Eine weitere Nacht hinter sich gebracht, unterzog der Besitzer vom 'Hotel zum Zahn' dieses einem letzten Kontrollgang, ehe er sich gewahr sein konnte, dass alles seinen gewohnten Ablauf hatte und die Angestellten ihren Aufgaben nach kamen.
Nichts wollte die Zahnfee weniger als die kommenden Minuten oder Stunden gestört zu werden. So wies er seinen Angestellten an ihn unter keinen Umständen zu stören, solange es nicht die Zerstörung des Planeten Inbegriff. Danach verschwand er in den weitläufigen Gängen des Hotels.
Seine Magie ermöglichte ihm durch wahlloses öffnen einer der Türen jeden Raum seiner Wünsche zu betreten. Des Nachts waren es oft die Zimmer schlafender Kinder, welche einen Milchzahn verloren haben und diesen bei sich unter dem Kissen verbargen. Die Zahnfee musste nicht viel machen um die richtigen Räume zu betreten, die Bindung zu den Zähnen jedes Menschen zeigte ihm fast schon instinktiv den richtigen Pfad.
Die geöffnete Tür hindurch schreitend empfing Rhun eine angenehme Wärme. Mittels Telekinese den Türflügel hinter sich schließend erlaubte er sich einen tiefen Seufzer. Vor ihm erstreckte sich eine Jahrhundert alte Thermalquelle, mit Steinen und Knochen zu einer kleinen Therme umgestaltet.
Das Zepter an die weiße steinerne Wand anlehnend, näherte er sich langsamen Schrittes der Quelle. Die Therme war nicht sehr groß, sich umsehend stellte Rhun fest wie lange er schon nicht mehr hier war. Jahre. Dennoch lag keine Staubschicht auf den Oberflächen, kein Getier hat sich hier nieder gelassen und auch die Flora hielt sich dezent. Lediglich nahe der Quelle erlaubte frech etwas Moos sich auszubreiten.
Sich langsam entkleidend spürte die Zahnfee wie der Körper vor Erschöpfung bei jeder Bewegung schmerzte. Woche über Woche, wenn nicht sogar Monate war er pausenlos auf der Jagd nach Zähnen, seit eine Vision das Bild des Mondes unangenehm nah zeichnete. Wenn schon die eigenen Brüder seine Warnung ignorierten, so musste zumindest die Zahnfee für die Sicherheit des Planeten sorgen. War es auch noch so Kräfte zerrend.
In die Quelle steigend brannte das Wasser sich die hinein tauchenden Beine entlang. Kniend verharrte Rhun bis sich seine Gliedmaßen klimatisierten, ehe er sich langsam ganz hinein setzte. Die Lippen zusammen pressend, war es als würde das heiße Wasser sich durch seine Haut beißen. Die Hitze übertrug sich auf seine Muskeln, die sich zwangen zu entspannen, auf seine Venen die sich widerwillig weiteten und letztlich auf die Knochen die zu zerbersten drohten.
Pausenlos war die Zahnfee am ackern und nun als er sich seinem müden Körper ergab, war es als würde ihm jeden Moment das Bewusstsein entschwinden. Mit geschlossenen Augen lehnte er am Rand und wartete das sein Körper durch die Hitze jedes Gefühl verlor, während die Dämpfe den Teil oberhalb des Wassers zum schwitzen brachten.
Obwohl Rhun ein Wächter war und somit ein magisches Wesen, schien er regelmäßig daran erinnert immer noch menschlichen Ursprungs zu sein. Durch seine magischen Kräfte war er von bleibenden Schäden verschont, doch anders als bei seinen Brüdern basierte der Großteil dessen nicht von ihm selbst. Sobald er seine Stab weg gab, sobald sich sein Geist spaltete, war er angreifbarer als sein jüngster Bruder der Osterhase. Nicht, dass er wehrlos war, nein, aber ihm würden die entscheidenden Mittel für ein langes Durchhalten fehlen. Das was ihn als Wächter ausmachte.
In den Spiegel gegenüber der Wand blickend konnte Rhun durch die Reflexion des Spiegels hinter sich eine Schürfwunde an der Schulter erkennen. Eine Hand auf die Verletzung legend versuchte er sich zu erinnern, wann er sie sich zugezogen hatte.
Seufzend lehnte Rhun sich wieder richtig an den Rand der Therme und schloss abermals die Augen. Schmerzen spürte er keine mehr. Die Therme war nicht die schlechteste Idee gewesen, doch nun musste er gegen die aufkeimende Müdigkeit ankämpfen.
