Bullet with Butterfly Wings
The world is a vampire
Sent to drain
Secret destroyers
Hold you up to the flames
And what do I get
For my pain?
Betrayed desires
And a piece of the game
~
Even though I know
I suppose I‘ll show
All my cool and cold
Like ol‘ Job
Wenn der Montag eine Person wäre, wäre er Umbridge.
Schon nach dem allerersten Schultag hatte Harry die Schnauze gestrichen voll von Hogwarts. Vor der Anhörung wollte er nichts sehnlicher als wieder hierher zurückkehren zu können. Nach der Anhörung war er heilfroh und über glücklich, nicht von der Schule geschmissen worden zu sein. Jetzt fragte er sich, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, sich zusammen mit Sirius in dessen unliebsames Haus zurückzuziehen und Schimmel aus Schränken zu kratzen.
Harry hatte sich bereits Nachsitzen eingehandelt, eine Woche lang; und seine exorbitant dämlichen Mitschüler wussten offenkundig nichts Besseres mit sich anzufangen, als sich über Harrys und Umbridges Auseinandersetzung das Maul zu zerreißen.
Sollte Harry es endlich schaffen, Dumbledore an einen seiner fancy Roben zu fassen zu kriegen, würde Harry ihn darum bitten, dass er seine Erinnerungen an den „Spaß“ auf dem Friedhof ins Denkarium packen durfte, damit sich jeder einzelne Schwachkopf, der sinnentleert durch die Gänge Hogwarts‘ waberte, hineinsehen und sich ansehen konnte, was Harry sehen musste. Damit sie dort stehen konnte, wo Harry stand. Damit sie sehen konnten, wie Pettigrew Cedric umgebracht hatte und Riddle aus einem Kessel stieg – furchtbar hässlich, aber tödlich.
Die Genugtuung, wenn sich jeder Einzeller in diesem Irrenhaus eingestehen musste, dass nicht er verrückt war, sondern sie – nämlich dafür, dass sie ihm nicht glauben wollte. Harry konnte sie förmlich schmecken, die Genugtuung (auch wenn es sich in diesem Moment eher um Shephard’s Pie handelte, er saß immerhin beim Abendessen), aber er wusste jetzt schon, dass Dumbledore nicht zulassen würde, dass Harry das Denkarium dafür nutze, um alle zu überzeugen. Denn das wäre eine einfache Lösung für dieses Problem – und Dumbledore war für einfache Lösungen nicht zu haben, das war einfach nicht sein Ding.
Und dann war da natürlich noch Fudge, die größte Witzfigur direkt nach Lockhart, der seine verbleibende Lebenszeit damit verschwendete, den Tagespropheten mit Diffamierungen über Dumbledore und Harry zu füttern. Harry hoffte inständig, dass der Mann, sobald Riddle sich zu erkennen gegeben hatte, für den Rest seines Lebens Toiletten im Ministerium schrubben würde. Und zwar ohne Magie.
Jemand setzte sich neben Harry, er nahm an, dass es Ron sein musste oder Neville. Es waren ihm nicht viele Klassenkameraden geblieben, die sich freiwillig mit ihm unterhielten.
„Hey Harry.“
Zu seinem Erstaunen war es Dean, der nun einen Ellenbogen auf dem Tisch abstützte und eine Schüssel Bratkartoffeln zu sich zog.
„Beschissener Montag, was?“, fragte Dean dünnlippig.
Harry betrachtete ihn kurz von der Seite. Seamus war Deans bester Kumpel, der saß gerade etwas weiter vorn, bei Lavender und Parvati und quatschte mit den beiden (worüber, konnte Harry sich denken). Seamus sah, so fand Harry, dabei ungefähr so intelligent aus wie ein Bergtroll.
Er wandte sich wieder Dean zu, der nachdenklich auf einer Bratkartoffel herumkaute.
„Ja, beschissener Montag“, sagte Harry kurz angebunden und widmete sich wieder seinem Shephard’s Pie.
Neben ihm stocherte Hermine lustlos in ihrem Essen herum. Ron wurde von Fred und George belagert („Könntest du das absegnen, Ronnie?“ „Jungs, ich bin Vertrauensschüler …“ „Deswegen ja.“).
Dean hatte gerade mal ein Viertel von seinem Abendessen gegessen, als er den Teller finster von sich schob. „Tja, wir sehen uns dann spätestens morgen Abend, Harry.“
Er sah Dean mit gerunzelter Stirn an. „Okay?“
„Wir haben zusammen nachsitzen bei Umbridge“, erklärte Dean und lächelte sardonisch.
Harry zog die Augenbrauen hoch und schob seinen Teller ebenfalls von sich. „Wieso das?“
„Weil ich es nicht lassen konnte und fragen musste, welchen Beweis es dafür gäbe, dass Cedrics Tod ein Unfall war.“
Hermine schnaubte leise neben Harry und schüttelte missbilligend den Kopf. „Das hättest du lieber nicht tun sollen, Dean.“
Dean zuckte mit den Schultern. „Wenn ich jedes Mal einen Knut kriegen würde, wenn das jemand zu mir sagt …“
Harry spürte ein Grinsen ans einen Mundwinkeln zupfen. Es war schön zu hören, dass er offenbar nicht der einzige war, der bereit war, Umbridge die Meinung zu geigen; auch wenn Professor McGonagall das ganz und gar nicht guthieß. Sie hatte Harry streng angewiesen, sich ruhig und unauffällig zu verhalten.
Aber das war leider so überhaupt nicht sein Ding, und Deans offenbar auch nicht –wundervoll.
„Dann bis morgen“, bestätigte Harry, während Dean sein Bein über die Bank schwang, aufstand und die Große Halle verließ.
Auch Hermine gab das Essen auf und stand auf. „Ich halte das Geläster hier nicht aus, lass uns in den Gemeinschaftsraum gehen.“
Während Hermine Fred und George dafür zusammenstauchte, weil sie ihre Kollapskekse an ahnungslosen Erstklässlern getestet hatten und Ron damit beschäftigt war, möglichst eins mit seinem Sessel zu werden, hing Harry gelangweilt am Tisch und suchte vergeblich die Motivation dafür, Snapes Aufsatz über Mondstein zu schreiben.
Es schrappte und ein Stuhl wurde neben Harry an den Tisch geschoben.
„Aufsatz für Zaubertränke?“, fragte Dean, als er einen Blick auf Harrys Pergament warf, aber außer die Überschrift gab es nicht viel zu sehen.
Harry nickte nur träge und sah weiter Hermine und Fred beim Streiten zu, Dean folgte seinem Blick.
„Sie hat nicht ganz unrecht, oder?“, meinte er und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.
Harry brummte nur leise. Er wandte sich seinem Kameraden zu und fragte: „Machst du Hausaufgaben nicht immer mit Seamus?“
„Normal schon, aber …“ Er deutete mit seinem Daumen über die Schulter.
In einer Ecke des Gemeinschaftsraumes klebten Seamus und Lavender aneinander wie siamesische Zwillinge.
„Oh“, sagte Harry. Deswegen war Seamus also bei Lavender und Parvati gesessen. Vielleicht hatte seine Paranoia doch wieder zugeschlagen und die drei hatten sich gar nicht über ihn unterhalten.
„Wie lange sind die so?“, fragte Harry.
Dean kicherte. „Kommt drauf an, was du genau meinst. Es reicht von „schon immer“ bis zu „seit dem Weihnachtsball“.“
Stimmt, Harry hatte sich zwar die allergrößte Mühe gegeben, dieses Desaster namens Weihnachtsball aus seinem Gedächtnis zu streichen, aber bis die Demenz ihn endgültig dahinraffte, würde er sich an diesen unglückseligen Abend wohl erinnern müssen.
