El chico y el secreto
Jetzt müsste er sich wirklich beeilen! Der Junge stopfte die flachen Steine in seine Hose. Er hatte die Zeit vergessen. Die Kirchenglocken läuteten, er hörte sie von der Ferne. Warum war er nur so weit weg gegangen, um Steine zu suchen? Nach dem Gottesdienst gab es stets eine kurze Zeit, bevor der Unterricht begann. Da hätte er auf die Suche gehen können.
Er wusste es. Jedes der Kinder wusste dies. Trotzdem hatte er die Zeit vergessen und ging alleine Steine suchen.
Er rannte an einer Gruppe junger Frauen vorbei, die über das Tanzfest sprachen, was in Kürze stattfinden würde. Der Name Mariano fiel unter lautem Gekicher. Ein älterer Herr sah ihn rennen. Ein verschwörerisches Lächeln huschte ihm über das Gesicht. „Hüpf über die kleine Mauer. Das spart Zeit!“, rief er und deutete in die Richtung der Mauer, die zwischen zwei Häusern gebaut wurde.
„¡Gracias, Señor!“
So höflich wie er konnte, nickte er dem Mann zu und schlug einen Haken. Beinahe fiel er um, doch er konnte den Fall mindern. Hechelnd nahm er die letzten Meter in Angriff.
Seine Schwester wartete sicher vor dem Häuschen, das als Schule diente. Er hatte versprochen, rechtzeitig wieder zurück zu sein.
Sie wippte mit den Füssen, blickte in die Richtung der Stadt, ihre Hände hinter dem Rücken.„Bruder, wo bist du?“, presste das Mädchen angespannt hervor. Ängstlich blickte sie zum Kirchenturm. Der Unterricht wird jeden Augenblick beginnen. Das Mädchen wollte nicht, dass ihr Bruder wieder Ärger bekommt. Ihre Freundin steckte den Kopf aus dem Fenster. Ihre dunklen Haare, zu zwei Zöpfchen geflochten, wehten im aufkommenden Wind.
„Nita, komm rein. Die Stunde beginnt gleich!“, rief sie aufgeregt. Eine andere Freundin winkte, um sie dazu zubringen, in das Zimmer zu kommen. Ihre Haare waren zu einem kunstvollen Zopf gebunden.
Bonita schüttelte den Kopf. Obwohl sie wusste, dass ihre Mutter sehr wütend werden würde. Sie schluckte und dachte daran, wie wütend ihre Mutter manchmal war. Ohne den Grund zu nennen. Wie ihr Vater. Sie fing an zu zittern, schloss die Augen. Sie fürchtete sich vor ihrem Vater, aber ihre Mutter versetzte sie in Angst.
Sie vernahm ihren Namen. Für einen Schreckensmoment dachte das Mädchen, ihre Eltern würden kommen. Bonita zuckte zusammen, wollte in die Schule rennen. Wieder rief jemand. Es dauerte eine Sekunde, bis sie die Stimme ihres Bruders erkannte. „Zum Glück!“, flüsterte das Mädchen und rannte zu ihrem Bruder. “Hab … es … noch geschafft!”, keuchte Diego. Er strahlte sie siegessicher an. Sie sorgte sich um ihn, das sah er ihr an.
Ich darf ihr keinen Kummer machen. Ich muss sie beschützen.
Bonita holte ihr gutes Taschentuch hervor, das perfekt zu ihrem schönen Kleid passte. Sie wischte ihm den Schweiss von der Stirn, während er vor sich hin grinste.
„Nita! Diegito! Kommt jetzt rein. Maestra García ist auf dem Weg!“
Genervt blies Diego eine Haarsträhne aus seinem Gesicht. Er wollte und konnte sich nicht auf die Rechenaufgaben vor sich konzentrieren. Die gesammelten Steine in seiner Hosentasche lenkten ihn zu sehr ab. Sein Blick huschte zu einem Jungen mit kurzen, schwarzen Haaren.
Ich werd’ es ihm heute zeigen. Hab mit meinem grossen Bruder geübt. Dieses Mal werde ich nicht verlieren.
Als hätte sein Klassenkamerad seine Gedanken gespürt, drehte er sich um. Streckte ihm die Zunge heraus. Wut stieg in Diego hoch. Er starrte ihn weiterhin an, sein Klassenkamerad zurück.
Sein Sitznachbar pikste Diego mit dem Schreiber in seine Hand.
“Psst, pass auf. Ich lass’ dich nicht wieder abschreiben.”
Mürrisch sah er wieder zu seinen Aufgaben. Schrieb irgendwas hin. Hauptsache, er konnte den anderen Jungen weiterhin anstarren und sich dessen Niederlage vorstellen.
Maestra García blickte durch die Reihe der Schüler und Schülerinnen. Trotz ihres Alters übernahm sie den Unterricht am Sonntag. Ihre Haare zu einem eleganten Dutt hochgesteckt, ihr Kleid faltenfrei und aus gutem Stoff. Es schmeichelte ihr und unterstrich ihre Anmut und Demut, mit welchen sie durch ihr Leben schritt.
Ein Mädchen streckte ihre Hand hoch. Die Frau lief zu ihr. „Hast du eine Frage, Bonita?“, fragte sie freundlich. Sie wusste, dass eine Schule nicht so geführt wurde, wie sie es tat. Jedoch gab es zum Glück für die Kinder im Encanto eine Schule.
Wie viel Zeit schon vergangen war und welches Glück auch sie hatte. Unbemerkt griff die Lehrerin nach ihrem wertvollen Rosenkranz. Niemals würde sie vergessen, wie Gott seine schützenden Hände über sie hielt.
Señora García beantworte die Frage mit einem aufmunternden Lächeln. Dass sie abgelenkt werden sollte, wusste sie.
Bonita war eine liebenswerte Schwester.
Seufzend blickte der Pfarrer zu den jungen Burschen. Wie konnten sie ihre Schützlinge mit solchen Flausen füttern? Sie sollten Vorbilder sein für ihre Geschwister und Ministranten.
Einer der jungen Männer, ein Bursche mit Sommersprossen und einem verschmitzten Schmunzeln, nuschelte eine Entschuldigung. Sein Bruder legte kurz einen Arm um seine Schulter.
„Geht. Morgen sprechen wir darüber in Ruhe.”
Stumm nickten die jungen Männer. Einige sahen beschämt zu Boden, andere sahen angestrengt in das Gesicht des Reverendo.
„Du“, der Gottesmann winkte einen jungen Mann mit schwarzen Haaren zu sich. Dieser verzog das Gesicht. Er konnte es sich denken, vorüber er reden wollte.
Über seine Eltern.
[***]
"Gewonnen!“
Triumphierend sah Diego zu seinen Konkurrenzen. Zähneknirschend erkannte dieser den Sieg an. Die anderen Knaben nickten zustimmend. Diego hat fair gewonnen.
Wusste ich es doch, dass ich besser bin.
Zufrieden nahm Diego die Murmeln an sich. Eine würde seiner Schwester sehr gefallen. Sie liebte hübsche Sachen, so wie alle Mädchen. Und auch wenn es ihm irgendwie nicht gefiel, würde er die Grösste und Schönste seinem Bruder als Dankeschön für die Übungsstunden schenken. So gehörte es sich.
Die Jungs machten noch Quatsch. Liessen weiterhin Steine flitschen, fingen Käfer und erzählten sich Witze. Sie waren froh, dass heute der Unterricht kürzer war. So konnten sie, bevor es nach Hause zum Mittagsessen ging, ein wenig spielen und ihre Seele baumeln lassen.
„Hast du schon gehört?“, fing einer an. Gespannt sahen ihm seine Freunde an. Bevor er weitererzählen konnte, wurden sie unterbrochen. Zwei Männer, die noch auf dem Feld waren und auch auf dem Weg nach Hause waren, schickten sie nach Hause.
Bonita sass am Tisch. Das Essen duftete verlockend und das Mädchen verspürte grossen Hunger. Sie schnupperte. Ihre Mutter hatte sich wirklich Mühe gegeben. Obwohl …
Ihre Freundin Emma sagte, dass ihre Mamá stets sagte, dass ihre Mutter keine richtige Mutter war. Und ihr Papá benahm sich auch nicht wie ein richtiger Vater. Traurigkeit stieg in ihr hoch. Leise murmelte das Mädchen vor sich hin. Ihre Mutter war oben und machte sich hübsch. Sie machte sich gerne hübsch und Bonita freute sich, wenn ihre Mutter sich hübsch machte.
Als sie die Türe hörte, erschrak das Mädchen. Sofort setzte sie ihr schönstes Lächeln auf, machte einen geraden Rücken. Ihre Hände legte sie in ihren Schoss. Als sie den Heimkommenden erblickte, liess ihre Nervosität nach.
„Gran Hermano“, rief Bonita und rannte auf ihn zu. Sanft wurde sie in den Arm genommen. Wurde auf die Stirn geküsst.
„Wo ist dein Bruder?“, fragte Hugo und setzte sie wieder auf ihren Platz am Tisch. Brav erzählte Bonita, dass sie heute nicht so lange Unterricht hatten, da die Erwachsenen was von Bedeutung zu besprechen hatten. Ihr Bruder ging mit seinen Freunden zum Fluss.
Der Ältere nickte, kniete sich vor sie hin.
„Du bist nach Hause und hast Mamá geholfen? Das hast du gut gemacht. Ich bin stolz auf dich.“
Ihr Lächeln hätte jeden Eisblock zum Schmelzen gebrach. Hugo griff nach seiner Schwester, um sie festzudrücken.
Oben im Schlafzimmer hörte man ihre Mutter. Sie hatte beste Laune. Vermutlich würde sie wieder den Nachmittag wegbleiben, um „Freundinnen“ zu besuchen. Wo sein Vater war, könnte sich Hugo denken.
„So was kannst nur du bringen, Hermanito!“
Kopfschüttelnd blickte Hugo zu seinem jüngeren Bruder. Zuerst kam er zu spät zum Mittagessen, seine Schulkleidung war verschmutzt und dazu hatte er sein Schnitzmesser verloren!
Ihre Schwester blickte zu Boden. Scharrte mit den Füssen. Dies bemerkte Hugo.
„Du kannst nichts dafür, Nita. Wenn, dieser Esel seinen Kopf in den Wolken hat. Ja, du bist ein Esel.“
Diego streckte seinem Bruder die Zunge heraus, sah beleidigt zur Decke. Er folgte mit seinem Blick einer fetten Fliege. Mit einem Ohr hörte, wie seine Zwillingsschwester sich entschuldigte. Warum machte sie das immer? Stets wollte sie allen alles recht machen.
Sie ist so langweilig!, schoss es ihm durch den Kopf. Gerne hätte er mit seinem Papá geredet. Er war nicht zum Mittagessen gekommen. Diego musste das dumme Gefühl herunterschlucken, was in ihm hochkroch. Seine Lehrerin hatte ihm heute angesprochen, ob er zum nächsten Kirchenfest käme. Sein Vater hatte seine Gründe, dass er nicht in die Kirche ging. Wie seine Mutter.
Die Fliege setzte sich auf die Fensterbank. Ihre Flügel putzend, genoss sie die Sonne.
„Wenn du das Schnitzmesser geholt hast, gehen wir spazieren.“
Überrascht sahen die Zwillinge ihren Bruder an. Hatte Mamá nicht gesagt, sie sollen Zuhause bleiben? Hugo zwinkerte ihnen zu.
Das Mädchen sah zwischen ihren Brüdern hin und her. Ein scheues Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. In Diego dämmerte es, dass sich seine Schwester freuen würde, wenn sie zusammen rausgehen würde. „Ich beeil’ mich”, rief er ein bisschen zu laut. Er rannte zur Türe, hörte die Ermahnung nicht mehr.
„Na, noch unterwegs?“
Die junge Frau lächelte ihn an. An ihrer Hand führte sie einen Esel. Sie ging wohl Richtung der Felder. Ihre Sonntagskleidung wich der Alltagskleidung. Von Hugo wusste der Junge, dass die Felder und Tiere auch sonntags gepflegt werden mussten. Der Esel stellte seine Ohren auf. Der Himmel über einem bestimmten Haus verdunkelte sich. Blitze zuckten und Donner zerriss die friedliche Stille. Zuckend duckte sich der Junge. Die Frau legte nur den Kopf schief.
„Oh, wahrscheinlich ist Pepa im Stress. Kein Wunder, mit ihrem wilden Sohn und dem Angelito”, sprach sie. Die Leute, die unterwegs waren oder draussen die freie Zeit genossen, murmelten vor sich hin.
Schnell verabschiedete Diego sich. Hoffte, dass sich die mittlere der Drillinge noch beruhigte. Ihm war es gleich, warum sie sich aufregte. Ihm war vieles egal, was die Erwachsenen taten. Heute war ein guter Tag und er hoffte sehr, dass es noch so blieb. Wie das schöne Wetter.
Der Wind wurde stärker. Einige der Dorfbewohner versammelten sich und besprachen, was sie tun sollten. Der Bürgermeister seufzte. Er hatte die undankbare Aufgabe, zu den Madrigals zu gehen und nach dem Rechten zu sehen.
Niemand achtete auf den Jungen, der Richtung der Kirche und Schule rannte. Zu seinem Glück war die Tür der Schule nicht verschlossen. Rein, das Schnitzmesser holen und zurück nach Hause. Und hoffen, dass Pepa Madrigal nicht weiterhin böse auf wen oder was auch immer blieb. Seine Schritte wurden von einem Donner geschluckt. Was sein Glück war, da er nicht allein in der Schule war.
Der tiefe Ton des ehemaligen Pfarrers liess ihm unbewusst den Atem anhalten. Er blieb stehen. Spitzte die Ohren. Eine weitere Stimme, dieses Mal von einer Frau. Sie schien ziemlich aufgebracht. Noch eine weitere Frau. Diese Stimme erkannte er. Es war seine Lehrerin. Leise versuchte sie, den Streit zu schlichten.
