Es war Herbst. Zwar war die Luft immer noch einigermaßen warm, doch ein zunehmend kühler Wind blies bereits hier und da durch den kaiserlichen Palast von Li und trug das schöne farbenfrohe Laub mit sich, das von den Bäumen auf die Erde herabsegelte. Ehe man sich versah, würde auch schon der Winter vor der Tür stehen.
Genau solch eine frische Brise wehte gerade durch den Äußeren Palast und ließ den Rocksaum und die Ärmel einer gewissen Apothekerin flattern, welche mit einer für sie ungewohnt vergnügten Miene und einem Korb auf dem Rücken vor sich hinschritt.
Im besagten Korb befanden sich - wie sollte es auch anders sein - Heilkräuter, die sie mit einiger Mühe aufgespürt und mit großer Freude gepflückt hatte, dafür die freie Zeit nutzend, die man ihr freundlicherweise gewährt hatte.
Bedauerlicherweise hatte Maomao nicht wirklich viel erbeuten können, da Heilkräuter im Äußeren Palast eher rar waren (im Vergleich zum Inneren Palast, wo ihr Vater in der Vergangenheit wirklich ganze Arbeit geleistet hatte), sodass sie ihren Korb lediglich zur Hälfte voll bekommen hatte, aber immerhin war dies besser als nichts. Als Jinshis Dienerin hatte sie im Inneren Palast aktuell nun mal nichts verloren, also musste sie sich mit dem zufriedengeben, was sie in die Finger bekommen konnte.
Aber zufrieden war sie. Und wie! So zufrieden, dass sie sogar ein Liedchen summen könnte!
Sie tat einen tiefen Atemzug, den schwachen, jedoch immer noch wunderbaren Geruch der Kräuter im Korb einatmend.
Es war schon so viel Zeit vergangen, seit sie zuletzt in der Erde gewühlt und Pflanzen herausgezogen hatte, dass es ihr vor Sehnsucht bereits das Herz zerrissen hätte! Aber zum Glück hatte sie nun endlich welche entdecken können.
Vielleicht sollte sie irgendwann dem Beispiel ihres Vaters folgen und mal selbst ganz diskret welche pflanzen gehen, zumindest ein wenig, damit die Auswahl ein kleines bisschen größer wird. Schließlich wusste sie ja nie, wann sie einige frische brauchen könnte.
Mit dieser fabelhaften Idee im Hinterkopf führte sie ihren Weg fort.
Oh, und möglicherweise sollte sie noch nach Pilzen Ausschau halten! Zu dieser Jahreszeit sollte es besonders viele geben. Bei dem Gedanken lief unserer Apothekerin das Wasser im Munde zusammen.
Tja, nur leider hatte sie diesmal keinen Quacksalber, den sie zu ihrem Pilz-Komplizen machen konnte, wie sie voller Enttäuschung feststellte. Diese Erkenntnis ließ sie den Kopf hängen wie ein trauriges Kätzchen.
Jinshi wäre da kein großes Hindernis, der würde bestimmt wieder ein Auge zudrücken, wenn sie ihm etwas abgab. Aber falls Suiren davon Wind bekommen sollte…
…dann könnte sich Maomao auf ein Donnerwetter gefasst machen, dessen Ausmaße sie sich nicht einmal vorstellen mochte.
Ein heftiger Schauder lief ihr das Rückgrat entlang und ließ sie den Kopf schütteln. Nein, der kurze Genuss war ein solches Risiko gewiss nicht wert.
Aber zumindest hatte sie ihre Kräuter und die waren sowieso viel mehr wert als ein paar Pilze.
Ein breites Grinsen umspielte ihre Lippen, als sie sich bereits gedanklich ausmalte, was sie mit ihren Schätzen anstellen würde, sobald sie spätabends ihre ganzen Aufgaben als Dienerin erledigt haben und zu ihrem Zimmer zurückkehren würde.
Zuerst mal in Bündel zusammenfassen und zum Trocknen aufhängen. Ja, genau! Aber so, dass sie möglichst nicht im ganzen Raum verteilt waren, damit sie keinen Ärger bekam.
Ach, wäre es ihr doch nur gestattet gewesen, in den Stall zu ziehen! Dann hätte sie sich über so etwas keine Sorgen zu machen brauchen.
Aber das Leben war nicht immer gerecht. Obwohl sie zugeben musste, dass es sie in letzter Zeit eigentlich ziemlich gut behandelt hatte.
***
So vor sich hinsinnierend, erblickte Maomao irgendwann schließlich in einigen Dutzenden Metern Entfernung die Gestalt einer nur zu wohlbekannten „himmlischen Nymphe”.
Zuerst dachte sie sich nichts dabei, da sie aktuell ja in seiner Residenz lebte und seine Gegenwart mehr als nur gewohnt war, doch als sie etwas näher kam, fand sie eine Szene vor, welche sie leicht die Stirn runzeln ließ:
Jinshi stand mit dem Rücken zu ihr und befand sich in der Gesellschaft dreier Palastdamen, die er, so wie es aussah, nicht gerade zu genießen schien. Seiner Mimik und Gestik nach zu urteilen, versuchte er nämlich ganz deutlich, von ihnen wegzukommen, doch die aufdringlichen Damen ließen einfach nicht locker. Eine war sogar so dreist, dass sie versuchte, sich an seinen Arm zu klammern.
Maomao blieb stehen, um das Ganze mal zu beobachten.
„Gar nicht so einfach, so schön zu sein, was?”, dachte sie und gab einen Seufzer von sich. „Mensch, aber sehen die wirklich nicht, wie aufgesetzt sein Lächeln ist? Er möchte ganz klar weg in Ruhe gelassen werden. Wie kann man nur so blind sein?”
Na, das sagte ja genau die Richtige.
Praktischerweise „vergaß” Maomao während ihrer inneren Schimpftirade die Tatsache, dass sie selbst oft genug nicht die Hellste war, wenn es darum ging, den jungen Adeligen zu verstehen. Um es mal milde auszudrücken. Aber na ja, von Zeit zu Zeit war sie dann doch überraschend scharfsinnig beim Erraten seiner Gedanken und Gefühle. So wie jetzt.
„Hm, na ja, aber ist ja nicht mein Problem.”
Die Apothekerin zuckte die Achseln und wollte bereits weitergehen und den jungen Herrn seinem Schicksal überlassen. Aber andererseits…
Andererseits hatte die erfolgreiche Kräuterernte ihre Laune derart gehoben, dass sie doch mal ausnahmsweise großzügig sein und Jinshi helfen könnte, sich diese Kletten vom Hals zu schaffen. Als kleiner Dank dafür, dass er ein solch guter Arbeitgeber war, sozusagen.
Also gut! Gesagt, getan!
Und so näherte sie sich ihnen, im Versuch, dabei so leise wie möglich zu sein, und blieb schließlich ein paar Schritte hinter Jinshi stehen. Einige Augenblicke später schienen die Damen sie bereits bemerkt zu haben und runzelten die Stirn.
Eine öffnete auch schon den Mund, bestimmt, um zu fragen, was dieses magere, unscheinbare Ding hier verloren hatte.
Doch dazu kam es nicht. Bevor sie auch nur einen Laut über die Lippen bringen konnte, setzte Maomao einen ihrer berühmt-berüchtigten „bösen Blicke” auf, mit denen sie den dreien unmissverständlich mitteilte, dass ihre Gegenwart nicht erwünscht war.
Den Palastdamen wich all die Farbe aus den Gesichtern. Sie erstarrten auf der Stelle und suchten dann mit einem angsterfüllten Kreischen umgehend das Weite.
„Huch?”, kam es daraufhin von Jinshi. Er drehte sich verwirrt um und erblickte prompt Maomao, die wieder ihren gewohnten neutralen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte und sich kurz zum Gruß verbeugte. „Oh, Apothekerin. Weißt du vielleicht, wieso sie so plötzlich davongerannt sind? Sie sahen ja aus, als hätten sie ein Monster gesehen.” Er kratzte sich leicht am Kopf.
Maomao zuckte die Achseln.
„Keine Ahnung.”
„Ein Monster? Hach, wie gemein”, dachte sie. „Aber ich habe erreicht, was ich wollte, also was soll’s.”
Jinshi verbarg die Hände in den Ärmeln und schenkte ihr ein Lächeln. Eines, das diesmal definitiv echt war und jede Palastdame außer Maomao dazu bringen könnte, in Ohnmacht zu sinken.
„Nun gut, wie auch immer. Ich bin jedenfalls froh, dass sie endlich weg sind. Sag mal, wohin bist du denn unterwegs?”
„Ich habe Heilkräuter gepflückt, Eure Exzellenz, und wollte diese auf mein Zimmer bringen, bevor ich mich wieder meinen Aufgaben zuwende.”
Sein Gesicht hellte sich noch etwas stärker auf.
„Oh, das trifft sich aber gut. Ich wollte ebenfalls nach Hause, in meiner Schreibstube wartet noch eine ziemliche Menge Arbeit auf mich.” Bei diesen Worten verzog er für ein paar Augenblicke das Gesicht. „Was dagegen, wenn ich dich ein Stück begleite?”
„Nein, Herr.”
Na klasse. Das hatte sie nun von ihrer Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit. Maomao wollte sich gefälligst wieder ihren Tagträumen über ihre Kräuter hingeben, sie hatte nicht die geringste Lust auf Gesellschaft! Doch das durfte sie ihm logischerweise nicht verraten. Und außerdem konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass ihr etwas an seinem Verhalten leicht seltsam vorkam.
Und so führten die beiden ihren Weg schließlich gemeinsam fort.
***
Unterwegs versuchte Jinshi, der sich sichtlich freute, etwas Zeit mit seiner Apothekerin verbringen zu können, eine Unterhaltung zu beginnen, doch jede seiner Fragen wurde von Maomao mit einer einsilbigen Antwort oder einem bloßen „Hm” quittiert, während sie ihm ab und zu stirnrunzelnd Seitenblicke zuwarf. Sie schien tief in Gedanken versunken zu sein und ihm gar nicht so richtig zuzuhören.
Schließlich hielt er es nicht mehr aus und beschloss nachzufragen, ihr die Hand auf die Schulter legend.
„Was ist denn heute los mit dir? Du bist ja noch schweigsamer als sonst. Hast du vielleicht etwas auf dem Herzen, wovon du mir gern erzählen würdest?” Die letzte Frage wurde von einem leisen Lachen begleitet, denn er war sich mehr als sicher, dass er darauf keine ernsthafte Antwort erhalten würde.
Umso größer war seine Verblüffung, als er die folgenden Worte vernahm:
„Habe ich.”
„Was!? Im Ernst!?”
Jinshi war so perplex, dass er sogar stehenblieb. Dies nutzte Maomao umgehend aus, um sich vor ihn zu stellen und eine Weile lang sein Gesicht genauestens zu betrachten, als ob sie etwas daran stören würde. Was ihn langsam nervös machte. Er schluckte.
„Apothekerin? W-Was…”
Doch sie ging nicht auf ihn ein.
„Würdet Ihr Euch bitte etwas zu mir beugen, Herr? Ich komme nicht ran”, bat sie ihn stattdessen aus heiterem Himmel. Sie hatte da einen Verdacht, den sie auf jeden Fall überprüfen musste.
„Eh?” Jinshi sah so aus, als verstünde er immer weniger, was vor sich ging. „Wo willst du rankommen?”
„Bitte, Eure Exzellenz.”
„Gut, in Ordnung.”
Immer noch leicht zögernd tat er wie geheißen und Maomao hob sofort die Hand und legte sie ihm auf die Stirn, die andere auf ihrer eigenen platzierend. Der junge Adelige lief auf der Stelle rot an, wagte es jedoch nicht, sich zu rühren.
„W-Was tust du denn da?”
Seine Frage ignorierend, biss Maomao die Zähne zusammen. Also hatten ihr Bauchgefühl und ihre Erfahrung als Apothekerin sie auch diesmal nicht getrogen. Ihr Magen zog sich leicht zusammen.
„Genau wie ich vermutet habe”, dachte sie, die Hand wieder von seiner Stirn nehmend und ihm in die immer noch leicht geweiteten Augen blickend. „Normalerweise wäre er auch mit zehn Palastdamen spielend und ohne Hilfe fertiggeworden.”
„Eure Exzellenz”, ergriff sie wieder das Wort. „Kann es sein, dass Ihr Euch nicht wohlfühlt? Eure Stirn ist etwas zu warm.”
„Nun”, meinte er, immer noch leicht aus der Fassung gebracht von ihrem Verhalten und ihrer Berührung. „Ich habe ein wenig Kopfschmerzen, das stimmt schon, aber sonst geht es mir wunderbar. Ehrlich.”
Diese Behauptung wurde von einem lauten Niesen begleitet, das seine Worte prompt Lügen strafte.
Maomao sah ihn an, als wäre er ein Nachtfalter, der direkt vor ihrem Gesicht herumflatterte und dem sie am liebsten die Flügel herausgerissen hätte.
„Mit Fieber ist nicht zu spaßen, Herr”, erwiderte sie mit fester Stimme, als würde sie es mit einem uneinsichtigen Kind zu tun haben. „Ich würde Euch dringend raten, Euch so bald wie möglich hinzulegen und auszukurieren, bevor Ihr noch ernsthaft krank werdet.”
Die Apothekerin vermutete, dass Jinshis Immunsystem durch die viele Arbeit und den Schlafmangel angeschlagen und er deshalb anfälliger für Krankheiten war. Schon mehrmals hatte sie ihn gebeten, mehr auf seine Gesundheit zu achten, aber der junge Herr wollte ja nicht auf sie hören. Bestimmt würde er ihr auch jetzt wieder eine Ausrede präsentieren.
Jinshi verschränkte die Arme und lachte leise, was ihr in dem Moment vorkam, als würde er sich über sie lustigmachen. Oder den Ernst der Situation nicht begreifen. Auf jeden Fall verletzte es ihren Stolz als Apothekerin.
„Das kann ich mir leider nicht leisten, Apothekerin, es wartet noch wichtige Arbeit auf mich.”
Maomao spürte, wie das Blut in ihren Adern zu kochen begann. Na bitte, was hatte sie gesagt?
„Wie oft muss ich Euch noch sagen, dass Eure Gesundheit wichtiger ist als die Arbeit?”, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Genauso oft wie ich dir noch sagen muss, dass du keine Sachen in den Mund nehmen sollst, die sich nicht für den menschlichen Verzehr eignen, nehme ich mal an”, konterte er, ebenfalls langsam die Geduld verlierend.
Maomao wusste nicht genau, was sie daraufhin entgegnen sollte, also presste sie ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und funkelte ihn so böse an wie sie nur konnte.
Jinshi hielt ihrem Blick stand und erwiderte ihn.
Beide waren so stur wie eh und je. Aber Jinshi hatte leider noch einen Vorteil: er war Maomaos Arbeitgeber und auch noch adelig, da konnte sie ihn schlecht herumkommandieren.
Und so gab sie ein Schnauben von sich und senkte schließlich den Blick, zu Boden starrend, um sein triumphierendes Lächeln nicht sehen zu müssen.
„Gut. Ihr habt gewonnen.”
Nach einer Weile sah sie aber doch wieder auf.
„Aber ich werde Euch vor dem Schlafengehen zumindest einen Erkältungstrunk vorbeibringen. Wenn Euch das recht ist, Herr.”
Jinshi nickte lächelnd.
„Ist es. Du weißt ja, dass du meine Gemächer jederzeit betreten darfst und dort stets willkommen bist.”
Dies wusste Maomao allerdings. Zwar fand sie es etwas unvernünftig, dass er ihr, seiner Dienerin, die er gar nicht mal so lange kannte, so bedingungslos vertraute, schließlich hätte sie durchaus die Möglichkeit gehabt, ihn zu vergiften, wenn sie es nur gewollt hätte (Nicht, dass sie es tatsächlich wollte!), aber nun gut. Das war seine Entscheidung.
An der Residenz angekommen, trennten sich schließlich ihre Wege.
„Dann sehen wir uns später, Apothekerin”, verabschiedete sich der junge Adelige von ihr. „Und mach nicht so ein Gesicht, es gibt wirklich nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.”
Er tätschelte ihr sanft den Kopf und machte sich auf in Richtung Schreibstube.
Maomao stand noch eine Weile da und blickte ihm nach, sich die Hand zum Kopf führend, wo seine gerade noch gelegen war.
„Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste… aber sicher doch”, dachte sie genervt und ballte die Hände zu Fäusten. „Irgendwann werdet Ihr noch ernten, was Ihr gesät habt, Eure Exzellenz. Ich weiß es einfach.”
Wieso mühte sie sich eigentlich so mit ihm ab? Wenn ihm seine eigene Gesundheit so am Allerwertesten vorbeiging, dann konnte sie doch auch nichts daran ändern, warum versuchte sie es also überhaupt?
Ach, doch die Wahrheit war, dass Maomao es trotz ihrer harschen Worte und ihres Benehmens oft nicht übers Herz brachte, jemanden abzuweisen, der Hilfe brauchte. Vor allem medizinische.
Und so schwor sie sich, dass Jinshi zumindest ihre Medizin einnehmen würde, selbst wenn sie ihm diese höchstpersönlich in die Kehle schütten müsste.
Aber natürlich hoffte sie, dass es nicht zu solch drastischen Maßnahmen kommen würde.
***
Als all ihre Aufgaben für den Tag erledigt waren, kehrte Maomao in ihr Zimmer zurück und begann, die Zutaten für ihren Erkältungstrunk vorzubereiten.
Der Korb mit den kürzlich gesammelten Kräutern stand derzeit in einer Ecke des Raums. Dann würden diese eben noch ein wenig länger warten müssen, es half ja nichts. Maomao nahm sich vor, sich mit ihnen zu befassen, sobald sie von ihrer Visite bei Jinshi zurückkommen würde. Der Uhrzeit nach zu urteilen, müsste er gerade sein abendliches Bad einnehmen und sich für die Nacht bereit machen. Die Apothekerin hoffte doch sehr, dass er angesichts seines Zustands wenigstens auf Überstunden verzichtete und zeitig schlafen ging.
Aber bei diesem Kerl wusste man nie.
Und leider kam tatsächlich alles ganz anders als gedacht.
Während die Apothekerin nämlich am Tisch saß und mit der Herstellung ihrer Arznei beschäftigt war, hörte sie plötzlich eilige Schritte draußen vor ihrem Zimmer und sah überrascht auf. Und schon wurde ihre Tür aufgestoßen und eine aufgebrachte Suiren trat ein.
„Xiaomao! Bitte komm schnell! Der junge Herr ist ganz plötzlich zusammengebrochen!”
Maomao biss zornig die Zähne zusammen, während sie hinter Suiren zu Jinshis Gemächern herhastete.
„Ich wusste es! Ich wusste doch, dass so etwas passieren würde!”, schimpfte sie in Gedanken. „Dieser Dummkopf… dieser verdammte Dummkopf…”
Bei den Gemächern des „verdammten Dummkopfs” angekommen, öffnete Suiren hastig die Tür und trat zur Seite, um Maomao hineinzulassen. Das Allererste, was die Apothekerin erblickte, war der im Bett liegende junge Adelige und Gaoshun, der neben ihm stand und sogleich den Kopf in ihre Richtung drehte, als er sie eintreten hörte. Er war so gefasst wie immer, sah jedoch ebenfalls äußerst besorgt aus. Verständlich, war der junge Herr doch fast wie ein Sohn für ihn.
Lediglich das flackernde Licht einiger Kerzen erleuchtete den Raum, was die bedrückende Atmosphäre, die in der Luft hing, nur noch steigerte und die abendliche Dunkelheit dazu brachte, sich wie ein Stein auf die Seelen der Anwesenden zu legen. Ein Kohlebecken sorgte für eine angenehme Wärme und doch bemerkte Maomao, dass Jinshi unter der Decke zitterte, als stünde er barfuß unter einem eisigen Platzregen.
„Gut, dass du da bist, Xiaomao.” Der Assistent kam ihr entgegen. „Könntest du ihn dir bitte ansehen?”
„Was ist genau passiert?”, erkundigte sie sich, sich dem Bett nähernd. „Dame Suiren sagte, er sei plötzlich zusammengebrochen.”
„So ist es. Er hat gerade sein Bad beendet und ich wollte mit ihm kurz noch, bevor er schlafen geht, die Arbeit für den morgigen Tag besprechen. Und als er sich dazu Richtung Couch begeben wollte, haben auf einmal seine Knie nachgegeben.”
„A-Apothekerin…”, brachte Jinshi mit kläglicher Stimme hervor, als er Maomao erblickte, und nieste. Doch sie schenkte ihm keine Beachtung, sondern legte stattdessen die Hand auf seine Stirn, sobald sie an seiner Seite angelangt war. Diese war, wie sie bereits erwartet hatte, so heiß wie ein Stück Metall unter einer gleißenden Sonne.
„Verstehe. Hat er sich auch nicht den Kopf angeschlagen?”, fragte sie Gaoshun.
„Nein, zum Glück nicht. Ich habe sofort gemerkt, dass er fiel, und ihn gerade noch rechtzeitig aufgefangen. Dann habe ich ihn ins Bett getragen.”
„Gut, dass Ihr da wart.” Maomao bewunderte Gaoshuns schnelle Reflexe. Sie war wirklich froh darum, denn eine Beule oder eine Gehirnerschütterung waren gewiss das Allerletzte, was Jinshi in seinem jetzigen Zustand noch gebrauchen konnte.
„Nun ist Euch das Lachen wohl endgültig vergangen, nicht wahr?”, dachte sie bitter, sich über ihn beugend. In ihren Gedanken lag weder Spott noch Schadenfreude - zwar war sie alles andere als eine Heilige, jedoch keineswegs der Typ Mensch, der sich am Leid anderer erfreute, egal welchen Groll sie gegen sie auch hegen mochte. Das Einzige, was sie in diesem Moment verspürte, war Zorn. Zorn auf Jinshis Sturheit und Leichtsinn, die der Grund für seinen Zusammenbruch waren. Wieso tat er sich all dies bloß an? Zu welchem Zweck?
Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich von ihren persönlichen Gefühlen hinreißen zu lassen. Sie war in erster Linie Apothekerin und hatte gerade einen Patienten vor sich, den sie behandeln musste. Alles andere war im Moment zweitrangig. Die Leviten konnte sie ihm auch später noch lesen, wenn er sich wieder besser fühlte.
Jinshi blickte aus halbgeschlossenen Augen hilflos zu ihr auf. Sein auf dem Kissen ausgebreitetes Haar war stellenweise immer noch leicht feucht vom Bad und die Wangen knallrot vom Fieber. Dazu atmete er keuchend und durch den Mund, bestimmt, weil seine Nase verstopft war.
Aktuell hatte er wirklich nichts mit dem Jinshi gemein, dem sie erst vor wenigen Stunden begegnet war.
Jedoch…
„Mist! Selbst wenn er krank ist, wirkt er noch wie ein wandelndes Pheromon”, konnte Maomao sich den Gedanken nicht verkneifen.
Wie er da so im Bett lag mit jenem Ausdruck auf seinem umwerfenden Gesicht, über welches vereinzelte Schweißtropfen liefen, der Röte und der unordentlichen Schlafbekleidung, nahm die Apothekerin an, dass eine beachtliche Anzahl von Menschen beider Geschlechter bei seinem Anblick den Wunsch verspüren würde… gewisse Dinge mit ihm anzustellen. Gut, dass sich außer ihnen Vieren niemand sonst im Raum befand. So schön zu sein, war wahrlich mehr Fluch denn Segen…
Sie drehte sich zu Gaoshun und Suiren, die nun nebeneinander standen und beunruhigt auf ihre Diagnose warteten.
„Also, Eines kann ich Euch definitiv schon verraten: was auch immer Ihr mit ihm besprechen wolltet, arbeiten wird er morgen ganz bestimmt nicht”, sagte Maomao ruhig, aber bestimmt.
Der Assistent und die oberste Zofe nickten.
„Das versteht sich von selbst”, antwortete Gaoshun. „Die Arbeit kann warten. Was jetzt Priorität hat, ist die Genesung des jungen Herrn.”
„Na wenigstens Einer, der es kapiert”, dachte Maomao und wendete sich wieder Jinshi zu, um ihn zu untersuchen.
„Öffnet bitte den Mund und streckt die Zunge heraus, Herr.”
