February (Perfectly aligned)
„Und damit, meine Damen und Herren, beenden wir diese Stunde für heute. Ich erinnere Sie noch einmal an die Hausaufgaben und die Klausur übernächste Woche!“
Kobayashi-senseis Worte verhallten mehr oder weniger ungehört im sofort aufkeimenden Geschnatter, eiligen Aufziehen von Reißverschlüssen und lauten Stühlerücken. Geschichte war die letzte Stunde der Woche gewesen und Duke hatte, ebenso wie sämtliche seiner Klassenkameraden, keine Zeit zu verlieren, die Schule oder zumindest dieses Klassenzimmer gegen einen anderen, bestenfalls schöneren Ort – in seinem Fall den Laden – zu tauschen.
Er stand auf, hob seinen Rucksack auf den Tisch und begann seine Sachen einzupacken, wobei sein Blick für einen kurzen Augenblick an der schlanken, hochgewachsenen Gestalt hängen blieb, die mit ihrer edlen, ledernen Aktentasche bereits schnellen Schrittes den Raum verließ.
Noch bevor Setos Silhouette ganz durch die Tür entschwunden war, schob sich die von Tristan in sein Blickfeld.
„Was ist jetzt eigentlich, kommst du nun heute Abend mit ins Kino oder nicht?“, fragte er ungeduldig und baute sich mit vor der Brust verschränkten Armen vor Duke auf, so als würde er ihn ohne eine Antwort nicht gehen lassen.
Mit einem leicht amüsierten Kopfschütteln warf Duke sich den Rucksack über die Schulter. „Tut mir echt leid, aber ich kann nicht, hab noch Steuerkram für den Laden zu tun.“
Erfahrungsgemäß waren ‚Steuer‘, ‚Lohnabrechnung‘ und ‚Monatsabschluss‘ auf Platz Eins, Zwei und Drei der Worte, die seine Freunde am effektivsten von weiteren Nachfragen und Überredungsversuchen abhielten (auch wenn es bedauerlicherweise zur bitteren Realität eines Geschäftsinhabers gehörte, dass eines der drei eigentlich immer gerade anstand).
„Na gut, dann halt nicht!“, entgegnete Tristan sichtlich schmollend, „Aber du warst schon echt lange nicht mehr mit uns unterwegs, Mann! Wir können doch nicht immer auf Klassenfahrt fahren, nur damit du mal Zeit für uns hast!“
Natürlich kramte Tristan jetzt wieder die Klassenfahrt hervor, zu deren Antritt Anfang/Mitte Oktober letzten Jahres Duke noch fest damit gerechnet hatte, eine Woche lang nicht an Arbeit denken zu müssen und einfach nur Spaß zu haben. Nun, dieser Wunsch hatte sich schon kurz vor der Abfahrt zerschlagen, dafür waren auf besagter Klassenfahrt (neben ein wenig Spaß) auch andere … interessante Dinge passiert, die nicht zuletzt eine der Hauptursachen dafür bildeten, dass er seinen Freunden heute nicht zum ersten Mal unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eine Absage erteilte.
„Sorry, Leute, irgendwann klappt es schon mal wieder!“, beruhigte er Tristan und die anderen, die mittlerweile ebenfalls dazu gestoßen waren, mit einem Lächeln und wollte sich schon an ihnen vorbeischieben, da trat ihm Joey in den Weg, die Hände in die Hüften gestemmt.
„Irgendwann?! In fünf Wochen ist die Schule zu Ende – für immer! Dann ist nicht mehr viel mit ‚irgendwann‘!“
„Schon klar, aber wir werden doch nicht sofort am nächsten Tag alle weg sein!“ Aus dem Augenwinkel erhaschte Duke einen Blick auf die Uhr an Teas Handgelenk: 16:25 Uhr. „Verdammt, ich muss jetzt wirklich los! Und macht euch keine Gedanken, Leute, wir kriegen schon noch was auf die Beine gestellt!“
Damit klopfte er Joey noch einmal auf die Schulter, verabschiedete sich und hetzte die Treppen nach unten in den Hof zu seinem Fahrrad.
~°~
Ein sanftes Klopfen an der Tür seines Büros in der Firma schreckte Seto aus seiner Konzentration. Kaum eine Sekunde später schob sich ein wilder, schwarzer Haarschopf in sein Blickfeld.
Seto sah von seinem Computerbildschirm auf und seinen jüngeren Bruder leicht verwundert an. „Was machst du hier?“
Mokuba ließ den Schulrucksack von seiner Schulter gleiten und öffnete seine Uniformjacke. „Ich wollte dich nur nochmal zu Gesicht bekommen. Du hast doch heute Abend wieder diesen langen Call für das Fabrik-Projekt, richtig?“
Seto nickte. „Es wird wieder sehr spät werden, also–“
„Ja ja, Warte nicht auf mich!, ich weiß!“, spulte Mokuba die für ihn bereits altbekannte Leier ab, warf sich quer auf einen der Besuchersessel vor Setos Schreibtisch und ließ die Beine über eine der Armlehnen in der Luft baumeln. „Kommt ihr denn gut voran? Was meinst du, wie lange es noch dauern wird?“
Schnell wanderten Setos Augen wieder zurück auf den Bildschirm, um dem fragenden Blick aus den großen, grauen Augen auszuweichen. „Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Immerhin versuchen wir unsere bisher größte Fabrik mit der modernsten Fertigungstechnologie aufzubauen. Und Brasilien ist nun einmal nicht gerade in der Nachbarschaft. Allein die Planungs- und Genehmigungsphase kann sich noch über Monate hinziehen.“
„Verstehe“, antwortete Mokuba und sein langgezogenes Seufzen war gerade so laut, dass Seto es hören konnte.
Ein Ziehen machte sich in seiner Brust bemerkbar, obwohl er doch eigentlich eher erleichtert sein sollte. Bisher schien Mokuba ihm die Sache jedenfalls tatsächlich abzunehmen und nicht misstrauisch zu werden. Immerhin hatte er sich auch wirklich alle Mühe gegeben, es glaubhaft wirken zu lassen: Nicht nur war der Serientermin alle zwei Wochen am Freitagabend in seinem Kalender geblockt, er hatte sogar ein kleines Programm geschrieben, das vorspiegelte, dass er sich tatsächlich in einer Videokonferenz befand. Außerdem hatte er in den Dateien auf seinem Rechner sowie in diversen Abteilungsverzeichnissen der Unternehmenscloud entsprechende Bilder und Pläne abgelegt. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, da er nur zu genau wusste, dass Mokuba sich auf die Suche machen würde, sobald er auch nur den kleinsten Hauch von Zweifel an der Geschichte verspürte. Noch schien die Luft rein zu sein, aber ein Seto Kaiba war eben niemals unvorbereitet.
„Na gut, dann lasse ich dich mal weitermachen.“ Mokuba erwachte aus seiner kurzen Versenkung, hüpfte von dem Sessel herunter und griff nach seinem Rucksack. „Wir sehen uns dann morgen früh?“
„Ja“, bestätigte Seto mit einem minimalen Lächeln.
„Alles klar, bis dann! Und viel Erfolg!“ Mokuba winkte noch einmal, dann verließ er das Büro.
Die Tür war bereits leise hinter ihm ins Schloss geklackt, bevor Seto ihm nachrufen konnte, dass die Hausaufgaben Vorrang vor der nächsten großen Story-Mission in ‚Dragon’s Lore 2‘ hatten.
Er ließ sich nach hinten gegen die Stuhllehne sinken und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Stirn. Seinen kleinen Bruder belügen zu müssen gefiel ihm ganz und gar nicht, aber in diesem speziellen Fall ging es nun einmal nicht anders.
Außerdem: In fünf Wochen war die Schule vorbei. Vermutlich war es also nur noch eine Frage der Zeit, bis– … ach, egal. Darüber würde er sich erst Gedanken machen, wenn es soweit war.
Routiniert entsperrte er den Bildschirm und ignorierte den kurzen Stich in seinem Herzen.
~°~
Duke stand in der Küche und schüttete einen großen Haufen klein geschnittenes Gemüse von einem Brett in die heiße Pfanne. Die Melodie eines Songs, der vorhin im Laden gelaufen war, hatte sich hartnäckig in seinem Kopf eingenistet und er summte sie leise vor sich hin, während er die Sojasauce aus dem Schrank nahm, ein wenig davon in die Pfanne gab und den Inhalt einmal gekonnt durchschwenkte. Der pikante Duft von gebratener Paprika, Zucchini und Brokkoli breitete sich in der Küche aus. Beiläufig huschte sein Blick zur Uhr über dem Esstisch: 19:59 Uhr. Eigentlich müsste jede Minute–
Ein Schlüssel im Türschloss sowie das Klacken der sich öffnenden und wieder schließenden Wohnungstür mischten sich unter das scharfe Brutzeln und ließen Dukes Mundwinkel unweigerlich nach oben wandern. Pünktlich wie immer!
Er musste nicht im Flur sein, um zu wissen, dass Seto sich aller Wahrscheinlichkeit nach gerade verwundert umsah. Das Geräusch von Schuhen, die ordentlich in das Regal gestellt wurden, verriet jedoch, dass er sich nicht lange damit aufgehalten, sondern bereits eins und eins zusammengezählt hatte.
Tatsächlich stand er nur Sekunden später ebenfalls in der kleinen Küche; sein Blick verriet nach wie vor sichtliche Irritation, von der sich Duke jedoch nicht beirren ließ.
„Hast du schon gegessen?“, fragte er mit einem amüsierten Lächeln.
„Nein.“ Es klang mehr wie eine Frage als eine Aussage.
„Wunderbar! Ich hab es heute nämlich auch noch nicht geschafft und einfach schnell was in die Pfanne geschmissen.“
Seto rührte sich nicht von der Stelle und wirkte beinahe etwas verloren; kein Wunder, immerhin war es das erste Mal, dass sie sich trafen und etwas anderes passierte als gemeinsame Arbeit oder … nun ja.
Mit dem Gedanken hatte Duke schon länger gespielt und sich heute kurzerhand dazu entschieden, es zu wagen und aus den über die letzten Monate etablierten Mustern auszubrechen. Seit der Klassenfahrt und der darauffolgenden intensiven Arbeit an der DDM-Duel Disk, die bald endlich auch in Amerika erscheinen würde, hatten sie es nur selten geschafft, sich über das rein körperliche Zusammensein und das, was sie bereits auf der Klassenfahrt voneinander erfahren und miteinander erlebt hatten, hinaus noch besser kennenzulernen.
„Der Reis müsste gleich fertig sein, das Gemüse auch“, gab er ein kurzes Statusupdate und schaltete schon einmal die Herdplatte aus. „Willst du was trinken?“
„Wasser.“
„Kommt sofort!“ Duke öffnete einen Hängeschrank auf der anderen Seite der Küche, holte ein Glas heraus und ging damit zur Spüle. Seine Hand lag schon auf dem Wasserhahn, da spürte er eine vertraute Wärme hinter sich. Seto hatte ihn an der Hüfte gefasst, drehte ihn zu sich herum und küsste ihn mit einem Hunger, von dem Duke sich wünschte, dass er ihn auch dem Essen entgegenbrächte. Allerdings hatte er schon im Laufe der letzten fünf Monate gelernt, dass Setos Gelüste sich selten bis nie auf Essbares bezogen. So kicherte er nur sanft in den Kuss hinein, schlang seine Arme um Setos Nacken, das leere Glas noch immer in der Hand, und erwiderte den Druck und die Bewegungen der weichen Lippen.
Kaum zehn Sekunden später löste er zwar den Kuss, nicht aber den Blick von den ozeanblauen Augen, in denen ein Hauch von Enttäuschung zu erkennen war.
„Lass uns erstmal essen. Wäre doch schade drum, oder?“, redete er Seto mit verführerisch gesenkter Stimme ins Gewissen und ließ seine Arme sinken, um das Glas aufzufüllen.
Noch immer ein wenig widerwillig ließ Seto ihn gewähren.
„Setz dich, es geht sofort los!“
Er stellte das gefüllte Glas auf den Tisch, auf dem bereits Stäbchen und Papierservietten bereitlagen, holte zwei Teller aus dem Schrank, richtete jeweils Reis und Gemüse darauf an und platzierte schließlich einen vor Seto und einen auf seiner Seite des Tisches.
Mit unverhohlener Neugier beobachtete Duke wie Setos Hände sich um die Stäbchen schlossen und er den ersten Bissen zum Mund führte. Setos leises und fast ein wenig überraschtes „Hmh!“ zauberte wie von allein ein Lächeln auf seine Lippen und erst jetzt nahm er auch selbst die Stäbchen zur Hand und begann zu essen.
„Ich wusste nicht, dass du kochst“, stellte Seto zwischen zwei Happen beiläufig fest.
Duke zuckte mit den Schultern. „Ja, eigentlich schon immer. Meine Mom hat es geliebt für uns zu kochen. Ich hab ihr oft dabei zugesehen und geholfen.“
Die Erinnerung daran, wie seine Mutter in ihrer hellgrünen, merkwürdig gemusterten Schürze in der riesigen Küche mit Blick über die Bay stand und in einer Pfanne oder Rührschüssel rührte, ließ eine wohliges Kribbeln in ihm aufsteigen. In all den Jahren seit ihrem Tod und den darauffolgenden … Entwicklungen, hatte er mit keiner Menschenseele über diese Dinge gesprochen, doch in Setos Gegenwart kamen sie ihm mit geradezu erstaunlicher Leichtigkeit über die Lippen. Wann immer es passierte, musterten ihn die blauen Augen durchdringend und katapultierten ihn unwillkürlich zurück in jenes kleine Doppelzimmer in der abgelegenen Jugendherberge von Nagano. Genau wie damals lag auch jetzt nichts Spöttisches oder Überhebliches in Setos Blick, sein Ausdruck war weder besonders warm noch kalt, und doch bedurfte es keiner weiteren Worte, um Duke wissen zu lassen, dass er den Erinnerungen – den schönen, wie den weniger schönen – nicht mehr allein gegenüber stand.
Wärme schwappte wie eine Welle durch seinen Körper und er musste dem intensiven Blick kurz ausweichen, um seine gewohnte Leichtigkeit wiederzufinden.
„Außerdem:“, grinste er schließlich, „Nur weil ich alleine wohne, heißt das ja noch lange nicht, dass ich mich immer nur von Fertiggerichten und Takeout ernähren muss!“
Auch Setos Mundwinkel zuckten leicht nach oben, als er nickte und sich wieder dem Essen auf seinem Teller widmete.
„Worauf freust du dich eigentlich am meisten, wenn bald die Schule zu Ende ist?“, fragte Duke ohne Umschweife weiter, so als sei es das Natürlichste auf der Welt.
„Wirklich? Erst Essen, jetzt auch noch Small Talk?!“, entgegnete Seto trocken, aber mit einem Hauch Ironie in der Stimme.
„Small Talk?!“ In gespielter Empörung legte Duke eine Hand auf seine Brust, so als habe ihn Setos Bemerkung tief getroffen. „Oh nein, ich bitte dich! Small Talk ist es nur, wenn einen die Antwort nicht wirklich interessiert. Also?“
Anscheinend hatte sein Argument überzeugt, denn Seto neigte den Kopf ein wenig, so als würde er tatsächlich überlegen. Schließlich kräuselten sich seine Lippen minimal. „Darauf Kobayashi-sensei nicht mehr sehen – und hören! – zu müssen.“
Unwillkürlich musste Duke lachen, zwang sich jedoch schnell wieder zu einem nüchternen Ausdruck. „So sehr ich das grundsätzlich verstehen kann, die Frage war durchaus ernst gemeint.“
Ein überraschtes Funkeln huschte durch Setos Blick und er überlegte noch einmal.
„Nun, auf das gleiche wie du, schätze ich“, setzte er schließlich von Neuem zu einer diesmal echten Antwort an, „Endlich nichts mehr, was mich davon abhält mich mit den wirklich wichtigen Dingen zu beschäftigen. Ich kann morgens direkt in die Firma gehen, wie sonst nur in den Ferien, und muss im Gegenzug vielleicht nicht mehr ständig bis 20 oder 21 Uhr dort sein. Ich hätte endlich etwas mehr Zeit für Mokuba und vielleicht …“
Gespannt zog Duke eine Augenbrauen nach oben. „Vielleicht …?“
Seto schmunzelte vielsagend. „Vielleicht springt ja sogar auch der eine oder andere Abend mehr für“, er deutete erst auf den Teller und dann zwischen ihnen hin und her, „sowas hier raus.“
„Ich hätte nichts dagegen!“, gab Duke lachend zurück.
Er widerstand dem Drang, sich von der Vorstellung mitreißen zu lassen, hatte doch die Erwähnung von Setos kleinem Bruder ihn auf etwas gebracht, das ihn schon eine Weile beschäftigte: „Mokuba nimmt dir das mit dem Fabrikneubau also immer noch ab, ja?“
Mokuba war in den letzten Monaten zu einem Stammgast und -kunden im Black Clown geworden, sodass Duke immer wieder Gelegenheit gehabt hatte, sich auch mit dem jüngeren Kaiba ausführlicher zu unterhalten. So sehr er sich auch in einigen Dingen wie Tag und Nacht von seinem älteren Bruder unterscheiden mochte, war die Verwandtschaft doch mindestens genauso oft nicht von der Hand zu weisen.
„Ja, ohne Probleme“, antwortete Seto, ohne von seinem Teller aufzusehen.
„Aber wie lange noch?“, erlaubte Duke sich ausnahmsweise eine kritische Nachfrage.
Im Gemüt mochte Mokuba das genaue Gegenteil von Seto sein, den Scharfsinn jedoch hatte er mit ihm gemein und seine noch um einiges ausgeprägtere Beobachtungsgabe sowie sein Gespür für Menschen machten ihn, da war sich Duke sicher, als Gegner im Spiel und perspektivisch vermutlich auch als Geschäftsmann sogar noch um einiges gefährlicher. „Alt genug wäre er auf jeden Fall. Ich meine, es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis er selbst anfängt sich für–“
„Nein!“
„Aber–“
„Er ist mein Bruder und ich entscheide, ob und wann ich ihm davon erzähle!“
Das gefährliche Funkeln in den blauen Augen brachte Duke schließlich zum Einlenken. „Schon gut, du hast ja recht.“
Er war das Risiko in vollem Bewusstsein eingegangen, und dass sowohl Seto noch hier als auch er selbst noch in einem Stück war, war vielleicht der beste Ausweis der besonderen Stellung, die er in Setos Leben mittlerweile einnahm. Trotzdem: Bei seinen Freunden, allen voran Joey, sah Duke es ja auch selbst ein, aber warum Seto so darauf beharrte, seinen kleinen Bruder außen vor zu lassen, war ihm ein Rätsel.
So gut, wie er den Jungen mittlerweile kannte und die Sorgen, die dieser sich immer wieder um seinen großen Bruder und dessen Arbeitspensum machte, war er sich sicher, dass Mokuba mehr als erfreut wäre zu erfahren, dass zumindest ein kleiner Teil der Zeit mit anderen, schöneren Dingen verbracht wurde. Aber diese Frage laut zu stellen, stand absolut nicht zur Debatte. Wenn er eines auf und in den Monaten seit der Klassenfahrt gelernt hatte, dann dass man bei Seto Kaiba der Antwort auf diese Weise nicht näher kam, sondern im Zweifel eher das Gegenteil erreichte.
Das Schweigen, in dem sie die Mahlzeit beendeten, war denn auch weniger unangenehm, als ein Außenstehender vielleicht denken würde. Dukes Teller war als erstes leer, und als er die Stäbchen darauf ablegte, wanderte sein Blick fast automatisch zum Kühlschrank. Hatte er noch etwas da, das er als Nachtisch anbieten konnte?
„Du hast auch eine bekommen?“
Offenbar war Seto seinem Blick gefolgt und bei der Karte aus hochwertigem Büttenpapier hängen geblieben, die mit einem Magneten an der Kühlschranktür befestigt war: eine Einladung zum großen Jahresempfang des Wirtschaftsverbandes der Region Domino am kommenden Mittwoch.
Duke nickte. „Gehst du hin?“
Auch Seto legte nun seine Stäbchen ab und tupfte sich den Mund mit der Serviette ab. „Leider ist es dieser Tage nicht gerade einfach, den Verbandspräsidenten ans Telefon zu bekommen. Es gibt da ein, zwei dringende Themen, die ich mit ihm besprechen muss.“
„Dann werde ich wohl auch hingehen“, sagte Duke, stand auf und stellte die leeren Teller in die Spüle. „Sicher schadet es nicht, mich mal ein bisschen umzuhören, nach guten Standorten für den zweiten Laden.“ So lange wie er nun schon mit dem Gedanken spielte, den Black Clown zu einer kleinen Kette auszubauen, war es langsam an der Zeit Nägel mit Köpfen zu machen.
„Bist du sicher, dass du deinen Geburtstag lieber auf einem Sektempfang mit alten, reichen Menschen verbringen willst als mit deinen kleinen Freunden?“
Duke hielt inne und schmunzelte in sich hinein. Natürlich hatte Seto es gewusst.
Er stieß sich von der Spüle ab, trat auf Seto zu und schob sich mit einem verführerischen Grinsen auf dessen Schoß.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn mit dir verbringen will und wenn ich dafür die alten, reichen Menschen in Kauf nehmen muss, dann ist das bedauerlich, aber nicht zu ändern“, raunte er ihm mit anzüglichem Unterton zu.
Die letzten Millimeter waren schnell überwunden und der Rest des Abends verlief, da war sich Duke sicher, ganz Setos Erwartungen entsprechend.
~°~
Ungeduldig schob Seto die Manschette seines Hemdes wieder über seine Armbanduhr und sah sich um. Die Bar im obersten Stockwerk eines Wolkenkratzers – eine der besten und teuersten Adressen der Stadt – war angefüllt mit Frauen in bunten Cocktailkleidern und Männern mittleren Alters in Anzügen, die mit Sekt- und anderen Gläsern um geschmackvoll dekorierte Stehtische herumstanden und sich über die leise Pianomusik hinweg unterhielten. Schwarzgekleidete Kellnerinnen und Kellner wuselten unablässig zwischen den Gästen hindurch, Tabletts mit wechselnd gefüllten und leeren Gläsern auf dem Arm. Endlich, an einem Tisch am anderen Ende des Raums nahe der Bar, fand Seto was – oder besser wen – er suchte.
Sie waren nicht zusammen hergekommen, aber sie würden zusammen gehen. Nun, gewissermaßen. Und das hoffentlich recht bald, um ihren gemeinsamen Abend (und die Nacht) wenigstens noch ein bisschen genießen zu können …
Mit Sicherheit hatte Duke sich seinen Geburtstag anders vorgestellt, aber die Tatsache blieb, dass er ihn anscheinend lieber mit ihm verbringen wollte, als mit den Mitgliedern des Kindergartens, und das, obwohl sie – zumindest für einen Großteil des Abends – nicht wirklich miteinander interagieren konnten. Die Leichtigkeit, die Seto bei diesem Gedanken durchströmte, ließ sich nicht genau klassifizieren, war aber zweifellos überaus angenehm.
Aktuell unterhielt Duke sich jedoch nicht mit einem der anderen Gäste, sondern angeregt mit einer jungen, durchaus ansehnlichen Dame vom Catering-Personal, die mit einem leeren Tablett unterm Arm nahe bei ihm stand, kicherte und leicht errötete.
Setos Mundwinkel zuckten ein wenig nach oben und er schüttelte kaum merklich den Kopf. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte Duke im Verlauf des Abends bereits ihren Namen erfahren, was sie studierte und warum sie genau diesen Nebenjob ergriffen hatte.
Ohne, dass es dem Mädchen auffiel, wandte Duke ein wenig den Kopf und fing seinen Blick auf – dezent, aber doch mit jenem unwiderstehlichen Funkeln in den smaragdgrünen Augen, das niemand außer Seto zu sehen bekam.
Sie würde niemals eine Chance haben – selbstverständlich. Eigentlich müsste man Mitleid mit dem armen Ding haben …
So schnell wie der kurze Blickkontakt begonnen hatte, war er auch schon wieder vorbei; sie konnten es sich nicht leisten, ein Risiko einzugehen. Niemand wusste von ihrem … ihrer … davon, und so würde es bleiben müssen – aus verschiedensten Gründen.
Da! Der Verbandspräsident erhob sich und verließ die große Runde, die ihn praktisch seit Beginn der Veranstaltung in Beschlag gehalten hatte! Schnell schnappte sich Seto sein noch immer halbvolles Sektglas und lief ihm entgegen, um ihn abzufangen und das geplante Gespräch endlich hinter sich zu bringen.
Er erhaschte nur noch aus dem Augenwinkel, wie Duke die junge Kellnerin mit entschuldigendem Blick sanft am Arm berührte, sein anscheinend klingelndes Smartphone aus der Jacketttasche zog und durch die Glastür nach draußen auf die Dachterrasse entschwand.
„Sechs Monate?!“
Beinahe wäre Duke das Smartphone aus der Hand gefallen, doch zum Glück fand er schnell seine Fassung wieder und lief mit dem Telefon am Ohr zwischen den leeren, nass glänzenden Tischen und Stühlen hindurch auf und ab. Die Wolken, aus denen es bis vor ein paar Stunden noch in Strömen geregnet hatte, verzogen sich langsam und gaben von Zeit zu Zeit den Blick auf den Mond und vereinzelte Sterne frei.
„Ganz genau. Eine Wohnung bekommst du natürlich gestellt, ebenso wie ein Auto. Das hier ist immerhin LA, ohne ein Auto wärst du praktisch bewegungsunfähig.“
Als er wieder an der Brüstung ankam, blieb Duke stehen und ließ seinen Blick über das Lichtermeer des nächtlichen Domino schweifen. Pegasus schien wirklich bereits alles geplant zu haben …
„Okay, und was–“
„Du wirst in unserer Entwicklungsabteilung arbeiten und gemeinsam mit den Kollegen die erste große Dungeon Dice Monsters Erweiterung konzipieren: neue Mechaniken, Fähigkeiten, Monster, das ganze Drum und Dran, von Anfang bis Ende. Wenn du dich bewährst – woran ich überhaupt keinen Zweifel habe! – dann stehen dir hier bei Industrial Illusions alle Türen offen. Und deine nächste Spielidee wird noch schneller, besser und größer verwirklicht werden als DDM!“
Duke schluckte und seine Hand klammerte sich fester um das kalte Metall der Brüstung. „Ich … wow, Max, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
„Noch musst du gar nichts sagen. Denk in Ruhe darüber nach und sag mir bis Ende der Woche Bescheid, damit ich rechtzeitig alles Notwendige in die Wege leiten kann.“
„Sicher! Das … ist wirklich ein unfassbar gutes Angebot!“
Pegasus warmes Lachen drang ein wenig blechern aus dem Hörer. „Das will ich doch hoffen! Immerhin möchte ich ja, dass du so wenig Gründe wie möglich hast, es abzulehnen! Also dann, mein Lieber, denk darüber nach! Wir hören uns!“
„Natürlich! Bye, Max!“ Duke legte auf und lehnte sich seufzend mit dem Rücken gegen die Brüstung.
Ein kalter Windstoß fegte über die Terrasse und ließ ihn frösteln. Ein Sturm von Gefühlen tobte mindestens ebenso wild durch sein Inneres, Fragen schossen wie Blitze durch seinen Kopf und wurden unbeantwortet von immer neuen verdrängt: Wollte er wirklich in die USA zurück – und sei es auch nur vorübergehend? Hatte er das alles nicht endgültig hinter sich lassen wollen? Würde er eine solche Chance jemals wieder bekommen? Konnte er den Laden so lange allein lassen? Was wenn Hisoka nicht als Interims-Manager einspringen wollte?
Und dann war da ja noch …
Durch die große Glasfront fiel sein Blick hinein in die Bar. Seto war in ein Gespräch mit dem Verbandspräsidenten vertieft, der sich vermutlich gerade anhören durfte, warum und wie genau er Domino als IT-Standort zu stärken hatte.
Dukes Herz krampfte sich zusammen.
Um kurz vor 23 Uhr zog Seto sich von dem Empfang zurück, kurz nachdem Duke bereits dasselbe getan hatte. Wie im Vorfeld verabredet trafen sie sich in der Tiefgarage an Setos Wagen, um gemeinsam zu Dukes Wohnung zu fahren und den Abend angemessen ausklingen zu lassen.
Bis auf ein paar wenige Autos und Taxis waren die Straßen um diese Zeit glücklicherweise angenehm leer, sodass sie zügig vorankamen – diese nutzlose Veranstaltung hatte sie schon mehr als genug wertvolle Zeit gekostet.
An einem Stoppschild nutzte Seto die Gelegenheit einen kurzen, unauffälligen Blick nach links zu seinem Beifahrer zu werfen. Schon die ganze Zeit wirkte Duke irgendwie abgelenkt und nicht ganz bei der Sache, obwohl er es gewesen war, der die Unterhaltung begonnen hatte.
„… aber hey, immerhin hast du dein Gespräch mit dem Verbandspräsidenten bekommen!“, beendete er gerade seine kleine Bewertung des Abends, ohne von seinen Fingern aufzusehen, die auffallend unruhig mit dem Saum seines Jacketts spielten.
„Das schon“, bestätigte Seto, „wobei ich mich ernsthaft frage, ob es den Aufwand dort hinzugehen und zwei Stunden lang darauf zu warten, wirklich wert war.“
Endlich hob Duke den Kopf und sah ihn fragend an. „Wieso das?“
Seto verdrehte die Augen, während er anfuhr und in einen höheren Gang schaltete. „Der letzte Computer, den dieser Mensch je gesehen hat, war vermutlich Ende der Achtziger in einem Ladenschaufenster.“
Zufrieden nahm er Dukes Schmunzeln zur Kenntnis und schloss – durchaus mit Berechnung – eine Gegenfrage an: „Hast du überhaupt noch mit jemandem gesprochen?“
Das Schmunzeln seines Beifahrers wurde zu einem Grinsen. „Du meinst, außer der hübschen Kellnerin?“
„Mhm.“
So schnell wie es gekommen war, war das Grinsen wieder verschwunden. Ungewöhnlich.
„Nur kurz. Mit dem Geschäftsführer der Domino Gardens – da wird wohl demnächst ein größeres Ladengeschäft frei. Aber mein Laden in einer Mall, eingeklemmt zwischen irgendwelchen Klamottengeschäften, Dekoläden und Parfümerien …“, er schüttelte den Kopf. „Nur über meine Leiche.“
Eine Ampel brachte sie erneut zum Stehen und Seto warf noch einen ausgedehnteren Blick nach links. Entweder war das Telefonat so unwichtig gewesen, dass Duke vergessen hatte es zu erwähnen, oder …
Aber nein, er würde einen Teufel tun und nachbohren. Wenn Duke darüber sprechen wollte, dann würde er es tun.
Die Ampel wechselte auf grün, Seto sah wieder nach vorn und trat aufs Gaspedal.
Kaum hatten sie im Flur ihre Schuhe ausgezogen, kam es Seto vor, als wolle Duke seinem Blick entfliehen, so schnell wie er sich in Richtung Küche wandte. „Willst du noch was tr–“
Mit einem schnellen, festen Griff ums Handgelenk hielt Seto ihn zurück. „Später vielleicht.“ Kraftvoll zog er Duke zu sich heran und ließ seine Lippen knapp über denen seines Gegenübers schweben. „Erstmal haben wir noch etwas zu feiern, wenn ich mich nicht irre …“
Unerwartet stürmisch in Anbetracht seiner Schweigsamkeit in den letzten Minuten überwand Duke die wenigen Zentimeter zwischen ihnen, presste seine Lippen hart auf Setos, schlang die Arme um seinen Hals und drückte sich fest an ihn. Erneut beschlich Seto das dumpfe Gefühl, dass dahinter mehr steckte als bloßes Verlangen, aber es blieb dabei: Wenn er so weit war, würde Duke schon reden.
So schob er für den Moment alle störenden Gedanken beiseite und gleichzeitig das Jackett von Dukes Schultern. Leise rauschte es zu Boden, während Dukes Hände sich bereits gekonnt an seiner Krawatte zu schaffen machten. In Sekundenschnelle hatten die geschickten Finger den Knoten gelöst und kurz darauf auch das Hemd aus dem Bund seiner Hose befreit. Die Knöpfe waren in Windeseile geöffnet, Hemd wie Jackett landeten ebenfalls auf dem Wohnzimmerfußboden und Seto sah sich mit einer Leidenschaft in Richtung Schlafzimmer gedrängt, die es durchaus mit ihrer ersten gemeinsamen Nacht in dieser Wohnung aufnehmen konnte. Er hielt dagegen und ließ sich gleichzeitig mitreißen, küsste und erkundete jenen unwiderstehlichen Körper, den er ebenfalls bereits bis auf die Hosen entblättert hatte und der, so vertraut er ihm mittlerweile war, nichts von seiner aufregenden Neuheit und Anziehungskraft eingebüßt hatte.
Seine Anzughose blieb, ebenso wie Dukes, noch vor dem Bett auf dem Boden zurück und wie jedes Mal genoss Seto es, zumindest zeitweise die Kontrolle abzugeben, sich fallen zu lassen, dem zu folgen, was die weichen, warmen Hände, die zarten, heißen Lippen, die tiefgrünen, lustverschleierten Augen ihm eingaben. Genoss es, Duke zu sehen, wie ihn niemand sonst zu sehen bekam, seine Finger durch das offene schwarze Haar gleiten zu lassen und dieselben Gefühle in Duke hervorzurufen, die jener so meisterhaft in ihm hervorzurufen verstand. Als sich ihre Blicke trafen, lang und voller Wärme, schien es Seto einmal mehr, als könne Duke jeden einzelnen seiner Gedanken lesen – nicht, dass sie in diesem Moment irgendwo anders gewesen wären oder hätten sein können als hier und jetzt in diesem Bett.
Dennoch: Irgendetwas war anders, so als wäre ein Filter über die Szene gelegt worden, der sämtliche Eindrücke – die Hitze, die Küsse, die Leidenschaft – noch intensiver machte. Niemals hätte Seto es beschreiben oder in Worte fassen können, aber er konnte sie spüren, in jeder von Dukes Bewegungen, jeder Berührung seiner Finger, jedem halb erstickten Stöhnen: die Ahnung, dass etwas sich verändern oder vielleicht sogar enden würde.
Als müsse er irgendwie dagegen halten, stürzte er sich umso tiefer in das wilde Meer seiner Empfindungen, ließ sein bewusstes Denken vollständig hinter sich und sich völlig von dem Moment mitreißen.
Etwa eine Stunde später ließen sie sich verschwitzt und noch immer schwer atmend zurück auf die Matratze fallen. Seto drehte sich halb auf die Seite und verlor sich noch einmal im Anblick seines Gegenübers, dem verträumten Lächeln, dem erschöpften Nachglühen in den smaragdfarbenen Augen. Ein wohliges Kribbeln durchströmte seinen Körper und nach nur kurzem Kampf gab er es schließlich auf den Impuls zu unterdrücken, Duke ein paar verirrte schwarze Strähnen aus der Stirn zu streichen.
„Alles Gute zum Geburtstag!“, flossen die leisen Worte wie von selbst aus seinem Mund.
Trotz des eher nüchternen Tonfalls wurde Dukes Lächeln – dieses Lächeln, das Seto schon am ersten Tag der Klassenfahrt so vollkommen aus der Bahn geworfen hatte, ob er es gewollt hatte oder nicht – nur noch größer. Statt einer Antwort rutschte er ein Stück näher an Seto heran, um ihm einen zärtlichen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Als er den Kontakt wieder löste, hielt er die Augen noch ein wenig länger geschlossen, fast so als würde er versuchen, den Moment so genau wie möglich in seiner Erinnerung abzuspeichern.
Schließlich öffnete er die Augen wieder, stützte den Kopf auf und entließ ein tiefes Seufzen. „Pegasus hat mich heute Abend angerufen.“
Eine Sekunde lang schien Setos Herz auszusetzen und die verpassten Schläge gleich darauf umso schneller und härter nachholen zu wollen.
Er wusste, was kam.
„Natürlich um mir zu gratulieren, aber er … hat mir auch ein Angebot gemacht.“
Nun, ich trage mich mit dem Gedanken, den jungen Devlin zurück nach Amerika zu locken. Vielleicht erst einmal nur für ein paar Monate, im Rahmen eines großzügig bezahlten Praktikums, aber natürlich in der Hoffnung, dass er auf den Geschmack kommt und sich entschließt dauerhaft zu bleiben.
Wie ein Damoklesschwert hatten Pegasus Worte von damals über ihrer gesamten gemeinsamen Zeit gehangen, weshalb Seto penibel darauf geachtet hatte, diese ganze Sache – Das-mit-uns – nicht zu tief gehen zu lassen.
Nun, zumindest hatte er es versucht.
Und wenngleich er gewusst hatte, dass das Schwert unweigerlich irgendwann fallen würde, immer wieder ganz kurz prüfend nach oben geblickt hatte, kostete es ihn jetzt, wo es tatsächlich passierte, doch Mühe, die nötige Ruhe auszustrahlen und der Situation angemessen sachlich zu begegnen.
Von dem ein oder anderen knappen Nicken abgesehen lauschte er wie betäubt, ließ Duke erzählen von dem Praktikum, seiner Aufgabe, den Benefits.
Nachdem er geendet hatte, richtete Duke sich auf, sodass er im Schneidersitz dasaß und die Bettdecke nur noch seinen Schoß bedeckte. „Eigentlich hatte ich nicht vor, nochmal länger in die Staaten zurückzukehren, aber …“, er sah nach unten und knetete seine Hände, „Ich … ich glaube, ich werde das machen.“
Er klang weder besonders überzeugt noch besonders glücklich.
„Ich weiß“, war alles, was Seto einfiel. Pegasus hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Es war ein Angebot, das niemand, der ernsthaft in diesem Bereich arbeiten wollte, ablehnen konnte – und Duke am allerwenigsten.
„Ich muss das machen!"
„Ich weiß."
„Ich meine, ich wäre dumm, es nicht zu machen!“
„Definitiv.“
Duke hielt inne und sah ihn an, die Augenbrauen sichtlich irritiert zusammengekniffen. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
Seto zuckte mit den Schultern und schüttelte leicht den Kopf. „Was willst du von mir hören?"