„Verstehe, Seamus hat also Besseres zu tun, also hängst du ein bisschen hier rum?“
Dean kramte Bücher, Pergament und Feder aus seiner Tasche. „Wenn’s dir nix ausmacht, mach ich mit euch Hausaufgaben. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich bin passabel in Zaubertränke.“
Ron, der mitbekommen hatte, dass Verstärkung angerückt war, löste sich aus der symbiotischen Verbindung mit seinem Sessel und kam herüber geschlurft.
„Hey, Dean.“
Er nickte Ron freundlich zu.
Kurze Zeit später quetschte sich Hermine zu ihnen an den Tisch, verkündete jedoch zu aufgebracht zu sein, um Hausaufgaben zu machen. Sie präsentierte selbstgestrickte Hüte und pflegte einen ihrer üblichen Zankereien mit Ron über B.ELFE.R.
Dean sah unangenehm berührt zwischen den zwei Streithähnen hin und her und warf dann einen fragenden Blick zu Harry.
„Ja, sie sind immer so“, bestätigte Harry griesgrämig. „Und nein, ich hab noch nicht herausgefunden, wie man die zwei ausschaltet.“
Dean räusperte sich nur und schlug eines seiner Zaubertrankbücher auf, die er aus der Bibliothek geholt hatte. Harry schob seinen Stuhl an Dean heran, um einen Blick ins Buch werfen zu können.
Er versuchte seit geraumer Zeit möglichst wenig zu denken, da Crabbe und Goyle dank ihrer verstandsarmen Existenz augenscheinlich sehr glücklich wirkten und Harry befand, dass das durchaus hin und wieder ein erstrebenswerter Zustand sein müsse. Leider hatte sein Gehirn die Angewohnheit, Gedanken gegen seinen Willen zu formen, und einer dieser Gedanken, der gerade in Harrys schmerzenden Kopf Gestalt annahm bestand daraus, dass ihm noch nie in den Sinn gekommen war, dass Dean erstaunlich gut roch. Zum einen lag das natürlich daran, dass Harry bis dato keinen Grund gehabt hatte so nahe bei dem anderen Jungen zu sein, und zum anderen … das andere wollte ihm partout nicht einfallen. Da waren sie wieder, seine drei Probleme: Vergesslichkeit, Dings und das Andere.
Während Harry gedankenversunken darüber nachdachte, woran Deans Geruch ihn erinnerte, redete dieser vom Aufsatz und nannte die Eigenschaften von Mondstein. Harrys Gedankensphäre erreichte davon allerdings nur ein verwaschenes Blabla, aber wenigstens klang Dean dabei so viel angenehmer als die Lehrer, insbesondere Snape. Bei Snape zogen sich Harrys Ohren in seinen Kopf zurück wie eine Schnecke in ihr Haus.
„Harry?“
Er löste seinen Blick vom Buch, dass er dröge angeglotzt hatte und blickte schläfrig zu Dean auf. „Hm?“
„Also, willst du’s nicht aufschreiben?“, fragte sein Kamerad und zog eine Augenbraue hoch.
Harry blinzelte. „Was noch mal?“
Dean deutete auf eine Passage des Buches und erklärte erneut, worum es ging. Harry riss sich zusammen und hörte aufmerksam zu. Leider machten ihm seine Kopfschmerzen einen Strich durch die Rechnung, seufzend rieb er sich die Schläfen und zog sich die Brille von der Nase.
„Alles klar bei dir?“, fragte Dean besorgt und klappte das Buch zu.
Harry nickte nur träge. „Ja, ja. Schädelweh, scheiß Montag.“
„Hab gehört, Madam Pomfrey hat nen Trank dagegen.“
„Gegen Montag?“
Dean lachte, Harry grinste leicht.
„Schön wär’s! Kopfschmerzen natürlich. Und ganz ehrlich, der Trunk des Friedens ist was, das ich mir wahrscheinlich intravenös in Umbridges Unterricht verpassen muss, um bei dem Schwachsinn, den sie von sich gibt, nicht auszuflippen“, sagte Dean und räumte seine Sachen in seine Tasche.
Harry sah ihm verwirrt dabei zu. „Doch kein Zaubertrank-Aufsatz?“
Er blickte wieder auf. „Vielleicht später. Dachte, wir gehen erstmal zu Madam Pomfrey.“
Harry dachte darüber nach, Deans Vorschlag Folge zu leisten, Ron saß ihm gegenüber und hatte mit seinem Aufsatz zumindest schon angefangen, Hermine war nach der Kabbelei mit dem Rotschopf in ihren Schlafsaal verschwunden.
„Willst du mit, Ron?“, fragte Harry, weil er es doof fand, seinen besten Freund einfach sitzen zu lassen wie einen unliebsamen Nachtisch.
Ron gähnte und räumte auf. „Nee, keine Lust. Ich geh schon mal ins Bett.“
Harry zuckte mit den Schultern und stand auf. Ihm war natürlich aufgefallen, dass Dean die letzten vier Jahre ganz schön die Höhe geschossen war, aber irgendwie war es ihm gleichzeitig auch nicht aufgefallen. Harry könnte darüber nachdenken, warum er so einen verwirrenden Blödsinn dachte, aber die Kopfschmerzen wurden gerade schlimmer und er ließ es lieber sein.
Zusammen mit Dean verließ er den Gemeinschaftsraum, wie immer folgten ihm neugierige Blicke und Harry hegte den großen Wunsch, sie alle anzuschreien, dass es in ihrem Leben doch interessanteres geben musste, als einem 15-Jährigen dabei zuzusehen, wie er einen Raum verließ.
Sie waren noch nicht weit gekommen, da entging Harry natürlich nicht, dass Dean darüber nachdachte, wie er ihn möglichst sensibel unsensible Fragen stellen konnte.
„Ich sage die Wahrheit“, knurrte Harry schließlich schlecht gelaunt.
Dean nickte nachdenklich. „Ich glaube dir. Ich meine, klar, wir kennen uns jetzt nicht super gut, oder so. Aber ich könnt mich nicht erinnern, dass du dich je um Aufmerksamkeit und so was gerissen hättest. Du weißt ja, meine Eltern sind Muggel und ich hab übern Sommer den Tagespropheten nicht gelesen. Das Bisschen, was Seamus mir dann gezeigt hat … Das bist einfach nicht du, keine Ahnung, warum die anderen das nicht sehen.
Aber war beeindruckend, wie du das Turnier durchgezogen hast!“ Mit großen Augen sah Dean Harry an, Harry wiederum wich seinem Blicken verlegen aus.
„Ich hatte scheiß viel Hilfe. Ohne die wäre ich schon bei der ersten Aufgabe kläglich gescheitert. Bei der zweiten Aufgabe hab ich Dianthuskraut von einem Freund zugesteckt bekommen, wenige Minuten bevor die Aufgabe überhaupt losging. Ich hatte keinen Blassen, wie ich eine Stunde unter Wasser auskommen sollte, geschweige denn Ron finden.
Und bei der letzten Aufgabe wissen wir ja, dass Fake-Eye Moody mir den Weg geebnet hat, damit ich auch ja den Pokal berühre. Ich wünschte nur, ich …“ Harry biss sich auf die Unterlippe.
Dean lief neben ihm her und hatte schweigend aufmerksam zugehört.
„Jedenfalls“, fuhr Harry fort, „hatte ich wirklich viel Hilfe, ständig. Ich hab da nichts alleine gerissen, im Gegensatz zu den anderen Champions.“
Dean schnaubte abfällig. „Ach komm! Du glaubst doch nicht eine Sekunde, dass denen ihre Schuldirektoren ihnen nicht geholfen haben!“
Harry rieb sich die Schläfen und erinnerte sich, wie Hagrid Madam Maxime die Drachen gezeigt und Karkaroff ihnen nachgeschlichen war.
„Okay, okay. Stimmt schon. Aber trotzdem hab ich nicht gewonnen, weil ich brillant bin. Hermine zum Beispiel ist brillant.“
„Na ja, sie kann halt die Bücher auswendig“, meinte Dean und zuckte mit den Schultern.
