Tage des Fremden Teil 1
D
er große, weiße Hund schien nicht zu wissen mit welcher Pfote er noch auftreten sollte. Der rechte Vorderlauf war geknickt, über die linke Hüfte lief ebenso das Blut über das angezogene Hinterbein wie aus den zahllosen Kratzern in Schnauze und Leib. Der buschige Schwanz war jedoch hoch erhoben.
Sein Ziel war eindeutig der einsame, große, Baum, mitten auf der Ebene, die sich zwischen den bewaldeten Bergen und dem Meer ausdehnte.
Kaum, dass er ihn erreichte, wirbelte Energie um ihn blau leuchtend auf, Gras und Erde flogen empor. Die Hundegestalt verschwamm, dann zeigte sich ein menschenähnlicher Mann in schwerer Rüstung, der sich fast vorsichtig am Baum niederließ. Mit der Linken ordnete er seinen bewegungslosen rechten Arm, ehe er das linke Bein und damit die Hüfte zurecht rückte und den Kopf mit den weißen Haaren rückwärts gegen den Baum lehnte. Als Mensch hätte man ihn gegen Ende Zwanzig bis Vierzig geschätzt, aber er war ein Yōkai, ein Tiergeist in Hundeform, und blickte wohl auf deutlich über tausend Sommer zurück. Auf seinem Rücken zeigte sich über weißen, nun blutbespritzten. Fellen ein Schwert, das mit seinem Griff über die Schultern der mit Stacheln besetzten, schweren, Rüstung ragte.
Er schien mit sich selbst zu reden. „Sie sagten, der Westen wäre verworren....“
Auf seinem linken Knie zeigte sich ein winziges Wesen, das etwas vorwurfsvoll antwortete: „Ja, und nichts davon, wie gefährlich es sei!“
„Gefährlich, Myōga.“ Das war ausdruckslos.
„Ja, ja, schon gut.“ Der Flohgeist wusste, wann es für ihn riskant wurde. „Nichts ist für Euch gefährlich. Aber, dennoch – kaum eine Pfote in den Westen gesetzt und schon bekommt Ihr es mit einem Panther zu tun. Ich glaubte, hier lebten nur Hundeartige.“
„Nicht nur du. Und dazu – die Panther leben weiter im Süden, Südwesten, auf den Inseln, die nahe zum Festland gehen. Was wollte der Herr der Panther hier? Er schien mir allerdings ebenso überrascht.“
„Wollte mir auch so scheinen, oyakata-sama.“
„Während ich mich erhole, erzähle mir doch noch einmal, was wir über den Westen zu wissen glaubten.“ Er lehnte den Hinterkopf bequemer an den Stamm der fast zwanzig Meter hohen Kastanie, und zog seinen Zopf nachlässig über die Schulter, ehe er die goldfarbenen Augen schloß.
Hätten sich die meisten Beobachter bereits darüber gewundert, dass ausgerechnet ein Hundeyōkai sich mit einem Flohgeist unterhielt, so wären sicher die Augen jedes Lebewesens weit geworden, als sich der Winzling gemütlich auf dem Oberschenkel platzierte und alle vier Arme verschränkte. „Im Unterschied zu anderen Regionen Japans leben hier eigentlich nur Hundeartige. Wie Ihr gerade erwähntet, oyakata-sama, die Panther weit im Süden, auf den Inseln von Ryuku, sonst Hunde, Marderhunde oder Tanuki, dazu auch noch Füchse, Kitsune, und einige Wölfe, die sich aus dem einen oder anderen Grund nicht im Osten befinden. Es gibt keinen Oberherrn, keinen Fürsten des Westens. Sie leben in Familien, Clans, die jeweils von einem Oberhaupt angeführt werden. Der mächtigste, weil kopfstärkste, Clan ist der der Hunde von Ohiro. Der Anführer, ein gewisser Kurayami, lässt sich jedoch als Fürst titulieren, seit er mit einem Amtsantritt vor einigen hundert Jahren, es mag wohl noch nicht ganz ein Jahrtausend sein, einige kleinere Clans in der Nachbarschaft, äh, eingemeindet hat. Vor allem, nachdem er dann auch den mächtigen Clan der Hunde von Aotsuki übernommen hatte, dem auch Eure werte Frau Mutter entstammte.“ Myōga sah auf, aber sein Herr hielt die Augen geschlossen. So fuhr er fort: „Ihr hattet daher beschlossen einmal in Erfahrung zu bringen, wer aus ihrer Familie noch am Leben sei, und die Todesnachricht persönlich zu überbringen. Um keinerlei sinnlose Feindschaft zu erwecken, gingt Ihr nicht direkt dorthin, sondern hierher, weiter im Süden. Nach allem was Ihr wusstet, sollte das hier das Bereich des Clans von Kinnosuke sein, ein Fuchsclan. Bislang sahen wir allerdings keinen Kitsune, dafür den Panther.“ Dann hatte er es vorgezogen zu verschwinden. Bei einem Duell zweier Daiyōkai war das für einen Flohgeist ratsam, auch, wenn sie in ihrer wahren Form gekämpft hatten, sah danach die Landschaft verändert aus, wenn meterhohe Körper unter Angriffen mit Klauen, Zähnen und dämonischer Energie zu Boden gingen. Der Bergwald nahe des Kampfgebietes bestand nur noch aus Stümpfen.
„Ja, und der griff mich auch sofort an. Wobei ich denke, dass er in mir nicht einen Fremden vermutete, sondern womöglich gar diesen Kurayami.“ Gefragt hatte der Panther allerdings auch nicht. „Und die Kitsune haben mich längst bemerkt. Nur ein schlechter Anführer wüsste nicht, wenn sich zwei fremde Daiyōkai in seinem Gebiet herumtreiben. Die Frage ist nur, wie reagiert der Herr von Kinnosuke. Nun, gleich. Du wirst aufpassen und ich ein wenig schlafen.“
„Ihr regeneriert Euch, ja. Der Arm...“ Das klang besorgt.
Der Daiyōkai bewies seine Toleranz mit seinem kleinen Begleiter. „Er hat den Knochen zerbissen, ja. Und auch die Hüfte ist beschädigt, jede Menge Kratzer, aber die sind nichtssagend. Lass mich ein wenig Ruhe finden, Myōga.“
„Natürlich, oyakata-sama. Ich wecke Euch nur, wenn jemand kommt.“
Davon war der Hundeyōkai überzeugt. Myōga mochte ein Feigling sein, aber er war loyal – und sicher die beste Warnanlage, die Hund nur finden konnte.
Am Rande des Bergwaldes, der die Küstenebene hin zum Inland begrenzte, standen elf Männer, alle aus dem Clan der Füchse von Kinnosuke. Die roten Hosen verrieten die Zugehörigkeit zu den Füchsen, die schmückenden Büschel an den Rüstungen den Clan. Der Vorderste trug schneeweiße Haare, nicht unbedingt aufgrund seines Alters, auch, wenn er sich auf einen Stab stützte. Shirohito, der Herr von Kinnosuke, war seit seiner Geburt weiß, was auch seinen Namen begründet hatte. Und der Stab, der fast ebenso hoch wie sein Träger war, trug im Inneren verborgen eine scharfe Klinge. Es handelte sich um eine Naginata, die Shirohito meisterhaft beherrschte. Die Klinge zeigte sich erst unter dem Einfluss von Fuchsmagie.
„Er ist verletzt, Shirohito-sama,“ sagte einer der Krieger leise. „Aber von dem Anderen ist nichts zu sehen.“ Er blickte beiseite auf der Suche nach einer Anweisung.
„Was nur bedeutet, dass der weggelaufen ist. Unentschieden, würde ich sagen.“ Der Clanherr nickte etwas. „Ich hoffe, die Nachbarn kommen rasch. - Fangt sie ab. Sie sollen sich dem Fremden ja nicht zeigen, ehe wir gesprochen haben. Sagt ihnen, ich habe einen Plan. Ein fremder Daiyōkai kann allerlei bedeuten.“ Sie sollten behutsam vorgehen.
Ohne weiteren Befehl machten sich zwei Krieger auf. In allen Clans im Westen galt das Wort des Herrn als unumstößliches Gesetz. Ungehorsam, auch nur Respektlosigkeit, war ein sicherer Weg in den Tod, selbst unter Kitsune, wo das Clanoberhaupt stets vor wichtigen Entscheidungen den Rat der Ältesten befragte, wie es Shirohito nun auch getan hatte. Es mochte um die Zukunft des Clans in der einen oder anderen Richtung gehen. Und er hatte freie Hand erhalten.
Fast eine Stunde später trafen zwei weitere Gruppen ein, die aus Hundekriegern und Tanuki bestanden. Die Marderhunde trugen selbst in ihrer Menschenform die unverkennbare Maske um die Augen, die sie auch in ihrer wahren Gestalt zeigten. Ihr schwarzhaariger Anführer legte die Hand an die Rüstung, ehe er leicht den Kopf neigte: „Shirohito, Ihr machtet es dringend.“
„Und interessant.“ Auch der Herr der Hunde von Azu, wie viele Hundeyōkai mit markanten Streifen im Gesicht, neigte grüßend den Kopf.
„Ich grüße Euch beide, Kano von den Tanuki der Kanazawa, Botan von den Azu. Lasst Eure Männer bei den meinen lagern und ich zeige Euch meinen … Fund.“ Während die drei Clanobersten weiter gingen, erneut zum Waldrand, hielten sich die Krieger zurück. Sie kannten sich, waren sie doch benachbarte Stämme, und es hatte schon lange keinen Kampf zwischen ihnen mehr gegeben, Jahrhunderte schon.
Während er ging, sagte der Herr von Kinnosuke leise: „Ich ließ Euch ja bereits mitteilen, dass ich einen fremden Daiyōkai im Gebiet habe, der auch durch Eure gekommen sein sollte, denn er war ein Panther. Nun, er war hier. Aufgehalten habe nicht ich ihn, das vermag ich kaum, sondern ein anderer Daiyōkai. Offensichtlich ist ein fremder Hund im Westen.“
Botan von den Azu zog die Brauen zusammen. „Ein Daiyōkai aus dem Hundevolk? Ein Fremder? Der kann nur aus dem Osten kommen. Und der hat den Panther besiegt?“
„Nun, wohl zumindest ein Unentschieden erreicht. Sie kämpften in ihren wahren Gestalten. Und der Fremde ist kein Narr. Er lagerte sich unter der alten Kastanie auf der Ebene. Er sieht jeden, der kommt.“
Der Herr der Tanuki von Kanazawa nickte. „Kein Narr. Obwohl sich nur ein Narr mit einem Panther, geschweige denn ihrem Herrn, anlegt. Dennoch – Ihr beide wisst, was das bedeuten kann. Kurayami ist bald mit seiner Burg fertig. Dann wird es Krieg geben. Und, wenn er einen Daiyōkai kommen lässt....“
Shirohito nickte. „Genau das möchte ich herausfinden. Will und wird der Fremde für Kurayami kämpfen? Ist es nur Zufall, dass er hierher kam? Oder wäre er derjenige, der die Allianz retten könnte?“
„Sollten wir darum kommen, Nachbar?“ Botan klang ein wenig spöttisch. „Keiner von uns kann es allein mit einem Daiyōkai aufnehmen. Ich hörte kaum von solchen, noch dazu aus meinem Volk.“
„Ich spürte seine Macht.“ Der Fuchsherr klang ruhig. „Sicher hat er die Schwelle übersprungen. Und, ich will nicht kämpfen. Steht er in Kurayamis Diensten, so ist es schlecht, aber wir sollten uns nicht verraten. Tut er dies allerdings nicht, könnten ihn schon einmal drei Mitglieder der Allianz von unseren ernsten Absichten überzeugen. Falls er auf uns alle drei ehrenhaft wirkt.“
Kano zog ein wenig die Augen zusammen. „Was wir ihm anbieten könnten erfordert mehr als nur Ehre.“
„Wir würden ihm eine Waffe in die Hand geben, werter Kano,“ sagte der Hundeherr. „Ehre ist in diesem Fall auch für uns überlebenswichtig,“
Myōga sprang, statt beiseite und in die Flucht, wie er es am liebsten getan hätte, auf die Schulter seines Herrn. „Oyakata-sama!“
Mit einem gewissen Seufzen, das er sich nur in Gegenwart des kleinen Geistes gestattete, öffnete der Fremde die Augen. Gleich drei Yōkai kamen auf ihn zu, unterschiedliche Arten: Fuchs, Hund, Marderhund. Langsam und so, dass sie die Hände von den Waffen hielten. „Besuch. Verschwinde.“
Myōga hüpfte eilig in das Schulterfell, das sein Herr gegabelt auf dem Rücken trug, während der Hund sich erhob. Es handelte sich offensichtlich um keinen Angriff, denn er konnte das Yōki anderer hinten im Wald spüren. Es mussten Clanherren sein, die ihre Krieger zurückgelassen hatten. Das mochte interessant werden. Vielleicht bekam er ein wenig mehr über die anscheinend mehr als verworrene Lage im Westen heraus. So ließ er demonstrativ die Hände neben den Oberschenkeln locker hängen. Keiner der Drei war ein Daiyōkai, aber er hütete sich, die Magie von Tanuki oder gar Kitsune zu unterschätzen. Im Notfall besaß er noch immer sein Schwert, aber seit er es von seinem Vater gerbt hatte und um die Nebenwirkungen wusste, setzte er es so wenig wie nur möglich ein.
Der in der Mitte schien ein alter Fuchs zu sein, kam nun auch näher, während die anderen beiden stehen bleiben. Offenkundig wollten sie ihm nicht das Gefühl geben bedrängt zu werden. Ein Friedensangebot, So hob er die Hand grüßend. „Ich vermute den Herrn der Kitsune von Kinnosuke vor mir zu sehen.“
„In der Tat. Ich bin Shirohito von den Kinnosuke. Ich sehe vor mir einen seltenen Gast im Westen, denn ich wüste keinen Daiyōkai der Hunde hier. Nun, außer Kurayami von den Ohiro.“
„Ich hörte von ihm. Mein Name ist Tōga. Ich komme weit aus dem Osten. Dort gibt es keine Clans, wie hier.“
„So führt Euch Euer Weg weiter nach Norden nach Ohiro?“
Die Antwort fiel kühl wie eine Schneeflocke. „Falls Ihr damit fragen wollt, ob ich in diesen Clan aufgenommen werden will, nein.“
„Ich wollte Euch nicht beleidigen. Allerdings ist die Lage hier im Westen, davon werdet Ihr wohl gehört haben, ein wenig angespannt. Kurayami hat neben drei Söhnen eine heiratsfähige Tochter. Es gab bereits Streitigkeiten wer unter den Clans sie bekommt, denn das würde natürlich eine Machtverschiebung bedeuten. Falls nun ein neuer Schwiegersohn ins Spiel kommt...“ Shirohito brach lieber ab, denn für einen Augenblick war zornig ein Yōki aufgewallt, das nur zu deutlich zeigte, dass er sich nicht geirrt hatte: das war ein Daiyōkai. Dazu noch hatte es magische Schwingungen gegeben, wie er sie noch nie erfasst hatte – von dem Schwert auf dem Rücken des Fremden. Fast begierig, sich in den Kampf zu stürzen. So neigte er lieber den Kopf. „Ich verstehe. Ihr wolltet nur ein wenig die Gegend ansehen ohne zu ahnen, was hier an Spannungen herrschen. Ich bitte um Vergebung, Tōga-sama. Ich bin nun überzeugt, dass Ihr nichts mit dem Clan der Ohiro zu tun habt, geschweige denn Euch eine Stellung erheiraten wollt.“
Der Hundeyōkai entspannte sich. Die Situation hier schien weitaus kritischer zu sein als er nach dem Treffen mit dem Panther bereits vermutet hatte. Nun, eigentlich ging ihn das nichts an, aber er verfügte über die Gabe – oder den Fluch – der Neugier. „Die Lage im Westen scheint in der Tat komplizierter zu sein als ich als einzelner Reisender annahm. - Bitte nehmt Platz, werter Shirohito, womöglich auch Eure Begleiter?“
„Danke, Tōga-sama.“ Shirohito übernahm höflich die Vorstellung seiner Nachbarn, von denen sich Botan von den Azu ein wenig tiefer verneigte. Im Hundevolk gab es nur extrem wenige Daiyōkai und er wusste um seine Stellung, selbst, wenn das nur ein einzelner Reisender und er ein Clanoberhaupt war.
Als das Quartett sich gegenüber niedergelassen hatte, sah Tōga zu seinem Artgenossen. „Ich entnehme Eurer Anwesenheit, der Anwesenheit gleich dreier Clanherren, dass tatsächlich dies keine Gegend ist, in der man als Fremder reisen sollte. So ist die Tatsache falsch, dass ich hörte, dass sich Kurayami von den Ohiro als Fürst des Westens bezeichnet?“ Und damit eigentlich Ruhe und Frieden garantierte.
Da er angesprochen worden war, meinte Botan: „Tōga-sama, genau das ist das Problem. Es gibt keinen Fürsten im Westen, die Clans würden sich niemals einer Person unterordnen – ohne Zwang.“
„Es ist allerdings eine Tatsache,“ ergänzte Kano, der Tanuki: „Dass der Clan der Hunde von Ohiro nach der Eroberung der Nachbarclans vor hunderten Jahren der weitaus mächtigste ist. Kein anderer Clan kann mit ihm mithalten. Nun ist es so, dass seit der … nennen wir es Eingliederung des Hundeclans von Aotsuki sich Kurayami als Fürst titulieren lässt. Seine Leute gehorchen, nun, auch die Clanherren, die zu Gast sind. Es ist nur höflich. Und lebenserhaltend. - Seit fast drei Jahrhunderten baut Kurayami nun an einer mächtigen Burg, mit Graben, Mauern, magisch gesichert, die fast sein ganzes Heer beherbergen kann. Wir, alle Clane, fragen uns natürlich, was geschieht, wenn er diese Verteidigungsanlage fertig hat. Er baut sie kaum gegen die Panther.“
Tōga schloss kurz die Augen. „Daher die Spannungen. Er will Fürst des Westens werden, die Clans wollen ihre Freiheit behalten. Aber er hat die Macht. Und drei Söhne.“ Die drei Oberhäupter vor ihm bewegten sich nicht. „Schön. Da Ihr zu mir gekommen seid – wie passe ich in Eure Vorstellung?“
„Sofern Ihr nicht für Kurayami kämpft...“ begann Kano, um nach einem eisigen Blick zu schweigen. Der Fremde mochte goldene Augen haben – aber da konnten offensichtlich Eissplitter darin tanzen.
„Ich bin kein Söldner.“
„So sind wir schon beruhigt,“ ergänzte der Tanuki eilig. „Tōga-sama.“
Shirohito griff lieber ein. „Die Lage der Clans würde sich gegen zwei Daiyōkai natürlich verschlechtern, wie Ihr gewiss versteht, denn Ihr scheint mir militärische Erfahrung zu besitzen,“
Hm. Tōga dachte einen Moment nach. „Dann habt Ihr ein anderes Angebot für mich?“
„Ja. Warum unterhalten wir uns nicht auf meiner Burg weiter? Seid der geehrte Gast der Füchse von Kinnosuke. Denn die Lage ist weitaus angespannter als man meinen möchte, natürlich für jemanden wie Euch nicht gefährlich.“
Der Fremde sah, wie die drei Clanherren Blicke tauschten. Wenn er wissen wollte, was hier los war, müsste er das Angebot annehmen. „Ich bin gerne Euer Gast, Shirohito von den Kinnosuke, und danke bereits jetzt für die Gastfreundschaft.“
Erneut tauschten die drei Clanherren einen Blick. Er schien ehrenhaft zu sein und höflich. Womöglich konnten sie ihm über die Allianz der Clans berichten, die sich gegen die Herrschaftswünsche des Hundes von Ohiro richtete. Bislang scheiterte die reelle Umsetzung daran, dass keiner der Clanherren sich einem anderen unterordnen wollte. Ein Fremder, der als Heerführer agierte, der keinem Clan angehörte, den man später entlohnen konnte, der aber nie Fürst werden konnte und wollte, das war Shirohitos Plan. Und zumindest seine Nachbarn fanden den akzeptabel. Nun, das war sehr viel besser als Kurayami, bei dem jeder, der zu Gast war, froh war, wenn er lebend wieder nach Hause kam.
Tage des Fremden Teil 2
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ōga schritt unbesorgt zwischen den drei Clanherren, gefolgt von deren Kriegern. Er bezweifelte nicht, dass das Angebot Gastfreund des Fuchsclans von Kinnosuke zu sein, für ihn Gewissheit bot. Überdies war er sicher, dass er auch mit den drei Clanchefs samt deren vierzig Kriegern zu Rande kommen würde, wenngleich mit gewisser Mühe. Myōga hätte ihn vermutlich bereits wieder als arrogant gescholten, er nannte es gesundes Selbstbewusstsein. Aber dies war einer der Gründe, warum er ausgerechnet einen Flohgeist bei sich duldete. Leute, die ihm zugetan waren, ehrlich die Meinung sagten und über Wissen verfügten, waren zu rar gesät.
Er bemerkte, wie Shirohito fast fragend den Kopf drehte und spürte noch einmal nach. Er war in Magie nicht ungeübt, zwangsläufig, hatte er doch seit Welpentagen gewusst, was da in Gestalt dieses EINEN Schwertes als Erbe auf ihm lasten würde. Aber dennoch – hier konnte er nichts bemerken. Ein Hauch von Fuchs, ja, wenn er sehr intensiv nachhakte, aber irgendwo an dem Berg vor ihnen musste dann die Burg des Kitsuneclans sein. Und er konnte sie absolut nicht feststellen. „Eure Magie scheint außerordentlich, werter Shirohito,“ sagte er daher höflich, da der Fuchsherr wohl auf das Kompliment wartete, und damit natürlich auch auf das Zugeständnis einer gewissen Schwäche seinerseits. Dies mochte er nicht zugeben, aber man konnte es auch doppeldeutig formulieren. Eine Weisheit, die er wie so viel seiner Mutter verdankte, nicht zuletzt ein Grund, warum er ihren Heimatclan von Aotsuki von ihrem Ableben in Kenntnis hatte setzen wollen Tatsächlich schien er nun in ein veritables Abenteuer gestolpert zu sein. Auch einmal eine nette Abwechslung und Spannung in seinem Leben. Im Osten mieden ihn viele, selbst der Fürst aus dem Wolfsvolk bewahrte sorgsam Abstand. Andere attackierten ihn grundlos. Das wahrhaft höllische Schwert, das er tragen musste, war daran schuld. Nun, er würde sehen, wie man sich im Westen dazu stellte. Und das würde bald geschehen, denn er würde Shirohito sagen müssen, dass er diese Klinge gegen die Höflichkeit stets bei sich trug. Tragen musste. Und damit vermutlich auch gestehen, um was es sich handelte.
Die Ohren des Kitsune zuckten als einzige Reaktion, ehe er die Pfote hob und sich der Bannkreis vor ihnen hob.
Erstaunt betrachtete der Daiyōkai die Fuchsfestung. Im ersten Moment glaubte er es handele sich um Holzpalisaden auf einem Wall, ehe er bemerkte, dass Tore und Mauern zu dick dafür waren. Die hölzerne Palisade hielt nur, was sich dahinter verbarg: eine Mauer aus Erde, Grassoden, stabilisiert mit Holz. Die Erde schützte gegen Feuer. Und das Ganze war magisch unglaublich aufgeladen. Einfaches Feuer, selbst Drachenfeuer, wäre hier unmöglich. Der Wall wurde zudem von einem tiefen Graben umrahmt. Dahinter stieg steil ein Berghang empor. Auch dort oben befand sich eine Palisade, bewehrt mit Türmen, Schutz gegen Angreifer von oben. Die eigentliche Behausung musste sich folglich im Berginneren befinden.
Leider, denn als Hund war er extrem ungern unter der Erde. Aber, das würde auch auf Botan zutreffen und das würde der Gastgeber wissen. Das Tor wurde vor dem Hausherrn geöffnet. Die Wächter warfen kaum einen Blick auf die Ankömmlinge, was Tōga doch verriet, dass zumindest die anderen beiden Clanherren als Nachbarn des Öfteren hier herkamen.
„Gehen wir in den Garten,“ schlug Shirohito denn auch vor und wandte sich nach rechts, wo sich hinter einer weiteren Holzpalisade das leuchtende Hellgrün jungen Laubes in Bäumen erhob. Neben dem Tor stand ein Schwertständer und der Hausherr lehnte seine Naginata lässig daneben an die Wand. Die anderen zwei Clanherren zogen ihre Schwerter ab und steckten sie hinein.
Tja, dachte Tōga. Es sei wie es sei. „Ich bitte um Vergebung, wenn ich so unhöflich bin mein Schwert bei mir zu behalten. Das geht nicht gegen Eure Ehre, werter Shirohito, sondern ist eine bedauerlich notwendige Vorsichtsmaßnahme. Diesem Schwert gegenüber.“
Der Kitsune wollte bereits etwas sagen, aber er bemerkte, dass Botan von den Azu die Augen zusammenzog. So wartete er ab, was der andere Hund, dem er seit Jahrhunderten vertraute, dazu meinte.
„Ich hörte, im Osten gebe es eine Familie, keinen Clan natürlich, deren Blut das einzige ist, was eine gewisse Klinge zügeln könne....“ begann der Clanherr der Azu.
Shirohito holte Atem. „Ist das etwa...“ Er hatte ja bereits die eigene Magie der Klinge gespürt.
„Nennt nicht ihren Namen,“ warnte der Daiyōkai prompt.
Namensmagie hatte es in sich, das wusste der Herr des Fuchsclans nur zu gut. So änderte er um, leise: „Man sagt, es stehle Seelen....“
„Nicht nur. Aber es bleibt in meiner Nähe ruhig.“
„Und nur in Eurer Nähe,“ ergänzte Botan. „Wenn es stimmt, was ich als Legende einst hörte.“ Zum ersten Mal in seinem langen Leben stand er einer lebenden Legende gegenüber.
„So seid Ihr an diese Klinge gebunden.“ Shirohito klang fast bedauernd, obwohl er sich gedanklich die Pfoten rieb. Sein Plan einen Daiyōkai zu überreden für die Allianz zu arbeiten war eine Sache – den Träger des Höllenschwertes zu überzeugen wäre einfach perfekt. „In diesem Fall kommt nur bewaffnet mit. Ich vermute, dass selbst diese Burg einem Angriff kaum standhalten könnte – und hier leben auch Frauen und Welpen.“
„Ich werde sie nicht angreifen,“ versprach Tōga, der vermutete, dass das durchaus eine Anfrage gewesen war. „Ich nutze diese Klinge wohlweislich sehr selten. Magische Dinge haben oft Nebenwirkungen, wie Ihr als Kitsune natürlich wisst.“
„Ja, man sollte stets wissen, was man wie tut, warum und welche Folgen es haben wird. Ihr scheint ein weiser Mann zu sein, werter Tōga.“
Die vier Herren betraten den Garten und der Hund aus dem Osten war verblüfft. Er war einmal in der Residenz der Wölfe gewesen, deren Anführer sich als Herr des Ostens bezeichnete, auch, wenn das so mancher aus anderen Völkern nicht anerkannte. Um ehrlich zu sein, nicht einmal alle Wolfsrudel, die dann allerdings auch den direkten Kontakt mieden und durch die Lande streunten. Da hatte es einen Garten gegeben, kunstvoll angelegt mit akkurat geschnittenen Bäumen und Büschen. Hier hingegen befanden sich frei wachsende hohe Bäume, hauptsächlich Erlen und Eichen bis zu zwanzig Meter hoch, die lichten Schatten auf Grün warfen. An den helleren Stellen wuchsen fast zwanzig Zentimeter hohe Gräser der Japansegge, an anderen bedeckte weiches Moos dunkelgrün offenbar uralte Wurzeln. In Sichtweite befand sich ein kleiner Teich, aus dem Steine ragten, die offensichtlich nach einer bestimmten Absicht dort platziert worden waren. Linker Hand, zwischen dem im wörtlichen Sinn Burgberg und dem Teich befand sich eine sandige Stelle, auf die eine hastig herangeeilte Füchsin vier Kissen im Halbkreis platzierte, ehe sie ebenso wortlos wieder verschwand.
Der Hausherr trat vor die Kissen und ließ sich nieder, nicht, ohne den Fremden rechts neben sich zu bedeuten, die beiden Anderen nach links.
Tōga öffnete den Gurt und ließ Schwert samt Scheide neben sich rechts zu Boden gleiten, entfernt von den Anderen, allerdings wohlweislich griffbereit. Das Höllenschwert hatte schon so einige Male versucht arglose Zeitgenossen zu übernehmen um frei von ihm zu werden. Was dann geschehen würde, nun, dazu reichte seine Phantasie. Er würde sonst etwas tun um es wieder dahin zu schicken, woher es kam, aber dazu genügte weder seine Magie noch sein Wissen. Womöglich, so hatte er gehofft, käme er im Westen weiter, beim Clan der Familie seiner Mutter. Und schon sein Gastgeber schien über hervorragende Zauberkunst zu verfügen. War der Westen diesbezüglich weiter als der an sich durchaus kriegerische Osten?
Shirohito begann: „Nun, werter Tōga, Ihr habt gesagt, dass Ihr nur wenig Ahnung von den Spannungen hier im Westen habt. Einiges haben wir Euch ja nun schon angedeutet. Tatsächlich ist es so, dass die Clans jeder für sich leben, frei sind in ihren Entscheidungen. Sicher gab und gibt es manchmal Streitigkeiten, die jedoch nach alten Regeln gelöst werden, und sei es, in dem die beiden Clanherren sich mit dem Schwert in der Hand gegenüberstehen. Doch Kurayami von den Ohiro will das nun ändern, begann damit bereits kurz nach seinem Herrschaftsantritt. Er eroberte zwei kleine Clans in der Umgebung von Ohiro. Nach diesem Erfolg... Nun, er wandte sich dem deutlich mächtigeren Clan der Hunde von Aotsuki zu, die wie auch er über eine große Anzahl an Kriegern verfügten. Es gelang ihm die Burg einzunehmen. Der Clanherr und die Familie wurde hingerichtet...“
„Mit welcher Begründung?“ fragte der Daiyōkai prompt. Seine Mutter war immerhin dieser Familie entstammt und er hatte eigentlich ihrer Zwillingsschwester, der Mutter der seines Wissens nach Gemahlin des Clanherrn, die Todesnachricht überbringen wollen. Nicht zuletzt, um die Tante, deren Magie angeblich mächtiger als die seiner Mutter war, um Rat bezüglich des Höllenschwertes zu fragen. Aber, dazu sollte er einstweilen schweigen, bis er wusste, was zur … was hier los war.
Botan, ebenso ein Hund wie der Fremde oder die Krieger der Aotsuki oder Ohiro, nickte leicht. „Das ist eine der Fragen, die sich ein ehrenhafter Mann sofort stellt. Es gab keine. Allerdings wurde die Tochter verschont. Kurayami nahm sie zur Frau und sicherte sich dadurch die Macht über den Aotsuki-Clan, in dem das Erbe seit Jahrhunderten über die Frauen der Familie weitergegeben wird.“
„Hm.“ Tōga dachte nach. Mutters Clan. Sie war die jüngere der Zwillingsschwestern gewesen. War sie darum in den entfernten Westen verheiratet worden? Logik der Macht, hatte das sein verehrter Vater einst genannt. „Ich verstehe. Wer die Erbin der Familie heiratet, kann aus dem Recht seiner Ehefrau den Clan regieren. Darum folgen die Krieger der Aotsuki nun ebenso Kurayami. Und er hat drei Söhne, die ja die Erben ihrer Mutter wären, oder?“
„Ja,“ bestätigte Shirohito. „Nach dem Erbrecht des Ohiroclans wird der älteste Sohn Clanherr von Ohiro einst werden. Der zweite Sohn, so wird gemunkelt, soll aber die Aotsuki erhalten, was nach deren Recht schwierig ist. Er hat zwar das Erbe über seine Mutter – aber er hat eine Schwester. Darum ist doch so mancher für den eigenen Erben an ihr, ihr Name ist Kazari, interessiert. Auch da dürfte es in der Zukunft Kriegspotential geben. Kurayami will natürlich seine eigene Familie absichern und sucht für die Tochter einen Ehemann, der ihm treu ergeben ist und ihm schon gar nicht gefährlich werden kann – allerdings genügend Unterstützung in Krieg und Ränke bietet,“
„Und manch ein Clanoberhaupt sieht seine Chance, andere, wie Ihr drei wohl, wollen genau das verhindern,“ schloss der Daiyōkai aus dem Gesagten. „Nur, ich gehöre weder zu einem Clan noch will ich der Herr des Westens werden. Wie passe ich also für Euch in das Bild.“ Immerhin konnten sie doch unmöglich von seinen familiären Verbindungen zu den Aotsuki wissen. Er bemerkte sehr wohl dass Botan und Kano zu dem Hausherrn blickten. Dann war das dessen Idee gewesen?
Shirohito zuckte ein wenig die Schultern. „Ich würde sagen, aus eben diesem Grund. Neben natürlich der bedeutsamen Kleinigkeit Eurer Macht. - Um genauer zu werden müssten wir Euch sehr vertrauen.“
„Das tut Ihr doch bereits,“ erwiderte Tōga mit einem feinen Lächeln. „Ich müsste ja nur mit dem hier Gesagten einmal bei Kurayami aufkreuzen.“ Und die beiden mächtigsten Clans der Hundeyōkai einschließlich einiger unbedeutender, würden auf Befehl des sogenannten Fürsten diese Drei angreifen.
Der Kitsune seufzte ein wenig, fast resigniert. „Ihr habt den Herrn der Panther in die Flucht geschlagen. Ich hoffte, dass Ihr auch über Verstand verfügt. Nun, dem ist wohl so und ich sollte mich freuen. - Es hat sich eine gewisse Allianz aus Clanherren gebildet, die überaus besorgt über das Vorgehen Kurayamis sind und um die Freiheit der Familien fürchten. Dieses Bündnis kam aus einem Grund noch nicht zustande, ebenso wie manche erst damit liebäugeln – es wird, sollte die Allianz wahrhaft entstehen, sicher mit Kurayami zu einer Fehde, einem Krieg, kommen, in dem alle Krieger der beteiligten Clans kämpfen werden. Nun will allerdings niemand der Herren die eigenen Krieger unter das Kommando eines Nachbarn stellen. Verständlich und doch nicht der Lage angemessen. Wenn der Herr von Ohiro davon erfährt, wird er zuerst zuschlagen wollen, gleich dann ob die Burg fertig ist oder nicht. Und so kamt Ihr ins Spiel, als ich Euren Kampf gegen den Panther betrachtete. Ihr gehört zu keinem Clan, seid ein Daiyōkai...“
„Ihr wollt mich als Feldherrn der Clans vorschlagen?“ Tōga hoffte, dass sein Erstaunen nicht in seiner Stimme lag. Entweder sie waren schrecklich leichtfertig einem Fremden zu trauen – oder furchtbar verzweifelt.
„Ja,“ erklärte Shirohito bemerkenswert einfach, ergänzte jedoch: „Vorschlagen würde ich Euch. Ob die Mitglieder der Allianz mit Euch einverstanden sind, würde sich dann ja zeigen. Es läge bei Euch sie davon zu überzeugen, ja, ihnen zuzusichern, dass Ihr nicht der neue Fürst werden wollt, keine Herrschaft wollt.“
War der Kitsune so naiv zu glauben, er würde sich für nichts in den Streit einmischen? Ja, womöglich ohne Aussicht umbringen lassen? Eher unwahrscheinlich, gab er zu. „Würde ich dies zusichern, würde mich mein Wort binden, ja. Aber, überseht Ihr nicht etwas, werter Shirohito?“ Er bemerkte, dass der Fuchsherr tatsächlich stutzte. Botan als Hund schien jedoch zu begreifen, da er langsam meinte:
„Ihr wollt als Belohnung kein anderes Schwert, kein Gold, aber auch keinen Fürstentitel … Ihr würdet die Aufnahme in ein Rudel, einen Clan, wollen, womöglich als der neue Herr von Ohiro oder Aotsuki, wo ja nur Hunde leben.“
„Ihr seid jedenfalls ehrlich,“ meinte Kano. „Ich wäre dafür, solange Ihr schwört, meine Tanuki von Kanazawa in Ruhe leben zu lassen.“
„Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit,“ erwiderte der Daiyōkai in nüchterner Ruhe. Er musste jetzt nur aufpassen was er zusagte, damit er sich nicht selbst den Weg verbaute. Mutters Familie, letztendlich seine letzten noch lebenden Familienangehörigen. „Ich würde es nicht schwören, aber zusagen. Um es klar zu machen, was ich will. Das Amt und den Titel des Inu no Taishō, versehen mit den Kriegern der teilnehmenden Clans, gegen meine Zusicherung mein Bestes zu geben um die Freiheit der Clans zu erhalten. Nach Erfolg den Titel eines Clanherrn, der seine Aufgabe zu diesem Zeitpunkt, nun, nicht mehr ausfüllen kann. Und ich bin überzeugt, werter Botan von den Azu, dass das nicht Ihr sein werdet.“
Die drei Clanherren sahen sich an, ehe Botan ein wenig die Hand hob, Kano ebenso. So nickte der Hasuherr. „Nun, so seid mein Gast, werter Tōga. Ich schicke Boten aus, dass sich die Allianz am See der Kaseke trifft.“
Noch ein Clan, dachte der Daiyōkai und fragte mit jener Impulsivität, die ein gewisser kleiner Flohgeist an ihm in den letzten Jahren so oft schon getadelt hatte: „Kaseke. Wie viele Clans existieren eigentlich im Westen?“
„Hunderte. Viele sind klein und machtlos, aber in der Summe können sie sich natürlich vereinen,“ sagte der Tanuki in der Annahme, der geplante Feldherr wolle einen Überblick über die militärische Stärke erhalten. „Füchse, Hunde und Tanuki sind neben den Katzen weiter östlich, die mächtigsten hier, wie Ihr natürlich wisst. Allein unsere Völker bestehen stets aus mehreren Clans.“
„Ich werde den Westen wohl näher kennen lernen müssen.“ Tōga klang nachdenklich. „Besitzt Ihr Übersichtskarten des Landes und der Stämme, werter Shirohito?“
„Ja.“ Der Kitsuneherr nickte ein wenig. „Ich werde Euch Rai schicken. Sie ist meine Kartographin und zeichnet die jeweils aktuellen Karten, die sie Euch sicher auch erklären kann. Der See der Kaseke liegt nördlich von hier, auf halbem Weg zu den Ohiro. Passend für ein Treffen der Allianz. Und er liegt verborgen. Die Echsen der Kaseke besitzen eine andere Magie als andere Yōkai. Selbst ein Kitsune, selbst ich, vermag getäuscht zu werden. Aber sie sind zuverlässig, stehen zu ihrem Wort. Ihr Anführer ist Isratre.“
Ein Kriegsherr musste also erst einmal lernen, das würde ihm Myōga bestimmt unter die Nase reiben. „Es wäre freundlich,“ sagte er dennoch höflich zu dem Angebot. Der Herr von Kinnosuke verfügte über eine eigene Kartografin? Dann sollte er zusehen, dass er sich nicht blamierte. Er verstand wirklich nicht sonderlich viel von der Kriegsführung – nun ja, das, was sein Vater ihm beigebracht hatte, und der war nur einmal in dieser Lage gewesen. Also musste und sollte er lernen, sonst wäre dieses Abenteuer sein definitiv letztes, sei es, dass er sich dermaßen vor den versammelten Clanherren bloß stellte, sei es, dass bereits seine erste Schlacht auch seine letzte wäre. Leider auch die vieler anderer Yōkai, die er in den Untergang geführt hatte. „Und ich danke, dass Ihr mich lernen lasst.“
Man verneigte sich gegeneinander, ehe die drei Clanherren des Westens sich erhoben und den Daiyōkai allein ließen.
Der sah sich prompt um, witterte, ehe er leise sagte: „Myōga.“
Der Flohgeist erschien prompt und sprang in sichtlich gewohnter Manier auf den Oberschenkel des Hundes. „Oyakata-sama....“
Es fehlte nur noch, dass er mit allen vier Zeigefingern mahnend winkte. Immerhin etwas Amüsement. „Myōga?“
Der deutlich Kleinere rang alle vier Hände. „Auf was habt Ihr Euch da nur eingelassen! Ihr habt noch nie ein Heer geführt, wisst praktisch nichts über den Westen...“
„Ich werde es lernen.“
Myōga ließ ein wenig resignierend die Arme sinken, vertraut mit der Art seines Herrn, ehe er ehrlich zugab, dabei doch die notwendige Höflichkeit gegenüber dem deutlich Mächtigeren wahrend: „Daran zweifle ich nicht, oyakata-sama. Nur – ich würde mir wirklich wünschen, dass Ihr die Art Eures Lernens selbst bestimmen könnt.“
Der goldene Blick des Daiyōkai senkte sich auf den kleinen Geist. Es war mehr als nett, dass es ein Wesen, gleich wie schwach, gab, das sich wirklich ohne jeden sonstigen Anlass außer Zuneigung Sorgen um ihn machte. Das fühlte sich irgendwie so … warm an. So zerdrückte er den Floh nicht, wie es sein Instinkt vorschlug, wischte den nicht einmal beiseite. „Ich auch, Myōga. Vertraue mir. Es handelt sich immerhin um eine … Familiensache.“
„Wovon niemand wissen sollte.“
„In der Tat, mein kleiner Berater.“
„Eine Kitsune kommt.“
„Verschwinde.“ Der Hundeyōkai blickte zum Gartentor, wo eine Frau erschienen war, die nicht gerade die übliche Kleidung der Fuchsdamen trug, die gewöhnlich, außer als Kriegerinnen, keine Hakama trugen. Ihr weißes Oberteil war an den Unterarmen bis zum Ellbogen nicht weit fallend, sondern eng durch Lederbande abgeschnürt – bei dem Umgang mit Feder und Tinte, wie sie sichtbar neben einem Lederbeutel am Gürtel trug, sicher eine notwendige Sache um die Ärmel zu schützen. In der Hand hielt sie eine Rolle. Sie verneigte sich höflich.
„Rai, vermute ich,“ sagte der Daiyōkai. „Ich bin erfreut Euch kennen zu lernen.“
Falls die Kitsune überrascht war, dass er so höflich war, so zeigte sie es nicht. Mit einer weiteren Verneigung kam sie näher. „Shirohito-sama sagte Ihr wünscht die Karte des Westens zu sehen.“
„Ja. Ich will lernen.“ Und da sie sich ihm gegenüber platzieren wollte. „Nein. Kommt an meine Seite, so dass wir gemeinsam die Karte lesen können.“
„Danke.“ Mit einer sichtlich geübten Bewegung ließ sie sich nieder und rollte fast gleichzeitig die Karte auf.
„Es ist keine vollständige Karte, Tōga-sama, aber hier sind auch alle Stämme verzeichnet. Sie endet im Süden bei den Vier Feuerbergen. Weiter nach Süden befinden sich allerdings Einöden, wie wir sie nennen, Gegenden, in denen keine Clans mehr existieren. Nur … nun, jeder Yōkai lebt und kämpft für sich. Weiter im Süden, auf den Inseln, leben unter anderem die Panther, wie Ihr wisst.“
Er ging nicht darauf ein. „Wo sind wir?“
„Hier, das Volk von Kinnosuke.“ Sie tippte auf die Zeichnung.
„Relativ weit im Süden, wie auch die Azu und die Tanuki von Kanazwa. Die Kaseke?“ Er musterte die Karte.
Die Kitsune deutete prompt fast genau in die Mitte der Zeichnung. „Hier. Das Echsenvolk lebt nur hier.“
„Es sind viele Berge eingezeichnet....da nicht.“
„Nun, die Magie der Kaseke ist sehr eigen. Ich denke, niemand weiß genau, wo sie leben. Das ist nur ungefähr. - Hier, am Ufer des Meeres, ziemlich weit im Norden, lebt der Clan der Ohiro. Und direkt an der Küste lässt Kurayami seine neue Burg bauen. Die Steilküste schützt sie auf einer Seite. Weite in Richtung Osten, aber auf dieser Höhe ist der Clan von Aotsuki.“
„Zeige mir doch einmal genauer, was diese Merkmale bedeuten. Berge? Flüsse? Gibt es Sümpfe?“
Rai erkannte einen Feldherrn. „Ja, mächtiger Taishō.“
Tōga fühlte sich seltsam. Zum ersten Mal hatte ihn jemand mit diesem Titel, den er ja noch gar nicht führte, angesprochen. Und er hatte ein Gefühl bekommen, das ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte – Taishō ja. Aber was war der Preis? „Weiter. Ich muss sehr viel über den Westen lernen.“
„Erlaubt, dass ich Fackeln bringen lasse. Das wird eine lange Nacht werden.“ Die Kartographin lächelte allerdings. So willige Schüler hatte sie selten. Und die Zeit drängte, denn Shirohito-sama hatte bereits eine Menge des Clans als Boten ausgesandt.
Tage des Lernens Teil 1
D
er Sonnenaufgang verriet, dass dies bereits ein recht warmer Frühsommertag werden würde.
Rai, die Kartographin, sah beiseite, ohne jedoch die Unhöflichkeit zu besitzen, den Gast ihres Clans und deutlich als Daiyōkai Ranghöheren, anzusprechen.
Tōga bemerkte es. „Ich danke für die Lehrstunden der Nacht, Rai. Ihr seid eine gute Kennerin des Westens. Und Ihr habt gewiss anderes zu tun als einen Fremden zu unterrichten.“
Die Kitsune verneigte sich höflich ehe sie aufstand. In der Tat hatte sie einiges andere um die Fuchsohren. „Ich lasse Euch meine Karte hier, damit Ihr das Gelernte vertiefen könnt, Tōga-sama.“
„Danke.“ Sein Blick glitt bereits wieder zu der Karte, die sie mit ihm die gesamte Nacht besprochen hatte – Clans des Westens, deren Kopfstärke und Kampftechniken, Berge, Sümpfe, Flüsse und nicht zuletzt das Meer.
Als Rai, gefolgt von den Kriegern, die in der Nacht die Fackeln gehalten, aber auch die Kartografin bewacht hatten, den eigentlichen Burgberg betrat, war sie nicht überrascht mit Shirohito den Herrn des Hauses vor sich zu sehen. Sie verneigte sich.
„Rai, meine Liebe, komm doch.“
Ja, so hatte sie es sich gedacht. Shirohito mochte auf Wunder hoffen, aber er war zu erfahren und nüchtern, um nicht vorsichtig zu sein. Und trotz ihrer relativen Jugend stand sie kurz vor dem Aufstieg in den Rat der Ältesten. So folgte sie ihm in sein Arbeitszimmer und ließ sich auf einen Wink vor ihm nieder.
„Wie siehst du ihn?“ kam die abrupte, aber nicht unerwartete, Frage.
„Er ist tatsächlich ein Daiyōkai, verehrter Onkel. Mächtig. Und neugierig wie ein Welpe. Ich hatte selten einen so aufmerksamen Schüler.“
Shirohito ignorierte das flüchtige Lächeln. „Erwähnte er das... Höllenschwert?“
Sie wurde sachlich. „Nein. Er wollte lernen, aber über die Clans, über die Geographie. Ihr meintet, Ihr würdet in Erwägung ziehen ihn als Taishō der Clans einzusetzen – genau das könnte sein Ziel sein. Natürlich mit einer Belohnung. Er ist sicher kein Narr.“
„Er will die Herrschaft über einen Hundeclan,“ gab der Clanherr zu.
Die Kitsune zuckte die Schultern. „Das wäre logisch, verehrter Onkel. Er ist ein Hund. Und... oh. Daran dachte ich bislang nicht.“
Shirohito spannte sich an. „Was ist dir eingefallen?“
„Kaum Hunde gibt es mit diesen goldenen Augen und diesen schneeweißen Haaren, oder? Nur die Herrschaftsfamilie der Aotsuki. Also, jetzt nur noch die Ehefrau von Kurayami.“
„Und deren Tochter, ja. Du hast recht.“ Der Kitsuneherr legte eine Pfote an sein Kinn. „Ja, das dachte ich mir, wenngleich unbewusst. Das fällt auf. Ob er irgendwie weitläufig mit denen verwandt wäre? Aber dann hätte er doch etwas von Rache erwähnt? Überdies, er stammt aus dem Osten. Aber, dann wäre sein Wunsch der Herr der Aotsuki zu werden nur noch logischer und würde diese auch unter neuem Herrn zufrieden stellen.... Was fiel dir noch auf?“
„Er ist nicht allein.“
„Das Schwert?“
„Auch dieses. Aber eine dritte Lebensform, die ich jedoch nicht interpretieren konnte. Zu schwach.“
„Danke. Du warst wieder einmal sehr hilfreich, Rai. Oder gibt es sonst noch etwas?“
„Ich kann es schlecht begründen, aber etwas an ihm erinnert mich an Euch, verehrter Onkel. Womöglich Schutz.“ Rai zögerte. „Es ist schwer auszudrücken. Er scheint... nicht machthungrig.“
„Niemand, der machthungrig ist, könnte So´unga bezähmen. Dann wären wir alle bereits tot. Geh nun. Und ich werde später mit ihm reden.“
Alleingelassen sprang ein kleiner Flohgeist auf den Oberschenkel seines Herrn. „Sie wusste, dass ich hier bin.“
So klein Myōga war, so intelligent. „Vermutlich. Shirohito ist nicht unvorsichtig. Diese Kitsune verfügt über großes Wissen – und sollte mich sicher auch prüfen. Geh lieber wieder in mein Fell. Ich vermute unser Gastgeber wird mich früher oder später aufsuchen. Falls er fragt werde ich ihm von dir berichten. Die Lage hier ist zu angespannt um auch nur hinterhältig zu erscheinen. Sie sind verzweifelt, sonst würden sie nicht einem Fremden trauen. Und ich würde gerne wissen, warum sie diesen Kurayami derart fürchten. Daiyōkai, ja, was hier wohl niemand sonst ist. Aber dennoch – alle gemeinsam sollten auch einen größeren Clan abschrecken. Was also hat er getan um sie so ….im Zaum zu halten. Die Eroberung der Aotsuki?“ Eine rein theoretische Frage. Er würde abwarten müssen und derweil behutsam sein.
Selbst im lichten Schatten des Gartens zeigte sich die Mittagswärme und so war Tōga durchaus froh, dass nicht nur Shirohito kam, sondern in seiner Begleitung auch zwei Kitsunedamen, die Krüge und Becher trugen. Wasser, wie ihm seine Nase verriet. Er neigte höflich den Kopf. „Herr von Kinnosuke, ich danke für Eure Gastfreundschaft.“
„Gern.“ Der Kitsuneherr nahm Platz. „Wasser, wenn Ihr mögt.“ Er goss ein und trank selbst, ehe er den Krug seinem Gast zuschob.
Damit sollte wohl gezeigt werden, dass es nicht vergiftet war. Nun ja. Tōga wusste nur zu gut um die Finten, die gerade Füchse an den Tag legen konnten. Vielleicht wäre auch nur der Becher vergiftet oder Shirohito hätte ein Gegenmittel genommen. Aber dazu waren alle Clanherren, alle drei, zu interessiert an ihm gewesen. So goss er doch unbesorgt ein, nur unauffällig die Witterung nehmend. „Rai kennt sich sehr gut aus.“
„Das hat sie von ihrem Vater. Mein älterer Bruder beschäftigte sich seit Kindertagen bereits mit Geografie und Karten. - Ich habe Boten an die Clanherren gesandt, die, nun, interessierter an einer Allianz waren. Der Stamm der Kaseke, sie nennen sich nicht Clan, hat bereits zugesagt unsere Gastgeber zu sein. Ihr wollt mich etwas fragen?“
„Ja. Natürlich.“ Tōga trank. „Ich halte Euch ebenso wenig für töricht wie Botan von den Azu oder Kano von Kanazawa. Und ich vermute auch die Kaseke sind es nicht. Warum also tut ihr euch nicht alle zusammen? Gegen die schiere Übermacht an Kriegern täte sich auch Fürst Kurayami schwer.“
„Ich erwähnte bereits, dass keiner der Clanherrn bereit ist seine Krieger unter dem Kommando eines Nachbarn zu dulden. Überdies... es sind nur wenige Clans, die bereit sind sich offen gegen Kurayami zu stellen. Auch einige, die bereits Interesse gezeigt hatten, zeigen nun Furcht. Hunde sind sehr gute Krieger, wie Ihr natürlich wisst. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass so mancher, der Kurayami laut kritisierte.... sagen wir, zufällig das Zeitliche segnete. Ohne jeden Nachweis.“
Der goldene Blick des Fremden begegnete dem dunklen des Kitsune. „So seid Ihr mutiger als ich dachte, verzeiht die Wahrheit. Aber das erklärt sowohl Eure Vorsicht, als auch die Tatsache wie begeistert Ihr einen doch fremden Daiyōkai erkanntet.“
Shirohito versuchte nicht so zu tun als habe er nicht verstanden. „Verzeiht Ihr mir die kleinen Prüfungen, ja. Auch die Kaseke wollen natürlich, wie alle, wissen, mit wem sie es zu tun haben. Isratre ließ meine Anfrage damit beantworten, dass wir uns noch heute auf den Weg machen sollten, er wolle Euch kennen lernen, ehe die Anderen eintreffen. Die Kaseke sind sehr vorsichtige Leute. Sie sind die letzten ihrer Art und leben sehr verborgen hinter ihrer Magie. Selbst ich vermag nicht zu sagen, wo sie leben. Es existiert nur ein Treffpunkt. Und, ich war ehrlich genug sie über Euer Schwert in Kenntnis zu setzen.“
„Sie sind ein Echsenvolk.“
„Ja. Sie mögen auf Euch, der mich um mehr als einen Kopf überragt sehr klein und harmlos wirken. Aber ihre Magie ist bemerkenswert.“
Tōga nahm das mit einem leichten Kopfnicken zur Kenntnis. „Sind auch andere Hunde oder Kitsune auf Seiten der, wie nanntet Ihr es, Allianz?“
„Keine Hunde. Natürlich sind die Clans der Ohiro und der Aotsuki die beiden kopfstärksten und so halten alle anderen dieser Art sich ruhig. Es handelt sich auch eher um, ja, Familien, keine Clans. - Kitsune, ja. Oben von der Nordgrenze, auch die Wölfe dort. Ein recht großes Rudel, das sich aus welchem Grund auch immer nicht in den Osten begeben hat wie so viele ihrer Art. Nicht alle lieben es sich einem Herrn zu unterwerfen.“
„Ich verstehe. Wann wollt Ihr zu den Kaseke aufbrechen, werter Shirohito?“
„Sobald es Euch passt. Nun, um ehrlich zu sein, je eher desto lieber, denn ich vermute durchaus, dass Kurayami auch uns beobachten lässt. Nicht dauernd, das verhindert die Fuchsmagie, aber doch.“
Hm. Der unbekannte Daiyōkai seiner Art begann ihn zu interessieren. Grausam und vorsichtig.
So standen zwei Yōkai einige Stunden später am Rande eines Sumpfgebietes. Tōga wandte den Kopf. Dort im Westen lag das Meer, vor ihnen stiegen, östlich des Sumpfes, die ersten Berge auf, die sich weiter hinten bis über zweitausend Meter erhoben. Und, er konnte nichts von Magie spüren, keine untypischen Gerüche feststellen. Wenn hier ein Echsenvolk lebte hatte es sich in der Tat gut verborgen.
„Kommt.“ Der Fuchs nickte beiseite. „Dort, wo die drei Erlen stehen, ist der Treffpunkt. Ich halte Euch für fähig genug die Magie zu spüren. Es handelt sich um keine Falle.“
Das war wohl wichtig zu erwähnen, dachte Tōga ein wenig amüsiert, wenn er bedachte, welchen Ruf, verdientermaßen, das Höllenschwert besaß. Nur Sekunden später stellte er fest, dass die Mahnung berechtigt gewesen war. Ohne jede Vorwarnung, allein durch die Tatsache, dass sie in den Kreis gelangten, den die drei Erlen hier bildeten, erfasste ihn das Gefühl durch einen sehr starken Bannkreis zu gehen – gewoben in einer vollständig fremden Magie. Er musste sich beherrschen um bei klarem Bewusstsein zu bleiben, nicht instinktiv seine wahre Gestalt anzunehmen. Das war in der Tat starke Zauberkunst und er wagte zu bezweifeln, dass ein einfacher Yōkai damit ohne Einladung zu Rande käme. In der Mitte des Kreises stand eine kleine Echse, aufrecht auf zwei Beinen, die ihm kaum bis zum Oberschenkel reichte. Von Kopf bis zum auf der Erde ruhenden Schwanzende nur von dichten, blau schimmernden, Schuppen bekleidet, unbewaffnet. Der Daiyōkai begegnete dunklen Knopfaugen und neigte höflich den Kopf, sicher, dass es sich um den Anführer der Kaseke handelte.
Shirohito verneigte sich deutlich tiefer. „Ich darf Euch, werter Isratre, Tōga aus dem Osten vorstellen. Ihr wisst soweit Bescheid.“
„Ja.“ Die helle Stimme der Echse klang ein wenig zischend. „Und, soweit ich sehe, stimmt es. Der Daiyōkai mit dem Höllenschwert. - Nun, werter Tōga, ich hoffe Ihr versteht, dass diese Klinge in unserer Behausung ein wenig ….eigener Behandlung bedarf.“
„Durchaus. Allerdings bitte ich Euch, werter Isratre, um Nachsicht, dass ich es stets griffbereit halten muss. Es kam schon zu... Zwischenfällen, denn der Geist darin hat eigene Ansichten.“
„Ich verstehe durchaus. Aber Makare, unser Schamane und deutlich der zauberkundigste der Kaseke, wird mit Euch das Vorgehen besprechen. Schutz für alle Seiten.“ Er musterte angelegentlich das Fell des Daiyōkai, das in zwei Teilen über dessen Rücken hinabfloss und scheinbar aus den Schultern der Rüstung drang.
Tōga verstand. „Myōga.“ Da der Flohgeist prompt erschien: „Mein Berater, werter Isratre, werter Shirohito.“
Der Stammesführer der Kasake nickte etwas, während der Kitsune ein wenig mühsamer seine Überraschung verbarg. Isratre meinte nur: „Willkommen, Berater. - Und, werter Tōga, Makare wird angenehm überrascht sein. Warum, wird er Euch selbst mitteilen. Nun, kommt. Ihr kennt gewiss ein Portal.“
„Ja. - Myōga.“ Der Floh verschwand prompt, doch erleichtert. Portale waren für jemanden mit seinen magischen Fähigkeiten lebensgefährlich, wenn er nicht im Schutz des Yōki seines Herrn saß.
Der Stammesführer drehte sich um. Zwischen zwei der Erlen entstand ein dunkles Loch, dessen Finsternis von schwarzen Schlieren gezeichnet war – das Portal. Ohne zu zögern ging er hindurch, gefolgt von seinen Gästen. Tōga stellte dabei fest, dass Shirohito das Prozedere schon kannte. Niemand solle anscheinend wissen, wo die Kaseke wohnten. Hm. Hatte der Herr von Kinnosuke nicht erwähnt, dass dies der letzte Stamm des Echsenvolkes sei? Dann waren sie bestimmt nicht ohne Ursache so vorsichtig.
Als die Passage endete und der Daiyōkai wieder ans Licht trat, sah er sich ein wenig erstaunt um. Sie befanden sich in einem Talkessel von fast zweitausend Schritt Durchmesser. Die Felswände stiegen steil auf, der Grund wurde zumeist von einem grün und kalt schimmernden See ausgefüllt, um den sich mehrere Sandbänke gruppierten, auf denen andere der Kaseke lagen oder saßen, alle wie Isratre unbewaffnet und unbekleidet, alle so klein. Die Ankömmlinge wurden kurz gemustert, dann waren sie anscheinend schon wieder uninteressant. Der Stammesführer wandte sich beiseite, wo sich eine weitere Echse näherte: „Makare, das ist Tōga. Shirohito kennst du ja bereits. - Ich sagte Tōga-sama bereits, dass du eine spezielle Verwahrung für sein Schwert vorgeschlagen hast.“
„Ja, habe ich.“ Der Schamane musterte den Daiyōkai, der sich denken konnte, dass er nicht das Hauptinteresse darstellte und sich etwas drehte, - dann holte er zischend Atem. „Oh ja, das ist ES, das eine Schwert, das in einer anderen Welt geschmiedet wurde. Wenn Ihr mir folgt, zeige ich Euch, was ich plane.“
„Gern. Ich muss nur darauf bestehen, dass es auch mir sicher erscheint.“
„Natürlich.“
„Oh, Makare,“ warf Isratre noch ein: „Bei ihm ist sein Berater, ein Floh.“
Der kleine Schamane sah zu dem hochgewachsenen Hundeyōkai auf. „Hund und Floh? Ihr scheint ein Mann voller Überraschungen. Nun, ich würde dringend vorschlagen Euren Berater hier zu lassen. Es ist ein recht magischer Ort.“ Er machte eine Armbewegung zu dem Rand des Talkessels.
„Myōga... Darf er zu Euch gehen, werter Shirohito?“
Der Kitsune bemühte sich nicht zu erkennen zu geben, dass ihm ein Floh in seinen Haaren nicht ganz recht war, und nickte. Prompt spürte er eine weiche Landung auf der Schulter.
„Vielen Dank,“ murmelte der Flohgeist, dem die gesamte Lage nicht ganz geheuer war.
Shirohito bemühte sich redlich den so genannten Berater zu ignorieren, als er Isatre zu einem freien Platz etwas im Hintergrund folgte – dem Treffpunkt der Gäste.
Touga dagegen ging mit dem Schamanen, der ihm kaum bis zur Hüfte reichte und betrachtete den ein wenig nachdenklich.
Makare bemerkte es. „Stört es Euch, dass wir so klein sind? Manchen stört es.“
„Nein. Ich gehe nach den Fähigkeiten.“
Ein Zischen entwich der Echse, das eindeutig nach Amüsement klang. „Das glaube ich Euch sogar, Daiyoukai. Ich hörte noch nie von einem Hund, der das Fell mit einem Floh freiwillig teilt.“ Und daraus war nicht nur zu schließen, dass dieser Hund tolerant war, sondern auch, dass dieser Flohgeist über Intelligenz verfügte, wenn der offiziell als Berater vorgestellt wurde. „Es ist durchaus weise nicht nach dem äußerlichen Format zu gehen. Nun, ich vermute in Eurer wahren Gestalt wäre unser Größenunterschied noch erheblich größer.“
„Ja, das denke ich auch.“
„Aber Ihr fragt Euch etwas anderes.“
„Ja, Makare von den Kaseke.“
Der Echsenschamane erkannte das Bemühen um eine doch fremde Höflichkeit an. „Sagt nur Makare. Fragt.“
„Man soll ja nicht nach dem Äußeren gehen, wie Ihr zurecht bemerktet. Nur – sehen alle Kaseke gleich aus? Sind gleich? Ich meine...“ Hoffentlich fühlte sich der kleine Schamane nicht beleidigt, denn der blinzelte etwas.
„Oh. Ich gebe zu, dass mich das noch nie ein Youkai fragte. Ihr meint, ob wir zwei Wesen sind, die Paare für den Nachwuchs bilden? Nein, wir sind alle gleich. Nur alle mehr als siebenhundert Jahre finden Paarungen statt. Schwer jemandem zu erklären, der zwei Geschlechter hat. Aber danach sind alle Kaseke, nun ja, schwanger, und legen ein einziges Ei. So vermehren wir uns.“
„Danke,“ sagte Touga schlicht und blickte zum ersten Mal in den blauen Himmel. Hm. Auch zuvor war ihm, draußen, sozusagen, die Sonne warm erschienen und der Himmel blau. Doch hier gab es keine einzige Wolke, keinen Vogel, der über diesen Talkessel zog. Um genau zu sein, war auch keiner zu hören – und er schmeichelte sich doch ganz guter Ohren. Es gab eigentlich nur eine Schlussfolgerung. Und, wenn die stimmte, waren die Kaseke wahrlich sehr in Magie bewandert. So senkte er den Blick wieder zu seinem Begleiter. Der sah geradeaus, nickte jedoch.
„Ja, da habt Ihr recht. Es handelt sich auch um einen Bannkreis. Selbst Youkai, die wie Falken über uns fliegen, können uns nicht wahrnehmen. Sollen sie auch nicht. Das hier ist die letzte Zuflucht unseres Volkes.“ Ja, dieser Mann war in der Tat ein Daiyoukai, stark und mächtig in der Magie, aber sicher auch in Körper und Geist. Das war zwar zu erwarten gewesen, da Shirohito von den Kinnosuke bereits Isratre mitgeteilt hatte, dass dies der Träger des Höllenschwertes sei, aber das mochte auch nur ein Gerücht sein. Jetzt, da er selbst Schwert und Träger neben sich fühlte, gab er dem Kitsune recht. „Dort vorne, seht Ihr die Spalte? Die ist unser... nun, Heiligtum. Ich habe vor, das Schwert, das in der Unterwelt geschmiedet wurde, auch einer anderen Welt als der der Lebenden anzuvertrauen. Dort lebt unser Gott, Kami, würdet Ihr wohl sagen. Meine Magie wird die Eure mit der seinen verbinden. Ich denke, dass das das Sicherste ist.“
„Ich lerne jede Minute von Euch dazu, Makare.“
Der Schamane wusste das Lob zu schätzen. „Ich danke Euch. Aber auch Ihr lehrt mich soeben einiges.“ Und sei es nur, dass nicht alle Daiyoukai, noch dazu der Hunde, wie dieser selbsternannte Fürst waren, der auch dem Echsenvolk schon nachgestellt hatte um ihre Magie für seine neue Burg einsetzen zu können. Nun, das war vergeblich gewesen, aber durchaus der Grund, warum der Stammesführer, der Shirohito wirklich schätzte und den nicht verprellen wollte, den Unbekannten ihm überlassen hatte. Er war der Kundigste und Fähigste in der Zauberkunst – und man hoffte, dass er den Fremden zumindest lähmen könnte, falls der Unheil plante. Allerdings wirkte allein das Auftreten – höflich und von allen Lebewesen ausgerechnet mit einem Floh – ehrbar.
Die Spalte bewies, das sie von den Echsen für ihre Größe gedacht war. Die feuchten Moose und Farne an den steilen Hängen berührten Touga an den Stacheln seiner Rüstung und es fehlte nicht viel, dass er sich wenden und seitlich gehen müsste. Im Hintergrund erkannte er freilich das, was der Schamane wohl als Heiligtum sah: ein natürliches Becken aus weißem Sinter, gefüllt mit dem Wasser, das hier von den grünen Wänden hinabrann. Überaus klares Wasser, in dem sich der künstliche Himmel spiegelte. So wandte er unwillkürlich erneut den Kopf nach oben. Ja, etwas war hier, eine Macht, der sich zu nähern er behutsam wagen sollte. Wenn das der Gott der Echsen war schien er durchaus über sein Volk zu wachen.
Makare deutete die Geste falsch. „Viermal im Jahr, da habt Ihr recht, zeigt sich der Vollmond hier in dieser Quelle – und unser Kami erscheint. Ich würde vorschlagen, dass Ihr Eure Klinge, deren Namen ich nicht auszusprechen wage, in das Becken legt. Dann legt das Siegel und ich verbinde es mit der Magie der anderen Welt.“
„Ich habe einen kleinen Einwand, Makare. Die Scheide bleibt am Schwert. Sie wurde dazu geschaffen die Klinge daran zu hindern allzu ...eigenständig zu werden.“
Der Schamane dachte kurz nach. Es klang plausibel oder war das eine Kriegslist? „Euer Wort, dass sie nur zu diesem Zweck geschaffen wurde – und legt dabei die Hand in das Wasser.“
Der Daiyoukai gehorchte prompt – und spürte erneut den Schauder der so gegenteiligen Macht. „Ihr seid sicher nicht ohne Grund so vorsichtig, die Letzten der Kasake. Mein Wort.“
„So versiegeln wir zu dritt nun das EINE Schwert. Und ich glaube, werter Hund, dass Ihr alles daran setzen würde, diese Bürde los zu sein. Aber da kann Euch wohl niemand helfen.“
„Niemand.“
Tage des Lernens Teil 2
A
ls er hinter dem Echsenschamanen die feuchte, grüne Schlucht zurück zum Talkessel ging, dachte Tōga nach. Es war ein sehr seltsames Gefühl zum ersten Mal seit Jahrhunderten das Höllenschwert von sich entfernt und in Sicherheit zu wissen, unter dem Bann von Kami, Daiyōkai und was auch immer ein Kaseke war. Und So´unga lag da sicher, davon war er überzeugt. Selbst er könnte allein diese Magie nicht brechen.
Seinen unwillkürlichen Einfall sich solcherart des Schwerterfluchs entledigen zu können hatte er allerdings resigniert von sich gewiesen. Falls es so einfach wäre, hätten sein Vater, sein Großvater, bereits diesen Weg beschritten. Es gab nur die eine Wahl das Schwert zu seinem Ursprungsort zu schaffen. Und, davon war er nach all den Fehlschlägen seiner selbst und der Vorfahren überzeugt – das konnte niemand allein schaffen. Er würde Hilfe benötigen, ohne zu wissen von wem. Er hatte ja auf die Tante aus dem Aotsuki-Clan gehofft, aber die war tot. Ob die Cousine, die jetzige Gemahlin Kurayamis, davon Ahnung hatte? Möglich. Aber er konnte kaum in dessen Burg spazieren und mal eben ein Rendezvōs mit dessen Gefährtin fordern. Es musste sich eben irgendwie irgendetwas ergeben. Und als Taishō, Heerführer, hätte er eher Zugriff auf Informationen und Helfer. Das war der Weg, den er sah.
Hinzu kam ein weiterer Aspekt. Als er seinen Bann gelegt hatte, war ihm die Magie des Kami entgegengekommen – und er hatte etwas gehabt, was man wohl als Vision bezeichnen konnte. Das Bild stand ihm noch immer vor Augen, aber er verstand es nicht. Eine Mondsichel, hell schimmernd – und umgeben von dickem Eis, das allerdings am unteren Ende zu schmelzen schien, denn Wasser tropfte hinab. Was auch immer das bezeichnen mochte. Visionen wurden wahr, dessen war er sich bewusst: nur, wann? In Tagen, Jahrtausenden?
Nun, er musste seinen Weg gehen und er hatte sich schon vor langem entschieden, den ehrbaren, manchmal auch schmerzhaften, Weg eines Kriegers zu gehen. Warum nicht als Taishō? Er würde allerdings etwas anderes als Stärke benötigen um die offenbar sturen und stolzen Clanchefs zu überzeugen ihm ihre Krieger, die ja auch ihre Familienmitglieder waren, anzuvertrauen. Macht, ja. Aber wohl auch Magie und Verständnis für die offenkundig so anders geartete Lage im Osten und im Westen. Immerhin schien er mit Shirohito von den Kinnosuke schon einmal einen Clanchef getroffen zu haben, der ihn schätzte – und anscheinend, trotz gewissem, sicher gesundem, Misstrauen auch die Kaseke. Botan und Kano würden bestimmt auch noch kommen und dann ...tja, dann würde er die Anderen kennen lernen, die sich immerhin gegen einen Fürsten stellen wollten – jemanden, der über die Krieger mehrerer Clans gebot.
