Unruhig wälzte ich mich von einer Seite zur anderen und weigerte mich hartnäckig, die Augen zu öffnen. Noch nicht, sagte ich mir und stieß ein leises Murmeln aus, während ich versuchte, wieder ins süße Land der Träume zurückzukehren. Lass mich bitte noch fünf Minuten schlafen.
Doch mein Kopf schien da nicht mitspielen zu wollen und meine Müdigkeit war wohl nicht stark genug, um gegen den Instinkt des Wachwerdens anzukommen. Je mehr ich versuchte, wieder in meinen Traum zurückzukehren, desto mehr schien er in die Ferne und ins Vergessen zu rücken. Alles, was davon blieb, war ein Gefühl von Wehmut über die Tatsache, dass es kein Zurück mehr gab. Als hätte sich die Tür zum Wunderland für immer verschlossen, weil man kein Kind mehr war. In einem Anflug von Trotz zog ich die Decke mit einem leisen Grummeln über den Kopf und vergrub mein Gesicht ins Kissen. Egal wie spät es gerade war, es war gefühlt zu früh, um wach zu werden!
Ich hörte draußen das laute Heulen des Windes und ahnte, dass mein Schlaf- und Arbeitszimmer ziemlich eiskalt sein musste. Immerhin hatte ich gestern Abend völlig vergessen, die Heizung aufzudrehen und Neujahr lag gerade erst zwei Wochen zurück. Der Wetterbericht hatte bereits angekündigt, dass es heute schneien würde und die Temperaturen ein neues Rekordtief erreichen werden. Ein Grund mehr, warum ich die paradiesische Behaglichkeit meiner warmen und kuscheligen Decke um keinen Preis der Welt verlassen wollte. Ich konnte es mir heute mal leisten, etwas später aufzustehen. Es war immerhin Sonntag und die Arbeit konnte warten. Sonntags war meist der Tag, an dem ich meine soziale Batterie auflud, indem ich mich wie ein Eremit zurückzog und den ganzen Tag mit Zocken oder Filme schauen verbrachte. Oder ich traf mich mit Freunden, wenn meine Energie es zuließ. Aber bei dem Wetter hatte ich keine Lust, das Haus zu verlassen und ich war mir sicher, dass es den anderen genauso ging.
Ja… ich konnte im Bett liegen bleiben, solange ich wollte. Es war ja nicht so, als würde irgendwas Wichtiges anstehen. Oder?
Doch da drangen leise Geräusche an mein Ohr. Geräusche, die definitiv nicht von draußen her rührten. Nein, sie kamen definitiv aus der Küche. Ich hörte ein leises Klappern von Porzellan und wie eine Schranktür etwas zu laut knallte. Und knisterte oder brutzelte da was? Was zum Teufel…? Vielleicht träumte ich ja doch noch. Wäre nicht das erste Mal, dass ich einen sehr realistischen Traum hatte, in welchem ich im Bett lag und irgendetwas Merkwürdiges passierte.
Ich musste für einen kurzen Moment wieder eingenickt sein, denn das nächste, was ich hörte, waren leise Schritte neben meinem Bett. Eine Hand strich zärtlich durch mein Haar und ich hörte eine vertraute Stimme sanft raunen: “Guten Morgen, Dornröschen. Es gibt Frühstück.”
Mir entwich nur ein müdes und widerwilliges “Mmmh…” und ich wollte mein Gesicht nur tiefer ins Kissen vergraben.
Dann, mit einem leisen Kichern, spürte ich einen sanften Hauch an meinem Ohr und die Stimme in einem eindeutig suggestiven Ton flüstern: “Oder hättest du lieber mich zum Frühstück?”
Als ob mir jemand eine Adrenalinspritze in die Brust gerammt hätte, war ich mit einem Schlag hellwach. Blitzschnell riss ich die Augen auf und setzte mich im Bett auf, doch alles was ich sah, waren bloß verschwommene Konturen und grelles Licht. Hastig tastete ich den Nachttisch neben meinem Bett ab, fand meine Brille und setzte sie auf.
Neben meinem Bett stand Orlam bereits fertig angezogen und er trug eine schwarze Kochschürze. Jetzt, da ich endlich wach war, fiel mir wieder ein, dass er gestern hergekommen war, um bei mir zu übernachten. Das alles war noch so neu, dass mir der Gedanke in meinem schlaftrunkenen Zustand gar nicht in den Sinn gekommen war.
“G-guten Morgen, Orlam. Mensch, hast du mich erschreckt.”
Ein amüsiertes Grinsen zog sich über seine Lippen, was nicht wirklich neu war. Er machte sich gerne einen Spaß daraus, mich auf diese Weise in Verlegenheit zu bringen. Im Gegensatz zu mir, der völlig verpennt und zerzaust war, wirkte er gut ausgeschlafen und bereit, mit voller Energie in den Tag zu starten. Er trug ein schlichtes weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, eine schwarze Hose mit einer äußerst eleganten silbernen Gürtelschnalle und an seinem rechten Handgelenk trug er eine Uhr. Keine Rolex, aber sie sah trotzdem teuer aus.
Seinen Kleidungsstil konnte man kurz und knapp als modisch und legere beschreiben. Es passte perfekt zu seiner extrovertierten und charmanten Ausstrahlung und kaschierte zugleich seine etwas merkwürdigen Eigenheiten, die ich schon lange an ihm kannte. Sein Körperbau war etwas dünn, doch im Vergleich zu mir hatte er ein wenig mehr Muskelmasse. Er war ein paar Zentimeter kleiner als ich und Sommersprossen im ganzen Gesicht. Das einzige, was seine Business-Ästhetik störte, war der Rattenschwanz, den er schon seit seiner Kindheit trug und für den er in der Schule unzählige Male gehänselt worden war. Aber inzwischen trug er ihn geflochten, was ihm einen gewissen Charakter verlieh. Großen und Ganzen war Orlam zwar kein Model, aber er verstand es, Männern Frauen und anderen gleichermaßen den Kopf zu verdrehen.
“Oh, da scheint jemand richtig heiß darauf zu sein, mich zu vernaschen”, kommentierte Orlam meine Reaktion mit einem belustigten Kichern und schaute mich mit einem Blick an, der verführerisch und provokativ war. “Wobei… am liebsten würde dich eher dich vernaschen, mein süßer Iggy.”
Ich spürte, wie meine Wangen rot wurden und mein Herz wie verrückt in meiner Brust zu hämmern begann. Etwas zu hastig und laut erwiderte ich protestierend: "Nein danke, ich will lieber nicht auf deiner Speisekarte stehen!”
Orlam nahm das mit einem leichten Schulterzucken hin und ließ es auf sich beruhen. Ihm war mehr als deutlich anzusehen, dass er Spaß daran hatte, mich so zu sehen. “Es gibt Rührei und Bacon. Kaffee ist auch gleich fertig. Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich bekomme langsam Hunger.”
“Danke, ich komme gleich.”
Während Orlam zurück in die Küche verschwand, stand ich auf und erwartete im ersten Augenblick, dass mich die Kälte im Zimmer einholen und den letzten Rest Bettwärme aus meinem Körper vertreiben würde. Zu meiner Verwunderung war es aber einigermaßen auszuhalten. Es war weder zu warm, noch zu kalt. Hatte Orlam etwa die Heizung aufgedreht, als er aufgestanden war? Statt mich mit dieser Frage unnötig lange aufzuhalten, verließ ich eilig den Raum und steuerte direkt aufs Badezimmer zu, damit ich Orlam nicht allzu lange warten ließ. Ein flaues Gefühl in der Magengegend verriet mir, dass mein Blutzucker im Keller war und ich etwas zwischen die Zähne brauchte. Um den letzten Rest Müdigkeit loszuwerden, wusch ich mir mit kaltem Wasser das Gesicht und betrachtete mich im Spiegel, um meine körperliche Verfassung zu begutachten. Nun… was soll ich sagen? Was ich sah, war nichts Besonderes. Ich war ein hagerer Typ, der es beim besten Willen nicht schaffte, Muskeln aufzubauen. Meine Haut war blass wie eine Leiche und die weißen Locken auf meinem Kopf so weiß wie der Schnee vor dem Haus. Meine Augen waren rot und hatten einen leicht bläulichen Schatten unter den Lidern, der mich oft übermüdet oder kränklich aussehen ließ. Mich in irgendeiner Weise attraktiv zu nennen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Viel eher sah ich aus wie ein typischer Nerd, der noch nie in seinem Leben das Tageslicht gesehen hatte. Das lag nicht zuletzt daran, dass das so ziemlich meine Lebensweise beschrieb. Ich war ein introvertierter Nerd, der meist ein zurückgezogenes Leben führte und von zuhause aus als Freelancer meinen Unterhalt als Web-Developer verdiente. Und wenn man mit Albinismus geboren war, wurde ich im Sommer eher rot wie ein gekochter Hummer, statt eine gesunde Bräune zu entwickeln. Die Brille mit ihrem dicken Rahmen und eckigen Gläsern rundete den Nerd-Look perfekt ab.
Ich ging schließlich in die Küche, wo Orlam bereits auf mich wartete. Der kleine Tisch, an dem ich für gewöhnlich immer alleine saß, war bereits gedeckt worden und der Geruch von frischem Bacon, Eiern und Kaffee ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Mein eifriger Besucher lächelte glücklich, als er mich sah und gab mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange.
Er gestikulierte mir mit einer Handbewegung, mich zu setzen und ich folgte wortlos seiner Aufforderung. Ich spürte dabei seine Hand über meine Schulter streicheln, bevor er sich mir gegenüber setzte und etwas Milch und Zucker in seinen Kaffee gab. Ich tat es ihm gleich, rührte ihn aber noch nicht an, da ich ihn immer erst eine Weile abkühlen ließ. Stattdessen widmete ich mich meinem mit Rührei und den knusprig braun gebratenen Baconstreifen.
“Sorry, dass ich so lange geschlafen habe”, entschuldigte ich mich verlegen. “Und danke für das Frühstück. Eigentlich wäre das mein Job gewesen.”
Doch Orlam schüttelte nur den Kopf und winkte ab. "Ach, mach dir keine Gedanken deswegen. So hatte ich wenigstens mal die Gelegenheit, dich auch mal so zu sehen. Ich muss schon sagen: du verstehst es wirklich, selbst im Tiefschlaf einem Mann den Kopf zu verdrehen.”
“Du interpretierst da viel zu viel hinein!”
Zu sagen, dass diese gesamte Situation immer noch ziemlich ungewohnt für mich war, wäre eine Untertreibung. Es war erst vorletzte Woche gewesen, dass Orlam und ich uns an Neujahr näher gekommen waren und wir zusammen geschlafen hatten. Das Ganze hatte sich einfach so entwickelt, ohne dass einer von uns beiden irgendwelche Hintergedanken hatte. Naja… zumindest ich nicht, bei ihm kann man sich da nie so sicher sein. Der Kontakt zwischen uns hatte sich vertieft und Orlam hatte seine typischen Flirtsprüche und Annäherungsversuche zum Besten gegeben. Meine verschreckten und verlegenen Reaktionen hatten ihn amüsiert und irgendwie war das zu einer Art Spiel zwischen uns geworden. An Neujahr haben wir uns schließlich zum ersten Mal geküsst und zusammen geschlafen. Mehr war da nicht passiert. Wir hatten einfach nur nebeneinander gelegen, Arm in Arm, um die Nähe und Wärme des anderen zu spüren. Und es hat sich gut angefühlt… richtig angefühlt. Als wäre es eine ganz natürliche Entwicklung. Aber so wirklich konnte ich das nicht glauben. Immerhin war das eine völlig neue Erfahrung für mich. Meine Beziehungen waren bis vor kurzem nicht existent gewesen.
Nachdenklich kaute ich auf meinem Rührei und Bacon. Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, wann ich so ein Frühstück hatte. Meine Mahlzeiten bestanden für gewöhnlich aus Müsliriegel und Fertiggerichten, hin und wieder was vom Lieferdienst. Als ich bemerkte, dass Orlam mir einen prüfenden Blick zuwarf, sprach ich hastig: "Es schmeckt wirklich lecker. Normalerweise esse ich so ein Frühstück nicht.”
“Das überrascht mich nicht”, kam es mit einem Schmunzeln von ihm zurück. Er trank einen Schluck aus seiner Tasse und hob schelmisch die Augenbrauen. “Deine kleinen Küchen-Eskapaden habe ich ja bereits mitbekommen.”
Mein Gesicht lief vor Scham knallrot an. Vermutlich war mein Kopf gerade genauso rot wie die völlig missglückte Tomatensoße, die mich um ein Haar meine Kücheneinrichtung gekostet hätte. “Ich hatte Schwierigkeiten mit der Anleitung!” gab ich zu meiner Verteidigung zurück, doch sonderlich überzeugend klang das nicht.
“Dein kleines Kochexperiment endete beinahe in fahrlässiger Brandstiftung und du hast die Fleischbällchen zusammen mit der Pasta in Salzwasser gekocht. Ich weiß nicht, was davon das größere Verbrechen gegen die italienische Kochkultur war”, erwiderte Orlam leicht spöttisch, der sich ein wenig zu sehr über meine peinliche Misere amüsierte. Ich verzog das Gesicht zu einem Schmollmund und grummelte, während ich ein Stück Bacon auf meiner Gabel aufspießte.
“Ich habe eben nie gelernt, wie man kocht”, gab ich zu. “Das stand halt nie auf meiner Prioritätenliste.”
“Dann haben wir ja genug Gelegenheiten, dir das beizubringen.”
Es war leider kein Geheimnis, dass Orlam mir in vielerlei Hinsicht um Nasenlängen voraus war. Seine Kochexpertise war eine davon. Man konnte meinen, dass wir überhaupt keine Gemeinsamkeiten hatten. Immerhin war er ein charismatischer und redegewandter Unternehmensberater, der in der Stadt einen gewissen Ruf hatte. Manchmal kam es mir so vor, als hätte er schon jeden Mann, jede Frau und sonstige Personen ins Bett gekriegt. Alle außer mir, versteht sich.
Für mich war die Welt, in der Orlam lebte, völlig fremd und vielleicht auch ein wenig abschreckend. Allein der Gedanke an Sex löste in mir die gleiche Reaktion aus wie eine bevorstehende Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Alles, was für mich mit gewissen Erwartungen verbunden war, löste in mir nur Unwohlsein aus. Ich hatte schon auf dem College erkannt, dass ich biromantisch und asexuell bin, aber es wäre mir nie im Traum eingefallen, eine Beziehung mit jemanden zu haben, der nie Interesse an romantischer Liebe gezeigt hatte. Orlam hatte mir zwar an Neujahr gesagt, dass wir für unsere Beziehung keine Definition bräuchten, weil wir unsere eigenen Regeln machen können. Ich konnte nicht aufhören, darüber zu grübeln, weil ich nicht mal wusste, wie ich ihn jetzt nennen sollte. Meinen Liebsten? Meine engere Bekanntschaft? Freundschaft Premium? Das Blöde an der ganzen Sache war, dass ich nicht mal wusste, wie ich das am besten ansprechen konnte, ohne dass es sich anhörte, als wolle ich noch mehr einfordern oder ihn unter Druck setzen. Er machte mir schon solche Gesten, da sollte ich nicht so viel verlangen.
Nach dem Frühstück räumten wir zusammen ab und ich verschwand ins Bad um zu duschen. Orlams Angebot, mir den Rücken zu schrubben, lehnte ich ab. Ich ließ mich aber nach einiger Überlegung auf den Kompromiss ein, dass er mir nächstes Mal die Haare shampoonieren durfte, wenn ich bei ihm schlief. Aber nur vielleicht!
Da der Schnee draußen nicht nachlassen wollte, beschlossen wir, uns einen entspannten und gemütlichen Tag zu machen. Damit es uns nicht langweilig wurde, überlegten wir uns, was wir zusammen machen konnten. Der Vorschlag zu “Netflix & Chill” wurde strikt von mir abgelehnt. Naja… zumindest seine Interpretation davon, also machten wir es auf meine Weise. Wir einigten uns auf Stranger Things und saßen die meiste Zeit zusammen auf dem Sofa, eng aneinander gekuschelt in eine warme Decke gewickelt.
Irgendwann im Laufe des Nachmittags kochten wir zusammen ein einfaches Pastagericht mit den Zutaten, die ich in meinem kleinen Vorratsschrank hatte. Naja… zusammen kochen war vielleicht etwas übertrieben. Ich übernahm hauptsächlich das Schneiden und kochte die Nudeln. Die Soße fiel aufgrund meines letzten kulinarischen Supergaus nicht in meinem Aufgabenbereich. Aber zumindest lernte ich ein paar Tricks, wie man Knoblauch und Pilze anbriet, ohne dass sie in stinkende Kohlestücke transmutiert wurden. Wir aßen zusammen, redeten über unsere Arbeit und am Abend, als es endlich zu schneien aufgehört hatte, fuhr Orlam wieder nach Hause, da er am nächsten Tag ein wichtiges Treffen mit einem Klienten hatte. Bevor er sich aber verabschiedete, ergriff er meine Hand, zog mich zu sich heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich. Für einen Moment war ich überrumpelt und mein Gehirn brauchte eine Sekunde um zu begreifen, was da gerade passierte. Dann aber legte ich meine Arme um ihn und erwiderte seinen Kuss. Es war immer noch ungewohnt für mich, aber es fühlte sich trotzdem gut an. Ich war einfach nur glücklich in diesem Augenblick. Glücklich darüber, so auf eine Art geliebt zu werden, die sich richtig für mich anfühlte… in den Armen eines Menschen zu liegen, der mir das Gefühl von Geborgenheit gab. Und ich hoffte, dass er sich in diesem Moment genauso fühlte.
Orlam konnte mit seinen Avancen ziemlich überwältigend sein und mich von den Füßen reißen. Aber ich musste zugeben, dass ich das an ihm liebte. Irgendwie verstand er es auf seine eigene schräge Art, mich Stück für Stück aus meinem Schneckenhaus hervorzulocken, ohne mich unter Druck zu setzen. Es war wie eine Art Tanz zwischen uns, den wir auf unbekanntem Terrain führten. Ein Tanz nach unseren eigenen Regeln und ohne Bezeichnung. Ich fühlte mich glücklich. Aber warum verunsicherte mich die Tatsache so sehr, dass unser Tanz keinen richtigen Namen hatte?
Der Start in die Woche kam für meinen Geschmack einfach zu früh. Aber das war halt dieses typische Montag-Phänomen: es traf einen so plötzlich und unverhofft wie ein Zug, obwohl man am Vorabend genau wusste, was einem bevorsteht. Dementsprechend erforderte es ein gewisses Maß an Disziplin, den letzten Rest eines gemütlichen und entspannten Wochenendes hinter sich zu lassen und in die Arbeit zu stürzen. Ein paar Tassen Kaffee konnten dabei wahre Wunder bewirken. Selbst als Freelancer konnte ich mir kein allzu entspanntes Leben erlauben. Zwar war der größte Stress überwunden, da der Großteil meiner Deadlines meist um Black Friday lag, aber ich hatte trotzdem eine lange Liste abzuarbeiten. Die erste Tageshälfte der Montage reservierte ich mir für gewöhnlich für die Pflege der Webseiten, die ich betreute. Kleine Fehlerbehebungen, die zwar kein allzu großes Problem für die Klienten darstellen, aber dennoch mittelfristig bereinigt werden müssen. Den größten Arbeitsstress hob ich mir für das Ende der Woche auf, damit ich entsprechend am Wochenende durchatmen konnte. Das war der Arbeitsrhythmus, mit dem ich hervorragend arbeiten konnte. Natürlich gab es auch des Öfteren spontane Änderungen. Es konnte immer wieder passieren, dass irgendetwas Unverhofftes passierte. Mal schrieben mich Klienten kurzfristig an, um ein vereinbartes Design zu ändern. Es kam oft vor, dass noch auf den letzten Drücker zusätzliche Funktionen eingebaut werden mussten, oder es trat ein Fehler auf, der erhebliche negative Auswirkungen auf das Geschäft hatte. Man musste in diesem Job strukturiert und konzentriert arbeiten und gleichzeitig eine gewisse Flexibilität mitbringen.
Ich liebte meinen Job. Computer hatten mich schon immer fasziniert und ich hatte ein Händchen fürs Programmieren. Zusätzlich erlaubte mir dieser Job einen Luxus, den ich mit einem gewöhnlichen Bürojob wahrscheinlich nicht gehabt hätte: ich konnte von zuhause aus arbeiten und meine Kontakte auf ein Minimum reduzieren. Kommunikation mit den Klienten verlief ausschließlich über Email und ich konnte den ganzen Tag einfach zu Hause an meinem PC hocken und bei voller Lautstärke Musik hören. Und wenn ich mal keine Lust auf Electro Swing verspürte, hörte ich mir einfach ein paar Youtube-Podcasts nebenbei an. Es war kein sonderlich aufregender Job, aber er passte zu mir.
Die ersten zwei Stunden verbrachte ich damit, einen besonders hartnäckigen Bug zu fixen und eine fehlerhafte Verlinkung zu korrigieren. Dann legte ich eine kurze Pause ein, um eine Kleinigkeit zu essen. Meine Mahlzeit bestand aus kaltem Kaffee und einem Müsliriegel und im Anschluss machte ich ein paar Dehnübungen, damit ich durch das viele Sitzen keine steifen Glieder bekam. Während meiner amateurhaften Yoga-Übungen für notorische Stubenhocker schweiften meine Gedanken ab und landeten bei Orlam. Was er wohl gerade machte?
Ich wusste zwar, dass er als Unternehmensberater tagtäglich mit Klienten zu tun hatte und auch selber eifrig dabei war, etwas auf die Beine zu stellen. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, selber ein erfolgreicher Unternehmer zu werden und ich traute ihm das durchaus zu. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, Verkaufsgespräche zu führen oder Investoren zu gewinnen und mich ins Kreuzfeuer unzähliger Fragen zu begeben. Allein wenn ich solche Verkaufsgespräche bei Shark Tank sah, drehte sich mir vor lauter Stress und Angst der Magen um. Da konnte ich nicht anders, als Leute wie ihn zu bewundern, für die so etwas kein Problem darstellte. Ich war sogar ein wenig neidisch. Sie konnten einfach reden, ohne vor lauter Stress und Angst ihre Zahlen zu vergessen. Denen blieben die Worte nicht im Hals stecken. Selbst wenn sie irgendein Detail vergaßen, konnten sie es mit einem unbestechlichen Selbstbewusstsein überspielen und den Eindruck erwecken, als hätten sie stets alles im Griff. Ich tat mich schon schwer genug damit, Telefonate mit Leuten zu führen, die nicht zu meinem Freundes- oder Familienkreis zählten. Und selbst zu denen pflegte ich keinen allzu intensiven Kontakt.
“Er wird sich irgendwann mit mir langweilen. Nicht nur, dass ich ihm nicht das geben kann, was für die meisten Menschen natürlich ist, ich kann mit meinem eintönigen Leben nicht mal irgendetwas Aufregendes vorweisen. Was kann er nur von einem Langweiler wie mir wollen?”
Ich versuchte, mich mehr auf meine Arbeit zu konzentrieren, um mich von meinen Selbstzweifeln abzulenken. Mich mit solchen Gedanken verrückt zu machen, brachte ohnehin nichts. Ich stellte meine Kopfhörer lauter und suchte mir eine andere Playlist aus, in der Hoffnung, dass andere Musik vielleicht ablenken konnte.
Tatsächlich schaffte ich es, noch mal drei Stunden pausenlos durchzuarbeiten und einen ziemlich guten Fortschritt zu machen. Der lästige Bug Fix war der größte Zeitfresser gewesen, aber der Rest war im Vergleich dazu Routinearbeit. Mein Magen begann zu knurren und ich machte mir zum Mittagessen eine einfache Instant Fünf-Minuten-Terrine. Ich entschied mich für Makkaroni und Käse und gönnte mir als Nachtisch einen Schokoladenriegel. Meine Pause nutzte ich, um Gidget zu texten und nachzufragen, ob der Flug nach Großbritannien gut verlaufen war. Xier und Cecil hatten schon seit längerem geplant, seine Familie besuchen zu gehen. Immerhin war er schon lange nicht mehr in seiner Heimat gewesen. Die beiden waren seit dem College unzertrennlich und obwohl offiziell noch nichts feststand, wusste eigentlich schon die gesamte Clique, dass die beiden ein Paar waren. Ihre Beziehung war genauso subtil wie ein Vorschlaghammer ins Gesicht. Hin und wieder scherzte Genzou darüber, wann denn endlich die Hochzeitsglocken läuten würden, aber beide hatten immer wieder beteuert, bloß gute Freunde zu sein, die nur zusammen wohnten.
Ich wollte mir keine voreilige Meinung dazu bilden und lieber abwarten, bis Gidget es bestätigte. Von Cecil konnte man leider nicht erwarten, dass er mehr verriet, da er kein sonderlich redseliger Typ war und mich immer bei unseren Treffen anstarrte, als wollte er mich mit einem Messer abstechen. Er war ein komischer Kauz (sogar seltsamer als ich) und wirkte auf mich sowohl äußerlich als auch vom Charakter her wie Wednesday Addams’ verschollener Zwillingsbruder. Cecil machte nicht wirklich den Eindruck, als käme er mit anderen Menschen klar, aber er folgte Gidget auf Schritt und Tritt wie eine Art Handlanger und beschützte xiem mit der düsteren Ausstrahlung und einer stoischen Effizienz wie John Wick. Die beiden waren ein schräges Paar, aber was wirklich zählte war, dass Gidget glücklich mit ihm war. Egal ob es bloß eine Freundschaft oder was Ernstes war. Xier hatte genug durchgemacht und verdiente es, jemanden an xiers Seite zu haben, der Gidget als die Person akzeptierte, die xier war.
Es dauerte eine Weile, bis ich auf meine Nachricht eine Antwort bekam. Gidget berichtete, dass es wegen des starken Schneefalls zu einer Verspätung kam und sie in Frankreich zwischenlanden mussten. Erst vor eineinhalb Stunden seien sie endlich angekommen und der Jetlag machte ihnen beiden erheblich zu schaffen. Ich bekam noch ein Selfie zugeschickt. Gidget grinste breit in die Kamera und versuchte, xiers Müdigkeit zu überspielen, aber die Augenringe und die Blässe im Gesicht waren kaum zu übersehen. Cecil lächelte nicht. Sein schwarzes Haar war ein wenig unfrisiert und er hatte wie immer die Ausstrahlung eines Leichenbestatters oder jemanden, der einen Mord plante… oder beides. Ich schmunzelte, als ich das Selfie sah und wünschte den beiden viel Spaß und vor allem gute Erholung von der langen Reise. Dann setzte ich mich wieder an den PC und ließ den letzten Test durchlaufen. Aber irgendwie konnte ich mich nicht mehr so gut konzentrieren wie zuvor. Eine merkwürdige Unruhe schlich sich in meinen Körper und in meinen Verstand. Meine Gedanken waren unfokussiert und hetzten von einem Punkt zum anderen, ohne eine feste Form anzunehmen. Auch mein Körper schien unter Strom zu stehen. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich auf meinen Armen aus und ich begann mich nervös zu kratzen.
Das Selfie von Gidget und Cecil hatte irgendetwas in mir ausgelöst, aber ich konnte nicht genau sagen, was es genau war.
Egal was ich auch versuchte, ich konnte meinen Fokus nicht mehr auf die Arbeit lenken. Also gab ich es auf und beschloss stattdessen, ein wenig Stardew Valley zu spielen. Aber die Unruhe ließ nicht nach. Ich konnte einfach nicht in das Spiel eintauchen und die reale Welt hinter mir lassen. Egal ich auch versuchte, meine Ungeduld machte mir einen Strich durch die Rechnung und ich konnte nicht ruhig sitzen bleiben. Mit einem geschlagenen Seufzer schaltete ich den Computer aus und rieb mir die Augen. Was zum Teufel war nur mit mir los? Es war doch bis eben alles gut gelaufen. Warum hatte mich dieses Selfie nur dermaßen aus der Bahn geworfen?
“Weil sie im Gegensatz zu mir mit ihrer mehrdeutigen Beziehung zufrieden sind und nicht ständig ein Label für alles brauchen. Von den beiden muss sich auch keiner vorwerfen, dass der Partner Opfer für sie bringen muss.”
Doch da war noch eine andere Stimme in meinem Kopf. Es war nicht meine eigene und sie schien aus der weiten Ferne meiner verblassten Erinnerungen zu kommen. Eine weibliche und honigsüße Stimme, die aber zugleich eiskalt und vorwurfsvoll war und sich tief in meine Seele bohrte wie die Krallen eines Raubtieres: “Wie soll das funktionieren, wenn ich nicht mal mit dem Mann schlafen kann, den ich liebe? Erwartest du etwa, dass ich den Rest meiner Tage wie eine Nonne lebe? Nach allem, was ich für dich getan habe, tust du mir so etwas an?!”
Diese Stimme klang so seltsam vertraut, als gehörte sie jemanden, der mir nahe stand. Aber ich konnte sie beim besten Willen nicht zuordnen, so sehr ich auch versuchte, mich zu erinnern. Die Worte, die sie sprach, hatte ich in meinem Leben noch nie gehört. Trotzdem war ich mir tief in meinem Unterbewusstsein felsenfest sicher, dass es wirklich passiert war. Nicht in diesem Leben, aber dafür in einem anderen, so verrückt das auch klingen mochte. Dennoch war sie für mich so erschreckend real und noch eine Erinnerung übermannte mich in diesem Augenblick: das Gefühl von Angst und tiefer Scham.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog und es mir eiskalt den Rücken hinunterlief. Ein beklemmendes Gefühl überkam mich und mein Fluchtinstinkt meldete sich. Ich musste hier raus und zwar sofort.
Hastig stand ich auf, schnappte mein Handy und meine Geldbörse und ging in den Flur. Mein beigefarbener Wintermantel hing zusammen mit meinem dunkelgrünen Schal, der mit dünnen weißen Streifen gemustert war, an jeweils einem Haken an der Tür. Ich zog mich in viel zu großer Eile warm an, schlüpfte in meine gefütterten Winterschuhe und stürmte aus der Wohnung wie jemand, der sich auf der Flucht befand. Kaum hatte ich das Haus verlassen, wehte mir ein eisiger und schneidender Wind entgegen und meine Wangen schmerzen durch die Kälte. Es hatte zwar längst aufgehört zu schneien und der Fußgängerweg war geräumt, aber dafür hatte der Wind an Stärke zugenommen und der Schnee hatte seine flockig-leichte Beschaffenheit verloren. Er war hart und es hatte sich an einigen Stellen kleine Eisflächen gebildet. Normalerweise hätte ich mich nur ungern nach draußen gewagt, aber der eisige Wind war immer noch besser als diese klaustrophobische Beklommenheit, die ich in meiner Wohnung verspürt hatte. Was ich jetzt brauchte, war ein sehr langer Spaziergang und eine heiße Dusche im Anschluss, um mich wieder aufzuwärmen.
Hastig ging ich die Straße hinunter und vergrub die Hände in meinen Manteltaschen. Verdammt, ich hatte meine Handschuhe vergessen! Ich hätte eben schnell zurückgehen können, um sie zu holen, aber ein Teil von mir wollte es nicht. Ich wollte nicht zurück, zumindest noch nicht.
Meine Schritte waren viel zu schnell und unachtsam. Es dauerte nicht lange, bis ich auf eine vereiste Stelle trat und ausrutschte. Nur meinem Glück und meinen Reflexen war es zu verdanken, dass ich mich an einer Straßenlaterne festhalten und meinen Sturz verhindern konnte. Der plötzliche Schreck schaffte es tatsächlich, mit einem Schlag meinen Kopf aus dem Würgegriff meiner Ängste zu befreien. So viel dazu, durch die frische Luft wieder runterzukommen.
Keuchend blieb ich stehen, immer noch den Laternenmast in einer bizarren Umarmung umklammert, während mein Herz wie verrückt pochte.
Ich atmete tief durch, um mich wieder zu sammeln und wischte mir die Schweißperlen weg, die sich auf meiner Stirn bildeten. “Gottverfluchte Scheiße!” stieß ich hervor, um meinem Schock Luft zu machen und ließ von der Straßenbeleuchtung ab. “Reiß dich verdammt noch mal zusammen, Iggy. Was ist bloß los mit dir?!”
Ja… das war eine gute Frage. Was war mit mir los? Ich verstand es ehrlich gesagt selbst nicht so ganz. Bereits auf der Weihnachtsfeier hatte Orlam mir gesagt, dass er nichts von mir erwartete, vor allem nicht auf sexueller Ebene. Er wusste, dass ich asexuell bin und er meinte, dass das kein Problem für ihn war. Wir waren einfach nur zwei Menschen, die sich umeinander kümmerten. Die füreinander da waren. Was wollte ich mehr? Was zum Teufel war das Problem? Wieso konnte ich das nicht einfach akzeptieren und genießen, ohne dass mir meine Ängste immer alles ruinieren mussten? Wenn ich mich nicht endlich mal zusammenreißen konnte, würde Orlam irgendwann die Schnauze voll haben und das mit uns beiden bereuen.
Es nervte mich, dass ich immer dazu neigte, mich selber so verrückt zu machen. Wie sehr wünschte ich mir, es gäbe einen Knopf, mit dem man all diese negativen Gedanken einfach ausblenden konnte. Oder zumindest stummschalten. Ich fühlte mich miserabel und Schuldgefühle begannen an mir zu nagen. Ich kam mir egoistisch und undankbar vor, dass ich nicht einfach mit dem zufrieden sein konnte, was ich jetzt hatte. Nämlich eine etwas unkonventionelle, aber gute Beziehung mit jemandem, bei dem ich mich geborgen fühlte und der meine Asexualität akzeptieren konnte. In einer Gesellschaft, in der Sex eine derart wichtige Rolle spielte, war so etwas nicht selbstverständlich. Es gab für mich einfach keinen Grund, unglücklich zu sein.
Niedergeschlagen stand ich da und bemerkte gar nicht, dass meine Fingerspitzen und meine Ohren allmählich taub wurden. Es war mir in dem Moment egal. Geistesabwesend steuerte ich den Supermarkt, um Kaffee, Milch, Nudeln und eine Dose Ravioli in Tomatensauce zu kaufen. Die Bemerkung der Kassiererin, dass ich ein ziemlich langes Gesicht machte und sie davon noch depressiv werden würde, nahm ich wortlos hin. Zum Diskutieren oder für einen cleveren Konter fehlte mir sowieso das rhetorische Geschick und die Energie. Ich machte nur einen kurzen Abstecher zum Kiosk um mir einen Coffee to go zu holen und machte mich auf den Heimweg. Es wurde bereits dunkel und eine Kälte begann sich in mir auszubreiten, die bis in meine Knochen durchdrang. Der Rückweg nach Hause dauerte deutlich länger und als ich endlich vor der Tür stand, war ich so durchgefroren, dass es mir nicht mal gelingen wollte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Ich musste meine Einkäufe abstellen und mit beiden Händen den Schlüssel festhalten und selbst da brauchte ich knapp vier Anläufe, bis es endlich klappte.
Beine, Gesicht, Ohren und Finger waren inzwischen taub geworden. Das Klappern meiner Zähne klang wie das Geräusch eines Maschinengewehrs und nach meinem Gefühl zu urteilen waren meine Organe inzwischen Eisbrocken. Der Kaffee hatte überhaupt nichts gebracht, um mich warm zu halten. “Scheiße noch mal”, stieß mit zitternder Stimme hervor, als ich endlich den Schlüssel ins Loch bekam und ihn mit Mühe umgedreht bekam. Selbst das Öffnen der Tür gestaltete sich mit meinen tauben Fingern als Herausforderung und nur mit Mühe gelang es mir, mich mitsamt meinen Einkäufen zurück in mein trautes Heim zu schleppen. Die angenehm warme Luft meiner Wohnung empfing mich wie eine zärtliche Umarmung und ich atmete erleichtert durch. Aber leider hielt die Euphorie nicht lange an, denn kurz darauf begannen meine tauben Körperteile zu brennen und das mit einer Intensität, als stünde ich wortwörtlich in Flammen.
Gott verflucht noch mal, wieso bin ich überhaupt auf den Trichter gekommen, bei so einem Wetter nach draußen zu gehen? Ich wusste es nicht mehr. Was auch immer mich aus dem Haus getrieben hatte, war längst in den tiefen Windungen meines Gehirns verschwunden. Für mich gab es nur noch einen Gedanken: ich brauchte auf der Stelle eine warme Dusche und danach ein deftiges Abendessen.
Nach meinem kleinen Stunt am Montagnachmittag konnte ich von Glück reden, dass ich mir keine Erkältung, oder irgendetwas Schlimmeres eingefangen hatte.. So hatte ich genug Energie, um mich die nächsten drei Tage in die Arbeit zu stürzen. Es gab einiges zu tun und irgendwie musste ich ja meine Miete bezahlen. In der Zeit hatte ich auch nicht sonderlich viel Kontakt zur Außenwelt, wenn man von meinen Klienten absah. Gidget schickte hin und wieder Fotos von xiers Sightseeing-Tour mit Cecil und versuchte ein paar detaillierte Beschreibungen der Lokalitäten zu geben, damit Genzou ebenfalls im Bilde war. Auch Orlam schickte mir fleißig Nachrichten. So wie es sich anhörte, arbeitete er gerade unermüdlich daran, für sein Startup-Unternehmen geeignete Investoren aufzutreiben und Kunden zu finden. Dementsprechend führte er jeden Tag Verhandlungsgespräche und Präsentationen und war kaum zuhause. Er hatte mir grob erklärt, dass sein Startup eine Software war, mit der sich Handwerker in der Nähe buchen ließen. Es sollte möglich sein, per Ferndiagnose einen groben Kostenvoranschlag zu machen, Termine zu verwalten und noch ein paar andere Spielereien, die ich nicht mehr im Kopf hatte. Es klang nach einer ziemlich nützlichen Idee und ich drückte ihm natürlich die Daumen bei seinem Unterfangen. Er fragte mich auch, ob ich mit einsteigen wollte. Ich musste zugeben, dass ich interessiert war, aber ich hatte erst noch zwei Deadlines zu erfüllen, bevor ich eine feste Zusage machen konnte. Also vertröstete ich ihn fürs erste, aber Orlam nahm es gelassen hin und bestand darauf, dass ich unbedingt Teil des Projekts werden sollte, sobald ich mir Zeit dafür freimachen konnte. Schließlich schickte er mir einen Link zu einem Club in Doucan, der erst kürzlich eröffnet hatte und fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm am Wochenende feiern zu gehen. Lust hatte ich nicht gerade auf die vielen Menschen, die laute Musik und die stickige Luft, aber wenn ich mit ihm zusammen sein konnte, machte das einiges wieder wett. Außerdem war es etwas, das ihm Spaß machte und wenn er sich amüsierte, tat ich das auch. Da ich dieses Wochenende aber schon verplant hatte, einigten wir uns auf den darauf folgenden Samstag.
Es erstaunte mich ehrlich gesagt selbst, wie voll mein Terminkalender war. Naja, zumindest für meine Verhältnisse. Wenn ich nicht gerade mit Arbeit überhäuft wurde und die Wochenenden brauchte, um in völliger Isolation meine Energie aufzuladen, versuchte ich mich mit Freunden zu verabreden. Da diese ständige Unsicherheit selbst jetzt noch an mir knabberte und mir mehr zuzusetzen schien als mir lieb war, traf es sich eh ganz gut, dass ich mich an diesem Wochenende mit meinem besten Kumpel Genzou verabredet hatte. Genzou war immer eine gute Wahl wenn es darum ging, sich von Sorgen abzulenken und auch den Kopf zurechtgerückt zu bekommen, wenn ich mich unnötig verrückt machte.
Donnerstag und Freitag vergingen wie im Flug, was nicht zuletzt daran lag, dass ich so vertieft in meine Arbeit war, dass ich völlig die Zeit aus den Augen verlor. Es war das effektivste Mittel, um mich von düsteren Gedanken abzulenken, die mich immer wieder heimsuchten wie Geister. Noch viel schlimmer war aber die bruchstückhafte Erinnerung an diese weibliche Stimme. Zart, lieblich wie eine Blume und mit blonden Locken, die wie pures Gold im Sonnenlicht glänzten. An das Gesicht konnte ich mich nicht mehr erinnern, aber ihre Stimme klang so seltsam vertraut, als ob ich sie seit sehr langer Zeit kannte. Doch ihr lieblich süßer Klang und die grausamen Worte, die sie ohne jeden Skrupel über die Lippen brachte, ließen mein Herz vor Angst rasen und manchmal verspürte ich sogar den Drang zu weinen: “Du bist doch ein Mann, nicht wahr? Also hör endlich auf, dich so anzustellen. Du willst es doch auch, oder etwa nicht?”
Diese Stimme gepaart mit meinen eigenen negativen Gedanken waren manchmal so erdrückend, dass ich regelrecht Angst davor bekam, mit der Arbeit aufzuhören. Selbst das Schlafen fiel mir schwer und manchmal lag ich hellwach im Bett, hatte kurz ein Bild von einem fremden Zimmer und der mysteriösen Frau mit den goldenen Locken und dem weißen Seidenkleid vor Augen und bekam Angst. Nicht direkt Angst vor ihr selbst, sondern vor den Dingen, die sie mir sagen würde… und den Dingen, die sie mir antun würde wenn sie erfuhr, dass ich ihren Erwartungen nicht gerecht werden konnte.
Umso erleichterter war ich deshalb, als es endlich Samstag war und ich Genzou sehen konnte.
Glücklicherweise hatte sich das Wetter einigermaßen gebessert und ich erreichte nach einem kleinen Spaziergang den Fahrradladen, der ihm gehörte. Ein kleines Glöckchen bimmelte über den Eingang, als ich die Tür öffnete und ich schaute mich kurz um. Es war kein Kunde da, aber das war für diese Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Ich ging rüber zum Tresen und hörte aus einer hinteren Ecke des Ladens, wo die Reparaturen durchgeführt wurden, eine vertraute Stimme rufen “Einen Moment noch! Ich komme sofort.”
Ich ging der Stimme nach und betrat die Werkstatt, die wie immer fein säuberlich aufgeräumt war. An den Wänden hingen allerlei Werkzeuge, die Werkbank sah ein wenig abgenutzt aus und ich sah drei Rennräder in der Ecke stehen. Ein viertes stand in der Mitte des Raumes und wurde gerade ausgebessert.
“Na Herr Doktor, wie geht es dem Patienten?”
Ein lautes Lachen kam zurück, gefolgt von dem Kommentar “Außer ein paar steifen Gelenken ist es nichts Ernstes.”
Mit einem leisen Schnaufen erhob sich Genzou vom Boden, drehte sich in meine Richtung und breitete mit einem strahlenden Lächeln zur Begrüßung die Arme aus. “Eyyy Iggs, schön dass du da bist. Ich hatte schon Sorgen, du hättest dir unterwegs Frostbeulen geholt!”
“Viel hätte nicht gefehlt!” erwiderte ich scherzhaft und schloss ihn in die Arme, wobei ich mich zu ihm hinunterbücken musste.
Genzou Ichihara war mein bester Freund aus Kindertagen. Er war von kleiner und breiter Statur und machte das mit seiner großen Klappe wieder wett. Als Kind war ich ziemlich neidisch auf ihn, dass er ohne mit der Wimper zu zucken die wildesten Flüche vom Stapel lassen konnte und immer einen Weg fand, um für gute Stimmung zu sorgen. Wir beide standen uns ziemlich nahe und ich konnte ihm alles Mögliche anvertrauen, ohne befürchten zu müssen, dass er mich dafür verurteilen oder schlechter von mir denken würde. Er war einer der wenigen Menschen, deren Gesellschaft mich nicht völlig auslaugte.
Wir ließen wieder voneinander los und Genzou hob seine Werkzeugkiste auf, um sie wieder an ihren richtigen Platz zu stellen. “Wie schaut es eigentlich bei dir aus, Iggs? Ich hoffe doch, der Start ins neue Jahr ist besser verlaufen als die Weihnachtsfeier bei Bucks und Hunar. Das war ein Chaos, sag ich dir. Fuck, ich kriege es immer noch nicht aus den Kopf, was für eine Scheiße sich Bucks da zusammengereimt hat.”
“Es war etwas turbulent”, gab ich zu, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. “Cinderella als Maria war ja eigentlich ganz lustig. Aber auf die sehr bildlichen Details der Geburt hätte ich gerne verzichtet.”
Genzou lachte laut und herzhaft. “Ich hätte zu gerne Hunars Gesicht gesehen, als dieser literarische Supergau sein Trommelfell penetriert hat.”
“Ihm sind die Gesichtszüge komplett entgleist”, erinnerte ich mich mit einem Schmunzeln zurück. “Den Schock musste er selber erst mal verarbeiten.”
Nachdem Genzou alles weggeräumt hatte, schnappte er sich seinen Blindenstock und wir verließen gemeinsam den Fahrradladen. Auf dem Weg zu seiner Wohnung bekam ich ein paar wilde Geschichten zu hören. Wenn er erst mal seinen Mund aufmachte, war er nicht mehr zu bremsen. Ich kam mit seinen Erzählungen kaum hinterher und hörte die meiste Zeit nur zu. Aber ich war sowieso nie der Typ Mensch gewesen, der so unterhaltsam war wie er.
Endlich am Ziel angekommen, hingen wir unsere Jacken an der Garderobe auf und ich schaltete das Licht an, da es ein wenig zu dunkel für mich war. Während Genzou in die Küche verschwand, um uns ein Bier zu holen, ging ich ins Wohnzimmer und machte es mir auf der Couch bequem. Dabei spürte ich, wie ich mich auf etwas Hartes und Eckiges setzte und bekam erst einen Schreck, da mein erster Gedanke war, dass es vielleicht sein Handy war. Doch der Gegenstand entpuppte sich als ein Roman. Er war auch nicht in Brailleschrift, sondern in normalen Buchstaben gedruckt.
Neugierig studierte ich es, aber ich konnte mit dem Buch selbst nicht allzu viel anfangen. Es war “Der Alchimist” von Paulo Coelho. Etwas verwundert kratzte ich mich am Kopf, denn ich konnte mir niemanden in Genzous Umfeld vorstellen, der so etwas lesen würde. Gidget war mehr der Typ für LGBTQ+ Lektüren und seine Mutter, wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte, schaute hauptsächlich abgedroschene Seifenopern. Und die Chance, dass Orlam jemals seinen Fuß in diese Wohnung setzte, war geringer als ein Lottogewinn. Glücklicherweise kam Genzou in diesem Moment aus der Küche zurück. Er hatte seine Sonnenbrille und die orangefarbenene Strickmütze abgelegt und hatte zwei Flaschen kaltes Bier in je einer Hand. Er reichte mir eines und ließ sich neben mir auf der Couch fallen. Ohne um den heißen Brei zu reden, fragte ich ihn direkt: “Sag mal, hattest du kürzlich Besuch? Hier lag ein Buch auf der Couch.”
“Oh… äh…” Genzou konnte zwar einiges, aber ein Pokerface zu bewahren, gehörte definitiv nicht dazu. Seine Augen weiteten sich und er verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln. Er war nervös und begann sich unruhig am Hinterkopf zu kratzen. “Ja, es war jemand zu Besuch da. Naja, du kennst mich halt, Iggs. Meine große Klappe scheint wie ein Fliegenfänger für Leute zu funktionieren. Und ich habs dir ja schon damals gesagt dass sich alle um mich reißen werden, sobald ich meinen eigenen Fahrradladen habe.”
Er lachte wieder und stieß mir scherzhaft seinen Ellenbogen in die Seite. Aber ich hatte nicht vor, so einfach locker zu lassen. Vielleicht war es seine komische Reaktion oder ich wollte meine eigene innere Unruhe wenigstens in seiner Gegenwart vergessen. Also beschloss ich, ihn ein wenig zu sticheln und mir einen kleinen Spaß zu erlauben. “Kann es vielleicht sein, dass du ein Date hattest, Casanova?”
Eigentlich hatte ich das gar nicht ernst gemeint. Eher hatte ich damit gerechnet, dass Genzou lachte und dann irgendeinen frechen Spruch zum Besten gab. Doch was stattdessen folgte, kam für mich völlig unerwartet. Sein Lächeln verschwand und seine erschrockener Gesichtsausdruck zeigte mir nur allzu deutlich, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Ich starrte ihn mit offenem Mund an und musste diese Erkenntnis erst mal sinken lassen, bevor ich einen Schluck aus meiner Flasche trank. “Warte… ernsthaft?!”
Es war nicht so, dass Genzou nie mit jemandem ausgegangen war, zumindest so viel wie ich mitbekommen hatte. Ich war in unserer Gruppe immer der Einzige, der all die Jahre als ungebundene Jungfrau gelebt hatte. Aber Genzou hatte aus seinen kurzen Affären keine große Sache gemacht und war auch nie näher darauf eingegangen. Seine jetzige Reaktion machte aber nicht den Eindruck, als wäre es was Kurzlebiges und Unbedeutendes. Da schien wohl mehr dran zu sein. Natürlich freute ich mich riesig für ihn und wie zur Feier hob ich meine Flasche hoch und legte meine freie Hand auf seine Schulter. "Hey, das klingt ja großartig. Glückwunsch! Und wie heißt die Dame, die dir dein Herz gestohlen hat?”
Doch Genzou sagte nichts und zog mit einem gequälten Ausdruck die Augenbrauen zusammen. Langsam senkte er den Kopf und umschloss nun krampfhaft mit beiden Händen sein Bier. “Genzou?” fragte ich vorsichtig. Immer noch keine Antwort. Er biss sich auf die Unterlippe und schien mit sich zu hadern. Ich war ein wenig verwirrt über diese Reaktion. Wir beide kannten uns seit über 20 Jahren und hatten uns alle möglichen Geheimnisse anvertraut. Es war auch nichts dabei, wenn er mir etwas von seiner Flamme erzählte. Was war schon großartig dabei? Wir waren beste Freunde und er wusste, dass er auf mich zählen konnte, genauso wie ich auf ihn. Aber ich wusste auch, dass er sich schwer damit tat, sich anderen zu öffnen. Selbst mir gegenüber.
Ich klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und sprach ruhig: “Hey, du weißt, dass du mir alles erzählen kannst, oder? Du brauchst nicht immer den Coolen zu spielen.”
Eine weitere Pause verging. Erst kam nur ein tiefes Seufzen, dann trank Genzou ein paar Schlucke aus seiner Bierflasche und verharrte dann noch eine weitere Weile in Schweigen. Schließlich aber, mit leiser und kaum hörbarer Stimme, murmelte er zögerlich “Luis. Sein Name ist Luis.”
Ich hielt kurz inne und überlegte, ob ich den Namen schon mal gehört hatte. Aber mir wollte partout niemand einfallen und so fragte ich ihn “Ah, und wo habt ihr euch kennengelernt? Über eine Dating App? Bei dir im Laden?”
Ebenfalls irritiert wandte Genzou sich mir zu und für einen Augenblick erschien es mir, als würden mich seine Augen direkt ansehen. Aber natürlich wusste ich, dass das nicht der Fall war. “Ist das dein verfickter Ernst?” platzte es in einem fast vorwurfsvollen Ton aus ihm heraus und ich war so überrascht, dass ich vor ihm zurückwich und beschwichtigend die Hände hob. Hatte ich ihn jetzt etwa beleidigt?
“Tut mir leid, ich war bloß neugierig”, entschuldigte ich mich hastig. “Du musst es mir ja nicht sagen, wenn du nicht willst.”
“Das meine ich doch gar nicht, Iggs!”
Nun verstand ich gar nichts mehr. Was zum Teufel war denn dann das Problem? Etwas ratlos schlug ich deshalb vor: “Wie wäre es dann, wenn wir zu Sherman's gehen und ich dir zur Feier des Tages einen Drink ausgebe?”
“Juckt es dich denn gar nicht, dass dein bester Freund mit einem Mann ausgeht?” platzte es aus ihm heraus, immer noch in diesem vorwurfsvoll anmutenden Ton. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was ich darauf antworten sollte oder besser gesagt, was Genzou von mir erwartete. Dachte er etwa, dass ich ihn jetzt in einem schlechteren Licht sah oder es mir unangenehm war? Aber das ergab doch keinen Sinn. “Na dann heißt deine Flamme eben Luis und nicht Luisa. Das macht doch auch keinen großen Unterschied”, erwiderte ich mit einem Schulterzucken und leerte meine Bierflasche. “Als ob es dich zu einem besseren oder schlechteren Menschen machen würde. Man liebt, wen man liebt. Du bist mein bester Freund, Genzou. Außerdem hast du selbst gesagt, dass man einen Scheiß auf Leute geben sollte, die damit nicht klar kommen.”
Genzou sagte nichts dazu. Ich sah nur, wie sein Körper in sich zusammensackte und er die Lippen zusammenpresste, um seine Gefühle zurückzuhalten. Meine Brust schnürte sich zusammen, als ich ihn so sah und erst jetzt schien mir bewusst zu werden, wie sehr er sich all die Jahre mit diesem Geheimnis herumgequält hatte, weil er zu viel Angst gehabt hatte, es mir zu sagen. Ich wusste, dass er ein paar Probleme hatte und Antidepressiva nahm. Aber dass er so eine Angst gehabt hatte, mir davon zu erzählen, wäre mir nie im Traum eingefallen. “Hey… es ist alles in Ordnung”, versicherte ich ihm und nahm ihn in den Arm. “Ich lass dich nicht hängen.”
“Sorry, Iggs…”, murmelte er leise und versuchte, wieder zu fangen. “Naja, du kennst mich halt. Ich weiß ja, dass die Leute mich für absolut nervtötend halten, aber ich wollte nie, dass du… tja… du weißt schon…”
“Blödsinn”, entgegnete ich energisch und tätschelte ihm aufmunternd den Rücken. “Ich habe dich nie für nervig oder für einen schlechten Menschen gehalten. Klar warst du in der Schule mal ein Arschloch gewesen, weil du ständig auf Orlam herumgehackt hast, aber du hast dafür gerade gestanden und daraus gelernt. Und ich freue mich wahnsinnig für dich, dass du jemanden gefunden hast, der dich glücklich macht.”
Daraufhin kassierte ich einen leichten Schlag gegen den Oberarm. Genzou lachte erleichtert, hatte aber immer noch sehr mit sich zu kämpfen, um nicht in Tränen auszubrechen. “Fuck Mann, hör bloß auf mit deinem Gesülze, ansonsten heul ich dir gleich wirklich die Ohren voll.”
Nachdem die Katze endlich aus dem Sack war und Genzou erleichtert aufatmen konnte, entspannte sich die Stimmung zwischen uns und er erzählte mir mehr von seinem neuen Liebhaber. Wie ich erfuhr, war dieser geheimnisvolle Luis ein Kunde, mit dem er bereits im Herbst ins Gespräch gekommen war. Luis Belmonte war zwei Jahre älter, arbeitete als Bewegungstherapeut in einer Psychiatrie und seine Hobbies waren Yoga und philosophische Romane. Zwar konnte ich mir äußerlich kein Bild von ihm machen, aber so wie Genzou ihn vom Charakter her beschrieb, schien dieser Typ ein bodenständiger, einfühlsamer und spiritueller Mensch zu sein, der vom Wesen her an Mr. Rogers aus dieser alten Kinderserie erinnerte. Und er schien auch einen interessanten Sinn für Humor zu haben, was wohl der Grund dafür war, dass er immer wieder mit irgendwelchen fadenscheinigen Ausreden in den Laden gekommen war. Erst fing es mit einer Fahrradreparatur an, dann mit einem Kaffee als Dankeschön für den guten Service und irgendwie hatte es sich dann zur Routine entwickelt, dass Luis immer wieder zu Besuch kam, um sich mit Genzou zu unterhalten. Gestern hatten sie sich wohl hier verabredet, Luis hatte ihm ein paar Seiten aus seiner Lieblingslektüre vorgelesen und hatte das Buch dann heute Morgen hier vergessen.
Zugegeben, die Geschichte war überraschend heilsam und romantisch, aber irgendwie passte sie zu meinem besten Freund. Er war nie der Typ gewesen, der aktiv auf irgendwelchen Dating-Apps nach Partnern Ausschau hielt. Das passte eher zu Orlam. Natürlich konnte niemand sagen, ob diese Beziehung auf Dauer klappen konnte, aber ich wünschte es mir für Genzou. Zwar versuchte er es sich nicht anmerken zu lassen, aber er schwärmte regelrecht von seinem Liebsten und schien auf Wolke sieben zu schweben.
Schließlich holte Genzou eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und zündete sich einen Sargnagel an. “Tja…”, sagte er schließlich. “Tut mir leid, dass ich dir nicht mehr länger im Einsame-Herzen-Club Gesellschaft leisten kann. Aber hey, das Leben als Single ist auch nicht schlecht. Schau dir Orlam an. Der kann alles unter der Sonne vögeln, ohne irgendwelche Verpflichtungen einzugehen.”
Ich spürte, wie sich ein Knoten in meinem Magen bildete und realisierte nun, dass ich jetzt derjenige war, der sich in einer merkwürdigen Position befand. Es wäre ziemlich unfair von mir, ihm nicht von meiner “Situation” zu erzählen, wenn Genzou all seinen Mut aufbringen musste, um mir von seiner Beziehung mit Luis zu erzählen. Aber ich wusste, dass ich mich einigen unangenehmen Fragen stellen musste, wenn er erfuhr, dass ich was mit Orlam laufen hatte. Die beiden waren sich noch nie sonderlich grün gewesen. Genzou hatte schon in der Schule gerne auf ihm rumgehackt und ihn nicht mal verschont, als Orlams Mutter sich umgebracht hatte. Zwar hatte er sich hinterher entschuldigt, als wir ihm klargemacht hatten, dass er zu weit gegangen war, aber das Verhältnis zwischen den beiden war einfach toxisch.
Hinzu kam auch das Problem, dass ich nicht mal wusste, wie ich diese Beziehung zwischen und beschreiben sollte. Immerhin hatte sie keinen Namen und konnte alles Mögliche sein.
“Eyyy, Iggs? Alles gut bei dir oder hast du einen Furz quer sitzen?" Erst jetzt bemerkte ich, dass ich in ein tiefes Schweigen verfallen war. Nachdenklich biss ich mir auf die Wange sog die Luft tief durch die Nase ein. Der Geruch von Nikotin beruhigte mich ein wenig. Es erinnerte mich an all die Momente, in denen wir zwei zusammen über alles Mögliche geredet hatten. Über unsere Sorgen, über belanglose Dinge… Ich erinnerte mich unwillkürlich an unseren Abschlussball, wo Genzou sich sturzbetrunken an meiner Schulter ausgeweint hatte, weil seine Eltern sich geschieden hatten und sein Dad einfach abgehauen war. Ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern, wie schwach und verletzlich er gewesen war, als ich ihn tröstend in meinen Armen gehalten hatte. Gar nicht der lustige Draufgänger, den ich sonst kannte. Genauso wie gerade eben, als er mir offenbart hatte, dass er einen Mann liebte. Ich musste es ihm einfach erzählen. Ich musste ehrlich mit ihm sein, egal was danach auch kommen mochte.
“Nun… es gibt da jemanden… gewissermaßen”, gab ich zögerlich zu.
Hierbei hob Genzou erstaunt die Augenbrauen und blies eine bläuliche Nikotinwolke aus. “Oh? Hat dich Amors Pfeil also tatsächlich erwischt? Jesus Christus am Stock, wenn das mal nicht das Jahr der großen Gefühle wird.”
Ich war ehrlich gesagt froh, dass er mein Gesicht nicht sehen konnte. Ich fühlte mich, als würde ein Stein in meinem Magen liegen und wie das Blut aus dem Kopf wich. Mein Herz begann schneller zu schlagen und ich wurde wieder unruhig. Als ob mein Körper unter Strom stehen würde. Auch Genzou wurde langsam unruhig, nicht zuletzt weil er nicht sehen konnte, was gerade in mir vorging. “Nun spann mich nicht so auf die Folter, Iggs. Erzähl schon, wer es geschafft hat, dein Herz für sich zu gewinnen.”
Nervös begann ich an meinen Fingern zu spielen und überlegte, wie ich diese mehr als schräge Situation einigermaßen nachvollziehbar erklären konnte. Nach einigem Zögern sagte ich schließlich: “Es ist ein wenig kompliziert.”
“Nenne mir mal eine Beziehung, die nicht kompliziert ist”, kam es von Genzou zurück, der seine Zigarette im Aschenbecher ausdrückte. Damit erhob er sich von der Couch und ging in die Küche, um uns noch ein Bier zu holen. “Beziehungen sind immer kompliziert, weil Menschen halt so verfickt schwierig sind. Aus solchen Gründen gibt es beste Freunde und jede Menge Alkohol.”
Er kam kurz darauf wieder, reichte mir mein zweites Bier und setzte sich wieder hin. Ich trank einen Schluck und überlegte, wie ich am besten die Situation schildern konnte, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr schwante mir, dass das nur zu Verwirrungen führen würde. Also nahm ich meinen Mut zusammen und sagte direkt heraus: “Da läuft was zwischen mir und Orlam.”
Diese Offenbarung war zu viel für Genzou und vor lauter Schreck und Überraschung verschluckte er sich an seinem Bier. Er hustete heftig und schlug sich kräftig auf die Brust, um seine Atemwege wieder freizubekommen. “Was zum Teufel…?” brachte er mit großer Mühe hervor. “Orlam? Ausgerechnet Orlam?”
Er hustet noch ein paar Male, bis er wieder vernünftig durchatmen konnte. “Heilige Scheiße, Iggs. Ich habe mit allem gerechnet, aber sicher nicht damit. Wie ist das überhaupt mit euch beiden zustande gekommen?!”
“Erinnerst du dich an die Weihnachtsfeier bei Bucks und Hunar?” begann ich zu erzählen. “Ich hatte Orlam angeschrieben, weil ich kein passendes Outfit hatte und ein paar Tipps brauchte. Wir haben dann angefangen, über andere Sachen zu sprechen und dann hat er angeboten, dass wir zusammen zur Feier gehen. Wir haben dann zusammen getanzt und er… naja… er meinte, er wäre an mir interessiert. Also mehr als bloß Freundschaft, denke ich.”
“Wow…”, war das Einzige, was Genzou dazu sagte. Der Schock schien bei ihm immer noch ziemlich tief zu sitzen. Ich fuhr fort. “Ich war mit allem komplett überfordert, hab Panik bekommen und bin vorzeitig von der Party abgehauen. Wir haben uns dann an Neujahr wiedergesehen und er meinte, wir könnten es zusammen versuchen und unser eigenes Ding machen.”
“Und du hast dann ja gesagt”, schlussfolgerte mein bester Freund mit einem leichten Nicken und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Flasche. “Ich kann es nicht glauben. Sein scheiß Rattenschwanz muss echt Pheromone verströmen, wenn er sogar dich ins Netz geholt hat. Weiß er überhaupt, dass du asexuell bist?”
Ich nickte, aber dann fiel mir wieder ein, dass Genzou es nicht sah und antwortete: “Ich hab's ihm nie so offen gesagt, aber er hat es wohl durch meine Reaktionen gemerkt.”
“Und es ist okay für ihn?”
“Er meinte, dass er nichts von mir in dieser Richtung erwartet und wir unserer Beziehung keinen Namen geben müssen. Aber… ich weiß nicht, ob das so auf Dauer funktionieren kann.”
Eine nachdenkliche Stille herrschte zwischen uns beiden. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und Genzou war beschäftigt damit, die Tatsache zu verarbeiten, dass ich und Orlam in einer Beziehung waren… gewissermaßen. So genau wusste ich auch nicht, wie ich das einordnen sollte. Während ich bedrückt und nervös auf den Boden starrte, hörte ich, wie Genzou sich noch eine weitere Zigarette anzündete.
Schließlich unterbrach er das bedrückende Schweigen, als er seine Gedanken sortiert hatte. “Okay… ich denke, ich blicke jetzt so einigermaßen durch. Du machst dir wahrscheinlich Sorgen, dass Orlam nicht mit der Beziehung klar kommt, weil Sex für dich ganz außer Frage steht.”
“Das kommt so in etwa hin”, bestätigte ich. “Und ich weiß auch nicht, wie ich mit der Tatsache umgehen soll, dass ich nicht mal weiß, wo genau wir mit unserer Beziehung stehen.”
“Hast du den Eindruck, dass er dich zu irgendetwas drängen will oder frustriert ist?”
“Nein. Er macht zwar seine typischen anzüglichen Kommentare so wie immer, aber das ist eher so eine Art Spiel zwischen uns beiden.”
Zum Glück stimmte Genzou mir zu, dass es auch nicht Orlams Art war, jemanden zu bedrängen. Er war zwar ein Schwerenöter mit einem hohen Sextrieb, aber es war uns nie zu Ohren gekommen, dass er seine Sexpartnerschaften jemals schlecht behandelt hatte. Auch mir gegenüber hatte er sich immer respektvoll verhalten. Zwar testete er meine Grenzen aus, aber es war noch nie vorgekommen, dass ich mich ernsthaft bedrängt gefühlt hatte. Deswegen konnte ich auch nicht verstehen, warum ich so verunsichert war.
“Ich kann mich zwar nicht in deine Situation hineinversetzen, aber ich kann verstehen, warum du dir Sorgen machst”, sagte Genzou schließlich und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. “Was ich meine ist… ihr zwei könntet nicht unterschiedlicher sein. Ist doch klar, dass man sich fragt, wie zum Teufel das gut gehen soll. Aber das Ding ist, Iggs: es gibt keine Garantie dafür, dass es gut gehen wird. Man findet es erst raus, nachdem man eine Weile miteinander verbracht hat. Und Orlam weiß, dass du nicht die Art von Beziehung willst, die er üblicherweise führt. Entweder es macht ihm wirklich nichts aus, oder es wird nicht klappen.”
“Ich weiß…”, seufzte ich niedergeschlagen und fühlte mich elend. “Vom Kopf her weiß ich das, aber ich habe trotzdem Angst.”
“Klar, du bist unsicher, weil das was Neues für dich ist. Das geht jedem so, der zum ersten Mal in einer Beziehung ist. Und du bist halt der Typ Mensch, der niemanden verletzen will, also machst du dich selber verrückt.”
Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Es änderte zwar nichts an meiner Lage, aber es tat zumindest gut zu wissen, dass mich jemand verstand und wusste, was gerade in mir vorging. Das war zumindest ein kleiner Trost für mich. Erneut seufzte ich und lehnte mich zurück. Ich starrte die Zimmerdecke an, die sich durch den Nikotin bereits gelb verfärbt hatte und dachte nach. “Ich komme mir wie ein Egoist vor, dass ich unbedingt wissen will, wo genau wir in unserer Beziehung stehen.”
“Was zum Henker hat das bitte mit Egoismus zu tun?” platzte es plötzlich aus Genzou heraus. Seine Stimme war lauter geworden und hatte einen deutlich strengeren Ton angenommen als gerade eben. “Lass dir bloß nicht einreden, dass du für nichts ein Label brauchst. Es ist immer anders, wenn man ein Ding beim Namen nennen kann. So ging es mir als ich herausgefunden habe, dass ich schwul bin. Gidget hat erst angefangen, sich wohler in xiers Haut zu fühlen als xier erkannt hat, dass xier nichtbinär ist. Und dir ging es doch sicher auch so, als du für dich erkannt hast, dass du asexuell und biromantisch bist. Es mag zwar Leute geben, die auch ohne irgendwelche Bezeichnungen leben können. Aber das bedeutet nicht, dass das für dich auch gelten muss! Leute, die keine Label brauchen, sind meist jene, die sich nicht stets und ständig vor anderen Leuten erklären müssen.”
Genzous Worte gaben mir zu denken und sie machten für mich absolut Sinn. Ich erinnerte mich an damals zurück, als ich mir so lange den Kopf zerbrochen hatte weil ich dachte, dass etwas mit mir nicht stimmte… weil ich nicht dem gesellschaftlichen Standard entsprach. Ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern, wie befreiend es für mich gewesen war zu wissen, dass ich nicht “kaputt” war und auch nicht geheilt werden musste. Vor allem, dass es noch andere Menschen auf dieser Welt gab, denen es genauso ging wie mir und die dieselben Erfahrungen gemacht hatten. Ich hatte mich verstanden gefühlt… und vor allem weniger einsam. Es hatte mir ein wenig mehr Sicherheit gegeben.
Ich war ein unsicherer Mensch und hatte mit vielen Ängsten zu kämpfen. Da machte Genzous Erklärung absolut Sinn, dass ich meiner Beziehung zu Orlam ein Label geben wollte, weil es mir Sicherheit gab und nicht, weil ich zu viel forderte. Vielleicht hatte ich so damit gehadert, weil ich zu sehr versucht hatte, mich Orlam anzupassen. Aber so funktionierte das nicht. “Ich schätze mal, Orlam und ich müssen uns mal unterhalten”, kam ich zu dem Schluss. Sonderlich enthusiastisch klang ich dabei nicht. Immerhin war da noch etwas anderes, das schon seit einer Weile in meinen Gedanken herumspukte.
Genzou schien zu merken, dass ich immer noch ziemlich unsicher war und klopfte mir aufmunternd auf den Rücken. “Orlam denkt zu oft mit seinem Schwanz. Aber selbst ich denke, dass es ihm wirklich ernst ist. Ansonsten würde er sich nicht so für dich ins Zeug legen.”
Ich beneidete Genzou wirklich dafür, dass er die Dinge immer so gut auf den Punkt brachte und das sagte, was ich hören musste. Allmählich hatte ich das Gefühl, dass sich dieses unübersichtliche Gewirr aus Gedankensträngen entknotete und ich ein wenig klarer sah.
“Danke, Genzou!”
“Nichts zu danken. Für irgendwas muss meine große Klappe ja gut sein.” Er lachte herzhaft und klopfte die Asche seiner Zigarette aus. “Du weißt, dass du immer auf mich zählen kannst, um dir den Kopf zurechtzurücken.”
Wir mussten beide darüber schmunzeln. Das Ganze fühlte sich irgendwie nostalgisch an. “Hast du manchmal auch das Gefühl, dich an Dinge zu erinnern, die eigentlich nicht passiert sein können? Zumindest nicht in diesem Leben?”
Zuerst erwartete ich, dass Genzou lachte und mir sagen würde, ich hätte zu viele Superhelden-Comics gelesen. Nun, er lachte tatsächlich, aber nicht weil er mich für verrückt hielt. “Klar tue ich das. Manchmal träume ich davon, dass Orlam eine potthässliche Krone trägt und eine grottenschlechte Imitation vom Joker und Hannibal Lecter gibt, während er mich zu Hackfleisch verarbeitet. Wenn ich getrunken habe, kommt mir das so real vor, als wäre das echt passiert. Aber es kann nicht passiert sein, weil ich mich erinnere, als hätte ich es mit meinen Augen gesehen. Aber irgendein Teil von mir ist überzeugt, dass es real ist… oder zumindest war. Was glaubst du, warum ich versuche, ehrlicher zu sein? Man kann eben nie vorsichtig genug sein. Keine Ahnung, ob wir in irgendeinem Multiversum-Bullshit gefangen sind, aber wir werden es vermutlich nie herausfinden.”
“Kannst… kannst du dich auch an eine Frau in einem weißen Kleid erinnern?” fragte ich vorsichtig und mit gesenkter Stimme. Mir war, als müsste ich bloß aufpassen, was ich sage, damit ich keine schlafenden Hunde weckte. Aber was sollte schon passieren? Etwa, dass sie sich plötzlich vor mir manifestiert und mich in ihrer Raserei mit einer Schere abstach und ausweidete wie ein Schwein beim Schlachter? Oder, dass sie mir gewaltsam die Zunge abtrennte?
“Oder dass sie mich unter Drogen setzt und in einer abgelegenen Hütte Unaussprechliches mit meinem regungslosen Körper tut?”
Ein heftiger Schauer überkam mich bei dem Gedanken und ich leerte den Rest meiner Bierflasche in einem Zug, um es schnellstmöglich wieder zu verdrängen. Genzou runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. “Ich kann mich nur ziemlich bruchstückhaft erinnern, aber ich meine, da wäre so eine verrückte blonde Schlampe gewesen, die dir dein bestes Stück abtrennen wollte.”
Wieder überkam mich eine unsägliche Angst. Nervös sah ich mich im Raum um als fürchtete ich, dass sie hinter einer Ecke hervorspringen und sich wie eine wahnsinnige Furie auf mich stürzen würde. Ich fühlte mich beobachtet, obwohl der rationale Teil in mir wusste, dass sie unmöglich hier sein konnte. Unwillkürlich ergriff ich Genzous Hand und hielt sie fest gedrückt.
“Manchmal ist es so, als sei sie immer noch da. Ich höre sie immer wieder in meinen Erinnerungen sagen, dass ich keine Wahl habe… dass ich es doch wollen muss, weil ich ein Mann bin und ich…”
“IGGY!” rief Genzou als er merkte, dass ich panisch wurde und legte nun auch seine andere Hand auf meine. “Ich weiß nicht, was es mit diesen merkwürdigen Erinnerungen auf sich hat. Vielleicht haben wir bei unserem bescheuerten Blutritual im Wald versehentlich einen Dämon beschworen, der unseren Verstand gefickt hat. Aber es kann dir hier nicht passieren, hörst du? Wer auch immer diese Frau sein mag, sie existiert nur in diesen Erinnerungen. Genauso wie König Orlam der Kannibale. Lass dich nicht von diesem Scheiß vereinnahmen. Und selbst wenn es diese Frau geben sollte, werde ich sie höchstpersönlich mit meinem Blindenstock verprügeln.”
Ich spürte, wie meine Hand immer noch zitterte und mein Herz wie verrückt pochte. Immer noch schrie eine Stimme in meinem Verstand, dass ich schnell weglaufen musste, bevor sie mich fand. Doch Genzou hielt meine Hand mit einer eisernen Ruhe fest, dass ich nicht völlig die Nerven verlor.
“Wie kommst du damit klar?” fragte ich ihn schließlich. “Wie gehst du mit dieser Angst um?”
“Ab und an nehme ich Medikamente zum Einschlafen, wenn es nicht anders geht”, gestand er mit einem Schulterzucken. “Ich versuche nicht so viel daran zu denken und meistens klappt das ganz gut. Wenn das nicht hilft, erinnere ich mich immer wieder daran, dass diese Bilder und Szenen nicht die Realität sind. Dauert zwar ein wenig, aber irgendwann kommen sie einem weniger beängstigend vor. Vergiss nicht, Iggs: du bist nicht alleine. Vielleicht kann ich in meinem Zustand nicht viel ausrichten, aber ich bin mir sicher, dass Orlam sich sogar mit einem T-Rex anlegen würde, um dich zu beschützen.”
Ich lächelte schwach und fühlte mich erleichtert. Das alles kam mir seltsam vertraut vor. So als hätten wir öfter solche innigen Gespräche geführt, wo er mich in meinen schwächsten Momenten wieder aufgebaut hatte. Womit hatte ich so einen loyalen Freund wie ihn bloß verdient? “Danke, Genzou”, sagte ich schließlich und umarmte ihn. “Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel mir das bedeutet.”
“Ach, ich hab da so eine leise Ahnung”, entgegnete er in einem humorvollen Ton und tätschelte mir den Rücken. “Wenn dich das Leben fickt, geb ich ihm eins in die Fresse. Darauf kannst du dich verlassen!”
Und mit dieser Kampfansage wandten wir uns wieder positiveren Themen zu, um die Stimmung wieder zu lockern.
Das Treffen mit Genzou war genau das gewesen, was ich gebraucht hatte und ich fühlte mich, als wäre mir ein wenig Last von den Schultern gefallen und ich mich konnte wieder auf andere Dinge konzentrieren. Wie es so wollte, hätte das Timing nicht besser passen können, denn kaum war das Wochenende vorbei, wurde es verdammt chaotisch. Mein Computer wollte nicht mehr richtig starten und mein Laptop, den ich mir für solche Notfälle zugelegt hatte, konnte die Sicherheitskopien auf dem USB-Stick nicht lesen. Alles lief schief und als wäre das nicht schon genug, meldete sich einer meiner Klienten, um die Daten anzufordern, die ich noch ausarbeiten musste, dies aber wegen technischer Probleme nicht konnte.
Es passierte alles Schlag auf Schlag und raubte mir jedes bisschen Energie, die ich übers Wochenende aufgetankt hatte. Allein die Panik über den technischen Ausfall war eine totale Überlastung für mein sensibles Gehirn.
Der ganze Montag und der größte Teil des Dienstags gingen allein dafür drauf, um meinen PC und meinen Laptop wieder funktionstüchtig zu bekommen. Das war zumindest eine gute Nachricht, aber leider hatte ich so viel Zeit verloren, dass ich unter enormen Zeitdruck stand. Selbst wenn ich bis in die Abendstunden arbeitete, würde ich nicht rechtzeitig fertig werden. Es blieb mir also leider keine andere Wahl, als das Wochenende dranzuhängen, damit ich die Deadline einhalten konnte. Und das bedeutete im Umkehrschluss, dass ich es nicht schaffen würde, mit Orlam in den Club zu gehen.
Ich bekam ein schlechtes Gewissen, als ich zu dieser Erkenntnis kam und war besorgt, dass er es falsch auffassen könnte und vielleicht dachte, es wäre nur eine Ausrede. Immerhin war es kein Geheimnis, dass ich solche Clubbesuche nicht sonderlich mochte.
Aber es machte keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Mein Job hatte nun mal Vorrang und so holte ich mein Handy und wählte seine Nummer. Es dauerte eine Weile, bis Orlam ranging und er mich in seiner typischen Art grüßte: “Na hallöchen, mein lieber Iggy. Hast du du etwa den Klang meiner verführerischen Stimme vermisst?”
“Hey Orlam”, grüßte ich ihn und spürte, wie sich mein Magen in ein schwarzes Loch zu verwandeln schien. “Sorry, ich hoffe, ich störe dich gerade nicht.”
“Tatsächlich hast du mich gerade zu einem hervorragenden Zeitpunkt erwischt! Ich bin gerade mit dem Auto unterwegs und treffe mich in einer Stunde mit Geschäftspartnern zum Essen.”
Er klang sehr enthusiastisch. Anscheinend lief es ziemlich gut bei ihm. Noch ein Grund mehr für mein schlechtes Gewissen, dass ich ihm wahrscheinlich die Stimmung vermiesen würde. “Das klingt super”, erwiderte ich ein wenig zögerlich und es entging ihm nicht, dass irgendetwas im Argen lag.
“Deinem Ton nach zu urteilen, scheint es bei dir nicht allzu glatt zu laufen. Trifft das zu?”
Mit einem geschlagenen Seufzer gestand ich: “Ja, leider. Mein Computer ist kaputt gegangen und ich stehe wegen der Deadline gerade so unter Zeitdruck, dass ich höchstwahrscheinlich das Wochenende arbeiten muss.”
“Ach herrje. Ist mit deinem Computer wenigstens alles wieder in Ordnung?”
Ich warf einen kurzen Blick auf meinen Schreibtisch. “Ja, glücklicherweise waren nur die RAM-Blöcke defekt und es funktioniert alles wieder. Aber das hat meinen Zeitplan komplett durcheinander gebracht. Tut mir echt leid, Orlam. Dabei hatte ich doch versprochen, mit dir in den Club zu gehen.”
Es knackte plötzlich in der Leitung und ich konnte Orlam nur sehr abgehackt verstehen. Ich hielt mein Handy näher ans Ohr und versuchte zu verstehen, was er mir sagen wollte. Aber was ich verstand, war so kryptisch, dass ich es mir nicht zusammenreimen konnte. “Orlam?” fragte ich nach. “Bist du noch da?”
Für einen Moment kam wieder ein Rauschen und kryptische Wortfetzen. Dann endlich, hatte ich ihn wieder. “Kannst du mich jetzt wieder hören?” kam es wieder vom anderen Ende der Leitung.
“Ja, jetzt kann ich dich verstehen”, bestätigte ich und begann ein wenig unruhig auf und ab zu gehen.