Er gehorchte, und sie sah sich seine Zunge und seinen Rachen an, so gut wie sie es in dem schwachen Licht vermochte. Dann streifte sie wortlos die Decke von seinem Oberkörper und zog sein Schlafgewand etwas auseinander, um einen Teil seiner Brust zu entblößen, was Jinshi noch etwas heftiger erzittern und die Hände zu Fäusten ballen ließ, als seine bloße Haut mit der Luft in Berührung kam.
Schließlich drückte die Apothekerin ihr Ohr an verschiedene Stellen seiner Brust und versuchte, so gut es ging, seine Lunge abzuhören. Dabei bat sie ihn, tiefe Atemzüge zu machen und dann ein paar Mal zu husten. Jinshi zuckte bei jeder ihrer Berührungen kurz zusammen und weitete die Augen, ließ sie jedoch gewähren, ohne einen Laut des Protests von sich zu geben.
Kein Rasseln. Na wenigstens etwas.
„Habt Ihr Schmerzen beim Husten?”, erkundigte sie sich, sich wieder aufrichtend.
Jinshi schüttelte den Kopf.
„Gut.” Maomao deckte ihn wieder zu.
„Und, Xiaomao?” Suiren kam voller Sorge näher.
„Soweit ich sehe, ist es tatsächlich nur eine Erkältung”, antwortete die Apothekerin, sich eine Hand zum Kinn führend. „Aber daraus kann sich immer noch eine Bronchitis oder eine Lungenentzündung entwickeln, also ist es noch etwas zu früh, um erleichtert aufzuatmen.”
„Natürlich hat er auch früher schon Erkältungen gehabt, vor allem als Kind, ist aber bis jetzt noch nie davon zusammengebrochen, deshalb habe ich es schon mit der Angst zu tun bekommen.” Suiren lächelte sie an. „Wie gut, dass wir dich hier haben.”
Ohne dass die Apothekerin es zu sagen brauchte, tauchte die gewissenhafte oberste Zofe ein Tuch in kühles Wasser, wrang es aus und legte es dem jungen Herrn auf die Stirn. Dieser seufzte leise, als es mit seiner Haut in Berührung kam. Bestimmt fühlte es sich gut an auf seiner erhitzten Stirn und dem sicherlich stark schmerzenden Kopf.
„Überhaupt ist es nur deshalb so schlimm geworden, weil ein gewisser Jemand nicht auf mich gehört und seinen bereits angeschlagenen Körper zu sehr strapaziert hat. Und das heiße Bad hat seinem Kreislauf dann den Rest gegeben.” Maomao funkelte ihren Patienten böse an, der immer noch kein Wort erwiderte. Tja, so ganz gelang es ihr wohl doch nicht, ihren Ärger zu unterdrücken. Dann seufzte sie jedoch resigniert. „Aber nun gut. Was geschehen ist, ist geschehen. Jetzt muss er sich jedenfalls auf seine Genesung konzentrieren. Er braucht viel Schlaf und am Besten mehrere Tage Bettruhe, damit sein Körper die Krankheit effektiv bekämpfen kann.”
Ohne eine weitere Erklärung hinzuzufügen, drehte sie sich als Nächstes um und begab sich Richtung Tür.
„Gehst du… e-etwa… schon?”, hörte sie Jinshi hinter sich mit leicht belegter Stimme herausbringen und dann husten.
„Nur, um Eure Medizin zuzubereiten. Bin gleich wieder da, Eure Exzellenz.”
Und verließ schließlich den Raum.
***
In ihrem Zimmer angekommen, warf Maomao einen flüchtigen Blick auf ihren immer noch in der Ecke stehenden Korb mit Kräutern und setzte sich hastig an ihren Tisch, um sich wieder der vorhin angefangenen Erkältungsmedizin zuzuwenden.
Im Raum herrschte vollkommene Stille, denn die Apothekerin arbeitete allein und ohne einen Laut von sich zu geben, sich ganz auf ihre Tätigkeit konzentrierend, während ihr Schatten durch das Licht der auf dem Tisch brennenden einzigen Kerze an die Wand projiziert wurde. Jede ihrer Handbewegungen war routiniert, gelernt, man merkte sofort, dass sie so etwas längst nicht zum ersten Mal machte. Fast wirkte sie so, als befände sie sich nicht im kaiserlichen Palast, sondern in der Apotheke ihres Vaters, welche alljährlich von Erkältungspatienten gestürmt wurde, sobald die kalte Jahreszeit begann.
Maomao beeilte sich so gut sie konnte, denn sie wollte es unbedingt vermeiden, dass Jinshi genug Zeit bekam, um einzuschlafen, bevor sie zurückkehrte. Sie würde ihn nur ungern aufwecken müssen, um ihm die Medizin zu verabreichen. Schlaf war nämlich genau das, was er brauchte, und da wäre es äußerst unvorteilhaft, ihn dabei zu stören.
Als der Erkältungstrunk fertig war, füllte sie ihn in eine kleine Schale und den Rest für spätere Anwendungen in eine Flasche um, und begann als Nächstes, rasch Zutaten für eine Salbe herauszusuchen, welche dem jungen Herrn beim Atmen helfen sollte. Ein abschwellendes Mittel, sozusagen.
„Kampfer, Minze... und noch Lavendel- und Rosmarinöl für eine beruhigende Wirkung", murmelte sie, verschiedene Fläschchen und Päckchen auf den Tisch stellend.
Etwa eine Viertelstunde später war auch die Salbe fertig und Maomao gab sie ebenfalls in eine Schale. Dann nahm sie sich ein Tablett, stellte beide Schalen darauf, legte noch einen Löffel dazu und lief zurück zu Jinshi.
***
Mit Erleichterung feststellend, dass der junge Adelige noch wach war, stellte Maomao das Tablett auf dem Bett ab und zog sich einen Stuhl heran, um neben ihm Platz zu nehmen.
„Benötigst du Hilfe, Xiaomao?”, erkundigte sich der stets aufmerksame Gaoshun, der immer noch treu neben dem Bett stand und auf Anweisungen wartete.
Maomao warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Das tue ich tatsächlich, vielen Dank. Könntet Ihr ihm bitte beim Aufsitzen helfen und ihn festhalten? Ich muss ihm die Medizin verabreichen und wenn er sie im Liegen einnimmt, könnte er sich verschlucken.”
„Selbstverständlich.”
Der Assistent tat wie geheißen, fasste seinen Herrn unter den Armen und zog ihn behutsam in eine Sitzposition hoch. Währenddessen nahm Maomao die Schale mit dem Erkältungstrunk in die eine und den Löffel in die andere Hand.
„Ich bin mir nicht sicher, ob Ihr aktuell in der Lage seid, aus der Schale zu trinken, Eure Exzellenz, deshalb werde ich Euch die Medizin vorsichtshalber löffelweise einflößen", erklärte sie dem jungen Adeligen seelenruhig und tauchte den Löffel in die Arznei. „Und nun macht bitte schön den Mund auf."
„G-Gut…”
Jinshi gehorchte ohne Widerworte. Zwar verzog er bei jedem Löffel das Gesicht und musste auch ab und zu würgen, doch schluckte alles brav bis auf den letzten Tropfen herunter.
„Ja, ziemlich bitter, ich weiß”, sagte Maomao während der ganzen Prozedur mit einem leicht gereizten Unterton. „Aber da müsst Ihr jetzt durch, Eure Exzellenz. Seht es als Strafe für Euren Leichtsinn an.”
Sie wusste, dass der Geschmack stark genug war, um ihn auch mit verstopfter Nase wahrzunehmen, aber daran ließ sich eben nichts ändern. Medizin musste nicht unbedingt gut schmecken, um zu wirken.
Doch am Ende erbarmte sie sich seiner und half ihm dabei, den unangenehmen Geschmack mit etwas Wasser herunterzuspülen, welches Suiren inzwischen gebracht hatte, ihm danach mit einem Taschentuch einige danebengelaufene Tropfen von den Mundwinkeln und vom Kinn wischend.
„So, das hätten wir erstmal", meinte sie. „Im Moment sollte dies reichen und es müsste Euch schon bald etwas besser gehen. Ich habe noch mehr davon vorbereitet und werde Euch morgen früh noch eine weitere Dosis einflößen. Oder, falls nötig, auch in der Nacht, falls es doch nicht besser werden sollte."
Danach nahm sie die zweite Schale in die Hand und stand vom Stuhl auf.
„Und nun werde ich noch eine Salbe auftragen, die Euch das Atmen erleichtern soll." Sie warf Gaoshun, der Jinshi immer noch geduldig festhielt, einen Blick zu. „Und dazu muss ich Euren Oberkörper freimachen."
Der Assistent verstand und half ihr dabei, seinen Herrn bis zum Bauchnabel zu entblößen. Dieser begann wieder stark zu zittern und seinen Mund zu verziehen.
„Ka... Kalt..."
„Ich weiß. Ertragt es", bemerkte Maomao trocken und tauchte einige Finger ihrer rechten Hand in die Salbe. Dann begann sie ihm damit gründlich die Brust einzureiben. Schon bald erfüllte der Duft nach Lavendel und Rosmarin die Umgebung.
Sie war dermaßen in ihre Tätigkeit vertieft, dass sie überhaupt nicht merkte, dass Jinshi noch etwas stärker errötete, während er trotz seines leicht getrübten Verstandes jede ihrer Bewegungen aufmerksam beobachtete. Und selbst wenn sie es gemerkt hätte, hätte sie es bestimmt bloß auf sein Fieber geschoben.
Aber diejenige, die es sehr wohl merkte, war Suiren. Die oberste Zofe, die sichtlich ruhiger geworden war, seit sie gehört hatte, dass ihr junger Herr an keiner schweren Krankheit litt, führte sich die Hand zum Mund und lachte leise in sich hinein, während sie sich entfernte, um noch etwas Wasser für die Apothekerin zu holen.
Maomao rieb ihm auf dieselbe Art und Weise noch den Rücken ein.
„So, fertig. Und jetzt solltet Ihr schlafen", meinte sie und konnte nicht anders, als Jinshi ein wenig die Schulter zu tätscheln, bevor sie sich wieder auf den Stuhl setzte und schließlich ihre Finger im von Suiren gebrachten Wasser reinigte. Ja, trotz allem tat er ihr doch ein bisschen leid. Schließlich war sie ja kein Unmensch. Und außerdem war sie sich sicher, dass ihm dies eine Lektion gewesen war und er seinen Fehler inzwischen eingesehen hatte. Oder zumindest hoffte sie das.
Gaoshun kleidete Jinshi wieder an, legte ihn vorsichtig hin und deckte ihn zu. Dieser drehte den Kopf zu Maomao.
„Apothekerin..."
Sie sah auf.
„Ja, Herr? Braucht Ihr noch etwas?"
Er blickte sie fast schon flehentlich an und streckte dann eine seiner zitternden Hände aus, sie auf die Hand der Apothekerin platzierend, welche auf ihrem Schoß lag.
„Bleibst du noch etwas... bei mir?"
Er klang wie ein kleiner Junge, der Angst vor der Dunkelheit hatte.
Maomao war zuerst leicht erstaunt und hob eine Augenbraue, doch dann seufzte sie.
„Meinetwegen, Eure Exzellenz."
Sie nahm ihre Hand nicht weg. Auch dann nicht, als er vorsichtig begann, mit dem Daumen über ihre Finger zu streicheln, bis seine Augen sich schlossen..
***
Einige Minuten später sank Jinshi schließlich in einen tiefen Schlaf, seine Hand immer noch auf Maomaos liegend.
Als Gaoshun sah, dass er nicht mehr gebraucht wurde, verabschiedete er sich und begab sich zu seinen eigenen Gemächern, und Maomao saß immer noch auf dem Stuhl und sah schweigend zu, wie Jinshis Brust sich im gleichmäßigen Rhythmus hob und senkte. Sie hoffte wirklich, dass der junge Herr so bis zum nächsten Morgen durchschlief. Im Moment hatte sie alles für ihn getan, was sie konnte.
Währenddessen bereitete Suiren Ersatzkleidung für den jungen Herrn vor, falls dieser nachts zu sehr schwitzte und umgezogen werden müsste. Sie lächelte die Apothekerin an.
„Du solltest schlafen gehen, Xiaomao. Bestimmt hast du einen langen Tag hinter dir und bist erschöpft. Mach dir keine Gedanken, ich rufe dich schon, wenn du gebraucht wirst.”
Maomao sah zuerst sie an und dann erneut den ruhig schlafenden Jinshi.
„Ihr habt Recht", meinte sie dann nach einer Weile. „So wie er jetzt schläft, ergibt es tatsächlich keinen Sinn für mich, hier sitzen zu bleiben und über ihn zu wachen."
Sie befreite sich vorsichtig aus seinem Griff und legte seine nun schlaffe Hand auf das Bett zurück, bevor sie aufstand, das Tablett mit den leeren Schalen nahm und sich Richtung Tür begab.
„Bitte holt mich, sobald er aufwacht. Auch wenn es mitten in der Nacht ist."
„Das werde ich.”
***
Maomao zog sich rasch um, blies die Kerze auf ihrem Tisch aus und ließ sich dann rücklings auf ihr Bett fallen, die Hände hinter dem Kopf verschränkend. Die Nacht war bereits angebrochen und fahles Mondlicht schien durch das Fenster hinein.
„Hach, bin ich müde”, dachte die Apothekerin gähnend und drehte den Kopf in die Richtung ihrer Kräuter, welche sich immer noch an Ort und Stelle befanden. „Schlussendlich bin ich doch nicht dazu gekommen, sie vor dem Schlafengehen zum Trocknen aufzuhängen. Na gut, dann hoffentlich morgen." Sie seufzte resigniert, drehte sich auf die Seite und deckte sich zu. „Aber jetzt sollte ich wirklich schlafen, wer weiß, wann Dame Suiren mich holen kommt."
Im Moment sollte die Dosis, die sie Jinshi verabreicht hatte, jedoch reichen. Zumindest war er, wie sie mit eigenen Augen gesehen hatte, friedlich eingeschlafen, da war es sehr gut möglich, dass die Medizin bis zum Morgen wirken würde. Wünschenswert wäre es auf jeden Fall.
Der junge Herr wird bestimmt in wenigen Tagen genesen und wieder zu der gewohnten himmlischen Nymphe werden, da war Maomao sich sicher. Obwohl die Tatsache, dass er vorhin zusammengebrochen war... zugegebenermaßen doch ein wenig beunruhigend war.
Die Apothekerin drehte sich verärgert auf den Bauch. Ach was, das hatte er sich ganz allein zuzuschreiben! Bei Fieber ein heißes Bad zu nehmen! Also wirklich! Geschah ihm ganz recht!
Eine Lungenentzündung hatte er, den Geräuschen seiner Lunge beim Abhören nach zu urteilen, jedenfalls glücklicherweise nicht. Aber das hieß nicht, dass er sie nicht noch bekommen könnte. Da musste man aufpassen.
Maomao nahm sich vor, ihn am nächsten Morgen noch einmal abzuhören.
Sie drehte sich auf den Rücken und begann mürrisch Richtung Decke zu starren.
So wie Jinshi mit sich selbst umging, brauchte er sich auch nicht zu wundern, wenn er krank wurde. Zwar hatte sie mittlerweile eingesehen, dass er ein ziemlich hohes Amt bekleiden musste, konnte aber trotzdem nicht begreifen, wieso er sich das alles antat. Dieser Papierkram, an dem er ständig saß, war es doch nicht wert, sich dafür zugrunde zu richten! Sie verstand ihn nicht. Kein bisschen. Wenn er so weitermachte, würde ihm eher kein langes Leben beschert sein...
Sie hatte doch selbst davon gehört. Von Menschen, die sich zu Tode arbeiteten. Die eines Tages einfach umfielen und nicht mehr aufstanden...
Maomao gab einen weiteren Seufzer von sich und setzte sich auf.
„Im Moment habe ich jedoch eine andere Frage", murmelte sie. Dann nahm sie ihr Kissen und drückte es sich ans Gesicht.
„Warum kann ich einfach nicht aufhören, an ihn zu denken!?", schrie sie in das Kissen hinein, von ihrem eigenen Gefühlsausbruch überrascht. „Es geht mich doch nichts an, was er mit seinem Körper anstellt! Wenn er sich seine Gesundheit so dringend ruinieren und sich so früh wie möglich ins Jenseits begeben will, dann soll er es doch machen! Mit mir hat das jedenfalls nichts zu tun! Ich erledige hier bloß meine Arbeit, verdammt!"
Schwer atmend und vor Zorn kochend, schmiss sie das Kissen auf das Bett zurück und raufte sich frustriert die Haare. Dann umschlang sie ihre Knie und atmete tief durch, sich zur Beruhigung zwingend und versuchend, zu ihrer gewohnten Gelassenheit zurückzukehren. Mit mäßigem Erfolg.
Nein, so war an Schlaf ganz bestimmt nicht zu denken.
Maomao hatte keine Ahnung, über wen sie sich mehr ärgerte: den unvernünftigen Jinshi oder eher über sich selbst für das Verschwenden wertvoller Schlafenszeit.
„Nein, wirklich, wieso tue ich das? Wieso denke ich ohne Ende an ihn? Ich habe ihm das gleiche Mittel gemacht, wie all den anderen Patienten auch, die mit einer Erkältung Paps’ Apotheke aufgesucht haben. Ich weiß doch, dass es wirkt."
Diesmal schwang nicht nur Gereiztheit, sondern auch Erstaunen in ihrer Stimme mit.
Ehrliches Erstaunen. Denn das war das allererste Mal, dass sie sich um einen Patienten solche Gedanken machte, und sie hatte keine Ahnung, wieso. Was unterschied ihn von den anderen?
Zwar war Maomao mit einer unbändigen Neugier gesegnet und liebte Rätsel, doch wenn es um Gefühle ging, fühlte sie sich ihnen ab und zu hilflos ausgeliefert.
Nein, nicht irgendwelche Gefühle. Sondern ihre eigenen.
Maomao blickte stirnrunzelnd auf ihre Hand, auf welche Jinshi vorhin seine gelegt hatte, bevor er eingeschlafen war. Seine große, etwas kühle Hand, die ihre Finger sanft gestreichelt und nach einigen Minuten aufgehört hatte zu zittern...
Sie tat einen erneuten tiefen Atemzug, stand auf, zog sich wieder um, nahm die Flasche mit der restlichen Erkältungsmedizin und den Löffel und verließ letztendlich das Zimmer.
Wem wollte sie hier eigentlich etwas vormachen? Dieser dickköpfige Trottel war ihr ganz offensichtlich nicht egal.
Wenn er ihr egal wäre, würde sie jetzt schlafen wie ein Stein.
***
Suiren sah kurz verwundert auf, als sich die Tür zu Jinshis Gemächern öffnete, lächelte dann aber, als sie sah, wen es zu so später Stunde dorthin verschlagen hatte.
„Lass mich raten: du konntest nicht schlafen und bist stattdessen gekommen, um nach dem jungen Herrn zu sehen, nicht wahr?"
Maomao gab ein Murren von sich, welches wohl als ein „Ja" aufgefasst werden sollte.
Ohne auch nur ein Wort der Erklärung für ihr Zurückkommen zu liefern, begab Maomao sich schnurstracks zum Bett des jungen Adeligen. Sie brauchte aber auch überhaupt nichts zu erklären, denn Suiren hatte ihre Beweggründe bereits selbst erraten, mit einer solchen Genauigkeit, als ob sie ihre Gedanken gelesen hätte. Maomao fragte sich, ob sie tatsächlich so leicht zu durchschauen war. Na ja, wie auch immer.
Sich ihren Zorn von vorhin nicht anmerken lassend, stellte die Apothekerin die Flasche mit der Medizin auf den kleinen Tisch in der Nähe des Bettes ab, legte den Löffel dazu und näherte sich schließlich Jinshi.
Dieser lag immer noch genauso da, wie sie ihn vorhin zurückgelassen hatte, und schlief tief und fest, dabei wegen seiner verstopften Nase leichte Pfeifgeräusche von sich gebend. Aber dank der Salbe schien ihm das Atmen tatsächlich etwas leichter zu fallen. Maomao war froh, dass sie alle Zutaten dafür parat gehabt hatte und sie auf die Schnelle hatte anrühren können.
Sie nahm sich vor, Jinshi am nächsten Tag eine Mischung aus kochendem Wasser, Kamillenblüten und Salz zuzubereiten und ihn den Dampf inhalieren zu lassen, um seine Nase wieder frei zu bekommen. Aber dafür müsste erst einmal sein Fieber sinken.
„Wie geht es ihm? Ist während meiner Abwesenheit etwas vorgefallen?", sprach sie endlich und legte die Hand auf seine Stirn. Mit Erleichterung feststellend, dass diese bereits etwas weniger glühte.
„Nein, nichts, wie du siehst, schläft er immer noch ruhig. Deine Medizin wirkt wirklich wunderbar, Xiaomao.”
„Na kein Wunder, ist ja auch Paps' Rezeptur", dachte Maomao, mit Stolz an ihren Adoptivvater Luomen denkend, der ihr alles beigebracht hatte, was sie wusste.
„Ich habe den Rest mitgebracht”, sagte sie. „Dieser sollte noch für zwei oder drei Dosen reichen und dann werde ich Nachschub herstellen.”
Suiren stellte einen Krug mit frischem Wasser neben Maomaos Medizin. Für einige Augenblicke herrschte Schweigen.
„Sehr gut. Und jetzt, da du dich vergewissert hast, dass sich der Zustand des jungen Herrn nicht verschlechtert hat, kannst du ja wieder schlafen gehen, nicht wahr, Xiaomao?"
Als Antwort zog sich Maomao wieder einen Stuhl heran und nahm neben dem Bett Platz.
Suiren weitete zuerst etwas erstaunt die Augen, doch dann lächelte sie wissend.
„Oh, möchtest du etwa bei ihm bleiben?”
Maomao sagte immer noch nichts. Sie warf der obersten Zofe bloß einen Blick zu, der in deren Augen wohl mehr verriet als tausend Worte.
„Verstehe. Ich bin mir sicher, dass er sich sehr freuen wird, dich gleich beim Aufwachen zu sehen.”
***
Die Minuten vergingen in fast vollkommener Stille. Es war eine ruhige, friedliche Nacht, während der der Mond am leicht bewölkten Himmel stand und in Jinshis Gemächer hineinschien, in denen immer noch einige Kerzen brannten und die beiden schlafenden Gestalten im Raum zusammen mit dem Mond in ein sanftes Licht badeten.
Maomao neigte gefährlich weit nach vorn und war kurz davor, vom Stuhl zu fallen, auf dem sie immer noch saß, schlug dann aber die Augen auf, als Jinshi sich im Schlaf auf den Rücken drehte und die Nase hochzog. Sie brauchte einen Moment, um sich zu erinnern, wo sie war.
„Bin ich also doch eingenickt", dachte sie, sich die müden Augen reibend und gähnend. „Kein Wunder nach einem solchen Tag." Sie gab ein mit leichtem Ärger durchsetztes Seufzen von sich. „Letztendlich habe ich mir sehr wohl zu viele Gedanken gemacht und sinnlos Zeit vergeudet. Ich wusste, ich hätte im Bett bleiben sollen." Zwischen ihren Augenbrauen erschien eine kleine Falte. „Aber zu spät, um sich darüber zu ärgern. Daran lässt sich auch nichts mehr ändern."
Suiren hatte sich eine Weile nach Maomaos Rückkehr aus dem Raum zurückgezogen mit der Erklärung, dass sie die beiden jungen Leute nicht stören wollte. Maomao begriff nicht ganz, was sie damit gemeint hatte (Jinshi war zu dem Zeitpunkt nämlich der Einzige gewesen, der geschlafen hatte, und den störte Suiren ganz gewiss nicht), aber sie beschloss, nicht nachzufragen.
Und so befanden sie und der junge Herr sich nun seit einiger Zeit ganz allein in seinen Gemächern.
Die Apothekerin stand auf, streckte sich ein wenig und richtete ihren Blick dann auf den jungen Adeligen im Bett. Dabei stellte sie fest, dass seine Decke ein wenig heruntergerutscht war und ein etwas stärkeres Zittern durch seinen Körper ging. Also rückte sie diese wieder zurecht und besah sich kurz sein Gesicht.
Dann schnalzte sie mit der Zunge und zog ein Taschentuch aus ihrem Ärmel hervor, Jinshi vorsichtig die gerötete Nase säubernd, aus der ein dünner Rotzfaden lief und im schwachen Licht glänzte.
„Hach, wie ein kleines Kind…"
Ja, eine Inhalation wäre wahrlich nicht schlecht. Und heißer Ingwer. Der würde ihn von innen aufwärmen und auch bei der Senkung des Fiebers unterstützen.
