Einladung
Es ist der 09. Juni anno 99 zur Mittagszeit und wie jedes verdammte Jahr verstecke ich mich vor einem aufdringlichen Boten, der glaubt, mir einen Geburtstagsgruß meines, sagen wir, zweiten Vaters aufdrängen zu müssen. Diesmal habe ich mich in ein abgetragenes Kleid geschmissen, das ich im Saustall meiner Freundin Shine gefunden habe und tue so, als ob ich mich mit den anderen um die jungen Kartoffelpflanzen auf unserem Acker kümmern würde. Der stinkende Dunst ist heute nicht so dicht wie sonst, wohl aber immer noch giftig für Menschen, für die wir uns auf dem Feld abschuften. Durch den Nebel hindurch kann ich weit genug sehen, um Silhouetten von uralten Häuserruinen einer fünf Kilometer entfernten Stadt erkennen zu können.
Mike und Nicky grüßen mich, wohl wegen meines heute doch eher ungewöhnlichen Aufzugs, verdutzt, aber gewohnt freundlich. Gehe ich mit dem rosa Dress und meinen halblangen Haaren etwa nicht als stämmiges Mädchen durch?
Ich grinse die beiden an und erkenne unter ihren locker übergezogenen Kapuzen ein verkniffenes Schmunzeln. Jaja, versteckt euch ruhig, ihr Angsthasen. So lichtempfindlich, dass uns die Sonne durch den Nebel hindurch verbrennt, könnt ihr gar nicht sein. Vermutlich ist das der Schutzinstinkt der Alten. Ich sag nur brösel, brösel, wenn uns Sonnenschein direkt trifft - angeblich jedenfalls. Ich kann mich in Vampis, die vor der Zeitenwende geboren wurden, total schlecht hineinversetzen.
Ich habe kaum zwei Reihen von Unkraut befreit, das den Kartoffeln unser mühsam hierher befördertes Wasser wegsäuft, da bemerke ich die Annäherung des Grauens. Eine Botin in Anzug und Krawatte, ebenfalls ohne Lichtschutz, marschiert geradewegs quer übers Feld auf mich zu.
Na spitze!
Eigentlich bin ich ein nachsichtiger Typ, aber dass sie einfach rücksichtslos über unsere Pflanzen trampelt, geht ja mal gar nicht. Haben Städter keine Manieren? Sie versinkt mit ihren Schickimicki Absätzen im lockeren Erdboden und schaufelt damit einige Jungpflanzen heraus. Argh!
Mike und Nicky starren sie nur doof an und dann mich, als wäre ich dafür zuständig, der Tante die Löffel lang zu ziehen.
“River Lucard?!”, brüllt sie ungeduldig in meine Richtung. Ach, Kacke! Fehlende Kapuze und Glotzparade hin oder her! Wie kommt die Gute darauf, einen Vampirprinzen bei der Feldarbeit in Frauenkleidern antreffen zu können, Bitteschön? Hab ich ‘nen Tracker, oder sowas?
“Jo”, antworte ich mit gekräuselten Lippen. “Und jetzt, runter vom Feld, aber dalli!”
Sie ignoriert meinen Rüffel, streckt ihr Patschehändchen in meine Richtung aus, in der sie einen versiegelten Brief hält. “Herzlichen Glückwunsch zum 20. Geburtstag, Hoheit. Der hier ist für Euch, mit den allerbesten Grüßen.”
“Meine Antwort ist und bleibt Nein”, blaffe ich der businessmäßig gekleideten Tante entgegen. “Nein, verdammt nocheins.”
Sie zwingt sich ein eklig gekünsteltes Lächeln heraus. Bäh!
“Bitte, River. Euer Vater ist untröstlich, wenn Ihr erneut ablehnt. Überlegt es Euch. Lasst Euch gern von Eurem Ziehvater begleiten.”
Von meinem was?! Geht's noch?
“Alter Verwalter! Wenn einer den Titel Vater nicht verdient hat, dann der Absender dieses Papierfetzens. Euer Despot hat mich ja nicht mal gezeugt, sondern nur konvertiert. Wie verblendet seid ihr Loyalisten eigentlich? Pflügt hier querfeldein über einen bestellten Acker! Also echt! ”
Sie verbeugt sich tief.
“Verzeiht, Hoheit. Er ist dennoch ebenfalls Euer Vater.”
“Tss”, blaffe ich ihr entgegen und reiße ihr den Brief aus der Hand, damit sie sich endlich vom Acker macht, im doppelten Sinne.
“Sag mal, spinnst du?!”, keift es vom Feldweg aus. Ich sehe langes, weißblondes Haar und erkenne Shines liebliches Gekreische. Ich lasse die ignorante Botin stehen und laufe vorsichtig zwischen den Jungpflanzen zu meiner Freundin, die ein übellauniges Gesicht zieht. Merkwürdigerweise fixiert sie mich, anstatt die fleischgewordene Dystopie hinter mir.
“Shine, meine Hübsche! Hast du nach mir gesucht, um mir zum Geburtstag zu gratulieren?”, strahle ich sie an. Bei ihr angekommen, greift sie sich einen meiner rosa Rüschenärmel mit ihren rauhen Arbeiterhänden, dabei ist sie in Wahrheit eine ausgebüchste Prinzessin, der man eine reine Schreibtischtätigkeit nicht übelnehmen würde. Die Gute packt aber viel lieber ordentlich mit an.
“Ursprünglich mal, aber, Schnucki, was stimmt nur mit dir nicht? Hast du eine Ahnung, was du da anhast?”
Ich schaue an mir herab. Meine stramme Männerbrust wird eingeschnürt von einem etwas zu engen Gummizug am Ausschnitt des altrosa farbenen Kleides. Die Falten des Rockes hängen hübsch bis über meine athletischen Beine. Alles schick. Kaum Schmutz dran.
“River, das ist Tears altes Präsentations-Kleid. Eine der wenigen Sachen, die sie noch von früher hat."
Meine Augen weiten sich. “Scheiße, dein Ernst? Was hatte das dann in deinem Saustall zu suchen!? Wenn sie das sieht, dann …! Sie wird mich hassen! Meine Welt geht unter!”
“Hoffentlich”, blafft mir Shine, vielleicht ein bisschen eifersüchtig, entgegen und läuft schnellen Schrittes in Richtung Bunker. Ich folge ihr schuldbewusst. Shine ist meine beste Freundin, aber Tear … oh, meine Tear ist eine ganz besondere Frau. Sie ist ultra süß, lieb, hat durchdachte Meinungen, die sie aber leider nur zurückhaltend von sich gibt, eigentlich sogar scheu. Ein bisschen depressiv ist sie vielleicht auch, gebeutelt von ihrer Vergangenheit als Mensch, oder treffender als Sklavin. Außerdem ist sie ängstlicher, als eine Augenweide wie sie sein sollte und, naja, ein bisschen Schizophren ist sie wohl auch. Aber das macht nichts. Sie ist einfach toll, Punkt, aus. Und wie sie duftet … hmm.
“... dann wird sie es gar nicht bemerken, wenn du Glück hast”, führt Shine ihre Erklärung zu Ende, von der ich, wegen meiner gedanklichen Schwärmerei, nicht wirklich etwas mitbekommen habe. Sie bleibt mitten auf dem Feldweg stehen und schnippt laut direkt vor meinen Augen mit ihren Fingern.
“Huhu, jemand zu Hause bei dir? Hat mir das winzige Äffchen in deinem Köpfchen zugehört?”
Eine warme Sommerbrise fährt mir erfrischend durch den Rock. Das ist angenehmer, als ich dachte. Shine stöhnt genervt auf.
“Du kriegst ohne mich sowieso nichts auf die Kette. Hör jetzt zu! Du wartest draußen, ich hol dir Klamotten und einen Rucksack aus deinem Zimmer, klar!?”
“Hmhm”, bestätige ich. Sie stöhnt erneut und erhöht das Tempo. Es dauert keine Minute, bis wir am teils über-, teils unterirdischen Hauptbunker angekommen sind. Er ist von Feldern umrahmt, die als Nahrungsquelle für unsere Nahrungsquellen dienen. Weitere Bunker sind von hier aus in Sichtweite. Menschen und Vampire leben gemeinsam darin. Wir brauchen sie, so wie sie uns brauchen. Ein symbiotisches Beisammensein - solange die Luft giftig für Menschen ist, tauschen wir quasi Lebensmittel aus. Das läuft halbwegs friedlich ab. In unserem Refugium zumindest, und das ganz ohne Erpresser-Methoden.
Shine öffnet die erste stählerne Schleusentür, verschwindet dahinter und lässt mich mit diesem blöden versiegelten Brief meines, in Anführungszeichen, Vaters allein zurück. Ich lehne mich gegen den Stahlbeton neben der Metalltür und breche das unsauber gestempelte rote Wachssiegel, auf dem mit Mühe ein Drachen erkennbar ist. Ich hole den gefalteten Brief aus dem dicken Papier heraus, der eine krakelig handgeschriebene Schreibschrift trägt. Ich bin mir fast sicher, dass mein Vater das analoge Schreiben hasst. Pech für ihn, dass ich seine digitale Spionage-Technik ablehne. Technik mag ich nur, wenn sie rein mechanisch ist, wenn sie also keinen Mikrochip enthält. Dann mag ich sie zugegebenermaßen sogar sehr. Wie jedes Jahr klebt einer dieser blöden digitalen Computer-Chips unten auf dem Brief, eingeschweißt in ein durchsichtiges Tütchen. Ich ignoriere ihn und lese.
“Mein Sohn,” startet der Brief und mir kommt die Galle hoch. Ich überfliege den zwei Seiten langen Text voller Gelaber darüber, wie sich das letzte Jahr für die Loyalisten entwickelt hat. Es liest sich wie eine öffentliche Erklärung an seine Untertanen. Dabei spart er natürlich nicht an Lob für sich selbst und seine Taten. Er schreibt, er hätte in meinem Alter bereits die Loyalisten angeführt. Schön für ihn.
“Fühl dich nicht schuldig am Schicksal deiner Mutter, bla bla …” Das schreibt er jedes Mal, dabei empfinde ich gar kein Schuldgefühl. Wiederholt er es vielleicht nur deshalb immer wieder, um mir welches einzureden? Ich werde nicht schlau daraus. Die letzten Zeilen lese ich mehrmals.
“Du sollst die ganze Wahrheit erfahren, über deine Mutter. Eine Wahrheit, die dir Alexander und Magna nicht erzählen können.” Das ist neu.
Was soll es schon sein, das Papa und Großmutter nicht über meine Mutter wissen sollen? Immerhin hat Mag meine Mutter konvertiert und sie als eigenes Kind angenommen. Hm, Moment, Denkfehler. Mein Konvertierer bezeichnet sich auch als mein Vater, weil er mir ein paar Gene weitergegeben hat, aber er kennt mich quasi überhaupt nicht. Wieso sollte Mag mehr über meine Mutter wissen als er über mich?
Ach, ist doch auch egal! Wichtige Dinge hätten mir Papa und Mag sowieso nicht verheimlicht. Blöd ist nur, dass ich jetzt trotzdem ins Grübeln gekommen bin.
Ich kenne meinen Konvertierer. Mir wurde alles über ihn erzählt, was es zu wissen gibt. Sein voller Name lautet Robert-Valentin Lucard. Er ist das jüngste von vier Kindern des Urvampirs. Das heißt, er ist Mags kleiner Bruder und war schon vor der neuen Zeitrechnung König über das loyale Volk der Vampire.
Menschen zwingt er, uns als Arbeiter und Nahrungsquelle unter pyramidenförmigen Kuppeln zu dienen, die sie weder verlassen können noch dürfen. Er ist ein einsamer und, meiner Meinung nach, total verbitterter Tyrann, der seine Macht skrupellos auskostet. Er ist ein Schurke durch und durch. Wenn ich zu ihm gehe, sperrt er mich womöglich ein, oder tut sonst was. Nein, danke, da bleibe ich lieber hier im autonomen Refugium, wo die Welt noch in Ordnung ist.
Ich schrecke zusammen, als vor mir ein blauer Rucksack auf dem schmalen Betonstreifen auftaucht. Shine grinst mich an.
“Happy Birthday, River.”
Ich versuche mich hinzuhocken, ohne den Rock schmutzig zu machen. Gar nicht so einfach. Dann öffne ich den Rucksack. Darin finde ich ein weißes Shirt und eine graue Hose von mir und … Kann das wirklich sein? … einen Kondensator. Aber nicht irgendeinen, genau den, den ich für die Reparatur meines kaputten Motorrads brauchte und der nicht aufzutreiben war. Das gibt’s nicht. Der absolute Hammer!
“Mein Sonnen-Shine”, rufe ich, springe auf und falle meiner Gönnerin um den Hals. “Licht meines Lebens!”
“Jaja”, wimmelt sie mich ab und dreht sich seitlich von mir weg. “Als ob ich nicht wüsste, was du noch brauchst. Zieh dich jetzt um!”
“Dich brauche ich, mein Traum von einer schillernden Gorilla-Dame”, trällere ich.
Sie verkneift sich ein Lächeln. “Klappe jetzt, Nichtskönner! Nicht mal verstecken kannst du dich ordentlich. Irgendwo tief im Bunker hätte die Botin ewig nach dir gesucht, aber du musstest dich mit der dümmsten Verkleidung überhaupt vor die Tür stellen.”
Hm, auch wieder wahr. Eigentlich wollte ich beobachten, wie blöd sich der Bote dabei anstellt, mich zu suchen und irgendwie ist mir das auch geglückt. Stapft der einfach übers Feld - also echt!
Ich ziehe mich so um, dass mich Shine beobachten könnte, aber sie tut es nicht. Bedauerlich. “Du weißt doch genau, wie ich aussehe”, spiele ich auf unsere kurze Zeit als Pärchen an.
“Mein drei Jahre altes Trauma”, kontert sie. “Ich versuche, es verzweifelt aus meinem Gedächtnis zu löschen.”
“Oooder wir frischen es auf”, entgegne ich und erhalte dafür einen saftigen Klaps auf den Hinterkopf von ihr. "Brutale Gorilla-Dame.”
Geschenke
Shine und ich gehen durch zwei schwere Stahltüren in den Hauptbunker hinein. Das ohnehin schon fahle Licht fällt durch kleine Fenster aus dickem Panzerglas in die teilweise unterirdisch liegende Halle. Links und rechts befinden sich kleine Verkaufsstände, an denen Kleidung, Haushaltsmittel und anderer Kram angeboten wird, den man nicht mit Geld kaufen muss, naja, und es auch gar nicht kann. Antrag stellen, bewilligt bekommen, Ware abholen. So läuft das bei uns.
Papa und meine Großmutter Mag haben mit Shattered Sky einen autonomen Mikrostaat errichtet, der nicht auf einem kapitalistischen System beruht. Das unterscheidet ihn von allen anderen bekannten Städten in der Außenwelt. Bei uns herrschen weder König noch Geld. Unser aller Lord ist ein altbekanntes Monster namens Bürokratie.
Über die Geldwirtschaft hört man ja wirklich nur Schlechtes, aber unser System ist auch kaputt. Über jeden Bürger, egal ob Mensch oder Vampir, wird penibel Buch geführt. Hast du keinen bewilligten Antrag, kannst du abtraben. Man könnte nun annehmen, dass Shine und ich als Familienmitglieder der zwei Obermuftis ein paar Sonderrechte einstreichen könnten, aber falsch gedacht! Wir haben Vorbildfunktion, ob wir wollen oder nicht.
Auch über uns wird Buch geführt, über jeden Schritt, den wir machen, jede Blutration, die wir schlürfen. Meine Herzensdame Tear hat viele dieser bürokratischen Aufgaben übernommen, als sie zu uns kam. Ihr liegt Zettelwirtschaft mehr als uns.
Die meisten Leute leben im Erdgeschoss des Bunkers, gearbeitet wird in den Etagen darunter. Technologie gibt es wenig - Licht, fließendes Wasser, Belüftung betrieben mit zugeteiltem Strom für industrielle Anlagen in den Untergeschossen. Die kenne ich ziemlich gut und kann die meisten davon sogar instand halten.
Natürlich kennen wir bei weitem nicht jeden Bürger des Refugiums, aber jeder hier kennt uns und grüßt uns in der Regel auch, egal wohin wir gehen - hallo, hi, guten Tag.
Wir grüßen Kate vom Blumengeschäft, Mika und Nod vom Klamottenladen, Lenny von der Drogerie und so weiter. So ist das hier schon immer gewesen. Shine, die seit etwa zehn Jahren bei uns ist, war davon nicht sonderlich überrascht. Als Prinzessin war sie in ihrer Heimatstadt wahrscheinlich ähnlich prominent.
Weit gehen müssen wir nicht, da sich das Separee, in dem Shine, Mag, Papa und ich leben, gleich hinter den Geschäften befindet. Meine Großmutter Mag und mein Papa Alexander sind ein super Team. Sie halten den großen Laden namens Shattered Sky bravourös zusammen. Das Refugium kann den Leuten nicht viel bieten, aber sie wirken zufrieden damit. Aufstände gibt es hier keine, dafür ein friedliches, eintöniges und farbloses Leben …
Shine läuft voraus und reißt unsere Wohnungstür schwungvoll auf. Ich sehe unser bescheidenes Wohnzimmer mit dem gut gepflegten Holztisch und den vier gepolsterten Stühlen, von denen gerade meine engste Familie aufsteht.
“Da bist du ja! Glückwunsch, Riv!”, empfängt mich Mag und umarmt mich überschwänglich. Ihre blonde Bobfrisur fliegt mir voll ins Gesicht, deshalb huste ich ein “Danke”.
Meine Großmutter ist einige hundert Jahre alt und wird respektiert wie sonst niemand. Das liegt vielleicht an ihrer hochwürdigen Aura und ihrem vereinnahmenden Lächeln. Obendrein ist sie eine Augenweide. Als sie mich loslässt, ist es Papa, der mich an sich drückt. Auch seine pechschwarze Mähne fliegt mir halb in den Mund. Ekelhaft!
“Hab dich auch lieb”, bedanke ich mich, seine Haare aus meinem Mund pustend. Er packt mich an den Schultern, schiebt mich ruckartig von sich, hält mich aber weiter fest.
“Was für ein hübscher Mann aus dir geworden ist”, grinst er mich stolz an.
Das bringt Mag dazu, laut aufzulachen. “Lex, dein Sohn ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten!”
“Genau, sag ich doch”, bestätigt er. Das wiederum bringt alle zum Lachen, aber recht hat Mag allemal. Meine Haarfarbe soll mit einem Rotbraun exakt die meiner Mutter sein und meine Augen eine Mischung aus dem Royalblau meiner Mutter und seinem Grasgrün. Die schmale Gesichtsform mit dem etwas markanterem Kinn und den auffälligen Wangenknochen habe ich dagegen eindeutig von ihm. Ab und zu werde ich deshalb mit Alexander angesprochen, also dem Namen meines Vaters.
“Ich dachte mir”, droht Papa ankündigend. “Nachdem du meine E-Gitarre letzte Woche repariert hast, freust du dich am meisten über ein Geburtrags-Ständchen von mir. Das wird ein unvergesslicher Live-Auftritt.”
“Du verarschst mich”, ist alles, was ich raus bekomme, bevor er sich seine schwarzweiß glänzende Gitarre greift und beginnt, die Saiten zum Schwingen zu bringen. Strom und Verstärker sind angeschlossen und funktionstüchtig, leider. Was habe ich nur getan!?
Der Riff zu Beginn ist noch ganz nett, aber dann fängt Papa an, sowas Ähnliches wie zu singen. Ein merkwürdiges Grunzen trifft es eher. “Happy Birthday, my lovely son”, höre ich zwischen unverständlichen rauen Tönen heraus.
Shine kommt von hinter mir gesprungen, hebt ihre Hände, an denen sie nur den Zeige- und kleinen Finger ausstreckt, und schmeißt ihre weißblonden langen Haare vor ihr hübsches Gesicht. In einer Gesangspause werfen Papa und sie ihre langen Mähnen im Duett hin und her. Hilflos blicke ich zu Mag, die mich begeistert anlächelt. Ich frage gar nicht erst, warum Papa nicht Klavier spielt. Das hätte mir nämlich tatsächlich gefallen können. Stattdessen warte ich die paar Minuten privates Metal Konzert brav ab.
Die letzten Saiten schwingen auf der Gitarre nach, als Mag anfängt, herzlich zu applaudieren. Mir klingeln die Ohren. Das war der Horror! Papa und Shine grölen noch einmal halb außer Atem “Happy Birthday!” Ich nicke dankend.
Dass man das alles im halben Hauptbunker gehört haben muss, ist mir mega peinlich, wobei das auch sein Gutes hat. Nun wissen wenigstens alle Bescheid, auch die Verpeilten. Der Gedanke lässt mich selbstzufrieden grinsen. Ja, genau, euer Prinz hat Geburtstag.
Nun höre ich es von hinter der Wohnungstür aus vielen Händen applaudieren. Ich öffne die Wohnungstür und staune nicht schlecht über die kleine Traube von Leuten, die sich davor gebildet hat. Sie gratulieren mir und ich bedanke mich. Das fühlt sich irgendwie verdammt gut an.
Zwischen den Leuten erspähe ich die Person, auf deren Gratulation ich mich am meisten freue, die meiner geliebten, süßen Tear. Leider kommt sie zwischen all den Leuten so offensiv hervorgehüpft, dass ich Schlimmes ahne. “River, Hase!”, ruft sie, nimmt ihre braune Filzmütze ab und springt mir schwungvoll um den Hals. “Alles Gute auch von mir!”
Ich bedanke mich, aber bleibe verhalten. Aus meiner Freude wird Beklemmung, die mir in der Brust schmerzt. Ach, mein armes süßes Tränchen …
Sie lässt locker, will aber nicht loslassen. Ich nehme meine Freundin mit in die Wohnung und schließe die Tür mit beschwichtigenden Gesten. Die neugierigen Blicke der Leute hätte ich somit endgültig aus unserer Wohnung ausgesperrt.
“Ich freue mich ja so!”, quiekt Tear fröhlich. “Ich hab was ganz Tolles für dich!”
Ich sehe, wie sich Papa die verwirbelten Haare richtet und betroffen einen Namen flüstert. “Sari …”
Shine läuft zu ihrer Freundin Tear, zieht sie von mir weg und nimmt sie ihrerseits fest in die Arme.
“Ist schon gut, Tear. Reg dich nicht auf.”
Kaum ausgesprochen, sinkt die eben noch so überdrehte junge Frau schweigend in Shines Armen zusammen. Ich lasse die beiden gemeinsam in Shines Zimmer gehen, ohne dass ich Tears Gesicht zu sehen bekomme. Ach Mann, wenn ich ihr doch helfen könnte …
“Lassen wir sie eine Weile in Ruhe”, empfiehlt Mag. Wir setzen uns an den Tisch, auf den ich klangvoll den Brief meines Konvertierers klatsche. Die Stimmung ist ohnehin im Keller.
“Seit fünf Jahren in Folge”, blaffe ich. Mag lächelt mich weich an. “Riv, wenn du willst, dass es aufhört, dann geh hin!”
Pff, klar sagt sie das. Sie ist parteiisch, wenn's um ihren kleinen Bruder geht. Ich sehe zu Papa, der betrübter nicht aussehen könnte. Viele Jahrzehnte war er engster Berater und Freund meines Konvertierers. Nach dem Erhalt des ersten Briefes erzählte er mir die Geschichte meiner Eltern.
Meine Mutter Ellys war die Vampirkönigin und er, mein Papa, war der allseits beliebte Freund mit gewissen Vorzügen. Die beiden haben jedenfalls Knick Knack und ich entstand. Warum auch immer kam ich als Halbvampir auf die Welt, der es nicht lange gemacht hätte, aber anstatt mich kleinen kranken Bastard zu verstoßen, konvertierte mich der Vampirkönig zum Vollvampir und erkannte mich auch noch als seinen Sohn an.
Total schräg, denn das macht ihn zu meinem zweiten Vater. Anfangs war wohl geplant, dass alle zusammen bleiben, aber nach dem Tod meiner Mutter ein paar Monate später, verstieß mich der König mitsamt meinem Erzeuger. Ich vermute ja, dass mir mein royaler zweiter Vater die Schuld für Mutters Tod gab. Papa floh dann mit mir, dem Kuckuckskind, in Mags Refugium, abseits des loyalen Einflussbereichs.
Tja, so war das.
Ich beobachte Papas Reaktion, um herauszufinden, was er von der Sache hält. Von ihm kommt rein gar nichts. Er starrt einfach ins Leere und schweigt. Früher sagte er immer, ich müsse selbst wissen, was ich will, aber diesmal wirkt er unsicher. Ich muss ihn ansprechen, damit er mit der Sprache rausrückt, nur leider gefällt mir seine Antwort nicht.
“Shit, sorry, River, aber so langsam solltest du nachgeben. Du kannst dich nicht ewig vor ihm verkriechen. Rova ist ‘n besserer Kerl als du denkst.”
Rova, … das ist Robert-Valentins Kosename … Ich stöhne. Warum versteht mich hier eigentlich keiner?
“Meine Fresse, dieser ach so dufte Kerl hat uns beide rausgeworfen! Mann, ey! Das einzige, was ich von dem will, ist meine Ruhe”, blaffe ich, kralle mir den Brief, stehe vom Tisch auf und gehe. Dabei bemerke ich, dass ich nicht mein Zimmer anvisiere, sondern Shines. Vielleicht mache ich das, weil Shine ebenfalls ein flüchtiger Adelssprössling ist.
Sie ist Mags Großnichte, die es, genauso wie ich, nicht in diesem illustren Zwangsregime ausgehalten hat. Ich klopfe an ihre Tür und trete in das unordentliche Zimmer ein. Auf dem Bett, dem Stuhl, auf dem Fußboden, auf dem kleinen Schreibtisch, überall liegen farbenfrohe Klamotten, nur das Kleid nicht mehr, das ich heute Morgen stibitzt habe.
Es duftet nach Tears Tränen. Das Wortspiel ist kein Zufall. Tear hat sich diesen Namen nämlich passenderweise selbst gegeben, nachdem sie zu uns kam. Allerdings hat sie sich nun bereits wieder gefangen, sitzt mit Shine auf dem Bett und betrachtet mich scheu von unten. Für mich ist sie die hübscheste Frau der Welt, auch wenn sie es durch einen Kurzhaarschnitt zu verbergen versucht. Null Chance, du wunderhübsches Ding!
“Geht schon wieder”, flüstert sie und greift sich dabei in ihre graue Jackentasche. “Ich habe etwas für dich, aber bitte nicht falsch verstehen.”
Während sie eine kleine Schatulle herausholt, denke ich darüber nach, was ich wohl falsch verstehen könnte. Nun bin ich noch neugieriger. Zögerlich reicht sie mir die Hand mit der Schatulle. Ich nehme sie ihr ein bisschen zu ungeduldig ab und klappe sie auf.
“Vorsichtig …”, höre ich von Tear, als mich ein filigranes Schmuckstück anfunkelt. Was zur … !
Ich sehe einen schmalen Damenring mit zwei kleinen blauen Steinchen und einer leeren Steichenhalterung. Heftig, denn wenn ich mich nicht irre, besteht dieses kleine Schmuckstück aus einem verbotenen Material. Das würde auch den fehlenden Stein erklären. Diesen Ring kann man unmöglich zu einem Juwelier schaffen.
Das war es, was ich nicht falsch verstehen sollte. Haha, jetzt erst recht, mein hübsches Tränchen.
“Ja, ich will”, hauche ich in Tears Richtung, woraufhin sie scheu zur Seite blickt. Ich erkenne ein kleines süßes Lächeln auf ihren Lippen.
“Irre, dieses Material ist ja noch seltener als der Kondensator, den ich beschafft habe!”, staunt Shine und übergeht meinen Scherz damit. Ich nehme den Ring heraus. Er brennt nicht auf meiner Haut. Entweder besteht er aus einem anderen Material, oder ich bin tatsächlich resistent.
Shine betrachtet den Ring, der nun auf meiner Handfläche liegt, mit großen Augen.
“Darf ich ihn anfassen?”, fragt sie. Ich nicke und greife mit der freien Hand an meinen Gürtel.
“Den Ring, du Blödmann!”, schnauzt sie. Nach einer kurzen Berührung des Rings zuckt sie weg.
“Eindeutig Silber”, haucht sie verblüfft.
Papa bezeichnet Silber als unser Kryptonit, was auch immer das heißen soll. Es ist das einzige Material, mit dem man Vampire mit Leichtigkeit töten kann. Alle, außer mich, wie es aussieht, denn ich reagiere überhaupt nicht darauf, obwohl ich ein vollwertiger Vampir sein müsste. Mit der Konvertierung hat das nichts zu tun. Tear ist schließlich auch konvertiert und reagiert ganz normal auf Silber. Ich bin nicht normal. Noch verrückter ist, dass ich die Handfläche umdrehen und leicht schütteln kann und der Ring daran kleben bleibt. Wie geht das?
“Gibt ja doch was, das du kannst”, kichert Shine. “Auch wenn es absolut nutzlos ist.”
“Find ich nicht”, murmelt Tear, der ich für das ausgefallene Geschenk danke.
“Bist die Beste, Tear. Wollen wir nicht mal zusammen ausgehen?”
Kaum ausgesprochen, wird die Luft im Raum dicker. Shines lodernder Blick gilt mir. Das ist nichts Neues. “Du lässt die Pfoten von ihr!”
Ich hebe die Augenbrauen und grinse. “Weil ich lieber mit dir ausgehen soll?”
“Widerling!”, keift sie. Irgendwas habe ich bei ihr gehörig vermasselt. Warum sonst sollte sie Tear so gluckenhaft vor mir beschützen wollen. Sie ist meine beste Freundin, aber darüber, wo ihr Problem mit einer Beziehung mit mir liegt, will sie mir leider nichts verraten. Das steht unangenehm zwischen uns. Tear selbst äußert sich auch nicht dazu. Ich wechsle das Thema.
“Auch für dich zur Info, Tear. Ich habe wieder eine Einladung vom Obermotz erhalten. Wegen seines Terrors vergeht mir noch die Lust auf Geburtstage. Voll nervig.”
Tear setzt sich ihre braune Mütze wieder auf den Kopf und antwortet gefasst, aber leise: “Schreib ihm doch, dass er damit aufhören soll.”
“Oder repariere das Motorrad und fahr hin”, ergänzt Shine pragmatisch und wirft sich das lockige Haar in den Nacken. “Ich besuche den Vollhonk, der sich mein Vater schimpft, doch auch mehrmals im Jahr.”
Damit steht nur noch die gute Tear auf meiner Seite.
Sie hakt sogar in meinem Namen nach. “Shine, das ist eine Reise ins Unbekannte. Würde dir das keine Angst machen?”
“Doch, schon, …”, zögert die Angesprochene. “... aber wenn ich mitfahre, könnte ich ihn anleiten.”
“Rrr, ganz so wie früher”, schnurre ich, was Shine zu einem stummen Zähneblecken verleitet.
Tear ignoriert es und haucht leise: “Das wäre bestimmt ein schönes Abenteuer für euch beide …”
Shine senkt den Kopf, sagt aber nichts weiter dazu. Auch mir ist klar, dass sich Tear ebenfalls gern als Fremdenführerin anbieten würde, aber gerade wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.
Beide Frauen stammen aus Mensonia, aber ihre Lebensläufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Shine steht als Teil der Herrscherfamilie an der Spitze, Tear war ein menschliches Dienstmädchen. Leider weiß ich absolut nichts darüber, was man ihr angetan hat, aber ihre Depressionen haben dort ihren Ursprung. Wahrscheinlich geht Shine deshalb so überfürsorglich mit ihrer Freundin um. Da die Unterhaltung deprimierende Züge angenommen hat, schließe ich sie ab.
“Hab jedenfalls nicht vor, ihn zu besuchen.”
“Wie du meinst”, zuckt Shine mit den Schultern. Ich stehe auf, verabschiede mich und verlasse ihr Zimmer. Nun, wo sich mein Geburtstag im Bunker herumgesprochen haben sollte, werde ich eine Runde drehen und mich ordentlich feiern lassen.
Fernweh
Ich laufe an einer Reihe von hässlichen olivgrünen, grauen und braunen Türen vorbei, hinter denen sich viele winzige Wohnungen verbergen. Im Hauptbunker leben überwiegend Vampis. In den 5 angrenzenden Bunkern ist aber auch einer allein für Menschen vorgesehen.
Weil ich direkt an der Informationsquelle sitze, weiß ich, dass der gesamte Bunkerkomplex derzeit 734 Vampire und 1.424 Menschen beherbergt. Das klingt erstmal nicht viel, aber wir platzen aus allen Nähten. In der umliegenden Gegend wohnen 35 weitere Vampire, von denen manche auf den Äckern schuften und andere die nahegelegenen Ruinen plündern.
