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Auf Gewinner und Verlierer

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr Lieben, jetzt mal die offiziellen Willkommensgrüße.

Diese kleine Geschichte wartet schon seit längerem darauf, endlich gepostet zu werden, aber bisher hatte ich einfach keine Zeit, neben meiner OS-Kollektion noch eine weitere Geschichte regelmäßig hochzuladen. Das hat sich nun geändert und ich plane derzeit mit wöchentlichen Updates, wenn es gut läuft, gibt es vielleicht mal ein Update zur Wochenmitte ;-)

Vielen Dank an grottenschlecht (zu finden auf Fanfiktion de) für deine tolle Beta-Arbeit.

So, danke für euer Interesse und ich wünsche euch viel Spaß mit: Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ein schönes Wochenende euch allen,

na dann wollen wir doch mal sehen, ob wir ein paar Antworten auf unsere Fragen kriegen ;-)

Viel Spaß dabei Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle miteinander,

heute geht es also weiter mit unserem kleinen Kammerspiel. Viel Spaß dabei ;-) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle miteinander,

ich bin zwar etwas früh fürs Wochenende, aber ich denke nicht, dass sich da jemand drüber beschwert, oder^^'
Heute gibt es ein paar neue Erkenntnisse und wichtige Entscheidungen. Viel Spaß damit ;-) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle miteinander,

dann wird es wohl Zeit für das nächste Kapitel ;-)

Viel Spaß dabei^^ Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr Lieben,

heute geht es weiter, etwas spät (gab ein paar technische Probleme, man konnte nichts hochladen...), aber immerhin^^' Kommendes Wochenende wird es vermutlich kein Update geben, da ich unterwegs sein werde. Bis dahin wünsche ich aber zumindest viel Spaß mit diesem Kapitel ;-)

Liebe Grüße Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle miteinander,
nach der Woche Pause geht es dann heute wie gewohnt weiter.
Euch viel Spaß dabei ;-) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle miteinander,

heute geht es wie gewohnt weiter (vielleicht etwas früher als gewohnt ;-)). Ich wünsche euch viel Spaß mit dem neuen Kapitel.

Liebe Grüße Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo meine Lieben,

tut mir sehr leid, dass so lange Funkstille war, aber es ging bei mir privat etwas hoch her^^'
Aber damit ihr nicht bis zum nächsten Wochenende warten müsst, hab ich mir gedacht, ich lade das nächste Kapitel dann einfach jetzt unter der Woche hoch (und als Entschädigung ist es eines meiner absoluten Lieblingskapitel aus dieser Geschichte)

Ich wünsche euch viel Spaß damit und liebe Grüße

eure
Sharry Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So, und damit sind wir dann wieder zurück im üblichen Rhythmus ;-)
Viel Spaß! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle miteinander,

dann geht es heute mal weiter. Ich wünsche euch viel Spaß ;-)

Liebe Grüße Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle zusammen,

dann geht es heute mal weiter und ich wünsche euch viel Spaß ;-) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Guten Morgen alle miteinander,

so langsam biegen wir auf die Ziellinie ein, unsere beiden Ärzte müssen es nur noch irgendwie schaffen, ihren widerspenstigen Patienten sicher aufs andere Schiff zu bringen ;-)

Viel Spaß dabei Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo alle miteinander,

tut mir leid, dass das Kapitel etwas verspätet kommt, aber leider war mein Wochenende wirklich sehr geschäftig (im besten Sinne). Dennoch wollte ich euch nicht länger warten lassen, weil wir ja fast am Ende sind.

Und damit viel Spaß ;-) Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr Lieben,

es tut mir wirklich leid, dass der Epilog erst heute kommt. Ich wollte keine unnötige Spannung erzeugen ;-) Leider war ich die letzte Woche ziemlich krank und bin immer noch nicht so ganz fit und hab einfach viel geschlafen (oder im Bett vor mich hingelitten, bei sowas mutiere ich immer zum Weichei^^')
Aber ich wollte euch nicht noch länger warten lassen. Daher hier nun der kleine Epilog von einer Geschichte, wo doch eigentlich gar nichts passiert ist ;-)

Ganz liebe Grüße Komplett anzeigen

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Kapitel 1

 

„Es ist anscheinend vorbei.“

Überrascht sah er auf. Die Erde bebte immer noch vom Kampf des Strohhuts, doch der Neuankömmling hatte Recht; der Sieger stand bereits fest, auch wenn der Verlierer dies vielleicht noch nicht einsehen konnte.

„Du lebst ja tatsächlich noch“, murrte Law, während der Schwertkämpfer der Strohhutbande langsam näher hinkte, „hätte nicht gedacht, dass du es packst.“

Zorro grinste leicht, Blut floss ungehindert seine Schläfe und sein vernarbtes Auge hinab, sein linker Arm pendelte unkontrolliert hin und her. Er sah übel aus, ein Wunder, dass er überhaupt noch stand.

„Du musst gerade reden, was?“, meinte er viel zu gut gelaunt für Laws Geschmack, wenn man bedachte, dass sie sich gerade mitten auf einem Schlachtfeld befanden und keiner von ihnen mehr kämpfen konnte. „Siehst ziemlich beschissen aus.“

Schwerfällig stöhnend ließ Zorro sich neben Law auf einen Geröllhaufen niedersinken, verzog dabei schmerzerfüllt das Gesicht.

„Mir geht es auch ziemlich beschissen“, beschwerte Law sich und lehnte seinen Kopf zurück gegen die zerbrochene Häuserwand, „ich kann mich kaum noch bewegen.“

Das nahm der Schwertkämpfer mit einem Schmunzeln hin, während er seinen Blick über das Schlachtfeld gleiten ließ und die Erde weiter bebte.

„Was machst du überhaupt hier? Solltest du nicht nach deinen Crewmitgliedern suchen oder dich selbst verarzten lassen?“, murrte Law dann und fasste den anderen ins Auge, der seinem Blick unbeeindruckt begegnete. Er wurde einfach nicht schlau aus diesem Typen und das, obwohl Zorro wahrlich kein komplexer oder tiefsinniger Mensch war, und das machte es nur noch nerviger.

„Nah, Lysop und Brook werden die anderen mit Sicherheit gefunden haben. Aber du sahst eben schon dreckig aus; dachte, es wäre nicht schlecht zu gucken, ob du Hilfe brauchst.“

„Ich brauche auch Hilfe“ bemerkte Law und nickte zu seinem geschundenen Körper hinab. Er brauchte medizinische Versorgung und ganz dringend einen Kaffee. „Aber du bist nicht in der Verfassung, irgendwem zu helfen, schau dich doch mal an.“

„Fies.“

„Ich kann kaum glauben, dass deine Crewmitglieder dich so haben gehen lassen. Du siehst aus, als würdest du jeden Moment umkippen.“ Wobei die anderen wahrscheinlich auch nicht viel besser dran waren, wie Law gedanklich hinterhersetzte, aber er hütete sich davor, das laut zu sagen.

Was auch immer der Schwertkämpfer entgegnen wollte, er ließ es bleiben, als ein lautstarker Tumult sie ablenkte. Aufmerksam sahen sie übers Schlachtfeld.

„Oh“, murmelte Zorro, fast schon amüsiert, „scheint, als gäbe es noch ein paar verzweifelte Idioten, die glauben, dass sie gewinnen könnten.“

Leise fluchte Law auf, als er in der Ferne die Feinde sah. Mochte sein, dass der Strohhut seinen Kampf gewinnen würde, aber Law selbst war kaum in der Lage, aufzustehen, geschweige denn zu kämpfen. Zorro zwei Meter vor ihm sah nicht viel besser aus. Aber immerhin schienen sie noch nicht bemerkt worden zu sein. Sollten sie es schaffen, sich vor dem verzweifelten Fußvolk zwischen dem Geröll zu verstecken, hatten sie noch eine…

Schwerfällig erhob Zorro sich, dieses wahnsinnige Grinsen auf den Lippen, von dem Law mittlerweile nur zu gut wusste, dass es hirnrissige und unnötige Gefahr bedeutete.

„Hey!“, brüllte der Schwertkämpfer auch gleich über den ganzen Platz, sodass ihn zweifellos jeder hören musste. „Wo wollt ihr denn hin, ihr Feiglinge?! Ich bin hier! Los kommt! Kämpft gegen mich!“

Wenige Sekunden später konnten sie laute Rufe hören, als die Feinde den Schwertkämpfer der Strohhutbande erkannten und augenblicklich ihre Richtung änderten.

„Was tust du denn da?!“, knurrte Law unleidig, obwohl er die Antwort wusste, und versuchte, sich aufzurichten, doch seine Beine gaben unter ihm nach. „Willst du, dass wir sterben, oder was?“

„Nein.“ Überrascht sah er auf. Von dem gefährlichen Grinsen war nichts mehr geblieben, während Zorro sich zur vollen Größe vor Law aufbaute und ihm seinen Rücken zuwandte. „Aber irgendwo dahinten sind die anderen und wie du mit Sicherheit auch weißt, sind zumindest ein paar von ihnen ohnmächtig oder verletzt und wer weiß, in was für einem Zustand Ruffy nach seinem Kampf sein wird. Ich kann diesen Kerlen nicht mehr nachlaufen, also müssen sie hier her kommen.“

„Ja schön, dass du den Lockvogel spielen willst“, erwiderte Law augenrollend, doch sein schmerzender Körper verweigerte ihm den Dienst, „aber wie willst du die anderen beschützen, wenn wir hier draufgehen, du Vollidiot?!“

„Draufgehen?“ Zorro sah ihn kurz über seine Schulter hinweg an. Obwohl er gerade noch so ernst gewesen war, schenkte er Law nun ein breites Grinsen, wie er es sonst nur vom Strohhut kannte. „Nah, ich habe nicht vor, hier zu sterben.“

Dann zog er eines seiner Schwerter, doch Law starrte ihn nur fassungslos an. Wie konnte er ihn mit so einem Grinsen ansehen, schwer verletzt, kurz bevor er sich seinem eigenen Tod entgegenstellen würde? Es erweckte ein unangenehmes Gefühl in ihm, fast wie bei einem Déjà-vue. Allerdings war es auch genauso dämlich, wie er es vom Strohhut und dessen Crewmitgliedern nun mal gewohnt war.

„Du kannst dich kaum noch bewegen, Trafo, und sollte ich sie nicht aufhalten, würden sie dich töten. Das fände wohl weder mein Kapitän noch deine Crew besonders toll und ich hab ja auch noch ein Wörtchen mitzureden, daher werde ich gewinnen.“ Als wäre es damit entschieden, steckte Zorro sein Schwert zwischen die Zähne und zog ein Zweites; sein linker Arm hing immer noch schlaff herab und es war offensichtlich, dass er ihn nicht bewegen konnte.

„Wäre nett gewesen, wenn du dir um mein Wohlergehen Gedanken gemacht hättest, bevor du unsere Feinde auf unseren Aufenthaltsort aufmerksam machen musstest“, murrte Law trocken, aber tatsächlich fiel es ihm schwer, wütend zu sein. Natürlich konnte er sich Schöneres vorstellen, als hier und jetzt den Löffel abzugeben, aber er konnte den Schwertkämpfer auch verstehen. Es stimmte, dass sie keine Ahnung hatten, wie schlecht es um die anderen stand, aber sie waren etwas abseits vom Kampfgeschehen. Selbst, wenn es Zorro nur gelingen würde, den anderen ein paar wenige Minuten zu verschaffen, so könnte diese wertvolle Zeit doch ausreichend sein, um Schwerverletzte zu versorgen, zu fliehen, sich kampfbereit zu machen. Die Frage war nur, was sie diese paar wertvollen Minuten kosten würde. „Ich werde dich im Kampf kaum noch unterstützen können, ist dir das klar? Du wirst auf dich allein gestellt sein und du siehst aus, als würdest du nicht mehr lange durchhalten.“

„Keine Sorge“, entgegnete Zorro fast schon leichtfertig und Law wunderte sich, wie er ihn durch sein Schwert hindurch überhaupt verstehen konnte, „keiner von ihnen wird diese Linie hier überschreiten. Also bleib du nur ruhig hinter mir sitzen und schau zu.“

Mit diesen Worten zog er in einer eleganten Bewegung sein Schwert über den Boden, direkt hinter seinem Stiefelabsatz. Es überraschte Law etwas. Er wusste, dass dieser Kerl wohl alles für seine Crew tun würde – und er war ebenso wahnsinnig wie dessen Kapitän – aber Law gehörte nicht zur Crew. Ja, es hatte einst eine Allianz zwischen ihnen bestanden, aber diese Tage waren längst vorbei. Nein, es war schon kein Wahnsinn mehr, sondern schlicht absolute Dummheit, in Zorros gegenwärtigen Zustand einen Kampf zu provozieren. Darüber hinaus noch jemanden beschützen zu wollen, der nicht kämpfen konnte, und somit die eigene Bewegungsfreiheit noch weiter einzuschränken, war so idiotisch, dass Law die Worte fehlten, es zu beschreiben.

„Warum tust du das?“, fragte er, während die Feinde näher kamen. „Wenn du versuchst, mich zu beschützen, könnte dich das dein Leben kosten. Wir sind nicht mal mehr eine Allianz, wir könnten genauso gut Feinde sein. Du solltest keine Rücksicht auf mich nehmen, nur so kannst du sichergehen, zu überleben.“

„Tze“, lachte Zorro beinahe auf, ehe er in Kampfposition ging. „Allianz hin oder her, zu überleben, indem ich einen Freund sterben lasse, ist keine Option. Außerdem beabsichtige ich, den Kampf zu gewinnen. Also werden weder du noch ich draufgehen.“

Einen Moment starrte Law den Hinterkopf des anderen an, versuchte diese stoische Logik, die jeder Vernunft widersprach, zu verstehen. Kopfschüttelnd musste er sich eingestehen, dass dieser Versuch wohl vergebens war.

"Also gut", seufzte er auf, als ob sein Widerspruch irgendetwas an ihrer Situation geändert hätte. "Aber wehe, du brichst dein Wort."

Und dann kamen sie.

Law sollte Recht behalten. Obwohl er es wirklich versuchte, schaffte er kaum, sich zu bewegen. Allein seinen Room aufrechtzuerhalten, kostete ihn bereits seine letzten Kräfte und er konnte Zorro nicht ansatzweise so oft helfen, wie er wollte und wie es notwendig wäre.

Aber der Schwertkämpfer ließ sich nicht beirren. Ganz gleich, ob Law es schaffte, eine Kugel oder ein Schwert mit Kieselsteinen auszutauschen oder nicht. Ganz gleich, ob Law einen Angriff mit seinem Curtain aufhielt oder nicht. Ganz gleich, was Law tat oder nicht tat, Zorro streckte Gegner nieder und blockte jedweden Angriff, ganz gleich wie. Wenn sein Schwert nicht schnell genug war, wenn Law nicht schnell genug war, dann eben mit dem Körper. Am Anfang war Law überzeugt gewesen, dass Zorro einfach bereits so erschöpft war, dass er manchen Angriffen nicht mehr ausweichen konnte, aber das war ein Irrtum.

Zorro war schnell, obwohl sein linker Arm wie ein unliebsames Anhängsel hin und her pendelte, so zeigten seine Bewegungen kaum etwas von der Müdigkeit, die er doch fühlen musste. Gleichzeitig gehörten seine Gegner nicht zur obersten oder zumindest oberen Güteklasse. Selbst so müde, wie Law war, konnte er problemlos erkennen, dass sie nur besseres Kanonenfutter waren, einfaches Fußvolk, welches Zorro oder er unter anderen Umständen auch allein innerhalb von einem Atemzug hätten wegfegen können. Dennoch trafen Zorro Kugeln und Schwerthiebe, nicht, weil er es nicht schaffen konnte, ihnen auszuweichen, sondern weil er sich bewusst dagegen entschied, und der Grund dafür war offensichtlich. Direkt hinter ihm hockte Law, kaum in der Lage, sich noch zu rühren.

Fluchend versuchte er, Zorro zu schützen, seine Gegner gegeneinander auszuspielen, aber seine Kraft war am Ende und er musste auch aufpassen, nicht aus Versehen Zorro zu treffen.

Doch dieser ließ sich von Law nicht wirklich stören, so wie er sich auch nicht von seinen Feinden stören ließ, stand immer noch vor ihnen und wich keinen Schritt zurück. Es schien, als würde er sich nicht mal von den Wunden stören lassen, während er einen Gegner nach dem anderen ausschaltete. Sie prasselten zu Boden wie Zorros Blut und endlich – endlich! – fiel der Letzte von ihnen. Fast zeitgleich donnerte ein Beben über das Schlachtfeld und erschütterte die Erde, doch immer noch stand Zorro.

„Das war’s dann wohl“, atmete Law erleichtert auf. Sowohl der Kampf des Strohhuts als auch ihr eigener schien vorbei zu sein, glücklicherweise, denn auch, wenn er keine Ahnung hatte, wie es um den Strohhut stand, so zweifelte er daran, dass Zorro noch lange durchhalten könnte. Doch immer noch stand er, wie das Monument eines Mannes, Law seinen breiten Rücken zugewandt. Er musste zugeben, dass er diesen wahnsinnigen Schwertkämpfer unterschätzt hatte, der immer noch da stand, als würde er eine Fortsetzung des Kampfes erwarten. Tief atmete Law aus, begann, seine verkrampften Muskeln zu entspannen, auch wenn die Schmerzen dadurch schlimmer wurden. „Du hast es echt gepackt, du wahnsinniger Vollidiot. Sollte auch nur einer dieser Schwächlinge hier noch kampffähig sein, so sollte die Niederlage ihres Anführers ihren Willen vollends brechen.“

Sein Blick fiel auf die Linie hinter Zorros Stiefelabsätzen. Sie war tatsächlich absolut unversehrt, nicht mal ein Steinchen lag auf ihr. Es war beeindruckend. Law wusste, dass dieser Mann stark war, dass sein Wille ihn zu Menschenunmöglichem treiben konnte, und es brauchte mit Sicherheit auch einen gewissen Wahnsinn, um der erste Mann hinter dem Strohhut zu sein. Aber gerade in diesem Moment…

Klirr!

Zorros Schwert war zu Boden gescheppert, lag nun dort im Staub, so blutgetränkt wie der Boden um es herum. Aber immer noch stand der Schwertkämpfer. Bis er dann fiel.

„Hey!“

Er knallte zu Boden wie ein hartes Brett, sein weißes Schwert noch zwischen den Zähnen, rührte sich kein Stück.

„Oh Scheiße!“ Unter Stöhnen kroch Law zum anderen, griff nach dessen Handgelenk, doch fand nicht, wonach er suchte. „Ach, verdammte Scheiße!“

Im nächsten Moment riss er den Mantel zur Seite und zog Zorros Schwert aus dessen verspanntem Kiefer.

„Room!“, knurrte Law und begann mit der Herzmassage. „Scan!“

Eigentlich brauchte er sein Schwert, aber für Genauigkeit fehlte ihm gerade die Zeit, während seine Hände sich in die Brust des anderen rammten und Knochen unter ihm barsten. Laws Blick glitt über und durch den lädierten Körper, suchte nach den gefährlichsten Verletzungen.

Schnell fand er die stark blutenden Stellen, aber ihm fehlten die Hände. Er musste Zorro gleichzeitig wiederbeleben und die Blutungen stoppen, denn ohne Blut würde sein Herz so oder so nicht schlagen.

„Ach, komm schon, du Mistkerl! Wehe du stirbst! Du hattest doch nicht vor, Seppuku zu begehen, oder wie war das?!“

Er blies dem anderen Sauerstoff in die Lungen, dann machte er weiter. Sein Blick fiel auf das weiße Schwert und nach einem entnervten Aufstöhnen, ließ er von Zorros Brust ab und packte es. Er war sich über die Schande bewusst, ein Schwert gegen dessen Meister zu richten, aber auf solche Befindlichkeiten konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen.

„K Room! Anesthesia!“ Mit einer erzwungenen Ruhe fuhr er mit einer Hand über die Klinge. Dann stieß er sie gezielt in die Magengrube des anderen. „Radio Knife!“

Diesen Vorgang wiederholte er drei Mal, verlötete die gerissenen Blutgefäße, stillte die schlimmsten inneren und äußeren Blutungen, ohne selbst das Fleisch des anderen zu schneiden.

Dann warf er die Klinge achtlos zur Seite und fuhr mit der Herzdruckmassage und der Sauerstoffzufuhr fort. Aber er wusste, dass es vergebens war. Zorro hatte bereits zu viel Blut verloren und ohne eine baldige Transfusion würde er es auf keinen Fall packen.

Zwei manuell durchgeführte Herzschläge brauchte er, um die Szenarien durchzuspielen. Es war riskant, aber Zorros einzige Chance. Law kannte Zorros Blutgruppe nicht, aber er wusste aus einem Kommentar Choppers, dass es zumindest nicht die seltenste Gruppe S war, weil diese wohl nur der Koch der Crew hatte, damit blieben noch X, F und XF. Die am weitesten verbreitete Blutgruppe war XF, die Zweithäufigste war F, welche ebenfalls jemandem mit XF gespendet werden konnte. Laws eigene Blutgruppe war F, sofern Zorro also ebenfalls F oder XF hatte, würde Laws Blut ihn retten. Sollte er jedoch X haben… na dann war er eigentlich so oder so schon verloren.

Leise knurrte Law auf. Das Adrenalin ermöglichte ihm, seinen geschundenen Körper zu bewegen, aber was er nun vorhatte, war selbst unter idealen Voraussetzungen eine Herausforderung.

„Du bist so ein Heuchler!“, fluchte er keuchend, ohne in seiner Bewegung innezuhalten. „Dein eigenes Leben zum Preis eines anderen zu retten, ist für dich also keine Option. Aber wir anderen sollen das dann einfach so hinnehmen?! Nicht mit mir, mein Lieber, nicht mit mir!“

Er musste sein eigenes Blut in die Adern des anderen transferieren – aber ohne sein Plasma, das könnte möglicherweise eine Komplikation hervorrufen, die er vermeiden musste – und zwar genug, damit Zorros derzeit nichtschlagendes Herz wieder genug zum Arbeiten hatte, aber nicht genug, um ihn selbst ohnmächtig werden zu lassen – was er in seinem derzeitigen Zustand jederzeit so oder so werden konnte – weil sonst niemand da wäre, der Zorro weiter wiederbeleben konnte.

Einen Moment schloss er die Augen, konzentrierte sich, und atmete tief aus. Was für ein unsinnig wahnsinniges Unterfangen.

„Chambres“, flüsterte er.

Diese Art der Bluttransfusion hatte er erst wenige Male durchgeführt, noch kein einziges Mal als Spender in Person und daher musste er vorsichtig vorgehen, nicht zu viel Blut auf einmal, das würde sein Kreislauf nicht mitmachen. Außerdem musste er noch darauf achten, nur kleinste Mengen von Zorros Blut mit seinem eigenen zu tauschen. Zum einen natürlich, weil es darum ging, Zorro mehr zuzuführen, als wegzunehmen, zum anderen aber auch, weil Law eine Transfusionsreaktion bekommen könnte, sollten sie nicht die gleiche Blutgruppe haben und dann standen die Chancen recht gut, dass er ebenfalls abdanken konnte, und darauf konnte er nur zu gut verzichten.

Immer wieder zwischen der Herzdruckmassage, zwischen der Sauerstoffzufuhr, überführte er etwas Blut, bis schwarze Punkte an den Rändern seines Sichtfeldes tanzten. Es musste genug sein, es musste genug sein!

Aber immer noch schlug Zorros Herz nicht!

„Komm schon!“, knurrte er, atmete schwer, als die Erschöpfung ihn einholte. Er würde nicht mehr lange durchhalten, bereits jetzt zitterten seine Arme. „Du wirst hier nicht sterben, hast du gesagt. Also steh verdammt nochmal zu deinem Wort, verstanden?!“, brüllte er den anderen an, der natürlich nicht antwortete.

„Scheiß doch drauf! K Room!“ In purer Verzweiflung rammte er seine beiden Hände auf die Brust des anderen, glitt durch Fleisch und Knochen hindurch, bis er das Herz des anderen wortwörtlich in seinen Händen hielt. „Verdammt nochmal, ich hab dir gesagt, dass du’s nicht packen würdest! Aber du wolltest ja nicht hören! Und jetzt soll ich dich einfach draufgehen lassen? Leck mich doch! Ich werde dich dazu zwingen, dein Wort zu halten, hörst du? Ich verbiete dir, hier draufzugehen, kapiert?! Du gibst mir nicht den Löffel ab!“

Nicht, dass dieser Mistkerl irgendwem anders als dessen Kapitän gehorchen würde, aber das war Law gerade sowas von egal, gerade ging es ums Prinzip! Hektisch holte er Luft, ehe er tief in den Rachen des anderen ausatmete und sich wieder aufrichtete. „Counter Shock!“

Ruhig hielt er das Herz fest, versuchte, leichteste Bewegungen wahrzunehmen, aber seine Sinne waren stumpf. Er konnte nicht sagen, ob es ganz still war oder ob da noch etwas zu retten war.

„Sieht ziemlich beschissen aus, was?“

So schnell würde er nicht aufgeben!

„So einfach kommst du mir nicht davon! Wach auf, damit ich dir den Kopf abschlagen kann, du Vollidiot! Counter Shock!“

„Wäre das nicht etwas kontraproduktiv?“

Wieder saß er da, hektisch am Atmen und wartete. Bildete er es sich ein oder waren da leichte Impulse? Innerlich flehte er darum, dass er sich nicht irrte, während er die Sekunden zählte, seine Hände gaben den Rhythmus vor.

Bilder flackerten vor seinem inneren Auge auf, während er Zorro beatmete, er konnte Schüsse hören. Der Staub um ihn herum war so rot wie der Schnee damals.

Nein, dieses Mal würde Law nicht jemand anderen sterben lassen, nur um mit seinem eigenen Leben davonzukommen. Nicht dieses Mal. Aber was konnte er noch tun? Was konnte er noch…?

Er betrachtete seine Hände im Brustkorb des anderen, wo er das Herz hielt, dessen Leben er retten wollte, konnte die leichten Regungen wahrnehmen. Es fühlte sich an wie Minuten, dabei waren erst wenige Sekunden seit dem ersten Counter Shock vergangen. Noch war der andere nicht tot, noch konnte Law kämpfen, aber wenn ihm nicht bald etwas einfiel, wenn er dieses Herz nicht bald wieder richtig ans Schlagen kriegen würde, dann würde Zorro sterben. Dann würde wieder einmal jemand sterben, nur damit Law überleben konnte.

War das also der Preis, den man bereit sein musste, zu zahlen, wenn man ein anderes Leben auf jeden Fall retten wollte? Warum wollte er dieses Leben überhaupt um jeden Preis retten?

Was für eine unsinnige Frage, weil er konnte, einfach, weil er konnte, weil er es dieses Mal konnte.

Auf einmal war er ruhig, während die Zeit langsamer zu verstreichen schien als für gewöhnlich. Er wusste genau, was er zu tun hatte, wusste genau, wie er Zorros Leben retten konnte. Vielleicht war es nicht die rationalste Entscheidung – das konnte er immer noch auf den Blutverlust schieben – aber einen Weg hatte er doch noch.

„Dann soll es wohl so sein. Ein Leben für ein Leben. Also doch Seppuku.“

„Was? Wovon redest… Hey warte mal, denk nicht mal dran. Auf diese Art will ich nicht gerettet werden.“

„Oh, ich denke nicht, dass du gerade irgendein Mitspracherecht hast, wie du…“

Er erstarrte und wandte seinen Kopf zur Seite. Neben ihm stand Zorro. Der Zorro, in dessen Brustkorb Law gerade seine Arme getaucht hatte. Der Zorro, dessen flimmerndes Herz Law gerade in seinen eigenen Händen hielt. Er stand neben Law, genau auf der unversehrten Linie zu seinen eigenen Füßen, die er vor gefühlten Stunden gezogen hatte, mit verschränkten Armen, und sah auf Law und sich selbst hinab.

Noch eine Sekunde starrte Law ihn an, dann riss er sich zusammen.

„Counter Shock!“

Dann wartete er für diesen Sekundenbruchteil einer Ewigkeit.

Endlich!

Da war ein Herzschlag.

„Käpt’n!“

Er hatte gar nicht bemerkt, dass jemand nähergekommen war, als seine Sinne immer mehr abstumpften, aber plötzlich sah er Shachi und Uni nur noch wenige Meter von ihm entfernt.

„Oh mein Gott, was ist denn hier passiert?!“ Hinter ihnen tauchte der Arzt der Strohhutbande auf, was ein Glück.

Law ließ sich zurückfallen, gegen Shachis Hände, während die bunten Punkte immer mehr seines Blickfeldes einnahmen.

„Er muss versorgt werden“, flüsterte er, während Chopper sich bereits über Zorro beugte, „überprüf seinen Puls, drei Mal defibrilliert. Hab Blutungen von Bauch Aorta, innerer und äußerer Beckenschlagader rechts und Schlüsselbeinarterie links geschlossen. Was hat er für eine Blutgruppe? Hab ihm circa 800 Milliliter Blut transferiert, meine Blutgruppe ist F.“

„Er hat XF, aber das ist viel zu viel“, belehrte der junge Arzt ihn, als ob Law das nicht selbst wüsste, „in deinem derzeitigen Zustand hättest du gar kein Blut spenden dürfen.“

„Hört sich an, als hättest du ziemlich leichtfertig gehandelt, Trafo.“

„Klappe“, knurrte er und sah den Zorro an, der mit verschränkten Armen da stand und doch nicht da war, als wollte er Law tadeln wie einen dummen Bengel, „du bist nicht in der Position, mein Handeln verurteilen zu dürfen.“

„Was?“ Choppers Stimme klang beinahe schrill in seinen Ohren.

„Ich glaube, dass ich bald das Bewusstsein verliere“, murmelte Law nur, „ich halluziniere bereits und meine Sicht ist eingeschränkt.“

„Du halluzinierst? Aber ich hoffe, du meinst damit nicht mich.“

„Ruhe auf den billigen…“

Kapitel 2

 

Law riss die Augen auf.

Das würde er zumindest gerne sagen, die Wahrheit war jedoch, dass er nur unter größter Anstrengung blinzeln konnte. Sein Körper war so erschöpft und sein Kopf brummte so laut, dass er am liebsten weiterschlafen würde, aber nicht mal das vor Kopfschmerzen konnte.

Es kostete ihn einige schlaftrunkene, verwirrte Momente, bis er sich wieder daran erinnerte, was passiert war.

Was für ein Vollidiot!

Dabei, er wusste noch nicht mal, wen genau er damit meinte. Zorro, der eigentlich so wahnwitzig und leichtsinnig gehandelt hatte, wie man es von ihm erwarten konnte, oder aber sich selbst, da er so irrational und emotional gehandelt hatte, wie er es sich eigentlich nicht gestatten wollte.

Was war nur in ihn geraten, dass er wirklich für einen Moment darüber nachgedacht hatte, sein Leben herzugeben? Und dann auch noch für einen anderen Piraten, nicht mal ein Crewmitglied, wann war er denn so unnütz gutmütig geworden? Aber nun gut, zum Glück hatte er sich ja eines Besseren besehen. Zum Glück hatte seine Rationalität am Ende doch gesiegt - oder war es etwas anderes gewesen?

„Ach, du bist wach. Willkommen zurück. Warst ganz schön lange ausgeknockt.“

Er war überrascht und auch - zumindest ein bisschen - erleichtert.

Was ein Teufelskerl!

Schwerfällig öffnete er die Augen und sah zu einer brüchigen Steindecke hinauf.

„Du hingegen bist schon wieder bei Bewusstsein? Tze, ziemlich beeindruckend“, gestand er beinahe widerwillig und mit vor Erschöpfung schwerer Zunge ein.

„Nah, nicht so wirklich, würde ich sagen“, kam die etwas seltsame Antwort.

„Was redest du da?“, murrte Law, sein Körper beschwerte sich jetzt schon und er brauchte dringend einen Kaffee, ehe er sich mit der Idiotie eines Strohhuts befassen konnte. „Entweder du bist wach genug, um dich mit mir zu unterhalten, oder nicht. Ein nicht so wirklich gibt es da nicht.“

„Wenn du das sagst.“

Etwas war nicht richtig und mit jeder vergehenden Sekunde war sich Law sicherer, dass es nicht an seinen stumpfen Sinnen, nicht an den Medikamenten in seinem Kreislauf lag. Er konnte nicht einordnen, von wo Zorros Stimme kam, und sie klang irgendwie anders, nah, viel zu nah, als würde er sich ein Tondial an die Ohren halten.

Sein Blick glitt zur Seite. An der Wand neben seinem Bett lehnte Zorro, mit verschränkten Armen und ein paar Schritten Abstand, sah zu ihm hinab, sein Gesicht ohne jegliche Regung.

„Was zur…?“ Ohne den Schmerz überhaupt wahrzunehmen, setzte Law sich auf.

Zorro an der Wand, in seinem simplen Shirt, seinem grünen Mantel, sah aus wie immer, oder viel mehr, er sah aus wie immer vor einem Kampf. Aber das war unmöglich, denn Law hatte ihn gesehen, hatte seine Verletzungen gesehen, und sie konnten unmöglich schon verheilt sein, wenn Law sich immer noch so fühlte.

Ruhigen Blickes beobachtete Zorro ihn, dieses leichte Grinsen, welches immer von Gefährlichkeit zeugte, fehlte. Er wirkte ruhig, konzentriert, aber nicht aufgewühlt oder gar angespannt. Warum also stellten sich gerade Laws sämtliche Nackenhaare auf?

Ein leichtes Piepen, im Gleichklang mit seinem Herzschlag, lenkte ihn ab.

Ganz langsam nahm er seinen Blick vom Schwertkämpfer und sah zu seiner Linken. Ein paar Meter entfernt stand ein zweites Bett. Eine Vielzahl von Maschinen, teils uralte Technik, teils die aktuellste Medizin, umrahmten das Bett und arbeiteten unablässig. Sie alle gaben Daten wieder, die Law verstehen würde, wenn er sie sich nur angucken würde, aber das tat er nicht. Denn sein Blick folgte den unzähligen Schläuchen zum Patienten im Bett, der dort künstlich beatmet wurde und dessen Herzschlag über einen Monitor wiedergegeben wurde.

„Ich sag ja, nicht so wirklich.“

„Was zur…?“, flüsterte Law. Trotz Bandagen, trotz Schläuchen und Maschinen, die den Patienten teilweise verbargen, konnte Law die Tupfer grünen Haares sehen, die gerade Nase.

Dann glitt sein Blick wieder zur Wand hinüber und dort stand er immer noch, mit verschränkten Armen und zuckte mit den Schultern.

„Sieht nicht so dolle aus, was?“ Nun schenkte er Law ein verschmitztes Grinsen, als würde er Law nicht mehr als ein Loch in seiner Socke zeigen.

„Ich halluziniere“, stellte Law trocken fest.

„Nope“, widersprach ihm die Halluzination. „Fühle mich nicht wie eine Halluzination.“

Law stöhnte leise auf. Jetzt musste er sich auch noch mit einem Hirngespinst des widerspenstigen Schwertkämpfers herumschlagen.

„Ach, und woher willst du wissen, dass du keine Halluzination bist?“, murrte er und entschied, das Spiel für einen Moment mitzuspielen und die Wahnvorstellungen seines Gehirns mit guter alter Rationalität zu widerlegen.

„Die anderen können mich nicht sehen“, meinte das Hirngespinst dann schließlich.

„Was dafür spricht, dass ich dich mir nur einbilde“, schlussfolgerte Law zugleich.

„Aber ich war die ganze Zeit hier, obwohl du ohnmächtig warst“, entgegnete seine Halluzination mit einem Augenrollen. „Hab alles mitbekommen, wie sie uns versorgt haben, hierhergebracht haben. Auch, was Chopper gesagt hat und dass der Bär euer halbes U-Boot auseinandergenommen hat, um all diese Maschinen herzubringen.“

„Bepo.“

„Was?“

„Sein Name lautet Bepo, hab ich dir schon tausendmal gesagt.“

„Was auch immer.“

Einen Moment sah er sein Hirngespinst an, der stoisch zurücksah und absolut nicht einsehen wollte, dass er nicht mehr war als ein Gebilde von Laws erschöpftem Gehirn.

Erneut warf Law einen Blick zum Patienten neben ihm.

„Was hat Chopper denn so gesagt?“, suchte er einen neuen Weg, seine Halluzination von dessen Nichtexistenz zu überzeugen.

„Meinte, du seist ein Vollidiot“, kam es zugleich mit einem dreckigen Grinsen. „Hast wohl was von unserem Blut ausgetauscht und dich damit beinahe selbst vergiftet, weil meine Blutgruppe deine kaputt macht, oder so.“

Er war sich ziemlich sicher, dass Chopper es so nicht ausgedrückt hatte, aber falsch lag die Halluzination damit nicht. Die Bluttransfusion war halt ein Risiko gewesen, das er hatte eingehen müssen.

„Ansonsten geht es dir – wie sagt Chopper immer? – den Umständen entsprechend gut. Er meinte, du müsstest dich…“

„Über meinen Zustand bin ich recht im Bilde“, unterbrach er sein Hirngespinst, der sich noch nicht mal an Laws Fachwissen bediente, obwohl er dazu doch Zugriff haben musste. „Was hat er über dich gesagt?“

Für einen viel zu langen Moment schwieg die Halluzination und sah ihn einfach nur an. Dieser Blick war für Law immer schon unangenehm gewesen und daran schien sich sein Unterbewusstsein auch genau zu erinnern. Dieser Blick, der direkter und härter war als jedes Wort, jedes Schwert je sein könnte.

„Herz ist wohl okay, stark“, sprach die Halluzination klar. „Keine Ahnung, was er genau gesagt hat, aber er meinte, es würde gar nicht so aussehen, als ob du es mehrmals defilitiert hättest.“

Auch die Unwissenheit Zorros schien sein Hirngespinst perfekt kopieren zu können, etwas zu perfekt, denn genau wie dieser durchdringende Blick nervte es ihn. Außerdem bedurfte es Law nur einen kurzen Blick auf die Monitore, die den Herzschlag des anderen wiedergaben, um dies selbst zu wissen. Ein stetiger, ruhiger Rhythmus.

„Franky hat Blut gespendet und einer aus deiner Crew auch – frag mich nicht wer, die sehen für mich alle gleich aus in ihren Stramplern – und Chopper hat ziemlich lange operiert – auch mit einem aus deiner Crew und mit Robin – scheint jetzt soweit alles in Ordnung zu sein.“

„Ist es nicht“, murmelte Law und begutachtete die anderen Monitore. Es stimmte, das Herz war stark, die Sättigung war nun gut – kein Wunder, Zorro erhielt ja gerade auch eine direkte Sauerstoffzufuhr - aber…

„Er hat keine Ahnung, warum“, murrte die Halluzination, „könnte an einem vorübergehenden Sauerstoffmangel oder so liegen, hat er gemeint.“

„Das ist gut möglich“, murmelte Law und betrachtete den Bildschirm, der die Hirnströme Zorros maß; es war ernüchternd. „Sieht wirklich nicht gut aus.“

„Ja, das hat Chopper auch gesagt“, kam es nun wieder von seiner Halluzination mit einem schrägen Grinsen. „Geringe Hirnaktivität oder sowas, kaum Reaktion, irgendein komischer Zustand, Vegetation oder so sagte er.“

„Vegetativer Zustand“, antwortete Law. „Je nachdem, wie lange er anhält, wird eine Zustandsverbesserung immer unwahrscheinlicher und eine vollständige Genesung ist ziemlich ausgeschlossen.“

Ja, das hat Chopper auch gesagt.“ Noch immer klang das Trugbild so ungewöhnlich gelassen, was Laws Misstrauen nur verstärkte.

Die Halluzination hatte ihm nichts gesagt, was er nicht bereits zuvor gewusst hatte oder was sein Unterbewusstsein während seiner Ohnmacht nicht hätte hören können. Darüber hinaus reagierte dieses Hirngespinst viel zu ruhig, wenn Law bedachte, über was sie gerade… wobei, nein, tatsächlich war diese Reaktion, diese Gelassenheit, diese Ruhe, selbst dieser leichte Schalk, all das würde eigentlich ziemlich gut zu einem Wahnsinnigen wie Lorenor Zorro in einer Situation wie dieser hier passen.

Das alles stimmte Law ziemlich unzufrieden. Er hatte dieser Halluzination rational belegen wollen, warum er nicht mehr sein konnte als das, aber bisher war er nicht erfolgreich gewesen und je länger Law das Bett zu seiner Linken anstarrte, desto schlechter gelaunt wurde er.

„Du sagtest, du wärest hier gewesen, selbst, während ich ohnmächtig war. Wo ist hier? Wo sind wir? Und hast du versucht, diesen Raum zu verlassen?“

Die Halluzination starrte ihn an, als wäre es eine absolute Dreistigkeit seitens Law den anderen nach ihrer derzeitigen Position zu fragen.

„Nahe des Hafens“, kam dann die sehr vage Antwort, „irgendeine Dorfpraxis, war eben ziemlich überfüllt. Wir sind nicht die einzigen Patienten hier, aber…“

„Aber was?“ Es gefiel Law gar nicht, dass er seine Informationen nur über eine Halluzination erhielt, die sein Unterbewusstsein von der Zeit während seiner Ohnmacht produzierte; eindeutig keine verlässliche Quelle.

Aber seit wir in diesem Raum hier sind, kann ich nicht mehr raus. Also keine Ahnung, wie es jetzt aussieht.“

Das ergab keinen Sinn. Also doch, es ergab absolut Sinn, wenn Law noch davon überzeugt wäre, dass sein Gegenüber eine Halluzination war. Das Problem daran, er war es nicht mehr und er konnte noch nicht mal genau sagen warum.

„Wie meinst du das?“

„Naja, war halt komisch. Du hast mich ja sofort gesehen, aber die anderen nehmen mich nicht wahr. Wollte Chopper folgen, aber es ging irgendwie nicht, kam ein paar Meter durch die Tür mit und als sie zufiel, war ich dann wieder hier drinnen.“

Das klang wirklich schräg und es ergab wirklich nur Sinn, wenn…

„Deine Existenz scheint also an mein Wahrnehmungsfeld gekoppelt zu sein. Was wiederum dafür spricht, dass du doch nur eine Halluzination bist.“

Der andere sah ihn mit hochgezogener Augenbraue und ablehnendem Blick an.

„Bin ich nicht.“

„Wofür du mir bisher keinen einzigen Beweis geliefert hast, sondern nur eine Behauptung aufstellst. Aber die Fakten sprechen für meine Annahme. Ich bin der Einzige, der dich hören und sehen kann, und anscheinend kannst du dich nur in dem Bereich aufhalten, den ich wahrnehmen kann. Dazu kommt, dass du nicht mehr weißt als das, was ich so oder so schon weiß, beziehungsweise was ich, während ich bewusstlos war, gehört habe. Ich hatte einen hohen Blutverlust, mehrere Verletzungen und Kopfschmerzen, dazu einen hohen Stressfaktor durch den Kampf und deine absolut hirnrissige Aktion. Gemeinsam mit den Schuldgefühlen darüber, dass ich dir nicht helfen und dich nicht retten konnte, ist das Auslösen einer psychosomatischen Reaktion, bei der mir mein Unterbewusstsein deine Existenz vorgaukelt – vermutlich als eine Art Gewissen, um auf meine Schuldgefühle zu reagieren – viel wahrscheinlicher. Außerdem…“

„Du redest ganz schön viel“, unterbrach ihn die Halluzination mit einem Aufstöhnen und zuckte mit den Achseln. „Ich hab kein Interesse an deinem Medizinergelaber, und wie soll ich dir irgendwelche Beweise liefern, wenn ich noch nicht mal selbst weiß, was genau los ist? Alles, was ich weiß, ist, dass ich eben noch in meinem Körper war und plötzlich stehe ich daneben und sehe dir zu, wie du deine Hände in meinen Brustkorb steckst und mich seitdem niemand mehr sehen oder hören kann, außer dir.“

„Das stimmt“, murmelte Law nach einer Sekunde, etwas angefressen darüber, von seiner eigenen Halluzination unterbrochen zu werden, aber auch nachdenklich über diesen nicht unberechtigten Einwand. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte er halluziniert, er erinnerte sich. Eigentlich nur ein Grund mehr, um seine Hypothese bestätigt zu wissen, und dennoch merkte er diesen leisen Zweifel. „Nun gut, dann erzähl mal deine Sicht der Dinge. Ab wann warst du… so? Was ist das letzte, woran du dich erinnerst, bevor du… so wurdest?“

Einen langen Moment sah der andere ihn an, dann glitt sein Blick zum anderen Bett.

„Ich weiß es nicht genau“, kam es leise und der andere schüttelte leicht den Kopf, doch gerade, als Law darauf eingehen wollte, hielt das Trugbild inne. „Das war’s dann wohl.“

Law vergaß, was er sagen wollte, während Zorro ihn so klar ansah, dass er eine Gänsehaut bekam. Wie schaffte dieser Mistkerl das nur? Selbst als Halluzination war dieser Blick viel zu intensiv für Laws Geschmack.

Das ist das Letzte, woran ich mich erinnern kann. Wie du das sagtest.“ Ganz langsam wiegte Zorro den Kopf von links nach rechts, als wäre er tief in Gedanken. „Und das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, wie ich auf dich hinabstarrte und du vor dich hinfluchst. Hast mir, glaube ich, sogar verboten, zu sterben.“

Das schiefe Grinsen fehlte, er klang ganz nachdenklich. Law erinnerte sich an diesen Moment und auch an die Stimme kurz darauf. Er erinnerte sich daran, wie diese Stimme ihn davon abgehalten hatte, die wahren Kräfte seiner Teufelsfrucht zu nutzen und wie er den Mann angestarrt hatte, der nicht hatte da sein können, weil Law gerade dessen Herz in Händen hielt. Sollte all das wirklich keine Einbildung gewesen sein?

„Gut und was ist danach passiert? Nachdem ich ohnmächtig wurde?“

„Chopper ist passiert. Du kennst ihn doch“, zuckte Zorro mit den Schultern. „Der eine aus deiner Crew hat dich versorgt, der andere hat Chopper mit mir geholfen, und keiner von ihnen hat auf mich reagiert und glaub mir, ich hab echt versucht, sie auf mich aufmerksam zu machen. Hat nicht geklappt.“

Erneut sah der andere zu seinem eigenen Körper hinüber.

„Irgendwann kam dann Franky mit deinem B… mit Bepo. Ich glaube, der eine aus deiner Crew hatte sie zwischenzeitlich angerufen. Auf jeden Fall kamen sie mit so einem komischen Gefährt und allerlei Technikzeugs.“ Zorro nickte zu den Geräten hinüber, die um sein Bett herumstanden, während Law es anstrengend fand, herauszufiltern, welche seiner Crewmitglieder Zorro meinte, wenn er sich noch nicht mal die kleinste Mühe gab, sie etwas näher zu beschreiben; vermutlich war es Shachi gewesen. „Haben uns dann irgendwann aufgeladen und hierhin gebracht. Hat Ewigkeiten gedauert.“

Nun schwieg Zorro, sein Blick immer noch so selten nachdenklich.

Franky sah ziemlich übel aus, dein… Bepo übrigens auch, hat sich irgendwie die Tatzen verbrannt, war bis zu den Ellenbogen richtig dick eingewickelt, konnte die Arme eigentlich kaum bewegen, und Chopper hat sich jedes Mal aufgeregt, wenn er etwas tun wollte. Wobei Chopper sich in solchen Situationen ja schon mal gerne aufregt.“ Erneut schwieg er, doch Law glitt ein kalter Schauer über den Rücken. Natürlich machte er sich Sorgen um Bepo und die anderen, aber diese Aussage machte etwas ganz deutlich: Selbst, wenn Law im bewusstlosen Zustand unterbewusst zugehört hätte, so hätte er nicht wissen können, ob und wie dick Bepos Unterarme bandagiert worden waren.

Das halbe Dorf scheint als Lazarett genutzt zu werden. Ziemlich überall waren Verletzte, keine Ahnung, hab nicht genau hingesehen. In der Praxis sind die schlimmer Verletzten; Ruffy ist mit einem deiner Crewmitglieder zwei Zimmer den Gang runter – glaube ich – aber ihnen geht es eigentlich ganz gut. Haben geschlafen, als wir vorbeikamen.“

„Und die anderen?“ Er würde gerne wissen, welcher seiner Leute schwerer verletzt war, aber er zweifelte daran, dass er mehr Informationen bekommen würde.

Erneut zuckte der andere mit den Schultern.

Keine Ahnung. Hab sie weder gesehen noch wurden sie erwähnt. Aber meine Operation war wohl die einzige – oder zumindest die letzte – so wie ich Chopper verstanden habe. Er meinte irgendetwas davon, dass… Was tust du da?“

„Wonach sieht es aus?“, murrte Law trocken, während er sich den Zugang zog und dann die Beine aus dem Bett warf. „Ein Typ, der entweder eine Art Geist oder eine Halluzination ist, wirkt nicht gerade wie eine vertrauenserweckende Quelle. Daher suche ich mir jetzt jemanden, der mehr Ahnung hat als du; was nicht besonders schwierig sein sollte, weil du wirklich nichts weißt.“

„Sicher, dass du herumlaufen solltest?“

Einen Moment betrachtete er den anderen mit hochgezogener Augenbraue.

„Sicher, dass du in der Position bist, meine Entscheidungen in Frage zu stellen?“ Dann ignorierte er das Augenrollen des anderen und schritt entschieden zur Türe hinüber.

Das hätte er zumindest gerne gesagt, aber die Wahrheit war, dass es eher einem zähen Hinüberschleppen glich. Sein ganzer Körper brannte und obwohl ihm offensichtlich Schmerzmittel gegeben worden waren, wollten seine Glieder ihm nur widerwillig gehorchen. Schwer atmend stützte er sich an der Wand ab und öffnete die Türe, immer unter dem urteilenden Blick seiner Halluzination.

„Chopper wollte nach Ruffy sehen“, erklärte dieser jedoch überraschend hilfsbereit, nicht, dass Law dieser Aussage viel Glauben schenkte, während er einen Moment den dunklen Korridor begutachtete, nur erhellt vom Mondlicht, welches durch vereinzelte Fenster fiel, und dem Licht in seinem Rücken, „und er hatte deinen Leuten aufgetragen, sich auszuruhen. Der eine sah auch echt ziemlich mitgenommen aus.“

„Welcher eine?“, knurrte Law und flehte innerlich um Geduld, während er sich die Wand entlang schleppte. Zorro ging mit verschränkten Armen hinterm Hinterkopf zwei Schritte vor ihm und begutachtete ihn aus den Augenwinkeln. Nichts an ihm wirkte wie ein Hirngespinst, weder durchscheinend noch unscharf. Wenn Law es nicht besser wüsste, würde er ihn für echt halten.

„Der mit dem Pinguinhut.

Tja, bis er dann den Mund öffnete, denn seine Stimme klang so nah, als würde er direkt in Laws Ohren sprechen.

„Warum hast du das eben nicht erwähnt?“

Hab ich doch. Das ist der, der sich mit Ruffy ein Zimmer… uff!“

Überrascht sah Law auf. Zorro vor ihm war geradewegs gegen eine Wand gelaufen und stolperte nun zwei Schritte zurück. Nur, dass da keine Wand war. Sie waren mitten auf dem Flur, hatten erst wenige Meter hinter sich gebracht.

Was ist denn das?“ Wie ein Pantomime stand Zorro da und tastete mit seinen Händen gegen unsichtbaren Widerstand. „Hier ist irgendwas.“

„Eine verdeckte Barriere?“, mutmaßte Law und schritt schwerfällig neben das Trugbild. Wobei, konnte er noch ein Trugbild sein, wenn physische Schranken für ihn galten? Law hob seine Hand und legte sie auf die unsichtbare Wand. Und glitt glatt hindurch, denn dort war keine Barriere, nichts als reine Luft.

„Was zur…?“

„Seltsam.“

Einen Moment tauschte er einen Blick mit seiner Halluzination aus. Es hatte für ihn noch Sinn ergeben, dass der andere ohne ihn den Raum nicht hatte verlassen können, schließlich konnte eine Halluzination nicht außerhalb der Wahrnehmung existieren. Aber diese Barriere gerade passte nicht mehr ins Bild.

Nachdenklich machte Law einen Schritt nach vorne, stand nun auf Höhe von Zorros ausgestreckter Hand und somit genau auf dieser unsichtbaren Grenze.

„Und du kannst nicht durch?“

Er beobachtete, wie der andere den Flur abging, eine Hand auf die Wand gedrückt, die wohl nur er wahrnehmen konnte.

„Nein.“

Law rieb sich seinen Kinnbart, während Zorro ihn unzufrieden anstarrte. Law auf der anderen Seite vergaß für einen Moment seine schlechte Laune; das hier war interessant.

„Die Frage ist also, was passiert, wenn ich jetzt irgendwo hingehe, wohin du mir nicht folgen kannst, und ich diesen Bereich hier nicht mehr wahrnehmen kann. Da du ja scheinbar nur da existieren kannst, wo ich dich wahrnehme.“

„Was? Wovon redest du? Jetzt mach keinen Mist“, kam es widerstrebend vom anderen. „Es war echt unangenehm, als die Tür zufiel und ich plötzlich wieder in dieses Zimmer geschleudert wurde, muss ich nicht wiederholen, so beschissen, wie wenn du einen teleportierst.“

„Oh, ich wusste gar nicht, dass du so ein Sensibelchen bist“, entgegnete Law mit hochgezogener Augenbraue. Aber ganz gleich, was für einen Einwand seine Halluzination bringen würde, es war sinnlos. Laws Neugierde war erwacht. „Keine Sorge, ein bisschen Unannehmlichkeit wirst du schon aushalten.“

Und somit schritt – humpelte – er weiter.

„Trafo, jetzt warte… Uhm! Warte, warte mal!“

Law war bereits stehen geblieben. Ein kalter Schauer rann seinen Rücken hinab und plötzlich pochte sein Schädel unangenehm und sein Herz begann, wie wild zu schlagen. Von irgendwo hinter ihm erklang mit einem Mal ein schnelles Piepsen. Er wirbelte herum. Kaum einen Meter hinter ihm stand Zorro, lehnte mit einer Hand gegen die nichtbestehende Wand, die andere presste er gegen seine Brust, hatte sich nach vorne gebeugt und keuchte unter offensichtlichen Schmerzen, obwohl er doch gar nicht existieren konnte, weder er noch sein Schmerz.

Law brauchte nur eine Sekunde, um festzustellen, aus welchem Zimmer das Piepsen kam. Schließlich gab es nur eine offene Türe und das grelle Licht schien auf den dunklen Flur wie ein Scheinwerfer.

„Es ist Zorro!“ Im nächsten Moment knallte eine Türe direkt hinter Law auf und Chopper preschte an ihn vorbei, sah ihn einen Moment aus dem Augenwinkel an, doch blieb nicht mal stehen. „Was machst du denn da, Trafo? Du solltest im Bett sein!“

Fast schon fassungslos stand er da, spürte sein viel zu schnell schlagendes Herz, die Kälte in seinem Körper, das Pochen in seinem Schädel, vor ihm ein Zorro, der nicht da war und sich mit schmerzverzogenem Gesicht die Brust hielt, während dessen echtes Herz wenige Meter entfernt um Hilfe schrie.

Noch jemand rannte an Law vorbei, doch er begutachtete seine seltsame Halluzination und dann machte er einen Schritt in Richtung des Zimmers, aus dem er eben gekommen war.

Augenblicklich verschwand der Schmerz, die Kälte, und sein Herz schlug ruhiger. Fast gleichzeitig wurde auch das laute Piepsen wieder langsamer und der nichtexistierende Zorro vor ihm atmete erleichtert aus und hob seinen Kopf.

„Was zur…?“

„Interessant.“

Er konnte sehen, wie der andere ihn plötzlich mit aufgerissenem Auge anstarrte, während Law leicht den Kopf neigte und dann zwei Finger an seine eigene Halsschlagader legte.

„Chopper, wie ist sein Puls?“, rief er den Gang hinunter, ignorierte eine etwaige Nachtruhe.

„Wa… was?“

„Was machst du denn da?“

„104, aber beruhigt sich langsam“, kam die Antwort Unis, der wohl Chopper hinterhergeeilt war und wie ganz automatisch seinem Kapitän antwortete.

„Interessant“, wiederholte Law, während der Geist Zorros ihn immer noch mit großem Auge anstarrte. Dann machte er wieder einen Schritt zurück hinter die unsichtbare Wand. Wie er erwartet hatte, begann der andere sich sofort zu krümmen und das Piepsen wurde schneller, und zwar im Gleichtakt mit Laws eigenen Puls, während die Kälte und das Pochen immer unangenehmer wurden.

„Was geht denn hier vor?“, knurrte der andere schmerzerfüllt in Laws Ohren.

Er schritt wieder nach vorne und augenblicklich verging die unangenehme Kälte, das nervige Pochen, und sein Herz beruhigte sich, genau wie das Herz, dessen Monitor nun wieder langsamer piepste.

Ganz langsam sah er Zorro an, der nun wieder aufrecht stand, immer noch eine Hand auf seiner Brust, und Laws Blick mit offener Verwirrung erwiderte.

„Was tust du da? Was passiert hier?“

„Ich bin mir nicht sicher“, entgegnete Law, ehe er nun wieder den Rückweg antrat, das Adrenalin erlaubte ihm, etwas schneller zu gehen, „aber eines weiß ich.“

„Und was?“, murrte der Schwertkämpfer, der problemlos mit ihm Schritt hielt und alles andere als begeistert klang, während Law sich schwertat, ein Grinsen zu unterdrücken.

Interessant, wirklich interessant.

„Du bist keine Halluzination.“

 

 

Kapitel 3

 

„Wie meinst du das? Trafo, was geht hier vor?“ Zorros Stimme klang recht forsch in Laws Ohren, während er zurück zum Krankenzimmer humpelte.

Im Türrahmen blieb er stehen und beobachtete, wie Chopper und Uni die Werte überprüften. Doch selbst auf die Entfernung konnte Law sehen, dass sie sich wieder beruhigt und ein gesundes Niveau erreicht hatten. Alle bis auf einer. Er merkte, wie sein eigenes Gehirn vor sich hin ratterte, während er den Patienten ansah und an die vergangenen Minuten dachte. Irgendetwas wollte hier nicht passen, nur langsam fügten sich die Puzzleteile ineinander. Er konnte es nicht genau erklären, aber obwohl noch vieles widersprüchlich und unlogisch schien, begann Law seine Schlüsse zu ziehen, nur vorläufig natürlich.

Seufzend schritt er nach vorne, wusste nicht, was er bevorzugte. War es besser, wenn seine Theorie sich bestätigen würde oder hoffte er darauf, sich zu irren? Als er das hintere Bett mit all den Maschinen erreichte, wusste er, dass es egal war, es waren Details einer bereits abgeschlossenen Geschichte.

„Was hast du vor?“, murrte Zorro, der wohl irgendwo hinter ihm stehen musste, doch Law ignorierte ihn für den Moment und sah auf diesen geschundenen Körper hinab, eingewickelt in Bandagen, die wenige nackte Haut zeigte Blutergüsse, Schrammen und bunte Flecken und dennoch, wenn man es nicht besser wüsste, wirkte er so, als würde er nur schlafen, als würde er jeden Moment aufwachen, wenn man ihn nur kräftig genug rütteln würde.

Und Law war etwas überrascht, denn genau das war sein Bedürfnis. Er wollte diesen lädierten Körper schütteln und rütteln, bis dieser Vollidiot aufwachen würde und Law ihn für dessen Leichtsinnigkeit - für dessen absolute Dummheit! - zur Rechenschaft ziehen konnte. Dabei wusste er doch ganz genau, dass Zorro nicht aufwachen würde, und selbst wenn, dann standen die Chancen nicht schlecht, dass er Laws Schimpftirade nicht mal mehr verstehen würde; wie ernüchternd. Aber vielleicht irrte er sich ja, auch wenn diese Chance äußerst gering war.

Mit einem fahlen Beigeschmack auf den Lippen trat Law an den anderen heran. Nein, selbst wenn ihm der eine oder andere Fehler in seinem Gedankengang unterlaufen sein sollte, die Fakten standen bereits fest, ganz gleich, was es mit seinem Hirngespinst und dieser seltsamen Barriere auf sich hatte.

„Was machst du da?“, fragte Chopper ihn, seine Stimme rauer als sonst, vermutlich hatte er die vergangenen Stunden viele Anweisungen geben müssen. „Du solltest im Bett sein.“

„Ich muss etwas überprüfen“, murmelte Law nur, legte seine Hände auf Brust und Stirn des Patienten und schloss seine Augen. „Room.“

„Käpt’n?“, flüsterte Uni hinter ihm.