Darüber dachte Maomao nach, während sie sich wieder hinsetzte, die Arme verschränkte und weiterhin schweigend den schlafenden Jinshi beobachtete. Nach einer Weile gähnte sie erneut und drehte den Kopf zum Fenster, sich überlegend, wie viele Stunden wohl noch bis zum Morgengrauen geblieben waren.
„Wenn ich schon hier sitze, kann ich mich auch mit etwas beschäftigen.”
Daraufhin fiel ihr ein, dass einer ihrer Röcke einen Riss hatte. Zwar hatte sie sich von Suiren Nadel und Faden geliehen, um ihn zu flicken, aber bisher leider nicht die Zeit gefunden, sich damit zu befassen, sodass es in Vergessenheit geraten war.
Na das war doch die perfekte Gelegenheit! Sie würde bloß aufpassen müssen, sich nicht in den Finger zu stechen, da das Nähen bei dem Licht und ihrer Müdigkeit zu einer kleinen Herausforderung werden würde. Aber Maomao war zuversichtlich, dass sie es hinbekommen würde. Wäre ja nicht das erste Mal.
Und falls Jinshi danach immer noch schlief, könnte sie bis zu seinem Erwachen möglicherweise selbst noch etwas schlafen. Auf dem Stuhl, wohlgemerkt. Ja, ganz genau: sie dachte gar nicht erst daran, zum Schlafen in ihr Zimmer zurückzukehren, da sie aus unerfindlichen Gründen die dumpfe Vorahnung hatte, dass sie dort erneut keine Ruhe finden und nach kurzer Zeit schon wieder in Jinshis Gemächern landen würde.
Wie sinnlos und dämlich das ihrer Meinung nach auch klingen mochte.
Die Apothekerin schüttelte den Kopf. Irgendwie schien Jinshis Unvernunft in letzter Zeit leicht auf sie abzufärben. Kam wohl davon, wenn man in derselben Residenz lebte und es tagtäglich miteinander zu tun hatte.
Sie stand auf und steuerte die Tür an, um die zum Nähen benötigten Sachen aus ihrem Zimmer zu holen.
Jedoch merkte sie beim Verlassen des Raumes nicht, dass Jinshi im Schlaf die Fäuste geballt und das Gesicht verzogen hatte.
Einige Tränen liefen aus seinen Augen und durchtränkten das Kissen.
***
In einer dunklen, stillen Ecke seiner Gemächer auf dem Boden sitzend, hob Jinshi träge den Kopf und blickte mit erschöpften Augen und leicht geöffnetem Mund Richtung Fenster. Die Sonne war gerade dabei aufzugehen und die Welt in ein warmes, orangefarbenes Licht zu tauchen.
Ein weiterer Tag hatte begonnen. Ein weiterer Tag ohne Maomao. Ein weiterer Tag unerträglicher Qualen.
Niemals enden wollenden Qualen, die ihn nicht einmal für einen Moment in Frieden ließen.
Einige Tropfen des in der vergangenen Nacht gefallenen heftigen Regens fielen immer noch vom Rande des Daches und liefen das Fensterglas herab. Genau wie Jinshis Tränen in jener Nacht seine Wangen entlanggeflossen waren. Und in der davor. Und in der davor genauso.
So viele schlaflose oder mit Albträumen versetzte Nächte, von denen die dunklen Ringe unter seinen Augen Bände sprachen.
Es schien fast so, als wolle jener Regen draußen den aktuellen Gemütszustand des jungen Adeligen veranschaulichen. Ihm sein Mitgefühl ausdrücken. Oder ihn möglicherweise sogar auch verhöhnen.
Was auch immer es war, Jinshi wollte nichts davon sehen. Er drehte den Kopf weg und richtete seinen Blick wieder auf den Boden. Es war ihm mittlerweile vollkommen egal geworden, ob die Sonne aufging oder nicht. Ohne Maomao war seine Seele sowieso in einer undurchdringlichen Finsternis gefangen, da würde es auch keinen großen Unterschied mehr machen, falls für immer Nacht herrschen sollte.
Der junge Mann wirkte mittlerweile wie ein Schatten seiner selbst: seine sonst so mit Leben erfüllten violetten Augen waren stumpf und matt, blutunterlaufen und geschwollen von dem Schlafmangel und all der Tränen, seine langen Haare hatten ihren gewohnten Glanz verloren und waren leicht zerzaust und selbst der honigsüße Tonfall war komplett aus seiner Stimme verschwunden, die kaum noch ein Wort herausbrachte.
Aber selbst in seinem aktuellen Zustand war er gnadenlos gezwungen, seiner täglichen Arbeit nachzugehen, für die er eigentlich keine Kraft mehr hatte. So wie für alles andere auch.
In Gegenwart von anderen Menschen, außer den beiden, denen er am meisten vertraute, hatte er sich zuerst auch alle Mühe gegeben, sein gewohntes umwerfendes Lächeln aufzusetzen, doch irgendwie hatte seine Maske Risse bekommen und ließ es so künstlich aussehen wie noch nie.
Ach, aber es war ja nicht so, als ob die Palastdamen sich darum scheren würden, wie er sich wirklich fühlte und ob sein Lächeln nun echt war oder bloß aufgemalt. Sie interessierten sich wie immer nur für sein Äußeres, für nichts weiter als seine Fassade.
Denn sie waren ja nicht Maomao.
Jinshi besah sich seine leicht zitternden Hände.
Von Anfang an war er in jenem kaiserlichen Palast nichts weiter als ein Schauspieler gewesen. Denn wer kannte schon sein wahres Ich? So gut wie niemand.
So gut wie keiner sah in ihm bloß einen Menschen. Kein sagenhaftes Himmelswesen, sondern einen Menschen.
Denn sie waren ja nicht Maomao.
Und nun hatte dieser einst makellose Schauspieler schlussendlich seine einstudierten Zeilen, diejenigen, die ihm eigentlich bereits längst ins Blut übergegangen waren, vergessen.
Die Zeilen, welche sowieso nie eine Bedeutung besessen hatten.
So wie alles andere auch.
Jinshi war klar geworden, dass er ohne die Apothekerin ein Nichts war. Ein absolutes Nichts.
Und das ausgerechnet erst nach ihrem Weggang. Als es schon zu spät war.
Nun war sie nicht mehr da und er wusste, dass er sie nirgendwo finden würde, egal wie lange er auch nach ihr suchen, egal wie viele Runden er durch den Inneren Palast drehen und egal wie oft er die Jade-Residenz besuchen würde. Sie war fort. Fort aus dem kaiserlichen Palast. Jedoch nicht aus Jinshis Kopf und auch nicht aus seinem Herzen. Es verging keine Sekunde, während der er nicht an sie dachte. Und es machte ihn vollkommen fertig. Er hatte keine Ahnung, wie lange er dies alles noch durchstehen würde.
Es war so dunkel, so unfassbar dunkel und kalt... ohne Maomao fühlte sich Jinshi, als stünde er inmitten eines grausamen Schneesturms, ganz allein und kurz davor zu erfrieren, ohne zu wissen, was er machen oder wohin er gehen sollte. Ohne einen Weg zurück Richtung Sonne. Zur Sonne, deren Wärme er wohl nie wieder spüren würde.
Dieser Gedanke ließ ihn schaudern und seine linke Hand packte seine Kleidung, genau an der Stelle, wo sich sein Herz befand, als ob dieses ebenfalls bereits unwiederbringlich zu einem Eisbrocken gefroren war, sodass er niemals wieder in der Lage sein würde, ehrlich zu lächeln oder Gefühle zu haben. Gefühle außer Schmerzen, Kummer und einer schier unerträglichen Sehnsucht, der Liebe zu jemandem, den er aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen würde.
Bis vor Kurzem hatte der junge Herr noch geglaubt, dass wahre Liebe nichts als eine Illusion war, eine Art schönes Mythos aus Romanen und anderen Geschichten. Aber kein Wunder, war er doch in der kaiserlichen Familie groß geworden, in einem „Frauengarten", wo besagte Frauen nur dazu da waren, dem Kaiser zu dienen und dessen Nachkommen zur Welt zu bringen. Es war ihre Pflicht, keine von ihnen tat es aus Liebe.
Und so hatte Jinshi sein Leben lang gedacht, dass so etwas wie Liebe eben nicht existierte.
Bis er Maomao begegnet war und sie mit der Zeit immer besser kennengelernt hatte. Bevor er sich versehen hatte, war es auch schon um ihn geschehen.
Was genau diese Apothekerin, diese besondere und einzigartige junge Frau, während jener kurzen Zeit mit ihm angestellt hatte, vermochte er nicht zu sagen. Aber was auch immer es gewesen war... tat nun fürchterlich weh.
Noch nie im Leben hatte er dermaßen gelitten. Als ob man ihn zusammen mit seinen Qualen für immer in eine dunkle, einsame Zelle gesperrt hätte, ohne eine Chance, jemals das Tageslicht wiederzusehen.
Jinshi war sich sehr wohl bewusst, dass er sich seinem Status nicht gerade angemessen verhielt und Suiren und Gaoshun Kummer bereitete, doch er konnte einfach nicht anders. So stark war er nun einmal nicht, wie ihm nun schmerzlich bewusst wurde. Denn er war tatsächlich bloß ein Mensch, nicht mehr und nicht weniger.
Nicht einmal seine Schreibarbeit erledigen konnte er noch. Egal wie eindringlich er auch auf die Dokumente vor sich auf dem Tisch starrte und sich zu konzentrieren versuchte, egal wie oft er sich die Schriftzeichen auf den Papieren durchlas, gelang es ihm einfach nicht, ihren Sinn zu erfassen. Als ob sein Verstand sich losgelöst hätte und zu nichts mehr imstande war, als durch Erinnerungen zu wandern.
Erinnerungen an seine Apothekerin.
Sein Körper dagegen war nun nichts mehr als eine leere Hülle. Seine Seele, sein Körper, seine Stimme... alles vollkommen nutzlos geworden.
Was hätte er nicht alles gegeben, um sie wiederzusehen... ihre wunderschönen blauen Augen auf sich gerichtet zu wissen… egal, ob sie ihn nun wie ein widerwärtiges Insekt ansah oder nicht.
Aber ein kleiner Trost war ihm trotz all dem Leid noch geblieben: das Wissen, dass er ihrem Wunsch gemäß gehandelt hatte.
„Ich tat es für sie, für sie, nur für sie allein...", murmelte er in seine triste Einsamkeit hinein. „Es war das, was sie wollte... sie ist kein Spielzeug... und war es auch nie..."
Doch trotz dieser Worte, die verzweifelt und leider so gut wie erfolglos sein gefrorenes Herz zu wärmen versuchten, war und blieb er ohne sie ein Nichts. Weder ein „wunderschöner Eunuch", noch eine „himmlische Nymphe" oder als was auch immer die anderen ihn auch bezeichnen mochten. Gar nichts. Nichts außer einer jämmerlichen, armseligen Gestalt, deren Kummer Pilze sprießen ließ.
Nichts hatte für ihn noch eine Bedeutung... alles war sinnlos ohne Maomao.
Bei diesen Gedanken begannen neue Tränen in Jinshis Augen zu brennen, was ihn dazu veranlasste, mit beiden Händen das Gesicht zu bedecken.
Wie seltsam... und er hatte geglaubt, er hätte sie schon längst alle vergossen…
***
Ein Schluchzen entfuhr Jinshis Kehle, während er abrupt die Augen aufriss. Schwer atmend und schweißgebadet starrte er Richtung Decke. Der Kummer, den er gerade noch empfunden hatte, schnürte ihm die Kehle zu, sodass er kein Wort herauszubringen vermochte.
Der junge Adelige hob seinen fürchterlich schmerzenden und vor Fieber glühenden Kopf und sah sich verängstigt und leicht verwirrt um.
So wie es aussah, lag er in seinem Bett, so viel war ihm klar geworden. War das, was er gerade erlebt hatte, also bloß... ein Traum gewesen? Ein böser Traum, ausgelöst durch Erinnerungen an eine schmerzvolle Zeit in seinem Leben?
Er nieste und ließ den Kopf kraftlos zurück auf das Kissen fallen, als ihm nach wenigen Sekunden schwindelig wurde. Dann schloss er immer noch schnaufend die Augen.
Welche er sogleich wieder weit aufriss, so erschrocken, dass sich vor Angst seine Pupillen verengten.
Moment mal! Wenn das Ganze also nur ein fürchterlicher Albtraum gewesen war, wo war dann Maomao?! Wieso konnte er sie nirgendwo sehen?! Hatte sie ihn etwa tatsächlich verlassen?! Das konnte doch nicht sein!
Jinshi stockte für einen Moment der Atem, als ihn die blanke Panik packte. Das Herz pochte ihm wie verrückt gegen die Rippen, so heftig, dass es beinahe wehtat.
Wo war sie?! Wo war sie bloß?!
„A-Apo... thekerin", brachte er mit erstickter Stimme hervor. Tränen liefen ihm die Wangen entlang und aus seiner Nase tropfte es. „Apothekerin… Maomao!”
Er musste sie finden!
Wie es nur ging, schaffte er es, seinen geschwächten und sich unfassbar schwer anfühlenden Körper aus dem Bett zu bekommen und wankte mit seinem vom Albtraum und Fieber immer noch vernebelten Verstand aus dem Zimmer, um nach Maomao zu suchen.
Barfuß, schniefend und am ganzen Leib wie Espenlaub zitternd.
„K-Kalt... so kalt..."
Er fror genauso, als sei er immer noch in seinem bösen Traum gefangen.
***
Maomao hatte mittlerweile alles aus ihrem Zimmer geholt, was sie brauchte, und war nun auf dem Weg zurück zu Jinshis Gemächern, unterwegs den Riss in dem zu flickenden Rock inspizierend.
„Hm, sehr groß ist er nicht, also werde ich dafür nicht sehr lange brauchen, vermute ich", dachte sie und konnte ein weiteres Gähnen nicht unterdrücken. „Und dann versuche ich wirklich, wenigstens ein bisschen zu schlafen. Wer weiß, wie lang der morgige Tag sein wird."
Auf einmal vernahm sie ein Schnaufen vor sich im Korridor und sah verwundert auf.
Eine zerzauste Gestalt war gerade dabei, auf unsicheren Beinen in der Dunkelheit auf sie zuzuschwanken. Maomao blieb stehen und hob beide Augenbrauen, zu verblüfft, um auch nur ein Wort herauszubringen. Für einen Augenblick dachte sie, dass ihr übermüdeter Verstand ihr vielleicht einen Streich spielte.
Nach einigen Momenten fand sie jedoch ihre Stimme wieder, als sie erkannte, um wen es sich da handelte.
„Eure Exzellenz! Was macht Ihr denn hier?! Wieso seid Ihr nicht im Bett?!"
„A-Apothekerin... Du bist... wirklich hier...", hörte sie den jungen Herrn mit Mühe hervorbringen. Er hustete zwischen den Worten.
„Hä? Was meint Ihr damit?" Stirnrunzelnd eilte Maomao auf ihn zu. „Ihr müsst auf der Stelle zurück ins Bett!"
Ihre Worte ignorierend (oder auch überhaupt nicht hörend), blieb er stehen.
„Hab dich... gefunden... D-Du bist... wirklich hier..." Seine Stimme klang so, als würde er einen Kloß im Hals haben.
„Oh, nein! Er spricht im Fieberwahn!", dachte Maomao, die Zähne zusammenbeißend, und war bereits kurz davor, ihn am Handgelenk zu packen. Sie musste ihn so schnell wie möglich zurückführen und ihm noch mehr von ihrer Medizin einflößen! So wie es aussah, war die vorherige Dosis doch nicht genug gewesen.
Doch dann...
... schrie sie beinahe auf, als er aus heiterem Himmel auf die Knie fiel und sie so fest umarmte, dass er beinahe die Luft aus ihr herausdrückte. Die Objekte, die sie vorhin in den Händen gehalten hatte, fielen zu Boden.
„Eure Exzelle-"
„Warm... du bist s-so... warm...", schluchzte Jinshi, verzweifelt sein Gesicht an ihre schmale Schulter pressend. Seine Tränen begannen, ihre Kleidung zu durchnässen.
Die Apothekerin riss die Augen weit auf, als sie spürte, wie heiß seine Stirn war. Es gab keine Zeit zu verlieren, sie musste auf jeden Fall etwas unternehmen!
Mit anderen Worten: ihn zuallererst ins Bett zurückbekommen.
Sie musste sich nur noch überlegen, wie.
„Soll das ein Scherz sein?! Ich war doch nur ganz kurz weg! Fünf Minuten! Höchstens zehn!", regte Maomao sich gedanklich auf, während sie immer noch in Jinshis Umarmung gefangen war, kaum imstande, sich zu rühren. „Was ist bloß in meiner Abwesenheit vorgefallen?"
Sie konnte Jinshis keuchenden Atem an ihrem Hals und das heftige Pochen seines Herzens an ihrem Oberkörper spüren. Der Duft ihrer Salbe ging schwach von seinem Körper aus. Immer noch weinend, hatte er die Augen geschlossen und hielt sie einfach nur fest, mitten in der Dunkelheit des Korridors seiner Residenz kniend, seine Nase an ihrer Halsbeuge vergrabend. Es sah nicht so aus, als habe er vor, sie so bald loszulassen.
Maomao atmete tief durch und packte ihn schließlich bei den Schultern, die von der Wucht seiner Schluchzer bebten. Überhaupt zitterte er so heftig, dass es sich sogar auf Maomaos Körper übertrug. Er befand sich in einem fürchterlichen Zustand. Sie wunderte sich, wie er es überhaupt geschafft hatte, ohne Hilfe die Strecke von seinem Bett bis zu ihr zurückzulegen und dabei nicht umzufallen. Musste wohl reine Willenskraft gewesen sein.
Die Apothekerin bohrte ihm ihre Nägel in die Schultern, im Versuch, seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihn dazu zu bringen, aus seinem Fieberwahn zu erwachen und ihr zuzuhören. Wobei sie bei seinem hohen Fieber keine allzu großen Hoffnungen hegte. Doch aktuell hatte sie einfach keine andere Wahl. Sie konnten ja nicht bis zum Morgengrauen so bleiben.
„Ihr glüht vor Fieber, Herr! Ihr müsst auf der Stelle ins Bett zurück, hört Ihr mich? Eure Exzellenz!"
Keine Reaktion. Er stammelte bloß „D-Du bist hier... A-Apothekerin… Maomao…", ohne mit dem Schluchzen aufzuhören. Um ehrlich zu sein, weinte er so heftig, dass Maomao schon Angst bekam, er würde keine Luft mehr kriegen, wenn es so weiterging. Schließlich war seine Nase immer noch verstopft.
„Beruhigt Euch, Herr. Ihr erstickt noch!"
Aber er dachte überhaupt nicht daran, sich zu beruhigen, sondern klammerte sich weiterhin an sie, so verzweifelt, als würde er im offenen Meer ertrinken.
Maomao begriff überhaupt nichts. Was zur Hölle war bloß los mit ihm?! Sie musste ihm unbedingt noch mehr von ihrer Medizin einflößen.
Aber dazu musste sie ihn erstmal irgendwie auf die Beine bekommen. Oder sich zumindest aus seinen Armen befreien, damit sie losrennen und Gaoshun holen konnte, welcher der Einzige in der Residenz war, der die nötige Körperkraft besaß, um Jinshi zu tragen.
Sie versuchte sich mit aller Macht herauszuwinden, seinen Griff um ihren Körper zu lockern, die Hände auf seine Brust zu stützen und ihn wegzuschieben. Alles sinnlos. Jinshi gab nicht nach. Selbst mit seinem Fieber und seinem geschwächten Zustand war der junge Herr immer noch deutlich stärker als sie.
„Uh..."
Maomao verzog leicht das Gesicht, da Jinshis Umarmung nach ihren Befreiungsversuchen sogar noch fester wurde, so fest, dass ihre Rippen langsam zu schmerzen begannen.
Wie könnte sie bloß aus diesem Schlamassel herauskommen? Der junge Adelige war gerade offensichtlich nicht er selbst, da würde es also wohl nichts bringen, an seine Vernunft zu appellieren, oder?
„Verdammt! Wenn er jetzt erneut zusammenbricht, werde ich ihn nicht allein wieder aufrichten können! Und schon gar nicht auffangen! Eher würde ich von seinem Fall mitgerissen werden!"
Zum allerersten Mal verfluchte Maomao ihre kleine Statur und körperliche Schwäche.
Die Apothekerin schloss kurz die Augen und tat noch ein paar tiefe Atemzüge, im Versuch, sich selbst zu beruhigen und sich etwas Neues zu überlegen. Wenn auch sie jetzt die Fassung verlor, wäre keinem von ihnen beiden geholfen.
Schließlich öffnete sie die Augen wieder und schnaubte. Nun gut. So wie es aussah, brachten bloße Worte und bloße Taten in dieser Situation überhaupt nichts, also musste eben ein anderer Weg her. Einer, der beides kombinierte.
Zuerst musste sie versuchen, den jungen Herrn in die Realität zurückzuholen.
Maomao bekam seinen Kopf mit beiden Händen zu fassen und schaffte es nach einiger Anstrengung schließlich, diesen von ihrer Schulter zu heben.
Jinshis Gesicht war knallrot und mit Tränen und Rotz verschmiert.
Nun war er tatsächlich nichts weiter als bloß ein kranker junger Mann. Zwar war Maomao immer noch der Meinung, dass er sich das alles selbst eingebrockt hatte, doch aus irgendeinem Grund tat ihr bei seinem Anblick das Herz weh. Keine Ahnung, wieso.
„Eure Exzellenz", probierte sie erneut, ihn anzusprechen.
Nichts. Gut, nächster Versuch.
Ihn bei seinen heißen, nassen Wangen festhaltend, blickte Maomao ihm nun direkt in die weit aufgerissenen und vor Fieber glasigen Augen, aus solcher Nähe, dass sich ihre Nasenspitzen berührten. Nun musste er sie einfach bemerken.
„Apo... Apothekerin..."
Und tatsächlich stellte sie fest, dass er sie nun ebenfalls ansah.
Maomao spürte, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel, doch sie wusste, dass es noch zu früh für Erleichterung war.
„Ganz genau, Herr. Ihr habt Recht, ich bin wirklich hier. Seht Ihr mich?"
„J-Ja..."
Jinshi blinzelte einige Male, aber er sah bereits ein kleines bisschen ruhiger aus.
Es klappte! Er hörte endlich zu! Sie war zu ihm durchgedrungen.
„Gut. Und nun lasst mich los, Herr. Bitte."
Daraufhin schüttelte er so heftig den Kopf, dass sie Mühe hatte, diesen weiterhin festzuhalten.
„Nein! Ich... Ich lasse dich n-nicht los! Niemals wieder!"
Maomao zwang sich, ruhig zu bleiben. Wenn es gleich beim ersten Versuch geklappt hätte, wäre es ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.
Sie sah ihm erneut in die Augen und ließ dann sein Gesicht los. Er legte es nicht wieder zurück auf ihre Schulter. Na, das war ja schon mal was.
„Nur für einen Moment, Herr, damit ich Euch dabei helfen kann, wieder aufzustehen. Und Ihr braucht mich auch nicht komplett loszulassen. Hier, Ihr könnt immer noch meine Hand halten."
Die Apothekerin hob ihre linke Hand, damit er sie sehen konnte.
„Ihr könnt hier nicht bleiben, Eure Exzellenz, sonst wird Euer Fieber nur noch schlimmer. Und bestimmt tun Euch von dem harten Boden hier schon die Knie weh. Lasst uns zu Eurem Bett zurückkehren, in Ordnung? Macht Euch keine Sorgen, ich bin hier und gehe nirgendwohin."
Sie versuchte, ihre Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen. Zwar gelang ihr dies, ihrer eigenen Meinung nach, nicht gerade wunderbar, weil sie mit so etwas keine Erfahrung hatte, doch zu ihrer Freude schien es tatsächlich zu funktionieren.
Sie mit seinem linken Arm immer noch umschlungen haltend, hustete er, nahm dann etwas zögerlich und langsam ihre vorhin angebotene Hand und drückte sie. Sein Weinen schien auch schwächer geworden zu sein.
„W-Wirklich?"
„Wirklich."
„Ver... Versprochen?"
„Ja, ich verspreche es, Eure Exzellenz. Und nun kommt, lasst bitte los."
Maomao konnte spüren, wie ihr Geduldsfaden langsam, aber sicher immer dünner wurde. Aber sie musste sich im Zaum halten, sonst wäre alle Mühe vergebens.