Mit einem neuerlichen tiefen Seufzen ließ Duke sich wieder rücklings auf die Matratze sinken, wandte den Blick zur Zimmerdecke und rieb sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich weiß nicht, ich–“
Sehr bestimmt umfasste Seto Dukes Handgelenk, zog die Hand von seinem Gesicht und leicht zu sich, um Duke dazu zu bringen, ihn anzusehen. „Finde ich es gut, dass wir uns so lange nicht sehen werden? Nein, sicherlich nicht. Ist es eine einmalige Chance deine Karriere voranzubringen? Eine, für die du hart gearbeitet und die du mehr als verdient hast? Absolut. Und darum musst du es tun. Punkt.“
Wieder schloss Duke für einen Moment die Augen und nickte. „Ja, ich weiß, und ich freue mich ja auch darüber, aber … " Er schüttelte den Kopf, seine Mundwinkel zogen zaghaft wieder nach oben. „Danke."
„Wann soll es losgehen?“
„In vier Wochen.“
Seto nickte nur. Immerhin noch eine kleine Schonfrist.
Noch immer sanft lächelnd robbte sich Duke zu ihm und fuhr ihm mit der rechten Hand durchs Haar. „Dann sollten wir wohl besser zusehen, dass wir das meiste aus diesen vier Wochen herausholen …“, flüsterte er in jenem ganz bestimmten Tonfall, dem Seto noch nie hatte widerstehen können. Wie von selbst fanden seine Arme den Weg um Dukes nackte Taille, zogen ihn auf sich und in einen neuerlichen, tiefen Kuss.
~°~
Am nächsten Tag saß Duke nach der Schule in seinem Büro im Black Clown am Schreibtisch über einigen zu prüfenden und anschließend zu überweisenden Rechnungen. Immer wieder wanderte sein Blick zu seinem Smartphone, bis er es schließlich mit einem entschiedenen Griff zur Hand nahm.
Seto hatte recht: Es war eine einmalige Chance und sie nicht zu ergreifen kam eigentlich gar nicht in Frage!
Der Laden wäre kein Problem; er hatte vorhin bereits mit Hisoka, seinem langjährigsten Mitarbeiter, gesprochen, der es sich zutraute, den Laden in seiner Abwesenheit zu führen. Immerhin hatte er das auch schon während der Klassenfahrt getan, auch wenn sechs Monate im Vergleich zu einer Woche natürlich noch einmal eine andere Hausnummer waren.
Die Schule war in drei Wochen ohnehin zu Ende und seine Freunde würden nach dem Abschluss ihre eigenen Pläne verfolgen:
Yugi wollte, ebenso wie Ryou, Archäologie studieren und nebenbei weiter bei seinem Großvater arbeiten.
Tea hatte sich an der Juillard School in New York beworben, der besten Tanz-, Musik und Schauspiel-Akademie der Welt. Noch hatte sie keine Aufnahmebestätigung erhalten; würde sie tatsächlich genommen, wären sie beide immerhin auf demselben Kontinent und vielleicht wäre in den sechs Monaten ja sogar einmal ein kleiner New York-Besuch drin …
Tristan würde Sportwissenschaften studieren und endlich mit Serenity zusammenkommen – so wie die Dinge aktuell standen, war letzteres nur noch eine Frage der Zeit.
Joeys Pläne waren, wie zu erwarten, am wenigsten sicher, aber er würde, so weit wie es eben ging, tun, was er liebte: Durchs Land fahren und Duel Monsters-Turniere spielen. Erst einmal nur für ein Jahr oder so, um zu schauen, ob er von den Preisgeldern leben konnte, aber natürlich mit dem festen Ziel, auch ganz offiziell zu den Besten der Welt zu gehören. Einen Fallback-Plan gab es (noch) nicht, aber den würde er auch nicht brauchen, da war sich Duke sicher.
Und Seto?
Seto würde arbeiten, so wie immer.
Aber was sollte aus … Dem-mit-uns werden, wenn er weg war?
Nun, sie würden eine Lösung finden (müssen), eine andere Alternative gab es eigentlich nicht. Wenn er seine Träume und Ideen weiter so verwirklichen wollte, wie er es mit DDM getan hatte – nein, korrigierte er sich in Gedanken, sogar noch schneller, besser und größer – dann konnte er Pegasus Angebot nicht ausschlagen.
Egal aus welchen Gründen.
Noch immer schwebte sein Daumen untätig über der Anrufliste. Der Bildschirm wurde schwarz, ohne dass Duke es wirklich registrierte. Seine Eingeweide zogen sich zusammen.
Er atmete einmal gedehnt aus, schloss die Augen und massierte sich mit der anderen Hand die Stirn.
Eigentlich hatte er sich geschworen niemals zurückzukehren.
Eine Ozeanlänge war irgendwann zum einzig tragbaren Abstand zwischen ihm und allem, was damals passiert war, geworden.
Kein unüberwindbares Hindernis natürlich, aber eine Ansage, die an Deutlichkeit wohl kaum zu überbieten war.
Andererseits würden daran wohl auch ein sechsmonatiges Praktikum und ein – vorübergehender – Abstand von nur noch knapp siebenhundert Highway-Kilometern nichts ändern.
Und außerdem: Wie sollte irgendjemand von seiner Anwesenheit erfahren, solange er sich einfach weiterhin nicht meldete?
Er richtete sich auf und nahm noch einen tiefen Atemzug.
Dann aktivierte er erneut das Display, drückte auf Pegasus Namen und hob das Handy ans Ohr.
March (Abandoned what was mine)
Abgesehen von dem Laptopbildschirm erhellte nur das Licht der Schreibtischlampe Setos Büro in der Kaiba Corporation. Nur noch diese eine E-Mail beantworten, dann konnte er endlich los zu D–
Das Display seines Handys leuchtete auf. Er nahm es zur Hand, entsperrte den Bildschirm und las die Mitteilung:
D. Devlin, 22. März 19:10
Schaffe heute Abend nicht. Muss Hisoka dringend noch Löhne und Krankenversicherung erklären, weil bald fällig. Tut mir echt leid!
Mit einem leisen Seufzen legte Seto das Telefon wieder auf den Tisch und ließ sich, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, nach hinten gegen die Lehne seines Bürostuhls sinken.
Gott, wie naiv er gewesen war! Es war fast schon erschreckend!
Für einen Moment drehte er sich halb zum Fenster und ließ den Blick über Domino schweifen, das in der Abenddämmerung wie ein funkelnder Lichterteppich unter ihm ausgebreitet lag.
Das meiste aus den vier Wochen herausholen – tze!
Unter normalen Umständen wurde ihr Serientermin alle zwei Wochen ergänzt durch zwei bis drei spontanere Treffen dazwischen, je nach dem, was ihre Kalender hergaben.
Doch jetzt?
Ganze zwei Mal hatten sie sich in den vergangenen knapp vier Wochen gesehen – abgesehen von der Schule, verstand sich, aber die zählte logischerweise nicht. Praktisch jede freie Minute verbrachte Duke damit, seine Abwesenheit vorzubereiten. Wenn er nicht in der Schule war oder für die letzten Klausuren lernte, war er im Laden, um seinen Stellvertreter in alles Notwendige einzuarbeiten.
Kurz wanderte Setos Blick zurück zu der angefangenen E-Mail. Natürlich war er selbst der Letzte, der Duke dahingehend Vorwürfe machen konnte.
Ein bitteres Schnauben entfuhr ihm und er schüttelte kaum merklich den Kopf. Im Grunde war es nur ein erster Vorgeschmack auf das, was ihn in ein paar Tagen ohnehin dauerhaft erwartete.
Alles würde wieder sein wie vorher.
Noch vor sechs Monaten, auf der Klassenfahrt, bei der diese … Sache ihren Anfang genommen hatte, hatte er sich nichts sehnlicher herbeigewünscht als das – jetzt schnitt sich die Vorstellung wie eine scharfe Drahtschlinge in seine Brust.
Mit einem gedehnten Ausatmen drehte er sich zurück, klappte den Laptop zu und erhob sich, um nun doch nach Hause zu fahren.
„Seto, was machst du denn hier? Wäre heute nicht der Call für das Fabrik-Projekt?“, fragte Mokuba erstaunt, als Seto gute zwanzig Minuten später die Küche betrat und seine Tasche auf einem der Stühle abstellte, um sich zu seinem Bruder zu gesellen und ebenfalls noch einen Happen zu Abend zu essen.
„Kurzfristig ausgefallen. Krankheitsbedingt.“
„Ah, verstehe.“
Sichtlich erfreut über seine unerwartete Anwesenheit schaufelte sich Mokuba weiter Bissen um Bissen des Abendessens in den Mund und berichtete dabei von seinem Tag: „… ich hab natürlich eine Eins bekommen, aber die anderen waren auch gar nicht so schlecht. Und nach der Schule waren wir zur Belohnung mal wieder im Black Clown, DDM spielen.“
Unwillkürlich hörte Seto auf zu kauen.
„Wusstest du eigentlich, dass Duke ab nächste Woche für sechs Monate in den USA ist?“
‚Länger als mir lieb ist!’, schoss es Seto durch den Kopf, doch Mokuba sprudelte einfach weiter, ohne seine Reaktion abzuwarten: „Er macht ein Praktikum bei Industrial Illusions in Los Angeles. Ich meine, auf der einen Seite finde ich es natürlich schade, dass er so lange weg ist – der Black Clown ist ohne ihn einfach nicht dasselbe! – aber andererseits ist es natürlich auch ein großes Abenteuer! Stell dir nur mal vor, Seto, so eine riesige, aufregende Stadt, so viele neue, spannende Leute! Ich meine, alleine die Mädels dort müssen für ihn doch ein gefundenes Fressen sein!“
Setos Finger krampften sich fester um die Griffe seines Bestecks. „Davon ist auszugehen“, rang er sich angesichts von Mokubas erwartungsvollem Blick zu einer Antwort durch.
„Übrigens“, fuhr Mokuba einfach nahtlos fort, nachdem er einigermaßen hintergeschluckt hatte, „wollen Yugi und die anderen nächsten Freitag eine Überraschungs-Abschiedsparty für ihn schmeißen und haben mich auch eingeladen. Darf ich hin?“
Mokuba sah ihn mit jenen großen Kinderaugen an, die es Seto manchmal noch immer schwer machten, seinem kleinen Bruder einen Wunsch abzuschlagen. „Von mir aus“, gab er seufzend nach, „Aber nicht zu lange!“
„Klar! Sag einfach, wann ich wieder da sein soll!“
Wieder und wieder kratzte Mokubas Gabel über den fast komplett geleerten Teller, sodass Seto unweigerlich aufsah, als das Geräusch unvermittelt aufhörte. Die grauen Augen seines kleinen Bruders leuchteten, und Seto schwante Übles. „Hey! Bestimmt würde Duke sich auch freuen dich zu sehen, immerhin habt ihr doch in den letzten Monaten ziemlich eng zusammengearbeitet …“
Beinahe hätte er kurz aufgelacht. Mokuba hatte ja keine Ahnung wie eng …
Zum Glück interpretierte er den nüchternen Blick, den Seto ihm zuwarf, genau richtig, denn er wandte sich sogleich wieder betreten seinem Teller zu. „Schon gut, war ja nur ein Vorschlag.“
~°~
Eine Woche später, um etwa dieselbe Zeit ließ Seto ein Klopfen an der Tür seines Arbeitszimmers von den Unterlagen aufsehen, die er gerade studierte. Mokuba stand angezogen in der Tür. „So, ich geh dann mal!“
„Mhm.“
„Und du bist dir sicher, dass du nicht auch mitkommen willst? Nur ganz kurz?“
„Keine Sorge, das bin ich!“ Seto hoffte inständig, dass sein Tonfall nicht ganz so scharf gewesen war, wie er sich in seinen Ohren angehört hatte. „Und denk dran, um Punkt zwölf wird Roland dich abholen – keine Diskussion!“
„Schon klar. Bist du dann noch wach?“
„Ich denke schon“, erwiderte er mit einem kurzen Seitenblick auf die leere Kaffeetasse, die neben ihm auf dem Tisch stand. Ein wenig träge vom langen Sitzen erhob er sich und ging gemeinsam mit Mokuba die Treppen hinunter, um sie noch einmal aufzufüllen. Der missbilligende Blick seines kleinen Bruders entging ihm dabei keineswegs. Wie oft hatte Mokuba ihm schon gesagt, dass er zu viel Kaffee trank, und viel zu spät noch dazu?
An der Abzweigung zwischen Küche und Flur trennten sich ihre Wege. Roland wartete bereits mit dem Autoschlüssel in der Hand nahe der Tür. Als sich ihre Blick trafen, nickte Seto ihm kurz zu, dann wandte er sich noch einmal an seinen kleinen Bruder: „Viel Spaß!“
„Danke! Werd ich haben!“, erwiderte Mokuba grinsend und zog sich eilig die Schuhe an. Aus der Küche hörte Seto nur wenige Sekunden später das entfernte Zufallen der Verbindungstür zur Garage.
Während der luxuriöse Kaffeevollautomat, der für seine Zwecke – starken, schwarzen Kaffee – ehrlicherweise vollkommen übertrieben war, genau diese Flüssigkeit unter leisem Brummen in die Tasse entließ, lehnte Seto sich mit verschränkten Armen an den Küchentresen und atmete einmal tief durch.
Bilder stiegen vor seinem geistigen Auge auf: blinkende Lichter, laute Musik, tanzende Menschen, undeutliches Stimmengewirr – und Duke mittendrin, vollkommen in seinem Element, wie vor ein paar Monaten bei der Einweihung der neuen Duel Monsters Arena in seinem Laden. Ganz kurz nur, für ein paar Minuten, hatte Seto den Livestream eingeschaltet, bis er gesehen hatte, was er hatte sehen wollen: Duke, wie er voller Stolz auf die Arena blickte, ein zufriedenes, ja, glückliches Lächeln im Gesicht.
Die Erinnerung ließ seine Mundwinkel ganz leicht nach oben zucken.
Bestimmt würde Duke sich auch freuen dich zu sehen, immerhin habt ihr doch in den letzten Monaten ziemlich eng zusammengearbeitet …
Das Brummen stoppte, ein, zwei letzte, vereinzelte Tröpfchen landeten noch in der Tasse. Mit einem sanften Kopfschütteln nahm Seto sie und ging wieder zurück nach oben.
Duke kontrollierte noch einmal, dass die Duel Monsters Arena auch wirklich heruntergefahren war und sammelte ein paar auf den Tischen herumstehende leere Getränkedosen ein, bevor er das Licht ausschaltete und die Treppen nach oben in den Laden ging, wo Hisoka gerade damit fertig war, das Geld in der Kasse zu zählen und letztere mit einem in der Stille besonders gut hörbaren Klack wieder zu schließen.
Morgen würde er selbst das, ebenso wie die letzte Runde und das Abschließen des Ladens, selbst übernehmen. Nicht etwa, weil er befürchtete, in den kommenden sechs Monaten alles zu vergessen, sondern um diesen so wichtigen Teil seines Lebens und seine Rituale noch einmal ganz bewusst zu genießen und fest in seiner Erinnerung abzuspeichern. Und danach würde er endlich Set–
„Duke, sorry, du willst bestimmt nach Hause, aber mir ist noch eine Sache eingefallen. Ich habe es schon vor ein paar Tagen bemerkt, aber komplett vergessen und morgen wird es bestimmt zu knapp …“
Hisokas entschuldigender Dackelblick entlockte Duke ein leises Seufzen. „Worum geht’s denn?“, fragte er und stellte die leeren Dosen auf dem Verkaufstresen ab.
„Mir sind ein, zwei Stellen im Lager aufgefallen, wo anscheinend beim letzten Regen Wasser eingedrungen ist.“
„Echt jetzt?!“ Duke konnte gerade noch so verhindern, seine Faust auf den Tresen sausen zu lassen. „Das hat uns gerade noch gefehlt! Ist irgendwas beschädigt?“
„Auf den ersten Blick sah es nicht so aus, aber am besten schauen wir es uns mal zusammen an. Vier Augen sehen mehr als zwei.“
„Okay, dann los, lass uns rüber gehen!“ Was weg war, war weg; morgen nach Ladenschluss hatte er definitiv keine Zeit mehr dafür.
Hisoka kam hinter der Kasse hervor und gemeinsam verließen sie das Gebäude durch die Seitentür, die auch als Mitarbeitereingang diente.
„Hast du–“, fragte Duke mit einem Fingerzeig zurück zum Laden.
„Ja, keine Sorge, vorne ist schon alles zu“, bestätigte Hisoka wie erwartet, während er die Tür hinter ihnen abschloss.
Duke nickte nur und sie gingen weiter, durch eine benachbarte Einfahrt in den Innenhof des Nebengebäudes, wo sie über eine kurze Treppe einen Vorbau mit Laderampe erklommen und Hisoka eine schwere Tür aufschloss. An den leeren Vorraum schlossen sich jeweils links und rechts Gänge mit mehreren Brandschutztüren an; sie teilten sich das Lagergebäude mit einigen anderen Geschäften in der Umgebung. Die Luft war kühl, abgestanden und leicht muffig und da sich ihrer beider Augen schon so an die Dunkelheit gewöhnt hatten, hatte sich auch niemand bemüßigt gefühlt, das Licht anzuschalten. Ihre Schritte hallten nur kurz durch den Gang, dann blieben sie stehen.
Moment, war das tatsächlich die richtige Tür, die Hisoka da aufschloss?
Da Hisoka sie ihm jedoch bereits aufhielt, dachte er nicht weiter darüber nach, sondern ging voran.
Er stand in nahezu vollständiger Dunkelheit, weder vom Innenhof, noch von der Straße drang Licht in den Raum.
„Machst du noch das Licht an, sonst wird das Ganze hier schwierig!“, rief er Hisoka zu und durchbrach damit die Stille, die nur vom leisen Rauschen der Lüftung erfüllt wurde.
„Kommt sofort!“
Ein entferntes ‚Klack‘, das Licht ging an.
„ÜBERRASCHUNG!“
Duke fuhr zusammen und stolperte unwillkürlich ein, zwei Schritte nach hinten. Noch blendete ihn das Licht ein wenig, sodass er die Augen leicht zusammenkneifen musste, doch wurde das Lächeln auf seinem Gesicht von Sekunde zu Sekunde größer, je mehr er sehen konnte. Ganz offensichtlich war das hier nicht ihr eigener Lagerraum, sondern der größere, leerstehende gleich daneben, auf den er insgeheim schon länger ein Auge geworfen hatte.
Leer war der Raum jedoch nicht mehr, sondern voll mit Menschen und thematisch passend geschmückt: An den Wänden waren Palmen aus Pappe angebracht, mit Lichterketten dekoriert, in einer Ecke war auf einer dicken, blauen Plastikplane Sand aufgeschüttet worden, um einen Strand darzustellen, über der improvisierten Bar an der linken Seite – ein einfacher Tisch, auf dem Becher und eine große Ansammlung unterschiedlichster Flaschen standen – prangte der Hollywood-Schriftzug als Girlande an der Wand, umringt von weiteren Fotos und Postern mit Motiven aus Los Angeles.
Vielleicht fünfzig Leute standen in einem Halbkreis versammelt vor ihm und sahen ihn freudestrahlend an: Yugi, Tristan, Joey, Tea und Ryou natürlich, die das hier vermutlich organisiert hatten, Serenity, auch Yugis Opa war mit von der Partie, dazu einige weitere Klassenkameraden, unter anderem Mariko, mit der er sich seit der Klassenfahrt ziemlich gut verstand, sowie sämtliche Mitarbeiter seines Ladens und einige Stammkunden – gleich vorne in der ersten Reihe neben Yugi grinste ihm Mokuba entgegen.
Er schluckte, doch der Kloß in seinem Hals wollte nicht verschwinden. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche Party bekommen, von einer Überraschungsparty ganz zu schweigen.
Er drehte sich noch einmal zu Hisoka um. „Und wo ist jetzt der Wasserschaden?“ Ganz vielleicht war seine Stimme ein klein wenig brüchig gewesen, aber das war hoffentlich im allgemeinen Gelächter untergegangen.
Auch Hisoka gesellte sich jetzt zu den anderen und wartete wie sie darauf, dass er weitersprach.
„Wow, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“ Er schüttelte noch einmal ungläubig den Kopf. „Danke! Vielen Dank! Cool, dass ihr alle da seid!“
Tristan trat aus Richtung der Bar nach vorne und drückte ihm ein Getränk in die Hand. „Wir müssen dich doch vor deinem Abschied nochmal ordentlich feiern! Außerdem haben wir zu deinem Geburtstag überhaupt nichts gemacht, weil du mal wieder das Bedürfnis hattest, arbeiten zu müssen!“
Das war zwar nur halb richtig, aber egal.
„Na dann, eröffne endlich die Party, alle haben Durst!“, forderte ihn Tristan auf, während er die Flasche wieder zuschraubte, aus der er ihm eingeschenkt hatte.
Duke nickte nur und hob den Becher, im Raum wurde es einmal mehr still.
„Leute, vielen, vielen Dank, nicht nur für diese Party, sondern für … einfach alles! Ihr alle habt mich in den vergangenen knapp vier Jahren hier begleitet und auf die eine oder andere Weise mein Leben ein Stückchen schöner, lustiger und spannender gemacht. Vor allem die letzten Wochen waren unglaublich intensiv und anstrengend, darum auch ein besonderer Dank an alle, die mir in dieser Zeit den Rücken gestärkt oder frei gehalten haben. Wenn ich eines in den nächsten sechs Monaten vermissen werde, dann mit Sicherheit euch alle, darum lasst uns den heutigen Abend umso mehr genießen! In diesem Sinne:“, er hob den Becher in die Höhe und schloss die Augen, um den Moment und das überschwängliche Gefühl in seinem Herzen voll auszukosten, „Kanpai!“
Wie aus einem Munde riefen sämtliche Gäste ebenfalls laut „Kanpai!“ und tranken, Musik wurde angeschaltet und Unterhaltungen begannen von Neuem. Duke ging hinüber zu Hisoka, umarmte ihn noch einmal fest und lobte ihn für die gelungene Überraschung und sein überzeugendes Schauspiel, bevor er von seinen Freunden umringt wurde, die er ebenfalls alle einmal fest an sich drückte.
Wieder ein sanftes Klopfen an der Tür.
Seto hob den Kopf von seinen Fingerspitzen und sah zum gefühlt ersten Mal in den vergangenen vier Stunden von den Papieren vor sich auf. Diesmal war es Roland, der jedoch nicht wirklich herein kam, sondern halb im Türspalt stehenblieb.
„Sir, ich fahre jetzt Master Mokuba von der Party abholen und würde mich dann zurückziehen.“
Seto öffnete schon den Mund, um den Plan zu bestätigen, doch im letzten Moment hielt er inne.
Bestimmt würde Duke sich auch freuen dich zu sehen …
Dukes Lippen, die sich zu einem sanften Lächeln formten …
Der warme Ausdruck in den grünen Augen …
Sein Herzschlag beschleunigte sich.
„Wissen Sie was, Roland?“ Er ließ seine Unterarme auf den Tisch sinken und schraubte mit ruhigen Bewegungen den Füllfederhalter zu, mit dem er Anmerkungen an den Text geschrieben hatte. „Fahren Sie nach Hause, ich werde Mokuba selbst abholen.“
„Sir, sind Sie sicher, ich–“
„Habe ich mich etwa missverständlich ausgedrückt?“ Er warf Roland einen durchdringenden Blick zu, der hoffentlich klar vermittelte, dass er keinen weiteren Widerspruch duldete.
„Nun gut, wie Sie meinen.“ Jetzt trat Roland doch kurz herein, nannte ihm die Adresse, und gab ihm eine kurze Beschreibung des Veranstaltungsortes, dann wandte er sich um und verließ, nicht ohne einen letzten vorsichtigen Blick über seine Schulter zu werfen, den Raum.
Einen kleinen Moment ließ Seto sich noch Zeit, räumte in Ruhe die Papiere in seine Tasche und fuhr den Laptop herunter, bis er sicher sein konnte, dass Roland tatsächlich gegangen war. Auf noch mehr dieser vermeintlich heimlichen Blicke konnte er gut und gerne verzichten!
Allerdings … was hatte Roland noch gleich gesagt, als er dieses Thema schon einmal angesprochen hatte?
Sir, mit Verlaub, aber Sie haben keine Vorstellung von der Ausbildung, die ich genossen habe. Wenn ich wollen würde, dass Sie mich oder auch nur meine Blicke nicht bemerken, dann würden Sie das auch nicht.
Rolands Tonfall in Verbindung mit dem Inhalt hatte ihm, so ungern er es zugab, einen Schauer über den Rücken gejagt. Natürlich hatte es auch eine gewisse Neugier in ihm geweckt, sodass er eines Abends in einem Anflug von Langeweile beim Bearbeiten seiner E-Mails den Versuch unternommen hatte, mehr über Roland und dessen ominöse Ausbildung herauszufinden. Als er jedoch jenseits der mehr oder weniger öffentlich einsehbaren Informationen auf besonders stark verschlüsselte Server der Regierung und des Militärs gestoßen war, in die er sich ebenfalls hätte hacken müssen, hatte er es gut sein lassen (für den Moment jedenfalls). Vielleicht sollte er, falls es ihn noch einmal überkam, Roland einfach danach fragen.
Schließlich ging Seto nach unten, zog sich den beigefarbenen Kurzmantel über, den er seit der Klassenfahrt häufiger trug (was rein gar nichts damit zu tun hatte, dass Duke vor ein paar Monaten in einem Nebensatz erwähnt hatte, wie gut er ihm an Seto gefallen hatte), schnappte sich einen der Autoschlüssel und machte sich auf den Weg.
An der richtigen Adresse angekommen, fand sich Seto dank Rolands knapper Beschreibung schnell zurecht: Durch den Durchgang, hinein in den Innenhof, die zweite Tür auf der rechten Seite. Letztere stand als einzige offen, schwaches Licht drang daraus hervor und beleuchtete einen kleinen Kreis von Menschen, die sich an das Geländer eines kleinen Vorbaus mit Laderampe lehnten, rauchten und sich dabei leise unterhielten. Er trat hinein und musste im Grunde nur der Musik und dem entfernten Stimmengewirr folgen, um den richtigen Raum zu finden. Seine Schritte hallten durch den Gang, sein Herz begann schneller zu schlagen und für einen Moment stiegen Zweifel in ihm auf, ob das hier wirklich eine gute Idee war.
Egal, jetzt war es ohnehin zu spät.
Die ebenfalls weit geöffnete Tür des Raumes, in dem die Party stattfand, lag genau vor ihm auf der linken Seite, und beinahe wäre Seto zusammengezuckt, als plötzlich Applaus, sowie begeisterte Pfiffe und Johlen ertönten.
Was war da drin denn bitte los?
Bevor er über die Schwelle trat, atmete er noch einmal tief ein und aus und war eine Sekunde später mehr als dankbar dafür: Warme, stickige Luft umgab ihn, versetzt mit Noten von Alkohol und menschlichem Schweiß; das kleine gekippte Fenster sorgte nicht einmal im Ansatz für einen optimalen Luftaustausch und die Lüftung schien mit ihrer Aufgabe ebenfalls überfordert zu sein.
Die Gäste standen bis auf wenige Ausnahmen im Halbkreis und sahen nach vorn zu einem kleinen improvisierten Strand, sodass Seto nicht anders konnte als ihrem Blick zu folgen.
Seine Mundwinkel zuckten ganz leicht nach oben. Da vorn stand Duke und sah fantastisch aus, in seiner schwarzen, enganliegenden Jeans, in deren hinteren Hosentaschen er die Hände vergraben hatte, seinem schwarzen Shirt mit dem kleinen Black Clown Logo auf der Brust und dem weinroten Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, das er locker und offen darüber trug. Erst als Taylors Stimme unnatürlich laut durch den Raum tönte, bemerkte Seto, dass der mit einem Mikrofon in der einen und ein paar Karteikarten in der anderen Hand neben Duke stand, dazu ihnen gegenüber vier Mädchen in Jeans-Shorts und Bikini-Oberteilen.
„Also, Duke, ich fasse nochmal zusammen“, sprach Taylor in einer Art Fernsehmoderatoren-Singsang in das Mikrofon, „Du sagst unsere Kandidatin Nummer drei im gepunkteten Bikini hört auf den Namen Lindsay, ist zwanzig Jahre alt und spielt am liebsten Volleyball am Venice Beach?“
Damit hielt Taylor Duke das Mikrofon vor den Mund, der die etwas vorgetretene Dame noch einmal von oben bis unten musterte und schließlich nickte: „Ja, ich bin mir ziemlich sicher.“
„Und das ist …“ Taylor machte eine kurze dramatische Pause, das Mädchen lächelte und hibbelte jedoch bereits viel zu eindeutig. „… natürlich richtig!“
Alle klatschten, das Mädchen (das natürlich weder Lindsay hieß, noch Volleyball am Venice Beach spielte) sprang dabei auch noch leicht auf und ab, sodass viel zu viele Teile ihres Körpers wild herumwackelten, und fiel Duke um den Hals. Der erwiderte die Umarmung mit einem breiten Grinsen, seine linke Hand hielt sie sanft umfasst und strich ganz leicht, beinahe zärtlich, über ihren nackten unteren Rücken.
Ich meine, alleine die Mädels dort müssen für ihn doch ein gefundenes Fressen sein!
Sämtliche Muskeln in Setos Körper spannten sich und seine rechte Hand ballte sich zur Faust. Er wandte den Blick ab und sah sich suchend nach seinem Bruder um. Die kleine Gestalt mit den wuscheligen schwarzen Haaren war schnell am linken äußeren Rand des Halbkreises gefunden.
Zielstrebig ging Seto zu ihm und griff ihn fest am Arm. „Mokuba!“
Dessen Augen weiteten sich überrascht. „Seto? Was–“
„Dich abholen“, nahm er die Antwort auf die angefangene Frage vorweg, „Also los, es ist schon nach zwölf, wir gehen!“
Peinlich genau darauf bedacht nicht nach vorne zu sehen, zog er Mokuba am Arm in Richtung Tür, der sich jedoch mit einer gekonnten Bewegung losriss. „Hey, Moment! Ich muss mich doch nochmal richtig von Duke verabschieden! Und du dich auch!“
Statt umgekehrt, wie eigentlich geplant, fasste Mokuba nun Seto an der Hand und zog ihn mit ungeahnter Kraft nach vorne zur improvisierten Strandbühne.
Aus dem Augenwinkel fiel Dukes Blick zur Seite. Dort, ganz vorne in der ersten Reihe stand Joey, dessen Miene sich plötzlich von einer Sekunde auf die andere verfinsterte. „Was macht der denn hier?“
Dukes Augen folgten dem Blick seines Freundes und er zog scharf die Luft ein. Ein vertrauter Duft verdrängte das ‚Eau de Party‘ in seiner Nase und er wusste sofort, wer vor ihm stand. Ihre Blicke trafen sich; selbst wenn er es gewollt hätte, hätte er sich nicht lösen können.
Sein Lächeln erstarb.
Wie durch Watte hörte Duke, wie Mokuba, der Setos Hand umfasst hielt, lossprudelte: „Duke, ich muss jetzt leider gehen, also dann auf Wiedersehen! Und ganz, ganz viel Spaß!“
Erst als Mokuba ihn umarmte, sah Duke den Jungen tatsächlich an, beugte sich ein wenig zu ihm hinunter und erwiderte die Geste. „Danke!“ Unsichtbare Gewichte schienen seine Mundwinkel nach unten zu ziehen und es erforderte unfassbar viel Kraft dagegen anzukämpfen. Als Mokuba die Arme löste, richtete Duke sich wieder auf und wurde sofort von Neuem in jene unglaublich blauen Augen hineingezogen, in deren Anblick er sich so gern vertiefte, wenn sie beide allein, bevorzugt natürlich in seinem Bett, waren.
Als Seto ihm die Hand hinhielt und er wie ferngesteuert einschlug, fühlte sich das Lächeln auf seinen Lippen an wie einzementiert, die Berührung ihrer Hände ungewohnt hohl und nichtssagend.
„Viel Erfolg!“ Setos Tonfall klang nüchtern, kühl und geschäftsmäßig, als befänden sie sich in Setos Büro und hätten gerade einen Vertrag geschlossen.
Mit einigem Kraftaufwand zwang Duke sein steifes Lächeln dazu noch größer zu werden und nickte. „Danke!“
Unauffällig warf ihm Seto noch einen letzten Blick zu, dessen unterschwellige Nuancen er nur schwer einordnen konnte (Missfallen? Enttäuschung? Trauer?), dann schob Seto Mokuba mit Nachdruck vor sich her in Richtung Ausgang.
Obwohl er wusste, dass Seto es nicht sehen konnte, hob Duke noch einmal leicht die Hand zum Gruß, während sein Herz schwer nach unten sank, in seine Magengrube und vielleicht sogar noch ein Stückchen tiefer, und mit ihm auch die Erkenntnis, dass sie sich nach morgen Abend ein halbes Jahr lang nicht mehr sehen würden.
Dann sollten wir vermutlich zusehen, dass wir das meiste aus diesen vier Wochen herausholen.
Seine Eingeweide schrumpften zusammen.
Rein gar nichts hatten sie ‚herausgeholt‘.
Sie hatten die vier Wochen praktisch verschwendet.
Er hatte sie verschwendet.
„… und dann die Spiele! Erst musste Duke von verschiedenen Orten der Stadt die richtige Route ‚nach Hause‘ finden, über die Highways und so, und dann sollte er ‚üben‘ in LA Mädels kennenzulernen und anzusprechen. Nicht, dass er das nötig hätte, aber egal.“
„Hm.“ Setos Kiefer verkrampfte sich und seine Hände schlossen sich fester um das Lenkrad.
Er sehnte sich nach einem Moment der Stille, um seine Gedanken zu ordnen, doch Mokubas Redefluss wollte und wollte nicht aufhören. Vielleicht lag es an der Aufregung zum ersten Mal auf einer ‚richtigen‘ Party gewesen zu sein oder einfach an der vielen Limonade, die der Junge sicherlich den ganzen Abend lang getrunken hatte.
„Im Grunde war es eigentlich nur so ein Logikrätsel, du weißt schon, es gab ein paar Hinweise und er musste erraten, welches Mädchen wie heißt, wie alt ist und wo in LA welches Hobby hat.“
Seto nicke nur, er wusste, es hatte keinen Sinn, Mokuba zu unterbrechen oder abzuwürgen, bis er nicht alles erzählt hatte, was er erzählen wollte.
„Naja, und dann bist du ja auch schon gekommen.“ Mokuba hielt inne und warf einen vorsichtigen Seitenblick in seine Richtung. „Aber … warum bist du eigentlich gekommen? Das sollte doch Roland machen …“
„Eine spontane Planänderung“, gab Seto sachlich zurück, ohne den Blick von der Straße abzuwenden, und wusste ganz genau, dass er Mokubas Frage damit nicht einmal im Ansatz beantwortet hatte.
„Also wolltest du dich doch noch von Duke verabschieden?“, folgte denn auch prompt die Gegenfrage.
Sollte Mokuba es nicht eigentlich besser wissen als bei so etwas nachzuhaken?
Er antwortete nicht. Hätte es auch gar nicht gekonnt.
Nicht einen klaren Gedanken konnte er fassen, nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken, was gerade passiert war und was es bedeutete, solange Mokuba bei ihm war und ihn mal direkt, mal eher verstohlen aus dem Augenwinkel musterte. Selbstverständlich konnte sein kleiner Bruder keine Gedanken lesen, aber manchmal hatte er die geradezu unheimliche Gabe, mehr zu sehen, als Seto zu zeigen bereit war.
Genau wie …
Die Drahtschlinge um seine Brust zog sich noch enger zusammen.
Irgendwann schien Mokuba einzusehen, dass er keine Antwort bekommen würde und schwieg für den Rest der Fahrt, wofür Seto mehr als dankbar war.
Nachdem er mit Biegen und Brechen auch das letzte Spiel absolviert hatte, nutzte Duke die Gelegenheit und bahnte sich einen Weg durch die vielen Leute hindurch, um sich mehr oder weniger unbemerkt nach draußen zu stehlen. Ein wenig abseits der schweren Tür des Lagerhauses ließ er sich auf eine der Laderampen sinken und seine Beine locker über die Kante hängen. Frische, kühle Nachtluft schnitt sich in seine Lungen und vertrieb nach und nach den Nebel, die Betäubung in seinem Kopf. Er legte die Unterarme auf dem unteren Teil des Geländers ab und ließ seine Stirn gegen das eiskalte Metall sinken.
Warum musste Seto auch ausgerechnet dann auftauchen, wenn er gerade ein unbestreitbar attraktives Mädchen in leichtestmöglicher Bekleidung im Arm hatte?!
Warum um alles in der Welt war Seto überhaupt aufgetaucht?! Er hasste Parties! Und Roland hätte Mokuba genauso gut abholen können!
Müssten sie Das-mit-uns nicht geheimhalten, hätte Seto einfach mitfeiern können (ob er das auch tatsächlich getan hätte, stand auf einem anderen Blatt). So jedoch war Seto wieder einmal gezwungenermaßen ausgeschlossen gewesen – und das, obwohl er in den letzten Monaten ein so wichtiger Teil seines Lebens geworden war. Und dann platzte dieser Idiot einfach trotzdem herein!
Die absolute Geheimhaltung hatte vielerlei Gründe, Mokuba hauptsächlich, oder vielmehr Setos Sorgerecht für ihn, aber auch er selbst war bei weitem noch nicht gut genug abgesichert, als dass er eventuelle negative Folgen auch nur minimal substantiellerer Gerüchte gut genug abfedern konnte.
Außerdem … es war ja noch nicht mal klar, was Das-mit-uns eigentlich war. Ob es einen solchen Schritt überhaupt wert war, weil es eine echte Zukunft hatte, oder–…
„Hey, ist alles okay?“, unterbrach eine sanfte, weibliche Stimme seine Grübeleien.
Er wandte sich um. Tea schlang ihre Strickjacke noch enger um sich, bevor sie sich neben ihm auf der Laderampe niederließ.
„Ja klar, wieso sollte es nicht? Die Party ist echt super!“
Überzeugend klang definitiv anders, schalt er sich selbst in Gedanken.