Er wusste nicht, ob es etwas Gutes war, aber seine erste Vermutung fand Law bestätigt, als sich sein Room im Raum ausbreitete. Tief atmete er ein, jetzt kam es auf Feingefühl an, Feingefühl, welches sein Körper derzeit kaum hatte.

„Shock“, murmelte er, doch weder Hirn noch Herz reagierte.

„Trafo, was tust du?“, fragte Chopper erneut, nun drängender. „Du kannst nicht…“

„Sei bitte ruhig“, entgegnete er, weiterhin mit geschlossenen Augen, „ich muss mich konzentrieren.“

Er wiederholte den Vorgang, erneut erfolglos, nicht dass Law etwas anderes erwartet hätte, und dennoch war es unzufriedenstellend. Aber er war noch nicht mit seinem Latein am Ende. Er musste nur vorsichtig sein und die Gegebenheiten zu seinem Vorteil nutzen.

„Mes.“

„Ahh!“

„Was zur Hölle…?“

Er ignorierte die Reaktion der anderen, als er diese Angriffstechnik zweckentfremdete und nun das Hirn Lorenor Zorros in seinen Händen hielt. Weiterhin zeigten die Monitore diese bedrückenden Aufzeichnungen.

„Trafo, was machst…?!“

„Ich wiederhole mich nur ungerne“, knurrte er und sah Chopper kurz an. „Seid ruhig, ich muss mich konzentrieren! Sonst könnte ich ihn endgültig töten.“

Er ignorierte den offensichtlichen Zorn des anderen Arztes, wusste, dass Chopper besonders beim Schwertkämpfer der Strohhüte den Beschützerinstinkt einer Bärenmutter zeigte. Aber Law hatte gerade nicht die Energie, seine Handlungen zu erklären. Er war erschöpft und sein Körper würde bald nach Ruhe verlangen, daher musste er jetzt handeln und seine Vermutungen überprüfen.

Plötzlich glitt der Zorro, der nicht da war, in sein Blickfeld, hatte sich vorgebeugt, wirkte überraschend neugierig. Doch auch, wenn er schwieg, war seine Anwesenheit nicht gerade hilfreich.

Tief atmete Law ein, schloss seine Augen und konzentrierte all seine Sinne auf das Organ in seinen Händen.

„Scan.“ Das fremde Gehirn flutete seine Sinne und verriet ihm, was er bereits befürchtet hatte, nämlich gar nichts. „Shock.“ Und wie erwartet, war die Reaktion kaum merklich, nicht so, wie ein unversehrtes Gehirn normalerweise reagieren würde. Es mussten also Schäden vorliegen, die er nicht reparieren konnte. Zwar konnte er keine offensichtlichen erkennen, aber was sonst könnte für die fehlende Reaktion verantwortlich sein?

Seufzend führte Law das Gehirn zurück an dessen angedachten Platz und rieb sich die Schläfe. Natürlich war diese Erkenntnis unzufriedenstellend, bestätigte jedoch nur alle bisherigen Erwartungen. Aber nichts davon erklärte die Barriere, nichts davon erklärte, warum ihn der Geist Lorenor Zorros verfolgte.

Dennoch hatte Law eine Idee, um auch das zu überprüfen.

Nachdenklich schnippte er einmal. Den Room, den er gerade erschaffen hatte, verschwand, nahm etwas der Last von Laws Schultern, aber nur etwas. Langsam sah er auf, sah die unveränderten Angaben, sah den Zorro, der neben Chopper stand und doch nicht da war.

Unzufrieden schnipste Law erneut. „Lösen“, knurrte er, doch nichts passierte, gar nichts passierte.

Das durfte doch nicht wahr sein!

Er versuchte es erneut, wieder nichts. Damit hatte er nicht gerechnet. Das konnte eigentlich gar nicht sein. Er konnte es nicht auflösen, aber wenn nicht er, wer…?

„Was machst du denn da?“, kam es nun beinahe belustigt von Zorro.

Fast schon überrascht sah Law zu ihm auf. Ja, wenn nicht er, wer dann? Es gab nur eine einzige Möglichkeit.

Also ignorierte Law die Frage des Zorros, der nicht da sein sollte, packte die Hand des Patienten im Bett, führte Daumen und Mittelfinger zusammen.

„Lösen“, befahl er erneut, doch nichts passierte. Law konnte es nicht auflösen. Er konnte es nicht auflösen. Wäre es nicht so frustrierend, wäre es echt interessant. Denn es sollte unmöglich sein.

„Law?“ Langsam sah er auf, begegnete Choppers ernstem Blick. „Was ist los? Was machst du da? Du solltest dich schonen."

Der junge Arzt sah ihn so ehrlich und unschuldig an, während Law immer schlechter gelaunt wurde. Er mochte nicht, wenn Dinge nicht nach seinen Erwartungen verliefen. Allerdings sollte es ihn nicht überraschen, dass der wahnsinnige erste Maat des wahnsinnigen Strohhuts seine Pläne zu Nichte machte, und sei es nur aus Prinzip oder Gewohnheit.

„Ich musste ein paar Dinge überprüfen", erklärte er also und ließ sich folgsam auf seinem Bett nieder. Kaum hatte er sich hingesetzt, merkte er, wie seine Beine zitterten, und er konnte den besorgten Blick Unis sehen. Glücklicherweise war es nur Uni, er würde sich noch zurückhalten und nicht sofort Panik schieben wie manch andere aus der Crew. Noch einen Moment betrachtete Law sein Crewmitglied, stellte dankbar fest, dass er wohl keine schlimmen Verletzungen davongetragen hatte. Uni erwiderte seinen ernsten Blick und nickte einmal ganz langsam, ein Zeichen der Beruhigung; Law sollte sein Ding machen, der Crew ging es den Umständen entsprechend gut.

Law nahm sich zwei Atemzüge Zeit, ehe er wieder Chopper ansah, direkt hinter ihm stand der Zorro, der nicht da war, neben dessen eigenem Körper.

„Ich wollte zunächst überprüfen, ob ich Zorros Hirnaktivität beeinflussen kann. Manchmal kann ich durch geringe Impulse vorliegende, aber unentdeckte Schäden reparieren." Er brauchte nicht auszusprechen, dass es dieses Mal nichts gebracht hatte. „Dabei ist mir aufgefallen, dass bereits ein Room um Zorro herumbesteht, den ich nicht hervorgerufen habe."

„Oh", kam es gleichsam von Chopper und Uni.

Was?", kam es von dem Zorro, der nicht da war und Law kritisch anstarrte, wobei er wohl eher wieder mal nichts kapierte.

Law nickte und verschränkte die Arme, um das Beben seiner Hände zu verbergen.

„Ich weiß weder genau wie noch wann, aber wahrscheinlich habe ich ihn um Zorro gebildet, als ich Erste-Hilfe geleistet habe."

„Aber deine Rooms lösen sich auf, wenn du ohnmächtig wirst", bemerkte Uni zurecht.

„Das stimmt, aber dieser Room nicht“, entgegnete Law und sah von seinem Crewmitglied zum anderen Arzt. „Er löst sich noch nicht mal auf, wenn ich es befehle.“

„Was bedeutet das?“, fragte Chopper.

„Dass er nicht unter meiner Kontrolle steht. Ich kann ihn nicht auflösen.“

„Aber das ist unmöglich!“, herrschte Uni nun, viel zu ungestüm für die ernste Lage.

„Unter wessen Kontrolle steht der Room dann?“, fragte Chopper die relevante Frage.

„Wofür ist das überhaupt wichtig?“, kam von Zorro der Beweis seiner absoluten Ahnungslosigkeit.

„Ich vermute, dass derjenige, unter dessen Kontrolle der Room steht, Zorro ist“, erklärte er, seinen Blick weiterhin auf Chopper. „Da mir so etwas noch nie passiert ist, kann ich auch nur spekulieren. Eigentlich sollte ich immer volle Kontrolle über meine Kräfte haben. Aber vermutlich ist der Room irgendwann entstanden, als ich mein Blut mit seinem austauschte, somit ist möglicherweise ein Teil meiner Fähigkeit auf ihn übergegangen. Deswegen kann ich diesen Room nicht auflösen. Vielleicht hat sogar Zorro selbst ihn ausgelöst, obwohl er bereits das Bewusstsein verloren hatte. Wie wir wissen, kann der Zustand zwischen Leben und Tod manchmal eigenartige Reaktionen bewirken.“

„Und was bedeutet das? Wenn Zorro diesen Room kontrolliert, wie kann dieser dann noch bestehen, obwohl Zorro offensichtlich bewusstlos ist? Beutetet das, der Room löst sich erst auf, wenn Zorro aufwacht? Oder das Zorro nicht aufwachen kann, solange der Room besteht?“, fragte Uni, woraufhin Chopper den Blick senkte.

„Nein“, antwortete Law recht kühl. „Ich bezweifle, dass dieser Room etwas mit Zorros derzeitigem Zustand zu tun hat. Aber…“

„Der Room ist irgendwie mit Law verbunden“, erklärte Chopper richtigerweise. „Deshalb stimmen eure Herzschlagfrequenzen überein, obwohl Zorro eigentlich einen etwas langsameren hat.“

Law nickte. „Korrekt, ich denke auch, dass Zorro der Anker dieses Rooms ist und ich irgendwie an ihn gebunden bin. Deshalb hat sein Körper reagiert, als ich mich zu weit entfernt habe und in Begriff war, diesen Room zu verlassen. Sein Herzschlag ist an meinen gebunden.“ Nachdenklich ließ er seinen Blick von dem Zorro, der nicht da war, zu dessen Körper gleiten. „Außerdem erklärt es ein weiteres Symptom. Ich kann es nicht genau erklären, aber ich…“

„Sag es nicht.“

Überrascht sah er zu dem Zorro zurück, der nicht da sein sollte, die Arme verschränkt, dieser durchdringende Blick und diesen ernsthaften Gesichtsausdruck aufgesetzt, der Law eine ungewollte Gänsehaut einjagte, schüttelte langsam den Kopf.

„Sag es ihnen bitte nicht.“

Noch eine Sekunde starrte Law ihn an. Dann entschied er, dem Wunsch des Patienten zu folgen.

„Aber was?“, fragte Chopper nach, ahnungslos über das, worum Law gerade gebeten worden war.

„Ich konnte spüren, wie mein Herzschlag schneller wurde und es war mir körperlich unangenehm, mich zu weit zu entfernen.“ Es gab ja noch andere ungewöhnliche Dinge, über die er reden konnte. „Wir sind also nicht nur irgendwie miteinander verbunden, es wirkt sich physisch auf uns beide aus, nicht nur auf ihn, und es ist nur eine Vermutung, aber wir dürfen nicht ausschließen, dass wir beide oder zumindest einer von uns beiden sterben könnte, sollte der Abstand zu groß werden.“

„Und was bedeutet das, Kapitän?“, fragte Uni. „Also außer, dass du diesen Raum hier nicht wirklich verlassen kannst?"

Doch Law bedeutete ihm nur wortlos, nicht weiter zu fragen, während er Chopper beobachtete, der erneut die Monitore überflog, wohl in der verzweifelten Hoffnung, dass sie nun etwas Anderes sagen würden als bisher.

„Aber was bedeutet das für Zorro?“, fragte er. „Was hat es mit diesem Room auf sich? Könnte es vielleicht… Bedeutet das vielleicht, dass meine Einschätzung…?“

„Du bist ein guter Arzt, Chopper“, unterbrach Law ihn sachlich, ohne jedwedes Lob. „Ja, warum auch immer existiert dieser Room, der Zorro und mich verbindet, der uns beide irgendwie physisch beeinflusst, aber meiner Ansicht nach hat dieser Room nichts mit Zorros derzeitigem Zustand zu tun. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Komplexe, die getrennt voneinander betrachtet werden müssen. Dieser Room ist ein Resultat meiner fehlgeleiteten Teufelskraft, die fehlende Hirnaktivität hingegen ist ein Resultat von Zorros Verletzungen und deren Folgen. Daher gibt es für mich keinen Grund, deine Einschätzung bezüglich Zorros Zustand anzuzweifeln.“

„Mhm“, nickte der junge Arzt, den Blick zu Boden gerichtet, kämpfte offensichtlich um Contenance. Dann schniefte er laut. „Okay. Ich sollte dich untersuchen, schließlich bist du…“

„Du solltest jetzt etwas schlafen“, widersprach Law ihm kühl. „Überarbeiteten und müden Ärzten passieren Fehler, die uns nicht passieren dürfen. Du kannst mich später untersuchen, wobei das absolut nicht nötig ist, da ich mein Befinden gut selbst abschätzen kann.“

Und da wurde ihm plötzlich bewusst, dass er eigentlich gar nicht von Choppers Einschätzungen wissen dürfte, schließlich hatte er diese von einem Zorro erfahren, der eigentlich nicht da sein konnte. Doch zu seinem Glück schien Chopper von der derzeitigen Lage so abgelenkt zu sein, dass ihm diese Kleinigkeit nicht mal auffiel.

„Aber…“

„Uni, sei so gut und bring ihn ins Bett. Ich muss mich auch etwas ausruhen und wir können nach Sonnenaufgang weitersprechen.“

„Aye, Käpt’n!“

Entgegen Choppers Protesten schob Laws Crewmitglied diesen nach draußen und endlich schlug die Türe zu. Ausatmend gestattete Law seinen verkrampften Muskeln zu entspannen. Schwerfällig robbte er weiter aufs Bett, richtete die Rückenlehne auf und lehnte sich dagegen. Für einen Moment schloss er die Augen, erlaubte seinem erschöpften Körper ein paar Atemzüge lang Kraft zu schöpfen. Dann angelte er sich den Tropf von der Seite seines Bettes, den er sich zuvor gezogen hatte, und legte sich den Zugang wieder. Es war nicht das erste Mal und dennoch wollten seine Finger ihm nur widerwillig gehorchen, sodass er recht lange brauchte. Aber er wusste, dass er es sonst in wenigen Stunden bereuen würde, wenn die Schmerzmittel in seinem Körper nachlassen würden.

„Du bist recht ruhig“, murmelte er, als er es endlich geschafft hatte und sich noch erschöpfter als zuvor zurücklehnte, die Augen geschlossen. „Oder habe ich dich mir doch nur eingebildet?“

Immer noch schwieg der andere und Law fragte sich langsam dann doch, ob er nicht nur eine Halluzination gewesen war, obwohl er es natürlich besser wusste.

„Du siehst ziemlich beschissen aus“, kam dann endlich eine Reaktion.

„Mir geht es auch ziemlich beschissen“, spielte er mit, „aber um mich steht es deutlich besser als um dich.“

„Tja, das mag schon sein“, lachte Zorro auf und es klang beinahe warm, so direkt an Laws Ohren, was die Situation nur noch skurriler machte. Schließlich lag der andere im Sterben.

Müde öffnete Law die Augen und sah Zorro an, der wieder dort an der Wand lehnte, wie zuvor, doch dieses Mal zeigte er ein leises Schmunzeln, welches - warum auch immer -seinen kühlen Blick erreichte. Anscheinend war seine Belustigung wohl echt, auch wenn das für Law absolut keinen Sinn ergab.

„Du nimmst das alles ziemlich locker“, murmelte er, woraufhin Zorro nur mit den Schultern zuckte.

„Was soll ich sonst machen? Wütend etwas durch die Gegend schmeißen?“ Wie um seinen Punkt zu unterstützten, griff er nach dem Infusionsständer und seine Hand glitt glatt hindurch. „Scheint nicht so gut zu funktionieren.“

„Wie kannst du dann eigentlich gegen die Wand lehnen?“, meinte Law und neigte leicht den Kopf, woraufhin Zorro noch breiter schmunzelte und erneut mit den Schultern zuckte. „Und woher kommen die Klamotten?“

„Absolut keine Ahnung. Ich kann sie übrigens nicht ausziehen, schon versucht.“

„Aber du hast schon kapiert, was ich eben gesagt habe?“, wechselte Law zweifelnd das Thema, wollte gar nicht wissen, weshalb der andere versucht hatte, sich auszuziehen, doch an Zorros Miene änderte sich gar nichts, während er langsam nickte.

„Ist ja nicht so schwer zu kapieren“, behauptete er leichtfertig, wobei Law immer noch an ihm zweifelte. „Irgendwie ist mein Körper ein Anker für einen deiner Rooms, hat wahrscheinlich irgendetwas mit dem Austausch unseres Blutes zu tun, und du kannst diesen Room selbst nicht mehr verlassen oder auflösen. Ist das auch der Grund hierfür?“

Zorro deutete einmal an sich selbst hinab und Law war überrascht; er hatte es tatsächlich verstanden, wie unerwartet. Allerdings hatte Law das nicht gemeint, aber vielleicht wollte der Schwertkämpfer auch einfach ignorieren, wie es um ihn stand.

„Vermutlich ja. Ich denke, dass ich mit deinem Blut etwas deines Bewusstseins in mir aufgenommen habe und deshalb kannst weder du – in dieser seltsamen Geisterform - noch ich den Room deines Körpers verlassen.“

Der Geist vor ihm machte einen nachdenklichen Laut. „Und bleibt das jetzt für immer so?“

Tja, das war wohl die Frage aller Fragen.

„Eher nicht“, murmelte Law. „Es ist noch nicht abschließend erforscht und die Wissenschaft ist sich nicht in allen Punkten einig, aber üblicherweise braucht es so zwei bis vier Wochen, bis der Körper fremdes Blut verarbeitet hat.“

„Ich verstehe.“

Es war wirklich etwas überraschend. Also natürlich war die ganze Situation furchtbar bizarr und dennoch war das Komischste wohl, dass Zorro nicht nur so ruhig, ja beinahe schon belustigt und besonnen über die Situation mit ihm sprach, sondern darüber hinaus auch noch wirklich alles zu verstehen schien.

Wieso konnte dieser Mistkerl jetzt plötzlich so erwachsen und klug wirken? Wo war dieses vernunftbedachte Benehmen gewesen, während sie auf Dress Rosa gewesen waren oder gegen Kaido gekämpft hatten? Verdammt nochmal, warum machte dieser Mistkerl ihn gerade jetzt so wütend?!

„Das heißt, eigentlich egal was genau passiert ist, es kann nur auf zwei Wegen enden,“ schlussfolgerte er absolut richtig. „Also, wenn mein Blut in deinem Körper verarbeitet wurde, bedeutet das für mein… Bewusstsein, dass ich entweder zurück in meinen Körper gehe oder… verschwinde, nicht wahr?“

Law nickte, beinahe kochend vor Wut, dass dieser Mistkerl anscheinend doch genügend graue Zellen hatte, um komplexere Situationen zu verstehen, aber dementsprechend bisher wohl bewusst entschieden hatte, diese nicht auch ab und an mal zu nutzen.

„Und für den Room kommt es darauf an, was mit meinem Körper und deinem Blut passiert, oder? Wenn ich in meinem Körper zurückkehren und aufwachen würde, könnte ich ihn auflösen, solange dein Blut in meinem Körper ist, oder? Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er sich einfach auflöst oder die Kontrolle über ihn wieder auf dich zurückfällt, sobald mein Körper dein Blut verarbeitet hat, oder?“

„Ja“, knurrte Law nun regelrecht, die Müdigkeit aus seinen Knochen verschwunden. Zorro schien seine Gereiztheit entweder nicht wahrzunehmen oder es war ihm schlicht egal. Bei Laws derzeitiger Laune vermutete er das Letztere.

„Die Frage ist also, was mit diesem Room passiert, sollte mein Körper sterben, bevor dein Blut in meinem Körper aufgebraucht ist, oder verschwindet er dann einfach? Wie lange hält eigentlich so ein Koma normalerweise an?“, fragte er nun erstaunlicherweise die richtige Frage. Einen Moment sahen sie einander nur an und Law versuchte nicht einmal, die Wahrheit zu beschönigen.

„Auch da gibt es keine allgemeingültige Aussage. Bei manchen hält der vegetative Zustand nur wenige Tage an, ehe die Organe schließlich nach und nach die Funktion einstellen. Andere bleiben für Jahre - wenn nicht sogar für Jahrzehnte - so am Leben, manchmal sogar ohne irgendwelche Unterstützung von medizinischen Geräten. Regelmäßig ist es so, dass sich nach circa zwei bis drei Wochen der Zustand deutlich in die eine oder in die andere Richtung entwickelt.“

„Hmm“, machte Zorro so absolut gelassen. „Also zwei bis vier Wochen, bis das Blut verarbeitet ist und wahrscheinlich zwei bis drei Wochen, bis wir wissen, ob mein Körper es packt oder nicht.“

Wie problemlos er es aussprach, als würde es nicht gerade um sein eigenes Leben gehen. Es war eher, als würden sie sich über Kampfstrategien unterhalten, es war viel zu rational. Nein, eher noch rationaler als in solchen Situationen. Wenn sie über einen Kampf reden würden, würde dieser Idiot wieder mit seinen blöden Sprüchen und diesem unzerbrechlichen Selbstbewusstsein um die Ecke kommen. Vielleicht war das also das Anzeichen dafür, dass diese Situation wirklich alles andere als normal war. Der Schwertkämpfer reagierte vielleicht einfach nicht mit unkontrollierten Emotionen, sondern mit absoluter Kontrolle.

„Also entweder gibt mein Körper irgendwann nach und stirbt und ich verschwinde, sobald mein Blut in deinem Körper verarbeitet wurde, oder mein Körper bleibt einfach in diesem Zustand, der Room löst sich auf, sobald ich dein Blut verarbeitet habe und ich verschwinde, nachdem du mein Blut verarbeitet hast.“

„Oder aber du wachst plötzlich in deinem Körper auf und löst den Room freiwillig auf.“

„Aber an diese Möglichkeit glaubst du nicht.

„Nein.“ Kühl sahen sie einander an. „Ich halte es für sehr unrealistisch. Ich habe mit meiner Teufelskraft noch nie die Verbindung zweier Bewusstsein herstellen können, aber selbst, wenn mir dies hier zufällig gelungen sein sollte, dann können die paar Tropfen deines Blutes kaum mehr als einen Bruchteil deines Bewusstseins beinhalten. Dennoch ist deine Hirnaktivität… kaum messbar.“ Er deutete auf den Monitor mit den schlechten Werten. „Ich denke nicht, dass dieser Bruchteil deines Bewusstseins ausreichend ist, um wieder aufzuwachen… zumindest nicht so, wie du es bisher gewohnt warst.“

Dieses Mal reagierte der andere gar nicht. Schweigend betrachtete Zorro einfach nur seinen eigenen Körper, nichts an seiner Körperhaltung, an seinem Blick, verriet, was er wohl denken musste.

Law fragte sich, ob er zu hart gewesen war oder ob nun ein Wort des Trostes angebracht war, aber was sollte er schon sagen? Was sollte man jemandem sagen, der so oder so zum Tode verurteilt war, aber aufgrund des Scherzes einer Teufelskraft sich nun selbst beim Sterben zusehen musste?

„Danke.“ Damit hatte er nicht gerechnet. Wieder mal hatte er keine Ahnung, was in Zorro vorging. „Danke, dass du Chopper nichts gesagt hast.“

„Naja, ich bin immer noch Arzt und meinen Patienten zur Verschwiegenheit verpflichtet“, bemerkte Law trocken.

„Chopper ist mein Arzt“, widersprach Zorro mit einer Härte, die Law das Gefühl gab, als hätte er gerade dessen Kapitän hintergangen.

Also winkte Law nur schnell ab und entschied, das Thema zu wechseln: „Warum wolltest du nicht, dass ich es sage? So könntest du ihnen die Chance geben, sich zu verabschieden. Du könntest dich verabschieden.“

Beinahe bereute er, es angesprochen zu haben. Law war ja wirklich niemand, der schnell vor irgendetwas Angst bekam, aber die Art, wie Zorro ihn nun ansah, war schon anders.

„Es würde ihnen eine falsche Hoffnung geben“, erklärte er ruhig. „Jetzt sind die Fakten auf dem Tisch. Du hast es selbst gesagt, die Wahrscheinlichkeit, dass ich wieder aufwachen werde, ist verschwindend gering und das müssen sie akzeptieren lernen und das können sie nicht, wenn sie wüssten, dass ich noch hier bin. Wenn sie es nicht wissen, können sie abschließen. Ist besser so.“

Langsam sah Law hinab auf seine Hände.

„Du bist ganz schon unfair“, flüsterte er, woraufhin der andere nur heiser lachte.

„Sorry, wollte dich wirklich nicht in diesen Mist mithineinziehen.“

„So meinte ich das nicht.“

Kapitel 4

 

Es fiel ihm schwer, die Augen offen zu halten.

Vor ihm stand Chopper, überprüfte zum gefühlt zwanzigsten Mal seine Werte und erklärte mit lauter Stimme - damit ihn auch ja alle anwesenden Crewmitglieder hören konnten - wie es um Law stand.

Es war nervig. Shachi und Clione waren wie immer viel zu besorgt und viel zu laut, bis Ikkaku sie etwas zu genervt maßregelte, womit sie ihre eigene Sorge wohl überspielte. Penguin war nicht anwesend, teilte sich tatsächlich ein Zimmer mit dem Strohhut, wie Bepo ihm unter Tränen mitgeteilt hatte, so erleichtert war er gewesen, dass Law wieder bei Bewusstsein war.

Die Hälfte seiner Crew war anwesend – und mehr passte auch nicht in diesen kleinen Raum – obwohl es absolut nicht notwendig war. Law war erschöpft, sein Körper lädiert, aber das war es dann auch schon. Durch die Anwendung seiner Kräfte, selbst, nachdem er seine Grenzen überschritten hatte, brauchte er länger, um sich zu erholen, seine Wunden brauchten länger, um zu heilen. Aber ansonsten ging es ihm gut, er war nur müde, er hatte nur leichte Kopfschmerzen und wünschte sich einen Kaffee, der ihm natürlich verwehrt blieb.

Er hatte die Nacht nicht viel geschlafen. Zum einen hatten die Schmerzen ihn doch etwas gestört, aber nicht halb so sehr wie dieser Blick, der immer wieder auf ihm lag, obwohl der andere schwieg.

Seit ihrem Gespräch in der Nacht hatten sie kaum noch ein Wort gewechselt. Zorro, der Geist, schwieg, als wollte er Law nicht unnötig mit seiner Anwesenheit nerven, dabei waren seine Worte weit weniger störend als dieser eindringliche Blick. Auch jetzt lehnte er wie in der Nacht zuvor an der Wand, die Arme verschränkt, könnte einer der anderen sein, wenn es nicht für das stete Piepsen wäre, welches den Herzschlag seines Körpers vom anderen Ende des Raumes wiedergab. Aber ausnahmsweise lag sein Blick nicht auf Law, sondern auf Chopper, und nichts an seiner Mimik verriet, was er wohl denken musste.

Law wurde aus ihm nicht schlau, verstand nicht, warum er Law darum gebeten hatte, den Strohhüten nichts zu sagen. Aber es war nicht Laws Entscheidung, außerdem schlief der Strohhut wohl immer noch und wenn, dann sollte er es wohl als Erstes erfahren.

Gerade hörte er, wie Uni vorschlug, dass man ihn nun in Ruhe schlafen lassen sollte, und Law konnte das nur begrüßen, denn Choppers laute, belehrende Stimme war bei seinen Kopfschmerzen nicht gerade hilfreich. Dennoch wusste er, dass er nicht schlafen würde, als endlich die Türe hinter Chopper zufiel, nachdem dieser Law vorgewarnt hatte, in ein paar Stunden wieder nach ihm zu sehen. Langsam verstand er, warum Zorro sich regelmäßig vor dem Schiffsarzt gedrückt hatte; diese übermäßige Fürsorge war nervig.

Schwer atmend lehnte er sich zurück und schloss seine Augen. Er wollte wirklich schlafen, einfach nur schlafen. Aber es gab etwas, was er noch mehr wollte, und schon rein aus Prinzip weigerte er sich, dieser körperlichen Schwäche nachzugeben.

„Du bist ganz schön schweigsam heute. Nichts mehr zu sagen?“

Ob er überrascht war, angesprochen zu werden, zeigte Zorro nicht, zuckte nur leicht mit den Achseln und neigte den Kopf zur Seite.

„Was gibt es denn noch groß zu sagen? Entweder ich wache auf oder nicht und bis dahin bin ich nicht viel mehr als ein Poltergeist, der dich heimsucht.“

„Ein Poltergeist also?“ Tatsächlich entlockte dies Law ein kleines Schmunzeln. Ganz Unrecht hatte sein Poltergeist damit nicht. „Und du hast wirklich vor, deine Crew im Unwissenden zu lassen?“

„Ja“, kam die deutliche Antwort und unbeeindruckt hielt Zorro seinem Blick stand.

„Du willst ihnen also die letzte Chance vorenthalten, sich zu verabschieden?“, fragte er sachlich, nicht mal emotional. „Willst du dich denn nicht von ihnen verabschieden?“

Immer noch den Kopf leicht geneigt hob Zorro seine vernarbte Augenbraue an, ehe er einfach nur den Kopf schüttelte.

„Warum?“

Nun seufzte er, als würde Law ihn nerven.

„Weil es nichts ändern würde. Nichts, was du für mich sagen würdest, würde es ihnen einfacher machen, aber wenn sie wüssten, dass ich hier stehe…“ Er ließ seinen Blick durch den Raum gleiten und Law verstand. Eine verzweifelte Hoffnung und ein Verlust, der sich jedes Mal wiederholen würde, bis man schließlich daran zweifeln wollte, ob er sich nicht doch noch ein einziges Mal wiederholen könnte. „Und ich brauche keine schönen Worte von ihnen. Ich wusste, wofür ich mein Leben aufs Spiel setzte und was ich dabei riskiere. Es ist, wie es ist. Entweder ich wache auf oder eben nicht. Ist schon in Ordnung so.“

„Ist es das?“, fragte Law, während er seinen schmerzenden Körper dazu zwang, sich zu bewegen. Er sah es anders, es war nicht fair, niemandem gegenüber und er wünschte, er wäre nicht durch irgendeinen kosmischen Scherz mithineingezogen worden. Sollte Zorro doch jemanden aus dessen Crew heimsuchen, sollten sie es doch unter sich ausmachen, aber nein, bei Laws vermaledeitem Glück war er mal wieder zwischen Fronten geraten, von denen die Strohhüte noch nicht mal wussten, dass es sie gab. Schwerfällig setzte er sich auf. Alles in ihm flehte ihn an, doch endlich noch etwas zu schlafen, aber dieser Bitte würde er wie so oft nicht nachkommen.

„Sorry, dass ich dich da mitreinziehe“, wiederholte Zorro seine Entschuldigung der vergangenen Nacht, beobachtete ihn weiterhin, als würde er Laws Gedanken lesen. „Kann mir vorstellen, wie nervig das alles für dich sein muss, und ich werde dich auch nicht dazu zwingen, sie anzulügen – nicht, dass ich so irgendjemanden zu irgendetwas zwingen könnte – aber ist auch nicht so, als ob ich groß was an der Situation ändern könnte, weder daran noch hieran.“ Er nickte erst zu seinem geschundenen und dann zu seinem nichtexistierenden Körper.

„Schon in Ordnung.“ Langsam erhob Law sich und nutzte seinen Infusionsständer als Stütze, um zum anderen Bett zu gelangen. „So kannst du mir zumindest bei meinen Untersuchungen helfen.“

„Ach, kann ich das?“, kam es zweifelnd vom anderen, der ihm folgte und sich neben ihn stellte, auf sich selbst hinabblickte. „Und was willst du untersuchen?“

„Was deinen komischen Zustand beeinflusst.“ Offensichtlich verwirrt sah Zorro zu ihm auf. „Obwohl du körperlos bist, hattest du die Nacht Schmerzen, als ich mich zu weit von deinem Körper entfernt habe. Aber gerade in diesem Moment nicht, oder? Obwohl dein Körper so aussieht.“ Er nickte auf den lädierten Körper des anderen hinab.

„Jetzt, wo du’s sagst“, murmelte Zorro und sah ebenfalls zu sich selbst hinab, als wäre es ihm bisher nicht aufgefallen. „Nein, ich kann die Verletzungen nicht spüren.“

„Kannst du irgendetwas spüren? Wahrnehmen? Fühlen? Zumindest deinen… deine Gestalt? Antworte mir bitte so detailliert, wie möglich, wie fühlt sich dein jetziger Körper an?“ Er beobachtete, wie Zorros Auge sich weitete, ehe er offenbar konzentriert den Blick senkte und dann nach einigen Sekunden seine geisterhaften Hände betrachtete, sich selbst den Puls fühlte. „Merkst du Müdigkeit, Hunger, irgendetwas, kannst du zumindest Observationshaki anwenden?“

Bei der letzten Frage schaute Zorro wieder auf und sah ihn an.

Kann ich nicht“, antwortete er sofort. „Das war eine der Sachen, die ich ausprobiert habe, um Chopper auf mich aufmerksam zu machen.“ Dann betrachtete er wieder seine Hände. „Aber du hast Recht. Ich bin nicht müde, nicht hungrig, noch nicht mal die Beine sind schwer, obwohl ich sie mir die ganze Nacht in den Bauch gestanden habe.“

Langsam sah er sich um.

Ich meine, Desinfektionsmittel zu riechen, aber es ist schwach, vielleicht bilde ich es mir auch einfach nur ein, weil ich es an einem Ort wie hier erwarte.“ Im nächsten Moment packte er sein Handgelenk. „Fester Widerstand, aber es fühlt sich nicht wirklich… echt an, nicht wie Fleisch.“

„Kannst du es näher beschreiben?“

Nachdenklich hielt Zorro sein Handgelenk fest, sah nichts an, was da war, dann nickte er: „Lysop hat mal vor Ewigkeiten Ballons mit nassem Sand gefüllt und so in etwa fühlt es sich an, weder warm noch kalt. Es ist fest, aber unter der Oberfläche gibt es schon ein bisschen nach.“ Er sah auf. „Wofür ist das wichtig? Du hast doch gesagt, dass es so oder so wahrscheinlich vorbei ist. Wozu also diese Fragen?“

Law nickte: „An deinem Ende wird das hier wohl nichts ändern, aber es ist das erste Mal, dass meine Teufelskraft ein solches Phänomen bewirkt hat, und da du eh nichts tun kannst außer abwarten, kannst du mir genauso gut helfen, dieses Phänomen zu untersuchen.“

Wie ein Testobjekt?“, murrte Zorro mit hochgezogener Augenbraue.

„Wie du siehst, bist du nicht der Einzige, der mit seiner unfreiwilligen Anwesenheit nervig sein kann.“

Daraufhin schmunzelte der andere und seufzte leicht auf. „Meinetwegen. Tu, was du nicht lassen kannst. Ich kann hier eh nicht weg, so hat dann zumindest einer seinen Spaß.“

Spaß würde Law es nicht nennen, allerdings bemerkte er schon, dass seine Laune etwas besser war als noch vor wenigen Minuten. Er hatte schon immer bevorzugt, zu handeln, anstatt tatenlos herumzusitzen, und auch, wenn er nicht wirklich daran glaubte, dass irgendwelche neuen Erkenntnisse etwas an Zorros Schicksal ändern würden, so musste er zumindest nicht mehr in Stille diesen durchdringenden Blick über sich ergehen lassen, sondern konnte diese makabre Galgenfrist mit rationaler Forschung überbrücken.

„Kannst du deinen echten Körper berühren?“, fragte er dann nach, als wären sie nicht eine Sekunde von seinem gedanklichen Protokoll abgewichen.

Gleite hindurch“, kam die Antwort mit einem Schulterzucken.

„Gibt es irgendetwas, durch das du nicht hindurchgleitest?“, hakte er nach.

Erneut zuckte Zorro mit den Schultern: „Das, was du gesehen hast, die Wand und diese komische Barriere im Flur, als wir uns zu weit entfernt haben.“

„Was ist mit anderen Lebewesen?“

Ein Kopfschütteln.

„Was ist mit mir?“

„Wieso sollte bei dir etwas anders sein?“

„Vielleicht weil ich dich sehen und hören kann?“

Oh.“ Zorro streckte seine Hand aus und glitt problemlos durch Laws bandagierte Brust hindurch. „Nope, kann dich nicht anfassen.“

Law hingegen erschauderte. Zorros Hand in seiner Brust fühlte sich warm an. Es war nicht schmerzhaft, nicht mal wirklich unangenehm. Law vermutete, dass es sich so für Patienten – und Feinde – anfühlen musste, wenn Law mit seinen Kräften in ihre Körper eindrang.

Seltsam.“

Überrascht schaute er auf. Noch immer hatte Zorro seine Hand in Laws Oberkörper.

„Was ist seltsam?“

„Hab dir doch gesagt, dass ich geglaubt habe, mir das Desinfektionsmittel einzubilden?“ Law nickte. „Jetzt kann ich es ganz deutlich riechen… und ich höre auch besser, das Piepen ist viel lauter als vorher, und dieser Raum ist… es ist fast kühl im Verhältnis zum Schlachtfeld; bisher hab ich das nicht bemerkt.“

Etwas verwundert sah Law ihn an.

„Und… und klinge ich auch lauter als vorher?“

Zorro schüttelte den Kopf: „Nein, mir ist es vorher nicht bewusst gewesen, doch dich konnte ich immer ganz normal hören, aber Chopper und die anderen eben… es war so, als würden sie alle etwas weiter hinter dir stehen und du direkt vor mir. Was bedeutet das?“

„Vielleicht dass du meine Sinne zur Wahrnehmung nutzt“, vermutete Law, „und durch diesen… Kontakt gerade, scheint es sich zu verstärken. Fühlst du meine Verletzungen? Meine Müdigkeit?“

Zorro schüttelte den Kopf, sah ihn hochkonzentriert an. Dann entschied Law, etwas auszuprobieren, ohne an einen Effekt zu glauben. Zorro weiterhin im Blick haltend, griff er nach dem Patienten im Bett vor ihm.

Es war, als würde ein Elektroschock durch Zorro gehen, im nächsten Moment stöhnte er wortlos auf und sank auf die Knie, hielt sich Brust und Bauch, unterbrach dabei den Kontakt zu Law. Dann hockte er auf dem Boden und schien tief Luft zu holen, ehe er wieder aufsah, offensichtlich war der Schmerz vergangen.

Wie hast du das gemacht?“, kam es von ihm atemlos, wobei er in dieser Form vermutlich doch nicht mal Sauerstoff brauchte.

Aber Law hörte ihm nicht zu, denn gerade in diesem Moment schien sich eine neue Chance zu eröffnen, eine fantastische, eine einmalige Chance, doch sie war auch grausam. Er stützte sich am Bettkasten ab und raufte sich durchs Haar. Das hier war der Traum eines jeden Arztes, obwohl es wohl niemand eingestehen würde: Die Möglichkeit mit einem komatösen Patienten zu kommunizieren. Nicht nur zu überprüfen, ob gewisse Aktionen Reaktionen auslösen würden, sondern in der Lage, den Körper zu beeinflussen und detaillierte Informationen vom Patienten selbst zu erhalten.

Dann sah er Zorro an. Aber es war auch sehr makaber, einen - nun ja, dann war es halt ein Weggefährte - für so etwas zu missbrauchen, während dieser auf seinen eigenen Tod wartete. Denn, selbst wenn dies Law eine einzigartige Chance bot, so hatte er nicht den Hauch einer Ahnung, ob es auch für Zorro eine Chance war.

Jetzt rede schon“, knurrte Zorro, mittlerweile wieder aufrecht, und verschränkte die Arme. „Ich… berühre dich, du packst meinen Körper an und plötzlich kann ich… Was war das überhaupt?“

„Ich bin mir nicht sicher“, bemerkte Law. „Es schien so, als würdest du die Schmerzen deines Körpers wahrnehmen. Wir sollten es wiederholen, um zu sehen, ob es etwas an deinen Werten ändert. Vielleicht stelle ich ja derzeit die Verbindung zu deinem Körper da. Vielleicht kannst du so in ihn zurückgelangen.“

An diese Möglichkeiten glaubte er nicht wirklich, aber die Situation war zu spannend, um es nicht zu probieren.

„Was?“, kam es von Zorro mit zweifelndem Blick. „Dann müssten wir wie siamesische Zwillinge die ganze Zeit aneinanderhängen, damit ich nicht wie ein toter Sack umkippe?“

„Besser aneinanderhängen als sterben, oder?“, entgegnete Law, wieder mal überrascht und auch genervt, wie leicht Zorro seinen Gedankengängen folgen konnte, wenn er nur wollte. „Aber ich kann dich beruhigen, dieses Szenario ist doch eher unwahrscheinlich.“

Zorro nickte und sah seinen Körper wieder an. „Na dann, lass uns ausprobieren, was für ein Szenario wahrscheinlich ist.“

„Brauchst du einen Moment, um dich vorzubereiten? Du schienst gerade…“

„Nah, Schmerzen sind was Gutes, Trafo“, winkte Zorro mit einer viel zu routinierten Selbstverständlichkeit ab; für einen Moment hatte Law vergessen, dass er es mit einem Wahnsinnigen zu tun hatte. „Sie zeigen einem, dass man noch nicht tot ist.“ Und mit diesen Worten streckte Zorro erneut seine Hand aus und fuhr glatt durch Law hindurch.

Doch bevor er auch nur irgendetwas tun konnte, flog die Türe zum Krankenzimmer auf. Aber es war nicht der überfürsorgliche Arzt der Strohhutbande, wie Law bereits befürchtet hatte, sondern der Koch, ebenfalls mit ein paar Verbänden versorgt, aber offensichtlich nicht schlimmer verletzt.

Einen Moment stand er wie angewurzelt im Türrahmen, sah erst auf Laws leeres Bett, dann zu ihm und dann auf das Bett direkt hinter ihm.

„Was tust du da?“, fragte Schwarzfuß mit einem Misstrauen, welches er Law gegenüber nicht mehr seit Punk Hazard gezeigt hatte. Dann kam er herein und knallte die Türe hinter sich zu. „Du solltest im Bett sein.“

Aber Law war sich nur zu bewusst, dass diese wütende Sorge nicht ihm galt.

„Es ist meine Aufgabe als Arzt, nach meinem Patienten zu schauen“, erläuterte er kühl.

„Chopper ist Zorros Arzt!“, entgegnete Schwarzfuß mit unterdrücktem Zorn und trat auf ihn zu. „Also lass du deine Finger von ihm.“

Ey, Koch, was ist denn los?“, kam es von Zorro, dem offensichtlich entfallen war, dass nur Law ihn hören konnte.

„Ich weiß, was passiert ist. Du warst da, du warst bei ihm, als er verwundet wurde, und dennoch ist er jetzt… Chopper sagte was von mangelnder Sauerstoffzufuhr oder so, aber jeder Vollidiot kann erste Hilfe und du willst mir erklären, dass du als ausgebildeter Arzt nicht in der Lage warst, ihn richtig zu beatmen?!“ Er war vor Law stehen geblieben, bebte am ganzen Körper.

Was soll dieser…?“

„Nahestehende Personen reagieren auf kritische Zustände eines Patienten meist emotional und können die Situation nicht rational erfassen“, erklärte Law ruhig und sah den Smutje der Strohhutbande unverwandt an, wobei er diese Worte eher an Zorro richtete, der offensichtlich nicht verstand, warum eines seiner Crewmitglieder über seinen künftigen Tod aufgebracht sein könnte.

„Willst du mich verarschen!“ Schwarzfuß hatte ihn am Kragen gepackt, zog ihn etwas weg vom Bett und fast schon stolpernd musste Law sich dieser Kraft beugen. Er brauchte nur einen Herzschlag, um zu erkennen, dass er eine handgreifliche Auseinandersetzung vermeiden musste, was ihm wirklich früh auffiel, wenn man bedachte, dass der andere ihn bereits am Schlafittchen mitriss. Law konnte sich so oder so kaum auf den Beinen halten, würde seinen Room nicht lange genug aufrechterhalten können – wenn er ihn überhaupt hervorbringen konnte - und im Nahkampf war er in seinem derzeitigen Zustand dem Koch auf jeden Fall unterlegen. „Hältst du mir jetzt einen Vortrag, du Bastard?!“

„Ich habe nur dein aufbrausendes Verhalten eingeordnet“, entgegnete er und versuchte noch nicht mal, sich zu befreien. „Wut ist einfacher zu ertragen als Angst. Schuldzuweisungen sind einfacher auszuhalten als die Akzeptanz von Verl…“

„Klappe!“

Law stolperte beinahe zu Boden, als ein Ruck des anderen ihn aus dem Gleichgewicht brachte, ehe er Law glücklicherweise losließ. Im letzten Moment konnte er sich am Infusionsständer festhalten.

Hey!“

Wollte Zorro wirklich nicht kapieren, dass der andere ihn nicht hören konnte oder warum musste er so laut in Laws Ohren brüllen?

„Du glaubst, ich würde dich hier einfach grundlos anschnauzen, weil ich mit der Situation nicht klarkomme, was ein Schwachsinn. Ich hab gesehen, was du kannst“, flüsterte Schwarzfuß fast schon vor Zorn. „Ich hab gesehen, was für Fähigkeiten du hast, und du willst mir erzählen, dass du nichts – gar nichts – tun konntest, um Zorro… davor zu bewahren?!“

Schwerfällig richtete Law sich auf, keuchte fast vor Anstrengung, sein Körper folgte ihm nur widerwillig. Auf diese Situation hatte er überhaupt keine Lust. So oder so fand er es nicht gerade toll, dass Zorro sein persönlicher Poltergeist war, aber immerhin gab es hier nun diese Chance auf medizinisch einzigartige Information, die er ergreifen könnte, und gerade jetzt tauchte einer von Zorros Freunden auf und musste ihn mit dessen verzweifelten Gemütsbewegungen nerven.

Einen Moment lag sein Blick auf ebengenannten Poltergeist, der zwei Schritte hinter dessen Crewmitglied stand und offensichtlich unzufrieden darüber war, dass er nichts tun konnte.

„Es ist richtig, dass ich ein guter Arzt bin und meine Teufelskraft meine Möglichkeiten noch erweitert“, stimmte er zu, nicht gewillt, sich auf ein emotionales Level hinabzulassen, ließ den Tropf wieder los, „und ich kann dir versichern, dass ich alles in meiner Macht Stehende getan habe, um zu versuchen, Zorro zu…“

„Lügner! Du hast die Fähigkeiten, jeden zu retten, wenn du nur willst! Und dennoch ist er… dennoch wird Zorro…“

„Sterben, höchstwahr… Urgh!“

Nun lag er schlussendlich doch noch da, nachdem Schwarzfuß ihn in den Bauch getreten hatte. Jetzt war die angeknackste Rippe doch ganz durch, na, was soll’s. Verdammt, was tat es weh! Er hatte vergessen, dass er nicht nur erschöpft und ausgezehrt war, sondern auch verletzt. Sein eigener Herzschlag dröhnte in seinen Ohren, während er sich den Bauch hielt.

„Hör auf mit diesem verdammten besserwisserischen Gehabe und…“

Koch, jetzt hör verdammt noch mal auf mit diesem Mist! Ich…“

Sie beide verstummten und Law wusste genau wieso. Der eine Monitor piepste schneller, im Gleichtakt mit seinem eigenen Herz.

„Verdammt, was ist mit ihm los? Warum wird sein Herz so hektisch?“ Schwarzfuß war zum Bett herumgewirbelt und griff nach dem Monitor, als ob er mit den Daten irgendetwas anfangen könnte.

„Nichts ist mit ihm los“, keuchte Law und setzte sich auf, lehnte sich gegen die Wand in seinen Rücken, atmete gegen den Schmerz. Zum Glück war weder die Infusion rausgerissen noch der Ständer umgeworfen worden, das wäre noch nerviger geworden, aber die Einstichstelle ziepte schon unangenehm, fast schlimmer als der neue Bruch. „Ich dachte, Chopper hätte es euch gesagt…, wir sind miteinander verbunden.“

Nun starrte Sanji ihn mit offensichtlicher Fassungslosigkeit an, als wäre ihm erst jetzt bewusstgeworden, was er getan hatte, nicht dass es Law wirklich interessierte.

„Ich weiß nicht wie… Muss irgendwann passiert sein, während ich versucht habe, ihn wiederzubeleben, aber jetzt ist es halt so.“ Einen Moment schloss er die Augen, versuchte, seinen Herzschlag zu beruhigen. „Ich wusste, dass Entfernung sich sowohl auf ihn als auch auf mich auswirkt, aber mir war nicht bewusst, dass sich auch meine körperliche Verfassung auf ihn überträgt.“

Heißt, mein Körper reagiert gerade darauf, dass der Koch dich getreten hat?“

Aber an sich ergab das alles überhaupt keinen Sinn. Laws Schmerzen konnte Zorro nicht fühlen, aber sein Körper reagierte auf Laws Adrenalin, gleichzeitig konnte Zorro seinen eigenen Körper und dessen Schmerzen nur durch Law als Medium wahrnehmen. Er brauchte dringend einen Kaffee, von all diesen widersprüchlichen Gegebenheiten bekam er langsam Kopfschmerzen.

„Das heißt…?“

„Sobald mein Herzschlag sich beruhigt, wird es seiner auch, genau.“

Er nahm dem Koch der Strohhüte dessen emotionales Verhalten nicht übel. Law hatte es schon zu oft erlebt, sowohl als Arzt als auch auf der anderen Seite, und seine Gedanken beschäftigten sich mit wichtigeren Dingen, während er entschied, erst einmal dort sitzen zu bleiben, bis sein Körper etwas kooperativer sein würde.

„Du hast eure Körper mit deiner Teufelskraft verbunden? Ich wusste gar nicht, dass du so etwas…, warte, du weißt nicht wie? Heißt das, du… du hast da die Kontrolle über deine Teufelskraft verloren?“, fragte Sanji mit einem Mal überraschend kleinlaut.

Mit einem leisen Grummeln nickte Law. Er wusste immer noch nicht, wie ausgerechnet ihm das hatte passieren können. Kontrollverlust, in einer für ihn doch absolut üblichen Situation. Er hatte schon öfters um das Leben von Verbündeten kämpfen müssen und diesen Kampf auch des Öfteren verloren, und es war nicht so, als ob er Zorro irgendwie besonders mochte, und dennoch… dennoch war er so emotional gewesen, dass seine Teufelskraft verrückt gespielt hatte. Aber schlimmer noch, er hatte in jenem Moment wirklich darüber nachgedacht, die besondere Fähigkeit seiner Teufelskraft zu nutzen, um niemand anderen als Lorenor Zorro das Leben zu retten.

„Tut mir leid“, meinte der Koch nun und hielt Law eine Hand hin. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“

Eigentlich bevorzugte Law gerade seine unbequeme Position auf dem Boden, aber er nahm die dargebotene Hilfe an und fiel beinahe gegen den anderen, der ihn zurück zu seinem Bett bugsierte. Was hasste er seine derzeitige Schwäche, so elend war es ihm gefühlt noch nie ergangen, aber immerhin hatte er dieses Mal noch alle Gliedmaßen.

„Mach dir keine Gedanken“, murmelte er, eine Hand weiterhin an seinem Tropf, und hockte sich auf den Bettrand. „Ich habe es doch gesagt, du bist gerade mit einer schwierigen Situation konfrontiert und Menschen reagieren oft mit Wut auf ihre eigene Hilflosigkeit.“

Schwarzfuß hatte den Blick gesenkt, offensichtlich beschämt über sein Verhalten. Ein paar Schritte hinter ihm, immer noch bei seinem Körper, stand Zorro mit verschränkten Armen und beobachtete sie aufmerksam, als würde er eingreifen wollen, sollte es nochmal handgreiflich werden; nicht, dass er konnte.

„Außerdem ist dein Vorwurf nicht ganz von der Hand zu weisen.“ Nun lag sein Blick klar auf Zorro, der ihn regungslos erwiderte. „Meine Rettungsmaßnahmen waren unzureichend und unter anderen Voraussetzungen würde es vielleicht jetzt besser um ihn stehen. Hätte ich Hilfe gehabt oder wäre ich selbst nicht so verletzt gewesen, dann hätte ich…“

„Du bist nicht schuld“, widersprach Schwarzfuß und sicherte sich Laws Aufmerksamkeit, „und du hast Recht, ich bin unglaublich wütend, aber nicht auf dich.“

Kopfschüttelnd wandte er sich dem anderen Bett zu.

„Weißt du, wie oft er schon so eine Scheiße abgezogen hat? Und jedes Mal warten wir nur darauf, dass er aufwacht, und jedes Mal sind seine Verletzungen schlimmer und wir warten länger. Jedes Mal verliert Nami mehr Gewicht, schläft Chopper weniger, werden Lysops Sorgenfalten tiefer und ich… rauche jedes Mal mehr.“ Schwarzfuß trat ans Bett heran, nicht wissend, dass kaum eine Armlänge zu seiner Rechten Zorros Geist stand und ihn unleserlich ansah. Law auf der anderen Seite war auch an diese Reaktion gewohnt, wenn Angehörige sich ihm öffneten, als wäre er ein verfluchter Pastor, der die Beichte abnehmen würde. „Ich weiß nicht, ob es ihm nie aufgefallen ist oder ob er es ignoriert oder was auch immer, aber…“

Erneut schüttelte er den Kopf.

„Nein, du kannst wirklich nichts hierfür. Er ist einfach ein scheinheiliger Mistkerl! Jedem kommt er zur Hilfe, jeden beschützt er und wenn er sich dafür opfern muss. Aber wehe einer von uns versucht mal, ihm zu helfen, dann sollen wir ihn zurücklassen, dann schlägt er uns einfach k.o. oder tut so, als wäre alles in bester Ordnung. Scheiße!“ Er schlug das Gitter um Zorros Bett, während ebendieser unwirsch aufschnaubte und augenrollend abwinkte. „Es ist jedes Mal die gleiche Scheiße mit ihm! Ich hab gesehen, wie er dir nachgesehen hat, als wir getrennt wurden. Er hat sogar noch gesagt, dass du nicht gut aussahst und ich hab nur geantwortet, dass er sich doch bitte auf unseren Kampf konzentrieren solle, weil du schon zurechtkommen würdest.“

„Naja, ich…“

„Und dann hat er Lysop und Brook geholfen, während ich mich um diesen Orang-Utan gekümmert habe. Ich dachte, dass sie meine Hilfe nicht brauchen würden, aber… aber es war wohl ziemlich heftig. Lysop… Lysop macht sich ziemlich schlimme Vorwürfe, weil er Zorro kaum helfen konnte – nicht, dass der das zugelassen hätte, wegen Ehre und der ganzen Scheiße -. Danach hatte Lysop ihn zu Chopper bringen wollen, aber dieser Mistkerl… Wenn er sich was in den Kopf setzt, dann ist er genauso ein Sturkopf wie Ruffy, vielleicht sogar noch schlimmer. Sie haben versucht, ihn reinzulegen, sagten, dass Robin oder ich ihre Hilfe brauchen würden, aber dieser Vollidiot einer Alge wusste natürlich, dass dieser verdammte Affe für mich kein Problem war und Robin sich schon selbst zu helfen weiß.“ Dann sah Sanji zu ihm herüber. „Noch während unseres Kampfes hat er gesehen, wie beschissen es dir ging, und sich in den Kopf gesetzt, nach dir zu schauen. Du hattest kein Mitspracherecht, Trafo, das hat keiner von uns, wenn er so drauf ist.“

Noch einen Moment begegnete er Sanjis Blick, dann sah er Zorro an, der die Arme verschränkt hatte und mit der Zunge schnalzte, den Blick abgewandt.

„Tze, was redet dieser Idiot für einen Mist. Ist doch klar, dass man nach Kameraden schaut. Keine Ahnung, was sein Problem ist.“

„Naja, zu seiner Verteidigung, mir ging es auch ziemlich dreckig, als er mich fand, und ich hätte mich allein weder in Sicherheit bringen noch weiterhin verteidigen können“, gestand er zu.

„Aber das ist ja das Schlimme“, widersprach Schwarzfuß. „Er hatte ja Recht, dir zu helfen. Aber warum hat er nichts gesagt? Warum hat er nicht Lysop mitgenommen? Oder Brook? Warum denkt er immer, dass er so einen Mist alleine machen muss?“

Es wäre nicht nötig gewesen, wenn diese Mitläufer nicht aufgetaucht wären. Aber das konnte ich ja schlecht vorher riechen“, rechtfertigte Zorro sich grummelnd.

Law seufzte leise, wusste nicht, warum der Koch überhaupt hier war, aber er war müde und so langsam siegte sein Körper dann doch.

„Menschen fällen nun mal dumme Entscheidungen und Zorro ist gewiss dumm genug, um viele dumme Entscheidungen zu fällen“, erklärte er knapp und ignorierte das entnervte „Hey!“, seines Poltergeistes.

„Das stimmt“, lachte Sanji daraufhin heiser auf, während besagter Schwertkämpfer leise Flüche und Beschimpfungen vor sich hinmurmelte, die viel zu klar in Laws Ohren widerhallten.

Doch dann wandte Schwarzfuß sich wieder dem Bett zu, dieses zittrige Lächeln längst verschwunden.

„Hat Chopper Recht?“, fragte er nun fast schon nüchtern. „Oder reagiert er über? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass…“

„Es gibt keinen einzigen Punkt in Choppers Diagnose, dem ich widersprechen würde“, entgegnete Law und der andere starrte ihn an.

„Also gibt es keine Chance mehr?“

Law zuckte mit den Schultern.

„In der Medizin weiß man, dass es immer die Chance auf ein Wunder gibt. Aber Wunder haben es nun mal so an sich, dass sie viel zu selten passieren und fromme Wünsche dafür meistens nicht ausreichen.“

Sich auf die Lippe beißend, nickte der andere und sah wieder zum Bett herüber.

„Hat Chopper bereits eurem Kapitän Bescheid gegeben?“

„Ja“, kam es tonlos. „Er hat es uns eben allen gemeinsam gesagt, nachdem Ruffy aufgewacht ist. Aber du kennst Ruffy ja, er… er hat seine eigene Art mit solchen Dingen umzugehen, wobei es auf mich eher wie Verdrängen wirkt.“

Law nickte nur.

„Es ist schon komisch“, murmelte der Koch nun. „Wenn es nicht für all diese Maschinen wäre, könnte man meinen, dass er nur wieder mal pennt, bis er sich von seinen Wunden erholt hat. Aber dieses Mal wird er nicht aufwachen, oder?“ Seine Stimme war unsteter als zuvor. „Weißt du, wie lange er noch so bleiben wird, ehe… ehe er…?“

„Vermutlich um die zwei bis drei Wochen“, antwortete Law. „Bis dahin sollte sich zeigen, ob dieser Zustand dauerhaft sein wird oder… nicht.“

Schwarzfuß entkam ein zustimmender Laut, ehe er weitersprach: „Ich hab mal gehört, dass Koma-Patienten… dass sie… aber eigentlich ist das ja völliger Schwachsinn. Wenn sein Gehirn nicht mehr arbeitet, wird er ja auch nichts mehr hören können.“

Laws Blick fiel wieder auf Zorro, der sein Crewmitglied begutachtete, seine Augenbrauen zusammengezogen.

„Es gibt Studien, wonach manche Menschen in komatösen Zuständen mitbekommen, was um sie herum passiert. In einem Fall wie diesem hier wäre es zwar ungewöhnlich, aber ausschließen würde ich diese Möglichkeit zumindest nicht.“

Er konnte Zorros Auge auf sich fühlen, aber er ignorierte es. Zorro hatte ihm darum gebeten, dessen seltsame Existenz nicht zu verraten, aber er würde nicht lügen und seinen Crewmitgliedern den Abschied verwehren.

„Ach, ist das so?“ Leise schnaubte der andere auf und für einen Moment wirkte er wieder so streitlustig wie noch vor wenigen Minuten, als er sofort zu zetern begann. „Hörst du das, Marimo? Tze, sollte eigentlich ja ganz angenehm sein, dass ich mal in Ruhe ausreden kann, ohne dass du mich andauernd unterbrichst, du Mistkerl. Hast du gehört, was Trafo gesagt hat? Dass du dich absolut beschissen verhalten hast, du Dummkopf? Jedes Mal machst du uns so einen Ärger und wir müssen dich dann wieder aus der… aus der… Scheiße! Weißt du eigentlich, was für ein Vollidiot du bist? Was für ein beschissener Vollidiot du bist? Ist es wirklich zu viel verlangt, dass du zumindest bei einem einzigen Kampf mal nicht versuchst, draufzugehen? Ich weiß, dein Orientierungssinn ist so beschissen, dass du das Licht am Ende des Tunnels eh nie finden würdest, aber musst du es jedes Mal drauf anlegen? Meinst du, wir finden es lustig? Glaubst du wirklich, irgendetwas hiervon wäre lustig?“

Dann seufzte er schwer auf und schüttelte den Kopf, packte das Bettgestell, als wollte er es rausreißen. Während Zorro den Koch ausdruckslos anstarrte, wandte Law sich ab, auch das kannte er und auch das war ihm unangenehm, denn wie so oft, blieb es nicht bei ein paar wenigen Worten.