Harry schüttelte den Kopf. „Sie kann schon mehr als das.“
Für eine Weile schwiegen die beiden, der Krankenflügel war nicht mehr weit, als Dean eine Frage stellte.
„Aber du hattest jetzt Hilfe, über den Sommer, oder?“
Vom Ton her würde Harry sagen, dass er damit etwas Bestimmtes meinte, aber Harrys langsames und vom Montag gequältes Hirn weigerte sich, weiter Sherlock zu spielen und machte nur noch den motivationslosen Watson.
„Was meinst du denn mit Hilfe?“, fragte er gähnend nach, die Tür zum Krankenflügel kam bereits in Sicht.
„Na ja, du weißt schon. Psychologische Hilfe“, flüsterte Dean und beugte sich dabei ein wenig hinunter.
Harry glotzte ihn an wie ein Mondkalb. „Äh, nee. Ich bin bei meinen Verwandten, die mich zutiefst hassen, abgeworfen worden, wie jeden Sommer, und das war’s. Also, ich war dann bei meinem Freund Ron, aber ich glaube, so was gibt’s in der Zauberer-Welt einfach nicht.“
Dean sah Harry ungläubig an, während er die Tür zum Krankenflügel aufzog. „Es gibt keine psychologische Betreuung?! Du hast jemanden sterben sehen! Da kann man doch nicht einfach sagen: „Ja, ja, das macht der schon alleine mit sich klar.“!“
„Mr Potter, Mr Thomas?“ Madam Pomfrey kam aus ihrem Büro gewuselt und sah die beiden Schüler fragend an.
„Hab Kopfweh“, sagte Harry und deutete überflüssigerweise an seine Schläfe, so als könnte Madam Pomfrey ihn sonst missverstehen und denken, sein Abdomen schmerze.
Madam Pomfrey nickte nur, huschte zu einem Schränkchen und holte zielsicher einen Trank heraus. Sie ließ ein paar Tropfen auf einen Teelöffel fallen und reichte diesen Harry.
Zur Abwechslung schmeckte ein Zaubertrank etwas nach Minze und nicht nach Dudleys ranzigen Sportsocken. Schon nach weniger als einer Minute waren die Kopfschmerzen wie weggeblasen. Wenigstens ein Problem, das sich schnell und bequem lösen ließ.
Und schon waren Harry und Dean wieder auf dem Rückweg.
„Danke“, sagte Harry zu Dean und versuchte sich an einem ehrlichen Lächeln.
Dean wiederum hatte mit dem ehrlichen Lächeln so gar keine Probleme. „Kein Ding, Hauptsache, es geht dir ein bisschen besser.
Also, ich bin für dich vielleicht nicht die beste Adresse, aber …“ Dean zögerte verlegen, „wenn du reden willst, ich bin da.“
Harry fühlte sich kribbelig, auf der einen Seite wertschätzte er Deans Angebot, auf der anderen fühlte er sich peinlich berührt. Und dann musste er daran denken, wie Ginny in ihrem ersten Schuljahr all ihre kleinen Gefühle in ein Tagebuch gespült hatte. Jedoch war sich Harry sicher, dass Dean ihm nicht die Lebensenergie aussagen und ein Tom Riddle aus ihm heraussteigen würde. Zumindest hoffte Harry das inständig. Wenn das passierte, dann würde er sich in St. Mungos einweisen lassen. Dann reichte es ihm endgültig.
„Danke, Dean. Ist schon gut, ich komm klar“, meinte Harry mit belegter Stimme.
Seine Gefühlswelt war so herrlich chaotisch, wie man das in der Pubertät erwarten konnte, aber es war durchaus richtig, dass da etwas mehr Chaos als üblich herrschte.
Als sie im Gemeinschaftsraum und Schlafsaal angekommen waren, klopfte Dean Harry sacht auf die Schulter und wünschte ihm leise eine gute Nacht.
Harry kroch unter die Bettdecke und hoffte auf einen traumlosen Schlaf. Dieser Wunsch wurde ihm zwar nicht erfüllt, dafür bestand der Traum daraus, wie Harry im Gemeinschaftsraum auf der Couch lag und Dean in einem Sessel vor ihm saß. In seiner Hand ein Klemmbrett und einen Kugelschreiber, er trug eine Brille und einen weißen Kittel.
„Also schön Harry, dann erzähl mir, wie du dich gefühlt hast, als du Cedric hast sterben sehen.“
„Scheiße.“
„Könntest du das etwas detaillierter beschreiben?“
„So richtig scheiße.“
Dann wachte Harry auf.
Despite all my rage, I am still just a rat in a cage
Someone will say, "What is lost can never be saved"
Despite all my rage, I am still just a rat in a cage
~
Tell me I‘m the only one
Tell me there‘s no other one
Jesus was an only son, yeah
Tell me I‘m the chosen one
Jesus was an only son, for you
Smells like Teen Spirit
And I forget just why I taste
Oh yeah, I guess it makes me smile
I found it hard, it‘s hard to find
Oh well, whatever, never mind
Am nächsten Morgen ward sich Harry wieder einmal bewusst, dass Hogwarts sich leider in Schottland befand und nicht in der Karibik. Denn das Wetter war genauso mies wie er sich fühlte. Allmählich kroch ihm die herbstliche Kälte in die Knochen, er fühlte sich ständig klamm und fröstelte. Dabei war es gerade mal September.
Zu seiner großen Erleichterung gesellte sich Dean in der Großen Halle zu ihm, während Ron und Hermine weiter über B.ELFE.R stritten. So hatte Harry etwas Ablenkung und musste nicht immerzu den beiden beim Kabbeln zuhören.
Dean schüttete sich Kaffee ein und bot Harry auch etwas an. Harry fühlte sich merkwürdig berührt von dieser so simplen Geste. Es wärmte seine schlaftrunkene Seele, dass Dean sich in gewisser Weise um ihn kümmerte, so wie gestern schon. Er fragte sogar, wie Harry geschlafen hatte. Harry behielt seinen eigentümlichen Traum über seinen Klassenkameraden lieber für sich und antwortete, dass er sich an nichts erinnern könne. Er hoffte, Dean fiel nicht auf, wie ihm die Röte ins Gesicht kroch, Harry war kein begnadeter Lügner.
Anschließend versuchte Harry, seine Lebensgeister zu wecken, indem er an seiner Tasse schnupperte. Aber Kaffee, so fand er, war wie Einhornblut. Es sorgte dafür, dass er irgendwie am Leben blieb, eben gerade so, aber es war fortan ein halbes Leben – ein verfluchtes Leben.
„Sag mal“, begann Dean, während seine braunen Augen nachdenklich den Lehrertisch absuchten, „wo steckt eigentlich Hagrid?“
Harry zuckte innerlich zusammen, er machte sich große Sorgen um seinen großen Freund, aber das wollte er Dean lieber nicht zeigen. Dann müsste er ihm erklären, warum er sich sorgte und das konnte er ja schlecht.
„Weiß nicht, wüssten wir auch gerne“, antwortete Harry ausweichend, was immerhin keine Lüge war.
„Hm“, brummte Dean. „Ist mir völlig egal, dass er ein Halbriese ist, weißt du.“
„Es ist ja auch egal“, sagte Harry, sein Ton schärfer als beabsichtigt.
Dean wandte sich Kaffee schlürfend ihm zu. „Hagrid ist ein toller Kerl, ich komm gut mit ihm aus. Okay, sein Unterricht ist etwas …“
Harrys Augen wurden schmal und seine Hand schloss sich unbewusst fester um seine Gabel. Wehe, Dean wagte es, Hagrids phänomenal tödlichen Unterricht zu kritisieren!
Dean jedoch entging Harrys Geste nicht und beeilte sich zu sagen: „… ist großartig. Großartiger Unterricht. Kann’s kaum erwarten, bis er wieder da ist!“ Nachdrücklich nickte er und trank hastig weiter Kaffee.