Allein die Logik verlangte, dass sich auch nur mehrere Clans Kurayami gegenüberstellen sollten. Da sich die Herren allesamt wohl nicht einig waren – warum nicht ein Heerführer. Immerhin hatte er doch von Taktik und Strategie gehört, was ja durchaus nicht dasselbe war, er war ein Daiyōkai – und, zumindest einige Leute hielten ihn für ehrbar.
Die Kaseke schienen nach Auskunft ihres Schamanen ja beeindruckt, weil er ausgerechnet einen Floh dabei hatte. Nun ja. Hunde mochten diese nicht gerade, aber Myōga war ...eben Myōga. Intelligent, selbst gegenüber einem so viel mächtigeren Lebewesen ehrlich. Und, das hatte er wirklich selten. Einer der besten Ratschläge seines eigenen Vaters war gewesen, wenn er je ein Lebewesen finden sollte, dass ihn um seiner selbst willen mochte, sollte er es gut behandeln. Wenn dieses Wesen dann auch noch ehrlich sei, könne er sich nichts Besseres wünschen. Leider stimmte das. Für Vater war Mutter, seine eigene Gefährtin, dazu geworden, aber davon konnte er kaum träumen. So war Myōga mit all seinen Schwächen der nächste, bislang Einzige, gewesen, der ihn bedingungslos akzeptierte.Wenn er selbst gewusst hätte, was das bedeutete, was er nicht tat, hätte er manchmal geglaubt, der kleine Flohgeist liebe ihn. Anders natürlich als Mutter. Aber ebenso natürlich ehrlich.
Er verharrte für einen Augenblick im Schritt, da er Yōki spüren konnte. Waren auch schon andere Gäste eingetroffen oder war es gar eine Falle gewesen, ihn des Höllenschwertes zu berauben?
„Ah,“ sagte der Echsenschamane, der ahnte, was da in dem Besuch vorging. „Die ersten Gäste sind da. Natürlich. Tanuki und Hunde des Südens kennen Euch ja bereits und waren wohl auch darum schnell.“
„So wisst Ihr, wie viele Gäste kommen?“
„Ich würde sagen, ja. Versteht mich recht. Unser Bannkreis ist sicher, aber ehe wir so viele, doch auch zauberkundige, Leute einlassen... Ja. Isratre ist vorsichtig. Wir müssen es sein, als so kleines Echsenvolk.“
„Leider fürchte ich, Makare, dass Ihr Anlass zu dieser Vorsicht habt. Ihr seid die Letzten Eurer Art.“
„Was ich mich frage....Würdet Ihr als Taishō auch uns ...schützen?“
„Was ich mich frage, Makare – würden die Kaseke auch mir helfen, als Taishō?“
„Vertrauen ist Vertrauen wert.“ Der Schamane sah zu dem Daiyōkai auf, dem er kaum bis zur Hüfte reichte.
„Ich schütze jeden, der zu mir gehört.“ Und das war ein Versprechen.
Makare nickte. „Das wird Isratre berücksichtigen.“
Zurück am See auf einer Sandbank erkannte Tōga tatsächlich Kano und Botan, die sich neben Shirohito niedergelassen hatten. Er neigte höflich den Kopf vor den Clanherren, ehe er dem Wink des Stammesführers gehorchte und sich zwischen dem Kitsune und dem Echsenherrn niederließ.
„Mir wurden bereits weitere Gäste angekündigt,“ meinte Isratre. „Eure Einladung, werter Shirohito, scheint mehr als Früchte getragen zu haben.“
„Nun, Ihr selbst wisst, wie selten so eine Gelegenheit für alle ist...“ Der Herr von Kinnosuke nickte sowohl der Echse als auch dem geplanten Taishō zu. „Ich habe allerdings nur Boten an die vertrauenswürdigsten Interessenten geschickt. Darunter meinen Verwandten, Akiyama von den Kitsune des Akita und auch dem Wolf des Nordens.“
„Ren Okami?“ Die Äußerung Kanos von den Kazawara hörte sich eher so an, als habe man ihm mitgeteilt einen Zahn ohne Betäubung gezogen zu bekommen.
„Er ist schwierig, ja. Aber er ist ehrenhaft und gegen Kurayami.“ Shirohito blieb ruhig. „Und, nicht zu vergessen, das Wolfsrudel des Nordens ist fast zweihundert Krieger stark.“
Tōga beschloss nicht nachzufragen. Es war wichtig keine Partei zu ergreifen, sondern sich erst ein Bild von allen zu machen. Aber das klang, als ob das Nordrudel der Wölfe sich nicht nur nicht in den Osten begeben hatte um sich dem dortigen Wolfsfürsten zu unterwerfen, sondern auch sonst recht … selbstbewusst auftrat. Das würde kaum ohne Ärger abgehen. Mutmaßlich. „Myōga...“ murmelte er nur und spürte prompt, wie der kleine Flohgeist auf seinem Schulterfell landete, hinein kroch. Zweihundert Wolfskrieger wären in der Tat eine gravierende Unterstützung. Immerhin standen Kurayami fast zweitausend Hundekrieger zur Verfügung – weit mehr, als die bisherigen drei Clanherren aufbieten konnten.
Der Herr der Kitsune von Kinnosuke fuhr fort: „Ich habe sogar Himiko von den Jitō eingeladen. Wir können uns in dieser Lage nicht leisten bei Verbündeten wählerisch zu sein.“
„Himiko.“ Kano war noch weniger begeistert.
Tōga merkte auf. „Das ist doch ein weiblicher Name?“ Und er hatte bislang nicht den Eindruck gewonnen, dass Frauen im Westen mehr zu sagen hätten als im Osten – nichts.
„Die Jitō sind ein Katzenvolk, das etwas weiter östlich lebt,“ erklärte der Schamane der Kaseke hilfsbereit. „Himiko ist ihre ...nun ja, Anführerin. Mehr im spirituellen Sinn, aber sie hören auf sie. Normalerweise begleitet sie ein Mann, der nominell ihr Leibwächter ist, de facto aber die Krieger befehligt. Sein Name ist Naoki, falls das noch stimmt. Der Westen ist sehr von Hundeartigen dominiert, engen Kontakt zu den Katzen gibt es weniger.“
„Und die Jitō verfügen ebenfalls über um die zweihundert Krieger.“ Shirohito strich das weiße Haar ein wenig zurück. „Wenn diese beiden Clans dabei sind, wären wir schon mal siebenhundert. Nichts gegen zweitausend, zugegeben, aber ...“ Er blickte zu den Kaseke.
„Wir kämpfen nicht mit Schwertern,“ erklärte Isratre prompt. „Wir helfen Euch. Aber mehr könnt Ihr nicht verlangen.“
„Oh, nein,“ meinte der Kitsune hastig. „Ich bin Euch sehr dankbar, dass wir uns hier, im Schutz Eures Bannes, treffen können.“
Ach herrje, dachte Tōga. Die Clans untereinander mochten gegen den selbst ernannten Fürsten vorgehen wollen, aber das war anscheinend definitiv ihre einzige Einigkeit. Das war wohl wirklich eine heikle Aufgabe, die er da ein wenig naiv erklärt hatte übernehmen zu wollen. Nun, er hatte sich bereit erklärt und er würde zu seinem Wort stehen, schon, damit jeder im Westen wusste, dass es auch Hunde gab, Daiyōkai zumal, die zu ihrem Wort standen. Das allerdings bedeutete im Umkehrschluss, dass er doch fast zweitausend Yōkai aus unterschiedlich gestimmten Clans, um das mal freundlich auszudrücken, dazu bringen musste miteinander zu kämpfen. Eine gewisse Herausforderung. Nun ja. Er gab zu, dass er genau das liebte. Er hatte es noch nie getan – nun gut, worauf wartete er. „Eure Hilfe, werter Isratre, und die Eure, Makare, sind wahrlich notwendig in diesen Zeiten. Ich hätte nicht erwartet, dass sich der Westen Japans und der Osten doch so sehr unterscheiden. Aber nun gut. Wie viele kommen noch, werter Shirohito von den Kinnosuke?“
Alle in der Runde aus dem Westen erkannten an, dass sich der Yōkai aus dem Osten sehr um die ihm sichtlich ungewohnte Höflichkeit bemühte.
So antwortete der Kitsune: „Vier. Falls alle kommen. Eben, mein Vetter aus dem Norden, der Wolf des Nordens, die Neko, und, das hatte ich noch nicht erwähnt, Keiichi von den Hunden von Amida. Bislang der einzige Hundeklan, den Kurayami noch nicht erobert hat, aber sicher auf dessen Liste steht.“
„Amida liegt zwischen den Nordclans und dem Ohiro-Clan.“ Dankbar dachte er an die Kitsune-Kartographin. Und Amida war damit strategisch das erste Ziel, ehe sich der Fürst gegen die beiden Nordclans wenden würde. Nun, er würde es so machen, aber anscheinend waren sich da die Clanführer der Gefahr überaus bewusst. Das bedeutete, dass drei Clanherren dazu stoßen würden, die sich in akuter Unsicherheit sahen – die drei aus dem Süden durchaus auch, auch, wenn sie deutlich entfernter lagen. Was die Katzen anging, konnte er nicht einmal Vermutungen anstellen. Er hatte, von dem Panther vor einigen Tagen abgesehen, noch nie direkt eine Katzenyōkai getroffen. Man mied sich. Raubtiere untereinander handelten so und auch Yōkai. Man mied sinnlose Auseinandersetzungen. Wenn es nicht um mehr ging – wie die Herrschaft über den gesamten Westen.
Shirohito neigte zustimmend den Kopf. „Ja. Das dürfte Keiichis Problem sein.“
Der Hausherr merkte auf. „Neue Gäste, will mir scheinen.“ Isratre stand auf und war buchstäblich nach einigen Schritten den Blicken entzogen.
Tōga sah zu dem Schamanen. „Ich schmeichele mir gewisser Magie – aber das ist ungewöhnlich.“
„Ja,“ bestätigte Makare fast vergnügt. „Auch, wenn ein solches Lob ausgerechnet vom Besitzer des Höllenschwertes unerwartet kommt.“
Handelte es sich etwa bei der Magie der Kaseke um solche aus der Unterwelt? Eher weniger, sonst hätte So´unga doch reagiert? So oder so waren die Kaseke, fast ausgestorben oder nicht, niemand, den man sich zum Feind machen sollte. Er sah beiseite. „Ihr wart bereits öfter hier, werter Shirohito?“
„Ja. Auch wenn man als Kitsune gewisse Zaubermacht mitbringt – ich fände es töricht nicht weiter lernen zu wollen. Und sowohl Isratre als auch der werte Makare sind sehr weise. Und, auch viel älter und damit gelehrter als ich.“
„Man kann nie genug lernen,“ bestätigte Tōga, wandte dann allerdings seine Aufmerksamkeit einer anderen Stelle zu. Der Hausherr kam heran, aus dem dunklen Portal, begleitet von einem Paar, das deutlich Vater und Sohn war. Wölfe. Das musste also dieser Ren Okami sein, der Wolf des Nordens und das andere war sicher sein Erbe. Beide trugen Rüstungen, hatten jedoch die Schwerter abgelegt. Höflich. Beide trugen die braunen Haare zu einem Zopf zusammengebunden, grüne Hosen und ähnliche Kimono unter dem Brustpanzer.
Die anderen Clanherren neigten die Köpfe zur Begrüßung und so tat er es auch, darauf bedacht nicht zu demütig zu erscheinen. Er mochte für diese Männer kämpfen sollen, ihr Heer anführen, aber er war der einzige Daiyōkai in der Runde, soweit er es bislang feststellen konnte. Nun gut. Was der Herr der Kaseke vermochte verheimlichte der hervorragend. Nur etwas an Makare, der dem ja unterstellt war, und auch sonst warnte ihn. Diese kaum einen Meter großen Echsen, so harmlos sie schienen, vermochten einen Zauber zu wirken, der das Höllenschwert zähmte – und ihr Kami war sicher auch hier mehr als anwesend. Respekt und Höflichkeit waren gewiss geboten. Zu diesem Thema... Er fühlte sich tatsächlich beleidigt, Die Wölfe, vor allem der Vater, also Ren Okami, starrten ihn an. Gewöhnlich die Herausforderung zu einem Duell. Er richtete sich etwas gerader auf, blieb jedoch bemüht höflich. „Werter Shirohito, wäre es möglich, dass Ihr mich vorstellt?“
Der Fuchsherr war nicht töricht – und er kannte den Wolf des Nordens diesbezüglich gut. „Natürlich, werter Tōga. Ren Okami ist der Herr der Wölfe des Nordrudels. Man nennt ihn den Wolf des Nordens. Sein Begleiter ist sein Sohn und Erbe, Makoto. - Werter Ren, das ist Tōga aus dem Osten, der Daiyōkai, der nicht nur das Schwert der Unterwelt hütet, sondern sich auch bereit erklärt hat, unser Heerführer zu sein.“
„Ein Hund,“ lautete die Diagnose des Wolfsherrn. „Höllenschwert hin oder her - was ich übrigens nicht sehe....“
„Die Klinge der Unterwelt ist auch nichts, was man in einer Besprechung neben sich lagern sollte,“ warf mit Makare immerhin ein Schamane prompt ein. „So´unga liegt gut gesichert weiter hinten.“
Die Brauen Rens zuckten hoch. „So fürchtet Ihr Euch vor vagen Sagen, mit denen man Kinder erschreckt, Isratre von den Kaseke?“
Makare wollte antworten, schrak jedoch ebenso zusammen wie alle anderen. Denn um Isratre bildete sich etwas, was man nur mit einem sehr starken magischen Feld begründen konnte.
Der kleine Echsenmann zischte mit seiner hellen Stimme: „Ihr wagt es mich inmitten unter den Meinen und meinem eigenen Nest zu beleidigen!“
Ohoh, dachte Tōga nur. Seine Vermutung, die Kaseke könnten bei weitem nicht so harmlos sein, wie sie schienen, war wohl korrekt. Das, was da um den Echsenherrn waberte, war nicht Yōki, aber eine andere Form der Energie. Sehr mächtig. Und für einen Augenblick hatte er das Gefühl gehabt die wahre Gestalt zu sehen. Es war nun nicht gerade so, dass er in seiner Hundeform winzig war und er kannte das Besteck an Zähnen, das es ihm ermöglichte ein ganzes Rind beiläufig im Maul zu transportieren. Nur, genau das war das Problem. Der Kaseke war ihm für einen Moment wie ein Krokodil erschienen, wenngleich unglaublich größer. In diesem Maul würde ER in seiner Hundeform bequem, oder eher nicht, transportiert werden können. Das Ungetüm war bestimmt doppelt so groß wie er selbst. Und Krokodil traf es nicht, er hatte sie schon im Süden gesehen – sie krochen nahe über den Boden, die Beine seitlich und angewinkelt. Der Kaseke wäre auf vier säulenartigen Beinen bestimmt Meter über der Erde gewesen. Was auch immer sie in ihrer wahren Gestalt darstellten – irgendwie war er soeben froh, dass er ihren Gott nicht zu Gesicht bekommen hatte. Und, dass er ihnen nicht nur als Gastfreund empfohlen worden war, sondern auch und ausgerechnet in Begleitung eines Flohs erschienen war. Ein Blick in das Gesicht des Wolfes aus dem Norden verriet, dass auch der soeben wohl zum ersten Mal die wahre Gestalt eines Kaseke gesehen hatte.
Ren hob begütigend die Hand. „Ich wollte Euch nicht beleidigen, werter Isratre, auf mein Wort. Nur, um das Höllenschwert drehen sich Sagen, niemand sah es wirklich. Was macht Euch so sicher, dass der Hund aus dem Osten die Wahrheit spricht und es sich um... nun, um das eine Schwert handelt?“
Da sich der Echsenherr sichtlich um Beherrschung bemühte, übernahm sein Schamane. „Ihr solltet mich kennen, Ren von den Okami. Ich bin durchaus in der Lage die Magie der anderen Welt zu erkennen und einzuordnen. Und, uns in gewisser Weise vorübergehend davor zu schützen. Was tatsächlich nur zu dritt möglich war. Tōga trägt die Last und die Verantwortung dafür. Dass er sich bereit erklärt hat unser Problem anzugehen verdient gewissen Respekt.“
Der Wolfsherr musterte den Daiyōkai. „Hunde tun nie etwas ohne Ursache. Was wollt Ihr dafür?“
Tōga ignorierte die gewisse Beleidigung. Shirohito hatte ja erwähnt, dass der Kerl schwierig wäre. „Einen Hundeclan.“
„Ohiro? Gar Amida? Keiichi könnte beleidigt sein, wenn Ihr ihn ersetzen wollt.“
„Aotsuki.“
Der Wolf zog die Augen zusammen. „Weiße Haare, Eure Augenfarbe...Nicht ohne Grund, nehme ich an.“
„Nicht ohne Grund, Wolf des Nordens.“
„Ich verfüge über zweihundert tapfere Wölfe. Warum sollte ich sie Eurem Kommando unterstellen?“
„Weil sie allein nicht reichen werden um Kurayami zu schlagen.“
„Wölfe beugen sich keinem Herrn und schon gar nicht einem Hund. Unter allen Hundeartigen, und da will ich uns beide zu rechnen, gehört die Macht dem Starken. Stärke ist die Legitimation der Herrschaft.“
„Ich werde mich nicht Fürst des Westens nennen, wie andere. Ich will einen Clan. Und damit wäre ich nur auf Eurer Augenhöhe.“
„Harte und starke Männer werden am Ende siegen, Hund. Unter uns bist du stark oder tot. - Nicht ohne Kampf.“
Was zu beweisen war, dachte Tōga, der einen Fangzahn darauf verwettet hätte, das genau das passieren würde.
Myōga hätte geschworen, dass sein Herr innerlich die Augen verdrehte.
Aber der meinte nur: „Mein Schwert ist versiegelt und ich würde auch nicht den Zufluchtsort der Kaseke zerstören wollen.“
„Kein Schwertkampf. Auch, wenn ich an der Sache zweifle, dass Ihr über das Höllenschwert verfügt.“
„Auch in unser wahren Form....“ Tōga musterte skeptisch den Talkessel.
„Nein. Unsere Menschenform.“
Du dämlicher, arroganter Wolf, dachte Myōga, sprang jedoch eilig hinüber zu dem Herrn der Füchse. Jemand, der sein Schwert aus gutem Grund möglichst nie einzusetzen wagte, besaß nun einmal gewisse Nähkampferfahrung. Gut, es war unbekannt, was der Wolfsherr drauf hatte, aber...
ja, aber.
„Einverstanden, wenn Ihr das auch seid, Isratre von den Kaseke.“
„Ich bin einverstanden, bitte Euch jedoch um etwas Geduld, denn mir will schienen, dass Keiichi von Amida eingetroffen ist.“
Tōga erhob sich. „Vielleicht helft Ihr mir freundlicherweise, Shirohito, die Rüstung abzulegen.“
Ren Okami zog die Augen zusammen, wollte sich jedoch nicht die Blöße geben feiger als sein Gegner zu wirken und winkte seinem Sohn ihm zu helfen.
Da der Kitsune dem Daiyōkai half, der sich anschließend den Kimono aus der Hose zog, sah er doch fragend zu dem kleinen Floh auf seiner Schulter. Und es war ganz sicher im Leben des Shirohito von Kinnosuke das allererste Mal, dass er einem vollkommen verständnislosen Blick begegnete. Dem winzigen Berater war anscheinend klar wieso sich sein Herr nicht nur der Rüstung, sondern auch der Oberbekleidung entledigte – und ihm als doch Krieger und Clanführer nicht. Da gab es nur zwei Worte: lernen, Kitsune.
Tage des Lernens Teil 3
Z
ur gewissen Überraschung gerade der beiden Duellanten kehrte der Echsenherr gleich mit mehreren Besuchern zurück. In dem älteren Hund, der sicher bereits dreitausend Sommer hatte vorüberziehen sehen, war unschwer Keiichi von den Amida zu erkennen. Tōga, der sie alle zum ersten Mal sah, ordnete ihn als Krieger ein, wenngleich deutlich schwächer als ein Daiyōkai. Weitaus interessanter fand er die Katzen. Himiko war eine Kätzin mittleren Alters, aber was ihn als Hund so verblüffte war die Tatsache, dass sie Rüstung trug und auch eine, wenngleich wie bei allen Gästen nun leere, Schwertscheide. Ihr Haar floss tatsächlich in zwei Farben, braunen und weißen Strähnen über ihren Rücken. Ihr Lächeln, das allen Anwesenden galt, war fast amüsiert, ehe sie zwar höflich den Kopf neigte, ehe sie zu ihm blickte, seinen bloßen Oberkörper kurz musterte.
„Ich vermute, da ich Euch nicht kenne, dass Ihr der Hund aus dem Osten seid. Der werte Tōga. Und Ihr scheint ...ebenso wie der werte Ren von den Okami Euch auf ein Duell vorzubereiten. Hier scheint ja bereits einiges los zu sein. - Oh, das ist, die anderen Herren kennen ihn, Naoki, der Anführer meiner Leibwachen.“
Tōga nickte dem dunkelhaarigen Kater in schwarzer Lederrüstung daher durchaus mit gewissem Respekt zu. Wenn die Jitō-Katzen tatsächlich über zweihundert Krieger verfügten, dann war der Kerl beachtenswert – man wurde sicher nicht zum Anführer der Leibwachen einer selbstverständlich sehr einflussreichen Frau, wenn man das nicht verdiente. Interessant wäre freilich, warum die Jitō offensichtlich eine Frau mittleren Alters zu ihrer Anführerin erklärt hatten. Nun, nach der alles andere als kleinen Überraschung mit den Kaseke sollte er behutsamer sein, was die Lage im Westen anging. Und, sich damit befassen, wenn er den Wolf des Nordens dazu gebracht hatte ihn anzuerkennen. So sagte er höflich: „Danke für Eure Vorstellung, werte Himiko von den Jitō, ich bin durchaus erfreut einen tapferen Katzenkrieger … im Westen kennen zu lernen, werter Naoki.“ Myōga hatte ihn gepiekst und so hatte er schleunigst das „im Westen“ ergänzt. Da hatte sein Flohberater recht. Bei diesen hyperstolzen Leuten wäre ein Hinweis, dass er noch nie eine tapfere Katze gesehen hatte, wohl unangebracht. Kampf wäre einfacher als dieses Taktieren zwischen den Gruppen, aber, er hatte es ja nicht einfach gewollt, ein Abenteuer gesucht. Der dunkle, ein wenig grimmig wirkende, Kater neigte höflich den Kopf.
Seine Herrin lächelte. „Ich muss zugeben, als mir der werte Shirohito Daiyōkai-Besuch aus dem Osten und den Herrn des Höllenschwertes ankündigte, war ich nicht auf einen so jungen, gut aussehenden und höflichen Hund gefasst. Was nur bedeutet, dass man sich auch in Daiyōkai irren kann. Dürfen wir uns setzen, werter Isatre?“
„Selbstverständlich, teure Himiko. Und, wie Ihr bereits erkannt habt, wird nun ein Duell stattfinden. - Dort drüben. Meine Leute räumen den Platz.“ Der Hausherr deutete auf eine weite Sandbank, wo sich Kaseke langsam erhoben und weiter gingen.
Es war kein Befehl gegeben worden, stellte Tōga fest. Das hieß wohl, dass sie sich anders verständigten. Auch interessant. „Myōga.“ Nur ein Hauch, aber der Flohgeist landete gehorsam wieder auf der Schulter des Kitsuneherrn, der sein Seufzen sichtlich unterdrückte. Flohgeister gehörten nicht gerade zu den beliebtesten Wesen. Bei dem Weg hinüber dachte er kurz nach. Dieser Naoki blieb hinter seiner Herrin stehen – und war da vermutlich auch nur bei einem direkten Angriff auf diese weg zu bekommen. Sonst diente der als lebender Schild gegen Angriffe von hinten. Leibwächter, das war klar zu sehen. Mehr jedoch sollte ihn selbst der Wolf aus dem Norden interessieren, der sich fast drei Meter von ihm entfernt hielt. Der war sicher kampferprobt, garantiert auch im Nahkampf, sonst hätte der das kaum vorgeschlagen. Allerdings schien keiner zu verstehen, warum er sich auch des Kimono und der kompletten Oberbekleidung entledigt hatte. Nun ja. Das konnte ein Fehler des Wolfes sein – oder Ren war wirklich sehr erfahren. So wandte er sich dem Herrn des Nordrudels zu, der sich ihm in fast fünf Meter Distanz gegenüber stellte, ihn betrachtete, sicher, wie ebenso er auf Kampftaktik und Stärke, aber auch Schwächen des Gegners suchend. Er sah vor allen einen Vorteil bei sich: erstens, er hatte die Grenze zum Daiyōkai übersprungen. Das machte ihn zwar weder unverwundbar noch unsterblich, aber er konnte sein Yōki doch noch einmal erhöhen. Zweitens – da er So´unga alles andere als gern einsetzte, hatte er bislang praktisch alle Duelle Hand zu Hand gekämpft. Und gewonnen. Aber da sollte er sich nicht zu sicher sein. Ren Okami hätte Nahkampf kaum vorgeschlagen, wenn der darin keinerlei Ahnung besitzen würde. Er duckte sich etwas ab, zugegeben, mehr um genau das anzutesten. Prompt senkte der Wolf seine Hände und verschränkte sie vor dem Schritt, um die ohne Panzerung gefährdeteren Weichteile zu schützen. Gut gedacht – aber das bedeutete auch, dass der eine halbe Sekunde oder länger benötigen würde um sie auseinander zu bekommen und empor zu reißen. Die Kehle war so ungeschützt. Wusste Ren das nicht oder wollte der ihn in eine fatale Falle locken? Welche? Ah, er hatte ganz vergessen, wie viel Vergnügen es bereiten konnte sich Halsüberkopf in Ärger zu stürzen.
Es war doch gut gewesen in den Westen zu gehen und vor allem sich für die Aufgabe eines Taishō zu interessieren.
Fast im nächsten Moment stolperte er und fing sich eigentlich nur durch den Griff seines Gegners. Mit einer überaus schnellen Bewegung war der Wolf des Nordens an ihm vorbei gesprungen und hatte im richtigen Augenblick sein Bein geschwungen, ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Lange genug, damit der sich hinter ihn stellen konnte und den Unterarm von hinten um seine Kehle geschlungen hatte, mit der Linken das eigene Handgelenk packte und zudrückte.
Na schön, dachte Tōga mit grimmigem Vergnügen. Er hatte ja wissen wollen, wie stark und fähig Ren war. Und wie erfahren. Nun gut, jetzt wusste er es, denn bereits die ersten Sekunden des Kampfes hatten ihn in Bedrängnis gebracht.
Oder, hätten es, wenn er nicht selbst erfahren wäre.
So zwang er sich die instinktiv aufsteigende Panik zu unterdrücken und wie es einem Daiyōkai ziemte logisch und nüchtern zu handeln. Schlussfolgerung: Der Wolf war stark und erfahren – aber nicht genug um seine Oberkleidung abgelegt zu haben.
So packte er den weiten Ärmel des rechten Arms und zerrte ihn so gut es ging nach vorne um den Druck auf die Kehle zu mindern, während er gleichzeitig etwas in die Knie ging. Nicht aus Luftmangel, wie sein Widersacher glauben würde, sondern um den entscheidenden Zug zu machen.
Sich nach vorne zu beugen und dann die Beine wieder zu strecken, brachte wie erhofft den Wolfsherrn doch aus dem Gleichgewicht. So bückte er sich tiefer, noch immer Rens rechten Arm an der Kleidung fest haltend, zog er mit einer Drehung des eigenen Körpers diesen links neben sich zu Boden.
Natürlich ließ der Wolf los und rollte sich hastig ab, um nicht liegen zu bleiben.
Aber nun war dem Hund aus dem Osten klar, warum sein Gegner den Nahkampf gewählt hatte. Mit diesem netten kleinen Trick hatte der bestimmt schon oft gewonnen. Allerdings meinte er: „Werter Ren, es handelt sich nicht um ein Ehrenduell auf Leben und Tod.“ Falls Ren Okami nicht aufgeben wollte, müsste er dem vermutlich etwas brechen – auch, wenn das rasch heilen würde – ein wahrlich schlechter Anfang als Feldherr gegenüber einem seiner Auftraggeber.
Der kleinere, wenn auch breitere, Wolf entspannte sich. „Das ist wahr, werter Tōga. Ich sah, was ich sehen wollte. Und, so nebenbei, weiß ich nun, warum Ihr Euren Kimono ablegtet.“
Man verneigte sich gegeneinander, dann gingen beide zu ihren Ausgangsplätzen zurück, wobei der Daiyōkai feststellte, dass der Hausherr bereits wieder fehlte. Ah ja, da müsste noch Shirohitos Cousin aus dem Norden kommen, der Herr der dortigen Kitsune. Akiyama, wenn er richtig aufgepasst hatte. Er bückte sich und nahm seine Kleidung auf, ehe er sich abwandte. Mit Himiko war doch eine Frau anwesend und er wollte höflich bleiben, als er das Band seiner Hakama löste um die Oberbekleidung ordnungsgemäß hineinpacken zu können.
Botan von den Azu hielt ihm den Panzer hin, als er sich umdrehte. „Ihr scheint wahrlich nicht nur mit dem ... DEM Schwert gekämpft zu haben. Ich denke, niemand von uns wird uns daran zweifeln, dass Ihr ein ehrbarer Mann und fähiger Krieger seid.“
War das nun die Zusage ihm die Krieger der Clans zu überlassen? Oder nur die der Hunde von Azu? Erst, als sich Botan wieder setzte, bemerkte auch Tōga, dass sich erneut ein Portal öffnete – mit mehr als dem Kaseke-Herrn und einem Kitsune. Daneben schritt ein großer, schlanker Mann in Kriegerausrüstung, noch hochgewachsener als er selbst. Aber, er musste wirklich erst nachdenken, welche Kopfbedeckung der hatte, ehe er erkannte, dass das Enganliegende über dem Schädel kleine Federn waren. Das war ein Vogel! Und, das gab er zu, Yōkai aus der Familie der Vogelartigen hatte er nur selten bis nie gesehen. Er neigte höflich den Kopf. Neue Verbündete mochten hilfreich sein.
„Akiyama.“ Shirohito klang und war verstimmt. Er lud doch nicht seinen Cousin zu geheimen Verhandlungen ein, damit der jeden mitbrachte.
Der Kitsune von Akita konnte sich das denken und deutete auf seinen Begleiter. „Ihr werdet Euch nicht kennen, werte Clanherren und... oh, Ihr seid gewiss Himiko von den Jitō, ich hörte von Euch. Dies ist Shinji von den „Hohen Bergen“. Er ist, wie Ihr alle unschwer sehen könnt, ein Adler, nebenbei einer meiner ältesten Freunde, und er brachte mir Neuigkeiten, die uns alle interessieren könnten. - Ich vermute, Ihr werter Daiyōkai, seid der Grund für dieses Treffen?“
Das galt Tōga, der sich wieder neben Shirohito gesetzt hatte und nun nur ein wenig nickte.
„Tōga-sama, ja.“ Isratre von den Kasuke übernahm es in seiner Rolle als Hausherr den neuen Gästen ihren Platz anzudeuten. „Und ich denke es sollte soeben darum gehen, ob er der Heerführer aller Clans werden kann. Er hat zumindest seinen Willen und Kriegerfähigkeiten bewiesen.“
Das war eine kurze Zusammenfassung, dachte der Hund aus dem Osten, aber es stimmte. Mehr sollten doch die Kitsune unter sich ausmachen. Interessanter, und das viel, war die Frage, was der Adler gebracht hatte, damit Akiyama samt ihm zu einer geheimen Besprechung kam. Aber das dachten wohl auch alle anderen, den es herrschte Schweigen und alle blickten auf Shinji.
Der Vogelherr schien das gewohnt. „Ich breite auch des Öfteren über den Ebenen und Bergen der Ohiro und Aotsuki meine Flügel aus, auch meine Leute. Wir brauchen Bewegung – und, wir fallen nicht auf, wenn wir oben in unserer anderen Form segeln. Die Burg, die Kurayami bauen lässt, wird noch gebaut, auch sind die Bannkreise noch nicht so befestigt, dass ein geübter Kitsune das beseitigen könnte. Etwas anderes erschien mir allerdings wichtiger und so flog ich zu meinem alten Freund. Auf der Ebene des Aotsuki-Clans, mit Weg auf die Berge, erblickte ich einen Trupp Hunde. Ungefähr sechzig. Vierzig Krieger als Geleitschutz, ungefähr zehn Frauen und Diener mit Gepäck als Tross. Neugierig geworden flog ich etwas tiefer, aber die Krieger waren aufmerksam. Dennoch möchte ich Euch zusagen, dass die vordersten zwei Frauen besonders höfisch gekleidet waren, die anderen ebenso sicher Hofdamen. Es dürfte sich um Nyogo, die Gefährtin Kurayamis, und ihre Tochter handeln. Der Weg führte sie eindeutig auf die Berge, noch im Aotsuki-Gebiet. Ich zog in diese Richtung. Dort, am Berg liegt ein Schloss, das dem Clan gehört.“ Er schwieg.
Tōga bemerkte durchaus, dass ihn nun alle ansahen. Ach herrje. War das etwa eine Nebenwirkung der Tatsache, dass er Kriegsherr werden sollte und wollte? Oder war das noch mal eine kleine Prüfung? Er legte die Klauen auf die Oberschenkel und drückte den Rücken durch, als er nachdachte, eine Haltung, die er sich unbewusst angewöhnt hatte, als er begonnen hatte das höllische Schwert auf dem Rücken zu tragen und dennoch nachdenken wollte.
Ren Okami, natürlich, dachte der Daiyōkai fast, meinte allerdings:
„Nun ja, da liegt, wenn ich mich recht entsinne, das einstige Sommerschloss. Dann hat Kurayami wohl seine Ehefrau verbannt.“
„Samt der Tochter?“ Der mehr als fragende Unterton verriet, dass zumindest Keiichi damit nicht so ganz einverstanden war.
Das konnte eigentlich nur kompliziert werden mit dieser zerstrittenen Bande unterschiedlicher Völker, dachte Tōga. Erheiternd. Aber er sagte: „Wenn ich den ehrenwerten Clanführern und Himiko-sama als Taishō sozusagen ein wenig vorgreifen dürfte.... Danke. - Das Schloss, sagtet Ihr, werter Shinji, liegt im Aotsuki-Gebiet. Niemand mit ein wenig Verstand...“ Ups, nur nicht den Wolf beleidigen: „Und so sagtet Ihr, sei Kurayami nicht, verbannt jemand anderes mitten in dessen Heimatgebiet, schon gar nicht als Bluterbin samt Tochter. Der Aufstand der Krieger des Aotsuki-Clans wäre ihm gewiss. Überdies wären in diesem Fall vierzig Krieger zu wenig. Fast tausend zählt dieser Clan, wenn meine Informationen richtig liegen. Ich ziehe aus dem Bericht des werten Shinji zwei Schlüsse – die Burg ist noch nicht fertig, Kurayami also noch nicht bereit zum zuschlagen. Wenn er dennoch Frau und Tochter wegschickt, kann es nichts damit zu tun haben, dass er sie vor einem Krieg in Sicherheit bringen wollte. Da wären sie in seiner Burg bestimmt besser aufgehoben. Folgerung: er hat noch nichts von der Allianz erfahren, will noch nicht zuschlagen. Wir haben also Zeit. Ich würde eher behaupten, er schickt die Zwei in das Heimatgebiet seiner Frau, damit sie sich erholen kann. In den Bergen dürfte das Klima im Sommer doch angenehmer sein als in einer lauten Baustelle am Meer.“
„Das würde bedeuten,“ meinte Botan von den Azu-Hunden: „Dass er sie in soweit schützen will, weil sie eben die Bluterbin ist und womöglich krank … oder schwanger. Sie hat ihm schon drei Söhne und eine Tochter geboren. Das zehrt.“ Kinder nahmen Teile aus dem Youketsu der Mutter, schmälerten deren dämonische Energie und verkürzten damit auch ihr Leben. Die Meisten beschränkten sich daher darauf einen Erben zu erhalten und schonten dann die Gefährtinnen. Nun gut, er hatte das getan.
„Ja, das denke ich auch. Keine Verbannung, aber womöglich ein vierter Sohn.“ Was der Männlichkeit natürlich schmeicheln dürfte. „Das wiederum lässt den Rückschluss zu, dass er, solange sie sich dort befindet, nicht zuschlagen wird. Ich denke, sicher nicht im Sommer. Ich würde daher der Allianz vorschlagen, dass sich jeder nach Hause begibt und ich alle besuchen werde, um zu sehen, wie die Kampfmethoden sind, die Einstellungen, wer mit wem am besten kämpfen kann. Wenn der Herbst kommt... nun, dann sehen wir wo wir stehen und was Kurayami plant.“
„Wir haben keine Spione in der Burg,“ wandte Shirohito ein. „Und sich da selbst als Hund aus einem anderen Gebiet einzuschleusen ist mehr als riskant.“
Der nunmehr anerkannte Inu no Taishō blickte zu dem Adlerherrn. „Ihr breitet doch ab und an die Flügel aus, wie Ihr erwähntet. Wäre es zu viel verlangt, werter Shinji, wenn Ihr mitteilen würdet, sagen wir, hier, dem werten Akiyama, wenn die Damen zurück in der Burg sind? Dann sollte solch eine Ratsbesprechung erneut erfolgen. Und ich werde zusehen, dass ich das Militärische bis dahin bereit habe.“
Der nickte langsam.
„Ein praktikabler Vorschlag,“ erklärte Kano. Der Tanuki sah beiseite. „Wenn alle einverstanden sind, ich für meinen Teil bin es.“
„Es ist ein Plan und damit mehr, als wir bislang alle zustande gebracht haben,“ erklärte Ren Okami mit gewohnter Offenheit. „Einverstanden. Bislang. Im Herbst sehen wir weiter.“
Während sich die Ratsversammlung der Allianz auflöste und Isratre die Gäste einzeln durch das Portal hinaus begleitete, wollte sich eigentlich Tōga an den Kasake-Schamanen wenden um So´unga wieder zu holen, als er bemerkte, dass die Katzendame zu ihm trat, ihren Leibwächter keinen Meter hinter sich. Definitiv genoss der ihr Vertrauen.
So neigte er den Kopf. „Himiko-sama.“
„Tōga... nein, ich sollte wohl Euren neuen Titel nennen. Werter Taishō. Ihr seid ein sehr interessanter Mann. Ein Hund mit einem Floh...“
Er war nicht überrascht, dass sie den Sprung des Winzlings bemerkt hatte. Umsonst wurde man kaum Anführerin eines Katzenclans.
„Und, ehrlich gesagt, der Erste unter allen Hundeartigen, der nicht vor mir zurückzuckte, so als Frau. Geht es Euch nur um den Sieg und Eure Belohnung als Clanführer? Heimat zu finden?“
Vorsicht, Falle. Nur, welche. „Was sollte ein streunender Hund besser wünschen.“
„Verzeiht. Es lag nicht in meiner Absicht Euch zu beleidigen. Die Sitten im Osten sind anders, das weiß ich.“ Sie sah zu Makare und der kleine Echsenschamane eilte schon mal in die Schlucht voraus. Erst dann meinte sie: „Ihr macht auf mich einen sehr ruhigen und sachlichen Eindruck. Wenn Ihr mehr wollt als die zweihundert Krieger, solltet Ihr allerdings auch bereit sein ein Opfer einzugehen.“ Sie sah durchaus, wie sich die goldenen Augen etwas verengten, er nach dem versteckten Sinn suchte. So erklärte sie: „Als mich Shirohito fragte, ein sehr guter Nachbar, sagte ich ihm, dass ich für den Fall der Fälle, wir verbündet wären … zweihundert Krieger schicken würde.“
Sie hatte bestimmt auch Magie. Nur, welche? Was bot sie ihm so versteckt an und was wollte sie dafür? Nun, er war nicht Taishō geworden um bei der ersten, nein, zweiten Schwierigkeit mit einem Auftraggeber zurückzuschrecken. „Was wollt Ihr wofür.“
„Sehr direkt. Nun ja, Ihr seid eben auch ein Hund. - Zweihundert Jitsou sind Mitglieder in unserem Kriegerorden.“
Tōga hätte fast zu tief Atem geholt. Das war ganz und gar nicht das Gleiche. Das hatte der Kitsuneherr sicher nicht gewusst. Krieger in einem Kriegerorden bedeutete die Elite der Kämpfer – bei weitem nicht alle, denn es war kaum davon auszugehen, dass sich der gesamte Clan im Orden befand. Sie bot ihm gerade ihre Elitetruppe plus.. an. „Und die Gegenleistung?“
Himiko lächelte das feinste Katzenlächeln. „Ich bin entzückt, wie schnell Ihr versteht. - Dafür möchte ich einmal herausfinden, wie ob ein Daiyōkai, noch dazu ein Hund, so ausdauernd ist, wie behauptet wird.“
Diesmal dauerte es doch einen Moment länger, ehe der so Angesprochene begriff. Er sollte mit ihr... und erhielt dafür zweihundert Elitekämpfer plus andere Krieger. Er hatte zugesagt der Feldherr der Allianz zu sein, Kurayami zu besiegen. Das war ein sehr gutes Angebot und es war eben ein Preis zu bezahlen. Niemand, der das Schwert der Unterwelt trug, tragen musste, hatte nicht gelernt, dass alles immer etwas kostete. Immerhin hockte Myouga noch drüben bei Shirohito, sonst hätte der ihn bestimmt gewarnt. „Einverstanden,“ sagte er ohne Widerwillen.
Die Katzendame senkte höflich den Kopf, ehe sie meinte: „Ich bewundere Eure Konsequenz. Aber dies ist nicht nötig. Hättet Ihr Euch geweigert einen persönlichen Preis zu bezahlen, hätte ich mich aus der Allianz zurück gezogen. Die Jitō sind nicht feige, aber sie wollen auch niemandem folgen, der vor dem Preis des Kommandos zurückscheut. Komm, Naoki.“
Sie ging und ließ den nominellen Taishō aus gleich mehreren Gründen sprachlos zurück.
Als er sich endlich umdrehte um dem Echsenschamanen zu folgen, zuckte er fast ein wenig die Schultern. Er hatte ja auf ein Abenteuer gehofft – und bislang lief doch alles gut... Das sollte er nicht denken, dachte er noch, als er erkannte, dass Makare ihm entgegenlief, so rasch die Beine ihn trugen. Er starrte den kleinen Kaseke an. War doch etwas mit dem verdammten Schwert?
„Er redet!“ keuchte der Schamane.
Oh. „Hat dir der Geist des Höllenschwertes etwa die Weltherrschaft versprochen? Das macht der bei allen.“
„Nein, ich glaube nicht, dass das der Geist eines Höllendrachen ist.“ Makare atmete tief durch. „Ich weiß nicht, was da geschehen ist, wirklich nicht. Er ist, klein, weiß und alt, nun, so sieht er aus, und er behauptet er sei der Geist der Scheide. Davon hattet Ihr nichts erwähnt.“
„Nein, weil es den nicht gibt. - Oder gab....Komm.“ Er beschleunigte seinen Schritt, so gut der Kaseke mit ihm mithalten konnte. Das musste er sich wohl oder übel ansehen. Makare hatte jedenfalls ein schlechtes Gewissen. Aber, vielleicht war das alles auch nicht so schlimm wie gedacht? Die Scheide So´ungas war extra dazu erschaffen worden den innewohnenden Höllendrachen daran zu hindern eigenständig diese Hülle zu verlassen. Hatte sich diese unter der dreifachen Magie nun personifiziert? Das würde gehen. Der ärgere Part wäre es, wenn sich das Schwert selbst manifestiert hätte, womöglich in einer harmlosen Hülle. Dann sollte er sich von der neuen Aufgabe zurück ziehen, die Gefahr für alle anderen wäre zu groß.
Der Daiyoukai erstarrte, als er einen kleinen, weißen Geist über dem Wasser des Kami, wo das Höllenschwert unter dem Bannkreis liegen sollte, schweben sah. Ein alter, weißhaariger Mann mit ebensolchem Bart – und definitiv keinem Unterleib, der wohl irgendwo im Wasser Kontakt zu der Scheide hatte. Nun, beim besten Willen konnte er sich nicht vorstellen, dass der Höllendrache sich derart winzig und unperfekt darstellen würde, harmlose Hülle hin oder her. So blieb er stehen, erst recht, weil der kleine Geist beide Arme ausbreite und ihn ansprach, nein – rief.
„Oyakata-sama! Was bin ich froh Euch endlich einmal sehen zu dürfen! Ich habe Euch ja immer nur gehört oder geistig gespürt. Ihr seht ja fast so aus, wie ich mir Euch vorgestellt habe!“
Was? Der Kerl hatte in seinen Gedanken rumgeschnüffelt? Der Taishou zwang sein Youki zurück. Hatte der ja müssen, wenn er, nun, sie beide, an So´unga gebunden waren. „Und, wer bist du?“ erkundigte er sich nur.
Der alte Mann lächelte, noch immer die Arme ausgestreckt. „Naja. So ganz genau weiß ich es nicht. Aber ich bin die Scheide des Höllenschwertes. Also, der Geist davon. Ihr könnt mich Saya nennen. Und, wo ist eigentlich Myouga? Ich bin sicher, wir können uns gut unterhalten.“
Der frischbackene Heerführer atmete tief ein. Nun ja, allein würde er wohl nie wieder sein... „Nun, gut, lösen wir den Bann, Makare.“
Der Herr der Adler hatte sich nicht getäuscht. Eine Gruppe an Hundeyoukai wanderte gen Osten, in Richtung auf die Berge, die sich hier bereist fast tausend Meter aus der Küstenebene erhoben. Voran zwanzig bis an die Zähne bewaffnete Krieger, deren Hauptmann seit zwei Tagen stolz den Titel eines Generals trug. Danach folgten zwei Frauen, die sichtbar Mutter und Tochter waren, beide gehüllt in kostbare und steife Kimono. Nur, wo die Jüngere die weißen Haare nach Mädchenart offen trug, waren sie bei der Älteren mit Schildplatt und Perlen strikt empor gesteckt, was sie zwang den Kopf ebenso aufrecht zu halten wie der steife Brokatobi ihren Oberkörper. Dahinter folgten Hofdamen, acht an der Zahl, deren Kimono nicht nur weniger Lagen besaßen, sondern auch deutlich weniger bestickt waren. Zehn Diener trugen Truhen, dann folgten noch einmal zwanzig Hundekrieger.
Die Fürstentochter warf einen Blick beiseite, aber ihrer Mutter schien das Tempo, das dieser General anschlug, nichts auszumachen. Nun, schien es, denn Kazari wusste quasi von Geburt an, dass es mehr als unklug war als Frau in Gesicht oder Handbewegung, ja nicht einmal in einer Falte der Kleidung, Stimmung oder gar Laune zu verraten. Es war schwierig in der Wärme des Frühsommertages in derartiger Geschwindigkeit über die Ebene zu gehen, zumal mit den Geta und den mehrlagigen Kimono aber das war eben so. Und der grimmige Hauptmann, nein, General, hätte auf eine Beschwerde einer Frau sowieso nicht gehört. Er hatte den Befehl seines Herrn und Fürsten und den zog er durch. Überdies, das wusste sie auch, was scherten einen Mann denn weibliche Probleme. Eine Frau hatte alles in ihrem Leben stumm zu erdulden. Mutter hatte ihr allerdings mit gewissen Schmunzeln verraten, dass sie beide zusammen den ganzen Sommer im Schloss der Kraniche verbringen durften. Kazari wusste nicht genau den Grund, aber wenn sie nun sah, wie ihre Mutter abermals die sonst in den Ärmeln verschränkten Hände auf ihren Bauch legte, die Schwankung im Youki fühlte, so war sie nun sicher, dass Mutter erneut einen Welpen erwartete. Sie hatte ihren Gemahl bereits mit drei Söhnen und einer gesunden Tochter beglückt, so dass er nun wohl nachsichtig genug war ihr Entspannung und Ruhe zu gönnen.
Und, da war Kazari sicher, sie würde in diesem Sommer noch viel lernen können. Auch, wie man rasch einen Erben zur Welt brachte. Jedenfalls hatte Mutter ihr gesagt, das würde der wichtigste Sommer ihres Lebens werden. Denn danach würde sie verheiratet werden, und ohne den mütterlichen Rat auskommen müssen, der, da war sie ebenso sicher, ihr bislang manch harte Strafe erspart hatte.
Sie warf einen Blick beiseite. Die Fürstengemahlin bemerkte es, sicher, denn sie zog eilig den Fächer aus der Ärmeltasche. Noch geschlossen deutete sie in einer charakteristischen Handbewegung nach vorne – auf die Krieger – und nach hinten – auf die Damen. Ja, das kannte sie. Mutter wies damit immer darauf hin, dass sie behutsam sein mussten. Jedes Wort, jede Bewegung wurde an den Herrn weitergegeben.
So meinte sie nur: „Warum heißt das Schloss der Kraniche? Wisst Ihr das, haha-ue?“
„Nein. Ich war nur einmal dort, einen Sommer vor langer Zeit.“ Mit Eltern und Großeltern, aber das mochte Kyogo nicht sagen. Sie hatte gelernt behutsam zu sein, denn sie wollte am Leben bleiben. „Wir werden, denke ich, noch in der Abenddämmerung ankommen. Das wäre schön, denn dann könnten wir heute Nacht noch zusammen meditieren. Ich werde dir zeigen, wie man das Youketsu besser bindet. - Das ist sehr wichtig, für allerlei, aber auch, um einen gesunden Welpen zu bekommen.“ Der geschlossene Fächer wurde rasch an die bepinselten Lippen gelegt und die Tochter begriff, dass für sie das „allerlei“ wohl ebenso wichtig sein würde wie die Information, wie man einen Welpen, vorzugsweise natürlich männlich, bekäme. Sicher ein Sommer des Lernems für sie.
Tage des Sommers 1
A
ls Kazari die Berge aus der Ebene vor sich aufsteigen sah, war sie etwas überrascht. Sie hatte die Burg ihres Vaters noch nie verlassen dürfen – diese ewige Baustelle voller Lärm. Am meisten Ruhe gab es da noch im privaten Garten, wo sich die Frauen aufhalten konnten und selten genug auch Vater abends dazu kam. Berge dieser Höhe hatte sie noch nie gesehen. Nun gut, was hatte sie schon gesehen, auch, wenn Mutter ihr gesagt hatte, die Landschaft um das Schloss der Kraniche sei ganz anders als sie es kennen würde. Das glaubte sie nun. Und es gab noch eine Überraschung für die so zurückgezogen lebende Fürstentochter – auf einem Hügel vor den eigentlichen Bergen erhob sich ein Schloss ohne Mauern. Deutlich kleiner als die Burg ihres Vaters, dafür etwas, was sie noch nie so gesehen hatte. Aus der Ebene hinauf in das Schloss führte eine große, breite Treppe, auch daneben noch mit Stufen bedeckt. Oben befand sich, das war im Näherkommen eindeutig zu sehen, eine Art Terrasse, von der aus noch einmal zwei oder drei Stufen zu der umlaufenden Veranda führten und dem eigentlichen Portal des Schlosses. Dahinter erkannte sie Bäume, die sich deutlich von denen der dahinter liegenden Berge unterschieden – bestimmt ein Garten. Insgesamt gesehen war das Schloss der Kraniche so auf den Hügel gesetzt, dass es mit der dahinter liegenden Umgebung praktisch eine perfekte Einheit bildete.
Sie hätte fast vergessen weiter zu gehen und nur das missbilligende Schnalzen ihrer Mutter machte sie auf diesen Fehler aufmerksam.,
Das Gebäude selbst war aus Holz, mit roten Säulen, weiß gestrichen und anscheinend mit Gold verziert, Seitenflügel und Haupthaus von einem weiten, geschwungenen Dach bedeckt. Es wirkte altmodisch, aber auch faszinierend auf die junge Fürstentochter. Von der Terrasse aus musste man einen weiten Blick haben. Hoffentlich durfte sie sich das angucken.
„Das Schloss der Kraniche,“ meinte Kyogo leise, sich wie stets keine Gefühle anmerken lassend. In diesem Fall war es Wehmut. Sie war nur einmal hier gewesen, einen wunderschönen Sommer lang, mit Eltern, Großmutter … Vergangen, aber nicht vergessen. Sie sah auf. „General?“
„Kyogo-sama?“ Er blieb stehen. Natürlich war sie nur eine Frau, aber eben die Frau seines Herrn und der würde, zumal, wenn sie nach drei Söhnen erneut schwanger war, ihre Beschwerde über einen unhöflichen Militär gewiss hören.
„Ihr sorgt bestimmt für die Sicherheit, aber ich würde dennoch gleich die Wohnräume herrichten lassen.“
„Natürlich.“ Er winkte etwas und die Fürstengefährtin winkte ihrerseits den Damen und dem Tross, die Stufen empor zu gehen.
Nyogo sah beiseite. „Komm, Kazari.“
Die Fürstentochter bemühte sich die steilen Stufen mit der gleichen Eleganz wie ihre Mutter zu besteigen, aber diese Treppe war schon lang, beeindruckend. Als sie allerdings oben auf der Terrasse stand und sich umsah, atmete sie tief durch. Bei allem.... Sie liebte diesen Ausblick, sie liebte es hier zu stehen und, wenn sie je einen Wunsch in ihrem Leben haben dürfte, so würde sie sich wünschen in alle Ewigkeit hier zu stehen und in die Landschaft zu blicken. Es müsste wundervoll sein auf einem Sessel vor dem Schloss zu sitzen und diese Ebenen zu bewundern. Nun ja, erkannte sie dann nüchtern. Es war ein Wunschtraum. Die Realität war, dass sie nur zu bald verheiratet werden würde. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Vater ihren Ehemann auch nach dem Alter aussuchte und der ihr nicht zuwider wäre. Wobei ihr natürlich bewusst war, dass sie solche überstiegenen Hoffnungen nicht hegen sollte. Eine Frau musste eben stumm erdulden. Aber, dieser Anblick... Oh, was sie nur tun würde, um hier einsam zu sitzen und...
„Du kannst hier bleiben,“ erwähnte ihre Mutter, die durchaus den Blick bemerkt hatte. „Ich komme dann wieder. Der Vollmond wird bald aufgehen und dann werde ich beginnen mit dir zu üben. Wenn eine Dame mit dem Kissen kommt, lasse dich nieder und suche dein Yōki.“
Kazari senkte gehorsam den Kopf. Ja, das musste sie lernen. Mutter hatte drei Söhne zur Welt gebracht, erwartete womöglich den vierten – sie musste einen bekommen, nur dann war sie einigermaßen sicher. Die Ehre einer Frau hing an der Zahl der Söhne, die sie gebären konnte. Töchter oder gar Kinderlosigkeit endeten nur zu leicht im Tod.
Aber dieser Ausblick... Sie ahnte, warum der Name dieses Schlosses nach den Kranichen gewählt worden war. Nur einmal war ein Zug dieser imposanten Vögel über Vaters Burg gestrichen, aber sie hatte da erklärt bekommen, dass sie den Winter über in diesen Gegenden verbringen würden, den Sommer jedoch ganz wo anders, weit jenseits des Meeres. Vermutlich war das Kommen und Gehen dieser Kraniche auch hier der Zeitpunkt gewesen, an dem die Yōkai das Sommerschloss bezogen und verließen. Sie bemerkte, wie eine der Damen, Inuko, ihre Kinderfrau, ein besticktes Kissen heranbrachte und vorn an den Rand der Terrasse legte. „Danke,“ meinte sie daher höflich, durchaus sich bewusst, dass die alte Hundedame ihrer Mutter bei ihrer Erziehung gerade in Welpentagen recht behilflich gewesen war. Natürlich war sie nicht gerade deren Freundin. Haha-ue hatte oft genug erwähnt, dass eine Frau ihres Ranges sich das nicht leisten könnte. Aber Kazari konnte es nicht ändern, dass sie sich ab und an daran erinnerte, wie sie sich früher in das Fell der Hofdame gekuschelt hatte, wenn Mutter wegen der Geburt ihres jüngsten Bruders sich zurückgezogen hatte. Tomi war nur einhundert Jahre jünger als sie, die anderen beiden Brüder deutlich älter. Sie ließ sich auf dem Kissen nieder, drehte sittsam die Fußspitzen ineinander, legte die Hände wechselseitig in ihre Ärmel und rundete mit geneigtem Kopf die Schultern, so, wie sie gelernt hatte, dass sich eine Fürstentochter benahm.
Inuko legte zufrieden mit ihrer Schülerin ein zweites Kissen neben sie. „Kyogo-sama wird gleich kommen.“ Sie ging eilig wieder die zwei Stufen hoch zur Veranda, dann ins Schloss. Auch für die Damen war ein solcher Ausflug, noch dazu den gesamten Sommer lang, eine seltene Abwechslung, die ihre Ehemänner ihnen nur ungern gewährt hatten. Aber da der Herr seiner Frau diesen Urlaub genehmigt hatte, hatte selbstverständlich keiner seiner Vasallen oder Hauptleute Einwände gehabt. Dies hätte schließlich Kritik am Fürsten und dessen Entscheidung bedeutet. In aller Regel ein letzter Fehler.
Als Kyogo wieder auf die Terrasse trat, warf sie einen Blick zum Himmel, ehe sie zu ihrer Tochter ging, die geradezu mustergültig saß. So nahm sie daneben Platz. Dabei sah sie sich kurz um. Natürlich waren ihr zwei Damen gefolgt, die sich nun oben auf der Veranda niederließen – weit genug weg um leise sich miteinander unterhalten zu können, nah genug, um genau jede Regung der beiden Damen beobachten zu können. Die Fürstengefährtin wusste nur zu gut, dass ihr Ehemann später von ihnen Bericht verlangen und erhalten würde. Seit ihrer Heirat hatte sie entsprechend aufgepasst und sich nichts zu schulden kommen lassen. Leise meinte sie, während sie bereits ihre eigene Energie suchte: „Lege deine Klauen auf die Oberschenkel. Wir werden die Hände noch brauchen. - Es ist heute Vollmond und ich werde es nutzen dich in die Magie einzuführen.“
Kazari war ein wenig überrascht, zeigte es jedoch nicht. Sie kannte natürlich Magie, jeder Yōkai wurde damit geboren und konnte über seine körpereigene Energie auch manches bewirken. Manche eben mehr, wie Kitsune, andere weniger. Aber etwas Neues zu lernen versprach Abwechslung und Innovation und das machte sie neugierig.
„Du und ich tragen beide eine blaue Mondsichel auf der Stirn. Das... das war einst das Kennzeichen der Frauen der Herrschaftsfamilie des Aotsuki-Clans, der seinen Namen auch daher bezog. Vor langer Zeit brachte meine Großmutter dies in die Familie. Sie stammte väterlicherseits von einem Hundedämon ab, auf dem Festland. Ihre Mutter jedoch war die Mondgöttin.“ Kyogo sah, dass ihre Tochter fast zusammenzuckte. „Ja, hierzulande ist der Mond einem Mann anvertraut, auf dem Festland jedoch einer Göttin. Meiner Großmutter zu Ehren wurde der Clan umbenannt. Sie brachte die Macht des Mondes mit, Mondmagie. Diese vererbte sich auf ihre Tochter, meine Mutter, dann auf mich und auch auf dich.“
„Nur Frauen.“
„Ja. Nur in der weiblichen Linie. - Als mich dein Vater heiratete, nahm ich an, dass es auch um dieser Magie willen wäre. Aber er verlangte es nie von mir und ich glaube ihm war das nicht einmal bewusst. Hüte also auch du dich. Siehe zum Mond auf. Heute ist er voll, aber die volle Macht unserer Magie erscheint, wenn die Sichel der entspricht, die wir auf der Stirn tragen. - Wir werden nun dich dem Mond vorstellen und versuchen den Kreis zu schließen, den zwischen der göttlichen Magie des Mondes und unserem Yōki. Das wird dich vorbereiten, wenn wir den Sommer über das üben werden. Offiziell natürlich, damit du dein Yōki festigst.“
„Darf ich zuvor Euch noch eine Frage stellen, haha-ue?“
„Nun?“
„Die Mondsichel ist das Zeichen der Magie des Mondes, der Frauen,“ sagte Kazari leise. „Aber, verehrte Mutter, dann wird nie ein Mann mit diesem Zeichen geboren?“
„Die Legende, die ich von meiner Großmutter hörte, besagt, dass das dann die Vollendung sei, die Perfektion. Unerreichbar. Gib dich nicht der Illusion hin, dass dein Sohn das werden könnte. Dein Vater ist ein Daiyōkai und doch trägt keiner seiner Söhne dieses Zeichen, ja, sie alle haben nicht einmal das weiße Haar mitbekommen. - Jetzt konzentriere dich auf den Mond und suche dein Yōki. Wenn die Strahlen dich erreichen, versuche in dir den Kreis zu schließen. Das kann man nur spüren, nicht erklären.“
Kazari gehorchte, ohne den unwillkürlichen Wunsch unterdrücken zu können. Wenn sie einen Sohn zur Welt bringen könnte, der perfekt war, würde ihr Ehemann ihr vielleicht einen Wunsch gewähren und ihr dieses Schloss … Sie schalt sich gleichzeitig. Wie töricht von ihr. Vater war ein Daiyōkai und doch war es keiner ihrer Brüder. Wie sollte ein Ehemann sein, dem das gelang? Überdies – brachte sie einen Erben zur Welt hatte sie nur ihre Pflicht getan, nichts besonderes. Aber es würde sie ein wenig schützen.
„So ist es gut,“ meinte Kyogo leise. „Und denke daran: diese Magie ist zum Schutz da, nicht zum Krieg. Sie mag dir ungewöhnlich vorkommen, vielleicht beißend am Beginn, aber du wirst dich daran gewöhnen. Sie wird dir helfen Bannkreise zu legen, andere als die, die ein Yōkai errichten kann. Lenke deine Energie auf den Mond, sieh ihn an und hebe die Hände zu unserer Schützerin.“ Ihre Großmutter hatte gesagt, als sie sie eingeweiht hatte, dass die Magie das erste Mal ein Mädchen reinige, darum brennend sei. Aber Kyogo wusste nicht ob das stimmte. Überdies wollte sie ihre Tochter auch nicht verschrecken. Vor der lag sowieso wie vor jeder Frau ein harter Weg, wenn sie in fremde Hände weggegeben und verheiratet würde.
Seltsam, dachte Kazari, wie warm sich die Strahlen des Mondes plötzlich anfühlten. Fast, als ob es Finger wären, die über ihr Gesicht strichen. Nun, zumindest nahm sie an, dass es sich so anfühlen würde. Niemand hatte je ihr Gesicht berührt, sie wurde allgemein kaum berührt. Ihre Mutter, ja. Haha-ue hatte sie als Welpe an der Hand gehalten, heute berührte sie nur mehr ihren Arm, oft genug auch mit dem Fächer um sie auf etwas hinzuweisen oder zu tadeln. Natürlich auch die Hofdamen, wenn sie ihr beim Ankleiden halfen – aber ihr Gesicht? Nein, nie. Das wäre wohl ihrem Ehemann vorbehalten, ebenso wie jede Berührung ihres Körpers. Sie war geboren dazu einem Mann zu dienen, das war ihr bewusst. Und doch, wie warm der Mond war... Magie, erkannte sie dann. Fremde Magie. Und so suchte sie gehorsam nach der eigenen um den Kreis zu bilden, der angeblich in ihr angelegt war. Ein Kreis, der zwei gegensätzliche Welten vereinte, die einer Göttin und die eines Yōkai. Warum das wohl einst möglich gewesen war? Und dann auch noch nur für Frauen, die doch dazu geboren wurden keinen eigenen Willen haben zu dürfen, keine eigene Meinung...
Magie. Ihre eigene und die so fremde, die ihr irgendwie übertragen wurde. Zauber zweier Welten...
Ja, sie würde in diesem Sommer viel lernen und sie war ihrer Mutter sehr dankbar. Noch mehr als bislang.
Der alte Hundeyōkai starrte seine Besucher etwas missmutig an, ehe er sagte: „Nun gut, ich sollte wohl dir danken, Akiyama, Kitsune meines Vertrauens. Da ich in die Allianz eingewilligt habe, Tōga, seid mir willkommen und Gast der Hunde von Amida. Ich habe wenig Grund zur Begeisterung einen Daiyōkai meines Volkes zu sehen.“
Das konnte schwierig werden, dachte der so widerstrebend begrüßte Daiyōkai aus dem Osten. Aber genau das machte ja Spaß. „Ich verstehe, ehrenwerter Keiichi, dass ihr wohl mit Daiyōkai unseres Volkes, so selten sie auch sind, wenig erfreuliche Erfahrungen gemacht habt. Dennoch würde ich, Euer Einverständnis, und das des ehrenwerten Akiyama natürlich vorausgesetzt, gern mit Euch ein wenig die Lage besprechen.“
„Dass Ihr Euch den Inu no Taishō nennen lasst?“
Der Kerl war mit bei den Kaseke gewesen und sollte eigentlich auf dem Stand der Dinge sein. Was also war hier los? „Dass ich von einigen Clans des Westens angefragt wurde eben das zu sein.“ Und dieser dumme Hund war doch einverstanden gewesen?
Keiichi von den Amida seufzte etwas. „Wenn es stimmt, was ich hörte... Meine Bitte um Verzeihung, Akiyama-sama, aber … nun ja. Das ist etwas, was unter Hunden bleiben sollte.“
Der Herr der Kitsune von Akita nickte nur. „Natürlich. Mein Wort bürgt für den Taishō.“
„Ich danke Euch,“ meinte Tōga. Ohoh. So froh Keiichi doch eigentlich sein sollte Hilfe gegen den übermächtigen Nachbarn des Ohiro-Clans zu bekommen, so zweifelnd war der. Altersweisheit? Er sollte nicht urteilen, ehe er Keiichis Sicht der Dinge gehört hatte. Denn bei den Kaseke war der doch eigentlich einverstanden gewesen? „Aber auch ich sehe mich nur als Gast des Amida-Clans, Keiichi-sama, gleich, was Ihr sonst vermuten mögt.“ Während sich der Fuchsherr von Akita nur höflich verneigte, ehe er ging, warf der frischgebackene Feldherr der Allianz einen zweiten Blick um sich. Das Gebiet der Hunde von Amida bestand hauptsächlich aus einem weiten Tal in Nord-Süd-Richtung, das ein breiter Fluss geschaffen hatte, der nun, auf dem Höhepunkt des Sommers ausgetrocknet war und nur noch einen Bruchteil Wasser über den Kies laufen ließ. Seitlich davon lagen Wiesen, die langsam vertrockneten, daneben stiegen Berge auf, nach Westen hin niedriger, nach Osten hin höher, dicht bewachsen mit Bäumen. Der letzte Hundeclan im Norden, den der Herr von Ohiro noch nicht übernommen hatte. Die Azu im Süden waren auch noch selbstständig, aber das war es auch schon. Und Keiichis Gebiet lag wie ein Keil zwischen den mächtigeren Nordvölkern der Wölfe um Ren Okami und der Füchse von Akita. Ideal, um diese zu trennen und sich ein kleines, aber strategisch wichtiges Gebiet zu schnappen. Wenn der selbsternannte Fürst des Westens auch nur einen Hauch von Taktik kannte, war das das nächste Ziel. Und Keiichi sollte das wissen. Er hatte doch mindestens fünftausend Sommer gesehen, viele davon als Clanführer. Warum also war der so missmutig, ja, misstrauisch? Moment. Was hatte der gesagt? Es solle unter Hunden bleiben? Es ging folglich nicht um die Allianz, sondern eher etwas anderes. Er sollte behutsam sein. Immerhin war er kurz zuvor erst bei den Füchsen in Akita gewesen, davor bei den Wölfen des Nordrudels. Beide verfügten jeweils über mehr als zweihundert Krieger, die Kitsune allerdings kaum die Hälfte davon Schwertkämpfer. Aber auch Fuchsmagie war in einem Kampf hilfreich, zumal, wenn sie Feuerzauber einsetzten. Der Clan der Hunde hier sollte nur über knapp fünfzig Kämpfer verfügen und es stellte sich ihm als Taishō durchaus die Frage, warum Kurayami hier noch nicht zugeschlagen hatte. Amida war doch eigentlich eine sichere Beute, wenn ihm zweitausend Krieger zur Verfügung standen. Oder war es eben genau das? So sicher geglaubte Beute, dass man warten konnte? Oder hatte der selbst ernannte Fürst doch von der Allianz Wind bekommen und wollte eine zu frühe Konfrontation mit den Clans des Nordens meiden? Immerhin gab es hier doch, mit den streunenden Wölfen, die jedoch, so hatte es Ren Okai versichert, im Kriegsfall zu ihm stehen würden, fast tausend Krieger, alles in allem.