Spürend wie sein Tattoo an der linken unteren Gesichtshälfte zu kribbeln begann, sich umzuformen und ER die Kontrolle zu ergreifen wagte.
Der ewige Twist zwischen White und Dark. Mürrisch verzog White das Gesicht als Dark höhnend zu ihm sprach. „Denke nicht mal daran.“, schnaubte die Zahnfee verächtlich nun mit nur noch einer Stimmlage. Darks Vorstellung von Entspannung war nicht das was White gerade wollte. Die eigene Hand ergreifend, knurrte White um die Selbstkontrolle kämpfend.
Weiter höhnend überließ Dark seinem Gegenstück wieder die Kontrolle über den Körper. „Vielen Dank auch.“ erwiderte die Zahnfee sichtlich beschämt nun wieder mit zweifacher Tonlage.
Was musste Dark auch so eigensinnig sein. Zumindest verdankte er ihm ein bisschen Farbe im Gesicht, dachte die Zahnfee bei sich als er im Spiegel das Tattoo auf der sonst so bleichen Haut betrachtete. Den Kopf nach hinten legend begann Rhun zu dösen. Ein paar Minuten sollten reichen. Gierig zog die endlose Finsternis ihn in seinen Bann.
…
Die Augen öffnend saß die Zahnfee aufrecht in der Quelle, die Hände bereit zum aussteigen am Rand gestützt. Lauschend was ihn innerlich aufgeschreckt haben könnte, vernahm er Mintys Stimme fern ab. Wartend verharrte Rhun, doch außer seinen Angestellten die ihrer Arbeit nachgingen war nichts auffälliges.
Langsam wieder ins Wasser sinkend fuhr Rhun sich mit einer Hand erst durch das Haar und anschließend durch das Gesicht. Wie viel Zeit war vergangen? Seiner Müdigkeit nach nicht sehr viel. Vielleicht war es doch besser eine Uhr anzubringen. Durch seine Erschöpfung schien die Zahnfee kein Zeitgefühl mehr zu haben. Jedenfalls kein klares. Die Nacht war noch lange hin, was nicht bedeutete dass es nichts zu tun gab. Im Gegenteil, es gab ein ganzes Hotel zu führen.
Mit der Hand vorm Mund unterdrückte Rhun ein Gähnen. Das Hotel konnte sicherlich noch einen Moment ohne ihn bestehen. Sich mit dem Rücken wieder an den Rand lehnend musste er schmunzeln. Wie schwer es ihm doch fiel diese Quelle zu verlassen. Am liebsten würde er hier die nächsten Tage verweilen, dachte Rhun sich während die Finsternis ihn umschlang.
Behutsam lenkte der Sandmann seinen Traumsand in Richtung der Zahnfee, damit er schlief. Sein Bruder hatte es verdient mal durchzuschlafen. Zeke verstand wie kein anderer wie wichtig Schlaf war. Zusehend wie die Wunde an der Schulter sich zu regenerieren begann, nickte er zufrieden. Über Zahnfees Traum wachend verweilte der Sandmann an der Seite seines Bruders.
ENDE
Dentalis cura
In der Therme sich umsehend saß der Sandmann auf einer Erhebung aus Knochen, die eine Art Ablagefläche ähnlich einem flachen, schmalen Tisches darzustellen schienen. Sicher war Zeke sich da aber nicht. Es könnte auch eines der älteren Designs seines Bruders sein. Oder es existierte nur, damit nicht alles auf dem feuchten Steinboden herum lag.
Inmitten des Raumes war es jedenfalls eine perfekte Stolperstelle, wenn man nicht hinsah. Gerade aber war es der perfekte Sitzplatz um über eine schlafende Person zu wachen.
Die Zahnfee lag im tiefen Schlummer. Das Kinn auf die Brust gelegt und die Arme auf dem Rand der Therme ruhend, war sein Atem ruhig und stetig. Die Kapuze nach hinten richtend und die Fliegerbrille vorne über dem Hals hängend, brauchte Zeke sich nicht groß bewegen um sich umzusehen. Rhuns Knochen-Zepter und Kleidung waren in Greifweite, doch beim weiteren Umsehen huschte Zeke ein Grinsen in das Gesicht. Sein lieber großer, verantwortungsbewusster Bruder hatte etwas übersehen.