Zum Glück schien Jinshi jedoch nun endlich überzeugt zu sein. Er nahm auch seinen linken Arm von ihr.
„Puh... bin ich froh, dass es geklappt hat", dachte sie, sich kurz die schmerzenden Rippen reibend. „Mein allerletzter Ausweg wäre gewesen, ihm eine Ohrfeige zu verpassen, um ihn wieder zu sich kommen zu lassen, aber das wollte ich nun wirklich tunlichst vermeiden." Sie warf einen erneuten kurzen Blick auf sein Gesicht. „Er macht gerade auch so schon mehr als genug durch."
Sie ergriff seinen linken Arm, während sie mit ihrer linken Hand immer noch seine rechte hielt.
„So, und nun legt bitte Euren Arm um meine Schultern. Ich helfe Euch auf die Beine."
Gaoshun holen zu gehen, kam für die Apothekerin nicht mehr in Frage, da sie so ihr Versprechen an Jinshi brechen würde. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterhin allein zurechtzukommen.
***
Mit seinem linken Arm um ihre Schultern und ihren eigenen rechten um seine Taille geschlungen, führte Maomao Jinshi Schritt für Schritt durch den Korridor.
Dabei hielt er immer noch ihre linke Hand mit seiner rechten fest. Maomao sagte nichts dazu. Sie war einfach nur froh, dass sie ihn endlich vom Boden hochbekommen hatte.
Zwar bewegte er einigermaßen selbstständig die Füße und verlagerte auch nicht sein gesamtes Gewicht auf sie, wofür sie ihm äußerst dankbar war, doch aufgrund seiner Schwäche war sie trotzdem gezwungen, ihn quasi halb vorwärts zu schleifen.
Es war für die zierliche Apothekerin alles andere als einfach, den jungen Herrn, der bestimmt fast doppelt so viel wog wie sie, beim Gehen zu stützen, doch sie hielt eisern durch. Schließlich blieb ihr ja keine andere Wahl.
Maomao war schweißgebadet und keuchte vor Anstrengung. Ihr hing beinahe schon die Zunge aus dem Mund. Sie fühlte sich so, als stünde sie selbst kurz vor dem Zusammenbruch.
Aber so etwas durfte auf keinen Fall geschehen. Sie musste sich zusammenreißen.
„Apo... thekerin..."
„Ich.. bin hier. Nur noch... ein bisschen, Eure Exzellenz. Wir sind... bald da..."
„Morgen, wenn das alles vorbei ist, werde ich ein langes, heißes Bad nehmen", dachte sie, die Zähne zusammenbeißend und seine Taille noch ein bisschen fester umfassend. „Das habe ich mir verdient."
Die ganze Zeit über fürchtete sie, dass seine Beine unterwegs nachgaben und er erneut stürzte, doch zum Glück passierte dies nicht. Also blieb ihr zumindest das Schicksal erspart, unter seinem Körper begraben zu werden.
***
Nach einiger Zeit, die Maomao wie eine Ewigkeit vorkam, hatte sie es schließlich geschafft, Jinshi zu seinen Gemächern zu bringen und ins Bett zu bekommen, ohne dass unterwegs auch nur einer von ihnen zusammenbrach.
Sie ließ seine Hand los (seltsamerweise ließ er dies ohne Proteste zu, bestimmt, weil er inzwischen ein wenig zur Besinnung gekommen war), deckte ihn zu und stützte sich für einen Moment mit beiden Händen auf das Bett, um durchzuschnaufen.
Am liebsten wäre die Apothekerin jetzt auf ihren Stuhl geplumpst und hätte sich ein Weilchen ausgeruht, doch dafür hatte sie keine Zeit. Zuallererst musste sie sich um Jinshi kümmern, denn ihn ins Bett gebracht zu haben, war bloß der erste Schritt gewesen. Es war noch lange nicht vorbei.
Sie streckte kurz ihre schmerzenden Muskeln und ihren Rücken durch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und rannte los, um ein neues Stück Stoff in Wasser zu tauchen, welches zwar nicht mehr ganz so kühl war, aber immer noch seinen Zweck erfüllen würde. Zum Glück hatte Suiren alles vorbereitet, bevor sie gegangen war.
Ihr Blick fiel auf die von der obersten Zofe bereit gelegte Ersatzkleidung. Eigentlich wäre es nicht schlecht gewesen, Jinshi umzuziehen, doch die Apothekerin hatte einfach nicht die Kraft dazu.
„Mao... mao...", murmelte Jinshi und hustete, den Kopf in ihre Richtung gedreht und ihr mit dem Blick folgend. Er lag aktuell so gut wie reglos da. Maomao wusste nicht genau, ob man das eher als ein gutes oder als ein schlechtes Zeichen werten sollte, doch sie war froh, dass er endlich aufgehört hatte zu weinen und etwas weniger zitterte. Bestimmt war auch er am Ende seiner Kräfte, nahm sie an. Kein Wunder.
„Ich bin hier, Herr."
Bei all der Aufregung war ihr gar nicht aufgefallen, dass er sie beim Namen genannt hatte. Sogar mehrmals. Na ja, aber selbst wenn, hätte sie sich auch nicht wirklich darum geschert. Er war ihr Arbeitgeber, also konnte er sie eigentlich nennen, wie er wollte. Solange es nichts Peinliches war, war es ihr so gut wie egal.
Maomao wrang den Stoff aus und kehrte zum Bett zurück, wo sie die Haarsträhnen zur Seite strich, die an Jinshis verschwitztem Gesicht klebten, und ihm das feuchte Tuch auf die Stirn legte.
„M-Maomao..."
„Ja, doch! Ich bin hier!", versicherte sie ihm leicht gereizt. „Ich stehe doch direkt neben Euch."
„Wie lästig...", dachte sie stirnrunzelnd und erschöpft. „Noch schlimmer als ein kleines Kind... Wieso ist er bloß so fixiert auf mich? Noch mehr als sonst, meine ich. Ich verstehe ja, dass er Fieber hat, aber trotzdem."
Langsam begann es ihr auf die Nerven zu gehen, ständig das Gleiche zu wiederholen, doch Jinshi hatte wirklich hohes Fieber und sie wollte nicht das Risiko eingehen, dass er wieder aus dem Bett stieg und sich das Ganze von vorhin wiederholte. Und diesmal ganz sicher mit schlimmerem Ausgang.
Sie drehte sich für einen Augenblick um, um die Medizin vom Tisch zu nehmen, und als sie sich wieder Jinshi zuwandte, bemerkte sie, dass seine Augen sich schlossen.
„Hey, nicht einschlafen!", fuhr sie ihn an. Der letzte Rest ihrer Geduld war nun verbraucht, sodass sie für einen Augenblick ihren Standesunterschied vergaß. „Ihr müsst erst die Medizin einnehmen!"
Jinshi schlug die Augen wieder auf und blickte sie an. Er sah so erschöpft aus, dass Maomao leichte Gewissensbisse verspürte. Aber sie konnte ihn noch nicht schlafen lassen.
„Zur Hölle mit dem Löffel”, dachte sie und kehrte mit der Flasche in der Hand hastig zum jungen Herrn zurück. Dabei stieß sie vor lauter Eile aus Versehen den Stuhl um, der daraufhin umkippte und in der Stille der Nacht ein lautes Getöse verursachte, das im gesamten Raum widerhallte. Egal, sie würde ihn später aufheben. Jetzt hatte sie Dringenderes zu erledigen.
Maomao öffnete die Medizin, hob Jinshis Kopf an und näherte die Flasche seinem Gesicht.
„Trinkt, Eure Exzellenz."
Jinshi hob seine zitternde Hand und legte sie auf ihren Arm, der die Flasche hielt. Maomao ließ es kommentarlos zu, obwohl sie immer noch nicht begriff, wieso er dieses seltsame Bedürfnis hatte, sie ständig zu berühren. Aber egal, Hauptsache, er trank.
Und das tat er. Zwar würgte und hustete er dabei, sodass sie die Flasche mehrmals an seine Lippen ansetzen musste, doch schaffte es letztendlich, den Großteil der Flüssigkeit herunterzuschlucken.
Als es vollbracht war, wischte die Apothekerin ihm Mund und Kinn sauber, stellte die nun leere Flasche auf den Tisch zurück und atmete tief durch.
„Jetzt könnt Ihr schlafen...", murmelte sie.
***
Als Jinshi endlich wieder eingeschlafen war, gestattete Maomao es sich, ihre steifen Schultern zu entspannen und einen langen Seufzer von sich zu geben.
„Hoffentlich ist das Schlimmste jetzt überstanden", dachte sie, immer noch am Bett stehend und geistesabwesend seine Wange streichelnd. Ohne sich wirklich bewusst zu sein, was sie da tat. „Wenn Ihr vorhin doch nur auf mich gehört hättet... wäre das womöglich überhaupt nicht passiert... Ihr seid wahrhaftig ein Dummkopf, Herr..."
Ihre innere Stimme klang nun weder irritiert noch zornig... sondern einfach nur müde. Wahnsinnig müde.
Die Apothekerin drehte den Kopf zum Fenster. Der Mond stand draußen immer noch hoch am Himmel. Seit sie Jinshis Gemächer verlassen hatte, um die Nähsachen aus ihrem Zimmer zu holen, konnte höchstens eine Stunde vergangen sein. Schwer zu glauben.
„Ach ja... die Sachen. Die liegen ja immer noch im Korridor herum. Vielleicht sollte ich kurz hinlaufen und sie aufheben, damit in der Dunkelheit keiner versehentlich drauftritt und ich noch Ärger bekomme."
Zum Nähen selbst hatte sie zwar aktuell keine Energie mehr, aber zumindest das sollte sie tun.
Sie beugte sich wieder über Jinshi und musterte prüfend sein Gesicht. Und als sie sich vergewissert hatte, dass er tief und fest schlief, drehte sie sich um und schlich auf Zehenspitzen Richtung Tür.
Doch noch bevor sie diese erreicht hatte, vernahm sie hinter sich plötzlich ein gequältes Stöhnen und erstarrte auf der Stelle.
„A-Apothekerin... Maomao... N-Nicht gehen..."
„Was zum... Verdammt!" Zu behaupten, dass die Apothekerin verblüfft war, wäre zu wenig gesagt. Sie hatte doch gerade erst mit eigenen Augen gesehen, dass er sich im Tiefschlaf befand! Konnte er ihre Präsenz etwa selbst im Schlaf spüren?
Maomao drehte sich zum Bett um. Jinshi hatte sich auf die Seite gedreht und seine Hand in ihre Richtung ausgestreckt, als hätte er tatsächlich gespürt, dass sie kurz davor war, den Raum zu verlassen. Seine Finger bewegten sich, griffen ins Leere, als würde er nach etwas suchen. Nach ihr, nahm sie an.
„Nun, ich habe ihm versprochen, dass ich bei ihm bleibe, dass stimmt schon...", dachte sie mürrisch.
Sie kehrte zu ihm zurück und ergriff wieder seine Hand. Es half ja nichts.
„Ich bin hier, Herr...", murmelte sie und seufzte resigniert.
Dann würden die Sachen eben noch liegen bleiben müssen.
Apropos, liegen bleiben. Maomao drehte sich zum Stuhl, welcher vorhin umgefallen war, mit dem Vorhaben, diesen wieder aufzurichten und sich hinzusetzen, doch sie kam nicht ran. Auch dann nicht, als sie versuchte, so weit wie möglich ihren Fuß auszustrecken und das Möbelstück damit zu fassen zu bekommen und in ihre Richtung heranzuziehen.
Die Apothekerin zuckte die Achseln. Gut, dann würde sie Jinshis Hand eben kurz nochmal loslassen müssen. Doch dann riss sie die Augen weit auf, als sie feststellte, dass sie es nicht konnte...
Jinshi hielt ihre Hand mit eisernem Griff fest. Mit derselben Kraft, mit der er sie vorhin umarmt hatte. Jeder Versuch, sich zu befreien, schlug fehl.
„Wie stark ist dieser Kerl denn bitte?!", dachte sie aufgebracht. "Und das nicht nur im kranken Zustand, sondern auch noch im Schlaf!"
Nicht zu erwähnen, dass ihre eigene Kraft nun verbraucht war, nachdem sie ihn praktisch zum Bett geschleppt hatte.
Maomao verfluchte sich, dass sie den Stuhl nicht früher aufgehoben hatte. Sie wollte keine allzu ruckhaften Bewegungen machen, sonst würde sie den jungen Adeligen womöglich erneut aufwecken.
„Klasse. Was jetzt?", dachte sie, zum x-ten Mal die Zähne zusammenbeißend.
Maomao schnaubte. Eine weitere Welle der Erschöpfung überkam sie. Für den Rest der Nacht so stehen zu bleiben, kam definitiv nicht in Frage, das würden ihre Füße nicht durchhalten. Sich auf den Boden niederzulassen ebenso, da ihr bestimmt der Arm zum Morgengrauen abfallen würde, falls Jinshi ihre Hand bis dahin die ganze Zeit festhalten sollte.
Dann blieb ihr also nur die Möglichkeit, sich auf das Bett zu setzen. Oder nein, eigentlich gab es da noch eine...
Maomao schluckte und schielte erneut zu Jinshi. Wäre es wirklich in Ordnung? Schließlich war er immer noch ein Adeliger und sie seine Dienerin... Ach was, immerhin war er derjenige, der sie nicht loslassen wollte, also konnte sie damit argumentieren, dass sie keine andere Wahl gehabt hatte und sie selbst überhaupt keine Schuld traf.
Und so hob sie mit ihrer freien Hand die Decke an und legte sich vorsichtig neben Jinshi auf den Rücken hin, sie beide danach wieder zudeckend.
Ganz recht. Sie tat es nicht, weil sie es gerne wollte. Überhaupt nicht.
In diesem Moment ließ er ihre Hand los.
„Dieser..." Doch noch bevor sich Maomao eine Bezeichnung für Jinshi überlegen konnte, welche man nun wirklich nicht laut aussprechen dürfte, und wieder aus dem Bett zu steigen schaffte, drehte Jinshi sich auf den Bauch, schlang augenblicklich beide Arme um ihre Taille und legte den Kopf auf ihre Brust. Die Apothekerin erstarrte.
Der junge Herr gab einen Seufzer der Erleichterung von sich, zog noch ein paar Mal die Nase hoch und beruhigte sich dann schließlich komplett.
„Warm..." murmelte er leise im Schlaf. „Maomao..."
Diesmal antwortete sie ihm nicht, doch entspannte sich nach einem Moment wieder.
„Hält er mich etwa für sein Kissen?", dachte sie leicht genervt. „Ach was soll's. Zumindest sind wir jetzt nicht mehr im Korridor.”
Maomao wischte die noch verbliebenen Tränenreste von seinem Gesicht und platzierte das feuchte Tuch, das heruntergerutscht war, wieder zurück auf seine Stirn. Sie spürte seine immer noch leicht keuchende, aber trotzdem gleichmäßige Atmung und die fiebrige Hitze, die von seinem Körper ausging. Aber da sie ihm die Medizin verabreicht hatte, sollte es bald wieder besser werden.
„Jedoch glaube ich nicht, dass es so bequem ist, auf mir zu liegen." Sie dachte an ihre mehr als bescheidene Oberweite. „Scheint ihm aber nichts auszumachen."
Maomao platzierte eine Hand auf Jinshis Kopf und strich ihm leicht durchs zerzauste, aber immer noch seidig weiche Haar, welches ihm über Rücken und Schultern fiel.
„Mensch, er ist so eine Klette."
Die Apothekerin war froh, dass er zumindest nicht mit seinem gesamten Gewicht auf ihr drauflag, sondern nur mit seinem Kopf und einem Teil seines Torsos (welcher schon schwer genug war), sonst wäre sie bestimmt zerquetscht worden. Das wäre dann wirklich ein krönender Abschluss für diese lange, schwere Nacht geworden.
Außerstande, noch länger gegen die Erschöpfung anzukämpfen, und Jinshis Duft einatmend, der in der Luft hing und mit dem Geruch ihrer Salbe und ihrem Erkältungsmittel vermischt war, gähnte Maomao und schlief letztendlich ebenfalls ein.
In Jinshis Gemächern herrschte wieder eine so gut wie vollkommene Stille.
Einige Zeit später öffnete sich langsam die Tür zu Jinshis Gemächern und eine ältere Dame betrat mit leisen Schritten den Raum.
„Xiaomao! Ist alles in Ordnung? Kommst du allein zurecht mit dem jungen Herrn?", erkundigte sie sich, darauf Acht gebend, nicht allzu sehr die Stimme zu erheben, um besagten jungen Herrn nicht versehentlich aufzuwecken.
Keine Antwort. Leicht verwirrt machte Suiren einige Schritte auf das Bett zu und erblickte sogleich den umgekippten Stuhl, den sie ohne Nachzudenken wieder aufrichtete.
„Xiaomao?"
Dann fiel ihr Blick auf das Bett selbst und sie hob erstaunt die Hand zum Mund.
„Ach, du meine Güte!"
Schwach beschienen von dem durch das Fenster einfallenden Mondlicht und den immer noch brennenden Kerzen, lagen Jinshi und Maomao beide im Bett des jungen Adeligen und schliefen tief und fest. Sie auf dem Rücken und er auf dem Bauch und mit dem Kopf auf der Brust der jungen Frau, deren Hände auf seinen Schultern ruhten. Es war eine solch friedliche Szene, dass Einem vom bloßen Anblick ganz warm ums Herz wurde.
Die oberste Zofe lächelte sie sanft an.
„Ich wusste doch, dass es eine gute Idee war, die Kinder alleinzulassen."
Sie trat noch näher heran, legte die Hand auf Jinshis Stirn und nickte zufrieden, als sie feststellte, dass sein Fieber etwas gesunken war und er fast aufgehört hatte zu zittern.
Dann wischte sie ihm behutsam die Nase mit einem Taschentuch sauber, richtete die Bettdecke, die leicht heruntergerutscht war, holte frisches Wasser und verließ die Gemächer wieder, in der Absicht, die beiden weiterschlafen zu lassen.
„Maomao...", murmelte Jinshi im Schlaf, während sich die Tür hinter Suiren schloss.
***
Maomao verzog das Gesicht, als aus nächster Nähe ein Geräusch an ihr Gehör drang, als würde jemand die Nase hochziehen. Auf ihrem Oberkörper lag etwas Schweres und Warmes. Sie begann sich zu rühren und schlug langsam die Augen auf, ihren Blick schlaftrunken über die Umgebung schweifen lassend, so aussehend, als begreife sie nicht ganz, wo sie sich befand.
Der Dunkelheit nach zu urteilen, war es immer noch tief in der Nacht.
Die Apothekerin rieb sich die Augen und als sie daraufhin etwas den Kopf hob und den mit offenem Mund schlafenden Jinshi auf sich liegen sah, fiel ihr alles wieder ein.
Das Allererste, was sie tat, war, beinahe einem Reflex gleich, die Hand auf seine Stirn zu legen und seine Temperatur zu prüfen. Und gleich darauf erleichtert aufzuatmen.
„Puh, das Fieber ist endlich ein wenig gesunken", dachte sie, den Kopf wieder zurück aufs Kissen sinken lassend. „Ein Glück... letztendlich hat meine Medizin doch gewirkt. Die erste Dosis war eventuell bloß zu niedrig gewesen."
Der junge Adelige lag immer noch genau so da, wie zu dem Zeitpunkt, als sie eingeschlafen war: mit dem Kopf auf ihrer Brust und die Arme um ihre Taille geschlungen, als wäre sie tatsächlich nichts weiter als ein großes Kissen.
Maomao runzelte die Stirn, als sie daran zurückdachte, wie sie in jene mehr oder weniger missliche Lage hineingeraten war.
„Aber ich hoffe doch sehr, dass er mich am Morgen loslässt. Sonst verpasse ich ihm tatsächlich noch eine Ohrfeige. Soll er mich doch danach bestrafen, wenn er will, mir egal, genug ist genug."
Als hätte Jinshi irgendwie ihre Gedanken gespürt, zuckte er im Schlaf kurz zusammen und verzog leicht das Gesicht, danach die Arme noch etwas enger um sie schließend.
Maomao schnaubte und streichelte ihm durchs Haar, ihm eine Strähne hinters Ohr streichend.
„Gut, gut, schon verstanden. Dann eben keine Ohrfeige. Aber eine ordentliche Standpauke werde ich Euch halten, Eure Exzellenz, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Ungeschoren kommt Ihr mir nicht davon."
Daraufhin erst fiel ihr auf, dass ihm ein dünner Speichelfaden aus dem Mund und zum wiederholten Male Rotz aus der Nase lief, und spürte Feuchtigkeit an ihrem Oberkörper. Sie wollte gar nicht erst wissen, wie ihre Kleidung aktuell genau aussah. Am Morgen in ihrem Zimmer angekommen, würde sie sich als Allererstes umziehen und ihre dreckigen Sachen zur Schmutzwäsche tun. Die mussten dringend gewaschen werden, bevor sich noch jemand mit seiner Erkältung ansteckte.
Aber nun ja, in ihrem Fall war es möglicherweise bereits schon viel zu spät, so nah wie sie ihm gewesen war und immer noch blieb.
Sie nahm sich vor, ihm später auf jeden Fall am nächsten Tag heißes Ingwerwasser zu machen und auch selbst davon zu trinken, um ihre Abwehrkräfte zu stärken. Ach ja, und Suiren und Gaoshun, die ebenfalls Kontakt zum Kranken gehabt hatten, würde sie auch welches geben.
„Klasse. Zuerst macht er mich zu seinem Kissen und jetzt auch noch zu seinem Taschentuch. Schon wieder", dachte sie gereizt, sich an die Umarmung im Korridor erinnernd, während der er ihr sein verweintes und rotznäsiges Gesicht an die Schulter gedrückt hatte. Dann seufzte sie jedoch und zog mit einiger Mühe ein Taschentuch aus ihrem Ärmel, um ihm zum x-ten Mal das Gesicht sauberzuwischen.
Tja, so wirklich sauer war sie darüber eigentlich nicht. Schließlich war sie Apothekerin und seit Jahren Assistentin ihres Vaters und dies bei Weitem nicht das erste Mal, dass sie die Körperflüssigkeiten eines Patienten auf ihre Kleidung und Hände abbekommen hatte. Von Blut bis zum Erbrochenen war da alles dabei gewesen, also waren Tränen, Rotz und Speichel ihrer Meinung nach eigentlich nicht ganz so schlimm im Vergleich dazu.
„Und die Inhalation darf ich auch nicht vergessen. Wenn ich mir so seine Atmung anhöre, muss seine Nase immer noch ziemlich dicht sein. Außerdem muss auch etwas gegen seinen Husten getan werden, nicht, dass der wirklich noch zur Lungenentzündung wird."
Egal wann und egal wo, Maomao war und blieb immer noch Apothekerin, die sich Gedanken um mögliche Behandlungsmethoden ihrer Patienten machte. Mit der Tatsache, dass eben dieser Patient ihr doch etwas (oder auch ein wenig mehr als nur etwas) wichtiger war als die anderen, hatte sie sich auch schon längst abgefunden. Der beste Beweis dafür war, dass sie nun in seinem Bett lag und er verrotzt und fiebernd auf ihr schlief. Und ihr das, um ehrlich zu sein, nicht so wirklich etwas ausmachte, wie sie zu ihrer eigenen Verwunderung feststellen musste.
Jedoch verstand sie immer noch nicht ganz, wieso ihr das so wenig ausmachte, schließlich hatte sie ihn ganz zu Beginn - welch Ironie - für einen extrem schleimigen und widerlichen Typen gehalten, in dessen Nähe sie sich nicht einmal aufhalten wollte.
Vielleicht lag es ja daran, dass sie ihn nun deutlich besser kannte als damals und wusste, dass er trotz seines nervigen, aufdringlichen und oft auch kindischen Charakters doch ein ziemlich gutes Herz hatte. Zwar war er genau wie sie noch lange kein Heiliger, aber auch er hatte, wie sie zugeben musste, durchaus seine guten Seiten.
Oder es lag an ihrer Erschöpfung, wer weiß. Ach, aber eigentlich hatte sie nicht die geringste Lust, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. War ja auch nicht so wichtig. Wichtig war, dass sie den jungen Herrn wieder gesund bekam und das so bald wie möglich.
„Als ich ihn zurück zum Bett führte, war sein Husten ziemlich schlimm gewesen", sinnierte sie demnach unbeirrt weiter. „Wenn er aufwacht, muss ich ihm auf jeden Fall nochmal die Lunge abhören. Unter den Kräutern, die ich gestern gesammelt habe, war auch Thymian dabei. Tee aus Thymianblättern hilft sehr gut gegen Husten und ist außerdem entzündungshemmend."