Keiichi strich sein schwarzes Haar zurück, dessen graue Strähnen sein Alter anzeigten. Er war recht beleibt, gerade für einen Hundeyōkai, und selbst in der Menschenform hingen die Ohren fast bis auf die Schultern herab, nicht so eng anliegend und spitz wie die seines Besuchers. Allerdings trug auch er die Markierungen im Gesicht, in grün, die die Wangenknochen betonten. „Seid mein Gast, daran soll kein Zweifel bestehen. - Ich habe zugestimmt, der Allianz zugestimmt, und damit Akiyamas und Shirohitos Wunsch befolgt. Auch, wenn ich meine erheblichen Zweifel habe.“
Das war kaum zu überhören. „An der Allianz oder mir als Taishō.“
„Beides.“ Keiichi atmete tief durch. „Ich möchte Euch nicht beleidigen. Ihr wurdet gebeten dieses Amt zu übernehmen, aber Ihr kommt aus dem Osten und wisst wohl einiges nicht. - Zum Einen: seht Euch um. Dieses Tal gehört seit Jahrhunderten, Jahrtausenden, meinem Clan. Glaubt Ihr wirklich, wenn Fürst Kurayami mit seinen Männern hier einfällt, dass sich jemand wie Himiko von den Jitō oder auch nur Nachbar Ren Okami dafür interessiert? Nein. Sie werden zusehen, dass sie sich und ihre Familien schützen. Und ich, ich werde mich dem Fürsten zu einem Duell stellen.“
Äh, lebensmüde? „Er ist ein Daiyōkai.“
„Ja, und ich nicht. Natürlich werde ich verlieren, aber mein Gesicht und das meiner Familie ist gewahrt. Das ist es. Das zählt mehr.“
„Ich verstehe das durchaus, Keiichi-sama. Ich verstehe allerdings nicht, warum Ihr dermaßen an der Allianz zweifelt, ihr dennoch aber beigetreten seid.“
„Was soll ich denn tun, wenn die Nachbarn mitmachen? Ich bin kein Krieger, auch, wenn ich Rüstung und Schwert trage und damit umgehen kann, Taishō, keiner meines Volkes ist das.“
„Aber Ihr zweifelt auch an mir persönlich.“
Der alte Hundeyōkai drehte sich etwas ab. „Ihr tragt das Höllenschwert, scheint es zu beherrschen. Welches Ziel hat ein Mann, dem das gelingt?“
„Ich sagte es. Den Clan von Aotsuki.“
„Ihr seid ein Daiyōkai. Ein Daiyōkai der Hunde. Soweit ich lernte, wir alle lernten, ist jemand, der diese Schwelle übersprang nicht mit so wenig zufrieden.“
Ein tiefes Durchatmen. „Ihr glaubt, ich könnte der Nächste sein, der sich als Fürst bezeichnet? Als Herr des Westens? Ich würde Euch doch dringend bitten mich nicht mit jemandem wie Kurayami zu vergleichen, Daiyōkai hin oder her. Ich sagte, und ich stehe zu meinem Wort, dass ich mich niemals Herr des Westens aufspielen werde. Ich bin der Heerführer der Hunde. Der Inu no Taishō. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Und das bleibe ich. - Keiichi-sama, Euch ist klar, dass Ihr allein niemals gegen die Clans der Ohiro und Aotsuki bestehen könnt. Gemeinsam können alle Clans ihre Sicherheit und ihre Selbstständigkeit wahren. Das wisst Ihr auch. Kurayami wird hierher kommen. Diesen Herbst oder im Frühjahr, womöglich auch erst in Jahren. Aber er wird kommen, denn das Tal von Amida ist ein ideales Aufmarschfeld gegen die Wölfe und Füchse des Nordens. Das wissen Ren und Akiyama auch.“
Der alte Hund betrachtete den deutlich jüngeren Besucher. „Verratet Ihr mir etwas, Taishō? Wie wird man ein Daiyōkai.“
Der Heerführer der Allianz hob überfragt die gepanzerten Schultern. „Um ehrlich zu sein weiß ich es nicht. Kraft und Stärke, viele Kämpfe, ja, aber das ist nicht alles. Magie, aber noch etwas. Vielleicht auch die Eltern, mein Vater hatte ebenfalls diese Grenze überwunden. Vielleicht auch, weil meine Familie seit so langer Zeit die Last des einen Schwertes trägt. Aber ich könnte Euch keinen Rat geben.“
Keiichis Schlappohren zuckten. „Ihr gebt eine Schwäche zu?“
„Diese, warum nicht. In einer Schlacht werdet Ihr von mir keine sehen oder hören.“
„Ihr geht wahrhaftig davon aus, dass die Nachbarn, sogar die aus dem Süden kommen würden um uns zu helfen? Wir sind nur ein kleiner Hundestamm. Und ich habe sogar meine Zweifel ob Botan von den Azu kommen würde.“
Ja, da waren Zweifel. Und der Taishō erkannte zum ersten Mal, dass genau das der Vorteil Kurayamis war – Zweifel säen, im Vorfeld eine Allianz zu verhindern. Shirohito und sein Plan waren neu, unerprobt. Und er selbst mittendrin. Bis Herbst hatte er Zeit alle Clans des Westens auf sich zu vereinen. Nun, was bei den beiden größeren Nordclans funktioniert hatte, an den Stolz der Herren zu appellieren, würde bei Keiichi nicht klappen. Er hatte recht, er war kein Krieger, wenngleich er sicher kämpfen gelernt hatte. Ihm fehlte Zutrauen. In sich, seine Leute und die Nachbarn. Hier half nur Vertrauen zu schaffen. „Keiichi-sama, ich gebe Euch mein Wort, dass auf jeden Fall ICH kommen werde. Gleich mit wie vielen Kriegern, gleich, ob mit der Allianz oder ohne. Wenn Kurayami von den Ohiro einen Fuß in dieses Tal mit der falschen Absicht setzt, wird er Mich kennen lernen.“
Der alte Hundeyōkai sah auf seinen Gast. Die weißen Haare, die goldenen Augen, die sich momentan fast warm auf ihn gerichtet hatten. Nein, begriff er. Dieser Mann, der ein legendäres, verfluchtes, Schwert beherrschte, verachtete ihn nicht. Der gab selbst Schwäche zu, akzeptierte auch, dass er eben kein solcher Krieger war, nicht so selbstbewusst wie Ren Okami oder eben auch dieser neue Taishō. Der Heerführer der Hunde. Noch immer wollte sich in ihm Misstrauen regen, was sollte der Fremde aus dem Osten denn hier bewirken, warum sollte der sich für einen so kleinen Hundeclan interessieren? Aber da war etwas in diesen Augen, in diesem Blick, das in ihm etwas weckte. Darin lag nur eine Bitte: dass er ihm glauben würde, er ihm vertrauen würde. Und, aber das wurde Keiichi erst Tage später bewusst – etwas, das etwas in ihm selbst weckte, dass er bereit war, mit diesem Mann gemeinsam die Schwerter zu ziehen. Jetzt aber nickte er nur. „Ich werde Euch wohl vertrauen, Heerführer des Westens, Herr der Hunde.“
Tage des Sommers 2
K
azari saß wie nun üblich abends auf der Terrasse und sah in die Ebenen. Es war ein Wunschtraum hier ewig sitzen zu können. Sie hatte ihrer Mutter gestanden, dass sie hier so gern immerwährend sitzen würde, aber haha-ue hatte sie zurecht darauf hingewiesen, dass es sich um ein Schloss des Aotsuki-Clans handele, und Vater den als Erbe ihrem zweitältesten Bruder Jiro zugedacht habe. Ihr ältester Bruder, Tojiro, würde natürlich den Titel eines Fürsten und den Ohiro-Clan erben. Sie selbst dagegen würde verheiratet werden, vermutlich an einen Vasallen ihres Vaters, der sich dadurch für seine Familie einen Aufstieg erhoffte. Nun ja. Die Fürstentochter legte die Hände auf die Oberschenkel. Umso mehr wollte und sollte sie diesen einzigen Sommer genießen, der ihr gewährt wurde. Die Magie des Mondes und ihr Yōki wurden immer vertrauter, ja, sie meinte sogar Bannkreise ziehen zu können, aber, das sollte sie nicht einmal versuchen. So lautete der Rat ihrer Mutter. Da diese nun wahrlich eine Frau war, der es gelungen war Jahrhunderte mit einem mächtigen Mann zu überleben, ja, dem Söhne zu gebären, war Kazari nur zu willens auch diesen Rat zu beherzigen.
Dennoch hatte sie an einem dieser vertraut erscheinenden Abende gefragt, warum nicht auch sie diese Spielereien lernen sollte: dieses trillernde Lachen der Hofdamen, dieses kokettierende Aufschlagen der Augen, nur, um gleich den Fächer vor das Gesicht zu schlagen.
Kyogo hatte schlicht geseufzt. „Natürlich lass das.“
„Aber, es gefällt den Männern?“
„Die Hofdamen gefallen ihren Lenden. Und ebenso wie die Lust entflammte erlischt sie auch. Du bist die Ehefrau des Hausherrn. Für dich gelten andere Maßstäbe. Erstens, du solltest nie, niemals solche … Fehltritte bemerken oder gar ansprechen. Das wird allein dir zum Nachteil gereichen. Zweitens – sei eben anders als diese koketten Wesen. Deine Aufgabe ist es einen Sohn zur Welt zu bringen, das allein sei dein Ziel. Und ansonsten, mein Kind – überlebe. Es ist das Recht deines Ehemannes dir die Kehle herauszureißen, wenn du zu geschwätzig bist, dir den Hals zu brechen, wenn du ihn ärgerst. Darum lerne, was er will, ansonsten sei wie sein zweiter Schatten. Stumm, still, aber stets da, wenn er etwas von dir möchte. Falls er mit dir reden will, höre zu, falls er will, dass du musizierst, tue das. Aber sei einfach nur da. Schweigsam, immer bereit. Das Kichern und Lieder singen überlasse nur anderen, die rasch genug die Gunst verlieren werden.“
Reine Vernunft ließ Kazari antworten: „Aber, wenn eine Andere einen Sohn...“
Kyogo erkannte die Intelligenz ihrer Tochter an, leider. Es wäre wünschenswert gewesen hätte statt des Mädchens auch der Zweitgeborene das geerbt. Aber Jiro unterstand schon lange nicht mehr ihrer Fürsorge. Um ihren Ältesten, Tojiro, machte sich die Mutter keine Gedanken. Er war klug, anpassungsfähig und ein qualifizierter Krieger, was sogar den Vater ihr gegenüber zu einem Lob hingerissen hatte. „Hast du schon einen, passe auf ob der Andere gefährlich werden könnte. Wenn nein, weil zu niedriger Geburt oder auch unfähig, ignoriere ihn. Und fördere deinen eigenen. Hast du allerdings noch keinen...“
Kazari hatte verstanden und neigte den Kopf. Ja, dann konnte sie von Glück sagen würde sie als Zweitfrau behalten, gleich, wie hübsch sie war, wie gefällig. Von Klugheit nicht zu reden, das schätzte schließlich kein Mann. Frauen hatten zu schweigen. Und den Erben zur Welt zu bringen.
„So üben wir. Heute sollte die letzte Nacht sein, in der kein Regen fällt und uns der Mond seinen Zauber sendet.“
Wieder eine so schöne Nacht. Und mit jeder näherte sich das Ende des Sommers. Aber daran sollte sie nicht denken. Noch lagen Tage vor ihr.
Der neue Inu no Taishō hatte eigentlich vor den Norden zu verlassen und erneut in das Gebiet der Kaseke zu gehen. Dort wusste er sich verborgen und ihm lag wenig daran, dass der selbsternannte Fürst erfuhr, dass ein anderer Daiyōkai durch seinen Vorgarten spazierte. Nun, nicht, ehe er wirklich alle Clans überzeugt hatte. Es war mühsamer als gedacht. Es war naiv gewesen von ihm anzunehmen, dass die Clanherren, nur weil sie seiner Anstellung zugestimmt hatten, auch so der Meinung waren, dass eine solche Allianz funktionieren würde, sie gar selbst einspringen sollten, wenn ein anderes Mitglied in Gefahr sei. Langsam, nach nur wenigen Unterhaltungen, war in ihm das Gefühl gewachsen, dass ein Feldherr nicht nur, wie er geglaubt hatte, Kampf und Taktik beherrschen musste, sondern eher die Fähigkeit alle unter einem Dach zu versammeln. Nicht, was er bislang für sich gedacht hatte je in Anspruch nehmen zu können oder zu müssen. Womöglich wäre es doch einfacher gewesen direkt zu den Aotsuki zu gehen, zu sagen, dass er der Erbe sei und seine mehr oder weniger Cōsine heiraten wolle um das zu bekräftigen. Aber, nein. Vermutlich hätte Kurayami eher seine Tochter umgebracht als zuzulassen, dass dieser Clan aus seinen Händen kam. Immerhin um die tausend Hundekrieger waren eine Macht.
Hm.
Er blieb stehen. Nach der Landkarte, die ihm Rai von den Kinnosuke gezeigt hatte, lag zwischen den nördlichen Kitsune und dem Meer eigentlich nichts. Ein Land ohne Clan, hatte die Kartographin gemeint. Und auch Akiyama von den Akita, als Kitsune sicher selbst der Magie kundig, hatte ja gesagt, dass er nicht in dieses Gebiet gehe. Warum eigentlich nicht?
Der Taishō drehte ab um wieder in den Norden zu gehen. Noch befand er sich hier nicht auf dem Gebiet der Ohiro-Hunde, noch sollte er hier keinen Patrōillen in die Arme laufen. Aber, was war dort? Seine Neugier war erwacht. Zum Glück, sozusagen, hatte er Myōga Richtung Burg Kurayamis gesandt, als Spion, eine Rolle, die der winzige Flohgeist nur mit, natürlich, sinnlosem Protest angenommen hatte. Aber in eben dieser hatte er sich schon des Öfteren bewiesen. Er war zu klein, dass er den meisten Leuten in die Augen fiel. Und klug genug zu wissen, wann er sich zurück ziehen sollte.
Zwischen dem Gebiet der Kitsune von Akita und dem Meer lag ein recht großes Stück ebenen Landes. Als der Taishō sich diesem näherte, blieb er stehen. Jetzt wusste er, was Akiyama gemeint hatte. Dort lag eine scharfe Grenze. Hier, zwischen den Ohiro und diesem Gebiet lag ein freies, das keinem Clan gehörte und so auch von schwächeren Yōkai durchzogen wurde, die, das verriet ihm seine Nase auch dort hinüber gingen. Nun ja. Sie mochten unbehelligt bleiben von dem, was sich da verbarg.
Er benötigte einige Augenblicke um zu verstehen, dass das, was er da spürte, kein Yōkai ohne besondere Magiefähigkeiten bemerken konnte. Akiyama als Fuchsyōkai hatte es sicher gespürt, aber er war nun sicher, dass ohne die ererbte Magie des Mondes er nichts mitbekommen hätte. Umgedreht aber wohl das Andere ihn. Er spürte eine uralte Macht, wahrlich eine Macht, dunkel, bösartig, so dass es ihm fast den Atem raubte. Was lauerte in diesem Gebiet? Früher oder später würde er sich, sollte er der Taishō des Westens bleiben, wohl damit auseinander setzen. Noch schien es nicht nötig zu sein, sonst hätte Akiyama ihm doch einen konkreteren Hinweis gegeben. Oder wusste das der Kitsuneherr gar nicht, was sich dort, nun, verbarg? Jedenfalls war da etwas sehr Mächtiger, den er nur aufschrecken und sich auf den Hals hetzen würde, beträte er das Land, das dieser beanspruchte. Und das konnte er momentan überhaupt nicht brauchen. Kuriyama schien ehrgeizig, aber durchaus intelligent. Sich eine unbekannte Macht zum Feind zu machen würde nur bedeuten, den darauf aufmerksam zu machen. Und der so genannte Fürst könnte auf den Einfall kommen, dass der Feind des Feindes auch ein Freund sein konnte. Nein, danke.
So drehte der Daiyōkai ab und erschuf einen, bei seiner Macht möglichen, wenngleich anstrengenden, Tunnel aus Yōki, um in das Gebiet der Kaseke zu gelangen. Nun, das, was man eben bemerken konnte. Er ließ sich an den drei Bäumen nieder, wo er das Portal wusste. Falls er abgeholt würde, müsste er auf Myōga aufmerksam machen, der bestimmt sich die Burg des Ohiro gut angesehen hatte. Das hier war als Treffpunkt vereinbart. Nun, um ehrlich zu sein, er hatte es befohlen, aber er mochte es zu sehr den Schein zu wahren, dass es sich wirklich um einen Ratgeber handelte. Oft genug war der Winzling das – und immer ehrlich. Bis er abgeholt wurde – und er zweifelte nicht daran, dass dieses Echsenvolk ihn bereits bemerkt hatte – sollte er über diese seltsame Macht nach sinnieren.
„So in Gedanken, Inu no Taishō?“
„Isatre, seid gegrüßt.“ Und er hatte, verdammt noch mal, keinerlei Annäherung bemerkt. Aber, womöglich fand er hier Antwort. „Ich dachte in der Tat nach. Zwischen dem Gebiet der Kitsune von Akita und dem Meer liegt ein Gebiet, von dem Akiyama sagte, ich solle dort nicht hin. So näherte ich mich vorsichtig, blieb aber vor der Grenze halten. Dort liegt etwas. Jemand, sehr Mächtiges. Alte Magie, die von einem Yōkai nicht zu bemerken ist, wenn er nicht über zusätzliche Zauberkunst verfügt.“
Der Herr der Echsen blieb vor dem sitzenden Kriegsherrn stehen, um ihm so besser ins Gesicht sehen zu können. „Ja, eine sehr alte Macht. Und Ihr wollt wissen, wer?“
„Und ob sich diese Macht einmischen könnte.“
„Oh. Natürlich, daran dachte ich nicht, verzeiht. Ihr seid wirklich fähig. - Nun, ich vermute Ihr habt diese Magie als abweisend empfunden.“
„Sogar als bösartig.“ Er würde hier tatsächlich Antwort finden.
„Habt Ihr je Drachen getroffen?“
Der Taishō zuckte die gepanzerten Schultern. „Man geht sich gewöhnlich aus dem Weg. Aber wenn, war es eine kurze Bekanntschaft. Ein Drache?“ Das klang geradezu lächerlich. Er hatte doch schon so einige getroffen. Aber er hütete sich den Kaseke zu unterschätzen.
„Eine Brutmutter. - Ihr habt sicher von dem König der Drachen unter dem Meer gehört. Er ist sehr mächtig und alt.“
„Seine Magie soll unglaublich sein. Er lebt im Schloss auf dem Boden des Ozeans.“
„Mit anderen Wasserdrachen, ja. Es gab und gibt aber auch Erddrachen. Wie auch bei den Wasserdrachen sind sie meist männlich, Frauen sehr selten. Eine solche paart sich mit einem möglichst starken Drachen und zieht sich zurück. Dort legt sie ihre Eier, Kinder, die sich über das Land verbreiten und von denen Ihr sicher welche getroffen habt. Irgendwann jedoch, denn auch bei Drachen zehren die Kinder an der Energie der Mutter, ist sie erschöpft und es gibt eine letzte Brut. Ein oder zwei Eier, in die sie alles hineinlegt, was sie noch hat. Dann zieht sie sich völlig zurück und bewacht ihr Nest. Mit aller Magie, die eine alte, mächtige Drachenfrau dann noch hat. Ich sehe, Ihr versteht. - Jeder, der sich ihr und damit ihrer letzten Brut nähert, ist dem Tode verfallen. Man sagt, und ich glaube es, dass diese letzten Kinder stets die stärksten und mächtigsten dieser Brutmutter sei. Darum erhalten sie auch als einzige Nachkommen Namen, die dann stets mit Ryuu.. beginnen.“
Drachenmagie. Uralt und mächtig, ja. Das erklärte einiges. „Diese schlüpfen aus den Eiern. Und dann?“
„Ja, dann. Ihre Mutter hat ihre Energie aufgebraucht und liegt im Sterben. Das Letzte, was sie noch tun kann, ist sich als Futter für die Jungen anzubieten. Die letzte Brut ist stets tödlich.“
Mehr um irgendetwas zu sagen, meinte der Taishō: „So sollte ich stets wachsam werden, wenn ich jemanden mit dem Namen Ryuu … treffe?“
„Ja, das solltet Ihr wirklich. - Wo ist eigentlich Euer Berater? Makare war sehr angetan von ihm.“
„Er sollte etwas in der Burg der Ohiro prüfen. Hier wollte ich mich mit ihm treffen.“ Mit einem Blick zum Sonnenstand ergänzte er: „Ehe es Nacht wird.“
„Nun, so warten wir. Denn ich gebe zu die Magie eines Flohs ist selbst für mich ebenso wenig bemerkbar wie sein Yōki. Eine wahrlich gute Idee diesen unauffälligen Berater in die Burg zu schicken. Darf ich wissen, was Ihr zu erfahren wünscht?“
„Nun, vor allem ob und wann die Burg fertig ist, was mit magischen Sicherungen ist – und ob irgendjemand etwas von einem bevorstehenden Feldzug erwähnt.“ Und noch ein oder zwei andere Kleinigkeiten.
Von da an herrschte Schweigen, das keiner der Zwei als belastend empfand. Es gab schlicht nichts mehr zu sagen.
Als der kleine Flohgeist mit einem letzten Sprung herankam hütete er sich davor wie gewöhnlich auf die Oberschenkel seines Herrn zu springen. Nicht vor anderer Leute Augen. So blieb er stehen und atmete tief durch.
„Müde, Myōga?“ erkundigte sich der Taishō milde.
„Etwas außer Atem. Ich musste mich beeilen um noch vor Einbruch der Nacht hier zu sein, oyakata-sama.“
„Komm in mein Fell. Dein Bericht kann warten, bis wir am See der Kaseke eingetroffen sind.“
Isratre empfand das zu Recht als Aufforderung, zumal sich der Daiyōkai erhob. „Dann folgt mir.“
Nur Minuten später saßen der Taishō und der Herr der Kaseke beisammen und der Flohgeist stand vor ihnen. Myōga war sich im Klaren, warum er beiden Bericht erstatten sollte. Sein Herr wollte sicher nicht den Eindruck erwecken etwas verbergen zu wollen. Umso behutsamer sollte er den Bericht verfassen, denn es gab da einen Punkt von dem Isatre bestimmt nichts erfahren sollte. Demgemäß begann er unverfänglich: „Die Burg ist fast fertig. An der Mauer im Osten wird noch gebaut, aber das sollte bis spätestens nächstes Jahr erledigt sein. Dann dürfte auch die volle Magie hinzugefügt werden. Momentan ist es ...nun ja, ich bin, wie Ihr wisst, oyakata-sama nicht sonderlich bewandert darin, aber mir scheint als würde augenblicklich noch ein Kitsune, wie Akiyama oder auch der Herr der Kinnosuke, geschweige denn beide gemeinsam, das brechen können. Mächtig aber nicht übermächtig. In der Burg selbst befinden sich gegen vierhundert Hundekrieger. Sie lagern in Zelten im sehr großen Innenhof, direkt hinter der äußeren Mauer. Der eigentliche Trakt des Fürsten ist erneut von einer Mauer umgeben. Dort liegt das Schloss mit dem privaten Turm, wo die Familie wohnt und auch ein neues Gebäude, das man Shinmaru nennt. Dort ist die Verwaltung untergebracht. Der direkte Anführer der Krieger ist übrigens der älteste Sohn, Tojiro. Er gilt als rechte Hand seines Vaters. Habt Ihr spezielle Fragen, oyakata-sama?“
„Es sind drei Söhne?“
„Ja. Tojiro ist der Erbe und, mit Verlaub wohl auch der Fähigste. Jiro, der Zweite soll nach Gerüchten den Aotsuki-Clan bekommen, allerdings unter der Hoheit seines älteren Bruders. Für den Jüngsten, Tomi, ist noch nichts vorgesehen, soweit ich sagen kann.“
„Die Tochter.. Kazari, ist sie versprochen?“
„Bislang wohl nicht. Zumindest hörte ich nichts,“ schränkte Myōga ein.
„Vierhundert Krieger stehen Kuriyama also sofort zur Verfügung.“
„Ja. Bei den Damen befinden sich wohl um die fünfzig.“
Eine Handbewegung des Taishō ließ diese Zahl irrelevant werden. „Amida hat so viele... Gut. Ich werde mich erneut auf den Weg machen und Himiko von den Jitō aufsuchen. Sobald die Ehefrau und Tochter wieder in der Burg sind werde ich mir Sorgen um Amida machen.“
„Ihr seid sehr sicher, dass das das Ziel ist?“ Isatre klang fast neugierig.
„Es ist ein zu einfaches Ziel. Und ich frage mich, was Kuriyama bislang davon abhielt.“
Ausgerechnet Myōga erlaubte sich eine taktische Analye. „Kitsune und Wölfe als direkte Nachbarn hätten sich aufgeschreckt fühlen können.“
Ein leichtes Lächeln. „Wie recht du doch hast, mein Berater. Da scheint jemand die Rückendeckung, oder, genauer, die Verteidigung, nicht aus den Augen verloren zu haben.“ Und die Burg erst fertig stellen zu wollen. Amüsant, sich einmal mit einem ebenbürtigen Geist beschäftigen zu können. „Hast du auch der Beratung des, hm, Fürsten zuhören können?“
„Ja, wobei ...“ Myōga seufzte. „Oyakata-sama, Ihr nennt mich scherzhaft Euren Berater, aber wenn ich das ausführe so seid Ihr bedacht auf meine Worte. Kuriyama duldet keinen Widerspruch. Ich hörte, sehen konnte ich es nicht, da ich außen am Gebäude war, wie er einen Berater schlug oder sonst wie züchtigte. Natürlich, sein Recht als Herr.“
„Natürlich. War Tojiro dabei?“
„Alle drei Söhne.“
„Gut. Erhole dich erst einmal.“ Später würde er auch erfahren, was an Kriegern der Aotsuki dort lagerte – und ob da der eine oder andere womöglich nicht mit der Lösung einverstanden war, sich mit und unter einem Ohiro-Hund zu sehen. Er hatte das Blut der regierenden Familie, die weißen Haare und goldenen Augen waren wohl so etwas wie ein Steckbrief. Heiratete er die jüngste Erbin, im Endeffekt seine entfernte Cōsine, so sähe die Welt der Aotsuki-Hunde schon ordentlicher aus. Hoffte er, zugegeben, ebenso, wie dass sich die Fürstentochter in ihr Schicksal fügen würde. Das Letzte, was er breuachte war eine Ehefrau, die Anschläge auf ihn plante. Nun, das hoffte er mit gewisser Rücksicht auszuschalten. Auch eine Ehe war letztlich nur eine Aneinanderreihung von Schlachten. „Isatre-sama, eine Frage hätte ich noch, nachdem wir zuvor schon über Brutmütter redeten. Zwischen den Vulkanen dort im Osten von hier und Eurem Territorium liegt auch kein Clangebiet, wenn ich mich recht entsinne.“
„Da habt Ihr recht. - Allerdings liegt auch dort eine recht alte Magie, die schon existierte, als die Kaseke in diese Gegend kamen. Am Fuß der Berge, aus einer Ebene, erhebt sich ein dichter Wald. Viele der Magnolien dort sind Baumgeister. Sie schützen sich selbst, lassen einzelne Yōkai und andere Wesen jedoch unbehelligt. Ich hatte nie mit ihnen zu tun. Kaseke benötigen kein Holz, aber ich hörte, diese neue Art, Menschen, würden Holz benötigen, auch, wenn sie im Norden und weit im Osten in den Wäldern leben.“
„Sie haben keine Magie in unserem Sinn. Und es würde für sie wohl unangenehm werden einen Wald von Baumgeistern fällen zu wollen.“
„So habt Ihr Euch auch schon mit Menschen befasst?“
„Ich lerne gerne, werter Isatre.“
„Ohne Zweifel. Makare hat mit ihnen gesprochen, schon, damit keiner der Unseren versehentlich das Gebiet betritt. Der älteste Baum dieses uralten Waldes ist ein gewisser Bokuseno. Er weiß wohl recht viel, ist aber schweigsam.“
„Danke für die Information. Womöglich vermag mir ein alter Baum bei meinem kleinen Problem weiterzuhelfen.“ Die Hand des Daiyōkai deutete nachlässig auf das Schwert auf seinem Rücken.
Das kleine Reptil wiegte den Kopf. „Ja, Euer Problem. Doch irgendetwas sagt mir, dass Ihr die Ursache der Lösung sein werdet, jedoch nicht die Lösung selbst.“
„Ich zweifle nicht an Eurer Weisheit, Isratre von den Kaseke.“ Der Taishō dehnte sich leicht. „Myōga, morgen früh brechen wir auf zu den Jitō, mit einem kleinen Umweg zu diesem Bokuseno. Ich werde Makare noch fragen, wo man ihn genau finden kann.“ Immerhin konnte ein Baum ja schlecht den Ort wechseln. Und womöglich hatte der uralte Geist eine Idee, wie man dieses wahrlich höllische Schwert wieder aus der Welt der Lebenden schaffen konnte. Denn das dürfte jemand sein, den weder sein Vater noch sein Großvater zu diesem familiären Problem befragt hatten.
Tage des Sommers 3
W
ährend die Tage unbarmherzig voranschritten übte Kazari gehorsam die Magie des Mondes, aber auch, um die Hofdamen etwas berichten zu lassen, das sie verstanden, wieder und wieder elegant aufzustehen, sich hinzuknien, stundenlang, bis Mutter zufrieden war und ihre Gelenke zu schmerzen begannen. Nun, nichts, was sie nicht hätte verbergen können. In den letzten Sommerwochen hatte sie noch einmal ihre Selbstbeherrschung perfektioniert. Niemand sollte und durfte ihr an Gesicht, Hand oder auch nur einer Falte in der Kleidung ihre Stimmung ablesen. Auch und schon gar nicht ihr künftiger Ehemann. Gleich, für was sie ihn persönlich hielt – sie durfte es ihm nicht zeigen, gar Abneigung oder Abscheu. Das wäre zu leicht tödlich. Aber die Fürstentochter bemerkte noch etwas anderes. Der Energiespiegel ihrer Mutter sank. Auf eine doch gewagte Nachfrage winkte diese ab.
„Es ist nur zu üblich, dass das Yōki sinkt, während das Kind heranwächst.“ Nyogo hätte alles getan, damit ihr Kind mit dem schweren Schicksal einer Frau nur einen einzigen fast unbeschwerten Sommer im so langen Leben haben würde. Aber auch ihr war bewusst, dass diese fünfte Schwangerschaft ihre Energie raubte, mehr als je zuvor. Sie wünschte sich, dass ihr Gefährte sie nach der Geburt des dritten Sohnes geschont hätte, aber natürlich stand ihr das nicht zu. Sie musste eben das Beste daraus machen – wie immer. „Aber, du hast wohl recht. Es ist heiß. Gehen wir in den Garten und sticken.“
Oh, wie Kazari sticken so gar nicht leiden konnte. Aber außer Musizieren und mit den Damen plaudern war es leider die einzige Freizeitbeschäftigung die ihr als Heranwachsender zustand. Immerhin hatte ihr Mutter, so gut diese es vermochte, Lesen und Schreiben beigebracht. Von Verwaltung und Wirtschaft hatte ein wohlerzogenes Mädchen nichts zu wissen. Manchmal hatte sie sich schon ertappt einen Blick in das Archiv zu werfen, natürlich nur im Vorbeigehen und wie beiläufig. So viele Rollen lagen da, so viele Dokumente, die sicher sehr interessant wären. Aber nun gut. Es war nutzlos von Unerreichbarem zu träumen, auch nur zu hoffen, dass ihr einst ihr Ehemann solche Lektüre zugestehen würde. Sie musste vernünftig sein und ihr Schicksal ertragen. Und, schon gleich gar nichts von diesen unnützen Tagträumen ihrer Mutter erzählen, was vermutlich ja doch jemand belauschen würde. Diese bemühte sich wahrlich nach Kräften sie zu schützen, sie auszubilden – da musste sie sie wirklich nicht durch unangebrachte Wünsche in Schwierigkeiten bringen. So warf die Fürstentochter nur noch einen verabschiedenden Blick auf das weite Land vor ihr, ehe sie sich Kyogo anschloss, die im Vorbeigehen Inuko aufforderte, ihnen Kissen und Sticksachen in den Schatten bringen zu lassen.
Fast genau im Süden des Schlosses der Kraniche, wenn auch in einem Gebiet, das kein Clan der schwerttragenden Yōkai beanspruchte, blieb der Inu no Taishō stehen. Prompt sprang der kleine Flohgeist aus seinem Fell auf die Schulter.
„Ein großer Wald,“ kommentierte er. „Bis zu den Bergen. Oh, das sind ja Vulkane.“
Der Daiyōkai sparte sich eine Antwort. Myōga wusste, dass er das Offensichtliche ausgesprochen hatte. Mehr hätte den Winzling vermutlich interessiert, was er selbst eigentlich hier wollte, aber die Entgegnung: lernen hätte wohl nur zu einer nutzlosen Diskussion geführt.
„Äh, oyakata-sama...?“
Mit einem nur innerlichen Seufzen blickte der Hundeyōkai auf den zweiten kleinen Geist, den er nun mit sich führte: Saya, den Geist der Schwertscheide des Höllenschwertes. Immerhin war der weitaus weniger mitteilungsbedürftig als Myōga, wozu allerdings auch nicht sonderlich viel gehörte. Es brachte nichts, wenn er sich mittlerweile darüber ärgerte das Höllenschwert unter den Bann des Kami der Kaseke gelegt zu haben und so indirekt den Geist erschaffen zu haben. Immerhin hielten beide den Mund wenn er es befahl, was man von So´unga leider nicht behaupten konnte.
Saya schwebte auf die Gesichtshöhe, darauf bedacht nicht zu weit von „seinem“ Schwert entfernt zu sein. „Ich glaube dieses Eichhörnchen da...“
Was für ein...? Erst dann erkannte der Daiyōkai das Tierchen, das sich possierlich fast fünf Meter vor ihm auf die Hinterbeine gesetzte hatte und ihn ansah. Da hatte der kleine Geist recht. Das war kein gewöhnliches Tier. Er hielt sich hier diesseits der Grenze aus Zauber, die er spüren konnte, hatte sich jedoch höflich durch den Anstieg seines Yōki angekündigt. „Ich möchte zu Bokuseno,“ erklärte er daher. „Kannst du mich zu dem Herrn des Waldes bringen?“
Das Eichhörnchen hockte sich auf alle viere, dann drehte es sich um.
Das sollte wohl ein Ja sein. „Myōga, Saya, verschwindet.“ Und dann musste er sich wirklich beeilen mit großen Schritten dem Tier durch den immer dichter und dunkler werdenden Wald zu folgen, dessen Magie sich nur zu bald wie ein warmes Tuch um ihn legte. Er wehrte sich nicht. Es war Schutz der Bäume und er hatte nicht vor auch nur einen von ihnen zu fällen.
Nach einiger Zeit erreichten sie eine Lichtung, auf der ein riesiger, sichtlich alter, Magnolienbaum stand. Das Eichhörnchen drehte sich zu ihm um, ehe es flink davon hopste und im Grün verschwand. Der Taishō blieb stehen und sah zu dem Baum auf. „Bokuseno, vermute ich. Mein Name ist Tōga. Man nennt mit den Inu no Taishō oder den Taishō des Westens.“ Warum nur war er nicht überrascht, als sich ein Gesicht im Stamm zeigte, ebenso rissig und dunkel wie die umgebende Rinde.
„Taishō, ja. Ich hörte es bereits. Erstaunt?“ Die Stimme war tief und ruhig.
Weniger. Das war eher die Bestätigung, dass Isratres Rat gut gewesen war und er hier die Hoffnung auf Antwort hatte. „Ich vermute, dass die Wurzeln der Bäume tief und weit reichen.“
„Das ist wahr. Und nun möchtest du wissen, wie du den Aufstand gegen den Fürsten gewinnen kannst?“
Wenn er das bräuchte hätte er den Auftrag der Allianz nie annehmen dürfen. „Nein. Wenn Kuriyama ein Mitglied der Allianz angreift, werde ich ihm seine Schranken aufzeigen. Und ich möchte den Clan der Aotsuki für mich.“
„Ich sehe. Weiße Haare, goldene Augen. Ich dachte nur, diese Merkmale haben nur die Frauen und damit Töchter der Mondgöttin.“
Für einen Baum war dieser Bokuseno wirklich ausgesprochen gut informiert. „Nun, ich habe sie von meiner Mutter.“
„Aber du kamst nicht um dieser Sache willen.“
„Nein. Wie du unschwer erkennst, trage ich ein Schwert, das ein wenig ...nun, schwierig ist. Ich suche eine Möglichkeit, wie schon mein Vater und Großvater, es wieder dorthin zu bringen, wo es herkam.“
„So´unga wieder in die Unterwelt zu bringen... Eine Aufgabe, in der Tat.“ Der Baumgeist schloss kurz die Augen. „Aber, machst du nicht den zweiten Schritt vor dem ersten, Taishō?“
Dieser stutzte. „Vermutlich, denn ich sehe nicht, was du meinst.“
„Warum willst du die mächtigste Waffe dieser Welt in eine andere schicken?“
Fragen wie sie ein Lehrer stellte um den Schüler zum Nachdenken zu bringen. Er wollte lernen und so erwiderte der Hund gehorsam: „Eben weil sie so mächtig und zerstörerisch ist. Das Schwert der Unterwelt gehört nicht in die Hand eines Lebenden oder auch nur in die Welt der Lebenden.“
„Du bist ein Daiyōkai. Ihr, so sagt man, strebt danach immer mächtiger zu werden.“
„Mag sein. Aber wenn man es trägt, lernt man schnell, dass mit Macht auch immer Verantwortung einhergeht, Bokuseno. Und die ist manchmal auch schwer zu ertragen.“ Warum ließ er sich von dem unbekannten Baumgeist ausfragen statt den mitsamt den Wurzeln auszureißen? Nun, zum Einen würde ihm das wohl kaum gelingen, das hier war dessen Territorium, und zum Zweiten – der stellte die Fragen kaum aus Vergnügen. Der wollte ihm eine Lösung sagen, die dann ja auch passen musste. Er sollte wirklich ehrlich sein. „Mein Vater und dessen Vater sind an der Aufgabe gescheitert.“
„Gescheitert würde ich es nicht nennen, sie konnten den Dieb der Seelen kontrollieren und so die Welt der Lebenden vor Schaden schützen.“
„Und sie starben früh. Es raubt die Energie seines Trägers.“
„Ich glaube, ich verstehe jetzt. Ich bin kein Zweibeiner und sehe natürlich manches anders. Darum der Aotsuki-Clan. Du hast die Magie des Mondes ein wenig in dir und du hoffst auf die Tochter des Fürsten um dich zu ergänzen, dir zu helfen. Entweder, in dem sie dir einen Sohn schenkt, der diese Mission weiter führen kann, oder durch ihre Magie.“
„Ja.“ Was sollte er schon anderes sagen. Es stimmte und war der Grund gewesen, der ihn ursprünglich in den Westen getrieben hatte.
Erneut schloss der Baumgeist die Augen. „Diese Prophezeiung... Hm. - Dennoch. Du kannst diese Klinge nicht einfach in die Unterwelt schicken. Aber, was dir gelingen dürfte ist einen Gegenpart aufzubauen.“
„Einen Gegenpart?“ Der Daiyōkai hoffte, dass er sich nicht so töricht anhörte wie er sich fühlte. Welche Prophezeiung überhaupt?
„Eine Klinge, die das Höllenschwert schwächt, austariert. Ich bin kein Schmied, Taishō. Aber das wäre der erste Schritt in meinen Augen. Sicher, da ist dieser Geist der Schwertscheide, aber im Augenblick hemmt doch nur dein eigener Wille So´unga daran alles zu töten und die Hölle auf die Welt der Lebenden loszulassen. Nebenbei – man sollte dir danken, dass dein Wille so stark ist.“
Fast verlegen ordnete der Daiyōkai sein Haarband. „Ich hörte nie von einem Schmied, der das … Oh. Du kennst jemanden?“
„Ein Stratege, in der Tat.“ Der alte Baum klang fast vergnügt. „Ja. Ich kenne einen recht fähigen Schmied, der ab und an herkommt um zu plaudern. Ich bin nicht gerade gut zu Fuß. Falls er herkommt – wo kann man dich erreichen?“
„Kennst du die Kaseke? Isratre weiß stets wo ich bin. Momentan will ich zu den Jitō. Ich versuche alle Mitglieder der Allianz kennenzulernen, alle Völker und ihre Kampfmethoden.“
„Hund und Katzen?“ Bokuseno lächelte etwas. „Du bist wirklich ein sehr interessanter Mann, und ungewöhnlich, auch und gerade für einen Daiyōkai. Nun gut. Ich werde dies dem Schmied sagen, doch sei gewarnt. Er schmiedet nicht für jeden, nur für Leute, die er leiden kann.“
Ein schrulliges Genie? Womöglich genau die Person, die er benötigte und Vater und Großvater vergeblich gesucht hatten. „Nun, das Ziel sollte ihm eigentlich gefallen – das Höllenschwert zu zähmen. Ich danke dir, Bokuseno.“
„Dann sage ich auf Wiedersehen, Taishō.“ Der alte Baum sah dem weißhaarigen Hund hinterher und dachte an einen Tag vor langen Jahrhunderten, Jahrtausenden? Zwei Mädchen aus dem Hundeclan der Aotsuki waren zu ihm gekommen um sich die Zukunft vorhersagen zu lassen, Zwillinge. Er hatte ihnen sagen müssen, dass er das so nicht könne, aber sie hatten dann seine Baummagie mit ihrer Mondmagie verbunden. Und sie hatten alle drei etwas gesehen, was sie nicht verstanden hatten. Einen jungen Mann mit weißen Haaren und goldfarbenen Augen, die Mondsichel auf der Stirn, der zum Mond aufgeblickt hatte, ehe er sich in der Vision zu ihnen umwandte – unleugbar elegant und unleugbar präsent, vermutlich ein Daiyōkai. Die Mädchen hatten ihm danach irritiert gesagt, dass dieses Zeichen nur in der weiblichen Linie vererbt würde, wie auch die Haar- und Augenfarbe und es nur ein Gerücht in der Familie sei, wenn eines Tages ein Junge mit diesen Zeichen geboren würde, wäre er die Perfektion des Hundevolkes. Nun, der Taishō war es schon einmal nicht, er hatte zwar die Haarfarbe, aber nicht das Mondzeichen. Wie hieß er? Tōga? Tōga von den Aotsuki und Kazari von den Ohiro, deren Mutter die Erbin der Aotsuki war? Das könnte eine interessante Verbindung werden. Falls der Taishō Kuriyama besiegte, natürlich. In Anbetracht von dessen Unwillen das Höllenschwert einzusetzen – was für ihn sprach – durchaus heikel, denn der Herr des Westens verfügte über ein stehendes Heer von mehr als zweitausend Kriegern, soweit Bokuseno wusste. Aber, man würde sehen. Und, er sollte daran denken Tōtōsai zu informieren, wenn der einmal wieder hier vorbeisah.
Auf dem Weg nach Südosten bedeutete die Nase dem Hundeyōkai mehr als er es magisch spürte, dass hier eine Grenze lag. Es roch streng, deutlich nach Katze. Natürlich. Ebenso wie ihre großen Vettern im Süden, die Pantherdämonen, verstanden auch die Katzen des Jitō-Clans wohl weniger von Magie als ein Kitsune. So hatten sie vermutlich in ihren wahren Formen die Grenzen markiert. Nun, er war froh, dass er in Menschenform hier stand, denn da war sein Geruchssinn doch ein wenig weniger strapaziert. Natürlich würden Himiko und ihr Volk auch Magie beherrschen, das lag jedem Yōkai im Blut, aber es gab eben deutliche Unterschiede. Ihm selbst war bewusst, dass er einen gut Teil seiner Magie dem Erbe des Mondes verdankte – mehr als ein gewöhnlicher Hund und wohl auch mehr als Kuriyama. Vielleicht wäre das auch entscheidend, denn das Höllische Schwert wollte er wirklich nur im Notfall einsetzen.
Ach, er war bemerkt worden. Zwei Katzendamen kamen unter den Bäumen auf ihn zu, beide in der gleichen dunklen Kleidung wie Naoki, Himikos Leibwächter getragen hatte. Das deutete darauf hin, dass sie wohl auch dem Kriegerorden angehörten. Bewaffnet waren sie jedenfalls mit Schwertern und Dolchen und er war sicher, dass sie damit umgehen konnten. Ihre schwarzen Haare waren auch zusammengebunden und fielen bis zu den Schulterblättern. Kriegerinnen, eindeutig. So meinte er höflich: „Ich habe ein Treffen mit Himiko-sama und hoffe, dass sie mich erwähnte.“ Streit mit Grenzwachen wäre der sicherste Weg das Volk aus der Allianz zu treiben.
Die Kätzinnen sahen sich kurz an, ehe eine erwiderte: „Naoki-sama erwähnte Euch, edler Taishō. Wir sollen Euch zu Himiko-samas Lager begleiten.“
„Danke.“ Immerhin etwas. Hoffentlich fiel der Clanleiterin nicht noch einmal ein ihm ein solches Angebot zu machen. Inzwischen dachte er sich, dass das wohl doch ziemlich unangenehm werden würde, so mit Hund und Katze.
Auf dem Weg durch den moosbedeckten Wald, vorbei an alten Bäumen, und durch Bambushaine, bemerkte der Taishō, dass es bei weitem nicht mehr so streng roch, eher fast gar nicht mehr. Er hatte folglich recht gehabt – die Grenze wurde markiert. Ob die Jitō auch ein befestigtes Schloss hatten?
Hatten sie nicht, denn als seine Führerinnen stehen blieben und sich höflich verneigten, erkannte er Himiko, die, ebenfalls in Rüstung, wenngleich unbewaffnet, auf Kissen vor einer Höhle saß. So neigte auch er den Kopf. Immerhin war sie seine Auftraggeberin, nun, eine davon.
„Welch netter Besuch, Taishō. Natürlich sagtet Ihr, dass Ihr kommt. Ich vermute, Ihr ward bereits im Norden. - Setzt Euch nur zu mir. - Und ihr, Kinder, geht wieder auf Eure Position, doch sagt Naoki, wer gekommen ist.“ Da alle gehorchten fuhr die Katzendame fort: „Das bedeutet kein Misstrauen Euch gegenüber, aber es ist die Sitte, dass der Ordensvorsteher auch stets als Leibwächter der Königin agiert.“
„Ich verstehe, werte Himiko.“ Sie war nicht nur die Clanherrin, wie es die anderen waren, sondern bezeichnete sich als Königin? Was hatte das mit der Allianz zu tun und wie weit würde sie seinen Vorschlägen folgen? „Ihr wisst, dass ich meinen Berater Myōga dabei habe. Und einen kleinen Geist namens Saya, der mein Schwert ein wenig behütet.“
Die Katze reagierte auf diese offene Ehrlichkeit mit einer flüchtigen Handbewegung. „Ihr vertraut ihnen. - Nun, Ihr habt Akiyama und Ren besucht?“
„Ja. Auch Keiichi.“
Ein katzenhaftes Lächeln. „Ich vermute, dass es Euch ein wenig Überzeugungsarbeit kostete.“
„Ich hatte Erfolg,“ erwiderte er schlicht. Mehr ging sie nichts an, auch, wenn sie deutlich neugierig war. Katze eben, das war wohl nicht nur ein hündisches Vorurteil.
„Nun ja, die Clans im Norden und Süden sind doch ein wenig unterschiedlich. Nach Norden gibt es Einöden, wo es keine Clanherrschaft mehr gibt, nur einzelne Yōkai, die jeder für sich leben. Manche behaupten sogar, dass es dort in den dichten Wäldern Menschen gibt, falls ihr von denen schon einmal etwas gehört habt. Hier im Süden liegen zwar auch hinter den Bergen Yōkaigebiete in denen niemand herrscht oder die Dominanz hat, aber immer wieder kommen Drachen her oder eben auch die Panther von Ryuku. Wir sind kampfgewohnter. Das Gebiet meines Clans reicht bis in diese Berge hinein, ebenso das der Hunde von Azu. Die Länder zwischen Azu und dem Meer sind auch nur von einzelnen Yōkai bewohnt, die den nördlicher lebenden Tanuki des guten Kano keinerlei Probleme bereiten. Vor langer Zeit kämpften wir natürlich alle auch gegeneinander, aber seit Shirohito der Herr der Kinnosuke ist und feststellte, dass er mitten zwischen uns liegt, warb er sehr um Zusammenarbeit.“
„Ich habe bereits eine Karte gesehen, Himiko-sama. Aber natürlich nicht mit einer derart ausführlichen Erklärung.“ Die Wölfe des Nordens, angefangen bei Ren Okami, hatten auf ihn durchaus einen kämpferischen Eindruck gemacht. Aber Hunde, Wölfe und Katzen waren die kampfeslustigsten aller schwerttragenden Yōkai, während Tanuki und vor allem die Füchse eher auf Magie setzten. „Kaiko-sama...“ Denn der Oberste des Kriegerordens, wie er nun wusste, war herangekommen und neigte höflich den Kopf, ehe er sich hinter Himiko stellte.
Die Kätzin nickte ein wenig. „Im Westen kämpften immer wieder alle Clans gegeneinander, auch die der Hunde von Ohiro und Aotsuki, bis eben Kurayami gewann. Seither bilden seine Länder eine Sperre zwischen Norden und Süden. Ich möchte sogar behaupten, dass es im Prinzip gut wäre, wenn der Westen sich einig wäre – aber natürlich ohne dass einer der Clans seine Eigenständigkeit und Entscheidungsbefugnis verliert.“
„Das habe ich bemerkt. - Da Ihr sehr offen seid – gab es auch Kämpfe mit dem Wolfsfürsten im Osten?“
„Nein, nicht einmal, nachdem dieser doch eine Menge Krieger hinter sich gebracht hatte. Es liegt, aber das wisst Ihr selbst, viel Land zwischen uns und hohe Berge. Drachen, ja, auch die Panther oder einzelne, sehr von sich überzeugte, Yōkai, ab und an sogar eine kleine Truppe.“ Sie zuckte die Schultern.
„Ich bezweifle nicht, dass das Volk der Jitō mit diesen keine Probleme hatte.“ Der Taishō dachte nach, während er der Höflichkeit genüge tat. Azu und Jitō lagen am weitesten nach Süden und hatten den meisten Ärger mit allen, die von dort kamen. Kanazawa und Kinnosuke lagen sozusagen im Windschatten dieser beiden Gruppen. Ähnlich sah es allerdings im Norden aus, wo der Wolf des Nordens mit seinen Kriegern auch Amida abdeckte, denn wer dorthin wollte, musste durch das Gebiet des Wolfsclans. Weiter im Westen schützten die Kitsune um Akiyama Amidas Hundeclan – und zum Meer hin eine brütende Drachin, die deutlich keinerlei Störung wünschte. Das erklärte auch, warum Keiichi behauptet hatte er und seine Leute seien keine Krieger. Es war seit langem nicht notwendig gewesen. Die Kaseke, die quasi im Zentrum des Westens lagen, hatten offenkundig lange sich nicht in die Händel eingemischt. Und ebenso waren die Ohiro und Aotsuki von Unbill von außerhalb abgeschirmt gewesen. Nun freilich bildete das Gebiet, das Kuriyama beanspruchte einen Querriegel zwischen Nord und Süd, vom Meer bis zu den hohen Bergen. Womöglich war dem so genannten Fürsten gar nicht bewusst, was die außenliegenden Clans taten und warum er im Zentrum so ungestört seinen Plänen nachgehen konnte. Kurz, es mochte gut sein, dass er die Clans und damit die Allianz und ihre Kampfstärke unterschätzte. „Wäre es möglich, teure Himiko, Kaiko-sama, einmal dem Training des Ordens zuzusehen? Ich wüsste gern über die Fähigkeiten und Einsatzmöglichkeiten Bescheid.“
„Zum Teil,“ antwortete der Kater. „Wir werden Euch sicher nicht alles zeigen.“
„Ich wäre dennoch neugierig.“ Es war wirklich nicht einfach mit diesen eigenständigen Leuten. Vielleicht würden sie sich in einem Jahrtausend daran gewöhnt haben, dass sie gemeinsam unter seinem Kommando kämpften, momentan sah es nicht danach aus.
Die Katzendame stand elegant auf. „Dann kommt. Ich verstehe Euren Wunsch, immerhin habt Ihr die Verantwortung übernommen. Dennoch – wir müssen zuerst unseren Clan schützen.“
„Dessen bin ich mir bewusst.“ Der Daiyōkai erhob sich ebenfalls. So, wie sich das anhörte, war dieser ominöse Orden der Zusammenschluss von Berufskriegern. „Die, nun ja, gewöhnlichen Jitō leben woanders? Ich sehe hier niemanden.“
„Dies ist mein Lager. Viele Frauen, die Welpen haben, ziehen sich in die Einsamkeit zurück, ich, um besser meditieren zu können und mein Yōki, aber auch die Verbindung zu unserem Land zu stärken. Es gibt keine Burg oder ein Schloss, wie Ihr es mutmaßlich meint.“
„Wir sind der Schutz unseres Clans,“ ergänzte Kaiko. „Die Krallen und Fangzähne der Großen Katze.“
Der Taishō wollte schon nachfragen, als er an den Kami, den Gott der Kaseke denken musste. Anscheinend hatte jeder Clan im Westen seine eigenen Schutzpatron oder Patronin. Ob die Bäume auch so etwas hatten? Wenn er wieder einmal zu diesem Bokuseno kam, sollte er ihn womöglich fragen. Oder war das schon wieder zu impertinent bei diesen Leuten aus dem Westen? Und warum hatte er nur angenommen ein Feldherr müsse nur kämpfen können?
Tage des Sommers 4
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Als der Taishō mit Himoko und Kaiko, also der Königin der Jitō-Katzen und dem Obersten des Kriegerordens, den Übungskämpfen im Lager des Ordens zusah, war ihm bewusst, dass die Katzen ihm nicht alles zeigten. Aber es war eindeutig, dass sie die beweglichsten Schwertkämpfer waren, die er je gesehen hatte, gleich ob männlich oder weiblich. Was ihm auffiel war, dass sie nicht nur mit dem Schwert übten, sondern auch mit langen Stöcken fochten. So wandte er sich mit einem fragenden Blick an Kaiko.
Der Kater nickte leicht. „Kennt Ihr das so nicht? Es ist immer eine Gefahr in einem Streit seine Klinge zu verlieren und sehr praktisch sich dann zumindest mit einem großen Ast weiter zur Wehr setzen zu können. Nun gut. Ich glaube, dass Ihr Euer Schwert kaum verlieren würdet.“
Himiko ergänzte mit ihrem dezenten Lächeln: „Oder irritiert es Euch, dass auch Frauen bei uns kämpfen? Bei Hunden ist das ja anders.“
„Oft, zumindest.“ Der Taishō wollte sich nicht provozieren lassen. „Ob männlich oder weiblich so sehe ich doch wie fähig die Katzen Eures Clans sind. Und, ich lerne immer mehr über die Clans im Westen und ihre doch unterschiedlichen Methoden im Kampf. Es mag wichtig werden sie zu vereinen und die jeweiligen Vorteile zu nutzen.“
„Das ist wahr,“ meinte Kaiko prompt. „Und ich sehe mit gewissem Interesse, dass Himiko-sama und die Anderen recht hatten Euch als Taishō zu wählen.“
Als sie später jedoch unter sich waren, denn der designierte Kriegsherr war weiter zu den Tanuki in Kanzawa gewandert, meinte der Ordensleiter: „Er verachtet uns ohne es aus Höflichkeit zu zeigen.“
Himiko strich mit einer Handbewegung ihr zweifarbiges Haar zurück. „Glaubst du?“
„Er lobte uns. Aber ihm muss bewusst sein, dass selbst unser Orden nicht gegen einen Daiyōkai und den Dieb der Seelen ankommt. Wir hätten keine Chance, nun, eine geringe.“ Die gab es immer.
„Möglich,“ gestand die Königin der Jitō nach einer gewissen Pause. „Auch, wenn ich durchaus glaube, dass er diese Waffe so wenig wie möglich einsetzen wird. Er ist ein gefährlicher, aber sehr ehrenhafter, Mann. Keine Sorge, ich denke an meinen Eid für den Orden und das Volk. - Ja, er ist gefährlich, aber auf eine eigene Art. Er beeinflusst Leute, womöglich sogar ohne es zu wollen. Ich würde sagen, Frauen neigen dazu schwach zu werden, Männer dazu, sich vor ihm in Acht zu nehmen. Er wird in der nächsten Zeit den Westen verändern. Shirohito schlug es vor und wir willigten ein. Wir suchten jemanden, der den Westen zähmen könnte, gegen Kuriyama vorgehen würde, ohne selbst Fürst werden zu wollen. Aber, Kaiko, erinnere dich an meine Worte: wenn der Taishō fällt, wird es nicht um einer Waffe willen sein. Sondern um einer Frau willen.“
„Ich zweifele nicht an deiner Weisheit, meine Königin.“ Der Kater atmete durch. „Aber, wenn er ruft, werden wir folgen?“
„Wenn es gegen Kuriyama geht oder unsere eigenen Feinde, ja.“ Denn mit ihrer Zustimmung zur Allianz hatte sich Himiko auch deren Schutz für die Jitō erkauft.
Kazari machte sich ihre Gedanken. Nicht nur, dass ihre Mutter immer weniger Energie zeigte, nein, jetzt war auch noch der Aufbruch befohlen worden und der Sommer war gerade erst dabei in den Herbst über zu gehen. Sie wagte allerdings nicht zu fragen, nicht einmal, als die Rückreise deutlich langsamer von statten ging und der General immer wieder Pausen einlegte. Das konnte in den Augen der Fürstentochter nur bedeuten, dass dieser Rücksicht auf ihre Mutter nahm. Und, dass der es schlecht ging. Selbstverständlich wollte auch der grimmigste Hundekrieger nicht seinem Herrn mitteilen müssen, dass Ehefrau und womöglich der vierte Sohn unter seiner Obhut gestorben waren. Aber genau das beunruhigte Kazari. Sie hatte doch nur ihre Mutter als Ratgeberin und … Vielleicht irrte sie sich auch, dachte sie. Aber Kyogos Yōki schwankte in Bereichen, die sie als tief empfand. Aber womöglich bedeutete das auch nur, dass die Geburt bald bevorstand. Sie war sich nicht ganz sicher. Natürlich war Tomi jünger als sie, aber da war sie auch erst ein Welpe gewesen und hatte vieles nicht so recht verstanden. Auch das wäre natürlich ein guter Grund den Aufenthalt in den Bergen abzubrechen und nach Hause zurück zu kehren. Ein Sohn sollte im Haus des Vaters geboren werden. Natürlich würde es ein weiterer Sohn werden, zumindest, wenn Mutter das beeinflussen konnte. Nun ja. Kazari hoffte inständig, dass eine Frau dies irgendwie beeinflussen konnte. Wie denn sonst sollte sie möglichst rasch ihrem zukünftigen Ehemann den ersehnten Erben schenken, wenn es reiner Zufall wäre? Überdies wurden erstgeborene Mädchen nur zu leicht schlicht umgebracht.
Als sie an der Burg ankamen, bemerkte die Fürstentochter mit einem Blick, dass noch immer wie vor zwei Monaten ein Loch in der Mauer gähnte. Aber dort wurde momentan auch nicht gearbeitet. Offenkundig hatte Vater andere Dinge als wichtiger eingestuft. Sie hörte den tiefen Atemzug neben sich und sah besorgt beiseite. „Haha-ue?“
„Es ist nichts, Kind. Ich bin nur froh, wieder hier zu sein.“
Mutter war eine schlechte Lügnerin. Sie war nicht froh hier zu sein, aber es war wohl zwingend notwendig. „Gehen wir später in den Garten?“
„Nein. Gehe in dein Zimmer und lass auspacken. Ich werde ein Bad nehmen.“
Kazaris Misstrauen, das an Sorge grenzte, stieg. Gewöhnlich badeten sie zusammen. Aber gegen diese klare Anweisung konnte sie nicht verstoßen, nicht, ohne sich weiteren Zimmerarrest einzuhandeln oder gar Ärgeres. Sie kannte diesen harten Ausdruck um den Mund der Fürstengefährtin. So verneigte sie sich nur. Keine Gefühle zeigen, keine Regungen, denn dort trat der Fürst selbst aus dem Shinmaru, dem Verwaltungsgebäude, um sie zu begrüßen. Nun, vermutlich auch, um sich anschließend die Berichte des Militärs und der Hofdamen anzuhören. Kazari machte sich keine Illusionen. In ihrer gesellschaftlichen Stellung stand sie nicht nur unter andauernder Beobachtung, sondern schwebte bei jedem Fehler in Gefahr. Noch mehr als sonst jedes Mitglied des Clans, denn an ihrer Ehre und der ihrer Mutter hing auch Vaters. So verneigte sie sich ebenso wie ihre Mutter, wartete, bis der Wink des Fürsten die Frauen weiterschickte.
Im Weggehen hörte sie noch, wie der Name des Generals fiel. Ja, sie hatte recht gehabt – Berichte waren angesagt.
In ihrem Zimmer ließ Kazari sich umziehen, statt des mehrlagigen Kimono nur einen zweilagigen, die Haare nicht mehr aufgesteckt. Es lag ja wohl nichts an. Mutters Weisung war klar gewesen und deren Ratschläge würden für sie bis zu ihrer eigenen Heirat bindend sein. Dann räumten die Frauen die Truhen aus, die später irgendwo in der Burg verstaut werden würden und nahmen die Kimono mit um sie zu räuchern und zu parfümieren. Nur Inuko, ihre Kinderfrau blieb bei ihr. Kazari redete allerdings nicht mit ihr. Wozu? Auch Inuko würde noch Vater Bericht erstatten müssen, demnächst gerufen werden. Und sie selbst wollte abwarten bis ihre Mutter vom Bad zurück war, ihr erlaubte mit ihr zu gehen, in den Garten oder wenigstens in deren Zimmer.
Zu ihrer gewissen Enttäuschung hörte sie zwar ihre Mutter und einige Frauen kommen, aber diese kamen nicht zu ihr, sondern blieben bei Nyogo. Den Grund konnte selbst die unerfahrene Fürstentochter deuten, denn das Yōki ihrer Mutter sank rapide. In gewisser Hektik eilte eine der Dienerinnen fort. Nur fast zehn Minuten später hörte Kazari eine männliche Stimme aus dem Zimmer ihrer Mutter, die Mut zusprach. Nein, das war nicht Vater, das war doch der Heiler? Dann lief wohl soeben die Geburt ihres jüngsten Bruders? Aber sie wagte nicht ihren Raum zu verlassen und hinüber zu gehen. Natürlich war sie neugierig, auch auf das, was ihr ja wohl ebenso bevorstand, aber die Anweisung war zu klar gewesen. Und Sorge – nun ja, wenn das diese kleine Stimme in ihrem Hinterkopf war, die ihr zuraunte, dass dies anders war als bei der Geburt Tomis...? Aber eine Yōkai machte sich keine Sorgen und eine so hochgeborene wie sie sowieso nicht. So verschränkte sie nur die Hände im Schoss und versuchte durch einen wie beiläufig erscheinenden Blick zu ihrer Kinderfrau herauszufinden, was los war. Inuko starrte zur Tür, schwieg jedoch.
Trotz allem fuhr Kazari etwas zusammen, als sie keinerlei Energie ihrer Mutter mehr spüren konnte. Gar nichts. Drüben waren Schreie, jemand rannte aus dem Frauentrakt. Und nur kurz darauf wusste sie, dass ihre Ahnungen berechtigt gewesen waren, denn sie hörte und spürte ihren Vater. Es war unmöglich, dass ein Mann – außer dem Heiler – ein Geburtszimner betrat.
Für einen Moment war es absolut still, dann hörte sie deutlich die Befehle des Fürsten. „Bereitet alles für die Bestattung vor. Und sagt Kazari, dass sie sich entsprechend kleiden soll. Heiler, deine Strafe kommt noch.“ Damit ging Kurayami.
Und seine Tochter atmete tief durch. Ihr war klar, was geschehen war. Sie hatte nicht nur den kleinen Bruder verloren, sondern auch ihre Mutter, ihre einzige, ja, Ratgeberin und Freundin. Nie wieder würde sie jemandem vertrauen können und dürfen, wollte sie nicht sich selbst und ihr eigenes Leben aus Spiel setzen.
Was jetzt geschehen würde war ebenso klar. Tod in einem Schloss oder einer Burg bedeutete immer Unglück und das suchte man zu vertreiben, in dem der oder die Tote rasch außerhalb der Mauern verbrannt wurde. So stand sie auf. „Inuko, du hast den Befehl gehört.“
Die Kinderfrau verneigte sich nur und ging hinaus um andere Dienerinnen anzuweisen die gerade erst zum Räuchern aufgehängten Kimono der Fürstentochter wieder zu holen und beim Bürsten und Aufstecken des langen Haares zu helfen. In der Öffentlichkeit musste sie perfekt erscheinen, zumal der Herr sowieso verärgert schien. Den sonst so erfahrenen Heiler erwartete eine harte Strafe bis hin zum Tod. Kein Wunder eigentlich, dachte Inuko, als sie wortlos davon eilte, dass es so wenige Yōkai in dieses Amt zog, trotz der gewissen Ehre.
Der große, weiße Hund hielt inne und verwandelte sich in den bewaffneten Krieger zurück. Von den Jitō bis hier war der Taishō in seiner wahren Gestalt buchstäblich gestürmt, um ein wenig den Kopf frei zu bekommen, wie er sich selbst gesagt hatte, tatsächlich jedoch um sich daran zu hindern einfach mal eben So´unga einzusetzen. Diese Mühsal der Höflichkeit, dieses Austarieren, dieses Lavieren – wie gern hätte er stattdessen einen richtigen Schwertkampf.
Er ließ sich an einem Baum nieder, ein Bein unterschlagen, eines aufgestellt. Da auf seinem Oberschenkel postwendend ein kleiner Flohgeist auftauchte, der sichtlich schweißgebadet war, wurde ihm bewusst, dass sich der arme Myōga wohl so eben noch an sein Fell geklammert hatte. Er sollte auch an den Kleinen denken. „Es geht mir besser,“ sagte er daher beruhigend. „Aber diese Feldherrn-Sache wird mühseliger als ich dachte. Ruhe dich aus.“
Das würde er auch tun, sich entspannen, beruhigen.
Die Worte seines alten Lehrers kamen ihm ins Gedächnis. Den Namen des alten Wolfes hatte er nie erfahren, den immer nur „Lehrer“, sensei, nennen dürfen. Sein Vater hatte ihn eines Tages vor die Wahl gestellt dort zu bleiben und so lange zu lernen bis der Lehrer mit ihm zufrieden war - oder er würde So´unga in den nächsten Vulkan werfen, gleich, was dann geschähe. Nun ja. Er war eben jung gewesen, impulsiv und sehr von sich überzeugt der Beste zu sein oder es zumindest werden zu können.
Bereits das erste Duell mit dem alten Wolf hatte ihm allerdings deutlich die Grenzen aufgezeigt. Stark bist du, hatte der Lehrer gemeint, aber viel zu hastig im Kopf. Wir müssen deinen Kopf ruhiger stellen. Natürlich hatte er selbst mit dem Vorlaut des Halbwüchsigen protestiert. Und da hatte sein sensei zum ersten Mal das gesagt, was er in abgewandelter Form später wieder und wieder gemeint hatte:
„Du sollst das Höllenschwert tragen, Junge, bist der Einzige, dessen Blut das überhaupt verträgt. Aber um die Macht der Unterwelt zu zähmen musst du erst einmal deine eigene kennen lernen. Und ehe du den Willen eines uralten Höllendrachen beherrschen kannst, musst du zuerst im Stande sein deinen eigenen zu kontrollieren.“
So hatten sie geübt, Duelle mit Schwertern, Stockfechten, auch waffenlose Kämpfe. In den langen Jahren, Jahrhunderten, hatte er so oft mit seinem Lehrer meditiert, gelernt sein Yōki zu beherrschen, zu bündeln, zu unterwerfen. Und, in regungslosem, stummen, Sitzen nebeneinander war etwas weitergegeben worden, für das er keine Worte gefunden hatte und noch immer nicht fand.
Man wusste eben nicht alles. Und ihm war ebenso wenig klar, wie er es irgendwann geschafft hatte zum Daiyōkai zu werden, einige Zeit, nachdem er den sensei verlassen hatte und sein Vater gestorben war. Nun, eher fast sofort nach dessen Tod, als er So´unga erst kurz trug und sich zeigte, wie wichtig und notwendig diese Lektionen mit dem alten Wolf gewesen waren. Paradiesvögel hatten ihn überfallen, als er mit der Leiche seines Vaters zu seiner Mutter gehen wollte, um diesem dort einen würdigen Ruheplatz zu bereiten. Es war ein harter Kampf gewesen, trotz Höllenschwert oder gerade deswegen, denn das hatte alles mögliche getan aber nicht ihm gehorchen wollen. Irgendwie war es ihm dann doch gelungen es zu meistern – mit dem reinen Willen zu siegen und den Toten nach Hause zu bringen. Und erst später war ihm bewusst geworden, dass sich etwas in ihm verändert hatte, sein Yōki anders war, er über viel mehr Energie verfügte. Da war es passiert. Nur, warum, das wusste er bis heute nicht. So´unga war es jedenfalls kaum zu verdanken.
„Oyakata-sama!“
Das hektische Piepsen Myōgas weckte den Dayōkai aus seinen Gedanken. Ein Stück entfernt stand ein junger schwarzhaariger Hundekrieger mit den Zeichen der Azu. Er gehörte also zu Botan. War schon wieder etwas passiert oder hatte er in seinem rasenden Lauf sich etwas in der Richtung vertan und war nicht direkt durch Kinnosuke zu den Tanuki von Kanzawa gelaufen, sondern weiter südlich gelangt, eben zu den Azu? Und war das ein Grenzposten? Immerhin neigte der den Kopf, schien ihn also zu erkennen. Zugegeben. Der Taishō erhob sich. Ein Mann mit zwei Fellen auf dem Rücken, weißem Haar und goldenen Augen, das war so etwas wie ein Steckbrief. „Bringst du Nachricht von Botan von den Azu?“ erkundigte er sich.
„Ich bin Kasuki von den Azu, aber ich bringe keine Botschaft meines Herrn und Vaters. Ich bewache hier nur diesen Grenzabschnitt zu den Kinnosuke und vermutete eigentlich eher einen Boten von Shirohito, als ich Euer Yōki spürte.“ Der junge Hundekrieger hätte niemals zugegeben, dass er fast erschrocken gewesen war, als er erkannte, wer da mit solch niedrigem Energielevel so entspannt saß. Dass ein Daiyōkai solcherart seine Macht verbergen konnte...
„Meine Bitte um Entschuldigung. Ich wollte nach Kanzawa, bin aber offensichtlich aus der Richtung geraten.“ Das war also Botans Sohn und Erbe, der zukünftige Herr der Hunde von Azu.
„Nicht sehr allerdings. - Falls Ihr es wünscht begleite ich Euch das Stück durch den Wald. Dort liegt auch ein Sumpf, der recht unangenehm ist.“ Selbstverständlich war nichts gefährlich für einen Daiyōkai und Kasuki gab zu, dass es ihn faszinierte einmal einen solchen zu sehen. Natürlich war das Kuriyama auch, aber sein Vater hatte ihm strikt verboten mitzukommen, als er einen Höflichkeitsbesuch dort abstattete. Sogar mit einer Begründung: er würde nicht sein Leben und das seines Sohnes gleichzeitig aufs Spiel setzen. Er ergänzte lieber höflich: „Er lockt Tiere an und sie verenden dort im klebrigen Morast. Der Geruch belästigt Hundenasen bereits in weitem Umkreis, aber es ist der direkte Weg.“
„Nun, so gehen wir.“ Der Junge schien sich auszukennen. Nun, nicht verwunderlich, wenn das einst sein Herrschaftsgebiet sein sollte. Er mochte keine tausend Jahre zählen, nein, sicher nicht, aber ein schmaler Fellstreifen zeigte sich bereits auf einer Schulter, hing hinunter. „Der Sumpf selbst bildet die Grenze zu den Tanuki, nun einen Teil davon. Wünscht Ihr direkt zu Kano zu gehen? Der Teil des Waldes, in dem er sich gewöhnlich aufhält, liegt etwas nördlich, so dass wir den Sumpf nördlich umgehen sollten.“
„Tue das. Du kennst dich gut aus.“
„Danke.“ Kasuki war streng erzogen und wurde von seinem Vater auch und gerade als Erbe nicht mit Lob verwöhnt. Aber, er wusste es sich zu deuten. Natürlich schickte ihn sein Vater nicht als Wache an die Südgrenze in die Berge, sondern hier nach Kinnosuke. Shirohito würde nicht angreifen, schon zweimal nicht, nachdem er den Aufwand mit der Allianz betrieben hatte. Da waren Drachen oder Panther die größere Gefahr. Der Clanherr wollte seinen Sohn nicht beschämen und setzte ihn als Grenzwache ein – aber eben dort, wo es etwas sicherer war. Falls es tatsächlich gegen die Ohiro gehen sollte, unter dem Befehl des Mannes, der hier so locker neben ihm schritt, wäre diese Form der Rücksicht vorbei. Er sah auf, als er eine winzige Bewegung auf der Schulter des Taishō sah. Ein Floh? Unwillkürlich wollte er zuschlagen, ehe ihm bewusst wurde wessen Schulter er dann auch treffen würde. „Äh...“ suchte er eilig seine Handbewegung zu rechtfertigen – und begegnete goldenen Augen.