In den Pyramidenstädten der Loyalisten leben angeblich zwischen 5.000 und 10.000 Vampire, pro Stadt wohlgemerkt, und eine unbekannte Anzahl an Menschen. Flüchtlinge können wir im Grunde keine aufnehmen, deshalb ist der Standort von Shattered Sky, das ist der Name unserer Bunkerzuflucht, streng geheim.
Ich gehe durch ein farbenfroh bemaltes Treppenhaus eine Etage nach unten. Das verblichene Wandbild einer heiteren Familie im Grünen bröckelt, aber nicht im übertragenen Sinne. Familie ist super wichtig. Ohne passenden Farben können wir das Fresko nur leider nicht restaurieren.
Die Webstube lasse ich hinter mir und statte der Nähstube einen Besuch ab. Sie ist durch Glas vom Gang abgetrennt, was sie zu einer Art gläsernen Manufaktur macht, soll heißen, dass man den Leuten beim Arbeiten auf die Pfötchen gucken kann.
Bei uns ist ohnehin alles Handarbeit. Jeder, ob nun kurzlebiger Mensch oder langlebiger Vampir, lernt während seiner Schulzeit drei Jahre lang halbtags abwechselnd in jedem der Betriebe. Ich mochte die Schneiderei am liebsten, was nicht unerheblich an ihrer Chefin liegen dürfte. Sie und zwei Männer sitzen in der Nähstube vor Nähmaschinen, die sie mit Fußpedalen betreiben. Keine Ahnung, wie die Typen heißen, aber Helena, die hübsche Chefin, bemerkt mich sehr schnell.
Sie legt die Hose in ihrer Hand beiseite und winkt mir zu. Ich grinse sie an und öffne die Glastür.
“Man munkelt, heute sei dein Geburtstag”, empfängt sie mich. Ich grinse noch breiter. Sie lacht und umarmt mich danach innig.
“Herzlichen Glückwunsch, Bächlein. Welcher ist es?”
“Der Zwanzigste”, antworte ich. “Blutjunges Bürschchen!”, lacht ausgerechnet der Mensch von den beiden. Helena entlässt mich wieder aus ihrem sanften Griff und ich stelle mich besonders aufrecht vor sie.
“Jap und ich bin verdammt gut in Schuss.” Dazu hebe die Augenbrauen zweideutig in Helenas Richtung.
“Ein kleiner Aufreißer, das bist du! Weißt du eigentlich, dass ich so alt wie dein Vater bin.”
Sie kennt nur Alexander, also meint sie ihn.
“Echt jetzt”, entfährt mir, während mir bewusst wird, dass sie so um die hundertfünfzig Jahre als sein muss. Upsi. Für eine weniger Reinblütige wie sie, sollte das etwas mehr als Halbzeit sein. Ich kann dagegen sehr, sehr viel älter werden, dem mächtigen Lucard Blut meiner Mutter und meines Konvertierers sei Dank.
Da einer der Männer in der Näherei ein Mensch ist, halte ich bei dem Thema lieber die Klappe. Über ein Alter zu sprechen, das er gar nicht erreichen kann, geht schnell nach hinten los.
Helena zeigt mir eine der alten Nähmaschinen, die einen kleinen Defekt hat. Ich bin verdammt stolz, dass ich ihn sofort beheben kann. Richtig bei der Sache bin ich allerdings nicht. Während der Reparatur frage ich in die Runde: “Was glaubt ihr, wie die Welt da draußen so ist?”
“Neblig”, antwortet der menschliche Mann fantasielos, aber irgendwie auch nachvollziehbar. Der andere zuckt mit den Schultern, als habe er noch nie darüber nachgedacht. Das ist schwach. Wenigstens kann Helena mehr dazu sagen.
“Ach, von dem, was mich daran interessiert ist, ist nichts mehr übrig. Ich war früher ziemlich sportbegeistert. Fußball. Schon mal gehört? Elf Spieler auf jeder Seite, die ohne Hände und Arme zu … Nein, so versteht man es nicht. Zehntausende von Leuten trafen sich in riesigen Stadien, um 22 Spieler auf eine Weise anzufeuern, als ginge es um Leben und Tod. Das war mitreißend! Ein unbeschreibliches Gefühl, das ich nie wieder erleben werde. Du verstehst also, wenn ich sage, draußen ist nichts mehr, das mich interessiert.”
“Krass”, hauche ich beeindruckt, ohne mir dieses Spektakel auch nur ansatzweise vorstellen zu können. Zehntausende von Leuten? Sorry, da steige ich aus.
Ich bringe die Reparatur erfolgreich zu Ende, bedanke mich bei den dreien und setze meine Besuche fort. Bunkertechnik, Stromerzeugung, Wasseraufbereitung und einige weitere Stationen arbeite ich ab. Unser Strom stammt aus leistungsfähigen Solaranlagen auf den Bunkerdächen. Die Teile haben Leute von uns tonnenweise von der nahegelegenen Ruinenstadt abmontiert und lagern sie auch dort. Da nicht besonders viel Sonnenlicht bis zur Erdoberfläche durchkommt, ist unser Strom aber trotzdem immer knapp.
Alle Bereiche der Lebensmittelverarbeitung sind Menschen vorbehalten. Die Blutabnahme sowie -aufbewahrung sind ebenfalls geschlossene Bereiche, in die ich nicht einfach so reinkomme. Man besucht beides in der Schulzeit, durchläuft sie aber nicht während der Berufsfindung.
Bei mir kam damals heraus, dass ich ein Händchen für Mechanik habe. Ich verstehe mechanische Mechanismen und finde Fehler, die ich oft schnell reparieren kann. Das ist hier im Refugium sozusagen mein Job. Das ist nicht übel, weil er mich beliebt macht. Ich bin der Typ, der es wieder richtet. Schon deshalb freut sich jeder, mich zu sehen. Nicht nur, weil ich ihr schnuckeliger Prinz bin.
Während meines Rundgangs habe ich die Leute immer mal wieder nach der Außenwelt befragt. Das Desinteresse in der Näherei war symptomatisch. Dazu kamen noch einige Stimmen der offenen Ablehnung. Die Bewohner Shattered Skys tun schon fast so, als gäbe es da draußen überhaupt nichts. Für mich klingt das nach kollektiver Verdrängung.
Shine hat mir so manches über die Pyramidenstadt Mensonia erzählt, aus der sie kommt, meist in einem verächtlichen Tonfall. Der Kapitalismus hat sich tief in die Herzen der dortigen Bewohner gefressen und sie bis ins Mark verdorben. Das Schlimmste aber ist die Zweiklassengesellschaft. Menschen werden dort von Unseresgleichen wie Sklaven behandelt. Das ist sowas von inakzeptabel.
Nicht eine Person konnte mir auch nur eine einzige gute Sache über die Welt da draußen nennen. Ich frage mich ernsthaft, wieso ich sie mir dann überhaupt erst antun sollte? Die Ausbeutung von Menschen, der abhängig machende Bann der digitalen Technologie, die despotische Macht der Lucard Familie, zu der auch ich gehöre, wie könnte mich der Reiz all dieser Dinge nicht genauso verderben? Das wäre nur natürlich.
Ich halte es für intelligenter, mich vor diesen miesen Einflüssen zu schützen. So sorge ich dafür, dass ich ein langes und gesundes Leben führen werde. Selbstfürsorge ist doch eine super Eigenschaft, oder etwa nicht?
Mit diesem Entschluss im Herzen gehe ich zurück zur Wohnung, hole mir den Kondensator, den Shine mir geschenkt hat und mache mich danach auf den Weg nach draußen zu meinem Motorrad. Wieder muss ich Hinz und Kunz begrüßen. Sich heimlich rauszuschleichen ist unmöglich. Ich stemme mich nacheinander gegen die zwei Stahltüren, die schwerer geworden zu sein scheinen. Der Nebel ist auch wieder dicker als zur Mittagszeit, doch das stört mich bei der Reparatur nicht.
Zwei fast vollständige, fahrtüchtige Elektro-Motorräder stehen in einem kleinen Holzschuppen neben dem Hauptbunker. Ich fand die beiden vorapokalyptischen Maschinen in einem vergleichsweise top Zustand nebst ihren verstorbenen Vorbesitzern vor fünf Jahren in einem luftdichten Bunker in der nahegelegenen Ruinenstadt.
Da der kleine Schuppen eigentlich für Ackerwerkzeuge gedacht ist, die überall im Weg herumstehen, schiebe ich das vor kurzem erst frisch lackierte ältere Modell der Motorräder nach draußen. Danach hole ich das Werkzeug.
Ein Motorradkondensator ist das am schwersten zu beschaffende Bauteil, weil jedes Modell einen anderen braucht, es aber am schnellsten kaputt geht. Der, den ich in der Hand halte, muss eine Maßanfertigung gewesen sein. Er sieht jedenfalls nagelneu aus. Den Kondensator zu wechseln, ist dagegen eine der einfachsten Reparaturen überhaupt. Dieses E-Motorrad hat 115 Jahre auf dem metallenen Buckel, ist dank mir aber wieder vollkommen frei von Rost und auch die Mikrochips habe ich entfernt. Einziger Nachteil an der digitalen Abstinenz ist die manuelle Ladesteuerung, aber das bekomme ich schon hin.
Der Einbau geht mir gut von der Hand. Als ich die Maschine anlasse, sehe ich Shine angelehnt am Tor des Schuppens stehen. Sie muss sich von der Seite angeschlichen haben.
“Damit wäre Schritt eins getan”, sagt sie zufrieden und deutet daraufhin in den Schuppen hinein auf das zweite Motorrad. “Ist das da auch schon fahrbereit?”
Ich schüttle den Kopf.
“Erstens fehlt dort ebenfalls der Kondensator und zweitens spinnt die Technik, seit ich die elektronische Steuerung ausgebaut habe. Der Motor überhitzt schnell. Ist halt ein neueres Modell als das andere.”
Shine grinst wissend und zaubert eine Sekunde später einen zweiten Kondensator hinter ihrem Rücken hervor.
“Wie lange fährt es, bevor es zu heiß wird?”
Ich antworte überlegt. “Eine Stunde, höchstens zwei. Kommt auf einen Test an. Danach muss man eine halbstündige Pause einlegen.”
“Ach, das reicht doch”, ruft sie heiter. “Bau das Teil ein, dann fahren wir ein Stück.”
Okay, spricht nichts dagegen. Da das zweite Motorrad allerdings sehr viel weniger Liebe erfahren hat als das erste, dauert der Einbau etwas länger. Dennoch bekomme ich es ebenfalls problemlos gestartet. Es fühlt sich jedes Mal saugut an, wenn etwas funktioniert, das ich repariert habe.
Ich koste den Moment aus und sehe Shine dabei zu, wie sie auf das Motorrad steigt, oder treffender, wie sie unbeholfen auf den Sitz klettert. Wenn sie es will, kann sie ein bisschen eleganter sein, ihr wahres Wesen ist aber der Stolpergorilla, den ich vor mir sehe. Ich muss lachen und steige auf meine ältere Maschine. Das habe ich schon unzählige Male gemacht, nur gefahren bin ich noch nie.
Wir zwei Anfänger beginnen, das Fahren zu üben. Das klappt zum Glück echt schnell. Wir tuckern vorbei an den Feldern und lassen die Bunker hinter uns zurück. Ich habe mir schon unzählige Male vorgestellt, durch die Gegend zu cruisen. Es wirklich zu tun, ist, ungelogen, der absolute Wahnsinn! Der Fahrtwind schmeißt meine halblangen Haare durcheinander, die mir auf die Wangen peitschen. Das hatte ich bei lappigen 20 Kilometern pro Stunde überhaupt nicht erwartet.
Die bewirtschafteten Felder fliegen so schnell an mir vorbei, dass sie optisch verschwimmen. An leichten Biegungen verliere ich fast den Überblick, weil alles so schnell geht. Ein eigenartiges Gefühl wächst in mir an, das sich mit Verliebtsein vergleichen lässt. Es ist leicht wie das vielzitierte Blatt im Wind. Ich glaube, ich begreife gerade, was Freiheit wirklich bedeutet.
Wir verlassen den Feldweg, der in ein Waldstück aus fast ausschließlich totem Gehölz mündet. Auch hier existiert ein gut gepflegter Weg. Ich kenne ihn. Er führt zu einem Felsen, von dem aus man das Meer rauschen hören kann. Bis zum Wasser hinuntersehen kann man üblicherweise auch, aber nicht in die Ferne.
Wir halten in der Nähe der Klippe, steigen ab und laufen das letzte Stück bis zum Rand. Gerade in diesem Moment lichtet sich der Nebel, sodass er uns einen winzigen Blick auf ein kleines Stück des weiten Ozeans erhaschen lässt. Als Kind war ich oft hier, aber so weit hinaus aufs Meer konnte ich noch nie sehen.
Irre, wie surreal diese Entfernungen erscheinen. So, als sei da draußen wirklich nichts. Der Moment geht vorüber. Nun sehe ich wieder nur noch das Grau des Nebels, rieche die salzige See, sehe und höre die Gischt unter mir.
Shine stellt sich neben mich. Auch sie scheint den Weitblick genossen zu haben. “Du hast noch nie eine Pyramidenstadt gesehen, richtig? Bist du nicht neugierig?”
“Nope”, antworte ich, was sie dazu bringt, leise in sich hinein zu lachen. Danach schweigt sie, was mich wiederum irritiert. Shine ist acht Jahre älter als ich. Im Gegensatz zu mir hat sie schon viel gesehen, kennt die Politik, die Systeme, die Lebensweise der Loyalisten und so vieles mehr aus erster Hand. In ihren Augen bin ich ein Hinterwäldler, keine Frage.
Einige Zeit lang betrachten wir nur noch die graue Wand vor uns. So langsam erdrückt mich Shines Schweigen.
Ich weiß, was sie vorhat.
Damit lässt sie ein Gefühl in mir wachsen, das im völligen Kontrast zu unserer Herfahrt steht. Der Druck, den sie aufbaut, schnürt mir die Brust immer weiter zusammen.
In meiner Vorstellung fragt sie mich, ob ich denn niemals von dieser Insel runter will. Ob ich mein ganzes Leben lang so tun will, als gäbe es die Welt da draußen überhaupt nicht und es macht mich verrückt.
Ihre stumme Frage ist Terror! Schlimmer als eine offene, frei gestellte Frage. Ich glaube, das liegt auch an ihrer erwartungsvollen Aura.
Ja, verdammt!
Natürlich will ich alles wissen, will alles sehen, alles erleben. Mein Leben ist viel zu lang für ein ewiges Versteckspiel. Das kann doch nicht wahr sein. Lass mich in Ruhe, Shine! Geh mir aus den Gedanken! Hör auf, sie gegen meinen Willen zu kapern!
Scheiße! Dann breche ich eben dieses verfluchte Schweigen!
“Ich geb's ja zu, ich hab Schiss. Zufrieden?”
Sie tritt etwas näher, ohne etwas zu sagen. Dafür tue ich es.
“Hier bin ich jemand, verstehst du? Hier kann ich was Leisten. Ich bin jemand, der gemocht wird. Die Leute kennen mich. Sie, sie feiern meinen Geburtstag mit mir. Was ist, wenn ich dort alles Kacke finde, oder schlimmer, wenn ich alles geil finde? Was ist, wenn alles, was ich gelernt habe, nichts mehr wert ist? Was ist, … wenn er mich sieht und … enttäuscht … ist von mir …?”
Fuck! Das war der Kern. Meine Fresse, tut das weh! Ich sehne mich danach, meinem Konvertierer meine Meinung ins Gesicht zu schreien, aber ich habe Angst vor seiner Reaktion. Scheiße!
Ich lehne mich mit meiner Schulter an die von Shine und mit einem Mal beginnen die Tränen zu fließen. Es muss Jahre her sein, dass ich das letzte Mal geheult habe. Selbst als mich Shine vor drei Jahren abserviert hat, konnte ich das besser verkraften. Dieser Ort und ihr Schweigen haben dieses dreckige Gefühl aus mir herausgekitzelt. Das war doch Absicht! Meine Freundin ist unglaublich … hinterhältig.
Wir fahren zurück durch den abgestorbenen Wald und an den Feldern vorbei. Die Hinfahrt war genial, aber nun erlebe ich alles noch intensiver. Der frische Wind lässt mich fast abheben.
Zurück beim Bunker stellen wir die Motorräder wieder ab. Als ich den Schuppen verschließe, konfrontiere ich Shine mit meiner Entscheidung.
“Ich tu’s. Ich muss es tun und es wäre mir eine Ehre, wenn du mich führen könntest.”
“Na endlich!”, beginnt sie, aber ich nehme ihr die Möglichkeit, mehr zu sagen.
“Freu dich nicht zu früh. Ich habe auch vor, Tear um ihre Begleitung zu bitten.”
“BITTE, WAS?”, platzt es sofort aggressiv aus Shine heraus.
“Nimm es mir nicht übel, aber Tear hier zurückzulassen, finde ich schlimmer, als ihr meine Begleitung zuzumuten.”
Sie dreht sich von mir weg, doch die Änderung, ihrer zuvor noch sehr befreit wirkenden Aura, entgeht mir nicht. Sie braucht einen Moment, bis sie ihre Ablehnung verbalisieren kann.
“Das finde ich nicht gut.”
“Kann sein”, bestätige ich. “Aber das ist nicht deine Entscheidung, sondern ihre.”
Da ich schnellen Schrittes an Shine vorbei schreite, geht ihr “Aber …” hinter mir unter. Klappe zu, das geht dich nichts an!
Ich betrete den Bunker durch die zwei Luftdrucktüren und zum ersten Mal in meinem Leben fühlt sich das beklemmend an. Die dicken Mauern des Bunkers, das fahle Licht darin. Plötzlich kommt es mir vor wie ein Gefängnis. Puh! Zumindest ist damit klar, dass ich keine Wahl mehr habe. Ich muss es tun. Ich muss mich meinen Ängsten stellen.
Ich klopfe etwas zu forsch an Tears Wohnungstür, die sich direkt neben unserer befindet. Sie öffnet leicht verzögert. Forsch trete ich ein und sehe auf dem Tisch in der Raummitte ein schwarzes Tuscheglas, eine Zeichenfeder und Papier liegen. Darüber hat sie unverkennbar eilig Tabellen geworfen, die mit ihrer Arbeit als Buchhalterin zu tun haben. Tear hat eine Neigung zum Akkuraten. Unsauber ausgerichtete Papiere sind unüblich für sie.
Ich kenne einige ihrer Naturzeichnungen von ausgestorbenen Tieren und Pflanzen, die sie geometrisch konstruiert, selbst wenn sie dafür von der Realität abweichen muss. Davon abgesehen, dass sie sehr hübsch sind, macht das ihre Bilder zu etwas Besonderem. Ich habe eine Naturstudie von ihr, die einen Ammoniten im Vergleich zu einer Schnecke zeigt, über meinem Bett hängen. Ihre Zeichnung ist mein größter Schatz, ohne Mist.
Ich stoppe Shine, die mir auf der Spur gefolgt ist, weil sie unbedingt mitkommen wollte und mich nun entgeistert ansieht. Ich schüttle den Kopf in ihre Richtung und drehe mich dann zur Tür, die ich behutsam hinter mir schließe. Schnucki, du bist gerade nicht willkommen.
Das hat mich überraschend viel Kraft gekostet. Nun stehe ich alleine in Tears Wohnung und muss mich neu sammeln. Wohl wegen der Zeichnungen wirkt sie wiederum ertappt, was es mir auch nicht leichter macht.
Na, los, du Feigling! Trau dich!
Ich atme tief durch.
“Wenn ich die Reise antrete, würdest-”, beginne ich ohne Umschweife, wobei sie mir direkt ins Wort fällt.
“Danke.”
Ich schaue sie verblüfft an und sehe das ergriffene Glitzern in ihren hübschen, rehbraunen Augen.
“Danke, wofür?”, frage ich verwundert und trete verlegen auf der Stelle.
“Dass du mich fragen willst, ob ich dich begleite. Das will ich.”
Noch einmal hole ich Luft, doch wieder spricht sie, statt ich.
“Shine ist dagegen, ich weiß, aber ich fühle einfach, dass ich so weit bin.”
Genau das habe ich auch gedacht. Aber Moment, soll das heißen, dass sie wirklich mitkommt? In mir kribbelt alles. Ich kann es kaum fassen und strahle sie an wie ein Volldepp. Ich unterdrücke den Impuls, sie zu knuddeln und bleibe in gebührlichem Abstand stehen. Wie kann mich diese hübsche Maus nur so glücklich machen? Das gibt's nicht!
Auch sie lächelt. Es ist nicht ihr überdrehtes Alter Ego Strahlefrau-Lächeln, sondern ein sanftes, ich möchte mir einbilden, zärtliches Lächeln. Wow, das lässt mein von Shine zum Krüppel geschlagenes Herz höher schlagen. Oh, meine süße Knuddel-Tear.
“Ich werd verrückt. Übermorgen brechen wir auf, ja? Okay? Passt dir das?”
“Okay”, bestätigt sie und kichert total niedlich. Das halt ich nicht aus.
Ich verlasse ihre kleine Wohnung mit dem heftigsten Hochgefühl, das ich je hatte. Die Motorradfahrt ist damit schon wieder in den Schatten gestellt. Pah, und Orgasmen sind ein Dreck dagegen. Liebe ist soooo viel krasser. Junge, Junge, schwebe ich auf Wolke sieben. Shine hatte ich damals auch echt lieb, habe ich sie eigentlich immer noch, aber so intensiv habe ich unsere Beziehung nicht erlebt.
Die eingeschnappte Gorilla-Lady steht vor mir und liest mir am breiten Grinsen ab, dass Tear mitkommt. Die Gute zieht ein unzufriedenes Schnütchen, sagt aber nichts. Das will ich als Einverständnis deuten.
Schiffsreise
Ich wälze mich schon die halbe Nacht in meinem Bett herum, das gerade so in mein stockfinsteres Zimmer hinein passt. Es ist verdammt eng und beklemmend hier drin. 20 Jahre lang habe ich mich im Bunker pudelwohl gefühlt. Wie kann sich das von jetzt auf gleich verändern? Hoffentlich ist das nur eine Phase.
Mein Hirn spielt zum hundertsten Mal vor mir ab, was alles schiefgehen oder was ich alles verlieren könnte, wenn ich mich nach draußen traue. Also rein hypothetisch, denn ich habe eigentlich überhaupt keine Ahnung, was in der Welt da draußen abgeht.
Am liebsten würde ich mich von Shine ablenken lassen. Ihr Zimmer liegt im Raum neben meinem und ich gehe jede Wette ein, dass sie auch nicht zur Ruhe kommt.
Leider hasst sie es, wenn ich sie nachts besuche und ich habe echt keinen Bock auf einen Ausraster von ihr. Ich kenne sie inzwischen seit zehn Jahren. Sie gehört wie selbstverständlich zu unserer zusammengewürfelten Patchwork-Familie, so wie Tear seit drei Jahren. Nur hat sich Tear dazu entschieden, in eine eigene kleine Wohnung neben uns zu ziehen. Manchmal sieht man sie tagelang nicht. Am Anfang, gleich nach ihrer Verwandlung, war sie sogar noch um einiges scheuer. Sozialer Kontakt wird ihr schnell zu viel. In diesem Punkt ist sie das exakte Gegenteil von mir.
Nach meiner beschissenen Nacht, direkt nach dem Aufstehen, konfrontiere ich Papa und Mag mit meiner Kehrtwende. Sie wirken erleichtert und verängstigt zugleich. Diese skurrile Gefühlsmischung haben echt nur Eltern drauf.
Da wir uns danach gemeinsam an den hübschen, großen Holztisch im Wohnzimmer setzen und reden, wird auch Shine wach, die sich kurz darauf zu uns gesellt. Das Hauptthema ist die Route, die wir nehmen könnten.
Mein Weg führt uns zuerst mittels Boot von der Insel runter bis zum Festland. Den Kontakt kann Shine für uns herstellen. Danach ist es eine halbe Tagesreise mit den Motorrädern bis zur Stadt Mensonia, die von Shines Vater Octavian Lucard geleitet wird. Von dort aus brauchen wir mit den Motorrädern mehr als einen Tag bis zur Hauptstadt. Wir müssen also irgendwo unterkommen. Shine meint, dass sie auch das regeln kann. Nicht übel. Die Frau ist so hilfreich, dass ich mich frage, warum Papa und Mag überhaupt am Tisch sitzen. In der Hauptstadt werden wir, … oder besser, werde ich, dann auf meinen Konvertierer treffen und dann sehen wir, wie es weitergeht.
Ich packe einige Sachen zusammen, besuche das Archiv, aus dem ich mir handgezeichnete Landkarten besorge und studiere sie genau. Ich lese ein paar historische Stadtnamen, die zu den Ruinen gehören, die nicht weit entfernt von unseren Pyramidenstädten liegen. Mensonia liegt beispielsweise neben einer alten Menschenstadt namens Bremen. Wie auch immer. Das ist unützes Wissen.
Mitnehmen darf ich die Karte nicht und sie abzuzeichnen ist kaum möglich. Ich kritzle mir ein bisschen was auf ein Blatt Papier und hoffe dabei inständig, dass Shine den Weg kennt.
Beide Motorräder werden von mir zur Sicherheit generalüberholt und geputzt. Von wengen Nichtskönner! Die feinen Maschinchen sehen aus wie neu!
Am nächsten Tag brechen wir pünktlich zum Sonnenaufgang auf. Shine hat sich in eine auffällige neongelbe Jacke geworfen. Dass nichts Vergleichbares in Shattered Sky hergestellt wird, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Die meisten Farben können wir ja nicht einmal herstellen. Die Jacke muss demzufolge aus Mensonia stammen. Verloren geht mir meine strahlende Shine damit schonmal nicht.
Tear ist dagegen komplett in Grautönen gehalten, als wolle sie sich hinter ihrer Freundin unsichtbar machen. Ich habe mich in eine sauschicke, karminfarbene Jacke geschmissen, die Helena in meiner Lehrzeit speziell nach meinen Wünschen gestaltet hat. Das hat sie echt gut gemacht. Diese Jacke ist und bleibt mein Kleidungsstück numero uno.
Ich verstaue unsere Rucksäcke im Fach unter den Sitzen der Motorräder und erwähne beiläufig, wie sich Tear an mir festhalten sollte.
“Und lehne dich auch ein bisschen mit in die Kurven hinein”, ergänze ich, weil ich das mal irgendwo gelesen habe, während ich neben mir eine vernichtende Aura wahrnehme. Shine hat die Hände in die Hüften gestemmt und geht jeden Augenblick in die Luft.
“Auf deinem Motorrad kann sie nicht mitfahren”, versuche ich das Biest in ihr zu zähmen. “Das weißt du und tauschen kommt nicht in Frage.”
Mein Grinsen ist dabei wahrscheinlich nicht besonders hilfreich.
“River Lucard!”, ermahnt sie mich. “Das war so nicht abgesprochen!”
Ich grinse sie noch breiter an, steige demonstrativ auf und bitte Tear höflich, hinter mir Platz zu nehmen. Die legt ihre Arme zaghaft um meinen Körper.
“Fester!”, weise ich schmunzelnd an. Shine stößt heiße Luft aus ihren Nüstern wie ein altes Ross, sagt aber nichts. Ich lupfte die Augenbrauen in ihre Richtung und fahre langsam los. Dagegen, dass sich Tear und ich endlich langsam näher kommen, kann sie nichts machen.
“Den Brief hast du dabei, oder!? Mit allem Drum und Dran”, ruft sie mir nach und lässt danach ebenfalls den Motor an.
“Klaro!”, gebe ich zur Antwort.
Diesmal biegen wir im abgestorbenen Wald an einer Kreuzung ab, die uns zum Anleger führt. Der Waldboden ist staubtrocken und ausgelaugt. Die schlechten Böden und das knappe Wasser schränken auch die Auswahl der Ackerpflanzen ein, die wir anbauen können. Irgendwie ist alles im Arsch auf dieser Welt, in die ich hineingeboren wurde.
Der Kai liegt in einer wind- und sichtgeschützten Bucht. Erst als wir in die letzte Kurve einbiegen, sehe ich ein kleines hellgraues Schiff darin liegen. Schon irre, dass das wirklich da ist. Ich habe daran so meine Zweifel gehabt.
Hinter dieser Bucht liegen die Ruinen einer zweiten kleinen Hafenstadt, aber die bekomme ich nicht zu Gesicht. Wir fahren bis zum Rand des gemauerten Liegeplatzes und schieben unsere Motorräder die restlichen Meter.
Eine schwarz gekleideter Mann steht wie eine Statue an Bord neben dem Zugang. Ich beobachte ihn, während wir näherkommen. Der Typ hat echt keine einzige Bewegung gemacht. Ziemlich creepy. Außerdem fällt mir auf, dass die Yacht wohl schon bessere Tage erlebt hat. Sie könnte mehr als nur einen neuen Anstrich gebrauchen. Am Heck lese ich verwitterte Buchstaben, die ich zu “Star of the Ocean” zusammensetzen kann.
Shine ruft der schwarzen Marmorstatue ein herzliches “Haaallo” entgegen. Der Mann reagiert nicht, sondern blickt uns nur weiter aus dem einen Auge an, das nicht von einer dicken blonden Haarsträhne verdeckt wird. Meine Freundin läuft mitsamt Motorrad über einen nicht gerade vertrauenserweckenden alten Holzsteg auf das Schiff und stellt uns, bei ihm angekommen, einander vor.
“Das ist mein Onkel Julius und diese beiden sind River und Tear.”
Der suspekt aussehende Mann nickt mir zu und geht danach stumm und ungelenk tiefer in die Yacht hinein. Okay, er lebt also doch. Das will ich mal als gutes Zeichen deuten. Ich schiebe mein Motorrad vorsichtig über die fast schon morschen Holzplanken auf das kleine Schiff. Scheiße, ist das gruselig!
Zum Glück trocken angekommen, werde ich von etwas Zuckersüßem überrascht. Halb hinter einem Türrahmen versteckt, beäugt mich ein putziges Kind, hinter dem wiederum eine Frau steht. Wahrscheinlich ist Julius nur wegen seiner Familie so vorsichtig, was ich dann doch ganz gut nachvollziehen kann.
Die Frau kommt schmunzelnd auf uns zu, holt den halb verrotteten Steg ein und verschließt die graue Reling. Ich bedanke mich bei ihr, doch sie spricht mich erst an, als der Motor der Yacht gestartet wird.
“Sehr gerne. Es ist immer aufregend, Prominenz überzusetzen. Bitte entschuldigen Sie die Zurückhaltung meines Mannes.”
Ich lache verlegen. “Aaach, ich bin doch nicht prominent. In Shattered Sky kennt mich zwar jeder, aber darüber hinaus …-”
Ich werde von Shine unterbrochen. “Sie meint mich, du Spatzenhirn!”
“Oh …”
Nun traut sich auch das Kind aus seinem Versteck hervor, ein kleiner Junge. Ich frage ihn nach seinem Alter und er zeigt mir verlegen eine Hand mit drei Fingern. Meine Güte, ist der zum knuddeln. Tear geht an mir vorbei und verwickelt das Kerlchen in ein zuckersüßes Gespräch übers Schifffahren. Das verschafft mir Zeit, seine Mutter, die sich als Fina vorstellt, ein bisschen über die Welt da draußen auszufragen.
Die Yacht ist geräumiger als ich es erwartet habe. Es gibt Stufen nach oben und nach unten. Wir bleiben auf der Etage und gehen in einen der Räume. Darin stehen ein Tisch, an dem der weiße Lack abblättert und zwei durchgesessene Bänke, auf die wir uns setzen. Tear kommt gemeinsam mit dem Jungen mit uns.
“Deine Freundin und Maxi verstehen sich ja prächtig”, freut sich Fina. Darauf steigt Shine sofort ein. Sie schickt mir ein freches Lächeln und einen überflüssigen Spruch.
“Sie kann halt gut mit Kindern.”
Jaja, sehr witzig. Ist angekommen. Ich lächle müde und hebe eine Augenbraue.
Danach muss ich mich leider den ernsten Themen widmen. Mich interessiert besonders, warum die drei nicht in einer der Städte leben.
“Eine Stadt ist kein Ort für ein Kind”, antwortet Fina. “Wenn Sie zum ersten Mal eine betreten, werden Sie es verstehen, River. Das ist übrigens ein sehr hübscher Name.”
“Echt? Ich find ihn super merkwürdig, aber Danke! Meine Mutter hat ihn ausgesucht. Papa hätte mich Juan genannt, nach seinem Vater. Was meinen Sie, hätte das zu mir gepasst?”
Ich sehe im Augenwinkel, wie Shine die Augen verdreht. Irgendwie habe ich das Gespräch weg von dem, was ich eigentlich wissen wollte, hin zu mir gedreht. Das passiert mir eigenartigerweise öfter.
“Juan?”, wiederholt Fina und lacht. “Ja, das passt auch.” Mit Mühe lenke ich das Thema zurück.