„Mal ganz ernsthaft, Marimo wenn du mich wirklich hören kannst und irgendwie… noch irgendetwas tun kannst, dann komm zurück, verstanden? Folge verdammt nochmal nicht diesem bescheuerten Licht, sondern wach einfach auf, du Vollidiot! Sonst verpasst du noch die Feier und Nami wird mit Sicherheit deine Zinsen wieder… wieder…“ Er holte hörbar Luft und seine nächsten Worte waren ruhig, ohne jeglichen Zorn, ohne jegliche Energie, einfach nur noch erschöpft. „Was rede ich hier überhaupt? Wahrscheinlich hörst du mich noch nicht mal und selbst wenn, wahrscheinlich kannst du gar nichts tun und vielleicht… vielleicht willst du ja auch gar nicht zurückkommen, nicht… so.“ Nun sprach Schwarzfuß leiser, aber nicht leise genug, dass Law ihn überhören konnte, was somit auch für Zorro galt, der, ohne ein Wort zu sagen, dort an der Wand lehnte, sein Gesicht eine steinerne Maske.

„Weißt du, selbst… selbst, wenn du wieder aufwachst, könnte es sein, dass du nicht mehr so bist wie früher, das hat zumindest Chopper gesagt. Aber… aber uns ist das egal, damit das klar ist!“, fügte er hektisch hinterher, immer noch so leise, dass Law ihn nicht hören sollte, aber er hörte ihn. „Ich meine, du bist so oder so schon ein beschränkter Vollidiot, schlimmer kann es also eh nicht werden, also kannst du ruhig zurückkommen, wir kommen schon damit klar. Aber… wenn nicht… Es ist okay, Zorro. Wir… wir werden es schon packen. Es wird mit Sicherheit eine heftige Zeit, keine Ahnung, wie Ruffy reagieren wird, wenn er es kapiert. Ganz ehrlich, Chopper ist total fertig, wir alle sind… aber es ist okay. Du brauchst dir keine Sorgen um uns machen, wir werden es schon packen. Ich werde auf die anderen aufpassen, also… also, wenn du schlafen willst, dann ist das schon okay.“

Law fühlte sich furchtbar fehl am Platz, als er diese intimsten Worte hörte, die ihn nichts angingen, die niemanden etwas angingen, außer den Mann, der dort an seinem eigenen Bett stand und sein Crewmitglied mit diesem unleserlichen Gesichtsausdruck ansah.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Schwarzfuß zu ermutigen, mit Zorro zu reden. Vielleicht war es aber auch ein Fehler, den Strohhüten nicht die Wahrheit zu sagen.

 

 

 

 

Kapitel 5 –

 

Er war immer noch müde. Wie viele Stunden musste er noch schlafen, um mal etwas weniger müde zu sein?

Vor wenigen Minuten war er aufgewacht, weil Chopper zur Abendvisite hereingekommen war. Er hatte gar nicht mitbekommen, wie er eingeschlafen war, während Schwarzfuß bewegungslos an Zorros Bett gestanden hatte. Law erinnerte sich daran, dass auch Nico Robin irgendwann hereingekommen war und die zwei leise miteinander gesprochen hatten, aber da war Law wohl bereits im Halbschlaf gegen seine Kopflehne gelehnt eingenickt.

Nun lag er wie von Zauberhand ordnungsgemäß im Bett, sogar zugedeckt, und nur Chopper, Zorro, Zorros Körper und er selbst waren anwesend. Der Schwertkämpfer saß wenige Schritte von Law entfernt im Schneidersitz auf dem Boden und meditierte wohl, wobei Law sich fragte, ob dies überhaupt etwas brachte, ohne Körper. Vielleicht versuchte er auch nur, die ruhmlosen, aber notwendigen Tätigkeiten seines Arztes auszublenden.

Law überraschte nicht, dass Chopper selbst solche Arbeiten übernahm, anstatt sie jemand anderem zu überlassen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er den Rücken des jungen Arztes, der sich in seiner Mensch-Form über das Bett des Patienten beugte und leise zu diesem sprach.

Wie vor ein paar Stunden gingen Law auch diese Worte nichts an, während Chopper seinem Crewmitglied von den Geschehnissen der letzten Stunden und Tage erzählte, wie es den anderen ergangen war, und ihn leise für dessen Leichtsinn schallt. Es war ein harter Kontrast, den Law ihm nicht zugetraut hatte. Jeder seiner Handgriffe war sicher und absolut professionell, während er nun die Position des leblosen Körpers änderte. Seine Worte jedoch waren so kindlich naiv, wie bei einem kleinen Bruder, der seinem großen Bruder nach einer durchzechten Nacht Wasser gegen den Kater und die Übelkeit brachte.

All das bestätigte Laws Gefühl: Es war ein Fehler, dass Zorro die Crew über seinen Zustand im Unwissenden lassen wollte. Er wollte sie wohl beschützen, aber es änderte nichts daran, dass er ihre Worte würde hören müssen.

Langsam glitt sein Blick zu dem Mann auf dem Boden, während dessen ruhiger Herzschlag durch den Raum piepste. Wenn Law jemand anderes wäre, dann würde er ihn bei der nächsten Gelegenheit überzeugen, würde auf ihn einreden und vielleicht sogar schlussendlich zu seinem Glück zwingen.

Aber Law würde sich nicht zu dieser gutmütigen Sorte Mensch zählen und so war er eher dankbar, dass sein Poltergeist jemand war, der sein Schicksal einfach so annahm, ohne Gezeter, ohne Geschrei, ohne überhaupt emotional zu werden.

Er hatte es nicht erwartet und fand es schon ungewöhnlich, aber für ihn machte es die Situation deutlich leichter. Wenn er Glück hatte, würde Zorro ihn sogar bei seinen Untersuchungen unterstützen und Law zu unschätzbar wertvollem Wissen verhelfen.

Wäre er ein anderer Mensch, würden solch makabre Vorhaben ihn vielleicht eher abschrecken, aber auch Law war ein Mann der rationalen und realistischen Gedanken. Er konnte an Zorros Zustand nichts ändern, niemand konnte das, also konnte zumindest so noch etwas Sinnvolles daraus gewonnen werden.

„Oh, du bist wach? Wie geht es dir?“

Er sah wieder auf. Chopper hatte seine Tätigkeit offensichtlich beendet und desinfizierte sich gerade die Hände, ehe er sich in seine gewöhnliche Mensch-Tier-Form zurückverwandelte.

„Müde“, murmelte er wahrheitsgemäß und ließ die üblichen Worte einer Visite über sich ergehen, während Chopper ihm seinen Zustand erläuterte, als ob er diesen nicht selbst erfassen könnte.

Entgegen Laws Wunsch nach Ruhe sprach Chopper weiter und weiter, ließ sich erst unterbrechen, als Clione mit einem Tablett Essen hereinkam. Nach ein paar letzten mahnenden Worten ging Chopper schließlich und zum ersten Mal, seit Law in diesem Zimmer aufgewacht war, war er endlich mit einem seiner Crewmitglieder alleine – wenn man von dem meditierenden Poltergeist in der Ecke absah.

Clione verschränkte die Arme und beobachtete Law argwöhnisch, während er selbst das Essen begutachtete. Er verspürte überhaupt kein Hungergefühl, merkte eher eine leichte Übelkeit, und das Einzige, was er wirklich gerne zu sich nehmen würde, wäre ein pechschwarzer, stark gebrühter Kaffee. Aber er wusste sehr wohl, dass niemand ihm einen solchen bringen würde. Selbst im gesunden Zustand überwachten vereinzelte Crewmitglieder seinen Kaffeekonsum, was überaus lästig war.

„Du solltest etwas essen“, kam der überflüssige Ratschlag. Er wusste das selbst, wusste, dass er diesen inneren Widerwillen überwinden musste, aber wollte einfach nicht.

„Wie geht es allen?“, fragte er daher, nachdem er am Morgen nur unzureichende Informationen erhalten hatte. „Wie steht es um Penguin?“

Clione schnaubte leise: „Du bist der Einzige, um den wir uns wirklich Sorgen machen, Käpt’n.“

Darüber rollte Law nur die Augen und konnte sich zumindest dazu durchringen, etwas Wasser zu trinken.

„Und ich mache mir nun mal um euch Gedanken. Mir hat bisher kaum jemand etwas erzählt. Alles, was ich weiß, ist, dass neben Bepo auch Penguin schlimmer verletzt wurde und irgendwer von euch Blut gespendet hat. Ich gehe davon aus, das warst du?“, fragte er direkt nach, da er wusste, dass Clione seine Blutgruppe teilte und von allen, die er am Morgen gesehen hatte, am wenigsten angeknackst wirkte.

Dieser nickte nur und erzählte daraufhin, was Law wissen wollte. Es erleichterte ihn mehr, als er zeigen wollte, dass bis auf Bepo, Penguin und er selbst niemand seiner Crew mehr als ein paar unangenehme Schrammen und blaue Flecken davongetragen hatte. Gleichsam ärgerte es ihn, dass er nicht dagewesen war, um seine Crew zu beschützen, sondern von ihnen hatte gerettet werden müssen.

Er ließ sich von Clione haarklein erklären, was seinen Crewmitgliedern fehlte und wie sie versorgt worden waren, und natürlich tat Clione das auch, unterbrach sich nur, um Law doch zum Essen zu überreden und irgendwann schaffte Law es auch, sich etwas Reis reinzuwürgen, doch entgegen seiner Hoffnung, wich die leichte Übelkeit nicht einem natürlichen Hungergefühl.

Dann sprachen sie über die kommenden Tage und dass sie nicht mehr ewig hier ausharren konnten, ohne Gefahr zu laufen, von der Marine entdeckt zu werden, und das war etwas, was Law dringend verhindern wollte. In seinem derzeitigen Zustand war er nicht nur keine Hilfe, sondern ein Risikofaktor.

Nachdem er das kleine Schälchen zumindest halbgeleert hatte, konnte er Clione überzeugen, ihn schlafen zu lassen und endlich war es ruhig.

Es war nervig, wie erschöpft Law war, sein Körper schien sich gar nicht zu erholen und dieser leichte, pochende Kopfschmerz war wieder da, dabei hatte er keine Gehirnerschütterung; er sollte wirklich etwas mehr trinken, bevorzugt Kaffee.

Also trank er sein Glas Wasser leer und als hätte das irgendetwas ausgelöst, verspürte er plötzlich das dringende Bedürfnis nach Körperhygiene. Obwohl seine Muskeln sich beschwerten, kämpfte er sich aus seinem Bett empor, nutzte seinen Tropfhalter als Stütze und hinkte zum angrenzenden Bad.

Dort angekommen, fummelte er einen Moment nach dem Lichtschalter und dann grüßte ihn der bleiche Abklatsch seiner Selbst im Spiegel, dem er keine Aufmerksamkeit schenkte, sondern sich zum Waschbecken schleppte und kaltes Wasser ins Gesicht schlug. Er war zu müde für mehr – definitiv notwendige - Körperpflege, aber eine Sache sollte er vielleicht noch erledigen, da er einmal hier war.

Mit einer Hand zog er die Türe zum angrenzenden Zimmer zu und kämpfte mit der anderen eine Sekunde mit seinem Hosen- „Was zur…?“

„Verdammt!“ Er taumelte zwei Schritte zurück gegen das Waschbecken, stieß beinahe seinen Tropf um und seine Hose rutschte zu Boden.

Vor ihm, aus dem Nichts aufgetaucht, stand Zorro und schaute sich offensichtlich verwirrt um.

Leise stöhnte Law auf und rieb sich durchs Gesicht. Er hatte glatt vergessen, dass der Schwertkämpfer anwesend war, aber nur da, wo Law ihn wahrnehmen konnte. Das bedeutete wohl für die nächsten Wochen keine Toilettengänge mit geschlossener Türe mehr, so viel zum Thema Privatsphäre.

In diesem Moment wirbelte sein Poltergeist herum und schien endlich auch die Situation zu erfassen, als er Law, nur in Unterhose und sich am Waschbecken festklammernd, ansah.

Oh“, murmelte er, als wäre ihm so etwas schon öfters passiert, „soll ich weggucken?“

Erneut schnaubte Law, schritt halb durch, halb an Zorro vorbei – ignorierte dieses seltsam warme Gefühl – und stieß die Türe auf. Auf einen eindeutigen Fingerzeig zuckte der Schwertkämpfer nur mit den Schultern und schritt in den angrenzenden Raum.

Brauchst dich ja nicht so zu zieren. Dachte, Ärzte seien da generell entspannter.“

Doch es ging Law weniger um solche Befindlichkeiten, sondern um den simplen, ihm aber anscheinend verwehrten Wunsch, einfach mal ein paar Minuten seine Ruhe zu haben. Er war müde, schlecht gelaunt und hatte Kopfschmerzen. Die emotionale Achterbahnfahrt der Strohhüte, die Sorge seiner eigenen Crew und der Sturkopf eines gewissen Schwertkämpfers halfen ihm da ganz gewiss nicht.

Er ließ sich Zeit, aber ewig konnte er sich hier wohl nicht verstecken. Auf der anderen Seite der Türe wartete Zorro am Ende des Raumes, begutachtete mit verschränkten Armen seinen eigenen Körper.

Sogar die Zähne geputzt“, murmelte er offensichtlich zu sich selbst, als wäre das eine Aufgabe, die man gut vernachlässigen könnte.

„Natürlich, sonst… ach, lassen wir das.“ Law war zu müde, um irgendwem jetzt noch eine Lehrstunde zu geben. Aber wieder mal verweigerte er seinem Körper die ersehnte Ruhe. „Wir sollten nun noch einmal versuchen, die Verbindung zwischen dir und deinem Körper herzustellen.“

Mit hochgezogener Augenbraue sah Zorro ihn über seine Schulter hinweg an.

Sicher, dass du so irgendetwas versuchen solltest? Siehst aus, als würdest du jeden Moment umkippen. Und du hast doch eben noch deinem Crewmitglied gesagt, dass du schlafen willst.“

„Clione“, murmelte Law und schleppte sich durch den Raum.

Was?“

„Clione ist sein Name. Würde dich nicht umbringen, dir mal ein paar Namen zu merken, weißt du?“

Zorro zuckte daraufhin nur die Achseln.

„Und ja, ich bin erschöpft, aber wir wissen nicht, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Wir sollten die Zeit, die wir haben, nutzen.“

Einen Moment sah Zorro ihn noch an, dann zuckte er erneut mit den Achseln.

Wie du willst.“

Als Law ihn erreicht hatte, streckte Zorro wie beim letzten Mal seine Hand aus, glitt durch Laws Schulter und nach einem ausgetauschten Blick, stützte Law sich mit einer Hand am Bett des anderen ab und legte die andere auf dessen Oberarm.

Wieder grunzte Zorro leise, aber dieses Mal ging er nicht in die Knie, atmete nur schwer und schloss die Augen.

„Beschreib mir, was du fühlst“, befahl Law kühl, was ihm ein leises Schnauben einbrachte.

Es war doch wirklich seltsam, er selbst konnte nur die Wärme Zorros Geisterhand in sich fühlen und obwohl der andere Laws Sinne nutzte, konnte Zorro nun dessen eigenen Körper spüren, aber nicht Laws und Law spürte auch nichts von Zorros Körper außer die kühle Haut und der ruhige Herzschlag unter seiner Hand. Vielleicht lag es an seinen Kopfschmerzen, aber das Ganze war verwirrend.

Nach ein paar Sekunden öffnete Zorro sein Auge und begegnete Laws Blick.

Tut etwas weh“, kam die sehr differenzierte Aussage.

„Etwas?“, wiederholte Law zweifelnd. „Könntest du das etwas näher erläutern? Was tut dir weh? Wie fühlt es sich an? Ganz normal? Ist irgendetwas anders, kannst du versuchen, deinen Körper zu bewegen? Irgendetwas?“

Zorro grummelte wortlos in seinen nichtvorhandenen Bart, dann konzentrierte er sich auf sich selbst. Für mehrere Minuten war es ruhig, bis auf die Gerätschaften, die Zorros Körper am Leben hielten. Law hatte erst überlegt, nachzufragen, dann aber das angestrengte Gesicht des anderen gesehen und entschieden, zu warten. Er wünschte, seine Kopfschmerzen würden verschwinden, aber das nervige Pochen wurde gefühlt nur schlimmer.

Es ist… seltsam“, antwortete Zorro dann schließlich.

„Was ist seltsam? Ich brauche mehr Details.“

Ich… Wie sage ich das denn?“

Leise seufzte Law. Es schien, als hätte er das Pech, dass er zwar endlich mal einen komatösen Patienten befragen konnte, dieser aber sehr schlecht darin war, seine Wahrnehmung zu beschreiben.

„Beschreibe es einfach mit den ersten Worten, die dir einfallen“, schlug er entnervt vor.

Als Antwort erhielt er erneut ein leises Grummeln, was unangenehm in seinen Ohren vibrierte.

„Es fühlt sich nicht normal an, nicht wie… wie sonst. Ich bin nicht… ich bin nicht in meinem Körper, ich bin immer noch hier. Es ist… wie bei Enel“, murmelte er mehr zu sich selbst.

„Bei was?“

Zorro sah ihn an.

Es ist wie ein Blitzschlag, aber er geht nicht vorbei.“

Law wollte gar nicht wissen, woher der Schwertkämpfer wusste, wie sich ein Blitzschlag anfühlte. Aber er merkte noch mehr Unzufriedenheit in sich hochsteigen. Er hatte vorschnelle Schlüsse gezogen und gehofft, dass Zorro durch die Berührung seinen Körper ganz normal würde wahrnehmen können und Law so an neue Informationen gelangen könnte, aber ganz offensichtlich war dem nicht so.

„Du fühlst also den gebündelten Schmerz deines Körpers wie einen andauernden Blitzschlag, aber weder kannst du ihn in deinem Körper lokalisieren noch deinen Körper selbst wahrnehmen?“, bemühte er sich, die Wort des anderen zu übersetzen.

Nein“, widersprach Zorro, sah jedoch wieder auf sich selbst und rieb sich nachdenklich den Nacken, „ich hab eher das Gefühl, als würde dieser Blitzschlag mir im Weg stehen, meinen Körper zu spüren.“

„Was?“ Law sah ihn zweifelnd an. „Wie meinst du das?“

Keine Ahnung“, murrte Zorro und sah auf. „Es ist unangenehm, aber eigentlich nicht mal so schmerzhaft, eher… kennst du das, wenn es stockdunkel ist und du willst jemanden ansehen, der direkt hinter einer Lampe steht, die auf dich gerichtet ist?"

Law hatte keine Ahnung, worauf Zorro hinaus wollte.

Du weißt, dass jemand dort steht, du siehst die Umrisse, aber mehr nicht, weil dieses grelle Licht dich so blendet und je mehr du versuchst, die Person dahinter anzusehen, desto mehr tränen dir die Augen."

„Und du willst mir sagen, dass dein Körper dieser seltsame Schemen hinterm Licht ist, und dass das, was dich eben so umgehauen hat, sich so anfühlt, wie ein andauernder Blitzschlag?"

Zorro nickte und ließ Law nur noch verwirrter zurück. Er musste gestehen, die Kreativität des Schwertkämpfers vielleicht doch unterschätzt zu haben, hatte dieser seine Wahrnehmung doch in recht eindrucksvollen Bildern geschildert. Aber das Problem war, dass Law überhaupt keine Ahnung hatte, wie er diese Bilder deuten sollte. Was vielleicht aber auch an seiner schlechten Stimmung über seine nicht eingetretene Vermutung lag.

Etwas überlagerte also Zorros Wahrnehmung, sodass er seinen eigenen Körper kaum mehr als erahnen konnte. Was war dieses grelle Licht, welches ihn in die Knie gezwungen hatte? Vielleicht Laws Körper, der nicht nur Überbrückung, sondern vielleicht auch Blockade war? Vielleicht Laws Verstand, über dessen Sinne Zorros Wahrnehmung erfolgte? Es ergab keinen Sinn und sein pochender Schädel half ihm nicht beim Nachdenken.

„Was passiert, wenn du dich nur auf das Licht konzentrierst? Kannst du dann erkennen, was der Auslöser ist?"

Mit geschlossenen Augen stand der andere da, seine Lider zuckten immer wieder und mit der Zeit wurde sein Atem schwerer, gleichsam wurde das langsame Piepsen stetig schneller; es bestand also doch eine Verbindung. Auch wenn Law noch nicht wusste, was diese bedeutete und wie er sich das zu Nutze machen konnte.

Zorro schwieg und der steigende Puls wurde Law langsam unangenehm und seine Kopfschmerzen wurden auch immer schlimmer. Doch der Schwertkämpfer ließ sich Zeit, schien sich an dem schnelleren Piepsen nicht zu stören. Law hingegen wusste, dass sie langsam…

Es wird immer schlimmer“, murmelte er endlich, „und… Kopfschmerzen, mir dröhnt der Schädel.“

Was nicht sein sollte, schließlich bedurfte es für Kopfschmerzen eines arbeitenden Gehirns und das war bei dem anderen ja ganz offensichtlich nicht gegeben, und ausnahmsweise meinte Law dies nicht bildlich, sondern wortwörtlich.

„Was ist mit deinem Körper?“, fragte er, obwohl es auch für ihn immer unangenehmer wurde und sein Körper kaum noch etwas aushalten konnte. Doch Zorro schnaubte nur kopfschüttelnd auf. „Du kannst also gar nichts…“

Ganz plötzlich war dieses unangenehme Gefühl weg und Law schaute auf. Zorro stand neben ihm, seine Schultern hoben und senkten sich, während er tief atmete, hatte den Kontakt zu Law unterbrochen, leichenblass. Doch er sah nicht Law an, sondern seinen eigenen Körper.

„Alles okay?“, fragte er, obwohl sein Kopf auch immer noch unangenehm dröhnte. Sie waren also eindeutig irgendwie verbunden. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Nein.“ Zum gefühlt ersten Mal schien Zorro wirklich frustriert. Dann sah er Law an. „Ich kapiere das alles nicht. Du sagst, mein Hirn ist hinüber, wieso hab ich dann Kopfschmerzen, als würde es gleich platzen? Und wieso kann ich meinen Körper nicht wahrnehmen, obwohl du mit meinem Körper irgendwie verbunden bist und mein Bewusstsein doch angeblich in deinem Körper steckt?“

Da war er wieder und augenblicklich pisste es Law an. Irgendwie störte es ihn mehr, wenn Zorro mitdachte, als wenn er wieder mal nichts kapierte.

„Ich weiß es nicht“, gab Law ehrlich zu, schluckte seine Wut herunter. Er hatte sich etwas anderes erhofft als die Informationen, die er bekommen hatte. „Es ergibt auch für mich keinen Sinn.“

Offensichtlich unzufrieden starrte Zorro seinen Körper an und Law hatte keine Ahnung, was in ihm vorging. Vielleicht war er wütend, vielleicht hatte er eine leise Hoffnung gehabt, sich ebenfalls etwas anderes erhofft, und nun würde er es wieder begraben müssen.

Seufzend ging Law zum Kopfende des Bettes hinüber.

„Room“, murmelte er und legte beide Hände an die Schläfen des Patienten. „Scan.“

Dann sah er auf.

„Probieren wir es noch mal. Vielleicht ergibt es einen Sinn, wenn ich sehen kann, was in deinem Hirn vorgeht.“

Ohne das leiseste Zögern kam Zorro auf ihn zu, packte seine Schulter, glitt hindurch, und presste augenblicklich die Zähne zusammen.

„Versuche, so lange durchzuhalten, wie möglich“, wies Law an, sowohl an Zorro als auch an sich selbst gerichtet, während er die Augen schloss und sich das Gehirn des anderen vor seinem inneren Auge entfaltete.

Doch während das Piepsen langsam wieder schneller wurde, zeigte sich hier absolut nichts.

Für mehrere Minuten versuchten sie noch das ein oder andere, doch obwohl Zorro stoisch keine Schwäche zeigen wollte, so gab doch zumindest Laws Körper nach und seine Kräfte ließen ihn im Stich.

Das macht doch keinen Sinn mehr“, kam es von Zorro und er zog seine Hand zurück. „Du musst dich ausruhen. Es hilft niemandem, wenn du hier vor Erschöpfung am Ende noch draufgehst.“

„Wie ein gewisser anderer jemand?“, murrte Law, hielt sich an Bett und Infusionshalter fest, während Schweiß seine Augenbraue hinabtropfte.

Fies“, kam es vom Schwertkämpfer mit einem schiefen Grinsen, aber er klang nicht so leichtfertig wie sonst.

Mühsam schleppte Law sich zum Bett hinüber und ließ sich erschöpft hineinsinken, wusste, dass sein Körper bald seinen Geist besiegen würde.

„Zorro“, murmelte er, „ich muss noch etwas mit dir besprechen. Hast du eben Clione und mir zugehört?“

Nichtssagend zuckte der andere nur mit den Schultern.

„Wir sollten nicht mehr zu lange hierbleiben", erläuterte Law, woraufhin Zorro nickte. „Aber in deinem derzeitigen Zustand bist du nur bedingt transportfähig. Unser U-Boot hat die nötigen Gegebenheiten, um deinen Körper am Leben zu erhalten, euer Schiff jedoch nicht."

Er konnte sehen, wie Zorros Lippen eine Spur schmaler wurden, als er verstand, worauf Law hinauswollte.

„Da wir derzeit aneinandergebunden sind, sollten wir eine gemeinsame Entscheidung treffen, und meiner Meinung nach sprechen die Argumente für sich. Bei uns kann ich dich am Leben erhalten, solange es irgendwie geht, ich habe all die nötige Fachliteratur, die uns irgendwie weiterhelfen könnte, und darüber hinaus liegt meine Kajüte direkt neben dem Intensivraum, sodass wir uns nicht die ganze Zeit in einem Krankenzimmer aufhalten müssten und wir würden nicht unerwartet gestört werden. Rational sollte unsere Entscheidung eigentlich eindeutig sein, aber…“

... ich könnte sterben, ohne dass sie es überhaupt mitbekommen würden", beendete Zorro seinen Satz.

„Genau. Ich habe keine Einwände, wenn du das ein oder andere Crewmitglied mitnehmen möchtest, aber die gesamte Crew können wir nicht für mehrere Tage unterbringen und da so ziemlich jeder aus deiner Crew verletzt ist, würde Chopper auch auf eurem Schiff bleiben müssen.“

Nun verschränkte Zorro die Arme und senkte den Blick.

„Wenn du dich daher lieber für die Sunny entscheiden möchtest, würde ich mich dem beugen. Aber als Arzt muss ich dir sagen, dass eure Einrichtung nicht ausreichend ist, sollte dein Zustand sich verschlechtern. Selbst, wenn ich alle beweglichen Utensilien, Bücher, Unterlagen mit auf euer Schiff bringen würde, es…"

Das U-Boot also", unterbrach Zorro ihn und absolut nichts verriet, was er wohl dachte, seine Stimme in Laws Ohren klang beinahe gelangweilt.

Überrascht sah Law ihn an. Das war zu einfach gewesen. Zorro hielt seinem Blick mit verschränkten Armen stand, eine Augenbraue hochgezogen.

„Bist du dir sicher?" Law traute dem Braten absolut nicht.

Doch Zorro nickte nur und zuckte gleichzeitig mit den Schultern.

Du hast die Argumente doch gerade selbst ge…"

„Ja, aber…"

„Außerdem ist es besser so." Ruhig sahen sie einander an. Law wartete darauf, dass Zorro seine Begründung ausführen würde, aber das tat er nicht.

„Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet", gab Law dann zu und wunderte sich, warum es ihn eigentlich nervte, dass Zorro Logik und Rationalität zustimmte.

Keine Sorge, den wirst du schon noch bekommen", lachte Zorro warm auf und war direkt wieder der wahnsinnige Mistkerl, mit dem Law besser umgehen konnte. „Denke nicht, dass die anderen dir so einfach zustimmen werden."

 

Kapitel 6

 

Und damit sollte Zorro Recht behalten.

Nach einer unruhigen Nacht hatte Law nochmal versucht, Zorros Beweggründe zu erfragen, doch stoisch und wortkarg hatte dieser ihn abgeblockt. Aber ganz gleich wie gelassen und klug Zorro sich gab, Law wusste, dass es nicht seine Argumente gewesen sein konnten, die diesen Wahnsinnigen überzeugt hatten.

Aber vielleicht sollte er sich damit nicht den Kopf unnötig beschweren, obwohl es diesem deutlich besser ging. Die Kopfschmerzen waren zwar noch da - und er bildete sich ein, dass sie schlimmer wurden, er brauchte dringend seinen Kaffee - und sein Körper war immer noch verletzt, immer noch erschöpft, aber zumindest diese lähmende Müdigkeit hatte etwas nachgelassen.

Das war allerdings auch notwendig, denn gerade hatte Law der versammelten Mannschaft der Strohhüte sein Vorhaben erläutert und war prompt von Nami und Schwarzfuß unterbrochen worden, die sich lauthals über ihn, die derzeitige Situation und über Zorro aufregten, ohne ihm wirklich zu widersprechen, aber ihm ganz gewiss auch nicht zustimmten.

Zorro selbst stand etwas abseits, hinter seinem eigenen Bett, und beobachtete sie reglos, ehe er seine Aufmerksamkeit auf seinen Kapitän richtete.

„Aber Trafo hat einen nicht zu vernachlässigenden Punkt", kam nun Robin zu seiner Hilfe, nicht, dass Law diese brauchte. Es gab genau zwei Personen, auf dessen Meinung er für diese Entscheidung Wert legte, und während Zorro überraschend einfach zugestimmt hatte, stand dessen Kapitän abwesend neben dessen Bett und hatte Law wahrscheinlich noch nicht mal zugehört. „Unser Schiff hat nicht die Ausstattung, um Zorro in seinem derzeitigen Zustand angemessen zu versorgen. Wenn wir an sein Wohl denken, ist dies das Vernünftigste, und wir sollten dankbar sein, dass Trafo anbietet, Zorro zu betreuen, obwohl er ebenfalls recht schwer verletzt ist."

Sie sah nicht besonders gut aus, ihre Blessuren waren natürlich ordentlich versorgt worden, aber die schlaflosen Nächte standen ihr ins Gesicht geschrieben.

„Nein", kam nun der wenig überraschende Einspruch Choppers, der Law mit Tränen in den Augen anfunkelte. Es war offensichtlich, dass er aus emotionalen Gründen handelte, auch wenn er es rational besser wissen musste. „Ich bin der Schiffsarzt der Strohhüte und ich kann meiner Aufgabe nur nachkommen und die Crewmitglieder versorgen, wenn sie alle an Bord sind."

„Du hast bereits genug mit deinem Kapitän und den anderen Verletzten deiner Crew zu tun. Aus meiner Crew hingegen sind nur…"

„Du bist ebenfalls verletzt und kannst dich kaum auf den Beinen halten!", unterbrach Nami seine Logik.

„Und jeder in meiner Crew hat eine medizinische Grundausbildung, um mich zu unterstützen. Wer von euch kann das von sich behaupten?", knurrte er zurück. „Außerdem habe ich die nötigen Geräte, um sein Gehirn regelmäßig zu untersuchen, die ich noch nicht mal brauche, weil ich das auch mit der bloßen Hand machen kann."

Einen Moment war es ruhig.

„Aber ich bin Zorros Arzt", kam der schwache Einwand Choppers.

Law seufzte, musste es ihm wirklich jeder unter die Nase reiben.

„Und ich versuche nicht, dir das streitig zu machen. Du weißt, dass ich deine Fähigkeiten als Arzt respektiere, aber ich muss so oder so in seiner Nähe bleiben, und es wäre Schwachsinn, unser beider Ressourcen zu blockieren, indem wir…"

„In Ordnung, ich habe mich entschieden."

Endlich sprach der Kapitän der Strohhüte, aber Law wusste, dass die wahre Diskussion jetzt erst beginnen würde. Der Strohhut war ähnlich wahnsinnig und impulsiv wie dessen Schwertkämpfer, aber gleichzeitig war er auch unglaublich egoistisch. Er würde nie zulassen, dass Zorro auf einem fremden Schiff sterben würde.

Wie immer zeigte er ein breites Grinsen, fast so sehr einbandagiert, wie sein Crewmitglied, über dessen Wohl sie gerade stritten.

„Zorro geht mit Trafo."

„Was?!", entkam es Law gleichzeitig mit einigen aus der Crew. Er musste sich verhört haben.

„Aber Ruffy…", begann Lysop.

„Und du gehst mit ihm, Chopper."

„Aber…"

„Das ist doch Unsinn!", unterbrach Law den schwachen Einwand seines Kollegen. „Es ist Ressourcenverschwendung und außerdem braucht auch der Rest von euch…"

„Wir kommen schon klar", lachte der Strohhut, ignorierte völlig den bereits nässenden Verband um sein Abdomen, „aber es stimmt nun mal: Chopper ist Zorros Arzt und Zorro würde wollen, dass Chopper mitgeht. Also machen wir das so."

Für einen Moment wollte Law es Schwarzfuß gleichtun und diesem Vollidioten erklären, warum das eine dumme Idee war - wenn auch aus anderen Gründen als der Smutje - doch dann glitt sein Blick über die Schulter des Strohhuts auf Zorro, der an der Wand lehnte, die Arme verschränkt, und dessen Kapitän beobachtete. Er lächelte.

 

 

~ wenige Stunden später ~

 

Nachdem der Kapitän entschieden hatte, war nur noch wenig Widerspruch seitens der Crew gekommen und auch Laws Crewmitglieder hatten kaum etwas einzuwenden. Nur Bepo hatte betont, dass Laws derzeitiges Befinden ihn besorgte und er sich nicht überanstrengen dürfte. Diese Sorge hatte Law aber nur zu leicht beruhigen können, als er darauf verwiesen hatte, dass auch der Arzt der Strohhüte sie begleiten würde.

Doch die Entscheidung war das eine gewesen, die Umsetzung etwas ganz anderes. Law hatte nicht das Risiko eingehen wollen, in seiner gegenwärtigen Verfassung sich selbst und einen Patienten samt lebenserhaltender Geräte zu teleportieren, daher hatte der Transport auf die altmodische Weise ablaufen müssen, und das bedeutete langsam.

Am Anfang hatte er aus falschem Stolz darauf bestanden, selbst zu gehen, hatte jedoch schnell feststellen müssen, dass es ihm immer noch nicht gut genug ging. Es war zermürbend, wie langsam sich sein Zustand nur besserte, und alles nur, weil er seine Kräfte zu sehr verausgabt hatte.

Nun hatten sie es jedoch endlich in den Bauch ihres Schiffes geschafft und Law beobachtete aus müden Augen, wie Chopper Zorros Werte überprüfte; wie immer fühlte er sich gleich wohler zwischen den metallenen Wänden der Polar Tang.

Neben Chopper waren auch Nico Robin, Schwarzfuß und Franky anwesend, doch nur die Archäologin würde bleiben. Law wusste, dass es eine wilde Diskussion gegeben hatte, wer Chopper und Zorro begleiten würde, und er begrüßte das Ergebnis, auch wenn er die Hintergründe nicht kannte - nicht, dass sie ihn interessierten.

Als Letzter war Zorro anwesend, sowohl körperlich als auch geistig, doch wie schon den ganzen Tag über schwieg er, die Arme verschränkt und Law hatte absolut keine Ahnung, was in ihm vorging.

Aber auch das interessierten Law nur milde, während er Chopper mit halbem Ohr zuhörte und merkte, wie die vertraute Umgebung etwas von seiner Anspannung nahm und ihn gleichzeitig etwas schläfrig machte.

Irgendwann kam Uni herein und verkündete, dass sie bereit zum Auslaufen waren, und nach ein paar unnötig warnenden Worten gingen Schwarzfuß und Franky.

Law wusste, dass Bepo mit Nami den Verlauf ihrer Reise besprochen hatte, aber er war derzeit zu müde, um sich damit zu belasten, und er vertraute seinem Navigator, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Auf Robins Bemerkung hin versorgte Chopper noch einmal Laws Wunden, ehe er sich in seine angrenzende Kajüte zurückziehen wollte, um etwas zu schlafen, wissend, dass Zorros Geist ihm folgen würde, ob er wollte oder nicht.

Er nahm sich immer einen Moment länger Zeit, die Türen hinter sich zu schließen, gab seinem Poltergeist die Möglichkeit, ihm zu folgen, was dieser auch tat. Anscheinend mochte er es wirklich nicht, teleportiert zu werden.

„Du bist heute ja mal richtig ruhig", bemerkte Law, als er die Türe zu seiner Kajüte zuzog.

„Glaube, du hast ein falsches Bild von mir", murmelte der andere und zuckte mit den Schultern. „Bin keine Quasselstrippe."

Tja, Law wusste nicht, ob er dem zustimmen oder widersprechen sollte. Auf den ersten Blick wirkte Zorro tatsächlich eher wie der ruhige Beobachter, der nur eingriff, wenn es nötig war, aber…

„Zumindest in meiner Gegenwart bist du gar nicht so still", bemerkte er und erinnerte sich an vergangene Feste und Abende, bei denen es meistens Zorro gewesen war, der verhindert hatte, dass Law sich dem nervigen sozialen Geplänkel hatte entziehen können.

„Mhm, das stimmt", brummte Zorros Stimme warm in seinen Ohren, „kann dich ganz gut leiden."

Law starrte ihn an, während Zorro seine Kajüte begutachtete. Er war es gewohnt, dass seine Crewmitglieder gefühlsduseligen Kram von sich gaben, selbst vom Strohhut hätte er nichts anderes erwartet, aber nicht von ihm und wieder einmal merkte Law, wie es ihn anfasste.

Echt klein", kommentierte Zorro dann, „aber in einem U-Boot muss halt auch alles effizient sein, was?"

"Es ist ein Raum für eine Person und somit mehr als ausreichend", erklärte Law leicht säuerlich, drückte sich zwischen Schreibtischstuhl und Poltergeist hindurch und ließ sich auf sein geräumiges Bett sinken, welches knapp die Hälfte des Raumes einnahm.

„Es ist aber auch die Kapitänskajüte", widersprach Zorro, ohne Law anzusehen, sondern begutachtete die Wand vor Laws Schreibtisch, die vollgepinnt war mit Notizen. „Huh, du kannst gut zeichnen."

Erst da wurde Law bewusst, wie ungewöhnlich es war, einen Fremden an Bord zu haben, und dass bisher noch nie jemand außerhalb seiner Crew diesen Raum betreten hatte.

„Es hilft mir beim Visualisieren", bemerkte er, „und im Gegensatz zu deinem Kapitän habe ich wenigstens ein eigenes Zimmer."

„Stimmt auch wieder", gab der andere nach, doch sein Grinsen schwand, als er Law ansah. „Du solltest wirklich schlafen gehen, weißt du? Siehst echt beschissen aus."

„Tja, nicht jeder von uns hat den Luxus, einfach seinen lädierten Körper im Raum nebenan abzulegen. Aber wir sollten vorher nochmal…"

Du kannst morgen nochmal irgendwelche Untersuchungen machen", unterbrach Zorro ihn mit einem Augenrollen. „Gerade ist Chopper eh noch drüben und ganz ehrlich, vielleicht solltest du es auch einfach mal einen Tag gut sein lassen und dich gesund schlafen. Keine Sorge, ich lauf schon nicht weg."

Einen Moment sah Law ihn einfach nur an.

„Dir ist aber schon die Ironie deiner Worte bewusst, oder?" Dann gab er sich mit einem Seufzen geschlagen und trat schwerfällig die Stiefel aus. „Meinetwegen. Aber beschwer dich nicht, wenn du dich die Nacht zu Tode langweilst."

Ein leises Lachen erfüllte seine Ohren und er sah auf, bemerkte erst da seinen schlechten Wortwitz, als Zorro mit einem süffisanten Grinsen zu ihm hinabsah. 

Law wusste nicht warum, wusste nicht, warum er jene Worte sagte, aber in jenem Moment meinte er sie ernst, glaubte er sie wirklich, obwohl er es doch besser wusste: "Vielleicht finden wir ja einen Weg. Vielleicht kann ich dich doch irgendwie retten."

Zorros Auge weitete sich, dann neigte er leicht den Kopf und sein Grinsen wurde etwas sanfter, doch immer noch hielt er Laws Blick so einfach stand, ehe er sachte nickte.

 

Als Law aufwachte, brauchte er eine Sekunde, um sich zu orientieren. Er war so perplex, dass er tatsächlich gut geschlafen hatte, dass ihm beinahe entfallen war, weshalb. Nun jedoch erkannte er die vertraue Zimmerdecke und das vertraute Wummern der Maschinen.

„Und, bist du noch da?", fragte er, ohne sich zu bewegen, nicht mal sicher, warum er diese Frage überhaupt stellte.

Wo sollte ich sonst sein?", kam daher auch die zu erwartende Antwort.

Schwerfällig setzte Law sich auf.

Siehst besser aus." Zorro stand ihm gegenüber am eingelassenen Schrank gelehnt in Ermangelung einer freien Wand.

„Nennt man genügend Schlaf", murrte Law nur und richtete sich auf.

Solltest du öfters ausprobieren."

Einen Moment sah Law ihn einfach nur an, etwas überrascht, während Zorro ihn so breit angrinste, wie er es sonst nur von dessen Kapitän kannte, dann schüttelte er den Kopf, zeigte Zorro den Mittelfinger und machte sich auf ins Bad gegenüber im Flur.

„Irgendetwas passiert, während ich geschlafen habe?", fragte er, obwohl er natürlich alles mitbekommen würde.

Wie immer folgte Zorro ihm, nicht dass er groß eine Wahl hatte.

„Der ei… Uni, glaube ich, hat gestern kurz reingeschaut - sah aus, als wäre er kurz vorm Heulen gewesen - und heute Morgen hat so ein Mädel reingeguckt. Sie hat mit irgendwem im Flur gesprochen, konnte aber nicht erkennen wer. Sie meinte nur, sie sollten dich schlafen lassen, mehr nicht."

Law nahm davon zwei Dinge mit. Zum einen bekam er im Schlaf nicht ansatzweise so viel mit, wie er dachte, und zum anderen eignete sich sein persönlicher Poltergeist gegebenenfalls als Spion.

„Und was hast du die ganze Nacht gemacht?", fragte er, weniger aus Interesse, sondern eher, um die Stille zu füllen.

„Nichts", kam es wenig hilfsbereit von der anderen Seite der halb offenen Türe. „Was hätte ich auch tun sollen? Schlafen kann ich ja scheinbar nicht."

„Was würde ich dafür geben, keinen Schlaf zu brauchen."

Tja, glaub mir, das Preis-Leistungs-Verhältnis ist eher bescheiden."

Irgendwann verließen sie das Bad und Law wies Zorro an, vorneweg zu gehen, damit er rechtzeitig bemerken würde, sollte er sich zu weit entfernen. Außerdem würde er so bemerken, wann immer Zorro den falschen Weg einschlug, was in den verwinkelten Gängen der oberen Ebenen nur zu leicht passieren könnte.

Gerade hatten sie den Weg zum Aufenthaltsraum angetreten, als ihnen Bepo entgegenkam, wollte wohl Law aufsuchen.

Sie sprachen nun über die Dinge, über die sie eigentlich schon am vergangenen Tag hätten reden sollen, aber natürlich hatte Bepo genauso gehandelt, wie Law es vorgegeben hätte.

Ihm entging nicht, dass Bepo recht langsam ging, aber auch, wenn es ihn störte, es war wohl gut so, denn es ging Law zwar besser, aber nicht gut und Bepo schien dies sofort bemerkt zu haben. Und noch eine Sache wurde Law deutlich bewusst, als er um die Ecke zur Leiter bog, die zum Aufenthaltsraum hinaufführte, und den himmlischen Duft von Kaffee vernahm: Er hatte Hunger!

Zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten freute er sich auf eine Mahlzeit und merkte, wie seine hinkenden Schritte etwas schneller wurden, während er sich mit Bepo über die derzeitigen Gäste an Bord unter…

Uff… daran werde ich mich nie gewöhnen."

Law blieb stehen. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von der Leiter zum Aufenthaltsraum und seinem geliebten Kaffee. Die Polar Tang war als U-Boot nicht so groß wie andere Piratenschiffe, sondern eher kompakt. Aber gerade war Zorro, der bisher taktvoll geschwiegen hatte, geradewegs gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

„Ka… Kapitän?"

Mit einem leisen Seufzen sah er zu Bepo auf.

„Ich kann nicht weitergehen", erläuterte er nüchtern. „Noch zwei bis drei Schritte und ich entferne mich zu weit von Zorro."

„Oh! Oje, was machen wir denn da?"

Mit einem Schulterzucken wandte er sich um. „Es ist, was es ist. Sag den anderen, dass ich mich nur in unmittelbarer Umgebung zum Intensivraum und somit nur auf der unteren Ebene aufhalten kann und sie in mein Zimmer kommen sollen, wenn etwas sein sollte."

„Aber… aber Käpt’n…"

„Du wirst dich mit den Strohhüten kurzschließen müssen, der Kommandoraum ist erst recht außerhalb meiner Reichweite. Komm zur Absprache bei mir vorbei, und sag Chopper, dass ich die Morgenvisite mache."

„Aber… Aye, Käpt’n."

Bepos Schritte hallten in seinem Rücken, während Law den Rückweg antrat. Er merkte Zorros Blick auf sich.

„Ich hab nur Befehle erteilt, das macht man nun mal als Kapitän."

Hab doch gar nichts gesagt."

„Eine Diskussion ist unnötig, wenn die Fakten vorliegen. Ist halt nervig, auf meinem eigenen Schiff nicht überall hinzukommen, als wäre ich ein kleines Kind, welches man von irgendwelchen Knöpfen weghalten müsste, aber es ist nun mal, wie es ist. Und all das nur, weil du meintest, mal eben so…" Er verstummte, starrte Zorro an, der mit einem leisen Grinsen zurücksah.

Doch nicht so gut geschlafen?"

„Ach, lass mich doch in Ruhe." Er stakste an ihm vorbei in den Operationsraum. Dort lag dann auch Zorros Körper, an all die notwendigen Maschinen angeschlossen. Fast augenblicklich wich seine schlechte Laune etwas Demut.

Law hatte es für einen Moment fast vergessen. Zorro verfolgte ihn nicht, um ihn zu nerven, so wie die Crewmitglieder der Strohhutbande ihn andauernd nervten, sondern weil er in einem Zustand zwischen Leben und Tod gefangen war, und Law einfach das Pech hatte, mithineingezogen worden zu sein. Auch wenn Law wusste, dass er seine Beteiligung aktiv herbeigeführt hatte, so wollte er sich das nicht so ganz eingestehen.

Am Krankenbett angekommen übernahm er die notwendigen Arbeiten, überprüfte Medikamenteneinstellung und Werte, versorgte Wunden und wechselte Verbände und dann begann er, seinen Patienten zu reinigen.

„Uhm, das ist echt nicht notwendig", kam es fast schon zurückhaltend von seinem Poltergeist, während Law ihn entblößte. „Äh… das… das hat nichts zu…"

„Komm mal runter, das ist ganz normal. Nur weil dein Hirn nicht mehr arbeitet, bedeutet es nicht, dass deine restlichen Organe ihre Tätigkeit ebenfalls einstellen würden." Geschäftig arbeitete er weiter und ignorierte, wie Zorro ihm gegenüber errötete. Wie konnte ein Geist überhaupt erröten? „Und eine regelmäßige Reinigung ist absolut notwendig, um sicherzugehen, dass nichts verkeimt oder sich entzündet. Außerdem ist es inhuman, einen Patienten in seiner eigenen…"

„Schon gut, schon gut. Hab's ja verstanden. Trotzdem unangenehm."

„Wieso? Du läufst doch eh die Hälfte der Zeit halbnackt rum und so oft, wie du dich verletzt, wird Chopper das bei dir öfters gemacht haben; gestern vermutlich das letzte Mal." Law räumte alles weg. „Es ist zwar eigentlich Aufgabe des Pflegepersonals, aber es spricht für Chopper, dass er auch die nicht so schönen aber umso wichtigeren Tätigkeiten erledigt."

Aber deshalb brauchst du das ja nicht machen."

Er sah auf. Immer noch zeigte Zorro eine leichte Schamesröte, was so unlogisch war, wenn man bedachte, dass sein Herz in seinem Körper langsam wie eh und je schlug.

„Auch ich bin gewissenhaft in meiner Aufgabe als Arzt", bemerkte er schroff, „oder stört es dich etwa, dass ich dich nackt gesehen habe? In diesem Fall kann ich dich beruhigen. Nacktheit ist etwas völlig…"

Mir sowas von egal", murrte Zorro, dann seufzte er und wandte sich ab.

Bis auf das Piepsen und Tackern der Maschinen sowie das sprudelnde Wasser war es still zwischen ihnen, während Law sich penibel die Hände wusch. Ob es ihm passte oder nicht, für die kommenden Tage war Zorro sein ungewollter Mitbewohner, konnte ihm nicht aus dem Weg gehen und konnte sich mit niemandem außer ihm unterhalten. Natürlich könnte Law ihn einfach ignorieren, aber das konnte er dann doch nicht.

„Ich kann meinen schmerzenden Körper und tagelanges Schlafdefizit als Ausrede für meine schlechte Laune vorbringen. Was ist deine?“, fragte er also, obwohl er die Antwort natürlich kannte, und trocknete sich die Hände ab.

Ein kaputtes Gehirn?“, schlug der andere vor, anscheinend fast schon dankbar über den Themenwechsel.

„Ach, aber das hat dich bisher doch auch nie aufgehalten.“

Versuchst du gerade etwa, lustig zu sein? Scheiße muss es schlecht um mich stehen.“

Ohne etwas zu entgegnen, sah Law auf und ging zu seinem Patienten zurück, ignorierte das böse Grinsen des Geistes. Er rollte seinen Hocker heran, um seinen Körper nicht unnötig zu belasten, und ließ sich langsam hineinsinken. Dann legte er seine Hände an Zorros Schläfen, schloss die Augen und begann, dessen Gehirn mit leichten Schockwellen zu stimulieren.

Was machst du da?“

„Es gibt Fälle, bei denen sich die Nervenzellen mit der Zeit regenerieren, wenn man sie regelmäßig stimuliert. Nachdem du gestern bei Kontakt mit deinem Körper vor allem Kopfschmerzen hattest, denke ich, wir sollten nichts unversucht lassen.“

Für einige Sekunden schwieg der andere.

Aber hast du das nicht schon versucht, direkt nachdem du aufgewacht warst?“

„Ja, etwas ähnliches, aber mit einer anderen Intention. Damals wollte ich eine unmittelbare Reaktion herbeiführen, jetzt gehe ich subtiler vor. Es ist ein langsamer Prozess, dessen Erfolg wir frühestens in einigen Tagen sehen würden.“

„Sofern das Stimulieren überhaupt erfolgreich ist und ich vorher nicht bereits abdanke.“

„Genau.“

Wieder schwieg Zorro, sodass Law sich in Ruhe auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Die Zeit verging und obwohl Law immer noch erschöpft und schlecht gelaunt war, so schien dieser Moment ganz gut zu sein, zumindest ruhig, zumindest mal niemand, der störte.

Erst als Shachi mit einem Frühstückstablett hereinkam, beendete Law seine Arbeit und ließ sich folgsam von seinem besorgten Crewmitglied in seine Kajüte bringen, allerdings nur, weil er die kleine Thermoskanne erspäht hatte, die ihm sein langersehntes, heißes, pechschwarzes Glück versprach.

Kurz noch fiel sein Blick auf Zorro, der hinter Shachi am Schrank lehnte, die Arme verschränkt, die Augen geschlossen, sich sichtlich bemühte, nicht da zu sein, dann senkte Law seine Aufmerksamkeit auf seinen wohlverdienten Kaffee und sprach mit seinem Crewmitglied über Dinge, die Außenstehende eigentlich nicht hören sollten.

 

Kapitel 7 -

 

Es war ein langer Tag gewesen, aber Law war froh, endlich wieder auf der Polar Tang zu sein. Auch wenn er sich kaum frei auf dem Schiff bewegen konnte, so genoss er doch das vertraute Gefühl der leise wummernden Maschinen und das Wissen um die Möglichkeit, jederzeit Abtauchen zu können, wenn die Oberfläche zu gefährlich werden sollte.

Am Nachmittag hatte Law die begrüßenswerte Feststellung gemacht, dass er zwar nicht bis aufs Hauptdeck kam, sich wohl aber auf dem Unterdeck am Heck aufhalten konnte, welches er so oder so bevorzugte, weil er hier meist seine Ruhe hatte, da seine Crewmitglieder sich immer lieber auf dem Hauptdeck tummelten. Außerdem bot es den angenehmen Vorteil, dass er schnell mitbekommen würde, wenn sich im Intensivraum etwas regte, und somit sofort reagieren konnte, sollte seinem Patienten etwas passieren.

Da es seinem Körper mittlerweile besser ging – dem Kaffee sei Dank – überlegte er, ob er es riskieren könnte, sich in den Kommandoraum zu teleportieren, der direkt eine Etage über dem Intensivraum lag und somit noch in seiner Reichweite liegen müsste, auch wenn er die Leiter nicht nehmen konnte.

Aber auch wenn ihn sein eingeschränkter Bewegungsradius wirklich nervte, so hatte er sich dagegen entschieden. Tatsächlich war etwas anders in ihm, was ihn von diesem Risiko abhielt. Seit dem vergangenen Abend, als er diese seltsamen Worte gesagt hatte, war da ein Gefühl in ihm, welches ihn zutiefst störte und deshalb war er gerade hier draußen, versuchte seinen Kopf zu klären und seine altvertraute Rationalität zurückzuerlangen.

Doch es wollte ihm nicht gelingen. Es pisste ihn an, nervte ihn mehr als, dass er – und nur er - sich auf diesem Schiff nicht frei bewegen konnte, und das als Kapitän. Es nervte ihn sogar mehr als das Schiff, welches an ihrer Seite reiste und von wo aus er immer wieder laute Stimmen hören konnte; er hätte nicht gedacht, dass Bepo sich so leicht von Nami hatte überzeugen lassen, an der Oberfläche zu bleiben, obwohl sie so doch ein viel leichteres Ziel bildeten. Es nervte ihn sogar mehr als der intensive Blick seines Poltergeistes, der zwar wie so oft schwieg, aber doch alles mitzubekommen schien und eigentlich schuld an der ganzen Misere war. Es nervte, es nervte!

„Verdammt nochmal!“

Er schlug auf die Reling neben sich, hörte das Metall ächzen, spürte wie sich seine lädierten Knochen beschwerten. Aber er konnte es nicht ändern, konnte dieses Gefühl nicht ignorieren. Dieses Gefühl, welches schuld daran war, dass er nicht gewillt war, ein Risiko einzugehen.

Law wollte Zorro retten.

Das an sich war natürlich nichts Ungewöhnliches. Es war die Aufgabe eines Arztes, alle bestehenden Möglichkeiten auszuschöpfen, um ein Leben zu retten, und selbstredend tat Law genau das.

Aber es war anders, es war mehr. Seit dem vergangenen Abend, als Zorro ihm in seine Kajüte gefolgt war, verspürte Law nicht die berufliche Pflicht, diese rationale Verantwortung, nein, es war ein emotionales Verlangen, dass es ihm gelingen musste. Obwohl er es doch besser wusste, obwohl er doch ganz genau wusste, dass selbst seine Möglichkeiten begrenzt waren und er die medizinischen Grenzen bereits ausgelotet hatte. Selbst mit seiner Kraft konnte er nicht mehr wirklich etwas bewirken und dennoch, dennoch musste er es versuchen.

So schlimm?“

Erschrocken sah er auf. War es ihm etwa so ins Gesicht geschrieben?

Ganz ehrlich, dann mach doch das, was… Sh… Shachi vorgeschlagen hat. Mir ist egal, wo mein Körper liegt und wenn ihr eh nicht operiert, kann ich auch…“

Law winkte ab. Das meinte er. Shachis Vorschlag Zorro oben in eines der Krankenzimmer der Crew zu legen, damit Law am Alltag des Schiffes teilhaben konnte. Aber das kam nicht in Frage.

„Dann hättest du auch gleich auf dem Schiff da bleiben können“, bemerkte er und nickte zur Thousand Sunny herüber.

Aber dieses Argument war nicht seine Hauptmotivation. Es gab einen Grund, warum die Kapitänskajüte etwas abseits von den anderen Schlafräumen war, direkt beim Operations- und Intensivraum. Law mochte seine Crew, aber er mochte auch seine Ruhe.

Der andere sah ihn ernst an.

Worüber regst du dich dann auf?“

Woher…?

Nein, Law mochte ihn wirklich nicht. Zumindest nicht in diesen Momenten, wenn Zorro zeigte, wie messerscharf sein Verstand sein konnte, und Law war sich ziemlich sicher, dass dieser Blick sofort erkennen würde, wenn er log.

„Ich überlege, was wir noch ausprobieren können.“

„Ah, und dir fällt nichts mehr ein.“ Er sah seinen Poltergeist mit hochgezogener Augenbraue an. Doch Zorro grinste nur. „Was denn? Es war doch von Anfang an klar, dass die Chancen eher bei null stehen. Warum zerbrichst du dir also jetzt den Kopf?“

Ja, das war eine gute Frage. Dieser wahnsinnige Vollidiot hatte Recht und Law wusste das - schließlich hatte er dem anderen dies so erklärt - warum also wollte er es jetzt nicht mehr wahrhaben? Warum suchte er nun beinahe verzweifelt nach einem Weg, den es nicht gab und der im besten Fall, wenn überhaupt, damit enden würde, dass Zorro noch etwas länger in diesem oder einem ähnlich schlechten Zustand wäre?

„Ich mag es nicht, zu verlieren", meinte er daher nur, wofür er immerhin einen zustimmenden Laut des anderen erhielt.

Als er aufsah, bemerkte er, wie Zorro das Nachbarschiff beobachtete und da war etwas in diesem harten Gesicht, das Law nicht ganz abtun konnte.

„Und worüber denkst du nach?"

Wa… was?" Fast schon überrascht starrte Zorro ihn an, hatte mit dieser Frage vermutlich genauso wenig gerechnet wie Law selbst. „N… nichts."

Unter anderen Umständen würde Law ihm das sogar glauben, aber die letzten Tage hatten ihn gelehrt, dass dieser Kerl nicht so schlicht war, wie er immer tat. Also schwieg er nur und hielt diesem überraschten Blick stand, bis Zorro irgendwann einknickte und seufzend mit den Schultern zuckte.

„Naja, ist schon irgendwie nervig, was? So hab ich’s mir nicht vorgestellt, meine letzten Tage. Dir dabei zuzusehen, wie du meine Windeln wechselst, mit Chopper und den anderen streitest und dich darüber aufregst, dass du dir noch nicht mal selbst in der Kombüse einen Kaffee holen kannst.“

Law begegnete seinem Blick, und obwohl es doch Zorro war, dem es unangenehm sein musste, war es Law, der schlussendlich als erstes wegsah, seinen Blick über das ruhige Meer gleiten ließ.

„Nicht so glamourös wie gedacht, oder?“

„Glamourös? Was ein Wort. Sterben ist nie… glamourös“, entgegnete Zorro kühl. „Es gehört zum Leben. Wer lebt, stirbt, so ist das nun mal, und ich habe kein Problem damit. Es hatte wenigstens einen Sinn. Aber das hier… das ist doch einfach sinnlos.“

Nun wandte Zorro sich doch ab und sah zur Sunny auf, während Law seinen Rücken fassungslos anstarrte, und zum ersten Mal empfand er den anderen nicht ganz so nervig wie sonst. Leise musste er lachen und rieb sich kopfschüttelnd den Nacken.

Findest du die Situation etwa lustig?“

„Oh, nein, ganz bestimmt nicht. Mich pisst das alles sowas von an“, murrte Law mit einem leisen Schnauben. „Aber zum ersten Mal hast du etwas fast Normales gesagt. Hätte nicht gedacht, dass ein wahnsinniger Vollidiot wie du zu so etwas fähig ist.“

Nun sah Zorro ihn über seine Schulter hinweg mit hochgezogener Augenbraue an, sagte jedoch nichts.

„Willst du also aufgeben, da das hier ja eh alles sinnlos ist?“

Nein, das habe ich nicht gesagt“, kam sofort die fast trotzige Antwort. „Es ist beschissen, aber noch bin ich hier – irgendwie zumindest – also werde ich auch nicht aufgeben. Auch wenn ich nicht wirklich etwas tun kann“, setzte er kleinlaut hinterher.

„Du vielleicht nicht, aber ich“, bemerkte Law nachdenklich und fasste einen Entschluss, einen idiotischen, wahnsinnigen Entschluss.

