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Stubborn Sweetness

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Inhalt: Als Julie ihren Frust mit einem Kaffee wegspülen will, trifft sie zu ihrem Glück auf Professor Platan - und mit ihrem gesammelten Mut versucht sie, sich einen neuen Weg zu bahnen.

Zeitpunkt: Julie ist gerade 16. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Inhalt: Julie kehrt mit ihrem neuen Pokémon-Partner Dartiri nach Hause zurück - und wird Zeugin eines Gesprächs zwischen ihren Eltern.

Zeitpunkt: Nach Kapitel 1 von Sternschwingen. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Inhalt: Julie macht sich Sorgen um Platans Gesundheit und beschließt, etwas zu unternehmen.

Zeitpunkt: Kurz nachdem sie Platans Assistentin geworden ist. Komplett anzeigen

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#01: Ich würde die Geschichte wirklich gern zu Ende hören.


 

Julie starrte auf das Gebäude, unfähig, sich zu bewegen. Das wievielte Mal war das nun schon? Sie war seit drei Tagen in Illumina City, also mindestens drei Mal.

Und langsam verlor sie selbst die Geduld mit sich. Wenn sie wenigstens einen Schritt täte dann wäre der Rest mit Sicherheit ein Kinderspiel; einmal in Bewegung wäre sie nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Aber sie konnte einfach nicht. Das Gebäude ragte wie eine unüberwindbare Hürde vor ihr in die Höhe, forderte sie heraus und hielt sie gleichzeitig fern. All die Personen in weißen Kitteln, die sie hineingehen und herauskommen sah, gaben ihr noch dazu den Rest.

Sie fand ihre Fähigkeit zu Bewegungen wieder und fuhr mit einem gequälten Stöhnen herum, damit sie das alles nicht mehr mitansehen musste. Was dachte sie sich hier eigentlich? Als ob sie mit irgendeinem dieser Leute mithalten könnte. Bestimmt gab es genug andere Personen, die bereits darauf warteten, in Professor Platans Labor arbeiten zu dürfen. Brillante, großartige Menschen, die nicht sie waren.

Nachdem sie sich wieder derart selbst entmutigt hatte, betrat sie das Café gegenüber des Labors, wo eine hübsche blonde Kellnerin mit himmelblauen Augen (als wollte sie heute alles fertigmachen) sie direkt mit einem sanften Lächeln begrüßte. Julie bestellte sich einen Kaffee, dann setzte sie sich an einen freien Tisch, legte ihre Bewerbungsunterlagen ab und sank mit dem Oberkörper auf diese.

Leise murmelnd bedauerte sie sich selbst, nutzte diesen Zeitpunkt der Schwäche, ehe ihr Zorn wieder übernehmen und sie vorstürmen lassen würde. Wohin auch immer, denn sie glaubte nicht, dass sie voller Ärger ins Labor stürzen könnte. Welchen Eindruck erweckte das denn? Glücklicherweise war sie in den letzten sechs Jahren ein wenig mehr gereift und konnte ihre Wutanfälle und die daraus resultierenden Aktionen nun besser kontrollieren.

»Es ist ohnehin sinnlos«, murmelte sie. »Er wird sich bestimmt nicht an mich erinnern. Das war vor sechs Jahren und ich war nur irgendein kleines verzweifeltes Mädchen.«

Das Gespräch vor dem Prismaturm war bestimmt nur für sie wichtig gewesen, für ihn war es wahrscheinlich nur ein weiterer Dienstag, eine Trainerin von vielen, die er schon aufgemuntert hatte.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte jemand neben ihr.

Julie setzte sich sofort wieder aufrecht hin und erwiderte den besorgten Blick der Kellnerin. »Ja, es geht schon. Ich bin gerade nur … von mir selbst enttäuscht.«

Mit einem verständnisvollen Laut stellte sie die Tasse mit dem köstlich duftenden Kaffee vor Julie ab. Allein dieser Geruch wirkte schon heilsam für sie.

»Wenn Sie Glück haben«, sagte die Kellnerin, während sie ihren Pferdeschwanz mit einer lässigen Handbewegung hinter ihre Schulter strich, »kommt der Professor heute vorbei und erzählt eine Geschichte. Er war schon eine Weile nicht mehr hier, also wird es mal wieder Zeit.«

Der Mann am Nebentisch stöhnte genervt. »Hoffentlich nicht. Ich war sehr dankbar, dass er die letzten Tage mal nicht hier war und keine Geschichten erzählt hat.«

Ein paar andere Gäste, die das mitbekommen hatten, nickten zustimmend und ernteten dafür finstere Blicke von der Kellnerin. Als sie sich Julie zuwandte, lächelte sie wieder. »Warten wir es einfach ab. Genießen Sie erst einmal Ihren Kaffee.«

Julie bedankte sich leise. Die Kellnerin zwinkerte ihr zu und ging dann mit wippendem Pferdeschwanz davon, um jemand anderem die verlangte Rechnung zu bringen.

Vielleicht sollte Julie es auch mit kellnern versuchen. Sie müsste nur ihre Schüchternheit überwinden. Und weiter daran arbeiten, sich nicht mehr so schnell aufzuregen. Laut ihrer Mutter wäre das aber unmöglich, also …

Statt weiter darüber nachzudenken, nahm sie einen Schluck Kaffee. Der Geschmack kombinierte sich mit dem Duft und linderte ihre Sorgen noch ein wenig mehr. Er schmeckte wesentlich besser als jener, den sie normalerweise selbst kochte, um Geld zu sparen. Aber heute brauchte sie diesen Kaffee einfach.

Im Nachhinein betrachtet war es vielleicht Schicksal gewesen, dass sie gerade an diesem Tag das Café aufgesucht hatte, denn während sie einen weiteren Schluck nahm, wurde die Tür geöffnet – begleitet von einem kurzen Glockenspiel – und im nächsten Moment erklang die begeisterte Stimme der Kellnerin: »Herzlich willkommen, Professor Platan~. Wie schön, dass Sie wieder hier sind~.«

Der Mann am Nebentisch stöhnte noch einmal. Julie dagegen starrte in ihre Tasse. Sie wollte nicht den Kopf heben, möglicherweise ihren Blick mit dem des Professors kreuzen – nur um dann enttäuscht zu sein, wenn er sie nicht mehr erkannte.

»Ich muss zugeben, dass ich diesem Café ein wenig untreu war«, sagte der Professor. »Aber heute konnte ich der Sehnsucht nicht mehr widerstehen.«

Etwas an seiner Stimme war anders. In den letzten Jahren hatte Julie sich so oft an ihr Gespräch mit ihm zurückerinnert, sich jeden einzelnen Satz wieder vorgestellt. Wann immer sie hatte aufgeben wollen, war da wieder seine fröhliche Stimme voller Optimismus in ihrem Ohr gewesen, mit der er ihr eröffnete, ihr eines Tages die Geschichte über die Sternschnuppen-Pokémon erzählen zu wollen.

Aber das gerade eben klang ganz anders.

Julie hob den Blick und sah zu ihm hinüber. Im Prinzip sah Professor Platan aus wie damals, schlank, groß gewachsen, gekleidet in seinen Laborkittel, perfekt frisierte schwarze Haare – aber seine Augen glitzerten nicht. Damals hatten sie geradewegs vor Lebensfreude gesprüht, heute wirkten sie stumpf, desillusioniert … einfach traurig.

Julies Herz wurde ein wenig schwer. Was war geschehen, um diesen Mann derart zu brechen? Sollte sie sich ihm in dieser Situation überhaupt nähern? Vielleicht war das endlich das Zeichen, das sie zum Umdenken bringen sollte, damit sie sich endlich einen neuen Lebenstraum suchte.

Sie folgte ihm mit den Augen, als er sich durch den Raum bewegte und sich an einen Tisch setzte. Die Kellnerin begleitete ihn dabei und sprach unablässig auf ihn ein, erzählte ihm, wie sehr sie sich freute, ihn wiederzusehen und wie sehr sie hoffte, heute wieder eine Geschichte von ihm zu hören. Er zeigte darauf nur den Hauch eines Lächelns, gab seine Bestellung auf und sah dann schweigend auf den Tisch hinab, als die Kellnerin ging, um seinen Kaffee zu holen.