„Myōga mag ein Flohgeist sein, Kasuki. Aber er ist auch mein Berater. Man sollte nie nach der Größe gehen.“
„Euer Berater.“ Der junge Hundekrieger gab sich zu die Welt nicht mehr zu verstehen, aber wenn er je auch ein Daiyōkai werden wollte, sollte er wohl hier viel lernen.
Besagter Berater setzte sich demonstrativ in das Fell seines Herrn. Nur ein Wahnsinniger würde versuchen einem Hundeyōkai etwas von der Schulter zu nehmen, noch dazu einem Daiyōkai. Ein lebensmüder Wahnsinniger. Und er sollte gegenüber diesem halben Welpen etwas klarstellen. Natürlich unauffällig, damit nicht der Taishō auf ihn ärgerlich wurde. „Ich meine mich zu entsinnen, oyakata-sama, dass diese eigenartigen Sümpfe öfter in dem Gebiet von Kanzawa vorkommen. Sie bestehen aus einer Art flüssigem Gestein, das man Asphalt nennt. Darauf liegt Wasser, so dass die Tiere es für einen See halten. Wenn sie hineintreten, sind sie rettungslos verloren, denn das Gestein lässt sie nicht mehr los.“ Ha! Immerhin hatte er das Vergnügen, dass gleich ZWEI Hunde leicht nickten. Er war doch ein ernst zu nehmender Berater!
Der Kriegsherr des Westens ergänzte, sichtlich in Gedanken: „Tiere oder auch andere Wesen? Diese ...Menschen im Norden etwa?“
„Das weiß ich nicht. Und auch nicht ob ein magisches Wesen...“
„Dennoch. Interessant.“
„Danke, oyakata-sama.“
Und Kasuki bemerkte erneut die Höflichkeit gegenüber nicht nur ihm, sondern auch gegenüber dem Floh.
Tage der Einsamkeit 1
K
azari beobachtete regungslos wie die Flammen des Scheiterhaufens noch einmal hell empor loderten. Sie hatte wenige Male einer solchen Bestattung zugesehen. Bald war es vorbei, nur Asche würde bleiben.
Aber momentan löschte jedes einzelne Flämmchen eine ihrer Empfindungen aus. Sie war nun allein. Inuko, ihre Kinderfrau, hatte einmal gesagt, dass sich mit der Heirat das Tor zur Kindheit schloss. Nun, ihres war jetzt zugefallen, nicht leise, wie eine Papiertür zum Schlafzimmer zugeschoben wurde, sondern laut, wie ein Burgtor, das zu fest in die Angeln geworfen wurde: metallen, dröhnend. Mutter war tot und damit ihre einzige Person, der sie vertrauen konnte, die Einzige, die sie um Rat fragen konnte, die Einzige, bei der sie sich sicher fühlen konnte. Von nun an war sie auf sich allein gestellt. Um sie waren nur Verräter, vielleicht nicht einmal aus Absicht – aber sie bahnten den Weg in den Tod. Sie machte sich da keine Illusionen. Wenn ihr Vater und Fürst fragte würde auch Inuko antworten, auf jede einzelne Frage. Ein Daiyōkai wie Kurayami musste nur mit seinem Yōki drohen. Falls das überhaupt nötig war. Jeder kannte die tödlichen Risiken. Ihr zukünftiger Ehemann besäße die gleichen Rechte, jedes Recht, über sie. Der Tod mochte durch die Hand des Gemahls kommen, durch die Geburt eines Kindes – der Tod einer Frau in jungen Jahren war ebenso wahrscheinlich wie der eines Kriegers auf dem Schlachtfeld.
Die Flammen sanken in sich zusammen, schufen noch einmal eine Hitzewelle.
Der jungen Hundeyōkai wurde in dem Moment bewusst, dass ihre Kindheit wahrlich vorbei war. Ohne Mutter, ohne Fürstengefährtin, wäre sie die höchstrangige Frau in der Burg. Undenkbar, bei Vater und drei älteren Brüdern, die sicher nur zu bald heiraten würden und deren Gefährtinnen auch Ansprüche im Frauentrakt anmelden konnten. So rasch es ging würde sie verehelicht werden. An wen … Sie hoffte, dass ihr Vater wenigstens das Alter berücksichtigen würde, aber, was zählten schon die Ängste und Besorgnisse einer, noch dazu jungen, Frau. Sie musste sich fügen.
Das Feuer erlosch mit einer letzten Rauchsäule und Kazari war sich plötzlich sicher, das es eben die Seele ihrer Mutter war, die da so senkrecht zum Himmel stieg.
Sie hob ein wenig die Hand, Abschied und Dank an alles, was sie von ihr gelernt hatte.
Nur, um prompt zusammen zu zucken und sich zu verneigen, denn vor ihr stand Fürst Kurayami. Er hatte es gesehen, dachte sie nur.
„Geh in dein Zimmer.“
Ja, er hatte es gesehen und sie konnte froh sein, wenn er die unerwünschte Emotion nur durch Zimmerarrest bestrafte. So verneigte sie sich erneut, ehe sie sich wortlos umdrehte. Zimmerarrest. Langeweile war durchaus eine Strafe und sie hatte sie schon manchmal eine Woche oder auch zwei durchlebt. Keine Frauen zum Unterhalten, keine sonst so verhasste Stickerei, keine Shamise zum Spielen... Nur, wo Mutter Nachsicht gezeigt hatte, würde es Vater weniger. Es würde länger dauern.
Ihr blieb nichts als zu gehorchen und so ging sie, gefolgt von den Frauen, durch den Nebeneingang der Burg. Ach, hier im Verwaltungstrakt, dem Shinmaru, lag das, was sie am Meisten beschäftigte – und der Ort zu dem sie sicher nie Zutritt erlangen würde. Hinter der langen Wand, an der sie vorbeiging, lag das Archiv des Fürsten.
In ihr keimte ein kühner Gedanke. Selbst Schreiber und andere Beamte hatten keinen Zutritt. Sie legten die benötigten Rollen auf ein kniehohes Gestell aus Bambus vor der Tür. Allein der Archivar nahm sie dort und gab sie dort aus. Das Gestell... Sollte sie? Wenn ihr Vater das herausfand war ihr eine härtere Strafe als nur Zimmerarrest sicher, aber .. Kazari wandte leicht den Kopf. Inuko und Seiko folgten ihr wie üblich auf fünf Schritt Abstand. Dort vorne lag die Kurve, keine dämonische Energie war zu spüren.
Die Fürstentochter verlängerte und beschleunigte abrupt ihre Schritte, bog um die Ecke. Ein rascher Blick verriet ihr, dass tatsächlich niemand in Sichtweite war. Ohne auch nur im Schritt inne zu halten griff sie nach dem Regal, zu einer relativ dicken Rolle. Noch eine Sekunde, dachte sie, ehe sie hinter sich hörte, dass die Damen um die Ecke bogen, bemüht, den Abstand wieder einzuhalten.
Was konnten sie schon sehen? Ihre Herrin bewegte sich überaus elegant, nur, dass die Hände nun in den Ärmeln steckten. Kazari blickte sich nicht um, womöglich hätte gerade ihre Kinderfrau, die sie nun einmal sehr gut kannte, ein gewisses Schuldbewusstsein entdeckt, und umklammerte stattdessen ihre Beute. Was auch immer es war, Geografie, Verwaltung – es würde ihr über den Zimmerarrest helfen. Und sie hatte sich selbst geholfen. Ein sehr ungewohntes Gefühl, das doch ein leichtes Zucken ihres Mundwinkels bewirkte, noch ehe sie sich wieder zur Regungslosigkeit ermahnte. Sie hatte eigenständig etwas getan. Und das ließ sie doch den Kopf ein wenig höher heben, ein wenig den Rücken mehr strecken, gleich, ob der enge Gürtel des Obi zog oder die Haarspangen in die Kopfhaut drückten. Das war sowieso etwas. Ob sie, wenn sie verheiratet war, auch diese so streng hochgesteckten Haar mitsamt den ziependen und schmerzenden Klammern lassen konnte? Sie hätte gern die Haare lang fallen lassen, vielleicht so, wie Seiko es trug, nur wenige Strähnen aus dem Gesicht in eleganten Schleifen zurück gehalten? Warum nicht. Wenn es ihrem Ehemann nicht gefiel müsste sie sich natürlich fügen, aber womöglich fand er das attraktiv? Immerhin war Seiko ja auch verheiratet.
In ihrem Zimmer angekommen befahl sie nur: „Nehmt mir den Obi und das Kissen ab.“ Sie würde nur zu bald keine Dienerinnen mehr um sich haben und das alleine zu bewerkstelligen war unmöglich. „Und die Haarspangen.“
Da Inuko sichtlich fragen wollte, ob auch den einen oder anderen Kimono, wehrte sie ab, noch immer die Klauen in den Ärmeln – und damit die Schriftrolle. Und ja, sie hatte recht behalten, dachte sie nur, als die anderen Frauen kamen, in Begleitung des Hausmeisters. Wortlos nahmen sie die Sticksachen, die Laute, verneigten sich höflich. Auch Inuko und Seiko schlossen sich der stummen Prozession an. Sie war allein. Wie allein, hörte sie kurz darauf. Ihre Mutter hatte sie auch bereits in ihr Zimmer verbannt, ihr Langeweile aufgehalst. Aber, das hatte sie stets selbst überwacht, lag doch ihr Raum fast gegenüber. Vater jedoch hatte ein anderes Mittel gewählt. Die Fürstentochter schrak fast zusammen, als sie Yōki vor ihrer Tür spürte, leise Geräusche von Metall. In der Tat. Dort standen nun mindestens zwei Krieger, die sicher den Befehl erhalten hatten, dass sie nicht einmal im nun leeren Frauentrakt herum gehen durfte. Und, da machte sich Kazari keine Illusionen, die auch garantiert Vater berichten würden, versuchte sie auch nur ihr Zimmer zu verlassen.
Nun gut. Sie atmete durch, als sie das Buch aus dem Ärmel zog. So viel zu lesen...
Ihr Blick fiel auf die Überschrift: Die Rolle und Handhabung von Spionen in der Kriegsführung.
Oh nein.
Von allem, was sie hätte erbeuten können, hatte sie sich ausgerechnet etwas über Taktik und Krieg genommen. Etwas, von dem sie gewiss nie etwas einsetzen konnte.
Sie warf das Papier fast wütend in den Alkoven, in dem Matten und Decken sie gewöhnlich zur Meditation einluden. Nun gut. So würde sie eben wiederholen können und müssen, was sie in diesem Sommer gelernt hatte: ihre dämonische Energie zu bündeln, die Magie des Mondes einzusetzen. Und, natürlich, abzuwarten, wann der Fürst beschloss, dass ihre Strafe vorbei sein.
So ließ sie nachlässig Schicht um Schicht ihrer Kimono zu Boden gleiten, behielt nur den letzten an, für den Fall, dass doch jemand herein sah, wollte sie sich nicht in Unterwäsche präsentieren. Dann ließ sie sich vor dem holzvergitterten Fenster auf die Knie gleiten und schloss die Augen, suchte wie erlernt ihr Yōki um es und damit sich zu stärken. Sie hätte tagelang Zeit, vermutete sie. Immerhin war Halbmond und nachts würde sie diese Magieform suchen. Man musste, gerade als Frau, immer das Beste aus einer Situation machen. Zum ersten Mal verstand sie Mutters diesbezüglichen Rat wirklich. Das konnte in einer Ehe ebenso ihre Zukunft sein, allein zu sein, ohne Aufgabe, ohne Beschäftigung, ja, ohne Kind. Nur ein Sohn würde sie etwas schützen können. Kein Kind, keine Rechte. So einfach war es. Und mehrere Kinder bedeuteten leicht den Tod, das hatte sie an haha-ue gelernt. Sie musste stärker werden, stärker als ihre Mutter, um zu überleben.
Warum nicht diese Zeit nutzen.
Der Taishō der Allianz wanderte ein wenig gedankenverloren durch das Gebiet des Kanzawa-Clans. Der junge Hundeerbe der Azu, Kasuki, hatte ihn höflich bis zur Grenze begleitet, dabei so sichtlich immer wieder nach ihm guckend: ähnlich gehen, von ihm lernen. Es hatte fast das Gefühl bekommen ein kleiner Bruder laufe neben ihm. Oder auch ein Sohn. Seltsam. Nie zuvor hatte er daran gedacht, dass er seinem Vater mit seinen Fragen und Ansichten zwar manchmal auf die Nerven gegangen war, aber er glaubte nun eher dessen Geduld zu verstehen. Es musste reizvoll sein einen Namen für ein Kind auszusuchen, zuzusehen, wie es größer wurde, lernte – und in dem tollpatschigen Übermut eines Welpen mit einem Sprung in die Seite des Vaters seine Kraft erprobte. Sicher, So´unga war ein guter Grund für eine noch bessere Ausbildung des Jungen. Aber zum ersten Mal überlegte er ernstlich, ob es nicht schlicht auch bei aller Verantwortung Spaß machen konnte einen Erben aufzuziehen.
Yōki ließ ihn innehalten. „Ich möchte zu Kano,“ sagte er laut, sicher, dass ein Tanuki in der Nähe war.
Dieser zeigte sich auch prompt – ein Krieger. „Ich werde Euch zu ihm bringen.“
Jetzt fragte sich, wie die Marderhunde lebten – wie die Jitō einzeln, wie die Kitsune in einer Burg?
Das ließ ja wohl auch Rückschlüsse auf die Charaktereigenheiten des Clans zu.
Zu seiner gewissen Überraschung führte ihn der Krieger weiter in den Wald der Ebene, die das Bergland der Azu vom Meer trennte. Hatte er etwas überhört? Die Kartographin hatte ihm doch gezeigt, dass nach ihrem Wissen zwischen dem Gebiet des Tanuki-Clans und dem Meer ein breiter Streifen Land lag, in dem es keinen herrschenden Clan gab? Hier im Wald kreischten zwar Affen, aber Meer war zugegeben nicht zu wittern. Es musste noch weiter weg liegen – oder es handelte sich um eine Täuschung der als überaus zauberkundig verschrienen Marderhunde. Und sie galten als Scherzbolde. Er sollte behutsam sein, wachsam, um sich nicht zu blamieren.
Aber als sein stummer Begleiter stehen blieb, erkannte der Taishō, dass er tatsächlich zu dem Herrn des Clans geführt worden war.
Kano neigte höflich ein wenig den Kopf und so tat er es auch. „Kano-sama.“
„Werter Taishō, ich hoffe, Ihr habt den Weg hierher nur auf Euch genommen um uns kennen zu lernen, wie Ihr erwähntet und es gibt keinen Grund zur Besorgnis.“ Der Tanuki-Herr deutete vage neben sich.
Er saß unter einem großen, alten Baum, der den Gast ein wenig an diesen Bokuseno erinnerte. Magie war hier, ja, waberte förmlich. Aber er nahm fast sorglos Platz, dabei das Schwert von seinem Rücken ziehend und samt Scheide neben sich legend – abgewandt von Kano. „In der Tat kein Grund zur Unruhe, werter Kano. Und ein Teil meiner Rundreise. Darf ich fragen, wie weit das Meer von hier entfernt liegt?“
Der Marderhund zog amüsiert die Augen so zusammen, dass sich das schwarze Band darum verschob. „Unsere Magie stört Eure Nase. Verzeiht, dass mich das erfreut. - Nun, in Eurer menschlichen Form und langsam wären es sicher drei Tagesreisen, eher mehr.“
„Dort regiert kein Clan.“
„Nein. Nur einzelne, verstreut lebende Yōkai, die sich hüten zu uns zu kommen. Falls doch und sie Ärger machen, nun ja. Und, aber das habt Ihr sicher bemerkt, gegen die Drachen und Panther des Südens ist Botan, aber auch die Katzen für uns eine Sicherheit. Allerdings machte es mich zugegeben etwas unruhig, als der gute Shirohito Nachricht sandte, dass sich gleich zwei Daiyōkai bei ihm herum... ich meine, in seinem Gebiet sind. Ich rechnete mit einem Daiyōkai als Hund mit einem aus dem Osten, was Ihr zugegeben seid. Ärger war wohl der zweite Daiyōkai. Die Panther haben nur einen, ihren Anführer. Und der schickt immer wieder Leute hier in die Gebiete. Ihr Ziel? Fragt mich nicht. Sie töten, wen sie finden. Ich bin ein Tanuki und verstehe wahrlich einen Scherz – aber, das ist keiner.“
„Ich verstehe. Das Land bis zum Meer steht unter keiner Kontrolle, ist also ein Einfallstor weit in den Norden des Westens.“
„Ja. Ich bin erfreut, dass Ihr in der Tat Euer Handwerk versteht. Nun, ratet mir.“
Äh, was? Rat geben galt durchaus als unhöflich und so meinte der Taishō behutsam: „Gegen die Panther? Denn mit allem anderen werdet Ihr und Eure tapferen Gefolgsleute fertig.“
„Ja.“ Kano grinste. „Und natürlich habt Ihr recht, es ist eine kleine Herausforderung. Aber ich möchte doch wissen, was ein Feldherr, dem ich und meine Krieger folgen sollen, so drauf hat. Nicht, dass Ihr zweifelt. Ich bin sozusagen Gründungsmitglied der Allianz. Aber, man lernt einander doch gern kennen.“
„Tanuki gelten als klug,“ erwiderte der Daiyōkai höflich. „Nun, Ihr wollt eine Strategie, wenn mehr als ein Panther hier herkommt?“
„In der Tat.“
„Und die Azu oder die Jitō sie entweder nicht bemerkten oder sie eben am Meer entlangkommen?“ Ein erneutes, seichtes Nicken des Marderhunds. „In diesem Fall würde ich Euch raten, Kano-sama, den Ärger dorthin zu ziehen, wohin Ihr wollt.“ Er begegnete einem durchaus interessierten Blick und fuhr fort: „Ein sehr dichter Wald, den Eure Magie und die Eures Clans förmlich flutet. Interessante Asphaltseen, die so manchem Tier zum Verhängnis werden. Also sollte Eure Taktik sein Eure Umgebung zu nutzen. Wer tot ist, kann keine Neuigkeiten verbreiten.“
„Ein Kampf mit Fallen, schlagt Ihr vor? Kein direktes Duell?“
DAS war eine Falle. „Ich bin stets für offenen Kampf – ich stellte mich dem Herrn der Panther. Aber, wenn sich jemand wie ein Dieb hereinschleicht, keine offene Forderung stellt, so sollte man ihn auch wie einen Dieb behandeln. Ich zweifle nicht, dass Ihr einem Duell nicht aus dem Weg gehen würdet, Kano-sama.“
„Ich bin tatsächlich neugierig, was geschieht, wenn Euer Plan auf den eines anderen Hundedaiyōkai stößt. Nun, Ihr wollt sicher kaum mit mir plaudern, sondern meinen Clan kennen lernen.“ Kano hob ein wenig die Hand.
Und der Taishō erstarrte. Verdammt! Sie hatten ihn umzingelt und er hatte nicht das Mindeste bemerkt. Überall aus den Schatten des Walds um ihn lösten sich die Gestalten von Yōkai, die nun auch ihre Energie nicht mehr verbargen. Schön, dass das Höllenschwert ihn nicht gewarnt hatte, war normal. Aber, wieso hatte Myōga... Weil der gar nicht da war. Er sollte wirklich besser aufpassen, wann sich der kleine Geist aus dem Staub machte. Der Floh war mehr als loyal, aber wie jeder besaß eben auch der seine Schwächen. Und dazu gehörte schlicht auch sein mehr als ausgeprägter Überlebensinstinkt. So blieb ihm selbst nur zum Hausherrn zu blicken und den Kopf leicht zu neigen. „Ich bewundere die Magie Eures Volkes.“
Und das war wirklich nicht gelogen. Diese Tanuki wären wahrhaftig sehr gute Spione. Anwesend zu sein ohne sogar einer Hundenase aufzufallen... Hm. Eine Idee keimte in ihm. Wie hatte Kano gesagt, er sei ein Gründungsmitglied der Allianz? Shirohito hatte da offenkundig gute Vorarbeit geleistet. Warum darauf nicht aufbauen, ohne den so genannten Fürsten argwöhnisch zu machen? Nachbarn zu einem Fest einladen, dabei einige Spiele, ja, Kampfspiele zu veranstalten … Natürlich erst einmal nur die aus dem Südland. Ja, er sollte noch einmal mit dem Herrn der Füchse von Kinnosuke reden. Und bei der Gelegenheit auch ein wenig weiter östlich den alten Baum fragen, ob der den ominösen Schmied schon hatte sprechen können. Zugegeben, dieser Westen war nervenaufreibend, aber allein die Tatsache auch nur eine Chance zu bekommen das verfluchte Schwert in die Unterwelt zu senden war wohl einiges an Nerven wert. Allerdings kam er sich momentan wie der einsamste Hund des Planeten vor.
„Danke,“ meinte Kano höflich. „Oh, ich darf Euch meinen Sohn und Erben Hachi vorstellen?“
Kazari sah zur Tür, aber stand nur auf. Einundzwanzig Tage. Eine weitere Woche war vorbei und langsam spürte sie, wie schwer es ihr fiel sich immer nur um Yōki und Magie zu kümmern. Selbst das sonst so langweilige Geplauder der Frauen, sogar das ungeliebte Sticken... Mutter hatte sie nie länger als zwei Wochen hier sitzen lassen.
Sie seufzte innerlich. Was sollte es. Bevor sie sich buchstäblich zu Tode langweilte, las sie eben etwas über den Krieg.
Sie ging hinüber, wo die dicke Rolle, es waren sicher mehr als acht Blätter, noch dort lag, wohin sie sie vor drei Wochen geworfen hatte. Sie ließ sich wieder nieder und nahm es. Die Rolle von Spionen im Krieg? Als ob sie das je brauchen konnte, hatte sie da gedacht. Nun, das zu lesen würde sie immerhin daran hindern die Langeweile zu deutlich als Strafe zu spüren.
So begann sie zu lesen.
Und noch einmal, als wieder Tage vorübergingen.
Seltsamerweise bemerkte sie bei dem zweiten Lesen etwas vollkommen anderes. Eine Erkenntnis über eine Welt, die sie nie zuvor auch nur in Betracht gezogen hatte.
Die Rolle von Spionen. Es gab verschiedene Arten, darunter auch Überläufer.
Und so einige davon würde sie auch in einem fremden Schloss benötigen, in dem sie absolut keine Loyalität finden konnte. Spione. Damit wusste sie, wer eine Gefahr war, wer auch nur eine ehemalige Geliebte ihres Ehemannes war, wer gegen sie intrigierten konnte. Wie hieß die Lehre aus der Schrift? Nur ein kluger Herrscher ist in der Lage zu erkennen, dass das höchste Wissen den Spionen zu verdanken ist und nur durch sie der größte Erfolg errungen werden kann.
Mit neu erwachtem Interesse las sie die Papiere zum dritten Mal
Tage der Einsamkeit 2
D
ie Fürstentochter legte das erbeutete Papier wie stets in diesen Tagen unter ein Kissen, so dass selbst ein überraschender Besuch es nicht entdecken konnte. Mehr als drei Wochen hatte sie nun hier gesessen. Nun, sie hatte sich nicht gelangweilt. Sie hatte ihr Yōki ebenso besser zu kontrollieren gelernt wie ihre Magie des Mondes. Leider war nun die Neumondnacht angebrochen und so war ihr letztere verwehrt gewesen, aber die Strategie der Spione hatte sie erneut gefangen genommen. Es war doch gut gewesen sich ausgerechnet diese Rolle aus der fürstlichen Bibliothek zu … nun, zu nehmen.
Der gewisse Lärm zuvor hatte sie bewogen einen mehr als behutsamen Blick durch das Fenstergitter zu werfen. Sollte Fürst Kurayami seine Tochter bei unziemlicher Neugier ertappen würde es nicht mehr nur bei Zimmerarrest bleiben. Sie hatte jedenfalls genug gesehen und gehört, dass Besuch gekommen war – allerdings war es wohl ein seltsamer. Selbst die Clanherren, die doch Vater unterstellt waren, kamen nie allein, stets mit Kriegern, schon, um ihre Stellung zu zeigen. Dieser Besuch, soweit sie mitbekommen konnte, hatte keine Begleitung erhalten, war jedoch unverzüglich direkt von dem Burgherrn begrüßt worden. Das deutete auf einen Gast oder auch zwei hin, die wichtig genug oder hochrangig waren.
Kazari spürte ein leichtes Ziehen im Magen. Wichtiger Bote? Womöglich jemand, der um ihre Hand anhalten sollte? Es war ihre Pflicht und sie schuldete ihrem Vater absoluten Gehorsam. Alles andere bedeutete nicht nur den Tod, sondern, in Anbetracht ihrer Stellung auch noch einen erschwerten. Nein. Sie durfte weder sich noch ihre Familie beschämen, aus gleich allen Gründen zusammen. Und sie hatte ja bereits angenommen, dass sie nach Mutters Tod rasch verheiratet werden sollte. Wobei, Vater würde sich sicher nicht aus Eile über den Tisch ziehen lassen. Er war doch nicht umsonst der Herr des Westens. Womöglich war das nur die Fortsetzung von Verhandlungen, die sie nie mitbekommen hatte. Was ging es eine junge Frau auch an an wen sie wie teuer verheiratet wurde. Sie musste und würde sich fügen.
Sie hatte recht, dachte sie nur, als sie die huschenden Schritte von Frauen im Gang vernahm. Seiko erklärte den Wachen: „Befehl des Fürsten. Kazari-hime soll sich umkleiden und in den Empfangsraum kommen.“
Was wohl bedeutete, dass ihr Zimmerarrest zumindest für heute Abend aufgehoben wurde. Nun ja. Der Bote sollte wohl sehen, dass sie jung und gesund war. Das Aussehen oder auch ihre Magie war bestimmt unwichtig. Sie war unwichtig.
So stand sie auf, warf zur Sicherheit noch einen Blick auf die Lagerstatt. Ja, das Papier lag gut verborgen und hoffentlich würde nicht eine der Frauen ausgerechnet jetzt auf den Einfall kommen die Matte zu verschieben. Eher weniger, so eilig, wie Seiko und andere hereinkamen, bereits Kimono, Obi und Kissen in den Händen. Wo war Inuko? Unwillkürlich suchten ihre Augen Seiko. Warum kam ihre Kinderfrau nicht? Und die Hofdame senkte den Blick.
Die Fürstentochter kannte die Regeln nur zu gut. Also hatte ihr Vater Inuko hart bestrafen lassen für ihren eigenen Fehler um ihre Mutter getrauert zu haben. Entweder war die alte Hundedame gestorben oder zumindest zur Zeit nicht dienstfähig. Und sie war schuld, durch ihren Gefühlsausbruch bei Mutters Tod. Darüber zu sprechen hätte allerdings Kritik am Fürsten bedeutet – ein sicherer Weg in den Untergang. Sie zwang sich zur Ruhe, wie sie jederzeit von ihr erwartet wurde. „Befehl meines Herrn und Vaters?“
„Ja. Ihr sollt Euch zum Empfang ankleiden. Euer Bräutigam und sein Vater erwarten Euch.“
Sie hatte recht behalten, ja. Warum nur schnürte sich ihre Kehle zu? Wollten sie sie schon mitnehmen? Vater sie so rasch los werden? Aber es war nur zu verständlich, dachte sie. „Darfst du mir sagen um wen es sich handelt?“ Sie ließ sich auf die Knie nieder, um sich das Haar bürsten und hochstecken zu lassen.
„Es handelt sich um offensichtlich hochrangige Wölfe aus dem Osten. Mehr wurde mir nicht mitgeteilt.“
Natürlich nicht. Mehr war uninteressant. Wölfe aus dem Osten? War nicht der Herr des Ostens einer? Waren das Boten, die sie ansehen sollten, damit die Fürstentochter des Westens den Herrn des Ostens heiraten konnte? Das wäre natürlich eine Ehre für sie und eine bestimmt vorteilhafte Eheschließung für ihren Vater. Der würde doch dann zufrieden sein – vorausgesetzt natürlich, dass die Boten nicht sie wegen falschem Benehmen zurückwiesen. DAS wäre eine Schande für einen Fürsten und würde hart auf sie zurückfallen. Nein, Seiko hatte doch gesagt es handele sich um ihren Bräutigam und seinen Vater. Sicher kam ein Fürst nicht persönlich. Hochrangig waren sie ja wohl. So ließ sie sich schminken, Haare bürsten und empor stecken, die Kimono überstreifen.
Sie musste jetzt nur unbedingt einen guten Eindruck machen, die getas wie leichte Schiffchen setzen, sich protokollgerecht verneigen, schweigen. Nun, all das, was sie je gelernt hatte für diesen einen Zeitpunkt.
Es gelang ihr, dachte sie, als sie die einstudierten Abläufe befolgte, sich noch an der Tür vor dem Fürsten tief verneigte, auf dessen Wink etwas näher kam, schließlich elegant wie tausende Male geübt in die Knie glitt. Solange ihr die beiden Fremden auf dem Podest nicht vorgestellt worden waren, genügte ein seichtes Nicken. Ja, eindeutig Vater und Sohn, dass hatte der nur vorgeblich scheue Blick auf die Gäste bewiesen. Ebenso eindeutig waren sie Wölfe. Und sie spürte einen leichten Schauder. Alles an den Zweien war grau. Grau die Seidenkleidung, grau die Rüstungen, grau die langen Haare. Bei beiden. Und sie wagte zu behaupten, dass sogar die Gesichter grau waren. Es war buchstäblich ein Grauen. Aber sie zeigte nichts, neigte nur den Kopf grüßend und schwieg, sich mit gerundeten Schultern dem Protokoll unterwerfend.
„Du darfst aufsehen, Tochter,“ erklärte der Fürst, durchaus zufrieden mit ihrem Benehmen.
Ja, natürlich. Kazari hob das Gesicht – zu ihm. Das war nur, damit jeder sehen konnte, wie hübsch sie war. Und wie folgsam.
„Ihr hattet Recht, Kurayami-sama,“ sagte der ältere Wolf. „Eure Tochter gefällt mir.“
„Du darfst gehen, Kazari,“ meinte der so gelobte Vater, zufrieden genug um zu ergänzen: „Du darfst morgen in den Garten.“
Sie verneigte sich schweigend, auch gegen die Gäste, ehe sie ging. Vor der Tür schlossen sich ihr Seiko und eine andere Dame an, die sie nicht weiter beachtete, zu beschäftigt mit der unerwarteten Emotion, die sie nicht deuten konnte. Sie war doch gehorsam, hatte einen guten Eindruck gemacht, Vater war zufrieden, sonst hätte er nie ihren Zimmerarrest aufgehoben... woher stammte denn nur dieses Gefühl in der Magengegend? Ihr ganzes Leben war sie für diese Momente vorbereitet worden. Was nur war los mit ihr?
Aber eigentlich war es ihr bewusst. Noch während sie ihr Zimmer betrat, sich die Haarspangen und Kimono abnehmen ließ, war es ihr klar. So grau in grau, so …. die Blicke. Sie musste sich fügen, ja. Aber das... Was war es nur, das in ihr fast Übelkeit erregte?
Sie bemerkte fast erschreckt, dass eine Dame hilfsbereit ihre Lagerstatt richten wollte und wehrte eilig ab. „Geht nur alle und bringt mir morgen früh Kissen und Musik.“ Das fehlte noch, dass jetzt ausgerechnet die... entliehene Rolle aus der Bibliothek gefunden wurde. Dann konnte sie mit einer harten Strafe rechnen.
Alleingelassen dachte sie erneut nach. Weniger über die Heirat. Dieses Papier schien ihr momentan die größere Gefahr für sich. Es wäre keine Schwierigkeit für ihren Vater, nur ein sicher erheblicher finanzieller oder sonst wie Verlust, würde sie sterben. Und, es wäre kein Problem für ihn sie für den Diebstahl innerhalb seiner eigenen Burg umzubringen. Um sein Gesicht zu wahren würde er es gegenüber dem Ostfürsten als Krankheit und weibliche Schwäche deuten.
Magie.
Sie hatte sie doch oft genug geübt. Mondmagie war nicht zum Angriff geeignet, aber dafür Bannkreise zu erschaffen. Da sollte es doch niemand finden können. Leider war Neumondnacht und ihre Zauberkraft geringer, aber da es keine der Damen vermochte, wäre die Rolle unsichtbar, verschwunden. Warum nur hatte sie zuvor nicht daran gedacht?
Kaum eine Minute später ließ sich die Fürstentochter wieder nieder. Diese Schwierigkeit war aus dem Weg. Und so einfach. Man musste nur strategisch vorgehen, sachlich nachdenken. Ebenso wie sie die Papiere ...organisiert hatte, konnte sie sie auch verschwinden lassen. Sie vermochte etwas zu tun, sie war wirksam. Diese Erkenntnis war neu und ließ sie sich unmerklich gerade hinsetzen.
Das nächste Problem war ihre Heirat – oder weniger die, dafür war sie schließlich seit ihrer Geburt vorgesehen, als dieses seltsame Gefühl. Was nur in ihr sträubte sich so? Der junge Wolf hatte zwar … nun ja gräulich ausgesehen, aber nicht unbedingt grässlich. Was auch gleich wäre. Sie müsste sich fügen.
Sekunde.
Der junge Wolf. Und sein Vater hatte gemeint, sie gefalle ihm. Sollte sie etwa gar nicht den Sohn, sondern den Vater heiraten? Der war sicher so alt wie der ihre. Nein, das konnte auch nicht sein. Seiko hatte doch gesagt, der Bräutigam mit Vater sei hier.
Sie atmete tief durch. Der Rat ihrer Mutter fehlte ihr momentan sehr. Aber diese hätte auch nur gesagt, dass eine Frau stets das Beste aus einer Lage machen musste, sich eben fügen musste. Letzten Endes war es wichtig, sowohl ihren Ehemann als auch den Schwiegervater ruhig zu halten, womöglich auch den Fürsten. Sie daran hindern sie umzubringen. Daran sollte sie sich halten.
Und nachdenken. Warum sollte sie aus der Rolle der Spione nichts lernen können? Im fremden Schloss, hatte sie gedacht, werde sie das gebrauchen können. Warum nicht hier und jetzt? Seikos Ehemann war Hauptmann der Wachen, seiner Frau sehr zugetan – vielleicht könnte sie darüber mehr erfahren? Natürlich durfte sie Seiko nicht in Gefahr bringen. Sie sollte das als reine, kleine, weibliche Neugier verpacken, wer ihr Bräutigam sei, ob mit dem Herrn des Ostens verwandt, ob der eine Gefährtin habe und so weiter. Sie musste mehr über ihre eigene Rolle und die eines möglichen, zukünftigen, Sohnes erfahren um das Risiko abschätzen zu können. Sie hob den Kopf. Vor der Tür saß wieder eine einfache Hündin, die sie um Seiko schicken konnte.
Schade, das heute Neumond war, dachte sie. Der Mond, sei er auch nur eine Sichel, tröstete sie, seit sie wusste, dass sie dessen Magie besaß. Gestern, der letzte Schein der Sichel, war selbst durch das Gitterfenster klar am spätherbstlichen Himmel gestanden, leuchtend in der Kühle, als sei er mit Eis überzogen.
Ja, das war ihr Ziel, dachte sie. Kalt wie Eis würde sie sein, kalt wie Mondlicht. Das würde sie schützen. Und, ihr vielleicht das Leben retten. Gegenüber den Männern. Aber Mutter hatte ihr ja erklärt, dass auch im Frauentrakt Gefahren lauerten, denn mehrere Frauen aufeinander sitzend, alle möglicherweise mit Söhnen, sahen zu, dass sie über diese aufsteigen konnten. Schließlich konnte ein Fürst ja mehrere Gefährtinnen oder Konkubinen haben, auch seine Familie – aber immer nur eine Mutter. Jetzt erst einmal würde sie um Seiko schicken.
Der Inu no Taishō wanderte alleine durch die Wildnis. Myōga war erneut zur Burg geschickt worden Er musste einfach mehr über Kurayami wissen, über den, wie der dachte. Die Clans mochten ihn nicht und wollten frei bleiben – war das allein der Grund, warum sie ihn als machtgierig beschrieben? Oder war er es wirklich? Taktik und Vorgehen würden davon abhängen.
Er blieb auf einer Lichtung stehen. „Guten Morgen, Bokuseno.“
Im Stamm erschien prompt das Gesicht des alten Baumgeistes. „Kommst du um mich zu fragen, ob ich mit dem Schmied reden konnte? Nein. Tōtōsai war noch nicht hier. Er verlässt seinen Vulkan selten.“
„Vulkan erinnert mich an etwas. Hier steht ein alter Wald, den du hütest – und doch sind dort nur wenig im Osten Vulkane. Störte euch das nicht?“
„Nein. Nicht, wenn auf jedem dieser Vulkane jemand haust der Ahnung von Feuermagie hat. Ja, wie auch Tōtōsai und einst sein Meister. Auf anderen leben Flammengeister und so weiter.“
„Ein Yōkaischmied der Feuermagie beherrscht.“ Nun, das war selten und sprach ebenfalls dafür, dass das der Schmied sein konnte, den er suchte.
„Wie erwähnt, er schmiedet nicht für jeden.“
„Ja, sagtest du. - Was ist?“ Denn das Gesicht verschwand und er nahm nicht an aufgrund seiner Worte.
Bokuseno tauchte wieder auf. „Du wirst gesucht. Dein Berater.“
Ein Lächeln zuckte um den Mund des Daiyōkai. „Du bist wahrlich gut informiert.“
„Zugegeben, er war so schlau zu den Kaseke zu gehen. Makare und ich haben eine gewisse … geistige Verbindung. Und ein Falke will dich auch sprechen.“
„Ich werde sie wohl außerhalb deines Waldes erwarten.“
„Das wäre sehr freundlich. - Wenn du von hier aus gerade nach Norden gehst, wirst du den Waldrand erreichen. Dort kommt ein Fluss aus den Bergen, der jetzt, nach dem Sommer, recht ausgetrocknet sein dürfte. Ich werde Floh und Falke durch den Echsenschamanen dorthin gehen lassen.“
„Vielen Dank, Bokuseno.“ Eine mehr geahnte Witterung ließ ihn ergänzen: „Oh, ich vermute Tōtōsai kommt. Sage ihm, was ich benötige.“
„Ja. Ich werde ihn, falls er Interesse zeigt, auch dorthin schicken.“ Durch nichts verriet der Baumgeist, dass er über die Hundenase doch erstaunt war. Der Schmied hatte gerade so seinen Vulkan verlassen – tausende Schritte entfernt. Und dazwischen lag ein Wald mit allerlei Tieren und magischen Wesen. Aber der Geruch nach Feuer und heißem Metall war wohl deutlich genug. Er konnte das nicht sagen.
Der Taishō fand das kiesige Flussbett rasch. Im Frühjahr mochte das Wasser angeschwollen sein und Schmelze aus den hohen Bergen im Osten in das Meer im Westen transportieren. Jetzt war es nur mehr ein Rinnsal. Ein Falke, soso. Das war bestimmt jemand von Shinjis Leuten. Der Vogel war ja offensichtlich mit den Kitsunes im Norden, sprich, Akiyama, befreundet. Er sah zum Himmel auf. Ein Falke in der Vogelform würde von den Kaseke bis hierher kaum länger benötigen als er durch den Wald bis hierher. Hoffentlich hatte der daran gedacht Myōga mitzunehmen. Der kleine Floh war ja schon von der Burg bis zu den Echsen unterwegs gewesen. Dass der so rasch zurückkam, deutetet darauf hin, dass bei Kurayami etwas Wichtiges vorgefallen war. Womöglich brachte der Falke die gleiche Nachricht. Nun, das würde immerhin bedeuten, dass es stimmte.
Ja, da kam ein Vogel. In dieser Form war fast kein Yōki zu spüren, was bedeutete, dass diese Art Dämonen wirklich ebenso gut geeignete Spione waren wie die Tanuki. Oder eben auch Myōga.
Noch im Landen nahm der Krieger seine Menschenform an und neigte den Kopf vor dem Daiyōkai. Ein kleiner Flohgeist sprang gerade noch rechtzeitig ab und landete sichtlich erschöpft zu Füßen seines Herrn, der allerdings zu dem Boten blickte.
„Nachrichten von Shinji-sama, vermute ich?“
„In der Tat. - Zwei graue Wölfe, recht stark, liefen ohne Pause Tag und Nacht von Osten nach Westen. Ihr Ziel scheint die Burg zu sein.“
Ein fähiger Bote, der sich auch nicht selbst vorstellte, nur die Nachrichten überbrachte. „Ein Daiyōkai?“ Es mochte unwahrscheinlich sein, dass sich der Fürst des Ostens zu seinem Amtskollegen bemühte ohne Zeremoniell und Status zu beachten, aber, warum nicht.
„Viel Yōki, wohl aus gutem Haus, aber keine Daiyōkai.“
Wölfe als Gäste für Kurayami? Wollte sich der mit ihnen verbünden? Dann sähe es für die Clans im Westen schlechter aus. „Gut. - Und gut, dass du meinen Berater mitgenommen hast. Noch etwas?“
„Nein.“
„Dann flieg und richte Shinji-sama meinen Dank aus.“ Als der Falke abflog, senkte der Hundeyōkai den Blick. „Es scheint wichtig zu sein, mein Berater, wenn du dich so abmühst.“
„Ich denke.“ Myōga wartete die Geste ab, ehe er auf die Schulter sprang. Hier musste er nicht so schreien. „Die Gefährtin und die Tochter kamen zurück zur Burg.“
„Das war mir bekannt.“
„Keine zwei Tage später fand eine Bestattung statt. Die Gefährtin und ihr neugeborenes Kind.“
„Es wäre das fünfte gewesen.“ Und das hatte die Hundedame aus dem Aotsuki-Clan, genauer, seine Cousine, wohl überfordert. Verständlicherweise. Auch seine eigene Mutter hatte zugegeben, dass sie nicht noch ein zweites Kind wolle und sein Vater dies verstanden hatte, wie ja wohl auch Shirohito oder Botan. Aber wie viel Yōki und Macht musste in dieser Frau gesteckt haben, dass sie vier gesunde Kinder zur Welt bringen konnte und selbst überlebte. Das versprach viel für Kazari.
„Ja, oyakata-sama. Die Tochter nahm auch daran teil, alle drei Söhne und natürlich der Fürst selbst, danach kehrte sie in den Frauentrakt zurück, soweit ich mitbekam, darf sie ihr Zimmer nicht verlassen. Es wurde ein großes Gästezimmer vorbereitet. Nach dem Bericht des Boten würde ich sagen für die Wölfe aus dem Osten. Ich kann es nur annehmen, oyakata-sama, aber sie scheinen aus der fürstlichen Familie zu sein, sonst würde der Raum nicht mit solch wertvollen Schirmwänden ausgestattet. Man sagt, dass der Herr der Wölfe einen Halbbruder hat.“
Aus Gewohnheit sprach der Taishō seine Gedanken vor dem einzigen Wesen aus, von dessen Loyalität er überzeugt war. Ein Berater konnte auch nur guten Rat geben, wenn er Bescheid wusste. „Und der hat einen Sohn. Kurayami sucht Verbündete. Der Herr des Ostens würde sicher keine Hündin heiraten, wenn es auch sein Neffe tun kann. Hm. Keine Begleitung? Eigenartig, wenn die Heirat schon stattfinden soll. Allein die Geschenke wären wertvoll und sie haben wohl keine dabei.“
„Ihr glaubt, es gehe um Verhandlungen noch.“
„Ja. Alles andere ergibt keinen Sinn. - Erhole dich. Ich warte einmal, ob ich noch einen Besuch bekomme.“
„Danke, oyakata-sama.“ Myōga wusste aus Erfahrung, dass für den Daiyōkai das Gespräch beendet war und kroch müde tiefer in das Fell. Hier konnte er sicher schlafen, der sicherste Platz, den es für einen Flohgeist auf dieser und in allen anderen Welten gab. Nur ein Masochist mit Selbstmordplänen wagte sich an das Schulterfell seines Herrn. Oder ein anderer Daiyōkai, der ihn herausfordern wollte, aber das würde er mitbekommen.
Der Taishō wandte sich um. Die Witterung von Feuer kam näher – allerdings nicht aus dem Wald hinter ihm, sondern in der Luft. So sah er empor, doch ein wenig überrascht, dass der Schmied fliegen konnte. Nun, konnte der nur bedingt. Noch mehr erstaunt, ohne das freilich zu zeigen, sah er eine fliegende Kuh mit drei Augen auf sich zukommen, ganz sicher mit einer dämonischen Aura, darauf ein grün gekleideter Yōkai mit verschränkten Beinen, dessen Hammer in der Hand von seiner Profession ebenso zeugte wie der Geruch. Und, wenn sich der Daiyōkai nicht all zu sehr täuschte, gab es da auch Feuer in dem. Diese Witterung konnte unmöglich nur von der Esse stammen, die kam dazu.
Die Kuh landete und der Schmied glitt mit fast jugendlichem Elan hinab, den Hammer noch immer in der Hand. Fast neugierig – und sichtlich ohne jede Furcht – musterte er den Taishō. „Tatsächlich,“ sagte er. „So´unga. Und dazu ein dummer Hund, der glaubt, dass es so einfach ist, was dagegen zu machen.“
Tage der Entwicklung
D
er Taishō gab zu seinen ersten Impuls unterdrücken zu müssen – den Unverschämten vor sich in die Unterwelt zu schicken. Aber die jahrhundertelange anerzogene Selbstkontrolle bewahrte ihn vor diesem, vermutlich schwerwiegenden, Fehler. Der unbekannte Schmied hatte ihn soeben beleidigt, aber die leicht angespannte Handhaltung um den Hammer bewies, das der nicht gerade Selbstmord begehen wollte. Der war sich nur sicher, bestimmt durch eine Feuermagie, ihm jederzeit entkommen zu können. Nein, das war keine Provokation, nun, ein wenig. Das war eine Prüfung. Bokuseo hatte ja erwähnt, dass dieser Yōkai nur für Leute arbeitete, die er mochte – oder eher wohl, schätzte. So meinte er ruhig: „Wenn es einfach wäre, würde ich nicht nach dem besten Schmied des Landes suchen.“
Tōtōsai ließ den Hammer zu Boden sinken und stützte sich darauf. „Der gute Bokuseno scheint recht gehabt zu haben. Naja, ein Trottel ohne Selbstbeherrschung wäre schon längst in der Unterwelt gelandet und der Höllendrache frei in der Welt der Lebenden. - So´unga, also. Interessantes Schwert, aber ziemlich eigenwillig, was man so hört.“
Der Daiyōkai hob ein wenig die Hand. „Möchtest du es anfassen um es zu lesen?“
„Nicht wirklich. Ich bin ein recht guter Schmied und Schwertfeger, aber ich kenne meine Grenzen. Das ist eine verfluchte Klinge.“
„Könnte sie dich übernehmen?“ Die Neugier war echt.
Der Schmied kratzte sich mit der freien Hand am schütteren Kopf. „Sagen wir es so. Ich will es eigentlich nicht ausprobieren. Wie sagt man? Oyakata-sama?“
„So nennt mich mein Berater,“ bestätigte der Taishō mit einem leisen Lächeln, wurde jedoch ernst. „Seit dieses Schwert in meiner Familie ist, die aus irgendeinem Grund, der im Blut liegt, dagegen Widerstand leisten kann, suchten mein Großvater, mein Vater und auch ich nach einer Möglichkeit, es wieder dorthin zu schicken, wohin es gehört. Meine Vorfahren fanden keinen Weg. So kam ich in den Westen, in der Hoffnung hier jemanden zu finden.“ Vor allem die laut Mutter magisch so talentierte Tante. Nun, Tante war tot, ebenso wie die Cousine, jetzt blieb nur noch Kazari – und was die konnte lag buchstäblich im Mond. Von der hatte Mutter auch nichts wissen können.
Tōtōsai zog die Augen zusammen und legte die Stirn in Falten. „Naja, nicht dass ich den Wunsch das Teil loszuwerden nicht verstehen kann – aber, wieso kommt Ihr zu einem Schmied? Ich meine, ja, ich kann schon was und verstehe auch etwas von Magie, aber da wäre wohl eher was göttliches … ach du je. Ich sehe schon. Weiße Haare und diese Augenfarbe hat auch die Gefährtin von diesem dämlichen Kurayami.“
„Sie ist tot. Und ja, sie war mit mir mütterlicherseits verwandt. Die Mondmagie hat nichts mit So´unga zu tun.“ Diese Erbschaft stammte in jeder Hinsicht von seinem Vater, das andere von seiner Mutter, genauer deren Ahnin vom Festland.
„Ihr werdet es wohl am Besten wissen. Hm.“
„Wieso nennst du Kurayami dämlich? Bist du ihm begegnet?“
„Ja, schwarzhaariger Hund, Daiyōkai und hohl wie ein Bambusrohr. Genau deswegen auch … naja.“
Dem Taishō dämmerte etwas. „War er bei dir und wollte, dass du für ihn schmiedest?“
„Ja. Danach hielt ich es für besser meinen Vulkan samt Bannkreis nicht mehr zu verlassen. Mit der Ausnahme meines alten Freundes Bokuseno.“ Daiyōkai reagierten auf Ablehnung ihrer Wünsche meist drastisch. Der Kerl hier schien immerhin vernünftiger zu sein. Und das unheimlichste Schwert der Welt mal aus der Nähe zu sehen war natürlich auch verlockend gewesen.
„Du hast also abgelehnt. Weil du ihn nicht leiden konntest?“
„Ich sag´s mal so, oyakata-sama. Ihr wollt von mir etwas, womit Ihr das Höllenschwert in die Unterwelt schicken könnt oder zumindest besser kontrollieren. Dieser Narr wollte das mächtigste Schwert aller Zeiten besitzen.“
Das wäre nicht nur idiotisch, sondern glatter Selbstmord. Mächtiger als das Kusanagi der Sonnengöttin, mächtiger als So´unga? Und am Besten alles zusammen? Als ob so etwas in die Hand eines Sterblichen gehörte. „Ohne die Risiken zu sehen.“
Tōtōsai zuckte die Schultern. „Ohne sie sehen zu wollen.“
Hm. Der Taishō kam wieder auf sein Anliegen zurück. Kurayami war momentan zweitrangig. „Aber du könntest so eine mächtige Klinge herstellen? Die dann auch gegen So´unga wirken kann?“
„Was sollte sie denn da wirken?“
Erneut fiel dem Daiyōkai auf, dass Tōtōsai nicht gerade viel von Höflichkeit hielt, auch, wenn er immerhin nun ihn mit „Ihr, oyakata-sama“ ansprach. Die Regeln des Gespräches und den Verlauf bestimmte gewöhnlich der Ranghöhere. Aber die Hoffnung endlich der Lösung des Familienproblems näher zu kommen, ließ ihn antworten. „Hast du schon einmal von den, nennen wir es, Nebenwirkungen gehört, die der Kampf mit dieser Klinge auslöst?“
„Wenn Ihr die untoten Seelen meint...“
Da wusste jemand wirklich viel. Das musste derjenige sein, den er so gesucht hatte. Da war eindeutig Nachsicht angesagt. Genies musste man tolerieren, das hatte ihm noch sein Vater gesagt, von seinem Lehrer ganz zu schweigen. „Ja. Bislang verbrenne ich sie, wenn es möglich ist. Ich möchte vermeiden, dass der Höllendrache noch mächtiger wird. Was er mit jedem Toten in der Klinge wird.“
Der Schmied blies die Backen auf. „Ihr wünscht Euch ein Schwert, dass den Tod tötet. Kein Wunder, dass weder Euer Vater noch Ihr da großartig weitergekommen seid. Ein solcher Sargbetrüger wurde noch nie erschaffen.“
„Möglich wäre es?“
„Man bräuchte eine magische Grundlage, eine sehr gute... Und dann...“
Der Taishō erkannte, dass Tōtōsai sich bereits in Gedanken an das Schmieden verlor. „Du wirst es herstellen.“
„Ich bin wirklich ein ziemlich genialer Schmied und kann einiges. Aber was Ihr wollt ist ein Wunder. Ich werde mir mal was überlegen, bisschen auch alte Kontakte fragen. Wenn mir nichts einfällt, ist es eben so.“
„Ich verstehe.“ Denn das war die versteckte Anfrage, ob er ein „das ist unmöglich“ akzeptieren würde. Nun ja, musste er dann wohl. „Im Zweifel wissen die Kaseke wo ich bin oder auch Bokuseno.“
Der Schmied wandte den Kopf und der dreiäugige Ochse kam prompt heran.
Der Daiyōkai sparte sich den Hinweis darauf, dass ihm das Recht zustand das Gespräch zu beenden. Das war eine Möglichkeit das verdammte Schwert loszuwerden, die beste, die die Familie je besessen hatte. Und, das musste er auch zugeben: Tōtōsai war unhöflich, aber ehrlich. Und das war eine Eigenschaft, die er auch schon bei Myōga schätzte.
Wenige Tage später saß er am See der Kaseke und erzählte Makare, dem Schamanen, von seinem Treffen mit einem Schmied, ohne dessen Namen zu nennen.
Der kleine Echsenmann nickte. „Ihr seid ein Krieger und es ist vielleicht nicht erstaunlich, dass Ihr an ein Schwert als Gegenmittel denkt. - Ich denke, wir bekommen Besuch.“
Denn der Herr der Kaseke schritt soeben mit einem Kitsune durch das Portal, das durch den Bannkreis um den Zufluchtsort der Echsen führte.
„Akiyama-sama.“ Der Taishō neigte höflich den Kopf. Wenn sich der Herr der Nordfüchse persönlich hierher begab, war etwas vorgefallen. Etwas, das offensichtlich auch der Magie des Schamanen entgangen war.
Akiyama neigte sich ebenfalls leicht, ehe er sich setzte. „Taishō-sama, Schamane...“
„Ist etwas mit Kurayami?“
„Nein oder ja. Ich bin mir über die Folgen nicht ganz im Klaren, wollte es jedoch Euch überlassen ob Ihr die Herren der Allianz – und natürlich die Katzenkönigin, zusammenruft. - Ihr habt selbst die Energie der Brutmutter gespürt. Vor einigen Tagen gab es Schwankungen, denn natürlich hielt ich da ein Auge darauf, kurz danach erlosch sie.“
Da er nicht weiterredete, ergänzte der Daiyōkai: „So sind die Jungen geschlüpft und sie tot.“
„Davon war auszugehen. Um meinen Clan zu schützen sandte ich Späher aus, die behutsam nachsehen wollten. Sie fanden die Reste der Drachenmutter, jedoch außer zerborstenen Schalen keine Spuren des Nachwuchses. So bat ich Shinji von den Hohen Bergen seine Vögel Ausschau nach den Drachen halten zu lassen und ließ auch selbst unser Territorium durchsuchen. Gleichzeitig informierte ich auch Ren und Keiichi, damit deren Clans ebenfalls behutsam sein sollten. Kitsune oder Wölfe und natürlich auch Hunde mögen tapfer sein, aber allein gegen eine Gruppe Drachen...“ Akiyama zuckte ein wenig die gepanzerten Schultern, auch, wenn er höflicherweise sein Schwert draußen gelassen hatte. „Shinjis Leute fanden dann etwas, was eindeutig im, nun, nennen wir es neutralen Gebiet zwischen denen des Wolfsherrn im Osten und dem Westen liegt.“ Der Kitsuneherr machte eine kurze Pause. Da er bemerkte, wie der Taishō die Augen verengte, meinte er: „Ich gehe davon aus, dass Ihr von dem Besuch bei Kurayami aus dem Osten gehört habt. - Nun, eben diese zwei Wölfe, genauer, deren kärgliche Überreste, wurden gefunden.“
„Die Drachen?“ Das war ja wahrlich eine wichtige neue Entwicklung.
„Mutmaßlich die letzte gemeinsame Jagd, ehe sie sich trennen. Falls sie es nicht taten, dürften sie sich gegenseitig bekämpfen. Mindestens zwei Jungdrachen.“
„Der Herr des Ostens wird kaum begeistert über den Tod von Bruder und Neffe sein, Kurayami ebenso wenig, dass er keinen Bräutigam für seine Tochter mehr hat. Immerhin dürfte damit eine gemeinsame Militäraktion hier im Westen ausgeschlossen sein. Für gewöhnlich würde ich annehmen, dass die Wölfe im Osten Jagd auf die Drachen machen. Wenn sie denn davon erfahren. Und Kurayami ebenso.“ Der Taishō legte die Hände auf die Oberschenkel. „Akiyama-sama, wärt Ihr so freundlich und sprecht mit Shinji? Er möge doch Kurayami von dem Zwischenfall in Kenntnis setzen. Dieser dürfte sich kaum wundern, dass die Vögel der Hohen Berge so weit in den Osten flogen – und die Drachen sind nun einmal existent. Dann sollte der schon aus Eigeninteresse einen Boten schicken, den Herrn dort von dem Schicksal seiner Familienangehörigen benachrichtigen.“
„Fürchtet Ihr nicht, dass es dann zu einem Krieg kommen könnte?“ erkundigte sich Isratre, der Herr der Kaseke.
„Zwischen dem Osten und Kurayami? Nein, eben dann nicht, wenn noch die Spuren der Drachen zu wittern sind. Deswegen eilt es.“ Und, da war noch ein Punkt zu bedenken. Halbbruder oder Bruder des Ostfürsten und dessen Sohn waren doch beileibe weder Anfänger noch schwach. Wie stark waren also diese Jungdrachen? Es hatte ja geheißen, dass die letzte Brut einer Drachin immer die stärkste sei. Das schien zu stimmen.
Der Kitsuneherr nickte ein wenig. „Ihr wollt einen größeren Krieg verhindern.“ Und damit natürlich auch abwenden, dass Kurayami sich an die Clans wandte um ihn gegen den Osten zu unterstützen. Was sie kaum ablehnen konnten bei allen Spannungen, wollten sie verhindern, dass die Wölfe auch den Westen beherrschten. Ren Okami war diesbezüglich sowieso ein schwieriger Kandidat, aus mancherlei Gründen. Es blieb jedoch etwas einzuwenden. „Aber, verzeiht, dann kann sich Kurayami gegen die Allianz wenden.“
„Er weiß nichts, oder sollte nichts von diesem Zusammenschluss wissen. Aber, Ihr habt durchaus recht, Akiyama-sama. Dann steigt die Gefahr, dass er sich gegen Amida wendet. Und ja, ich halte Keiichi und seine Leute immer noch für das nächste Ziel. Sie sind Hunde, wenige, mit einem kleinen Territorium, das aber einen Einfall zu Euch und auch gegen die Wölfe des Nordens ermöglicht.“
„Ich verstehe. So werde ich mit Shinji reden. Er mag nicht der Allianz angehören, Vögel leben gerne für sich, aber er ist sicher nicht an einem Krieg im Westen interessiert.“
„Wohl niemand,“ erwiderte der Daiyōkai, nicht nur aus Höflichkeit, wenn er an seine Hoffnung bezüglich eines gewissen Schmiedes dachte.
Kazari saß nun schon den dritten Tag an einem ungewohnten Platz in dem kleinen Garten, der zwischen dem Hauptgebäude des Schlosses und dem Verwaltungsgebäude lag. Sie hatte sich an den Fuß des Shinmaru gesetzt, eigentlich nur, um hier besser in den Himmel blicken zu können, nach den Wochen in ihrem Zimmer. Ihre Damen hatte sie auf die andere Seite geschickt, wo sie, gute zwanzig Schritte von ihr sie beobachten konnten, wie es ihre Pflicht war, aber auch sich leise unterhalten. Sie selbst hatte neben einigen Rhododendrensträuchern Platz genommen und stickte eifrig. Die sonst so ungeliebte Tätigkeit hatte ihre Ursache in einer Entdeckung, die sie zufällig am ersten Tag im Garten gemacht hatte. Aus irgendeinem Grund konnte sie hier – und nur hier – manchmal die Stimme ihres Vaters hören. Sie hatte nachgedacht. Aber das hier war das Shinmaru und dort befand sich auch das Arbeitszimmer des Fürsten. Sie hatte möglichst unauffällig, unter dem Vorwand die Knospen der Sträucher als Versprechen des Frühlings streicheln zu wollen, nachgesehen. Ein Wasserrohr, das den Regen vom Dach ableiten sollte, endete unter den Rhododendren. Warum auch immer, aber hier konnte sie manchmal nun zuhören, was oben besprochen wurde. Schon eine Unterarmlänge weiter nach rechts war absolut nichts mehr zu vernehmen, ebenso wenig wie im Stehen. Manchmal redeten auch andere, wohl die Berater, sehr selten auch einer ihrer Brüder. Nun, das war nichts, was eine ihrer Damen je erfahren sollte, von Vater ganz zu schweigen.
Gestern hatte es jedenfalls nicht funktioniert. Offenbar mussten irgendwelche Bedingungen erfüllt sein, aber die Fürstentochter sah keinen Grund unglücklich zu sein. Sie wollte wissen, lernen – und der Gedanke, die Spionage, die sie in dem Traktat beschrieben gelesen hatte selbst durchführen zu können, erschien ihr mehr als praktikabel. Ein Geheimnis war am Besten etwas, was nur einer wusste. Die Mondgöttin half ihr, das war für sie der Beweis.
Heute war der Klang besser denn je, dafür. Ob es am Wetter lag? Sie stickte eifrig weiter, als sie ihren Vater reden hörte, knapp an der Wahrnehmungsgrenze, aber deutlich.
„Shinji, welch unerwarteter Besuch. Was führt dich denn her.“
Shinji? Der Name sagte ihr nichts, aber der war bestimmt ein Vasall, der Bericht erstatten wollte und das wohl auch tat. Leider konnte sie nichts davon vernehmen, aber der Welle an Yōki, die aus dem Arbeitszimmer auch über den Garten rollte, zeigte nur zu deutlich, dass die Nachricht dem Fürsten sicher nicht gefallen hatte.
Der zürnte auch: „Das ist nicht gegen dich, Shinji, du und deine Leute wart sehr aufmerksam! Aber... Nun gut, du darfst gehen.“
Weder Kurayami noch seine Tochter ahnten, dass der stolze Adler zwar schweigend ging, aber an einen anderen Daiyōkai der Hunde dachte, der ihn höflicher behandelt und als Shinji-sama angesprochen hatte.
„Geht alle! Nein, ihr nicht,“ hielt der Herr des Westens seine Söhne zurück.
Kazari lauschte angespannt. Was war nur vorgefallen?
Das erfuhr sie prompt.
„Deine Meinung, Tojiro?“
Der Erbprinz antwortete nicht sofort, was seine Schwester ahnen ließ, dass er seine Worte sorgfältig abwog. Sie persönlich fand ihren ältesten Bruder umgänglich. Er fragte sie sogar ab und an, falls er sie zufällig traf, wie es ihr gehe. Etwas, das ihrem zweiten Bruder Jiro kaum einfallen würde. Gerade noch, dass der nicht verlangte, dass sie vor ihm in die Knie ging. Sicher, das war sein Recht, aber Tojiro genügte eine tiefe Verneigung ja auch. Ihr war klar, dass das Männer waren und sie schon daher weit über ihr im Rang standen, das änderte jedoch nichts daran, dass sie den ältesten ihrer Brüder lieber traf. Aber, was war nun geschehen?
Tojiro meinte langsam: „Meiner bescheidenen Meinung nach solltet Ihr dem Herrn des Ostens rasch Meldung machen, was mit seinem Bruder und dessen Sohn geschehen ist. Das wird seinen Zorn auf die Drachen lenken. Und noch sollten auch Wölfe die Spuren finden können.“
„Da hast du recht. Ich werde einen Boten in den Osten schicken. Und du wirst mit Kriegern die Ostgrenzen abgehen und herausfinden wohin sich diese Brut verkrochen hat. Meine Gäste zu ermorden!“
Kazari wurde klar, dass ihr Bräutigam samt Vater von Drachen umgebracht worden waren. Nun, nicht gerade, dass sie bedauerte einer Ehe mit dem grauen Wolf entgangen zu sein. Die Frage, die sich ihr stellte, war nur wer der nächste Anwärter sein würde.
Ihr Vater fuhr fort: „Und du, Jiro, nimmst zweihundert Krieger und stellst sie zusammen. - Sieh nicht so drein, das heißt, ja mein Fürst.“
„Ja, mein Fürst,“ erwiderte der zweite Sohn, aber Kazari hörte durchaus die Verwunderung.
„Wenn alle nach Drachen suchen, werde ich meinen Plan vollenden. Bis auf Amida und Azu sind schon alle Hunde unter meinem Banner versammelt. Das wird geändert.“
Diese Namen mussten Clans bedeuten, schloss Kazari, aber sie sagten ihr nichts. Überdies, was ging ein Mädchen schon Kampf und Krieg an. Für sie war wichtiger, dass... Sekunde. Wenn die Wölfe aus dem Osten tot waren, gab es für sie keine Möglichkeit mehr in ein Fürstenhaus verheiratet zu werden. Also würde Vater sie bestimmt an einen Vasallen geben, einen, der schwach war, so schwach, dass er weder Tojiro als Fürst noch Jiro als Herr der Aotsuki gefährden konnte, denn sie war nun einmal die Bluterbin dieses Clans. Einen Vasallen, vielleicht einen Hund, schwach und … Unerträglich.
Oben herrschte nun Stille oder sie hatten ihre Plätze verlassen.
Sich einem Vasallen unterwerfen? Kazari musste ihr Yōki zurückdrängen und stickte eifrig weiter, als sie bemerkte, dass die ersten Frauen sie musterten. Sollten die doch annehmen, ihr Zorn stamme von einem Fehler in ihrem Werk, und so glättete sie geübt ihre Miene, schien wieder völlig unberührt, während etwas in ihr empor kroch, dass sie nur mit Mühe bezähmen konnte – schwarze Wut. Ihr Vater hatte das Recht ihr einen Lebensgefährten auszusuchen und sie musste dem gehorchen. Das war so. Aber das edle Blut der Mondgöttin an einen niederrangigen Hund zu verschwenden … Nu, ein Fürst und Daiyōkai tat, was er wollte, und ob sie flehen oder sich ihm zu Füßen werfen würde, war genauso wirksam als wenn sie es sein ließ.
Abwarten, beschwor sie sich, abwarten, Magie und Yōki üben, Gelassenheit vorspielen.Vielleicht gab es auch noch andere Hunde? Mächtigere, wenngleich natürlich keinen Daiyōkai? Mutter hatte ohr erzählt, dass ihr Vater der einzige sei, dem dieser Sprung gelungen war. Würde sich einer womöglich als zumindest akzeptabler Ehemann erweisen, dem sie nicht gezwungen, sondern freiwillig Respekt zollte? Aber sie war zumindest sich selbst ehrlich genug gegenüber, um zu wissen, dass das wohl vergebliches Hoffen war.
Tag der ersten Entscheidung
D
er Taishō hatte sich erneut zu den Kaseke begeben. Erstens redete er gern mit dem Clanoberhaupt und dem Schamanen, ohne freilich die Unhöflichkeit zu besitzen sie nach ihrem Alter zu fragen. Nur das, was Isratre da im Zorn an wahrer Gestalt gezeigt hatte – das war eindeutig kein Lebewesen, von dem er auch nur je gehört hatte. Sie waren jedoch weise und durchaus angetan einen interessierten Schüler zu finden. Umgekehrt fand er es mehr als erleichternd im Schutzbann dieses Volkes und dessen Gottes auch einmal So´unga ablegen zu können, sicher zu wissen. So waren die Gespräche doch für beide Seiten anregend. Allerdings spürte der Daiyōkai wie er doch unruhig auf Nachrichten wartete. Tōtōsai hatte zugesagt nachzudenken, der besuchte Bokuseno und der offensichtlich auch sehr alte Baumgeist war mit Makare, dem Echsenschamanen geistig in Kontakt. Wieso dauerte das also so lange?
Nun, gestand sich Tōga ein, der Schmied hatte wohl recht. Er verlangte von dem ein Wunder – das musste gut überlegt und noch besser geplant sein. Es waren kaum fünf Tage seit ihrem Treffen vergangen.
Das durchaus interessante Gespräch über Bannkreise brach ab als Isratre den Kopf hob. „Jemand ist am Treffpunkt.“
Da Myōga in seinem Schulterfell ruhte – wer kam da? Und brachte welche Neuigkeiten mit? Aber der Taishō fragte nicht. Das wussten auch seine Gastgeber nicht und er würde es erfahren. Den Treffpunkt mit den Kaseke kannten eigentlich nur die Clanherren der Allianz. Also war etwas passiert – schickte der sogenannte Herr des Westens Botschaft in den Osten? Nun, er hätte es getan, schon um zusätzlichen Ärger zu vermeiden. Sollte sich der Wolfsfürst doch an den Drachen rächen.Was tat also Kurayami?
Kurz darauf kam Isratre zurück – mit dem Wolf des Nordens. Ren Okami war durchaus ein seltener Gast.
Der ließ sich auch ohne Umschweife auf den Boden sinken. „Neuigkeiten, werter Taishō, die Ihr vermutlich erwartet habt.“
„Shinji und Akiyama?“ Nur daher dürfte das der Wolfsclan im Norden erfahren haben.
Der Wolfsherr nickte etwas. „Drachen sind natürlich immer heikles Pflaster, aber das dürftet Ihr wissen. Nicht wissen dürftet Ihr, dass ein Bote in den Osten ging, sicher um dieses Zwischenfalls willen. Aber nun berichtet jemand Shinji, dass vierhundert Krieger des Ohiro-Clans die Burg verlassen haben, unter dem Kommando der beiden ältesten Söhne Kuriyamas.“ Die dunklen Augen des weißen Wolfs richteten sich auf den Feldherrn, den er selbst durchaus anerkannt hatte.
