„Bleib bei mir! Mach die Augen auf!"
Was die Leute an jenem Tag sahen, war wie der junge Mann, der gerade eben noch das Ritual durchgeführt hatte, ruhig, aber gleichzeitig auch bestimmt durch den kaiserlichen Hof schritt, mit einer bewusstlosen zierlichen jungen Frau in den Armen.
Aber das war alles nur Theater. Innerlich schrie Jinshi nämlich so verzweifelt, dass er bestimmt bereits heiser geworden wäre, wenn es sich um keine stummen Schreie gehandelt hätte. Aber da ihm kein einziges Geräusch über die Lippen kam, konnte keiner auch nur erahnen, wie sehr er sich anstrengte, um sich seine überwältigende Panik nicht anmerken zu lassen.
„Wach auf!
Wach auf!
BITTE WACH DOCH AUF!"
Eine Panik, die ihn schier um den Verstand brachte und nicht klar denken ließ. Die Gedanken rasten durch seinen Verstand wie wilde Pferde, unmöglich zu zähmen.
Eine Adrenalinwelle durchströmte seinen gesamten Körper, während er automatisch einen Fuß vor den anderen setzte und all die Blicke der Leute auf sich spürte. Sein eigener war währenddessen nach vorn gerichtet, den Schaulustigen nicht die kleinste Beachtung schenkend.
Seine vermeintlich ruhigen Augen richteten sich auf die junge Frau, die schlaff in seinen Armen lag und nicht das Geringste davon mitbekam, was um sie herum geschah. Daraufhin durchbohrte ein scharfer Schmerz sein Herz und ein leichter Schauder zog sich durch seine Hände. Sie bewegte sich nicht, sondern lag einfach nur da, wie eine leblose Puppe, während ihr das Blut aus der Nase Richtung Kinn floss und auch ihr verletztes Bein entlangströmte, seine und ihre eigene Kleidung befleckend und zu Boden tropfend. Große, scharlachrote Tropfen, welche sie verließen wie das Leben selbst.
Die einzigen Anzeichen, dass sie noch am Leben war, waren die Wärme ihres Körpers und ihre flachen Atemzüge an seiner Brust, doch sie schafften es nicht, sein wie wild pochendes Herz zu besänftigen.
Sie in diesem Zustand sehen zu müssen, war die reinste Qual, die schlimmste Folter.
Noch nie im Leben hatte Jinshi sich derart hilflos gefühlt.
So verzweifelt, so verängstigt.
Die Furcht zerstörte ihn geradezu von innen, riss ihn in Stücke wie eine scharfe Klinge.
Aber immer noch war nichts davon seinem schönen Gesicht anzusehen. Nur der kalte Schweiß, der ihm die Stirn herunterströmte, verriet seinen wahren Gemütszustand.
Ja, selbst jetzt... selbst jetzt, wo jemandes Leben auf dem Spiel stand, war er gezwungen, sich zu beherrschen, seine Gefühle zu unterdrücken, das gefasste, würdevolle Mitglied der kaiserlichen Familie zu spielen... genau so wie es ihm von frühester Kindheit an antrainiert worden war...
Nur weil dieser Jemand „bloß eine Dienerin" war...
Auf einmal blieb sein Herz für den Bruchteil einer Sekunde stehen und er wäre beinahe erstarrt. Seine Augen weiteten sich leicht. Bildete er es sich nur ein oder war ihre Atmung tatsächlich schwächer geworden? Nein! Das konnte doch nicht wahr sein!
Oder?
Jinshi biss die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf, wieder zu sich kommend. Was tat er da eigentlich? Wieso sollte es ihn jetzt kümmern, was andere von ihm dachten? Zur Hölle mit diesem Unsinn! Er hatte keine Zeit dafür! Das Einzige, was jetzt zählte, war Maomao so schnell es ging zum Arzt zu bringen! Er hatte keine Ahnung, wie hoch die Ausmaße des Schadens waren, welchen ihr Kopf erlitten hatte, also war jede Sekunde kostbar!
„Halte durch, Maomao! Wir sind bald da!"
Und mit diesen letzten Gedanken rutschte die Maske falscher Gefasstheit endlich von seinem Gesicht, und er rannte los als sei der Teufel hinter ihm her, als wären seine Beine aus einer Art Starre erwacht.
Da war das Lager des Hofarztes! Endlich! So lauteten seine Gedanken, während er Maomao enger an sich drückte, als wolle er sie beschützen, verzweifelt versuchen, das noch verbliebene Leben in ihrem Körper zu halten.
Jinshi sah, dass Gaoshun bereits vor dem Eingang stand. Bestimmt hatte ihm jemand von dem Vorfall berichtet und er war sofort hingeeilt, um auf ihn zu warten.
***
„Bitte sei wohlauf... Was... Was soll ich nur ohne dich machen? Bitte bleib bei mir, ich flehe dich an!"
Nun, da er die verletzte Maomao zum Hofarzt des Äußeren Palastes gebracht hatte, saß Jinshi ganz allein auf einer nahegelegenen Bank. Saß da und wartete... hoffte... flehte in seinen Gedanken, während er unruhig auf die Tür des Gebäudes starrte, in dem Maomao gerade behandelt wurde. Die Minuten fühlten sich wie Stunden an, schienen überhaupt nicht vergehen zu wollen.
Zwar wollte er zuerst bei der Behandlung anwesend sein, doch Gaoshun hatte es geschafft, ihn zu überreden, draußen zu warten, wohl, weil er seinem Herrn, nach all dem, was dieser bereits durchgemacht hatte, zumindest den Anblick des Nähens der Wunde ersparen wollte. Der Assistent bat ihn, die Zeit zu nutzen, um wieder zu Atem zu kommen und sich zu beruhigen, ihm versichernd, dass die junge Frau nun in guten Händen war und dass er an seiner statt über sie wachen würde.
Ha! Als ob das so einfach wäre! Wie sollte er sich beruhigen, wenn er keine Ahnung hatte, was mit ihr gerade geschah?!
Jinshi bedeckte sein Gesicht mit der linken Hand und versuchte, tief durchzuatmen. Doch es brachte nichts. Sein Herz pochte immer noch wie verrückt und seine beiden Hände zitterten. Auch jetzt noch konnte er das Gewicht seiner kleinen Apothekerin auf seinen Armen spüren.
Doch er sah ein, dass er während der Behandlung sowieso keine Hilfe gewesen wäre. Er wäre einfach nur im Weg herumgestanden.
Es war schrecklich, sich so nutzlos zu fühlen. So unfassbar nutzlos, obwohl er doch einer der wichtigsten Männer der gesamten Nation war... und doch gezwungen, einfach herumzusitzen und zu warten, während jemand, der ihm wichtig war, in Gefahr schwebte...
Es war schier unerträglich...
Erneut die Zähne zusammenbeißend, deckte Jinshi sein leicht blasses Gesicht wieder auf und blickte auf seine rechte Hand herab.
An dieser klebte immer noch Blut von der Beinwunde der Apothekerin und verströmte einen leicht metallischen Geruch. Und auch seine Kleidung hatte etwas von den Tropfen abbekommen, während er sie getragen hatte. Er wendete den Blick wieder ab, um es nicht sehen zu müssen, und wünschte sich, er könne den Anblick ganz aus seinem Verstand tilgen.
Ihr Blut an sich zu haben...
...war so grauenvoll, dass er es nicht in Worte fassen konnte...
...so grauenvoll es zu sehen und zu wissen, dass er nicht in der Lage gewesen war, jene Blutung aufzuhalten, dass er rein gar nichts für Maomao hatte tun können, außer sie herzubringen.
Er hätte es vorgezogen, wenn es sein eigenes Blut gewesen wäre. Ja, genau! Schließlich waren seine Beine viel länger als ihre, wieso konnte das verdammte Ding also nicht eines von seinen treffen?! Wieso hatte es ausgerechnet ihres sein müssen?! Dieser Schlag auf den Kopf war doch schon mehr als genug gewesen!
Apropos, er musste noch unbedingt herausfinden, wer sie da geschlagen hatte, und den Mistkerl entsprechend bestrafen.
Zu dem Zeitpunkt verschwendete er keinen einzigen Gedanken daran, dass er beinahe von einem Balken zerquetscht worden war und wahrscheinlich nicht mehr auf Erden weilen würde, hätte die Apothekerin ihn nicht in letzter Sekunde noch weggestoßen.
Nein. Das würde erst später kommen. Aktuell war sein gesamter Verstand mit Maomao ausgefüllt.
Mit Maomao und der Möglichkeit, sie zu verlieren.
Diesmal für immer.
Unwiederbringlich.
Nun begann er am ganzen Körper zu zittern.
Er wollte diese fürchterlichen Gedanken aufhalten, doch sie bahnten sich gnadenlos ihren Weg durch seinen Verstand.
Nein, nein, nein! Er durfte sich solche Dinge nicht einmal ausmalen! Alles wird gutgehen. Es musste einfach!
Nicht wahr?
Jinshi krümmte sich. Ein leiser Schluchzer entfuhr seiner Kehle.
Die Tränen, die sich schon seit dem Zeitpunkt, als er sich hingesetzt hatte, in seinen Augen angesammelt hatten, fingen endlich an, seine Wangen herabzufließen und von seinem Kinn zu tropfen. Eine nach der anderen.
Er hatte nicht mehr die Kraft sie zurückzuhalten und versuchte nicht einmal, sie zu stoppen, denn er wusste bereits, dass dies ein nutzloses Unterfangen sein würde.
Und schon bald verwandelten sich die paar Tränen in eine richtige Flut.
Es war, als wäre in seinem Inneren ein Damm gebrochen, als hätten alle seit seiner Kindheit unvergossenen Tränen beschlossen, auf einmal herauszukommen. Zusammen mit all den unterdrückten Gefühlen.
Schluchzend wie ein kleiner Junge saß er da auf jener Bank. Vollkommen allein und mit aller Macht um ein glückliches Ende betend.
***
Nach einer Weile, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, hielt Jinshi es schließlich nicht mehr aus. Seine Besorgnis und Angst waren bereits kurz davor, ihn zu verschlingen.
Des Herumsitzens überdrüssig geworden, stand er auf und begann, hin und her zu laufen, im Versuch, die Zeit damit wenigstens ein bisschen schneller vergehen zu lassen. Vor Unruhe die Finger verdrehend und zu Boden starrend, die Blutflecken meidend. Tränen strömten immer noch unaufhaltsam sein Gesicht entlang.
Eine weitere Ewigkeit verging, bis letztendlich einige Geräusche vom Lager des Hofarztes an sein Gehör drangen. Umgehend blickte er auf und sah, dass die Tür aufging und Gaoshun heraustrat.
Jinshi verschwendete keine Sekunde. Ohne es sich zweimal zu überlegen oder auch nur seine Tränen wegzuwischen, rannte er auf seinen Assistenten zu und packte ihn am Kragen. Seine Hände zitterten heftig.
„Wie geht es ihr?!"
Gaoshun hatte seinen Herrn noch nie derart die Fassung verlieren sehen, nicht einmal, als dieser noch ein Kind gewesen war, und war daher etwas baff. Doch die Verzweiflung in Jinshis Augen und Stimme ließen ihn jede Bemerkung herunterschlucken. Jetzt war einfach nicht die Zeit dafür.
Stattdessen legte er dem jungen Adeligen die Hände auf die Schultern.
„Macht Euch keine Sorgen, mein Herr. Sie hat zwar ganz schön was abbekommen, aber der Arzt meinte, sie würde sich wieder erholen. Sie braucht im Moment bloß Bettruhe. Er hat ihr Verbände angelegt und ihr Bein genäht."
In Gaoshuns Stimme schwang eine gewisse Erleichterung mit, aber das war kein Wunder, denn er hatte „Xiaomao" inzwischen ebenfalls ziemlich liebgewonnen und sah sie bereits unbewusst als eine Art „zweite Tochter" an. Daher hatte auch er sich Sorgen um sie gemacht. Auch wenn sie ihm nicht weniger Kopfschmerzen bereitete als sein Herr.
Als Jinshi dies hörte, wurden seine Beine schwach und gaben sogar unter ihm nach, sodass er gezwungen war, Gaoshuns Kragen loszulassen. Doch sein Assistent schaffte es, ihn unter den Armen zu packen und noch rechtzeitig aufzufangen, bevor er auf die Knie fallen konnte.
Der junge Adelige verspürte erneut den Wunsch zu weinen, doch diesmal vor unaussprechlicher Freude und Erleichterung. Es war so, als hätten diese Worte einen gewaltigen Felsen versetzt, der ihm die Brust gequetscht hatte.
„Alles in Ordnung, Herr?"
Doch Jinshi ging nicht auf Gaoshuns besorgte Nachfrage ein.
„Hat sie... Schmerzen?", wollte er stattdessen wissen, sein Blick erneut von Sorge getrübt.
„Nein, Herr. Der Arzt hat ihr ein Schmerzmittel verabreicht. Sie schläft jetzt tief und fest."