“Ich musste gerade durch einen Tunnel fahren, wahrscheinlich war deswegen das Signal weg”, bekam ich als Erklärung. “Also was ich sagen wollte, Iggy: ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich deine Absage nicht bekümmert. Aber unsere beruflichen Verpflichtungen haben nun mal Vorrang und wir können damit wie zivilisierte Erwachsene umgehen. Warum verschieben wir unseren Clubbesuch nicht einfach auf einen anderen Tag, wenn du mehr Kapazitäten in deinem Terminkalender frei hast?”
Das war ein Vorschlag, mit dem ich leben konnte. Ich ging mental all meine To Dos für die nächsten Tage durch und versuchte mir schnell auszurechnen, wie viel Zeit das alles in Anspruch nahm. Wenn ich bis einschließlich Sonntag das gleiche Tempo beibehielt, konnte ich die Deadline einhalten und dann hätte ich ab Montag Zeit. Ich würde aber definitiv das Wochenende nachholen müssen, ansonsten wären meine sozialen Batterien nicht genug aufgeladen, um einen Clubbesuch zu überstehen.
“Also ab Mittwoch können wir uns gerne treffen. Danach habe ich erst mal nicht allzu viel zu tun.”
“Na dann nehmen wir doch direkt den Mittwoch, ich hole dich dann um 20 Uhr ab. Und wenn dich immer noch dein schlechtes Gewissen plagen sollte und du es unbedingt wieder gutmachen möchtest, kannst du ja den Massage-Gutschein einlösen, den ich dir geschickt habe.”
Meine Augen weiteten sich und ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss als ich mich an das Paket erinnerte, das Orlam mir im Dezember geschickt hatte. Seinem kleinen Geschenk hatte er mir einen sehr suggestiven handgeschriebenen Gutschein beigelegt, den ich schon damals mit hochrotem Kopf zerknüllt und weggeworfen hatte. “Danke, aber ich habe keinen Bedarf an einer sinnlichen Ganzkörpermassage. Vor allem nicht, wenn ich dabei nackt bin!”
Ich konnte Orlams anzügliches und amüsiertes Grinsen quasi durch das Handy hören. “Und wie wäre es mit einer sinnlichen Fußmassage?”
“DAS IST NICHT PULP FICTION!”
Orlam brach in ein prustendes Gelächter aus und ich legte ohne weiteren Kommentar auf. Gott, manchmal kam der Kerl auf Ideen…
Aber ich konnte nicht anders, als selber darüber zu lachen. Meine Laune war für den Rest der Woche gerettet.
Ich arbeitete die nächsten Tage wie ein Verrückter. Morgens fing ich nach dem ersten Kaffee an und arbeitete bis spät abends durch, um die verlorene Zeit aufzuholen. Auch ohne die verlorenen zwei Tage wäre es stressig genug geworden. Aber so schlimm war es schon seit meiner Anfangszeit als Freelancer nicht mehr gewesen, als Zeitmanagement noch ein Fremdwort für mich war. Oder die Zeit um Black Friday herum, wenn der Shoppingwahn begann. Teilweise vergaß ich sogar, was zu essen und musste mich zwingen, zwischendurch eine Pause einzulegen, um nicht zu kollabieren. Meine Mahlzeiten bestanden nur noch aus Fertiggerichten, weil ich einfach nicht die Energie hatte, was beim Lieferservice zu bestellen.
Mittwoch und Donnerstag konnte ich das Tempo locker halten, Freitag wurde es spürbar anstrengend, Samstag zog sich wie ein alter Kaugummi und schien einfach nicht enden zu wollen. Und Sonntag war ich so ausgebrannt und müde, dass mich nur Disziplin und Selbstgeißelung am Arbeiten hielt. Kaffee wurde durch Energy Drinks ersetzt und hätte ich die Möglichkeit einer intravenösen Ernährung bekommen, hätte ich diese Option tatsächlich in Betracht gezogen. Selbst zum Essen fehlte mir die Kraft.
Obwohl ich nur am Computer saß, war mein Körper kraftlos und ich schaffte es nur noch mit Mühe, mich ins Bad zu schleppen und selbst beim Essen musste ich aufpassen, dass ich dabei nicht einschlief. Durch den Kaffee, den Energy Drinks und den fehlenden Freizeitausgleich konnte mein Kopf nicht zur Ruhe kommen und so bekam ich nachts kein Auge zu. Am Ende der Woche traute ich mich nicht mal, mich im Spiegel anzusehen, weil ich mir gut vorstellen konnte, dass ich schlimmer aussah als ein Zombie. Umso erleichterter atmete ich auf, als ich meine letzte Mail verschickte und meine Arbeit somit fertig war. Ich hatte es geschafft…
Als hätte diese Erkenntnis einen Schalter in mir umgelegt, fiel ich kraftlos aufs Bett und konnte mich nicht mehr bewegen. Umziehen brauchte ich mich eh nicht, da ich nach dieser Höllenwoche nicht mal gemerkt hatte, dass ich während der Arbeit immer noch meinen Pyjama trug. Ich war ein absolutes Wrack, aber ich war auch erleichtert und stolz auf das, was ich geleistet hatte.
Mit etwas Mühe und Not schaffte ich es, meinen Arm zu bewegen und wenigstens meine Brille auf den Nachttisch neben meinem Bett abzulegen, dann fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Ich schlief knapp zehn Stunden und wurde nur deshalb wach, weil ich völlig ausgehungert war. Mein Magen knurrte laut und schmerzte, als wäre er gerade dabei, sich selbst zu verdauen.
Ich schleppte mich mit Mühe in die Küche und machte mir ein etwas halbherziges Frühstück, das aus Haferflocken, Joghurt und getrockneten Cranberries bestand. Eine ausgiebige heiße Dusche konnte meine Lebensgeister kurzzeitig wiederbeleben, aber die Wirkung hielt nicht lange an. Mein Kopf war immer noch völlig ausgebrannt. Also ging ich wieder zurück ins Bett und döste wieder ein. Was ich genau träumte, konnte ich nicht sagen. Die meiste Zeit vergaß ich es direkt nach dem Aufwachen und wenn ich mich daran erinnerte, waren es nur zusammenhanglose Bruchstücke. Aber als ich am späten Nachmittag wieder aufwachte, mir Nudeln mit Würstchen und Ketchup machte und dabei über meine abstrakten Träume nachdachte, fühlte ich mich an etwas anderes erinnert. Meine Gedanken schweiften unwillkürlich zu Genzou und unserem Gespräch von letzter Woche. Seine Alpträume über Orlam und dass er sich auch an jene blonde Frau im weißen Kleid erinnerte, die mich in meinen Gedanken heimsuchte.
Seine Worte hatten mich schon ins Grübeln gebracht. Ich hatte mir nie sonderlich viele Gedanken darüber gemacht, wann genau es eigentlich mit diesen merkwürdigen Erinnerungen angefangen hatte. Wenn man ein Kind war, fiel es einem manchmal schwer zu unterscheiden, was bloß der eigenen Vorstellungskraft entsprungen war, zumindest war das meine persönliche Auffassung. Und sie ergaben halt oft nicht sonderlich viel Sinn. Ich hatte mich auch nie getraut, die anderen darauf anzusprechen, weil ich nicht riskieren wollte, dass sie mich für verrückt hielten. Aber wenn es Genzou genauso ging, mussten die anderen vielleicht auch solche Erinnerungen haben. Aber woher kamen sie?
Ich dachte wieder an damals zurück, vor zwanzig Jahren, als wir uns heimlich nachts im Wald getroffen hatten. Warum eigentlich? Ach ja, da war ein altes Buch gewesen, in welchem es hieß, dass man die Pforte zum Wunderland öffnen konnte, wenn das Blut der Unschuldigen als Preis gezahlt wird. In meiner naiven Neugier hatte ich das Obstmesser meiner Mutter geklaut und die Gruppe nachts zusammengetrommelt. Wir alle hatten uns in die Hand geschnitten, wobei Orlam sich vor Angst fast in die Hose gemacht hätte und Bucks hatte sich mit ihren neun Jahren so tief in die Hand geschnitten, dass es fast gar nicht aufhören wollte zu bluten.
So wie wir im Kreis gesessen und uns an den Händen gehalten hatten, hätte man wirklich meinen können, wir würden ein satanisches Ritual vollziehen. Als Erwachsener ging es mir nicht in den Kopf, wieso ich die anderen zu so einem Quatsch überredet hatte. Ganz zu schweigen davon, dass es nachts draußen gefährlich sein konnte, vor allem für Kinder!
Am Ende war gar nichts passiert. Es hatte sich keine Pforte zum Wunderland geöffnet und meines Wissens nach ist auch kein Dämon mit Rauch und Feuer aus den Tiefen der Hölle gekommen. Und dennoch war uns plötzlich gewesen, als wäre mehr passiert, als unsere kleinen Seelen hätten ertragen können. Wir waren alle plötzlich in Tränen ausgebrochen und mir war, als hätten wir alle etwas Wertvolles für immer verloren und wir konnten uns nicht mal erinnern, was es war.
Aber warte… etwas hatte sich doch geändert. In der Mitte unseres Sitzkreises war plötzlich eine Stoffpuppe aufgetaucht, die niemandem zu gehören schien. Die Stoffpuppe war ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren in einem violetten Kleid. Ich hatte die Puppe immer noch. Sie saß meist auf meinem Schreibtisch neben Oscar, einer weiteren Puppe, die Genzou im Hauswirtschaftsunterricht gebastelt hatte. Er hatte meine bekommen, die ich “Checkers” genannt hatte. Warum ich diese Puppe aus dem Wald mitgenommen hatte, wusste ich inzwischen gar nicht mehr. Aber ich konnte es auch nicht übers Herz bringen, sie wegzugeben. Irgendein Instinkt in mir wollte sich um keinen Preis der Welt von ihr trennen. So als wollte ich sie beschützen und auf sie aufpassen, weil ich zu einem anderen Zeitpunkt versagt hatte. Es ergab genauso wenig Sinn wie diese seltsamen Erinnerungen und unser dämliches Blutritual. Wahrscheinlich wäre ich in die Klapsmühle verfrachtet worden, wenn ich damals einem Erwachsenen davon erzählt hätte. Und als Erwachsener würde ich garantiert in ein Irrenhaus eingewiesen werden. Jeder Psychiater hätte mir mit Sicherheit Wahnvorstellungen unterstellt und ich hätte es nicht mal mit absoluter Gewissheit abstreiten können. Da war es keine Überraschung, dass die anderen auch all die Jahre Stillschweigen bewahrt hatten. Die Frage war: machte es überhaupt Sinn, diese Büchse der Pandora zu öffnen, wenn ich schon selber Angstattacken von diesen Erinnerungen bekam? Vielleicht war es das Beste, die Dinge auf sich beruhen zu lassen und sich auf das echte Leben zu konzentrieren.
Doch ich konnte einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken. An was Orlam sich wohl erinnerte? Ob es schönere Momente für ihn gab? Zumindest hoffte ich es. Mittwoch würden wir uns ja sehen und konnten endlich unser Treffen nachholen. Dann konnte ich mir auch endlich ein persönliches Bild davon machen, wie es ihm ging.
Doch irgendwie wollte sich keine Begeisterung bei mir einstellen. Stattdessen schnürte sich mir der Magen zusammen und die Angst überkam mich wieder. Ich wusste, dass ich irgendwann mit ihm über unsere Beziehung reden musste und wie sehr mich das alles verunsicherte. Irgendwie musste eine Lösung her, denn alleine würde ich das garantiert nicht schaffen. Aber wie würde er reagieren? Immerhin war er ja schon enttäuscht darüber, dass ich unsere Verabredung verschieben musste. Wenn ich jetzt auch noch sagte, dass mir die aktuelle Beziehung nicht gut tat und mich belastete, was würde dann passieren?
“Alles! Alles habe ich für dich getan, Iggy. Aber für dich ist wohl niemand gut genug, nicht wahr? Niemand wird jemals perfekt genug für dich sein. ICH HASSE DICH!!!”
Mit einem panischen Schrei sprang ich auf, stieß dabei den Stuhl um und presste mir reflexartig eine Hand auf meine linke Schulter. Ich wich zurück, stolperte dabei fast über den Stuhl und glaubte für einen Moment, mich nicht in meiner Küche zu befinden, sondern in einer Art Herbergszimmer zu sein… mit ihr. Ich konnte ihren wutentbrannten Schrei hören, der so voller Hass und Wahnsinn war.
Die Schere!, schoss es mir durch den Kopf. Ich musste von hier weg und schnellstmöglich in die Notaufnahme!
Doch als ich einen Blick auf meine linke Schulter warf, steckte keine Schere drin. Aber ich hatte doch gespürt, wie sie die Klinge tief in meinen Körper gerammt hatte… oder nicht? Ich blinzelte verwirrt und tastete zaghaft die Stelle ab. Es fühlte sich alles normal an. Lediglich ein leichtes Kribbeln, so als würde sich mein Körper sehr vage erinnern.
Das Gefühl der Erleichterung blieb leider aus. Die Angst hatte mich immer noch fest im Griff und meine Hände und Beine zitterten so sehr, dass ich fürchtete, gleich zusammenzubrechen. Ich stellte den Stuhl wieder auf und setzte mich, bevor meine Beine den Dienst versagten. Ich konnte es ihm nicht sagen, realisierte ich in diesem Moment. Ich durfte es ihm nicht sagen. Wenn ich es tat, würden schlimme Dinge passieren. Da war ich mir jetzt felsenfest sicher.
Nachdem ich den Dienstag hauptsächlich mit Hausarbeiten, Einkäufen und Videospielen verbracht hatte, fühlte ich mich wieder fit genug, um ein sozial funktionaler Mensch zu sein. Dem Clubbesuch stand also nichts mehr im Weg und ich freute mich darauf, Orlam wiederzusehen. Am Morgen erhielt ich eine Textnachricht von ihm und dachte zuerst, es wäre irgendwas spontan dazwischen gekommen. Aber es war nur eine Frage seinerseits, ob ich nicht Lust hätte, nach dem Clubbesuch bei ihm zu übernachten. Er versuchte mich sogar unterschwellig mit einem Frühstück zu bestechen. Ehrlich gesagt hätte ich auch ohne das Frühstück sofort ja gesagt. Immerhin hatte er die letzten beiden Male bei mir übernachtet und da war es nur fair, wenn ich bei ihm die Nacht verbrachte. Ganz zu schweigen davon, dass es mich wahnsinnig interessierte, wie wohl seine Wohnung aussah. Orlam war vor einer Weile umgezogen und ich hatte noch nicht die Gelegenheit gehabt, ihn in seiner neuen Behausung zu besuchen.
Mit einem Augenzwinkern textete ich ihm zurück: “Aber nur unter der Bedingung, dass du deine Finger bei dir behältst.”
Wie erwartet, war das natürlich wieder eine perfekte Einladung, um mich zu ärgern und mit einem sehr süffisant lächelnden Smiley antwortete er kurz darauf: “Da kann ich dir nichts versprechen, mein Lieber.”
“ORLAM!”
“Eine leidenschaftliche Kuschelei würde sich ohne Hände als schwierig gestalten. Aber ich bin immer für neue Herausforderungen und Experimente auf körperlicher Ebene zu haben.”
“Das meinte ich nicht und das weißt du. Du machst das mit Absicht, nicht wahr?”
“Ach Iggy… Deine keuschen und verlegenen Reaktionen machen dich halt unwiderstehlich. Wie könnte ich jemals genug davon bekommen? Ich freue mich schon auf heute Abend.”
Zuerst wollte ich als Trotzreaktion ein bisschen zurückschießen oder einfach gar nichts sagen. Aber sein letzter Satz hatte jeglichen Widerstand in mir vernichtet und die Schmetterlinge in meinem Bauch machten es mir unmöglich, ihm böse zu sein. Also schrieb ich ihm als Antwort: “Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen” und in einem kleinen Augenblick der Schwäche fügte ich noch ein Herzchen Emoji hinzu. Kaum hatte ich die Nachricht versendet, überwältigte mich meine Scham und am liebsten hätte ich die Nachricht sofort wieder gelöscht. Aber als ich kurz darüber nachdachte, ließ ich von diesem Impuls wieder ab. Es war immer noch schwer für mich, meine Zuneigung so offen auszudrücken. Nicht zuletzt weil ich aufgrund meiner Sozialphobie ständig in Sorge lebte, als merkwürdig oder peinlich empfunden zu werden. Aber ich wollte, dass Orlam wusste, wie viel er mir bedeutete.
Ich packte meine Tasche für die Übernachtung bei Orlam und verbrachte die Zeit bis zum Abend mit Videospielen. Es konnte nie schaden, noch etwas mehr Energie zu tanken, damit ich nicht allzu früh im Club schlapp machte. Im Gegensatz zu Orlam, der locker bis in die Morgenstunden feiern konnte, ging mir bereits auf der Hälfte der Strecke die Energie aus. Das lag eben daran, dass extrovertierte Menschen ihre Energie aus solchen Events mit vielen Menschen bezogen. Introvertierte wie meine Wenigkeit fühlten sich wohler, wenn wir alleine waren. Es machte mir zwar Spaß, mit Freunden abzuhängen und etwas zu unternehmen, aber es raubte trotzdem Energie ganz egal wie schön die gemeinsame Zeit war.
Mein Outfit für den Abend war vielleicht etwas schlicht, aber für einen introvertierten Nerd für mich genau passend. Ich hatte mich für ein schwarzes Shirt entschieden und ein schwarzweiß kariertes Hemd, welches ich offen trug. Dazu reichte eine schlichte Jeans und bequeme Sneakers.
Kurz vor 20 Uhr klingelte es schließlich an der Tür und als ich öffnete, kam mir Orlam sichtlich gut gelaunt entgegen, die Arme als Begrüßungsgeste ausgebreitet. “Iggy, du hast mich mit deiner herzergreifenden Nachricht wirklich überrascht.”
Natürlich musste er als allererstes meine Nachricht mit dem Herz-Emoji erwähnen. Ich spürte, wie meine Wangen zu glühen begannen und versuchte, mein knallrotes Gesicht hinter meinen Händen zu verstecken. “Bitte hör auf, Orlam. Das war aus einem Impuls heraus!”
Ich konnte sein süffisantes Grinsen förmlich spüren und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Vielleicht war meine Reaktion übertrieben, aber ich war verdammt noch mal Jungfrau in Sachen Beziehung und so etwas war für mich vollkommen ungewohnt. Und die Tatsache, dass Orlam sich so einen Spaß daraus machte, half da auch nicht wirklich.
“Du kannst gerne öfter solche Impulse haben, mein Lieber.”
Ich presste die Lippen zusammen und wich seinem Blick aus. Das Ganze überforderte mich emotional so sehr, dass ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte. “Du hast leicht reden. Du hast solche Nachrichten garantiert schon oft genug bekommen.”
“Das mag sein”, gab er mit einem Schulterzucken zu. “Aber sie waren nicht von dir.”
Das war zu viel für mich. Ich fühlte mich, als würde mein Herz explodieren und Kopf war so übermannt von Gefühlen, dass mir keine clevere Antwort einfallen wollte. Also beugte ich mich leicht zu Orlam herunter und gab ihm einen Kuss.
Ich holte schnell meine Tasche, zog meinen Mantel an und ging dann gemeinsam mit ihm zum Wagen. Draußen war es stockfinster und nur die Laternen spendeten ein wenig Licht. Der Schnee war inzwischen fast vollständig geschmolzen und nur am Straßenrand lagen noch vereinzelt dunkelgraue, matschige Klumpen. Sein dunkelgrauer Chevrolet Cruze parkte direkt vor dem Haus und nachdem ich meine Tasche im Kofferraum verstaut hatte, stiegen wir in den Wagen und fuhren los.
Der “Mariluna Club” befand sich etwas außerhalb von Doucan und die Fahrt dorthin dauerte knapp eine halbe Stunde. Auf der Fahrt liefen fast hauptsächlich Songs von Ghost, einer schwedischen Heavy-Metal Band, von der ich noch nie zuvor gehört hatte. Aber es waren tatsächlich ein paar Songs dabei, die genau die richtigen Knöpfe bei mir drückten. Und ehe ich mich versah, begann ich meinen Kopf zum Rhythmus zu bewegen und die Melodie zu summen. “Du hast einen echt interessanten Musikgeschmack”, merkte ich an. “Hätte nicht gedacht, dass du auf Heavy Metal stehst.”
“Nur wenn mir die Band gefällt. Ansonsten höre ich eher Rock-Musik. Hauptsächlich so die alte Generation wie AC/DC, Soundgarden, Fleetwood Mac, The Doors, R.E.M. und noch andere. Mein alter Herr war damals der Auffassung gewesen, dass ein echter Mann sich anständige Rockmusik anhört und hat mich quasi dazu genötigt, mir seine alten Kassetten anzuhören. Sein Musikgeschmack war seine einzige gute Eigenschaft gewesen.”
Hier wurde ich neugierig. Es kam nicht oft vor, dass Orlam seine Familie erwähnte, geschweige denn seinen Vater. Verübeln konnte ich es ihm nicht, denn seine Kindheit war ziemlich trostlos und wahrscheinlich hätte er früher oder später den Verstand verloren oder sich was angetan, wenn er unsere Gruppe nicht gehabt hätte. Naja, Genzou ausgenommen. “Wann ist dein Vater denn gestorben?” hakte ich etwas irritiert nach, als mein Gehirn registrierte, dass er in der Vergangenheit von ihm sprach.
“Ich weiß nicht, ob er tot ist”, antwortete Orlam und bremste an einer roten Ampel ab. “Seit ich damals nach der Schule von zuhause ausgezogen bin, hatten wir keinen Kontakt mehr. Ist vermutlich auch besser so. Wie gesagt: sein Musikgeschmack war das einzig Gute gewesen, das er mir mitgegeben hat. Naja… außer Ghost vielleicht. Das war tatsächlich eine Empfehlung von einem meiner Klienten.”
“Klingt so als würdest du dich mit deinen Klienten ziemlich gut verstehen”, stellte ich fest und war überrascht. Ich persönlich beschränkte mich fast ausschließlich auf geschäftliche Korrespondenzen per Email und kannte die meisten meiner Klienten nicht einmal vom Aussehen her. Aber wahrscheinlich lag es auch daran, dass Orlam einfach eine andere Herangehensweise hatte, um sein Produkt zu vermarkten.
“Na klar doch. Je besser man sich mit den Leuten versteht, desto schwerer wird es für sie, dich gegen jemand anderen auszutauschen. Man kann es natürlich auch auf deine Weise machen und ausschließlich seine Fachkompetenz für sich sprechen lassen, aber ich lasse lieber meinen unwiderstehlichen Charme für mich sprechen. Der funktioniert bei dir ja auch hervorragend.”
Wir erreichten schließlich unser Ziel und Orlam parkte den Wagen eine Straßenecke weiter entfernt. Der Mariluna Club befand sich in einem dreistöckigen Gebäude und machte von außen einen etwas unscheinbaren Eindruck. Wir waren früh dran und dementsprechend war die Warteschlange vor dem Eingang noch sehr überschaubar. Während wir warteten, erzählten wir von unserem Alltag und ich beschrieb ihm meinen technischen Totalausfall von letzter Woche in allen Details. Er hingegen gab ein paar unterhaltsame Anekdoten von seinen vertrieblichen Abenteuern zum Besten. So verging die Wartezeit schneller als erwartet. Nach Orlams Information war der Mariluna Club noch nicht lange geöffnet. Zwar war davor ein anderer Club gewesen, aber dieser war entweder pleite gegangen oder aus anderen Gründen verkauft worden. Nach genaueren Details hatte ich nicht gefragt.
Die Inneneinrichtung war sehr modern und einladend. Wir gaben unsere Mäntel an der Garderobe ab und gingen direkt zur Tanzfläche. Es war ein riesiger Raum mit hoher Decke und Lichter in allen Farben tanzten über die Fläche. Auf der anderen Seite des Raumes war eine Bühne für den DJ, die mit blauen und pinken Neonlichtern ausgeleuchtet war. Aus den Lautsprechern drang basslastige Electro-Musik und es dauerte nicht lange, bis sich der Raum mit Menschen füllte. Mit seinem üblichen süffisanten Lächeln streckte Orlam mir die Hand entgegen: “Darf ich um diesen Tanz bitten?”
Ich kicherte und fühlte mich irgendwie nostalgisch dabei. “Mit dem größten Vergnügen.”
Die Stimmung auf der Tanzfläche heizte sich weiter auf. Ehe ich mich versah, war der Saal brechend voll und die Luft wurde stickiger. Doch das bemerkten wir nicht. Orlam und ich waren in unsere eigene Welt abgetaucht, in der es nur uns beide gab. Erst tanzten wir nur nebeneinander wie zwei ganz gewöhnliche Freunde. Aber es dauerte keine fünf Minuten, bis sich die Distanz zwischen uns merklich verringert hatte. Ich ließ mich von der Stimmung mitreißen und wurde mutiger und provokanter. Ich legte eine Hand auf Orlams Hüfte und begann mich dem Rhythmus seiner Bewegungen anzupassen, begann dann Stück für Stück die Führung zu übernehmen. Orlam kämpfte nicht dagegen an, im Gegenteil sogar. Er überließ mir bereitwillig das Feld und schien es zu genießen, dass ich mehr Initiative zeigte. Von einer Welle der Euphorie erfüllt, wurden selbst meine Tanzbewegungen aggressiver und ich hätte mich selbst nicht erkannt. Der sonst so unsichere Iggy, der sich ständig darum sorgte, wie andere Leute über ihn dachten, existierte in diesem Moment nicht. Ich war auf solch einem Höhenflug, dass ich gar nicht merkte, dass mir diese laute und chaotische Umgebung voller Menschen langsam aber stetig Energie entzog und ich bald eine Verschnaufpause brauchte.
Tatsächlich war es Orlam, der als erster eine Pause einlegen musste. Also bahnten wir uns unseren Weg durch die tanzende Menge und gingen in den Lounge-Bereich, in dem es ein wenig ruhiger zuging. Da die Tische alle besetzt waren, setzten wir uns direkt an den Tresen und bestellten uns Cocktails. Orlam bestellte sich einen Virgin Gin Basil Smash, da er ja später fahren musste und ich entschied mich für einen Tequila Sunrise. Allmählich verflog das Adrenalin von der Tanzfläche und ich begann zu merken, dass ein merklicher Teil meiner Energie aufgebraucht war. Aber der Tanz zwischen uns beiden hatte mich so mitgerissen, dass ich wirklich alles um mich herum vergessen hatte, sogar mich selbst.
Auch Orlam war sichtlich überrascht über meine unerwartete Durchsetzungsfähigkeit. Sein sonst sonst so süffisantes Lächeln war verschwunden und er sah wirklich glücklich aus. “Du bist echt immer für eine Überraschung gut, Iggy. Man sieht nicht alle Tage, dass du so ein Feuer in dir hast und es so offen zeigst. Aber das war schon immer eine deiner liebenswerten Eigenschaften gewesen.”
Ich wusste nicht so ganz, wie ich das verstehen sollte, und runzelte etwas irritiert die Stirn. In dem Augenblick kam der Barkeeper und servierte uns die Cocktails. Erst jetzt merkte ich, wie ausgetrocknet meine Kehle war und ich musste erst einen Schluck trinken, da mir sonst die Worte im Hals stecken geblieben wären. “Wie meinst du das?”
Orlam sah seinen Cocktail einen Moment lang nachdenklich an, rührte ihn aber noch nicht an. “Wenn Menschen, die von Natur aus zurückhaltender und stiller sind, plötzlich voller Leidenschaft brennen, ist es einfach anders. Nimm jemanden, der ständig diese Energie an den Tag legt. Du kennst es von ihm nicht anders, es ist also nichts Besonderes, weil sie immer so sind. Wenn es hingegen jemand wie du macht, der sich nie in den Vordergrund drängen will, kommt es einem authentischer vor. Und es sind diese seltenen Momente, die mich von den Füßen reißen.”
Orlam trank seinen Cocktail in wenigen Zügen aus und bestellte sich danach einen Shirley Temple. Da ich mir den Alkohol nicht so schnell zu Kopf steigen lassen wollte, ließ ich mir mit meinem Drink mehr Zeit. Prüfend schaute mich mein Begleiter an, wohl um sicherzugehen, dass ich noch nicht schlapp machte. Vielleicht erweckte mein Schweigen den Eindruck, aber ich wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Orlam beugte sich schließlich etwas weiter über den Tresen und stützte sich dabei mit den Armen ab, um es sich etwas bequemer zu machen. “Es ist mir manchmal echt ein Rätsel, wie du es bislang durchs Leben geschafft hast, ohne dass sich dir irgendjemand zu Füßen geworfen hat. Bei deinem Charme hätte ich eher gedacht, dass du zumindest ein paar Verehrer und Verehrerinnen hast.”
Ich lachte etwas verlegen und trank einen Schluck. “Da überschätzt du mich aber. Ein langweiliger und sozial unbeholfener Nerd ist nicht unbedingt das, was sich die meisten Leute als idealen Partner vorstellen. Vor allem nicht, wenn dieser obendrein noch asexuell ist.”
“Du siehst dich viel zu negativ, Iggy. Und das sage ich nicht, um dich auf ein Podest zu stellen. Ich meine es wirklich ernst. Deine Qualitäten, die du vielleicht als nichts Besonderes betrachtest, bedeuten anderen Menschen sehr viel. Und ich wünsche mir wirklich für dich, dass du irgendwann genug Selbstbewusstsein hast, um das auch zu sehen.”
Hierauf legte er eine Hand auf meine Schulter, zog mich zu sich heran und gab mir einen Kuss. Ich spürte, wie meine Wangen glühten, aber es konnte auch am Alkohol liegen. Ein angenehmes Kribbeln breitete sich in meinem Körper aus und wieder überkam mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ich erwiderte seinen Kuss und hätte ihn am liebsten dabei fest in die Arme geschlossen. Aber ich wollte lieber nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen und ließ es deshalb lieber.
Als ich mit meinem ersten Drink fertig war und mir einen weiteren bestellte, klopfte Orlam mir kurz auf die Schulter und ließ mich wissen, dass er zur Toilette musste. Ich blieb am Tresen, um auf unsere Drinks aufzupassen. Der Barkeeper kam zurück um mir meinen Cuba Libre zu bringen, fragte erstaunt wo mein Begleiter abgeblieben war und meinte mit einem vielsagenden Lächeln “Ihr gebt echt ein süßes Pärchen ab.”
Da ich nicht ganz sicher war, was ich sonst darauf antworten sollte, bedankte ich mich etwas beschämt und begann den Trinkhalm langsam im Glas umherzurühren, wobei die Eiswürfel leise klirrten. Nachdenklich schaute ich dem kleinen Strudel in meinem Glas zu und meine Gedanken driftete langsam aber sicher in weite Ferne ohne irgendein festes Ziel.
Dann aber riss mich eine Hand abrupt aus meinen Gedanken, die sich erst auf meinen Rücken legte und dann langsam in Richtung meiner Taille wanderte. Eine Hand, die definitiv nicht Orlam gehörte. "Hey, mein Süßer”, raunte eine weibliche Stimme in mein Ohr. “Was machst du denn so ganz alleine hier?”
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Kopf entwich und sich jeder einzelne Muskel in meinem Körper verkrampfte. Wie erstarrt saß ich auf meinem Stuhl und konnte mich nicht rühren. Eine Frau von etwa 25 oder 26 Jahren mit langen brünetten Locken stand so dicht neben mir, dass ich förmlich ihren Atem auf meiner Haut spüren und ihr blumiges Parfüm riechen konnte, der sich mit dem Geruch von Alkohol vermischte. Sie trug ein figurbetontes schwarzes Kleid mit einem sehr tiefen Ausschnitt, dessen Anblick Nervosität und Scham in mir auslöste. Hastig wandte ich meinen Blick ab, um nicht auf ihr Dekolleté zu schauen und spürte, wie meine Hände zu schwitzen begannen. Langsam und möglichst diskret versuchte ich, ein wenig Abstand von ihr zu gewinnen. “Kein Grund, schüchtern zu sein, mein Süßer. Ich beiße schon nicht”, raunte die Frau mit honigsüßer Stimme in mein Ohr. “Hast du Lust, mit mir eine Runde tanzen zu gehen? Ich könnte dir zeigen, wie beweglich ich bin.”
In meinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken auf höchster Lautstärke und nackte Angst überkam mich. Warum sprach sie ausgerechnet mich an? Ich kannte sie doch nicht einmal. Was sollte ich sagen?
“N-nein, danke… ich…” Die Worte blieben mir jedoch im Hals stecken. Vor meinen Augen tauchten Bilder auf. Die blondhaarige Frau im weißen Kleid, wie sie sich wutentbrannt mit einer Schere auf mich stürzte und wie von Sinnen auf mich einstach, weil ich sie zurückgewiesen hatte.
“Ach komm schon. Lass uns ein wenig Spaß haben.”
Damit ergriff sie meinen Arm und drückte sich an mich, sodass ich ihre weichen Brüste spüren konnte. Mein Magen verkrampfte sich und mir war, als würde ein schmerzhafter Stromstoß durch meinen Rücken jagen. Alles in mir wehrte sich dagegen. Ich wollte das nicht. Ich wollte nicht, dass sie mir so nahe war und mich nicht in Ruhe ließ. Doch mein Körper war immer noch wie erstarrt und ich war völlig überfordert mit der Situation. Vor allem aber hatte ich Angst davor, was sie tun würde und zu was sie imstande war, wenn ich sie zurückwies. Meine Kehle schnürte sich langsam aber sicher zu und das Atmen fiel mir schwerer. Hilflos flehte ich “Nein, bitte… ich kann wirklich nicht!”
Die Frau ließ aber nicht locker und grinste nur amüsiert über meinen verzweifelten Versuch, sie zurückzuweisen. Ihrem Atem nach zu urteilen schien sie recht angetrunken zu sein, aber wirklich beruhigen tat mich das nicht. Eher im Gegenteil. “Hast du etwa Angst, keinen hochzukriegen? Da mach dir mal keine Sorgen, Baby. Das kann ich hinbiegen.”
“Nein, ich will wirklich nicht!” rief ich panisch und stieß sie von mir weg. Die Frau im schwarzen Kleid geriet durch den Stoß ins Stolpern, konnte das Gleichgewicht nicht halten und stürzte zu Boden.
Einen Augenblick lang stand ich da, mein Verstand überwältigt von Angst, meine Hände zitternd und mein Herz kurz vor dem Explodieren. Andere Gäste in der Lounge starrten zu uns rüber und schienen sich zu wundern, was gerade passiert war. “Scheiße, was sollte das, du Arschloch?” keifte die Frau am Boden und funkelte mich wütend an. “Was fällt dir ein, mich einfach schubsen?”
Einer der Kellner, gefolgt von zwei großen und breit gebauten Muskelmännern, kam zu uns zu und fragte, was los war. Einer von ihnen half der Frau auf, die mit dem Finger auf mich zeigte und laut rief “Dieser scheiß Wichser hat mich zu Boden gestoßen nur weil ich gefragt habe ob er mit mir tanzen will.”
“Hör mal zu, du Pisser!” rief einer der Muskelmänner und stieß mich mit einem kraftvollen Stoß zurück. Mein Rücken prallte gegen den Tresen und ich stieß dabei versehentlich mit meinem Ellenbogen ein Glas um, welches klirrend auf dem Boden zerbrach. “Leg noch einmal Hand an die Lady und ich schlage dir die Zähne aus!”
Ich wollte etwas sagen. Hilflos öffnete ich meinen Mund um zu erklären, dass das bloß ein Missverständnis war und ich doch gar nicht gewollt hatte, dass sie direkt hinfiel. Doch ich bekam keinen Ton raus. Ich zitterte am ganzen Körper und Tränen sammelten sich in meinen Augen. Etwas in meinem Kopf schaltete sich aus und ich konnte nicht mehr klar denken. Das einzige, was in meinem Kopf noch existierte, war pure Angst. Ich sah mich von allen Seiten argwöhnisch angestarrt und umzingelt. Und irgendein irrationaler Gedanke ergriff von mir Besitz: Ich musste hier raus, ansonsten würden sie mich umbringen!
In dem Moment, als die beiden Muskelmänner vom Barkeeper abgelenkt waren, der sich in das Chaos einmischte, nutzte ich die Gelegenheit und flüchtete. Ich stolperte mehr, als dass ich rannte und hatte große Mühe, meine Beine unter Kontrolle zu halten. Es fühlte sich an, als würden sie jeden Augenblick nachgeben, doch meine Angst und mein Überlebensinstinkt trieben mich unerbittlich voran. Wohin ich genau flüchten sollte, konnte ich nicht sagen. Ich wusste nur eines: ich musste schnellstmöglich hier raus!
Blindlings rannte ich auf den Flur, rempelte versehentlich entgegenkommende Clubbesucher an und stürmte in Richtung Ausgang.
Eine klare und kalte Brise wehte mir entgegen, aber ich registrierte sie nicht wirklich. Alles in mir wurde von blanker Todesangst beherrscht. Ich rannte am Türsteher vorbei und rannte die Straße entlang, bis ich die nächstgelegene Seitengasse erreichte und mich auf den Boden kauerte. Hier in der Dunkelheit würden sie mich garantiert nicht finden, oder?
Mein ganzer Körper zitterte unkontrolliert und ich versuchte wieder zu Atem zu kommen. Tränen rannen in heißen Strömen meine Wangen hinunter und mein Hals war so fest zugeschnitten, dass mein Atmen mehr ein hilfloses Wimmern war. Ein enormer Druck lastete auf meiner Brust, während mein Herz raste. Ich beugte mich keuchend vor, um mir irgendwie das Luftholen leichter zu machen und presste eine Hand auf meine Brust. Mir war schwindelig und meine Schnappatmung wurde immer schlimmer. Egal wie viel ich meine Lunge mit eisiger Luft füllte, es fühlte sich trotzdem an, als würde ich langsam aber sicher ersticken.
Ich schloss meine Augen und versuchte verzweifelt, meine rasenden und ziellosen Gedanken zu fokussieren um irgendwie die Kontrolle über meinen eigenen Körper wiederzuerlangen. Doch der Druck auf meinem Brustkorb schwoll immer weiter an und ein schmerzhaftes Kribbeln breitete sich in meine Arme aus. Oh Gott, ich sterbe gleich an einem Herzinfarkt!, schoss es mir durch den Kopf und eine andere Angst ergriff von mir Besitz: die Angst, dass ich hier sterben würde und niemand kommen würde, um mir zu helfen. Und ich hatte zu viel Angst um nach Hilfe zu rufen. Was wenn sie mich hier fanden und mich umbringen würden? Was wenn SIE mich fand und meinen hilflosen Zustand ausnutzte um mich in dieser dunklen Gasse zu vergewaltigen? Ich zwang mich, langsamer und tiefer Luft zu holen, doch die unkontrollierten Schluchzer und der klaustrophobische Druck auf meiner Lunge und meiner Kehle machten es schier unmöglich. Mir wurde schwindelig und ein irrsinniger Gedanke in meinem Kopf schlussfolgerte, dass ich jeden Augenblick ersticken und hier elendig verrecken würde, ohne Orlam ein letztes Mal wiederzusehen.
Der rationale Teil in mir versuchte, gegen die Angst anzukämpfen. Wenn ich hier wirklich einen Herzinfarkt hatte, musste ich Hilfe holen. Es musste doch irgendjemanden geben, der mir einen Krankenwagen rufen konnte.
Doch ich konnte nicht aufstehen. Es fiel mir in meiner jetzigen Position schon schwer genug zu atmen. Wenn ich jetzt aufstand, wäre es das Ende. Ich saß in der Falle.
Wie lange ich in dieser dunklen Gasse kauerte und verzweifelt gegen die überwältigende Angst und Hilflosigkeit ankämpfte, konnte ich nicht sagen. Vielleicht waren es nur wenige Sekunden. Vielleicht waren es Minuten. Oder eine Stunde? Ich hatte keinerlei Zeitgefühl. Ich merkte nicht mal, dass mein Körper mehr vor Kälte als vor Angst zu zittern begann. Alles fühlte sich wie eine Ewigkeit voller Qual an, in der mein Körper und mein Verstand von Angst und Verzweiflung beherrscht wurden. Schließlich jedoch hörte ich Schritte näherkommen und meine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie kommen! Sie kommen um mich zu holen und dann werden sie mich umbringen!
Ein grelles Licht blendete meine Augen und ich riss die Arme hoch in einem verzweifelten Versuch, mich zu schützen. “Nein…”, brachte ich mit einem erstickten Wimmern und Schluchzen hervor. “B-bitte… i-ich…”
“IGGY!”
Die Schritte kamen näher und ich spürte, wie sich eine Hand auf meinen Arm legte. Ich schrie panisch auf und versuchte, die Hand wegzuschlagen, bevor sie mir wehtun konnte. “Bitte… tu mir nichts…”, flehte ich zitternd und bereitete mich auf das Schlimmste vor.
“Iggy! Ich bin's! Erkennst du mich?”
Das grelle Licht verschwand aus meinem Gesichtsfeld, als das Handy vorsichtig neben mir auf den Boden gelegt wurde. Zögernd schaute ich auf und sah Orlam. Wie hatte er mich gefunden?
“Hilfe…”, brachte ich unter Tränen hervor. “Ich… ich werde sterben…”
Besorgt und ernst sah er mich an und zog angestrengt die Augenbrauen zusammen um die Situation zu erfassen, in der ich mich befand. Zuerst streckte er die Hand nach mir aus, zog sie aber sofort wieder zurück. Wohl um meine Angst nicht noch weiter zu verschlimmern. “Du hast gerade eine Panikattacke”, erklärte er mir in einem ruhigen und bestimmten Ton. “Ich weiß du hast gerade furchtbare Angst, aber wir schaffen das gemeinsam, okay?”
Doch seine Worte drangen nicht zu mir durch. Ich schüttelte heftig den Kopf und presste wieder eine Hand auf meine Brust, da der Druck nun tonnenschwer auf meiner Lunge zu lasten schien. “Ich kann nicht… ich kann nicht…”
“Ich bin bei dir und pass auf dich auf. Es kann dir nichts passieren, hörst du? Egal wovor du gerade Angst hast, ich werde dich beschützen!”
Nun trafen sich unsere Blicke und ich sah, wie sich Orlam vor mir auf den Boden hockte und die Ruhe selbst war. “Versuch langsam durch die Nase zu atmen. Ich weiß, es ist schwer, aber wir machen das gemeinsam.”
Orlam begann es mir vorzumachen und ermutigte mich, es auch zu versuchen. Es kostete mich jedoch große Mühe, gegen die Angst vor dem Ersticken anzukämpfen und von meiner Schnappatmung abzulassen. Doch er ließ nicht locker und immer, wenn ich dabei war, wieder abzudriften, holte er mich sanft aber bestimmt wieder zurück und wiederholte die Übungen. Als sich meine Atmung wieder einigermaßen beruhigt hatte, half er mir auf die Beine und ging ein paar Schritte mit mir, um meinen Kreislauf zu normalisieren. Er stützte mich dabei so gut es ging ab, da ich ziemlich wackelig auf den Beinen war.
Als wir zurück zur Hauptstraße kamen, blieb Orlam mit mir stehen, deutete auf ein Haus auf der anderen Straßenseite und fragte “Wie viele Fenster siehst du?” Ich war von der Frage irritiert, aber er ließ nicht locker und ermutigte mich, zu versuchen, die Frage zu beantworten. Doch meine Gedanken waren noch so durcheinander, dass es mir nicht mal gelingen wollte, bis drei zu zählen, ohne ins Straucheln zu geraten. Orlam ermunterte mich, es weiter zu versuchen, bis ich es unter großer Mühe schaffte, jedes einzelne Fenster laut zu zählen. Dann folgte die nächste Übung. Er fragte, welche Farbe das Auto vor dem Haus hatte. Konnte ich das Modell erraten? Wie alt schätzte ich das Auto? Konnte ich etwas Ungewöhnliches daran erkennen? Was trug der Mann, der gerade die Straße hinunterging? So ging es weiter, bis ich seine Fragen ohne Verzögerungen beantworten konnte. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, dass der Druck auf meiner Kehle und meinem Brustkorb fast vollständig weg waren und mein Kopf wieder einigermaßen klar war.
Schließlich legte Orlam sanft eine Hand auf meinen Rücken, schaute mich prüfend an und fragte: “Geht es dir wieder besser?”
“Ja”, antwortete ich mit einem Nicken und wischte mir die Tränen mit dem Handrücken weg. “Danke, Orlam. Wie… wie hast du mich gefunden?”
“Der Barkeeper hat mich informiert, dass du panisch rausgerannt bist. Ich dachte mir, dass du dich nirgendwo aufhalten würdest, wo viele Menschen sind und da habe ich den Türsteher gefragt, ob er dich gesehen hat. Und glücklicherweise konnte er sich an dich erinnern.”
Worte konnten nicht beschreiben, wie erleichtert ich war, dass Orlam mich gefunden hatte und mir helfen konnte. Ich mochte mir nicht ausmalen was passiert wäre, wenn ich die ganze Nacht allein in dieser Gasse verbracht hätte.
Mein Körper zitterte immer noch, aber lediglich vor Kälte und meine Gliedmaßen fühlten sich schwerfällig an. Langsam breitete sich auch eine lähmende Müdigkeit in mir aus. Nun, da mein Kopf endlich von dieser quälenden Panik befreit war, fühlte er sich bleiern an und ein dumpfes Pochen machte mir zu schaffen. Ich war völlig erschöpft und durchgefroren. Orlam bemerkte meinen angeschlagenen Zustand. “Willst du im Auto warten? Ich hole dann unsere Jacken.”
Ich nickte und gab ein müdes “mhm” von mir. Ich folgte ihm, ohne wirklich zu wissen, wohin, da irgendwie nichts mehr in meinem Verstand haften bleiben wollte.
Als wir Orlams Chevrolet erreichten, stieg ich ein und legte völlig erschöpft den Kopf nach hinten und schloss die Augen. Orlam schaltete die Heizung an, damit mir wieder wärmer wurde und versprach mir, dass er bald zurück war. Doch ich war schon längst in einen lähmenden Halbschlaf versunken und in meinem Kopf breitete sich eine angenehme dunkle Leere aus.
Meine Augen brannten von den salzigen Tränen, die Kälte der Nachtluft hatte mich bis tief in die Knochen durchdrungen und wenn ich Pech hatte, würde ich noch krank werden. Es dauerte eine Weile, bis sich die Tür auf der Fahrerseite öffnete, jemand einstieg und meinen Mantel wie eine Decke über meinen Körper legte. “Soll ich dich zu dir nach Hause fahren?”
Wieder durchfuhr mich ein eisiger Schreck. Der Gedanke, ganz alleine in meiner Wohnung zu sein, jagte mir eine entsetzliche Angst ein. Ich wollte nicht alleine sein und mich wieder so verlassen und hilflos fühlen. Ich drehte mich zu Orlam um, ergriff seinen Arm und flehte ihn regelrecht an: “Nein, bitte nicht. Ich will nicht alleine sein.”
“Alles gut, dann fahren wir zu mir”, versuchte er mich zu beruhigen. “Du brauchst keine Angst zu haben, Iggy. Es kann dir nichts passieren.”
Wieder sammelten sich Tränen in meinen Augen und ich konnte meine Gefühle einfach nicht unter Kontrolle halten. Ich wollte nicht vor Orlam weinen und eine Szene machen, aber mir fehlte einfach die Energie, um mich zusammenzureißen. “Tut mir leid”, brachte ich unter heftigem Schluchzen vor. “Ich mache dir nichts als Probleme. Erst verschiebe ich unser Treffen und jetzt… jetzt habe ich unseren Abend ruiniert!”
“Sag so etwas nicht. Es ist nicht deine Schuld, Iggy.” Orlam beugte sich so gut er konnte zu mir rüber und schloss mich in die Arme. “Wir hatten zusammen Spaß, weißt du noch? Und dass es dir jetzt nicht gut geht, ist nicht deine Schuld. Du hast nichts ruiniert!”
Schließlich lösten wir unsere Umarmung und Orlam fuhr los. Während der Fahrt war es still zwischen uns und ich döste vor lauter Erschöpfung ein.
Irgendwann erreichten wir schließlich Orlams Adresse. Es kostete mich Mühe, aus dem Auto auszusteigen und raus in die eiskalte Nacht zu gehen. Ich schlotterte am ganzen Körper und hüllte mich tiefer in meinen Mantel, während Orlam meine Tasche aus dem Kofferraum holte. Ich folgte ihm, registrierte aber nicht genau, wohin wir gingen. Alles um mich herum erschien mir seltsam surreal und wie durch Watte gefiltert zu sein. Ich ging ihm quasi blind hinterher, bis er an eine Tür öffnete und warme Luft uns entgegen strömte, die einen vertrauten Geruch hatte. Orlams Geruch.
Wir erreichten sein Schlafzimmer, welches ein King Size Bed hatte. Orlam legte die Tasche auf dem Bett ab und schaute mich besorgt an. “Wenn du magst, kannst du das Bett für dich haben und ich schlafe auf der Couch. Du musst dich zu nichts verpflichtet fühlen, okay?”
Ich schüttelte den Kopf und zog meinen Mantel aus. “Ehrlich gesagt fühle ich mich sicherer, wenn du bei mir bist.”
“Alles klar, ich weiche nicht von deiner Seite.”
Es kostete mich eine enorme Kraft, meine Sachen auszuziehen und in meinen Pyjama zu schlüpfen. Ich fiel regelrecht aufs Bett und konnte nicht mehr aufstehen. Nachdem Orlam sich ebenfalls umgezogen hatte, gesellte er sich neben mich, zog ein wenig an der Decke, um sicherzugehen, dass mir nicht kalt wurde. Doch das Frösteln wich erst, als wir Arm in Arm lagen und uns gegenseitig Wärme spendeten.
Ich war in einen tiefen und traumlosen Schlaf gefallen. Vielleicht war mein Kopf einfach zu ausgebrannt, um sich irgendwelche bizarren Traumbilder zusammenzuspinnen, oder es war Orlams Nähe zu verdanken, dass ich zumindest keine Alpträume hatte. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlte ich mich immer noch ziemlich gerädert. Mein Kopf fühlte sich wund an und ich ahnte, dass ich mindestens den heutigen Tag mit absoluter Bettruhe verbringen musste, um halbwegs wieder bei Kräften zu sein. Und das war noch sehr optimistisch gedacht. Alle Muskeln in meinem Körper fühlten sich wund an und ich konnte nicht einmal sagen, ob ich es heute überhaupt schaffen würde, das Bett zu verlassen.
Ich hörte ein leises Rascheln neben mir und spürte, wie eine Hand zärtlich durch mein Haar fuhr.
“Guten Morgen, Iggy”, grüßte mich Orlam leise. “Konntest du einigermaßen gut schlafen?”
“Ja, dank dir”, antwortete ich müde und versuchte mich ebenfalls aufzusetzen, doch ein Anflug von Schwindel und Benommenheit überkam mich. Ich öffnete die Augen, aber alles war völlig verschwommen. Scheiße, ich konnte mich gar nicht daran erinnern, ob ich überhaupt meine Brille abgenommen hatte. Auch sonst waren meine Erinnerungen an den gestrigen Abend ziemlich bruchstückhaft. Müde rieb ich mir die Augen.
“Du siehst immer noch ziemlich blass aus”, bemerkte Orlam besorgt und streichelte zärtlich meine Wange. “Ich gehe nicht davon aus, dass dir heute nach irgendwelchen Unternehmungen zumute ist.”
“Ich fühl mich ziemlich beschissen…”, gestand ich ihm. “Wegen meiner Panikattacke habe ich jetzt einen totalen Hangover.”
“Dann leg dich wieder hin und ruh dich aus. Ich mach eben Frühstück und bring dir eine kalte Kompresse für deine Augen. Das wird dir gut tun.”
Ich ließ meinen Oberkörper zurück ins Bett sinken und schloss die Augen. Heute würde ich definitiv zu nichts zu gebrauchen sein. Und ich hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass Orlam mich nun in seiner eigenen Wohnung pflegen musste. Es war schon schlimm genug, dass ich gestern Nacht die Nerven verloren und mit meiner Panikattacke unseren Clubbesuch ruinieren musste. Jetzt fiel ich ihm noch mehr zur Last. Zwar hatte er mir gestern gesagt, dass ich keine Schuld hatte, aber das Gefühl von Scham ließ nicht von mir ab. Es war jetzt das zweite Mal, dass ich mit meinen Problemen alles ruiniert hatte und er war mit Sicherheit ziemlich enttäuscht deswegen. Vor allem aber schämte ich mich dafür, dass er mich in so einem furchtbaren Zustand sehen musste.
Nach einer Weile kam Orlam wieder und trug etwas großes, aber ich konnte nicht erkennen, was es war. Ich begann nach meiner Brille zu suchen, brauchte aber ein paar Sekunden, bis ich sie fand. Orlam trug ein Tablett, auf dem er ein Glas mit Orangensaft und eine Porzellanschale mit Porridge balancierte. Das Porridge war mit Bananen, Blaubeeren und gerösteten Mandelscheiben dekoriert und sah verdammt lecker aus. “Auf Koffein würde ich an deiner Stelle verzichten, zumindest für heute.”
Schließlich klappte er die Beine vom Tablett aus und stellte es vor mir hin.
“Ich bin gleich wieder da, fang ruhig schon mal an.”
Während Orlam wieder aus dem Schlafzimmer verschwand, schaute ich mein Frühstück an und spürte, wie mein Magen zu knurren begann. Ein zarter Geruch von Zimt stieg mir in die Nase und als ich einen Löffel probierte, schmeckte ich auch Honig heraus. Ich spürte, wie die Emotionen mich wieder übermannten und Tränen sich in meinen Augen sammelten. Alles, woran ich denken konnte, war, dass ich so viel Liebe und Zuwendung nicht verdiente nach dem, was gestern Nacht passiert war. Vielleicht wühlte mich so etwas Simples wie ein warmes Porridge nur deshalb so sehr auf, weil meine Nerven so am Ende waren, dass meine Gefühle völlig verrückt spielten. Und es war leider auch keine Seltenheit, dass meine Gedanken in eine düstere Abwärtsspirale aus Selbsthass und Scham gerieten, wenn ich mich in einem so labilen Zustand befand. Aber so sehr ich auch versuchte, dagegen anzukämpfen, ich schaffte es einfach nicht. Mir fehlte die Kraft dazu.
Orlam kam ein wenig später selbst mit einem kleinen Tablett mit einer Schüssel Porridge und einer Tasse Kaffee herein und machte es sich neben mir bequem. “Ich muss sagen, ein Frühstück im Bett hat einen gewissen Reiz. So kann man auch angenehm in den Tag starten.”
Ich schwieg und aß mein Frühstück. Es war nicht so, dass ich ihn absichtlich ignorierte, aber es fühlte sich wie ein unfassbarer Kraftakt an, eine Konversation zu führen. Zum Glück erwartete Orlam auch keine Antwort. Er saß still neben mir und wenn er etwas sagte, war er ruhig und beschränkte sich auf das Nötigste. Selbst seine üblichen Sticheleien blieben aus. Nachdem wir mit dem Frühstück fertig waren, brachte er die Tabletts und das Geschirr zurück in die Küche und kam wenige Minuten später mit einem Glas, einer Flasche Wasser und einer Kompresse eingewickelt in ein Küchentuch zurück.
“Ich bin im Wohnzimmer ein wenig am Computer arbeiten. Falls irgendwas ist, ruf einfach nach mir.”
“Danke…”, war das Einzige, was ich hervorbringen konnte. Ich legte meine Brille auf dem Nachttisch neben dem Glas und der Flasche ab. Dann ließ ich meinen Kopf zurück ins Kissen sinken und legte die kalte Kompresse auf meine Lider. Der kühlende Effekt war eine wahre Wohltat gegen das Brennen meiner Augen. Ich spürte, wie ich mich ein wenig entspannte und das dumpfe Pochen in meinem Kopf ein wenig nachließ. Ehe ich mich versah, war ich wieder in einen tiefen und traumlosen Schlaf gesunken. Aber das war nicht schlimm. Diese leere und stille Dunkelheit war genau das, was mein überreizter Verstand verzweifelt brauchte.
Irgendwann wachte ich im Laufe des Tages wieder auf und fühlte mich ein wenig besser als zuvor. Der Druck in meinem Kopf war immer noch da und ich bezweifelte, dass ich fit genug war, um einen fünfminütigen Spaziergang zu schaffen. Aber zumindest befand ich mich nicht mehr in so einem extremen Stimmungstief.
Ich setzte meine Brille auf, trank ein Glas Wasser, um das trockene Gefühl in meinem Hals loszuwerden und schaute mich um. Erst jetzt konnte mein Gehirn die Umgebung richtig erfassen. Das Schlafzimmer war weder sonderlich groß noch klein. An meiner linken Seite des Bettes stand ein kleiner Nachttisch und an der Wand war eine kleine Lampe installiert, die sich über einen Kippschalter betätigen ließ. Die Fenster waren mit dunkelgrauen Vorhängen zugedeckt und nur ein wenig Licht drang hindurch. Rechts vom Bett stand eine Kommode mit einer Stehlampe und daneben die Tür, die zum Flur führte. An der Wand gegenüber vom Bett stand ein großer, breiter Kleiderschrank. Die Tapete war in einem kalten und blassen Grün gehalten, der Teppich dunkelgrau und die Möbel weiß. Über dem Bett hing ein großes Bild, welches eine malerische Waldlandschaft zeigte. Orlam hatte wirklich Geschmack, was Inneneinrichtung betraf. Alles war perfekt aufeinander abgestimmt, aber nicht zu monoton und wirkte optisch ruhig und ästhetisch, aber nicht steril. Sogar das Grau der Bettwäsche und Grün der Kissen passten vom Farbton perfekt ins Schlafzimmer.
Ich kam langsam wieder auf die Beine, taumelte aber etwas benommen und verließ mit schlurfenden Schritten das Schlafzimmer. Der Flur war relativ schmal und hell gestrichen. Auch hier war alles in perfekter Ordnung und für einen Moment fragte ich mich, ob ich in einer dieser Influencer-Wohnungen war, die einen extrem hohen Stellenwert auf räumliche Ästhetik legten. Aber es passte irgendwie zu Orlams Erscheinungsbild und seinem Auftreten. Aber dafür, dass er noch nicht allzu lange hier wohnte, hatte er sich schick eingerichtet. Es war kein Vergleich zu dem übersichtlichen Chaos in meiner Wohnung und den unzähligen Figuren und Postern, die als Dekoration fungierten.
Die erste Tür, die ich öffnete, führte in die Küche, welche kaum größer als meine war, aber dafür machte die Einrichtung einen hochwertigen Eindruck.
Mit dem nächsten Versuch hatte ich endlich Glück und fand das Badezimmer. Orlam hatte eine Badewanne, die auch als Dusche genutzt werden konnte. Ich war ehrlich gesagt ein wenig neidisch.
Nach meinem kleinen Abstecher ins Badezimmer schleppte ich mich zurück ins Schlafzimmer und kroch wieder unter die Decke. Ich fühlte mich, als wäre ich einen Marathon gelaufen und schwindelig war mir immer noch. Ich schüttete mir noch ein Glas Wasser ein und überlegte, ob ich wieder schlafen sollte. Doch da öffnete sich die Schlafzimmertür und Orlam schaute vorsichtig herein. “Oh, du bist wach”, stellte er überrascht fest. “Brauchst du etwas?”
Ich schüttelte den Kopf und versuchte ein Lächeln aufzusetzen. “Danke, aber ich denke, Schlaf ist gerade das beste Heilmittel. Sag mal, wie spät ist es eigentlich?”
“So knapp 14 Uhr. Du hast ziemlich lange geschlafen. Soll ich dich später zum Essen wecken?”
Ich überlegte einen Augenblick. Ehrlich gesagt verspürte ich noch gar keinen Hunger, aber das konnte auch an der Tatsache liegen, dass ich die letzten Stunden im Tiefschlaf verbracht hatte. Aber vielleicht war es keine gute Idee, die Mahlzeiten auszulassen. Mein Körper würde definitiv Energie brauchen, um sich zu erholen und dazu musste ich etwas essen. Also nahm ich Orlams Angebot an und legte mich wieder hin. Er brachte mir eine frische Kompresse für die Augen und ließ mich wieder alleine, damit ich in Ruhe schlafen konnte. Es geschah dieses Mal aber so plötzlich, dass ich es gar nicht bemerkte. Erst als Orlam mich mit einem sanften Rütteln weckte, fuhr ich erschrocken hoch und kam mir eher so vor, als hätte ich einen Blackout gehabt. Da ich nicht alleine essen wollte, folgte ich ihm in die Küche. Es gab Hühnersuppe mit Klößen und erst beim Essen stellte sich wirklich der Appetit und der Hunger ein. Ich fragte nach einer zweiten Portion und spürte, dass wieder ein Stück Leben in meinen Körper zurückkehrte. Auch Orlam bemerkte sichtlich erleichtert, dass ich nicht mehr ganz so kränklich aussah wie heute Morgen.
Nach der wärmenden Mahlzeit gönnte ich mir ein ausgiebiges heißes Bad, welches sich mehr als heilsam auf meine Nerven auswirkte. Die Schmerzen in meinem Kopf waren immer noch nicht weg, aber es kam mir so vor, als würde ich mich ein klein wenig besser erholen als sonst. Als ich jedoch aus der Wanne aussteigen wollte, wurde mir schwindelig und kurzzeitig schwarz vor Augen. Ich versuchte noch, mich irgendwo festzuhalten, rutschte aber mit dem Fuß aus, auf den ich mein Gewicht verlagern wollte und knallte mit dem Hinterkopf gegen die Glaswand und schrie laut auf. Ein stechender Schmerz jagte durch mein Hirn, kleine Lichter begannen vor meinen Augen zu explodieren und es kostete mich große Mühe, einen Brechreiz zu unterdrücken. Kurz darauf kam Orlam erschrocken ins Bad gestürmt. Doch mein Kopf pochte so heftig, dass ich eine ganze Weile brauchte, bis ich erklären konnte, was passiert war. Vorsichtig half er mir dabei, langsam auf die Beine zu kommen, damit mein Kreislauf nicht wieder verrückt spielte. Nachdem ich mich abgetrocknet und angezogen hatte, bekam ich eine frisch gekühlte Kompresse für meinen Hinterkopf und ging zurück ins Schlafzimmer. Und dort blieb ich für den Rest des Tages.
Am Abend kam Orlam ins Schlafzimmer, um sich zu mir ins Bett zu legen. “Tut dir der Kopf immer noch weh?” fragte er besorgt, während er in seinen Pyjama schlüpfte. “Danke, es geht mir wieder besser. Die Kompresse hat echt geholfen”, antwortete ich und senkte beschämt den Blick. “Tut mir leid, dass ich dir so viel Arbeit mache und wie ein Schmarotzer bei dir lebe. Du kannst mich morgen wieder nach Hause fahren, dann kann ich mich alleine erholen.”
Es war mir alles so unsagbar peinlich. Die Tatsache, dass ich den ganzen Tag das Schlafzimmer belegte, dass Orlam für mich kochte und ich nicht einmal alleine aus der Badewanne aussteigen konnte, ohne dass mein Kreislauf zusammenbrach. Er tat alles Mögliche für mich und ließ mich bei sich übernachten, weil ich zu viel Angst davor hatte, alleine mit meinen Sorgen und Gedanken zu sein. Und was tat ich für ihn? Nichts!
“Iggy Maxwell”, sprach Orlam in einem sehr ernsten Ton. Er schaute mich eindringlich an und beugte sich leicht zu mir vor. “Ich kann selber beurteilen, wer mich ausnutzt und wer wirklich auf Hilfe angewiesen ist. Du hattest gestern eine Panikattacke und warst weiß Gott wie lange in diesem Zustand draußen in der Kälte. Du kannst von Glück reden, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist. Und jetzt sage ich es dir klar und deutlich: es war meine Entscheidung, dir das Schlafzimmer zu überlassen, damit du dich ausruhen kannst und es war meine Entscheidung, dir Essen zu machen. Ich habe all diese Dinge getan, weil ich es so wollte und nicht, weil du irgendetwas von mir verlangt hast. Und selbst wenn du all diese Dinge von mir eingefordert hättest, hätte ich jederzeit Nein sagen können.”
Während er sprach, unterstrich er mit besonderem Nachdruck jedes auf ihn bezogene Wort, um mir zu verstehen zu geben, dass ich keinerlei Einfluss auf seine Entscheidungen hatte. Sein Ton war beruhigend, aber gleichzeitig bestimmt. Es war eine Seite von ihm, die ich noch nie zuvor erlebt hatte. Ich spürte, wie mein Körper zu beben begann und mich die Hilflosigkeit übermannte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und meine Gedanken drohten, wieder in ein heilloses Chaos zu versinken.
Doch dann legte sich eine Hand auf meine Schulter und für einen Moment kehrte genug Ruhe in diesen Orkan aus Gefühlen ein, dass ich mich auf seine Worte fokussieren konnte. Orlam sprach genau die Worte aus, die ich dringend hören musste: “Sag einfach frei heraus, was du willst. Wenn du wieder nach Hause gehen und alleine sein willst, werde ich dich zurückfahren. Und wenn du bei mir bleiben willst, machen wir uns eine schöne Zeit zusammen. Egal ob es bei mir zuhause ist oder bei dir. Die Hauptsache ist, dass du dich sicher fühlst. Also was möchtest du?”
In diesem Moment war es um mich geschehen und ich schloss Orlam in die Arme. Ich klammerte mich fest an ihn und hatte alle Mühe, gegen die Tränen anzukämpfen. “Ich habe Angst, alleine zu sein”, brachte ich mit zitternder Stimme hervor und es fühlte sich so unsagbar befreiend an, es endlich zu sagen. “Bitte lass mich noch eine Weile hier bleiben, wenn es dir nichts ausmacht.”
Ich spürte, wie sich seine Arme um meinen zitternden Körper legten und tröstend meinen Rücken streichelten. “Dann bleibst du hier”, versicherte er mir. “Morgen fahren wir zusammen zu dir, um noch ein paar Sachen von dir zu holen. Dann kannst du hier schlafen, bis es dir wieder besser geht.”
“Willst du denn nicht mal wissen, warum? Oder was gestern Abend passiert ist?”
“Wir können darüber reden, wenn du bereit dafür bist. Nicht jetzt, wenn du dich in so einem Zustand befindest. Ich habe da eine gewisse Ahnung, aber das ist erst mal unwichtig. Du brauchst nur zu wissen, dass ich dir keine Schuld an dem Vorfall gebe.”
Wir blieben eine Weile in dieser festen Umarmung. Es beruhigte mich und gab mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Etwas, wonach sich jede Faser in meinem Körper sehnte. Ich war Orlam dankbar dafür, dass er so viel Verständnis und Fürsorge zeigte und keine Erklärung von mir verlangte. Selbst wenn er vielleicht bereits wusste, was sich gestern ereignet hatte, als er kurzzeitig nicht da war. Vielleicht fiel es ihm so leicht, so gut mit dieser Situation umzugehen, weil er es selber in ähnlicher Form durchgemacht hatte. Und er wusste aus eigener Erfahrung, dass manche Dinge ihre Zeit brauchten, bis man sie überhaupt in Worte fassen konnte.
Am nächsten Tag ging es mir dank der Bettruhe und Orlams aufmerksamer Pflege zumindest körperlich deutlich besser. Mein Kreislauf hatte sich weitestgehend stabilisiert und obwohl es mir immer noch ein wenig an Energie fehlte, war es nicht mehr so schlimm wie am Vortag. Auch mein Kopf fühlte sich besser an. Nach meinem gestrigen Sturz im Bad hatte ich eine kleine Beule am Hinterkopf, aber wenigstens waren die Kopfschmerzen weg. Mental hatte sich jedoch keine sonderlich große Besserung eingestellt. Zwar fühlte ich mich nicht mehr ganz so elend, aber ich war bei weitem noch nicht fit genug für ein Minimum an sozialen Interaktionen. Nach einem gemeinsamen Frühstück fuhren Orlam und ich zu mir nach Hause und holten noch ein paar Sachen ab.
Wir blieben nicht lange und kehrten wieder zurück, nachdem ich alles Nötige eingepackt hatte. Irgendwie fühlte es sich an, als wäre ich auf der Flucht. Aber gewissermaßen stimmte es ja auch. Ich war auf der Flucht vor der Einsamkeit und dass meine Ängste mich wieder einholten, bevor ich wieder die Kraft hatte, damit umzugehen. Vielleicht war es feige, aber ich musste das tun, was gerade für mich am besten war und Orlam hatte mir das auch noch mal klar gemacht.
Nachdem wir wieder bei ihm zuhause waren, machte Orlam ein wenig Platz in seinem Kleiderschrank für meine Sachen. Während ich meine Tasche ausräumte, verschwand er ins Wohnzimmer, da er etwas zu erledigen hatte. Ich war relativ schnell fertig damit, meine Kleidung zu verstauen, fragte mich aber, wo ich mein Brillen-Etui, meine Nintendo Switch und mein Ladegerät hinlegen sollte. Offen herumliegen lassen wollte ich sie nicht, da ich in Orlams Wohnung kein Chaos verursachen wollte. Mein Blick wanderte zum Nachttisch an meiner Seite des Bettes. Ohne groß nachzudenken ergriff ich den Knauf der Schublade und zog sie auf. Ich bereute meine vorschnelle Entscheidung jedoch sofort, als ich eine Flasche Gleitgel, eine angebrochene Kondompackung und ein paar Sexspielzeuge darin fand.
Blitzschnell schloss ich die Schublade wieder und spürte, wie sich eine Gänsehaut auf meiner Haut bildete. Es war nicht so, dass ich zu naiv oder prüde war. Ich wusste sehr gut, dass das, was ich zu Gesicht bekommen hatte, ein Dildo, ein Vibrator und eine Analkette waren. Und es war auch nichts falsch daran, dass Orlam diese Dinge besaß. Aber ich wollte das Thema Sex am liebsten so weit wie möglich von mir fernhalten. Nachdem der erste Schreck über meinem Fund überwunden war, setzte ich mich an die Bettkante und dachte nach. Irgendwie war es klar gewesen, dass ich so etwas finden musste. Ich hatte ja schon die ganze Zeit gewusst, dass Orlam ein Mann mit Bedürfnissen war. Bedürfnisse, die ich ihm niemals erfüllen konnte. Verdammt, dachte ich mir, als die Erkenntnis in mir dämmerte, dass ich zwar aus meiner Wohnung flüchten konnte, aber nicht vor meinen Problemen. Selbst mit Orlam an meiner Seite war ich nicht vor meinen eigenen Gedanken sicher. Ich hatte mir eingeredet, dass ich vor den Erinnerungen an die Frau im weißen Kleid flüchten wollte, die mir grausame Worte an den Kopf warf und mir furchtbare Dinge antat, weil ich sie zurückgewiesen hatte… weil ich ihre Bedürfnisse nicht erfüllen konnte. Der einzige Grund, warum sie mich die ganze Zeit so unerbittlich heimgesucht hatte, war nur deshalb, weil ich wegen meiner Beziehung zu Orlam verunsichert war. Der logische Teil meines Hirns wusste, dass er nicht mal im Ansatz so reagieren würde. Es gab kein einziges Indiz dafür, dass er mich derart verletzen oder sogar in einen Wutanfall verfallen und mich mit einer Schere abstechen würde. Aber die Angst war trotzdem da. Und Schuld daran war einzig und allein meine eigene Unsicherheit. Ich stand mir immer wieder nur selbst im Weg. Aber das war halt eine der wenigen Dinge, die ich am besten konnte.
Ich beschloss, die Kommode erst einmal unangetastet zu lassen und stattdessen ging ich in Richtung Wohnzimmer, um mit Orlam zu reden. Worüber genau, wusste ich zwar noch nicht, aber alleine sein und untätig bleiben konnte ich auch nicht. Als ich aber meine Hand auf die Türklinke legte, hielt ich abrupt inne, denn ich konnte Orlams Stimme hören. Anscheinend führte er gerade ein Telefongespräch und seinem Ton nach zu urteilen, klang es nicht allzu erfreulich. Zuerst wollte ich gehen, um nicht zu lauschen, blieb dann aber stehen, als ich hörte, wie mein Name fiel.
“Iggy geht es einigermaßen besser, keine Sorge. Aber ich schätze mal, es wird noch ein paar Tage dauern. Natürlich habe ich deine Ratschläge beherzigt. Denkst du, ich würde mich aus Spaß oder Langeweile bei dir melden? Vielleicht ist das ein neues Konzept für dich, aber ich habe so was wie Standards. Ich bin nicht so verzweifelt wie dein Boy Toy, der sich mit deinem schlappen Miniwürstchen zufrieden gibt.”
Das ist eindeutig Genzou, mit dem er telefoniert, schoss es mir durch den Kopf und ich runzelte verwundert die Stirn. Ich hätte ja einiges erwartet, aber niemals, dass Orlam sich ausgerechnet bei ihm Rat sucht. Die beiden stritten sich doch jedes Mal, wenn sie sich sahen. Aber anscheinend hatte er es meinetwegen getan. Nun war ich erst recht neugierig und konnte nicht anders, als weiter hinzuhören. Den Geräuschen nach zu urteilen, ging Orlam langsam auf und ab und ihm war mehr als deutlich anzuhören, dass er genervt von der Situation war. Immer wieder stieß er einen lauten Seufzer aus, als versuche er auf diese Weise, seinen Frust abzubauen.
“Er bleibt voraussichtlich mal ein paar Tage bei mir, weil er nicht alleine sein möchte und ich habe auch lieber ein Auge auf ihn. Ich denke mal, er wird sich bei dir melden, wenn er darüber reden will. Wofür hältst du mich bitteschön? Im Gegensatz zu dir kann ich mein Mundwerk unter Kontrolle… Du bist bloß neidisch, dass niemand deine jämmerliche Nudel lutschen wollte. Gott, es ist anstrengend, mit einem kognitiv suboptimierten Clown wie dir zu reden. Wir weichen wieder vom Thema ab, also hör zu: ich schulde dir was für deine Hilfe und ich habe keine Lust darauf, dass du mir das länger als nötig vorhältst. Es gibt da ein nettes Restaurant in der Nester Street. Sprich mit deinem Herzblatt, ich reserviere einen Tisch für euch und der Abend geht auf meine Rechnung. Wie gesagt: ich will bloß meine Schuld bei dir begleichen und mir soll niemand sagen, dass ich ein Mann bin, der sein Wort nicht halten oder seine Schuld nicht begleichen kann. Du hast mir mit Iggy geholfen, also kriegst du einen netten Abend mit deinem Lover. Ich erwarte aber, dass das alles zwischen uns beiden bleibt! Alles klar, dann melde dich bei mir.”
Bevor ich die Chance hatte, mich schnell in irgendeinem Zimmer zu verstecken, wurde bereits die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und Orlam stand direkt vor mir. Einen Augenblick starrten wir uns beide überrascht an und wussten nicht, was wir sagen sollten. Mir wollte keine plausible Erklärung in den Sinn kommen, die mich nicht in ein schlechtes Licht rückte. Und Orlam wusste wohl auch nicht, wie er sein Telefonat erklären sollte.
“Äh…”, war das Einzige, was ich hervorbringen konnte, während die Zahnräder in meinem Kopf auf Hochtouren arbeiteten. Aber dann entschied ich mich dafür, einfach die Wahrheit zu sagen. Alles andere würde es nur schlimmer machen. “Ich wollte nicht lauschen!” versicherte ich hastig und hob in einer beschwichtigenden Geste die Hände. “Ich hatte meinen Namen gehört und bin neugierig geworden. Ich weiß, das gehört sich nicht und es tut mir wirklich leid.”
Orlam hob eine Augenbraue und warf mir einen leicht anklagenden Blick zu. “Du hast Glück, dass du süß bist. Ich schätze, es macht keinen Sinn, um den heißen Brei zu reden.”
Orlam wies mich mit einer Handbewegung an, ihm ins Wohnzimmer zu folgen. Dieses war der mit Abstand größte Raum in der Wohnung. Ähnlich wie das Schlafzimmer war der Raum in ruhigen und blassen Farbtönen gehalten und was sofort ins Auge stach, waren sein massives Bigsofa und die Heimkino-Anlage mit einem riesigen OLED-Fernseher. Es gab noch eine separate Ecke im Wohnzimmer, die als Arbeitsbereich eingerichtet war. Aber nach den drei Bildschirmen und dem Computer zu urteilen, wurde dieser mit Sicherheit auch gelegentlich zum Zocken genutzt. Die Bilder, die an der Wand hingen, waren allesamt Landschaftsportraits, aber es gab nirgendwo persönliche Fotos. Auch sonst wirkte die ganze Einrichtung genauso wie der Rest der Wohnung ästhetisch, aber irgendwie unpersönlich und ein wenig zu ordentlich. Aber vielleicht war ich auch zu sehr an das Durcheinander in meiner eigenen Behausung gewohnt.
Wir setzten uns aufs Sofa und mit einem leisen Seufzer faltete Orlam die Hände und beugte sich leicht nach vorne. “Nachdem du deine Panikattacke hattest, habe ich Genzou angerufen, um mir Rat zu holen, weil ich nicht wusste, wie ich am besten mit dir umgehen sollte. Der Typ hängt ja schon seit der Grundschule wie eine Klette an dir und kennt dich besser als jeder andere. Und…” Orlam wich meinem Blick aus. “Ich wollte es vermeiden, dass es dir durch meine Unachtsamkeit schlechter geht, oder du wieder getriggert wirst. Mein Mangel an Taktgefühl während der Weihnachtsfeier hat mir deutlich gezeigt, dass ich mehr Feingefühl in bestimmten Situationen brauche.”
Ich war tief bewegt und sprachlos, als ich das hörte. Zwar hatte ich mich ein wenig gewundert, dass Orlam immer genau wusste, was er tun oder sagen musste, damit ich mich besser fühlte. Aber ich hatte gedacht, dass er einfach ein Händchen dafür besaß oder sich an persönlichen Erfahrungen orientierte. Vor allem hatte ich nicht erwartet, dass meine plötzliche Flucht von der Weihnachtsfeier und die tagelange Funkstille danach ihm derart zu schaffen gemacht hatte. Naja… ich an seiner Stelle hätte mir sicherlich auch große Sorgen gemacht und die Schuld bei mir gesucht.
“Dass ich von der Weihnachtsfeier abgehauen bin, hatte nicht mit dir zu tun”, sagte ich schließlich, dachte kurz nach und musste mich ein wenig korrigieren. “Naja… ein bisschen. Es war halt zu viel auf einmal und ich konnte das nicht verarbeiten. Erst dein Geständnis, dann Bucks mit ihrer sehr graphischen und verstörenden Beschreibung einer Geburt und die extrem laute Musik. Wären diese anderen Dinge nicht gewesen, hätte ich ganz anders reagiert. Klar wäre ich trotzdem überfordert gewesen, weil ich noch nie in so einer Situation war und meine Sozialphobie mir ständig das Leben schwer macht. Aber…” Ich ergriff daraufhin seine Hand und drückte sie fest. “Du hast keine Schuld daran, dass ich so unbeholfen in diesen Dingen bin, oder dass ich mich mit meinen Gedanken verrückt mache.”
Orlam kratzte sich unruhig am Kopf und wirkte nicht gerade überzeugt. Etwas nagte an ihm, das was ihm deutlich anzusehen. Er atmete geräuschvoll aus und dachte einen Moment nach, um sich seine Worte vorsichtig zurechtzulegen. “Ich verstehe, dass ich für deine Panikattacken nicht verantwortlich bin und andere Faktoren eine Rolle spielen. Aber ich frage mich halt auch, ob es gewisse Verhaltensweisen an mir gibt, die dich eventuell triggern. Ich weiß, dass du niemandem zur Last fallen willst, aber ich würde mir wünschen, dass du weniger Rücksicht auf die Gefühle anderer nimmst und dafür deine Gedanken und Sorgen teilst.”