“Auf was soll ich in der Stadt Acht geben?”
Die Frau denkt kurz nach. “Vermeiden Sie es, aufzufallen. Tun Sie, was andere tun und schalten Sie dabei Ihr Gewissen ab. Dann werden Sie zurechtkommen."
Ich soll mein Gewissen abschalten? Geht das überhaupt? Ich seufze hörbar, doch ihr fällt noch etwas ein.
“Das wird für Sie wahrscheinlich keine Rolle spielen, aber lassen Sie die Finger von gecrackten Crisps. Die Verwendung von Jailbreaks, Proxies oder Personality Sims wird hart bestraft.”
Nun kneife ich die Augen zusammen. Hä, was?
“Crisps?”, wiederhole ich wie ein Neandertaler, der über eine Hochkultur stolpert.
Fina scheint mich zu verstehen. “Achso, also, wenn Sie noch keinen haben, schickt Sie die Einlasskontrolle zuerst zur Meldestelle.”
“Er hat einen”, wirft Shine ein.
Ach, ja? Sie hält die Arme verschränkt und wirkt damit so abgeklärt, dass es wohl stimmen muss. Ich lache gestellt.
“Na, dann ist ja gut.”
Shit, worauf habe ich mich hier nur eingelassen? Das klingt doch nach einem schlimmeren Gefängnis als unser Bunker. Zuversicht wird dadurch jedenfalls nicht geweckt.
Fina erzählt uns, dass sie es in Mensonia eigentlich ganz okay fand, ihr Mann Julius aber permanent Probleme mit den Führungsqualitäten seines Bruders hatte. Zu seiner Sicherheit und, weil sie ihrem Kind andere Werte vermitteln wollen, haben sich die beiden für ein Leben außerhalb der Stadt entschieden. Jop, auch das verstehe ich.
Hin und wieder sehe ich durch das Fenster hinter der Frau nach draußen. Nach gerade einmal zwei Stunden erahne ich bereits Umrisse von Land. Das ging fix. Weit weg scheint unsere Insel nicht zu liegen. Durch den Dunst glaube ich, einen brach liegenden alten Hafen zu erkennen, an dessen intaktem Ausläufer wir kurz darauf anlegen.
Shine, Tear und ich verabschieden uns von Julius, Fina und ihrem super niedlichen Kind und wollen mit unseren Motorrädern von Bord gehen, doch zuvor muss ich erneut den morschen Höllensteg überwinden.
Klar, ist gutes Holz teuer und selten, aber verdammt nochmal, dieses Geknirsche ist der reinste Horror. Ich bin heilfroh, als mein Motorrad Land berührt. Uiui, und das ist nicht irgendein Land. Es ist Festland und … hm, ich bin irgendwie enttäuscht.
Der Boden fühlt sich genau so an wie der auf der Insel. Er ist kein bisschen fester und die Umgebung sieht, dank des Nebels, auch kein bisschen anders aus. Total langweilig.
Shine kennt den Weg. Sie steigt diesmal geschickter auf die Maschine, lässt sie an und fährt dann langsam voraus. Tear, die immer ruhiger wird, setzt sich hinter mich. Wir folgen der gepflasterten Straße, die sich in einem vergleichsweise guten Zustand befindet. Das macht das Reisen angenehm und wirkt sich positiv auf Shines Motorrad aus, das sich dadurch viel langsamer aufheizen wird, als ich es vermutet hatte.
Die Umgebung sieht auch im Landesinneren nicht anders aus als die auf der Insel. Flaches Land mit graubraunen Wiesen, darauf einige stark verästelte Bäume und Büsche, mache davon mit winzigen Blättchen. In Sichtweite befinden sich die Ruinen einer Hafenstadt. Die Straße verläuft entlang eines ausgetrockneten Flussbetts, in dem nun zwei dicke Rohre liegen. Die Pyramidenstädte müssen ihr Wasser scheinbar ebenso mühsam wie wir vom Meer auf ihre Felder transportieren und vom Salz befreien.
Nach drei Stunden Fahrt über dieses stinklangweilige Flachland pausieren wir und lassen Shines Maschine abkühlen. Wir setzen uns auf einen umgefallenen Baumstamm am Wegesrand, über den ich mich wundere. Waren manche Bäume früher echt mal so dick? Auf unserer Insel liegen keine uralten Baumstämme mehr, weil wir sie schon lange zu irgendetwas verarbeitet haben.
Während ich unsere Sitzgelegenheit begutachte, ringt sich Tear durch, eine Frage zu stellen.
“Können wir Mensonia eventuell ausfallen lassen? Ich bin mir unsicher, ob ich dort schon wieder hin kann …”
Shine, die zwischen uns sitzt, streichelt ihrer Freundin beruhigend über den Rücken, überlässt die Antwort jedoch mir.
“Eigentlich nicht. Wenn wir nicht nach Mensonia einreisen, müssen wir in der Wildnis übernachten. Außerdem kann Shine dadurch ihren Familienbesuch für dieses Jahr abhaken und ich lerne eine Pyramidenstadt kennen, bevor wir in die Hauptstadt kommen.”
Sie seufzt ein leises “Okay”, erklärt aber nicht, womit genau sie ein Problem hat. Normalerweise erzählt Tear direkt, was sie denkt oder braucht. Nur bei dieser Sache ist sie verschlossen wie Fort Knox, was auch immer das ist. Sagt man halt so. Ich weiß einfach nicht, wie ich Rücksicht auf Tear nehmen soll, wenn ich nicht weiß, womit sie nicht klarkommt. Nervös spiele ich mit an meinem Silberring herum, den ich von ihr geschenkt bekommen habe und nun um den linken kleinen Finger trage.
“Gibt es einen Ort, den wir meiden sollen?”, frage ich verunsichert. Tear starrt regungslos auf die grauen Pflastersteine unter unseren Füßen. Auch die sonst so allwissend tuende Shine wirkt mit der Situation überfordert. Ich blicke sie auffordernd an. Jetzt tu halt was! Endlich bemerkt sie es und flüstert daraufhin zu ihrer Freundin:
“Vielleicht hilft es dir sogar, um mit allem abschließen zu können.”
Tear nickt geistesabwesend. Ich fühle mich hilflos und bin mit diesem Gefühl wahrscheinlich nicht alleine. Vielleicht war es doch ein Fehler, sie mitzunehmen. Baah, sowas darf ich nicht denken. Ich will Tear dabei haben! Unbedingt!
Tears Unbehagen schlägt sich leider auf die allgemeine Stimmung nieder, was den zweiten Teil der Strecke anstrengend macht. Es ist wie eine Erlösung, als ich nach zwei Stunden Fahrt einen Helligkeitsunterschied auf der Ebene vor uns bemerke, der den Nebel etwas hellgrauer erscheinen lässt.
“Das ist Mensonia”, haucht mir die hinter mir sitzende Tear zu.
Bis zu diesem Augenblick war die Tragweite meiner Reise emotional noch nicht wirklich bis zu mir durchgedrungen. Offen gestanden hatte ich selbst damit gerechnet, dass wir jeden Moment umdrehen und es als netten Ausflug abhaken. Aber nun, wo die Fremde dieser hell erleuchteten Stadt in reale Sichtweite kommt, begreife ich so langsam, dass vor mir das Abenteuer meines Lebens liegt. Scheiße! Bin ich wirklich bereit dafür?
Einlass
Shine, Tear und ich fahren nebeneinander her, immer weiter auf den strahlender werdenden Nebel in Dreiecksform zu. Als die hellen Umrisse die wahre Dimension der Pyramidenstadt preisgeben, kann ich kaum mehr den Lenker des Motorrads halten. Fuck, ich muss stehenbleiben, um mir ein Bild von ihrer Größe machen zu können. Das ist nicht normal! Ganz und gar nicht. Wie, verdammt nochmal, kann diese Konstruktion stabil sein? Shine nimmt Rücksicht und hält neben mir an, fragt aber verdutzt:
“Was ist los? Wir sind noch ziemlich weit weg.”
Vermutlich sind nur meine Augen irgendwie kaputt, oder sowas. Die Pyramide kann doch wohl kaum breiter als einen halben Kilometer sein.
Direkt neben der Pyramide erspähe ich die Ruinen der Großstadt, die ich mir auf meiner handgekritzlten Karte vermerkt habe. Soweit ich weiß, wird sie als Materialquelle benutzt und sozusagen abgebaut.
Junge, das ist nur eine Glaspyramide. Die tut mir schon nichts. Um Mut zu schöpfen fahre ich nur langsam weiter. Die Konstruktion wächst gnadenlos vor mir an, bis ihre Umrisse im Nebel so groß werden, dass sie mein komplettes Sichtfeld dominieren.
Dann bekommt die Straße eine Betonabsperrung, die uns in eine Art Kanal zwingt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ein bisschen mulmig wird mir jetzt schon. In regelmäßigen Abständen müssen wir Bremshügel überwinden, die für die Motorräder zu hoch sind, um darüber fahren zu können. Wir müssen absteigen. Schnell einfahren kann man in die Stadt schonmal nicht. Für den Lieferverkehr dürfte das der pure Horror sein.
Auch die letzten 50 Meter nach den Bremshügeln schieben wir die Motorräder bis zu einem großen Tor, das durch eine massive Betonmauer führt. Vor dem verschlossenen Tor sehe ich eine ziemlich überflüssige rot-weiße Schranke. Daneben befinden sich eine verspiegelte Glasscheibe und eine Metalltür. Da müssen wir vermutlich hin.
Wir sind noch locker 20 Meter entfernt, als aus der Tür ein Vampir tritt, den ich wegen seiner mit der Umgebung verschmelzenden Kleidung fast übersehen hätte. Seine Uniform ist ein steifes Ensemble aus einem geschmacklosen Nebel-Camouflage des ersten Jahrhunderts. Todschick … nicht! So unscheinbar der Uniformierte wirkt, so viel Schiss habe ich leider vor ihm. Er sagt kein Wort. Vermutlich glaubt er, wir alle wüssten, was zu tun ist. Hilflos sehe ich zu den anderen beiden und stelle fest, dass nur ich Panik schiebe. Selbst Tear wirkt wieder gefestigter.
Shine stupst mich an. “Hol den Brief deines Vaters raus und zeig ihn vor.”
Mein Hirn blockiert. Wo genau hatte ich den Wisch gleich hingetan?
Shine spricht den Mann in grau an. “Er holt nur schnell seinen Crisp aus der Tasche.”
Ich öffne das Gepäckfach, zerre den Rucksack heraus, so, dass der Mann sehen kann, was ich tue. Im Rucksack muss ich ein wenig wühlen, bis ich den Brief zu fassen bekomme. Upsi, er ist ziemlich zerknittert.
Ich falte den Brief auf und reiche ihn zum Grenzbeamten hinüber. Er nimmt ihn, dreht ihn direkt um und beachtet nur den Mikrochip auf der Rückseite. Dann nickt er mir zu, ermahnt mich aber. “In der zweiten Kontrolle implantieren lassen.”
Ich schlucke. Davon, dass ich mir so einen bescheuerten Tracking-Chip implantieren lassen muss, hat mir keiner was erzählt. Das war doch vollste Absicht!
Ich werfe Shine einen bösen Blick zu, die so tut, als könne sie kein Wässerchen trüben. Da der Uniformierte die Schranke anheben lässt und uns dann eine kleine Tür im riesigen Tor öffnet, die ich eben erst bemerkt habe, schieben wir unsere Motorräder weiter. Sie passen problemlos hindurch.
Einen Chip implantieren lassen... Ich werd nicht mehr!
Die zweite Kontrolle, von der die Rede war, findet direkt am Eingang der Pyramide statt. Ich sehe das Metallgestell nun deutlich und erkenne das Panzerglas, hinter dem sich ein strahlender Schein verbirgt. Je näher wir der Stadt kommen, desto heller wird es. Was ich nicht kann, ist in sie hineinschauen. Von draußen sieht man durch das milchige Glas nicht, was drin ist.
Wir passieren große Rolltore, die sich zu beiden Seiten in den Betonmauern befinden. Ich tippe auf Lagerräume. Shine schiebt ihr Motorrad vor das letzte rechte Rolltor, wie sie es abstellt.
“Die müssen wir hier lassen”, sagt sie in einem fast schon beschwichtigendem Tonfall. “Wir bekommen sie zurück, wenn wir abreisen.”
Das tut ihr leid? Und was ist mit dem Implantat, meine Liebe? Das gefällt mir nicht. Nichts hiervon gefällt mir.
Ein weiterer Beamter in grauer Tarnuniform kommt aus einer Seitentür auf uns zu und bittet uns danach, überraschend freundlich, ihm zu folgen. Immerhin etwas.
Widerwillig stelle ich das Motorrad ab, hole nun all unsere Sachen aus dem Gepäckfach und laufe ihm hinterher. Tear ist so still, dass ich sie vor Aufregung kaum bemerke, doch sie ist direkt hinter mir.
Wir betreten die Mauer am Rand durch die Tür, durch die der Mann gekommen ist. Nun müssen wir unsere mitgeführten Sachen abgeben. Sogar meine rote Jacke muss ich ausziehen. Das ist gleich noch was auf der Strichliste, das mir nicht gefällt.
Der Beamte weist uns unterschiedlichen Räumen zu. “Sheron S. Lucard, Sie können direkt durch die vordere Tür mit der ‘Willkommen’ Aufschrift gehen. Auch von mir: Willkommen daheim, Prinzessin. River Lucard, bitte gehen Sie durch die zweite Tür rechts mit der Aufschrift ‘Verifikation’. Cecilia A. Pirol, bitte folgen Sie mir.”
Sheron? Cecilia? Wie traurig ist es, dass ich bis eben nicht einen ihrer echten Namen kannte?
Ein wenig überfordert gehe ich, mit dem Brief in der Hand, zur beschriebenen Tür. Meine Hände sind so feucht, dass das Papier an den Berührungsstellen wellig wird. Ich werfe noch einen Blick auf Tear, die, im Gegensatz zu Shine und mir, in eine Befragung kommt. Scheiße, sie tut mir von Herzen leid. Hoffentlich packt sie das!
In Gedanken bei ihr, trete ich in den Raum ein. Auch dieser ist trostlos, grau und fensterlos, allerdings hell beleuchtet. Es stehen zwei Stühle, ein Tisch und, an der Wand, ein Arbeitstisch mit zwei Apparaten darin. Mir kommt ein Typ in Zivilkleidung entgegen. Wie von selbst reiche ich ihm den Brief mit dem Mikrochip. Er nimmt ihn, hebt den Blick und begrüßt mich.
“Ah, ein Lucard. Das erste Mal in einer registrierpflichtigen Stadt, was? Sie werden sich in Mensonia wohlfühlen.”
Diese Informationen muss er aus dem Mikrochip gelesen haben. Gruselig! Er nimmt den Chip vom Papier, befreit ihn von der Folie und legt ihn auf eine schmale, durchsichtige Platte auf dem Arbeitstisch. Dabei sabbelt er:
“Machen Sie sich keine Sorgen. Es läuft nur noch die standardmäßige Zertifikatskontrolle darüber, dann kann es auch schon losgehen.”
Keine Sorgen? Der macht Witze! Dann bemerke ich, dass er stutzt. Er wirbelt den Kopf zu mir und verengt die Augen.
“Stimmt was nicht?”, frage ich unruhig. Der Mann schüttelt den Kopf und spricht danach bedächtiger mit mir. “Sie haben - Ihr habt königliche Zertifikatsspezifikationen. Sie sind gelabelt auf den Kron- … Prinzen.”
Alter! Wie jetzt!?
Ich runzle die Stirn.
Was soll dieser Mist? Stehen in diesem verschissenen Chip etwa sämtliche Stammbaumdaten, Körpermaße und sexuelle Vorlieben, oder wie muss ich mir das vorstellen? Davon abgesehen, dass ich bestimmt keine Krone übernehmen werde, fühle ich mich irgendwie ertappt, offengelegt, ausgezogen. Das kotzt mich alles so dermaßen an, dass ich den Mann anblaffe.
“Hab ich das dann die ganze Zeit auf der Stirn stehen, oder wie muss ich mir das vorstellen?”
“Oh, nein! Ganz und gar nicht, Hoheit. Nur wenige behördliche Stellen verfügen über eine Leseerlaubnis der Zertifizierung. Ihre persönlichen Daten sind privat und absolut sicher. Bei Ihrem Rang wird nicht einmal Ihr echter Name angezeigt, wenn Sie ein Pseudonym wählen möchten.”
Sowas wie ein Pseudonym brauche ich nicht, zumindest für den Vornamen. Beim Nachnamen sieht das schon ganz anders aus. Ich werde Shine fragen, wie man das macht.
Der Prüfer bepinselt die winzige Scheibe mit einem neutral riechenden Mittel. Er steht auf und geht um mich herum. Dann fragt er: “Darf ich?”, setzt die Scheibe aber bereits hinter meinem Ohr an. Ich spüre einen vollkommen schmerzfreien, kleinen Ruck. “Sooo”, höre ich von ihm mit freundlicher Stimme. “Schon vorbei.”
Perplex greife ich mir hinters Ohr und spüre einen winzigen Fremdkörper, der aber bereits nach Sekunden eingewachsen ist. Der Typ hat mich echt gechipt. Einfach so.
Das darf nicht wahr sein!
Er zeigt mir die Tür, durch die ich halb geistesabwesend wandle. Als ich Shine vor mir sehe, realisiere ich, dass ich unter Schock stehe. Gechipt und getrackt zu werden, ist meine eigene, ganz persönliche Hölle. Was für eine Scheiße! Wie soll ich jetzt leben?
“Shine! Shine, es ist eine Katastrophe. Ich- ich habe …” stammle ich. Danach lasse ich flüchtig den Blick schweifen und frage eindringlich:
“Wo ist Tear!?”
Meine Freundin schüttelt den Kopf. “Noch nicht da. Vielleicht dauert es bei ihr einen Moment länger.”
Ich nehme eine Bank wahr, auf die ich mich setze, weil mir schwindelig wird. Ich wurde gechipt und Tear muss diese Befragung nur meinetwegen ertragen.
Kann der Tag eigentlich noch beschissener werden? Mein Blick schweift nach vorn, dann nach oben und verschlägt mir den Atem.
Vor mir sehe ich eine mehrere hundert Meter lange Häuserschlucht mit höher werdenden Hochhäusen, die am Zentralgebäude endet, das bis hinauf zur Spitze reicht. In der Pyramide ist es hell, so hell, wie ich es mir bei nebelfreier Sicht bei Sonnenschein vorstelle. Vom grauen Dunst, der mir ein ständiger Begleiter war, ist hier keine Spur wahrzunehmen. Die Luft riecht sogar anders.
In meinem gesamten Leben habe ich noch niemals so weit in die Ferne sehen können. Irgendwie ist mir das gerade ein bisschen zu viel. Nicht nur mein Hirn, auch mein Herz kommt nicht mehr hinterher.
Die Straße ist bedeutend großzügiger angelegt, als ich es mir das unter einer Glaspyramide vorstellen konnte. Wenn hier so viel Platz übrig ist, wo leben dann die ganzen Leute? Das kapiere ich nicht. Zudem fällt mir die allgegenwärtige Begrünung auf. Direkt neben der Bank, auf der ich verschnaufe, wächst etwas in einem Kasten, das eine unbekannte Frucht trägt. Sie sieht aus, als sei sie für Menschen genießbar. Auch die restliche Begrünung scheint aus Nutzpflanzen zu bestehen. Das ist völlig verrückt und gleichfalls absolut genial.
“Du brauchst einen Skin”, reißt mich Shine aus meiner Faszination. Sie hält mir ein kleines Päckchen hin. “Setz dir diese Kontaktlinsen ein, dann erstellen wir dir schnell einen.”
“Sicher nicht”, pruste ich und schiebe ihre Hand von mir weg. “Und, Sheron, über den Chip, also Crisp, in meinem Nacken reden wir auch noch.”
Sie hält mir die Packung sofort wieder hin, nur diesmal noch etwas näher. “Es ist nicht so, als ob du eine Wahl hättest. In die Innenstadt wird man ohne gar nicht eingelassen.”
Ich stöhne. “Also gut. Schlimmer als der Chip können die Teile ja kaum sein.”
Ich nehme die Kontaktlinsen aus der Packung, auf der “Lenses” steht, brauche aber Shines Hilfe, um sie einzusetzen. Ich blinzle die Tränen weg und sehe einen blinkenden Kurser. Davor steht “Anzeigename”. Das muss das Pseudonym sein, von dem der Beamte sprach.
“Wie bediene ich das?”, frage ich. Shine antwortet: “Ohne Modifikationen reagiert er nur auf Bediensprache. Sag ‘Anzeigename’ und dann den Namen, den du willst.”
Es funktioniert. Nun lese ich, was Shine schon angekündigt hat. “Konfiguration des persönlichen Avatars”.
Ich sehe zu Shine und zucke kurz zusammen. Sie ähnelt sich noch, hat aber Haare in einem kräftigen Farbton, der zwischen Rosa und Rot liegt und sie trägt ein schwarzes Kleid mit neonorange leuchtenden Applikationen. Ist das ihr Avatar?
Da ich komplett überfordert bin, empfiehlt mir Shine, einen kostenlosen Default Skin zu verwenden. Ich wähle irgendwas, merke, dass sich die Farben meiner Klamotten und Haare geändert haben und gebe mich damit zufrieden. Meine Haare scheinen grün oder blau zu sein, meine Jacke ist länger und blau und meine Sachen darunter haben sich grau eingefärbt. Wird schon passen.
Das alles hat einige Zeit gedauert, doch Tear ist immer noch nicht aufgetaucht. Da stimmt doch was nicht. Ich beschließe, durch die Tür zurückzugehen, doch sie ist verschlossen. Auf mein Klopfen reagiert niemand, was daran liegen kann, dass man es durch den dicken Stahl der Tür auf der anderen Seite nicht einmal hören kann. So ist das jedenfalls bei der schweren Bunkertür im Refugium.
“Ich verstehe das nicht”, haucht Shine in sich hinein. “Warum wird sie …” Dann weiten sich ihre Augen, als ob ihr ein Licht aufgehen würde. Wieder spricht sie mehr mit sich als mit mir. “Kann es sein, dass sie …”
Dass sie was? Ich muss meine Freundin ermahnen, mit mir zu reden. Sie überschlägt sich fast.
“Sie sagte, sie wisse nicht, ob sie nach Mensonia gehen kann. Was, wenn sie nicht meinte, dass sie es nicht schafft, sondern, dass sie es nicht darf!? Aber wenn man sie abgewiesen hätte, dann wären wir doch informiert worden, oder… , nein, warum ist mir das nicht eher klar geworden?”
Unvermittelt läuft Shine los in Richtung Hauptstraße. Ich schließe zu ihr auf und fordere sie erneut auf, mich aufzuklären. Auf Rätselraten habe ich gerade herzlich wenig Lust.
Während ihres forschen Ganges spricht sie so schnell, dass sie außer Atem gerät. “Vom Sehen kenne ich Tear schon lange. Sie war sowas wie die feste menschliche Freundin meines älteren Bruders. Mir war immer klar, dass die Zuneigung nicht auf Gegenseitigkeit beruht hat, aber in Mensonia ist sowas Alltag. Das ist einer der Gründe, warum ich die Stadt nicht mehr ertragen konnte. Wie du weißt, stand sie eines Tages in Begleitung meines Großvaters Victor-Constantin im Bunker von Shattered Sky. Danach wurde sie von Mag in einen Vampir konvertiert und wir lernten sie kennen.”
Die harmlos klingende Umschreibung “feste menschliche Freundin" ist eine schmeichelhafte Umschreibung für lebender Blutbeutel, den man vögelt. So viel weiß ich. Boar, ist das ein ekelhaftes Verhalten. Shines Bruder hasse ich jetzt schon. Arme Tear …
Shine macht eine kurze Sprechpause, in der sie ein paarmal schwer Luft holt.
“Was wäre, wenn sie von meinem Großvater illegal aus der Stadt geschafft wurde?”
Ich kombiniere: “Dann wäre sie eine Flüchtige. Aber das ist Spekulation. Kennst du jemanden, der uns vielleicht sagen könnte, wo sie steckt?”
“Beamte geben mir keine Auskünfte, da ich keine Stellung innehabe. Der Einzige, der helfen kann, ist mein Vater. Wir gehen zu mir nach Hause. Da wohnt ja auch mein älterer Bruder.”
Mensonia
“Ach, ich Dummbeutel”, schimpft Shine, die nun urplötzlich stehenbleibt. Noch immer sind wir die einzigen auf der Prachtstraße, oder zumindest sind wir es auf der unteren Ebene. Über uns verlaufen gläserne Brücken, die Verbindungen zwischen den Hochhäusern schaffen. Das ist für sich genommen schon irre. Noch verrückter ist aber, dass die Leute nicht darauf laufen, sondern auf irgendwas sitzend hin und her fahren. Ich kann kaum erkennen, worauf genau, weil es aus der Entfernung nur halbtransparent schimmert.
Shine macht eine Spracheingabe in ihren Tracking-Chip. “Order - zwei einsitzige Solis, sofort!”
Sie erkennt wohl an meinem fragenden Gesicht, dass das einer Erklärung bedarf.
“Wirst du gleich merken. Ohne sie kann man sich in der Stadt nur eingeschränkt bewegen.”
Zwei Solis, hm? Ich vermute, dass ich gleich erfahren werde, womit sich die Bewohner in den oberen Etagen fortbewegen. Eine halbe Minute später kommen zwei dieser halbtransparenten Sitze autonom auf uns zugefahren. Ha, Bingo!
Ich kann die Technik unter dem weiß gepolsterten Sitz sehen, die sich hinter einem durchsichtigen Glitzermaterial verbirgt. Ich bücke mich kurz, sehe saubere Verkalbelung, ein Getriebe, den Akku, muss mich dann aber zügeln, weil sich Shine hineinsetzt. Wir haben keine Zeit zu verlieren, also setze ich mich ebenfalls. Sie spricht wieder mit den Teilen.
“Eingabe für beide Solis: Zum Hauptgebäude, 140. Stock. Ich genehmige den Besuch.”
Moment, der wievielte Stock? Augenblicklich fahren wir los. Diese Dinger bewegen sich ein wenig schneller, als wir es rennend zu Fuß waren, aber um einiges langsamer als unsere Motorräder. Ich sitze bequem und erhalte nun endlich Gelegenheit, mich genauer umzusehen.
Die anderen Fahrgäste sind so ähnlich gekleidet wie Shine, sehr farbenfroh also, besonders was ihre Haarfarben anbelangt. Die meisten von ihnen sind männlich, alle sind Vampire.
Auch weiter im Stadtinneren sehe ich überall Nutzpflanzen, was ich genial finde. Dieser Idee zolle ich aufrichtigen Respekt.
Wir fahren direkt auf das kantige Gebäude im Zentrum zu. Es ragt bis hinauf zur Spitze der Pyramide, die ich auf 500 Meter schätze. Absolut krank ist das. Wenn ich nach oben sehe, zweifle ich an meiner Wahrnehmung. Das kann einfach nicht sein. Wie winzig bin ich eigentlich?
Nah am Gebäude bremst das Gefährt ab. Dann fährt es langsam ins Foyer ein. Ich sehe einen unbesetzten Empfang und große Wendeltreppen vor uns. Wir bleiben allerdings nahe des Eingangs, fahren rückwärts in eine Röhre und docken an irgendwas an. Das ist gruselig. Ich erlebe hier den totalen Kontrollverlust und kralle mich verkrampft an den Armlehnen fest. Eine Sekunde später erschrecke ich wie blöd, als sich der glänzende Fliesenboden plötzlich von mir entfernt. Mein armes Herz!
Wir fahren so schnell nach oben, dass es mir übel wird. Auf Neulinge wie mich nimmt das Teil überhaupt keine Rücksicht. Eine Frechheit! Aber zumindest kann ich jetzt Blicke in jede einzelne Etage werfen. Ich sehe Schreibtische, also scheint es ein Bürogebäude zu sein. Weiter oben werden die Einblicke blöderweise von verschlossenen Türen verhindert. Ich bin aber ohnehin überfordert davon, mir jede der schnell an uns vorbei ziehenden Etagen anzusehen. Wären sie nicht nummeriert, hätte ich direkt den Überblick verloren. Da es nach vorn nichts mehr zu sehen gibt, drehe ich mich vorsichtig um. Diese witzigen fahrenden Sitze haben nämlich nicht von mir verlangt, dass ich mich anschnalle.
Obwohl die Hochhäuser um uns immer noch einen Großteil der Sicht ausmachen, brennt mir der unfassbare Ausblick ein Loch in die Iris. Mein Hirn schmeißt eine Fehlermeldung raus. Junge, du schaust gerade auf die Dächer von Hochhäusern. Das ist mir zu viel, ich melde mich ab. Ohne Hirn vergesse ich zu atmen. Ich kann nicht mehr denken. Der Weitblick durch die nebelfreie Luft hat mich ganz und gar in seinem Bann.
Krass, dass hier alle Dächer begrünt sind. Ich glaube zu fliegen und das beißt sich mit meiner Beklemmung, die dieser scheiß Crisp auslöst. Außerhalb der Pyramide sehe ich dagegen nur den immerwährenden zermürbenden grauen Nebel. Dieser Anblick macht mir begreiflich, wieso nur so wenige in unserer Zuflucht leben. Wenn man das hier kennt, kann man nicht mehr in einen unserer potthässlichen grauen Bunker zurück.
Als die Röhren enden, bleibt das Sitzfahrzeug stehen. Shine steht auf, als sei nichts gewesen. Ich muss mich dagegen erstmal ordnen, sehe wieder nach vorn und lese eine kleine 140. Wir befinden uns in einem winzigen Raum mit nur einer Tür, die meine Freundin ansteuert. Als sie näher tritt, öffnet sich die Tür automatisch.
“Zutrittsgenehmigung für meinen Gast erteilen, Genehmigungsdauer: ein Tag”, sagt sie in einem Befehlston. In meiner Vorstellung antwortet das unterwürfige System tief gebeugt mit: “Sehr wohl!". Ich schrecke zusammen, als mein Gedankenspiel durch eine aggressiv vor meinen Augen aufploppende Meldung gesprengt wird. “Gastzugang genehmigt.” Ja, doch! Meine Güte!
Darunter erscheint ein Timer, der 24 Stunden hinunterzählt. Er wird von selbst klein und rutscht in die linke obere Ecke. “Timer ausblenden”, sage ich reflexartig und habe Erfolg. Endlich mal. Shine mustert mich beeindruckt. “Du lernst schnell. Ich bin überrascht.”
“Ich kann noch ganz andere Sachen schnell lernen”, kontere ich aus Gewohnheit und lupfe die Augenbrauen schmunzelnd. Shine verdreht die Augen. Ja, okay. Sie hat vollkommen recht, dass das unpassend war. So herablassend braucht sie trotzdem nicht zu sein. Ich bin nämlich gerade echt sensibel.
Vor uns tut sich ein riesiger Wohnbereich auf, der sich über die komplette Etage erstreckt. Hier ist die Farbgebung eher zurückhaltend. Weiß und sandige Farbtöne dominieren. Sofort fällt mir auf, wie sauber alles ist. Wie geht das überhaupt? Bei uns zu Hause könnte ich monatelang putzen und es würde nicht so aussehen. Alleine, wie blitzeblank mich der Parkettfußboden anschimmert, ist überirdisch. An einigen Stellen liegen flauschige oder geknüpfte Teppiche, die ich überflüssig finde.
An mehreren Stellen stehen bequem aussehende Sofas, sowie größere und kleinere bestuhlte Tische. Treffen sich hier normalerweise ganze Gruppen? Ein Sofa hätte doch gereicht. Wir können ja schlecht überall sitzen. Es gibt einige Zwischenwände, die aber nicht bis zur Decke reichen. Ganz ehrlich. Die Einrichtung ist hübsch, aber auch die totale Platzverschwendung. Hier könnten locker vier Familien leben. Das ist doch unverhältnismäßig.
Das Licht kommt mir eigenartig vor. Ich bin der Meinung, ich hätte einen schleichenden Farbwechsel bemerkt, der vom künstlichen Licht der Pyramide selbst stammt. Es ist nun leicht gelblich.
Shine geht nur ein paar Schritte und wendet sich dann zu mir. “Das hier ist die Lounge. Um diese Uhrzeit ist Vater vermutlich in seinem Privatbüro ganz oben. Ich muss uns ankündigen.”
Ich lupfe die Augenbrauen. “Okay, dann tu das.”
Danach dreht sie sich von mir weg und spricht leise mit sich, beziehungsweise mit ihrem Crisp. Ich höre das Wort “dringend” deutlich heraus. In mir wächst die Hoffnung, dass wir das Missverständnis schnell aufklären können und schon bald mit Tear wiedervereint werden.
“Eine Stunde!?”, blafft Shine plötzlich. “Sein Sekretär sagt, er empfängt uns erst in einer Stunde! Na, spitze.”