Der Mann an Julies Nebentisch atmete auf und trank seinen eigenen Kaffee weiter. Das genügte, um Julies Zorn zu wecken. Konnte dieser Mann nicht sehen, dass es dem Professor schlecht ging? Dass man ihn eigentlich darin ermutigen sollte, etwas zu erzählen, in der Hoffnung, dass es ihm dann wieder besser ginge? Am liebsten hätte sie ihn entsprechend angefaucht – aber ihre Selbstbeherrschung hielt sie davon ab. Genau wie die Furcht, einen besonders schlechten Eindruck auf den Professor zu hinterlassen. Dann könnte sie ihren Traum nämlich wirklich begraben.

Die Kellnerin kehrte mit dem Kaffee des Professors zurück und stellte die Tasse vor ihm ab. Dann sah sie ihn geradezu erwartungsvoll an. »Möchten Sie heute wieder etwas erzählen, Professor?«

Er erwiderte ihren Blick kurz erschrocken, dann sah er auf seinen Kaffee hinab. Was immer er dort sah – oder zu sehen glaubte –, brachte ihn wohl zum Lächeln. Sichtlich entspannt lehnte er sich zurück und schloss die Augen. »Sicher, warum nicht? Ich könnte eine Geschichte über ein diebisches Flauschling erzählen.«

Julie wurde sofort noch hellhöriger, der Mann am Nebentisch seufzte leise und trank einen großen Schluck Kaffee.

Der Professor ließ sich davon überhaupt nicht beirren, sondern begann zu erzählen: »Es gab einmal ein kleines Flauschling, das in der Nähe einer großen Stadt lebte. Jeden Tag wehte ein verführerischer, süßer Duft aus der Stadt in den Wald, in dem das Flauschling lebte. Deswegen wollte es unbedingt dorthin gehen, aber alle anderen Pokémon rieten ihm davon ab und betonten immer wieder, wie gefährlich die dort lebenden Menschen waren. Sie versklaven Pokémon, sagten sie ihm, es solle lieber seine Freiheit genießen. Das Flauschling gab sich große Mühe, der Versuchung zu widerstehen und ein normales Leben zu führen. Aber seine Sehnsucht nach diesem süßen Duft blieb.«

Je länger er erzählte, desto mehr erhellte sich langsam sein Gesicht, bis es fast wieder so wirkte wie damals. Nur seine Augen blieben stumpf. Bemerkte das niemand außer ihr? Oder hatte man sich einfach schon daran gewöhnt?

»Eines Tages, als der Duft besonders stark war, konnte das Flauschling nicht mehr widerstehen und folgte der Spur in die Stadt.«

Der Mann am Nebentisch legte einige Münzen auf den Tisch, dann stand er auf, rollte ein wenig zu übertrieben mit den Augen und strebte dann aus dem Café hinaus. Professor Platan folgte ihm kurz mit seinem Blick, dabei wirkte er wieder ein wenig niedergeschlagen.

Dennoch setzte er seine Geschichte nach einer kurzen Pause fort, er erzählte davon, wie geschockt das Flauschling war, als es in die Stadt kam, wie erschrocken von den hohen Häusern und den vielen Menschen und Fahrzeugen, die so viel Lärm erzeugten. Dazu noch die fremden Pokémon, die gehorsam neben oder hinter den Menschen herliefen. Aber über all dem war immer noch der süße Duft, der das Flauschling direkt zu einem ganz bestimmten Laden führte: einem Süßwarengeschäft.

Die Geschichte wurde kurzerhand unterbrochen, als einer der anderen Gäste laut nach der Kellnerin und der Rechnung verlangte. Einige weitere Personen murmelten unruhig und gaben ebenfalls zu verstehen, dass sie zahlen wollten. Die Kellnerin blickte alle finster an, ehe sie sich süßlich lächelnd dem Professor zuwandte: »Erzählen Sie ruhig weiter, ich bekomme das auch während der Arbeit mit. Ich möchte unbedingt wissen, was als nächstes geschieht.«

Dann huschte sie davon, um sich den anderen Gästen zuzuwenden. Der Professor sah ihr ein wenig betrübt hinterher, entschied sich dann aber wirklich dafür, einfach weiterzureden: »Das Flauschling beobachtete die Tür des Ladens so lange, bis es lernte, wie diese funktionierte – und schlich sich dann mit einigen menschlichen Kunden hinein. Inmitten dieses herrlichen Geruchs, umgeben von mehr Süßigkeiten als es jemals essen könnte, fühlte es sich wie im Paradies. Nicht einmal all die bedrohlich großen Menschen oder ihre versklavten Pokémon konnten seine Laune verschlechtern. Es gab nur eine Sache, die alles noch schöner machen könnte: Es musste die Süßigkeiten auch essen. Und so-«

Er unterbrach sich selbst, als mehrere der Gäste, die gerade gezahlt hatten, aufstanden und sich munter unterhaltend auf dem Weg zum Ausgang machten. Dort begegneten sie weiteren Personen, die aber sofort umdrehten, als sie den Professor sahen und das Café wieder verließen. Ihm entging das ebenfalls nicht. Seine Schultern sackten nach unten, als er auf seinen Kaffee hinabsah und entmutigt einen Schluck davon nahm.

Die Kellnerin, die ihn erst so sehr angespornt hatte, diese Geschichte zu erzählen, unterhielt sich gerade mit einem weiteren Gast, während sie diesen abrechnete und bemerkte dadurch seinen Schmerz nicht. Unverzeihlich!

Der Zorn erwachte wieder in Julie, aber diesmal gelang es ihr, ihn in konstruktive Bahnen zu lenken. Er gab ihr den Mut, aufzustehen und zu Professor Platan hinüberzugehen. Er sah nicht einmal auf, als sie neben ihm stand, wahrscheinlich ging er nicht davon aus, dass jemand wirklich mit ihm reden wollte. Dieser Anblick deckte sich überhaupt nicht mit ihrer Erinnerung und diesen Makel wollte sie beheben, entgegen ihrer Schüchternheit. Deswegen trommelte sie jedes Bisschen an Selbstsicherheit in sich zusammen und sprach ihn an: »Verzeihen Sie bitte, Professor …«

»Mhm?« Scheinbar nur widerwillig hob er den Blick und sah sie an.

Kaum konzentrierte er sich auf sie, schien eine Änderung in ihm vorzugehen. Seine Augen weiteten sich ein wenig und begannen wieder zu glitzern. Sie fragte sich, ob er sie erkannte, aber bevor er das ausdrücken konnte, fuhr sie bereits mit ihrem eigenen Thema fort: »Ich würde die Geschichte wirklich gern zu Ende hören. Macht es Ihnen etwas aus, sie weiterzuerzählen?«

»Natürlich, gern!«, rief er enthusiastisch aus und zeigte schon auf einen Stuhl an seinem Tisch. »Bitte setzen Sie sich.«

Das war eigentlich nicht Teil ihres Plans gewesen, aber es erschien ihr unhöflich, sich wieder auf ihren Platz zu setzen und ihm von dort aus weiter zuzuhören. Außerdem wären die anderen Gäste vielleicht auch zufrieden, wenn er etwas leiser weiterreden könnte, weil er die Erzählung auf sie konzentrierte. Deswegen bedeutete sie ihm, nur kurz zu warten, holte ihren Kaffee, sowie ihre Bewerbungsunterlagen, und setzte sich dann wirklich. Obwohl sie es nicht hundertprozentig sehen konnte, war sie davon überzeugt, dass er keine einzige Sekunde den Blick von ihr nahm.

Kaum saß sie, kehrte ihre Schüchternheit wieder zurück, besonders angesichts seines Lächelns. Vielleicht wollte sie es nur glauben, weil es ihr galt, aber sie war überzeugt, dass es nun aufrichtiger war als noch zuvor.

