taste
Geschmacklose Musik, das Geplauder der Leute, der Geruch von abgestandenem Zigarettenrauch und billigem Bier, das Klicken von Gläsern und Billardkugeln erfüllten den schlecht ausgeleuchteten Raum. In einer Ecke, kaum vom dämmrigen Licht berührt, saßen zwei Männer an einem alten hölzernen Tisch.
„Ich hätte nie gedacht, einer Bar zu besuchen würde dein bevorzugter Zeitvertreib sein, Will.“
„Nun, ich bin nicht wegen der Drinks hier.“
„Nein?“ Ein Lächeln schlich sich in den linken Winkel seines Mundes.
Will seufzte. „Hier gibt es ein Rudel Hunde draußen auf den Straßen. Ich kann sie nicht alle adoptieren, aber ich kann sie ab und zu mit einer guten Mahlzeit versorgen.“
„Sobald sie den exquisiten Genuss deiner Aufmerksamkeiten zum ersten Mal erlebt haben, werden sie sich für den Rest ihres Lebens nach dem Geschmack verzehren.“
„Möglich.“
„Also… Was steht heute Nacht auf der Speisekarte?“
„Mal sehen…“, Will schaute sich um, „Wir haben das Schwein, das seine Frau und Kinder verprügelt… oder die Ratte, die alle Katzen in seiner Nachbarschaft vergiftet hat, weil er sie hasst… oder hier haben wir die Made, die jeden Dienstag eine Sexarbeiterin vergewaltigt… oder das Stinktier, das ein persönlicher Fan von Combat 18 ist und letzten Monat sein queeres Kind rausgeworfen hat… Und dann, dann ist da noch der Raubtier, der unzählige Menschen getötet hat, weil er sie unhöflich fand.“
Der Angesprochene blickte ihn aufmerksam an. „Einige Portionen möchtest du vielleicht selbst kosten. Andere besser nicht.“
„Was hast du vor?“, fragte Will.
Hannibal war aufgestanden und bot ihm seine Hand an.
„Lass uns gehen. Wir haben ein paar Hunde zu füttern.“
"The lamb is becoming a lion. For the great day of his wrath is come; and who shall be able to stand? The Lamb's wrath touches everyone who errs. His retribution is even more deadly than the Dragon's."
Hannibal über Will 3.12
remember
Das sachte Kratzen eines Bleistifts auf feinem Papier. Schatten waren gewachsen, und Gesichter, Körper, Arme und Beine hatten auf dem weißen Blatt Gestalt angenommen. Nicht mehr Achilles und Patroklos, sondern Zephyrus und Chloris, der Gott des Westwinds und die fliehende Nymphe, Will und Bedelia.
Er spürte ihn, bevor er ihn sah. Er konnte ihn allein an seinen Schritten erkennen, am Geruch, er konnte die Präsenz des anderen schlicht fühlen. Als ob sie zwei Dinge waren, die zueinander gehörten, mit einer Verbindung, die so stark war, dass sie weltliche Regeln missachtete. Nach Monaten der Trennung war die Verknüpfung nur noch empfindlicher geworden. Sicherlich würde es sie beide zerstören, irgendwann.
Hannibals Blick folgte ihm, als er sich neben ihn setzte, nahe genug, dass sich ihre Schultern und Schenkel fast berührten. Seine Augen blieben auf ihn gerichtet, nahmen jedes noch so kleine Detail seiner Züge in sich auf, während sie in der Nähe des jeweils anderen badeten. Will atmete hörbar aus, einem erleichterten Seufzen gleich. Sie waren die einzigen Besucher an diesem Nachmittag in diesem Teil der Uffizien Galerie von Florenz.
„Wenn ich dich jeden Tag sehen würde, in Ewigkeit, Will, würde ich mich an diesen erinnern.“
In einem Raum voll der wunderschönsten und bedeutendsten Kunstwerke der Welt war Will nach wie vor das Einzige, das er sah.
Ein warmes Lächeln erblühte auf Wills Gesicht und ihre Augen begegneten sich. „Merkwürdig, dich hier vor mir zu sehen. Wie oft habe ich Nachbilder von dir angestarrt an Orten, wo du seit Jahren nicht gewesen bist.“ Er löste ihre verhakten Blicke, das Lächeln längst verblasst. „Ich schaute dort zum Nachthimmel hinauf. Orion über dem Horizont und in seiner Nähe Jupiter. Ich habe mich gefragt, ob du es auch sehen konntest. Ich habe mich gefragt, ob unsere Sterne dieselben waren.“
„Ich glaube, einige unserer Sterne werden immer dieselben sein. Du bist in das Foyer meines Geistes eingedrungen und bist die Halle meiner Anfänge hinab gestolpert.“
„Ich habe dich verstehen wollen, ehe ich dich wieder vor Augen habe. Nur so konnte ich mir sicher sein... was ich vor mir sehe.“ Und als er es wagte, sah er.
„Worin liegt der Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft?“
„Meine? Vor dir und nach dir.“ Sich des Gewichtes und der Implikation seiner Worte bewusst, war seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Deine? Ein unscharfes Bild. Es beginnt alles zu verschwimmen. Mischa. Abigail. Chiyoh.“
Diesmal war es Hannibal, der seinen Blick abwandte.
Sie waren nicht mehr dieselben, die sie vorher gewesen waren. Sogar seine Stimme war nicht mehr dieselbe. Eine Stimme, die Will schon so oft gehört hatte, war jetzt eine ganz andere. Sie war ein Griff um sein Herz, ein Sturm in seinen Arterien, ein kalter Schauer, der durch seinen Körper jagte, und ein flüchtiges Stechen in seinem Unterleib. Alles hatte sich verändert. Das, was gewesen war, war nicht länger. Ihre Glut, ihre Hitze, ihr Feuer hatte nichts als einen Haufen Asche hinterlassen. Sie waren keine Freunde mehr, keine Familie. Was würden sie nun sein? Würden sie jemals wieder irgendetwas sein?
„Du und ich haben begonnen zu verschwimmen.“
Einmal benannt und ausgesprochen, war es als könnten sie das Band zwischen ihnen sirren hören. Will war nicht der einzige, dessen Grenzen verwischten. Hannibal wusste es, er fühlte es.
„Hast du mich nicht deshalb gefunden?“
Einen Augenblick lang schauten sie wortlos auf die Gemälde, und verloren sich in der Vorstellung, dass sie niemals aufwachen müssten, dass das hier nie enden würde. Ein Moment, eingefroren inmitten der Zeit. In weiter Ferne besang ein Vogel die letzten Stunden des Tages. Die Bäume auf der anderen Seite von Florenz verloren sich im leichten Nebel, so wie sie einander verloren.
„Jedes deiner Verbrechen… fühlt sich an als wäre ich seiner schuldig. Nicht nur Abigails Ermordung, jeder Mord… rückwärts und vorwärts über die Zeit ausgedehnt.“
Etwas überflutete Hannibals Antlitz, in seinen Augen so etwas wie Traurigkeit. „Der Akt dich von mir zu befreien und... der mich von dir zu befreien, sind ein und derselbe.“
„Wir sind verbunden, zusammengewachsen“, die Silben wogen schwer in seinem Mund; da waren noch mehr, die er nicht sagte. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Hannibal und er hätten zusammen frei sein können. „Ich bin neugierig, ob einer von uns die Trennung überleben kann.“
Vielleicht sogar schon weit früher als Will hatte Hannibal sich darüber Gedanken gemacht und war sich der Antwort noch immer nicht sicher. „Jetzt ist die härteste Prüfung, nicht zu erlauben, dass Wut und Frustration... noch Vergebung dich vom Denken abhalten.“
Sie verloren sich in den Augen des anderen. Seine Pupillen weiteten sich, als Will sich dessen gewahr wurde, was Hannibal ihn zu tun einlud, wozu Hannibal ihn aufforderte. Dann schloss dieser sein Skizzenbuch. „Wollen wir?“
Er war im Begriff aufzustehen, doch Will hielt ihn zurück: „Die Galerie schließt erst in zwei Stunden. Wir haben noch Zeit.“
Für eine Weile betrachtete Will das prächtige Gemälde vor ihnen, atemberaubend in seiner Exzellenz und Erhabenheit, durchzogen von Craquelée wie ein feines Netz voranschreitender Zeit; ehe sein Blick zurück zu dem Mann neben ihm wanderte, zu seinem Gesicht, zu den heilenden Wunden. Er streckte eine Hand nach ihm aus, bis seine Fingerspitzen beinahe seine Haut berührten. „Jack hat dir das angetan?“, mehr eine Schlussfolgerung als eine Frage. Hannibal nickte. Ein Blick auf seine Hände und Will wusste: „Du hast dich nicht verteidigt.“
Die Stille zwischen ihnen war nicht leer, sondern voller unausgesprochener Worte und Erinnerungen, Schwermut und Ergriffenheit. Wieder war es Will, der sie brach: „Genauso war ich nicht dort, um gegen dich anzukämpfen. Ich bin nicht zu deinem Haus gekommen, um dich aufzuhalten oder dein Leben zu nehmen.“
„Du hast deine Waffe mitgebracht.“
„Um dich vor Jack zu schützen. Ich hatte mich für dich entschieden, ich wollte mit dir davonlaufen, selbst als ich noch dachte, du hättest Abigail umgebracht… Nur damit du sie mir wieder wegnimmst. Und dieses Mal hast du mich zusehen lassen.“ Ein Meer von Blut, und er konnte nicht einmal ertrinken. „Du warst wütend auf mich und… enttäuscht. Du hättest mich töten sollen, nicht… nicht sie.“
„Was Abigail widerfahren ist, musste geschehen.“ Bindungen hatten durchgeschnitten werden müssen wie eines Mädchens Kehle. Abigail war eine Brücke gewesen, eine Brücke zu Will, die er hatte niederbrennen müssen. Damit Will hatte leben können. „Es gab keinen anderen Weg.“
Er hätte wissen sollen, dass Will keine Brücken brauchte, dass nicht einmal ein Ozean zwischen ihnen weit genug war.