Vermutlich hatte Tea genau dasselbe gedacht, musterte sie ihn doch sichtlich skeptisch im Halbdunkel der schwachen Hofbeleuchtung.
Als würde ein unsichtbarer Damm brechen, flossen die Worte wie von allein aus seinem Mund: „Ich hab nur ein wenig nachgedacht. Über die letzten vier Wochen. Ich hab viel zu wenig mit … den Leuten gemacht, die mir wirklich wichtig sind. Vier Wochen einfach verschwendet! Und ab übermorgen–“
„Du meinst morgen“, korrigierte ihn Tea beiläufig mit Blick auf ihre Armbanduhr.
„Okay, dann halt morgen – bin ich einfach für ein halbes Jahr weg!“
Ihre Hand strich sanft über seinen Rücken, was ihn unweigerlich an die Klassenfahrt denken ließ, bei der sie ihn auf diese Weise schon einmal ziemlich effektiv beruhigt hatte.
„Aber das ist doch ganz logisch! Du hattest einfach viel zu tun und vorzubereiten. Genau darum sind wir ja heute alle hier!“
Eben nicht alle!, lag es Duke schon auf der Zunge, doch er konnte sich gerade noch stoppen den Gedanken laut auszusprechen.
„Außerdem: Mach es doch nicht schlimmer als es ist! Es sind nur sechs Monate. Die werden schneller um sein, als du dir vorstellen kannst! Außerdem können wir doch regelmäßig telefonieren und facetimen, alleine oder alle zusammen. Und schwupps, schon bist du wieder da!“ Ihre Hand auf seinem Rücken stoppte und ihre blauen Augen sahen ihn erwartungsvoll an.
Er entließ ein tiefes Seufzen, dann nickte er. „Ja … ja, du hast ja recht.“
Teas Hand verschwand von seinem Rücken und er erhob sich mit ein wenig steifen Bewegungen und hielt seiner Freundin, Gentleman, der er nun einmal war, die Hand hin, um ihr ebenfalls aufzuhelfen. Erst jetzt nahm er bewusst wahr, wie kalt es hier draußen eigentlich war und beeilte sich, gemeinsam mit Tea zurück in die stickige, laute Wärme des Lagerraumes zu kommen.
Die grünen Zahlen des Weckers auf Setos Nachttisch leuchteten fast schon anklagend in der Dunkelheit seines Zimmers: 02:13 Uhr. Anstatt sich schon wieder auf die andere Seite zu werfen und weiter vergeblich zu versuchen seine Augen geschlossen zu halten, gab Seto es schließlich auf, drehte sich auf den Rücken und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Noch immer spukten die Bilder und Eindrücke des Abends wie rastlose Geister durch seinen Kopf: Die vielen Leute, das laute Geschnatter, die Musik, die leicht bekleideten Mädchen auf dem improvisierten Strand, …
Duke, wie er lachend das Mädchen umarmte.
Wie das Lächeln von einer Sekunde auf die andere aus seinem Gesicht verschwand, als er auf einmal vor ihm stand.
Hatte Mokuba nicht behauptet, Duke würde sich freuen ihn zu sehen?
Nun, mit ein wenig mehr gesundem Menschenverstand hätte er es eigentlich ahnen müssen.
Trafen sie sich allein, in der sicheren Umgebung von Dukes kleiner Wohnung, erschien dieses Lächeln auf Dukes Gesicht, kaum dass er, Seto, einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte.
Wenn sie nicht zu zweit waren, in der Welt da draußen, durfte es Das-mit-uns nicht geben – noch stand zu viel auf dem Spiel, für sie beide – und brachte kein Lächeln, sondern nur Schmerz und Umstände.
Notgedrungen war die prozentuale Verteilung dieser beiden Zustände mehr als ungleich, schon jetzt, wo sie sich noch im selben Land, ja sogar in derselben Stadt aufhielten.
Wie sollte es dann erst werden, wenn Duke in Amerika war?
In einer riesigen, aufregenden Stadt, voller neuer, spannender Leute …
Ein ‚gefundenes Fressen‘, in der Tat, vor allem für jemanden wie Duke …
Aber was hatte er denn erwartet?
Was durfte er überhaupt erwarten?
… wobei es im Grunde auch gar keine Rolle spielte.
Die ganze Zeit hatte er es erfolgreich verdrängt, es bewusst vermieden, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn Duke weg war.
Aber eigentlich … eigentlich war doch alles ganz einfach.
Niemand, der einmal aus seinem Leben verschwunden war, war jemals wieder zurückgekehrt.
Noch einmal sah er Duke vor sich, wie er das Mädchen im Arm hielt, seine Hand über ihren nackten unteren Rücken glitt …
Duke würde anderes zu tun haben, als an ihn zu denken.
… sein Lächeln, das Leuchten in seinen Augen …
Duke sollte anderes zu tun haben, als an ihn zu denken.
Er würde nach Amerika gehen, seine Zeit dort genießen und erfolgreich sein (dieser Punkt stand völlig außer Frage). In der Zwischenzeit würden sich seine Kindergartenfreunde ebenfalls in alle Himmelsrichtungen verstreuen, um seinen Laden kümmerte sich ohnehin schon jemand anderes …
… was hinderte ihn da noch, ja zu sagen, wenn Pegasus fragte, ob er gern bleiben würde und ihm dazu noch Möglichkeiten und Bedingungen bot, von denen er bisher nur träumen konnte?
Seto kniff die Augen zusammen und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, bevor er sie mit einem tiefen Seufzen schwer links und rechts neben sich auf die Bettdecke fallen ließ.
Im Grunde war Das-mit-uns von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen – eine Ausnahme, die jetzt zu Ende ging, und sein Leben endlich wieder in altbekannte und geordnete Bahnen zurückführte.
Er hatte von Anfang an gewusst, dass es nur ein Spiel auf Zeit war und war es trotzdem eingegangen.
War es ein Fehler gewesen?
Nein.
Bereute er es?
Nein.
Musste es jetzt enden?
Ja.
Am Ende war es besser so.
Für sie beide.
~°~
In der Nähe von Dukes Wohnung parkte Seto den Wagen, zog den Zündschlüssel ab und atmete noch einmal tief durch, bevor er ausstieg.
Die weißen Blüten der Bäume am Straßenrand und in den Vorgärten begannen bereits langsam zu verblühen, sodass der auffrischende Wind der Abenddämmerung leichtes Spiel mit ihnen hatte. In einem letzten, großen Tanz wirbelten Blütenblätter durch die Luft wie Schneeflocken, bevor sie sich in kleinen, traurigen Häufchen in den Ecken und Kanten von Häusern, Zäunen und Bordsteinen sammelten.
Sein Ziel war glasklar, doch zum gefühlt ersten Mal in seinem bewussten Leben hatte Seto keinen Plan, wie er es erreichen sollte. Vielleicht musste er einfach abwarten, was passierte und dann den richtigen Moment finden …
Überraschend schnell – zu schnell, für seinen Geschmack – war Dukes Haus erreicht, er steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Haustür.
Seine Schritte, bedächtiger als sonst, hallten durch das Treppenhaus, als er mechanisch Stufe um Stufe nach oben stieg. Mit jedem einzelnen schien die Leere in seinem Innern größer zu werden, sein Herz, sein Magen und auch alles andere sich immer weiter auf einen winzigen Punkt in jenem Vakuum zu verengen.
Seto schloss die Wohnungstür auf, trat hinein und hatte den Flur kaum richtig betreten, da warf sich ein warmer Körper an seinen, schlangen sich Arme um seinen Hals und seine Lippen wurden mit unerwarteter Leidenschaft in Besitz genommen. Er stolperte einen Schritt zurück gegen die Tür, die mit einem Klacken ins Schloss fiel, und erwiderte den stürmischen Kuss fast schon reflexartig. Das Gefühl von Dukes Lippen auf seinen war mit nichts zu vergleichen – umso mehr, da er es jetzt schon fast drei Wochen lang nicht mehr hatte genießen dürfen – und so ließ er sich vollends in den Kuss fallen, wanderte mit den Händen zu Dukes Taille und zog ihn noch enger an sich.
Eigentlich war das, was er vorhatte, ein Ding der Unmöglichkeit.
Letzte Nacht im Bett hatte er es sich wesentlich einfacher vorgestellt: Ein bisschen wie ein Entlassungsgespräch vielleicht. Allerdings lag in so einem Fall stets ein eindeutiger Kündigungsgrund auf der Hand, der die Maßnahme rechtfertigte – und wer unangenehm wurde, wurde rausbefördert, von Roland oder dem Sicherheitsdienst.
Das hier war anders.
Ganz anders.
Hier gab es keinen Roland, keinen Sicherheitsdienst, weder offen auf der Hand liegendes Fehlverhalten, noch negative Performance-Berichte. Mal ganz davon abgesehen, dass Duke mehr – so viel mehr – war, als nur ein einfacher Mitarbeiter, der seine Jobbeschreibung nicht erfüllte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit löste Duke den Kuss und sah ihn an, natürlich mit diesem Lächeln. „Wie lange kannst du bleiben?“
Den Versuch nicht in jene grünen Augen zu sehen, die so unfassbar viel Wärme ausstrahlten, musste Seto nahezu umgehend wieder aufgeben. Duke war einfach viel zu nah, sein durch den Kuss leicht gerötetes Gesicht, sein erhitzter Körper, sein Duft – einfach alles.
„Bis morgen früh.“
„Sehr gut, dann haben wir ja wenigstens noch ein bisschen Zeit!“ Das Lächeln auf Dukes Mund verwandelte sich in ein anzügliches Grinsen, als er die Umarmung löste, und stattdessen begann, das Hemd aus Setos Hosenbund zu ziehen und seine Hände darunter zu schieben. Verführerisch glitten Dukes weiche, warme Finger über seine Hüften und seinen unteren Rücken, hinterließen abwechselnd eine leichte Gänsehaut und ein angenehmes Kribbeln. Erregung flammte in ihm auf, gegen die anzukämpfen er schon vor langer Zeit aufgegeben hatte.
Jetzt war eben einfach noch nicht der richtige Moment.
Vielleicht sollte er die Gelegenheit nutzen und es ein letztes Mal genießen, bevor er den Schlussstrich unter diese Angelegenheit zog.
Wobei …
Einmal mehr wurde sein Mund in einem leidenschaftlichen Kuss gefangen, jeder letzte Rest seines inneren Widerstandes bröckelte davon und seine Hände begannen nun ebenfalls begierig Dukes Oberkörper zu erkunden.
… ‚Angelegenheit‘ war definitiv nicht das richtige Wort.
Schwer atmend und leicht verschwitzt rollte sich Seto auf den Rücken, vielleicht eine Stunde später, oder auch zwei (wann immer er hier war, neigte er dazu die Zeit aus den Augen zu verlieren). Duke hatte den Kopf auf seiner Schulter gebettet, genau zwischen Halsbeuge und Schlüsselbein, ihre Beine waren halb ineinander verschlungen, und Dukes Finger streichelten sanft und beruhigend über Setos sich schnell hebende und senkende Brust. Langsam ließ die Euphorie nach und machte einer wohligen Zufriedenheit Platz.
Auf einmal stoppte die sanfte Bewegung auf seiner Brust abrupt; Dukes Finger hielten inne, genau über seinem noch immer wild pochenden Herzen. „Über eine Sache haben wir noch nicht gesprochen.“
Er musste seinen Kopf ein wenig neigen, um den grünen Augen zu begegnen, in denen ein merkwürdiger Schimmer lag.
„Was wird eigentlich aus …“, Duke nahm die Hand von Setos Brust, um zwischen ihnen hin und her zu gestikulieren, „wenn ich weg bin?"
Anscheinend war er nicht der einzige, der kein Wort dafür hatte.
Seto zögerte.
Eigentlich war die Frage fast schon ein Geschenk – der perfekte Aufhänger, um zu tun, wofür er (unter anderem) hergekommen war. Er wandte den Blick ab und sah zur Decke.
Das hier war wirklich ganz anders als ein Entlassungsgespräch – und auch wie so ziemlich jedes andere Gespräch, das er je geführt hatte. Normalerweise wusste er immer, was er sagen wollte und tat es auch – klar, präzise, unmissverständlich. Aber jetzt?
Dukes Schultern spannten sich an, als er ein wenig den Kopf hob, um Seto besser ansehen zu können. Nur mit ungewohnter Mühe hielt Seto dem Blick aus jenen grünen Augen stand, in dem sich Erwartung und Trauer mischten.
Mit einem Mal kamen die Worte wie von allein und Seto hatte (nicht zum ersten Mal in Dukes Gegenwart) das Gefühl, dass es gar nicht mehr er selbst war, der sie aussprach: „Sechs Monate sind keine kurze Zeit und du wirst mehrere tausend Kilometer entfernt sein.“ Einmal mehr zogen die Bilder der Party an seinem geistigen Auge vorbei – Duke, wie er lachend das Bikini-Mädchen im Arm hielt. „Ich kann … ich will dir nicht vorschreiben, was du dort tust oder nicht tust."
Er hatte schon den Mund geöffnet, um weiter zu sprechen, doch im letzten Moment schloss er ihn wieder.
Nicht ganz das was er eigentlich hatte sagen wollen, aber sein Punkt sollte deutlich geworden sein.
Unangenehm lang, fast schon bohrend, sah Duke ihn an, bevor er vorsichtig nickte.
Er schien es also tatsächlich zu verstehen … jedenfalls widersprach er nicht.
„Und … danach? Wenn ich wiederkomme?“
‚Falls du wiederkommst‘, korrigierte Seto in Gedanken, und sein Herz zog sich dabei fast schmerzhaft zusammen. „Dann sehen wir weiter.“
Er konnte – wollte – Duke keine falschen Hoffnungen machen.
Und auch nicht sich selbst.
„Okay.“ Es war mehr ein Seufzen als ein tatsächliches Sprechen. Als würde die Luft aus ihm herausgelassen, ließ Duke sich schwerfällig zurück in seine ursprüngliche Position sinken.
Seto legte den Arm um seine Schulter und sah noch einmal halb nach unten. Dukes Augen waren geschlossen, seine Brust hob und senkte sich immer gleichmäßiger und langsamer. Kein Wunder, nach der Party gestern und dem anstrengenden letzten Tag heute im Laden musste er todmüde sein.
„Vielleicht …“, unterbrach Dukes schläfriges Gemurmel seine Gedanken, „können wir ja wenigstens ab und an mal telefonieren ...“
Selbst wenn Seto etwas darauf erwidert hätte, wäre durchaus fraglich gewesen, ob Duke es überhaupt noch wahrgenommen hätte, so wie sein sanfter Atem bereits verräterisch regelmäßig über Setos nackte Haut kitzelte.
Gedankenverloren starrte er an die Decke und spielte dabei mit ein paar Strähnen von Dukes offenem, seidig-schwarzen Haar.
Schließlich – Minuten oder Stunden später, wer wusste das schon – erwachte er aus seiner Trance und beugte sich vorsichtig über den in seinem Arm eingeschlafenen Duke, um die Nachttischlampe auszuschalten.
Als Seto das nächste Mal die Augen aufschlug, begann es bereits zu dämmern. Sein Blick wanderte hinüber auf die andere Bettseite. Duke schlief noch immer tief und fest.
Mit vorsichtigen Bewegungen erhob er sich, sammelte seine verstreuten Sachen auf und wollte gerade ins Badezimmer gehen, da fiel sein Blick auf Dukes Nachtschränkchen und das Smartphone, das darauf lag.
Vielleicht … können wir ja wenigstens ab und an mal telefonieren ...
Wie oft hatte er in den vergangenen gut fünf Monaten das Gefühl gehabt, dass Duke mehr von dem verstanden hatte, was er eigentlich hatte sagen wollen, als er selbst es tat? In diesem Fall jedoch …
Er hielt inne.
Ein sauberer Schnitt, das war das Ziel gewesen.
Und wenn Worte dafür nicht ausreichten, musste es eben auf andere Art und Weise sichergestellt werden …
So leise wie möglich schlich er auf nackten Füßen um das Bett herum, nahm das Handy, entsperrte es (er hatte sich den Code eigentlich nicht merken wollen, aber er hatte nun einmal ein annähernd fotografisches Gedächtnis, was sollte man machen) und navigierte ins Telefonbuch.
Es dauerte einen Moment, bis er den richtigen Eintrag gefunden hatte – anscheinend hatte Duke Wort gehalten und ihn nicht unter seinem vollen Namen abgespeichert, sondern nur als ‚K.’, ohne ein Foto oder sonst irgendeinen Hinweis, wer sich dahinter verbarg. (Im Fall, dass ihm das Handy abhanden kam, sollte der Finder nicht einmal ahnen, dass er die private Handynummer von Seto Kaiba in seinem Besitz hatte.)
Eine Sekunde lang schwebte Setos Daumen über dem Display, dann drückte er auf ‚Bearbeiten‘ und ganz unten auf ‚Kontakt löschen‘. Anschließend navigierte noch einmal in die Messenger-App und löschte auch dort den Chat-Eintrag, der nun nur noch mit seiner Nummer überschrieben war.
Mit einem Wisch war er zurück im Hauptmenü, sperrte das Display und legte das Telefon leise wieder auf den Tisch, in exakt der gleichen Position wie zuvor. Dann machte er sich auf in Richtung Bad, um sich fertig zu machen und anschließend die Wohnung zu verlassen.
Die Schuhe an den Füßen und seinen Mantel über dem Arm, legte Seto die Hand gerade auf die Türklinke, als …
„Wolltest du dich echt einfach aus dem Staub machen?!“
Mit einem kaum hörbaren Seufzen drehte er sich um. Duke stand vor ihm, die Arme verschränkt, mit nichts als einer Boxershorts am Leib – was es umso schwerer machte, den Fokus zu behalten.
„Ich dachte, ich tue uns den Gefallen und erspare uns den sentimentalen Abschied“, erwiderte Seto mechanisch, ohne den Blick abzuwenden.
„Nichts da!“, schüttelte Duke lachend den Kopf und fiel Seto um den Hals. Seine nackte Brust drückte sich an Setos Oberkörper und die Hitze schien durch Setos Pullover hindurch mitten in ihn hineinzudringen. Gerade wollte er Duke sanft von sich schieben, da legten sich dessen Lippen auf seine und vereitelten das Vorhaben.
Er hatte keine Chance – nicht gegen diese Lippen, diese Augen, diesen Körper.
Er küsste zurück, stärker, leidenschaftlicher als geplant, und konnte den Eindruck nicht abschütteln, auf einmal viel zu viel über sich und seine innersten Gefühle zu verraten. Wie von allein wanderten seine Arme um Dukes Taille, genossen noch einmal die Wärme der weichen, nackten Haut. Dukes Finger krallten sich in seine Nackenhaare, so als würde er ihn am liebsten niemals gehen lassen und für einen Moment überkam Seto der Wunsch, er könnte es tatsächlich.
Die Zeit schien sich zu verlangsamen, doch natürlich blieb sie nicht komplett stehen und auch dieser wahrscheinlich letzte Kuss musste irgendwann enden. Die Umarmung dauerte noch ein wenig länger an, die smaragdgrünen Augen hielten ihn fest in ihrem Bann, ein warmes Lächeln umspielte Dukes Lippen. „Ich schreibe dir, wenn ich angekommen bin, okay?“
Die Worte sickerten nur langsam ein, Seto nickte lediglich und ging ohne ein weiteres Wort aus der Tür, die sanft hinter ihm geschlossen wurde.
Einen Moment lang blieb er noch stehen, schluckte schwer und kniff die Augen zusammen.
Dann ging er mit schnellen Schritten die Treppen nach unten.
April I (Confused and torn)
Der Wartebereich am Abfluggate bestand aus mehreren Reihen äußerst unbequemer Plastiksitze und wurde von Minute zu Minute voller. Auf dem leeren Sitz neben sich hatte Duke seinen Rucksack und einen Coffee to go abgestellt, und konnte, als er danach griff, ein Gähnen nicht unterdrücken. Die Anzeige auf dem Bildschirm über dem Boardingschalter zeigte 00:10 Uhr, draußen in der orange erleuchteten Dunkelheit fuhren trotz der vorgerückten Stunde Flugzeuge gemächlich vorbei sowie blinkende Gepäck- und Wartungswagen in hektischer Betriebsamkeit hin und her.
Am Morgen war er trotz allem zu seiner gewohnten Zeit wach geworden – was in diesem Fall sein Glück war, sonst hätte er Seto womöglich nicht mehr erwischt. Schmunzelnd und mit einem leichten Kopfschütteln nahm er einen Schluck aus dem mittlerweile nur noch lauwarmen Pappbecher. Hatte sich dieser Idiot doch tatsächlich einfach so aus dem Staub machen wollen! Unmöglich!
Wider besseres Wissen war er nach ihrem Abschied nicht noch einmal ins Bett gegangen, was nicht gut war, denn so würde er – Kaffee hin oder her – gleich im Flugzeug auf jeden Fall schlafen und der Jetlag umso heftiger ausfallen. Aber daran ließ sich jetzt wohl auch nichts mehr ändern.
Etwa vierzig Minuten später lag das Flugzeug ruhig in der Luft und die Flugbegleiterin hatte bereits die ersten Getränke gebracht. Kaum hatte Duke seine Kopfhörer angeschlossen und Musik angemacht, zog es ihm ganz wie erwartet nahezu sofort die Augen zu.
Erst ein paar Stunden später wurde er durch einen sanften Ellenbogenstoß seines Sitznachbarn geweckt, blinzelte mehrmals und begriff, dass es Essen gab und er den Tisch vor sich herunterklappen sollte.
Nach dem Essen suchte er einmal kurz die Toilette auf, nur um danach direkt wieder in einen leichten Schlaf zu fallen und erst durch die kleine Melodie aufzuwachen, die eine Ansage der Flugbegleitung ankündigte.
„Werte Passagiere, wir bereiten uns jetzt auf den Landeanflug in Los Angeles vor; die Ankunftszeit wird voraussichtlich um 18:50 Uhr Ortszeit sein. Bitte kehren Sie an Ihre Plätze zurück, bringen Sie Ihren Sitz in eine aufrechte Position, klappen Sie die Tische nach oben und schnallen Sie sich an. Vielen Dank!“
Ein kurzer Blick aus dem Fenster und Duke war sofort hellwach. Sie hatten die Wolkendecke bereits durchbrochen, die Sonne senkte sich langsam am Horizont. Über Kilometer hinweg war nichts anderes zu sehen als unzählige Häuserinseln, von Straßen in ein schachbrettartiges Muster unterteilt, das sich mit jedem Meter, den sie dem Erdboden näher kamen, immer feiner und weiter unter ihnen aufspannte.
Ein versonnenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen und sein Herz begann schneller zu schlagen. Die Zweifel, die ihn noch bis zuletzt immer wieder überfallen hatten, waren verschwunden, das aufgeregte Kribbeln in seinem Bauch breitete sich bis in seine Finger- und Zehenspitzen aus.
Zum ersten Mal seit vier Jahren würde er wieder amerikanischen Boden betreten …
Schließlich setzte das Flugzeug auf und fuhr langsam über die Landebahn weiter bis zum Ankunftsterminal.
„Meine Damen und Herren, herzlich willkommen in Los Angeles!“, meldete sich die Stewardess vermutlich zum letzten Mal zu Wort, „Die aktuelle Temperatur beträgt 22 Grad Celsius bzw. 72 Grad Fahrenheit, bei leicht bewölktem Himmel. Ein wichtiger Hinweis noch: Der heutige 1. April ist ein öffentlicher Feiertag in Kalifornien, sodass es sein kann, dass Ihnen möglicherweise nicht alle Essens- und Einkaufsmöglichkeiten uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Wir von Pacific Air wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und hoffen, Sie bald wieder bei uns an Bord begrüßen zu dürfen!“
Glücklicherweise hielt sich die Schlange am Einreiseschalter für amerikanische Staatsbürger in Grenzen. Die uniformierte Mitarbeiterin der US Customs & Border Protection musterte ihn streng, warf einen routinierten Blick in seinen Pass und lächelte schließlich. „Herzlich willkommen zurück, Mr. Devlin!“
„Vielen Dank!“, gab er ebenfalls lächelnd zurück und steckte seinen Pass zurück in die Tasche seines Rucksacks, in der sich auch sein japanischer Pass befand. Bis er sich – zumindest theoretisch – für einen entscheiden musste, hatte er zum Glück noch knappe drei Jahre Zeit.
An der Gepäckausgabe waren seine zwei großen Koffer unter den ersten, die auf dem Band vorbeigetragen wurden und so dauerte es nicht lange, bis er aus der gläsernen Automatiktür hinaus ins Freie trat. Die Luft war warm und stickig, Taxis sowie andere Autos stoppten, hupten, fuhren wieder an, in der Ferne rauschte noch mehr Verkehr. Ein leichter Wind fegte hoch oben durch die Blätter der Palmen, die sich sanft vom rötlich-blauen Himmel im Hintergrund abhoben, und Dukes Mundwinkel schoben sich unwillkürlich nach oben. Er zog sein Handy aus der Hosentasche und schoss ein erstes Foto.
Back in California, Baby!
Ein leichter Stoß in die Rippen, zusammen mit einem gemurmelten „Sorry!“ einer überstürzt vorbeieilenden Frau brachte ihn wieder zurück ins Hier und Jetzt. Schnell fand er ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse, die ihm Pegasus letzte Woche mitgeteilt hatte.
Auf der gesamten Fahrt sah er wie verzaubert nach draußen und sog die Eindrücke auf wie ein Schwamm: die breiten Straßen und Freeways, mehr von Autos als von Menschen bevölkert, die riesigen Billboards, die Wohn- und Gewerbegebiete und dazwischen überall die Palmen, die so typisch für die Stadt waren. Es war sein erster Besuch in Los Angeles und er kam nicht umhin festzustellen, wie anders die Stadt trotz aller faktischen Gemeinsamkeiten im Vergleich zu seiner „Nahezu-Heimat“ San Francisco war.
Nach etwa einer halben Stunde kam das Taxi vor einem modernen, dem Anschein nach etwas gehobeneren Apartment-Komplex am Wilshire Boulevard zum Stehen, Duke zahlte, der Fahrer stellte die Koffer vor ihm auf dem Gehweg ab und verabschiedete sich in die beginnende Nacht.
Nachdem Duke sich am Empfang des Hauses angemeldet hatte, händigte der Concierge ihm die Schlüssel aus und klärte ihn ausführlich über die Annehmlichkeiten des Gebäudes auf: Im Innenhof gab es demnach einen Pool, einen Basketball-Court sowie mehrere Grillstationen, hier im Erdgeschoss eine kleine Gemeinschaftsecke, einen Fitness-Raum, sowie die Paketstation und den Mailroom, wo sich alle Briefkästen befanden, dazu einen Fahrradraum. Seine Wohnung, zu der ihn der Concierge anschließend begleitete, war im dritten Stock, vollmöbliert, und verfügte außerdem über eine Waschmaschine sowie einen Trockner.
Ohne die Schuhe auszuziehen, denn er würde sich eh gleich noch irgendwo eine Kleinigkeit zu essen holen, verschaffte Duke sich, nachdem der Concierge gegangen war, einen ersten Überblick über sein neues Domizil: Er stand im vermutlich größten Raum der Wohnung, zu seiner Linken befand sich eine lange Küchenzeile, ausgestattet mit allem, was man zu seinem Glück brauchen konnte: Kühlschrank, Geschirrspüler, Mikrowelle, Herd mit Backofen, davor ein hoher Tisch mit einigen Barhockern darum gruppiert. Die Küche ging nahtlos in einen Wohnbereich über, mit einer großzügigen hellen Couch an der einen Wand, einem Fernseher an der gegenüberliegenden Wand, sowie einem Couchtisch und einem Sessel. Zu seiner Rechten führte eine Tür in das kompakte Badezimmer und eine weitere Tür in das Schlafzimmer, in dem sich neben dem Bett auch ein Einbauschrank sowie – genau wie im Wohnzimmer – eine Glastür hinaus auf den kleinen Balkon befand.
Er ließ den Rucksack von seiner Schulter gleiten, stellte seine Koffer in der Nähe des Schrankes ab und ließ sich mit einem langgezogenen Ausatmen auf das Bett sinken.
Hier würde also für die nächsten sechs Monate sein Zuhause sein …
Nun, man konnte sagen, was man wollte, aber Pegasus ließ sich wirklich nicht lumpen!
Das vertraute, wohlige Kribbeln des Neuanfangs durchströmte ihn, fast so wie damals bei seiner Ankunft in Japan. Er zog sein Handy aus der Hosentasche, das sich, wie er erst jetzt bemerkte, noch immer im Flugmodus befunden hatte. Nahezu umgehend fand das Gerät das neue Netz und die Konditionen waren tatsächlich gut genug, dass er sich wohl keine neue SIM-Karte zulegen musste.
Er navigierte in seine Messages, um allen zu schreiben, dass er wohlbehalten angekommen war, doch gerade als der Cursor im Textfeld zu blinken begann, hielt er inne, verließ die App wieder und öffnete stattdessen Instagram. Wahrscheinlich war es einfacher einen kurzen Post mit seinem Bild von vorhin abzusetzen.
Tea hatte recht: Die sechs Monate würden vergehen wie im Flug!
Während der Post bereits die ersten Likes sammelte – immerhin war es in Japan gerade einmal Mittag – öffnete Duke doch noch einmal die Messenger-App, um wenigstens Seto zu schreiben, denn der werte Herr hielt, ganz wie man es von ihm erwarten durfte, natürlich absolut nichts von sozialen Medien.
Zuerst ließ ihn der Gedanke noch unweigerlich schmunzeln, doch schon wenige Sekunden später spannten sich die Muskeln in seinem Gesicht und nach und nach auch im Rest seines Körpers. Seine Brauen zogen sich zusammen. Spätestens an vierter oder fünfter Stelle hätte der Chat mit Seto doch eigentlich kommen müssen – mittlerweile war er schon fast ganz unten angekommen …
Mit einem leichten Kopfschütteln scrollte er wieder zurück nach oben.
So lange wie sie sich zwischenzeitlich nicht gesehen hatten, hatte er ihn vielleicht einfach übersehen. Nach einem Zehn-Stunden-Flug und so vielen neuen Eindrücken vielleicht auch kein großes Wunder …
Noch einmal ging er Eintrag für Eintrag durch: Hisoka, Gruppenchat mit den anderen, Tea, Serenity, Vermieter, Black Clown-Gruppenchat, Joey, Tristan, Mokuba, Mariko … dem Datum an der rechten Seite zufolge war er bereits im letzten Jahr angekommen.
Sein Daumen stoppte.
Das konnte doch nicht wahr sein! Wenn er es nicht besser wüsste, müsste er glatt annehmen, der Chat sei gelösch– … seine Augen weiteten sich. Mit bebendem Herzen und zunehmend fahrigen Bewegungen navigierte er ins Adressbuch.
Aus Sicherheitsgründen war Setos Eintrag zwar einfach nur mit „K.“ betitelt, doch selbst nach fünfmaligem Hoch- und Runterscrollen war er einfach nicht zu finden. Eine ganz bestimmte Befürchtung legte sich wie eine eiskalte Klammer um Dukes Herz, doch noch war er nicht bereit ihr nachzugeben. Noch einmal las er jeden einzelnen Eintrag, danach noch ein zweites Mal, doch schließlich war die Gewissheit unumstößlich: Setos Nummer war verschwunden.
Er kniff die Augen zusammen so fest er konnte, im verzweifelten Versuch ein Bild der Zahlenfolge vor seinem geistigen Auge zu erzeugen, doch schon nach den ersten vier Ziffern der Netzbetreiber-Vorwahl wurden die Silhouetten nur noch undeutlich und verschwommen.
Verdammte Smartphone-Ära! Niemand prägte sich mehr Handynummern ein!
Ohne wirklich hinzusehen, warf er das Handy irgendwo auf das Bett, ließ sich ebenfalls nach hinten fallen und rieb sich die Augen, in denen es verräterisch zu brennen begann.
Aber wie um alles in der W–…? Seine Hände stoppten, er richtete sich wieder auf und zog scharf die Luft ein.
Seto war vor ihm aufgestanden … hatte klammheimlich die Wohnung verlassen wollen …
Schlagartig schlug die Kälte in seiner Brust in Hitze um, sammelte sich wie Magma in einer Blase unter der Oberfläche, bevor sie mit Wucht hervorbrach. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, seine rechte sauste zuerst in eines der gefühlt dreitausend Kopfkissen, kurz darauf die linke, dann entließ er ein langgezogenes Seufzen, stützte die Ellenbogen auf seinen Oberschenkeln ab und rieb sich mit den Händen übers Gesicht.
Dieser … dieser … hinterhältige Bastard musste die Nummer eigenhändig gelöscht haben!
Ruckartig erhob er sich, marschierte zu seinem Rucksack und riss fast schon gewaltsam den Reißverschluss des Laptopfaches auf. Er zog etwas daraus hervor und sah den Gegenstand in seiner Hand lange an.
Das Ringbuch sah äußerst ramponiert und mitgenommen aus: Kratzer und abgeschürfte Stellen zierten – neben den unzähligen neon-orange leuchtenden Dinos – das Cover, die Ringe der Bindung waren völlig verbogen. Kein Wunder, wenn man bedachte, was dieser Block schon alles mitgemacht hatte …
Ihm entfuhr ein bitteres Schnauben. Er hatte den Block – oder vielmehr das, was noch davon übrig war – mit hierher genommen, um, wann immer es sich ergab, kleine Szenen aus der Stadt oder seinem Alltagsleben hier in LA hineinzuzeichnen und ihn Seto nach seiner Rückkehr wiederzugeben.
„FUCK!“, brach es laut aus ihm heraus, als er das Buch in einer fließenden Bewegung auf den Boden schleuderte und einmal beherzt darauf trat.
Schwer atmend und ohne den Block eines weiteren Blickes zu würdigen, kramte er seinen Geldbeutel aus dem Rucksack, schnappte sich die Schlüssel und knallte beim Verlassen der Wohnung die Tür lauter als nötig hinter sich zu – sollten die Nachbarn doch denken, was sie wollten!
Er musste raus, vielleicht erstmal etwas essen – auch wenn es wohl mehr die Vernunft war, die da aus ihm sprach, war ihm doch in den letzten Minuten jeglicher Appetit gründlich vergangen. Am liebsten würde er direkt wieder nach Japan zurückfliegen, zu Seto zu marschieren, die Wahrheit aus ihm herauspressen und ihm anschließend eine reinhauen, wahlweise auch umgekehrt.
Ein Burger, Pommes und ein Softdrink von der nahegelegenen Filiale einer großen Fast-Food-Kette später war er wieder zurück in seiner neuen Wohnung. Ohne das Telefon auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, suchte er aus seinen Koffern die passenden Klamotten für morgen und hängte sie ordentlich an einem Bügel an die Türen des Schrankes. Dann ging er mit seinen Schlafsachen ins Bad, um zu duschen und Zähne zu putzen, während seine Gedanken sich ohne Unterlass weiter ziellos im Kreis drehten.
Das Bett schien noch recht neu zu sein, die Matratze war kaum durchgelegen und die Bettwäsche roch, als hätte jemand beim Waschen das Weichspülerfach bis über die Obergrenze gefüllt.
Weder sein Körper noch sein Geist waren jedoch wirklich müde – was auch, aber definitiv nicht nur am Jetlag lag. Rastlos wälzte er sich von einer Seite auf die andere, dieselbe schier unaufhörliche Dauerschleife im Kopf.
Warum hatte Seto das getan?!
Fast schon krampfhaft versuchte er, sich noch einmal jede Einzelheit ihres letzten Abends ins Gedächtnis zurückzurufen, jedes einzelne Wort aus Setos Mund, jede Regung seines Gesichts.
Sechs Monate sind keine kurze Zeit und du wirst mehrere tausend Kilometer entfernt sein. Ich kann … ich will dir nicht vorschreiben, was du dort tust oder nicht tust.
Setos Worte war ihm so sinnvoll erschienen – das hatten sie meistens so an sich –, dass er nichts weiter dazu gesagt hatte. Seto wollte ihn nicht einschränken, ließ ihm alle Freiheiten. Daran war grundsätzlich nichts verkehrt, außerdem stellte es Das-mit-uns in keiner Weise in Frage …
… hatte er zumindest gedacht.
Sein Herz zog sich zusammen.
Vielleicht … können wir ja wenigstens ab und an mal telefonieren ...
Wieso war er nur immer noch so schrecklich naiv?! Am Ende hatte er Seto womöglich überhaupt erst auf die Idee gebracht, die Nummer zu löschen!
… was die Tat natürlich keineswegs entschuldigte.
Dieser verdammte Feigling! Wieder schlug er mit der Faust energisch auf das Kissen.
Wenn er es wirklich hatte beenden wollen, warum hatte er es ihm nicht einfach ins Gesicht gesagt, anstatt es auf eine solch schmutzige und hinterhältige Weise zu tun?!
Einmal mehr stiegen die Bilder ihres Abschieds vor seinem geistigen Auge auf und ließen den erstickenden Klumpen aus Wut in seiner Kehle nur noch weiter anschwellen. Die Tatsache, dass Seto ihn umarmt und geküsst hatte – genickt hatte, als er sagte, dass er ihm schreiben würde! – und dabei die ganze Zeit gewusst haben musste, dass dieser Moment, jetzt und hier, unweigerlich kommen würde!
Sein linkes Bein kickte nach vorn, traf jedoch nur auf Luft und Laken.
Ach, es hatte doch alles keinen Zweck!
Mit einem gedehnten Seufzen stand er auf, um sich ein Glas Wasser zu holen, ging damit hinaus auf den kleinen Balkon und lehnte sich an die Brüstung. Der Balkon lag nicht außen an der Straße, sondern im Innenhof, doch da die Wohnung genau an der Ecke lag, bot er trotzdem einen guten Blick auf die blinkenden Lichter von Downtown LA.
Mit einem Mal fühlten sich die sechs Monate an wie eine Unendlichkeit.
Auch kein ganz unbekanntes Gefühl – die Kehrseite des Neuanfangs: Wie damals, frisch in Domino angekommen, auf sich allein gestellt, ohne eine Menschenseele in seinem neuen Zuhause zu kennen und mit einer beinahe grenzenlosen Wut als seinem einzigen Antrieb.
Damals auf Yugi – völlig ungerechtfertigt –, heute auf Seto – mehr als berechtigt.