»Bevor ich fortfahre«, sagte er, »darf ich Ihren Namen erfahren?«

»Julie«, antwortete sie sofort.

Er schloss die Augen, ehe er langsam nickte. »Das ist ein schöner Name. Er passt zu Ihnen.«

Bei jedem anderen hätte sie darauf hingewiesen, dass das nur ein glücklicher Zufall war und ihre Eltern ihr diesen Namen ziemlich unüberlegt gegeben hatten. Aber den Professor endlich derart zufrieden zu sehen, entlockte ihr lediglich ein »Mh-hm«, um ihn nicht noch einmal zu deprimieren.

Schließlich öffnete er die Augen wieder und konzentrierte sich vollkommen auf sie. Für einen kurzen Moment erlaubte sie sich sogar den Gedanken, dass es für ihn gerade wirklich nur sie gab – jedenfalls gab er ihr dieses Gefühl allein mit seinem Blick und seiner ganzen Körpersprache, die ihr nun zugewandt war.

»Nun, wo war ich gerade in der Geschichte?« Er dachte kurz nach. »Ach ja~. Das Flauschling stürzte sich gierig auf die verschiedenen Süßigkeiten. Knabberte hier am Karamell, probierte dort einige Bonbons, labte sich an der Schokolade und trank den Sirup, um seinen Durst zu stillen. Doch dieses Verhalten blieb natürlich nicht lange unentdeckt und so wurden bald Kunden und Angestellte des Ladens auf das Flauschling aufmerksam.«

Julie betrachtete Professor Platan eingehend, während er erzählte, wie das Pokémon fliehen musste, um nicht zu einem Sklaven der Menschen zu werden, wie es dachte. Er gestikulierte mit den Händen, während das Flauschling vor den Verkäufern floh, zeigte Anteilnahme, als das Pokémon fast von einem Hunduster erwischt wurde und seine Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung bei der Erwähnung eines Altaria, das die Verfolger von dem armen Flauschling ablenkte.

Endlich wirkte er wieder genauso wie in ihrer Erinnerung, wie jener Mann, der sich die Zeit genommen hatte, ein ihm unbekanntes Mädchen mit seinem scheinbar unendlichen Optimismus aufzumuntern und ihm ein neues Lebensziel zu geben. Ob er sie erkannte? Sich an sie erinnerte? Das zu wissen würde es ihr leichter machen, ihn darauf noch anzusprechen. Aber für den Moment genügte ihr seine Erzählung, die sich langsam dem Ende näherte: »Und gerade als das Flauschling dachte, es gäbe keinen Ausweg mehr, beugte sich das Mädchen zu ihm runter und reichte ihm lächelnd ein Bonbon. Das Mädchen erklärte dem Flauschling, dass es seine Freundin werden wollte und sie noch viel mehr Süßigkeiten bei sich zu Hause hätte, die es ihm gern schenken würde.«

Er hielt kurz in seiner Erzählung inne, schloss die Augen und legte sich nachdenklich eine Hand an sein Kinn. »Kindern erzählt man immer, sie sollen nicht mit Fremden mitgehen, besonders nicht, wenn sie einem Süßigkeiten anbieten. Aber Sie können sich bestimmt denken, was das Flauschling getan hat.«

»Natürlich«, antwortete Julie. »Flauschlinge lieben Zucker über alles.«

Er nickte zufrieden. »Ganz recht. Deswegen ging das Flauschling auch arglos mit dem Mädchen mit. In ihrem Zuhause angekommen, aß das Flauschling nicht nur so viele Süßigkeiten wie möglich, sondern freundete sich auch mit seiner kleinen Retterin an. Und so beschloss es, obwohl es das ursprünglich nicht vorgehabt hatte, bei dem Mädchen in der Stadt zu bleiben. Es wurde nicht versklavt, wie ihm alle immer eingeredet hatten, sondern ein wertvoller Freund, der das Mädchen auch heute immer noch begleitet.«

Ob die Geschichte einen wahren Funken besaß? Es klang ganz danach, aber sie wollte ihn nicht fragen. Schon deswegen, weil er eine Hand auf sein Herz legte und seufzend fortfuhr: »Ergreifend, nicht wahr? So haben sich zwei neue Freunde gefunden.«

»Ich mag Geschichten, die gut ausgehen«, bekundete Julie. »Besonders, wenn ein Flauschling darin vorkommt.«

»Dann war diese Geschichte ja geradezu perfekt. Als wäre unsere Begegnung heute Schicksal gewesen.«

Der Professor zwinkerte ihr zu, was ihr Herz ein wenig schneller schlagen ließ. Das war … irritierend, also ging sie lieber nicht weiter darauf ein.

»Eigentlich wollte ich heute auch zu Ihnen«, sagte sie. »Nur aus diesem Grund bin ich überhaupt in diesem Café.«

Für eine Sekunde wirkte es so, als ob seine Augen noch mehr glitzern würden. Aber das musste sie sich einbilden, das ergab überhaupt keinen Sinn.

»Womit hätte ich Ihren Besuch verdient?«, hakte er nach.

Obwohl das Verlangen danach groß war, erzählte sie ihm nicht von ihrer Begegnung damals und dass er sie aufgefordert hatte, in seinem Labor vorbeizusehen, wenn sie irgendwann Forscherin werden wollte. Ihre Furcht vor einer Entschuldigung, weil er sich nicht daran erinnerte, und ihrer damit einhergehenden Enttäuschung war weiter zu groß. Daher sparte sie sich diesen Teil und reichte ihm ihre Bewerbungsunterlagen. »Ich wollte mich bei Ihnen als Assistentin bewerben. Aber ich habe mich nicht getraut.«

Für einen kurzen furchtbaren Moment befürchtete sie, er würde sie dafür auslachen. Doch stattdessen wirkte er überraschend interessiert. »Oh, wirklich?«

Er nahm ihre Unterlagen an sich und warf sofort einen Blick darauf. Während sie ihn dabei beobachtete, trank Julie noch einmal einen Schluck ihres inzwischen stark abgekühlten Kaffees. Er würde gleich entscheiden, ob er ihre Ausführungen zu seiner Forschungsarbeit – nur kleine Notizen zu Dingen, die ihr besonders ins Auge gestochen waren oder Fragen, bei denen sie den Eindruck hatte, keine klare Antwort in seiner Arbeit bekommen zu haben – als niedliche Spinnerei abtäte oder als wirklich ernstzunehmende Grundlage für die Forschungsassistenz. Sie faltete ihre Hände auf dem Tisch, um nicht vor lauter Nervosität plötzlich mit dem Nagelknabbern anzufangen.

Hin und wieder gab der Professor ein zufriedenes »Ah« oder sogar ein überraschtes »Mhm« von sich. Das war genauso verunsichernd wie die Kellnerin, die am Tisch vorbeilief und Julie dabei einen finsteren Blick zuwarf. Plötzlich wirkte sie nicht mehr so nett wie zuvor.

Schließlich, als sie die Spannung kaum noch aushalten konnte, legte der Professor ihre Unterlagen auf dem Tisch ab, ruhte seine Unterarme darauf und sah Julie lächelnd an. »Das sind wirklich sehr interessante Anmerkungen zu meiner Arbeit. Ich wäre wirklich geehrt, wenn wir uns darüber noch ausführlicher unterhalten könnten.«

Ihre Laune sank augenblicklich in den Keller. Er tat sie zwar nicht als niedliche Spinnerei ab, aber das klang auch nicht danach, als würde er sie einstellen wollen. Es war eben, wie sie gedacht hatte: Es gab viele andere Menschen, die sich bestimmt eher dazu eigneten bei ihm zu arbeiten. Vielleicht waren ihre Gedanken im Endeffekt doch eher … kindlich, wie sie vor ihrem Aufbruch aus Aquarellia befürchtet hatte, im Endeffekt war sie ja auch erst 16. Wenn nur ihr Vater zuerst einen Blick darauf geworfen hätte, statt sich in seinem Arbeitszimmer einzuschließen und sich seinen eigenen Forschungen zu widmen …

Sollte sie sich für seine Zeit bedanken, dieses Angebot ablehnen und gehen, bevor es noch peinlicher wurde? Oder wäre das nur wieder eine Überreaktion gewesen?