Daraufhin gab Jinshi einen erleichterten Seufzer von sich und setzte einen ernsten Gesichtsausdruck auf. Da er wieder fest auf beiden Beinen stand, ließ Gaoshun ihn los.
„Bring sie in meine Gemächer. Sie soll in meinem Bett schlafen und Suiren sich um sie kümmern. Ich habe nicht vor, sie hier liegen zu lassen. Sie bekommt die beste Behandlung, die allerbeste, verstanden?", befahl Jinshi in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Seine Stimme und auch sein Körper hatten endlich aufgehört zu beben.
Gaoshun wollte bereits den Mund öffnen, doch der entschlossene Blick seines jungen Herrn hielt ihn davon ab, Fragen zu stellen.
„Sehr wohl, Herr!"
Er verbeugte sich und eilte zum Arzt zurück, um Jinshis Anweisungen auszuführen.
„Bitte tretet ein. Sie schläft noch. Ich habe sie gewaschen und ihr Schlafbekleidung angezogen."
Von Suiren empfangen, betraten Jinshi und Gaoshun die Gemächer des jungen Adeligen. Ungefähr eine Stunde war vergangen, seit Jinshi benachrichtigt worden war, dass seine Apothekerin sich wieder vollständig erholen würde.
„Danke dir, Suiren", antwortete er leise und schaffte es, ihr ein kleines Lächeln zu widmen. Seine Besorgnis war immer noch nicht ganz verschwunden, doch zumindest hatte er es irgendwie geschafft, sich endlich zu beruhigen, denn er wusste nun, dass Maomao am Leben war und sich in den besten Händen befand, die er sich nur vorstellen konnte.
Er konnte es nicht erwarten, sie zu sehen, sich mit eigenen Augen zu vergewissern, dass sie in Ordnung war... jedoch... zögerte er trotz allem ein wenig, als er auf das Bett zuging, leichte Angst davor habend, was er zu sehen bekommen würde.
Der Anblick ihrer geschwollenen Wange und ihres Auges und all des Blutes hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt... Er hatte das Gefühl, als würde er ihn nie vergessen können, solange er lebte.
Während sein Herz erneut schneller zu schlagen begann, erreichte er schließlich das Bett und sein Assistent und seine oberste Zofe nahmen geschwind ihren gewohnten Platz hinter ihm ein.
Da war sie!
Jinshi stockte der Atem, als er sie in seinem Bett liegen sah. Ein Teil ihres Kopfes und die gesamte rechte Seite ihres Gesichtes waren von Verbänden umwickelt und er konnte sich bereits ausmalen, dass ihr Bein nicht viel besser aussehen musste. Bei dem Anblick schmerzte ihm das Herz und er wollte nichts sehnlicher, als sich auf sie zu stürzen und sie fest zu umarmen. Das Bedürfnis war so stark, dass er sogar, ohne es zu merken, die Arme hob, bereit, sie um ihren Körper zu legen, doch...
Doch Maomao sah nun noch kleiner aus als sie es bereits war, so zerbrechlich und verwundbar, dass er sich beherrschte und die Arme wieder senkte. Die Angst, ihr aus Versehen weh zu tun, war einfach zu groß.
Aber trotz allem spürte Jinshi, dass er sie einfach berühren musste, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie wirklich da war und sein Verstand ihm nicht bloß einen Streich spielte. Und so schnappte er sich rasch einen Stuhl und stellte ihn direkt neben das Bett. Dann setzte er sich und nahm Maomaos linke Hand in seine beiden eigenen. Von ihrem Puls beruhigt, warf er einen erneuten Blick auf ihr Gesicht.
Und hob dann ihre Hand zu seinen Lippen und küsste sie sanft.
Ihr Mund zuckte leicht im Schlaf und ihre andere Hand, welche auf der Decke lag, ballte sich zur Faust. Der junge Adelige erstarrte für einen Moment, aus Angst, dass er sie aufgeweckt hatte, doch entspannte sich wieder, als er feststellte, dass dies nicht der Fall war.
Bevor er sich zu seinen Gemächern begeben hatte, hatte er seine zeremonielle Kopfbedeckung abgenommen, seine Haare wieder frei über seinen Rücken und Schultern fallen lassend, und sich das Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen, weil Gaoshun darauf bestanden hatte und auch weil er selbst Suiren keine unnötigen Sorgen bereiten wollte. Doch nun begannen einige neue Tränen in seinen immer noch vom Weinen leicht geschwollenen Augen zu brennen und schließlich seine Wangen herabzufließen, als er sah, wie Maomao sich bewegte.
Sie war nicht mehr wie eine leblose Puppe, was für ein Glück!
Jinshi legte vorsichtig seine die Hand auf ihren Kopf und begann, ihr langsam übers Haar zu streicheln, während er mit der anderen weiterhin ihre kleine Hand festhielt.
„Schlaf, Apothekerin. Alles wird gut. Schlaf", murmelte er.
Als hätte sie seine Worte gehört, entspannte Maomao sich wieder.
Währenddessen standen Suiren und Gaoshun immer noch hinter ihm und sahen ihm mit Wärme in den Augen zu. Dann wechselten sie einen kurzen Blick, sich stillschweigend darauf einigend, ihren Herrn erstmal nach Belieben walten zu lassen. Immerhin waren sie die Menschen, die Jinshi großgezogen hatten, seine engste Familie. Diejenigen, die ihn besser kannten als jeder andere.
Und sie mussten beide zugeben, dass sie noch nie zuvor gesehen hatten, wie er sich dermaßen um einen anderen Menschen sorgte. Eine Sorge, die über simple Dankbarkeit für die Rettung seines Lebens weit hinausging.
Nichts davon war gespielt.
Er liebte sie wirklich.
***
Der Raum war erfüllt mit Stille.
Maomao schlief, Jinshi saß neben ihr und hielt ihre Hand, und Gaoshun und Suiren wachten über sie. Keiner gab auch nur ein Wort von sich.
„Ah!"
Aus heiterem Himmel stand Jinshi vom Stuhl auf. Der Assistent und die Zofe bekamen einen leichten Schreck und kamen näher, sich fragend, was wohl passiert sein mochte.
Und als sie das taten, bemerkten sie, dass Maomao begonnen hatte, sich unruhig im Schlaf zu wälzen und mit ihrem gesunden Bein beinahe die Bettdecke wegzustrampeln... Suiren begab sich auf der Stelle zur anderen Seite des Bettes und füllte für die verletzte junge Frau einen Becher mit Wasser, sich bereitmachend, für den Fall, dass diese aufwachen sollte.
Währenddessen beugte sich Jinshi über die Apothekerin und drückte ihre Hand, seine freie auf ihre Schulter legend. In seinen Augen lag blanke Angst.
„Maomao, kannst du mich hören? Maomao!", begann er, sie zu rufen. Sein Schrecken wuchs immer weiter an. Ihm fiel nicht einmal auf, dass er sie gerade beim Namen gerufen hatte. Ganze zwei Mal.
Und überraschenderweise schien sie seine Stimme tatsächlich vernommen zu haben, da sich ihr Kopf in seine Richtung drehte.
Aber dann entspannte sie sich wieder und sank erneut in einen tiefen Schlaf.
Jinshi spürte, wie sich die Besorgnis wieder wie eine Kette um seine Brust legte und ihm das Atmen erschwerte.
„Was war das gerade!?"
Suiren befühlte Maomaos Stirn und seufzte.
„Nun, so wie es aussieht, ist sie doch noch nicht bereit aufzuwachen. Aber zumindest hat sie kein Fieber und scheint auch keine Schmerzen zu leiden."
Jinshi setzte sich wieder hin und sah mit flehendem, verzweifeltem Blick zu seiner obersten Zofe auf.
„Also meinst du, dass alles in Ordnung ist?"
Suiren schenkte ihm das sanfte Lächeln, das er seit seiner Kindheit kannte.
„Aber ja, junger Herr. Macht Euch bitte keine Sorgen. Bestimmt war es bloß ein unangenehmer Traum, der sie befallen hat."
Er seufzte vor Erleichterung und drückte einen weiteren Kuss auf die Hand der Apothekerin.
***
Fast eine Stunde war vergangen. Jinshi sah der Apothekerin immer noch beim Schlafen zu, sich nicht einmal für eine Minute von ihrer Seite entfernend. Der Himmel hatte bereits angefangen, sich rot und orange zu verfärben, ein Anzeichen, dass schon bald die Nacht anbrechen und dieser schreckliche Tag endlich zu Ende gehen würde.
Auf einmal bemerkte der junge Mann aus dem Augenwinkel, dass Suiren auf ihn zuging, tauchte aus seiner Versunkenheit auf und hob den Kopf.
Sie trug ein Tablett mit einer Schüssel Reisbrei.
„Ihr seid bestimmt hungrig, junger Herr."
Jinshi schüttelte den Kopf.
„Danke, Suiren, aber nein, bin ich nicht."
Doch sie stellte das Tablett trotzdem auf seinen Schoß.
„Aber Ihr habt seit heute Morgen nichts gegessen."
Dem jungen Adeligen fiel auf, dass sie Recht hatte. Sein Magen war tatsächlich leer, doch er hatte absolut keinen Appetit. Und außerdem konnte er sich nach all dem, was er heute durchgemacht hatte, und weil Maomao immer noch nicht aufgewacht war, einfach nicht dazu aufraffen, sich um solche banalen Dinge wie Essen Gedanken zu machen.
Begreifend, dass es nicht so aussah, als würde er seine Meinung bald ändern, hob Suiren die Hand zum Mund und gab einen kleinen Seufzer von sich.
„Wenn Xiaomao wüsste, dass Ihr ihretwegen nichts esst, wäre sie zweifellos verärgert und würde Euch tadeln, mein Herr", meldete sich schließlich Gaoshun zu Wort, der sich ebenfalls noch im Raum befand. „Bitte bereitet Ihr keine Unannehmlichkeiten, sie muss sich schließlich voll und ganz auf ihre Heilung konzentrieren."
Jinshi hatte sich zu ihm umgedreht und seine Augen weiteten sich leicht angesichts dieser Worte. Das war richtig! Maomao warf ihm immer vor, seine Gesundheit zu vernachlässigen. Da konnte er sie doch nicht ausgerechnet jetzt damit belästigen!
Und so nahm er mit leichtem Zögern den Löffel in die Hand und begann langsam zu essen, Maomao dabei immer noch bei der Hand haltend. Der Brei war warm und glitt angenehm seine Speiseröhre hinunter.
Gaoshun setzte ein kleines Lächeln auf, als er sah, wie hervorragend seine Worte gewirkt hatten. Nun, immerhin wusste er genau, wie mit seinem Herrn umzugehen war.
***
Und genau als Jinshi dabei war, sein Mahl zu beenden, kam Gaoshun auf ihn zu und räusperte sich. Er wusste genau, dass das folgende Thema dem jungen Mann ganz bestimmt nicht gefallen würde. Aber es musste sein.
„Wenn Ihr mit Eurem Essen fertig seid, mein Herr, möchte ich, dass Ihr mich zu meinem Zimmer begleitet. Ihr müsst Euch ebenfalls ausruhen und ich würde Euch für heute Nacht mein Bett überlassen."
Suiren nickte. Sie war ganz seiner Meinung.
Und wie erwartet, nahm Jinshi diese Worte gar nicht gut auf. Er wedelte mit der freien Hand herum, beinahe das Tablett von seinem Schoß stoßend.
„Aber was redest du da, Gaoshun? Wie könnte ich sie jetzt im Stich lassen?"
Sein Tonfall drückte aus, dass er die bloße Vorstellung vollkommen absurd fand.
Doch der Assistent ließ nicht locker.
„Ihr seid erschöpft, mein Herr, und braucht Ruhe. Ich weiß, dass Ihr öfters an Schlafmangel leidet, aber heute braucht Ihr diesen Schlaf wirklich", antwortete er ruhig.
„Ich kann hier schlafen, auf dem Stuhl."
„Nein, junger Herr", mischte Suiren sich ein.
„Aber ich kann jetzt nicht gehen! Was ist, wenn ihr Zustand sich auf einmal verschlechtert?!"
Jinshi hielt sich rasch den Mund zu, als ihm auffiel, dass er die Stimme erhoben hatte, und blickte umgehend zu Maomao, um nachzusehen, ob er sie aufgeweckt hatte. Nein, zum Glück nicht.
Aber er hatte immer noch keine Ahnung, wie er jetzt einfach schlafen gehen sollte. Was war, wenn ihr irgendwas zustieß, und er war nicht da? Aber na ja, es war ja nicht so, als ob er tatsächlich in der Lage gewesen wäre, ihr zu helfen, selbst wenn er an ihrer Seite bliebe. Er hätte nichts für sie tun können, außer zu versuchen, sie so gut es ging zu beruhigen. Seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als sein Blick erneut auf die noch verbliebenen getrockneten Blutflecken auf seiner Kleidung fiel und das Gefühl von Hilflosigkeit und Nutzlosigkeit zu ihm zurückkehrte. Zwar war es nicht so schlimm wie zuvor, aber... es tat trotzdem weh.
