.
Die Bedeutung dahinter ergab sich ihm noch nicht, es jagte ihm lediglich eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Als würden Erinnerungen in ihm stecken, die er einfach nicht hervorrufen konnte.
Das Frühstück fühlte sich für ihn geschmacklos an. Die Gespräche um ihn herum fühlten sich schwerer an und die Lichter waren intensiver. Seine Kontaktlinsen nicht einzulegen war ungewohnt für ihn - aber er war durchaus jemand, der sich an seine Versprechen hielt. Der größte Unterschied machte seine Empfindlichkeit aus.
Und dann fiel sein Blick auf Yuji, der bei ihm am Tisch saß. Eine Dunkelheit umgab ihn, wie auch in der Nacht, als er einfach bei ihm auf dem Bett gesessen hatte. Es benötigte einiges an Blinzeln und eine gewisse Fixierung, um Yuji zu erkennen, anstatt nur diesen schattenartigen Nebel, der ihn umgab. Satorus Bauch verkrampfte sich deutlich und erneut kamen Bilder von seinem Traum hoch - es gab eine Verbindung, die er nur ungern erforschen wollte.
Er brachte es hinter sich, doch da er nach wie vor mit Yuji zusammenarbeitete, konnte er sich nicht von diesem lösen. Glücklicherweise stand er nicht mehr im direkten Kontakt zu diesem; im Grunde war er derzeit der Laufbursche. Er ging von A nach B, überbrachte Bitten und trug Sachen umher, die Yuji für ein besonderes Ereignis plante.
Das Ritual. Eindeutig.
Dabei hatte er zumindest auch die Gelegenheit, Megumi zu sehen, welcher mit Nobara dabei war, die Wäsche aufzuhängen. Wobei die beiden nicht ganz bei der Sache zu sein schienen, so wie sie sich mit Kleidung und Bettlaken bewarfen oder über den jeweils anderen stülpten.
„Was tut ihr da?“
Megumi wirkte eindeutig ertappt, so rot wie er anlief - vielleicht war er auch nur rot vom Geplänkel. Etwas, das Satoru noch nie bei diesem gesehen hatte. Megumi war immer so mürrisch, wie man ihn eben kannte.
„Megumi ist schrecklich daran, Wäsche platzsparend aufzuhängen!“, warf Nobara schließlich vor, die Arme kurz vor der Brust verschränkte, ehe sie an ihrem brünetten Haar zupfte, welches durcheinander gekommen war. „Was tust du denn hier?“
„Ich erledige nur ein paar Besorgungen für Yuji“, antwortete Satoru. „Ich nehme kurz Megumi mit!“
„Wa- Hey! Idioten!“, schnaubte Nobara, während Satoru bereits an Megumi zog.
Nur so weit, dass sie zumindest halbwegs unter sich waren. Genug Zeit für seinen Ziehsohn, um sich wieder so zu benehmen, wie er es kannte - grummelig! Dennoch mit einer noch zerzausteren Frisur, als normal schon.
„Was ist denn los?“
„Ich habe es wieder.“
„... du meinst …?“
„Ja.“
„Aber woher?“
„Das bereden wir besser wann anders. Heute Abend können wir es machen.“
Megumi nickte langsam, sein Blick ging zu Nobara, welche mit aufgeplusterten Wangen die Wäsche aufsammelte, die bei ihrem Kampf auf den Boden gefallen war.
„Rede mit ihr“, meinte Satoru schließlich. „Du musst ihr ja nicht alles verraten. Frag sie, ob … sie diesen Ort verlassen will.“
„Was, wenn wir dadurch Probleme bekommen?“
„Ein Problem mehr oder weniger wird schon nichts groß verändern“, winkte er unbesorgt ab. „Ich suche schon nach einem Weg, wie wir hier alle unbescholten herauskommen. Aber … mach das lieber nach unserem Treffen heute Abend. Damit uns dort nichts in die Quere kommt.“
„Einverstanden. Was machst du für Erledigungen?“
Satoru hob die Schultern, versuchte unbesorgt zu wirken: „Ich schätze, ich helfe dabei, das Ritual vorzubereiten, aber ich weiß es nicht zu 100 %.“
„Wundervoll.“
„Wir sehen uns später, pass auf dich auf. Und besser auch auf Nobara.“
Den restlichen Tag verbrachte Satoru weiterhin mit derlei Besorgungen, er sah Yuji so wenig wie möglich an, damit dieser schattige Rauch ihn nicht weiter den Kopf verdrehte. Als der Abend hereinbrach, war er bereits erleichtert darüber, den Anruf nun endlich hinter sich bringen zu können - außerdem war es auch stets beruhigend für ihn, Megumi wohlbehalten zu sehen.
„Spät dran, Satoru“, merkte Mei Mei an, sobald er diese anrief.
Zumindest ging sie dieses Mal sofort ran, was man durchaus als Zeichen dafür ansehen konnte, dass sie minimal besorgt gewesen sein könnte. Ganz minimal!
„Es gab Probleme, lass uns lieber keine Zeit vergeuden - die Lage könnte sich zuspitzen.“
Glücklicherweise redete Mei Mei nie viel drumherum, so dass sie recht zügig vorankamen und einen kleinen Plan aufstellen konnten. Einen, dem er wenige Minuten später auch Megumi mitteilte.
„Auf gar keinen Fall. Ich lasse dich hier nicht alleine zurück, Satoru.“
„Es ist zu deiner Sicherheit und wenn Nobara mitgehen will, hat sie direkt die Chance dazu.“
Megumi verzog das Gesicht, seine Nase kräuselte sich auf eine kindliche Art, die Satoru beinahe dazu brachte, in seine Nase zu kneifen. Er unterließ es, trotz des Drangs, in seinen kribbelnden Fingern.
„Ich werde sehen, was sie dazu sagt. Das heißt nicht, dass ich einverstanden bin.“
Satoru musste wohl darauf hoffen, dass Nobara die Chance ergreifen wollte, von hier wegzukommen - wenn sie das überhaupt tun wollte.
Er verabschiedete sich von Megumi, auch wenn dieser nach wie vor etwas trotzig wirkte, und machte sich auf den Weg zurück zum Tempel. Genauer; zum Schrein. Immerhin waren die fehlenden Kontaktlinsen nur ein Teil von dem gewesen, was er mit Sukuna ausgemacht hatte. Das Letzte, was er wollte, war der Unmut von diesem, weil er sich nicht an ihre Abmachung hielt.