Am sanften Lächeln des Professors änderte sich nichts, als er fortfuhr, ehe sie sich entscheiden konnte: »Am leichtesten kämen diese Unterhaltungen natürlich zustande, wenn du – ich darf dich doch duzen, oder? – zustimmen würdest, meine Assistentin zu werden.«

Julies Augen weiteten sich. Hatte sie das gerade richtig gehört? Meinte er das ernst?

»Sie würden mich wirklich einstellen?«, fragte sie.

Er nickte. »So wie ich das sehe, verfügst du über ein großes Potential, das genutzt werden will.«

Sie wollte sich unbedingt darüber freuen, aber ihre Sorge überwog noch ein wenig: »Sie machen sich gerade nicht lustig über mich, oder?«

Schockiert schüttelte er mit dem Kopf. »Natürlich nicht. So etwas käme mir nie in den Sinn.«

Im Grunde machte er diesen Eindruck auch überhaupt nicht, also musste sie sich keine Sorgen machen. Auch wenn ihr das tatsächlich nicht leicht fiel. Sie atmete tief durch, nickte sich selbst noch einmal zu und sah den Professor dann entschlossen an. »In diesem Fall möchte ich gern Ihre Assistentin werden.«

Geradezu kindliche Begeisterung übernahm seine Mimik, als er die Arme ausbreitete. »Dann heiße ich dich herzlich in meinem Team willkommen! Wir werden bestimmt viele aufregende Gespräche führen. Ich kann dir auch meine aktuellen Notizen zeigen, vielleicht fällt dir dazu auch noch etwas ein und ...«

Plötzlich verstummte er wieder und verschränkte nachdenklich die Arme vor der Brust. »Vielleicht sollte ich dich im Vorfeld aber warnen, dass ich schon seit einigen Jahren in einer Sackgasse stecke. Natürlich hoffe ich, diese endlich überwinden zu können, aber du solltest das wissen, bevor du dich entscheidest.«

War er deswegen so deprimiert? Sie fragte lieber nicht – nur für den Fall, dass es doch einen privateren Grund dafür gab – und lächelte ihn stattdessen an. »Meine Entscheidung bleibt. Ich möchte auf jeden Fall bei Ihnen arbeiten. Nur dafür bin ich nach Illumina City gekommen.«

»Wundervoll«, sagte der Professor seufzend. »Das sollten wir auf jeden Fall bei einem Kaffee feiern.«

Schwungvoll hob er seine Tasse, was sie ihm weniger enthusiastisch, aber dennoch glücklich, nachahmte. Sein Lächeln wurde plötzlich derart sanft, dass ihr Herz wieder schneller schlug. Und es wurde nicht besser, als er dann noch etwas hinzufügte: »Ich freue mich schon auf unsere Zusammenarbeit, Julie.«
 

#02: Mama ist echt sauer


 

Als Julie im Nouvaria-Wald ihren Pokémon-Partner gefangen hatte, war es bereits dunkel gewesen. Entsprechend war es, als sie nach Aquarellia zurückkehrte, schon so spät, dass sie niemanden mehr auf den Straßen entdeckte. Auch in den meisten Häusern brannte kein Licht mehr – abgesehen von ihrem Zuhause, das hell erleuchtet war.

Ihr schlechtes Gewissen wollte sie antreiben, sofort hineinzugehen und ihrer Mutter die Sorge zu nehmen, aber die Furcht hielt sie noch zurück. Bestimmt war ihre Mutter auch wütend. Sehr wütend. Wahrscheinlich bekäme sie für immer Hausarrest. Und das zurecht.

Sie sah auf den Pokéball in ihrer Hand hinab. Eine angenehme Wärme ging von ihm aus und beruhigte sie. Selbst wenn sie eingesperrt werden würde, wäre sie nicht allein. Sie müsste nur endlich hineingehen und die Sorge ihrer Mutter beenden.

Nach einem tiefen Durchatmen trat Julie näher zur Tür und öffnete diese. Sofort hörte sie die gedämpfte Stimme ihrer Mutter, die im Wohnzimmer vermutlich gerade auf und ab lief und dabei vor sich hinschimpfte: »Was, wenn ihr irgendetwas passiert ist? Da draußen ist es gefährlich! Sie könnte von einem Pokémon verletzt werden! Oder von jemandem entführt, was, wenn-«

»Jetzt beruhige dich erst mal, Nidia.« Die Stimme ihres Vaters, ruhig wie immer, und doch glaubte sie, etwas Besorgnis mitschwingen zu hören. Hatte sogar er sich Sorgen gemacht? »Ihr ist bestimmt nichts geschehen. Sie kommt sicher bald zurück.«

»Und was, wenn nicht, Arvid?!«, herrschte Nidia ihn an, wobei sie sich bemühte, nicht zu laut zu werden – wahrscheinlich schlief Cecibel bereits und Nidia wollte sie nicht aus Versehen wecken.

Ein leises Schnauben lenkte Julies Aufmerksamkeit auf sich. Sie senkte den Blick und entdeckte Snubbull, der sie finster ansah. Bevor Julie sich bei ihm entschuldigen konnte, weil sie sein versprochenes Leckerli nicht hatte, stieß er ein gedämpftes Bellen aus. Es war leise genug, Cecibel nicht zu wecken – aber laut genug, um ihre Eltern im Wohnzimmer aufmerksam zu machen.

Im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet. Nidia starrte sie an. Auf ihrem Gesicht wechselten mehrere Emotionen – Furcht, Erleichterung, Wut und wieder Erleichterung –, hinter ihr stand Arvid, der hauptsächlich erleichtert wirkte; wahrscheinlich war er einfach froh, dass dieses Thema nun beendet war und er sich wieder seiner Forschung widmen könnte.

Nidia überwand die Distanz zwischen ihnen und umarmte sie, dann wurde ihr aber offenbar wieder bewusst, dass sie eigentlich eher wütend sein müsste. Deswegen löste sie sich wieder von Julie und sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Julie, wo bist du gewesen?!«

Sie entschuldigte sich leise, dann hob sie den Pokéball. »Ich habe ein Pokémon gefangen. Ein Dartiri! Jetzt habe ich auch einen Pokémon-Partner!«

Ihre Mutter betrachtete den Ball einen Moment, ehe sie sich wieder Julie zuwandte. »Ist das etwa wegen diesem Professor?«

Natürlich freute sie sich nicht im Mindesten, damit hatte Julie bereits gerechnet. Aber ihr Widerspruch wurde bereits erstickt: »Du solltest dich doch nicht in Gefahr begeben, nur weil dieser Mann dir ein Pokémon verweigert hat! Was dir alles hätte geschehen können ...!«

Sie erzählte ihr besser nichts von dem Angriff des Hornliu … oder der anderen Pokémon, bevor sie in den Wald gegangen war. Jedenfalls jetzt noch nicht.

»Aber es ist doch nichts geschehen«, wandte Julie ein. »Und jetzt kann ich meine Pokémon-Reise starten! Ohne diesen blöden Professor ...«

Er würde schon sehen, was er davon hatte, sie derart zu unterschätzen. Sie konnte es kaum erwarten, ihm ihren Erfolg unter die Nase zu reiben – mit Stil natürlich, sie wollte ihm ja beweisen, wie viel besser sie war.