Suiren schien seine Gedanken erraten zu haben und lächelte ihn erneut an.
„Alles wird gut, junger Herr. Ich werde heute Nacht an Eurer Stelle über sie wachen."
Diese Worte beruhigten ihn. Ja, sie hatte Recht. Schließlich war sie einer der Menschen, denen er am allermeisten vertraute, und er hatte selbst den Befehl erteilt, dass sie sich um Maomao kümmern sollte.
Er seufzte.
„Aber falls etwas passieren sollte, lässt du mich rufen, ja?"
„Ich verspreche es, junger Herr."
Jinshi richtete den Blick erneut auf das Gesicht der Apothekerin und drückte ihre Hand, die er nun schon seit mehreren Stunden hielt. Sein Gesichtsausdruck zeigte klar und deutlich, wie sehr es ihm zuwider war, von ihrer Seite zu weichen.
„Bis morgen, Apothekerin. Bitte sei wohlauf."
Und ließ sie endlich los. Als Nächstes stand er auf und begab sich zur Tür, wo Gaoshun bereits auf ihn wartete. Sich unterwegs mehrmals zum Bett umdrehend.
„Geh schon mal vor. Ich würde vor dem Schlafengehen gern noch meine Gedanken ordnen", sagte der junge Adelige leise. „Allein."
Für einige Augenblicke herrschte Stille. Dann nickte der Assistent, begreifend, dass sein Herr etwas Zeit für sich benötigte.
„Sehr wohl, mein Herr."
***
Seine Schritte hallten durch den verlassenen, stillen Korridor seiner Residenz, während er ihn durchschritt, die Hände in den Ärmeln verborgen.
Die leichte und kühle abendliche Brise, welche durch einige offene Fenster eindrang, fühlte sich angenehm an auf seinem immer noch leicht bleichen Gesicht, das von den letzten Sonnenstrahlen des Tages schwach beleuchtet wurde.
Jinshi kam sich daraufhin fast so vor, als sei er der Einzige noch existierende Mensch auf Erden. Nein, genauer gesagt, er und Maomao, welche seine Gedanken nie verlassen hatte, nicht einmal für eine Sekunde.
Erneut so alleingelassen mit besagten Gedanken, begann ihm mit jedem Schritt immer mehr zu dämmern, was an jenem Tag eigentlich passiert war, während die letzten Reste des Sonnenlichtes sich vom nun dunklen Himmel zurückzogen und Jinshi zusammen mit seiner Residenz in Finsternis tauchten. Auch wenn diese sich immer noch von der Finsternis in seinem Herzen unterschied, die ihn geplagt hatte, während er um Maomaos Leben bangte.
Jetzt erst wurde ihm so richtig klar, wie nahe er eigentlich gewesen war, Maomao für immer zu verlieren. Diese Erkenntnis fiel ihn an wie ein schreckliches Ungeheuer und ließ ihn vor Schock zusammenzucken und erzittern. Oder sein eigenes Leben. Seins oder ihres. Einer von ihnen hätte heute aufhören können zu existieren. Einfach so.
Jinshi begriff überhaupt nichts. Wie, wie nur konnte jener Tag, der beim morgendlichen Aufwachen so normal, so gewöhnlich erschienen war, sich bloß in einen solchen Albtraum verwandeln?
Der ehemals angenehme Wind fühlte sich plötzlich eiskalt auf seiner Haut an.
Der junge Adelige bedeckte sich die Augen mit beiden Händen und atmete tief durch.
Und als er sein Gesicht wieder aufdeckte...
...stellte er fest, dass er direkt vor dem Zimmer seiner geliebten Apothekerin stand. Als ob seine Beine von seinem Unterbewusstsein kontrolliert worden waren.
Ohne es sich zwei Mal zu überlegen, öffnete er die Tür und trat ein.
Es war dunkel, doch die Anzeichen ihrer Präsenz waren immer noch allgegenwärtig, dargestellt durch einige ihrer Kleidungsstücke, welche über dem Stuhlrücken hingen, die paar Kräuter, die sie zum Trocknen aufgehängt hatte, und all die seltsamen Pulver und Fläschchen, die überall herumstanden und -lagen. Ja, dies war zweifellos ihr Zimmer.
Jinshi machte noch ein paar Schritte und nahm eines der kleinen Pflanzenblätter in die Hand, welche in einem kleinen Haufen auf dem Tisch lagen.
„Ich frage mich, was sie wohl damit vorhatte", dachte er und schaffte es, sich ein schwaches Lächeln abzuringen.
Dieser Raum war dermaßen von Maomaos Präsenz durchdrungen, als ob sie selbst jeden Moment dort auftauchen würde. Er konnte beinahe schon ihre Stimme hören, die ihn rief.
Jinshi legte das Blatt zurück und schüttelte den Kopf, im Versuch, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Nein, dies würde aktuell nicht geschehen, denn sie lag derzeit immer noch in seinem Bett und schlief. Friedlich, wie er hoffte.
Oh, wie sehr wünschte er sich, zurückzugehen und bis zum Morgengrauen ihre Hand zu halten.
Nein. Wenn er das tat, würde er bloß Suiren und Gaoshun Sorgen bereiten, also lieber nicht. Schließlich hatte seine oberste Zofe versprochen, ihm Bescheid zu geben, falls etwas passieren sollte, und er vertraute ihr vollkommen.
Apropos Sorgen bereiten, vielleicht sollte er sich langsam zu Gaoshun begeben, der aller Wahrscheinlichkeit nach auf ihn wartete...
Aber stattdessen brachten ihn seine Füße zu Maomaos Bett.
Eine kurze Weile lang stand er einfach da und starrte darauf und kam dann ohne Nachzudenken näher und...
...lief sich einfach vollständig angezogen darauf fallen, sein Gesicht in ihrem Kissen vergrabend. Ein Duft nach Kräutern drang ihm auf der Stelle in die Nase.
„Es riecht nach ihr..."
Und genau das war der Augenblick, an dem all seine aufgestaute Erschöpfung ihn mit voller Wucht einholte. So plötzlich, dass es schier unmöglich war, dagegen anzukämpfen, sogar für jemanden, der Schlafmangel so gewohnt war wie er.
Der junge Adelige schloss die Augen.
„Ich glaube, ich bleibe noch kurz hier. Nur ganz kurz... ich bin so müde."
***
Ungefähr eine Viertelstunde später öffnete sich die Tür zu Maomaos Zimmer erneut und Gaoshun trat ein, mit einer brennenden Kerze in der Hand.
Er sah sich um, bis sein Blick auf die auf dem Bett liegende Gestalt fiel, und kam näher, einen Seufzer von sich gebend.
„Ich wusste doch, dass ich ihn hier finden würde", murmelte er. „Herr?"
Daraufhin merkte er, dass sein Herr tief und fest schlief. Auf dem Bauch liegend und mit beiden Händen die Bettdecke der Apothekerin umklammernd.
„Er muss ganz schön erschöpft sein... aber kein Wunder, nach einem solchen Tag."
Und so beschloss Gaoshun, Jinshi nicht zu stören, sondern einfach schlafen zu lassen. Er stellte die Kerze auf den Tisch und zog seinem Herrn behutsam die Schuhe aus. Zu guter Letzt verließ er den Raum, um eine weitere Decke zu holen und Jinshi zuzudecken, denn es wäre unmöglich, die der Apothekerin unter ihm wegzuziehen.
„Maomao..."
Jinshi selbst bekam davon nichts mit. Die Decke noch fester umklammernd, murmelte er im Schlaf ihren Namen.
Irgendwann war der nächste Morgen angebrochen und hatte die Dunkelheit verscheucht und die Sonne wieder Richtung Himmel geführt, damit sie durch die Fenster von Jinshis Residenz scheinen konnte. Ihr Licht drang ins Zimmer einer gewissen Apothekerin ein und fiel auf eine Gestalt, welche auf ihrem Bett lag.
Gestört von der hellen Sonne, die ihm direkt in die Augen schien, begann der junge Adelige, der immer noch auf dem Bauch lag, sich schließlich zu regen und genervt zu grummeln.
„Urgh…”
Verschlafen öffnete Jinshi die Augen und rieb sie gähnend. Dann richtete er, sich mit den Ellenbogen abstützend, seinen Oberkörper auf und schaute sich leicht verwirrt um, nicht sofort begreifend, wo er sich befand.
Einige Sekunden später erinnerte er sich jedoch, in wessen Zimmer er lag und wie er da vergangenen Abends überhaupt hingekommen war.
„Ich... bin tatsächlich hier eingeschlafen", dachte er und fuhr mit der Hand über das Kissen der Apothekerin, an welches er noch vor ganz wenigen Minuten sein Gesicht gedrückt hatte, es anstarrend, als könne er diese Tatsache selbst nicht glauben. Seine Wangen färbten sich leicht rosa. „Ja, das bin ich."
Aber dann fiel ihm eine andere, viel dringendere Angelegenheit ein, woraufhin er die Augen weit aufriss und fast schon aus dem Bett sprang, seine Verlegenheit und Verblüffung komplett vergessend.
Maomao! Er musste unbedingt nach ihr sehen, überprüfen, ob sie endlich aufgewacht war! Schnell! Er hatte keine Zeit zu verlieren!
Da seine Gedanken sich ausschließlich um die Apothekerin drehten, bemerkte der junge Herr gar nicht, dass er keine Schuhe trug und tatsächlich kurz davor war, einfach barfuß aus dem Zimmer zu rennen.
Doch bevor er etwas für seine Position solch Unangemessenes tun konnte, sah er, wie sich die Tür öffnete und sein Assistent eintrat.
„Seid Ihr wach, Herr?", erkundigte sich Gaoshun, als sei es das Normalste der Welt, dass sein Herr im Bett seiner Zofe schlief.
Jinshi sah ihn verdutzt an und begann sogleich, sich zu überlegen, wie er das Ganze erklären sollte, doch so wie es aussah, war das überhaupt nicht nötig. Zu seiner Überraschung erwähnte Gaoshun es mit keinem Wort.
„Ich habe für Euch einige Neuigkeiten von Suiren."
Und die Besorgnis war flugs wieder da.
Der junge Adelige stürzte sich beinahe schon auf ihn, packte ihn an den Armen und blickte ihn so verzweifelt an, als würde sein eigenes Leben von den Worten des Anderen abhängen.
„Welche!? Ist die Apothekerin wach!? Ist während der Nacht etwas vorgefallen!? Wie geht es ihr!?"
„Beruhigt Euch bitte, Herr. Nein, es ist nichts vorgefallen, und ja, Xiaomao ist vor Kurzem aufgewacht. Laut Suirens Worten geht es ihr gut."
Jinshi ließ ihn los. Sein heftig pochendes Herz und beschleunigte Atmung kamen wieder zur Ruhe, sobald er diese Worte vernahm.
Ein riesiges Lächeln erschien auf seinen Lippen, er war außer sich vor Freude.
„Basen kommt auch gleich", fuhr Gaoshun fort. „Und dann können wir losgehen und Xiaomao befragen, wie sie es geschafft hat, herauszufinden, was während des Rituals geschehen wird."
Daraufhin tauchte Jinshi aus seiner Erleichterung und seinem Glück auf und warf ihm einen leicht unsicheren Blick zu, die Augenbraue hebend.
„Schon? Sollten wir nicht ein wenig Rücksicht nehmen? Immerhin hat sie einen Schlag auf den Kopf bekommen und ist gerade erst aufgewacht."
Er wollte Maomao wirklich nicht so kurz nach ihrem Erwachen mit solchen Dingen belasten, auch wenn sie tatsächlich wohlauf sein sollte.
„Ich fürchte, das können wir uns in diesem Fall nicht leisten, Herr." Gaoshuns Gesichtsausdruck zeigte, dass er diese Tatsache ebenfalls bedauerte. „Das war ein Attentatsversuch auf ein Mitglied der kaiserlichen Familie, deshalb ist es überaus wichtig, so viele Informationen wie möglich zu sammeln und Ermittlungen anzustellen."
Jinshi seufzte.
„Verstehe. Gut, dann gehen wir."
Gaoshun schaute auf die Füße seines Herrn, woraufhin dieser seinem Blick folgte und endlich merkte, dass diese entblößt waren.
„Xiaomao zieht sich gerade um. Möchtet Ihr vielleicht dasselbe tun, mein Herr? Ihr habt schließlich einen ganzen Tag in dieser Kleidung verbracht und sogar darin geschlafen. Ich könnte Suiren rufen, damit sie Euch hilft."
Doch der junge Mann winkte ab.
„Nein, lass nur. Suiren hat die ganze Nacht nicht geschlafen und außerdem wird außer uns und Basen sowieso niemand da sein, also passt es schon so."
Mit anderen Worten: er hatte keinen Grund, die „himmlische Nymphe" zu spielen.
Jinshi setzte sich hin, um sich die Schuhe anzuziehen, und fuhr sich durchs Haar, im Versuch, es ein wenig mit den Fingern zu kämmen und sich zumindest etwas präsentabler zu zeigen, immerhin war er gerade erst aus dem Bett gestiegen. Gaoshun, währenddessen, legte die Extradecke zusammen, mit der er seinen Herrn nachts zugedeckt hatte, und verstaute sie.