„Das machen wir nicht. Nein! Das ist mein letztes Wort!“
„Amorcito, ich bin dagegen. Das Mädchen ist sieben. Es sollte in die Schule. Ich …!“
„Nein! Du mischst dich NICHT ein. Das verbiete ich dir, Hermana!“
Der Junge zuckte heftig zusammen. Noch nie hatte er den alten Pfarrer auf diese Weise reden hören. Dennoch musste er sein Schnitzmesser holen. Mutig schritt er weiter. In seinem Kopf wiederholte er den Satz „Verzeihung, ich möchte mein Schnitzmesser holen.”
„… er lügt. Seine Tochter kann nicht so krank sein. Er weist den Arzt ab. Er geht nicht zu Señora Julieta“
„Bitte, streitet euch nicht. Ich werde versuchen, nochmals mit Señor Carlos und Señora Amanda zu reden. Es geht mir um die Gesundheit des Mädchens. María soll glücklich sein.“
[***]
Diego lag noch wach. Im Elternschlafzimmer hörte er seinen Vater schnarchen. Seine Mutter war bis jetzt unterwegs. Andere Kinder würden sich Sorgen machen, er jedoch nicht. Seine Mamá war so hübsch und er war stolz auf sie. Seine Schwester schlief in ihrem Bett, ihr geliebtes Kuscheltier an sich gedrückt. Den Blumenkranz, welchen sie heute Nachmittag geflochten hatte, hing an der Wand.
Cosita linda ist glücklich. Ich möchte, dass meine Schwester glücklich ist. Aber María Ruiz ist nicht glücklich.
Das belauschte Gespräch liess ihn nicht los. Diese María kannte er nicht. Er wusste nichts über sie. Er dachte nie an das Mädchen. Es war ja nur ein Mädchen, wie so viele. Aber warum war sie so krank? Warum konnte sie nicht zur Schule?
Er musste es wissen, warum María nicht in die Schule musste. Das wollte er auch. Dann könnte er schnitzen, mit seinen Freunden spielen und seine Schwester zu schönen Orten bringen. Wie an die tolle Blumenwiese mit den Bäumen voller Singvögeln. Das wäre ein Traum. Sein grosser Bruder kann ihm das Schreiben und den Rest beibringen.
Entschlossen erhob sich Diego aus dem Bett. Seine Freunde sagten ihm stets, wie gut es ihm ginge. Er und sein grosser Bruder besassen ein eigenes Zimmer. Sogar einzelne Betten. Seine Familie besass ein grosses Haus. Im Grunde so, wie die Familie Madrigal. Seine Mutter war hübsch und beliebt, wie er jedes Mal stolz feststellte.
Das Schnarchen seines Vaters begleitete den Jungen. An der Wand Gemälde von Personen, die er nicht kannte. Vorfahren von ihm. Ein Gemälde zeigte seine Eltern. Sein Vater strahlte.
Sein grosser Bruder sah ihm wirklich sehr ähnlich. Wieder schob sich ein Gedanke in seinen Kopf. Schnell schüttelte er diesen, um die lästigen Gedanken zu vertreiben.
Mamá und Papá lieben uns. Die anderen sind alle dumm.
Er wischte sich über die Stirn. Die Nacht war schwül. Vorzeichen der Regenzeit.
Er klopfte an die Tür seines Bruders. Rief leise nach ihm. Kein Geräusch kam aus dem Zimmer. Keine Bettdecke, die zum Boden glitt. Kein Fusstraben.
Ist er unten?
Manchmal wartete sein Bruder in der Küche, wenn Mutter oder Vater unterwegs waren. Ganz egal, ob zusammen oder alleine. Warum er das tat, wusste Diego nicht.
Jedes Mal, wenn Bonita oder er danach fragte, weshalb er das täte, verdüsterte sich sein Gesicht. Dann sah er immer so alt aus. Alt und deprimiert. Irgendwas verbarg er vor ihnen, da war sich Diego sicher.
Das Licht der Kerze erhellte knapp die Küche. Am grossen Tisch, der nur zu besonderen Anlässen als Esstisch diente, sass sein Bruder. Er trug eine leichte Hose und Hemd. Verwundert legte Diego den Kopf schief. War das seine Schlafkleidung?
Hugos blickte Richtung Flur, in den Eingangsbereich. Zögerlich lief der Junge auf seinen Bruder zu. Irgendwas an der Stimmung hielt ihn zurück. Eventuell wegen der Frage, die in ihm pochte. Vielleicht wegen der allgemeinen Stimmung, die stets in diesem Haus in den Ecken lauerte. Möglicherweise wegen der Urzeit. Die Standuhr schlug 2 Uhr, was unter dem Schnarchen des Vaters unterging. „Hugetto?“, flüsterte Diego und schritt mutig auf ihn zu. Ein freundliches Lächeln erschien auf dem Gesicht des Angesprochenen.
„Schlecht geschlafen?“
„Nein. Ist Mamá noch nicht da?“
„Sie kommt bald nach Hause. Sie besucht eine Freundin. Es ist alles gut, Hermanito.“
Die Dunkelheit verschluckte die Mimik des älteren Bruders. Sein Bruder konnte nicht erklären, was in Hugo vorging. Wie sollte er das auch? Der Ältere versuchte mit allen Mitteln, seine Geschwister zu schützen.
Vor allem vor den unangenehmen Gerüchten, die schon längst im Encanto herumgeisterten.
Los secretos tácitos
Störrisch versuchte Diego, sich nichts anmerken zu lassen. Er wollte herausfinden, was es mit dieser María auf sich hatte. Sein Bruder hatte ihm nicht viel sagen können. María Ruiz war ein Mädchen, welches an einem besonderen Tag geboren wurde. Bedauerlicherweise war sie sehr, sehr krank. Ihr Vater schickte sie nicht in die Schule und die Kirche. Genauso sah man das Mädchen nie lange in der Stadt. Stets wurde sie begleitet. Entweder von ihrem Vater persönlich oder einem von seinen Freunden. Auf die Frage, weshalb Señora Julieta nichts tun konnte, zuckte Hugo bloss mit den Schultern.
Jetzt blickte er in das Gesicht der Frau, die dem Arzt half. Diese legte den Kopf schief und überlegte, was sie antworten sollte. Der Blick des Jungen war auf eine gewisse Weise niedlich.
“Ich kann dir nicht viel über María sagen. Sie ist sehr schwach und still. Aber ihre Mutter sagt, sie sei sehr fleissig und versucht stets ihr Bestes.“
„Warum muss sie nicht zur Schule?“
„Weil sie krank ist. Denke ich. Warum fragst du, Diegito?“
Er antworte nicht. Blickte zum Boden, biss sich auf die Lippen. Bevor die Frau wieder nachfragte, rannte seine Schwester auf ihn zu. Ihre Haare waren zu einem Zopf gebunden. Ihr Kleidchen sass perfekt, ihre Schuhe waren poliert. „Kommst du?“, fragte sie. In der Ferne winkte ihre Mutter. Sie lächelte. Natürlich war sie glücklich, ihr ältester Sohn bekam einige Komplimente.
Wie erwachsen er ist. Dass er ein guter Sohn sei. Die jungen Frauen sahen sich nach ihm um, er wäre ein guter Schwiegersohn. Seine Firmung stand vor der Tür.
Da wollte sie natürlich ihren Sohn herausputzen. Heute ging es zum Schneider. Obgleich die alte Festkleidung noch gut war, wollte sie ihm neue machen lassen. Jeder sollte sehen, wie prächtig Hugo ist und dass sich niemand an ihn messen konnte.
Widerwillig lief Diego zurück zu seiner Mutter. Er wusste, dass Mamá nicht gerne wartete.
“Cariño, was besprachst du mit Clementina?”
„Nichts.“
Schnalzend sah die Frau zu Diego, der ihrem Blick auswich. „Sprich doch mit mir“, sagte sie. Ihre gute Laune verschwand. Sie kniff ihre Augen zusammen. Bonita sah unsicher zu ihren Schuhen. Ihr Zopf schwankte leicht hin und her, da sie ihren Kopf senkte. Die Schleife, die auf ihr Kleidchen abgestimmt war, löste sich von ihren Haaren. Bei der nächsten Bewegung flatterte sie zu Boden. Das Mädchen wollte danach greifen, aber getraute sich nicht. Sie spürte, wie die Angst langsam in ihr hochkroch. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter laut wird. Dann würde sie wieder ausgeschimpft werden.
„Sag es deiner lieben Mamá.“
Vorsichtig blickte Bonita zu ihrer Schleife. Sie bückte sich und hob diese auf. Erleichtert atmete sie aus. Ihre Mutter hatte nichts bemerkt. Eine junge Frau in einem grünen Kleid und ebenso grünen Kopftuch nährte sich. Sie winkte das Mädchen zu sich. Dankbar lief sie zu der Tochter des Bürgermeisters. Diese lächelte freundlich und streckte ihr die Hand hin.
„Soll ich dir mit deiner Schleife helfen?“
„Ja. Das wäre nett, Señorita.“
Bonita schenkte ihr ein schüchternes Lächeln. Das Kompliment der jungen Frau liess sie erröten. “Du bist wirklich süss, Nita”, sprach diese und nahm die Hand des Mädchens.
„Komm mit“, sagte sie. Unsicher betrachte Bonita ihren Bruder und Mutter. Sie waren in ein Gespräch vertieft.
„Du bist ja in der Nähe. Und bei mir und meinen Freundinnen.“
„Aber ich … Mamá wird nicht böse sein?“
„Darum musst du dir keine Gedanken machen.“
Die Tochter des Bürgermeisters lachte und drückte die Hand des Mädchens. Sie spürte die verdutzten Blicke ihrer Freundinnen, die weiter weg standen. Ihre Körbe voller Wäsche, die sie gewaschen hatten. Eine verzog ihren Mund. Natürlich glaubten sie lieber ihren Müttern, als zu versuchen, sich in die Lage der Kleinen zu versetzen. Sich mit ihr oder ihrem Zwillingsbruder abzugeben, würde bloss Unglück bringen, erzählte man sich heimlich.
„Du hast einen schönen Zopf. Und dein Kleid ist hübsch. Die Verzierungen sind niedlich.“
„Danke.“
Langsam taute Bonita auf.
Zu ihrem Glück wurde das Mädchen in den Kreis der jungen Frauen gebracht. So wurde sie nicht Zeuge des unschönen Streites. Ihre Mutter zeigte abermals ihr hässliches Gesicht.
„Darüber machen wir uns keine Gedanken, Cariño“
„Mamá! Warum!? Ich versteh’ es nicht.“
Der Blick des Jungen bohrte sich regelrecht in das Gesicht seiner Mutter. Dessen Lächeln gefror. Ihre Hände, die während des Einkaufes und dem Herumlaufen sanft die Zwillinge führten, krallten sich in die Schulter ihres Kindes. Diego zuckte nicht zusammen, obwohl die Fingernägel sich schmerzhaft in seine Haut bohrten. In ihrer Mimik schlich sich was Fanatisches, Träumerisches.
“Señor Ruiz, ist ein Mann der Tat. Er ist jemand, der für das Encanto viel Gutes tut.“
„Aber warum …?“
Zischend unterbrach seine Mutter ihn. Schüttelte ihn, wurde mit jeder Sekunde hysterischer. Sie liess nicht zu, dass jemand schlecht über Señor Ruiz sprach. Nicht einmal ihre eigenen Kinder.
Die Leute sahen kopfschüttelnd zu ihr. Tuschelten. Doch keiner griff ein.
Die Stimme von Perpetua überschlug sich. Weiterhin lobte sie Carlos und seine Freunde. Dass Diego niemals ihm was unterstellen oder seine Taten kommentieren dürfte.
Dennoch nahm Diego all seinen Mut zusammen und fragte sehr laut: “Ist er mächtiger als die Familie Madrigal? Darf er sich ALLES erlauben?“
Just in diesem Moment unterbrach ein lautes Lachen die Szene. Eine Person löste sich von dem Schatten eines Nebengebäudes und betrat den Dorfplatz. Seine Schritte waren, trotz seines Alters, geschmeidig. Seine Augen waren auf die Frau gerichtet, die viel zu sehr einen gewissen Herren verehrte.
Schlagartig drehte sich Perpetua um. Ihr Sohn fiel auf den Steinweg. Dies kümmerte sie nicht. Sie war empört darüber, dass sich jemand über ihre Aussagen lustig machte.
„Wieder einmal dabei, mit deiner Zunge süsse Lügen über diesen Verkrachter zu verbreiten?"
"Wieder einmal dabei, deine Zeit mit Nichtstun und Rauchen zu verschwenden?"
Der Angesprochene zog amüsiert eine Augenbraue hoch. Sein Blick glitt zu dem Jungen, der von selbst wieder aufstand. Er wischte sich den Dreck von seiner Kleidung. Danach zu dem Mädchen, das im Hintergrund von den jungen Frauen abgelenkt wurde.
"Hat deine allerliebste Mutter deine neugierigen Fragen nicht beantwortet, Junge? Das tut sie gerne. Wenn es unangenehm für sie wird, stolziert sie von dannen. Wenn sie es auf andere Weise nicht lösen kann."
Verwirrt runzelte Diego die Stirn. Warum der Alte den letzten Satz auf spöttische Weise betonte, konnte er sich nicht zusammenreimen. Doch er würde wohl seine Fragen beantworten. Diese Chance musste er nutzen.
Mit einer grimmigen Mimik schritt Diego auf den Mann mit dem lahmen Arm zu. Das warnende Nein von seiner Mutter ignorierte er. Diego wollte es wissen. Er verstand es nicht, warum die Erwachsenen ihm nicht seine Fragen beantworten. Sein Bruder diesen auswich.
Nochmals stellte der Junge die Frage, betonte den Namen María Ruiz besonders.
Genüsslich zog der Mann an seiner Zigarette. Er nahm sich Zeit für seine Antwort.