Der Hundedaiyōkai zog die Augenbrauen zusammen. „Vierhundert ist eine ziemlich Anzahl, fast alle, die momentan in der Burg stationiert waren. So sehr sucht er nach den Drachen? - Nun, Ihr als Wolf werdet bestimmt auch wissen, dass der Herr des Ostens auf Rache aus sein wird.“
„Natürlich. Niemand lässt sich ungestraft die Familie oder den Clan töten.“ Ren richtete sich etwas auf. „Oh, Ihr wisst es natürlich kaum, auch, wenn Ihr aus dem Osten stammt. Auch ich bin ein Halbbruder des Herrn des Ostens. Als er sich anschickte eben dies zu werden, ging ich. Ich wollte nicht gegen meine eigene Familie handeln, aber ich würde mich nie einem Herrn beugen.“
Der Taishō hoffte, dass die Überraschung ihm nicht anzusehen war, ehe er langsam sagte: „Ich glaube kaum, dass sich Wölfe je einem Lehensherrn beugen, wenn er sie nicht wirklich überzeugen konnte. - Danke für diese Neuigkeiten, Ren-sama. Vierhundert Krieger, dann ist auf der Burg kaum mehr als eine Notbesatzung. Entweder ist Kurayami doch betroffener oder leichtsinniger als man denken sollte – oder es ist ein unerwarteter Zug.“
„Nun, das ist Euer Problem.“ Der Wolf richtete sich etwas auf, sichtlich auf eine Beurteilung wartend. Er wollte wissen, ob der Fremde das war, für das er ihn hielt.
„Amida.“ Und, da ihn alle anstarrten, ergänzte der Daiyōkai: „Ich behaupte noch immer, dass Keiichi und der Amida-Clan das Ziel sind. Zwei Söhne schickt Kurayami aus mit vierhundert Kriegern. Es ist nicht gesagt, dass dieses Heer nur einen Zielpunkt hat. Einer für die Drachen, einer für Amida. Damit würde er sich gegen den Osten decken und die Schmach rächen seine Gäste tot zu sehen, andererseits auch den Langzeitplan den Westen zu erobern weiterführen. - Ihr sagtet, Ren-sama, dass Ihr der Allianz angehört. Wie steht Ihr zu diesem Wort?“
„Wollt Ihr mich beleidigen?“
Impulsiv, dachte der Taishō, dem von Vater, Mutter und sensei schon aufgrund des Höllenschwertes stets Selbstbeherrschung angeraten worden war. Oder, um es mit seinem, ausgerechnet, Wolfslehrer zu formulieren: wenn du den Willen eines uralten Höllendrachen bezwingen willst, bezwinge zuerst deinen eigenen. Denn Hass, Furcht, Verzweiflung oder Zorn lassen ihn seine Schwingen ausbreiten. So erwiderte er gelassen: „Niemals. Doch dachte ich, dass auch Ihr Euren Clan gegen die Drachen absichern wollt. Nun, gegen alle Wolfskrieger hätte kein Jungdrache eine Chance, aber wie sähe es aus mit Frauen, mit Welpen?“
Ren Okami nickte leicht. Bei aller Spontanität war er kein Narr. „Ihr kennt unsere Frauen nicht,“ behauptete er dennoch. „Aber das mit den Welpen, ja... Warum sollte ich Keiichi helfen?“
„Es wäre, falls Kurayamis Sohn dort in Amida siegt, Eure eigene linke Flanke offen.“
Der Clanherr legte leicht den Kopf nach links. „Ja, das mag sein.“
Dieser Wolf würde nie klein bei geben. „Nun, wie dem auch sei. Ich stehe immer zu meinem Wort. Ich werde nach Amida gehen.“
„Warum nur hatte der liebe Akiyama das vorhergesagt.“ Ren Okami präsentierte seine Fangzähne. „Gut. Einverstanden, Taishō. Und, das gebe ich zu, ich würde mir gerne einen Drachen schnappen für den Tod meines Halbbruders. Er war … nun ja, kein Krieger, aber doch ein ehrbarer Mann.“
„Das Ziel ist Amida, Ren-sama,“ korrigierte der Daiyōkai langsam. „Um die Drachen kümmern sich zwei Fürsten. Oder ich selbst bei passender Gelegenheit.“
Keiichi, der Herr der Hunde von Amida, war ein erfahrener Kämpe, erfahren in Duellen gegen andere Hunde aber auch in früheren Zeiten gegen die Wölfe des Nordens oder die Kitsune im Westens. So hatte er die Vermutung des neuen Heerführers durchaus bedacht, dass sich der selbst ernannte Fürst des Westens gegen seinen Clan wenden würde. Jetzt stand er ein wenig oberhalb des Flusstales, das das Gebiet der Hunde bedeutete, unterhalb allerdings der Grenze, die zu den Füchsen von Akita führte. Akiyama war durchaus interessiert an der Allianz – aber der würde kaum still halten begäbe sich unangekündigt der Herr der Nachbarn auf sein Territorium. Das mit der Allianz war Keiichi sowieso ein wenig suspekt. Ja, natürlich vermochten sie alle gemeinsam gegen die Clans, über die Kuriyama jetzt gebot, standzuhalten – nie eine Familie allein. Aber dennoch. Die Idee war von Shirohito gekommen, von Akiyama im Norden verbreitet. Und wenn Kitsune im Spiel waren musste man immer berücksichtigen, dass Fuchsgeister zu mehr als schlechten Scherzen neigten. Allerdings war der Hund aus dem Osten, den Shirohito da aufgegabelt hatte, nicht nur ein Daiyōkai wie eben auch Kuriyama, sondern der trug das Höllenschwert. Von dem und dessen Macht hatte Keiichi nur Sagen gehört.
Jetzt blickte er das Flusstal hinab nach Süden. Er hatte einen seiner ältesten und erfahrensten Krieger mit einem Jungen dorthin geschickt, wo sich sein Gebiet und das neutrale gegen die Ohiro-Hunde trafen. Niemals nur einen Späher aussenden, das war sein Grundprinzip seit langem. Und auch mit dieser Kombination erhoffte er sich Ausbildung für den Jüngeren, aber auch raschere Information ohne die Stellung zu verlassen. Und der Jugendliche eilte heran, das verriet ihm der Wind aus dem Süden.
„Keiichi-sama...“ Der Fast-Welpe war erleichtert das Clanoberhaupt dort zu finden, wo es ihm sein Ausbilder gesagt hatte.
„Nachricht.“
„Ja.“ Eilig kniete sich der junge Krieger nieder. „Fast vierhundert Hundekrieger verließen die Burg, wie Konami-sama, mein Ausbilder feststellte. Er folgte unauffällig dem Zug in gewisser Distanz. Nun jedoch trennten sie sich. Die Hälfte geht nach Osten, die andere Hälfte drehte sich nach Norden.“
„Zweihundert.“ Keiichi brauchte nicht nachzudenken. Er verfügte über fünfzig Krieger. „Konnte Konami feststellen wer den Befehl führt?“
„Nach Osten der älteste Sohn, Tojiro, nach Norden der zweite, Jiro.“
Also erschien Kurayami Amida als der leichtere Fall, dachte der Clanherr bitter. „Gehe zum Platz und sage Kōki er möge herkommen.“ Kōki, sein ältester Berater, Freund und Cousin. Der Platz, wie es hier hieß, war keine Burg oder Schloss, wie es manche Clans nannten. Eher eine Befestigung, ein Ort, wo man sich sicher fühlte. Gefühlt hatte. „Geh.“
Alleingelassen atmete der Herr der Hunde von Amida tief durch. Der neue Taishō hatte recht behalten. Hoffentlich... Nun, es war sinnlos zu hoffen. Er durfte sich nicht darauf verlassen, dass ihm die Nachbarn, geschweige denn die Allianzmitglieder aus dem Süden helfen konnten oder auch nur wollten. Sicher, die Hunde von Azu... Botan war ein aufrechter Mann, der Bruder seiner eigenen Ehefrau, aber eine Hilfe würde doch schon schlicht an der Entfernung scheitern. Immerhin... Nun ja,
Zweihundert Krieger gegen fünfzig. Die Hunde von Amida sollten sich wohl geschmeichelt fühlen.
Er musterte noch einmal das Tal. Ja, es lief spitz nach hinten zu, nach Norden, wo sich auch der Platz befand. Zehn Welpen, zehn kostbare Nachkömmlinge, hatten sie. Diese mussten auf jeden Fall in Sicherheit gebracht werden. Nur wie? Botan mochte sie aufnehmen. Aber, dazwischen lag feindliches Gebiet. Und die Frauen der Amida waren nicht unbedingt kriegstauglich. Gewiss, mit dem Messer umzugehen vermochten sie alle. Aber gegen erfahrene Krieger der Ohiro und Aotsuki? Oder auch, wenn man einen Umweg nahm – gegen die Wölfe des Nordens oder die Kitsune?
Keiichi atmete tief durch, als er feststellte, dass seine einzige Hoffnung tatsächlich auf einem fremden Daiyōkai lag, der ihm zugesichert hatte, wenn Amida angegriffen würde, er ihm mit dem Höllenschwert zur Seite stehen würde. Nur, ob das wirklich eintreten würde? Warum sollte der Hund aus dem Osten ihnen helfen und keine eigenen Interessen verfolgen?
Es dauerte fast eine halbe Stunde, ehe Kōki auftauchte. Ohne Umschweife erklärte er: „Ich habe die Mütter angewiesen sich mit den Welpen aufbruchsbereit zu machen. Dein Plan, Keiichi-sama?“ Denn das war ein Gespräch zwischen dem Clanoberhaupt und seinem Berater – keines unter Cousins.
„Du weißt es selbst. Fünfzig gegen zweihundert ist eine schlechte Quote. Wir werden also das Tal verschließen und ich werde Jiro zu einem Duell herausfordern.“
„Er müsste verrückt sein darauf einzugehen.“
„Ja, aber ich werde es versuchen. Zeit gewinnen. Du gehst zurück zum Platz und schickst alle Krieger her. Die Frauen und Welpen sollen sich unter deinem Befehl nach Osten begeben. Achte jedoch darauf, dass sie nicht zu weit in das Gebiet der Wölfe gelangen. Gehe zu Botan.“
„Er wird uns aufnehmen, wenn schon nicht helfen.“
„Meine Hoffnung. Die einzige.“ Der alte Hund sah das Tal entlang. „Ich dachte mir, dass die Allianz nichts taugt, wenn es ernst wird. Aber ich hoffte doch, dass der Fremde aus dem Osten zu seinem Wort steht.“
„Sie kommen.“ Kōki musterte den aufgewirbelten Staub des Flussbettes. Er wusste, wie zweihundert Krieger aussahen.
Die beiden erfahrenen Hundekrieger fuhren herum, als sie Energie hinter sich spürten, fassten instinktiv zu den Schwertgriffen.
„Ihr solltet nicht so pessimistisch sein,“ lautete die Begrüßung des Taishō, der damit verriet, dass er über gute Ohren verfügte – und in der Tat ein Daiyōkai war, jene mystische Grenze überwunden hatte. Nur ein solcher vermochte ein derartiges Portal zu erschaffen. Für einen gewöhnlichen Yōkai war der Verbrauch an Energie viel zu groß. „Und meinem Wort glauben.“
„Ich wollte Euch nicht beleidigen,“ erklärte Keiichi prompt, der sich durchaus erleichtert fühlte. Ein Daiyōkai auf der eigenen Seite hatte etwas für sich. Und das Höllenschwert, auch, wenn er es noch nie in Aktion gesehen hatte, bestimmt auch. „Aber ich sehe auch nichts von anderen Mitgliedern der Allianz.“
Um den Mund des Taishō zuckte ein Lächeln. „Lasst es mich so sagen, Ihr sollt sie auch nicht sehen.“ Aber er hob den Arm, als er sich umdrehte und auf die andere Talseite winkte. Dort erschien ein großer, weißer Wolf kurz zwischen den Bäumen.
„Ren Okami!“ Jetzt doch neugierig geworden sah der Herr von Amida unwillkürlich den westlichen Talhang empor.
„Ja, Akiyama ist auch hier,“ bestätigte der Feldherr.
„So habt Ihr einen Plan?“
„Dazu habt Ihr mich doch gerufen. - Eure Krieger sollen rasch kommen.“
Keiichi nickte: „Kōki.“
„Soll ich die Welpen evakuieren?“ erkundigte sich der Berater nur.
„Nicht notwendig,“ erklärte der Taishō ein wenig voreilig, denn damit griff er zum Einen dem Clanoberhaupt vor, zum Anderen hatte er noch nie drei Clans oder Heere kommandiert. Allerdings wusste er was er selbst vermochte.
Keiichi beschloss auch die gewisse Unhöflichkeit zu ignorieren. „Dann geh, Koki. - Nun, Taishō?“
„Ihr wisst, dass es sich um zweihundert Krieger unter dem Befehl des zweiten Sohnes handelt. Was wisst Ihr über ihn?“
„Jiro? Nun, ich weiß, dass Tojiro ein ehrenhafter junger Mann ist, ernsthaft auch. Jiro habe ich nur einmal gesehen und er erschien mir ein wenig … übereifrig. Aber ich glaube, dass ist immer mit den nachfolgenden Söhnen so, die sich beweisen wollen und müssen. Auch, wenn Kuriyama ihm zusagte nach seinem Tod den Aotsuki-Clan zu erhalten.“ Er dachte an das Markenzeichen der einstigen Herrscherfamilie dort – goldene Augen und schneeweiße Haare, wie es auch der Mann trug, der ihm gegenüberstand.
„Könnte das nicht ein wenig problematisch werden?“
„Mit Euch?“ fragte Keiichi prompt.
Es gab keinen Grund auf die kleine Provokation einzusteigen. „Es gibt da die Schwester und die Magie wird in der weiblichen Linie vererbt.“
Der Clanherr nahm sich zurück. Er brauchte Hilfe für seine Familie und es wäre töricht diese zu beleidigen. „Kazari habe ich nie gesehen aber sie gilt als stilles, gut erzogenes, Mädchen. Ihr Vater wird sie an niemanden verheiraten, der seinem Zweitgeborenen in die Quere kommt. So gut kenne ich Kurayami. Natürlich kann Jiro nicht seine eigene Schwester heiraten.“
„Darum auch die Gäste aus dem fernen Osten.“ Letzten Endes war das ja auch der Grund gewesen warum seine eigene Mutter wegverheiratet worden war und nur die ältere Zwillingsschwester blieb. „Nun, Jiro ist jung und will sich seinem Vater gegenüber beweisen. Was man auch an der Ahnungslosigkeit erkennt mit der er hierher nach Amida kommt.“
„Er hat zweihundert Mann bei sich.“ Das war ein logischer Einwand.
Etwas wie ein „Keh!“. „Keine Späher die Talwände empor, keine Falken um die Luft zu sichern. Er und seine Männer laufen ahnungslos in die Falle. Und ja, sie glauben, dass Ihr nur fünfzig Krieger seid, aber glauben bedeutet auch nichts zu wissen.“ Schon Kurayami war ihm durch das absolute Fehlen von Spionen aufgefallen und er hatte fast vermutet sie einfach nur noch nicht entdeckt zu haben. Aber ganz offensichtlich glaubte der selbsternannte Fürst dass militärische Überlegenheit durch die Anzahl der Krieger zu erzielen war. Sein eigener sensei hatte ihm stets geraten den Gegner gut zu kennen, aber auch sich selbst, und vor allem Ort und Zeit der Begegnung, wenn man sie schon nicht selbst bestimmen konnte. Was natürlich wünschenswert war. Schon darum war es in seinen Augen ratsam sich mit Shinji und dessen Vögeln gut zu stellen.
Keiichi neigte leicht den Kopf beiseite. „Eine Falle. Wie soll sie aussehen?“
„Ihr blockiert mit Euren Kriegern das Tal. Das wird Jiro und seine Berater, wen er denn welche hat, kaum überraschen. Ich werde sie warnen.“
Jetzt war der alte Hund erstaunt und zeigte es auch.
So fuhr der Taishō fort: „Fast die Hälfte sind Männer des Aotsuki-Clans. Ich will kein Massaker unter ihnen.“
Clantreue, ja, das war verständlich. „Natürlich. Warum glaube ich nur nicht, dass das wirkt?“
„Nun, wenn sie angreifen … Ihr und Eure Männer sind tapfere Hunde, das sah ich bei Euren Übungen. Seid Ihr und sie tapfer genug zurückzuweichen, aber das Tal weiter zu blockieren?“
„Zurückweichen?“ Das klang seltsam zäh.
„Ihr lockt sie weiter, und die Wölfe und Kitsune werden die Schlinge zuziehen.“
„Das wäre eine vernichtende Niederlage.“
„Wer fliehen will soll fliehen.“
„Und Ihr geht davon aus, dass dies vor allem die Leute Eures Clans sind. Natürlich. Sie werden Euer Signalement erkennen.“
Auch eine der Kleinigkeiten, die er nicht geahnt hatte als er um So´ungas Willen auf Verwandtenbesuch in den Westen wollte. „Wir werden sehen.“
„Falls Jiro fällt – das wird Kurayami nicht gern sehen.“
„Er wird noch einiges nicht sehr gern sehen. Mich zum Beispiel.“
Keiichi entkam etwas wie ein Lachen. „Zwei Daiyōkai der Hunde. Nun, in ganz Japan dürfte es keine weiteren geben.“
„Es gibt wohl insgesamt kaum sechs.“ Von denen er hörte. Der Herr des Ostens war ein Wolf, der Herr der Panther im Süden, Kurayami und er selbst von den Hunden. Und es sollte auch irgendwo jemanden bei den Katzen geben. Akiyama oder Shirohito hatten die Grenze noch nicht übersprungen, aber womöglich existierte doch irgendwo der legendäre neunschwänzige Kitsune. Das sollte es schon gewesen sein. Drachen waren da schon wieder eine ganze andere Sache.
„Würdet Ihr mir verraten, wie man zu einem Daiyōkai wird?“
„Nein, denn ich weiß es nicht. Es .. passiert einfach, anscheinend.“ Und er glaubte durchaus, dass man nicht nur gewisse Kampfstärke erreichen musste, sondern auch ein gehöriges Magiepotential. Darum nahm er an, dass seine Übungen, gedacht dazu den Höllendrachen ruhig zu halten, ihn soweit gebracht hatten. Nur, wie hatte das Kurayami geschafft? Keiner seiner Söhne war soweit, seine Ehefrau wohl auch nicht. Nun, weibliche Daiyōkai waren anscheinend eine absolute Seltenheit, womöglich bedingt durch den Entzug des Yōki während der Schwangerschaft, oder auch nur die Vorbereitung des Körpers darauf, denn so häufig war Nachwuchs nun auch nicht. Nun, das war ein weiteres Rätsel mit dem er leben musste. „Kommt, Keiichi.sama, wir wollen doch Eure unerwünschten Gäste empfangen. Wie lange dauert es bis Eure Krieger hier sind.“
„Keine fünf Minuten.“ Aber der Herr von Amida schritt deutlich unbesorgter den Hang hinab als er ihn hinaufgestiegen war. „Nun, auch Kurayamis Vater war ein Daiyoukai. Eurer auch?“
„Nein.“ Und das trotz So´unga. Hm. Dann konnte seine Idee mit den magischen Übungen auch nicht stimmen, denn auch sein Vater hatte diese bis zu seinem frühen Tod betrieben. Auch er würde jung sterben, da war er sicher. Dieses verdammte Schwert nährte sich von seinem Träger. Umso wichtiger wäre es der Sache mit einem Sohn näher zu treten, der eines Tages So´unga bewachen, am Besten in die Hölle schicken konnte. Und nur jemand aus seiner Blutlinie konnte das schaffen. Kurayamis Blutlinie war dagegen offenbar auf Macht ausgelegt. Gab es da solche Unterschiede und hatten sich diese Linien noch nie gekreuzt? Kazari wurde immer interessanter. Aber zunächst einmal sollten die ungebetenen Besucher eine kleine Überraschung erleben.
Tag der Listen
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Der Hundegeneral, der zurück zur Burg lief, war nicht nur müde, sondern auch sichtlich verletzt. Hinzu kam, dass er schiere Angst hatte. Allerdings sagte ihm sein Pflichtbewusstsein, dass er seinem Fürsten von dem Kampf in Amida berichten musste, sollte, gleich, was es ihn kosten mochte. Nun, daran war kaum etwas zu ändern. Hoffentlich würde der Herr des Westens ihm noch einen Selbstmord erlauben, damit seine Ehre retten lassen. Aber es war, wie es war. Und er sollte nur sachlich berichten. Danach … nun, das lag bei seinem Herrn, der ihm doch schon im Sommer Ehefrau und Tochter anvertraut hatte, nun den zweiten Sohn. Natürlich hatte Jiro das Kommando erhalten, aber dem Hauptmann, seit einigen Monaten General, war nur zu bewusst gewesen, dass er den deutlich Jüngeren anleiten sollte.
Aber wie? Bei dem, was geschehen war?
Sein Bericht nur noch, dann war alles zu Ende. Und dort vorn lag die noch nicht ganz fertige Burg....
Kazari saß auf ihrem neuen Lieblingsplatz und stickte. Ihre Hofdamen wunderten sich über den so ungewohnten Eifer ebenso wie über die Tatsache, dass sie die frische Luft dermaßen bevorzugte, aber natürlich sagte niemand etwas, zumal der Fürst erst gestern einen Kimono, den seine Tochter kunstvoll bestickt hatte, als Geschenk erhalten und sie ausdrücklich gelobt hatte.
Kazari hütete sich erkennen zu geben, dass ihr Interesse weitaus weniger der Stickerei als dem Rohr unter dem Rhododendron galt. Vater und seine Ratgeber saßen in seinem Arbeitszimmer. Leider war es heute einigermaßen feucht und so lästig dies auch sonst sein mochte: es hinderte den Schall offensichtlich daran klar weitergeleitet zu werden. Immer wieder kamen nur Bruchstücke zu ihr, nur manchmal etwas lauter Gesprochenes. Aber immerhin. Es ging wohl darum ob Wölfe oder Füchse als nächstes lernen sollten, wer der Herr war, aber auch um die Drachen, die ja wohl ihren Bräutigam samt Vater gefressen hatten.
Sie hätte gern mehr gehört, gern an solchen Beratungen wenngleich als stumme Zeugin teilgenommen, aber das war natürlich für eine Frau absolut undenkbar und sie bemühte sich solche unrealistischen Gedanken nicht einmal aufkommen zu lassen.
Plötzliche Hektik ließ sie jedoch unmerklich aufhorchen. Während sie die Nadel nun bedeutend langsamer, wie hoch konzentriert in den Stoff steckte, hörte sie die Stimme ihres Vaters, lauter und hörbar erfreut.
„Nachricht von Jiro? Nun, wie viele Hunde aus Amida haben überlebt? Keiichi etwa auch?“
Keiichi von Amida, ja, das war einer der kleinen Clanherren, die unter ihres Vaters Herrschaft standen. Sie meinte ihn einmal gesehen zu haben, natürlich nur beiläufig und zufällig. Mehr schickte sich nicht für eine Fürstentochter. Ein alter, rundlicher Mann. Und der hatte einen Aufstand gegen ihren Vater, einen Daiyōkai und Fürsten, gewagt?
„Wir haben versagt.“
Der Stimme nach war das doch der grimmige General, der Mutter und sie im Schloss der Kraniche bewacht hatte? Wieso versagt? Das bedeutete den Tod ...auch für ihren Bruder? Angespannt lauschte Kazari weiter, so schwer es auch zu verstehen war.
„Versagt?“ donnerte auch Fürst Kurayami, während seine Energie selbst im Garten fühlbar anstieg. „Mein Sohn... hat versagt?“ Und tauchte dann nicht einmal selbst hier auf?
„Jiro-sama ist...verstorben....“
Ein deutlich hörbarer Atemzug des Herrn des Westens. „Bericht.“ Einem Daiyōkai ziemte immer Selbstbeherrschung.
„Wir kamen in das Tal von Amida, ohne jemanden zu sehen und zu hören, so, wie es Ihr ja bereits gesagt hattet. Erst in ungefähr der Hälfte trafen wir auf Keiichi. Seine Männer hatten sich hinter ihm in einer Linie aufgestellt, gegen fünfzig.“
„Euch also deutlich unterlegen.“
„Ja, mein Fürst. Aber neben ihm stand ein großgewachsener Hund, in sehr schwerer Rüstung, eine Klinge über dem Rücken, der uns anrief.“
Kazari konnte förmlich sehen, wie sich ihr Vater aufrichtete.
„Der Fremde sprach euch an? Nicht Keiichi?“
„Ja. Er sagte, und er sprach Jiro-sama an, dass weder er noch wir in Amida erwünscht seien und wieder abziehen sollten.“ Der General rang um seine Kontrolle. „Ich spürte, mein Fürst, dass etwas nicht stimmte. Da war eine Gefahr, die niemand abschätzen konnte. Ich wollte Jiro-sama den Rat geben behutsam zu sein, aber er wies mich ab, wie es natürlich sein Recht war, und meinte nur, dass er Euren Befehl ausführen würde und die Hunde von Amida dafür züchtigen würde Euch nicht zu gehorchen.“
„Weiter!“
„Ich.. ich hörte ein Raunen in den Männern, und da fiel es auch mir auf. Der Unbekannte hatte seine weißen Haare zu einem Zopf gebunden und goldfarbene Augen.“
Nun, das hatte sie auch, dachte Kazari prompt, ehe sie sich entsann, dass dies quasi das Markenzeichen der Familie ihrer Mutter gewesen war – den Herren des Aotsuki-Clans.
„Ich verstehe. Der liebe aber gar nicht dumme Keiichi sammelte zufällig jemanden auf, der wie ein Aotsuki aussah und glaubte euch damit erschrecken zu können. Weiter.“
„Der Fremde sagte zu Jiro, dass er ein Narr sei. Aber er wolle ihn... er wolle die Dunkelheit seiner Ahnungslosigkeit erhellen. Er selbst sei der Herr des Aotsuki-Clans und rein aus diesem Grund gäbe er nun allen diesen Kriegern die Chance sich noch zurückzuziehen. Er … er wolle niemanden seiner Familie töten.“
„Unsinn!“
„Jiro-sama meinte das auch und griff an. Ich folgte ihm natürlich, wie es mein Befehl war, und fand mich im Nahkampf mit Keiichi. Ich spürte eine Energie, Yōki, wie ich es nur je bei Euch spürte... Mein Fürst, der Fremde ist ganz gewiss ein Daiyōkai, das spürte ich, als er... als er Jiro-sama tötete.“ Ohne Schwert.
„Du redest wirr, es gibt keine Daiyōkai im Inu-Volk außer mir! Und der hat es gewagt meinen Sohn zu töten? Aber du hast Keichi... nein, sogar dabei hast du versagt.“
Der unglückliche General schien nach Worten zu ringen. „Ich weiß nicht, was geschah. Plötzlich waren überall Füchsen, Wölfe, die sich auf uns stürzen, die Hunde von Amida – und die Aotsuki zogen sich tatsächlich zurück! Sie haben uns verraten!“
„So.“ Fürst Kurayami klang leise, aber klar und kalt. „Also der Wolf des Nordens. Und Kitsune. Akiyami. Die drei Nordclans haben meine vermeintliche Schwäche ausgenutzt und sich verbündet. Damit ist Schluss!“
Kazari zuckte ebenso zusammen wie ihre Hofdamen, als die Welle an Yōki förmlich über die Burg, den Garten und den Hof fegte. Der Verdacht der Fürstentochter bestätigte sich, als sie ihren Vater sagen hörte:
„Räumt das auf! Und verschwindet! - Ihr zwei bleibt.“ Das galt seinen Söhnen.
Kazari sah zu ihren Frauen, die es erklärlich besser fanden nach der Yōkidemonstration die Schultern weiter zu runden und zu Boden zu starren. Der Zorn des Herrn mochte auch sie treffen, falls er aus dem Fenster blickte, auch, wenn sie nicht wussten, was vorgefallen war. Sollte sie selbst sitzen bleiben? Ja. Jetzt würde doch das eigentliche, vertrauliche, Gespräch beginnen. Und, um ehrlich zu sein, sie hatte Jiro kaum gekannt, ihn jedoch für weitaus unfreundlicher als Tojiro eingeschätzt, der sich doch immer irgendwie zumindest bemühte einige Worte mit ihr zu wechseln, falls er sie zufällig traf. Meist nur Guten Tag und wie es ihr gehe. Aber gut, was hatten Männer und Frauen sich schon zu sagen. Sie lebten in getrennten Welten. Aber er blieb höflich in der Sprache, was Jiro nie getan hatte. Dessen Umgangston war eher gewesen als rede er mit einer Dienerin. Nun ja. Was waren Frauen auch viel anderes. Ach, wenn sie doch nur ...Wunschträume, in die sie sich nicht verlieren sollte.
Jetzt vernahm sie wieder die Stimme ihres Vaters, klarer und näher.
„Kommt ans Fenster. An den Türen scheinen manchmal Leute zu sitzen, die zu viele Informationen hinaus tragen. Euer Bruder ist tot. Und Schuld daran trägt dieser fremde Hund. Lächerlich zu behaupten der sei ein Daiyōkai, noch lächerlicher, der sei der Herr des Aotsuki-Clans. Die letzten Männer dieser Familie habe ich eigenhändig getötet. Da hat niemand mehr überlebt, außer eurer Mutter, der auch nur ein Haar weiß trug! Nun gut. Tojiro, du bist mein Erbe und ich will dich ausbilden. Deine Meinung.“
Kazari vernahm eine Weile nichts, ehe ihr ältester Bruder antwortete.
„Es ist offenkundig eine Tatsache, mein Herr und Vater, dass der Fremde weiße Haare besitzt und goldfarbene Augen. Wo auch immer Keiichi ihn aufgetrieben hat. Womöglich ist er tatsächlich entfernt mit den Aotsuki verwandt, vielleicht geben sie es auch nur vor. Gleich. Solange jemand ihm glaubt ist er eine Gefahr. Zumal mit dem hohen Yōki. Ein Daiyōkai mag er nicht sein, aber kurz vor der Grenze, womöglich. Er ist das Problem, nicht die Hunde von Amida oder der Wolf des Nordens, meiner bescheidenen Meinung nach. Fällt er, fallen auch alle Hoffnungen die Clans von Aotsuki und Ohiro zu trennen.“
„Hm. - Und du, Tomi?“
„Äh, ja, mein Herr und Vater,“ erwiderte der jüngste Sohn. „Das glaube ich auch.“ Und, um offensichtlich zu verhindern, dass er so klang als würde er sich nur dem großen Bruder anschließen: „Ich glaube also, man müsste nur den Fremden anlocken, auf Eure Seite bringen. Überdies gewinnt Ihr so auch die Zeit um weitere Krieger hierher zu rufen, wenn man schon den Aotsuki nicht mehr vertrauen sollte.“
Fürst Kurayami lachte auf. „Sehr gut. Wenigstens zwei Söhne die denken. Ja, der Fremde … wo auch immer den Keiichi aufgetrieben hat, was auch immer der ihm versprochen hat – der Kerl muss wissen, dass er mit mir ein Problem hat. Ein sehr endgültiges. Wenn die Nordclans ihm den Titel des Herrn der Aotsuki versprochen haben, wäre er ein Narr nicht zu wissen, dass er gegen mich antreten muss. Warum ihn also nicht ködern. Ihm kann nichts am Westen liegen, er dürfte aus dem Osten stammen, wo es durchaus starke, sehr eigenwillige, Hunde geben soll. Dazu gewinnen wir Zeit, alle Aohiro hierher zu rufen. Ja, wir locken ihn in eine Falle. Und nein, Tojiro, das ist nicht unehrenhaft. Kriegslisten sind das nie.“
„Vergebt mein Herr und Vater, ich dachte nur – was soll der Köder sein, den so ein Mann unwiderstehlich findet?“
„Nun, genau das Erbe des Aotsuki-Clans. Unter meinem Kommando der Herr zu sein. Und der Köder, nun ja, das ist klar, Kazari. Eure Schwester.“
Ein Satz, den die Fürstentochter nicht sonderlich gern hörte. Der Mörder ihres Bruders? Einen Mann, der Verrat an ihrem Vater und Fürsten beging?
„Natürlich habe ich nie die Absicht das zu erfüllen. Er kommt zu Verhandlungen her, ein wenig Essen, ein wenig Trinken, nur höflich. Vielleicht auch ein Dolch in den Rücken? Er wird diese Burg nie lebend verlassen.“
Tōga ließ sich ein wenig müde neben dem Herrn der Kaseke nieder. Immerhin hatte er das verfluchte Schwert wieder unter den Bann des Kami der Echsen legen können und war wenigstens einige Stunden frei von dem Geist des Höllendrachens. Leider hatte ihn der Kampf gegen diesen deutlich mehr Nerven und Kraft gekostet als das kurze Ende des jungen Fürstensohnes. Zu verlockend war es plötzlich erschienen alle Yōkai in dem Tal von Amida zu töten.
Isatre musterte ihn. „Ihr seid müder als man es von einem Daiyōkai erwarten sollte, der kaum gekämpft hat. Nein, sagt es nicht, der Dieb der Seelen. Ich vermag mir kaum vorzustellen was Euch dieser Kampf Tag für Tag kostet. Um so übler, als ich schlechte Nachrichten für Euch habe. - Oh. Nein, die Clanführer aus dem Süden kommen alle und auch die aus dem Norden, die Euch sicher dankbar sind. Makare, erkläre du es.“
Der kleine Schamane sah auf. „Ja, eine gute Nachricht für die Kaseke und eine schlechte speziell für Euch. Wie Ihr wisst, sind wir die Letzten unserer Art in dieser Welt. Nun sandte uns unser Gott die Nachricht, dass auch wir gehen können, ja, sollten. Wir haben nichts mehr hier verloren und können über die Brücke, die so selten erscheint, gehen. Mit uns wird auch unser Kami gehen.“
Der Taishō atmete durch. Damit würde auch die Möglichkeit verschwinden So´unga wenigsten ab und an sicher zu verwahren. „Ich gönne Euch den Rückzug in eine andere Welt,“ sagte er jedoch.
Beiden kleinen Echsen entkam ein zischendes Lachen. „Höflich seid Ihr,“ erwiderte Isratre. „Aber glaubt mir, wir zwei wissen zumindest, was Euch das kostet. Ich verspreche Euch daher, wenn ich jenseits der Juwelenbrücke je eine Möglichkeit erhalte, werde ich die dortigen Götter bitten Euch einen Einfall zu senden, wie Ihr dieses wahrhaft höllische Schwert beseitigt. Die Gäste aus dem Süden kommen. Aber was ist mit den Clans des Nordens?“
Das fragte sich nicht nur der kleine Echsenherr, als er sich erhob um seine Gäste am Portal abzuholen: Himiko von den Katzen, Botan, der Hund, Kano von den Tanuki und Shirohito von den Kitsune. Doch, wo waren die Allianzmitglieder aus dem Norden?
Die Clanchefs des Südens, Himiko von den Jito stets begleitet von Naoki, schienen sich das auch zu fragen, als sie Platz nahmen.
Die Katzenkönigin blickte zu dem Taishō. „Ihr hattet doch Erfolg?“
„Jiro ist tot und die Aotsuki haben sich zurück gezogen.“ Mehr antwortete Tōga nicht. Was war im Norden los? Wo steckten Keiichi, Akiyama und Ren? Und, was bedeutete der künftige Wegzug der Kaseke? Das WOHIN würden sie bestimmt nicht verraten, wenn sie es denn überhaupt wussten. Für ihn bedeutete das nur wieder eine Pause weniger von dem höllischen Drachen. Und auch zukünftig kein Versteck mehr vor Kurayami. Nun gut. Der würde kaum mehr still halten, nachdem sein Sohn gestorben war. Der holte sicher zum Schlag aus, kaum dass er davon erfahren hatte. Nur, welchen? Oder – hatte er das bereits getan und fehlten darum die Clanherren des Nordens?
„Darf ich nach Eurer Strategie fragen?“ erkundigte sich der weiße Fuchs von Kinnosuke, schon, um das doch unbehagliche Schweigen zu brechen.
„Natürlich, Shirohito-sama.“ Der Taishō vergaß nicht, wer seine Auftraggeber waren. „Ich riet Keiichi sich mit seinen Männern in die Mitte des Tales zu stellen, in einer Linie, ihn und meine Wenigkeit vor ihnen. Im Osten und Westen verbargen sich Ren Okami und Akiyama von den Kitsune von Akita mit ihren Männern. Nachdem meine Warnung und Aufforderung nichts nützte, ja, Jiro mich angriff, tötete ich ihn. Keiichi übernahm den General, während die Hunde von Amida leicht zurückwichen, so die Angreifer in die Falle lockten. Wer hineinlief … nun, die Kitsune und die Wölfe schlossen den Kreis. Es war ein großer Verlust an Kriegern der Ohiro. Die meisten Krieger der Aotsuki hatten auf mich gehört und waren dem Angriff nicht gefolgt.“
„Verständlich,“ sagte der Kitsuneherr des Südens. „Euer Aussehen spricht für sich.“
„Niemand kämpft gegen das eigene Blut,“ bestätigte Botan von den Azu, sprach allerdings nicht nur für Hunde. So war die Regel im Westen.
„Kurayami wird den Tod seines Sohnes schlecht verkraften,“ meinte Kano von den Kanazawa. Der Tanuki zog die Augen so weit zusammen, dass das schwarze Band darum, was auch in seiner Menschenform sichtbar war, sich fast halbierte. „Er mag angreifen. Oder hat es schon.“
„Nein.“ Dieser Einspruch kam von der Katzenkönigin, die bemerkt hatte dass sich Isratre erhob. „Neue Gäste?“
„Die Clanherren des Nordens,“ bestätigte der Herr der Echsen, ehe er zum Eingang des verborgenen Tales ging um die Neuankömmlinge durch das Portal zu geleiten.
Der Taishō zeigte sein Aufatmen nicht, als die drei Herren der Nordclans gemeinsam mit dem Adler Shinji von den Hohen Bergen gemächlich herankamen, sichtlich entspannter als sie es bei einem Gegenangriff gewesen wären.
Nachdem ein allgemeines Kopfnicken die Begrüßung darstellte und alle Platz genommen hatten, hob Shinji eine Papierrolle. „Dies wurde mir von Fürst Kuriyama übergeben um es dem fremden Hund zu geben. Da ich nicht wusste, wo ich Euch erreichen kann, fragte ich den werten Akiyama. - Nun, Euer Brief.“
„Danke.“ Unwillkürlich witterte der Taishō nach Gift, aber das wäre töricht von Kurayami gewesen. Das hätte schließlich auch den Boten treffen können. So öffnete er und las mit unbewegtem Gesicht, ehe er den Brief fallen ließ – zum allgemeinen Lesen. „Eine Einladung in die Burg. Kuriyami bietet mir die Hand seiner Tochter an, dann als sein Schwiegersohn als Ehemann der Erbin Clanherr der Aotsuki zu werden.“
„Eine Falle,“ sagten Kano, Akiyama und Himiko gleichzeitig.
„Natürlich.“ Der Taishō schloss kurz die Augen. „Das bedeutet, er hat nicht nur erfahren, dass ich seinen Sohn umbrachte, sondern wohl auch, dass ich ein Daiyōkai bin. Und er ist nicht töricht genug das zu unterschätzen.“
„Er ist ein Narr zu glauben, dass Ihr zu ihm geht,“ meinte der Wolf des Nordens. „Da braucht man nur an andere Hunde aus den kleinen Clans denken, die nie wieder nach Hause kamen, lebend.“
„Tja, aber man sollte nie glauben, dass ein Mann ein Narr ist, nur, weil er sich wie einer benimmt,“ erwiderte Shirohito. Der Kitsune benutzte das durchaus als Erinnerung, dass sich Ren Okami manchmal selbst in den Augen seiner Verbündeten eigen benahm, war allerdings klug genug mit seiner Formulierung keinen Streit vom Zaun zu brechen.
„Euer Plan, Taishō?“ erkundigte sich Keiichi, der seit dem siegreichen Kampf von Amida wirklich viel auf den Feldherrn, vor allem dessen Ehrbarkeit und Stärke, hielt.
Der so Angesprochene legte die Hände auf die Oberschenkel, ehe er sich aufrichtete. Er hatte seine Entscheidung getroffen. „Nun, es ist eine formelle Einladung, aber ich stimme Euch zu, dass es eine Falle ist. Ich springe hinein, um nicht den Westen in einen Bürgerkrieg zu stoßen. Aber, ich wäre Euch allen dankbar, wenn Ihr dafür sorgen würdet, dass die Falle sich wieder öffnet.“
Himiko von den Jitō zog die schmalen Katzenaugen noch weiter zusammen. „Dann verratet uns doch auch, wie wir das anstellen sollen.“
„Natürlich, teure Königin.“ Der Daiyōkai lächelte ein wenig, aber es lag keine Heiterkeit darin. „Die Einladung lautet an mich allein, aber ich wäre ein Narr allein zu gehen. Noch ist die Burg nicht fertig, noch liegt der Bann nicht perfekt, noch fehlt ein Teil der Mauer. Während ich durch das Burgtor gehe, könnte man sich doch auch einige Leute vor der Bresche vorstellen, kampferprobt, magiekundig...“
„Kitsune, Wölfe, Hunde, Tanuki,“ erläuterte Kano das Offensichtliche. „Ein Heer als Bedrohung und Sicherheit im Hintergrund.“
„Damit würden wir die gesamte Allianz zeigen!“ warnte der Wolf des Nordens prompt.
„Und, werter Taishō,“ wandte der Herr der Kaseke ein. „Das nützt Euch wenig, wenn Ihr tot seid. Gift oder Dolch sind einfach zu benutzen, wie ich hörte.“
„Ich habe weder die Absicht meine Rüstung abzulegen noch etwas zu mir zu nehmen. Überdies würde ich meinen Berater mitnehmen. Kurayami sollte nicht mit einem Flohgeist rechnen.“ Der Daiyokai konnte spüren, wie sich der arme Myōga in sein Schulterfell klammerte und konnte die Schweißtropfen über dessen Gesicht förmlich laufen sehen. Aber ihm war bewusst, dass der kleine Floh trotz aller Angst ihn nie im Stich lassen würde.
„Ja,“ gab Isatre zu. „Eine Möglichkeit. Darf ich Euch dennoch, sozusagen als Abschiedsgeschenk, für diesen Besuch meinen teuren Makare mitgeben? Niemand wird ihn sehen, das kann ich Euch versprechen. - Oh, meine hochverehrten Gäste, ich sollte Euch mitteilen, dass das Volk des Kaseke sich bald aufmachen wird in seine große Heimat. Wir sind dann nicht mehr von dieser Welt. Und auch dieser Ort wird keinerlei Magie mehr ausstrahlen, Euch schützen können.“
„Was versprecht Ihr Euch von diesem Besuch?“ erkundigte sich Ren Okami, ohne auf die Kaseke einzugehen.
„Wissen,“ antwortete der Taishō prompt. „Und, im besten Fall Frieden für den Westen und einen Kurayami, der sich zurückhält.“
„Als Euer Schwiegervater?“ kam es augenblicklich von Himiko.
„Meine Königin.“ Der Taishō klang fast schmeichelnd, wurde aber rasch sachlich. „So oder so gehört Kazari mir. Und der Clan der Aotsuki.“
„So haben wir es alle geschworen,“ warf Shirohito ein, nicht willens, seine Idee und seine Hoffnung auf gleichzeitig Frieden im Westen und Unabhängigkeit der Clans zu begraben.
„Das haben wir,“ erklärte Keiichi eilig und alle anderen nickten langsam.
Tag der Aufmerksamkeit
D
er Taishō schritt langsam auf das Tor der Burg zu. Immerhin hatte Kurayami daran gedacht um diese freies Feld zu lassen, zum Sehen und Kämpfen. Nur mit den Spionen und Spähern schien es der selbsternannte Fürst absolut nicht zu haben. Hm. Unwissenheit? Immerhin war doch auch sein Vater ein Daiyōkai gewesen und hatte den Ohiro-Clan angeführt. Oder waren Vater und Sohn bislang eben mit ihrer eigenen Macht und der schieren Anzahl ihrer Männer so durchgekommen, dass sie keinerlei Vorsichtsmaßnahmen für notwendig erachteten? Möglich. Er hatte ja bereits gedacht, dass dieser Zweig der Hunde auf andere Art als er zu diesem Rang gekommen war.
Nun gut. Vor ihm lag ein Besuch, der seine Neugier stillen würde, aber er müsste sich doch etwas vorsehen. Immerhin sollten schon einige Leute diese Burg nur tot verlassen haben. Keine Spione - aber auch kein ehrlicher Kampf?
Er war jedoch völlig entspannt. Er hatte den besten Schutz bei sich, den er sich nur vorstellen konnte, und dabei dachte er nicht an das Höllenschwert. Sein treuer Myōga war die beste Alarmanlage, die sich Daiyōkai nur wünschen könnte. Und der winzige Echsenschamane links neben ihm würde sich um Gift aber auch um So´unga kümmern. Er wäre ja zu interessiert daran gewesen, wie Makare es schaffte unsichtbar, unhörbar, zu schreiten und selbst die Witterung zu unterdrücken. Aber wie jeder Magier hütete natürlich auch ein Kaseke seine Geheimnisse und so hatte er sich die Frage gespart.
Überdies würden in mehr als absehbarer Zeit so einige Männer des Nordclans vor der Burg stehen – vor der Lücke um genau zu sein. Nicht zu viele, denn nach dem Verhängnis von Amida dürfte Kurayami derzeit über kaum dreihundert Krieger verfügen. Es stand zwar zu erwarten, dass er alle des Ohiro-Clans und der kleineren Familien zu sich beordern würde, aber das konnte kaum so schnell passieren. Und auf die Leute des Aotsuki-Clans sollte sich selbst dieser Kerl nicht mehr verlassen wollen, dazu waren doch zu viele aus Amida verschwunden und nicht mehr aufgetaucht. Nun, sie hatten sich vermutlich auf das Gelände ihres Clans zurück gezogen und warteten erst einmal ab was passieren würde. Verständlich. Ihre Erbin lebte in dieser Burg und dadurch hatte ihr Vater eigentlich Zugriff auf diesen Clan. Aber nun war ein Fremder aufgetaucht, der sich als Mitglied der getöteten Herren anzeigte. Sich zwischen zwei Daiyōkai mit ähnlichen Ansprüchen zu stellen war riskant.
Die Frage war nur, ob das Kurayami auch so sah oder doch auf Leute dieses Clans noch setzte.
„Myōga,“ murmelte er. „Wenn wir in der Burg sind, siehe dich doch um ob und wie viele Krieger der Aotsuki noch dort sind. Du erkennst sie an den roten Wedeln an den Rüstungen und der weißen Hose.“ Er kannte seinen Berater, der bestimmt schon hektisch überlegt hatte welchen Einwand er bringen sollte.
„Ja, oyakata-sama,“ seufzte der so Verstandene denn auch nur. „Auch die Frauen?“
„Die dürften schwer zu identifizieren sein, aber ja, wenn du es herausbekommen kannst. - Nun, werter Makare? Spürt Ihr Magie?“
Scheinbar aus dem Nichts kam die leise Antwort. „Keine Besondere, Taishō-sama, oder, wie ich wohl auch sagen sollte, oyakata-sama. Der Bann um die Burg ist beileibe noch nicht fertig und ich frage mich wirklich warum Kurayami Amida angreifen ließ. Als ob er mit den Drachen nicht sowieso schon ein Problem hätte.“ Und damit auch mit den Wölfen des Ostens.
„Mir kommt der Anschein, als ob ihn Probleme nicht interessieren,“ gab der Daiyōkai zu. Aber dieser Hund der Ohiro hatte ja eben auch kein Höllenschwert bei sich, das man beherrschen musste, für das man Jahrhunderte Magie lernen und Selbstkontrolle üben musste. War es möglich, dass der darum so naiv war? Der war doch bestimmt älter als er selbst. Hm. Wie hatte es Shirohito ausgedrückt – nur, weil ein Mann sich wie ein Narr benehme sollte man nicht davon ausgehen, dass der einer war. Vielleicht auch nur in einem Punkt? Er sollte behutsam bleiben.
Ah, die Krieger der Ohiro vor dem Tor waren keine Narren und hatten ihn nicht nur erkannt, sondern auch gleich den Herrn informiert. Denn der stand jenseits der geradezu einladend geöffneten Torflügel. Die übrigens, das musste der Taishō feststellen, nicht nur massiv in Holz und Stahl waren, sondern auch magisch gesichert. Nun ja, nichts, was gegen ein Schwert der Unterwelt helfen könnte, das ein Daiyōkai schwang – aber damit hatte Kurayami wirklich kaum rechnen können. Weitaus interessanter, weil die eigene Einschätzung in Punkto Unerfahrenheit demonstrierend, war freilich die Tatsache, dass der Herr des Ohiro-Clans seine Energie zeigte.
Nun ja, wohl kaum alles, immerhin sollte ein Daiyōkai mehr auf der Pfanne haben – aber... Ja, aber.
Tōga gab sich zu, während er scheinbar gemächlich näher schritt, dass sein Vater ihm stets gepredigt hatte ein Daiyōkai zeige seine Energie nicht außer im Kampf – oder, wenn einer bei einer Begegnung sie zeigte, wolle der zum Duell herausfordern. Das eigene Yōki zu offenbaren wäre die Eröffnung zu einem Zweikampf. War es möglich, dass seine vorherige These stimmte? Kurayami kannte keinen Daiyōkai, es gab keinen im Westen, außer dem eigenen Vater, da mochte es anders aussehen. Waren die Zwei immer mit solch einer Machtdemonstration durchgekommen? Er sollte jedoch auf der Hut sein. Womöglich wäre das eine Falle und, wenn er auf diese Herausforderung antwortete, hätte er den Clan auf dem Hals?
Im Osten, woher er stammte, hatte es nicht nur Vater gegeben, sondern auch den nunmehrigen Herrn der Wölfe – und seinen eigenen sensei, der sich wohlweislich zurückgezogen hatte. Aber dieser alte Wolf hatte schon seinen eigenen Vater alles gelehrt... Hm. Kurayami wusste es womöglich wirklich nicht wie sich ein Daiyōkai gegenüber einem anderen benahm. Immerhin ließ er nur ein Level aufscheinen, das kein Kampfniveau war. Nun, Vorsicht war sicher besser.
So trat er scheinbar unbefangen und ohne auch nur einen Funken Energie zu zeigen durch die Tore der Burg. Allerdings auch ohne den Kopf zu neigen.
Der Fürst nahm es ungern zur Kenntnis. War der Kerl arrogant. Nun, morgen schon würde man sehen, was davon übrig war. Der hatte den Köder geschluckt. Allerdings, das musste Kurayami zugeben, war da eine Magie, die er spürte, aber nicht deuten konnte. Kein Yōki, etwas vollkommen anderes. Und das war das Schwert, das der Idiot auf seinem Rücken trug. Zauber... ja. Hatte es nicht geheißen eine Hundefamilie im Osten würde eine Klinge tragen, die der Hölle entstammte und nur ihr Blut zu beherrschen vermochte? Er hatte das stets als Märchen abgetan, als Sage, die der Wolfsherr des Ostens verbreitete um eine Erklärung dafür zu finden, warum er noch nicht alle Völker dort unterworfen hatte.
Ein Daiyōkai mit dem Höllenschwert. Das erklärte natürlich einiges. Zum Einen besaß dieser Kerl tatsächlich die weißen Haare und goldenen Augen der einstigen Herren des Aotsuki-Clans, war also wohl im Endergebnis ein entfernter Verwandter mit dem er selbst nicht hatte rechnen können. Der lebte ja samt der Eltern im Osten. Zum Zweiten erklärte das, warum die Clans des Nordens, selbst der hyperstolze Ren Okami dem folgten. Da hatte der Wolfsherr des Ostens doch tatsächlich eine kleine Intrige gesponnen und einen der mächtigsten Leute seines Gebietes dem Westen aufgehalst, natürlich mit einem zarten Hinweis an den lieben Halbbruder. Ren beugte sich niemandem, ja? Aber er würde einer kleinen Aufforderung seines mächtigen Bruders doch nachkommen, zumal, wenn es gegen ihn, Kurayami, ging. Keiichi hatte als Hund natürlich auch nichts dagegen gehabt. Und das Höllenschwert lockte garantiert auch einen Kitsune. Akiyama würde das sicher nur zu gerne in die Pfoten bekommen. Und ein Fuchs mochte auch zauberkundig genug sein das zu beherrschen.
Das wiederum erklärte auch, warum dieser so genannte Taishō seiner Einladung gefolgt war. Da ging es nicht um den Westen – der wollte Kazari und die Herrschaft über den irgendwie elterlichen Clan. Nun gut. Damit saß der Köder. Wenn er mit dem fertig war, würden auch alle Nordclans ihm folgen – und die des Südens dann notgedrungen auch.
Auf Gift hatte er wohlweislich bei einem Hund verzichtet, er kannte schließlich die eigene Nase. Und ob der Kerl auf bewusstseinstrübende Mittel ansprang war dahin gestellt. Nein. Die Kriegslist lag in der Verhandlung selbst. Und ein Narr, der sich auf das Schwert verließ, würde eben auch durch das Schwert umkommen.
„Seid mein Gast, Taishō,“ meinte er laut. „Und vergebt, wenn ich Euch keinen Namen beimessen kann. Er wurde nie erwähnt.“
„Dank für das freundliche Willkomm.“ Er war doch nicht verrückt und ging mit seinem Namen so einfach hausieren. Da gab es kleine, magische Fallen, wenn man den wahren Namen kannte obwohl, das gab der Taishō zu, er Kurayami jetzt nicht für besonders magiekundig hielt. Aber womöglich war genau das ein Fehler. Der werte Makare würde sich darum kümmern, hatte der Echsenschamane zugesagt, als letzte Handlung eines Kaseke in dieser Welt, ehe sie ihrem Gott über die Brücke folgten, wohin auch immer.. Das sagten sie natürlich nicht. Nur, dass alle anderen ihrer Art und Verwandte diesen Weg schon vor langer Zeit gegangen waren. Möglich, durchaus möglich, denn solche Lebewesen, wie sich Isatre gezeigt hatte, hatte er noch nicht einmal in Sagen kennen gelernt.
Der Mistkerl sprach ihn nicht als Fürst an! Wofür hielt sich der eigentlich? Nun ja, da gab es offenbar die Klinge aus der Unterwelt. Das allerdings erklärte auch warum sein zweiter Sohn nur tot aus dem Kampf mit dem herausgekommen war. Jiro war der impulsivste seiner drei Jungs gewesen – und vermutlich hatte der weder mitbekommen, dass er einem Daiyōkai gegenüberstand noch das Schwert der Unterwelt erkannt. Oh, das war ein guter Grund für den Fremden misstrauisch bis behutsam zu sein. So hob Kurayami etwas die Hand. „Mir wurde durchaus mitgeteilt, dass mein Sohn im direkten Kampf mit Euch fiel. War er tapfer?“
„Ja.“ Dass es mehr als töricht gewesen war, sich als so junger Mann, wenngleich aus gutem Haus, an einen Daiyōkai zu wagen, sollte er dem Vater lieber nicht sagen. Immerhin bemühte sich Kurayami um gut Wetter. Oh, da kam ein Krieger angerannt und verneigte sich eilig vor seinem Herrn. Einer aus dem Ohiro-Clan, wie die Zeichen zeigten. Der Taishō ahnte, was die geflüsterte Nachricht war und sah sich bestätigt, als sich der Hausherr etwas zu hastig zu ihm drehte.
„Ihr...“ begann Kurayami, der sichtlich nicht mit einem, wenngleich kleinen, Militärtrupp vor seiner Tür gerechnet hatte.
„Ich habe eine kleine Versicherung eingebaut, ja. Keine Sorge, niemand wird unser Gespräch unterbrechen.“
Dieser Misthund war vorsichtig. Nun ja, gab Kurayami zu, der wusste, dass er in die Burg eines Mannes ging, dessen Sohn er getötet hatte. Vorsichtig, offenkundig ein Stratege, ein Daiyōkai und Träger eines der angeblich mächtigsten Schwerter der Welt. Wenn er den auf seine Seite bekommen könnte... „Ihr seht mich überrascht, dass Ihr meinem Wort nicht glaubt. Ich nannte Euch bereits Gast. Bitte folgt mir in mein Empfangszimmer, damit ich Euch meine Söhne vorstellen kann.“
Besagter Gast neigte den Kopf höflich, wenn auch genau einen Zentimeter, um den Gastgeber nicht aus den Augen zu lassen, wandte sich jedoch ab um zu folgen. Dabei spürte er ein winziges Gewicht sein Schulterfell verlassen. Myōga würde sich in der Burg umsehen. Und es war doch eine gewisse Sicherheit, dass der Schamane unsichtbar an seiner Seite war, als er die wenigen Stufen zu der Haupthalle der Burg emporstieg, scheinbar unbekümmert ob der doch finsteren Blicke der Ohiro-Krieger. Sicher waren da einige in Amida dabei gewesen und verstanden nicht, warum er nun als Gast behandelt wurde. Nun, er war sicher, dass er die Herrschaft über den Aotsuki-Clan, die Hand der Fürstentochter angeboten bekommen würde – gegen ein Treueversprechen Kurayami gegenüber. Und genau das würde er nicht tun. Mal sehen, wie weit der selbst ernannte Fürst gehen würde um ihn auf seine Seite zu ziehen.
Kazari hatte sich befehlsgemäß anziehen lassen, die weißen Haare offen fallend. Sie begriff nicht, warum ihr Vater wollte, dass sie möglichst wie ein Kind wirken sollte, wenn sie doch einem Gast vorgestellt werden sollte. Nun, wer auch immer das war – er hatte ihren Bruder getötet, das hatte ihr Seiko doch verraten, die das von ihrem Ehemann hatte. So war es nur umso besser, wenn sie offenkundig nicht als Braut für den in Betracht kam. Warum Vater allerdings den eingeladen hatte …. Oh. Ja. Er hatte doch etwas über eine Kriegslist erwähnt. Vielleicht wollte er den Gegner in Sicherheit wiegen, in dem er ihm die Familie vorstellte, freundlich tat – um anschließend zuzuschlagen und den zu vernichten? Ihr Vater war doch der stärkste aller Hunde, der einzige Daiyōkai.
Die Türen des Empfangszimmers wurden vor ihr und zwei ihrer Damen beiseite geschoben und sie verneigte sich höflich in der Tür, fast nicht glaubend, was sie da sah. Fürst Kurayami saß wie gewöhnlich auf seinem Hocker auf dem hinteren Podest – aber daneben offenkundig der Mann, der sein Gast war und das ebenso auf einem Hocker! Das hatte sie noch nie gesehen. Als sie sich aufrichtete und die wenigen Schritte zu der nächsten Verneigung machte, wagte sie es doch einen raschen Blick auf den Fremden, den Mörder ihres Bruders, zu werden. Sie benötigte alle erlernte Beherrschung um nicht zu tief einzuatmen, sich das formelle zweite Mal zu verneigen. Diese Augen, diese Haare... Das war wie bei ihrer Mutter, wie das Bild, das sie selbst im Wasser ansah. War es möglich, das sich Seiko geirrt hatte und dieser Mann ein entfernter Verwandter ihrer Mutter war? Also, auch ihr Verwandter? Was sie in dieser Meinung bestärkte war, dass ihre Mondmagie anschlug, leicht, aber doch anzeigend, dass der Gast auch darüber verfügte. Und noch über etwas anderes, denn das war kein Zauber, den sie je gelehrt bekommen hatte. Kazari wusste, dass ihre magischen Fähigkeiten ausgeprägt waren, sie allerdings sehr viel nicht wusste. Was also war das?
Nun, gleich, zumal sie ja nach dem Wunsch ihres Vaters ein noch recht junges Mädchen darstellen sollte.
„Kazari, meine Tochter,“ stellte Fürst Kurayami denn auch sie vor.
„Ich gebe Euch recht, sie wird eine bezaubernde Ehefrau sein,“ sagte eine tiefe Stimme.
Ehefrau? Kazari hätte fast zu tief Atem geholt, ehe sie begriff, dass das wohl nur höflich sein sollte und in der Zukunft, nicht hier und jetzt. So neigte sie nur wie verlegen den Kopf. Dieser Unbekannte war magiekundig. Wieso nur hatte sie das unbehagliche Gefühl, dass er von mehreren verschiedenen Zaubern umgeben war?
„Du darfst gehen.“ Der Burgherr war zufrieden mit dem Benehmen und dem Aussehen. Natürlich hatte er nicht die Absicht sie jetzt schon und noch dazu an diesen Konkurrenten zu verheiraten, sie war nur der perfekte Köder für jemanden der allzu offensichtlich aus dem Aotsuki-Clan stammte. So war er auf den Einfall gekommen sie als jünger auszugeben als sie war. Eine Zusage für eine fernere Zukunft versprochen verpflichtete doch zu nichts. Im Gespräch hatte er bereits mitbekommen, dass sein Gast zwar zuhörte aber deutlich aufpasste was er sagte und schon gar nichts zusagte. Da musste er wohl zu weitreichenderen Versprechungen greifen. Tomi, sein jüngster Sohn, hatte schon ein wenig unwillig geguckt, sich jedoch sofort beherrscht, als er mitbekam, dass das Quasi-Erbe des Zweitältesten an dessen Mörder gehen sollte, nicht an ihn selbst. Dummer Junge, aber der war eben auch wirklich noch recht jung – er hatte ihnen doch erklärt, dass es eine Falle werden würde, eine Kriegslist. Und mit was konnte man jemanden aus der Familie mehr locken als mit eben dem Titel des Herrn der Aotsuki und der Hand der Bluterbin?
Es war bereits dunkel, als der Taishō die Burg verließ. Vorsichtig genug wandte er sich zunächst den Kriegern der drei Nordclans zu, die sozusagen rechts vom Tor gehalten hatten. „Ich danke euch,“ sagte er.
„Habt Ihr etwas herausgefunden?“ erkundigte sich Ren Okami prompt, der das Kommando über den kleinen Trupp nie jemand anderen überlassen hätte.
„Ja. Und ich bin mir nicht sicher, ob Kurayami auch nur ahnt, dass seine Falle zuschnappte – für ihn. Gehen wir.“
Der Wolf des Nordens blieb neben dem Taishō. „Ihr seid ein Stratege,“ erklärte er. „Darf ich fragen bei wem Ihr im Westen das gelernt habt?“
„Meinem Vater und dessen Lehrer, ein recht alter Wolf in der Gegend von Hakodate.“ Kannte Ren etwa seinen sensei? Denn der atmete tief durch. Immerhin stammte der Wolf ja ebenfalls aus dem Westen. „Ich erfuhr nie seinen Namen,“ erläuterte er daher.
„Vergebt... Taishō. Ich muss mich gerade ein wenig... Nun, Ihr habt mich überrascht. Ihr ward in diesem Tal, eher einer Schlucht? Steile Felsen und ein hoch gelegener Sitzplatz?“
Also war auch Ren dort gewesen. „Ja. Ich war ein Jüngling, als mein Vater mich zu ihm brachte und zur weiteren Ausbildung überließ. Mein verehrter Vater zwar kein Daiyōkai, aber er meinte, ich könnte bei seinem eigenen Lehrer noch mehr erfahren, schon aufgrund unserer doch anderen Magie.“
„Nun, so unterschiedlich kann sie kaum sein, wenn ihr beide das Schwert der Unterwelt beherrscht. Aber ich verstehe. - Habt Ihr das je meinem Bruder erzählt?“
„Nein. Ich hielt es für besser mich von ihm fernzuhalten, nachdem mein Vater starb und ich ein Daiyōkai war. Kein unnützer Ärger.“
„Es hätte keinen gegeben.“ Der weiße Wolf des Nordens atmete tief durch. „In dieses Tal, werter Taishō, bringt unsere Familie stets die vielversprechenden Welpen um sie ausbilden zu lassen. Ich war ein Jahrhundert dort, mein Halbbruder weitaus länger. Es ist ein heiliges Tal der Wölfe, denn dort leben die Seelen unserer Ahnen. Nur die Seelen. Euer Lehrer war kein Daiyōkai, wie Ihr wohl stets geglaubt habt, sondern die Verkörperung aller unserer Ahnen. Sie haben Euch und auch schon Euren Vater akzeptiert, ausgebildet! Und, sie sehen die Zukunft. Man kann wohl wahrlich viel von Euch erwarten.“
„Nun, ich will weder Fürst des Westens noch des Ostens werden. Natürlich habe auch ich einen Wunsch für mein Leben.“
„Die Clans des Westen sagten Euch den Titel des Taishō zu und den Titel des Herrn der Aotsuki. Ich bin neugierig, wie Ihr das umsetzen wollt.“
Das war nicht sein Lebenswunsch, aber der Daiyōkai schwieg.
Erst als die Krieger verschwunden waren und zur Burg ein gehöriger Abstand lag, zeigte sich der kleine Echsenschamane.
„Kein Gift,“ stellte der Taishō schlicht fest.
„Kein Gift, kein Dolch. Er glaubt offenkundig Euch mit diesem Papier geködert zu haben.“ Makare sah zu dem hochgewachsenen Daiyōkai auf. „Aber, ich verstehe von Yōkai weniger – er hat sich doch selbst geschadet. Hält er sich an die Abmachung mit Euch kann er die Clans nicht mehr angreifen, Ihr erhaltet die Aotsuki und die Tochter. Hält er sich nicht daran...“
„Dann ist er fällig.“ Der Taishō wandte den Kopf. „Ah, Myōga.“
Der Flohgeist landete ein wenig keuchend vor ihm.
„Nun, Aotsuki-Krieger da?“
„Nein. Allerdings kamen andere Familien in kleinen Gruppen, sobald Ihr und die Clankrieger weg waren. Er ruft seine Leute zusammen. - Oh, und von den Frauen, die um die Fürstentochter sind, sind zwei aus dem Aotsuki-Clan, aber mit Ohiro verheiratet, damit gehören sie ja wohl dazu.“
„Komm auf meine Schulter.“
„Danke, oyakata-sama. - Ich hörte gerade, dass Ihr erwähntet, Kurayami sei fällig?“
„Wenn er versucht mich zu betrügen, ja. Und hält er sich an den Vertrag ist er … nun, mehr als eingeschränkt.“
„Dann habt Ihr ihn über den Tisch gezogen?“
Um den Mund des Taishō glitt ein amüsiertes Lächeln. „Nennen wir es so. - Werter Makare, darf ich fragen, wann Ihr und Isratre mit Eurem Volk gehen werdet?“
Der Echsenschamane deutete zum Himmel auf. „Wenn der Mond am Höchsten steht heute Nacht, wird unser Kami erscheinen und die Brücke. Ich möchte Euch daher bitten nicht mehr mit in unser Tal zu kommen. Wenn Ihr ein wenig abseits bleibt, werdet Ihr vielleicht die Brücke aus Juwelen sehen, die uns in die andere Welt geleitet.“
Eine Juwelenbrücke in eine andere Welt? Dem designierten Feldherrn schien es als habe er davon schon einmal gehört.
Tag der Erkenntnisse
D
er Taishō blieb stehen als das Tal der Kaseke in Sicht kam. Nun eher das, was es verbarg. „Ich werde mich hier verabschieden, Makare,“ sagte er zu dem Echsenschamanen und sah zu dem nieder. „Grüßt mir Isatre. Und ich wünsche allen Kaseke eine gute Zukunft jenseits der Brücke.“
„Danke, oyakata-sama,“ erwiderte Makare ehrlich. „Ich wünsche Euch, dass es Euch gelingt Euren Wunsch ebenso zu erfüllen. Nur, wir mussten sehr, sehr lange darauf warten.“
„Ich bin die dritte Generation meiner Familie, die wartet. Wir werden es wohl abwarten müssen, da habt Ihr recht.“
„Falls Ihr hier bleibt, glaube ich, könnt Ihr uns ziehen sehen. Aber...“
„Nein, ich werde mich nicht einmischen und auch dafür sorgen, dass So´unga das nicht tut.“
„Ihr seid ein weiser Mann, Taishō.“ Der Schamane neigte sich noch einmal, ehe er sich abwandte und schon bald bei den drei Bäumen dem Blick entzogen war.
„Äh, was für eine Brücke, oyakata-sama?“ wagte sich Myōga zu melden.
„Das weiß ich nicht. Mir wurde nur gesagt, dass sie unter Führung ihres kami heute Nacht gehen, eben über diese Brücke und die Welt der Lebenden verlassen. Nun, wohl insgesamt diese Welt. Wir werden sehen.“
Der kleine Floh wusste, dass das ein weites Entgegenkommen eines Daiyōkai gegenüber etwas war, dass die meisten Hunde schon als Ungeziefer umbringen wollten, und schwieg. Mehr würde er hoffentlich sehen.
Die Nacht war schon eingebrochen, aber der Mond war heute klar. Keine Wolken bedeckte den herbstlichen Nachthimmel und der Taishō spürte, wie seine Mondmagie deutlicher wurde. Nun, nicht, dass er sie viel einsetzen konnte. Seine Mutter hatte sich Mühe gegeben, aber das lag eigentlich immer nur in den Frauen der Familie. Männliche Nachkommen waren in der Regel blind dafür, hatte sie gemeint, und er hatte dies akzeptiert. Umso interessanter wäre ein Sohn mit Kazari, die ja sicher nicht nur als Mädchen der Familie diese Magieform besser beherrschte, sondern mit seiner Tante auch noch die stärkere der Zwillingsschwestern als Vorfahrin hatte.
Magie, stark, unbekannt und dennoch irgendwie vertraut. Er sah sich um. Am Himmel erschien etwas Leuchtendes, wie ein Band, das sich langsam ausrollte, die Erde erreichte und sich irgendwie zu verankern schien. War das diese Brücke? Er bewegte sich wohlweislich nicht, bemühte sich alle Magie und Energie nicht zu zeigen. Juwelenbrücke? Möglich. In ihr glitzerte es unter dem Mond wie das Licht von Tausenden Sternen. Und jetzt war auch von dort, wo er die Kaseke verborgen wusste, eine Magie zu spüren. Er musste erst nachdenken, ehe er verstand, dass es sich nicht um Yōki handelte, auch nicht um das, was Isatre gezeigt hatte – das war Genki, die Energie der Götter. Und dann sah er auch einen sehr großen Kaseke, der auf den unteren Teil der Brücke sprang, viel größer, als es selbst Isatre gewesen war, der diese Macht ausstrahlte. Sobald das Wesen die Brücke berührt hatte, leuchteten die Schuppen auf der Reptilienhaut golden auf. Das riesige Reptil hob den Kopf und suchte nach oben offensichtlich das andere Ende der Brücke, ehe es langsam voranschritt. Zwei weitere, schwarze, Kaseke, schlossen sich an und der stille Beobachter vermutete Isatre und Makare, danach noch kleinere andere dieser Art, insgesamt wohl vierzig.
In Zweierreihen folgten sie ihrem Kami in eine andere Welt, die ganz sicher nichts mit dieser vertrauten zu tun hatte. Wohin auch immer. Sie hatten lange darauf gewartet.
Ohne zu zögern wanderte die Reihe immer weiter, bis sie seinem Blick entzogen war – und die leuchtende Brücke sich wieder einzog, ebenfalls, wohin auch immer.
Er war sicher, dass kein lebendes Wesen außer ihm und Myōga dieses Schauspiel je gesehen hatte, nicht einmal als damals die anderen Kaseke den Weg gegangen waren.