„Ja. Allerdings. Raue-Pritsche ist nur halb so gut!“, fauchte Harry und stopfte sich Porridge in den Mund, obwohl er keinen Hunger hatte.
Dean saß verlegen neben ihm und mümmelte an seinem Toast.
In Verwandlung war in diesem Jahr unter anderem der Verschwinde-Zauber angesagt, aber Harry bekam den Dreh einfach nicht raus. So wie seine Albträume, Sorgen und äußerst nervigen Mitschüler nicht verschwinden wollten, genauso wenig machte die Schnecke Anstalten, sich in Wohlgefallen aufzulösen, die er zum Üben vorgesetzt bekommen hatte. Seine Schnecke kroch stattdessen langsam, aber entschlossen auf den Rand des Tisches zu. Harry nahm an, dass sie sich in den Tod stürzen wollte und konnte es ihr nicht verübeln. Es gab sicherlich Schöneres, als einen Jungen vor sich zu haben, der mit einem Stock herumfuchtelte und „Evanesco!“ schrie, und das von Minute zu Minute verzweifelter.
Dean neben ihm hatte angefangen mit seinem Zauberstab auf dem Haus der Schnecke rhythmisch zu klopfen und summte dabei „Smells like Teen Spirit“.
„Weißt du, Harry – der Verschwinde-Zauber ist schon große Klasse, wenn man so darüber nachdenkt, oder?“, meinte er, während seine Schnecke versuchte Reißaus zu nehmen.
Harry zuckte mit den Schultern. „Denke schon, sonst würden wir ihn ja nicht lernen.“
„Die größte Motivation wäre, Umbridge damit verschwinden zu lassen, was?“ Dean kicherte, Harry grinste. Sein Klassenkamerad war gar nicht so schlecht darin, ihn ein bisschen aufzumuntern, stellte Harry fest. Es tat gut, einfach über etwas lachen zu können, anstatt sich das Gestreite seiner Freunde anzuhören oder den eigenen finsteren Gedanken nachzuhängen.
„Mr Thomas, hören Sie auf Ihre Schnecke als Drums zu missbrauchen und üben Sie den Zauber! Mr Potter, Ihre Schnecke klebt unterhalb des Tisches“, sagte Professor McGonagall streng, ihre Augen glitten zurück zu Dean. „Der Zauber ist übrigens nicht auf Menschen anwendbar, Mr Thomas.“
„Schade. Professor, mir kam da ein Gedanke …“
„Ja, Mr Thomas?“
„Wohin verschwindet die Schnecke eigentlich?“
„Nun, das soll nicht Ihre Sorge sein.“
„Bringen wir die Schnecken etwa um?!“, fragte Dean mit großen Augen.
Hermine, die schon beim dritten Versuch erfolgreich war, klappte der Mund nach unten und sah entsetzt auf ihren Zauberstab.
Professor McGonagall rollte genervt mit ihren Augen. „Nein, Sie bringen die Schnecken natürlich nicht um!“
„Ja, aber wohin verschwinden sie denn?!“
Obwohl die Frage spannend war, zog es eine sehr, sehr öde Erklärung mit Diagrammen und Formeln an der Tafel nach sich, und so verabschiedete sich Harrys Gehirn in den Stand-By-Modus. Deans leerem Blick war zu entnehmen, dass er ebenfalls in den Energiesparmodus gewechselt war. Zwei Dumme, kein Gedanke.
Die Hausaufgaben begannen sich zu türmen, weshalb Harry und Ron keine andere Möglichkeit sahen, als das Mittagessen sausen zu lassen und in die Bibliothek zu gehen. Dean fragte, ob er Harry und Ron begleiten durfte. Harry war damit mehr als einverstanden, Ron schien verwirrt.
„Damit ich das richtig verstehe“, sagte Ron, während Dean die Tür zur Bibliothek aufstieß, „Seamus und Lavender sind zusammen. Und Seamus hat keine Zeit mehr für dich. Und deswegen hängst du bei uns rum?“
Dean seufzte. „Na ja, nicht so ganz … Seamus nervt mich mit dem Tagespropheten. Er will unbedingt, dass ich auf seiner Seite bin, was auch immer das für eine sein soll.“
Harry war nicht sonderlich gut darin, seine Gefühle zu benennen oder zu deuten, da half auch Wahrsagen nicht oder das Führen eines Traumtagebuchs (was er sowieso nicht vorhatte zu tun). Vielleicht würde diese „psychologische Betreuung“ ihm dabei helfen, von der die Zauberer-Welt augenscheinlich noch nie gehört hatte. Aber in diesem Moment breitete sich etwas fluffig Warmes in ihm aus und sein Magen entspannte sich. Es war ein zu schöner Gedanke, dass Dean seinen besten Freund links liegen ließ und lieber seine Zeit mit Harry verschwendete verbrachte, weil Dean lieber ihm Glauben schenken wollte und nicht diesem Käseblatt, das die britische Zauberer-Welt ohne Sinn und Verstand anbetete.
„Harry?“
Er sah gedankenverloren auf, er war mitten in der Bibliothek stehen geblieben und hatte ins Nichts gestarrt, Ron und Dean sahen ihn mit gerunzelter Stirn an.
„Alles klar?“, fragte Ron vorsichtig nach.
„Ja, alles prima. Hab nur nachgedacht“, redete Harry sich raus und setzte sich wieder in Bewegung.
„Worüber?“
Harry sah verdutzt auf und sah Dean verständnislos an. Worüber? Nun … Da ging ihm auf, dass Ron niemals auf die Idee gekommen wäre, das zu fragen. Hermine schon. Von Hermine war Harry das aber auch gewöhnt.
„Äh … Hausaufgaben … Verschwinde-Zauber … Worüber man halt so nachdenkt …“
Dean grinste schief. „Ach so? Das sind die Dinge, über die du so nachdenkst?“
Aus Gründen, die Harry sich nicht so recht erklären wollte, färbten sich seine Wangen rot und er versuchte sich daran, herablassend zu schnauben.
Die drei suchten sich einen Tisch und breiteten ihre Sachen aus, um sich endlich an den Aufsatz mit dem Mondstein zu machen. Da Hermine noch beleidigt mit Ron war, fehlte sie und so schauten beide erwartungsvoll Dean an, der tief seufzte, das Buch aufschlug und ihnen mit Engelsgeduld half, den Aufsatz zusammenzuschustern.
Nachmittags war Pflege magischer Geschöpfe dran. Auf dem Weg dahin belaberte Dean Harry und Ron, um sie dazu zu bringen später den Verschwinde-Zauber mit ihm zu üben, sofern Harry und er nach dem Nachsitzen bei Umbridge noch Zeit dafür fanden. Hermine schloss sich ihnen wieder an, Harry kreuzte die Finger, dass sie und Ron sich nicht nach zwei Minuten wieder gegenseitig an die Gurgel gingen.
Wie zu erwarten wurde der Unterricht von Professor Raue-Pritsche abgehalten, die Harry nicht verraten wollte, wo Hagrid steckte (doofe Kuh!) und anschließend musste natürlich Malfoy ominöse Andeutungen machen, was wohl mit Hagrid passiert sein könnte.
Frustriert, besorgt und einem weiteren Migräneanfall nahe, saß Harry schlecht gelaunt auf der Wiese und versuchte das Geschöpf der Stunde still zu halten – einen Bowtruckle. Es war ihre Aufgabe, das Ding zu zeichnen. Glücklicherweise war Dean ein ausgesprochen guter Zeichner und bereit, sein Wissen mit den anderen zu teilen.
„Professor Raue-Pritsche?“
„Ja, Mr Thomas“, antwortete die Lehrerin genervt, weil der eine oder andere Bowtruckle bereits Richtung Verbotenen Wald abgehauen war.