Der Wind hatte sich mittlerweile beruhigt, nur eine laue Brise kitzelte noch über seine Haut. An die Temperaturen würde er sich definitiv erst gewöhnen müssen; selbst jetzt, mitten in der Nacht, war es um diese Jahreszeit hier wärmer als in Domino tagsüber.
Ein letzter Blick auf die Wolkenkratzer, dann leerte er das Wasserglas in einem Zug und ging wieder hinein. Mit seiner Bettdecke bewaffnet tapste er hinüber ins Wohnzimmer, ließ sich schwer auf die Couch fallen und schaltete den Fernseher an.
Die Kanäle schienen kein Ende zu nehmen, das Programm – Sit-Coms, Nachrichten, Spiel-Show-Wiederholungen – war grell und laut, ebenso wie die Werbung. In seiner kleinen Wohnung in Domino besaß er keinen Fernseher und das wenige japanische Fernsehen, das er in den letzten Jahren gesehen hatte, taugte nicht wirklich für einen qualifizierten Vergleich. Schließlich blieb er bei einer Krimi-Serie hängen, die in Miami spielte, dem Aussehen nach aus den frühen Zweitausendern. Er fand nicht wirklich in die Handlung, die Charaktere ließen ihn vollkommen kalt, aber immerhin reichte es, um ihn von weiteren ziellosen Grübeleien abzuhalten.
Irgendwann, ohne dass er es wirklich bemerkte, zog es ihm schließlich doch noch die Augen zu.
Das Klingeln seines Handyweckers riss Duke aus dem Schlaf, in den er, so fühlte es sich zumindest an, vor nicht viel mehr als einer halben Stunde gefallen sein konnte. Eilig und ohne die Decke mitzunehmen ging er ins Schlafzimmer, schnappte sich die Sachen, die er sich zurechtgelegt hatte (dunkelgrünes Hemd, graue Weste, schwarze Jeans – ein wenig formeller als üblich) und ging ins Bad, um sich frisch zu machen. Ein Blick in den Spiegel bestätigte sein Gefühl: Er sah in der Tat völlig zerstört aus, die leichten Augenringe würden sich kaum kaschieren lassen – zum Glück trug er den Kajal nicht mehr, sonst hätte er damit vermutlich nur noch mehr Aufmerksamkeit darauf gezogen. Er drehte den Wasserhahn auf und warf sich drei Mal eiskaltes Wasser ins Gesicht.
Seto!
Augenblicklich schnürte ihm die Wut von Neuem die Kehle zu. Nur wegen diesem sturen, verbohrten, hinterhältigen Idioten würde er nicht den vollständig guten Eindruck machen, auf den er eigentlich abgezielt hatte! (Gut, sein Schlafen im Flugzeug mochte auch einen Teil dazu beigetragen haben, aber trotzdem!)
Egal, er durfte – er würde – sich nicht davon ablenken lassen! Dann war er eben auf sich allein gestellt! Das hatte ihn auch früher schon nicht davon abgehalten erfolgreich zu sein!
Nachdem er sich einigermaßen hergerichtet hatte, packte er seinen Rucksack und verließ die Wohnung. Erst einmal musste ein Frühstück her; wenn er gestern bei seinem kleinen Spaziergang richtig gesehen hatte, war ein Stück die Straße runter ein Coffee Shop gewesen.
Mit einem großen Coffee To Go und einer Tüte mit einem undefinierbaren, aber immerhin gesund wirkenden, warmen Brot-Produkt darin winkte er sich kurz darauf ein Taxi heran und ließ sich zum Industrial Illusions Headquarter fahren. Hinter den Hochhäusern von Downtown LA stieg die Sonne stetig höher und tauchte gnadenlos alles, selbst den bedrückenden Anblick der Obdachlosen-Zelte unter den Freeway-Brücken, in sanftes Morgenlicht.
Er war kaum dazu gekommen, in das aufgewärmte Sandwich(?!) zu beißen, da verkündete der Taxifahrer auch schon, dass sie das Ziel erreicht hatten. Schnell stieg er aus, bezahlte und sah dem Taxi nach, wie es auf der breiten und um diese Tageszeit durchaus vollen Straße immer kleiner wurde und schließlich um eine Kurve verschwand.
Hm, wenn es mit dem Auto so schnell ging, dann war die Strecke fürs Fahrrad vermutlich geradezu ideal …
Das Industrial Illusions Headquarter war auf den obersten dreißig eines 48 Etagen zählenden Hochhauses untergebracht, das sich inmitten der Bankentürme von Bunker Hill knappe zweihundert Meter in die Höhe streckte.
Wie die Beschilderung am Eingang verriet, befanden sich neben Pegasus Unternehmen noch ein Restaurant, ein Fitnessstudio, ein Coffee Shop, sowie eine Vielzahl weiterer, kleinerer Firmenbüros darin. Der KC-Tower in Domino war … nun, nicht gerade ein Witz dagegen, aber unterlag im direkten Vergleich doch deutlich. Erneut brodelte es in Duke, doch im Interesse seines pünktlichen Erscheinens schüttelte er den Gedanken sogleich wieder ab. Fokus!
Im Fahrstuhl strich er noch einmal seine Sachen glatt und entfernte ein oder zwei Brotkrümel von seinem Hemd, dann atmete er tief durch und stieg, als die Türen im 18. Stock aufgingen, mit einem freundlichen Nicken zu den verbliebenen Leuten in der Kabine aus. Eine Minute vor neun, perfekt!
Die Räume von Industrial Illusions waren hell und lichtdurchflutet, modern, aber trotzdem freundlich und warm eingerichtet. (Nicht so einschüchternd wie … egal!) Gerahmte Werbeplakate von Duel Monsters-Erweiterungen und diversen Turnieren schmückten die Wände, sowie einzelne Zeitungsartikel, vermutlich über die Firma oder Pegasus.
Letzterer stand direkt am Empfang, einen Arm entspannt auf den Tresen gestützt, und plauderte locker mit der Empfangsdame. Kaum hatte Duke auch nur einen Fuß aus dem Fahrstuhl gesetzt, löste er sich und kam mit einem breiten Lächeln auf ihn zu. „Da ist er ja! Unser wichtigster Neuzugang! Duke, mein Lieber, herzlich willkommen!“ Während des kurzen, festen Händedrucks ruhte Max linke Hand vertraulich auf Dukes Oberarm.
„Hi, Max, schön, endlich hier zu sein!“, erwiderte er ebenfalls lächelnd und war fast ein wenig überrascht, dass er es trotz der veränderten Umstände tatsächlich so meinte. „Empfängst du alle deine neuen Mitarbeiter persönlich?“
„Um ehrlich zu sein, noch nicht einmal alle meine Gäste“, gab Max mit einem verschwörerischen Zwinkern zurück und bedeutete Duke ihm zu folgen. „Wir gehen erstmal kurz in mein Büro, danach gebe ich dir eine kleine Tour. Ich habe mir die nächsten zwei Stunden extra dafür freigehalten.“
Gemeinsam durchquerten sie den Eingangsbereich sowie ein angrenzendes Großraumbüro, dessen Schreibtischinseln durch Pflanzen und halbhohe Wände voneinander abgetrennt waren, um zu weiteren Fahrstühlen zu gelangen.
„Wie war deine Anreise?“, erkundigte Pegasus sich, während sie warteten, „Und viel wichtiger: Wie gefällt dir die Wohnung? Ich habe sie höchstpersönlich ausgesucht!“
„Der Flug lief zum Glück absolut reibungslos. Und die Wohnung ist fantastisch!“
„Sehr gut, das freut ich zu hören, du wirst es hier ja auch eine Weile aushalten müssen, nicht wahr?“ Ein vielsagender Unterton schien in Max Stimme mitzuschwingen, aber vielleicht war das auch reine Einbildung gewesen. Ein sanftes Pling kündigte die Ankunft des Fahrstuhls an, sie stiegen ein und ganz wie erwartet drückte Pegasus auf den Knopf mit der Nummer 48.
„Wie bist du eigentlich–“ Ein leises Brummen unterbrach ihn und kurz herrschte Stille, während Max sein Telefon zur Hand nahm und eine Nachricht eintippte. Gedankenverloren folgte Duke den Bewegungen von Max Fingern auf dem glatten Display, da durchfuhr es ihn auf einmal wie ein elektrischer Schlag. Sein Atem beschleunigte sich und seine Augen fixierten starr das Telefon.
Mit absoluter Sicherheit befand sich darauf auch auch Setos Handynummer! Zwar nicht die ganz private, aber immerhin die andere! Er biss sich leicht auf die Unterlippe. Gab es irgendeine Möglichkeit, wie er–
„Wie bist du eigentlich hergekommen?“, nahm Pegasus den Faden ihrer Unterhaltung wieder auf und steckte das Handy weg.
„Mit dem Taxi“, antwortete Duke bemüht ruhig, als könnte er so auch sein wild pochendes Herz zur Ruhe zwingen, „Aber jetzt wo ich weiß, wie kurz die Strecke ist, denke ich ehrlich gesagt darüber nach, mir ein Fahrrad zu besorgen.“
„Oh, natürlich, es gibt ein paar Leute, die mit dem Fahrrad herkommen. Nichtsdestotrotz wird dir natürlich wie angekündigt ein Firmenwagen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Er müsste auch schon unten im Parkhaus stehen. Aber wir kommen ja später auch noch in die HR-Abteilung, da wird man dir alles genauer erklären.“
Mit einem neuerlichen Pling glitten die Fahrstuhltüren auf und sie traten hinaus in einen großzügigen Vorraum, in dem eine Sekretärin sowie Croquet jeweils an einem eigenen Schreibtisch saßen. Dazu gab es eine stilvolle, raumgreifende Sitzecke, vermutlich für wartende Besucher, einen eigenen, großzügigen Konferenzraum (Duke erkannte ihn als den Konferenzraum des Meetings, in dem er die DDM-Duel Disk erstmals präsentiert hatte) und davor auf einem Sideboard eine vollautomatische Kaffeemaschine.
Im Vorbeigehen nickte Duke Croquet und der Sekretärin kurz zu, dann bat Pegasus ihn in sein Büro und seine Kinnlade klappte unwillkürlich nach unten. Sein fragender Blick wurde mit einem leichten Schmunzeln und Nicken beantwortet und noch immer sprachlos trat er an die Fensterfront hinter Pegasus riesigem Schreibtisch. Der Ausblick war absolut atemberaubend, reichte über die gesamte Stadt bis zum Horizont, wo man zwischen den anderen Hochhäusern hindurch den Pazifik sehen konnte.
„Möchtest du etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht?“, riss ihn Pegasus Stimme aus seiner Bewunderung.
„Ähm … ja, ein zweiter Kaffee wäre sicherlich nicht verkehrt, danke.“
Die Zeit, in der Pegasus seiner Sekretärin über die Gegensprechanlage den Wunsch durchgab, nutzte Duke für einen letzten Blick über die Skyline, bevor Max ihn aufforderte sich zu setzen und die Sekretärin auch schon ein Tablett mit zwei dampfenden Tassen Kaffee auf dem Schreibtisch zwischen ihnen abstellte.
„Vielen Dank, Glenda, das wäre für den Moment alles.“ Sie nickte und verließ den Raum.
Max nahm sich eine der Tassen und gab zwei Stück Zucker hinein, dazu einen großzügigen Schluck Milch aus einem kleinen Kännchen.
„Also nur, um noch einmal die Fakten festzuhalten, mein Lieber: Du wirst in der Design-Abteilung arbeiten; Ziel ist es, die erste große DDM-Erweiterung zu konzipieren und im Idealfall soweit vorzubereiten, dass sie in die Produktion gehen kann. Was du machst, welche Mechaniken, Themen, Spielmaterialien, ist vollkommen dir überlassen, aber es wäre natürlich sinnvoll, wenn ein gewisser Budget-Rahmen eingehalten wird und alles auch mit den bisherigen Technologien kompatibel wäre – den Arenen, der DDM-Duel Disk …“, an dieser Stelle kicherte Max leise und zwinkerte ihm einmal zu, „Dafür wäre der gute Kaiba sicherlich auch mehr als dankbar, wo er doch so viel Energie in die Entwicklung gesteckt hat, nicht wahr?“
Der Name stach sich wie eine Nadel in sein Herz, trotzdem nickte und lächelte Duke. Reflexhaft wanderten seine Augen erneut zu Pegasus Smartphone, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Warum konnte er nicht einfach kurz die Zeit anhalten, es nehmen, Setos Nummer heraussuchen, es dann wieder hinlegen, als wäre nichts geschehen und die Zeit weiterlaufen lassen?!
„Ist alles in Ordnung, mein Lieber? Du wirkst ein wenig abgelenkt.“
Die Frage ließ ihn zusammenfahren. „Oh, ja, entschuldige, alles okay.“ Schweißperlen bildeten sich auf seinem Rücken. „Ich bin nur ziemlich müde“, erklärte er verlegen, „Jetlag, du weißt schon.“
„Oh, wem sagst du das!“, lachte Pegasus, „Wenn ich nicht auf jedem längeren Flug Croquet neben mir sitzen hätte, der mich mit allen Mitteln wachhält, die nicht unmittelbar mein Leben gefährden, würde es mir nicht anders gehen.“
Duke atmete einmal leise aus. Das war gerade noch einmal gut gegangen, trotzdem hätte er sich am liebsten geohrfeigt. Er musste diese ganze Seto-Sache vergessen, zumindest für den Moment! Heute Abend hatte er noch genügend Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen!
Eine knappe halbe Stunde lang besprachen sie weitere Details, bis schließlich auch Duke seine Kaffeetasse geleert hatte.
„Wunderbar!“ Pegasus klatschte einmal in die Hände und erhob sich. „Jetzt, wo wir das Ziel nochmals abgesteckt haben, lass mich dir zeigen, wie hier alles funktioniert. Nimm deinen Rucksack am besten einfach mit, ich liefere dich dann gleich beim Team ab.“
Strahlend und mit ausladenden Gesten führte Pegasus Duke durch die wichtigsten Etagen und Räumlichkeiten. Einige Mitarbeiter grüßte er mit Namen und diese grüßten freundlich und unumwunden zurück, manche sprachen ihn sogar mit Vornamen an. Auf manche Abteilungen ging er – auch aus Zeitgründen, denn die zwei Stunden näherten sich langsam dem Ende – nicht weiter ein, da er (zu Recht) annahm, dass Duke wusste, worum es dort ging und ohnehin nicht übermäßig viel mit ihnen zu tun haben würde: Kundenservice, Controlling, Rechtsabteilung und Vertrieb wurden eher zügig mit einem „Die relevanten Personen wirst du noch früh genug kennenlernen!“ gestreift.
Im Marketing musste Duke einige Hände schütteln, danach kamen sie wie angekündigt in die Personalabteilung, wo er seine Keycard erhielt und seinen Arbeitsvertrag sowie einige Belehrungen unterschreiben musste. Außerdem bekam er von Helen, der für seine Abteilung zuständigen Mitarbeiterin, gesagt, er solle vor seinem Feierabend noch einmal vorbeikommen, um den Schlüssel für den Firmenwagen abzuholen und die offizielle Übergabe durchzuführen.
Wie HR nahm auch die IT-Abteilung eine volle Etage ein. Der ansonsten gängige, eher etwas formellere Dresscode schien hier nicht zu gelten: Ein Mitarbeiter in T-Shirt, Jeans und Sneakers, der ihm von Pegasus als Dave vorgestellt wurde („Ein wahrer Computer-Magier! Ich habe schon mehrmals ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, ihn in einer Karte zu verewigen!“), händigte Duke ein großes Firmentablet mit Tastatur und Stift aus, gab ihm eine kurze Einweisung, was er damit tun und nicht tun durfte, und erklärte ihm, wie er bei Problemen die interne Support-Hotline erreichen konnte.
„Und damit kommen wir auch schon zum Finale meiner kleinen Führung“, kündigte Pegasus zwei Etagen weiter unten gravitätisch an und führte ihn durch einen ausgedehnten Bereich, in dem die Produktionsabteilung saß, zu einem separaten, teilweise verglasten Raum, wie ihn manche Abteilungen und Teams besaßen. ‚Development & Design‘ prangte in großen Lettern an der Tür.
„Hier wird für die nächsten sechs Monate dein Platz sein!“
Dukes Herzschlag beschleunigte sich.
Der Büroraum wurde bestimmt von mehreren Viererinseln aus höhenverstellbare Schreibtischen. An einigen davon saßen oder standen Mitarbeiter an Rechnern mit angeschlossenen Grafiktabletts, teilweise Kopfhörern auf dem Kopf und schienen völlig in ihre Arbeit versunken. Auch hier schien die Kleiderordnung eher normal, oder zumindest wesentlich weniger formell zu sein als in vielen der anderen Bereiche, die er gerade kennengelernt hatte.
An der hinteren Wand des Raumes waren mehrere große Whiteboards angebracht, voller angehefteter Konzeptzeichnungen und gekritzelter Schaubilder, die ein wenig an Taktikskizzen von Fußball- oder Basketballtrainern erinnerten. Das mittlere Board war in fünf Spalten aufgeteilt – ToDo, Concept, Design, Review, Finished4Production – in denen Post-Its in verschiedenen Farben klebten, die an der Seite in einer Legende erklärt wurden. Bevor Duke jedoch dazu kam, es sich genauer anzusehen, trat ein Mann auf sie zu, dem Pegasus zur Begrüßung kameradschaftlich auf die Schulter klopfte.
„Duke“, wandte sich Pegasus nun wieder ihm zu, „das ist Pablo Moreno, Head of Development & Design und damit dein direkter Vorgesetzter für die Dauer deines Praktikums. Pablo, das ist Duke, wie angekündigt.“
Man musste Pablo gar nicht lange sehen oder erleben, um zu verstehen, warum er diese wichtige Position innehatte: Energie und Kreativität sprühten förmlich aus seinen dunkelbraunen Augen, gleichzeitig ging von seinem ganzen Auftreten eine Aura in sich ruhender Stärke aus, die ganz klar vermittelte, dass er mit sämtlichen Widrigkeiten umgehen konnte, die ihm in den Weg geworfen wurden, seien es anspruchsvolle Deadlines oder Schlimmeres.
„Pablo und sein Team sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Duel Monsters so funktioniert, wie es heute funktioniert: Mit allen Regelerweiterungen, neuen Mechaniken usw., die in den letzten Jahren dazu gekommen sind. Außerdem werden hier alle Karten designt und gestaltet und auch sämtliche Artworks angefertigt, für die ich nicht persönlich verantwortlich zeichne“, erklärte Pegasus weiter, als ihn ein erneutes kurzes Brummen seines Telefons aufschreckte. „Himmel, ich muss in den Vorstandscall! Also dann, Duke, wir sehen uns und viel Spaß! Pablo, kümmere dich gut um unseren jungen Freund!“ Er war schon halb durch die Tür entschwunden, als er sich doch noch einmal umdrehte. „Und grüß Luisa und die Kinder von mir!“
Pablo winkte ihm noch kurz lächelnd hinterher, dann wandte er sich an Duke und schüttelte ihm zur Begrüßung die Hand. „Hi! Was für eine Freude, den Erfinder von Dungeon Dice Monsters endlich einmal persönlich kennenzulernen!“ Seine Stimme war tief, weich und fließend, mit einem leichten spanischen Akzent. „Ein fantastisches Spiel – das wusste ich sofort, als ich das Konzept zum ersten Mal gelesen habe!“
Unwillkürlich musste Duke daran denken, wie sein Vater behauptet hatte, die E-Mail mit seiner Idee würde bei Industrial Illusions sofort im Papierkorb landen. Die Genugtuung war noch immer zu köstlich, doch er erlaubte sich nicht, noch länger darin zu schwelgen, sondern besann sich umgehend wieder auf das Hier und Jetzt. „Danke! Freut mich auch!“
„Am besten stellst du erstmal deinen Rucksack dort drüben an deinem zukünftigen Platz ab“, Pablo zeigte auf einen offensichtlich unbesetzten Tisch ganz rechts in der Mitte, „und dann können wir eigentlich auch schon loslegen.“
Von ein paar kurzen Seitenblicken abgesehen, die man ihm zugeworfen hatte, als Pegasus ihn hier abgesetzt hatte, waren die anwesenden Mitarbeiter einfach weiter unbeirrt ihrer Arbeit nachgegangen; jetzt jedoch wurden Kopfhörer abgesetzt, Bildschirme gesperrt und Stühle nach hinten gerückt. Duke beschleunigte seinen Schritt, warf seinen Rucksack auf den Boden neben dem Tisch und legte das Tablet und das Headset ab, die er die ganze Zeit unter dem Arm mit sich herumgetragen hatte. Dann folgte er der Masse und versammelte sich gemeinsam mit dem Rest in einem Halbkreis vor der hinteren Wand mit dem großen Whiteboard.
Nachdem Pablo festgestellt hatte, dass alle bereit und aufnahmefähig waren, begann er und wandte sich dabei noch einmal explizit an Duke: „Immer morgens um elf treffen wir uns hier vor dem Board und schauen gemeinsam auf den aktuellen Stand unserer ToDos und Projekte, um zu sehen, ob alles seinen Gang geht oder es Dinge zu klären gibt.“
An alle gewandt fuhr er fort: „Wie ihr euch denken könnt, sieht die Tagesordnung heute ein wenig anders aus, denn wir dürfen für die nächsten sechs Monate ein weiteres Teammitglied in unseren Reihen begrüßen.“
Sämtliche Augenpaare richteten sich auf Duke, der unwillkürlich die Schultern nach hinten zog, um noch gerader zu stehen. Seine Mundwinkel zogen nach oben und ein vorfreudiges Kribbeln erfasste seinen gesamten Körper, als er den Blick einmal durch die Runde schweifen ließ.
„Also lasst uns eine kleine Vorstellungsrunde einschieben, um die Dinge in Schwung zu bringen. Wo ich schon einmal am Reden bin, kann ich eigentlich auch gleich anfangen“, lächelte Pablo und wandte sich wieder etwas mehr Duke zu. „Mein Name ist Pablo – so viel wusstest du schon –, 45 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder. Bei Industrial Illusions bin ich eigentlich schon von Anfang an dabei, also seit etwas mehr als zehn Jahren. Bevor ich mich hier in LA niedergelassen habe, war ich jeweils mehr oder weniger lange in Frankreich, Großbritannien, Neuseeland, Kanada und Südkorea. Wenn ich mal sowas wie Zeit für mich habe, bin ich gerne mit dem Rad unterwegs oder gehe surfen – wobei auch mein Ältester langsam Gefallen daran findet.“ Hobbies dieser Art hatte Duke bereits anhand von Pablos eher sportlichem Outfit und Körperbau vermutet. „Möchtest du gleich weitermachen?“
„Klar!“ Er hob die Hand und winkte einmal locker in die Runde, „Hi, ich bin Duke, neunzehn Jahre alt. Wie ihr vermutlich wisst, habe ich Dungeon Dice Monsters entwickelt, das vor ein paar Jahren von Ma–Mr. Pegasus angenommen und hier bei Industrial Illusions gepublished wurde. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Bay Area, habe aber die letzten vier Jahre in Japan gelebt.“
Es fühlte sich seltsam an, von seinem Leben in Domino in der Vergangenheitsform zu erzählen, aber jetzt gerade konnte er sich davon nicht beirren lassen. „Da Freizeit für mich bis ungefähr letzte Woche noch hieß: ‚Zeit, in der keine Schule war‘“, wie geplant brachte der Satz seine neuen Kollegen zum Schmunzeln, „kann man sagen, dass das Entwickeln von DDM bis jetzt mein wichtigstes Hobby war. Aber auch darüber hinaus beschäftige ich mich gerne mit allen Formen von Spielen, ob nun Brettspiele, TCGs, Tabletop- oder Pen&Paper-Rollenspiele. Ansonsten spiele ich gern Basketball und bilde mir ein ganz passabel zu kochen.“
Gespannt blickte er in das Rund seiner neuen Kollegen. Natürlich hätte er es bevorzugt, sie im normalen Gespräch kennenzulernen, wie er es auch im Laden gehandhabt hätte (den er bei näherer Betrachtung vielleicht auch hätte erwähnen können, aber naja, was sollte es), doch im Corporate-Kontext war eine solche Runde vermutlich das effizienteste Format für einen schnellen Überblick. Zum Glück hatte er noch nie Probleme damit gehabt sich Gesichter und Namen zu merken.
Eine Frau, dem Anschein nach nur ein paar Jahre jünger als Pablo, ergriff das Wort. Sie stellte sich als Ai Lee vor, war schon ähnlich lange dabei wie Pablo und gemeinsam mit ihm (und natürlich Pegasus) hauptverantwortlich für das Game Development – also sämtliche neuen Spielmechaniken und Regelkonzepte von Duel Monsters. Wenn Pablo nicht da war, fungierte sie außerdem als seine Stellvertreterin. Zu ihrem toughen Auftreten passte gut, dass sie Kampfsport als eines ihrer Hobbies nannte. „Und wenn du gerne scharf isst:“, sie sah Duke durchdringend an, „Ich mache das schärfste Kimchi diesseits des Pazifiks. Altes Familienrezept.“
Pablo, sowie einige andere in der Runde nickten, ein paar sichtlich begeistert, andere eher mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Nach ihr meldete sich ein Mann Mitte dreißig zu Wort, schlaksige Statur, mit Brille und kurzem, braunen Haar. „Ähm, mein Name ist Bobby – eigentlich Robert, aber so nennt mich hier keiner. Meine Aufgabe ist es, jeden Tag aufs Neue die teils doch recht komplexen Dinge, die Pablo und Ai Lee sich ausdenken, in möglichst wenige, gut verständliche Worte zu packen, damit sie am Ende auch auf die Karten passen.“ Wissendes Gekicher in der Runde. „Außerdem koordiniere ich die Übersetzungen in sämtliche Sprachen, in denen wir Duel Monsters und auch Dungeon Dice Monsters anbieten.“
Sarah, eine blonde, junge Frau, die in ihrer Freizeit einen kleinen Nachbarschaftsgarten in ihrem Viertel betrieb, war für das Grafikdesign verantwortlich, ebenso wie J.J., ein End-Zwanziger mit dunkler Haut in einem aufregend gemusterten Kurzarmhemd, einer grauen Stoffhose mit Bügelfalte, die knapp über seinen Knöcheln endete und ledernen Slippern an den Füßen.
Terrence – von allen nur Terry genannt – und Danielle waren Concept Artists, die die Gestaltung für alle Monster übernahmen, die Pegasus nicht selbst entwarf sowie sämtliche anderen Duel Monsters-Artworks.
„So“, übernahm Pablo wieder das Wort, „damit haben wir all–“, er unterbrach sich und sah sich suchend um, „Moment, die Wichtigste fehlt doch noch! Wo um alles in der Welt ist Michonne?“
Der Name kam Duke nicht völlig unbekannt vor, etwas klingelte da in seinem Hinterkopf.
Genau in diesem Moment ging die Tür zum Büro auf und eine junge Frau, vielleicht 26 oder 27 Jahre alt und etwas kleiner als er, betrat den Raum. „Sorry für die Verspätung, mein Auto hat Probleme gemacht!“ Ihr Tonfall klang nicht wirklich überzeugend. Lustlos stellte sie ihren Rucksack an dem Platz neben Dukes ab, dann stieß sie ebenfalls zur Runde – gemächlich, und ganz ohne Eile.
Pablo musterte sie mit einem strengen Seitenblick, dann stellte er sie vor: „Duke, das ist Michonne, sie hat Dungeon Dice Monsters bei uns komplett betreut und die Ausgestaltung in so ziemlich allen Aspekten übernommen.“ Trotz seines klar lobenden Tonfalls verzog sie keine Miene, aber immerhin war jetzt klar, warum ihm der Name so vertraut vorgekommen war, war er ihm doch bereits auf zahlreichen Dokumenten und Entwürfen begegnet. Da es sich bei DDM um ein Erstlingswerk gehandelt hatte und Dukes Ideen (nach Pegasus Einschätzung) schon fast produktionsfertig waren, hatte es bisher keinen Grund für irgendeine Form von direktem Kontakt zwischen ihnen gegeben. Jetzt allerdings war er neugierig – denn nach allem, was er bis jetzt wusste, war Michonne die Person hier, die sich wohl am intensivsten mit seinem Spiel beschäftigt hatte und mit der er also aller Wahrscheinlichkeit nach am engsten zusammenarbeiten würde.
„Nun gut, für den weiteren Austausch werdet ihr ja noch genügend Zeit haben, jetzt lasst uns erstmal zum Stand-Up kommen …“
Aufmerksam lauschte Duke, wie die anderen nach und nach über den Status ihrer Aufgaben in Form der Post-Its auf dem Whiteboard sprachen und hatte die Bedeutung der Farben damit in Null-komma-nichts verstanden. Als schließlich Michonne an der Reihe war über ihre Arbeitsergebnisse zu sprechen, nahm er sie noch einmal genauer in Augenschein: Ihre Haut war noch eine Spur dunkler als J.J.s, sie trug dunkle, durchscheinende Strumpfhosen, über ihren kräftigen Oberschenkeln spannte sich ein schwarzer Rock, dazu trug sie ein weites, fließendes Shirt in dunkelrot sowie eine schwarze Jeansjacke mit leicht hochgekrempelten Ärmeln und einigen Buttons auf der Brust. Ihr langes Haar floss in unzähligen geflochtenen Cornrows über ihre Schulter, deren Enden passend zu ihrem Shirt in einem leicht ausgewaschenen Rot oder dunklen Pink eingefärbt waren. Ihr Blick hatte etwas Hartes, Kompromissloses an sich, verriet kaum verhohlenes Selbstbewusstsein und eine gewisse Abgeklärtheit. Sie hatte sich ihre Position hier verdient, weil sie gut war in dem, was sie tat – und wusste das auch. Sonst hätte man ihr Dungeon Dice Monsters wohl auch kaum ganz allein anvertraut.
„Okay“, beendete Pablo schließlich die etwas in die Länge gezogene Update-Runde, „also, Fokus für diese Woche liegt weiter voll auf der Rise of the Warriors-Erweiterung. Denkt dran, die Deadline ist schon in zwei Wochen, damit unsere lieben Kollegen nebenan rechtzeitig loslaufen können! Duke, Michonne“, er sah sie an, „Ihr wisst ja, was ihr zu tun habt!“
Duke nickte einmal, Michonne nur ganz leicht, bevor sie sich abwandte und an ihren Platz zurückging. Duke blieb noch einen Augenblick länger stehen, bevor er sich ebenfalls in Bewegung setzte. Hatte sie gerade wirklich kurz mit den Augen gerollt?!
Aber vielleicht hatte er sich das auch nur eingebildet.
Er ließ sich auf seinem Platz nieder, der passenderweise genau neben Michonnes lag, und begann erst einmal damit, das Tablet und die Bildschirme für sich einzurichten.
„Funktioniert alles?“, fragte Pablo, der auf einmal hinter ihm stand.
„Bis jetzt ja, danke“, nickte Duke und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.
„Ich nehme an, das Wichtigste hat Max dir nicht gezeigt?“
Dukes Stirn legte sich in Falten und er sah Pablo erneut fragend an.
„Die Kantine unten? Wo es den guten Kaffee gibt?“
Dukes Mundwinkel zuckten nach oben und er schüttelte den Kopf.
„Klar, warum sollte er auch, er hat selbst guten Kaffee oben“, seufzte Pablo, richtete sich auf und klatschte einmal in die Hände, um erneut die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu bekommen. Er sah auf die Uhr. „Da wir einen Neuzugang haben, lasst uns in einer halben Stunde alle gemeinsam in die Kantine gehen – zum Lunch oder nur für einen Kaffee, jeder wie er mag. Das machen wir ohnehin viel zu selten und heute ist die perfekte Gelegenheit!“
Die Caféteria weiter unten im Gebäude machte mit ihren großen und kleineren Holztischen, den Pflanzen überall und dem weichen Licht, sowie ein paar bequemeren Sitzecken mit Couchtischen, Sofas und Sesseln einen wirklich gemütlichen Eindruck.
Schon auf dem Weg nach unten war Duke von J.J. und Bobby in Beschlag genommen worden, die für nächstes Jahr einen dreiwöchigen Trip nach Japan planten und ihn mit ungeahnter Begeisterung und Ausdauer über alle möglichen Dinge ausfragten, sodass es ihm nicht gelang, sich neben Michonne zu setzen, die sich am anderen Ende des Tisches mit Sarah unterhielt.
Obwohl das angebotene Essen durchaus lecker aussah, hatten sich die meisten, genau wie Duke nur einen Salat oder ein Sandwich geholt, ein paar sogar nur einen Kaffee, da sie abends zu Hause noch einmal warm essen würden.
„Sag mal, andere Frage“, nahm Bobby nach einem herzhaften Bissen von seinem Pastrami-Sandwich den Gesprächsfaden wieder auf, „stimmt es eigentlich, dass du Yugi Muto kennst? Ich glaube, Mr. Pegasus hat mal sowas erwähnt.“ Der Name ließ sofort alle am Tisch aufhorchen.
„Ja, er ist ein guter Freund von mir“, bestätigte Duke und musste dabei unweigerlich lächeln, „Wir sind in dieselbe Klasse gegangen.“
Die Vergangenheitsform war noch immer ungewohnt, war doch das Ende der Schule gerade einmal eine gute Woche her, sodass ihm die Zeit seitdem eher wie Ferien vorgekommen war. Das leichte Ziehen in seiner Brust rief ihm nun jedoch umso deutlicher ins Bewusstsein, dass all das jetzt vorbei war, und zwar endgültig.
Himmel, er vermisste sie alle jetzt schon und dabei war er noch nicht einmal 24 Stunden hier! Ein paar ermutigende Worte von Yugi wären jetzt genau das Richtige …
„Das ist ja so cool!“ Bobbys Augen begannen zu leuchten und er schien sein Sandwich komplett vergessen zu haben.
„Moment mal, heißt das, dass du auch Seto Kaiba kennst?“, fragte J.J. mindestens ebenso aufgeregt weiter.
Dukes Lächeln gefror; das sprichwörtliche Messer in seiner Brust steckte nach wie vor tief und wurde mit dieser Frage noch ein-, zwei weitere Male herumgedreht und ein paar Zentimeter tiefer hineingedrückt.
„Dumme Frage, natürlich tut er das!“, warf Terry ein, als er nicht sofort antwortete, „Sie haben doch die DDM-Duel Disk zusammen entwickelt!“ Wieder wanderten alle Blicke in seine Richtung.
„J-ja, er war tatsächlich auch in meiner Klasse.“
„Wow, stellt euch das mal vor!“, rief Bobby bewundernd, „Wie hoch sind denn bitte die Chancen?!“
„Ist er echt so ein Genie, wie alle sagen?“, fragte Sarah und auch Michonnes Augen ruhten jetzt zum gefühlt ersten Mal wirklich auf ihm.
Duke entließ ein kaum merkliches Schnauben. „Oh ja, absolut! Mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt …“, bestätigte er und hoffte, weniger unterkühlt geklungen zu haben, als es sich in seinem Kopf angehört hatte.
Nach dem Lunch gab ihm Pablo einen groben Einblick in die Arbeitsabläufe, erklärte, wie eine Idee schrittweise verfeinert wurde und die entsprechenden Karten oder Materialien den Weg in die Produktion und den Vertrieb fanden. Auch auf das Board ging er in diesem Zuge noch einmal etwas genauer ein, bevor er sich mit einem schnellen Blick auf sein Firmentelefon verabschiedete: „So, ich muss gleich in ein Meeting, aber damit weißt du zumindest schon einmal grob Bescheid. Komm erstmal weiter an, richte deinen Platz und deine Geräte ein, mach dich mit den Tools vertraut. Und wenn du Fragen hast, sprich einfach jemanden an, du kennst ja jetzt alle schon ein wenig!“
„Alles klar, danke!“, nickte Duke und sah Pablo nach, wie er sich eilig seinen Rechner schnappte und den Raum verließ.
Zurück an seinem Platz entsperrte er nicht sofort den Rechner, sondern drehte sich auf dem Stuhl nach links zu Michonne. Endlich konnte er sich richtig mit ihr unterhalten!
„Hi!“, begann er und hielt ihr die Hand hin, „Wie lange arbeitest du schon an–“
Sie hob den Finger, um ihn dazu zu bringen innezuhalten und der Blick, mit dem sie ihn dabei bedachte, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. „Lass mich dich gleich hier unterbrechen. Ich stecke gerade mitten in einer sehr wichtigen und dringenden Sache“, sie deutete auf den Bildschirm, der ein halb-fertiges, aber nichtsdestotrotz fantastisches Monster-Artwork mit DDM-Würfeln im Vordergrund zeigte. „Alternatives Artwork für die Verpackung des US Special Edition Releases der DDM-Duel Disk, das bis Ende der Woche fertig sein muss“, beantwortete sie seine unausgesprochene Frage, „Darum wäre ich sehr dankbar, wenn du mich für den Moment einfach arbeiten lassen könntest.“
„Klar doch!“, nickte er mit einem gezwungenen Lächeln und wandte sich wieder seinem Tablet zu.
Dann halt nicht! Er hatte ja noch ein paar Tage und Wochen vor sich …
Gegen 17 Uhr machte sich Duke noch einmal auf den Weg in die Personal-Abteilung, um wie abgesprochen den Schlüssel sowie letzte Instruktionen bezüglich des Dienstwagens in Empfang zu nehmen.
Bei der Übergabe erklärte Helen ihm mit einem Augenzwinkern, dass die Schlüssel der Wagen mit unterschiedlichen Duel Monsters-Schlüsselanhängern gekennzeichnet waren und er bitte nicht mit ihr über die Wahl des Monsters diskutieren solle.
„Das tun Leute?!“, fragte Duke ungläubig.
„Leute, die hier arbeiten, schon“, lachte Helen, ging zu einem kleinen abschließbaren Kasten an der Wand, nahm einen der Autoschlüssel heraus und schob ihn über den Tisch in seine Richtung. Als er erkannte, welches Monster in Form eines silbernen 3D-Metall-Anhängers daran baumelte, presste Duke die Lippen fest aufeinander, um nicht doch zu einer jener Personen werden, die er bis vor ziemlich genau zehn Sekunden noch belächelt hatte.
Natürlich. Yugi hätte es Schicksal genannt.