„Es gab einen. Aber heute nicht mehr.“ Will schluckte seine Tränen hinunter. „Ich träume immer noch von Abigail. Ich träume, dass ich… ihr beibringe, wie man fischt.“
„Es tut mir leid… Das habe ich dir genommen.“ Er sah Wills Verlust wie er seine eigenen sah; es waren viele gewesen, vielleicht zu viele. Also schaute er fort, um die Flut an sich zu halten. „Ich wünschte, ich könnte es zurückgeben.“
„Ja, ich auch“, seine Stimme brach wie der Damm, der seine Tränen zurückgehalten hatte. Er hatte nie erwartet, diese Worte von Hannibal zu hören, und dennoch: „Ich will deine Entschuldigung nicht“, Will stockte, „weil es nichts gibt, wofür sie gut sein könnte.“
Es waren wohl Momente wie dieser, die einen für immer veränderten. Hannibal schloss die Augen und fiel. Fiel mit der Hoffnung, an der er sich festgehalten hatte. Will hatte recht, eine Entschuldigung würde nichts ändern, nichts wieder gut machen. Es gab nichts mehr, das er tun konnte, nichts mehr, das er sagen konnte. Es war zu spät. Er hatte alles zerstört, und er würde das auch weiterhin tun. Gedanklich versuchte Hannibal sich von ihm zu verabschieden, aber es ging nicht.
„Wirst du mir vergeben?“
„Das habe ich bereits. Aber wie könnte ich vergessen?“
Hannibal blickte auf den Marmorboden hinab und schwieg. Vielleicht war es noch zu früh, um seine Vergebung annehmen zu können. Oder schon zu spät. Es gab Dinge, die Will laut aussprechen musste, und Hannibal ließ ihn.
„In dem Moment, in dem ich bereit war... in dem ich voll und ganz bereit war, mit dir zusammen zu sein, mit allen Konsequenzen..., hast du mich zerschmettert. Und sie. Es ist mir egal, was du mir angetan hast. Es kümmert mich einfach nicht mehr, was mit mir geschieht. Aber... jedes Mal, wenn ich dich anschaue..., sehe ich sie.“ Wieder streckte er sich nach ihm aus und hielt inne, bevor er die Grenze überschritt, bevor seine Hand Hannibals erreichen konnte. „Wie könnte ich vergessen, dass diese Hände ihr Licht ausgelöscht haben?“
„Ich werde es dich vergessen lassen.“
Achtsam, als könnte bei einer unvorsichtigen Bewegung der jüngere Mann von ihm schwinden, legt er bedacht seine Hand auf Wills. Zu ihrer beider Überraschung zog Will sie nicht fort, wich nicht zurück, entzog sich ihm nicht; stattdessen schloss er die Augen und ließ sich halten von einer einzigen festen Berührung. Sie saßen einfach nur da, neben einander. Fragil. Verletzlich. Empfindsam. Es war viel zu viel und gleichzeitig viel zu wenig. Sie schwiegen. Keiner von ihnen wagte diesen zerbrechlichen Moment zu unterbrechen. Es war kein leeres Schweigen. Der Raum zwischen ihnen war vollgestopft mit Sehnsucht und schmerzlicher Wehmut, Entsetzen und flachem Atmen.
„Abigail verdient es, dass man sich an sie erinnert.“
„Ich werde sie für uns beide in Erinnerung behalten. Ebenso wie ich mich an dich erinnern werde.“
"If I saw you every day, forever, Will, I would remember this time."
Hannibal 3.06
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"I could recognize him by touch alone, by smell; I would know him blind, by the way his breaths came and his feet struck the earth. I would know him in death, at the end of the world."
The Song of Achilles, Madeline Miller
Quellen & Empfehlungen:
Szene 2.11: Will and Hannibal discuss Abigail's death
Szene 3.05: Jack tries to kill Hannibal
Szene 3.06: Will and Hannibal in the Uffizi Gallery
Kapitel 9 "Die Last der Schuld" in meiner Supernatural-Destiel-Fanfic "Cursed or not"
slaughter
Er hatte jeden abgeschlachtet, der es auch nur gewagt hatte, Will zu berühren, und jeden, der sich ihm in den Weg gestellt hatte. Besondere Aufmerksamkeit hatte Hannibal Cordell gewidmet.
Nun hielt er Will sicher in seinen Armen und trug ihn durch den Schnee fort von der Muskrat Farm. Wills schlaffer Körper, noch immer gelähmt von den Betäubungsmitteln, lastete schwer auf seinen überanspruchten Muskeln und Knochen. Seine Knie gaben nach vor lauter Erschöpfung. Auf den offenen Feldern waren Mason Vergers Lakaien dicht hinter ihnen gewesen; hier im Wald jedoch boten Schatten ihnen beiden Schutz. Ihn noch immer mit seinem eigenen Körper gegen Kugeln und Frost abschirmend, sank Hannibal zu Boden, doch ließ den Mann nicht los, den er so verbissen festhielt.
Zwischen den Bäumen auf einer mondbeschienen Lichtung fiel ihm eine Gestalt ins Auge. In der klirrenden Kälte stand ein kleines Mädchen, zerbrechlich wie eine flüchtige Erinnerung, ihr Haar und ihr Kleid befleckt von etwas, das Schmutz hätte sein können, oder Blut.
„Mischa... Ich habe es nicht wieder geschehen lassen...“ Kniend im Schnee blickte er hinab auf Wills blutiges Gesicht. Seine Fingerspitzen zeichneten die Wunde an seiner Wange nach, und die auf seiner Stirn.
„Wirst du ihn essen?“, drang die dünne Stimme des Mädchens an sein Ohr.
„Nicht heute.“ Durch seine zunehmend verschwommene Sicht erfasste Hannibal ihren Ausdruck, ihr Antlitz, genauso rasch wie damals. „Du weißt sehr gut, wer ich bin – was ich bin.“ Mit einem Ächzen bezwang er die Unterkühlung, die seinem Fleische habhaft geworden war, kam wieder auf die Beine und hob Will erneut aus der Kälte. „Ich bin ein Monster.“
Er wandte sich ab von dem verblassenden Abbild seiner Schwester, ging entschlossene Schritte, unerschütterlich trotz steifer Glieder. Und wie Wind, der durch das Geäst der Bäume rauschte, hörte er sie flüstern: „Nicht heute.“
"The more a man forgets himself, tending to another creature,
the more he sees how human he is."
Peter to Will, deleted scene 2.09
live (part 1)
~ ashes in the wind ~
"Wie ich sehe war dein Chirurg kein vollkommener Dilettant."
"Aber du hättest das besser hingekriegt, nehme ich an?" Das Gesicht, das ihm aus dem milchigen Krankenhausspielgel entgegenblickte, wirkte abgeschlagen und fremd. Seine zahlreichen Wunden waren längst nicht verheilt und die flackernde Neonröhre zeichnete von oben herab tiefe Schatten auf seine Züge.
"Selbstverständlich." Das Schmunzeln in der vertrauten Stimme hinter ihm war unüberhörbar.
