Der Brief ohne Absender
Der Regen klopfte leise gegen die hohen Fenster der Zauberschule in Frankreich.
Melanie Potter saß allein in ihrem Zimmer im Internat und beobachtete, wie das Wasser in dünnen Linien über das Glas lief.
Die Schule war groß, elegant, voller Magie und Leben — und trotzdem fühlte sie sich hier manchmal unsichtbar.
Nicht ungeliebt.
Einfach… nicht zugehörig.
Siebzehn Jahre.
Siebzehn Jahre, in denen sie gelernt hatte, Fragen für sich zu behalten.
Ihre Vergangenheit war immer ein Thema gewesen, das niemand gerne berührte.
Waisenhaus in England.
Umzug nach Frankreich.
Neue Schule. Neues Leben.
Und doch: keine Antworten.
Nur Lücken.
Wenn sie nach ihren Eltern fragte, bekam sie immer dieselbe Geschichte.
Ein Unfall.
Mehr nicht.
Keine Bilder. Keine Namen, die sich festhalten ließen.
Nur Stille, die sich mit der Zeit wie eine zweite Haut um sie gelegt hatte.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken.
„Post für dich.“
Die Stimme der Hauslehrerin klang ungewöhnlich ernst.
Melanie runzelte die Stirn. Briefe waren selten. Persönliche Briefe noch seltener.
Sie nahm den Umschlag entgegen.
Alt. Schwer. Fremd.
Nur ein Name.
Melanie Potter
Sie erstarrte.
Potter.
Der Name fühlte sich an, als würde er nicht ganz zu ihr gehören — und gleichzeitig, als hätte er schon immer irgendwo existiert.
Langsam öffnete sie den Brief.
Nur wenige Zeilen.
Wenn du endlich die Wahrheit erfahren willst, dann fahr nach Hogwarts.
Dort wirst du Antworten finden.
Frag nach Albus Dumbledore.
Und vor allem: Sag Harry Potter noch nichts.
Kein Absender.
Keine Erklärung.
Nur diese wenigen Zeilen, die ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellten.
Harry Potter.
Der Junge, der überlebt hatte.
Ihr Atem stockte.
„Warum… dieser Name?“, flüsterte sie.
Doch der Raum antwortete nicht.
Nur der Regen draußen wurde lauter.
Und zum ersten Mal in ihrem Leben war da nicht nur Leere.
Sondern eine Richtung.
Wenn das wirklich stimmte, dann wollte sie Antworten.
Von allen.
Und ganz besonders von ihm.
Ein seltsames Mädchen namens Luna
Der Himmel über Frankreich war an diesem Morgen klarer als sonst.
Melanie Potter stand bereits früh vor dem hohen Tor der Zauberschule, ihr Koffer neben sich, den Brief sicher in der Tasche verstaut.
Seit der Nacht, in der sie ihn gelesen hatte, hatte sie kaum geschlafen.
Die Worte waren geblieben.
Hogwarts.
Albus Dumbledore.
Harry Potter.
Drei Namen, die ihr Leben auseinandergerissen hatten, ohne dass sie auch nur einen davon wirklich verstand.
Die Schule hinter ihr wirkte plötzlich fremd, als würde sie sie zum ersten Mal richtig sehen. Als wäre sie nicht länger ein Zuhause, sondern nur eine Zwischenstation gewesen.
„Du bist dir sicher?“, fragte eine Lehrerin leise hinter ihr.
Melanie zögerte nur kurz.
Dann nickte sie.
„Ja.“
Mehr sagte sie nicht.
Denn wenn sie jetzt anfing zu zweifeln, würde sie wahrscheinlich nie gehen.
Der Zug nach England war laut und überfüllt.
Fenster beschlugen sich, Stimmen vermischten sich, Koffer wurden verstaut, und überall herrschte diese aufgeregte Energie, die Melanie fremd war.
Sie saß allein am Fenster.
Natürlich.
Sie hatte nie gelernt, einfach in Gruppen zu passen.
Ihr Blick blieb an der vorbeiziehenden Landschaft hängen, während der Zug langsam Fahrt aufnahm.
Frankreich verschwand.
Und mit ihm alles, was sie bisher gekannt hatte.
Stunden später.
King’s Cross Station.
London war laut.
Zu laut.
Menschen strömten in alle Richtungen, Autos hupten, Türen schlugen, und irgendwo rief jemand nach einem verlorenen Koffer.
Melanie blieb kurz stehen.
Der Brief hatte ihr genau gesagt, wohin sie gehen sollte.
Gleis 9¾.
Sie runzelte die Stirn.
Natürlich ergab das keinen Sinn.
Und trotzdem ging sie los.
Zwischen Gleis neun und zehn blieb sie stehen.
Ein normaler Bahnhof.
Eine normale Wand.
„Okay…“, murmelte sie leise.
„Das ist also Hogwarts.“
„Sieht nicht sehr einladend aus, wenn du mich fragst.“
Die Stimme kam direkt neben ihr.
Melanie zuckte leicht zusammen und drehte sich um.
Ein blondes Mädchen stand dort, völlig unaufgeregt, als wäre es völlig normal, sich gerade über eine Wand zu unterhalten, die angeblich ein magischer Eingang sein sollte.
Blondes, fast weißes Haar. Ruhiger Blick. Etwas Verträumtes im Gesicht.
„Du bist neu hier, oder?“, fragte das Mädchen freundlich.
„Ist das so offensichtlich?“
„Ein bisschen.“
Das Mädchen lächelte.
„Ich bin Luna.“
Luna Lovegood
Melanie musterte sie kurz.
„Melanie.“
„Du wirkst, als würdest du denken, dass die Wand dich gleich enttäuscht.“
„Tut sie das nicht?“
Luna überlegte kurz.
„Nur, wenn man ihr nicht vertraut.“
Melanie hob eine Augenbraue.
„Das ist eine ziemlich seltsame Logik.“
„Magie ist oft seltsam.“
Für einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen.
Dann sagte Luna ganz ruhig:
„Du musst einfach hindurchgehen.“
Melanie starrte auf die Wand.
„Einfach so?“
„Einfach so.“
Sie atmete tief durch.
Der Brief.
Die Wahrheit.
Harry Potter.
Harry Potter
Wenn das alles wirklich stimmte, dann gab es jetzt kein Zurück mehr.
„Okay“, murmelte sie.
Und ging los.