Seine Finger schlossen sich um die kleine Fernbedienung und die spitzen, kantigen Formen des Weißen Drachen mit eiskaltem Blick.
Anhand des Schlüsselanhängers war es nicht schwer, das richtige Auto im Parkhaus unter dem Gebäude zu finden, fand sich das Kürzel des Monsters doch im Kennzeichen wieder. Es handelte sich um einen japanischen Mittelklasse-Wagen in silber, mit Hybrid-Motor, wie es sich, wenn die Klischees denn stimmten (und das taten sie, nach allem, was er bisher gesehen hatte), für das durchschnittliche Fahrzeug in LA gehörte. Aus Reflex öffnete er zuerst die rechte Tür, um sich genau eine Millisekunde lang darüber zu wundern, dass das Lenkrad auf der falschen Seite war. Mit einem Kopfschütteln über sich selbst schlug er die Tür wieder zu und umrundete den Wagen. Vier Jahre in Japan und die Tatsache, dass er dort vor nicht allzu langer Zeit seinen Führerschein gemacht hatte, waren anscheinend nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Diese Fahrt konnte interessant werden, hatte er doch Rechtsverkehr bisher nur als Beifahrer erlebt. Nun, ihm würde keine andere Wahl bleiben, als sich schnellstmöglich daran zu gewöhnen – zum Glück war die Strecke bis zu seiner Wohnung nicht weit.
Hinter dem Steuer ließ er seinen Kopf einmal kurz gegen die Kopfstütze fallen, schloss die Augen und atmete einmal tief durch.
Was für ein Tag!
Er gab sich noch ein paar Sekunden, dann schüttelte er die Schwere ab und widmete sich dem Einstellen der Sitze, Spiegel, sowie des Navis, bevor er endlich losfuhr.
Unterm Strich war Duke doch recht zufrieden mit sich: Er war kein Geisterfahrer geworden und insgesamt nur drei Mal angehupt worden, als er beim Abbiegen zuerst in die falsche Richtung gesehen hatte.
An einem Supermarkt legte er noch einmal einen Zwischenstopp ein, um sich zumindest grundlegend mit Nahrung und Haushaltsutensilien einzudecken. Nach nunmehr vier Jahren in Japan fielen ihm die absurd riesigen Packungsgrößen erstmals wieder so richtig auf, aber im Gegenzug entdeckte er auch ein paar Snacks und Süßigkeiten, deren Anblick ihm erst jetzt so richtig bewusst machte, wie sehr er sie in Japan eigentlich vermisst hatte.
Nachdem er seine Einkäufe verstaut hatte, schob er sich kurzerhand eine Tiefkühlpizza in den Ofen – heute war einfach noch keine Energie zum Kochen da –, parallel räumte er sein Gepäck aus und die Fragen darüber, wo was hingehörte und ob alle seine Schuhe und Kleidungsstücke, einschließlich seines Anzuges, den Transport gut überstanden hatten, hielten ihn einigermaßen effektiv von tieferen Grübeleien ab.
Der Fernseher, den er während des Essens laufen ließ, erledigte diesen Job leider weit weniger gut.
Eigentlich war der Tag unter den gegebenen Umständen ziemlich gut gelaufen: Er konnte es kaum abwarten in die Arbeit zu starten, die Leute und die Arbeitsbedingungen waren mehr als ideal. Und mit dieser Michonne würde er schon auch noch warm werden, die war vermutlich nur ein wenig im Stress wegen ihrer Deadline.
Morgen war ein neuer Tag.
Er nahm sein Handy zur Hand und entsperrte das Display. Eine rote Eins schwebte über der Messenger-App. Sein Herzschlag beschleunigte sich und er hielt unwillkürlich den Atem an.
War Seto vielleicht doch noch zur Vernunft gekommen? Denn vermutlich hatte der werte Herr umgekehrt seine Nummer nicht gelöscht …
Er öffnete die App, hoffte eine neue Zeile nur mit einer Handynummer mit japanischer Vorwahl überschrieben zu sehen, doch nein: Der Gruppenchat mit seinen Freunden war fett hervorgehoben und ganz nach oben gerutscht; Tea hatte ihn erwähnt und sich erkundigt, wie sein erster Tag gewesen war. Mit einem lauten Seufzen entließ er die angestaute Luft aus seinen Lungen.
Er wischte die Finger noch einmal an einem Küchentuch ab, um eine kurze, unverfängliche und dabei möglichst zutreffende Antwort zu tippen:
Sehr cool, das Team ist klasse, alle sind super freundlich. Mehr dann mal per Facetime oder so, muss langsam ins Bett. #Jetlag :/
Tatsächlich war es zwar noch nicht einmal 21 Uhr, wie er mit einem letzten Blick auf die Uhrzeit feststellte, bevor er das Handy wieder beiseite legte, doch die Schwere in seinen Gliedmaßen und seinen Lidern bedeutete ihm unmissverständlich, dass er besser genau das tat, was er seinen Freunden eben geschrieben hatte.
Mit nackten Füßen und nur einer Boxershorts bekleidet tapste er nach dem Zähneputzen im Dunkeln zurück ins Schlafzimmer, als sein Fuß wie aus dem Nichts gegen einen flachen Gegenstand auf dem Boden stieß, der ihn beinahe aus dem Gleichgewicht brachte.
„Ach, fuck!“, fluchte Duke leise, als er sich wieder gefangen hatte, wusste er doch, dass es sich um den Dino-Block handeln musste, den er sich nicht die Mühe gemacht hatte nach seinem kurzen Ausbruch gestern Abend wieder aufzuheben.
Unter leichtem Humpeln am Bett angekommen schaltete er die Nachttischlampe ein und fand den Block ein paar Meter weiter vorne halb unter dem Bett. Er nahm ihn in die Hand, ließ sich auf die Bettkante sinken und betrachtete ihn lange: Die orangenen Dinos mit ihren treudoofen Augen, die tiefen Kratzer auf dem Cover und an den Kanten – Spuren der rauen Behandlung, die der Block auf der Klassenfahrt und danach bei Setos Versuch, ihn irgendwie in Dukes Briefkasten zu stopfen, erlitten hatte. Bis heute hatte Seto ihm nicht erzählt, was genau ihn dazu geritten hatte … und er hatte es besser gewusst, als danach zu fragen …
Jetzt spielte es auch keine Rolle mehr.
Mit einem leichten Kopfschütteln stand er auf, öffnete die Schublade des Nachttischs, warf den Block achtlos hinein und die Schublade wieder zu (die leider über eine Dämpfung verfügte, was den dramatischen und befriedigenden Effekt, den er sich davon erhofft hatte, doch beträchtlich minderte).
Er kroch in das Bett, von dem er gestern Abend erst einmal 75 Prozent der Kissen entfernt und auf dem Polsterstuhl in der Ecke gestapelt hatte, und griff noch einmal nach seinem Telefon, um sich einen Wecker zu stellen.
Gerade wollte er es wieder beiseite legen, doch im letzten Moment hielt er inne, navigierte in das Adressbuch, nur um noch einmal ergebnislos von oben nach unten zu scrollen. Leise seufzend schaltete er das Display aus, ließ das Telefon durch seine Finger kreisen und starrte es dabei gedankenverloren an.
Wieder krampfte sich sein Herz zusammen. Gab es nicht jenseits des Handys irgendeine Möglichkeit, mit Seto Kontakt aufzunehmen?! Schon allein, um ihm all die Dinge und Wörter an den Kopf zu werfen, die er ihm heute im Geiste schon an die achtzig Mal an den Kopf geworfen hatte …
Er könnte in der Firma anrufen und sich durchstellen lassen, vielleicht behaupten, dass sein Handy kaputtgegangen war und er deshalb Setos Nummer nicht mehr hatte …
Aber dann könnte Seto immer noch auflegen oder den Anruf gar nicht annehmen, wenn er zu ihm durchgestellt wurde. Stur genug dafür wäre er auf jeden Fall. Außerdem würde es Fragen aufwerfen, denn so eng, wie sie zusammengearbeitet hatten, würde jeder davon ausgehen, dass er Setos Durchwahl kannte.
Mokuba?
Unmöglich, der wusste nichts von Dem-mit-uns und so sollte es auch bleiben, so lange das Setos Wunsch war – wenn er daran eigenmächtig etwas änderte, dann würde er Seto ohnehin niemals wieder unter die Augen treten können.
Schriftlich vielleicht?
Nein, das fiel ebenfalls aus, E-Mails wurden von Setos Sekretärin gesichtet und vorsortiert und ob Seto eine private E-Mail-Adresse hatte – keine Ahnung.
Dann eben ganz oldschool über einen Brief oder eine Postkarte?
Auch die gingen, bevor sie bei Seto ankamen, durch viel zu viele Hände und wären dazu noch überaus verdächtig.
Seine Hand ballte sich fest um das Telefon und fuhr auf die Bettdecke hinunter, er kniff die Augen zusammen und ließ den Kopf nach hinten gegen das hölzerne Kopfteil des Bettes sinken. Verdammt!
Wer hätte gedacht, dass eine Kommunikationslinie im 21. Jahrhundert noch so fragil sein konnte?!
Mit einem tiefen Seufzen legte er das Handy weg, löschte das Licht und versuchte das Gefühl der leeren Stelle in seiner Brust zu ignorieren, wo eigentlich sein Herz hätte sein sollen.
Es nützte nichts.
Er musste sich auf die Dinge fokussieren, die er ändern konnte: Die Erweiterung in Gang bringen, sein Netzwerk erweitern, Michonne auftauen.
Und vielleicht würde sich ja irgendwie, irgendwann doch irgendeine Möglichkeit ergeben Seto zu erreichen … Immerhin würde die DDM-Duel Disk bald auch hier erscheinen und Seto somit gezwungen sein, mit Industrial Illusions in Austausch zu treten …
Noch einmal trat das Bild von Max Handy vor seine geistiges Auge, doch er kam nicht mehr dazu zu entscheiden, ob es ein zu gefährlicher Gedanke war.
Die Erschöpfung war schneller und zog seine Lider schwer nach unten.
April II (Back on course)
„Oh, und noch einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Schulabschluss, Mr. Kaiba!“
Seto erwiderte nichts, sondern gab sich größte Mühe Fujiwara-sans Bemerkung einfach zu ignorieren.
„Darf man fragen, welche Pläne Sie nun verfolgen? Werden Sie studieren? Mein jüngerer Sohn hat dieses Jahr ebenfalls seinen Abschluss gemacht und lernt schon fleißig für die Uni-Aufnahmeprüfungen; mein Ältester macht gerade ein Auslandssemester in Skandinavien. Er sagt, es hat seinen Horizont bereits ungemein erweitert!“
Setos Kiefer verkrampfte sich. Fujiwara-san – Geschäftsführer eines seiner wichtigsten Zulieferer – war ihm mit seinen ungebetenen Ratschlägen und Urteilen von der Seitenlinie schon immer auf die Nerven gegangen und auch der heutige Termin, bei dem es eigentlich nur um eine Nachverhandlung des neuen Vertragsangebotes gehen sollte, bildete da keine Ausnahme.
„Nein, ich werde nicht studieren“, rang er sich schließlich aus bloßer Höflichkeit doch noch zu einer Antwort durch, „Ich bin bereits da, wo ich sein will, und genieße es, mich meiner Aufgabe jetzt erstmals voll und ganz widmen zu können.“
Fujiwara-san musterte ihn skeptisch und Seto war sich durchaus bewusst, dass ein Außenstehender zu dem Ergebnis kommen könnte, dass sein Aussehen, vor allem seine Augenringe, seine Worte Lügen straften. Aber seit wann kümmerte er sich um die Meinung von anderen – allen voran Fujiwara-sans?
„Natürlich, natürlich, das verstehe ich“, lenkte der ältere Mann ein, „aber–“
„Außerdem werde ich demnächst auch selbst reisen“, schnitt Seto ihm das Wort ab, „Alle Standorte der Kaiba Corporation – eine kleine Bestandsaufnahme sozusagen, für die ich bisher nie die Zeit hatte.“
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag schien Fujiwara-san ernsthaft beeindruckt. „Das heißt vermutlich, einmal um die halbe Welt?“
„In der Tat“, presste Seto hervor und gab sich dabei wenig Mühe seine Ungeduld zu verstecken.
„Nun, dann halte ich Sie nicht weiter von den Vorbereitungen ab, wir hatten ja bereits alles Wichtige geklärt.“ Fujiwara-san erhob sich, schloss den obersten Knopf seines Jacketts und setzte zu einer Verbeugung an. „Vielen Dank für Ihr erneutes Vertrauen und auf eine weiterhin so gute und fruchtbare Zusammenarbeit!“
Wie es die Höflichkeit gebot, erwiderte Seto die guten Wünsche, die Verbeugung und die Abschiedsformeln und ließ sich, nachdem er den Mann noch zur Tür begleitet hatte, mit einem gedehnten Ausatmen in seinen Bürostuhl fallen. Er schloss die Augen, nur für einen Moment.
„Wow, klingt echt genau wie der Typ, dem der Blumenladen neben dem Black Clown gehört.“ Duke lag neben ihm im Bett, nackt, nur sein Unterkörper wurde von der Decke verdeckt, die Hände hatte er hinter dem Kopf verschränkt. „Will mir auch immer erklären, was ich alles noch nicht weiß, gibt mir direkt oder indirekt zu verstehen, dass ich keine Lebenserfahrung habe und besser andere, mehr meinem Alter entsprechende Dinge tun sollte, als ein Geschäft zu führen.“ An dieser Stelle entließ er ein missbilligendes Schnauben und schüttelte den Kopf. „Idiot!“
Seto beugte sich über ihn, ein verruchtes Grinsen auf den Lippen – seine Gedanken waren schon längst nicht mehr bei Fujiwara-san. „Deinem Alter entsprechende Dinge, ja?“
„Mhm.“ Duke fing seinen Blick auf und in die grünen Augen trat ebenfalls ein anzügliches Funkeln. „Klingt, als hättest du da Ideen …“
„Die eine oder andere.“
Mit diesen Worten beugte er sich hinunter, um Dukes Lippen mit seinen zu verschließen, der sogleich die Arme um ihn schlang, um ihn noch näher heran zu ziehen und den Kuss zu vertiefen.
Ein Klopfen an der Tür ließ Seto auffahren.
„Herein!“, sagte er mit ein wenig Verzögerung und entsperrte seinen Rechner.
Seine Assistentin Ana trat ein, ein Tablet in der Hand. „Kaiba-sama, ich habe soeben die Flüge und Hotels für Ihre Reise fertig gebucht und dachte, wir könnten vielleicht die letzten Minuten vor dem Wochenende nutzen, um den Plan noch einmal gemeinsam durchzugehen.“
Seto nickte nur und bot ihr einen der Sessel vor dem Schreibtisch an.
„Ich habe bereits alle Daten inklusive Wegzeiten in Ihren Kalender eingepflegt, schauen Sie gerne mit, wenn Sie möchten.“
Wie vorgeschlagen öffnete er die Kalender-App und schaltete auf die Wochenansicht.
„In zehn Tagen, also am Montag, den 29.4., werden Sie morgens aufbrechen. Zuerst sind natürlich die drei anderen japanischen Standorte an der Reihe, danach geht es am Samstag, den 4.5., weiter nach Taiwan. In der darauffolgenden Woche folgen Singapur und Australien. Im Anschluss fliegen Sie weiter nach Indien, von dort aus in die Türkei, dann weiter nach Marokko und Spanien. In Woche vier geht es schließlich nach Großbritannien, Kanada und zu guter Letzt noch zwei Tage nach Mexiko, bevor Sie am Dienstag, den 21.5. wieder hier ankommen. An jedem Standort haben Sie abzüglich An-/Abreise etwa anderthalb Tage Zeit, was reichen sollte, um sich einen guten Überblick zu verschaffen. Für die Übernachtungen sind überall mindestens Vier-Sterne-Hotels gebucht, Fünf-Sterne wann immer möglich. In Australien werden Sie auch an einem Kunden-Event teilnehmen können, die Kollegen dort sehen dem bereits sehr entgegen.“
„Vielen Dank, Ana“, gab Seto nur knapp zurück, während er die vielen langen, dicht aneinandergereihten Rechtecke in seinem Kalender begutachtete, von denen jedes einzelne für einen Flug, eine Hotelbuchung oder einen bereits festgelegten Termin stand, eindeutig zu erkennen an der jeweiligen Farbe. Ana hatte wie immer perfekte Arbeit geleistet; größere, weiße Stellen gab es so gut wie keine.
Da hatte es Fujiwara-san: Ja, auch er kam herum und erweiterte seinen Horizont, nur eben durch sinnvolle Arbeit, nicht durch touristische Zeitvergeudung!
Erwartungsgemäß machte es einen riesigen Unterschied, wenn man nicht mehr jeden Tag acht Stunden an die Schule verlor, sondern diese Zeit tatsächlich zum Arbeiten nutzen konnte – durchgängig, was bisher nur in den Ferien möglich gewesen war. In den wenigen Wochen seit Ende der Schule hatten sie bereits enorme Fortschritte bei der Weiterentwicklung der SolidVision-Basis-Technologie gemacht, da Seto zuletzt tatsächlich drei mehr oder weniger ganze Tage mit den Ingenieuren in der Entwicklungsabteilung hatte verbringen können.
Außerdem hatte er sich vorgenommen, sein Unternehmen noch einmal grundlegend neu kennenzulernen – nicht nur über die Reise, sondern auch ganz konkret hier vor Ort: Jede Woche am Mittwochnachmittag machte er einen Rundgang durch eine andere Abteilung, sprach mit einzelnen Mitarbeitern, ließ sich deren aktuelle Arbeitsprozesse und Herausforderungen erklären und gab Feedback – auf diese Weise waren in der kurzen Zeit bereits mehrere ineffiziente Prozesse aufgedeckt und entsprechende Maßnahmen ergriffen worden, von denen Seto sich schon alsbald die ersten positiven Veränderungen erhoffte.
Er könnte also durchaus zufrieden sein, wäre da nicht …
„Achja, und dann wären da immer noch die offenen Themen bezüglich des US-Releases der DDM Duel Disk.“
Seto konnte ein Augenrollen nur knapp unterdrücken. „Ja, das ist mir bewusst. Ich werde versuchen mich vor meiner Abreise noch damit zu beschäftigen, aber ich kann es nicht versprechen.“
„Gut“, erwiderte Ana und erhob sich, „denn ich weiß nicht, wie lange ich die Herrschaften von Industrial Illusions noch hinhalten kann … und wenn Sie ab übernächste Woche für vier Wochen weg sind, dann–“
„Ich habe doch gesagt, ich werde mich darum kümmern!“, gab er energisch zurück und wandte sich demonstrativ wieder dem Computerbildschirm zu.
Ana schaltete das Display des Tablets aus und presste es eng an ihren Körper, bevor sie einmal leicht den Kopf neigte und das Büro verließ. Der angesäuerte Gesichtsausdruck der Südamerikanerin war Seto dabei keineswegs entgangen.
Mit einem leisen Seufzen ließ er sich einmal mehr nach hinten fallen.
Am liebsten wollte er von der ganzen Sache überhaupt nichts mehr hören! Natürlich musste es erledigt werden, das stand außer Frage, aber … ach, egal.
Er rieb sich einmal mit beiden Händen über das Gesicht, dann klappte er den Laptop zu und machte sich auf den Weg nach Hause.
Als er die Küche betrat, wunderte Seto sich kurz, dass er den Raum leer vorfand. Dabei war er doch mittlerweile fast immer pünktlich zum Abendessen zu Hause … noch so eine Sache, die seit dem Ende der Schule neu und besser war, gerade jetzt, so kurz vor seiner gut vierwöchigen Abwesenheit.
Gedankenverloren stellte er seine Arbeitstasche auf einen der Stühle, wusch sich die Hände und setzte sich an den gedeckten Tisch. Die Uhr an der Wand tickte in gleichförmigem Rhythmus, das Mineralwasser im gläsernen Krug prickelte leise, die aufsteigenden Bläschen bewegten sanft die darin schwimmenden Pfefferminzblätter, Orangen- und Zitronenscheiben. Die Köchin wusste, ebenso gut wie Roland und er selbst, dass Mokuba nur so dazu gebracht werden konnte, es zu trinken; andernfalls würde der Junge vermutlich den ganzen Tag nur Limonade – oder, Gott bewahre, Energy Drinks in sich hineinschütten. Letzteres war bisher zum Glück erst ein Mal vorgekommen und einen solchen Abend wollte Seto nicht noch einmal erleben.
Das Geräusch der sich öffnenden Haustür riss ihn aus seiner kurzen Trance und schon kurz darauf kam wie erwartet sein kleiner Bruder in die Küche getapst. „Hey Seto, sorry, wir waren noch im Black Clown.“
Der Name des Ladens bohrte sich schmerzhaft in seine Brust, doch er bekam gar keine Gelegenheit, sich weiter damit auseinanderzusetzen.
„Jemand neues war da“, sprudelte Mokuba einfach weiter, „von einer anderen Schule, voll cool und richtig gut in DDM und auch in Capsule Monsters, da haben wir ein bisschen die Zeit vergessen. Außerdem hab ich noch gar nicht mit dir gerechnet, wäre nicht heute wieder der Konferenz-Call wegen der neuen Fabrik gewesen?“
Ein weiterer empfindlicher Treffer, direkt in die Magengrube.
Da Seto nicht sofort antwortete, dachte Mokuba einfach laut weiter: „Wenn ich es recht bedenke: Was ist eigentlich damit, das ist jetzt schon das …“, der Junge wandte den Blick zur Decke, während er anscheinend im Kopf die Wochen durchzählte, „… dritte Mal in Folge, dass der Call ausfällt.“
Wie die reißenden Wellen einer Sturmflut brachen Erinnerungen an Duke und das, was sie sonst immer an diesen Abenden getan hatten, in Setos Geist hinein – etwas, das leider auch drei Wochen nach ihrem letzten Treffen noch viel zu häufig vorkam.
„Seto?“
Er zuckte leicht zusammen und verbannte die Bilder und Gefühle mit einem kaum merklichen Kopfschütteln wieder zurück hinter ihre unsichtbaren Dämme. „Wir … haben die Genehmigung für den Bau nicht bekommen. Außerdem wären die Kosten aller Wahrscheinlichkeit nach explodiert. Darum habe ich dem Ganzen … ein Ende gesetzt.“
Wieder dieses Ziehen.
„Ah, okay. Schade!“, kommentierte Mokuba betreten, während er sich den Teller mit Reis und Curry vollschlug, nur um gleich darauf abrupt das Thema zu wechseln: „Wollen wir nachher noch was spielen?“
Mit einem gequälten Lächeln erhob sich Seto, wuschelte seinem kleinen Bruder durch die Haare und nickte, bevor er sich ebenfalls einen Löffel Reis aus der Schüssel nahm.
Auch das war in den letzten drei Wochen fast schon zu einer Art Ritual geworden: dass Seto abends noch Zeit mit Mokuba verbrachte. Sie spielten gemeinsam an der Konsole oder Schach, ein oder zwei Mal hatte sich Seto sogar durch eine Partie Capsule Monsters gequält.
„Wie wär’s mit Dungeon Dice Monsters?“, schlug Mokuba vor, während sie ihr Geschirr an die Spüle stellten, „Ich bin noch gut im Training und du musst ja auch wissen, wie es geht, immerhin hast du ja mit Duke zusammen–“
Um ein Haar hätte Seto seinen Teller auf die Arbeitsfläche fallen lassen. „Nein, danke!“
Mokubas Augenbrauen zogen sich zusammen, ob der Schnelligkeit und Entschiedenheit der Antwort, sodass Seto nicht umhin kam, weiter zu erklären: „Ich … habe damit bei der Arbeit schon so viel zu tun im Moment.“
„Verstehe“, sah Mokuba mit einem aufmunternden Lächeln zu ihm auf, nahm ihm den Teller aus der Hand und räumte ihn in die Spülmaschine, „Wenn ich dir irgendwie helfen kann, musst du es nur sagen!“
„Das wird nicht nötig sein!“ Sein Tonfall war schärfer gewesen als beabsichtigt, was er augenblicklich bereute, als er den geknickten Ausdruck im Gesicht seines Bruders erkannte.
„Okay, wie du meinst“, murmelte Mokuba nur hörbar enttäuscht, schloss die Spülmaschine und ließ Seto allein in der Küche zurück.
Die gedrückte Stimmung war jedoch, wie so oft, nur von kurzer Dauer. Statt mit DDM verbrachten sie den Abend an einer der Konsolen in Mokubas Zimmer und spielten gemeinsam den Coop-Soulslike-Plattformer, den Mokuba vor einiger Zeit entdeckt hatte.
„Seto, was ist los?“ Mokuba ließ das Gamepad sinken und musterte Seto von der Seite, nachdem sie mittlerweile bereits zum dritten Mal an der gleichen, eigentlich nicht wirklich komplizierten Passage gescheitert waren. „Du bist überhaupt nicht bei der Sache!“
„Es … war ein anstrengender Arbeitstag, das ist alles“, wich Seto der Frage und dem prüfenden Blick seines kleinen Bruders aus.
„Dann solltest du wohl besser bald schlafen, was?“, kommentierte Mokuba locker und war schon drauf und dran den Pause-Modus des Spiels wieder zu beenden, während Seto tatsächlich einen Blick auf seine Armbanduhr warf.
„Das solltest du auch, und zwar schon seit über einer Stunde. Abmarsch!“
Mokubas Augenrollen war kaum zu übersehen, doch ein weiterer strenger Blick genügte, damit er den Controller beiseite legte und hinüber in sein Badezimmer trottete.
Unterdessen speicherte Seto das Spiel, schaltete Konsole und Fernseher aus und öffnete das Fenster.
Frische Nachtluft strömte kühl und fast schon reinigend in seine Lungen.
Das Spielen, die Zeit mit seinem kleinen Bruder hatte ihm in den letzten Wochen so viel gegeben, ihn neben der Arbeit den Schmerz vergessen lassen, doch heute, nachdem nicht nur Mokuba mehrmals unwissentlich den Finger in die noch immer offene Wunde gelegt hatte, genügte auch das nicht mehr.
Noch einmal atmete Seto tief ein und aus und ließ seinen Blick über die sanft vom Mond beschienenen Bäume und Wiesen im Garten schweifen.
Dabei sollte er es doch mittlerweile wirklich gewohnt sein: Immerhin waren fast alle ihm wichtigen Menschen früher oder später aus seinem Leben verschwunden; die Ausnahmen ließen sich an einer Hand abzählen. Und in diesem speziellen Fall war es ja noch nicht mal überraschend gekommen …
Das Geräusch des Lichtschalters im Bad holte Seto wieder ins Hier und Jetzt; Mokuba kam umgezogen und mit geputzten Zähnen zurück ins Zimmer.
„Gute Nacht, Seto!“
Schnell schloss er das Fenster wieder – er hatte gar nicht registriert, wie kalt es eigentlich war –, dann drückte er Mokuba kurz an sich. „Gute Nacht, kleiner Bruder!“
Aus dem Augenwinkel verfolgte er noch, wie Mokuba sich in sein Bett verkroch und das Licht ausschaltete, dann schloss er sanft die Tür hinter sich und machte sich auf in sein eigenes Schlafzimmer, wohlwissend, dass es wieder eine dieser Nächte werden würde.
~°~
Seto stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab und musste tatsächlich ernsthaft nachdenken, obwohl – oder gerade weil – er gerade nicht am Zug war. Es war Mittwochabend und er und Mokuba saßen über einer unerwartet intensiven Schachpartie, bei der tatsächlich noch völlig unklar war, wer gewinnen würde.
Es herrschte eine angespannte Stille, nur untermalt vom leisen Ticken der Schachuhr und dem gelegentlichen dumpfen Geräusch, wenn eine Figur auf einem anderen Feld abgestellt wurde.
Unter diesen Umständen war das gedämpfte Brummen aus Mokubas Hosentasche – zwei Mal kurz hintereinander – naturgemäß besonders deutlich zu hören.
So wie er auf einmal begann, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, hatte Mokuba es definitiv wahrgenommen, doch sein Blick blieb weiterhin fest auf das Brett und die Stellung der Figuren geheftet.
Noch ein Brummen, zwei Mal kurz hintereinander.
Blitzschnell zog Mokuba seinen Läufer – zugegeben ein exzellenter Zug –, und drückte die Schachuhr, nur um anschließend dezent sein Handy aus der Hosentasche zu ziehen. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während er halb unter dem Tisch eine Antwort tippte und noch ein paar Sekunden länger versonnen auf den Bildschirm sah. Erst, als er Setos vorwurfsvollen Blick bemerkte, steckte er das Smartphone mit hektischen Bewegungen wieder weg.
Beinahe wäre Seto zusammengezuckt, als es nur wenig später erneut vibrierte, genau in der Sekunde, als er einen seiner Bauern von der Grundlinie zwei Felder weiter nach vorne zog.
Reflexhaft schoss Mokubas Hand zu seiner Hosentasche, doch er stoppte sich im letzten Augenblick und klopfte stattdessen nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. Seto hatte den Mund schon geöffnet, um etwas zu sagen, da machte Mokuba seinen Zug, ähnlich schnell wie zuvor.
Leider war es diesmal ein schlechter, der ihn, da war sich Seto absolut sicher, das eigentlich so aussichtsreiche Spiel kosten würde. Der Turm hatte seinen neuen Platz, F4, kaum berührt, da hatte Mokuba auch schon das Handy in der Hand und tippte.
Ärger züngelte in Setos Kehle hoch. Es gab wenig, das er mehr liebte, als zu gewinnen, aber in diesem speziellen Fall wartete er beinahe schon auf den Tag, an dem es Mokuba endlich gelingen würde, ihn zu schlagen – und jetzt verschenkte der Junge seine bis dato beste Chance einfach so?!
Wenn er es recht bedachte, war sein Bruder bereits in den letzten Tagen beim Spielen unkonzentrierter gewesen als sonst und hatte des Öfteren vermeintlich unauffällig auf sein Handy gesehen …
Als die grauen Augen wieder von dem kleinen Bildschirm aufsahen und auf Setos kühlen Blick trafen, huschte ein schuldbewusster Schleier hindurch. „Entschuldige!“
„Mit wem schreibst du da eigentlich?“, erkundigte sich Seto ohne Umschweife, „Und ist es wirklich wichtig genug, um dafür deine erste realistische Chance auf einen Sieg zu verspielen?“
Auf Mokubas Wangen trat ein rötlicher Schimmer. Noch einmal warf er einen Blick auf die Stellung, erkannte, was Seto meinte, und entließ ein tiefes Seufzen.
„Ich … hab doch letztens erzählt, dass ich im Black Clown jemanden kennengelernt habe“, begann er gemessen und seine Finger klammerten sich fester um das Smartphone.
Seto nickte.
„Wir haben uns schon zwei Mal wiedergetroffen seitdem und ich mag sie echt gerne.“
„Sie?“
Die einsinkende Erkenntnis betäubte Seto, sein Atem, sein Herzschlag beschleunigten sich, doch Mokuba sprach einfach weiter. Er hörte seinen kleinen Bruder nur noch wie durch Watte, wie er mit leuchtenden Augen vom Aussehen des Mädchens berichtete, ihren Hobbies, ihren Lieblingsfächern und wie viel sie auch darüber hinaus gemeinsam hatten. Dazwischen mischte sich erst leise, dann zunehmend lauter eine andere, vertraute Stimme:
Alt genug wäre er auf jeden Fall. Ich meine, es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis er selbst anfängt sich für–
Seto hatte nicht hören wollen, wie der Satz weiterging, und noch viel weniger wollte er jetzt hören, wie sich die Vorhersage bestätigte.
„Alles in Ordnung, Seto?“, riss ihn Mokubas besorgte Stimme schließlich aus seinem Tunnel.
Er nickte nur mechanisch, noch immer gegen das Gefühl seiner sich immer weiter zuschnürenden Kehle ankämpfend.
~°~
Am späten Nachmittag des nächsten Tages saß Seto in seinem Büro und brütete über einigen Unterlagen. Es dauerte heute länger als gewöhnlich, er musste Sätze, teilweise ganze Abschnitte mehrmals lesen, um ihre Bedeutung wirklich zu verstehen; schon den ganzen Tag über hatte er sich nur mit äußerster Anstrengung konzentrieren können.
In der Nacht zuvor hatte er – wieder einmal – kaum ein Auge zugetan, wenn auch diesmal zusätzlich zu den bisherigen auch noch aus anderen Gründen.
Mokuba …
Ich meine, es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis er selbst anfängt sich für– …
Es klopfte zweimal an der Tür und als hätte Seto ihn kraft seiner Gedanken beschworen, war es tatsächlich sein jüngerer Bruder, der ohne eine explizite Aufforderung eintrat. Roland folgte ihm auf dem Fuße, blieb jedoch nahe der Tür stehen, bereit jede Sekunde wieder aufzubrechen.
„Hey, Seto!“, begrüßte Mokuba ihn strahlend und warf sich, leger wie immer, in den linken der beiden Besuchersessel vor Setos Schreibtisch.
„Was machst du denn hier?“, fragte Seto sichtlich irritiert, war es doch in den letzten Jahren immer seltener geworden, dass Mokuba sich außerhalb von Turnieren und besonderen Events hier aufhielt.
„Roland fährt mich gleich weiter zum Black Clown, aber ich dachte, auf dem Weg schaue ich nochmal bei dir vorbei. Du sahst gestern aus, als ginge es dir nicht gut …“ Erneut mischte sich Sorge in Mokubas Stimme und den Blick, den die großen, grauen, noch immer kindlichen Augen ihm zuwarfen.
„Es ist alles in Ordnung, Mokuba“, antwortete Seto bestimmt, wenngleich ihm nicht entging, wie sich die Brauen seines Bruders daraufhin zweifelnd zusammenzogen.
Es klopfte ein weiteres Mal dezent an der Tür und gleich darauf klackerten Anas hohe, schmale Absätze in schnellem, gleichmäßigem Takt über den Boden. „Kaiba-sama, es tut mir leid, Sie stören zu müssen, aber die Herrschaften von Industrial Illusions haben soeben noch einmal angerufen. Sie müssen mir heute unbedingt noch mitteilen, was nun mit dem US-Release der DDM Duel Disk werden soll! Heute ist schon Donnerstag und ab Montag sind Sie unterwegs …“
Mokuba nahm ihren ernsten Blick in Setos Richtung zum Anlass vom Stuhl aufzuspringen. „Na gut, dann störe ich mal nicht weiter … wir können ja heute Abend sprechen.“
Seto nickte kurz angebunden und sah zu, wie Roland schon sanft den Arm ausstreckte, um seinen Bruder in Empfang zu nehmen und nach draußen zu geleiten …
… weiter zum Black Clown, zu Wie-auch-immer-das-Mädchen-hieß.
Wir haben uns noch zwei Mal getroffen seitdem und ich mag sie echt gerne … mag sie echt gerne … echt gerne …
Wieder und wieder echoten Mokubas Worte durch seinen Kopf und begannen auf einmal, gepaart mit Anas ungeduldigem Trommeln des Pencils auf dem Tabletdisplay, aus der Ziellosigkeit heraus eine Richtung anzunehmen und sich zu etwas Neuem zu verdichten.
Wenn ich dir irgendwie helfen kann, musst du es nur sagen …
„Mokuba, warte!“, hörte Seto schließlich seine eigene Stimme wie aus weiter Entfernung sagen.
Tatsächlich blieb Mokuba stehen und drehte sich noch einmal herum; Ana musterte den Jungen kurz und sah dann wieder erwartungsvoll zu Seto.
Wortlos trat Mokuba zurück an den Tisch; auch in seinem Blick schwammen tausend Fragen.
Seto räusperte sich kurz, bevor er begann: „Hast du mir nicht letztens gesagt, dass du mir gern helfen würdest? Und vor einiger Zeit auch, dass du gerne mehr Verantwortung in deiner Rolle als Vizepräsident übernehmen möchtest?“
Wie erwartet hellte sich Mokubas Miene sofort auf, sodass Seto, die Hände auf dem Schreibtisch gefaltet, geschäftsmäßig fortfuhr.
„Wie du weißt, wird die DDM Duel Disk demnächst auch in den USA erscheinen. Allerdings muss der Release noch organisiert werden, nicht nur im Sinne der Kommunikation und eventueller Events, sondern auch ganz praktisch, im Sinne von Vertrieb und Logistik. Da wir mit unseren bisherigen Partnern in den USA in diesem Bereich in den letzten Monaten zunehmend unzufrieden waren, ist das die ideale Gelegenheit, bessere zu finden und in diesem kleineren Maßstab zu testen, um dann später gegebenenfalls auch die Auslieferung der normalen Duel Disks über sie abzuwickeln. Ich bin in den letzten Wochen nicht dazu gekommen, mich dem zu widmen und ab nächste Woche unterwegs, wie du weißt, aber wie Ana schon richtig bemerkt hat, sollte das Thema nicht weitere vier Wochen brachliegen.“
„Also soll ich das übernehmen?“, fragte Mokuba ungläubig.
„Ganz genau.“
„Stark!“
So, wie die Augen seines kleinen Bruders leuchteten, wusste Seto, dass er ihn schon längst am Haken hatte. Es war eine echte Aufgabe, keine mehrheitlich formelle Rolle, wie er sie vorher oft bei Turnieren oder ähnlichem innegehabt hatte.
Die Ziele waren schnell erklärt: Einen verlässlichen Vertriebspartner finden, der alle Voraussetzungen erfüllte, Konditionen verhandeln und alles für die Unterschrift vorbereiten, dazu in Abstimmung mit Industrial Illusions eventuelle Release-Events und die Kommunikation organisieren. Ana würde ihm helfen und natürlich würden ihm in der Firma sämtliche Ressourcen zur Verfügung stehen.
„Traust du dir das zu?“, fragte Seto noch einmal, nachdem er geendet hatte, obwohl die Antwort natürlich längst feststand.
„Klar doch!“, bestätigte Mokuba mit einem enthusiastischen Nicken. Das selige Grinsen würde wohl mindestens für den heutigen Tag nicht mehr von seinen Lippen verschwinden.