"Selbstverständlich", wiederholte Will und verzog seine Mundwinkel dabei unwillkürlich zu einem schmerzhaft schiefen Lächeln.
"Das steht dir."
"Die Narbe im Gesicht?"
"Das Lächeln."
"Hannibal, wieso bin ich noch am Leben?"
"Weil ich will, dass du lebst."
"Will Graham is alive because Hannibal Lecter likes him that way. (...)
I would argue, with these two, that's tantamount to flirtation."
Frederick Chilton 3.04
Wochen waren an ihm vorbeigezogen, Wochen des medikamenteninduzierten Komas, dann Wochen, in denen er kaum bei Bewusstsein gewesen war, voll von Schmerz. Nach allem, was geschehen war, konnte er nicht in sein altes Leben zurückgehen, zurück zu Molly. Zumindest konnte er wieder gehen. Inzwischen hatte er den Rollstuhl gegen einen Gehstock eingetauscht. Er hatte quälend lange gebraucht, um die kurze Distanz vom Auto zur Klippe zu laufen. Wind zerrte an seinem Haar und streichelte sein Gesicht eher grob als sanft. Er schwankte bei jeder Böe.
„Ich fühle mich fragil.“
„In Anbetracht dessen, dass du bis hierhin überlebt hast, würde ich das Gegenteil behaupten.“ Hannibal stand direkt neben ihm, wie er es immer tat dieser Tage.
„Der einzige Grund, warum ich noch am Leben bin, ist, weil du es so wolltest.“
„Nun, was wird dir der Umstand, dass du weiterlebst und mich überdauert hast, beweisen? Meine Schwäche oder deine Stärke?“
„Wer sagt, dass ich das will?“ Er trat einen Schritt näher an den Rand des Abgrundes. Die Tiefe zog ihn an wie eine Motte zum Licht.
„Will, dein Einverständnis ist mir wichtig... in jedem anderen Aspekt als diesem.“
„Also habe ich nicht über mein eigenes Leben zu entscheiden?“
„Das hast du sehr wohl.“
„Aber nicht über meinen Tod.“
„Du hattest über den meinen zu entscheiden. Ist das nicht genug?“
"Hannibal's only thought down the cliff was
that he was holding the man that he loved."
Mads Mikkelsen
Die Wellen unter ihm brachen gegen die schroffen scharfkantigen Felsen.
„Warst du es, der meinen Kopf über Wasser gehalten hat? Der mich ans Ufer geschleppt hat?“, hatte er gefragt. Jedes Mal, wenn er seine Augen schloss, konnte er noch immer die Hände spüren, die ihn aus der Dunkelheit in das Mondlicht darüber gezogen hatten, die Stimme, die ihn angefleht, nein, ihm befohlen hatte zu atmen, Bitternis in seinem Mund, seine brennenden Lungen, wie das Salz, das in seinen klaffenden Wunden gebrannt hatte, seine gebrochenen Rippen, die Arme, die ihn zu der Sicherheit der Küste getragen hatten.
„Nein, ich war es nicht“, hatte Jack am Fuße seines Krankenhausbetts stehend geantwortet.
„Dann, wenn er genug Kraft hatte, mich zu... zu retten, wenn er noch geatmet hat, als wir das Ufer erreichten...“
„Will. Er ist tot.“ Jack hatte ihm das nun zum vierten Mal in den letzten paar Tagen mitgeteilt, doch Will war noch immer nicht imstande gewesen die Tatsache zu erfassen, dass er am Leben und Hannibal einfach... fort war. „Er ist nicht ertrunken. Es war Unterkühlung in Kombination mit Blutverlust und Entkräftung. Es tut –“, Jack hatte sich selbst unterbrochen; es hatte ihm nicht leidgetan.
„Ich will ihn sehen.“ Er musste ihn sehen.
„Sein Leichnam wurde vor Wochen eingeäschert.“
Das Salz auf seinen Lippen kam vom Meer; er hatte keine Tränen mehr übrig, schon so lang nicht mehr. Die Schatulle in seinen Händen war nun leer, die Asche war verstreut und vom Wind weit über den Ozean davongeweht worden. Er wusste nicht, ob Hannibal das gefallen hätte oder ob es ihn überhaupt kümmern würde. Kein Grabstein würde jemals seinen Namen tragen. Es würde immer nur diese erodierende Klippe geben und den Ozean, der sie fortnahm. Will wollte ihm folgen. Aber Hannibal wollte, dass er lebte. Und am Ende bekam Hannibal immer, was er wollte.
Er stand direkt neben ihm, wie er es immer tat dieser Tage. Wie ein gefallener Schutzteufel. Er sah zufrieden aus, als der jüngere Mann einen Schritt von der Kante zurücktrat. Will streckte seine Hand nach ihm aus, doch seine Finger gingen durch ihn hindurch wie durch Rauch.
"An imago is an image of a loved one,
buried in the unconscious, carried with us all our lives.
The concept of an ideal... I have a concept of you, just as you have a concept of me."
Hannibal to Will 2.13
„Er hat noch geatmet, als ich ihn aus dem Wasser zog...“
Sie hatten schweigend dagesessen, in der Stille. Sie nun unterbrochen zu wissen, fühlte sich... eigentümlich an.
„Hannibal. Er ist tot. Die Unterkühlung, der Blutverlust...“ Chiyoh sah ihm nicht in die Augen. „Ich war zu spät. Jack war ebenfalls da; auch er war zu spät.“
„Und Jack hat dich gehen lassen, mit mir?“ Er wirkte kaum interessiert, nahezu apathisch.
Hannibal hatte seit Tagen nicht gesprochen; sie hatte befürchtet, er könnte gänzlich aufgehört haben. Umso eifriger war sie nun zu antworten: „Sie haben sich aufgeteilt, Jack war allein an dem Strand. Und ich kann besser mit Schusswaffen umgehen als er.“
„Ja, das kannst du.“ Das halbherzige Lächeln vermochte seine leeren Augen nicht zu erreichen.
„Aber ich konnte Wills Körper nicht mitbringen. Ich weiß, du hättest ihn gern... gesehen. Es tut mir leid.“
Eine lange Pause entstand, die sich ausdehnte in dahinfließenden Minuten; dann: „Ich dachte, ich hätte ihn gerettet... Wenn ich gewusst hätte, dass Will...“, Hannibal schüttelte den Kopf, „Ich wäre nie...“ Ich wäre nie aus dem Ozean gekrochen.
Ihre besorgten Blicke vergingen unbeachtet. „Du solltest etwas essen.“
Für eine Weile betrachtete Hannibal die unangetastete Mahlzeit, dann schob er den Teller von sich. „Ich habe keinen Hunger.“
"He loves you. When you are gone, he will feel your silence like a draft."
Hannibal 2.04
breathe (part 2)
~ blood in the sunlight ~
Der süßliche Geruch einsetzender Verwesung kroch ihm in die Nase und gesellte sich zu dem metallischen Geschmack in seinem Mund, als er die felsige Böschung hinabstieg. Gischt sprühte auf sein narbiges Gesicht und mischte sich mit der Blutlache, die den Leichnam umgab. Ein dunkelhaariger Mann mittleren Alters, vollständig bekleidet, mehr war nicht zu erkennen, ob der zahlreichen Wunden, die den Körper entstellten; hungrige Seevögel hatten ihr übriges getan. Die Wellen rauschten in beständigem Rhythmus und die italienische Sonne lächelte auf sie herab.
"Ein überaus unhöfliches Exemplar." Die vertraute Stimme klang nach wie ein niemals endendes Echo, wieder und wieder.
"Was machst du hier?", richtete Will das Wort an den hochgewachsenen Mann neben ihm, nachdem er vergeblich versucht hatte seine blutbefleckten Hände in dem salzigen Wasser des Meeres reinzuwaschen.
"Damals bist du mir quer über den Ozean bis nach Europa gefolgt. Glaubst du nicht ich würde dasselbe für dich tun?" Das Blut, das vormals noch ihm angehaftet hatte, befand sich nun an den Händen des anderen.
"Hannibal, das ist nicht...", verstohlen sah er sich um, ob er von jemandem beobachtet wurde, "Wir sollten nur miteinander sprechen, wenn wir allein sind."
"Ich bin gern mit dir allein." Hannibals Lächeln war ehrlich und tief.
"I hear Hannibal's voice in the well of my mind.
I hear him saying words that he's never said to me."
Will 2.01
"Wir sind da." Die zuschlagende Autotür riss ihn abrupt aus seinen Gedanken.