Zeit hatte er allemal und jede Sekunde, die Perpetua ihr wahres Gesicht zeigte, war ein Sieg für ihn.
"Die erste Frage ist einfach zu beantworten. Man käme selbst auf die Lösung, du bist dennoch zu jung. Nein, niemand hier ist so mächtig wie die Familie Madrigal. Jedoch, will man das sein? Willst DU wirklich solche Kräfte besitzen, um dich um all die Probleme der anderen zu kümmern? Die keinen Fingern rühren wollen und wie jammernde Kleinkinder darauf warten, dass jemand ihnen zu Hilfe eilt." Während Diego eine Grimasse zog, sah die Gruppe der Leute, die sich gesammelt hatte, beschämt weg. Tuschelten miteinander.
Natürlich war das die Meinung des Extraños de no de aquí. Warum sollte man sich seine Worte zu Herzen nehmen? Den Sinn des Encantos konnte er nie verstehen.
Räuspernd machte Perpetua auf sich aufmerksam. Zu dem Gefallen des alten Mannes war sie kurz vor einem Zusammenbruch. Niemand ging zu ihr oder versuchte sie aufzumuntern. Das sprach eine deutliche Sprache. Das war nicht ganz einzige, was in diesem Paradies schieflief.
Genüsslich streckte sich Leandro. Seinen Zigarettenstummel steckte er in einen ledernen Beutel, den er stets bei sich trug. Mit seinem Gesicht beugte er sich so sehr zu dem Jungen runter, dass sich ihre Nasen beinahe berührten. Dass der Junge nicht zurückschreckte und ihn weiterhin mit festem Blick ansah, imponierte Leandro sehr. Mit seinem gesunden Arm strich er ihm über den Kopf. Während Diego zurückwich, beantworte er die Frage. Ihm war es gleich, dass Perpetua Tovar anfing zu zittern vor Wut.
"Darf der so geschätzte Verkrachter sich so verhalten, als würde ihm persönlich das Encanto gehören? Natürlich nicht. Er tut es, weil niemand ihn aufhält."
Bevor Diego antworten konnte, riss seine Mutter ihn von Leandro weg und gab ihrem Sohn für diese Aussage eine Ohrfeige.
Die Leute hielten die Luft an. Das hätte niemand erwartet, dass es so eskaliert. Eine der jungen Frauen rannte davon, um Hilfe zu holen.
"Kleiner!", rief Leandro und hoffte, dass Diego ihn trotz des Geschreis seiner Mutter noch hörte, "Dieser Mann hütet seine Geheimnisse gut. Mit Worten alleine kann man diese nicht auflösen."
Er hatte die Frage des Bengels beantwortet und der arroganten Trut einen Spiegel vors Gesicht gehalten. Natürlich würde sie das nicht verstehen oder verstehen wollen. Doch was kümmerte es ihn?
Der Bengel und das Mädchen dürfen nie Steine auf die Männer hier werfen, schoss es Leandro amüsiert durch den Kopf.
Nicht, dass sich etwas wiederholen würde, wie es in einer griechischen Erzählung einmal vorkam.
[***]
Das Glas wurde zum x-mal Mal gefüllt. Die nächste Flasche leerte sich. Er hatte nichts mitbekommen. Wie so oft in den letzten Monaten.
Die Männer schüttelten die Köpfe. Sie waren sich absolut sicher, dass sich sus esposas niemals so verhalten würden in der Öffentlichkeit. Leise flüsterten zwei Männer miteinander. Wollten nicht, dass der Trinkendende es mitbekam. An seinem Stammplatz sitzend, starrte er vor sich hin. Sein Gesicht gerötet vom Alkohol. Neben ihm der Besitzer des Saloons. Er redete freundschaftlich mit ihm, legte eine Hand auf seine Schulter. Als die Tür aufging, drehten einige ihre Köpfe. Nicht, dass die einte oder andere Ehefrau ihren Liebsten aufsuchte und ihn daran erinnerte, die unzähligen liegengebliebenen Arbeiten zu erledigen.
Mit einem freundlichen Hallo wurden die Hereinkommenden begrüsst. Breit lächelt, winkte der Kleinere der Beiden in die Runde, gleichzeitig fing er seinen Begleiter auf, der über seine eigenen Füsse stolperte. "
"¡Hola! Félix!", rief der Fleischer. Sein Freund stand auf und holte noch zwei Stühle. "Wie gehts deiner Frau?", fragte ein anderer Mann. Agustín, der seine Brille richtete und dankbar Platz nahm, fixierte den Mann in der Ecke, um den sich der Wirt kümmerte. Félix lächelte und erzählte stolz von seinem zweiten Sohn. Jemand brachte eine Flasche und Gläser. Die trübe Stimmung verpuffte mit einem Schlag.
Der Wirt erwiderte den Blick von Agustín. Entschuldigend zeigte er auf den Gast neben sich. Während Félix sich feiern liess, schritt Agustín zum Wirt. Schnarchen verriet, dass der andere Mann sich nun im Traumland aufhielt. Beide schwiegen, wollten es nicht ansprechen, was im Raum stand.
"¡Salud a Tonito!"
Gläser und Glückwünsche erklangen im Takt des fröhlichen Lachens des frisch gebackenen Vaters.
Agustín räusperte sich. Bevor er jedoch sprechen konnte, legte der Wirt eine Hand auf seine Schulter.
"Sie hat euch geschickt."
Es war keine Frage, die der Wirt stellte.
Nickend blickte Agustín wieder zurück zu Félix, der inzwischen auf einem Tisch stand. Jetzt sprach er über seine Frau. Was er oft und gerne tat.
"Sag deiner la Suegra, dass es bloss ein kleiner Streit war. Nichts weiter. Leandro ist und bleibt auch in seinem stolzen Alter ein Querkopf." Bevor Agustín seine Bedenken äussern konnte, berührte ihn jemand an der Schulter. Überrumpelt zuckte der Mann zusammen. So sehr, dass er beinahe vom Stuhl fiel. Dieses Mal bewahrte ihn eine Frau vom Sturz. Entschuldigend richtete Agustín seine Brille. Leicht errötend, bedankte er sich.
"Entschuldige dich nicht. Es ist schön dich und Félix wieder bei uns zu begrüssen", sprach die Frau des Wirtes mit süsser Stimme und stellte ein Glas vor ihn hin. Die Wolldecke legte sie um den Schlafenden. Sanft nahm sie die leere Flasche aus seiner Hand, ohne ihn zu wecken. Dass sie damit Erfahrung hatte, konnte man nicht übersehen.
"Mi Pichoncita hat recht. Es ist schön, euch hier zu sehen. Ihr Glücklichen, die eine Madrigaltochter als Ehefrau erobert habt."
Agustín wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er warf einen letzten Blick zu dem Schlafenden, trank sein Glas aus und erhob sich. Ihm war das Thema, was der Wirt versuchte anzuschlagen, unangenehm.
Félix und er wurden geschickt, um herauszufinden, was der Aufruhr bedeutete. Dass die Beiden es waren, war der Beweis, dass Alma dies alleine aus dem Grund tat, die Leute zu beruhigen. Der Wirt wusste dies, da war sich Agustín sicher. Carlos war nicht dumm. Sicher hat er mitbekommen, warum es in diesem kleinen Streit ging.
Einer der Gäste rief seinen Namen und schritt auf ihn. Obwohl der Saloon voll war und Félixs Lachen nicht zu überhören, erkannte Agustín ihn auf der Stelle. Es war der älteste Sohn eines Freundes, mit dem er öfter bei Festen musizierte. Aus dem Augenwinkel sah Agustín, wie Carlos zu seiner Ehefrau ging und ihr ins Ohr flüsterte. Sie nickte und fragte ihn was zurück. Seine Mimik veränderte sich für einen Bruchteil einer Sekunde. Agustín blinzelte.
Ist Amanda zurückgewichen? War in ihren Augen Angst zu erkennen?
"Hey Tín! Was machst du da drüben? Du fehlst hier!"
"Ich muss … Ja, ich komme."
Das Glas in der Hand, Felix neben sich und die fröhliche Stimmung vertrieben die flüchtigen Zweifel. Hoffentlich konnte er Félix davon abhalten, die ganze Nacht im Saloon zu verbringen.
"Stell den Stuhl hinten hin. Dieser muss zur Reparatur."
Die Kirchenglocken läuteten. Es war 11 Uhr abends. Der Saloon geschlossen.
Der engste Kreis seiner Freunde war noch da. Carlos zog an einer Zigarette, massierte sich mit der freien Hand seine Stirn. Manchmal wünschte er sich, dass sie nicht eingeschlossen wären. Dass es stets eine Möglichkeit gäbe … eine Möglichkeit zu …
"Mi Cielo, ich bin für dich da", unterbrach eine sanfte Stimme seine Gedanken. Weiche Lippen berührten seine Wange. Hände legten sich um seine Schultern, Brüste drückten sich an seinen Rücken. Carlos atmete ihren Duft ein. Spürte ihre Wärme.
"Du weisst, wie man einen Mann glücklich macht", sprach er leise. Sie zuckte zusammen, doch liess ihre Umarmung nicht los.
Sie kann ein braves Mädchen sein. Wäre sie nicht ab und zu noch aufmüpfig.
Sie hatte erfolgreich das getan, weswegen er sie geheiratet hatte. Agustín hätte dieses Mal weiter nachgefragt. Nicht locker gelassen, bis einige offene Fragen sich aufgelöst hätten. Ihr erscheinen und ihre zufälligen Berührungen, hatte Agustín aus der Fassung gebracht. Félix war dieses Mal kein Problem. Er war zu stolz und konnte einfach die Chance nicht verstreichen lassen, seine Familie feiern zu lassen.
Mit einer schnellen Geste gab Carlos seinen Freunden die letzten Anweisungen. Einen sah er länger an. Dieser hob eine Augenbraue.
"Ich kann es tun, jedoch …"
"Sicher ist sicher. Und schau auch nachmi adorable Hija. Ich muss morgen mit ihr wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Die Leute werden zu neugierig."
Seine Ehefrau Amanda, die Carlos im festen Griff an sich drückte, blickte zu Boden. Atmete tief ein und aus. Ihr Mann unterdrückte seinen Zorn. Bei einem falschen Wort oder Geste könnte er explodieren. Sie musste einfach das tun, was er wollte.
[***]
"Wie lange müssen wir noch drin bleiben?"
"Bis Mamá uns rausholt."
Der Junge sah aus dem Fenster. Draussen spielten seine Freunde Fangen oder gingen Angeln. Die Sonne schien und ein angenehmes Lüftchen wehte. Er beobachtete die Dorfbewohner. Der ehemalige Pfarrer lief durch die Strassen, gefolgt von seinen Schwestern. Eine davon war die Lehrerin, die jeden Sonntag die Kinder unterrichtete. Ob er nach ihnen rufen sollte, um sie zu Grüssen?
Als hätte Núria seine Gedanken gelesen, sah sie hoch. Ein mütterliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie blieb stehen und winkte. Ángela nahm ihren Hut ab, um damit den Gruss zu erwidern. Der Junge musste sein Lachen unterdrücken. Obwohl sie eine ältere Dame war, benahm sie sich ab und zu albern. Sie erwiderte den mahnenden Blick ihres Bruders selbstbewusst. Sie zeigte zum Fenster. Diego konnte nicht verstehen, was sie zu ihm sagte, aber danach blickte er ebenso hoch.
In seiner Mimik erkannte Diego ehrliches Mitgefühl. Warum, konnte der Junge nicht verstehen. Jedes Kind bekam ab und zu Hausarrest. Vielleicht dachte der Pfarrer, er wäre allein zu Hause? Schnell drehte Diego sich um und rief nach seiner Schwester. Die Puppe in der Hand, die sie wie ihr Augapfel hütete, lief sie zum Fenster und sah ihn fragend an. Er half ihr auf die Fensterbank. Señora García beobachtete die Szene erschrocken. Ihre Schwester Ángela flüsterte ihr ins Ohr, während ihr Bruder nichts dazu sagte.
Er wusste, dass Diego nichts täte, was seiner Zwillingsschwester schaden würde. Diego stürzte Bonita, die ihre Beine wippte. Angst spürte sie keine. Sie vertraute ihrem Bruder und es machte Spass, aus dem Fenster zu schauen.
Ab und zu sah jemand hoch. Einige winkten den Kindern zu und gingen weiter ihren Verpflichtungen nach.
Ángela schritt näher ans Fenster, ihren Sonnenhut in der Hand. Sie grüsste die Kinder und fragte, warum sie im Haus seien. Die Antwort gefiel der Frau nicht. Stirnrunzelnd fragte sie nach.
"Eure Mutter hat euch BEIDEN Hausarrest gegeben?"
"No, estimada Señora", antworte das Mädchen. Es war so leise, dass man es im Trubel fast überhörte. Diego wirbelte mit den Armen und brüllte wütend: "Wir müssen im ZIMMER bleiben. Mamá hat verboten, unser Zimmer zu verlassen."
Das Stirnrunzeln wich einem ungläubigen Ausdruck. Mit einem für ihr Alter schnellen Schritt lief sie zu ihrem Bruder. Er schüttelte den Kopf. Wusste genau, was seine Schwester tun wollte. Einen Moment zögerte die zweite Schwester des Gottesmannes. Sie sah zu den Kindern, danach zu ihren Geschwistern. Die Geschwister sahen sich an. Haben sie was angestellt? War sie genauso böse auf sie? Hatte Mamá herumerzählt, was sie getan haben?
Señora García?", rief der Junge. Als sie nicht reagierte, rief er nochmals. Dieses Mal so laut, dass die anderen Leute verwundert hochsahen. Endlich blickte die Frau hoch. Sie schenkte den Kindern ein freundliches Lächeln.
"Es wird alles gut. Wir sprechen mit euer Mutter. Dies ist kein Grund, euch zu bestrafen."