An dieser Stelle war ein demonstratives Räuspern aus Richtung der Tür zu hören, das Mokuba dazu brachte, sich umzudrehen. „Achja, ich muss jetzt trotzdem erstmal los zum Black Clown. Wir sehen uns dann später! Und danke nochmal, dass ich dir helfen darf!“
Mit diesen Worten hopste der Junge aus dem Sessel und schlüpfte durch die Tür, die ihm Roland aufhielt.
Trotz der allgegenwärtigen Sonnenbrille meinte Seto, Rolands stechenden Blick auf sich zu spüren, noch Sekunden, nachdem der Mann die Tür mit einem gewissen Nachdruck hinter sich geschlossen hatte.
Erst Anas vorsichtiges „Kaiba-sama?“ brachte ihn jedoch dazu, den Eindruck abzuschütteln sich wieder ihr zuzuwenden.
„Nun, Sie haben es ja gehört, Ana: Mein Bruder wird sich in meiner Abwesenheit um das Thema kümmern. Teilen Sie das den Herrschaften in Amerika bitte so mit.“
„Wie Sie wünschen.“
Sie machte sich eine kurze Notiz auf ihrem Tablet, dann wandte sie sich ab und schwebte zurück in den Vorraum an ihren Schreibtisch.
~°~
Während Seto am Sonntagabend gefühlte drei Viertel seines Kleiderschranks in einen großen Hartschalenkoffer verfrachtete, kreisten seine Gedanken um die Aufgabe, die er Mokuba vor ein paar Tagen derart spontan übertragen hatte.
Der Junge war ganz aufgeregt deswegen, so sehr, dass er Seto noch vor einer guten Stunde beim Abendessen genau heruntergebetet hatte, welche Schritte er als erstes unternehmen würde: Die Vertriebsabteilung einbeziehen und nach Erfahrungen fragen, vertrauensvolle neue Anbieter recherchieren lassen und auch direkt bei Industrial Illusions anfragen, auf welche Logistik- und Vertriebspartner sie setzten, sich intern mit der Marketing- und Event-Abteilung abstimmen …
Natürlich würde Mokuba das schaffen, das stand völlig außer Zweifel. Er war klug, verantwortungsbewusst und besaß, trotz seines Alters und seiner manchmal noch aufscheinenden, kindlichen Naivität, ein Gespür für Menschen – und damit alle Zutaten, die er brauchen würde, um die ihm gestellte Aufgabe gut erfüllen zu können.
Trotzdem wollte das nagende Gefühl in seiner Magengrube einfach nicht verschwinden … dabei hatte das Arrangement unzweifelhaft und ganz objektiv betrachtet nur Vorteile:
Erstens: Der DDM Duel Disk Release würde trotz seiner Abwesenheit weiter vorangetrieben.
Zweitens: Mokuba würde beschäftigt sein und demzufolge weniger Zeit haben, in Dukes Laden zu gehen und dort irgendwelche dahergelaufenen Mädchen zu treffen. Er war ohnehin noch viel zu jung für so etwas! Außerdem freute er sich über die Verantwortung.
Und schließlich drittens, Stichwort ‚Duke‘: Er selbst war endlich den sprichwörtlichen und äußerst penetranten Stachel in Duel Disk-Form losgeworden, der die viel zu langsam heilende Wunde immer wieder von Neuem aufriss. Vielleicht würde er dann auch endlich wieder zu einem für seine Verhältnisse erholsamen Nachtschlaf zurückfinden …
Die Hände in die Hüften gestemmt warf Seto einen prüfenden Blick auf den Inhalt des geöffneten Koffers auf seinem Bett: Hemden, Krawatten, Unterwäsche, Socken, ein paar T-Shirts, Gürtel, Schuhe … seine Anzüge waren in einer extra Tasche untergebracht, damit sie nicht zu sehr knitterten. Fehlte eigentlich nur noch …
Zielstrebig ging Seto hinüber in sein Badezimmer und öffnete einen der Schränke, doch seine Hand griff ins Leere.
Er zog scharf die Luft ein.
An dem Platz, wo sich eigentlich seine Waschtasche befinden sollte, war nichts.
„Verdammt!“, brach es halblaut aus ihm heraus, während er die Schranktür kraftvoll zuwarf. Am liebsten hätte er noch gegen einen oder zwei andere Gegenstände getreten, hatte sich aber selbstverständlich ausreichend im Griff, um das nicht zu tun.
Leider wusste er nur zu genau, wo sich das gesuchte Objekt befand.
Seine Alternativen kalkulierend tigerte er ruhelos im Badezimmer auf und ab, kam jedoch recht schnell zu dem Ergebnis, dass er schlicht keine Zeit hatte, sämtliche Pflegeprodukte einschließlich Waschtasche neu zu kaufen, immerhin war es bereits nach zwanzig Uhr an einem Sonntagabend und seine Abreise morgen früh um sechs Uhr dreißig.
Ihm blieb keine andere Wahl.
Mit einem leisen Seufzen machte er sich auf in sein Arbeitszimmer, nahm seine Laptoptasche zur Hand und hatte den unauffälligen, kleinen Schlüsselbund schnell gefunden, der sich noch immer an seinem angestammten Platz befand.
Die Tür zu Mokubas Zimmer war angelehnt, sodass Seto lediglich leicht anklopfte, bevor er sie weiter aufdrückte. Mokuba saß an seinem Computer, ein Headset auf dem Kopf, das er nur halb absetzte, als er Seto aus dem Augenwinkel wahrnahm.
„Ich fahre nochmal in die Firma“, informierte Seto seinen jüngeren Bruder, „Ich habe etwas wichtiges vergessen, das ich unbedingt mitnehmen muss. In spätestens einer Stunde bin ich wieder da.“
„Alles klar!“, nickte Mokuba kurz, nur um praktisch noch im selben Atemzug das Headset wieder über die Ohren zu schieben und seine Aufmerksamkeit wieder ganz dem Geschehen auf dem Bildschirm zu widmen.
Die Bewegungsabläufe waren noch immer viel zu gut eingeübt.
Seto musste nicht nachsehen, nutzte ganz automatisch den jeweils richtigen Schlüssel für Haustür und Wohnungstür, zog den Wohnungsschlüssel noch während des Eintretens in den Flur ab und fand mit einem gezielten Handgriff den Lichtschalter, um die ungewohnte Dunkelheit zu vertreiben.
Unwillkürlich begann sein Herz schneller zu schlagen.
Der vertraute Geruch hing noch immer in der Luft – vier Wochen hatten anscheinend nicht gereicht ihn zu vertreiben.
Er hielt kurz inne, stoppte den gewohnten Algorithmus schon nach dem Ausziehen der Schuhe, ohne noch einen Schritt weiter nach rechts zur Garderobe zu gehen. Der Mantel blieb an, immerhin hatte er nicht vor, sich lange hier aufzuhalten. Nur schnell holen, wofür er gekommen war, und dann nichts wie weg!
Mit schnellen, gezielten Schritten durchquerte er das kombinierte Wohn- und Arbeitszimmer, wollte gerade nach rechts ins Badezimmer abbiegen, da fiel sein Blick auf die Schlafzimmertür geradeaus.
Ob in der Kommode noch …?
Es war bereits 09:30 Uhr, aber eher hatte er sich einfach nicht von Duke lösen können. Nach allem, was am gestrigen Abend passiert war – unten am Briefkasten, danach in Dukes Laden und schließlich hier oben –, wäre das wohl auch schlechterdings unmöglich gewesen. Und da Mokuba ohnehin unterwegs war und er Roland aus diesem Grund bis zum Abend freigegeben hatte, spielte es eigentlich auch gar keine große Rolle.
Den Mantel hatte er bereits an, musste sich nur noch die Schuhe anziehen, wobei es ihm ungewohnt schwer fiel, sich auf das Binden der Schnürsenkel zu konzentrieren. Immer wieder wanderten seine Augen hinüber zu Duke, der mit nacktem Oberkörper an das Schuhregal gelehnt stand und ihm zusah.
Als er fertig war, begegneten sich ihre Blicke und das Lächeln, das augenblicklich auf Dukes Lippen trat, löste ein federleichtes Kitzeln oder Flattern in Setos Brust aus, ohne, dass er etwas dagegen hätte tun können. Am liebsten hätte er auf der Stelle alles wieder ausgezogen und kehrt gemacht – zurück ins Bett, wo sie zwar die gesamte Nacht verbracht, aber kaum mehr als eine Stunde geschlafen hatten.
„Wann sehen wir uns wieder?“ Es war klar, dass Duke weder die Schule noch ein Business-Meeting meinte.
Natürlich wusste Seto es besser als auszusprechen, was sein überreiztes und von Hormonen geflutetes Hirn ihm als erstes eingab; so weit reichte seine Selbstkontrolle dann doch noch. Stattdessen zog er sein Handy aus der Manteltasche, auf das er, wie er zu seiner eigenen Überraschung feststellte, seit Pegasus Anruf gestern Abend keinen einzigen Blick mehr geworfen hatte.
Beiläufig und durchaus zufrieden nahm er die völlige Abwesenheit von verpassten Anrufen zur Kenntnis, bevor er die Kalender-App öffnete und nach größeren weißen Stellen in der kommenden Woche Ausschau hielt. „Montagabend? Immerhin sollten wir schnellstmöglich weiter an der DDM Duel Disk arbeiten …“
„Unbedingt!“, nickte Duke eifrig und sein Lächeln, das sich zu einem verschwörerischen Grinsen ausgeweitet hatte, war Bestätigung genug, dass er den zugegeben wenig subtilen Unterton genau verstanden hatte. „Am besten wir treffen uns wieder hier, immerhin könnte es … spät werden.“
Auch Setos Mundwinkel zuckten leicht nach oben. „20:30 Uhr?“
„Perfekt!“ Mit diesen Worten überwand Duke die kurze Distanz zwischen ihnen, schob seine Hand in Setos Nacken und zog ihn in einen ausgedehnten Abschiedskuss, den Seto nur zu bereitwillig erwiderte.
Eine undefinierbare Zeitspanne später lösten sie sich voneinander und Seto wandte sich, noch immer widerstrebend, zum Gehen.
„Oh, warte kurz!“, rief Duke aus, bevor Seto die Türklinke ganz heruntergedrückt hatte, und verschwand noch einmal ins Wohnzimmer.
Als er keine Minute später wiederkam, hielt Duke ihm ein weißes T-Shirt entgegen, hastig zusammengelegt, sodass das hellgraue KC-Logo auf der linken Brustseite gerade noch zu sehen war. „Hier.“
Unwillkürlich wanderten Setos Augenbrauen nach oben.
„Das lag noch im Wohnzimmer auf dem Fußboden“, beantwortete Duke seine unausgesprochene Frage und erst jetzt dämmerte es ihm, dass er das T-Shirt tatsächlich gestern ob der kühlen Temperaturen unter seinem Hemd getragen hatte.
Aktuell verspürte er jedoch weder das Bedürfnis, sich noch einmal auszuziehen (zumindest nicht, wenn er diese Wohnung heute noch verlassen wollte, und das musste er zu seinem Leidwesen nun einmal), noch das Kleidungsstück mehr schlecht als recht in eine seiner Manteltaschen zu stopfen.
„Behalt es erstmal hier“, winkte Seto daher nur mit einem entschiedenen Kopfschütteln ab, „Ich nehme es dann am Montag mit.“
„Geht klar!“, nickte Duke und entließ ihn nach draußen, wobei Seto aus dem Augenwinkel gerade noch erhaschte, wie Duke mit abwesendem Blick das T-Shirt an sein Gesicht führte und einmal tief einatmete.
Er hatte es nie wieder mitgenommen.
Ohne das Licht anzuschalten stahl Seto sich ins Schlafzimmer und gab sich dabei größte Mühe, nicht nach links zu sehen, wo der fahle Schein der Wohnzimmerbeleuchtung einen schmalen Lichtstreifen auf das Bett warf.
Ein winziger Stich durchfuhr ihn, als er das gesuchte Kleidungsstück überraschend schnell in Händen hielt, war es doch bis auf ein paar wenige Überbleibsel das Einzige, was sich noch in der Kommode befand.
Hatte er denn allen Ernstes gedacht – oder schlimmer noch, gehofft –, dass Duke es aus irgendwelchen sentimentalen Gründen mitgenommen hatte?!
Der hohle Knall, den die nun gänzlich leere Schublade beim Schließen von sich gab, hallte viel zu laut durch das trostlose Halbdunkel.
Hastig verließ Seto das Schlafzimmer und wandte sich nach links seinem ursprünglichen Ziel zu.
Ganz wie erwartet befand sich seine Waschtasche in dem kleinen Schränkchen unter dem Waschbecken, wo seit einigen Monaten ihr angestammter Platz war.
Schon seit mindestens fünf Minuten versuchte er, das kompakte Täschchen noch irgendwie in seine Schul- und Arbeitstasche zu pressen, ohne dass eine lächerliche Beule entstand, die dafür sorgte, dass er die Klappe nicht mehr zu bekam.
Gestern hatte es doch noch gepasst! … Allerdings hatte da nicht auch noch ein DDM-Set in der Tasche Platz finden müssen, das er aber leider zwingend brauchte, um in der Firma den Prototypen der DDM Duel Disk zu testen.
Duke verfolgte das Schauspiel lose aus Richtung des Badezimmers; das belustigte Zucken seiner Mundwinkel konnte Seto fast schon körperlich spüren.
Der Eindruck wurde schließlich vom leichten Lufthauch einer nahen Bewegung verdrängt, dann legte sich eine warme Hand auf seine, um dem hektischen Zerren und Stopfen Einhalt zu gebieten.
„Warum lässt du sie nicht einfach hier? Solange du nicht unterwegs bist, brauchst du sie doch sowieso nicht …“
Selbst ungeachtet des warmen Gefühls, das sich in ihm ausbreitete, war Dukes Argument so simpel und logisch, dass Seto ihm ohne Einwände folgte.
Der Knoten in seinen Eingeweiden zog sich immer fester zusammen und gab kaum mehr nach, als er sich mit einem leisen Seufzen wieder aufrichtete. Er wich dem Blick seines Ebenbilds im Spiegel aus; stattdessen suchten seine Augen Halt auf dem Fliesenabsatz über dem Waschbecken.
Eine Zahnpasta-Tube lag da, genau in seinem Blickfeld, offen und in der Mitte zusammengedrückt.
Seine Hände waren schneller als sein bewusster Verstand, sodass die Tube bereits wieder verschlossen an ihrem Platz im Glas neben dem Spiegel stand, bevor er überhaupt beginnen konnte ihren vorherigen Zustand zu hinterfragen.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Anspringen der automatischen Lüftung löschte Seto das Licht und kehrte zurück ins Wohnzimmer. Er hatte alles, was er wollte, jetzt nichts wie– …
Sein Blick fiel auf den Schreibtisch.
Mit zwei, drei großen Schritten hatte er den Raum durchquert, räumte ein paar verstreute Stifte zurück in ihren Halter und rückte den Drehstuhl wieder ordentlich zurecht.
Seine Finger verharrten noch einen Moment länger auf der Lehne.
… wie oft sie hier gesessen hatten, vor allem in der Zeit direkt nach der Klassenfahrt, er auf diesem, Duke auf einem Küchenstuhl ganz eng neben ihm, und gemeinsam an der DDM Duel Disk gefeilt hatten, bevor sie früher oder später – zugegeben, meistens eher früher – beschlossen hatten, doch lieber ins Schlafzimmer zu wechseln … von den wenigen denkwürdigen Gelegenheiten mal ganz abgesehen, bei denen sie es nur bis zur Couch geschafft hatten.
Ihm entwich ein leises Schnauben.
Wie die DDM Duel Disk unter diesen Umständen überhaupt jemals hatte fertig werden können …
An der Pinnwand über dem Schreibtisch hingen Konzeptzeichnungen, Zeitungsausschnitte – einschließlich dem über die Präsentation der DDM Duel Disk Ende letzten Jahres – und dazwischen hier und da ein paar Fotos.
Duke, wie er mit einmal jedem seiner Freunde aus einer Samurai-Rüstung in die Kamera grinste … das Klassenfoto, bei dem Seto, obwohl er nach Kräften versucht hatte es zu vermeiden, so nah hinter Duke gestanden hatte, dass er mit jedem Atemzug den Duft des seidig schwarzen Haars eingeatmet und sich darüber fast vergessen hatte …
Kaum zu glauben, dass all das gerade einmal ein halbes Jahr her war …
Rasch wandte Seto sich ab und bemerkte erst jetzt das halb-leere Glas und den offensichtlich benutzten Teller voller Krümel auf dem Couchtisch. Seine Augen verengten sich.
Erst die Zahnpasta und die Stifte, jetzt das hier?! Was sollte das?!
Normalerweise hatte bei Duke alles einen festen Platz, an den es in der Regel mehr oder weniger sofort zurückgeräumt wurde …
‚Ich kann mir Unordnung nicht leisten‘, hatte er gesagt, als Seto ihn einmal durchaus amüsiert darauf angesprochen hatte, ‚Meine Zeit ist mir zu wertvoll, um sie dafür zu verschwenden, Dinge zu suchen.‘
Ein Satz, der Wort für Wort genauso aus seinem eigenen Mund hätte stammen können …
… aber vielleicht war Dukes Aufbruch einfach etwas hektischer gewesen als gedacht.
Er entließ ein leises Seufzen. Was genau ihn dazu brachte, das T-Shirt und die Waschtasche auf dem Sofa abzulegen, den Teller und das Glas in die Küche zu tragen und abzuwaschen, wusste er nicht und wollte es eigentlich auch gar nicht wissen.
Nachdem er die Wohnungstür hinter sich zugezogen und abgeschlossen hatte, ließ Seto den Schlüssel zurück in die Tasche seines Mantels gleiten und atmete einmal tief ein und aus.
Noch ließ die ersehnte Erleichterung auf sich warten, aber vermutlich war das einfach nur eine Frage der Zeit. Seine Finger schlossen sich fester um das T-Shirt und die Waschtasche, dann setzte er sich in Bewegung und stieg die Treppen nach unten.
An den Briefkästen blieb er noch einmal stehen.
Wenn er den Schlüssel jetzt einfach hier hineinwarf, wäre er das alles mit einem Schlag los …
Langsam wanderte seine Hand zurück in die Manteltasche, hatte das kleine Metallobjekt schon zwischen den Fingern und wollte es gerade herausziehen, nur um es im letzten Moment doch wieder loszulassen.
Nein, viel zu unsicher.
Außerdem … sollte er es nicht spätestens seit der Sache mit dem Dino-Block besser wissen?
Keine zehn Minuten später befand sich sein Körper im Auto auf dem Weg nach Hause, seine Gedanken jedoch weigerten sich standhaft jenen Ort zu verlassen, den er eigentlich mit dem heutigen Abend endgültig hinter sich hatte lassen wollen.
Erinnerungen kamen und gingen, ohne dass er ihnen Einhalt gebieten konnte, und brachten seinen ohnehin schon unsteten Geist dazu, die Eindrücke der vergangenen halben Stunde immer weiter zu zerpflücken:
Die Kissen auf dem Sofa hatten definitiv anders gelegen … und war nicht die Decke auch anders gefaltet gewesen als sonst?
Die rote Ampel tauchte auf wie aus dem Nichts und zwang ihn dazu hart abzubremsen, wobei sich der Sicherheitsgurt so fest in seine Brust schnitt, dass er ihm für eine Sekunde den Atem nahm.
Verdammt, warum zum Teufel beschäftigte er sich überhaupt mit solchen unbedeutenden Kleinigkeiten?!
Das war doch alles überhaupt nicht sein Problem! Er hatte vier Wochen intensive Geschäftsreise vor sich, er hatte keine Zeit für offene Zahnpasta-Tuben, dreckiges Geschirr und falsch gefaltete Decken!
In ein paar Monaten würde das alles ohnehin entweder im Müll landen oder in einer von unzähligen Kisten in die USA verschifft werden, wenn Duke sich entschied, dauerhaft dort zu bleiben!
Kaum schaltete die Ampel wieder auf grün, trat Seto das Gaspedal weit nach unten, fester denn je entschlossen, möglichst schnell möglichst viel Abstand zwischen sich, diese verdammte Wohnung und alles, was mit ihr verbunden war, zu bringen.
May I (Overcome the sulk ...)
Während er das letzte bisschen Haferflocken mit Joghurt in den Mund schaufelte, warf Duke noch einen Blick auf das Firmen-Tablet und seine heutige Agenda: um zehn Uhr das kurze tägliche Status-Meeting der Design-Abteilung, 17 Uhr Rückblick auf seinen ersten Praktikumsmonat mit Pegasus, danach um 18 Uhr endlich der lang geplante Video-Call mit seinen Freunden.
Tea war zwischenzeitlich in der Juilliard Academy in New York akzeptiert worden und nun endlich vor Ort angekommen, entsprechend viel würde es zu erzählen geben. Er schloss die Kalender-App und steckte das Tablet in den Rucksack, die leere Schüssel landete im Geschirrspüler, dann machte er sich auf den Weg zum Industrial Illusions Büro.
Das gebrauchte, hellblaue Fixie-Bike mit den abgenutzten, weiß umwickelten Lenkergriffen hatte er gleich an seinem ersten Wochenende günstig in einem Laden in Santa Monica erstanden, den Pablo ihm empfohlen hatte. Jetzt, drei Wochen später, kannte er seine Route beinahe auf den Zentimeter genau und schlängelte sich elegant am dichten, morgendlichen Verkehr vorbei in Richtung Downtown Los Angeles.
Am Büro angekommen suchte Duke als erstes die Cafeteria auf, fuhr bewaffnet mit einem normalen Kaffee sowie einem Cinnamon Latte nach oben, begrüßte Pablo, der bereits an seinem Schreibtisch saß, und ging nach hinten zu seinem Platz. Michonne war ebenfalls schon da und ganz in ein (zugegeben absolut fantastisches) Concept Art vertieft. Wortlos stellte Duke den Cinnamon Latte auf ihrem Tisch ab und widmete sich dann wieder scheinbar unbeteiligt dem Ausräumen seiner Sachen.
Michonne hob den Blick von ihrem Bildschirm und musterte den Pappbecher skeptisch, bevor sie sich auf ihrem Stuhl zu ihm drehte und ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.
„Warum versuchst du so verzweifelt mich dazu zu bringen, dich zu mögen?“
„Kann ich nicht einfach nett zu dir sein?“, fragte Duke mit einem Schulterzucken zurück, während er das Tablet mit dem Bildschirm verband.
Ihr rechter Mundwinkel wanderte süffisant nach oben. „Wow, es muss dich ja wirklich fertig machen!“
„Was?“
Sie schenkte ihm einen kurzen ‚Come on, muss ich es wirklich aussprechen?‘-Blick, doch schließlich tat sie genau das geradezu genüsslich: „Dass ich dich nicht mag. Im Gegensatz zu allen anderen hier.“
Seine Lippen pressten fester aufeinander. Sicherlich hatte es auch bisher schon einige Leute gegeben, denen es ähnlich ging, aber es kam selten vor, dass es ihm jemand so direkt ins Gesicht sagte.
„Na und? Was ist so falsch daran, wenn man von seinen Kollegen gemocht werden will, vor allem den engsten?“, konterte er mit einer leichten Schärfe in der Stimme.
Das Lächeln auf Michonnes Lippen gefror. „Gar nichts. Nur so zu tun, als wäre das jedermanns gottgegebene Pflicht.“
Sie funkelte ihn an, er funkelte zurück.
„Alles in Ordnung da hinten?“, schaltete sich Pablo aus der Entfernung in ihren Anstarr-Wettbewerb ein.
„Sicher!“, rief Duke ohne den Blick von Michonne abzuwenden.
„Gut“, gab Pablo ein wenig zögerlich zurück und wandte sich mit gerunzelter Stirn wieder seinem Rechner zu.
Vier Wochen und nichts hatte sich geändert.
Rein gar nichts.
‚Wie geht’s deinem Auto?‘, hatte er Michonne an Tag Zwei gefragt.
‚Ausgezeichnet, danke!‘, hatte ihre kühle Antwort gelautet, dazu ein Lächeln, das mehr als aufgesetzt gewirkt hatte.
Nach jenem kurzen Wortwechsel hatte sie sich wieder an die Arbeit gemacht und ihn für den Rest des Tages mehr oder weniger komplett ignoriert.
Anfangs hatte Duke nicht glauben wollen, dass sie am Tag zuvor absichtlich zu spät gekommen war, doch nach und nach wurde diese Theorie immer unumstößlicher.
In den darauffolgenden Tagen und Wochen hatte er das Gespräch mit ihr gesucht, sie besser kennenlernen wollen, doch dabei stets nur auf Granit gebissen. Er hatte versucht, sie in den Planungsprozess und die Konzeption der Erweiterung einzubeziehen, doch sie hatte nur die Hände gehoben und erwidert ‚Sorry, dein Job. Sag mir einfach, was ich tun soll!‘.
Ein oder zwei Mal hatte er versucht, sie zum Lunch einzuladen, sie hatte abgelehnt. Er hatte auch seine Kollegen gefragt, doch die wussten ebenfalls nur wenig über Michonne, da sie bisher ausschließlich an DDM gearbeitet hatte und auch sonst eher für sich blieb.
Die anderen mochten ihn, nur Michonne schien irgendetwas Grundsätzliches gegen ihn zu haben, das sich nicht mit normalen Mitteln aus dem Weg räumen ließ. Dabei kannte sie ihn doch gar nicht!
Und so langsam kam er mit seinem Latein ans Ende …
„Okay, dann werfe ich den mal weg“, seufzte er demonstrativ und wollte schon nach dem Cinnamon Latte greifen, aber Michonne war schneller.
„Lass mal, wäre doch schade drum.“
Sie zog den weißen Pappbecher näher zu sich und nahm einen Schluck, während Duke sich fragte, ob das nun ein gutes Zeichen war oder nicht.
Als Pegasus Sekretärin ihn um Punkt 17 Uhr in dessen Büro hineinführte, erhob sich Max hinter seinem Schreibtisch und schüttelte ihm kurz die Hand. „Duke, mein Lieber, setz dich!“
Er tat wie ihm geheißen, während Max stehen blieb.
„Bevor wir anfangen, entschuldige mich bitte noch einen Moment, ich war bis eben den ganzen Nachmittag in Meetings und muss nochmal für kleine Duel Monsters.“
Mit schnellen Schritten verschwand er aus dem Raum und ließ Duke allein zurück.
Duke nutzte die Gelegenheit einmal tief durchzuatmen und den Raum von dem bequemen Besuchersessel aus genauer zu studieren. Er verweilte kurz bei den Gemälden an der Wand, versank in der Betrachtung des Himmels und der Skyline und landete schließlich bei dem so gut wie leeren Schreibtisch direkt vor sich.
Bis auf einen Laptop, eine Stifteablage mit Notizblock, einen ovalen Bilderrahmen und eine Newton’sche Wiege, deren fünf silberne Kugeln fast schon bedrückend still standen, lag da nur noch …
… Pegasus Smartphone.
Dukes Augen weiteten sich.
Pegasus Smartphone – mit Setos Nummer darin.
Einige Sekunden lang starrte er das Gerät an wie hypnotisiert; sein Herzschlag beschleunigte sich.
Sein Verlangen nach Antworten war in den letzten vier Wochen weder verschwunden noch kleiner geworden und hier lag seine erste Chance, endlich an ebendiese Antworten zu kommen – einfach so, offen und unbeobachtet.
Sein Blick huschte einmal kurz nach links und rechts über seine Schulter an die Decke – es schien keine Kameras zu geben –, dann beugte er sich über den Tisch und griff nach dem Smartphone. Es war größer als sein eigenes Telefon, entsprechend schwerer lag es in seiner Hand.
Eine Code-Abfrage erschien, denn natürlich wurde sein Gesicht nicht erkannt und damit das Telefon nicht automatisch entsperrt. So viel also zu seiner leisen Hoffnung, dass Max vielleicht gar keinen Code eingestellt hatte …
Eine sechsstellige Zahlenfolge war gefragt und Pegasus Geburtsdatum in allen möglichen Kombinationen (ja, das hatte er im Kopf!) lag als erste Variante nahe, denn einerseits war Max vermutlich nicht technikaffin genug, um eine komplett zufällige Zahlenfolge zu wählen, andererseits hätte Dave, der Computer-Magier, wohl niemals sechs Mal dieselbe Zahl oder 123456 zugelassen.
Leider war keine der Kombinationen die richtige; stets erschien nur das vertraute Wackeln des eingeblendeten Nummernblocks bei Falscheingabe. Von Mal zu Mal verkrampfte sich Dukes Kiefer ein Stück mehr und er schüttelte, wie um dem Handy zu antworten, den Kopf. Schweiß benetzte seine Hände, sodass er das Smartphone fester umklammern musste, damit es ihm nicht entglitt. Fokus!
Er ließ das Gerät sinken und sah sich erneut um.
Der Bilderrahmen …
Wenn es nicht Pegasus eigener Geburtstag war, dann vielleicht der von jemandem, der ihm wichtig war?
Nach einem kurzen, kontrollierenden Blick zur Tür und dem Lauschen nach Schritten davor, drehte er den kleinen, goldenen Rahmen herum. Eine junge Frau, blond und wunderschön, strahlte ihm mit gütigen, liebevollen Augen entgegen. Er hatte sie schon einmal gesehen, vor vielen Jahren in einem Fernsehbeitrag, als er Max noch nicht persönlich gekannt hatte: Es handelte sich um Cecilia, Pegasus viel zu jung verstorbene Ehefrau.
Seine Eingeweide verknoteten sich.
Er entließ einen langen Atemzug und starrte auf das noch immer gesperrte Telefon in seiner Hand.
Was machte er hier eigentl–…
Gedämpftes Gemurmel und Schritte vor der Tür ließen ihn zusammenfahren; schnell drehte er das Bild wieder um, legte das Handy so exakt wie möglich an die Stelle auf dem Tisch, von der er es genommen hatte und lehnte sich im Stuhl zurück, als wäre nichts gewesen – genau im richtigen Moment, als Pegasus wieder hineintrat und, noch während er sich setzte, den Termin begann.
„Also dann, zur Sache, du willst ja sicher auch in deinen wohlverdienten Feierabend starten: Wie haben dir deine ersten vier Wochen hier gefallen, mein Lieber? Kommt ihr gut voran?“
„J-ja“, nickte er im Versuch möglichst nicht auf das Telefon zu starren, „Gleich in der ersten Woche habe ich mit Pablo und Ai-Lee gesprochen im Hinblick auf die Timeline. Ich meine, wenn ich hier schon einmal die Experten habe, die es wissen müssen, dann sollte ich die auch anzapfen, richtig?“
Pegasus nickte, seine Lippen kräuselten sich zu einem zufriedenen Lächeln, was Duke dazu animierte, weiter auszuholen und die vorangegangenen Minuten nahezu vollständig auszublenden.
„Im Moment sieht es stark danach aus, dass wir erst die neuen Mechaniken entwickeln werden und daraus dann das Thema und alles andere. Die beiden meinten, dass der Entwicklungsprozess bei größeren Projekten mindestens ein Jahr dauert, aber dass in meinem Fall sechs Monate reichen sollten, um alles bis zur Produktion vorzubereiten. Aktuell habe ich etwa zwei Monate für das gesamte Konzept eingeplant, nochmal zwei auf die Feinarbeit, das heißt konkrete Monster, Designs, Texte und so weiter, und die verbliebene Zeit dann fürs Prototyping, internes und vielleicht auch ein wenig externes Playtesting und die letzten Verfeinerungen und Planungen mit der Produktionsabteilung. Die Finalisierung kann dann auch ohne mich passieren.“
„Gesprochen wie ein echter Profi, sehr schön!“, lobte Max und Duke richtete sich automatisch etwas mehr in seinem Sessel auf. „Und verstehst du dich auch gut mit den Kollegen?“
„Ja, auf jeden Fall.“ Nun, zumindest mit den meisten … „Michonne arbeitet gerade einige Konzeptskizzen aus, die zu den Mechaniken passen könnten. Sie wird eher die thematische Seite übernehmen, ich kümmere mich um die konzeptuelle und wir stimmen uns eng ab. Ansonsten sind alle super nett, hilfsbereit und offen, ich fühle mich echt wohl.“
Er führte noch etwas genauer aus, wie ihn die anderen unterstützt und ihm geholfen hatten, sich hier in LA einzuleben.
„Sehr schön, sehr schön, das freut ich zu hören! Achso, eine Sache noch, bevor ich dich gehen lasse: Wir würden die neue Erweiterung gerne noch während deines Praktikums – Ende August, Anfang September – mit einem kleinen Event öffentlich ankündigen. Passt das für dich?“
„Klar!“, lächelte Duke ganz automatisch und wusste nicht, wen er mehr zu überzeugen versuchte: Pegasus oder sich selbst.
Nachdem er Pegasus Büro wieder verlassen hatte, verriet Duke ein Blick auf sein Telefon, dass er es wohl nicht mehr pünktlich zu dem Video-Call mit seinen Freunden nach Hause schaffen würde. Das Zeitfenster war so ziemlich das einzig mögliche gewesen: Hier in LA war es 18 Uhr, bei Tea in New York 21 Uhr und in Japan 11 Uhr. Da im Großraumbüro auch Pablo und Ai-Lee noch gemeinsam an etwas arbeiteten, nahm er sich kurzerhand einen kleinen Meetingraum, um den Call von hier aus zu machen.
Nach und nach erschienen die vertrauten Gesichter auf dem Bildschirm – Tea, Yugi, Ryou, Tristan, Joey natürlich als letzter – und das Ausmaß seiner Freude darüber sie alle zu sehen, überraschte Duke selbst ein wenig.
Eigentlich hatte er erwartet, trotz dem Ende der Schule und der Entfernung mehr oder weniger jeden Tag von ihnen zu hören, aber die Messenger-App auf seinem Handy war die meiste Zeit still geblieben – was in Anbetracht der Umstände nur verständlich war: Alle waren gerade einfach zu sehr mit ihrem eigenen Leben und vor allem ihrer Zukunft beschäftigt, um nebenbei noch ständig den Rest darüber auf dem Laufenden zu halten.
Schon erstaunlich, wie sehr man sich daran gewöhnen konnte, bestimmte Menschen in seinem Leben zu haben …
„Duke?“
… selbst, wenn es nur ein gutes halbes Jahr lang gegangen war …
„Duke!“
Er schreckte auf. „Oh, sorry, ich war grad mit den Gedanken woanders.“
„Das hab ich gemerkt“, schmunzelte Tea. „Ich hab gefragt, wie das Praktikum so ist und ob du schon neue Freunde gefunden hast.“
„Oh, ja, meine Kollegen hier sind super. Direkt am zweiten Wochenende haben mich Bobby und J.J. zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten geschleift: Wir waren oben auf dem Griffith Observatory, beim Hollywood-Sign, in den Paramount Studios – und abends sogar noch ein bisschen feiern, das hab ich echt ewig nicht mehr geschafft. Meine andere Kollegin hat einen Nachbarschaftsgarten, da durfte ich auch schon mit anpacken und demnächst ist das ganze Team bei meinem Chef zum Barbecue eingeladen … also ja, ich füge mich hier schon ganz gut ein, denke ich.“
„Alter, du mit Gartenschere und Schaufel, das hätte ich mir ja nie träumen lassen!“, grinste Joey und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Hey, ich mag vielleicht nicht so aussehen, aber ich mache mir auch mal die Hände schmutzig, wenn’s sein muss!“, gab Duke ebenfalls grinsend zurück und genoss die natürliche Vertrautheit, die in alldem lag.
Eine Vertrautheit, die ihm mit seinen neuen Bekannten hier noch fehlte – fraglich, ob weitere fünf Monate überhaupt ausreichen würden, sie aufzubauen.
Nachdem er noch ein wenig von der Arbeit selbst berichten und für den nächsten Call eine Tour durch sein Apartment versprechen musste, verschob sich das Gespräch langsam zu Tea, ihrer Ankunft in New York, ihren Mitbewohnerinnen und den ersten Eindrücken von der Stadt.
Duke folgte der locker dahinfließenden Konversation aufmerksam, aber ohne sich groß zu beteiligen, stimmte begeistert zu, als Tea ihn einlud, doch mal für ein Wochenende oder ein paar Tage mehr vorbeizukommen, wenn es sich ergab – immerhin befanden sie sich ja auf demselben Kontinent – und dann war es auch schon viel zu schnell wieder vorbei: Joey musste los zu seiner Schicht, die anderen in die Bibliothek, um für die Uni-Aufnahmeprüfungen zu lernen, Tea ins Bett … und er musste auch langsam nach Hause.
Es war ein langer Tag gewesen.
Mit einem leisen Seufzen klappte Duke die Tablethülle zu und verließ den Meetingraum. Er war schon fast an dem abgeteilten Großraumbüro der Development & Design Abteilung angekommen, da vernahm er genau aus dieser Richtung Max vertraute Stimme.
Vorsichtig lugte Duke um die Ecke, darauf bedacht, möglichst leise zu sein und nicht zu stören.
Tatsächlich standen Pegasus und Pablo praktisch im Türrahmen und unterhielten sich. Normalerweise hätte Duke sich davon nicht aufhalten lassen, doch als auf einmal sein Name fiel, blieb er noch vor der Abbiegung stehen und tat so, als würde er konzentriert auf sein Handy schauen – mehr aus Reflex, denn aus einer bewussten Entscheidung heraus.
„Oh, er stellt definitiv die richtigen Fragen und ist sehr fleißig“, hörte er Pablos sanft dahinrollende Stimme, in der Sorge schwang, „aber Michonne macht ihm das Leben schwer.“
„Ach, sowas gehört dazu!“, winkte Max nur locker ab, „Gib ihm noch ein wenig Zeit – wenn er die nötigen Leadership-Qualitäten mitbringt, dann kann er das lösen.“
„Leadership-Qualitäten? Er ist noch ein Teenager!“
„Ja, das ist er, aber ich denke, wir sind uns einig, dass er schon wesentlich weiter ist. Er kann das, davon bin ich überzeugt.“ Eine kurze Pause entstand, bevor Pegasus noch einmal hinterhersetzte: „Außerdem: Es ist Michonne. Selbst wenn sie nur Dienst nach Vorschrift macht, ist sie immer noch besser als die meisten anderen.“
Duke konnte die Falten auf Pablos Stirn regelrecht hören. „Ja, und das Problem ist, das weiß sie auch.“
Die Stimmen entfernten sich langsam in die entgegengesetzte Richtung, doch Duke verließ seinen unfreiwilligen Lauschposten erst, als das leise Pling eines Aufzugs erklang und ihm mitteilte, dass die beiden Männer wirklich gegangen waren.