Während ihr all diese Gedanken durch den Kopf gingen, spürte Maomao eine erneute Welle der Erschöpfung und gähnte, kurz davor, erneut einzuschlafen. Schließlich blieb noch Zeit bis zum Tagesanbruch, da wäre es höchst unklug, diese nicht zum Ausruhen zu nutzen.
„Na ja, zumindest schläft er jetzt wieder ruhig...", dachte sie noch.
Jedoch...
„Mm... M-Maomao...", hörte sie plötzlich, gefolgt von einem leisen Wimmern, was sie für einen Moment erstarren ließ. Sie blickte zu Jinshi und stellte fest, dass dieser angefangen hatte, neue Tränen zu vergießen, welche ihm über das Gesicht liefen und auf ihrer Kleidung landeten. Sein Zittern war auch wieder etwas stärker geworden.
Die Apothekerin hätte beinahe ein lautes Murren ausgestoßen, welches sie sich im letzten Moment verkniff.
„Mist! Zu früh gefreut... Nein... bitte nicht schon wieder...", dachte sie beinahe schon flehend. „Hört das denn niemals auf?"
Oh nein, hoffentlich würde Jinshis Fieber nicht schon wieder steigen! Da sie ihm vorhin die gesamte Medizin verabreicht hatte, war davon nämlich aktuell nichts mehr übrig, also müsste sie im Bedarfsfall aufstehen und neue machen. Was die Gefahr in sich barg, dass er in ihrer Abwesenheit schon wieder das Bett verließ und weiß-der-Geier wohin wanderte und sie ihn danach wieder zurückschleifen müsste. Zwar hatte sie ein wenig Schlaf abbekommen und fühlte sich bereits besser, doch für so etwas hatte sie trotzdem aktuell keine Kraft.
Ganz zu schweigen davon, dass er sie so fest hielt, dass sie sich kaum bewegen konnte und nicht einmal aufstehen könnte, wenn sie es wollte...
Also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu versuchen, ihn so gut es ging zu beruhigen.
Maomao schnaubte zum wiederholten Male. Oh ja, Jinshi war wahrhaftig der anstrengendste Patient, den sie jemals hatte.
Sie legte die Arme um seinen Hals und drückte seinen Kopf noch etwas fester an ihren Körper.
„Ich bin hier, Eure Exzellenz. Bitte hört auf zu weinen...", murmelte sie müde und begann dann mit einer Hand sanft seine Schulter zu streicheln und mit der anderen seine Wange. „Ich bin hier, wirklich hier... Schließlich habe ich es Euch versprochen..."
Nach einer Weile hörte er schließlich auf zu wimmern.
Maomao stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und begann, den wieder ruhig schlafenden Jinshi schweigend zu betrachten, ohne mit dem Streicheln aufzuhören. Nur um ganz sicher zu gehen, dass er auch ruhig blieb.
Sie fragte sich, ob Suiren und Gaoshun ihren Herrn jemals in einem solch hilflosen, erbärmlichen Zustand gesehen hatten.
„Bestimmt", dachte sie. „Schließlich kennen die beiden ihn schon sehr viel länger als ich." Sie glaubte nicht, dass sie tatsächlich die Einzige sein sollte, der er sein wahres Wesen so offen zeigte. Aber wer wusste das schon?
Für sie jedenfalls war dies das erste Mal.
Oder nein, nicht ganz.
Die Apothekerin näherte ihre Hand seinem Auge und nahm mit dem Zeigefinger eine Träne auf, die in seinem Augenwinkel verblieben war. Dann hob sie ihren feucht glänzenden Finger und betrachtete ihn eine Weile lang im Mondlicht.
Sich unwillkürlich an die Nacht erinnernd, an der sie zum allerersten Mal Jinshis Tränen gesehen hatte.
***
Es war eine sternenklare Nacht. Maomao saß draußen und betrachtete nachdenklich den Mond, welcher in der Dunkelheit auf sie herabschien. Ein wirklich großartiger Anblick, beinahe, als wäre er dafür geschaffen, um mit einem Glas Wein am Fenster zu sitzen und ein Gedicht über die Schönheit der Natur zu verfassen.
Die Apothekerin gähnte. Sie war vorhin rausgegangen, weil sie nicht schlafen konnte, aber nun hatte sich die Müdigkeit dann doch eingestellt. Ach, wie gerne würde sie nun aufstehen und zurück auf ihr Zimmer gehen. Wenn es nach ihr ginge, hätte sie das auch längst getan...
...aber sie saß nun einmal auf dem Schoß eines betrunkenen Jinshi, der sie fest umklammert hielt und einfach nicht loslassen wollte. Sie warf ihm einen bösen Blick zu, den er jedoch nicht sehen konnte, da er die Augen geschlossen hielt, den unteren Teil seines Gesichtes an ihre Schulter gedrückt.
Aber da er immer noch Tränen vergoss, beschloss sie, erstmal nichts mehr zu sagen, sondern abzuwarten, bis er sich wieder beruhigt hatte. Sie konnte zwar Vieles sein, aber herzlos war sie gewiss nicht.
„Aber er sollte wirklich nicht zu lange hier draußen sitzen", dachte sie. „Es ist einfach zu kalt dazu. Egal, ob er mich auf seinem Schoß hält oder nicht."
Zwar hatte sie keine Ahnung, was mit dem jungen Adeligen genau los war, doch konnte instinktiv spüren, dass er ihr gerade eine seiner verwundbarsten Seiten zeigte. Maomao war zwar nicht sehr bewandert, was Gefühle anging, doch sie hatte so ihre Zweifel, dass so viele Leute seine Tränen gesehen hatten. Ein Adeliger konnte nicht einfach so in der Öffentlichkeit weinen, so viel verstand selbst sie.
War sie überrascht, seine Tränen zu sehen? Selbstverständlich, aber irgendwie auch wieder nicht.
„Schließlich ist er trotz allem auch nur ein Mensch. Und Menschen weinen eben."
Jedoch begriff sie nicht, warum er weinte. War das wirklich nur, weil er betrunken war oder steckte möglicherweise etwas mehr dahinter?
Maomao hob den Blick wieder Richtung Himmel und gab einen Seufzer von sich. Wie auch immer. Was in seinem Leben vorging, ging sie nun wirklich nichts an, und sie war sich auch nicht sicher, ob sie es tatsächlich wissen wollte.
Aber eine Frage war trotzdem noch geblieben.
„Warum ausgerechnet ich, Eure Exzellenz?", flüsterte sie vor sich hin. „Warum vertraut Ihr mir so sehr?"
Dies war eine Tatsache, die sie am wenigsten verstand, denn ihrer Meinung nach hatte sie nun wirklich nichts Besonderes an sich. Sie war nichts weiter als eine einfache Dienerin, deren Leben so wenig wert war, dass es ihr mit einem einzigen Befehl eines Höhergestellten jederzeit genommen werden konnte. So wie Jinshi es war.
Ganz zu schweigen davon, dass noch nie zuvor jemand Trost bei ihr gesucht und sie deshalb nicht die geringste Ahnung hatte, was sie damit anfangen sollte. Sie hatte keine Erfahrung darin, andere Menschen zu beruhigen, ihnen Wärme zu schenken. Genau deshalb konnte sie auch nichts weiter tun, als einfach auf Jinshis Schoß sitzen zu bleiben, sich umarmen zu lassen und zu hoffen, dass er sich von allein wieder einkriegte.
Und während Maomao da so saß, versuchte sie sich zu erinnern, wann sie selbst das letzte Mal geweint hatte. Sie konnte es nicht.
Aber das war kein Wunder. Schließlich war sie als Baby, bevor sie von Luomen adoptiert worden war, die meiste Zeit komplett allein gelassen worden, da ihre Schwestern im Freudenhaus sie zwar sehr gern hatten, aber nun mal ihren Job erledigen mussten und sich nicht ständig um sie kümmern konnten. Niemand war gekommen, wenn sie geweint hatte, also hatte sie irgendwann ganz damit aufgehört.
So hatte man es ihr jedenfalls erzählt. Und Maomao wusste, dass es die reinste Wahrheit war. Natürlich war sie ihren Schwestern aber nicht böse deswegen, diese hatten ja keine andere Wahl gehabt.
Und was ihre Mutter anging… Maomao schluckte schwer. Nein, über diese Frau wollte sie nun wirklich nicht nachdenken.
Luomen war ein sehr sanfter Mann, der sie im Arm getragen hatte, als sie klein gewesen war, und ihr Zuneigung geschenkt hatte, doch alles, was sie in ihrer Kindheit durchgemacht hatte, hatte auch er nicht wiedergutmachen können. Viele ihrer Emotionen blieben demnach tief in ihrem Inneren verschlossen und erblickten kaum das Tageslicht. Wenn überhaupt.
„Ach, aber eigentlich ist Weinen so sinnlos. Es macht die Dinge auch nicht besser," dachte sie, während Jinshis Tränen weiterhin auf ihrem Nacken und ihrer Schulter landeten. Ohne es zu merken, legte sie beide Hände auf seine, welche sich immer noch auf ihrem Bauch befanden.
„Deshalb hört bitte auf, Eure Exzellenz...", sagte sie leise.
Einige Augenblicke später weiteten sich ihre Augen, als ihr auffiel, dass Jinshis Körper leicht zitterte.
„Verdammt, er friert! So wird er ganz sicher noch krank!", dachte sie und versuchte erneut, seinen Griff zu lockern. Ohne Erfolg.
„Eure Exzellenz! Lasst mich los! Ihr müsst wieder zurück! Es ist viel zu kalt, um hier draußen ohne Mantel herumzusitzen!"
„Dann musste mich eben noch'n wenig mehr wärmen", brachte er trunken hervor, vergrub seine Nase an ihrer Schulter und drückte sie noch ein wenig fester.
Maomao schnaubte. Oh, wie sie es hasste, sich mit Betrunkenen herumzuplagen!
„Bist so warm...", nuschelte er an ihrem Ohr und verstummte dann.
Die Apothekerin drehte den Kopf zu ihm und stellte fest, dass er eingenickt war.
„Na klasse. Genau das, was mir noch gefehlt hat", grummelte sie.
***
Aus ihren Erinnerungen erwachend, drückte Maomao Jinshi unbewusst noch etwas enger an sich, als befänden sie sich nicht in einem warmen Bett, sondern immer noch draußen unter freiem Himmel, wo sie ihr Bestes tat, um seiner Bitte nachzukommen und ihn so gut sie konnte vor der Kälte zu schützen.
„Weinen ist immer noch sinnlos..." flüsterte sie erschöpft. „Also nutzt Eure Energie lieber, um wieder gesund zu werden, Eure Exzellenz, statt sie auf diese Weise zu verschwenden."
Richtung Decke blickend, gab die Apothekerin schließlich einen Seufzer von sich.
„Na ja, aber zumindest ist er diesmal nicht betrunken", dachte sie und korrigierte sich kurz darauf selbst, während sie erneut seiner immer noch leicht schnaufenden Atmung lauschte. „Nein. Besser betrunken als krank."
Ganz genau: er tat ihr sehr wohl leid. Nach all dem, was geschehen war, ergab es nun wirklich keinen Sinn mehr, dies zu leugnen. Es machte ihr definitiv etwas aus, ihn so leiden zu sehen.
Und während sie da immer noch in Gedanken versunken war, spürte sie plötzlich, dass Jinshi sich erneut zu rühren begann. Etwas genervt die Wangen aufblasend, machte Maomao sich bereit, ihn schon wieder beruhigen zu müssen, sich fragend, ob sie in dieser Nacht wohl noch die Gelegenheit bekommen würde, bis zum Morgengrauen wenigstens noch ein bisschen zu schlafen.
Doch die Worte, die er daraufhin im Schlaf murmelte, ließen sie vor Schock so heftig erstarren, dass sie beinahe eine Minute lang keinen Muskel rühren konnte.
„Uh... du b-bist die Eine... die Einzige für mich..."
Maomao riss die Augen so weit auf, wie ihre Lider es zuließen, spürend, wie ihre Atmung für einen Augenblick aussetzte. Sie sah so aus, als hätte jemand vor ihren Augen ihre gesamten Heilkräuter in Brand gesetzt. Zwar war Jinshi glücklicherweise nicht so weit gekommen, das gefürchtete „L"-Wort auszusprechen, doch ihr Bauchgefühl, welches sich im Falle einer herannahenden Gefahr oft einschaltete, sagte ihr, dass er genau dies gemeint haben musste. Ihr Magen zog sich zusammen. Am liebsten wäre sie davongerannt und hätte sich unter ihrer eigenen Bettdecke versteckt, doch da sie immer noch unter dem jungen Herrn lag, war ihr dies verwehrt.
Die Apothekerin schüttelte heftig den Kopf. Sie musste sich beruhigen, sonst lief sie noch Gefahr, Jinshi aufzuwecken! Selbst wenn sie diese Worte von ihm gehört hatte, hatte sie doch überhaupt keine Beweise, dass er damit tatsächlich sie gemeint hatte! Genau, ganz bestimmt sprach er von einer ganz anderen Frau!
Gekonnt die Tatsache ignorierend, dass er die ganze Nacht nach niemand anderem als ihr gerufen hatte. Aber das musste doch nicht unbedingt zusammenhängen, oder? Oder?!
„D-Die Einzige für mich... Maomao..."
Mist!
Vor Panik und Verzweiflung keuchend, versuchte die Apothekerin nach weiteren plausiblen Erklärungen zu suchen. Das Fieber! Genau, das Fieber! Er sprach immer noch im Fieberwahn! Das musste es sein!
Gekonnt die Tatsache ignorierend, dass besagtes Fieber längst nicht mehr so hoch war.
Doch nach einiger Zeit gelang es ihr mit Mühe, sich wieder zu fassen, und sie gab mit einem langen Seufzer auf, sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn wischend.
„Bitte tut Euch das nicht an, Eure Exzellenz", murmelte sie kraftlos. „Ihr habt die falsche Person gewählt..."
Erneut die Hände auf seine Schultern legend, drehte sie dann den Kopf zur Seite und starrte eine Weile lang die Wand an, ohne sich zu bewegen oder ein Geräusch von sich zu geben.
„Warum ich? Warum ausgerechnet ich?", wisperte sie in die Dunkelheit hinein. „Es gibt so viele andere Frauen, die Ihr stattdessen haben könntet..."
Sie fühlte sich so, als hätte sie jemand in einen Käfig gesteckt und den Schlüssel weggeworfen.
Für einen kurzen Moment lag so etwas wie Melancholie, man könnte sogar sagen, Traurigkeit in ihrem Blick. Als würde sie an alles Mögliche denken und gleichzeitig doch an nichts Konkretes.
Bis sie sich auf einmal mit beiden Händen kräftig auf die Wangen klatschte und wieder zu sich kam. Ihre Atmung war inzwischen auch wieder zur Normalität zurückgekehrt.
Ohne zu wissen, was sie sonst tun sollte, begann sie erneut, Jinshis Haar zu streichelnd, darum betend, dass er keine weiteren solchen Dinge von sich gab. Er seufzte leise im Schlaf, blieb jedoch zum Glück still.
Trotzdem stellte sich Maomao immer noch die Frage, was sie mit seinen vorhin ausgesprochenen Worten anstellen sollte. Sollte sie dieses Gebrabbel eines schlafenden, kranken Typen überhaupt ernst nehmen?
Die Apothekerin schluckte. Vielleicht sollte sie einfach, um unnötige Schwierigkeiten zu vermeiden, so tun, als hätte sie gar nichts gehört.
Ja, das wäre das Beste.
Ein Glück, dass er das Ganze im Schlaf gesagt hatte. Da würde er sich wohl kaum später daran erinnern. Hoffentlich.
Und mit diesem Gedanken spürte Maomao, wie sie erneut von ihrer Erschöpfung überwältigt wurde.
„Zuerst vernachlässigt er seine Gesundheit und wird krank... und jetzt auch noch das... Es ist wirklich... so anstrengend mit ihm...", dachte sie noch, bevor sie wieder in einen tiefen Schlaf fiel, ihre Hände zu Fäusten ballend.
Jinshi verzog den Mund und grummelte leise, als ihm ein Sonnenstrahl direkt ins Gesicht schien. Eine seltsame Schwere in seinen Gliedern spürend, versuchte er, die störende Morgensonne zu ignorieren und weiterzuschlafen, doch diese dachte überhaupt nicht daran, ihn in Ruhe zu lassen. Wie lästig.
Zwar nicht mehr schlafend, aber immer noch mit geschlossenen Augen, lag er eine Weile lang einfach nur da und dachte an gar nichts. Sein Kopf pochte fürchterlich, aber zumindest glühte er nicht mehr so schrecklich wie zuvor.
Der junge Adelige entspannte seine gerunzelte Stirn, als ihm bewusst wurde, dass er mit dem Oberkörper auf etwas wunderbar Warmem und Weichen lag, und drückte sich unbewusst noch enger daran, die Nase hochziehend, welche sich unangenehm wund anfühlte. Sie war noch immer verstopft, sodass er, wie bereits am Vortag, überhaupt nichts riechen konnte.
Jedenfalls nichts außer dem Trunk, den Maomao ihm gegen seine Erkältung eingeflößt hatte. Dessen Geschmack war so stark und fürchterlich gewesen, dass Jinshi allein bei der Erinnerung daran eine Grimasse zog. Aber solange er half, konnte der junge Adelige schlecht dagegen protestieren, und er hatte es auch nicht vor. Schließlich war er kein Kind mehr. Mal ganz davon zu schweigen, dass er seiner Apothekerin vollkommen vertraute und wusste, dass sie ihm kein Gift unterjubeln würde (wenn schon, dann eher sich selbst).
Er gähnte und streckte leicht den Rücken durch. Auch wenn es ihm missfiel, war es nun einmal Morgen und leider viel zu hell zum Schlafen. Zwar würde er an jenem Tag nicht arbeiten müssen (wenn er es trotzdem versuchte, würde Maomao ihn bestimmt höchstpersönlich ans Bett fesseln), aber er war es nun einmal gewohnt, jeden Tag früh aufzustehen. Da konnte selbst die Erkältung nicht viel daran ändern.
Und während er so darüber nachdachte, fielen ihm endlich die regelmäßigen Bewegungen und das rhythmische Geräusch auf, beides ausgehend von diesem gemütlichen Etwas, auf dem er lag. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ach, war das angenehm... am liebsten wollte er für alle Ewigkeit so bleiben.
Jedoch...
Moment mal! Seit wann atmete sein Kissen denn und besaß einen Herzschlag?!
Jinshi riss auf der Stelle die Augen auf. All die Schläfrigkeit war schlagartig von ihm abgefallen.
Ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren, hob er rasch den Kopf und wurde dafür mit einem Schwindelgefühl belohnt, welches er so gut es ging zu ignorieren versuchte.
„Apothekerin!", dachte er, seinen Augen kaum trauend und sich mit einer Hand an den Kopf fassend. „Aber was...? Wie...?" Seine Gedanken überschlugen sich und sein Herz begann wie wild zu pochen.
Nachdem er es irgendwie geschafft hatte, sich zu beruhigen, rollte er von Maomao herunter und auf die Seite, krampfhaft versuchend, sich zu erinnern, wie und wann sie in seinem Bett gelandet war.
Leider vergeblich.
Maomao selbst schlief währenddessen immer noch tief und fest, überhaupt nicht ahnend, was neben ihr gerade vor sich ging. Ihr Mund zuckte zwar kurz, doch im Großen und Ganzen ließ sie sich nicht von seinen Bewegungen stören. Sie musste wirklich erschöpft sein.
Während er mit immer noch gerötetem Gesicht neben ihr lag und ihr schlafendes Profil betrachtete, konnte Jinshi schließlich spüren, wie seine Anspannung allein von ihrem Anblick nach und nach wich. Seine Hand streckte sich wie von allein aus und streichelte vorsichtig ihre Wange.
Tja, die Erklärung konnte auch warten, bis die Apothekerin aufwachte. Der Tatsache nach zu urteilen, dass sie beide angezogen waren, konnte der junge Herr wenigstens ausschließen, dass etwas Unanständiges zwischen ihnen passiert war. Zumindest hoffte er das, denn falls etwas von dieser Art geschehen sollte, würde er sich doch ziemlich gern daran erinnern können, vielen Dank aber auch!
Sich auf seinen Ellenbogen abstützend, hob er den Oberkörper an. Langsam begannen nun doch, einzelne Erinnerungen zu ihm zurückzukehren. Zwar waren sie ziemlich vage, was bestimmt an seinem Fieber lag, aber immer noch besser als nichts.
Da war die Erinnerung daran, wie er, von Angst zerfressen und trotz seines Schwindels und Fiebers, aufgebrochen war, um nach Maomao zu suchen, dann, wie er sie verzweifelt umarmt, und als Nächstes noch, wie sie ihn zurück zum Bett geführt hatte... Danach kam nichts mehr, ganz egal, wie sehr er sich auch bemühte. Bestimmt hatte er da bereits geschlafen und nichts mehr mitbekommen.
Doch die wenigen Dinge, an die er sich erinnern konnte, reichten bereits, um ein schlechtes Gewissen bei ihm auszulösen. Er gab ein Seufzen von sich.
„Da habe ich dir ganz schön viel Mühe bereitet, was?", murmelte er, ihr langsam durchs Haar streichelnd. „Tut mir leid."
Sein Blick wurde von leichter Traurigkeit getrübt. Er machte eine kleine Pause, daran zurückdenkend, wie oft sie ihn schon wegen seines Überarbeitens ermahnt hatte, und beschloss schließlich zum allerersten Mal jene Gefühle in Worte zu fassen, die ihn jedes Mal überkamen, wenn er ihre Vorwürfe hörte, jedoch bisher tief in seinem Inneren verborgen waren.
„Ob du es glaubst oder nicht, aber ich weiß sehr wohl, dass meine Gesundheit wichtiger ist als die Arbeit, aber... ich wurde mein ganzes Leben lang dazu angehalten, hart zu arbeiten, anderen nur meine guten Seiten zu zeigen... den Schein zu wahren, was auch immer geschieht. Mir war es nie so richtig gestattet, mich um mein eigenes Wohlergehen zu kümmern. Deshalb kann ich nicht anders und werde mich wohl auch in naher Zukunft nicht wirklich ändern können. Bitte hab Geduld mit mir, ja?"
Jinshi rieb seinen schmerzenden Kopf und legte ihn neben ihrem auf das Kissen. Als Nächstes umarmte er die Apothekerin erneut, seine Wange an ihre pressend, jedoch vorsichtig genug, dass er sie nicht aufweckte. Ein kleines Lächeln zierte nun seine Lippen.
„Später bekommst du von mir eine große Flasche Wein als Entschädigung für den ganzen Ärger. Aber nicht alles auf einmal austrinken, ja?”
Mit diesen Worten verstummte er wieder und beschloss, aktuell einfach nur die Zeit mit ihr zu genießen, so lange diese auch anhalten mochte.
Es war so schön, neben ihr zu liegen, zu wissen, dass sie bei ihm war. So wahnsinnig beruhigend...
Im Moment war Jinshi trotz seiner Erkältung und immer noch leicht erhöhten Temperatur wunschlos glücklich.
Doch als würden sie es genau darauf abzielen, diesen perfekten Moment zu zerstören, kamen ihm nach einigen Augenblicken Erinnerungen an seinen Albtraum, Fragmente des unerträglichen Schmerzes und der tiefen Sehnsucht, an denen er sowohl im Traum als auch vor nicht allzu langer Zeit auch in der Wirklichkeit gelitten hatte. Sie bohrten sich einem spitzen Eispfahl gleich direkt in sein Herz, als wollten sie es durchstoßen. Ein eiskalter Schauder lief über den Rücken des jungen Herrn, so heftig, dass ihm eine Sekunde lang der Atem stockte.
Jinshi biss die Zähne zusammen, schmiegte sich unbewusst noch etwas enger an die Apothekerin und gab sofort einen Seufzer der Erleichterung von sich, als er spürte, wie das Eis zu schmelzen und die fürchterliche Kälte zu weichen begann.
„Wie warm sie doch ist!", dachte er, die Augen schließend und den leisen Atemzügen der jungen Frau lauschend. „So wunderbar warm..."
Wenig später legte sich plötzlich etwas auf seinen Arm, der Maomaos Körper umschlungen hielt und er öffnete leicht verblüfft die Augen, sich fragend, was das denn sein könnte.