Nachdem er das Muster in den weit verstreuten Morden entdeckte hatte, hatte er Jack die Wahl gelassen; entweder Jack würde mitkommen oder er würde allein nach Europa gehen. Wie erwartet hatte Jack ihn begleitet.
Nun folgte Will den zielstrebigen Schritten des Älteren in das örtliche Büro von Interpol. Diesmal sollten sie es richtig machen, hatte Jack gemeint; doch die Grenze zwischen richtig und falsch war seit langer Zeit erodiert und mit ihnen in den Abgrund gestürzt. Er sollte nicht hier sein.
Die Decken in dem alten Gemäuer waren hoch, jedes Geräusch echote in den weitläufigen Gängen. Die Aktentasche in Wills Händen wog schwer; sie war voller Geschichten, die von Düsternis erzählten und ein gewaltvolles Ende gefunden hatten. Ein Ende, das ihm nicht vergönnt gewesen war.
"Ein Mann, der seine Frau und Tochter umgebracht hat. Erschossen, ein ganzes Magazin wurde auf ihn abgefeuert, dann wurde ihm auch noch die Kehle aufgeschlitzt. Overkill."
Ein zweites Foto fand seinen Weg auf den massiven Hartholztisch. "Erhängt. Bis auf die Tatsache dass er Arzt war, ist über das Opfer wenig bekannt."
Die Interpol-Agentin runzelte die Stirn, Will schob ihr ein drittes Foto zu. "Gewürgt, erschlagen, zu Tode geprügelt. Das Opfer war ein berüchtigter Auftragskiller der albanischen Mafia; sie nannten ihn das Biest."
Das vierte Foto landete unsanft auf dem Stapel. "Unbekleidet durch den Wald gejagt, erstochen, man hat ihn langsam ausbluten lassen. Auf dem Computer des Getöteten hat man selbstgedrehte Pornographie gefunden... mit... mit Kindern." Die Abscheu ließ bittere Galle seinen Rachen hinaufsteigen.
Jack ließ die aktuelle Tageszeitung auf den Tisch fallen. "Das fünfte und bisher letzte Opfer hat man vor drei Tagen unweit von hier an der toskanischen Küste gefunden. Todesursache waren wohl diverse Schnitt-, Stich- und Bisswunden." Unwillkürlich blieb Wills Blick an dem Zeitungsartikel auf der Titelseite hängen: L'uomo morto in riva al mare - Der Tote am Meer. Da war Blut an seinen Händen, und metallischer Geschmack in seinem Mund.
"Ja, der Fall ist mir bekannt", bestätigte die Agentin in schwerem italienischen Akzent, "Dem DNA-Abgleich zufolge handelt es sich bei dem Toten wohl um einen gesuchten Serienmörder aus Florenz, der es auf Familien abgesehen hatte. Er wurde von den Behörden als Angelo Rosso identifiziert."
Ihre Kontaktperson bei Interpol war eine kleine untersetzte Frau in den Vierzigern, die jedoch ein ungebrochenes Maß an Autorität ausstrahlte, und Skepsis. „Wie kommen Sie darauf, dass all diese Fälle mit dem hiesigen zusammenhängen?" Sie ließ ihren Blick über die ausgebreiteten Fotos und Akten schweifen. "Türkei, Dänemark, Albanien, Rumänien, Italien. Auch Tathergang und -mittel sind völlig verschieden."
"Nun... Will, möchtest du vielleicht...", Jack hatte bemerkt, dass er abgedriftet war.
Nur schwerlich gelang es Will sich von dem Toten am Meer zu lösen. Als er schließlich ins Hier und Jetzt zurückgekehrt war, deutete er unwirsch auf die einzelnen Fotos. „Sehen Sie hin. Allen wurden die Pulsadern aufgeschnitten, manchen erst post mortem, manchen während sie noch lebten."
"Wie sind Sie überhaupt an diese Bilder gelangt? Nein, wissen Sie was, ich will es nicht wissen." Die Interpol-Agentin seufzte und strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus dem Gesicht. „Sie denken es waren Racheakte eines Einzelnen?"
„Rache? Nein. Eher... Reinszenierung. Wurden Organe entfernt?" Will konnte ein leises Aufglimmen völlig irrationaler Hoffnung nicht verhindern.
„Ähm...", sie blätterte in ihren Unterlagen, „Nein. Wir haben bei keiner der Taten Hinweise auf Organhandel feststellen können. Aber...", weiteres Blättern, "Angelo Rosso wurde das Herz geradezu herausgerissen; man hat es nahe der Leiche im Wasser gefunden."
„Will", Jack war näher an ihn herangetreten, "Er ist tot."
„Ich weiß." Er wusste es. Er selbst hatte seine Asche verstreut.
"Von wem sprechen Sie? Haben wir es hier mit einem Nachahmer zu tun?"
Nachdem er auf die Fragen der Agentin keine Reaktion zeigte, weiterhin schwieg und in die Leere an seiner Seite starrte, richtete sich Jack an ihn: „Will? Was denkst du über den Täter? Will er seine Opfer bestrafen?"
„Oder sich selbst." Will zögerte; noch immer war er sich nicht sicher, ob er hier am richtigen Ort war. Doch Dinge laut auszusprechen half ihm seine Gedanken zu ordnen. Das war schon immer so gewesen. „Er ist impulsiv, selbstzerstörerisch... Jemand, der nichts mehr zu verlieren hat. Es kümmert ihn nicht, ob er gesehen wird oder Spuren hinterlässt. Er verspürt keine Euphorie, keine Erregung. Da ist Selbstverachtung, Trauer und Reue, aber nicht für diese Morde. Es ist... zeremoniell. Er hat keinen Mitteilungsdrang, weil es niemanden gibt dessen Aufmerksamkeit ihm etwas bedeutet; er tut das für sich selbst oder... oder zum Gedenken. Die Ablageorte wurden nicht inszeniert, er hat seine Opfer weggeworfen, sie hatten ihren Zweck für ihn erfüllt."
„Oder für sie", wandte die Interpol-Agentin ein, die parallel zu Wills Ausführungen abermals die Akten überflogen hatte, "Am ersten Tatort wurde eine asiatische Frau gesehen, die sich verdächtig verhalten hat. Es wird vermutet, dass sie Patronenhülsen aufgesammelt und Fingerabdrücke abgewischt hat. Andere Zeugen behaupten allerdings vor und nach dem Tatzeitraum einen schlanken weißen Mann gesehen zu haben."
"Könnte der Täter eine Frau gewesen sein?", Jack wirkte nicht überzeugt, "Oder haben wir es womöglich mit einer ganzen Gruppe zu tun, die Selbstjustiz verübt?"
"Nein, es ist ein Mann und er tötet allein. Vielleicht hatte er Hilfe, anfangs."
Will war von dem Tisch zurückgetreten, da war nichts an dem er sich festhalten konnte. Das Rauschen in seinen Ohren war lauter geworden und übertönte ihre Worte. "Er hat nichts mehr zu verlieren... Er hält sich selbst für ein Monster. Er verurteilt sich selbst. Er wird..." Ihm schwindelte, alles begann zu verschwimmen. Da war Blut an seinen Händen. Blut sah im Mondlicht schwarz aus. "Selbstzerstörerisch... Sein letztes Opfer..." Er verlor den Halt und fiel, tiefer und tiefer in die Dunkelheit.
"You couldn't save Hannibal."
Bedelia to Will 3.10
"Atme, Will, atme." Er befolgte den Befehl der vertrauten Stimme. "Ruhig ein... und aus. Ein... und aus." Der Sauerstoff in seinen Lungen klärte seine vormals getrübte Sicht. "Was siehst du?"
Will zitterte am ganzen Körper, es dauerte einen Moment bis sich seine Augen fokussierten. "Dich." Beinahe bernsteinfarbene Iriden, hohe Wangenknochen, aschblondes langsam ergrauendes Haar. Seine eigenen Worte klangen rau und brüchig: "Es ist hell." Anstelle des Mondes schien die Nachmittagssonne gleißend auf ihn hinab.
"Sehr gut. Beschreibe mir was du hörst."
"Deine Stimme." Er mochte Hannibals Stimme, sie zog ihn zu sich wie das Lied der Sirenen todgeweihte Seefahrer.
"Was noch?"
"Meeresrauschen..."
"Hör genauer hin."
Will hörte genauer hin. "Bäume im Wind. Vögel. Eine Nachtigall." Ihre trillernde Weise wand sich in sehnsüchtigen Tönen in die Symphonie des Windes.
"Was kannst du spüren?"