Zorro wandte sich ihm wieder zu, die Arme verschränkt.

Aber hast du nicht selbst gesagt, dass es vorbei ist? Du hast keine Idee mehr außer dieses komische Stimulieren, von dem du nicht wirklich ausgehst, dass es was bringt. Was also bleibt uns, außer abwarten?“

Jetzt war es an Law zu grinsen.

Was?“

„Du bist nicht besonders innovativ, was? Machst du das immer so? Einfach den Kopf in den Sand, wenn du keine Idee mehr hast?“

Nun hob Zorro fast schon entrüstet beide Arme.

Was willst du von mir? Wer sagt, dass ich hier den Kopf in den Sand stecke? Aber gerade könnte ich mir noch nicht mal selbst den Gar ausmachen, selbst wenn ich wollte. Also ja, was bleibt mir anderes übrig, außer abwarten?“

„Süß“, feixte Law, was sein Gegenüber zum Erröten brachte. „Dabei haben wir längst noch nicht alles ausgeschöpft.“

Aber…“

„Nur weil ich keine Idee mehr habe, muss das noch lange nicht das Ende bedeuten, oder dachtest du wirklich, dass mein Fachwissen dem gesamten medizinischen Fachwissen der ganzen Welt gleichkommen würde?“

Zorro sah ihn mit großem Auge an.

Aber du sagtest doch…“

„Ich weiß, was ich gesagt habe, und ich stehe dazu. Bei einem Lehrbuchfall des vegetativen Zustandes stehen die Chancen auf Besserung äußerst schlecht, aber wenn wir ehrlich sind, bist du kein Lehrbuchfall. Schließlich existiert dein Bewusstsein noch und es gibt irgendeine Barriere, die dich von der Wahrnehmung deines Körpers abhält, während dieser mit meinem verbunden ist. Wir wissen vielleicht nicht, was genau hier los ist, aber möglicherweise können wir es zu unserem Vorteil nutzen.“

„Und was bedeutet das?“

„Das bedeutet, dass ich, nachdem ich deinen Zustand so gut, wie es geht, erfasst habe, nun mit der lästigen Theorie beginnen werde. Das heißt Tage und Nächte über Wälzern und medizinischen Artikeln, sowie…“

„Kapitän? Mit wem redest du da?“

Oh, verdammte Scheiße!“ Zorro sprang einen Schritt zurück und seine Stimme dröhnte in Laws Ohren, ließ ihn zusammenzucken.

Hinter ihm war gerade Penguin aufs Deck getreten. Er sah besser aus als noch am vergangenen Tag, als Law ihn das letzte Mal gesehen hatte – Chopper übernahm derzeit seine Versorgung, noch eine Sache, die Law nervte – doch gerade begutachtete er Law misstrauisch. Law entging nicht, wie seine Augen unter dem Schatten seiner Kappe einmal übers Deck glitten.

„Mit Zorro“, entgegnete Law einfach nur.

Hey! Was soll das? Du kannst doch nicht einfach…“

„Ach so“, seufzte Penguin und kratzte sich die Schläfe, ehe er fast schon missbilligend zu Law aufsah. „Hör mal Käpt’n, ich weiß, das ist so ein Ding von dir, aber er könnte dich hier doch noch nicht mal hören.“

Hä?“

„Und was, wenn doch?“, entgegnete Law, ignorierte seinen Poltergeist und wandte sich Penguin zu, der ihn einfach nur zweifelnd ansah.

„Was auch immer, wenn es dir beim Denken hilft, schön und gut, aber… halt dich ein bisschen zurück, ja? Zumindest, wenn seine Crewmitglieder es mitkriegen könnten. Ist mit Sicherheit nicht leicht für sie gerade.“

Law verschränkte die Arme und musterte sein Crewmitglied. „Und wie geht es dir?“

„Gut.“

„Ist schon okay, Käpt’n. Chopper hat mir Sport, Nachtwachen und Alkohol verboten, aber die Wunden sind nicht entzündet und ich bin mir sicher, dass ich in ein paar Tagen wieder fit bin.“

Einen Moment begutachtete er Penguin. Er war gut darin, sich zum Wohle anderer zurückzunehmen und daher behagte es Law ganz und gar nicht, dass er schwerer verletzt war.

„Tu mir einen Gefallen und bring mir eine Kanne Kaffee, ja? Und dann will ich dich untersuchen.“

„Nicht notwendig, Käpt’n“, wand Penguin sich beinahe aus seinen Worten, „hab doch gesagt, dass Chopper uns schon alle versorgt hat. Außerdem sollst du doch nicht so viel Kaffee trinken.“

„Ich werde mich nicht wiederholen, Kaffee und du in meinem Zimmer in zehn Minuten, Penguin.“

„Aye, Kapitän.“

Law schritt an ihm vorbei zurück in sein Zimmer, gefolgt von seinem persönlichen Poltergeist.

Hast ne seltsame Art, deine Zuneigung zu zeigen“, urteilte dieser.

„Und das kommt von jemanden, der es liebt, für seine Freunde vors Messer zu springen.“

„Hey, das ist unfair“, kam es von Zorro. „Ich springe nicht nur vors Messer.“

„Aha“, zeigte Law sich wenig beeindruckt, während er sich an seinem Schreibtisch niederließ. Er brauchte keine Auflistung, vor was für Waffen der andere sich noch werfen würde.

Ich hebe auch mal gerne einen mit meinen Freunden, selbst, wenn sie da nicht so viel Lust draufhaben.“

„Wenn du…“ Er erinnerte sich an die vielen Feiern, die er mit den Strohhüten hatte erleben müssen. „…meinst.“

Sich seine Mütze tiefer ins Gesicht ziehend, ignorierte er bewusst seine roten Wangen und das schallende Lachen des Schwertkämpfers, nicht sicher, ob Zorro ihn nicht nur einfach aufzog, während er sich tiefer über seinen Schreibtisch beugte.

Was machst du da?“, fragte Zorro dann mit einem leisen Glucksen nach.

„Ich stelle eine Liste an Büchern aus der Bibliothek zusammen, die ich benötige, da ich selbst nicht hochgehen kann.“

Zorro machte einen zustimmenden Laut, doch ehe er etwas anderes sagen konnte, ging zum Glück die Tür auf und Penguin kam mit dem erwünschten Kaffee herein.

Nachdem Law ihn untersucht hatte – und festgestellt hatte, dass Chopper seinen Aufgaben hervorragend nachkam – gab er Penguin die Liste mit und forderte ihn auf, auch Bepo nochmal bei ihm vorbei zu schicken.

„Sag mal, Kapitän“, murmelte Penguin an der Tür und überflog die Liste, ehe er Law wieder ansah. „Was hat es hiermit auf sich? Geht es um Zorro?“ Er nickte zur Wand, die an den Intensivraum grenzte.

Law nickte.

„Du glaubst, es besteht noch Hoffnung für ihn? Von dem, was ich mitbekommen habe, hört es sich eher düster an.“

Sein Poltergeist von der Schrankwand gab einen belustigten, wenn auch zustimmenden Laut von sich.

„Er hat mein Leben gerettet“, erklärte Law schlicht und ohne jedwede Dankbarkeit, „ich schulde ihm, dass ich noch nicht aufgebe.“

Sein Crewmitglied sah ihn mit großen Augen an, dann lächelte er sachte.

„Soll ich Chopper Bescheid geben? Vier Augen sehen schließlich mehr als zwei.“

„Nein, noch nicht. Nicht, solange ich nicht zumindest eine Spur oder Möglichkeit gefunden habe.“

„Wie du meinst.“ Penguin wandte sich zum Gehen.

„Außerdem glaube ich, dass er gerade eh nichts anderes macht. Kein Arzt wäre in der Lage, untätig zuzusehen, solange es noch eine Chance gibt, und sei sie noch so klein.“

Nachdem Penguin gegangen war, begann Law in seinen vorliegenden Unterlagen nachzuschlagen. Er kannte diese Stille mittlerweile, wusste, dass dieser durchdringende Blick auf ihm lag, und er wusste, was Zorro nicht sagte.

Unabhängig davon, ob Zorro überleben würde oder nicht, die Allianz bestand nicht mehr und sie könnten genauso gut Feinde sein; rührselige Emotionen waren da fehl am Platz. Er wäre nicht der erste Patient, den Law nicht würde retten können, und er wäre nicht der erste Mensch, der für Law sterben würde, auch wenn Law ihn nie darum gebeten hatte.

„Sollte das hier doch noch irgendwie gutgehen“, kam es dann in der Stille von Zorro, „dann lass uns nochmal zusammen einen trinken gehen.“

Law hielt in der Bewegung inne.

„Ich trinke nicht gerne Alkohol“, murrte er, woraufhin Zorro nur wieder so warm lachte, wie es Law unangenehm war.

 

Kapitel 8 –

 

So vergingen die nächsten Tage. Law saß an seinem Schreibtisch und arbeitete ein Buch oder einen Bericht nach dem anderen durch. Nur unterbrochen von seinen Crewmitgliedern, die mit Essen, Kaffee oder für Besprechungen zu ihm herunterkamen. Morgens und abends traf er sich zur Visite mit Chopper im Intensivraum und obwohl sich die Werte ihres Patienten kaum veränderten, sah Chopper mittlerweile deutlich schlechter aus als vorher.

Aber Law konnte sich nicht auch noch um ihn kümmern und hoffte, dass Nico Robin dies übernehmen würde. Er hörte auch von Ikkaku, dass wohl Schwarzfuß am Morgen einfach mal herüber gesprungen war – und dann hatten sie sich so darüber aufgeregt, auf welchem Schiff Zorro liegen würde? – aber auch damit beschäftigte er sich nicht wirklich.

Was Zorro machte, wusste Law auch nicht – vermutlich nichts, da er letztlich nichts tun konnte – aber er schwieg, lehnte gegen irgendwelche Wände, ganz gleich ob in Laws Zimmer, im Intensivraum oder im Bad, und langweilte sich wohl zu Tode, obwohl, so weit war es ja noch nicht.

Manchmal fragte Law ihn zwischendurch etwas und er antwortete, aber sein Wissen über seine eigene Krankengeschichte war eher mau, weshalb Law dann schlussendlich doch wieder Chopper fragte, und so schwieg Zorro die meiste Zeit, bis Law ihn manchmal vergaß. Aus diesem Grund fragte er ab und an nach, ob Zorro noch da war, nur um sich selbst in Erinnerung zu rufen, dass das noch jemand war, ganz gleich wie übermüdet sein Gehirn war.

Er hätte ihn nicht für einen so wenig störenden Quälgeist gehalten und wäre er nicht so beschäftigt, würde er vielleicht Mitleid empfinden. So war Law einfach nur froh darüber, dass Zorro ihn nicht nervte und ihn seine Arbeit machen ließ.

Es blieb nur ein kleines Problem.

„Urgh!“ Law ließ seinen Kopf auf die Tischplatte fallen. Seinem Körper mochte es besser gehen, doch die Kopfschmerzen plagten ihn immer noch, wurden gefühlt nur schlimmer.

Vielleicht solltest du mal eine Pause machen. Bist immer noch verletzt und die vergangenen Nächte hast du kaum geschlafen."

„Ich habe Kaffee“, grummelte Law und fuhr sich durchs Gesicht, ehe er sich wieder aufrichtete und die verschwimmenden Schriftzeichen anstarrte, „und ich habe keine Zeit, Pausen zu machen. Du liegst nun bereits fünf Tage im Koma und mit jedem weiteren steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Körper bald seinen Dienst einstellt, daher muss ich…“

Du musst trotzdem irgendwann mal eine Pause machen.“ Zorro blockte Laws Unterlagen mit einer Hand. „Hast du nicht selbst Chopper noch gesagt, wie wichtig es in eurem Job ist, zu schlafen, weil euch keine Fehler unterlaufen dürfen?“

Wütend sah er zu Zorro auf, der es wagte, Laws eigene Argumente gegen ihn einzusetzen.

„Willst du doch draufgehen?“, murrte er griesgrämig.

Nein“, entgegnete Zorro eiskalt und hielt seinem Blick problemlos stand. „Aber ich hab nichts davon, wenn du beim Versuch vor Erschöpfung zusammenklappst. Also übertreib es nicht, verstanden?“

Law erhob sich und nun musste Zorro zu ihm hochsehen, was ihn warum auch immer noch nicht mal zu stören schien.

„Würdest du so auch mit deinem Kapitän reden?“

„Wärst du mein Kapitän, hätte ich dich längst am Kragen gepackt und ins Bett geworfen.“

„Versuchs nur, körperloser Poltergeist. Du schaffst es ja noch nicht mal, deiner Crew die Wahrheit zu sagen, und bist vor ihnen auf mein Schiff geflohen. Also schwing du nur deine großen Reden, aber am Ende bist du nicht besser als wir alle anderen.“

Zorro verengte leicht sein Auge.

Hab ich doch auch nie behauptet“, knurrte er und verschränkte die Arme. „Keine Ahnung, was dein Problem ist. Ich hab dir lediglich geraten, deinen Körper nicht zu vernachlässigen. Denn anders als ich, kannst du dich um deinen kümmern.

Dann ging er einfach durch Law hindurch, füllte seinen Körper mit diesem seltsamen warmen Gefühl.

Aber eines will ich klarstellen: geflohen bin ich nicht.“

Langsam wandte Law sich um. Zorro lehnte am Wandschrank wie so oft und obwohl er Law durchdringend wie eh und je anstarrte, hatte er das Gespräch offensichtlich beendet.

Was kotzte dieser Mistkerl ihn an! Er wurde einfach nicht schlau aus ihm.

„Ach, leck mich doch“, knurrte er, warf seine Mütze auf den Schreibtisch, trat seine Stiefel aus und schmiss sich dann aufs Bett. Er war so wütend, dass er zweifelte, überhaupt schlafen zu können, und dennoch brauchte es nur wenige Minuten, bis er diesen sinnlosen Kampf verlor.

 

Eine leise Stimme weckte ihn. Erst dachte er, dass einer seiner Crewmitglieder nach ihm sehen würde, aber so nah an seinen Ohren war er nur an eine Stimme gewöhnt und direkt kam seine schlechte Laune zurück.

Doch gleichzeitig wurde ihm etwas mulmig zumute, ein Gefühl, was er weder wirklich kannte, noch leiden konnte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Zorro immer und die ganze Zeit durchgehend geschwiegen haben musste, während Law geschlafen oder seine Unterlagen durchgearbeitet hatte, denn der leiseste Ton wäre ihm aufgefallen.

Ob Zorro das bewusst getan hatte oder ob er einfach von Natur aus so ruhig war?

Lautlos seufzte Law. Warum brachte dieser Mistkerl ihn nur so leicht aus dem Konzept?

Als Arzt war Law es doch gewohnt, mit emotionalen Patienten umzugehen, ungerecht behandelt und unhöflich angemacht zu werden. Als Schwarzfuß ihn angeschnauzt hatte, war es ihm gleich gewesen; seine eigenen Emotionen waren nicht vom Wohlwollen anderer abhängig.

Aber von Zorro reichte eine hochgezogene Augenbraue, ein spöttisch verzogener Mundwinkel und schon fasste es Law an. Am Anfang hatte er es darauf geschoben, dass er nicht an ständige Gesellschaft gewöhnt war, aber wenn er es sich eingestehen würde, so war der Schwertkämpfer kein unangenehmer Zellengenosse. Er ließ Law viel in Ruhe und gab ihm Rückzugsmöglichkeiten, soweit es ihre Situation zuließ. Auch seine recht schweigsame Art war fast angenehm, insbesondere wenn man bedachte, wie es um ihn stand und dass kaum eine geistig gesunde Person an Zorros Stelle so ruhig und gelassen mit dem unerwartet bevorstehenden Tod umgehen würde.

Er wusste nicht wirklich, was es war. Aber immer nervte es ihn, wenn Zorro ihn so angrinste, sein Schicksal mit einem Schulterzucken akzeptierte oder Laws Gesundheit kommentierte. Es nervte ihn, wenn Zorro ihn so durchdringend ansah oder Gedankengängen folgte, die Law nicht verstehen konnte. Es nervte ihn schlicht, dass er Zorro nicht verstand, obwohl dieser nicht gerade eine komplexe Persönlichkeit war.

„… einer Peri…Perios…titis…“

Unauffällig neigte Law leicht den Kopf und öffnete ein Auge. Da er so wütend einfach ins Bett gestapft war, hatte er die Schreibtischlampe brennen lassen und nun sah er, wie Zorro sich mit verschränkten Armen über den Schreibtisch gebeugt hatte, aber nicht die Unterlagen auf dem Tisch beachtete, sondern die Notizen an Laws Pinnwand. Tonlos las er die Texte, formte die Worte mit seinem Mund und manchmal glitt dann doch ein Ton über seine Lippen.

Wenn Law eines ganz sicher wusste, dann dass Zorro kein vertieftes Interesse an medizinischen Fachartikeln hatte – wobei es ihm mit Sicherheit nicht schaden konnte, sich über die Ursachen und Folgen einer Knochenhautentzündung zu informieren – und irgendwie hinterließ es einen fahlen Geschmack in Laws Mundhöhle; vielleicht hätte er vorm Zubettgehen seine Zähne putzen sollen.

„Warum hast du denn nichts gesagt? Ich hätte dir doch nachts das Licht angelassen.“

„Wa… was?“ Offensichtlich überrascht sah Zorro zu ihm hinab, machte zwei Schritte zurück und errötete im schwachen Licht der Lampe. „Ach, schon gut. Hab mich nur etwas…“

„Gelangweilt“, beendete Law seinen Satz und setzte sich auf. Ein Blick zur Uhr verriet ihm, dass es mitten in der Nacht war. „Muss ziemlich nervig für dich sein, nichts tun zu können, noch nicht mal schlafen.“

Zorro zuckte nur leicht mit den Schultern.

Ja, Law hatte sich wirklich wie ein Arsch verhalten.

„Aber du solltest noch was schlafen“, entgegnete Zorro nach einem Moment, ignorierte anscheinend völlig, dass ihre letzte Unterhaltung ein Streit gewesen war. Anders als Law schien er nicht besonders nachtragend zu sein; so nervig wie sein Kapitän.

„Mhm, gleich.“ Mühsam erhob Law sich, schritt am anderen vorbei und zog ein kleines Büchlein aus der obersten Schreibtischschublade.

Was machst du denn da?“

Er schlug den Rücken des kleinen Buches auf und entnahm die zusammengefaltete Übersicht.

Hey, Trafo.“

„Nicht so laut, okay?“ Er faltete das Papier auseinander, musste einen Schritt vom Tisch zurückweichen. „Room.“

Im nächsten Moment steckte die auseinandergefaltete Übersicht an seiner Pinnwand und weit darüber hinaus, nahm fast die komplette Wand ein. Law beugte sich vor und richtete die Lampe so aus, dass sie auch schön die ganze Wand beleuchtete.

„So, ich denke, das dürfte dich eher interessieren“, murrte er und ging zu seinem Bett zurück.

Katalog der Schwerter, sortiert nach Güteklasse“, murmelte Zorro hinter ihm.

„Aber versuch, ruhig zu sein. Denk dran, dass deine Stimme mir direkt in den Ohren klingelt, und ich bin echt noch müde“, gähnte er, ehe er entschied, sich zumindest einmal richtig bettfertig zu machen und seine Klamotten auszuziehen.

Als er sich dabei umwandte, stellte er fest, dass Zorro wie ein kleiner Junge direkt vor der Übersicht stand, halb im Schreibtisch, während sein Körper das Licht nicht brach, und offensichtlich fasziniert mit dem Zeigefinger einzelne Zeilen entlang glitt und die Worte tonlos formte.

Schmunzelnd stieg Law ins Bett. Er konnte also doch ganz normal sein, wer hätte das gedacht.

 

Als der Morgen kam, wurde er von Bepo mit seinem Frühstück geweckt, hatte verschlafen und die Visite verpasst.

Während er sich aufsetzte, kam Bepo herein und stellte das Tablett mit dampfenden Kaffee auf seinem Schreibtisch ab, merkte noch nicht mal, wie er durch Zorro hindurchglitt, der ihn wiederum ignorierte und immer noch absolut fasziniert irgendetwas las. Ob er die ganze Nacht da gestanden hatte? So viel Text hatte die Übersicht nun auch wieder nicht, aber naja, würde ihn nicht überraschen, wenn der Schwertkämpfer nicht gerade ein schneller Leser war, vielleicht guckte er auch lieber die Bildchen.

Law ließ sich von Bepo dessen Verbrennungen zeigen, aber natürlich hatte Chopper ihn schon versorgt und die Wunden heilten gut. Auch das nervte ihn, dass ein anderer Arzt seine Crew versorgte, aber zumindest machte er einen tadellosen Job.

Entgegen Bepos Ratschlag begann Law sofort mit der Arbeit, als sein Crewmitglied die Kajüte verließ.

„Könntest du bitte aus dem Tisch treten? So kann ich nicht arbeiten."

„Vielleicht solltest du erstmal in Ruhe frühstücken."

Genervt sah er auf und zeigte dem anderen das Reisbällchen in seiner Hand.

„Ich habe geschlafen, wie du wolltest, jetzt muss ich die Stunden, die mir dadurch fehlen, aufholen. Also lass mich arbeiten."

Einen Moment sah Zorro ihn an, dann seufzte er und schüttelte den Kopf.

Bist echt schräg, weißt du das?", murmelte er und schritt zur Seite.

Law schnaubte nur auf und zog sich die nun freien Unterlagen heran.

„Das sollte wohl eher… Hey! Was soll das?"

Er hatte ihn gebissen!

Zorro hatte sich vorgebeugt und in Laws noch erhobene Hand mit dem Reisbällchen gebissen!

Böse grinsend richtete Zorro sich wieder auf, Reisbällchen und Hand unversehrt.

Pass auf. Nächstes Mal ist dein heißgeliebter Kaffee dran."

Ohne es verhindern zu können, griff Law mit seiner freien Hand nach der Tasse, als müsste er sie schützen, während Zorro sich laut lachend umwandte. Mit seinem Daumen rieb er sich über den Mundwinkel, als hätte er tatsächlich einen Bissen erhascht.

„Du bist wirklich verrückt", murrte Law, doch Zorro grinste ihn einfach nur an, gegen die Schrankwand gelehnt, die Arme verschränkt. Die große Frage war, war das sein normales Verhalten oder machte sich bereits die Isolation bei ihm bemerkbar. Leider vermutete Law, dass es Ersteres war.

Während Law also frühstückte und Berichte las, schwieg Zorro. Erst als er das Tablett zur Seite schob, setzte Zorro zum Sprechen an, sagte dann jedoch nichts, obwohl Law den verschluckten Ton natürlich gehört hatte.

„Ist was?", murrte er, nicht sicher, ob das eine gute Entscheidung gewesen war.

„Willst du heute gar nicht mehr mein Hirn stimulieren?"

Überrascht sah er auf. Zorro hatte Recht, schockierender Weise. Normalerweise machte er es immer am Anschluss an die Visite, die er heute verschlafen hatte.

Seufzend erhob er sich und kam diesem Vorschlag nach. Wie immer folgte Zorro ihm mit verschränkten Armen.

„Chopper hat übrigens reingeguckt, während du geschlafen hast."

„Warum hast du mich denn nicht geweckt?" Law musste sich bemühen, ruhig zu bleiben, während er für Zorro die Türe in den Intensivraum offenhielt. Was brachte ihm sein unsichtbarer Wachhund, wenn dieser noch nicht mal anschlug?

Zorro sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, als wäre das doch offensichtlich. „Er meinte, er würde heute Abend wohl deine Wunden noch mal versorgen."

Aufschnaubend knallte Law die Türe zu. Jetzt wurde er sogar von einem fremden Arzt kontrolliert? Er konnte sich sehr wohl selbst um seine eigenen Wunden kümmern.

Dann zog er sich den Stuhl wieder heran und begann seine übliche Tätigkeit. Wie so oft, schwieg Zorro, doch Law merkte diesen Blick auf sich, der ihn so störte. Fast schon beiläufig ließ Law seinen eigenen Blick über Zorros Körper gleiten und was er sah, pisste ihn nur noch mehr an. Law bildete sich ein, recht starke Abwehrkräfte zu haben, seine Wunden heilten in der Regel schnell. Aber das hier war einfach…

„Ekelhaft!“, knurrte er und wieder wuchs diese unbegründete Wut in ihm, die er nicht zuordnen konnte.

Und worüber regst du dich heute auf?“

Überrascht sah er auf. Zorro zeigte ein böses Schmunzeln, welches Law über die gemeinsam verbrachte Zeit mit den Strohhüten schon gut kennen gelernt hatte.

Hast ne ganz schön kurze Zündschnur, weißt du das?“ Er machte sich über ihn lustig.

„Nein, du bist nur einfach nervig“, knurrte Law, ehe er auf Zorros Körper vor sich nickte, „und das hier ist einfach ekelhaft.“

Mein Körper? Ganz schön fies, einen Patienten zu beleidigen“, feixte der andere, offensichtlich nicht im Mindesten beleidigt. Dann schritt er neben Law und folgte seinem Blick. „Weiß nicht, was du meinst. Sieht doch alles wie immer aus.“

„Weißt du nicht mehr, wie du noch vor ein paar Tagen aussahst?“, knurrte Law, woraufhin der andere ihn unschuldig anstarrte, ein verdammter Wolf im Schafspelz.

Fassungslos schüttelte Law den Kopf und versuchte, sich wieder auf seine Tätigkeit zu konzentrieren.

Als Law vor wenigen Tagen aufgewacht war, hatte man den Schwertkämpfer im Bett kaum erkennen können, so sehr war er mit Verbänden und Bandagen eingewickelt gewesen, jedes letzte freie Fleckchen Haut übersät mit Pflastern oder blauen Flecken. Nun jedoch zeugte kaum noch etwas von dem absoluten desaströsen Zustand, in dem sein Körper gewesen war. Natürlich hatte Chopper ihm noch frische Verbände umgelegt, aber weniger als zuvor, es gab kaum noch Pflaster und nur noch hier und da hob sich leicht grünlich oder gelblich verfärbte Haut ab, als wären diese Verletzungen fast schon Wochen alt.

Wenn es nicht für die künstliche Beatmung wäre, würde nichts verraten, dass es schlecht um Zorro stand, so gut heilte sein Körper.

„Einfach ekelhaft!“, knurrte Law und schloss dann seine Augen, doch ein leises Lachen in seinen Ohren machte es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Und immer noch war da diese leise Wut in ihm.

Er konnte es sich nicht erklären. Warum zur Hölle war er seit Tagen so unglaublich gereizt, sobald es um den Schwertkämpfer ging? Er war es gewohnt, dass die Crew des Strohhutes ihn an die Grenzen der Vernunft trieb und wirklich ungewöhnlich stark ärgern konnte, aber Zorro gehörte - zumindest, wenn es nicht um einen Kampf ging - eigentlich weniger zu diesen extrem nervigen Crewmitgliedern. Trotzdem brauchte Law den anderen im Bett nur anzusehen und direkt stieg eine Wut in ihm auf, die er kaum erfassen noch weniger erklären konnte.

Die Anwesenheit des anderen machte es nicht besser mit seinem eindringlichen Blick, seinem undeutbaren Schweigen, diesem kleinen gemeinen Grinsen, welches Law absolut nicht einordnen konnte, und am schlimmsten war dieses warme, dröhnende Lachen in seinen Ohren, so herzlich, dass es echt sein musste. Oft in den unpassendsten Momenten.

Nein, Law wusste wirklich nicht warum, aber der andere ging ihm unter die Haut, und das nervte einfach. Noch mehr, weil es früher nicht so gewesen war. Ja, da hatte es auch immer wieder diese Momente gegeben. Auf Dress Rosa, während ihrer Reise nach Zou und natürlich im Kampf gegen Kaido. Immer wieder hatte es Momente gegeben, wenn Zorro ihn genervt, beeindruckt oder schlichtweg sprachlos gemacht hatte – im positiven wie im negativen Sinne – doch es waren immer nur Momente gewesen, meistens durch unbesonnenes Verhalten herbeigerufene Momente.

Aber jetzt war es anders. Zorro musste nichts machen, alleine seinen verletzten Körper anzusehen reichte schon aus, dass Law wütend wurde. So wütend, dass er am liebsten diesen leblosen Körper rütteln und schütteln wollte. Aber er wusste nicht mal wieso. Es gab keinen Grund für ihn so extrem auf den Schwertkämpfer der Strohhüte zu reagieren, oder?

Ja, sie waren einst Allianzmitglieder gewesen. Ja, er konnte Zorro auch ganz gut leiden, das wollte er eingestehen, aber er würde nicht so weit gehen, sie Freunde zu nennen, nein ganz bestimmt nicht. Und ja, natürlich wollte er ihn nicht sterben lassen, alleine schon, weil dieser mit dessen Kampf wohl Laws Leben gerettet hatte – nachdem er es erst in Lebensgefahr gebracht hatte, wenn man es genau nahm – aber normalerweise machte ihm eine solche Situation nicht so viel aus. Normalerweise konnten seine rationalen Gedanken seine irrationalen Emotionen gut kontrollieren.

„Sag mal, kann ich dich was fragen?“

Auf der anderen Seite war diese Situation wohl alles andere als normal, selbst für Law, während die Stimme des Komapatienten in seinen Ohren widerhallte. Er öffnete seine Augen und sah auf. Zorro hatte ihm den Rücken zugewandt, stand an der Wand zu seinen eigenen Füßen.

Law neigte leicht den Kopf zur Seite und konnte dann erkennen, dass dort die Schwerter des anderen standen. Interessanterweise war über sie nicht ein einziges Wort gefallen. Es hatte nie zur Diskussion gestanden, dass die Schwerter ihren Meister begleiten würden. Franky hatte sie mit an Bord gebracht, wenn Law sich richtig erinnerte.

Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie schwierig die derzeitige Situation für den anderen sein musste. Ja, es nervte Law, das alles nervte Law, aber er war nur indirekt betroffen, schließlich ging es nicht um seinen Körper, um sein Leben. Law war müde und erschöpft, aber seine Wunden heilten und seine Kopfschmerzen würden nach einer guten Nacht Schlaf vergehen.

Bei Zorro auf der anderen Seite…

Seufzend löste Law seinen Room auf – merkte wie immer das leichte Ziepen dieses anderen Rooms, den er nicht auflösen konnte – und erhob sich. Er wollte nicht darüber nachdenken, ob das Stimulieren überhaupt etwas brachte, es war eine leise Hoffnung, Hauptsache etwas tun, Hauptsache helfen, mehr nicht.

Neben Zorro blieb er stehen und sah ihn kurz von der Seite her an, ehe er dessen Blick auf die Waffen folgte.

Meistens reinigt Lysop sie nach einem Kampf, wenn ich es mal nicht kann“, erklärte er ruhig, sprach nicht weiter, aber Law verstand.

„Ich habe Pflegeutensilien in meiner Kajüte“, bot er an und auf Zorros Blick hin seufzte er erneut und nahm dann die Waffen mit.

Er lehnte sie neben sein Bett, zog das kleine Kistchen aus seinem Regal hervor und ließ sich dann auf der Bettkannte nieder, wusste nicht wirklich, was er sagen sollte. Es war erst das zweite Mal, dass Zorro ihn um etwas bat und es war offensichtlich, dass es ihm auch dieses Mal sehr wichtig war. Und natürlich wusste Law, wie man ein Schwert vernünftig pflegte, aber er war sich auch der besonderen Intimität zwischen Schwert und Meister bewusst, die er nun stören würde.

„Eine bestimmte Reihenfolge?“, fragte er daher und mit einem sachten Nicken ließ Zorro sich vor ihm im Lotussitz nieder, deutete auf das Schwert mit der weißen Scheide.

Als Law es dieses Mal ergriff, merkte er den Unterschied. Die Klinge ließ sich ziehen, aber sie traute ihm kein Stück. Einen Moment betrachtete er die Waffe in seiner Hand, doch dann glitt sein Blick auf Zorro und selten hatte er so viel Emotion in diesem Gesicht gesehen. Hingabe, Sehnsucht, Trauer, Freude, Hoffnung, Verlust. Es nahm Law den Atem und das Schwert in seiner Hand erwiderte diese Energie.

„Es… es kann dich wahrnehmen?“, flüsterte er, als würde er ein Geheimnis verraten.

Natürlich“, entgegnete Zorro so selbstverständlich, als wäre sein Zustand nicht auch für ihn ein komplettes Rätsel. Er fuhr mit einer Hand über die Klinge, schien es beinahe zu berühren und das Schwert erzitterte.

Dann begann Law mit seiner Arbeit. Geduldig hörte er zu, wenn Zorro etwas erklärte, tat, was der andere von ihm fragte. Es ging nicht um Falsch oder Richtig, sondern um die individuellen Vorlieben und Bedürfnisse eines jeden Schwertes. Sie waren gut gereinigt worden, aber nur, wer ein Schwert fühlte, konnte es auch richtig pflegen. Eine auf den ersten Blick so simple Aufgabe, die Zorro in jedem Detail perfektioniert zu haben schien.

Es überraschte Law beinahe, wie ausführlich Zorros Angaben waren, zeigte ihm, wie er gewisse Bewegungen am besten machte und hatte tatsächlich den ein oder anderen Tipp auf Lager, der Law nicht bewusst gewesen war. Es war schon etwas beeindruckend und wieder mal zeigte sich, dass der Schwertkämpfer der Strohhüte nicht so schlicht war, wie er oft tat.

Seine ruhige Stimme füllte Laws Ohren, während er den Puderball zur Seite legte, das Baumwolltuch nahm und auf Hinweis Zorros wieder weglegte und nach dem Reispapier griff, welches sein Schwert offensichtlich bevorzugte, anders als Laws eigenes Schwert.

Bei Kitetsu ist das egal, es hat keine Vorliebe. Da musst du nur drauf aufpassen, dass die Bewegungen einheitlich dem Wellenschnitt folgen.“

Aufmerksam und präzise arbeitete Law, merkte, wie diese wichtige aber routinierte Arbeit ihn entspannte, seine Kopfschmerzen linderte. Selbst das widerspenstige Kitetsu konnte daran wenig ändern, auch wenn es sich in seinem Griff etwas wand und sich offensichtlich darüber ärgerte, dass er es pflegte. Doch es benahm sich unter dem strengen Blick seines Meisters, zeigte allerdings ganz deutlich, dass es sich nur deshalb benahm. Was für ein lustiges Schwert, so kratzbürstig und dennoch loyal.

Doch dieser idyllische Moment zerbrach, als Law nach dem letzten Schwert griff und noch bevor er es aus der Scheide gezogen hatte, verweigerte es sich ihm.

Benimm dich, Enma“, knurrte Zorro daraufhin und legte seine Hand über Laws, glitt hindurch, füllte seine Hand mit dieser seltsamen Wärme, die nicht unangenehm war, ihm aber dennoch eine Gänsehaut bescherte. Er mochte es nicht, wenn Zorro ihn durchfuhr. Er mochte diese Wärme nicht, die ihm ein seltsames, fast schon vertrautes Gefühl gab, welches er nicht einordnen konnte.

Widerstrebend ließ die Klinge sich ziehen, aber es war keine unterhaltsame, fast schon belustigende Widerspenstigkeit, wie beim Kitetsu, nein. Law schluckte, während er diese Waffe in den Händen hielt, und es fiel ihm schwer, seine ruhigen und einheitlichen Bewegungen beizubehalten.

„Und mit so einer Waffe kämpfst du?“, murmelte er mit einem ungläubigen Schnauben. „Neben zwei weiteren Schwertern?“

Ja, Enma ist ein tolles Schwert.“

Er sah auf, doch Zorro hatte nur seine Waffe im Blick und wieder einmal hatte Law das Gefühl, ihn kaum erfassen zu können, während er diese Bestie mit ehrlicher Wertschätzung betrachtete.

„Eine eigenwillige Mischung“, bemerkte Law. „Das verfluchte Kitetsu, diese unbeherrschte Klinge hier und dann in der Mitte diese sanfte Klinge, fast schon widersprüchlich zu diesen beiden Biestern. Hast du das bewusst so gewählt?“

Nun begegnete Zorro seinem Blick und neigte leicht den Kopf. Ob er sich darüber noch nicht mal Gedanken gemacht hatte?

„Diese Waffe bevorzugt auch das Reispapier?“, fragte Law nach einer Sekunde, als die Stille und dieses intensive Starren ihm langsam unangenehm wurden.

Auf das Nicken des anderen hin fuhr er mit seiner Arbeit fort, immer unter den ruhigen Worten und diesem verschlingenden Blick des Schwertmeisters.

Als wäre es eine Sache der Gewohnheit, zog Law danach auch sein eigenes Schwert und erwartete beinahe schon Zorros hilfreiche Bemerkungen. Schnell wurde ihm bewusst, dass sein Schwert den fremden Schwertkämpfer mochte und auf ihn beinahe so deutlich reagierte wie dessen eigene Schwerter, was gerade deshalb so ungewöhnlich war, weil Kikoku eigentlich keine Fremden mochte.

Tatsächlich wurde dieses ruhelose Schwert in Gegenwart Zorros fast schon bedächtig. Ob es daran lag, dass er ebenfalls ein verfluchtes und ein biestartiges Schwert führte? Law wusste es nicht, aber irgendwie konnte er seine Klinge verstehen und obwohl er es nicht laut sagte, die Stimmung nicht kippen wollte, so entschied er für den unwahrscheinlichen Fall, dass Zorro überleben und wieder körperhaft werden würde, nochmal gemeinsam mit ihm ihre Schwerter zu pflegen, denn er konnte spüren, wie sehr Kikoku ihn in Ruhe inspizieren wollte, was nun mal während eines Kampfes nur schwer möglich sein würde.

So saßen sie da und sprachen über ihre Schwerter und dies und das und wann immer Law zu Zorro hinabblickte, sah er dieses leise Lächeln, welches ihn beinahe wie einen kleinen Jungen wirken ließ.

Aber erst viel später, als Shachi mit dem Mittagessen in der Tür stand und ihn fragte, warum er denn so gute Laune hatte, wurde ihm bewusst, dass er tatsächlich die ganze Zeit gut gelaunt gewesen war, sogar gelächelt hatte.

Kapitel 9 –

 

„Wie lange willst du das Poster noch anstarren? Du müsstest es doch mittlerweile auswendig können“, murmelte Law und sah von seinem Bericht auf, der leider auch nicht besonders erfolgsversprechend wirkte. Nicht, dass Law es erwartet hatte.

Zorro war es wohl nicht mal aufgefallen, aber er stand schon wieder halb im Schreibtisch drin, so sehr war er auf die kleinen Texte und Bilder der verschiedenen Schwerter fokussiert.

Hast du heute schon wieder schlechte Laune?“, war alles, was Law als Antwort erhielt, wie immer mit dieser leisen Belustigung, die ihm ganz deutlich machte, dass Zorro ihn nie so richtig ernst nahm.

Aber ganz Unrecht hatte sein Poltergeist auch nicht. Law war schlecht gelaunt. Er hatte das Gefühl, als wäre es derzeit seine Grundstimmung, immer leicht angespannt, immer leicht angefressen. Kleinigkeiten regten ihn auf und obwohl seine Crewmitglieder und die Gäste auf ihrem Schiff ihn weitgehend in Ruhe ließen, fühlte er sich augenblicklich von ihnen gestört, selbst, wenn sie ihm nur etwas zu Essen brachten.

Es nervte ihn, dass er sich auf seinem eigenen Schiff nicht frei bewegen konnte. Es nervte ihn, dass ein fremder Arzt nach seinen Crewmitgliedern schaute, weil er einfach nicht vor Ort sein konnte. Es nervte ihn, auf andere angewiesen zu sein, die ihm Bücher, Nahrung und insbesondere Kaffee brachten. Es nervte ihn, dass er nicht einfach um drei Uhr nachts in den Aufenthaltsraum gehen und sich benötigte Unterlagen – und Kaffee - holen konnte. Und ganz besonders nervte es, dass Zorro immer da war, ruhig, manchmal belustigt, manchmal kalt, dieser Blick, der sich in Laws Seele fressen wollte, immer da. Es nervte, dass Zorro ihn so leicht aus der Haut fahren ließ, während er selbst so entspannt war, als könnte ihm Nichts auf der Welt etwas anhaben. Es nervte, wie schnell Zorros sterbender Körper verheilte, während Law sich nur sehr langsam erholte, seine Wunden immer noch schmerzten wie die Hölle. Es nervte, wie selbstverständlich Zorro seine Situation annahm, während die Welt um ihn herum zu zerbrechen schien. Und es nervte ganz gewaltig, dass Law da mithineingezogen worden war, dass er sehen musste, wie Chopper unter dem Verlust litt, dass er Nico Robins ernsten Blick sehen musste, dass er Zorro beim Sterben zusehen musste und nichts tun konnte.

Diese ganze Tirade nervte nur. Mittlerweile lag die Schlacht gute zehn Tage zurück und auch, wenn sich auf den ersten Blick nichts geändert hatte, so merkte Law doch die Anspannung. Das Buch, wonach er sich gerade streckte, zog er bereits zum wiederholten Male zur Rate und das hatte einen traurigen Grund. Er hatte noch nichts gefunden. Obwohl er so langsam alle in Betracht kommenden Werke durchgearbeitet hatte und sich in simpler Ratlosigkeit wieder an Altbewährtes wandte, hatte er noch nichts gefunden, was helfen konnte.

Vor zwei Nächten war er aufgewacht und hatte mit sich debattiert, ob er Zorros Wunsch nicht einfach ignorieren und Chopper einweihen sollte. Vielleicht hatte der junge Doktor noch eine Idee, vielleicht würde ihm noch irgendein wahnwitziger Gedanke kommen, wie sie Laws Poltergeist wieder zurück in dessen Körper kriegen konnten.

Aber das hatte er letzten Endes nicht getan, wusste, dass man des Nachts schon mal seltsamen Gedanken nachhing, die im Lichte des Tages schlicht irrational waren. Denn so langsam kam die Erkenntnis auch bei ihm an, die er von Anfang an gewusst, aber bewusst verdrängt hatte.

Ja, Zorros Zustand war mit Sicherheit alles andere als gewöhnlich, aber das hatte weniger mit ihm selbst, sondern nur mit Laws Teufelskraft zu tun. Bis auf seine abartigen Selbstheilungskräfte zeigte Zorros Körper kein ungewöhnliches Verhalten, seine Werte absolute Norm für einen Patienten in seiner Situation.

Und solange Law nicht irgendetwas machte, was Zorros Körper beeinflusste, wie den Room zu verlassen oder sich selbst körperlich zu sehr anzustrengen, könnte man fast vergessen, dass dort eine Verbindung bestand, die es nicht geben sollte.

Aber was diese Verbindung bringen sollte, wollte ihm einfach nicht… Er brauchte diesen Gedanken nicht weiterzuverfolgen, er wusste die Antwort, sie brachte nichts. Das war die simple Wahrheit. Law hatte gehofft, dass er es durch seine Kraft geschafft hatte, Zorros Geist an sich zu binden, sodass er nicht ins Jenseits entschwinden konnte, sodass er noch eine Chance hatte, Zorros Leben zu retten. Doch mittlerweile wusste er es besser. Ganz gleich, was es war, warum Zorro hier war, warum ihre Körper verbunden waren, warum Zorros Körper Anker dieses seltsamen Rooms war, den Law nicht verlassen konnte. Es hatte nichts mit Zorros Zustand zu tun. Ihre Verbindung hatte nichts mit Zorros Zustand zu tun. Sie hatte keinen tieferen Grund, war schlicht eine unkontrollierte Reaktion von Laws Teufelsfrucht gewesen, als er nicht hatte aufgeben wollen, als er ihr Blut vermischt und dem anderen hatte verbieten wollen, zu sterben.

Es war nichts weiter als ein kosmischer Scherz und dennoch… Law öffnete das Buch und begann, zu lesen. Er wusste nicht mal genau, wonach er suchte. Wusste nicht mal, ob seine medizinischen Bücher überhaupt eine Lösung für ein paranormales Phänomen hatten. Vielleicht sollte er eher bei Geschichten über Wahrsager und Quacksalber nachschauen, aber soweit… „Uah, lass das!“, knurrte er.

Er mochte dieses seltsam warme Gefühl überhaupt nicht, wenn Zorro ihn berührte. Dieser hatte sich gerade noch mehr in seine Richtung gelehnt, um wohl besser lesen zu können.

Sorry“, murmelte er nur und machte einen Schritt zur Seite.

„Schon okay“, entgegnete Law und gähnte ausgiebig. Er schlief nicht gut, was ihn bei seinen Kopfschmerzen nicht wunderte. Aber deutlich schlimmer war, dass der Kaffee nicht mehr so gut zu helfen… Ob Clione ihn wieder gegen diese entkoffeinierte Brühe ausgetauscht hatte?

Sag mal, bringt das ganze Lesen überhaupt etwas?“ Überrascht sah er auf. Es war das erste Mal, dass Zorro es in Frage stellte, und diese Zweifel konnte Law ausgerechnet heute gar nicht gebrauchen. „Du machst so gut wie nichts Anderes und dennoch hat nichts von dem ganzen Kram, den du ausprobieren wolltest, funktioniert. Du hast nicht einmal so gewirkt, als ob du was Hilfreiches gefunden hättest. Verschwendest du hier nicht einfach nur deine Zeit?“

„Hast du etwa aufgeben?“, knurrte Law, genervt über sich selbst, dass er bis zu dieser Berührung fast schon wieder vergessen hatte, dass Zorro immer da war und ihn wahrscheinlich unablässig beobachtete.

Nein“, widersprach Zorro absolut und sah mit verschränkten Armen zu ihm hinab. „Aber dir geht es immer noch nicht gut und als Kapitän und stärkstes Mitglied dieser Crew ist es wichtig, dass du schnell wieder einsatzbereit bist.“

Fast augenblicklich kippte Laws Grundgenervtheit in diesen unterschwelligen Zorn um, der ihn seit jener Schlacht andauernd begleitete. 

„Willst du mir etwa sagen, wie ich meine Crew zu führen habe?“ Seine Stimme bebte leicht und es kostete ihn große Anstrengung, nicht aufzuspringen und den anderen am Kragen zu packen – was so oder so nicht funktionieren würde -. Wie konnte er es wagen? Es war eine Sache, wenn ein Crewmitglied den Kapitän mal ermahnte, aber jemand von außen…

Doch unbeeindruckt hielt Zorro seinem Blick stand, immer noch mit verschränkten Armen.

„Wenn du deine Gesundheit für irgendeinen Mist aufs Spiel setzen willst, mach nur, ist dein Leben. Aber du hast auch eine Verantwortung gegenüber deinen Crewmitgliedern, ihrer Sicherheit und ihrer Leben, das solltest du nicht vergessen, während du kopflos versuchst, ein Leben retten zu wollen, was vielleicht nicht mehr zu retten ist.“

Nun erhob Law sich doch. Was erdreistete dieser Mistkerl sich, ihn über Verantwortung und Schutz fremder Leben zu belehren?!

„Du hast eine ganz schön vorlaute Klappe für jemanden, der das Wohl seiner Crew ignoriert hat, nur um irgendeinen Fremden zu retten“, knurrte er, doch bevor er weiterreden konnte, ging plötzlich die Türe in Zorros Rücken auf. Er hatte das Klopfen gar nicht gehört.

„Was?!“, fauchte Law.

„En… Entschuldigung, Käpt’n“, flüsterte Bepo, ausgerechnet Bepo, der nun hereinkam, ein Frühstückstablett mit dampfenden Kaffee dabei. „Alles… alles in Ordnung? Ich konnte dich schimpfen hören?“

Sich die Haare raufend, wandte Law sich ab. Er musste sich beruhigen. Bepo konnte nichts dafür, dass er von einem Poltergeist heimgesucht wurde, der kein Problem damit hatte, ihm immer und immer wieder auf die Nerven zu gehen.

„Tut mir leid“, entgegnete er mürrisch und bemühte sich, seine Wut zu unterdrücken, während er sich langsam wieder umdrehte. „Es war nicht an dich gerichtet.“

„Streitest du wieder mit deinem Patienten, obwohl er eh nicht antworten kann?“ Bepo zeigte ein unsicheres Lächeln, während er das Tablett auf Laws Schreibtisch abstellte.

Law vermied, darauf hinzuweisen, dass sein Patient sehr wohl antworten konnte und das auch nur zu gerne tat, selbst, wenn Law es nicht wollte. Also ignorierte er Zorro, der hinter Bepo und immer noch halb im Schreibtisch stand, und wandte sich seinem Navigator zu.

„Er nervt mich, Bepo“, erklärte er einfach nur, worauf der Bär ihm leicht brummend zustimmte und verständnisvoll seine Schulter tätschelte, während Zorro im Hintergrund leise aufschnaubte. Schockierender Weise hielt er sich jedoch zurück, wie immer, wenn jemand anderes anwesend war.

„Ich weiß, Käpt’n, ist echt nicht einfach derzeit.“ Bepo ließ sich auf dem Schemel nieder, beabsichtigte offensichtlich, zu bleiben, was Law überraschte. Also ließ er sich ebenfalls auf seinen Schreibtischstuhl sinken.

„Aber wenn ich ehrlich bin, ich mache mir etwas Sorgen um dich Käpt’n“, meinte er dann schließlich mit dieser ruhigen Stimme, die Law deutlich machte, wie ernst es dem anderen war und er verstand. Bepo war nicht hier, um ihm Essen zu bringen, sondern in seiner Position als Laws engster Vertrauter. „Ich weiß, dass die Situation für dich derzeit wirklich nicht einfach ist, und ich werde dir in deine Aufgabe als Arzt nicht reinreden. Wir alle hoffen, dass Zorro überlebt, und wir unterstützen dich darin, den Strohhüten zu helfen. Aber…“ Er zögerte.

„Aber?“, fragte Law nach, ignorierte bewusst ebengenannten Schwertkämpfer, der sich taktvoll soweit zurückgezogen hatte, wie nur irgend möglich.

„Aber wir machen uns Sorgen, tut mir leid“, setzt Bepo hektisch hinterher und rieb sich die Tatzen. Mittlerweile waren die Verbände hauptsächlich durch vereinzelte Pflaster ersetzt worden, das Fell wuchs bereits gut nach; Chopper kümmerte sich gut um ihn. „Kann mir vorstellen, wie schwierig es für dich sein muss, dich nicht frei bewegen zu können. Dennoch, du isst zu wenig, du schläfst zu wenig – noch weniger als sonst – und du bist immer schlecht gelaunt. Laut Chopper bist du auch noch lange nicht fit und wir… Ich verstehe, dass du alles in deiner Macht tun willst, um Zorro zu helfen, aber er würde mit Sicherheit nicht wollen, dass du dabei nicht auch auf deine eigene Gesundheit achtest.“

Leise seufzend sah er Bepo an. Wusste, wie viel Überwindung es ihn kosten musste, so mit Law zu sprechen, so wie nur Bepo mit ihm sprach.

Dann sind wir uns ja alle einig.“

Und fast automatisch waren seine Nerven wieder auf Anspann. Tief holte er Luft und rieb sich die Schläfen.

„Ent.. Entschuldigung! Ich wollte dich nicht wütend machen!“, quiekte Bepo fast augenblicklich, der Laws Reaktion natürlich auf sich bezogen hatte.

Kopfschüttelnd sah er den Bären wieder an.

„Keine Sorge, das war nicht an dich gerichtet“, murrte er und stierte dann den Poltergeist in der Ecke nieder, der ihn nur überlegen angrinste. „Es tut mir leid, Bepo. Ich möchte weder dich noch die anderen beunruhigen, und ich wollte erst recht nicht meine schlechte Laune an euch auslassen.“

„Nein, nein!“, stritt Bepo direkt ab. „Darum geht es gar nicht. Nur…“

„Ich kann es nicht ruhiger angehen lassen“, erklärte Law unumstößlich und faltete seine Hände. „Du hast Recht, mit allem, was du sagst. Aber uns läuft die Zeit davon und wenn mir nicht bald etwas einfällt, wird sein Zustand sich verschlechtern.“

Bepo nickte wissend: „Ja, Chopper und Nico Robin machen auch gefühlt nichts Anderes.“ Dann seufzte er. „Okay, Käpt’n, es ist deine Entscheidung, aber bitte, pass zumindest etwas besser auf dich auf.“

Law nickte ebenfalls.

„Gut, dann sollte ich…“

„Bepo“, unterbrach er ihn, als Bepo schon drauf und dran war, aufzustehen, „und was ist mit euch? Ich krieg hier unten kaum etwas mit. Ihr kommt noch nicht mal mit euren Verletzungen zu mir. Weicht ihr mir aus?“

Sein Navigator sah ihn mit großen Kulleraugen an, dann senkte er betreten den Blick und rieb sich erneut die Tatzen.

„Es tut mir leid.“

„Schon gut. Ich will nur wissen, wie es um euch steht. Die letzten Tage habe ich meine Aufgaben als Kapitän sehr vernachlässigt.“

Bepo schüttelte den Kopf. „Aber nicht doch, Käpt’n. Du musst dir keine Sorgen machen. Penguin geht es immer besser, mir geht es gut, wir halten den besprochenen Kurs bei und ich spreche mich immer wieder mit den Strohhüten ab. Du musst dir absolut keine Gedanken um uns machen; wir wussten, dass du so drauf sein wirst.“

„Was?“

Nun zeigte ihm sein Navigator ein ehrliches Lächeln und erhob sich.

„Wir stehen hinter dir, Käpt’n. Du hast entschieden, alles dran zu setzen, Zorro zu retten. Also mach das, und wir kümmern uns um den Rest.“

Für einen Moment wusste er nichts zu sagen, also senkte Law nur den Kopf.

„Danke.“

„Kein Problem, aber denk auch an dich.“ Mit diesen Worten ging er, ließ Law mit dieser Wärme zurück, die nur seine Crew ihm geben konnte.

Gute Crewmitglieder hast du da“, murmelte Zorro, ohne jede Häme, ohne sein übliches Grinsen.

„Egoistische Kapitäne bedürfen selbstlose Crewmitglieder“, entgegnete Law und wandte sich seinem Kaffee zu. „Das solltest du doch am besten wissen.“

Keine Ahnung, was du meinst.“

Law nahm den Kaffee vom Tablett und stellte es auf seinem Bett ab, ehe er sich wieder seinem Buch zuwandte.

Bepo war im genau richtigen Moment aufgetaucht, hatte unwissentlich einen erneuten Konflikt entschärft, doch immer noch fasste es Law an, dass Zorro so mit ihm gesprochen hatte. Sie waren keine Crewmitglieder, sie waren keine Freunde. Es ging Zorro nichts an, wie Law mit seiner Crew umging.

Und dennoch, auch wenn es Law ankotzte wie kaum etwas Anderes die letzten Tage. Zorro hatte nicht Unrecht. Er hatte seine Crew vernachlässigt, er hatte sich in diesen verlorenen Kampf verbissen und alles andere drum herum vergessen, wohl wissend, dass all diese Zeit vielleicht verschwendet war, all diese Arbeit vielleicht fruchtlos war. Aber Zorro hatte eines nicht bedacht. Er hatte nicht bedacht, wie lange die anderen schon mit Law reisten. Sie kannten ihn gut, besser als er selbst es manchmal mochte, und sie hatten sofort verstanden, was los war. Keiner von ihnen zweifelte oder hinterfragte. Wahrscheinlich nahmen sie es ihm noch nicht mal übel. Sie waren wirklich eine gute Crew, besser, als er es verdient hatte.

Seufzend fiel sein Blick auf die Reisbällchen, die auf seinem Bett auf ihn warteten, und mit einem leisen Augenrollen hob er den Teller hoch.

Auf ihn hörst du also?“

„Er ist ja auch mein Crewmitglied.“ Er sah auf und begegnete Zorros Blick, nun wieder so schelmisch, wie immer, wenn er Law nicht ernst nahm. „Und er vergreift sich nicht im Ton.“

Leise lachte der andere auf, kam herüber und lehnte sich übers Frühstückstablett, ohne etwas zu sagen. Law folgte seinem Blick und bemerkte, dass dort die Zeitung lag.

„Willst du lesen?“, fragte er und auf Zorros überraschtes Nicken lehnte er sich zur Seite, faltete die Zeitung auseinander und breitete sie auf dem Bett aus. „Sag einfach Bescheid, wenn ich umblättern soll.“

Dann biss er in sein Reisbällchen und wandte sich wieder seinem Bericht zu.

Danke, Trafo“, kam es beinahe zaghaft vom anderen und Law hielt inne, schluckte seinen Bissen herunter.

„Bedank dich nicht“, meinte er dann und merkte, wie seine Hände zitterten, vor wieder aufsteigender Wut, „nicht für sowas.“

Okay?“

Tief holte er Luft und griff nach seinem Kaffee.

„Bedank dich erst, wenn du wieder in deinem Körper bist, verstanden?“

Okay.“

Zorro ließ sich im Schneidersitz vorm Bett nieder und begann, die Zeitung zu lesen. In Stille saßen sie da, eine Stille, die Law schon fast angenehm fand, nur unterbrochen durch das Rascheln von Seiten oder das leise Klirren von Geschirr.

Was nervte es ihn, wenn Zorro ihn immer so auf die Palme trieb, aber was hasste er diese angenehmen Momente, die es so warm in seiner Brust machten. Es waren diese Momente, die es ihm bewusstmachten. Wenn er versagen würde, dann würde er einen Freund verlieren, und allein diesen Gedanken konnte er kaum ertragen.

 

Kapitel 10 –

 

Er rieb sich über Stirn und Schläfen. Die letzten Tage waren seine Kopfschmerzen immer schlimmer geworden, am vergangenen Abend hatte er tatsächlich wieder auf Schmerzmittel zurückgegriffen, doch sie halfen kaum.

Gerade stand er mit Chopper im Intensivraum und keiner von ihnen sagte es, obwohl sie es beide wussten. Die Werte veränderten sich kaum, aber das bisschen war nicht gut und das machte eines deutlich. Sie hatten nur noch wenig Zeit, maximal ein paar Tage. Nein, eigentlich sagten diese Werte, dass…

„Sag mal, Trafo, hast du irgendetwas gefunden?“, fragte Chopper und Law stritt es nicht ab, fragte nicht, woher er es wusste.

„Wenn ich etwas gefunden hätte, würdest du es wissen“, sagte er kühl, fragte Chopper nicht die gleiche Frage, wusste, dass er auch sofort zu ihm gekommen wäre.

Chopper machte nur einen zustimmenden Laut und wandte sich erneut seinem Patienten zu, Laws Blick fiel unterdessen auf den Zorro, den nur er sehen konnte. Wie so oft, schwieg er, an die Wand gelehnt, die Arme verschränkt, sein ernster Blick auf Chopper. Dies waren die einzigen Momente, in denen Law ihm zumindest ein bisschen ansah, wie sehr ihn die Situation belastete, wenn Zorro sein Crewmitglied beobachtete. Dies waren die einzigen Momente, in denen er ernst war, nicht ruhig, ernst. Es war offensichtlich, dass es ihm schwerfiel, den jungen Arzt in dessen Verzweiflung zu sehen und nichts tun zu können, um dessen Schmerz zu lindern, nicht mal mit ihm reden zu können.

Auch Law machte der junge Arzt Sorgen. Tiefe Augenringe zeichneten sich selbst unter dem Fell ab und er klang heiser, vermutlich hatte er die vergangene Nacht geweint. Ob es ihm besser gehen würde, wenn er wüsste, dass Zorro anwesend war? Ob es ihm besser gehen würde, wenn Zorro ihm noch etwas sagen könnte? Wenn er Zorro noch etwas sagen konnte?

Nein, für einen Moment würde es die Dinge wohl besser machen, aber Law wusste mittlerweile, dass Zorro mit seiner Entscheidung nicht Unrecht hatte. Er nahm zwar sich selbst und seinen Crewmitgliedern so die Chance, sich zu verabschieden, aber dafür konnte der normale Prozess des Trauerns bei ihnen einsetzen. Auch wenn Chopper unter dem bevorstehenden Verlust sehr litt, auch wenn Chopper ihn noch nicht akzeptieren konnte. Doch, obwohl Law rational gesehen Zorros Entscheidung zustimmen wollte, etwas in ihm hasste diese Entscheidung. Etwas in ihm wollte Chopper die Wahrheit sagen, wollte dem jungen Arzt die Möglichkeit geben, Zorro zu sagen, was er ihm sagen wollte, bevor er diesen verlieren würde.

Aber das tat er nicht und er würde es nicht tun, würde es nicht noch schwieriger für den jungen Arzt machen.

„Du solltest schlafen gehen, Chopper“, riet er sanft. „Heute wird nichts mehr passieren. Ich werde noch sein Gehirn stimulieren und dann ebenfalls schlafen gehen.“

Zumindest der letzte Teil seiner Aussage war eine glatte Lüge, aber das brauchte der andere ja nicht zu wissen.