Bevor er heute den Raum vom Schrein betrat, zog er sich sowohl Schuhe als auch Socken aus, behielt sie in den Händen und ging barfuß durch das Wasser, welches angenehm warm war. Wie zu erwarten saß Sukuna bereits dort auf seinem Thron - wenn es denn wirklich ‘sein’ Thron war …
Überraschenderweise umgab ihn keine dunklen Schatten, wie er es den ganzen Tag über bei Yuji erlebt hatte.
„Da bist du ja endlich.“
„Ich musste noch etwas erledigen“, erwiderte Satoru locker, nahm seinen normalen Platz auf der Treppe ein, platzierte die Getas und Socken neben sich und sah anschließend wieder zu Sukuna hinauf. „Was hast du da?“
„Ein Geschenk.“
„... Geschenk?“
Sukuna zuckte entspannt mit den Schultern: „Mit einem Date kann ich dir nicht dienen, aber mit einem Geschenk schon.“
Eine gewisse Skepsis umgab ihn, aber er griff dennoch nach dem, was Sukuna ihm hinhielt. Eine Papiertüte in einem matten Rot war recht leicht - um besser hineinsehen zu können, stellte er die Tüte neben sich auf der Stufe ab. In ihr befand sich eine Schachtel, als er danach griff und sie hervorzog, erkannte er rasch, was sich darin befinden musste.
„Ist das Kikufuku!?“, fragte er völlig überrascht.
„Das ist es, richtig.“
„Woher … hast du das?“
„Ich habe es Jogo kaufen und herbringen lassen.“
Bedächtig öffnete Satoru die kleine Box, um die Kikufuku mit leuchtenden Augen zu begutachten. „Warum hast du gerade das kaufen lassen?“
„Ich dachte mir, dass du Süßkram immer noch mögen könntest.“
Immer noch. Satoru nahm sich eines der Kikufuku, um davon abzubeißen - es schmeckte genauso, wie er es in Erinnerung hatte.
„Möchtest du auch eines haben?“
Er hielt Sukuna die Packung entgegen, damit er sich etwas daraus nehmen könnte. Nach einem kurzen Augenblick des Nicht-Reagierens griff er dann doch nach einem Kikufuku, auch wenn er es skeptisch begutachtete.
„Kein Fan von Süßen?“
„Ich habe mich immer gefragt, wie du so viel davon essen kannst.“
„... du scheinst zu glauben, dass ich damals schon ein Leben geführt habe. Mit dir.“
„Ich weiß es, meine Erinnerungen sind sehr klar. Bei einer Wiedergeburt wie bei dir … man verliert viel vom vorherigen Leben.“
Vielleicht träumte er tatsächlich von einem vorherigen Leben, vielleicht bildete er sich das alles auch nur ein, weil er den Verstand verlor.
„Das Gemälde, im Raum mit all den Büchern und Schriften …“
„Eine recht monströse Version von mir, aber ja - was ist damit?“
„Ist dir die Rückseite bekannt?“
„Selbstverständlich.“
„Und Yuji?“
„Mittlerweile auch.“
„Hat er etwas mit Megumi vor?“
„Nein, was sollte er mit ihm vorhaben?“
Satoru runzelte die Stirn: „Er sprach davon, den Geliebten vom Zwiegesicht zu opfern - um das Zwiegesicht wieder auferstehen zu lassen.“
„Megumi war nicht mein Geliebter“, schnaubte Sukuna fast etwas aggressiv.
Irgendwie brachte es Satoru dazu, aufzuatmen. „Warum ist er dann mit auf dem Gemälde?“
„Das wirst du mit Sicherheit noch herausfinden.“
Anstrengend. „Du wolltest, dass ich die Kontaktlinsen herausnehme. Ich dachte, irgendwas würde ich dadurch verändern, aber … du siehst aus wie immer. Yuji hatte hingegen etwas Seltsames an sich.“
„Ich wollte dich natürlich nicht direkt verschrecken.“
Satoru wollte eben noch fragen, womit Sukuna ihn vermeintlich verschrecken wollte, als dieser ihm schon zuvor kam. Eine bedrückende Atmosphäre umgab ihn prompt, eine Erinnerung an den ersten Besuch hier, doch hundertmal stärker. Seine Körper stand unter Spannung, seine Haare stellten sich auf, als gäbe es eine Bedrohung vor ihm, und für einen Augenblick hatte er das Gefühl, nicht atmen zu können.
Er überwand alles schneller, als er selbst von sich vermutet hätte, und sah nun ganz direkt zu Sukuna. Und vermutlich zum ersten Mal verstand er auch, was dieser mit seinem richtigen Ich meinte. Das Gesicht hatte sich deutlich verändert - es waren nunmehr zwei Gesichter. Er erkannte den normalen Anteil vom Gesicht, unter dem Auge gab es jetzt ein zweites und die andere Gesichtshälfte wirkte eher dämonisch als menschlich. Als würde etwas über das eigentliche Gesicht gelegt worden, mit zwei Augen, die deutlich größer waren. Es gab nur eine menschliche Nase, einen Mund wie zuvor - das Gemälde hatte es ein wenig anders demonstriert.
Monströser.
Als er den Blick vom Gesicht löste, bemerkte er auch weitere Veränderungen - dort, wo eben noch zwei normale Arme und Hände zu sehen waren - gab es inzwischen weitere Exemplare. Zwei Arme, die aus den weiten Ärmeln reichten und nochmal verdeutlichten, warum diese getragen wurden.
Satoru legte die Schachtel Kikufuku beiseite und erhob sich von der Stufe. Flucht wäre eventuell der Gedanke, den man an dieser Stelle haben würde - doch Satoru stieg die zwei Stufen mehr an, um auf die Höhe vom Thron zu kommen.
All das fühlte sich so vertraut an.
Sukuna zuckte nicht zurück, er beobachtete ihn lediglich aufmerksam dabei, wie Satoru schließlich die Hand ausstreckte und ein paar seiner Finger auf die deformierte Stelle vom Gesicht legte. Es fühlte sich echt an. Nicht wie eine Maske oder dergleichen, es war Haut, warme und lebendige Haut.