Ansonsten sah es hier aus wie überall wo Rhun herbergte. Aufgeräumt, sauber und doch sehr experimentell. Sei es in diesem Fall aber durch die verschiedenen Knochenkonstrukte am Rand des Raumes und nicht durch seine sonst vielen Alchemiebaukästen in fast jeder Ecke. Davon fehlte hier jede Spur. Wahrlich ein Ort der absoluten geistlichen Befreiung.
Auf das schwache Unbehagen Rhuns reagierend, als dieser im Schlaf die Brauen leicht zusammen zog, wartete Zeke nicht lange ab. Als Sandmann musste er nicht sehen, wenn seine Schäfchen drohten in ein unangenehmes Geschehen im Traum hinein zu rutschen. Seine Verbindung zum Traum sagte ihm sofort, wenn irgendwo in einem Traum was nicht stimmte.
Mit weiten Augen blickte der Sandmann auf einen übergroßen vollen Mond direkt über sich am Sternenhimmel. Anfänglich geschockt wagte er es sich der großen Kugel abzuwenden und nach der Zahnfee Ausschau zu halten. Sein Bruder stand genau neben ihm, bemerkte den Sandmann aber nicht, so fixiert war er auf den Mond.
Sein Gesichtsausdruck verriet, dass Rhun erschöpft war und an seinen Anstrengungen zu zweifeln begann. Sein verbannter Bruder würde nicht mehr lange dort oben verweilen. Alleine würde die Zahnfee seine Rückkehr nicht verhindern können. Und dennoch war es das einzige was er, so gut es ihm möglich war, versuchen musste.
Nochmal zum Mond aufschauend begann Zeke seinen Traumsand zu verteilen. Sein Bruder sollte sich ausruhen. Physisch wie auch psychisch. Das sein älterer Bruder auch ausgerechnet prophetische Neigungen haben musste.
Golden schimmernd verteilte der feine Sand sich und Rhun fand sich in seinem Arbeitszimmer wieder. Zu sich selbst redend, veränderte der Sandmann den Raum soweit, dass die Anzahl an Arbeitsutensilien sich verringerte und mehr Bücherregale erschienen. Der Arbeitswahn der Zahnfee nervte ihn gewaltig, aber dann sollte er diesen Wahn zumindest in das Lesen investieren. Da wusste Zeke immerhin das dies etwas war, was seinen Bruder tatsächlich zur Ruhe brachte.
Es funktionierte und die Zahnfee ließ sich nach einiger Zeit mit einem Buch in der Hand auf einem Sofa nieder. Mit flüchtigen Blick und einer schnellen Handbewegung zog Zeke die Gardinen der übergroßen Fenster zu, bevor der Mond Rhuns Aufmerksamkeit erregen konnte.
Zwar hatte der Sandmann seinen Bruder an einen anderen Ort gebracht, aber den Mond konnte er nicht verhindern. Nur nach bestem Willen verstecken. Prophezeiungen waren etwas echt nerviges.
Rhun dabei zusehend wie dieser ein Buch nach dem anderen zu verschlingen schien und ihn keines Blickes würdigte, beschloss Zeke das es Zeit war seinen Bruder zu entlassen. Sich streckend verließ er den Traum.
„Sind wir fertig?“
Überrascht stellte Zeke fest, dass Rhun ihn direkt in die Augen sah. Es dauerte bis es in seinem Kopf Klick machte und die Zahnräder sich knirschend wieder in Bewegung setzten. Das war nicht Sandmanns Bruder der ihn gerade ansah... es war Dark. Auf ihn besaß der Traumsand keine Wirkung. Wie lange Dark wohl schon zusah, wie er als ungebetener Besuch hier herum saß?
„Ich bin dir keine Erklärung schuldig, Schreckgespenst.“ entgegnete der Sandmann auf Darks Frage. Er mochte diese Seite seines Bruders nicht. Aus gutem Grund, sie war gegen den Willen der Zahnfee ein Teil von ihm geworden. Und doch brauchte der eine den anderen um zu existieren. Zeke verstand bis heute nicht wie das möglich war. Oder was damals im Kloster passiert war.
„Wie unhöflich.“ meinte Dark spielerisch enttäuscht und mit Engelsstimme sprechend. „Dabei mag ich dich.“ Innerlich versteifend begab der Sandmann sich langsam in eine aufrechte Haltung. Rhun so reden zu hören war merkwürdig.
