Raureif
Silbrig überhaucht sind
Dächer,
Bäume,
Autos.
Eingefroren in der Zeit
diese Stadt,
dieser Morgen,
dieser Augenblick.
Ehe die altersschwache Wintersonne unsere Erstarrung für kurze Frist erlöst
und das leise Versprechen
auf Wärme,
auf Fülle,
auf Wiedergeburt
hinterlässt.
(01.12.2024)
Winterruh
Alle Nüsschen vergraben
der Bau gerichtet
das Winterfell buschig
stecke ich die Nase nur raus in die Rauhwelt,
wenn die Not es zwingend gebietet.
Doch lieber noch
harre ich schläfrig darauf,
dass der Frühlingsvogel sein Lied singt.
(02.12.2024)
Rückblick, Ausblick
Ein weiteres Jahr, welches jugendlich - naiv begann,
mit Hoffnungen und Unsicherheiten,
welches gefüllt war mit Neugier und Lernen,
mit Errungenschaften und Rückschlägen,
mit Begegnungen und Abschieden,
neigt sich gen Ende.
Und in der Ruhe seiner Dämmerstunde blicke ich zurück.
Und in der Ruhe seiner Dämmerstunde wage ich den Ausblick
auf Neubeginn und Aufbruch,
aus das Ersehnte und das Gefürchtete,
auf das Unbekannte und das Überraschende,
lade das neue Jahr zu mir ein,
um erst mein Gast, dann mein Freund, dann mein Leben zu werden.
(03.12.2024)
Lichtermeer
Die Nacht kommt früher mit jeden Tag, doch ich fühle keine Not.
Den Blick aus dem Busfenster weich gestellt,
lasse ich sie einfach vorüberziehen,
die unzähligen Lichter meiner Stadt,
wie blinken und glitzern, in rot, silber, grün oder blau
und der winterlichen Dunkelheit trotzen.
Menschgemachtes Lichtermeer, hebt meinen Mut, kitzelt mein Herz.
(04.12.2024)
Gemeinsam
Wie wir die langen Nächte,
die frostigen Tage,
die dunklen Monate erdulden?
Gemeinsam, nie allein!
Schenke deinen Nachbarn ein Lächeln,
lade dir ein Haus voller alter Freunde
und gewinne neue,
baue mit deinem Herzensmenschen eine Deckenfestung,
besuche Familie oder Wahlverwandtschaft,
verbinde dich mit deinem tierischen Lebensbegleiter,
nur bleibe nicht allein.
Gemeinsamkeit!
Denn allein erfrieren wir.
(05.12.2024)
Ein letzter Gruß
Das Büschlein am Wegesrand,
das Blätterkleid abgeworfen.
Zurück blieb bloß das karge Geäst.
Doch seine Spitzen schmücken leuchtend rote Früchte
Von der Sommersonne genährt.
Ein letzter Gruß
und ein Versprechen.
(06.12.2024)
Winter in Pappe
Der Winder ist kalt,
wenn das Dach ein Pappkarton,
die Matratze eine Schicht aus Wellpappe ist,
wenn die durchgelaufenen Sohlen
mit einer dicken Papplage ausgebessert sind,
wenn der ganze Reichtum
einige Münzen in einem abgewetzten Pappbecher ist.
Der Winter ist kalt -
Spende Wärme!
(07.12.2024)
Erinnerungen an den Nikolaus
Ich sitze im Schlafanzug am Boden, die Bürste, die nach Schmierfett riecht in der einen Hand, mein kleiner brauner Stiefel in der anderen. Ich bürste wie wild Staub, Dreck und die Ränder vom Streusalz herunter, arbeite die ölige Paste ins Leder ein, nehme den Lappen, beginne den Schuh zu polieren, gehe dabei in jede Furche und Ritze, bis wirklich alles perfekt ist. Dasselbe mache ich mit dem anderen Stiefel. Perfektion ist wichtig, wenn ich die Belohnung will. Mama sagt zwar, dass ein Stiefel reicht, aber ich will ganz sichergehen.
Und nun muss ich mein glänzendes Paar Winterstiefel nur noch in Position bringen, nahe der Haustür, wo schon die Schuhe meiner Geschwister in Reih und Glied aufgestellt sind. Ich betrachte kurz mein Werk, nicke zufrieden und verschwinde dann im Badezimmer, um mich bettgehfertig zu machen, wie meine Mama es nennt.
Als ich dann in den Federn liege, fällt es mir schwer einzuschlafen. Ich sehe noch das Licht unter dem Türspalt, höre den Fernseher meiner Eltern, oder wie sie über den Flur laufen. Ich lausche auf die Tür, auf ungewöhnliche Geräusche. Wann kommt er wohl? Mitten in der Nacht, oder in den frühen Morgenstunden? Ich gehe einige Male ins Bad, doch immer wenn ich im Halbdunkel der Wohnung einen Blick auf unsere Schuhriege werfe, ist da noch gar nichts drin.