***
Jinshi stand mit leicht gerunzelter Stirn in seinen Gemächern und sah der Apothekerin zu, wie sie all ihre medizinischen Sachen, die sie stets mit sich herumtrug, wieder in ihrer Kleidung verstaute. Suiren hatte selbstverständlich alles herausgenommen, als sie sie am vergangenen Tag umgezogen hatte.
Sobald die Befragung zu Ende gegangen war, war Maomao vom Stuhl, auf dem sie saß, aufgestanden und hatte begonnen, ihre Besitztümer einzusammeln, in der deutlichen Absicht zu gehen.
„Sag mal, solltest du wirklich schon auf den Beinen sein?", fragte er. Es lag immer noch eine leichte Sorge in seiner Stimme. Maomao stand derzeit mit dem Rücken zu ihm und konnte deshalb nicht sehen, dass Jinshi leicht die Arme erhoben hatte, als ob er sich bereitmachen würde, sie aufzufangen, falls sie stürzen sollte.
Nein, vergesst das „als ob". Er WAR bereit, sie aufzufangen.
Doch trotz der Tatsache, dass sie leicht hinkte, schien sie tatsächlich ganz gut laufen zu können.
„Es ist alles in Ordnung, Herr. Ich habe während des Umziehens einen Blick unter die Verbände geworfen und festgestellt, dass die Wunde sehr ordentlich vernäht ist, also ist es kein Problem."
Jinshi nickte, doch der Zweifel war immer noch nicht ganz aus seinem Gesicht verschwunden.
„Wie du meinst. Aber bist du sicher, dass du jetzt schon in dein Zimmer zurück möchtest? Du kannst heute gerne noch hierbleiben, weißt du?"
Maomao hatte sich inzwischen fertiggemacht und drehte sich zu ihm um.
„Ich bin Eure Zofe, Eure Exzellenz, ich kann Eure Gemächer nicht ewig besetzen."
Jinshi biss angesichts dieser Worte die Zähne zusammen, sich im Zaum haltend, bevor ihm noch ein lautes „Na und!?" entfuhr. Letztendlich verschränkte er die Arme und seufzte frustriert.
Nun, wenn sie sich in ihrem Zimmer wohler fühlte als in seinen Gemächern, dann würde er sie nicht aufhalten.
„Gut. Aber pass auf, dass du dich weiterhin schonst und ausruhst, hast du mich gehört, Apothekerin? Du wirst heute nicht arbeiten. Und wenn du läufst, dann langsam, denk nicht einmal ans Rennen."
„Ja, Herr."
***
Seitdem waren einige Stunden vergangen und nun war Jinshi erneut unterwegs zu Maomaos Zimmer, dieses Mal jedoch bewusst und am hellichten Tage. Nicht zu vergessen, dass er auch viel ruhiger geworden war, nachdem er sich mit eigenen Augen vergewissert hatte, dass sie in Ordnung war. Welch Erleichterung, dass sie dieselbe war wie immer...
Bei der Erinnerung an das, was er am letzten Abend getan hatte, lief er knallrot an und sah sich vorsichtig um, in der Hoffnung, dass ihn keiner so sah.
„Aber das war wohl nicht zu vermeiden gewesen..."
Nun, jetzt, wo er darüber nachdachte, erschien es ihm eigentlich ganz logisch, dass er sich in seinem bedrängten Zustand zu einem Ort begeben hatte, der Maomaos Sachen enthielt, Dinge, die ihn an sie erinnerten, um sich von seiner überwältigenden Sorge ablenken zu können. Und wie es sich herausstellte, hatte dies tatsächlich funktioniert, denn der Anblick ihrer geliebten Kräuter und ihr Geruch hatten es tatsächlich geschafft, ihn so weit zu beruhigen, dass er sogar eingeschlafen war.
Er hoffte, sie würde ihm verzeihen, falls sie es eines Tages herausfinden sollte, und ihn nicht für einen Perversling halten.
Andernfalls würde er es nicht ertragen können. Aber eigentlich hatte sie ihm sogar den Scherz mit den in Honig getauchten Fingern vergeben, also sollte er sich vielleicht nicht so viele Gedanken machen.
Ach egal, darum ging es jetzt nicht. Diesmal ging er zu ihr, um ihr etwas mitzuteilen, was er nicht vor den Anderen hatte sagen können. Und mit „Anderen" meinte er vor allem Basen.
***
Als er schließlich vor ihrer Tür stand, atmete Jinshi tief durch und klopfte.
„Apothekerin? Bist du da? Darf ich rein?"
„Ja, Herr? Möchtet Ihr noch etwas von mir wissen?"
Als er Maomaos Stimme von innen hörte, öffnete er die Tür und sah sie auf dem Bett sitzen, mit einigen Pflanzenblättern in der Hand. Den paar kleinen Blätterhaufen neben ihr nach zu urteilen, waren ihre Kräuter nun getrocknet und sie war gerade dabei, sie zu sortieren.
Jinshi schluckte, als sein Blick auf das Bett fiel, doch da die Apothekerin nicht so aussah, als sei ihr etwas Ungewöhnliches aufgefallen, bemühte er sich, nicht daran zu denken.
Maomao blickte auf und war bereits kurz davor, sich zu erheben, sobald sie sie ihn eintreten sah.
„Nein, bleib sitzen!", hielt Jinshi sie rasch auf, die Hand hebend.
Sie gehorchte und legte sich die Hände auf den Schoß, ihn erneut anblickend.
„Warum seid Ihr gekommen, Herr?"
Der junge Adelige konnte nicht anders als etwas zu schmollen. Brauchte er wirklich stets einen Grund, um sie zu sehen?
Er räusperte sich, wendete den Blick ab und kratzte sich an der Wange.
„Nun, ich wollte bloß sichergehen, dass du dich auch wirklich schonst."
„Das tue ich, Herr."
„Ja, das sehe ich. Sehr gut."
Für einige Momente herrschte Stille, während derer sich die beiden einfach nur gegenseitig anschaueten, Maomao auf dem Bett sitzend und Jinshi an der Tür stehend und sich die Finger verdrehend, die in seinen Ärmeln verborgen waren.
Dann atmete er erneut tief durch und schüttelte den Kopf.
„Nein, in Wahrheit ist da noch etwas..."
Und mit diesen Worten verließ ihn all die Befangenheit und Gefasstheit, als er ganz plötzlich losstürmte, um das zu tun, was er sich schon so lange gewünscht hatte. Er stürzte sich auf Maomao und umarmte sie so fest, dass er sie fast vom Bett hob. Endlich, oh, endlich! Es hatte sich wirklich ernsthaft zusammenreißen müssen, um es nicht bereits zu tun, als er sie am Morgen zum ersten Mal wach vorfand. Aber na ja, mit Basen im Raum wäre das wohl eher keine gute Idee gewesen.
Ihren schmalen Rücken umschlingend, presste er die zierliche junge Frau an seinen zitternden Körper, so verzweifelt, als ob jeden Moment jemand kommen und sie ihm wegnehmen würde. Endlich ließ er seine aufgestauten Gefühle heraus. Alle.
„Es geht dir gut, es ist kein Traum... was für ein Glück... was für ein unfassbares Glück...", murmelte er, stellte sich auf die Knie und platzierte sein Kinn auf Maomaos Kopf, während schon wieder ein paar Tränen aus seinen Augen traten und bis zu ihrem Haar herabflossen.
Doch dann kam Jinshi urplötzlich wieder zu sich und riss die Augen weit auf, als er spürte, wie sie sich in seinen Armen wand und ein gedämpftes “Herr! Krieg... keine Luft..." herausbrachte.
„Gah!" Er erbleichte etwas und lockerte seinen Griff auf der Stelle, ließ sie jedoch immer noch nicht los. „Entschuldige."
Nach Luft schnappend, lehnte Maomao den Kopf an seine Schulter und hustete einige Male. Er rieb ihr als Entschuldigung sanft den Rücken, während sie sich nach dem Schrecken erholte und sich nach und nach wieder entspannte.
Als Nächstes blickte sie ihm verwirrt und gereizt ins Gesicht.
„Mensch! Was ist in Euch gefahren, Eure Exzellenz?"
Doch der junge Mann ging nicht auf ihre Frage ein, sondern packte sie stattdessen bei den Schultern und schaute ihr direkt in die Augen.
„Versprich mir, dass du so etwas nie wieder tun wirst! Niemals wieder!", brach es plötzlich aus ihm heraus.
Maomaos Augen weiteten sich etwas, was die Verwunderung in ihrem Gesicht noch weiter betonte. Wie es schien, war sie wohl ziemlich überrascht von seinem flehenden Tonfall.
„Was meint Ihr?"
„Was du gestern getan hast, natürlich!"
Jinshi war verblüfft. Was könnte er denn sonst meinen!?
„Euch das Leben retten?"
„Nein, dich in eine solche Gefahr begeben!"
„Wenn ich das nicht getan hätte, wärt Ihr jetzt mit Sicherheit tot, Herr."
Wie immer nahm sie in seiner Gegenwart kein Blatt vor den Mund. Jinshi gab so etwas wie ein Knurren von sich. Na gut. Falls er es ihr nicht mit Worten verständlich machen konnte, musste eben ein anderer Weg her.
Und so ergriff er aus heiterem Himmel ihre rechte Hand und drückte sie fest an seine Brust, genau dorthin, wo sich sein Herz befand. Es hatte bei der bloßen Erinnerung an die gestrigen Vorfälle erneut begonnen, wie wild zu pochen. Ihre Hand festhaltend, damit sie nicht auf die Idee kam, sie wegzunehmen, konnte Jinshi spüren, wie ihre Finger leicht zuckten.
„So! Fühlst du es nun? Wenn du solche Dinge noch einmal machst, werde ich es nicht ertragen können! Dann sterbe ich sowieso, aber an einem Herzanfall! Versteht du!?"
Ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen oder auch nur eine Antwort abzuwarten, vergrub der junge Adelige sein Gesicht an ihrer Schulter. Er atmete schwer.
Eine Weile lang war es still. Bis er spürte, wie Maomao auf dem Bett leicht hin- und herrückte.
„Herr?"
„Was ist denn?"
Jinshis Stimme bebte immer noch etwas.
„Ich habe getrockneten Baldrian hier. Soll ich Euch vielleicht Tee daraus machen, um Eure Nerven zu beruhigen?"
Dies raubte ihm für ein paar Sekunden die Sprache. Dann schüttelte er den Kopf und drückte das Gesicht nun an ihren Hals.
„Nein. Lass mich bloß noch ein bisschen so bleiben."
Die Apothekerin sagte nichts dazu, doch die Tatsache, dass sie ihre andere Hand auf seinen Rücken gelegt hatte, ließ Jinshi annehmen, dass sie einverstanden war.
Schließlich ließ er ihre rechte Hand los, um sie wieder mit beiden Armen umschlingen zu können, und zu seiner Überraschung nahm Maomao diese nicht von seiner Brust.
Die Hand blieb genau dort, wo sie war. Auf seinem Herzen.
Maomao hatte die Nase gestrichen voll. Aber so richtig.
Es gab einfach keinen besseren Ausdruck, um ihren aktuellen Gemütszustand zu beschreiben.
Mit tief gerunzelter Stirn und einem gefährlichen Blick in den Augen, die vor Verärgerung nur so funkelten, stampfte sie nach draußen mit einem leeren Wäschekorb auf dem Rücken, um die trockene Wäsche einzusammeln. Dabei gab sie ab und zu ein Schnauben von sich und verströmte allgemein eine solch bedrohliche Aura, dass die meisten anderen Menschen sich von ihr fernhielten.
Es schien fast so, als würde eine kleine Gewitterwolke über ihr schweben.
Beinahe eine Woche war bereits seit ihrem Erwachen nach dem Vorfall während des Rituals vergangen und sie war absolut in Ordnung und wunderbar in der Lage, den meisten ihrer Aufgaben problemlos nachzugehen.
Jedoch schien ein gewisser Jemand da anderer Meinung zu sein…
Die Apothekerin gab einen entnervten Seufzer von sich und blickte sich um. Er war nirgendwo zu sehen. Was für ein Segen!
Seit jenem verhängnisvollen Tag beobachtete Jinshi sie nämlich mit Argusaugen und war, egal, worum es auch ging, sei es Arbeit oder andere Tätigkeiten, bei denen man auf den Beinen sein musste, immer zur Stelle, um sie an ihre Wunde zu erinnern und daran, dass sie sich schonen musste.
Immer! Als ob er einen sechsten Sinn dafür entwickelt hätte und nur darauf wartete, ihr eine Standpauke zu halten. Maomao fragte sich bereits, ob nicht vielleicht seine eigene Arbeit darunter litt. Aber was soll's, war ja nicht ihr Problem.
Jeden Tag die gleiche Geschichte:
„Apothekerin! Wieso rennst du?! Deine Wunde wird noch aufbrechen!”, als er sie dabei erwischt hatte, wie sie ein bisschen schneller als sonst durch den Korridor lief.