Sie stapft zu einer Couchgarnitur, auf die sie sich wirft. “Das ist okay”, versuche ich sie zu beruhigen, aber in Wahrheit adressiere ich mich selbst damit. “Tear weiß genau, dass wir nach ihr suchen. Ich bin sicher, sie wird die Stunde überstehen.”
Shine seufzt. “Wahrscheinlich hast du recht. Ich mache mir einfach Sorgen um sie. Mein Bruder kann ziemlich besitzergreifend sein.”
Mich beunruhigt das doch genauso. Oh, Mann. Zu ihr setzen kann ich mich bei meinem Adrenalinspiegel nicht. Stattdessen versuche ich mich abzulenken und laufe zum gegenüberliegenden Panoramafenster, das mir einen Ausblick auf die andere Seite der Pyramide gewährt.
Auch wenn ich kaum Unterschiede sehe, stockt mir erneut der Atem. Diese Stadt ist der absolute Wahnsinn. Zum ersten Mal in meinem Leben in die Ferne zu blinken, fühlt sich völlig verrückt an. Meine Augenhöhlen schmerzen schon. Ich kann mich auf keinen Punkt konzentrieren. Ständig wechselt mein Fokus, der sofort wieder verschwimmt. Mir wird schwindelig, schon wieder. Mein Gehirn ist mit dieser Informationsflut einfach komplett überfordert. Ich merke, wie ich nervös an meinem neuen Ring herumspiele, was mich nur noch mehr an Tear erinnert. Soviel zum Thema Ablenkung.
Shine gesellt sich kurze Zeit später zu mir. Von selbst beginnt sie, mir den Aufbau der Stadt zu erklären.
“Wir befinden uns hier im Business-Viertel. Rechts vor uns siehst du das Industrie- und Wohngebiet für Menschen. Auf der Seite, auf der wir die Stadt betreten haben, findest du unsere Shopping- und Vergnügungsangebote mit den Unterkünften der Vampire.”
Ich runzle die Stirn. “Shopping und Vergnügung? Kann nicht sein. Davon hätten wir doch was sehen müssen.”
Shine gibt mir zu verstehen, dass ich mit ihr aus einer anderen Seite schauen soll. “Erwartest du blinkende Werbetafeln? Die gibt es, aber auf der Hauptstraße sind sie verboten und von hier aus sieht man sie noch nicht. Die Lenses zeigen sie erst an, wenn du näher dran bist.”
Die Lichtfarbe hat sich schon wieder verändert. Es ist nun fast orangerot. Nun sehe ich, wie immer mehr Lichter, die wahrscheinlich zu Lampen gehören, in den Häusern und auf den Straßen eingeschaltet werden. Die Pyramide scheint den realen Tag und Nacht-Wechsel nachzuvollziehen. Shine bemerkt, wie ich mich auf einige der hundertfach am Stahlskelett der Pyramide angebrachten Leuchten konzentriere und erklärt Näheres dazu.
“Diese Stadt ist eine der ersten ihrer Art, also schon ziemlich alt. Neuere Städte simulieren die Sonne mit echtem Sonnenstand, mit wunderschönen Auf- und Untergängen und Nachts sogar den Sternenhimmel.”
“Den Sternenhimmel …?”
wiederhole ich fasziniert. Ich habe Bilder davon gesehen, aber keine Vorstellung vom Gefühl, das man haben muss, wenn man einen echten betrachtet. Sterne sind doch so unendlich weit entfernt. Kann man die überhaupt scharf sehen?
Shine blickt nun ebenfalls nach oben, wie ich es tue und erklärt: “Gerade die Älteren haben Sehnsucht nach dem Himmel. Er wird oft besungen, weißt du. Ah, man kann ihn auch mit den Lenses simulieren. Das sieht allerdings nicht besonders toll aus und wirkt angeblich auch unrealistisch. Sprich mir nach: Simulation des Himmels starten.”
Ich tue es und komme ins Taumeln, als hinter den Hochhäusern eine rot glühende Scheibe erscheint. Ich bewege meinen Kopf ein wenig hin und her. Die Kontaktlinsen versuchen komplexe Lichtreflexe auf den Gebäuden zu simulieren, doch sie sehen eigenartig aus. Als würden sie einfach überblenden, was dahinter ist. Mir wird schon wieder schwindelig. Das ist nichts für mich.
“Simulation des Himmels beenden”, sage ich und frage mich im gleichen Augenblick, was die Lenses noch alles simulieren.
“Wie kann ich Realität und Simulation auseinanderhalten, solange ich die Linsen trage?"
Shine sieht irritiert zu mir, als sei ich der letzte Hinterweltler. Hm, wahrscheinlich, weil ich genau das bin. Mit hochgezogenen Augenbrauen stellt sie mir schnippisch verständnisbefreite Gegenfragen. “Wieso sollte man das auseinanderhalten wollen? Wovor hast du Angst, River? Ich kapier’s nicht.”
Schwer zu sagen. Vor Missbrauch. Davor, dass mich einer versucht, über den Tisch zu ziehen, was weiß ich? Wieso sollte es an mir sein, ihr die Nachteile arglos genutzter Technologien zu erklären? Das Gespräch beginnt mich zu frustrieren. Vielleicht bin ich aber auch nur deshalb so angespannt, weil wir nicht wissen, wo Tear ist. Antwort bekommt Shine jedenfalls keine, was sie, ihrem Gesichtsausdruck nach, als Bestätigung betrachtet. Das triggert mich.
“Führst dich hier auf wie die Queen persönlich”, fauche ich. "Und sorry, dass ich vollkommen verblödet ohne digitaler Technik aufgewachsen bin.”
Sie schnauzt gekünstelt zurück. “Sorry, dass ich die stinkreiche Tochter eines chauvinistischen Patriarchen-Arsches bin!”
“G-genau”, bestätige ich verdutzt. Mein wahrscheinlich zur Faust geballtes Gesicht lockert sich wieder. Ihr scheint indes das Gesicht eingeschlafen zu sein. “Was glaubst du, warum ich hier weg wollte, hm, du Schlaumeyer?”
“Weil du hier zur dummen Triene mutierst. Das ist der vorgezeichnete Weg einer stinkreichen Patriarchen-Tochter."
Ich sehe ein klitzekleines Lächeln bei ihr aufblitzen. “Patriarchen-Arsch Tochter. Soviel Zeit muss sein. Und vergiss chauvinistisch nicht, wenn du meinen Vater beschreibst. Der feine Herr hört nämlich nur einer ganz bestimmten Gruppe von Leuten zu: Männern, die, ich zitiere, ‘seiner würdig sind’.”
Tja, da lobe ich mir meinen Papa. Der ist der Coolste mit seiner lockeren Art. Vielleicht hat mich mein Konvertierer deshalb so viele Jahre überhaupt nicht interessiert. Irgendwie hat mir ja nicht mal eine Mutter gefehlt, so liebevoll, wie sich Mag um mich gekümmert hat. Shines Kindheit schätze ich weniger heiter ein als meine.
Spätestens mein Mitgefühl für sie löst den Knoten zwischen uns wieder. Bloß gut. Wenn wir uns richtig in die Haare kriegen, kann das zu Handgreiflichkeiten führen, auf die ich gerne verzichten kann, besonders gegen dieses abnormal starke Gorilla-Weibchen.
Was sie eben erzählt hat, ist zudem unerwartet relevant für unser anstehendes Treffen mit ihrem Vater. “Wird er dich nachher überhaupt ernst nehmen?”, frage ich.
Sie schüttelt zuversichtlich den Kopf, was für sich genommen schon eine Kuriosität ist. “Nee, keine Spur, aber wenn ich einen auf Knatschig mache, passe ich in sein Weltbild und bekomme, was ich will. In seinen Augen bin ich so etwas wie Schmuck für die Familie. Er will, dass ich hübsch aussehe, die Klappe halte und lächle. Mein Bruder bekommt Posten angeboten, ich Kleider und Haarnadeln.”
“Welche Posten könntest du schon bekleiden?”, spotte ich. “Es gibt meines Wissens kein Ministerium fürs Brutal sein.”
Au! Dafür erhalte ich eine Kopfnuss. Tja, was zu beweisen war. Ihr Hang zur körperlichen Gewalt ist aber auch ein Kack-Charakterzug. Da könnte sie sich ein Beispiel an Tear nehmen. Die redet lieber, als handgreiflich zu werden. Und über Gags wie diesen lacht sie, obwohl Shine behauptet, unser kleines Tränchen würde nur selten lächeln. Ich sehe sie dagegen super oft lächelnd. Wenn das mal kein Zufall ist. Tear und ich sind eindeutig füreinander bestimmt. Jawoll ja.
Ich schrecke aus meiner Träumerei hoch.
“Erde an schwerhörigen Vollidiot”, höre ich. “Wir dürfen.”
“Was, schon? Äh, ich meine, endlich!”, rufe ich ertappt.
Octavian
Wie eine Stunde kam mir die Wartezeit eigentlich nicht vor. Vielleicht hat Shines Vater in seinem Termin auf die Tube gedrückt, um sein süßes Töchterlein schneller wiedersehen zu können. Genau das läuft nun schnurstracks zum Rand der Lounge auf etwas zu, das ich eigentlich für eine tragende und deshalb massive Säule gehalten habe. Tatsächlich aber öffnet sich daran eine automatische Tür, die zu einem Fahrstuhl gehört. Er ist etwas geräumiger als die Röhren, in denen wir sitzend bis hier hoch gefahren sind.
“149. Stock”, befiehlt Shine dem Fahrstuhl, der sofort die Türen schließt und losfährt. 149. Stock … Damit komme ich nicht klar. Ich meine, hier geht es um Stockwerke - die in die Höhe führen. Ganz ehrlich, da streikt meine Vorstellungskraft. Wie wird wohl der Ausblick sein, wenn wir so knapp unter der Spitze sind? Ich glaube nicht, dass es viele gibt, die das beantworten können. Shine zur Freundin zu haben, ist ein echtes Privileg.
Entweder ist eine Innenseite des Aufzugs verspiegelt, oder darin wohnt ein verängstigt dreinblickender Klon von mir mit blauen Haaren. Junge, was ist das für ein Gesichtsausdruck!? Den muss ich unbedingt ablegen, wenn ich will, dass mich Shines Vater wenigstens ein bisschen ernst nimmt.
Kaum atme ich noch einmal tief durch, sind wir bereits oben angekommen. Mit einem halben Schritt Vorsprung betritt Shine den Raum, der exakt so groß ist wie die Lounge. Eine nach oben führende Treppe beweist, dass es noch mindestens eine weitere Etage geben muss. Der Raum, in dessen Mitte wir stehen, unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sehr stark von der Lounge. Auch hier gibt es mehrere Sofas, zusätzlich aber auch einen Beratungstisch und eine Menge dekorativer Vitrinen mit altem Tinnef aus Gold oder Keramik, der keinen anderen Zweck zu haben scheint, als darin zu verstauben. Schon wieder drängt sich mir vor allem ein Gedanke auf: Platzverschwendung!
Ich kann die fast schon aufdringliche Präsenz einer machtvollen Person im Raum spüren, die ich nach ein paar Schritten auch sehe. Hinter einem auffällig großen dunkelbraunen Arbeitstisch thront ein Mann in erhabener Position auf einem sandfarbenen Ledersessel. Sein Haar gleicht dem von Shine. Es ist lang, lockig und weißblond. Sein Blick wirkt interessiert, vielleicht auch fordernd. Auf seinen Lippen erkenne ich ein leichtes Schmunzeln. Das muss Shines Vater Octavian sein.
Er ist Victor-Constantins Sohn, der wiederum der Bruder meines Konvertierers Robert-Valentin ist. Das macht Octavian Lucard zu meinem Cousin. Es ist gar nicht so einfach, in unserer Familie den Überblick zu behalten.
Je näher wir ihm durch den großen Raum kommen, desto bewusster wird mir, woher Shines Schönheit stammt. Ihr Vater strahlt seine Ästhetik auf einem Niveau aus, das mich beeindruckt, aber auch einschüchtert. Wie soll ich mit so einem Adonis mithalten? Ich sehe ein hartes Gespräch auf mich zukommen.
Octavian erhebt sich, zeigt nun ein warmes Lächeln, das auf seiner Tochter ruht und begrüßt sie.
“Sheron, mein Liebling. Dein Besuch kommt unverhofft. Was verschafft mir die Ehre? Hattest du Sehnsucht nach mir?”
“Wir sind nur auf der Durchreise”, sagt sie. Ihr Tonfall ist kühl, was mich überhaupt nicht überrascht.
Ihr Vater steht auf, läuft um den Tisch herum und kommt auf uns zu. Dabei nimmt er mich ins Visier. Ach, du Kacke!
Dann hebt er die Augenbrauen und zieht seine ganz eigenen Schlüsse. “Wir? Jetzt verstehe ich. Na, endlich. Darauf habe ich schon ewig gewartet. Mit wem habe ich das Vergnügen?”
Da er mich direkt angesprochen hat, antworte ich ihm gedankenlos mit “River Lucard”.
Er hebt kurz einen Mundwinkel, als sei er zufrieden mit mir. “Ein Lucard”, freut er sich. “Standesgemäß. Fantastisch! Aus welchem Familienstrang stammst du, junger Mann? Nicht aus meinem, wage ich zu behaupten. Aus David-Richards?”
David-Richard ist der älteste der drei Söhne des Urvampirs. Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass Mag die einzige Schwester der drei Brüder ist. Sie führt allerdings nicht den Nachnamen Lucard, sondern Dracul. Er weiß also bereits, dass ich somit nicht ihr Sohn sein kann. Ich überlege kurz, wie ich mich aus der Frage herauswinden kann.
“Richtig. Ich stamme nicht von Victor-Constantin ab.”
Da mir Octavian zunickt, erläutere ich nichts weiter. Garantiert glaubt er nun, dass ich zu David-Richard gehöre. Gut so.
“Fantastisch”, wiederholt er. Da Shine übergangen wurde, startet sie einen zweiten Versuch. Ich sehe ihr an, dass sie eine Rolle spielt. Sie wirkt bemüht.
“Haha, ja, fatal- äh, f-fantastisch, nicht wahr? Aber wir sind eigentlich aus einem anderen Grund hier. Uns hat eine Person begleitet, die vorhin beim Einlass festgesetzt wurde. Hast du dazu eine Meldung erhalten?”
An seinen sich zusammenziehenden Augenbrauen sehe ich, dass Octavian keine Lust auf diese Art Gespräch mit seiner Tochter hat. Dennoch antwortet er. “Mir wurde nichts gemeldet. Das bedeutet, euer Mitreisender ist kein Straftäter. Das sollte als Auskunft genügen.”
“A-”, setzt Shine an, doch ich übernehme. Mal sehen, ob sich Octavian kooperativer zeigen wird, wenn ich die Fragen stelle.
“Unter welchen Umständen können Personen festgehalten werden, wenn sie keine Straftäter sind?”
Tatsächlich wendet er mir einen anerkennenden Blick zu und antwortet aufgeschlossen. “Smarte Frage, River Lucard. Grundsätzlich kann es sich dann nur noch um eine als vermisst gemeldete Person handeln. Darüber werde nicht ich informiert, sondern derjenige, der die Vermisstmeldung erstattet hat. Die beiden werden dann von den Behörden zusammengeführt.”
Mehr bekommen wir nicht aus ihm heraus. Scheiße. Er war der heiße Draht und nun stehen wir wieder bei Null. Auch wenn ich enttäuscht bin, bedanke ich mich bei Octavian für seine Zeit. Wir verlassen das Büro und fahren hinunter in den 143. Stock. Auf dieser Ebene werden der Sofasammlung noch quer verteilte Betten hinzugefügt, die durch Schiebetüren voneinander abtrennbar sind. Das war früher mal ihr Kinder-, heute ist es ein, beziehungsweise sind es mehrere Gästezimmer, wie mir Shine gedankenverloren mitteilt.
Wir gehen allerdings keinen Schritt hinein. Shine starrt stattdessen ins Leere. Ich tue gut daran, sie nachdenken zu lassen, denn schon einen Moment später versichert sie mir, dass Octavians Tipp doch etwas wert war.
“Theoretisch kommen zwar eine Menge Leute für die Aufgabe einer Vermisstenanzeige in Frage, aber mein Bruder ist am wahrscheinlichsten. Statten wir ihm auf gut Glück einen Besuch ab.”
Das klingt nach einem Plan. Shine macht eine Kehrtwende und geht zurück in den Aufzug. Bevor sie darin etwas tut, dreht sie sich mit einem durchbohrenden Blick zu mir.
“Hier hältst du dich zurück. Das ist eine Familienangelegenheit.”
“Ja, o-okay”, bestätigeich ihr verdutzt. Vielleicht befürchtet sie, dass ich Amok laufe, wenn wir Tear wirklich bei ihrem schmierigen Bruder finden. Also, wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, ob ich mich im Fall der Fälle wirklich zügeln kann. In mir tobt etwas, das nur zu gern das Licht des Tages erblicken würde.
Es geht ein Stockwerk nach oben. Es ist schon praktisch, wenn sich alles Wichtige in ein und demselben Gebäude abspielt. Der Fahrstuhl setzt sich allerdings gar nicht in Bewegung. Stattdessen wird ein Sprachkanal zu uns beiden geöffnet. Shine und ich schrecken gleichermaßen zusammen, als wir im Hintergrund des Kanals vom ersten Moment an Tears Stimme hören.
Meine Tear!
Krass, wie das mein Herz zusammenkrampft. Ich bin erleichtert, verunsichert und gereizt, alles zur gleichen Zeit.
Ich will sofort zu ihr, aber das hier ist Shines Terrain. Ich muss die Klappe halten. Unfassbar, wie schwer mir das fällt. Wir hören Tear wettern und wüten, als hätte sie einen ihrer Anfälle. Fuck! Du verdammter Wichser, rück sie sofort wieder raus! Durchatmen. Shine macht dasselbe durch wie ich. Sie regelt das, darauf muss ich mich verlassen.
“Luis, wir müssen reden”, fordert sie. “Dringend!”
“Was will die Abtrünnige? Schlechter Zeitpunkt, wie du vielleicht hörst”, antwortet dieses Arschloch von einem Bruder in einem gestressten Tonfall. Irgendwie bin ich sogar erleichtert, dass er in seiner Situation überhaupt mit Leuten redet, die bei ihm klingeln.
Shine versucht es weiter. “Der Zeitpunkt ist genau richtig. Es geht um Cecilia. Sie ist nicht die, für die du sie hältst.”
Das scheint bei Luis einen Nerv getroffen zu haben, denn er erteilt die Genehmigung daraufhin wortlos. Okay, gut gemacht, Shine! Ich hätte ihn angemault. Nie im Leben hätte er mir daraufhin noch Zugang gewährt.
Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. Als wir aus ihm aussteigen, öffnet sich eine weitere automatische Tür. Scheiße, ich glaub, mein Schwein pfeift. Was ich hinter ihr sehe, kann ich kaum verkraften. Ich bin kurz davor, zu explodieren. Dieser abartige Kotzbrocken hat Tear an sein verficktes Himmelbett gefesselt. Sie ist mit den Armen nach hinten an die Bettpfosten gebunden und zerrt heftig daran herum.
Atmen, ruhig Blut. Von ihren Schuhen abgesehen, ist sie voll bekleidet. Er hat ihr nichts angetan. Noch nicht jedenfalls. Wir sind nicht zu spät.
“River! Shine!”, ruft sie uns erleichtert entgegen. Verzweifelt klingt sie nicht. Ich kann kaum glauben, wie stark sie mit dieser Situation umgeht. Sie stemmt sich nun noch kräftiger gegen die Fesseln und richtet sich ein wenig auf, was ziemlich anstrengend sein muss. “Dieser Schwachkopf hält mich immer noch seine Zofe.”
Ich atme weiter. Ruhig bleiben. Shine macht das.
Sie eilt Tear nun entgegen, doch Luis schneidet ihr den Weg ab.
“Stopp! Cecil gehört mir! Ich habe dich nur reingelassen, damit du mir sagen kannst, was mit ihr los ist. Warum ist sie so, so abweisend? So kenne ich sie gar nicht! Gefesselt hab ich sie nur aus der puren Verzweiflung heraus.”
Tear und Shine brüllen durcheinander. Tears Worte lauten in etwa: “Ich bin Vampir! Warum akzeptierst du das nicht?”
Shine formuliert es anders. “Stell dir einfach vor, dass sie dir jetzt endlich ins Gesicht sagt, was sie wirklich von dir hält!”
Anstatt nun wütend zu werden, macht der weißblonde Folterknecht einen zerknirschten Eindruck. Sein Blick wirkt hohl, als würde er die Welt nicht mehr verstehen. Mit dieser saublöden Fresse dreht er sich zu Tear. “Das ist nicht wahr, wir haben uns geliebt. Sag es ihr, Cecil!”
Verdammt, muss ich mich anstrengen, meine Aggressionen bei mir zu behalten. Das Lodern des Hasses in Tears Augen, als sie energisch antwortet, empfinde ich deshalb fast schon als befriedigend.
“Nein! Ich habe dich niemals geliebt, Luis! Keine einzige Sekunde meines Lebens! Ich war nichts anderes als die unterwürfige Sklavin, die du dir gewünscht hast. Akzeptiere das und mach mich los, denn jetzt bin ich ein freier Vampir!”
Luis steht verloren in seinem eigenen Zimmer, nein, seiner Etage, und macht einen auf gebrochenes Herz. Er ekelt mich so dermaßen an, dass ich kotzen möchte.
Shine macht einen Schritt an ihm vorbei und bestätigt: “Dein Besitzrecht ist erloschen, als sie konvertiert wurde.”
Luis packt Shine am Arm und versucht, sie zurückzuziehen.
“Wer sagt das? Ich habe einen gültigen Vertrag mit der Mädchenschule Violetta Auris. Cecil gehört mir. Ich bringe sie schon wieder dazu, sich an unsere Liebe zu erinnern.”
Holla! Nun reicht es mir.
“Nimm deine stinkenden Wichsgriffel von deiner Schwester! Wenn, dann hast du Pfeife einen Vertrag über Tear als Mensch, aber ich bezweifle, dass eure Gesetze den Besitz von Vampiren erlauben. Benutz doch einfach mal dein Hirn!”
Luis blickt flüchtig zu mir und fletscht die Zähne. “Wer ist der Clown im Default Skin?”
Shine setzt eine Erklärung an, doch ich übernehme sie selbst. “Ich bin River Lucard.”
In eben diesem Moment öffnet sich der Fahrstuhl hinter uns, aus dem Octavian den Raum betritt. Er sieht sich zunächst kurz um und runzelt die Stirn, bevor er zu sprechen beginnt. “Perfektes Timing, wie ich sehe. Es gibt keinen River Lucard in David-Richards Linie. Ich habe nachgefragt.”
Auch das noch! Ich reagiere so gelassen wie möglich, damit die Situation nicht eskaliert. Shine habe ich es zu verdanken, dass mir nicht die Hand ausgerutscht ist. Ich bin ihr echt dankbar dafür.
“Weil ich nicht aus seiner Linie stamme. Ich wollte nicht an die große Glocke hängen, dass ich Robert-Valentins Sohn bin.”
Ich fühle mich schuldig, dass ich meinen leiblichen Vater Alexander nicht erwähnt habe. Meine Familienverhältnisse hier im Detail auszubreiten, erschien mir in dieser Situation zu kompliziert.
Octavian lupft eine Augenbraue, als glaube er mir nicht. “Robert-Valentin. Du willst der Sohn unseres Königs sein? Ich weiß nichts von Kindern aus seiner Linie. Seine Frau war unfruchtbar. Das ist weithin bekannt.”
Mist, nun bereue ich es, meine Geschichte nicht in ihrer Komplexität erzählt zu haben. Ich deute hinter mein rechtes Ohr.
“Bitte lest die Zertifikate auf meinen Chip aus.”
Nun hebt Octavian beide Augenbrauen, was auf mich ziemlich abschätzig wirkt.
“Das hatte ich ohnehin vor”, bestätigt er und ist dann für einige zähe Sekunden still. Auch die anderen verhalten sich ruhig.
Nun runzelt Octavian die Stirn. Mehr in sich hinein als zu uns murmelt er: “ein royales, unfälschbares Siegel …” Er sieht mich nun bohrend an: “Woher genau sagtest du, kommst du, Junge?”
“Ich sagte gar nichts”, erwidere ich. “Ich bin bei Mag im Refugium Shattered Sky aufgewachsen, in der auch Shine, äh, ich meine, Sheron lebt. Robert-Valentin hat mich nicht selbst aufgezogen. Ich bin auf dem Weg zu ihm.”
“Stimmt das, Sheron?”, versichert er sich forsch, wohl aber auch kooperativ bei ihr. Als sie bestätigt, bohrt ihr Vater weiter: “Und was hat es mit diesem Mädchen auf dem Bett auf sich?”
Auch darauf würde Shine gern antworten, doch ihr Vater zischt laut, um ihr den Mund zu verbieten und sieht stattdessen mir in die Augen. Wow, was für ein Arsch. Auch Luis will sich äußern, doch Octavian macht ein weiteres zischendes “Pscht”. Ich unterdrücke mit aller Mühe ein Augenrollen, atme tief ein und erzähle das Wenige, das ich weiß.
“Cecilia ist meine zweite Reisebegleitung. Sie kam vor drei Jahren als Flüchtling zu uns und wurde dann von Mag konvertiert und adoptiert.”
“Cecilia …?”
Bisher hat er wohl nur wahrgenommen, dass da jemand liegt, aber die Person nicht wirklich angesehen. Sein zur Faust geballtes Gesicht hat sich in dem Moment gelockert, als er ihnen Namen gehört hat. Er wirkt betroffen. Anscheinend kannte er sie ebenfalls.
“Unsere-, meines Sohnes Zofe verschwand in der Tat vor drei Jahren spurlos. Wir durchkämmten die Stadt monatelang erfolglos nach ihr.”
Vorsichtig macht er einen Schritt in das Zimmer hinein und spricht Tear direkt an.
“Cecilia …, deine Aura … Ich habe immer gespürt, dass du zu uns gehörst ... Aber, was ist mit deinen Haaren passiert?”
Echt jetzt? Er stört sich jetzt ernsthaft an ihrer Frisur!?
Tear bleibt überraschend ruhig, seit Octavian den Raum betreten hat. Sie sieht ihn ebenso intensiv an wie er sie. Sicher erwartet sie, dass sich ihre Lage durch sein Auftauchen verbessert und tatsächlich liest er nun ihren Crisp aus.
Octavian verschränkt die Arme und geht einige Sekunden lang in sich. Dann nickt er leicht, als ob er eine Entscheidung getroffen hätte.
“Lass sie frei, Luis! Auch wenn mich brennend interessieren würde, wie es dazu kam, haben wir keine Handlungsoptionen. Wenn sie bleibt, dann nur aus freien Stücken.”
“Bitte was?”, schallt es vom Angesprochen durch die gesamte Etage. “Cecil gehört mir! Sie, sie ist meine große L-”
“Auch ich würde gern Anspruch auf sie erheben, doch die Konvertierung macht sie zu Magret-Natalias Tochter”, wird er schroff von seinem Vater unterbrochen. “Genetisch ist sie nun näher am Urvampir als du es bist, also halt die Luft an, Junge! Die Cecilia, die wir kannten, ist nicht mehr.”
Meine verkrampften Muskeln entspannen sich endlich ein wenig. Bin ich froh, dass dieser chauvinistische Patriarchen-Arsch nicht auch noch ein Vollidiot ist. Davon könnte sich der völlig verblödete Luis eine Scheibe abschneiden.
Shine nimmt die Worte ihres Vaters zum Anlass, endlich Tears Fesseln zu lösen. Ohne Umschweife steht das Tränchen auf, schnappt sich ihre vor dem Bett stehenden Schuhe und steuert danach zielgerichtet auf Luis, diesen kleinen Wichser, zu. Ihrer Entschlossenheit und Verärgerung nach erwarte ich eine Ohrfeige, doch sie bleibt vor ihm stehen und hebt den Zeigefinger. “Sowas tust du nie wieder einer Frau an! Nie wieder, kapiert!? Egal, wofür du sie hältst.”
Er verzieht das Gesicht. Ganz offensichtlich kämpft der Lappen mit den Tränen. “Wenn du jetzt wirklich ein Vampir bist …, dann könntest du doch meine richtige Frau werden …”
Angeekelt wendet sie sich ab und stellt sich zu mir. Luis schweigt nun endlich und das ist auch besser so. Ich bin immerhin noch stark damit befasst, mich selbst zurückzuhalten. Gewalt ist keine Lösung, das weiß ich, aber sie würde mir echt helfen, meine Aggressionen auf diesen Kackhaufen abzubauen. Selbst Octavian sieht abschätzig zu seinem Sohn und bietet uns danach an, in einem der Gästezimmer zu übernachten. Er betont, dass wir bleiben dürfen, solange wir wollen. Dann fixiert er Tear.
“Eine Klärung unter vier Augen wäre mir mehr als willkommen, Cecilia …”
Jo, glaub ich gern, dass er aufgeklärt werden will, aber ich zweifle, dass Tear Lust darauf hat. Er dreht uns den Rücken zu, ohne eine Antwort zu erwarten, steigt in den Fahrstuhl und verschwindet. Arrogant bis zum Schluss.
Ich sehe, wie Shine von der Seite zu Tear läuft, doch die macht große Schritte auf mich zu und umarmt mich. Selbstverständlich empfange ich mein armes Tränchen, obwohl ich damit gerechnet hätte, dass sie zuerst ihre Freundin ansteuert. Die Umarmung hält einige Sekunden an, in denen sie in sich zusammen sinkt. Vermutlich kehrt sie langsam zu sich zurück. Als ich bemerke, dass Tear in meinen Armen zu weinen beginnt, winke ich Shine heran.
“Gehen wir ins Gästezimmer.”
Shine macht einen zerknirschten Eindruck. In die Augen schauen will sie mir nicht. Trotzdem kommt sie zu mir und legt eine Hand auf Tears Rücken, die gleich darauf in ihre Umarmung wechselt.
“Es tut mir so leid”, flüstert sie in Tears Ohr.
Gemeinsam gehen wir zum Fahrstuhl. Als er sich schließt, höre ich Luis’ zähnefletschende Drohung. "Ich werde herausfinden, was ihr mit meiner Cecil angestellt habt! Das werdet ihr bereuen!”
Halt bloß die Fresse, du feiger Abschaum, sonst stell ich meinen Fuß in die Tür und geb dir was, das du bereuen kannst. Nicht zu fassen!
Cecilia
Ich habe immer noch ordentlich Puls, als wir wieder auf dem 143. Stock ankommen. Erneut eröffnet sich vor uns diese Etage, in der Sofas, Betten und Schränke wild verteilt stehen, was total bekloppt ist. Ich weiß zwar, dass sie sich durch Schiebetüren abtrennen lassen, aber so wie der Raum jetzt gerade eingerichtet ist, ergibt er einfach null Sinn. Okay, Scheiß drauf. Langsam scheine ich mich sogar an die Platzverschwendung zu gewöhnen, denn sie ist mir herzlich egal.
Shine und Tear setzen sich gemeinsam auf eine L-förmige, schwarze Couch, auf der weiße Kissen liegen und kuscheln sich aneinander. Ich gönne ihnen Ruhe und schaue mich ein bisschen um. Die Etage ist monochrom eingerichtet und wieder mal sauberer als die Arztpraxis in Shattered Sky. Wir, oder besser, Shine ist mit ihren quietschig rosa Haaren und dem neonorangen Schnickschnack der intensivste Farbtupfer. Ah, stimmt ja. Ich selbst trage doch auch so einen bunten Fummel, den ich mir endlich mal zu Gemüte führen sollte. Wie bescheuert sehe ich wohl aus? Ich halte auf einen Schrank mit Spiegel zu, der gleich neben meinen Freundinnen steht.
Die Frage, wie bescheuert ich aussehe, kann ich mit einem klaren ja beantworten. Irre, mir reicht ein Blick in den Spiegel und ich vergesse, wie scheiß sauer ich auf Luis, den Wichspfosten, bin. Mit besserer Laune wäre ich jetzt garantiert so richtig ausgeflippt, so honkig, wie ich aussehe.
Leute, meine Haare sind nicht einfach nur blau, oder so. Sie haben einen Farbverlauf von lila zu türkis! Meine eigentlich normal lange rote Jacke ist bläulich halbtransparent und reicht mir bis zu meinen Waden. Ab der Hüfte fantasieren sich die Lenses die Bewegung des Materials komplett zusammen. Wenn ich mein Bein berühre, fliegt der Mantel unnatürlich über meine Hand nach hinten. Kaum zu fassen, wie hohl das aussieht. Die Optik stimmt null mit der Haptik überein.
Im Spiegel schwebt meine Hand, wenn ich sie in der Realität in meine Jackentasche stecke. Ey, wie ballaballa muss man sein? Da kann ich doch sonst was drin verstecken und keiner würde es bemerken. Ich kann teure Vasen von ihren Sockeln schmeißen mit Kleidung, die ich nicht sehe, weil sie optisch verengt wurde.