Grinsend über das Schweigen vom Sandmann beugte Dark sich leicht über den Rand und zeigte auf den Bruder. „Was glaubst du, wird er machen, wenn er weiß dass du es gesehen hast und trotzdem schweigst?“ Schweigen. „Ein toller Bruder bist du.“ meinte Dark bevor er sich wieder abwandte und zur schlafenden Zahnfee wurde.
Dark hatte nicht unrecht. Zähne knirschend erinnerte Zeke sich daran, als er Rhuns Traum vom Mond das erste Mal gesehen hatte. Und wie er darüber Witze machte, als sein Bruder seine Geschwister darüber informierte.
'Hirngespinnste.' nannte er die Warnung der Zahnfee mit einem Lachen, obwohl ihm ganz genau bewusst war, wie der Anblick des Mondes eisige Schauer durch seinen Körper jagten. Zeke wollte es einfach nicht wahr haben, dass der Mann im Mond jemals wieder auf die Erde kommen könnte.
Leises Plätschern neben dem Sandmann ließ ihn sich augenblicklich in feinsten Sand auflösen. Die Zahnfee erwachte. Überlegend verharrte der Wächter, bis ihm ein leises Knurren entrann. Der halbe Tag war verschlafen, dafür würde er seinen Bruder büßen lassen. Die Zähne zu Staub mahlen würde er und sie ihm dann in einer Phiole als Geschenk wieder übergeben. Mit Schleife!
Das Wasser verlassend sah die Zahnfee sich um. Das dämmrige Licht war ausreichend um zu sehen, dass sein Bruder hier gewesen war. Mit einem Handwink verschob sich der Staub inmitten des Raumes gesammelt in einer Ecke. Darum würde Rhun sich später kümmern. Vergeuden wollte er den Sand nicht. Er war von seinem Bruder und konnte unter Umständen nützlich sein.
Sich der Ablage neben seiner Kleidung zuwendend raunte die Zahnfee. Hatte er wirklich vergessen ein Handtuch mit zu nehmen? In der Feuchte der Therme würde es zu lange dauern, bis er trocken wäre und nass in die Kleidung steigen kam nicht in Frage.
Gedanklich das Zepter in seine linke Hand rufend, wandte die Zahnfee sich um und schlug mit dem Zepter nach der hinter ihm erschienen Person.
Wenige Millimeter war die Knochenhand des Zepters vor der Nasenspitze des Sandmannes angehalten. Grinsend streckte dieser seinem Bruder den Arm entgegen in dessen Hand sich ein Handtuch befand. „Du weißt, dass ich Besuch nicht mag.“ „Dann solltest du kein Hotel führen.“ feixte der Sandmann, während sich das Zepter von seinem Gesicht entfernte.
Gänzlich dem Sandmann zugewandt betrachtete Rhun das Handtuch, nicht sicher ob sein Bruder irgendeinen Schabernack im Schilde führte. Dann griff er zu. Seine Hand war fast so bleich wie der Stoff, während Zekes Hautfarbe ein helles braun war. Einzig Zekes dichte und doch luftige Kleidung hinderte die Wüstensonne seiner Heimstätte daran ihm mehr Bräune zu verleihen. Wie verschieden sie waren, obwohl nur wenige Minuten sie voneinander trennten. Äußerlich wie auch charakterlich. Selbiges galt für seinen älteren und den jüngsten Bruder.
„Danke.“ sagte Rhun sich wieder besinnend, aber noch immer leicht skeptisch und begann sich abzutrocknen. An die Wand gelehnt jederzeit griffbereit sein Zepter.
„Immer gerne.“ entgegnete Zeke mit einem Lächeln, welches erstarb sobald sein Bruder sich abwandte um sich anzuziehen. Köpfen würde der ältere ihn, wenn heraus käme, dass ihm jede noch so kleine Prophezeiung Rhuns bekannt war.
In voller Montur wandte die Zahnfee sich wieder dem Sandmann zu, welcher gerade Kapuze und Fliegerbrille überzog. „Den Weg nach draußen kennst du offenbar.“ Nickend bestätigte Zeke und setzte wieder sein Lächeln auf. „Mich kann man nicht aussperren.“ Damit verschwand der Sandmann in einer übertriebenen Verbeugung vor den Augen der Zahnfee in Form feinsten Staubes.
Augen rollend berührte Rhun den Türknauf und ein lila Leuchten umgab den Türflügel. Die Tür öffnend betrat die Zahnfee wieder sein Hotel. Es gab viel zu tun und Energie hatte er dank seines Bruders ja nun genug.
ENDE