„Apothekerin! Nein!”, als sie in einem der Zimmer den Boden kehren wollte und er ihr den Besen direkt aus den Händen riss.
„Apothekerin! Lass das!”, als er sie von einer Pflanze fortzog, die sie hatte pflücken wollen.
Es war so erdrückend!
Pah! Als ob sie nicht auf sich selbst aufpassen könnte! Schließlich war sie kein Kleinkind mehr, vielen Dank aber auch!
Nun, es stimmte schon, dass sich ihre Wunde während der letzten Tage einige Male geöffnet hatte, aber sie wurde jedes Mal rasch wieder zugenäht und war nun schön am Heilen. Maomao hinkte auf jeden Fall weniger als am Anfang. Anders gesagt: es gab wirklich keinen Grund, solch ein Aufheben zu veranstalten!
Aber egal wie oft sie Jinshi auch anfunkelte als sei er ein Schlammfleck auf einem frisch gewaschenen Kleidungsstück, summte er trotzdem weiterhin um sie herum wie eine Mücke, die ihr die gesamte Geduld aus dem Körper saugte.
Möglicherweise war der Kerl ja bereits immun gegen ihre bösen Blicke, wer weiß.
Nun, vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass es ganz schön viel brauchte, um die stoische Maomao so richtig wütend zu machen. Und Jinshi war dies mit einer solchen Bravour gelungen, dass sie sogar den Wunsch verspürt hatte, ihm einige… ähem, ziemlich unangemessene Worte zuzuschreien. Das war wirklich eine Meisterleistung.
Jedoch konnte Maomao trotz allem immer noch nicht behaupten, dass sie den jungen Herrn hasste. Das hatte sie nie und natürlich waren ihr auch keine Worte an ihn, die sie später bereuen würde, über die Lippen gekommen, aber…
…aber am heutigen Tag hatte sie etwas getan, was man als genauso schlimm betrachten könnte. Vielleicht.
Allein bei der Erinnerung daran biss Maomao die Zähne zusammen.
Es war vor gerade mal einer Stunde geschehen:
Die Apothekerin befand sich in ihrem Zimmer und zog sich um.
„Hach, was für ein dummes Missgeschick!", dachte sie und blickte zu der vollkommen mit Schmutzwasser durchtränkten Kleidung, die sie ausgezogen hatte und die nun auf dem Boden lag. Tja, aber so etwas passierte nun einmal, wenn man sich zu sehr seinen Tagträumen hingab!
Beim Verstauen von kürzlich poliertem Geschirr war Maomao nämlich so in Gedanken versunken und derart damit beschäftigt gewesen, sich vorzustellen, was sie wohl mit dem kostbaren Bezoar anstellen würde, den sie (hoffentlich) schon bald ihr Eigen nennen könnte, dass sie versehentlich über einen vollen Wassereimer stolperte, den Suiren fürs Bodenwischen nutzte. Und ehe sie sich versah, war da ein lautes Klappern und sowohl Maomao als auch der Eimer lagen am Boden. Ein Glück, dass sie zumindest kein Geschirr mehr in den Händen getragen hatte und somit nichts davon zerbrochen war.
Die erschrockene Suiren war daraufhin sofort zu ihr geeilt, um ihr aufzuhelfen und sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung war. Maomao hatte sich aufrichtig entschuldigt und ihr angeboten, die Sauerei aufzuwischen, doch die andere Zofe versicherte ihr, dass sie wunderbar allein klarkommen würde, und schickte sie auf ihr Zimmer, um sich umzuziehen, bevor sie sich in den nassen Sachen noch eine Erkältung einfing.
Und so hatte Maomao keine andere Wahl gehabt als zu gehorchen und sich zu entfernen, sich für ihre Unaufmerksamkeit verfluchend. Sie konnte den riesigen Berg an schmutzigem Geschirr fast schon vor sich sehen, den Suiren später für sie bereithalten würde, als Strafe sozusagen. Aber na ja, da konnte man eben nichts machen.
Genau das war der Grund, wieso sie nun in Unterwäsche dastand und nach sauberer Kleidung zum Anziehen kramte.
Doch auf einmal spitzte sie misstrauisch die Ohren und erstarrte. Kam es ihr nur so vor oder hörte sie tatsächlich eine Stimme aus dem Korridor, direkt in der Nähe ihres Zimmers?
Eine viel zu bekannte Stimme, die gar nicht glücklich klang.
Und einige Sekunden später ging auch schon die Tür auf und eine ziemlich aufgebrachte „himmlische Nymphe" platzte in ihr Zimmer.
Oh, verdammt!
„Apothekerin! Ich habe von Suiren gehört, dass du über ihren Eimer gestolpert bist! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du-"
Seine Predigt fand ein jähes Ende, und die beiden starrten sich mit weit aufgerissenen Augen gegenseitig an.
Jinshi sagte nichts.
Maomao sagte nichts.
Doch sie konnte spüren, wie ihr Blut zu kochen begann.
„Eure Exzellenz!"
Das war's, nun reichte es ihr aber! Wie es aussah, konnte sie sich jetzt nicht einmal in Ruhe umziehen! Genug war genug!
Jinshi stand wie versteinert mit weit offenem Mund da und einem Gesicht, dessen Farbe sich mit dem von Dame Gyokuyous Haar messen konnte. Einige Augenblicke später schien er jedoch wieder zum Leben zu erwachen und begann, wild mit den Händen herumzuwedeln und einige Schritte zurückzutreten.
„A-Apothekerin, e-es tut mir leid! I-Ich wusste nicht, dass du..."
Aber Maomao ließ ihn nicht ausreden. Außer sich vor Zorn und ihren Statusunterschied für eine Minute vergessend, bückte sie sich und hob ihren triefend nassen Rock auf.
Und schleuderte ihn direkt in sein Gesicht.
Im Versuch, das nasse Kleidungsstück von seinem wunderschönen Gesicht zu schälen und noch mehr Entschuldigungen stammelnd, taumelte er unbeholfen rückwärts aus dem Zimmer, dabei beinahe mit der Tür zusammenstoßend. Und rannte schließlich davon, als ob Maomao hinter ihm herjagen würde.
„Hat er etwa noch nie eine Frau in Unterwäsche gesehen?"
Was sie selbstverständlich nicht tat. Stattdessen gab die Apothekerin ein lautes Schnauben von sich und hob den Rock auf, den er auf dem Boden zurückgelassen hatte.
„Dieser Kerl macht mich noch wahnsinnig, ich schwöre!"
Nun, um ehrlich zu sein, ging es Maomao nicht wirklich darum, dass Jinshi sie halbnackt gesehen hatte, da ihr Körper sowieso nicht viel zu bieten hatte, sondern eher darum, dass sie keinen einzigen Schritt mehr tun konnte, ohne dass er darüber Bescheid wusste und aus heiterem Himmel auftauchte. Sogar eine einfache Zofe wie sie brauchte ab und zu ein wenig Privatsphäre.
„Oh, Dame Suiren, wieso musstet Ihr ihm bloß unbedingt davon erzählen?..."
So wie sie Jinshi bereits kannte, ahnte Maomao, dass sie wohl eher nicht für ihre Tat bestraft werden würde (na zumindest nicht den Kopf abgeschlagen bekommen), aber selbst wenn, bereute sie es kein bisschen. Er hatte es absolut verdient!
Immer noch vor Wut kochend, zog sie sich rasch an, tat die durchnässten Sachen zur Schmutzwäsche und ging nach draußen, um sich ihrer nächsten Aufgabe zu widmen: dem Hereinholen der sauberen Wäsche.
„Ich nehme alles zurück: er hat sehr wohl zu viel Freizeit! Viel zu viel! Wenn er so dringend ein neues Hobby braucht, soll er sich gefälligst woanders umsehen!"
Aber na ja, so wie er vorhin Hals über Kopf geflohen war, nahm Maomao an, dass sie jetzt zumindest ein paar Stunden Ruhe haben würde oder vielleicht sogar einen ganzen Tag, wenn sie Glück hatte. Ach, welch Freude.
***
Während sie sich den hinter der Residenz befindenden Wäscheleinen näherte, konnte Maomao erkennen, dass Gaoshun bereits dort stand und auf sie wartete. Jinshi hatte ihm nämlich aufgetragen, ihr bei einigen Haushaltsarbeiten, bei denen man auf den Beinen sein musste, zur Hand zu gehen, somit war der Assistent gekommen, um die trockene Wäsche für sie von den Leinen zu nehmen. Er schien nichts dagegen zu haben, doch er tat Maomao trotzdem ein wenig leid.
Sie stellte den leeren Korb neben ihm ab.
„Seid gegrüßt, verehrter Gaoshun."
„Xiaomao..."
Als er sie erblickte und sah, was für ein Gesicht sie machte, warf Gaoshun ihr einen Blick zu, der wohl „Da hat unser Herr wohl wieder mal etwas angestellt, nicht wahr?" besagen sollte.
Maomao bestätigte seinen Verdacht mit einem grimmigen Blick. Dann gaben sie beide einen tiefen Seufzer von sich. Worte waren nicht nötig.
Doch als er anfing, die Wäsche herunterzuholen und sie ihr zu reichen, damit sie sie falten und in den Korb legen konnte, verspürte Maomao dann doch ein gewisses Bedürfnis, ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.
„Apothekerin hier, Apothekerin dort! Er behandelt mich wie ein kleines Kind oder ein ungezogenes Haustier! Ich kann so gut wie gar nichts mehr tun, ohne dass er mir im Nacken sitzt! Es ist so nervig!"
Maomao schmiss die arme Wäsche in den Korb mit einer solchen Wucht, als würde sie die ganze Schuld tragen.
Gaoshun drehte den Kopf zu ihr.
„Sei bitte nicht so hart zu ihm, Xiaomao. Ich weiß, dass es nicht immer einfach mit ihm ist." Sein Gesicht zeigte ganz deutlich, wie gut er es wusste. „Aber er meint es nur gut. Nach dem Vorfall war er schrecklich besorgt um dich und ist es immer noch. An dem Tag drehten sich seine Gedanken nur um dich."
„Huch?"
Maomao war etwas verblüfft.
„Genau. Außerdem fühlt er sich schuldig, da deine Wunde entstanden ist, als du ihn gerettet hast. Vergiss nicht, dass er dich in seinem Bett schlafen ließ."
Die Apothekerin ließ sich diese Worte kurz durch den Kopf gehen. Das hatte er tatsächlich. Sie erinnerte sich an das Gespräch, das sie danach in ihrem Zimmer hatten.
Seine Gedanken hatten sich... nur um sie gedreht?
„Verstehe", sagte sie schließlich. „Aber er braucht sich trotzdem keine solche Mühe zu machen. Schließlich bin ich bloß eine Dienerin."
„Nicht für ihn", murmelte Gaoshun. Er sah so aus, als wolle er noch etwas hinzufügen, entschied sich jedoch dagegen und schüttelte den Kopf. Maomao war dankbar dafür, da sie sich nicht sicher war, ob sie es tatsächlich hören wollte.
Stattdessen sagte er: „Er ist dir auch noch sehr dankbar für alles. So dankbar, dass er vorhat, zu Seiner Majestät zu gehen und ihn zu bitten, dir einen Wunsch zu gewähren. Als Belohnung für all die Leben, die du bis jetzt gerettet hast, nicht nur seines."
Maomao musste zugeben, dass sie dies nun wirklich nicht erwartet hatte. Sie blickte den Assistenten mit weit aufgerissenen Augen an, fasste sich dann aber wieder.
„Nicht nötig, ich möchte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Denn es ist nicht immer von Vorteil, wenn bekannt wird, dass man in der Gunst Seiner Majestät steht. Ich ziehe es vor, einfach eine Dienerin und Apothekerin zu bleiben. Und außerdem gibt es sowieso nur eine Sache, die ich mir im Moment wünsche, und ich weiß bereits, dass ich sie auf jeden Fall bekomme."
„Wirklich? Welche denn?"
„Meinen Bezoar!" Allein beim Gedanken an diesen seltenen medizinischen Wirkstoff leuchteten ihre Augen auf. Sie konnte ihn fast schon in ihren Händen spüren.
Gaoshun seufzte tief.
Aber dann fiel Maomao etwas anderes ein.
„Ach ja, da gibt es noch etwas, was ich mich die ganze Zeit gefragt habe."
Ohne dass sie es merkte, hatte die Unterhaltung mit dem ruhigen Gaoshun dabei geholfen, ihren Zorn verrauchen zu lassen und sie zu ihrem gewohnten Selbst zurückzukehren zu lassen.
„Ja?"
„Wenn seine Exzellenz mir in jener Nacht sein Bett überlassen hat, wo hat dann er geschlafen?"
„Nun... wie ich sagte, hatte er sich große Sorgen um dich gemacht und..."
Es war ungewöhnlich, den Assistenten nervös zu erleben.
Maomao hob eine Augenbraue und sah ihn fragend an, ihn stumm darum bittend, zum Punkt zu kommen.