Meine simulierte Kleidung darunter ist einfarbig dunkelgrau und irre enganliegend. Als ich mich ins Profil drehe, bewundere ich Muskelgruppen an meinen Beinen, die ich überhaupt nicht kenne. Was ist das bitte für eine Lügenmaschine?
Immerhin gibt es etwas, das es nicht angepasst hat, nämlich mein Gesicht. Das erleichtert mich dann doch irgendwie.
Sehr gut, der geistige Ausflug hat sich gelohnt, denn der Knoten in meinem Kopf ist lockerer geworden. Ich setze mich auf die kürzere Seite der L-förmigen Couch schräg gegenüber den miteinander kuschelnden Girls.
Tear liegt zusammengesunken in Shines Arm. Niemand spricht. Ich vermute, dass Tears explosive zweite Persönlichkeit noch nie so lange am Stück das Sagen hatte. Einerseits wurde sie zwar von ihr beschützt, andererseits kommt sich die besonnene Tear nun vielleicht nutzlos vor.
Ein so sensibles Thema werde ich jetzt aber nie und nimmer anschneiden. Es ist auch kein guter Zeitpunkt, um zu entscheiden, wie und wann wir weiterreisen wollen. Ich sollte abwarten, bis eine meiner Freundinnen etwas sagt.
Ich lehne mich nach hinten und fahre meine Rechenmaschine etwas herunter. Die Ruhe tut mir gut nach den Horden der auf mich einprasselnden Eindrücke, vor allem aber nach Tears Verschwinden. Gut, dass ich gar keine Zeit zum Verzweifeln hatte. Aktionismus Rules.
Es dauert schätzungsweise eine Viertelstunde, bis Tear leise beginnt, sich uns mitzuteilen. Ihre Stimme ist dünn und zittrig. Meine arme Maus.
“Danke, ihr zwei, für eure Hilfe. Was ich euch jetzt sage, kostet mich einiges an Überwindung … Puh, ich weiß auch gar nicht, ob ihr das überhaupt verstehen könnt. Also, … wenn diese andere Persönlichkeit in mir die Oberhand gewinnt, werde ich auf den Zuschauerrang verbannt. Sie allein entscheidet, wann ich wieder handeln darf und genau deswegen hat mir Luis auch weniger Angst gemacht als ihre Macht über mich. An euch habe ich keine Sekunde lang gezweifelt. Sie war viel schlimmer.”
Tear atmet schwer ein, bevor sie gefestigter weiterspricht. “Ich hätte da eine Bitte.”
Ihre Beschreibung geht mir an die Nieren. Ich kann es nur schwer ertragen, das Tränchen leiden zu sehen. Um was auch immer sie uns bitten wird, werde ich erfüllen. Shines aufmerksamer Gesichtsausdruck sagt genau dasselbe. Stellvertretend für uns beide, gehe ich darauf ein.
“Wie können wir dir helfen, Tear?”
Sie braucht einen Moment, den wir ihr gern zugestehen, bevor sie ihre Bitte äußert.
“Auf dem Weg zur Hauptstadt liegt das Anwesen von Shines Großvater Victor-Constantin. Er ist es, der mich aus Luis’ Käfig befreit hat. Es ist sehr wichtig, dass ich mit ihm über meine Konvertierung spreche.”
Shine reagiert zuerst. “Tear, da wollten wir sowieso hin. Ich hatte vor, eine Überraschung aus eurem Wiedersehen zu machen, deshalb hab ich nichts gesagt.”
“Tatsächlich?”, lacht Tear sanft erleichtert und wischt sich danach ein paar letzte Tränen weg.
“Das freut mich. Und es gibt noch etwas, das ich gern tun würde. Ich bin in dieser Stadt aufs Internat gegangen. Das würde ich gern besuchen, bevor wir weiterreisen. Vielleicht können wir einen Tag lang dort bleiben. Bestimmt dürfen wir da auch übernachten. Das wäre mir lieber als … das hier.”
“Klar”, bestätige ich knapp, aber Shine stimmt nur eingeschränkt zu.
“Heute Abend werden wir im Internat bestimmt nicht mehr empfangen. Wir könnten uns ins Hotel einmieten, wenn du hier weg willst.”
“Schon gut, eine Nacht werde ich schon ertragen”, beruhigt sie ihre Freundin. “Ich bin unheimlich erschöpft.”
Wäre meine Großmutter Mag in dieser Situation und hätte reagiert wie Tear, müsste ich befürchten, dass sie ihre Bedürfnisse aus reiner Höflichkeit nach hinten stellt. Das Geniale an Tear ist aber, dass sie genau das nicht tut. Ihre introvertierte Persönlichkeit hält sie nicht davon ab, klar zu sagen, was sie braucht. Das finde ich saustark.
Mag ist immer gleich. Sie ist nett und stellt sich selbst zurück. Ich habe nie eine Ahnung, wie sie sich wirklich fühlt. Tear dagegen weint, wenn sie traurig ist und lacht, wenn sie glücklich ist. Das tut sie schon, seit ich sie kenne. Ich bin froh, dass sie diese Eigenschaft nicht verloren hat, denn gegenüber ihrem Peiniger musste sie ihre Gefühle garantiert verbergen. Hätte sie es nicht getan, dann wäre er heute nicht aus allen Wolken gefallen, als sie ihm an die Rübe gepfeffert hat, wie Kacke sie ihn findet. Dieser Kotzbrocken hat ernsthaft behauptet, sie zu lieben, dabei hat er sich einen Dreck um ihre Gefühle geschert. Das ist nicht nur abartig, sondern auch ungebildet.
Shine braucht eine Weile, um die Raumunterteilung mit den an der Decke befestigten, beweglichen großen Holzlamellen zu programmieren. Während sie das System mit ihrem Crisp steuert, ist ihr deutlich anzusehen, dass sie keine Erfahrung damit hat. Ich tippe darauf, dass das normalerweise Aufgabe eines Dieners ist.
Als alles sanft und leise in Position gefahren ist, entstehen drei Einzel- und ein Gemeinschaftszimmer. Vielleicht ist das Konzept doch nicht so blöd. Zumindest fühle ich mich, was die Raumnutzung angeht, mal ein wenig abgeholt.
Wir teilen uns auf die Räume auf, was eigentlich ein Triggerpunkt für einen meiner üblichen anzüglichen Scherze wäre, doch ich bekomme keinen über die Lippen. Vor dem Hintergrund von Shines frauenverachtender Familie kommt mir jeder sonst so harmlos wirkende Gag plötzlich unpassend vor. Ich will meine Freundinnen schließlich nicht an Lendenfurz Luis erinnern. Scheiße, wie soll ich in Zukunft überhaupt mit ihnen umgehen?
Gedanken wie dieser begleiten meine kurze Nacht. Ich nehme mir vor, mich von Grund auf zu ändern und Frauen gegenüber nur noch anständige Dinge vom Stapel zu lassen. Jawoll!
Wie erfolgreich ich meine guten Vorsätze halten kann, zeigt sich gleich am nächsten Morgen. Ich sehe Tears verschlafenes Gesicht, ihre ungekämmten, kurzen Haare und höre mich selbst sagen: “In meinen Armen wärst du besser zur Ruhe gekommen.”
Ohhhh, verdammt! Ist müde sein eine legitime Entschuldigung für diesen Aussetzer? Mann, ich kann doch auch nichts dafür, dass mir sowas als erstes einfällt.
Tear reagiert allerdings komplett anders als ich es befürchte. Sie knallt mir nämlich gar nicht die Tür vor der Nase zu, sondern haucht stattdessen ein entzückendes “Kann schon sein”. So wie mein Herz zu hämmern beginnt, werde nun ich wahrscheinlich knallrot. W-was soll ich jetzt sagen!?
Tear lacht leise in sich hinein.
“Du hast ja keine Ahnung, wie sehr es mich erleichtert, dass dich meine Vergangenheit nicht abschreckt.”
Ist nicht wahr! Mich normal zu verhalten, war ja mal goldrichtig.
“Wieso sollte sie?”, frage ich und begreife jetzt so langsam die Tiefe des Gesprächs. “Du bist doch immer noch dieselbe mega süße Tear.”
Als Dank lächelt sie auf eine überirdisch vereinnahmende Weise, die mich schmelzen lässt. Leute, diese Frau killt mich am frühen Morgen.
Ich schrecke ertappt zusammen, als ich nun auch Geräusche aus Shines Zimmer höre. Sie schläft normalerweise gern etwas länger. Vermutlich haben wir sie durch unser Gespräch geweckt, da diese komischen Schiebewände ziemlich hellhörig sind. Ich weiß nicht genau, wie spät es ist, aber taghell ist die Pyramidenbeleuchtung bereits.
Völlig verpennt öffnet Shine ihre Zimmertür und nuschelt: “Morgen. Ich ziehe mich schnell um, dann können wir los.”
Angesehen scheint sie uns nicht zu haben, denn weder das süße Tränchen noch ich sind ansatzweise aufbruchbereit.
Ich zwinkerte der neben mir stehenden Tear zu.
“Dann machen wir das auch.”
Sie nickt und verschwindet wieder in ihrem Zimmer.
Holla, war ich mit Tears offener Reaktion überfordert. Ich muss dringend darüber nachdenken, was ich tue, wenn sie auf meine jahrelange Baggerei einsteigt. Mir sieht es jedenfalls danach aus, als sei der Knoten bei ihr geplatzt. Ich freue mich wie ein Blöder, obwohl sie was Schlimmes durchgemacht hat. Ist das falsch? Jetzt fühle mich schmutzig, verdammt.
Bis wir tatsächlich bereit zum Aufbruch sind, vergeht fast eine Stunde. Auf eine Verabschiedung können unsere Verwandten lange warten. Stattdessen fahren wir einfach auf drei Solis durch die Fahrstuhlröhren nach unten. Aufgrund unserer Tracking Microchips weiß Shines Vater doch garantiert sowieso, wo wir uns aufhalten. Ich habe keinen Bedarf, den Typen so schnell wiederzusehen.
Tear hat sich vorhin einen dieser irren Skins angelegt, der ihre Haare grün färbt und lockig aussehen lässt. Darunter trug sie eine graue Bluse und eine graue Hose. Die Lenses überblenden das nun mit einem wadenlagen weißen Spitzenkleid mit dunkelbraunen Lederapplikationen und Nieten. Bis auf die Haare finde ich das gar nicht so übel, wobei ich diese umwerfende Schönheit machen kann, was sie will. Sie ist immer ein Hingucker.
Unsere drei fahrenden, halbtransparenten Sitzgelegenheiten bringen uns bis auf die breite Prachtstraße Mensonias. Da ich es nicht lassen konnte, die meiste Zeit nach draußen auf diese überwältigende Stadt mit ihren gigantischen Gebäuden zu blicken, ist mir nun ein bisschen schlecht. Mann, das scheint zu meinem neuen Normalzustand zu werden. Tears Wegweisung führt uns in Richtung Shopping- und Vergnügungsviertel. Das finde ich zwar mega spannend, wundert mich aber auch, weil ich Tears Internat eher in der Nähe von Wohnungen oder Bürogebäuden vermutet hätte. Schülerinnen einer Mädchenschule für Menschen sind doch keine Ware … oder, warte. Doch, sind sie. Bah, voll ekelhaft!
Die Architektur bleibt die gleiche, doch die Atmosphäre verändert sich im Einkaufsviertel ganz gewaltig. Vorher gab es nur verspiegelte Glasfassaden mit Brücken auf vielen Ebenen zwischen den Hochhäusern. Nun werden die Fassaden selbst zu gigantischen, zappelnden Reklametafeln. Wenn ich nach oben sehe und diese riesige Menge an flimmernden Clips sehe, wird mir kotzübel, also noch mehr als zuvor schon.
Auf den Tafeln halten hübsche Leute irgendwelche Produkte hoch, springen herum, umarmen oder küssen sich. Ich kann gar nicht so richtig hinsehen. Dieses virtuelle Gezappel macht mich komplett matschig im Kopf. Die Informationsmenge schmort mein Hirn durch. Das ist einfach zu viel für einen kurzsichtigen Hinterweltler wie mich.
Ich bin erleichtert, als wir in eins der Gebäude hinein fahren. Auch da strahlt mich Werbung an, aber nur auf drei Etagen auf einmal. Hier scheint es ausschließlich Kleidung zu geben, oder Skins davon, vielleicht auch beides.
Die Männer und Frauen in den virtuellen Schaufenstern tragen sehr viel Neon, aber nicht ausschließlich. Leute sehe ich keine, da wir außerhalb der Geschäftszeiten gekommen sind. Die Läden öffnen laut den Anzeigen erst mittags, schließen aber auch erst um Mitternacht.
Wieder halten die Solis rücklinks an einem Fahrstuhl an, der uns zu den nächsten drei zusammenhängenden Etagen bringt. Auch hier wackeln Anzeigen, allerdings scheint es bei den Männern und Frauen hier eher um das zu gehen, was sie nicht tragen. Das ist irgendwie … anregend. Die sinnlichen Tanzbewegungen der Leute verstärken diesen Effekt. Interessiert schiele ich auf die Öffnungszeiten und lese 22 Uhr bis 7 Uhr, die ganze Nacht also. Soso.
Wir fahren weiter durch Etagen, in die man nicht hineinschauen kann. Es scheint eine Menge davon zu geben. Eine ganze Menge, denn erst als die Etagenanzeige eine 24 zeigt, stoppen unsere fahrenden Sitzgelegenheiten und entlassen uns.
Vor uns befindet sich ein Eingangsportal, über dem stolz der Name Violetta Auris prangt. Daneben hängt ein goldenes Schild mit der Aufschrift Mädchenschule. Tear erbittet eine Zutrittsgenehmigung, die sie umgehend erhält. Die sich automatisch öffnende Tür gibt uns einen Blick auf einen unaufgeregten langen Gang frei.
“Es ist Unterricht, also leise”, bittet Tear, die voranschreitet. Ich wundere mich, wie weit wir an bestimmt schon zehn Türen pro Seite entlang gelaufen sind. Die Länge eines Hochhauses ist schon lange erreicht. Wie kann das sein?
Tear läuft unbehelligt weiter voran. Ich denke schon, dass wir uns in einer Art Raumwirbel befinden müssen, weil ich es für unmöglich halte, dass wir innerhalb der Häuser so weit laufen, da erscheint vor uns plötzlich eine Tür, die den Gang spiegelt, uns aber nicht. Wahrscheinlich ist das wieder eine von den Lenses erzeugte Illusion. Langsam aber sicher fangen mich die Dinger an zu nerven.
Ganz altmodisch klopft Tear an die Tür. Kurz darauf werden wir von einer sanften Frauenstimme hereingebeten. Ich gehe als letzter hinein und bleibe unvermittelt stehen, als ich die Frau zur Stimme sehe. Sie sieht alt aus und riecht unverkennbar nach Mensch. Zwar bin ich es gewohnt, Menschen zu sehen und zu riechen, doch hatte ich hier keinen erwartet, warum auch immer.
“Cecilia! Als ich deinen Namen gelesen habe, wollte ich es zuerst nicht glauben!”, ruft die Dame erfreut aus. Sie trägt ein schwarzes Kleid, in dem sie einen eleganten Eindruck macht.
Tear läuft auf sie zu und lässt sich herzlich umarmen. Ich sehe mich ein wenig um. Hinter den beiden verläuft endlich die Fensterfront. Davor steht ein Schreibtisch, rechts steht eine Couch, links ein Beratungstisch. Ich vermute deshalb, dass es sich bei der eleganten Frau um die Direktorin der Schule handelt.
Die Frau bittet uns mit einer Geste, auf der Couch Platz zu nehmen. Sprechen tut sie nach wie vor nur mit der guten Tear. “Du warst wie vom Erdboden verschluckt, Cessi. Wieso steht auf deinem Zertifikat, du seist ein Vampir?”
Ich kann schon ganz gut verstehen, wieso sie das nicht versteht. Der letzte Mensch, der umgewandelt wurde war meines Wissens meine Mutter und das ist mehr als hundert Jahre her. Das eigentliche Highlight ist aber Tears drollige Antwort.
“Naja, weil ich jetzt einer bin.”
Dann öffnet sie den Mund leicht, zeigt einen ihrer Eckzähne, tippt mit dem Zeigefinger an ihn und nuschelt dabei: “Siehst du? Ist viel spitzer als vorher.”
“Wie … geht das?”, haucht die Direktorin sichtbar überfordert. Kurz streckt sie die einen Finger aus, als wolle sie auch mal anfassen, ordnet sich aber schnell wieder und nimmt die Hand herunter. Sämtliche Erklärungen überlassen wir Tear.
“Wie genau kann ich dir nicht sagen, nur so viel: Umwandlungen nehmen die Lucards nur in Ausnahmefällen vor. Ich hatte einfach Glück.”
“Bei dir, Liebes, glaube ich nicht an Glück”, haucht die Direktorin staunend und mustert ihre ehemalige Schülerin noch einmal. Erst jetzt hat die Frau auch einen Blick und ein paar nette Worte für uns übrig.
“Ja, also euch ebenfalls ein herzliches Willkommen an der Violetta Auris Mädchenschule, Freunde von Cecilia. Mein Name ist Janet Auris. Ich bin die Leiterin der Schule. Normalerweise lasse ich gar keine Vampire ein, aber in diesem Fall musste ich einfach eine Ausnahme machen.”
Shine und ich stellen uns nacheinander in knappen Worten vor. Danach holt Tear bei ihrer Geschichte ein wenig weiter aus und erklärt, dass sie, man möchte sagen, von Victor geraubt und nach Shattered Sky verschleppt wurde, wo sie seitdem lebt.
Die Schulleiterin lächelt verblüfft. “Geraubt und verwandelt von einem Hochadligen? Das ist Stoff für ein Märchen. Wir alle wissen, wohin die Reise unserer Absolventinnen normalerweise führt.”
Ich denke über ihre Worte nach, habe aber keine Ahnung, worauf sie hinaus will. Auch wenn die Frage naiv klingen wird, stelle ich sie.
“Ähm, was passiert denn mit den Frauen normalerweise?”
“Oh”, höre ich von Janet Auris. “Ein Ahnungsloser?”
“Ich bin nicht von hier”, entschuldige ich mich, obwohl ich die Schuld für meine Unwissenheit vor allem bei Shine sehe. Das von ihr hinzugefügte: “Wir sind nur auf der Durchreise”, ändert nichts daran, dass sie mir zu wenig über ihre Heimatstadt erzählt hat.
“Kein Grund, ihn nicht aufzuklären”, wird sie dafür richtigerweise von der Schulleiterin gemaßregelt. Danach widmet sie ihre Aufmerksamkeit allein mir.
“Junger Mann, was denken Sie, ist der Zweck eines Vampirs?”, fragt sie mich, als sei ich einer ihrer Schüler.
“Der Zweck …”, wiederhole ich nachdenklich. Sind Zweck und Nutzen ein und dasselbe? Oder kann ich den Zweck auf die Aufgabe jedes einzelnen herunterbrechen? Frau Auris unterbricht meine Gedanken viel zu schnell.
“Ihnen fällt nichts ein, richtig?”
“Und ob mir was einfällt”, widerspreche ich grinsend. Sie scheint mich zu unterschätzen. “Meiner Meinung nach ist der Zweck eines Vampirs mit seinem Fortbestand verknüpft. Ein Vampi erfüllt seinen Zweck, wenn er langfristig für seine Freunde und Familie sorgt. Dazu zählen dann logischerweise ein sorgsamer Umgang mit Natur und Menschen.”
Die Schulleiterin zieht ein Gesicht, wie ich mir meines vorstelle, wenn ich in die Ferne gucke. Lag ich denn so stark neben ihrer Lehrbuchmeinung? Verdutzt sieht sie zu Shine.
“Stimmen Sie dem zu, junges Fräulein?”
Sie nickt. “Hätte ich vielleicht anders ausgedrückt, aber dem Kern der Aussage, schon. Wir sind so langlebig, dass wir auf sowas achten müssen.”
“Die Erziehung im Refugium ist wahrhaft ausgezeichnet. Noch nie hat ein Vampir in meiner Gegenwart einen Zweck im Dasein der Vampire nennen können, wenn ich von dem einem Mal absehe, bei dem von der Unterwerfung der Welt die Rede war. Meine Folgefrage, welchen Zweck Sie den Menschen zuschreiben, erspare ich Ihnen und weil Sie mir vertrauenswürdig erscheinen, werde ich Ihnen die ganze Wahrheit erzählen.”
Die Leiterin legt ihre faltige Hand auf Tears Arm, als wolle sie sie entweder warnen oder trösten. Die ältere Frau atmet schwer aus und spricht dann Shine an.
“Junges Fräulein, Sie sind die Tochter des Stadthalters, wenn ich mich nicht irre. Sicher wissen Sie, wo ihresgleichen lebt und wo unseresgleichen.”
Shines kurzes Zähneblecken zeigt, wie nahe ihr das Thema geht. “Die meisten Vampire leben mit Menschen in ausbeuterischen Beziehungen zusammen. Menschen werden als lustbereitende Blutbeutel mit Arbeitskraft missbraucht. Mir wird schlecht bei dem Gedanken.”
Die Leiterin bohrt nach. “Und wo leben und arbeiten all die anderen Menschen? Diejenigen, die nicht hübsch genug sind, nicht wohlschmeckend, die alt sind oder krank?”
Shines Blick verfinstert sich. “In kleinen, schmutzigen Wohnungen neben den Fabriken, die noch nie renoviert wurden.”
Die Leiterin präzisiert. “Sie verrichten Zwangsarbeit und geben verpflichtend jede Woche Blut. Dafür erhalten sie eine zugeteilte Menge Nährstoffbrei. Arme und Kranke haben keine Chance. Sie sind Abfall für die Vampire und belasten ihre Angehörigen. Ein Krankheitsnachweis berechtigt zum Verlassen von Mensonia - Ein letzter Weg, den nicht wenige Einschlagen, doch das ist gleichzusetzen mit Selbstmord.”
“Sorry, wenn ich da jetzt reingrätsche”, unterbreche ich. “Wenn hier alles so fortschrittlich ist, warum gibt es dann keine Atemmasken für draußen? Kann doch nicht so schwer sein.”
Nun werde ich sogar von Tear angesehen, als hätte ich die dümmste Frage der Welt gestellt.
“Aber Schulen habt ihr in Shattered Sky?”, fragt die Leiterin erheitert. “Junger Mann, wie kann es sein, dass Sie das nicht wissen? Es sind nicht nur die Giftstoffe in der Luft, die wenigen Pflanzen produzieren auch nicht genug Sauerstoff.”
“Sicher?”, gebe ich zurück. “Meine Großmutter sagt, es gäbe zwar jetzt andere, aber sehr viel mehr Pflanzen als früher. Wie lange ist die letzte Messung denn her?”
Während ich den Gedanken ausspreche, frage ich mich, wer ein Interesse daran haben könnte, die Luftwerte zu überwachen und komme zu der Vermutung, dass das wahrscheinlich gar keiner tut. Menschen dürfen nicht und wir wollen nicht.
“Lassen wir es dabei bewenden”, leitet die Schulleiterin nachdenklich zurück zum ursprünglichen Thema. “Wie Sie unsere Schule in diesem Zusammenhang einzuordnen haben, ist Ihnen doch nun sicherlich klar geworden.”
Nicht alles. Tear gilt, wen wundert es, als hübsch, wurde auf diese Schule geschickt und ist dann an Luis’ Pimmel und seine Beißerchen verkauft worden. Soweit ist es klar. Tears Herkunft bleibt trotzdem ungeklärt.
“Wie wählt ihr eure Schülerinnen aus?”
“Sie kommen zu uns”, bekomme ich als Antwort.
Tear scheint zu ahnen, um was es mir geht und erzählt es selbst.
“Das ist es nicht, was er wissen will, Dias. Alle Schülerinnen sind ungewollte Kinder zwischen Vampiren und Menschen. Wie du weißt, sind Mischlingskinder immer menschlich. Das führt dazu, dass sie fast immer verstoßen werden, aber meine Mutter war anders. Sie hat mich niemals abgelehnt und mich, entgegen der Schulregeln, besucht, wann immer sie konnte. Ständig hatte sie Ärger deswegen. Als ich zehn war, hat man sie für ihren Ungehorsam ausgestoßen.”
Ich hatte vermutet, dass Tears Eltern tot sind. Auf ihre menschliche Mutter scheint das zuzutreffen, ihren vampirischen Vater aber wahrscheinlich nicht. Ich frage lieber nicht nach.
“Deine Mutter war bewundernswert”, sage ich. Tear lächelt traurig in sich hinein, was mein Herz hüpfen lässt. Selbst durch diese dusseligen digitalen Skins funkeln ihre von Tränen befeuchteten Augen.
Das Gespräch wird danach seichter und dreht sich eher um die Gründe, warum die Schule Violetta Auris existiert. Das Dasein im Arbeiterviertel scheint deutlich schlechter zu sein als die Stellung als Mätresse oder Liebhaber mit Ernährungsfaktor. Tear nennt diese Position “Zofe”. Wohnraum, Nahrung, Arbeitslast und sogar Lebenserwartung seien höher und mit etwas Glück landet man in einem freundlichen Haushalt, in dem man gut behandelt wird.
Seinem Gelaber zufolge war sich Luis garantiert sicher, Tear gut behandelt zu haben. So ein Vollhorst! Außerdem erfahre ich, dass Menschen großes Glück dabei empfinden, wenn von ihnen getrunken wird. Auch in Shattered Sky gibt es gemischte Paare, aber über ein geiles Gefühl beim Trinken hat keiner ein Wort verloren. Wie auch immer - ich finde es bedenklich und sage nichts weiter dazu.
Wir verabschieden uns von der Schulleiterin, was bei Tear natürlich ein bisschen länger dauert und besuchen danach eines der Geschäfte.
Kleidung wird tatsächlich virtuell auf ein Spiegelbild von sich selbst übertragen. Man kann Skins davon kaufen, sie sich aber auch passgenau anfertigen lassen. In diesem Geschäft werden meine Bewegung getrackt, ich muss also endlich mal nicht mit meinen Lenses reden, sondern kann den Katalog mit selbsterklärenden Gesten steuern. Das ist mehr mein Ding.
Die Mädels schalten sich auf meine Auswahl und wählen ständig neue Sachen aus. Gerade trage ich eine weiße Hose, ein weißes T-Shirt und darüber eine rote Lederjacke, die meiner echten ähnelt. Shine wischt in irgendeinem anderen Menü hin und her, verpasst mir in Windeseile eine neue Haarfarbe und wählt danach ein merkwürdiges Symbol aus, das wie ein Korb aussieht.
Der komplette Shop schließt sich vor meinen Augen und ich stehe da in der virtuell überblendeten Kleidung, die wir ausgesucht haben.
“Hoppsa, mit deinem Crisp ist tatsächlich ein Konto verknüpft", kichert Shine erheitert. “Na dann, Glückwunsch! Siehst jetzt nicht mehr aus wie ein Noob im Default Skin.”
Wie jetzt? Habe ich diesen Fummel ernsthaft gekauft? Von welchem Geld bitteschön? Werde ich überhaupt aus der Stadt gelassen, wenn ich Schulden habe? Oder geht das etwa auf Rechnung meines Konvertierers? Wie sah ich am Ende nochmal aus? Ich rufe den Shop erneut auf und sehe, dass ich noch einen dunkelroten Gürtel mit passenden Schuhen und … Junge, Junge … rosafarbene Haare habe.
“Sowas gefällt dir?”, zweifle ich an Shines Geschmack, dabei hat sie ja selbst auch pinke Haare. Sie nickt selbstbewusst. Ich sehe zu Tear, die mich zuckersüß anlächelt und etwas scheu sagt: “Ist doch süß.”
Achso. Na, dann will ich mal nicht so sein und akzeptiere die Auswahl der Mädels. Ist ja eh nur für einen Tag und mich kennt hier sonst niemand.
Nach dem Besuch führt uns Shine in einen … Wie soll ich das nennen? In einen Verzehrladen im Nebengebäude. Im Refugium wird Nahrung zugeteilt, auch die für Vampire. Dass es hier ein Geschäft gibt, in dem ich so viel bestellen kann, wie ich will, haut mich um. Unsere letzte Mahlzeit ist eigentlich noch nicht lange her, aber es kann nicht schaden, sich zu stärken, bevor wir weiterreisen.
Der Laden, Shine nennt ihn “Bar”, ist edel eingerichtet mit schwarzen Ledersesseln, in denen es sich bequem sitzt. Im Hintergrund läuft eine sanfte Pianomusik, genau mein Geschmack eigentlich, und wir blicken aus dem dritten Stock hinaus auf die langsam belebter werdnde Straße. Die Wände des Ladens sind golden gestrichen und tragen weiße Pflanzenornamente. Der kleine runde Tisch vor uns glänzt Schwarz und zeigt die Karte an. Ich erwarte, dass wir aus Geschmackssorten wählen können, da ich weiß, dass sowas in den Städten üblich ist, doch das Angebot ist weit komplexer. Ich lese Begriffe wie Heidelbeere, Mint oder Malz neben einer Auswahl, die sich Parfait, Creme oder Liquid nennt.
Ich wähle “Götterspeise, Apfel”. Klingt doch nicht übel. Was Apfel auch immer für ein Geschmack sein soll. Ich kenne ihn als Frucht eines längst ausgestorbenen Baumes. Selbst als es noch Äpfel gab, wurden sie garantiert niemals von uns gegessen. Tear schaut ebenso fragend aus der Wäsche wie ich. Diese Art von Laden sieht sie sicher auch zum ersten Mal. Sie war schließlich noch ein Mensch, als sie die Stadt verlassen hat. “Erdbeere, lecker!”, sagt sie vor sich hin und wählt Erdbeere, Liquid. Shine nimmt Pudding, Fries.
Kurze Zeit später erscheint eine Bedienung, ein junger, menschlicher Mann, der uns die Bestellung an den Tisch bringt. Ich staune, als ich zwei Kelche und ein Glas auf seinem Tablett sehe. Sie sind gefüllt mit Blut in verschiedenen Konsistenzen. Meines ist irgendwie glibbrig, schmeckt süß, sauer und fruchtig. Das Blut mit dem Fries Geschmack in Shines Kelch ist weicher als meines, lässt sich aber ebenfalls gut mit einem Löffel essen. Ich kann nicht verstecken, dass ich Schwierigkeiten damit habe, dieses beknackte Esswerkzeug zu benutzen. Tear hat es richtig gemacht. Sie kann ihre Portion einfach aus ihrem Glas schlürfen.
“Ganz schön schickimicki”, sage ich und komme mir mit dem kleinen Löffel in der Hand bescheuert vor.
“Die Bar hier?”, reagiert Shine verdutzt. “Die ist höchstens Mittelklasse. In der Hauptstadt gibt es Restaurants, in denen richtige Gerichte mit gemischten Geschmäckern serviert werden. Das ist schickimicki.”
Davon wird Tear hellhörig. “Du meinst, sie kombinieren verschiedene Blutsorten, die zueinander passen?"
“Genau.”
Hä? Wie eigenartig. “Sie machen es also genau wie Menschen mit ihren Lebensmitteln?”
“Jaha!”
“So, als würden sie Menschen spielen”, urteile ich.
Shine atmet geschlagen aus. “Fast alle Errungenschaften, an denen wir uns bedienen, stammen von Menschen. Was glaubt ihr denn, warum der Fortschritt so stagniert? Ich bin absolut gegen die Unterdrückung der Menschen. Das ist einer der Gründe, warum ich im Refugium lebe.”
Wirklich? Fast alle Errungenschaften stammen von Menschen? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Das bedeutet doch, dass es sehr wichtig ist, Menschen auch in höheren Berufen auszubilden, selbst wenn ihre Lebensspanne sehr kurz ist. Sie nur zu einfachen Arbeiten zu machen, ist ein Fehler. Ich sag ja, das System ist kaputt. Unsere Gesellschaft ist kaputt. Wir sind kaputt. Ich wusste, dass sich die Welt in einer Schieflage befindet, deshalb wollte ich sie auch gar nicht erst erkunden.
Verbindung
Ich bitte Shine darum, mir das Industrieviertel von Mensonia zu zeigen, doch es stellt sich heraus, dass ich dafür eine Zutrittsgenehmigung beantragen müsste. Keine Chance.
Total verkehrt finde ich es allerdings nicht, dass man keine Vampire durch einen ausschließlich von Menschen bewohnten Stadtteil latschen lässt. Trotzdem hätte ich ihn nur zu gerne gesehen. Ich wette, ich hätte dort noch einiges lernen können.
Okay, dann befrage ich eben ein paar zufällige Leute, um ein bisschen mehr über die Stadt zu erfahren. Wir gehen auf die Straße und warten einfach. Verrückterweise bleiben alle, die ich anquatsche, total handzahm. Sie bringen nix über die Lippen, das Unzufriedenheit ausdrücken würde.