"Wärme." Nicht von einer Berührung. "Von der Sonne. Harter, rauer Stein. Ich sitze." Seine Hände hielten sich an dem warmen trockenen Gestein fest. Er sank nicht mehr in die dunkle Tiefe, er war nicht im Wasser. Er hatte festen Boden unter den Füßen und die Sonne erwärmte seine von kaltem Schweiß bedeckte Haut.
"Und nun nenne mir drei Dinge, die du riechst."
"Frisch geharkte Erde, Blumen und... Kräuter." Kleine Gärten, Terrassen und Balkone im mediterranen Frühling, feine Noten von Lavendel und Basilikum. Hannibal hätte das sicher gefallen.
"Weißt du wo du bist, Will?"
"Italien." Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. "Mein Name ist Will Graham. Es ist vier Uhr am Nachmittag, circa." Ein Blick auf eine nahe Kirchturmuhr, sie war zu weit entfernt, er konnte keine Details erkennen. Er atmete, ein und aus, ein und aus.
"Ich wünschte... Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt. Mehr von... dir." Er streckte eine Hand nach Hannibal aus, doch seine Finger gingen durch ihn hindurch wie durch Rauch.
"Ich hätte dir gern mehr gegeben. Mehr als mein Leben."
Eine Weile saßen sie schweigend da, nebeneinander auf den alten steinernen Stufen eines beschaulichen toskanischen Städtchens. Es war nicht das erste Mal, das Hannibal ihn aus einem Flashback geholt hatte, und es würde nicht das letzte Mal gewesen sein. Das Büro von Interpol hatte er fluchtartig verlassen, ebenso wie er Jack hinter sich gelassen hatte.
"Du bevorzugst dich lieber allein auf die Suche nach dem Killer machen?"
Nachdem Wills Herzschlag sich auf ein erträgliches Maß reguliert hatte, waren sie aufgestanden und wandelten nun durch die verwinkelten sonnenbeschienenen Gassen, Seite an Seite.
Will sah zu ihm herüber und lächelte. "Ich bin nicht allein." Hannibal stand direkt neben ihm, so wie er es immer tat dieser Tage. Er war nun ein Teil von ihm.
"Wen imitiert er, Will? Wen versucht er in seinem eigenen Spiegelbild zu finden?"
Will war stehen geblieben, stützte sich auf eine niedrige Mauer und blickte auf den kleinen Bach hinab, der unter ihm dahinfloss. "Mich." Er wusste es, er spürte es. Reinszenierung. "Jeder dieser Morde steht für einen der meinen. Garret Jacob Hobbs, du..." Die durchgeschnittenen Pulsadern, jedes Mal. Selbstverurteilung. "Randall Tier, der Gefangene in Litauen, Francis Dolarhyde." Direkt oder indirekt, er hatte all diese Tode herbeigeführt. "Fehlt nur noch einer."
"Du glaubst sein letztes Opfer wird er selbst sein? Er wird sich selbst richten?"
"Oder mich."
Hatte der Täter ihn mit den Morden bloß nach Europa locken wollen? Ging es ihm doch um Vergeltung? War es doch eine Frau? Wollte Chiyoh für Hannibals Tod Rache an ihm nehmen? Konnte er sich so sehr irren? Er wusste es nicht. Er wusste gar nichts mehr. Und das war okay. Da war eine Ruhe in ihm, eine Akzeptanz des Unausweichlichen.
"Wenn dem so ist, solltest du dich dann nicht besser von ihm fernhalten?"
"Du weißt, dass ich das nicht kann." Er ahnte, wohin er gehen musste; er war diesen Weg schon einmal gegangen.
"Was erhoffst du dir davon ihn zu finden?"
Will sah auf, sah in Hannibals Augen, sah die Sonne langsam am Horizont untergehen.
"Einen Abschluss."
"The punctuation at the end of a sentence
gives meaning to every word, every space that preceded it.
(...) Love and death are the great hinges on which all human sympathies turn.
What we do for ourselves dies with us. What we do for others... That's beyond us."
Hannibal 2.13
hold (part 3)
~ statues in the gallery ~
Es sah noch genauso aus wie damals, nichts hatte sich hier verändert. Es wirkte beinahe grotesk im Angesicht dessen, was geschehen war. Drei Jahre, zehn Monate und dreizehn Tage war es her seit Will zuletzt hier gewesen war. Florenz war im Frühling sogar noch schöner. Hallen voller Kunstwerke; er konnte ihn beinahe spüren. Primavera von Botticelli; doch die Sitzbank vor dem Gemälde war leer. Ein Anblick, der sich wie ein schwerer kalter Fels um sein Herz legte.
Es zog Will in einen anderen Teil der Galerie, seine Schritte echoten in den hohen Gängen wider. Er wusste nicht, wonach er suchte, bevor er es fand. Die Szene in satten Farben für immer festgehalten wirkte schmerzlich vertraut; Achilles, der den leblosen Körper des Patroklos in seinen Armen hielt. Will schluckte schwer und konnte seinen Blick doch nicht abwenden.
Er war nicht allein. Vor dem Gemälde stand ein fahler Mann, ausgemergelt unter der dunklen Kleidung, wie ein Geist vergangener Tage. "Will...", seine Stimme brüchig.
Will wusste, wieso er hier war. Sein Imago von Hannibal mochte verhindert haben, dass er sich selbst das Leben nahm, doch er würde nicht verhindern können, dass ein anderer es tat. Da war ein Killer auf der Jagd und er würde ihn finden, damit dieser sein Werk vollenden konnte.
Will seufzte und trat näher. "Haben wir nicht gesagt, du würdest in der Öffentlichkeit nicht mehr mit mir sprechen? Die Leute werden misstrauisch, wenn ich Selbstgespräche führe." Dinge zu sehen, die nicht da waren, und mit ihnen zu reden, war nie ein gutes Zeichen geistiger Gesundheit. Doch Will war das egal. Dieses Mal war es ihm egal. Solang niemand auf die Idee kam ihn dagegen zu behandeln. Seine übereifrige Vorstellungskraft war alles, was ihm noch geblieben war.
"Will..."
Etwas war anders, vielleicht war es der Ausdruck in den vertrauten Augen. Entweder spielte sein fragiler Verstand ihm einen grausamen Streich, oder... Wider besseren Wissens streckte Will eine Hand nach ihm aus, und... seine Finger trafen auf warme Haut. Sein Herz stolperte in seiner Brust. "Hannibal?"
Wie versteinert war Will erstarrt, er konnte sich nicht rühren. Doch Hannibal nahm wortlos seine ausgestreckte Hand und legte sie auf das schlagende Herz unter dem schwarzen Hemd, ebenso wie Hannibals Hand ihren Weg auf Wills Brustkorb fand. Und da war es, ein Pulsschlag, ein schlagendes Herz, eine atmende Lunge. Für einen Moment standen sie reglos da, wie eine antike griechische Statue, die zwei Seelen in Ewigkeit vereinte, zwei Schicksale untrennbar miteinander verwob. All diese Monate... Will hatte alle Hoffnung aufgegeben. Und auch Hannibal hatte aufgegeben; er konnte es ihm ansehen, er spürte es. Schon zu viel hatten sie erlebt, um an Wunder zu glauben. Und nun waren sie beide hier, atmend, warm, real. Will versteckte die Träne nicht, die sich stumm ihren Weg über seine Wange suchte.
Das war alles, was nötig war. Sie bewegten sich im Einklang, instinktiv, in einem einzigen Impuls fanden sich ihre Körper, ganz von selbst, als wäre das immer schon eine Möglichkeit gewesen und sie hätten sich endlich dafür entschieden sie zu wählen, als wüssten ihre Körper, wonach ihr Stolz nie imstande gewesen war zu fragen. Sie hatten sich zuvor schon umarmt, doch als sie sich zum ersten Mal so in den Armen gehalten hatten, hatte Hannibal ihm ein Messer in den Unterleib gestoßen; beim zweiten und letzte Mal hatte Will sie beide von der Klippe gestürzt.
"Ich dachte...", Hannibals Stimme versagte.
Es war nicht perfekt, es war anfänglich steif und ungewohnt, auf die Art wie Menschen, die immerfort eine Rüstung getragen haben, versuchen, jemanden wirklich zu halten, jemanden wahrhaft zu berühren.