Schlussendlich seufzte Gaoshun erneut.
„Bist du sicher, dass du es wirklich wissen willst?"
„Eh?"
Maomao runzelte leicht die Stirn.
„Es kann sein, dass dir die Antwort nicht gefällt."
Zwar hatte die Apothekerin kein gutes Gefühl dabei, doch diesmal siegte ihre Neugier.
„Ich bin sicher."
„Wie du wünschst. Er hat in deinem Bett geschlafen, Xiaomao, in deinem Bett..."
„Oh."
Maomao runzelte noch stärker die Stirn, und Gaoshun wirkte bereits, als würde er seine Worte ein wenig bereuen. Bestimmt erwartete er, gleich noch mehr Beschwerden über seinen Herrn zu hören.
Jedoch...
„Ist es nicht ein wenig zu klein für ihn?", war alles, was sie dazu zu sagen hatte.
„Ist das etwa alles, was dich daran beschäftigt?"
***
Einige Stunden später war Maomao wieder auf ihrem Zimmer und saß am Tisch, die Wange auf die Handfläche gestützt und in das durch das Fenster einfallende Licht der untergehenden Sonne getaucht. Es war bereits Abend und immer noch keine Spur von Jinshi...
Und überraschenderweise machte diese Tatsache sie gar nicht so glücklich wie sie gedacht hatte.
Nicht nach dem, was sie von Gaoshun erfahren hatte. Das Gespräch mit ihm ging der Apothekerin nicht aus dem Kopf.
Also hatte Jinshi die Nacht in ihrem Bett verbracht, was?
Nun, wenn sie so darüber nachdachte, erinnerte Maomao sich nun, dass ihr Laken, ihre Decke und ihr Kissen mehrere Tage lang nach Sandelholz gerochen hatten. Damals hatte sie den Grund dafür nicht verstanden, weil Jinshi das Bett während der Umarmung nicht direkt berührt hatte. Schlussendlich war sie zum Schluss gekommen, dass es nicht das Bett war, welches nach dem Weihrauch roch, sondern sie selbst, da sie in seinem Bett geschlafen hatte, und beließ es einfach dabei. Annehmend, dass sie nach dem Schlag auf den Kopf immer noch ein wenig benommen war.
Aber wenn er tatsächlich darin geschlafen hatte, dann erklärte dies natürlich alles.
Maomaos Mund zuckte leicht. Zu behaupten, dass die Vorstellung, wie Jinshi in ihrem Bett schlief, so gar keine Gefühle in ihr erweckte, wäre eine Lüge gewesen, doch sie musste zugeben, dass es auch irgendwie logisch war: da sie seine Gemächer besetzt hatte, hatte er in jener Nacht einen anderen Platz zum Schlafen gebraucht, nicht wahr?
Noch dazu hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wie sie besagte Gefühle überhaupt benennen sollte: War sie glücklich darüber? Definitiv nicht. War sie angewidert? Seltsamerweise auch nicht. War sie sauer? Nein. Doch trotzdem war da etwas, zweifellos war da was.
Wie verwirrend...
Die vernünftig denkende und den Wissenschaften zugewandte Maomao war es nicht gewohnt, über Gefühle nachzudenken, demnach war es ziemlich schwierig für sie, diese zu analysieren, sei es die von anderen Leuten oder ihre eigenen. Wie sollte sie also Jinshi verstehen, wenn sie nicht einmal sich selbst richtig verstand?
Ja, die beiden missverstanden sich recht häufig.
Aber andererseits... ab und zu auch wieder nicht. Manchmal verstand Maomao ihn sogar besser als jeder andere, selbst ohne Worte. Dies geschah zwar ziemlich selten, aber doch geschah es. Die Apothekerin hatte dies bisher noch nie erlebt. Zumindest nicht so.
Sie und Jinshi waren so verschieden, aber vielleicht trotzdem ähnlicher als sie dachte.
Ihr Blick wanderte Richtung Bett.
Jinshi hatte sich also wirklich Sorgen um sie gemacht, was? Während sie sich an die Worte erinnerte, die er während der Umarmung zu ihr gesagt hatte, wurde ihr dies nun auch klar. Aber möglicherweise... hatte sie es bereits die ganze Zeit gewusst, sich jedoch dafür entschieden, sich selbst zu hintergehen und sein Verhalten der Tatsache zuzuschreiben, dass er immer noch aufgewühlt gewesen war, nachdem er beinahe sein eigenes Leben verloren hatte.
Nein. Es gab keinen Grund mehr, es abzustreiten. Tief in ihrem Inneren hatte sie genau gewusst, dass er sich nicht um sich selbst, sondern um sie gesorgt hatte. Zwar war sie tatsächlich ein wenig schwer von Begriff, was Gefühle anging, aber nicht blind.
Es war bloß so, dass sie immer noch nicht das „Warum" begriff, denn egal wie man es auch drehte und wendete, war und blieb sie trotz allem eine Dienerin, also sollte ein Adeliger wie Jinshi sich eigentlich keine solchen Gedanken um ihr Leben machen. Wenn sie es verlor, dann war es eben so. Dienerinnen gab es wie Sand am Meer.
Selbstverständlich wollte sie nicht sterben, aber so sah die Realität nun einmal aus.
Er sollte sich keine Gedanken machen und doch tat er es.
Maomao hob die rechte Hand und betrachtete sie. Genau diese Hand war vor wenigen Tagen erst an Jinshis Herz gepresst gewesen und sie konnte sich immer noch an das Gefühl erinnern, wie es gegen ihre Handfläche gepocht hatte, als ob es aus seiner Brust herausspringen wollte. Um ehrlich zu sein, war sie ganz schön verblüfft gewesen, wie heftig es geschlagen hatte. War das wirklich alles... ihretwegen?
Sie hatte wirklich keine Ahnung, was sie davon halten sollte. Es war alles so neu für sie.
Nun, vielleicht...
Die Apothekerin zuckte zusammen, als ihr auffiel, dass ihre Gedanken eine Richtung eingeschlagen hatten, die ihr überhaupt nicht gefiel, und sie schüttelte heftig den Kopf. Nein, nein, nein! Sie sollte sich nicht tiefer damit befassen als sie sollte und sich selbst unnötige Kopfschmerzen bereiten. Gut, sie hatte die Tatsache akzeptiert, dass er sich Sorgen um sie gemacht hatte und immer noch machte. Das war genug! Es gab keinen Grund für sie, sich über das „Warum" den Kopf zu zerbrechen!
Genau. Sie hatte es akzeptiert. Und mit dieser Akzeptanz fielen ihr nun weitere Dinge ein, eines nach dem anderen:
Sein schmerzerfüllter Blick an dem Tag des Vorfalls, kurz nachdem er gerettet worden war und ihr verletztes Gesicht gesehen hatte.
Seine Hand, die sanft ihre geschwollene Wange streichelte.
Die Tatsache, dass er immer noch dieselbe Kleidung getragen hatte, als er am nächsten Morgen mit Gaoshun und Basen gekommen war, um sie zu befragen.
Das getrocknete Blut auf eben dieser Kleidung, das aller Wahrscheinlichkeit nach ihres sein musste, da er während des Vorfalls unverletzt geblieben war.
Wie verzweifelt er sie in ihrem Zimmer umarmt hatte... und wie seine Stimme brach, als ob er kurz davor gewesen war, in Tränen auszubrechen... und wieder dieser Herzschlag...
Nun wurde ihr klar, dass er ganz offensichtlich traumatisiert und nicht er selbst gewesen war.
Aber natürlich! Schließlich WAR er an jenem Tag beinahe gestorben und hatte auch noch mitansehen müssen, wie das Blut aus ihr herausströmte und wie sie in seinen Armen das Bewusstsein verlor. Die meisten Menschen wären nicht in der Lage, solch schockierende Ereignisse so einfach zu vergessen, und er war nicht wie Maomao, die mit solchen Dingen umging, indem sie umgehend versuchte, jeden Gedanken daran zu blockieren.
Dies alles bedenkend, fühlte sie sich nun... ein wenig schuldig, dass sie Jinshi so behandelt hatte.
Vielleicht war sie wirklich zu hart zu ihm gewesen. Zu ungerecht. Zwar war er ein sehr nerviger Typ und neigte zu Übertreibungen, aber ein schlechter Mensch war er nicht.
„Ich schimpfe ihn auch oft fürs Überarbeiten aus, also bin ich wohl eher doch nicht die Richtige, um sich wegen solcher Dinge zu beschweren...", dachte sie. „Aber... ich nehme mal an, dass ich so was einfach nicht gewohnt bin."
Richtig. War sie nicht. Schließlich war es das allererste Mal in ihrem Leben, dass jemand dermaßen besorgt um sie war. Sicher, ab und zu machten sich die Leute Sorgen um sie: ihr Adoptivvater, ihre Schwestern im Freudenhaus, Dame Gyokuyous Zofen, Suiren...
Aber niemals auf diese Weise. Und um ehrlich zu sein, hatte sie nicht den blassesten Schimmer, wie sie damit umgehen sollte.
Genau deshalb hatte sie ihm ohne ein weiteres Wort gestattet, sie zu umarmen. Weil sie vollkommen ratlos gewesen war und nicht gewusst hatte, was sie sonst hätte tun sollen.
Maomao barg das Gesicht in den Händen und stieß einen lauten Seufzer aus.
Sie musste sich bei ihm entschuldigen. Andernfalls würde sie nicht ruhig schlafen können.
Ja, Maomao hatte eingesehen, dass sie sich unbedingt bei Jinshi entschuldigen musste.
Und genau als sie zu diesem Schluss gekommen war, vernahm sie auf einmal Geräusche aus dem Korridor, genau von der anderen Seite ihrer Tür, und hob erstaunt die Wange von der Handfläche, den Kopf in die Richtung besagter Laute drehend.
Zweifellos stand da draußen jemand. Und die Apothekerin ahnte bereits, wer dieser geheimnisvolle „Jemand" sein könnte.
Wirklich unfassbar! Das kam ja gerade recht! Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte und prompt hergeeilt war. Ein wahrhaftiger sechster Sinn! Maomao konnte diesen Zufall kaum glauben. Aber wie auch immer, jedenfalls machte dies das Ganze wesentlich einfacher, da es ihr die Suche nach ihm ersparte.
Maomao blieb sitzen und starrte weiterhin die Tür an, darauf wartend, ein Klopfen und eine Stimme, die „Apothekerin" rief, zu hören.
Sie wartete und wartete.
Doch nichts geschah.
Stattdessen hörte sie irgendwann Schritte, was bedeuten musste, dass diese andere Person sich höchstwahrscheinlich entfernte.
„Eh? Also war das doch nicht Seine Exzellenz?"
Doch ihr Gespür sagte ihr, dass er es sein musste. Nicht zu vergessen, dass sie inzwischen bereits gelernt hatte, die Geräusche seiner Schritte zu erkennen und sie von anderen zu unterscheiden. Und außerdem würde außer ihm und Suiren sowieso keiner zu ihrem Zimmer kommen.
Maomaos Neugier war hiermit geweckt und sie stand endlich vom Stuhl auf, um sich zur Tür zu begeben und nachzusehen.
Sie öffnete die Tür und spähte in den Korridor hinaus. Keiner da. Also war die Person schon weg. Seltsam...
Und als sie kurz davor war, selbst hinauszugehen und nach ihrem ungebetenen Gast zu suchen, und einen Schritt machte, berührte ihr Fuß plötzlich etwas, was auf dem Boden stand. Sie senkte den Blick.
Es war eine Kürbisflasche.
Die etwas verwirrte Maomao hob beide Augenbrauen und nahm die Flasche in die Hand. Ihrem Gewicht nach zu urteilen, musste sie voll sein.
Mit einer immer größer werdenden Neugier öffnete sie sie und hielt sie sich an die Nase, um am Inhalt zu riechen.
Der Geruch, der in ihre Nasenlöcher drang, hellte auf der Stelle ihr Gesicht auf und brachte ein entzücktes Lächeln auf ihre Lippen. Ihre Augen strahlten.
Das war Wein!
Aber was machte der dort?
Immer noch lächelnd und einen genaueren Blick auf die Flasche werfend, entdeckte Maomao endlich das Stück Papier, das daran befestigt war. Es war von guter Qualität, eines der teuren Sorte. Da stand etwas drauf.
Da sie mehr als nur einmal in Jinshis Schreibstube saubergemacht hatte während er dort arbeitete, konnte die Apothekerin auf der Stelle erkennen, dass es sich um seine Handschrift handelte. Und selbst wenn sie es nicht könnte, die Worte an sich machten es bereits mehr als deutlich:
„Das ist für dich, Apothekerin. Bitte verzeih mir!"
„Ach so, verstehe..."
Mit anderen Worten: er hatte sich ebenfalls schuldig gefühlt und wollte sich mit einem Geschenk bei ihr entschuldigen.
Wie überaus aufmerksam.
Die Alkoholliebhaberin Maomao wollte bereits auf der Stelle ein paar Schlucke trinken, doch bevor sie die Flasche an ihre Lippen ansetzen konnte, hielt sie plötzlich inne, sich an etwas Wichtiges erinnernd.