Eine junge Dame im süßen Minirock, die auf dem Weg zur Arbeit ist, versichert uns, ihren Beruf zu lieben. Hm, wie soll ich das einordnen? Außerdem sagt sie, dass die Welt außerhalb der Stadt zum Fürchten sei. Tja, ich muss echt besser verinnerlichen, was Städte für Menschen bedeuten. Sie sind nicht einfach nur Wohnorte für sie, sondern vielmehr eine Zuflucht vor dem sicheren Tod. Selbst nach hundert Jahren sind die Menschen dafür bereit, vor uns Vampiren dafür im Dreck zu kriechen.
Weil das die hiesige Meinung zu sein scheint, sage ich ihr hart ins Gesicht, dass Menschen für uns eigentlich nichts anderes als Nahrung sind. Daraufhin lacht sie herzlich über mich und läuft dann, während sie sich den Bauch haltend bei mir entschuldigt, einfach weiter. Ganz schön frech! Zwar rufe ich ihr nach, wieso sie mich auslacht, bekomme aber keine Antwort mehr.
“Was ist da eben passiert?”, frage ich meine beiden hübschen Begleiterinnen fassungslos. Tear lacht ein bisschen in sich hinein, während mir Shines Bewunderung dieser Frau gegenüber überhaupt nicht weiterhilft. Diese zwei Hühner wollen mir einfach nicht verraten, was mir hier entgangen ist. Ernährung ist doch der einzige Grund, warum sie in Städten wie Mensonia leben dürfen, oder nicht?
Bis abends schlendern wir kreuz und quer durch die schicken Straßen des Vergnügungsviertels. Ich sehe noch mehr Glasfassaden, mehr Läden und mehr wackelnde Werbung, zum Beispiel für die neueste Version der Lenses, oder Massagesessel.
Ganz ähnlich wie in Shattered Sky wird Shine immer wieder erkannt und gegrüßt und das trotz ihrer rosaroten Haare. Die sind hier nichts besonderes. Ich sehe Shines Haarfarbe an vielen Leuten, ob Menschen oder Vampire. Wir quatschen noch einige von ihnen an, doch alle behaupten, diese saubere Drecksstadt zu mögen. Wieso lügen uns all diese Menschen so dreist ins Gesicht? Liegt das an Shine oder daran, dass wir Vampire sind? Von Meinungsfreiheit haben die Leute hier jedenfalls noch nichts gehört.
Am Abend mieten wir uns in das einzige Hotel der Stadt ein. Die Buchung geht verflixt einfach über ein Menü, das vor unseren Augen aufploppt, als wir die Lobby betreten. Weil ich darauf bestehe, wählen wir die kleinste und billigste Zimmerkategorie.
Wir fahren mit einem Lift auf die dritte Etage, auf der wir einen schlichten Gang mit super vielen Türen vorfinden. Die Zimmer sind schnell ausfindig gemacht. Tear steht direkt bei mir, als sich die Tür zu meinem winzigen und spartanisch eingerichteten Zimmerchen automatisch öffnet.
Aaach, wunderbar. Die Enge ist toll. Ganz wie zu Hause. Merkwürdig ist nur der weite Ausblick durch das angeblich hohe Fenster. Das muss eine Simulation der Lenses sein. Ich gehe einen Schritt in den Raum hinein, drehe mich aber direkt wieder zu Tear um, weil meine Gedanken um den Spott dieser Frau kreisen, mit der wir zuerst geredet haben. Die Mädels hatten lange genug ihren Spaß. Ich will die Sache endlich auflösen.
“Warum hat mich die Frau vorhin einfach lachend stehen lassen?”
Tear lächelt und ist jetzt endlich bereit, mich armen Tropf aufzuklären.
“Du hast ihr gegenüber behauptet, Menschen seien nichts weiter Nahrung für uns. Scheinbar ist es dir noch nicht aufgefallen, aber abgesehen von ein paar Beamten, gehen in dieser Stadt ausschließlich Menschen anstrengender Arbeit nach. Weißt du, was das bedeutet? Ohne den Menschen läuft hier gar nichts, nicht einmal das Wasser.”
Oha, das leuchtet ein.
“Achsooo! Bah, die Lösung war zu einfach. Sie dachte wohl, dass ich auch so ein Nichtsnutz bin wie die mensonischen Vertreter unserer Gattung, die Menschen als Arbeitskraft ausbeuten und selbst absolut nichts auf dem Kasten haben.”
“Bist du ja auch!”, ruft es zwischendrin aus dem Gang von einem Absender, den ich nicht extra benennen muss. Ich ignoriere sie, sehe Tear herausfordernd an und deute auf mein Zimmer.
“Wie du siehst, steht hier ein Doppelbett. Falls du dich unwohl fühlst, kannst du-”
“Vergiss es!”, fällt mir Shine vom Gang aus ins Wort, dabei geht sie das gar nichts an. “Hat Tear nicht schon genug Belästigung in dieser Stadt-”
“Shine”, wird nun sie von Tears ruhiger Stimme unterbrochen. “Shine, das ist lieb gemeint, aber ich … kann für mich selbst sprechen, wirklich.”
Ha!
“Oh, e-entschuldige!”, entgegnet ihre Verteidigerin kleinlaut, während sie in mein Blickfeld tritt. Ich feiere meinen Sieg innerlich, bis ich sehe, dass das Sonnenscheinchen knallrot angelaufen ist. Ach, verdammt. Vorführen wollte ich sie nicht.
“Für dich, Shine, Schätzchen, gilt das Angebot natürlich ebenfalls”, springe ich ein.
“Wahlloser Widerling!”, brüllt sie sofort, stapft zurück zu ihrem Zimmer und mault die Tür an, dass sie sich “verdammt nochmal” schließen soll. Schon besser. Das bedeutet nämlich, dass sie nun nicht mehr mithört. Ich erinnere mich kurz an meinen guten Vorsatz, den ich unmöglich einhalten kann.
Durch die Wand hindurch hören wir das derbe Prinzesschen lauthals schimpfen. “Wie kann man nur so notgeil sein?”
“Ich glaube”, sagt Tear verdutzt, “sie versteht deinen Humor nicht.”
Dass Tear ihn versteht, ist mir um einiges wichtiger. Lachend setze ich mich schwungvoll auf das Bett, das eigentlich viel zu groß für dieses winzige Zimmer ist. “Keine Ahnung, warum ich sie damit so leicht auf die Palme bringen kann, aber es ist lustig.”
Tear kichert. Ich frage mich, ob sie glaubt, dass ich sie ebenfalls nur aufziehen will. Das ist meine Chance!
“Bei dir meine ich es Ernst”, presche ich nach vorn. “Ich hab dich mehr als nur gern.”
Oh, wow. Mit einem Mal überrennt mich eine Panikwelle, die sich gewaschen hat. Das war nicht weniger als ein Liebesgeständnis. Meine Hände werden feucht und ich fange an, am Silberring an meinem kleinen Finger zu spielen.
Tear macht den entscheidenden Schritt in mein Zimmer hinein und schiebt die Tür hinter sich bis auf einen kleinen Spalt zu. Das macht mich nur noch aufgeregter.
“River”, haucht sie. “Ich, … ich weiß nicht, was oder wen du in mir siehst, aber… naja, ich …”
Sie schluckt einen Kloß herunter. Oh Mann, wieso macht sie das?
“Ich bin nicht die Richtige für dich.”
Was!? Das hab ich nicht kommen sehen. Ist das ihr Ernst!? Sie spricht weiter.
“Shine passt doch viel besser zu dir als ich.”
Ach, daher weht der Wind. Das muss ich umgehend aufklären.
“Shine und ich, das passt Null.”
“Aber”, widerspricht sie. “Shine ist stark und schön! Ihre hellen, glänzenden Haare strahlen wie die Sonne. Sie ist lieb, sorgt sich um andere. Sie spricht deutlich und frei, ist selbstbestimmt und selbstbewusst.”
Ich stehe auf und nähere mich ihr. Dabei nicke ich und bestätige. “Das stimmt. Sie ist super, aber was hat das mit dir zu tun, Tear?”
Ich versuche, ihren Blick zu fangen, doch wegen ihrer dichten grünen Haare und der tief ins Gesicht gezogenen schwarzen Stoffmütze, sehe ich es kaum. Nur ihre heruntergezogenen Mundwinkel verraten ihre Gefühle. Wie kann ich das nur geradebiegen?
“Du bist diejenige, mit der ich zusammen sein möchte. Dieses Gefühl trage ich schon viel zu lange mit mir herum …”
“Hör auf, bitte”, warnt sie. “Sonst kommt sie wieder zum Vorschein, die andere …”
Direkt entferne ich mich einen halben Schritt von ihr. “Entschuldige, das war aufdringlich. Ich lerne schon noch, wie ich dir näher kommen kann, ohne sie zu provozieren.”
Die Rede ist natürlich von Tears zweiter, aufbrausender Persönlichkeit. Ich gehe davon aus, dass der eigentliche Grund für Tears übertriebene Zurückhaltung die Angst ist, wieder von ihrem anderen Ich übernommen zu werden.
“Du bist unglaublich lieb”, flüstert sie. Entgegen meiner Erwartung bleibt Tear in meinem Zimmer stehen. Dass sie nicht von mir weg will, kann ich nur als gutes Zeichen deuten. Das hier ist tatsächlich eine Chance und ich weiß sie auch zu nutzen.
“Ich habe einen Vorschlag, der vor Logik nur so überquillt”, verkünde ich, warte einen Moment ab, erhalte aber keine Regung von ihr. Hm, ich fahre einfach fort.
“Du weißt, dass ich mit dir zusammen sein will und weil du immer noch hier vor mir stehst, wage ich zu behaupten, dass du nicht komplett abgeneigt bist. Viel logischer, als es dabei bewenden zu lassen, wäre doch, wenn du ganz einfach meine Freundin wirst. Erstmal mit Abstand und dann tasten wir uns tippelschrittchenweise voran.”
Tear hebt endlich den Kopf und ich sehe ihre hübschen, leider mit Grün überblendeten Augen im Kunstlicht funkeln. Damit habe ich sie wohl ziemlich überrumpelt. Während ihr langsam beginnt, das Blut in den Kopf zu steigen, merke ich, dass ich ebenfalls glühe. Oh-oh, war das zu forsch von mir?
“Ich hatte noch nie einen richtigen …”, stammelt sie auf entzückend niedliche Weise. Mehr kommt nicht.
“Keine Sorge”, versichere ich ihr, “Ich hab dich noch genauso lieb, wenn du ablehnst.”
“Dann ja!”, bestätigt sie daraufhin sofort. Mein Verstand steigt aus und lässt mich sagen:
“Ich nehme das nicht persönlich … - halt, wie bitte, was!? Ja, wie ja!? D-du nimmst an?”
Ich kann nicht glauben, dass ich Erfolg hatte. Tear ist knallrot und wirkt hilflos.
“Und … was bedeutet das für uns?”, fragt sie verunsichert.
“Vorerst bleibt alles gleich. Nur bin ich nicht mehr ein, sondern dein Freund.”
Sie lächelt vereinnahmend und nickt dabei. “Du meinst, wir überlisten sie mit einer Annäherung in Zeitlupe? Das könnte klappen! Du bist echt unglaublich, River.”
Ja, und ob! Was ich gerade geschafft habe, ist absolut unglaublich. Tear, das bezauberndste Wesen zwischen Pyramidenspitze und Prachtstraße, hat zugestimmt, meine feste Freundin zu werden.
Gleich, es kann sich nur noch um Sekunden handeln, lässt mir mein Hochgefühl Flügel wachsen. Gleich hebe ich ab.
“Ich wünsche mir so sehr, dass du endlich glücklich sein kannst, Tear”, höre ich mich Süßholz raspeln. Haaach, wie schön die Liebe ist! Lächelnd verabschiedet sich mein Engelchen und öffnet dabei meine Zimmertür. “Bis morgen, River.”
“Bis morgen, meine Süße.”
Dann schließt sie die Tür.
Irreeeee!!! Ich kann nicht glauben, was gerade passiert ist. Ich lasse mich nach hinten auf mein Bett fallen und strahle die Decke an wie ein Vampirkind seine wöchentliche Blutration. Mein ganzer Körper ist in Aufruhr und kribbelt voller Vorfreude auf alles, was kommen wird. Mein Gott, ich liebe diese Frau!
Meine Freude erschwert mir das Einschlafen.
Ich spiele ein bisschen mit den Lenses herum und finde heraus, wie ich den virtuellen Ausblick abschalten kann. Stattdessen sehe ich nun in Richtung eines kleinen Innenhofs, der von Hochhäusern umzingelt ist. Verspiegelte Scheiben verhindern einen Blick in die Räume hinein.
Davon gelangweilt, suche ich, welche Funktionen die Linsen noch haben. Ich finde einen News Kanal, in dem Nachrichten von einer Sprecherin vorgelesen werden. Das Ganze wird in zwei, nicht in drei Dimensionen in meine Blickrichtung projiziert. Das enttäuscht mich, da ich sehr genau weiß, dass die Lenses dazu fähig wären, mir eine komplett virtuelle Person in den Raum zu stellen. Schade irgendwie.
Vieles, was ich finde, ist Werbung, die von Regimepropaganda durchwachsen ist. Dann fallen mir Aufzeichnungen von königlichen Ansprachen auf, von denen ich die Neueste anklicke. Ein gutaussehender Mann, den ich als meinen Va-, meinen Konvertierer identifizieren muss, ist neben einem Logo zu sehen, das ein Kleeblatt darstellt. Er trägt einen blauen Anzug mit Krawatte, mittellange blonde Haare und einen strengen Blick.
Er lobt zuerst die Städte, spricht dann aber über zu hohe Geburtenraten von Menschenkindern, die von Vampiren gezeugt oder geboren wurden. Das scheint irgendwelche Probleme zu verursachen. Diesem Mann beim Reden zuzusehen, löst ein Unruhegefühl in mir aus. Ich weiß, dass ich ihn sehen kann, er mich aber nicht und trotzdem fühle ich mich beobachtet. Nein, ausspioniert trifft es besser. Als wüsste er genau, was ich gerade tue.
Ich springe zu einer älteren Aufzeichnung, von denen entweder nur ausgewählte verfügbar sind, oder sie nur alle ein bis zwei Jahre stattgefunden haben. Darin lobt der König zuerst wieder dies und das und teilt dann mit, dass eine bestimmte Sorte von Plastik knapper und deshalb teurer wird. Auch nicht so spannend. Ressourcen sind nunmal nicht endlos, wenn man sie aus den umliegenden Städteruinen erbeutet.
Was mich interessieren würde, sind die Ansprachen, die näher am Impakt des Meteors vor einhundert Jahren liegen. Die Welt muss im Chaos versunken sein. Fast die gesamte Weltbevölkerung ist dabei hopps gegangen, aber was genau passiert ist, wird nirgends aufgearbeitet.
Die älteste Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 20, sie ist also fast 80 Jahre alt. Die Aufmachung sieht zwar genauso aus wie die aktuelle, aber der Unterschied ist gewaltig. Ich muss schlucken. Mit dem Logo hinter sich spricht nicht nur der König zu seinen Untertanen, neben ihm sitzt die Königin, meine Mutter Ellys Lucard.
Sie schaut wach und klug aus ihren tiefblauen Augen heraus. So strahlend sind meine nicht, aber ihre Haarfarbe ähnelt der Meinen schon sehr stark. Ich finde es gruselig, sie zu sehen, weil es sich anfühlt, als würde ich ins Jenseits blicken. Mein erster Gedanke zu meiner Mutter ist, dass ich ihr gerne meine Freundin vorstellen würde. Meine Güte, ist das bekloppt.
Die Atmosphäre in der Aufnahme ist eine komplett andere. Meine Eltern sprechen voller Zuversicht über den Ausbau der Städte, beispielsweise über eine fertiggestellte Panoramaplattform in Lamiapolis, der heute drittgrößten Stadt und damaligen Hauptstadt. Ein anderes Thema ist die erfolgreiche Züchtung von nährstoffreichen Erntepflanzen, die den Umgebungsbedingungen trotzen. Schon nach kurzer Zeit brummt mir der Schädel. Ich nehme mir vor, in der kommenden Zeit nach und nach alle Aufzeichnungen anzusehen und schalte ab.
Spontankauf
Es ist zum Verrückt werden, dass ich einfach kein Auge zu bekomme. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Gefühl habe, die Sündenstadt Mensonia bei Nacht zu verpassen. Ich ringe eine Weile mit mir und beschließe dann, doch noch einen winzigen Abstecher nach draußen zu machen. Tear und Shine wecke ich dazu aber nicht. Die beiden kennen doch sowieso schon alles. Dass ich neugierig bin, werden sie mir wohl kaum übel nehmen, oder? Wird schon schief gehen.
Ich fahre mit dem Fahrstuhl nach unten und bin direkt geplättet. Ich fasse es nicht! Die Stadt lebt!
So viele Leute habe ich hier am Tag nicht ansatzweise gesehen. In den Zimmern merkt man davon Nullkommanichts!
Nicht nur die Reklame, auch die vielen bunten Leute blinken und leuchten, als wolle jeder von ihnen der Auffälligste sein. Außerdem sind alle super gut drauf. Gemischte Grüppchen stehen zusammen und lachen. Es läuft eine peppige Elektromusik.
Ein bisschen überfordert davon schaue ich mich um, wobei es keine Minute dauert, bis mich schon eine junge Menschenfrau anspricht.
“Suchst du eine Begleitung?”
Ihre Lippen leuchten mir in einem unnatürlich grellen Rosa entgegen. Ihre Haare sind weiß und super lang. Sie trägt einen Bikini, eine kurze Hose und Strümpfe bis über die Knie. Ich zucke mit den Schultern.
“Nicht direkt, aber eine Fremdenführerin wäre schon nicht übel.”
Das bekommt sie scheinbar in den falschen Hals, denn sie sagt:
“Für ein paar Credits kann ich alles sein, was du willst, mein Schatz.”
Unwillkürlich schüttelt es mich. Erwecke ich den Anschein, Zuwendung so nötig zu haben? Ich hoffe nicht!
“Geld hab ich. Ich brauche aber eigentlich nur ein eine kleine Einführung in die Stadt.”
“Sicher doch!”
War das zweideutig? Am besten verbessere ich das. “Meine super süße Freundin schläft drei Stockwerke über uns. Ich suche echt nur jemanden, der mich ein bisschen rumführt.”
“Das mach ich doch gern, mein Schatz. Nenn mich Lia!”
Sie greift sich meinen Arm, an dem sie mich in ein Gebäude leitet. Wir gehen an lachenden Leuten vorbei, die sich unerwartet anständig benehmen. An Partylaune gibt es ja nichts auszusetzen.
Wir werfen einen Blick in einen Laden im Erdgeschoss, in dem leicht bekleidete junge Damen in sinnlichen Bewegungen tanzen. Huiui, sind schon nett anzusehen, die Ladys. Im Laden gegenüber tanzen junge, leicht bekleidete Herren. Holymoly, ich hab echt Mühe, nicht zu genau hinzuschauen.
Das Verrückteste daran ist, dass die Leute im Laden kaum registrieren, was die Jungs und Mädels da so treiben. Mir dagegen zerlegen ihre heißen Hüftschwünge fast das Kleinhirn.
“Zu soft?”, fragt Lia. Scheinbar sieht sie mir nicht an, dass mir Kopf und Hose qualmen. Was ist daran soft? Ist doch heftig, was diese Tänzer so drauf haben!
“Ne, also …”, stammle ich.
“Na, wir finden schon das Richtige für dich. Komm mit!”
Die Musik, die vielen Farben und Eindrücke, vor allem die sexuellen, werden mir jetzt schon zu viel. Wie im Taumel folge ich der jungen Frau. Sie fährt zwei Stockwerke mit mir nach oben.
Dort angekommen, finden wir uns in einer Lounge wieder, in der junge hübsche Menschen, meist alleine, an einem Tisch sitzen. Der gesamte Raum dünstet den schweren Geruch von Blut aus. Ich halte mir eine Hand vor Mund und Nase. Meine Güte, ist das intensiv. Und es ist grausam, denn offensichtlich sucht man sich hier jemanden für einen Mitternachtssnack aus. Alle von ihnen haben Bisswunden an Hals und Handgelenken. Mir schmerzt das Herz. Menschen werden hier ausgebeutet wie Vieh.
“Baah, ne”, sage ich und drehe mich zum Fahrstuhl um. Lia folgt mir sofort.
“Tut mir Leid”, sagt sie, was ich erwidere.
“Mir tut es Leid, Lia. Mir tut alles Leid, was den Menschen hier angetan wird.”
Wir stehen im Fahrstuhl, aber sie wählt kein Stockwerk. “Da vergeht dir der Appetit?”
“Aber hallo”, spucke ich aus. Der Fahrstuhl schließt sich und setzt sich erneut in Bewegung. Kurz bevor sich die Tür öffnet, sagt sie:
“Du bist anspruchsvoll.”
Hä? Versteht sie mich absichtlich falsch? Egal. Ich will jetzt einfach wissen, wohin sie mich bringt. Ich muss feststellen, dass das Erdgeschoss nicht die unterste Etage ist, denn wir sind nun eine weiter unten. Dort erwartet uns zunächst nur ein langer grauer Gang in beide Richtungen. Lia führt mich nach rechts und dann zu einer Metalltür, die sich vor ihr öffnet. Ein Mann mit Zopf im schwarzen Anzug kommt uns entgegen.
“Einen wunderschönen Abend, der Herr, schauen Sie sich ruhig in Ruhe um. N' Abend, Lia.”
Was zur …? Vor mir eröffnet sich der Blick auf eine unterirdische Säulenhalle voller Gitterstäbe, hinter denen junge Mädchen stehen. Ich kann von hier aus mindestens dreißig sehen. Das kann nicht wahr sein.
Auch wenn ich vom Land komme, weiß ich sehr genau, was das hier ist. Ein Sklavenhandel!
“Ist das legal?”, frage ich und höre Lia flüstern.
“Er ist nicht von hier.”
“Zu hundert Prozent zertifiziert. Suchen Sie sich eine oder zwei aus und nennen Sie mir die Dauer Ihres Aufenthaltes. Dann regeln wir den geschäftlichen Teil.”
Ich schlucke. Komme ich hier überhaupt wieder raus, ohne eins dieser Mädels freizukaufen? Ich gehe ein paar Schritte an den ersten Mädchen vorbei. Sie haben saubere Betten, Toiletten und Wasserspender, außerdem Vorhänge zur Abgrenzung. Es riecht auffällig gut hier unten. Auf Hygiene wird echt viel Wert gelegt und trotzdem ist und bleibt das hier die hinterletzte Dreckspraktik.
Es ist unverzeihlich, so mit Menschen umzugehen, aber es liegt auch nicht in meiner Macht, irgendwas gegen diese Scheiße zu unternehmen. Hm, wobei … eine. Ja, eine von ihnen könnte ich befreien. Sollte ich auch, denn ich weiß nicht, was passiert, wenn hier kein Handel zustande kommt. Ach, ich tu’s einfach. Ich rette eine dieser armen Seelen. Hm … tja, aber welche?
Die meisten Mädchen sind aufgestanden, seit ich durch ihre Reihen streife wie ein Raubtier. Viele von ihnen stehen so, dass sie sich mit ihrer Zellennachbarin austauschen können. Ich lausche ihren Flüstereien. Einige wollen raus aus diesem Loch, andere würden lieber bleiben. Eine der Tuscheleien ist besonders interessant. Mädchen A flüstert, dass ich nett aussehen würde. Gibt ‘nen Pluspunkt. Mädchen B antwortet allerdings: “Aber die Haarfarbe sieht echt blöd aus.”
Bingo. Welche war das? Die hol ich hier raus. Mit schneidendem Blick sehe ich mich um.
“Wer von euch hat über meine Haare gelästert?”
Langsam fängt mir dieses Trauerspiel an, Spaß zu machen. Alle Mädels schauen mich unschuldig an, oder unschuldig weg. Ich suche mir irgendeine heraus und zeige mit dem Finger auf sie. “Das warst doch du!”
“N-niemals, mein Herr.”
Als ich erneut wahllos auf jemanden zeigen will, meldet sich ein dunkelhaariges Mädchen schnippisch.
“Ich war’s. Rosa passt nicht zu dir.”
Wieder fangen die Mädchen an zu tuscheln, bis die freche Maus halblaut von sich gibt. “Na, ist doch wahr!”
Sie ist perfekt.
“Was fällt dir ein, junges Fräulein!”, schnauze ich und muss selber lächeln. Als Reaktion schnauft sie verächtlich. So mag ich das.
“Gekauft!”, posaune ich, doch zur Überraschung aller protestiert sie.
“Vergiss es! Ich will einen reichen Sack, keinen armen Schlucker wie dich!”
Also dieses Mädchen hat keine gute Schule besucht, das ist schonmal klar. Wie die meisten hier trägt sie ein locker sitzendes Kleid, das mich auf unangenehme Weise an das Altrosafarbene erinnert, mit dem ich mich an meinem Geburtstag verkleidet habe. Draußen trägt sowas niemand. Das ist nie und nimmer ein Zufall.
Das Mädchen hat außerdem einen dunklen Teint und trägt ihre dunklen Haare zu einem langen dicken Zopf geflochten. Ihr schmales Gesicht lässt sie wie 25 aussehen, aber ich schätze sie nicht älter als 17 Jahre. Ihre verschränkte Abwehrhaltung ignoriere ich und gehe wieder nach vorn zu Lia und diesem schmierigen Hehler.
“Die Kratzbürste zum Mitnehmen, bitte.”
Beide sehen mich an, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen. Lia zuckt mit den Schultern.
“Hätte nicht gedacht, dass du auf den widerspenstigen Typ abfährst."
“Bin halt immer für eine Überraschung gut”, scherze ich.
Der Anzugträger geleitet mich in einen kleinen, schlichten Raum, in dem wir uns in Ruhe über die Einzelheiten unterhalten können. Mir geht der Stift, weil ich keinen Plan habe, ob ich es mir überhaupt leisten kann, ein Mädchen freizukaufen.
Wir nehmen an einem Tisch gegenüber sitzend Platz. Er erzählt mir etwas über sie. Ihr Name ist Mitzy, sie ist 16 und - fuck, da schüttelt es mich - angeblich unberührt. Hoffentlich hat er meinen Kotzreiz nicht bemerkt. Echt, sowas widert mich auf einem Niveau an, dass ich seinem Gesabbel kaum mehr zuhören kann. Mir juckt es in der Faust und schlecht ist mir auch. Mitzy hat jedenfalls im Industrieviertel gelebt, bis ihre Mutter gestorben ist. Sich zu verkaufen, war ihr einziger Weg, noch an Nahrung zu kommen. Tja, das war schonungslos ehrlich.
Dann geht es ans Eingemachte. Der Zopfmann fragt, wie lange ich vorhätte, mich in Mensonia aufzuhalten. Morgen früh hau ich ab - sage ich nicht, sondern lüge dreist, dass ich super lange bleiben und ich die kleine Pestbeule bei mir haben will.
“Verstehe ich Sie richtig, Sie wollen kaufen, nicht mieten?”, fragt er überrascht.
“Na, sicher”, bestätige ich. Dann haut er mir eine horrend klingende Summe an den Kopf.
“75.000 Credits.”
“Pff, für die Ziege? 40.000, höchstens. Die ist ja nicht Mal hübsch und stellt saublöde Forderungen. Seien Sie froh, wenn die überhaupt jemand haben will.”
“50.000.”
“45.000 Credits und ich empfehle Sie an Freunde und Bekannte weiter.”
“Einverstanden.”
Er reicht mir eine Hand, die ich nicht schütteln will. Bah, ekelhaft. Ich ignoriere sie und bekomme stattdessen einen Kaufvertrag über 5 Jahre mit Rechnung auf die Lenses geschnippt. Ich bestätige den Wisch uuuund katsching. Die Kohle ist weg. Blöd, dass ich kein Konto oder sowas habe, in dem ein Restbetrag steht. Ich hab echt keine Ahnung, was ich kaufen kann und was nicht.
Als ich aus dem kleinen Verhandlungsraum heraus gehe, steht Mitzy bereits mit gepacktem Koffer neben Lia. Sie wirkt auf einmal richtig eingeschüchtert. Tränen stehen in ihren Augen. Scheiße, die Kleine hat echt Panik. Sie tut mir leid, aber ein bisschen muss sie noch durchhalten.
Lia zeigt mir, wo die Besitzurkunde abgerufen werden kann. Ich sehe sie vor mir. Das Mädchen heißt eigentlich Mina-Zara Johann, daher wohl der Spitzname Mitzy. Darunter steht ihr Geburtstag und das heutige Kaufdatum. Tatsächlich habe ich sie unter dem Namen River L. kaufen können und niemand hat Nachfragen gestellt. Das ist in diesem Business wohl üblich.
Ich gehe vor, drehe mich zu einer wie angewurzelt stehenden Mitzy um und fordere sie auf, mir zu folgen. Sie dreht sich zu den Käfigen und winkt. Als sie los läuft, senkt sie ihren Kopf. Mir ist klar, dass sie weint.
Ich beschließe, gleich mit ihr quer über die Straße und zum Hotel zu gehen. Sie folgt mir, ohne ein Wort zu verlieren. Mir erscheint die ausgelassene Atmosphäre mit Musik und Gelächter unpassend für ein klärendes Gespräch, deshalb fange ich keines an.
In der Lobby buche ich ein Zimmer in ihrem Namen für ein Jahr im Voraus. Ich bin erleichtert, dass es die Buchung akzeptiert hat. Mitzy bemerkt zwar, was ich getan habe, bleibt aber stumm. Hm, … vielleicht ist es gar nicht so ungewöhnlich, ein eigenes Hotelzimmer zu bekommen.
Genau wie mein Zimmer, ist es eins der einfachen Kategorie im dritten Stock. Beim Weg dorthin versuche ich Mitzy aus der Reserve zu locken:
“Mal von den Haaren abgesehen, was hältst du von mir?”
Sie sagt nichts, deshalb bleibe ich stehen, was sie ebenfalls tut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gelernt hat, antworten zu müssen. Sie tut es auch tatsächlich und zwar verdammt ehrlich, wenn auch mit zittriger Stimme.
“... Ich hasse Vampire, die einen auf Heilsbringer machen, aber in Wahrheit nur ihre heimlichen Fickfantasien ausleben wollen.”
Oha. Na, wenn mich das mal nicht an den vertrottelten Luis Lumpensack erinnert. Ich habe noch nichts entgegnet, als sie voller Wut und Verzweiflung weiterspricht.
“Und? Was jetzt? Wirst du mich schlagen, treten, verstümmeln, weil ich die Wahrheit sage?”
Mitzy zittert, und zwar am ganzen Körper. Ich glaube, sie hat Todesangst. Sie tut mir total leid.
“Scheiße. Mitzy, ich muss mich im Namen aller Vampire bei dir entschuldigen. Ein System, dass Versklavung ermöglicht, ist der allerletzte Dreck.”
Sie hat zwar den Kopf gesenkt, aber ich sehe sehr genau, dass sie die Augen rollt. Verstehe ich. Nur weiß ich nicht, wie ich zu ihr durchdringen soll. Damit wir nicht weiter so blöd in der Lobby herumstehen, bitte ich sie in den Fahrstuhl, mit dem wir in den dritten Stock fahren können.
Während der Fahrt versuche ich es anders.
“Meine beiden Freundinnen und ich reisen morgen früh wieder ab. Du kannst gerne auf meine Kosten im Hotel wohnen bleiben.”
Sie steht seitlich von mir und wirft an einer dunkelbraunen Haarsträhne vorbei einen abschätzigen Blick auf mich.
“Hä?”, ist alles, was sie sagt. Dabei schüttelt sie den Kopf irritiert in schnellen kurzen Bewegungen. Eine kleine Zicke ist sie ja schon. Ich erkläre es nochmal mit anderen Worten.
“Soll heißen, dass ich zwar als dein Besitzer eingetragen bin, du aber in Wahrheit frei bist.”
Der Fahrstuhl öffnet sich vor uns. Mitzy schaut aber immer noch von der Seite zu mir und bemängelt meine Kurzsichtigkeit.
“Und wovon soll ich dann leben, bitteschön? Soll ich die Möbel essen?"
Ey, was ist das für eine undankbare Kuh? Darüber kann man doch normal reden, oder nicht!?
Ich gehe aus dem Fahrstuhl und laufe im Gang Shine in die Arme. Ohh, shit!
“Und? Wo waren wir heute Nacht?”, empfängt sie mich verächtlich mit einem in die Hüfte gestemmten Arm und angehobenen Augenbrauen. Mitzy kommt an meine Seite. Ich sehe, wie Shines Blick zu ihr wandert und sich dabei verengt.