Er wird uns doch nicht vergessen haben?
Irgendwann schlafe ich doch noch todmüde ein. Und als ich am nächsten morgen aufwache, ist mein erster Gedanke: Endlich ist es soweit!
Ich klettere flink aus meinem Hochbett, meine Geschwister folgen mir, wir flitzen so schnell unsere kleinen Beine können zur Haustür und da ist die ganze Herrlichkeit.
Ich habe den Nikolaus zwar wieder einmal verpasst, aber er war da! Schokolade, Bonbons und kleine Geschenke erzählen davon und selig begutachte ich eingehend meine Schätze.
Achtsames Fest
Die To-Do-Liste endlos!
Es fehlen die letzten Zutaten,
einige Zusagen auf der Gästeliste,
etliche Geschenke,
der Großputz unerledigt,
ebenso wie der Friseurbesuch.
Ein Tag löst den anderen ab in Lichtgeschwindigkeit
und du weißt, du schaffst es nicht.
Der Hals wird dir eng,
dein Herzschlag stolpert,
du spürst dieses Brennen hinter den Augenlidern.
Doch dann, ganz leise, vernimmst du diese kleine Stimme:
"Atme! Lass´ los! Akzeptiere!"
Und dann weißt du es wieder:
Zusammensein, Freundschaft, Familie.
Besinnlichkeit, Kerzenschein, Lachen.
Mehr braucht es nicht.
(09.12.2024)
Gute Gaben
Gute Gaben
mit viel Liebe erdacht,
vielleicht sogar selbst gemacht
Freudige Erwartung beim Schenkenden
Freudige Erwartung beim Beschenkten
Der Wert dieser Gabe
drückt sich in Zahlen nicht aus.
Die Währung ist Herz,
Wertschätzung,
Freude.
(10.12.2024)
Stille Nacht
Stille im Haus
Ich höre hin und wieder vorüberfahrende Autos,
ferne Stimmen durch das geöffnete Fenster,
meinen Atem,
meinen Herzschlag.
Sonst nichts,
keine Musik, kein technisches Gerät.
Sollte dies nicht Wohltat sein?
Und dennoch,
kaum verstummt der Lärm im Außen fühle ich Unbehagen, .
Nichts übertönt mehr den Tumult im Inneren.
Schweren Herzens lausche ich also nun bewusst den Stimmen in mir,
den mahnenden,
warnenden,
sorgenvollen,
ängstlichen,
kindlichen,
verletzten.
Ich höre hin,
ich nehme ernst,
ich tröste,
ich suche Lösungen,
ich suche Erlösungen
ich heile.
Stille Nacht, heilsame Nacht.
(11.12.2024)
Heiliges Feuer
Von Hestia behütet
sammeln wir uns,
wärmen uns am heiligen Feuer,
bereiten unsere Speisen,
erhalten das Leben,
die Gemeinschaft,
die Familie.
Denn dort wo das Herdfeuer brennt,
dort ist niemand allein,
dort ist Zuhause.
(12.12.2024
Immergrün
Weihnachtsmorgen
Meine kleine weiche Hand in deiner riesigen rauhen Hand,
auf unserem Weg durch die verschneite Stadt.
Ich darf ihn aussuchen, hast du versprochen.
„Nicht zu groß und gleichmäßig gewachsen!“ höre ich Mamas Anweisung vor unserem Aufbruch noch in meinem Kopf.
Also inspiziere ich gründlich, suche Schönheitsfehler. Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst:
„Den da!“ entscheide ich schließlich.
Das wird unser Baum.
Nun erledigt Papa seinen Teil und schleppt das Ungetüm für uns nachhause. Ich versichere zwar, dass ich beim Tragen helfen könne und bin auch sicher, dass das stimmt, doch Papa findet, ich sei noch zu klein. Eine Gemeinheit, denn schließlich bin ich richtig stark.
Am Ziel angekommen, findet Mama unsere Beute wieder einmal zu groß. Doch der Baum stößt überhaupt nicht an die Decke, also ist er doch genau richtig, finde ich.
Die Tanne kommt in den schweren Ständer aus bemaltem Metall und nun sind wir Kinder an der Reihe. Kistenweise Kugeln, Strohsterne und Ornamente, die gleichmäßig verteilt werden wollen, während im Hintergrund der Fernseher mit dem weihnachtlichen Kinderprogramm läuft. Ich führe unser kleines Dekorationsteam an, helfe den Kleineren, wenn ein Schmuckelement einmal nicht ohne weiteres seinen vorgesehenen Platz einnehmen will.
Und die empfindlichen Glaskugeln darf selbstverständlich niemand außer mir aufhängen!
Wir klettern auf Heizkörper und den Sessellehnen herum, um auch die höchstgelegenen Zweige zu erreichen.