Noch während er versunken darin war zu erkennen, ob dies wirklich echt war - spürte er einen der Arme um seinen Körper, der ihn dazu zwang, noch näher heranzutreten. Eine andere Hand legte sich auf die seine und auch die nächsten zwei Arme legten sich um ihn.
Wie ein Gefängnis. Ein Käfig. Es war bedrohlich, einengend und gleichzeitig empfand er ein Vertrauen und eine seltsame Zuneigung in dieser Art der Umarmung.
„Du bist also wirklich das Zwiegesicht.“
„Natürlich bin ich es, Satoru. Hast du wirklich daran gezweifelt.“
Der rationale Teil von ihm hatte dies getan, ein Teil in seinem Inneren jedoch nicht.
Vier Arme, die ihn sanft und zugleich besitzergreifend hielten.
Ein Kinn, das sich auf seinem Kopf ablegte, mit zwei Gesichtern.
Ein Körper, der sich größer und muskulöser an ihn drückte
Eine Stimme, die dunkel irgendwelche Nichtigkeiten flüsterte, die mit all dem Verderben vor ihnen nichts zu tun hatten.
Leichen, die sich stapelten.
Flüche, die sich beugten.
Megumi, der voller Enttäuschung zu ihm hochsah.
‘Ich muss das beenden’ - ein Gedanke, der Kreise durch seinen Verstand zog.
Satoru fühlte sich völlig übermüdet, als er die Augen aufschlug und die farblose Decke anstarrte. Normalerweise machte er sich nichts aus Träumen, doch dieses Mal … es fügte Bilder und vermeintliche Erinnerungen zusammen.
„Megumi war nicht mein Geliebter.“
Satoru ahnte, wer der Geliebte gewesen war. Die Gedanken daran schob er streng beiseite. Er kämpfte sich müde aus dem Bett, machte sich für den Tag fertig und seufzte etwas wegen der Kontaktlinsen - dann griff er doch danach und legte sie sich sein. Er hatte gesehen, was Sukuna ihm zeigen wollte, er hielt es nicht aus, dieses wabernde etwas um Yuji herum zu sehen. Nicht auf Dauer. Nicht so müde wie er gerade war.
Er schaffte es so, das Frühstück wesentlich besser über sich zu bringen und bat anschließend Yuji darum, dass er sich nochmal in den Büchern belesen wollte. Yuji lächelte und erlaubte es ihm, mit den Worten „Die gröbsten Vorbereitungen sind bereits abgeschlossen, also kannst du dir etwas Zeit nehmen“ - was beunruhigend war.
Die Bücher interessierten Satoru nicht, das Gemälde dafür umso mehr. Er hängte es ein weiteres Mal ab und begutachtete die andere Seite. Sich selbst konnte er nicht erkennen, nur das Zwiegesicht und jemand, der aussah wie Megumi. Er suchte nach irgendwelchen Hinweisen darüber, was Megumi für Sukuna getan haben könnte - damals. Auf dem Gemälde sah er jedoch nichts von Bedeutung, egal wie intensiv er es anstarrte. Also hängte er es wieder zurück. Die Bücher hatte er bereits immer wieder erforscht, aber Megumis Name war dabei nie vorgekommen. Genauso wenig wie sein eigener.
Da er heute von Yuji im Grunde freigestellt worden war, verließ er den Tempel, um stattdessen Megumi aufzusuchen. Vielleicht könnte dieser ja sogar etwas darüber sagen, wie es mit Nobara aussah.
Er fand die beiden, unter anderen Personen, in der Hütte für die Wäsche. Es lag eine Stille in der Räumlichkeit, die vermutlich davon verursacht wurde, dass die Wäsche erst einmal sortiert wurde.
„Megumi“, sprach er seinen Ziehsohn an und nickte nach draußen, während er Nobara lächelnd zuwinkte, welche sich mit einem Schnauben wegdrehte.
Er zuckte mit den Schultern und verließ gemeinsam mit Megumi das Haus, damit sie zum Pavillon gehen konnten.
„Hast du mit ihr gesprochen?“, fragte Satoru erst einmal nach.
Megumi verzog auf der Stelle das Gesicht: „Ja …“, antwortete er fast gequält.
„... und?“, hakte er ungeachtet dessen weiter nach.
„Sie … will mitkommen.“
„Was soll dann dieses Gesicht?“
„So sieht mein Gesicht eben aus!“
„Du weißt, was ich meine.“
Megumi seufzte: „Ich mache mir nur Sorgen. Was, wenn sie es außerhalb hasst? Immerhin war sie immer schon hier.“
„Ich glaube, du machst dir zu viele Sorgen. Sie ist ein toughes Mädchen, das geht schon klar“, meinte Satoru mit einem aufmunternden Lächeln.
„War klar, dass du so etwas sagst“, schnaubte er, wirkte aber zumindest ein wenig entspannter. „Wirst du heute Abend mitkommen? Nobara kann aussagen, sie kann von ihren Eltern erzählen und allem, was sie weiß.“
Wenn die junge Frau das wirklich tun würde, dann hätte sie vielleicht genug für ein paar mehr Untersuchungen - doch so leicht war es selten. Der Knochen - vermutlich von einem Menschen - könnte ebenso etwas bewirken. War das genug?
„Nein“, antwortete Satoru. „Ich muss mich noch um etwas kümmern, bevor ich hier verschwinde.“
„Satoru …“
Er legte seine Hände auf die angespannten Schultern seines Ziehsohns: „Zerbrich nicht dein süßes Köpfchen über mein Vorhaben. Du weißt doch; ich bin wie eine Kakerlake, würde alles überleben.“
„Dass du vom ‘überleben’ sprichst, ist nicht beruhigend!“
„Du musst hier weg. Immerhin wollen sie dich opfern.“
„Das wissen wir nicht.“
„Ich bin ziemlich sicher.“
„Was, wenn ich nicht gehe?“
Satoru schnaubte: „Mei Mei weiß Bescheid, notfalls schleift sie deinen bewusstlosen Arsch hier raus. Nobara hilft ihr bestimmt; die beiden könnten sich großartig miteinander verstehen.“
„Fein! Aber wenn du es wagst, hier zu sterben, komme ich hinterher, nur um dich nochmal umzubringen!“
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Bis zum Abend hin versuchte sich Satoru noch darin, Informationen zu bekommen. Er suchte nach Jogo, um diesen auszufragen - doch der Mann wirkte nervös, auch auf den Dank hin wegen der Kikufuku. Es war wohl lächerlich zu glauben, dass jemand hier irgendwas wüsste.