„Sie sind fort,“ piepste Myōga, hörbar fassungslos.
„Vielleicht in ihre Heimat.“ Der Daiyōkai nahm sich zusammen. „Myōga, gehe doch zu Shirohito. Ich bitte darum die Clanherren und die Jitō-Königin in dem Flussbett zu treffen, wo du mich das letzte Mal trafst, dort weiter im Osten.“
„Ja.“ Aber der Floh seufzte. Das wurde ein weiter Weg durch die Nacht.
Tatsächlich spürte der Taishō bei Sonnenaufgang bereits das Yōki sich rasch nähern und erhob sich höflich. Es wäre ihm lieber gewesen zu Bokuseno zu gehen, aber dieser hatte ja mehr oder weniger deutlich gemeint, dass er keine Besucher in seinem Wald wünsche, zumindest nicht in Mengen. „Ich grüße Euch. Ich bin froh, dass Ihr rasch gekommen seid. Bitte, nehmt Platz.“ Wie üblich war Himiko in Begleitung Naokis, des Obersten des Kriegerordens. Shirohito, Botan und Kano waren allein erschienen. Sie hatten sich allerdings offenkundig zuvor getroffen.
Als sie saßen, meinte der Herr der Hunde von Azu: „Ihr habt in der Burg etwas herausgefunden?“
„Kann man so sagen, werter Botan.“ Der Daiyōkai zog ein eng zusammengerolltes Papier aus der Rüstung und reichte es hinüber.
Mit gewisser Neugier beugte sich auch Shirohito hinzu.
Sowohl Kitsune als auch Hund sahen nach der ersten Seite auf, als der weiße Fuchs meinte: „Das ist ein weitreichendes Angebot. Kurayami will Euch auf seiner Seite wissen.“
„Ihr habt natürlich nicht zugestimmt.“ Botan stellte es ruhig fest.
Der Taishō zuckte ein wenig die Schultern. „Lest die zweite Seite.“
Da diese genügte gleich zwei Clanherren des Südens fassungslos auf ihren Heerführer starren zu lassen, nahm Kano das Schriftstück und las es gemeinsam mit Himiko, über die sich der Kater beugte.
Dann sah die Katzenkönigin auf. „Kurayami von den Ohiro scheint es sehr an Euch gelegen zu sein, wenn er solch einen Fehler begeht. Ich hielt ihn bislang nicht für dermaßen töricht.“
„Das war womöglich unser Irrtum, Himiko-sama.“ Der Herr der Tanuki reichte den Brief zurück. „Wir wussten alle, dass er ein Daiyōkai ist, stark ist, und niemand von uns ihn in einem Duell besiegen kann. Dazu auch, dass seine Krieger, zumal mit dem Sieg über den Aotsuki-Clan und andere, unseren an Kopfstärke weit überlegen sind. Und niemand von uns wollte sich als erstes Opfer anbieten. - Zugegeben, ich vermute, wir schulden dem werten Shirohito Dank, und natürlich Euch, Taishō, dass an die Möglichkeit einer Allianz auch nur gedacht wurde. So fühlten wir uns sicher und im Norden scheint es ja bereits funktioniert zu haben. Das hier allerdings...“
„Es wundert mich auch,“ murmelte besagter Shirohito. „Ich bin ein Kitsune und uns wird List nachgesagt – aber das muss er doch wissen, dass er sich selbst mit dieser Unterschrift gefesselt hat!“
„Es sei denn, er plant nicht diesen Vertrag zu halten.“ Botan sah zu dem Daiyōkai. „Eure Meinung?“
„Meine Meinung, ja, das trifft zu. Kriegsführung bedeutet immer auch List. Er will zweigleisig fahren. Binde ich mich an ihn zu seinen Konditionen, so hat er auch meine Kampfkraft und meine Klinge. Und er denkt, dass ich mich ihm angeschlossen habe. - Sobald die Aotsuki wieder unter meinem, also, seinem, Kommando sind, bin ich überflüssig und er will mich beseitigen, dazu mein Schwert besitzen.“ Der Taishō sah geradeaus in die Landschaft. „Das wäre natürlich ein Bruch dieses Vertrages und des geschworenen Eides, aber er mag sicher sein damit durchzukommen. Wer sollte ihn richten, wenn er mit den Kriegern und dem Höllenschwert einen Clan nach dem anderen übernimmt? Er weiß nichts von der Allianz.“
Die Katzenkönigin schloss kurz die Augen. „Da mögt Ihr recht haben. Nur, warum sollte er so... nun, solch ein Narr sein anzunehmen, dass Ihr seinen Konditionen zustimmt? Ich lese nichts von Eurer Unterwerfung.“
„Nach seiner Logik gehorcht ihm der Schwiegersohn. Und, ja, werte Himiko-sama, ich gehe davon aus, dass er früher oder später seine Krieger gesammelt hat und entweder erneut gegen Amida zieht oder direkt gegen mich, wenn ich allein bin.“
„Ein Heer gegen einen Daiyōkai?“ Botan legte die Hände auf die Oberschenkel. „Nicht, dass ich an Eurer Stärke zweifle, werter Taishō. Aber das scheint mir doch ein wenig übertrieben.“
Ein kalter Blick aus goldenen Augen, dazu eine plötzlich fast erdrückend scheinende Präsenz, ließ alle Clanherren und die Katzen schweigen. Aber der Daiyōkai klang ruhig. „Tausend Krieger sind gegen mich nicht genug, wenn ich So´unga einsetze.“
„Ohne Zweifel,“ bemühte sich der Kitsune eilig um Vermittlung. „Nur, weiß das auch Kurayami?“
„Ich glaube, nein.“
Blicke der anderen Clanherren ließen Himoko sagen: „Ich glaube zu verstehen. Ihr haltet Kurayami für stark – aber für keinen guten Heerführer.“
Die anwesenden Männer, denen sie damit attestiert hatte auf einen Blender hereingefallen zu sein, schwiegen lieber.
Der von ihnen gewählte Taishō meinte auch langsam, sachlich: „Ein guter Heerführer, meine Königin, werte Clanherren, kennt sich, seine Stärke. Das tut Kurayami ohne Zweifel. Nur, ein solcher kennt auch die Macht des Gegners, hat Spione um Vereinigungen, ja, eine Allianz zu sehen. Daran scheint es mir zu hapern. In der Burg sah ich keinen Angehörigen eines anderen Clans. Keine Führer, die im Wald der Tanuki die Teergruben kennen, keine Späher, die die Stärke der Wölfe des Nordclans beziffern...“ Und er selbst hatte alle Clans besucht, ihre Taktiken und Kampfmethoden angesehen, wie alle hier wussten.
Shirohito nickte denn auch. „So hatte ich recht, als ich den Plan für eine Allianz erdachte. Was habt Ihr nun vor, werter Taishō?“
„Das hängt von unserem Freund Kurayami ab. Ich werde mich zu den drei Bäumen begeben, die einst den Eingang zu den Kaseke bildeten.“
„Als Köder,“ erwiderte Kano schlicht.
„Als Köder. Und ich würde doch hoffen, dass Ihr im Hintergrund bereit seid.“ Er bestimmte den Ort der Auseinandersetzung und womöglich auch den Zeitpunkt. Eine gute Voraussetzung.
„Und falls ...“ Botan von den Azu suchte sichtlich nach Worten. „Nun, falls sich Kurayami an sein Wort hält und den Schwur nicht bricht?“
„Dann wäre ich überrascht. Aber auch in diesem Fall gäbe es Frieden im Westen, sogar ohne Blutvergießen.“ Ja, so waren Kurayami und auch sein Vater so weit gekommen – alle wollten verhandeln, strebten nach Frieden, aber auch nach eigener Selbstständigkeit. Allein Shirohitos Plan mit einer Allianz und nun er selbst als deren Verkörperung bot da Schutz – nicht gegen den Mächtigsten aber den mit dem größten Selbstbewusstsein. Daher sagte er: „Werte Clanherren, Hitomi-hime, sagt das auch euren Leuten. Wenn es zum Kampf kommt gegen den Ohiro-Clan geht es hauptsächlich um seinen Herrn. Kurayami.“
„Und den übernehmt Ihr.“
Botans Satz beendete das Gespräch.
Fast eine Woche später lehnte der Taishō mit einem nachlässig angezogenen Bein an einem Baumstamm. Der Bannkreis, der noch vorige Woche die Kaseke beschützt hatte, existierte nicht mehr und er verschwendete keinen Gedanken daran wo sie nun wären. Sie waren da, wohin sie gewollt hatten. Das war alles, was wichtig war, und ein was-wäre-wenn lag einem Yōkai nicht.
Interessanter waren die Meldungen, die er erhielt. Der arme Myōga hüpfte dauernd zwischen hier und der Burg hin und her, brachte aber stets Neuigkeiten.
Umso überraschter sah der Hundeyōkai zum Himmel auf, wo ein sehr großer Vogel sich rasch näherte, zumal er Yōki spürte. So erhob er sich und erwartete den Adler, der sich rasch in seine menschenähnliche Form verwandelte, als er landete.
„Shinji von den Hohen Bergen, willkommen.“ Ein Gruß, der hoffentlich nichts von seinem plötzlichen Argwohn verriet. Was war geschehen?
„Nun, ich habe meinen Auftrag erfüllt.“ Der Herr der Vögel klang ein wenig spöttisch. „Guten Morgen, werter Taishō. Akiyama von Akita meinte, dass ich Euch hier finde.“
Was natürlich bedeutete, dass der das von Shirohito wusste. Nun, die Clans des Nordens und Südens, zumal die Kitsune schienen den Kontakt enger zu pflegen. „Was gibt es?“
„Fürst Kurayami gab mir den Auftrag nach Euch Ausschau halten zu lassen.“
„Zu einem Zweck?“
„Den er mir nicht sagte. Ich denke jedoch Euch ist bewusst, dass sich nun erneut fast tausend Krieger in der Burg sammeln und zugleich die Mauer fertig gebaut wird.“
„Kurayami schmeichelt mir, wenn er annimmt, dass ich allein seine Burg angreife.“
„Nun, er sah Euch gemeinsam mit den Nordclans.“
„Das ist wahr.“ Der Heerführer zog ein wenig die schwarzen Augenbrauen zusammen. „Ah, ich verstehe.“ In dem Vertrag stand, dass Kurayami keinen Clan angreifen würde, der zu ihm gehörte. Gedacht war das natürlich hauptsächlich auf die Aotsuki, aber wenn der so genannte Fürst das auch auf die Nordclans ausdehnte, wäre ein Angriff auf die Südclans legitim, da dieser nichts von der Allianz wusste. Attackierte dagegen Kurayami die Nordclans, so war das ebenso wie ein Angriff auf ihn selbst als Bruch des Vertrages zu sehen – und damit dieser ein Eidbrüchiger, der seine Ehre verloren hatte. Er selbst hatte mit einem Mordversuch auf sich gerechnet, als einfaches Ziel, das man leicht unter den Tisch fallen lassen konnte. Jedenfalls leichter als ein direkter Angriff auf Amida, der ja bereits einmal schief gegangen war. Er hatte daher mit einer geraden Attacke auf sich gerechnet. War es möglich, dass Kurayami deutlicher von sich selbst eingenommen war als er schon dachte? Immerhin schien der nun die Vögel als Spione einsetzen zu wollen. Auch eine Neuerung. Er sollte behutsam sein. „Nun, Shinji-sama, ich denke, Ihr könnt ausrichten, wo Ihr mich getroffen habt. Vielleicht solltet Ihr nicht erwähnen, dass ich nicht mehr hier bin.“
Die dunklen Augen des Vogelherrn musterten die goldenen des Hundes vor ihm. „Ich sollte wohl nicht erwähnen, dass Ihr Euch in Richtung Amida aufmacht, wo Euch meine Krieger finden werden.“
„Ich danke für Euer Angebot.“
„Akiyama sagte, dass Ihr allen Clans zu geschworen habt nie der Fürst des Westens werden zu wollen, stets nur der Heerführer der Clans und Herr der Aotsuki.“
„In der Tat.“ Nun, dass er das für einen möglichen Sohn in Betracht zog musste ja niemand wissen. Das hatte Jahrhunderte, Jahrtausende Zeit.
„Selbst der weiße Wolf des Nordens vertraut Euch. So will auch ich es tun.“ Shinji wandte sich bereits ab um sich zu verwandeln, als er ergänzte: „Kurayami will ein Bündnis mit mir und den meinen. Er bot mir die Hand seiner Tochter an. Und will dagegen meine Teikken.“ Damit sprang er in die Luft und war bereits wieder in seiner Adlergestalt als er rasch Höhe gewann.
Sieh an. Das war auch bereits ein Bruch des Vertrages, vorausgesetzt, das Angebot an die Vögel war neueren Datums. Der Taishō reckte sich ein wenig, ehe er langsam in Richtung Nordwest ging. Shinji war mit Akiyama befreundet, das zahlte sich jetzt aus. Überdies hatte der ihn bereits kennengelernt und schien von der Doppelhochzeit nicht sonderlich angetan.
Ah, galt unter Vögeln nicht das Erbrecht der weiblichen Linie? Der Ehemann der Tochter erbte, so, wie es auch bei den Aotsuki war? Es gab immer eine Herrin der Vögel, also momentan wohl Shinjis Gemahlin, auch, wenn nach außen hin der Ehemann der Anführer war? Oder war das so ähnlich wie bei den Katzen, die ja mit Himiko eine Königin besaßen, deren buchstäblicher Schatten Naoki der Anführer des Kriegerordens war und sie wohl die gemeinsame Leitung der Jitō bildeten?
Ein Mann sollte nicht davon ausgehen, dass es im Westen wie im Osten war und Frauen nichts zu sagen hatten – auch, wenn das unter Hunden auch hier offenkundig üblich war. Das sollte er im Hinterkopf behalten, wenn er Kazari traf. Wer wusste, was ihre Mutter ihr über Mondmagie beigebracht hatte – und, wenn er an seine eigene, durchaus selbstbewusste, Mutter dachte, die nur nach außen hinter ihrem Ehemann zurückgestanden hatte, – über Ehe im Allgemeinen? Schön, Kurayami hatte nicht unbedingt den Eindruck hinterlassen ihr ein Mitspracherecht einzuräumen, Keiichi von den Amida-Hunden hatte auch gemeint, sie sei zurückhaltend erzogen. Aber was bedeutete das wirklich?
„Myōga?“
„Ah, oyakata-sama, schön, dass ich Euch hier schon treffe.“ Der Flohgeist sprang auf die Schulter, sichtlich erschöpft. „Wollt Ihr sofort Bericht...?“
„Atme durch, wenn es nicht um mein Leben geht.“
„Das schon...“ Aber der kleine Berater wusste, wie das gemeint war und schwieg, bis der Schweiß nicht mehr über seine Stirn rann, während er sich mit zwei seiner vier Hände im Schulterfell des Daiyōkai hielt. Erst dann meinte er: „Tausend Krieger hat Kurayami erneut aufgerufen, niemanden der Aotsuki, soweit ich sehen konnte, aber viele kleinere Familien, die alle unterschiedliche Farben tragen. Sie werden geteilt. Die kleinere Menge, offenbar alte und sehr junge Hunde, werden auf die Mauern geschickt, der Großteil macht sich abmarschbereit.“
„Wie klein ist die kleinere Menge?“
„Schwer zu sagen bei dem Hinundher. Ein Drittel, höchstens, oyakata-sama.“
„Dreihundert, möglicherweise.“
„Ja, höchstens, ich zählte bis zweihundert, aber das stimmt kaum.“
„Die tausend Krieger insgesamt stimmen?“
„Ja, oyakata-sama, das hörte ich von einem Hauptmann, der mit einem Schreiber sprach.“
Und mal wieder niemand an Spione dachte. „Hm, mein Berater. Mehr hat er dann wirklich nicht mehr ohne die Aotsuki. Und die, die er in der Burg als Sicherung lässt, ist buchstäblich das letzte Aufgebot. Narr, der er ist. Selbst wenn er annimmt, dass es nur gegen die Nordclans geht – das ist annähernd gleich.“
„Äh, es gibt etwas, dass es ungleicher erscheinen lässt, oyakata-sama. Kurayami selbst und sein ältester Sohn führen das Heer wohl an.“ Und ein Daiyōkai war eben ein solcher. „Ich weiß nur nicht, ob er annimmt, mit diesem Vertrag Euch an seiner Seite zu haben und daher die Nordclans allein glaubt...“
„Er sah mich an der Seite der Nordclans, wieso sollte ich...“ Der Taishō brach ab. Der Vertrag sah vor, dass Kurayami niemanden der Clans angreifen würde, die auf seiner, Tōgas, Seite standen. Nahm dieser Kerl etwa an, dass er mit diesem Vertrag, der ihm ja alles versprach was er wollte – Kazari und den Aotsuki-Clan, sich nicht mehr um den Norden scheren würde? Mit dieser Auffassung von Ehre wollte der den Westen erringen? Hinzu kam noch das Angebot an die Vögel, das sicher auf eine Zeit gezielt war NACH seinem Tod? Erst den Norden, dann über ihn die Aotsuki, dann mit seinem Tod das Höllenschwert und die Vögel als Verbündete? War das der Plan? Dann war Kurayami ziemlich umtriebig – aber eindeutig weder Stratege noch Taktiker, und unmissverständlich nicht die hellste Kerze in seiner Burg. Wobei, wieso widersprach ihm keiner der Berater oder Söhne? Weil das niemand bei einem Fürsten tat, auch wieder wahr. „Erhole dich ein wenig, Myōga.“ Umso besser war es nun, wenn Shinji berichtete, den Taishō in den praktisch unbewohnten Ebenen zwischen Nord und Süd gesehen zu haben. Das würde eine nette böse Überraschung geben für den Fürsten. Nun, den Eidbrecher.
Tag der Burg 1
K
azari saß im Garten auf ihrem Lieblingsplatz. Weniger, weil sie etwas aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters zu hören hoffte. Die Geräusche des Murmelns der Krieger, der Hektik draußen hatten sie bereits ahnen lassen, dass erneut ein Feldzug bevorstand. Seiko hatte es ihr bestätigt, auch ihr Gefährte als Hauptmann würde mitziehen. Das alles war durchaus schon vorgekommen. Aber noch nie in ihrem ganzen Leben war, wie es ihr ihre Hofdame anvertraut hatte, der Fürst selbst und noch dazu mit seinem Erben mit ausgerückt.
Kazari hielt sich nicht für töricht. Wenn ein Daiyōkai seine Burg verließ, ein Fürst, so war es das Ziel wert. Ihres, wenngleich wenigen, Wissens nach, war Vater das letzte Mal mit ausgezogen als es gegen die Aotsuki ging und er die dortige Herrschaftsfamilie töten wollte. Wer also hatte diesmal dermaßen seinen Zorn auf sich gelenkt, dass er ...Oh. Der Unbekannte, der vor wenigen Tagen erst hier gewesen war, und dem sie selbst zugetraut hatte eben aus dem Aotsuki-Clan zu stammen? Das wäre nur selbstmörderisch. Ein Aufstand gegen einen Fürsten, noch dazu einen Daiyōkai, war zum Scheitern verdammt, das musste derjenige doch wissen. Oder hoffte der etwa auf gleich starke Verhältnisse? Soweit sie wusste war die Anzahl der Krieger der Ohiro und Aotsuki schon in etwa gleich. Aber das würde niemals einen Daiyōkai ausgleichen. Oder hatte dieser Fremde etwa keine Ahnung davon? Als der hier zu Gast war hatte der in der kurzen Vorstellung auf sie keinen besonders starken Eindruck gemacht. Andererseits wäre es natürlich auch unhöflich gewesen seine Energie als Besucher zu zeigen.
Ein leises Rauschen ließ sie aufblicken. Da sich ihre Damen dort drüben dermaßen eilig verneigten, kam da ein hochrangiger Mann. Sie sah auf und neigte hastig selbst den Kopf. Tomi war ihr jüngster Bruder, gut ein Jahrhundert jünger als sie, aber er war ein Mann, bereits zum Krieger ernannt worden, und sie durfte nicht wagen ihn auch nur anzusprechen. Was also wollte der hier, wo doch bekannt sein dürfte, dass sie hier im inneren Burggarten zu sitzen pflegte?
Er kam auch heran...
„Meine liebe Schwester...“
Er sagte nicht meine ältere Schwester, obwohl das die korrekte Anrede gewesen wäre. Kazari war zu gut erzogen um aufzublicken, aber sie buchte die gewisse Unhöflichkeit. „Tomi-sama?“
„Ich möchte dich davon in Kenntnis setzen, dass unser Vater und Fürst soeben mit unserem ältesten Bruder Tojiro die Burg verlassen hat und mir den Befehl über eben diese übertragen hat.“
Kazaris Gedanken rasten. Ja, das hatte sie sich schon gedacht. Aber, warum machte er sich die Mühe ihr das persönlich mitzuteilen? „Danke für die Mühe, die du auf dich nimmst mir das mitzuteilen,“ sagte sie jedoch höflich und musterte das Gras vor sich. „Wie lautet deine Anweisung?“ Denn nichts anderes konnte er wollen. Und er war nun der Herr der Burg, konnte auch Strafen verhängen, gegen sie, gegen ihre Damen... Sie war älter und wäre sie nur ein Junge...
„Geh in deine Räume und verlasse sie nicht mehr. Weitere Fragen?“
„Gilt das auch für das Bad?“ Nur nichts tun oder sagen was ihn reizen könnte.
„Auch. Vater wird bald zurück sein und dann entscheidet er.“ Der junge Prinz ging.
Kazari starrte ihm nach. Ihr blieb nichts anderes als zu gehorchen, aber in diesem Moment wünschte sie sich wirklich weit weg.
Seiko sprang auf und die anderen Damen ebenso, sortierten hastig die Kissen. Auch die Fürstentochter erhob sich. Gegen diesen Befehl konnte sie nichts ausrichten. Oh, wenn sie nur.. Sinnlos, nutzlos, sich in Träumen zu ergehen. Sie würde sich in ihr Zimmer setzen, die Wand ansehen und davon träumen, dass sie oben im Schloss der Kraniche saß und in die Ebene blickte. Und, wenn es ihr gelang alle Damen vor die Tür zu schicken, würde sie eben das Buch über die Spione zum fünfzigsten Mal lesen. Sie musste sich vor Augen halten, dass ein Ehemann ebensolche Befehle erteilen konnte und würde. Das war ihr Leben und sie würde es mit Träumen und Sticken verbringen. Warum nur spürte sie wieder diese Schlinge um den Hals, die sich so eng zuzog? Mutter hatte es doch auch vermocht zu überleben. Das war alles, was blieb. Und natürlich, den eigenen Status durch einen Sohn aufzuwerten. Mit einem letzten Blick in den klaren Herbsthimmel ging die Fürstentochter in das Halbdunkel der Gebäude.
In Sichtweite des Tales von Amida stand der Taishō und wartete scheinbar gelassen. Nur ein kleiner Flohgeist, der heran gesprungen kam, abgehetzt und sichtlich müde, erregte doch soweit seine Aufmerksamkeit, dass er entgegenkommend die Hand hob.
Myōga landete eilig auf der sonst so tödlichen Klaue. „Sie kommen,“ meldete er. „Oyakata-sama, aber da stimmt etwas nicht.“
„Nun?“
„Die Clans des Nordens kommen, aber nur Keiichi hat alle fünfzig Krieger dabei, der Wolf und der Fuchs des Nordens jeweils kaum hundert. Aus dem Süden kommen die Katzen, Tanuki, Hunde und Füchse, ja, aber ebenso niemand mit allen seinen Kriegern. Wollen sie Euch doch im Stich lassen?“
„Das, mein kleiner Berater, dürfte genau der Grund sein, warum sich Kurayami dermaßen sicher fühlt und wohl auch sein Vater sicher fühlen konnte. Ja, sie kommen, weil sie es mir zugesagt haben und doch genug Ehre besitzen. Nein, sie kommen nicht mit allen Kriegen, weil jeder seinen eigenen Clan zusätzlich schützen will. Insgesamt tausend Krieger?“
„Und Kriegerinnen, denn die Herrin der Jitō bot diese auf.“
„Und das sind Elitekriegerinnen.“ Der Taishō dachte noch einmal nach. „Tausend gegen tausend. Ja. Und sie schützen gleichzeitig ihre eigenen Territorien. Wäre ich nicht da, würde der Herr Fürst sicher gewinnen. Aber ich bin da. Und So´unga.“
„Das weiß Kurayami doch.“ Myōga fand das einen berechtigten Einwand.
„Ja. Aber er geht wohl davon aus es mit noch weniger Kriegern der Clans zu tun zu haben, wohl nur die aus dem Norden, die sich schon offen gegen seinen mittleren Sohn stellten. Sagen wir die Hälfte seiner Männer, dazu Daiyōkai gegen Daiyōkai und er ist sicher mit mir zurande zu kommen.“
„Oyakata-sama, ganz ohne Grund wurde der hier nicht der Herr.“
Ein Blick voller Zuneigung traf den Winzling. „Es ist nicht immer einfach mein Berater zu sein, Myōga?“
„Ihr tut ja doch immer das, was Ihr wollt,“ seufzte der Floh. „Und, aber das sagte ich schon vor Jahren, eines Tages wird Eure Ehrenhaftigkeit und das Talent in Schwierigkeiten zu geraten noch Euer Tod sein.“
„Vorsicht. Man sagt seinem Herrn nicht den Tod voraus.“ Der Taishō bemerkte durchaus das Zusammenzucken und milderte: „Nun, ich hoffe bis dahin doch Nachwuchs von Kazari zu haben. Sie schien mir vielversprechend.“
„Vermutlich, ja,“ bestätigte Myōga eifrig, der nicht so alt im direkten Zusammenleben mit einem Daiyōkai geworden war ohne den zu nehmen zu wissen. „Die Tochter eines Daiyōkai und Mondmagie. Womöglich könnte sie auch dies Schwelle eines Tages überschreiten.“
„Dazu müsste man wissen, wann und warum. Niemand konnte mir das sagen. - Ja, die Nordclans kommen.“ Er erkannte eine Staubwolke, die entlang des Flusses aus dem Tal von Amida stieg.
„Sie werden einen Plan von Euch wollen.“
„Ja. Oh, ich sehe gerade Shinji hat in der Tat auch Leute geschickt.“ Denn Yōkai in ihrer Vogelform schwebten über der Abteilung der Kitsune. Ein winziges Lächeln zuckte um den Mund des Feldherrn. „Wenn Kurayami schon keinen Wert auf Späher legt, ich sehr. Und heute werde ich ihm die Kunst des Krieges beibringen.“
„Es sind keine Leute des Aotsuki-Clans, ich meine, Eures Clans, mehr bei ihm.“ Der kleine Flohgeist sah das unmerkliche Nicken und verschwand lieber auf seinen Platz im Schulterfell des Hundes. Er erkannte durchaus ein Todesurteil, wenn er es gehört hatte. Seine Aufgabe war erledigt, er konnte sich ausruhen, nun ja, bis der Kampf entbrannt war. Bis dahin gab es definitiv keinen weicheren, wärmeren und sichereren Platz als auf der Schulter seines Herrn.
Die Clanherren, inklusive Shinji von den Hohen Bergen, ließen ihre Krieger sich lagern und kamen höflich heran.
„Die Südclans?“ fragte Keiichi, doch ein wenig nervös. Der erfahrene Hund wusste nur zu gut, welche Zahl an Männern der selbst ernannte Fürst noch immer aufrufen konnte.
„Sie kommen.“ Der Adler deutete vage nach Süden, wo Vögel kreisten. „Ihr wisst, wie viele?“
Da diese Frage dem Taishō galt, nickte der.
„Tausend gegen tausend Krieger. Und Kurayami kommt mit seinem Ältesten. Wer weiß etwas über den Erben? Ich sah ihn in der Burg, aber da erfährt man nichts über Kampffähigkeiten.“
„Tojiro?“ Keiichi sah in die Runde, antwortete dann jedoch: „Er ist ein junger, scheinbar durchaus ehrenhafter Krieger, natürlich folgt er seinem Vater, er ist gut erzogen wie alle. Seine Klinge ist nicht magisch. Die Kurayamis womöglich, aber das sah noch niemand. Er stellte sich selbst im Kampf nur damals gegen die Aotsuki und natürlich seinem eigenen Vater, den er tötete. Dadurch wurde er zum Daiyōkai.“
Da der Herr von Amida sichtlich die Frage unterdrückte, ob er das auch getan hatte, schüttelte der Taishō leicht den Kopf. „Das war bei mir anders. Ich begleitete meinen Herrn und Vater, als wir überfallen wurden. Er starb, weil er versuchte mich zu schützen. Ich nahm das Höllenschwert und stand allein. Es war ein harter Kampf, nicht zuletzt gegen diese verfluchte Klinge, aber es gelang mit seine Leiche zu schützen und nach Hause zu bringen, wo er begraben werden konnte. Aber in diesem Kampf erhöhte sich mein Yōki. Ich weiß nicht, warum. Aber das konnte mir auch noch nie jemand sagen.“
„Ich bin gewiss, dass Ihr einen Plan habt, werter Taishō.“ Ren Okami musterte die Gruppen aus dem Süden. „Aber natürlich werdet Ihr es nur einmal sagen wollen. Sieh an, sogar Katzen.“
„Sogar Katzen solltet Ihr streichen, werter Ren,“ mahnte Akiyama, der Kitsune. „Soweit ich weiß sind das, wie übrigens die gesamte Kriegerkaste der Jitō, Leute, die nichts anderes tun.“
„Es handelt sich um einen Kriegerorden,“ bestätigte der Taishō, der durchaus sah, dass auch die Neuankömmlinge sich lagerten und nur die Anführer weitergingen. Himiko wie stets von dem Obersten des Ordens begleitet. „Da wir nun vollständig sind, möchte ich Euch alle begrüßen und sagen, dass ich erfreut bin, dass sich die Allianz bewährt.“ Nun ja, es wäre einfacher gewesen, wenn de kompletten Clans hier gewesen wären, aber das würde sich vermutlich erst in Jahrhunderten ändern, das Misstrauen auch untereinander sinken. „Da der werte Wolf des Nordens bereits nach einem Plan meinerseits fragte, tretet nur ein wenig näher in den Kreis und hört ihn an.“ Da alle wortlos der Aufforderung folgten: „Danke. Zunächst möchte ich mich an Euch wenden, Shinji von den Hohen Bergen. Mir wurde gesagt, dass Kurayami über tausend Krieger verfügt, darunter seinen Erben und er selbst ist ein Daiyōkai. Lasst doch Eure Leute den Ostwind unter die Flügel nehmen und überprüft, ob nicht eine unangenehme Überraschung wartet, wie der Aotsuki-Clan, denn dann müsste ich reagieren.“
Der Adler verzog ein wenig das Gesicht zu etwas, was wohl ein Lächeln sein sollte. „Für jemanden, der keine Flügel hat, drückt Ihr das sehr gut aus. Ja, der Ostwind weht. Wir werden niemanden übersehen. Ihr steht hier.“
„Ja.“ Der Vogelherr ging ohne weiteres Wort zu den Seinen, die sich bereits erhoben. „Nun zu Euch, Keiichi von Amida. Ihr habt alle Eure Krieger mitgebracht, aber dort liegt Euer Tal, Euer Clan, den Ihr sicher zuerst schützen wollt. Zieht Euch dorthin in den Beginn des Tales zurück. Ihr kämpft nicht in vorderster Linie. Ich weiß um Euren auch persönlichen Mut, aber Eure Frauen und Welpen, Eure Zukunft, müssen gesichert werden. Eure Aufgabe.“
Der alte Hund atmete tief durch. „Bei jedem anderen Mann würde ich glauben er wolle mich beleidigen. Aber ich sehe, was Ihr meint. Ihr werdet Kurayami selbst übernehmen.“
„Ja.“ Da Keiichi nur die Faust an den Brustpanzer legte und sich abwandte, atmete der Taishō etwas auf. Je mehr Clanführer sich seinem Plan anschlossen, desto besser war es, und umso weniger mussten heute sterben. So sah er beiseite. Der weiße Wolf des Nordens runzelte bereits die Stirn. Ja, das konnte noch ein Problem werden, der war leicht beleidigt. Also zuerst das Andere. „Soweit ich informiert bin, wird eilig an der Burg weitergebaut, offenkundig auch der Zauber verstärkt. Ich würde gern dafür sorgen, und darum bitte ich das Volk der Tanuki und Kitsune, dass das nicht gelingt. Diese Burg darf für Kurayami keine Zuflucht mehr bilden, auch nicht für die, die hier und heute überleben.“
Shirohito und Akiyama, die sich als Cousins gut genug kannten, sahen erst sich an, dann Kano von den Tanuki, dann den Heerführer. „Ihr habt einen Plan,“ meinte der Fuchsherr aus dem Süden. „Nennt mich töricht, aber ja, auch wenn die Burg besser nicht fertig gebaut werden sollte, um keinen Schutz zu bieten – wollt Ihr wirklich auf die Krieger aus drei Clans verzichten?“
Der Herr der Tanuki nickte. „Das scheint mir zwar ein wenig optimistisch, aber … nun ja, ich erkenne einen wahrlich umfassenden Plan. Nicht für heute, meine Freunde, aber für die Zukunft. Nur, wenn weder Kurayami noch einer seiner Söhne wirklich sich in dieser Burg sicher fühlen kann, gibt es eine Zukunft auch für die überlebenden Ohiro. Und für uns. Ihr seid Feldherr, Tōga-sama, und als Tanuki, der wahrlich etwas von List versteht, ist es beruhigend zu wissen, dass Ihr an den Frieden in der Zukunft denkt und nicht nur an Krieg und Kampf. Ich werde gehen und meine Magie und die meiner Leute einsetzen.“
„Ich auch,“ gab Shirohito zu, der eigentlich nicht zu hoffen gewagt hatte, dass der unbekannte Daiyōkai, der ihm das vor die Pfoten gelaufen war, wahrlich so ehrenhaft war, wie auch nur erträumt. Doch, der würde ein guter Nachbar und Herr des Aotsuki-Clans werden.
„Ich ebenso. Wir treffen uns vor der Burg.“ Akiyama, der Fuchsherr des Nordens, wandte sich bereits ab.
Der Taishō bemerkte, dass ihn die restlichen Drei genauer musterten, Ren schon einmal die gepanzerten Arme verschränkte. „Erkennt Ihr auch meinen Plan?“
„Sofern Ihr mich nicht auch mit Magie beschäftigen wollt...?“ gab der weiße Wolf prompt zurück.
„Kaum. Ich habe durchaus nicht vergessen, dass Ihr erwähntet, dass sich Wölfe nie einem Lehensherrn beugen. Hunde und Wölfe sind nicht so unterschiedlich, wie Ihr wisst. - Ich übernehme Kurayami, ja. Und alles, was ich dazu brauche, ist keine Gelegenheit, dass mir seine Krieger lästig fallen – aber auch aus der Richtung gehen. Wenn ich, nun, sagen wir, So´unga mit aller Kraft losjage, den Höllendrachen beschwöre, ist alles in dieser Linie dem Tod geweiht. Diese Krieger nun folgen ihrem Herrn unter seinem Befehl. Das ist kaum ein todeswürdiges Verbrechen. Und, die Ohiro könnten auch wieder ruhige Nachbarn werden. Und Ihr Eure Freiheit behalten.“
„Kriegerehre.“
Das Wort kam gleichzeitig vom Herrn der Wölfe des Nordens und Naiko, dem Führer des Kriegerordens der Jitō. Wolf und Kater sahen sich ein wenig überrascht an.
Da kein weiterer Vorschlag des Taishō kam, nickte Ren ein wenig. „Wir übernehmen den Norden und verbergen uns einstweilen dort in dem Wäldchen. Falls die Jitō den Süden sichern.“
„Natürlich.“ Himiko, die heute selbst mit Brustpanzer und Armschienen gekommen war, trug das Schwert an der Seite.
„Danke. Dann mögen die Kinder der Großen Katze heute ebenso ihre Heimat schützen, wie die Wölfe der Nordberge, ihren Nachwuchs und ihre Freiheit.“ Der Taishō sah zum Himmel auf. Ein Vogelkrieger kam eilig heran. „Nachricht von Shinji, will mir scheinen. Nun, wir werden sehen, ob Kurayami ebenso an Späher dachte.“ Aber, das glaubte er ehrlich gesagt nicht. Dennoch, Shirohito hatte recht – nur, weil sich ein Mann wie ein Narr benahm hieß es nicht, dass der einer war. Kurayami hatte das Misstrauen der Clans ausgenutzt, die Tatsache, dass im gesamten Westen kein anderer Daiyōkai existierte. Wobei, er hätte den Kerl mal gegen den Panther sehen wollen, der sich ihm so schmerzhaft vorgestellt hatte, als er seine Pfote kaum in den Westen gesetzt hatte. Unentschieden war sicher kein schlechtes Ergebnis gewesen. Nun, er würde auch in der kommenden Stunde, wie er es gewohnt war, einen Kampf in Hundeform vorschlagen. Nur eins gegen eins. Ging Kurayami nicht darauf ein, würde er eben doch zu dem Höllenschwert greifen – in der Hoffnung, dass Wölfe und Katzen die Schlacht doch so lenken konnten, dass möglichst wenige auf allen Seiten umkamen. Das fand er persönlich wichtig für den Frieden später im Westen – und einen gesicherten Clan, dem er seinem Sohn überlassen wollte, wenn er ihm schon So´unga nicht abnehmen konnte. Aber noch war es viel zu früh diese Hoffnung auch nur zu denken.
Tag der Burg Teil 2
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Der Taishō erwartete den fliegenden Boten und nickte nur als sich der Falke in seine Menschenform verwandelte. „Botschaft von Shinji-sama?“
„Ja. Kuriyama und sein Heer queren gerade den Fluss. Sie scheinen nicht zu wissen, dass Ihr Euch hier befindet, sondern noch dort, wo Shinji-sama Euch traf.“
Der Daiyōkai streifte unbewusst eines seiner Fellteile zurück. „Dem entnehme ich, dass sie wie immer keine Späher haben.“
„Keine außer Shinji-sama.“
Der auf der Seite der Allianz stand, weil … ja, eigentlich warum? Aus Freundschaft zu Akiyama oder tatsächlich, weil Kuriyama dessen Erbtochter Teikken heiraten wollte, wie es der Adler gesagt hatte? Beides? Oder spielte auch Shinji nicht ehrlich? Nein. Dann hätte der Falke hier was von einem kleineren Heer erzählt, von was auch immer, um ihn und die Anderen in eine Falle zu locken. Aber sicher nicht, dass der sogenannte Fürst fröhlich unbefangen mit seinem Heer dorthin spazierte, wo er selbst das letzte Mal gesehen wurde. Und natürlich von hier abgefangen werden konnte. Das grenzte ja an mehr als Ahnungslosigkeit, das war Unverstand! Und leider musste er sich selbst langsam wirklich fragen, was er für einen Sohn von dessen Tochter erhalten konnte. Stark, aber dumm? Nun, das hatte zu warten. „Danke. Dann bringe ihm doch, natürlich nach Rücksprache mit Shinji-sama, die frohe Kunde, dass er nicht den weiten Weg auf sich nehmen muss, ich befände mich am Rande des Tales von Amida.“
Der Falke nickte, ohne zu erkennen zu geben, dass er das weitergeben würde – nicht das, was ausgesprochen war, das würde selbstverständlich der Herr der Vögel hören, sondern das, was sich dahinter verbarg. Respekt vor den Mitgliedern das Allianz. Shinji-sama hatte dies zwar angedeutet, aber es gab doch Zweifler. Nein, Hund und Daiyōkai wie Kurayami – aber eben ganz anders. Vielleicht, weil er aus dem Osten kam? Auch Ren Okami sollte ja manchmal eigen sein. Aber der Fürst hatte noch nie Shinji-sama gesagt, ja, die Hand nach der Erbtochter ausgestreckt – in den Augen aller Vogelyōkai eine Anmaßung. Es stand jeder Vogeldame frei sich den Vater ihrer Küken auszusuchen.
Alleingelassen, oder, nur scheinbar, meinte der Daiyōkai: „Myōga?“ Der Flohgeist hüpfte prompt auf sein Schulterfell und zeigte sich. „Was meinst du?“
„Oyakata-sama, ich bin kein Heerführer, ja, nicht einmal ein Krieger. Aber dennoch kommt es mir wie eine Falle vor.“
„Hm.“
„Kurayami hat doch Erfahrung im Krieg. Wieso benutzt er keine Spione? Warum verärgert er die Vögel, ach, Ihr wisst ja selbst was ich meine.“
„Ja.“ Der Taishō schien mit sich selbst zu sprechen. „Und er hat wirklich alles getan, was man nicht tun sollte. Die Tatsache, dass er seinen eigenen Vater getötet hat, der wohl der einzige andere Daiyōkai im gesamten Westen war, scheint ihn überheblich gemacht zu haben und ihn, nun selbst Daiyōkai, der Meinung überlassen haben, dass er niemals auf Widerstand treffen wird, unbesiegbar sei. Ich wäre fast neugierig wie er reagieren würde, träfe er auf diesen Panther.“
„Er würde ihn gewiss nicht verjagen.“
Das war kein Kompliment, sondern ehrlich gemeint, aber Tōga kannte den Floh zu lange um nicht nachzuhaken. „Was würde passieren, deiner Meinung nach?“
„Er wäre tot.“ Myōga seufzte etwas. „Sagtet Ihr selbst nicht, in einem solchen Duell käme es auf mehrere Dinge an? Ihr wisst, ich habe nie eins bestanden, bestehen müssen. Aber, wie war das? Keine Furcht vor dem Gegner, aber das Wissen rasch erhalten, was der vermag, ihn kennenlernen?“
„In der Tat.“
„Und das gilt doch wohl nicht nur im Duell, sondern in jedem Kampf.“
„Da hast du vollkommen recht, mein Berater.“ Und er wusste wieder einmal genau, warum er mit diesem kleinen Lebewesen, das viele als Ungeziefer umbringen würden, redete. „Wenn man sich selbst und seine eigenen Verbündeten kennt, ist man schon einen weiten Schritt gegangen, so wurde es mir beigebracht. Darum besuchte ich auch alle Clans, sah ihr Kampftraining. Jetzt habe ich den Ort des Kampfes bestimmt. Und wohl auch die Zeit, denn Shinji wird sicher mitteilen lassen, wann das fürstliche Heer hier eintrifft. Und Kurayami wird mich umbringen wollen. Nun ja, eine solche Übermacht wird ihn dazu verleiten. Ich fordere ihn. Mit der Sicherung meiner Verbündeten hier und vor seiner eigenen Burg. Von dort kann er keine Hilfe mehr erwarten. Und von meinem Clan auch nicht.“
Myōga vermerkte für sich durchaus, dass der Herr die Aotsuki als „seinen“ Clan definitiv beanspruchte. „Ja. Er dürfte in der Klemme stecken sich gegen Euch zu beweisen, endgültig.“
„Hund gegen Hund, Daiyōkai gegen Daiyōkai. Ehrlicher Kampf.“ Und er wollte wirklich nicht So´unga einsetzen, die Nebenwirkungen gefielen ihm nicht so ganz. Ob sich der so genannte Fürst dazu herab ließ blieb abzuwarten. Bestand der auf einem Schwertkampf – nun, dann würde er die Hölle erleben.
„Ihr kämpft stets ehrlich im Duell. Auf dem Schlachtfeld legt Ihr Finten.“
„Kriegslist, Myōga. - Aber nicht in einem Duell, das wäre unehrenhaft. Und dieser gebrochene Bündnisvertrag mit mir reicht aus, um Kurayami im Westen unmöglich zu machen. Nebenbei auch seinen Nachwuchs.“
Myōga sah irritiert empor. „Würde auch Kazari-sama ehrlos?“
„Nein. Sie gehört einem anderen Clan an. Oh bitte, ich habe doch genau darauf hin gearbeitet,“
„Ich weiß, oyakata-sama, aber Flohgeister leben doch ein wenig anders. Darf ich noch eine Frage stellen? Danke .. was wäre, wenn er nicht Euch direkt angreift, sondern die Kitsune und Tanuki zuvor bemerkt und gegen sie geht?“
„Er wird sie nicht bemerken. Sie alle verstehen es sich unsichtbar zu machen.“ Er musste ja nur daran denken, dass er im Wald von Kanazawa nichts, aber auch gar nichts, davon bemerkt hatte, wie er umzingelt worden war. „Überdies wird Shinji das kaum ausplaudern, selbst wenn er es wüsste, denn dieser sagte mir Unterstützung zu. Das Verlangen seine Erbtochter zu heiraten brachte ihn auf die Seite der Allianz. Hast du noch einen Einwand?“ Es war schließlich immer möglich etwas zu übersehen, ein guter Grund, einen so kleinen Feigling bei sich zu dulden. Myōga besaß einen hellwachen Verstand.
Der Flohgeist wusste nicht nur was von ihm erwartet wurde, sondern auch die Ehre zu schätzen, dass ein solch übermächtiges Lebewesen ihn in seiner unmittelbaren Umgebung nicht nur duldete, ihn stattdessen sogar anhörte. „Ihr wollt gegen den, nun ja, Fürsten in Eurer wahren Form kämpfen. Was ist mit Tojiro?“
„Er dürfte sich nicht einmischen, das wäre unstatthaft. Und wenn doch, oder auch die Krieger … ich hoffe doch, dass Himiko und Ren dann eingreifen.“ Da nur Schweigen folgte, er seinem winzigen Berater anscheinend noch nicht alle Fragen beantwortet hatte, der sich aber hütete erneut nachzuhaken, dachte er nochmals nach. „Meinst du zukünftig? Als Herr des Ohiro-Clans? Das wäre mir zu gefährlich, auch, wenn er als ehrenhaft gilt. Außer, er gibt sein Wort sich nicht mit der Allianz anzulegen. Obwohl, ob man bei dem Vater das glauben sollte... - Ah. Geh lieber. Ich spüre einen Daiyōkai und viele andere.“ Während Myōga eilig gehorchte, bedachte der Taishō, dass sich dieser selbsterklärte Fürst in der Tat wie ein Narr verhielt. Nicht nur, dass er allen seinen Leuten offenbar erlaubte, vermutlich sogar befohlen hatte, ihr Yōki zu zeigen, schrie der seine eigene Energie ja förmlich hinaus. Das war wirklich keine Taktik, geschweige denn Strategie, dass war dumpfe Kraftbezeugung. Allerdings kein Wunder, dass jeder einzelne Clan da lieber den Kopf eingezogen hatte als sich allein gegen das – plus die nun fehlenden Aotsuki-Krieger - zu stellen. Und da alle gleich gehandelt hatten bis Shirohito auf den Einfall mit der Allianz gekommen war .. Er reckte sich ein wenig. Nun, wenn dieser Tag sich zu Ende neigte würde man sehen, wer der Sieger war. Ja, da kamen sie.
Kurayami sah, wer dort allein stand, aber er konnte ebenso Witterungen nach Füchsen und Wölfen feststellen. Tatsächlich hatten die Nordclans es gewagt sich diesem vorlauten Hund aus dem Osten anzuschließen. Und die steckten jetzt sicher dort in dem Wäldchen nord- und südwärts. Er ließ seine Krieger anhalten und schritt allein weiter, scheinbar für eine Verhandlung. Seltsamerweise kam ihm der Fremde etwas entgegen. Warum? Gleich.
„Nun, wie fühlt man sich so als Wortbrecher?“ begann er laut, schon um die verborgenen Clans darauf aufmerksam zu machen mit wem sie sich da gemein gemacht hatten – und dass sie seinen Zorn darüber noch zu spüren bekommen würden.
Das Gesicht seines Gegenübers blieb unbewegt. Nicht einmal in den goldenen Augen war eine Gefühlsregung zu erkennen. Die Stimme klang ebenso eisig. „Das solltest du am Besten wissen, Kurayami von den Ohiro. Du bist derjenige, der mich mit einem Heer überfallen will. Entgegen dem Vertrag, den wir schlossen.“
„Der beinhaltete nicht, dass du Truppen gegen mich sammelst.“
„Er beinhaltete, dass du weder mich noch diejenigen, die mit mir verbündet sind, angreifst.“
„Oh, die Nordclans, ja... Glaubst du, ich wüsste nicht, dass sie sich in den Wäldern um uns verstecken? Feige Hunde, Wölfe und Kitsune?“
Der Taishō konnte förmlich das Knirschen der Fangzähne Ren Okamis hören, aber der Wolf des Nordens war doch ein zu guter Krieger um sich derart provozieren zu lassen. „So bist du schlecht informiert. Aber, gut, es sei. Lass uns beide diese Sache bereinigen, wie es Daiyōkai tun.“
„In unserer wahren Form!“ Kurayami hatte keine Lust das so genannte Höllenschwert in Aktion zu sehen, mit dem dieser Narr die Nordclans geködert hatte. Womöglich konnte das tatsächlich etwas. Immerhin hatte er selbst da ja eigenartige Magie verspürt und tat es jetzt ebenso.
„Natürlich.“ Das bedeutete, dass dieser Hund wirklich keine Ahnung von Benehmen hatte – zumindest Gleichrangigen gegenüber. Er selbst hätte sich, wenn es sich ergeben hätte dem Wolfsfürsten des Ostens gegenüber zu stehen, wahrlich besser benommen und jede Herausforderung vermieden, ohne natürlich einer aus dem Weg zu gehen. Ah, das dort war ja Tojiro, der potentielle Erbprinz. Der schien gelassen, wie es einem Krieger ziemte. Oder war der Junge dermaßen sicher, dass sein Vater gewinnen würde, der soeben seiner Energie freien Lauf ließ? So weckte auch der weiße Hund sein Yōki in sich, ließ seine Beherrschung fallen.
Nicht nur die Ohiro-Krieger wichen rasch zurück, auch Ren und Himiko bedeuteten eilig ihren Leuten sich weiter zurückzuziehen. Das waren Energiemengen, die sie alle nie einzeln erreichen würden. In der Tat, zwei Daiyōkai. Vor allem war allen Zuschauern, bei denen es sich selbst ja um Tiergeister handelte, nur zu bewusst, dass jeder von ihnen in ihrer wahren Form deutlich näher an Tierinstinkten lag als an klarem Verstand.
Die Luft wurde merklich kühler, als ein gewaltiger schwarzer Hund knurrend den Kopf hob, die Lefzen schneeweiße, messerscharfe, Zähne enthüllten. Unter seinen Pfoten wurde das Gras versengt, noch einige Schritte im Umkreis neigten sich Kräuter und Büsche, brachen unter der unsichtbaren, wenngleich spürbaren, vernichtenden, Energie.
Wo war der Gegner?
Der Taishō war während der Verwandlung empor gesprungen, auch und gerade in dieser Form zu kampferfahren, um sich in solch einem Moment der Schwäche angreifbar zu machen. Jetzt schlugen vier weiße, dicht behaarte, Pfoten mit solcher Macht auf die Erde, dass die Soden meterweit empor spritzten.
Der Anblick der zwei riesigen Hunde allein genügte, um alle Yōkai zu erstaunen, die sich alle selbst in ihren wahren Gestalten kannten. Die Größe zeugte in diesem Fall auch von der Macht desjenigen. Sie rangen allerdings nach Luft, als unter den sich noch immer verstärkenden Energien Zorn empor schwappte, eindeutige Lust auf Tod und Verderben. Ohne Befehl wichen alle weiter zurück.
Wind fauchte wirbelnd auf, als sich die Daiyōkai voreinander abduckten, ihr Yōki noch einmal weiter aufriefen. Beiden war klar, dass dies ein Kampf war, der, einmal begonnen, auch bis zum Ende durchgeführt werden musste.
Und Kurayami war sicher zu gewinnen,. Er hatte seinen Vater geschlagen, den Herrn des Westens, den stärksten Mann unter allen Lebenden, der nun er selbst war. Ja, dieser Mistkerl war de facto ebenfalls über die Schwelle gesprungen, das war eine tatsächlich unangenehme Überraschung, aber das würde ihn nicht abhalten. Er war der Fürst des Westens, der stärkste Hund, den es je gegeben hatte. Und das würde er nun auch diesen jämmerlichen Nordclans beweisen, dass sie auf den Falschen gesetzt hatten.
Der Taishō musterte seinen Gegner, während die beiden gewaltigen Hunde mit den roten Augen um sich herumtänzelten, beide versuchten eine Lücke in der Deckung zu finden. Aber, da war er sicher, dank der Ausbildung seines sensei und seiner Eltern wäre er eher in der Lage den Widersacher einzuschätzen, eine Strategie zu entwickeln. Selbst in dieser Form. Seit er das Höllenschwert trug und auch in der Zeit davor, in Vorbereitung darauf, hatte er viel zu oft in dieser Gestalt gekämpft. Und er war überzeugt, dass er von Kurayami in fünf Minuten mehr wissen würde als der von ihm in Stunden.
Dennoch oder wegen seiner Überlegungen wurde er von der unvermuteten Attacke überrascht, die nicht, wie gewöhnlich zu erwarten stand, auf seine Kehle gezielt war, sondern auf sein Gesicht. Fangzähne schnappen hörbar aufeinander, als der schwarze Hund um ein Haar seine Wange verfehlte und die scharfen Zähne gerade noch sein Ohr streiften, einen kleinen, durchaus schmerzhaften, Kratzer verursachten. Dies war allerdings kein Kampf, der von einer Schramme beendet wurde, und so wich der weiße Hund nur aus, um seinerseits tief geduckt in einem riesigen Satz beiseite und gleichzeitig nach vorn zu springen, um den Hinterschenkel Kurayamis zu packen zu bekommen. Leider war der schneller als er gesollt hätte, und so endete auch diese Bewegung mit einer kleineren Verletzung, bei der nicht einmal Blut durch die schwarzen Haare sicherte.
Kurayami spürte ein gewisses Triumphgefühl. Ja, der Kerl war ein Daiyōkai, stark und schnell, aber eben nicht so wie er. Der Misthund hatte als Erster von ihnen beiden Blut zeigen müssen und würde es auch weiterhin. Er musste nur seine eigene Strategie durchbringen und das würde ihm gelingen, solange er es schaffte sein Hinterteil von den Zähnen des Gegners entfernt zu halten, was ja offensichtlich dessen Taktik und Ziel war. Aber, das sollte zu schaffen sein. Er war der Stärkste! Er hob deutlich seine Rute.
Die Zuschauer beobachteten gespannt, wie sich die riesigen Körper immer wieder ineinander verkeilten, versuchten, sich hechelnd mit den Zähnen zu packen, zu Boden zu drücken, dann erneut auseinander sprangen, sichtlich nach neuen Ideen und Punkten suchten. Und selbst Ren Okami war bewusst, dass er bei keinem der Zwei noch stehen würde. Das waren eben Daiyōkai.
Der Taishō versuchte einen Sinn in den Attacken Kurayamis zu finden, selbst, wenn er in dieser Form weniger klar denken konnte. Er selbst griff tief an, versuchte an dessen Kopf vorbei das Hinterteil zu finden, über einen Biss dort die Klammer zu fassen zu bekommen, um den zu Boden zu drücken. Warum also ging der Narr dauernd auf seine Kehle? Der musste doch sehen, dass er, ebenso wie der selbst, dort von wogendem Fell geschützt war, das einen Biss direkt in die Gurgel schwer machte, wenn nicht sogar verhinderte. Was plante der nur?
Oh, nicht wirklich, oder?
Zielte der etwa nicht auf seine Kehle um zu gewinnen, sondern auf sein Gesicht? Nase, Augen, Ohren, um ihn so zu schwächen, zu verletzen? Viele kleine Verwundungen, die doch schwächer machten, ablenkten, Blut fließen ließen? Hatte der so etwa immer gewonnen? Durch schiere Gewalt und die auch noch deutlich demonstriert? Immerhin blutete sein linkes Ohr schon ziemlich.
Nun, dann sollte es wohl so sein. Dann gab es nur eine Methode zu gewinnen, wenn er an den wenige Monate zurück liegenden Kampf gegen den Pantherdaiyōkai dachte. Damit hätte Kurayami gegen den sicher nie gewonnen. Denn in einem derartigen Duell ging es nicht darum den anderen zu demütigen, vorzuführen – es ging nur um den Biss, der als erstes den Tod brachte.Und dann gab es nur einen Weg. Er musste sich selbst noch einmal als Ziel anbieten, ablenken und zubeißen, um den Kampf zu beenden.
Er war niemand, der sich vor den Konsequenzen seiner Entscheidungen drückte und so duckte er erneut ab, schoss auf Kurayamis rechte Flanke vor, diesmal bewusst zu kurz den Sprung setzend, um nicht das Hinterteil zu fassen zu bekommen, sondern fast noch in der Landung zu wenden.
Der Biss des schwarzen Hundes, der rasch wie eine Schlange herumgefahren war, um die Schnauze seines Gegners zu packen, den zu Boden zu bekommen und gründlich zu demütigen, ging daher ins Leere. Noch während er sich zurückwarf, wurde ihm plötzlich bewusst, dass er in die Falle gegangen war. Der herumfahrende Taishō ergriff mit weit geöffnetem Maul die Chance, die er durch den so zurückgeworfenen Kopf bot – die jetzt aus dem Schutzfell gezogene Kehle. Den Biss spürte Kurayami in dem jähen Schock schon nicht mehr.
Der große weiße Hund löste die Umklammerung wohlweislich erst, als die Energie erloschen war und wich zurück. Er warf den Kopf in den Nacken und heulte kurz auf, ehe die bedrohliche Energie verschwamm, sein Yōki wieder in sich zurückgezogen wurde, gezügelt allein durch den Willen. Jeder anwesende Hundeyōkai und auch den Wölfen war klar, was dieses Heulen bedeutete. Sieg – und Besitzanspruch.
Noch während die Hundegestalt verschwamm und sich in heller Energie in die menschenähnliche Form verwandelte, geschah etwas Unerwartetes. Ohne Vorwarnung – und gegen jedes der unausgesprochenen Gesetze - rannte Tojiro mit verzerrtem Gesicht und gezogener Klinge auf den Sieger, und damit auch Bezwinger seines Vaters, zu.
Himiko wollte loslaufen, aber sie sah, dass es bereits nicht mehr notwendig war. Der weiße Wolf des Nordens stand schon zwischen dem sich verwandelnden Heerführer und dem einstigen Erbprinzen, der blind vor Gefühlen direkt in seine Klinge lief.
Das war das Erste, was der Taishou sah, als er auch nur einigermaßen sehen konnte. Während der Umwandlung der Gestalten war man doch zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Tōga sah auf den Toten nieder. Armer Junge, ehrenhaft und doch falsch.... Er hob den Kopf. Da blieb nur eines zu sagen: „Danke, Ren-sama.“
Der Wolf des Nordens hob nur kurz die Hand ohne sich umzuwenden und ging zu seinen Kriegern zurück.
Der Taishō sah in die Runde, fixierte vor allem die Hunde der Ohiro. „Ich bin nun der einzige Daiyōkai unserer Art. Ich bin der Heerführer der Allianz des Westens, der Taishō des Westens. Und ICH bin der Inu no Taishō, der Herr der Hunde.“
Tag der Burg 3
D
a dieser Besitzanspruch, er sei der Herr aller Hund nur mit Verbeugungen der Krieger des Ohiro-Clans - und auch des Amida-Clans, denn Keiichi hatte sich doch neugierig mit seinen Leuten vorgewagt - beantwortet wurde, nickte der nunmehrige Inu no Taishō und Heerführer der Clans des Westens.
„So kehrt zur Burg zurück, Männer der Ohiro, und berichtet eurem nunmehrigen Herrn die Lage und das Schicksal seines Vaters und Bruders. Er wird die Clans des Westens bald begrüßen dürfen. - Und ja, ihr dürft Kurayami und Tojiro nach Hause bringen.“
Er wandte sich um, da die Katzenkönigin und der Wolf des Nordens ebenso wie Keiichi zu ihm traten.
„Ihr habt gewonnen,“ sagte Himiko und ergänzte eilig: „Nun, das hat mich weniger verwundert als Eure … zumindest scheinbare Leichtigkeit.“
„Meine Königin, Ihr seid selbst Elitekriegerin. Stärke ohne Nachzudenken ist nutzlos, ebenso wie Energie ohne Taktik.“
„Und Ihr lerntet es schon in jungen Jahren,“ ergänzte Ren Okami, der bereits vor einigen Wochen festgestellt hatte, dass dieser Fremde aus dem Osten seine eigenen Lehrer gehabt hatte. Vielleicht hätte er selbst ebenso wie dieser und auch der Halbbruder die Stufe des Daiyōkai erreichen können, wenn er besser zugehört hätte. Nun, das war Vergangenheit und das verborgene Tal würde sich ihm nie wieder zeigen. Womöglich einem seiner Nachkommen.
„Die Ohiro nehmen die beiden Gefallenen,“ murmelte Keiichi, dem bewusst war, dass er nun wirklich der Gefolgsmann des Daiyōkai war, wenngleich ein hochrangiger als Clanchef. „Was plant Ihr nun?“
„Was ich sagte. Die Kitsune und Tanuki erwarten uns an der Burg, wie werden also, mit gewissem Abstand, den Ohiro folgen. - Und wir werden doch so höflich sein, dem neuen Burgherrn Zeit zu geben sich zu überlegen.“
„Tomi kann sich nur auf Gnade oder Ungnade ergeben,“ schlussfolgerte Ren nicht ohne Grund, denn anscheinend setzen sich die ersten Familien bereits ab. „Die Frage ist, ob er das tut. Auch Tojiro reagierte unerwartet.“
„Ja, ich hielt ihn für einen ehrbaren Krieger,“ erklärte auch Himiko.
„Ich denke, das war er. Nur hat er wohl nie gelernt Gefühle gerade in einem Kampf nicht zu zeigen.“ Der Taishō dachte kurz nach. „Wir werden sehen ob und inwieweit Tomi den Weg eines Kriegers geht.“
Kazari saß in ihrem Zimmer und hörte nur scheinbar zu. Sie hatte die Lektüre befohlen um besser warten zu können. Ihr Vater, ihr ältester Bruder und die Krieger waren bis auf einen Rest abgezogen, vorgestern schon und sie waren noch nicht zurück. Solange lag der Befehl über die Burg und damit auch sie bei ihrem jüngeren Bruder Tomi. Und dieser hatte ihr gesagt, sie solle hier warten, dürfe den Trakt nicht verlassen, nicht einmal um zu baden. Das war schon ein wenig ungewöhnlich und so wartete sie angespannt ob sie nicht doch hörte, wie Vater zurückkehrte. Natürlich war ihr bewusst, dass sie weder Tomi noch gar den Fürsten bitten durfte den Trakt zu verlassen, sie hoffte jedoch auf das Lob oder zumindest die Neugier ihres Vaters, wenn sie ihm den neuen Kimono zukommen ließ, den sie mit roten Muscheln auf dem weißen Untergrund bestickt hatte. Nun, zugegeben, sie hatte ihn vor geraumer Zeit für ihre Mutter begonnen und sich nun zielgerichtet daran gemacht zu beweisen, dass sie eine gehorsame, stickende, Tochter war. Nichts, was ihr zusagte, aber sie musste selbst zugeben, dass ihr der schlichte Stil gut gefiel. Einfach weiß und rot, die Muscheln sorgfältig ausgeführt, jedoch nicht gefüllt. Perfekte Arbeit, jedoch sparsam. Aber sticken würde ihr bis ans Ende ihres Lebens bevorstehen, da wäre es wohl nur zu gut perfekte Ergebnisse ohne zu viel Aufwand abliefern zu können.
Sie hätte sich um ein Haar aufgerichtet, blieb jedoch in der pflichtgemäßen Haltung mit gerundeten Schultern und sittsam nach innen gedrehten Fußspitzen knien. Da waren Stimmen, Lärm. War das Heer zurück und damit Vater? Sie konnte trotz suchen weder sein Yōki noch das Tojiros spüren. Allerdings besagte das wenig. Aber vielleicht könnte sie, sobald sie offiziell von der Rückkunft erfuhr, ihrem Vater den Kimono senden lassen.
Eine für sie endlose Zeit geschah nichts, ehe eine Dienerin, die von außen die Tür ein wenig beiseite schob, eine ihrer Hofdamen, Seiko, zur Tür winkte. Oh, dann....
Aber die ihr doch vertrauteste Dame schien verwundert, ehe sie sich umwandte und verneigte.
„Der … der Burgherr wünscht Euch zu sehen, Kazari-sama.“
Was zauderte sie denn? Die Fürstentochter wollte sich bereits erheben, ehe sie stutzte. „Wer?“ Das handelte sich doch kaum um Vater? Tojiro etwa? Hatte der Fürst des Westens Unglück gehabt?
„Tomi-sama. Und er erwartet Euch drüben... im Aufenthaltsraum.“
Tomi? Aber.... Und das Erstaunlichste, Besorgniserregendste, war, dass er sie hier im Frauentrakt sprechen wollte, den er natürlich aus den Welpentagen kannte. Diesem Befehl durfte sie sich nicht widersetzen und so erhob sie sich mit ruhigem Gesicht, ohne auch nur anzudeuten, dass sie alarmiert war. Etwas war geschehen – und zwar etwas, das sonst niemand hören sollte, denn Tomi war sich bestimmt bewusst, dass der Aufenthaltsraum von außerhalb des Traktes nicht abzuhören war. Leider konnte das kaum etwas Vorherzusehendes sein. Hatte Vater doch Unglück gehabt?
Dennoch, oder eben wegen ihrer Besorgnis, verneigte sie sich höflich vor ihrem Bruder, der in Rüstung gekleidet stand, die Hände in die schwarzen Ärmel gesteckt.
Ohne weiteres begann der junge Mann, kaum das die Tür geschlossen wurde: „Kazari, du bist die Einzige, die mir raten kann.“
Wollte der sie ärgern? Oder bestrafen? So blickte sie gesittet nach unten. „Das steht einem unerfahrenen Mädchen wie mir gegenüber einem Krieger nicht zu.“
Er erkannte trotz seiner Aufgewühltheit, dass sie ja nicht wissen konnte, was passiert war. „Der... der Taishō der Allianz naht der Burg. Und er naht als Sieger. Die Krieger, die zurückkehrten, sagten, dass … nun, dass Vater Unglück hatte.“
Jetzt sah sie doch etwas auf. Sie kannte ihren jüngeren Bruder, ja, aber noch nie war er so fassungslos gewesen. Nun, kaum ein Wunder bei dieser Nachricht. „Vater hatte Unglück? Du meinst...? Und, wer ist der Taishō, welcher Allianz?“
„Der... der Hund, der neulich hier zu Gast war. Er besiegte Vater im Duell in Hundeform... er tötete ihn, Kazari. Auch Tojiro ist tot. Und alle Clanherren und selbst die Katzenkönigin der Jitō folgen dem Taishō. Und der beansprucht jetzt für sich als einziger Daiyōkai den Titel des Herrn der Hunde! Was soll ich nur machen?“
„Sie können die Burg nicht erobern,“ meinte sie, doch etwas geschockt. „Da ist der Bannkreis...“
„Der wird seit einigen Stunden von den Kitsune des Nordens und denen des Südens angegriffen, Tanuki aus dem Süden decken sie mit Magie, so dass wir sie nicht attackieren können.“
„So sind sie auch Verräter gegen Vater? Alle Clans?“
„Das sieht so aus.“
Sie brauchte nicht zu fragen, wieso der Fürst nichts mitbekommen hatte. Das Buch über Spione hatte sie wohl hundert Mal in den letzten Wochen gelesen. Sie atmete durch. „Vater und Tojiro sind tot, damit bist du der Herr der Ohiro. Was willst du tun?“
„Rate mir!“
Er klang so verzweifelt, dass sie zum ersten Mal seit seiner Mannbarkeitserklärung wieder den kleineren Bruder in ihm sah. „Du bist verantwortlich für das Schicksal des Clans,“ sagte sie sachlich. „Wie viele Krieger kehrten zurück? Und wie viele hat dieser Taishō?“
„Mit denen, die bereits vor der Burg sind, um die tausend. Ich... nach allem, was mir der General sagte, sind auch einige, um nicht zu sagen, alle der kleineren Hundeclans verschwunden, als dieser... der Taishō seinen Anspruch verkündete Herr der Aotsuki und Herr der Hunde zu sein. Aller Hunde.“
„Da er Vater besiegen konnte, ist er ein Daiyōkai.“
„Davon ist auszugehen. Und, um deine Frage zu beantworten, ich habe noch irgendetwas zwischen vierhundert und vierhundertfünfzig Krieger. Aber, wenn ich mich ergebe ...“ Er atmete durch. „Er hat Vater und zwei unserer Brüder getötet. Er wird auch mich umbringen. Dich vermutlich heiraten.“
„Kämpfst du, verliert der Clan.“ Sie klang nüchtern. „Vierhundertfünfzig Krieger, Tomi, ich verstehe wahrlich wenig vom Krieg, aber das ist nur die Hälfte. Und hier sind Frauen und Welpen!“
„Fürchtest du nicht dein Schicksal?“ Er blickte zu ihr, eigentlich nicht zugeben wollend, dass er eben das tat.
„Es ist das Schicksal einer Frau, bedenke das unserer Mutter.“ Und sie würde eher diesen anmaßenden Hund umbringen als ihn zu heiraten. Wie konnte er einen Aufstand gegen den Fürsten führen, ja, diesen ermorden. Allerdings sagte ihr gleichzeitig die reine Logik, dass der Taishō, wenn er ein Duell in Hundeform gewonnen hatte, es sich offensichtlich auch leisten konnte. Sie musste ihr Schicksal wohl ebenso annehmen wie es ihre Mutter getan hatte. „Ihr seid der Herr unseres Clans, Tomi-sama. Wie könnte ich Euch raten.“
Sie hatte es getan, das wussten beide, aber dieser formelle Satz überließ ihm die Entscheidung – und er wusste warum. Nur er konnte den Kriegern befehlen. Und jemand eilte draußen heran, hörbar eine Frau. „Komm herein!“ sagte er daher laut.
Eine Dienerin schob die Tür beiseite. „Vergebt, Tomi-sama, der General lässt Euch in den Hof bitten. Ein feindliches Heer nähert sich. Die Tore wurden geschlossen.“
„Ich komme,“ sagte er formell. „Komm mit, Kazari.“
Sie war seine Schwester und nun sein einziger Halt. Flüchtig dachte sie an manche Situationen in der Vergangenheit, als er nur zu gern gezeigt hatte, dass er als Krieger ihr überlegen war, als Mann, gleich, dass er jünger war. Aber es half sicher nichts im Frauentrakt zu bleiben. So neigte sie nur den Kopf, ehe sie ihm folgte, den notwendigen Schritt zurück.
So hatte sie den Hof noch nie gesehen – voller Krieger mit den Abzeichen der Ohiro, aber weder welche der Aotsuki noch der kleineren Clans. Sie waren alle verschwunden. Nun ja, dachte sie, der Starke hat keine Freunde in der Not und sollte am Besten allein bleiben. Wie es ja anscheinend auch der Fremde getan hatte, im Kampf Hund gegen Hund hatte er Vater geschlagen. Ein Daiyōkai, vermutlich nun der Einzige ihrer Art, den es gab.