Und stellte fest, dass dieses Etwas ihre Hand war.
„Ich bin hier, Eure Exzellenz…” murmelte Maomao leise im Schlaf. „Wirklich hier… nicht weinen...”
Jinshi hatte das Gefühl, als sei es nun sein Herz, welches gleich schmelzen würde.
„Ja, das bist du", wisperte er überglücklich, ein leises Lachen von sich gebend. „Du bist richtig unglaublich, weißt du das? Beruhigst mich sogar im Schlaf, also wirklich..."
Aber das wirklich Unglaubliche war, wie geschützt er sich in ihrer Nähe fühlte. Eine ganz schön komische Vorstellung, um ehrlich zu sein, wenn man an ihren Größenunterschied dachte.
Tja, aber komisch oder nicht, es war nun einmal die reine Wahrheit, die ihm erst jetzt so richtig bewusst wurde.
Obwohl er körperlich so viel größer und so viel stärker war, fühlte er sich sicher in ihren Armen, so sicher wie er sich im Leben noch nie gefühlt hatte. Als würde diese zierliche junge Frau mit ihrer inneren Stärke seine Seele beschützen, fast schon eine Barriere errichten, die kein einziger Albtraum durchdringen konnte. Allein ihre Anwesenheit ließ jedes Fünkchen Angst im Nu verschwinden.
Selbst wenn er bis an sein Lebensende suchen würde, würde er niemals einen anderen Menschen finden können, der so war wie sie.
Er fühlte sich so wohl an ihrer Seite, dass er ihr mit einer schier unfassbaren Leichtigkeit und ganz ohne Nachzudenken die menschlichsten und am tiefsten verborgenen Seiten seines Wesens offenbarte. Seiten, die er noch niemandem zuvor gezeigt hatte. Denn er wusste, dass Maomao sie einfach als Tatsache, als ein Teil von ihm akzeptieren würde, ohne etwas zu hinterfragen. Und ohne ihn dafür zu verurteilen.
Egal, wie schlimm besagte Seiten auch sein mochten.
Sie war einer von nur ganz wenigen Menschen, in deren Gesellschaft er einfach nur er selbst sein konnte, ohne sich verstellen zu müssen.
Jinshi lächelte sie liebevoll an, zog seinen Arm vorsichtig weg und nahm dann ihre Hand, diese sanft drückend.
„Danke, dass du die Einzige bist, die über die Fassade hinausblickt..."
Er musste gähnen und fühlte, dass seine Augen kurz davor waren, sich erneut zu schließen. Die Wärme, die von Maomaos Körper ausging, machte ihn trotz des hellen Sonnenlichts langsam aber sicher schläfrig. Nein, bitte nicht! Diese Gelegenheit, seiner Apothekerin derart nahe zu sein, war so selten, da konnte er sie doch nicht mit Schlafen verschwenden! Jede Sekunde musste genossen werden!
Jinshi kämpfte mit aller Kraft gegen den Schlaf an, zwang seine Augen, offen zu bleiben. Sein Kopf pochte erbarmungslos und er drückte die Stirn an Maomaos Schulter, bis der Schmerz ein wenig nachgelassen hatte. Dann legte er ihre Hand behutsam aufs Bett und schlang erneut den Arm um sie.
Wie sehr wünschte er sich, dass die Zeit stehenblieb, damit sie beide für immer so zusammen sein konnten.
Nach einer Weile nahm er die Stirn wieder von ihrer Schulter und beobachtete sie erneut beim Schlafen. Sie sah so friedlich aus. Ihr Mund war leicht geöffnet und die kleinen Hände zu Fäusten geballt.
„Schau dich nur an... wie niedlich du bist..."
Er hatte Lust, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, doch dann fiel ihm ein, dass dies wegen seiner Erkältung höchstwahrscheinlich keine so gute Idee war und verwarf sie. Tja, es war ihm eben nicht bewusst, dass dies auch keinen Unterschied mehr machen würde, da er sie durch den engen Kontakt bestimmt schon längst angesteckt hatte. Aber gut.
Und so blieb er weiterhin neben ihr liegen, sie einfach im Arm haltend und sich Mühe gebend, das Kratzen, welches er schon seit seinem Aufwachen im Hals spürte, so gut es ging zu ertragen und seinen Husten zu unterdrücken oder zumindest leise genug zu halten, um die Apothekerin nicht aufzuwecken.
Bis jetzt gelang ihm dies auch ganz gut, jedoch...
...begann seine Nase auf einmal zu kribbeln und er konnte nicht anders, als zu niesen. So laut, dass es im ganzen Raum widerhallte.
Maomao begann sich zu rühren.
Jinshi gab einen Seufzer der Enttäuschung von sich. Da konnte man nichts machen. Auch der schönste Traum musste irgendwann enden.
Die Apothekerin murrte leise und schlug schließlich die Augen auf. Sich diese reibend, drehte sie noch leicht benommen den Kopf zur Seite. Der junge Adelige setzte ein kleines Lächeln auf, als ihre Blicke sich trafen.
„Guten Morgen”, sagte er mit seiner durch den Schnupfen leicht nasalen Stimme, als wäre es für sie beide die normalste Sache der Welt, im selben Bett aufzuwachen.
Etwas die Stirn runzelnd, erwiderte Maomao seinen Gruß. Da sie nicht so aussah, als wolle sie ihm Erklärungen liefern, wie genau sie in seinem Bett gelandet war, beschloss auch er, trotz seiner Neugier erstmal nicht nachzufragen, sondern es einfach als Tatsache hinzunehmen.
Stattdessen streckte sie auf der Stelle die Hand aus und befühlte seine Stirn. Ihrem Gesicht nach zu urteilen, war sie erleichtert, dass sich diese längst nicht mehr so heiß anfühlte.
„Wie fühlt Ihr Euch, Herr?”, fragte sie.
„Schon deutlich besser und das alles dank dir.”
Maomao sagte nichts dazu, sondern drehte sich prompt auf die Seite und begann, an seiner Kleidung herumzunesteln, um seine Brust freizulegen. Der junge Herr fühlte leichte Nervosität in sich aufsteigen, doch ließ sie ohne ein weiteres Wort gewähren. Nach ihrem engen Kontakt wäre alles andere ja auch irgendwie absurd gewesen.
„Und nun haltet bitte kurz still, Eure Exzellenz. Ich werde jetzt erneut Eure Lunge abhören.”
Jinshi spürte ein Kribbeln im Magen, als sie ihr Ohr an seine Brust zu drücken begann und ihm ab und zu Anweisungen gab, tiefer zu atmen oder einige Male zu husten. Während er schweigend ihren Bitten nachkam, legte er die Hände auf ihren schmalen Rücken und schloss die Augen, um es einfach zu genießen. Da er sich deutlich besser fühlte als am Vorabend, als sie dies das erste Mal gemacht hatte, konnte er das ja.
Viel zu schnell war es vorbei. Maomao nahm das Ohr von seiner Brust und blickte ihm ins Gesicht. Sie protestierte nicht dagegen, dass der junge Adelige sie erneut umschlungen hielt, demnach beschloss er, dies auszunutzen und sie erstmal noch nicht loszulassen.
„Zum Glück höre ich auch jetzt keine verdächtigen Geräusche in Eurer Lunge, aber da Ihr immer noch hustet, werde ich Euch heute im Laufe des Tages als Mittel dagegen Tee aus Thymianblättern zubereiten”, begann sie ihm zu erklären. „Und eine Inhalation, um Eure Nase freizubekommen und heißes Ingwerwasser. Außerdem werde ich noch mehr von der Erkältungsmedizin von gestern herstellen, für den Fall, dass Euer Fieber wieder steigt.”
Jinshi verzog bei der Erwähnung des Letzteren zwar ganz kurz eine angewiderte Miene, konnte jedoch nichts anderes tun als einzuwilligen.
„In Ordnung. Tu alles, was du für nötig hältst, Apothekerin. Ich verlasse mich da ganz auf di-.”
Er verstummte abrupt, als er Maomaos eindringlichen Blick auf sich bemerkte, und spürte, wie ihm erneut heißer wurde. Diesmal jedoch nicht vom Fieber.
Sich aus Jinshis Umarmung befreiend, im Bett aufsitzend und sich die Hand zum Kinn führend, studierte sie mit einem leichten Stirnrunzeln gründlichst sein Gesicht, so als wolle sie seine Seele, sein Innerstes ergründen. Das war zwar nicht das erste Mal, dass sie so etwas tat, doch wenn es passierte, verschlug es dem jungen Adeligen stets die Sprache.
Jinshis Augen weiteten sich leicht. Einige Schweißtropfen liefen ihm die Schläfe entlang.
„W-Was ist denn?”, brachte er schließlich heraus.
„Nichts,” antwortete sie gelassen. „Ich habe mich bloß die ganze Zeit gefragt, wie Euer Zustand sich letzte Nacht so plötzlich und so drastisch verschlimmern konnte. Ich habe Euch doch bloß für wenige Minuten allein gelassen. Meiner Meinung nach habe ich nichts übersehen, als ich Euch gestern Abend untersucht habe, aber es kann natürlich sein, dass ich mich irre.”
Jinshi wendete verlegen den Blick ab. Auch wenn er sich in Maomaos Gegenwart wahnsinnig wohl fühlte und es ihm leicht fiel, ihr sein wahres Ich zu offenbaren, war ihm sein nächtliches Verhalten im Nachhinein doch ein wenig peinlich. Selbst vor ihr.
Maomao hob eine Augenbraue, als sie seine Reaktion sah, sagte jedoch nichts mehr.
„Ähm, nun… ich hatte einen schrecklichen Albtraum…”
„Einen Albtraum? Und nur deswegen hattet Ihr solch ein hohes Fieber?”
Der junge Herr beschloss, ganz ehrlich mit ihr zu sein, und sah ihr nun selbst in die Augen.
„Ich träumte davon, wie du mich verlassen hast…”
Maomaos Augen weiteten sich leicht, doch sie fasste sich schnell wieder.
„Ach so, verstehe”, meinte sie bloß. „Deshalb habt Ihr Euch also so an mich geklammert und nach mir gerufen.” Sie klang weder überrascht noch verärgert, sondern einfach nur so, als würde für sie alles nun einen Sinn ergeben. Oder als beträfe es sie gar nicht.
Um ganz ehrlich zu sein, hatte Jinshi keine Ahnung, ob er über ihren nüchternen Tonfall froh sein sollte oder nicht. Ein bisschen verletzte ihn ihre scheinbare Gleichgültigkeit aber schon.
Danach herrschte eine Weile lang Stille.
Diese war dem jungen Herrn ein wenig unangenehm, deshalb beschloss er, das Thema zu wechseln und der Apothekerin nun selbst eine Frage zu stellen, die ihn brennend interessierte.
„Sag mal… wie bist du eigentlich in meinem Bett gelandet?”
Maomao funkelte ihn an, als wäre er ein Stück schimmliges Brot.
„Ihr habt mich im Schlaf bei der Hand gepackt und wolltet nicht loslassen. Da Ihr viel stärker seid als ich, konnte ich mich nicht befreien und hatte keine andere Wahl”, erklärte sie trocken.
Jinshi schoss wieder die Schamesröte ins Gesicht.
„Oh, das tut mir leid… sonst aber habe ich nichts im Schlaf getan, oder?”
„Nein, Herr.”
Zwar war Jinshi keineswegs entgangen, dass sie bei seiner Frage heftig zusammengezuckt war und einen Augenblick brauchte, um zu antworten. Doch er beschloss, nicht nachzuhaken, um sie nicht unnötig zu reizen.
Als wäre nun die Apothekerin diejenige, die gerne das Thema wechseln wollte, holte sie tief Luft. Der junge Adelige sah ihrem Gesicht an, dass gleich eine neue Standpauke kommen würde. Nun gut, die hatte er verdient, das sah er ein.
Und er sollte mit seiner Vermutung Recht behalten.
„Ihr habt gestern nicht auf mich gehört und nun seht, was Ihr davon habt! Wenn Ihr Euch rechtzeitig hingelegt hättet, wie ich es Euch empfohlen habe, wäre das alles vielleicht überhaupt nicht passiert. Ihr seid störrischer als ein Esel, Eure Exzellenz.”
Und natürlich nahm sie wie immer kein Blatt vor den Mund, was denn auch sonst?
„Das sagt ja genau die Richtige”, dachte Jinshi, zog es jedoch vor, den Mund zu halten. Stattdessen seufzte er.
„Gut, du hast Recht. Tut mir leid.”
Maomao entspannte ihre Gesichtszüge wieder und seufzte ebenfalls. Falls sie erstaunt sein sollte, dass er diesmal so leicht nachgab, ließ sie es sich nicht anmerken.
„Schon in Ordnung. Was geschehen ist, ist geschehen. Jedenfalls reicht es nicht aus, wenn Ihr nur heute im Bett bleibt, Herr. Mindestens zwei oder drei Tage müssen es schon sein, wenn nötig, auch eine Woche.”
Der junge Adelige setzte sich nun ebenfalls im Bett auf. Sein Mund stand leicht offen vor Verblüffung.
„Was? Aber…”
Doch noch bevor Jinshi seinen Satz beenden konnte, streckte Maomao plötzlich die Hand aus und packte ihn am Unterkiefer. Kräftig. Dann starrte sie ihm direkt in seine violetten Augen, mit einem Blick, der fast schon demjenigen ähnelte, mit dem sie damals Gemahlin Lihuas Zofe nach ihrer Ohrfeige bedacht hatte.
Ein höchst gefährlicher Blick.
„Habe ich da etwa ein „Aber" gehört? Ich verstehe. Mit anderen Worten: Ihr wollt unbedingt, dass ich Eure nächste Mahlzeit mit ein wenig Abführmittel garniere, nicht wahr?", knurrte sie fast schon, kniff die Augen bedrohlich zusammen und bohrte ihm ihre Nägel in die Haut, diese beinahe zerkratzend. Es war mehr als offensichtlich, dass sie die Nase gehörig voll hatte. So voll, dass sie allem Anschein nach für einen Moment vergessen hatte, dass er ihr Arbeitgeber war.
Jinshi schluckte. Er war dermaßen eingeschüchtert, dass er es nicht wagte, auch nur einen Muskel zu rühren.
„N-Nein...", brachte er schließlich hervor.
„Jetzt habe ich sie ernsthaft wütend gemacht, was?", dachte er, während ihm ein Schauder über den Rücken lief.
Die Apothekerin stieß daraufhin ein „Hmpf" aus, doch so wie es aussah, hatte sie seine Antwort einigermaßen zufriedengestellt, da sie ihn wieder losließ.
Doch kaum hatte Jinshi aufgeatmet, warf sie einen erneuten, diesmal weit weniger gefährlichen Blick auf sein Gesicht, runzelte die Stirn, zog ein Taschentuch aus ihrem Ärmel hervor und wischte ihm schließlich die immer noch etwas laufende Nase sauber. So routiniert und mit solch einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie dies bereits tausend Mal gemacht. Und na ja, wenn man auf die vergangene Nacht zurückblickte... war dies eigentlich gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.
Als das erledigt war, stieg sie aus dem Bett.
„Gut. Ich gehe jetzt, um mich für meine heutigen Aufgaben vorzubereiten. Später komme ich vorbei, um nach Euch zu sehen und Euch die Medikamente vorbeizubringen, die ich vorhin erwähnt habe. Falls Ihr mich brauchen solltet, gebt bitte Dame Suiren oder Gaoshun Bescheid."
Und mit diesen Worten verbarg sie die Hände in den Ärmeln, verbeugte sich kurz und ging.
Jinshi saß noch einige Zeit verdattert auf dem Bett, als müsse er immer noch verdauen, was gerade geschehen war. Dann fasste er sich ans heftig pochende Herz und als er wieder zu sich gekommen war, ließ er sich mit dem Gesicht voran aufs Bett fallen und vergrub es im Kissen, dort, wo Maomaos Kopf erst vor Kurzem gelegen war. Obwohl er im Moment nichts riechen konnte, wusste er ganz genau, dass es ihren Duft nach Kräutern tragen musste.
„Es gibt keine Medizin auf der Welt, die besser ist als du, Apothekerin", murmelte er mit einem glückseligen Lächeln.
Nach einer Weile drehte er sich schließlich auf die Seite und rieb sich den Unterkiefer, an dem er immer noch den festen Druck ihrer dünnen Finger spüren konnte.
„Irgendwie hatte ich das Gefühl, als wollte sie mir eine Ohrfeige verpassen", fügte er schließlich hinzu. „Um ehrlich zu sein, hätte ich es mir fast schon gewünscht..."
Währenddessen, im Korridor:
„Hm, da habe ich vielleicht doch ein wenig zu dick aufgetragen”, dachte Maomao sich noch, während sie endlich die Sachen aufhob, welche sie nachts fallengelassen hatte.
Dünnen, durchsichtigen Fäden gleich fiel ein kalter Regen auf die Erde nieder und durchtränkte sie, während ein eisiger Wind das bunte Laub von den Bäumen blies und durch die Luft segeln ließ.
Es war definitiv nicht mehr lang bis zum Winter. Nicht mehr lang, bis jener Regen sich in Schnee verwandeln und die Landschaft weiß färben würde.
Das lange Haar vom Wind leicht zerzaust, spazierte Jinshi gelassenen Schrittes unter seinem Regenschirm durch den Äußeren Palast, dabei so gut es ging Acht gebend, nicht in Pfützen zu treten, damit sein Gewand keine Spritzer abbekam.
Er hatte gerade eine Angelegenheit im Inneren Palast erledigt und war nun auf dem Weg zurück in seine Residenz, wo Gaoshun mit dem gewohnten Papierkram auf ihn wartete.
Aber Jinshi hatte es nicht besonders eilig. Ein paar Minuten mehr würde sein Assistent gewiss noch warten können. Eine Ermahnung würde der junge Adelige problemlos in Kauf nehmen. Wäre ja nicht das erste Mal.
Jene paar Minuten nutzte er, um kurz stehenzubleiben und den Duft des Regens einzuatmen, seine Lungen mit der frischen, kalten Luft zu füllen, die leicht im Gesicht brannte und seine Wangen rötete. Da seine Nase endlich wieder frei war, konnte er erneut nach Herzenslust tief durchatmen und die Gerüche um sich herum wahrnehmen. Was für ein Segen!
Nicht umsonst sagte man, dass man die Dinge im Leben erst dann wahrhaftig zu schätzen lernte, wenn man sie verlor.
Wie wahr jene Worte waren, hatte Jinshi bereits mehrfach am eigenen Leib erlebt. Eine Erfahrung, die er wirklich ungern wiederholen wollte.
Nach einem kurzen Blick hoch zum wolkenverhangenen Himmel, setzte der als „himmlische Nymphe" bekannte Mann ein kleines Lächeln auf und führte seinen Weg fort. Weder das schlechte Wetter noch die Aussicht auf einen Berg von Papierkram konnten seine Laune derzeit trüben.
Er musste zugeben, dass er sich dank Maomaos sorgfältiger Pflege einfach großartig fühlte und vor Energie nur so strotzte. Möglicherweise war sein Gesundheitszustand aktuell sogar noch besser als vor der Erkältung. Die Apothekerin war wahrhaftig eine Meisterin ihres Fachs. Nicht, dass er jemals daran gezweifelt hätte.
Zwei Tage waren vergangen, seit der junge Herr seine Arbeit wiederaufgenommen hatte. Letztendlich hatte er drei Tage im Bett verbringen müssen, bis seine Erkältung so weit auskuriert war, dass Maomao ihm endlich erlaubt hatte, seine Gemächer zu verlassen. Da er nun wirklich kein Abführmittel in seinem Essen vorfinden wollte, hatte er brav alles getan, was sie ihm gesagt hatte (Auch wenn er sich schon irgendwie heimlich gewünscht hätte, sie würde ihm erneut diesen bedrohlichen Blick schenken. Manchmal fragte er sich wirklich, ob mit ihm vielleicht etwas nicht stimmte. Hm, naja...).
Der junge Herr lachte leise in sich hinein, als er sich an die vielen Arzneien erinnerte, die sie ihm während jener drei Tage zubereitet und eingeflößt hatte. Ein Mittel gegen Fieber, eins gegen Husten, eins, um seine Abwehrkräfte zu stärken, die Inhalationen... sie hatte nichts ausgelassen und alles hatte hervorragend gewirkt. Wenn diese junge Frau etwas tat, dann tat sie es gründlich, das musste man ihr lassen.
Nicht zu vergessen, dass ihre bloße Präsenz bereits ein Medikament an sich war...
Jinshi ließ einen kleinen Seufzer los. Leider hatte sie seit dem einen Mal nicht mehr in seinem Bett geschlafen, aber er sah ein, dass dies nun wirklich ein wenig zu viel verlangt wäre. Schließlich hatte sie auch so schon alles getan und sich so viel Zeit genommen, um ihn wieder gesund zu bekommen. Wofür er ihr wirklich zutiefst dankbar war.
Er grinste bei der Erinnerung daran, wie sie vor Freude gestrahlt hatte, als er ihr nach seiner Genesung als Ausdruck besagter Dankbarkeit die versprochene Flasche Wein überreicht hatte. Eine große Flasche. Fast zwei Liter. Als Suiren ihm dann am nächsten Morgen berichtet hatte, dass eben jene Flasche nun vollkommen leer auf dem Tisch der Apothekerin stand, konnte der junge Adelige sich nicht zurückhalten und war in ein schallendes Gelächter ausgebrochen, bis ihm die Tränen kamen. Da hatte sein kleiner Trunkenbold wohl nicht widerstehen können, was?
Als Maomao wenig später seine Gemächer betreten und ihm mit gerunzelter Stirn einen guten Morgen gewünscht hatte, war er immer noch am Lachen gewesen.
Aber trotz aller Dankbarkeit hatte er es sich trotzdem nicht nehmen lassen, während seiner im Bett verbrachten Tage im Beisein der Apothekerin regelmäßig über Langeweile zu klagen. Wie denn auch nicht, wenn ihm komplettes Nichtstun seit seiner Kindheit fast gänzlich unbekannt war und sich die Zeit im Bett daher unheimlich in die Länge zog?
Meistens hatte Maomao ihn als Antwort darauf angefunkelt, als sei er eine fette Fliege, die um sie herumsummte und ihr den letzten Nerv raubte, doch wenn keine anderen Aufgaben auf sie warteten, hatte sie mit einem Seufzer einen Stuhl herangezogen und sich zu ihm neben das Bett gesetzt. Dann unterhielten sie sich miteinander und Jinshi hielt dabei stets ihre Hand, diese sanft streichelnd. Maomao hatte dies ohne Widerworte zugelassen, als wäre es für sie in der Zwischenzeit zu etwas vollkommen Normalem geworden.
Während jener Momente konnte die Zeit für Jinshi gar nicht langsam genug vergehen.
Der peinliche Vorfall aus der ersten Nacht hatte sich glücklicherweise nicht
wiederholt, jedoch hatte Jinshi später von Suiren mitbekommen, dass Maomao trotzdem jeden Abend, nachdem er bereits eingeschlafen war, vorbeigekommen war, um seine Temperatur zu prüfen und sich zu vergewissern, dass er auch wirklich tief und fest schlief, bevor sie selbst schlafen ging.
Als Jinshi dies gehört hatte, war ihm vor Verblüffung der Mund aufgeklappt und sein Herz erneut kurz davor gewesen, vor Rührung zu schmelzen.
Sein Lächeln wurde breiter, als er sich an weitere gemeinsame Momente während seiner Erkältungstage erinnerte.
Zum Beispiel, wie er die Tatsache ausgenutzt hatte, dass sie jeden Morgen und Abend gekommen war, um ihm die Lunge abzuhören, um die Arme um sie zu schließen und sie fest an sich zu drücken. Zwar hatte Maomao dabei immer etwas gezappelt und gemault, dass er sie nicht stören solle, weil ihr sonst einige verdächtige Geräusche in seiner Lunge entgehen könnten. Doch gewehrt hatte sie sich nicht.
Oder den Moment, als seine Nase nach mehreren Inhalationen endlich frei wurde:
***
„Apothekerin!"
Maomao hob das Handtuch von Jinshis Gesicht, das sie auf seinen Kopf platziert hatte, damit er, im Bett sitzend, den Dampf der von ihr zubereiteten Kamillen-Salz-Inhalation einatmen konnte.
„Was ist los, Herr?"
Er strahlte sie an und zog das Handtuch nach unten, bis es auf seinen Schultern lag.
„Es wirkt! Meine Nase ist wieder frei! Ich kann endlich wieder normal atmen!"