Also beschloss er, Yuji zu fragen - es wäre eine gute Ablenkung, während Megumi verschwinden würde. Sobald der Abend einbrach und er den Knochen an Megumi überreicht hatte, welcher in Begleitung von Nobara war, ging er nochmal sicher, dass alles gut verlaufen würde - danach suchte er den Tempel auf, dort, wo sich die Leute für das Abendessen sammelten. Der hoffentlich beste Augenblick, damit Nobara und Megumi verschwinden könnten.
„Yuji, du kennst dich hier doch am besten über das Zwiegesicht aus, nicht wahr?“, fragte er an ihrem Tisch nach.
„Gibt es Fragen, welche in den Büchern nicht beantwortet werden konnten?“
Satoru nickte ein wenig. „Das Gemälde, es hat eine Rückseite, nicht wahr?“
Yuji starrte ihn an, für einen Augenblick völlig regungslos, anschließend lächelte er nickend: „Das ist richtig.“
„Dort ist das Zwiegesicht abgebildet und … jemand der aussieht wie Megumi. Ich habe mich gefragt, was das für eine Bedeutung haben könnte.“
„Nun, Wiedergeburt war immer schon ein großes Thema“, erwiderte Yuji leichtfertig. „Möglicherweise kommt Megumi aus einer Blutlinie, die schon sehr lange existierte. Schließlich wird auch mir nachgesagt, eine gewisse Ähnlichkeit zum Zwiegesicht zu haben, nicht wahr?“
Satoru nickte langsam: „Richtig … aber warum ist er auf diesem Gemälde. Bei dem Zwiegesicht? Das würde von einer gewissen Vertraulichkeit zueinander hindeuten, oder?“
„Ich könnte mir vorstellen, dass er der Geliebte war, der das Zwiegesicht am Ende tötete.“ Yuji glaubte das also wirklich. „Ein anderer Grund fällt mir dazu nicht ein.“
Also wusste Yuji auch nichts. Falls er doch etwas wusste, dann wollte er es ihm scheinbar nicht sagen, vielleicht auch um sein Ritual zu untermauern, welches er durchführen wollte.
„Verstehe, das ergibt wohl Sinn“, stimmte Satoru ein wenig nickend zu.
Es war eine gute Entscheidung gewesen, Megumi wegzuschicken - er musste nur hoffen, dass alles funktioniert hatte. Das Abendessen verlief zumindest in völliger Ruhe, falls das Verschwinden von Megumi und Nobara auffiel, dann wurde dadurch nicht das Abendessen gestört.
Sobald dieses vorbei war, nutzte Satoru die erste ihm mögliche Situation, um Mei Mei anzurufen, um zu hinterfragen, ob alles gut gelaufen war.
„Es ist alles gut. Die beiden sind bei mir, es gab keine Vorkommnisse, entspann dich, Satoru - und mach deinen Job.“
„Du trägst schon wieder die Kontaktlinsen.“
Satoru ließ das Handy zuschnappen, als die Stimme zu ihm durchdrang. Er war beruhigt, auch wenn Sukuna aufgetaucht war.
„Ich war heute früh wahnsinnig müde. Einen Tag mit diesem komischen schattigen Etwas um Yuji herum und dem ganzen Licht hätte ich nicht ausgehalten“, meinte er, sich zu Sukuna drehend.
Es war seltsam, diesen so normal zu sehen. Ohne zusätzliche Arme und die Augen …
„Außerdem weiß ich ja jetzt, wie du eigentlich aussiehst.“
„Lass uns nach drinnen gehen.“
„Zu deinem Schrein?“
„Nein, dein Zimmer. Ich möchte, dass du diese scheußlichen Dinger loswirst. Ohne ihnen sehe ich auch dich so, wie ich es möchte.“
„Du hast wirklich etwas gegen meine Kontaktlinsen, was?“, gluckste Satoru amüsiert. „Fein, lass uns gehen. Solange du es bist, macht das mein Kopf mit.“
Yuji machte es ihm dafür umso schwerer, ohne dass dieser es vermutlich wusste.
Es war seltsam, jetzt mit Sukuna herumzulaufen - seine Gedanken kreisten nach wie vor um alles, was mit Megumi zu tun hatte. Und auch um das, was mit ihm zu tun haben könnte.
Sie erreichten sein Zimmer recht zügig, und während Sukuna auf seinem Bett zurückblieb, entfernte sich Satoru die Kontaktlinsen, ehe er zurückkehrte. Dieses Mal unterdrückte Sukuna nicht zu Anfang sein wahres Aussehen, er hatte die vier Arme und die zusätzlichen Augen, alles wie am Vorabend. Ein Anblick, der sich für Satoru besser anfühlte.
„Du hast Megumi also zur Flucht verholfen, was?“
Satoru fühlte sich etwas unbehaglich, dennoch kam er zu Sukuna auf das Bett und lehnte sich an den Händen zurück.
„Natürlich. Ich lasse nicht zu, dass ihm etwas zustößt.“
Sukuna lachte etwas: „Auch das hat sich seit damals nicht verändert. Yuji wird enttäuscht sein.“
Vermutlich wusste er mehr.
„Kann Yuji eigentlich auf deine Erinnerungen zugreifen?“
„Natürlich nicht.“
„Also weiß er nicht, dass ich damals dein Geliebter war und er theoretisch mich opfern müsste, um zu erreichen, was er erreichen will?“
Sukuna schnaufte: „Menschen sind dumm. Yuji ist ein Bengel, der nicht weiter denkt, als er es für richtig hält.“
„Ich denke, er wäre ein guter Mensch, wenn er nicht hier aufgewachsen wäre und dich in sich tragen würde.“
„Wovon hast du heute Nacht geträumt? Du sagtest, du wärst müde.“
Über Yuji wollte Sukuna offensichtlich nicht reden. Satoru würde nicht darauf pochen, auch wenn es dadurch weitere Informationen gäbe.
„Ich schätze den Augenblick, als ich entschied, dass ich dich töten muss.“
„Und deshalb bist du so müde?“
„Es wird dich vielleicht überraschen, aber normalerweise träume ich nicht von einem früheren Leben von mir. Das fühlte sich so an, als würde es gerade passieren.“
„Wie empfindlich“, meinte das Zwiegesicht, während es sich ihm nun richtig zuwandte und mit all seinen vier Augen anstarrte, als wäre er hier die Beute.