Der General kam mit noch jemandem heran, dessen Magie sie spürte, aber den sie nicht kannte. Nun ja, wie viele Hunde in dieser Burg waren auch einem Mädchen vorgestellt worden. Beide verneigten sich vor Tomi, natürlich nicht vor ihr.
„Lagebericht,“ sagte ihr Bruder, bemüht ruhig.
Der General sah auf. „Sie kommen, alle übrigen Clans, die noch fehlten, mit Ausnahme der Aotsuki und der kleineren Hundeclans. Die Füchse aus Nord und Süd bewegen sich ebenso auf sie zu wie die Marderhunde aus Kanazawa.“
„Ein wirklich vollständiger Aufstand. - Dann wird die Verteidigungsmagie nicht mehr angegriffen?“ erkundigte sich der derzeitige Burgherr mit einem Tonfall, der mehr von vergeblicher Hoffnung denn etwas anderem zeugte.
„Das ist nicht notwendig, Tomi-sama,“ erwiderte der Magier. „Sie attackierten zielgerichtet die Bresche, wo mein Zauber noch nicht perfekt wirkte, und vergrößerten sie. Dort schützt uns keine Magie mehr. Gibt der Heerführer den Befehl zum Angriff werden tausend Krieger auf die Bresche gehen.“
Tomi war klar, was das hieß. Ließ der Taishō angreifen, so galt Kriegsrecht und alle in der Burg waren dem Untergang geweiht. Befahl er selbst das Tor zu öffnen, würde er selbst sterben, vielleicht auch Kazari, aber eher würde der Mann, der selbst den Clan der Aotsuki beherrschen wollte, sie als Bluterbin heiraten wollen. „Was tun sie nun?“
Der General sah zur Mauer wo ihm ein Krieger Zeichen gab. „Sie haben sich getroffen. Tomi-sama... Euer Befehl?“
Der junge Burgherr atmete tief durch. „Für den Clan: öffnet das Burgtor.“
Kazari wusste nicht, was sie denken sollte, als die schweren Tore der Innenseite geöffnet wurden, dann nach einem kleinen Innenhof, das weitere, äußere. Eigentlich sollte, so hatte sie es zumindest einmal gehört, der Feind in dieser Falle von oben attackiert werden können, aber dazu gab es wenig Hoffnung. Sie verstand nichts vom Kampf, aber sie besaß eine gewisse Nüchternheit und kühle Logik. Ja, Tomi war nichts anderes geblieben um nicht auch noch die anderen Mitglieder, vor allem die Welpen, mit in den Untergang zu reißen.
Sie spürte Yōki, dann bogen sie um die Ecke, durch das zweite Tor. Zuerst voran der Hund, der ihrem Vater seine Gastfreundschaft so schlecht gedankt hatte, hinter ihm zuerst in Zweierreihen, dann, als sie im Hof waren, aufgefächert die Clanherren – und die Katzenkönigin, denn das musste diese Frau in Rüstung sein, die dort in einer Linie mit ihnen stehen blieb. Hinter ihnen strömten ihre Krieger in den Burghof, offenkundig mit einer klaren Anweisung, denn sie begannen im Hintergrund bereits die Ohiro zu entwaffnen, noch während der weißhaarige Hund auf sie zukam. Nun, eher wohl auf Tomi.
Kazari ließ ihn nicht aus den Augen und so erkannte sie, dass er ihren Bruder neutral, fast unbeteiligt, ansah, während ein sehr scharfer Blick unter zusammengezogenen schwarzen Brauen ihr galt. Ganz offensichtlich gefiel ihm etwas an ihr nicht. Weil sie mit Tomi hier stand und nicht im Frauentrakt hockte? Das würde für ihr Leben das endgültige Aus ihrer Träume vom Leben auf der Terrasse im Schloss der Kraniche bedeuten. Vorausgesetzt, der so genannte Feldherr der Hunde wollte sie überhaupt als Ehefrau nehmen. Denn er beachtete sie so sehr nicht, dass sich ihr Stolz aufbäumte. Natürlich hatte eine Frau, schon gar ein Mädchen, keinen Anspruch darauf angesprochen zu werden oder gar reden zu dürfen, aber diese Missachtung deutete sehr auf eine Strafe hin. Nur, wofür?
Tomi neigte ein wenig den Kopf sichtlich der Rangfolge zuliebe, die ihn auch sagen ließ: „Ich wollte ich könnte Euch anders in meiner Burg begrüßen, Herr der Hunde.“
„Ihr seid vernünftiger als Euer Vater und Eure Brüder. Ihr wisst.“
Das war eine gelassene Feststellung und Tomi ertappte sich dabei, dass er in seiner Hundeform den Schwanz mehr als deutlich senken würde. Dieser Mann war Vaters Gast gewesen und niemand von ihnen allen hatte bemerkt, dass dies ein Daiyōkai war. Nun war daran nicht zu zweifeln, selbst, wenn man nicht gewusst hätte, dass er Vater besiegt hatte. Die bei dem Besuch verborgene Energie ließ den Sand um ihn etwas aufspringen, das Yōki, das bei gewöhnlichen Dämonen in ihnen sanft pulsierte, war förmlich als helle, kalte Flamme zu erkennen. Und er wusste, dass er seinem eigenen Tod gegenüberstand. „Ich weiß,“ sagte er nur, suchte nach allem, was ihm je über Kriegerehre und Stolz beigebracht worden war. „Und ich bitte Euch nur um die Ehre mit dem Schwert in der Hand sterben zu dürfen.“
Der Taishō senkte ein wenig das Kinn, was man als Zustimmung deuten konnte oder auch als Zeichen der Anerkennung, ehe er den Kopf wandte. „Himiko-sama, vielleicht wärt Ihr so freundlich mit einigen Kriegerinnen Kazari-sama in das Arbeitszimmer des Hausherrn zu begleiten. Dieser General wird Euch den Weg sicher zeigen.“
Kazari musste sich wirklich zusammennehmen, aber jetzt noch ihre Familie und vor allem ihren Bruder durch unpassendes Benehmen zu entehren wäre mehr als töricht. So folgte sie mit unbewegtem Gesicht und ruhiger Haltung der Katzenkönigin, umringt von sechs Kriegerinnen, mit denen sie dann der General eilig auch im Arbeitszimmer allein ließ.
Die Kätzinnen blieben schlicht ruhig stehen und sie tat es ihnen gleich.
Zumal, als ihr zwei Dinge dämmerten. Ja, Tomi würde sterben, aber wohl in Ehre nach den Regeln der Männer. Zweitens hatte dieser Taishō nicht nur die Königin höflich angesprochen, sondern auch sie – und der hatte sie keinen Männern übergeben, sondern Frauen. Nun ja, bewaffneten Frauen, aber immerhin. Dann wollte er sie doch heiraten? Und damit wäre ihre Ehre auch die seine. Ja, das musste es sein. Das wiederum bedeutete, dass ihr bestimmt das Schicksal ihrer Mutter bevorstand – gehorsam im Frauentrakt zu knien, ihr Leben zu versticken und ein Kind nach dem anderen zu bekommen bis sie starb.
Und sie glaubte kaum, dass ihr auch nur ein Wort einfallen würde, mit dem sie den Sieger des heutigen Tages davon abbringen konnte. Das wäre vermutlich sowieso nur kontraproduktiv. Er hatte sie zuvor schon verärgert angesehen, ohne dass sie wusste warum – es wäre sicher nicht nötig eine wie auch immer geartete Strafe zu erhöhen.
So wartete sie ebenso regungslos wie Himiko und ihre Kriegerinnen, bis sich die Tür öffnete, und sie aus dem Augenwinkel sah, dass sie höflich vor dem Taishō und einem anscheinenden Verwaltungsbeamten mit den Zeichen der Ohiro geöffnet wurde. Unwillkürlich holte sie kurz Atem. Das bedeutete, dass auch der letzte ihrer Brüder tot war. Nicht, dass sie sie näher auch nur gekannt hätte, aber es war doch ihre Familie.
Der Herr der Hunde ging an den Frauen vorbei auf das Podest, auf dem gewöhnlich der Burgherr saß, blieb jedoch stehen und streckte die Hand aus. Der Beamte legte eine Rolle hinein. „Dann lasst uns allein.“
Katzen und Beamter gehorchten prompt und Kazari spürte ein Kribbeln, das sie rasch unterdrückte, wie Jahrhunderte geübt keine Regung zeigend. Es ziemte sich wirklich nicht mit einem Mann, der nicht der eigene Ehemann war, allein zu sein. Sie mahnte sich zur Ruhe. Es würde nichts bringen, wenn sie ihn dazu verleitete sie zu schlagen oder auch anders zu bestrafen. So wandte sie sich ihm zu.
Er war viel größer als sie – zumal er auf dem Podest stand. Jetzt streckte er ihr die Hand mit der Rolle Papier entgegen. Sie erkannte, dass sie an zwei Holzstangen befestigt war, an denen jeweils zwei Siegel hingen. Das sah nach einem Vertrag aus.
„Ich nehme an Ihr könnt lesen, Kazari-sama. Falls Ihr Lust verspüren solltet das zu zerreißen so existiert eine Zweitschrift.“
Immerhin traute er ihr das zu. Sie nahm sie und öffnete, rollte das Papier beiseite. Ein Vertrag zwischen ihrem Vater und einem gewissen Tōga? Ach, es musste sich um diese Kriegslist handeln, die Vater erwähnt hatte. So überflog sie rasch. Ja, die Zusage, dass dieser Herr der Aotsuki werden können, Heirat mit ihr, die Zusage, keinen Krieg gegen ihn oder seine Verbündeten zu … Sie hätte fast aufgelacht. Darauf war dieser arrogante Hund reingefallen? Hatte er wirklich geglaubt, dass Vater ihm das alles auf dem Silbertablett geben würde? Wie töricht... Sie rollte weiter, bemüht ihre Heiterkeit zu verbergen. Was wollte der Narr denn …
Ihr Blick fiel auf die letzten Zeichen der Schrift. Und sie spürte, wie sie blass wurde. Ihre Hände zitterten zum ersten Mal in ihrem Leben so, dass sie sich außerstande sah die Rolle mit den Siegeln weiter zu halten. Diese landete unbeachtet auf dem Boden.
Zwei Unterschriften, zwei Siegel. Sie spürte, dass sie in die Knie fiel, weniger aus Etikette, als weil sie ihre Beine nicht mehr tragen wollten. Das war ein beeideter Vertrag. Was hatte Vater da nur getan?
Tag der Burg 4
T
ōga blickte auf die kniende junge Frau hinab. Zuerst war er zornig geworden als er die Burg betreten hatte und sie da neben ihrem Bruder gesehen hatte – eindeutig nicht im Kimono einer verheirateten Frau, sondern in dem einer Fürstentochter, kürzere Ärmel, anderen Obi. Dann hatte ihn die Sache mit Tomi abgelenkt, der anscheinend eines der intelligentesten Kinder von Kurayami gewesen war. Immerhin war Kazari den Kätzinnen schweigend und ruhig gefolgt ohne einen Skandal auszulösen, sichtlich beherrscht und kühl – und ebenso doch auch besorgt, das hatte ihr Blick verraten.
Das wiederum hatte ihn dazu bewogen kurz bevor er in das Arbeitszimmer ging mit Myōga zu reden. „Sie muss doch wissen, dass sie gar nicht mehr zum Clan der Ohiro gehört.“
Und der Floh hatte nur geantwortet: „Weiß sie das, oyakata-sama?“
Er hatte nachgedacht. Ja, Kurayami war der mutmaßlich dümmste Hund aller Zeiten gewesen, aber der konnte doch nicht vergessen haben seiner Tochter zu erzählen, dass er sie verheiratet hatte? Vergessen nicht, war ihm dann die Erkenntnis gekommen, sondern dermaßen ahnungslos, dass dieser gültige Vertrag eine Falle für ihn war, dass der vermutlich angenommen hatte ihr das nie erzählen zu müssen, weil er ihn dann schon umgebracht hatte.
So hatte er einen Beamten den Vertrag heraussuchen lassen, sein eigenes Exemplar wohlweislich behalten, für den Fall, dass sie doch den zerstören wollte.
Aus ihrer Reaktion nun waren gleich mehrere Schlussfolgerungen zu ziehen: sie konnte lesen, sie war in der Tat nicht informiert worden. Und drittens, von allen Familienmitgliedern war sie offenkundig die Intelligenteste. Es hatte keine vierzig Sekunden gedauert bis sie zusammengebrochen war. Nicht unbedingt aus der Erkenntnis heraus verheiratet worden zu sein, das vermutete er, schließlich stand dieses Schicksal allen Frauen bevor, Katzen und Vögel mal ausgenommen. Aber aus der Einsicht heraus, was ihr Vater da getan hatte.
Er hatte den Vertrag, den er selbst beschworen hatte, gebrochen und damit vor allen Yōkai das Gesicht verloren. Selbst ein treuer Vasall wäre ihm nicht mehr gefolgt. Niemand achtete einen Eidbrecher.
Nun gut, das war die Falle gewesen, in die er selbst Kurayami gelockt hatte, dennoch war er ein wenig überrascht gewesen, dass der an diese Folgen offenbar so gar keinen Gedanken verschwendet hatte.
Sie war eine Schönheit und intelligent. Und, als sie sich jetzt gefasst erhob, tat sie es mit einem ruhigen Stolz, der ihn sehr an seine eigene Mutter erinnerte. Keine Hybris nach Art ihres Vaters. Sie würde dem Vertrag folgen, ihn selbst heiraten. Aber er sollte wirklich zusehen, dass sie ihn freiwillig respektieren konnte, und behutsam sein. Sie war die Bluterbin der Aotsuki, und, als er jetzt in diese goldenen Augen blickte, die den seinen so ähnlich waren, wusste er, wenn er nicht achtsam war, konnte er auf Intrigen und Attentate seiner neuen Untergebenen warten. Diese Frau würde ihm das Leben so schwer machen wie möglich – oder eher, den Tod leicht.
„Mir scheint meine Meinung über Euren Vater sollte noch tiefer sinken. Er sagte Euch nicht, dass Ihr verheiratet seid.“ Geschweige denn mit wem.
„Er erwähnte nichts dergleichen.“ Und ihr war jetzt ebenso klar, warum der Taishō bei ihrem Anblick zornig gewesen war. Sie trug die falsche Kleidung, noch dazu in den falschen Farben. Immerhin schien er nun ruhiger – und blieb höflich. Nun ja, er hatte sie noch nicht bestraft, aber das mochte noch kommen. Sie kannte die Rechte eines Ehemanns, noch dazu eine Clanherrn.
Tja, wie sollte er weiter vorgehen ohne sie zu kränken? Er rief und ein Krieger blickte herein. „Rufe Damen für Kazari-sama.“ Als sich die Tür wieder schloss, glaubte er leichtes Erstaunen zu erkennen. „Ich bin durchaus bereit Euch nachzusehen, dass Ihr durch den heutigen Tag und … Eure neuen Umstände ein wenig Zeit benötigt.“
Das war tatsächlich freundlich formuliert, dachte sie prompt. Er schickte sie mit ihren Frauen in ihren Trakt, damit sie sich unauffällig andere Kleidung beschaffen konnte. War nur einfach die Frage des Wie. Gab es noch Kimono, die ihre Mutter getragen hatte? Sie durfte jetzt keinen Fehler machen, sich nicht nochmals aus Unwissenheit oder Ungeschick blamieren. Immerhin hatte er nichts zu ihren Haaren gesagt. Noch. Aber sie neigte höflich einstudiert den Kopf. „Danke. Eure weiteren Befehle an mich?“
„Seid bei Sonnenuntergang am Haupttor und begleitet mich ein wenig.“ Er sollte sie kennenlernen, ihr sagen, was er von ihr erwartete. Hoffentlich verstand sie das, aber sie schien wirklich klug zu sein. Blinden Gehorsam wollte er nicht, schon gar nicht bei seiner Gefährtin. Nun ja, Respekt schon, das gab er zu.
Sie war wiederum ein wenig überrascht, aber verneigte sich nochmals wie es einem Ehemann zustand. Und dem Herrn des Clans, dem sie durch die Heirat nun angehörte. Er wollte in der Hochzeitsnacht mit ihr allein sein. Das Schicksal jeder Frau. Die offenen Haare mit den geschmückten Schleifen an den Schläfen schienen ihn nicht aufgesteckt nicht zu stören, obwohl er selbst seine zu einem Zopf zusammengefasst hatte. Immerhin etwas. Nun, noch etwas. Er schien ihr den Fehler ihres Vaters nicht nachzutragen und das war schon einmal eine Menge wert. Scheinen bedeutete nur leider nicht sein – womöglich wollte er ihr doch in der Hochzeitsnacht die Kehle herausreißen und niemand würde auch nur nachfragen wodurch sie ihn verärgert hatte? Sie musste behutsam vorgehen, herausfinden, was er wirklich wollte. Worte zu Frauen waren bei Männern, zumal, wenn sie gegenüber Gefährtinnen geäußert wurden, nichts wert. Aber da die Tür erneut geöffnet wurde, unterbrach sie ihre Gedanken. Das war rasch gegangen, was ihr eindeutig anzeigte, dass zumindest Seiko aber auch Namiko sich nahe am Verwaltungstrakt aufgehalten hatten. Nicht befohlen zwar, aber doch ihr zuliebe. Das würde sie den Beiden nicht vergessen, ebenso wenig wie Inuko, ihre Kinderfrau, die die Treue zu ihr mit dem Tod bezahlt hatte. Sie musste diese Zwei schützen. So verneigte sie sich wortlos noch einmal gegenüber ihrem Ehemann, ehe sie auf die Beiden zuging, die sich ihr ebenso wortlos anschlossen.
Der Taishō sah ihnen nachdenklich nach. Das mochte noch schwierig werden. Kurayami hatte seine Tochter strikt erzogen, ja, sie kannte alle Regeln – und würde sie ihm gegenüber wohl auch befolgen. Nur leider bedeutete das keine Loyalität, wie er sie erhoffte. Und, die er sich wohl nun erkämpfen müsste. Seltsamerweise dachte er plötzlich an das Bild im Heiligtum der Kaseke, als er eine Mondsichel, überzogen von Eis, gesehen hatte.
Ja, das war sie. Magie des Mondes, schön wie der Vollmond und ebenso kalt wie dessen Licht. Und er würde sie immerhin ein wenig auftauen müssen, um zumindest teilweise die Gefährtin zu erhalten, die er sich wünschte.
Als Kazari in ihrem Zimmer nur meinte, sie benötige die Kimono einer verheirateten Frau, erntete sie entsetzte Gesichter.
Seiko fragte sogar: „Hat er Euch...“
„Mein … verstorbener Vater hat mich in einem beschworenen Vertrag mit dem Taishō verheiratet,“ erklärte sie darum kühl, um Missverständnisse auszuschließen. Solches Gerede mochte auf sie zurückfallen, falls das ihrem Ehemann zu Ohren kam. „Nur leider vergessen es mir mitzuteilen. Geht und sucht. Ich soll bei Sonnenuntergang am Haupttor sein.“
„Nun,“ meinte Seiko behutsam, als sie durchgeatmet hatte. „Da wäre doch sicher der neue Kimono mit den Muscheln, den Ihr eigenhändig bestickt habt. Die Ärmel sind zumindest für die zweite Lage passend. Darüber .. Was steht ihr denn noch hier herum? Sucht ein neues Untergewand und dann in dem Garderobenzimmer ob noch etwas von der verstorbenen Herrin da ist, was als oberste Schicht geeignet ist. Und passenden Krepp für die Handgelenke von Kazari-sama.“
So hatte ER sie auch genannt, höflich war er ja geblieben, auch, wenn er es nicht nötig hatte. Fragte sich nur wie er wäre,wären sie allein... Nein, das waren sie ja gewesen. Sie sollte gelassen bleiben, sich nicht selbst verrückt machen. Kalt wie Eis wollte sie sein. Das würde sie auch schützen, falls er doch handgreiflich wurde.
Als die Sonne am Horizont versank, ging Kazari wie angewiesen zum Haupttor, gefolgt von zwei Damen. Sie trug nun einen blauen Kimono mit weißem Obi, mit ebenso weißem Kissen im Kreuz, darunter den Muschelkimono und ein weißes Untergewand. Der Taishō stand bereits am Tor und unterhielt sich mit einigen Clanherren, darunter allerdings auch den ehemaligen General ihres Vaters. Sie fragte sich, was der dabei tat. Hatte der etwa Vater verraten? Nun, erkannte sie in der gleichen Sekunde, schlichtweg jeder hätte ihren Vater verraten, wäre dieser Vertrag und die Tatsache bekannt, dass der berühmte Kuriyama ein Eidbrecher war, sein Gesicht verloren hatte. Sie war die Tochter eines Mannes, der seine Ehre verspielt hatte, und musste froh sein, wenn ihr Ehemann das nicht sie entgelten ließ.
Was zu einer etwas merkwürdigen Tatsache führte. Dieser Taishō hatte sie geheiratet, wie war doch sein Name gewesen? Und der musste doch um den Vertrag gewusst haben – und offensichtlich war das eine Falle gewesen in die er Vater gelockt hatte. Nur, warum hatte er sie dann geheiratet? Eigentlich blieb nur eine nüchterne Schlussfolgerung – ja, er hatte die Bluterbin heiraten wollen. So sehr, dass er sogar dafür gesorgt hatte, dass sie bereits kein Mitglied des väterlichen Clans mehr war, wenn ihr Vater den Vertrag brach und unwürdig wurde. Sollte sie etwa wirklich glauben, dieser fremde Hund hätte sich um ihren Ruf gesorgt? Nun, vermutlich eher um den seinen, wäre er mit einer unehrlichen Tochter verheiratet.
Er wandte den Kopf als sie sich näherte und musterte sie. Immerhin schien er zufrieden, denn alles, was er tat, war eine Verabschiedung der Clanherren, ein gegenseitiges Verneigen, ehe er ihr entgegenkam.
„Folgt mir ein wenig, Kazari-sama.“ Das Blau passte ausgezeichnet zu ihren weißen Haaren. Ihr Geschmack? Oder hatten ihre Damen sie derart beraten? Oder die schlichte Tatsache, dass das der einzige Kimono der verstorbenen Fürstin war, der noch nicht umgearbeitet worden war? Seine Handbewegung ließ ihre Begleiterinnen innehalten. „Ihr seht bezaubernd aus.“
Sie neigte den Kopf, schwieg jedoch. Noch wusste sie nicht wie er zu einer Frau stand, die zu viel redete – schon gar ungefragt. Die Warnungen ihrer Mutter kamen ihr nicht aus dem Sinn. So folgte sie ihm schweigend durch die Tore in die Dämmerung. Was er nur hier draußen wollte? Noch dazu mit ihr? Sie verspürte Neugier, keine Angst. Hätte er sie umbringen wollen, so hätte er das ebenso gut in der Burg erledigen können.
Nach geraumer Zeit blieb er stehen. „Verwandeln wir uns, das geht dann schneller.“
Eine Welle von enormen Yōki ließ sie eilig zurückweichen, noch ehe sie ganz begriffen hatte. Verwandeln? Ihre wahre Gestalt annehmen? Seit Jahrhunderten hatte sie das nicht gedurft und blickte jetzt fast ein wenig staunend an dem riesigen weißen Hund empor, um dessen Schultern und Nacken sich dichtes Fell bauschte. Seine Energie musste viel höher sein als die ihre, dachte sie noch. Ja, das war ein Daiyōkai. Und es wäre eine Ehre für sie, diesem Mann seinen Erben schenken zu können. Sie musste sich ein wenig sammeln, ehe sie sich selbst verwandelte.
Sie war schlanker, deutlich zierlicher, und auch ebenso deutlich kleiner als ihr Begleiter, der allerdings fast amüsiert feststellte, dass selbst in dieser Form noch die blaue Sichel auf ihrer Stirn zu sehen war. Ihre Ohren hingen ebenso wie die seinen herab - anscheinend deutlich ein Zeichen der gemeinsamen Familie, denn die Ohren seines Vaters waren spitz aufrecht gestanden.
Kazari bemerkte, dass er antrabte, und unterbrach eilig ihren Sprung. Es ziemte sich nicht dem Ehemann vorzugreifen und das hätte sie fast getan. In ihrer wahren Form konnte sie fliegen, ebenso wie ihre Mutter, und hatte als selbstverständlich angenommen, dass dies auch ein Daiyōkai vermochte, der zumindest mütterlicherseits aus der Familie stammte. Offenkundig tat er es nicht, doch, als er bemerkte, dass sie ihm folgen konnte, fiel er in Galopp. Wo wollte er nur hin?
Die beiden weißen Hunde rannten durch die Nacht, ohne dass sie es verstand. Erst nach einiger Zeit glaubte sie die Gegend zu erkennen. Das war das einstige und auch nunmehrige Gebiet des Aotsuki-Clans. Nur, wo wollte ihr Ehemann denn jetzt hin? Sie verstand erst, als sich vor ihnen das Sommerschloss erhob und der Taishō innehielt, seine menschliche Gestalt annahm. So folgte sie eilig.
„Ihr wart hier bereits.“
Das war eine Feststellung und so neigte sie nur zustimmend den Kopf.
„Hat das Schloss einen Namen?“
„Meine Mutter nannte es das Schloss der Kraniche.“
Er ging darauf zu, stieg ohne Zögern die steile Treppe empor und so kam sie hinterher. Oben blieb er stehen und sah sich um. „Von hier aus muss man bei Tag fast das Meer sehen. Ein wunderbarer Ausblick.“
Sie war erstaunt, dass dieser, doch sicher harte und gefährliche, Mann ihre eigene Vision dermaßen nachvollziehen konnte, gestand daher: „Ja, ich hätte im Sommer immer hier stehen können. Oder sitzen.“
„Das werdet Ihr können.“ Er wandte den Kopf und bemerkte daher ihr unwillkürliches Zusammenzucken. Oh, vermutete sie etwa er würde sie hierher abschieben wollen? Verbannen? Das sollte er wohl erklären. „Das ist, so wurde mir gesagt, das einzige Schloss auf dem Gebiet dieses Clans. Es ist notwendig eine Verwaltung zu führen, einen Sitz des Clanherrn zu haben und so erschien mir dieses Schloss als passend. Freilich ist es ein wenig klein, es muss umgebaut werden, eine Halle für Empfänge, eine Bibliothek und ähnliches ergänzt werden.“
Da hatte er sicher recht. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass er zwei Fellteile auf dem Rücken trug, gegabelt. Das hatte Vater, der doch auch ein Daiyōkai gewesen war, nicht gehabt. Deutete das nochmals auf mehr Macht hin? Sie neigte nur zustimmend den Kopf. Das war nur eine Aussage gewesen, keine Aufforderung an sie zu sprechen.
Der Taishō erkannte ein wenig resigniert, dass sie nicht antwortete. Diese Festung zu erobern würde schwer werden. Aber, ihn reizten Herausforderungen seit je. „Ich werde den Architekten der Ohiro-Burg anfordern, dieser kann sich mit Euch besprechen.“
Mit ihr? Kazari suchte nach der Falle. „Ich glaube kaum, dass er einer Frau zuhört.“
„Das wird er müssen.“ Er klang amüsiert. „Oder reizt Euch die Aufgabe nicht, ein Schloss zu erweitern, nun gut, zuerst den Unterbau und die Stufen?“
„Ich werde Euch gehorchen.“ Das musste eine Falle sein. Hohn war eine Möglichkeit und sie fürchtete, wenn sie nicht aufpasste, würde er sich über ihre Leichtgläubigkeit lustig machen und sie weidlich verspotten.
Sie war vorsichtig. Zu vorsichtig. Was lauerte da in ihr? Angst vor der Aufgabe? Eher weniger. „Natürlich werdet Ihr das, daran zweifele ich nicht. Darum frage ich konkret. Ihr könnt lesen und ich denke, Ihr seid intelligent. Was hindert Euch?“
Sollte sie sagen, ich fürchte, Ihr werdet mich meine Anmaßung büßen lassen? Dazu war gerade die Schmeichelei geeignet, sie sei intelligent. Wie kam er darauf? „Es ...ich wüsste nicht, dass dies einer Frau geziemt, der in Gegenwart von Kriegern das Zeigen ihrer Unwissenheit verboten ist.“ Und damit war gemeint zu reden, aber das sollte er wissen.
Ach herrje. Sie vermutete eine Falle. „Nun, so lasst Euch gesagt sein, dass die Unwissenheit meiner Gefährtin, da bin ich sicher, durch Übung behoben werden kann.“ Ernst trat er auf sie zu. „Kazari-sama. Ihr seid meine Gefährtin. Und was ich von Euch will ist ein Erbe, ja. Aber auch ...nun, lasst es mich so ausdrücken. Kein blinder Gehorsam.“
Sie blinzelte etwas überrascht. „Ihr seid ein Heerführer.“
„Oh, von meinen Kriegern würde ich das verlangen. Aber von meiner Gefährtin erwarte ich Loyalität. Dass sie in meinem Sinn handelt, und im Sinne unseres gemeinsamen Sohnes, wenn ich nicht anwesend bin.“
Sagte er die Wahrheit? Sie beschloss es zu testen. „Ihr sagt, Ihr wollt einen Erben, nur zu verständlich. Aber... Ihr wollt mich als Regentin einsetzen, wenn Ihr abwesend seid? Das wird kaum geschehen.“
„Eher als Ihr denkt. Mit dem Tod des … nun, Eures Vaters ist eine Lücke in der Macht entstanden und die einen oder anderen Nachbarn werden Teile des Westens angreifen wollen. Panther, Drachen, wer noch? Als Herr eines der größten Clans und Taishō des Westens werde ich ihnen entgegentreten. Dann ist es gut, wenn zuhause der Umbau weitergeht, Todesfälle, Geburten aufgezeichnet werden und die Steuern weiterlaufen. - Ihr solltet lernen mir zu vertrauen, Kazari-sama.“
Und, falls er die Wahrheit sagte, gab er ihr bereits einen Vertrauensvorschuss, den sie wahrlich noch nicht verdient hatte. „Darf ich Euch eine Frage stellen....“ Sie suchte nach der passenden Anrede.
Er wusste, dass sie seinen Namen vergessen hatte, kaum verwunderlich. „Tōga.“
„Tōga-sama?“
„Ihr dürft mir immer jede Frage stellen, unter uns, natürlich.“
Ja, natürlich. Er musste sein Gesicht wahren, das verstand sie. „Wenn Ihr Euren Erben habt, und bezweifelt meine Bereitschaft nicht, so …“ Ja, wie sollte sie das so erklären, dass es keine Beleidigung seiner Männlichkeit wurde?
Aber der Taishō nickte. „Ihr werdet nicht das Schicksal Eurer Mutter erleiden. Habe ich einen Erben, werde ich Euch schonen.“
Er verstand sie, wieder, wie bei dem Ausblick in die Ebene? „Ich bitte Euch, Tōga-sama, Ihr wisst, wie unerfahren ich bin. Ihr seid ein Heerführer und es ist Euch ein Leichtes mich dorthin zu treiben, wohin Ihr wollt.“
„Mein Wort darauf, Kazari-sama.“
Mehr konnte, ja, durfte sie nicht erwarten, denn das war ein weites Entgegenkommen, wie sie es sah. So verneigte sie sich wortlos, zeremoniell. Allerdings hatte dieses Entgegenkommen durchaus einen gewissen Haken. Sie konnte dann kaum erwarten, dass er sich keine anderen Frauen suchte. Gleich. Hatte sie einen Sohn, den Ältesten, den Erben, dann konnten Jüngere kaum diesem den Rang ablaufen.
Er musterte sie, als sie sich wieder aufrichtete. „Wisst Ihr eigentlich, ob wirklich nur Frauen die Mondsichel tragen?“
„Meine Mutter sagte, ja. Mit einer Ausnahme. Eines Tages wird ein Junge geboren werden, der, wie sonst nur die Frauen, die Magie des Mondes voll beherrscht und somit auch die Sichel auf der Stirn trägt. Aber keiner meiner Brüder tat das,“ schränkte sie ein, schon, um ihn nicht zu enttäuschen, wenn sein Sohn das nicht tun würde. „Und mein Vater war ein Daiyōkai.“
„Aber er war nicht aus diesem Clan, beherrschte nicht die Mondmagie.“ Und das offenbar so wenig, dass er nicht einmal die Magie seiner Ehefrau zum Schutz der Burg benutzt hatte.
Er ja, wenn auch nicht wie eine Frau, erkannte sie. Ja, dann hatte ein gemeinsamer Sohn wohl die besten Voraussetzungen. Sie bemerkte, wie er die Hand hob, langsam, sichtlich um sie nicht zu erschrecken. Nein, er wollte sie nicht schlagen.
„Ich möchte nur den Sichelmond berühren,“ erklärte er und mahnte sich erneut zur Behutsamkeit. Was zugegeben schwer fiel. Allein nicht nur mit einer schönen, sondern auch noch seiner eigenen, Frau hier nachts zu stehen...
Er hatte das vollkommene Anrecht auf ihren Körper. So sah sie nur in die so goldenen Augen, die sie an die gemahnten, die ihr aus dem Wasser entgegenblickten, als er behutsam mit einem Finger den blauen Mond berührte. Und beide spürten das Prickeln der gemeinsamen Magie.
Nur um gemeinsam unter einem lauten Knall zusammenzuzucken. Falsch, dachte Kazari. Sie war zusammengezuckt, ihr Ehemann bereits herumgefahren, die Hand am Schwert, die er allerdings sinken ließ.
Sie musterte das seltsame Gespann: einen Yōkai, der einen Hammer in der Hand hielt und nach Feuer stank, also, wohl ein Schmied war, saß auf einem dreiäugigen Ochsen, dessen Hufe brannten.
„Tōtōsai!“ knurrte der Taishō und nicht nur seine gestiegene Energie verriet seinen Zorn. „Das ist meine Hochzeitsnacht.“
Nacht der Juwelen 1
K
azari versuchte an ihrem hochgewachsenen Gefährten vorbei den Schmied mustern. Diesen Kerl würde sie sich merken. Sie konnte sich nicht entsinnen schon einmal derart verlegen gewesen zu sein. Eine unsägliche Peinlichkeit in aller Öffentlichkeit dabei gesehen zu werden, wie sie sich von einem Mann berühren ließ. Nun gut, von ihrem Ehemann, aber das besserte die Lage kaum. Falls ihn der Taishō nicht mehr benötigte würde sie ihn umbringen.
Auch Tōga empfand die ganze Verlegenheit eines Mannes, der dabei gesehen wurde, wie er eine – immerhin seine eigene – Frau in aller Öffentlichkeit berührte und bemühte sich daher nicht sein Yōki zu drosseln.
Tōtōsai bemerkte durchaus, dass das Paar ihn nicht sonderlich freundlich anstarrte. „Äh, na hör mal, Taishō...“ Ohoh, die Augen des besagten Daiyōkai färbten sich verdächtig dunkelrot wie Kohlen in der Schmiedeesse und das war in aller Regel kein gutes Zeichen für das Gegenüber. So grub er doch seine einst erlernte Höflichkeit aus. „Äh, ich meine, oyakata-sama, Ihr habt mir einen Auftrag erteilt und ich bin dabei ihn auszuführen. Allerdings ist der Yōkai, der Euch dabei helfen sollte und kann, nur noch bis zum Morgen, also, bis Sonnenaufgang da, dann zieht er sich für vierhundert Jahren wieder ins Meer zurück. Es eilt deswegen. Falls Ihr nicht Jahrhunderte warten wollt. Ich erzähle Euch unterwegs was los ist.“ Und falls er gefragt wurde, woher er wusste, dass er seinen Auftraggeber hier finden würde, so müsste er eben auch den kleinen Floh hinhängen, der zwar gezögert hatte, aber schlussendlich mit der Adresse im Interesse seines Herrn herausgerückt war.
Tōga atmete tief durch, um sich gleichzeitig zu beruhigen und nachzudenken. Sprach dieser Schmied die Wahrheit und er war nahe daran einen Weg zu finden um So´unga einzuhegen? Diese Chance konnte und durfte er selbst in der Tat nicht verpassen. Aber er konnte doch auch unmöglich seine Braut hier stehen lassen. Das konnte für sie nur unangenehm werden, da jeder des Clans, der sie sah, annehmen würde, dass sie verschmäht worden war, eine unglaubliche Schande für eine Frau. Überdies, er musste wieder an seine eigene Mutter denken, die von seinem Vater auch in alles eingeweiht worden war. Es mochte nützlich in der Zukunft sein, wenn Kazari über dieses Problem Bescheid wusste. Niemand war unsterblich und so konnte womöglich sein Sohn mehr erfahren, vielleicht das verdammte Schwert endlich wieder in die Unterwelt schicken, falls dies ihm selbst nicht vergönnt war. So wandte er den Kopf. „Kommt mit, Kazari-sama.“
Sie war wieder überrascht. Weniger, dass die Angelegenheit wirklich wichtig war – immerhin hatte in ihren Augen der Schmied sein Leben riskiert seinen Auftraggeber hier und jetzt aufzusuchen, als vielmehr, weil ihre Ehemann sie nicht in das Schloss schickte und warten ließ, sondern mitnahm, wohin und warum auch immer. Er wollte sie wirklich beteiligen? Zum ersten Mal glaubte sie, dass seine Aussage sie sollte den Schlossumbau leiten, tatsächlich vollkommen ernst und ohne jeden Hinterhalt gemeint gewesen war. Ja, sie sollte ihm wohl vertrauen. Und, da er sich bereits mit einem Sprung das Schloss hinab verwandelte, folgte sie fast hastig. Der Schmied drehte seinen Ochsen schon ab. Es schien wahrhaftig zu eilen.
Ein ahnungsloser Beobachter hätte in dieser Nacht eine seltsame Begebenheit entdecken können. Zwei weiße Hunde, offenkundig Yōkai, die eilig durch den Wald nach Norden trabten, der Kleinere auf halber Höhe des Größeren, darüber fliegend ein Ochse mit brennenden Hufen, auf dem ein Schmied saß, der sich tief hinabbückte und dem größeren Hund etwas zuschrie.
„Ich habe mir wirklich Gedanken gemacht, oyakata-sama, aber ich fand einfach keine Lösung. Und ich nahm an, dass Ihr auch nicht wolltet, dass ich damit in ganz Japan hausieren gehe. Also ging ich, wenn auch ungern, zu meinem Meister. Naja, es ist so, dass der nicht sonderlich gerne Besuch bekommt und es ist auch ein wenig schwierig dahin zu gelangen, aber ...“ Da ihm ein rotes Auge zugewandt wurde, änderte er eilig um. „Ich breitete ihm jedenfalls das Problem aus, aber er schien sehr desinteressiert. Erst, als ich erwähnte, dass es sich um So´unga handelte....“ Tōtōsai erinnerte sich ungern an den Energieausbruch und das begleitende „Was?“ seines Meisters. Vor allem ersteres war schmerzhaft gewesen, aber das würde den Daiyōkai kaum interessieren. „Dann erklärte er sich bereit nachzudenken. Also, er meinte, und ich fasse jetzt zusammen, dass Eure Idee sehr interessant sei, das Höllenschwert durch ein anderes einzuhegen, dies aber nicht genügen würde. Er erklärte mir das mit den drei Welten. Eine ist die Unterwelt, eine die Welt der Lebenden und eine die Welt der Götter. Zwei sei stärker als eines und so sollte die Klinge, die ich für Euch schmieden soll auch Elemente zweier Welten beinhalten. Ja, meinte ich, ich dachte schon an Euren Fangzahn, das ist gute Grundlage und aus der Welt der Lebenden. Aber, wie sollte ein Yōkai, ich meine, selbst Ihr, in die Welt der Götter gelangen?“
Das war tatsächlich eine gute Frage, aber der Schmied war ja mit dem Rat seines Meisters offenbar noch nicht zu Ende. So zwang sich der Taishō nicht fragend empor zu sehen, sondern sich dem Weg durch den Wald zu widmen, immer näher an das Meer, wie eindeutig zu wittern war.
Tōtōsai wollte schon fast beleidigt sein, dass seine Erzählung so wenig Gehör fand, als er das Zucken eines Ohres entdeckte. Ha, der Hund war doch interessiert. „Das sei auch nicht nötig, meinte mein Meister. Ich beschreibe das jetzt so, wie er es mir sagte, oyakata-sama, auch, wenn ich es nicht so ganz verstehe. Er meinte die Unterwelt sei von einer riesigen Bergkette umschlossen, deren Magie verhindert, dass Seelen entkommen, sei es jigoku oder meidō. Dazu patrouillieren auch noch Höllendämonen. Aber, vor langer Zeit, so sagte er, seien die Schöpfergötter hierher gekommen, über eine Juwelenbrücke, um Japan und alle Welten hier zu erschaffen.“ Das konnte er sich eigentlich nicht vorstellen, so viele Juwelen und woher diese eigenartige Brücke denn gekommen sein sollte.
Die Juwelenbrücke der Kaseke! Der Taishō entsann sich nur zu gut des faszinierenden Anblicks als die Echsen unter Führung ihres eigenen Gottes dort hinüber gegangen waren, wohin auch immer. Der Rat dieses ominösen Meisters schien gut, oder genauer, der sehr viel zu wissen.
Der Schmied fuhr nach einer Pause fort, da keine Reaktion kam. „Ja, meinte ich, aber was das denn jetzt miteinander zu tun habe. Also meinte mein Meister, nachdem die Welten hier erschaffen worden waren, wurde auch ein Punkt, naja, eine Art Anker geschaffen um die Brücke zu sichern, die sich angeblich immer wieder einmal in Jahrtausenden bilden würde. Und dieser Anker, oder wie auch immer, soll aus genau dem Material bestehen wie die Brücke. Und der Berg, der das ist, liegt in der Kette um die Unterwelt.“
Na, wunderbar. Sollte er etwa sterben, um dahin zu gelangen?
„Ich glaube, ich habe ziemlich verwirrt ausgesehen, denn mein Meister meinte, es sei ja wohl nicht gerade einfach So´unga zu zähmen. Ich sollte nur rasch zu einem Punkt am Meer gehen, den er mir angab. Dort würde ich einen Yōkai finden, den Herrn der Perlen. Der kenne den Weg in die Zwischenwelt, die auf der Seite der Lebenden liegt, also, nicht zur Unterwelt gehört, oder so. Irgendwie soll sie das verbinden oder die Grenze sein oder...“ Ja, seine Meinung war sichtlich nicht erwünscht. So seufzte Tōtōsai nur. „Jedenfalls besuchte ich den Kerl. Er heißt Hōsenki, nein Hōseki .. Issei? Jedenfalls ist er ein Muschelyōkai und muss deswegen auch immer wieder ins Meer. Aber anscheinend kann er seine Perlen oder Juwelen oder was auch immer nur an Land herstellen oder fertig stellen. Ich habe ihm das Problem geschildert, aber er wollte nur mit Euch reden. Er rede nicht mit Boten!“ Der Schmied klang noch immer deutlich beleidigt. Aber, Muschelgeist hin oder her, das war ein Daiyōkai, und sich mit denen anzulegen war … Nun ja. Er warf einen Blick auf den weißen Hund unter sich. „Ich sagte ihm zu Euch zu holen, aber er warnte, dass er bei Sonnenaufgang sich ins Meer zurückziehen würde. Für vierhundert Jahre.“
Wenn er wieder reden konnte, und das vermochte er in dieser Form nur unter Schwierigkeiten, sollte er sich wirklich bei dem Schmied bedanken, der offensichtlich nicht nur nachgedacht, sondern auch große Mühen auf sich genommen hatte. Bokusenos Rat war wahrlich gut gewesen. Jetzt musste er nur noch den Herrn der Perlen überzeugen ihm zu helfen in diese Zwischenwelt gelangen, irgendetwas von einem Berg dort abbrechen und wieder zurück gelangen. Das klang nicht unbedingt nach einem gemütlichen Tag, war aber ein erkennbarer Weg und weitaus besser als alles, was er selbst oder auch sein Vater bislang in Erfahrung hatten bringen können. Falls er einen weiteren Hinweis benötigt hätte – seit Tōtōsai mit dieser Nachricht aufgetaucht war, schien sich So´unga auf seinem Rücken am liebsten unsichtbar machen zu wollen, unbemerkbar. Ja, der uralte Höllendrache ahnte wohl was ihm da blühte.
Sie näherten sich dem Meer und da der Ochse über ihm nach schräg links abbog, sich über einer Klippe in die Tiefe sinken ließ, machte auch der riesige Hund den Satz hinab in die sandige Bucht, prompt gefolgt von dem zweiten.
Kazari folgte ihm in der Tat unverzüglich, was durchaus Rückschlüsse sowohl auf ihr Pflichtbewusstsein als auch auf ihre körperliche und mentale Stärke zuließ. Sie war wirklich eine gute Wahl, abgesehen von ihrer Stellung als Bluterbin.
Er sah sich rasch um. Es war eine halbrunde Bucht, von steilen Klippen umsäumt, Sand breitete sich aus. Es war ein abgeschiedener, stiller Ort. Nicht einmal Tiere waren hier zu wahrzunehmen. Das Einzige, was sofort ins Auge fiel, war eine große, offene Muschel, auf deren rosafarbener Unterschale ein alter Mann mit weißen Haaren saß, gehüllt in ein weites, beigefarbenes Gewand. Die Haut mochte schwarz oder dunkelgrün sein, so genau war das in der Dunkelheit nicht zu identifizieren, aber der Taishō erkannte ohne Probleme, dass er einem Daiyōkai gegenüber stand. So verwandelte er sich zurück, schon um nicht aggressiv zu wirken, und unterdrückte auch sofort seine Energie – was den Unbekannten dazu brachte das ebenfalls zu tun. Da der Ochse samt Tōtōsai neben ihm landete und auch Kazari wieder ihre Menschenform angenommen hatte, befahl er: „Wartet hier!“, bevor er über den Sand zu dem Herrn der Perlen schritt, der den Kopf hob und ihn aus dunklen Augen genau musterte.
„In der Tat, der Träger des Höllenschwertes. Ich grüße Euch.“ Die Stimme klang tief und ruhig.
„Danke für Euren Empfang, Hōseki-sama.“
„Euer Schmied sagte mir bereits wohin Ihr wollt. Euer Ernst? - Nehmt Platz. So muss ich zu Euch aufsehen.“
„Verzeiht.“ Der Taishō nahm Platz und betrachtete ein wenig neugierig die Muschel, konzentrierte sich allerdings auf den Herrn der Perlen. „Mein Ernst. Ich würde alles tun um diese Klinge dorthin zurück zu senden woher sie kam.“
„Genau dies ist mein … nun, der Ursprung meiner Verwunderung. Ich bin ebenfalls ein Daiyōkai und ich weiß nur zu gut, dass unser Wesen nicht nur Macht ist, sondern auch das Bestreben nach mehr.“
Tōga musterte ihn. „Strebt Ihr nach mehr Macht?“
„Ihr tadelt mich zurecht. Nein, ich habe dieses Bedürfnis schon lange überwunden. Aber ich bin alt, Ihr seid jung. Ihr könntet die Welt der Lebenden erobern.“
„Um welchen Preis? Für alle, aber auch für mich?“ Es war eine Prüfung, erkannte er. „Nein, Mein Vater traf einst den gleichen Entschluss, und, da er es nicht vermochte, will ich alles tun, dieses Schwert, das an unsere Familie gebunden ist, dieser Welt zu entreißen.“
„Oder Euer Sohn. Auch der meine wird einst meine Rolle übernehmen, auch meinen Namen, wie es üblich ist. - Diese Yōkai dort ist Eure Gemahlin?“
„Ja. Ihr Name ist Kazari.“ Was ja Schmuck bedeutete.
„Sesshōseki,“ murmelte der Muschelyōkai sichtlich in Gedanken.
Irritiert wiederholte der Taishō: „Der Stein des Todes?“
„Oh, vergebt. Ich habe mit mir geredet, eine dumme Angewohnheit eines alten Mannes. Ich dachte nur an den Namen, den sie wohl bei uns tragen würde, wäre sie meine Tochter. - Nun gut. Ihr wollt etwas von mir.“
„Tōtōsai erhielt von seinem Meister den Rat, dass Ihr der Herr der Perlen seid und es Euch gelang eine Perle zu erschaffen, die den Weg in eine Welt zeigen würde, die zwischen der unseren und der der Toten liegt.“
Der alte Daiyōkai zuckte ein wenig die Schultern. „Würde Euch tatsächlich eine Perle genügen?“
Der Feldherr musste nicht nachdenken um den Fehler in seinem Satz zu finden. „Oh. Ihr meint, eine Perle würde nur den Weg hinein öffnen?“
„Der Schmied nannte Euch Taishō, Heerführer. Nun, würdet Ihr in eine Schlacht ziehen ohne Euch den Rückweg zu sichern?“
Es gab also eine Möglichkeit und so straffte sich der Hundeyōkai. „Nennt Eure Bedingung.“
Hōseki nickte leicht und sah vor sich zu Boden, genauer auf den rosafarbener Grund der Muschel. „Ihr seid entschlossen in die Zwischenwelt zu gehen. Nur, um auf die Macht des Jenseits zu verzichten. Nun gut. Ich werde Euch eine Perle geben für den Hinweg. Und eine für den Rückweg, wenn Ihr mir zusichert, dass wir uns in vierhundert Jahren hier wieder treffen. Ich würde gern länger mit Euch plaudern. Ich denke, ich könnte viel von Euch lernen.“
„Ihr seid doch viel älter und sicher viel weiser als ich. Aber, einverstanden. Mein Wort darauf.“
„Nun, weiser, als ein Mann, der den Preis der Macht schon in so jungen Jahren erkannte?“ Er griff unter seine Kleidung. „Hier. Eine schwarze Perle. Werft sie vor Euch und ein Portal wird entstehen, dass Euch in eben jene Zwischenwelt bringt. Was dort ist, weiß ich nicht. Aber, wenn Ihr zurück wollt, werft erneut eine Perle, diese hier. Und Ihr werdet hierher zurück gelangen.“
„Danke, Hōseki-sama.“ Der Taishō schob die Perlen getrennt ein. „Werde ich Euch dann hier noch antreffen? Ich weiß, dass Ihr mit dem Sonnenaufgang in das Wasser zurückkehrt.“
„Soweit ich weiß, ja, denn in der Zwischenwelt existiert keine Zeit. Es ist der Stillstand des Jenseits bereits.“
Da kannte sich wohl jemand besser mit der Zwischenwelt aus als er zugeben wollte. Doch, Unterhaltungen mit diesem Daiyōkai konnten nur förderlich für die Zukunft sein. „Wisst Ihr zufällig etwas über diesen besonderen Berg zu dem ich soll?“
Der Muschelgeist zwinkerte ein wenig, ehe er doch antwortete. „Ich weiß nur, das das aus der göttlichen Sphäre stammt und man auch diese Magie benötigt um einen Stein zu brechen.“
„Die Magie der Mondgöttin?“
„Möglich. Ich glaube, dass Ihr sie besitzt?“
„Ein wenig, aber meine Gefährtin deutlich mehr. Danke.“ Der Taishō stand auf. „Kommt näher,“ rief er, ohne das genau zu spezifizieren, aber sowohl Kazari als auch Tōtōsai, der abgestiegen war, gehorchten. So sah er zu seiner Ehefrau. „Ich würde ein wenig Eurer Begleitung und Hilfe benötigen, Kazari-sama.“
Sie neigte höflich den Kopf ohne die Miene zu verziehen. „Ihr seid der Gebieter.“ In Gedanken allerdings überschlug sie die Optionen. Ein Scherz war auszuschließen, dazu war ihm offensichtlich zu wichtig seine Klinge zu versiegeln oder, genauer, zurück in das Jenseits zu bringen. Etwas, das sie nicht ganz verstand. Die vermutlich mächtigste Klinge der Welt, mit der er alles hätte erobern können? Das hatte sie jedoch nichts anzugehen. Offensichtlich wog etwas anderes schwerer. Er war bereit bis an den Rand des Jenseits zu gehen um sein Ziel zu erreichen. Schön, das verstand sie. Aber, er wollte sie dabei haben? Sie war nur eine Frau, die in Gegenwart von Kriegern nicht einmal reden durfte. Was erwartete er von ihr? Wollte er tatsächlich, dass sie für ihn und seine Interessen stand, mit gewissen Vollmachten ausgestattet? Er hielt sie für fähig genug? Offenkundig, schalt sie sich dann. Das war nur ein sehr... ungewöhnliches Verhalten eines Ehemanns. Und sehr weit weg von allem, was ihr je von ihrer Mutter beigebracht worden war.
Der Taishō hatte unterdessen zu dem Schmied geblickt. „Gut gemacht, Tōtōsai. Der erste Schritt.“
Ja, der erste Schritt, seufzte der in Gedanken, denn was dieser optimistische Hund offenbar nicht einberechnete – das war keine Reise mal eben mit der Frau Gemahlin ans Meer. Wusste der eigentlich wohin er selbst ging und auch noch seine Gefährtin mitschleppte? Vermutlich, ja, und der hatte ihn auch noch gelobt. Nun gut, er würde eben hier bei dem Muschelgeist warten, ob und wann die Zwei wieder zurückkamen. Aber das war wirklich selbst für einen Hund ein sehr eigenwilliges Verhalten. Nun schön. Er hatte aus Neugier diesen Auftrag für ein sehr ungewöhnliches Schwert angenommen, den würde er auch ausführen. Danach würde und wollte er nie wieder etwas mit dieser Familie zu tun haben.
Der Taishō nahm die erste Perle. „Sie öffnet ein Portal in diese Zwischenwelt, Kazari-sama. Wir gehen hinein.“
Sie schloss nur bestätigend die Augen. Wirklich, von allen Andeutungen seitens ihrer Mutter und der Damen, wie eine Hochzeitsnacht ablaufen sollte – eine Reise mit dem neuen Gefährten in das Jenseits war ganz sicher nie dabei gewesen. Sie trat neben ihren Ehemann und der warf die Perle oder das Juwel. Prompt öffnete sich ein schwarzes Loch vor ihnen, wirbelnd und ungeheure Magie ausstrahlend. Nun, anscheinend verstand dieser Muschelyōkai sein Handwerk, von dem sie noch nie gehört hatte. Aber, gab sie sich zu, was hatte sie schon gehört von der Welt? Nur Mutters Ansichten und Erlebnisse. Sie bemerkte, dass der Taishō ihr noch einen raschen Blick zuwarf, ehe er in das Portal schritt. Sie folgte eilig. Noch während sie die Magie umschlang, dachte sie bei sich, dass es in dieser Ehe vermutlich nie langweilig werden würde.
Nacht der Juwelen 2
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Das Erste, was Kazari nach dem Eingang in das Portal spürte, war das Gefühl des Fallens. Noch ehe sie ihre Flugfähigkeit aufrufen konnte, spürte sie fast schmerzhaft etwas um ihr linkes Handgelenk, das sie daran hinderte. Erst im nächsten Augenblick begriff sie, dass ihr Ehemann sie so hielt, den vermeintlichen Sturz abfing. Und sie erkannte, dass er nicht gewusst hatte, dass sie fliegen konnte, somit ihren Fall hatte abfangen wollen, als er deutlich langsam mit ihr aufsetzte, sie absetzte, was er offensichtlich als Daiyōkai, wenn auch mit hohem Energieverbrauch, vermochte. Er hatte ihr wehgetan, ja, aber nur, weil er sie beschützen wollte. Das war... unerwartet nett von einem Ehemann. Und sie begriff zum ersten Mal, dass er ja auch sie nicht kannte, nichts über ihre Fähigkeiten wusste. Ob er wohl auch unsicher ihr gegenüber aus diesem Grund war? Nein, Männer waren nie unsicher. Jedenfalls gab er sie sofort frei und sie bemerkte durchaus, dass er sich wachsam umblickte. Das sollte sie wohl auch tun, um ihm zu zeigen, dass er sie nicht umsonst mitnahm.
Eine sehr seltsame Gegend. Schroffe Klippen, Steilabfälle, einzelne Steinhaufen, die wie zufällig dort lagen, Sand, wie der auf dem sie gelandet waren. Das Ganze unter einem dunklen, rotglühenden Himmel, über den leuchtende Steine zu fliegen schienen, oder auch scheinbare Vögel, die aus nichts als Knochen bestanden.
Der Taishō sprang auf eine nahe gelegene Steinformation und blickte sich um, prompt gefolgt von der jungen Hundedame.
Von rechts nach links zog sich entlang des gesamten Horizonts eine Bergkette, schwarz, steil und fast den Himmel erreichend. Dabei handelte es sich bestimmt um die Grenze zur Unterwelt. Und eigentlich sollte sich dort der Berg der ominösen Juwelenbrücke befinden. Nur, wo? Rechts oder links?
„Man kann nur raten,“ murmelte er und war überrascht eine Antwort zu erhalten.
Aber Kazari hatte das als Frage verstanden. „Dort, rechts.“
Er wandte sich ihr zu und bemerkte, dass sie etwas zusammenzuckte. So milderte er den Tadel zu Ironie. „Weibliche Intuition?“
Sie hatte ihm als ihrem Herrn und Ehemann vorgegriffen und war froh, dass er das nur so formulierte. Ein solcher Fehler konnte ebenso schmerzhaft bis tödlich enden. Aber sie hob die Hand. „Weiblicher Scharfblick.“ Ihr Zeigefinger wies auf einen Berg.
Der Taishō folgte dem Hinweis. In der Tat. Wenn man genauer hinblickte spiegelte dort eine Bergspitze immer wieder im ungewissen Licht dieser Welt. Sie hatte vollkommen recht und das gab er auch offen zu. „Aufmerksam, Teuerste. Gehen wir,“ ergänzte er.
Sie hatte keine Strafe. sondern ein Lob erhalten. Von dem Einzigen, der sie kritisieren oder auch züchtigen durfte. Sie sollte ihm wirklich vertrauen. Und, dazu einberechnen, dass sie, falls er das ausführte, was er gesagt hatte, auch die Nummer Zwei des Clans war. Für eine Frau wäre das fast undenkbar. Nun, für ihre Mutter wäre es das gewesen und auch die Damen, die sie bislang gekannt hatte. Aber er kam ja aus dem Osten. War es da anders? Darüber sollte sie später nachdenken und jetzt lieber hinabspringen, weiter über diese mehr als eigenartige Felslandschaft, in der kein Lufthauch sich regte, keine Witterungen wahrzunehmen waren. Und in der vollkommene Stille herrschte.
Das Paar kam schnell dem glitzernden Berg immer näher, wobei der Taishō feststellte, dass seine Braut durchaus in der Lage war auch mit der doch in solcher Gegend unpraktischen Bekleidung und den hölzernen getas einigermaßen rasch zu gehen. Sie war wirklich stark, vermutlich das Erbe auch ihrer Mutter, die ja immerhin so einige Welpen geboren hatte. Nun ja, ihr Vater war ja eben auch ein Daiyōkai gewesen. Ob Kazari diese Grenze eines Tages auch überschreiten könnte? Die besten Anlagen dazu besaß sie ja offenbar. Aber, das blieb wohl ebenso abzuwarten wie ein möglicher Erbe. Und... Er blieb stehen.
Kazari tat es ihm gleich. Es wäre schrecklich unhöflich gewesen an einem Mann vorbeizulaufen. Aber sie blickte fragend beiseite – und erkannte, dass sich seine Rechte um den Schwertgriff über seiner Schulter gelegt hatte. „Was ist?“
Sie begann ihm zu vertrauen, dachte er prompt, als sie ihn ungefragt ansprach, und belohnte das mit einer Antwort. „So´unga ist erfreut. Was leider nie etwas Gutes bedeutet.“
Sie sah voraus. „Wir sind schon recht nahe an dem Gebirge. Kommen Wachen?“
„Möglich.“ Er suchte in den Klippen um sie nach Wegen und Strategien. „Dort hinauf. Dann nehmt Ihr den kürzesten Weg zu dem Juwelenberg. Mit Hilfe der Mondmagie, die in Euch wohl mächtiger schlummert als in mir, schneidet ein Stück daraus. Ungefähr so groß wie zwei meiner Fäuste. Ich werde zusehen, dass ich alle Wachen auftreibe und Euch den Rücken freihalte.“
Das traute er ihr zu, obwohl er sie doch nicht kannte. Voll gewisser Freude darüber verriet sie, was sie nie jemandem hatte verraten wollen. „Ich werde dieses Juwelenstück dann auch in der Mondmagie verbergen.“ Sie hatte einen folgenschweren Fehler begangen, wurde ihr unverzüglich bewusst. Jetzt wusste er, wie er sie zwingen könnte heimliche Sachen herauszurücken und da musste sie nur an die Spionrolle denken, die solcherart verborgen noch immer in ihrem Zimmer in der Burg lag.
„Ausgezeichnete Idee,“ kam allerdings nur als Kommentar. „Geht nun.“
Sie gehorchte eilig, da er sein großes Schwert zog und sie zum ersten Mal die wahrhaftig bedrohliche Aura der Klinge nicht nur als vagen Schemen spürte. Es war kaum verwunderlich, dass er das loswerden wollte, dachte sie, als sie möglichst eilig über die Klippen ging, bemüht nicht zu stolpern, nicht auszurutschen – und die gewaltige, belastende Wolke hinter sich zu spüren. DAMIT lief er herum. Dazu gehörte sicher nicht nur die Energie und Magie eines Daiyōkai, sondern auch ein starker Wille.
Wenn man Tōga zuvor gefragt hätte, wie er sich einen Höllenwächter vorstellte, so hätte er vermutlich die Schultern gezuckt. Jetzt sah er gleich zwei davon auf sich zusteuern. Sie waren riesig, ähnlich wie Oni – und bewaffnet. Neben Schwertern in den Gürteln, neben Hosen die einzigen Kleidungsstücke, hielten sie auch zweizackige Spieße in der Hand. Nur zwei? Oder hatten sie sich geteilt und einer lauerte Kazari auf? Er sollte sich beeilen. Nach allem, was er von seinem Vater gehört hatte, würde die Vernichtung dieser Wesen aus dem Jenseits mit dem Höllendrachen dazu führen, dass sie nicht, wie andere Lebende, zu Untoten wurden, deren Seelen dann unter So´ungas Macht für diese Klinge kämpften. Nein, Höllenwesen besaßen keine Seele und würden einfach im Nichts verschwinden. Soweit die Theorie. In der Praxis würde er das gleich sehen. Zumal sich sein Schwert wieder einmal sträubte. Natürlich wäre es dem uralten Höllendrachen nur zu recht wenn er selbst dort landen würde – und dieser frei wäre. „Fehler,“ knurrte er förmlich in Gedanken. „Wir sind zu nahe am Jenseits. Dann landen wir beide dort. Und ich bin sicher, du weißt, wie nett du empfangen wirst.“
„Immerhin wäre ich dann frei von dir und deinem Vater.“
„Vergiss nicht meinen Sohn.“
„Den du noch nicht hast und den ich verhindern werde.“
„Nie!“ Magie und Wille des Hundesdaiyōkai vereinigten sich mit dem Bewusstsein Kazari schützen zu wollen.
Und das höllische Wesen in seiner Hand beugte sich, nicht zuletzt in dem Wissen, wie selten Welpen unter Yōkai im Allgemeinen und Hunden im Besonderen waren. Es würde andere Chancen geben seinen Träger umzubringen, auch nur einen Sohn zu verhindern. Denn leider hatte der sture Hund in einem recht – sie waren schon zu nahe am der Welt der Toten, als dass nicht jemand von dort schlicht hierher kommen könnte und ihn selbst zurückbringen. Zu einem wahrlich heißen Wiedersehen.
Kazari hatte den Fuß des Juwelenberges fast erreicht, als sie – und in der vollkommenen Stille besonders laut - hinter sich ein Donnern hörte. Der Taishō kämpfte. Sie sollte sich beeilen und ihm beweisen, dass er sie zurecht als Mutter für seinen Erben in Erwägung zog. Behutsam machte sie den Satz von der letzten Klippe hinab auf einen sandigen Boden, aus dem sich der leuchtende, wenngleich nur scheinbare, Fels erhob. Ja, das war nichts aus der Welt der Lebenden.
Mit der Mondmagie Steine abtrennen? Das klang einfach, war es jedoch nicht. Mutter hatte ihr beigebracht wie man damit Bannkreise ziehen konnte und immer wieder erwähnt, dass sei für die Verteidigung, nie für einen Angriff. So prüfte sie eine Weile hin und her, ehe sie herausfand, dass sie nur einen Bannkreis ziehen musste, dieser schnitt dann in das glänzende Gestein. Sie musste sich beeilen, sagte sie sich immer wieder vor und lauschte ohne sich umzudrehen angespannt auf weitere Geräusche, die ihr einen Kampf verraten würden und auch prompt kamen. Ja, diese Wachen hatten wohl den Daiyōkai überfallen und er hielt sie, wie zugesagt, von ihr ab. Er war zuverlässig und behandelte sie bislang zwar überraschend, aber ehrenhaft.
Hoffentlich würde es ihr gelingen ihm den Erben zu schenken, denn sie machte sich keine Illusionen. Er hatte gesagt und das ganz sicher auch gemeint, dass seine Familie an das höllische Schwert gebunden war, und, wenn es ihm nicht gelingen sollte das ins Jenseits zu befördern, dass sein Sohn dies tun sollte. Das hatte für ihn Vorrang vor allem – versagte sie in diesem Punkt … nun ja. Er war Clanherr, Daiyōkai und sie brauchte wenig nachzudenken, wie und wann er eine andere Hündin finden würde, die ihr Glück versuchen würde.
Ah.. fast hatte sie den Stein abgeschnitten, aber das war anstrengend. Immerhin. Brachte sie ihm das, so würde er sie doch erst einmal bevorzugen, oder?
Etwas schien ihren Oberarm zu streifen, fast wie Seide auf bloßer Haut. Noch während sie erleichtert den Stein aus dem Berg riss, warf sie einen Blick auf ihren Kimono.
Und erstarrte. Eine Schlange, kaum einen Meter lang, hatte sich darum gewickelt, und sie musste nicht lange nachdenken, was der Schmerz bedeutete, der jetzt sich an der Bissstelle ausbreitete, scharf, ätzend und ganz bestimmt giftig.
Instinktiv reagierte sie und schüttelte den linken Arm um das Reptil loszuwerden, während sie bereits nicht nur mehr ihre Mondmagie nutzte, sondern auch ihr volles Yōki aufrief.
Und dann sah sie auch, was oder eher wer ihr den unfreundlichen Gruß geschickt hatte. Zwanzig Meter vor ihr stand ein Mann im Sand, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Weiße, wellige Haare, aus der Stirn gehalten von einem goldenen Reif, der Oberkörper, ebenso wie das Gesicht seltsam gräulich, unbekleidet. Er hob soeben mit einen Lächeln die rechte Hand und die Schlange flog hinein. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie verschwand darin.
Kazari keuchte unter dem ungewohnten Schmerz, dem Gift, dass sich scharf in ihrem Blut bemerkbar machte. Aber sie durfte jetzt nicht aufgeben, ihren Ehemann enttäuschen. Sie musste den Stein für ihn sichern – und schickte ihn in die Magie, noch während sie sich ein wenig aufrichtete. In ihr herrschte die unklare Vorstellung, dass sie sich um keinen Preis vor diesem höllischen Schlangenbändiger demütigen würde, noch gar ihren Gefährten desillusionieren würde, der ihr doch solchen Vertrauensvorschuss gegeben hatte.
„Gift. Gegen mich?“ Es klang kühl.
„Gegen jedes Lebewesen, das lebt,“ erklärte der Unbekannte schlicht. „Bald bist du tot und dann gehörst du mir. Ich darf solche Leute immer mitnehmen.“
„Träum weiter.“
Sie benötigte einen Moment um zu verstehen, dass das zwar ihre Gedanken gewesen waren, sie aber von jemand anderem ausgesprochen worden waren, und sah mit gewisser Erleichterung den Daiyōkai vor sich landen, So´unga noch in der Hand, mit dem Rücken zu ihr. „Ich habe den Stein.“ Man musste dem Herrn melden, wenn man den Auftrag erfüllt hatte, so war sie erzogen worden.
Er wandte sich nicht um, als er kurz nickte. „Und Schmerzen. Höllenschlangen haben besonderes Gift.“
Das konnte sie bestätigen. Trotz aller dämonischen Energie und der Magie der Mondgöttin schmerzte es. Immerhin schien es ihr zu gelingen es in diesem Arm zu lassen, das Gift nicht durch den gesamten Körper strömen zu lassen. Das wäre wohl wahrlich fatal.
Nacht der Juwelen 3
E
s mochte das Gift sein, aber Kazari glaubte, dass ihr Blick zusätzlich verschwamm, als sie sah, wie der Taishō vor ihr mit einer raschen Bewegung seine Klinge senkte. Erst dann realisierte sie, dass der Höllendämon erneut mit seiner Schlange angegriffen hatte, diesmal gezielt auf ihren Gefährten, der diese förmlich zerteilt hatte. Und doch schien es ihr, als bewege sich noch etwas an dem Metall entlang, wurde rot, ehe es dort drin verschwand. Sie erkannte noch, dass So´unga ein weiteres Mal geschwenkt wurde, dann stieg Nebel vor ihren Augen auf und sie musste um ihre Beherrschung ringen. War das das Gift? Eigentlich spürte sie davon nichts mehr außer den Schmerzen im Arm, allerdings schien sie es mit der Magie übertrieben zu haben. Bemüht sich zu verteidigen hatte sie sowohl ihr Yōki aufgerufen als auch alle Macht der Mondgöttin, die sie besaß. Und diese so unterschiedlichen Zauberkräfte rieben sich nicht mehr aneinander, wie sie es kennengelernt hatte und womit sie gerechnet hatte, nein sie schienen sich zu bekämpfen, eine Art Wirbelsturm zu bilden, in ihrem Geist, aber auch in ihrem Körper.
Unwillkürlich stöhnte sie auf, als sie spürte, dass sie diesen Sturm schleunigst beherrschen musste, der so schmerzhaft an ihr zerrte.
Etwas legte sich um ihre Taille und sie wollte abwehren, erkannte dann, dass sie gehalten, gestützt wurde.
„Kazari-sama!“ Das klang besorgt. Der Taishō spürte in seiner eigenen Magie, dass da in seiner Gefährtin etwas von Macht entstand, gefährlich für sie. Er musste sie hier wegbringen, in die Welt der Lebenden. Was hatte diese Schlange da nur angerichtet? Ohne die schwankende Hundedame freizugeben schob er mit der anderen Hand sein Schwert auf den Rücken und suchte rasch die zweite Perle. Es war wichtig hier zu verschwinden. Einen neuen Angriff könnte er so nicht abwehren, zumal falls da noch mehr dieser Schlangenbeschwörer auftauchen sollten. Kazari war momentan keine Hilfe, eher in Gefahr. Und sie hatte ihm den Stein besorgt, der angeblich für oder eher gegen das Höllenschwert wirken sollte. Es war kaum ehrenhaft sie dafür hier sterben zu lassen, zumal sie sich offenkundig ihm gehorsam bis an den Rand der Erschöpfung gebracht hatte. Er sah sich hastig um ehe er die Perle warf. Nicht notwendig einen der Höllendämonen versehentlich mit zu nehmen.