Im Moment sah es dafür aber nicht gut aus, denn wie sie erwartet hatte, verfinsterte sich Nidias Gesicht direkt: »Du wirst garantiert keine Pokémon-Reise antreten! Jedenfalls nicht in den nächsten acht Jahren, denn so lange hast du erst mal Hausarrest!«

»Aber Mama-«

Nidia schnitt ihr mit einer Handbewegung zur Treppe hin das Wort ab. »Geh auf dein Zimmer! Du darfst dein Pokémon mitnehmen – aber es sollte sich auch erst einmal daran gewöhnen, denn so schnell kommt ihr beide da nicht mehr raus.«

Julie warf einen um Hilfe heischenden Blick zu ihrem Vater, doch er nickte lediglich. »Hör auf deine Mutter, Julie. Wir reden morgen noch einmal darüber.«

Typisch, er war keine Unterstützung in dieser Sache. Und mit ihrer Mutter zu diskutieren war sinnlos, wie sie aus Erfahrung wusste. Besonders wenn sie so aufgewühlt war wie im Moment. Auch wenn Julie damit gerechnet hatte, dass es so ausgehen würde, frustrierte es sie immens. Leise schnaubend ging sie zur Treppe, worauf Snubbull ihr leise hinterher brummte, weil er weiter kein Leckerli bekommen hatte. Aber nachdem er sie verraten hatte, verdiente er auch keines.

In ihrem Zimmer angekommen, ließ Julie Dartiri wieder aus seinem Pokéball. Neugierig flatterte der Kleine – sie ging jedenfalls davon aus, dass es männlich war, nach allem, was sie gelesen hatte –, auf ihren Schreibtisch, begutachtete dort ihre fein säuberlich gestapelten Schulbücher, ihre wild umherliegenden Stifte und vor allem die Kritzeleien, die sie manchmal machte, wenn ihr langweilig war. Dann wanderte sein Blick über die Fotos an den Wänden, die sie hauptsächlich mit ihren Eltern zeigte, vor allem in besseren Zeiten.

Schließlich wandte er sich ihr zwitschernd zu. Sie verstand nicht, was er sagen wollte, deswegen seufzte sie und brachte ihr eigenes Thema an: »Es tut mir leid, wahrscheinlich werden wir doch nicht auf Reisen gehen können. Mama ist echt sauer.«

Dartiri neigte den Kopf.

»Meistens hält es ziemlich lange. Sie ist nicht gut in dieser ganzen vergeben und vergessen Sache.« Genau wie sie selbst, deswegen machte sie ihrer Mutter keinen Vorwurf. Sie war einfach nur frustriert. »Ich dachte, so lange würde das alles auch gar nicht dauern.«

Sie hatte sich einfach ein wenig überschätzt. Ob der Professor das auch aus ihrem Brief herausgelesen und ihr deswegen kein Pokémon gegeben hatte? Dachte er vielleicht, sie wäre arrogant und bräuchte einen Dämpfer? Vielleicht sollte sie ihn einfach eines Tages fragen, sonst würde das ewig an ihr nagen.

Dartiris Zwitschern riss sie aus ihren Gedanken.

»Es tut mir leid, dass ich dich gar nicht vorgestellt habe. Dabei bist du doch jetzt mein Pokémon-Partner und ...«

Ihre Stimme wurde leiser, während ihr eine Idee kam, die sie scharf die Luft einsaugen ließ. »Das ist die Idee!«

Dartiri neigte den Kopf auf die andere Seite und sah sie fragend an.

»Ich stelle dich Mama vor!«, erklärte Julie aufgeregt. »Wenn sie dich erst mal gesehen hat und weiß, dass du auf mich aufpasst, lässt sie mich vielleicht doch auf Reise gehen!«

Er wirkte noch nicht überzeugt, aber als sie die Hand für ihn ausstreckte, sprang er ohne zu zögern darauf.

Mit neuer Motivation verließ Julie ihr Zimmer wieder und strebte zur Treppe. Doch bevor sie diese hinabging, hörte sie, wie ihre Mutter ihren Namen sagte. Sie hielt sofort inne und reckte den Hals ein wenig, als könne sie dann besser hören, was unten besprochen wurde, ohne dabei gesehen zu werden – da sie selbst nichts sah, dürfte das funktionieren. Sie bedeutete Dartiri, leise zu bleiben, er neigte nur verwirrt den Kopf, sagte aber immerhin wirklich nichts.

»... und ich wusste, dass so etwas geschehen würde«, sagte ihre Mutter gerade, sie klang erschöpft und besorgt. »Selbst mit einer so netten Ablehnung musste das einfach ihren Ärger und ihren Trotz wecken.«

»Julie wird darüber hinwegkommen«, erwiderte ihr Vater. »Im Leben wird sie noch viele Ablehnungen erfahren, es wird Zeit, dass sie lernt, damit zurechtzukommen.«

Sie runzelte darüber ihre Stirn. Das sagte er doch nur, weil sie immer noch wütend auf ihn war – und auch vorhatte, das noch sehr lange zu bleiben.

»Es wird immer schwer für sie sein«, sagte Nidia. »Ich muss das am besten wissen. Aber sie wird darüber hinwegkommen. Oder für immer sauer sein.«

Sie lachte ein wenig humorlos, eigentlich eher traurig. Für einen Moment schwiegen ihre Eltern, Julie wollte sich schon wieder zurückziehen, damit keiner von ihnen doch noch ihr Lauschen bemerkte, aber da machte ihr Vater einen zögerlichen Vorschlag: »Vielleicht solltest du sie wirklich auf diese Reise gehen lassen.«

Ihr Herz schlug augenblicklich aufgeregt schneller. Innerlich flehte sie ihre Mutter an, das zuzulassen, aber sie war natürlich nicht so schnell zu überzeugen: »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Da draußen ist es gefährlich und was, wenn ...«

Sie beendete den Satz nicht, aber allein ihr Tonfall verriet, dass sie Arvid gerade einen vorwurfsvollen Blick schenkte. Er seufzte lautstark. »Ich denke nicht, dass du dir um ihn Sorgen machen musst. Wahrscheinlich ist er froh, dass ich auch nichts mehr von ihm will, da muss er mich nicht extra aufsuchen.«

Julie hatte keine Ahnung um wen es ging. Das musste eines dieser Themen sein, über die man vor Kindern nicht sprach. Wie die Forschungen ihres Vaters.

»Was nichts an der allgemeinen Gefahr ändert«, konterte ihre Mutter sofort.

»In Kalos ist es nicht so gefährlich wie in Paldea«, erwiderte Arvid ungetrübt. »Ich weiß, du warst nie selbst auf einer Reise, aber deine Freunde doch schon. Und sie haben es alle überstanden, oder?«

Nidia murmelte etwas, das Julie nicht verstehen konnte, aber vermutlich gab sie ihm recht; dieses kleinlaute Verhalten sprach auf jeden Fall dafür.

Julie wusste nicht genau, warum genau ihre Mutter nie selbst auf Reisen gewesen war, aber so wie sie Nidia kannte, war sie einfach nicht interessiert genug an Pokémon – bis auf Snubbull hatte sie immerhin auch keines.

»Aber was, wenn ihr etwas passiert?«, fragte Nidia, so leise, dass Julie es kaum hören konnte.

Kurzes Schweigen, dann: »Das wird es schon nicht. Sie ist robust, ehrgeizig, hat jetzt ein Pokémon – und sie verfügt über dein wunderbares Temperament. Wehe dem, der sich ihr in den Weg stellt.«

Nidia sagte darauf erst einmal lange nichts. Dartiri neigte den Kopf ein wenig und blinzelte fragend, blieb aber still, als Julie einen Finger an ihre Lippen legte.

Schließlich seufzte Nidia, ein tiefer Ton voller Resignation. »Ich werde bis morgen noch einmal darüber nachdenken. Glaub bloß nicht, dass du mich schon überzeugt hast.«

Julie hätte vor lauter Freude fast gejuchzt. Dass ihre Mutter noch einmal nachdenken wollte, war noch nie bei einer Strafe oder Entscheidung vorgefallen. Vielleicht hatte sie doch noch eine Chance ...

»Mir ist nur wichtig, dass du noch einmal darüber nachdenkst«, sagte Arvid. »Es wäre tragisch, wenn eure Beziehung sich jetzt auch verschlechtern würde ...«

Bei seinem letzten Satz klang ihr Vater ein wenig traurig. Aber Julie blieb weiterhin stur. Noch hatte er sich ihre Vergebung nicht verdient, das sah er hoffentlich auch ein.