Der Abend kühlte die Luft. Die Sonne schien in das Haus, das in der Nähe der Kirche erbaut wurde. Ángela sass in ihrem liebsten Sessel. Auf dem kleinen Holztisch ihr Nähkörbchen.
Sie versuchte, sich zu beruhigen, was ihr nicht recht gelang. Neben ihr auf einem anderen Sessel sass ihre Schwester und arrangierte Blumen in ein vorbereitetes Holzstück. Sie schwieg und war tief in ihren Gedanken versunken.
Beide dachten an die Kinder von Perpetua und Federigo. Und ebenso, weshalb der Knabe den Ärger bekam. Núria machte sich Vorwürfe. Dann hatte ihr Bruder also recht behalten, dass der Kleine wohl mehr gehört hatte, als für seine Ohren bestimmt war.
Sie seufzte tief und sah zu ihrer Schwester. Verstimmt blickte diese auf die Näherei. Die Nadel in ihrer Hand funkelte im Abendrot.
"Was kann ich noch tun?", fragte Ángela in den Raum. Bevor sie eine Antwort bekam oder sie die Frage nochmals wiederholen konnte, öffnete sich die Tür.
"Mamá? Tía? Wollt ihr mit uns was zu Abendessen?"
"Tocinito de cielo, ist gut. Ist dein Tío unten?"
Natürlich wartete Ángela nicht ab, bis ihr Sohn antworten konnte. Sie schellte hoch, ihr Nähzeug flog regelrecht durch den Raum. Die Türe knallte zu und die Treppe bebte unter ihren Schritten. Überrumpelt blickte Macario zu seiner Tante. Wie so oft schlich sich ein mütterliches Lächeln auf ihr Gesicht. Streckte die Arme aus. Der Mann lief zu ihr. Beugte sich zu ihr runter. Ihre Hände berührten seine Wangen. Liebevoll strich sie ihm über sein Gesicht. Er nahm ihre Hände und drückte diese.
"Tía, bitte zerbrich dir nicht deinen Kopf. Wir können Hilfe anbieten. Der Rest liegt in Gottes gnädigen Händen."
"Mein lieber Junge", flüsterte sie leise. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ein Zittern ergriff ihren Körper. Alarmiert schoss ihr Neffe hoch, jedoch hielt sie ihn zurück. Er sah sie an. Begriff, dass sie nicht wollte, dass er nach unten ging, um den anderen Bescheid zu geben.
"Es geht mir gut. Es ist bloss die Erinnerungen an früher, die mich plagen."
Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Núria litt seit ihrer Geburt an verschiedenen Leiden. Sie verzichtete eisern auf die Hilfe von Señora Julieta, ganz gleich, wie oft man ihr diese anbot.
"Gehen wir, mein lieber Junge"
Vorsichtig half er seiner Tante aus dem Sessel. Sie zitterte nicht mehr so heftig. Trotzdem würde der Anfall nicht unbemerkt bleiben.
Seine Mutters Laune würde dies sicherlich nicht gut. Sein Onkel wach behalten, da er nach einer Lösung suchen würde. Und sie, seine Tante, den Schlaf rauben.
Dies alleine wegen eines Mannes, dessen Einfluss das Encanto vergiftete.
La chica extraña y el chico curioso
Trotz des Verbotes seiner Mutter konnte es Diego nicht auf sich beruhen lassen. Neugierig fragte er jeden, den er treffen konnte, nach dem Mädchen, welches nicht zur Schule gehen durfte. Stets bekam er die gleichen Antworten. Wenn er überhaupt eine Antwort bekam.
Sogar die drei ältesten Enkelinnen von Doña Alma konnten nicht weiterhelfen. Dolores meinte flüsternd zu ihm, dass sie nichts Genaues hören kann. Natürlich stellte das ihn nicht zufrieden, aber weiter konnte er nicht fragen. Mit Argusaugen beobachtete Perpetua jeden Schritt ihres jüngsten Sohnes. Seine Schwester getraute sich nicht, ihm zu helfen. Obwohl er sie jeden Abend darum bat. Die Angst hinderte sie daran.
Die Wochen zogen ins Land.
Hand in Hand liefen die drei Geschwister durch die Stadt. Sie haben ihrem Vater das Mittagessen vorbeigebracht, der beim Bau einer Scheune half. Bonita lief brav und still, während Diego vor sich hin plauderte. Als sie am Saloon vorbeiliefen, blieb Diego stehen. Warnend schüttelte sein grosser Bruder den Kopf.
"Wir mischen uns NICHT ein", sprach er bestimmt. Aus dem Saloon ertönte Gelächter. Eine Frau mit einem Kind verliess mit schnellen Schritten das Gebäude. Sie grüsste das Dreiergespann. "Gibt es was zu feiern?", fragte Hugo freundlich. "Nichts Bestimmtes", bekam er als Antwort zurück. Das Kind, das circa drei Jahre alt war, streckte seine Ärmchen nach Bonita aus. Kurz sah sie zu ihrem grossen Bruder, der nickend seine Zustimmung gab. Die Mutter gab das Kind ihr in die Arme.
"Deine Schwester ist wirklich entzückend."
Hugo lächelte nur. Nie konnte er sich sicher sein, ob die Komplimente ernst gemeint waren.
Langsam lockerte sich sein Griff. Diego bemerkte dies. In ihm keimte eine Idee. Seine Schwester spielte mit dem Kleinkind. Sass in der Nähe auf der Strasse und sang ihm ein Lied vor. Sein Bruder unterhielt sich mit der Señora.
Mit höchster Vorsicht wand Diego Stückchen für Stückchen seine Hand aus dem Griff seines Bruders. Dieser sprach mit der Frau über Dinge, die ihn nicht interessierten. Ab und zu warf Hugo einen stolzen Blick auf Bonita und einen warnenden auf ihn. Unschuldig sah er stets zurück.
Endlich hatte Diego es geschafft, seine Hand aus dem Griff zu winden. Er hatte nur wenige Sekunden Zeit, um wegzurennen und einen Blick in den Hintereingang des Saloons zu werfen.
All seine anderen Versuche waren ihm nie gelungen. Irgendetwas sagte ihm, dass es ihm jetzt gelingen würde. Er biss sich auf seine Lippen. Zählte bis drei und rannte los.
Eine Mauer schirmte den Hinterhof zur Strasse ab. Eine Tür war zu sehen, die in den Vorratsraum des Saloons führte. Abfall und Unrat, sowie Fässer und Kisten entdeckte er. Zwei kleinere Fenster und ein Flachdach, das den Saloon zum Wohnbereich etwas abgrenzte. Einige Katzen huschten davon, als der Junge schwer atmend den Hof erreichte. Das Dach fiel ihm sofort ins Auge, sowie die Fenster. Bevor er seinen Blick weiter schweiften konnte, hatte ihn sein Bruder erreicht.
"Eres un tonto! Mamá wird dir die Hölle heiss machen! Und wenn dich Señor Ruiz oder seiner Freunde dich beim Spionieren erwischt …"
Hugo verstummte. Sein fester Griff lockerte sich, sah seinen Bruder kurz an. In seinen Augen war das gleiche Mitleid, wie Diego oft in der Mimik der Leute entdeckte. Die Worte ignorierend, merkte der Junge sich die Einzelheiten des Hofes.
Da! Hatte sich am Fenster nicht was bewegt? Diego blinzelte. Jemand hatte kurz herausgeschaut. Eine Person mit hellen Haaren.
Gerade wollte Diego Hugo darauf aufmerksam, da ging die Türe auf. Diego konnte noch einen letzten Blick auf das Fenster werfen, bevor sein Bruder ihn hinter seinen Rücken schob.
"Hola, chicos guapos."
Diego konnte nichts sehen. Sein Bruder hatte ihn so sehr hinter seinen Rücken geschoben und hielt ihn so eng fest, dass ihm fast die Luft wegblieb.
"Habt ihr was verloren? Sucht ihr was? Oder jemanden?"
Bei der letzten Frage versteifte sich Hugo. Währenddessen versuchte Diego seinen Kopf zu drehen, um wieder das Fenster zu sehen.
Da kam ihm ein Gedanke. Wer wusste nicht besser über seine Tochter Bescheid als die eigene Mutter?
Leider zog ihn sein Bruder schon Richtung Strasse, bevor er seine Frage stellen konnte. Diego konnte bloss noch einen Blick auf die elegante Frau des Wirtes werfen.
[***]
"Bitte. Lass es sein."
"Hermanita. Ich pass’ auf mich auf."
Die Geschwister standen Hand in Hand auf der schmalen Strasse, die zur Kirche führte. Heute konnten die Kinder unter der Anleitung der Maestra und einigen Helfern Kerzen ziehen. Einige der Madrigals waren dort. Die anderen Mitglieder der Familie waren auf den Feldern und bei den Nutztieren anzutreffen, um dort der Gemeinschaft zur Hand zu gehen. Aus diesem Grund war die Stadt so gut wie leer. Die Gelegenheit, dem geheimnisvollen Mädchen einen Besuch abzustatten.
"Wenn Mamá es bemerkt … "
"Mamá wird es nicht merken. Bitte. Ich werde aufpassen."
Unsicher sah das Mädchen zu ihrem Bruder. Sie wusste nicht, ob sie es jemandem sagen sollte, was ihr Bruder plante. Aber das unbekannte Mädchen tat ihr genauso leid. Vorsichtig drückte sie seine Hand.
"Komm aber schnell in die Kirche. Ich versuche, Mamá abzulenken."
Dankbar küsste er ihre Stirn, bevor er losflitzte. Sein Freund rief ihn empört nach: "Wohin gehst du?"
Da Diego nicht antwortete, streckte er ihm die Zunge heraus. Beleidigt lief er zu Bonita.
"Warum ist er weggerannt?"
Sie schwieg. Sah zu Boden.
"Sag schon!"
Sie schwieg weiter. Statt zu reden, rannte sie davon. Der Junge rief ihr nach und hätte sie fast eingeholt. Sie wollte ihren Bruder nicht verraten, doch wusste nicht, ob sie schweigen könnte, wenn sein Freund nachfragen würde.
"Nita! Hierher!"
Ihre Freundin nahm sie ohne ein weiteres Wort in die Arme.
"Meine Schwester hat Quindiano gemacht", sprach sie und zog sie in die Richtung der Kirche, die in der Mitte des Dorfes war.
Der Freund von Diego kickte ein Steinchen weg. "Du bist blöd! Deine Freundin auch", rief er den Mädchen nach. Nicht wissend, dass seine Lehrerin mit ihrem Mann sich hinter ihm näherte.
Verstollen blickte er nach links und rechts. Der Hinterhof hatte sich nicht verändert. Einen prüfenden Blick zu der Türe. Das letzte Mal kam überraschenderweise Señora Ruiz heraus. Aus dem Saloon drangen die Stimmen einiger Männer. Sicherlich Carlos Ruiz und seine Freunde. Eine schwarze Katze sonnte sich auf der Mauer.
Ich sollte es schaffen, auf das Dach zu kommen. Und dann zum Fenster.
Tief atmete Diego ein und schlich sich zu einer Kiste. Er prüfte, ob er darauf stehen könnte. Sie war zu niedrig. Stirnrunzelnd sah er sich um. Kisten aufeinanderstapeln war zu gefährlich und zu auffällig.
Was soll ich jetzt machen? Ich bin soooo nah! Aber ich kann nichts tun.
Schon wollte er endgültig aufgeben und zur Kirche laufen. Aus den Augenwinkeln flatterte ein Schmetterling spielerisch auf ihn zu. Neugierig streckte er die Hand aus. Der Schmetterling hatte keine Angst und flog auf die Handfläche.
So einen habe ich noch nie gesehen.
Bevor Diego ihn weiter inspizieren konnte, flog er weiter. Der Junge wollte gehen, aber er war zu neugierig. Der Schmetterling setzte sich in der Nähe der Mauer hin. "Dann bringe ich wenigstens dich mit zu meiner Schwester", sprach Diego und grinste. Er pirschte sich heran. Kurz bevor er ihn schnappen konnte, flatterte der Schmetterling davon. Enttäuscht sah der Junge ihm nach. Aus Frust trat er an die Mauer. Er dachte in diesem Augenblick nicht daran, dass er erwischt werden könnte. Die Leiter, die verdeckt an der Mauer lehnte, rutschte geräuschlos zu Boden. Seine Gedanken kreisten. Er wägte seine Chancen ab.
Ängstlich linste sie zur Türe. Solange sie die Türe betrachtete, hatte sie immerhin eine Sache unter ihrer Kontrolle. Ihre dünnen Ärmchen schlang sie sich um ihren Körper. Sie hatte auf dem Boden Platz genommen. Sie wusste, was ihr Vater von ihr verlangte. Still sein und keinen Ärger machen.
Sie schloss die Augen und betete leise.
"Hey! Pss, hier! Schläfst du?"
Das konnte nicht sein. Das bildete sie sich ein. Es konnte nicht sein, dass jemand Fremdes nach ihr rief. Ihr Herz klopfte und sie öffnete die Augen.
"Ich bin hier am Fenster. Dreh dich um."
War das eine Art Test ihres Vaters? Ob sie artig war und seine Regeln befolgte?
"Hast du Angst? Ich bin Diego Tovar. Du bist María, oder?"
Sie atmete schwer aus. Die Türe war verschlossen. Sie hörte keine Schritte.
Langsam erhob sie sich und drehte sich zum Fenster um. Sie blinzelte. Rieb sich die Augen.
"Du bist … bist du ein Engel?"
"Nein, du Dummerchen. Ich habe doch gesagt, ich bin Diego."
Staunend starrte das Mädchen auf das Kind, welches am Fenster stand. Seine Haut war heller, als sie von ihrer Mamá und ihrem kleinen Bruder kannte. Für einen Jungen trug er seine Haare sehr lang. Das Mädchen kannte das nicht, deswegen musste sie genauer hinsehen, ob es wirklich ein Junge war.