Und dann ist es irgendwann geschafft, unser der Baum sieht traumhaft aus. Mama setzt noch die Spitze auf, arrangiert die Kerzen und ich stelle mir vor, wie es in ein paar Stunden sein wird, wenn die Lichter brennen und unter dem Baum unzählige Geschenke liegen.
Ich stemme die Fäuste in die Seiten, nehme einen tiefen Zug der nach Harz duftenden Luft und ich lächele.
(13.12.2024)
Die Stadt erwacht
Wintermorgen.
Die Luft, die durch´s geöffnete Fenster dringt,
eiskalt.
Nur langsam weicht die Dunkelheit dem Dämmerlicht,
doch die Sonne wird sich auch heute nicht zeigen.
In vielen Fenstern brennt noch kein Licht.
Ich lausche.
Vereinzelt ein Vogel,
ein Motorenbrummen von fern,
müde Stimmen heimkehrender Nachtschwärmer.
Meine Stadt erwacht.
(14.12.2024)
Lichtblicke
(Elfchen: Versschema 1-2-3-4-1 Worte)
Lichtblicke
Sonnenschein, Kerzenschein
Hoffnungsspender, Klarsicht, Erleuchtung
Aus dem Schatten treten
Sichtbarkeit!
(15.12.24)
Freundschaft
Die Menschen an meinem Tisch,
die Erinnerungen,
das Lachen,
der Streit, nach welchem wir uns noch näher kamen.
Ich kenne euch, auch die Teile die ihr anderswo verbergen wollt
und auch ich zeige mich euch – ungeschönt.
Herzverbunden!
Auf euch darf ich zählen
und ihr vertraut auf mich.
Manche Lebenspfade für immer verknüpft,
manchmal gehen wir nur einen Teil des Weges zusammen.
Doch so oder so seid ihr ein Teil von mir,
habt ihr euch eingeprägt in mein Wesen.
Ohne euch wäre ich nicht dieselbe.
Und ich bin dankbar für euch.
(16.12.24)
Oh Tannenbaum
(Versform: Elfchen)
Immergrün
Harzige Düfte
Birgst gute Gaben
Strahlender Kerzenschein, leuchtende Augen
Kindheitserinnerung
17.12.24
Zu Zweit
Der Baum vor unserem Fenster
Kahles Geäst
Darin ein Taubenpaar,
das Gefieder wärmend aufgeplustert,
dicht aneinander gedrängt,
fest zusammenhaltend gegen Kälte und Dunkelheit
vom Frühling träumend.
Genau wie du und ich,
auf unserer Seite der Scheibe.
18.12.2024
Eifrige Hände
Eifrige Hände füllen täglich auf´s Neue
Regale in Kaufhaus und Supermarkt,
führen Pinsel, Schere, Puderquaste,
um uns schön für´s Fest zumachen,
reichen Glühwein und gebrannte Mandeln
sortieren und verteilen unsere Feiertagspost
Eifrige Füße nehmen Stufe um Stufe,
tragen die guten Gaben in unser Heim,
damit wir am Heiligabend nicht mit leeren Händen dastehen.
Eifrige Herzen sind im Krankenhaus oder Feuerwehr
auch dann noch für uns da,
wenn alle anderen längst feiern.
An all die Eifrigen, die Weihnachten möglich machen
geht mein Dank!
(19.12.24)
Winterzeit
(Elfchen)
Winterzeit
Kalt, dunkel
Kerzenschein und Zusammensein
Das Rezept gegen Winterblues
Wirkt!
(20.12.24)
Mutternacht
Mutternacht
Rauhe Nacht
Lange, kalte Düsternis
Gebiert das neue Leben
Kreisläufe
(21.12.24)
Gleichzeitig
Zur selben Zeit
wird ein Mensch geboren
und ein anderer Mensch geht für immer,
lebt der eine im Überfluss
und sucht der andere sein Essen im Müll,
verlieben sich zwei Menschen
und verlieren sich zwei andere,
feiern die einen glücklich ein Fest
und führen die anderen einen sinnlosen Krieg,
wird ein Kind innig geliebt
und ein anderes geschlagen.
All diese Dinge geschehen zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten.
Wir alle leben in beiden Welten
dürfen weder die eine, noch die andere vergessen
und müssen versuchen, diese Widersprüchen zu ertragen.
(22.12.24)
Vorfreude
Vorfreude
Auf den geschmückten Baum, glänzend im Kerzenschein
Auf einen Berg bunt verpackter Gaben
Auf Plätzchen, Musik, Zusammensein
Darauf dieses Jahr vielleicht doch irgendwie einen kurzen Blick auf den Weihnachtsmann zu erhaschen
Hellwach im Bett liegen und es kaum erwarten können, bis der große Tag anbricht.
Gestern ich
Und heute du, kleines Mädchen
Und durch deine Augen
Dankbar alles noch einmal sehen.
(23.12.2024)