Chopper nickte nur, offensichtlich nicht mehr in der Lage, ihm zu widersprechen.

„Ich geh nochmal schnell zu Penguin“, murmelte er, „und morgen früh wollte ich kurz von Bord, um nach Ruffy zu sehen.“

„Mach das, aber sprich vorher mit Bepo, nicht, dass wir doch abtauchen sollten. So lange bleiben wir sonst nie an der Oberfläche.“

Er bemühte sich, freundlich mit Chopper umzugehen, behutsam, zuvorkommend. All das, was ihm eigentlich nicht so lag. Vielleicht, weil er ihn an Bepo erinnerte, vielleicht, weil er immer wieder die Blicke des Schwertkämpfers sah, vielleicht, weil er einfach Mitleid hatte. Er wusste nicht wirklich, warum er es tat, aber etwas in ihm wollte den jungen Arzt in Schutz nehmen.

Schwerfällig ließ er sich auf den Schemel an Zorros Kopf nieder, während Chopper den Raum verließ. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Zorro sich in Bewegung setzte, doch dann konzentrierte er sich auf das ruhige Gesicht des anderen vor sich.

Wäre es nicht für die künstliche Beatmung, würde er wirklich aussehen, als würde er einfach nur schlafen. Law legte seine Hände an die Schläfen des anderen. Warum wollte ihm denn nichts einfallen? Er hatte doch diese Teufelskraft, um Menschenunmögliches möglich zu machen und dennoch… dennoch fiel ihm nichts mehr ein. Aber was konnte er schon tun?

Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Gehirn des anderen.

Und? Hat sich mittlerweile was verändert?“

Seine Hände zitterten, für einen Moment kratzen seine Fingernägel an der Kopfhaut des anderen.

„Nein“, und das wird es auch nicht mehr.

Aber das sagte er nicht laut. Es war immer ein Auf und Ab, die ganzen Tage schon, Hoffnung, Verzweiflung, Akzeptanz. Es gab Momente, da dachte er, er müsste es nur stark genug versuchen oder ein Wunder würde schon noch passieren, und dann gab es diese Momente, wenn er die Realität akzeptieren musste.

Mittlerweile hätte es eine Reaktion geben müssen, wenn noch etwas da wäre, was reagieren könnte. Aber es gab keine Reaktion und vielleicht würde auch Law langsam den Tod des anderen akzeptieren.

„Hng!“ Wenn es nicht dafür wäre. „Was soll das?“

Er mochte die Wärme nicht, die Zorro in ihm erweckte, wann immer er Law berührte. Es erinnerte ihn an irgendein fast vergessenes Gefühl, dass er nicht zuordnen konnte und er mochte schlicht die Vorstellung nicht, dass jemand anderes in seinen Körper fasste.

„Es ist schwächer.“

„Was?“ Überrascht sah er auf. Zorro stand hinter ihm, sein Blick auf sich selbst gerichtet. Es hatte sich etwas verändert?! Ausgerechnet jetzt? Ausgerechnet jetzt, da Law bereitgewesen war…? „Was hat sich verändert?“

Es tut nicht mehr so weh. Oder… kaum zumindest.“

Ach so.

Er spürte, wie die Anspannung in ihm brach.

„Natürlich. Deine Wunden heilen gut – tze, es ist ekelhaft, wie schnell sie verheilen, bist du überhaupt ein Mensch? – und die Medikamente sollten den Rest erledigen.“

Das meinte ich nicht.“ Zorro sah zu ihm hinab. „Das grelle Licht… es ist schwächer geworden.“

Law schluckte.

„Und kannst du… kannst du mehr dahinter ausmachen?“

Zorro schüttelte den Kopf. „Irgendwie, ist es alles schwächer geworden.“

Nein, es war keine Anspannung gewesen, sondern… Law erhob sich und löste den Room auf, den er auflösen konnte.

„Also ist es schwächer geworden“, schlussfolgerte er, „die Verbindung zu deinem Körper.“

Er wandte sich Zorro zu, der ihn wie so oft einfach nur ruhig ansah.

„Und der Grund dafür ist offensichtlich. Dein Körper stirbt.“

Zorro zuckte mit den Schultern.

„Oder die Barriere, die mich von meinem Körper trennt, wird einfach nur schwächer."

Er hatte also immer noch nicht aufgegeben. Obwohl es doch so offensichtlich war, dass es vorbei war, hatte er immer noch nicht aufgegeben.

„Unwahrscheinlich. Dann müsstest du deinen Körper ja besser spüren können."

„Lass es uns nochmal ausprobieren."

Seufzend gab Law nach. Natürlich hatte Zorro Recht. Alles, was sie irgendwie ausprobieren konnten, sollten sie auch ausprobieren. Aber er hatte nun mal Kopfschmerzen, und das Bindeglied zwischen Zorro und dessen Körper darzustellen, war dafür nicht gerade hilfreich.

Er setzte sich wieder hin und sie versuchten es.

„Und, kannst du was wahrnehmen?“, murmelte er, während sich der Schmerz vom Nacken aus Richtung Augen bohrte. Bildete er es sich ein oder war es jetzt noch schlimmer als zuvor? Es war nicht nur der Schmerz, nein, es war regelrecht anstrengend, wie eine körperliche Belastung.

Noch nicht.“

So vergingen einige nervige Minuten, ehe Law den Kontakt unterbrechen musste, weil sein Kopf zu platzen drohte. Wieder einmal hatte es nichts gebracht. Schwerfällig schob er den Stuhl zur Seite, stieß dabei Zorros Schwerter um. Wer hatte sie denn nur da hingestellt?

Wütend bückte er sich nach ihnen, musste sie wieder aufstellen. Warum machte er diesen Mist nur mit? Warum schlug er sich eine Nacht nach der anderen um die Ohren, obwohl er es doch besser wusste, obwohl er das Ende doch schon wusste, von Anfang an gewusst hatte?

Verdammt! Verdammt!

Tja, war dann wohl doch nichts“, kam es leichtfertig von Zorro, „schade.“

„Du verdammter Mistkerl!“

Etwas in ihm machte klick, ganz leise. Er konnte es selbst nicht genau erklären, aber plötzlich stand er da, an Zorros Bett, den Griff in der Hand, die Spitze der Klinge direkt an Zorros Hals, der auf der anderen Seite seines Bettes stand und ihn nun fast schon herablassend ansah.

„Wenn du mich töten willst, musst du das Schwert da ansetzen“, entgegnete er kühl und nickte zu seinem Körper hinab, „auf der anderen Seite kann es sein, dass die Zeit das eh für dich erledigt.“

„Du bist so ein scheinheiliger Mistkerl!“, knurrte Law, mit dieser unbändigen Wut in sich. „Machst einen Witz nach dem anderen. Als wäre das hier ein Spiel, als würde es hier nicht um dein Leben gehen. Ich hasse Typen wie dich, die breit grinsend ihr eigenes Leben für andere hergeben und dann erwarten, dass wir…“

Halt mal die Luft an. Was ist denn jetzt schon wieder dein Problem?“ Zorro war immer noch absolut ruhig, während Laws Hand zitterte. „Jedes Mal regst du dich plötzlich über irgendeinen Mist auf und schnauzt mich einfach grundlos an. Das nervt so langsam.“

„Ich nerve? Ich?!“ Er machte einen Schritt nach vorne. Das Schwert nun keinen Millimeter mehr vom Hals des anderen getrennt. "Du bist doch derjenige! Du bist an allem schuld! Ich hab dich nicht darum gebeten, nach mir zu suchen. Und jetzt muss ich mich mit all diesem Mist rumschlagen, nur weil du einen auf tragischen Helden machen musstest. Nur weil du meintest, mir nachlaufen zu müssen, zwingst du mich jetzt dazu…“

„Was redest du für einen Schwachsinn?“ Zorro verschränkte die Arme, sein Hals streifte dabei die Schwertspitze. „Ich zwinge dich zu gar nichts. Ich könnte dich noch nicht mal zu irgendetwas zwingen, selbst wenn ich wollte. Ich bin ein Geist, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte.“

Sie starrten einander für einige Sekunden an.

Und ich habe dich nicht darum gebeten, mir zu helfen; du schuldest mir nichts, wenn das dein Problem ist.“

„Ja, sicher“, lachte Law kalt auf. „Mit deiner verdammten Aktion, schulde ich dir alles, weil du mein verdammtes Leben gerettet hast.“

Und das war meine Entscheidung. Ich bin dir nachgelaufen und habe gegen diese Idioten gekämpft. Aber nicht, damit du mir irgendetwas schuldig bist oder so, sondern einfach, weil ich keinen Bock draufhatte, dass du abkratzt. Das hatte nichts mit dir zu tun.“

„Es hatte alles mit mir zu tun!“, brüllte er zurück, obwohl Zorro nicht laut geworden war. „Dass du dich von deiner Crew getrennt hast, um mir nachzulaufen, hat mit mir zu tun. Dass du gegen diese Mitläufer gekämpft hast, ohne dich frei bewegen zu können, hat mit mir zu tun. Dass du jetzt hier im Sterben liegst, hat mit…“

„Mach dich mal nicht wichtiger, als du bist“, murrte Zorro viel zu ruhig. „So läuft das halt, wenn man befreundet ist. Wenn man sich Sorgen macht, schaut man nach, wenn man helfen kann, hilft man, und wenn das einen an die eigenen Grenzen bringt, dann ist das nun mal so, aber das hat nichts mit…“

„Heuchler!“ Er riss das Schwert zur Seite, glatt über den Oberkörper des anderen, doch natürlich passierte nichts, schließlich war er nur ein Geist. „Es hat nichts mit mir zu tun?! Wenn das so ist, warum wolltest du dann nicht, dass ich mein Leben für deines gebe, huh?! Wenn das doch nur meine Entscheidung ist und nichts mit dir zu tun hat, dann dürfte es dir doch egal sein, ob ich mein Leben für dich opfere oder nicht?!“

Nein, das ist etwas…“

„Es nichts anderes! Ob du ne Kugel für mich einfängst und daran verreckst oder ich mit meiner Teufelskraft dein Leben rette und dafür draufgehe, ist komplett das Gleiche!“

Ist es nicht“, entgegnete Zorro und rollte mit dem Auge, neigte leicht den Kopf, als wäre er genervt, „und jetzt komm mal wieder runter, hab keinen Bock, mich hier die ganze Zeit von dir ankeifen…“

„Meinst du, ich hatte hierauf Bock? Mir wäre es lieber gewesen, du wärest nie nach mir gucken gekommen! Dann hätten diese Mitläufer mich nicht entdeckt und wenn doch, dann wäre es das eben gewesen, aber ich müsste mir hier nicht dieses Schmierentheater antun. Du hattest keinen Bock drauf, dass ich abkratze, nun stell dir mal vor, geht mir ähnlich. Ich hab keinen Bock darauf, dass ich dir mein Leben schulde und du dafür abkratzt, also werde ich jetzt genau das tun, was ich von Anfang an hätte tun sollen und dir meine…“

„Dann töte mich lieber.“

Piep…Piep…Piep

„Keine Ahnung, weshalb du gerade so durchdrehst, aber eh du sinnlos dein Leben opferst, töte mich lieber.“

Ihm war kalt.

„Weil du mir nichts schuldig sein willst? Wenn ich mein Leben für deines lasse?“, fragte er leise vor unterkühlter Wut.

Zorro schnaubte leise.

Lass mal deinen Mist mit Schuld und dem ganzen Kram, ist mir ziemlich scheißegal. Aber wenn ich deine Teufelskraft richtig verstanden habe, kannst du einem das ewige Leben geben, was? Aber das bedeutet nicht, dass du einen komplett heilen kannst, oder?“

Und da verstand Law. Er hätte es eh nicht vorgehabt, nur die Wut hatte aus ihm gesprochen – zumindest hoffte er das – hatte es nur gesagt, um Zorro endlich mal aus der Reserve zu locken.

Der Tod macht mir keine Angst, aber das hier für eine Ewigkeit… das würde ich nicht mal meinem schlimmsten Feind wünschen.“

Er starrte den Körper des anderen an. Zorro hatte Recht. Selbst, wenn Law jetzt noch sein Leben für ihn geben würde, er würde Zorro nicht retten können. Tja, da galt seine Teufelskraft doch als so unglaublich mächtig und am Ende…

„Ich hasse so Typen wie euch“, flüsterte Law, wandte sich kopfschüttelnd ab und steckte das Schwert zurück in dessen Scheide. „Habt nichts Besseres zu tun, als breit grinsend euer Leben für andere zu opfern und nehmt uns dabei die Wahl. Vielleicht wollte ich nie gerettet werden, hast du darüber mal nachgedacht? Weißt du, wie beschissen es ist, nur am Leben zu sein, weil jemand anderes für dich gestorben ist? Und ihr denkt auch noch, ihr macht damit was Gutes? Ich hasse so scheinheilige Heuchler wie euch.“

Und gerade in diesem Moment glaubte er seine Worte, wollte er sie glauben.

„Keine Ahnung, von was du da eigentlich redest, Trafo. Ich habe mich nie für dich geopfert.“

Was für ein Schwachsinn! Er hatte es genauso getan, sich vor Law gestellt, eine Linie gezogen, hinter der Law in Sicherheit war, solange er sich nur nicht bewegte, solange er nur kein Geräusch machte. Er hatte es genauso getan, mit diesem beschissenen breiten Grinsen, mit dieser beschissenen Lüge, dass alles gut gehen würde. Hatte sich genauso in den Weg gestellt, die Kugeln abbekommen, blutend ausgehalten, bis es vorbei gewesen war, bis Law in Sicherheit gewesen war. Er hatte es genauso getan, ohne Vorwarnung, und jetzt verwehrte er seiner Crew auch noch die letzte Möglichkeit, sich…

Wenn man sich opfert, gibt man auf. Akzeptiert, dass man nicht überleben kann, nicht überleben wird. Man nimmt die Niederlage an, bevor man überhaupt verloren hat. Und ja, es kann sein, dass ich draufgehe – wenn wir ehrlich sind, war ich die vergangenen Tage eh schon mehr tot als lebendig – aber wage es nicht, mir vorzuwerfen, ich hätte aufgegeben. Denn das habe ich nicht! Nicht eine Sekunde!“

Nun klang er zum ersten Mal wütend, als seine Stimme in Laws Ohren vibrierte.

„Lass mich das ein letztes Mal klarstellen. Ich hatte keinen Bock darauf, dass du draufgehst, also bin ich dir nach. Und ich hatte keinen Bock darauf, dass die anderen in Gefahr geraten, also habe ich diese Mitläufer abgelenkt. Aber noch weniger hatte ich Bock darauf, einfach nur als Ablenkungsmanöver draufzugehen, also habe ich gekämpft. Ich habe mich nicht geopfert oder irgendeinen Mist. Ich wollte kämpfen und habe gewonnen, weil ich gewinnen wollte, und nichts davon hatte irgendetwas damit zu tun, was du wolltest, kapiert?“ Langsam schritt er um seinen eigenen Körper herum und stierte Law nieder, mit einer Wut im Gesicht, die Law bei ihm noch nie gesehen hatte, nicht gewusst hatte, dass er so zornig gucken konnte, obwohl er ihn doch schon so oft in Kämpfen erlebt hatte. „Und deshalb schuldest du mir auch nichts. Also hör auf, so zu tun, als würden meine Entscheidungen dich zu irgendetwas zwingen! Wenn du mir helfen willst, cool, danke. Wenn nicht, dann nicht, auch okay, deine Entscheidung.“

Er wusste nichts zu entgegnen, wusste absolut nichts zu sagen. Er verstand ihn nicht, diesen Schwertkämpfer der Strohhüte, seine Gedanken, seine Logik. Für ihn war es also ein Unterschied, dass er sich vor Law gestellt hatte, nur weil er nicht hatte draufgehen wollen?

„Du willst mir sagen, dass es nichts mit mir zu tun hatte, weil es dir nur darum ging, was du wolltest?“

Zorro nickte, verschränkte die Arme.

Meine Worte.“

„Heißt, wenn ich damals sofort meine Kraft eingesetzt hätte, wäre das für dich okay gewesen, weil es ja dann nur um das gegangen wäre, was ich gewollt hätte?“

„Nein, ich hätte es immer noch beschissen gefunden“, knurrte der andere, „aber ich hätte es respektiert. Wenn du meinst, dein Leben für irgendwen opfern zu müssen, dann geht das nur dich was an.“

„Was für ein Schwachsinn! Das kannst du doch nicht wirklich glauben? Als würden deine Entscheidungen sich nicht auf uns alle auswirken. Was ist mit deiner…?“

Das ist nicht, was ich gesagt habe.“

„Doch! Du…“

Mir ist bewusst, dass meine Entscheidungen auch Folgen für meine Crew haben können.“ Jetzt war er wieder so beschissen ruhig. „Aber das ändert nichts. Sie können mich verfluchen, um mich trauern oder was auch immer, aber schlussendlich gehen meine Entscheidungen nur mich was an. Ich muss mich nur vor mir selbst rechtfertigen.“

Dann wandte Zorro sich ab und schritt mit verschränkten Armen weg.

Wie gesagt, nimm dich nicht so wichtig. Ich hätte mit mir selbst nicht vereinbaren können, dich oder die anderen draufgehen zu lassen, und deshalb habe ich gehandelt. Ich hatte nicht vor, dabei draufzugehen, aber das ist nun mal der Einsatz für einen jeden Kampf. Einen Kampf, den ich trotz allem gewonnen habe!“

„Nach einem Sieger sieht mir das hier aber nicht aus“, murrte Law und nickte auf den Leichnam mit dem schlagenden Herzen hinab. Er verstand ihn nicht. Er verstand diese Logik einfach nicht.

Tja, wie gesagt, das war halt der Einsatz. Aber ändert nichts daran, dass ich gewonnen habe.“ Jetzt klang er fast schon wie ein trotziges Kind.

Kopfschüttelnd stellte Law das Schwert wieder weg. Ein seltsames Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit, nicht unbekannt, aber alles andere als wohl vertraut.

„Na dann, wenn das so ist, scheine ich aber gerade zu verlieren“, meinte er, die Wut verflogen, als er es endlich verstand. „Kein Wunder, dass ich die ganze Zeit so schlecht gelaunt bin. Ich hasse es, zu verlieren.“

Leise lachte der andere auf, und trotz allem klang es unglaublich warm in Laws Ohren und jetzt wusste er, warum er diese Situation so sehr hasste.

Nahestehende Personen reagieren auf kritische Zustände eines Patienten meist emotional und können die Situation nicht rational erfassen.

Zorro behauptete, dass die Situation anders war, aber für Law war sie es nicht. Egal, ob Zorro einen Unterschied darin sah, ob man sich opferte oder sein Leben einfach nur als Einsatz darbot, das Ergebnis war das gleiche. Schon wieder lebte Law und jemand anderes würde sterben. Schon wieder hatte er nichts tun können und schon wieder wünschte er sich, er würde den anderen hassen oder er wäre ihm zumindest gleichgültig.

Wut ist einfacher zu ertragen als Angst. Schuldzuweisungen sind einfacher auszuhalten als die Akzeptanz von Verlust.

Aber jetzt verstand er, warum er die ganze Zeit so unter Spannung stand. Warum Zorro ihn nur mit einem Blick, einem Wort, nur mit seiner Anwesenheit aus der Fassung bringen konnte. Warum er damals diese unsinnigen Worte gesagt hatte, warum er sich Nacht für Nacht um die Ohren schlug und wütend wurde, wann immer Zorro sich Gedanken um seine Gesundheit machte.

„Scheiße!“

Dabei hatte er sich doch geschworen, diesen sentimentalen Quatsch den Strohhüten zu überlassen. Dabei existierte diese Allianz doch nicht mal mehr, dabei war er sie doch nur aus rationalen Gründen eingegangen. Dabei hatte er doch alle Maßnahmen getroffen, um sich niemals wieder einem Feind zu öffnen, so verwundbar zu sein.

Ja, das kannst du wohl… Trafo?“ Zorro hatte sich zu ihm umgedreht und sah ihn nun ganz überrascht an, neigte leicht den Kopf. „Was soll das denn jetzt werden?“

„Guck nicht so blöd!“, schimpfte Law und rieb sich energisch durchs Gesicht, wandte sich ab. „Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Ich bin übernächtigt und unterzuckert, verletzt und unter Schmerzmitteln, stehe seit Tagen unter einem immensen psychischen Druck und...“

Er stakste an Zorro vorbei, hatte ihn wohl gestreift, ihn berührt, und er erinnerte sich an die Wärme, daran hatte dieses unangenehme Gefühl ihn immer erinnert, an jene Wärme.

„Schön für dich, dass du gewonnen hast“, flüsterte er dann leise, zog sich seine Mütze tief ins Gesicht und sah bewusst weg, zwang mit Wut seine zuckenden Gesichtsmuskeln unter Kontrolle. „Aber ich verliere einen Freund.“

 

Kapitel 11 –

 

Es gab Dinge, die waren unangenehm, und es gab einen Nervenzusammenbruch vor einem Geist zu haben, der einem das Leben gerettet hatte, dafür wahrscheinlich draufgehen würde und Mitglied der anstrengendsten Crew der Welt war, weil man sich eingestehen musste, dass man diesen Geist doch eigentlich halbwegs gut leiden konnte, während ebendieser einen süffisant angrinste, weswegen man ihn am liebsten gar nicht leiden wollen würde.

Zorros darauf gefolgter unnötiger Kommentar war das einzig Gute gewesen, denn der hatte Law wieder zur Besinnung gebracht – nur leider konnte man einem Geist keine reinhauen – und entnervt war er ins Badezimmer geeilt, um sämtliche Spuren des vergangenen Streits zu beseitigen.

Doch seine Stimme verriet ihn und als er das Bad verlassen hatte, war er fast in Bepo reingelaufen, der wohl auf ihn gewartet hatte. Taktvoll hatte der Navigator nichts zum Kratzen in Laws Stimme gesagt, zu seinen heiseren Worten. In Ruhe hatten sie sich in Laws Kajüte unterhalten und als Bepo nach Zorro fragte, bestätigte Law ihm, was der Navigator vermutlich schon anhand von Laws Stimme erwartet hatte. Die Werte verschlechterten sich, langsam, aber sicher.

„Eine solche Entwicklung ist üblich“, bemerkte Law, sah bewusst Bepo an und nicht Zorro, der in der Ecke stand und das Schaubild der Schwerter zum tausendsten Mal begutachtete. „Am Anfang ist es nur ein bisschen und innerhalb einiger Stunden gehen die Werte dann rasant hinab und ein Organ nach dem anderen wird versagen.“

„Oh“, murmelte Bepo, offensichtlich betroffen, „und wie lange denkst du, wird es noch dauern?“

Law zuckte mit den Schultern. „24 bis 48 Stunden, länger nicht, brauchen wir uns gar nichts vorzumachen.“

„Mhm“, brummte der andere nur ruhig. „Sag mal, kann ich dich etwas fragen, Käpt’n?“

Er hatte es befürchtet. Bepo hatte ihm natürlich angesehen, was passiert war, und nun würde er Law danach fragen. Wie erniedrigend, insbesondere unter Zorros Anwesenheit. Aber Law nickte stoisch, hob eine Augenbraue an und lehnte sich mit verschränkten Armen leicht zurück.

„Was ich mich schon die ganze Zeit gefragt habe“, murmelte Bepo nun, rieb sich die Pfoten, offensichtlich nervös. „Eure Körper sind ja miteinander verbunden und daher mache ich mir etwas Sorgen. Was passiert denn mit dir, sollte Zorro… sollte er sterben? Ist das nicht auch für dich gefährlich?“

Innerlich atmete Law auf. Ach, das war es nur.

„Unwahrscheinlich“, murrte er mit einem Schulterzucken. „Natürlich können wir es nicht ganz ausschließen, schließlich habe ich so etwas zuvor auch noch nie erlebt. Aber ich glaube nicht, dass es für mich gefährlich ist. Unsere Körper sind verbunden, ja, durch diesen Room, aber bisher war es stets mein Körper, der seinen beeinflusst hat, und nie umgekehrt. Vermutlich verschwindet dieser Room eh, sobald… Zorro stirbt. Daher brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

Doch Bepo sah nicht überzeugt aus.

„Bist du dir sicher, dass er nicht auch dich beeinflusst?“, hakte er nach und auf Laws fragenden Blick erläuterte er seine Meinung. „Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, Kapitän, aber du… etwas ist anders mit dir als sonst. Deshalb mache ich mir Sorgen.“

Verdammt! Natürlich hatte Bepo es bemerkt, er war immer so sensibel Laws Launen gegenüber. Während die anderen es wohl belächelten und auf seine Kaffeesucht schoben, durchschaute Bepo ihn immer, hatte es wahrscheinlich verstanden, bevor Law selbst verstanden hatte, dass er ungewöhnlich emotional involviert war.

Daher konnte Law jetzt nur noch eines tun: Lügen.

„Bepo, du musst dir keine Gedanken machen. Ich weiß, ich war die letzten Tage schlecht gelaunt und mit Sicherheit auch immer wieder unfair euch gegenüber. Aber das liegt halt einfach daran, dass es mich nervt, dass ich…“

„Das meinte ich gar nicht, Entschuldigung“, unterbrach Bepo ihn schüchtern, ehe er ein kleines Lächeln zeigte. „Du musst dich nicht rechtfertigen, dass die Situation dir nahe geht. Ich weiß, dass du Zorro magst und es für dich schwierig sein muss, einem Freund nicht helfen zu können. Auch, wenn du es nicht gerne hörst, du hast ein sehr großes Herz, Käpt’n.“

Vor allem hatte er gerade sehr große Lust zu kotzen!

Ohne es verhindern zu können, huschte sein Blick zum Schwertkämpfer, der sich offensichtlich bemühte, so zu tun, als würde er nichts hören, aber seine Mundwinkel zuckten.

„Was meintest du dann?“, entgegnete Law nur trocken und versuchte, diesen ekligen Beigeschmack loszuwerden.

Bepo merkte wohl, wie sehr ihn diese Worte anfassten, denn sein Lächeln erfror, aber er senkte den Blick nicht, wie sonst in solchen Situationen, sondern sah Law offen besorgt an.

„Ich weiß, dass du beim Kampf schwer verletzt wurdest, und ich weiß, dass du dir die letzten Tage nicht so viel Ruhe gönnen konntest, wie du bräuchtest, und dennoch… Ich habe extra nochmal mit Chopper gesprochen, ob ich es mir nur einbilde, aber anscheinend habe ich Recht.“

„Womit? Drück dich klarer aus, Be… Guck nicht so, sorry, es war nicht böse gemeint.“ Entnervt rieb er sich Stirn und Schläfen, seine Kopfschmerzen waren immer noch nicht abgeklungen. Vielleicht sollte er nochmal Schmerzmittel nehmen, damit er zumindest die kommende Nacht etwas schlafen konnte.

„Dir geht es kaum besser.“ Überrascht sah er Bepo an, der so ernst zurücksah. „Laut Chopper heilen deine Wunden nur sehr langsam – gerade für deine Verhältnisse – du isst eigentlich recht gut und dennoch scheinst du Gewicht zu verlieren. Außerdem… normalerweise macht dir wenig Schlaf gar nicht so viel aus – was nicht heißt, dass es gesund ist! – aber zurzeit siehst du echt nicht gut aus. Ich weiß, dass du dich aufgrund dieses Rooms nicht viel bewegen kannst, aber du wirkst auf mich eh nicht so, als ob du viel herumlaufen könntest. Deshalb mache ich mir Sorgen. Was ist, wenn das an dieser Verbindung zu Zorro liegt?“

Hat er Recht?“

Kurz sah er zum Schwertkämpfer der Strohhutpiraten. Es passierte äußerst selten, so gut wie nie, dass er sich in ein privates Gespräch einmischte. Ernst lag sein Blick auf Law und er erkannte diesen Gesichtsausdruck. Es war derselbe, den er zeigte, wann immer Chopper im Raum war. Dieser Mistkerl machte sich Sorgen um Law! Verdammte Scheiße!

Leise aufstöhnend lehnte er sich wieder zurück, vergrub sein Gesicht in einer Hand und dachte nach.

„Ka… Kapitän?“, fragte Bepo unsicher nach.

„Gib mir eine Sekunde“, murmelte er, ließ die vergangen Tage Revue passieren. Hatte Bepo Recht? Law war so beschäftigt mit Zorros Körper, diesem seltsamen Room und der steten Anwesenheit des anderen gewesen, dass ihm so etwas vielleicht wirklich entgangen war. Also dachte er nach. War sein Zustand den Umständen entsprechend ungewöhnlich oder hatte er sich einfach zu oft überfordert und an seine eigenen Grenzen und darüber hinaus gebracht, dass es sich physisch bereits bemerkbar machte?

Es stimmte, er hatte die vergangenen Tage wenig geschlafen, aber seine Crew und sein Poltergeist hatten schon dafür gesorgt, dass es nicht weniger war als notwendig. Gegessen hatte er ebenfalls ausreichend. Bewegt hatte er sich viel zu wenig. Kaffee getrunken viel zu viel, das sagte sogar er selbst. Seine Wunden heilten langsamer als sonst, aber auch nicht ungewöhnlich langsam, ob er abgenommen hatte, konnte er nicht sagen. Die Kopfschmerzen. Sie waren mit der Zeit schlimmer geworden. Sie waren immer ganz besonders schlimm, wenn er Medium zwischen Zorro und dessen Körper spielte, als würde es mit jedem Tag anstrengender werden, die Verbindung aufrechtzuerhalten. Aber er trank auch nicht genug und war zu wenig an der frischen Luft. Außerdem…

„Du hast Recht“, meinte er und begegnete Bepos Blick. „Etwas zehrt an meinen Kräften. Aber ich glaube nicht, dass es Zorro ist, sondern dieser seltsame Room.“

„Oh?“

„Mhm, seit ich das erste Mal einen Room gebildet habe, um Zorro zu untersuchen, kann ich die Last des anderen Rooms spüren. Da ich aber nur meine Rooms auflösen kann und nicht diesen, zehrt dieser anscheinend die ganze Zeit an meinen Kräften. Das würde auch erklären, warum ich so erschöpft bin. Ich habe noch nie einen Room für eine so lange Zeit aufrechterhalten.“

„Aber… aber sagtest du nicht, dass Zorro diesen Room kontrolliert oder so? Müsste dann nicht der Room seine Energie aufbrauchen? Warum deine?“

„Ich weiß es nicht“, gab Law zu. „Aber letzten Endes ist es meine Teufelskraft und ich kann diesen Room nicht verlassen, es wäre also nicht abwegig, dass er auch meine Energie nutzt. Dennoch müsste das nichts an meiner Ausgangsaussage ändern. Wenn der Room mich schwächt, so ist die Lösung, dass der Room verschwinden muss, und das wird er, bald, daher brauchst du dir keine Gedanken zu machen.“

„Bist du dir sicher?“

„Bin ich.“

Er hielt diesem Blick stand und endlich gab Bepo sich geschlagen und nickte sachte.

„Na, wenn du meinst.“

Es brauchte noch einige beschwichtigende Worte – und ein entnervtes Schnauben – um Bepo zu überzeugen, aber nach noch einigen Worten mehr, ging der Navigator schließlich, damit Law schlafen konnte. Und er… er beabsichtigte tatsächlich, diese Nacht zu schlafen, auch wenn er es sich kaum verzeihen konnte. Er schloss die Tür und atmete tief ein. Das alles war anstrengend.

Und jetzt, wo Bepo weg ist, nochmal die Wahrheit. Denkst du das wirklich?“

Und dieser Teil war der anstrengendste von allen. Denn vor diesen Worten, diesem Blick konnte er nicht fliehen, konnte er nicht einfach die Tür zuknallen.

„Ja“, bestätigte er und begegnete Zorros ernstem Gesichtsausdruck. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass dein Tod keine negativen Auswirkungen auf meinen Körper hat. Vermutlich wird es mir sogar besser gehen, wenn dieser Room verschwindet.“

Zorro nickte, zeigte ein halbes Grinsen. „Dann ist ja gut.“

War es das?

Ach, was kotzte es Law alles an. Dieser Typ hatte kaum noch zwei Tage und machte sich Gedanken darüber, wie es dann Law ergehen würde. Gutmütiger Mistkerl! Das war das Schlimme an Zorro, deshalb war Law bei ihm wahrscheinlich einfach nicht genug auf der Hut gewesen. Es war bei ihm nicht so offensichtlich wie bei den meisten von Laws Crewmitgliedern, wie beim Strohhut und den meisten seiner Crewmitglieder. Auf den ersten Blick wirkte Zorro wie ein eiskalter Grobian, der nichts von Schwäche hielt, nichts von Gnade, der weder Humor hatte noch Güte. Aber das stimmte nur auf den ersten Blick. Mittlerweile wusste Law es besser. Zorro war zwar härter als die meisten anderen seiner Crew, gewaltbereiter, brutaler, dennoch war er genauso ein Idealist wie sie alle, genauso gutmütig, genauso kindisch; er konnte es nur besser verstecken. Und deshalb war Law auf ihn reingefallen, genau wie damals bei Cora.

Was denn? Siehst ziemlich angepisst aus.“

„Bin ich auch“, murrte er, rieb sich durchs Gesicht und hockte sich auf die Bettkante. Er wusste einfach nicht, was er noch tun sollte. Zorro hatte mehr als deutlich gemacht, dass er nicht aufgeben würde, aber was konnte Law noch tun? Was konnte er noch tun, was er nicht schon ausprobiert hatte? Vielleicht sollte er nochmal Zorros Körper komplett auf links drehen – nicht, dass das irgendetwas gebracht hatte, außer noch mehr Kopfschmerzen – oder vielleicht sollte er einfach Zorros Herz mit irgendjemand anderes tauschen. Aber er wusste, dass Zorro das nicht mitmachen würde, es war nur eine verzweifelte, eine dumme Idee.

Dann sah er Zorro an. Dieser hatte die Arme verschränkt und begegnete fast schon ausdruckslos seinem Blick und wie immer hatte Law das Gefühl, dass der andere ihn lesen konnte wie ein offenes Buch.

Wie so oft war es Law, der den Blickkontakt unterbrach, rieb sich über die Unterarme.

„Es tut mir leid“, gestand er dann leise ein. „Ich… ich weiß, du hast vor, auf jeden Fall zu überleben, und ich habe versprochen, dass ich alles in meiner Kraft tun werde, um dir zu helfen, aber… ich...“

Er schüttelte den Kopf, konnte es nicht aussprechen.

Es war beschissen!

„Du bist durch?“

Sein ganzer Körper erzitterte unter dieser Frage. Zorro klang nicht vorwurfsvoll, nicht wütend oder traurig. Er war sachlich. Er fragte Law gerade, ob er ihn aufgab, und es klang, als würden sie sich über das Wetter des kommenden Tages unterhalten.

Er schloss seine Augen und nickte langsam.

„Es tut mir leid“, wiederholte er. Er wollte nicht aufgeben, aber er wusste nicht mehr, was er noch tun konnte, und nach den Tagen der stoischen Zweifel, der ermüdenden Hoffnung, war er erschöpft und eine leere Akzeptanz machte sich in ihm breit. Er wollte nicht aufgeben, aber er konnte nichts mehr tun, es war ein verlorener Kampf. Warum wollte Zorro das nicht einsehen?

„Braucht es nicht, schon okay.“

War es nicht!

Aber tatsächlich hätte ich dann eine Bitte an dich.“ Er sah auf, sah in dieses ernste Gesicht, welches sich aufhellte, als Zorro ihm ein leichtfertiges Lächeln schenkte und mit den Schultern zuckte. „Kannst du dann vielleicht zumindest für heute den Arzt mal stecken lassen?“

„Heißt?" Diese Bitte ließ ihn mehr als misstrauisch werden.

Erneut zuckte Zorro mit den Schultern.

Jeder Vollidiot kann sehen, dass du durch bist, also lass die Bücher zu. Geh pennen oder was auch immer. Du hast die letzten zwei Wochen so gut wie durchgearbeitet. Du brauchst ne Pause."

Law verstand ihn einfach nicht.

„Hast du etwa aufgegeben?", fragte er nach.

„Nein", entgegnete Zorro, doch seine Stimme war nicht hart und unumstößlich wie sonst in diesen Momenten, sondern warm und zuversichtlich. „Aber ab hier liegt es an mir. Du hast deinen Teil getan."

Was meinte er damit? Was für eine gequirlte Scheiße!

„Ich habe nichts getan! Das ist ja das Problem! Ich konnte…“

Du redest wieder dummes Zeugs, Trafo.“ Zorro seufzte und rollte mit dem Auge. „Du wärest beinahe draufgegangen, weil du mir Blut gespendet hast, und du hast die letzten Tage nichts anderes gemacht, als mir zu helfen. Ist okay, mach dir keine…“

Es ist nicht okay! Wie kannst du das sagen? Wenn ich keine Lösung finde, stirbst du in den nächsten Stunden, also solltest du mir nicht sagen, dass ich eine Pause machen soll, sondern mich anschnauzen, dass ich doch nicht einfach aufgeben kann und dich…“

Er unterbrach sich, Zorro hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt, oder vielmehr, es versucht, denn natürlich glitt sie einfach hindurch. Zorro kommentierte das mit einem wortlosen Laut der Genervtheit und zog seine Hand zurück, dann sah er wieder zu Law auf.

Es ist okay, Trafo. Ob ich überlebe oder nicht, lag nie in deiner Hand. Wenn das Blut aufgebraucht ist, werde ich entweder in meinen Körper zurückkehren und aufwachen oder aber ich werde sterben. Du brauchst nichts mehr tun, ab jetzt liegt es halt an mir.“ Er hasste dieses breite Grinsen, welches Zorro ihm gerade schenkte. Es war eine Sache, wenn der Strohhut ihn so nervig angrinste, oder Shachi, aber wenn Zorro so grinste, dann... „Entweder ich packe es oder ich habe es zumindest versucht.“

Einen Moment sahen sie einander einfach nur an.

„Wie kannst du immer noch so zuversichtlich sein? Ich hab’s dir von Anfang an gesagt, die Chancen standen nie gut, und jetzt, wo deine Werte absinken…, wenn sie höher als Null stehen, wäre das schon ein Wunder.“

Falsch.“ Zorro neigte leicht den Kopf. „Die Chance steht immer noch 50/50, entweder ich überlebe oder ich sterbe, und da beides möglich ist, macht es überhaupt keinen Sinn, sich den Kopf zu zerbrechen. Warum sollte ich mir jetzt schon Gedanken über etwas machen, was vielleicht gar nicht eintritt?“ Einen Moment schien er über seine eigenen Worte nachzudenken. „Und wenn es eintritt, muss ich mir auch keine Gedanken mehr darum machen.“

Das Schlimme war, dass dieser Vollidiot das wirklich ernst meinte. Egal, was Law ihm sagte, von Beginn an war dies seine Einstellung gewesen, und egal, wie verzweifelt Law war, Zorro hatte nicht aufgegeben, würde nicht aufgeben. Es war dumm, naiv, widersprach jedweder Logik und dennoch, für einen Moment fühlte Law sich erleichtert. Als hätten diese irrationalen Worte etwas von seiner Last genommen, die er trug, seitdem er versucht hatte, Zorros Leben zu retten.

Schnaubend ließ Law den Kopf fallen, rieb sich Haar und Nacken, lachte fast schon über diese seltsame Situation.

„Okay“, meinte er dann und sah wieder zu Zorro auf, der ihn beobachte, als würde er sich Sorgen um Laws mentalen Zustand machen, „wenn ich also den Arzt stecken lassen soll, was dann? Um die Uhrzeit würde ich sonst nie schlafen gehen. Also, was willst du sonst tun?“

„Nicht, dass ich irgendetwas tun kann“, lachte Zorro auf, doch obwohl er es wirklich gut verbarg, konnte Law diese leise Sehnsucht sehen. Ach, was für eine Überraschung, da brach es also doch mal aus Zorro hervor, eine normale, menschliche Regung.

„Muss seltsam sein, oder?“, meinte er. „Für so lange Zeit nichts anfassen zu können, nichts fühlen zu können, nicht mal Müdigkeit; wobei ich dafür einiges geben würde.“

Mit einem breiten Grinsen ließ Zorro sich vor ihm in den Schneidersitz sinken, zuckte mit den Schultern. „Ach, geht schon.“

„Nichts, was du vermisst? Deine Schwerter? Deine Crew? Das Kämpfen?“ Er hatte keine Ahnung, was Zorro sonst wichtig sein könnte. Es schien, als würde sich sein ganzes Leben nur darum drehen.

Leise schnaubte Zorro auf, begutachtete seine Hand, dann seufzte er, als würde er ein Zugeständnis machen.

Wehe, du verrätst es jemandem, aber weißt du, was echt beschissen ist?“ Er begegnete Laws fragendem Blick. „Kein Hunger. Ich hab keinen Hunger, aber verdammt was würde ich dafür geben nochmal ein verdammtes Reisbällchen vom verdammten Koch zu essen, oder Sake! Seit meinem Training bei Mihawk hab ich nicht mehr so lange nichts getrunken, echt frustrierend“, stöhnte er auf.

Aber Law hatte gerade ein anderes Problem.

„Mihawk? Wie in Mihawk Falkenauge?“

Unschuldig nickte Zorro.

„Du… du hast bei… Falkenauge trainiert?“

Ja, die zwei Jahre, die wir getrennt waren.“

Er starrte den anderen an, für einen winzigen Moment hatte er vergessen, dass er es mit einem Wahnsinnigen zu tun hatte.

„Wusste gar nicht, dass dieser Grufti Schüler annimmt“, murmelte er nachdenklich. „Aber sag mal, ich dachte, du nimmst über meine Sinne wahr. Solltest du dann nicht auch schmecken, was ich esse?“

Er hatte sich darüber bisher keine Gedanken gemacht, aber schließlich hatte er in den vergangenen Tagen öfters gegessen.

Nur, wenn ich dich berühre“, bemerkte der andere mit einem schiefen Grinsen, „aber…“

Er sprach nicht weiter, doch eine Schamesröte legte sich über seine Wangen und Law wurde neugierig.

„Ja?“

Der andere stöhnte auf. „Es ist halt nicht vom Koch, okay?“, murrte er unzufrieden. „Und wenn ich eh keinen Hunger hab, warum sollte ich dann was essen, was…“

Er sprach nicht weiter, knallrot angelaufen.

Süß.

Was ein seltsamer Tag, einen Moment wirkte er wie ein wahnsinniges Monster, dann plötzlich wie ein kleines Kind. Wer hätte gedacht, dass der Piratenjäger Lorenor Zorro so peinlich berührt dreinblicken konnte.

Wehe, du sagst ihm das!“, knurrte er dann hinterher, war jedoch derjenige, der entschieden wegsah, was ihn noch kindischer wirken ließ.

Noch einen Moment dachte Law nach, dann erhob er sich.

Wo willst du hin?“, murrte Zorro und sprang auf, als Law einfach durch ihn hindurchlief. „Warte! Du wirst doch jetzt nicht…?“

„Keine Sorge, ich komm nicht weit genug weg, um Schwarzfuß irgendetwas zu sagen“, entgegnete er und wandte sich schmunzelnd um, sah diesen aufgeschreckten Lorenor Zorro an. Es war wirklich selten, dass er wie ein ganz normaler Mensch reagierte. „Aber es gibt tatsächlich doch noch etwas, was ich tun kann.“

„Und das wäre?“, fragte Zorro misstrauisch und folgte ihm in den Flur.

„Naja, diese sagenumwobenen Reisbällchen kann ich dir nicht anbieten, aber…“ Er sprach nicht weiter, sondern ging um eine Ecke. Am Ende des Korridors führte die Leiter eine Ebene nach oben, in den Aufenthaltsraum. Da Law weder diesen noch die Leiter erreichen konnte, hatte die Crew seit einigen Tagen unten einen Wachposten abgestellt, nur für den Fall, das Law etwas brauchte. Gerade hatte dieses Pech Uni, der mit verschränkten Armen auf dem Stuhl hockte und wohlig vor sich hin schnarchte, obwohl es noch nicht mal spät war.

Zwei Meter vor seinem Crewmitglied blieb Law auf Höhe der unsichtbaren Wand stehen.

„Hey“, murrte er nur und sofort sprang Uni auf.

„Kapi… Kapitän!“, brüllte er beinahe und salutierte, warum auch immer, nicht, dass er so einen Mist sonst machen würde. „Alles okay?“

„Was soll das?“, bemerkte Law abschätzig und begutachtete ihn einmal von oben bis unten, ehe er abwinkte. „Bitte bring mir eine von den Flaschen aus Ikkakus Vorrat“, bat er, „und sag ihr später Bescheid. Nicht, dass sie sich wundert.“

Unis Augen wurden groß. „Ich… ich denke nicht, dass du… aber Käpt’n, du…“

„Keine Sorge, ein Glas wird ausreichen. Und danach werde ich schlafen gehen, also beeil dich.“

„Okay!“ Schon eilte er die Treppe hinauf, während Law und sein Poltergeist den Rückweg antraten.

Was sollte das denn?“, fragte Zorro ihn.

„Wirst du schon sehen“, entgegnete er mit einer subtilen Zufriedenheit über diesen argwöhnischen Gesichtsausdruck. In seinem Zimmer setzte er sich wieder auf die Bettkannte, zog erst die Schuhe aus und setzte dann seine Mütze ab, stets unter dem wachsamen Blick des anderen.

„Falkenauge also“, bemerkte er nachdenklich, zum Teil, weil er ein Gespräch aufbauen wollte und dies das erste Thema war, welches ihm einfiel, zum Teil aber auch schlicht, weil er neugierig war, „wie kam‘s dazu? Woher kennst du ihn? Ist ja nicht gerade für seine soziale Ader bekannt.“

Bevor Zorro antworten konnte, klopfte es an der Türe und Uni kam herein. Kritisch betrachtete er Law, stellte aber die kleine Flasche mit dem Keramikbecher auf seinem Schreibtisch ab und wünschte ihm eine gute Nacht, ehe er die Türe zuzog, seine Augen bis zum Schluss auf Law.

Oh“, kam es von Zorro, der die Flasche näher begutachtete.

„Wie gesagt, mit den sagenumwobenen Reisbällchen eures Kochs kann ich nicht dienen“, flachste Law und sicherte sich einen säuerlichen Seitenblick, „aber Ikkaku hat einen… besonderen Geschmack für Alkohol – und verträgt mehr als die gesamte Crew zusammen, auf eine besorgniserregende Art beeindruckend – und ich denke, sie kann auf eine Flasche verzichten.“

Er stand auf und goss sich ein, spürte, wie Zorro ihn berührte, ehe dieser sich näher beugte und enttäuscht aufseufzte. Law bekam eine Gänsehaut, es war wirklich gruselig, wenn er sich wie ein normaler Mensch benahm, insbesondere wenn Law dann auch noch so unangenehm warm wurde.

Also hob er den Keramikbecher an und ließ die Aromen in seine Nase steigen. Es kostete all seine Kontrolle, den Gesichtsausdruck des anderen nicht zu belächeln, als dieser sich ganz überrascht zu Law umdrehte und fast wie ein Trüffelschwein schnüffelte.

Dann setzte er sich wieder hin, wartete, bis Zorro sich vor ihn auf den Boden niedergelassen hatte, sein Knie in Laws Fuß.

„Na dann“, meinte er und erhob seinen Becher, „auf Gewinner und Verlierer.“

Auf Freunde.“

Noch bevor Law irgendwie reagieren konnte, hatte Zorro bereits sein Auge geschlossen, wollte wahrscheinlich alle Sinne auf Laws Geschmacksinn konzentrieren, also konnte er diese unnötige Aussage nicht mal eines Augenrollens würdigen.

Noch einen Moment starrte er den Becher an, seufzte auf, und kippte sich das Zeug in den Rachen.

„Uah, ich kann Sake nicht ausstehen“, fluchte er leise vor sich hin. Er mochte den meisten Alkohol nicht. Bier war in Ordnung, konnte sogar ganz gut sein, aber Ikkakus Begeisterung für hochprozentige Getränke hatte er nie verstanden.

Er konnte sehen, wie Zorro schluckte, sein Adamsapfel sich bewegte, ansonsten zeigte er keinerlei Regung, sein Gesicht absolut ausdruckslos.

„Und? Hat es funktioniert?“, fragte Law nach, gierte nach dem Wasserglas, was noch auf seinem Nachttisch stand, aber hütete sich davor, bereits jetzt danach zu greifen.

„Mhm“, stimmte der andere zu und warm brummte es in Laws Ohren. „Ein guter Sake, schade, dass ich ihn nicht wirklich trinken kann.“

Und wieder passierte es, bevor Law sich versah, antwortete er: „Was hältst du von einem Deal? Solltest du es wirklich packen, lade ich dich nochmal auf einen ein.“

Aber ich dachte, du trinkst nicht gerne Alkohol“, entgegnete Zorro, ohne jeglichen Schalk, zeigte kein bisschen, ob er sich gerade über Law lustig machte.

„Naja, vielleicht hab ich nicht so sehr ein Problem damit, ab und an einen zu heben… mit Freunden“, gestand er leise ein und nun zeigte der andere ein breites Grinsen, was seine Wangen heiß werden ließ.

„Also, Falkenauge“, lenkte er das Thema schnell ab. „Woher kanntest du ihn?“

Ohne etwas zu entgegnen, zog Zorro einfach seinen Mantel zur Seite, offenbarte das obere Ende der riesigen Narbe, die Law schon bei ihrer ersten Begegnung schaudernd aufgefallen war. Die Narbe an sich war gar nicht so auffällig, feiner als viele, die andere Piraten mit sich herumtrugen, aber es war doch eine recht grobe Naht gewesen, wohl von einem Amateur genäht, einst, als es noch eine klaffende Wunde gewesen war. Das war das Erste gewesen, das Law gedacht hatte, als er den anderen das aller erste Mal gesehen hatte, vor seinem inneren Auge das Bild, wie der Oberkörper dieses Mannes einst beinahe zweigeteilt gewesen war.

„Ich dachte,… Falkenauge hinterlässt normalerweise keine Überlebenden“, murmelte er, „und dich verschont er nicht nur, sondern entscheidet später auch noch, dich zu trainieren? Muss ja ne wilde Geschichte sein.“

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nicht wirklich etwas über Zorro wusste, über dessen Vergangenheit, dessen Ambitionen und Ziele. Er kannte ihn als den loyalen - aber ebenso wahnsinnigen - Gefolgsmann des Strohhuts, Schwert und Schild seines Kapitäns, als gewaltbereiter Schwertkämpfer mit einem kalten, harten moralischen Kompass. Aber er wusste nicht wirklich etwas über Zorro, der Mann dahinter. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr fragte er sich, was diesen Mann vor ihm dazu bewegt hatte, einem Mann wie dem Strohhut zu folgen, dessen erklärter Traum es war, König der Piraten zu werden.

„Sag mal“, fragte er also, „warum bist du eigentlich Pirat geworden? Was ist dein Ziel?“

Er wusste nicht wirklich, was er sich von dieser Frage erhoffte, er glaubte weder an Träume noch an diesen anderen Kitsch, von dem die Strohhüte so gerne schwafelten. Aber während der Strohhut ein naiver Träumer war, schien Zorro doch etwas rationaler, zielgerichteter. Vielleicht wollte er einfach nur den Strohhut auf dessen Weg unterstützen, vielleicht hatte er aber noch andere Beweggründe, und Law war neugierig, auch, wenn er nicht wusste, weshalb er es wissen wollte, was er erwartete. Vielleicht etwas Orientierung. Vielleicht etwas Ablenkung. Vielleicht etwas…

„Mein Traum ist es, der beste Schwertkämpfer der Welt zu werden.“

Er bekam eine Gänsehaut.

Schon das ein oder andere Mal hatte er Zorro davon reden hören, dass er stärker werden wollte, ein besserer Schwertkämpfer, sich auf seinem Weg nicht aufhalten lassen würde, aber er hatte sich über die Bedeutung dieser Worte nie tiefere Gedanken gemacht.

Jetzt verstand er, als Zorros Stimme so entschlossen, so ohne jeden Zweifel, ohne jedes Zögern, in seinen Ohren widerhallte. Ein zielstrebiger Träumer, ein weltfremder Rationalist.

Unverwandt begegnete Zorro seinem Blick, nicht arrogant oder hochmütig, sondern einfach nur aufrichtig und beharrlich. Doch plötzlich änderte sich da etwas und langsam senkte Zorro den Kopf.

Law musste schlucken, ganz überrascht. Verdammt! Es war unangenehm, dass Zorro so dreinblickte, er sollte nicht so schauen, nicht, wenn er seinem eigenen Tod mit einem Lächeln begegnete, dem Verlust seiner Crew mit stoischem Trotz entgegenstand. Nicht, wenn er…

„Jetzt bin ich aber erst recht neugierig“, zwang er sich mit einem Grinsen, ignorierte den hölzernen Klang seiner eigenen Stimme, „weiß Falkenauge, dass du ihn besiegen willst?“

Klar!“ Und sofort war er wieder dieser seltsame Kerl, der völlig ahnungslos tat, als wäre er sich nicht bewusst, wie verrückt seine Worte waren.

„Du willst mir sagen, Falkenauge hat dich für zwei Jahre trainiert, nachdem er dich einmal bereits verschont hatte, und das, obwohl er weiß, dass du ihn entthronen willst?“

Zorro nickte.

Law schnaubte fassungslos auf: „Das musst du mir aber echt mal näher erzählen. Wann ist das passiert?“

Damals im East Blue“, und auf Laws Geste hin, begann Zorro dann auch schließlich zu erzählen und Law hörte zu. Als Zorro das erste Mal Falkenauge erwähnt hatte, war Law nur leicht verwirrt gewesen, die ganze Geschichte hatte für ihn keinen Sinn ergeben und er hatte erst gedacht, der andere würde ihn veräppeln. Aber nun hörte er ganz fasziniert zu, über die Anfänge der Strohhutbande, fragte nach, hockte irgendwann neben ihm auf dem Boden, lachte mit ihm, antwortete auf Fragen, die Zorro ihm im Gegenzug stellte.

Nun verstand er, woher Zorro wusste, wie es sich anfühlte, von einem Blitz getroffen zu werden – weil dieser Mistkerl im Himmel gegen einen selbsternannten Gott gekämpft hatte – auch wenn er immer noch nicht begreifen konnte, wie der ehemalige Samurai auf die Idee kam, jemanden zu trainieren, der ihn besiegen wollte, passte gar nicht zu diesem arroganten Grufti, aber es war auch nicht so, dass Law ihn wirklich kannte, also was wusste er schon. Vielleicht war Falkenauge ja ähnlich wahnsinnig wie Zorro.

Also saßen sie da und sprachen, Law erzählte ihm, wie er Bepo, Shachi und Penguin kennengelernt hatte, Zorro erzählte, wie sie Brook auf einem verlassenen Schiff im mysteriösen Dreieck gefunden hatten.

Sie sprachen darüber, was sie übereinander gedacht hatten, als sie einander das erste Mal auf dem Sabaody Archipel gesehen hatten – wenig überraschend war es nicht besonders schmeichelhaft gewesen – und sie sprachen über Kämpfe, Abenteuer, Gefahren, manche öde Wochen auf hoher See, Freud und Leid des Piratenlebens.

Erst als es an der Tür klopfte, unterbrachen sie sich. Bepo stand in der Tür, schaute fragend zu ihm hinab, was er denn da auf dem Boden machte und ob er sich wieder mit seinem Patienten unterhalten würde. Als Law dies bejahte, schalt sein Navigator ihn sanft, wofür er sich eine Sekunde später gleich wieder entschuldigte, und schickte Law danach eindringlich ins Bett; es war schon früher Morgen.

Kaum, dass Bepo die leere Sakeflasche gepackt und die Türe wieder hinter sich zugezogen hatte, lachte Zorro schallend auf und auch Law tat sich schwer, seine Mimik zu kontrollieren.

Doch als er sich schwerfällig aufs Bett setzte und zu Zorro aufsah, der halb im Schreibtisch drinstand, wurde dieses warme Gefühl in seiner Brust bleiern.

Was denn? Bepo hat recht, ein paar Stunden Schlaf werden dich schon nicht umbringen.“

„Das ist es nicht.“ Leise seufzte er, ehe er Zorro ein halbes Grinsen schenkte und mit den Schultern zuckte. „Du bist ein Mistkerl, weißt du das?“

Zorro neigte nur leicht den Kopf und verschränkte die Arme.

Kopfschüttelnd rieb Law sich den Nacken.

„Ach, ist doch beschissen. Wie lange kennen wir uns? Jahre, oder? Vor Monaten hatten wir die Allianz gegründet, vor Wochen aufgelöst und jetzt…“ Er biss sich kurz auf die Unterlippe und senkte den Blick. „Und jetzt, da du im Sterben liegst, bemerke ich erst, dass ich dich die ganze Zeit über eigentlich doch recht gut leiden kann – für einen der Strohhüte.“ Er schnaubte leise auf, dieses bleierne Gefühl in seinem Magen, und ließ sich zurück auf sein Bett fallen. „Echt mal. Mir wäre es wirklich lieber gewesen, ich hätte es nie herausgefunden.“

Der andere reagierte nicht und Law lag da und sah zur Decke auf, wusste, dass es auch an der Übermüdung lag, am Alkohol, aber der kalte, bleierner Klumpen lag schwer in seinem Magen.

Dann lachte Zorro unvermittelt auf, leise, als hätte er bis gerade noch über Laws Worte nachgedacht und war nun zu was auch immer für einem Schluss gekommen, so warm in Laws Ohren, so warm in seinem Körper, machte die Kälte etwas erträglicher.

Wie sehr er sich doch an dieses warme Lachen in seinen Ohren gewöhnt hatte, und was grauste es ihm davor, es irgendwann nie wieder hören zu können.

Kapitel 12

 

Mit einem leisen Grauen wachte er auf, doch dieses Grauen lag nicht am Alkohol – wobei die Mischung von Sake und Schmerzmitteln nicht gerade klug gewesen war – sondern an dieser Gewissheit.

„Bist du da?“, fragte er also in die Leere des Raumes, ohne die Augen zu öffnen, wusste es doch besser, und dennoch fragte er, wie jedes Mal, wenn er aufwachte.

Wo sollte ich sonst sein? Nach über zwei Wochen solltest du das langsam mal wissen.“

Er riss die Augen auf und warf sich nach vorne.

Zorro stand im Raum, an die Wand gelehnt, wie so oft, wie fast jedes Mal, wenn Law aufgewacht war. Es war fast schon ekelhaft, wie dieser Anblick eine Welle der Erleichterung durch seinen Körper jagte.

Und zum allerersten Mal kam ihm ein abstruser Gedanke. Was wäre, wenn Zorro nicht verschwinden würde? Was wäre, wenn Laws Kraft nicht verhindern konnte, dass Zorros Körper starb, aber seinen Geist an das Diesseits, an Law selbst gebunden hätte?

Ach, was für ein Unsinn! Für diese Vermutung gab es nicht den leisesten Hinweis, warum also dachte er über solchen Schwachsinn, nicht mehr als eine verzweifelte Hoffnung, nach? Eine egoistische Hoffnung noch darüber hinaus!

Was denn los? Siehst ziemlich verpeilt aus? Hast nen Kater?“

„Zumindest zu wenig geschlafen“, murrte er und verbannte solch unnütze Gedanken. „Wie viel Uhr haben wir?“

Noch nicht mal Mittag. Chopper und Robin waren eben hier, aber sie haben entschieden, dich schlafen zu lassen.“

„Und du hast mich nicht geweckt?!“, fauchte er, warf die Bettdecke zur Seite und griff nach seinen Schuhen. „Dann hab ich wieder die Visite verpasst? Warum machst du sowas? Du weißt doch, wie wichtig es ist, dass…“

Trafo, lass den Arzt stecken.“ Überrascht sah er auf, Zorro zuckte mit den Schultern. „Wenn es wichtig gewesen wäre, hätte Chopper dich geweckt, nicht? Außerdem warst du echt betrunken und glaub mir, von Chopper angezickt zu werden, weil man trotz Medikamenten Alkohol getrunken hat, ist nichts, was man provozieren sollte.“

Betrunken?

Law war nicht betrunken gewesen. Etwas angetrunken vielleicht, aber er kannte seine Grenzen gut, konnte gut einschätzen, wie zurechnungsfähig er noch war, sowohl in dem Moment als auch rückblickend, und er war sich absolut sicher, dass er am vergangenen Abend nicht betrunken gewesen war. Auch die Kopfschmerzen, die er gerade verspürte, waren nicht deutlich schlimmer als die vergangenen Tage, auch wenn ihm von dem schalen Geschmack im Mund übel wurde.

Aber warum dachte Zorro, dass er…?

Kopfschüttelnd stand er auf, verbannte auch diese Gedanken. Ignorierte jedwede peinliche Nostalgie oder wärmende Scham über den vergangenen Abend.