So rote Haare hatte sie noch nie gesehen. Rot wie der Sonnenuntergang, der die Nacht begrüsste. Sie hatte Gerüchte gehört, dass ihre Abuela genauso Haare wie Feuer besass. Kurz zuckte sie zusammen. Ihr Papá wurde stets sehr böse, wenn man seine Mutter erwähnte.
Dennoch besass ihr Besucher etwas, was sie auf der Stelle verzauberte. Nicht nur seine offene und freundliche Ausstrahlung. Seine Augen erinnerten sie an die Augen von Kätzchen. Wie an die Blätter der Bäume. Strahlend und rein.
Würde der Junge verschwinden, wenn sie die Augen schloss? Wäre sie wieder alleine? Oder war er ein Dämon? Vielleicht war er einer dieser bösen Geister, die unartige Kinder in die Hölle zog?
Fragen über Fragen erschienen in ihrem Kopf. Lähmten ihren schmächtigen Körper.
"Ich will mit dir reden. Die Erwachsenen sprechen immer über dich."
Das fremde Kind streckte ihr die Hand entgegen. Das Mädchen lächelte scheu. Draussen durfte sie nie mit den anderen Kindern sprechen.
"Ich bin María. Und du bist Diego. Oder?"
"Ja. Das ist richtig. Ich komm’ jetzt rein und … "
Hastig schüttelte María den Kopf. Sie hob einen Finger an ihren Mund und zeigte zur Türe. Etwas in ihrem Blick liess Diego erschaudern. Als der Junge fragte, ob sie näher zum Fenster käme, nickte sie. Während sie lief, sah sie ab und zu zur Tür. Spitzte angestrengt die Ohren.
[***]
"Ehrlich? Deswegen kannst du nicht zur Schule?"
Ungläubig legte Diego den Kopf schief. Dass sie kränklich wäre, wusste er von seinem Bruder. Dass ihr Vater ihr dazu solche Dinge sagte, konnte er nicht glauben.
In seinem Kopf arbeitete es. Die getuschelten Gespräche der Erwachsenen. Die Blicke, die ihre Mutter und ihr Vater von den anderen Leuten abbekam. Es gab ihm ein ungutes Gefühl.
María sah mager aus. Ihre Augen waren trüb. Ihre Haare zerzaust. Dünn.
"Diego, noch nie war jemand so nett zu mir", sprach das Mädchen. Fast flüsternd ergänzte sie: "Ich bin keine Bruja desgraciada."
Sein Herz tat weh. Sein Magen zog sich zusammen. Das ungute Gefühl wurde stärker. Es war nicht gerecht. Es war unfair. Als er den Hinterhof betrat, war sein Kopf voller Fragen. Doch nun fühlte es sich nicht gut an, diese gestellt zu haben.
"María, ich finde dich nett. Du würdest dich gut mit meiner Schwester verstehen."
"Wirklich? Erzähl mir bitte von deiner Familie."
Der Junge lächelte und nahm ihre Hand. Er fing an, zu erzählen.
Von seinem grossen Bruder Hugo. Er hatte vor wenigen Wochen seine Firmung und war damit erwachsen. Er half auf dem Feld und überall dort, wo es eine helfende Hand von Nöten war. Alle lobten ihn und irgendwie sahen ihm die älteren Mädchen stets hinterher. Und er passte stets auf, dass Bonita und er genug zu Essen und sauberer Kleidung hatten.
"Oft ist er einfach doof. Ich darf nie das machen, was Spass macht", motzte er und fuchtelte mit den Armen.
María hatte die Augen geschlossen. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, das Diego nicht deuten konnte. Eine Weile schwieg sie.
"Und deine Schwester?
Sie hörte gespannt den Erzählungen zu. Wie liebevoll der Junge über seine Zwillingsschwester sprach. Wie hübsch sie eines Tages werden würde. Dass er sie gerne beschützte und stets auf sie aufpassen musste. Er spielte auch gerne mit ihr, auch wenn sie oft nervte.
„Ich bin gerne ihr Bruder. Eine Schwester zu haben, ist nicht so doof“, schloss er seine Erzählung ab.
María schwieg. Die Augen hatte sie weiterhin geschlossen. „Ich finde es toll, mit dir zu reden“, versuchte Diego das Mädchen zum Sprechen zu bewegen.
Langsam öffnete sie die Augen. „Danke. Ich bin dir dankbar“, flüsterte María. Tränen tropften auf ihr Kleidchen. Der Junge sah weg. Sein Kopf schmerzte bei ihrem Anblick.
„Ich geh’. Muss zur Kirche.“
Er drückte zum Abschied ihre Hand.
Der Junge kletterte runter und stellte die Leiter wieder an die Mauer. Langsam sah er zurück zum Fenster. Das Mädchen stand immer noch da. Sie winkte. Er nickte und schlich sich davon. Während er sich vom Saloon entfernte, berührte er die Hand, die er María gereicht hatte.
Ihre Hand war eiskalt.
[***]
Eine Wolke zog am Himmel vorbei. Augenrollend lehnte der Mann sich an die Wand. Mit einem blitzschnellen Fingergriff zündete er eine Zigarette an. Mürrisch schweifte sein Blick über die quasi menschenleeren Strassen. Zwei Hunde zankten sich um einen Knochen, Katzen sonnten sich auf Dächern. Ein Huhn lief gackernd durch die Strassen. Ein Esel wieherte.
Dieser Vlákas! Wie kann er ein grösser Narr sein als sein Vater?
Konnte Víctor nicht einmal aus seinem Schneckenhaus herauskommen? Die Hunde knurrten sich an. Leandro brüllte: "Köter, verschwindet!" Die beiden Hunde verschwanden blitzschnell. Der Knochen blieb liegen. Eine schwarze Katze beobachtete schadenfreudig, wie die Hunde davon flitzten. Leandro nickte der Katze anerkennend zu. Blitzend sah sie hinunter. Streckte sich genüsslich. Gerne hätte es der Mann der Katze gleichgetan. Kerzenziehen war nicht gerade die Beschäftigung, die er gerne nachging. Aber noch weniger passte er auf Nutztiere auf oder grub in der Erde herum.
"Wir wollen ja der Gemeinschaft gute Dienste leisten", sprach Leandro zu der Katze und trat aus dem Schatten.
Er wollte langsam Richtung Kirche schlendern. Sein geliebtes Töchterlein würde sich freuen, ihn dort zu sehen. Dazu würde es die Lästermäuler ruhig stellen.
Doch weit kam er nicht, da ihm Diego regelrecht in die Arme lief. Schwer atmend, hielt er seine Seite. Sah gehetzt hinter sich. Er murmelte eine Entschuldigung und sah schuldbewusst zu Boden.
Leandro musste nicht fragen, was er gemacht hatte. Seine Nachforschungen blieben ihm nicht verborgen. Stolz klopfte er ihm auf den Rücken. Der Junge bemerkte das nicht.
"Keine Sorge, Kleiner. Die wichtigsten Personen kommen stets später zu den Anlässen", sprach er väterlich. Das Kind reagierte nicht, klammerte sich unbewusst an sein Hemd.
Während der Mann seine Zigarette fertig rauchte, beruhigte sich der Junge. Einer der Hunde kam zurück und schnappte sich den Knochen.
"Musstest wohl was erledigen."
"Ja."
Sanft strich Leandro über die rötlichen Haare des Knaben. Die Flecken auf der Hose und dem Hemd kommentierte er nicht. Leandro sprach leise: "Immerhin du bist ein richtiger Mann. Bengeltje könnte von dir lernen."
Nachdenklich blickte Diego zu dem Mann. Dieser nahm seine Hand, welche die ganze Zeit sein Hemd umklammerte. Zeigte mit dem Kopf Richtung Kirche. Das Kind drückte fest zu. Sie liefen los.
"Warum bist DU noch da?", platzte es Diego heraus. Brummend gab er eine Antwort.
Bleib so Kleiner. Männer wie dich braucht dieses verfluchte Paradies.
Un cuento de hadas veraniego
Das Kinderzimmer wurde in dem sanften Licht des Vollmondes gehüllt. Unten hörte man die laute Diskussion der Eltern. Hugo versuchte zu schlichten.
Die Kerzen, die in den letzten Wochen gezogen und dekoriert wurden, standen auf einem der Regale. Daneben eine feine Puppe aus Porzellan, gekleidet in einem weissen Seidenkleidchen und ein Holzpferdchen aus edlem Holz und echten Pferdehaaren. Eine Spieluhr, die eine klassische Melodie aus Europa spielte, und ein Familienfoto verschönerten das Kinderzimmer.
Ein schön geknüpfter Teppich zierte den Boden des Zimmers. Eine Truhe, gefüllt mit Spielzeug, war in der Ecke. Ein kleines Schminktischen für Bonita. Ihre Mutter bestand darauf, dass sie eines bekam, obwohl sie noch so jung war. Ein Bücherregal mit einigen Büchern. Eigentlich für Diego, aber er spielte lieber in der Natur. Ein kindergrosser Sekretär. Bestückt mit Schreib- und Zeichenmaterial und genug Papier. Ein Spiegel mit edlem Rahmen hing an der Wand. Auf einem anderen Regal waren Erinnerungen und Kleinkram.
"Hermanita."
Es dauerte einige Sekunden, bis eine leises "Was?" ertönte. "Magst du die Holzfigürchen, die ich für dich mache?"
Überrascht drehte Bonita sich um, die Bettdecke rutschte zu Boden.
"Warum fragst du?"
Sie erhielt keine Antwort. Die Haustüre wurde zugeschlagen. Die grelle Stimme der Mutter ertönte. Sie rief ihrem Ehemann wüste Sachen nach. Hugo entgegnete ihr wütend: "Denk an tus hijos!"
Als es wieder ruhiger war, fragte Bonita nochmals nach. "Nur so", bekam sie zurück. Leise verliess das Mädchen das Bett. Mit geübter Handbewegung tastete sie im Dunkeln des Zwischenraumes von Bett und Boden. Diego hörte kaum merkbar ein Knarzen. Im Licht des Vollmondes lief das Mädchen zu ihrem Bruder. Ein Lächeln in ihrem Gesicht, das er so an ihr mochte. In ihren kleinen Händen eine Holzkiste.
"Papá hat mir das geschenkt. Mamá sagt, ich soll Ordnung halten. Doch ich kann nicht deine Schnitzereien wegwerfen. Sie sind alle so schön."
Hastig verliess der Junge sein Bett. Er blickte mit grossen Augen in die geöffnete Kiste. Tatsächlich lagen da die Holzfigürchen drin. Einige waren in Taschentücher gewickelt. Er zeigte fragend auf diese.
"Die sind kaputtgegangen. Papá oder Hugo reparieren sie, wenn sie Zeit haben. Und du nicht da bist. Bitte, sei nicht böse."
Die Umarmung überraschte Bonita so sehr, dass sie einen lauten Ton von sich gab. "Bin doch nicht böse! Es freut mich sooooooo sehr", jauchzte der Junge, gab seiner Schwester einen Kuss auf die Wange.
Die Haustüre wurde zum zweiten Mal zugeschlagen. Fluchend machte sich Hugo daran, die Spuren der Diskussion aufzuräumen.
Als er später hinauf kam, um nach seinen Geschwistern zu sehen, lagen diese in einem Bett. Fest an sich gekuschelt. Froh darüber, dass sie nicht alles vom Streit mitbekamen, deckte er sie zu. Küsste sie auf die Stirn und nahm die Holzkiste aus dem Bett.
[***]
Der Bäcker und seine Frau grüssten Hugo und Diego. Der Jüngere sah zu Señora Villanueva. "Für wer ist das?", fragte Diego direkt.
Hugo schlug ihm sanft auf den Kopf. Wütend versuchte Diego ihn zu schubsen, was Hugo nicht einmal bemerkte. Señor Villanueva lachte und sah zu seiner Ehefrau, die kicherte. Sie holte drei Pan de coco aus ihrem Korb und streckte die Leckereien Hugo hin. "Muchas gracias, Señora", sagte er, während er die Brötchen in die Höhe streckte, damit Diego sie nicht erreichte.
Der Bäcker schüttelte belustigt den Kopf. Señora Villanueva strich Diego über die Haare. "Wart ihr Holz sammeln?", fragte sie und zupfte ein paar Blätter aus seinen Haaren.
Statt zu antworten, nickte Diego aufgeregt. "Er möchte Schnitzen. Ich ging mit ihm in den Wald. Alleine darf er nicht", übernahm sein Bruder. Die Brüder und die Villanuevas sprachen noch eine Weile miteinander, bis die Kirchenglocken die nächste Stunde ankündigten.
"Wir müssen die Lieferung zu den Madrigals bringen. Sie erwarten Gäste und die hochgeschätzte Julieta kann nicht alles alleine vorbereiten."
Artig, obwohl er noch versuchte, an die Leckereien zu kommen, verabschiedete Diego sich.
Die Brüder liefen weiter Richtung nach Hause. Sie trafen einen Teenager, der hastig einen ausgebüxten Esel vor sich hertrieb. Er blieb kurz stehen, lüpfte seinen Hut und rief gut gelaunt "¡Hola!", bevor er den Esel zurück nach Hause trieb. Irgendwo verzauberte Isabela die Dorfbewohner mit ihrer Gabe. Entzückt stand Mariano daneben, der sie bewundert betrachtete. Sie zeigte ihm die kalte Schulter.
Keinen Blickkontakt. Kein verliebtes Lächeln. Ob Mariano es bemerkte und ignorierte oder es in seiner Gutmütigkeit nicht mitbekam, konnte man ihn nicht ansehen.
"Sollen wir Nita eine Blume mitbringen?"
"Ich schnitze ihr etwas. Das hält länger."
"Kluger Gedanke."
Sie liefen weiter, scherzten miteinander. Da gab es eine überraschende Begegnung. Eine Begegnung, die Diego eine Gänsehaut bescherte.