"Ja, ich auch..." Wills Finger gruben sich in den Mantel. Er hatte keine Worte um zu erklären, was geschah. Stattdessen schlang er seine Arme fester um den älteren Mann. An seiner Brust fühlte Will seine atmende Lunge, seinen kräftigen Pulsschlag. Etwas das er nicht zu hoffen gewagt hatte je wieder wahrzunehmen. Er presste sein Gesicht in seine Halsbeuge. Seinerseits tat Hannibal es ihm gleich und er spürte seinen warmen Atem auf seiner Haut, als Hannibal seinen Geruch tief in seine Lungen sog. Eine Hand legte sich in seinen Nacken, die andere verharrte auf seinem Rücken und drückten ihn enger an den Älteren, während die seinen in Hannibals Taille wanderten und sich dort in den Stoff des Mantels krallten. Auf der ständigen Suche nach mehr Kontakt, mehr Nähe, bis der andere Körper den seinen ganz berührte.
Will wollte spüren, dass Hannibal da war, dass er real war, dass er lebendig war. Er wollte ihn spüren. Auch noch am nächsten Tag. Er wusste, was das bedeutete, und er wollte all das, auch den Schmerz. Er trug Spuren von ihm auf seiner Haut. Und er wollte, dass Hannibal ihn erneut zeichnete. Er wollte ihn. Mit all seinen Narben, mit allen Konsequenzen. Nicht um sich Befriedigung zu verschaffen, diese Umarmung hatte nichts Lustvolles. Sie hielten sich so verzweifelt aneinander fest, als wären sie einander das Einzige, das ihnen Halt geben konnte, und wahrscheinlich war es so. Sie brauchten einander. So sehr... "Bleib bei mir."
Da lehnte Hannibal sich zurück um ihn anzusehen. Und mit Intention streifte der Winkel seine Lippen Hannibals Wange, zaghaft und sachte. Ein Austesten, eine wortlose Frage. Gleichermaßen eine Bitte wie ein Versprechen. Da war Wärme, Vertrautheit, Intimität. Der geteilte Atem zweier Männer, die zu viel Stille durchlebt hatten. Hannibals Hand vergrub sich in Wills Haar, gleich oberhalb dem Kragen, und zog ihn näher an sich. Nicht grob, sondern darbend, die Verzweiflung greifbar. "Wohin sonst sollte ich gehen?"
"I need you, Hannibal."
Will 3.13
"Wir hatten eine Abmachung, Agent Crawford. Wieso ist Will Graham in Europa?", obwohl ihre Stimme stets monoton anmutete, war unüberhörbar wie erbost sie war. Steif und scheinbar reglos stand sie vor ihm. Über ihrer Schulter trug sie eine Langfeuerwaffe, ihre grazile Statur wurde von einem dunkelgrünen Mantel umhüllt. Ihr Name war Chiyoh. Sie wirkte reifer als zuvor, gezeichnet von den vergangenen Monaten.
Das letzte Mal als sie sich gegenübergestanden hatten, hatten sie in den Lauf der Schusswaffe des jeweils anderen geblickt. In diesem Moment hatte Jack gewusst, dass er sie nicht würde besiegen können. Und sie beide hatten jemanden an diesem felsigen Strand gehabt, der ihnen etwas bedeutete. Jemanden, der dem Tode nah gewesen war.
"Eine Abmachung, richtig. Hatten Sie nicht zugesagt, Sie beide würden unter dem Radar bleiben, keine Aufmerksamkeit erregen? Das, was hier geschieht, ist das genaue Gegenteil davon!"
Missbilligend stieß sie die Luft aus. "Er ist ein Raubtier, ich kann ihn nicht einsperren. Das war Ihre Aufgabe." Daraufhin erwiderte Jack nichts. "Es war riskant genug ihn über Will Grahams Verbleib zu belügen." Ihr starrer Blick schien ihn zu durchbohren. "Wo ist Ihr abtrünniger Bluthund jetzt?"
"Ich weiß es nicht", antwortete Jack wahrheitsgemäß, "Im Gegensatz zu Ihnen ist er gut darin unterzutauchen." Ihre Reaktion ließ eine böse Vorahnung in ihm aufsteigen. "Sie haben Hannibal aus den Augen verloren?" Sie nickte knapp. "Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die beiden einander finden."
"Wenn sie es nicht längst schon getan haben."
"Ich fasse es nicht!", außer sich konnte Jack nicht mehr an sich halten, "Sie hatten diesen einen Job!"
"Wir", korrigierte Chiyoh ihn. Resigniert schüttelte sie den Kopf. "Wir haben unser Möglichstes getan sie voreinander zu schützen."
"Und die Welt vor ihnen."
"Some beasts shouldn't be caged."
Chiyoh to Hannibal 3.07
Gemeinsam hatten Will und Hannibal die Uffizien-Galerie verlassen und waren nun auf einer der zahlreichen florentinischen Brücken stehengeblieben. Der Arno floss geruhsam unter ihnen dahin. Sie waren sich nah, Seite an Seite, auf dass stets ihre Schultern einander berühren oder ein Arm den des anderen streifte, wie um zu spüren, dass der jeweils andere noch da war. Hannibal hatte seinen Mantel abgelegt; das dunkle Hemd wirkte zu groß an seinem hageren Körper; es war knittrig, Hannibal hatte sich nicht die Mühe gemacht es zu bügeln. Unter seinen Augen zeichneten sich tiefe Schatten ab, und sein suchender Blick kehrte stets zu Will zurück.
Seine Stimme klang rau als er sprach: "Obwohl ein kleiner fragmentierter Teil von mir nie anerkennen wollte, dass du nicht mehr am Leben seist, habe ich nicht zu hoffen gewagt, dass du es warst, der mir diese eindrückliche Botschaft gesendet hat."
Der Abglanz eines Lächelns umspielte Wills Mundwinkel. "Ich musste meinem Bewunderer doch mitteilen, wie sehr ich es zu schätzen weiß, dass mir Tribut gezollt und mein Vermächtnis weitergetragen wird."
Hannibal wirkte erfreut und neigte anerkennend den Kopf. "Eine gute Wahl übrigens. Angelo Rosso hat sich wunderbar in meine vorigen Werke eingefügt. Viel besser als mein eigenes Ansinnen."
"Wen hattest du im Sinn, bevor ich mich in deine Reihenfolge eingemischt habe?"
Noch immer zog Will sein rechtes Bein nach; Angelo Rosso hatte sich heftig gewehrt. Und auch Hannibal schien auf seinen Beutezügen einige Blessuren davongetragen zu haben. Eine dürftig vernähte Platzwunde zierte seine Schläfe; seine Hände und Unterarme waren übersät von oberflächlichen Kratzern, als wäre er bedenkenlos durch dichtes Unterholz gestreift.
"Einen Menschenhändler, der heute aus Mangel an Beweisen freigelassen werden wird. Skrupellos. Äußerst unhöflich."
Will nickte verstehend. Doch eine Angelegenheit beschäftigte ihn noch: "Und dein letztes Werk in dieser Serie?", er zögerte zu fragen, "Wen hast du dafür auserkoren?"
Auf die Balustrade der Brücke gelehnt, hatte Hannibal die Ärmel seines Hemdes hochgeschoben und so die alte Narben an seinen Handgelenken entblößt.
Und Will sah es förmlich vor sich: Ein Foto gehalten von ruhigen Händen; Abigail, Will und Hannibal, lächelnd. Seine brüchige Stimme, "Ich ergehe mich nicht oft in Reue und Bedauern, aber... ich hätte dir gerne Florenz gezeigt, Will. Es ist wunderschön." Das Foto losgelassen und vom Wind fortgetragen. Die alten Narben wieder geöffnet, sein Blut schwarz im Mondlicht. Dann ließ er sich fallen in die dunklen Fluten. Sein letztes Opfer.
Er sah Will an und lächelte. "Ich denke, das ist nicht mehr wichtig."
Dem Impuls nachgebend ihn zu berühren, ihn zu halten, legte Will eine Hand auf seinen Arm, zeichnete das Narbengewebe unter seinen Fingerspitzen nach, bis er die Handfläche erreichte. Ihre Blicke trafen sich, als er Hannibals Hand nahm; sie fühlte sich warm und richtig in seiner eigenen an. Und Hannibal folgte ihm, ließ sich von ihm von dieser Brücke hinunter führen. Und so traten sie zusammen auf die andere Seite des Flusses über. Hand in Hand gingen sie ein Stück am Ufer entlang, der tiefstehenden Sonne entgegen.
"Hast du heute Abend schon etwas vor?", fragte Will in die angenehme Ruhe hinein.
"Bisher nicht." Aufmerksam musterte Hannibal ihn. "Schlägst du eine gemeinsame Jagd vor?" Das Funkeln in seinen Augen war unübersehbar.