„Was hatte ich damals für Fähigkeiten? Ich war ein Jujutzist, richtig?“
Sukuna streckte einen seiner Arme aus und Satoru spürte sofort, wie dieser an einer seiner Seiten vorbeizog und sich dicht daneben auf der Matratze abstützte.
„Du warst etwas ganz Besonderes. Du wurdest geboren, mit zwei Fähigkeiten, der Erste seit hunderten von Jahren. Geboren dazu, mich aufzuhalten und zu töten. Von daher war dies wohl nur eine Frage der Zeit.“
Ein weiterer Arm von Sukuna stützte sich dicht neben Satoru auf der Matratze ab, was dafür sorgte, dass sie sich wieder näher waren als notwendig.
„Unendlichkeit und Six Eyes. Zwei Fähigkeiten mit einer gefühlt grenzenlosen Macht. Und bis zum heutigen Tage besitzt du diese umwerfenden Augen.“
„Aber nicht mehr die Fähigkeiten.“
„Hm“, machte Sukuna. „Ich glaube schon. Zu einem kleinen Anteil, der daraus resultiert, dass du nicht trainiert wurdest. Du kannst es manchmal fühlen, der Wille, dich von Berührungen abzugrenzen, und dass Menschen scheinbar darauf hören und dich nicht berühren, obwohl sie es eigentlich könnten. Du hast außerdem einen guten Blick über alles. Besser als normale Menschen, aber ebenfalls schlechter als damals, ja.“
Warme Finger streiften seine Wange, viel sanfter als man es erwarten würde. Sein Herz fühlte sich plötzlich viel schwerer an.
„Werde ich dich dieses Mal wieder töten müssen?“
Sukuna schien nach einer passenden Antwort zu suchen und beschäftigte sich lieber damit, sein weißes Haar zu begutachten oder sein Gesicht mit den Fingern zu berühren, die schon an seiner Wange lagen.
„Das würde ich lieber vermeiden.“
„Ich schätze, das gilt auch für damals, oder?“
„Ich bin klüger als damals, Satoru. Ich höre dir jetzt zu.“
Ob das wirklich so einfach wäre, wie es gerade klang?
Satoru löste seine Hände von der Matratze hinter sich und griff mit ihnen nach Sukunas Gesicht, welcher ihn auch dieses Mal gewähren ließ.
„Sag mir, was genau du für einen Plan hast“, verlangte er schließlich.
Sukuna wollte sich von Yuji lösen - aber wie? Und was genau hatte er danach vor? Konnte Sukuna ein ähnliches Chaos auslösen, wie er es damals auch getan hatte?
„Satoru.“
„Was?“
„... wir werden das morgen besprechen.“
„Sukuna-“, fing er an zu reden, die Fingerkuppen mehr in dessen Haut vergraben, ohne Verletzungen ausführen zu wollen.
Was auch immer er hatte sagen wollen, wurde jedoch von einem harten Druck auf seinen Lippen unterbrochen.
Sukunas Lippen fühlten sich unfassbar warm an, sie waren rau und er konnte spüren, wie jemand die Gewohnheit hatte, darauf herum zubeißen. Vermutlich Yuji. Satoru grub die Finger noch etwas mehr in die empfindliche Haut vom Gesicht, doch Sukuna schien sich nicht daran zu stören, beugte sich nicht mehr ihm entgegen und wollte ihn förmlich verschlingen.
Er fühlte nicht einmal, wie er nach hinten gedrückt wurde, solange bis die Matratze in seinem Rücken drückte und er sich ohne irgendwelche Anstrengung darauf zurückfallen lassen konnte.
Eine Hand grub sich in sein weißes Haar, zog sanft daran - eine andere Hand beschäftigte sich damit, das Shirt aus seiner Hose herauszuziehen, um die Haut darunter zu berühren. Er wurde von den zwei zusätzlichen Händen in die Matratze gedrückt.
Vier Arme - vier Hände; das machte mehr aus, als Satoru für möglich gehalten hatte. Schon jetzt war sein Kopf irritiert von all den Berührungen, die er bekam - und das von einer einzigen Person. Er war sicher kein Kind von Traurigkeit gewesen, doch solche Erfahrungen machte man in einem ganz normalen Leben nicht.
Seine eigenen Hände fingen damit an, Sukunas Körper zu erforschen. Schnell strichen sie unter den ohnehin recht lockeren Kimono, fühlten die warme Haut darunter und befreiten eben jene mehr und mehr von dem Kleidungsstück. Die vier Arme bewiesen sich dabei, als durchaus komplex auszuziehen, sein Verstand hing noch immer daran, dass zwei Arme „normal“ waren.
Er hörte Sukuna gegen seine Lippen schnauben, deutlich amüsiert, dennoch zeigte er sich hilfsbereit dabei, zog sich den Kimono richtig über die Schultern und nutzte die Gelegenheit, um auch Satoru von dem weißen Haori sowie dem Shirt zu befreien.
Seine Augen fingen sogleich die schwarzen Tätowierungen auf, die nicht nur Sukunas Gesicht, sondern auch dessen Brustkorb schmückten. Satoru wusste nicht, ob man dies als Tattoos zählen konnte oder ob ein anderer Begriff korrekter wäre. Seine Finger fuhren jedoch direkt dorthin und strichen die schwarzen Male nach.
Zwei verschiedene Hände, die seinen Körper nachstrichen, machten Satoru wieder aufmerksamer darauf.
Der Druck fühlte sich zugleich sanft, aber auch voller Kraft an, mehr Kraft als notwendig wäre, um ihn auf der Matratze zu halten. Darüber zerbrach er sich jedoch kaum den Kopf.
Seine eigenen Finger zogen zarte Kratzer über der Haut mit schwarzen Malen, suchte blind nach Lippen, die ihm bereitwillig entgegenkamen und störte sich nicht daran, wie viele Finger ihn einfach überall berührten.
Die Kleidung flog nach und nach davon und gerade als Satoru einen Hauch von Sorge in sich trug, wegen fehlender Hilfsmittel, spürte er eine Ablenkung in seiner Bauchgegend. Sukuna küsste ihn und zeitgleich war da eine Zunge an seinem Bauch.