„Klingt so, als hättest du damit schon viel Erfahrung gehabt“, entgegnete er kühl und erntete dafür ein bestätigendes Schnauben.

Während er ins Bad ging, ließ sein persönlicher Poltergeist sich etwas über dessen Arzt aus. Erzählte wie nervig überfürsorglich Chopper wohl war, wie sie oft über Kleinigkeiten stritten und wie Chopper regelmäßig versuchte, ihn zu irgendwelchen unnötigen Untersuchungen zu überreden. Dennoch korrigierte Zorro sich selbst in jedem zweiten Satz, rechtfertigte Choppers Verhalten und verteidigte selbst das, was er im Satz zuvor noch verurteilt hatte. Es war offensichtlich, dass der junge Arzt ihm wichtig war und wieder einmal bemerkte Law, dass der andere diese weiche, fast schon kindliche Seite an sich hatte, die er ihm nie zugetraut hatte.

Manchmal erdreistete er sich, einen kleinen, gemeinen Kommentar einzuwerfen, und Zorro stellte sicher, dass er es bereute, doch sein Blick war dabei immer schelmisch und es war deutlich, dass er trotz allem gut gelaunt war. Law selbst war nicht so guter Stimmung, aber er gestand sich leise ein, dass dieses Lachen, dieses gespielte Schnauben, dieses Augenrollen mit dem halben Grinsen, all das war irgendwie ansteckend, während er in den Operationssaal ging und dort das gleiche Bild wie die vergangenen Tage vorfand.

Es war fast schon überraschend, dass Zorros Werte sich immer noch kaum verändert hatten. Für gewöhnlich müssten sie mittlerweile im steilen Sinkflug sein, aber es schien fast so, als hätten sie sich leicht unter der Norm stabilisiert.

Vielleicht kann sein Körper ja nicht sterben, weil ich es ihm verboten habe?

Unsinn!

Was war nur los mit ihm? Natürlich konnte dieser Körper sterben. Law selbst könnte ihn mit einem Fingerschnipsen hier und jetzt töten, so hilflos war Zorro. Diese Zeitangaben waren nicht mehr als grobe Richtwerte, jeder Fall war individuell, da brauchte er die Hoffnung gar nicht erst aufkeimen zu lassen.

Wie aus Gewohnheit legte er seine Hände an Zorros Kopf, merkte den Blick des anderen auf sich, doch Zorro fragte nicht und Law sagte nichts. Sie beide wussten, dass dies keinem tieferen Zweck mehr diente, außer der Selbstbeschäftigung.

Sag mal, ist das hier eigentlich der Raum, in dem du damals, nach dem Krieg, Ruffy operiert hast?“

Er sah nicht auf, konzentrierte sich auf seine Tätigkeit, aber er war fast dankbar für diese Frage, die der andere abwesend gemurmelt hatte. Es gab ihm einen Grund zu reden, diese Stille zu füllen, sich mit Zorro zu unterhalten.

Also nickte er und erzählte.

Dieses Gespräch war nicht so warm und lustig wie die Worte der vergangenen Nacht, es war ernst, aber auch tief, ihre Worte ehrlich, während Zorro nachfragte, auf Rückfragen Laws teils mit frustriertem Schnauben, teils mit nachdenklichem Brummen antwortete.

Dann sprachen sie über Jinbei und Zorros Stimmung lockerte sich auf, er mochte den Steuermann offensichtlich sehr, zeigte dieses Lächeln, während sie sich darüber unterhielten, wie er Teil der Crew geworden war, und Law hörte zu, fragte nach, mochte, wie diese Stimme in seinen Ohren klang, selbst, wenn Zorro ihn neckte oder offensichtlich nicht ernst nahm.

Sie wurden erst durch Penguin unterbrochen, der mit Essen für Law hereinkam, doch dieses Mal hielt Zorro nicht wie sonst den Mund und tat so, als wäre er nicht da, während Law mit Penguin über aktuelle Geschehnisse sprach und sich zwang, etwas zu essen.

Obwohl Penguin sich drum drücken wollte, drängte Law ihm eine Untersuchung auf – auch wenn Law sich sehr sicher war, dass es ihm schon deutlicher besser ging, aber Vorsicht war nun mal besser als Nachsicht – und Zorro nutzte dies, um ihn aufzuziehen, verglich ihn mit Chopper und wann immer Law ihn über Penguin hinweg niederstarrte, grinste er breit.

Was denn? Sag doch, wenn dich was stört. Du redest doch sonst auch immer mit deinem Patienten, oder nicht?“

Er genoss es ganz offensichtlich, dass Law ein Interesse daran hatte, nicht als mental instabil einsortiert zu werden.

Das ein oder andere Mal entkam ihm ein leiser Fluch, den Penguin natürlich missverstand, während Zorro laut in Laws Ohren lachte, sodass er sein Crewmitglied manchmal gar nicht hören konnte.

„Käpt’n“, kam es dann erwartungsgemäß von Penguin. Natürlich musste es ihm auffallen. „Ist alles in Ordnung? Du benimmst dich seltsam.“

Wieder sandte er Zorro einen Blick des Todes zu, der ganz unschuldig mit den Schultern zuckte und dann süffisant grinste.

Er hat Recht, Trafo, du benimmst dich sooo seltsam“, feixte er, so kindisch wie Law sonst nur seinen Kapitän kannte.

„Ich hab keine Ahnung, wovon du redest, Penguin“, murrte er nur kühl und begegnete kurz dem Blick seines Crewmitgliedes, ehe er sich umdrehte, um sein Verbandsmaterial wegzuräumen. Dabei nutzte er den günstigen Moment, um Zorro unbemerkt den Mittelfinger zu zeigen, woraufhin dieser nur wieder lachte und ihn ermutigte, doch mal zu antworten.

„Naja, ich… ich hab gehört, dass du gestern getrunken hast“, murmelte Penguin. „Sake auch noch und du warst wohl die ganze Nacht auf, hat Bepo gesagt, aber nicht, um zu arbeiten, sondern…“ Er zuckte mit den Schultern und sah Law an, offensichtliche Sorge in sein Gesicht geschrieben. „Außerdem lächelst du heute echt viel und das ist irgendwie… gruselig. Uhm, nichts für ungut.“

Einen Moment war es ruhig im Raum, bis auf das Piepen, was Zorros ruhigen Herzschlag wiedergab, dann lachte ebendieser laut auf.

Gruselig! Mann, muss schon hart sein, wenn deine eigenen Crewmitglieder Angst vor dir kriegen, weil du mal ausnahmsweise nen guten Tag hast.“

„Du musst gerade reden!“

„Wie bitte?“

Verdammt!

„Nichts“, grummelte Law und rieb sich durchs Gesicht. Es war ihm nicht aufgefallen, es war ihm wirklich nicht aufgefallen, aber Penguin hatte Recht. Er war gut gelaunt. Trotz seines schmerzenden Körpers, trotz seines pochenden Kopfes, trotz all der Scheiße der letzten Tage und Wochen, trotz all der Gedanken und Sorgen, die er mit sich herumtrug – und das nicht nur um den Schwertkämpfer der Strohhüte, er hatte ja schon noch andere Verpflichtungen – er war wirklich gut gelaunt.

Seine Hand verweilte über seinem Mund.

„Ka… Kapitän?“ Penguin klang verängstigt, wie so oft, wenn er glaubte, Law wäre wütend über ihn, weil er ihn normalerweise sofort anherrschen würde. Aber gerade war er einfach nur schockiert. Warum zur Hölle war er gut gelaunt?

Es gab keinen Grund und selbst wenn, das war noch lange kein Grund, dämlich grinsend durch die Gegend zu laufen, wie der Strohhut es nur zu gerne tat.

Im Gegenteil, aus Sicht jedes anderen musste Law wirken, als hätte er einen Nervenzusammenbruch erlitten. Für Tage hatte er sich mehr oder weniger in seinem Zimmer eingesperrt, hatte weder genug gegessen noch genug geschlafen, um ein Buch nach dem anderen zu wälzen. Hatte seine Tätigkeit nur unterbrochen, wenn er regelrecht dazu gezwungen worden war oder um nach seinem Patienten zu sehen. Nun waren die Werte eindeutig Indiz dafür, dass nichts mehr zu retten war, er stellte seine Tätigkeit ein, verlangte nach Sake, schlug sich die Nacht um die Ohren, während er mit einem Patienten sprach, der nicht da sein konnte, und nun grinste er auch noch wie ein Vollidiot, während besagter Patient im Sterben lag.

Langsam sah er auf, begutachtete Penguin, der unter seinem Blick immer mehr zusammenschrumpfte.

Selbst Zorro schwieg, dankenswerterweise.

„Tut mir leid“, entgegnete er dann aufrichtig. „Ich habe mich gehen lassen. Die letzten Tage waren anstrengend und ich scheine wohl etwas durch den Wind. Ich sollte mich vielleicht noch etwas hinlegen.“

Natürlich war dies eine Lüge. Er konnte Penguin nicht erklären, dass er wirklich bis gerade gut gelaunt gewesen war, dass er nicht des Trinkens willens Alkohol getrunken hatte, dass ein gewisser Schwertkämpfer ihn foppte und er ein ungesundes Gefallen an dieser Art der Interaktion entwickelt hatte.

Bereits jetzt musste sein Verhalten auf Penguin mehr als besorgniserregend wirken, die Wahrheit würde er nicht verkraften, nicht glauben können, und Law hatte versprochen, Stillschweigen über Zorros Anwesenheit zu bewahren. Also log er, wie er es doch schon so oft getan hatte.

„Wenn du… wenn du meinst?“, meinte Penguin dann, doch sein misstrauischer Blick blieb. „Aber sicher, dass es nur das ist? Du weißt, du kannst mit mir reden, wenn dich was belastet, okay?“

Leise schnaubte Law auf.

Na, schau mal einer an, er lernte so viele neue Dinge, seitdem Zorro ihn heimsuchte. Seine neueste Erkenntnis war, dass er es weit weniger leiden konnte, seine Crew anzulügen, wie er es bisher immer geglaubt hatte. Er musste aufpassen, wenn er noch zu lange in der Gesellschaft des Schwertkämpfers der Strohhutbande blieb, würde aus ihm vielleicht auch noch so ein naiver Träumer werden. Alleine bei dem Gedanken, schüttelte es ihn am ganzen Körper.

Doch im nächsten Moment erinnerte ihn ein Blick durch den Raum daran, dass diese Sorge unbegründet war. Ein zu lange konnte es nicht mehr geben.

„Die ganze Situation ist belastend“, entgegnete er dann mit seinem üblichen Beschwerdeton, wollte Penguin deutlich machen, dass nichts ungewöhnlich war, nichts, worüber er sich Sorgen machen sollte. „All diese Stunden Arbeit, seit Tagen bleiben wir an der Oberfläche, nehmen denselben Kurs wie die Strohhüte, und für was? Für nichts! Er wird sterben, die Strohhüte werden trauern und wir sind in diesen ganzen Mist nur verwickelt, weil dieser Vollidiot meinte, mir nachlaufen zu müssen. Echt umständlich das Ganze.“

Die alte Leier wieder“, kam es nicht wirklich beleidigt vom anderen, wieder mal nahm er Law nicht ernst.

„Nicht nur die Strohhüte werden trauern“, entgegnete Penguin leise, doch entgegen Laws Befürchtung, dass er damit auf etwas anspielen wollte, wandte er sich nur dem Patienten im Bett zu und seufzte leise. „Am Anfang fand ich ihn wirklich unheimlich. Er hat so nen ganz furchterregenden Blick drauf, als würde er alle deine Ängste kennen, und er ist verdammt stark. So jemanden hat man echt nicht gerne als Feind, hab ich mir immer gedacht. War ihm selbst auf Zou noch echt misstrauisch gegenüber.“

Nun wandte Zorro sich doch ab und tat so, als wäre er nicht da, während Law schwieg und Penguin mit den Schultern zuckte.

„Aber dann wurde mir bewusst, dass ich genauso früher über dich gedacht habe, und mir fiel auf, wie seine Crewmitglieder mit ihm umgingen und ich… Ich weiß, dass die Allianz nicht mehr besteht, Kapitän, aber dennoch verlieren wir alle einen Verbündeten. Nicht nur die Strohhüte trauern, sondern auch die Heart-Piraten.“

Law stand hinter seinem Crewmitglied und verschränkte die Arme. Darüber hatte er bisher wenig nachgedacht. Natürlich, sie hatten mit den Strohhüten nicht so viel Zeit verbracht wie er – wofür er sie ein bisschen beneidete – aber auf Zou, auf Wa No Kuni, sie hatten einander schon kennengelernt, gerade während der Genesungsphasen nach den Schlachten, und natürlich, während er die letzten zwei Wochen in seinem Zimmer eingepfercht war, hatten sie Zeit mit Chopper verbracht, mit Robin und wer wusste, mit wem noch.

Er wusste doch, was für gutmütige Crewmitglieder er hatte, und wie gerne sie neue Freunde mit offenen Armen begrüßten, gerade solche wie den Strohhut und dessen Crew. Aber er wusste auch, dass sie nicht schwach waren, zu viel schon erlebt hatten, um an dem Tod eines Verbündeten zu zerbrechen, selbst wenn sie ihn sogar als Freund ansehen sollten.

Aber sie würden trauern, so wie auch er, denn er wusste, dass er einen Freund verlieren würde, so sehr ihn das auch ankotzte.

Er packte Penguins Schulter einmal feste, entgegnete jedoch nichts, wusste, dass Worte nichts bringen würden. Ja, sie würden trauern, das hatte der Tod nun mal so an sich, ganz gleich, was er nun sagen würde.

Seufzend ging er zurück in sein Zimmer, die gute Laune vom Mittag verflogen, selbst Zorro schwieg, versuchte nicht, die Stimmung aufzulockern, sein Blick ruhig auf Law, wie so oft die vergangenen Tage. Da wurde es ihm wieder bewusst. Er mochte ihre Unterhaltungen, aber eigentlich hatte Zorro die letzten Tage die meiste Zeit geschwiegen, hatte selbst noch behauptet, kein Plappermaul zu sein, und dennoch hatten sie die ganze Nacht hindurch geredet.

Auch Law war niemand, der einem Tratsch etwas abgewinnen konnte. Er mochte sachliche Gespräche, informative Mitteilungen, themenbezogene Diskussionen, aber mit Zorro hatte er sich unsinnig gestritten, über gehaltlosen Kram unterhalten, kindisch einander aufgezogen.

War es eine Flucht? Verzweiflung vor der Realität? Verdrängung von Trauer?

Er wusste es nicht, aber eines wusste er.

„Penguin hat Recht“, sprach er schließlich aus, sah Zorro an, hatte sich mittlerweile so sehr an diesen Blick gewöhnt, ihn schätzten gelernt, „nicht nur deine Crew wird trauern.“

Noch einen Moment stand Zorro mit verschränkten Armen gegen den Wandschrank gelehnt, dann zuckte er mit den Schultern, kam auf Law zu und hockte sich vor ihn auf dem Boden, wo er bereits die vergangene Nacht verbracht hatte.

Nur, wenn ich wirklich sterbe.“

Sofort zuckten Laws Mundwinkel.

Noch vor wenigen Tagen hätte dieser Satz alleine gereicht, um ihn wütend zu machen, jetzt amüsierte er ihn.

„Du gibst wirklich nie auf, oder?“, fragte er nach, erlaubte sich, diese Hoffnung noch ein bisschen zu spüren.

Warum sollte ich? Noch habe ich nicht verloren, also besteht immer noch die Chance zu gewinnen.“

Vielleicht würde er diese Logik nie verstehen, aber er musste eingestehen, dass sie… etwas Zuversichtliches hatte. Ja, noch schlug das Herz des anderen. Die Werte waren nicht gut, aber sie waren auch noch nicht furchtbar schlecht. Niemand von ihnen wusste wirklich, was passiert war, also wer wusste schon, was noch passieren konnte.

Vielleicht bleibt alles so, wie es jetzt ist, und was dann? So kann es ja nicht ewig weitergehen?

Aber wäre es wirklich die schlechteste Alternative? Natürlich war sie nicht ideal, gerade für Zorro, aber…

„In Ordnung“, sagte er und nickte langsam. „Du hast mir damals versprochen, dass keiner von uns beiden sterben wird, also halte ich auch an meiner Aussage von damals fest.“

Er rutschte vom Bett hinunter, so dass sie auf Augenhöhe saßen, Zorro begegnete seinem Blick gewohnt ruhig.

„Wehe du brichst dein Wort. Egal, was passiert, überlebe.“

Nun zeigte Zorro dieses Grinsen, welches Law sowohl nervte als auch anstachelte.

Na klar, du schuldest mir schließlich noch ein Bier, und Sake.“

Schmunzelnd lehnte Law sich gegen den Bettkasten und nach einem Moment des Zögerns gestand er Zorro dann schließlich ein, dass er auch gerne nochmal mit ihm gemeinsam die Schwerter pflegen würde.

Darauf entgegnete Zorro sofort begeistert, dass er sich auch gerne mal mit Law im Schwertkampf messen wollte, und dann stritten sie darüber, wer von ihnen gewinnen würde – natürlich wurden sie sich nicht einig, aber das wollten sie auch gar nicht.

Doch irgendwann knallte die Türe auf und eine kühl dreinblickende Ikkaku tat das, was sich zuvor niemand getraut hatte. Sie befahl Law, augenblicklich schlafen zu gehen, weil es bereits spät wäre und er bereits die vergangene Nacht zu wenig geschlafen hatte.

Er war so überrascht gewesen, dass es wirklich schon später Abend gewesen war, dass er ihrer Aufforderung ohne Gegenwehr gefolgt war, während Zorro sie leise grummelnd mit Nami verglich, seine Stimme eine Mischung aus beeindrucktem Respekt und genervter Frustration.

Law hörte ihn weiter vor sich hingrummeln, und er wusste nicht, ob es an den Medikamenten oder der Müdigkeit lag, aber irgendwann schlief er ein, Zorros Stimme in seinem Ohr.

 

Law riss die Augen auf. Es war eine gute Nacht gewesen. Zum ersten Mal in über zwei Wochen hatte er wirklich das Gefühl, sich im Schlaf auch erholt zu haben. Seine Knochen taten weniger weh und selbst seine Kopfschmerzen waren so gut wie weg. Vermutlich, weil er es am vergangenen Tag wirklich endlich mal etwas ruhiger angegangen war. Das würde er aber weder gegenüber seiner Crew noch gegenüber seinem Poltergeist eingestehen.

Doch fast noch schockierender war, dass er wieder gute Laune hatte, neuen Mut gefasst hatte, eine neue Idee bekommen hatte. Außerdem hatte er Hunger, zum ersten Mal in über zwei Wochen, hatte er richtig Lust, gut zu frühstücken, und auf eine heiße Dusche! Gott, was hatte er Lust auf eine heiße Dusche.

Und danach würde er Zorro seinen Vorschlag unterbreiten. Es würde nicht einfach werden, Zorro zu überzeugen, die anderen nun doch einzuweihen, aber Law hatte einen Plan, er war noch nicht ganz ausgereift, aber auch er wollte nicht mehr aufgeben, sich nicht mehr von den Zweifeln jagen lassen. Er mochte dieser unlogischen Logik des anderen folgen, zumindest ein einziges Mal.

Tief atmete er aus und setzte sich dann auf, fuhr sich durch Gesicht und Haare.

„Morgen“, grüßte er, ehe er sich streckte und dabei laut gähnte. Es ging ihm wirklich deutlich besser. Mit geschlossenen Augen rieb er sich mit beiden Händen den Nacken und neigte seinen Kopf von links nach rechts, dehnte Muskeln und Sehnen, genoss dieses Gefühl der Entspannung, welches er für Wochen vermisst hatte.

Doch der andere antwortete nicht, vermutlich wieder mal ganz vertieft in die kleinen Bildchen alter Schwerter. Diese Seite an ihm war wirklich amüsant.

„Was denn? Seit wann so schweigsam? Gestern Abend konntest du gar nicht aufhören zu knattern, konnte dabei kaum schlafen. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass deine Stimme mir direkt in den Ohren widerhallt?“

Dann sah er auf.

Die kleine Lampe brannte, erhellte das Zimmer, nicht jede Ecke, aber doch genug. Das Poster über die verschiedenen Schwerter, den Schreibtisch mit all den Büchern, der Schreibtischstuhl, der kleine Schemel, seine Schuhe, die Schrankwand, sein Schwert, aber ansonsten war der Raum leer. Schnaubend rollte er mit den Augen.

„Wo bist du? Für so Versteckspiele habe ich echt keinen Nerv.“

Er wandte sich um, aber Zorro stand nicht hinter ihm mitten im Bett, wie das eine Mal, als er sich die Bilder über Laws Bettseite angeguckt hatte. Dies ließ eigentlich nur noch eine Möglichkeit offen.

„Ernsthaft, für so kindisch hätte ich dich nicht gehalten“, murrte er, aber selbst dieses kindische Verhalten verpasste seiner guten Laune nur einen kleinen Dämpfer, während er aufstand, und sich vors Bett kniete. „Wenn das ein blöder Scherz sein soll, lass ihn bleiben und komm raus. Sonst gehe ich ohne dich ins Bad. Ich bin ja nicht derjenige, der dann teleportiert wird.“

Er schaute unters Bett, der einzige Ort, wo Zorro sich verstecken könnte, weil er nicht durch den Schrank durchkam und nichts anderes im Raum genügend Fläche bot, um seinen ganzen Körper zu verstecken.

„Zorro?“

Aber Zorro war nicht da.

 

 

Kapitel 13

 

„Ernsthaft, für so kindisch hätte ich dich nicht gehalten. Wenn das ein blöder Scherz sein soll, lass ihn bleiben und komm raus. Sonst gehe ich ohne dich ins Bad. Ich bin ja nicht derjenige, der dann teleportiert wird.“

Missmutig schaute er unter sein Bett. Bis auf Staub, seine anderen zwei Paar Schuhe und ein Buch, welches er schon länger suchte, war auch hier nichts. Aber… das konnte doch nicht…

„Zorro?“

Aber Zorro war nicht da.

Zorro war nicht da.

Zorro war nicht da.

Verdammt!

Law sprang auf! Jagte zur Tür hinaus! Ins Nebenzimmer! Sein Herz war laut, schlug schnell, beinahe schmerzhaft.

Im Türrahmen erstarrte er.

Piep… piep… piep…

Sein eigener Puls dröhnte in seinen Ohren, während er in den Raum schritt, den Monitor anpackte, sich zwei Finger an den Hals legte.

Das konnte doch nicht wahr sein!

Sein Herz schlug viel zu schnell. Zorros Herz hingegen schlug langsam, fast schon ungewöhnlich langsam.

Ruhe bewahren! Es brachte ihm überhaupt nichts, jetzt hektisch zu werden.

Mit erzwungener Beherrschung setzt er sich wie so oft ans Kopfende, legte seine Hände in Zorros Haar, erschuf seinen Room und schloss seine Augen. Er wusste nicht, auf was er hoffte, aber wahrnehmen konnte er nichts Ungewöhnliches.

„Falls du noch da sein solltest“, sprach er in den leeren Raum, „dann hast du mit Sicherheit mittlerweile kapiert, dass ich dich nicht mehr wahrnehmen kann, weder sehen noch hören. Darüber hinaus scheint dieser seltsame Room sich aufgelöst zu haben, ich kann ihn zumindest nicht mehr spüren, aber ich werde es gleich noch überprüfen. Das würde auch erklären, warum unsere Herzrhythmen nicht mehr übereinstimmen; die Verbindung zwischen unseren Körpern hat sich gelöst.“

Er sah auf, sah die Stelle an, an der Zorro die vergangenen Tage so gut wie immer gelehnt hatte.

„Falls du versucht haben solltest, mich in irgendeiner Form zu berühren, muss ich dir sagen, dass ich davon nichts bemerkt habe.“ Dann seufzte er. „Aber vielleicht rede ich gerade auch nur mit mir selbst.“

Er senkte seinen Blick auf das Gesicht vor ihm, so ruhig. Bis auf die künstliche Beatmung sah er aus, als würde er schlafen, seine Wunden so gut verheilt.

„Falls du mich noch hören kannst“, entkam es ihm leise und er verfluchte sich, dass seine Stimme bebte, „es tut…“

Er biss sich auf die Unterlippe, kniff die Augen zusammen, senkte den Kopf, bis seine Stirn fast auf der des anderen lag, ehe er sachte den Kopf schüttelte.

„Du hast es versprochen“, erinnerte er den anderen vorwurfsvoll. „Wie du gesagt hast, jetzt liegt es an dir. Also… überlebe, verstanden?! Du hast gesagt, dass du gewinnen wirst, also komm verdammt nochmal in deinen Körper zurück und wach auf!“

Aber natürlich gehorchte er Law nicht. Vielleicht wäre es etwas anderes, wenn der Strohhut es befehlen würde, aber realistisch gesehen wohl nicht. Das war das Problem mit Träumern. Sie meinten, sie könnten sich den kalten Fakten alleine mit ihrer Willenskraft widersetzen, aber am Ende unterlagen sie alle den Naturgesetzen.

Seine Hände zitterten.

„Ich… ich sollte überprüfen, ob die Grenzen des Rooms noch bestehen“, sagte er hölzern, wusste nicht, ob irgendwer ihn überhaupt hören konnte.

Er stand auf, doch es kostete ihn noch einen Moment, ehe er sich abwenden und das Zimmer verlassen konnte. Erst überlegte er, endlich auf eine der oberen Ebenen zu gehen, entschied sich jedoch dagegen. Er hatte gerade nicht das Bedürfnis, irgendwem erklären zu müssen, was passiert war.

Also schlug er den anderen Weg ein und öffnete die schwere Stahltüre, die nach draußen führte, auf das kleine Deck.

Frischer Seewind kam ihm entgegen. Fast schon abwesend schloss er die Türe hinter sich. Es war wohl noch sehr früh, der Himmel zwar nicht mehr dunkel, aber die Sonne noch nicht aufgegangen.

Sein Blick glitt hinüber, zum Schiff, welches neben der Polar Tang segelte. Vermutlich schliefen dort noch alle. Aber ein zweiter Blick zeigte ihm, dass die Kombüse hell erleuchtet war.

„Scheint, als wäre Schwarzfuß schon fleißig. Na, wie war das mit den sagenumwobenen Reisbällchen?“, neckte er.

Ach ja.

Wie schnell hatte er sich doch daran gewöhnt.

Kopfschüttelnd zählte er die Streben der Reling, während er langsam nach vorne schritt.

Eins… zwei… drei… vier…… fünf.

Weder wurde seine Brust eng, noch begann sein Herz schneller zu schlagen, selbst diese unangenehme Kälte fehlte. Es hatte sich schlicht gar nichts verändert, warum auch? Alles war so, wie es sein sollte.

„Ich hatte also Recht“, meinte er trocken, wusste nicht mal genau, warum er laut sprach, wenn ihm doch eh niemand zuhörte. Allerdings hatte er sich immer schon mit seinen Patienten unterhalten, um sich besser konzentrieren zu können. „Bepo hat sich völlig umsonst Sorgen gemacht. Wie erwartet geht es mir besser. Irgendwann diese Nacht, als sich der Room aufgelöst haben muss, wurde…“

Er sprach nicht weiter, musste schlucken.

Vor seinem inneren Bild sah er Zorro, wie er an der Schrankwand lehnte, im Schreibtisch stand, vor seinem Bett auf dem Boden hockte. Ob er es gespürt hatte? Ob er gemerkt hatte, dass sich die Verbindung auflöste? Vielleicht hatte er sogar nach Law gerufen, aber er hatte es nicht mehr gehört. Wahrscheinlich hatte er jedoch gar nichts getan, so wie Law ihn einschätzte.

Er konnte sich bildlich vorstellen, wie Zorro seine eigenen durchscheinenden Hände begutachtete und realisierte, was passierte. Wie er leicht schmunzelnd zu Law hinübersah und entschied, ihn schlafen zu lassen, ihn nicht zu stören, nicht für sowas, nicht für etwas, was sie eh erwartet hatten und eh nicht ändern konnten. Er war alleine gewesen. Egal, ob es unerwartet innerhalb einer Sekunde passiert war, oder sich über Stunden hinweg hingezogen hatte. Zorro war alleine gewesen, während Law kaum eine Armlänge entfernt geschlafen hatte, wohlig davon geträumt hatte, wie er Zorro überzeugen würde, seiner Crew die Wahrheit zu sagen.

Die Sonne brach über den Horizont herein, schickte warme Strahlen übers kalte Wasser.

Er hatte es doch gewusst. Er wusste doch, wie gefährlich es war, sich mit diesen Träumern einzulassen, diesen gutmütigen Idioten, die warum auch immer meinten, ihn retten zu müssen.

Kopfschüttelnd vergrub er sein Gesicht in einer Hand. Er hatte doch von Anfang an gewusst, was passieren würde, und er hatte von Anfang an gewusst, dass Emotionen fehl am Platz waren. Und dennoch war er auf diesen Mistkerl reingefallen, auf seine ruhige, entspannte Art. Auf diesen Wahnsinn, den er in den unpassendsten Momenten mit eindrucksvoller Besonnenheit ausglich. Auf seine stoische Gelassenheit, mit dem er die Geschehnisse angenommen hatte, ohne sich davon beeindrucken zu lassen.

Obwohl Law es besser gewusst hatte, hatte er zugelassen, dass Zorro ihm unter die Haut gekrochen war, ihm wichtig geworden war, ein Freund geworden war. Jemand geworden war, in dessen Gegenwart Law sich wohl fühlte.

Er war doch selbst schuld, dass es jetzt wehtat. Er hatte es doch besser gewusst.

Er hatte es besser gewusst.

 

Wie lange er da stand, wusste er nicht, während die Sonne den Horizont verließ und er seinen Gefühlen die Vernunft einprügeln musste.

Vom Schiff nebenan hörte er verschiedene Stimmen und er fällte eine Entscheidung.

„Ich weiß, du wirst es nicht gutheißen“, sprach er zu niemandem, „aber ich werde deinem Kapitän die Wahrheit sagen.“

Selbst das änderte nichts an der anhaltenden Stille, die in seinen Ohren dröhnte, während die Wellen an den Bug schlugen und vom Schiff der Strohhüte laute Stimmen widerhallten.

„Kann sein, dass du darüber wütend bist“, erklärte er niemandem, „doch die Dinge liegen jetzt anders. Er ist der Kapitän, du bist sein Crewmitglied, und ich an seiner Stelle würde die Wahrheit wissen wollen.“

Seufzend zuckte er mit den Schultern, zwang sich zu dieser sachlichen Ruhe, die ihm Halt gab, immer schon Halt gegeben hatte.

„Ich gebe zu, die letzten zwei Wochen waren nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Für einen Poltergeist warst du ein ganz angenehmer Mitbewohner, aber jetzt kann ich nicht mehr wirklich etwas für dich tun“, gestand er mit einem schalen Grinsen ein. „Na dann, du bist wohl dran. Ich wünsche dir viel Glück. Auf Gewinner und…“

Sein Blick fiel aufs gleißende Meer, seine Gefühle wollten ihm wohl doch nicht so einfach gehorchen.

„Auf Freunde.“

Tief atmete er aus und setzte sich auf die Reling.

Aus dem Inneren des U-Boots konnte er dumpfe Stimmen und Schritte hören, aber davon ließ er sich nicht stören. Für Chopper würde sich nichts verändert haben. Wobei, vielleicht stimmte das nicht. Waren die Werte an diesem Morgen schlechter gewesen als am vergangenen Tag?

Er hatte nicht wirklich drauf geachtet. Der Puls war arg langsam gewesen, das hatte er gesehen.

Das würde es also sein, die Werte waren nun schlussendlich doch am Fallen. Vermutlich hatte diese seltsame Verbindung Zorros Körper wirklich noch am Leben erhalten, aber nun war diese Verbindung gebrochen, das Blut des jeweils anderen aufgebraucht.

Er hatte es doch gewusst, hatte es doch von Anfang an gewusst. Dieses Ende hatte von Anfang an festgestanden, nur die Details der Geschichte hatten sich geändert.

Aber er hatte wirklich nicht vorhersehen können, wie sehr diese Details die ganze Geschichte verändert hatten, nur das Ende hatte sich nicht verändert, wie er es doch von Anfang an gewusst hatte.

„Käpt’n!“

Überrascht sah er auf. Uni war zu ihm herausgestürmt, starrte ihn panisch an.

Lass den Arzt stecken, Trafo.

Wie ironisch diese Worte nun in seinem Kopf klangen. Natürlich konnte er nicht einfach aufhören, das zu sein, was er nun mal war, und natürlich hätte er damit rechnen müssen, dass man ihn jetzt holen würde, um noch irgendwie zu helfen, noch irgendetwas zu tun.

Aber wie sehr er gerade nicht wollte. Wie sehr er gerade einfach nur trauern wollte, um dieses Lachen, welches er nie wieder so nah an seinen Ohren hören würde.

Aber entgegen dieser Gefühle, reagierte sein Körper ganz von alleine.

„Was ist?“, fragte seine Stimme, so hart wie sonst auch.

„Komm schnell! Chopper braucht deine Hilfe!“

Natürlich brauchte er das. Law stieß sich von der Reling ab und eilte hinter Uni zurück nach drinnen. Sobald die Werte fielen, ging alles ganz schnell. Ein Organ nach dem anderen versagte und auch, wenn alle Ärzte es wohl besser wussten, am Ende konnte wohl niemand einfach nur tatenlos dastehen. Am Ende folgten sie alle dieser sinnlosen Hoffnung, dass wenn sie vielleicht die Niere oder die Leber retten würden, dass dann wie durch ein Wunder der Patient doch nicht sterben würde, obwohl das Gehirn doch schon längst nicht mehr arbeitete.

Es war sinnlos und doch wusste Law, dass er genau das jetzt tun würde, dieser stoischen Logik eines gewissen Schwertkämpfer folgend. Er würde nicht aufgeben, und wenn er jedes Organ einzeln am Leben erhalten…

Im Türrahmen erstarrte er.

Bepo und Jean Bart verdeckten das Krankenbett, grunzten unter Anstrengung und brüllten sich gegenseitig etwas zu. Chopper stand in seiner humanoiden Form am Kopfende übers Bett gebeugt. Kabel und Manschetten hingen nutzlos zu Boden, während einzelne Maschinen verzweifelt meckerten, weil sie keine Daten mehr messen konnten.

„Du musst dich beruhigen! Hör auf, dich zu wehren!“, kam es von Bepo hektisch.

„Das hat keinen Sinn. Er kann euch vermutlich nicht hören. Versucht, ihn einfach ruhig zu halten“, entgegnete Chopper mit Autorität in der Stimme und arbeitete zügig.

Noch einen Moment stand Law im Türrahmen und starrte in den Raum, dann reagierte sein Körper von ganz alleine.

„Lass mich das machen, Chopper!“, forderte er, schritt harsch hinüber und erschuf einen Room.

Kurz sah Chopper nur auf, nickte ihm zu und ließ von den Schläuchen ab.

„Chambres!“

Im nächsten Moment hielt Law den Tubus in seiner Hand, und eine Sekunde später schnauften Bepo und Jean Bart erleichtert auf.

„Endlich, was ist der denn nur so stark?“, murrte Jean Bart schwer atmend und stützte sich auf dem Bettgestell ab.

Langsam beruhigte sich das schnelle Piepsen und dann ertönte ein röchelndes Husten.

„Legt ihn auf die Seite, es kann sein, dass er sich erbricht“, befahl Chopper bestimmt.

Immer noch den Tubus in der Hand, trat Law langsam ans Bett, während die anderen Chopper gehorchten.

Seine Lippe zitterte.

Das konnte nicht sein, es war unmöglich.

Dort im Bett, gehalten von Bepo, holte Zorro gerade zittrig Luft – atmete zum allerersten Mal seit über zwei Wochen selbständig! – ehe er sich dann schließlich, genau wie von Chopper hervorgesehen in ein bereitgestelltes Gefäß erbrach. Die Hand, die es herbeigeholt hatte, löste sich in Luft auf, doch Law achtete da nicht wirklich drauf.

„Ich… ich muss sein Gehirn…“

„Später, Trafo“, unterbrach Chopper ihn. „Wir können seine kognitiven Leistungen später überprüfen, jetzt müssen wir erstmal sicherstellen, dass die Intubation keine Schäden hinterlassen hat, und die Sättigung im Auge behalten.“

Law stimmte dieser Ansicht nicht wirklich zu. Natürlich würde die Intubation Schäden hinterlassen haben, aber diese waren in der Regel von zu vernachlässigender Natur – und wenn nicht, würden sie das sehr schnell merken, genau wie eine abfallende Sättigung – aber was gerade geschah, war…

Nein, Chopper hatte Recht. Was war denn mit Law plötzlich los? Für einen Moment hatte er irrational in einer Situation gehandelt, die von ihm absolute Rationalität verlangte? Während der junge Tony Chopper - fast noch ein Kind und wie ein kleiner Bruder des Patienten - sich absolut souverän verhielt. Was pisste es ihn an, dieser ganze Mist!

„In Ordnung, ich übernehme die Überprüfung der Lunge“, erklärte er und erschuf erneut seinen Room, während Chopper nur nickte, ohne aufzusehen.

Natürlich war die kognitive Untersuchung gerade zweitrangig, denn dafür hatten sie für den Moment schon genug Indizien, um ihre Schlüsse zu ziehen. In seltenen Fällen atmeten Patienten im vegetativen Zustand selbständig, meist mussten sie beatmet werden, so wie Zorro bis vor wenigen Sekunden noch. Es gab wenige protokollierte Fälle, laut denen Patienten nach einiger Zeit an der Beatmungsmaschine plötzlich wieder selbständig geatmet hatten. Es waren die Ausnahmen, aber es gab sie, und jedes Mal waren sie problematisch. Denn jedes Mal musste man den Angehörigen erklären, dass dies zwar eine Verbesserung des Zustandes war, aber nichts an der fehlenden Hirnaktivität änderte.

Doch Zorro hatte nicht nur angefangen, selbständig zu atmen, er hatte gehustet, sich erbrochen, auf den Tubus in seinem Hals mit Gegenwehr reagiert. All das war eine kognitive Leistung, zu der er eigentlich nicht mehr in der Lage sein sollte.

Natürlich mussten sie das untersuchen, aber es konnte den Moment warten, bis sie lebensbedrohliche Blutungen ausgeschlossen hatten.

„Seine Atmung ist gut“, bemerkte Chopper. „Im Mundraum gibt es ein paar kleinere Blutungen, aber nichts besorgniserregendes.“

„Dito“, murmelte Law kurzangebunden und senkte die Organe zurück in den Patienten. Sein Blick glitt von Zorros Gesicht bis zu seiner Brust hinab. „Aber sein Herz macht mir Sorgen. Sein Puls war heute Morgen ungewöhnlich langsam. Darauf sollten wir besonders achten.“

„Nicht nötig, Zorros normaler Ruhepuls ist unglaublich niedrig. Nach der Anstrengung gerade ist er noch leicht erhöht, aber das wird sich geben.“

„Was?“ Verwirrt begegnete er Choppers ruhigem Blick. „Selbst für einen Sportler wären so wenige Schläge pro Minute…“

„Ich weiß.“ Chopper zuckte mit den Schultern und für einen Moment brach die Spannung in Law, als ihm wieder bewusst war, was für ein wahnsinniges Monster der Schwertkämpfer der Strohhüte doch war. „Glaub mir, ich hab ihn damals auf Links gedreht. An schlimmen Tagen schlägt sein Herz keine 30-mal in der Minute, was echt nicht gut für mein Herz ist.“

Das hieß, vor wenigen Stunden war Zorros Herzschlag nicht schwächer geworden, sondern hatte sich einfach nur nicht mehr an Laws schnelleren Ruhepuls angepasst, als die Verbindung gebrochen war?

„Wenn du keine Einwände hast, werde ich ihn jetzt untersuchen“, schlug er vor. Über diese seltsamen Dinge konnte er sich später Gedanken machen. Erstmal sollte er jetzt so viele Fakten wie möglich sammeln.

Chopper rutschte nach hinten, sodass Law sich ans Kopfende stellen konnte. Wie viel zu oft schon legte er nun seine Hände ins Haar des anderen, schloss seine Augen und…

„UAH!“

Er knallte zurück, prallte regelrecht gegen Chopper, der ihn auffing.

„Käpt’n!“, kam es von seinen Crewmitgliedern einstimmig.

„Was ist passiert, Trafo?“, kam es von Robin, die bisher zurückhaltend in der Ecke gestanden hatte.

Laws Hände zitterten. Alles kribbelte, er spürte eine Spannung in seinem Körper, die bis in die Haarspitzen zu steigen schien. In seinem Blickfeld tanzten immer noch bunte Flecken, als hätte er in grelles, flackerndes Licht gestarrt.

„Wie… wie ein Blitzschlag“, murmelte er und sah erst seine Hände an und dann zu Zorro hinüber, verstand augenblicklich, was passiert war, auch wenn er sich nicht sicher war, warum es passiert war. Die letzten Tage hatte er problemlos Zugriff zu Zorros Gehirn gehabt, wohingegen dieser von seinem eigenen Körper durch irgendetwas ausgeschlossen worden war. Unter der vagen Hypothese, dass Laws Verstand die Blockade gewesen sein könnte, hieße das etwa, dass das, was nun Law den Weg versperrte… Zorro selbst war?

Dieser Gedankengang dauerte weniger als eine Sekunde, während er sich wieder aufrappelte und kurz zu Chopper aufsah.

„Etwas blockiert mich, ich kann nicht auf sein Gehirn zugreifen.“

„Was? Warum?“, kam es nun von Penguin.

„Ich bin mir nicht sicher, allerdings scheint sich heute Morgen unsere…“ Noch während er sprach, erinnerte er sich daran, dass er vor wenigen Stunden noch problemlos hatte arbeiten können. Vor ein paar Stunden, als noch nichts auf diese Situation hier hingedeutet hatte, als dass er Zorro nicht mehr wahrgenommen hatte, dessen Herz langsamer geschlagen hatte und dieser Room verschwunden war. „… Verbindung aufgelöst zu haben, zumindest besteht dieser Room nicht mehr, der uns verband. Vielleicht hat es irgendetwas damit zu tun. Aber dennoch ist es…“

„Käpt’n“, kam es zögerlich von Jean Bart, „ich glaub, er öffnet die… das Auge.“

Kurz wechselte er mit Chopper einen Blick.

„Dann eben auf die altmodische Art und Weise“, knurrte er, packte seine Diagnostikleuchte und eilte ums Bett herum. Neben Jean Bart blieb er stehen, während Bepo immer noch Zorro festhielt. Er hatte recht, die Lider zuckten offensichtlich. Law ging in die Hocke, um das unversehrte Auge besser begutachten zu können, und gerade rechtzeitig, um einen winzigen Spalt zu sehen.

„Wacht er etwa…?“

„Das wissen wir nicht“, unterbrach Chopper Robin, während er die Elektroden aufsammelte und das Messgerät neu einstellte. „Es ist nicht unüblich, dass Patienten im Wachkoma ihre Augen öffnen, sie sind dennoch in einem vegetativen Zustand und nehmen ihre Umwelt nicht wahr.“

Law konnte Choppers Blick auf sich fühlen, er wusste es auch. Diese Entwicklung war seltsam und ergab keinen Sinn.

Entschieden schob Law Zorros rechtes Lid nach oben und richtete den gebündelten Lichtstrahl aufs freigelegte Auge.

Für eine Sekunde passierte gar nichts, dann erst verengte sich die Pupille.

„Pupillenreflex funktioniert“, murmelte er, gerade in dem Moment, als sie sich zur Seite bewegte und ein leichtes Zucken durchs Lid glitt. „Verspätete Reaktion“, flüsterte er atemlos und sah dann zu Chopper auf. „Wir haben eine verspätete Reaktion.“

Er richtete sich auf. Noch am vergangenen Tag hatten die Pupillen nicht reagiert.

„Was bedeutet das?“, fragte Penguin.

„Das bedeutet, wir haben eine Reaktion“, kam es von Chopper, ebenso fassungslos. „Es ist nicht selten, dass bei einer leichten Stufe des Komas selbst nach einigen Tagen noch Besserungen eintreten können. Aber bei einem so tiefen …“

„Zum jetzigen Zeitpunkt verschlechtert sich der Zustand eines Patienten für gewöhnlich“, sprach Law weiter, als Chopper die Stimme versagte. „Aber Zorros Zustand scheint sich gerade zu verbessern von einem tiefen Koma, ohne jegliche Reaktion, zu einer leichteren Form, wo gewisse niedere kognitive Fähigkeiten vom Patienten funktionieren… Aber sein Gehirn sollte eigentlich nicht mehr zu solchen Leistungen fähig sein.“

„Es muss sich erholt haben“, murmelte Chopper, als er endlich die Elektroden wieder richtig eingestellt hatte und nun nach und nach wieder anbrachte. „Anders kann ich es mir nicht erklären. Vielleicht hat dein tägliches Stimulieren wirklich etwas bewirkt.“

Law entgegnete nichts. Er hatte eine andere Vermutung, aber er wagte nicht, an sie zu glauben, zu hoffen.

„Aber so, wie ich euch verstehe, bedeutet dies nicht, dass er aufwachen wird, oder?“, fragte Robin nach, ernst.

„Es bedeutet, wir haben verspätete Reaktionen durch niedere kognitive Fähigkeiten“, antwortete er, „und das ist mehr, als was wir gestern hatten. Mehr können wir nicht sagen. Wenn wir Glück haben, stabilisiert sich sein Zustand auf diesem Niveau. Alles andere wäre ein Wunder.“

Dann sah er Chopper an.

„Du solltest deinen Kapitän über diese Veränderung informieren. Ich werde derweil die weiteren Untersuchungen vornehmen.“

Er konnte sehen, wie Chopper zum EEG-Gerät hinübersah, es fehlte nur noch ein paar Kleinigkeiten, dann würden sie sehen, ob sich die Hirnaktivität wirklich verändert hatte, dennoch folgte er Laws Vorschlag.

Einer nach dem anderen verließ den Raum und endlich war Law alleine mit seinem Patienten.

Als die Tür zufiel, sank er auf seinen Schemel und holte tief Luft.

„Du bist da, oder?“, flüsterte er. „Du bist nicht einfach verschwunden, sondern kehrst gerade zurück, oder?“

Keine Reaktion.

Er wusste nicht, ob er mit einer gerechnet hatte. Die Lider zuckten, Zorro atmete selbständig, das konnte kein Zufall sein.

Aber was, wenn doch?

Vorsichtig legte er beide Hände an Zorros Kopf, wappnete sich für das, was kommen würde, schloss seine Augen.

„Die Chancen liegen 50/50.“

Und dann starrte er in grelles Licht.

Kapitel 14 –

 

„Käpt‘n, was tust du da?!“

Überrascht sah er auf, merkte erst jetzt seinen eigenen hektischen Atem. Penguin stand in der Türe.

Dann glitt sein Blick zu dem Mann im Bett, leise Laute entkamen ihm, eine deutliche Reaktion auf Schmerz.

„Es ist nur ein Reflex“, erklärte er seinem Crewmitglied. „Es ist ein gutes Zeichen, dass er auf Schmerz reagiert. Es bestätigt nur unsere bisherige Vermutung. Gewisse kognitive Fähigkeiten scheinen sich zu erholen.“

„Aha, wenn du meinst“, murmelte Penguin zweifelnd. „Aber ist es dafür wirklich notwendig, ihm Schmerzen zuzufügen?“

Law entgegnete nichts. Es war nicht geplant gewesen, tatsächlich konnte er sich an die letzten Minuten kaum erinnern. Er hatte versucht diese Wand aus grellem Licht zu durchbrechen, zu sehen, was dahinter war, wie Zorro es ihm beschrieben hatte, aber er hatte es nicht geschafft. Jetzt dröhnte ihm der Schädel, fast so schlimm wie an den vergangenen Tagen, und er hatte keine Ahnung, wie lange er es versucht hatte und was in der Zeit in seiner Umgebung passiert war.

„Glaub mir, es sieht schlimmer aus, als es ist“, entgegnete er, obwohl das vermutlich nicht stimmte. Aber es brachte nichts, Penguin jetzt unnötig zu verunsichern. Law hatte die letzten Tage erlebt, dass Zorro nur zu bereit war, Schmerzen auszuhalten, und sei die Möglichkeit auf Erfolg noch so gering, egal, wie oft es erfolglos gewesen war. „Wie dem auch sei, was wolltest du?“

Penguin sah einen Moment aus, als er hätte er vergessen, warum er heruntergekommen war, dann kratze er sich hinterm Ohr.

„Ach ja, ich wollte fragen, ob du was essen willst. Hast ja heute noch nichts gegessen und so, wie ich dich verstanden habe, kannst du dich wieder frei bewegen? Es gibt gleich Mittagessen.“

Es war schon Mittag? Die wahre Frage war, wie viel Zeit davon hatte er an Deck verbracht und wie viel in diesem grellen Licht?

„Noch nicht“, entschied er nach einer Sekunde des Nachdenkens. „Ich möchte ihn wieder am EEG anschließen, solange ich keinen Zugriff auf sein Gehirn habe, und danach noch die weiteren Reflexe überprüfen. Außerdem sollte jetzt immer jemand anwesend sein – bevorzugt geschult – um auf ihn aufzupassen. Nicht, dass er an seiner eigenen Zunge erstickt.“

„Hätte ich mir eigentlich denken können“, seufzte Penguin, als wäre Law ein schwieriges Kind. „Na gut, aber wenn du mit dem Kram fertig bist, lass jemand anderes übernehmen, ja? Du brauchst auch mal ne Pause und was Vernünftiges zu essen, Kapitän.“

Als Antwort rollte er nur mit den Augen und wartete darauf, dass Penguin dann endlich ging, ehe er sich seiner Aufgabe zuwandte.

„Das ist alles deine Schuld“, murrte er dem Patienten zu. „Nur wegen dir meint jetzt meine ganze Crew, mich bemuttern zu müssen.“

Innerlich wartete er fast schon darauf, dass dieses warme Lachen ertönen würde, welches zeigte, dass Zorro ihn nie so ganz ernst nahm, oder ein schlichter Kommentar, über den er sich noch mehr aufregen konnte. Aber natürlich gab es das nicht.

Endlich hatte er alle Elektroden wieder angebracht und schaltete das Messgerät ein.

Fast schon nervös wartete er, aber tatsächlich war er nicht überrascht, als die ersten Werte über den Bildschirm flimmerten. Die körperlichen Anzeichen des anderen hatten es gezeigt, und dennoch musste er tief einatmen.

„Du Mistkerl“, flüsterte er leise und packte den anderen kurz am Arm. Die Werte waberten oberhalb der Nulllinie, nicht viel, aber da waren Hirnströmungen. Hirnströmungen, welche die vergangenen Tage in dieser Form nicht dagewesen waren. „Na dann, komm schon, das wird es doch noch nicht gewesen sein.“

 

Es musste schon Abend sein, als Ikkaku hereinkam, ein missbilligender Blick aufgesetzt, da Law immer noch nicht oben gewesen war. Aber wie hätte er auch?

Chopper war irgendwann wieder zurückgekehrt, und gemeinsam hatten sie sämtliche Reflexe, die ihnen eingefallen waren, überprüft und dokumentiert. Manche Reaktionen waren verspätet, aber sie waren da und manche waren sehr auffällig. Genau wie in dem Moment, als Chopper zurückgekommen war und Law gegrüßt hatte, an sich nichts ungewöhnliches, aber in diesem Moment hatten die Messgeräte für einen Herzschlag einen deutlichen Ausschlag aufgezeichnet. Ob Zorro ihn gehört hatte? Chopper erkannt hatte?

Sicher wussten sie es natürlich nicht, aber die Hoffnung war groß, während die Messungen auch bei den üblichen Vorgehensweisen, wie bei Händeklatschen und Schmerzimpulsen, deutliche Reaktionen zeigten.

Es überraschte Law nicht, dass es Ikkaku war, sie war die Einzige, die sich im Zweifel traute, ihn bei der Arbeit zu unterbrechen.

„Ich verstehe ja, dass du alles mitverfolgen willst“, sagte sie ernst, „aber auch du bist immer noch verletzt und hast heute noch nichts gegessen. Gerade ist doch Chopper hier und ich bleibe meinetwegen auch, um ihn zu unterstützen. Aber bitte, mach eine Pause, Kapitän.“

Unzufrieden starrte er von seinem Protokoll zu ihr hinüber, während Chopper ihr natürlich auch noch zustimmen musste.

Ja, sie hatte nicht Unrecht mit dem, was sie sagte, er sah das schon ein, aber sie musste doch auch verstehen, was für eine einzigartige Situation hier gerade passierte. Ein Patient, der näher am Hirntod als am Wachkoma gewesen war, schien sich nun stetig zu verbessern und Law konnte noch nicht mal seine Kraft an diesem Gehirn einsetzen. Er verspürte weder Hunger noch Müdigkeit, hatte ganz vergessen, dass seine Wunden bis zum Morgen nur schlecht verheilt waren, er wollte nur nichts verpassen, wollte eingreifen, wenn nötig, sichergehen, dass sie die wenigen Erfolge, die sie gerade errungen hatten, nicht wieder verlieren würden.

Doch Ikkakus hartes Urteil lag unnachgiebig auf ihm – es war gruselig, wenn diese Frohnatur so ernst wurde, er mochte es echt nicht – schnaubend stand er also auf, schlug seinen Schreibblock auf den kleinen Tisch mit den Utensilien.

„Meinetwegen“, knurrte er und ging ein letztes Mal zum Bett hinüber, um Zorros Werte zu überprüfen. „Aber du rufst mich sofort – und ich meine sofort! – sobald sich auch nur die kleinste…“

Er erstarrte, als Zorro neben ihm ein undefinierbarer Laut entkam und die Messungen deutlich ausschlugen, aber diesmal war es nicht nur eine einzelne Spitze, wie in dem Moment, als Chopper ihn begrüßt hatte, sondern über mehrere Sekunden andauernde kleine Wellen. Immer noch stieß Zorro leise Töne aus, wie ein Baby, das im Schlaf vor sich hin jammerte. 

„Er reagiert“, murmelte Chopper, während Law sprachlos zum Schwertkämpfer der Strohhüte hinabsah. Wie bereits die vergangenen Stunden immer wieder, zuckten die Lider, aber nun zuckten die Augenbrauen, kurz der linke Mundwinkel.

„Er reagiert nicht nur“, meinte er schließlich und sah Chopper an. „Er agiert.“

Das hier war nicht wie am Mittag, ein unkontrolliertes, reflexartiges Stöhnen aufgrund von Schmerzen, oder wie in dem Moment, als sein Gehirn auf Choppers Stimme reagiert hatte. Er nahm Laws Stimme nicht nur wahr – unabhängig davon, ob er verstand, was Law sagte – sein Gehirn reagierte nicht nur auf Laws Stimme durch gesteigerte Aufmerksamkeit. Nein, es löste sogar eine Antwort aus, eine physische Reaktion, die über simple Reflexe hinausging, eine gesteuerte Aktion.

„Ich hab gehört, dass eine Zustandsverbesserung bei Komapatienten – wenn sie denn eintritt – oftmals auch rapide verläuft“, murmelte Chopper, „aber das ist schon fast… ist das noch normal?“

Law schnaubte leise auf.

„Was ist bitte an dieser ganzen Sache noch normal? Okay, lass uns was ausprobieren.“

Er warf Ikkaku einen Blick zu und bedeutete ihr wortlos, sich noch einen Moment zu gedulden. Dann ging er näher ans Bett heran und griff Zorros Hand.

„Okay, Zorro, kannst du mich hören?“

Chopper schüttelte leicht den Kopf und Law konnte ebenfalls sehen, dass eine erhöhte Reaktion dieses Mal ausblieb.

„Probier du es, Chopper.“

Der junge Arzt gehorchte. In dem Moment, als er zu sprechen anfing, schlug eine scharfe Spitze kurz aus, aber danach sanken die Messwerte wieder auf das niedrige Niveau hinab, auf dem sie sich die letzten Stunden stabilisiert hatten.

„Ach, komm schon“, knurrte Law frustriert, „du hast es doch schon mal geschafft und jetzt ignorierst du…“

„Trafo!“

Er sah es selbst. Eine kurze Spitze, gefolgt von erhöhter Aktivität und zwei Atemzüge später entkam Zorro dieses seltsame Geräusch, was fast ein Murmeln sein könnte.

Ikkaku entkam ein nachdenklicher Laut, fast schon ein Auflachen. „Es ist beinahe so, als würde er auf deine schlechte Laune reagieren.“

Law starrte sie an.

Natürlich! Genau das war es! Wann immer er die vergangenen Tage vor sich hingemosert hatte, war irgendwann eine Reaktion von Zorro gekommen, meist eine belustigte Frage, warum er denn wieder schlecht gelaunt war. Selbst davor schon, bevor dieser ganze Mist passiert war, Zorro hatte seine Genervtheit nie ernst genommen, aber immer reagiert, mit einem Grinsen, einem blöden Kommentar oder Belustigung, und vermutlich wollte er gerade genau das tun. Zorro realisierte wohl, dass Chopper da war, aber weil Chopper in seiner professionellen Arztstimme sprach und eben nicht verängstigt klang oder danach, als ob er in Gefahr wäre, schien es für Zorro keinen Grund zu geben, eingreifen zu müssen, aber auf Laws Wut hatte er genauso reagiert wie sonst auch.

„Es sind die Emotionen“, erklärte er Chopper mit erhobenem Zeigefinger, während seine Gedanken rasten. „Emotionen können starke Reaktionen in uns auslösen, und sein Gehirn scheint darauf zu reagieren, wenn wir emotional reden.“

Dann schnellte er zu Zorro herum und erlaubte sich, all seine Wut auf den anderen in seine Worte zu pressen: „Na, komm schon, du Mistkerl, zeig mir, dass ich Recht habe und reagiere! Wenn du mich hören und verstehen kannst, dann drück meine Finger, verstanden?!“

Die Lider flatterten, die Mundwinkel zuckten und wieder kam dieses halbe Gurgeln, während die Maschine ausschlug.

„Und?“, fragte Chopper ihn, aber Law schüttelt den Kopf.

„Er versteht mich offensichtlich nicht… aber vielleicht ist das hier ein Weg, sein Gehirn zu stimulieren, über diese Emotionen.“

„Aber wie?“, fragte Chopper, doch Law hatte eine Idee.

Die vergangenen Tage war Zorro immer ruhig gewesen, meistens entspannt, Law hatte ihn nur wenige Male wirklich reizen können, aber Chopper hatte nur anwesend sein müssen, da war er ernst geworden, da hatte er ausgesehen, als ob ihm die Situation wirklich etwas ausmachen würde. Nicht seine eigene, sondern dass Chopper unter seinem Zustand gelitten hatte.

„Du musst weinen.“

„Was?“

„Dieser Vollidiot hat den Beschützerinstinkt einer Bärenmutter und ihr seid doch… Crewmitglieder“ – er maßte sich nicht an, ihre Beziehung, die so sehr zwei Brüdern glich, näher zu beschreiben – „wenn Emotionen der Schlüssel sind, wird er mit Sicherheit darauf reagieren, wenn er denkt, dass es dir nicht gutgeht. So wie er die ganze Zeit schon auf deine Stimme reagiert. Das heißt, du musst mit ihm sprechen, und wenn wir sehen, dass wir eine erhöhte Aktivität haben, musst du…“

„Ich verstehe“, sagte Chopper langsam und senkte den Blick.

Law wusste, was er hier von dem anderen verlangte. Als Ärzte war es ihre Aufgabe, die eigenen Emotionen nach Möglichkeit außen vor zu lassen, gerade in Situationen wie dieser hier. Freude und Wut konnte man schon mal zulassen, meistens danach, um das Geschehene zu verarbeiten, aber Chopper musste seine Angst, seine Trauer jetzt zeigen, ohne sie wirklich zuzulassen und sein Urteil trüben. Dennoch, Law war sich ziemlich sicher, dass dies hier ihre beste Möglichkeit war.

Die Frage war, ob Chopper dies schaffen konnte.

„Hey!"

Überrascht sah Law auf. Hinter Ikkaku kam gerade der Strohhut herein, als ob es das Normalste auf der Welt wäre, breit am Grinsen, als würden sie nicht schon seit Tagen um das Leben seines ersten Maats kämpfen.

„Hab gehört, Zorro geht's besser. Wollte mal nach ihm gucken kommen und Chopper zum Abendessen rufen."

„Ich kann hier noch nicht weg, Ruffy", kam es von Chopper nachdenklich und er seufzte leise.

„...umie…"

„Hey, Zorro. Na, geht's dir schon besser?"