"Macht ihr einen Spaziergang, bevor es Mittag gibt? Wo ist denn eure reizende Schwester?"
Hugo verkrampfte sich. Unbewusst stellte er sich vor seinen jüngeren Bruder. Dieser sah verkrampft zu Boden und biss sich auf die Lippen.
Carlos fixierte die Brüder. Perfekt gekleidet stand er vor ihnen, flankiert von zwei seinen treuen Freunden. Etwas weiter hinter ihm seine Ehefrau und seine zwei Kinder.
María. Sie ist da. Soll ich sie grüssen?
Unsicher hob Diego seinen Kopf, um einen Blick auf das Mädchen zu erhaschen.
Sie bemerkte ihn nicht. Ängstlich klammerte sie sich an ihre Mutter. Ihren Blick ängstlich gesenkt. Ihr Bruder schlief in den Armen der Mutter. María sah unglaublich traurig und verloren aus.
Die gesprochenen Worte hörte Diego nicht. In seinem Kopf arbeitete es. Ihm fiel auf, dass die Leute auf María und ihre Mutter zeigten. Sie waren genauso überrascht, das Mädchen draussen zu sehen.
"… Diegito? Señor Ruiz hat dich was gefragt."
"Hab nicht zugehört. Was gibt es Essen? Nicht schon wieder Mojarra en posta. Das schmeckt mir nicht."
Carlos lachte laut. Er streckte seine Hand aus, wollte Diegos Haare durch wuscheln. "Ist der Kleine schüchtern? Das passt nicht zu ihm", sprach er und legte den Kopf nachdenklich schief. Seine blauen Augen verengten sich für einen Moment, bevor er ein freundliches Lächeln aufsetzte.
"Deine Eltern … "
Carlos wurde von einem seiner Freunde an die Schulter getippt. Eine ältere Frau stolzierte mit grossen Schritten auf seine Ehefrau und Kindern zu. Die Stimmung kippte. Die Leute tuschelten, bildeten in grossen Abstand einen Kreis.
"Wir gehen", flüsterte Hugo und zog Diego hastig weg. Die ältere Frau wollte mit Amanda und María Ruiz sprechen. Sie diskutierte mit dem anderen Begleiter, der sich vor die Frau seines Freundes stellte und sie nicht näher heranlassen wollte.
"Warum … ?"
"Frag nicht. Wir halten uns aus Schwierigkeiten heraus."
Diego biss sich erneut auf die Lippen. Es war gut, dass er nicht Marías Namen ausgesprochen hatte. Er musste was tun. Ein Holzfigürchen würde nicht reichen.
[***]
Den ängstlichen Blick seiner Schwester ignorierte Diego. Nervös rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her. Ab und zu warf Bonita einen Blick zu ihrem grossen Bruder. Der schien tief in Gedanken versunken zu sein. Mamá und Papá sassen nebeneinander. Sie scherzten. Sahen sich verliebt an. Diese Momente waren selten und deswegen wagten die Kinder nicht zu laut zu sein, um die Stimmung nicht zu zerstören.
"Dulzura, du hast deiner Mamá gut geholfen. Das Essen schmeckt sehr gut", wandte sich der Vater zu seiner Tochter. Sie setzte ein Lächeln auf, strahlte glücklich und blickte zu ihrer Mutter, die sie ignorierte und lieber ihren Ehemann anschmachtete.
"Dulzura wird eine fantastische Ehefrau werden. Fleissig und hübsch ist sie ja schon."
Das Mädchen strahlte noch mehr. Ihre Nervosität verschwand. Hugo verdrehte seine Augen. Seine gemurmelten Worte verrieten, was er dachte.
"Precioso, ich wünsche dir viel Spass. Pass einfach auf, ja?"
"Das werde ich. Ich pass’ immer auf. Papá, ich werde nicht stören und schnitzen."
Der Vater nickte, während er seine Hand auf das Knie seiner Frau legte. Kichernd gab sie ihm zu verstehen, dass sie seine Zeichen verstand. Hugos Miene versteinerte sich schlagartig. Mit einer abgesprochenen Geste gab er seinen jüngeren Geschwistern zu verstehen, dass sie die Mahlzeit schnell beenden sollten.
So konzentriert konnte man Diego selten antreffen. Seine Haare waren zusammengebunden. Schneiden wollte er sie nicht und Hugo gab es auf, in dies schmackhaft zumachen. Er schärfte ihm dafür ein, beim Schnitzen die Haare zu einem Pferdeschwanz zu binden. Der Kleine verstand es zwar nicht, tat es jedoch.
Vorsichtig betrachtete er den Jaguar. Ein paar kleine Änderungen und er wäre mit dem Geschenk fertig. Seine Schwester musste nicht erfahren, dass er eine ihre Nährwerke ausborgte.
Zufrieden gönnte Diego sich eine kleine Essenspause. Hugo hatte ihm einen Imbiss hingestellt, bevor er mit Bonita zum Spielen in die Stadt ging. Er wäre gerne mitgegangen, wollte jedoch sein Versprechen halten. María würde sich sicher freuen, wenn er wieder zu Besuch kam. Nach dem Essen verliess er den Keller.
Er hörte ungewollt seine Eltern. Während er sich hinter dem Haus erleichterte, versuchte er die Geräusche zu ignorieren. Da hatte er es lieber, wenn sie sich stritten. Frustriert steckte der Junge dem Fenster zum Schlafzimmer die Zunge heraus, bevor er zurück in den Keller ging.
Den Rest seines Essens überliess er den Insekten. Ameisen bildeten schon eine Strasse, eine fette Fliege flog über die Teller. Vorsichtig tupfte er die schwarzen Flecken auf das Holz. Eine kleine Schleife, die er schnell mit Wolle selbst gemacht hatte, und die geborgte Näherei rundete das Geschenk ab. Zufrieden packte Diego es in die Hosentasche.
Als er sich umdrehte, zuckte er zusammen. Seine Schwester starrte ihn neugierig an.
"Für wen ist das? Ist das ein Taschentuch, das ich bestickt habe?"
"Darf ich nicht sagen. Bist du schon zurück?"
Das Mädchen nahm ein Taschentuch mit violettfarbenen Verzierungen aus ihrer kleinen Tasche. Sie tupfte das Gesicht ihres Bruders ab. Er liess sie machen.
"Es ist schon fast Abend. Ich muss nachher Hugo helfen. Mamá und Papá sollten wir in Ruhe lassen. Sagt Hugo."
"Ich geh’ noch kurz zu einem Freund. Ich komm’ gleich wieder."
"Ist gut. Sei bitte pünktlich zum Abendessen wieder zu Hause."
Der Saloon war rappelvoll. Eine Verlobung wurde fröhlich und ausführlich gefeiert. Flink rannte Diego zu der Leiter, stellte diese auf und kletterte aufs Dach.
Leise schlich er zum Fenster. Er lauschte, duckte sich. Wartete einen Augenblick, bevor er ins Fenster hineinguckte. María sass auf ihrem Bett und blickte wieder einmal zur Türe. Ihre Beine waren angezogen. Ihre Haare waren zu einem schnellen Zopf gebunden. Sie sah ganz anders aus. In der Stadt war sie hübsch und elegant. Jedoch hatte er keine Zeit und Lust, sich darüber Gedanken zu machen.
Er klopfte ans Fenster. Sie erinnert sich , schoss es ihm durch den Kopf. Ihr Lächeln war unglaublich. Ihre Augen strahlten. Noch nie hatte der Junge so einen Wechsel der Mimik gesehen. Mit schnellen Schritten lief sie zum Fenster. "Du bist wirklich wieder gekommen", flüsterte sie. Leicht errötete Diego.
"Was ich verspreche, halte ich auch. So tut man es."
Verlegend kichernd reichte sie ihm die Hand. Sie war noch so kalt, aber sie zitterte dieses Mal nicht.
"Bitte sei leise. Papá oder jemand anderes könnte dich sonst hören", sprach sie ängstlich. Er nickte. "Ich kann nicht lange bleiben. Bald gibt es Abendessen."
Für eine Weile schwiegen sie. Sie hielten sich an den Händen. Der Junge spürte, dass María das brauchte.
"Du warst mit deinem grossen Bruder draussen. Mamá hat es mir gesagt. Ich habe dich und deinen Bruder nicht bemerkt", fing sie das Gespräch an. Sie sah in direkt ihn sein Gesicht. Wieder hatte sie einen Gesichtsausdruck, den Diego nicht deuten konnte.
Er wollte ihr sagen, dass sie hübsch in ihrem Kleid aussah. Und fragen, warum sie hier in solchen Lumpen herumliefe. Eine Stimme in seinem Kopf, die verdächtig nach Hugo klang, mahnte ihn, seinen Mund zu halten. Wieder nickte er. Ein breites Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Er deutete ihr an, die Augen zuschliessen.
Was ist das?
Das Mädchen spürte den Stoff. Etwas Hartes war darin eingewickelt. War das Wolle? Ja, Wolle. Die Wolle war im Gegensatz zu dem Stoff sehr rau. Vorsichtig tastete sie weiter. Sie fühlte die Stickereien auf dem Stoff. Vermutlich war es ein Taschentuch. Ihr Vater trug stets eines mit sich. Er sei kein un patán de pueblo, wie die anderen Leute, wie er immer und immer wieder betonte.
Der Junge scharrte mit seinen Füssen. Er war sehr aufgeregt. Sie spürte ihr Herz in ihrer Brust schnell schlagen. Langsam wickelte sie den Gegenstand aus. Sie öffnete die Augen nicht. Sie versuchte, zu erfühlen, was es war. Es war Holz, da war sie sich sicher.
"Ist es ein … Pferd?", fragte sie. "Ganz falsch", antwortete er mit einem spitzbübischen Lachen. Sie tastete weiter.
"Ich komm’ nicht drauf."
"Dann mach die Augen auf."
Sie konnte es nicht glauben. Noch nie hatte sie was beschenkt bekommen, was ehrlich für sie gemacht wurde und von Herzen kam. Mit ihren Fingern fuhr sie über die Figur. Der Jaguar war wunderschön. "Ich bin … ", murmelte sie und musste sich bemühen, die Tränen zu unterdrücken. Sie stellte die Figur auf das Bett. Sie rannte zu Diego und umarmte ihn, drückte ihn heftig an sich.
"Ich freue mich. Danke. Ich werde gut auf ihn aufpassen."
Dass die Umarmung zögerlich erwidert wurde, bemerkte sie nicht. Er murmelte was, was sie nicht verstand.
"Ich werde diesen Tag nie vergessen. Und dich."
Was? Warum sagt sie sowas?
Verschiedene Gefühle erdrückten ihn. Die Umarmung war ihm schon irgendwie unangenehm. Sie tat ihm leid. Und sie schien wirklich krank zu sein.
Als sie das Geschenk ausgepackt hatte, war sie anders. Er freute sich darüber, wie gut sein Geschenk ankam. Die Ungeduld hatte ihn schon gepackt, weil sie unerträglich langsam das Geschenk auspackte. Jetzt fühlte er sich unbehaglich. Was sollte er schon sagen?
Das hörte sich wie ein Abschied an. Sein Mund war trocken. Er hielt María weiterhin fest in seinen Armen. Sanft strich er über ihre Haare. Sie waren seidenweich. Heute waren sie gepflegt.
"Ich kann … ich werde dich wieder besuchen."
Er bemerkte, wie sie ihre Tränen an seinem Hemd wegwischte.
Wie kann ich ihr helfen? Ich möchte, dass sie nicht mehr weint.
Der Junge bemerkte nicht, dass María ihm ins Haar fasste. Sie zog eine Blume heraus. Sie sah fragend zu ihm.
Er erzählte von der geheimen Wiese, die er mit seiner Schwester öfter besuchte. Eine Wiese, versteckt in einer Lichtung. Entzückt lauscht das Mädchen seinen Erzählungen.
Da kam ihm eine Idee. Eine verrückte Idee.
"Du María, ich komme morgen vorbei. Ich werde dich zu der Wiese führen."
Bevor sie darauf reagieren konnte, rannte er zurück zum Fenster.
[***]
Diese Nacht konnte Diego kaum schlafen. Er war so aufgekratzt, dass er erst am Morgen kurz einnickte. Bonita musste ihm beim Anziehen helfen und Hugo ihm zum Frühstück quasi hinuntertragen.
Sie waren alleine. Mamá und Papá, so sagte es Hugo, schliefen noch. Eigentlich hätte Diego nun wieder einmal naseweis gefragt, ob sie jetzt endlich ein Geschwisterchen bekommen würden. Die Müdigkeit hielt ihn davon ab.
"Wir müssen heute in die Stadt. Du kommst mit mir, wir können bei der Ernte helfen. Du kannst bei den Frauen mithelfen."
Aufgeregt nickte das Mädchen, der Junge rieb sich die Augen. Das war nicht gut. Wie sollte er so sein Versprechen halten? Das einzige Gute war, er muss sich keinen Grund ausdenken, um in die Stadt zu kommen.
"Was ist mit dir?", fragte Hugo ihn direkt. "Geht dich nichts an", gab er frech zurück und gähnte laut. Hugo verteilte ihm eine sanfte Kopfnuss, während er seine Tasse leer trank. "Ich mache das Frühstück für Mamá und Papá fertig. Ihr macht euch bereit und wartet draussen. Nicht weglaufen!"
Das Wetter war angenehm. Ein warmer Wind wehte durch das Encanto. Señora Pepa sorgte für gutes Wetter.
"Tú, Hermanito", sprach Bonita, während sie ihre Stimme senkte, "warum konntest du nicht gut schlafen?" Im ersten Moment wollte er ihr sagen, dass sie nie wieder nachfragen sollte. Dass es sie nichts anginge und viel zu neugierig sei. Dennoch wollte er es mit seiner Schwester teilen. Er musste mit jemandem darüber sprechen, sonst würde er es einmal unabsichtlich verraten.
"Ich musste mir einen Plan überlegen. Ich muss ein Versprechen halten. Mehr kann ich nicht sagen."