„Kann ich mit etwas anderem zeichnen als einer Feder? Die eignet sich dafür nämlich ganz und gar nicht und –“
Professor Raue-Pritsche seufzte tief. „Hören Sie, Mr Thomas, es ist mir herzlich egal womit Sie den Bowtruckle zeichnen, Hauptsache, Sie zeichnen ihn. Schweigend.“ Mit diesen Worten stapfte sie davon und fing den Bowtruckle ein, der Harrys zu festem Griff entkommen war und seine Hand übel zugerichtet hatte.
Er hatte das arme Wesen unbeabsichtigt fast zerdrückt, da er sich Dracos schwachsinniges Gerede darüber anhören musste, dass man Hagrid, wenn er wieder auftauchen sollte, ohnehin feuern würde. Seit der Sache mit dem Friedhof war Harrys Nervenkostüm ziemlich löchrig und er würde am liebsten rüber zu Malfoy gehen, um ihm seine Faust ganz, ganz feste ins Gesicht zu rammen, weil das einfach so viel befriedigender wäre als einen Fluch abzufeuern.
Dean legte ihm eine Hand auf den Arm, Harry schreckte aus seinen gewalttätigen Gedanken auf.
„Malfoy ist ein Trottel, ignorier ihn einfach. Glaub mir, das regt ihn zehn Mal mehr auf, als wenn du ihm Kontra gibst.
Komm, ich helf dir mit deiner Zeichnung und deiner Hand“, bot er lächelnd an. Er griff nach Harrys Handgelenk, um sich dessen Wunde genauer ansehen zu können.
Ein angenehmes Kribbeln breitete sich von der Stelle, die Dean berührte, in Harrys gesamten Körper aus und er fragte sich, ob Dean bereits zauberte oder er endgültig halluzinierte. Aber in jedem Fall fühlte Harry sich einfach wohl, also ließ er seinen Klassenkameraden gewähren, der tatsächlich etwas Mull bei sich hatte und gerade die Wunde verband. Dean sprach davon, dass er in Hogwarts eines früh gelernt hatte: Verletzungen waren normal, erstaunlich häufig, und man konnte nie genug Verbandszeug mit sich herumschleppen.
Nachdem Harrys Hand verarztet war, widmete Dean sich wieder der Zeichnung, reichte Harry einen Bleistift und seine eigene als Beispiel.
Deans Bowtruckel war wirklich außerordentlich gut geworden für den kurzen Zeitraum, den sie zum Zeichnen hatten (und bis Harrys Bowtruckle sich schimpfend davon gemacht hatte).
Dean machte ein paar simple Striche, welche die Grundform des Geschöpfes wiedergaben. „Beginne immer mit einfachen Formen, dann kommen die Details. Ungefähr so …“
Harry, Ron und Hermine sahen ihm aufmerksam zu. Bei Dean sah das so einfach aus, fand Harry. Mit der Zunge zwischen den Lippen setzte Harry seinen Bleistift an und versuchte, es Dean gleichzumachen.
Es sah schlimm aus. Wie ein Autounfall. Oder eine Naturkatastrophe. Aber nicht wie ein Bowtruckle.
„Sehr gut, Harry! Ich weiß, ich weiß, es sieht jetzt erstmal nicht so gut aus!“, sagte Dean, da Harry bereits das Gesicht verzog und ihm mitteilen wollte, dass es eher einer Zeichnung eines blinden Dreijährigen glich.
„Trust the process, weißt du. Übung macht den Meister. Ist ganz normal, dass das am Anfang so aussieht.“
„Okay, eure Hausaufgabe besteht daraus, dass ihr eure Bowtruckle-Zeichnung zu Ende macht. Ihr seid entlassen“, rief Professor Raue-Pritsche und sammelte die Bowtruckle ein, die sich noch nicht auf und davon gemacht hatten.
Danach war Kräuterkunde dran, das Fach, wo man danach ziemlich sicher nach Drachenscheiße roch. Auch Professor Sprout ließ es sich nicht nehmen, alle an ihre Z.A.Gs zu erinnern. Harry spürte, wie sein Magen Kapriolen schlug, er hatte einen Berg an Hausaufgaben und Nachsitzen am Hals. Wie sollte er das alles rechtzeitig fertig kriegen?
Gedanklich formulierte Harry eine Beschwerde an Professor Dumbledore, zum einen, weil er sich bei Harry nicht blicken ließ, zum anderen, dass man so viele Hausaufgaben gar nicht schaffen konnte, außer, man ackerte die ganze Nacht durch. Dann stellte Harry fest, dass er kacke im Formulieren war und stellte sich vor, wie Hermine die Beschwerde verfasste, während Ron irgendwas sagte und sie sich anschließend stritten.
Gut. Noch nicht einmal in Harrys Gedanken konnten die zwei sich vertragen, cool.
Jemand klopfte ihm sanft auf den Rücken, während die Klasse Dung riechend das Gewächshaus verließ. Harry schreckte zusammen, Dean lächelte ihm aufmunternd zu.
„Siehst besorgt aus, Harry. Wegen Nachsitzen?“
Harry blähte die Wangen auf und ließ die Luft langsam entweichen. „Massig Hausaufgaben. Den Aufsatz von Snape haben wir zwar schon zur Hälfte, aber alles andere …“
Dean nickte mitfühlend. „Ja, geht mir genauso. Ich wüsste zu gerne, ob das bei den Muggeln auch so verrückt zugeht, in den Schulen, meine ich.“
Hermine hob den Kopf. „Das kommt drauf an, welchen akademischen Weg man gehen möchte. In der britischen Zauberer-Welt gibt es offenkundig nur diesen, aber in der Muggel-Welt gibt es sehr viele Schulen und –“
Harry schaltete auf Durchzug und spürte, wie sein Magen grummelte, er hatte riesigen Hunger. Er beschleunigte seine Schritte, kam beim Gryffindor-Tisch an und ohne seine Tasche abzusetzen schnappte er sich was zu Essen.
„Hey, Harry!“
„Was denn jetzt wieder?!“, stöhnte er genervt auf und stopfte sich hastig weiter Lammhaxe in den Mund.
Angelina Johnson war Kapitän der Quidditch-Mannschaft geworden und stapfte schlecht gelaunt auf Harry zu.
Er bekam einen wütenden Vortrag darüber, wie er es wagen konnte, sich Nachsitzen am Freitag einzuhandeln, wenn doch die Auswahlspiele für den neuen Hüter anstanden.
„Jetzt lass ihn doch erstmal essen“, sagte Dean beschwichtigend zu Angelina.
Sie warf ihm nur einen kurzen Blick zu. „Harry, es ist mir egal wie du’s anstellst, erzähl ihr meinetwegen, Du-weißt-schon-wer ist deiner Einbildung entsprungen, aber winde dich aus dem Nachsitzen raus! Ich will das ganze Team zusammen haben, verstanden?!“
Bevor Harry antworten konnte, war sie auch schon davon gestürmt.
Dean schüttelte den Kopf. „Meine Güte …“
„Wir sollten lieber Nachfragen, ob Oliver Wood nicht vielleicht das Zeitliche gesegnet hat. Angelina führt sich auf, als wäre sie von ihm besessen …“
Dean und Ron kicherten darüber.
Ron überlegte, wie wahrscheinlich es wohl sein könnte, dass Umbridge Harry am Freitag gehen ließ.