Ich dachte zurück an die letzten Tage, in denen ich zusehends von den schrecklichen Erinnerungen an die Frau im weißen Kleid heimgesucht wurde. All die Momente, in denen ich mich selbst mit Zweifeln bezüglich unserer Beziehung gequält hatte. Ich erinnerte mich an mein Gespräch mit Genzou, wie sehr sich Orlam um mich gekümmert hatte. Es brachte nichts, weiter davor wegzulaufen. Ich hatte auch nicht die Kraft dazu, mit dem ganzen Wahnsinn von Neuem anzufangen. Vor allem aber wollte ich nicht schon wieder eine Panikattacke riskieren. Es musste endlich raus. Wenn jetzt nicht der Moment war, wann dann? Mental war ich zwar immer noch ziemlich erschöpft, aber lieber stand ich das jetzt durch und konnte diese tonnenschwere Last loswerden, als dass ich mich weiter so geißelte.
Doch als ich für mich den Entschluss fasste, spürte ich, wie wieder die Angst mich mit eiskalten Händen packte und versuchte, mir langsam aber sicher die Kehle zuzuschnüren. Die Angst davor, Orlam mit meinen Worten zu verletzen. Angst davor, dass ich alles ruinieren würde, aber vor allem die Angst vor der kalten Zurückweisung und hartherzigen Worten, die mich tief in meiner Seele erschüttern würden. Ich versuchte langsam und tief durch die Nase zu atmen, um mich zu beruhigen und knallte meine Finger ins Sofapolster. Orlam sah sofort, dass etwas in mir vorging und war alarmiert. “Iggy, es ist alles gut. Du musst dich zu nichts zwingen, wenn du noch nicht bereit dafür bist.”
Ich schüttelte den Kopf und versuchte mich mental auf das Schlimmste vorzubereiten. Angestrengt versuchte ich, die Angst wieder zurück in die tiefsten Ecken meines Unterbewusstseins zurückzudrängen und gegen den Druck auf meiner Kehle anzukämpfen. “Ich habe Angst, Orlam.”
“Wovor hast du Angst?”
“Davor, dass ich zu viel verlange und dass ich nicht der Partner bin, den du dir wünschst.” Meine Stimme zitterte und war schwach. Mein ganzer Körper begann zu beben, als all die Emotionen wie eine Lawine über mich hereinbrachen und mitrissen. Ich krallte meine Finger in meine Haare und kauerte mich schluchzend zusammen. “Oder Tatsache, dass ich nicht weiß, wie wir zueinander stehen, weil unsere Beziehung keinen Namen hat. Das verunsichert mich alles so sehr, dass ich keine Ruhe mehr finde. Und mich lässt der Gedanke einfach nicht los, dass du zu viel für unsere Beziehung opferst, weil ich keinen Sex mit dir haben kann.”
“Ach Iggy”, sprach er leise, zog mich sanft zu sich heran und schloss mich in seine Arme. Zärtlich streichelte er mir beruhigend den Kopf. “Ich glaube, du weißt gar nicht, wie viel du mir bedeutest. Aber vielleicht habe ich es dir nicht auf die Art gesagt oder gezeigt, wie du es gebraucht hast. Hör mal, wegen so etwas mache ich doch nicht Schluss mit dir. Wir haben bloß ein kleines Kommunikationsproblem und daran können wir gemeinsam arbeiten. Ich weiß nicht, ob ich dir alle deine Unsicherheiten nehmen kann, aber wir können uns zusammen eine Lösung überlegen, mit der wir beide glücklich sind. Okay?”
Ich konnte nicht antworten. Meine Gefühle überforderten mich in diesem Moment so sehr, dass ich sowieso kein einziges Wort hervorgebracht hätte.
Aber etwas hatte sich merklich in mir verändert. Diese Gefühle, die mich nun überwältigten, waren keine Scham und auch keine Schuldgefühle. Es waren Erleichterung und Dankbarkeit. Ich war unfassbar erleichtert darüber, dass sich meine schlimmsten Ängste nicht bewahrheitet hatten, Orlam weiterhin an meiner Seite blieb und er mir keine Vorwürfe machte. Und ich war dankbar dafür, dass ich diese entsetzliche Last ablegen konnte.
Als hätte sich mit dieser Erkenntnis ein Schalter in meinem Körper umgelegt, wich mit einem Mal sämtliche Kraft aus meinen Gliedern. Eine lähmende Müdigkeit überkam mich und ehe ich mir überhaupt bewusst wurde, was gerade mit mir passierte, versank mein Bewusstsein in die vertraute pechschwarze Stille eines tiefen Schlafs.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Couch und war in eine kuschelige Decke gehüllt. Ich konnte so gut wie nichts erkennen und hatte überhaupt kein Zeitgefühl. Scheiße, ich hätte nicht mal erraten können, welchen Tag wir hatten. Orientierungslos schaute ich mich um und tastete zu meiner rechten und linken, da ich im ersten Moment fürchtete, dass ich mit meiner Brille eingeschlafen war. “Ah, sieht so aus, als wäre Dornröschen aus seinem Schlummer erwacht!”
Ich hörte, wie ein Bürostuhl bewegt wurde und Schritte näher kamen. Orlam nahm etwas vom Couchtisch und reichte es mir. Es war meine Brille. “Du bist plötzlich zusammengesunken und bist nicht mehr ansprechbar gewesen. Gott sei Dank, hast du geschnarcht, sonst hätte ich den Notarzt gerufen”, erzählte er mir mit leichter Belustigung in der Stimme. Aber ich konnte trotzdem aus seinem Ton heraushören, dass er einen ziemlichen Schreck bekommen hatte. Selbst ich war schockiert darüber, denn so etwas war mir bislang noch nie passiert.
“Tut mir leid, ich habe selber nicht gemerkt, dass..”
“Dafür brauchst du dich doch nicht entschuldigen, mein Lieber.” Zärtlich legte Orlam seine Hände auf meine Wangen, beugte sich zu mir runter und küsste mich liebevoll. Auch er wirkte, als wäre er von einer großen Last befreit worden und hatte wieder seinen munteren Ton wiedergefunden, der ihm seit meiner Panikattacke gefehlt hatte. “Die Hauptsache ist, dass es dir gut geht.”
Und tatsächlich fühlte ich mich deutlich besser. Zwar wäre es übertrieben gewesen zu sagen, dass ich einen Marathon laufen oder auf eine Party gehen konnte. Aber zumindest war ich kein totales Wrack mehr. Mein Gefühl riet mir, es trotzdem für den Rest der Woche etwas langsamer anzugehen, weil mein Kopf noch länger brauchen würde, um mentale Belastungen aushalten zu können.
“Also für einen weiteren Clubbesuch werde ich noch ein paar Tage brauchen. Aber für ruhigere Aktivitäten sollte es alle Male reichen.”
Das brachte uns beide auf eine Idee. Da an Schlaf erst mal nicht mehr zu denken war und wir beide Hunger hatten, bestellten wir uns telefonisch Pizza und machten es uns mit einer Flasche Wein auf der Couch bequem. Orlam dimmte das Licht der Lampen, schaltete den Fernseher an und ließ ein Video mit Kaminfeuer laufen, um ein wenig gemütliche Stimmung zu machen. Mit einem Grinsen gestand er mir, dass er so etwas schon seit längerem ausprobieren wollte.
Ich musste zugeben, dass es wirklich romantisch war und irgendwie Erinnerungen weckte. Wir beide in einer abgelegenen Waldhütte, Arm in Arm in einem schlichten Bett und nicht wissend, ob wir jemals wieder nach Hause kehren konnten oder überleben würden. Deshalb war dieser Augenblick des Friedens und der Nähe so besonders gewesen. Auch Orlam erinnerte sich vage daran und fügte hinzu, dass wir zusammen getanzt hatten. Während wir versuchten, diese seltsame Erinnerung aus einem anderen Leben zu rekonstruieren, legte Orlam seinen Kopf auf meine Schulter und murmelte leise “Irgendwie hat diese Vorstellung was… eine Waldhütte nur für uns beide.”
“Wir könnten zusammen in den Urlaub fahren”, schlug ich vor. Auch ich fand diese Idee sehr verlockend. “Genug Möglichkeiten gibt es bestimmt. Wäre doch lustig, wenn wir eine Hütte finden, die genauso aussieht wie die Waldhütte aus unserer Erinnerung. Aber sie muss auf jeden Fall einen Kamin haben.”
Wir schwelgten eine Weile in dieser Vorstellung, während wir bei Rotwein und Pizza das künstliche Kaminfeuer betrachteten. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit her an, seit ich mich wirklich befreit von all meinen Ängsten und diesem Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit gefühlt hatte. Als wäre das nicht bloß eine Verschnaufpause, bis die Flucht vor den eisigen Klauen des Schreckens und der Erinnerung an jene blonde Frau im weißen Kleid mich erneut jagte. Aber es war noch nicht ganz vorbei. Die Haupthandlung in dieser Geschichte war zwar vorbei, aber es fehlte noch die Auflösung. Orlam wusste es auch. Und er schien zu bemerken, was in mir vorging und wir beide die gleiche Erkenntnis hatten. Er zögerte jedoch und goss uns beiden noch ein wenig Rotwein ein, bevor er vorschlug: “Wir können auch morgen sprechen, wenn du erst mal noch darüber schlafen willst.”
Ich schüttelte den Kopf. An Schlaf war gerade nicht zu denken und ich hatte schon den ganzen Tag verpennt. Ich war gerade hellwach und war geistig belastbar genug, um darüber zu sprechen. Nachdem ich mich lange genug selbst gequält hatte, weil ich mich einer möglichen Konfrontation entziehen wollte, war ich nun der Meinung, dass wir schnellstmöglich für klare Verhältnisse schaffen sollten. Außerdem hatte ich Sorge, dass sich meine Unsicherheit wieder verschlimmern würde, je länger sich das Gespräch hinauszögerte. Jetzt war mein Verstand klar, aber wie würde es morgen aussehen?
Meine Begründung ergab für Orlam durchaus Sinn. Vorsichtig stellte er sein Weinglas auf den Glastisch und überlegte, wo er am besten anfangen sollte. “Als ich dir vorgeschlagen hatte, dass wir für unsere Beziehung keine Bezeichnung bräuchten, wollte ich das Ganze ohne Erwartungen und ohne Druck angehen. Ich dachte, das wäre die einfachste Lösung. Aber anscheinend habe ich mich da etwas verkalkuliert. Für mich ist das auch alles neu.”
“Meinst du eine asexuelle Beziehung?” fragte ich ihn etwas unsicher und trank einen Schluck aus meinem Glas. Orlam überlegte, wie er es am besten erklären sollte und begann dabei mit seinen Händen zu gestikulieren, um sich selbst auf die Sprünge zu bringen.
“Generell eine Beziehung, die weder sexuell noch rein freundschaftlich ist. Ich bin nicht der Typ für romantische Liebe, Iggy. Ich verliebe mich nicht Hals über Kopf in jemanden und bekomme auch keine Schmetterlinge im Bauch. Ich empfinde nicht diese brennende Leidenschaft und werde auch nicht eifersüchtig. Das bedeutet nicht, dass du mir egal bist. Ganz im Gegenteil. Ich genieße die Zeit mit dir und habe Spaß an unserem Geplänkel. Ich kümmere mich gerne um dich, wenn es dir nicht gut geht und freue mich, wenn es dir wieder besser geht. Du bist mir wichtiger als alle anderen, die ich kenne. Aber ich empfinde keine romantischen Gefühle für dich. Ich kann dich nur auf meine eigene Art lieben, genauso wie du mich nur auf deine Weise lieben kannst.”
“Also… bist du aromantisch?”
“Schätze schon”, gab er mit einem Schulterzucken zu. “Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht. Für mich waren sexuelle Beziehungen immer einfach und ich hatte nichts anderes gebraucht. Ich dachte eine Zeit lang, dass irgendwann die große Liebe schon kommt, von der mir immer erzählt wird. Dann dachte ich, dass mit mir vielleicht etwas nicht stimmt und ich nicht in der Lage bin, überhaupt jemanden zu lieben. Sex war immer die einzige Form von Liebe gewesen, die ich verstanden hatte.”
Dies versetzte mir einen Stich ins Herz, denn ich kannte dieses Gefühl selber nur zu gut. Ich hatte exakt die gleichen Gedanken bis ich zu der Erkenntnis gelangt war, dass ich bloß asexuell war. Nun machte es natürlich Sinn, als Orlam auf der Weihnachtsfeier gesagt hatte, dass wir beide “anders” waren. Und es war dann natürlich nicht überraschend, dass er ohne irgendeine Erklärung sofort verstanden hatte, warum ich mich so verhielt. Ich empfand es auch nicht wirklich als schockierende Erkenntnis, dass er aromantisch war. Es war auch überhaupt kein Problem für mich, denn ich hatte nie das Gefühl gehabt, dass ich in irgendeiner Art und Weise vernachlässigt wurde. Wir beide hatten genau den Freiraum, den wir brauchten und ich wusste, dass er Gefühle für mich hatte. Und das war genug für mich. Es musste nicht zwingend romantisch sein.
“Ich hatte leider nicht berücksichtigt, dass die Ungewissheit unserer vage formulierten Beziehung dich verunsichern würde”, fuhr er nach einer Pause fort und ließ unruhig den Blick durch den Raum schweifen. “Das war nicht meine Absicht gewesen. Du kannst mich ruhig nennen wie du willst. Deinen festen Freund, dein Lover, deine bessere Hälfte, dein gelegentlicher Bettgenosse… Was auch immer sich am besten für dich anhört. Und wenn du unserer Beziehung ein Label geben willst, bin ich für Ideen offen.”
Damit stand ich vor einem Problem, denn ich wusste nicht genau, wie ich diese Beziehung nennen sollte. Es war keine romantische und keine sexuelle. Aber freundschaftlich war es auch nicht. Gab es dafür überhaupt einen Ausdruck? Ich konnte mich sehr vage daran erinnern, dass ich mich damals auf dem College kurz darüber informiert hatte. Aber das war schon lange her und ich hatte dieses Thema komplett aus meinen Gedanken ausgeblendet, weil ich es als nicht wichtig genug erachtet hatte. Mein naiver Optimismus von damals musste mir ausgerechnet jetzt zum Problem werden. Na super, dachte ich mir zähneknirschend.. “Ich weiß nicht”, gab ich etwas beschämt zu. Das war mal wieder typisch für mich: ich machte aus einer Mücke einen Elefanten und hatte nicht mal einen Vorschlag zur Hand. Ich hatte mich so sehr auf das Problem fokussiert, dass ich gar nicht daran gedacht habe, mir eine Lösung einfallen zu lassen. “Mir fällt einfach nichts ein.”
“Wie wäre es dann mit einer queerplatonischen Beziehung?” schlug Orlam vor. “Während du geschlafen hast, habe ich ein wenig recherchiert und bin zufällig darauf gestoßen. Und es scheint genau die Art von Beziehung zu sein, wie am ehesten zu uns passen würde: kein Sex, keine Romantik und trotzdem mehr als bloß Freundschaft.”
Ja, das klang passend für uns. Mir gefiel diese Bezeichnung, denn es klang nach einer unkonventionellen Beziehung, die an keine Erwartungen geknüpft war, außer an jene, die wir selbst festlegten. Und es beruhigte mich auch, dass Orlam auch direkt angesprochen hatte, wie wir uns gegenseitig bezeichnen konnten. Ansonsten hätte ich vor dem gleichen Dilemma gestanden und hätte mich noch komisch dabei gefühlt, ihn als meinen festen Freund zu bezeichnen, wenn er mit romantischen Dingen nichts anfangen konnte. Er schien ein eher gleichgültiges Verhältnis zur Romantik zu haben, während meine Haltung zu Sex deutlich negativer war. Und das brachte mich zu unserem nächsten Problem: meine Unsicherheit darüber, dass er wegen mir keine erfüllte Beziehung haben konnte.
Auf das Risiko hin, dass ich viel zu direkt und ungeschickt in dieses Thema einstieg, fragte ich ihn: “Fehlt dir der Sex, wenn du mit mir zusammen bist und hast du das Gefühl, du kommst zu kurz?”
Orlam schaute nachdenklich zur Zimmerdecke und faltete die Hände. Er gab ein langgezogenes “Hmmm” von sich, während er überlegte. Natürlich war es keine einfache Frage für ihn. Einerseits wollte er mich nicht wieder verunsichern oder unbewusst unter Druck setzen. Aber gleichzeitig war uns beiden klar, dass es keinen Sinn machte, irgendetwas schönzureden.
Die Stille zwischen uns, die lediglich vom Knistern des Feuers unterbrochen wurde, dauerte eine Weile. Ein wenig zu lange für mich. Schließlich atmete Orlam tief und bedächtig durch und schien seine Worte gefunden zu haben. “Sex ist für mich wie ein Wagen”, begann er mit seiner Erklärung, um es besser nachvollziehbar für mich zu machen. “Und emotionale Beziehungen sind wie ein Haus. Ein Wagen sieht cool aus, macht Spaß und gibt dir einen besonderen Kick, wenn du unterwegs bist. Ein Auto kannst du jederzeit wechseln, wenn es dir nicht mehr gefällt. Du hast die Freiheit, überall hinzufahren wohin du willst, ohne dich irgendwo niederlassen zu müssen. Aber es bietet dir nicht die gleiche Geborgenheit wie ein Haus. Ich bin ein leidenschaftlicher Autofahrer und viel unterwegs gewesen. Aber egal wie oft ich gefahren bin, hat sich etwas in mir nach der Wärme und Zugehörigkeit eines Heims gesehnt. Es ist nicht so, dass mir Autos keinen Spaß mehr machen oder dass ich den Adrenalinschub nicht ab und an vermisse. Aber diese Geborgenheit eines eigenen Hauses ist mir wichtiger, weil es mich auf eine Weise erfüllt, wie es ein Auto nicht kann. Und deshalb denke ich nicht unbedingt, dass ich zu kurz komme. Zumindest bis jetzt nicht. Ich weiß nicht, wie es in Zukunft aussehen wird, aber ich bin auch kein Orakel.”
Dieses Gleichnis hatte ich ehrlich gesagt nicht von ihm erwartet, aber es war interessant, dass er die Dinge aus solch einer Perspektive betrachtete. Und irgendwie machte es auch Sinn, zumindest wenn ich es aus Orlams Sicht betrachtete. Sex war für ihn unverbindlich und ein kurzfristiges Vergnügen. Aber das zwischen uns war keine schnelle Nummer und erforderte Arbeit, schien ihn aber längerfristig glücklich machen zu können, auch es ihm nicht den gleichen Nervenkitzel bescherte. Insgeheim war ich froh, dass er eine neutrale Umschreibung gewählt hatte, um über dieses sensible Thema zu reden. Vielleicht weil er ahnte, dass es mich eventuell verunsichern würde wenn er es so direkt aussprach. Vor allem aber half es mir auch als asexuelle Jungfrau zu verstehen, wo für ihn der Unterschied zwischen rein sexueller und queerplatonischer Beziehung lag. Aber das stellte dann natürliche auch die Frage auf, wie wir damit umgehen sollten. Natürlich beruhigte es mich zu wissen, dass Orlam nicht das Gefühl hatte, er würde Opfer für unsere Beziehung bringen. Allerdings konnten wir beide nicht abschätzen, ob sich das irgendwann mal ändern würde. Gefühle blieben nicht immer gleich und das konnte schnell passieren, wenn die anfängliche Euphorie verflogen war. Das wusste selbst ich.
“Wäre es dir lieber, wenn du beides haben könntest?” fragte ich ihn schließlich und beschloss, an seinen Umschreibungen anzuknüpfen. “Mein Haus hat keine Garage für ein Auto und es gibt genügend schöne Häuser, für die du dein Auto nicht aufgeben müsstest. Ich verstehe nicht so ganz, was du an mir… meinem Haus siehst. Es ist unscheinbar, ruhig und bietet nicht viel Entertainment.”
“Die Antwort ist einfacher als du denkst”, erwiderte er mit einem spielerischen Grinsen und nahm wieder sein Weinglas in die Hand um den letzten Rest des Inhalts zu trinken. “Es ist das einzige Haus, das mir jemals wirklich Zuflucht und Geborgenheit gegeben hat, als ich nichts hatte. Weder meine Eltern, noch meine wenigen Freunde konnten mir so etwas bieten. Und selbst wenn es jemand getan hat, dann meist nur mit irgendwelchen Hintergedanken oder weil sie mich als bemitleidenswerten Versager gesehen haben. Als mein alter Herr mir ein blaues Auge verpasst hat und ich weggelaufen bin, hast du mich bei dir zuhause reingelassen. Du warst der Einzige, der mir jemals gesagt hat, ich darf auch mal nach meinen eigenen Regeln spielen. Als Genzou mich in der Schulkantine von der Bank geschubst hat, warst du der Einzige, der sich für mich eingesetzt hat. Und als er sich über den Selbstmord meiner Mutter lustig gemacht hat, warst du der Erste gewesen, der ihn in die Mangel genommen hat. Und das obwohl er dein bester Freund ist. Für mich kommt nur ein Haus mit dir infrage.”
Es war wirklich so einfach wie Orlam es gesagt hatte. Aber ich hatte es wohl nicht gesehen, weil ich mich selbst immer in einem negativen Licht sah.
Es waren keine großen Gesten gewesen, keine herausragenden Talente oder irgendetwas Außergewöhnliches, das sein Interesse an mir geweckt hatte. Er liebte mich, weil ich ihm Halt gegeben hatte, als er es am meisten brauchte und sonst niemand für ihn da war. Ich hatte diesen Dingen nie irgendeine Bedeutung beigemessen, weil es für mich selbstverständlich gewesen war, ihm zu helfen, wenn er unfair behandelt wurde. Selbst auf das Risiko hin, dass ich mir dadurch Ärger einhandelte. Aber für ihn waren diese kleinen Gesten etwas Besonderes, weil nicht einmal seine eigenen Eltern ihm das Gefühl gaben, dass er einen Wert als Mensch hatte.
Während ich so darüber nachdachte, erinnerte ich mich wieder an unser Gespräch im Club. Jetzt verstand ich auch, was Orlam damit gemeint hatte, dass ich Qualitäten besaß, die ich zwar nicht bemerkte, die aber dafür anderen Menschen viel bedeuteten. Ich war zutiefst überwältigt von dieser Erkenntnis und konnte es kaum glauben, dass der einzige Grund, warum Orlam ausgerechnet mit mir eine Beziehung wollte, schlicht und einfach der war, dass ich bloß ich selbst war. “Ich sagte dir doch, dass ich mir wünsche, dass du irgendwann deine Stärken genauso gut erkennen kannst wie andere das tun”, fügte er schließlich hinzu, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich lächelte schüchtern und wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Hätte ich von Anfang an gewusst, wie einfach dieses Gespräch werden würde, hätte ich mir so viel Stress und Kummer sparen können. Die ganze Zeit hatte ich nur die negativen Seiten gesehen und gedacht, ich wäre nicht gut genug für ihn. Dabei war ich von Anfang an der Einzige gewesen, der für ihn in Frage gekommen war. Es war niemals bloß Neugier gewesen oder aus einer Laune heraus geschehen. Das, was wir jetzt hatten, war etwas, das sich schon seit vielen Jahren langsam und stetig entwickelt hatte. Und dies brachte mich zu einer Erkenntnis, wie ich dieses vermeintliche Problem lösen konnte, dass niemand von uns auf Dauer zu kurz kam. Und es war so lächerlich einfach.
Ich legte meinen Kopf auf Orlams Schulter und war mit einem Mal ruhig. Es war, als hätten sich die tosenden Gewitterwolken in meinem Kopf aufgelöst und es herrschte wieder ein klarer Himmel ohne Wolken. Jeder Zweifel, alle Ängste und Unsicherheiten waren fort. Es herrschte nur noch ein beruhigendes Gefühl von unerschütterlicher Überzeugung, dass alles gut werden würde. “Wir können eine offene Beziehung führen”, schlug ich vor und war von mir selbst überrascht, wie leicht ich es über die Lippen brachte, ohne dass irgendein Zweifel aufkam, ob ich nicht vielleicht einen Fehler machte. Aber ich hatte nun absolute Gewissheit, dass es die richtige Entscheidung war. “Wenn du den Sex brauchst, kannst du dich weiterhin mit anderen treffen so wie vor unserer Beziehung.”
Orlam sagte nichts. Ich hob meinen Kopf von seiner Schulter um ihn besser zu sehen. Die Überraschung stand ihm mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben, denn so etwas hatte er wahrscheinlich nicht von mir erwartet. Ich hätte es ehrlich gesagt auch nicht gedacht, dass ich es mit so einer Selbstverständlichkeit jemals über die Lippen bringen würde.
Er zögerte jedoch einen Moment und schaute mich ein wenig besorgt an. “Und das macht dir nichts aus?” fragte er mich vorsichtig. “Dir ist schon klar, was das bedeutet, nicht wahr?”
“Natürlich tue ich das”, antwortete ich unbeeindruckt. “Es heißt, dass du ab und an eine kleine Spritztour in deinem Auto fährst und ich derweil etwas Zeit für mich selber habe. Und wenn du dann wieder nach Hause kommst, machen wir uns eine schöne Zeit zusammen.”
“Und du bist dir ganz sicher, dass du diese Entscheidung nicht bereuen wirst?”
“Du hast es doch selbst gesagt, oder nicht? Es ist für dich bloß ein unverbindliches Vergnügen und ist nichts im Vergleich dazu, was wir beide haben. Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen darüber, dass du wieder zu mir zurückkommst, wenn du deinen Spaß hattest.”
Diese Lösung war genau die richtige, das wusste ich aus tiefster Überzeugung. Natürlich konnte ich nicht ausschließen, dass ich auch in Zukunft Momente des Selbstzweifels haben würde. Aber das war etwas, woran ich arbeiten musste. Wenn ich genug Vertrauen in Orlam hatte, dass er mir im Herzen treu blieb, musste ich auch lernen, Vertrauen in mich selbst haben, dass ich der richtige Partner für ihn war. Und lieber wusste ich mit absoluter Gewissheit, dass Orlam nicht auf Sex verzichten musste, als dass ich erneut in einen tiefen Abgrund aus Schuldgefühlen und Selbsthass versank.
Er selbst schien bereits damit zufrieden zu sein, dass ich diesen Vorschlag nicht aus einem falschem Pflichtgefühl heraus machte, hob aber mit gespielt gewichtiger Miene einen Zeigefinger. “Ich nehme deinen Vorschlag aber nur unter einer Bedingung an: das nächste Mal, wenn du dir wieder Sorgen wegen unserer Beziehung machst, suchst du direkt das Gespräch mit mir.”
Ich schmunzelte und nahm natürlich die Bedingung an. Als krönenden Abschluss unserer Aussprache nahmen wir uns in den Arm und teilten einen zärtlichen und innigen Kuss.
“Ich liebe dich, Iggy”, flüsterte er mir ins Ohr und drückte mich fester an sich. Es war das erste Mal, dass er es mir so und deutlich sagte. Vielleicht wollte er es mir schon viel früher sagen, hatte es aber nicht getan, weil es sich für ihn nicht ehrlich angefühlt hätte oder weil er mir keine falschen Hoffnungen machen wollte. Seine Art der Liebe war eben anders. Nicht romantisch, aber trotzdem aufrichtig und innig. Und das war es, was wirklich zählte.
“Ich liebe dich auch, Orlam.”
Es fühlte sich so unfassbar befreiend an, dass wir offen und ehrlich über unsere Gedanken und Sorgen sprechen konnten und alles gut ausgegangen war. Meine schlimmsten Befürchtungen, die mich die ganze Zeit heimgesucht hatten, hatten sich nicht manifestiert. Orlam war nicht wütend geworden, ich war nicht zurückgewiesen worden und es war auch nicht in einer gewalttätigen Auseinandersetzung eskaliert. Stattdessen hatten wir ganz normal wie zwei vernünftige Erwachsene geredet, hatten unsere Perspektiven geteilt und erkannt, dass wir lediglich an unserer Kommunikation arbeiten mussten. Es war so lächerlich einfach gewesen und hätte ich das vorher gewusst, wäre mir viel Stress erspart geblieben. Aber es war auch eine Lektion gewesen, die wir beide lernen mussten. Und so nervenaufreibend das alles gewesen war, hatte es uns noch näher zusammengebracht. Wir verstanden uns nun noch viel besser als zuvor und waren so berauscht von unseren Glücksgefühlen, dass wir das Gefühl hatten, wir beide könnten zusammen die Welt im Sturm erobern.
Da ich aber noch nicht die Kraft für einen solchen Eroberungszug hatte, entschieden wir uns stattdessen dafür, diesen wichtigen Fortschritt unserer Beziehung mit einem Tanz zu feiern. Es fühlte sich einfach richtig an und hatte etwas Symbolisches. Immerhin war unsere Beziehung ja wie ein Tanz, den wir nach unseren ganz eigenen Vorstellungen und Regeln führten.
Ich überließ Orlam die Songauswahl, da ich mental zu erschöpft war um mit einer guten Idee zu punkten. Für uns beide stand fest, dass wir keine romantisch-schnulzige Rockballade haben wollten. Es hätte auch einfach nicht zu uns gepasst. Schließlich kam Orlam mit einer Idee an und spielte “Livin’ On A Prayer” von Bon Jovi ab.
Da wir beide inzwischen ein klein wenig beschwipst vom Wein waren, gestaltete sich der Anfang etwas holprig. Wir hatten aber schnell den Dreh raus und gerieten richtig in Stimmung und wurden mutiger mit unseren Schritten. Schließlich fragte ich Orlam halb im Scherz, ob wir auch unserem Tanz einen eigenen Namen geben sollten und natürlich war er sofort dabei. Da es etwas persönliches sein sollte, kam ich mit dem Vorschlag an, dass es eine Kombination aus unseren Namen sein sollte. Natürlich konnte sich Orlam seine Späße nicht verkneifen und musste ausgerechnet “Orgy” vorschlagen. War ja klar, dass das von ihm kommen musste. Aber so sehr er mich damit manchmal nervte, liebte ich diese schräge Seite an ihm. Ich lehnte seinen Vorschlag umgehend ab und wir einigten uns nach weiteren verrückten Ideen auf “Maxbacher”, eine Kombination aus unseren Nachnamen. Es klang ein wenig langweilig und konservativ, war aber immer noch besser als Orgy, Igor, Gylam, Iglam, Wawud und Dagwal. Scheiße, wir hatten echt zu viel Wein getrunken, dass wir uns über so einen albernen Quatsch so amüsieren konnten…
Es dauerte nicht lange, bis Orlam müde wurde und sich langsam bettfertig machte. Der Stress seit vorgestern hatte auch ihm ziemlich zu schaffen gemacht und nun, da endlich alles geklärt war, konnte er einen Gang zurückschalten und sich von der Anspannung erholen. Zwar war ich immer noch hellwach, aber ich beschloss trotzdem, ihm ins Schlafzimmer zu folgen. Ich wollte noch bei ihm bleiben und ein wenig kuscheln. Also lagen wir zusammen im Bett, Arm in Arm und ließen die Ereignisse des Tages sacken. Es war wirklich viel passiert. Viel zu viel, aber ich hatte die größte Schuld daran, dass es erst so eskalieren musste. Aber ich wollte mich nicht wieder in einen erneuten Teufelskreis aus Selbsthass und Angst begeben. Es war eine Lektion gewesen, die ich auf die harte Tour lernen musste und ich konnte froh sein, dass sich das Ganze nicht unnötig in die Länge gezogen hatte. Ich mochte mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn es in einem ernsten Streit zwischen uns geendet hätte.
“Iggy…?” hörte ich Orlam schläfrig neben mir murmeln. “Bist du noch wach?”
Ich antwortete nur mit einem “Mhm” und spürte, wie seine Hand zärtlich über meine Wange strich. “Du denkst doch hoffentlich nicht mehr, dass du eine Last für mich bist, oder?”
“Nicht wirklich”, antwortete ich und legte meine Hand auf seine. “Aber ich würde mich trotzdem irgendwie bei dir revanchieren.”
“Dann kannst du dir überlegen, was wir als nächstes gemeinsam unternehmen”, schlug er vor und ich konnte an seiner trägen Aussprache heraushören, dass er langsam dabei war, einzuschlafen. “Ist egal, was es ist… Hauptsache wir machen es zusammen.”
“Ich lass mir was einfallen”, versprach ich ihm und gab ihm einen Kuss. “Und danke dafür, dass du dich so um mich gekümmert hast.”
Es kam nur ein müdes “mhm” von ihm und es dauerte nicht lange, bis ich ein leises, kaum hörbares Schnarchen von ihm vernahm. Ich blieb eine Weile neben ihm liegen. Da ich aber beim besten Willen nicht einschlafen konnte, schnappte ich mir meine Nintendo Switch, spielte ohne Ton um Orlam nicht zu wecken. Es war eine lange, aber friedliche Nacht. Hin und wieder hörte ich ein leises Rascheln, wenn Orlam sich im Schlaf umdrehte. Aber ansonsten war es still. Schließlich, so gegen 3 Uhr morgens, setzte auch bei mir langsam die Müdigkeit ein.
Ich blieb auch übers Wochenende bei ihm. Nicht weil ich immer noch Angst hatte, alleine zuhause zu sein, sondern einfach weil ich dir gemeinsame Zeit mit ihm genießen wollte. Am Samstagmorgen wachten wir beide relativ spät auf und beschlossen, zusammen auf Shoppingtour zu gehen. Die Idee war schon im Dezember aufgekommen und jetzt schien einfach ein guter Zeitpunkt zu sein. Auch wenn ich mit meinen Klamotten zufrieden war, musste selbst ich zugeben, dass nichts davon für feierliche Anlässe geeignet war und Orlam hatte einen deutlich besseren Modegeschmack. Und ehrlich gesagt hatte ich keine Lust, wieder irgendwo eingeladen zu werden und nichts Passendes für den Anlass zu haben.
Natürlich war Orlam sofort Feuer und Flamme für diese Idee gewesen und entwickelte einen Eifer, der mich vollkommen überwältigte. Er schleppte mich von einem Geschäft ins nächste und ich schaffte es nicht sonderlich gut, mit seinem Tempo mitzuhalten. Glücklicherweise bedachte er bei der Auswahl, dass ich nicht wirklich der Typ war, der Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Natürlich musste ich ein paar Kompromisse eingehen, weil ich sonst genau das gleiche eingekauft hätte, was ich schon zuhause hätte. Wir fanden schließlich einen dunkelblauen Blazer, dazu drei Hemden und ein Paar Lederschuhe. Mit Krawatten wollte ich gar nicht erst anfangen. Ich hatte diese Dinger immer gehasst, weil ich das Gefühl hatte, bloß einen ausgefallenen Galgenstrick um den Hals zu tragen. Orlam versuchte sie mir zwar schmackhafter zu machen und versicherte mir, dass sie mir gut stehen würden, aber bei diesem Thema blieb ich bei meiner Meinung. Mir war egal, wie schick Krawatten aussahen. Ich kam mir damit wie ein aufgeputzter Pfau vor. Garantiert wusste Orlam das auch und wollte mich bloß ein wenig ärgern.
Da ich mental langsam schlapp machte, beschlossen wir beide, eine Pause einzulegen und suchten deshalb ein Café. Wir machten es uns in einer etwas abgelegenen Ecke bei Kaffee und Kuchen bequem und blieben, bis ich wieder unsere Tour fortsetzen konnte.
Als wir schließlich zurückkehrten, war es bereits Nachmittag. Mir taten die Füße weh und ich kam mir vor, als hätte ich einen Marathon quer durch die USA absolviert. Ich humpelte mehr als dass ich ging “Scheiße Mann, Orlam. Wieso hast du mir nicht gesagt, dass Shoppen so ein Extremsport ist?” jammerte ich mit einem theatralischen Stöhnen, als ich meine Tüten ins Schlafzimmer brachte und neben meinen anderen Sachen abstellte. “Meine Beine fühlen sich an, als würden sie mir gleich abfallen.”
“Du hast ja auch die letzten beiden Tage mit Bettruhe verbracht”, rief er mir aus dem Flur zu. “Natürlich ist es dann anstrengender für dich als sonst. Und wenn ich mich recht entsinne, wolltest du noch irgendwo alleine hin, nachdem wir längst fertig waren. Das nennt sich selbstgewähltes Elend, mein Lieber.”
Ja, den Schuh musste ich mir tatsächlich anziehen. Aber zu meiner Verteidigung konnte ich sagen, dass ich einen guten Grund hatte. Ich hatte nämlich etwas zu erledigen gehabt, wovon Orlam nichts mitbekommen sollte. Während wir nämlich durch die Innenstadt gegangen waren und die Boutiquen abgeklappert hatten, waren wir auch an einem Spielzeugladen vorbeigekommen. Wie der Zufall so wollte, hatte ich etwas entdeckt, was Erinnerungen in mir weckte. Und mir war sofort klar gewesen, dass ich unbedingt in diesen Laden gehen musste und das am besten unbemerkt. Meine kleine kleine Spezialoperation war ein voller Erfolg gewesen und er hatte nichts gemerkt. Vorsichtig öffnete ich eine der Papiertüten und nahm die ordentlich gefalteten Hemden heraus, um an meinen heimlichen Einkauf heranzukommen. Es war in Geschenkpapier eingewickelt und hatte eine große rote Schleife. Jetzt musste ich nur noch den passenden Moment abwarten, um ihn damit zu überraschen.
“Hast du Lust auf Mac & Cheese?” Ich fuhr erschrocken zusammen und riss dabei die Hände hoch. Orlam stand im Türrahmen und schaute zu mir herüber. Er runzelte etwas verwundert die Stirn als er meine Reaktion sah und fragte mich vorsichtig: “Alles gut bei dir?”
“Äh… ja… alles in Ordnung”, antwortete ich hastig und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Da ich aber das ungute Gefühl bekam, dass er vielleicht Verdacht schöpfen könnte, musste ich eine Erklärung für mein merkwürdiges Verhalten finden. Glücklicherweise fiel mir mein gestriger Fund im Nachttisch wieder ein. “Ich dachte ich könnte meine Switch in die Schublade legen, aber… ich habe schon gesehen, dass sie… voll ist.”
Nun dämmerte es ihm, worauf ich andeutete und schlug sich die Hand gegen die Stirn. “Ach verdammt, das habe ich total vergessen! Soll ich die Sachen solange woanders hinpacken, wenn du dich damit unwohl fühlst?”
“Nein, brauchst du nicht”, antwortete ich hastig. Er durfte jetzt bloß nicht näher kommen, denn ansonsten sah er, dass ich nicht nur Klamotten in der Tüte hatte. “Ich habe mich nur kurz erschrocken, mehr nicht. Äh… Du sagtest Mac & Cheese? Klingt super.”
“Okay, dann fange ich schon mal an. Wenn du helfen möchtest, kannst du den Tisch decken. Oder willst du lieber ein wenig die Füße hochlegen?”
So verlockend es auch war, die zweite Option zu wählen, entschied ich mich lieber dafür, mit in die Küche zu gehen und ein wenig zu helfen. Dann fühlte ich mich nicht ganz so nutzlos und konnte wenigstens ein bisschen was beitragen. Die Überraschung konnte bis nach dem Essen warten.
Während ich den Tisch deckte und Orlam am Herd stand, kamen wir wieder ins Gespräch und ich fragte neugierig, wo er denn kochen gelernt hatte. Wie ich erfuhr, hatte er sich als Kind bei seiner Mutter einiges abgeschaut und nach ihrem Tod war es dann zu seiner Aufgabe geworden, die Mahlzeiten zu kochen. Sein Vater war ein engstirniger Choleriker, der sich hartnäckig geweigert hatte, einen Kochlöffel in die Hand zu nehmen. Kochen sei die Aufgabe der Frauen und nicht für Männer. Und da Orlam in den Augen seines Vaters nie ein richtiger Mann sein würde, musste er schon damals all jene Pflichten übernehmen, die vorher seine Mutter ausgeführt hatte. Wenn er mal eine Suppe versalzen oder etwas hatte anbrennen lassen, setzte es Schläge. Da spielte es keine Rolle, dass er nur ein Kind war, das keine Ahnung hatte, wie man einen Haushalt führte. Seine Mutter hatte den Zorn dieses hartherzigen Tyrannen auf die gleiche Weise zu spüren bekommen, wenn das Essen nicht geschmeckt hatte.
“Glücklicherweise hatte meine Mum ein paar Kochbücher gehabt, den Rest habe ich durch Selbstversuche gelernt und das war nicht immer einfach. Vor allem nicht, wenn man in der ständigen Angst lebt, wieder eine Backpfeife zu bekommen, weil das Essen entweder zu scharf oder nicht genug gesalzen war”, erzählte Orlam, während er Mehl und Butter in der Pfanne verrührte. “Zumindest habe ich früh gelernt, mich selbst zu versorgen und einen Haushalt zu führen. Ich schwöre dir, du wirst automatisch attraktiver für andere, wenn du gut kochen und putzen kannst.”
Er lachte darüber, aber ich konnte es nicht. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie schlimm seine Kindheit gewesen war. Das, was ich wusste, war bereits traumatischer als das, was die meisten von uns erlebt hatten. Aber ich ahnte, dass es noch viel tiefere Abgründe in seiner Vergangenheit gab. Ich musste an das denken, was Orlam gestern Abend gesagt hatte: “Sex war immer die einzige Form von Liebe gewesen, die ich verstanden hatte.” Wie einsam und trostlos musste ein Leben sein, wenn Sex mit Fremden die einzige Form von Nähe und Wärme war, die man erleben durfte? Ich spürte einen schmerzhaften Stich in meiner Brust als ich daran dachte, wie viele Nächte sich Orlam als Kind in den Schlaf geweint haben musste, weil er sich fühlte, dass keiner ihn liebte. Es war unglaublich, dass er so gefestigt war und sein Leben im Griff hatte. Ich wusste nicht, ob ich die gleiche mentale Stärke besessen oder ob mich so ein Leben krank gemacht hätte. Aber jetzt begann ich auch besser zu verstehen, warum er so war und wieso sich bei ihm scheinbar alles bloß um Sex drehte und wieso er selbst mit mir auf eine derart anzügliche Weise flirtete. Wenn man so dermaßen ausgehungert nach Liebe war und es nie anders gelernt hatte, dann versuchte man halt auf seine eigene Weise die Leere im Herzen zu füllen. Naja, mit Sicherheit lag es aber nicht nur daran. Orlam hatte garantiert auch so Spaß am Sex und da er aromantisch war, konnte er mit romantischen Gefühlen nicht sonderlich viel anfangen. Es lag nicht ausschließlich an seinem Trauma. Aber all diese Tatsachen waren eine plausible Erklärung für sein Verhalten.
Ich wusste nicht, ob ich diese Leere in seinem Herzen füllen konnte. Egal wie viel ich ihm auch gab, ich würde ihm niemals die fehlende Liebe aus seiner Kindheit ersetzen können. Aber das war auch nicht meine Verantwortung und Orlam war sich dessen auch bewusst. Aber ich konnte zumindest dafür sorgen, dass wir eine möglichst schöne Zeit zusammen hatten.
“Iggy? Könntest du einmal die Makkaroni abgießen und dann in die Pfanne geben?”
“Was? Äh… na klar doch!” Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie weit Orlam schon war. Ich nahm den Kochtopf mit den Makkaroni vom Herd und goss alles vorsichtig in den Seiher. Nachdem das Wasser komplett abgetropft war, machte Orlam mir Platz, damit ich die Nudeln in den anderen Topf schütten konnte. Schließlich wechselten wir wieder die Plätze, damit er den Cheddar unterrühren konnte.
Nach dem Essen erledigten wir zusammen den Abwasch und überlegten uns einen Film anzuschauen. Das war der perfekte Zeitpunkt! Ich bat Orlam, schon mal ins Wohnzimmer zu gehen und entschuldigte mich kurz. Schnell ging ich ins Schlafzimmer und holte das Geschenk. Wie erwartet ahnte der Gute nichts und war sichtlich irritiert, dass ich so schnell wieder zurück war und etwas hinter dem Rücken versteckt hielt.
“Es ist nichts Besonderes”, warnte ich ihn, als ich es ihm überreichte und sah, wie sich seine Augen vor Erstaunen weiteten. “Aber als ich es gesehen habe, musste ich an etwas aus unserer Kindheit denken und ich hoffe, es gefällt dir.”
Er zögerte einen Moment, bevor er das Geschenkpapier aufriss. Das kam für ihn so unerwartet, dass er viel zu überwältigt war, um zu begreifen, was gerade passierte. Dann aber, nach einem Augenblick der absoluten Starre, öffnete er sein Geschenk und zum Vorschein kam ein rosa Plüschhase mit langen Hängeohren und einer weißen Stupsnase. Er sah dem alten Stoffhasen, den ich damals als Kind besessen hatte, ziemlich ähnlich. Als ich ihn gesehen hatte, musste ich an das eine Mal denken, als Orlam völlig verängstigt und mit einem blauen Auge vor meiner Tür gestanden hatte. Er war weggelaufen und hatte sich nicht getraut, nach Hause zu gehen. Wir hatten zusammen in meinem Zimmer gespielt und er hatte kurz in meinem Bett gelegen, als er müde war. Dabei hatte er mein altes Stofftier “Pink Bunny” an sich gedrückt, als hinge sein Leben von ihm ab. Orlam hatte schon immer Hasen geliebt. Und als ich dieses Spielzeug im Schaufenster gesehen hatte, wusste ich, dass ich es ihm unbedingt kaufen musste.
“Orlam?”
Er antwortete nicht. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das Stofftier und hielt es vorsichtig, als wäre es etwas sehr Zerbrechliches in seinen Händen. Ich sah, wie seine Unterlippe zu zittern begann. Er hatte den Mund leicht geöffnet, als wollte er etwas sagen, brachte aber keinen Ton hervor. Tränen glitzerten in seinen Augen und kullerten schließlich in kleinen Rinnsalen seine Wangen hinunter. Als wäre er wieder der kleine Junge, der damals Zuflucht bei mir gesucht hatte, drückte er das Stofftier fest an sich wie einen unfassbar wertvollen Schatz. “Danke Iggy. Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll.”
So überwältigt von Gefühlen hatte ich ihn schon seit unserer Kindheit nicht mehr gesehen und es überraschte sogar mich. Ich hatte vielleicht damit gerechnet, dass er sich freute und wir zusammen in Erinnerungen schwelgen konnten. Aber dass er sogar weinte, hatte ich nicht erwartet. Der Anblick ging mir verdammt nah und schnürte mir die Brust zu. Aber gleichzeitig war ich auch unfassbar froh darüber, dass ihn mein kleines Geschenk so bewegte. “Du… Du weißt gar nicht, wie viel mir das hier bedeutet”, brachte er mit einem gedämpften Schluchzen hervor. “Das ist so lieb von dir.”
“Ist schon gut”, erwiderte ich, nahm ihn in den Arm und streichelte ihm tröstend den Kopf. “Ich bin froh, dass es dir gefällt.”
Und von diesem Tag an wurde dieser Stoffhase zu Orlams wertvollstem Besitz.
Der Rest des Wochenendes war relativ ruhig und ereignislos verlaufen. Nachdem Orlam sich von dieser Überraschung erholt hatte, schauten wir uns gemeinsam “The Disaster Artist” an. Am Sonntag machten wir einen Spaziergang durch den Wald, da das Wetter überraschend mild und sonnig war. Ich erzählte dann auch endlich, was genau im Club vorgefallen war. Wie erwartet wusste Orlam bereits von dem Vorfall. Als er nämlich zurückgegangen war, um unsere Getränke zu bezahlen und unsere Jacken zu holen, hatte der Barkeeper ihm seine Version geschildert. Wie sich herausgestellt hatte, war ich nicht der Einzige gewesen, der von dieser betrunkenen Frau aggressiv angebaggert worden war. Ich erzählte ihm auch von meinen seltsamen Erinnerungen, die ebenfalls für meine Panikattacke mitverantwortlich gewesen waren und erfuhr, dass es ihm ähnlich wie mir und Genzou erging. An ein Leben als royaler Kannibale, so wie Genzou es beschrieben hatte, konnte er sich zwar nicht wirklich erinnern, konnte aber nicht abstreiten, dass da vielleicht etwaa dran sein könnte. Die meisten seiner Erinnerungen beschränkten sich eher auf ein ziemlich trostloses Dasein, wo jeder ihn als widerlichen und ungepflegten Freak sah, der in einer zugemüllten Wohnung gehaust und sogar kurzzeitig mal was mit Genzou am Laufen gehabt hatte. Er war von diesen Bildern dermaßen angewidert gewesen, dass er aus seiner alten Wohnung ausgezogen war, um nicht mehr daran erinnert zu werden. Vor allem nicht an die Tatsache, dass er in einer anderen Realität mal ein Verhältnis mit Genzou hatte. Ich fragte ihn, ob er sich an die Frau erinnern konnte, die mich heimsuchte, aber Orlam konnte sich noch wesentlich schlechter erinnern als Genzou. Ihm fiel höchstens Gidget ein, da xier als einziges Mitglied unserer Gruppe blonde Haare hatte. Aber Gidget war nichtbinär und hatte sich noch nie feminin gekleidet, oder xiese Haare lang getragen. Also schied das auch aus. Am Ende war ich zwar kein bisschen schlauer, aber ich hatte das Gefühl, dass es auch nicht mehr wirklich von Bedeutung war. Letzten Endes war es so, wie Genzou es gesagt hatte: es war bloß eine Erinnerung und mehr nicht. Egal wer diese Frau war, es gab sie in diesem Leben nicht. Ansonsten wäre ich mit Sicherheit längst abgemurkst worden.
Vielleicht würden mich diese Bilder auch in Zukunft heimsuchen. Aber fürs Erste hatte ich das Gefühl, dass ich sicher war. Vielleicht waren diese Erinnerungen eine Warnung an uns, damit wir keine schwerwiegenden Fehler begingen. Es klang etwas weit hergeholt, aber so ganz unwahrscheinlich war es auch nicht.
Am Abend brachte Orlam mich wieder zurück zu mir nach Hause. Mir ging es mental wieder gut genug, dass ich auch alleine zurecht kam und ich hatte auch keine Angst mehr davor, alleine zu sein. Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, rief ich Genzou an und erzählte ihm in allen Details, was vorgefallen war. Ich wollte nicht, dass er sich länger als nötig Sorgen um mich machte und er verdiente es zu wissen, was passiert war. Orlam wollte nämlich nichts genaues sagen, solange er meine Version der Geschichte nicht hatte.
Die Erleichterung konnte ich mehr als deutlich durch den Hörer vernehmen, auch wenn Genzou es mit seiner typischen, fröhlichen Art herunterspielte. Ich versprach ihm, die nächsten Tage mal auf einen Kaffee vorbeizukommen und verbrachte den Rest des Abends damit, Emails durchzugehen und Stardew Valley zu spielen. Zugegeben, es war ungewohnt, ganz allein im Bett zu liegen und von völliger Stille umgeben zu sein. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, als ich das letzte Mal alleine geschlafen hatte. Aber es war nicht so, dass es mir Angst einjagte oder mich großartig störte. Allein zu sein, hatte auch etwas Erholsames. Man konnte sich ganz auf sich selbst konzentrieren, ohne sich ständig Gedanken darum machen zu müssen, was man sagen oder wie man sich verhalten sollte. Aber es war… ungewohnt. Die Tage mit Orlam waren wirklich heilsam gewesen und ich war froh, dass ich mich dafür entschieden hatte, bei ihm zu bleiben. Alleine hätte ich das alles nicht durchgestanden.
Als hätte ich es heraufbeschworen, vibrierte mein Handy kurz und ich sah, dass ich eine Nachricht bekommen hatte. Es war Orlam, der mir ein Selfie mit dem Stoffhasen schickte, dem er den kreativen Namen “Jack Hare-ington” gegeben hatte. Er wünschte mir eine gute Nacht und vor allem süße Träume. Ich wünschte beiden mit einem Augenzwinkern das gleiche und dankte ihm nochmal für alles, was er für mich getan hatte.
Leider würde es noch eine ganze Weile dauern, bis wir uns wiedersehen würden. Orlam hatte beruflich so viel zu tun, dass er die meiste Zeit gar nicht zuhause war und ich wollte ihn nicht zusätzlich belasten. Hin und wieder schaute ich bei Genzou in seinem Laden vorbei und wir alberten zusammen herum. Der Alltag schlich sich wieder ein und die Zeit verflog so schnell, dass ich gar nicht bemerkte, wie der Winter allmählich endete und sich die ersten warmen Strahlen des Frühlings ihren Weg durch die graue Wolkendecke bahnten. Ich schaffte es ab und an, mich mit Orlam unterwegs zu verabreden, aber so lange wie nach dem Vorfall im Mariluna Club waren wir nicht mehr zusammen.
Als der April anbrach, bekam ich eine Nachricht: Bucks und Hunar hatten eine Chatgruppe gegründet und luden uns alle zu sich ein, weil es etwas zum Feiern gab. Was genau es war, wollten sie aber bis dahin geheim halten. Natürlich war ich sofort dabei und es dauerte auch nicht lange, bis auch feststand, dass Cecil und Genzous geheimnisvoller Liebhaber Luis ebenfalls mitkommen würden. Bislang hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen und ich war natürlich wahnsinnig neugierig, wie er so war. Die letzten Male, als ich mit Genzou geredet hatte, war dieser komplett auf Wolke sieben, auch wenn er es sich allein aus Stolz nicht ansehen lassen wollte. Und auch sonst schien er einen positiven Einfluss zu haben. Genzou hatte ein wenig an Gewicht verloren, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte und auch seinen Zigarettenkonsum hatte er deutlich reduziert. Und das hatte ich noch nie bei ihm erlebt.
Ich freute mich natürlich auch, den Rest der Gruppe wiederzusehen. Gidget, Hunar und Bucks hatte ich seit der Weihnachtsfeier nicht mehr gesehen und ich vermisste auch unsere gemeinsamen D&D Sessions. Aber ich war halt auch nicht ganz unschuldig daran, weil ich einfach möglichst viel Zeit mit dem Mann verbringen wollte, den ich liebte. Und ich hatte leider noch nicht so ganz den Dreh raus, wie man sich dabei noch Zeit für andere nahm. Deshalb war das Treffen am Ostersonntag auch die perfekte Gelegenheit, wieder mit den anderen ins Gespräch zu kommen und die alte D&D Gruppe wieder ins Leben zu rufen. Lust darauf hatte ich definitiv, aber ich war gleichzeitig auch nicht allzu scharf darauf, schon wieder die Jungfrau in Nöten zu sein. So wie all die Male zuvor. Vielleicht sollte ich mir mal eine andere Klasse aussuchen, als ständig nur Kleriker. Blöderweise wollten die anderen aber immer Klassen wählen, die entweder gar nicht oder nur begrenzt heilen konnten. Und so blieb es immer an mir hängen, dafür zu sorgen, dass mein Team sich nicht bei einem verrückten Kamikaze-Manöver versehentlich selbst umbrachte. Wir hatten schon alles erlebt. Und “wirf den blinden Halbling als Geschoss auf den Dämonenlord, während dieser seine große Rede hält” und “Greif das Seemonster mit einer Cola-Mentos-Bombe an” waren nur zwei von vielen Beispielen. Wir waren wirklich eine Bande kindischer Idioten, wenn es um Rollenspiele ging. Es lief immer darauf hinaus, dass Gidget und ich die einzigen waren, die ernsthaft spielen und das Team am Leben halten wollten. Der Rest machte einfach das, was sie wollten und ich musste es am Ende ausbaden und gerettet werden.
Bucks wollte immer Barbarin sein und interessierte sich für nichts anderes. Sie war der Muskel der Gruppe und machte alles kurz und klein, das nicht bei drei auf den Bäumen war. Wenn ein Rätsel gelöst werden musste, war ihre übliche Antwort “Hau einfach drauf bis es bricht!" Genzou war immer ein Kämpfer und musste unseren DM Hunar ständig damit provozieren, alles möglichst tödlich und gefährlich zu machen, damit es nicht langweilig wurde. Und wenn das nichts brachte, kam er auf eine verrückte Idee, die uns in große Schwierigkeiten brachte. Gidget war genauso wie Genzou ein Kämpfer. Nur in seltenen Fällen war xier mal Paladin und Orlam durfte gar keine Klassen mehr selber wählen, vor allem nicht die Barden-Klasse. Ich wollte gar nicht daran denken, wie oft er den armen Hunar mit seinem kranken Humor an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte. Dabei war “den Drachen verführen und eine Armee von feuerspeienden Halbmenschen aufstellen, um das Königreich zu erobern” noch eine seiner harmlosesten Ideen gewesen. Als wir “Call of Cthulhu” ausprobiert hatten, weil Hunar in einer Horror-Phase war, endete alles in völligem Chaos. Genzou hatte die Seiten des Necronomicons dazu verwendet, um sich einen Joint zu machen und Hunar wäre beinahe eine Ader in seinem Hirn geplatzt, als Orlam ihn trocken gefragt hatte: “Kann ich Sex mit dem Shoggoth haben?” Und Bucks war auch nicht sonderlich hilfreich gewesen mit ihrer Idee, die von Orlam geschändeten Shoggothen auszustopfen und als Halloween-Dekoration zu benutzen. Gidget und ich waren die einzigen gewesen, die versucht hatten, den Plot zu retten, aber leider hatte das auch nicht viel geholfen. Ich wurde den Großen Alten als Menschenopfer dargebracht und alle waren zu beschäftigt, um mich mal wieder zu retten. Und Gidget wurde versehentlich von Genzou überfahren, der sich in seinem bekifften Zustand in irgendein Auto gesetzt hatte und derart halluzinierte, dass er dachte, er hätte ein Tentakel-Monster erwischt. Wir hatten die Kampagne volles Rohr gegen die Wand gefahren und alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Der arme Hunar hätte vor lauter Frust fast einen Schlaganfall bekommen, aber es war alles so unfassbar dämlich gewesen, dass wir unseren Spaß dabei gehabt hatten. Zumindest auf unsere eigene schräge Art. Vielleicht hatten Luis und Cecil Lust, mitzumachen. Allerdings fiel es mir schwer, mir Cecil vorzustellen, wie er einen fiktiven Charakter in einem Rollenspiel spielte. Er schien mir nicht so wirklich der Typ dafür zu sein, aber vielleicht irrte ich mich ja auch. Aber schön wäre es, wenn wir wieder alle zusammen Spaß haben konnten.
Aber mich interessierte brennend, was Bucks und Hunar so wichtiges zu verkünden hatten, dass sie uns alle dafür zusammentrommelten. Wahrscheinlich hatte Hunar irgendeinen Schriftstellerpreis bekommen oder eines seiner Bücher bekam eine Netflix-Verfilmung. Das wäre in der Tat ein Grund zum Feiern. Naja, ich würde es schon früh genug herausfinden und ich war vor allem gespannt darauf, wie die anderen auf die Nachricht reagieren würden, dass Orlam und ich in einer Beziehung waren. Zumindest, wenn sie es nicht schon längst wussten. Schlimmer als Genzous Reaktion würde es jedenfalls nicht werden. Aber eine Überraschung würde es definitiv werden.
Bislang hatte ich nur Genzou davon erzählt und niemandem sonst. Selbst meine Eltern wussten davon nichts und ich wollte es auch dabei belassen. Es würde die Dinge nur kompliziert machen und ich bezweifelte, dass ich die mentale Stärke besaß, um mich ihren Fragen zu stellen.
Ich liebte meine Eltern und ich glaubte auch nicht, dass sie mich verstoßen würden, wenn sie von meiner Beziehung erfuhren. Aber sie würden es nicht verstehen. Es war schon schwer genug gewesen, ihnen zu erklären, warum ich nie eine Freundin hatte und mir nie die Mühe machte, jemanden kennen zu lernen. Ich hatte schon all die lieb gemeinten “Ratschläge” und “Aufmunterungen” zu hören bekommen, die zu meiner Angststörung beigetragen hatten. “Du hast noch nicht das richtige Mädchen kennen gelernt, das kommt schon noch!”, “Jeder Junge denkt an das eine. Du bist halt nur ein Spätzünder!” Oder “Das ist nur eine Phase!” In letzter Zeit hatte meine Mutter ihre Taktik gewechselt und mich daran erinnert, dass ich schon über 30 Jahre alt war und so langsam über Familienplanung nachdenken soll. Die meisten meiner ehemaligen Klassenkameraden seien schon verheiratet und hätten Kinder. Ich müsste an die Zukunft denken. Wer soll sich denn um mich kümmern, wenn ich alt bin? Und dann kam die vernichtende Bemerkung “Ich hätte schon gerne irgendwann mal Enkelkinder.”
Es war ein absoluter Kraftakt gewesen, meinen Eltern das Konzept der Asexualität zu erklären und trotzdem verstanden sie es nicht so wirklich. Wie denn auch, wenn Sex für den Großteil der Gesellschaft so natürlich zum Leben dazugehörte wie der Appetit zum Essen? Da war es für die meisten Menschen unvorstellbar, dass man überhaupt kein Verlangen nach dieser Form der Intimität verspürte, oder sogar davon angewidert war. Naja, meine Eltern versuchten zumindest, Verständnis aufzubringen und mir das Gefühl zu geben, dass sie mich auch so akzeptierten und lieb hatten. Aber sie verstanden nicht, dass ich zufrieden mit meinem Leben war. Für sie war Asexualität eine Behinderung oder Krankheit, die mir meine Chancen auf ein glückliches Leben zerstörte. Und egal wie oft ich es ihnen erklären würde, sie würden ihre Ansicht nicht ändern. Es war nicht die Asexualität, die mich unglücklich machte. Es war die Gesellschaft, die mir einreden wollte, ich wäre unglücklich und müsste geheilt werden. Genau das begriffen sie nicht und würden es auch niemals begreifen.
Wenn meine Eltern erfuhren, dass ich in einer Beziehung mit jemandem war, würden sie mich nicht als einen asexuellen Mann sehen, der eine queerplatonische Beziehung ganz ohne Sex führte. In ihren Augen wäre ich bloß schwul und hätte meine Asexualität quasi als Synonym für “prüde und womöglich traumatisiert” benutzt. Es war mit Sicherheit ein Generationen-Ding. Gidget hatte es auch unfassbar schwer gehabt und musste sich ständig gegen xiese Mutter durchsetzen, die Gidget zwingen wollte, wie ein Mädchen zu leben. Xiese Eltern hatten keinerlei Verständnis für Gidgets Identität als nichtbinäre Person gehabt. Und so wie ich letztens von Genzou erfahren hatte, wollte sein Vater keinen Kontakt zu ihm, weil dieser nicht akzeptieren konnte, dass sein Sohn schwul war. Mit Sicherheit hatte Orlam auch seine eigenen Erfahrungen machen müssen. So traurig das auch klang, aber dieses mangelnde Verständnis unseres Umfeldes und die fehlende Toleranz hatte uns genug zusammengeschweißt, dass wir zumindest für uns gegenseitig einen sicheren Raum schaffen konnten. Wenn uns schon unsere Familien nicht akzeptierten oder verstanden, dann wenigstens unser Freundeskreis.
Ich musste wieder unwillkürlich an die Hochzeit von Bucks und Hunar denken. Oder besser gesagt… ihr erster Versuch einer Hochzeit. Beide hatten sich geliebt, aber sie waren noch nicht bereit dafür gewesen. Bucks war von ihren religiösen Eltern quasi gezwungen worden zu heiraten, weil diese erfahren hatten, dass sie mit Hunar geschlafen hatte. Vorehelicher Sex war schon Skandal genug gewesen, da hatte es nicht mal eine Schwangerschaft gebraucht. Ich dachte daran, wie ich Bucks auf der Toilette beruhigt und ihr ins Gewissen geredet hatte, nicht einfach nur zu heiraten, nur weil ihre Eltern es so wollten. Sie hätte sich schlimmstenfalls nur unglücklich gemacht, wenn sie nicht aus Liebe, sondern aus Pflicht geheiratet hätte.
Das hatte mir mehr als deutlich gezeigt, dass selbst Paare in einer heterosexuellen Beziehung es niemandem recht machen konnten. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Bucks und Hunar ähnliche Kommentare von ihren Familien zu hören bekamen, dass sie endlich mal über Kinder nachdenken sollten, weil beiden “noch im besten Alter” waren. Nun… wir alle waren genau in dem Alter, wo man den nächsten Schritt ging. Das wurde eben erwartet. Das war “wahres Glück”, wie es einem diktiert wurde. Und es war frustrierend, dass man seine eigene Auffassung von Glück ständig vor anderen rechtfertigen musste. Das hatten wir alle trotz unserer unterschiedlichen Persönlichkeiten gemeinsam.
Der April war außergewöhnlich sonnig und warm. Es kam mir so vor, als wäre es bereits Anfang des Sommers. Aber ich beschwerte mich nicht, immerhin war es das perfekte Wetter für ein Oster Barbecue. Da Orlam und ich am Karfreitag und Ostermontag nicht arbeiten brauchten, nutzten wir natürlich die Gelegenheit zur Übernachtung. Ich entschied mich, bei Orlam zu übernachten, da sein Bett größer war als meines und wir hatten den Vorteil, dass wir von seiner Wohnung aus schneller bei Bucks und Hunar waren.
Da das Wetter traumhaft schön war, beschlossen wir, zu Fuß zu gehen. Eine angenehme Brise wehte und es waren nur vereinzelt kleine Federwolken am Himmel zu sehen. Auch so schien das Leben in Lanbrooke vollständig zurückgekehrt zu sein. Die Bäume und Hecken standen alle im leuchtenden Grün und auch die Blumen blühten in allen möglichen Farben. Es war ein mehr als heilsamer Anblick nach den düsteren und kalten Wintermonaten. Zwar war ich eher ein Stubenhocker, aber selbst ich kämpfte ab und an mit deprimierter Stimmung, wenn es immer so kalt und trostlos draußen war.
Wir gingen Hand in Hand die Straßen entlang und unterhielten uns gut gelaunt. Ab und an wurden wir von anderen Fußgängern und Fahrradfahrern angestarrt, aber das kümmerte uns nicht weiter. Vielleicht hätte mich das am Anfang unserer Beziehung nervös gemacht. Aber inzwischen hatte ich genug Selbstvertrauen, um mich durch so etwas nicht mehr verunsichern zu lassen. Auch die Erinnerungen an jene Frau im weißen Kleid waren nicht mehr zurückgekehrt, seit Orlam und ich uns offen und ehrlich ausgesprochen hatten. Und das war für mich weiterer Beweis dafür, dass ich mental ein Stück gewachsen war. Und ich hatte das Gefühl, dass auch Orlam sich verändert hatte. Zwar flirtete er immer noch genauso wie am Anfang und liebte es nach wie vor, mich auf eine spielerische Art zu necken. Aber er zeigte mir seine Gefühle deutlich offener als vorher, ohne sich die ganze Zeit hinter seinem süffisanten Grinsen und seiner Womanizer-Persönlichkeit zu verstecken.
“Weißt du, worüber ich letztens nachgedacht habe? Wir alle sollten wieder zusammen D&D spielen, was denkst du?”
Seit ich mich wieder an unsere alten Sessions erinnert habe, ließ es mich nicht mehr los. Ich vermisste die guten alten Zeiten, in denen wir den dümmsten Schwachsinn fabrizieren konnten und für ein paar Stunden all die erdrückenden Pflichten unseres Erwachsenenlebens vergessen konnten. Orlams Grinsen nach zu urteilen schien er das Gleiche zu denken. “Glaubst du, Hunar wird mich überhaupt wieder mitspielen lassen, nach allem, was letztes Mal passiert ist?”
“Meinst du die Sache mit den Shoggothen oder die Tatsache, dass du Genzou in seinem bekifften Zustand dazu gebracht hast, einen Militärhubschrauber zu stehlen und das Hausboot des Sektenführers auf die Zentrale der IRS fallen zu lassen?”
Wir brachen beide in lautes Gelächter aus, als wir uns an unsere katastrophale Call of Cthulhu Kampagne zurückerinnern mussten. Der größte Drahtzieher hinter den meisten verrückten Aktionen war Orlam gewesen, weil er Lovecrafts Schreibstil überhaupt nicht mochte, geschweige denn ernst nehmen konnte.
“Du hast doch auch bei der Aktion mitgemacht”, erinnerte er mich mit einem Augenzwinkern. “Du hast doch deren Systeme gehackt und als Ablenkungsmanöver “Like A Virgin” von Madonna aus allen Lautsprechern spielen lassen.”
“Und du hast mich dann einfach zurückgelassen und zugelassen, dass mich diese Verrückten ihrem Oktopus-Gott opfern.”
“Man muss halt Opfer bringen, wenn es um Gerechtigkeit geht!” kam es non-chalant zurück und Orlam zuckte mit den Schultern. Von Reue war nicht die geringste Spur was zu sehen. Im Gegenteil. Er schien sogar stolz auf das Chaos zu sein, das er verursacht hatte. “Menschenopfer sind eine Sache, aber Steuern hinterziehen geht entschieden zu weit. Das ist Kapitalismus und kein Sozialstaat, Iggy.”
“Gut zu wissen, dass wenigstens der Staat von meinem Tod profitieren konnte”, erwiderte ich ein wenig trotzig und stieß Orlam dabei leicht in die Seite. “Du hast den armen Hunar gebrochen. Wir können von Glück reden, wenn er jemals wieder unser GM oder DM sein will…”
“Sein Pech, dass er immer so ein People Pleaser ist.” Ich ahnte, dass es nicht gut gehen würde, wenn wir den Rest der Gruppe auf unsere Idee ansprechen würden. Es würde garantiert chaotisch genug werden, wenn wir uns alle wiedersehen würden.
“Eyyy, ich wusste doch, dass hier etwas verdächtig nach Nagetier stinkt. Na wenn das Mal nicht mein bester Freund Iggy und sein lästiges Anhängsel sind.”
Wir blieben abrupt stehen als wir neben uns eine vertraute Stimme wahrnehmen. Es war Genzou, der gerade die Straße überquerte und in unsere Richtung kam. Er trug ein schwarzes Shirt mit dem weißen Aufdruck “I went blind and all I got were these nice glasses!” und schien bester Laune zu sein. Orlam gab bei seinem Anblick nur ein genervtes Seufzen von sich, direkt gefolgt vom abschätzigen Kommentar “Na super, der Wanderzirkus ist auch hier.”
Meine Aufmerksamkeit wanderte aber zu dem Mann, der Genzou begleitete. Er war ein knapp 1,75 und damit knapp 20cm größer als Genzou. Er hatte einen mediterranen Hautton, trug ein kurzärmeliges gestreiftes Shirt und hatte an seinem rechten Arm eine Sonne tätowiert. Sein Dreitagebart stand ihm ausgesprochen gut und seine langen dunkelbrauen Locken trug er als schlichten Zopf, sodass seine dunklen aber außerordentlich sanftmütig und lebensfroh wirkenden Augen hervorragend zur Geltung kamen. Sein Körperbau war sportlich und er hatte die Ausstrahlung eines Freigeistes. Dann aber wanderte mein Blick kurz auf seine Beine. Da er Shorts trug, fiel mir sofort auf, dass sein linkes Bein eine Prothese war.
Um nicht unhöflich zu wirken, hob ich wieder meinen Blick und reichte ihm zum Gruß die Hand. “Hi, ich bin Iggy, Genzous bester Freund. Und das ist mein fester Freund Orlam. Und Sie sind…”
“Kein Grund für Förmlichkeiten, nennt mich einfach Luis!”
Mit einem herzhaften Lachen erwiderte er den Händedruck und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. Selbst seine Stimme war außerordentlich sanft und ruhig und nun verstand ich sofort, was Genzou damit gemeint hatte, dass Luis ihn ein wenig an Mr. Rogers erinnerte. Irgendwie hatte er diese Ausstrahlung, als würde er mir jeden Augenblick sagen, dass wir alle etwas Einzigartiges und Besonderes seien. Es war schwer zu beschreiben. Vielleicht weil es nicht alle Tage vorkam, dass ich jemanden traf, der völlig im Reinen mit sich und der ganzen Welt zu sein schien.
Schließlich grüßte Luis Orlam mit der gleichen herzlichen Art, als wären sie alte Freunde, die sich seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Im Gegensatz zu mir war er nicht ganz so überwältigt, sondern schien eher skeptisch zu sein als würde er dem Braten nicht trauen. Aber als er Luis genauer begutachtete, konnte ich für eine Sekunde lang einen mehr als vertrauten Ausdruck in Orlams Gesicht erkennen: Genzous Lover entsprach optisch genau seinem Beuteschema. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, musste er natürlich sagen: “Nichts für ungut, aber du solltest deine Ansprüche etwas mehr hochschrauben. Etwas Besseres als diesen überzüchteten Mops auf zwei Beinen findest du überall.”
“Das Gleiche kann man auch von dir sagen”, schoss Genzou verärgert zurück. “Ich werde nie verstehen, was Iggy in einem so schmierigen Typen wie dir sieht.”
“Ich spüre da einige negative Energien zwischen euch”, bemerkte Luis überrascht und schaute abwechselnd zu Genzou und Orlam. “Hört mal. Ich kenne zwar nicht alle Einzelheiten, aber sich auf so einem Niveau zu streiten bringt doch auch nichts. Am Ende verletzt ihr nicht nur den anderen, sondern auch euch selbst, ohne dass ihr auf konstruktiver Ebene etwas erreicht.”
“Luis hat Recht”, stimmte ich zu. “Könnt ihr eure ständigen Streitereien nicht mal wenigstens für heute bleiben lassen?”
Doch weder Genzou noch Orlam schienen gewillt zu sein, sich zusammenzureißen. Aber da keiner von ihnen riskieren wollte, dass es hinterher einen Beziehungsstreit zur Folge haben könnte, begruben sie mit sichtlichem Widerwillen das Kriegsbeil und beschlossen, sich einfach gegenseitig so gut es ging zu ignorieren. Und Es schien zumindest für eine Weile gut zu funktionieren.
Ich kam ein wenig mit Luis ins Gespräch, um mir ein besseres Bild von ihm machen zu können. Und wie sich herausstellte, war er ein sehr angenehmer Zeitgenosse und genauso, wie Genzou ihn mir beschrieben hatte. Luis’ Großeltern mütterlicherseits stammten aus Argentinien und alle in seiner Familie waren entweder Ärzte oder Psychiater. Seine Schwester Sofia leitete mit ihrem Mann eine Zahnarztpraxis, die Mutter Estella war Kinderpsychologin, seine beiden Brüder Camilo und Tomás arbeiteten im Krankenhaus auf der Intensivstation und sein Vater Martin war Chefarzt der Psychiatrie, in der Luis arbeitete. “Und wie kamst du ausgerechnet darauf, Bewegungstherapeut zu werden?” fragte ich ihn neugierig. Es klang für mich so speziell, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie man auf so eine Idee kam.
“Ich war selber lange Zeit in Therapie”, erklärte Luis und vergrub dabei die Hände in den Hosentaschen. Er schaute ein wenig gedankenverloren hinauf zu den Wolken, während er lässig neben uns her ging. “In der High School hat ein kleiner Mückenstich ausgereicht, dass ich mit einer septikämischen Meningitis ins Krankenhaus eingeliefert wurde und mir das Bein abgenommen werden musste. Für mich war das damals ein großer Schock. Als Teenager will man sich noch nicht mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen, weißt du? Man redet sich ein, man wäre unantastbar und über alle Fehler erhaben. Und wenn man dann einen Teil seines Körpers verliert, wird einem klar, dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Ich habe lange gebraucht, um mich wieder wie ein vollwertiger Mensch zu fühlen und meine Amputation als neuen Teil meines Lebens zu akzeptieren. Die Bewegungstherapie hat mir sehr dabei sehr geholfen. Und ich will anderen dabei helfen, ihre Lebensfreude wiederzufinden und ein besseres Selbstgefühl zu entwickeln. Dazu gehört halt auch, wieder mit dem eigenen Körper in Einklang zu kommen.”
Eine Weile lang herrschte Stille. Selbst Orlam, der meist immer einen cleveren oder bissigen Kommentar zur Hand hatte, wusste nicht so ganz, was er dazu sagen sollte. Er sah ein wenig zerknirscht aus, weil Genzous Partner jemand war, für den er nichts als Respekt empfand. Aber dann, mit sichtlichem Widerwillen, rang er sich tatsächlich zu einem Kompliment durch. Oder zumindest den Versuch eines Kompliments: “Scheint so, als würde ein blindes Huhn auch mal ein Korn finden. Und manchmal auch ein sehr großes.”
“Ah, das hast du aber nett gesagt”, rief Genzou und grinste breit. “Selbst auf einem Misthaufen kann mal ein Blümchen blühen.”
“Treib's nicht zu weit…”, kam es grummelnd zurück. “Du machst es einem echt nicht leicht, auch nur irgendetwas Positives über dich zu sagen.”
“Das würde ich jetzt nicht sagen”, widersprach Luis und legte eine Hand auf Genzous Schulter. “Er hat einen wunderbaren Sinn für Humor, ist äußerst fürsorglich, treu, selbstlos und besitzt ein unglaubliches handwerkliches Geschick. Er hat viele wunderbare Eigenschaften, genauso wie jeder andere von uns.”
Orlam schüttelte sich, als würde ihm ein Schauer über den Rücken laufen und er gesellte sich wieder zu mir, während wir in eine Seitenstraße einbogen. “Das mag vielleicht für dich und Iggy gelten, aber nicht für mich. Als ob dieser Kerl auch nur eine positive Eigenschaft über mich sagen könnte”, entgegnete er wütend, ohne sich zu Luis und Genzou umzudrehen. Luis’ Worte schienen ihn endgültig getriggert zu haben und brachten all den Frust zum Vorschein, der sich seit damals angestaut hatte. “Seit ich ihn kenne, hat er nie ein einziges freundliches Wort für mich übrig gehabt. Nichts für ungut, Luis. Aber eher wird das Bernsteinzimmer wieder auftauchen, bevor mal ein Kompliment über seine Lippen kommt. Das kann er einfach nicht, weil er halt ein depressives Arschloch ist und seinen Selbsthass nur dadurch kompensieren kann, indem er es an mir auslässt. Und eher lässt er sich durch einen Fleischwolf drehen, bevor er seinen Stolz runterschluckt. Vergiss es!”
Wieder nahm Orlam meine Hand und drückte sie fest. Ich spürte, wie sie leicht zitterte, weil es in ihm brodelte. Das war nicht gut. Die Stimmung war spürbar angespannt und vielleicht war es das Beste, wenn wir den Rest des Weges getrennt von Luis und Genzou gingen, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Ich hielt seine Hand fest und schaute ihn besorgt an, doch er schaute mich nicht an. Sein Blick war starr zu Boden gerichtet und seine Miene düster und verhärtet. Zuerst überlegte ich, ob ich beide in die Schranken weisen sollte, aber das fühlte sich nicht richtig an. Immerhin hatte Orlam durchaus seine berechtigten Gründe, warum er einen Groll hegte und ich hatte es ja selber all die Jahre miterlebt. So was vergaß man nicht so schnell. Vor allem nicht, wenn sich die gleichen Verhaltensweisen bis heute fortsetzten. Ich überlegte was ich sagen sollte und wandte mich dann zu Genzou um. “Weißt du, er hat schon Recht. Du hast ihm echt das Leben schwer gemacht. Ich denke, es wäre besser, wenn wir alleine weitergehen. Wir sehen uns später bei Bucks und Hunar. Tut mir leid, dass du das miterleben musstest, Luis.”
Wir beschleunigten unsere Schritte, um ein wenig Abstand zu gewinnen. Den Rest des Weges war Orlam sehr still. Die Stimmung war ziemlich gekippt und meine Aufmunterungsversuche brachten leider auch nicht viel. Zwar versicherte er mir, dass alles in Ordnung war und ich mir keine Sorgen zu machen bräuchte, aber es war ihm deutlich anzusehen, wie nah ihm das Ganze ging. “Hey…”, sagte ich ihm schließlich. “Ich bin auf deiner Seite, weißt du?”
Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen und er murmelte ein leises “danke…”, aber ansonsten hüllte er sich wieder in tiefes Schweigen. Erst als wir unser Ziel erreichten, hellte sich seine Miene wieder auf und kaum, dass ich die Klingel bestätigte, wurde die Tür ruckartig aufgerissen und zwei große, starke Arme nahmen mich in einen so festen Klammergriff, dass ich für einen Augenblick fürchtete, dass ich mir die Rippen und meine Wirbelsäule brechen würde. “Iggy, da ist ja mein zweiter Lieblingsnerd! Schön, dass du da bist.”
Ich wurde von den Füßen gerissen und spürte, wie mir die Luft aus den Lungen gepresst wurde.
“Hey Bucks, sei bitte vorsichtig mit ihm. Du brichst den armen Kerl ja noch in der Mitte durch!” ging Orlam dazwischen, um mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Erst jetzt fanden meine Füße wieder den Boden und ich wurde losgelassen. Vor mir stand Bucks, das jüngste und zugleich größte und stärkste Mitglied unserer Gruppe.
Sie trug ihr brünettes Haar wie immer zu einem Zopf und trug ein rotschwarz-kariertes Hemd und eine schlichte Jeans. Ich taumelte ein wenig benommen und musste mich an Orlam festhalten, da mir ein wenig schwindelig war. “Hi Bucks”, murmelte ich und hob zum Gruß die Hand. “Vielen Dank für die Einladung. Wie ich sehe, scheint es dir großartig zu gehen.”
“Na klar doch, immerhin habe ich auch großartige Neuigkeiten. Ah, und Orlam hast du auch gleich mitgebracht. Komm, lass dich auch drücken!”
Orlams Augen weiteten sich vor Schreck, als ihm klar wurde, was ihm bevorstand. Er wollte schon auf dem Absatz kehrt machen und das Weite suchen, bevor er auch erbarmungslos zerquetscht wurde wie ein Käfer. Aber er war nicht schnell genug und landete genauso wie ich in der unerbittlichen Schraubzwinge von Bucks’ herzlicher wie tödlicher Umarmung. Ein gequältes Keuchen entwich ihm und sein Gesicht lief rot an. Es sah für einen Augenblick so aus, als würden ihm gleich die Augen aus dem Schädel springen, aber dann wurde er wieder losgelassen. Bucks trat beiseite und bat uns mit einem fröhlichen Grinsen, einzutreten. “Ihr könnt direkt zur Terrasse gehen. Hunar hat schon den Grill angezündet.”
“Alles klar, Bucks.” Ich nahm Orlams Arm und versuchte ihn abzustützen, bis er sich wieder einigermaßen gefangen hatte. Ich warf einen kurzen Blick zur Straße, konnte aber noch niemanden erspähen. Ich wandte mich wieder an Bucks. “Genzou und Luis müssten auch jeden Augenblick kommen. Wir sind den beiden vorhin über den Weg gelaufen.”
“Na da bin ich mal gespannt, Genzous Herzblatt kennenzulernen!” Bucks war voller Energie und bei bester Laune. Und insgeheim taten mir die beiden jetzt schon leid, wenn sie die gleiche herzliche Begrüßung unserer berüchtigten Knochenbrecherin zu spüren bekommen würden. Zeuge wollte ich jedenfalls nicht werden, also trat ich zusammen mit Orlam ein und machte mich auf direktem Weg zur Terrasse, die in den Garten führte.
Als wir auf die Terrasse kamen, kam uns bereits der vertraute Geruch von brennender Grillkohle entgegen. Wie bereits von Bucks angekündigt, war Hunar gerade beschäftigt damit, Fleisch und Gemüsespieße auf das Rost zu legen. An einer Tischreihe, die für acht Personen gedeckt war, saßen bereits Gidget und Cecil und unterhielten sich. Da mir gerade nach einem kleinen Spaß zumute war, räusperte ich mit theatralisch und verkündete mit übertrieben gewichtiger Stimme: “Ladies, Gentlemen und Gentlepeople! Iggy und Orlam haben soeben den Garten betreten!”
Alle Blicke wanderten zu uns. Hunar winkte uns zur Begrüßung zu, während er dem Grill bewachte und Gidget sprang sofort von xiesem Platz auf. “Hey Jungs, da seid ihr ja endlich!”
Gidgets Umarmung fiel weitaus weniger intensiv aus als die von Bucks und mir fiel sofort auf, dass xieser Stimme sich noch tiefer anhörte als beim letzten Mal, als wir uns gesehen hatten. Auch Orlam wurde auf die gleiche herzliche Art begrüßt, während Cecil sich nicht von einem Platz bewegte und uns nur mit einem kalten und desinteressierten Blick bedachte.
“Hey Gidget, du siehst super aus! Die Luft in Großbritannien scheint dir gut getan zu haben.”
“Auf jeden Fall!” bestätigte xier und brannte regelrecht darauf, mir alles bis ins kleinste Detail zu erzählen. “Aber du willst nicht wissen, wie viele Blasen ich mir gelaufen habe, als wir auf Sightseeing-Tour waren. Ohne Spaß: Cecil musste mich am Ende zur Bushaltestelle tragen!”
Ich setzte mich direkt neben Gidget, damit wir uns unterhalten konnten und Orlam nahm gegenüber von mir neben Cecil Platz. Wenig später trafen auch Genzou und Luis ein und nahmen am anderen Ende des Tisches Platz. Auf diese Weise waren die Streithähne unserer Gruppe weit genug voneinander getrennt, dass es nicht schon wieder Ärger gab. Bucks brachte eine Kühlbox nach draußen und reichte uns allen ein Bier. Lediglich Cecil bevorzugte lieber etwas Alkoholfreies und auch Bucks trank lieber eine eiskalte Cola.
Schließlich trat sie an den Kopf des Tisches, räusperte sich laut um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen und es wurde augenblicklich still. Lediglich ein leises Zischen und Brutzeln war zu hören. Hunar verließ kurzzeitig den Grill, legte die Zange beiseite und legte einen Arm um Bucks’ Taille. “Leute”, rief sie und konnte sich vor lauter Freude kaum zurückhalten. “Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, dass ihr alle hier seid und wir auch noch neue Gesichter dabei haben. Wenn ihr mich fragt, ist es echt viel zu lange her, seit wir uns alle zusammen getroffen haben. Und wie wir ja angekündigt hatten, gibt es natürlich auch frohe Neuigkeiten.”
Hieraufhin warfen sie und Hunar sich einen liebevollen Blick zu und schienen für einen Moment in ihre ganz eigene Welt abzutauchen. Dann aber wandte sich Bucks wieder uns zu und umklammerte dabei ihre Getränkedose. Sie musste einmal tief durchatmen, um sich zu fassen und fuhr fort. “Ein Grund, warum wir seit der Weihnachtsfeier etwas still geworden waren, war der, dass sich einiges bei uns verändert hat und auch weiter verändern wird. Ehrlich gesagt ist es immer noch schwer zu glauben. Ihr kennt mich. Normalerweise habe ich immer einen dummen Spruch auf Lager. Aber ehrlich gesagt fehlen mir dieses Mal ein wenig die Worte, weil ich es immer noch kaum glauben kann.”
So langsam begann es mir zu dämmern, worauf Bucks hinaus wollte. Auch bei Gidget schien der Groschen zu fallen und xiese Augen weiteten sich vor Überraschung. Nur Genzou wurde ein wenig ungeduldig und rutschte auf seinem Platz hin und her. “Nun spann uns nicht länger auf die Folter! Was ist es denn?”
Hunar und Bucks tauschten wieder einen vielsagenden Blick aus und nahmen einander an die Hand. “Unsere Gruppe wird bald noch größer werden”, erklärte sie schließlich und ich konnte kleine Freudentränen in ihren Augenwinkeln glitzern sehen. “Ich bin in der zehnten Woche schwanger.”
“Oh mein Gott, Bucks! Das ist ja großartig”, rief Gidget als erstes und klatschte dabei begeistert die Hände zusammen. “Ich freue mich ja so für euch beide.”
“Herzlichen Glückwunsch euch beiden!” rief auch ich und strahlte übers ganze Gesicht. So wirklich glauben konnte ich es genauso wenig wie Bucks. Aber es reichte mir schon völlig, zu sehen, wie glücklich die beiden über die Schwangerschaft waren, um mich für die beiden zu freuen. Feierlich hob ich mein Bier, um den beiden alles Gute zu wünschen und die anderen folgten meiner Geste. Gemeinsam stießen wir auf den baldigen Familiennachwuchs an und wünschten Bucks vor allem eine sichere und möglichst stressfreie Schwangerschaft.
Wir alle waren in bester Feierstimmung und auch Bucks’ anfängliche Aufregung hatte sich schnell wieder gelegt. Sie fand schnell ihren üblichen Ton wieder und begann darüber zu fantasieren, dass ihr Kind entweder ein Baseball spielender Bücherwurm, oder ein sportlicher Autor werden würde, damit es nur die besten Eigenschaften der Eltern mitbekommen würde. Auf die Frage hin, ob sie sich schon auf einen Namen festgelegt hatten, mussten Bucks und Hunar zugeben, dass ihnen noch kein Jungenname eingefallen war. Aber wenn es ein Mädchen werden sollte, wollten sie ihr den Namen Saydie geben. “Der Name fühlt sich einfach richtig an”, war Bucks’ Erklärung. Irgendwie überkam mich ein Gefühl von Nostalgie und Wehmut. So als hätte ich den Namen schon mal gehört… oder als hätte es mal jemanden mit diesem Namen gegeben und ich konnte mich nicht mehr erinnern.
Plötzlich kam mir wieder eine Erinnerung an Hunar, der mich völlig aufgelöst am Telefon anrief. “Iggy, Bucks ist weg und sie hat Saydie mitgenommen!”
Aber das konnte doch nicht passieren, nicht wahr? Es war völlig ausgeschlossen, weil es dieses Mal anders war. Warum dachte ich das? Na weil die beiden es dieses Mal von Anfang an so wollten. Es war kein “Unfall” so wie letztes Mal. Warte… letztes Mal? Ich versuchte tiefer in meinen Erinnerungen zu graben, fand aber nichts und war kein bisschen schlauer. Aber ich konnte am Gesichtsausdruck der anderen erkennen, dass der Name “Saydie” auch etwas bei ihnen ausgelöst hatte. Orlam schien sich leicht unwohl zu fühlen und hatte den Blick gesenkt. Genzou kratzte sich unruhig am Kopf und sagte nichts und Gidget hatte einen traurigen Ausdruck in den Augen, als xier sich kurz zu mir wandte. Bucks schien es nicht anders zu ergehen.
Schließlich aber brach ich das Schweigen und wandte mich mit einer Frage an Bucks. Hunar hatte sich inzwischen wieder entfernt, um nach dem Grill zu schauen. “Habt ihr euch schon Gedanken gemacht, wer zuhause bleibt, um sich um das Kind zu kümmern?”
“Na klar doch”, rief Hunar mir zu. “Die ersten Wochen wollen Bucks und ich uns die Aufgaben aufteilen, danach geht sie wieder arbeiten und ich werde mir einen Namen als bester Hausmann von Lanbrooke machen.”
“Ihr werdet garantiert viele schlaflose Nächte verbringen”, gab Gidget schließlich zu bedenken. “Wenn ihr mal Unterstützung braucht, könnt ihr uns gerne mal fragen, auf das Baby aufzupassen, okay?”
“Ich werde den kleinen Schreihals definitiv nicht aus den Augen lassen!” scherzte Genzou und brach in ein lautes Lachen aus und lockerte die etwas wehmütig gewordene Stimmung. Schließlich setzte sich Bucks zu uns an den Tisch und wir unterhielten uns wieder angeregt über alles Mögliche. Gidget zeigte mir Fotos von xiesem Ausflug nach Glasglow und Liverpool und vom Treffen mit Cecils Eltern. Ich beobachtete nebenbei, wie Luis sich einen Spaß daraus machte, heimlich Genzous Bierdose anders zu platzieren, wenn dieser gerade Geschichten von seiner Arbeit erzählte. Erst nach dem vierten Mal schien er endlich zu merken, dass sein Getränk heimlich auf Wanderschaft ging und musste genauso herzhaft darüber lachen wie Luis. Orlam hingegen machte sich einen Spaß daraus, Cecil zu ärgern.
Als Gidget schließlich mit xieser Erzählung über die Reise durch Großbritannien fertig war, kam natürlich die Frage, die ich bereits erwartet hatte. “Und wie ist es dir so ergangen, Iggy? Gibt es irgendetwas Neues?”
Bucks, die diese Frage mitbekommen hatte, mischte sich dazu und fragte mit einem Augenzwinkern: "Immer noch Champion der einsamen Herzen oder hast du endlich eine Frau kennen gelernt?”
Ich schaute zu Orlam, legte meine Hand auf seine und spürte, wie meine Wangen rot wurden und mein Herz schneller zu schlagen begann. “Es war definitiv keine Fau”, antwortete ich mit einem neu gewonnenen Selbstvertrauen und ohne jede Scheu: “Aber er hier hat mir definitiv mein Herz gestohlen.”
Diese Worte zauberten ein strahlendes Grinsen auf sein Gesicht und ich konnte sehen, wie seine Augen aufleuchteten. Meine offene Liebeserklärung vor allen anderen hatte ihn so glücklich gemacht, dass er sich selber kaum zurückhalten konnte. Er beugte sich leicht zu mir vor und ergänzte mit einem verführerischen Augenzwinkern: “Wie sich herausgestellt hat, habe ich im Kartenspiel der Beziehungen das Ass gezogen.”
Wie erwartet kam diese Nachricht ziemlich überraschend für alle, außer natürlich Genzou und Luis. Hunar hätte beinahe den Teller mit den fertig gegrillten Spießen fallen weil er seinen Ohren nicht trauen konnte, Bucks verschluckte sich an ihrer Cola, Gidget war sprachlos und starrte uns mit offenem Mund an. Nur Cecil wandte sich mit unbewegter Miene Orlam zu und sagte trocken: "Mein aufrichtiges Beileid.”
“...Wow”, sagte Gidget schließlich, nachdem der erste Schock überwunden war. “Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Vor allem nicht von unserem notorischen Schwerenöter.”
“Wie ist das überhaupt passiert und wie funktioniert das zwischen euch beiden?” platzte es aus Bucks heraus. “Ich meine… Orlam ist nun mal… na Orlam halt und du bist da nicht so der Typ dafür.”
“Hey, das hört sich ja so an als würde sich alles bei mir bloß um Sex drehen!” warf Orlam beleidigt in die Runde.
“Tut es doch auch”, kam es einstimmig zurück. Zugegeben, sie hatten nicht ganz Unrecht... gewissermaßen. Er hatte seinen Ruf nicht ohne Grund, aber es passte mir trotzdem nicht, dass sie ihn deshalb herabwerteten. Es fühlte sich einfach nicht richtig an. Wenn ich schon für meine Asexualität akzeptiert wurde, wäre es unfair, wenn Orlam dafür aufgezogen wurde, dass er einen… naja… sehr stark ausgeprägten Sextrieb hatte. “Mit wem er Sex hat oder nicht ist doch allein seine Sache”, mischte ich mich ein, um dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben. “Klar hat er einen etwas speziellen Sinn für Humor, aber das ist lange noch kein Grund, ihn allein darauf zu reduzieren oder sich darüber lustig zu machen. Ihr macht euch ja auch nicht darüber lustig, dass ich asexuell bin.”
“Keiner hat sich über Orlam lustig gemacht”, versuchte Gidget mich zu beschwichtigen, aber so leicht wollte ich nicht locker lassen. Ich war sauer und wollte mir das keine Sekunde länger anhören. “Das klang aber gerade ziemlich deutlich danach. Hört mal, wie Orlam und ich unsere Beziehung führen, ist allein unsere Sache. Wir haben eine Lösung gefunden, damit niemand von uns zu kurz kommt und mehr müsst ihr auch nicht wissen. Und damit das klar ist: er kann weitaus mehr als bloß Sex. Er arbeitet hart, er hat einen tollen Musikgeschmack, er ist ein ausgezeichneter Koch und Tänzer und er kümmert sich hervorragend um mich, wenn es mir mal nicht gut geht. Und er hat einen unglaublichen Kampfgeist. Orlam hat mehr erlebt und überlebt als wir alle zusammen. Ich liebe ihn so wie er ist und ich kann es nicht ertragen, wenn sich jemand über ihn lustig macht.”
Diese Ansage hatte gesessen und die Gruppe zum Schweigen gebracht. Ich hatte wohl einen empfindlichen Nerv getroffen, denn alle wandten leicht beschämt den Blick ab und sagten nichts. Lediglich Cecil sah mich mit seinem kalten Blick an und begann auf seine trockene Weise Beifall zu klatschen. “Nette Rede, ausgezeichnet vorgetragen”, sagte er tonlos und ich konnte nicht wirklich sagen ob er es ernst meinte oder ob er gerade sarkastisch war. Aber bei ihm wusste man das eh nie so genau. Gidget warf ihm einen unsicheren Blick zu, dann schaute xier abwechselnd zu mir und Orlam, bevor xier als nächstes das unangenehme Schweigen beendete. “Iggy hat Recht. Wir sollten es eigentlich besser wissen, als jemanden wegen seiner Lebensweise aufzuziehen.”
“Ja, das war echt nicht okay”, gab Bucks zu während sie sich etwas verlegen am Hals kratzte. “Sorry Orlam, das war scheiße von mir. Ich war einfach total überrascht, dass du und Iggy zusammen seid. Nichts für ungut, aber keiner hätte damit gerechnet.”
“Aber es scheint zwischen ihnen zu funktionieren und das zählt!” kam es von Hunar. “Wir beide wissen es ja am besten, dass Gegensätze sich anziehen können. Nicht wahr, Schatz?”
Damit beugte er sich zu seiner Frau runter und gab ihr einen Kuss. Um dieses Gespräch nicht noch länger in die Länge zu ziehen, fokussierten wir uns stattdessen aufs Essen und Bucks stand auf, um uns noch ein paar Getränke zu holen. Ich war froh, dass das Thema vom Tisch war und ich die Stimmung nicht völlig ruiniert hatte. Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, an so einem besonderen Tag für Drama zu sorgen und einen Streit vom Zaun zu brechen. Immerhin sollte das eigentlich ein Tag zur Freude sein, da Bucks und Hunar ihre Schwangerschaft mit uns feiern wollten. Da war es ziemlich anmaßend, die ganze Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Aber wenn es etwas gab, das ich nicht ertragen konnte, dann war es zu sehen, wie alle auf Orlam herabsahen und dachten, es wäre in Ordnung, sich über ihn lustig zu machen. Es war eine Sache, ihn ein wenig zu necken und ihn auf eine harmlose Weise zu ärgern. Aber alles hatte auch seine Grenzen. Besorgt erkundigte ich mich bei Orlam, ob ich zu weit gegangen war und es vielleicht übertrieben hatte. Er versicherte mir aber, dass alles in Ordnung sei und er dankbar war, dass ich ihn vor den anderen verteidigt hatte. Und das beruhigte mich ungemein.
Schließlich aber fiel mir wieder etwas ein, was mir schon seit einiger Zeit unter den Nägeln brannte und ich wandte mich an die Gruppe. “Hey Leute, wir sollten uns wieder öfter treffen und D&D spielen. Wer weiß wann wir das wieder machen können, wenn das Baby da ist.”
“Yo, das ist eine klasse Idee, Iggs!” rief Bucks begeistert und gab ihrem Mann einen liebevollen Schlag auf den Oberarm. “Was meinst du? Hast du auch Lust, wieder unser Game Master zu sein?”
Hunar sagte nichts, sondern drehte langsam den Kopf in Orlams Richtung. Und als er dessen teuflisches Grinsen sah, weiteten sich seine Augen und man konnte regelrecht sehen, was da gerade für ein Film in seinem Kopf ablief. Der arme Kerl starrte ins Leere, verlor merklich am Farbe im Gesicht und wirkte wie ein traumatisierter Veteran, der sich an die unaussprechlichen Schrecken des Vietnamkrieges zurückerinnerte. In seinem Fall war es der Horror der Cthulhu-Kampagne und den Schrecken, den Orlam in seinen Geist eingebrannt hatte. “Auf gar keinen Fall!” kam es protestierend von ihm. “Nach all dem, was letztes Mal passiert ist, bin ich garantiert nicht mehr euer Game Master. Ihr könnt euch einen anderen Verrückten suchen, der sich diesem ganzen Stress aussetzt und mit euren Schnapsideen arbeitet.”
“Wer hat Lust?” fragte Bucks in die Runde. “Ich hab nicht das Zeug dazu, um mir eine Geschichte auszudenken.”
Beim Rest von uns sah es ähnlich aus und für einen Moment überlegte ich, ob ich mir die Arbeit machen und die Rolle des Game Masters übernehmen sollte, wenn sich niemand freiwillig meldete. Zugegeben, ich hatte überhaupt keine Erfahrung und würde mich garantiert wie ein unbeholfener Trottel anstellen, aber es war immer noch besser als nichts. Dann aber meldete sich überraschend Luis zu Wort. “Wenn es für euch okay ist, kann ich es mal versuchen.”
“Du spielst auch D&D?” fragte ich überrascht.
“Ich habe auf dem College viel mit meinen Freunden gespielt. Zwar waren es hauptsächlich Warhammer 40K und Shadowrun. Aber ich habe auch ein paar Erfahrungen mit D&D, sowohl als Spieler als auch als GM. Also wenn du mal eine Pause brauchst und ihr alle nichts dagegen habt, könnte ich es mal versuchen.”
“Du solltest es dir lieber noch mal überlegen, ob du dir das antun willst”, warnte Hunar ihn. “Diese Chaoten haben es geschafft, meine Call of Cthulhu Kampagne in ein absolutes Armageddon des Wahnsinns zu verwandeln. Vor allem Orlam mit seinen abartigen Späßen.” Ein prustendes Lachen von Orlam folgte, was Hunar erst recht auf die Palme brachte. “Glaub bloß nicht, ich hätte die Aktion mit dem Hausboot und dem Militärhubschrauber vergessen!”
“Ah, dann spielt ihr eher Spaß-Spieler”, schlussfolgerte Luis aus den Andeutungen und konnte sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. “Das ist gut. Meine alte Gruppe war da genauso. Mein letzter Charakter war ein böser Hexenmeister, der die gesamte Menschheit versklaven wollte.”
“Klingt ziemlich standardmäßig”, kommentierte Orlam wenig beeindruckt. “Lass mich raten: dein Charakter war Tiefling, Drow oder Ähnliches."
“Nicht ganz”, entgegnete Luis kopfschüttelnd. “Mein Charakter war ein Hamster namens Mr. Nibbles, der glaubte, er wäre in Wahrheit ein legendärer Hexenmeister namens Demonico Hexabottom, der durch einen Fluch in ein Nagetier verwandelt wurde. Aber er war bloß ein ziemlich angepisster und größenwahnsinniger Hamster mit Identitätskrise und Napoleon-Komplex.”
“Okay, dann passt du definitiv zu uns”, bestätigte Gidget und musste sich ein Lachen verkneifen. Auch der Rest der Gruppe fand Gefallen an der Idee und waren begeistert. Nur Hunar schlug die Hände über den Kopf, als ihm allmählich dämmerte, was das bedeutete. “Heilige Scheiße”, jammerte er gequält. “Es gibt noch mehr von denen…”
“Klasse, dann will ich ein Zwerg in einem Kampfroboter-Anzug sein”, rief Genzou begeistert. “Und ich will endlich mal was anderes sein als ständig nur Kleriker”, meldete ich mich zu Wort. “Ich habe es auch langsam satt, dass ich jedes Mal den Heiler spielen muss.”
“Das könnte ich übernehmen!” schlug Hunar vor. “Irgendwer muss euch alle ja vor euch selbst beschützen…”
Und so saßen wir eine Weile zusammen und starteten ein Brainstorming, was für Klassen wir wählen sollten. Bucks war wie immer Barbarin, Genzou Kämpfer und Orlam entschied sich für den Dieb. Hunar übernahm als Kleriker die Aufgabe des Heilers und Gidget brannte darauf, Paladin zu sein. Cecil war eine Zeit lang unentschlossen, ob er überhaupt mitmachen sollte. Aber dann wählte er Hexenmeister und ich entschied mich für den Barden. Wir hatten genug Kampfkraft in unserem Team, da brauchte es auch jemanden mit Beredsamkeit, der die bevorstehenden Kollateralschäden dieser Chaoten auf ein Mindestmaß reduziert bekam. Luis versprach, sich schnellstmöglich an die Arbeit zu machen und sich eine gute Story auszudenken, sobald er wieder zuhause war. Und sobald das erledigt war, konnten wir endlich mit unserer ersten Session seit einer gefühlten Ewigkeit anfangen.
Nachdem die Stimmung anfangs ein wenig turbulent gewesen war, hatte sich wieder gute Laune eingestellt und alle schwelgten in Erinnerungen an unsere alten D&D Sessions. Auch Luis gab ein paar lustige Anekdoten aus seiner alten Gruppe zum Besten und manche davon klangen fast schon zu verrückt um wahr zu sein. Aber wir hatten ja selber genug Blödsinn verzapft, also waren diese Geschichten nicht allzu weit hergeholt. Wir blieben draußen sitzen, bis es allmählich später Nachmittag wurde. Ich entschuldigte mich kurz, um auf die Toilette zu gehen und verließ die Runde. Im Haus empfing mich eine angenehme Ruhe und ich konnte zumindest für einen Augenblick durchatmen. Zwar hatte ich wahnsinnigen Spaß mit den anderen, aber diese kurze Verschnaufpause von all den Stimmen um mich herum tat auch mal ganz gut. Ich war guter Dinge und überlegte, ob ich Orlam nachher fragen sollte, wann wir uns wieder auf den Rückweg machen sollten. Wenn wir nämlich in der Dunkelheit nach Hause gingen, würde es ziemlich kühl werden und wir hatten keine Jacken dabei.
Als ich jedoch nach meinem Abstecher ins Badezimmer zurück in den Garten gehen wollte, hörte ich Orlams Stimme aus der Küche.
“Hör auf, um den heißen Brei zu reden und spuck’s schon aus. Ich habe keine Lust, mir noch mehr von deinen dummen Sprüchen gefallen zu lassen!”
Au weia, das klang nicht gut. Im ersten Moment hielt ich inne und überlegte, ob ich einfach wieder zurückgehen und so tun sollte, als wäre nichts gewesen. Aber andererseits machte ich mir auch Sorgen. Was, wenn sich da wieder ein Streit anbahnte?
“Es… es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Ich bin da ein wenig zu weit gegangen.” Das war Genzous Stimme und er klang überraschend kleinlaut. Es passte nicht wirklich zu ihm und wieso entschuldigte er sich plötzlich bei Orlam? Er hatte sich in all den Jahren nur ein einziges Mal bei ihm entschuldigt und das auch erst, nachdem ich ihm gedroht hatte, nicht mehr länger mit ihm befreundet zu sein. Und es war mein voller Ernst gewesen, weil seine Witze über den Selbstmord von Orlams Mutter viel zu weit gegangen waren. Was war passiert, dass er sich jetzt freiwillig entschuldigte? Mein Interesse war geweckt. Also schlich ich mich auf den Flur und beugte mich gerade so genug um die Ecke, sodass ich Orlam sehen konnte, wie er sich mit dem Rücken gegen die Küchenzeile lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. "Ach, das ist ja schön zu hören, dass dir nur das von vorhin leid tut. Ist ja nicht so, als würde ich nicht den gleichen Scheiß von dir seit über 20 Jahren zu hören kriegen.”
“Du hast ja Recht, verdammt. Es war echt scheiße von mir. Ich weiß, dass ich mich dir gegenüber nicht immer korrekt verhalten habe und ich…”
“Schön, dass du das weißt und es trotzdem weiterhin machst”, unterbrach Orlam ihn gereizt. “Als verbaler Boxsack war ich dir ja schon immer gut genug gewesen. Was glaubst du, wie oft ich über deine beschissene Persönlichkeit hinweggesehen und dein mieses Verhalten ertragen habe, weil ich mir Hoffnungen gemacht habe, dass du dich irgendwann mal änderst?”
“Ich will mich ja bessern”, hörte ich Genzou beinahe verzweifelt rufen. Ich hörte etwas Klappern und wie irgendetwas herunterfiel. Orlam entfernte sich kurz aus meinem Sichtfeld, um es wieder aufzuheben. Genzou fuhr fort: “Ich hatte lange Zeit mit mir selbst zu kämpfen und mich selbst gehasst. Ich hatte Angst, dass die anderen merken, wie ich wirklich bin und wollte auf cool tun, damit mich alle mögen. Ich wollte nicht, dass jemand merkt, wie beschissen es mir ging, weil ich nie wieder sehen kann und mein Vater mir gesagt hat, dass ich für ihn gestorben bin, weil er herausgefunden hat, dass ich schwul bin.”
“Und warum musstest du das all die Jahre zu meinem Problem machen?” fragte Orlam und kehrte zu seinem Platz zurück, sodass ich ihn wieder sehen konnte. Er war sichtlich wütend, aber auch tief verletzt und ich musste mich zusammenzureißen, dass ich nicht einfach so aus meinem Versteck kam, um ihn in den Arm zu nehmen und ihn zu trösten. Es sprach so viel aufgestauter Schmerz aus ihm heraus, dass es mir selbst die Brust zusammenschnürte. Doch dann schlug er plötzlich mit einer Hand auf die Platte, um seinen aufgestauten Frust irgendwie loszuwerden und ich zuckte unwillkürlich zusammen.
“Soll ich dir mal sagen, was dein Problem ist?” platzte es aus ihm heraus und ich sah, wie sein Gesicht rot anlief und etwas Gefährliches in seinen Augen lag. “Du bist ein scheiß Feigling und hattest einfach nicht die Eier in der Hose, ein einziges Mal in deinem Leben ehrlich zu sein. Es ist nicht meine Schuld, dass du dich in Selbsthass gesuhlt hast, weil du dir damals ständig zu den Jungs in der Umkleide einen runtergeholt hast. Hör endlich auf damit, die Scheidung deiner Eltern oder deine Blindheit als Entschuldigung dafür zu benutzen, auf Leuten einzutreten, die dir nichts getan haben. Was soll ich denn bitteschön sagen? Mein Vater hat mich tagtäglich grün und blau geschlagen. Meine Mum hat sich das Leben genommen und alle in der Schule haben mich schikaniert, weil meine Familie arm war und ich ständig mit blauen Flecken zur Schule kam. Hast du mich jemals erlebt, wie ich das an anderen ausgelassen habe? Nein, ich habe dir sogar geholfen, nachdem du dein Augenlicht verloren hast!”
Eine Weile herrschte Stille. Genzou wusste wohl nicht so recht, was er sagen sollte und auch Orlam musste sich erst beruhigen, damit er nicht endgültig die Beherrschung verlor. Er atmete tief durch und umklammerte mit beiden Händen die Arbeitsplatte. “Ich habe damals zu dir aufgesehen und wollte unbedingt dein Freund sein”, fuhr er schließlich fort. Er hatte die Stimme nun deutlich gesenkt und von seiner anfänglichen Wut war nichts mehr zu spüren. Nein, stattdessen klang er einfach nur traurig und bitter enttäuscht. “Als ich herausgefunden habe, dass du schwul bist, habe ich niemandem ein Sterbenswort gesagt weil ich wusste, dass du Angst davor hattest, dass die anderen es herausfinden. Nicht einmal Iggy habe ich jemals erzählt, dass du in ihn verliebt warst und ich hatte genug Gelegenheiten dafür gehabt. Über all diese Dinge habe ich geschwiegen und was hast du getan? Du hast dich darüber lustig gemacht, dass ich bisexuell bin und meintest, ich würde alles vögeln, solange ein Loch vorhanden ist. Du hast mich nie als Freund gesehen. Für dich war ich immer nur ein leichtes Bauernopfer, das sich nicht wehren kann. Ein ehrloser und feiger Bastard bist du und mehr nicht.”
Mir war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen werden und ich konnte nicht fassen, was ich da alles hörte. Meine Beine versagten den Dienst und ich sank in die Knie und starrte ins Leere während ich versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Für mich kam das alles wie ein gewaltiger Schock. Genzou hatte all die Jahre Gefühle für mich gehabt und Orlam wusste davon? Warum hatte ich all die Jahre nie etwas bemerkt? War ich wirklich so dermaßen begriffstutzig, dass ich all die möglichen Signale übersehen hatte? Warum hatte Genzou nie mit mir darüber gesprochen? Selbst wenn ich seine Gefühle nicht hätte erwidern können, hätte ich doch alles dafür getan, dass wir weiterhin beste Freunde blieben. Selbst jetzt, wo ich die Wahrheit wusste, wollte ich ihn nicht einfach so aufgeben. Dafür hatten wir zu viel zusammen erlebt.
Doch ich wusste nicht, wie ich die Tatsache einordnen sollte, dass Orlam von Genzous Gefühlen wusste. Hatte er sich etwa nur an mich herangemacht, um Genzou eins auszuwischen? War das alles zwischen uns nicht echt? Nein, so war Orlam nicht. Ich weigerte mich, auch nur eine Sekunde daran zu glauben, dass all die innigen Momente zwischen uns nur gespielt waren. All diese Dinge, die Orlam mir anvertraut hatte, konnten nicht gelogen sein. Wenn dem wirklich so gewesen wäre, hätte er eine oscarreife Schauspielleistung angeliefert. Vielleicht war ich zu naiv, aber ich war der festen Überzeugung, dass niemand über Wochen und Monate hinweg jemandem Gefühle so gut vortäuschen konnte, nur um sich an seinen Erzfeind zu rächen. Und dann fiel es mir wieder ein: Genzou hatte Luis im Herbst kennen gelernt. Orlam und ich waren uns im Dezember nähergekommen. Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich von meinen eigenen Gefühlen blenden ließ, wollte ich daran glauben, dass Orlams Gefühle für mich aufrichtig waren und nichts mit Genzou zu tun hatten. Vor allem hätte er jetzt eh nichts mehr davon, weil Genzou inzwischen in jemand anderen verliebt war. Wenn es Orlam wirklich nur um Rache hing, hätte er versucht, sich an Luis heranzumachen, aber das war bislang nicht passiert. Zumindest nicht soweit ich es mitbekommen hatte.
Meine Schockstarre löste sich wieder, als ich Genzous Stimme nach einer langen Pause hörte. “Du hast mit allem Recht”, gab er mit zitternder und schwacher Stimme zu. “Ich war ein verficktes Arschloch und ich hasse mich dafür, dass ich mich so scheiße verhalten habe. Ich habe dich all die Jahre wie einen Fußabtreter behandelt und es für selbstverständlich gehalten, dass du dir das gefallen lässt. Es tut mir aufrichtig leid, Orlam. Ich kann es verstehen, wenn du mir all die Scheiße in den ganzen Jahren nicht verzeihen kannst, aber ich will mich bessern. Ich habe es satt, mich ständig so scheiße zu fühlen und es an anderen auszulassen. Ich will ein besserer Mensch werden, aber ich tue mich ziemlich schwer damit all diese alten Verhaltensmuster abzulegen. Ich möchte das wieder gutmachen zwischen uns. Aber ich weiß nicht wie.”
“Das kannst du nicht”, kam es von Orlam zurück. Er klang nun nicht mehr enttäuscht und traurig über all diese Dinge. Seine Stimme war kalt und distanziert, aber nicht feindselig oder herablassend. “Du kannst all die Dinge nicht ungeschehen machen, die du verbockt hast. Egal wie oft du dich auch entschuldigst, ich werde niemals vergessen können, was du mir alles an den Kopf geworfen hast.”
“... das habe ich mir schon gedacht.”
Wieder kehrte einen Augenblick Stille ein und Orlam verschränkte wieder die Arme und sah aus als würde er nachdenken. Er machte nicht den Eindruck, als wollte er einen Groll gegen Genzou hegen. Viel eher konnte er ihm noch nicht so wirklich vertrauen und wusste nicht, inwieweit er diese Entschuldigung glauben sollte. Dann aber schien er eine Lösung gefunden zu haben. “Wenn es dir wirklich ernst ist und du dich von Grund auf ändern willst, musst du die Verantwortung für all die Scheiße in den letzten Jahren übernehmen. Ich verlange von dir, dass du dich im Beisein der anderen bei mir entschuldigst. Nicht heute. Du kannst es bei unserem nächsten Treffen machen. Aber ich will, dass du es vor der gesamten Gruppe machst, damit ich sehe, wie ernst du es meinst. Ich will nie wieder abschätzige Kommentare über meine Lebensweise oder meine Person hören und ich will auch nicht, dass du Iggy irgendeinen Scheiß über mich erzählst um unsere Beziehung zu sabotieren. Wenn du das alles durchziehst, können wir beide über einen Neuanfang reden.”
Ein schwaches und trockenes Lachen kam von Genzou. “Das klingt weitaus fairer als das, was ich wahrscheinlich verdiene. Okay, du hast mein Wort. Ich werde mich noch mal bei unserem nächsten Gruppentreffen bei dir entschuldigen und mir vor allem Mühe geben, mein loses Mundwerk besser unter Kontrolle zu halten. Weißt du… es fühlt sich verdammt scheiße an, wenn dein Partner immer das Beste in dir sieht und dich ständig ermuntert, dein Potential zu nutzen um die bestmögliche Version von dir zu werden. Aber tief drin weißt du, dass du gerade mit der schlechtesten Version von dir feststeckst…”
Daraufhin verließ Orlam wieder seinen Stehplatz und verschwand aus meinem Blickfeld. Aber ich vermutete, dass er zu Genzou rüberging. “Dann arbeite mal hart dran. Den ersten Schritt hast du inmerhin geschafft und ich wünsche dir viel Erfolg bei diesem Unterfangen. Wäre schön, wenn ich irgendwann mal die bestmögliche Version von dir kennen lerne. Kleiner Rat von mir: hör mit dem Rauchen auf. Wäre schade, wenn du frühzeitig von uns gehst weil deine Lunge den Geist aufgibt.”
Genzou lachte hieraufhin. “Ich kriege es immer besser hin. Vielleicht habe ich Glück und brauche auch irgendwann diese scheiß Antidepressiva nicht mehr nehmen. Ach ja… du sagtest auf dem Weg hierher, dass ich nicht eine einzige gute Eigenschaft von dir nennen könnte… Du hast mehr Ehrgefühl als ich wahrscheinlich jemals haben werde. Vor allem bist du weitaus ehrlicher als ich. Du hast dich nie über meine Blindheit oder mein Gewicht lustig gemacht. Auch nicht darüber, dass mein Vater uns verlassen und er mich verstoßen hat. Als es Iggy beschissen ging, hast du lieber in Kauf genommen, dass ich mich wieder über dich lustig mache, als ihn hängen zu lassen. Selbst gerade, wo wir uns gestritten haben und ich was umgeschmissen habe, hilfst du mir. Du hast mir ein romantisches Dinner mit Luis spendiert, obwohl du das gar nicht hättest machen müssen. Was ich sagen will ist… du hast ein verdammt großes Herz, Orlam. Meiner Meinung nach viel größer als Arschlöcher wie ich es verdienen.”
Ich hörte wieder Schritte und geriet in Panik als ich realisierte, dass da jemand aus der Küche kam. Hastig rappelte ich mich auf und überlegte, wo ich mich verstecken könnte. Das Glück war aber auf meiner Seite, denn es war Genzou, der auf den Flur hinaustrat und sich seinen Weg ins Bad suchte. Mit etwas Geschick konnte ich seinem Blindenstock ausweichen und mich lautlos an ihm vorbei zurück in den Garten schleichen bevor irgendjemand mitbekam, dass ich das ganze Gespräch belauscht hatte. Als ich mich wieder auf meinen Platz setzte, schaute mich Gidget stirnrunzelnd an und fragte “Ist alles in Ordnung, Iggy? Du warst ziemlich lange auf der Toilette.”
“Äh… ja, alles gut. Ich hatte nur eine kurze Atempause gebraucht, weil ich ein bisschen Ruhe gebraucht habe.”
Glücklicherweise schien meine Antwort überzeugend genug zu sein und Gidget gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. Allerdings fragte xier mich, ob ich vielleicht Orlam oder Genzou gesehen hätte. Ich versuchte möglichst unverbindlich zu antworten und meinte, dass Genzou vielleicht rauchen gegangen war und Orlam auf die Toilette musste. Für mich stand fest, dass ich dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen würde und niemand jemals davon erfahren musste. Auch Genzou und Orlam nicht. Das, was ich gehört hatte, ging nur die beiden etwas an und ich wollte auch nicht, dass die ganze Sache dadurch komplizierter wurde, weil sie wussten, dass ich alles wusste.
Wenig später kam Orlam wieder zurück und fragte mich, ob wir gleich nach Hause gehen sollten. Genzou kam ein klein wenig später zurück und war eher reserviert und still. Als es allmählich dunkel wurde, verabschiedeten wir uns und bedankten uns bei Hunar und Bucks für die Einladung. Luis versprach uns, sich zu melden sobald er alles für die erste D&D Session vorbereitet hatte und Gidget verabschiedete sich mit einer herzlichen Umarmung von uns. Genzou war mit seiner Verabschiedung deutlich zurückhaltender und Cecil war… naja… Cecil halt. Er warf mir nur einen abschätzigen Blick zu und meinte: "Es war wahrhaftig ein Erlebnis mit euch. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir das nicht so schnell wiederholen.”
Damit machten wir uns endlich auf den Heimweg und ich nahm Orlams Hand. Als wir die Straße entlang gingen, begannen schon die ersten Laternen zu leuchten und der Himmel war in ein schwaches Orange, Purpur und Dunkelblau getaucht. Der Sonnenuntergang sah wunderschön aus und man konnte ihn dank des klaren Himmels perfekt sehen. Doch meine Aufmerksamkeit galt eher Orlam, dessen Gesichtsausdruck seit seinem Gespräch mit Genzou in der Küche eher schwer zu deuten war. “Alles gut bei dir?” hakte ich vorsichtig nach. “Du wirkst irgendwie so komisch.”
“Hm? Na klar doch. Ich war nur ein wenig in Gedanken. Kein Grund zur Sorge.”
“Na wenn du das sagst…” Ich beließ es dabei und beschloss, Orlam seinen Freiraum zu lassen. Mit Sicherheit beschäftigte ihn das Streitgespräch noch und er brauchte etwas Zeit, um das alles zu verarbeiten. Immerhin waren ziemlich viele alte Wunden aufgerissen worden und so etwas steckte man nicht so ohne weiteres ein. Manche Dinge brauchten einfach ihre Zeit.
Es dauerte knapp zwei Wochen, bis wir alle eine Nachricht bekamen, dass Luis mit den ersten Vorbereitungen fertig war und wir uns für die erste Session treffen konnten. Wir verabredeten uns für Sonntag und schickten ihm unsere Charakterbögen, damit er die Feinheiten für die Geschichte ausarbeiten konnte. Wir alle waren gehyped und konnten es kaum erwarten, endlich anzufangen. Als wir uns dann endlich bei Bucks und Hunar trafen, war Genzou sichtlich angespannt und konnte sich kaum auf irgendein Gespräch konzentrieren. Luis versuchte, ihm Mut zuzusprechen und es schien auch bis zu einem gewissen Grad zu helfen. Orlam schien ganz normal drauf zu sein und machte sich einen Spaß daraus, sich mit Gidget zu zanken. Es war aber nur harmloses Geplänkel und drehte sich hauptsächlich darum, dass Orlam seine ersten Schandtaten als Dieb plante und Gidget regelrecht dazu provozieren wollte, ihn daran zu hindern. Immerhin war es ja die Aufgabe eines Paladins, für Recht und Ordnung zu sorgen. Ich hingegen begann zu grübeln, ob ich rhetorisch geschickt genug war, um die diplomatischen Gespräche für die Gruppe zu führen. Immerhin war es das erste Mal, dass ich eine andere Klasse spielte und ich war mir nicht so ganz sicher, ob ich das auch so gut umsetzen konnte, wie ich es mir vorstellte. Kommunikation war nicht meine größte Stärke und ich hatte Sorge, mich völlig zu blamieren. Als ich dieses persönliche Dilemma ansprach, warf Cecil mir nur einen abschätzigen Blick zu und kommentierte tonlos: “Selbst wenn du keinen intelligenten Beitrag leisten kannst, bin ich mir sicher, dass du trotzdem für das Team von Wert bist. Immerhin sind Lebendköder und menschliche Schutzschilde schwer aufzutreiben.” Manchmal verstand ich echt nicht, was Gidget in ihm sah! Doch glücklicherweise hatte ich Hunar auf meiner Seite, dem ich bislang noch keinen Grund geliefert hatte, sauer auf mich zu sein. Im Gegensatz zu Orlam und Genzou hatte ich mir wenigstens Mühe gegeben, ernsthaft D&D zu spielen. “Keine Sorge, Iggy”, versuchte er mich aufzumuntern. “Wenn du Schwierigkeiten haben solltest, kann ich dir helfen. Wir können es ja so machen, dass unsere Charaktere sich schon länger kennen und mein Kleriker dir hin und wieder Ratschläge gibt.”
“Danke Hunar! Damit rettest du mir echt den Arsch!”
Orlam, der den Austausch zwischen uns beiden beobachtete, unterbrach kurz seine Diskussion mit Gidget und grinste mir verschwörerisch zu. Natürlich hatte er wieder eine Schnapsidee auf Lager. “Wenn du nicht weiter weißt, versuch einfach die Leute zu verführen. Mich hast du ja auch mit deiner niedlichen unbeholfenen Art erfolgreich um den Finger gewickelt.”
“Auf gar keinen Fall!” protestierte ich energisch. Ich war ja für einige Albernheiten zu haben, aber ich würde garantiert nicht damit anfangen, irgendwelche NPCs anzubaggern. Vor allem nicht wenn sie von jemand anderem gesteuert wurden. Wenn es Orlam gewesen wäre, hätte ich ja vielleicht noch mit mir reden lassen. Aber ich machte das garantiert nicht mit anderen. “Das letzte, was wir brauchen, ist noch ein notgeiler Barde, der versucht, irgendein Monster zu schwängern!”
“Soll ich dann stattdessen als verwegener Dieb dein Herz stehlen, mein Lieber?”
“Nur weil das Wort ‘Dungeons’ im Titel drin steht, heißt das noch lange nicht, dass wir einen Fantasy Porno machen!”
Der gesamte Tisch mit Ausnahme von Cecil und Genzou brach in lautes Gelächter aus und Bucks kippte dabei fast mit dem Stuhl um. Glücklicherweise reagierten Hunar und Cecil schnell genug, um sie aufzufangen. “Oh Mann, ihr seid mir zwei Komiker!” brachte sie immer noch heftig lachend hervor. “Ihr hört euch echt wie ein altes Ehepaar an.”
Gidget kicherte amüsiert und klopfte mir als Zeichen der Unterstützung auf die Schulter. “Keine Sorge, Iggy. Wenn Orlam dir zu sehr auf die Pelle rückt, wird mein Paladin ihm ordentlich die Hosen lang ziehen.”
“Versuch's doch, du Gruppenmutti”, gab Orlam provokant zurück und stützte sein Kinn auf seiner Hand ab. “Oder willst du mir etwa weismachen, dass dein Paladin Cockblocking-Skills hat?”
Doch Gidget ließ das nicht so leicht auf sich sitzen und beugte sich zu ihm vor, wobei xier die Augen zu Schlitzen verengte und ihn angriffslustig anfunkelte. “Nein. Aber ich ramm dir mit meinem Divine Smite meine Faust so tief in den Arsch rein, dass ich dich als Handpuppe benutzen kann.”
“Oho, du bist ja richtig versaut!”
Hunar schlug wieder seufzend die Hände über den Kopf zusammen als ihm klar wurde, dass wir jetzt noch einen weiteren Problemspieler dazugewonnen hatten. Das war es dann wohl mit unserem Moralkompass. Der Paladin war bereits korrupiert worden, bevor wir überhaupt angefangen hatten. Das musste ein neuer Rekord sein. Luis zwinkerte mir zu und versicherte, dass er die Reißleine ziehen würde, wenn die Dinge zu sehr außer Kontrolle gerieten. Das sei immerhin die Aufgabe eines Dungeon Masters. Hunar konnte über diesen Optimismus nur lachen, denn er hatte bereits seine eigenen Erfahrungen machen müssen, dass es schier unmöglich war, diese Knallköpfe zu bremsen. Genauso gut könnte man versuchen, einen Zug mit bloßen Händen zu stoppen.
Doch dann hielt Gidget inne und unterbrach das Gespräch mit Orlam, als xier merkte, dass Genzou merkwürdig still und geistesabwesend war. Nicht einmal auf Orlams Späße hatte er in irgendeiner Form reagiert. Ich wusste, warum er sich so merkwürdig verhielt, aber ich sagte nichts. Es lag einzig und allein an Genzou, ob er es fertig brachte, sich vor allen anderen zu entschuldigen. Ich wusste genau, wo das Problem lag: er hatte Angst vor der Reaktion, die folgen könnte und dass wir uns alle gegen ihn stellen würden. Ich wusste zwar, dass das nicht passieren würde, aber vielleicht gab ihm das trotzdem mal eine Kostprobe davon, wie es Orlam all die Jahre ergangen war. Er mochte zwar mein bester Freund sein, aber in der Hinsicht hielt sich mein Mitleid mit ihm in Grenzen.
“Hey Genzou, was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?” erkundigte sich Gidget besorgt. Ich bemerkte, wie Orlam einen Blick in seine Richtung warf und einen merkwürdigen Ausdruck hatte, den ich nicht deuten konnte. Es lag etwas Lauerndes in seinen Augen, als wartete er ab.
Dann atmete Genzou geräuschvoll aus und nahm seine Sonnenbrille ab. Dabei fiel mir auf, dass er Augenringe hatte und auch seine Augen sahen blutunterlaufen aus. Offenbar hatte er vor lauter Unruhe nicht schlafen können. “Ich würde gerne etwas sagen… zu Orlam.”
Wie auf Kommando wurden alle still und schauten ihn an. Luis tätschelte ihm den Rücken und flüsterte ihm etwas zu, was ich nicht verstand. Genzou nickte nur und räusperte sich. “Ich möchte mich aufrichtig bei dir für all die Scheiße entschuldigen, die ich in den ganzen Jahren zu dir gesagt habe. Ich habe meine Behinderung, die Scheidung meiner Eltern, meinen Selbsthass und meine Depression als Rechtfertigung benutzt, um mich dir gegenüber wie ein Stück Scheiße zu verhalten. Und ich war zu feige, um einfach mal ehrlich zu sein und nicht bloß ständig den lustigen dicken Kumpel zu spielen. Ich hätte dir ein besserer Freund sein sollen und ich will daran arbeiten, mein Verhalten zu ändern. Deshalb hoffe ich, dass du mir die Chance gibst, dass wir noch mal neu anfangen können und ich der Freund für dich sein kann, den du verdienst.”
Genzou senkte wieder den Kopf, als er mit seiner Entschuldigung fertig war und wurde still. In seinen Augen war deutlich die Angst zu erkennen, die er gerade empfinden musste. Doch die Resonanz war positiver, als er vielleicht erwartet hatte. Klar wussten wir alle, dass er seine Macken hatte, aber am Ende des Tages war er immer noch unser Freund. Und wenn jemand die Eier in der Hose hatte, um zu seinen Fehlern zu stehen, um ein besserer Mensch zu werden, würden wir ihn nicht hängen lassen.
Ich schaute neugierig zu Orlam um seine Reaktion zu sehen. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Ich glaubte so etwas wie Verwunderung in seiner Miene zu erkennen, aber auch Unsicherheit und Misstrauen. Wirklich verübeln konnte ich es ihm nicht. Wenn man zwei Jahrzehnte lang schikaniert wurde und dann plötzlich eine Entschuldigung kam, erwartete man mit Sicherheit, dass das Ganze einen Haken hatte. Oder dass es am Ende nicht lange anhalten würde und man sich wieder bloß falsche Hoffnungen machte. Doch dann faltete er die Hände, atmete tief durch, um sich zu sammeln und antwortete schließlich: “Danke Genzou. Ich nehme deine Entschuldigung an und hoffe auch, dass wir noch mal ganz von vorne anfangen können. Wir müssen uns ja nicht gleich gegenseitig heiraten. Aber es wäre wünschenswert, wenn wir unsere Kabbeleien auf einer respektvollen Ebene führen können.”
Die Erleichterung bei Genzou war enorm. Vielleicht hatte er erwartet, dass Orlam die Gelegenheit nutzte, um ihn vor uns allen bloßzustellen und all die Dinge aufzuzählen, die ich bereits bei ihrem Gespräch in der Küche heimlich mitbekommen hatte. Aber Orlam war nicht interessiert daran, Genzou zu erniedrigen und ihn leiden zu lassen. Alles, was er wollte, war eine aufrichtige Entschuldigung und dass Genzou den Mumm besaß, es auch vor uns allen zu tun, damit er sich nicht herausreden konnte. Ich war erleichtert, dass das alles so friedlich über die Bühne gegangen war. Selbst wenn Orlam doch angefangen hätte, verbal auf Genzou einzudreschen, wäre ich dazwischengegangen. Luis hatte bei der letzten Konfrontation absolut Recht gehabt, dass Beleidigungen und Vorwürfe nichts brachten und man auch eine konstruktive Auseinandersetzung führen konnte. Und glücklicherweise waren die beiden Streithähne endlich gewillt, sich wie zivilisierte Erwachsene zu miteinander zu unterhalten.
Der Rest der Gruppe wirkte ziemlich überrascht und auch ein wenig verwirrt über das Geschehene. Immerhin fehlte ihnen im Gegensatz zu mir der Kontext. Aber nach kurzer Überlegung brachte Gidget es ganz gut auf den Punkt: “Wir haben alle mal Scheiße gebaut und Dinge im Affekt gesagt, die wir hinterher bereut haben. Niemand von uns hier ist perfekt. Die Hauptsache ist, dass man zu seinen Fehlern steht und daraus lernt.”
“Und es ist niemals zu spät dafür, das zu werden, was man hätte sein können”, ergänzte Luis mit einem zufriedenen Lächeln und nahm Genzou in den Arm, der alle Mühe hatte, seine Gefühle im Zaum zu halten.
Unwillkürlich musste ich an den Programmierwettbewerb denken, den ich damals verloren hatte. Gidget hatte absolut Recht. Keiner von uns war frei von Fehlern, auch ich nicht. Ich hatte auch Dinge im Affekt gesagt, die ich selbst bis heute noch bereute. Das gehörte eben zum Leben dazu: Scheiße bauen und hoffentlich daraus lernen um es beim nächsten Mal besser zu machen. Aber dazu musste man auch seinen eigenen Stolz überwinden und sich selbst eingestehen, dass man Scheiße gebaut hatte. Genzou war da auf einem guten Weg und hoffentlich konnten er und Orlam von nun an besser miteinander auskommen. Ich als sein bester Freund hatte es nicht geschafft, zu ihm durchzudringen. Vielleicht war ich zu nachsichtig mit Genzou gewesen. Oder vielleicht hatte Luis einfach eine bessere Herangehensweise. Naja… als Bewegungstherapeut hatte er sicherlich tagtäglich mit Menschen zu tun, die allerhand Probleme hatten und ungesunde Verhaltensweisen an den Tag legten. Da fiel es ihm sicherlich leichter, Genzous Kernproblem anzusprechen und ihn zu ermutigen, aus seinem Loch rauszukommen. Zugegeben, ich war ein wenig eifersüchtig, dass Luis so einen guten Draht zu Genzou hatte, obwohl ich ihn als seinen besten Freund viel länger kannte. Aber Liebe und Freundschaft waren einfach nicht miteinander zu vergleichen.
Nachdem die etwas merkwürdige Stimmung sich wieder einigermaßen gelegt hatte, fanden wir unseren Enthusiasmus am Spiel wieder. Auch Genzou fand seine gute Laune wieder, nachdem die ganze Anspannung gewichen war. Er prahlte voller Stolz mit seinem Zwergenkrieger mit Roboter-Kampfanzug, den er “Flint Ironstag” genannt hatte. Orlam kommentierte amüsiert, dass man seinen Charakter besser “Tony Small” nennen sollte und fragte, ob sein Iron Dwarf auch seine eigene Avenger-Truppe hätte.
“Witzig, dass das ausgerechnet von einem Dieb kommt, den seine Eltern mit dem Namen Stabban Steel gestraft haben”, gab Genzou spöttisch zurück. Orlam grinste nur und erwiderte “Ich wurde halt nach meinem Großvater Stabford dem einarmigen Banditen benannt.”
“Sagt mir jetzt bitte nicht, ihr habt euch alle so bescheuerte Namen ausgesucht”, jammerte Hunar und sah seine Frau an. “Bucks?” Diese zuckte nur mit den Schultern, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. “Ich finde, Buckingham Facewrecker ist ein cooler Name. Wieso? Wie heißt denn dein Charakter?”
“Horatio Cromwell. So wie halt ein normaler Charakter heißen sollte!”
Ich schaute zu Gidget und Cecil rüber. “Wie habt ihr euren Paladin und Hexenmeister genannt?”
“Aladin Hammerhard”, gab xier ein wenig verlegen zurück. “Ich dachte, ich versuch's mal mit einem witzigen Namen.”
“Grimwald Killjoy”, gab Cecil trocken und mit todernster Miene zurück. Na der Name passte definitiv zu ihm… Ich atmete erleichtert aus. “Na wenigstens bin ich nicht der Einzige, der sich mit einem Namen wie Lute Skywaltzer zum Affen macht.”
Hunar gab ein wehklagendes Stöhnen von sich und vergrub das Gesicht in den Händen. Es musste sicher ein Schock für ihn sein, dass jetzt alle von uns vom Idioten-Virus befallen waren und er nun der einzig Normale in der Gruppe war. “Aladin der Paladin… Lute Skywaltzer. Ich fasse es nicht. Selbst ihr zwei…”
Ich konnte diesem Anblick einfach nicht widerstehen. Mit einem breiten Grinsen der Schadenfreude stand ich auf, ging zu ihm rüber und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. “Keine Sorge, Hunar. Wir akzeptieren dich trotzdem so wie du bist.”
Wir alle brachen in lautes Gelächter aus und hatten so viel Spaß, dass wir fast vergaßen, mit unserem Rollenspiel überhaupt anzufangen. Es war das erste Mal, dass wir uns alle so bescheuerte Namen und verrückte Charaktere ausgedacht hatten. Hunar bevorzugte eher ernste Rollenspiele mit einer Vielzahl Rätseln und dramatischen Momenten, die seinen Romanen verdächtig ähnlich waren. Als Luis sich aber als Dungeon Master angeboten hatte und meinte, er hätte auch Spaß an weniger ernsten Rollenspielen, war das quasi eine Einladung zum Blödsinn gewesen. Wir konnten uns austoben so viel wie wir wollten, ohne dass Hunar sich beschwerte, wir würden alle seine Pläne komplett über den Haufen werfen. Natürlich hatte ich immer noch vor, meinen Barden zu benutzen um den Kollateralschaden der Gruppe auf ein Minimum zu beschränken. Aber das bedeutete nicht, dass ich mir nicht auch hin und wieder ein paar Späße erlauben durfte. Und selbst wenn es ein absolut dämlicher Name wie Lute Skywaltzer für meinen Barden war.
Die erste Session war wenig ereignisreich, aber war uns von Anfang an klar gewesen. Erst einmal mussten unsere Charaktere alle zusammengebracht werden und einander kennen lernen. Darum verbrachten wir weniger mit Kämpfen, sondern eher mit einfachen Interaktionen, um einander besser kennen zu lernen und als Team zusammenzuarbeiten. Das gestaltete sich nicht sonderlich einfach. Aladin der Paladin war damit beauftragt worden, Stabban (seine Freunde nannten ihn “Stabby”) festzunehmen, weil dieser beschuldigt wurde, zusammen mit Flint und Buckingham die Juwelen des Stadthalters gestohlen zu haben. Dessen Verteidigung war: “ich bin da eher an ganz anderen Juwelen interessiert.”
Ich kam kurz darauf mit meinem besten Freund Horatio hinzu und konnte mit meiner Beredsamkeit die Fronten entschärfen, bevor es ein Blutbad gab. Trotzdem weigerte sich Aladin der Paladin, die Bande von verrückten Vagabunden einfach so gehen zu lassen, solange der Dieb noch nicht gefasst war. Der Verdacht fiel schließlich auf den ominösen Hexenmeister Grimwald Killjoy, der vielleicht die Juwelen für seine finsteren Rituale nutzte, um den Stadthalter zu verfluchen. Und da Hexenmeister wie Grimwald immer mit Vorsicht zu genießen waren und es unmöglich war, dass Aladin mit so einer dünnen Beweislage einen Durchsuchungsbefehl bekam, brachen wir heimlich in sein Haus ein und stellten alles auf den Kopf, um Hinweise auf den Verbleib der Juwelen zu finden. Stabby, der eigentlich Wache stehen sollte, begann aggressiv mit mir zu flirten und wurde dadurch so abgelenkt, dass er nicht merkte, wie Grimwald zurückkehrte. Nach einigem hin und her und einem kurzen Kampf konnte ich Grimwald davon überzeugen, sich uns anzuschließen. Immerhin würde es nicht lange dauern, bis auch die Behörden auf ihn aufmerksam wurden, weil Hexenmeister einen schlechten Ruf hatten. Es lief zwar alles ziemlich chaotisch ab, aber am Ende schafften wir alle es, das erste Etappenziel zu erreichen und wir hatten unseren Spaß dabei.
Nachdem wir knapp zweieinhalb Stunden gespielt hatten, legten wir eine Pause ein. Grund dafür war Bucks, die plötzlich von Übelkeit überwältigt wurde und auf die Toilette musste. Mir kam eine kleine Verschnaufpause auch gerade recht, damit ich ein wenig frische Luft schnappen konnte. Ich machte mich auf den Weg zur Terrasse und hoffte erst, dass Orlam mir ein wenig Gesellschaft leisten konnte. Doch da ergriff Gidget plötzlich meinen Arm und fragte mich mit ernster Miene, ob wir uns zu zweit ungestört unterhalten konnten. Das kam für mich überraschend und ich fragte mich, ob irgendetwas vorgefallen war. Ich konnte sogar Cecils eisigen Blick in meinem Nacken spüren und bekam das ungute Gefühl, dass ich etwas verbockt hatte, von dem ich nichts wusste. Ich ließ die anderen wissen, dass wir uns beide draußen im Garten kurz unterhalten wollten und warf einen kurzen Blick zu Orlam, der sich mit Genzou unterhielt und ihn zur Couch führte. Luis hatte sich derweil unter den Sitzpolstern versteckt und plante wohl, seinem Liebsten einen kleinen Streich zu spielen. Cecil verschwand derweil in die Küche und Hunar ging vermutlich nach Bucks schauen. Damit waren alle beschäftigt, sodass wir zwei unsere Ruhe hatten.
Da das Wetter ein wenig kühl war, zogen Gidget und ich unsere Jacken an und machten es uns auf den Gartenstühlen bequem. Ich sah, dass xiem irgendetwas auf der Seele lag und unruhig wirkte. Besorgt fragte ich nach: “Ist etwas nicht in Ordnung?”
Etwas unruhig kratzte sich Gidget am Unterarm, hatte aber den Blick gesenkt und wollte mir nicht in die Augen schauen. “Also… ich wollte mich…”
Doch weiter kam xier nicht, da uns Genzous lauter Schrei, gefolgt von einem “GOTTVERFLUCHTE SCHEISSE, ICH KRIEGE GLEICH EINEN HERZINFARKT!” plötzlich unterbrach. Wir beide schauten in Richtung Wohnzimmer und sahen Orlam, der Genzou aufgefangen hatte, als dieser beinahe über den Couchstisch gestolpert wäre. Luis kam unter den Sitzpolstern hervor und konnte sich vor Lachen kaum einkriegen. Auch Orlam hatte seinen Spaß dabei und selbst Genzou stimmte in das Gelächter ein, nachdem der erste Schreck verflogen war. Na da haben sich zwei fürs Leben gefunden, dachte ich mir mit einem amüsierten Schmunzeln, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Gidget zurücklenkte. “Was wolltest du sagen?”
Doch xier hatte völlig den Faden verloren und brauchte einen Moment, um sich wieder zu erinnern. “Ich wollte mich für das letzte Treffen entschuldigen. Es war nicht meine Absicht, mich über Orlam oder über eure Beziehung lustig zu machen. Das war halt ziemlich überraschend für mich, aber mein Kommentar war trotzdem unangebracht.”
Ach, darum ging es also. Naja… fairerweise musste ich sagen, dass die Bemerkungen von Bucks und Gidget jetzt nicht allzu schlimm waren und mein Beschützerinstinkt ein wenig übers Ziel hinausgeschossen war. “Alles gut, ich habe auch ziemlich überreagiert”, winkte ich ab. “Ich weiß ja, dass ihr es nicht böse gemeint habt.”
“Trotzdem war das mies von mir”, beharrte xier mit düsterer Miene. “Eigentlich sollte ich es ja am besten wissen, wie furchtbar es sich anfühlt, sich ständig solche Sprüche gefallen lassen zu müssen.”
“Hey, ich denke du bist da gerade etwas zu hart zu dir selbst”, versuchte ich xien zu beschwichtigen und gestikulierte dabei ein wenig ungeschickt mit den Händen. Mich beschlich das Gefühl, dass nicht der Kommentar bezüglich Orlam das eigentliche Problem war, sondern etwas anderes. Da lag eindeutig was im Argen bei Gidget, aber ich konnte mir nicht erklären, was es sein könnte. “Du hast selbst gesagt, dass jeder mal Scheiße baut. Erinnerst du dich noch an die Dinge, die ich dir damals an den Kopf geworfen habe, als ich diesen dämlichen Wettbewerb verloren habe? Das war weitaus schlimmer gewesen als das, was du über Orlam gesagt hast und du hast mir damals verziehen. Also warum machst du da so eine große Sache daraus?”
“Na weil…” Gidget rang mit den Worten, unsicher wie xier diese Gefühle und Gedanken in Worte fassen sollte, die xiem durch den Kopf gingen. Mit einem frustrierten Grummeln schlug Gidget die Hände über den Kopf zusammen, während xier versuchte, einen halbwegs vernünftigen Anfang zu finden. Unsicher saß ich da und wusste nicht so wirklich, was ich tun oder sagen sollte. Ich hätte xiem gerne auf die Sprünge geholfen, aber ohne irgendeinen Kontext war ich genauso ratlos. Was sollte ich in dieser Situation sagen? Sollte ich überhaupt etwas sagen? Unruhig biss ich mir auf die Innenseite der Wange und begann meine Hände zu kneten. Dann endlich schien Gidget wieder die richtigen Worte gefunden zu haben. “Bei mir ist so ein Durcheinander im Kopf. Es ist gerade alles zu viel und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.”
Ja, das hatte ich mir schon gedacht, das war auch nicht zu übersehen, wenn man Gidgets Körpersprache und xiese Anspannung sah. Aber leider war ich trotzdem noch kein bisschen schlauer. “Willst du… darüber reden?” fragte ich vorsichtig. “Ich weiß zwar nicht, ob ich irgendetwas Geistreiches beitragen kann, aber vielleicht hilft es wenigstens, mal darüber zu sprechen.”
Xier seufzte leise und fuhr sich wieder mit xieser Hand durch die goldblonden Locken. “Bei mir passiert gerade viel. Ich nehme Testosteronspritzen und habe auch vor, mich bald operieren zu lassen.”
“Darf ich fragen, was du dir genau vorgestellt hast?”
“Ich will mir die Brüste abnehmen lassen. Und ich denke auch über eine Hysterektomie und Phalloplastik nach.”
Ich hielt inne und musste die Stirn runzeln. Also mit Phalloplastik hatte ich ja zumindest eine gewisse Ahnung, was das bedeutete, aber mit dem anderen Begriff konnte ich gar nichts anfangen. “Eine Hyster-was?”
“Meine Gebärmutter wird entfernt”, erklärte Gidget. “Es wird zwar noch etwas dauern, aber ich spare da schon seit längerem darauf hin und die Brustentfernung wird der nächste Schritt sein. Aber wenn ich ehrlich sein soll, habe ich verdammt Schiss davor, das auch durchzuziehen. Du weißt schon… Komplikationen, die Schmerzen danach, die Narben und dann noch viele andere Dinge…”
Diese Offenbarung kam für mich nicht allzu überraschend. Gidget hatte schon damals gesagt, wie sehr xier xiese Brüste hasste und sie am liebsten einfach abreißen würde. Als xier in die Pubertät kam, hatte xier sich einen Binder gekauft und gegenüber xieser Mutter behauptet, es wäre ein Sport-BH. Dass Gidget die Hormontherapie machte, war auch eine Erklärung dafür, warum xiese Stimme ein wenig tiefer war als sonst. Aber ich verstand immer noch nicht, wo denn das Problem lag. Es klang doch genau nach dem, was Gidget schon immer gewollt hatte. “Das klingt doch gut”, meinte ich zögerlich. “Ich verstehe nicht so ganz, wo da jetzt das Problem liegt.”
“Das ist es ja: ich verstehe es auch nicht”, rief Gidget fast schon verzweifelt. “Ich wollte das alles schon, seit ich mich zurückerinnern kann. Und trotzdem ist da diese Stimme in meinem Kopf, die mir einredet, dass ich das nicht tun sollte, weil die Möglichkeit besteht, dass ich es doch bereuen könnte… oder dass etwas schief geht und ich den Rest meines Lebens unter den Folgen von Komplikationen leiden werde.”
Ah, jetzt verstand ich was los war. Gidget war unsicher was die Geschlechtsangleichung betraf, weil die Risiken nicht zu unterschätzen waren und vielleicht auch, weil xier Angst hatte, dass sich dann immer noch kein besseres Körpergefühl einstellte. Klar, den Kleidungsstil und die Frisur zu ändern und geschlechtsneutrale Pronomen zu benutzen war eine Sache. Das war schnell erledigt und konnte jederzeit rückgängig gemacht werden. Auch Hormontherapie war nichts permanentes, wenn ich mich richtig erinnerte. Wenn man aufhörte, die Hormone zu nehmen, würde der Körper das im Laufe der Zeit wieder ausbalancieren. Aber ein chirurgischer Eingriff war etwas ganz anderes. Das war etwas endgültiges. Und es war vor allem ein sehr schwieriges Thema, weil ich selber nicht in dieser Situation steckte. Ich musste mich mit diesen Gedanken noch nie auseinandersetzen und wusste deshalb auch nicht, was jetzt das Richtige war. Ich hatte auch gar kein Recht, Gidget zu ermutigen oder abzuhalten. Es war xies Körper und xiese alleinige Entscheidung. Aber gleichzeitig erhoffte xier sich einen Ratschlag von mir und ich wusste nicht, ob ich da überhaupt etwas Kluges dazu sagen konnte. Da ich mir nicht anders zu helfen wusste, kam mir die Idee, Gidget den gleichen Ratschlag zu erteilen, den ich schon Bucks damals gegeben hatte: “Du musst dich ja nicht unter Druck setzen. Wenn du so mit dir am hadern bist und das Gefühl hast, du bist noch nicht soweit, dann lass dir Zeit, um mit dir selbst ins Reine zu kommen. Es ist ja nicht so, als würdest du ein Zeitlimit gesetzt bekommen, um dich operieren zu lassen.”
“Das weiß ich. Aber ich habe Angst davor, was aus mir wird, wenn ich es am Ende doch nicht tue…” Gidget vergrub das Gesicht in den Händen und seufzte. Xier war selber völlig überfordert mit sich selbst. Ich kannte dieses Problem von mir selbst nur zu gut fühlte mit xiem mit. Es lähmte einen geradezu, wenn man Angst davor hatte, den nächsten Schritt zu gehen und gleichzeitig Angst davor zu haben, nichts zu tun und es zu bereuen. “Was genau wird denn aus dir, wenn du dich nicht operieren lässt?”
“Na, ich werde genauso enden wie meine Mutter”, antwortete Gidget verzweifelt. “Eine völlig verbitterte Person, die ständig andere kritisieren und runtermachen muss, weil ich mit mir selber unzufrieden bin. Vor allem habe ich Angst davor, dass ich dann hinterher unverzeihliche Dinge tue und meine Wünsche über die Gefühle anderer stelle, weil ich denke, dass ich irgendein Recht dazu hätte.”
“Was für unverzeihliche Dinge?”
Doch Gidget sah mich nur mit einem reuevollen und gequälten Blick an und presste die Lippen zusammen. Es kam keine Antwort und der Körpersprache nach zu urteilen wollte Gidget es nicht sagen. Was auch immer es war, xier wagte es nicht, was laut auszusprechen. Also beließ ich es dabei, um xien nicht unter Druck zu setzen. Wenn Gidget nicht darüber sprechen wollte, würde ich xien auch nicht dazu zwingen. Das waren ziemlich spezifische Ängste, musste ich zugeben. Ehrlich gesagt konnte ich diese ganze Hirngymnastik nicht so ganz nachvollziehen, weil Gidget halt nicht wie xiese Mutter war. Aber solche Ängste und Gedanken mussten ja auch nicht immer rationalen Sinn ergeben. Ich war da auch kein Stück besser, was das betraf.
Ich lehnte mich zurück und steckte meine Hände in die Jackentaschen, während ich überlegte, was ich sagen sollte. Einerseits wollte ich Gidget gerne helfen, aber andererseits machte ich mir auch Sorgen, dass ich etwas falsches sagen könnte. Xier hatte sich lange genug von xieser kontrollsüchtigen Mutter herumkommandieren und kritisieren lassen müssen, weil in den Augen dieser verbitterten Frau niemand gut genug war. Dabei hatte sie selbst im Leben nie etwas erreicht. Zumindest war es das, was ich von Gidget gehört hatte. Das Leichteste wäre vielleicht gewesen, gar nichts zu sagen. Aber ich kannte diese ganzen Unsicherheiten und Ängste selbst zur Genüge und wollte xien damit nicht allein lassen. Immerhin waren wir Freunde.
“Ich bin vielleicht der letzte Mensch, der dir da reinreden sollte”, sagte ich schließlich. “Aber wenn ich mich unters Messer legen würde, hätte ich auch Angst. Denk doch mal nach: es wird dein ganzes Leben verändern und du gehst ein gewisses Risiko ein, damit du endlich so leben kannst wie du es immer wolltest. Ich wette, es geht vielen Transmenschen und nichtbinären Leuten so. Und es gibt auch genug Frauen, die sich aus gesundheitlichen Gründen die Brüste abnehmen oder die Gebärmutter entfernen lassen. Für die ist das garantiert auch nicht leicht.”
“Ich weiß, ich habe mir in allen möglichen Foren Erfahrungsberichte durchgelesen und mit einigen Transmännern gesprochen. Trotzdem geht diese Unsicherheit einfach nicht weg. Immer wieder wenn ich mich wahnsinnig darauf freue, dass ich bald endlich eine flache Brust habe und nie wieder meine Periode haben werde, ist da diese Stimme in meinem Unterbewusstsein. Und die sagt mir immer wieder, dass ich mich unglücklich machen werde, weil ich dann keine Kinder mehr bekommen kann.”
“Willst du denn Kinder?”
Unsicher zuckte Gidget mit den Schultern. “Aktuell noch nicht. Aber was, wenn sich das in ein paar Jahren ändert?”
“Na dann adoptiere halt ein Kind, wenn es soweit ist”, erwiderte ich schlicht und einfach. “Weißt du, als Orlam und ich noch am Anfang unserer Beziehung waren, habe ich mir auch über alle möglichen Szenarien Sorgen gemacht, die noch gar nicht passiert sind. Und ich habe auf die harte Tour gelernt, dass es nichts bringt, sich von seinen Ängsten verrückt machen zu lassen. Erstens erreichst du nichts und zweitens machst du dich nur selbst unglücklich.”
Gidget senkte wieder den Blick und seufzte leise. Meine Worte hatten xien nachdenklich gemacht und ich hoffte insgeheim, dass ich keinen Mist erzählt hatte. Ich erinnerte mich nur zu gut, wie sehr ich Gidget damals verletzt hatte, als ich xiem gesagt hatte, dass Programmieren nur was für Jungs sei und xier sich mehr wie ein Mädchen kleiden und verhalten sollte. Meine Unsicherheiten hatten meine Vernunft übermannt und ich hatte furchtbare Dinge im Affekt gesagt, die ich gar nicht so gemeint hatte. Zwar hatte ich mich kurz danach aufrichtig bei xiem entschuldigt und Gidget war auch nicht weiter nachtragend gewesen. Aber ich wollte diesen Fehler nicht wiederholen. Vor allem nicht, weil Gidget aufgrund xieser Kindheit eh dazu neigte, sich zu sehr von anderen beeinflussen zu lassen.
Nachdem ich eine Weile überlegt hatte, was ich am besten zu der ganzen Sache sagen sollte, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten, räusperte ich mich bedächtig. “Wie gesagt: es ist normal, vor einem operativen Eingriff und vor so tiefgreifenden Veränderungen Angst zu haben. Aber das zeigt auch, dass du dich ernsthaft damit auseinandergesetzt hast und nicht so blauäugig an die Sache herangehst. Am Ende ist es dein Körper und deine Entscheidung. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf: mach es nicht aus Angst davor, was du werden könntest, wenn du es nicht tust. Mach es allein deshalb, weil es dich glücklich machen wird.”
Ein schwaches Lächeln huschte über Gidgets Lippen und xier sah ein wenig erleichtert aus. “Danke, Iggy. Es hat echt geholfen, mit dir darüber zu sprechen. Weißt du, Cecil unterstützt mich zwar bei allem und deckt sogar alle Spiegel in unserer Wohnung ab, wenn meine Dysphorie schlimmer ist als sonst. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass du mich besser verstehst, weil wir beide dazu neigen, uns viel zu viele Sorgen über die Meinung anderer machen.”
Ich stand auf, ging zu Gidget rüber und legte xiem aufmunternd eine Hand auf die Schulter. “Du machst schon alles richtig. Geh es einfach weiter Schritt für Schritt an und lass dir von niemandem was einreden. Egal für was du dich entscheidest, ich werde dich unterstützen.”
Damit stand xier auf und wir teilten eine herzliche und freundschaftliche Umarmung. Genau in dem Moment kam Orlam zu uns und fragte, ob wir noch etwas mehr Zeit für uns bräuchten. Aber wir hatten alles gesagt was wir sagen wollten und ich hatte zumindest den Eindruck, dass es Gidget ein wenig besser ging. Und hoffentlich hatte ich nicht wieder irgendeinen unüberlegten Mist gesagt. Als Gidget in die Küche ging, um Cecil zu helfen, legte Orlam einen Arm um meine Taille und schaute mich prüfend an. “War irgendetwas Ernstes? Gidget sah aus, als wäre jemand gestorben.”
Ich schüttelte den Kopf und legte ebenfalls einen Arm um ihn. “Nicht so wirklich. Xier macht halt viele Veränderungen durch und brauchte bloß jemanden zum reden.”
“Na dann bin ich ja beruhigt, wenn es nichts Dramatisches ist.”
Wir setzten uns alle wieder an den Tisch und Cecil und Gidget brachten Getränke und Snacks. Bucks ging es inzwischen auch wieder besser und ließ uns wissen, dass es bloß Schwangerschaftsübelkeit war und das ab und zu mal passierte. Aber es war bei weitem nicht mehr so schlimm wie in den ersten fünf Wochen. Sie nahm das alles mit Humor und erzählte uns, dass sie einmal im Auto auf den Weg zum Supermarkt einen Heulkrampf bekommen hatte, weil sie im Radio den Song “Sweet but Psycho” gehört hatte. Dann hatte sie immer noch heulend Hunar angerufen, der natürlich sofort gedacht hatte, dass irgendetwas Schlimmes passiert war. Diese kleine Anekdote brachte uns wieder in die richtige Stimmung, um uns wieder auf unser Rollenspiel zu konzentrieren. Auch Gidgets Stimmung hellte schnell wieder auf und wir verbrachten den ganzen Tag bei Bucks und Hunar. So viel Spaß hatten wir alle schon lange nicht mehr gehabt.