»Es wird langsam Zeit ins Bett zu gehen«, sagte Arvid nach einer kurzen Phase der Stille.

Als Nidia dem zustimmte, zog sich Julie rasch in ihr Zimmer zurück. Erst dort wagte sie es, aufzuatmen, worauf Dartiri fragend zwitscherte.

»Mama wird mir vielleicht erlauben, mit dir auf eine Reise zu gehen~. Ist das nicht großartig?«

Darauf trällerte ihr neuer Partner zufrieden, als verstünde er wirklich, was sie sagte.

»Wir müssen jetzt nur schlafen gehen und ganz fest hoffen, dass Mama mir die Reise wirklich erlaubt.«

Vielleicht würde sie dafür auch keine Sternschnuppe brauchen. Aber das würde sie wohl erst morgen erfahren. Auch wenn ihr das im Moment noch wie eine Ewigkeit vorkam.

 

Am nächsten Morgen fiel es Julie nicht im Mindesten schwer, aus dem Bett zu kommen. Sie wünschte Dartiri, der auf dem Bettrahmen sitzend geschlafen hatte, einen guten Morgen, ehe sie sich rasch anzog und ihn dann bat, sich auf ihre Schulter zu setzen, so dass sie gemeinsam nach unten gehen konnten.

Dort fand sie Nidia zusammen mit Cecibel, die in einer Babyschale schlief, in der Küche. Von Arvid war nichts zu sehen. Aber ihn benötigte Julie gerade auch nicht. Sie gab sich besonders viel Mühe, nicht durchscheinen zu lassen, dass sie das Gespräch mitbekommen hatte, als sie ein »Guten Morgen« an ihre Mutter richtete. Dartiri zwitscherte darauf.

Nidia, die gerade Brötchen aufschnitt, hielt kurz inne, um sich ihr zuzuwenden, scheinbar ein wenig überrascht – vielleicht hätte sie doch so tun sollen, als sei sie noch böse.

»Guten Morgen, Julie«, sagte Nidia, ehe ihr Blick zu Dartiri wanderte. »Das ist wohl dein Pokémon-Partner. Schön, dich kennenzulernen.«

Dartiri streckte die Brust raus und zwitscherte noch einmal.

»Dass es ausgerechnet ein Vogel-Pokémon wird, hätte ich nicht gedacht«, gab Nidia zu. »Aber du bist tatsächlich immer wieder für eine Überraschung gut, genau wie dein Vater.«

Julie verzog ihr Gesicht ein wenig, worauf Nidia schmunzelte. »Nun schau nicht so. Du verdankst es nämlich nur deinem Vater, dass ich noch einmal nachgedacht habe.«

»Oh~?« Julie gab ihr Bestes, überrascht zu wirken – aber Nidias aufmerksamen Blick entging bestimmt dennoch nicht, dass sie nur schauspielerte.

Nichtsdestotrotz fuhr Nidia fort: »Ich habe beschlossen, dich auf diese Reise gehen zu lassen.«

Julie sog bereits die Luft ein, um sich überschwänglich zu bedanken, doch ihre Mutter hob den Zeigefinger, um sie davon abzuhalten: »Unter Bedingungen natürlich! Du meldest dich regelmäßig bei mir. Du gehst nicht mit Fremden mit. Du bist vorsichtig. Und vor allem: Du lässt den Professor in Ruhe.«

Julie nickte zu jedem einzelnen Punkt enthusiastisch, bis auf den letzten, da schnaubte sie empört. »Ich hatte gar nicht vor, ihn auch nur anzusprechen! Ich werde mich anders an ihm rächen.«

Indem sie der nächste Champ wurde und ihm dann nur helfen würde, wenn er sich ausgiebig bei ihr entschuldigte und um ihre Vergebung bat. Im Staub sollte er vor ihr kriechen und-!

»Julie«, unterbrach ihre Mutter ihre Gedanken, »ich sehe dir genau an, dass du gerade etwas nicht sehr Nettes denkst.«

»Unmöglich!«, erwiderte Julie.

Aber Nidia tippte ihr auf die Nase. »Oh doch, ich sehe es dir an der Nasenspitze an, junge Dame.«

Finster runzelte Julie ihre Stirn. Wie verräterisch konnte ihr eigenes Gesicht sein?

»Versprichst du mir das alles?«, nahm Nidia das vorige Gespräch wieder auf.

»Natürlich tue ich das.«

Nidia hob die Hand. »Hoch und heilig?«

Julie hob ebenfalls die Hand. »Hoch und heilig, auf mein Leben und das von Dartiri.«

Als sie seinen Namen erwähnte, breitete er einen Flügel aus und zwitscherte dazu, als wolle er sich diesem Versprechen anschließen. Selbst Nidia musste darüber lächeln. »Dann bin ich zufrieden und erlaube dir, deine Reise zu starten.«

Mit einem glücklichen Laut umarmte Julie ihre Mutter, während sie sich gleichzeitig mehrmals bei ihr bedankte. »Das wirst du nicht bereuen, versprochen.«

Dartiri flatterte von ihrer Schulter und setzte sich auf eine Stuhllehne. Nidia strich Julie lachend über den Rücken. »Das hoffe ich doch. Aber ich hoffe auch, dass du es nicht bereuen wirst. Außerdem solltest du auch deinem Vater dafür danken. Wie gesagt, ohne ihn hätte ich nicht weiter darüber nachgedacht.«

»Ich denke darüber nach«, murmelte Julie gedämpft.

Darauf schob Nidia sie vorsichtig von sich und kniete sich direkt vor sie, um sie ernst anzusehen. »Julie, dein Vater liebt dich und macht sich viele Gedanken um dich. Es würde ihn bestimmt freuen, wenn du endlich wieder normal mit ihm sprechen würdest.«

Dieser Themenwechsel gefiel ihr überhaupt nicht. Genauso wenig wie der ernste Blick ihrer Mutter. Diesem versuchte sie auszuweichen, indem sie ein wenig zur Seite schielte. »Ich werde nach der Reise mit ihm sprechen, ganz bestimmt.«

Darauf lächelte ihre Mutter zum Glück wieder. »Gut, mehr erwarte ich von dir gar nicht.«

Sie erhob sich wieder und fuhr Julie durch das Haar. »Dann lass uns erst mal frühstücken. Da kannst du mir erzählen, wie genau du zu Dartiri gekommen bist. Im Anschluss können wir darüber reden, wie du deine Reise starten wirst.«

»Natürlich, auf jeden Fall«, sagte Julie und setzte sich auf ihren Stuhl, bevor sie zu erzählen begann: »Also angefangen hat es mit diesem Brief, daran erinnerst du dich ja. Aber natürlich lasse ich so etwas nicht auf mir sitzen, also hab ich mich einfach rausgeschlichen.«

Julie konnte nur hoffen, dass die genauen Umstände, wie sie Dartiri getroffen hatte, nicht zu einem Umdenken bei ihrer Mutter führen würden. Aber im Moment war sie viel zu glücklich über die Aussicht, ihre eigene Pokémon-Reise starten zu können – und damit nicht nur dem Professor, sondern auch vor allem sich selbst beweisen zu können, dass sie alles erreichen könnte, wenn sie nur hartnäckig genug war.
 

#03: Sie sollten auch etwas essen


 

Sina und Dexio winkten Julie noch einmal kurz zu, ehe sich der Aufzug schloss. Kaum war sie allein, flatterte ihr Herz wie ein aufgeregtes Dartiri, das man in ihre Brust gesperrt hatte.

Jenseits der Trennwand hörte sie das Klappern von Platans Tastatur, wie er enthusiastisch noch an einer E-Mail arbeitete, die an einen Kollegen gehen sollte.

Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch, in ihre offene Tasche, dort, wo ihre Frischhaltedose darauf wartet, dass sie sie herausholte und Platan brachte. Darin war nur etwas Kleines, eine Leichtigkeit, die selbst für jemanden wie ihn essbar sein sollte. Er müsste es nur annehmen.

Aber dafür müsste sie es ihm erst einmal anbieten. Das war das größere Problem.