Ach ja, ihre eigene Entschuldigung... die hätte sie beinahe vergessen. Nun, da er mit diesem Geschenk bereits den ersten Schritt gemacht hatte, war jetzt zweifellos sie an der Reihe.
„Er kann noch nicht sehr weit gekommen sein!"
Die Apothekerin schloss die Flasche wieder und nahm sie mit, als sie durch den Korridor zu eilen begann. Sie hatte einen Plan!
Irgendwann bog sie um eine Ecke und... erblickte tatsächlich Jinshis Rücken etwa ein Dutzend Meter vor ihr. Er schleppte sich träge und mit gesenktem Kopf vorwärts, wie die absolute Verkörperung von Niedergeschlagenheit. Als hätte ihm jemand seine gesamte Energie geraubt.
„Eure Exzellenz! Wartet!"
Der junge Adelige zuckte heftig zusammen und erstarrte, als er ihre Stimme vernahm. Nach einigen Augenblicken hob er dann endlich den Kopf und drehte sich langsam zu ihr um. Maomao entdeckte auf seinem Gesicht Verwunderung und noch etwas anderes... war das etwa Angst? Aber wovor könnte er sich fürchten?
Und doch wartete er auf sie.
„A-Apothekerin..."
Seine Stimme klang etwas angespannt.
Sie verlangsamte ihre Schritte und ging auf ihn zu, die Flasche hochhaltend.
„Ihr habt gerade eben das hier vor meiner Tür zurückgelassen, nicht wahr, Herr?"
„Ich hoffe, es gefällt dir...", war alles, was er dazu zu sagen hatte, und schenkte ihr ein schwaches Lächeln. Ganz klar ein aufgesetztes. Sein Blick waren immer noch von Kummer erfüllt und ihr fiel auf, dass er nervös an seinen Fingern herumdrehte.
Dieser Anblick verstärkte die Schuldgefühle der Apothekerin noch. Aber kein Wunder: obwohl sie von außer her kalt erscheinen mochte, hatte sie doch ein warmes Herz und besaß auch selbstverständlich ein Gewissen.
„Das tut es, Herr. Ich danke Euch."
Als er das hörte, ließ Jinshi seine Finger in Ruhe und machte ein paar Schritte auf sie zu. Er schien bereits etwas ruhiger geworden zu sein.
„Also bist du nicht mehr sauer?"
„Ach so. Das hat ihn also wahrscheinlich so gequält", dachte sie.
„Nein, bin ich nicht. Nun, um ehrlich zu sein, habe ich eine Bitte an Euch."
Er warf ihr einen fragenden und neugierigen Blick zu.
„Ja? Welche denn?"
Maomao sah ihm in die Augen und zupfte mit ihrer freien Hand an seinem Ärmel.
„Wenn Ihr Zeit habt, würde ich das gerne mit Euch zusammen trinken, Eure Exzellenz... Ich glaube, wir müssen reden."
Da dies das allererste Mal war, dass sie von sich aus um ein Gespräch mit ihm bat, war der junge Adelige zunächst verblüfft und gab einige Sekunden lang keine Antwort von sich. Doch dann fasste er sich wieder und nickte. Er sah ernst aus.
„Gut. Dann lass uns in meine Gemächer gehen. Ich habe meine Arbeit für heute beendet."
***
Kein einziges Wort unterbrach die Stille, während sie Seite an Seite durch den nun fast vollkommen in Dunkelheit getauchten Korridor schritten. Jedoch merkte Maomao, dass Jinshi ihr immer wieder kurze Blicke zuwarf und den Mund öffnete, es sich aber jedes Mal anders überlegte. Das Ganze war etwas unangenehm, aber die Apothekerin wusste, dass jenes Gespräch unumgänglich war.
Und er spürte dies bestimmt ebenso.
Die Atmosphäre in seinen Gemächern war nicht wirklich anders, vielleicht mal abgesehen von den paar brennenden Kerzen, deren weiches, flackerndes Licht auf die Einrichtung fiel. Die dienstbeflissene Suiren musste sie angezündet haben, sobald es angefangen hatte, dunkel zu werden.
Schwaches Mondlicht drang durch die Fenster ein.
Jinshi und Maomao begaben sich direkt zum niedrigen Tisch, an dem der junge Herr meistens saß, wenn er etwas trank. Zwei Becher standen bereits dort, Jinshis eigener und der, welchen Maomao für ihre Vorkostungen nutzte.
Der junge Adelige nahm Platz und Maomao wollte sich bereits ihm gegenüber niederlassen.
„Nein, komm her."
Sie sah auf und stellte fest, dass er auf den freien Platz neben sich auf der Couch klopfte.
Maomao zuckte die Achseln und tat wie geheißen. Vor ein paar Monaten hätte sich sicherlich noch dagegen protestiert, anführend, dass sie unmöglich neben einem Adeligen sitzen konnte, aber die beiden waren seitdem schon so oft nebeneinander gesessen, dass es sie nicht mehr kümmerte. Sie wusste, dass es in Jinshis Fall in Ordnung war.
Und gerade als sie die Flasche öffnen und den Wein ausschenken wollte, rückte Jinshi ein wenig näher zu ihr und Maomao spürte auf einmal, wie seine Hand sich behutsam um ihr bandagiertes Bein legte und es auf seinen Schoß hob. Sie erschrak ein wenig und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren.
„Was tut Ihr da, Herr?"
„Du musst dich schonen, Apothekerin. Deine Wunde heilt noch."
Er begegnete ihrem Blick nicht, sondern sah auf ihr Bein herab.
Maomao seufzte.
„Geht das wieder los", dachte sie. Aber da sie sich entschlossen hatte, ein wenig netter zu ihm sein, sagte sie schlussendlich nichts, sondern ließ ihn einfach machen. Außerdem stimmte es schon, dass sie an jenem Tag ziemlich viel auf den Beinen gewesen war und ihre Wunde ein wenig pochte.
Und so öffnete sie einfach die Flasche und goss zuerst ein wenig von dem Inhalt in ihren Becher, um ihn wie immer auf Gift vorzukosten. Nachdem sie verkündet hatte, dass alles in Ordnung war, füllte sie schließlich beide.
In der Zwischenzeit hatte Jinshi begonnen, sanft ihr verletztes Bein zu streicheln, während er ihr schweigend zusah. Auch dies kommentierte Maomao nicht, wobei sie heimlich zugeben musste, dass es sich irgendwie schon angenehm anfühlte.
Sie reichte ihm seinen Becher.
„Hier, bitte, Herr."
„Danke."
Er nahm ihn an sich und starrte dann einfach für einige Augenblicke auf die dunkelrote Flüssigkeit darin, ohne davon zu trinken. Danach atmete er tief durch und blickte Maomao, die währenddessen ein paar Schlucke genommen hatte, erneut ins Gesicht.
„Apothekerin...", ergriff er schließlich das Wort, womit er ihre Aufmerksamkeit erregte, und wurde rot, es vermeidend, ihr in die Augen zu sehen. „Ich... Ich wollte nicht spannen, ich schwöre! Ich wusste wirklich nicht, dass du beim Umziehen warst!"
„Hä?" Maomao weitete verwundert die Augen. „Moment mal... habt Ihr etwa DESWEGEN um Verzeihung gebeten?"
Nun war auch er verwirrt und hörte mit dem Streicheln auf.
„Eh? Weswegen denn sonst?"
Die Apothekerin runzelte die Stirn. Hatte er es nicht einmal gemerkt?
„Ich dachte, Ihr wolltet Euch entschuldigen, weil Ihr so nervig seid und mir ständig mit meiner Wunde in den Ohren liegt."
Nein, sie nahm wirklich kein Blatt vor den Mund, wenn sie mit ihm sprach.
Sie konnte sehen, wie er ebenfalls die Stirn runzelte.
„Verdammt, jetzt habe ich ihn verärgert. Das war wirklich keine Absicht!", dachte sie.
Oh ja, Jinshi war verärgert.
„Hast du gezählt, wie oft deine Wunde schon aufgegangen ist!?", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während er ihr mit dem Zeigefinger in die Wange piekte, wahrscheinlich, um seine Worte zu betonen. „Wenn man dich nicht ständig daran erinnert, dass du dich nicht überanstrengen sollst, wird sie nie heilen!" Er schnaubte und funkelte sie gereizt an. „Deshalb bekommst du von mir keine Entschuldigung dafür, Apothekerin, das kannst du gleich vergessen."
Maomao schob sich seine Hand aus dem Gesicht und funkelte ihn ihrerseits an, ihre eigene Entschuldigung vorübergehend beiseitelegend. Jedoch nicht vergessend.
Was für ein Dickkopf er war. Na ja, genau so ein Dickkopf wie sie selbst, könnte man meinen.
Doch nach einiger Zeit entspannten sich seine Gesichtszüge wieder ein wenig, und er wendete den Blick ab, noch stärker errötend als zuvor.
„Ich... Ich dachte, du wärst sauer, weil ich in dein Zimmer geplatzt bin, während du... dich umgezogen hast, und dich... ähm, leichtbekleidet vorfand."
Nachdem sie dies vernahm, entspannte auch Maomao ihr Gesicht. Sie fand es schwer zu glauben, dass so ein schöner Mann so verlegen werden konnte, nur weil er einen Blick auf den Körper einer solch unscheinbaren Frau wie sie erhascht hatte.
„Es macht mir nicht wirklich etwas aus, von Euch „leichtbekleidet" gesehen zu werden, Eure Exzellenz." Maomaos Ton war seelenruhig.
„WAS?!"
Er war nun so knallrot, dass sein Gesicht fast schon leuchtete, und starrte sie vollkommen ungläubig an, mit weit geöffnetem Mund und Augen. Gut, dass er nicht am Trinken gewesen war, sonst hätte er bestimmt alles wieder ausgespuckt. Maomao fand seinen Ausdruck ziemlich lustig, hielt sich jedoch vom Grinsen ab. Es war nicht der richtige Zeitpunkt dafür.
„Vergesst nicht, wo ich aufgewachsen bin, Herr. Und außerdem war ich bloß in Unterwäsche, nicht ganz nackt, also ist es keine große Sache." Sie zuckte gelassen die Achseln und trank weiter. „Nicht, dass es da sowieso viel zu sehen gäbe."
„Ach." Jinshi blinzelte einige Male und legte dann die Stirn leicht in Falten, so aussehend, als hätte er nicht übel Lust zu widersprechen. Doch dann überlegte er es sich doch anders. Die Apothekerin war dankbar dafür, sie wollte keinen weiteren Streit.
Aber...
„Wenn ich tatsächlich nackt gewesen wäre, hätte ich Euch mit etwas Schwererem beworfen als bloß mit einem Rock", grummelte sie ganz leise vor sich hin. Ja, es stimmte, dass sie in einem Freudenviertel groß geworden und nichts als ein mageres kleines Ding war, aber selbst sie besaß einen Sinn für Anstand und ein gewisses Selbstwertgefühl.
„Was war das gerade?"
Jinshi warf ihr einen fragenden Blick zu.
„Gar nichts, Herr."
„Wie du meinst..."
Endlich nahm er einen Schluck Wein, so aussehend, als sei er tief in Gedanken versunken. Als ob ihm immer noch etwas auf dem Herzen liegen würde.
Maomao beschloss nachzufragen.
„Ist etwas, Herr?"
Jinshi schaute sie erneut an.
„Sag mal, findest du mich wirklich... so nervig?"
Traurigkeit und Kränkung lagen in seinen Augen.
Und prompt kamen die Schuldgefühle wieder zurück. Maomao schluckte. Sie hätte vorhin besser den Mund halten sollen, was?
Aber da gab es kein Zurück mehr. Für Reue war es bereits zu spät.
„Ja, das tue ich", antwortete sie. Er zuckte angesichts ihrer brutalen Ehrlichkeit zusammen. „Ihr neigt einfach dazu, zu überfürsorglich zu sein, und das wird mir zu viel." Die Apothekerin machte eine Pause und blickte ihm erneut in die Augen, um zu zeigen, dass ihre nachfolgenden Worte ebenfalls alle aufrichtig gemeint waren. „Aber... ich glaube nicht, dass Ihr die Schuld daran tragt. Und ich hätte Euch nicht so behandeln sollen. Es tut mir leid."
Da war ihre Entschuldigung. Endlich.
Jinshi erwiderte bloß ihren Blick ohne etwas zu sagen. Er schien irgendwie mit sich selbst zu hadern, bestimmt nach den richtigen Worten suchend. Oder zumindest nahm sie das an.
Daher räusperte Maomao sich und sprach weiter.
„Das ist der Grund, weshalb ich überhaupt mit Euch reden wollte. Um mich zu entschuldigen. Gaoshun hat mir gesagt, wie besorgt Ihr war, und mir erklärt, dass Ihr es nur gut mit mir meint. Da ist es mir klargeworden."