Nach unserer wilden D&D Session am Sonntag war ich mental ziemlich erschöpft, aber trotzdem bei bester Laune. Da wir am Montag keine Arbeit hatten, übernachtete ich bei Orlam und selbst nachdem wir beide im Bett lagen, waren wir noch voll im Rollenspiel drin. Wir ließen das Geschehene Revue passieren und tauschten Ideen aus, was wir in den nächsten Sessions machen sollten. Orlam kam sogar mit der Idee an, dass unsere Charaktere Lute and Stabby eine Romanze entwickeln könnten. Ein sexy Dieb, der Gold und Herzen stahl und ein feinfühliger Barde mit Sinn für Romantik? Das klang doch nach perfektem Stoff für einen romantischen Plot. Ich fand die Idee klasse und war natürlich dabei. Selbst gegen eine allosexuelle Beziehung hatte ich nichts einzuwenden, solange die Schäferstündchen natürlich nur angedeutet blieben. Mit Sicherheit hatte der Rest der Gruppe auch nicht sonderlich viel Lust dazu, sich Orlams lebhafte Sexfantasien anzuhören. Außerdem würde ich mich dabei auch nicht allzu wohl fühlen, selbst wenn es nur fiktive Charaktere waren. Mit diesem Kompromiss war Orlam glücklicherweise einverstanden, bestand aber zumindest darauf, dass er mit mir flirten durfte. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Ich konnte es mir sogar vorstellen, dass mein Barde ab und zu die Initiative ergriff. Immerhin hatte ich in seiner Hintergrundgeschichte angemerkt, dass er eine große Leidenschaft für ritterliche Liebesgeschichten hegte. Und ich stellte es mir als einen ziemlich unterhaltsamen Plot vor, dass unsere Charaktere eine derart unterschiedliche Art zu flirten hatten, dass wir die Signale des anderen nicht wirklich verstanden. Lute dachte, dass Stabby nur auf eine schnelle Nummer aus war. Und Stabby verstand Lutes Wortschwall nicht und dachte, dass dieser über jemand anderen redete. Der perfekte Nährboden für lustige Missverständnisse und Drama.
Da wir beide zu aufgedreht waren, dauerte es bis spät in die Nacht, bis wir endlich schlafen konnten. Dementsprechend wachte ich erst am späten Morgen auf. Da Orlam noch keine Anstalten machte, aufzuwachen, nutzte ich die Gelegenheit und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen und das Frühstück vorzubereiten.
Es dauerte nicht lange, bis Langschläfer Nummer zwei in die Küche kam, sich müde die Augen rieb und ein verschlafenes “Morgen…” murmelte, bevor er sich an den Tisch setzte.
“Na da scheint jemand eine ordentliche Dosis Koffein zu brauchen”, bemerkte ich amüsiert und stellte eine Tasse Kaffee an seinen Platz. Dabei beugte ich mich zu ihm herunter und gab ihm einen Kuss. “Guten Morgen.”
Zum Frühstück gab es Joghurt mit Müsli und frischem Obst. Der perfekte Weg, um in den Tag zu starten. Unser Frühstück war relativ still, da wir beide noch nicht in der Stimmung für eine Unterhaltung waren. Nach dem Frühstück ging ich als erstes Bad und gönnte mir eine ausgiebige heiße Dusche, die genau das war, was ich brauchte, um die letzten Spuren von Müdigkeit zu vertreiben. Ich hatte richtig gute Laune und summte leise eine kleine Melodie vor mich hin, die aber größtenteils vom Prasseln des Wassers übertönt wurde.
Schließlich stieg ich aus der Dusche aus, trocknete mich ab und schlüpfte in meine Klamotten. Es mochte vielleicht nur meine Einbildung sein, aber meine Haut hatte ein kleines bisschen Farbe bekommen. Meine Augenringe waren schon seit einigen Wochen verblasst und mir war auch, als hätte ich etwas an Gewicht zugenommen. Ich war nicht mehr ganz so dürr und sah allgemein irgendwie gesünder aus als sonst. Das lag aber vermutlich daran, dass ich dank Orlam inzwischen gelernt hatte, wie man vernünftig kocht und deshalb nicht mehr hauptsächlich bloß von Fertiggerichten und Müsliriegeln lebte. Anscheinend stimmte die Behauptung, dass man Gewicht zulegte, wenn man in einer Beziehung war. Bei Orlam hatte ich so eine Veränderung zwar noch nicht bemerkt, aber wahrscheinlich hatte er einfach einen ziemlich guten Stoffwechsel. Mich störte es auch nicht, dass ich nicht mehr bloß Haut und Knochen war und ständig wie eine magersüchtige Leiche aussah. Auch sonst fühlte ich mich besser als sonst, so als hätte ich mehr Energie als früher. Mensch, hätte ich schon damals gewusst, wie viel Unterschied ein gesunder Lebensstil ausmachte, hätte ich damals einen Kochkurs belegt. Oder ich hätte zumindest meine Mutter gefragt, ob sie mir das Kochen beibringt. Aber irgendwie bezweifelte ich, dass ich mir wirklich die Mühe gemacht hätte. Denn wenn ich es so recht bedachte, hatte ich meine Motivation erst entdeckt, als Orlam und ich zusammengekommen waren. Es war jetzt einfach anders, vor allem wenn man jemanden hatte, mit dem man zusammen kochen und eine warme Mahlzeit essen konnte.
Nachdem ich meine Haare geföhnt hatte, ging ich in die Küche. Orlam saß noch am Tisch mit einer weiteren Tasse Kaffee und überflog die News auf seinem Handy. Gerade als ich ihm Bescheid geben wollte, dass er jetzt ins Bad gehen konnte, unterbrach mich das plötzliche Klingeln und Vibrieren seines Handys. Orlam schaute auf die Nummer, die auf dem Display angezeigt wurde und runzelte sichtlich irritiert die Stirn. “Was zum Henker…?” murmelte er kopfschüttelnd und warf mir einen verwunderten Blick zu, sagte mir aber nicht, wer denn da anrief. Stattdessen nahm er nach kurzem Zögern den Anruf an und antwortete fast schon fragend: “Brewbacher hier.”
Eine kurze Pause folgte und der Ausdruck von Verwirrung blieb in seiner Miene. “Ja, hier spricht Orlam Brewbacher, das ist richtig. Und wieso rufen Sie mich an? Ja, unglücklicherweise schon, wieso ist das…?”
Weiter sprach er nicht. Der Ausdruck von Verwirrung wich langsam und seine Augen weiteten sich. Ich sah, wie ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht wich und deine Hände zu zittern begannen. Orlam starrte ins Leere, als hätte er gerade einen traumatischen Flashback. Ich ahnte, dass irgendetwas Schlimmes passiert sein musste. Besorgt ging ich zu ihm hin und legte eine Hand auf seine Schulter. Mit schwacher und geistesabwesender Stimme murmelte Orlam tonlos: “Ja, habe verstanden. Danke…”
Damit legte er auf, starrte aber weiterhin ins Leere und reagierte nicht mal auf mich. Nun begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Was auch immer es war, es hatte ihn zutiefst erschüttert. Vorsichtig fragte ich ihn: “Was ist los? Ist irgendetwas passiert?”
Erst reagierte er nicht auf meine Frage. Dann aber hob er langsam den Kopf und schaute mich an, als wollte er entweder schreien oder in Tränen ausbrechen. “Das war das Krankenhaus…”, sprach er mit immer noch geistesabwesender Stimme. “Mein Vater ist eingeliefert worden.”
“Was?” rief ich fassungslos. “Haben die auch gesagt, weshalb?”
“Nein… ich weiß nicht mal, woher er überhaupt meine Nummer hat…”, murmelte er. Orlam stand immer noch sichtlich unter Schock und ich wollte mir nicht ausmalen, was ihm da gerade für Gedanken und Gefühle durch den Kopf gingen. Immerhin hatte er als Kind genug durchgemacht und so etwas vergaß man nicht so schnell. Und so ein Anruf aus dem Krankenhaus konnte alles Mögliche bedeuten. Für mich stand auf jeden Fall fest, dass ich Orlam in dieser Situation nicht alleine ließ. Ich setzte mich zu ihm und nahm seine Hand. “Atme erst einmal tief durch. Ich geh mit dir ins Krankenhaus und wir klären das zusammen, okay?”
Es kam nur ein “mhm” von Orlam. Seine Miene war so düster, dass man meinen könnte, er hätte ein schreckliches Verbrechen begangen. Ich fühlte mich auch nicht sonderlich wohl bei der ganzen Sache. An seinen Vater konnte ich mich nicht sonderlich gut erinnern. Ich wusste nur, dass meine Mutter ihn überhaupt nicht leiden konnte und sie ihn hinter seinem Rücken als Esel bezeichnet hatte. Keiner hatte George Brewbacher wirklich leiden können. Wenn man ihn für irgendetwas kannte, dann für seine Streitsüchtigkeit. Mein Vater hatte mir immer wieder als Kind angeraten, mich von ihm fernzuhalten und wenn ich ihm begegnete, sollte ich nicht mehr als nötig sagen. Für mich war er immer wie eine Art Schreckgespenst gewesen, nur dass er im Gegensatz zu tatsächlichen Schreckgespenstern aus all den Geschichten real war.
Orlams Stimmung besserte sich kein Stück, eher im Gegenteil. Er war still und ernst. Als ich ihm aber versicherte, dass ich ihn nicht alleine lassen würde, zeichnete sich kurz ein erleichtertes und dankbares Lächeln auf seinen Mundwinkeln ab. Als wir zusammen ins Auto stiegen und beim Start des Motors kurz darauf Metallica's Song “The Unforgiven” zu spielen begann, atmete Orlam geräuschvoll aus und wirkte wie ein Verurteilter auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Schließlich versuchte er, die angespannte Stimmung zu lockern, indem er meinte: "Vielleicht habe ich ja Glück und der alte Mann hat endlich den Löffel abgegeben und ich muss bloß die Leiche identifizieren. Dann hat er endlich mal was Gutes für die Gesellschaft getan.”
Ich wusste nicht so ganz, was ich dazu sagen sollte und beschloss, dies erst mal unkommentiert zu lassen. Stattdessen stellte ich die berechtigte Frage: “Warum wurdest ausgerechnet du angerufen? Du hattest doch all die Jahre keinen Kontakt zu deinem Vater. Gibt es keine anderen Verwandten oder Freunde?”
Orlam lachte trocken und fuhr los. “Der und Freunde? Glaub ich nicht. Und so wie es aussieht, bin ich der einzige Verwandte, der ihm noch geblieben ist. Die Familie meiner Mutter hasst ihn und meine Onkel sind alle im Gefängnis. Zwei wegen schwerer Körperverletzung und einer, weil er ein absolutes Monster gegenüber Frauen war. Und meine Tante ist bereits vor meiner Geburt spurlos verschwunden. Dementsprechend bin nur noch ich übrig geblieben. Tja… der Name Brewbacher steht nicht gerade für eine Vorzeigefamilie.”
Das war ehrlich gesagt neu für mich. Ich wusste gar nicht, dass Orlam Onkel und Tanten hatte. Aber wenn sie wirklich ein solches Vorstrafenregister hatten, war es kein Wunder, dass er nicht gerne darüber redete. Irgendwie schien sich ein gewisses Muster abzuzeichnen. Zumindest, was die Familie seines Vaters betraf. “Was ist mit deinen Großeltern?”
“Keine Ahnung, was die Familie meiner Mutter betrifft. Die wollten nie Kontakt zu uns”, antwortete er gleichgültig. “Und die Eltern meines alten Herrn sind längst tot und so wirklich kennen gelernt habe ich sie auch nie. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich noch klein, als sie gestorben sind. Angeblich war mein Großvater Kriegsveteran und meine Großmutter starb bei einem Unfall. Der alte Sack hat es geliebt, mir immer davon zu erzählen, dass sein Dad gegen die Nazis gekämpft hat und er selber in Vietnam war. Dabei hat der Kerl nicht mal wirklich an der Front gekämpft. Er wurde ziemlich schnell rausgeschmissen, weil er ausgerastet ist und den Drill Instructor verprügelt hat.”
“Klingt ja sehr reizend”, kommentierte ich ironisch. Die ganze Familie klang nach einer wandelnden Katastrophe und es erstaunte mich, dass Orlam es trotz allem geschafft hatte, sein Leben so im Griff zu haben. Er selbst konnte meiner Bemerkung nur zustimmen. “Ich warne dich schon mal vor: mein alter Herr ist ein ziemlich konservativer paranoider Mistkerl, der so ziemlich alles hasst, was nicht zur heterosexuellen weißen Arbeiterklasse gehört. Ich bin seine homophoben Sprüche schon gewohnt, aber wenn du dir das nicht antun willst, solltest du unsere Beziehung besser geheim halten. Dann brauchst du dir seine abartigen Hasstiraden nicht geben.”
Hieraufhin wandte ich den Blick zu Orlam und fragte zögerlich: “Willst du unsere Beziehung geheim halten?”
“Glaub mir, es ist besser so”, versicherte er mir mit ernster Miene. “Ich weiß nicht, was er dir antun wird, wenn er herausfindet, dass du mit mir zusammen bist. Du kannst ihm so oft erklären, wie du willst, dass du asexuell bist. Sobald du als Mann mit einem Mann zusammen bist, bist du in seinen Augen schwul. Und für ihn ist so etwas schlimmer als ein Mörder. Oder er wird denken, dass Asexualität bloß eine Umschreibung für Impotenz ist. Du tust dir echt keinen Gefallen damit, dich vor ihm zu outen.”
Ehrlich gesagt war mir nicht ganz wohl dabei, unsere Beziehung zu verleugnen. Aber ich konnte Orlams Gründe durchaus verstehen. Wenn sein Vater ein derart unberechenbarer Mann war, der nicht mal vor häuslicher Gewalt zurückschreckte, dann war es wahrscheinlich das Beste, keine schlafenden Hunde zu wecken. Was brachte es denn, ein unnötiges Risiko einzugehen? Es war ja nicht bloß so, dass nur ich allein mich damit in Gefahr brachte. Das Gleiche galt auch für Orlam. “Weiß dein Vater, dass du bi bist?”
“Ja, er hat es herausgefunden, als er mich dabei erwischt hat, wie ich mir als Teenager zu einem Bild von Kurt Cobain einen runtergeholt habe”, gestand Orlam. “Er hat nicht gerade positiv darauf reagiert. Als ich später was mit einem Mädchen aus der Parallelklasse am Laufen hatte, dachte er, dass ich von meiner Perversion geheilt sei. Keine Ahnung, ob er immer noch denkt ich sei schwul. Wir werden es wahrscheinlich gleich herausfinden.”
Ich atmete geräuschvoll aus. Inzwischen war der Song vorbei und “Chinese Democracy” von Guns N’ Roses begann zu spielen.
Ich stellte mir vor, wie erdrückend so ein Umfeld für ihn gewesen sein musste. Für mich waren schon harmlose Fragen wie “Hast du schon eine Freundin?” oder “Warum bist du immer noch Single?” belastend genug gewesen, weil ich mir meiner Asexualität erst auf dem College bewusst geworden war. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Orlam auch ziemlich viel Diskriminierung erleben musste. Für die Leute war er entweder schwul oder hetero, oder einfach nur verzweifelt. Und dann noch diese völlig verdrehte Annahme, dass man kein richtiger Mann war, wenn man nicht nur auf Frauen stand. Was war das denn für eine Logik? Ich verstand den Zusammenhang einfach nicht. Für mich war Orlam immer wie all die anderen Jungs an meiner Schule gewesen. Vielleicht nicht so ein Draufgänger oder Rowdy, der sich gerne mit anderen raufte. Er war wie ich ein Schwächling gewesen, aber machte uns das deswegen anders? Nachdem Genzou sich bei mir im Januar geoutet hatte, war mir auch kein einziges Mal der Gedanke gekommen, er wäre kein richtiger Mann mehr. Viel eher stellte sich mir die Frage: Was machte überhaupt einen “richtigen Mann” aus? Ich hatte mich damit nie so ganz auseinander gesetzt. Für mich war es wichtig gewesen, dass ich selbstständig leben konnte und für andere da war, wenn sie mich brauchten. Und vor allem, dass ich andere mit Respekt behandelte und niemandem zur Last fiel. Was für Ansichten wohl Orlams Vater hatte? So wie ich das mitbekommen hatte, schien das eine ziemlich große Rolle für ihn zu spielen. Und mich beschlich das leise Gefühl, dass diese Ansichten nicht sonderlich viel Sinn ergeben würden. Aber egal was wir gleich zu hören bekamen, ich würde Orlam keine Sekunde mit seinem Vater alleine lassen. Selbst wenn Mr. Brewbacher nicht mal ansprechbar war oder im Rollstuhl saß, bedeutete es nicht, dass er harmlos war. Seine Anwesenheit alleine konnte ausreichen, um Orlams Trauma ans Tageslicht zu holen und ihn erneut tief zu verletzen. Ich war der Einzige, der ihm Halt geben konnte. Und für mich stand fest, dass ich bereit war, für Orlam einen Schlag ins Gesicht in Kauf zu nehmen. Ich wollte zwar keinen Streit provozieren, aber ich würde garantiert nicht einfach nur herumstehen und zulassen, dass Orlam erneut der Tyrannei seines Vaters hilflos ausgeliefert war.
Wir erreichten schließlich das Krankenhaus und Orlam stellte den Chevy auf dem Besucherparkplatz ab. Doch als wir vor der Tür standen, blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen und ich sah mit Entsetzen, wie bleich er im Gesicht war. Ich nahm seine Hand und spürte, wie verschwitzt sie war. Auch wenn er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und die Fassung zu wahren, merkte ich ihm trotzdem an, dass er entsetzliche Angst hatte. Ich hörte, wie er angestrengt tief durchatmete um ruhig zu bleiben. Er hatte die Zähne angestrengt zusammengepresst und ich konnte in seinen Augen etwas aufleuchten sehen. Aber es war nicht bloß Angst. Nein… es war Wut. Ich drückte seine Hand fester. “Es wird alles gut, okay? Du bist nicht alleine, Orlam. Wir gehen nur kurz rein, hören uns an was der Arzt zu sagen hat und wenn es dir zu viel wird, gehen wir sofort wieder.”
Wieder atmete er tief durch und nickte. “Es geht schon…”, versicherte er mir. Damit gingen wir durch die Tür und betraten das Krankenhaus.
Als wir zusammen das Krankenhaus betraten, überwältigte mich die unangenehme und fremde Atmosphäre eines typischen Krankenhauses. Alles war hell und steril, es roch nach Desinfektionsmitteln und anderen Chemikalien. Krankenhäuser lösten in mir immer ein unbehagliches Gefühl aus, weil sich die ganze Umgebung so fremd und unnatürlich anfühlte. Es kostete mich ein gewisses Maß an Überwindung, hineinzugehen und Orlam ging es mit Sicherheit genauso, wenn auch aus anderen Gründen. Wir gingen zum Empfang und erklärten unser Anliegen. Die Dame schickte uns zur Notaufnahme und dort angekommen, gingen wir zu einer der Pflegekräfte, eine etwas zierliche und kurz geratene Frau von ca. 35 Jahren mit sanftmütigen schwarzen Augen, einer Brille mit großen runden Gläsern und weißem Hijab. Sie trug eine hellblaue Pflegeuniform und einen weißen Pullover darunter, um ihre Arme zu bedecken. Auf ihrem Namensschild stand “Liyana Nahdi - Head Nurse”. Sie grüßte uns beide mit einem herzlichen Lächeln und führte uns zu dem Bett, in welchem Orlams Vater lag. George Brewbacher war ein großer Mann und hatte dunkelgraues kurzes Haar mit Geheimratsecken. Seine Augenbrauen waren genauso buschig und grau wie sein Bart und unterstrichen sein hartgesottenes und unfreundliches Aussehen. Sein Körper war außerordentlich fit gebaut. Die breiten Schultern und muskulösen Arme sahen aus, als wären sie Schwerstarbeit gewohnt und seine Hände waren groß, rau und von kleinen Narben gezeichnet. Das Gesicht war finster und sah nicht so aus, als hätte es ein einziges Mal im Leben ein wirklich glückliches Lächeln zustande gebracht. Die dunklen Augen wirkten feindselig und misstrauisch, geradezu lauernd. Die Nase war krumm, als wäre sie mindestens ein oder zwei Mal in der Vergangenheit gebrochen worden. Im Großen und Ganzen wirkte George Brewbacher genauso unangenehm und furchteinflößend, wie ich ihn seit damals in Erinnerung hatte. Das Schreckgespenst von Lanbrooke war ergraut und hatte zwar Falten, wirkte aber immer noch so, als könnte er mit einem gezielten Schlag jemandem die Lichter ausknipsen.
“Na, sieh mal an”, sprach er mit rauer und vorwurfsvoller Stimme. “Da hat sich mein undankbarer Sohn tatsächlich hierher bemüht. Hatte schon gedacht, du wärst dir dafür zu fein geworden. Als wäre der Tag nicht schon beschissen genug, wenn man hier nicht mal einen richtigen Arzt oder Pfleger bekommt.”
“Versuchst du gerade rassistisch oder sexistisch zu sein?” fragte Orlam ihn gereizt und verschränkte die Arme vor der Brust. “Sag schon was passiert ist.”
George Brewbacher grummelte in den Bart hinein und warf seinem Sohn einen finsteren Blick zu. “Wenn du damals nicht einfach so sang- und klanglos abgehauen wärst, wüsstest du es. Seit einiger Zeit macht die Lunge Probleme. Nur so ein dämlicher Husten, aber die Leute müssen ja so einen Aufstand deswegen machen.”
“Keiner wird einfach mit einem Husten eingeliefert”, gab ich vorsichtig zu bedenken und wandte mich an die Krankenschwester. “Könnten Sie uns Genaueres sagen?”
Liyana nahm sich ein Klemmbrett und überflog die Informationen, die darauf standen. “Mr. Brewbacher ist an seinem Arbeitsort zusammengebrochen und wurde mit schwerer Atemnot hierher gebracht. Die ersten Tests ergaben, dass die Lungenfunktion eingeschränkt ist und er einen Husten mit Auswurf hat, außerdem haben wir Pfeifgeräusche beim Atmen festgestellt. Wir müssen gleich noch ein CT machen, aber alles deutet auf eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung hin.”
“Natürlich gibt es für jeden Schwachsinn einen geschwollenen Fachausdruck”, gab Mr. Brewbacher abschätzig zurück, doch wir ignorierten ihn. “Und was genau bedeutet das?” fragte ich zögerlich. Liyana schaute mich mit ihren dunklen Augen an und wurde ernst. “Die Atemwege sind schon seit einem längeren Zeitraum entzündet und verengt. Das führt langfristig zu einer Zerstörung des Lungengewebes. Diese Krankheit ist leider irreversibel und das Einzige, was wir tun können, ist, mit medikamentöser Behandlung eine Verschlechterung des Zustandes aufzuhalten. Wir müssen noch feststellen, wie weit die Krankheit bereits fortgeschritten ist und ob noch weitere Schäden vorliegen.”
Orlam hob die Augenbrauen und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, unschlüssig, was er darüber denken sollte. Die Krankenschwester fragte schließlich: “Ist Ihr Vater Raucher? Ich hatte ihn bereits gefragt, aber er war leider nicht sehr kooperativ.”
“Ich habe ja auch gesagt, ich will mit einem richtigen Pfleger sprechen”, schimpfte der Patient, brach aber kurz darauf in ein heftiges Husten aus. Liyana reichte es allmählich und sie ließ das Klemmbrett sinken. Mit strengem Ton, als würde eine Mutter ihr rebellisches Kind zurechtweisen, gab sie zurück: “Ich bin hier die leitende Krankenschwester, Mr. Brewbacher. Wenn Sie unbedingt einen Arzt sehen wollen, kann ich gerne nach Dr. Jaishankar fragen, aber da müssten Sie knapp drei bis vier Stunden warten. Und wenn Ihnen ein weißer Arzt lieber ist, dauert es bis übernächste Woche, bis Dr. Moore wieder im Dienst ist. Entscheiden Sie sich, ob Sie so lange auf eine Diagnose warten wollen.”
Wieder riss er den Mund auf, um eine neue Hasstirade von sich zu geben, doch stattdessen brachte er nur ein weiteres Husten zustande. Orlam seufzte und schüttelte den Kopf. “Tut mir leid, dass er Ihnen so einen Ärger macht. Und zu Ihrer Frage: Nein, er war noch nie ein sonderlich starker Raucher. Aber er hat jahrzehntelang in der Stahlfabrik gearbeitet. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht daher kommt.”
“Ja, das ist der Lohn dafür, dass man sich für Frau und Kind all die Jahre abrackert und nicht mal einen Dank dafür bekommt”, schimpfte der alte Mann keuchend, nachdem er seinen Husten überwunden hatte. “Aber davon verstehst du eh nichts, nicht wahr? Ehrliche und richtige Arbeit hat dir ja noch nie gelegen. Stattdessen hast du deine Bildung dafür verschwendet, um dich zu einem Betrüger zu mausern.”
Nun hatte auch ich genug. Als ich sah, wie tief diese Bemerkung Orlam getroffen hatte, ging ich dazwischen. “Entschuldigen Sie, aber Orlam hat hart dafür gearbeitet, wo er jetzt steht und Sie haben nicht das Recht, ihn einen Betrüger zu nennen, nur weil Sie seine Arbeit nicht verstehen!”
Nun ruhten seine feindseligen Augen auf mir. Hatte er mir die ganze Zeit keine Beachtung geschenkt, weil ich zu unwichtig und unscheinbar für ihn gewirkt hatte, hatte ich nun seine volle Aufmerksamkeit. Ein Schauer lief mir über den Rücken, gefolgt von instinktiver Angst. Wie bei einem Reh, das die Nähe eines Raubtieres wahrnahm. “Und wer zum Teufel bist du?” fragte er mich ruhig. Und das machte mich noch nervöser als sein Geschrei. “Etwa noch einer von seinen Schwuchtelfreunden?”
Ich hielt seinem Blick stand und versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Nachdem ich mir wieder mein Gespräch mit Orlam ins Gedächtnis gerufen hatte, erklärte ich unverbindlich, ohne wirklich zu lügen: “Ich bin Iggy Maxwell, erinnern Sie sich noch? Orlam und ich waren damals schon Freunde auf der Schule.”
“Iggy?” er runzelte die Stirn und versuchte angestrengt, sich zu erinnern. Dann aber fiel es ihm wieder ein. “Ach ja, richtig. Der Maxwell-Junge. Warst schon damals ein jämmerliches Klappergestell gewesen. Hat sich ja nicht viel geändert, was?” Seine Miene entspannte sich ein klein wenig und er gab ein kurzes Lachen von sich, aber es klang abschätzig und nicht wirklich herzlich.
Die Krankenschwester räusperte sich schließlich, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Das Geschimpfe des alten Mannes hatte uns so in Anspruch genommen, dass wir völlig vergessen hatten, weshalb wir hier waren. “Ich bringe Sie gleich für ein CT in die Radiologie, Mr. Brewbacher. Bis dahin würde ich Sie bitten, sich nicht zu sehr aufzuregen.” Damit verabschiedete sie sich vorerst von uns und ging wieder. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Schließlich drehte sich auch Orlam um und meinte tonlos: “Wie ich sehe, geht es dir gut genug, um mich anzuschreien. In dem Fall können wir ja wieder gehen.”
Er ergriff meinen Arm ein wenig zu grob, aber ich maß dem keine große Bedeutung bei. Doch gerade als ich ihm folgen wollte, rief der alte Mann: “Hey, jetzt warte mal. Sag bloß nicht, du bist sauer auf mich, nur weil ich ein klein wenig streng zu dir war.”
Ich hatte Hoffnung, dass Orlam ihn einfach ignorierte und ging. Vielleicht wäre es das Klügste in dieser Situation gewesen. Doch er blieb stehen und er ließ mich los. Das war nicht gut! “Orlam, lass uns besser gehen”, ermahnte ich ihn. Doch er hörte nicht auf mich. Vielleicht konnte er es auch nicht, weil die Wut und Enttäuschung in ihm alle äußeren Reize komplett ausblendeten. Er drehte sich zu seinem Vater um, die Hände zu Fäusten geballt. “Ein klein wenig streng zu mir?” wiederholte er mit bedrohlich ruhiger und tiefer Stimme. In seinen Augen flammte wieder der Zorn auf und für einen Augenblick war mir, als stünde da ein ganz anderer Mensch neben mir. “Du hast mich mehrfach krankenhausreif geprügelt und mir sogar eine verpasst, wenn ich gar nichts getan habe. Also ja, ich bin verdammt sauer, dass ich selbst jetzt keine Ruhe vor dir habe.”
Mit dieser Reaktion hatte George Brewbacher nicht gerechnet. Er hatte vielleicht erwartet, dass sein Sohn so wie damals alles kleinlaut hinnahm, weil er sich nicht zur Wehr setzen konnte. Doch das war nicht der Fall. Er war gesundheitlich angeschlagen und damit in einer schwächeren Position und damit hatte Orlam einen Vorteil gegenüber ihm. Und das erlaubte es ihm, mutiger zu werden. Das schmeckte dem alten Mann ganz und gar nicht, dass er in die Defensive gedrängt wurde. “Ich wollte, dass ein richtiger Mann aus dir wird, so wie jeder gute Vater sich das auch für seinen Sohn gewünscht hätte”, erklärte er zerknirscht. “Glaubst du wirklich, man bekommt in dieser Welt auch nur irgendetwas geschenkt? Im Gegensatz zu dir hatte ich nicht den Luxus, um auf die Schule zu gehen. Ich musste damals schon als kleiner Junge Geld verdienen gehen, nachdem die scheiß Nazis meinem Vater die Kniescheiben zerschossen haben. Er hat sein Leben riskiert und seine Beine fürs Vaterland geopfert und als Dank dafür musste unsere Familie in Armut leben. Glaubst du etwa, ich bin damals anders erzogen worden? Warum sollte ich dich mit Samthandschuhen anfassen und dich betüddeln? Man sieht ja, was daraus geworden ist, nachdem deine Mutter dich so verhätschelt hat.”
“Lass Mum aus dem Spiel!” warnte Orlam mit bedrohlicher Stimme. Doch damit hatte er eine Grenze überschritten und die Miene seines Vaters verfinsterte sich so sehr, dass ich seine Augen kaum noch unter den buschigen Augenbrauen erkennen konnte. “Deine Mutter hatte nur einen Job und das war, dafür zu sorgen, dass du genährt und gekleidet bist. Aber stattdessen hat sie dir Flausen in den Kopf gesetzt. Ist doch kein Wunder, dass kein richtiger Mann aus dir werden konnte. Wäre ich nicht dazwischengegangen, hättest du dir garantiert noch Weiberklamotten angezogen und dich irgendwelchen alten Säcken an den Hals geworfen, weil du dich für eine Frau hältst. Genau davor wollte ich dich bewahren!”
Mir drehte sich der Magen um und ein eiskalter Schauer lief mir dabei über den Rücken, als ich diese Worte hörte. Jede Faser in meinem Körper sträubte sich mit Ekel dagegen und der moralische Teil in mir konnte einfach nicht begreifen, wie viel Hass und Verachtung in einem solchen Kopf passte. Orlam hatte mich zwar vorgewarnt, aber ich hatte es mir trotzdem nicht vorstellen können, dass ich jemals solche Worte hören würde. Und vor allem tat es mir weh, dass es gegen den Mann gerichtet war, den ich liebte und den ich vor solchen Feindseligkeiten beschützen wollte.
Ich war unfassbar wütend über diese zutiefst menschenverachtenden Worte und hätte diesem alten Knacker am liebsten Dinge an den Kopf geworfen, von denen er bestenfalls einen Herzinfarkt bekam. Doch ich beherrschte mich und beschloss, Orlam erst einmal hier rauszubringen. Ihm war deutlich anzusehen, dass ihm diese Auseinandersetzung nicht gut tat und ihm das alles ziemlich nahe ging. Vor allem, dass seine tote Mutter wieder ins Gespräch gebracht werden musste. Kurz entschlossen ergriff ich seinen Arm und wandte mich mit einem abschätzigen Blick an Mr. Brewbacher. All die Angst, die ich damals vor dem Schreckgespenst von Lanbrooke empfunden hatte, war fort. Ich empfand nur noch Verachtung für diese armselige Gestalt. “Und selbst wenn Orlam einen Rock und Makeup tragen würde, sind Sie immer noch sein Vater”, erwiderte ich kalt. “Und Sie haben kein Recht, so abwertend über ihn zu reden. Vielleicht verstehe ich nichts von Männlichkeit nach alter Schule. Aber wenn es bedeutet, dass man seine Familie schlägt und wie Dreck behandelt, dann bin ich froh, dass wir in Ihren Augen keine richtigen Männer sind. Komm, Orlam. Wir gehen nach draußen.”
Orlam zögerte jedoch. Es war, als wirkte sein Vater wie eine Art Magnet auf ihn und hinderte ihn daran, sich von ihm zu entfernen. Doch ich ließ nicht locker und zog ihn hinter mir her, bis wir uns aus dem Sichtfeld entfernt hatten. Erst dann folgte er mir bereitwillig und sackte merklich in sich zusammen.
Als wir draußen waren, wehte uns eine angenehme warme Brise entgegen und ich brachte Orlam zu einer Bank. Kaum dass wir uns hinsetzten, krümmte sich sein Rücken und er machte sich klein, während er die Hände über seinen Kopf legte wie jemand, der sich vor Schlägen oder einem bevorstehenden Erdbeben schützen wollte. Sein ganzer Körper war angespannt und zitterte. Er weinte nicht, sagte nichts, sondern kauerte nur da, während all die schrecklichen Erinnerungen seiner Vergangenheit auf ihn einprasselten wie die Trümmer eines einstürzenden Hauses. Es tat mir weh, ihn so zu sehen und ich überlegte, was ich für ihn tun konnte. Ich legte vorsichtig einen Arm um ihn und sah ihn besorgt an. “Es ist alles gut”, versuchte ich ihn zu beruhigen. “Ich bin bei dir. Lass dir das nicht zu nahe gehen, okay? Dieser alte Sack hat doch gar keine Ahnung, wovon er redet.”
Doch es folgte keine Reaktion. Was auch immer gerade in ihm vorging, er wollte es mir nicht sagen. Oder er konnte es nicht. Er war immer noch so angespannt, dass es unmöglich war, ihn in den Arm zu nehmen. Und egal wie gut ich ihm zuredete, er reagierte nicht darauf. Aber so leicht wollte ich nicht aufgeben.
Eine ganze Weile saßen wir da und sagten nichts. Aber dann hatte sich Orlam wieder einigermaßen gefasst und richtete sich wieder auf. Für einen Augenblick wirkte er orientierungslos, scheinbar unsicher, wo er gerade war. Aber dann schaute er mich an und blinzelte verwirrt, als konnte er nicht glauben, dass ich wirklich neben ihm saß. Was auch immer gerade für ein Film in seinem Kopf abgelaufen war, es hatte ihn völlig von den Füßen gerissen. Aber ich war unsagbar erleichtert, dass er wieder zurück war und ich nahm ihn in den Arm. “Keine Sorge, Orlam. Ich lass nicht zu, dass dir was passiert.”
“Danke…”, murmelte er geistesabwesend, erwiderte aber die Umarmung nicht.
“Wenn es dir lieber ist, können wir nach Hause fahren. Du musst dir das nicht antun, okay?”
“Nein, schon gut”, meinte er kopfschüttelnd und löste sich von mir. “Ich will wenigstens wissen, was Sache ist und wie es weitergeht.”
“Bist du dir sicher, dass du wieder reingehen willst?”
Er nickte und stand auf. Irgendwie war die Stimmung merkwürdig geworfen und ich konnte mir nicht genau erklären, was es war. Orlam wirkte auf einmal so distanziert und wortkarg und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich etwas Falsches gesagt oder nicht richtig reagiert hatte. Mir war klar, dass ich ihn nicht vor allem schützen konnte und ebenso wenig konnte ich ihn von dem Trauma befreien, welches sein Vater ihm regelrecht in den Leib geprügelt hatte. Ich hoffte insgeheim, dass diese Distanz nur ein vorübergehender Zustand war. Vielleicht war es eine Art instinktiver Selbstschutz.
Wir gingen zusammen wieder rein und setzten uns in den Wartebereich der Notaufnahme, während die Auswertungen des CTs und der anderen Untersuchungen noch ausstanden. Es dauerte knapp zwei Stunden, bis wir in ein Zimmer geführt wurden, wo Mr. Brewbacher bereits mürrisch wartete. Kurz darauf kam der Arzt und zeigte uns die Ergebnisse. Was wir erfuhren, war ziemlich ernüchternd. Wie uns Dr. Jaishankar erklärte, lag die Lungenfunktion gerade mal bei 60%. Tatsächlich war es, wie Liyana bereits angenommen hatte, eine chronische Lungenkrankheit, mit der Mr. Brewbacher aufgrund jahrzehntelanger Fabrikarbeit unter miserablen Arbeitsbedingungen zu kämpfen hatte. Der Arzt nannte es COPD GOLD 2, was so viel bedeutete, dass es ein mittelschwerer Grad war. Allerdings deuteten die Tests darauf hin, dass sich der Zustand weiter rapide verschlechtern würde, wenn nicht schnellstmöglich mit einer Behandlung begonnen wird. Die Lebenserwartung hatte sich bereits um bis zu 7 Jahre verkürzt. Wenn sich der Zustand weiter verschlechterte, würde er nicht mal mehr in der Lage sein, einfachste Alltagsaufgaben zu bewältigen, ohne in Atemnot zu geraten. Im Endstadium würde er selbst im Ruhezustand nach Atem ringen. Ich erschauderte bei diesem Gedanken. Ganz gleich was für ein unangenehmer Mensch Orlams Vater und welche Dinge er getan hatte, es war eine absolut niederschmetternde Diagnose. Eine unheilbare Lungenkrankheit, die langsam und schleichend dazu führte, dass man die Fähigkeit zum Atmen verlor. Ein langsames Ersticken. Und als wir für einen kurzen Moment den Schock und die nackte Angst in den Augen diesen sonst so feindseligen und hasserfüllten Mann sahen, überkam mich ein Anflug von Mitleid. Ich hatte immer noch keinen Respekt vor ihm und hasste ihn für das, was er seiner Familie angetan hatte. Aber meine menschliche Seite sah auch den Mann, der von klein auf hart gearbeitet und sein ganzes Leben in Armut gelebt hatte. Und das Einzige, was er dafür bekam, war eine unheilbare Lungenkrankheit. Das wäre für jeden Menschen absolut niederschmetternd.
George Brewbacher war nach der endgültigen Diagnose still geworden und in seinem von Härte gezeichneten Gesicht zeichneten sich eine Vielzahl von Emotionen ab. Schock über sein bevorstehendes Schicksal, Angst über die Zukunft, aber vor allem Wut. Zorn über die empfundene Unfairness, dass das Leben ihn mit einer unheilbaren Lungenkrankheit strafte nach all der harten Arbeit, die er geleistet hatte. Und Wut über die Tatsache, dass er Angst empfand. Sie waren so deutlich erkennbar, dass ich geradezu eine obskure Faszination empfand. Orlam hingegen war erschreckend apathisch und still. Und etwas hatte sich geändert, das mir ganz und gar nicht gefiel. Als nämlich Mr. Brewbacher nach dem Erwachen aus seiner Schockstarre zu Orlam meinte, sie müssten sich beide unterhalten, sagte dieser leise: "okay…" Und er klang kleinlaut und vernichtend geschlagen. Der Widerstand, den er gegen seinen gewalttätigen Vater aufgebaut hatte, war mit einem Male vollständig zusammengebrochen. Der Orlam, den ich da zusammengekauert und mit gesenktem Blick stehen sah, war wieder der ängstliche und verstörte Junge von damals. Und es machte mir furchtbare Angst. Meine vorsichtigen Einwände, dass er vielleicht erst mal Zeit für sich brauchte, prallten einfach an ihm ab. Ich schien gar nicht mehr für ihn zu existieren. Zwar verstand ich nicht, warum er nach all den schrecklichen Dingen, die sein Vater ihm angetan hatte, plötzlich wieder so unterwürfig geworden war. Aber um keinen Preis der Welt wollte ich ihn mit diesem Kerl alleine lassen. Nicht, wenn er gerade so verletzlich war.
Da es ausgeschlossen war, dass wir Mr. Brewbacher so schnell abschütteln konnten, beschloss ich stattdessen, mitzukommen. Glücklicherweise war es dem alten Mann egal, ob ich mitkam oder nicht. Er kannte mich ja schon von klein auf und dachte sich wahrscheinlich nichts weiter dabei. Und vielleicht war er für ein wenig zusätzliche Gesellschaft dankbar. Mit Sicherheit hatte er sonst niemanden, der sich freiwillig mit ihm unterhielt. Wir fuhren zu ihm nach Hause und wie sich herausstellte, hatte sich seine Lebensqualität nicht sonderlich verbessert, obwohl er keine Familie mehr hatte, die er noch ernähren musste. Er lebte in einem ziemlich alten und meiner Meinung nach abrissreifen Haus, das früher weiß gestrichen war. Die Farbe war aber größtenteils abgeplatzt und der Vorgarten war völlig verwildert. Das Dach hing durch und hatte einige Schindeln verloren, die nie ersetzt worden waren. Zwei Fenster waren kaputt und mit Brettern zugenagelt und die Haustür sah halb verrottet aus. Selbst der Briefkasten war rostig und verbeult. Im Vorgarten lag ein völlig verrostetes Fahrrad, dem die Reifen fehlten, und noch anderer Schrott und riesige Berge von Müll, in denen sich garantiert Ratten und Ungeziefer tummelten. Der Wagen, der Mr. Brewbacher gehörte, war ein rotfarbener Chrysler Neon, der aussah, als würden ihn nur Gebete, Gottes Gnade und viel Panzertape zusammenhalten. Was vor uns stand wie ein unheilvolles Mahnmal aus einem Horrorfilm, war eines jener Häuser, die aussahen, als wären sie seit einer Ewigkeit verlassen und um die sich allerhand Gerüchte rankten. Wie zum Beispiel wilde Geschichten über bizarre Morde und Geistersichtungen. Aber ich wusste es besser. Es war das Haus, in dem Orlam aufgewachsen war.
Unwillkürlich musste ich wieder an mein Gespräch mit Orlam denken, als er Beziehungen mit einem Haus verglichen hatte. Und ich musste mit Ernüchterung feststellen, wie treffend diese Allegorie auf sein Elternhaus zutraf. Es war vollkommen verwahrlost, ungepflegt und ein Sinnbild von Trostlosigkeit. Es gab zwar einige Häuser in Lanbrooke, die etwas in die Jahre gekommen waren. Aber sie hatten dennoch irgendwie einen rustikalen Charme und Persönlichkeit. Aber das hier war eine einsturzgefährdete Bruchbude, in der nichts gedeihen konnte außer Schimmel und Unkraut im Garten. Zwar war mir klar, dass es schwer war, größere Sanierungen durchzuführen, wenn man arm war. Aber nicht einmal einfachste Arbeiten waren hier gemacht worden. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass hier noch nie etwas gemacht worden war.
Mr. Brewbacher schien der Zustand seines Hauses nicht zu stören und er öffnete die marode Tür. “Nur immer reinspaziert in die gute Stube”, wies er uns an. Orlam zögerte einen Augenblick und ich konnte den Anflug von Angst und Widerwillen in seinem Blick sehen. Doch bevor ich ihm sagen konnte, dass wir wieder gehen sollten, folgte er seinem Vater. Auch ich musste mich erst selbst überwinden, bevor ich durch die Tür gehen konnte. Ein muffiger und fast schon ranziger Geruch schlug mir entgegen, der Ekel in mir auslöste. Aber meine Sorge um Orlam war wesentlich größer und so betrat auch ich das Haus.
Wie nicht anders zu erwarten, sah es innen nicht sonderlich besser aus als draußen. Die Dielen sahen aus, als wären sie morsch und sie knarzten und ächzten unter unserem Gewicht. An den Wänden und Ecken konnte ich dunkle Flecken erkennen und stellenweise an der Decke gelbliche Ringe, die auf Wasserflecken hindeuteten. Der Teppich im Flur hatte jegliche Farbe verloren und war mit Sicherheit seit seinem Kauf kein einziges Mal gereinigt worden. Die Tür zur Küche fehlte und was ich sah, war eine heruntergekommene Küchenzeile, einen schmutzigen Herd und einen Haufen dreckiges Geschirr in der Spüle.
Wir betraten schließlich das Wohnzimmer, welches ziemlich klein und eng wirkte. Die dunkelgrüne Couch, die sich farblich nicht vom Schimmel unterschied, war ziemlich abgenutzt und der Ohrensessel, den Mr. Brewbacher für sich beanspruchte, sah nicht sonderlich besser aus. Es gab einen alten Schrank, einen Röhrenfernseher und einen kleinen CD-Spieler mit Antenne. Orlam und ich setzten und auf die Couch und ich fühlte mich mehr wie in einem Gefängnis als in einem Wohnzimmer. Ich hatte das Haus der Brewbachers immer nur von außen gesehen und selbst damals sah es schon ziemlich miserabel aus, aber zumindest die Fenster waren heil und das Dach war noch nicht so durchgebogen gewesen. Meine Eltern hatten mir immer verboten, zu Orlam nach Hause zu gehen, weil sie mich vor seinem Vater schützen wollten. Aber sie hatten mir nie den Kontakt zu Orlam selbst verboten.
Ein lautes Husten unterbrach meine Gedanken und ich richtete den Blick auf Mr. Brewbacher, der stolz auf seinem Ohrensessel thronte wie ein König. “Na dann erzählt mal, was ihr in all den Jahren so getrieben habt. Immerhin seid ihr ja jetzt im besten Alter.”
Ich warf Orlam einen kurzen Blick zu, doch er beachtete mich nicht. Er starrte nur geistesabwesend zu Boden. Also beschloss ich, den Anfang zu machen. “Ich habe nach meinem High School Abschluss Informatik studiert und arbeite freiberuflich als Full-Stack Web Developer.”
“Was zum Teufel soll das denn sein?!” fragte der alte Mann und verzog abschätzig die Mundwinkel. Ich überlegte kurz und erklärte: “Ich arbeite mit Homepages, Apps und Software.”
Mr. Brewbacher rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf. “Bei der Jugend von heute dreht sich alles nur noch um Computer. Ist ja kein Wunder, dass du so ein dürres Klappergestell bist und eine Brille brauchst, wenn du den ganzen Tag auf den Bildschirm starrst. Mein Junge, du solltest mal mehr rausgehen und richtige Arbeit versuchen. Geh mal auf den Bau, da kannst du dir Muskeln antrainieren!”
“Für mich ist das richtige Arbeit”, erwiderte ich ein wenig angefressen. “Ich verdiene genug Geld, um meine Miete zu zahlen und meine Hobbies zu finanzieren.”
“Ach, deine Generation versteht von richtiger Arbeit nichts. Heutzutage wissen die jungen Leute nicht mal mehr, ob sie Männlein oder Weiblein sind.”
Ich presste die Lippen zusammen, um mir einen gleichfalls abschätzigen Gegenkommentar zu verkneifen. Die Versuchung, ihn daran zu erinnern, dass seine Auffassung von ehrlicher Arbeit ihn auch nicht aus der Armut geholt hatte, geschweige denn seiner Gesundheit gut getan hatte, war groß. Doch ich besann mich eines Besseren und erwiderte stattdessen: “Dafür haben solche Jobs den Vorteil, dass man solche Arbeiten auch mit körperlichen Einschränkungen durchführen kann. Und wen kümmert es, wie andere Leute ihre Identität ausleben? Das macht sie dadurch nicht besser oder schlechter.”
Doch ich stieß auf taube Ohren und mit einem lauten Räuspern konterte Mr. Brewbacher: “Leute wie du können nicht mal alleine eine Glühbirne eindrehen, weil es dafür noch keine technische Spielerei gibt. Wie alt bist du noch mal? 30 Jahre? 32 Jahre? In deinem Alter hatte ich bereits Frau und Kind. Mit 20 Jahren war ich in Vietnam, da hast du noch auf dem College an deinem scheiß Computer gesessen! Hast du überhaupt schon eine eigene Familie?”
“Nein, Sir”, antwortete ich. “Ich bin aber in einer Beziehung.”
“Genau das kann ich an deiner scheiß verwöhnten Generation nicht ausstehen, Jungchen”, schimpfte Mr. Brewbacher und hustete wieder. Ohne mein Zutun hatte er sich wieder in Rage geredet und für einen Augenblick glaubte ich, als würde er sich gleich irgendeinen Gegenstand schnappen und ihn nach mir werfen. Auch Orlam setzte es sichtlich zu und er krümmte sich zusammen wie ein verprügelter Hund. “Ihr verschwendet so viel Zeit mit eurem Scheiß über Feminismus und Schwulenrechten, dass ihr nicht mal dazu kommt, euch was Vernünftiges aufzubauen. Alles was ihr könnt ist runjammern und an euren scheiß Computern sitzen und zusehends dümmer werden. Lass dir einen Rat von mir geben, Junge: du bist erst ein gestandener Mann, wenn du Job, Frau, Kind und ein eigenes Heim hast. Erst dann hast du wirklich was im Leben erreicht. Und keine Frau will bei einem Kerl bleiben, der keine starke Hand in der Beziehung hat und ihr nicht mal sagen kann, wo’s lang geht!”
Ich hatte das Gefühl, Kopfschmerzen zu bekommen und ich wusste nicht einmal, ob es an der stinkenden Luft lag, oder an der Tatsache, dass meine Hirnzellen eine Evakuierung einleiten wollten. Nicht nur, dass ich dank Orlam wusste, dass die Story mit Vietnam in Wahrheit eine totale Peinlichkeit war, aber dieses engstirnige Gerede konnte sich doch kein Mensch anhören. Ich hatte das Gefühl, mit einer Mauer zu reden und dass gar nichts, was ich sagte, seine Meinung ändern würde. Es interessierte mich einen absoluten Scheiß, ob dieser Typ mich für einen echten Mann hielt oder nicht. Ich lebte mein Leben so wie ich es wollte und ich fühlte mich wohl damit. Gott verdammt, war das anstrengend. War Gidgets Mutter genauso schlimm?
Ich hatte das Gefühl, als hätte ich einem stundenlangen Vortrag zugehört und fühlte mich jetzt schon mental ausgebrannt. Doch dann wandte sich Mr. Brewbacher seinem Sohn zu und seine Miene verzog sich verächtlich. “Und du hast dich zum Profibetrüger gemausert, hab ich gehört. Ein Arbeitskollege erzählte mir, dass du als so eine Art Berater arbeitest, um Firmenbesitzer um ihre Kohle zu bringen.”
“Ich berate meine Klienten, wie sie ihr Geschäft effizienter führen können”, erwiderte Orlam in den ein kleiner Funken Widerstand zurückgekehrt war. Aber sein Vater blieb bei seiner Meinung. “Sag ich ja: Profibetrüger. Hast nie in deinem Leben gearbeitet, willst aber anderen erzählen, wie sie ihren Job zu machen haben und lässt dich dafür bezahlen, wie? Passt ja wunderbar zu dir.”
“Ich habe mir ein Stipendium an der Business School erarbeitet, war nebenbei jobben um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich kann von mir behaupten, dass ich weiß, wovon ich rede, wenn ich meine Klienten berate. Du hast es nicht einmal geschafft, meinen Zweitnamen Dagwood richtig zu schreiben! Stattdessen hast du mich Dagwud genannt und alle in meiner Klasse haben sich jahrelang darüber lustig gemacht.”
“Pass bloß auf, Junge!” rief Mr. Brewbacher wütend und erhob drohend den Zeigefinger. In seinen missmutigen Augen funkelte der blanke Zorn auf. “Noch eine Frechheit, und ich vergesse mich gleich! Ist mir scheißegal, wie alt du bist, aber ich bin immer noch dein Vater, verstanden?” Selbst ich hatte für einen Moment Angst. Jetzt fühlte ich mich nicht mehr bloß in einem Gefängnis. Mir war, als wären wir beide in einem Käfig mit einem Löwen, der nur darauf wartete, sich auf uns zu stürzen. Orlam hielt seinem Blick stand, aber ich konnte die Angst in seinen Augen sehen. Ich legte eine Hand auf seine Schulter, um ihn daran zu erinnern, dass er nicht alleine war. Und ich hoffte, dass es nicht allzu verräterisch auf Mr. Brewbacher wirkte. “Orlam arbeitet wirklich hart, um sich etwas eigenes aufzubauen, Sir. Selbst wenn es nicht Ihren Vorstellungen eines idealen Berufs entspricht, sollte es doch genügen, dass er eigenständig lebt und sich selbst versorgen kann.” Ich begann einfach drauf loszureden in der Hoffnung, irgendwie die Fronten zu entschärfen und dafür zu sorgen, dass es nicht in einer gewalttätigen Auseinandersetzung ausartete. “Ich will Ihre Arbeit definitiv nicht kleinreden. Aber die Arbeitswelt braucht nicht nur Muskeln für die schwere Arbeit, sondern auch Leute mit Verstand, die die Prozesse besser gestalten können. Am Ende profitieren Sie ja auch davon.”
Erleichtert stellte ich fest, dass der alte Mann, wenn auch sehr widerwillig, mir in dieser Hinsicht Recht gab. Oder zumindest deutete er sehr vage an, dass eventuell etwas an meiner Behauptung dran sein könnte. Dann aber nahm das Gespräch eine unangenehme Wendung. Oder besser gesagt noch unangenehmer als ohnehin schon. Denn Mr. Brewbacher fixierte sich wieder auf seinen Sohn und fragte ihn: “Hast du es wenigstens auf die Reihe gekriegt, dir eine Frau zu suchen? Es wird langsam mal Zeit, dass du über Nachwuchs nachdenkst, mein Junge.”
“Und was, wenn ich gar keine Kinder will?” erwiderte Orlam tonlos und sah aus, als wäre er innerlich genauso frustriert und erschöpft wie ich. “Junge, der Herr hat dir die Werkzeuge dafür gegeben, also benutze sie auch!” Mr. Brewbacher hustete wieder. “Willst du etwa, dass die Leute dich für eine verdammte Schwuchtel halten? Ich dachte, du hättest diesen abartigen Scheiß endlich hinter dir.”
“Ob ich Kinder will oder nicht, hat damit nichts zu tun!” erwiderte Orlam und stand auf. “Ich will allein deshalb schon keine Kinder, weil ich weiß, dass sie auch deine Gene haben werden!”
Damit platzte dem alten Mann endgültig der Kragen und er sprang aus seinem Sessel auf, stapfte mit schweren Schritten und hochrotem Kopf auf Orlam zu und packte ihn am Kragen. “Ich habe mir jahrzehntelang den Arsch für euch aufgerissen. Meine Lungen sind kaputt, weil ich wollte, dass du später ein besseres Leben hast. Und was ist aus dir geworden? Ein jämmerliches Weichei und eine kranke Schwuchtel, die sich von jedem in den Arsch flicken lässt, der einen Fünfer rüberwachsen lässt. Kein Wunder, dass deine Mutter sich umgebracht hat. Sie konnte einfach nicht mehr mit der Schande leben, so was wie dich zum Sohn zu haben!”
Ich war wie erstarrt und alles in meinem Kopf war leer. Ich wollte etwas sagen und Orlam verteidigen, aber der Schock saß bei mir zu tief. Mein Verstand wollte nicht wahrhaben, was ich da gerade gehört hatte, denn es klang zu grausam, um real zu sein. Es konnte einfach nicht sein, dass ich das gerade wirklich gehört hatte. Meine Kehle war wie zugeschnürt und es wollte einfach kein Wort über meine Lippen kommen. Orlam war kreidebleich und sämtlicher Widerstand war aus seinem Körper gewichen. Hätte sein Vater ihn schlagen wollen, hätte er es ohne jede Gegenwehr tun können und ihn vielleicht sogar dabei umgebracht. Doch dazu kam es nicht. Vielleicht war es Glück, oder auch nur Umstand. Die Aufregung war endgültig zu viel für George Brewbacher. Das Geschrei hatte seine Lungen derart überanstrengt, dass er in ein krampfhaftes Husten ausbrach und Orlam losließ. Doch er hörte nicht mehr mit dem Husten auf. Nein, es wurde nur schlimmer. Es wurde mehr zu einem gequälten Würgen und Röcheln. Er begann nach Luft zu schnappen, griff sich mit einer Hand an die Brust, während er sich mit der anderen am Ohrensessel festhielt. Sein gequältes Schnappen nach Luft und sein ersticktes Röcheln rissen mich aus meiner Schockstarre. “Mr. Brewbacher, versuchen Sie langsam zu atmen”, rief ich und sprang auf. Doch der alte Mann verlor das Gleichgewicht und stürzte immer noch hustend und röchelnd zu Boden. Orlam stand wie angewurzelt da und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf seinen Vater. Nackte Angst stand in sein Gesicht geschrieben und ich wollte mir nicht ausmalen, welche Bilder er gerade vor Augen hatte. Mir wurde klar, dass ich schnellstens etwas tun musste. Geistesgegenwärtig zog ich mein Handy aus der Hosentasche und wählte den Notruf. Ich schaffte es irgendwie, die Nerven zu bewahren und die Situation zu schildern. Glücklicherweise konnte die Stimme am anderen Ende der Leitung mir Schritt für Schritt erklären, was ich tun konnte, während wir auf den Krankenwagen warteten. Mit etwas Mühe konnte ich den am Boden liegenden alten Mann mit dem Oberkörper aufrichten, damit er besser atmen konnte und öffnete das Fenster, um frische Luft reinzulassen. Und nachdem das getan war, nahm ich Orlam in den Arm, der völlig verstört am ganzen Leib zitterte und aussah, als würde er jeden Moment schreien oder in Tränen ausbrechen. Glücklicherweise war der Krankenwagen relativ schnell da und ich überließ dem Rettungsdienst alles weitere, nachdem ich kurz den Sachverhalt geschildert hatte. Mr. Brewbacher wurde auf eine Trage gelegt und in den Krankenwagen gebracht. Wir folgten ihnen nach draußen und beobachteten, wie das Gefährt unter Sirenen und Blaulicht davonfuhr.
Kurz darauf, nachdem sich die Schockstarre bei Orlam gelöst hatte und die Erkenntnis kam, was passiert war, brach er unter heftigen Schluchzern in Tränen aus und vergrub weinend das Gesicht in meiner Schulter, während er sich verzweifelt an mich klammerte. Und es kostete mich alle Mühe, nicht genauso zu weinen wie er. Stattdessen verkniff ich mir die Tränen und nahm ihn tröstend in den Arm. Aber es wollten mir keine aufmunternden Worte einfallen. Dafür war der Schock auch bei mir viel zu tief.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Orlam sich wieder einigermaßen beruhigt und wir uns beide von dem Schock erholt hatten. Da ich fürchtete, dass er gerade nicht in der Verfassung war zu fahren, schlug ich vor, dass wir uns ein Taxi rufen konnten. Ich hatte dummerweise keinen Führerschein. Doch er schüttelte nur den Kopf, meinte, es sei schon in Ordnung und so stiegen wir ins Auto. Zuerst wollte er ins Krankenhaus, doch ich konnte ihn überreden, stattdessen nach Hause zu fahren. Vielleicht war es nicht die klügste Entscheidung, aber ich wollte nicht zulassen, dass Orlam seinem Vater zu nahe kam. Wenn ich ehrlich war, hätte ich diesen alten Drecksack am liebsten auf dem Boden liegen und leiden lassen. Verdient hätte er es alle Male nach dem, was er gesagt hatte. Aber ich wollte nicht, dass Orlam sich in irgendeiner Weise dafür schuldig fühlte, dass sein Vater wieder ins Krankenhaus musste. Oder dass er wieder von den schrecklichen Erinnerungen an den Selbstmord seiner Mutter heimgesucht wurde. Insgeheim hoffte ich, dass es eine ganze Weile dauern würde, bis dieser verdammte Bastard wieder vernünftig Luft bekam. Dann konnte er wenigstens keine verbale Scheiße mehr von sich geben.
Ich war unfassbar wütend auf diesen Dreckskerl, aber meine Sorge um Orlam hielt mich bei klarem Verstand und ich fokussierte mich allein auf ihn. Denn auch wenn er aufgehört hatte zu weinen und ruhig war, machte ich mir Sorgen. Er wirkte zu ruhig… und irgendwie nicht ganz bei sich. An einer Straße übersah er beinahe eine rote Ampel und wäre fast in ein Auto gefahren. Er fuhr zu schnell und hätte beinahe eine Abzweigung verpasst. Selbst das Einparken wollte ihm nicht wirklich gelingen und er brauchte drei Versuche, bis der Chevy richtig stand. Er stieg erst aus, nachdem ich ihn darauf ansprach und auch seine Bewegungen waren irgendwie steif und unnatürlich. So als würde Orlams Körper auf Autopilot laufen, weil sein Verstand nicht mehr richtig arbeitete… oder als wäre er geistig ganz woanders. Wir gingen ins Wohnzimmer und er schenkte uns beiden ein Glas Jack Daniel's ein, da wir beide nach dem heutigen Tag Alkohol gebrauchen konnten. Erst als er den Whiskey eingeschüttet hatte, schien er wieder ein wenig klarer auf mich zu wirken. Sein Blick ging nicht mehr ins Leere und seine Miene war auch nicht mehr so ausdruckslos und starr wie vorher. Er leerte sein Glas sofort in einem Zug, verzog kurz die Miene und nachdem er sich gefangen hatte, goss er sich direkt noch ein Glas ein. “Geht's wieder einigermaßen?” fragte ich ihn besorgt. Ich selber trank erst nur einen Schluck, da ich kein sonderlich fester Trinker war und mir der Alkohol schnell auf den Magen schlug, wenn ich zu schnell trank.
“Ja, alles gut”, versicherte er mir. “Verdammt war das ein Tag heute…”
“Und willst du darüber reden? Das alles muss ziemlich schlimm für dich gewesen sein.”
Orlam blinzelte ein paar Male und runzelte kurz die Stirn. Dann griff er nach seinem Stoffhasen und drückte ihn fest an sich. “Was genau meinst du?” fragte er mich irritiert. Diese Frage erschreckte mich erst, doch dann erinnerte ich mich an meine eigenen Gedächtnislücken, als ich meine Panikattacke hatte. Vielleicht durchlebte Orlam ja gerade etwas ähnliches. “Na das Gespräch mit deinem Vater und was er gesagt hat.”
Angestrengt zog er die Augenbrauen zusammen und legte den Kopf etwas zur Seite, während er nachdachte. Aber dann schüttelte er nur langsam den Kopf und nahm wieder sein Whiskeyglas. “Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr so ganz daran erinnern, worüber wir gesprochen haben. Ich weiß nur, wir waren zuerst im Krankenhaus und der alte Saftsack hat sich wieder tierisch aufgeregt. Dann haben wir die Diagnose bekommen und sind im Anschluss zu meinem Elternhaus gefahren. Ich weiß noch, dass wir uns wieder gezofft hatten, aber nicht mehr warum. Und dann war da ein… Krankenwagen? Sorry, irgendwie ist in meinem Kopf gerade alles durcheinander.”
“Schon gut”, winkte ich ab. “Ist vielleicht besser, wenn du dich nicht erinnerst. Er hat eh nur absoluten Scheiß von sich gegeben. Nichts für ungut, aber dein Vater ist echt ein Arschloch.”
“Das kannst du laut sagen!” stimmte Orlam zu und ein schwaches Lächeln zeichnete sich auf seine Mundwinkel ab. Nachdem er noch einen Schluck getrunken hatte, stellte er sein Glas auf dem Couchtisch ab und strich sich mit einem leisen Seufzer durch seine roten Haare. “Man könnte echt meinen, dass er jetzt seine gerechte Strafe bekommen hat. Verdient hätte er das nach all dem ganzen Scheiß.”
Doch es lag keine Wut oder Enttäuschung in seiner Stimme, auch sein Blick wirkte eher melancholisch und nachdenklich. Sein Ton klang traurig. Einen Augenblick schwieg er und wieder starrte er ins Leere, als wäre sein Geist wieder in weite Ferne entrückt. Leise und kaum hörbar murmelte er schließlich: “Ich verstehe selber nicht, warum mir das trotzdem so nahe geht. Ich habe nicht mal eine gute Erinnerung an diesen Mistkerl…”
Mir war klar, dass er im Vergleich zu anderen keine richtige Kindheit hatte. Genzou, ich und die anderen hatten Spielzeuge und Kuscheltiere gehabt, Comics gelesen und uns Cartoons angesehen. All das hatte Orlam nie gehabt, weil seine Familie arm gewesen war. Nicht ein einziges Spielzeug hatte er jemals besessen. Aber mich beschlich auch ein wenig das Gefühl, als hätten sie sich auch nicht die Mühe gegeben, ihm zumindest gebrauchtes Spielzeug aufzutreiben. “Haben deine Eltern nie etwas mit dir unternommen?” fragte ich ihn. Ich musste an meine eigene Kindheit denken. Meine Eltern gehörten der normalen Mittelschicht an und wir hatten manchmal finanzielle Engpässe gehabt, sodass es manchmal keine Ausflüge in den Vergnügungspark gegeben hatte. Aber ich hatte auch Erinnerungen daran, wie ich mit meinem Dad zusammen an den See gefahren war und wir zusammen geangelt hatten. Wir hatten zu dritt in der freien Natur gezeltet oder ich ging Dad in seiner Hobbywerkstatt zur Hand. Irgendwie hatten wir immer einen Weg gefunden, um uns schöne Momente zu machen, selbst wenn der Geldbeutel eng war. Doch selbst das schien Orlam nicht gehabt zu haben. Mit einem niedergeschlagen Blick starrte er auf Jack und zupfte an dessen Stoffohr. “Meine Eltern hatten zu sehr mit ihren eigenen Problemen zu tun”, erklärte er mir. “Mein alter Herr war entweder arbeiten, hat Sportwetten mit irgendwelchen Kollegen gemacht oder uns herumkommandiert. Wirklich was als Vater und Sohn unternommen haben wir nie. Er hat mich höchstens zu seinen Männerabenden mitgenommen und ich musste die ganze Zeit still bleiben. Mum war Hausfrau und sie kam nicht gut mit Stress zurecht. Entweder war sie am Schimpfen, oder sie hat sich die Augen ausgeweint. Manchmal frage ich mich, ob sie überhaupt darüber nachgedacht hat, was aus mir werden soll, als sie beschlossen hat, sich umzubringen. Vielleicht war ich ihr egal. Nicht mal einen Abschiedsbrief hat sie dagelassen, wo hätte drin stehen können, dass sie mich trotz allem lieb gehabt hat. Oder zumindest, dass sie einen Grund nennt, warum sie uns einfach so zurücklässt.”
Das war ziemlich niederschmetternd und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mich in so einer Situation fühlen würde. Es war das allererste Mal, dass Orlam den Tod seiner Mutter ansprach. Ich wusste nur, dass sie sich erhängt hatte und sie nicht sofort tot gewesen war. Das Genick war nicht richtig gebrochen und so war sie an einem langsamen und qualvollen Erstickungstod gestorben. Meine Mutter hatte es über Umwege über Bekannte und Freunde erfahren. Es steckte irgendwie eine gewisse Ironie in der ganzen Sache. Seine Mutter hatte sich selbst zu Tode stranguliert und nun litt sein Vater an einer Lungenkrankheit, die ihn langsam ersticken ließ. Fuck, vielleicht gab es ja tatsächlich eine höhere Macht und das war die passende Strafe dafür, was dieser Mistkerl seiner Familie angetan hatte. Doch dann dachte ich wieder an das, was Mr. Brewbacher Orlam vorgeworfen hatte. Und ein ungutes Gefühl überkam mich. “Du denkst doch wohl nicht wirklich, dass du Schuld am Selbstmord deiner Mum hast.”
Er schwieg und das gefiel mir ganz und gar nicht. Eine furchtbare Angst überkam mich für einen Augenblick und ich legte meine Hand auf Orlams Arm. “Hör mal, so etwas darfst du nicht denken. Du warst ein Kind und bist nicht für deine Eltern verantwortlich. Ganz egal was dein Vater dir einreden will um dich wieder unter seine Kontrolle zu bekommen, du trägst keine Schuld am Tod deiner Mutter.”
“Aber kannst du das mit absoluter Sicherheit wissen?” fragte er und leerte sein Glas, nur um Platz für noch mehr Whiskey zu schaffen. Ich war immer noch bei meinem ersten Drink. “Ich werde es nie mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, weshalb sie sich umgebracht hat. Ich weiß nur, dass ich sie damals gefunden habe und den Anblick werde ich mein Leben nicht vergessen können. Hätte ich nach der Schule nicht so getrödelt, wäre sie vielleicht noch am Leben. Vielleicht hätte die sich nicht umgebracht, wenn ich nicht so ein jämmerlicher Angsthase gewesen wäre, der ständig an ihrem Rockzipfel hängen musste. Jetzt ist mein Vater schwer krank und wer weiß, wie viele Jahre ihm noch bleiben.”
Ich schwieg und war ratlos. Was sollte man in so einer Situation am besten sagen? Ähnlich wie bei Gidgets Dilemma mit xiesen Hemmungen bezüglich xieser Geschlechtsumwandlung war das wieder eine Situation, in die ich mich nur schwer hineinversetzen konnte. Und dementsprechend war ich mir auch nicht sicher, was das Richtige war. Sollte ich Orlam dazu raten, seinen Vater einfach sich selbst zu überlassen und riskieren, dass er dann mit Schuldgefühlen lebte? Oder sollte ich dabei zusehen, wie sein Vater ihn wieder genauso misshandelte und demütigte wie damals? Egal wie sehr ich auch versuchte, als Puffer zu agieren, ich würde nicht immer zur Stelle sein, um ihm zu helfen.
Beides klang nach einer furchtbaren Idee und ich fragte mich, ob ein Mittelweg die sinnvollste Lösung war. “Hör mal Orlam, wenn du deinem Vater helfen willst, dann tu dir bitte selbst den Gefallen und halte Abstand von ihm. Der Kontakt zu ihm tut dir wirklich nicht gut. Dieser Kerl ist nicht wie Genzou. Er merkt nicht, wie sehr er seine Mitmenschen verletzt und es interessiert ihn auch nicht, weil sich alles in seiner Welt nur um seine Ansichten dreht.” Ich schaute ihn eindringlich an und merkte, dass Orlam sich schwer damit tat, den Blickkontakt zu halten. Doch ich ließ nicht locker, denn ich war fest entschlossen, alles dafür zu tun, um ihn zu schützen. Ich konnte ihm den Kontakt zu seinem Vater nicht verbieten, aber ich wollte zumindest sichergehen, dass Orlam mehr Acht auf sich selbst gab. “Ich liebe dich und ich will nicht, dass er dir noch mehr wehtut. Versprich mir bitte, dass du auf dich aufpasst.”
Ein schwaches Lächeln kam als Reaktion, aber es erreichte seine Augen nicht. “Klar, ich verspreche es”, sprach er leise. Ich rutschte näher an ihn heran und nahm ihn in den Arm. Wie sehr wünschte ich mir, dass ich ihm all den Schmerz nehmen konnte, den er seit seiner Kindheit ertragen musste. Der körperlichen Verletzungen mochten zwar verheilt sein, aber die emotionalen Wunden waren noch lange nicht verheilt. Das hatte ich heute mehr als deutlich gesehen. Und ich wollte nicht zulassen, dass ihm noch mehr Schmerzen zugefügt wurden. Vor allem nicht von jemandem, der es gar nicht verdient hatte, dass Orlam auch nur einen Gedanken an ihn verschwendete. Ich wusste zwar nicht, wie viel ich am Ende ausrichten konnte, aber ich war bereit, bis ans Äußerste zu gehen, wenn es nötig war. Ich würde nicht zulassen, dass er… in diesem Moment flackerte eine Erinnerung vor meinem geistigen Auge auf. Dieses Mal nicht von der Frau mit den goldblonden Locken und dem weißen Kleid, sondern von Orlam. Er war völlig verwahrlost, wirkte, als hätte er wochenlang nicht mehr richtig geschlafen und kauerte verzweifelt auf dem Boden seines Badezimmers, während ich neben ihm saß. “Ich will nicht mehr leben…”, hatte er zu mir gesagt, nachdem er sich selbst mit Bleichmittel vergiften wollte.
Ich wusste zwar nicht, was der Grund dafür war, dass es Orlam in dieser Erinnerung so elend ging, aber ich würde alles daran setzen, dass es nicht so ausartete.
“Hast du schon eine Idee, wie es weitergehen soll?” hakte ich vorsichtig nach, nachdem ich mich wieder von Orlam gelöst hatte. Er zuckte unsicher mit den Schultern und drückte Jack fester an sich, während sich seine Miene etwas verdüsterte. “Ich schätze mal, ich schau morgen im Krankenhaus vorbei und dann überlegen wir, wie es weitergeht. Mein Vater wird garantiert einen neuen Job brauchen, weil seine Lunge die Belastungen nicht mehr länger aushält. Und das Haus wird auch ein paar Renovierungen benötigen.”
Ich glaubte erst, meinen Ohren nicht zu trauen, als ich das hörte. “Orlam, das ist jetzt nicht böse gemeint, aber das Haus ist eine Bruchbude und mit Sicherheit einsturzgefährdet. Du hast doch sicher auch überall den Schimmel und den Zustand des Daches gesehen, oder? Ein paar Renovierungen werden nicht ausreichen. Der ganze Bau müsste kernsaniert werden und das wird Unsummen von Geld kosten. Da wäre es günstiger, das Haus abzureißen und das Grundstück zu verkaufen.”
Ich wusste, dass ich Recht hatte und dass auch Orlam sich dieser bitteren Wahrheit genauso bewusst war. Aber aus irgendeinem Grund wollte er es nicht so ganz akzeptieren und hatte offenbar tief drin noch einen schwachen Funken Hoffnung, dass man dieses Schicksal noch irgendwie abwenden konnte. “Es ist das Haus meiner Eltern”, wandte er schließlich ein. “Selbst meine Großeltern haben darin schon gewohnt. Ich kann doch nicht einfach so…”
“Du bist nicht Richie Rich, Orlam”, unterbrach ich ihn eindringlich. “Du hast auch eine Wohnung, die du finanzieren musst. Wie willst du da ein Haus, das seit Jahrzehnten zusehends verrottet und nie gepflegt wurde, im Alleingang wieder bewohnbar machen? Ich weiß, dass es schwer fällt, weil es sentimentale Gründe gibt. Aber versuch mal realistisch zu bleiben. Willst du ernsthaft einen Kredit auf dich nehmen, den du den Rest deines Lebens abstottern musst und am Ende nicht mal was davon hast? Du hast so hart dafür gekämpft, um aus der Armut herauszukommen. Wenn du das jetzt machst, rutschst du wieder ab.”
Das hatte ihn einigermaßen wachgerüttelt. Es war wirklich ehrenhaft von ihm, dass er darüber nachdachte, das Haus seiner Familie wieder auf Vordermann zu bringen. Aber realistisch gesehen war es einfach nicht machbar. Dafür mussten viel zu viele Sanierungen durchgeführt werden. Ganz zu schweigen davon, dass die Schimmelbeseitigung und die Feuchtigkeit in den Böden und Wänden großen Aufwand bedeuteten. Erstens hatte Orlam nicht die Zeit dafür, sich selber darum zu kümmern und ich bezweifelte, dass sein Vater eine große Hilfe sein würde. Und zweitens war es finanziell eine viel zu große Herausforderung. Das Haus war ein finanzieller Totalschaden, besser konnte man es nicht beschreiben. Vielleicht hätte man vor 20 Jahren noch etwas tun können, aber jetzt war es einfach zu spät. “Wenn dein Vater mit sich reden lässt, könnt ihr ja das Grundstück verkaufen und er sucht sich eine kleine Mietwohnung. Das sind dann deutlich weniger Lebenskosten und wenn er Sozialhilfe beziehen muss, kann er sich einigermaßen über Wasser halten.”
Orlam seufzte geschlagen und senkte den Blick. “Freiwillig wird er nie ausziehen”, befürchtete er und schüttelte den Kopf. “Wenn ich versuche, ihn davon zu überzeugen, sich eine neue Bleibe zu suchen, damit das Haus abgerissen werden kann, rastet er aus.”
“Na dann muss er eben mit den Konsequenzen leben, wenn er in dieser verwahrlosten Schimmelbude hausen will”, wandte ich energisch ein. “Es kann aber nicht sein, dass du all das auf dich nimmst und dich bis an dein Lebensende verschuldest und nicht einmal etwas davon hast. Es ist nicht deine Schuld, dass das Haus in diesem Zustand ist, also mach es nicht zu deinem Problem!”
Glücklicherweise zeigte Orlam ein Einsehen und musste zugeben, dass er tatsächlich nicht die finanziellen Ressourcen besaß, um so einen Aufwand zu betreiben. Zwar verdiente er als Unternehmensberater nicht schlecht, aber er hatte auch seine eigenen Startup-Projekte, in die er Geld investierte und diese konnte er nicht so einfach vernachlässigen. Dazu standen zu viele Existenzen auf dem Spiel. Er schlug vor, dass er die Nacht darüber schlafen würde und sich eine bessere Lösung überlegen würde, mit der auch hoffentlich sein Vater einverstanden war. Damit leerte er den Rest der Flasche und ich musste ihn schließlich ins Bett bringen, da der Alkohol ihm völlig zu Kopf gestiegen war. Ich ging mit ihm ins Bett und hoffte, dass er keinen allzu starken Kater haben würde. Immerhin musste er morgen wieder arbeiten und dann auch noch ins Krankenhaus fahren. Während ich neben ihm im Bett lag und sein leises Schnarchen hörte, beschlich mich die leise Vorahnung, dass der Schrecken noch lange nicht vorbei war.
Am liebsten wäre ich noch länger bei Orlam geblieben und hätte ihn ins Krankenhaus begleitet. Aber wir hatten beide unsere Jobs, die uns in Anspruch nahmen und so musste ich mit einem unguten Gefühl in der Magengegend am nächsten Tag nach Hause. Ich bat Orlam aber zumindest darum, mich auf dem Laufenden zu halten, da ich mir ernsthaft Sorgen machte. Gleich nachdem er mich zuhause abgesetzt hatte, machte er sich auf den Weg zum Krankenhaus, um sich nach seinem Vater zu erkundigen. Im Anschluss musste er selbst arbeiten gehen. Ich saß wie auf heißen Kohlen und konnte mich kaum auf die Arbeit konzentrieren. Glücklicherweise dachte Orlam daran, mich anzurufen, nachdem er seinen Vater aus dem Krankenhaus abgeholt und zuhause abgesetzt hatte. Sein Zustand war wieder einigermaßen stabil und er hatte Medikamente verschrieben bekommen, um die Entzündungen und den Husten ein wenig in den Griff zu bekommen. Allerdings hatte sich ein neues Problem ergeben: sein Vater war zwar krankenversichert, allerdings weigerte sich die Versicherung, die meisten Kosten zu bezahlen. Zwar hatte sein Vater ein wenig Geld, um die Unterbringung im Krankenhaus und die Behandlungskosten zu bezahlen. Aber er würde die Medikamente nicht zahlen können, die er bitter benötigen würde. Es war ja nicht so, als würde er sie nur einmalig benötigen. Nein, er würde bis an sein Lebensende Medikamente nehmen müssen und die würden ihn nicht mal heilen, sondern nur eine Verschlimmerung seiner Krankheit hinauszögern. Jetzt, wo endgültig feststand, dass er seinen alten Job nicht mehr ausführen konnte, würde er höchstwahrscheinlich gefeuert werden. Er konnte höchstens darauf hoffen, dass er aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung eine andere Stelle bekam, sodass er sich körperlich nicht mehr so verausgaben musste. Das Know-How dazu hätte er. Allerdings würde sein Charakter für extrem viele Probleme sorgen und außerdem war fraglich, ob er mit seiner mangelnden Bildung eine leitende Position ausüben konnte. All das blieb abzuwarten. Und als wäre das nicht schon genug, hatte sein Vater versucht, ihn dazu zu drängen, ihn finanziell zu unterstützen, um das Haus auf Vordermann zu bringen. Orlam hatte versucht, die gleichen Argumente zu nutzen wie ich sie am Abend davor genannt hatte, aber es hatte nichts gebracht. Mr. Brewbacher war wütend geworden und hatte ihn einen herzlosen Bastard genannt, dass ihm sein Elternhaus dermaßen egal war. Um zu verhindern, dass sein Vater wieder nach Luft schnappend zusammenbrach, hatte Orlam ihn beschwichtigt, indem er ihm versprochen hatte, darüber nachzudenken. Als ich ihn fragte, ob er wirklich sein Geld für diese Schrottbude verschwenden wollte, versicherte er mir, dass dem nicht so war. Er wollte einfach nur nicht, dass der alte Schreihals sich schon wieder aufregte. Allerdings würde er nicht drum herum kommen, die Behandlungskosten für seinen Vater zu zahlen. Meiner Meinung war das schon viel mehr als das, was dieses Arschloch verdiente, aber ich wollte ihm da nicht reinreden. Ich hoffte einfach nur, dass Orlam sein Versprechen hielt und es schaffte, eine gesunde Distanz zu seinem Vater zu wahren.