Ohne eine Miene zu verziehen, nahm die Apothekerin das Tablett mit der Schüssel, welche die Mixtur enthielt, und stellte sie auf den Tisch neben dem Bett.
„Kein Wunder", meinte sie gelassen. „Dies ist ein ziemlich effektives Mittel bei Erkältungen." Plötzlich hielt sie jedoch inne, als sie spürte, wie Jinshis Hand an ihrem Ärmel zupfte. Sie drehte sich erneut zu ihm um und sah ihn fragend an.
Er lächelte immer noch.
„Könntest du dich bitte zu mir setzen?"
Maomao runzelte die Stirn angesichts jener Bitte, die scheinbar aus heiterem Himmel kam, und hob eine Augenbraue. Ihr Blick wurde leicht misstrauisch. „Was heckt er jetzt schon wieder aus?", stand beinahe schon auf ihrem Gesicht geschrieben.
„Wozu?"
„Bitte!"
Sie sah ihn noch einige Augenblicke lang an und seufzte dann, im Begriff, die Hand nach dem Stuhl auszustrecken.
Doch Jinshi hielt sie immer noch am Ärmel fest. Er klopfte mit der anderen Hand neben sich auf das Bett.
„Nein, hier."
Was folgte, war ein weiterer misstrauischer Blick, durchmischt mit Genervtheit. Doch schlussendlich sagte die Apothekerin nichts dazu, sondern tat wie geheißen und nahm auf dem Bett Platz.
„Gah!"
In der nächsten Sekunde weiteten sich auch schon ihre Augen, als Jinshi sie in die Arme schloss und seine Nase an ihrem Hals vergrub, um ihren Geruch tief einzuatmen.
„Hach, immer noch der gleiche Duft nach Kräutern..."
„Eure Exzellenz!" empörte sich Maomao und packte ihn an den Schultern. „Was soll das?!" Wäre sie eine Katze gewesen, hätte sie ihn jetzt bestimmt angefaucht und gekratzt.
„Entschuldige, ich freue mich bloß so, dass ich wieder riechen kann! Bitte lass mich noch ein wenig so bleiben! Nur ganz kurz!"
Sie verzog für einen Augenblick das Gesicht, schnaubte dann aber und nahm die Hände von seinen Schultern.
„Meinetwegen." Mehr sagte sie nicht.
Jedoch glitt während jener Umarmung Jinshis Kopf langsam nach unten, bis er letztendlich auf ihrem Schoß landete. Maomao erstarrte kurz und öffnete erneut den Mund, um etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber anders.
Während der junge Adelige die Stirn an ihren Bauch drückte, vernahm er einen weiteren Seufzer von der Apothekerin und spürte dann, wie sie sich wieder entspannte. Dann legte sie eine Hand auf ihren Kopf und fing zu seinem großen Glück und Erstaunen an, sein Haar zu streicheln.
„Wie ein Kleinkind...", hörte er sie murmeln, während er einige Minuten später auf ihrem Schoß einschlief, mit einem breiten Lächeln auf seinem Gesicht, erneut beruhigt durch das Streicheln und ihre Wärme.
***
So gesehen war die Erkältung also im Großen und Ganzen und wenn man den ersten Tag außer Betracht ließ, überhaupt nicht so schlimm gewesen. Selbstverständlich zog er es vor, gesund zu sein, aber wenn er eines Tages erneut krank werden sollte, hoffte er, dass Maomao sich wieder um ihn kümmern würde.
Und während er da so in Erinnerungen schwelgend seines Weges ging, mit einem Gesichtsausdruck, der so gar nicht zu dem schlechten Wetter passte, drehte er den Kopf auf einmal zur Seite und seine Augen weiteten sich.
In etwa einem Dutzend Metern Entfernung erspähte er den Rücken seiner süßen Apothekerin, die auf dem Boden kniete, und blieb erneut stehen, sich mit der freien Hand kurz die Augen reibend, als könne er nicht so recht glauben, was er da sah. Es war fast so, als hätte er sie mit seinen Erinnerungen heraufbeschworen.
Aber was tat sie denn da im strömenden Regen?
Leicht besorgt machte Jinshi ein paar Schritte auf sie zu und konnte nun erkennen, dass sie mit beiden Händen in der Erde herumbuddelte.
So wie es aussah, war sie gerade dabei, eine Pflanze herauszuziehen.
Der junge Herr runzelte die Stirn. Hach, Maomao und ihre Pflanzen! Er wusste genau, wie sehr sie ihre Heilkräuter liebte (Oh, und wie er das wusste!), aber das war doch kein Wetter, um welche pflücken zu gehen! Was dachte sie sich bloß dabei?!
Um ehrlich zu sein, hatte er kürzlich mitbekommen, wie sie vor sich hinmurmelte, dass sie einige Heilkräuter im Äußeren Palast pflanzen müsste. Nun, solange sie den Kaiserpalast nicht in einen riesigen Kräutergarten verwandelte, hatte Jinshi überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Vor allem nicht, nachdem er sich dank der Medizin, die die Apothekerin aus eben jenen Kräutern hergestellt hatte, von seiner Erkältung erholt hatte. Da wäre es ziemlich nützlich, einige mehr direkt in der Nähe wachsen zu haben.
Aber das hieß noch lange nicht, dass er zulassen würde, wie sie ihretwegen die eigene Gesundheit schädigte!
Energisch eilte Jinshi auf sie zu und öffnete bereits den Mund, um sie auszuschimpfen und ihr zu befehlen, sich auf der Stelle nach drinnen zu begeben.
Doch als er nahe genug war, um ihr Gesicht sehen zu können...
...blieben ihm all die Worte, die er zu ihr sagen wollte, im Halse stecken.
Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen und seine Wangen wurden rot. Diesmal nicht von der Kälte.
Maomaos Gesicht zierte ein Ausdruck reinster Glückseligkeit, als würde sie sich gerade im Paradies befinden. Ihr Mund war zu einem breiten, ehrlichen Lächeln gebogen und die tiefblauen Augen strahlten wie ein wolkenloser Himmel, der von der Sonne erleuchtet wurde. Im Moment sah sie für ihn so wunderschön aus wie eine echte himmlische Nymphe. Eine noch echtere als er selbst.
Jinshi kam es so vor, als wäre sein Herz von einem Blitz getroffen worden und hätte für einen Augenblick aufgehört zu schlagen.
Zwar war dies beileibe nicht das erste Mal, dass er sie dermaßen glücklich sah (man brauchte nur an ihr Benehmen zu denken, als er damals erschienen war, um sie loszukaufen, und ihr dieses seltsame Insekt mitgebracht hatte), aber so eine heftige Faszination verspürte er bei ihrem Anblick zum allerersten Mal.
Von diesem besagten Anblick beinahe schon magisch angezogen wie ein Nachtfalter von einer brennenden Laterne, bewegten sich seine Füße fast wie von selbst, bis er direkt hinter ihr stand. Sein Verstand war wie leergefegt, sodass er keinen einzigen klaren Gedanken fassen konnte. Zumindest keinen, der nichts mit Maomao zu tun hatte.
Er beugte sich etwas vor, um zuzusehen, was sie da tat. Immer noch vollends damit beschäftigt, die Wurzeln der Pflanze aus der Erde zu bekommen, schien sie seine Präsenz überhaupt nicht bemerkt zu haben. Nun, wie denn auch, wenn sie so wirkte, als befände sie sich in einer Welt, in der es außer ihr und der Pflanze nichts und niemanden mehr gab? Da war eben kein Platz mehr für Jinshi.
Der junge Herr spürte einen schmerzhaften Stich im Herzen, als ihm dieser Gedanke kam, und seufzte. Wenn sie ihn eines Tages so ansehen würde wie sie ihre Kräuter ansah, dann wäre er wirklich der glücklichste Mann auf Erden.
Er schüttelte leicht den Kopf, um die unangenehmen Gedanken zu verscheuchen, und konzentrierte sich wieder auf ihr Gesicht und ihre Handbewegungen, seinen Schirm über sie haltend, um sie vor dem Regen abzuschirmen.
Ein kleines Lächeln schlich sich wieder in sein Gesicht, als er sah, wie sie einen kleinen Regenwurm, der auf einem Blatt der Pflanze herumkroch, ohne mit der Wimper zu zucken in die Hand nahm und auf die Erde setzte, bevor sie weitergrub. Ihre Hände und ihr Rock waren bereits voller Erde und Schlamm.
Jinshi wollte sich nicht einmal ausmalen, wie seine oberste Zofe Suiren darauf reagieren würde. Ein bisschen tat ihm die Apothekerin jetzt schon leid, auch wenn sie natürlich selbst schuld war.
Aber er musste zugeben, dass es ihn faszinierte, wie Dinge, die viele als wertlos oder sogar als widerlich betrachteten, für Maomao wahre Schätze waren. Sie war wirklich eine ganz besondere junge Frau. In allerlei Hinsicht.
Und noch faszinierender fand er es, dass sie selbst dreckig und durchnässt die schönste Frau war, die er jemals gesehen hatte. Auch wenn sie sich selbst als unscheinbar bezeichnete, war Jinshi der Meinung, dass sie jede der aufgetakelten Palastdamen bei Weitem übertraf. Keine von denen konnte mit Maomao mithalten. Allein ihre Augen waren... etwas.
Er erinnerte sich noch ganz genau, wie er sie zum allerersten Mal ohne ihre Sommersprossen bei der Gartenfeier damals gesehen hatte und von ihrem Aussehen so verblüfft war, dass es ihm kurz die Sprache verschlagen hatte.
Egal, was für eine Art von Schönheit sich auch um ihn herum befinden mochte, Jinshis Augen sahen einzig und allein Maomao. Genau wie sie aktuell nichts als diese Pflanze vor sich sah, sah er nichts anderes als Maomao, sich nichts sehnlicher wünschend, als eine eigene kleine Welt zu errichten, in der er mit ihr zusammen sein konnte. Nur mit ihr allein.
Auf einmal zerriss jedoch ein lautes Niesen die Luft und holte den jungen Herrn abrupt aus seinen Tagträumen und in die Realität zurück. Es waren ungefähr fünf Minuten vergangen, seit er sich ihr genähert hatte.
Sein Blick fiel wieder auf Maomao und sein Mund öffnete sich vor Schreck. Er war von ihrem Anblick derart fasziniert gewesen, dass er erst jetzt merkte, wie durchnässt sie war und wie sehr sie vor Kälte zitterte.
Fassungslos von seiner eigenen Dämlichkeit, biss er die Zähne zusammen. Er war ein Idiot! Wie konnte er so etwas Offensichtliches nicht schon früher bemerken?! Hach, aber das konnte man von Maomao selbst, die so vertieft in ihre Pflanze war, ebenfalls behaupten...
Er packte sie mit der freien Hand beim Arm.
„Hey, Apothekerin! Was bitte machst du hier draußen bei diesem Regen und auch noch ohne Regenschirm?! Du bist ja klatschnass!"
Maomao zuckte zusammen und riss die Augen auf, als sie seine Stimme aus nächster Nähe vernahm, und kehrte ebenfalls auf den Boden der Tatsachen zurück, als sie ganz plötzlich auf die Füße gezerrt und zum Aufstehen gezwungen wurde. In einer Hand hielt sie die herausgezogene Pflanze.
So wie es aussah, hatte sie tatsächlich erst jetzt mitbekommen, dass Jinshi hinter ihr stand.
Sie drehte den Kopf in seine Richtung.
„Eure Exzellenz? Oh, es regnet ja. Habe ich überhaupt nicht gemerkt,” meinte sie mit einem gelassenen Gesichtsausdruck, in den Himmel hochblickend.
Er sah sie vollkommen entgeistert an. Als würde er seinen Ohren nicht trauen.
„Was?! Du hast es nicht gemerkt?! Willst du mich auf den Arm nehmen?!"
Ja, diese junge Frau war wahrhaftig mehr als nur einzigartig. Was in Momenten wie diesen leider nicht immer etwas Gutes bedeuten musste.
„Nun, ich habe diese Pflanze entdeckt und dann..."
Jinshi zog an ihrem Arm und brachte sie dazu, sich zu ihm umzudrehen.
„Vergiss die Pflanze! Komm her!", befahl er und legte den offenen Regenschirm kurz auf den Boden, um seinen Umhang auszuziehen und ihr um die Schultern zu legen. „Schau dir nun an, wie du frierst! Und beschwerst dich, dass ICH meine Gesundheit vernachlässige! Tsk!" Vor Wut mit der Zunge schnalzend, hob er seinen Schirm wieder auf und nahm die Apothekerin bei der Hand. „Lass uns nach Hause gehen und dich ins Trockene bringen!"
Und eilte los. Maomao, die offenbar eingesehen hatte, dass er Recht hatte, ließ sich ohne Widerworte wegführen, doch Jinshi machte so große Schritte, dass sie auf ihren deutlich kürzeren Beinen kaum mit ihm mithalten konnte.
Während er sie so hinter sich herzerrte, kam ihm eine Art Déjà-Vu. Ach ja, während der Gartenfeier damals hatte er ja genau dasselbe getan. Nachdem sie die vergiftete Suppe verkostet hatte.
Jinshi gab einen gereizten Seufzer von sich. Nicht zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, wie sehr sie ihn manchmal trotz aller Gefühle und all seiner Zuneigung zu ihr mit ihren Aktionen in den Wahnsinn trieb.
Ganz plötzlich kam ihm eine Idee und er blieb so abrupt stehen, dass sie nicht rechtzeitig bremsen konnte und mit ihm zusammenstieß. Maomao rieb sich stirnrunzelnd die Nase, mit der sie gegen seinen Rücken geknallt war.
„Eure Exzellenz! Was ist de-”
Doch noch bevor sie zu Ende sprechen konnte, sah Jinshi sich rasch um, und als er sich vergewissert hatte, dass draußen keiner in der Nähe war (was sicherlich am starken Regen lag), drehte er sich schweigend und mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck zu ihr um und umschlang aus heiterem Himmel ihre Taille.
Dann klemmte er sich Maomao unter den Arm und begann erneut, mit raschen Schritten voranzueilen. Die Apothekerin protestierte und strampelte mit den Beinen. Der junge Herr festigte seinen Griff um sie, damit sie nicht fiel.
Während des ganzen Prozesses wurden sein Arm und seine Hüfte nass, doch er kümmerte sich nicht darum.
„Hör auf, so zu zappeln”, ermahnte er sie in einem strengen Tonfall. „So geht es eben schneller. Du bist bis auf die Knochen durchnässt, wir haben keine Zeit zu verlieren!”
Maomao gehorchte und hielt still. Sie mochte der Meinung sein, dass er übertrieb, doch hatte wohl eingesehen, dass sie in jener Situation sowieso nichts ausrichten konnte, also ließ sie ihn eben gewähren.
Endlich hatte der junge Herr den Eingang seiner Residenz erreicht und schmiss seinen nassen Regenschirm achtlos auf den Boden, sich nicht darum scherend, ob man ihn dafür tadeln würde oder nicht.
Er stellte die vor Kälte zitternde Maomao, (die immer noch diese vermaledeite Pflanze in der Hand hielt), auf den Boden und schloss seinen Umhang, den sie derzeit trug, noch etwas enger um ihren Körper. Sie zog die Nase hoch.
„Warte kurz hier", wies er sie an. „Ich gehe Suiren holen, damit sie sich um dich kümmert. Du brauchst dringend ein heißes Bad und trockene Kleidung."
Und mit diesen Worten sprintete Jinshi davon, um nach seiner obersten Zofe zu suchen.
Hinter sich hörte er die Apothekerin noch ein paar Mal laut niesen.
Jinshi hatte ein ganz mieses Gefühl dabei.
Kapitel 8 (1)
Auch am darauffolgenden Tag schüttete es draußen wie aus Eimern.
In Jinshis Schreibstube herrschte eine bedrückende Stille. Die einzigen Geräusche waren das heftige Trommeln der Regentropfen gegen das Fenster und die gelegentlichen Seufzer des jungen Herrn selbst. Letzterer saß, die Wange auf die Handfläche gestützt, wie so oft an seinem Schreibtisch und hielt seinen Pinsel in der anderen Hand, mürrisch auf das vor sich liegende Dokument starrend, ohne es richtig wahrzunehmen.
Weder er noch Gaoshun, der wie immer hinter ihm stand, gaben auch nur ein Wort von sich.
Aber selbst wenn der Assistent etwas gesagt hätte, bezweifelte er, dass Jinshi ihm überhaupt zuhören würde, denn dieser schien gerade offensichtlich mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Oder besser gesagt: bei einem gewissen Jemand.
„Sie und ihre Pflanzen", grummelte der junge Herr schließlich nach einer Weile, damit das Schweigen brechend. „Als ob die Dinger es wert sind, seine eigene Gesundheit so aufs Spiel zu setzen..." Dann gab er ein Schnauben von sich. „Aber warum überrascht mich das eigentlich? Schließlich reden wir hier von jemandem, der freiwillig Gift nimmt. Und es auch noch genießt..."
Dass Maomao ihm bezüglich seiner Arbeit ähnliche Vorwürfe machte, „vergaß” er dabei ganz beiläufig.
Gaoshun sagte nichts dazu. Überhaupt klang es eher so, als würde Jinshi mit sich selbst sprechen, demnach beschloss der Assistent, sich nicht einzumischen und ihn einfach vor sich hinschimpfen zu lassen.
Auf dem Schreibtisch stand ein Becher mit Tee, doch da Jinshi ihn nicht angerührt hatte, war er mittlerweile eiskalt geworden.
Genauso kalt wie die Atmosphäre im Raum selbst trotz des brennenden Kohleofens war.
Jinshi legte den Pinsel hin, biss die Zähne zusammen und barg das Gesicht für einen Moment in den Händen. Danach drehte er sich zu seinem Assistenten um und blickte diesen erschöpft an.
Seine Augenringe waren der beste Beweis dafür, wie schlecht er vergangene Nacht geschlafen hatte.
„Gaoshun."
„Ja, Herr?"
Denn er war krank gewesen.
Krank vor Sorge.
Um Maomao.
Seine Augenbrauen sackten nun nach unten, was seinem unfassbar schönen Gesicht einen Ausdruck tiefen Kummers verlieh.
„Das ist alles meine Schuld."
Und mit diesen Worten sprach er genau das aus, was ihn gerade am meisten quälte.
Das letzte Mal, als er die Apothekerin vor dem Schlafengehen gesehen hatte, hatte sie zwar gelegentlich vor sich hingeschnieft und geniest, nach dem heißen Bad jedoch eigentlich ganz gut ausgesehen. Dieselbe Maomao wie immer, mochte man meinen.
Und obwohl sie ihm ausdrücklich versichert hatte, dass sie in Ordnung war, hatte Jinshi es sich nicht nehmen lassen, ihr trotz ihres gereizten Blickes die Hand auf die Stirn zu legen und ihre Temperatur höchstpersönlich zu überprüfen.
Die Tatsache, dass sie nicht fieberte, hatte ihn tatsächlich ein wenig aufatmen lassen, doch irgendwie wurde er trotzdem das unangenehme Gefühl nicht los, dass dies bloß die Ruhe vor dem Sturm war.
Und leider hatte er mit jener Vorahnung punktgenau ins Schwarze getroffen:
***
Als der nächste Morgen angebrochen war, nahm Jinshi dankend sein Frühstück von Suiren entgegen, machte jedoch keine Anstalten mit dem Essen zu beginnen, sondern schaute sich stirnrunzelnd in seinen Gemächern um.
Die oberste Zofe wusste genau, nach wem er suchte. Auch sie wirkte leicht verwundert.
„Hm, Xiaomao ist aber spät dran heute", meinte sie. „Normalerweise müsste sie schon längst da sein, um ihre Anweisungen für den Tag entgegenzunehmen. Sonst war sie stets pünktlich." Sie warf dem nun besorgt aussehenden Jinshi einen Blick zu. „Ich gehe kurz zu ihr, um nachzusehen, was los ist. Bitte esst derweil, junger Herr."
Der junge Adelige tauchte den Löffel in seinen Reisbrei, starrte jedoch bloß darauf, ohne ihn zum Mund zu führen. Sein Appetit hielt sich nach der fast komplett schlaflosen Nacht sehr in Grenzen. Trotzdem zwang er sich nach einer Weile, ein paar Bissen zu sich zu nehmen.
Doch seine Besorgnis schnürte seine Kehle dermaßen zu, dass er nur mit Mühe schlucken konnte.
Die Zeit verging. Suiren war immer noch fort.
Der vollkommen angespannt dasitzende Jinshi hatte bereits begonnen, gedanklich die Sekunden zu zählen, bis er es nach etwa fünf Minuten nicht mehr aushielt und sein Frühstück beiseite stellte, um aufzustehen und selbst nachsehen zu gehen.
Und gerade als er den Löffel neben der Schüssel ablegen wollte, kam Suiren zurück und blickte ihn bedrückt an.
„Junger Herr. Xiaomao hat Fieber. Sie wird heute und eventuell auch die nächsten Tage im Bett bleiben müssen."
Der Löffel fiel Jinshi aus der Hand. Er riss die Augen weit auf und sprang auf die Füße.
„Ich wusste es! Ich… Ich wusste es doch! Ich muss zu ihr!"
Er wollte bereits aus dem Raum eilen, doch Suiren stellte sich vor die Tür.
„Sie hat mich gebeten, Euch nicht zu nah an sie heranzulassen, damit Ihr Euch nicht wieder ansteckt. Und da bin ich ganz ihrer Meinung. Ihr dürft nicht erneut erkranken, junger Herr."
Jinshi erstarrte und sah sie mit einem Gesichtsausdruck an, welcher der älteren Dame im Herzen wehtun musste. Er öffnete bereits den Mund, um zu widersprechen, doch dann schloss er ihn wieder, ballte die Hände zu Fäusten und senkte den Kopf.
Sein Blick war unergründlich.
„Bitte kümmere dich um sie, Suiren...", sagte er bloß leise. Seiner Stimme war anzuhören, wie viel Mühe es ihn kostete, sich zusammenzureißen.
Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln.
„Selbstverständlich, junger Herr. Das versteht sich von selbst. Ich habe ihr Wasser gebracht und dabei geholfen, frische Kleidung anzuziehen. Sie schläft jetzt wieder, aber ich werde ihr später auch etwas zu essen bringen."
„Danke dir."
„Sie hat zwar gemeint, dass sie ganz gut allein zurechtkommt und ich mir keine Umstände machen soll, weil sie bloß eine einfache Dienerin ist, aber natürlich werde ich sie nicht einfach sich selbst überlassen."
Jinshi hob den Blick wieder und gab dann einen Seufzer von sich.
„Ja... das klingt ganz nach ihr. Hör bloß nicht auf sie, Suiren..."
In diesem Moment erschien Gaoshun, um Jinshi zur Arbeit zu begleiten.
***
„Ja, genau. Meine Schuld. Meine", murmelte er nun, in seiner Schreibstube sitzend, den Kopf auf den Schreibtisch legend und mit leerem Blick vor sich hinstarrend.
„Bitte gebt Euch nicht die Schuld, Herr", antwortete Gaoshun mit leichtem Mitgefühl in der Stimme und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Es war Xiaomaos eigene Entscheidung, im Regen Kräuter sammeln zu gehen. Damit habt Ihr nichts zu tun."
„Schon, aber wenn ich sie nicht mit meiner Erkältung angesteckt hätte, wäre sie möglicherweise selbst nach diesem Regen nicht krank geworden... Sie hat eine ziemlich robuste Gesundheit..."
„Ich weiß, Herr. Und eben deshalb wird sie auch schnell wieder gesund, Ihr werdet schon sehen. Wenn Xiaomao jetzt hier wäre, würde sie Euch bestimmt sagen, dass es sinnlos sei, sich über etwas den Kopf zu zerbrechen, was man sowieso nicht mehr ändern kann. Ihr kennt sie ja."
„Oh, und wie ich sie kenne."
Jinshis Lippen zierte nun ein bitteres Lächeln. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein Assistent hatte Recht und er wusste dessen Versuch, ihn aufzumuntern, auch wirklich zu schätzen, doch die Schuldgefühle hielten sein Herz gerade in einem solch eisernen Griff, dass Worte da leider keine große Wirkung hatten. Sie würden erst dann wieder verschwinden, wenn er mit eigenen Augen sah, dass Maomao wieder vollkommen gesund und ganz die Alte war.
Bis dahin würde er sich quälen müssen.
Und auf seine Arbeit würde er sich jetzt ganz sicher auch nicht konzentrieren können. Vollkommen unmöglich.