Dean schnaubte. „Null? Wenn sie merkt, dass Harry am Freitag was Wichtiges vorhat, dann behält sie ihn am Ende sogar noch extra lange, um ihn eins reinzuwürgen.“
Harry kaute nachdenklich. „Heißt, ich soll sie erst gar nicht fragen?“
Dean zuckte mit den Schultern. „Spielt keine so große Rolle. Du kommst aus der Nummer nicht mehr raus, wenn du mich fragst.“
Harry warf ihm einen finsteren Blick zu. „Danke.“
Er schenkte Harry ein breites Lächeln und beugte sich leicht vor. „Wir stehen das zusammen durch.“
Harry blinzelte verwirrt. Für einen Moment verhakten sich die filigranen Rädchen in seinem Kopf, bis ihm wieder einfiel, dass Dean selbstverständlich das Nachsitzen meinte, aber für einen Bruchteil einer Nano-Sekunde war da diese irrsinnige Idee, dass Dean auch all den anderen Wahnsinn meinte, in dem Harry seit Ende letzten Juni festsaß. Obwohl er sofort kapierte, wovon Dean gesprochen hatte, war diese Idee schön gewesen. Nur, warum gefiel Harry der Gedanke so sehr, wenn er doch Ron hatte? Und Hermine? Und einen sehr schlecht gelaunten Sirius … Er war ja nicht komplett allein, warum war der Wunsch, Dean wäre auch für ihn da so ansprechend?
Während Harry diese konfusen Gedanken in seinem matschigen Gehirn drehte und wendete, und Dean neben ihm den Verschwinde-Zauber an Rosenkohl übte, den eh keiner leiden konnte, näherte sich unaufhaltsam die erste, unheilvolle Stunde Nachsitzen.
Als Harry nochmal laut aussprach, was sie alles auf der Liste hatten, sah Ron nach oben und meinte stöhnend, dass es wohl auch noch regnen würde.
Hermine wunderte sich, was das mit den Hausaufgaben zu tun hatte, aber Ron bekam nur rote Ohren und meinte „Nichts!“.
Harry runzelte die Stirn und warf einen Blick zu Dean, dessen erster Rosenkohl tatsächlich fort war. Aber seinem verdutzten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, konnte er sich auch keinen Reim auf Rons Sorge machen.
Es war fünf Uhr, Harry verabschiedete sich missmutig von Ron und Hermine und verließ mit Dean den Gemeinschaftsraum.
„Was denkst du, wird sie uns machen lassen?“, dachte Harry laut nach.
„Jedenfalls nicht zaubern“, sagte Dean und rümpfte die Nase, Harry musste leise lachen, Dean fiel mit ein.
Vor Professor Umbridges Büro machten sie halt.
„Bereit, Harry?“
„Nö.“
„Na, dann los.“
Load up on guns, bring your friends
It‘s fun to lose and to pretend
She‘s over-bored and self assured
Oh no, I know a dirty word
~
With the lights out, it‘s less dangerous
Here we are now, entertain us
I feel stupid and contagious
Here we are now, entertain us
(Nirvana – Smells like Teen Spirit)
You're Lovin' Me to Death
It‘s your move
I‘m in pain
I‘m a pawn
In your game
It‘s your life
I just happen to be in it for a while
~
Oh, you‘re lovin‘ me to death
You‘re killin‘ me with kindness
What‘s behind this sudden tenderness
Dean trat vor und öffnete die Tür zu Umbridges Büro. Die beiden Schüler gingen mit versteinerter Miene hinein, aber egal wie sehr Harry gerne stoisch bleiben wollte, er konnte es einfach nicht. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ dann doch seine Kinnlade herunterklappen, und ein kurzer Blick zu Dean verriet ihm, dass er nicht der einzige war, dessen Wahrnehmung mit der Realität einen Ringkampf ausführte.
Es war alles pink. Und was nicht pink war, war mit scheußlichen Ziertellern bedeckten, mit Malereien von zum Kotzen niedlichen Kätzchen mit widerlichen großen Schleifchen um den Hals oder auf dem Kopf. Harry hatte den Eindruck, dass das bereits die Strafe sein musste. Sich diesen Albtraum anzusehen, das war doch wahrlich Strafe genug, oder etwa nicht?
„Guten Abend Mr Potter, Mr Thomas“, grüßte Umbridge die beiden.
Harry hatte sie gar nicht wahrgenommen, so sehr waren ihm die Augen übergangen. Sie war perfekt getarnt, in ihrer scheußlichen Klamotte, die zu der Tischdecke passte, die sie über ihren Schreibtisch drapiert hatte. Hätte der Schreibtisch Gefühle, wäre er jetzt hochgradig depressiv.
„Guten Abend Professor Umbridge“, grüßte Harry finster, Dean nickte ihr sogar nur zu.
„Nun, setzen Sie sich“, sagte Umbridge und deutete zu zwei Tischen, auf denen bereits schwarzes Pergament wartete.
Harry fand die Farbe eigentümlich, Dean offensichtlich auch. Harry konnte förmlich sehen, dass Dean am liebsten einen dummen Kommentar dazu abgeben wollte, aber da sein Schulkamerad kein Interesse daran hatte, für den Rest dieses Schuljahres nachzusitzen, hielt er klugerweise die Klappe.
Harry dachte kurz darüber nach wegen Freitag zu fragen, aber er sah aus dem Augenwinkel, wie Dean kaum merklich den Kopf schüttelte. Also ließ Harry es lieber sein, er glaubte ebenfalls, dass es ziemlich sinnlos sein dürfte, Umbridge um einen Gefallen zu bitten. Also setzte er sich an einen der Tische, der von Dean stand direkt neben ihm.
Neben dem Pergament lag eine schwarze Feder mit einer ungewöhnlichen Spitze.
„Ich möchte, dass Sie „Ich darf keine Lügen erzählen“ schreiben“, sagte Umbridge sanft.
„Wie oft?“, fragte Dean schroff und lehnte sich, soweit es auf dem Stuhl möglich war, zurück.
„Oh, so lange wie es dauert, bis die Lektion sich eingeprägt hat, Mr Thomas!“, antwortete Umbridge in einem unerträglich süßlichen Ton. „Legen Sie los.“
Harry griff nach der rabenschwarzen Feder, runzelte die Stirn und stellte fest, dass etwas Entscheidendes fehlte.
„Wir haben keine Tinte“, sagte er griesgrämig.
Umbridge sagte mit einem breiten Grinsen: „Sie werden keine brauchen.“
Harry zog die Augenbraue hoch und warf einen Blick zu Dean, der ebenfalls nach die Feder in der Hand hielt und kaum merklich mit den Schultern zuckte. Beide setzten sie ihre Federn aufs Pergament und begannen zu schreiben.
Harry keuchte auf, blutrot erschienen die Worte Ich darf keine Lügen erzählen auf dem Pergament, und ebenso waren die Worte auf seinem Handrücken aufgetaucht. Eingeschnitten, wie durch ein feines Skalpell. Die Schnitte verschwanden augenblicklich wieder, die Haut blieb entzündet und gerötet.
Dean fluchte, Harry zuckte zusammen. Sein Kamerad hatte die Feder aufs Pergament geworfen und hielt sich seine Hand.
„Gibt es ein Problem, Mr Thomas?“, fragte Umbridge süßlichst und sah ihn lächelnd an.
Dean stand mit so viel Schwung auf, dass sein Stuhl nach hinten umfiel, Harry sah ihn mit großen Augen an.
„Sie sind ja völlig irre, Mann!“, fauchte Dean Umbridge an, noch immer seine Hand haltend.
Er machte zwei große Schritte auf Harry zu (er war wirklich groß geworden die letzten Jahre), riss Harry die Feder aus den Fingern, packte ihm am Oberarm und zog ihn auf die Füße.
Dann wandte er sich wieder Umbridge zu. „Ihre Feder können Sie sich sonst wohin stecken, Umbridge! Wir –“
„Professor Umbridge!“, unterbrach sie Dean mit aufgeregter Stimme, sie war ebenfalls aufgestanden und sah über die Entwicklung der Situation befriedigend unglücklich aus.
„Den Titel müssen Sie sich erstmal verdienen! Bis jetzt haben Sie nichts geleistet, das Sie als Professor auch nur ansatzweise qualifiziert!“, brüllte Dean sie an und schlug dabei äußerst eindrucksvoll auf Umbridges Schreibtisch, der bemitleidenswert vibrierte.