Der Rest der Woche war unser Kontakt sporadisch. Orlam wurde von seiner Arbeit und seinem Vater ziemlich in Anspruch genommen und es sah nicht danach aus, als würde es bald besser werden. Mein Angebot, dass ich ihn begleiten konnte, wenn er sich in der Nähe seines Vaters nicht sicher fühlte, schlug er dankend aus. Sie würden eh meist nur telefonieren, erklärte er mir. Aktuell hätte er so viel um die Ohren, dass er sich nicht jedes Mal die Zeit nehmen konnte, um sich persönlich mit seinem Vater zu treffen. Das war wahrscheinlich auch besser so, aber ich konnte mir ziemlich gut vorstellen, dass selbst Telefonate unfassbar kräfteraubend für ihn waren. Und das blieb auch mir nicht verborgen. Obwohl er versuchte, so lässig wie sonst zu wirken, klang er irgendwie angespannt und seine typischen Flirtsprüche fühlten sich gezwungen an. Der Kontakt wurde ziemlich schnell sporadischer und selbst seine Nachrichten waren kurz und distanziert. Mein ungutes Gefühl verriet mir, dass irgendetwas bei Orlam im Gange war, das er vor mir verheimlichen wollte. Und ich musste versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen, damit ich ihm helfen konnte. Denn mich beschlich die böse Vorahnung, dass George Brewbacher nicht vorhatte, ihn in Ruhe zu lassen. Vielleicht war ich zu paranoid und interpretierte viel zu viel in die Sache hinein. Aber nach dem, was ich persönlich erlebt hatte, war ich der Überzeugung, dass ein gewisses Maß an Paranoia durchaus angebracht war. Und ich wollte bestmöglichst vorbereitet sein, wenn die Dinge außer Kontrolle gerieten und Orlam meine Hilfe brauchte. Aber alleine würde ich das vermutlich nicht schaffen. Da kam mir eine zündende Idee und ich textete Genzou und Gidget an und fragte die beiden, ob wir uns zu dritt bei Sherman's treffen konnten. Ich hatte vielleicht keine Ahnung, wie es war, ein schwieriges Verhältnis zu den eigenen Eltern zu haben. Zumindest nicht auf so eine extreme Art. Aber im besten Fall konnten mir die beiden mehr über ihre eigenen Erfahrungen erzählen, damit ich ein besseres Gefühl dafür bekam, was Orlam gerade durchmachte und was ich für ihn tun konnte. Es war immer noch besser, als mir die ganze Zeit den Kopf zu zerbrechen und mich verrückt zu machen. Das würde auch nichts bringen. Glücklicherweise erhielt ich von Genzou relativ schnell eine Antwort und er sagte sofort zu. Bei Gidget dauerte es aber bis zum Abend, bis xier sich meldete und ebenfalls xiese Zusage gab. Damit war der erste Schritt schon mal getan. Nun hieß es nur noch abwarten und hoffen, dass die Sache mit Mr. Brewbacher bis dahin keine unangenehme Wendung nahm.
Da ich mich nur schwer auf die Arbeit konzentrieren konnte und meine Sorge um Orlam mich selbst nachts wach hielt, ging die Woche quälend langsam um. Es half auch nicht, dass er immer wortkarger wurde und ich nicht wusste, ob es ihm wirklich so gut ging, wie er es mir suggerieren wollte. Aber ich musste mich in Geduld üben und einen kühlen Kopf bewahren.
Am Samstagabend war dann endlich das Treffen bei Sherman's. Es war eine gemütliche Kneipe, in die ich ab und zu mit Genzou gegangen war, um was trinken zu gehen. Der perfekte Ort, um in lockerer Atmosphäre miteinander zu reden. Direkt von draußen sah ich bereits, dass das Schild erneuert worden war und auch der Eingangsbereich wirkte aufgeräumter und moderner. Anscheinend hatte der Besitzer hier zwischenzeitlich renoviert. “Hey Iggy!” Ich drehte mich nach rechts und sah Gidget, dier mir fröhlich grinsend zum Gruß winkte. “Wolltest du etwa ohne uns reingehen?”
“Nee, ich dachte für einen Moment, ich habe mich in der Adresse geirrt”, scherzte ich. “Anscheinend haben sie hier renoviert.”
“Echt jetzt?” fragte Genzou und runzelte skeptisch die Stirn. “Und wie sieht es im Vergleich zu vorher aus?”
Ich betrachtete das Schild und die Fassade einen Augenblick und überlegte. “Also vorher hatte es irgendwie was von einem Irish Pub. Jetzt sieht es aus wie ein schickes Café, wo man sich Pumpkin Spice Latte bestellt.”
Ein entgeistertes “Ach du Scheiße” kam von ihm als Reaktion, aber Gidget und ich ließen uns überraschen, was uns drinnen erwartete. Wir gingen hinein und bemerkten, dass auch das Innere des Ladens komplett umgestellt worden war. Es war weitaus geräumiger als vorher. Grundsätzlich hatte sich an dem Stil nicht viel geändert und die Einrichtung war in einem rustikalen, aber stylischen dunkelbraun gehalten. Die Schilder an der Bar waren ausgetauscht worden und waren schwarz mit weißer Beschriftung. Die Lampen, die wahrscheinlich seit den 80ern von der Decke hingen und ein schwaches gelbes Licht von sich gegeben hatten, waren gegen neue ausgetauscht worden, die den Raum besser erhellten. Die Tische, Stühle und Bänke waren alle neu und passten ins zeitlose Pub-Flair, verliehen dem ganzen aber einen dezent neumodischen Touch. Lediglich die Bar war größtenteils unverändert geblieben und allerhand Spirituosen in den Regalen fungierten als schlichte, aber effektive Dekoration.
Da die Möbel etwas anders standen als sonst, halfen wir Genzou dabei, sich zu orientieren und wir machten es uns zusammen in einer Ecke auf den Bänken bequem. Genzou wirkte ein wenig angefressen darüber, dass er sich nun an die neue Einrichtung gewöhnen musste und fragte uns: “Haben die wenigstens die Getränkekarte beim alten gelassen?”
Gidget und ich nahmen jeweils eine Karte und überflogen sie. “Ja, sieht so aus”, bestätigte xier nach einer Weile. “Aber die Cocktailkarte haben sie definitiv überarbeitet.”
Aber das kümmerte Genzou eher weniger und sobald die Kellnerin kam, bestellte er sich sein Lieblingsbier und ich nahm das Gleiche. Nur Gidget bestellte sich einen Irish Coffee. Während wir auf unsere Getränke warteten, begann Genzou voller Stolz zu erzählen, dass er nun seit fast drei Wochen nicht mehr geraucht hatte. Vor allem Luis hatte ihm dabei geholfen, indem er einfach die Zigaretten irgendwo versteckt hatte, als Genzou in einem Anflug von Schwäche beinahe nachgegeben hatte. Um sich vom Rauchen und seiner schlechten Laune abzulenken, waren sie beide viel spazieren gegangen. Luis hatte ihm sogar vorgeschlagen, dass sie nächstes Jahr zusammen Urlaub am Strand machen konnten, wenn Genzou so lange mit dem Nichtrauchen durchhielt. Das war natürlich ein großer Motivationsschub. Ich war wahnsinnig stolz auf meinen besten Freund, dass er das so eisern durchzog und die schwerste Entzugsphase überwunden hatte. Und ich hoffte sehr für ihn, dass er das so beibehalten konnte. Unwillkürlich musste ich wieder an den Besuch im Krankenhaus nachdenken… und an die Frage der Krankenschwester, ob Orlams Vater Raucher war…
“Iggy, ist irgendetwas nicht in Ordnung?” fragte Gidget besorgt. “Du siehst ganz schön angespannt aus.” Ich atmete tief aus und kratzte mich unsicher am Kopf. Nichts war wirklich in Ordnung. Glücklicherweise wurden endlich unsere Getränke gebracht und nachdem ich einen Schluck Bier getrunken hatte, konnte ich meine innere Hemmung überwinden und erzählen, was mir auf der Seele lag. “Am Montag hat Orlam einen Anruf vom Krankenhaus bekommen. Hat sich herausgestellt, dass sein Vater krank ist und es sieht nicht allzu gut aus. Fast die Hälfte der Lunge ist zerstört.”
“Jesus”, entwich es Genzou und er musste sich ein Lachen verkneifen. “Hat der alte Brüllaffe sich etwa die Lungen kaputt geschrien?"
Gidget warf Genzou einen leicht vorwurfsvollen Blick zu und ging nicht weiter auf dessen morbiden Witz ein. Stattdessen hatte xier eine ganz andere Sorge und brachte es genau auf den Punkt. “Und wie geht es Orlam dabei?”
Nach einem weiteren Schluck Bier erzählte ich, was ich im Krankenhaus erlebt hatte, wie die Diagnose ausgefallen war und was sich im Haus der Brewbachers zugetragen hatte. Gidget starrte mich fassungslos an und konnte nicht glauben, was ich da erzählte. Genzou hingegen versuchte die Stimmung zu lockern und fragte mich: “Du warst wirklich im schreienden Haus? Heilige Scheiße, Iggs. Du hast echt Eier aus Stahl, wenn ich daran zurückdenke, dass du die Mutprobe damals in der Grundschule nicht machen wolltest.”
“Du hast dich doch auch nicht getraut”, erinnerte Gidget ihn tadelnd. “Alle unsere Eltern haben uns davor gewarnt.”
“Und wie sieht das Haus so aus?” hakte mein bester Freund nach, ohne Gidgets Einwand zu beachten. Sein morbides Interesse war geweckt. “Sieht es immer noch so heruntergekommen wie damals aus?”
“Schlimmer”, antwortete ich mit düsterer Miene, als ich an den trostlosen Anblick nachdachte. “Über alle Maßen beängstigend, wie aus einem postapokalyptischen Film. Das Haus sieht von innen und außen so aus, als hätten Krebs und Depression ein Kind bekommen. Und dieses Kind ist eine genetische Abscheulichkeit sondergleichen. Ich würde glatt sagen, diese Bruchbude wird nur noch mit Hass und Trotz zusammengehalten.”
Damit hatte ich meiner Meinung nach eine ziemlich passende Beschreibung der Eindrücke wiedergegeben, die mir das Heim der Brewbachers vermittelt hatte. Anders konnte ich es einfach nicht beschreiben. Einfach nur die Schäden und Mängel aufzulisten, hätte nicht mal ansatzweise die schiere Trostlosigkeit widergespiegelt, die ich beim Anblick dieses Hauses erlebt hatte. Gidget senkte den Blick und fühlte sich sichtlich unwohl bei dieser Beschreibung. Unruhig wandte xier sich xiesem Irish Coffee zu, denn eine solche Offenbarung konnte man ohne Alkohol nicht so leicht verdauen. Genzou hingegen wirkte amüsiert über diese sehr drastische Beschreibung. “Heilige Scheiße. Da würde es mich echt nicht wundern, wenn in dieser Alptraumhütte des Schreckens die Geister von Orlams toten Verwandten darin herumspuken. Vielleicht sollten wir dem alten Brüllaffen mal ein Ouija-Brett schicken. Dann kann er sich mit dem Geist seiner toten Frau weiterstreiten.”
Gidget stieß ihm xiesem Ellebogen in die Seite und fand das ganz und gar nicht lustig. Ich sagte nichts dazu. Ehrlich gesagt war sein schwarzer Humor das einzige, was diese ganze Erzählung weniger schrecklich machte. “Jedenfalls fühlt sich Orlam verpflichtet, die Behandlung seines Vaters zu zahlen, da der Alte ihm ständig vorhält, dass er sich seine Gesundheit für die Familie ruiniert hat. Und er hat Orlam vorgeworfen, dass er Schuld am Selbstmord seiner Mutter hat, weil er halt so ist wie er ist.”
“Ach du heilige Scheiße”, entwich es nun Gidget. Genzou atmete geräuschvoll aus und fuhr sich mit seiner Hand durch die schwarzen Locken. “Jesus, das ist echt heftig”, murmelte er leise. Ich nickte bedrückt und dachte wieder daran, wie Orlam sich an meiner Schulter ausgeweint hatte. “Sein Vater hat ihm eingeredet, seine Mutter hätte sich umgebracht, weil er so eine Enttäuschung ist. Und ich glaube, Orlam hat nun Angst davor, Schuld daran zu haben, wenn sein Vater stirbt. Ich habe versucht ihm klar zu machen, dass er keine Schuld am Selbstmord seiner Mutter hat. Aber irgendwie dringe ich nicht zu ihm durch und ich weiß nicht, was ich machen soll.”
“Fuck verdammt”, fluchte Gidget und nahm noch einen Schluck von xiesem Irish Coffee. “Das klingt ganz deutlich danach, als würde sein Vater ihn manipulieren, um ihn unter seine Kontrolle zu bekommen und seinen Frust an ihm auszulassen.”
“Soll der alte Saftsack doch krepieren, verdient hätte er es!” urteilte Genzou und hatte seine ganz klare Meinung zu der Sache. “Bloß weil er Geld ranschaffen gegangen ist, hat er noch lange nicht das Recht, irgendwelche Forderungen zu stellen und die alte Mitleidsnummer abzuziehen.”
Doch Gidget, dier ganz eigene Erfahrungen mit Manipulation und emotionalen Missbrauch gemacht hatte, war da etwas zurückhaltender. Denn xier sah das aus einer etwas anderen Perspektive als wir beide. “So einfach ist das nicht, Genzou”, gab xier zu bedenken. “Wenn ein Elternteil derart mit deinen Schuldgefühlen und Ängsten spielt, ist es unfassbar schwer, aus dieser Abhängigkeit herauszukommen. Vor allem, wenn man ein so schlechtes Selbstwertgefühl hat und empfänglich für solche Manipulationen ist.”
“Natürlich ist es einfach!” widersprach Genzou energisch und zeigte wenig Verständnis für Gidgets Einwände. “Menschen, die dein ganzes Leben nur Scheiße zu dir sind, verdienen deine Zuwendung nicht. Vor allem nicht, wenn sie dich auch noch körperlich misshandeln. Wenn mein Dad plötzlich vor der Tür stehen würde und mir erzählt, er hätte Krebs und er würde immer noch Scheiße labern, dann würde ich ihn zum Teufel schicken.”
“Ja, aber Orlam hat dir verziehen, oder etwa nicht?”
“Der Unterschied ist aber, dass es mir leid tut, was ich getan habe und ich mich bessern will. Und selbst wenn ich mich hundert Mal auf Knien entschuldige, habe ich keinen Anspruch auf seine Vergebung, Gidget. Stell dir mal vor, deine Mutter verlangt, dass du so tust, als wäre all die Jahre nichts gewesen und sie würde dich immer noch so behandeln. Könntest du ihr all die Scheiße vergeben, die sie dir angetan hat?”
Damit war Gidget still, denn Genzou hatte nicht ganz Unrecht mit seiner Argumentation.
Beide hatten unterschiedliche Ansichten, was die Sache betraf. Gidget war empathischer und tat sich schwer mit dem Gedanken, xiese Mutter im Falle eines Ernstfalls einfach sterben zu lassen und nichts dagegen zu unternehmen. Selbst wenn xiese Mutter genauso hartherzig, manipulativ und herablassend war wie immer. Doch Genzou war pragmatischer und schien kein Problem damit zu haben, jemanden vollständig aus seinem Leben zu streichen, wenn er glaubte, diese Person wäre seine Zuwendung nicht wert. Um ehrlich zu sein, wüsste ich auch nicht, was ich tun würde, wenn plötzlich ein Elternteil schwer krank wurde, welches mich mein Leben lang nur misshandelt hatte. Natürlich klang es vernünftig, was Genzou sagte. Aber konnte ich es auch wirklich mit meinem Gewissen vereinbaren, jemandem meine Unterstützung zu versagen und wissentlich in Kauf zu nehmen, dass das unweigerlich den Tod dieser Person zur Folge haben würde? Das war ein schwieriges moralisches Dilemma und es wurde für Orlam vor allem durch die Tatsache erschwert, dass er sich immer noch Vorwürfe für den Tod seiner Mutter machte. Die Frage war halt, was ich tun konnte, um ihm zu helfen. Denn ich hatte das ungute Gefühl, dass die ganze Sache nur noch schlimmer werden würde, wenn ich Orlam nicht aus dieser toxischen Beziehung mit seinem Vater befreien konnte.
Ich hatte mir beide Seiten angehört und war der Auffassung, dass Genzou und Gidget beide gewissermaßen Recht hatten. Orlam war emotional nicht gefestigt genug, um die Schuldzuweisungen und Manipulationen seines Vaters zu ignorieren. Und es war ziemlich klar, dass der alte Mann genau wusste, welche Knöpfe er drücken musste, um Orlam gefügig zu machen. Aber Genzou hatte insofern Recht, dass Menschen wie Mr. Brewbacher keinerlei Anspruch auf die Nächstenliebe anderer hatten. Insbesondere dann nicht, wenn sie diese Menschen ihr ganzes Leben wie Dreck behandelt hatten. Ich blickte zu Gidget und fragte geradeheraus: “Was würdest du tun, wenn du in Orlams Situation wärst?”
Xier senkte den Blick, presste die Lippen zusammen und dachte angestrengt nach. Es war keine einfache Frage und es gab einige Faktoren, die man bedenken musste. Der körperliche und seelische Missbrauch, der Tod der Mutter, der Vorwurf und die Diagnose. Etwas beschämt gestand xier schließlich: “Ich weiß es nicht. Den Kontakt zu den Eltern abzubrechen ist eine Sache. Aber sie wissentlich sterben lassen, ist eine ganz andere Sache. Nicht jeder Mensch kann seine Familie einfach so aus seinem Leben streichen, Iggy. Ich glaube, das Schlimmste ist, dass man tief drin immer noch einen Funken Hoffnung hat, dass so eine Diagnose der ultimative Weckruf ist und sie endlich die Eltern werden, die man als Kind gebraucht hat. Ich glaube, das ist es, was Orlam davon abhält, den Kontakt endgültig abzubrechen. Das und dann halt auch noch die Schuldgefühle. Zumindest sehe ich das so.”
Das war etwas, das ich noch gar nicht bedacht hatte. Mr. Brewbacher war so ein unausstehlicher und bigotter Mistkerl, dass mir diese Möglichkeit noch gar nicht in den Sinn gekommen war. Aber dann dachte ich wieder an das Streitgespräch zurück, das ich am Ostersonntag in Bucks’ und Hunars Küche belauscht hatte. Da hatte Orlam doch auch gesagt, dass er all diese Schikanen ertragen hatte, weil er hoffte, dass Genzou sich irgendwann mal ändert. Das machte absolut Sinn. Und leider machte es die ganze Sache komplizierter. Denn wie konnte ich es ihm schonend beibringen, dass er sich bei seinem Vater keine Hoffnungen machen sollte, weil dieser Mensch sich niemals ändern würde?
“Ich frage mich manchmal echt, wie Orlam es geschafft hat, nicht völlig durchzudrehen”, murmelte Gidget schließlich mit düsterer Miene. “Wenn man bedenkt, wie viel er durchgemacht hat, ist es unmöglich, dass er keine langfristigen Schäden davongetragen hat.”
“Jeder hat so seine Bewältigungsstrategien, um nicht durchzudrehen”, antwortete Genzou schulterzuckend. “Ich versuch mir alles mit Witzen und dummen Kommentaren erträglicher zu machen. Orlam wird seine eigenen Methoden haben.”
Da fiel mir direkt etwas ein: sein lebhaftes Sexleben zum Beispiel. Oder die Tatsache, dass seine Wohnung zwar hochwertig und ästhetisch eingerichtet war, aber es nirgendwo irgendetwas persönliches gab, was auf seine Hobbys schließen ließ. Keine Poster von seinen Lieblingsbands, keine Fotos oder Figuren. Und es war immer so extrem aufgeräumt, dass man das Gefühl hatte, als würde er gar nicht dort wohnen. Ich hatte es schon bei meinem ersten Besuch bemerkt, dem aber keine allzu große Bedeutung beigemessen, weil ich dachte, dass er einfach sehr ordentlich war. Aber dann fiel mir wieder ein, dass er ebenfalls merkwürdige Erinnerungen an ein Leben hatte, in welchem er völlig verwahrlost in einer zugemüllten Bude gehaust hatte. Es machte durchaus Sinn, dass er allein aus Angst vor dieser Erinnerung versuchte, möglichst Ordnung zu wahren. Ich selber hatte mich ja auch nicht getraut, mit ihm über unsere Beziehung zu sprechen, weil ich viel zu viel Angst vor den Erinnerungen an jene Frau hatte.
Während wir uns alle noch was zu trinken bestellten, versuchte ich gedanklich alle Informationen zu einem stimmigen Bild zusammenzusetzen, die ich gesammelt hatte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde noch ein wichtiges Puzzleteil fehlen. Aber entweder konnte ich mich nicht erinnern, oder ich hatte es bis jetzt noch nicht herausgefunden. “Und was genau hast du jetzt vor, Iggs?” hakte Genzou nach. Doch ich war mir da nicht so ganz sicher. “Keine Ahnung”, gestand ich. “Ich habe irgendwie das Gefühl, dass Orlam mich auf Abstand halten will, um alleine damit fertig zu werden. Mehr als ihm gut zureden und versuchen, ihn zu unterstützen, kann ich auch nicht.”
“Das ist vielleicht das Beste, was du gerade für ihn tun kannst”, versicherte mir Gidget und nickte mir aufmunternd zu. “Glaub mir, ich spreche da aus eigener Erfahrung. Es braucht manchmal eine Weile, bis man erkennt, was das Beste für einen selbst ist. Und ein stabiles Umfeld kann dabei extrem viel helfen. Selbst wenn du ihm diese Last nicht abnehmen kannst, macht es wahnsinnig viel aus, dass er weiß, dass du immer für ihn da bist.”
Ich wusste, dass Gidget Recht hatte. Trotzdem ließ mich dieses nagende Gefühl einfach nicht los, dass ich etwas übersehen oder vergessen hatte. Und es machte mich verrückt, weil es mir einfach keine Ruhe gab. Wie ein Ohrwurm, der einem ständig im Kopf herumspukte und man konnte sich einfach nicht an den ganzen Song erinnern.
Gidget schien zu bemerken, dass ich kein Stück beruhigter wirkte und fragte vorsichtig nach, was mir sonst noch auf der Seele lastete. Doch ich war mir nicht wirklich sicher, wie ich das erklären sollte. “Ich weiß auch nicht”, gestand ich und legte die Arme auf den Tisch, um meinen Oberkörper etwas abzustützen. “Ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass ich eine wichtige Sache vergessen habe, an die ich mich einfach nicht erinnern kann.”
“Hat es mit Orlams Vergangenheit oder seinem Vater zu tun?”
Tja, da konnte ich auch keine Antwort darauf geben. Ich starrte mein Bier an und hatte das Gefühl, als würden sich meine Gedanken im Kreis drehen und nicht vorwärts kommen. Mein einziger Anhaltspunkt, den ich nur noch hatte, waren diese seltsamen Erinnerungen an unser “anderes” Leben. Immerhin schienen sie mehr Einfluss auf unser Leben zu haben als wir uns bewusst waren. Und vielleicht hatte es auch mit Orlams distanziertem Verhalten zu tun, auch wenn es etwas weit hergeholt klang. Aber eine andere Möglichkeit wollte mir nicht einfallen. “Erinnerst du dich noch an unser Gespräch im Januar, Genzou? Ich hatte dir doch von diesen merkwürdigen Erinnerungen von dieser blonden Frau im weißen Kleid erzählt, die mich attackiert hat.”
“Ja und was hat das jetzt mit Orlam zu tun?” fragte Genzou stirnrunzelnd und kratzte sich am Kopf. “Ich komme da gerade mit deiner Hirngymnastik nicht mit, Iggs.”
“Na wir scheinen Erinnerungen an ein anderes Leben zu haben, welche allem Anschein nach unser aktuelles Leben in dieser Realität beeinflussen. Meine Erinnerungen an diese Frau wurden dadurch getriggert, weil ich mir wegen meiner Beziehung mit Orlam Sorgen gemacht habe. Und du hast mir auch erzählt, dass es dir ähnlich geht. Was, wenn Orlam gerade etwas in der gleichen Art durchmacht?”
“Jungs, wovon redet ihr da eigentlich?” fragte Gidget irritiert und verstand überhaupt nichts von dem, was ich da erzählte. Doch ich konnte an xieser Reaktion erkennen, dass xier sichtlich nervös war. “Er hatte ein paar Erinnerungen an so eine durchgeknallte Psycho-Tussi, die ihn vergewaltigen und sein bestes Stück abschneiden wollte, weil er sie nicht rangelassen hat”, erklärte Genzou. “Ist schwer zu erklären. Vermutlich ist damals bei unserem bescheuerten Blutritual im Wald irgendwas passiert und wir können uns nicht mehr richtig erinnern. Aber Fakt ist, dass wir Erinnerungen an Dinge haben, die gar nicht passiert sind. Und noch verrückter ist, dass wir uns teilweise an das Gleiche erinnern.”
Gidget wurde kreidebleich im Gesicht und xiese Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen. Ich sah wie sich Schweißperlen auf xieser Stirn bildeten und wie sich Gidgets Fingernägel regelrecht in den Tisch krallten. “Gidget?” fragte ich vorsichtig und für einen Augenblick sah xier mich panisch an und ich dachte, xier würde gleich aufspringen und wegrennen. “A-alles gut”, murmelte xier und wich mit schuldbewusster Miene meinem Blick aus. “Es ist nichts, w-wirklich!”
Doch diese seltsame Reaktion machte eher den gegenteiligen Eindruck und ich fragte skeptisch: “Bist du dir sicher?”, bekam aber nur ein beschämtes Nicken und ein “mhm” zur Antwort. Na gut, wenn Gidget nicht darüber reden wollte, konnte ich xien nicht dazu zwingen. Also kam ich wieder auf das eigentliche Thema zurück und fragte die beiden, ob sie irgendwelche seltsamen Erinnerungen an Orlam hatte und erzählte dabei von meinen eigenen. Nämlich von seiner verwahrlosten Wohnung und wie er versucht hatte, sich mit Bleichmittel zu vergiften. Die beiden dachten eine Weile nach und fühlten sich sichtlich unwohl dabei. Aber es brachte nichts, die Sache einfach zu ignorieren. Selbst wenn ich mit meiner Vermutung auf dem Holzweg war, wollte ich jede Möglichkeit in Betracht ziehen.
“Ich kann mich nur daran erinnern, dass Orlam verdammt creepy war”, erzählte Gidget nachdenklich. “Er ist jedem ziemlich auf die Pelle gerückt und hat sich mir regelrecht aufgedrängt. Es ist ja nicht so, als wäre er in diesem Leben ein Mönch, aber in dieser anderen Realität war er einfach nur unangenehm. Und er hatte eine ziemlich schräge Besessenheit, was Genzou betraf.”
“Besessen in der Hinsicht, dass er sich wie eine Mischung aus Hannibal Lecter und Leatherface aufgeführt hat!” ergänzte Genzou und erschauderte bei der Erinnerung. “Ich habe dir ja erzählt, dass er sich als König aufgebrezelt hat und Leute gegessen hat. Und ich war sein Lieblingsziel. Erstens weil ich ihn wie Scheiße behandelt habe und zweitens, weil ich ihn quasi zur Triebabfuhr benutzt habe.”
Ich bereute es sofort, dass ich mir ausgerechnet diesen Moment aussuchen musste, um mein Bier auszutrinken. Geistesgegenwärtig schaffte ich es noch, meine Hand auf den Mund zu pressen, um zu verhindern, dass ich mein Bier ausspuckte. Stattdessen zwang ich mich zu schlucken, doch vor lauter Schock gelang etwas davon in meine Luftröhre und ich musste husten. Gidget starrte Genzou völlig fassungslos und mit offenem Mund an. “WAS?!” riefen wir beide unisono und diese Reaktion passte meinem besten Freund so gar nicht. “Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hatte, verdammt. So eine Scheiße habe ich hier garantiert nicht abgezogen!”
“Was zum Teufel waren wir bloß für Menschen in dieser anderen Realität?” fragte Gidget entsetzt. “Und vor allem: wie ist es überhaupt dazu gekommen?”
“Würde ich auch gerne wissen”, gestand ich. “Das passt doch irgendwie nicht zusammen, dass er wie ein König gelebt und reihenweise Leute abgeschlachtet und gegessen hat, ohne dass ihn jemand aufgehalten hat. Vor allem frage ich mich: wie zum Henker kommt man überhaupt auf so einen abartigen Gedanken?”
“Naja, er war ziemlich kaputt im Kopf gewesen und hatte niemanden”, meinte Genzou zögerlich. “Da ist eben eine Sicherung bei ihm im Kopf durchgebrannt.”
Ja, aber ich konnte mir trotzdem beim besten Willen nicht vorstellen, dass Orlam plötzlich anfing, Kannibalismus zu begehen. Einen Mord an einem Menschen zu begehen, den man hasste und der einem Unrecht getan hatte, war ja eine Sache. Aber diesen Menschen dann auch noch zu essen, war noch mal eine ganz andere Eskalationsstufe. Wenn Orlam wirklich so kaputt und verstört in dieser anderen Realität gewesen war, fragte ich mich, was ihn in diesem Leben davon abgehalten hatte. Etwa nur die Tatsache, dass Genzou ihn nicht sexuell ausgenutzt hatte? Oder unsere Beziehung?
“Apropos durchgebrannte Sicherung!” unterbrach Genzou meine Gedanken, als ihm noch etwas einfiel. “Eigentlich müsstest du dich auch daran erinnern, was er mit dir angestellt hat, Iggs.”
“Mit mir?” fragte ich und verstand nicht so ganz, wovon er redete. Ich dachte angestrengt nach, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass er mir irgendetwas angetan hatte. Einen Augenblick zögerte Genzou jedoch, wahrscheinlich aus Sorge, dass es negative Auswirkungen auf meine Beziehung mit Orlam hatte. Aber als ich neugierig nachhakte, erzählte er es mir: “Er hat dich an die Wand gekettet und dich mit Elektroschocks so lange gefoltert, bis du fast gestorben bist. Er wollte sich an mir rächen, indem er seinen Frust an dir ausgelassen hat.”
“Oh fuck…”, murmelte Gidget als xiem auch etwas einfiel. “Und ich weiß noch, wie er dich verstümmelt und dann versucht hat, Iggy umzubringen.”
Ich versuchte mich angestrengt zu erinnern, aber alles war völlig verschwommen. Vielleicht wollte mein Kopf sich nicht erinnern, oder die Vorstellung, dass Orlam mir so etwas antun könnte, war einfach zu abstrus für meinen Verstand. Das einzige, an das ich mich sehr vage zu erinnern glaubte, war ein Stall und ein surrendes Geräusch von Strom. Und ich glaubte, Genzou in dieser Erinnerung verzweifelt betteln zu hören, während ich selbst gefesselt und geknebelt war. Seltsamerweise fühlte sich diese Erinnerung im Gegensatz zu der mysteriösen Frau ziemlich fremd und unwirklich an. Sie war so fragmentiert, dass ich nicht mal wusste, ob es auch wirklich eine Erinnerung war. Es war verrückt, dass ich mich an bestimmte Dinge so intensiv erinnern konnte, dass ich sie nicht mehr von der Realität unterscheiden konnte, während andere sich eher wie ein längst vergessener Traum anfühlten. Vielleicht weil es einen bestimmten Trigger brauchte. Und weil Orlam mir bislang immer ein Gefühl von Geborgenheit gegeben hatte und ich ihm vertraute, hatte ich keinen Zugriff auf diese Erinnerungen. Vielleicht war es das Beste, dass ich mich nicht an alle Einzelheiten erinnerte. Gidget hatte es schon ziemlich treffend gesagt, dass unsere Leben in dieser anderen Realität eine absolute Katastrophe gewesen sein mussten. Und ich wusste nicht einmal, was Gidget und Bucks durchgemacht hatten. Mit Sicherheit war es nicht sonderlich besser. Aber wenn ich all diese schrecklichen Dinge berücksichtigte, die ich gerade gelernt hatte und sie mit Orlams merkwürdigem Verhalten im Krankenhaus in Verbindung brachte, fügte sich das Ganze zu einem einigermaßen stimmigen Bild zusammen.
“Danke Leute”, sagte ich schließlich. “Ich glaube, so langsam macht das alles Sinn… denke ich zumindest.”
“Ernsthaft?” fragte Genzou mich skeptisch und hob die Augenbrauen. Ein wenig unruhig rutschte er auf seinem Platz herum, um es sich etwas bequemer zu machen. “Also ich werde da immer noch nicht so ganz schlau aus deinen Gedankengängen. Wäre schön, wenn du uns mal einweihen würdest.”
“Unsere Erinnerungen werden durch bestimmte Erlebnisse und Emotionen getriggert”, erklärte ich. “Ich kann mir denken, dass das Wiedersehen mit seinem Vater vielleicht diese Erinnerungen bei ihm geweckt haben und er sich deswegen so distanziert verhält.”
“Die Möglichkeit besteht, aber es kann auch andere Gründe haben”, gab Gidget zu bedenken. “Vielleicht braucht er einfach etwas Zeit für sich und du machst dir nur zu viele Gedanken.”
Komplett ausgeschlossen war diese Möglichkeit auch nicht. Aber Gidget hatte ihn nicht so erlebt wie ich es getan hatte. Ich mochte dazu neigen, mir viel zu viele Gedanken um Kleinigkeiten zu machen, aber was ich im Krankenhaus erlebt hatte, war nicht normal gewesen. Er war völlig weggetreten gewesen, nachdem wir rausgegangen waren, um Luft zu schnappen. Und er hatte so orientierungslos und verwirrt auf mich gewirkt, als hätte irgendein Film in seinem Kopf abgespielt. Es erinnerte mich viel zu sehr an meine eigenen Flashbacks. Selbst wenn Gidget Recht hatte und diese Erinnerungen hatten nichts mit seinem distanzierten Verhalten zu tun, so waren sie eine mögliche Erklärung dafür, warum er sich so sehr von seinem Vater manipulieren ließ und wieso er sich einreden ließ, er hätte den Tod seiner Mutter zu verantworten. Wenn man plötzlich Bilder vor Augen an ein Leben hatte, in welchem man ein wahnsinniger kannibalistischer Serienmörder war, dann kamen einem wahrscheinlich Zweifel an der eigenen Unschuld auf. Zumindest ergab das für mich Sinn. Orlam war mit Sicherheit verunsichert und versuchte es vor mir zu verbergen. Vielleicht weil er mir keine Sorgen bereiten wollte. Aber so funktionierte das nicht und ich weigerte mich, einfach nur rumzusitzen und Däumchen zu drehen. Wir mochten unsere Beziehung zwar nach unseren ganz eigenen Regeln führen. Aber ich ließ mich mit Sicherheit nicht einfach so ausschließen. Ein Partnertanz funktionierte ja auch nicht mit nur einer Person!
“Dein Schweigen gefällt mir gar nicht, Iggs”, murmelte Genzou. “Mich beschleicht das Gefühl, dass du dabei bist, dir ordentlich Ärger einzuhandeln.”
“Ich bin nicht auf Ärger aus”, widersprach ich ihm mit fester Entschlossenheit. “Ich will nur mit Orlam reden und dafür sorgen, dass sein alter Herr ihn in Ruhe lässt.”
“Genau das meine ich ja… Du willst immer nur reden und am Ende bringst du dich nur in Schwierigkeiten mit deiner Leichtsinnigkeit.”
Aber das war mir egal. Ich hatte von Anfang an den Entschluss gefasst gehabt, Risiken einzugehen, wenn es nötig war, um Orlam zu helfen. Ich wusste zwar noch nicht so genau, wie ich es am besten anstellen konnte. Doch zumindest wusste ich jetzt genug, um mir was einfallen zu lassen.
Nach dem aufschlussreichen Gespräch mit Genzou und Gidget versuchte ich, Orlam zu erreichen und schrieb ihm, dass wir uns dringend unterhalten mussten. Doch leider blieben meine Kontaktversuche erfolglos. Es kam nur eine knappe Antwort von ihm, dass er viel zu tun hatte und aktuell keine Zeit für mich hätte. Auf meine Frage, ob es wegen seiner Arbeit oder wegen seines Vaters war, kam keine Reaktion und ich war genervt, dass er mir immer noch so hartnäckig aus dem Weg ging. Aber zumindest versprach er, wenigstens zur nächsten D&D Session zu kommen und dann hätte er auch Zeit für ein Gespräch. Also vergingen zwei weitere Wochen, in denen ich nichts von ihm sah oder hörte außer unpersönlichen Nachrichten. Auf meine Anrufe reagierte er nicht. Stattdessen schrieb er mir bloß, dass er immer noch beschäftigt sei und keine Zeit zum Telefonieren hätte. Dabei fiel mir auf, dass seine Textnachrichten, die sonst immer einwandfrei geschrieben waren, entweder voller Rechtschreibfehler waren, oder er hatte Worte benutzt, die überhaupt keinen Sinn ergaben und höchstwahrscheinlich von der Autokorrektur stammten. Auch die Zeichensetzung fehlte entweder vollständig, oder war völlig falsch gesetzt worden. All dies war äußerst besorgniserregend und bestätigte zusehends meinen Verdacht, dass es ihm überhaupt nicht gut ging und er mit der ganzen Situation nicht zurechtkam.
Am Anfang unserer Beziehung hatte er sogar vom Auto aus mit mir telefoniert, wenn er auf den Weg zu einem Klienten war und es hatte nie ein Problem für ihn dargestellt. Stattdessen hatte ich sogar den Eindruck gehabt, als würde er sich freuen, seine kurzen Pausen damit zu verbringen, sich mit mir zu unterhalten. Und jetzt lebte er sogar noch zurückgezogener als ich und das passte einfach nicht zu dem Orlam, den ich kannte. Wenn er eine Ablenkung brauchte, begab er sich immer unter Leute, weil es genau das war, was er brauchte. Diese Art der Selbstisolation mochte zwar für einen Introvertierten wie mich heilsam sein, aber für jemanden wie ihn konnte es einfach nicht gesund sein. Vor allem nicht über einen längeren Zeitraum.
Um ihm klarzumachen, wie ernst es mir war, legte ich ihm schließlich in einer Sprachnachricht nahe, dass er sein Wort hielt und zur Session kam, damit ich sehen konnte, dass es ihm gut ging. Andernfalls, so warnte ich ihn, würde ich zu seiner Wohnung gehen und so lange Klingelterror betreiben, bis er mich endlich reinließ. Das war etwas dick aufgetragen, Aber ich fürchtete, dass ich ansonsten wieder nur auf taube Ohren stieß. Orlam versprach mir, auf jeden Fall zu kommen und entschuldigte sich, dass er keine Zeit für mich hatte. Da er endlich merkte, wie sehr ich mir Sorgen machte, schickte er mir eine sehr lange Sprachnachricht, in der er mir erzählte, was zurzeit los war. So wie ich erfuhr, hatten sich die Dinge nicht zum Besseren entwickelt, eher im Gegenteil. Wie bereits befürchtet, hatte sein Vater seinen Job verloren und keine neue Stelle in der Fabrik bekommen. Obwohl er genug Berufserfahrung für eine leitende Position mitbrachte, hatte es in der Vergangenheit genug Zwischenfälle gegeben, die ihn als Führungskraft völlig ungeeignet machten. Eine schöne Umschreibung dafür, dass er wegen seiner cholerischen Anfälle eine Last war und man ihn besser vor anderen Menschen fernhalten sollte. Nun war er arbeitslos und das führte natürlich wieder zu neuen Problemen, weil Mr. Brewbacher die Schule nie beendet hatte und nicht mal richtig lesen und schreiben konnte. Was blieben denn da noch für Jobs übrig, bei denen er sich körperlich nicht so sehr verausgaben musste und keine höhere Bildung brauchte? Klar gab es immer Möglichkeiten, aber das größte Problem stellte weder die Krankheit noch die fehlende Bildung dar, sondern der miese Charakter. Es war vor allem für Orlam ein absoluter Kraftakt, weil sein Vater ihm gewissermaßen die Jobsuche aufs Auge gedrückt hatte. Kein Job war diesem Griesgram gut genug. Entweder war die Arbeit nicht “männlich” genug, oder er geriet in einen Streit und wurde sofort wieder gefeuert.
So wie ich mitbekam, versuchte Mr. Brewbacher zwar auch selber, sich einen Job zu suchen, allerdings schien er da eher passiv zu sein. Sein Gesundheitszustand machte ihm einfach viel zu sehr zu schaffen und das, was Orlam ihm anbot, betrachtete er als persönliche Beleidigung.
Es brauchte kein Genie, um zu kapieren, dass das eine ganz miese Masche war, die dieser alte Choleriker da abzog. Und ich war unfassbar sauer darüber, dass dieser Mistkerl Orlam so schamlos ausnutzte und billigend in Kauf nahm, dass dieser unter dem ganzen Stress bald zusammenbrach. Aber was sollte man da erwarten? Wenn schon der Selbstmord seiner Frau kein Weckruf für ihn gewesen war, warum sollte dann die Diagnose etwas bewirken?
Was mir aber noch mehr Kopfschmerzen bereitete als die Sache mit Mr. Brewbacher, war die Tatsache, dass Orlam sich in seiner Sprachnachricht irgendwie seltsam anhörte. Irgendwie lallend, so als hätte er Schwierigkeiten, die Worte richtig auszusprechen. Ich fragte ihn nach kurzer Überlegung per Textnachricht, ob er betrunken sei, bekam von ihm aber nur zur Antwort, er hätte nur einen kleinen “Stress-Drink” gehabt, um zu entspannen. Vielleicht hätte ich mich damit zufrieden gegeben, wenn es nicht schon seit Tagen so war, dass er abends nicht mehr richtig schreiben konnte, wenn er mir antwortete. Er hatte ganz offensichtlich sehr oft sehr viele Stress-Drinks gehabt und diese Angewohnheit hatte er definitiv noch nicht sehr lange. Orlam mochte zwar ein sehr anspruchsvolles Berufsleben haben, aber er war bislang immer ein sehr verantwortungsvoller Trinker gewesen und ich hatte ihn noch nie betrunken erlebt. Außer das eine Mal, als sein Vater ihm die Schuld für den Selbstmord seiner Mutter gegeben hatte. Danach hatte er eine ganze Flasche Jack Daniel's getrunken, um den Schock besser zu verkraften. Ja… es hatte erst da angefangen, dass er sich immer komischer verhielt. Und ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass Orlam mich auf Abstand halten wollte, damit ich nicht merkte, dass er sich immer häufiger betrank. Diese Entwicklung gefiel mir ganz und gar nicht und mir war klar, dass ich etwas unternehmen musste. Es sah nämlich immer mehr danach aus, als würde Orlam langsam in eine Abwärtsspirale hineingeraten. Und dieses Mal hatte er Alkohol statt Bleichmittel als sein persönliches Gift gewählt.
Ich grübelte den ganzen Tag über eine Möglichkeit nach, was ich tun konnte, um Orlam aus seinem Loch zu holen. Das war leider nicht einfach, wenn man systematisch gemieden wurde. Insgeheim hoffte ich darauf, dass er sich an sein Versprechen hielt und zu unserem Gruppentreffen kam. Es war nun die dritte Woche seit meinem Gespräch mit Genzou und Gidget und knapp einen Monat, seit Mr. Brewbacher sich wie ein Parasit ins Leben seines Sohnes gedrängt hatte. Am Freitag, knapp drei Tage nachdem ich Orlams Sprachnachricht erhalten hatte und zwei Tage vor unserer geplanten D&D Session, erhielt ich einen überraschenden Anruf von Gidget. Ich war vom Supermarkt zurückgekehrt und gerade dabei, die Einkäufe in den Kühlschrank zu räumen, als mein Handy klingelte. Sofort ließ ich alles stehen und liegen, denn ich hatte für einen kurzen Augenblick die verrückte Hoffnung, dass es vielleicht Orlam war. Als ich Gidgets Namen auf dem Display sah, war ich enttäuscht aber auch gleichzeitig verwirrt. Komisch, dachte ich stirnrunzelnd. Normalerweise schickte xier mir nur Textnachrichten, weil xier wusste, dass ich es nicht so mit Telefonaten hatte. Ein ungutes Gefühl beschlich mich und für einen Moment hatte ich wieder diesen ominösen Flashback an Hunar, der mich völlig aufgelöst anrief, weil Bucks verschwunden war. Doch ich verdrängte diese Erinnerung schnell wieder und hoffte, dass es nichts Ernstes war und der Anruf lediglich Gidgets geplanter Transition oder die bevorstehende D&D Session am Sonntag betraf.
Mit einem immer noch flauen Gefühl in der Magengegend nahm ich den Anruf an. “Hey Gidget”, grüßte ich und bemühte mich dabei, möglichst locker zu klingen. “Na wo brennt's denn? Haben die Echsenmenschen das Weiße Haus besetzt, oder hat die NASA Aliens auf der dunklen Seite des Mondes gefunden?”
“Hey Iggy”, kam es vom anderen Ende der Leitung, doch dem Klang der Stimme nach zu urteilen, war Gidget gerade gar nicht zum Lachen zumute. Xier klang ziemlich ernst und bedrückt. Scheiße, dachte ich mir. Es war definitiv etwas Schlimmes passiert. “Sorry, wenn ich dich gerade bei der Arbeit störe…”
“Nein, alles gut, ich komme gerade vom Einkaufen zurück und mit der Arbeit bin ich soweit fertig. Erzähl schon, was ist los? Ich höre dir doch an, dass irgendetwas passiert ist.”
Eine kurze Pause folgte, gefolgt von einem leisen und bedrückten Seufzer. “Das ist jetzt etwas komisch und ich will dich nicht verunsichern. Aber Cecil hat vor ein paar Minuten einen Anruf von Orlam bekommen.”
“Okay…?” Ich verstand nicht so ganz, worauf Gidget hinaus wollte und wieso xier so herumdruckste. Wieder folgte eine Pause, bevor xier fortfuhr: “Bitte flipp jetzt nicht aus, okay?”
“Wie denn, wenn ich nicht mal weiß, worum es geht?” fragte ich ungeduldig und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Küchenzeile. Ich war nervös und klang gereizter als beabsichtigt. Aber ich konnte dieses Rumgedruckse einfach nicht ausstehen. Vor allem nicht, wenn ich mir eh schon Sorgen um Orlam machte. Wenn es irgendetwas Ernstes war, wollte ich es lieber direkt hören, anstatt unnötig auf die Folter gespannt zu werden. Den Schock würde es mir wahrscheinlich so oder so nicht nehmen. Ein bedrücktes Seufzen kam von Gidget und dann erklärte xier zögerlich: “Naja er… er wollte sich mit uns zum Sex treffen.”
Ich atmete erleichtert aus. Für einen Moment hatte ich schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Aber anscheinend war es bloß ein Missverständnis. “Wenn das für euch kein Problem ist, ist das in Ordnung”, erwiderte ich. “Orlam und ich führen eine offene Beziehung und ich habe ihm gesagt, er kann sich weiter mit Leuten zum Sex verabreden.”
“Echt?” kam es ziemlich verwirrt vom anderen Ende der Leitung zurück. “Das klang irgendwie anders. Als Cecil ihn nämlich gefragt hat, wie du zu der Sache stehst, hat er plötzlich angefangen zu weinen. Er sagte irgendwas davon, was für ein schlechter Mensch er sei, dass er dich hintergeht und dich gar nicht verdient. So wie Cecil es mir erzählt hat, klang er ziemlich betrunken und völlig fertig mit den Nerven.”
“Oh fuck…”, murmelte ich und schlug mir die Hand gegen die Stirn. Das war in der Tat eine ziemlich beunruhigende Nachricht. Das war kein Anruf zum Sex gewesen, sondern eindeutig ein verzweifelter Hilferuf. Mir wurde klar, dass ich nicht bis Sonntag auf ein klärendes Gespräch mit Orlam warten konnte, nur um höchstwahrscheinlich wieder von ihm zurückgewiesen zu werden. Er brauchte jetzt sofort jemanden an seiner Seite und vor allem brauchte er dringend Hilfe. “Danke für die Info, Gidget. Könntest du Cecil sagen, er soll sich bei Orlam melden und ihm sagen, dass ihr zu ihm kommt? Ich mache mich gleich auf den Weg zu ihm, um nach dem Rechten zu sehen. Wenn er weiß, dass ich zu ihm komme, wird er mich wahrscheinlich nicht hereinlassen.”
“Wie wäre es, wenn wir dich gleich mit dem Auto abholen und wir fahren zu dritt zu ihm hin?” schlug Gidget vor. “Nur für den Fall, dass irgendetwas passiert oder er die Tür nicht öffnet.”
Ich überlegte einen kurzen Augenblick. Ich glaubte zwar nicht daran, dass Orlam in seinem betrunkenen Zustand gefährlich war. Aber wenn er tatsächlich nicht mehr in der Lage war, die Tür zu öffnen, würde ich mit Sicherheit Hilfe brauchen. Ich hatte keinen Schlüssel und ich war definitiv nicht kräftig genug, um alleine eine Tür aufzubrechen. Da konnte etwas Unterstützung nicht schaden. Außerdem war die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass Orlam durch den Türspion schaute und nicht öffnete, wenn er mich sah. Also nahm ich Gidgets Angebot dankend an und xier versprach mir, sich sofort mit Cecil auf den Weg zu mir zu machen.
Ich räumte schnell meine restlichen Einkäufe ein und ging meine Tasche packen. Zwar konnte ich noch nicht genau abschätzen, wie ernst sein Zustand war, aber solange es noch nicht kritisch war, wollte ich lieber bei ihm bleiben, bis er sich ausgenüchtert hatte. Und es war mir auch vollkommen egal, wie sehr er sich dagegen sträubte und versuchen würde, mich abzuwimmeln. Er hatte mich auf meinem absoluten Tiefpunkt erlebt und mir beigestanden und ich würde garantiert nicht zulassen, dass er auf seinem eigenen Tiefpunkt alleine blieb.
Nachdem ich alles Nötige eingepackt hatte, dauerte es nicht lange, bis es an der Tür klingelte. Ich eilte nach draußen und wurde direkt von Cecil in Empfang genommen. Wir gingen gemeinsam zum Wagen, einem weißen Honda Civic, an dessen Steuer Gidget saß. Sobald wir uns angeschnallt hatten, fuhr xier los und nahm die schnellste Route zu Orlam.
“Irgendwie gefällt mir das Ganze nicht”, murmelte Gidget nervös. “Das sieht ihm einfach nicht ähnlich, so merkwürdige Anrufe zu machen.”
“Aktuell sieht ihm gar nichts mehr ähnlich”, gab ich zurück und schaute bedrückt aus dem Fenster. “Würde mich nicht überraschen, wenn er schon seit langem mit sich zu kämpfen hatte und das mit seinem Vater war bloß der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.”.
“Ja, aber warum hat er nie mit uns geredet? Wir sind doch Freunde, oder etwa nicht?”
Und hieraufhin warf Cecil Gidget einen merkwürdigen und zugleich vielsagenden Blick zu und erklärte mit seiner üblich trockenen und tonlosen Stimme: “Manchmal gibt es Dinge, über die man selbst mit Freunden nicht darüber sprechen kann.”
Er hatte nicht ganz Unrecht damit und auch Gidget fiel nichts dazu ein. Wenn ich mit meiner Vermutung richtig lag und Orlam hatte auch Flashbacks gehabt, wie zum Teufel sollte man das irgendeinem Menschen erklären, ohne dass man sich wie ein Verrückter anhörte? Wie sollte er mit mir darüber sprechen? Und ich konnte mir gut vorstellen, dass Orlam auch immer noch Angst vor seinem Vater hatte und mich aus der ganzen Sache raushalten wollte, um mich zu schützen.
Schließlich erreichten wir die Adresse und Gidget parkte den Wagen am Straßenrand. Wir stiegen zusammen aus und betraten das Haus. Als wir an den Briefkästen vorbeikamen, fiel mir sofort auf, dass der von Orlam länger nicht geleert worden war. “Seid ihr euch sicher, dass er zuhause ist?”
“Ganz sicher. Er hat mir gesagt, wir sollten zu ihm kommen”, bestätigte Cecil und folgte meinem Blick zum Briefkasten. “Wie es aussieht, hat er seinen Stil von légèr zu bordélique gewechselt. Das ist in der Tat neu.”
Wir gingen den Hausflur entlang und dann die Treppen in die erste Etage hoch, bis wir vor Orlams Wohnung standen. Ich hielt etwas Abstand von der Tür, damit Orlam mich nicht durch den Türspion sah. Gidget klopfte laut an und wartete eine Weile, bevor xier sicherheitshalber die Klingel drückte. Doch es kam keine Reaktion. Nun klingelte Gidget zwei Mal und wurde sichtlich unruhig. “Orlam?” rief xier und klingelte drei Mal.
Cecil holte sein Handy hervor und wählte Orlams Nummer in der Hoffnung, vielleicht auf diese Weise eine Antwort zu bekommen. Wir hielten inne und schauten ihn erwartungsvoll an. Doch fast eine Minute verging, bis Cecil kopfschüttelnd auflegte und und murmelte: “Er geht nicht ran.”
Nun kam ich näher und legte ein Ohr an die Tür. Es war ziemlich schwach, aber ich war mir sicher, dass ich Musik hören konnte. “Hört sich an, als wäre er da.”
Unsicher schaute Gidget erst zu mir und dann zu Cecil. “Scheint so, als bleibt uns keine andere Möglichkeit, als einzubrechen.”
“Und wie sollen wir das anstellen?” fragte ich ratlos. “Sollen wir die Tür eintreten? Also ich kriege das garantiert nicht geschafft.”
Doch da schob sich Cecil an uns vorbei und wies uns an, beiseite zu treten. Er hatte da anscheinend bereits einen Plan für solch einen Fall parat. Aus der Innentasche seiner Jacke holte er eine alte Kreditkarte heraus und schob sie zwischen Tür und Rahmen. Er setzte etwas weiter oben an und schob die eingeklemmte Kreditkarte langsam runter, bis sie fast auf Höhe des Türgriffs war. Da blieb sie schließlich stecken und Cecil begann mit etwas Mühe, an der Kreditkarte zu ziehen und zu schieben. Doch es schien nichts zu bringen. Nun begann er etwas mehr Kraft hineinzulegen und kleine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Dann endlich war die Tür offen und ich atmete erleichtert aus. Verdammt, war ich froh, dass wir zusammen hergefahren waren. Blieb nur zu hoffen, dass es noch nicht zu spät für Orlam war.
Kaum, dass Cecil die Tür aufgemacht hatte, kam uns ein unangenehmer Geruch entgegen. Die Luft, die aus der Wohnung strömte, war abgestanden und stickig. Es roch nach Alkohol und vergammeltem Essen. Schon als wir den Wohnungsflur betraten, sahen wir Müllsäcke mit leeren Pizzaschachteln und Nudelboxen auf dem Boden. Eine Jacke lag auf dem Boden und die Schuhe standen mitten im Weg, sodass ich beinahe gestolpert wäre. Aus dem Wohnzimmer drang “Diary of a Madman” von Ozzy Osbourne zu uns durch wie ein unheilvolles Omen und ließ diesen Anblick noch bizarrer und beängstigender erscheinen als ohnehin schon. Ich schaute erst im Schlafzimmer nach, welches noch chaotischer war als der Flur. Überall lagen Klamotten auf dem Boden herum. Das Bett war nicht gemacht worden und eine Schranktür stand offen. Die Küche, die sonst immer so sauber, aufgeräumt und gepflegt war, sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Überall stand schmutziges Geschirr und Tassen. Auf dem Herd standen benutzte Töpfe und auf dem Tisch stapelten sich leere Nudelboxen vom China-Imbiss und reihenweise leere Bier-, Wein- und Whiskeyflaschen. Wir sagten alle drei nichts, stattdessen suchten wir weiter, ohne uns lange mit dem desolaten Zustand der Küche aufzuhalten. Schließlich gingen wir ins Wohnzimmer und dort sah es genauso schlimm aus. Auf dem Boden lagen Essensreste, Müll und allerhand Flaschen. Teilweise waren diese ausgelaufen und Pfützen aus Wodka und Whiskey hatten sich gebildet. Inmitten dieses Chaos saß Orlam auf dem Boden, den Rücken gegen die Couch gelehnt. Seine Haare waren zerzaust und ungewaschen, das Gesicht wirkte eingefallen und bleich. Er hatte dunkle Augenringe, so als hätte er seit längerem nicht mehr geschlafen und seine Klamotten hatten auch bessere Tage gesehen. Sein Hemd war nicht richtig zugeknöpft und schmutzig und auch an seiner Hose klebten Essensreste.
“Orlam?” sprach ich vorsichtig und trat näher. Träge hob er den Kopf und blinzelte langsam, aber es sah nicht so aus, als würde er mich erkennen. “Wie seid ihr denn reingekommen?” fragte er mit lallender Stimme.
“Cecil hat die Tür für uns geöffnet. Wir haben uns große Sorgen um dich gemacht.”
“Wieso? Ist doch alles super…” Er schaute sich suchend um und griff nach einer der Flaschen, die auf dem Boden lagen. “Alles ist super hier.”
Entschieden ging ich zu ihm hin und nahm ihm die Flasche aus der Hand. “Nichts ist okay und du hast schon mehr als genug gehabt. Es geht dir überhaupt nicht gut und Alkohol ist auch nicht die Lösung.”
“Lass mich in Ruhe”, protestierte er und versuchte mich wegzustoßen, doch seine Motorik war so stark beeinträchtigt, dass keine Kraft in seinen Bewegungen steckte. Stattdessen erinnerte sein Herumgefuchtel an ein übermüdetes Kleinkind. “Ich hab niemanden um Hilfe gebeten. Verschwinde!”
Doch ich dachte nicht daran. Ich nahm Orlams betrunkenen Wutanfall kommentarlos hin und reagierte nicht weiter darauf. Sich zu streiten hatte doch eh keinen Sinn. Vor allem nicht mit einem Betrunken. Als er aber wieder eine Flasche nehmen wollte, um sie dieses Mal auf uns zu werfen und uns zu verjagen, stoppte ich ihn, indem ich ihm am Handgelenk festhielt. “Das reicht jetzt”, sprach ich ruhig, aber streng. “Ist mir egal, was für ein Theater du hier veranstaltest, ich werde dich nicht alleine lassen. Gib es doch einfach zu: du leidest gerade und willst eigentlich nicht, dass wir gehen. Du hast einfach nur Angst.”
Orlam hörte endlich auf, um sich zu schlagen und er wurde still. Meine Worte schienen nun tatsächlich zu ihm durchgedrungen zu sein und er realisierte, dass er uns nicht loswerden konnte. Ich sah, wie seine Unterlippe zu zucken begann und sich Tränen in seinen Augen sammelten. Für einen Moment wirkte er so, als wäre er klar im Kopf und konnte erkennen, in was für einem Zustand er sich befand und wie sein Wohnzimmer aussah. Und eine Woge von Scham und Selbsthass überwältigte ihn. Sein ganzer Körper begann zu zittern und er begann sich so klein zu machen wie möglich. Dann brach er in ein heftiges Schluchzen aus und vergrub das Gesicht in den Händen. “Ich habe es nicht anders verdient!” rief er verzweifelt und mit zitternder Stimme. “Ich bin ein Monster und tue Menschen weh! Niemand will mich!”
“Unsinn”, sprach ich ruhig, kniete mich neben ihm hin und nahm ihn sanft in den Arm. “Du tust doch niemandem weh.”
“Doch das tue ich!” schrie er so laut, dass ich ihn erschrocken losließ und Gidget zusammenzuckte. Cecil, der weitaus misstrauischer und vorsichtiger war, stellte sich sicherheitshalber vor xiem für den Fall, dass Orlam gewalttätig wurde. Doch glücklicherweise verfiel dieser in keinen Wutanfall. Stattdessen sackte er wieder in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. “Ich habe schlimme Dinge getan und sogar Iggy verletzt. Wegen mir ist meine Mutter tot, ich habe Genzou umgebracht und meinen Vater auch. Jemand wie ich hat keine Liebe verdient. Ich bin ein Freak, der niemanden lieben kann…”
“Bullshit, du hast niemanden verletzt oder umgebracht”, sprach ich tröstend, während ich ihm sanft den Rücken streichelte. “Aber du tust dir gerade selbst unnötig weh und das muss aufhören, Orlam. Du hast Menschen, die dich lieben und die sich Sorgen um dich machen.”
Damit hatte sich endgültig der Verdacht bestätigt, den ich gehabt hatte. Er erinnerte sich an all die furchtbaren Dinge, die er uns in dieser anderen Realität angetan hatte und das war höchstwahrscheinlich von dem Hass auf seinen Vater getriggert worden. Und um mit all diesen furchtbaren Erinnerungen und den Schuldgefühlen fertig zu werden, hatte er sich betrunken. Einerseits war ich erleichtert darüber, dass ich nun endlich verstand, warum er sich den ganzen Monat lang so merkwürdig verhalten hatte. Aber es tat mir auch so unfassbar weh, ihn in einem derart miserablen Zustand zu sehen. Ich konnte mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie traumatisch es für ihn sein musste, all diese Bilder vor Augen zu haben. “Diese ganzen schrecklichen Dinge, die du gesehen hast, sind nicht echt. Genzou geht es gut und ihr habt euch versöhnt, weißt du noch? Du hast mir nie etwas angetan und dein Vater lebt auch noch. Und du hast auch keine Schuld am Tod deiner Mutter. Sie hat sich das Leben genommen, weil dein Vater ein gewalttätiges Arschloch ist.”
Doch Orlam hörte nicht auf zu weinen. Er schluchzte genauso bitterlich wie bei unserem Besuch in seinem Elternhaus und konnte sich nicht beruhigen. Aber ich hielt ihn nicht ab. Es war immer noch besser, als sich in noch mehr Alkohol zu flüchten. Ich schaute zu Gidget und Cecil, die noch im Türrahmen standen. Beide warfen sich gegenseitig einen vielsagenden Blick zu, dann wandte sich Gidget mir zu. “Ich schlage vor, wir machen hier ein wenig Ordnung, damit Orlam sich in Ruhe ausnüchtern kann.”
“Gute Idee”, stimmte ich zu. “Dann bringen wir ihn am besten erst mal ins Schlafzimmer.”
Da ich mich schwer damit tat, Orlam alleine auf die Beine zu helfen, ging mir Cecil zur Hand. Gemeinsam halfen wir ihm hoch und brachten ihn ins Bett. Während Gidget und Cecil sich daran machten, den Müll rauszubringen, befreite ich Orlam aus seinen schmutzigen Klamotten und half ihm dabei, seinen Pyjama anzuziehen. Noch immer war er am Weinen und wiederholte wie ein trauriges Mantra, dass er Menschen wehgetan hatte. Doch sobald ich ihn ins Bett gelegt und zugedeckt hatte und ihm seinen Stoffhasen Jack gab, beruhigte er sich allmählich. Ich sammelte all die Klamotten auf dem Boden und legte sie in den Wäschekorb, der neben dem Schrank stand.
Nachdem Orlam endlich eingeschlafen war, öffnete ich in der ganzen Wohnung die Fenster um frische Luft reinzulassen. Diese abgestandene und stinkende Luft war einfach unerträglich und sie erinnerte mich viel zu sehr an sein Elternhaus. Nachdem das erledigt war, ging ich in die Küche, um Müllsäcke zu holen. Gidget und Cecil kamen auch gerade wieder zurück. “Also, wie sollen wir uns mit der Arbeit aufteilen?” fragte Gidget und warf einen flüchtigen Blick in die Küche. “Zu dritt sollten wir das alles locker schaffen, oder?”
Der Meinung war ich auch. Nach kurzer Überlegung einigten wir uns darauf, dass Cecil das schmutzige Geschirr spülte, während Gidget und ich den Müll und die leeren Flaschen entsorgten. Um für ein wenig bessere Stimmung zu sorgen, spielte ich ein paar leichte und fröhliche Lieder auf der Musikanlage ab, während Gidget und ich den ganzen Müll in Abfallsäcke packten. Die ganze Zeit über waren wir still und in unsere Arbeit vertieft. Nachdem alle Verpackungen und Flaschen in den Müllsäcken gelandet waren, gingen brachten wir sie nach draußen in die entsprechenden Abfalleimer und während Gidget zu Cecil in die Küche ging, um dort sauber zu machen, schnappte ich mir Putzmittel, Wischer und Eimer und ging ins Wohnzimmer. Nachdem der ganze Müll entsorgt war, sah es deutlich weniger schlimm aus als vorher, aber es war trotzdem erschreckend, wie schlimm Orlam seine Wohnung in relativ kurzer Zeit hatte verkommen lassen. Ich wollte mir nicht vorstellen, was für ein Anblick sich mir geboten hätte, wenn ich noch länger gewartet hätte. Meiner Meinung nach war viel zu viel Zeit vergangen, aber wenigstens konnten wir ihm jetzt helfen und dafür sorgen, dass es nicht noch weiter eskalierte. Und hoffentlich konnten wir ihn noch aus seinem Tief herausholen. Ich war froh und dankbar, dass Gidget und Cecil dabei waren, um zu helfen. Ich wäre garantiert schon am Öffnen der Tür gescheitert und das Aufräumen hätte ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen.
Als erstes nahm ich mir den Couchtisch vor und entfernte erst den ganzen Schmutz, bevor ich zum Schluss noch mal mit Fensterreiniger die Glasplatte polierte. Bevor ich aber dazu kam, die Schränke abzuwischen, hörte ich ein lautes Husten aus dem Schlafzimmer und ging sicherheitshalber nachschauen.
Orlam saß aufrecht im Bett und hatte eine Hand auf den Mund gepresst und sah aus, als wäre ihm schlecht. Ohne groß nachzufragen half ich ihm hoch und brachte ihn so schnell ich konnte ins Bad. Zum Glück schafften wir es noch rechtzeitig und kaum dass er die Kloschüssel erreicht hatte, erbrach er sich.
Orlams gequältes Würgen und Röcheln alarmierte Gidget und xier schaute vorsichtig durch die geöffnete Badezimmertür. “Kommst du klar, Iggy? Oder brauchst du Hilfe?”
“Alles gut, mach dir keine Sorgen”, versicherte ich, während ich Orlam Halt gab, damit er nicht umkippte. “Ich schätze mal, wir werden was gegen die Übelkeit brauchen. Hast du eine Idee, was helfen könnte?”
“Ingwer soll angeblich gut bei Übelkeit und Kopfschmerzen sein. Ich kann ja mal zum Supermarkt fahren und ein paar Sachen besorgen, die auch gut gegen den Kater helfen werden.”
Die Idee klang super und so machte sich Gidget auf den Weg, um die Besorgungen zu machen. Nachdem Orlam den letzten Rest seines Mageninhalts in die Kloschüssel erbrochen hatte, stützte ich ihn so weit, dass er wieder auf die Beine kam und half ihm zum Waschbecken, damit er sich den Mund ausspülen konnte. Er sah ziemlich elend aus und machte den Eindruck, als würde er gleich zusammenbrechen und das Bewusstsein verlieren. Der Ärmste war blass wie eine Leiche und völlig entkräftet. “Bitte sag Iggy nichts…”, brachte er mit Mühe hervor und ließ erschöpft den Kopf hängen. “Ich will nicht, dass er mich so sieht.”
Für einen Moment überlegte ich, ob ich ihm klarmachen sollte, dass ich bei ihm war, aber dann ließ ich von dem Gedanken ab. Er war so betrunken, dass er nicht mal wirklich die Menschen um sich herum erkannte, da machte es also keinen Sinn. Und er hatte gerade genug Stress, da brauchte er nicht noch mehr. “Mach dir mal keine Sorgen”, beruhigte ich ihn, während ich ihm zurück ins Schlafzimmer half. “Ich bin mir ganz sicher, er wird dich auch in diesem Zustand lieben und wollen, dass es dir wieder besser geht.”
Doch das sorgte nur dafür, dass ihm wieder die Tränen kamen. Er begann wieder zu schluchzen und sackte zusammen, sodass ich große Mühe hatte, sein ganzes Gewicht zu stemmen. “Er wird mir niemals verzeihen”, brachte Orlam hervor, während ihm Rotz und Tränen das Gesicht hinunter liefen. “Ich habe versucht, ihn umzubringen. Ich habe ihn gezwungen, seinen besten Freund zu essen, weil ich eifersüchtig war…”
“Nein, das hast du nicht. Genzou geht es gut und Iggy liebt dich immer noch sehr”, sprach ich ihm beruhigend zu und schleppte ihn mit Mühe wieder ins Schlafzimmer zurück. “Glaub mir, er wird dich nicht im Stich lassen. Leg dich wieder hin und schlaf erst mal deinen Rausch aus. Morgen ist ein neuer Tag und da wird die Welt besser aussehen.”
“Danke…”, murmelte er und kroch wieder unter die Decke, wobei er wieder seinen Stoffhasen in den Arm nahm. “Ich hab Angst, dass er mich hasst.”
“Er hasst dich ganz sicher nicht. Aber er wünscht sich, dass es dir wieder besser geht und du mit ihm offen und ehrlich über deine Probleme redest.”
Tröstend streichelte ich ihm den Kopf und allmählich beruhigte er sich wieder. Dieses Mal schlief er ziemlich schnell ein und so ging ich wieder zurück ins Wohnzimmer, um mit meiner Arbeit fortzufahren.
Nachdem ich das Wohnzimmer fertig geputzt hatte, war auch die Küche wieder auf Vordermann gebracht worden. Gidget kam wenig später mit einer Einkaufstüte zurück. Xier hatte frischen Ingwer, Avocado, Vollkornbrot, Zitronen, Eier, Lachs und Salat eingekauft und versicherte mir, dass dies die besten Lebensmittel gegen Kater seien. Nachdem die Küche wieder sauber und aufgeräumt war, verabschiedeten sich die beiden, da ich guter Dinge war, dass ich alleine klar kam. Ich versprach den beiden, sie auf dem Laufenden zu halten was Orlam betraf und dankte ihnen für die tatkräftige Unterstützung. Der größte Teil der Arbeit war getan und jetzt ging es nur noch darum, Orlam wieder nüchtern zu bekommen und ihn vom Alkohol fernzuhalten. Nachdem Gidget und Cecil sich verabschiedet und die Wohnung verlassen hatten, ging ich ins Bad, um auch dort sauber zu machen.
Nachdem die Wohnung wieder sauber und ordentlich war, ging ich ins Wohnzimmer und ließ mich erschöpft auf die Couch fallen. Es war inzwischen spät geworden und ich hatte meine ganze Energie aufgebraucht. Und allmählich bekam ich auch Hunger. Also bestellte ich mir per Lieferservice was vom chinesischen Imbiss und schaltete den Fernseher an. Da ich nicht wusste, was ich mir genau anschauen wollte und mir die Konzentration für komplexere Handlungen fehlte, schaute ich mir einfach eine Sitcom an, die hauptsächlich von stumpfsinnigen Humor, problematischen Stereotypen und der guten alten Lachschleife lebte. Genau das Richtige, um einfach die Gedanken schweifen zu lassen und sich auf unterstem Niveau unterhalten zu lassen. Doch als meine Augenlider langsam schwerer wurden, hörte ich plötzlich das Klingeln eines Handys. Und es war nicht meines.
Hastig stand ich auf und griff nach Orlams Handy auf dem Couchtisch. Bei den Aufräumarbeiten hatte ich es auf dem Boden zwischen den Whiskeyflaschen gefunden und sicherheitshalber dort hingelegt, wo man es schnell finden konnte.
Ein ungutes Gefühl überkam mich und bestätigte sich sofort, als ich auf dem Display den Namen von Orlams Vater sah. Gottverfluchte Scheiße, der hatte jetzt gerade noch gefehlt… Erst überlegte ich, den Anruf einfach zu ignorieren. Aber da das Handy einfach nicht aufhören wollte zu klingeln, beschloss ich, doch lieber ranzugehen. Also schaltete ich den Fernseher auf stumm und wählte den grünen Hörer. Bevor ich überhaupt die Chance bekam, etwas zu sagen, hörte ich schon George Brewbacher wütend durch den Hörer schimpfen. “Na das wurde aber auch endlich mal Zeit, dass du rangehst, verdammt! Ich dachte schon, ich muss erst einen Herzinfarkt bekommen. Was hat das so lange gedauert? Reiß dich mal mehr zusammen, sonst bringst du es im Berufsleben nicht weit!”
Ich atmete tief durch und versuchte mein Bestes, um meine Wut zu unterdrücken und ruhig und höflich zu bleiben. Und das war weiß Gott nicht einfach. “Guten Abend, Mr. Brewbacher. Hier ist Iggy Maxwell. Orlam kann leider gerade nicht ans Handy, weil es ihm nicht gut geht. Wenn Sie wollen, kann ich…”
“Was soll das heißen, ihm geht's nicht gut?” unterbrach er mich. “Wie soll es denn mir bitteschön gehen? Der Junge ist noch jung und fit, also sag ihm, er soll sich mal zusammenreißen. Zu meiner Zeit hat es auch niemanden interessiert, wenn man sich einen Schnupfen oder Husten eingefangen hat. Da ist man trotzdem arbeiten gegangen!”
“Das mag zwar vielleicht damals so bei Ihnen Gang und Gäbe gewesen sein, aber Orlam geht es emotional überhaupt nicht gut.”
“Ach sag mir bloß nicht, er denkt jetzt allen Ernstes, er hätte Depressionen”, unterbrach er mich wieder und ich konnte förmlich hören, wie er die Augen verdrehte. “Du kannst ihm gerne ausrichten, dass es jedem Menschen mal beschissen geht. Jeder ist heutzutage ein wenig depressiv, weil das halt gerade Trend ist. Ich habe auch beschissene Tage und trotzdem jammere ich nicht rum. Sich selbst bemitmeiden weil die Sonne mal nicht scheint, bringt auch nichts. Man beißt sich halt wie ein richtiger Mann durch und flennt nicht herum wie ein kleines Mädchen.”
In dem Augenblick brannte bei mir eine Sicherung im Kopf durch und ich sah endgültig rot. Wie konnte dieser alte Sack es nur wagen, so herablassend über Orlams Leid zu sprechen und immer noch nur an sich selbst zu denken? Er hatte wirklich gar nichts verstanden. Wie sollte er auch? Für dieses Arschloch gab es halt niemanden, der ihm wirklich etwas bedeutete. “Jetzt hören Sie mir mal gut zu”, setzte ich im drohenden Ton an. “Es reicht schon, dass Sie Ihre Frau tyrannisiert und in den Selbstmord getrieben haben. Ich lasse ganz sicher nicht zu, dass Sie das Gleiche bei Orlam machen und ihn in den Tod treiben. Tun Sie der Welt einen Gefallen und fahren Sie zur Hölle, Sie Wichser!”
Ohne seine Antwort abzuwarten, legte ich auf und blockierte die Nummer. Es war mir in dem Moment völlig egal, was Orlam dazu sagen würde oder ob der alte Saftsack sich so sehr aufregte, dass er wieder im Krankenhaus landete. Von mir aus konnte dieser Bastard verrecken. Er hatte seiner Familie genug Leid angetan und ich würde es garantiert nicht zulassen, dass er Orlam noch weiter ins Elend stürzte.
Obwohl ich körperlich ziemlich erschöpft war, hatte ich eine ziemlich unruhige Nacht gehabt. Ich war bereits um 6 Uhr wach und da ans Einschlafen nicht mehr zu denken war, ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee. Noch immer hing ein leichter Zitrusduft in der Luft und alles war blitzblank. Cecil und Gidget hatten wirklich ganze Arbeit geleistet. Nirgendwo war mehr eine Spur von dem Chaos zu finden, das wir gestern vorgefunden hatten. Stattdessen sah die Wohnung genauso sauber und aufgeräumt aus, wie ich sie kannte.
Nachdem mein Kaffee fertig war, begann ich Wasser in einen kleinen Topf zu füllen und auf dem Herd zu erhitzen. Dann schnappte ich mir Messer und Schneidebrett um den Ingwer kleinzuschneiden. Es konnte ja nie schaden, schon mal mit den Vorbereitungen anzufangen. Als das Wasser kochte, gab ich die Ingwerscheiben in den Topf, machte es mir dann auf einem der Stühle bequem und begann meinen Kaffee zu trinken. Nach knapp einer Viertelstunde stellte ich den Herd aus und füllte das Ingwerwasser vorsichtig in eine hitzebeständige Kanne um und gab etwas Zitronensaft und etwas Honig dazu. Jetzt musste das Ganze nur noch etwas abkühlen. Zufrieden setzte ich mich wieder und schaute mir ein paar Videos auf meinem Handy an, während ich wartete, dass mein Kaffee genug abgekühlt war.
Knapp eineinhalb Stunden später hörte ich die Schlafzimmertür, schlurfende Schritte im Flur und eine müde Stimme “Was zum…”, murmeln. Es dauerte nicht lange, bis Orlam in die Küche kam und er sah noch schlimmer aus als gestern. Kein Wunder, immerhin musste der Ärmste einen furchtbaren Kater haben.
Seine Augen waren blutunterlaufen, er hatte fast keine Farbe mehr im Gesicht und so wie er wankte, musste ihm ziemlich schwindelig sein. “Guten Morgen”, grüßte ich ihn. “Wie geht es dir denn?”
Er blinzelte ein paar Male und sah mich verwirrt an. “Iggy? Was machst du hier? Und seit wann bist du schon hier?”
“Setz dich erst mal”, wies ich ihn an und stand auf, um ihm eine Tasse Ingwerwasser einzuschütten. Ich wusste zwar nicht, wie hilfreich es in so einer Situation war, aber ich wollte mich auf Gidgets Urteil verlassen und hoffte, dass es den Kater zumindest ein bisschen linderte. Inzwischen war das Gebräu auf Zimmertemperatur abgekühlt und es roch intensiv nach Zitrone. Orlam nahm mir förmlich die Tasse aus der Hand und trank alles in einem Zug. Sein Gesicht verzog sich jedoch kurz darauf und er musste heftig husten, weil die Schärfe des Ingwers völlig unerwartet kam. “Gottverflucht, was ist das?” brachte er gequält hervor.
“Ingwerwasser mit Zitrone”, antwortete ich und trank meinen Kaffee aus. “Gidget meinte, es hilft gut gegen die Übelkeit.”
“Gidget?!” fragte er entsetzt. “Wann war xier denn hier?”
Ich begann Orlam zu erzählen, was gestern alles passiert war und wie wir ihn vorgefunden hatten. Geschockt und zutiefst beschämt senkte er den Blick und war still. Während ich ihm alles erzählte, begann ich, das Frühstück vorzubereiten. Es gab Brot mit Avocado-Aufstrich und Spiegelei und hoffentlich half das ein wenig gegen den Kater. Orlam bediente sich weiter am Ingwerwasser und es schien tatsächlich ein wenig zu helfen. Er hatte sogar schon wieder etwas Farbe im Gesicht zurückbekommen, aber das konnte auch von der Schärfe des Ingwers herrühren. Als ich fertig war, setzte ich mich zu Orlam an den Tisch. Er machte einen ziemlich niedergeschlagen Eindruck, da ihm die ganze Sache mehr als unangenehm war. Mit einem traurigen Blick schaute er auf sein Avocado-Spiegelei-Brot und sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.