Kaum mehr bei klarem Bewusstsein spürte Kazari wie sie freigegeben wurde. Mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung ließ sie den so mühsam errungenen Stein wieder erscheinen.
Der Taishō nahm es sofort, warf ihr einen besorgten Blick zu, ehe er sich dem Urheber dieses Missgeschicks zuwandte. „Hier, Tōtōsai. Und es wäre besser für dich, wenn das so nützlich ist, wie du sagtest.“ Die Kälte in seiner Stimme hätte jeden Fledermausdämon dazu veranlasst seine Höhle aufzusuchen.
An dem Schmied prallte das jedoch ab, zumal als er das Juwel in den Händen hielt und es fachlich, analytisch, musterte, mit funkelnden Augen und einer sichtbar werdenden Begeisterung.
Als sich Tōga wieder seiner Gefährtin zuwenden wollte, kam ein Einwand von anderer Seite: „Lasst sie nur, junger Freund. Ihr solltet wissen, was mit ihr geschieht.“
Der Taishō blickte zu dem Muschelyōkai. „Hōseki-sama?“ Hatte er etwas übersehen?
Der alte Daiyōkai sah zu der jungen Hundedame, die sich hingekniet hatte, das Gesicht dem fast hinter Wolken verborgenen Mond zugewandt, sichtlich um Beherrschung kämpfend. „Magie und Yōki. Ihr solltet es kennen.“
„Ihr meint...“
„Nun, ich weiß nicht, was Euch beiden dort drüben widerfahren ist, aber ja, ich meine, dass sie dabei ist sich in eine Daiyōkai zu verwandeln. Schmerzhaft und anstrengend, wie wir beide wissen. Und manchmal auch tödlich für die, die noch nicht wahrlich bereit waren.“
„Sie ist unerfahren!“
Erneut hob der Muschelgeist die Hand. „Mag sein. Aber Ihr müsst es geschehen lassen. Stört sie nicht in diesem Kampf. Ihr wisst es doch selbst, wie man um die Beherrschung der Magie ringt, mit den Stürmen zurecht kommen muss – und welche Schmerzen man hat. Ihr könnt ihr nicht helfen. - Ich wurde zum Daiyōkai nach langer, Jahrtausende währenden, Meditation mit der besonderen Magie, die in der Familie liegt. Ihr?“
Da Hōseki recht hatte ließ der Taishō zwar die Augen nicht von seiner Gefährtin, meinte jedoch: „Im Kampf nach dem Tod meines Vaters. Ich wollte ihn beschützen, zumindest seine Leiche nach Hause bringen, und musste mich nicht nur mit den Gegnern, sondern auch seinem Schwert auseinandersetzen.“
„Euer Wunsch zu beschützen zähmt auch So´unga nun. Es gibt einige Wege den Sprung zu schaffen, sehe ich. Der … nunmehr verstorbene Fürst tötete im Duell seinen Vater als er zum Daiyōkai wurde. Ich hätte angenommen, dass das in dieser Blutlinie liegt. Aber womöglich auch die Magie des Mondes, die Eure Gemahlin und auch Ihr tragen. Mondgöttin und Hölle? Wer weiß? Daran dachte wohl nie zuvor jemand. Ihr beide ward ja wohl am Rande des Jenseits.“
„Eine giftige Höllenschlange biss sie.“ War es das? Yōki, Hölle und der Wunsch etwas zu schützen? Aber Kazari hatte doch niemanden außer sich selbst? Dass sie IHN beschützen wollte nahm er jedenfalls nicht an. Sie war gezwungenermaßen seine Gemahlin, mehr nicht. Nur Yōki, Mondmagie? Beides war jedenfalls mächtig in ihr veranlagt. Und, wenn er seinen magischen Sinnen trauen durfte, erlebte sie gerade den gleichen Sturm wie er einst. Ja, Hōseki hatte recht, er durfte sie nicht stören. Sie musste die Ruhe im Wirbelsturm selbst finden. Alles andere würde sie eher umbringen. So sah er lieber beiseite, um nicht doch noch dem Wunsch nachzugeben sie in den Arm zu nehmen, zu halten, zu beschützen. „Kannst du damit etwas anfangen, Tōtōsai.“
Der Schmied atmete tief durch, ehe er antwortete. „Das ist … unglaublich. Oyakata-sama, ja, ich kann vermutlich damit etwas anfangen. Aber diese Magie, das ist … überwältigend. Ich werde einige Zeit benötigen um mich damit zu beschäftigen und auch alle Möglichkeiten zu entdecken. Denn damit darf kein Fehler passieren.“
„Es wird eine Klinge gegen So´unga.“ Das war scharf ausgesprochen.
Waren Hunde eigentlich selektiv taub? Aber das sagte Tōtōsai lieber nicht. „Ja, das sicher und … oder aber auch noch andere Möglichkeiten, die ich derzeit kaum abzuschätzen wage. Ich nehme den Stein mit nach Hause und werde suchen. In ihm und in mir.“
Das klang vielversprechend und so meinte der Taishō milder: „Dann gehe. Und sag mir, wenn du meinen Zahn benötigst.“
„Das wird ein bisschen dauern.“ Aber der Schmied war froh so entlassen zu werden und wickelte den kostbaren Stein in sein Gürteltuch, ehe er zu seinem dreiäugigen Ochsen ging. Erst, als der abhob runzelte er doch noch einmal die Stirn. „Da habt Ihr was missverstanden,“ rief er hinüber. „Mit der Magie von diesem Stein brauche ich mindestens zwei Fangzähne.“
Noch ehe sich der Herr der Hunde von dieser Nachricht erholt hatte, war der Ochse bereits außer Sicht.
Hoseki hörte den etwas zu tiefen Atemzug. „Nun, man muss ihm lassen, dass er offen ist. Und wohl auch sehr fähig.“
„Das hoffe ich. Für uns beide.“ Tōga sah wieder zu der Hundedame, die sich etwas beruhigt zu haben schien. Jedenfalls weniger Schmerzen hatte, wie ihr nun wieder vollkommen ruhiges Gesicht verriet. Er konnte wahrnehmen, dass ihr Yōki noch immer aufgewühlt war, sich noch nicht zu dem ruhigen Puls beruhigt hatte. Aber die Mondmagie ruhte nun ebenso milde in ihr wie die Strahlen eben dieser Scheibe silbern auf ihrem Gesicht und ihren Haaren, die sie seltsam unwirklich und unglaublich schön aussehen ließen.
Sie hatte es wohl fast geschafft. Damit wäre sie die einzige weibliche Hundeyōkai, die zur Daiyōkai geworden war, soweit er je gehört hatte. Weder seine eigene Mutter noch deren Zwillingsschwester hatten dies vermocht. Trotz des doch auch in ihnen liegenden Blutes. Lag es in dieser Linie wahrlich an der Verbindung in die Unterwelt? Oder hatte Hōseki recht, dass es sehr viele Wege dorthin gab, die aber eben durch Zufall beschritten wurden? Natürlich nur in den Familien, die sowieso bereits die Veranlagung hatten? In jedem Fall wäre Kazari als Daiyōkai, oder genauer, ihr Sohn und der seine, eine mehr als würdige Folge dieser Blutlinie. Denn, auch das hatte er nie gehört – ein Kind, das zwei Daiyōkai entstammte. Dazu womöglich ein wenig Mondmagie... ja. Vielleicht wäre das wirklich der Mann, der So´unga wieder in die Hölle schicken konnte, falls ihm selbst das mit der Klinge, die hoffentlich Tōtōsai anschleppen würde, nicht gelingen würde.
Kazari kam langsam wieder zu klarem Bewusstsein. Sie kniete hier, das Mondlicht verblasste, dort drüben befanden sich ihr Gefährte, der sie musterte, und dieser Muschelyōkai.
Sie kniete.
Unwillkürlich raffte sie sich auf um zu stehen, obgleich ihr die Beine den Dienst versagen wollten. Hinter ihr lag eine magische Kraftprobe. War das das Gift dieser Schlange gewesen oder schlicht die in ihrer Unerfahrenheit passierte Mischung zweier gegensätzlicher Magien? Der Taishō war mit einem Sprung bei ihr und fasste sie um die Taille. Instinktiv wollte sie sich wehren, aber natürlich besaß er das Recht. Und, hinzu kam, dass es sich gut anfühlte noch ein wenig gestützt zu werden. „Es geht mir gut,“ versicherte sie jedoch. Er wollte sicher keine schwächliche Mutter für seinen Erben.
Etwas wie ein Lächeln. „Ich gratuliere Euch. Ihr seid seit Jahrtausenden die erste weibliche Daiyōkai unseres Volkes. Und Eure Mondmagie war dabei gewiss hilfreich.“
Sie raffte sich auf. Ja. Der Mond ging unter und die Sonne auf.
Der Taishō gab sie sofort frei. Es war ihr unangenehm gestützt zu werden, vielleicht überhaupt berührt zu werden. Das sollte er berücksichtigen. Waren da nicht die ersten Anzeichen des Sonnenaufgangs? Er wandte den Kopf und sah so noch, wie Hōseki winkte, bevor sich die Muschel über ihm schloss und lautlos in das Meer glitt, ein wenig auf den Wellen tanzte, ehe sie verschwand.
„Kehren wir in das Schloss der Kraniche zurück.“
„Wie Ihr wünscht.“ Daiyōkai? So fühlte sich das an? Ihr Yōki schien heller zu brennen, mächtiger zu sein – aber auch ihre Sinne schienen geschärfter. Besser sehen, besser hören, besser wittern. Da er sich verwandelte folgte sie dem Beispiel und stellte überrascht eine weitere Änderung fest. Obwohl sie noch immer deutlich zierlicher war als ihr Gefährte war sie nicht mehr so augenfällig kleiner und hatte auch etwas wie ein Schulterfell, freilich eleganter, wie eine Boa. Hatte sie das auch in ihrer Menschenform? Sie hatte es jedenfalls noch nicht bemerkt. Aber gut, sie hatte kaum etwas bemerkt, erholte sich allerdings immer rascher von der magischen Probe.
Am Schloss der Kraniche verwandelten sich die beiden Daiyōkai zurück und stiegen wortlos die Treppe empor.
Der Taishō sah beiseite. „Zeigt mir noch das Zimmer des Hausherrn, dann erholt Euch ein wenig. Ich habe für den Abend Mitglieder des Clans herbefohlen um uns anzuzeigen und die Anzahl der Krieger und Schreiber sowie Eurer Hofdamen bestimmen zu können.“ Und damit das Ausmaß des künftigen Schlosses.
Planen konnte er, dachte Kazari und nickte gehorsam, ihre neue Boa, die sie tatsächlich auch in ihrer Menschenform besaß, enger um den Hals drückend. Ein Statussymbol. Oder hatte das auch eine tatsächliche Bewandtnis? „Folgt mir. Ich war selbst natürlich dort noch nie, aber ich weiß, wo die Räume liegen.“ Sie hatte ihm eine Anordnung erteilt, aber er schien das nur als Antwort auf seine Aufforderung zu betrachten.
„Wie alle Zimmer sind sie auch nicht eingerichtet.“ Das war verständlich, notwendiges Mobiliar wurde mitgenommen falls man reiste. Wenn es denn überhaupt notwendig war. Nun ja, bei den Damen und ihrer Garderobe, aber auch Papieren und kleine Schreibpulte.
„Ja, Tōga-sama.“
Erst als sie allein im Frauentrakt stand und noch immer die ungewohnte Wärme der Boa fühlte, wurde ihr bewusst, dass sie absolut keine Ahnung hatte was mit diesem Teil los war. Auch als sie ihre Magien befragte konnte sie nichts herausfinden. Überdies kam ihr die Erkenntnis, dass sie, gleich, wie seltsam ihre Hochzeitsnacht abgelaufen war – denn sie nahm kaum an, dass eine Reise an den Rand des Jenseits immer dazu gehörte – dennoch unberührt war. Und, dass das durchaus für sie schädlich werden könnte. Ihr Ehemann mochte das, nach ihrem neu gewonnenen Verständnis, aus Rücksicht tun, er wusste sicher, wie schwer das Ringen um die Magien und der Sprung zum Daiyōkai war. Allerdings würde das die Clanmitglieder heute Abend eher fragen lassen, was an ihr falsch war, so falsch, dass sie verschmäht wurde und offenkundig nicht als Mutter des Erben in Frage kam. Der Status einer Frau hing daran, ob und wie oft ihr Gemahl sie rufen ließ, ob sie einen Sohn zur Welt brachte. Da konnte schnell im Interesse des Clans eine andere Gefährtin für den Herrn präsentiert werden.
So dachte sie nach. Unaufgefordert durfte keine Frau in das Zimmer ihres Ehemannes gehen. Aber die Frage nach der Boa wäre doch gut, wenn sie beteuerte, dass sie nur wissen wollte, wie sie vor dem Clan damit agieren sollte. Und dann würde doch wenigstens der Hauch seiner Witterung an ihr hängen, sie erst einmal schützen, wenn sie ihm in der nächsten Nacht versichern würde, dass sie sich erholt habe...
Ja.
Sie streckte den Rücken durch. Das war nichts anderes als bei der Schriftrolle über Spione, die sie, naja, entliehen hatte. Sie konnte selbst etwas bewirken und sie sollte es in ihrem ureigensten Interesse auch versuchen.
Sie spürte dennoch wie ihr Herz schlug als sie jenseits des Ganges an das Holz der Schiebetür pochte. Lächerlich. Ihr Yōki flackerte in dieser neuen Macht und ihm war das sicherlich bewusst. Nun ja, sie sollte hoffen, dass er sie für die Frage nicht bestrafen würde, allerdings hatte er ihr ja versprochen, dass sie ihm unter vier Augen jede Frage stellen dürfte.
„Kazari-sama.“ Leichte Verwunderung klang aus seiner Stimme. „Kommt nur.“
So schob sie die Tür beiseite und trat mit einer formellen Verneigung ein. Tatsächlich versuchte sie somit ihre gewisse Irritation zu verbergen. Seine höllische Klinge lag abseits, spürbar unter Bannkreisen, er hatte Armschoner, Hüftdeckung und Schulterschutz seiner Rüstung abgelegt, so dass sie sehen konnte, dass Vorder- und Rückenpanzer an breiten Lederriemen an seinen Schultern hingen, er diese soeben abstreifte und zu Boden gleiten ließ.
„Ihr wünscht?“
Eine eigenartige Frage für einen Ehemann, dachte sie wieder. Und, Feldherr hin oder her, seine Rüstung war eindeutig darauf ausgelegt, dass er sich alleine auskleiden konnte. Immerhin, so sah sie im Aufrichten, war unmissverständlich zu erkennen, dass seine gegabelten Fellteile aus seinen Schultern wuchsen. Guter Grund für ihre Frage. So hob sie ein wenig die Boa an. „Sie liegt an mir, ist jedoch nicht angewachsen, schon gar nicht gegabelt wie bei Euch. Bedeutet das etwas?“
Sie hatte sich in sein Zimmer gewagt um ihn etwas zu fragen. Sie begann ihm wirklich zu vertrauen. Tōga unterdrückte seine Freude um sachlich zu bleiben. „Ja und nein. Ich … bei mir wuchsen die Felle aus meinen Schultern, als ich zum Daiyōkai wurde, auch bei Eurem Vater war ein Teil angewachsen, ja. Warum dies bei Euch anders ist ...womöglich ein Unterschied zwischen Männern und Frauen? Es gab seit Jahrtausenden keine weibliche Daiyōkai unseres Volkes. Ich kann Euch nur sagen, dass es wichtig ist sie bei Euch zu behalten. Darin steckt ein gut Teil der Energie, die man bei der Verwandlung zusätzlich erhalten hat. Es handelt sich um, nun, bei mir, um einen Teil meines Körpers, der auch nur so diese zusätzliche Macht verarbeiten kann. In Eurer Hundegestalt bauschte sich nun auch mehr Fell.“
Sie neigte dankend den Kopf. Er nahm sich tatsächlich für ihr Anliegen Zeit, hörte zu und antwortete. Vermutlich meinte er alles wirklich so, wie er es gesagt hatte und sie konnte das Schloss, wenn selbstverständlich auch in Absprache mit ihm, selbst umbauen lassen. Und, unglaublicherweise, war sie durch ihn zu einer Daiyōkai geworden, denn ohne seinen Einfall sie mitzunehmen wäre das sicher nicht geschehen. So fasste sie den Mut eine weitere Bitte auszusprechen. „Wenn die Clanmitglieder heute Abend erscheinen, werden sie feststellen, dass ...nun, dass Ihr... Darf ich bei Euch bleiben um ein wenig Witterung aufzunehmen?“
„Wenn Ihr das wünscht. - Ich gebe nur zu, dass ich mich hinlegen möchte.“
Sie sah zu ihm auf. Auch in dieser Form war er viel größer als sie, immer noch. „Das könnte ich auch, falls es mir möglich wäre Obi und Kissen abzunehmen.“
„Oh. Das könnt Ihr natürlich nicht allein. Darf ich...?“
Er fragte. Obwohl er jedes Recht hatte mit ihr zu tun, was immer ihm beliebte. Selbst sie zu töten. Sie drehte sich wortlos um, spürte, wie sich der Obi löste, dieser und ein Kissen ihr in die Klaue gedrückt wurde, und atmete tief durch. Auf einem Sessel dort draußen zu sitzen, über das Land zu sehen und keinen breiten und steifen Obi zu tragen, nur einen Gürtel... wäre das möglich? Sie sollte behutsam vorgehen und ließ sich auf die Knie nieder um Kissen und Stoff abzulegen. „Bitte zweifelt nicht an meinem Willen Euch einen Erben zu schenken,“ sagte sie leise. „Ich mag unerfahren sein und viel lernen müssen. Aber ich will und werde Euch eine würdige Gefährtin sein.“
„Steht doch wieder auf, Kazari-sama.“ Es war irgendwie falsch, wenn sie so zu seinen Füßen kniete, ihrer nicht würdig. Zu seinem Erstaunen gehorchte sie nicht, sondern drehte sich mit einer Bewegung.
Ihre Boa glitt zu Boden, in der weiteren Drehung legte sie ihren Kopf darauf. „Zweifelt nicht an meinem Willen,“ wiederholte sie, als sie zu ihm aufsah. Ohne diese Rüstung wirkte er viel schmäler und viel weniger bedrohlich. Sie spürte, wie ihre vorletzte Angst schwand. Nein, er würde sie nicht töten, nicht einmal ihr weh tun. Das Letzte, was blieb, war das Unbekannte.
„Ihr hattet eine anstrengende Nacht.“ Aber er ließ sich auf die Knie neben ihr nieder. Dieses Angebot konnte er nicht ablehnen ohne sie tief zu verletzen. Allerdings sollte er berücksichtigen, was sie in den vergangenen Stunden durchgemacht hatte. Inklusive ihrer offenbar sehr restriktiven Erziehung.
„Ich bin eine Daiyōkai.“
Da hatte sie allerdings recht. Dennoch achtete er auf ihren vermutlich noch immer verletzten Arm, als er sich zu ihr legte.
Tag des Erben 1
D
as Heer des Westens kehrte langsam nach Richtung Süd zurück. Niemand, nicht einmal die anwesenden Clanherren, hätten es gewagt an dem Daiyōkai, dem Inu no Taishō und Herrn des Aotsuki-Clans vorbeizugehen, der seinen Rang und Titel gerade nur zu gut bewiesen hatte, oder auch nur aufzuschließen.
Tōga war froh darum. Das Duell gegen diesen Mottenherrscher vom Festland hatte ihn nicht nur an den Rand seiner Fähigkeiten, sondern auch an den Rand seiner Kräfte gebracht. So hoffte er, dass alle seinen nur scheinbar gelassenen Gang seinem Rang und nicht seiner Müdigkeit zuschreiben würden. Hund gegen Motte, ja, und er hatte nicht geglaubt, wie hart das werden konnte. Um ein Haar hätte er, der ganze Westen, verloren. Dass dem nicht so war, hatte er seinem treuen Myōga zu verdanken. Der kleine Flohgeist hatte zwar geschluckt, als er ihn auf Spionage geschickt hatte, sich jedoch nicht verweigern können.
Diese Motten waren mit einer kompletten Flotte im Westen angelandet. In dem Gebiet, in dem vor fünfhundert Jahren diese Brutmutter der Drachen gelebt hatte und das heute von Akiyama von den Kitsune von Akita mit betreut wurde. Betreut, denn dort lebte kein Yōkai, der einem Clan zugehörig war. Kaum verwunderlich, dass dieser mit seinen kompletten Kriegern dabei war, ebenso Ren Okami. Auch der Wolf des Nordens saß mit seinem Clan recht nahe an der Invasion. Keiichi von Amida hatte zwar auch zwanzig Mann gestellt, der kleine Clan hatte eben nur wenig, aber der Herr selbst war zu alt geworden um noch kämpfen zu können. Bald würde das Erbe sicher weitergegeben. Auch die Hunde der Ohiro, unter der Führung ihres nunmehrigen Clanherrn, einem ehemaligen General namens Fujitsu, waren mit zwei Dritteln der Krieger erschienen. Jedoch hatten sich auch die Familien des Südens, inklusive der Katzen, der Aufforderung nicht verweigert und Krieger gesandt. Shinji hatte Falken und Adler geschickt. Die Allianz bestand noch immer.
Nun ja, er hatte seine eigenen Krieger von den Aotsuki ebenso mitgeführt. Dennoch hatten sie sich gewundert, wie viele dieser Motten in Schiffen über das Meer gekommen waren, die sich bei ihrer Ankunft bereits in Schlachtordnung aufgestellt hatten.
Bevor er, wie er als doch erfahrener Feldherr mittlerweile, sich jedoch daran machte diese Ordnung mathematisch zu betrachten, hatte er Myōga los gesandt. Vielleicht wäre es einfacher und damit lebensschonender für die, die ihm folgten, wenn er ein Duell mit ihrem Anführer verlangte. Er war hier der einzige Daiyōkai, der Stärkste im Westen, und die Kriegerehre verlangte, dass er voran ging, die anderen schützte.
Sein kleiner Berater war schon nach kaum einer Stunde hektisch zurückgekehrt, sicheres Zeichen, dass er etwas Wichtiges erfahren hatte.
Und wie wichtig.
Anführer der Inyasionsarmee war Hyōga. Ein Name, der keinem etwas sagte, aber der Flohgeist hatte zwei Wachen belauschen können, von denen ein Krieger den Anderen damit aufgemuntert hatte, dass eben dieser Hyōga unbesiegbar, weil unsterblich, sei. Auf Nachfrage hatte der erläutert, dass diese Familie seit Jahrtausenden regierte und bei jedem Tod eines Hyōga, was wohl der Titel war, die Macht und Kraft aller Ahnen auf den Nächsten der Blutlinie übergehen würde.
Kurz, selbst, wenn er selbst das Duell gewann, würde er sich dem Thronfolger und neuen Hyōga mit dessen Macht und der all seiner Vorfahren gegenüber sehen.
Unmöglich zu schaffen.
So war nur ihm nur eine logische Alternative geblieben. Das Duell versuchen, aber nicht um zu töten, sondern um zu versiegeln, diesen Hyōga schlafen zu schicken. Solange der lebte konnte weder die eigene noch die Macht der Vorfahren auf die nächste Generation übergehen. Eine Falle, ehe die Heere womöglich doch aufeinander prallten.
Ein wenig abseits hatte er die Falle gebaut, ein Loch aus Mondmagie um eben mit dieser versiegeln zu können. Er besaß weitaus weniger als Kazari, aber das musste eben reichen.
Nun ja, hatte es auch, aber der Kampf gegen den Mottenherrn, nicht zuletzt dessen Gift, hatte ihn alles an Magie und Yōki gekostet, was er besaß.
Er brauchte eine Pause. Immerhin hatten sie nun das Gebiet der Ohiro erreicht. So blieb er stehen und wandte sich um.
„Ich danke den Clanherren, die hier sind, aber auch allen anderen, dass die Allianz erneut standgehalten hat. Kehrt nun nach Hause zurück. - Danke an Euch, Akiyama und Ren, im Speziellen, dass Ihr persönlich anwesend ward, ebenso Euch Fujitsu von den Ohiro.“ Dieser hatte als Hund zwar praktisch müssen, aber es war besser höflich zu bleiben.
Während sich zwei der Angesprochenen verneigten und die meisten Krieger bereits zum Abmarsch drehten, blieb der Wolf des Nordens noch stehen.
Daher hob der Taishō fragend eine Braue, sagte jedoch nichts. Er war müde und wollte seine Ruhe. Es wäre freilich mehr als ungeschickt gewesen den stolzen Clanherrn zu beleidigen.
Ren Okami musterte ihn kurz, ehe er nickte. „Ich gebe zu, dass ich Euren Plan erst verstand, als ich die Magie spürte, die Ihr aufrieft. Natürlich. Nachdem, was Euer Berater berichtete, wäre es töricht und sinnlos gewesen diesen Hyōga umzubringen. Ihr seid, aber das habt Ihr durchaus schon bewiesen, wirklich ein guter Stratege. Ihr habt unseren Lehrern offensichtlich besser zugehört als ich.“
Ein unerwartetes Eingeständnis. Der Herr der Aotsuki neigte den Kopf ein wenig dankend. „Ein Lob, das mir umso mehr schmeichelt, als ich weiß von wem es kommt.“
„Ich kehre nach Hause zurück mit meinen Kriegern. Immerhin steht Familienzuwachs in Haus.“ Der Wolf lächelte fast. „Meine Tochter, die mit einem meiner Berater verheiratet ist, erwartet Nachwuchs. Nun, wenn es ein Junge ist, werde ich mir erlauben, ihn nach Euch zu benennen. Obwohl Tōga kein wölfischer Name ist. Allerdings Kōga. Nun, wir werden sehen. Und wir werden uns wieder sehen, Taishō.“
„Danke. Für alles, Ren-sama.“
Langsam ging der Daiyōkai weiter nach Süden, gefolgt von seinen Kriegern, die er mit Betreten des Clangebietes ebenfalls entließ und nur diejenigen mitnahm, die am Schloss stationiert waren. So. Ren wurde Großvater. Das erinnerte ihn daran, dass er noch nicht einmal Vater geworden war. Aber nun ja. Fünfhundert Jahre Ehe waren keine sehr lange Zeit im Leben eines Hundeyōkai und weder er noch gar Kazari waren zu alt dazu, doch noch die Hoffnung erfüllt zu bekommen.
Immerhin hatte vor gut hundert Jahren, endlich, musste er sagen, Tōtōsai das Schwert geschmiedet, das er hatte haben wollen, auf der Grundlage zwei seiner Fangzähne. Sicher, sie waren nachgewachsen, aber das war eine überaus unangenehme Prozedur gewesen, für beide Seiten, wie er zugab. Immerhin hatte sich der Schmied dazu in den geöffneten Rachen eines Riesenhundes stellen müssen und allen Zweien war bewusst gewesen, dass Yōkai in ihren wahren Formen eben auch mehr den tierischen Instinkten unterlagen. Jetzt war es immer noch bei dem etwas schrulligen Genie. Er hatte Tōtōsai allerdings schätzen gelernt. Obwohl dieser ruppig wirkte – er war vermutlich der beste Schmied unter allen Lebenden, offenherzig, aber eben auch loyal zu ihm selbst. Er war sich mittlerweile sicher, dass dieser ihn nie betrügen würde. Momentan lag die Klinge, die noch keinen Namen hatte, aber Tōtōsai hatte etwas von „saiga“, also Fangzahn erwähnt, noch bei diesem, denn der wollte noch so den einen oder anderen Kniff mit hinein schmieden. Sie hatten lange darüber gesprochen, aber laut dem Schmied war der Stein aus der Unterwelt dermaßen magisch, dass man dessen Mächte auch überaus sorgfältig verwenden konnte, ja, sollte, um nicht plötzlich ein zweites So´unga zu erhalten. Ja, einen Teil dieses Steins würde er lieber behalten und nie in das Schwert hineingeben.
So´unga kennend hatte er zugestimmt und sie hatten fast tagelang diskutiert, welche Eigenschaften es haben sollte, - und, was man mit dem übrigen Stein anfangen könnte, der ja auch irgendwie versiegelt werden musste.
Was zu etwas anderem führte. Vor ihm lag das Schloss, das er nun bewohnte mit seiner Gefährtin. Kazari hielt, was sie ihm in der Hochzeitsnacht gesagt hatte: sie war eine würdige Gefährtin, organisierte das Schloss, hatte dessen Umbau geleitet und sorgte für strenge Disziplin. Er konnte sich gut mit ihr austauschen, solange es um Politik und Verwaltung ging. Aber dennoch fehlte etwas – und das war nicht nur der Erbe. Sie gab sich Mühe, war tadellos, aber manchmal … Er hätte nicht sagen können, was ihm fehlte. Sie wusste allerdings offenbar um diese Tatsache, denn ihm war durchaus einmal aufgefallen, dass eine junge Hundedame mit der er sich länger unterhalten hatte, bei seiner nächsten Heimkehr nach Hause zurückgekehrt war – nicht die Einzige. Und Kazari selbst umgab sich nur mit älteren, verheirateten Frauen. Er kannte ihre Sorge. Bekam eine andere Frau einen Sohn, einen Erben, vor ihr, war sie wertlos, ihr Leben wertlos. Kein Wunder, dass sie versuchte jede Gefahr für sich aus dem Weg zu räumen. Dabei schien sie völlig zu verkennen, dass ein Sohn einer Daiyōkai immer ranghöher war als der einer gewöhnlichen Yōkai. Dennoch: natürlich, so fern es ihm auch lag, hätte er sie wegschicken können, ihr damit jede Möglichkeit nehmend auch noch ein Kind zu bekommen. Doch darüber sprachen sie nie. Sie war schön und aus Eis wie die Mondsichel. Ja, der kami der Kaseke hatte damals schon recht gehabt, als er ihm das Bild sandte. Nur manchmal taute sie im Gespräch mit ihm etwas auf, oder auch bei anderen Dingen.
Nun ja. Es war wie es war. Er hatte eine magisch hochtalentierte Daiyōkai an seiner Seite, die ihre Fähigkeiten mit jedem Jahr zu steigern vermochte und die einen starken Sohn bekommen konnte. Das war doch der Sinn einer solchen Ehe.
Ah, sie erreichten jetzt den Bannkreis, den Kazari stets um das Schloss legte, wenn er und das Heer abwesend waren. Er konnte wahrnehmen, dass sich die Magie darin nochmals verstärkt hatte. In der Tat, langsam würde es für alle außer Clanmitgliedern, sehr schwer werden hier durch zu gelangen. Nun, er war da und damit würde sie auch den Zauber aufheben, Boten zu ihnen gelangen können. Vielleicht sollte er sie darauf hinweisen, dass sie einige Wachen Streife laufen lassen sollte, wenn sie allein war, um eben Nachrichten auch erhalten zu können. Man wusste ja anscheinend nie, was passieren konnte. Mit Motten vom Festland hatte jedenfalls niemand gerechnet, eher mit den Panthern, die sich allerdings auch schon vergeblich bemüht hatten. Die Allianz hielt und der Herr der Hunde hoffte, dass bis zu seinem Tod auch alle Hundeartigen sich freiwillig unter seinem Banner versammelt hatten, vielleicht würde dann sein Sohn Herr des Westens werden können.
Zunächst freilich sollte er dieser Tage mal wieder Tōtōsai aufsuchen, um nachzufragen, was eigentlich jetzt mit diesem Schwert wäre.
Ja, das Schloss. Seltsam, wie vertraut es sich nach kaum fünfhundert Jahren anfühlte. Es war jetzt deutlich größer, hatte nach hinten ein Empfangsgebäude bekommen und auch einen Garten. Er hatte Kazari freie Hand gelassen und sie hatte ihn auch nicht enttäuscht. Seltsamerweise hatte sie ihn nur darum gebeten noch einmal in die Burg der Ohiro zurückkehren zu dürfen. Da er annahm, sie wolle einige Kleider und persönliche Dinge holen, hatte er es bewilligt. Tatsächlich war sie prompt zurückgekommen, nur eine Kiste dabei, aber eine Buchrolle, die sie unverzüglich in ihr Zimmer mitgenommen hatte. Erst einen Tag später hatte sie sie ihm gezeigt. Die Rolle der Spione? Er war überrascht gewesen, dass sie sich damit beschäftigt hatte – und vor allem, dass ihr Vater ihr das erlaubt hatte. Kazari war tatsächlich etwas verlegen geworden, etwas, von dem er sicher war, dass das nur er zu sehen bekommen würde, und hatte gestanden, dass sie es sich ausgeliehen habe. Es sei ihr Lieblingsbuch. Nun, nichts, was ein Kriegsherr nicht verstehen konnte.
Ja, da war sie. Wie immer saß sie auf diesem Sessel auf der Terrasse, in der blauen Robe, die ihr so gut stand, und sah ins Land. Daneben allerdings befand sich ein Podest auf dem sein eigener Hocker stand. Es wäre definitiv nicht angegangen, dass sie sich über ihn erhob.
Kazari sah die Krieger kommen, ihren Gefährten an der Spitze, und erhob sich, ehe sie zwei Schritte nach vorne machte. Es ziemte sich den Herrn des Clans, den offenbar siegreichen, auch entsprechend zu begrüßen. Zumal, wenn sie Nachrichten für ihn hatte, von dem sie bei wenigstens einer nicht wusste, wie er sie aufnehmen würde. Dieser törichte Schmied … Wahrlich, sobald ihn der Taishō nicht mehr benötigte, würde sie den allein wegen seiner Impertinenz der Unterwelt aufhalsen!
Er stieg die Treppe empor, nachdem er die Krieger mit einer Handbewegung entlassen hatte und sie verneigte sich höfisch, wie alle anderen im Umkreis, diese allerdings deutlich tiefer.
„Ihr könnt den Bannkreis aufheben, Kazari-sama. Die Gefahr ist vorüber.“
„Und Ihr habt sie beseitigt, mein Gebieter.“ Sie richtete sich auf und blickte zu ihm empor. Er sah soweit unverletzt aus, aber seine Mondmagie war fast verschwunden. Was war denn da geschehen? Auch sein Yōki schien schwach. Nun, er würde es ihr erzählen, aber hier in der Öffentlichkeit nachzufragen wäre mehr als unhöflich gewesen. „Darf ich Euch in Euer Arbeitszimmer begleiten?“
Er winkte nur.
Natürlich. Nach den doch Jahrhunderten Ehe wusste er, dass sie Nachrichten für ihn hatte. In der Tat, ein gewisses Verständnis für sie hatte sie ihm noch nie absprechen können und das unterschied ihn doch gewaltig von anderen Ehemännern, was sie so manchmal hörte. Gleich, wie dieser Brief dieses törichten Schmiedes ausgefallen war, so würde er es nicht sie entgelten lassen. Er trennte immer Boten und Botschaft, was sie fast dazu gezwungen hatte dies auch zu tun, im Gegensatz zu ihrem Vater. Aber sie gab zu, dass es effektiv war. Man bekam eher wahrheitsgemäße Auskünfte.
Im Arbeitszimmer des Hausherrn ging dieser zwar an dem kleinen Schreibpult vorbei, blieb jedoch stehen und musterte seine Gemahlin, die die Tür zuschob. Im Vorraum befand sich niemand und sie meinte gesehen zu haben, wie dieser lästige kleine Floh dort von der Schulter seines Gebieters abgesprungen war. Immerhin scheute sich dieser in ihrer Gegenwart zu sein – was auf einen gewissen Überlebensinstinkt hindeutete. Noch jemand, den allein seine Nützlichkeit für ihren Gefährten vor einem raschen Ende bewahrte. Sie zog einen Brief aus dem Ärmel.
„Der Schmied war da. Da Ihr abwesend wart, verlangte er Papier und Feder und schrieb Euch. Dann verlangte er ein Siegel.“
Der Taishō schloss daraus, dass der durchaus magiekundige Tōtōsai uneingeladen durch den Bannkreis gelangt war und nahm die Rolle, während er seine Gefährtin musterte, ehe ein Lächeln um seinen Mund zuckte. „Da er wohl noch lebt sollte ich Eure Selbstbeherrschung bewundern.“
„Ihr sagtet Ihr benötigt ihn.“
„Und Ihr wisst wozu.“
In der Tat und so wartete sie schweigend bis er wieder aufsah. Immerhin schien er nicht ärgerlich.
„Interessant,“ war sein Kommentar. „Tōtōsai schreibt, er habe gehört, dass im Norden jemand existiere, der ein höllisches Schwert sein eigen nennt. Ein gewisser Shishi oder so ähnlich. Er vermöge es jedenfalls mit seiner Klinge einen direkten Pfad in die Unterwelt zu bahnen und so Leute lebend in das Meidō zu senden.“ Einen Teil der Unterwelt.
Nun, das dürfte diesen Leuten weniger gefallen, aber … Oh. Natürlich. Ein höllisches Schwert. Noch eines? „Er empfiehlt Euch nachzusehen?“
„In der Tat. Mit der neuen Klinge, die nun auch die Fähigkeit besitzt, andere Fähigkeiten von anderen Schwertern zu übernehmen. Hm.“ Er warf das Papier achtlos in eine Feuerschale.
Er war zu sehr Stratege um nicht wirklich interessante Briefe zu verbrennen. Bei ihm taten sich Spione aller Arten schwer, wie sie zugab. Selbst sie. Er erzählte ihr sehr viel, aber was er nicht mitteilen wollte würde sie auch nie erfahren.
„Nun?“
„Tōga-sama?“ Sie war wirklich einen Augenblick lang verwirrt, ehe ihr bewusst wurde, dass er sie stets genau beobachtete. Analyse gehörte bei ihm immer dazu, wohl eine Eigenschaft, die er aus Kämpfen bewahrte. Er bestätigte diese Vermutung auch prompt.
„Ihr habt noch eine Nachricht?“
Sie richtete sich auf. „Ich bin verpflichtet Euch mitzuteilen, dass ich schwanger bin.“
„Habt Ihr um einen Heiler gesandt?“
Natürlich. Er nahm an sie könne sich irren. „Ja, er bestätigte mir, dass ich im dritten Jahr sei.“ Sie sollte ihm gegenüber wohl lieber nicht erwähnen, dass sie zu dem Heiler gesagt hatte, wenn das kein Sohn würde, würde sie dem die Schuld geben und ihn umbringen. „Er teilte mir mit, dass ich wohl in dreißig Jahren einen Welpen bekommen würde.“
Dreißig Sommer, oder eher dreiunddreißig, in denen das Kind am Yōki der Mutter zehrte. Kein Wunder, dass die meisten Frauen baten kein zweites bekommen zu müssen. So lächelte er. „Das ist eine sehr schöne Nachricht, Kazari-sama. Passt gut auf Euch und ihn auf.“
„Ihn?“ Ohje. Und wenn das ein Mädchen wurde?
Diesmal zeigte er die Fangzähne. „Nun, ich glaube weder Ihr noch ich eignen sich für Mädchen.“ Er wollte sie beruhigen. Denn falls das ein Mädchen würde – nur ein Sohn konnte den Clan erben, nur ein Sohn Kriegsherr werden – zumindest in einem Hundeclan. Bei Katzen sah das schon mal anders aus, ebenso bei Vögeln. Das würde für sie eine zweite Schwangerschaft bedeuten und sie wusste um das Schicksal ihrer Mutter. „Dann geht und tut, was Ihr mögt. Und sagt, was Ihr wünscht,“ ergänzte er. „Ihr tragt den Erben des Clans.“
Tag des Erben 2
D
er Herr der Hunde kehrte wieder einmal zu Tōtōsai zurück. Allerdings waren diesmal zwei Dinge anders – er kam, um Myōga abzuholen, da er zum Einen gewollt hatte, dass sich die Zwei kennenlernten, zum Anderen war er noch nie so zufrieden aus einem Kampf gekommen. Letzteres gleich wieder aus mehreren Gründen. Nicht nur, dass Tessaiga gehalten hatte was der kauzige Schmied versprochen hatte, sondern es war ihm selbst aufgefallen, dass etwas anders war. Und er hatte bereits auf dem Hinweg grübeln müssen, was das war, ehe er erkannte, dass So´unga bemerkenswert still war. Selbst in sein Duell gegen diesen Shishinki hatte es sich nicht eingemischt, weder in Worten noch in dem Versuch ihn zu beeinflussen. Und das konnte, musste, bedeuten, dass tatsächlich der Einfluss dieser Klinge den Höllendrachen entweder schweigen ließ oder auch schwächte. Tōtōsai hatte wahrlich gute Arbeit geleistet. Nun, hoffentlich würde der das auch nun weiterhin tun.
Er hatte gegen einen anderen Daiyōkai selten bislang mit dem Schwert gekämpft, aber dieser Shishinki war schon ein Kaliber für sich. Der hatte es irgendwie mit seiner Klinge vermocht ein schwarzes Loch ins Nichts zu schlagen – und für den Besitzer eines Schwertes, das in der Unterwelt geschmiedet worden war, war nur zu deutlich gewesen, dass die Kälte, die diesem schwarzen Loch entströmte, die des Jenseits war. Die Gerüchte stimmten, dieser Kerl konnte einen direkten Pfad in das Meidō schlagen. Zu gefährlich für diese Welt. Nun gut. Mit Hilfe von Tessaigas Fähigkeit, die magischen Fähigkeiten anderer Schwerter aufzunehmen, war es ihm gelungen Shishinki seinerseits damit anzugreifen. Logischerweise, da er es noch nie getan hatte, war es nur ein sehr kleines Loch geworden, hatte jedoch ausgereicht, seinem Gegner den halben Kopf zu kosten und den spurlos verschwinden zu lassen. Wahrlich eine höllische Waffe.
Jetzt, quasi auf dem Heimweg zu Tōtōsai, überlegte er wieder. Die Warnung des Meisterschmiedes, dass letzten Endes aus solch einer Klinge nicht nur ein Gegenpart für So´unga entstehen könnte, sondern sogar eine ebenso mörderische Waffe, schien sich zu bewahrheiten.
So sehr es ihm auch widerstrebte den derart gewonnenen Vorteil wieder aus der Hand zu geben, so musste er doch zugeben, dass dieser Recht hatte. Kein einzelnes Schwert sollte und durfte der Hölle standhalten, aber zwei, gemeinsame. Zwillingsschwerter, war der Vorschlag gewesen, und nun, mit dem Pfad in die Hölle ausgestattet, war es wohl erst recht notwendig.
Mit gleich drei Waffen herumzulaufen missfiel ihm zwar, aber die Notwendigkeit lag offen auf der Hand. Und er war zu nüchtern das nicht zu sehen.
Vielleicht fand er doch einen Weg um eine der Klingen loszuwerden und er wusste auch genau welche. Nun, wenn nicht er, so doch womöglich sein Erbe. Ah, davon sollte er Kazari in Kenntnis setzen. Wer, wenn nicht sie, würde für ihren Sohn sorgen können, falls ihm selbst doch etwas vor der Zeit zustieß – ein allzu seltenes Schicksal für den Träger So´ungas, dessen Stille wirklich zum genießen war. Selbst Saya, der kleine Geist der Scheide hielt den Mund, schlief vielleicht auch einmal. Ja, Kazari. Hm. Sie hatte bereits bewiesen, dass sie mit dem mächtigen Stein aus dem Juwel umgehen konnte. Warum nicht? Ein Schmuckstück für sie, als Dank für die - hoffentliche – Geburt eines Erben und gleichzeitig eine mächtige Waffe für sie. Darüber sollte er doch noch einmal mit Tōtōsai reden.
Den restlichen Weg zu dem Vulkan auf dem der Schmied hauste, kurioserweise in einem Walskelett, verbrachte der Taishō damit seine Pläne noch einmal von allen Seiten zu beleuchten – und sich Tōtōsais Ratschläge dazu noch einmal genauer anzuhören. Bislang hatte der ihm guten Rat gewusst. Vielleicht auch ein Gespräch mit Bokuseno?
Myōga war selbstverständlich froh, dass er wieder mit seinem Herrn vereint war, dass der ein weiteres Duell gewonnen hatte, noch dazu mit solchen Folgen, die ihm bei dem abschließenden Gespräch zwischen dem Taishō und dem genialen Schmied buchstäblich die Ohren hatte schlackern lassen. Natürlich hatte er angenommen, dass Tōtōsai ein fähiger Schmied war, wenngleich auch angenommen, dass der dazu neigte sich ein wenig zu wichtig zu nehmen, aber was da an Möglichkeiten, sei es in Magie oder Schmiedekunst, diskutiert worden war, war schlichtweg unglaublich gewesen. Zwei Schwerter wie So´unga? Nein, danke. Zwei Schwerter gegen So´unga, besser, wenngleich da eines davon dann mit dem Pfad in die Hölle, genauer ins Meidō, ausgestattet werden würde. Zu allem Überfluss hatte der Herr noch ein Juwel aus dem restlichen Stein aus dem Jenseits angeordnet. Und dieser dämliche...
Nun ja, Tōtōsai war wohl nichts anderes übrig geblieben als das geforderte Schmuckstück zuzusagen. Der Herr mochte durchaus tolerant wirken und es oft auch sein – kein Daiyōkai akzeptierte ein Nein als Antwort. Leider bedeutete das, wenn es ein Flohgeist so recht überschauen konnte, dass bei Geburt eines Sohnes der … naja, eben Kazari-sama eine Kette samt Anhänger überreicht werden würde, die andere Personen direkt ins Jenseits schicken konnte. Als ob das bei einer Daiyōkai mit diesen magischen Fähigkeiten noch nötig gewesen wäre. Sie konnte seine Gattung nicht ausstehen und Myōga war sicher, obschon sie ihre Gefühle nie zeigte, stets unberührt und kühl wirkte, sein Leben wäre keinen Kieselstein mehr wert, würde nicht ihrer beider Gebieter Wert auf ihn legen. Sollte, was die Götter verhindern mochten, dem Taishō etwas zustoßen, würde er sich bestimmt nur sehr weiträumig um die edle Dame herum bewegen.
Vielleicht würde das Kind ja auch ein Mädchen? Leider, so stand bei der Mutter zu erwarten, würde die auch nicht unbedingt eine Vorliebe für Flohgeister entwickeln. Kurz, er bekäme kein Blut mehr.
Ach, warum hatte er sich nur je mit einem Daiyōkai eingelassen, noch dazu einem Hund? Der Rest der Familie schien auch nicht besser. Obwohl, vielleicht wäre der Sohn duldsam wie sein Vater? Würde die Nützlichkeit eines klugen Beraters einsehen? Tōtōsai war da zweifelnder, so in Anbetracht der Mutter, aber Floh konnte ja hoffen. Immerhin saß der Schmied unter einem Bannkreis auf seinem Vulkan an dem auch Daiyōkai scheitern konnten, waren sie nicht eingeladen. Für einen armen Flohgeist ohne Magiekenntnisse stand das nicht im Entferntesten zur Disposition. Da half nur Abstand.
Der Taishō war durchaus neugierig, wie seine Gefährtin in den letzten Wochen, er war doch gut einen Monat unterwegs gewesen, sich entwickelt hatte. Die ersten zehn oder fünfzehn Jahre hatte man äußerlich kaum eine Veränderung bemerkt. Innerlich allerdings sehr. Der Welpe hatte in dieser Zeit sein eigenes Yōketsu entwickelt, die Quelle seiner Energie, und das hatte Kazari, Daiyōkai hin oder her, einiges an Energie abverlangt. Nachdem er diesen Entzug buchstäblich miterlebt hatte, verstand er nur zu gut, warum die meisten Frauen alles andere als begeistert von einem zweiten Kind waren, so inständig hofften, bereits das erste wäre der geforderte Erbe. Danach war es freilich besser geworden, da sich das Ungeborene nun selbst versorgen konnte und die Mutter sich etwas wieder selbst regenerieren konnte. In den folgenden Jahren hatte der Welpe eindeutig an Gewicht und Größe zugenommen und der Heiler hatte erst kurz vor seiner Abreise bestätigt, dass alles offenbar gut lief, das Kind jetzt nur noch wachsen und stärker werden müsste.
Stärker! Dem Yōketsu nach, das man schon jetzt in Kazari spüren konnte, würde dieses Kind zweier Daiyōkai schon mit der Geburt über mehr Yōki verfügen als so mancher ausgewachsene Hund.
Er wollte ein wenig besorgt werden, als er seine Gefährtin nicht auf ihrem gewöhnlichen Platz vor dem Schloss entdeckte, erfuhr jedoch prompt, dass sie sich im Arbeitszimmer befand. In seinem, um korrekt zu sein, sicherer Hinweis, dass sie sich in Briefwechsel und Entscheidungen einlas und diese an seiner Statt erledigte, wie er es wollte.
Ohne weiteres ging er hin. Die Türen wurden ihm auch prompt geöffnet – und er überraschte Kazari bei einer Verlegenheit. Sie saß hinter dem kleinen Schreibpult – und war, ungewöhnlich genug, ein wenig nachlässig gekleidet. Allerdings konnte er sich bei ihrem wachsendem Leibesumfang denken, dass ein strikt gebundener Obi bei sitzender Tätigkeit doch ein wenig lästig wurde. So hob er die Hand. „Bleibt nur so.“
Sie neigte sich. „Ihr ward erfolgreich.“
„Ihr auch.“ Er nahm die Scheide So´ungas ab und legte sie in eine Ecke, versiegelte sie, etwas, das er nie vergaß, selbst wenn der Geist des Höllendrachen so herrlich schwieg. „Gibt es etwas Wichtiges?“
„Nichts weiter.“ Sie wusste, er wollte nur die Dinge hören, an denen sie gescheitert war. Dieses Zutrauen in ihre Verwaltungsfähigkeiten überraschte sie nicht mehr, aber erfreute sie noch immer. „Allerdings wollte der Heiler mit Euch sprechen.“
„Mit Euch nicht?“ Er hob die Brauen. „Ich dachte das sei zuvorderst Eure Sache.“
Sie neigte zustimmend den Kopf, aber der Alte hatte sich so angestellt, dass sie ihn vermutlich wirklich hätte umbringen müssen – und so viele dämonische Heiler gab es auch nicht.
So ließ er sich nieder, während er bereits den Diener vor der Tür anrief und nach dem Heiler verlangte.
Kazari entkam ein hauchfeines Lächeln. Das würde den nicht freuen, wenn der Herr des Clans mit ihm reden wollte – und das vor ihren Ohren. Wirklich, mehr an Vertrauen konnte sie von keinem Ehemann erwarten, schon gar nicht in etwas, das eine reine Zweckehe war. Der Taishō neigte dazu sie das vergessen zu lassen.
Der Heiler kam eilends in das Arbeitszimmer und verneigte sich tief, schon um seine Bestürzung darüber zu verbergen, dass auch die Dame des Hauses anwesend war. Das ging sie doch nichts an? Und, wieso saß SIE hinter dem Pult und der Herr wie ein Besucher davor? Aber es ziemte sich natürlich sich niederzuknien.
„Du wolltest mich sprechen.“ sagte der Taishō ruhig. „Sprich.“
„Äh, ja, oyakata-sama....“ Ein nervöser Blick zu der Hundedame. „Ich wollte Euch mitteilen, dass nach allen Anzeichen in wenigen Jahren bereits die ...der Welpe geboren werden wird. Und ich wollte Euch zu Eurer Entscheidung befragen.“
Schwarze Augenbrauen wurden zusammengezogen. „Und über die Geburt kannst du nicht mit Kazari-sama sprechen?“
„Oyakata-sama, es ist allgemein üblich, dass der Herr...“
„Weiter.“
„Zunächst einmal, soll die … Kazari-sama in ihrem Zimmer entbinden oder wünscht Ihr eine Geburtslaube, zum Beispiel hinten auf der Terrasse des Gartens.“
Besagte Kazari war irritiert. Das stand zur Diskussion? Ihre Mutter hatte stets in ihrem Zimmer ihre Welpen zur Welt gebracht. So sah sie zu ihrem Gefährten, aber auch der schien überrascht.
„Worin liegt der Unterschied?“ fragte er nur sachlich, gewohnt, Entscheidungen erst zu treffen, wenn er auch über möglichst viele Informationen verfügte.
Der Heiler holte kurz tief Atem, erwiderte jedoch: „Nun, den meisten Herren und auch den Damen ist es lieb im vertrauten Raum zu bleiben. Allerdings.... Nun, der Welpe wird bei der Geburt ungefähr von Schnauze bis Schwanzwurzel einen Meter messen, dazu den sehr weichen und formbaren Schwanz. In menschlicher Gestalt ist das für die Mutter doch recht anstrengend. In ihrer wahren Gestalt ist eine Geburt viel kürzer, aber dazu müsste eben eine Laube gebaut werden, denn ich fürchte alle Räume im Schloss sind zu klein.“
Kazari spürte, wie sie eine unziemliche Welle von Zorn überrollte. Der Ehemann durfte bestimmen wie sie ihr Kind zur Welt brachte, der Ehemann bestimmte, ob er das Kind anerkennen wollte oder es umbringen ließ, der Ehemann durfte den Namen geben.... Oh, es war.... Sie begegnete dem Blick ihres Gefährten, der sichtlich auf ihre Antwort wartete, und nahm sich zusammen. Nein, nicht er. „Ich würde in diesem Fall tatsächlich die Laube bevorzugen, mein Gebieter.“
Der Taishō wandte sich wieder dem Heiler zu. „Nun, du hast es gehört.“
„Ja, oyakata-sama.“ Was für ein Glück, dachte er zynisch, als er sich verneigte und nach dem Wink erhob um zu gehen, in dieser Familie zu einer Geburt gerufen zu werden. Falls das ein Mädchen würde, sollte er tunlichst Japan verlassen.
Danke hätte sie nicht sagen können, aber Kazari neigte den Kopf. „Gestattet mir zu sagen, dass ich Euren Gerechtigkeitssinn wie stets bewundere.“
„Habt Ihr noch eine Frage?“ Eigentlich wollte er nur noch ins Bad, aber er sollte sie weiter beruhigen. Es musste wirklich frustrierend sein mit ihrer Magie und als Daiyōkai wegen einer ureigensten Sache nicht entscheiden zu dürfen.
„Habt Ihr Euch überlegt, nun, falls es ein Sohn wird, wie Ihr ihn ausbilden lassen wollt?“
Natürlich, auch das oblag allein ihm, wie lange ein Sohn bei seiner Mutter leben durfte, ob er ihn ihr gleich nach der Geburt entziehen würde – und er hatte viel gerade an Mondmagie von seiner eigenen gelernt. „Nun ja, Schwertfechten dürfte klar sein, Lesen und Schreiben, Verwaltung, ebenso, aber, da ich vermute, dass er von uns beiden Magie hätte, auch die der Yōkai und vor allem Mondmagie. Ja, ich denke, dass das Euer Ressort sein wird,“ ergänzte er, als er das kurze Aufblitzen in ihren Augen erkannte. „Mit Eurer Magie kann kaum jemand mithalten. Fechten könnt Ihr dafür mir überlassen. Und So´unga.“
Sie hatte es erhofft, aber das war die Zusage. „Ich würde Euch auch Strategie und Taktik überlassen, werter Taishō.“ Er trug den Titel des Heerführers, das war sanfter Spott, den sie sich erlaubte, eben weil er ihr so entgegenkam, wie eigentlich immer.
Er lächelte flüchtig, zufrieden, dass sie es war. Er vergaß nie, dass sie ihn als Mörder ihrer Familie eigentlich hassen musste. Das tat sie nicht, sie bemühte sich eine loyale Gefährtin zu sein, die ihre Fähigkeiten in seinen Dienst stellte. Trotz aller Eigenheiten – sie erfüllte das, was er erwartet hatte, nun, auch nur erwarten konnte. Und, wenn das jetzt wirklich der Erbe war, nun so war das perfekt. Apropos … „Ihr erwähntet, dass Eure Mutter Euch einst sagte, kein Junge würde mit der Mondsichel auf der Stirn geboren.“
„Nur einer. Der Ersehnte über Generationen, die Perfektion, unerreichbar, nur in Träumen.“ Das wagte sie zu ergänzen, denn, was, wenn sie einen Sohn zur Welt brachte und der dennoch nicht die Ansprüche erfüllte?
„Ich verstehe.“ Er stand auf. „Und, um eine Sorge von Euch zu nehmen … ich bin mir bewusst, dass neugeborene Welpen stets blind sind und nicht laufen können.“
Er war gegangen, ehe sie begriff, dass er ihr deutlich hatte machen wollen, dass er aus solchen, nichtigen Grund, ihr Kind nicht töten würde. Langsam atmete sie tief durch. Nein. Sie sollte wahrlich nie mehr an ihm zweifeln.
Im gesamten Schloss des Aotsuki-Clans herrschte Anspannung. Wie es formell höflich war war verlautet worden, dass Kazari-sama zum Kinde ging ...was bedeutete, dass der Garten von Wachen abgeschirmt war, schon im weiteren Umkreis erklärt werden musste warum wer... Und der Herr des Schlosses im Hof Kreise buchstäblich in den Boden lief. Nun, wer hätte ihn tadeln wollen. Es ging um die Geburt eines Erben. Natürlich auch in gewisser Weise um das Leben der Mutter, aber es war allen Yōkai klar, dass der Herr eher seine Ehefrau aufschneiden lassen würde als einen Erben zu riskieren. Frauen gab es leichter als Söhne.
Hinten im Garten war auf der Terrasse eine Art Pavillon aufgebaut worden, ein Holzgerüst, nun verhangen mit dichten Tüchern Selbst der Heiler wartete nur in Rufweite, denn ein Geburtsort war für Männer verboten. Dennoch war er der Erste, der sah, wie eine Hundeyōkai den Vorhang hob und ihm winkte. Eilig kam er näher. Wurde er gerufen, weil es Probleme gab ….schlecht für ihn. Weil er den Herrn über die Geburt eines Kindes informieren sollte, besser.
„Es ist ein Junge,“ wisperte die Yōkai. Mehr wagte sie nicht zu sagen. Erst der Blick des Vaters würde entscheiden ob das Kind in den Clan aufgenommen werden würde, einen Namen erhalten würde. Noch war es namenlos, ehrenlos und sein Tod lag im Blick des Herrn.
Der Heiler nickte nur und rannte nach vorne, in den Hof, wo der Taishō prompt zu ihm herumfuhr.
„Es ist ein Junge, oyakata-sama.“
„Und Kazari-sama?“
Äh, die Frage nach der Ehefrau hatte ihm auch noch niemand gestellt. Ach, diese Hunde, konnten nie etwas so machen wie alle anderen. „Das sagte die Hebamme nicht. Folgt mir.“
Tag des Erben 3
E
in Junge. Der Taishō ging mit erheblicher Erleichterung in den Garten zu dem Geburtszelt. Nicht nur, weil er den ersehnten Sohn hatte, sondern auch, weil er Kazari dann weder seine Nähe noch eine neue Schwangerschaft zumuten musste. Sie hatte beides mit ihrer üblichen Fassung getragen, kühl und unnahbar, aber er war wohl derjenige, der am Besten hinter ihre Fassade sehen konnte. Nicht zuletzt ihr fast unmerkliches Zusammenzucken, wenn er sie berührte, ihre kaum sichtbare Erleichterung, als er sie nach der Mitteilung der Schwangerschaft nicht mehr aufgesucht hatte. Nun ja, falls mit dem Welpen alles in Ordnung war, er ihn wirklich in den Clan aufnehmen konnte. Nur nicht zu früh freuen.
So warf er einen Blick auf das Kleine, das ihm eine Hofdame hinhielt, als er das nun an einer Seite geöffnete Zelt betrat – und er spürte den Stich im Herzen. Obwohl noch klein und feucht, nun ja, kaum einen Meter von Schnauze bis Schwanzwurzel, trug der Welpe doch eindeutig den Sichelmond seiner Mutter blau in weißem Haar auf der Stirn. Hatte sie nicht gesagt, es sei ein Traum diese Hoffnung erfüllt zu bekommen? Und dass dies dann die Perfektion sei? So sah er zu seiner Gefährtin. Kazari hatte bereits wieder ihre Menschenform angenommen und saß halb aufrecht, gelehnt an eine Hofdame, eingehüllt in warme Decken, zwar nicht erschöpft aber sichtlich verschwitzt. Ungewohnt bei ihr und ließ ihn ahnen, wie anstrengend doch auch in Hundeform die Geburt gewesen war. So meinte er: „Geht es Euch gut, Kazari-sama?“
Diese spürte etwas in sich aufsteigen, dass sie erst später erkannte – er hatte kaum auf den Erben gesehen, sondern fragte nach ihr, der Frau, die er doch jederzeit ersetzen könnte. „Danke, ich werde mich rasch erholen.“
Erst jetzt blickte Tōga auf den Welpen, musterte ihn genauer. Ja, er war blind, bewegte sich kaum, kein Wunder, dass angeblich Väter, dieser Tatsache unkundig, ihre Welpen schon getötet hatten. Die Ohren hingen herab wie bei ihm selbst und Kazari, keine Spur äußerlich zeugte von seinem eigenen Vater. Wenn er ihm einen Namen gab, würde er ihn auch in den Clan annehmen, sich damit verpflichten für ihn zu sorgen, zu schützen. Er hatte hin und her überlegt wie er ein Kind benennen würde. Der Brief von Ren Okami war da kaum hilfreich gewesen, der ihm höflich die Geburt einer Enkeltochter angezeigt hatte.
„Ich habe sie Ayumi genannt. Eine zweite Enkelin sollte dann wohl Ayame heißen. Ein Enkelsohn, wie versprochen Euch ähnlich, Kōga.“
Nun, diese Namen konnte er dann kaum wählen. Und jetzt... Er musterte noch einmal die so deutlich erscheinende Mondsichel. Die Vollendung, hatte es geheißen, der Familie, des Clans, sei es, wenn ein Sohn mit dem Zeichen geboren würde statt einer Tochter. Nun, so sollte der Name durchaus mit maru enden, vollendet. Plötzlich musste er an den alten Hōseki denken, den Muscheldaiyōkai. Hatte der nicht gesagt, Kazari würde in seiner Familie Sesshōseki heißen, der Stein des Todes? Nun, warum nicht. Es war ein verheißungsvoller Name, zumal für den Erben eines Clans, das Kind zweier Daiyōkai. Nicht Stein, aber Perfekt. „Sesshōmaru. Sein Name sei Sesshōmaru.“ Er blickte zu seiner Gefährtin. Ja, sie fand diesen Namen gut. Die Perfektion, die tötet.
Kazari atmete ein wenig auf. Sie hatte doch irgendwo noch angenommen er könnte einen Fehler finden, aber nachdem sie die Sichel des Kleinen gesehen hatte, hatte sie doch gehofft. Sesshōmaru. Der, der perfekt tötet. Ein starker Name. Sie neigte den Kopf, wie auch alle anderen Frauen, zumal, als der Herr des Clans den Welpen aufnahm und nur befahl:
„Eine Decke für ihn. - Kazari-sama, erholt Euch. Ich werde die Männer des Clans in zwei Tagen herbestellen.“
Ja, natürlich, dachte sie. Der Erbe, die Garantie für das Fortbestehen, musste gezeigt werden und auch der Treueschwur für den Welpen entgegengenommen werden. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. War sie doch müder, als sie vermutet hatte? Da ihr Sohn nun angenommen war, unter dem Schutz seines Vaters stand, war sie nicht weiter überrascht, als der Taishō das Kind zurückgab, sobald die Hofdame mit einer Decke vor ihm niederkniete und den Welpen rasch einwickelte. Ja, er musste abgetrocknet und versorgt werden. Was nun erst möglich war, war er doch jetzt Teil des Clans. Mit allen Rechten und Pflichten.
Und von letzterem würde er gerade als Erbe viel erhalten. Zuerst Lernen. In den ersten zwanzig Lebensjahren wie man sein Yōki kontrollierte, zumindest soweit, dass man ihn in die Menschenform überleiten konnte, und sie war zugegeben ein wenig neugierig ob er dann mehr ihr oder seinem Vater ähneln würde. In kaum hundert Jahren wäre er alt genug zum ersten Mal mit verwobenen Seilen zu üben wie die Hand sich mit einer Waffe bewegte, aber auch höfisches Zeremoniell. Später kamen, neben den immerwährenden Kampflektionen, auch Magie dazu, Verwaltung und Recht, Geografie... Und dazu Lektionen, die die unbestimmten Linien aufzeigten, an denen man auch als Herr hing – Verbindungen zu den anderen Clans, wie man sich zu anderen Daiyōkai verhielt, nicht zuletzt, denn ihr war bewusst, dass ihr eigener Vater da manchen Fehler begangen hatte.
Zwei Tage später kam Kazari aus dem Frauentrakt, gekleidet in ihren nunmehr gewohnten Kimono in blau, darunter elf weitere Lagen, ihre weiße Boa elegant über die Schultern gelegt. Im Arm trug sie das Kostbarste, was sie besaß: ihren Sohn. Der kleine Welpe lag ruhig auf ihrem linken Unterarm, ihre Rechte auf seinem Rücken. Sein Schwanz hing lose herab, noch war er weder in der Lage auch nur den richtig zu steuern noch die Augen zu öffnen oder gar zu laufen. Aber, das würde kommen. Sie bemerkte, dass sie bereits erwartet wurde und neigte eilig den Kopf vor ihrem Ehemann. War sie verspätet?
„Ich wollte Euch etwas schenken,“ sagte der Taishō.
Sie hob den Kopf und sah ihn an. War es üblich für die Geburt des Erben etwas zu erhalten, obwohl die Frau doch nur ihre Pflicht getan hatte? Oder war das wieder eine Eigenheit von Tōga, der sie oft genug bereits überrascht hatte? Er hielt eine Perlenkette in der Hand, die er nun hob. Ein schwarzes, eingefasstes Medaillon hing daran, dessen Ausstrahlung und Magie sie erkannte. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! War das eine Versuchung? Um sie umzubringen, nun, nachdem er den Erben hatte? Aufgrund von Anmaßung? „Ich glaube kaum, dass ein derartiges Medaillon, wie schmuckvoll es auch ist, meiner würdig ist.“
Wieder diese Vorsicht aus den Anfangstagen. Ihr Vater wirkte offensichtlich nachhaltig. „Nun, ich halte es für Eurer würdig. Ihr seid die Frau, die es aus der Unterwelt holte. Oh, und falls Ihr glauben solltet ich würde leichtsinnig... Nein. Ich besitze das Gegenmittel. Ihr werdet es nie gegen mich einsetzen können, aber, da bin ich sicher, gegen jeden, der unseren Welpen bedroht.“
Womit er allerdings in jedem Punkt recht hatte. So senkte sie etwas den Kopf. „Vergebt. Ich neige dazu zu vergessen wie umfangreich Eure Planungen stets sind.“
„So werde ich diese Kette um Euren Hals legen.“ Nachdem er dies getan hatte, musterte er noch einmal Mutter und Kind, ehe er meinte: „Kazari-sama, wir hatten einen Pakt. Ihr habt Euren Teil gehalten, ich halte den meinen. Kein weiteres Kind für Euch, es sei denn Ihr wünscht es.“
Sie verbarg ihre Erleichterung perfekt. Aber wieder hatte er sie verstanden. Er war in der Tat ein seltsamer Ehemann, ein seltsamer Mann. „Ich danke Euch. Nur, wenn Ihr gestattet, hätte ich dazu eine Bitte...“ Ja, wie sollte sie das ausdrücken?
Ein Lächeln. „Nein. Keine Geliebte meinerseits in diesem Schloss, das sage ich Euch zu.“
Manchmal überkam sie das Gefühl er könne Gedanken lesen. „Danke.“ Was konnte sie schon anderes dazu sagen.
Vor dem Schloss setzten sich die beiden Daiyōkai auf ihre Plätze, der Herr des Clans auf einen Hocker, der auf einem Podest stand, Kazari auf ihren Sessel, den sie sich eigens hatte anfertigen lassen, nach ihrem Geschmack. Auf dem linken Arm hielt sie ihren Sohn, Pfand für ihre Zukunft und die des Clans, die Rechte auf seinem Rücken, eine schützende Geste. Unten, vor der vor Jahrhunderten verbreiterten Treppe, knieten Seite an Seite die Männer des Aotsuki-Clans, enge Reihen an tausend Yōkai-Kriegern, wenngleich aus diesem Anlass unbewaffnet.
Der Herr der Hunde wandte sich beiseite und streckte die Hände aus.
Ihr wollte es fast widerstreben den Jungen aus ihrer Obhut zu geben aber natürlich war das Unsinn. Diese Zeremonie war zu wichtig, sicherte dem Welpen das Erbe und die Anerkennung. So reichte sie den Kleinen dem Vater.
Dieser nahm ihn, legte ihn kurz auf seinen eigenen, heute nicht gepanzerten, Unterarm, um ihn dann unter den Vorderbeinen zu packen und emporzuheben. Natürlich konnten die Krieger dort unten nicht genau sehen ob das wirklich ein Junge war, aber das war auch gleich. Die Andeutung genügte.
„Seht her, den Erben des Aotsuki-Clans, meinen Erben. Sein Name ist Sesshōmaru.“
Während sich die Krieger bis zum Boden verneigten, solcherart ihre Zustimmung und Treue signalisierten, machte der Vater eine überraschende Entdeckung.
Der Welpe quäkte leise und, obschon blind und unfähig zu laufen, strampelte er mit überraschender Kraft. Ganz offensichtlich missfiel ihm die Haltung und vermutlich auch die Tatsache von der Mutter fern zu sein.
Für einen Augenblick fühlte der Taishō einen fast unbändigen Stolz auf den Kleinen, der jetzt schon solche Stärke bewies, wie ihm das Spiel der Muskeln unter seinen Händen verriet.
Sohn aus Silber und Stahl, dachte er, mit der Mondsichel auf der Stirn, dir wird es sicher gelingen den Clan und den Westen, vielleicht alle Yōkai in eine friedliche Zukunft zu führen. Und, falls ich es nicht schaffe, wird es dir gelingen So´unga dorthin zu schicken, wohin es gehört.
Aber, da nun der wichtigste Teil der Zeremonie abgeschlossen war, der Treueeid des Clans, sollte er den Welpen wieder der Mutter zurückgeben. So wandte er sich zurück und drückte den noch immer winselnden und strampelnden Jungen dieser in die Hände.
Kazari nahm ihn und legte ihn auf den angewinkelten Unterarm. Als er den vertrauten Herzschlag hörte, den vertrauten Geruch witterte, beruhigte sich Sesshōmaru sofort.
Sie blickte auf ihn nieder, als sie beruhigend die Rechte auf ihn legte.
Sohn aus Stahl und Silber, du wirst der mächtigste Krieger werden, den die Yōkai je hervorgebracht haben. Ich werde dafür sorgen, dass auch deine Magie nicht nur die eines gewöhnlichen Yōkai wird, sondern du die Magie unserer Familie perfekt beherrscht, besser als dein Vater. Du wirst der mächtigste aller Daiyōkai werden. Und ich werde dir auf diesem Weg helfen.