“Er war shoppen”, antwortet die Kleine abgebrüht. Tja, sie ist zickig und schlagfertig. Dennoch sieht man ihr den Schock deutlich an.
“Shoppen?”, wiederholt Shine, als verstünde sie nicht. Ich erkläre es.
“Durch einen dummen Zufall bin ich in einer Hehlerstube rausgekommen und, naja, da hab ich dann spontan Mitzy freigekauft.”
Als sie das hört, läuft Shine sofort auf das Mädchen zu und nimmt die Hände der kleinen Sklavin, was sie ihre glasigen Augen aufreißen lässt. Ich mache einen Schritt zurück.
Shine fängt an, sie mit Fragen zu überschütten. “Du wurdest verkauft? Geht es dir gut? Weißt du schon, wie es für dich weitergeht?”
Mitzy wirkt überfordert. Als auch Tear im Gang auftaucht, hört für mich kurz die Welt auf sich zu drehen. Auch wenn es gerade super unangemessen ist, muss ich diesen knuffig verschlafen aussehenden Engel breit anlächeln.
Ich laufe weiter zu meiner süßen Freundin und erkläre im Schnelldurchlauf die Lage. Zum Glück versteht auch Tear sofort, was los ist und geht direkt auf das verschreckte Mädel zu. Ich denke mal, dass ich jetzt überflüssig sein dürfte. Die zwei können Mitzy viel besser unterstützen als ich. Ich will mich verabschieden, da ruft mir Shine zu.
“Moment mal, du Superheld! Menschen brauchen mehr als nur eine Unterkunft. Ist dir klar, oder?”
“Äh …”
Mehr fällt mir nicht ein, aber Shine schon.
“Richte ihr eine monatliche Überweisung ein. 5.000 Credits sollten reichen.” Dann sieht sie versichernd zu Mitzy. “Die reichen doch, oder?”
Diese nickt energisch. Scheint gutes Geld zu sein. Mir ist es Wumpe, denn es ist ja nicht meine Kohle, die ich hier mit beiden Händen rauswerfe, sondern die meines fiesen Konvertierers. Pah, soll er doch bluten. Ich stimme zu und richte den Dauerauftrag ein.
Gut, dann wäre das geklärt.
Ich verabschiede mich und gehe in mein Zimmer. Ich vermute, Shine und Tear werden jetzt noch ein bisschen Mitzy verhätscheln und dann ebenfalls schlafen gehen.
Als ich auf meinem Bett liege, denke ich noch kurz darüber nach, ob ich richtig gehandelt habe. Einen Menschen da rausgeholt zu haben, ist doch besser als keinen, … erstmal.
Jop, ich kann zufrieden mit mir sein.
Ruinen
Die Pyramide erscheint in orangeroter Morgendämmerung, als ich meine beiden hübschen Begleiterinnen durch ein Klopfen an ihre Türen wecke. Etwa eine halbe Stunde später stehen sie gleichzeitig aufbruchbereit vor der meinen. Shine kann kaum die Augen offen halten, was an Mitzys Betreuung liegen dürfte. Tear wirkt etwas aufgeweckter, aber sie scheint nicht so richtig zu wissen, wo sie hingucken soll, jetzt, wo sie meine feste Freundin ist. Sobald ich ihr einen verstohlenen Blick zuwerfe, tut sie so, als müsse sie etwas in ihrem Rucksack suchen.
“Alles dabei?”, frage ich schelmisch. Ertappt hebt sie den Kopf schreckhaft in meine Richtung. “J-jaja, kann losgehen.”
Die Süße ist so knufflig, dass ich schmelzen könnte. Außerdem freut es mich tierisch, als neben uns die Tür zu Mitzys Zimmer aufgeht. Verschlafen und verheult schaut sie zwischen ihren dunklen, ungemachten Haaren an mir vorbei zu Shine, der sie im nächsten Moment um den Hals hüpft.
“Ich werde dich vermissen”, wimmert die Kleine. Shine hat echt ein Händchen für schwere Fälle. Dann dreht sich Mitzy zu Tear. “Dich auch, liebe Tear.”
Sie lässt los, schaut nur kurz zu mir und raunt: “Dich nicht, … aber … Danke trotzdem.”
“Hmhm, gern geschehen, du kleine Hexe.”
“Und deine Haare sehen wirklich kacke aus”, wiederholt sie, worauf nun Shine und Tear zugleich eingehen.
Tears “Mir gefällt's” wird überlagert von Shines empörten: “Hey, die Farbe hab ich ausgesucht!”
Haha, da ist die Kleine voll ins Fettnäpfchen getreten. Sie versucht es irgendwie zu retten.
“Ups, ähm… , also dir steht dein Pink ja auch …”
“Rosa steht doch jedem!”, postuliert Shine daraufhin, dem Tear, ihrer wiegenden Kopfbewegung nach, nur teilweise zustimmt. Mitzy bleibt bei ihrer Meinung.
“Also hier steht das Gegenargument”, und sieht dabei herausfordernd zu mir. Kleine Kröte. Das bekommt sie zurück.
“Zu schade, dass ich dich nicht auf die Reise mitnehmen kann”, sage ich und gehe zwei Schritte Richtung Fahrstuhl. Den Sarkasmus hat sie herausgehört und gibt ihn zurück.
“Zu schade, dass du nicht länger bleiben kannst.”
Ich winke nur und gehe weiter. Dennoch bekomme ich mit, wie sich auch Tear und Mitzy umarmten. Erst danach folgen mir meine Begleiterinnen in den Lift.
Kaum ist er geschlossen, bedankt sich Tear bei mir.
“Mitzy kann sich schecht unterordnen. Sie hätte ein kurzes und hartes Leben bei ihrem künftigen Besitzer gehabt. Ich bin froh, dass du sie mitgebracht hast.”
Meine Bauchentscheidung scheint mich gut geleitet zu haben. Ich hasse dieses Stadt und dieses System. Es ist ein kleiner Trost, dass ich wenigstens einer Person helfen konnte.
Wir fahren zu dritt mit diesen Dingsis, den Solis, bis zum Stadtrand und kommen zur ersten Grenzkontrolle. Noch bevor wir einen Fuß aus der Stadt setzen können, wird ein stummer, blau leuchtender Alarm um mich herum ausgelöst. Was zur …!
Sofort kommt ein großgewachsener und natürlich fesch in grau gekleideter Beamter geeilt und nimmt mich zur Seite. Er fasst zielgerichtet an meinen Unterarm und zieht ihn auf Brusthöhe. Ich verstehe nicht, was er will, bis er fragt, aus welchem Material der Ring an meinem Finger sei. Der Mann wirkt, als verstünde er keinen Spaß.
“Aaach, dieser winzige Ring, also der ist - …” Der Typ unterbricht mich und stellt schon die nächste Frage.
“Zur Anreise hatten sie den noch nicht, ist das richtig? Er ist nicht angemeldet.”
“Ja, doch”, sage ich nur, was ein Stirnrunzeln bei ihm hervorruft. Endlich lässt er mich los, wartet aber auf eine bessere Erkältung. Shine springt endlich für mich ein.
“River musste bei unserer Anreise nicht durch diese Schranke. Sein Crisp war noch nicht implantiert und wegen all der Aufregung haben wir vergessen, den Ring anzumelden.”
“Können Sie das ebenfalls bezeugen, Frau Pirol?”, fragt er Tear mit einem bohrenden Blick. Der Typ ist fast zwei Meter groß und kann einem echt Angst machen. Wieso ist er am Aus- statt am Eingang postiert?
“Das weiß ich nicht”, antwortet sie ehrlich. “Ich war in einer Einzelprüfung.”
Der große Mann räuspert sich. “Silber zu schmuggeln, ist kein Bagatelldelikt. Da Sie ausreisen, Herr Lucard, kann ich Sie gewähren lassen, aber melden Sie den Ring beim nächsten Mal an.”
“Jawohl”, bestätige ich eingeschüchtert. Huiui, bin ich froh, dass der Besitz nicht strafbar ist, sonst hätte ich wohl das hiesige Gefängnis von innen kennengelernt. Hm, das hätte vielleicht so ähnlich ausgesehen wie der Sklavenmarkt. Es gibt Dinge, die muss man nicht wissen.
Wir passieren das zweite Tor, das einen tristen Blick auf die etwa einen Kilometer langen Betonmauern und sehr viel Nebel freigibt. Das einzig Schöne sind unsere beiden Motorräder, die nicht nur unversehrt aussehen, sondern auch blitzeblank gereinigt wurden. Nett. Dagegen kann man nichts sagen.
Tear hat eben das Grün aus den Haaren verloren, was bedeutet, dass am zweiten Tor auch der Wirkungsbereich unserer Lenses endet. Shine, endlich wieder weißblond, läuft zielstrebig auf ihr Motorrad zu und fängt an, es über die vielen Bremshügel zu schieben. Das ist echt nervig.
Als die Hügel enden, steigt sie schwungvoll auf. Ich platziere mich auf meinem Motorrad und grinse die hübsche goldhaarige Tear an. Ich freue mich schon darauf, dass sie gleich wieder hinter mir sitzen und sich an mir festhalten wird - zum ersten Mal als meine feste Freundin. Hammer! Alleine der Gedanke daran lässt meine Gehirnzellen stepptanzen.
Leider zögert sie. Dann steigt Tear noch vorsichtiger hinter mir auf als bei unserer ersten Tour. Sie traut sich kaum, mich anzufassen, so verunsichert ist sie. Ach, meine Tear. Ich schiebe ihre Arme fester um mich.
“Shine killt mich, wenn du runterfällst”, scherze ich, was sie aus ihrer Verkrampftheit befreit. Endlich können wir losfahren.
Tja und da ist er wieder, der kühle, muffige Nebel, der uns alle kurzsichtig macht. Sein Geschmack auf der Zunge entpuppt sich als gewohnt ekelhaft sauer und verbrannt, aber ich glaube, ihn intensiver zu schmecken als sonst. Zwei Tage lang gereinigte Luft zu atmen, hat mich zum Luftgourmet werden lassen. Nun kann ich die nächste Stadt kaum noch erwarten.
Leider ist der Streckenabschnitt vor uns der Beschwerlichste, da wir erst morgen die kleine Stadt ansteuern, in der mein Onkel Victor-Constantin das Sagen hat. Seine Enkelin Shine hat uns bei ihm angemeldet. Ich glaube, dass sie ihn von sich aus gern besuchen wollte. Mir kommt das gelegen, weil ich auf diese Weise noch ein paar Infos abgreifen kann, bevor ich auf meinen Konvertierer treffe. Victor soll ihn ja echt gut kennen. Zu guter Letzt hat Tear darum gebeten, Victor zu besuchen, weil er es war, der sie aus Mensonia befreit hat.
Jeder von uns hat also seine eigenen Gründe, Victor sehen zu wollen. Ich freue mich auf ihn, aber mir graut vor dem, was danach folgt. Victors Wohnsitz ist die letzte Station vor der Hauptstadt. Ich werde schon wieder unsicher, ob es die richtige Entscheidung ist, meinen Konvertierer zu besuchen.
Na, wie auch immer. Zuerst steht eine Übernachtung in einer verfallenen Ruinenstadt an. Ich sollte mich jetzt nur darauf konzentrieren.
Wir fahren ein paar zähe Stunden durch den Dunst über eine ehemalige Autobahn. Der Asphalt ist zerbröckelt, aber dennoch festgefahren, was die Strecke vergleichsweise angenehm macht. Die Vegetation ist typisch karg. Zwar stehen hier andere Bäume, aber auch sie tragen kaum Blätter.
Auf der weiten, leicht hügeligen gelben Graslandschaft wächst sonst kaum etwas, zumindest so weit, wie wir sehen können. Aktuell sind das höchstens fünf Kilometer. Hin und wieder bemerke ich Ausläufer von in Trümmern liegenden Städten. Eine davon ist riesig. An einem uralten Schild kann ich den hinteren Teil des früheren Stadtnamens erahnen: “nover”. Das deckt sich mit dem Begriff auf meiner selbstgezeichneten Karte, auf die ich an dieser Stelle “Hannover” geschrieben habe. Für uns bedeutet das Halbzeit.
An einem etwas größeren Baum machen wir Halt und stellen die Motorräder ab. Den Akkus reicht das fahle Licht aus, um sich ein wenig aufzuladen. Wichtiger ist, dass sie abkühlen. Von der langen Motorradfahrt schmerzen mir die Arme. Erschöpft lege ich mich unter das Bäumchen und döse vor mich hin. Shine und Tear laufen ein Stück. Bewegung tut auch gut, denke ich und nicke dabei weg. Die beiden Frauen lassen mich eine Stunde lang dösen, bevor sie mich wecken.
Die Fahrt geht weiter. An einer Stelle ist eine Brücke eingestürzt, die über die Autobahn führt. Die Trümmer sind nur so notdürftig weggeräumt worden, dass wir uns durch die Trümmerteile schlängeln müssen. Der Erhalt der Straßen, auf denen der Verkehr zwischen den Städten stattfinden soll, scheint keinen besonderen Stellenwert zu genießen. Es mag schon sein, dass wir uns auf einer wenig befahrenen Nebenroute befinden, aber sie so verfallen zu lassen, beweist eine gewisse Ignoranz. Ich bin enttäuscht von unserem König, der so etwas im Blick haben sollte.
Trotz unserer Pause liegen wir gut in der Zeit und erreichen die riesige Ruinenstadt, in der wir übernachten wollen, schon am frühen Nachmittag. Ich staune, als ich die fast unbeschädigten Gebäude sehe.
Natürlich sind wir auf unserer bisherigen Reise an einer Vielzahl an Häuserruinen vorbeigekommen und natürlich habe ich die zerstörte Stadt auf unserer Insel erkundet, doch diese Stadt ist anders. Die Ruinen sind überraschend gut erhalten. Die meisten Gebäude wirken erstaunlich intakt, auch wenn aus und auf ihnen Gräser, Bäume und andere Pflanzen wachsen. Manche Häuser verfügen sogar über unbeschädigte Fenster. Das ist krass.
Ich kann nur spekulieren, wieso diese Stadt in einem so guten Zustand ist. Vielleicht verschanzten sich die Menschen noch während des giftigen Ascheregens in den Häusern und deshalb kam es wegen der hohen Bewohnerzahl kaum zu Plünderungen. Auch die Entfernung zur nächsten Pyramidenstadt ist zu groß für eine bequeme Ausbeutung. Es wundert mich jedenfalls nicht, dass Durchreisende hier rasten.
Shine fährt voraus, geradewegs in die Stadt hinein über Straßen, die wir mit den Motorrädern gut passieren können. Der Asphalt ist gerissen wie ein ausgetrockneter See. Alte Automobile rosten in den Straßen vor sich hin. Ich bemerke, dass ihre Kennzeichen teilweise noch lesbar sind und mit den Buchstaben MD beginnen. Sehr gut. Hier sind wir richtig. Überall liegen Schutt und Überreste von Leichen, was wiederum normal ist. Und, wie in jeder anderen Ruinenstadt auch, dominieren die Farben Grau, Braun und ein bisschen Olivgrün.
Shine hält vor einem sieben Stockwerke hohen, gut erhaltenen Haus an. Dort stellen wir unsere Motorräder ab und betreten das Gebäude über eine erstaunlich freigeräumte Treppe. Im Eingangsbereich bemerke ich, dass zwar auch hier der Putz bröckelt, aber alles sauberer ist, als es sein sollte.
Die geräumige Lobby hat einen morbiden Charme. Ich stelle mir vor, wie sie vor hundert Jahren von geschäftigen Menschen besucht wurde, die nun alle tot sind. Acht Milliarden Menschen auf der Welt, weggefegt, erstickt, erschlagen, verbrannt, in vielen Gebieten schon innerhalb weniger Tage nach dem Einschlag.
Auch Vampire sind gestorben, aber nicht so viele. Wir sind halt einfach robuster. Verbrennungen und gebrochene Knochen heilen, Gifte atmen wir wieder aus. Am gefährlichsten sind Sonne und Silber und beides ist seit diesen Tagen rar. Wir leben im Zeitalter der Vampire.
“Hier lang”, hallt Shines Stimme durch die Lobby. Tear und ich folgen ihr durchs Treppenhaus in den ersten Stock. Dort finden wir mehrere halbwegs hergerichtete Zimmer vor. Das ist irgendwie verrückt. Sie sind mit alten, aber intakten Möbeln eingerichtet. Es gibt Vorhänge an den Fenstern, Tische, Stühle, Schränke und sogar Betten. Perfekt für Reisende wie uns. Dem geschenkten Gaul und so weiter.
Shine öffnet einen der Schränke, in dem frisches Bettzeug liegt, das wirkt, als habe es jemand extra für uns dort deponiert.
“Den Tipp habe ich von meinem Großvater. Nicht übel, oder?”
Ne, gar nicht übel. Wir setzen uns gemeinsam an einen etwas verschlissenen Holztisch und besprechen das weitere Vorgehen. Die beiden Mädchen sitzen mir gegenüber. Die meiste Zeit spricht zwar Shine, aber ich habe nur Augen für Tear. Ihr Haar ist durch die Fahrt strubbeliger als sonst und kringelt sich unter ihrer Mütze zu großen Locken. Ihre graue Jacke ist an der Schulter schmutzig geworden. Wahrscheinlich hat sie sich hier irgendwo gegen eine Wand gelehnt.
Shine erzählt, dass wir nach diesem Stopp einige Stunden bis zu Victor-Constantins Anwesen fahren und dass es von dort aus wohl nur noch zwei Stunden bis zur Hauptstadt sind, was viel näher ist, als ich dachte.
Während ihrer Beschreibung, was uns bei ihrem Großvater, beziehungsweise meinem Onkel erwarten wird, stockt sie, da inzwischen auch Tear nur noch mich ansieht.
“Flirtet ihr?”, fragt Shine mit einem angeekelten Unterton, den sie gar nicht erst versucht, zu verstecken. Sind wir aufgeflogen?
Mir ist danach, ihr lauthals an die gerunzelte Stirn zu knallen, dass Tear und ich endlich ein Paar sind, doch ich beherrsche mich und lächle nur wissend. Wenn, dann soll es mein hübsches Häschen erzählen. Das schweigt jedoch und läuft stattdessen knallrot an.
“Was ist hier los!?”, stößt Shine gewittrig aus.
“River und ich …”, haucht Tear schließlich, was Shine bereits ausreicht, um ihre Freundin zu unterbrechen. “Nicht euer Ernst! Bah, mir wird schlecht!”
Sofort steht Shine von ihrem Platz auf und beginnt, wütend im heruntergekommen Zimmer umherzulaufen. Dass sie so geschockt reagiert, ist schon ein bisschen übertrieben.
“Also mir ist es verdammt erst”, bekrätige ich. Nach all ihrem dummen Gegacker ist mir immer noch nicht klar, wo Shines Problem liegt.
“Hatten wir das nicht geklärt? Wieso gibst du auf einmal nach?”, beschuldigt sie Tear.
“Geklärt? Du meinst, weil du mir von ihm abgeraten hast, wann immer du konntest?”, reagiert diese angegriffen, versucht aber dennoch sachlich zu bleiben. “Ich hab dir schon so oft gesagt, wie sehr ich ihn mag. Du magst River doch auch."
Shine bleibt von uns abgewandt stehen und seufzt: “Wieso merkst du das nicht? Tear! Das ist ja auch nicht das …, ach!”
Daraufhin läuft die Fragezeichen hinterlassene Gewitterziege geradewegs zur Tür und säuselt: “Das macht die ganze Reise kaputt”, bevor sie verschwindet.
Tear und ich sehen uns fragend an.
“Hast du das verstanden? Was hattet ihr geklärt?”, würde ich gern von meiner angespannt aussehenden Freundin wissen. Sie blickt auf die schmutzige, kaputte Auslegeware und atmet kontrolliert ein und aus. Wahrscheinlich versucht sie zu verhindern, dass ihr aufbrausendes Ich zum Vorschein kommt. Ich stehe auf, gehe zu ihr und streichle ihr sanft über den Arm, an dem der Schmutzfleck ist.
Mit etwas Verzögerung antwortet sie.
“Sie hatte schon von Beginn an ein Problem damit, dass du mir ständig Komplimente machst. Seit etwa zwei Jahren sagt sie mir immer häufiger, dass ich Männer auf Abstand halten soll, weil das besser für mich wäre. Das hat mich nicht weiter gestört. Ich hatte genug Probleme damit, meine Erinnerungen zu bewältigen und den Blutdurst zu kontrollieren. Die Persönlichkeitswechsel haben mir dann die restlichen positiven Gefühle kaputt gemacht. Denkst du, dass sie das meint? So kann es doch nicht ewig weitergehen. Irgendwann muss ich mein Schneckenhaus verlassen.”
Tja, was weiß ich. Normalerweise geht Shine direkt auf mich los wie ein Gorilla, wenn sie ein Problem mit mir hat. Diese weinerliche Reaktion zum Schluss passt überhaupt nicht zu ihr, oder? Ich bin total überfragt. Das einzige, was ich weiß, ist, dass wir nach ihr sehen sollten.
“Vielleicht befürchtet sie, das dritte Rad am Motorrad zu werden, wenn wir zwei die ganze Zeit rumknutschen, oder so. Lass sie uns erstmal suchen.”
Tear stupst mich mit dem Ellenbogen an und läuft dann mit mir den Gang entlang, die anderen zwei hergerichteten Zimmer ab, aber von Shine keine Spur.
Ich kapiere nicht, wie unsere Beziehung die ganze Reise kaputt machen soll. Inwiefern kaputt? Wir bleiben doch alle zusammen. Und wo ist das Mimöschen denn jetzt hingerannt, verflixt?
Plötzlich höre ich sie brüllen.
“Pfoten weg!”
Der Hall kommt aus Richtung Haupteingang. Sofort renne ich zum Fenster und sehe nur noch, wie sich Shine auf mein Motorrad setzt, während ein Fremder auf ihrem davonbraust! Hallo!? Geht's noch!?
Tear hat den Diebstahl ebenfalls beobachtet und rennt sofort zum Treppenhaus, die Stufen hinunter.
Hilflos folgen wir den im Schutt gut sichtbaren Reifenspuren, von deren Verursachern wir nicht einmal mehr ein Staubwölkchen sehen. Scheiße! Hoffentlich kann Shine den Dieb einholen. Gerade noch die eingeschnappte Kuh, ist sie nun unsere beste Hoffnung, das Motorrad zurückzubekommen. Allein die Vorstellung, dass wir den Restweg laufen müssten, ist der blanke Horror!
Tear sieht das offenbar genauso, denn sie gibt ein ordentliches Tempo vor, mit dem sie den Spuren folgt. Nach etwa 15 Minuten höre ich, wie ein Motorrad näherkommt. Ich erkenne Shine hinter einer Häuserwand an einer großen Kreuzung auftauchen. Sie hält direkt vor uns und wirbelt dabei so heftig Staub auf, dass wir ordentlich eingepudert werden. Eeeklig! Der Fleck an Tears Jacke spielt jetzt keine Rolle mehr.
“Ich weiß, wo er hin ist!”, brüllt sie aufgeregt.
Ich lobe sie hustend, während sie von Tear am Arm berührt wird. “Ich hab mir Sorgen gemacht.”
Wir nehmen nun zu dritt die Verfolgung auf, wobei Shine das Motorrad neben sich her schiebt. Die Reste des Asphalts knirschen unter unseren Füßen und den Reifen des nun komplett eingestaubten Motorrads. Unser Streit rückt in den Hintergrund. Wir müssen nun zusammenhalten.
“Ich wusste nicht, dass die Ruinen bewohnt sind”, sagt Shine verwundert. Sie zeigt uns den Weg, der immer schwerer zu finden ist, weil das fahle Licht des Tages zu schwinden beginnt. Nach weniger als zehn Minuten weist sie auf ein erstaunlich gut erhaltenes Einkaufszentrum, in dem der Flüchtende verschwunden sein soll.
Tear bleibt stehen und sieht sich um. “Ist euch aufgefallen, dass hier nicht ein einziges Skelett liegt?”
Jo, stimmt. Im kompletten Sichtfeld ist nicht eines zu sehen. Das ist ungewöhnlich. Sonst ist alles voll davon.
“Riecht ihr das?”, fragt sie direkt darauf. Ich nehme einen tiefen Atemzug, nehme den Schutt und die Asche wahr, den miefigen Nebel, Tears und Shines liebliche Körperdüfte, das Öl des Motorrads, aber sonst eigentlich nichts. Ich zucke also mit den Schultern.
Sie klärt auf. “Mehrere Personen, darunter auch Menschen.”
“Menschen? Nie im Leben”, wiegelt Shine ab, doch Tear bekräftigt ihre Einschätzung.
“Doch, ganz sicher.”
Die angeblich so giftige Luft sollte dem eigentlich entgegenstehen, aber ich habe ja ohnehin so meine Zweifel daran, dass Menschen hier sofort ersticken und tot umfallen würden. Da die Duftspur laut Tears Aussage in ein kleines und vom Schmutz bereinigtes Treppenhaus nach unten führt, müssen wir unser verbliebenes Zweirad zurücklassen. Na super. Der Knoten in meiner Magengrube zieht sich dadurch noch fester zu. Ich will nicht in die Hauptstadt laufen! Meine Nerven!
Anders als in den Wohnungen, die wir gesehen haben, wurde das Kaufhaus teilweise geplündert. Unordentlich ist es deshalb aber nicht. Hinter einem eingeschlagenen Schaufenster stehen verrottende Schuhe in Reih und Glied. Tear lotst uns eine Etage tiefer zu einer Metalltür, die aus der weiträumigen Passage heraus führt. Unerschrocken drückt Shine die Klinke herunter und lehnt sich anschließend erfolglos dagegen. Verschlossen, verflixt!
“Da ist doch jemand dahinter!”, raunt sie leise und ruft dann: “Öffnen Sie bitte die Tür! Wir bekommen kaum noch Luft hier draußen!”
Ui, das war clever! Und es funktioniert! Die Tür öffnet sich einen Spalt, was ihr ausreicht, um einen Fuß hinein zu schieben. Ungestüm stemmt sich die Gorilla-Braut gegen die Metalltür und schiebt sie mit Wucht auf. Shine prescht aggressiv nach vorn in den Raum hinein, in den Tear und ich kurzerhand folgen.
Drei Personen stehen vor uns in einem kargen, grauen Zwischenraum. Unglaublicherweise handelt es sich bei einer Person tatsächlich um einen Menschen. Nach einem kleinen Schockmoment ist es wieder Shine, die zuerst aktiv wird.
“Wenn wir das Motorrad zurückbekommen, wird keiner von eurem Versteck erfahren.”
Wieder halte ich sie für clever, aber das hält nicht lange an. Einen Augenblick später holt einer der beiden Vampire, eine hübsche dunkelhaarige Frau, blitzschnell eine Pistole hervor, die sie auf Shine richtet und spottet:
“Verhandeln müssen wir noch üben, verwöhntes Gör. Verdammtes Adelspack denkt, wir sind bescheuert.”
Fuck! Wie schnell ist das bitte eskaliert!?
“Adelspack?”, reagiert Shine verdutzt und bekommt prompt Antwort von der Bewaffneten.
“Ihr drei Lucards dünstet euren Blutsstand förmlich aus. Tse, aber selbst ihr strebt, wenn man euch mit Silberkugeln durchlöchert. Die hier, meine Hübsche, sind eine echte Rarität, extra für dich mit Nanopartikeln gefüllt.”
Noch während sie spricht, packe ich Shine am Ärmel und ziehe sie hinter mich. Ich bin wohl der einzige von uns, der eine solche Silberkugel überleben würde. Wie aus einem Reflex heraus, fange ich an zu plappern.
“Es ist beschämend, dass meine Familie eine schöne Frau wie dich zu solchen Taten verleitet.”
“Ganz genau! Was ihr den Menschen antut ist Folter!”, brüllt sie und verliert dabei ihre Haltung. Das ist der Moment, auf den ich gewartet habe, um sie zu entwaffnen. Gerade, als ich den entscheidenden Schritt auf die Frau zu mache und dabei ihr Handgelenk packe, ruft eine unbekannte weibliche Stimme:
“Mein Gott! Was ist denn hier los?!”
Noch mit dem halb eingedrehten Handgelenk der Waffennärrin in meinen Händen, schnellt mein Blick zur Tür, aus der eine gealterte und abgemagerte menschliche Frau mit langen lockigen Haaren kommt. Hinter mir höre ich, wie sich Tear erschreckt. Ich kann mich nicht zu ihr umdrehen, aber bemerke, dass sie um Worte ringt.
Da die Waffentante und ich nicht voneinander abrücken, kommt die ältere Frau zu uns und löst uns voneinander, indem sie sanft ihre Hände auf je eine von unseren legt. Sie spricht die dunkelhaarige Vampirin mit der Pistole an.
“Nimm die Waffe herunter, Lisa. Ich weiß nicht wie, aber das Mädchen ganz hinten sieht exakt so aus wie Tamaras Tochter.”
“Schwachsinn! Du kennst wohl kaum eine Lucard!”, keift diese zurück und bekommt eine sanfte Antwort.
“Das wissen wir erst, wenn wir mit ihr sprechen, anstatt sie zu erschießen.”
“Verstehst du nicht, wie gefährlich Lucards sind!?”, brüllt Lisa uneinsichtig, doch nun ist es Tear, die sich mit zittriger Stimme meldet.
“Ich kenne dich. Du bist Annas Mama, Clara”
Da Lisa locker gelassen hat, kann ich mich auch endlich umdrehen. Ich bin völlig perplex, als ich sehe, dass Tears Beine nachgegeben haben. Shine hat bereits reagiert und hockt neben ihr. Es fließen stumme Tränen aus Tears aufgerissenen Augen. Ich will zu ihr, doch die brünette Menschenfrau kommt mir zuvor. Sie hockt sich vor Tear und sieht sie für einen Augenblick nur an. Die beiden müssen sich noch von früher aus Mensonia kennen.
Dann berührt die Frau vorsichtig die Schulter meiner Freundin. An der Geschichte muss etwas dran sein, da Tear mit aufgelöstem Blick darauf eingeht.
Warum reagiert Tear so stark auf die Mutter von irgendjemandem? Ich bin weit davon entfernt, zu begreifen, was hier gerade abgeht.
Keine der beiden sagt etwas. Ich vermute, dass sie irgendetwas verdammt intensives miteinander erlebt haben müssen, wenn sie so aufeinander reagieren. Ihre gegenseitige Umarmung gestaltet sich jedenfalls ziemlich innig. Tear scheint nervlich am Ende zu sein, denn sie fängt an zu schluchzen. Woohh, das lässt mir den Magen verkrampfen. So langsam kommen die Emotionen auch bei mir an. Mir jagt eine Gänsehaut über den Körper.
Was sie in Claras Ohr winselt, geht mir richtig unter die Haut.
“Ich dachte, nachdem du verschwunden warst, hätte dich dasselbe Schicksal ereilt wie meine Mutter. Weißt du, welche Vorwürfe ich mir mache, ausgerechnet ihm gedient zu haben?”
Puh, das ist wirklich krass. Es öffnet mir ein wenig die Augen dafür, was es für Tear bedeutet haben muss, sich einem Herrn unterwerfen zu müssen, den sie sich nicht ausgesucht hat.
So wie ich das verstanden habe, war zwar Luis Tears Herr, aber dem mensonianischen Hause Lucard steht nun einmal Octavian vor. Den meint sie vermutlich mit “ihm”. Es muss doch unfassbar hart gewesen sein, der leitenden Familie dieser Drecksstadt zu dienen, im Wissen, dass sie Menschen wie ihre Mutter oder diese Frau hier wegschmeißt, wenn sie lästig werden. Ich vermute, dass gute Miene zum bösen Spiel bei ihr an der Tagesordnung gewesen sein muss. Kein Wunder, dass es Tear so lange mit sich gerungen hat, bevor sie sich uns einigermaßen öffnen konnte. Sie tut mir so unendlich leid.
Das emotionale Wiedersehen hat den erfreulichen Nebeneffekt, dass die feindseligen Auren von der Überwältigung der beiden alten Bekannten überlagert werden. Shine ist ebenfalls gerührt. Ich beobachte, wie sie einen Kloß herunterschluckt.
“Steck endlich deine Waffe weg!”, schimpft der einzige Mann in der Gruppe zur immer noch in Abwehrhaltung verharrenden Lisa. Ich frage mich wirklich, was ihr von unserer Familie angetan wurde, dass sie so auf uns losgehen musste.
Endlich werden wir drei in das Versteck hineingebeten und zwar von der ebenfalls etwas unterernährten Menschenfrau des anfänglichen Trios. Shine und ich folgen den vier Ruinenbewohnern und Tear durch die zweite Metalltür in eine ehemalige Tiefgarage.
Zuflucht
Der Raum, den wir betreten, ist dunkel, warm und drückend. Er strahlt eben die gewohnte Atmosphäre eines Bunkers aus und hat Ähnlichkeiten mit der Lagerhalle unter Mensonia.