Harry hatte das Gefühl, als wäre ihm das Herz stehen geblieben. Er stand wie zur Salzsäule erstarrt da, das Blut rauschte ihm in den Ohren und sein Mund verwandelte sich in eine Wüste. Dean wandte sich gegen eine Lehrkraft. Dean riskierte, von Umbridge aus Hogwarts hinausgeworfen zu werden, ging es Harry entsetzt durch den Kopf. Aber Dean durfte nicht von der Schule geschmissen werden! Weil … Weil … Weil einfach!
Nach Deans Wutausbruch war es mucksmäuschenstill geworden, so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
„Mr Thomas“, begann Umbridge und war so ruhig, dass Harry ein ganz, ganz ungutes Gefühl in der Magengegend bekam.
„Sie haben bei mir Nachsitzen und –“
„– und das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, uns zu foltern! Harry und ich werden jetzt gehen. Wir werden jetzt gehen und uns bei Professor McGonagall melden“, stellte Dean mit eisiger Stimme klar, und bevor Harrys Gehirn, dass gerade große Schwierigkeiten hatte, den Ereignissen zu folgen, auch nur ansatzweise in Gang gekommen war, schleifte Dean ihn bereits Richtung Tür.
Er riss sie auf, schob Harry hinaus, folgte ihm, drehte sich um, brüllte ein „Tschüss!“ in den Raum und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Dann, noch immer Harrys Oberarm im eisernen Griff, stapfte Dean Richtung Büro von Professor McGonagall davon.
Harry folgte ihm stolpernd, die Zahnräder in seinem Kopf drehten sich so schnell, dass sie drohten heiß zu laufen. Sie waren schon einige Flure weitgekommen, da ließ Dean ihn plötzlich los.
„Entschuldige, ich war in Gedanken“, murmelte er und rieb sich zerstreut über seinen Handrücken.
Harry blieb zögernd stehen. „Dean, sie – sie wird dich rauswerfen lassen!“, stotterte er und spürte, wie eine Welle der Panik über ihn hereinbrach, fühlte wie ein unkontrollierbares Zittern sich in seine Glieder schlich.
Dean schüttelte ernst den Kopf. „Mit welcher Begründung? Dass ich mich von ihr nicht foltern lasse? Schwachsinn. Da muss sie sich schon was Wildes ausdenken, und das muss sie auch erstmal beweisen. Ich weiß, dass die Professoren uns glauben werden, nicht dieser gestörten Kuh.
Harry …“
Der Schmerz auf der Hand, plötzlich und unvorhergesehen, Erinnerungen, die auf Harry einstürmten, von vor langer Zeit und eigentlich nicht so langer Zeit. Von Onkel Vernon und Tante Petunia. Es war nicht so, dass sie ihn je anfassen wollten, sicherlich nicht. Aber manchmal, wenn sie schrecklich wütend waren … Wie Harry den Teppichklopfer hasste …
„Harry.“
Zwei große Hände legten sich auf seine Schultern, er blinzelte. Dean stand vor ihm, beugte sich besorgt zu ihm hinunter.
„Harry, alles okay?“, fragte Dean leise und drückte Harrys Schulter sanft.
Aber Harry konnte nichts sagen, und selbst wenn, was hätte er schon sagen sollen?
Dean trat neben ihn und legte einen Arm um seine Schulter und rieb sie sanft.
„Sah so aus, als wärst du gerade woanders gewesen“, sagte Dean sanft.
Harry stand stumm neben ihm, versuchte mit den Schultern zu zucken.
„Komm, ich bring dich zum Gemeinschaftsraum, in den Schlafsaal. Ich gehe alleine zu Professor McGonagall und –“
„N-nein“, sagte Harry, seine Stimme war rau und brüchig. „Ich will … will mitkommen!“
Dean stand schweigend neben ihm, rieb weiterhin Harry Schulter und dachte nach.
„Okay“, entschied er schließlich und gemeinsam gingen zu ihrer Hauslehrerin.
Professor McGonagall öffnete überrascht die Tür, nachdem Dean kräftig geklopft hatte.
„Mr Thomas? Mr Potter?“ Sie musterte die beiden eindringlich, dann runzelte sie die Stirn.
„Sollten Sie nicht Nachsitzen bei Professor Umbridge haben?“
„Ja, sollten wir“, sagte Dean finster. „Dürfen wir reinkommen?“
Professor McGonagall bejahte und trat zur Seite. Es war nur ein Stuhl im Raum, aber sie verwandelte kurzerhand eine ihrer schneeweißen Federn in einen zweiten Stuhl, der weitaus bequemer gelungen war als der erste.
Dean manövrierte Harry sanft in den komfortableren Stuhl und setzte sich auf den anderen.
Professor McGonagall nahm Platz hinter ihrem Schreibtisch und sah ihre beiden Schüler abwartend an.
Dean räusperte sich. „Umbridge –“
„Professor Umbridge.“
„Mit Verlaub, Professor, den Titel hat diese Frau nicht verdient. Lassen Sie mich erklären“, fuhr Dean fort, als Professor McGonagall bereits die Stimme heben wollte. „Diese Frau … Wissen Sie, was Umbridge sich unter Nachsitzen vorstellt? Sie stellt sich darunter vor, dass wir mit einer Feder Zeilen schreiben. Mit unserem eigenen Blut.
Zeig es ihr, Harry.“
Harry sah panisch auf. Zeigen? Nein! Nein, nein, nein, das ging nicht. Weil … Weil einfach! Fluchs setzte er sich auf seine Hand, Dean runzelte die Stirn, Professor McGonagall sah verwirrt zwischen den beiden Jungen hin und her. Statt nach Harrys Hand zu greifen, streckte Dean seine eigene vor. Da sie die Worte nur einziges Mal geschrieben haben, war die Verletzung lediglich zu erahnen, aber Professor McGonagall musste sich nicht auf ihr eigenes Augenlicht verlassen.
Sie zog ihren Zauberstab, murmelte eine Formel, und auf Deans Handrücken leuchtete es auf.
Ich darf keine Lügen erzählen.
Professor McGonagall betrachtete eine Weile stumm die Worte. Sie legte ihren Zauberstab zur Seite, Harry entging nicht, dass ihre Hand leicht zitterte.
„Ich verstehe, Mr Thomas. Sie und Mr Potter dürfen in den Gemeinschaftsraum gehen. Ich werde mit Professor Umbridge reden“, sagte sie mit einer Stimme, die so beherrscht klang, dass sie zum Zerreißen gespannt war.
Harry kam stolpernd auf die Füße, er musste hier raus. Er wollte unbedingt mit, ohne genau sagen zu können warum. Vielleicht, weil er sich selbst etwas beweisen wollte. Und was? Er wusste es nicht, er stürzte hinaus auf den Gang.
Dean folgte ihm dicht auf den Fersen, als er durch die Tür flitzte und Richtung Gryffindor-Turm davon rannte.
„Harry!“
Dean hatte ihn leicht eingeholt, er war so viel größer und hatte so viel längere Beine, es war ihm ein leichtes mit Harry Schritt zu halten.
Harry wollte nicht stehenbleiben und zu seiner Erleichterung schien Dean auch nicht die Absicht zu haben, ihn anzuhalten. Er rannte einfach nur neben Harry her, so, als würde er nur Acht geben wollen, dass er sich auf seiner Flucht nicht verletzte.
Endlich beim Porträt angekommen, war er so knapp bei Luft, dass Dean das Passwort sagen musste. Das Porträt schwang zur Seite, Harry stolperte in den Gemeinschaftsraum und ohne sich weiter umzusehen, weiter zur Treppe Richtung Schlafsaal.
„Harry! Du bist schon zurück? Harry?“ Hermine kam überrascht auf die Füße, sie war an einen der Tische gesessen, vertieft in einen ihrer Aufsätze, aber Harry ignorierte sie und schoss die Treppen nach oben.
„Harry?!“
„Ihm geht’s gerade nicht so gut“, hörte er Dean leise zu ihr sagen.