"Nun, da ist ein überaus unhöflicher Menschenhändler auf freiem Fuß. Aber ich habe eine Bedingung." Abermals ließ Will seinen Blick über Hannibals Erscheinung schweifen. Das zerknitterte Hemd, die achtlos vernähte Wunde, die dunklen Schatten unter seinen tiefen Augen. Das eingefallene Gesicht ließ seine Wangenknochen noch deutlicher hervortreten als sonst. Er hatte sichtlich an Gewicht verloren. "Du wirst unseren Erfolg mit einem Abendessen krönen."
Sie sahen einander an, sahen den Hunger in den Augen des jeweils anderen.
"Mit Vergnügen." Hannibals Lächeln vertiefte sich. "Es wird mir eine Freude sein."
"I don't indulge much in regret, but...
I would have liked to show you Florence, Will."
Hannibal 3.06
listen
Kalter Schweiß bedeckte seinen bebenden Körper, seine Lunge hob und senkte sich in angestrengtem Keuchen, sein Bewusstsein verweilte noch immer in einem Gefilde fernab von seinem behüteten Schlafzimmer. Irgendwo fiel er, schlug auf, ertrank; das Gefühl, jemanden zu verlieren und ganz allein zu sein in der tiefsten Dunkelheit, nach einer Hand zu greifen und ins Leere zu fassen.
Will versuchte, seine verklebten Augenlider zu öffnen, zusammengehalten von getrockneten Tränen. Als es ihm gelang, schaltete er die Nachttischlampe ein. Das gedämfte Licht, das ihn überspülte, schien grell. Geblendet blinzelte er, während sein Geist langsam in die Realität zurückkehrte. Die rechte Seite seines Gesichtes tat weh, seine Kehle fühlte sich heiser an, sein nasses T-Shirt haftete an seinem Rücken.
Auf seinem Nachtschrank fand er ein Handtuch, eine neue Pyjamagarnitur und ein Glas Wasser. Mit zittrigen Händen nahm er einen Schluck, ehe er in die frische Kleidung wechselte. Widerstrebend legte er sich wieder hin und bettete seine steifen Glieder zur Ruhe. Da war etwas Beruhigendes... Zunächst konnte er nicht genau benennen, was es war; vielleicht war es schon seit einer Weile da gewesen. Ein ferner melodischer Klang lullte ihn ein und lockte ihn zurück in den Schlaf.
Will: "I'm alone in that darkness."
Hannibal: "You're not alone, Will. I'm standing right beside you."
2.08
In der darauffolgenden Nacht wachte Will merklich früher aus seinen Albträumen auf. Sein Geist fühlte sich klarer an, es war ein sanftes Erwachen gewesen. Da waren erneut der frische Pyjama, das Handtuch und das Wasser. Und die Melodie. Will schlug die Bettdecke zurück, stand auf und zog sich um. Seine heilenden Wunden schmerzten noch immer bei jeder Bewegung.
Für einen flüchtigen Moment zögerte er, dann öffnete er seine Schlafzimmertür und folgte dem schwachen, aber dennoch präsenten Schall. Mit bloßen Füßen wandelte er die kalte steinerne Treppe hinunter, jede Stufe, jeder Schritt, jeder Ton, jede Note brachte ihn ihrem Ursprung näher.
Wie er ihr dämmriges Wohnzimmer erreichte, blieb er andächtig stehen. Im Zwielicht, mit dem Rücken zu ihm, saß Hannibal vor dem Klavier und spielte ein Musikstück, das Will noch nie zuvor gehört hatte, beruhigend doch melancholisch. Es bestand keine Notwendigkeit, sich anzukündigen; der ältere Mann war sich seiner Gegenwart durchaus bewusst, als vergängliche Klänge sie beide umwoben. Nach einer Weile ließ sich Will auf dem Sofa neben ihm nieder.
„Du hast auch Albträume.“
Einen Augenblick lang hielt Hannibal inne, dann tanzten seine Finger abermals über die Klaviertasten. Will brauchte keine Antwort, er wusste es. Es war, als würde ein jeder Gedanke Hannibals, eine jede Emotion, aus seinem Gehirn fließen, seine Arme hinab, in seine Fingerspitzen, die sie in Musik übersetzten und eine Melodie schufen, die nur Will hören konnte. Der Einzige, der verstehen würde. Der Einzige, der zuhören würde.
Eine Aneinanderreihung von Tönen, jeder einzelne für sich bedeutungslos. Sie stiegen auf, verfingen sich in den schweren Vorhängen und wurden verschluckt als wären sie nie da gewesen. Erst gemeinsam erschufen sie einander einen Sinn. Erst gemeinsam würde ihr Verklingen nicht umsonst gewesen sein.
Waren sie nicht alle in ihrer Vergänglichkeit wie Musik? Gemacht aus Fantasie und Erinnerungen. In die Zeit gezeichnet. Eine Melodie, die im selben Augenblick stirbt, in dem sie vollendet ist. Vollständig. Beendet. Verklungen. Aber nicht ohne einen Unterschied gemacht zu haben.
Am Morgen fand Will sich zusammengerollt mit einer weichen Wolldecke ausgebreitet über seinem strapazierten Körper wieder. Er musste auf dem Sofa eingeschlafen sein. Als er den Kopf hob, begrüßte ihn Hannibal mit zwei Tassen duftendem Kaffee in erschöpften Händen und dunklen Schatten unter seinen Augen.
"Strange having nightmares; I never used to. (...)
I'm metabolizing the experience by composing a new piece of music."
Hannibal 2.06
Als Will die leise Melodie zum dritten Mal vernahm, war er kaum eingeschlafen. Noch hatten keine Albträume ihre Klauen in seine Vorstellungskraft und seine Erinnerung geschlagen. Für ein paar Minuten lauschte er inniglich der schmerzlich zärtlichen Weise; Melancholie und Wehmut sickerten in sein Fleisch; wie ein Ozean, der das Land überflutete.
Dann stieg er aus der Wärme seines Bettes, ließ sich von den Wellen der Töne nicht in einen Vergessenheit-verheißenden Schlaf ziehen, und begab sich die kalte dunkle Treppe hinab, während der Klang des Klaviers klarer und klarer wurde.
Er blieb nicht stehen, bis er ihn erblickte. Versunken in sein Musikspiel wandte Hannibal sich nicht um. Hingabe und Pein lagen in der Art, wie er sich bewegte, Sentimentalität und Zuneigung, Eleganz und Anmut, ungeachtet seiner noch immer verwundeten Muskeln und Knochen.
„Hannibal“, war alles, was Will sagte. Er wusste, was er brauchte, was sie brauchten. Wenngleich der ältere Mann keine Reaktion zeigte, spürte Will, dass er ihn gehört hatte.
Dann ging er hinaus, stieg die Treppe wieder hinauf und ließ sich auf seinem Bett nieder. Er betrachtete das Gemälde an der Wand ihm gegenüber; es bildete einen geruhsamen Fluss ab. Man hatte sich Gedanken über die Inneneinrichtung seines Gemachs gemacht, schlicht und behaglich, ganz wie er es vorzog.
Will hatte die Tür seines Schlafzimmers offen gelassen. Eine Einladung. Die Musik hatte schon vor einer Weile aufgehört. Er bemerkte ihn im Türrahmen stehen, zwischen der Dunkelheit des Korridors und dem Licht von Wills Nachttischlampe. Hannibal musste ihm lautlos gefolgt sein. Ihre Augen begegneten sich. Bislang hatten sie nicht über das gesprochen, was geschehen war, über die Klippe, das Fallen und die See. Sie waren noch nicht bereit dafür gewesen. Vielleicht würden sie es nie sein.
Schweigend legte Will sich nieder. Mit besonnenen Bewegungen trat Hannibal in den Raum ein, schloss die Tür, tat es ihm gleich und legte sich neben Will, darauf bedacht, ihn nicht zu berühren. Will nahm sein Gewicht auf dem Bett wahr, seinen Geruch, seine Wärme nahe bei sich. Sein Blick war offen und unverhohlen und ließ Will sein innerstes Wesen sehen. Die dunkle Sonne und die helle Nacht. Sie sahen einander nur an, lauschten dem schlagenden Herzen des anderen, seiner fortwährend atmenden Lunge.
"I am listening. I'm listening to you. You and I went so long in our friendship
without ever touching, yet I always felt attuned to you."
Hannibal 2.10
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hunger
Durch das Küchenfenster tauchte die untergehende Sonne sie in purpurnes Licht. Es roch nach gerösteten Gewürzen und dem salzigen Ozean, herb und lockend zugleich. Will atmete das Aroma ein und ließ seinen Blick schweifen, nichts hielt ihn mehr zurück.