Als er sich verwirrt löste, entdeckte er etwas, dem sich Satoru tief im Inneren schon lange klar gewesen war. Ein großer Mund, mit scharfen Zähnen und einer unmenschlich langen Zunge, breitete sich auf Sukunas Bauch aus. Ein Anblick, der ihn schaudern ließ. Es war doch etwas ganz Neues, mit jemandem wie Sukuna intim zu werden, ganz egal, wie viele Erfahrungen man vorher schon gesammelt hatte.
Jede Sekunde war gefüllt von intensiven Momenten; Finger überall an seinem Körper, Lippen oder das feuchte Gefühl einer Zunge … Satoru hatte keinen Augenblick Zeit, sich auf irgendwas zu konzentrieren.
Seinen von ihren Küssen geschwollenen Lippen entrann immer wieder der Name des anderen - wie ein inneres Mantra.
„Sukuna, Sukuna, Sukuna …“, es war, als könnte er nichts anderes mehr sagen oder denken. Satoru hörte das dunkle Kichern, Griffe, die härter wurden und Berührungen, die nur dazu dienten, ihn zu necken. Sein eigener Spielraum wurde immer wieder begrenzt - einen Augenblick lange berührte er jede Stelle, zog an den pinken Haar oder fuhr den Mund in Sukunas Bauchgegend nach, wenig später wurde er von Sukuna niedergedrückt und von jeglichen Berührungen aufgehalten, ganz egal wie sehr er sich zu lösen versuchte.
Sukuna wirkte stets amüsiert über alles.
Die Intensität wurde von Minute zu Minute stärker, die Luft angespannter, sein Körper heißer. Ein Finger von Sukuna fand schnellen Zugang in ihm, fast genauso schnell kam auch ein zweiter, ein dritter und sogar ein vierter dazu, während die unmenschlich lange Zunge jede erreichbare Stelle berührte und leckte. Schon in diesen Momenten sah Satoru prickelnde Sternchen vor seinem inneren Auge. Er bog den Rücken durch, kratzte über die warme Haut und nahm nur noch schwach Sukunas Stimme wahr, welche flüsternd zu ihm sprach.
Diese ganze Situation fühlte sich an, wie ein Traum - fiebrig, unmenschlich, intensiv und sein Herz klopfte so schnell, als würde es bald explodieren.
Das Gefühl davon, wie Sukuna in ihn eindrang, riss ihn aus diesem Traum raus, ließ ihn zittrig atmen und die Augen öffnen. Glühendes Rot strahlte ihm entgegen, eine blutende Unterlippe, die von Reißzähnen aufgebissen wurde - Reißzähne, welche zu Sukuna gehörten. Lippen, die nach vorne stürmten, als würden sie Satorus Stimme ersticken wollen.
Er unterwarf sich dem Zwiegesicht, ließ sich von vier Händen niederdrücken, war sich sicher, blaue Flecken von den Griffen zu bekommen - doch nichts könnte ihn weniger interessieren als das. Es war, als würde sich nicht nur sein Körper nach all dem sehnen, sondern etwas Tieferes. Aus seinem Inneren heraus, welches in seinem Kopf herumspukte und flehte.
Es fühlte sich beinahe so an, als würde man seine Finger brechen, als Sukuna ihre Hände ineinander verschränkte. Natürlich waren die anderen zwei Hände dabei, ihn an den Hüften niedergedrückt zu halten oder den Stößen entgegenzuwirken, die er zu spüren bekam.
Die Zeit verlor sich in ihrer Zweisamkeit und Satorus Körper fühlte sich komplett verbraucht und energielos an, als bunte Farben vor seinen inneren Augen zersprangen wie Feuerwerk. Er klammerte sich an Sukunas Hände, öffnete die Augen halb und erschauderte intensiv, als er den Blick fest auf sich gerichtet fühlte.
„Sukuna“, jammerte er, wegen der weiteren Bewegungen.
Seine Kehle fühlte sich kratzig an, als hätte er stundenlang geschrien - vielleicht hatte er sogar ein oder zweimal geschrien - und sein Geist war ermüdet. Dennoch ließ er sich den Anblick nicht entgehen, zu beobachten, wie schließlich auch Sukuna jenes intensive Gefühl erreichte, welchem sie nachgejagt waren.
Satoru wusste natürlich, dass es klüger wäre, sich ins Badezimmer einzufinden, aber er hatte nicht den Ansatz einer Muse dazu, das Bett zu verlassen, und Sukuna schien es ähnlich zu ergehen. Zumindest wich er nicht von seiner Seite, sondern lag einfach bei ihm im Bett.
Wann hatte er zuletzt das Bett mit jemandem geteilt? Normalerweise war Satoru eher der Typ für nächtliche Abenteuer, ganz ohne Übernachtungen oder dergleichen. Dennoch fühlte es sich in diesem Augenblick völlig normal an.
Er fragte sich, ob es mit Erinnerungen zu tun hatte, aus einem vergessenen Leben.
„Sukuna …“
„... bist du wach?“
Satoru schnaubte und öffnete die Augen, um zu unterstreichen, dass er es wirklich war. „Natürlich bin ich wach. Glaubst du wirklich, dass bisschen Sex mir alle Kraft rauben wird und sofort einschlafen lässt?“
„Ein wenig schon. Ich hatte schon die Angst, dass du wirklich bewusstlos wirst.“
„Tsss“, schnaubte Satoru, sagte jedoch nicht mehr dazu. Vielleicht war er sogar zwischendurch bewusstlos geworden und wusste es selber nicht mehr? „Was willst du tun, wenn du wieder du sein kannst?“
„Ich bin doch ich, wovon redest du?“
„Dein eigener Körper, ohne Yuji“, spezifizierte er seine Aussage.
„Das, was ich immer schon gemacht habe.“
Satoru verzog das Gesicht: „Menschen essen?“
„Verschmähe nichts, was du noch nie gekostet hast“, schnaubte Sukuna tadelnd.
Ob sein anderes Ich von damals Menschenfleisch gegessen hatte? Das wollte sich Satoru lieber nicht vorstellen! Allerdings ging es ihm mehr um die Zukunft als die Vergangenheit - und inwiefern er sie beeinflussen konnte.