Besonders vorsichtig zog sie die Dose heraus, inklusive des Bestecks, als könnte beides ihr einfach so entgleiten, wenn sie nicht aufpasste – oder als könne sie ihre eigene Chancen verderben, wenn Platan zu früh etwas von dem Essen mitbekäme.

Eneco, die zusammengerollt neben der Tasche lag, gähnte herzhaft, ließ sich sonst aber nicht weiter stören. Fiaro beobachtete sie derweil von seiner Stange und nickte ihr aufmunternd zu, als Julie den Blickkontakt mit ihm suchte. Ihr Partner war wie immer auf ihrer Seite, der Wind unter ihren Flügeln … obwohl er natürlich die Flügel hatte.

Sie schmunzelte ein wenig. Vielleicht hatte Platan sie ein wenig zu sehr mit seiner Sprechweise beeinflusst, dass sie jetzt sogar schon derart dachte. Wenn es nach ihr ginge, könnte er ihr auch noch wesentlich mehr erzählen, sie würde ihm stundenlang zuhören.

Als sie in diese Vorstellung abzudriften begann, gab Fiaro ein leises Geräusch von sich, um sie aus diesem Tagtraum herauszuholen.

Mit der Dose in der Hand warf Julie einen Blick um die Trennwand. Platan saß immer noch an seinem Laptop und arbeitete konzentriert. Da sein Tisch an einem Südfenster lag, fiel das Sonnenlicht herein und tauchte ihn in einen derart überirdischen Schein, dass Julies Mund trocken wurde. Er schien geradewegs zu leuchten und durch die Staubpartikel in der Luft lag sogar ein Glitzern um ihn. Es war wie in einem kitschigen Roman.

Julie hassliebte das.

Wie sollte sie sich ihm nähern, wenn er derart überirdisch aussah?

Aber sie hatte den Salat extra für ihn gemacht und er aß sicher wieder nichts, wenn sie ihn nicht darauf hinwies und ihm etwas gab. Sie bräuchte nur noch ein wenig Mut.

Plötzlich hielt Platan inne, dann hob er den Blick von seinem Bildschirm, um sie direkt anzusehen. Mit einem Lächeln, das ihre Knie weich werden ließ. »Alles in Ordnung, Julie?«

Jedes Mal, wenn er ihren Namen sagte, mit dieser sanften Stimme, kam es ihr vor, als würden gleichzeitig die Sterne singen. … Das war auch ziemlich kitschig.

»Möchtest du nicht in die Mittagspause?«, fragte Platan, mit einer Spur von Besorgnis. »Ich mache hier nur ein paar Dinge fertig, dann werde ich auch einen Kaffee trinken.«

Das war glücklicherweise genug, um ihr den letzten notwendigen Stoß zu geben. Ihre Hände verkrampften sich ein wenig um die Dose, aber immerhin gelang es ihr endlich, mit entschlossenen Schritten auf seinen Schreibtisch zuzugehen. »Professor, Sie sollten auch etwas essen.«

»Oh nein«, wehrte er sofort erwartungsgemäß ab, »das ist nicht notwendig. Ich habe vorhin ein Croissant gegessen, ein Kaffee reicht vollkommen.«

Vorhin war schon wieder drei Stunden her.

»Es war kein ganzes Croissant«, widersprach Julie. »Den Großteil haben Sie weggegeben.«

Vielsagend sah Julie zu Mähikel, die in ihrem Korb neben dem Schreibtisch schlief. Sie war bestimmt satt und zufrieden.

Platan schien nach einer weiteren Ausrede zu suchen, diesen leicht besorgten Gesichtsausdruck, bei dem er die Augenbrauen zusammenzog, kannte sie nur zu gut. Aber sie ließ ihm keine Gelegenheit dazu: »Professor, ich mache mir Sorgen um Ihre Gesundheit. Ich weiß, dass Sie denken, Kaffee würde genügen, aber ich fürchte, das kann ich so nicht hinnehmen.«

Für einen kurzen Moment wirkte er fast ertappt, ein schmerzhafter Ausdruck huschte über sein Gesicht, aber er verschwand glücklicherweise schnell wieder und ließ sein Lächeln zurückkehren, auch wenn es etwas gedämpfter wirkte als zuvor.

Und dann überraschte er sie mit seinen nächsten Worten: »Du hast recht.«

Sie blinzelte. »Was?«

Er klappte den Laptop zu und schob ihn sogar ein Stück demonstrativ von sich.

»Du hast recht«, wiederholte er. »Ich sollte wirklich mehr darauf achten, dass ich auch regelmäßig esse, statt nur Kaffee zu trinken.«

Dass er so plötzlich nachgab, überrumpelte sie zwar, aber sie war auch glücklich, dass sie nicht streng werden musste. Am Ende vergraulte sie ihn damit nur. Oder sie wurde gefeuert. Das waren beides gleichermaßen schreckliche Szenarien.

»Ich bin froh, dass Sie das so sehen«, sagte sie und reichte ihm die Dose. »Deswegen habe ich einen Salat für Sie gemacht. Er dürfte gut verträglich für Sie sein. Das Fragiabeeren-Dressing ist auch ein wenig bitter. Ich glaube, Sie werden es mögen.«

Er nahm die Dose dankend an sich. »Ich habe noch nie ein solches Dressing gesehen.«

»Ich auch nicht, deswegen habe ich es selbst gemacht.«

Das überraschte ihn offenbar derart, dass er beim Öffnen der Dose innehielt. »Wirklich? Ich wusste gar nicht, dass du so geschickt beim Kochen bist.«

»Ach, na ja«, murmelte sie etwas überfordert, »wenn man allein lebt, eignet man sich ein wenig an. Zumindest wenn man nicht davon überzeugt ist, nur von Kaffee leben zu können.«

Diesen Seitenhieb konnte sie sich nicht verkneifen. Er nahm ihn glücklicherweise sportlich und zwinkerte ihr nur zu. Ihre Knie drohten direkt unter ihr nachzugeben, also lenkte sie sich rasch ab, indem sie ihm auch das Besteck reichte.

»Du denkst wirklich an alles«, kommentierte er dankbar, als er ihr das Besteck abnahm. »Ich dagegen vergesse sogar das Essen.«

»Nun, wenn Sie wollen, kann ich Ihnen jeden Tag etwas machen«, bot sie an, bevor sie darüber auch nur nachdenken konnte. »A-also nur, wenn Ihnen das Essen schmeckt.«

»Es wird bestimmt wunderbar schmecken.« Er vollführte eine einladende Handbewegung zu dem Stuhl ihm gegenüber. »Setz dich doch. Dann kannst auch sichergehen, dass ich wirklich esse.«

Es klang fast, als hätte er das schon öfter zu jemandem gesagt. Wie gern hätte sie mehr darüber erfahren, aber sie traute sich nicht zu fragen, denn eigentlich stand es ihr nicht zu. Sie war nur seine Assistentin, nicht seine Freundin. Und diese Position würde sie bestimmt auch nie einnehmen.

Sie setzte sich und sah ihn auffordernd an. Das schien ihm zu gefallen und zum Essen anzuregen, denn er nahm sofort etwas von dem Salat auf seine Gabel und schob diese dann mit überragender Eleganz in seinen Mund.

Julie schalt sich ein wenig dafür, dass sie ihn selbst in diesem Moment derart anschmachtete, obwohl es gerade wichtiger war, dass er aß. Aber alles, was er tat, war einfach unbeschreiblich attraktiv in ihren Augen – selbst während er bedächtig kaute.

Dann sah er sie wieder überaus überrascht an. »Das ist wirklich gut. Ich habe noch nie einen derart köstlichen Salat gegessen.«

Es fiel ihr schwer, sich das vorzustellen, wenn sie bedachte, in welchen Restaurants er essen ging und wie weit er bereits gereist war. Aber ausnahmsweise wollte sie das nicht hinterfragen, sie lächelte stattdessen. »Danke. Ich habe gehofft, dass es Ihnen schmecken wird.«

»Aber woher wusstest du, dass ich bittere Dinge mag?«, fragte er, bevor er noch eine Gabel voll Salat probierte und sie erwartungsvoll kauend ansah.