Hannibal hatte die Ärmel seines kostspieligen Hemdes hochgekrempelt, die langen Narben an seinen Handgelenken hoben sich klar sichtbar von der weichen Haut ab. Achtsam wusch er den Seefisch, den Will an diesem Abend mit nach Hause gebracht hatte.
„Wunderschönes Exemplar, Will.“ Er lächelte und trocknete seine Hände mit einem der feinen Geschirrhandtücher.
„Ich war an der Reihe, das Fleisch bereitzustellen.“
Es war nicht das erste Mal, dass sie gemeinsam eine Mahlzeit zubereiteten. Rettich, Frühlingszwiebeln, eine Aubergine und einige Karotten häuften sich neben dem Schneidebrett auf. Das Gemüse zu schneiden war Wills Aufgabe. Ein langsamer Prozess. Er war nicht so geübt und geschickt wie der ältere Mann.
Einen Moment lang beobachtete Hannibal ihn von der anderen Seite der Küche aus, bevor er ein paar Schritte näher trat und über Wills Schulter schaute. „Lass es mich dir zeigen.“
Mit Bedacht griff er um ihn herum, seine Arme hinab, legte seine Hände auf Wills, während eine das Gemüse umfasste, die andere das Messer. „Halt es so.“ Warme, ruhige Finger hatten sich in einer festen Berührung um die seinen geschlossen und führten ihn. „Die Spitze bleibt an Ort und Stelle. Dann mit genug Kraft nach unten stoßen, deinen Griff nicht lockern.“ Wenngleich Hannibals Oberkörper und Unterleib kaum seine Kehrseite streiften, konnte Will ihn deutlich spüren.
„Nochmal, und nochmal.“ Gemeinsam zerteilten sie den Rettich in einem geschmeidigen Rhythmus. „Das machst du gut, Will.“ Die dunkle Stimme hinter ihm hatte sich kaum merklich verändert. „Jetzt da du bereit bist, können wir die Bewegungen beschleunigen.“ Hannibal verlagerte sein Gewicht und kam näher, ungemein leicht. Will stockte der Atem. Die von ihnen beiden ausstrahlende Hitze vermischte sich.
Dann mit einem Mal war Hannibal fort.
Mit zittrigen Händen legte Will das Messer nieder. Seine Beine fühlten sich schwach an. Er war es beinahe schon gewohnt, dass sein Körper auf Hannibals Präsenz reagierte, aber diese... diese Intensität war neu. Als er es wagte aufzublicken, sah er ihn am anderen Ende der Küche stehen, mit dem Rücken zu ihm, seine Atemzüge maßvoll und tief.
All die Zeit über waren Hannibals Berührungen präzise, beherrscht und zweckdienlich gewesen. Aber jetzt... Jetzt hatte sich etwas verändert.
Will räusperte sich, sein Mund war trocken. „Ich habe noch nie... Ich hab' es noch nie zuvor so getan. Du scheinst allerdings recht erfahren zu sein.“
„Das wirst du auch sein, sehr bald.“ Noch immer wandte er sich ihm nicht zu.
Fahrig nahm Will das Messer erneut auf, hackte rasch eine Frühlingszwiebel und schnitt sich prompt in den Finger. Er zuckte zusammen, als die Klinge in sein Fleisch eindrang. Ein Keuchen entrang sich seinen Lippen.
„Sieht so aus, als würde ich die ersten paar Male verletzt werden.“
Endlich drehte Hannibal sich zu ihm um.
„Das wirst du. Und ich werde mich um dich kümmern.“
"Could he daily feel a stab of hunger for you
and find nourishment at the very sight of you?
Yes. But do you ache for him?"
Bedelia to Will 3.12
take
Das warme Licht der hohen Kerzen zeichnete tiefe Schatten auf Holz, Haut und feine Stoffe. Die Abendsonne war längst am Horizont des nahen Ozeans versunken und überließ sie der heranbrechenden Nacht. Entspringend von dem gedeckten Tisch durchzog ein köstlicher Duft das Speisezimmer. Das einfache Mahl, Seefisch mit erlesenem Gemüse, war sorgsam zubereitet und kunstvoll angerichtet worden, dazu ein vollmundiger Wein, der in zwei Gläsern schimmerte.
Selbstvergessen ließ Will seine Fingerspitzen über die gläsernen Rundungen gleiten und nahm schließlich einen Schluck, als Hannibal das Schweigen zwischen ihnen durchbrach: „Reden wir über den Elefanten im Raum?"
„Welchen?"
Belustigung funkelte in seinen Augen, und Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Iriden. „Es gibt mehr als einen?"
„Definitiv."
Kaum hatte Will den ersten Bissen an seine Lippen geführt, erblühten exquisite Aromen auf seiner Zunge. Sie wuchsen, wanden und wandelten sich, als erzählten sie ihm eine Geschichte von Wehmut und Begierde.
Hannibals Lächeln wich wieder der vorherigen Ernsthaftigkeit, während er die Gesichtszüge seines Gegenübers studierte. „Bist du dir hiermit sicher? Wenn wir diese Grenze überschreiten..." Er konnte Wills Blick nicht einfangen. "Du kennst meinen Hunger. Und was ich einmal genommen habe, werde ich nicht zurückgeben."
Will schluckte den Bissen hinunter, der ihm gerade im Mund zergangen war.
„Gut." Und während er direkt in Hannibals flammende Augen sah: „Ich will nicht, dass du mich zurückgibst."
"You somehow lost yourself in the hot darkness of Hannibal Lecter's mind."
Will 3.06
defend
Gebeugt über einen Bootsmotor spürte Will, wie jemand auf ihn zukam, sich ihm lautlos näherte. In der nächsten Sekunde wurde er von hinten gepackt, unnachgiebige Finger schlossen sich um seinen Hals, eine beherrschte Brust presste sich gegen seinen Rücken. Will hörte rasch auf, sich zu wehren. Der Griff um seine Kehle und seinen Körper wurde fester, sodass seine Haut sich in blass erblühenden Malen an die Berührung erinnern würde.
„Wenn dies dein bester Versuch ist, dich zu verteidigen, möchtest du womöglich dein Training wieder aufnehmen“, raunte eine gedämpfte Stimme neben seinem Ohr.
Seine Lungen lechzten nach Sauerstoff und Worte verließen nur widerstrebend seine Lippen: „Vielleicht will ich mich... nicht mehr verteidigen... gegen dich.“ Als er seinen Widerstand aufgab, beruhigte sich allmählich sein schweres Atmen. „Ich fürchte den Tod nicht und ganz sicher fürchte ich dich nicht.“
„Das solltest du.“
Das tat er. Er war kaum imstande, seine zittrigen Hände zu verbergen. Natürlich hatte Hannibal es bemerkt, und doch gab er vor, er hätte es nicht.
„Es gibt nichts, was du mir antun könntest, was du nicht bereits getan hast.“
„Oh, Will, da gibt es noch so viel mehr...“
Er schluckte schwer. „Zeig es mir.“
Hannibal: "Save yourself, kill them all."
Will: "I don't know if I can save myself. Maybe that's just fine."
Hannibal: "No greater love hath man than to lay down his life for a friend."
3.13
stay
Großzügige Fenster, schwere Vorhänge, dunkles Holz, an der Wand gegenüber dem Bett ein Ölgemälde, das einen verschneiten Wald zeigte. Hannibals Zimmer in ihrem gemeinsamen Haus war genauso, wie Will es sich vorgestellt hatte. Exquisit und unaufdringlich in seiner Eleganz, die sich an die kultivierte Düsternis schmiegte wie ein trauter Begleiter.
„Vertraust du mir, Will?“, fragte er, während er einen Schritt näher trat.
Wenngleich sein Herz hart gegen seine Rippen schlug, als würde es seinem Brustkorb entkommen wollen, wich Will nicht zurück. „Ich habe aufgehört, mich das zu fragen. Was mit mir geschieht, ist schlicht nicht mehr wichtig.“
„Es ist wichtig für mich.“ Hannibal hielt einen Moment inne und atmete seinen Geruch ein, Adrenalin und Endorphine, Androstenon und Oxytocin, ein verlockender Cocktail aus Furcht und Erregung. "Wenn du bleibst... Will, ich werde dir wehtun."
"Seit wann hält dich das von irgendetwas ab?"
"Es sollte dich abhalten."
"Tut es nicht."
Hannibal: "Stay with me."
Will: "Where else would I go?"
2.10