„Was ist denn passiert?“, fragte sie besorgt.
Aber mehr konnte Harry nicht hören. Er warf die Tür des Schlafsaals in die Angeln, zog sich um und verkroch sich unter die Bettdecke.
Er hasste Umbridge.
Er hasste diese Feder.
Er hasste den Teppichklopfer.
Am nächsten Morgen schleppte Harry sich die Treppen hinunter, er war spät dran, er hatte nicht gut geschlafen, war ständig aufgewacht und zwischen schrecklichem Traum und unliebsamer Realität getaumelt. Er träumte davon, wieder bei Umbridge im Büro zu sitzen, die Feder in der Hand, die Worte schnitten sich tief in seine Hand.
Dean war nicht da.
Er war gefangen, mit ihr, in diesem Raum, er kam nicht raus. Er kam niemals wieder raus.
Im Gemeinschaftsraum angekommen, warteten Dean, Ron und Hermine bereits auf ihn. Ron sah genauso zermürbt aus wie Harry sich fühlte, er fragte sich, was sein rothaariger Freund nur trieb.
Hermine musterte Harry besorgt und sehr eingehend. Hatte Dean ihr etwas erzählt? Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen ja.
„Wie geht’s dir?“, fragte Hermine vorsichtig.
Harry sah sie grantig ein. „Ganz reizend, wie neugeboren. Also, wortwörtlich. Hilflos, halbblind und total unfähig bei so ziemlich allem.“
„Harry …“ Hermine sah ihn traurig und hilflos an.
„Hey, das muntert dich vielleicht ein bisschen auf, Kumpel.“ Dean ließ seine Tasche von seiner Schulter gleiten, klappte sie auf, holte einige Seiten Pergament heraus und überreichte sie Harry.
Verständnislos nahm er sie entgegen und sah Dean fragend an.
„Nachsitzen war ja gestern nicht, also hab ich die halbe Nacht durchgepowert, wegen den Aufsätzen. Die habe ich alle fertig bekommen. Hermine hat mir geholfen.“
Lächelnd nickte er Hermine zu, die schwach zurücklächelte.
„Den Bowtruckel hab ich auch zu Ende gezeichnet für dich. Natürlich so, dass Raue-Pritsche abkauft, dass es deine Zeichnung ist. Tja, das einzige, was ich nicht tun konnte, war der Verschwinde-Zauber.“
„Du könntest dich geschickt hinter Harry stellen und für ihn zaubern“, schlug Ron kichernd vor, Dean lachte.
„Ich glaube, das merkt Professor McGonagall.“
Harry sah sich die Aufsätze an, die Dean ihm gegeben hatte. „W-wie hast du es geschafft, meine Schrift nachzumachen?“
Dean zog eine Augenbraue hoch. „Ich bin ein Zauberer, Harry.“
Harry fing an zu lachen, er schüttelt den Kopf, was für ein Morgen. Was für ein Morgen. Für einen kurzen Moment war ihm danach, Dean zu umarmen, aber … Ja, das käme jetzt etwas merkwürdig rüber. Harry gab sich mental eine Schelle und grinste stattdessen so breit, wie sein von Müdigkeit gezeichnetes Gesicht es zuließ.
„Dean … Ich weiß nicht, was ich ohne dich jetzt machen würde!“
„Hausaufgaben?“, schlug Dean scherzhaft vor.
Hermine räusperte sich. „Ich hab geholfen, schon vergessen?“
Hermine konnte Harry umarmen, und das tat er auch. Sie kicherte verlegen und umarmte Harry feste zurück. Es wunderte ihn ein wenig, dass sie keinerlei Einwände darüber hatte, dass Dean Harrys Hausaufgaben gemacht hatte. Besonders im Z.A.G.-Jahr. Aber offenbar war das Erlebnis von gestern ihrer Meinung nach schrecklich genug, dass er sich das verdient hatte.
Ron schmollte gespielt. „Okay, und warum hat mir keiner die Hausaufgaben gemacht?“
Dean schnaubte. „Weil man dich nicht mit einem Folterinstrument gequält hat, deswegen. Deine Sache, wenn du dich lieber draußen rumtreibst, statt dich vorzubereiten.“
Rons Gesicht färbte sich rot. „Ich hab mich nicht rumgetrieben, ich … Egal!“
Grummelt stapfte er aus den Gemeinschaftsraum, die anderen folgten ihm.
Harry fühlte sich leicht, so leicht. Wie eine Fed… Schneeflocke. Ja, er musste den verdammten Verschwinde-Zauber noch üben, aber alles andere war in trocknen Tüchern – dank Dean. Wie viel Zeit hatte Dean gestern Nacht im Gemeinschaftsraum verbracht, um das alles unter einen Hut zu bekommen? Den Augenringen nach zu urteilen – lange. Ein großer Teil von Harry fragte sich, warum er das auf sich nahm, er hätte auch einfach nur seine Hausaufgaben machen können und Harry großzügigerweise abschreiben lassen. Stattdessen hatte er sich die Mühe gemacht, seine Schrift und Formulierungen zu kopieren.
Da fiel Harry ein, während sie in die Große Halle traten. „Ach Mist, ich hab das blöde Traumtagebuch nicht geführt …“
„Hast du denn was geträumt?“, fragte Dean beiläufig.
„Ja, aber das will ich nicht aufschreiben. Das geht Trelawney nix an. Ich muss mir schnell was ausdenken.“
Er wühlte sein Tagebuch aus der Tasche und schmierte irgendwas hinein, Toast essend schaute Dean ihm über die Schulter.
„Schreib, dass dich ein Monster im Bett gefressen hat“, schlug er kauend vor.
Harry prustete los. „Was?!“
„Ja, wenn du dir schon was ausdenkst, dann mach es so, dass sie sich doll ekelt. Okay, und dann hat das Monster nur deine Innereien gefressen und –“
Hermine hustete. „Ich würde gerne frühstücken!“
„– hat deine Gedärme rausgezogen und –“
„Ja, okay. Ich glaube, das findet Trelawney ekelig genug“, meinte Harry kichernd und schrieb Deans widerliche Idee auf.
Ron rutschte neben die beiden und sah Dean hoffnungsvoll an. „Könntest du meinen Traum auch aufpeppen?“
Hermine schnaubte verächtlich. „Etwas weniger widerlich wäre schön, danke!“
„Mr Potter, Mr Thomas?“
Die beiden sahen von ihrem Frühstück auf, als Professor McGonagall auf Harry und Dean zukam.
„Ich hatte eine Unterredung mit Professor Umbridge“, begann sie, Harry spürte einen Schauer über seinen Rücken jagen, Deans Gesichtszüge verhärteten sich.
„Sie haben selbstverständlich noch immer Nachsitzen bei ihr, aber“, sie sah Dean scharf an, der bereits protestieren den Mund geöffnet hatte, „zu meinen Bedingungen. Sie werden Ihre Zeilen schreiben, mit einer normalen Feder und normaler Tinte. Wie vereinbart, die ganze Woche um fünf Uhr.“
Die Leichtigkeit, die Harry für kurze Zeit durchflutet hatte, spülte aus seinem Körper und er sackte auf der Bank in sich zusammen, wie ein Ballon, aus dem die Luft entwichen war. Ja, er musste nicht mit dieser grässlichen Feder schreiben, aber er musste dennoch nachsitzen, die ganze Woche – zurück in dieses Büro, zu dieser grässlichen Frau. Harry hatte das Gefühl, als bekäme er plötzlich sehr viel schlechter Luft.
Dean rieb ihm sanft über den Rücken.
„Mach dir keine Sorgen. Wir stehen das zusammen durch.“
You‘re lovin‘ me to death
And leavin‘ me to die
You make me wanna scream
But my tongue is tied
You played me like a toy
You made my life a mess
Everybody knows
You‘re lovin‘ me to death
~
(Scorpions – You’re Lovin‘ Met o Death)