An seinem Platz angekommen, packte er seinen Rucksack energischer als gewöhnlich – ein nur allzu vertrautes, nagendes Gefühl in der Magengegend.
Als er endlich das riesige Gebäude verlassen hatte und sein Fahrrad in Richtung South Flower Street schob, war die Sonne bereits fast hinter dem Horizont verschwunden, doch der Asphalt und die Hochhäuser rundherum strahlten noch immer eine angenehme Wärme ab.
Wie fast jeden Abend fuhr er nicht direkt nach Hause, sondern nahm auch heute bewusst einen Umweg. Das hatte er sich bereits in seiner ersten Woche angewöhnt, und zwar nicht nur, um die Stadt besser kennenzulernen: Schon nach den ersten zwei oder drei Tagen im Büro hatte ihn in seiner Wohnung eine tiefe Rastlosigkeit ergriffen; er war es einfach nicht gewohnt, abends so viel freie Zeit zu haben. Irgendetwas war eigentlich immer zu tun gewesen: Hausaufgaben, DDM weiterentwickeln oder, gewissermaßen als Standard, im Laden mit anpacken, vielleicht ab und an mal etwas mit seinen Freunden unternehmen oder das eine oder andere unverbindliche Date – zumindest bis … egal.
Jetzt war die Schule vorbei, DDM weiterzuentwickeln war gewissermaßen sein Day Job und der Laden fiel auf absehbare Zeit ebenfalls weg. Wirkliche Freundschaften hatte er noch nicht geschlossen und nach Dates stand ihm nicht der Sinn. So blieb ihm nichts anderes übrig, als die sinn- oder zumindest inhaltslose Zeit in seiner Wohnung auf ein Minimum zu reduzieren.
Heute hatte er jedoch kein wirkliches Auge für die Umgebung.
Pegasus Worte wollten ihn einfach nicht loslassen, hallten mit jedem Tritt in die Pedale durch seinen Kopf wie eine Playlist, die nur aus einem Song bestand und auf Repeat gestellt worden war.
Er kann das, davon bin ich überzeugt.
Er kann das, davon bin ich überzeugt.
Er kann das, davon bin ich überzeugt.
Was war er nur für ein Mensch?!
Versuchte allen Ernstes für seine eigenen, egoistischen Zwecke das Telefon des Mannes zu knacken, der so unfassbar viel Vertrauen in ihn und seine Fähigkeiten setzte – immer gesetzt hatte! –, ganz im Gegensatz zu … anderen Personen.
Er durfte dieses Vertrauen nicht enttäuschen! Er musste sich zusammenreißen, diese dumme Handy-Idee vergessen und endlich die Sache mit Michonne in den Griff bekommen!
Die Verantwortung legte sich wie ein zweiter, zentnerschwerer Rucksack auf seine Schultern. Seine Finger ballten sich fester um die Lenkergriffe und er schluckte einmal, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden.
Vergeblich.
Verdammt, er hatte sich das alles hier ganz anders vorgestellt! Oder zumindest wesentlich einfacher: Mit coolen Leuten, die die Leidenschaft für sein Spiel teilten, eine Erweiterung entwickeln, häufiger als einmal im Monat seine Freunde sehen, um seine Erlebnisse in LA mit ihnen zu teilen und weiter an ihren Leben teilzuhaben, vielleicht ein paar neue Freunde finden … und immer mal wieder zwischendurch …
… Seto schreiben oder vielleicht sogar seine Stimme hören und mit ihm über all die Dinge sprechen, die die anderen nicht verstehen konnten.
Sein Herz krampfte sich zusammen und die beschauliche Nebenstraße abseits des Wilshire Boulevards verschwamm kurz vor seinen Augen. Er blinzelte und wischte sich einmal mit dem Unterarm übers Gesicht.
Wie gerne hätte er die breite, Palmen-gesäumte Straße jetzt gegen eine der engen Nebenstraßen Dominos auf dem Weg vom Laden zu seiner Wohnung getauscht, wo er jedes Haus, jede Mülltonne, jede Ampel kannte. Wo ihn die Besitzer der kleinen Imbisse grüßten, bei denen er sich nach Ladenschluss oft noch ein spätes Abendessen mitnahm.
Wo er nicht allein war.
Nicht mehr.
An der Ecke South Wilton Place beschloss er umzudrehen und zu seiner Wohnung zurückzukehren, immerhin war es bereits nach acht und sein Magen hatte sich bereits vor über einer Stunde lautstark zu Wort gemeldet. Eigentlich wollte er an der Ampel nach rechts auf den Wilshire Boulevard abbiegen, doch im letzten Moment überlegte er es sich anders.
In der Mini-Mall schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite wurde mit großen Leuchtreklamen der Ableger einer japanischen Restaurantkette beworben und auch wenn deren Reis-Bowls nicht einmal im Entferntesten an die echten kulinarischen Genüsse in Japan herankamen, jetzt und hier war es genau das, was er brauchte – ein winziges Stück Zuhause, vielleicht keine Oase, aber immerhin eine saubere Wasserpfütze in der großen Wüste namens Los Angeles.
Er stieg ab, überquerte die Straße, schloss sein Fahrrad an und wollte schon den herrlichen Gerüchen von gebratenem Rindfleisch und Gemüse, Soja-, Teriyaki- und Fischsauce in das Restaurant folgen, da erspähte er aus dem Augenwinkel einen Pappaufsteller, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.
Ein zweiter, prüfender Blick bestätigte, dass es sich in der Tat um einen Werbeaufsteller für die neueste, überarbeitete Version eines Brettspiel-Klassikers handelte, der vor ein paar Wochen auch im Black Clown eingetroffen war. Er löste die Hand noch einmal von der Restauranttür und sah sich suchend um: Tatsächlich, da hinten, genau in der Ecke der zweigeschossigen, L-förmigen Mall befand sich ein Spieleladen!
Mit jedem Schritt, den er geradezu magisch angezogen näher darauf zu lief, schlug sein Herz ein wenig schneller.
Das Schaufenster der ‚Fun Factory’, wie das Logo über den Eingang verriet, war vollgestopft mit Brettspielen, RPG-Zubehör, Duel Monsters-Decks und Boostern, sodass man von außen kaum erkennen konnte, wie es drinnen aussah. Da waren auf jeden Fall Menschen, ziemlich viele sogar, und es brannte noch Licht.
Ein offener Spieleabend vielleicht? Wie die Game Night einmal im Monat im Black Clown?
Sein Herz bebte noch immer; er schluckte einmal, um es zumindest ein wenig zu beruhigen – vergeblich. Dann drückte er die Tür, deren Schild tatsächlich noch auf ‚Open‘ gedreht war, auf und trat ein.
Die Luft war ziemlich stickig, es roch nach Lieferpizza (kein Wunder, der Stapel aus Kartons auf dem Hocker neben der Tür war locker über einen Meter hoch) und der Geräuschpegel war im ersten Moment überwältigend: Überall wurde gesprochen, gelacht, Regeln erklärt, immer wieder untermalt vom sanften Zischen von Karten, die gemischt wurden, oder dem Klackern von Würfeln auf Spielbrettern und Tischplatten.
Dukes Mundwinkel zogen wie von allein nach oben und er wurde schlagartig von einer wohligen Leichtigkeit erfasst, so als sei er gerade von einer langen, beschwerlichen Reise zurück nach Hause gekommen. Jenes Gefühl, das er in Domino mit dem Black Clown hatte erschaffen wollen, mindestens so sehr für sich wie für andere, das Gefühl, für das er früher über eine Stunde mit dem Bus bis nach San Rafael gefahren war, oder sich noch länger mit dem Rad abgequält hatte, wenn zwischen ihm und seinem Vater mal wieder dicke Luft gewesen war.
Gott, wie er es vermisst hatte!
Er streifte durch die Reihen der Tische und sog die Atmosphäre auf wie ein Schwamm, ließ den Blick entlang der Regale voller vertrauter Namen und Cover wandern, wollte gerade die Finger ausstrecken, um sanft über die Boxen zu streichen, als jemand ihn von der Seite ansprach.
„Hey, bist du zum ersten Mal hier?“
Duke fuhr zusammen. „Ähm, ja. Ja, das bin ich.“
Der Mann, der ihm mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht gegenüberstand, war vielleicht Mitte dreißig, mit schulterlangem, rotblondem Haar; über seinen sich leicht nach vorne rundenden Bauch spannte sich ein T-Shirt mit Kuriboh-Motiv. „Okay, cool, dann erkläre ich dir mal, wie es läuft. Ich bin Jeff, by the way.“
Es war halb ein Uhr nachts, als Duke endlich nach Hause kam.
Seine Glieder waren schwer, doch in seinem Innern schwirrte es noch immer warm und zufrieden. Zwar hatte er in den vergangenen vier Wochen hier in LA schon einiges erlebt und viele Leute kennengelernt, aber heute hatte er sich zum ersten Mal wirklich angekommen gefühlt.
Nachdem Jeff die kleine Teilnahmegebühr abkassiert und ihm alles gezeigt hatte, hatte er drei Spiele in unterschiedlichen Runden gespielt – zwei, die er kannte und liebte und ein neues, das erst kurz vor seiner Abreise erschienen war, und das er eigentlich gerne noch mit seinen Kollegen im Laden ausprobiert hätte – und dabei eine ungesunde Menge Pizza in sich hineingestopft. Mit seinen Mitspielern hatte er sich nett unterhalten, ohne dabei groß vom Spiel abzulenken, und so zum ersten Mal seit vier Wochen für gute drei Stunden keinen einzigen Gedanken an Michonne, die Erweiterung, Pegasus oder Seto verschwendet.
Er zog sich um, putzte die Zähne und fiel nur noch ins Bett in einen festen, traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen wachte Duke so ausgeruht auf wie lange nicht mehr und traf, während er seinen morgendlichen Routinen nachging, mit frischem Blick einige grundlegende Entscheidungen: Pegasus Handy würde er vergessen und seine Versuche Michonne auf Teufel komm raus von sich und einer Kooperation zu überzeugen, aufgeben. Stattdessen würde er es einfach mit Yugi halten und auf das Schicksal, Herz der Karten oder wahlweise sein Glück vertrauen. Irgendeine Gelegenheit würde sich schon ergeben. Er musste einfach nur aufmerksam sein und auf ein Zeichen oder einen Hinweis warten, wie er sich bei ihr in ein gutes Licht rücken konnte.
Der heutige Donnerstag war Sarahs Geburtstag, weshalb das gesamte Team – wie immer an Geburtstagen – gemeinsam zum Lunch ging. Michonne stand in der Schlange vor Duke und schien sich nicht recht entscheiden zu können – oder zumindest war das sein erster Erklärungsversuch für ihr durchaus auffälliges Verhalten: Etwa alle fünf bis zehn Sekunden warf sie ihre unzähligen dünnen Flechtzöpfe über ihre Schulter nach hinten, sodass Duke einen Schritt zurückweichen musste, um nicht getroffen zu werden, nur um Sekunden später wieder eine Handvoll nach vorne zu holen. Dazwischen wechselte sie ihr Tablett immer wieder von einer Hand in die andere, klopfte leicht mit den Fingern darauf herum, tippte nervös mit dem Fußballen auf dem Boden.
Als sie an der Reihe war und die junge Frau hinter dem Tresen sie auffordernd, aber freundlich ansah, zuckte Michonne unwillkürlich zusammen und erwiderte den Blick kaum eine Millisekunde lang, bevor ihre Augen schnell wieder zur Auslage zurückkehrten.
„Den Gemüseauflauf, bitte“, sagte sie in einem Tonfall, den Duke noch nie bei ihr gehört hatte – sanft, für ihre Verhältnisse, beinahe … verlegen?
„Alles klar, kommt sofort!“, antwortete die Cafeteria-Angestellte lächelnd.
Wie in Trance beobachtete Michonne, wie sie mit großer Sorgfalt ein (besonders großes?) Stück Auflauf aus der Aluminium-Schale schnitt.
Dukes Augenbrauen zuckten nach oben.
Christy, so der gestickte Namen auf ihrer Schürze, war eine durchaus anziehende Erscheinung: Mit ihrem kurzen, wild gestylten wasserstoffblond gefärbten Haar, das teilweise unter einer dünnen, hellroten Wollmütze hervorlugte, den kleinen Tunneln in ihren Ohrläppchen, dem Piercing an ihren elegant geformten, vollen Lippen, dem Jeans-Hemd, das sie unter der Schürze trug, sowie den Tattoos auf ihren Unterarmen wirkte sie beinahe wie ein Model aus einem Katalog für Skater-Klamotten.
Zum Abschluss garnierte Christy den Teller noch mit einer großen Handvoll gehackter Kräuter.
„Bitteschön!“ Als sie Michonne den Teller überreichte, schimmerte in ihren Augen eine auffallende Wärme.
„Danke!“, nickte Michonne mit einem zaghaften Lächeln – dem gefühlt ersten, das Duke jemals bei ihr gesehen hatte – , bevor sie langsam und nicht ganz sicheren Schrittes mit dem Tablett zurück zum Tisch lief, an dem auch der Rest des Teams saß.
Als Christy sich an ihn wandte, konnte Duke das zufriedene Grinsen auf seinen Lippen kaum im Zaum halten.
Der Nachmittag verging diesmal wie im Flug, auch deshalb, weil Michonne überraschend konstruktiv war – zumindest ging sie zu keinem seiner Vorschläge in Fundamentalopposition und auch die Augenroll-Quote blieb überraschend niedrig. Als er beim Verlassen des Büros noch einmal an der menschenleeren Cafeteria vorbeikam, drängte sich ihm einmal mehr die starke Vermutung auf, dass es etwas mit heute Mittag zu tun haben musste.
Das Schild an der gläsernen Tür war noch immer auf ‚Open‘ gedreht, sodass er noch einmal näher herantrat und vorsichtig hineinspähte: Vorne hinter dem Café-Tresen werkelte Christy augenscheinlich allein vor sich hin, reinigte die Kaffeemaschinen und räumte Geschirr weg.
Sollte er Michonnes Glück ein wenig auf die Sprünge helfen? Immerhin bestand, nach allem, was er heute erlebt hatte, eine solide Chance, dass es auch seine Zeit hier um einiges erträglicher machen würde …
Aber was, wenn er sich irrte?
Nein, keine Chance! Da war was, definitiv!
Wer wusste, wie lange die beiden schon so umeinander herumtänzelten, ohne dass jemand sich traute den ersten Schritt zu machen … vielleicht würde Michonne ihm ja sogar einst dankbar sein!
Er ging hinein und wartete geduldig vorne am Tresen, bis Christy ihn wahrnahm, das Handtuch, mit dem sie gerade noch ein paar Tassen abgetrocknet hatte, locker über die Schulter warf und zu ihm kam.
„Hey, Großer Schwarzer Filterkaffee Ohne Alles!“, grüßte sie ihn, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Als sie Dukes irritierten Blick bemerkte, erklärte sie grinsend: „Du bist noch nicht so lange hier und noch kenne ich nur deine übliche Bestellung, aber nicht deinen Namen.“
Nun konnte sich auch Duke ein Grinsen nicht verkneifen. Er mochte sie jetzt schon. „Dann ändern wir das mal. Ich bin Duke.“
„Hi, Duke, freut mich!“ Sie trocknete ihre Finger noch einmal an dem Handtuch über ihrer Schulter ab und reichte ihm die Hand. „Ich bin Christy.“
„Ebenfalls sehr erfreut!“, gab er zurück und erwiderte ihren festen, selbstbewussten Händedruck.
„Du arbeitest bei Industrial Illusions, richtig?“
„Ja, genau. Aber nur bis Oktober, ist mehr so eine Art Praktikum.“
„Verstehe.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln stemmte sie die Hände auf den Tresen. „Falls du noch einen Kaffee willst, das geht leider nicht mehr, ich habe gerade schon alles sauber gemacht. Aber einen Muffin oder ein Sandwich könnte ich dir noch anbieten – muss ich nur wieder aus dem Kühlhaus holen.“
„Alles gut“, winkte er ab, „deswegen bin ich nicht hier.“
Christys Augenbrauen wanderten neugierig nach oben. „Oh, na, jetzt wird’s interessant. Weswegen dann?“
Duke gab sich einen Moment, um die richtigen Worte zu finden. „Als wir heute Mittag zum Lunch hier waren, ist mir was aufgefallen und du kannst mir sagen, ob da was dran ist oder ich mir Sachen einbilde.“ Er trat einen Schritt näher und lehnte sich locker an den Tresen. „Es geht um meine Kollegin Michonne …“
„Oh!“, entfuhr es Christy und die Finger ihrer rechten Hand gruben sich fest in das feuchte Handtuch über ihrer Schulter.
Das, in Verbindung mit dem leichten rosa Schimmer, der bei der Erwähnung des Namens auf ihre Wangen trat, war im Grunde schon Bestätigung genug, doch Duke entschied trotzdem noch ein wenig weiter zu bohren – nur um ganz auf Nummer Sicher zu gehen.
„Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass du sie zu mögen scheinst …“
„Naja, ich … also …“ Für einen Moment schien Christy mit sich zu ringen, aber schließlich trat ein warmes Leuchten in ihre honigbraunen Augen. „… ich würde sie schon sehr gerne besser kennenlernen. Sie hat so eine coole Ausstrahlung, weißt du? Kraftvoll, aber trotzdem ruhig, als könnte sie einfach nichts aus der Bahn werfen.“
Duke schmunzelte. „Oh, ich glaube, es gibt da etwas – oder eher jemanden – der sie ganz schön aus der Bahn geworfen hat …“
Er sah Christy vielsagend an. Es dauerte einen Moment, bis sie verstand und ungläubig auf sich zeigte.
Anscheinend war sie, wann immer sie mit Michonne zusammengetroffen war, selbst zu nervös gewesen, um es zu bemerken, denn aus seiner Sicht war das jetzt nicht sonderlich schwer zu übersehen gewesen.
Er nickte. „Es müsste nur mal jemand den ersten Schritt machen …“
Einen Moment lang schien Christy mit sich zu ringen, dann jedoch zogen ihre Mundwinkel unaufhaltsam weiter nach oben, bis sie schließlich das Handtuch in einer schwungvollen Bewegung von ihrer Schulter zog.
„Du hast recht, das geht schon viel zu lange so! Ich werd mir was einfallen lassen!“
„Sehr gut!“
„Wenn das gut geht, geht dein Kaffee für die nächsten, sagen wir, … vier Wochen aufs Haus!“, grinste sie.
„Na, dann hoffen wir mal das Beste!“
Nicht, dass er es deswegen gemacht hatte. Die Aussicht auf eine nettere und kooperativere Michonne war in seiner aktuellen Lage mit Gratiskaffee nicht einmal ansatzweise aufzuwiegen.
Er verabschiedete sich von Christy und verließ das Gebäude in ungleich gelösterer Stimmung als gestern.
Am folgenden Morgen saß Duke bereits an seinem Platz im Büro, als er aus dem Augenwinkel registrierte, wie Michonne den Raum betrat. Ihr sonst schwerer Gang war ungewöhnlich federnd und als sie an ihrem Tisch ankam, erkannte er ein mehr schlecht als recht unterdrücktes, seliges Grinsen auf ihren Lippen.
Sie ließ ihren Rucksack ungewohnt sanft zu Boden gleiten und stellte geradezu mit Samthandschuhen einen Coffee to go-Becher auf den Tisch, den sie noch einen Moment länger versonnen betrachtete, bevor sie sich setzte und sichtlich schweren Herzens dem Monitor zuwandte.
Beim genaueren Hinsehen erkannte Duke Schrift auf dem Becher, die aus seinem Betrachtungswinkel sogar lesbar war:
Lust mal einen Kaffee mit mir zu trinken?
♡ Christy
Darunter eine Handynummer.
Duke sah zu Michonne, die noch immer leicht entrückt in sich hinein lächelte.
„Ist was Gutes passiert?“, fragte er ganz unschuldig und hatte Mühe seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten.
Sofort schnellte ihr Kopf in seine Richtung.
„Geht dich ’n Scheiß an!“, schoss sie zurück, bevor sie den Blick wieder auf ihren Bildschirm richtete und das Lächeln auf ihre Lippen zurückkehrte.
Nun ja, vielleicht würde der Auftau-Prozess auch noch ein klein wenig dauern …
Immerhin: Sie schien den Kaffee besonders zu genießen, brauchte sie doch wesentlich länger als sonst, um den Becher zu leeren. Vermutlich hätte es der schlechteste Kaffee auf der Welt sein können, sie hätte ihn trotzdem für das Beste gehalten, was sie jemals getrunken hatte.
Ein kurzer Stich durchfuhr sein Herz.
… wie er jenen Kaffee in der Jugendherberge in Nagano.
Als der Becher irgendwann alle war, warf sie ihn nicht weg, sondern behielt ihn gut sichtbar auf ihrem Tisch, wo sie ihn gelegentlich mit einer Mischung aus Verträumtheit und Unglauben hin- und herdrehte.
Da heute keiner größere Termine hatte und es tags zuvor alle so genossen hatten, wurde am Nachmittag beschlossen, zum Wochenabschluss gemeinsam auf einen Kaffee hinunter in die Cafeteria zu gehen. Dukes Hoffnung, vielleicht zu sehen, wie Michonne persönlich ein Date mit Christy vereinbarte, wurde allerdings enttäuscht. Da Christy heute die Frühschicht gehabt hatte (wie aus dem Kaffeebecher zu folgern war), hatte sie um diese Uhrzeit bereits Feierabend.
Die Tischgespräche drehten sich zuerst noch primär um Arbeitsthemen, bei denen weder Michonne noch er wirklich mitreden konnten, doch im Gegensatz zu ihr hörte er trotzdem mit Interesse zu – immerhin hatte man nicht jeden Tag die Chance aus allererster Hand zu erfahren, wie eines seiner liebsten Spiele weiterentwickelt wurde – und wo Michonnes Gedanken höchstwahrscheinlich waren, wusste er ja.
Als es um die Zeitplanung für das Artwork und die Übersetzungen der Duel Monsters-Erweiterung ging, kam das Gespräch fast schon zwangsläufig auf den Memorial Day in drei Wochen. Ai-Lee berichtete, dass sie für ein paar Tage zur Familie ihres Mannes nach Atlanta fliegen würden, Bobby, Terry und Danielle besuchten ebenfalls Verwandte, Sarah veranstaltete ein kleines Barbecue im Nachbarschaftsgarten, immerhin sollte es recht warm werden.
„Ich mache mit ein paar Freunden einen kleinen Kurztrip hoch nach San Francisco“, warf J.J. in die Runde, als er an der Reihe war, „Ein bisschen die Stadt erkunden, mal was anderes sehen.“
„Oh, cool! Fliegt ihr hin oder fahrt ihr?“, erkundigte sich Sarah.
„Wir fahren mit dem Auto. Dauert gar nicht so lange, nur gute sechs Stunden.“ Als J.J.s dunkle, wache Augen Duke streiften, zogen sich seine Brauen fragend zusammen. „Hey, kamst du nicht auch von irgendwo da oben?“
Duke hatte gerade einen Schluck aus seiner Kaffeetasse nehmen wollen und erstarrte mitten in der Bewegung, als sei ein viel zu großer Scheinwerfer auf ihn gerichtet worden.
„Ja, schon“, antwortete er zögerlich, während er die Tasse unverrichteter Dinge wieder auf dem Tisch abstellte, „aber nicht direkt aus San Francisco … Marin County.“
Tiburon, spezifizierte er in Gedanken.
Wie auf ein geheimes Zauberwort hin strömten Eindrücke in seinen Kopf: Die Wellen der Bay, die im goldenen Licht des Sonnenuntergangs an die Piers der Yacht Clubs und Fähranleger platschten und die Boote sanft zum Schaukeln brachten, das Gekrächze der Möwen im Wind, der Geruch von Pinien, Zypressen und des Pazifiks …
„Willst du vielleicht mitkommen? Könntest deine Leute besuchen…“
Ob sein Vater noch immer in jenem viel zu großen Haus auf der anderen Seite der Halbinsel lebte? Oder hatte er es längst verkauft, als ihm klar geworden war, dass Duke nicht zurückkommen würde?
„… also falls du da oben noch welche hast.“
Ob er sich verändert hatte?
Ich bin immer noch dein Vater! Wir sind eine Familie! Bedeutet dir das denn gar nichts?!
Du undankbarer, kleiner Bastard!
„Nein, danke.“ Duke schüttelte lächelnd den Kopf und versuchte dabei, die Erinnerungen wieder dort zu vergraben, wo sie in den letzten fünf Jahren (mit einer einzigen Ausnahme) gelegen hatten.
„Okay, wie du meinst.“ J.J. zuckte nur locker mit den Schultern. „Aber hast du vielleicht ein paar Tips? Was müssen wir uns unbedingt ansehen?“
„Naja, also …“ Er gab sich einen Moment Bedenkzeit und zählte schließlich ein paar Highlights von San Francisco an seinen Fingern ab: „Ocean Beach ist natürlich ein Muss, in Presidio gibts viel zu sehen, an der Ecke Haight-Ashbury und im Mission District kann man sehr gut einkaufen und essen und China Town ist definitiv auch immer einen Besuch wert.“ Er hielt kurz inne, dann schob er hinterher: „Und … wenn ihr die Zeit habt, solltet ihr unbedingt rüber nach Marin fahren und eine Wanderung durch die Muir-Woods oder entlang der Klippen von Point Reyes machen.“
J.J. hatte während der Aufzählung sein Smartphone gezückt und sich Notizen gemacht. „Cool, danke!“
„Gerne.“ Mit einem kaum hörbaren Seufzen lehnte Duke sich zurück und folgte dem weiteren Gesprächsverlauf ohne wirklich zuzuhören.
Den ganzen restlichen Nachmittag bis zum Feierabend fiel es Duke schwer sich zu konzentrieren. Immer wieder unterbrachen Erinnerungsfetzen seine Überlegungen zu neuen Würfelsymbolen und -aktionen: an Ausflüge in die beeindruckende Natur Nordkaliforniens, die seine Mutter so geliebt hatte, an Touren mit seiner Schulklasse in die Museen von San Francisco, an die langen Fahrten mit dem Fahrrad hoch nach San Rafael zu ‚Bayside Games‘ – immer an der Küste entlang.
War es ein Fehler gewesen, das Angebot abzulehnen?
Er wusste es nicht.
Der einzige Mensch, der es ihm vielleicht hätte sagen können, befand sich auf der anderen Seite des Pazifiks … und hatte seine beschissene Telefonnummer aus Dukes Handy gelöscht!
Das Geräusch, als seine Faust auf die Schreibtischplatte traf, schreckte ihn aus seinen Gedanken. Michonne sah ihn halb fragend, halb genervt an und schüttelte nur den Kopf, bevor sie sich wieder ihrem Bildschirm zuwandte.
Nach Feierabend fuhr Duke von einem kleinen Zwischenstopp beim Supermarkt abgesehen direkt zu seiner Wohnung. Er hatte die Einkäufe gerade auf der Kücheninsel abgestellt und sich eine Coke Zero aus dem Kühlschrank genommen, als sein Handy klingelte.
Das Display zeigte japanische Schriftzeichen: Mokuba Kaiba. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Er ließ sich gegen einen der Barstühle sinken und atmete noch einmal tief durch, bevor er schließlich mit dem Daumen nach rechts wischte und das Handy ans Ohr hob. „Mokuba, das ist ja eine Überraschung!“
Er warf einen kurzen Blick auf die Digitaluhr des Ofens: 17:45 Uhr, das hieß in Japan war schon der nächste Tag, 10:45 Uhr.
„Hey, Duke, na, wie gehts dir in LA?“
„Gut, gut. Ich hab mich soweit eingelebt, die Arbeit ist echt cool und die Kollegen sind alle sehr nett. Wir machen gute Fortschritte bei der DDM-Erweiterung.“
„Sehr schön, das ist gewissermaßen auch der Grund für meinen Anruf.“
Mokubas Tonfall hatte mit einem Mal etwas sehr Geschäftsmäßiges bekommen. Ein bitteres Lächeln huschte über Dukes Lippen. Woher er das nur hatte?
„Die Organisation des US-Releases der DDM Duel Disk liegt jetzt bei mir. Ich habe mich vorhin schon mit der Marketing Chefin von Industrial Illusions dazu ausgetauscht und sie sagte mir, dass es Ende August/Anfang September ein Event geben soll, auf dem deine Erweiterung angekündigt wird. Wir hatten die Idee, den Release der Duel Disk einfach auf dasselbe Datum zu legen, das Event ein bisschen größer aufzuziehen und so gleich die geballte Aufmerksamkeit auf DDM zu bringen. Gibt es aus deiner Sicht etwas, das dagegen spricht?“
„Nein, überhaupt nicht.“ … sofern Michonne endlich mitziehen würde. Aber nach dem heutigen Tag war das zumindest nicht mehr vollkommen unrealistisch.
„Sehr gut, das dachte ich mir. Alles weitere werden wir dann mit den Marketing-Kollegen von Industrial Illusions ausmachen. Ich wollte dich nur auch abholen, immerhin warst du ja die ganze Zeit sehr eng in das Thema involviert.“
Beinahe hätte er gelacht. Enger, als Mokuba sich vorstellen konnte …
„Naja, so gerne ich noch länger mit dir quatschen würde, ich muss leider weiter, hab noch ein paar Anrufe zu erledigen und dann noch Hausaufgaben.“
Dukes Stirn legte sich unwillkürlich in Falten. Zwar hatte Mokuba für sein Alter schon viel Verantwortung übernommen, vor allem bei besonderen Anlässen wie Turnieren oder ähnlichem, aber im operativen Tagesgeschäft hatte Seto das bisher nie zugelassen, eben damit sich der Junge erst einmal ganz auf die Schule konzentrieren konnte.
„Ist das nicht ein bisschen viel?“, fragte er und versuchte dabei trotzdem möglichst locker zu klingen.
„Nö, sind doch eh Ferien gerade.“ Ach ja, richtig, es war ja Anfang Mai – Goldene Woche. „Aber ich will heute trotzdem noch ein bisschen was abarbeiten, damit ich mich nachher im Black Clown mit Kei treffen kann.“
Die Frage, wie es im Laden so lief, lag Duke schon auf der Zunge, aber sein Instinkt ließ ihn eine andere Richtung einschlagen. „Kei?“
„Mhm, hab sie letztens im Laden kennengelernt. Sie geht auf eine andere Schule, aber sie mag DDM und Capsule Monsters genauso wie ich und, naja …“
Ein wissendes Schmunzeln stahl sich auf Dukes Gesicht. „Du magst sie?“
Mokuba zögerte einige Sekunden lang und Duke konnte regelrecht sehen, wie seine Wangen sich rot färbten. „Ja, schon ziemlich.“
Dukes Lächeln wurde größer. „Gib ihr im Laden ein Getränk aus, ich schreibe den Jungs, dass es aufs Haus geht. Und vielleicht lädst du sie ja noch auf ein Eis ein.“
„Wow, danke! Das mach ich! Cool, dass du da so entspannt bist. Seto ist weiß geworden wie ein Laken, als ich ihm erzählt habe, dass ich mich mit einem Mädchen treffe.“
Obwohl damit zu rechnen gewesen war, dass er irgendwann fallen würde, krampfte sich Dukes Herz bei der Erwähnung des Namens fast schmerzhaft fest zusammen. Das ‚Ich hab’s ihm ja gesagt‘, das ihm schon auf der Zunge lag, schluckte er gerade noch rechtzeitig hinunter.
„Wie … gehts deinem Bruder?“, erkundigte er sich stattdessen scheinbar beiläufig.
„Öhm, gut – denke ich zumindest. Er ist auf einer Geschäftsreise an alle unsere Standorte, noch drei Wochen. Wir telefonieren nicht jeden Tag.“
„Drei Wochen? Wow! Und darum hat er dir auch das mit der DDM Duel Disk übertragen?“
„Ja, genau.“
Duke hatte alle Mühe, sich ein bitteres Schnauben zu verkneifen. Natürlich glaubte Mokuba das, doch die Realität war mit Sicherheit eine andere.
„Er … kommt dabei nicht zufällig auch in die Vereinigten Staaten?“
Immerhin wäre das die Chance schlechthin, persönlich mit Seto zu reden und ihm ins Gesicht zu sagen, was er von der ganzen Aktion hielt – ohne dafür in Pegasus Privatsphäre eindringen zu müssen.
„Nein, wir haben keinen eigenen Standort und keine Produktion da. Unser Nordamerika-Geschäft machen wir von Kanada aus, das Südamerika-Geschäft von Mexiko. Aber ich kann ihm viele Grüße von dir ausrichten, wenn–“
„Nein!“, entfuhr es Duke vielleicht ein bisschen zu schnell, sodass er sich einmal kurz räusperte, bevor er betont ruhig weitersprach, „Lass mal. Wir werden uns schon irgendwann wieder hören oder sehen. Vielleicht … zum Release?“
„Ja, möglich. Na dann, ich muss mal weiter.“ Zum Glück klang Mokuba nicht verwundert, sondern unbeschwert wie immer.
„Alles klar! Sag allen im Laden viele Grüße! Und viel Erfolg mit dem Mädchen!“
„Hehe, danke!“ Mokubas verschmitztes Lächeln war regelrecht zu hören – der Junge hatte definitiv das Zeug ein richtiger Herzensbrecher zu werden. „Tschüss dann!“
Das wiederholte Tuten begann, noch bevor Duke den Abschiedsgruß erwidern konnte.
Er ließ das Telefon geräuschvoll auf die Kücheninsel fallen, sodass es noch ein paar Zentimeter von alleine weiterglitt und ließ sich ganz auf den Barstuhl sinken. Mit aufgestützten Ellenbogen rieb er sich einmal über das Gesicht, bevor er mit einem tiefen Seufzen erst die Arme und dann seinen Kopf auf die Arbeitsplatte fallen ließ.
Weder das Kochen noch das anschließende Essen schaffte es, seine Gedanken länger als ein paar Minuten von dem Telefonat und Seto abzulenken. In seinem Innern bekriegten sich widerstreitende Gefühle in einem viel zu ausgeglichenen Kampf: Er brauchte Antworten, brauchte Seto, gleichzeitig hatte er das unstillbare Bedürfnis, ihn all die Emotionen, die er durchgemacht hatte, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit spüren zu lassen – bevorzugt in Form von roher Gewalt.
Er wollte es sich gerade auf der Couch bequem machen und den Fernseher einschalten, da wanderte sein Blick zu dem Laptop auf seinem Couchtisch.
Sein Finger schwebte über dem roten Knopf der Fernbedienung.
Cecilia Pegasus … sie könnte die Lösung sein …
… und eine kleine Online-Recherche tat doch niemandem weh.
Er warf die Fernbedienung zurück auf das Sofa und schnappte sich stattdessen den Computer.
Irgendwie hatte Max ihm instinktiv immer das Gefühl vermittelt, dass sie einander gut kannten, aber schon das erste Überfliegen seines Wikipedia-Artikels bewies Duke, dass dem nicht so war.
Natürlich hatten Yugi und die anderen ihm erzählt, dass es Pegasus beim Königreich der Duellanten auch oder vielleicht sogar hauptsächlich darum gegangen war, einen Weg zu finden, seine verstorbene Frau zurückzubringen oder wenigstens noch einmal zu sehen, weshalb die Dinge so eskaliert waren, wie sie es nun einmal waren.
Er hatte genickt und es zur Kenntnis genommen, aber so richtig darüber nachgedacht hatte er nie. Vielleicht, weil er, noch viel mehr als die anderen, Pegasus auf ein Podest gehoben und derart große Hoffnungen an ihn geknüpft hatte.
Vielleicht hatte ihn die Wahrheit aber auch schlicht überfordert.
Die Wahrheit, dass Pegasus viel zu jung seine Frau verloren hatte, sich mit dem Verlust nicht hatte abfinden wollen und darum zu extremen Maßnahmen gegriffen hatte.
Ein bisschen wie …
Aber sie ist nicht mehr da, Duke!
… nein, Pegasus war ganz anders!
Immerhin hatte Max von Anfang an an ihn und sein Spiel geglaubt, ihn unterstützt und gefördert, wo er nur konnte – was man von ihm nicht gerade behaupten konnte.
Egal, genug davon!
Er gebot seinen Gedanken Einhalt und fokussierte sich wieder ganz auf seine Recherche, ohne dem hartnäckigen Ziehen in seiner Brust weitere Beachtung zu schenken. Die Recherche und das daraus gewonnene Wissen alleine waren ja noch nicht problematisch. Problematisch wäre das alles nur, wenn er dieses Wissen auch einsetzte. Und diese Entscheidung würde nicht er treffen – oder zumindest nicht jetzt.
Da sie keinen eigenen Wikipedia-Eintrag hatte, durchforstete Duke das Internet nach Zeitungsartikeln und anderen Quellen und fand schließlich tatsächlich sowohl das Geburts- als auch das Sterbedatum von Cecilia Pegasus.
Wie eine Art Mantra wiederholte er die Zahlenfolgen wieder und wieder – laut und im Kopf, während er den Geschirrspüler aus- und wieder einräumte, beim Umziehen, während des Zähneputzens.
Sollte sich eine weitere Gelegenheit wie vorgestern ergeben, würde Zukunfts-Duke entscheiden müssen, ob er sie ergriff oder nicht.
Aber sollte Zukunfts-Duke sie tatsächlich ergreifen wollen, war er jetzt zumindest vorbereitet.
May II (... I could not shake)
Setos Flug war mit ungefähr zwei Stunden Verspätung in Mexico City gestartet, sodass es schon weit nach 22 Uhr war, als er nach knapp vier Wochen zum ersten Mal wieder japanischen Boden betrat. Selbstverständlich erwartete ihn Roland schon am Ausgang des Flughafens mit der Limousine, zeigte sich allerdings selbst für seine Verhältnisse auffallend wortkarg und einsilbig … was nichts weiter zu bedeuten haben musste. Vermutlich hatte er einfach nur gemerkt, wie erschöpft Seto war und sich darum die üblichen Nettigkeiten gespart.