“Es tut mir alles so leid”, sprach er leise und konnte mir nicht einmal in die Augen sehen. “Ich wollte nicht, dass du mich in so einem Zustand siehst.”
“Mach dir darüber mal keine Gedanken”, beruhigte ich ihn und nahm seine Hand. “Dafür hat man doch Menschen, die für einen da sind, wenn es einem nicht gut geht. Und du hast mich auch schon anders erlebt. Warum sollte ich dich alleine lassen?”
“Na weil…” Doch er brachte es nicht fertig, weiterzusprechen. Also begann er sich seinem Frühstück zu widmen. Er war ziemlich still und seine Stimmung besserte sich nicht sonderlich. Er kaute ziemlich lustlos auf seinem Brot herum und schien nicht sonderlich viel Appetit zu haben. Zumindest war es schon mal ein positives Zeichen, dass er sein Frühstück im Magen behalten konnte und nicht wieder kotzen musste. Für die ganzen anderen Symptome brauchte es einfach nur etwas Zeit und Geduld. Und ein ausgewogenes Frühstück war schon mal der erste Schritt in die richtige Richtung. Wir konnten von Glück reden, dass sein Alkoholexzess nicht so stark außer Kontrolle geraten war, dass er in die Notaufnahme musste. Da war ein Kater nach ein paar durchzechten Tagen noch relativ harmlos. Vor allem aber war es für mich eine große Erleichterung, dass es nur Alkohol war und kein Bleichmittel. Wer weiß, ob er das überhaupt überlebt hätte… Ich erschauderte innerlich bei dem Gedanken und versuchte mich wieder auf mein Frühstück zu konzentrieren. Nachdem wir fertig gegessen hatten und ich eine neue Kanne Ingwerwasser fertig gekocht hatte, ging Orlam ins Badezimmer, um sich eine ausgiebige Dusche zu gönnen. Die hatte er auch mehr als nötig. Währenddessen räumte ich den Tisch ab und schrieb Gidget, dass alles in Ordnung war und es Orlam ein klein wenig besser ging. So brauchte xier sich nicht unnötig Sorgen zu machen.
Nach knapp zwanzig Minuten kam Orlam aus dem Bad und obwohl er einen immer noch ziemlich miserablen Eindruck machte, sah er wenigstens nicht mehr so verwahrlost aus. Da er sich nicht ins Bett legen wollte, gingen wir stattdessen zusammen ins Wohnzimmer und machten es uns auf der Couch bequem. Die Vorhänge waren zugezogen und über die Musikanlage spielte ruhige Ambient-Musik, um seinen schmerzenden Kopf zu schonen. Noch immer war er still und ziemlich niedergeschlagen und wagte es nicht, mir in die Augen zu sehen. Er war unruhig und angespannt und ich konnte mir gut vorstellen, dass ihm allmählich wieder zum Trinken zumute war. Nun, da sein Verstand trotz des Katers wieder klar war, kamen all die schrecklichen Erinnerungen wieder zutage, die er am liebsten wieder verdrängen wollte.
Ich rutschte näher an ihn heran, legte meinen Kopf auf seine Schulter und hielt seine Hand. “Ganz egal, was dir gerade durch den Kopf geht, wir können das gemeinsan schaffen”, versprach ich ihm. “Aber schließe mich bitte nicht mehr aus deinem Leben aus. Ich hatte wahnsinnige Angst um dich, weil ich nicht wusste, was mit dir los ist. Ich dachte, ich würde dich verlieren, wenn das so weitergeht...”
Ein geschlagener Seufzer folgte. Orlam hatte immer noch den Kopf gesenkt und sagte einen Augenblick lang nichts. Dann drückte er meine Hand und sah mich mit einem herzzerreißenden Blick an. “Es tut mir alles so leid”, sagte er schließlich. “Es tut mir leid, dass ich dir die ganze Zeit aus dem Weg gegangen bin und du mich so sehen musstest. Ich hatte Angst bekommen und wollte nicht, dass dir irgendetwas passiert.”
“Wovor hast du Angst?” hakte ich nach. Zwar wusste ich inzwischen schon genug und er hatte ziemlich klare Andeutungen am gestrigen Tag gemacht. Aber ich wollte es aus seinem Mund hören. Vor allem, wo er endlich nüchtern genug war, um die ganze Sache vernünftig zu erklären.
“Du weißt, dass meine Familie ziemlich viele Probleme hat”, begann er. “Alle in der Familie meines Vaters sind kriminell und gewalttätig. Und ich habe diese… diese Wut und diesen Hass in mir. Ich gebe wirklich mein Bestes, um mich unter Kontrolle zu halten und immer einen klaren Kopf zu bewahren. Aber ich habe Angst, dass ich… dass ich…”
“Dass du irgendwann die Beherrschung verlierst und andere Menschen verletzt?” ergänzte ich fragend. Orlam nickte und presste die Lippen zusammen, als er versuchte, seine Emotionen zurückzuhalten und ruhig zu bleiben. “Immer wenn mich die Wut übermannt, habe ich diese Bilder vor Augen, dass ich Menschen foltere und umbringe. Und das Schlimmste daran ist, dass ich in diesen Erinnerungen Spaß daran habe. Als wäre es eine Art Droge, von der ich nicht loskomme, weil ich so verdammt berauscht vom Gefühl der Macht und Kontrolle bin.”
Das klang wirklich beängstigend und es überraschte mich überhaupt nicht, dass Orlam derart verstört davon war. Wie sollte man denn damit umgehen, dass man Erinnerungen daran hatte, dass man ein Mörder war und sogar Spaß daran hatte, Leute zu quälen? Da war es doch kein Wunder, dass Orlam Angst vor sich selbst bekam und sich komplett distanzierte. Intrusive Gedanken zu haben, war eine Sache. Jeder hatte mindestens einmal im Leben jemandem den Tod oder etwas Schlechtes gewünscht. Aber Erinnerungen daran zu haben, wie man die eigenen Freunde folterte und ermordete und sie sogar aß, war etwas ganz anderes.
“Aber so bist du nicht”, sagte ich schließlich. “Selbst wenn das deine Erinnerungen sind, stammen sie aus einem ganz anderen Leben, wo du ein ganz anderer Mensch warst. Genzou hat in seinen Erinnerungen sein Augenlicht gehabt und so wie ich es mitbekommen hatte, war euer Verhältnis noch komplizierter gewesen. Ich weiß nicht wie es dazu gekommen ist, dass du ein mordender Kannibale geworden bist. Aber in diesem Leben bist du nicht so.”
“Woher willst du das wissen?” fragte Orlam verzweifelt. “Du müsstest dich doch auch erinnern, was für Dinge ich dir und den anderen angetan habe, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken!”
Aber das war es ja: ich konnte mich nicht daran erinnern. Und ich wollte es auch nicht. Wenn ich mich wirklich in Orlams Nähe unsicher gefühlt hätte, dann hätte ich vielleicht Flashbacks gehabt. Doch ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er zwar seine Eigenheiten hatte, aber niemals Gewalt anwenden würde. “Ich kenne dich nur aus diesem Leben und ich weiß, dass du nicht so bist. Erinnerst du dich noch an unsere letzte D&D Session? Hättest du Genzou verziehen, wenn du wirklich so ein Mensch wärst?”
Er antwortete zwar nicht darauf, aber ich konnte an seinem Gesichtsausdruck sehen, dass er mir in dem Punkt Recht gab. Doch etwas schien ihn immer noch zu beschäftigen. Und ich konnte mir gut denken, was es war. “Jeder Mensch wird wütend und es ist auch vollkommen normal, sich mal aufzuregen. Glaub mir, selbst ich raste mal aus und ich bin ein notorischer People Pleaser, der Konflikte vermeiden zur olympischen Disziplin machen könnte.” Orlam schaute mich daraufhin skeptisch an und hob fragend die Augenbrauen. Und da gestand ich ihm ein klein wenig verlegen: “Es könnte sein, dass ich gestern die Beherrschung verloren und deinen Vater als Wichser beschimpft und ihn zum Teufel gewünscht habe, als er versucht hat, dich anzurufen.”
Orlam musste sich einen Lachreflex verkneifen, da der Gedanke, dass ich die Eier in der Hose hatte, seinen Vater anzuschreien, zu lustig war. Aber dann überkam ihn wieder die Angst und er fragte: “Er hat angerufen? Was wollte er denn? Ist etwas passiert?”
Ich zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung, wird aber nicht allzu wichtig gewesen sein. Er hat sich nur tierisch aufgeregt, weil du nicht an dein Handy gegangen bist und hat herumgezetert, dass du aufhören sollst, rumzujammern. Glaub mir, du hast nichts verpasst.” Die Tatsache, dass er so verschreckt und geradezu unterwürfig reagiert hatte, als ich seinen Vater erwähnte, gefiel mir ganz und gar nicht. Dieser alte Mistkerl hatte so viele Jahre keinen Kontakt mehr zu Orlam gehabt und trotzdem hatte er es geschafft, ihn in relativ kurzer Zeit unter seine Kontrolle zu bringen. Ich atmete tief durch, um mich zu sammeln. Es war kein leichtes Thema, aber ich fürchtete, dass der ganze Wahnsinn wieder von vorne losging, wenn wir nicht darüber sprachen. “Sei ehrlich, Orlam”, sagte ich schließlich mit ernster Stimme. “Warum tust du dir das überhaupt an? Du merkst doch selbst, dass dir der Kontakt mit seinem Vater dir nicht gut tut und diese Erinnerung triggert. Seit ich ihn im Krankenhaus gesehen habe, hat der Alte dich in einer Tour runtergemacht, beleidigt und eingeschüchtert.”
Hier wurde er defensiv und sank wieder in sich zusammen wie ein eingeschüchterter kleiner Junge. “Das ist nicht so einfach, Iggy”, versuchte er mir zu erklären. “Er ist mein Vater und ich kann ihn doch nicht einfach so im Stich lassen. Du hast doch den Arzt gehört. Wenn er nicht regelmäßig Medikamente nimmt, wird sich sein Zustand verschlechtern.”
“Ich weiß, aber es ist nicht dein Problem”, erwiderte ich auf die Gefahr hin, dass ich unsensibel klang. “Du tust und machst alles Mögliche für ihn und er hat an allem was auszusetzen. Er benutzt dich nur, um seinen Frust rauszulassen und will, dass du ihn versorgst. Es ist ja eine Sache, die eigenen Eltern zu unterstützen. Aber was hat dieser Mann je für dich getan, außer dich zu erniedrigen und zu verprügeln?”
Orlam dachte eine Weile nach und schien immer noch zwiegespalten. Einerseits stimmte er mir zu und er hatte selbst zugegeben, dass er seinen Vater für all die Dinge hasste, die dieser ihm angetan hatte. Aber er konnte sich trotzdem nicht dazu bringen, ihn im Stich zu lassen. “Du hast ja Recht”, seufzte er. “Aber er ist trotz allem mein Vater. Er hat all die Jahre hart geschuftet, um uns zu versorgen und wenn ich ihn jetzt einfach so hängen lasse…”
“Du bist deinem Vater nichts schuldig”, unterbrach ich ihn. “Es war die Entscheidung deiner Eltern, ein Kind zu haben und es war somit ihre Verantwortung, dich zu versorgen. Nur weil er Geld für die Familie verdient hat, gibt es ihm noch lange nicht das Recht, dich wie Dreck zu behandeln. Du merkst doch selbst, dass diese Traumata aus deiner Kindheit alle wieder hochkommen und du dich wieder von ihm unterbuttern lässt.”
Auch das konnte er nicht abstreiten. Er hatte es selbst mehr als deutlich gemerkt, dass er zusehends litt und es ihm immer schwerer fiel, sich von seinem Vater zu lösen. Hatte er am Anfang noch Widerworte gegeben und zumindest versucht zu rebellieren, war er inzwischen wieder kleinlaut und unterwürfig geworden. Es war wie ein Gang auf Eierschalen geworden, wo er ängstlich darauf bedacht war, die Wogen zu glätten. “Es ist ja nicht für lange”, versuchte er mir zu versichern. “Sobald er einen neuen Job hat…”
“Er wird sich keinen neuen Job suchen, weil er genau weiß, dass du dann wieder den Kontakt zu ihm abbrichst”, erwiderte ich energisch, bevor Orlam die Chance hatte, seinen Satz zu beenden. “Er kommt nicht damit klar, dass er nicht mehr so fit ist wie früher und will das an dir auslassen. Orlam, du hast doch selbst gesagt, dass Beziehungen für dich wie ein Haus sind. Denk doch mal an das Haus deiner Eltern. Denkst du allen Ernstes, du könntest es ganz alleine reparieren und wieder bewohnbar machen? Es ist nicht dein Job, ständig der Stressball für andere zu sein!”
Das hatte ihn hart getroffen. Vielleicht war ich etwas zu drastisch mit meinen Worten, aber er musste den Tatsachen ins Auge sehen und akzeptieren, dass er diese Situation einfach nicht schönreden konnte. Natürlich tat es weh, das zu hören. Und mit Sicherheit hatte er, ähnlich wie in Genzous Fall, Hoffnung, dass sich vielleicht etwas bessern würde. Aber die traurige Wahrheit war, dass er Menschen nicht ändern konnte. Um ihm das klar zu machen, setzte ich noch mal nach und sprach damit seinen empfindlichsten Punkt an. “Hat sich denn irgendetwas zwischen dir und deinem Vater zum Besseren verändert, als deine Mutter sich umgebracht hat?”
Orlam senkte den Kopf und war still. Die Erkenntnis, dass er sich umsonst all diesem Stress ausgesetzt hatte und sein Vater sich wahrscheinlich niemals ändern würde, war bitter. Aber sie war notwendig. Es tat unfassbar weh und ich konnte mir nicht vorstellen, wie hart das für ihn sein musste. Vor allem nicht, weil die Situation so verdammt kompliziert war und ihn vor ein moralisches Dilemma stellte. Sein Vater war krank und brauchte das Geld für die Behandlung, aber weiter den Kontakt aufrecht zu erhalten, war einfach keine Option. Und dann war da noch diese allgegenwärtige Angst vor seinem anderen Leben, in welchem er jegliche Menschlichkeit abgelegt hatte. “Orlam”, sagte ich schließlich und nahm ihn in den Arm. “Du bist kein schlechter Mensch, wenn du jemanden aus deinem Leben streichst, der dir nur weh tut. Und du bist auch nicht herzlos, wenn du versuchst, dich selbst zu schützen.”
Ein Seufzen folgte und mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck rieb sich Orlam die Augen. Nun schien er endlich bereit zu sein, den Tatsachen ins Auge zu sehen und einen Entschluss gefasst zu haben. “Du hast Recht”, sagte er schließlich nach einer Weile des Schweigens. “Es kann echt nicht mehr so weitergehen. Ich habe mir das alles viel zu lange angetan.” Erleichtert atmete ich aus, als ich das hörte und drückte ihn fester. “Du weißt, ich bin immer für dich da, um dich zu unterstützen. Ich liebe dich.”
Daraufhin erwiderte er meine Umarmung und klammerte sich mit zitternden Händen wieder genauso fest an mich wie an jenem Nachmittag, als er vor dem Haus seiner Eltern in Tränen ausgebrochen war. Genauso schwach und verwundbar, verzweifelt nach Liebe und Zuwendung hungernd. “Danke, Iggy”, sprach er mit zitternder Stimme. “Ich liebe dich auch.”
So saßen wir eine Weile da. Arm in Arm, während Orlam stille Tränen vergoss und sich diesen Moment absoluter Verwundbarkeit erlaubte. Und ich wusste, dass er das nur deshalb konnte, weil er jemanden an seiner Seite hatte, der ihn so liebte wie er war und ihn nicht alleine ließ. Und das war für ihn weitaus überwältigender als all die schrecklichen Dinge und die Kaltherzigkeit, die für ihn schon als Kind zum traurigen Alltag geworden war.
Wir saßen lange Zeit zusammen auf der Couch, eng aneinander gekuschelt und sprachen kaum. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, seit wir uns zuletzt so nahe waren und erst jetzt merkte ich auch, wie sehr ich es vermisst hatte. Auch Orlam hatte sich deutlich entspannt und war nach einer Weile in meinen Armen eingeschlafen. Er wachte gegen Mittag wieder auf und ich machte uns eine einfache Zitronenpasta zum Mittagessen. Zwar hatte Orlam immer noch keinen Appetit, aber zumindest hatte das Ingwerwasser seinen Magen beruhigt und seine Übelkeit auf ein Minimum reduziert. Zwischenzeitlich hatte er auch ein paar Schmerztabletten gegen die Kopfschmerzen eingenommen. Auch das Nickerchen vorhin hatte ihm gut getan und nach dem Essen war er bereits fit genug für einen Spaziergang. Er brauchte dringend etwas frische Luft und Bewegung konnte nie schaden. Das Wetter war schön und sonnig draußen und nachdem wir unsere Schuhe und Jacken angezogen hatte, setzte sich Orlam noch eine Sonnenbrille für seine lichtempfindlichen Augen auf.
Wir beschlossen, in den Wald zu gehen, um den Straßenlärm zu vermeiden. Hand in Hand gingen wir einen kleinen Pfad entlang und lauschten dem Vogelgezwitscher und Rascheln der Blätter im Wind. Das alles weckte Erinnerungen an unsere Kindheit, als wir alle zusammen hier gespielt hatten. Wir hatten es vor allem geliebt, auf die Bäume zu klettern, allerdings hatte Orlam damals Höhenangst gehabt und sich nicht getraut, hochzuklettern. Erst als sich Genzou angefangen hatte, sich über ihn lustig zu machen, war er hochgeklettert. Jedoch hatte er kurz darauf den Halt verloren und war hinuntergefallen. Glücklicherweise hatte er sich damals nur das Knie aufgeschlagen. Ich erinnerte mich noch sehr gut daran, dass ich seine Schürfwunde mit einem Pflaster mit Dino-Muster versorgt hatte, nachdem Gidget die Verletzung desinfiziert hatte. Dabei hatte Orlam ziemlich geweint, während Genzou sich über ihn lustig gemacht hatte. Und Bucks war ein wenig zu sehr fasziniert von der offenen Wunde gewesen und war enttäuscht, dass kein Knochen zu sehen war. Ja, wir waren schon eine ziemlich verrückte Gruppe gewesen.
“Kannst du dich noch daran erinnern, wie wir im Wald auf Schatzsuche gegangen sind?” fragte ich mit einem leichten Schmunzeln, während ich in Erinnerungen schwelgte.
Orlam überlegte einen Augenblick, um seine Erinnerungen an damals wieder aufzufrischen. “Also ich kann mich noch sehr gut an die ethnisch unsensiblen Kostüme erinnern, als wir Cowboys und Indianer gespielt haben. Häuptling Lautes Großmaul hat mich an einen Baum gefesselt und wollte mir einen Pfeil ins Auge schießen.”
Ich hatte wieder das Bild von Orlam im Kopf, wie er strampelnd versuchte, sich von seinen Fesseln zu befreien, während Genzou seine Gummipfeile auf ihn schoss. Es war ziemlich lustig gewesen, aber für ihn selbst wahrscheinlich nicht so wirklich. Und glücklicherweise waren die Pfeile allesamt kindersicher gewesen, sodass es unmöglich gewesen war, dass Orlam bei dieser Auktion ein Auge verlor. Aber die Drohung war wahrscheinlich schon beängstigend genug für ihn gewesen.
Wir erreichten eine Brücke, die über einen kleinen Bach führte und blieben stehen. “Na zum Glück wurdest du dabei nicht verletzt. Bucks hat mir ihren selbst gebastelten Holz-Tomahawk hinterhergeworfen und mich genau an der Schläfe getroffen. Meine Brille ist dabei kaputt gegangen und ich hatte keinen Ersatz dabei.”
“Gut zielen konnte sie schon immer, das muss man ihr lassen”, wandte er ein und kicherte. “Als du, ich und Gidget beim nächsten Mal Indianer waren, hast du von ihr in Gedenken an diesen Vorfall den Namen ‘Blindes Schneehuhn’ verliehen bekommen.”
“Dein Name ‘schleichende Ratte’ klang aber auch kein Stück besser als meiner”, gab ich als Retourkutsche zurück und stieß ihm scherzhaft meinen Ellebogen in die Seite. “Wie hieß Gidget noch mal?”
“Röhrender Hirsch”, antwortete er und lehnte sich an das Brückengeländer, um den Bach zu betrachten. Ich gesellte mich zu ihm und schaute sie hypnotisiert auf das fließende Wasser. “Wenn ich mich richtig erinnere, wollte Genzou xiem zuerst den Spitznamen ‘kreischende Pute’ geben. Die zwei hätten sich deswegen beinahe gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Gidget war stinksauer, weil der Name zu mädchenhaft für xien war.”
“Scheiße… stell dir mal vor, wir würden heute so was machen.”
“Kannst du absolut vergessen! So etwas würde nicht mal an Halloween durchgehen.” Wir lachten beide darüber. Es fühlte sich irgendwie schräg an, daran zu denken, was für uns alles früher vollkommen normal gewesen war und heute als absolut inakzeptabel galt. Und das aus gutem Grund. Aber es war trotzdem ein komisches Gefühl, wie viel sich seit damals verändert hatte. Da kam man sich irgendwie alt vor. Naja… ich war zwar schon in meinen frühen 30ern, aber meine Wohnung war voll mit Game Merchandise und machte nicht wirklich den Eindruck, als wäre ich mental sonderlich gealtert. Und das brachte mich auf einen Gedanken. “Weißt du, was ich mich gerade frage?”
“Nein”, antwortete Orlam und wurde neugierig. “Erleuchte mich mal.”
Ich zögerte einen kurzen Moment und sah auf das fließende Wasser und unsere verschwommenen Spiegelbilder auf der Oberfläche. Es waren nicht mehr die Gesichter zweier Kinder, sondern die von zwei erwachsenen Männern. Ein ziemlich merkwürdiges Gefühl, wenn ich ehrlich war. “Warum ist deine Wohnung so… leer? Ich meine, sie ist schick eingerichtet. Versteh mich nicht falsch! Aber es gibt nirgendwo etwas Persönliches von dir. Du hattest doch als Kind schon keine Spielsachen gehabt. Warum holst du das nicht nach? Es hindert dich doch niemand daran.”
Orlam atmete geräuschvoll aus und legte nachdenklich den Kopf in den Nacken. Das war eine Frage, die sich mir schon seit einer ganzen Weile gestellt hatte, aber irgendwie hatte ich nie wirklich den richtigen Moment gefunden, um das anzusprechen. Und jetzt schien es ganz gut zu passen. Vor allem weil wir gerade eh über unsere Kindheit sprachen. Ich konnte ihm ansehen, dass dieses Thema ein wenig kompliziert für ihn war und wartete geduldig, bis er die passenden Worte gefunden hatte. “Ehrlich gesagt habe ich nie darüber nachgedacht”, gestand er mir mit einem leichten Schulterzucken. “Ich schätze mal, das hat mehrere Gründe. Erstens: mein Elternhaus. Du hast ja gesehen, wie ich aufgewachsen bin. Dann ist da noch meine Erinnerung an meine völlig zugemüllte Wohnung aus meinem anderen Leben. Ich hatte Angst davor gehabt, wieder in solch verwahrlosten Verhältnissen zu leben und wollte, dass alles seine perfekte Ordnung hatte. Du weißt ja… der Zustand der Wohnung sagt viel über den mentalen Gesundheitszustand aus. Ich wollte sichergehen, dass ich absolut alles unter Kontrolle habe und ich nicht so ende wie in meinem anderen Leben. Aber letzten Endes habe ich meine Probleme nur unter den Teppich gekehrt und mir eine ungesunde Fassade aufgebaut. Und ich habe so sehr auf die Äußerlichkeiten geachtet, dass am Ende nicht mehr wirklich Platz für irgendetwas anderes war. Es hätte einfach die Ästhetik zerstört.”
“Na wenigstens hast du jetzt erkannt, dass es ungesund ist und kannst jetzt etwas daran ändern.”
Doch ich konnte ihm ansehen, dass er ziemlich mit sich haderte und diese Fassade nur ungern aufgeben wollte, aus welchem Grund auch immer. Orlam ging unruhig ein paar Schritte hin und her und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen das Brückengeländer. “Ich weiß, du meinst es gut mit mir. Aber ich bezweifle, dass es eine gute Idee ist. Was ich meine ist… es funktioniert doch hervorragend zwischen uns. Warum also ein unnötiges Risiko eingehen? Was, wenn du diese Version von mir nicht mehr attraktiv genug findest?”
Ach, das war also das Problem. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen, denn für einen Moment hatte ich ernsthaft Sorgen, dass die toxische Männlichkeit seines Vaters der Grund dafür war, dass er seine Hobbys vor anderen versteckte. Erleichtert lachte ich und legte einen Arm um seine Schultern. “Ich liebe dich doch nicht, weil du eine schicke Wohnung hast und immer eine Gentleman-Persönlichkeit an den Tag legst”, erklärte ich ihm. “Ich kenne dich schon seit wir klein waren, Orlam.”
“Aber es hat durchaus dazu beigetragen, oder nicht?”
Jetzt verstand ich endlich, was ihn so sehr beschäftigte. Und ehrlich gesagt war es etwas, das ich von mir selbst allzu gut kannte. Er dachte, ich hätte mich nur in die Version von ihm verliebt, die stets alles unter Kontrolle hatte. Und er konnte sich nicht vorstellen, dass er andere Qualitäten hatte, die ich an ihm schätzte. Anscheinend musste ich etwas deutlicher werden, damit er mich besser verstand. “Du hast weitaus mehr Eigenschaften, die ich an dir liebenswert finde. Ich liebe deinen Humor, unsere kleinen Kabbeleien und deine Fähigkeit, einfach mit Leuten zu reden und sie von dir zu überzeugen. Du bist unfassbar fürsorglich und rücksichtsvoll, du respektierst meine Grenzen und motivierst mich trotzdem, mehr aus meiner Komfortzone herauszukommen und neue Dinge zu lernen. Selbst wenn es erstmal nur das Kochen ist. Aber am meisten liebe ich es, wenn du mir offen und ehrlich deine Gefühle zeigst und nicht immer nur den Starken spielst.”
Orlam sah mich erstaunt an und war einen Augenblick lang völlig überwältigt. Er war positives Feedback nicht sonderlich gewohnt und wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. “Das war jetzt ziemlich unfair von dir”, meinte er schließlich scherzhaft. Ich zwinkerte ihm nur grinsend zu und erwiderte: “Ich habe gehört, in der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt.”
Und um noch einen draufzusetzen, holte ich mein Handy aus meiner Jackentasche, stellte den Ton auf laut und spielte ein Lied ab, das Orlam nur allzu gut kannte. Es war Bon Jovi's “Livin’ On A Prayer”. Ich sah, wie seine Augen aufleuchten, als er sich genauso wie ich an jenen Abend erinnerte, als wir zusammen nach unserem klärenden Gespräch in seiner Wohnung getanzt hatten. Nachdem ich mein Handy wieder in meiner Jackentasche gesteckt hatte und die Musik ein somit klein wenig dumpfer klang, reichte ich Orlam meine Hand und fragte erwartungsvoll: “Darf ich um diesen Tanz bitten?”
Das ließ er sich nicht zwei mal sagen. Dieses Mal führte ich den Tanz an und legte meine andere Hand auf seinen Rücken, er seine Hand auf meine Schulter. Meine improvisierte Choreographie war ein wenig langsamer und vorsichtiger als seine. Ich war kein sonderlich guter Tänzer und ich wollte ihn nicht allzu sehr überfordern. Immerhin hatte er seinen Kater noch nicht vollständig überwunden. Aber es spielte keine Rolle, wer von uns beiden der bessere Tänzer war. Das Einzige was zählte war, dass wir es gemeinsam taten und Spaß daran hatten.
Das war halt unsere Beziehung: ein Tanz nach unseren eigenen Regeln und mit unserer eigenen Choreographie. Jeder von uns hatte seinen eigenen Stil und schaffte es trotzdem, sich dem Rhythmus des Partners anzupassen. Mal führte Orlam den Tanz an und ich folgte ihm, dann wiederum gab es Zeiten wie diese, wo ich die Führung übernahm. Aber am Ende hielten wir uns beide die Waage und tanzten gemeinsam als Partner. Und wir konnten uns darauf verlassen, dass wir immer auf die Unterstützung des anderen zählen konnten.
Nachdem unser kleiner Tanz und das Lied beendet waren, schlossen wir uns in die Arme und küssten uns zum krönenden Abschluss. Zugegeben, es war ein klein wenig kitschig. Aber ich hatte lieber hin und wieder solche kitschigen Momente in unserer Beziehung, wenn es uns beiden am Ende gut tat. Wir hatten ja auch genug normale und ernste Momente. Ich war einfach nur froh, dass Orlam sich endlich wieder glücklicher fühlte als in den letzten paar Wochen. Und ich wollte alles dafür tun, dass es auch dabei blieb.
Wir machten uns allmählich wieder auf den Rückweg und waren guter Dinge. Als es langsam Abend wurde, ging es Orlam deutlich besser und sein Kater war fast vollständig weg. Viel Trinken und die richtige Ernährung hatten wirklich viel gebracht. Wir machten uns Lachs mit Salat zum Abendessen und überlegten uns, wie wir den Sonntag verbringen sollten. Da er wieder fit genug war, wollte er unbedingt zur D&D Session kommen und sich bei Gidget und Cecil für die Reinigungsaktion bedanken.
“Das ist jetzt ein wenig peinlich”, begann er schließlich, während er das frisch angerührte Dressing über seinen Salat gab. “Aber wieso habe ich die beiden eigentlich angerufen? Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern, was gestern passiert ist.”
“Ach ja, das habe ich völlig vergessen!” realisierte ich. Ich hatte zwar erwähnt, dass er die beiden sturzbetrunken angerufen hatte und ich daraufhin von Gidget alarmiert worden war. Aber ich war nicht näher ins Detail gegangen, weil ich es nicht als wichtig erachtet hatte. “Du hast die beiden gefragt, ob sie einen Dreier mit dir wollten. Dann hast du aber sofort einen Rückzieher gemacht und angefangen zu weinen, weil du dachtest, du würdest mir fremdgehen.”
“Ach du heilige Scheiße”, murmelte er schockiert als ihm bewusst wurde, was für ein Chaos er da losgetreten hatte. Ich hingegen musste mir mein Lachen verkneifen, weil ich diese Situation trotz der dramatischen Umstände ein bisschen witzig fand. Orlam jedoch schämte sich gerade in Grund und Boden. “Ich sollte echt die Finger vom Alkohol lassen.”
“Es würde zumindest reichen, wenn du dich nicht mehr so extrem betrinkst”, schlug ich stattdessen vor. “Sieh es als Lehrgeld dafür, dass Alkohol keine Probleme löst.”
“Absolut nicht. Stattdessen hat es nur den Leuten um mich herum Probleme gemacht.”
Dieser Schlussfolgerung konnte ich nicht widersprechen. Aber es war schon mal gut, dass er erkannte, was für Folgen sein Alkoholexzess hatte und hoffentlich würde sich das nicht wiederholen.
Nach dem Abendessen gingen wir ins Wohnzimmer, um uns The Office anzuschauen. Das war genau die Art von seichter und lustiger Unterhaltung, die wir beide brauchten. Wir blieben nicht allzu lange wach, sondern beschlossen stattdessen, früh ins Bett zu gehen, damit wir morgen fit genug waren. Doch irgendwie war uns noch nicht so wirklich zum Schlafen zumute. Vielleicht weil einfach zu viel passiert war und die ganze Aufregung noch nicht abgeklungen war. Und vor allem beschäftigten uns noch Fragen und Gedanken. Beispielsweise, wie es in Zukunft weitergehen sollte. Spätestens wenn das Wochenende vorbei war, würde der Alltagswahnsinn weitergehen. Und leider schloss das auch Mr. Brewbacher ein, immerhin wusste dieser, wo sein Sohn arbeitete. “Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich Angst vor dem Montag”, gestand er mir und unterbrach die Stille zwischen uns. “So wie ich meinen alten Herrn kenne, wird er mir eine richtige Szene machen.”
“Dann komm ihm doch zuvor, damit er dich nicht blamieren kann”, schlug ich vor. “Ich könnte dich begleiten und unterstützen, damit du nicht mit ihm alleine bist. Die Frage ist nur: was willst du ihm sagen?”
“Tja…”, murmelte er nachdenklich. “Es ist eine Sache, sich was vorzunehmen. Aber es ist was ganz anderes, es ihm auch ins Gesicht zu sagen.”
“Dann beschränke dich halt auf die wichtigsten Sachen”, schlug ich vor. “So mach ich das zumindest immer, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Kopf völlig überlastet ist. Aber wie genau hast du dir eigentlich vorgestellt, wie es weitergehen soll?”
Orlam wurde still und sehr nachdenklich. Es war mit Sicherheit nicht einfach für ihn und vielleicht hatte er selbst noch nicht die perfekte Lösung gefunden. Aber wenn ich ihn unterstützen wollte, musste ich zumindest auf gleicher Wellenlänge mit ihm sein und wissen, in welche Richtung er gehen wollte. “Ich schätze es ist das Beste, meinen Vater sich selbst zu überlassen”, sagte er zögerlich und ich konnte ihm anhören, dass er sich unwohl dabei fühlte. “Deine Worte haben durchaus Sinn ergeben, dass er mich nur wieder unter seine Kontrolle bringen und als Blitzableiter für seine Aggressionen benutzen will. Ich wollte es erst nicht wahrhaben, aber… es passt einfach.”
“Wirklich?”
Er nickte und drehte sich auf den Rücken, den Blick hatte er nachdenklich auf die Zimmerdecke gerichtet. “Nachdem ich ihn wieder vom Krankenhaus abgeholt hatte, hat er immer wieder erwähnt gehabt, dass wir nur noch uns beide hätten und die Familie sich umeinander kümmert. Immerhin hätte er das ja auch gemacht, als sein Vater seine Beine verloren hat. Er hatte halt keine Kindheit im Gegensatz zu mir. Er musste bereits als Kind arbeiten gehen, um seine Mutter zu unterstützen. Und sein Vater war ein ziemlicher Tyrann gewesen, der mit seiner Behinderung nicht klar gekommen ist. Zu seiner Zeit war es sogar noch Regel gewesen, dass die Lehrer ihre Schüler geschlagen haben, oder Azubis von den Lehrmeistern eine Ohrfeige bekommen haben, wenn sie Mist gebaut haben.”
“Ja aber das ist noch lange kein Grund, dich wie Scheiße zu behandeln”, wandte ich ein. “Eigentlich müsste er doch selbst wissen, wie schlimm es sich anfühlt, als kleines Kind geschlagen zu werden. Nur weil in seiner Zeit so was an der Tagesordnung stand, macht es das nicht automatisch gut.”
Ich hatte zwar grob mitbekommen, in was für Verhältnissen sein Vater aufgewachsen war und dass diese Umstände sein Leben in vielerlei Hinsicht ruiniert hatten. Er hatte keine richtige Schulbildung genossen, keinen vernünftigen Umgang mit seinen Mitmenschen gelernt und obendrein seinen Körper ruiniert. Das verstand ich noch alles. Aber das war trotzdem keine Rechtfertigung dafür, seine Frau und sein Kind zu verprügeln oder sich allgemein unangenehm anderen Menschen gegenüber zu verhalten.
“Ich weiß”, seufzte Orlam. “Es ist nur… irgendwie hat er es geschafft, mir so lange zuzureden, bis ich mich schuldig gefühlt habe und dann hat sich irgendwie dieser Alltag bei uns eingeschlichen. Er stellt ständig Forderungen, schnauzt mich dann an, weil ich es nicht richtig mache und beleidigt mich in einer Tour, bis er wieder zu husten beginnt. Dann darf ich mir jedes Mal anhören, dass es meine Schuld ist, dass seine Lunge kaputt ist. Und weil ich Angst davor habe, wie ein Schwächling zu wirken und noch mehr von ihm angeschrien zu werden, habe ich angefangen zu trinken. Der Alkohol hat zumindest dabei geholfen, all diese negativen Gedanken und Gefühle für eine Weile auszublenden.”
“Scheiße…”, murmelte ich. Anscheinend hatte ich so einiges verpasst, seit Orlam auf Abstand gegangen war und mir wurde so langsam das ganze Ausmaß dieser Manipulation bewusst. “Bin ich froh, dass ich gestern mit Gidget und Cecil hergekommen bin.”
“Ja, das bin ich auch”, gestand er. “Ich glaube, ich hätte alleine nicht die Kraft dazu aufgebracht, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Und ehrlich gesagt habe ich die Befürchtung, dass ich wieder rückfällig werde und es schlimmer wird, wenn ich nicht vollständig den Kontakt zu ihm abbreche und mein Leben ohne ihn weiterlebe.”
Das war wahrscheinlich die beste Entscheidung, auch wenn sie nicht einfach war. So wie es aussah, würde sich Mr. Brewbacher nicht ändern. Weder der Selbstmord seiner Frau, noch seine Diagnose waren ein Weckruf für ihn gewesen. Das Einzige, was man tun konnte, war, von solch einem Menschen Abstand zu halten, damit man nicht mit in den Abgrund gerissen wurde.
Schließlich wandte Orlam den Kopf zu mir, schaute mich einen Augenblick lang schwermütig an, dann drehte er sich zu mir und nahm mich in den Arm. “Ich bin so froh, dass du bei mir bist, Iggy”, sprach er leise. “Ohne dich wäre alles wahrscheinlich noch wesentlich schlimmer geworden.”
“Wir schaffen das gemeinsam”, versprach ich ihm und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. “Ich lasse nicht zu, dass er dir wieder wehtut.”
Am nächsten Morgen wachten wir etwas später als ursprünglich geplant auf, weil es ewig gedauert hatte, bis wir beide einschlafen konnten. Als ich aufwachte, war die andere Seite vom Bett leee und aus der Küche kam mir bereits der verführerische Duft von frisch gebrühten Kaffee entgegen. Halb verschlafen setzte ich meine Brille auf, gähnte und streckte mich und erhob mich dann aus dem Bett. Als ich in die Küche kam, stand Orlam am Herd und war gerade dabei, Pancakes zu machen. “Guten Morgen”, murmelte ich halb verschlafen und begann den Tisch zu decken. “Na, du bist ja schon putzmunter drauf…”
“Guten Morgen, Iggy”, grüßte er mich gut gelaunt zurück. Gerade als ich das Geschirr aus dem Schrank holen wollte, ergriff er meinen Arm, zog mich sanft zu sich heran und gab mir einen Kuss. “Natürlich bin ich das! Immerhin wurde ich liebevoll von dir aufgepäppelt!”
Ich schmunzelte und war froh, ihn wieder bei so guter Laune zu sehen. Aber vielleicht lag es auch daran, dass wir noch einen Tag Verschnaufpause hatten und den Frieden genießen konnten, solange er noch anhielt. Ich zwinkerte ihm schelmisch zu und löste mich wieder von ihm, um Teller und Besteck rauszuholen. “Na da bin ich ja beruhigt, dass ich keine schweren Geschütze ausfahren musste.”
“Was denn zum Beispiel?” hakte er nach und grinste breit und vielsagend. “Sag bloß nicht, du hättest dir dann ein sexy Krankenschwestern-Outfit angezogen, um mich aufzumuntern.”
“Ist mir neu, dass eine Erektion eine Alkoholvergiftung heilen kann”, gab ich trocken zurück, als ich die Teller und das Besteck auf dem Tisch platzierte. “Und ich bezweifle, dass ich die passende Figur für so ein Outfit habe.”
Ich holte im Anschluss die Tassen und goss uns Kaffee ein. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis die Pancakes fertig waren und wir endlich frühstücken konnten, denn ich spürte, wie ich Hunger bekam. Da Orlam keinen Ahornsirup hatte, begnügten wir uns mit Honig und es schmeckte trotzdem hervorragend. Es war ein perfektes Frühstück für einen Sonntagmorgen und ich hatte richtig Appetit auf etwas Süßes bekommen.
Während wir unseren Hunger stillten, begannen wir über die bevorstehende D&D Session zu sprechen. Immerhin war es eine ganze Weile her und es konnte nie schaden, noch mal Revue passieren zu lassen, wie weit wir letztes Mal gekommen waren. Seit unserem Treffen war so viel passiert, dass ich mir nicht mal mehr sicher war, ob ich mich an alle Einzelheiten erinnerte. Und während ich meine Erinnerungen wieder zusammenpuzzelte, fiel mir ein, dass mein Charakterbogen bei mir zuhause lag und ich ihn noch abholen musste. “Fuck verdammt, war ja klar, dass ich den vergessen musste”, murmelte ich und schlug mir die Hand gegen die Stirn. “Ich war mit den Gedanken die ganze Zeit woanders und habe nicht mal an so eine Kleinigkeit denken können.”
“Mach dir nichts draus, dann machen wir halt einen kleinen Umweg und fahren erst zu dir”, versuchte Orlam mich aufzumuntern. “So was passiert halt. Du willst gar nicht wissen, wie oft ich im Eifer des Gefechts meine Unterlagen vergessen habe, wenn ich auf dem Weg zu einem Klienten war.”
“Ich weiß, aber es ist trotzdem nervig.”
Fairerweise war in den letzten Tagen einiges passiert und meine Sorge um Orlam war weitaus größer gewesen. Ich hatte ja nicht mal abschätzen können, ob er heute überhaupt in der Lage sein würde, an der Session teilzunehmen. Im Ernstfall hätte ich abgesagt und wäre bei ihm geblieben. Naja… zum Glück hatte sich alles zum Guten gewendet.
Nach unserem Frühstück räumte ich den Tisch ab, während Orlam sich um die Wäsche kümmerte, die er in der letzten Zeit komplett vernachlässigt hatte. Er hatte wirklich alles komplett schleifen lassen und es grenzte an ein Wunder, dass er die Kraft besessen hatte, überhaupt zu arbeiten. Aber wahrscheinlich war das die einzige Art von Ablenkung von seinen Problemen gewesen, die ihm geblieben war. Eine Art Routine, die ihn davor bewahrt hatte, noch schneller und heftiger abzustürzen. Blieb nur zu hoffen, dass er es schaffte, auf der Spur zu bleiben und nicht wieder einen Rückfall erlitt, sobald die nächste Woche begann. Es konnte jedenfalls nicht schaden, auf der Hut zu bleiben. Die Konfrontation mit seinem Vater stand auch noch aus und davor konnte er sich nicht ewig drücken. So unangenehm es ihm auch war, er musste endlich eine klare Grenze ziehen und seinem Vater sagen, was Sache war. Ansonsten würde es nie besser werden und er würde höchstwahrscheinlich wieder in den Alkoholmissbrauch abrutschen. Und wer wusste schon, ob ich ihm wieder raushelfen konnte. Ohne Hilfe wäre ich ja nie zu ihm durchgedrungen. Mit diesen Gedanken ging ich schließlich ins Bad und gönnte mir eine ausgiebige Dusche. Aus irgendeinem Grund kam mir aus heiterem Himmel die Frage auf, ob Orlam schon seit längerem eine Freundschaft-Plus-Beziehung zu Gidget und Cecil hatte. Warum sonst hätte er letzteren angerufen? Naja, es konnte natürlich auch am Alkohol liegen und die beiden waren einfach die ersten Leute gewesen, die ihm in den Sinn gekommen waren. Aber wenn dem nicht so war, wie lange lief es zwischen ihnen? Es hatte für mich nie wirklich den Anschein gemacht, als würde da mehr zwischen den dreien laufen als bloß Freundschaft, aber vielleicht war ich auch einfach zu begriffsstutzig und hatte nichts bemerkt. Zwischen den Zeilen lesen war noch nie meine Stärke gewesen, vor allem wenn es um Beziehungen und dergleichen ging. Ich beschloss, da keine große Sache daraus zu machen. Es war nur eine etwas seltsame Vorstellung, weil ich uns alle in so einer Konstellation nicht vorstellen konnte. Naja… zumindest war es bei weitem nicht so schräg wie die Vorstellung, dass Orlam was mit Genzou hatte. Dieses Geständnis bei Sherman's hatte ich selbst jetzt noch nicht so ganz verdaut, weil es einfach so abstrus geklungen hatte. Vielleicht fehlte mir als Asexueller auch einfach das Verständnis, weil ich das mit der sexuellen Anziehungskraft nicht nachvollziehen konnte. So etwas war mir völlig fremd und mir würde es selbst in meiner Fantasie nicht einfallen, mit jemandem zu schlafen, der mich seit meiner Kindheit andauernd schikaniert. Das ergab für mich keinen logischen Sinn. Das mit Gidget konnte ich ja nich halbwegs nachvollziehen, aber Genzou?! Glücklicherweise waren er und Orlam beide der gleichen Meinung, dass das ein großer Fehler in ihrem anderen Leben gewesen war und sie beide keine Lust darauf hatten, es hier zu wiederholen. Selbst wenn sie sich wieder vertragen hatten, konnte nichts Gutes daraus werden, wenn die beide sich näher kamen. Hoffentlich war die Chemie mit Gidget und Cecil deutlich besser, wenn er sich tatsächlich mit ihnen zum Sex traf. Noch mehr Drama konnte niemand von uns gebrauchen.
Mit allerhand Gedankengängen, die nicht wirklich in eine feste Richtung gingen und auch nicht viel Sinn ergaben, trocknete ich mich ab, zog mich an und föhnte im Anschluss meine Haare. Es würde einfach zu lange dauern, sie an der Luft trocknen zu lassen und so viel Zeit hatten wir auch nicht, bis wir uns auf den Weg machen mussten. Als ich das Bad verließ, kam mir Orlam entgegen und begutachtete mein Super Smash Bros. T-Shirt, das ich mir angezogen hatte. “Sag mal, wie viele solcher Shirts hast du eigentlich?” fragte er mich überrascht. “Irgendwie habe ich den Eindruck, als würdest du jedes Mal ein neues tragen.”
“Es könnte sein, dass ich einen ziemlich großen Vorrat habe”, gab ich verlegen zu. “Ich habe halt eine Schwäche für Game Merchandise. Wenn ich etwas Cooles sehe, muss ich es einfach haben.”
Orlam verzog daraufhin einen Mundwinkel zu einem amüsierten Lächeln. “Es passt auch zu dir. So sehr ich auch deine etwas elegantere Garderobe mag, dein Nerd-Look hat durchaus seinen ganz eigenen niedlichen Charme.”
Ich hielt inne, während Orlam mit dem leeren Wäschekorb ins Schlafzimmer ging und musste erst mal verarbeiten, was ich da gerade gehört hatte. “Hast du mich gerade ernsthaft niedlich genannt?”
“Wieso?” rief er mir aus dem Schlafzimmer zum “Ist dir liebenswert oder süß lieber?”
“Das nicht”, erwiderte ich und wartete, bis er wieder zurückkam. “Aber mir wäre es nicht in den Sinn gekommen, mein Outfit als niedlich zu bezeichnen.”
“Es ist ja auch nur niedlich, weil du es trägst, mein Lieber”, erklärte er, als er die Tür schloss und zwinkerte mir zu. Sein süffisantes Grinsen zeichnete sich nun auf seinem ganzen Gesicht ab und ich wusste, dass er nur darauf aus war, mich wieder in Verlegenheit zu bringen. Doch das Spiel konnte man auch zu zweit spielen und ich beschloss, einen Konter zu geben. Also verschränkte ich die Arme und entgegnete in einem koketten Tonfall: “Na wenn du meinst, Schnuckelhase. Und ich finde deinen adretten Kleidungsstil ausgesprochen putzig.” Doch leider gelang es mir nicht, mich zurückzuhalten und brach stattdessen in ein prustendes Lachen aus und auch Orlam konnte sich nicht beherrschen.
“Ich liebe deine unbeholfene Art von Humor”, sagte er schließlich und drückte mir einen Kuss auf die Wange, bevor er in Richtung Wohnzimmer ging. “Ich suche eben kurz nach meinem Charakterbogen, dann können wir uns gleich auf den Weg machen.” Glücklicherweise hatte er sich eine gewisse Ordnung in seinen Schränken bewahrt und es dauerte tatsächlich nicht lange, bis er seine Sachen gefunden hatte. Zu guter Letzt holte er noch seinen Autoschlüssel und wir machten uns auf den Weg. Natürlich mussten wir erst einen Umweg machen, damit ich meinen Charakterbogen von zuhause abholen konnte.
Trotz unseres Zwischenstopps waren wir relativ früh da und wurden von Hunar begrüßt, der uns sogleich informierte, dass Genzou und Luis bereits da waren. Die beiden saßen im Wohnzimmer mit Bucks am Tisch und waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Sie unterbrachen ihre Erzählung kurz, als wir hinzukamen und größten uns herzlich. Bei Bucks konnte man inzwischen einen kleinen Bauch erkennen und auch Luis hatte sich ein wenig verändert. Sein Dreitagebart war zu einem erweiterten Ziegenbart gewachsen und ließ ihn wie ein Filmstar aus Kalifornien aussehen. Das wurde vor allem durch seine langen Locken unterstrichen, die so perfekt glänzten, als wäre er aus einer Werbung entsprungen. “Heilige Scheiße Luis, du hättest Shampoo-Model werden sollen”, kommentierte ich anerkennend, als ich seine Haare bewunderte. Beim letzten Mal war es mir nicht aufgefallen, weil er einen Zopf getragen hatte. Aber ich hatte noch nie in meinem Leben derart perfekte Haare bei einem Mann gesehen. Und auch Orlam war vom Anblick dieser geradezu unnatürlich seidigen und glänzenden Haarpracht überwältigt und platzte mit der Frage heraus: “Was für einen Conditioner benutzt du bitteschön?! Das ist doch nicht normal!”
Luis lachte und schien diese Reaktion wohl gewohnt zu sein. “Nur ein bisschen Kokosöl und die guten Gene meiner Mutter. Aber ich habe mir schon oft sagen lassen, dass meine Haare wie ein Magnet auf Menschen wirken.”
“So wie Orlams Rattenschwanz”, scherzte Genzou und kicherte. “Aber lasst euch von seinen sexy Locken bloß nicht täuschen. Dieser Kerl hier nutzt jede verdammte Gelegenheit, um mir einen Streich zu spielen. Letzte Woche, als er bei mir geschlafen hat, hat er den Flur komplett umgestellt, als ich kurz weg war. Ich hab beinahe einen Herzinfarkt bekommen, weil ich dachte, ich wäre versehentlich in der falschen Wohnung!”
Luis prustete vor Lachen. “Ach komm schon, deine Reaktion war verdammt witzig, als ich mich als deine Nachbarin ausgegeben habe.”
Orlam stimmte in Luis’ Lachen mit ein, als er das hörte und schlug sich dabei auf den Oberschenkel. Die Schadenfreude war kaum zu übersehen, aber mit Sicherheit kam es daher, dass Genzou all seine Streiche und Hänseleien in ähnlicher Form zurückgezahlt bekam. Immerhin war er ja all die Jahre sein Lieblingsopfer gewesen. “Sag mir jetzt nicht, du hast seine Stimme für die einer Frau gehalten. Ach Genzou, wenn du jetzt auch noch ein Hörgerät brauchst, mache ich mir noch ernsthaft Sorgen um dich.”
“Ich stand unter Schock!” protestierte mein Freund, dem dieser Vorfall immer noch ziemlich peinlich sein musste. “Ich dachte ernsthaft, ich wäre versehentlich in der Wohnung meiner Nachbarin. Ganz gleich ob blind oder nicht, das sieht niemals gut aus, wenn die Cops gerufen werden. Ein Mal hat er sogar eine Schaufensterpuppe benutzt, um mich zu erschrecken..”
Armer Genzou, dachte ich amüsiert und musste mir mein Lachen verkneifen. Ich hatte ja bereits bei unserem letzten Treffen mitbekommen, dass Luis ein ziemlicher Spaßvogel war. Aber anscheinend hatte er in Genzou das perfekte Opfer für seine Streiche gefunden. Der gleichen Meinung war auch Bucks, die die beiden belustigt beobachtete. “Ihr passt echt zusammen wie Arsch auf Eimer. Als wir noch Kinder waren, hat Genzou sich auch immer einen Spaß daraus gemacht, uns alle zu verarschen. Meistens war es aber Orlam, den er verarscht hat.”
“Oh ja”, murmelte dieser und erinnerte sich wenig begeistert zurück. “Vor allem aber hat er sich immer wieder irgendwelche bescheuerten Mutproben einfallen lassen.”
“Stimmt, da gab es ja einige”, fiel es Bucks wieder ein. “Aber meistens ist nichts daraus geworden, weil Iggy und Gidget dazwischengegangen sind. Zum Glück! Manche hätten auch echt schiefgehen können. Wie zum Beispiel als er uns dazu bringen wollte, vom Dach einer Scheune zu springen. Wir hätten uns locker einen Arm oder ein Bein brechen können.”
“Ach kommt schon! Die Mutprobe mit dem Elektrozaun war aber echt lustig”, wandte Genzou ein und ich musste ein bisschen in meinen Erinnerungen kramen. Nur sehr schwammig konnte ich mich daran erinnern, wie wir mit unseren Fahrrädern zu einer Kuhweide gefahren waren und ein Schild gesehen hatten, dass der Zaun unter Strom stand. Und natürlich war Genzous erste Idee gewesen, eine Mutprobe daraus zu machen, wer sich traute, den Zaun anzufassen. Mein ganzer Arm hatte wehgetan und Orlam hatte solche Angst gehabt, dass er schon in Tränen ausgebrochen war, bevor er überhaupt einen elektrischen Schlag bekommen hatte. “So was hatten wir auch”, meinte Luis schließlich, der sich nun an seine eigene Jugend zurückerinnerte. “Unsere größte Mutprobe war es, einen alten Mann zu ärgern, der in unserem Viertel gelebt hat. Der alte Sack war ein Nazi und hat uns immer angebrüllt, dass wir zurück nach Mexiko gehen sollten. Er hat auch ständig die Polizei gerufen und behauptet, wir würden mit Drogen handeln oder mein Dad wäre Teil eines Kartells. Der übliche rassistische Bullshit halt. Er hatte auch Verbindungen zum KKK und eine schwarze Familie bedroht, die neben uns gelebt hat. Deren Kinder waren mit uns befreundet. Dementsprechend hatten meine Brüder und ich ihn ziemlich auf dem Kieker gehabt und hatten es zu unserem Spiel gemacht, ihm seine Aktionem heimzuzahlen. Er hatte immer eine Hakenkreuz-Flagge und die Konföderierten-Flagge bei sich im Garten gehisst. und im Vorgarten hatte er immer Schilder mit rassistischen Parolen aufgestellt, um uns daran zu erinnern, wer zur vorherrschenden Rasse gehört. Also haben wir uns immer einen Spaß daraus gemacht, ihm die Flaggen und Schilder zu klauen und diese dann zu verbrennen.”
“Klingt, als hättet ihr der Gesellschaft einen Dienst erwiesen”, gab Orlam anerkennend zurück und nahm auf einem der Stühle Platz, ich setzte mich neben ihn. Auch ich hatte Gefallen an dieser kleinen Selbstjustiz-Anekdote gefunden, wobei ich aber bezweifelte, dass ich selber den Mut besessen hätte, solche Aktionen zu machen. Vielleicht wäre ich mitgekommen, aber ich hätte garantiert zu viel Schiss gehabt, erwischt zu werden. ich kannte ja Orlams Vater und solche hasserfüllten und intoleranten Menschen waren mit Vorsicht zu genießen. Man konnte nämlich nie wissen, ob die zur Waffe griffen und ohne Vorwarnung das Feuer eröffneten. Mir brannte deshalb eine Frage unter den Nägeln: “Wurdet ihr jemals erwischt oder gab es Ärger?”
“Na klar doch”, antwortete Luis und sah nicht so aus, als würde er Reue für seinen Vandalismus empfinden. “Einmal hat er mich und meine Brüder erwischt, als wir seine rassistischen Schilder im Vorgarten mit Graffiti zugesprüht haben. Wir konnten noch rechtzeitig abhauen, aber natürlich haben unsere Eltern davon erfahren und der alte Sack hat die Cops gerufen. Die haben uns lediglich davor gewarnt, uns nicht von ihm erwischen zu lassen. Bestraft wurden wir aber nicht, weil die Polizei ihn ebenfalls nicht leiden konnte. Wir haben aber definitiv Hausarrest bekommen, als wir ihm mal eine selbst gemachte Stinkbombe durchs Fenster geschmissen haben. Das war auch eine verdammt ekelhafte Aktion gewesen.”
Luis begann in wilden Details zu erzählen, wie er und seine Brüder alles zusammen in einen Beutel gegeben hatte, was verfault war oder bestialisch gestunken hatte. Alte Socken, vergammelte Eier, alter Fisch, etc. Es war eine dieser Geschichten, wie sie vielen Jungen in den Sinn kam, die viel Blödsinn im Kopf und eine geringe Hemmschwelle für eklige Dinge hatten. Er betonte aber, dass seine Streiche und Mutproben ansonsten relativ harmlos gewesen waren. Die Streiche gegen den alten Mann waren mehr oder weniger eine persönliche Vendetta gewesen. Ansonsten hatten sich seine Streiche meist darauf beschränkt, den Wecker früher zu stellen, Dinge an den unmöglichsten Orten zu verstecken oder sich verrückte Kostüme anzuziehen und seine Eltern zu ärgern. Das mit den Racheaktionen klang durchaus glaubhaft und ich konnte mich sehr gut daran erinnern, wie Genzou als Kind sich auf ähnliche Weise an anderen Menschen gerächt hatte. Orlam und ich waren eher Feiglinge gewesen, die sich lieber rausgehalten hatten, weil wir keinen Ärger wollten. Das “Schlimmste”, was ich jemals gemacht hatte, war, Klingelstreiche zu spielen und selbst da hatte ich jedes Mal Schiss bekommen, dass ich erwischt wurde.
Luis hatte noch eine ganze Reihe von wilden Geschichten auf Lager, die Racheaktionen gegen den alten Mann betrafen und wir hörten belustigt zu, bis schließlich Gidget und Cecil eintrafen und wir endlich mit unserer Session anfangen konnten.
Cecil und Gidget waren ein klein wenig spät dran und entschuldigten ihre Verspätung damit, dass der Wagen erst nicht anspringen wollte. Anscheinend machte die Autobatterie zurzeit Probleme und der Wagen musste in den nächsten Tagen deswegen zur Werkstatt. Als Orlam die beiden sah, wurde seine Miene ernst und er wurde sichtlich unruhig. Ich konnte zwar nicht sagen, was ihm durch den Kopf ging, aber ich konnte mir sehr gut denken, dass es ihm unangenehm war, dass sie ihn auf seinem absoluten Tiefpunkt erlebt hatten. Nach der Begrüßung entschuldigte er sich für die Umstände und bedankte sich vor allem für die tatkräftige Hilfe, ohne jedoch auf Details einzugehen. Bucks und Hunar hatten keinen blassen Schimmer, was los war und Genzou hatte höchstens eine ungefähre Ahnung, was passiert war. Aber keiner sprach ihn auf Details an und Gidget meinte bloß, dass Freunde halt dazu da seien, um sich gegenseitig zu unterstützen. Da Orlam aber darauf bestand, es irgendwie wieder gutzumachen, einigten wir uns darauf, dass er für uns Pizza bestellte. Damit waren wir alle zufrieden.
Erst nach einigem Zögern begann Orlam zu erzählen, was alles passiert war und was er durchgemacht hatte. Das Ganze war ihm sichtlich unangenehm, da er sich nicht gerne eine solche Blöße gab. Aber er war ein Teil unserer Gruppe und wir alle standen hinter ihm. Bucks bot sogar an, seinem Vater die Leviten zu lesen und sich zur Not auch körperlich mit ihm anzulegen, wenn er handgreiflich wurde. Immerhin war sie verdammt groß und hatte mit Sicherheit genauso viel Kraft wie Mr. Brewbacher zu seinen besten Zeiten. Doch wir konnten ihr diese Idee schnell wieder ausreden, denn immerhin war sie schwanger und eine körperliche Auseinandersetzung war somit viel zu riskant. Außerdem machte es mit Sicherheit keinen guten Eindruck, sich mit einem kranken Mann in seinen Mittsechzigern zu prügeln. Luis hingegen hatte eine andere Herangehensweise und erklärte Orlam, dass sein Vater seine Krankheit als körperliche Behinderung anerkennen lassen und von Sozialhilfe leben konnte, wenn er keinen Job fand. Das war zwar nicht das, was der alte Mann sich erhoffte oder worauf er stolz sein konnte, aber zumindest lastete dann kein Druck auf Orlam. Er bot sogar an, seine Kontakte zu nutzen, um sich mehr Informationen einzuholen. Genzou, der nicht sonderlich viel sagen oder tun konnte, seufzte nachdenklich und legte Orlam ans Herz, sich nicht sein Leben für Menschen zu ruinieren, die seine Hilfe nicht verdient hatten. Er gab zwar zu, dass diese schrecklichen Erinnerungen aus seinem anderen Leben ihm hin und wieder zu schaffen machten. Aber er erinnerte Orlam daran, dass es bloß Erinnerungen aus einer anderen Realität waren und sie alle sich darauf fokussieren sollten, es in diesem Leben besser zu machen. Auch wenn es sehr schreckliche Bilder waren, so waren sie nicht in diesem Leben passiert und deshalb durften wir uns alle nicht zu sehr davon beeinflussen lassen. Und damit hatte er durchaus Recht. Auch Gidget sicherte ihm xiese Unterstützung zu und legte ihm nah, mehr auf seine eigene körperliche und vor allem mentale Gesundheit zu achten. Cecil war deutlich wortkarger, aber er schien zumindest der gleichen Ansicht zu sein wie wir alle.
Diese überwältigend positive Resonanz kam für Orlam ziemlich unerwartet und ihm war anzusehen, dass er überfordert war und nicht wusste, wie er damit umgehen sollte. Aber er war auch dankbar dafür, von allen Seiten so viel Unterstützung zugesagt zu bekommen. Um ihn aus seiner ungewohnten Situation zu erlösen und die Stimmung zu lockern, lenkte ich das Gespräch auf unsere D&D Session. Dabei warf Orlam mir einen dankbaren Blick zu und war sichtlich erleichtert, dass wir uns wieder auf etwas anderes konzentrieren konnten. Wir alle brannten darauf, endlich weiterzuspielen und holten unsere Würfel und Charakterbögen heraus. Luis räusperte sich und ließ noch mal kurz Revue passieren, was beim letzten Mal passiert war. Unsere letzte Session hatte quasi mit einem Juwelenraub begonnen, der zuerst Stabby, Buckingham und Flint angelastet wurde, bis der Verdacht auf Cecils Hexenmeister Grimwald Killjoy fiel. Nachdem wir heimlich bei ihm eingebrochen und sein Haus auf den Kopf gestellt hatten, war er vorzeitig wieder zurückgekommen. Stabby, der Wache stehen sollte, hatte sich viel zu sehr ablenken lassen, weil er lieber mit meinem Barden Lute Skywaltzer flirten wollte. Nach einem kleinen Kampf konnte Lute mit der Unterstützung von Hunars Kleriker Horatio Grimwald davon überzeugen, sich der bunten Truppe anzuschließen und gemeinsam nach dem Dieb zu suchen. So weit waren wir gekommen. Nun hatte Luis genug Zeit gehabt, sich den weiteren Verlauf des Plots auszudenken und mein Gott, wurde er seinem Versprechen gerecht, eine lustige Kampagne für uns zu machen.
Nachdem wir nämlich Grimwalds Haus verlassen hatten, konnten wir eine verdächtige Gestalt entdecken und Aladin der Paladin schaffte es mit Buckinghams Hilfe, den mysteriösen Herumtreiber zu fassen. Es handelte sich um eine junge Hexe namens Nerissa, die verzweifelt nach Hilfe suchte. Von ihr erfuhren wir, dass eine Bande von Vampir-Teenagern eine Zauberschule infiltriert und in ihre Gewalt gebracht hat. Ihre Anführerin Elizabella Midnight Ivory Harmonia Wolfsbane, halb Vampir und halb Succubus und zu 100% verwöhnte Tochter von mächtigen Eltern, hatte ihre Verführungskünste dazu genutzt, um die ganze Schule einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Jeder, den sie unter ihre Kontrolle gebracht hatte, gehörte nun zu ihrer willenlosen Simp-Armee. All jene unglückseligen Gestalten, die sie unter ihre Kontrolle gebracht hatte, existierten nur noch dazu, sie anzuhimmeln und ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Nur wenige Lehrlinge, darunter auch Nerissa, konnten aus der Schule fliehen, bevor sie in Elizabellas Bann gezogen wurden. Die Überlebenden dieser gewaltsamen Übernahme der Schule waren untergetaucht und versteckten sich aus Angst vor den Vampiren und den Simp-Zombies. Lediglich Nerissa hatte den Mut aufgebracht, nach Hilfe zu suchen um die Vampire zu vertreiben. Die Vermutung lag nahe, dass einer von Elizabellas Simps für den Diebstahl der Juwelen verantwortlich war und diese sich nun im Besitz der Halb-Succubus oder einer ihrer drei Vampirhandlanger Diabolo Nightpain, Mi'sery Blackrose oder Vampyrion Shadowheart befanden.
Wir hatten viel zu viel Spaß mit diesen bescheuerten Namen und der Idee, dass wir es mit einer waschechten Mary Sue als Bösewicht zu tun hatten. Und als Cecil trocken fragte, ob Elizabella rein zufällig mit Ebony Dark’ness Dementia Raven Way verwandt war, brachen wir alle in schallendes Gelächter aus. Auch Luis hatte sichtlich Spaß und gab zu, dass jene berüchtigte Fanfiction, deren Name nicht genannt werden durfte, eine große Inspiration für seine Kampagne gewesen war. “Na, das kann ja heiter werden”, kommentierte Hunar und war sich nicht ganz so sicher, was er davon halten sollte. Als leidenschaftlicher Autor war dieser Supergau der Online-Literatur für ihn wahrscheinlich eine Mischung aus Pest, Cholera und Krebs. “Wenn die auch noch My Chemical Romance hören, fresse ich einen Besen.”
Cecil war wenig amüsiert und schien da seine ganz eigene Meinung zu diesem literarischen Durchfall zu haben. “Ich hoffe, die tragen alle weiße Kleidung, kleben sich Pflaster auf die Unterarme und schreiben Gedichte über die Freuden des Lebens, während sie Nickelback hören.” Wow, das klang ja geradezu nach einem Hassverbrechen gegen Emos. Oder waren es Goths? Ach, den Unterschied kannte die Autorin jener Katastrophen-Fanfiction ja auch nicht. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie Gidget damals rein zufällig im Internet darauf gestoßen war und uns mit in den Abgrund des Wahnsinns gerissen hatte. Zugegeben, wir hatten alle unseren Spaß, aber teilweise hatte ich das Gefühl gehabt, einen Hirntumor vom Lesen zu bekommen. Wie sehr hatte ich Genzou beneidet, dass er sich wenigstens all die Rechtschreibfehler nicht ansehen musste.
“Bin mal gespannt, ob die genauso abartige Orgien veranstalten”, meinte Orlam breit grinsend und hatte sichtlich Spaß an der Vorstellung. Naja, ich konnte auf exzessive Sexszenen verzichten, aber wenn der Bösewicht ein Vampir-Succubus war, konnte ich mir gut vorstellen, dass es… schlüpfrig zugehen würde. Allein an Luis’ Miene konnte ich mehr als deutlich ansehen, dass er sich so einige Verrücktheiten ausgedacht hatte. Aber erst mal legten wir eine Pause ein und Orlam bestellte uns Pizza. Inzwischen war es nämlich Nachmittag und wir hatten alle Hunger. Zwischenzeitlich gingen Gidget, Cecil und Orlam nach draußen auf die Terrasse, um sich zu unterhalten.
Während wir auf unsere Pizza warteten, fragten Luis und Hunar neugierig nach, was es denn mit diesen Erinnerungen auf sich hatte, von denen wir gesprochen hatten. Ich erzählte ihnen, was ich wusste und dass Genzou und ich vermuteten, dass unser nächtliches Blutritual im Wald es vielleicht ausgelöst hatte. Es musste ziemlich verrückt für die beiden klingen und ich war mir bewusst, dass es schwer zu glauben war. Selbst ich konnte es nicht sonderlich gut erklären, weil alles so verschwommen war. Hunar vermutete, dass wir vielleicht unter einem giftigen Strauch gesessen und bloß halluziniert hatten. Irgendeine wissenschaftliche Erklärung musste es ja dafür geben und er war jemand, der an Fakten glaubte und Übernatürliches als Spinnerei abtat. Luis hingegen bildete sich keine feste Meinung dazu. Er verschränkte nur etwas nachdenklich die Arme und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. “Das erinnert mich ein wenig an Jacob’s Ladder oder LOST. Nur, dass ihr nicht tot seid, sondern euer Bewusstsein quasi außerhalb dieser Welt war. Vielleicht war es eine Art Astralreise, die ihr gemeinsam gemacht habt.”
“Eine was?” fragte ich kopfschüttelnd.
“Eine außerkörperliche Erfahrung”, erklärte Luis. “So etwas geschieht in der Regel durch Meditation, Stress oder Trauma. Aber in solch einer Art und Form habe ich es ehrlich gesagt noch nicht erlebt.”
“Astralreisen sind reine Pseudowissenschaft”, warf Hunar ein. “Es gibt mit Sicherheit eine vernünftige und logische Erklärung für das alles. Vielleicht sind auch bloß irgendwelche Erinnerungen durcheinander gekommen und ihr habt alle bloß im Wald wieder eines eurer Rollenspiele gespielt und es für so echt gehalten, dass euer Gehirn es so abgespeichert hat.”
“Dann erklär du mir mal bitte, welche Kinder sich Mord, Folter, Vergewaltigung und Kannibalismus ausdenken”, warf Bucks ein und drehte sich mit dem Oberkörper zu ihrem Mann, wobei sie sich mit dem Ellebogen am Tisch abstützte. “So was hätte ich vielleicht von Orlam erwartet, weil er aus einer ziemlich kaputten Familie kommt. Du kannst das als Halluzination abstempeln, weil du das nicht erlebt hast, Liebling. Aber für uns ist das verdammt real.”
“Halluzinationen fühlen sich eben real an”, erwiderte Hunar hartnäckig und weigerte sich zu glauben, dass wir womöglich Zeuge oder Opfer eines unerklärlichen übernatürlichen Ereignisses geworden waren. Das regte Bucks jedoch so sehr auf, dass sie mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und ihn böse anfunkelte. “Das war keine verdammte Halluzination. Hörst du mir eigentlich zu? Oder willst du etwa damit sagen, ich hätte nicht mehr alle Latten am Zaun?”
Erschrocken zuckten wir über diesen plötzlichen Gefühlsausbruch zusammen und Hunars Augen weiteten sich als er merkte, dass er einen empfindlichen Nerv getroffen hatte. “Das habe ich nicht gemeint, Schatz. Ich wollte lediglich sagen, dass…”
“Dass wir uns alle das Gleiche eingebildet haben, nicht wahr?” unterbrach sie ihn gereizt. “Ja, ich bilde mir natürlich alles nur ein, dass ich erst mein Kind und dann meine Freunde umgebracht habe. Ich habe natürlich einen an der Waffel oder bin überdramatisch. Bucks, das Monster der Lanbrooke High School ist natürlich übergeschnappt. Vielen Dank dafür!” Hunar kam gar nicht mal dazu, sich zu erklären und resignierte einfach. Stattdessen ließ er sie weiter mit ihm schimpfen, während wir unfreiwillig Zeugen dieser Auseinandersetzung wurden. Schön war dieser Anblick nicht und ich tauschte nur einen kurzen Blick mit Luis aus, dem die Situation genauso unangenehm war. Schließlich aber erlöste uns ein Klingeln an der Tür aus unserer Lage und Bucks stand auf, um die Pizzen entgegenzunehmen.
Während sie weg war, beugte ich mich besorgt zu Hunar rüber und fragte ihn vorsichtig: “Gibt es zwischen euch Probleme?”
Doch er schüttelte nur den Kopf, während er versuchte, sich wieder zu sammeln. “Eigentlich nicht. Aber Bucks macht die Schwangerschaft halt zu schaffen und sie ist deshalb ziemlich emotional. Manchmal regt sie sich wegen Kleinigkeiten auf oder sie bricht ganz plötzlich in Tränen aus und kann sich nicht mehr beruhigen.”
“Jesus, das klingt hart”, murmelte Genzou. “Muss für dich echt nicht leicht sein, ständig aufzupassen, dass du keine Tretmine erwischt und sie dir nicht noch den Kopf abreißt.”
Das stritt Hunar durchaus nicht ab, aber er stellte auch deutlich klar: “Sie muss all diese körperlichen Veränderungen alleine durchstehen und es ist ja nicht so, als würde sie das mit Absicht machen. Klar, das ist nicht immer einfach für mich, aber für sie ist das wesentlich anstrengender.”
Und es würde garantiert nicht sonderlich besser werden, je länger die Schwangerschaft dauerte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass eine hochschwangere Frau mit allerhand Problemen zu kämpfen hatte. Angefangen bei ständigen Rückenschmerzen bis hin zu der Frage, wie man sich mit so einem Bauch die Schuhe anziehen oder heruntergefallene Sachen aufheben sollte. Die Geburt selbst würde mit Sicherheit auch verdammt hart und schmerzhaft werden. Und selbst danach war es nicht vorbei, denn dann würde man ein Baby haben, das andauernd schreien und einem die Nerven rauben würde. Ich hatte noch nie so wirklich darüber nachgedacht, aber eine Schwangerschaft war echt hart und ich konnte froh und dankbar sein, dass ich mich damit nicht auseinandersetzen musste.
Bucks kam schließlich mit den Pizzen zurück und hatte sich wieder einigermaßen beruhigt. Es war ihr sichtlich unangenehm, dass sie die Beherrschung verloren hatte und während ich Cecil, Orlam und Gidget holen ging, versuchte Bucks die Wogen zu glätten und sich mit Hunar wieder zu vertragen. Die Stimmung war wieder einigermaßen entspannt und wir kamen wieder auf andere Themen zu sprechen. Wie zum Beispiel unsere Schulzeit, unsere Abschlussfeier und wie Genzou um ein Haar die Hüpfburg vollgekotzt hatte. Dieser erwiderte ein wenig beleidigt: “Einen sturzbetrunkenen blinden Teenager in eine Hüpfburg zu zerren, war auch eine verdammte Scheißidee gewesen!”
“Du hast ja auch nicht aufgehört zu heulen”, erinnerte Orlam ihn. “Und du Egoist hast dich ganz alleine besoffen, anstatt uns was abzugeben.”
Während wir diskutierten, machte Luis sich einen Spaß daraus, Genzou einen kleinen Streich zu spielen, indem er ein Stück von seiner vegetarischen Pizza mit Genzous Pepperoni-Pizza austauschte. Bucks, Orlam und ich beobachteten diese Aktion amüsiert und versuchten, uns ein Lachen zu verkneifen damit unser Freund keinen Verdacht schöpfte. Da Luis so flink und lautlos wie ein Ninja war, merkte Genzou von diesem kleinen Tausch nichts. Außerdem war er viel zu sehr in seine Diskussion mit Gidget vertieft, dier ihn an seine Alkoholeskapaden auf der Abschlussfeier erinnerte. Nichts ahnend nahm er sich das Stück, welches Luis platziert hatte, und biss hinein. Er zog etwas irritiert die Augenbrauen zusammen, da er sich wunderte, wieso seine Peperoni-Pizza plötzlich ganz anders schmeckte. Als er dann aber auf ein Stück Brokkoli biss, ließ er sein Pizzastück sinken und musste lachen. “Gottverfluchte Scheiße noch mal, Luis! Die Pizza eines Mannes ist sein Heiligtum!”
Luis grinste breit und tauschte die Pizzastücke wieder zurück, wobei er schelmisch erwiderte: “Letzte Nacht war dein Heiligtum etwas ganz anderes.”
Nachdem wir uns alle gestärkt hatten, wandten wir uns wieder unserem Rollenspiel zu und begannen uns zu besprechen, wie genau wir vorgehen sollten, um Nerissa zu helfen und die Schule aus den Fängen der Vampir-Succubus Elizabella Midnight Ivory Harmonia Wolfsbane und ihrer Clique zu befreien. Denn wir alle waren uns einig, dass niemand es verdient hatte, ein Dasein als willenloser Simp einer selbstverliebten Mary Sue zu fristen. Und wer wusste schon, ob sie sich mit der Schule zufrieden gab.
Stabby war weniger begeistert von der Idee und hätte sich am liebsten davor gedrückt, aber mit etwas rhetorischem Geschick und ein bisschen Flirten bekam ich ihn schließlich überzeugt. Wir beschlossen, zuerst einen Weg zu finden, um uns vor Elizabellas Gehirnwäsche zu schützen, damit wir überhaupt eine Chance hatten, ihr die Stirn zu bieten. Schließlich kamen Aladin und Horatio auf die Idee, dass wir uns als Band ausgeben und ein Konzert veranstalten sollten, um das Vampir-Quartett aus dem Versteck zu locken. Ganz so verrückt war die Idee nicht, denn immerhin war mein Charakter ein Barde und Musik gehörte zu meinen Fähigkeiten. Wir brauchten lediglich Kostüme, Instrumente und etwas Übung. Nach einigem Hin und Her kamen wir zu dem Entschluss, dass die Band sich aus Lute, Grimwald, Flint und Horatio zusammensetzte. Buckingham, Stabby und Aladin der Paladin würden das Equipment für unsere Band besorgen und uns die Bühne für unseren großen Auftritt organisieren. Der Plan war, als Emo-Band getarnt die Vampire zum Konzert zu locken und abzulenken, während die anderen drei zusammen mit Nerissa den Kontrollzauber brechen und die Schule evakuieren würden. Sobald die Simp-Armee aus ihrer mentalen Knechtschaft befreit war, würde der Rest der Gruppe wieder zu uns stoßen. Wir mussten uns nur noch überlegen, wie wir die Vampire erledigen konnten. Flint kam mit der Idee an, dass wir Sprengstoff nutzen sollten. Grimwald war eher für einen Angriff aus dem Hinterhalt und das schien deutlich effizienter zu sein… vor allem weniger riskant für uns. Wir verbrachten den Rest des Nachmittags und Abends allein damit, uns einen Plan auszudenken und die entsprechenden Aufgaben zu verteilen. Wir konnten jetzt schon absehen, dass wir die nächste und wahrscheinlich auch übernächste Session allein damit verbringen würden, alles für das Konzert vorzubereiten. Es war ein etwas verrückter Plan, aber wir waren fest überzeugt, dass es verrückt genug war, um zu funktionieren.
Wir konnten nur hoffen, dass nicht schon wieder so viel dazwischen kam und wir nicht allzu lange auf unser nächstes Treffen warten mussten.
Wir beendeten unsere D&D Session ziemlich spät und es war bereits dunkel, als wir nach Hause gingen. Die Zeit war wie im Flug vergangen und es hatte wahnsinnig Spaß gemacht, aber meine Energie war größtenteils aufgebraucht. Ich war ziemlich erschöpft, als Orlam mich nach Hause fuhr und heilfroh, mich endlich ins Bett legen zu können. Endlich hatte mich die Stille wieder und mein Kopf konnte wieder zur Ruhe kommen. Kaum, dass ich unter die Bettdecke gekrochen war, fielen meine Augen zu und ich schlief so tief, dass ich nicht einmal den Wecker hörte.