„Wie lange bist du schon in Yujis Körper?“
„Seit seiner Geburt. Er ist so etwas wie ein Nachfahre“, erklärte Sukuna. „Wenn er stirbt, werde ich ein paar Jahre später einen neuen Träger finden. Zumindest, wenn ich in diesem Leben nicht das erreichen kann, was ich erreichen möchte.“
„Und was möchtest du erreichen?“
„Stell keine Fragen, deren Antwort du nicht hören möchtest, Satoru.“
„Irgendjemand muss diese Fragen stellen.“
Sukuna schloss die Augen und wirkte dabei so entspannt. Satoru betrachtete ihn von der Seite und versuchte alles, um nicht Yuji in ihm zu erkennen.
„Sukuna“, sprach er ihn erneut an. „Ich weiß, dass du nicht schläfst. Rede mit mir. Du hast gesagt, dass du mir zuhören würdest, was du damals nicht getan hast.“
Das Zwiegesicht seufzte schwer: „Du möchtest wirklich nicht warten, was?“
„Ich war noch nie sehr geduldig“, gluckste Satoru, rollte sich bequem auf seine Seite, wobei ihm tatsächlich ein Ziehen im Steiß begegnete.
Glücklicherweise hielt es sich in Grenzen und ließ sich gut ausblenden.
„Natürlich möchte ich alle unterwerfen und über sie herrschen, den Flüchen einen Weg ebnen, wobei sie mir eigentlich egal sind, aber sie richten auch gutes Chaos an.“
„Nichts davon empfinde ich als gut.“
Satoru wusste nicht, ob es in diesem Verhältnis überhaupt die Möglichkeit gäbe, auf einen grünen Zweig zu kommen.
„Wie wäre es mit einem gemütlichen und normalen Leben? Ich meine, Yuji wäre wohl weiterhin dabei, aber sicherlich bekommen wir das zu dritt geschaukelt!“
„Gemütlich und normal?“, wiederholte Sukuna mit leerer Stimme und abdriftendem Blick.
Satoru nickte dennoch: „Gemütlich, normal und zusammen mit mir.“ Das klang so kitschig, dass selbst er sich gerne übergeben wollte. „Das klingt doch … gut?“
Sukuna streckte eine Hand aus und fuhr durch das schneeweiße Haar, welches sich nicht mehr so verschwitzt anfühlte; glücklicherweise. „Ja, ich schätze schon.“
Das klang nicht ganz so begeistert, wie Satoru sich gewünscht hätte, aber es wäre wohl besser, Babyschritte zu machen, als zu große zu erwarten, richtig?
„Wir … finden sicherlich einen Weg, etwas von deinen Wünschen einzubringen!“, meinte er mit gerunzelter Stirn. „Ich meine … es gibt schlimme Menschen, die könntest du also essen?“
Satoru sollte definitiv nicht darüber nachdenken, aber irgendwie mussten sie ja Kompromisse finden, oder nicht? Sukuna lachte jedoch herzlich auf, als würde er das anders sehen. Vielleicht empfand er es als absurd, seinen Ernährungsstil mit ihm absprechen zu müssen?
„Und da fängt deine Grauzone an, nicht? Wie damals auch.“
Er wusste nicht, wie es damals war, doch er verstand, was gemeint war. Eigentlich würde Satoru niemals auf die Idee von so einem Kompromiss kommen - jetzt erschien es ihm beinahe klar.
„Ich bin müde, Satoru“, meinte Sukuna. „Komm zu mir und lass uns schlafen. Wir werden morgen unsere Grauzonen erkunden.“
„Wir finden Kompromisse“, korrigierte Satoru. „Keine Grauzonen.“
„Was auch immer du sagst.“
Vier Arme packten ihn wie eine Beute, zogen ihn in eine liegende Position und ließen auch dann nicht los, als Satoru sich entspannte. Ihn überkam ein Gefühl von Gefangenschaft und gleichzeitig war da ein wohliger Schauder, durch den er sich fast wie geborgen fühlte.
„Dann morgen“, erwiderte Satoru noch. „... gute Nacht, Sukuna.“
„Hab’ gute Träume, Satoru.“
Was für Träume waren gut in Sukunas Augen?
Epilog
Die Stelle im Bett neben ihm war leer, als Satoru aufwachte. Er war selbst nicht sicher darüber, ob es ihn überraschte oder verärgerte - bevor er sich darüber im Klaren war, kam ihm schon ein anderer Gedanke: War Yuji anstelle von Sukuna neben ihm aufgewacht - und das nackt? Sofern dies so passiert war, hatte sich Yuji erstaunlich ruhig benommen, schließlich hatte Satoru weiterschlafen können.
Er verschwendete nicht so viele Gedanken daran, sondern bereitete sich für den Tag vor. Ohne Kontaktlinsen und ohne eine Besorgnis, welche sich um Megumi drehte. Alles war gut. Er musste nur noch mit Sukunas Plänen für die Zukunft auf einen grünen Zweig kommen.
Keinesfalls dürfte dieser wieder das komplette Chaos aufkommen lassen!
Als er in den Saal für die Speisen kam, fand er diesen leer vor. Er hatte tatsächlich das Frühstück verpasst. Satoru streifte durch die Gänge, sah zum Schrein, wo niemand vorzufinden war, und stand anschließend vor der Tür von Yujis Zimmer. Er klopfte an, bekam keine Reaktion - er klopfte ein weiteres Mal an. Als immer noch keine Reaktion kam, öffnete er die Tür und sah hinein.
„Yuji?“, fragte er schließlich und tatsächlich - aus dem angrenzenden Zimmer kam der junge Mann heraus.
„Satoru …“
Er betrat das Zimmer und schloss die Tür hinter sich, ehe er fragend zum Jüngeren sah: „Was ist los?“
„Du warst es. Du hast …“
„Was habe ich?“
„Megumi ist verschwunden. Wir sind verdammt. Er ist weg. Wieso… Was soll ich jetzt nur tun …“
Satoru hatte wohl Glück, Sukuna war sicherlich aufgestanden und hatte Yujis Körper weggebracht. Wenn er so darüber nachdachte, war es durchaus verwerflich, was sie getan hatten - auch wenn es psychisch gesehen Sukuna gewesen war, war es auf physischer Ebene zum Großteil … Yuji oder? Vielleicht sollte er nicht zu viel darüber nachdenken.