Zu ihrer Überraschung verspannte Jinshi sich auf einmal und riss die Augen auf, erneut errötend als hätte sie ihn bei etwas höchst Unanständigem erwischt. Sie konnte sehen, wie ein paar Schweißtropfen sein Gesicht entlangliefen.
„W-Wie viel h-hat er dir verraten!?"
„Hä?" Maomao verengte misstrauisch die Augen. Was sollte die Reaktion denn? Gab es da was, was sie nicht wissen durfte?
„Na ja, nicht sehr viel. Eigentlich nur, dass Ihr in meinem Bett geschlafen habt, und nur weil ich ihn extra gefragt habe."
Jinshi erschrak und schluckte.
„B-Bist du wütend deswegen?"
„Sehe ich etwa so aus, Herr?"
„Nein", gab er zu und gab schließlich einen Seufzer der Erleichterung von sich, als er feststellte, dass dies der Wahrheit entsprach. „Nein, tust du nicht."
Maomao streckte die Hand aus, um seine zu berühren, in der er den Becher hielt.
„Eure Hand zittert ein wenig, Eure Exzellenz. Passt bitte auf, dass Ihr den Wein nicht verschüttet."
„Ah, ist gut..." Er trank einen Schluck. „Und ja, das habe ich. Ich habe in deinem Bett geschlafen. Es... ist einfach so passiert. Du hast zwar gesagt, dass du nicht wütend bist, aber... es tut mir trotzdem leid..."
Jinshi richtete seinen Blick wieder auf ihr Bein, welches immer noch auf seinem Schoß lag, und begann, es erneut gedankenverloren mit seinen warmen, langen Fingern zu massieren. Maomao fand, dass er aussah wie ein verlorenes Kind.
„Das muss es nicht, Herr. Ihr habt mich ja auch in Eurem schlafen lassen."
Danach herrschte Stille. Maomao leerte ihren Becher und schenkte sich erneut ein. Jinshi währenddessen hatte seinen kaum angerührt.
„Wie schade", dachte sie. „Und dabei ist es doch solch ein guter Wein."
„Ähm...", hörte sie plötzlich wieder seine Stimme.
„Was ist denn, Eure Exzellenz?"
„Nun... ich... denke, du hast Recht. Dass ich überfürsorglich bin, meine ich."
„Ach?"
Die Apothekerin war leicht verdutzt. Er gab es tatsächlich zu?
Er begann, mit dem Zeigefinger vorsichtig Kreise auf ihrem Bein zu zeichnen, und fuhr fort.
„Ja, du hast Recht. Aber weißt du... ich bin es nun mal nicht gewohnt, mich derart um jemand anderen zu sorgen. Das ist das allererste Mal und es ist alles neu für mich. Ich weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll."
Maomao starrte ihn ungläubig an. Sie hatten ja wirklich mehr gemeinsam als sie dachte!
„Und was ich dir an dem Tag gesagt habe, meinte ich ernst", murmelte er schließlich und sah ihr erneut ins Gesicht. „Sei vorsichtiger in Zukunft. Bitte."
Die Apothekerin erwiderte bloß seinen Blick, ohne eine Antwort zu geben. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm wirklich verraten sollte, dass, wenn sich ein ähnlicher Vorfall ereignen sollte, sie ihn auf jeden Fall erneut retten würde, selbst auf das Risiko hin, dass er danach einen Herzanfall erlitt. Dies war auch ein Grund, weshalb sie ihm das Versprechen, um das er sie während der Umarmung von vor einigen Tagen gebeten hatte, nicht hatte geben können. Und um ehrlich zu sein, konnte sie auch diesmal nicht erklären, wieso genau sie das tun würde. Vielleicht war es ja die Hoffnung, dass man ihr daraufhin noch einen seltenen medizinischen Wirkstoff versprach.
Oder auch nicht. Vielleicht war es ja auch etwas anderes. Etwas, worüber sie nun wirklich nicht nachdenken wollte.
Aber wie auch immer, dies sollte sie lieber für sich behalten, um ihn nicht schon wieder aufzuregen.
Welch ein Segen, dass Jinshi ihre Gedanken nicht lesen konnte!
Anstatt ihm mit Worten zu antworten, trank Maomao demnach weiter, rückte noch etwas näher zu ihm und lehnte sich schließlich an seinen Arm. In der Hoffnung, dass dies ausreichte, um ihn zu beruhigen und ihm zu verstehen zu geben, dass er sich wirklich keine Sorgen zu machen brauchte.
Sie spürte, wie sich sein Körper für einen Moment anspannte und dann wieder entspannte, und als Nächstes legte er seine Wange auf ihren Kopf. Maomao hatte nichts dagegen einzuwenden. Erneut wurde sie von seinem bereits bekannten und angenehmen Duft nach Sandelholz umhüllt und fühlte, wie sein langes Haar ihr leicht das Gesicht kitzelte.
Auch er blieb still. Doch Worte waren sowieso nicht nötig, denn die beiden haben auch so schon begriffen, dass sie einander verziehen hatten.
Es war einer dieser seltenen Momente, in denen sie sich auch ohne Worte verstanden.
Um sie herum war es ruhig und friedlich. Als würde die Welt außerhalb jener Gemächer stillstehen.
Epilog
Es war eine ruhige, stille Nacht. Die einzigen Geräusche waren das Summen einiger Insekten und die leichte Brise, welche die Äste der Bäume bewegte und den Duft wohlriechender Blumen in der Luft verbreitete. Eine Nacht, als wäre sie direkt einem Liebesroman entsprungen.
Eine einsame Gestalt schritt feierlich unter dem weiten Sternenhimmel. Oder vielleicht doch nicht ganz so einsam: wenn man näher hinsah, konnte man erkennen, dass sie eine zweite, kleinere auf den Armen trug.
Ganz genau. Maomao befand sich tatsächlich erneut in Jinshis Armen und genau wie beim letzten Mal floss auch jetzt Blut aus der Wunde an ihrem Bein, beschmutzte ihren Rock und hinterließ kleine scharlachrote Tropfen auf dem Weg.
Und doch war es diesmal anders. Zum Beispiel waren keine Blicke auf sie gerichtet, denn die beiden waren ganz allein, umhüllt von der Dunkelheit der Nacht.
Dazu war Maomao auch noch putzmunter und alles andere als eine leblose Puppe. Genau wie es sein sollte.
Aktuell funkelte sie Jinshi böse an und hielt sich mit beiden Händen die Stirn, die Stelle, wo er ihr gerade eben eine Kopfnuss verpasst hatte.
Jinshi erwiderte jene bösen Blicke, es nicht einmal versuchend, seinen Ärger zu verbergen. Wieso sollte er auch? Es war sowieso sonst keiner da, also gab es keinen Grund für ihn, sich zu verstellen und seine Emotionen zu verstecken, so wie er es für gewöhnlich tat. Die Maske des würdevollen Adeligen wurde gerade nicht gebraucht und war von seinem Gesicht verschwunden.
Er kochte vor Wut. Ausgerechnet jetzt musste sie ihn nach diesem blöden Bezoar fragen! Und er hatte bereits geglaubt, es gehe tatsächlich um etwas Wichtiges, so wie sie sich vorhin benommen hatte! Aber wie es aussah, hatten sie und er vollkommen verschiedene Vorstellungen davon, was das Wort „wichtig" überhaupt bedeutete.
Und doch...
Und doch war dieses Verhalten so unfassbar typisch für Maomao, dass Jinshi losgelacht hätte, wäre er nicht so sauer darüber gewesen, dass sie (schon wieder) ihre Wunde vernachlässigte. Stattdessen gab er ein Schnauben von sich.
Die Mauer hochklettern, auf ihr tanzen, ihre Wunde wieder zum Aufbrechen bringen und sie dann auch noch selbst wieder zunähen wollen! Diese junge Frau war wirklich etwas! Etwas Besonderes! Der junge Adelige war sich sicher, dass er sein Leben lang keinem zweiten solchen Menschen begegnen würde.
Und dabei hatte er sie doch extra gebeten, vorsichtiger zu sein... Pah! Natürlich würde sie nicht auf ihn hören, was hatte er auch anderes erwartet? Schließlich war das Maomao!
Nein, diese Apothekerin würde sich niemals ändern, so viel war sicher.
Nicht dass er das tatsächlich wollte.
„Eines Tages wird sie mich echt noch ins Grab bringen, was?", dachte er. Und aus irgendeinem Grund amüsierte ihn diese Vorstellung ein wenig.
Doch trotzdem durchzog ein winziger Schauder seinen Körper, als er sich unweigerlich daran erinnerte, dass sie von jener Mauer gestürzt wäre, hätte er sie nicht noch rechtzeitig aufgefangen, und er drückte sie unbewusst noch etwas enger an sich. Warum musste sie ihn bloß immer wieder solche Ängste durchstehen lassen!?
Aber bevor sein noch immer leicht traumatisierter Verstand in Gedanken versinken konnte, wurde er erneut von ihrer Stimme abgelenkt.
„Seid Ihr sicher, dass Ihr ihn wirklich habt, Eure Exzellenz?" Sie hatte die Stirn gerunzelt und beäugte ihn misstrauisch.
Jinshi biss die Zähne zusammen. Er hatte sie wahnsinnig gern, doch ab und zu brachte sie ihn wirklich um den Verstand.
„Du kriegst deinen Bezoar, du kleine Nervensäge!", fuhr er sie schließlich an. Seine Stimme durchbrach die friedliche Atmosphäre der Nacht. „Hab einfach noch Geduld, in Ordnung? Ich breche meine Versprechen nicht, wie du bestimmt schon weißt! Und nennst MICH nervig, tsk..."
Er schnalzte gereizt mit der Zunge und blieb plötzlich stehen, sie noch ein wenig weiter hochhebend, auf seine Augenhöhe. Ihre Nasenspitzen berührten sich fast und Maomaos Hände landeten auf seinen Schultern.
„Beantworte mir lieber mal eine Frage: was hättest du getan, wenn ich nicht erschienen wäre, hm? Bis zum Morgen auf dieser Mauer festgesteckt? Denn ich glaube nicht, dass du mit diesem Bein in der Lage gewesen wärst, ohne Hilfe wieder herunterzuklettern, selbst wenn du es geschafft hättest, die Wunde selbst zu nähen."
Keine Antwort. Bloß noch mehr böse Blicke.
Doch Jinshi ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern hielt ihnen eisern stand.
„Ach, du hast keine Ahnung? Überrascht mich nicht."
Letztendlich seufzte er und nahm einfach seinen Weg wieder auf, Maomao erneut an seine Brust drückend. Schließlich blutete ihre Wunde immer noch und musste behandelt werden. Zum Glück schien sie zumindest keine Schmerzen zu haben.
Maomao schaute weiterhin grimmig zu ihm auf, ohne ein Wort zu sagen, bis sich irgendwann ihre Augen leicht weiteten, als sie zusah, wie Jinshis Gesichtsausdruck sich auf einmal veränderte. Ihr eigenes Gesicht verriet nur zu deutlich, dass ihr dies überhaupt nicht geheuer war.
Und tatsächlich schien sein Zorn verraucht zu sein und wurde durch etwas ersetzt, was man am Besten als freches, verspieltes Grinsen bezeichnen konnte. Seine kindische Seite zeigte sich mal wieder.
„Ich glaube, ein gewisser Jemand hat für seine Unachtsamkeit noch eine kleine Strafe verdient, denkst du nicht auch?"
Der junge Herr achtete darauf, dass seine Stimme besonders zuckersüß klang, um Maomao zu necken.
Er sah, wie sie schluckte. Bestimmt machte sie sich auf eine zweite Kopfnuss gefasst.
Aber nein, für dieses Mal hatte er etwas ganz anderes vor!
„Das ist dafür, dass du mir schon wieder Sorgen bereitet hast!"
Und mit diesen Worten drückte er einen raschen Kuss auf ihre immer noch gerötete Stirn.
Für einen Augenblick starrte ihn die Apothekerin einfach nur verdutzt und sprachlos an. Dann jedoch legte sie die Hand auf ihre Stirn und begann, lautstark zu protestieren.
„Eure Exzellenz!"
„Hahahaha!"
Jinshis Gelächter war erfüllt mit Glück und Erleichterung, dass sie trotz ihrer erneut blutenden Wunde in Ordnung und immer noch dieselbe Maomao war.
Und als er sich schließlich beruhigt hatte, konnte der junge Herr nicht anders als sie sanft anzulächeln. Im Moment verspürte er eine solch tiefe, unfassbare Liebe zu ihr, dass ihm beinahe schon die Brust schmerzte.
Es stimmte, dass sie ihm ziemlich viel Ärger verursachte, doch schlussendlich wusste er, dass diese unglaubliche und niedliche junge Frau es wert war.
Sie war all die Mühe mehr als nur wert.
Er küsste sie erneut, diesmal auf die Wange.
Daraufhin ballte sie ihre kleinen Hände zu Fäusten und begann, mit ihrem gesunden Bein zu strampeln.
„Hey, Vorsicht! Zappel nicht so herum, sonst fällst du noch!"
Ja, sie war ohne jeden Zweifel am Leben und voller Energie. Und das war das, was zählte.