Law starrte fassungslos den Strohhut an, der zum Bett herüberwanderte und laut lachte. Dabei übertönte er dieses ganz leise Geräusch, welches beinahe einem Wort gleichkam, einem Namen: „…uhmie…“

Er konnte spüren, wie seine Finger gedrückt wurden.

Es war keine Reaktion auf eine Aufforderung, er hatte nicht verstanden, was Law von ihn gefordert hatte, und deshalb seine Hand gedrückt. Aber er hatte nur die Stimme seines Kapitäns hören müssen, um zu reagieren, nicht nur über Messwerte, nicht nur unkoordinierte Laute.

„Das hört sich fast an, als würde er versuchen, deinen Namen zu sagen“, stellte Chopper richtig fest. „Aber wenn das stimmt, dann…“

„…haben wir eine erhöhte kognitive Leistungsfähigkeit“, beendete Law seinen Satz. Anders als Chopper, dessen Stimme zum Ende hin gezittert hatte, blieb Law kritisch. Natürlich war es wieder ein Fortschritt, ein Wunder, wenn er an den Morgen zurückdachte. Aber es war kaum mehr als ein zaghaftes Vortasten im Verhältnis zu dem, was passieren musste, ehe Zorro wieder halbwegs am Leben teilnehmen könnte – von einer vollständigen Genesung wollte er gar nicht erst sprechen. Aber es war ein Hoffnungsschimmer.

Wenn sich Zorros Gehirn wirklich in dieser Geschwindigkeit weiter regenerierte, könnte es sein, dass er bald aufwachen würde. Und an diese Möglichkeit hatte Law für die vergangenen zwei Wochen nicht zu glauben vermocht.

All das ließ eigentlich nur eine Schlussfolgerung zu, wenn diese Situation auch nur irgendwie einer Logik folgte. Zorro hatte mit seiner ersten Mutmaßung Recht gehabt, und Law Unrecht. Verdammt! Sollte dieser Mistkerl es wirklich packen, würde er Law damit ewig aufziehen.

„Chopper, du solltest was essen gehen“, sagte der Strohhut dann, und obwohl er breit grinste, hatten diese fröhlichen Worte fast schon etwas Befehlsartiges. „Ich bleib hier, wollte eh noch ein bisschen mit Zorro quatschen. Hab ihm noch gar nichts von meinem Kampf erzählt.“

„Käpt’n, das gilt auch für dich“, sprang Ikkaku sofort ein, „du musst auch dringend etwas essen und mal eine Pause machen.“ Ihr Blick sprach Bände, dass sie bleiben würde.

Es widerstrebte Law. Zorros Entwicklung war rasant, und er fürchtete, dass er nur einen Moment nicht aufpassen musste, um all das wieder zu verlieren. Gleichzeitig…

„Vielleicht ist es nicht schlecht, eine Pause zu machen“, bemerkte Chopper, als würden sie ihre Gedanken teilen. „Wir müssen auch Zorro Pausen gönnen. Die ganzen Tests waren auch für ihn anstrengend.“ Dann wandte er sich dem Strohhut zu. „Du solltest nicht zu lange reden. Ich denke, wir müssen ihn auch mal in Ruhe lassen, damit er sich etwas erholen kann.“

„Okay“, lachte der Strohhut leichtfertig.

„Sollte etwas sein, sagt sofort Bescheid“, knurrte Law, wobei er sich eher seinem Crewmitglied zuwandte als dem Strohhut, und sie nickte resolut.

Unzufrieden folgte er Chopper nach draußen.

„Du denkst das gleiche, oder?“, fragte Chopper ernsthaft.

Law nickte, während sie den engen Korridor entlang gingen. „Die Nacht wird zeigen, ob es sich um ein letztes Aufbäumen handelt, oder ob er sich wirklich auf diesem neuen Niveau stabilisiert.“

„Mhm“, stimmte Chopper ihm zu. „Ich hab einen Vorschlag.“

Law folgte ihm diese kleine Leiter hinauf, die er nun schon über zwei Wochen nicht mehr hatte nutzen können.

„Du isst jetzt etwas und danach legst du dich hin. Dann solltest du bis zwei Uhr morgen früh in etwa auf sechs Stunden kommen, vielleicht ein bisschen mehr, und dann kannst du mich ablösen.“

Law verstand. Der Tag war anstrengend gewesen, hier und jetzt merkte er es auch, aber diese Nacht mussten sie nochmal in Alarmbereitschaft sein und in seinem derzeitigen Zustand konnte Chopper sich nicht auf ihn verlassen, und er hatte Recht. Law war immer noch übermüdet, eine etwas bessere Nacht konnte die vergangenen Tage noch nicht ausgleichen, er reagierte immer noch emotional und sein Körper war schlicht geschwächt. Dennoch brauchte Chopper ihn, denn auch Chopper hatte die letzten zwei Wochen mehr geleistet, als er sollte und er wusste wohl, dass die frühen Morgenstunden ihren Tribut zollen würden.

„Mann“, fluchte er leise auf. „Aber du weißt schon, dass diese verdammte Allianz zwischen uns beendet ist, oder?“

Fast schon panisch starrte Chopper ihn an, aber Law schnaubte nur auf.

„Meinetwegen, ich akzeptiere deinen Vorschlag, aber nur, weil er aus medizinischer Sicht sinnvoll ist. Aber lass dir gesagt sein, sobald die ganze Sache hier gegessen ist, sind wir wieder Feinde.“

Immer noch geschockt schaute Chopper drein, während Law schon innerlich dieses belustigte Schnauben hören konnte, gefolgt von der Frage, welche Laus ihm denn nun schon wieder über die Leber gelaufen wäre. Aber es war wichtig. Es war wichtig, dass er Chopper die Grenzen aufzeigte, wieder klare Verhältnisse schaffte, nochmal feststellte, wer auf welcher Seite stand.

Denn, wenn er es nicht tat, dann… dann wusste er nicht, was er tun würde, sollten sie nun doch noch alle verlieren.

Kapitel 15

 

Eine Vermutung fand Law mittlerweile bestätigt: Der seltsame Room war eindeutig schuld daran gewesen, dass er sich nur so langsam erholt hatte.

Denn nun stand er da, zog sich seine Schuhe an, nach sechs Stunden tiefem Schlaf, und merkte die Schärfe seines Verstandes. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie erschöpft er die vergangenen Tage konstant gewesen war, kein Wunder, dass ihn jeder zur Ruhe hatte zwingen wollen, und er hatte es nicht mal bemerkt.

Entschieden stand er auf. Wachablösung stand auf dem Plan, aber nicht vom Schiff – darum hatte sich hoffentlich die Crew gekümmert, wie die letzten Tage auch – aber im Zimmer nebenan.

Er war sich ziemlich sicher, dass Zorros Zustand immer noch stabil sein musste, ansonsten hätte Chopper ihn sofort geholt, und das gab ihm neuen Mut. Natürlich durfte die Hoffnung nicht zu groß werden, aber sie war da und sie durfte bleiben.

Doch im Zimmer nebenan begrüßte ihn ein seltsames Bild. Nicht Chopper saß auf dem kleinen Schemel an Zorros Bett, sondern der Strohhut.

„Shh“, machte er breit grinsend, als Law hereinkam und hielt sich einen Finger an die Lippen.

„Was machst du denn hier?“, flüsterte Law und schloss leise die Türe hinter sich. Ob der Strohhut die ganze Zeit dagewesen war? War es ein Zufall, dass er genau jetzt an Bord gekommen war, aber sich die vergangenen Tage nicht einmal hatte blicken lassen?

Der Strohhut zuckte nur mit den Schultern und legte erneut einen Finger an die Lippen.

Dann bemerkte Law Chopper. Dieser lag wie eine zusammengerollte Katze auf Zorros Abdomen, die Decke bis ans Geweih, schlief offensichtlich tief und fest. Zorros linke Hand lag auf ihm, festgehalten vom Strohhut, weil sie sonst natürlich herunterrutschen würde.

„Was soll das?“, murmelte Law, auf dem Weg zum kleinen Tisch, wo Choppers Notizen lagen. Er war nicht überrascht, dass der Strohhut Unsinn mit dem wehrlosen Körper seines Crewmitgliedes anstellte, aber solange es sich in solchem Rahmen bewegte, war es zumindest nicht schädlich.

„Wenn du leise bist und Chopper nicht aufweckst, zeigen wir dir was“, versuchte der Strohhut ihn zu locken. Law rollte mit den Augen. Er musste nicht wirklich sehen, wie der Strohhut sein Crewmitglied zum Popeln zwang. Dennoch drehte er auf halber Strecke zum Tisch um und ging zum Strohhut hinüber. Nicht, dass dieser Idiot am Ende irgendetwas machte, was sehr wohl problematisch sein könnte.

Am Bett angekommen, lag sein Blick für einen kurzen Moment auf Chopper, der wirklich selig schlief – wann er wohl eingeschlafen war? Hatte er gewusst, dass der Strohhut da war? – ehe er den Strohhut entnervt ansah.

„Also, was willst du mir zeigen?“, murmelte er.

„Okay, leg los.“ Doch das galt nicht Law, als der Strohhut auffordernd nickte.

Schnell wandte er sich um, konnte sehen, wie sich das eine Lid flatternd öffnete, die Pupille zwei Sekunden langsam und unstet hin und her waberte, ehe sie sich auf ihn fixierte. Gesichtsmuskeln zuckten.

„…aho…“

Eine Gänsehaut glitt über seinen ganzen Körper, während der Strohhut hinter ihm leise kicherte.

Law beugte sich vor, packte das Gitter des Krankenbettes.

„Z… Zorro? Erkennst du mich?“

Das konnte doch nicht wahr sein. Immer noch war dieses Auge auf ihn gerichtet.

„…hmm…“

„Natürlich erkennt er dich. Was für eine dumme Frage“, belehrte der Strohhut ihn.

„…hmm…“ Es klang fast schon so, als würde Zorro seinem Kapitän zustimmen. Dann schloss sich sein schweres Lid und er atmete tief ein, Chopper hob und senkte sich.

„Schlaf noch was, Zorro“, meinte der Strohhut, und zum ersten Mal klang er nicht so sehr wie der nervige Strohhutbengel, der er war. „Sonst wird Chopper wieder wütend.“

Im letzten Satz war die Leichtigkeit zurück und das leise Grummeln des Schwertkämpfers klang wie eine Bestätigung.

Law zitterte am ganzen Körper. Er war zurück! Er hatte es wirklich zurückgeschafft! Noch war nicht abzusehen, ob und welche Schäden er davongetragen haben könnte, aber grundlegende Wahrnehmung, grundlegendes Verständnis waren gegeben. Am Rest konnte man arbeiten, es würde vermutlich anstrengend werden, natürlich keine Garantie und unglaublich viel Rehabilitationsarbeit. Aber Zorro hatte ihn erkannt, ihn angesprochen, an einer simplen Unterhaltung teilgenommen und vor kaum zwanzig Stunden hatte er noch im Sterben gelegen.

Mit einem weiteren Atemzug hatte er sich beruhigt. Emotionen waren hier und jetzt fehl am Platz.

„Strohhut“, sprach er den anderen an und zog sich den zweiten Schemel heran. „Seit wann…“ Er musste sorgsam überlegen, wie er seine Fragen stellte, um nützliche Antworten zu erhalten. „Seit wann hast du dich mit Zorro unterhalten?“

Der Strohhut neigte leicht den Kopf, als wäre Laws Frage seltsam.

„Na, seitdem ich hier bin, als du und Chopper Abendessen gegangen seid.“

Okay, der erste Versuch war schon mal gescheitert. Ruhe bewahren. Er war zwei Wochen stoische Akzeptanz gewöhnt, er würde mit ein paar Minuten abgeklärter Einfältigkeit klarkommen.

„Aber am Anfang… hast nur du geredet, oder?“

Ruffy nickte: „Ja klar, ich musste Zorro doch noch von meinem Kampf erzählen. Er findet das immer ganz spannend.“

„Mhm“, reagierte er tonlos, „und ab wann hattest du das Gefühl, dass er… zuhören würde?“

„Shishishi, Zorro hört die ganze Zeit zu.“ Wieder klang er so, als müsste Law das doch wissen. „Er schläft zwar manchmal ein, wenn man mit ihm redet, aber er bekommt trotzdem alles mit.“

Leider Gottes hatte der Strohhut damit wirklich Recht, wie Law sich selbst an das ein oder andere Mal zurückerinnern konnte. Es stimmte, er dachte an entnervte Momente an Bord der Thousand Sunny zurück, wenn Zorro mitten in wichtigen Planungsphasen einfach eingenickt war, nur um später zu zeigen, dass er dennoch das ganze Gespräch verfolgt hatte; diese Crew war einfach nur anstrengend.

„Okay“, seufzte er. „Aber wann hat er das erste Mal reagiert? So wie gerade?“

Nun änderte sich die Körperhaltung des anderen und sein Blick wurde ernst, während er immer noch Zorros Hand an Ort und Stelle hielt.

„Ich bin nicht dumm, Trafo“ – Oh Gott! Wie sehr er widersprechen wollte! – „Zorro reagiert die ganze Zeit, aber er ist noch sehr müde, daher redet er wenig und schläft viel.“

Er merkte, wie seine Stirn zu pochen anfing, wobei das Schlimmste war, dass der Strohhut mit seinen simplen Worten gar nicht so weit weg lag. Vielleicht musste Law seine Fragen anpassen.

„Wollte er, dass du seine Hand auf Chopper legen sollst?“, fragte er daher und sofort zeigte der Strohhut wieder dieses unbeschwerte Grinsen.

„Nah, nicht wirklich“, erklärte er mit einem Achselzucken. „Chopper schläft oft bei Zorro ein, wenn er wirklich müde ist, und Zorro deckt ihn dann gerne zu. Ich hab ihm nur dabei geholfen.“

Das war eigentlich ein Ja auf seine eigentliche Frage, aber nun gut.

„Wann ist Chopper eingeschlafen?“

Erneut zuckte der andere mit den Schultern. „So vor einer Stunde, vielleicht zwei?“

„Und hat Zorro vorher schon… versucht, zu sprechen, wenn er sich mit dir unterhalten hat? So wie er eben meinen Namen gesagt hat oder hat er sich anders mit dir unterhalten?“

Es schien, als wäre das endlich die richtige Frage zu sein, denn angestrengt legte der Strohhut die Stirn in Falten und schien wirklich nachzudenken, ehe er schließlich nickte.

„Als Chopper vom Abendessen zurückkam, hat Zorro ihn begrüßt, falls du das meinst“, erklärte er und endlich gab der Strohhut ihm die Art von Antwort, die er brauchte. „Nachdem Chopper eingeschlafen ist, hab ich Zorro erzählt, was die letzten Tage so passiert ist und da hat er dann mehrmals geantwortet. Aber er ist noch sehr müde und schläft schnell ein.“

„Aber er wacht auch immer wieder auf?“

„Mhm“, stimmte Ruffy ihm zu, „immer wieder nach so knapp einer halben Stunde, aber da Chopper gesagt hat, dass er noch was mehr Ruhe braucht, hab ich ihn bis gerade schlafen lassen.“

Law rieb sich durchs Gesicht.

Das waren gute Nachrichten, das alles waren verdammt gute Nachrichten. Und der Strohhut verhielt sich auch noch vorbildlich. Animierte Zorro immer wieder und stimulierte so das noch träge Gehirn, aber gab ihm auch die Ruhephasen, die es brauchte.

„Trafo?“

Er sah auf und sah dieses breite Lächeln.

„Du kannst ruhig noch etwas schlafen gehen – Schlaf ist wichtig, frag Zorro – und sollte er aufwachen, kann ich mich noch was mit ihm unterhalten.“

„Und was ist, wenn etwas passiert? Wenn sein Zustand sich verschlechtern sollte?“

„Wird er nicht. Zorro muss sich nur gesund schlafen und sobald es ihm besser geht, wird er auch wieder aufwachen, so wie immer.“

 

Law mochte nicht, wenn er Unrecht und jemand anderes Recht hatte. In seiner Crew war es schon schwierig, aber er ließ sich eines Besseren belehren. Bei anderen Ärzten respektierte er deren Erfahrungen und Wissen, aber würde nie kleinbeigeben, wenn er überzeugt war, dass sie falsch lagen. Die vergangenen Tage mit seinem persönlichen Poltergeist hatten ihn ebenfalls oft auf die Probe gestellt.

Aber vom Strohhut höchstpersönlich eines Besseren belehrt zu werden, nagte ein bisschen an seinem Stolz, dennoch nahm er es hin. In diesem einen Fall war er fast schon erleichtert, dass er sich immer und immer wieder irrte.

„Na, wieder aufgewacht?“, grüßte er den Patienten, der ihn müde ansah und dann schwerfällig nickte, während Law die Flüssigkeitsmenge in seinem Tropf kontrollierte. „Du hast dreieinhalb Stunden geschlafen, das ist schon fast eine normale Schlafphase. Es scheint sich alles ganz gut zu regulieren.“

„Hmm…“, kam der wortlose Zuspruch des anderen.

Law hatte diese Zeit genutzt, um den anderen zu reinigen, da musste er wirklich nicht bei wach sein.

„Daher denke ich, dass du das… Messgerät nicht mehr brauchst. Ich werde die Elektroden abmachen. Hier, drück das, wenn du Schmerzen hast, verstanden?“

Er legte den Warnknopf in Zorros Hand, der nur zustimmend grummelte.

„Zorro“, seufzte er und ließ sich kurz auf dem Schemel nieder, damit Zorro ihn besser ansehen konnte, „ich weiß, es ist anstrengend, aber du musst sprechen. Das ist wichtig für deine Regeneration. Außerdem kann ich nur so sicherstellen, dass du mich wirklich verstehst.“

Lange sah der andere ihn an und es war beeindruckend, wie viel er doch wortlos kommunizieren konnte. Dann schnaubte er auf und holte tief Luft.

„…anhen…“ Ihm war die Frustration deutlich anzusehen.

„Es ist anstrengend?“, fragte Law nach.

„Ubis…“

Aber selbst in diesem Zustand schaffte er es noch, Law zu beleidigen.

„Das ist leider mein Job“, murrte Law unbeeindruckt. Er musste sich beeilen, Zorros Aufmerksamkeitsphasen waren noch nicht wirklich lang. „Also, was sollst du tun, wenn es weh tut?“

„…w…mr…mrüggem…“

Die Hand mit dem Notfallknopf zuckte.

„Genau, den Knopf drücken. Gut, das wird doch langsam.“

Er erhob sich unter dem Schnauben des anderen.

„Jaja, ich weiß. Es ist anstrengend und frustrierend und nervig. Ist nun mal so, besser als die Alternative, oder?“

Zorro regte sich nicht, während Law nach und nach die Elektroden abzog. Es war früher Morgen, fünf Uhr, um genau zu sein. Der vergangene Tag war recht ereignislos über die Bühne gegangen. Law und Chopper wechselten sich ab, hatten entschieden, Zorro für die nächsten Tage rund um die Uhr unter Beobachtung zu stellen, weniger, weil sie sich vor einer plötzlichen Verschlechterung sorgten, sondern eher, weil sie beide befürchteten, dass dieser Vollidiot irgendwann einfach versuchen würde, das Bett zu verlassen oder sich die Infusion rauszureißen, jetzt, da er immer wieder bei Bewusstsein war und seine Körperkontrolle so langsam zurückkam.

Die Entwicklung war enorm, für Unwissende mochte sie quälend langsam wirken, gemessen an dem, was noch geschehen musste, aber es war schlicht beeindruckend zuzusehen, wie er beinahe stündlich aktiver wurde, seine Aufnahmefähigkeit sich verbesserte, seine Wachphasen länger wurden.

Am vergangenen Tag hatte die gesamte Crew versucht, Zorro in den Tiefen der Polar Tang zu besuchen, nachdem der Strohhut beim Frühstück wohl über die jüngsten Ereignisse berichtet hatte. Aber auch da hatten Law und Chopper sich dagegen entschieden.

Die Abwägung mussten fein getroffen werden, zwischen Stimulieren, Anregen, aber nicht Aufregen oder gar Stressen. Fordern, aber nicht Überfordern. Deshalb mussten sie die Einflüsse ein bisschen steuern. Überraschenderweise schien gerade der Strohhut eine gute Balance zu zeigen, als wüsste er genau, was Zorro wann brauchte.

„Okay, wie sieht’s aus? Noch ein bisschen Koordinationstraining?“

Er schob das nun nicht mehr benötigte Gerät zur Seite und ließ sich dann wieder auf seinem Schemel nieder.

„Hmm…“

„Wie bitte?“

Der andere rollte mit dem Auge, eine Mimik, die ihm viel zu leicht fiel. Law befreite währenddessen den Notknopf aus den Fingen des anderen und griff beide Hände.

„…nns seimmues…“

„Ja, muss es. Du hast über zwei Wochen geschlafen und wir müssen deine Nervenbahnen wieder etwas wachkitzeln. Na komm, drück meine Hände. Erst links.“

Es waren langsame Prozeduren, forderten viel Geduld für wenig Ergebnis. Aber Law störte sich daran nicht. Im Gegenteil, für ihn war das ganze sehr interessant, auch wenn ihm wohl bewusst war, dass Zorro kein normaler Komapatient war, der zurück ins Leben fand. Dennoch war es spannend.

Aber auch davon abgesehen, hatte er kein Problem mit diesen Aufgaben. Am Morgen des vergangenen Tages hätte er einiges getan, um dieses Schnauben nochmal hören zu können, daher würde er nun auch alles tun, was er konnte.

Er wusste nicht, ob Zorro sich an die vergangenen zwei Wochen erinnerte, dafür waren seine Kommunikationsmöglichkeiten schlicht noch zu schwach, aber das war Law gleich. Er musste nicht darüber reden, was passiert war. Vielleicht wäre es sogar für alle Beteiligten besser, wenn Zorro sich eben nicht mehr erinnerte, für Law wäre das mit Sicherheit am einfachsten.

„Gar nicht schlecht“, bemerkte er und ließ von den Füßen des anderen ab. Schon jetzt war er deutlich stärker als noch am vergangenen Abend.

Es war ganz simpel, Law hatte beinahe verloren und nun wollte er alles gewinnen. Also wollte er, dass Zorro sich so weit nur irgendwie möglich erholte.

Nachdem er alles notiert hatte, setzt er sich erneut auf den Schemel und rollte neben den anderen.

„Okay, wir machen jetzt mal etwas mehr. Versuch, den Stift zu greifen.“

Er hielt den Stift vor Zorros Brust gerade in die Höhe, wusste, dass dies alleine schon aufgrund der eingeschränkten Sehfähigkeiten des anderen gar nicht so einfach sein würde.

Aber Zorro ignorierte den Stift und starrte ihn nur an.

„Hast du mich verstanden?“, fragte Law nach. Bisher hatte Zorro nie den Eindruck gemacht, als würde er etwas nicht verstehen. Manchmal brauchte er etwas, um Aussagen zu verarbeiten oder darauf zu reagieren, aber bisher hatte es in diesem Bereich wenige Probleme gegeben.

„Awo…?“

„Ja?“, fragte er misstrauisch nach.

„Hwmen?“

Er zögerte. Es war oft nicht einfach, den anderen zu verstehen, aber es war wichtig, ihn zum Reden zu motivieren, weil dies nun mal viel Feinmotorik benötigte und er deshalb viel üben musste.

Zorro schnaubte leise auf, merkte wohl, dass Law ihn nicht verstanden hatte. Wieder murmelte er etwas Unverständliches und wieder schnaubte er auf, ärgerte sich über sich selbst.

„Es ist in Ordnung, du kannst es mir später sagen“, versuchte Law ihn zu beruhigen, es war nicht hilfreich, wenn er sich aufregen würde, konnte sogar gefährlich werden. „Es wird schon wieder kommen, sei geduldig und übe, dann wird es dir bald wieder leichter fallen und dann können wir uns richtig unterhalten.“

„Mhmh!“, widersprach Zorro sehr eindrücklich. Seine Hand zuckte, als würde er nach Laws Ärmel greifen wollen. Es musste wirklich frustrierend für ihn sein und natürlich würde er sich nicht mit Abwarten zufriedengeben.

„Okay“, gab Law nach, „es ist also etwas Wichtiges, was du mir unbedingt jetzt sagen musst?“

Zorro nickte, so klar war er die letzten Wachphasen noch nicht gewesen.

„Gut meinetwegen, dann probieren wir es halt so lange, bis ich dich verstehe. Aber hör auf, dich so zu ärgern. Wir können es nicht ändern und es wird dir nicht helfen. Also nimm dir die Zeit, deine Artikulation… deine Aussprache wahrzunehmen und dann musst du es so oft versuchen, bis es klappt. Da hilft halt nichts, außer Übung, also probiere es einfach aus.“

Der andere schloss sein Auge und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Es musste anstrengend sein, gerade auch mental, die Gedanken wollten nicht so, wie man es gewohnt war, einfachste Handlungen, über die man früher nie nachgedacht hatte, funktionierten nicht. Aber so war es nun mal, sie konnten es nicht ändern, nicht in diesem Moment zumindest, sie konnten nur das Beste draus machen.

Dann sah Zorro ihn wieder an.

„Amf… mf… n…“ Er schloss sein Auge und Law konnte ihm ansehen, wie er seinen Mund bewegte, vermutlich auf der Suche nach der richtigen Position für den richtigen Buchstaben. Dann schien er es geschafft zu haben. „…eg…g…eg…ge…“

Noch ein paar Mal probierte er den Ton aus, als wollte er sicher gehen, ihn nicht wieder zu vergessen, ehe er Law ansah.

„Amf… g…gemn… ge…gewn…“ Er schüttelte den Kopf. „Ge…wommn?“ Dann sah er Law fragend an.

Er mochte dieses Gefühl in seiner Magengegend gar nicht, aber er verstand sofort.

„Ob du den Kampf gewonnen hast?“

Zorro nickte, offensichtlich erleichtert, dass Law ihn verstanden hatte. Ja, das hatten sie nicht bedacht. Chopper hatte Zorro am Morgen erklärt, was passiert war, warum er in diesem Zustand war, aber vermutlich hatte er es wieder vergessen. Seine Gedanken waren langsam und er schien vergangene Wachphasen immer wieder zu vergessen, wobei sie das nicht sicher wussten, aufgrund seiner eingeschränkten Kommunikationsfähigkeiten, die sich gerade jedoch deutlich zu steigern schienen.

„Weißt du noch, was passiert ist? Weshalb du nun so bist?“ Diese Fragen stellte Law ungerne. Zwanghafte Versuche, sich erinnern zu wollen, waren oft eher kontraproduktiv, aber Zorro wirkte so bitterernst.

Doch wieder sollte Zorro ihn überraschen, denn er schien gar nicht so, als würde er auch nur versuchen, über irgendetwas stärker nachzudenken.

„Gamf“, kam es von ihm deutlich. „Wu… hmpf!“ Erneut schnaubte er auf und schlug sich selbst aufs Bein, als sein Mundwerk wohl nicht so wollte wie er. Dabei schien ihm nicht mal aufzufallen, dass er deutlich aktiver war als noch am vergangenen Abend, wo er kaum einen Finger geschweige denn die ganze Hand hatte heben können.

Law seufzte. Er konnte die Frustration verstehen, aber es brachte sie nicht weiter.

„Hey“, sicherte er sich die Aufmerksamkeit des anderen, „ich weiß, dass es schwierig ist, nervig, aber das hier ist der richtige Weg, der einzige Weg. Und es wird sich nichts verbessern, wenn du jetzt einfach frustriert aufgibst, verstanden?“

Er war sich nicht so sicher, wie er mit diesem Zorro umzugehen hatte, aber er hatte das Gefühl, dass simples Bedauern nichts war, was er wollte, also appellierte Law an seinen Kämpferwillen, an den Schwertkämpfer, der nie aufhörte, der stoisch mit Verletzungen trainierte und selbst bei einem verlorenen Kampf noch auf Sieg wettete.

Zorro biss sich auf die Unterlippe und wandte den Blick erneut ab, offensichtlich am Nachdenken. Aufseufzend sah er Law an, nahm sich wieder die Zeit, Vokale und Konsonanten in seinem Mund zu formen, zu fühlen.

„Mm…n…dn… ah!“ Er schien gefunden zu haben, wonach er suchte, dann zeigte er auf Law, soweit seine eingeschränkte Motorik es ihm erlaubte. „De… Du, Drawo, Wu… Wunne.“

Law nickte, konnte aus dem Zusammenhang schließen, worauf Zorro hinauswollte: „Stimmt, ich war verwundet, ich konnte nicht mehr kämpfen.“

Zorro nickte, nun wieder so resolut, wie Law ihn kannte, als er neuen Mut gepackt hatte, dass Law ihn verstehen würde, wenn er es nur genug probieren würde.

„Sh…Esh…“

„Ich“, machte Law und zeigte Zorro, wie es auszusehen hatte, woraufhin dieser aufschnaufte.

„E…E…Ish… Isch.“ Er klopfte sich mehrmals auf die Brust, als wollte er sich bestätigen, dass er da war, oder aber den Vokal verinnerlichen. Dann sah er Law wieder an. „Isch ge…gemft. Dunisch. Isch gem…gewommn?“

Offensichtlich erschöpft, lehnte Zorro sich wieder zurück, hielt Law aber weiterhin im Blick. Er war erschöpft, aber seine Gedanken schienen unglaublich klar zu sein, er ganz wach, wie er Law ansah, so eindeutig er.

„Du weißt also noch, dass du mich aufgesucht hast, nach dem eigentlichen Kampf?“

Zorro nickte: „Du pfh… Du whunnen.“

„Weil ich verwundet war?“

Zorro nickte erneut.

„Und du erinnerst dich daran, dass du dann nochmal gekämpft hast?“

Wieder ein Nicken.

„Weißt du noch gegen wen?“

Zorro nickte, rollte dabei aber mit dem Auge. „Mhm… amer… uhm…“

Er schien länger nachzudenken, brachte immer wieder wortlose Laute hervor, ehe er Law frustriert ansah. Doch er hatte eine Ahnung was los war und tatsächlich fiel es auch ihm mit ein bisschen Übung immer einfacher, Zorro zu verstehen.

„Du weißt das Wort nicht mehr dafür?“ Auch so etwas war nicht unüblich. Der aktive Wortschatz musste eben auch erst wieder aktiviert werden. „Vielleicht… Mitläufer?“

„Ja!“, kam die Bestätigung mit voller Inbrunst und wäre die Situation nicht so ernst, würde es Law belustigen, wie sehr der andere sich über dieses Wort freute.

„Isch… gemft gegn Meh…uuuh…Meh…“

Nun musste Law doch lächeln. Er wollte sich nicht lustig machen, nicht über Zorro in dessen derzeitigen Zustand, der alles andere als lustig war, aber er klang schon lustig, wie er fast wie ein Schaf mähte. Furchtbar wie leicht Laws Laune sich heben ließ.

„Das ist vielleicht gerade noch ein etwas schweres Wort für den Anfang. Aber genau, du hast gegen diese Mitläufer gekämpft – obwohl ich dir noch sagte, was für eine dumme Idee das war, wenn ich dich erinnern darf -“, schnaubte Law auf und plötzlich war es da, dieses dreckige Grinsen, an welches er sich zu sehr gewöhnt hatte.

Die vergangenen Stunden hatte Zorro beinahe naiv gewirkt, wofür er nichts konnte. Es war absolut normal, dass sein Verstand derzeit langsam arbeitete und er daher fast schon dümmlich ahnungslos wirken konnte, obwohl er das gewiss nicht war. Aber genau in diesem Moment zeigte sich, dass hinter dieser Wand, die seine Kommunikation, seine Auffassungsgabe noch einschränkte, er war, genauso wie Law ihn kannte, und es war nervig, wie flau sein Magen darüber wurde.

„Das ist also das Letzte, woran du dich erinnerst?“

„Mhmh“, widersprach Zorro. „Uhm…“ Er hob seine Hand und schüttelte sie leicht, auch diese Motorik klappte schon deutlich besser, als Law es erwartet hatte. „Uhm… hol… uh… odn… wodn, ja. Wodn, Wuffie… mhmh… W…w…Ruffie…“

Er wurde besser, alleine schon über diese kurze Einheit wurde er besser darin, wahrzunehmen, was falsch war und es zu verbessern, doch auch, wenn er nun nicht mehr grinste, konnte Law ihm ansehen, wie gut es ihm tat, dass er es schaffte, den Namen seines Kapitäns auszusprechen.

„Der Boden hat gebebt, als dein Kapitän seinen Kampf beendet hat?“

„Bem“, stimmte Zorro ihm – vermutlich – zu.

„Daran erinnerst du dich noch?“

Zorro nickte: „Bodn bem. Ruffie… Ruffy gewmn.“ Er schien müder zu werden, sie sollten das Gespräch – denn das war es, ein echtes Gespräch, trotz aller Hindernisse - langsam beenden, damit er sich nicht zu sehr anstrengte. „Isch gemft, Gamf em…embe, isch… isch gewmmn?“

Er schien sich wirklich noch an alles, was damals passiert war, zu erinnern. Doch sein Lid wurde langsam schwer und seine Aussprache noch schlechter als eh schon.

„Als dein Kapitän seinen Kampf gewonnen hatte, war auch dein Kampf vorbei, genau“, bestätigte Law ihn, „und du warst der Letzte, der stand. Du hast sie alle besiegt, ohne dass auch nur einer mir nahe kam. Ja, du hast den Kampf gewonnen.“

Nun zeigte Zorro wieder ein sachtes Lächeln und nickte, ehe er den Kopf nach hinten sinken ließ und sein Auge schloss, offensichtlich erschöpft.

„Das war gute Arbeit“, lobte Law ihn. „Also schlaf jetzt etwas, damit du auch diesen Kampf hier gewinnst.“

Aber diese Aufforderung war unnötig, noch bevor Law seinen Satz beendet hatte, war Zorro bereits eingeschlafen.

Law saß da und wusste nicht, was er tun sollte. Er verstand sich selbst kaum. Normalerweise würde er nun eines seiner Crewmitglieder – oder vielleicht einen der Strohhüte, schließlich gehörte Zorro zu deren Crew – herbeirufen, damit sie für ihn die Wache übernehmen konnten und er sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen konnte.

Aber er war gerne an diesem Ort, nicht nur weil dies sein Operationsraum war und er sich generell gerne hier aufhielt, sondern auch, weil er sich daran gewöhnt hatte, mit Zorro in einem Raum zu sein, selbst, wenn dieser nichts sagte, so wie er die letzten zwei Wochen doch so viel geschwiegen hatte.

Und irgendwie… machte es fast schon Spaß, ihm dabei zuzusehen und ihn zu unterstützten, wie er wieder Herr seines Körpers wurde. Außerdem war Law sich fast schon sicher, dass Zorro es zwar nervig fand, aber er wohl lieber mit Law übte als mit seinen eigenen Crewmitgliedern.

Vielleicht wollte Law das auch nur glauben, aber er bildete sich ein, dass Zorro mehr schlief, wenn Chopper da war, weniger ausprobierte. Mit dem Strohhut war es anders, in seiner Gegenwart war Zorro schon recht agil, aber auch da sprach er wenig, bewegte sich allerdings mehr, ob er wollte oder nicht, dafür sorgte sein Kapitän schon.

Aber mit Law versuchte er immer wieder von sich aus, sich zu unterhalten. Stellte Fragen, wie gerade, und Law war das nur Recht. Es war noch nicht so, wie während der vergangenen zwei Wochen, aber es war auch nicht so weit davon entfernt.

Vielleicht war es ja das. Law wusste sehr wohl, dass jetzt, da es Zorro schon so deutlich besser ging, es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er wieder auf das Schiff der Strohhüte konnte, sobald Chopper sich der Aufgabe gewachsen fühlte, denn Law war sich ziemlich sicher, dass er noch heute die Nasensonde entfernen könnte, da Zorro in seinem derzeitigen Zustand eigentlich keine künstliche Ernährung mehr brauchte. Doch, sobald Zorro vom Schiff war, würde es für sie keinen Grund mehr geben, gemeinsam weiterzureisen – was ja auch verdammt richtig war, schließlich bestand diese vermaledeite Allianz ja auch nicht mehr! – und Law würde gerne noch einmal dieses Lachen hören, dieses breite Lächeln sehen, damit er abschließen konnte, mit dieser kleinen Anekdote, an die nur er sich erinnern konnte.

Er hoffte, dass, wenn sie dann irgendwann in der Zukunft wieder auf die Strohhüte stoßen würden, Zorro sich vollends erholt haben würde, vielleicht sogar wieder kämpfen würde, aber ob das wahr werden würde, konnte wohl nur die Zeit zeigen.

„Käpt’n?“

Er sah auf. Penguin stand im Türrahmen.

„Es ist Frühstückszeit. Komm, mach eine Pause.“

Mit einem langgezogenen Seufzen warf er noch einen Blick auf seinen Patienten, dann gab er nach, während Penguin zurückblieb.

Es war schon verrückt, was diese kurze Zeit mit ihm gemacht hatte. Er hoffte, dass sich seine Gefühle wieder regulieren würden, wenn dieses kleine Abenteuer endlich abgeschlossen sein würde.

 

Kapitel 16 –

 

„Drawo?“

„Ja?“ Er schrieb gerade ein paar letzte Bemerkungen unter die jüngsten Werte; sie alle waren gut, unauffällig.

Zorro war seit einer guten halben Stunde wach und machte gerade ein paar Koordinationsübungen, die Chopper ihm am vergangenen Nachmittag aufgetragen hatte.

„Wnn gann diess… Roar raos?“

„Meinst du den Schlauch in deiner Nase? Auch genannt Nasensonde?“ Er sah von seinen Unterlagen auf, gerade rechtzeitig, um eine hochgezogene Augenbraue zu bemerken, die deutlich machte, dass der andere genau die gemeint, aber das Wort nicht gefunden hatte. „Ich hätte sie am liebsten schon längst gezogen, aber Chopper war dagegen. Er fühlt sich sicherer, wenn wir bis morgen früh warten und du die Nacht über noch so versorgt wirst.“

„Es mnervd. Mach raos.“

„Raus“, korrigierte Law ihn und erntete dafür wieder ein Augenrollen, „werd nicht nachlässig, nur weil es jetzt langsam klappt. Ich habe mit Chopper abgesprochen, dass wir bis morgen früh warten, und er schläft jetzt, also…“

„Drawo“, unterbrach Zorro ihn mit einem Knurren. „Schob… Sch… Sch… pfffhh.“ Frustriert gab er auf, als er den Namen des anderen nicht aussprechen konnte.

„Guck her“, meinte Law nur ruhig, rollte zum Bett hinüber, damit der andere ihn leichter sehen konnte. „Ch… Die Lippen mehr schürzen. Und ja, ich weiß, dass Chopper vielleicht etwas zu besorgt ist. Wenn ich ehrlich bin, würde ich die Sonde lieber früher als später rausholen, ein zu langes Drinlassen ist auch nicht ganz ohne Risiko“, sprach er weiter, während Zorro den Laut übte. „Aber ein paar Stunden mehr oder weniger werden wohl keinen großen Unterschied machen.“

„Wohl“, widersprach Zorro. „Nervd. Isch… isch will… ähm… geen?“

„Jetzt wirst du aber übermütig, was?“, murrte Law und rollte zum Schreibtisch zurück.

„Übn“, kam es trotzig vom anderen. „Nisch im… hier liegn.“

„Sprich die Worte ganz aus.“ Dann seufzte Law. Zorro hatte nicht Unrecht. Es tat ihm mit Sicherheit nicht gut, nur im Bett zu liegen, zumindest seinem Verstand nicht. Außerdem verbesserte sich sein Zustand wirklich mit jeder Minute, seine motorischen Fähigkeiten waren den Umständen entsprechend gut und wenn er bald zurück auf sein Schiff sollte, wäre es von Vorteil, wenn er bereits jetzt mit der Belastung anfing. Aber dafür wäre es wirklich besser, wenn Law vorher die Sonde entfernen würde. „Meinetwegen. Vielleicht haben wir ja Glück und Chopper schläft bis morgen früh durch, dann wird er es nicht bemerken.“

Er stand auf und kam herüber.

„Aber krieg mir das nicht in den falschen Hals. Wir gehen das hier langsam an, verstanden? Wenn du’s übertreibst, kann echt viel kaputt gehen, okay? Also hör auf das, was ich dir sage.“

Zorro nickte, viel zu gehorsam.

„Mhm… oge, mach raus.“ Er deutete auf sein Gesicht.

Law war sich sicher, dass er nur das davon verstanden hatte, was er verstehen wollte – und zwar nicht aufgrund seiner derzeitigen Einschränkungen – aber er gab nach. Es hatte seine Risiken, er könnte Zorro überfordern oder Zorro könnte sich schlicht verletzten, aber es gab genug Studien, die belegten, dass frühzeitiges Fordern die Rehabilitationsfähigkeiten drastisch steigerte, aber das änderte nun mal nichts daran, dass es im Zweifel sehr unangenehm bis sogar schmerzhaft für Zorro sein würde. Aber nun gut, diesen Weg schien der andere ja auch irgendwie zu bevorzugen.

„Schließ die Augen, lehn dich zurück, entspanne dich und atme gleichmäßig. Ich werde mich beeilen, aber wird sich mit Sicherheit nicht toll anfühlen.“

Zorro gehorchte und Law erschuf seinen Room. Es dauerte nur einen Moment, dann war die Sonde raus; ja, Laws Kräfte waren schon praktisch, selbst im Alltag.

Tief atmete der andere aus.

„Beser.“

„Sicher“, murmelte Law und erledigte das Aufräumen, wahrscheinlich war es gerade einfach nur ein unangenehmes Gefühl. Dann rollte er auf seinem Schemel zu Zorro zurück. „Nein, noch nicht! Bleib liegen, ich muss erst sichergehen, dass das Entfernen der Sonde nichts verletzt hat.“

Zorro schnaubte, aber blieb ruhig.

„Okay“, entschied Law nach ein paar Minuten, in denen Zorro absolut stillgehalten hatte. Er hoffte wirklich, dass Chopper nicht zu früh hereinkommen würde, er hatte absolut keine Lust darauf, seine Entscheidung rechtfertigen zu müssen. Dann entfernte er das Bettgitter und löste vorübergehend den Infusionsschlauch vom Venenkatheter; sie mussten ja nicht direkt riskieren, dass Zorro sich im Zweifel den Zugang rausreißen würde.

Als Zorro die Decke zur Seite werfen wollte, packte Law sein Handgelenk und sah ihn ernst an.

„Wir machen langsam, verstanden? Ich brauche nur einen Schnips, um dich zurück ins Bett zu kriegen, also hör auf das, was ich dir sage.“

Einen eisigen Moment starrte Zorro ihn nur an.

„Du bis nerwig.“

„Wow, das war ja mal fast ein richtiger Satz.“

„Arsh.“

Er half Zorro, sich aufzusetzen und stieß den Schemel weg, der irgendwohin rollte, ehe er wieder ernst wurde und sich zu seinem Patienten hinabbeugte.

„Okay, deine Hände kommen auf meine Schultern. Ich werde dich unterm Brustkorb festhalten, damit du nicht hinfällst. Beide Füße fest auf den Boden.“

„Nerwig“, wiederholte Zorro, überprüfte jedoch seine Beinhaltung und sah dann zu Law auf. Bereits das musste anstrengend sein, aber natürlich ließ er sich nichts anmerken. Als erstes hob er die linke Hand und legte sie auf Laws Schulter ab. Etwas schien ihn zu irritieren, denn er wiederholte das Ablegen mehrmals, als würde er erwarten, dass Laws Schulter verschwinden würde. „Mus das sen?“

„Du kannst es auch morgen früh mit Chopper ausprobieren, wenn dir das lieber ist.“

Der Blick sprach Bände, als Zorro missmutig nun die rechte Hand auf seiner Schulter ablegte. Law bildete sich ein, dass sein Patient in den späten Abend- oder Nachtstunden immer besonders agil war. Vielleicht lag es daran, dass er oft die Nacht hindurch trainierte und dies schlicht seinem Biorhythmus entsprach.

„Wenn es zu anstrengend oder schmerzhaft wird, sag Bescheid.“

Zorro rollte mit dem Auge, eindeutige Antwort, dass er es wohl nicht tun würde, während Law ihn festhielt.

„Auf drei.“

Langsam zählte er hinunter und zog Zorro dann zu sich hoch. Zu seiner Überraschung hielt dieser sich richtig gut fest, krallte sich fast schon in Laws Schultern, was wirklich ein gutes Zeichen war. Seine Knie auf der anderen Seite wirkten noch alles andere als fest und Law hatte das Gefühl, dass dies auch ein gutes Armtraining für ihn werden würde, während Zorro fast gegen ihn fiel.

„Okay, konzentriere dich auf deine Beine, auf deine Füße. Ich hab dich, du brauchst dich nicht um dein Gewicht zu kümmern.“

Zorro grummelte irgendetwas Unverständliches bis am Ende ein „bis nerwig!“ noch hinterherkam. Law ignorierte es.

Es sollte noch einige Atemzüge dauern, bis Zorro seinen Stand halbwegs stabilisiert hatte und sein Gewicht immer mehr selbst trug. Natürlich hielt Law ihn dennoch fest, trug noch viel von der Last, aber schließlich stand der Schwertkämpfer wieder auf seinen eigenen zwei Beinen.

Tief atmete er dabei ein, als wäre es höchst anstrengend – was es mit Sicherheit auch war – und sah dann zu Law auf.

„Oge, isch schehe. Jeds?“

„Du musst langsam mal anfangen, die Konsonanten etwas härter auszusprechen.“ Dabei wusste er ganz genau, dass es an der derzeitigen Belastung lag, aber so leicht würde er Zorro nicht davonkommen lassen.

„Nich, was ich meinde“, murrte ebendieser nur und sah unbeeindruckt zu ihm auf. Er atmete immer noch sehr schwer, also wollte Law noch einen Moment abwarten. Aber Zorro zeigte sich ungeduldig.

„Wenn du es dir zutraust, pack meine Unterarme an. Eine Hand nach der anderen runter - langsam!“ Zorro hatte einfach losgelassen und natürlich sofort die Balance verloren, sodass Law ihn hatte auffangen müssen. „Verdammt nochmal! Hör zu! Sonst machen wir nicht weiter!“

„…Schuldgung.“

„Schon gut.“ Er wusste, dass es anstrengend für den anderen war. Mental schien er wirklich schon wieder sehr fit zu sein und daher musste es ihn immer wieder überraschen, festzustellen, dass sein Körper nicht konnte, was für ihn bisher selbstverständlich gewesen war. „Okay, nochmal, und dieses Mal hör mir bis zum Ende zu! Lass deine Hände an meinen Armen entlang runterrutschten und wenn du dann sicher stehst, können wir den ersten Schritt wagen. Aber erst, wenn du stabil stehst, verstanden?“

Law hätte lieber das Aufstehen und Hinsetzen vorher ein paar Mal geübt, aber er konnte schon nachvollziehen, was gerade in Zorro vorging. Er wollte etwas von seiner Selbständigkeit zurück und alleine ein bis zwei kleine Schritte, selbst gestützt von Law, würden dieses Verlangen etwas stillen.

Wieder dauerte es etwas, bis Zorro sich nun in seine Unterarme krallte, seine Knöchel traten weiß hervor, so feste griff er zu, dann nickte er, schwer atmend, ohne aufzusehen: „Gehn.“

Law schob einen Fuß nach hinten und gab Zorro so genug Platz.

„Okay, dann probier es aus.“

Es klappte überraschend gut. Natürlich musste Law ihn ausbalancieren und festhalten, sonst wäre Zorro wohl umgekippt. Aber wenn man bedachte, dass er für über zwei Wochen diese Muskeln nicht bewegt hatte, war Law mehr als zufrieden.

Sie wiederholten es noch ein paar Mal, bis Zorro am ganzen Körper so sehr zitterte, dass Law sich von seiner Sturheit nicht mehr hinhalten ließ und er den anderen sanft ins Bett bugsierte.

Ganz langsam wollte er ihn aufs Bett absenken, aber Zorro konnte die Anspannung in seiner Rumpfmuskulatur anscheinend nicht mehr halten und er fiel regelrecht nach hinten um, eine Hand noch irgendwie hilflos nach Law ausgestreckt.

„Uh…“, entkam es ihm, ein vor Überraschung geweitetes Auge.

„Warte!“, entkam es Law, ebenso überrascht, als er nach Zorro griff, ihn irgendwie festhalten wollte, doch Zorro sackte einfach nur zusammen, zog Law mit sich. Und natürlich ließ Law nicht los, stolperte auch noch unter lautem Fluchen über Zorros Füße und verlor sein Gleichgewicht. Er versuchte noch, sich irgendwie am Tropf festzuhalten und Zorros Oberkörper gleichzeitig Richtung Kopfende zu navigieren, aber da war es schon zu spät und polternd stieß er gegen die metallene Bettkante, während die Matratze unter ihrer beider Gewicht ächzte; der Tropf klapperte zu Boden.

Dann lag Law da, die Füße irgendwo auf dem Boden, Knie halb in der Luft, halb auf Zorros Beinen, ein Arm je auf einer Seite des Bettes am herunterbaumeln, sein Kopf auf Zorros Abdomen. Seine Brust war mit voller Wucht gegen den metallenen Bettkasten geknallt und er schien sich auf die Zunge gebissen zu haben, aber immerhin lag Zorro noch im Bett, irgendwie, den Körper seltsam zur Seite geknautscht, als Law zu ihm aufsah, den linken Arm leicht verrenkt unter seinem Oberkörper vergraben.

Einen Moment starrten sie einander nur an, Law, wie er zu Zorro aufsah, sein rechtes Auge in Stoff gedrückt. Zorro, der zu ihm hinabsah, immer noch so unbequem verrenkt und viel zu nah an der Bettkante, Überraschung über sein vor Anstrengung verschwitztes Gesicht geschrieben. Und dann hörte Law es, spürte die Vibration direkt an seinem Ohr, dieses Lachen, welches er mehr vermisst hatte, als er sich eingestehen wollte.

„Tze, was lachst du so doof?“, entgegnete er unwirsch und berappelte sich. „Hast du dir wehgetan?“

Da war es, dieses warme Lächeln, wann immer Zorro ihn nicht wirklich ernstnahm, ehe er den Kopf schüttelte und sich schwerfällig in die richtige Position bringen wollte, offensichtlich erschöpft gegen das aufgestellte Kopfteil lehnte.

„Schon gud. Bin müde.“

„Es ist auch mitten in der Nacht“, murrte Law nur und half ihm, seinen eingeklemmten Arm zu befreien, ehe er Zorros Beine aufs Bett warf. „Normale Menschen schlafen um diese Uhrzeit.“

„Aber nich du.“

Damit hatte er ihn fast ein bisschen überrumpelt und Law bückte sich nach dem Tropf, um sich etwas Zeit zu verschaffen.

„Ich hab gesagt normal“, meinte er dann und fragte wortlos nach Zorros Hand mit dem Zugang, damit er ihm die Infusion wieder anlegen konnte. „Ärzte sind nie so ganz normal.“

„Schimmd“, schmunzelte Zorro und ließ sich gefügig wieder anschließen.

„Nicht, dass du laut reden darfst. Du bist auch nicht wirklich normal hier drin“, bemerkte Law und tippte dem anderen gegen die Stirn, ehe er die Decke zurechtzog.

„Schwedgämfer sin au nie so gans nomal.“ Wieder lachte er leise. Ob es an den Schmerzmitteln lag? Vielleicht hatte das bisschen Bewegung mit dem kleinen Sturz auch zu viele Endorphine ausgeschüttet, sodass Zorro nun möglicherweise ein bisschen aufgeputscht war. Aber er wirkte noch agiler als die vergangenen Stunden, obwohl die kleine Einheit für ihn unglaublich anstrengend gewesen sein musste.

„Das glaube ich dir sofort“, grummelte Law nur trocken und schaute sich nach seinem Klemmbrett um. „Gut, du solltest jetzt aber wirklich etwas schlafen, das war schon echt nicht ohne, und ich werde derweil mal eben alles notieren und...“

„Wade, Drafo.“ Zorro hatte nach dem Saum seines Pullovers gegriffen, rutschte aber ab, an der Feinmotorik haperte es noch. Law blieb stehen und sah zu dem anderen hinab, der ernst aufsah, nicht ruhig, sondern ernst; die gute Stimmung von vor noch wenigen Sekunden schien innerhalb eines Atemzuges verschwunden zu sein. „Mus… disch fragn."

Law zögerte. Dieser Blick konnte nichts Gutes bedeuten und er fragte sich, was diesen plötzlichen Stimmungswechsel verursacht hatte. Er selbst war bis gerade zwar leicht genervt gewesen, aber dennoch konnte er nicht leugnen, dass die Fortschritte des anderen nach den vergangenen Wochen mehr als befriedigend für ihn waren.

„Okay", murmelte er und verschränkte die Arme, „ich höre."

Zorro nickte und senkte den Blick nachdenklich. Law konnte ihm regelrecht ansehen, wie er die richtigen Worte suchte, sein Mund sich mehrmals öffnete und schloss.

„Du muss ehrisch sein."

Und da wusste Law, welche Frage kommen würde und warum Zorro sie ausgerechnet jetzt stellte, nachdem er festgestellt hatte, wie wenig sein Körper ihm gehorchen wollte, und Law wusste auch, warum Zorro sich an ihn wandte und nicht an Chopper.

„Gann ich gämfen?"

Er wusste genau, wie Zorro diese Frage meinte, aber entschied, sie misszuverstehen.

„Also jetzt übertreibst du aber wirklich. Du kannst kaum drei Schritte gehen, denk nicht mal daran, dich jetzt mit irgendwem anzulegen."

Zorro schnaubte entnervt und rollte mit dem Auge.

„Du bis ein Arsh, nich sche… scheds. Sei ehrich, gann ich gämfen… wann?"

Trotz seiner Worte wusste Law, dass Zorro ihn nicht fragte, wann er wieder kämpfen konnte, sondern…

„Ich weiß es nicht." Mit einem Seufzen zog Law sich den Schemel heran und ließ sich wieder neben dem anderen nieder. „Ich bin ehrlich. Vor drei Tagen war die Frage nicht, ob du stirbst, sondern nur wann. Keiner von uns hatte mehr...“ damit gerechnet, dass du überleben könntest.

Er merkte, wie ihm diese Worte nicht über die Lippen kommen wollten. Sie stimmten nicht. Er hatte aufgegeben, nicht Chopper, nicht der Strohhut und vor allem nicht Zorro selbst. Law hatte nicht aufgeben wollen, aber er hatte es getan, immer und immer wieder, hatte sich keine Hoffnungen machen wollen. Aber er hatte auch auf Zorro und seine wahnwitzigen Worte vertrauen wollen und wenn er ehrlich war, dann tat er das immer noch. Er wollte darauf vertrauen, dass Zorro vollumfänglich genesen würde, aber er war nun mal auch Arzt. Er konnte sich nur an den Fakten orientieren. Und Raum lassen, für ein Wunder.

„Wenn Menschen aus dem Koma zurückkommen, ist alles und nichts möglich“, erklärte er also und begegnete Zorros eindringlichem Blick. „Es gibt Leute, die vollständig genesen, andere würden sich über deinen jetzigen Zustand freuen, daher ist jede Prognose unsicher. Allerdings ist deine bisherige Entwicklung ein wichtiges Indiz für die Zukunft. Ich weiß, es fühlt sich wahrscheinlich für dich nicht so an, aber aus medizinischer Sicht machst du recht schnelle Fortschritte. Es ist wirklich ein gutes Zeichen, dass du innerhalb so kurzer Zeit schon wieder zu so viel imstande bist und dein Kopf schon wieder so gut mitarbeitet, aber versprechen kann ich dir nichts, verstehst du?"

Zorro nickte langsam. Diese Worte schienen ihn nicht zu überraschen.

„Was ich dir aber sagen kann, ist, dass es mit Sicherheit eine anstrengende Zeit wird." Mit einem Schulterzucken erhob Law sich. „Allerdings bin ich mir auch ziemlich sicher, dass ich jemandem wie dir nicht sagen muss, dass du nicht aufgeben darfst, um Erfolge zu erzielen. Ich habe gelernt, dass bei wahnsinnigen Vollidioten wie dir und deinem Kapitän nichts unmöglich ist."

Er klopfte Zorro kurz auf die Schulter, wusste selbst nicht, warum, ob es vielleicht irgendwie eine ermutigende Geste sein sollte.

„Drafo." Wieder sahen sie einander an. Nichts zeigte, was Zorro über seine Worte dachte. Er wirkte weder erleichtert noch bedrückt. Er hatte einfach eine Frage gestellt und Law hatte geantwortet, so simpel schien es zu sein. „Dange für… das hier. Du müsses nich helfn – geine Alli… Alli… weis schon, und so – also dange… da… danke.“

Und wie so oft, lag in dieser Einfachheit des Schwertkämpfers eine Tiefe und Komplexität, die Law erschaudern ließ. Wenn er die unsaubere Aussprache ignorierte, war ihre Unterhaltung wieder fast wie in den vergangenen Tagen, an die Zorro sich nicht erinnerte, was mit Sicherheit besser so war, und Law merkte, wie schlecht er damit umgehen konnte.

„Tze, was redest du da“, entgegnete er und ging zu seinem Klemmbrett hinüber. „Also nur um das klarzustellen, ich mach das nicht für dich. Du hast mir das Leben gerettet – nachdem du selbst es erst in Gefahr gebracht hast, sollte ich vielleicht noch anmerken – und ich hätte es nicht mit meinem Stolz als Chirurg vereinbaren können, dich sterben zu lassen. Und jetzt finde ich es einfach nur interessant, deinen Verlauf bis ins kleinste Detail mitzubekommen. Also gibt es für dich keinen Grund, dich zu bedanken oder so. Meine Motivation sind rein egoistische Gründe.“

Er starrte sein Klemmbrett an, wollte diesem Blick nicht begegnen, der sich in seine Seele fressen konnte.

„Dann is ja gud.“

Wieder klang diese Stimme so warm und ohne Hinzusehen wusste Law, dass Zorro lächelte. Wenige Atemzüge später war er dann eingeschlafen.

Kapitel 17 –

 

„Vorsichtig, vorsichtig. Du musst wirklich auf- Vorsi…“

„Noch ein Worsichdig und isch werf disch über Bord!“

„Wow, das war tatsächlich mal ein ganzer Satz über Kleinkindniveau, auch wenn deine Aussprache bei ein bisschen Belastung echt immer noch schlecht ist.“

„Glappe, Trafo!“, knurrte Zorro ihn regelrecht an, während Law nur zurückfeixte.

Dem Schwertkämpfer war die Anstrengung ins Gesicht geschrieben, während er wie ein alter Mann mit dem eigens für diesen Moment gebauten Rollator den Gang hinunter schlurfte. Es wäre ein Leichtes für Law, den anderen mit nur einem Fingerschnipsen ins Krankenzimmer der Thousand Sunny zu befördern, aber er respektierte den stoischen Stolz Zorros, der diesen Weg selbst gehen wollte – und Law war schon neugierig zu sehen, wie viel des Weges der andere schaffen könnte, ehe er dann zusammenklappen würde – und daher hatte er ganz selbstlos dem Schwertkämpfer beigestanden, sich gegen Choppers Bedenken durchzusetzen.

Es war der Morgen des fünften Tages, seitdem Zorro wieder bei Bewusstsein war, vor zwei Nächten hatte er seine ersten Schritte getan und es gab mittlerweile Momente, da konnte man fast vergessen, in was für einem Zustand Zorro sich befand.

Der Moment gerade gehörte jedoch nicht dazu, während Zorro quälend langsam einen Schritt vor den anderen machte. Es war weniger ein muskuläres Problem – zwei Wochen Bettruhe reichten dafür bei weitem nicht aus – sondern es lag schlicht daran, dass die Signale des Nervensystems nur langsam wieder von den Muskeln umgesetzt wurden. Es würde Zeit brauchen, Zeit und viele Wiederholungen, aber mittlerweile waren Chopper und Law sich einig, dass die Genesungschancen recht gutstanden.

Law vermied dabei jedoch, seine anderen Gedanken auszusprechen, wonach Zorros Koma vielleicht nicht medizinischer Natur gewesen war, was zumindest diese beeindruckende Regeneration erklären würde.

Das heute war Laws letzter Akt in diesem Drama. Er würde Chopper dabei helfen, Zorro sicher aufs andere Schiff zu bringen, und den jungen Schiffsarzt der Strohhüte noch eine Nacht bei der Überwachung des Patienten zu unterstützen – sie teilten die Befürchtung, dass dieser Wahnsinnige des Nachts auf die Idee kommen könnte, den Trainingsraum im Ausguck aufsuchen zu wollen – ehe die Polar Tang dann am kommenden Morgen endlich wieder abtauchen würde. Doch obwohl Law diesen Moment herbeisehnte wie kaum etwas anderes, so war es auch gar nicht so einfach.