Dies schien Gaoshun, der seinen Herrn wunderbar kannte, ebenfalls eingesehen zu haben. Und weil er ihn so gut kannte, wusste er auch genau, was Jinshi aktuell am liebsten tun würde.
Der Assistent seufzte und rieb sich kurz den Nasenrücken, bevor er erneut das Wort ergriff:
„Ich sehe, dass Ihr gerade nicht vorankommt, Herr. Wie wäre es, wenn Ihr eine kleine Pause macht und kurz nach Xiaomao seht? Danach werdet Ihr Euch bestimmt besser fühlen."
Kaum hatte er diese Worte vernommen, hob Jinshi auf der Stelle den Kopf vom Tisch und stand so abrupt auf, dass er den Teebecher beinahe zu Boden gefegt hätte.
***
Jinshi hatte der kranken Apothekerin bereits am Vormittag einen kurzen Besuch abstatten dürfen, nachdem er es geschafft hatte, Suiren nach dem Frühstück zu überreden, ihn wenigstens für ein paar Minuten zu ihr zu lassen, um selbst zu sehen, wie es ihr ging. Sein Hauptargument war gewesen, dass er andernfalls den ganzen Tag keinen Frieden finden würde.
Natürlich wusste er da bereits, dass seine Unruhe durch nur einen Besuch nicht vollständig gelindert werden würde. Aber das verschwieg er, sonst würde Suiren es sich möglicherweise anders überlegen.
Nervös an seinen in den breiten Ärmeln verborgenen Fingern herumdrehend, schritt er somit, gefolgt von Suiren und Gaoshun, zu Maomaos Zimmer. Es kostete ihn beinahe seine gesamte Selbstbeherrschung, keine allzu schnellen Schritte zu machen oder gar loszurennen.
Ein Glück, dass er in seiner eigenen Residenz und in der alleinigen Gegenwart seiner Bediensteten zumindest nicht gezwungen war, seine übliche Maske aufzusetzen.
Maomao lag, den Rücken zu ihm gedreht, im Bett. Zwar konnte er aufgrund dieser Position ihr Gesicht nicht sehen, doch den regelmäßigen Bewegungen ihres Brustkorbes nach zu urteilen, musste sie tief und fest schlafen. Es war ein mehr oder weniger friedlicher Schlaf, wie er mit Erleichterung feststellte.
Ihren Atemgeräuschen zufolge musste ihre Nase verstopft sein. So wie bei ihm damals. Er nahm sich vor, Suiren darum zu bitten, ihr später auch so eine Inhalation vorzubereiten.
Jinshi schluckte. Ganz leise, um sie nicht zu stören, machte er ein paar Schritte auf sie zu, um sie sich näher anzusehen.
So im Bett liegend, sah Maomao so unfassbar klein und zerbrechlich aus, dass Jinshis Herz zu schmerzen begann und er einen fast schon unwiderstehlichen Drang verspürte, sie in die Arme zu schließen und zu beschützen. Doch dann packte er mit der rechten Hand seinen linken Unterarm und bohrte sich fast schon die Nägel in die eigene Haut, um wieder zu sich zu kommen und sich zusammenzureißen. Der körperliche Schmerz bot eine willkommene, wenn auch nur kleine Ablenkung von dem seelischen.
Sich leicht über Maomao beugend, betrachtete er ihr vom Fieber gerötetes Gesicht und den im Schlaf zitternden, zierlichen Körper. Ihre Hände waren wie so oft zu Fäusten geballt. Sie zuckte leicht, als würde sie seine Gegenwart spüren.
Der junge Herr seufzte. Selbst wenn er besagtem Drang nachgeben sollte, vor einer Erkältung konnte er seine kleine Apothekerin sowieso nicht beschützen. Im Gegensatz zu ihr, die sich während seiner eigenen Erkrankung so wunderbar um ihn gekümmert hatte und zu jedem einzelnen seiner Symptome das passende Mittel kannte, war er in jener Hinsicht vollkommen nutzlos.
Er konnte so gut wie nichts für sie tun. So gut wie nichts, um ihr Leid zu lindern.
Dieser Gedanke trieb dem jungen Herrn beinahe die Tränen in die Augen.
Dies war das allererste Mal in seinem Leben, dass er einen geliebten Menschen in solch einem Zustand erleben musste. Das erste Mal, dass er dermaßen starke Gefühle für jemanden hegte, um sich solche Sorgen zu machen, dass sie ihn innerlich auffraßen.
Es war einfach nicht mit Worten zu beschreiben.
Seinen Schmerz mit Mühe herunterschluckend, griff er nach der Bettdecke, die ein wenig heruntergerutscht war, und deckte Maomao bis zum Kinn zu.
Als Nächstes wollte seine Hand sich nach ihrem Gesicht ausstrecken, um ihr behutsam über die Wange zu streicheln. Doch hielt mitten in der Bewegung inne, als er darafhin Suirens Stimme hinter sich vernahm.
„Bitte nicht zu nah, junger Herr."
Ach ja, richtig. Da war ja was.
Aber um ehrlich zu sein, war es ihm so ziemlich egal, ob er sich anstecken würde oder nicht. Denn er zog es tausend Mal vor, selbst krank zu sein, als Maomao krank zu sehen.
Ersteres war zwar unangenehm, doch Letzteres einfach nur die reinste Tortur.
Wenn ihm jemand angeboten hätte, Maomaos Erkältung von ihr zu nehmen und auf ihn zu übertragen, hätte er ohne zu zögern eingewilligt.
Ach, wie gern hätte er etwas für sie getan, ihr irgendwie geholfen...
***
Doch dieses Mal, kurz vor seinem zweiten Besuch, war die böse Vorahnung, das mulmige Gefühl in seinem Magen wiedergekommen und das stärker als je zuvor. Und es wurde immer schlimmer, je mehr er sich ihrem Zimmer näherte.
So schlimm, dass er sogar befürchtete, sich vor Beunruhigung gleich übergeben zu müssen.
Es war so, als würden Alarmglocken in seinem Inneren schrillen. Eine überwältigende Angst, dass seiner Apothekerin in seiner Abwesenheit etwas zugestoßen war.
Im Versuch, sich nichts anmerken zu lassen, hoffte Jinshi, dass Gaoshun, der wie immer in einigem Abstand hinter ihm herschritt, nichts von seinem inneren Kampf mitbekam. Aber da dieser Mann zu den Menschen gehörte, die ihn am besten kannten, war er sich da nicht so sicher.
„Ganz ruhig. Du musst dich beruhigen", redete er sich selbst gedanklich ein, während er tiefe Atemzüge machte. „Die Apothekerin ist in Ordnung. Sie liegt jetzt ganz sicher immer noch im Bett und schläft tief und fest. Und ihr Fieber ist bestimmt auch schon gesunken. Genau. Es gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen musst."
Doch es half nichts. Er konnte sich einfach nicht beruhigen.
Mit leicht bebender Hand öffnete Jinshi schließlich die Tür zu ihrem Zimmer...
...und kurz darauf hallte sein herzzerreißender Schrei durch die gesamte Residenz.
„MAOMAO!!!"
Die Apothekerin lag regungslos und mit geschlossenen Augen zwischen dem Bett und dem Tisch auf dem Boden. Ihr Körper zitterte wie Espenlaub.
Kapitel 8 (2)
„MAOMAO! Was hast du bloß?! Maomao!”
Jinshis Stimme überschlug sich förmlich vor Panik. Er hatte es so eilig, zur Apothekerin zu gelangen, dass er mit dem Fuß beinahe am Bett hängen geblieben und selbst der Länge nach zu Boden gestürzt wäre. Bei ihr angekommen, fiel er schließlich auf die Knie und hob die regungslose und schwer atmende Maomao in seine Arme, sie verzweifelt an sich drückend. Als ihr Kopf auf seiner Schulter landete und er spürte, wie sehr sie vor Fieber glühte, stockte dem jungen Herrn für einige Augenblicke der Atem. Er küsste sie erschrocken auf die Wange.
Daraufhin begann sie sich leicht zu rühren und ein winziger Hoffnungsschimmer gesellte sich zur fürchterlichen Angst, welche Jinshis weit aufgerissene Augen erfüllte. Ihr Herz klopfte heftig gegen seine Brust und sein Herz gegen ihre.
„Maomao! Was ist mit dir?! Was... Was ist passiert?! Maomao! Hey! Öffne die Augen! Bitte öffne deine Augen!!!"
Jeder Überrest der Fassung, welche er sein Leben lang bewahren musste, war nun spurlos verschwunden. Falls die Damen aus dem Inneren Palast ihn in seinem derzeitigen Zustand erleben würden, fiele es ihnen bestimmt schwer zu glauben, dass dieser Mann derselbe sein sollte, der ihnen jedes Mal ein honigsüßes Lächeln schenkte und so unnahbar war wie ein himmlisches Wesen.
Jinshis Stimme klang so, als würde er vor Angst um Maomao jeden Moment den Verstand verlieren. Oder einen Herzanfall erleiden. Die kranke junge Frau nun mit einem Arm festhaltend, griff er nach ihrer Schulter und begann, sie zu schütteln.
„Öffne die Augen, ich flehe dich an! Maomao!"
Er hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass ihm Tränen über das Gesicht liefen.
„Meine Güte, was ist denn hier passiert, junger Herr?!"
Suiren kam auf der Stelle angeeilt. Bestimmt hatte sie seinen Schrei vorhin mitbekommen und alles stehen und liegen gelassen.
Doch Jinshi antwortete ihr nicht. Und nicht nur das: er schien ihre Frage überhaupt nicht mitbekommen zu haben. Die Einzige, die er im Moment hörte und sah, war Maomao, welche er immer noch ganz außer sich vor Angst darum anflehte, die Augen zu öffnen, während er sich mit ihr im Arm erhob und unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen begann.
„Unser Herr konnte sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren, also habe ich ihm gestattet, kurz nach Xiaomao zu sehen", erklärte Gaoshun an seiner Stelle. „Aber als wir eintraten... fanden wir sie am Boden liegend vor."
Suiren hob erschrocken die Hand zum Mund und weitete die Augen. Sie sah genauso aus wie der Assistent vorhin beim Betreten des Raumes. Die beiden hatten ihren Herrn noch nie so schreien gehört. Niemals. Nicht einmal, als er noch ein Kind gewesen war.
„Ich habe doch erst vor einer knappen halben Stunde nach ihr gesehen...", murmelte die oberste Zofe. „Sie lag in ihrem Bett und schlief." Sie machte einen Schritt auf Jinshi zu und streckte die Hand aus, wohl in der Absicht, ihn aufzuhalten. „Junger Herr! Ihr solltet-"
Doch Gaoshun unterbrach die ältere Dame, indem er ihr die Hand auf die Schulter legte. Sie drehte sich zu ihm um und sah, wie er bekümmert den Kopf schüttelte.
„Das wird nichts bringen. Im Moment bekommt er nichts um sich herum mit."
Suiren warf ihm einen Blick zu und setzte dann den gleichen Gesichtsausdruck an wie er.
„Ihr habt Recht. Dann hole ich kurz kühles Wasser und ein Tuch für Xiaomaos Stirn."
Und mit diesen Worten eilte sie wieder davon.
Währenddessen lief Jinshi immer noch im Zimmer herum, Maomaos zitternden Körper eng an sich drückend.
Auf einmal erfüllte ein Husten den Raum.
Der junge Herr blieb abrupt stehen und begann, der Apothekerin vorsichtig auf den Rücken zu klopfen, bis sie mit dem Husten aufhörte.
„Maomao!"
Mit einiger Mühe öffnete Maomao endlich die Augen und hob langsam den Kopf von seiner Schulter. Sie wirkte, als sei sie kaum bei Bewusstsein und begreife nicht, wo sie sich befand.
„Eure... Exzellenz...?" Ihre Stimme klang leise und leicht heiser.
Jinshi stützte mit einer Hand ihren Kopf, damit dieser nicht wieder zurück auf seine Schulter fiel, presste seine Stirn an ihre und blickte ihr direkt in die halbgeschlossenen und vor Fieber glasigen Augen. Noch immer liefen Tränen seine Wangen herab.
„Apothekerin! Maomao! Ich bin hier! Siehst du mich?"
Sie blinzelte ein paar Male und erwiderte dann zu seiner Erleichterung seinen Blick. Doch nach einigen Augenblicken runzelte sich auf einmal ihre Stirn.
„Geht... weg..."
„Was?"
Der junge Herr starrte sie fassungslos an, kaum glaubend, was er da gerade gehört hatte. Und noch verblüffter wurde er, als er spürte, wie sie beide Hände auf seine Brust legte, ihre noch verbliebene Kraft zusammennahm und ihn wegzuschieben versuchte.
„Ihr werdet... wieder… krank...", stieß sie noch hervor und wurde wieder von einem kurzen Hustenanfall durchgeschüttelt.
Jinshi riss die Augen so weit auf, wie es seine Augenlider zuließen. Er war für einen kurzen Moment vollkommen sprachlos.
„Wie... Wie kannst du in einem solchen Moment bloß an mich denken?!" Er ließ ihren Kopf los und drückte sie wieder mit beiden Armen verzweifelt an seinen Körper. „Hör auf! Hör auf damit! Ich gehe nirgendwohin!"
Mit diesen Worten nahm er auf dem Bett Platz und setzte Maomao auf seinen Schoß, so dass sie seitwärts saß und ihr Kopf nun an seine Brust gepresst war. Dann hob er sein äußeres Gewand an und wickelte sie darin ein, wie in eine Decke.
„Nein...", protestierte sie noch schwach. „Geht weg..."
Jinshi hörte nicht auf sie. Stattdessen begann er, ihr mit einer Hand sanft den Rücken zu reiben, bis er spüren konnte, wie ihre angespannten Muskeln sich allmählich entspannten und sie sich kraftlos an ihn lehnte.
Er schloss sein Gewand noch enger um sie, ganz deutlich spürend, wie heftig sie immer noch zitterte. Er mochte sich gar nicht vorstellen, wie die arme Apothekerin auf dem kalten Boden gefroren haben musste.
Dann griff er behutsam nach ihrem Kinn und hob es so an, dass sie ihm mit ihren müden Augen ins Gesicht blickte.
„Apothekerin...", sprach er sie liebevoll an. „Sag mal, was ist denn eigentlich passiert? Warum bist du aufgestanden?" Inzwischen war sein Tränenfluss versiegt und er selbst deutlich ruhiger geworden. Auch wenn er sich trotzdem immer noch fürchterliche Sorgen um sie machte und ihm das Herz heftig gegen die Rippen pochte.
„M-Medizin..." brachte Maomao heraus.
Jinshi sah sie fragend an.
„Medizin?"
Die Apothekerin hob eine ihrer zitternden Hände und zeigte mit dem Finger auf den Tisch. Der junge Adelige blickte dorthin und entdeckte einige kleine Schüsseln mit einer dunklen Flüssigkeit. Einige Augenblicke später fiel bei ihm schließlich der Groschen.
„Warte, ist das etwa dieses Erkältungsmittel, das du auch mir damals gemacht hast? Ich kann es bis hierher riechen."
Maomao nickte.
„Ach so, ich verstehe! Du hast gemerkt, dass es dir schlechter ging, und wolltest deine Medizin nehmen, nicht wahr? Aber dann bist du unterwegs zusammengebrochen."
Wieder ein Nicken.
„So war das also..."
„Xiaomao hat mir heute Morgen erzählt, dass sie es letzten Abend für alle Fälle zubereitet und bereits in einzelne Dosen aufgeteilt hat, junger Herr", meinte Suiren, die inzwischen zurückgekommen war und den Behälter mit dem Wasser ebenfalls auf den Tisch stellte.
Der junge Adelige war froh darum, wusste er doch genau, wie gut jenes Mittel wirkte.
„Sehr gut! Dann lass mich dir eine davon geben, Apothekerin."
Wenig später war Jinshi damit beschäftigt, seiner Apothekerin das Mittel mit einem Löffel einzuflößen, während Suiren ihr ein feuchtes Tuch auf die heiße Stirn platzierte, ihr mit einem Taschentuch die leicht laufende Nase sauberwischte und dann begann, Maomaos Hosenbeine und Ärmel hochzukrempeln, um nachzusehen, ob sie sich beim Sturz möglicherweise verletzt hatte. Aber glücklicherweise war da nichts.
Maomao ließ alles klaglos über sich ergehen. Sie rührte sich kaum, während sie nach und nach die Medizin aus dem Löffel trank und herunterschluckte.
Währenddessen stand Gaoshun an der Tür und wartete auf mögliche Anweisungen. Maomaos Zimmer konnte man nicht gerade als groß bezeichnen, demnach würde es mit einer vierten Person im Raum nun wirklich eng werden.
„Bald wird es dir besser gehen", murmelte Jinshi, während er die nun leere Schüssel beiseite stellte und der Apothekerin als Nächstes dabei half, ein Glas Wasser zu trinken.
Einige Minuten später gab Maomao ein Gähnen von sich und schlief letztendlich vollkommen erschöpft und an Jinshis Körper gelehnt ein. Dieser umarmte sie wieder, legte das Kinn auf ihren Kopf und atmete tief durch, ohne ein Wort zu sagen. So blieb er einige Zeit. Dann hob er sie vorsichtig von seinem Schoß, gab ihr einen Kuss auf die Schläfe, legte sie ins Bett und deckte sie gut zu.
In seinen Augen lag eine gewisse Erleichterung, als er sie wieder tief und fest schlafen sah, jedoch auch eine ziemliche Angespanntheit. Diese war der Ungewissheit geschuldet, was sie alle noch in nächster Zeit erwarten könnte.
Währenddessen seufzte Maomao leise im Schlaf und drehte sich auf die Seite, sich zusammenrollend wie ein kleines Kätzchen.
***
Das einzige Geräusch im Zimmer war Maomaos regelmäßige, leicht schnaufende Atmung. Jinshi saß immer noch auf ihrem Bett und strich ihr langsam über den Kopf. In seinem Blick, mit dem er sie bedachte, lag eine tiefe, unbeschreibliche Zuneigung, jedoch war diese durchmischt mit Traurigkeit und schlechtem Gewissen.
Die beiden waren in das rot-orangene Licht der untergehenden Sonne getaucht, deren Strahlen durch das Fenster in den Raum eindrangen.
Es wirkte wie die Szene in einem Gemälde.
Schlussendlich gab Jinshi ein Seufzen von sich, holte vorsichtig eine von Maomaos Händen unter der Decke hervor und drückte sie.
„Suiren. Gaoshun."
Die Beiden, die vor der Tür standen und ihm schweigend zusahen, horchten beim Klang seiner Stimme auf der Stelle auf.
„Ja, Herr?"
Der junge Adelige hob den Blick und schaute sie an.
„Ich werde heute Nacht bei ihr bleiben."
Seine Augen und seine Stimme waren erfüllt mit unerschütterlicher Entschlossenheit.
Suiren und Gaoshun waren für einen Moment sprachlos.
„Aber Herr..."
„Zur Hölle mit der Arbeit", unterbrach Jinshi seinen Assistenten, noch bevor dieser zu Ende sprechen konnte. „Die kann warten. Ich erledige sie schon morgen, keine Sorge."
„Und was, wenn Ihr Euch wieder erkältet?", meldete sich nun Suiren zu Wort.
„Auch das ist mir egal."
„Xiaomao wird sicherlich nicht erfreut sein, wenn Ihr Euch bei ihr ansteckt."
Jinshi schüttelte den Kopf.
„Ich weiß. Aber nach dem, was passiert ist, kann ich sie nicht einfach so allein lassen."
Ganz genau. Selbst krank würde er sich ohne jedes Nachdenken der Arbeit zuwenden und diese, wie es seiner lebenslangen Gewohnheit entsprach, über die eigene Gesundheit stellen. Doch wenn Maomao diejenige war, die krank war, war er bereit, ihr zuliebe alles stehen und liegen zu lassen.
Suiren runzelte leicht die Stirn.
„Ich fürchte, ich kann das nicht erlauben, junger Herr."
Jinshi wurde wütend, als er diese Worte vernahm. Er hatte größten Respekt vor seiner obersten Zofe, die ihn großgezogen hatte und einer der wichtigsten Menschen in seinem Leben war, und widersprach ihr nur selten. Doch in diesem Fall ging es nicht anders.
Er zeigte mit der freien Hand auf die schlafende Maomao, im Versuch, seine Stimme nicht allzu sehr zu heben, damit er sie nicht versehentlich aufweckte.
„Suiren! Schau nur, wie sie zittert! Wie kannst du von mir bloß erwarten, sie jetzt allein zu lassen?! Was, wenn sie erneut stürzt und sich diesmal verletzt?! Du kannst nicht rund um die Uhr auf sie aufpassen!"
Seine Stimme bebte beinahe vor unterdrückter Verzweiflung und durch seinen Körper fuhr ein leichter Schauder, als er jene Worte aussprach. Er ergriff die Hand der Apothekerin nun mit seinen beiden, dem Assistenten und der Zofe zu verstehen gebend, dass er sich nicht von der Stelle rühren würde, auf keinen Fall. Und mit roher Gewalt würde ihn selbstverständlich keiner von dort fortzerren.
Beide wirkten ratlos, als würden sie sich den Kopf zerbrechen, was sie tun sollten. Jinshi warf ihnen einen trotzigen Blick zu.
„Schluss jetzt!", zischte er und seine Augen blitzten vor Autorität. „Ihr werdet mich bei ihr bleiben lassen. Das ist ein Befehl eures Herrn! Wollt ihr euch mir etwa widersetzen? Wenn ja, werde ich euch bestrafen, darauf könnt ihr Gift nehmen!"
Nun wirkte er mehr denn je wie ein Mitglied der kaiserlichen Familie.
Suiren und Gaoshun sahen sich gegenseitig an. Selbstverständlich erteilte Jinshi ihnen regelmäßig Befehle, doch er war kein Mensch, der gerne seinen hohen Status betonte und hatte sie in seinem ganzen Leben so gut wie nie spüren lassen, dass sie bloß einfache Bedienstete waren. Demnach musste es ihm wirklich ernst sein.
Und natürlich konnten sie sich seinen Befehlen nicht widersetzen, egal, ob mit Bestrafung oder ohne.
Also blieb ihnen nichts Anderes übrig, als demütig den Kopf zu senken.
„Sehr wohl, Herr."
Wenig später brachte Suiren ihm seine Schlafbekleidung und half ihm beim Umziehen.
„Wenn Ihr etwas brauchen solltet, junger Herr, dann wendet Euch bitte an mich", meinte sie mit einem leisen Seufzen.
Jinshi warf seiner obersten Zofe einen Blick zu. Er hatte seine Gesichtszüge entspannt und wirkte nun wieder wie der Junge, den sie kannte.
Das Herz der älteren Dame zog sich zusammen, als ihr bewusst wurde, wie fürchterlich erschöpft er aussah. Noch erschöpfter als er es nach der Arbeit je war. Er musste sich immer noch unglaubliche Sorgen um die Apothekerin machen.
„Danke dir, Suiren, das werde ich. Ich... habe eine Bitte an dich..."
„Ja, junger Herr?"
Jinshi machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr.
„Falls ich wirklich erneut krank werden sollte... dann halte die Apothekerin bitte von mir fern. Ich werde sie nicht noch einmal anstecken. Auf keinen Fall."
„Verstanden..."
***
Schlussendlich wurden der junge Herr mit der Apothekerin allein gelassen. Inzwischen war die Dunkelheit angebrochen und auf dem Tisch brannte eine einsame Kerze.
Jinshi stand einige Augenblicke lang einfach nur da. Dann kam er näher und hob Maomaos Bettdecke an. Ihr Bett war deutlich kleiner als sein eigenes und eigentlich etwas eng für zwei Leute, somit war es keine sehr einfache Aufgabe, sich neben sie hineinzuquetschen, doch zu guter Letzt schaffte er es. Gut, dass Maomao selbst so klein war. Er würde bloß aufpassen müssen, nachts nicht herauszufallen.
„Mmm..."
Die Apothekerin schien seine Bewegungen zu spüren und begann, sich, immer noch auf der Seite liegend, ein wenig im Schlaf zu rühren. Jinshi schlang die Arme um sie und drückte seine Brust an ihren Rücken.
„Psst. Schlaf", flüsterte er ihr ins Ohr.
Maomao entspannte sich wieder.
Der junge Herr hatte nun begriffen, dass es sehr wohl etwas gab, was er für sie tun konnte:
„Du hast mich warmgehalten und jetzt bin ich an der Reihe..."