"Kann ich … kann ich helfen?"
Er schüttelte den Kopf und sie fragte nicht mehr weiter. Diego liebte seine Zwillingsschwester wegen ihrer Güte und dass sie ihn stets verstand.
"Hey, aus dem Weg! Träum nicht!"
Der Mann konnte gerade noch stoppen, sonst hätte er Diego überrannt. Hugo entschuldigte sich mit einer Handgeste. Er zog seinen Bruder aus dem Weg, der dem Mann heimlich die Zunge herausstreckte.
"Bleib bei mir. Heute bist du wirklich nicht bei dir."
"Ich bin so müde."
Ob er mich nach Hause schickt? Hoffentlich. Dann kann ich zu María.
Hugo legte sein Werkzeug zur Seite. Kurz prüfte er die Stirn seines Bruders, der sich genervt von ihm wegdrehte.
"Mach eine kurze Pause."
"Ich bin kein Baby!"
Hugo zeigte wortlos auf einen Platz im Schatten. Eine Frau brachte dem Jungen einen Becher mit Wasser. Mürrisch murmelte er ein Danke. Warum wurde er wie ein Baby behandelt? Trotzig betrachtete er einen Käfer. Emsig arbeiteten die Leute. Waren fröhlich und plauderten miteinander.
Mamá sagt, sie müsse nicht helfen. Sie ist was Besonderes.
Hugo arbeitete mit Eifer. Er pflügte den Boden. Er half stets da, wo er helfen konnte. Im Encanto gibt es keine Unterschiede, pflegte Hugo stets zu sagen. Diego verstand nicht, was sein Bruder mit Unterschieden meinte.
Hugo hatte sein Hemd ausgezogen, zog die Aufmerksamkeit der jungen Frauen auf sich. Er bemerkte das nicht. Diego hatte das Gefühl, er ignorierte es.
"Chico, du kannst uns helfen", rief eine Frau mit einem roten Haartuch und einem sympathischen Lächeln. Jetzt war Diego beleidigt. Bei dieser Arbeit helfen? Er war doch ein Mann und konnte bei den schweren Arbeiten mitanpacken! Ein Blick seines Bruders, der das Gespräch mitbekommen hatte, brachte ihn trotzdem dazu, das Angebot freiwillig anzunehmen.
Diese Arbeit machte wirklich Spass.
Diego sortierte die Bohnen und steckte sich heimlich einige ein. Diese waren tolle Geschosse für seine Schleuder. Ab und zu schnitt er für das Baby, das eine Mutter mitgenommen hatte, Grimassen oder spielte mit ihm. Die Frauen liessen ihn machen.
"Wie geht es tu linda hermana?", fragte eine junge Frau mit hellen Haaren. Sie war die Tochter des Schneiders und stets gut gekleidet. Murmelt gab Diego etwas von sich. "Und Hugo?", flötete sie. Verwundert blickte er sie an. Er verstand nicht, warum sie leicht rot wurde. Er verstand nicht, warum die anderen Frauen sich lange und amüsierte Blicke zu warfen.
"Frag ihn doch selbst. Soll ich ihn rufen?"
"No, no. Deine Schwester ist wirklich sehr fleissig. Sie ist da hinten und … "
Plötzlich kam Bewegung in die Leute. Hastig versammelten sie sich am Rand des Weges.
"Diego, komm", die Stimme seines Bruders war aufgeregt. An der Hand hielt er Bonita, die sich unsicher auf die Zehenspitzen stellte. Wollten einen Blick erhaschen, warum die Erwachsenen so aufgeregt waren. Brav gehorchte er. Hugo zupfte an ihm herum. Strich seine Haare glatt, stopfte sein Hemd in die Hose. Für einen kurzen Moment dachte Diego, seine Eltern kommen.
Die Männer zogen ihre Hüte. Die Frauen glätteten ihre Kleidung. Die anwesenden Kinder versuchten zu erspähen, was los sei. Tuschelten miteinander. Sie zeigen in die Ferne.
"Hugo, ich versteh’ es nicht", sprach Diego und blinzelte gegen die Sonne. "Sei einfach brav. So wie Zuhause", bekam er zu Antwort.
Diego verstand es. Er stand still und machte seinen Rücken gerade.
Bonita hatte ihre Hände hinter ihren Rücken verschränkt. Wie eine Statue stand sie am Wegesrand und lächelte anmutig.
Zwei Personen nährten sich in der frühen Mittagsstunde den Feldern. Die kleinere Person schritt voraus, die Grössere folgte ihr. Man erkannte, dass diese nicht freiwillig den Weg auf sich nahm. Seine Schritte waren schlürfend. Die vorauslaufende Person sah einmal nach hinten, was die andere beinahe zum Stauchen brachte.
Warum hat der Bürgermeister Angst vor ihr?, schoss es Diego durch den Kopf. Natürlich wusste er, dass jeder Respekt von ihr hatte. Immerhin war es la Doña Alma.
Die mitgenommenen Hunde rannten im Kreis. Die Esel assen. Hoben träge den Kopf. Weshalb alle still standen, konnte Diego nicht verstehen. Er verstand vieles nicht, was im Enacnto vor sich ging. Doch was hatte Hugo gesagt?
Sei brav.
[***]
Geschäftig wuselte die Mutter durch das Haus. Der Vater sass am Tisch und trank ein Glas Selbstgebranntes. Er war schick angezogen. "Amorcito, ich bin gleich fertig", flötete Perpetua und verschwand im Schlafzimmer. Während er sein Glas fertig trank, sah er zu seinen Kindern. Hugo würde sie zum Treffen begleiten. Seine Kleinen würden zu Freunden gehen. Heute war ein angenehmer Tag. Seinen Kindern ging es gut. Seine Frau war glücklich.
"Seid artig. Wir holen euch später ab."
"Ja, Papá"
Perpetua stolzierte aus dem Schlafzimmer. Sie zeigte ihrem Mann ihre Hände. Er nahm ihre rechte Hand und küsste sie. Sie kicherte. "Du bist wunderschön. Ich bin der glücklichste Mann der Welt", hauchte Federigo. Sie strich ihm mit der anderen Hand über die Wange. Hugo räusperte sich. Einmal. Zweimal. Erst beim dritten Mal sah der Vater hoch.
Mit einem sanften Klaps auf den Hintern seiner Ehefrau konnte er sie dazu bewegen, ihn aufstehen zu lassen. Der Blick, den sie ihren Kindern zuwarf, war frostig. Eingeschüchtert senkte Bonita ihren Blick Richtung Boden. Ihre Hände verknoteten sie ineinander. Hugos Miene war ebenso kalt, wie die seiner Mutter. Diego war mit seinen Gedanken weit weg. Ihm war dieses Mal die Stimmung gleich. Er war einfach froh darüber, dass er zu María konnte.
"Mamá", flüsterte Bonita unsicher. Seufzend drehte die Angesprochene sich zu ihrer Tochter. "Ja?", sprach sie und wich dem Blick ihres älteren Sohnes aus. Dass er sich in ihre Angelegenheiten mischte, gefiel ihr überhaupt nicht. Warum musste er so verkrampft sein?
"Du bist so schön. Ich mag deine Fingernägel."
"Ohhhh, mi perfecta angelita! Es ist dir aufgefallen? Natürlich ist es das!"
Die Laune der Mutter änderte sich schlagartig. Sie strahlte ihre Tochter an und zeigte ihr ihre Hände. Beigerot. Ihre Nägel waren beigerot.
"Wo ist dein Bruder?"
Mirabel blickte fragend zu Bonita. Camilo, der mit einem Baby im Arm im Kreis lief, zog eine Augenbraue hoch. "Vielleicht muss er Pinkeln? Oder ist zu Hause?"
Da das Mädchen schwieg, lächelte Mirabel ihr aufmunternd zu. Obwohl sie ungefähr gleiches Alter waren, hatte Bonita riesigen Respekt.
Camilo war umringt von den jüngeren Kindern. Eigentlich brauchte er keine Hilfe beim Hüten. Mirabel durfte bloss mit, da Tío Félix und ihr Papá Casa Madrigal ohne ihre Hilfe sauber halten können. Sie würden später zu der Versammlung dazukommen.
"Mira! Sing uns was vor!", bettelte ein kleines Mädchen und klammerte sich an ihr Kleid.
Bonita lief zu ihrer Freundin. Diese nahm ihre Hand und zog sie zum Brunnen, der in der Mitte des Dorfplatzes gebaut wurde. "Schau, ich habe meine Puppe mitgebracht. Sie ist nicht so schön wie deine. Aber ich möchte sie dir zeigen", sprach sie und holte die Puppe aus ihrem Kleid.
Bonita griff nach der Puppe ihrer Freundin. Es war eine schlichte Holzpuppe mit Wollhaaren.
"Du, ich kann dir für sie ein paar Kleider geben. Wie heisst sie?"
"Valentina Emillia Luisa. Und du kannst ihre Tía sein."
Kichernd nahm die Puppenmutter ihr Kind zurück. Camilo sah zu den beiden Mädchen. Wo Bonitas Bruder steckte, war ihm ein Rätsel.
[***]
Ihre Hand war verschwitzt. Ihr Gesicht bleich. Dennoch strahlten dieses Mal ihre Augen voller Vorfreude. Ihre Augen waren so blau wie der Himmel. Er führte sie über das Dach und die Leiter hinunter. Dieses Mal versteckte der Junge die Leiter nicht. War es unklug? Sicher. Doch daran dachte Diego nicht.
Das Mädchen trug ihre schöne Jacke. An den Füssen ihre schönen Schuhe. Ihre Haare zu einem eleganten Zopf gebunden.
"Bist du ganz sicher, dass du das tragen willst?"
"Ich ... ich habe nicht anderes, was schön ist."
Der Junge schaltete sofort. Er zog sein Hemd und Schuhe aus. María machte grosse Augen. Sie wollte es nicht annehmen, aber sie verstand, warum es besser war. Ihr Vater war klug und würde es bemerken. Er kontrollierte alles und würde wohl bemerken, wenn sie ihre schöne Kleidung trug.
"Versteck deine Kleidung hier", sprach Diego. Er zwinkerte und hob eine Kiste hoch. María nickte. Sie legte die Kleidung zusammen und deponierte diese darunter. Die geliehenen Schuhe waren zu gross. Genauso wie das Hemd. Es war ein merkwürdiger Anblick.
"Ich bin so aufgeregt", fiepste das Mädchen.
Diego musterte sie heimlich. Er spürte tief in sich, wie schwer sie es hatte. Er musste ihr helfen. Es gäbe da eine Möglichkeit. Doch die Angst hielt ihn ihm noch zurück. Heute war er hier, um sein Versprechen einzulösen.
Das Dorf war dieses Mal wirklich verlassen. Trotzdem schlichen die Kinder im Schatten der Häuser. María blieb öfters stehen. Oder zuckte zusammen. Manchmal wollte sie aufgeben und zurück.
Diego führte sie mit Geduld zum Rande des Dorfes. Die Unsicherheit seiner Begleiterin störte ihn, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
"Schau", er zeigte Richtung des Weges, der aus dem Dorf führte. Die Augen von María wurden noch grösser, als sie vorher waren. Ein überraschtes leises "Ohh!" verliess ihren Mund. Sie streckte ihre Hände Richtung des Himmels aus. Drehte sie sich im Kreis. Ein Vogelschwarm flog Richtung der Bäume.
"Bist du aufgeregt?"
"Ja."
"Bist du bereit?"
"JA!"
Das Mädchen nickte aufgeregt. Sie streckte ihre beiden Arme in den Himmel und drehte sich wie wild im Kreis. Lachend machte der Junge mit. Sie standen da und freuten sich.
Über die Wiese wehte eine sanfte Prise. Die Blümchen wiegten ihre Köpfe wie im Tanz. Die Bäume spendeten grosszügig Schatten. Die Insekten summten, eine Eidechse sonnte sich auf einem Stein. Vögelchen zwitscherten und zeigten ihre prächtigen Farben.
Entzückt sah sich María um. Sie durfte nie das Dorf verlassen, um auf den Feldern zu sein. Geschweige in der Nähe des Dorfes spielen.
"Hier gehst du mit deinem Geschwister hin?", fragte sie andächtig. Sie hatte Angst, dass es ein Traum war und sie jeden Moment aufwachen würde.
"Ja. Ich darf alleine hin mit Nita. Hugo sagt, wir müssen ihm sagen, wenn wir zur Wiese gehen", gab ihr Begleiter zu Antwort. In seiner Stimme eine Mischung aus Stolz und Widerwillen. Seine Augen verfolgten einen fetten Käfer. Die Eidechse hob träge den Kopf. Die Vögel flogen hin und her, versammelten sich in den Bäumen. Sie beäugten neugierig die Kinder.
"Es ist … so friedlich . So bunt und hell", murmelte das Mädchen. Nun wusste der Junge nicht, was er tun sollte. Sein Ziel war es, María zu der Wiese zu bringen. Aber wie weiter?
"Willst du … Blumen pflücken?"
Die Frage hörte sie nicht. Sie sah sich einfach um. Er entschloss, sie machen zu lassen. Es war ihr Tag auf der Wiese.
"Alles ist gut. Dein Papá hat nichts bemerkt." Das Mädchen rutschte von seinem Rücken und atmete erleichtert aus. Die Glocken fingen gerade an zu läuten. Das Zeichen, dass die aussergewöhnliche Versammlung beendet war.
María holte ihre Kleidung aus dem Versteck. Während sie sich anzog, schaute der Junge aus dem Hinterhof. Einige Leute liefen nach Hause, andere standen in Grüppchen und unterhielten sich.
"Gehen deine Mamá und Papá gleich nach Hause? Oder trifft er sich mit Freunden?"
"Manchmal ja. Die Leute kommen ja in den Saloon. Vermutlich spricht Papá mit Personas de importancia.