Sie musste ihr begeistertes Seufzen unterdrücken, obwohl sie unbedingt bekunden wollte, wie großartig sie sich fühlte, dass er ausgerechnet ihr Essen zu mögen schien. Aber ihm zu antworten war wichtiger: »So gern wie Sie schwarzen Kaffee ohne Zucker trinken, schien mir gar nichts anderes möglich.«

Wobei das tatsächlich eher die Schlussfolgerung ihrer Mutter gewesen war, aber die erwähnte sie lieber nicht, das hätte den Moment für sie zerstört.

Sie beugte sich ein wenig vor. »Dann habe ich recht?«

»Oh ja, das hast du«, sagte er, ehe er nachdenklich wurde. »Aber alle in Illumina City scheinen zu glauben, dass ich Süßes oder Scharfes mag. Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen.«

Julie hatte da einige Ideen, aber er hätte sie nicht verstanden und sie wollte ihm auch nicht erklären, wie er auf andere Menschen wirkte. Am Ende hätte sie nur preisgeben müssen, was sie über ihn dachte und für ihn empfand. Und das war auf jeden Fall ein Ding der Unmöglichkeit. Jedenfalls im Moment, vielleicht auch für immer. Aber solange sie in seiner Nähe bleiben konnte, war das schon in Ordnung. Sie wollte diesen Effekt, den er auf sie ausübte, noch so lange wie möglich genießen.

Sie hob nur die Schultern ein wenig. »Manche Leute sind wohl nicht so gut in ihrer Einschätzung. Aber sie verbringen auch nicht so viel Zeit mit Ihnen wie ich.«

Dennoch war es immer noch nicht genug Zeit. Jedenfalls nicht für ihre Ansprüche.

»Mir ist auch schon aufgefallen, dass du sehr aufmerksam bist«, sagte Platan. »Nicht nur, weil du bemerkt hast, dass ich zu wenig esse.«

Es benötigte nur ein Zusammenziehen ihrer Brauen, um ihn daran zu erinnern, dass er wirklich weiteressen sollte, was er auch sofort tat. Darauf entspannte sie sich wieder.

»Ich gebe mir einfach nur Mühe, Ihren Erwartungen zu entsprechen, Professor«, sagte sie. »Wenn Sie mir schon diese Chance geben, mich bei Ihnen zu beweisen, möchte ich auch zeigen, dass es nicht umsonst war.«

Er senkte seine Gabel und deutete ein Kopfschütteln an. »Ich wusste von Anfang an, dass du sehr vielversprechend bist. Du musst mir also nichts beweisen.«

Da er aber offenbar selbst ahnte, dass diese Worte nichts an ihren Gefühlen ändern würden, lächelte er einladend und fuhr fort: »Wenn du dich dann aber besser fühlst, wäre es eine Ehre für mich, wenn du fortan immer für mich kochen könntest und wir die Pausen zusammen verbringen würden.«

Julies Herz wollte regelrecht aus ihrer Brust springen. Mit so viel Zuspruch für ihr Essen und sogar diesem Vorschlag hatte sie nicht gerechnet. Er interpretierte ihre Sprachlosigkeit aber wohl anders als sie, denn er fügte gleich noch etwas hinzu: »Damit du sichergehen kannst, dass ich auch wirklich esse. Bestimmt vergesse ich es sonst dennoch, und es würde mir leid tun um das gute Essen, das wäre eine unnötige Verschwendung von Ressourcen.«

Wieder huschte ein trauriger Ausdruck über sein Gesicht – und diesmal verstand sie ihn. Sie wusste genau, an wen er gerade dachte, erahnte aber nicht einmal im Mindesten, was diese Erinnerungen alles beinhalteten. Sie sah nur den deutlich sichtbaren Schmerz über den grausamen Verlust eines Freundes. Egal, wie er sich am Ende verhalten hatte, Platan wollte seinem Freund bestimmt nichts nachtragen. Vielleicht gab er sich ja sogar selbst eine Mitschuld an dem, was geschehen war.

Das alles konnte Julie ihm nicht nehmen, aber eines war ihr zumindest möglich: »Keine Sorge, Professor. Ich werde ab sofort nicht nur für Sie kochen, sondern auch liebend gern darauf achten, dass Sie ausreichend essen.«

Sie lächelte entschlossen, die Hände zu Fäusten geballt. »Das wird eine weitere Methode für mich sein, Sie bei Ihren Forschungen zu unterstützen. Ich werde die beste Assistentin sein, die sie je hatten!«

Das … war vielleicht ein wenig zu viel gewesen. Aber es erzielte den gewünschten Effekt. Platans Gesicht leuchtete regelrecht auf. »Fein, fein! Dann haben wir jetzt also eine Abmachung. Ich bin schon gespannt, was für wundersame Mahlzeiten wir gemeinsam entdecken werden.«

Das war Julie auch. Sie müsste sich auf jeden Fall noch einige Rezepte heraussuchen, damit sie noch öfter erleben könnte, wie engagiert Platan aß. Das setzte er in diesem Moment auch bereits fort, was Julies Herz schneller schlagen ließ.

Sanft lächelnd beobachtete sie ihn beim Essen, mit einem ungewohnt warmen Gefühl in ihrer Brust, das ihr eine bislang unbekannte Zufriedenheit vermittelte. Alles war gut, solange sie mit Professor Platan zusammen war – und deswegen würde sie auf ihn achten, solange es ihr möglich war und er es ihr gestattete.
 


Nachwort zu diesem Kapitel:
Arvid und seine mysteriöse Vergangenheit. (~ ̄▽ ̄)~
Das ist leider ein Thema für eine andere Geschichte. Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (1)

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Von: Kerstin-san
2024-04-29T15:22:52+00:00 29.04.2024 17:22
Hallo,
 
ach wie herzig. Mir tat Platan ja etwas leid, als ein Großteil der Cafékundschaft den Laden räumt, nachdem er anfängt seine Geschichte zu erzählen. Das muss furchtbar verletzend sein, gerade weil er genau weiß, dass es seinetwegen ist und trotzdem hat er noch den Biss, seine Geschichte weiterzuerzählen. Die Geschichte gefiel mir übrigens gut und wenn er nicht jedes Mal die selbe zum Besten gibt, verstehe ich echt nicht, warum die ganzen Leute so genervt waren.
Na ja, mir gings da dann eher wie Julie, ich war total neugierig, wie es weitergeht :)
 
Julies Gedankengänge fand ich sehr nachvollziehbar und dass sie sich anfangs nicht traut ihre Bewerbungsunterlagen abzugeben, weil sie sich für nicht gut genug hält und an sich zweifelt, hat sie mir sehr sympathisch gemacht. Wer kennt es nicht, dass man mal Angst vor der eigenen Courage hat und mit sich hadert? Gott sei Dank ist sie in das Café gegangen, weil sie so am Ende doch noch die Assistentenstelle ergattert hat :)
 
Liebe Grüße
Kerstin
Antwort von:  Flordelis
30.04.2024 01:04
Danke für deinen Kommentar. =D
Ich freue mich total, dass Julie nachvollziehbar und sympathisch scheint, manchmal mache ich mir bei ihr Sorgen, dass ich ein wenig übers Ziel hinausschieße mit ihr. ^^;

Laut einem NPC im Spiel ist es wohl Platans "Ding", in Cafés zu gehen und dort Wildfremden irgendwelche Geschichten über Pokémon zu erzählen. Zu seinem Pech waren an diesem Tag fast nur Leute im Café, die von dieser Eigenart genervt sind und er hatte ohnehin schon einen schlechten Tag, da kam alles zusammen und hat ihn deprimiert. Gibt bestimmt auch bessere Tage für ihn. :,D
... Ab sofort kann er Julie immer alle Geschichten erzählen, dann hat er nicht mehr das Bedürfnis, das ganze Café zu unterhalten. ^^

LG


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