Während er sich in die weichen Sitzpolster der Limousine sinken ließ, dachte Seto kurz darüber nach, ob er noch einmal den Laptop herausholen sollte, doch die Vorstellung des seitenlangen Berichts, den er durchzuarbeiten hatte, ließ ihn den Gedanken angesichts seiner schweren Augenlider direkt wieder verwerfen. Den Arm auf die Konsole in der Seitentür gestützt, ließ er stattdessen das nächtliche Domino an sich vorüberziehen und rekapitulierte noch einmal die vergangenen vier Wochen.
Die Reise war ein voller Erfolg gewesen und hatte genau die erhofften Ergebnisse gebracht: Er hatte ein besseres Verständnis dafür gewonnen, in welche Standorte und Technologien er in Zukunft weiter investieren musste, wo wirklich fähige Leute mit den richtigen Ideen saßen und wo es noch Ausbaubedarfe gab. Trotzdem war jene schier endlose Aneinanderreihung von Wartehallen, Terminals, Flugzeugen und Hotelzimmern, nur unterbrochen durch Fabrikbesichtigungen, Konferenzräume, eine Messe und ein paar Restaurants, zugegeben nicht ganz spurlos an ihm vorüber gegangen. Wenn er nicht wüsste, dass er einmal um die Welt gereist war, er hätte es wohl abgesehen von den Schildern und unterschiedlichen Währungen, in denen er für den Kaffee am Flughafen bezahlen musste, gar nicht gemerkt.
Umso schöner nun endlich wieder in seinem eigenen Bett zu schlafen, morgen in seinen Alltag im Büro zurückzukehren und die vielen neuen Ideen umzusetzen.
… und vor allen Dingen natürlich Mokuba wiederzusehen.
Ein hörbares Ausatmen aus Richtung des Fahrersitzes riss Seto aus seinen Gedanken und ließ ihn nach vorne sehen.
„Die Hauptstraße ist wegen einer Havarie gesperrt“, antwortete Roland auf die unausgesprochene Frage, „Wir müssen eine Umleitung fahren.“
Seto nickte nur und richtete den Blick dann wieder aus dem Seitenfenster.
Die Nebenstraßen um sie herum wurden enger, führten immer tiefer hinein in ein Gewirr von Häusern, Bäumen, Hecken, bei dem er, trotz der weitestgehend quadratischen Anordnung schon bald die Orientierung verloren hatte. Minutenlang schien es immer so weiter zu gehen, bis … Moment!
Dieser Zaun mit den auffälligen, geschmiedeten Ornamenten … und dieses Haus …
Hatte er hier nicht immer geparkt, wenn–…
Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Zwar kamen sie von der anderen Seite, trotzdem erkannte er die Kombination von Gehsteigen, Straßenlaternen und Häusern nahezu sofort. Schneller, als Seto sich mental darauf vorbereiten konnte, kam jenes Mehrfamilienhaus in sein Blickfeld, in dem er im vergangenen halben Jahr mehr Zeit verbracht hatte, als er sich in seinen wildesten Träumen je hätte ausmalen können.
Wie ferngesteuert wanderten seine Augen die senkrecht übereinander liegenden Reihen von Fenstern nach oben bis zum fünften Stock. Ein minimales Zucken fuhr durch seine Mundwinkel, als er meinte, ein Licht brennen zu sehen, bevor er sich wieder auf die tatsächliche Lage besann.
Nein, das musste eine der anderen Wohnungen sein.
Als die Limousine an einer kleinen Kreuzung mit Stopp-Schild kurz zum Stehen kam, kniff Seto die Augen zusammen und entließ ein kaum hörbares, ungläubiges Schnauben.
Doch … doch, das war Dukes Wohnung, ohne Zweifel! Und im Wohnzimmer brannte Licht.
War etwa jemand da?!
Unwillkürlich musste er an die Unordnung bei seinem letzten, ungeplanten Besuch vor der Abreise denken, das dreckige Geschirr, die Kissen, die Decke, die anders lagen als sonst.
Als sie sich sich wieder in Bewegung setzten, sah er noch ein letztes Mal hin.
Das Licht war aus.
Sie bogen um die nächste Kurve, sodass Seto, selbst, wenn er sich umgedreht hätte, das Haus nicht mehr sehen konnte.
Er schüttelte den Kopf. Hatten sich seine schweren, müden Augen das am Ende alles nur eingebildet?
Die Villa war beinahe schon gespenstisch still, als Seto durch die Verbindungstür zur Garage hineintrat. Er lauschte auf schnelle Schritte auf der großen Treppe, ein gerufenes „Seto!“, Mokuba, der auf ihn zustürmte und seine Arme um ihn schloss, wie bisher noch nach jeder längeren Abwesenheit.
Doch da war nichts.
War Mokuba etwa schon im Bett?!
Nein, das konnte nicht sein. Eigentlich blieb er immer wach, wenn Seto so spät noch von einer Reise wiederkam.
Es war fast schon so etwas wie ein Ritual:
„Geh schon ins Bett, ich werde erst sehr spät zurück sein.“
„Ich will aber–“
„Du hast am nächsten Tag Schule!“
„Aber Seto–“
Ein strenger Blick.
Schlecht verborgenes Augenrollen und Trotz in der Stimme. „Na gut, wie du meinst, dann geh ich eben ins Bett!“
… und am Ende fiel Mokuba ihm doch jedes Mal in die Arme.
Ein warmer Hauch zog durch Setos Brust, hatte jedoch keine Chance gegen die Schwere der Sorge, die sich immer weiter in ihm verdichtete.
Er hatte gerade die Schuhe ausgezogen, da trat Roland ebenfalls noch einmal in den Flur. „Sir, ich würde mich dann zurückziehen.“
„Natürlich, Roland, tun Sie das.“ Er zögerte einen Moment.
„Master Mokuba ist oben“, schien Roland einmal mehr seine Gedanken zu lesen. „Gute Nacht, Sir!“
Mit diesen Worten zog er die Haustür hinter sich zu und ließ Seto allein zurück.
Täuschte er sich oder hatte eine gewisse Schärfe in Rolands Stimme gelegen?
Egal.
Er griff nach seinem Koffer und stieg die Treppen hoch ins Obergeschoss. Die Tür zu Mokubas Zimmer war nur angelehnt und Licht drang durch den schmalen Spalt in den Gang. Er brachte nur schnell den Koffer in sein Zimmer, dann ging Seto hinüber und drückte leise die Tür auf.
Mokuba saß am Schreibtisch – wobei ‚sitzen’ eigentlich nicht das richtige Wort war. Papiere lagen verstreut herum, Mokubas Arme und sein Kopf darauf, zum Glück noch ohne das Papier zu knittern. Die Brust des Jungen hob und senkte sich in gleichmäßigem Rhythmus. Seto warf einen Blick auf die Unterlagen, um zu sehen, welche Hausaufgaben den Jungen so ermüdet oder wahlweise gelangweilt haben mochten, dass er darüber eingeschlafen war.
Seine Brauen zuckten nach oben.
Es handelte sich keineswegs um Hausaufgaben, sondern um einen etwa zwanzig-seitigen Vertragsentwurf für die Distribution und Logistik der DDM-Duel Disk in den USA.
Er legte eine Hand auf die Schulter seines kleinen Bruders.
Mokuba blinzelte, drehte den Kopf in seine Richtung und war sofort hellwach. „Seto! Da bist du ja!“
Er sprang auf und Seto kam ihm bereits auf halbem Weg entgegen, um die Arme um ihn zu schließen.
„Ich wollte wach bleiben, bis du kommst“, nuschelte Mokuba in den Stoff seines Mantels hinein, „und weiter am Release arbeiten. Wir sind total gut vorangekommen, wir–“
„Darüber können wir auch morgen noch reden“, stoppte Seto den Wortschwall, „Jetzt solltest du erstmal ins Bett.“
„Na gut.“ Mit einem ergebenen Seufzen ließ Mokuba nach einigen weiteren Sekunden von ihm ab und machte sich auf den Weg in sein Badezimmer.
Das hartnäckige Ziehen in seiner Brust ließ nicht nach, doch Seto ignorierte es und ging hinüber in sein Zimmer, um die wichtigsten Dinge aus seinem Koffer zu nehmen, bevor Mokuba in Schlafsachen hinein getrottet kam. Noch einmal schlang er die Arme um Seto und drückte sich fest an ihn. „Schön, dass du wieder da bist!“
„Das finde ich auch“, flüsterte Seto und strich seinem kleinen Bruder sanft übers Haar, dann löste sich der Junge wieder und stapfte über den Flur zurück in sein Zimmer. Seto lauschte den Schritten, bis er das leise Klacken der Zimmertür vernommen hatte.
Mokuba hatte anders gewirkt als sonst, irgendwie … erschöpft.
… nun, das mochte an seinem unfreiwilligen Nickerchen auf dem Schreibtisch liegen.
Natürlich, woran auch sonst?
Noch vor einer halben Stunde hätte Seto erwartet, auf der Stelle einzuschlafen, sobald er endlich im Bett lag. Doch sein Körper wollte, ebenso wie seine Gedanken und irgendwann dann doch auch seine Träume keine rechte Ruhe finden, auch wenn er nicht wirklich sagen konnte, warum eigentlich.
Am nächsten Morgen hatte Mokuba etwas länger geschlafen, sodass weder beim Frühstück, noch in der Limousine ausreichende Zeit gewesen war, über die Fortschritte beim Release der DDM-Duel Disk zu sprechen. Stattdessen wollte Mokuba am späten Nachmittag nach seinen schulischen Aktivitäten noch einmal in die Firma kommen.
Es war 18 Uhr, als Ana anklopfte und ihn ankündigte. Es mochte auch an den vier Wochen Abwesenheit liegen, aber als sein kleiner Bruder noch in Schuluniform das Büro betrat, wurde Seto zum ersten Mal bewusst, wie sehr der Junge eigentlich in den letzten Monaten gewachsen war. Langsam, aber sicher verlor Mokubas Gesicht die kindlichen Züge und die zwei oder drei verschiedenen Sport-Clubs, an denen er nachmittags in der Schule teilnahm (Volleyball, Judo und noch etwas drittes, das Seto nie einfiel), begannen sich allmählich auch in seinem Körperbau bemerkbar zu machen.
Als Mokuba sich in den linken der beiden Sessel fläzte, ein Bein über der Armstütze wie immer, schüttelte er den Gedanken jedoch ab und fokussierte sich auf das eigentliche Ziel der Unterredung. „Also dann, was ist in den letzten vier Wochen bezüglich der DDM-Duel Disk passiert?“
Mokuba setzte sich im Sessel auf und nahm – zu Setos grenzenlosem Erstaunen – tatsächlich auch das Bein hinunter, bevor er seinen Bericht begann.
„Ja, also … als erstes habe ich wie geplant bei unserer Vertriebsabteilung nachgefragt, worauf es ankommt und habe sie einige namhafte Anbieter recherchieren lassen. Gleichzeitig habe ich aber auch bei Industrial Illusions selbst angefragt, und tatsächlich tauchte deren Dienstleister gar nicht auf unserer Liste auf. Die Firma heißt ‚Coast2Coast Shipping & Logistics‘, mit Sitz in San Francisco. Industrial Illusions arbeitet jetzt seit zwei Jahren mit denen zusammen und sie haben nur positive Erfahrungen gemacht. Sehr zuverlässig, ein großes, sicheres Verteilnetz, kompetente Ansprechpartner, bei Problemen immer eine Lösung, die für beide Seiten funktioniert.“
Seto hatte die Fingerspitzen aneinander gelegt und hörte weiter konzentriert zu.
„Natürlich habe ich Coast2Coast dann auch von unseren Vertriebsleuten checken lassen und die hatten auch nichts zu beanstanden. Wir haben also den Kontakt mit den relevanten Ansprechpartnern hergestellt, ein wenig verhandelt und einen Vertragsentwurf erhalten. Ich – und auch die Rechtsabteilung – sind schon mal ganz glücklich damit.“ Er beugte sich hinunter zu seinem Rucksack und zog eine flache Mappe daraus hervor, die er Seto reichte.
„Schau ihn dir in Ruhe an und wenn du nichts dagegen hast, dann wird in einer oder zwei Wochen der Vertrag unterschrieben, sobald die Rechtsabteilungen die letzten Prüfungen und eventuelle kleine Anpassungen gemacht haben.“
Seto nickte, während seine Augen bereits ein erstes Mal über die nummerierten Abschnitte auf der ersten Seite flogen. „Gut gemacht, Mokuba!“
Mit einem zufriedenen Lächeln ließ sich der Junge nach hinten gegen die Lehne des Sessels sinken und schien abzuwarten, ob Seto noch irgendwelche Fragen hatte. Er schreckte hoch, als es einige Minuten später an der Tür klopfte und Roland durch den Spalt hineinsah.
„Oh, Sie sind noch nicht fertig. Soll ich noch einmal …“ Roland deutete mit dem Daumen nach hinten.
„Nein, nein, bleiben Sie ruhig, Roland!“, hielt ihn Mokuba zurück, „Wir sind ohnehin so gut wie durch, ich komme gleich mit.“ Er wandte sich wieder an Seto.
„Achso, und wegen des Release-Events: Auch dazu hatte ich Gespräche mit Industrial Illusions. Sie wollen Ende August, Anfang September ohnehin ein großes Event veranstalten, wenn die neue Duel Monsters-Erweiterung releast wird und dabei auch die DDM-Erweiterung ankündigen. Ich dachte, vielleicht bündeln wir einfach unsere Kräfte, machen das Ganze noch größer und generieren so noch mehr Aufmerksamkeit, wenn die DDM Duel Disk dazukommt.“
„Mhm“, warf Seto ein, ohne die Augen von dem Papier in seinen Händen zu heben.
„Duke ist auch einverstanden, also–“
Der Name ließ Setos Herz, genau wie seinen Lesefluss, für eine Sekunde aussetzen. „Du hast mit Du– … Devlin gesprochen?“
„Ja klar, immerhin hat er ja auch keinen kleinen Anteil daran.“
Fragen schossen wie geladene Elektronen durch Setos Kopf, doch er schluckte sie allesamt wieder nach unten. „Natürlich.“
Schwungvoll erhob sich Mokuba aus dem Sessel und wandte sich zur Tür. „Na gut, ich muss dann mal los. Bist du später zum Abendessen da?“
Der Inhalt der Frage drang erst mit Verzögerung in Setos Bewusstsein vor. „Nein, ich … muss noch ein paar Dinge nachholen, die durch die Reise liegen geblieben sind. Aber zur Schlafenszeit sollte ich da sein.“
„Okay, dann bis später!“
Mokuba hob noch einmal die Hand zum Gruß, dann verließ er das Büro.
Seto wartete nur darauf, dass auch Roland aus der Tür trat und sie hinter sich schloss, hielt den Atem in seinen Lungen zurück, um ihn in einem langgezogenen Stoß herauszulassen, sobald er allein war, doch Roland sprach nur ein paar Worte in Mokubas Richtung und blieb weiterhin an Ort und Stelle stehen. Er fixierte Seto durch die Gläser seiner Sonnenbrille und ließ die Tür noch einmal leise zufallen. „Sir, … auf ein Wort.“
Seto entwich ein kaum merkliches Seufzen. Er winkte Roland heran, bot ihm allerdings keinen Sessel an, wusste er doch nur zu gut, dass Roland sich ohnehin niemals setzen würde – zumal er ja eigentlich auch gleich weiter wollte.
Noch während er näher kam, nahm Roland die Sonnenbrille ab und ließ sie in die Brusttasche seines Jacketts gleiten. Mit kerzengeradem Rücken und dahinter verschränkten Händen bezog er vor dem Schreibtisch Aufstellung und räusperte sich. Im letzten Moment schien er jedoch zu zögern, sodass Seto sich keine Mühe gab, seine Ungeduld zu verstecken. „Also, worum geht es?“
Rolands Blick wurde fest, geradezu unnachgiebig und auch, wenn er es nicht gern zugab, jagte es Seto einen kalten Schauer über den Rücken. „Gestern, als wir angekommen sind und Sie Master Mokuba gesehen haben … hat es Sie an etwas erinnert?“
Als er nichts erwiderte, setzte Roland hinterher: „Mich jedenfalls hat es an etwas erinnert.“
Der Tonfall implizierte eindeutig, dass er wissen sollte, was gemeint war …
… nun, tat er aber nicht und es gefiel Seto ganz und gar nicht. „Heraus mit der Sprache, ich habe keine Zeit für Ratespiele!“
Rolands große Hände schlossen sich um die Rückenlehne des rechten Besuchersessels. Seine Augen blieben weiterhin starr auf Seto gerichtet, während er einmal hörbar ein- und ausatmete. „Es ist noch gar nicht so lange her, ein paar Jahre vielleicht, da habe ich einen anderen Jungen in etwa dem gleichen Alter gesehen – genauso, vor Erschöpfung am Schreibtisch eingeschlafen. Und das nicht nur ein Mal.“
Setos Augen verengten sich zu Schlitzen. „Was genau wollen Sie damit andeuten?“
Roland blinzelte nicht einmal, sein Blick bohrte sich tief in Seto hinein. „Master Mokuba hat sein Leben und seine Freizeit abseits von der Schule in den letzten Wochen stark, ich möchte fast sagen, komplett zurückgestellt. Er hat keine Computerspiele gespielt, hat in der Goldenen Woche sogar einen Ausflug mit seinem besten Freund abgesagt und war kein einziges Mal im Black Clown.“
Seto sagte nichts.
„Er würde alles für Sie tun, das wissen Sie ganz genau. Und ich war bis jetzt der festen Überzeugung, dass Sie diese Tatsache nicht ausnutzen würden. Anders als–“
Im Bruchteil einer Sekunde fuhr Seto aus seinem Stuhl auf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch; seine Stimme war kaum mehr als ein Zischen. „Wagen Sie es ja nicht!“
Er funkelte Roland noch ein paar Sekunden drohend an, dann gewann er seine Fassung zurück und ließ sich wieder in den Bürostuhl sinken. „Wie gut, dass ich Sie nicht dafür bezahle, eine Meinung zu haben. Und jetzt gehen Sie mir gefälligst aus den Augen! Ich fahre nachher selbst nach Hause.“
„Wie Sie wünschen.“ Ohne die Maske des neutralen Untergebenen auch nur für einen Moment fallen zu lassen, nickte Roland ihm noch einmal zu und verließ das Büro.
Der Computerbildschirm war zwischenzeitlich schwarz geworden, doch Setos Finger machten keine Anstalten, das Passwort einzugeben. Er saß noch eine Zeitlang untätig da, stand auf, tigerte im Raum auf und ab, um sich abzuregen und seine Konzentrationsfähigkeit noch einmal wiederherzustellen, doch es war vergebens. Frustriert klappte er den Rechner zu, packte zusammen und fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten in die Tiefgarage.
Setos Hände krampften sich so fest um das Lenkrad, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
Er würde alles für Sie tun, das wissen Sie ganz genau. Und ich war bis jetzt der festen Überzeugung, dass Sie diese Tatsache nicht ausnutzen würden. Anders als–…
Wie konnte Roland es wagen, ihn – ihn – ernsthaft mit Gozaburo zu vergleichen?! Das würde Konsequenzen haben, auch wenn er sich über deren Form und Ausmaß noch nicht im Klaren war. So oder so, der Mann sollte sich besser glücklich schätzen.
Jeden anderen hätte Seto auf der Stelle gefeuert.
…
Wie kam Roland überhaupt auf derart absurde Ideen?! Er hatte Mokuba nicht ausgenutzt, Mokuba hatte schon immer richtig mitarbeiten wollen und er, Seto, hatte nur eine günstige Gelegenheit ergriffen, ihm diese Möglichkeit zu geben, mehr nicht! Und da gehörte es nun mal dazu, dass man auf die eine oder andere Freizeit-Vergnügung verzichtete.
Er hat keine Computerspiele gespielt, hat in der Goldenen Woche sogar einen Ausflug mit seinem besten Freund abgesagt und war kein einziges Mal im Black Clown.
Im Grunde war es ja auch nur zu Mokubas Schutz.
Dieses Mädchen würde ihn am Ende nur enttäuschen.
…
Oder verlassen.
Seto schluckte.
Wenn du mal ganz ehrlich zu dir bist …
Als er den Motor abstellte und zum ersten Mal, seit er in der Tiefgarage der KC losgefahren war, wirklich bewusst durch die Windschutzscheibe nach draußen sah, legte sich seine Stirn in Falten.
Ja, er war in Gedanken gewesen, aber warum um alles in der Welt war er ausgerechnet hierher gefahren?!
Mit einem leisen Seufzen warf er den Kopf nach hinten gegen die Nackenstütze und schloss die Augen. Dann wanderten seine Finger zu dem Knopf, der den Motor startete … und schwebten für ein paar Sekunden untätig darüber.
Er ließ die Hand sinken, griff nach seiner Arbeitstasche und dem Zündschlüssel und stieg aus.
Den Wohnungsschlüssel zu finden dauerte nicht lange, hatte er doch seinen angestammten Platz in der Arbeitstasche nie verlassen. Seine Schuhe behielt Seto an; er hatte nicht vor, lange zu bleiben – Himmel, er wusste ja nicht einmal wirklich, was er überhaupt hier wollte! Der einzige Grund für seine Anwesenheit hier war ohnehin nicht da und würde aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht mehr wiederkommen.
Ein Stich zuckte durch seine Brust.
Er machte ein paar Schritte hinein ins Wohnzimmer und erspähte aus dem Augenwinkel eine Ecke des Küchentischs.
Alt genug wäre er auf jeden Fall. Ich meine, es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis er selbst anfängt sich für–
Natürlich hatte Duke recht gehabt, was Mokuba anging; er hatte es nur nicht hören wollen.
Der Gedanke, dass Mokuba langsam älter wurde und vielleicht nicht mehr ständig an seiner Seite sein würde, war keiner, der Seto besonders gefiel. Duke hatte es besser gewusst, als weiter nachzubohren, aber sein Blick hatte verraten, dass er Seto längst durchschaut hatte.
Wie immer eigentlich.
Und mehr, als Seto sich selbst.
Sein Herz krampfte sich zusammen.
Ohne sich nach links und rechts umzusehen, ging er wie magisch angezogen weiter in Richtung Schlafzimmer, als könnte er dort mehr von Dukes Präsenz finden, seine Stimme noch deutlicher in sich hören.
In der Dunkelheit ließ er sich rücklings auf das Bett fallen und starrte an die Decke, wo sich durch die nicht ganz zugezogenen Vorhänge sanfte Linien aus schwachem Licht abzeichneten.
Langsam kamen seine wild umherkreisenden Gedanken ein wenig zur Ruhe, entfernten sich immer weiter von dem, was Roland gesagt hatte, von Mokuba.
Wenn du mal ganz ehrlich zu dir bist …
Er kniff die Augen zusammen und massierte sich die Stirn.
Wie naiv er gewesen war, zu hoffen, dass die Reise, dass vier Wochen nahezu pausenlose Beschäftigung, irgendetwas besser machen, ihn von jenen störenden Gefühlen ablenken würden!
Er würde sich daran gewöhnen, lernen müssen, ohne Duke zu sein. Man hätte meinen sollen, dass zwei Monate dafür ausreichen müssten – immerhin ein Drittel der Zeit, die sie überhaupt zusammen verbracht hatten –, aber nein … natürlich war es komplizierter und schwieriger – wie immer, wenn es um diese Themen ging.
Und wozu trieb ihn das alles?
Vielleicht … ganz vielleicht … konnte es sein, dass Roland r–…
Das Geräusch eines Schlüssels, der nicht eben leise im Schloss der Wohnungstür gedreht wurde, riss ihn aus seinen Gedanken.
Was zur– …?
Ruckartig richtete Seto sich auf.
Unter dem Türschlitz drang ein heller Schein hindurch – jemand hatte das Licht im Wohnzimmer angeschaltet.
Mit einem Sprung war er auf den Füßen und hechtete mit schnellen, aber leisen Schritten zur Tür. Er legte die Hand auf den Griff und hielt den Atem an; sämtliche Muskeln in seinem Körper waren angespannt, sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb. Er schloss noch einmal kurz die Augen, um seine Sinne zu schärfen und sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten, dann drückte er die Klinke nach unten.
Der Unbekannte fuhr herum und stieß unwillkürlich einen kurzen Schrei aus, den Seto um ein Haar erwidert hätte. „Wheeler?! Was um alles in der Welt tust du hier?!“
Abgesehen von seiner Kleidung sah der Köter noch genauso aus, wie Seto ihn in Erinnerung hatte: Die Haare unordentlich und die Jeans in einem erbärmlich abgetragenen Zustand, trug er ein rotes Polo-Shirt, auf dem auf der Brust sein Name und darüber ein stilisiertes Pizzastück aufgestickt waren, von dem Käse in Fäden herunterlief. In der Hand hielt er eine rote Schirmmütze, ebenfalls mit dem Pizza-Logo versehen.
Langsam wich die Anspannung aus Setos Körper.
Für einen Moment wirkte Wheeler noch, als habe er ein Gespenst gesehen, dann schien er sich zu besinnen und blaffte: „Das sollte ich wohl eher dich fragen, Geldsack!“
Braune Augen funkelten Seto an, als wollten sie versuchen, ihm die Antwort nur mit einem Blick zu entreißen, aber so weit kam es noch, dass er als erster einen Rückzieher machte.
Die Sekunden zogen sich in die Länge, die Stille war eiskalt und schneidend.
Irgendwann gab Wheeler auf und entließ ein gedehntes Seufzen. „Duke hat mir schon vor Ewigkeiten einen Schlüssel gegeben und gesagt, ich könnte hier crashen, wenn …“ Er rollte leicht mit den Augen und knetete die Schirmmütze in seinen Händen. Den Rest des Satzes konnte Seto sich denken.
„Verstehe.“
„Was, mehr nicht?!“, schoss Joey mit vor Bitterkeit triefender Stimme zurück, „Kein Kommentar über meinen abgebrannten Alkoholiker-Vater?“
Die Anspielung war klar: Jener Zwischenfall unter (zumindest seitens Wheeler) nicht eben wenig Alkoholeinfluss auf der Klassenfahrt war auch Seto noch durchaus lebhaft im Gedächtnis.
Er schwieg. Im Grunde hatte er sich damals auch nur deshalb zu der Bemerkung hinreißen lassen, weil Wheeler zuvor ebenfalls weit unter die Gürtellinie gezielt hatte.
„Also, was ist jetzt mit dir?“, hakte Joey noch einmal nach, „Und erzähl mir nicht, Duke hätte dich gebeten, die Blumen zu gießen!“
Seto schluckte. Natürlich hatte die Frage zwangsläufig erneut aufkommen müssen. Seine Gedanken begannen zu rasen, versuchten geradezu verzweifelt, eine glaubhafte und angemessene Antwort zu produzieren. Doch sein Hirn war wie festgefroren, Worte und Sätze verschwammen zu einem undefinierbaren Nebel, bevor sie sang- und klanglos wieder entschwanden.
Er hatte keine gute Erklärung parat, nur … die Wahrheit.
…
Aber das war völlig ausgeschlossen! Niemand wusste davon – durfte davon wissen! –, und Wheeler schon gleich gar nicht! Mal ganz davon abgesehen, dass er nicht wusste, ob und wie er überhaupt jemals laut über all das sprechen sollte.
Wheeler verschränkte die Arme vor der Brust, trat bis auf wenige Zentimeter an ihn heran und beäugte ihn mit unverhohlener Skepsis. „Okay, dein Gesicht sieht aus wie Bluescreen, daher vermute ich mal, du hast dich aufgehangen.“ Er starrte Seto geradewegs in die Augen, fixierte ihn, wie einer jener zwielichtigen Detektive aus den Noir-Filmen der Fünfzigerjahre, die ihren Gegenübern im Verhör die Schreibtischlampe ins Gesicht richteten. „Dann fangen wir doch mal einfacher an: Woher hast du den Schlüssel?“
Der kleine Mittags-Sektempfang im Nachgang zur Pressekonferenz hatte sich dann doch in den späten Nachmittag hinein gezogen, bis auch die letzten Journalisten und Blogger leicht beschwipst und hoffentlich bester Stimmung gegangen waren. Wenn die Berichterstattung nicht ausnahmslos positiv ausfallen würde, wäre es ein echtes Wunder.
Aus dem Augenwinkel blickte Seto hinüber zum Beifahrersitz, wo Duke zufrieden aus dem Fenster sah und irgendeinen Song, der vorhin vermutlich im Hintergrund gelaufen war, ganz leise vor sich hinsummte. Ein Gefühl der Leichtigkeit machte sich in ihm breit, bis ihn die dank eines schlecht abgestellten Motorrollers leicht zu enge Parklücke ins Hier und Jetzt zurückholte.
Als er den Motor abstellte, sah Duke ihn an – mit jenem Lächeln, das ihm schon vor zwei Monaten in der Jugendherberge beinahe den Verstand geraubt hatte.
„Kommst du nochmal mit hoch?“
„Ja.“ … als könnte es auf diese Frage eine andere Antwort geben. „Aber nicht lange, ich habe Mokuba versprochen mit ihm zu Abend zu essen und ihm zu erzählen, wie es gelaufen ist.“
„Okay.“ Duke öffnete die Beifahrertür und stieg aus; Seto folgte ihm auf dem Fuße.
Die Wohnungstür hatte sich kaum hinter ihnen geschlossen, da schlangen sich Arme um seinen Hals und er erwiderte den stürmischen Kuss reflexartig und mit gleicher Intensität, immerhin hatte er hierauf schon den halben, ach, den ganzen Tag gewartet. Umso mehr, da Duke im Anzug einfach noch unwiderstehlicher war als sonst (– nur leicht übertroffen von Duke ganz ohne jegliche Kleidung).
Ohne den Kuss auch nur ansatzweise zu unterbrechen, wollte er Duke gerade weiter in Richtung Schlafzimmer schieben, als der Druck auf seinen Lippen unerwartet nachließ und sich die Arme auf seinen Schultern entspannten.
„Was ist los?“, fragte er durchaus irritiert, war Duke doch in vergleichbaren Situationen immer ganz bei der Sache gewesen.
Duke löste sich von ihm und brachte ein wenig mehr Abstand zwischen sie. „Sag mal … wie geht es jetzt eigentlich weiter?“
Noch so ein Punkt, den Seto schätzte: Andere hätten vermutlich noch länger um den heißen Brei herumgeredet. Allerdings verstand er das Problem noch nicht ganz.
„Ich meine, jetzt, wo die DDM-Duel Disk erschienen ist …“, präzisierte Duke augenblicklich, als hätte er seine Gedanken gelesen.
Eine berechtigte Frage … und eine, die nach dem heutigen Tag tatsächlich dringend einer Antwort bedurfte. Die Duel Disk war der perfekte Vorwand dafür gewesen, dass sie sich regelmäßig und bis weit in die Morgenstunden bei Duke getroffen hatten – wobei es in aller Regel nur maximal ein Drittel der Zeit tatsächlich um die Duel Disk gegangen war.
Da es weiterhin völlig außer Frage stand, ihr … ihre … Das-mit-uns in irgendeiner Form bekannt werden zu lassen, würde es eine neue Ausrede brauchen.
Einige Sekunden lang verharrten sie in nachdenklicher Stille, dann begann Dukes Blick zu wandern, hin zur Kommode, auf der eine halb gefaltete Zeitung lag. Das Titelblatt zeigte einen eingerüsteten Tunneleingang irgendwo in den Bergen, dazu passend schweres Gerät und Arbeiter in orangenen Westen und Bauhelmen.
„Ziehen sich Bauprojekte nicht immer so in die Länge wegen der ganzen Planung und den Genehmigungen und so? Vor allem im Ausland?“, fragte Duke und Setos Brauen zogen sich ob des abrupten Themenwechsels zusammen.
„Ja, ich weiß noch als wir–“ Ein vielsagendes Funkeln in Dukes Augen ließ ihn stocken. Er verstand nahezu sofort und seine Mundwinkel zuckten nach oben. „Wenn ich so darüber nachdenke … eigentlich könnten wir schon lange eine neue Fabrik gebrauchen.“
Dukes Grinsen wurde breiter. Er trat wieder näher heran und schlang, unzweideutig wie es nun einmal seine Art war, die Arme um Setos Hüften. „Ah, wo soll sie denn sein? Doch nicht etwa in Europa? Die Bürokratie dort soll ja alles so umständlich machen … fast schlimmer als hier in Japan!“
Seto schüttelte den Kopf. „Lateinamerika.“
„Mhm, auch gut.“ Dukes Hände wanderten weiter nach unten und vergruben sich in Setos hinteren Hosentaschen. „Brasilien?“
„Ja, warum nicht, das ist ein Wachstumsmarkt.“
Die Hände in seinen Hosentaschen packten leicht zu. „Wann wird sich die Projektgruppe treffen?“
Widerstrebend löste Seto eine Hand von Dukes unterem Rücken und fischte sein Handy aus der Manteltasche, um einen kurzen Blick in den Kalender zu werfen. „Alle zwei Wochen am … Freitag?“
„Ich nehme an abends, wegen der Zeitverschiebung?“ Dukes Stimme bekam jenen leicht verruchten Unterton, der klar machte, dass sie nicht mehr lange hier im Flur stehen würden.
Seto steckte das Handy weg und erwiderte den Blick; wie von selbst schoben sich seine Mundwinkel noch um ein paar weitere Millimeter nach oben. „Exakt.“
„Solche Meetings können ja auch gerne mal mehrere Stunden dauern …“
„Ständig.“ Er zog Duke mit einem sanften Ruck wieder näher zu sich.
Die Hände verließen Setos Hosentaschen und packten nun ganz ungeniert seinen Hintern. „Also wäre es möglich, dass du erst sehr spät nach Hause kommst.“
„Bedauerlich, aber leider nicht zu ändern.“ Er zuckte mit den Schultern und neigte den Kopf nach unten, doch kurz bevor sich ihre Lippen trafen, zuckte Duke zurück.
„Ach, da fällt mir ein …“
Nur mit Mühe konnte Seto ein frustriertes Schnauben unterdrücken, als Duke sich aus seiner Umarmung löste und begann, in einer der Schubladen der Kommode herumzuwühlen.
„Hier!“ Ein kleiner Gegenstand kam auf ihn zugeflogen, den er dank seiner exzellenten Reflexe problemlos auffing. „Damit du nicht jedes Mal so spät noch klingeln musst.“
Als er die Hand öffnete, erkannte er einen Schlüssel, an dessen Ring zusätzlich ein kleiner grüner Würfel sowie ein schwarzer Werbe-Flaschenöffner baumelten.
„Und bevor die Falten in deiner Stirn noch tiefer werden: Ja doch, ich bin mir sicher!“, antwortete Duke auf Setos Frage, noch bevor sie sich überhaupt zur Gänze in seinem Kopf geformt hatte.
„Hm.“ Er ließ den Schlüssel in seine Manteltasche gleiten und packte, kaum dass seine Hand wieder frei war, Dukes grüne Krawatte, um ihn zu sich heran zu ziehen und endlich das fortzusetzen, was Duke eben unterbrochen hatte. Ein Gedanke schoss durch seinen Kopf – vermutlich einer der letzten für die nächsten Stunden –, der ihn dazu brachte, kaum merklich in ihren Kuss zu lachen.
„Was?“, kicherte Duke gegen seine Lippen.
Noch einmal brachte Seto ein paar Zentimeter Abstand zwischen sie und verlor sich beinahe in den grünen Augen, deren unfassbare Wärme ihn jedes Mal beinahe von den Füßen riss.
„Ich kann es kaum erwarten, diese Fabrik zu bauen.“
Die Erinnerung verblasste; noch immer hatte Seto die Frage mit keiner Silbe beantwortet.
Wheelers Hand wanderte nach unten zu seiner Hosentasche. „Ich könnte Duke natürlich auch einfach anrufen und ihn fragen …“
Unwillkürlich weiteten sich Setos Augen, doch in Sekundenschnelle hatte er sich wieder gefasst. „Das würdest du nicht tun!“
„Bist du sicher?“ Um Wheelers Lippen spielte ein diabolisches Grinsen, als er mit demonstrativer Langsamkeit sein Smartphone aus der Tasche zog. „Immerhin befindet sich ein unerwarteter Eindringling in seiner Wohnung.“
„In LA ist es vier Uhr morgens!“
Als hätte er Seto überhaupt nicht gehört, wischten und drückten Wheelers Finger kurz auf dem Display herum, dann drehte er das Telefon halb zu Seto. Dukes Kontakt war ausgewählt, Wheelers Daumen schwebte nur Millimeter über der Telefonnummer. In seinen Augen blitzte es herausfordernd.
Setos Kiefer verkrampfte sich.
Wheeler senkte den Daumen, langsam, aber stetig.
Seto schluckte.
Nur noch drei Millimeter, zwei, ein– …
„Warte!“, platzte es in buchstäblich letzter Sekunde aus ihm heraus.
Wheeler hielt inne.
„Er hat ihn mir gegeben“, flüsterte Seto. Sein Blick mäanderte zwischen Fenster, Sofa und Fußboden hin und her; so sehr er auch wollte, er konnte sich partout nicht dazu bringen, Wheeler in die Augen zu sehen.
„Warum?“
Wieder kam es Seto vor, als habe er einen trockenen Lappen in der Kehle, der ihn am Sprechen hinderte.
Wheeler schaltete das Handydisplay aus und ließ das Gerät zurück in seine Hosentasche gleiten. Ungeduld schwang in seiner Stimme. „Was ist los? Ist doch eigentlich ne ganz einfache Frage: Wa-rum hat er dir einen Schlüssel gegeben?“
Seto öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und ging schließlich mit einem Kopfschütteln und ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, schnurstracks an Wheeler vorbei zur Wohnungstür.
Die Klinke in der Hand, drehte er sich doch noch einmal um. „Warum findest du es nicht selbst raus? Sollte nicht allzu schwer sein, selbst für dein kleines Hundegehirn.“ Damit öffnete er die Tür und trat ins Treppenhaus.
Er hörte noch, wie etwas – vermutlich eines der Sofa-Kissen – gegen die Tür geschleudert wurde, hatte sie aber rechtzeitig hinter sich geschlossen.
Für einen kurzen Moment blieb er stehen, kniff die Augen zusammen und atmete aus, bevor er schließlich die Treppen nach unten stieg und sich auf dem Weg zum Auto machte.