„Denk nicht mal dran“, murrte er, „die Leiter ist tabu für dich. Probier es also erst gar nicht.“

Bevor Zorro ihn anmaulen konnte – oder wirklich versuchen würde, die Sprossen hochzuklettern – schnipste Law einmal und ein mehrstimmiges „Uff“ von über ihnen, bezeugte ihm, dass Bepo sicher dafür gesorgt hatte, dass Zorro und dessen Rollator nicht umkippen würden.

Er ignorierte die leisen mehr oder weniger deutlichen Flüche des anderen, während er Chopper eine Etage nach oben folgte und dann wieder hinter dem anderen herging. Es erinnerte ihn etwas an jene Nacht vor einer gefühlten Ewigkeit, als er derjenige gewesen war, der sich schwerfällig und unter Schmerzen einen Gang entlang geschleppt hatte, während der andere ihn mit einer gewissen Neugierde beobachtet und dumme Sprüche zum Besten gegeben hatte. Law hoffte nur, dass er - anders als Zorro damals - dieses Mal nicht gegen eine Wand laufen würde.

Das ganze Spiel wiederholte sich noch ein paar Mal, ehe sie schließlich an Deck angekommen waren und eine anscheinend frischgezimmerte Brücke erreichten, welche die beiden Schiffe miteinander verband. Law fragte sich gar nicht erst, wo sie hergekommen war, vermutlich von der gleichen Quelle wie der Rollator. Sie war flach gehalten, dennoch machte die geringe Steigung Zorro sichtlich zu schaffen, doch natürlich ignorierte er Choppers Vorschlag, vielleicht eine Pause einzulegen, sondern schleppte sich immer weiter vorwärts.

Auf der anderen Seite warteten die Strohhüte erwartungsvoll, manche bedächtig still, andere laut jubelnd.

Am vergangenen Tag hatten Chopper und Law morgens entschieden, dass einzelne Crewmitglieder in wohldosierten Momenten Zorro vielleicht ganz guttun würden. Das war auch zunächst der Fall gewesen und Zorro schien sich ehrlich über den Besuch gefreut zu haben – endlich mal kein Arzt mit Belehrungen und Fingerübungen - allerdings war Law nicht entgangen, dass Zorro sich nach kurzer Zeit immer öfters die Schläfe gerieben hatte, ein Anzeichen für stärkere Kopfschmerzen, die er natürlich nicht äußern würde. Daher hatten sie die Besuche nach Kapitän und Kanonier der Strohhüte eingestellt. Zorro war auch später noch recht blass gewesen und hatte nichts essen wollen, weshalb Law vermutete, dass ihm von den Kopfschmerzen sogar übel geworden war, aber auch dazu hatte Zorro natürlich kein Wort verloren.

Die kommenden Tage würde es in Choppers Verantwortung liegen, Zorro nicht rund um die Uhr der Beschallung dieser recht wilden Crew auszusetzten, aber so, wie er gerade schon die anderen Crewmitglieder zur Ordnung rief, machte Law sich darüber recht wenig Sorgen.

Außerdem konnte er es in ihren Augen sehen, während Zorro sich abmühte, das bisschen Steigung zu überwinden. Es war Erleichterung, es war Freude und Dankbarkeit, aber es war auch Schock, Fassungslosigkeit, Unverständnis. Ja, es war nie leicht, jemanden schwach zu sehen, der nie schwach wirkte. Verletzungen waren das eine, gerade nach einem Kampf. Aber gerade jetzt wirkte Zorro unverletzt aufs unwissende Auge, seinen Wunden waren größtenteils verheilt, und das machte es umso schwieriger. Denn so, wie seine immer noch eingeschränkte Artikulation ihm einen dümmlichen Eindruck verschaffen konnte, ließ seine begrenzte Motorik ihn schwach, ja fast schon fragil wirken.

Aber dieses Bild täuschte. Natürlich war Zorro noch eingeschränkt, aber nur weil er manchmal alltägliche Worte vergaß oder nicht aussprechen konnte, änderte dies nichts daran, dass sein Verstand bereits wieder so messerscharf war wie früher. Nur weil er manchmal einen Moment länger brauchte, schon mal schnell Kopfschmerzen bekam und immer wieder Dinge vergaß, bedeutete das nicht, dass er nicht immer noch eine beeindruckende Beobachtungsgabe hatte. Und nur, weil sein Körper ihm noch nicht wieder gehorchen wollte, gerade feine Motorik ihm noch schwerfiel, hieß das noch lange nicht, dass er gebrechlich geworden war, wie die Blutergüsse an Laws Unterarmen deutlich zeigten. Mehrere Wochen Bettruhe waren natürlich nie gut für einen Sportler, aber Muskeln und Sehnen lösten sich nicht plötzlich in Luft auf. Nein, man sollte sich von diesem Bild nicht täuschen lassen, aber das würden die Strohhüte schon noch früh genug merken.

„Zorro, vorsi…“ Chopper war ein paar Schritte vorgelaufen und verstummte unter dem vernichtenden Blick seines Crewmitgliedes, als sie auch endlich den abschüssigen Teil der Brücke erreicht hatten.

Doch die Sorge war unbegründet. Wer auch immer diese Brücke gebaut hatte – wer zur Hölle baute solche Brücken aus dem Nichts? – hatte an alles gedacht. Kleine Hubbel verhinderten, dass der Rollator samt Patienten einfach die Brücke hinabrollen würde.

Dennoch konnte man Zorro die Anstrengung anmerken, als er endlich auf dem Deck der Thousand Sunny angekommen war und am ganzen Körper zitterte. Sollte er die Treppe selbst hochgehen wollen, war Law sich sicher, dass er die mit sich selbst geschlossene Wette gewinnen würde, denn alle Stufen würde Zorro auf keinen Fall mehr packen.

Schwer atmend stand er also vor seinen Crewmitgliedern und es schien beinahe, als würden sie auf irgendwelche bedeutungsschweren Worte warten, schließlich hatten die meisten von ihnen noch keine Gelegenheit gehabt, sich mit eigenen Augen von seinem Überleben zu überzeugen.

„Hey“, kam es dann nach mehreren angespannten Sekunden und entgegen Laws Vermutung schien das genau die richtige Ansprache gewesen zu sein, denn augenblicklich löste sich alle Anspannung auf und die Crewmitglieder begrüßten den Schwertkämpfer mit Begeisterung zurück in ihren Reihen.

Es kostete Chopper viel Mühe, die anderen davon abzuhalten, sich auf Zorro zu werfen und Law beäugte auch argwöhnisch, wie lange er noch durchhalten würde. Selbst das Stehen, gestützt auf den Rollator, musste nach der bereits zurückgelegten Strecke anstrengend sein. Sollte auch nur einer seiner Freunde ihm zu kräftig auf die Schulter klopfen, würde er vermutlich sofort zusammenklappen, und offensichtlich waren nicht alle der Strohhüte so umsichtig, darüber nachzudenken.

Aber ein zweiter Blick zeigte ihm, dass nicht das Stehen das Problem war, denn Zorro wurde mit jeder Sekunde blasser, kein gutes Zeichen. Wieder mal zeigte sich, dass er mit körperlicher Belastung schon recht gut klarkam, aber zu viele Sinneseindrücke auf einmal sein Gehirn schnell überforderten.

„Okay“, murrte er und drängte eine kleine Schneise zwischen den Crewmitgliedern hindurch. „Ihr könnt später feiern, ich muss Zorro noch untersuchen, also lasst uns durch.“

„Spielverderber“, grummelte einige der anderen im Chor, aber ihm war das gleich, während er Zorro an dessen Crewmitgliedern vorbei bugsierte. Dieser sagte nichts, weder Beschwerde noch Bedanken.

„Sicher, dass du die Treppe noch schaffst?“, murmelte Law. Er war zwar neugierig zu sehen, wann der andere schlappmachen würde, aber die Treppe runterfallen wäre jetzt auch nicht so ideal.

„Sischer, ds dumisch nerven solldes?“, bekam er als Dank, aber er konnte Zorro ansehen, wie dreckig es ihm gehen musste. Sollte er sich nicht helfen lassen, würde er vermutlich spätestens den oberen Treppenabsatz vollkotzen.

Vorsichtig ließ der Schwertkämpfer mit einer Hand den Rollator los und griff fast schon fahrig nach dem Treppengeländer, seine Balance war immer noch schlecht – und dafür war es mit Sicherheit nicht hilfreich, dass sie auf hoher See waren – aber seine Griffkraft schien zuverlässig wie eh und je. So stand er einen Moment da und Law war schon drauf und dran den Stolz des anderen zu ignorieren, da tauchte der Strohhut auf, packte Zorro ganz ungezwungen an der Hüfte und warf sich dessen freien Arm über die Schulter, lachte dabei laut und erklärte, dass er als Kapitän sich weder von Law noch von Chopper verbieten lassen würde, mit Zorro zu feiern.

Es war nervig, aber immerhin schaffte der Strohhut es so, ihren widerstrebenden Patienten die Treppe hochzuhieven. Also verkniff Law sich seinen Kommentar und folgte ihnen, während Chopper anscheinend bei den anderen Crewmitgliedern blieb und sie über die kommenden Tage unterrichtete.

Zorro schwankte leicht, als sie den oberen Treppenabsatz erreicht hatten, aber der Strohhut hielt ihn fest und ging mit ihm an der Reling entlang Richtung Krankenzimmer. Schon nach wenigen Schritten schliff Zorros freie Hand nur noch über die Reling und seine Füße verließen kaum noch den Boden. Law schnaubte leise. Wiedermal hatte sich dieser Sturkopf überanstrengt und wiedermal war es der Strohhut, der ihn dazu brachte, einen Gang runterzuschalten.

Der Strohhut redete unablässig, aber kaum, dass sie um die Ecke gebogen waren, schwieg er plötzlich, als würde er über etwas hochkonzentriert nachdenken; was bei diesem Idioten eigentlich gar nicht möglich war. Die Türe zum Krankenzimmer öffnete sich wie von Zauberhand – nicht, dass Law nicht wusste, wer dafür verantwortlich war – und endlich hatten sie die Verlegung des Patienten erfolgreich abgeschlossen, als der Strohhut Zorro für seine Verhältnisse sogar recht vorsichtig ins Bett absenkte.

„Okay, Shishishi, hab ganz vergessen, ich wollte noch angeln. Ich komme später wieder, bis dann, Zorro, Trafo.“

„Schbäder“, murrte Zorro noch, während der Strohhut sich schon wieder an Law vorbei nach draußen drückte und es offen ließ, ob es Taktgefühl oder Einfalt war. Law hingegen beobachtete, wie Zorro sich zurückfallen ließ, schwer atmend, offensichtlich richtig erschöpft.

„Selbst Schuld“, murrte Law und schloss die Türe. „Ich hätte dich auch einfach hierhin teleportieren können, dann wärst du jetzt nicht so am Arsch.“

„Glabbe“, kam es vom anderen nur und Law bildete sich ein, dass seine Finger kurz zuckten, als wäre er versucht, ihm dem Mittelfinger zu zeigen, „ausedem mag ich’s nich.“

Wie so oft, wenn er müde war, wurde seine Aussprache immer unsauberer.

„Ich weiß“, entgegnete Law nur, ehe er sich erinnerte, wann Zorro ihm diese Kleinigkeit verraten hatte. Doch zu seinem Glück schien Zorro darüber nicht nachzudenken. „Na komm, ich muss dich wieder an den Tropf hängen.“

„Nisch nödig.“

„Wohl nötig. Du isst mir immer noch zu wenig – vom Trinken mal ganz zu schweigen – und dein Körper braucht noch Unterstützung. Keine Diskussion.“

Zorro schnaubte nur leise auf, reichte Law aber widerstandslos seine Hand.

„Du mus das nich machn, weis du?“, meinte er dann und trotz all der Müdigkeit war sein Blick immer noch so stechend scharf. „Meinen Baby… Baby… Chopper Nummer Swei schbielen.“

„Babysitter“, bemerkte Law nur, während er noch den Tropf einstellte, „und ich hab’s dir doch schonmal gesagt. Ich mach das hier nicht für dich, sondern nur, weil ich es will.“

„Hmm?“

Er sah zum anderen hinab, der ihn stirnrunzelnd ansah; er musste jenes Gespräch vergessen haben. Die ersten Tage war sein Kurzzeitgedächtnis wirklich schlecht gewesen.

Law seufzte.

„Versteh mich nicht falsch. Das hier hat nichts mit Gutmütigkeit zu tun. Ich mag es schlicht nicht, jemandem etwas schuldig zu sein, erst recht keinem Strohhut, und dein Verlauf ist aus medizinischer Sicht interessant. Deshalb helfe ich, nicht weil ich gerne deinen Babysitter spiele.“

Er mochte nicht, wie Zorro seinen Blick erwiderte. Vor ein paar Tagen noch hatte er über diese Aussage geschmunzelt und war wohlig eingeschlafen. Nun jedoch schien es, als würde er Laws Worten nicht trauen, und er hasste, wie der andere in seine Seele zu schauen schien. Dann zuckte Zorro mit den Schultern und diese Spannung war gebrochen.

„Wenn du meins“, murmelte er nur und schloss dann sein Auge.

Gerade in diesem Moment ging die Türe auf und Chopper kam herein, bewahrte Law vor einer Reaktion. Kurz noch sprach er mit ihm ab, dass Chopper die erste Schicht übernehmen würde und Law erst noch im Operationsraum für Ordnung sorgen würde, ehe er, wie die vergangenen Tage auch, die späten Abendstunden aufpassen würde.

Zorro vom Bett schnaubte ein paar Mal darüber, brachte sich jedoch nicht mehr ins Gespräch ein. Also ging Law, ohne sich nochmal mit diesem Sturkopf auseinandersetzen zu müssen.

Die nächsten Stunden war sein Kopf glücklicherweise damit beschäftigt, die kommende Nacht und dann den Morgen mit seiner Crew zu organisieren, wenn sie sich endlich von den Strohhüten abtrennen würden. Aber während er in Stille mit Uni den Operationssaal aufräumte und überprüfte, welche Utensilien über die vergangenen Wochen zur Neige gegangen waren, kam er natürlich wieder ins Grübeln.

Die Dinge waren gut so, wie sie waren. Das bestmögliche Ende war eingetreten – obwohl die Chancen eher bei null gestanden hatten – und wie alle anderen auch war Law erleichtert. Und er war froh, dass in wenigen Stunden wieder der Alltag einkehren würde, welcher ihm ein paar lange Wochen verwehrt geblieben war.

Aber es wäre eine Lüge zu behaupten, dass die vergangenen Tage und Wochen ihn gar nicht beeinflusst hätten. Obwohl er wirklich gerne seine Ruhe hatte, wirklich gerne für sich war, so hatte er sich an Zorros Anwesenheit gewöhnt, hatte sie irgendwann nicht mal mehr als störend empfunden, und das missfiel ihm, immer noch.

Er kam damit klar, dass er den Schwertkämpfer der Strohhüte doch halbwegs leiden konnte – für einen Strohhut – und er kam auch damit klar, dass seine Crew den Strohhüten freundlicher gesinnt war, als er es für sinnvoll erachtete. Aber es nervte ihn, dass er als jemand, der immer schon gerne und gut allein sein konnte und wollte, sich so sehr an die dauerhafte Anwesenheit von jemandem gewöhnt hatte, dass ihn manchmal dieses seltsame Gefühl erfüllte, wenn er realisierte, dass er alleine war. Und es nervte ihn noch mehr, dass es ausgerechnet Zorro war, an dessen Anwesenheit er sich so gewöhnt hatte. Warum nicht wenigstens einer aus seiner Crew, oder jemand aus einer weniger nervigen Crew, oder jemand, dem er so gut wie nie über den Weg laufen würde, aber nein, natürlich musste es einer der verdammten Strohhüte sein, die immer wieder seinen Weg kreuzten. Law hatte halt einfach kein Glück bei solchen Dingen.

Er hoffte nur, dass es in den nächsten Tagen wieder besser werden würde, mit etwas Abstand, etwas Schlaf. Aber selbst jetzt konnte er es merken, diese kurzen Momente, wenn er einen Kommentar erwartete, den Augenkontakt zu jemandem suchte, der nicht da war.

Es war wirklich nervig und daher konnte er es kaum erwarten, endlich abzutauchen und die Strohhüte hinter sich zu lassen. Jetzt, da er wusste – hoffte - dass Zorro vermutlich wieder vollumfänglich genesen würde. Aber das war nun mal sein rationaler Kopf. Seine irrationalen Gefühle hingegen drängten ihn, so zu handeln wie Chopper, der gefühlt alle fünf Minuten Zorros Puls checken wollte.

Es war wirklich nervig.

Danach überließ er es Uni, die Materialliste zu erstellen, machte nochmal einen kurzen Abstecher in den Aufenthaltsraum, ehe er unter leisem Grummeln zurück auf das Schiff der Strohhüte ging. Nicht mal sicher, warum er sich diesen Mist antat.

„Hey Trafo, willst du etwas essen? Ich hab vom Abendessen noch was übrig“, bemerkte Schwarzfuß, der ihm entgegenkam.

„Nein Danke. Aber ich denke, du kannst die Portionen, die Zorro über den Tag verteilt bekommt, etwas erhöhen. Sein Magen scheint es so weit ganz gut zu verkraften und ich denke nicht, dass die Infusion noch viel länger als bis morgen überleben wird. Es ist wichtig, dass er genügend Nährstoffe erhält, und er wird da mit Sicherheit nicht drauf achten.“

Schwarzfuß schnaubte nur mit einem Kopfnicken und Law wollte schon weitergehen, da besann er sich eines Besseren.

„Und vielleicht ein Reisbällchen, ungefüllt. Es ist nicht so weich wie der Reisbrei aber immer noch einfach genug zu kauen. Die kommenden Tage solltest du dich auf jeden Fall mit Chopper absprechen. Nichts zu Würziges, aber auch keine Suppen oder ähnliches.“

„In Ordnung, aber… warte mal, Trafo.“ Er blieb stehen, nachdem er schon weitergegangen war, sah überrascht den anderen an, der sich den Nacken rieb. „Sag mal, kann… kann ich dich etwas fragen?“

Oh, was nervte ihn diese Crew, insbesondere in Momenten wie diesen, wenn er ganz genau wusste, worauf es hinauslaufen würde.

Aber er blieb stehen, verschränkte die Arme und nickte.

„Damals, vor ein paar Wochen, da hast du gesagt, es würde schon ein Wunder brauchen, dass er… zurückkommen würde.“ Law nickte, bemerkte, wie der andere die richtigen Worte suchte. „Jetzt ist er zurück, aber… wie…? Versteh mich nicht falsch, ich meinte, was ich damals sagte, es ist uns egal, aber… aber…“

„Ich kann dir keine Antwort geben“, entgegnete er, als Schwarzfuß nicht auf den Punkt kommen konnte. „Was ich dir sagen kann, ist, dass Zorros derzeitige Entwicklung sehr positiv zu beurteilen ist und dass es keinen Grund gibt, nicht hoffnungsvoll zu sein. Aber alles andere wäre Spekulation.“

„Okay“, nickte Schwarzfuß, ernst seine Stimme, glasig sein Blick, auch wenn Law ihm nichts versprochen hatte. „Danke, und danke für deine Hilfe. Die letzten Wochen waren hart, besonders für Chopper. Ich weiß nicht, ob wir das ohne dich und deine Crew gepackt hätten.“

Er wollte diese Dankbarkeit nicht, hatte es nicht für die Strohhüte getan, vielleicht nicht mal für Zorro, sondern nur… ach so, jetzt verstand er diese abstruse Argumentation.

„Es gibt keinen Grund, rührselig zu werden. Ich hab nur meinen Job gemacht als Zorros Arzt.“

„Spiel dich nich so auf, Chopper is mein Arzt.“

Schnaubend schüttelte er den Kopf.

„Muss mir das wirklich jeder an den Kopf…“ Er sah zur Seite, aber da war niemand.

Verwirrt starrte er Schwarzfuß an, der in etwa gleich verwirrt zurückschaute.

„Ähm, Trafo…?“

„Ich muss etwas überprüfen!“ und ohne ein weiteres Wort eilte er los.

 

 

 

Kapitel 18

 

Fast schon schlitternd kam er vor der Türe des Krankenzimmers zum Stehen, zögerte nur eine Sekunde, dann riss er sie auf.

„…das, Chopper, hab gesagd, dass isch…“ Zorro stockte mitten im Satz und starrte Law an und Law starrte zurück.

„Trafo“, kam es sofort von Chopper, als er ihn bemerkte, „gut, dass du da bist. Ich glaube, Zorro halluziniert. Er hat gerade…“

„Kannst du…, kannst du kurz rausgehen und mich etwas überprüfen lassen?“, unterbrach Law ihn, fast schon ungehalten. Dann fing er sich und setzte ruhiger hinterher: „Ich glaube, er ist nur übermüdet. Die Verlegung auf euer Schiff war sehr anstrengend, vergiss das nicht, und dann eben, die ganze Crew, hat ihn vermutlich etwas verwirrt. Aber ich kann das problemlos mit meinen Kräften prüfen, dafür muss ich mich jedoch sehr konzentrieren und das ist schwierig, wenn andere im Raum sind.“

Alles davon war eine glatte Lüge, er konnte vermutlich immer noch nicht Zorros Gehirn mit seiner Kraft erreichen, aber das musste Chopper ja nicht wissen, während Zorro hingegen ihn absolut misstrauisch ansah, jedoch schwieg.

Law tauschte noch wenige Sätze mit Chopper aus, bemühte sich, es alles wie eine ganz normale Übergabe aussehen zu lassen – auch wenn er eindeutig zu früh dran war – und dann endlich verließ das Rentier das Krankenzimmer.

Nun waren es nur noch sie beide.

Hatte Zorro vor wenigen Stunden noch erschöpft gewirkt, so war sein Blick nun messerscharf.

„Trafo, was sur Hölle…?“

„Kannst du mir erklären, was gerade passiert ist?“ Er lehnte sich gegen den Schreibtisch und verschränkte die Arme. „Ich muss ganz genau wissen, was hier los war.“

Dabei wusste er es schon, hatte mehr als nur eine Ahnung, aber es sollte nicht möglich sein, wie so vieles die letzten Wochen sollte es nicht möglich sein.

Zorro senkte seinen Blick, er wirkte immer noch ein bisschen blass, aber mental schien er fit genug zu sein, um diese Unterhaltung führen zu können.

„Nisch viel pasierd“, murmelte er. „Hab geschlafen, Chopper geredet. Bin… argh, Wort!“

„Du sollst dich nicht immer beschweren, wenn dir ein Wort nicht einfällt, sondern es umschreiben“, belehrte Law ihn zum gefühlt tausendsten Mal, wofür er zum gefühlt tausendsten Mal ein Augenrollen bekam.

„Nich mehr geschlafen?“, kam es dann von Zorro mit einem entnervten Unterton und kurzem Schulterzucken.

„Du bist also aufgewacht?“

Das brachte ihm eine entrüstete Handbewegung ein. „Hättes es gleich sagen können.“

„Nein, es ist wichtig, dass du weiterredest, selbst, wenn dir nicht jedes einzelne Wort einfällt. Also, du bist aufgewacht und dann?“

Noch einen Moment sah Zorro ihn ziemlich angefressen an. Law kannte diesen Blick von ihm, wann immer Schwarzfuß ihn nervte, dann seufzte Zorro, rieb sich mit einer Hand durchs Gesicht.

„Bin… wach und du has Mist geredet. Hab geanwortet und Chopper ist… - wild? – geworden. Weil… du wars nicht hier, aber isch hab disch gehört. Urgh ist anschtrengend.“

Für einen Moment war Law abgelenkt. Zorros Sätze waren immer noch recht einfach, seine Aussprache wurde schnell ungenau, aber es wurde besser. Dann wurde ihm bewusst, was gerade passiert war.

„Ich habe gerade auf dem Deck mit Schwarzfuß gesprochen“, erklärte er bewusst langsam, „und als ich ihm sagte, dass es meine Pflicht sei, mich um meine Patienten zu kümmern, hörte ich deine Antwort, dass Chopper dein Arzt sei.“

Zorros Auge wurde groß und er nickte langsam. „Das habe ich gesagt.“

„Mhm“, stimmte Law zu, bemerkte nebenbei, dass Zorro doch deutlich sprechen konnte, wenn er sich nur bemühte und sich die notwendige Zeit ließ, „und es hörte sich so an, als hättest du direkt neben mir gestanden, fast schon mir ins Ohr gesprochen, obwohl du hier im Raum lagst.“

„Aber… aber wie…?“ Ausnahmsweise war Law sich sicher, dass diese Reaktion nicht an Zorros derzeitiger Einschränkung lag.

„Ich habe eine Vermutung, aber dafür müssen wir etwas ausprobieren.“

„Und was?“

„Ich gehe jetzt vor die Türe und wenn du mich wieder wie eben hörst, dann gib mir Bescheid.“

Für einen Moment sah Zorro ihn verwirrt an, dann weitete sich sein Auge.

„Du… du meinst…?“

„Genau, wir werden ausprobieren, ob wir einander hören können, selbst wenn wir nicht im gleichen Raum sind.“

Zorro nickte, wirkte immer noch verwirrt, fast schon misstrauisch, aber er spielte mit. Die letzten Tage hatten ihn anscheinend etwas gefügiger gemacht. „Okay.“

„Sicher, dass du mich verstanden hast?“

„Isch bin nich blöd“, schnaubte der andere.

„Nein, aber wie wir beiden wissen, läuft bei dir da oben noch nicht alles wieder reibungslos – wenn es das denn je getan hat – also frage ich nach.“

„Arshloch“, aber da war dieses halbe Grinsen, welches wie so oft bezeugte, dass Zorro es ihm nicht wirklich übelnahm.

Also zeigte Law ihm nur den Mittelfinger und ging mit einem leisen Schmunzeln nach draußen. Dort lehnte er sich gegen die geschlossene Türe und holte tief Luft, verbot seinen Gedanken, zu irgendwelchen Schlüssen zu kommen, ehe er nicht mehr Fakten hatte. Die Frage war, wie er am besten vorgehen sollte. Aber bevor er darüber überhaupt nachdenken konnte, hörte er ein unverständliches Murmeln aus dem Zimmer hinter sich, gedämpft vom Holz. Aber es klang halt überhaupt nicht so wie vor wenigen Minuten, wie vor wenigen Tagen. Einfach nur Zorro, der in einem anderen Raum vor sich hingrummelte, so wie es sein sollte.

„…is doch Unsinn.“

Kopfschüttelnd lachte er auf. Da war es doch wieder, direkt an seinem Ohr, während er im Hintergrund das dumpfe, unverständliche Murmeln von der anderen Seite des Holzes hörte, wie ein seltsames Echo.

„Ist es das?“, entgegnete er und rieb sich durchs Gesicht, wollte sich über dieses Gefühl in seiner Brust ärgern, über das breite Grinsen auf seinen Lippen.

Verdammt, isch hör disch.“

„Ich merk’s.“ Nachdenklich beobachtete er das Meer und setzte sich auf den Boden. Es war auffällig, dass er eben nicht alles hatte hören können, was Zorro gesagt hatte, nur das Ende. Außerdem hatte er ihn die vergangenen Tage nicht ein einziges Mal gehört, erst in seinem Gespräch mit Schwarzfuß. Das ergab doch alles keinen Sinn. Hieß das, dass er ihn nicht immer hören konnte? Also war es anders als… damals. Er musste herausfinden, was anders war.

„Gut, fangen wir mal vorne an. Es muss eben irgendeinen Auslöser gegeben haben, weshalb wir plötzlich einander hören konnten. Was ist passiert, als du aufgewacht bist? Woran hast du gedacht? Was hat Chopper gesagt? War irgendetwas seltsam? Jede Kleinigkeit kann entscheidend sein. Vielleicht… Hatte da irgendetwas mit mir zu tun?“

Keine Ahnung“, kam die Antwort, ehe Law seine Frage überhaupt beendet hatte. Es war wirklich ein seltsames Gefühl, ein Diagnostikgespräch zu führen, ohne im selben Raum zu sein. „Hab nur geschlafen und dann bin isch aufge… Chopper… er hat deine Notizen gelesen und sich über deine… uhm… nich ganze Wörter be…äääh… schlecht geredet?“

Würde Law drüber nachdenken, wäre er wohl zufrieden, wie Zorro die schriftlichen Abkürzungen seiner Notizen beschrieb, aber seine Aufmerksamkeit lag auf etwas anderem. Er glaubte, zu verstehen, wie diese seltsame Verbindung, die ihm nicht unbekannt, aber auf diese Art auch nicht bekannt war, wohl funktionierte.

„Okay“, murmelte er, „und das heißt, während Chopper über mich gesprochen hat, hast du mich plötzlich reden gehört?“

„Ja“, kam die einsilbige Antwort.

„Hat er oder dein Kapitän oder sonst wer die vergangenen Tage auch über mich gesprochen, wenn ich nicht anwesend war?“

Wa… keine Ahnung. Warum is das…?“

„Beantworte mir einfach die Frage. Ich bin etwas am Überprüfen.“

„Kann sein, aber da hab isch disch nie gehört.“

Das hatte er auch nicht erwartet. Die Zeiten, die er nicht bei Zorro im Krankenzimmer gewesen war, hatte er meistens nur schnell etwas gegessen, war im Bad gewesen oder hatte geschlafen, das hieß, er hatte im Zweifel nicht viel gesprochen. Und wenn er den Gedanken weiterspann, dann wusste er, dass Zorro eher bei ihm gesprächig war und meist schlief während Chopper auf ihn aufgepasst hatte.

Law hatte eine Hypothese, aber ganz überzeugt war er nicht. Am liebsten würde er noch weitere Tests durchführen, aber das könnte schwierig werden. Denn um seine Hypothese zu bestätigen, müsste er bewusst nicht an etwas denken, aber das Gehirn kannte keine Verneinung, es war unmöglich, gezielt über etwas nicht nachzudenken, da man in dem Moment, wenn man sich verbot, über eine gewisse Sache nachzudenken, genau das bereits tat.

Drafo?“

Nein, er war sich eigentlich ziemlich sicher, Recht zu haben. Nach einer weiteren Sekunde entschied er sich gegen weitere Tests, die vermutlich nur fehlschlagen würden, da er sich nicht zwingen konnte, nicht zu denken, erhob sich und ging zurück ins Krankenzimmer.

Zorro saß im Bett und hielt seinem Blick problemlos stand, während Law überlegte, wie er es am besten angehen sollte.

„Also“, kam es dann von Zorro, „was geht hier vor? Isch kann deine… Gedanken hören?“

„Nein“, widersprach Law und lehnte sich wieder an den Schreibtisch, „aber wir können einander in unseren Köpfen hören, wenn der andere spricht.“

Unbeeindruckt zog Zorro nur eine Augenbraue nach oben.

„Was?“

„Wir scheinen eine Art kommunikative Verbindung zu haben, sodass wir einander hören können, selbst wenn unser Gehör dazu physisch nicht in der Lage sein sollte.“ Nachdenklich legte Law Daumen und Zeigefinger an sein Kinn. „Allerdings scheint es auch nicht uneingeschränkt zu funktionieren. Schließlich hören wir einander nicht ununterbrochen – zum Glück.“

„Heist?“

„Ich glaube, diese Verbindung ist… wie zwischen zwei Teleschnecken, sie funktioniert nur, wenn sie von beiden Seiten eingegangen wird.“ Er sah Zorro an, dass er ihn nicht verstand, aber wieder mal lag es wohl nicht an seinem derzeitigen Zustand. „Wir scheinen über diese seltsame Verbindung nur miteinander kommunizieren zu können, wenn wir beide jeweils mit den Gedanken beim anderen sind. Du hast mich zu Schwarzfuß erst reden gehört, als Chopper über mich sprach und ich über dich. Die Stunden davor, als ich mich mit Uni über Materiallisten unterhalten habe und Chopper deine Werte gemessen hat, haben wir einander nicht gehört. Verstehst du?“

Mittlerweile hatte auch Zorro die Arme verschränkt, lehnte gegen mehrere Kissen und hatte nachdenklich den Kopf gesenkt.

„Ja… denke isch“, murmelte er so absolut ruhig, als wäre es nichts Besonderes, dass zwischen ihnen eine telepathische Verbindung bestand, die eigentlich nicht da sein sollte, „aber isch verstehe nich…, wieso wir das können.“

Law schwieg. Er hatte die Antwort – oder zumindest etwas in der Art – aber er haderte noch. Bereits dieses Gespräch hätte er eigentlich vermeiden sollen. Hätte besser seine Lüge gegenüber Chopper auch Zorro gegenüber bekräftigt. Aber so weit hatte er in jenem Moment nicht gedacht, war zu…

„Trafo.“ Er sah auf, hatte fast vergessen, wie sich dieser Blick in seine Seele fressen konnte. „Du weißt, was los is, oder?“

Lügen hatte keinen Sinn. Zorro ließ es sich vielleicht nicht immer anmerken, aber er wusste, wann man ihn anlog.

Seufzend gab Law sich geschlagen und nickte. „Ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es dir sagen sollte.“

Nun neigte Zorro leicht den Kopf, sah ihn fast schon belustigt an.

„Warum? Dengst du, mein Kopf würde es nich backen?“

Diese Bemerkung brachte selbst Law zum Schmunzeln.

„Es liegt an etwas, das du vergessen hast, und ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Erinnerungen wachrütteln sollte. Vielleicht wäre es für alle Beteiligten besser, wenn du dich nicht erinnern würdest.“

Zorro hörte ihm ausdruckslos zu, dann senkte er den Blick und schien für mehrere Momente nachzudenken, ehe er sachte nickte und Law wieder ansah.

„Die ledsten Tage waren… schwer.“

„Schwierig.“

„Was auch immer. Mein Kopf und Körper wollen nich wie isch und alle sehen misch… seltsam an. Isch bin langsam und es nervt. Alles ist… anschtrengend. Und, wenn du weißt, wieso, sag es mir.“

„Wie du willst.“

Law zog sich den Drehstuhl heran und ließ sich reinfallen. Eine lange Sekunde sahen sie einander nur an und dann begann Law zu erzählen. Er sprach davon, wie Zorro vor ihm zusammengebrochen war, wie sein Herz aufgehört hatte, zu schlagen, wie Law ihn wiederbelebt hatte, geflucht hatte, und dann alles, was danach gekommen war. Die Sonne ging irgendwann unter und Law schaltete das Licht an, ohne dass jemand sie stören kam, während er weiterredete.

Zorro sah ihn dabei die ganze Zeit so ausdruckslos an, dass Law beinahe daran zweifelte, ob er ihn wirklich verstand. Aber natürlich wusste er es besser. Zorro hatte die vergangenen Tage nicht ein Mal ein Verständnisproblem gezeigt. Er hörte zu. Er verstand.

Natürlich versuchte Law, sich auf das Wesentliche zu beschränken, auf das Informative – Zorro musste nicht jede Streitigkeit und jeden unnötigen Moment wissen – und der Tag war anstrengend für Zorro gewesen, daher blieb Law bei den relevanten Geschehnissen.

Schließlich beendete er seine Zusammenfassung damit, wie Zorro langsam wieder zu sich gekommen war und Law versucht hatte, sein Gehirn mithilfe seiner Teufelskraft zu begutachten, aber abgestoßen worden war.

Danach war es recht lange still im Raum und Law wagte nicht, diese Stille zu unterbrechen, wollte die Gedanken des anderen nicht stören, wusste er doch, dass dies derzeit eben nicht so leicht für ihn war wie sonst.

„Okay“, sagte Zorro dann nach mehreren Minuten, „also bin isch so, nicht weil… tze, wie heißt es? Mein Gehirn war nicht kaputt, sondern… isch war einfach nicht da?“ Er klopfte sich selbst gegen die Schläfe.

Law nickte langsam.

„Das ist zumindest meine Erklärung. Ich konnte bei meinen Untersuchungen keinerlei Hirnschäden feststellen – was aber eigentlich nichts zu bedeuten hat, nicht alle sind sichtbar – und ich vermute, dass deine Hypothese tatsächlich richtig war.“

„Meine?“ Zorro sah ihn an.

„Einfach gesagt, dein Körper war so gut wie tot und irgendwie hat meine Kraft deinen Körper an mich gebunden, genauso wie deinen Verstand anscheinend, vermutlich damit dein Körper genug Zeit hatte, um zu heilen und überleben zu können. Vielleicht hat dein Körper sich sogar meiner Energie bedient, um schneller zu regenerieren – das würde zumindest erklären, warum es mir so beschissen ging - und das in etwa hattest du vermutet.“

Doch Zorro grinste nicht, feierte sich nicht für seinen Glückstreffer.

„Und du sagst, das war, weil du unser Blut… gemischt hast.“

Law nickte.

„Und diese Verbindung ging weg, als das Blut vom Körper…“

„Verarbeitet wurde, genau.“

Nun zeigte Zorros Blick einen kleinen Sieg, als Law ihm unbewusst die Worte vorgegeben hatte, weil er so konzentriert im Gespräch war, dass er ganz seine ärztliche Pflicht vergessen hatte.

„Okay“, nickte Zorro dann erneut. „Isch verstehe. Du hast misch aus meinem Körper geholt und jetzt muss isch… meinen Körper wieder… üben.“

„Vermutlich“, stimmte Law zu. „Deine Entwicklung bisher zeigt, dass du vermutlich wirklich keine Schädigung hattest, aber dein Körper einfach zwei Wochen keinerlei Stimulierung durch dein Gehirn erfahren hat – ebenso wie dein Gehirn selbst – und deshalb braucht es etwas, bis alles wieder aufwacht.“

„Heist“, murmelte Zorro, mehr zu sich selbst als zu Law, „isch kann wieder isch werden.“

„Du bist bereits wieder du, nur noch etwas langsam“, bemerkte Law mit einem Schmunzeln, obwohl er genau wusste, wie Zorro diesen Satz meinte.

Doch Zorro ging darauf gar nicht ein, sondern hob zwei Finger in die Höhe.

„Swei Fragen“, meinte er schließlich. „Warum wolltest du es mir nich sagen? Und wieso höre isch disch, wenn das Blut doch weg ist?“

Interessanterweise stellte er jetzt genau die richtigen Fragen, wo er doch in den vergangenen Wochen gerne mal seinen Verstand ignoriert hatte.

„Erste Antwort: Es ist nur eine Vermutung, dass dein Zustand nichts mit einem Hirnschaden zu tun hatte. Und ganz gleich der Grund, du lagst für zwei Wochen im Koma, daher ist auch diese Information keine Garantie dafür, dass du wieder ganz der Alte wirst. Außerdem“, sprach er weiter, während Zorro ihn wieder ausdruckslos anhörte, „war die Zeit für dich mit Sicherheit nicht gerade angenehm und ich will nicht irgendwelche Erinnerungen auslösen. Auch, wenn du es nicht gerne hörst, du bist derzeit mental noch angeschlagen, da wäre sowas nicht förderlich.“

„Okay.“ Hinterfragte er Law noch nicht mal? „Frage Szwei?“

Law nickte.

„Es hat vielleicht etwas Gutes, dass ich die letzten Wochen so viele Fachartikel gewälzt habe“, erklärte er. „Ich hab da nämlich nochmal etwas gelesen, was ich bisweilen schonmal gerne vergesse, weil die Faktenlage dazu so dünn ist, dass die meisten Mediziner es nicht wirklich als Möglichkeit wahrnehmen. Es gab in der Vergangenheit ganz seltene Fälle, bei denen sich die DNA von Patienten, die eine Bluttransfusion erhalten hatten, verändert hat. Die Struktur des fremden Blutes wurde sozusagen Teil der Erbinformationen. Keiner weiß, wie so etwas möglich sein kann und was diese Veränderung der DNA ausgelöst haben könnte. Aber es gibt sie, diese Fälle, vielleicht nur Zufälle, ich weiß es nicht.“

Er zuckte mit den Schultern.

Zorro hingegen betrachtete seine Hände. „Heist, meine DNA… po…pro… macht dein Blut? In meinem Körper?“

„Vereinfacht gesagt, ja, zumindest ist das die einzige Erklärung, die ich für diese ganze Situation habe. Aber wie du siehst, sind es hauptsächlich Vermutungen und Möglichkeiten. Eine eindeutige Antwort habe ich nicht. Weder, wie du überleben konntest, noch, warum du mich wie ein Poltergeist heimgesucht hast und erst recht nicht, wie du wieder aufwachen konntest und wir nun diese seltsame Verbindung haben.“

„Mhm“, machte Zorro nur nachdenklich, ehe er aufsah. „Und deshalb kannst du in meinen Kopf nich mehr reingucken?“

Law seufzte leise auf. „Naja, meine Theorie dazu ist ziemlich simpel. Weißt du, mit meiner Teufelskraft kann ich jedes Gehirn untersuchen. Einzige Ausnahme ist mein eigenes. Als dein Verstand an meinen gekoppelt war, konnte ich zwar dein Gehirn untersuchen, du wurdest jedoch abgestoßen, durch meinen Verstand.“ Er wartete eine Sekunde, nur um sicherzugehen, dass Zorro ihm noch folgen konnte. „Und jetzt werden ich abgestoßen und zwar durch dich. Die logischste Erklärung für mich ist, durch meine DNA und mein Blut in deinem Körper ist mein Verstand mit deinem verbunden und meine Teufelskraft ist dadurch anscheinend verwirrt und denkt, der Verstand in deinem Gehirn wäre mein Verstand. Klar, soweit?“

Zorro sah nicht aus, als hätte er Law wirklich ganz folgen können. Einige lange Sekunden schien er nachzudenken, betrachtete seine Hände, wie so oft, wenn er versuchte, seine Gedanken zu greifen und zu formen.

„Lass uns… Kannst du… es machen?“, fragte er dann.

„Du willst, dass ich es nochmal ausprobiere?“, fragte Law kritisch nach. Sollte Zorro erneut diesem Blitzschlag ausgesetzt werden, könnte dies für ihn negative Folgen haben, schließlich war es schon recht schmerzhaft, wie Law selbst hatte lernen müssen.

Zorro nickte, sah ihn an. „Isch… will wissen, wie es ist. Ob es so ist.“

Er kannte diesen Blick, wusste, wann eine Diskussion keinen Sinn hatte.

„Okay, aber du musst mir versprechen, dass du bei dem leisesten Schmerz oder unangenehmen Gefühl mir Bescheid gibst, okay? Hey! Okay?“

Zorro rollte mit dem Auge.

„Du bist nervig.“

„Ich meine es ernst. Dieser Versuch könnte im schlimmsten Fall dazu führen, dass dein Verstand wieder aus deinem Körper in meinem gezogen wird. Ist dir das bewusst?“

Noch einen Moment sah Zorro ihn an, dann seufzte er. „Okay, isch sag dir Be… Be… tze, ich sag was.“

„Gut.“ Es war selten, dass er noch so oft nach Worten suchte, aber der Tag war anstrengend gewesen, ihr Gespräch lang. Law sollte sich beeilen. Kopfschüttelnd rollte er auf dem Bürostuhl heran, erschuf seinen Room, wartete kurz Zorros Nicken ab und legte dann seine Hände an Zorros Stirn und Kopf. „Bereit?“

„Mhm.“

Im nächsten Moment fand Law sich in dem grellen Licht wieder, aber ansonsten passierte nichts.

„Und?“, fragte er, mit geschlossenen Augen, es war immer noch so unangenehm wie beim ersten Mal.

„Alles gut“, murmelte Zorro. „Es bassiert nichts.“

Aber Law ignorierte ihn. Er hatte sich getäuscht. Es war nicht wie beim ersten Mal, nicht wie beim letzten Mal, nur im allerersten Moment war es so gewesen, aber jetzt hatte sich alles verändert. Es war warm.

Sein ganzer Körper war erfüllt von jener Wärme, wie wann immer Zorro ihn berührt hatte, und obwohl das Licht immer noch so grell wie eh und je war, war es auch anders. Vorher war es gewesen, als hätte er einen Vorhang von Licht angestarrt, hatte nie diesen Schatten dahinter gesehen, von dem Zorro immer gesprochen hatte. Jetzt war das Licht überall um ihn herum, immer noch grell, aber nicht mehr unangenehm, sondern warm und pulsierend, wie ein Strom an Energie und Law verstand, das hier war etwas, was keine Maschine messen konnte, keine elektrischen Signale, keine Nervenströme.

Fast schon bedächtig ließ er los und sah Zorro an, der seinem Blick eher verwirrt begegnete.

„Hat es geklappt?“, fragte er, anscheinend absolut unwissend demgegenüber, was Law gerade gesehen hatte.

„Nein“, antwortete er nach einem Moment, immer noch etwas sprachlos. „Wie ich gesagt habe, ich kann dein Gehirn nicht mehr untersuchen. Da war nur dieses Licht, von dem ich dir erzählt habe.“

Zorro nickte. „Also sind unsere… Verstande – stimmt das? – miteinander verbunden.“

„Sieht ganz danach aus.“ Leise schnaubte Law auf. „Da können wir uns glatt schon glücklich schätzen, dass wir uns nur hören, wenn der jeweils andere redet. Wie furchtbar wäre es, all deine Gedanken zu hören. Naja, so viele hast du ja davon auch nicht.“

„Sag mal“, murmelte Zorro und in diesem Moment klang er genau wie in diesen zwei Wochen, in den seltenen Momenten, in denen er Law um etwas bitten wollte. „Wie lange macht meine DNA dein Blut? Wie lange bleibt diese Verbindung?“

Ja, Law hatte es immer genervt, wenn der andere zeigte, dass er nicht halb so dumm war, wie er gerne schon mal tat, aber gerade merkte er auch, dass er den anderen genau deshalb leiden konnte. Weil er verstand, wenn es drauf ankam. Auch, wenn ihn genau dieser Charakterzug manchmal zur Weißglut trieb.

„Keine Ahnung“, antworte Law mit einem Schulterzucken.

„Du hast… keine Ahnung?“

„Nein. Wie gesagt, dass deine DNA verändert wurde, ist eh nur eine Vermutung von mir – und ich habe nicht die nötigen Gerätschaften, um eine Untersuchung auf molekularer Ebene durchführen zu können, welche diese bestätigen oder widerlegen könnte – und ich selbst habe von solchen Fällen nur gehört. Keine Ahnung, ob es nur vorübergehend ist oder auf Dauer.“

Das brachte den Schwertkämpfer dazu kurz aufzulachen: „Heist, es könnte bleiben?“

Law nickte. „Wenn wir Pech haben.“

Wieder lachte der andere auf und es war ein guter Klang, vertraut, wie wenn Shachi und Penguin miteinander stritten oder wenn Bepo im Schlaf ganz tief einatmete oder wie das Wummern der Maschinen, wenn sie in der Tiefsee unterwegs waren.

„Aber das erklärt es“, murmelte Zorro.

„Erklärt was?“, fragte Law nach.

„Meine Schwerter.“ Zorro nickte zu ihnen herüber, wie sie ganz unschuldig neben dem kleinen Nachttischchen standen. „Normalerweise, wenn isch nicht kann, macht Lysop sie sauber. Aber sie waren nich nur sauber, sondern… so, wie wenn isch es mache. Du wars das, oder?“

Überrascht sah er den anderen an. Es war ihm aufgefallen? Was für eine dumme Frage, natürlich war es diesem Schwertnarr aufgefallen, der nicht nur verschiedene Pflegeutensilien, sondern auch verschiedene Vorgehensweisen hatte, wie er jedes seiner Schwerter pflegte, behandelte. Obwohl er nicht so daherkam, so war er doch ein Perfektionist, sobald es um den Schwertkampf ging. Natürlich war es ihm aufgefallen.

Also nickte er.

„Ja, ich habe sie gepflegt, unter deiner Anleitung. Und auch, wenn ich es vor jedem anderen abstreiten werde, ich hab einiges von dir gelernt; kannst echt nicht schlecht erklären.“

Nun sah der andere ihn ungläubig an, als hätte Law ihm gerade ein Liebesgedicht rezitiert. Doch dann wurde sein Gesicht weich, wie Law es ein paar wenige Male die vergangenen Wochen gesehen hatte, und er wusste, wie sehr er es hasste, wenn dieser harte Kerl so weich wurde.

„Danke. Nich nur für meine Schwerter… für alles. Hättes du nich… tun müssen. Schlieslisch haben wir keine… uhm… Ani… Alians mehr.“

Unwirsch winkte Law ab. Er mochte noch weniger, wenn der andere sich bedankte – und nun bereits zum wiederholten Male, vermutlich hatte er das letzte Mal vergessen – und er mochte am allerwenigsten diese Wärme, die dann seine Magengegend erfüllte. Es war wirklich nervig.

„Nimm es nicht persönlich. Ich hab dir nur geholfen, weil ich es dir nach deiner beschissenen Kamikazeaktion geschuldet habe und weil ich es als Arzt nun mal hasse, meine Patienten zu verlieren.“ Unnötigerweise zögerte er für einen Moment. „Ich hasse es generell, zu verlieren.“

Grinsend schüttelte Zorro den Kopf. „Na, das kann isch verstehen.“

Nickend erhob Law sich.

„Nun ja, so oder so, am Ende ist ja noch mal alles gut gegangen und das ist die Hauptsache. Aber jetzt solltest du was schlafen, sonst muss ich mir wieder Vorträge von Chopper anhören.“

Er schob den Stuhl zurück an dessen Platz und zog dann Choppers Klemmbrett hervor, um ein paar Notizen zu ergänzen.

„Tut mir leid.“ Überrascht sah Law auf, Zorro zuckte leicht mit den Schultern und zeigte dieses schelmische Grinsen, welches er sich wohl von seinem Kapitän abgeguckt hatte, aber sein Blick war ernst. „War mit Sischerheit nervig für disch. Nich nur die anderen, sondern auch isch. Den ganzen Tag – und Nacht – für Wochen.“

Und deswegen war er so viel schlimmer als die anderen, als der Strohhut.

Nun war es Law, der mit den Schultern zuckte und sich gegen den Tisch lehnte.

„Schon gut, so schlimm war es nicht.“

Ungläubig sah der andere ihn an und neigte leicht den Kopf.

„Du bist ja eher der ruhige Typ.“ Daraufhin nickte er. „Und auch, wenn du mich echt manchmal nervst, ich kann dich ganz gut leiden… für einen Strohhut.“

Zorro schnaubte unter einem leisen Schmunzeln auf.

„Aber krieg mir das nicht in den falschen Hals. Ganz gleich, was geschehen ist, die Allianz ist Geschichte und sobald ich dieses Schiff am Morgen verlassen habe, ist diese Anekdote vorbei, verstanden?“

„Natürlich, schlieslich sind wir Piraten.“

 

Epilog

Epilog

 

„197… 198… 199… Uff!“

Law schloss sein Buch und lehnte sich zurück. Durchs Bullauge wurde die See langsam heller. Der Morgen war nah und sie würden bald auftauchen.

„Hab ich dir nicht gesagt, dass du es nicht übertreiben sollst?“

Dir auch einen guten Morgen, Trafo“, kam die warme Antwort an seinen Ohren. „Und mach dir mal nicht ins Hemd. Das hier ist nicht mal ein Fünftel meiner normalen Einheiten. Ich bin brav.“

„Ja, sicher, ich bin brav, sagte der Pirat.“

Kopfschüttelnd stand er auf und rieb sich den steifen Nacken.

Als dürftest du dich so aufplustern. Hast du die Nacht überhaupt geschlafen?“

„Das nennt sich Nachtwache.“

Nein, was ich mache, hier oben im Ausguck, nennt man Nachtwache. Was deine Crewmitglieder auf der Brücke machen, nennt man Nachtwache. Du bist einfach nur ein Workaholic.“

„Tze.“

Dann war es still, während er im Bad war.

Sag mal, Trafo, glaubst du, es wird je wieder weggehen, oder haben wir uns jetzt jeden Morgen an der Backe.“

Das brachte ihn zum Schmunzeln.

„Wenn es doch nur morgens wäre. Ich kann wirklich drauf verzichten, dass du mir plötzlich ins Ohr brüllst, nur weil dein Kapitän meinen Namen beim Essen fallen lässt.“

Was du nur dann gehört haben kannst, wenn ihr euch ebenfalls über uns unterhalten habt.“

Law seufzte, ging jedoch bewusst nicht auf diese Fehleinschätzung ein. Auch wenn es ihn wurmte, seine Crewmitglieder sprachen nicht annähernd genug über die Strohhüte, um zu rechtfertigen, wie oft er die Stimme des Schwertkämpfers direkt an seinen Ohren hörte.

„Ich weiß es nicht”, entgegnete er daher schlicht und blieb bei der eigentlichen Frage. “Nach jeglichen Studien, die ich kenne, müsstest du mein Blut bereits verarbeitet haben, und dennoch halten wir diesen Plausch gerade. Vielleicht ist es gerade das letzte Mal, vielleicht dauert es an, bis du stirbst.“

Du denkst, dass ich vor dir sterbe?“, entgegnete der andere nach einer langgezogenen Sekunde.

„Wenn ich so an unsere letzten Kämpfe denke: Ja! Ich handle bedacht, du bist einfach nur wahnsinnig.“

Red dir das ruhig ein, Chirurg des Todes, aber ich hab keine 100 Herzen an die Weltregierung verschickt, nur um Samurai zu werden.“

Kopfschüttelnd ging Law zurück in seinen Raum und für einen Moment bildete er sich ein, dass Zorro dort im Schreibtisch stehen würde. Vielleicht hatte er ja Recht, vielleicht war auch Law nicht ganz normal.

„Nein, du hast nur den Samurai, den du besiegen willst, darum gebeten, dich dafür auszubilden, nachdem du bereits einmal beinahe von ihm getötet wurdest“, stichelte er zurück, ehe ihm einfiel, wann Zorro ihm diese Kleinigkeit erzählt hatte, und dass dieser daher gar nicht wusste, dass Law all diese Hintergründe kannte, und es Zorro vielleicht lieber gewesen wäre, wenn Law es nicht erfahren hätte.

Sag mal, wo seid ihr gerade unterwegs?“

Diese Frage und der plötzliche Themenwechsel überraschten ihn, bestätigten seine Befürchtung. Dann besann er sich eines Besseren und begann, sich nachtfertig zu machen, auch wenn es schon früher Morgen war.

„Selbst, wenn ich dir sagen würde, wo wir sind, dir würde das eh nichts bringen, bei deinem Orientierungssinn.“

„Fies“, kam die schalkhafte Antwort, die zeigte, dass Zorro anscheinend doch nichts dagegen hatte, dass Law manches wusste, „hab nur darüber nachgedacht, dass ich echt gerne mal gegen dich kämpfen würde, wenn ich wieder richtig fit bin.“

Er hielt inne, sein Blick fiel auf sein Schwert und er erinnerte sich an jene Gespräche, an die nur er sich erinnern konnte.

„Tja, die Allianz besteht nicht mehr und wir sind beide Piraten, also könnte das bei unserem nächsten Aufeinandertreffen durchaus passieren“, entgegnete er kühl.

Hört sich gut an“, antwortete dieser Wahnsinnige, „und dann lädst du mich auf einen Sake ein, wie du es versprochen hast.“

„Tze, du weißt genau, dass ich das nur gesagt habe, weil…“ Er verstummte. Dann schloss er seine Augen und setzte sich auf die Bettkante, atmete tief ein, während Zorro schwieg, einfach schwieg, und Law atmete, nicht mehr, die Augen geschlossen. Er hätte nicht gedacht, dass er so reagieren würde, so emotional reagieren würde, aber überraschen sollte es ihn eigentlich nicht, zu viel war in jenen zwei Wochen passiert, in denen doch eigentlich nichts passiert war. Noch einen Moment holte er Luft, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Meinetwegen. Aber nur, wenn du mir danach zeigst, warum du Reispapier so viel besser findest als ein Baumwolltuch.“

„Deal.“

Er ließ sich nach hinten fallen, verschränkte die Arme.

Okay, dann gute Nacht. Versuch, heute nicht draufzugehen.“

Wieder schnaubte er auf.

„Und das kommt ausgerechnet von dir, tze, geh endlich schlafen, du Vollidiot.“ Kurz fiel sein Blick auf das Poster der verschiedenen Schwerter, welches über seinem Nachttisch hing. „Bis Morgen.“

Einen Moment war es still und dann musste Law lächeln.

„Bis Morgen, Trafo.“

 



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Kommentare zu dieser Fanfic (3)

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Von:  DoD
2025-04-14T00:26:21+00:00 14.04.2025 02:26
Ich habe das Gefühl, sie machen sich gerade ein wenig selbständig - in dem Sinn wie du es selbst einmal irgendwo bei der Triologie erwähnt hast - und I‘m here for it!

Law ist halt einfach grande, ich frage mich gerade obs an der tragischen Backstory liegt, seine Art, die Interaktionen mit den Stohhüten, Punk Hazard war Comedygold. Law bei dir ist genauso organisch. Irgendwo diese Schnittstelle aus Traits, die andere Charaktere auch haben, aber anders dosiert.
Ich denke nicht, dass du jemanden sterben lässt, aber die Möglichkeit so lange aufrecht zu erhalten und über 10 Kapitel einen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten, der nur um eine halbtote und eine halblebendige Person geht, ist schon eine beindruckende Leistung. 💯
Antwort von:  Sharry
19.04.2025 13:56
Hey, danke dir für deinen Kommentar und well... ich würde behaupten, sie machen sich immer selbstständig und ich renne einfach nur mit Stift und Papier hinterhier und versuche, alles schnellgenug aufzuschreiben^^'

Und Danke dir für dein Lob! Ich freue mich total, dass Law seiner selbst getreu rüberkommt, und ja, ich finde seinen Charakter auch sehr spannend, weil er auf den ersten Blick halt intelligent, ruhig und ernst wirkt, aber irgendwo ist er auch unglaublich dramatisch und trotzig (come on, einen wallenden Mantel mit Corazon zu tragen, wenn man vorhat dessen Bruder in dessen Namen aufzuhalten (ggf sogar zu töten, wenn man die Chance bekommt) ist sowas von dramatisch und out of spite), gleichzeitig ist er mit seiner Crew (allen voran Bepo) zwischendurch so soft, wie so ein grumpy Onkel.

Aber ich muss eindeutig an meinem Image arbeiten, wenn man mir nicht zutraut, jemandem sterben zu lassen ;-P freut mich, dass es dir gefällt und ja, ich hab zwischendurch tatsächlich überlegt, es als ein reines Kammerspiel zu schreiben, mich dann aber dagegen entschieden, weil ich dann zB die Eingangsszene vom Kampf komplett hätte weglassen oder nur als Erinnerung hätte darstellen können und dafür macht es mir zu viel Spaß, wenn Zorro mit seinem Wahnsinn Law ein bisschen in den Wahnsinn treibt.

Liebe Grüße und frohe Ostern^^
Von:  Himmelsinsel
2025-01-16T07:56:52+00:00 16.01.2025 08:56
Guten Morgen

ein wirklich interessantes Kapitel was du da verfasst hast. Wir Leser bekommen hoffentlich im nächsten die Erklärung warum der Schwertkämpfer so auf den Chirurgen reagiert und warum er nun doch keine Halluzination ist.
Vor allem dachte ich am Anfang, dass Zorro's Körper und Law im selben Raum sind, aber da habe ich mich wohl getäuscht. Naja kann ja jeden mal passieren.

Ich wünsche dir noch einen schönen Tag. Bis bald

Liebe Grüße Himmelsinsel
Antwort von:  Sharry
17.01.2025 20:45
Einen schönen guten Abend,

vielen Dank für deine lieben Worte. Freut mich, dass es dir gefällt, und ja, es wird ein paar (wenige) Erklärungen geben (geplant kommt das Kapitel morgen).
Aber nein, du hast Recht, am Anfang befanden sich Law, Zorro und Zorros Körper in einem Raum. Law hat diesen nur verlassen, um auf dem Flur nach jemandem zu suchen, der kein Hirngespinnst ist ;-)

Wünsche dir noch ein schönes Wochenende

Liebe Grüße
Sharry
Von:  Himmelsinsel
2025-01-07T07:27:40+00:00 07.01.2025 08:27
Hallo Sherry,

ein toller Start in die Geschichte. Ich bin ein großer Zorro Fan und hoffe, dass er es überleben wird, aber da Law bereits erste Hilfsmaßnahmen macht und jetzt Chopper da lst, denke ich dass er es schafft.
Da bin ich auf das nächste Kapitel gespannt und freue mich jetzt schon es bald lesen zu können.

Liebe Grüße
Himmelsinsel
Antwort von:  Sharry
11.01.2025 11:46
Hallihallo,

vielen lieben Dank für deinen Kommentar und danke für dein Lob. Ich verrate wie immer nichts über den Verlauf der Geschichte, aber ich denke (und hoffe), du wirst Spaß haben ;-)

Liebe Grüße
Sharry


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