„Du wolltest ihn opfern, oder?“
Yuji presste die Lippen aufeinander: „Ja. Ja, natürlich. Natürlich wollte ich das!“
„Das konnte ich nicht zulassen. Niemals. Außerdem war Megumi nie der Geliebte vom Zwiegesicht, weder damals noch heute. Du hättest ihn sowieso nicht heraufbeschwören können.“
„Das … ich weiß, Satoru … uff“, Yuji kniff die Augen zu und rieb sich die Stirn, ehe er mit sicheren Schritten auf ihn zuging. „Komm mit mir. Jetzt.“
„Ähm … was ist los?“
Er ließ zu, dass Yuji seine Hand ergriff und ihn mit sich zog. Es ging zum Schrein, zum Thron - kam es ihm nur höher vor als zuvor?
„Willst du mir hier etwas zeigen?“
Satoru beobachtete, wie Yuji um den Thron ging und dahinter stehen blieb, die Stirn gerunzelt.
„Weißt du, was das Zwiegesicht alles getan hat?“
„Vermutlich besser als du denkst“, erwiderte Satoru monoton.
Die vergangene Nacht war ruhig geblieben, ein paar Erinnerungen an ähnliche Nächte zuvor in einem anderen Leben - nichts Beunruhigendes.
„Er hat die Welt ins Chaos gestürzt, oder? Zumindest Japan, Leichen gestapelt, Menschen gegessen …“
„Ja! Ja, genau! Das und so viel mehr!“ Yuji nickte und nickte, seine Finger gruben sich in den Thron. „Er darf nicht wiederauferstehen.“
Satoru runzelte die Stirn: „Was? Moment mal - aber … du wolltest das doch! Ihn die ganze Zeit auferstehen lassen, davon hast du immer gesprochen.“
„Nein, das war ich nicht! Ich … verdammt“, er kniff erneut die Augen zu. „Ich musste alle überzeugen, aber das wollte ich nie. Ich wollte alles dafür tun, damit er bleibt, wo er ist.“
Er kam nicht wirklich mit: „Du wolltest Megumi opfern.“
„Ja.“ Das schien zumindest eine klare Sache zu sein. „Weil er es sein wird, der dem Zwiegesicht einen Körper besorgen kann. So wie damals. Das darf nicht geschehen. Sein Tod wäre es gewesen, was alle gerettet hätte - aber jetzt … er ist weg. Das Zwiegesicht wird ihn finden und dann benutzen. So wie er damals alle benutzt hat! So wie er auch jetzt alle benutzt!“
Satoru dachte an den vergangenen Abend, sein Herz wurde wärmer und seine Sorgen kleiner.
„So ist es nicht, Yuji.“
„Doch! Es ist wie damals! Er hat dich um den Finger gewickelt. Egal, was ich getan habe oder getan hätte - es wäre immer wieder so verlaufen. Er hätte sich dich immer geholt und jetzt ist Megumi weg.“
„Ich glaube, du … bist etwas zu panisch, Yuji. Komm schon, ich bringe dich zurück ins Zimmer, dann kannst du dich ausruhen und … wir sprechen wieder, wenn du nicht mehr so aufgeregt bist.“
Yuji presste die Lippen mit einem leisen Seufzer aufeinander. Er drehte ihm den Rücken zu, ballte die Hände zu Fäusten und schwieg für einen Augenblick.
„Was tust du, wenn er wieder aufersteht?“
Satoru runzelte die Stirn: „Das wird er nicht und wenn doch, dann werden wir eine Möglichkeit dazu finden, dass er nicht die Welt ins Chaos stürzen lässt. Da bin ich mir sicher.“
Eine Welle von Vertrauen überkam ihn, Gedanken an die vergangene Nacht und das geführte Gespräch.
„Du bist dir so sicher …“, erwiderte Yuji, seine Stimme wirkte etwas tiefer, rauer als noch zuvor. „Du wirst also nicht an seiner Seite regieren?“
„Natürlich nicht. Was habe ich davon, die Welt zu zerstören?“
Satoru sah, wie sich Yujis Schultern anfingen zu entspannen: „Keiner von uns könnte ihn aufhalten.“
„Das müssen wir nicht. Wir-", dann explodierte ein Schmerz in seiner Brust. Satoru zuckte, erfasste jedoch kaum, was vor sich ging.
Seine Hand hatte sich halb gehoben, ein innerer Reflex, der reagiert hatte, doch zu langsam gewesen war.
Seine Finger bebten in der Luft und sein Blick glitt nach unten. Eine Hand umfasste einen Dolch, welcher bis zum Griff in Satoru Brustkorb versunken war. Sein wattiger Verstand versuchte zu begreifen, was passiert war, als er auf der Zunge bereits den Geschmack von Blut hatte.
Seine Hand in der Luft griff nach Yujis Schulter, seine andere Hand versuchte nach dem Dolch zu fassen, wurde dabei jedoch aufgehalten. Warme Finger lagen um seine.
Sein Blick erfasste das Antlitz von Yuji. Yuji, der nicht wirklich Yuji war.
„Su…kuna…“
„Vielleicht haben wir im nächsten Leben mehr Glück miteinander, Satoru.“
Er verstand nicht, was vor sich ging - er verstand nicht, weshalb dies nun passiert war. Durch Sukunas Hand, im Körper von Yuji. Oder war es immer schon Sukuna gewesen, mit unterschiedlichem Aussehen?
„Du bist einfach nicht er, Satoru.“
Was er wusste war, dass er umgeben von vier Armen starb, die ihn sanft wogen wie ein kleines Kind - beobachtet von vier rot leuchtenden Augen.
Und einen Gedanken im Kopf: „Lass Megumi sicher und wohlbehalten sein gesamtes Leben verbringen.“
Ihm entrann ein röchelndes Lachen, die Augenlider bereits weitgehend gesenkt, wodurch er Sukuna nur noch ganz schwach vor sich sah. Genauso schwach gruben sich seine Finger nochmal in den Kimono, auch wenn es ihm all seine verbliebene Kraft kostete.
„Näch…stes Mal…“, murmelte er, zumindest in seinem Kopf hörte er die Worte deutlich. „Werde… ich dich… umbringen.“
Die Stille danach ließ Satoru daran zweifeln, ob er die Worte wirklich über die Lippen gebracht hatte, doch dann: „Wenn du stark genug in deinem nächsten Leben sein wirst, freue ich mich mehr über unsere gemeinsame Regentschaft, Satoru Gojo.“