Diego drehte sich zu ihr um. Er griff ihre Hände. Kurz lächelte er sie an. Eine Frage stand zwischen ihnen, die nicht ausgesprochen wurde.
Man hörte, wie Camilo und Mirabel die Kinderschar um sich versammelte. Der Lärmpegel stieg. Langsam wurde es gefährlich, wenn Diego länger bliebe. Er drückte Marías Hände.
Sie verstand.
Mit Freudentränen in den Augen nickte sie.
La paloma en la jaula
Im falschen Moment erwischte Diego die Frage. Die Zeit schien still zu stehen, während das Messer zum Boden glitt. Er hatte sich beinahe verplappert. Verbissen schaute der Junge zum Boden des Schuppens. Holzspäne wirbelten herum. Das angefangene Tierchen klammerte Diego an sich.
"Auf die Wiese? Mit wem?"
"Ist doch egal."
Diego spürte den stechenden Blick seines Bruders auf sich. Hugo wiederholte die Frage nochmals. Leiser.
Ich muss schweigen. Ich darf nichts sagen. Ich muss María beschützen. Ganz schnell griff Diego nach seinem Schnitzmesser. Er drehte seinem Bruder den Rücken zu. Beide schwiegen. Nur noch das Geräusch des Messers war zu hören.
Hugo atmete scharf aus. Runzelte die Stirn. Er dachte nach. Wie sollte er handeln? Weiter nachfragen? Ihm verbieten, alleine loszuziehen? Was verschwieg su hermanito?
Er hörte davon, dass Diego sehr oft mit seiner Schwester loszog. Er spielte weniger mit seinen Freunden. Etwas in Hugo wollte seinen jüngeren Bruder dies verbieten, da er eine grosse Gefahr spürte. Dass er Diego beschützen musste davor. Schritt für Schritt tapste er in sein Unheil, würde seine Schwester mithineinziehen.
Lange betrachtete Hugo seinen Bruder. In den letzten Wochen war er wie ausgewechselt. Erledigte seine Aufgaben schnell und gewissenhaft. Verbrachte viel Zeit unten im Keller, um zu schnitzen. Dazu verbrachte er viel Zeit draussen im Freien. Auf der Wiese, wie sich herausstellte.
Dennoch fragten seine Freunde nach ihm. Beschwerten sich lautstark, dass er keine Zeit für sie hatte. Er ging nicht mehr Spielen oder Angeln. Sie gaben Bonita die Schuld.
Was nicht sein konnte. Bonita sagte nie was, aber sie konnte nicht mit ihrem Bruder zusammen unterwegs sein. Herausgefunden hat Hugo dies durch Zufall. Sie war bei ihrer besten Freundin oder in der Nähe der Kirche.
Tief atmete Hugo aus. Vertrauen. Er sollte seinem Bruder vertrauen.
"Ich werde Mamá und Papá nichts sagen. Du kannst jederzeit zu mir kommen, ja?"
"Mmmh. Ist mir egal."
Die Schultern des Jüngeren entspannten sich. Man hörte in seiner Stimme, dass es ihm nicht so egal war, wie er tat. Diego drehte sich kurz um. Verzog sein Gesicht. Sollte er es Hugo sagen? Aber er hatte verboten, sich in die Familienangelegenheiten der Ruiz einzumischen.
Gerade, als Hugo gehen wollte, rief Diego ihm noch die Worte nach: "Gracias hermano. Ich muss aber ein Versprechen halten."
[***]
"Du siehst so traurig aus. Was ist passiert?"
María hörte auf an ihrem Blumenkranz zu arbeiten. Sie senkte ihren Blick. Das Hemd von Diego, das er ihr nun stets bei ihren Ausflügen überzog, wurde nass von ihren Tränen. Sie zitterte vor Angst. Besorgt blickte der Junge zu seiner Freundin. "Ich … Papá war wieder einmal wütend. Ich habe ihn verärgert", sagte sie. Diego fragte nicht weiter nach.
Seit sie sich heimlich trafen, lernte er einiges über sie. Genauso schnappte er dies und jenes über ihre Eltern auf. Ihr Vater war oft einfach ohne Grund böse auf sie. Genauso auf ihre Mutter, obwohl sie ihm einen Hijo geschenkt hatte, denn er sich so sehr wünschte.
Sanft griff Diego nach ihrer Hand, drückte diese. Er wusste, dass dies ihr half. Umarmungen möchte sie nicht. Auch wenn es lauter wurde, zuckte sie stets zusammen. Seine Freundin fürchtete sich vor vielen Dingen.
"Du Diego? Bin ich so böse?"
"Nein. Ich hätte zwar lieber einen Hermano, aber ich würde dich auch noch als Hermana haben."
Der Wind liess die Blätter der Bäume auf die Kinder hinunter regen. Die Wolken zogen sich zusammen. Ein Gewitter kündigte sich an.
"Warum darfst du nicht mit den anderen Spielen? Warum darfst du nicht in die Schule?"
María schloss die Augen. Es tat gut, einen Freund wie ihn zu haben. Der Schmerz in ihr wurde in seiner Nähe kleiner und kleiner. Während Diego während den Treffen stets über das Gleiche schimpfte, genoss das Mädchen den Moment.
Der warme Wind. Der Geruch der Blumen und Bäume. Der Gesang der Vögel. Die Sonne.
Sie freute sich über den Schweiss auf ihrer Haut. Die Insekten, die um sie herumflogen. Ja, sie freute sich über die Stiche der Mücken und das Summen der Fliegen. Ihre Mamá meinte, dass sie gesünder aussähe.
Ihre Augen. María entdeckte etwas in ihrem Blick, was sie nicht verstand. Eine Art Freude und trotzdem Traurigkeit. Auf ihre stumme Frage antworte ihr ihre Mutter nicht.
"Ich werde dir helfen. María, hörst du?", brüllte der Junge plötzlich. Erschrocken zuckte das Mädchen zusammen. Die Vögel flogen weg, ein Tierchen flüchtete in das nahe Gebüsch.
Mit grossen Augen sah María ihn an. Völlig überrascht und überfordert blickte sie ihm ins Gesicht. Seine Mimik war ernst. So hatte sie ihn noch nie gesehen.
"Wie willst du das tun?"
"Irgendwie. Irgendwas fällt mir schon ein."
Die Wolken verdunkelten sich. Der Wind wurde stärker. Unruhig warf María einen Blick gegen den Himmel. Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie sah zu dem halbfertigen Blumenkranz. In das Gesicht ihres einzigen Freundes. Spürte den warmen Händedruck. Vorsichtig tastete sie nach seinem neusten Geschenk. Ein weiteres Holztierchen für ihre Sammlung. Diego hatte ihr gesagt, er würde ihr jedes Tier schnitzen, was er kannte.
Der Sommer würde bald zu Ende gehen. Ob damit ihre Treffen auch aufhören würden?
[***]
Gähnend sah der Vater zu seinem Sohn. Sein Atem war schwer. Seine Ehefrau war nicht da. Es fiel nicht einmal auf.
"Hugo. Mi hijo … Du bist ein guter Junge … "
"Du solltest ins Bett. Morgen müssen wir Männer aufs Feld."
Schwer atmend, erhob sich der Mann. Betrunken taumelte er Richtung Zimmer. Hugo fluchte. Zum Glück schliefen seine Geschwister tief und fest, bemerkten den Zustand ihres Vaters nicht.
"Weibern kann man nicht trauen!", lallte Federigo. Seine Faust verfehlte seinen Sohn knapp, der ihn ins Schlafzimmer schleppte.
"Weiber sind alle verlogen! Alle sind gleich!", brüllte Federigo auf einmal wie von Sinnen. Mit einer Kraft, die man Hugo nicht zutrauen konnte, schubste er seinen Vater ins Schlafzimmer. Schloss es ab.
¡Que borracho! Nur einmal sollte er sich beherrschen. Einmal an die Kleinen denken.
Hugos Magen verkrampfte sich. Ihm gefiel es nicht, dass er seinen Vater aus dem Saloon holen musste. Kaum waren sie Zuhause angekommen, verliess die Mutter das Haus. Aufgetakelt und schnippisch. Sie ging mit Sicherheit zu Señor Ruiz. Und würde die Nacht in seinem Bett verbringen. Wütend brüllte der Vater, hämmerte an der Türe und verfluchte seinen Sohn. Seine Familie.
Seine Existenz.
Die Decke über den Kopf gezogen, lagen beide Zwillinge in einem Bett. Bonita zitterte am ganzen Körper. Sie war kreidebleich. Hielt ihre Hand vor dem Mund.
"Schon gut. Hugetto wird es wegwischen."
"Mein Bauch tut mir weh."
Tröstend strich Diego über ihren Kopf. Er küsste sie auf die Stirn. Als sie Schritte hörten, guckte der Junge hervor. "Hugetto, kommst du? Es geht um Nita", rief er.
Sofort öffnete der Gerufene die Schlafzimmertüre. Flüsternd entschuldigte Bonita sich.
"Ich mach’ dir einen Tee. Diego, hol bitte ein kühles Tuch. Alles wird gut, Nita."
Unsicher kroch Diego aus dem Bett. Das Gebrülle seines Vaters ängstigte das Kind. Doch Bonita brauchte Hilfe. In den letzten Tagen fühlte sie sich krank, deswegen würde er und Hugo sie morgen zum Arzt begleiten.
Ob Mamá heute nach Hause kommt? Marías Mamá darf nicht zu Freunden. Nicht einmal jetzt, wo ihr Brüderchen schon älter ist. Warum erlaubt es ihr Vater nicht? Liebt er seine Frau nicht?
Diego liebte seine Schwester. Der Kleine würde mit Sicherheit María auch lieben.
Familie ist Familie.
Im Dunkeln suchte er ein Tuch. Tränkte es mit Wasser. Er brauchte kein Licht, er wusste, wo was stand.
Von seinem Vater hörte man keinen Mucks mehr. Diego atmete erleichtert aus. Nicht nur ihm machte dieses Verhalten Angst. Bonita quälte es sehr. Sie wollte nicht, dass Mamá und Papá merkten, dass es ihr schlecht ging. Wollte nicht, dass sie böse auf sie waren. Wie seine Freundin.
Stumm sah er zu, wie Hugo sich um Bonita kümmerte. Sie wollte keinen Tee. Sie wollte nichts Essen. Ein wenig Wasser nahm sie zu sich. Hugo wusch ihr Gesicht, wischte den Boden sauber.
Diegos Herz schmerzte. Wieder dachte er an María. Marías Mutter versuchte sie zu beschützen, in dem sie die Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Marías Vater war ein Mann, der nicht zu trauen war.
Als Hugo ihn rief, war er tief in seinen Gedanken vertieft. Am Sonntag würde er seine Chancen nutzen und María befreien.
Diego kuschelte sich an Bonita. Hugo schlief bei ihnen im Bett. Sanft hatte er seine beide Geschwistern an sich gedrückt. Diego tat so, als würde er einschlafen. Hugo summte ein Lied. Küsste Bonita auf die Stirn. Er beschützt seine Familie und Diego empfand grossen Respekt vor ihm.
Ich werde María helfen. Wie es Hugo tun würde.
[***]
Carlos trommelte ungeduldig mit seinen Fingern auf den Tresen. Sein Hemd war halb geöffnet, an seinem Hals Lippenstiftspuren. Während er nachdachte, stolzierte eine Frau die Treppe hinunter. Sie warf ihm eine Kusshand zu. Mit einem Zwinkern und einem charmanten Lächeln erwiderte er den Gruss.
Perpetua braucht einen Mann, der sie richtig befriedigt und liebt. Einen Mann, den sie hat. Doch diese Pícara ist schlicht zu gierig.
Seine engsten Freunde waren um ihn versammelt. Oben hörte man Amanda singen. Liebevoll kümmerte sie sich um ihren Sohn. Fügsam und liebevoll. Die perfekte Ehefrau.
Und doch war da eine Kleinigkeit, die Carlos störte. Sie verheimlichte von ihm eine Kleinigkeit. Die nächtliche Besucherin verliess den Saloon. Ihre Schritte hallten in der Nacht. Einige Hunde bellten auf. Man hörte, wie sich Fenster öffneten. Verurteilende Blicke verfolgten die Frau.
Niemals würde ich es zu lassen, dass mich eine Frau auf diese Art demütigt.
Carlos erhob sich. Sein engster Vertrauter, ein Mann mit einer kleinen Narbe auf seiner Wange, flüsterte ihm etwas ins Ohr. Carlos winkte ab. "Sie ist nicht dumm. Dennoch wird sie kein Problem sein", antwortete er. Mit einer Handbewegung entliess er seine Freunde. Sie würden zu ihren Ehefrauen und Kindern gehen. Es war alles in Ordnung. Er hatte alles und jeden unter Kontrolle.
Sein Leben war perfekt. Und doch nagte an ihm das Gefühl, dass ihm Stück für Stück sein wundervolles Leben entglitt.
Seine Frau sang weiter. Sie liebte ihren Sohn. Genauso wie die Hexe, die sie ihm untergeschobenen hatte.
Ruckartig erhob sich der Mann. Seine verfluchte Tochter!
Er hatte seinen Vater enttäuscht. Schande über ihn. Schande über seinen Familiennamen.
Fluchend schleuderte er ein Glas an die Wand. Spuckte auf dem Boden.
"Du kannst sie nicht von mir beschützen, Pichoncita", knurrte er. Er stoppte in seiner Bewegung.
Leise schritt Carlos die Treppe hoch. Trotz seines Anfalles regierte seine Frau nicht. Seine Schritte lenkten ihm zu der Türe seiner Tochter. Blieb vor diese stehen.
Ihm wurde was schlagartig klar. Ihre Wangen waren gerötet. Ihre Haut nicht mehr so bleich. Ihre Augen waren nicht mehr trüb, blitzten vor Freude auf.
Und sein süsses Täubchen behütete seine Tochter auf einmal zu sehr.
Er würde sie besser im Auge behalten müssen.