Erst gegen zehn Uhr machte ich die Augen auf und konnte von Glück reden, dass ich keine wichtigen Deadlines hatte. Dennoch war mein Tagesablauf dadurch komplett durcheinander gekommen und so ließ ich mein Frühstück aus und setzte mich stattdessen direkt mit einem Energy Drink an den PC, um keine Zeit zu verlieren. Kaffee zu kochen hat mir einfach zu lange gedauert. Immer noch im Pyjama begann ich mit der Arbeit und verfluchte mich innerlich dafür, dass ich so tief schlafen musste. Erst drei Stunden später, als ich emsig alles aufgeholt hatte, legte ich eine Pause ein und nutzte die Zeit für eine Dusche und ging in die Küche, um mir was zum Essen zu machen. Da mir keine vernünftigen Ideen kamen, machte ich mir aus Bequemlichkeit Instant-Ramen.
Ich war Fertiggerichte seit meiner Zeit auf dem College gewohnt, weil ich all die Jahre zu faul gewesen war, um frische Gerichte zu kochen. Es hatte gut genug geschmeckt und erforderte nicht viel Aufwand. Aber als ich den ersten Bissen aß, schmeckte ich fast gar nichts außer Salz und Geschmacksverstärker. Selbst die Nudeln hatten eine unangenehme Konsistenz. Ich konnte zwar vorerst meinen Hunger stillen, aber wirklich genießen konnte ich es nicht. Nun gut, es war lange her, seit ich das letzte Mal nicht mehr selber gekocht oder mir was beim Lieferservice bestellt hatte. Aber ich hätte niemals gedacht, dass ich den Geschmack von Instant-Ramen so furchtbar finden würde. Meine Gedanken wanderten zu Orlam und ich erinnerte mich an all die Male, als wir zusammen bei ihm in der Küche gestanden und gekocht hatten. Oder als er mir gezeigt hatte, wie man ein simples italienisches Pasta-Gericht machte. Das war nicht im entferntesten damit zu vergleichen, was ich hier hatte.
Lustlos stocherte ich in meinen Nudeln herum und merkte, dass mir mein Appetit auf Ramen vergangen war. Ich zwang mich regelrecht dazu, den Rest zu essen und entsorgte im Anschluss die restlichen Fertiggerichte, die ich noch in meinem Vorratsschrank hatte.
Mit einem langgezogenen Seufzer schnappte ich mir schließlich mein Handy und textete Orlam an, um mich zu erkundigen, ob bei ihm alles in Ordnung war. Kurz nachdem ich die Nachricht versendet hatte,begann mein Handy zu klingeln. Erschrocken zuckte ich zusammen und dabei fiel mir das Handy aus der Hand. Geistesgegenwärtig versuchte ich noch, es aufzufangen, doch der Schreck hatte meine Motorik derart durcheinander gebracht, dass es mir vorkam, als wären meine Finger aus Gummi. Immer wieder verlor ich den Halt und während ich es irgendwie zu fassen versuchte, kam ich versehentlich auf den Button, um den Anruf anzunehmen. “Hey Iggy! Ich habe gerade deine Nachricht bekommen”, hörte ich Orlams Stimme leise durch den Hörer.
“Aaaaargh! Verdammte Scheiße”, fluchte ich und mit einem lauten Klappern fiel das Handy zu Boden. Zum Glück war das Display heil geblieben. Mit einem frustrierten Schnauben hob ich es auf und konnte leise durch den kleinen Lautsprecher ein verwundertes “Ist bei dir noch alles dran?” hören.
Ich aktivierte die Freisprechfunktion und legte das Handy auf den Tisch, während ich mir ein Glas Wasser eingoss. “Bei mir ist noch alles dran, aber ich habe gerade gemerkt, dass meine Butterfinger die Reaktionszeit eines altersschwachen Faultiers haben.”
“Klingt so, als könnten deine Hände ein wenig Übung gebrauchen, mein Lieber.”
“Mir gefällt deine Anspielung nicht”, gab ich skeptisch zurück. Inzwischen kannte ich meinen Pappenheimer gut genug um zu wissen, dass er mich wieder ärgern wollte. “Du hast doch garantiert wieder irgendwelche perversen Fantasien, so wie ich dich kenne.”
“Was?” kam es mit überzogen gespielter Ahnungslosigkeit zurück. “Bist du dir sicher, dass nicht vielleicht du derjenige mit den unanständigen Gedanken bist, wenn du zu so einer Schlussfolgerung kommst?”
“Netter Versuch, aber dein Gaslighting funktioniert bei mir nicht”, konterte ich trocken und hörte ein herzliches Lachen am anderen Ende der Leitung. Damit verflog mein Frust über mein heruntergefallenes Handy und mein Mittagessen sofort und ich musste selber grinsen. Ich konnte ein leises Rauschen Hintergrund hören und dachte mir, dass er wahrscheinlich wieder mit dem Auto unterwegs war. “Bist du gerade wieder auf dem Weg zu einem deiner Geschäftspartner?”
“Nö, ich fahre zu einem Klienten. Ich habe gleich eine Präsentation, deshalb konnte ich deine Nachricht nicht lesen. Ist alles okay bei dir?”
“Witzig, das hatte ich eigentlich dich in meiner Nachricht gefragt”, antwortete ich mit einem Schmunzeln und spülte den Geschmack von Salz und Geschmacksverstärker mit ein paar Schlucken kalten Wassers aus meinem Mund. “Erst habe ich verschlafen, dann war ich zu faul zum Kochen und habe mir Instant-Ramen gemacht. Es war furchtbar und das ist allein deine Schuld.”
“Hä? Wieso meine Schuld?”
“Na weil deine Kochkünste meine Geschmacksnerven derart verwöhnt haben, dass ich keine Fertiggerichte mehr runterkriege!”
“Gern geschehen, mein Lieber”, kam es fröhlich zurück. “Anscheinend ist da was dran an dem Sprichwort, dass Liebe durch den Magen geht.”
“Ja, vor allem wenn meinereins so ein Kochbanause ist.”
Doch dann trat Stille ein und lediglich das leise Rauschen im Hintergrund war zu hören. Ich überlegte kurz, ob ich ihn auf jene Sache ansprechen sollte, die noch ausstand. Das große Problem namens George Brewbacher. Aber wenn er gerade auf dem Weg zu einer Präsentation war, könnte ihn das schlimmstenfalls völlig aus dem Konzept bringen und das wollte ich möglichst vermeiden. Irgendwie schien das Timing gerade ziemlich unpassend zu sein und ich überlegte, ob ich ihn vielleicht am Abend noch mal anrufen sollte. Aber da hörte ich ein Räuspern am anderen Ende der Leitung und Orlams Ton wurde ernst. “Nachdem du meinen alten Herrn auf meinem Handy blockiert hast, hat er angefangen, die Agentur zu belästigen. Er war ziemlich schlecht gelaunt nach dem, was du gesagt hast und anscheinend hat er sich in seiner Männlichkeit angegriffen gefühlt. Ich konnte ihn erst mal abwimmeln, aber… Ich habe es nicht geschafft, ihm endgültig eine Abfuhr zu erteilen.”
Uff… das klang nicht gut. Aber leider war es auch nicht sonderlich überraschend. Natürlich würde der alte Bastard weiter Stress machen, solange er noch eine Chance sah, seinen Sohn mit Schuldgefühlen zu manipulieren. Doch meine schlimmste Sorge war etwas ganz anderes. Vorsichtig stellte ich die Frage: “Hast du… Hast du wieder getrunken?”
“Nein”, kam es zur Antwort, jedoch gestand er mir auch: “Aber es ist mir noch nie schwerer gefallen, nicht zu trinken. Selbst jetzt will mich einfach nur betrinken und das alles vergessen.”
“Ich kann dich verstehen, aber das ist keine Lösung, hörst du?” Ich spürte, wie sich mein Körper instinktiv anspannte und meine Muskeln zu kribbeln begann. Ich war unruhig und fühlte mich mit einem Mal nervös und reizbar. Sorge, aber auch Frust überkamen mich. Wieso zum Teufel konnte dieser verdammte alte Sack ihn nicht endlich in Ruhe lassen? Hatte Orlam nicht schon genug durchgemacht? Was musste denn noch alles passieren, bis endlich wieder Frieden einkehrte? “Wenn du ihn weiter nur abwimmelst, wird er das nie kapieren.”
Orlam seufzte niedergeschlagen und ich konnte mir sehr lebhaft vorstellen, wie unglücklich er gerade aussehen musste. Ich wusste, dass er überhaupt nicht von der Idee begeistert war, seinen Vater erneut zu konfrontieren. Immerhin hatte ich selbst miterlebt gehabt, wie so etwas ausging. Und er machte auch kein Geheimnis daraus, dass er nicht sonderlich überzeugt von meinem Einwand war. “Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass er aufgeben wird, selbst wenn ich ihm die Meinung sage.”
“Ich schätze, da hast du Recht”, musste ich zugeben und kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe herum. “Aber du solltest es wenigstens versuchen. Vereinbare ein Treffen mit ihm und ich werde dich begleiten und dir Halt geben. Wenn es eskalieren sollte oder er dich weiterhin belästigt, müssen wir die Polizei rufen. Dann können sich die Cops um ihn kümmern und bestenfalls versteht er es dann. Ich weiß, du hast da deine Bedenken, weil er dein Vater ist, aber…”
“Nein, du hast vollkommen Recht”, unterbrach er mich. “Mir fallen ehrlich gesagt auch keine anderen Optionen mehr ein. Wenn es nicht anders geht… naja…”
“Weiß er, wo du wohnst?”
“Zum Glück nicht. Er kennt nur meine Geschäftsadresse.”
Na wenigstens etwas. So konnte man zumindest sichergehen, dass Mr. Brewbacher ihm nicht auch noch zuhause auflauerte. Aber es war mit Sicherheit schon mehr als lästig genug, dass dieser Bastard wusste, wo Orlams Agentur war und wie er ihn telefonisch erreichen konnte. Scheiße, wir konnten heilfroh sein, dass er arm war und keine Ahnung vom Internet hatte! Ich mochte mir nicht ausmalen, was für einen Terror er veranstaltet hätte, wenn er Orlams Privatadresse herausgefunden hätte. Zuzutrauen wäre es ihm alle Male, dass er einen Privatdetektiv angeheuert hätte, wenn er die Möglichkeiten dafür gehabt hätte. “Das Treffen sollte am Besten irgendwo stattfinden, wo es einfacher ist, ihn rauszuschmeißen, wenn er aggressiv werden sollte. Hast du da eine Idee?”
“Hm…” Orlam überlegte einen Augenblick, bis ihm eine Idee kam. “Wir könnten den Meetingraum in der Agentur nehmen. Ich müsste nur den Rest des Teams vorwarnen, dann sollte es klappen.”
“Du gibst mir Bescheid, wenn der Termin feststeht?” hakte ich nach. Insgeheim hatte ich Sorgen, dass Orlam wieder versuchen könnte, mich auf Abstand zu halten um alleine damit fertig zu werden. Dass das nicht gut ausgehen würde, stand ja außer Frage. Innerlich bereitete ich mich darauf vor, bei ihm auf Widerstand zu stoßen, oder dass er mir nur eine halbherzige Antwort geben würde. Doch zu meinem Erstaunen und auch zu meiner Erleichterung sagte er stattdessen: “Das werde ich. Weißt du… ich glaube, ich kann das sonst nicht, wenn du nicht an meiner Seite bist.”
“Ich werde nicht von deiner Seite weichen”, versprach ich ihm. “Du musst ihm auch nicht gleich eine Kampfansage machen und ihm irgendwas beweisen. Es reicht einfach wenn du ihm sagst, dass du keinen Kontakt mehr zu ihm haben willst. Mehr bist du ihm nicht schuldig. Und wenn er durchdrehen sollte, werde ich dich beschützen, hörst du?”
Ich wusste, dass ich mit meinen mickrigen Laucharmen nicht wirklich etwas ausrichten konnte. Vor allem nicht, wenn ich jemandem wie Mr. Brewbacher gegenüberstand. Aber das war mir in dem Moment scheißegal. Vielleicht war das absolut verrückt, aber mein Kampfgeist und meine Liebe zu Orlam überwogen meinen Selbsterhaltungstrieb.
“Danke, Iggy. Ich liebe dich!” Auch wenn er selbst wusste, dass ich vermutlich nicht viel ausrichten würde, konnte ich dennoch hören, dass es ihn aufmunterte. Für ihn war es wahrscheinlich schon genug zu wissen, dass er nicht alleine in dieser Situation war und jemanden an seiner Seite hatte, der ihm den Rücken stärkte. Und ich war fest entschlossen, mein Wort zu halten. Mit einem unerschütterlichen Willen und etwas wahnwitziger Zuversicht antwortete ich darauf: “Ich liebe dich auch, Orlam. Wir schaffen das gemeinsam. Und viel Erfolg bei deiner Präsentation.” Damit war das Gespräch beendet.
Ich atmete tief aus und lehnte mich in meinem Stuhl zurück, während ich nachdachte. Mir gefiel es genauso wenig wie Orlam, dass es auf eine Konfrontation mit seinem Vater hinauslief. Vor allem weil wir beide wussten, dass es nicht viel bringen würde. Ich war mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, ob es eine sonderlich schlaue Idee war, ein letztes Mal direkt mit ihm zu sprechen, anstatt ihn einfach zu ignorieren. Aber irgendwie musste Orlam endlich eine Grenze ziehen und der Realität ins Auge sehen. Hoffentlich knickte er nicht durch den Stress ein und griff wieder zur Flasche. Fürs erste blieb mir nichts anderes übrig, als Vertrauen in ihn zu haben.
Ich spürte, wie sich mein Magen umdrehte und ein kalter Schauer über meinem Rücken lief. Immer noch von einer inneren Unruhe getrieben, verließ ich die Küche und setzte mich wieder an die Arbeit, um mich ein wenig abzulenken. Doch es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass das keine sonderlich gute Idee war. Mein mangelndes Konzentrationsvermögen sorgte nur dafür, dass mir ein Flüchtigkeitsfehler nach dem anderen passierte und es umso länger dauerte, genau diese Fehler zu finden und zu beheben. Also gab ich mich geschlagen und beschloss, dass sich Zukunft-Iggy darum kümmern konnte. Gegenwart-Iggy brauchte eine andere Form von Ablenkung. Und wenn es etwas gab, das mich garantiert auf andere Gedanken bringen und meine Energie wieder aufladen konnte, dann waren es Videospiele. Also speicherte ich sämtliche Dateien ab, machte mir eine kurze Notiz was ich morgen korrigieren musste, fuhr den PC herunter und setzte mich an die Konsole. Und tatsächlich war genau das die beste Entscheidung, die ich machen konnte. Nach einer Weile kam mein Kopf zur Ruhe und meine Gedanken wurden still. Die Anspannung in meinem Körper ließ nach und meine Stimmung besserte sich. Mein Verstand tauchte in diese bunte virtuelle Welt ein und ich vergaß alles um mich herum.
Als ich schließlich eine Pause einlegte, da mein Magen immer lauter zu knurren begann, stellte ich überrascht fest, dass es draußen bereits dunkel wurde. Hatte ich etwa wirklich so lange gespielt? Zugegeben, es war nicht das erste Mal, dass ich komplett die Zeit um mich herum vergaß, aber es traf mich trotzdem jedes Mal völlig überraschend. Aber es hatte durchaus geholfen. Mein Kopf fühlte sich wieder leichter an, so als hätte sich ein Wirrwarr aus verknoteten Fäden gelöst und alles hatte wieder eine gewisse Ordnung in meinen Gedanken. Ich hatte richtig gute Laune und lediglich mein knurrender Magen musste noch zufriedengestellt werden. Nach meinem Desaster beim Mittagessen hatte ich Lust auf was sündhaft leckeres und beschloss, mir ein gegrilltes Käsesandwich mit Bacon zu machen. Mein Magen knurrte nämlich so laut, dass ich fürchtete, ein schlichtes Abendessen würde nicht ausreichen, um satt zu werden.
Also stellte ich mein Spiel auf Pause und eilte in die Küche, um nicht mehr Zeit als nötig außerhalb meines Zimmers zu vergeuden. Mir war es nämlich egal, dass ich stundenlang gezockt und den ganzen Nachmittag komplett verpasst hatte. So etwas passierte mir andauernd, wenn ich alleine war und keinerlei Verpflichtungen hatte. Ich wollte einfach nur schnellstmöglich wieder zurück und weiterspielen. Nach all dem Stress und all den Sorgen, die ich in der letzten Zeit hatte, war dies einfach nur heilsam für meine Nerven. Klar, die D&D Session hatte zwar auch wahnsinnig Spaß gemacht, aber ich brauchte auch Zeit für mich ganz alleine, wo ich in meine eigene Welt abtauchen konnte, ohne mir irgendwelche Gedanken um andere machen zu müssen.
Da mir vor lauter Hunger allmählich schlecht wurde und ich dringend etwas zwischen die Zähne brauchte, briet ich den Bacon ein wenig zu schnell an und bekam ihn nicht perfekt kross. Aber das war mir auch egal. Hauptsache, ich bekam den Cheddar geschmolzen, ohne das Toastbrot anbrennen zu lassen.
Kaum, dass der Toast eine leckere Bräune angenommen hatte und der geschmolzene Käse allmählich in die Pfanne zu tropfen begann, schnappte ich mir einen Teller und platzierte meine beiden Käse-Bacon-Sandwiches darauf. Zu guter Letzt holte ich mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank und ging zurück in mein Zimmer. Kaum, dass ich mich vor dem Fernseher hingesetzt hatte, nahm ich das erste Sandwiches und verschlang es viel mehr, als dass ich es aß. Hätte ich die besondere Fähigkeit gehabt, meinen Kiefer wie eine Schlange auszurenken um das Sandwich in einem Stück runterschlucken, hätte ich es garantiert getan. Doch mein rücksichtsloses Herunterschlingen rächte sich sofort, als ich einen unangenehmen Druck in meiner Kehle spürte, der mir signalisierte, dass ich es eindeutig übertrieben hatte. Um den Schmerz ein wenig zu lindern, öffnete ich die Bierflasche und trank ein paar Schlucke, um den Essensklumpen in meiner Speiseröhre runterzuspülen.
Ich konnte regelrecht spüren, wie dieser Brocken aus Toast, Butter, Cheddar und Bacon langsam in meinen Magen hinunterrutschte. Aber wenigstens war der schlimmste Hunger vorerst gestillt. Ich beschloss, mein zweites Sandwich nebenbei zu essen und stellte die Bierflasche beiseite, um den Controller in die Hände nehmen zu können. So spielte ich bis in die Nacht, bis meine Augenlider langsam schwer wurden. Erst als ich ins Bett ging und mein Handy in die Hand nahm, um mir den Wecker zu stellen, sah ich, dass Orlam mir eine Nachricht geschrieben hatte: das Treffen mit seinem Vater war bereits übermorgen.
Am nächsten Morgen wachte ich sogar vor dem Klingeln meines Weckers auf. Ich hatte nur 5 Stunden geschlafen, aber ich war trotzdem bereits hellwach. Das allererste, was ich tat, war, auf Orlams Nachricht zu antworten und ich versprach ihm, in die Agentur zu kommen. Ich wollte morgen etwas früher da sein, um ihm ausreichend seelische Unterstützung zu geben, wenn es zum letzten Treffen kam. Nachdem ich eine Weile überlegte, wie ich den Tag sinnvoll nutzen konnte, fiel mir ein, dass ich erst mal noch Sachen von gestern zu erledigen hatte. Also ging ich nach einem kleinen Abstecher ins Bad direkt in die Küche, machte mir einen Kaffee und erledigte nebenbei den Abwasch vom Vortag. Bewaffnet mit einer Tasse Kaffee und einem Müsliriegel setzte ich mich an den Schreibtisch und bügelte die ganzen Fehler wieder aus, die ich gestern verursacht und nicht mehr gefunden hatte. Glücklicherweise hatte ich einen deutlich besseren Lauf als gestern und konnte mit einem klaren Kopf und mit einem besseren Blick ans Werk gehen.
Nach knapp eineinhalb Stunden war ich fertig und hatte sonst nichts zu tun. Also beschloss ich, mich wieder vor den Fernseher zu setzen und weiterzuspielen. Es konnte nie schaden, meine Energie so weit es ging aufzuladen, dass ich morgen für alles gewappnet war. Das letzte Aufeinandertreffen mit Mr. Brewbacher hatte mich extrem geschlaucht und ich wollte lieber nicht riskieren, dass ich hinterher zu ausgebrannt war, um Orlam Beistand zu geben. Totale Isolation und Ruhe war jetzt das Beste, was ich für mich selbst tun konnte. Also schnappte ich mir meinen Controller, machte es mir mit ein paar Snacks bequem und verließ meine Wohnung für den Rest des Tages nicht mehr. Ich ließ sicherheitshalber mein Handy auf laut, falls eine dringende Nachricht kam. So verbrachte ich den ganzen Tag mit produktivem Nichtstun und fühlte mich am Abend mental fit genug für das bevorstehende Treffen.
Mein ursprünglicher Optimismus verflog jedoch schnell wieder am darauf folgenden Tag, als es endlich soweit war. Und je weiter der Zeitpunkt näher rückte, desto schlimmer wurde mein flaues Gefühl in der Magengegend. Ich begann daran zu zweifeln, ob es wirklich eine gute Idee war, noch mal mit Mr. Brewbacher zu sprechen und eine klare Grenze zu ziehen. Und meine Unruhe nahm nur noch zu, als ich mich auf den Weg zur Agentur machte. Ich versuchte die Stimmen des Zweifels in meinem Kopf auszublenden, indem ich meine Kopfhörer aufsetzte und Musik spielte. Doch das half nur bedingt, denn die nervöse Übelkeit blieb hartnäckig und mir war, als hätte ich einen Eisblock in meinem Magen. Unruhig kaute ich auf meiner Unterlippe und lief ein wenig zu schnell. Statt den Bus zu nehmen, beschloss ich, den Weg zu Fuß zu gehen. Immerhin war es nicht allzu weit und ich hoffte, dass der kleine Spaziergang helfen würde, um ein wenig runterzukommen. Alle möglichen Szenarien spielten sich in meinem Kopf ab, manche relativ harmlos und manche so dramatisch und überzogen, als würden sie aus einem schlechten Film stammen. Doch ich konnte diesen Gedankenzug nicht aufhalten. Es war eine ungesunde Angewohnheit von mir, dass ich mir viel zu viele Gedanken machte. Aber ich wollte zumindest daran glauben, dass es mir dabei half, mich mental vorzubereiten. So nach dem Motto: Wenn ich die schlimmsten Szenarien von Anfang bis Ende in meinem Kopf durchspiele, weiß ich genau, wie ich mich zu verhalten habe, wenn eines davon wirklich eintrifft.
Leider hatte das aber auch den unschönen Nebeneffekt, dass ich mich dann extrem unter Druck setzte und panische Angst hatte, es zu vermasseln und dass es dann meine Schuld war, wenn es nicht wie geplant verlief. Am Ende machte ich mir dann noch Tage später Gedanken darüber, wie unbeholfen und peinlich ich mich verhalten hatte und was ich hätte besser machen können. Und das führte dann dazu, dass ich mich wieder tagelang zurückziehen musste, um mich mental zu erholen…
Während ich die Straße entlang ging, bemerkte ich, wie sich der Himmel zusehends verdüsterte und es sah sehr verdächtig nach Regen aus. Auch der Wind nahm an Stärke zu. Unsicher holte ich mein Handy aus meiner Hosentasche und schaute in der Wetter-App nach. Ach verdammt, für heute war Gewitterwarnung angesagt. Und ich Vollidiot hatte natürlich keinen Regenschirm dabei, geschweige denn wasserdichte Kleidung. War ja klar, dass ich blöd genug war, um so ein Detail zu vergessen. Glücklicherweise war die nächste Bushaltestelle nicht weit und ich fuhr den Rest der Strecke.
Als ich schließlich die Haltestelle erreichte, die nicht weit von der Agentur entfernt lag, hatte es bereits zu regnen begonnen und es donnerte laut in die Ferne. Ich sprang regelrecht aus dem Bus und rannte über die Straße, bis ich ein Geschäft mit dem Schild “LBK Consulting” sah und öffnete die Tür.
Ein elektrisches Bimmeln ertönte, als ich eintrat und ich fand mich in einem modernen und einladend wirkenden Eingangsbereich wieder. Die Wände waren weiß und waren mit Acrylglasbildern begangen. Eines hatte die Aufschrift “WORK HARD DREAM BIG" und das Bild einer Großstadt war in den Buchstaben zu sehen. Andere waren moderne Kunst, die hauptsächlich aus leuchtenden verschwommenen Farben und geometrischen Figuren bestanden. Sie waren zwar nett anzusehen, aber die tiefere Bedeutung dahinter hätte ich wahrscheinlich selbst dann nicht verstanden, wenn man es mir erklärt hätte. Nicht weit vom Eingang gab es zwei kleine Sessel und einen Tisch, auf dem Wirtschaftsjournale und Börsenmagazine lagen. An einem Tisch nicht weit vom Eingangsbereich saß eine schwarze Frau und tippte etwas in ihren PC ein. Kaum, dass das Klingeln der Eingangstür ertönte, schaute sie auf und erhob sich von ihrem Platz. “Hallöchen!” grüßte sie mich mit einem breiten Lächeln, wobei ihre strahlend weißen Zähne aufblitzten. Ihre langen schwarzen Haare trug sie offen und sie war in einem eleganten schwarzen Hosenanzug mit hohen Absatzschuhen gekleidet. Sie war ein klein wenig größer als ich und war außerordentlich hübsch. Mit einem herzlichen Lächeln streckte sie mir zum Gruß die Hand entgegen. “Du musst Iggy sein, richtig? Ich darf dich doch duzen, oder? Wir sind ja fast gleich alt.”
“Äh… klar…”, murmelte ich ein wenig überrascht und erwiderte etwas unsicher ihren Händedruck. “Ich bin Amanda Lange”, stellte sie sich vor. “Freut mich, dich kennenzulernen. Orlam ist gerade nicht da, weil er noch kurz etwas klären muss. Wenn du möchtest, kannst du es dir so lange bequem machen. Möchtest du was trinken? Kleiner Snack?”
Ich war vollkommen überrollt und kam mental gar nicht mit. Stattdessen stand ich mit offenem Mund da, während mein Kopf vollkommen leer war und nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Auf so eine Situation war ich gar nicht vorbereitet und ich spürte, wie mein Herz vor Panik zu rasen begann. Wer war diese Frau und woher wusste sie, wer ich war? Wie sollte ich mich verhalten und was sollte ich sagen? Völlig überfordert folgte ich ihrer Aufforderung, mich zu setzen, bekam aber keinen Ton heraus. Doch das schien sie nicht sonderlich zu stören. Stattdessen ging sie kurz nach hinten, bog links hinter ein Regal ab und verschwand aus meinem Sichtfeld. Sie kehrte jedoch kurz darauf mit einem Glas Wasser zurück und stellte es mir hin, bevor sie mir gegenüber auf dem anderen Sessel Platz nahm.
“Kein Grund, so schüchtern zu sein”, meinte sie mit einem schelmischen Zwinkern. “Ich beiße dich schon nicht.”
“Was?” rief ich überrascht. “Nein, das wollte ich nicht andeuten. Ähm… sorry, wenn ich das frage, aber… woher kennst du mich?”
“Na, du bist doch Orlams Lover, oder nicht?” erwiderte Amanda mit einer Gegenfrage und überkreuzte die Beine. “Orlam und ich waren zusammen mit unserem dritten Teamkollegen Eric Knowles in der gleichen Klasse an der Business School. Und der Gute hat solch hohen Tönen von dir geschwärmt, dass ich dich unbedingt mal persönlich kennenlernen wollte.”
Nun wusste ich erst recht nicht, was ich dazu sagen sollte. Einerseits war ich geschmeichelt, dass er seinen Teamkollegen von mir erzählt hatte. Aber andererseits machte mich das auch ein wenig nervös, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte. Da mir nichts Schlaueres einfiel, fragte ich zögerlich: “Und was hat er über mich gesagt?”
“Neugierig geworden?” kommentierte Amanda und schien sichtlich Spaß daran zu haben, mich so nervös zu sehen. “Er beschrieb dich als sozial unbeholfenen Nerd mit einem geradezu fatalen Maß an Selbstlosigkeit. Und er meinte außerdem, dass du so verdammt süß bist, dass es schon an ein Verbrechen grenzt, dass du dir nicht einmal darüber im Klaren bist, wie sehr du mit deiner aufrichtigen und liebenswürdigen Art den Leuten die Köpfe verdrehst.”
Großer Gott, was erzählte er anderen Leuten über mich?! Einerseits war es natürlich schmeichelhaft, dass er so positiv von mir sprach, aber ich spürte auch gleichzeitig, wie sich ein schwerer Kloß in meinem Hals bildete, weil ich insgeheim fürchtete, dieser Erwartung gar nicht gerecht werden zu können.
Ein Augenblick lang herrschte Stille und ich hatte den Blick gesenkt, weil ich nicht wusste, was ich dazu sagen sollte. Aber ich konnte deutlich spüren, dass Amanda mich prüfend ansah, so als versuchte sie zu beurteilen, ob ich überhaupt würdig war, als fester Freund an Orlams Seite zu bleiben. Vom Typ her schien sie genauso wie er zu sein: extrovertiert, durchsetzungsfähig, charmant und selbstbewusst. Also exakt das Gegenteil von mir und das half mir nicht wirklich dabei, dass ich mich wohler fühlte. Stattdessen wurde ich nur nervöser und wäre am liebsten wieder geflüchtet, um dieser unangenehmen Situation zu entkommen. “Weißt du…”, sagte sie schließlich. “Ich kenne ihn schon seit Jahren und ich war offen gestanden überrascht, als er mir stolz ein Foto von euch beiden gezeigt hat. Ich hätte nicht gedacht, dass er auf den schüchternen Charaktertyp steht.”
“Ist das etwa ein Problem?” fragte ich unsicher. Ich wusste nicht, wie ich diese Bemerkung auffassen sollte und ob es bloß eine Feststellung oder eine subtile Provokation war. Sofort biss ich mir auf die Unterlippe und bereute, dass ich das gesagt hatte. Scheiße, jetzt klang ich danach, als würde ich ihr eine Kriegserklärung machen. Amanda, selbst überrascht von dieser Frage, hob die Augenbrauen und meinte: “Nein, natürlich nicht. Ich meinte nur…”
Doch weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment unterbrach sie ein Bimmeln, als die Tür geöffnet wurde. Ich drehte mich um und sah zu meiner Erleichterung, dass es Orlam war. Er war ein wenig außer Atem, so als wäre er hierhergerannt. “Tut mir leid, es hat leider etwas länger gedauert”, murmelte er keuchend, während er seinen Regenschirm in den Schirmständer stellte. “Der Notar war mehr daran interessiert, mit seiner Sekretärin zu flirten, als die Beglaubigungen auszustellen…” Dann wandte er uns den Blick zu und rief überrascht: “Iggy, du bist ja schon da!”
Doch dann registrierte er meinen sichtlich nervösen Gesichtsausdruck und meine angespannte Körperhaltung. Er brauchte keine Erklärung dafür, was los war und er kam immer noch mit seiner Aktentasche in der Hand zu mir und stellte sich neben mich. “Nimmst du ihn hier gerade ins Kreuzverhör?” fragte er in einem leicht vorwurfsvollen Ton und legte seine freie Hand auf meine Schulter. Amanda war einen Augenblick lang still, sah uns beide irritiert an und verstand nicht, wieso er so reagierte. “Nein, tue ich nicht”, versicherte sie ihn. “Ich wollte Iggy nur ein wenig kennenlernen, das ist alles.”
“Jetzt hast du ihn kennengelernt”, erwiderte er. “Wärst du so nett und scannst die Beglaubigungen ein und bringst die Originale ins Archiv? Ich möchte kurz mit meinem Liebsten hier reden.”
“Klar doch”, antwortete sie mit einem Schulterzucken, erhob sich von ihrem Platz und nahm Orlams Tasche entgegen. “Ich bin dann in der Küche und wenn ihr Hilfe braucht, ruft mich einfach.” Damit verabschiedete sie sich mit einem Augenzwinkern und verschwand wieder nach hinten.
Ich fühlte mich ein wenig schuldig, dass die Stimmung mit einem Mal so merkwürdig geworden war und Orlam so kalt auf seine Teamkollegin reagiert hatte. “Tut mir leid”, sagte ich aus alter Gewohnheit heraus und erhob mich nun ebenfalls von meknem Platz. “Ich bin nur ein wenig nervös gewesen und ich wollte jetzt nicht, dass du denkst, sie hätte mich bedrängt oder so…”
“Schon gut”, beschwichtigte er mich und nahm mich zur Begrüßung in den Arm, bevor er seine Jacke auszog und an einen der Garderobenhaken hängte. “Amanda ist halt nur etwas speziell. Wenn es um Berufliches geht, ist sie unschlagbar und sie war damals Klassenbeste. Aber sie ist ziemlich direkt und neigt dazu, einfach das zu sagen, was ihr gerade durch den Kopf geht. Ich kann mir denken, dass dich das ein klein wenig abgeschreckt hat.”
Das traf den Nagel so ziemlich auf den Kopf. Vielleicht war es einfach meine soziale Angststörung oder meine allgemeine Unbeholfenheit, dass ich nicht so gut mit dieser Art von Persönlichkeit zurechtkam. Orlam war zwar genauso, aber ich kannte ihn schon seit meiner Kindheit. Bei einer Fremden, die obendrein noch mit ihm zusammenarbeitete und mehr über mich wusste als ich über sie, war das was ganz anderes. “Ihr scheint euch nahe zu stehen”, bemerkte ich und löste mich wieder aus der Umarmung. “So hat es zumindest für mich den Eindruck gemacht.”
“Was heißt nahe stehen?” fragte er rhetorisch. “Auf der Business School hatten wir eine Freundschaft-Plus-Beziehung und wir haben es größtenteils ihrer Familie zu verdanken, dass es die Agentur gibt. Das war es auch schon. Wenn ich ehrlich sein soll, sehe ich sie eher wie eine Art große Schwester. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Oder hattest du den Eindruck, sie ist an mir interessiert?”
Etwas unsicher zuckte ich mit den Schultern und schwieg. Ich war mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, ob ich den Eindruck gehabt hatte, dass Amanda was von ihm wollte und mich als Rivale sah. Vielleicht hatte ich auch zu viel hineininterpretiert, weil ihre Art mich so eingeschüchtert hatte. Um jeglichen Zweifel aus dem Weg zu räumen, versicherte er mir: “Mach dir keine Sorgen. Die Chemie zwischen Amanda und mir ist einfach nicht gut genug für was Ernstes und es ist inzwischen zehn Jahre her, dass wir zuletzt was miteinander hatten. Eine richtige Beziehung kommt für mich eh nur mit dir infrage.”
“Das hast du wirklich schön gesagt”, erwiderte ich und fühlte mich ziemlich erleichtert. Ich glaubte zwar nicht, dass ich wirklich eifersüchtig war oder Amanda ernsthaft an Orlam interessiert war. Aber ich konnte nicht abstreiten, dass mich das Gespräch mit ihr ziemlich verunsichert hatte. Im Gegensatz zu mir war sie ziemlich attraktiv, selbstsicher und durchsetzungsfähig. Außerdem schien es so, als wüsste sie über unser Vorhaben bestens Bescheid. “Ist das für sie in Ordnung, dass wir uns hier mit deinem Vater treffen? Halten wir sie nicht von der Arbeit ab?”
“Mach dir da keine Sorgen, es ist alles abgeklärt”, beschwichtigte er mich und wies mir mit einer Handgeste, mich wieder zu setzen und er nahm auf den Sessel Platz, auf den vorher Amanda gesessen hatte. “Es war ihre Idee gewesen, heute hier zu sein. Amanda hat den schwarzen Gürtel in Karate und hat vorgeschlagen, uns zu helfen, falls mein alter Herr ausrasten sollte.”
Zugegeben, die Idee war nicht schlecht. Zu dritt wären wir flexibel genug, um auf alle möglichen Extremsituationen reagieren zu können. Doch eine Frage lag mir noch auf der Zunge: “Denkst du, du schaffst das?”
Hieraufhin wich er meinem Blick aus und kratzte sich etwas unsicher am Hinterkopf. Wirklich überzeugt wirkte er nicht. “Muss ich wohl”, sagte er etwas zögerlich. “Wenn ich es heute nicht tue, werde ich es wieder vor mir herschieben und es wird nicht besser werden.”
“Und hast du dir eine Strategie überlegt, damit du dich nicht einschüchtern lässt?”
“Amanda kam mit der geistreichen Idee an, ihn wie einen lästigen Klienten zu behandeln, damit ich das nicht emotional an mich heranlasse.”
Das war tatsächlich einen Versuch wert und machte sogar Sinn, es auf diese Weise zu versuchen. Auf emotionaler Ebene mit Mr. Brewbacher zu streiten, führte zu nichts und das war von vornherein ein Kampf auf verlorenem Posten. Erstens führten emotionale Argumente zu nichts und zweitens war Orlam weitaus verwundbarer und ließ sich viel zu schnell einschüchtern. Und wie ging das Sprichwort noch mal: “Streite dich nie mit einem Idioten. Er zieht dich auf sein Niveau herab und schlägt dich mit seiner Erfahrung.” Da war es durchaus klüger, es genau andersrum zu machen: nämlich gar nicht auf Emotionen zu reagieren und stattdessen kalt und sachlich zu bleiben. Blieb nur zu hoffen, dass er es auch konsequent durchziehen konnte und sich nicht durch Drohgebärden oder emotionaler Manipulation wieder in die Knie zwingen ließ.
“Du weißt, dass er alle möglichen Register ziehen wird, um deinen Widerstand zu brechen”, versuchte ich ihn noch mal sicherheitshalber zu warnen. Es konnte nie schaden, noch mal die wichtigsten Dinge durchzugehen, solange wir die Zeit dafür hatten. “Egal was er dir gleich sagen wird, denke immer daran: du trägst keinerlei Schuld an dem, was damals passiert ist und es ist dein gutes Recht, ihn aus deinem Leben zu streichen. Und du brauchst keine Angst haben, dass er dir etwas antut. Du bist nicht alleine.”
Er nickte seufzend, aber ihm war dennoch anzusehen, dass er sich vor dem Treffen fürchtete. Da konnte ich ihm noch so viel Mut zusprechen. Diese Furcht, die er vor der Gewalt seines Vaters hatte, war zu tief in seine Seele eingebrannt. Doch es war mir trotzdem wichtig, ihn noch mal daran zu erinnern, dass es nicht die gleiche Situation wie damals war, wo er als kleiner Junge den Misshandlungen seines Vaters hilflos ausgeliefert war und niemand da war, der zu seiner Rettung kam. “Ganz egal, wie es heute ausgehen wird, du hast bereits bewiesen, wie stark du bist.”
Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen und tatsächlich schien sich seine Stimmung wieder ein klein wenig zu bessern. “Wenn der ganze Alptraum hier vorbei ist, gönnen wir zwei uns eine gemeinsame Auszeit, was hältst du davon?” schlug er vor. “Irgendwo, wo wir beide zur Ruhe kommen können.”
“Klingt gut”, stimmte ich zu. “Ein kleiner Tapetenwechsel würde uns echt gut tun.” Doch bevor ich ihn fragen konnte, ob er vielleicht schon eine Idee hatte, richtete er den Blick zur Eingangstür und schlagartig verdüsterte sich seine Miene. Das elektrische Bimmeln ertönte und als ich den Kopf zur Tür wandte, sah ich George Brewbacher, der mit einem pfeifenden Atem und mit einem ziemlich kaputten Regenschirm in der Hand herein trat.
George Brewbacher sah genauso unfreundlich wie bei unserer letzten Begegnung aus, aber zumindest machte er einen deutlich gesünderen Eindruck. Auch sein Husten klang nicht mehr so besorgniserregend, was ein deutliches Anzeichen war, dass die Medikamente halfen. Trotzdem schien er ein wenig außer Atem zu sein und jedes Mal, wenn er Luft holte, konnte ich ein sehr leises Pfeifgeräusch wahrnehmen. “Was für ein verdammtes Dreckswetter!” schimpfte er keuchend und stieß seinen kaputten Schirm mit solch einer Wut und Energie in den Schirmständer, als wäre es ein Schwert, welches er in den Körper eines Feindes rammen wollte. Sein Gesicht war rot angelaufen und mit einem kräftigen Räuspern wandte er seinen Blick Orlam zu. “Da hast du dir ja mal einen echt beschissenen Tag für einen Plausch ausgesucht. Du holst mich ausgerechnet hierher, obwohl wir das genauso gut am Telefon hätten klären können. Willst deinen alten Herrn wohl endgültig ins Grab bringen, wie?” Und ohne eine Antwort abzuwarten, wanderte sein Blick zu mir und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter, als ich seine Augen sah. Ein irrsinniger Hass lag in ihnen und sein Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Miene, während er die Faust ballte und auf mich zustampfte. “Du… mit dir habe ich auch noch eine Rechnung offen, Bürschchen!”
Ich sprang von meinem Sitz auf, als mir klar wurde, dass er ernsthaft vorhatte, mich grün und blau zu schlagen. Nach meinem Ausraster am Telefon war es ja abzusehen gewesen, dass er mir diese Frechheit heimzahlen würde. Doch ich hatte in meiner schier grenzenlosen Naivität nicht damit gerechnet, dass unser Treffen so schnell eskalieren würde. Ich wich instinktiv zurück, denn ich wusste, dass ich gegen diesen Gorilla keine Chance hatte, selbst wenn seine kaputte Lunge ihm einen deutlichen Nachteil gab. Doch Orlam stand nun ebenfalls auf und stellte sich schützend vor mich. “Wenn du hier jetzt eine Schlägerei anfängst, steht hier ziemlich schnell die Polizei vor der Tür”, warnte er in einem kalten und ernsten Ton und hielt dem Blick seines Vaters stand. “Also lass uns in Ruhe miteinander reden. Ich habe dich nicht hierher gebeten, damit du dich hier prügelst.”
“Ach ja?” kam es argwöhnisch zurück. “Und was zum Henker willst du mit mir klären, hä? Muss ich dafür extra bei diesem Scheißwetter herkommen? Willst du etwa, dass ich mir noch den letzten Rest meiner Lungen ruiniere?”
Orlams Miene hatte sich sichtlich verhärtet und sein Blick war so kalt, als wollte er seinen Vater in einen Eisklotz verwandeln. Seine ganze Ausstrahlung hatte sich mit einem Mal komplett gewandelt und er wirkte irgendwie… distanziert. Selbst sein Ton hatte jegliche Emotion verloren und es erschien mir, als stünde da ein ganz anderer Mensch neben mir. Er hatte mich zwar darin eingeweiht, was er geplant hatte, aber ich hätte nicht gedacht, dass er es so gut hinbekam. Er wirkte so kalt, abweisend und gefühllos wie ein Geschäftsmann, in dessen Augen Menschen nichts weiter als Ressourcen waren. Diesen Wandel in seinem Wesen schien auch Mr. Brewbacher nicht zu entgehen. Und es gefiel ihm überhaupt nicht, dass sein Sohn sich emotional komplett von ihm abkapselte und sich unantastbar für ihn machte.
Orlam zeigte keine Reaktion auf diesen Kommentar und räusperte sich stattdessen nur. “Wir können in den Meetingraum gehen und dort weiterreden. Oder wir bleiben hier stehen und werden eventuell von der Laufkundschaft gestört. Die Entscheidung liegt bei dir.”
Wieder wanderten diese alten, argwöhnischen Augen in meine Richtung. “Und willst du wieder, dass dein Freund hier die ganze Zeit deine Hand hält, weil du mal wieder nichts alleine auf die Reihe bekommst?”
“Es wird kein Vier-Augen-Gespräch geben”, erwiderte Orlam entschieden. “Entweder ist Iggy als Zeuge dabei, oder du kannst direkt wieder gehen und es wird keine Gespräche mehr geben.”
Doch der alte Mann wollte sich nicht so schnell geschlagen geben und hatte es sich in den Kopf gesetzt, um jeden Preis die Kontrolle zu wahren. Er begann hartnäckig zu diskutieren. Immer und immer wieder ritt er darauf herum, dass Orlam nicht mit ihm alleine sein wollte und zu feige sei. Als das aber keine Reaktion hervorrief, wechselte er die Strategie, verschränkte die Arme und verzog verächtlich die Mundwinkel. “Warum hängst du so an dieser abgemagerten Bohnenstange, hm? Sag bloß, da läuft was zwischen euch. Ist mir ja schon bei eurem Besuch merkwürdig vorgekommen, dass er wie eine Klette an dir hängt. Würde mich nicht überraschen, wenn er sich an dich rangemacht und dir diese Perversionen in den Kopf gesetzt hat.”
Ich presste die Zähne zusammen und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Doch so langsam gingen mir seine Provokationen verdammt auf die Eier und ich musste aufpassen, dass ich nichts sagte, was einen handfesten Streit nach sich ziehen könnte. Der rationale Teil in mir wusste, dass das nur ein verzweifelter Versuch war, irgendeine Schwachstelle zu finden. George Brewbacher wusste vermutlich bereits, was dieses Treffen für ihn bedeutete und nun verhielt er sich wie ein in die Enge getriebener alter Löwe, der seine Stellung gegenüber seinem eigenen Sohn verteidigen musste. Und das funktionierte nur, wenn Orlam ihm eine Angriffsfläche bot. Es brauchte nur einen kurzen Augenblick und er würde sich erbarmungslos auf ihn stürzen. Doch was sollte ich tun? Einfach still bleiben und darauf hoffen, dass Orlam das alles alleine geschafft bekam? Wie lange konnte er das durchhalten?
“Meine Beziehungen haben nichts mit dir zu tun”, erwiderte dieser kalt und sah seinen Vater mit einem geradezu gefährlichen Blick an. “Du kannst von mir sagen und denken, was du willst, aber am Ende des Tages werde ich mein Leben weiterleben wie bisher und du wirst keine Rolle mehr darin spielen. Du willst es also hier und jetzt geklärt haben? Gut, das können wir machen. Ich habe mich wirklich bemüht, dir dabei zu helfen, einen neuen Job zu finden und dich zu unterstützen. Das war dir nicht genug. Von deiner Seite aus kam keinerlei Kooperation und ich sehe nicht ein, warum ich meine Zeit weiterhin mit Diskussionen verschwenden soll.”
Ein nervöses Zucken war in diesem verhärteten und von Zorn und Stress vorzeitig gealterten Gesicht zu erkennen. So langsam dämmerte es Mr. Brewbacher, dass er einfach nicht die Kontrolle über dieses Gespräch behalten konnte und dabei war, endgültig abgesägt zu werden. Und wieder war da dieser Ausdruck von Angst in seinen Augen zu sehen. “Und was zum Teufel willst du mir jetzt damit sagen, Junge?” fragte er mit einem lauten Räuspern. “Dass du mich elendig krepieren lassen willst? Ist das etwa deine Auffassung von Ehre und Anständigkeit? Erst frisst du einem die Haare vom Kopf und treibst deine Mutter in den Tod. Und jetzt lässt du einfach deinen kranken Vater im Stich, der sich all die Jahre für die Familie aufgeopfert hat?”
“Schwere körperliche und emotionale Misshandlung kann man nicht als aufopfern bezeichnen”, erwiderte Orlam und ich hörte, wie seine Stimme vor aufbrodelnden Emotionen wieder leicht zu zittern begann. Sein ganzer Körper war angespannt und er hatte sichtlich Mühe, sein Pokerface aufrechtzuerhalten und ruhig zu bleiben. “Du kannst ruhig weiterhin deine homophoben Hasstiraden auf mich loslassen und mich als Versager oder Weichei bezeichnen. Ich bin nun mal bisexuell und kein muskelepackter Adonis mit Testosteronüberschuss, na und? Das ändert trotzdem nichts an der Tatsache, dass ich jeden meiner One-Night-Stands und meinen Geliebten hier besser behandelt habe, als du Mum während eurer gesamten Ehe behandelt hast. Und wir beide kennen den wahren Grund, warum Mum sich damals umgebracht hat. Ich lasse mir nicht mehr länger von dir einreden, dass ich Schuld an ihrem Tod habe, damit du mich wieder kleinkriegen kannst, kapiert? Damit ist jetzt endgültig Schluss. Meine Zeit, meine Nerven und mein Geld sind mir zu kostbar, um sie an jemanden zu verschwenden, der es nicht einmal hinbekommt, ein halbwegs guter Vater zu sein.”
Das war nun endgültig zu viel des Guten gewesen. Ich konnte förmlich sehen, wie die Sicherung im Kopf seines Vaters durchbrannte und er völlig von Wut übermannt wurde. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer abscheulichen dämonischen Fratze und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er sah aus, als wäre er wie von Sinnen und als hätte er ernsthaft vor, seinen eigenen Sohn für diese Aufmüpfigkeit zu Tode zu prügeln. Ich bekam es endgültig mit der Angst zu tun. Für einen kurzen Augenblick tauchten Bilder vor meinem geistigen Auge auf. Szenen, wie Orlam als hilfloser kleiner Junge zitternd und schluchzend auf dem Boden kauerte und verzweifelt um Gnade flehte, während er versuchte, seinen Kopf mit den Händen zu schützen. Wie oft musste er in der Angst leben, sein Vater würde ihn eines Tages umbringen? Wie oft hatte er ihn diesem Zustand gesehen und all diesen Zorn über sich ergehen lassen müssen, weil niemand zu seiner Rettung kommen würde?
Ein kurzer Blick zu Orlam genügte, um bittere Gewissheit zu haben. Zu oft, war die traurige Antwort auf diese Frage. Ich sah, wie sein Pokerface endgültig zerbröckelt war und sich wieder die nackte Todesangst in seiner Miene abzeichnete. Wie er reflexartig die Arme hochriss, um wenigstens sein Gesicht vor den bevorstehenden Schlägen zu schützen, weil er nicht stark genug war, um sich zur Wehr zu setzen. Doch dazu würde ich es gar nicht erst kommen lassen. Nicht wenn ich es irgendwie verhindern konnte.
Ohne wirklich nachzudenken aber dennoch wild entschlossen, stürzte ich mich mit vollem Körpereinsatz auf den alten Bastard, rammte ihn dabei mit meinem linken Ellebogen und schaffte es tatsächlich, ihn durch dieses völlig ungeplante Überraschungsmanöver zu Boden zu reißen. Wir beide stürzten und prallten dabei gegen den Tisch und einen der Sessel. Es gab einen dumpfen Knall, als die Möbel umkippten und ich war selbst von meinem plötzlichen Angriff so betäubt, dass ich meinen eigenen Sturz nicht abfangen konnte. Ich fiel direkt auf Mr. Brewbacher und brauchte einen kurzen Augenblick, um zu realisieren, was ich da gerade gemacht hatte und dass ich es tatsächlich geschafft hatte, diesen Gorilla von einem Mann von den Füßen zu reißen. “IGGY!” hörte ich Orlam panisch rufen und schlagartig wurde mir bewusst, in was für einer gefährlichen Situation ich mich befand. Hastig versuchte ich mich aufzurappeln und zurückzuweichen, doch ich war nicht schnell genug. Noch bevor ich wieder vernünftig auf den Beinen war, traf mich ein harter Schlag ins Gesicht und erwischte mich an der rechten Wange knapp unter dem Auge.
Es fühlte sich an, als hätte ein Güterzug meinen Kopf erwischt und ein dumpfer, entsetzlicher Schmerz durchfuhr meinen Schädel und mein Hirn. Ich verlor die Kontrolle über meinen Körper und brachte nicht einmal mehr einen Schrei zustande.
Ehe ich mich versah, lag ich auf dem Rücken und versuchte verzweifelt, mir darüber klar zu werden, was da gerade passiert war. Doch mein Verstand war völlig zerstreut und ich bekam keinen einzigen Gedanken zustande. Immer noch völlig benommen und mehr aus einem Instinkt heraus versuchte ich wieder auf die Beine zu kommen. Der Schock und das Adrenalin begannen mein Schmerzempfinden zu betäuben und in einem kurzen Augenblick der Verwirrung begann ich mich zu fragen, ob ich gerade wirklich geschlagen worden war, oder ob ich mir das bloß eingebildet hatte. Ich blinzelte, sah aber alles nur verschwommen und begriff, dass ich meine Brille gar nicht mehr trug. Sie musste mir wohl runtergefallen sein. In meinem immer noch betäubten Zustand hörte ich Orlam, wie dieser nach Amanda rief und ich vernahm das wütende Zetern von Mr. Brewbacher. Eine kräftige Hand packte mich am Kragen und riss mich von den Füßen, dann traf mich noch ein Schlag ins Gesicht und dieses Mal wurde die Welt schwarz um mich herum.
Ich sah und spürte nichts. Vielleicht war es nur eine Einbildung, oder mein Bewusstsein kehrte immer wieder kurzzeitig wieder zurück. Ich glaubte, Orlam aus weiter Ferne zu hören, wie er verzweifelt meinen Namen rief und dabei meine Hand hielt. Zwar versuchte ich die Augen zu öffnen und ihm zu sagen, dass alles in Ordnung war und er sich um mich keine Sorgen machen müsse. Doch ich brach nur ein leises Keuchen hervor. Mein Körper fühlte sich bleischwer an und ich nahm alles nur wie durch Watte gefiltert war. Dann glaubte ich, noch andere Personen zu hören. Eine fremde männliche Stimme sprach mich an und ich konnte eine leichte Berührung auf meiner Wange zu spüren. Ein grelles Licht strahlte in meine Augen und irgendein irrsinniger Teil von mir fragte sich “sterbe ich gerade?”
Das letzte, was ich noch sehr verschwommen spüren konnte war, wie ich auf eine Trage gelegt wurde. Dann versank mein Bewusstsein wieder in eine tiefschwarze Stille. Eine angenehme und irgendwie vertraute Dunkelheit.
Ich kam erst im Krankenhaus wieder zu mir, als die Untersuchungen längst abgeschlossen waren. Ich lag in einem Bett und fühlte mich, als würde mein Kopf jeden Augenblick explodieren. Mir war übel, mein Gesicht tat weh und mein Körper fühlte sich bleischwer an.
“Iggy, mein Schatz! Wie geht es dir? Hast du große Schmerzen?”
“Mum?” murmelte ich benommen und drehte den Kopf nach rechts. Ich konnte immer noch nicht vernünftig sehen, aber die Hand, die ich auf meinem Arm spürte, gehörte eindeutig ihr. “Was machst du hier?”
“Na, ich bin angerufen worden, als du ins Krankenhaus gebracht wurdest”, erklärte sie immer noch besorgt, aber ich konnte dennoch einen vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme hören. Wirklich verübeln konnte ich es ihr nicht. Sie hatte mich noch nie in so einer Situation erlebt. Meine Verletzungen habe ich mir stets durch Unfälle oder pure Dummheit als Kind zugezogen. Aber ich war noch nie ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil ich geschlagen worden war. “Der Arzt meinte, du hättest eine Gehirnerschütterung, aber zum Glück ist nichts weiter passiert. Sie wollen dich aber trotzdem über Nacht zur Beobachtung hierbehalten.”
“Verstehe”, murmelte ich benommen. So langsam fügten sich die zerstreuten Teile meines Bewusstseins wieder zusammen und ich begann zu realisieren, was passiert war. “Was ist mit Orlam? Geht es ihm gut?”
“Er müsste noch auf der Polizeiwache befragt werden.”
“Häh? Wieso das?” fragte ich irritiert und verstand nicht, was er denn bei der Polizei wollte. Ich hörte, wie meine Mutter geräuschvoll ausatmete. “Er muss eine Zeugenaussage machen. Immerhin hat sein Vater dich bewusstlos geschlagen und wurde deswegen verhaftet. Ich weiß es ist gerade viel für dich und du musst dich ausruhen. Aber trotzdem… was um Himmels Willen ist da passiert und warum wurdest du geschlagen?”
So gut ich konnte, begann ich meiner Mutter die ganze Geschichte zu erzählen. Vom plötzlichen Anruf vom Krankenhaus, der erschütternden Diagnose, was Orlam seitdem durchgemacht hatte und wieso das Treffen eskaliert war. Wieder fragte sie mich, warum ich geschlagen worden war. Dieses Mal aber weil sie wissen wollte, warum ich mich so sehr in diese ganze Sache eingemischt und mich leichtsinnig in Gefahr gebracht hatte. Und hier merkte ich, dass es nicht viel Sinn machte, um den heißen Brei zu reden. Um mögliche Missverständnisse zu vermeiden, sagte ich deshalb direkt: “Mum…Orlam und ich sind zusammen. Und ich bin geschlagen worden, weil ich ihn vor seinem Vater beschützen wollte.”
Stille trat ein. Dummerweise konnte ich nicht sehen, was meiner Mutter gerade durch den Kopf ging und was für einen Gesichtsausdruck sie gerade hatte. Mit Sicherheit musste sie diesen Schock erst mal verarbeiten. “Du… du bist mit ihm zusammen?” fragte sie ungläubig. “Also… bist du schwul?”
“Nein, ich bin nicht schwul”, erwiderte ich. “Geschlecht spielt für mich keine Rolle. Ich liebe ihn einfach, weil er so ist wie er ist.”
“Verstehe…”, murmelte sie leise, aber es klang nicht danach, als würde sie es wirklich verstehen. Mit Sicherheit war das erst mal ziemlich viel für sie und sie brauchte eine Weile, um das Ganze zu verarbeiten. Nicht unbedingt die Tatsache, dass ihre Sohnemann mit einem Mann zusammen war, sondern eher die Tatsache, dass ich ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Mein eher plötzliches und ungeplantes Coming Out war bloß das Sahnehäubchen auf der Torte gewesen. Ich hörte, wie sie sich von ihrem Stuhl erhob und näher kam. Zärtlich strich sie durch mein Haar, so wie sie es früher immer getan hatte, wenn es mir als Kind nicht gut ging. “Das war wirklich sehr mutig von dir, ihn zu beschützen. Aber es war auch verdammt leichtsinnig von dir, dich selbst so in Gefahr zu bringen. Ruh dich erst mal aus. Ich komme dich morgen abholen. Brauchst du noch irgendetwas?”
Ich überlegte kurz und kramte in meiner Hosentasche nach, doch sie war leer. Einen kurzen Augenblick überkam mich Panik, aber dann sah ich verschwommen, dass mein Handy neben meinem Bett auf einem Tisch lag. Zusammen mit meiner Brille. Erleichtert atmete ich aus und versicherte ihr, dass alles in Ordnung wäre und ich alles da hätte, was ich bräuchte. Schließlich verabschiedete meine Mutter sich, um mich nicht noch mehr zu überfordern. Sobald sie aber das Zimmer verlassen hatte, rief ich Orlam an, da ich fürchtete, dass er gerade die Hölle durchmachte. Ich konnte hören, wie heftig seine Stimme zu zittern begann, als er meine Stimme hörte und es kostete ihn alle Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Es gelang mir aber einigermaßen, ihn zu beruhigen und ich bat ihn, morgen zu mir nach Hause zu kommen, damit wir in Ruhe über alles reden konnten. Ich wusste nicht, ob ich morgen fit genug war, um zu ihn zu gehen, aber ich wollte ihn so schnell wie möglich treffen, um sicherzugehen, dass er sich nicht die Schuld für meine Verletzung gab. Ich nahm ihm das Versprechen ab, dass er nicht wieder mit dem Trinken anfing und riet ihm stattdessen, sich mit jemandem zu treffen, wenn er gerade nicht allein sein wollte. Das war mir alle Male lieber, als ihn wieder an den Alkohol zu verlieren. Mehr konnte ich auch nicht tun.
Erschöpft fielen mir schließlich die Augen zu und ich hoffte, dass diese entsetzlichen Kopfschmerzen morgen wieder weg waren.
Am nächsten Morgen wachte ich erst auf, als mich die Krankenschwester für die Arzt-Visite weckte. Mein Kopf schmerzte immer noch und mein Versuch, aufzustehen und auf die Toilette zu gehen, ging ziemlich schnell nach hinten los. Es war, als wäre mein Gleichgewichtssinn völlig durcheinander geraten. Alles um mich herum schaukelte hin und her, als befände ich mich auf einem Schiff auf unruhiger See und wäre mir nicht jemand vom Krankenhauspersonal zur Hilfe geeilt, wäre ich ohne Zweifel auf die Schnauze geflogen. Ich wurde in einem sanften, aber dennoch strengen Ton ermahnt, mich nicht ohne Rollstuhl fortzubewegen, damit es keine Unfälle gab. Zugegeben, das war wirklich dumm von mir gewesen, aber ein Anflug von Stolz hatte mich davon abgehalten, mich wegen einer kleinen Gehirnerschütterung wie ein Pflegefall behandeln zu lassen. Aber damit hatte ich mich eindeutig übernommen und meine Symptome gewaltig unterschätzt. Ich ließ mich zur Toilette schieben und zumindest die letzten paar Schritte schaffte ich alleine. Als ich mein Gesicht im Spiegel sah, klappte mir die Kinnlade hinunter und erst da wurde mir klar, wie übel ich zugerichtet war. Mein rechtes Auge war stark angeschwollen und genauso wie meine Wange rot wie eine Tomate. Wahrscheinlich würde ich für die nächsten Tage und Wochen mit einem ziemlich hässlichen blauen Fleck herumlaufen müssen. An der Schläfe und an der Wange hatte ich jeweils einen leichten oberflächlichen Kratzer, aber ansonsten konnte ich nichts weiter feststellen. Aber das reichte auch schon. Ich konnte von Glück reden, dass meine Zähne alle noch drin waren und dieser alte Sack mir nicht die Nase gebrochen hatte. Am allerwichtigsten war, dass mein Auge oder besser gesagt der Sehnerv nicht beschädigt worden war. Naja… zumindest erweckte es den Anschein. Vielleicht hätte er mir noch ein paar Knochen gebrochen, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Mein Gesicht sah übel aus und würde die Tage noch viel schlimmer aussehen, aber das würde wieder heilen. Das Schlimmste waren die Schmerzen und der Schwindel durch die Gehirnerschütterung.
Nach meinem kleinen Ausflug ins Bad kehrte ich in mein Bett zurück und wartete auf den Chefarzt. Dieser kam in Begleitung eines Polizeibeamten, der meine Seite der Geschichte hören wollte. Ich erzählte, so gut ich konnte, was passiert war und war sichtlich nervös. Zwar war ich hier das Opfer weil ich die Schläge einstecken musste, aber ich war noch nie in meinem Leben in der Situation gewesen, dass ich von der Polizei zu einem Vorfall befragt wurde. Ich fühlte mich aus irgendeinem Grund schuldig und als wäre das hier ein Verhör. Teilweise fiel es mir schwer, den ganzen Vorfall zu rekonstruieren und auf alle Fragen zu antworten, weil mein Gedächtnis durch die Gehirnerschütterung ein wenig durcheinander war. Und ich geriet ein wenig in Panik, da ich fürchtete, dass mir das noch angelastet werden könnte und ich noch in Schwierigkeiten geriet, weil ich Mr. Brewbacher im Eifer des Gefechts zu Boden gerissen hatte.
Glücklicherweise war der Polizist verständnisvoll und kannte Mr. Brewbacher gewissermaßen. Anscheinend hatte es bereits in der Vergangenheit diverse Beschwerden gegen ihn gegeben und er war somit kein Unbekannter. Allerdings war er immer glimpflich davongekommen, weil die Leute meist zu viel Angst vor ihm hatten, um Anzeige zu erstatten oder als Zeugen auszusagen.
Obwohl ich nichts zu befürchten hatte und es mein gutes Recht war, diesen alten Choleriker auf Schmerzensgeld zu verklagen, fühlte ich mich einfach nicht wohl bei der ganzen Sache. Als die Befragung abgeschlossen war und ich offiziell entlassen werden konnte, fühlte ich mich zwiegespalten darüber, wie es weitergehen sollte. Mein Mitleid hielt sich deutlich in Grenzen, aber ich hasste es, da jetzt eine große Sache daraus zu machen und alles vor Gericht auszutragen. Selbst wenn das mein gutes Recht war, das war einfach nicht meine Art. Für mich war die Sache geklärt und ich wollte mit diesem Thema ein für alle Mal abschließen und meinen Frieden haben. Klar blieb ich auf den Krankenhauskosten sitzen, auch wenn meine Krankenversicherung einen Teil davon zahlen würde. Aber wenn ich es realistisch betrachtete, würde es sich eh nicht lohnen, Mr. Brewbacher zu behelligen. Wovon sollte er das denn bezahlen? Ich hatte ja selbst gesehen, in was für miserablen Verhältnissen er lebte und er hatte nicht mal einen Job. Nein, ein Zivilprozess würde lediglich mehr Stress und Kosten bedeuten. Und das war mir die Sache nicht wert, auch wenn dieser Dreckskerl es vielleicht verdient hätte, selbst seine Schimmelbude zu verlieren. Ich wollte einfach nur nach Hause und die Kosten als Lehrgeld für meine leichtsinnige Aktion abhaken.
Meine Mutter kam mich schließlich mit dem Auto abholen und brachte mich direkt nach Hause, bat mich aber, mich zu melden, wenn es mir besser oder schlechter ging. Obwohl ich mich immer noch beschissen fühlte, textete ich Orlam an und gab ihm Bescheid, dass er vorbeikommen konnte. Während ich auf ihn wartete, nahm ich zwei Paracetamol gegen die Kopfschmerzen ein und ließ mich aufs Bett sinken, um mich ein wenig auszuruhen. Ich merkte gar nicht, dass ich einnickte. Es geschah so plötzlich, dass ich mir erst klar darüber wurde, als es laut klingelte und ich verwirrt und völlig orientierungslos aufschreckte. Mit etwas Mühe gelang es mir, gegen den Schwindel anzukämpfen und wankte benommen zur Tür. Als ich sie öffnete, stand Orlam vor mir und als er mich sah, wich ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. “Um Himmels Willen, Iggy! Du siehst ja schlimm aus. Wie geht es dir?”
“Alles gut…”, murmelte ich benommen und trat beiseite, um Platz zu machen. “Mein Kopf schmerzt tierisch und mir ist noch ziemlich schwindelig. Ehrlich gesagt spüre ich vor lauter Kopfschmerzen nicht einmal mein Gesicht. Aber keine Sorge, es sieht schlimmer aus, als es ist. Ist ja nur ein blaues Auge und eine Gehirnerschütterung. Also nichts lebensbedrohliches oder langfristiges.”
Behutsam legte Orlam einen Arm um meine Schultern, um mir etwas Halt zu geben und führte mich wieder zurück in mein Schlaf- und Arbeitszimmer. Kaum, dass wir uns beide aufs Bett gesetzt hatten, nahm er mich fest in den Arm und ich spürte deutlich, wie angespannt und aufgewühlt er noch war. “Es tut mir so leid, Iggy”, sprach er leise und hatte Mühe, seine Stimme ruhig zu halten. “Hätte ich die Situation besser unter Kontrolle gehalten und ihn nicht so provoziert, wäre das nicht passiert.”
Hatte ich es mir doch gedacht, dass er sich Vorwürfe machte. Um ihn ein wenig zu beruhigen, erwiderte ich seine Umarmung und streichelte ihm zärtlich den Rücken. “Es ist nicht deine Schuld, dass dieses Arschloch ein Aggressionsproblem hat. Du warst unglaublich mutig, dass du ihm die Stirn geboten hast und du kannst stolz auf dich sein, dass du es durchgezogen hast. Was danach passiert ist, war nicht deine Schuld. Er hätte so oder so einen Grund gefunden, um wieder gewalttätig zu werden.”
“Aber ich… du…” weiter kam er nicht. All der Stress, die tief verwurzelten Ängste und Traumata überwältigten ihn und er brach in ein bitterliches Schluchzen aus. Er drückte mich fester und vergrub weinend sein Gesicht in meine Schulter. “Ich hatte so eine furchtbare Angst, dass ich dich verliere. Ich durfte nicht einmal mit ins Krankenhaus fahren!”
“Tut mir leid, dass ich dir solch eine Angst gemacht habe”, sprach ich beruhigend und streichelte ihm weiterhin sanft den Rücken, während er den Tränen freien Lauf ließ. “Das war eine völlig dämliche Aktion von mir gewesen. Aber ich wollte nicht zulassen, dass er dich noch einmal schlägt. Das hast du schon viel zu oft durchgemacht.”
Wir beide waren völlig fertig mit den Nerven und hatten den Schock von gestern noch nicht verdaut. Es war einfach so viel in der letzten Zeit passiert und der Terror, den Mr. Brewbacher veranstaltet hatte, lag uns beiden noch tief in den Knochen. Aber gleichzeitig war ich auch froh, dass der Spuk endlich vorbei war. Zumindest war ich der Überzeugung, dass das Schlimmste überstanden war und wir uns nun darauf fokussieren konnten, die Scherben aufzusammeln. Ich bereute zutiefst, dass ich mit meinen waghalsigen Manöver Orlams schlimmste Angst getriggert hatte, dass er einen weiteren geliebten Menschen durch die Bösartigkeit seines Vaters verlor. Dieses Trauma hätte ich ihm nur zu gerne erspart. Aber vielleicht hatte das Ganze ja auch etwas Gutes, trotz all dieser seelischen und körperlichen Schmerzen. Nun, da ein handfester Beweis vorlag, in welcher Gefahr wir schwebten, war es mit Sicherheit nicht sonderlich schwer, eine einstweilige Verfügung zu erwirken, damit dieser Mensch uns nie wieder zu nahe kommen konnte. Und dann konnte auch Orlam dieses dunkle Kapitel ein für alle Male abschließen und sich wieder auf sein eigenes Glück konzentrieren. Und auch ich musste mir dann hoffentlich keine Sorgen machen, dass Mr. Brewbacher noch auf die Idee kam, mir irgendwo aufzulauern.
Nachdem Orlam sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, lösten wir uns wieder aus dieser klammernden Umarmung und begannen darüber zu sprechen, was genau vorgefallen war, nachdem ich das Bewusstsein verloren hatte. Anscheinend hatte Mr. Brewbacher seiner Raserei versucht, noch weiter auf mich einzuprügeln, weil er mir die Schuld an der ganzen Situation gab. Ich war der Grund, dass sein Sohn auf Männer stand und dass er keinen Respekt mehr vor dem eigenen Vater hatte. Und um mir das heimzuzahlen, hatte er ernsthaft vorgehabt, mich umzubringen. Glücklicherweise hatten Orlam und Amanda ihn davon abgehalten und dann sofort den Notarzt und die Polizei verständigt, als sie ihn unter Kontrolle gebracht hatten. Die Erkenntnis, dass dieser Mann in seiner blinden Wut ernsthaft versucht hatte, mich umzubringen, ließ mich erschaudern. Und mir wurde klar, was für ein gottverdammtes Glück ich gehabt hatte, dass wir beide nicht alleine mit Mr. Brewbacher gewesen waren. Wer wusste schon, was sonst passiert wäre.
Einen Augenblick lang herrschte Stille zwischen uns und ich spürte, wie sich mir der Magen umdrehte. Vor meinem inneren Auge sah ich meine eigene Leiche blutüberströmt auf dem Boden liegen und wie Sanitäter und Polizei nichts weiter tun konnten, als mich in einen Leichensack zu packen und die Agentur als Tatort abzuriegeln. Was für ein grausiges Szenario… und es wäre beinahe Realität geworden.
“Fuck verdammt…”, murmelte ich und senkte den Blick. Andere Bilder begannen auf mich einzuprasseln. Grausige Erinnerungen aus meinem anderen Leben, wie ich erstochen, erschlagen, zerhackt, aufgespießt, erwürgt, in Stücke gerissen und bei lebendigem Leibe gefressen wurde. Als wäre es ein unausweichliches Schicksal, dass ich zu einem entsetzlichen und blutigen Tod verdammt war und einzig und allein Orlam und Amanda hatten verhindern können, dass sich die Geschichte wiederholte.
Als könnte er meine Gedanken lesen, legte er sanft eine Hand auf meine Schulter und sah mich ernst an. “Bitte versprich mir, dass du dich nie wieder so leichtsinnig in Gefahr bringst. Du hast zu mir gesagt, es wäre nicht meine Aufgabe, ständig der Stressball für andere zu sein. Aber es ist auch nicht deine Aufgabe, dein Leben so leichtsinnig für andere aufs Spiel zu setzen.”
Doch da schaute ich ihn direkt an und erwiderte fest: “Ich weiß, aber ich kann nicht einfach so da stehen und dabei zusehen, wie der Mann, den ich liebe, geschlagen wird. Ich weiß, dass du das sagst, weil du mich schützen willst. Aber ich will dich genauso beschützen, verstehst du?”
“Ich bin daran gewöhnt, ich hätte das schon…”
“Du solltest dich aber nicht daran gewöhnen, geschlagen zu werden!” unterbrach ich ihn sofort. “Niemand sollte sich daran gewöhnen, derart misshandelt zu werden. Vor allem nicht von der eigenen Familie! Wenn du so etwas tust, akzeptierst du das als Normalität und lässt es einfach über dich ergehen, weil du denkst, du verdienst es nicht anders. Und das will ich nicht! Du solltest so etwas nicht wollen. Du sagst, ich soll mein eigenes Leben mehr wertschätzen? Fang du selber erst mal damit an, dich selbst mehr wertzuschätzen.”
Damit hatte ich ihm erst mal die Sprache verschlagen und er wusste nicht so recht, was er darauf erwidern sollte. Vor allem, weil er wusste, dass ich Recht hatte. Als er erkannte, dass er es mir nicht ausreden konnte, mich für ihn in die Schusslinie zu werfen, lachte er geschlagen und schüttelte den Kopf. “Wir zwei sind echt hoffnungslose Fälle, nicht wahr?”
“Das passiert halt, wenn zwei Menschen hoffnungslos ineinander verliebt sind.”
Wir beide mussten darüber schmunzeln. Die Stimmung zwischen uns beiden entspannte sich wieder ein wenig und ich ließ mich erschöpft mit dem Oberkörper aufs Bett fallen. Trotz der Schmerzmittel pochte mein Schädel erbarmungslos und zwischenzeitlich kehrte die Übelkeit wieder zurück. “Ich hoffe, die Kopfschmerzen legen sich morgen oder übermorgen wieder”, murmelte ich und schloss die Augen, um mein Hirn vor weiteren Reizen zu schonen. “Das fühlt sich wie eine scheiß Migräne an…”
“Bestenfalls wird es ein wenig besser werden. Aber realistisch gesehen kann es ein paar Tage oder sogar Wochen dauern, bis die Symptome abklingen”, meinte er und streichelte mir sanft den Kopf, als er sich vom Bett erhob, damit ich es mir bequem machen konnte. “Ruh dich erstmal aus und gehe es langsam an. Ich bleibe heute bei dir und kümmere mich um dich.”
Irgendwie fühlte sich das Ganze nostalgisch an. Ich dachte an Januar zurück, wo ich nach meiner Panikattacke von ihm gepflegt worden war, während ich mich erholte. Ich konnte mich noch sehr lebhaft daran erinnern, wie unangenehm es mir damals gewesen war, auf ihn angewiesen zu sein und ihm die ganze Arbeit zu überlassen. Aber dieses Gefühl, dass ich ihm eine Last war, hatte ich nicht mehr. Klar nervte es mich, dass ich derart außer Gefecht gesetzt war, aber ich schämte mich nicht dafür. Es war ein Opfer, das ich liebend gerne in Kauf genommen hatte, um mein Versprechen einzuhalten. Inzwischen waren wir knapp ein halbes Jahr zusammen und die Anfangsschwierigkeiten unserer Beziehung hatten wir überwunden. Das einzige, was unserem Glück noch im Wege gestanden hatte, waren George Brewbacher und Orlams nicht aufgearbeitetes Kindheitstrauma. Vielleicht war es anmaßend von mir, so zu denken. Aber ich war froh, dass ich mir selbst hatte beweisen können, dass ich ihm genauso Halt und Sicherheit geben konnte, wie er es für mich getan hatte, als ich ihn am dringendsten brauchte. Hätte ich es nicht geschafft, wäre wahrscheinlich immer noch dieser leise Zweifel in meinem Unterbewusstsein gewesen, ob ich Orlam wirklich ein gleichgestellter Partner sein könnte. Diese Sorge konnte ich nun endgültig abschütteln. Doch als sich diese Gewissheit endlich in meinem Kopf festsetzte, begann bereits der nächste Keim eines Gedankens zu sprießen. Er war noch sehr klein und unscheinbar. So winzig, dass ich mir seiner Existenz zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bewusst war. Aber er begann unbemerkt zu wachsen und zu gedeihen.
Ich begann langsam einzudösen und begann zu träumen. Wovon ich genau träumte, konnte ich mich später nicht erinnern, aber ich wusste zumindest, dass ich von mir und Orlam träumte. Von einem glücklichen Leben, das wir beide zusammen führten, wo jene Person keine Rolle mehr spielte.
Nach einer Weile wurde ich jedoch sanft geweckt, da das Mittagessen fertig war. Während ich geschlafen hatte, war Orlam in die Küche gegangen und hatte Erdnussbutter-Nudeln gekocht. Zwar verspürte ich keinen Appetit, da ich immer noch mit Übelkeit zu kämpfen hatte, aber mein knurrender Magen ermahnte mich, dass ich dringend etwas essen musste. Da mir immer noch etwas schwindelig war, hielt ich mich an Orlam fest, als ich ihm in die Küche folgte und ließ mich schließlich etwas schwerfällig auf den Stuhl sinken. Es roch verführerisch nach Ingwer, Knoblauch, Sojasauce und Erdnussbutter und für einen kurzen Augenblick vergaß ich meine Kopfschmerzen. Ich freute mich viel zu sehr darauf, dass wir zwei wieder zusammen am Tisch saßen und gemeinsam ein leckeres Mittagessen genießen konnten.
Ich liebte diese gemeinsamen Momente und fragte mich, wie es wohl sein würde, wenn wir öfter so zusammen sein könnten. Zwar genoss ich es auch, mal allein zu sein und Zeit für mich zu haben, um runterzukommen und meine Energie wieder aufzuladen. Aber irgendwie schien mein Wunsch immer stärker zu werden, öfter mit Orlam zusammen zu sein. Es mussten nicht unbedingt ausgefallene Dates sein. Nein, es waren alltägliche Momente wie diese, die mich wirklich glücklich machten und mir das Gefühl gaben, dass mein zufriedenes Leben zusätzlich bereichert wurde.
“Alles in Ordnung, Iggy?” kam besorgt die Frage, da ich wohl ziemlich geistesabwesend auf meine Nudeln gestarrt hatte. Und ohne mir wirklich Gedanken über meine Worte zu machen, stellte ich die Frage in den Raum: “Wäre es nicht schön, wenn wir zwei zusammenziehen würden?”
Ein lautes Klappern folgte, als Orlam vor lauter Überraschung seine Gabel auf den Teller fallen ließ. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er mich an und ich konnte nicht wirklich erkennen, ob er überrascht oder geschockt war. Ein wenig eingeschüchtert durch diese Reaktion murmelte ich: “Sorry, ich hab nur laut nachgedacht.”
“Was?” fragte er verwundert, begriff dann aber, wie ich seine Reaktion aufgefasst hatte. “Nein alles gut. Natürlich würde ich gerne mit dir zusammenziehen. Ich bin nur erstaunt, dass du das zuerst ansprichst. Ich meine… ich dachte, dir sind deine Rückzugsmöglichkeiten lieber.”
Klar waren sie mir wichtig. Es wäre definitiv auf Dauer zu anstrengend für mich, wenn wir die ganze Zeit aufeinander hockten und ich keine Möglichkeit hatte, auch mal zur Ruhe zu kommen. Aber wir waren eh beide berufstätig und es würden sich bestimmt Wege finden, dass wir beide das bekamen, was wir brauchten, wenn wir wirklich mal zusammen unter einem Dach leben würden. Es musste ja nicht gleich alles von heute auf morgen passieren. Und mit dieser Argumentation war Orlam überzeugt und so fassten wir beide den Plan, uns demnächst eine gemeinsame Wohnung zu suchen, die auf unsere Ansprüche passend zugeschnitten war. Aber natürlich erst, sobald ich wieder einigermaßen fit war.