Damit die mit Säulen übersäte Halle nicht zu groß und ungemütlich wird, wenn man das so nennen kann, hat man hier einige Wände eingezogen, die vermutlich Wohnungen oder Zimmer beherbergen. Die Zugänge sind lediglich mit Vorhängen bestückt, die aktuell alle offen stehen. Privatsphäre gibt es hier keine. Ich vermute, dass das mit der Luftzirkulation zusammenhängt.
Strom haben sie, denn alles wird durch, wenn auch düstere, elektrische Deckenlampen mit einem orange gelben Schein beleuchtet. Besser als nichts.
Wir gehen ein paar Meter bis in einen größeren Abschnitt, den ich als Gemeinschaftsraum bezeichnen würde, da hier mehrere aneinandergereihte Tische mit insgesamt acht unterschiedlichen Stühlen stehen. Auch zwei Sofas finden sich dort und einige andere Möbel. In der Ruinenstadt gibt es reichlich davon zu plündern, denn nicht alles, was in verfallenen Häusern steht, ist auch kaputt.
Tear und Clara, von der ich nur weiß, dass sie Annas Mutter ist, die ich genauso wenig kenne, laufen nah beieinander. Beide haben geweint, wobei es Tear heftiger erwischt hat. Sie sind die ersten, die sich an den Tisch setzen, auf zwei nebeneinander stehenden Stühlen.
Zwischen den beiden herrscht großer Gesprächsbedarf. Zum Beispiel erzählt Tear mit schnellen Worten, dass Anna von einer Herrin gekauft wurde. Das verrät mir, dass die beiden zusammen auf der Mädchenschule gewesen sein müssen. Tear und Clara haben nur wenig Zeit zum Reden, da nun alle am Tisch Platz nehmen.
Vier weitere Bewohner kommen hinzu. Die elfte Person, eine etwas ältere Frau, holt sich einen Stuhl von der Seite heran.
“Damit sind wir vollzählig”, betont Lisa, die unhöfliche Pistolenlady. “Wir haben noch nie Gäste empfangen. Ihr habt Glück, dass eine Bekannte von Clara unter euch ist, sonst hätte ich abgedrückt. So, ich war geduldig genug und will jetzt erstmal wissen, wieso dieses Mädchen konvertiert wurde.”
Meine Fresse, hat diese Trulla eine kurze Lunte. Ich sage nichts, denn ich gehe davon aus, dass Tear die Erklärung übernehmen wird. Ich kann eh nur Vermutungen dazu anstellen.
Als ich zu ihr blicke, bemerke ich, dass das alle tun. Sie sitzt gerührt und aufgelöst nah an dieser Menschenfrau. Glücklicherweise ist Tears zweite Persönlichkeit, trotz des ganzen Tohuwabohus, nicht zum Vorschein gekommen. Stark gemacht, Kleines! Sie schafft es sogar, ihre Geschichte in einem ruhigen Ton zu erzählen, wobei sie nun etwas näselt.
“Ich war fast ein Jahr lang als Luis Lucards Zofe beschäftigt. Victor … -Constantin Lucard hat mich dann, mehr oder weniger, von meinem Dienst bei seinem Enkel entbunden. Er brachte mich ins Refugium, wo mich seine Schwester Magret-Natalia Dracul - sie legt Wert auf diese Unterscheidung - konvertierte und auch adoptierte. Ich bin deshalb eigentlich keine Lucard, wie meine zwei Begleiter. Ich bin eine Dracul, ohne den Namen offiziell zu führen.”
Ich bin mega stolz auf sie, dass sie nach ihrem Schock alles aus eigener Kraft erzählen konnte. Ha, und was sie sagt, ist gut für uns, denn ich gehe jede Wette ein, dass die Bewohner dieser Zuflucht Fans von Mag sind. Das sehe ich ihren an den Nasenspitzen an.
Lisa ist wachsam. Ihr fällt etwas auf, das mir bisher komplett entgangen ist.
“Wenn das so gewesen sein soll, also, wenn du als Mensch ins Refugium gekommen bist, wie hast du dann die Reise überstanden?”
Tear senkt den Kopf und schnieft. “Ich dachte damals auch, dass Filter und Atemluftflaschen eigentlich nur in Baumaschinen verbaut werden, aber Victor kam gut vorbereitet. Wir sind mit einem kleinen Vehikel gefahren, in dem ich die Luft ganz normal atmen konnte.”
“Aber wieso?”, fragt Clara mit belegter Stimme. “Wieso dieser Aufwand eines Transports? Und wieso die Konvertierung zu einem Vampir?”
Diese Fragen stelle ich mir auch andauernd. Tear scheinen sie ziemlich unangenehm zu sein, denn sie stoppt ihre Erklärung abrupt. Ihr Blick bleibt starr auf den verschlissenen Tisch gerichtet. Na, jetzt bin ich aber gespannt. Wir alle warten ab, bis sie sich überwinden kann, was einige Sekunden dauert.
“Naja, also, Victor sagt, ich war ein Vampir im Körper eines Menschen”, antwortet sie.
Moment, echt jetzt? Was heißt das? Darüber hat sie noch nie mit uns gesprochen.
“Deshalb bot er mir die Konvertierung an. Ich dachte, die Verwandlung könnte mir helfen, über das Unglück meines alten Lebens hinwegzukommen und stimmte zu, aber es verlief nicht reibungslos. Mein altes und mein neues Ich sind nicht zu einer Einheit verschmolzen …”
Was!? Die Konvertierung ist der Ursprung Tears zweiter Persönlichkeit? Aber das heißt doch, ihre Schizophrenie wurde gar nicht durch ein Trauma durch Luis’ Misshandlungen ausgelöst. Ja und Mag hat sie auch gar nicht konvertiert, um sie davon zu heilen.
Tear scheint sich bewusst zu sein, dass mich ihre Geschichte heftig aufrüttelt. Scheu schaut sie zu mir, dann zu Shine, richtet den Blick aber schnell wieder nach unten.
“Also bist du eine Reinkarnation. Aber von wem …”, überlegt Lisa, stockt und findet dann selbst zu einer Antwort. “Sari! Ja, d-du siehst genauso aus wie sie, nur ohne den langen lockigen Haaren.”
Ich bemerke, wie Tear die Luft anhält. Lisa tippt immer wieder mit ihrem Finger auf die Tischplatte, was für einige Sekunden das einzige Geräusch in der mit Decken begangenen Tiefgarage darstellt. Gerade, als es dabei ist, unangenehm zu werden, erzählt Lisa mehr über Sari.
“Ich kannte Sari, aber das ist ewig her. Sie starb einige Jahrzehnte vor der Katastrophe in unserer Hauptniederlassung, in der ich damals arbeiten musste. Sari war eine Lucard, David-Richard Lucards erste und einzige Tochter.”
Tear senkt den Kopf. Ich sehe, dass ihre Augen unter ihrem langen Pony aufgerissen sind. Es ist absoluter Wahnsinn, was Lisa hier raushaut. David-Richard ist der Name des Erstgeborenen des Urvampirs Alucard. Das macht diese Sari zur Hochadligen.
Tear wirkt noch angespannter als zuvor. Ich bemerke nun, wie sie ihre Hände unter dem Tisch zu Fäusten ballt.
“Wie … war sie denn so?”
Lisa wirkt nachdenklich, aber kooperativ. Das steht ihr besser als ihre stumpfsinnige Aggression.
“Ich hatte nicht viel mit ihr zu tun. Sie war nett zu allen, aber da sie Rovas Schoßhündin gespielt hat, hab ich mich von ihr fern gehalten.”
“Robert-Valentin?”, frage ich direkt. Das wäre dann mein unwerter Konvertierer. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, bestätigt Lisa.
“Bevor er …” sie schüttelt sich, “König wurde".
Oha, ihr Hass auf die Lucards hat wohl er ausgelöst. Warum wundert mich das nicht?
Tear und auch ich lassen es dabei bewenden. Mehr ist aus Lisa nicht herauszuholen. Meine in Mitleidenschaft gezogene Freundin sieht zur Seite in Richtung Clara, die nach einer kurzen Pause das Wort ergreift. Sie wirkt nervös. Vielleicht, weil sie hier für drei fremde Vampire bürgt.
“Na gut, dann bin ich jetzt an der Reihe, oder? Es tut mir leid, Cecilia. Du warst damals sauer auf mich, weil ich Tamaras Vorbild gefolgt bin und du hattest recht damit. Mein Protest endete darin, dass auch ich ausgestoßen werde. Aber ich hatte Zeit, mich vorzubereiten. Wie du siehst, wurde ich nicht ausgeblutet, wie deine Mutter.”
Ausgeblutet? Oh-Mein-Gott! Mir wird speiübel. Mensonia ist so ein verfluchtes Drecksloch!
“Ich hatte das Glück, Hermes an meiner Seite zu haben. Mit seiner Hilfe konnte ich entkommen”, schiebt sie nach. Dass sie das nicht metaphorisch meint, sehe ich daran, dass sie einem verbraucht aussehenden männlichen Vampir zulächelt, der ihr gegenüber sitzt.
“Er arbeitete damals als Grenzbeamter.”
“Nicht als Schlachter!”, wirft er kurz klärend dazwischen, wobei ihm seine Stimme nach oben wegrutscht. Ich spüre auch in ihm Angst.
Wir sind Lucards, Abkömmlinge derjenigen, vor denen sie sich hier zu verstecken versuchen. Es ist nur logisch, dass er klarstellen will, dass er nichts mit dem Tod von Tears Mutter zu tun hat.
Die Frau spricht nach dem Einwurf unbehelligt weiter.
“Er versteckte mich in einer der Garagen vor dem Tor und schaffte mir etwas Sauerstoff und Filter beiseite, gerade genug, um es bis in diese Ruine hier zu schaffen. Seitdem lebe ich hier. Anfangs hat er Nahrung geschmuggelt. Heute wachsen Pflanzen aus gestohlenen Samen aus Mensonia auf den Dächern der Passage. Auch Ratten und Insekten sind essbar. Im Gegenzug habe ich mich meinem Lebensretter Hermes verpflichtet. Wir halten uns am Leben.”
Deshalb sind beide so ausgezehrt. Ich denke jetzt, dass Hermes irgendwann aufgeflogen und ebenfalls ausgestoßen wurde. Interessant, dass sie ihre Flucht mit wenig Sauerstoff und ein paar Luftfiltern geschafft hat. Und Tear sagte, Victor hätte sogar ein präpariertes Fahrzeug. Wieso erzählt man den Menschen nicht, dass die Außenluft inzwischen problemlos durchquerbar ist?
“Wollt ihr uns auf der Rückreise nach Shattered Sky begleiten?”, höre ich mich anbieten, obwohl wir hoffnungslos überfüllt sind. “Dort sind die Lebensumstände komfortabler als hier.”
Clara schüttelt den Kopf, während Hermes antwortet.
“Leider geht das nicht ohne Spezial-Fahrzeug und wir haben keins mehr. Versteht uns nicht falsch. Einen einfachen Filter vor Mund und Nase zu halten, ist lebensgefährlich, weil die ätzende Luft trotzdem noch zu Blutungen in der Lunge führen kann.”
Zum ersten Mal, seit wir am Tisch sitzen, trägt Shine etwas zum Gespräch bei. Sie wirkt mitfühlend. “Deshalb seid ihr an diesen grässlichen Ort gebunden.”
Betretenes zustimmendes Schweigen folgt auf ihre Feststellung. Shine macht ein betroffenes Gesicht und fragt:
“Gibt es jemanden, der von eurem Versteck weiß? Irgendwo müssen doch die Filter für euer Belüftungssystem herkommen. Außerdem leben hier vier Menschen und drei Vampire. Ihr braucht mehr Blut, als hier vorhanden ist.”
“Nein, das Blut reicht, aber …”, dementiert Lisa, schnalzt mit der Zunge und gibt dann ausweichend zu: “Wir … erhalten zwar Hilfe, aber mehr will ich nicht sagen”.
Das lässt Shine nicht auf sich sitzen.
“Es ist mein Großvater Victor, hab ich recht? Ausgerechnet ein Lucard.”
Wieder folgt betretenes Schweigen. Volltreffer. Mein Onkel scheint überall seine Finger im Spiel zu haben. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu treffen.
Clara löst die unangenehme Situation auf. “Ihr könnt gerne hier übernachten und ich denke nicht, dass noch jemand anzweifelt, wem die beiden Motorräder gehören.”
Lisa gibt ein verächtliches Fauchen von sich. Ich vermute, dass sie es als Transportmöglichkeit für die Menschen unter ihnen nutzen wollte, obwohl die Filter eigentlich nicht ausreichen sollten. Sie muss ziemlich verzweifelt sein. Ich frage mich, warum Victor nicht sein Fahrzeug zur Verfügung stellt, wenn er doch so hilfsbereit ist.
Lisa steht als erste vom Tisch auf, läuft zu einer Tür, deren Vorhang offen steht und geht hinein. Einen Moment später kehrt sie mit graubraunen Decken zurück, die sie auf ein großes Sofa am Rand des Raumes wirft.
“Hier könnt ihr schlafen.”
“A-alle drei zusammen?”, befürchtet Tear, wird aber direkt von Lisa beruhigt.
“Der Kerl schläft auf dem Sofa da hinten. Ich hole noch eine Decke.”
Das erleichtert Tear sichtlich und zaubert außerdem ein verschmitztes Lächeln auf Shines Gesicht. Immerhin verkneift sie sich einen dummen Spruch. Selbstredend hätte ich super gern neben meiner süßen Tear geschlafen, aber so weit sind wir noch nicht. Passt also alles. Das hübsche Schnuckelchen ist emotional gefordert genug.
Während sich Tear mit ihrer alten Bekannten zurückzieht, quatschen Shine und ich noch ein bisschen mit den anderen Bewohnern über Dies und Das. Langsam tauen sie auf. Wir erfahren Details über ihr Zusammenleben, zum Beispiel, dass Kinder tabu sind, oder dass Lisa vom König persönlich exkommuniziert wurde. Hermes verrät, dass sie versucht hat, ihn zu stürzen. Krasses Weib! Das hätte mich eigentlich genauer interessiert, aber die Alte ist so eine Kratzbürste ...
Hermes, der alte Fuchs, erzählt außerdem, dass er über einen gefälschten Crisp verfügt, der ihm eine erfundene Identität verschafft, die er früher genutzt hat, um unter einer falschen Identität Lebenswichtiges aus der Stadt zu schmuggeln. Nicht übel.
Er und Clara sind tatsächlich ein Liebespaar. In weiser Voraussicht baute er die Modifikationen in diese Tiefgarage ein, bevor sie ausgestoßen wurde. Er lehnt sich immer weiter aus dem Fenster und prahlt schließlich, dass er in der Lage sei, einen Jailbreak mit offiziellen Crisps durchzuführen, der volle Zugriffserlaubnisse auf abrufbare Daten verschafft. Das klingt mehr als nützlich. Okay, kein Wunder, dass auch er exkommuniziert wurde, wobei er beteuert, das habe mit dem Schmuggel zusammengehangen.
Hermes gibt zwar zu, dass Fälschungen auffliegen könnten, versichert aber, dass Jailbreaks unaufspürbar seien, solange man nichts ausplaudert, das man nicht wissen kann. So ein frisierter Crisp klingt zu interessant, als die Gelegenheit verstreichen lassen zu können. Hey, was soll mir schon passieren? Ich hasse das Ding ohnehin wie die Pest und wenn ich auffliege, gehe ich einfach zurück ins Refugium, wo ich sowieso wieder hin will. Dann leg mal los, du gerissener Tüftelmeister!
Hermes holt einen Sender in Form einer kleinen Dose mit Antenne, die er an meinen Crisp setzt und anfängt, an ihm herumzudoktern.
Zwischenzeitlich hat Lisa eine spanische Wand beschafft, die sie als Sichtschutz vor das Schlafsofa der Mädchen stellt. Find ich okay. Ich schlafe ja trotzdem immerhin noch mit meiner Angebeteten in einem Raum, was sich wie ein verspätetes Geburtstagsgeschenk anfühlt. Genial! Werde ich bei dieser Aufregung überhaupt zur Ruhe kommen können?
Als Hermes fertig wird, ist die Nacht schon längst hereingebrochen. Er hat mir eine App installiert, mit der ich den Crisp mit unauffälligen Augenbewegungen steuern kann. Sehr geil, endlich muss ich nicht mehr mit dem blöden Ding reden. Ich kann jetzt mit der Blickrichtung auswählen und mit einem Zwinkern auslösen. Eigentlich sind die Lenses außerhalb von Städten inaktiv, aber das hindert doch einen Hermes nicht daran, sie trotzdem in Betrieb zu nehmen. Meine laufen jedenfalls tadellos. Ich spiele mit der neuen Steuerung herum, die super gewöhnungsbedürftig ist. Ständig geht irgendein blödes Fenster auf.
Als ich den Dreh halbwegs raus habe, probiere ich die Lesefunktion an Shine aus. Die Lenses blenden neben ihr den Namen Sheron Saturn Lucard ein. Geburtstag 26. März 71, Name der Eltern sind Octavian Lucard und Lenia von Hillberg, gemeldete Wohnhaft ist Shattered Sky.
Ich pruste leise. Hab ich mich verlesen? Das S ihres zweiten Vornamens steht für Saturn? Herrlich! Haha, was für ‘ne Strafe. Naja, wobei … ich muss gerade reden. River ist ja auch eher speziell. Aber, egal. Shine verfügt über eine lange Reihe an Zertifikaten, Zugangsberechtigungen, Bedienerlaubnissen und Urkunden, die sie als Lucard verifizieren. Das ist nicht uninteressant.
Da Tear gerade wieder von Claras Zimmer zurückkommt, nehme ich mir sie als nächstes vor. Ihr Name Cecilia Amanda Pirol steht neben ihrem Geburtstag, dem 10. Januar 78. Ihre Mutter ist Tamara Pirol, in Klammern Mensch. Das ist die Frau, die … scheiße, Tear tut mir so leid … die Frau, die ausgeblutet wurde. Ihr Vater ist unbekannt, in Klammern Vampir.
Ihre gemeldete Wohnhaft ist ebenfalls Shattered Sky. Darüber hinaus hat sie ein Personenzertifikat, das sie als Vampir ausweist. Mit einer menschlichen Mutter ist das mehr als ungewöhnlich. Das ist ziemlich auffällig. Ein Zertifikat mit der höchsten Sicherheitsstufe verrät schließlich, dass sie von Mag konvertiert und adoptiert wurde. Das ist es, was auch Octavian in Mensonia ausgelesen haben muss, als er ihre Identität geprüft hat.
Bis auf Hermes sind die anderen sechs Bewohner der Zuflucht in ihren Separees verschwunden. Das ehemalige Parkhaus wird nun nur noch mit düsterem, roten Notlicht beleuchtet. Tear und Shine sind dabei, sich das Nachtlager auf einen, ich glaube, dunkelgrünen Sofa zu richten.
Ich beschäftige mich noch nicht mit meinem Sofa, weil ich hier die Chance aufblitzen sehe, Hermes, der noch neben mir am Tisch sitzt, die Frage aller Fragen zu stellen.
“Erzählst du mir von der Zeit des Untergangs?”
Er zuckt, dreht den Kopf weg und blickt dann vor sich in die leere Dunkelheit. Uiui, ich merke, wie sich seine Stimmung mit einem Schlag verschlechtert hat.
“Der … der Himmel hat gebrannt”, haucht er.
Dann schweigt er. Das rote Notlicht funkelt in seinen Augen wie die Erinnerungen an das Flammenmeer. Dennoch wundere ich mich.
“Aber diese Stadt hier und einige andere Ruinen, in denen ich war, sind nicht verbrannt.”
Hermes senkt den Blick. Nach einer weiteren Pause erklärt er:
“Das stimmt, aber die Stadt, in der ich mich aufgehalten habe. Hätte alles gebrannt, wäre auch die erste Pyramidenstadt Lamiapolis zerstört worden. Diese Gegend hier ist vom Feuer verschont geblieben, deshalb flüchteten viele Überlebende hierher. Der König ließ zu Beginn keine Vampire in die Stadt ein, um so viele Menschen wie möglich zu retten. Das führte zu einem Bürgerkrieg um die letzten verbliebenen Plätze. Du kannst dir die Überbevölkerung nicht ansatzweise vorstellen und auch nicht, wie wütend wir Vampire auf ihn waren. Menschen, die nicht erstickten oder verhungerten, wurden systematisch von uns gemeuchelt. Falls du dich fragst, warum niemand über diese Zeit spricht: Nicht unsere Erinnerungen an die Katastrophe, sondern unsere Scham ist es, die wir zu verdrängen suchen.”
Ich bin sprachlos. Tear steht hinter Hermes und hält sich eine Hand vor die heruntergeklappte Kinnlade. Auch Shine reißt betroffen die Augen auf. Sie wusste davon also auch nichts.
Die Untergangsgeneration hat über die Schuld, mit der sie sich beladen hat, kollektiv den Mantel des Schweigens gelegt.
“Danke, Hermes”, hauche ich, woraufhin er wortlos aufsteht und mit schlürfendem Gang hinter einem Vorhang verschwindet.
Alter, das ist Mindfuck. Ich glaube, so ziemlich jeder muss sich damals schuldig gemacht haben. Das war zur Abwechslung mal keine Gute-, sondern eine Schlechte-Nachtgeschichte. Vielleicht sollte ich aufhören, alle Leute nach ihren Erlebnissen aus dieser Zeit zu löchern.
Tear und Shine wünschen mir leise trotzdem eine gute Nacht und legen sich auf ihr Sofa. Mit mir über das eben Gehörte sprechen, wollen sie leider nicht. Schade, denn das hätte mir sicher geholfen, mir die damaligen Verbrechen weniger bildlich vorstellen zu müssen.
Ich gehe zu meinem Sofa, das ein bisschen zu kurz ist und muffig riecht. Dafür ist der samtige graubraune Stoff relativ sauber, also will ich mich nicht beschweren. Nun, wo es ruhig auf der Etage wird, fallen mir die rauschenden Lüftergeräusche auf, die ein niederfrequentes und sequenzielles Pusten von sich geben.
Der Himmel hat gebrannt … Ob sich das wie dieser Lüfter angehört hat? Wie hört sich Feuer überhaupt an? Wir hatten mal einen Schwelbrand in Shattered Sky, aber ich hab noch nie offenes Feuer gesehen.
Shit, wieso kann ich nicht einfach über dieses beknackte Fffffffft-Geräusch hinweg hören? Es hält mich nur unnötig wach und das, nachdem die letzte Nacht schon so verflucht kurz war. Ein zu gutes Gehör kann eben auch ein Fluch sein. Jetzt gerade zum Beispiel …
Dann höre ich ein Flüstern der Mädchen. Uhh, wenn ich mich konzentriere, kann ich sogar etwas verstehen. Also gut, mein Gehör ist doch etwas Feines. Skrupel, die zwei zu belauschen, habe ich nicht die Bohne. Müssen sie selbst drauf kommen, dass ich sie hören kann und auch will.
Sie sprechen zuerst darüber, wie schlimm die Zeitenwende gewesen sein muss, ha, also doch. Dann erklärt Tear, dass Anna eine frühere Klassenkameradin war. Das habe ich mir schon gedacht. Nachdem Tear zur Waise wurde, hat die Mama des anderen Mädchens ein bisschen nach ihr gesehen. Mit wird klar, dass das Treffen mit Clara alte Wunden aufreißt. Ich wäre jetzt echt gerne für das Tränchen da. Die beiden reden danach noch gedämpfter weiter, doch ich höre deutlich … meinen Namen fallen. Ja? Was gibt's? Was ist mit mir?
Leider fällt es mir nun schwer, die flüsternden Stimmen der beiden auseinanderzuhalten, aber ich bin sicher, dass das folgende nur von Shine stammen kann: “Bist du überhaupt in ihn verliebt?”
Holla! Ich hab das vorhin schon für die Frage aller Fragen gehalten, nur um jetzt festzustellen, dass es Wichtigeres in meinem Leben gibt, als etwas über die Zeit nach dem Impakt herauszufinden. Und das heißt Tear! Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Irgendwie hab ich Angst.
“Denke schon”, meine ich zu hören. Wieso so zögerlich? Mach mich nicht fertig, Mädchen! Zum Glück spricht sie gleich darauf weiter. “Woran erkenne ich das?”
Woran wohl? Du bekommst Herzklopfen bei mir, meine Liebste!
Shine antwortet.
“Na …, zum Beispiel, wenn jetzt die Welt untergehen würde, dann könnte dir nur diese eine Person inneren Frieden spenden. Außerdem fühlen sich Berührungen von ihr besonders aufregend und schön an.”
Meine Hände sind inzwischen schon total schwitzig, aber falscher Alarm, wie ich erfahren darf. Die Süße flüstert nämlich das Tollste überhaupt.
“Achso! Hehe, dann bin ich es wohl.”
“Aber, es beruhigt dich doch auch, wenn du mich siehst, oder?”, fragt Shine unerwartet. Hä, sie ist ja wirklich eifersüchtig auf mich. Wieso!? Das scheint auch Tear zu irritieren.
Ihre Antwort kommt etwas verzögert.
“Ja, na klar. Deshalb komme ich ja auch zu dir, wenn ich mich schlecht fühle.”
“Genau. Also verstehst du es jetzt?”, fragt Shine erfreut, ohne Antwort zu erhalten. Danach folgt ein Schweigen und Bewegung auf dem Sofa. Ich höre die Decken leise rascheln. Was ist da los? Diese bekackte spanische Wand stört wie Sau!
“Shine, was … ?”
“Was passiert denn, wenn ich dich streichle?”
Wenn sie was? Ich habe ein richtig mieses Gefühl, das mich wie ferngesteuert von meinem kleinen Sofa aufstehen lässt. Ich muss wissen, was die zwei da treiben.
Ich watschle halb blind quer durch die Düsternis zum Sichtschutz. Als ich dahinter blicken kann, glaub ich, mein Schwein pfeift! Hat die ‘nen Knall?
Shine ist über ihre Freundin gebeugt und kommt ihr näher und näher. Eine ihrer Hände berührt sanft Tears Wange, was dieser aber nicht sonderlich zu gefallen scheint. Das ist leicht daran zu erkennen, dass Tear Shine an den Schultern von sich schiebt. Als Shine die Hand von Tears Wange nimmt und stattdessen eins ihrer Handgelenke packt, muss ich einschreiten.
So nicht, Fräulein! Ungehalten reiße ich die brünstige Shine am Oberarm von Tear weg.
Die Unterbrochene faucht mich an.
“Lass mich! Nur so kann ich Tear die Augen öffnen!”
Diese Formulierung trägt eine inhärente Komik in sich, denn Tear hat ihre Augen geschockt weit aufgerissen.
“Noch offener und sie fallen raus”, spotte ich.
"Verstehst du nicht, wie wichtig das ist?”, keift sie gedämpft zurück. Ich schüttele verständnislos den Kopf.
“Ist mir schnurz, wenn du Tear damit zum Weinen bringst.”
“Was!?”, stößt Shine aus, sieht zur kurzhaarigen Schönheit auf dem Sofa und wirkt geschockt. Vermutlich aufgrund einer Kurzschlussreaktion schnappt sie sich ihre Schuhe, sowie Jacke und faucht: “Ein Mann wird dich niemals glücklich machen können!”
Dann verschwindet sie in Richtung Ausgang. Ich halte sie nicht auf. Tears Wohlbefinden ist mir gerade um einiges wichtiger.
Ich atme die Anspannung mit einem Mal aus. Meine Güte, was sollte das bitte? Shine hat echt das Feingefühl eines Presslufthammers. Ich setze mich ans Fußende von Tears Schlafsofa. Sie hält einen Moment lang inne und kommt dann ganz von selbst zu mir. Allerdings baut sie keinen Körperkontakt auf.
“Das war wie ein Flashback. Ihr Verhalten und ihr Aussehen bei diesem Licht … Shine hat mich extrem an ihren Bruder erinnert …”, flüstert sie.
Das zu hören, würde Shine schwer zu schaffen machen. Oh Mann, nun brauche ich noch weniger Fantasie, um mir vorzustellen, was dieser Lauch Luis mit Tear angestellt hat. Bah, ich könnte kotzen, bei der Vorstellung.
Dabei wird mir bewusst, wie krass Shine Aufdringlichkeit bei Männern verurteilt, obwohl sie keinen Deut besser ist. Glaubt sie, für Frauen würden andere Regeln gelten?
“Wieso sollte dich ein Mann nicht glücklich machen können? Was für ein Hirnriss!”, fauche ich.
Mir kommt ein abstoßender Begriff in den Sinn, den ich überhaupt nicht für meine beste Freundin verwenden möchte und doch empfinde ich es so. Ihr Verhalten ist einfach nur armselig.
Dass ich Tear in Ruhe lasse, auch jetzt gerade, scheint sie zu honorieren.
“Lass sie reden. Ich hab keine Angst vor Männern, nur weil ich aus Mensonia komme und von ihnen unterdrückt wurde. Ich kenne dich, River. Du bist ganz anders. Sowas würde dir im Traum nicht einfallen.”
Tja, … das ist wahr. Und das, obwohl ich gerne meine Sprüchlein vom Stapel lasse. Das Eine hat mit dem Anderen halt nichts zu tun. Sexismus hat eben viele Fassetten.
Hey, fuck! Was war das schon wieder für eine schmerzhafte Einsicht? Bin ich nicht eigentlich genauso in anders? Puh, das gibt mir zu denken.
Diesmal laufen wir Shine jedenfalls nicht hinterher. Ich wüsste nicht, was ich ihr sagen sollte. Das war einfach zu daneben und der Höhepunkt einer langen Reihe blöden Verhaltens, wenn es um Tear geht. Während dieses Gedankens sage ich leise:
“Ich hatte keinen Schimmer, dass Shine auf dich abfährt. Ihr saublödes Hufgescharre die ganze Zeit ergibt jetzt sogar ein bisschen Sinn. Hm, wenn ich so darüber nachdenke, das Alphaweibchen und du - hotter geht es ni-!”
Ein strenges Räuspern direkt neben mir unterbricht mich.
“Sorry!”, sage ich viel zu laut dafür, dass hier Leute hinter Vorhängen schlafen wollen. Ich bin voll das sexistische Schwein, oder? Scheiße! Dass Tear mir das nicht krumm genommen hat, muss ein Segen der Götter sein. Stattdessen haucht sie:
“Ach, River. Du bringst mich in den unmöglichsten Situationen zum Lächeln.”
Dann atmet sie erschöpft aus und legt ihren wuscheligen Kopf auf meiner Schulter ab. Hammer, wieso das jetzt? Ein wohlig warmer Schauer durchfährt mich und hinterlässt ein tiefes Glücksgefühl, dabei mache ich mir schon auch Sorgen um Shine, der es jetzt gerade richtig beschissen gehen muss …
Tear wirkt nun so bedrückt, wie man es nach einem Übergriff dieser Art auch sein sollte. Sie ist richtig in sich zusammengesunken.
“Geahnt hab ich es schon lange, aber wollte es nicht wahrhaben”, flüstert sie mit dünner Stimme.
“Ja, echt?”, hauche ich. “Ich nicht. Sich an dich ranzumachen war vielleicht sogar ihr Reiseziel. Dann würde ihre Beschwerde, unser Liebesgeständnis hätte die Reise kaputt gemacht, nämlich richtig Sinn ergeben.”
“Ja, stimmt…”, antwortet Tear, bevor wir aufhören zu sprechen. Wahrscheinlich geht jetzt eine ganze Menge in ihr vor, doch ich war es nie, mit der sie sich über irgendwas ausgesprochen hat. Wieso sollte sie gerade jetzt damit anfangen?
Victor
Die Nacht haben Tear und ich natürlich getrennt verbracht, während Shine bei ihrer hohlen Fluchttaktik geblieben ist. Ich hatte eine Menge Zeit, um über sie nachzudenken. Abhauen ist wohl doch nicht so untypisch für sie, wie ich zuerst dachte. Aus Mensonia ist sie schließlich ebenfalls geflohen, als ihr nichts mehr eingefallen ist.
Mir tut die ganze Sache ganz schön weh, weil wir alle drei die Leidtragenden sind. Vermutlich zerstört das nicht nur unsere Reise, sondern eventuell auch unsere Freundschaft. Was für eine Scheiße, verdammt!
Ohne der Gorilla-Lady als Fremdenführerin sind Tear und ich auf die Wegbeschreibung der Zufluchtsbewohner angewiesen. Besonders schwierig hört sich der Weg bis zu Victor-Constantins Anwesen allerdings nicht an und ich habe ja auch noch meine handgezeichnete Karte. Shine treffen wir vermutlich ohnehin dort. Zwar könnte sie zuerst zum Ruinen-Hotel zurückgefahren sein, in dem wir zuerst waren, aber danach kann man von hier aus fast nur noch zu Victor.
Wir verabschieden uns von den sieben Bewohnern, was in Tears Fall wegen Clara etwas länger dauert. Mir wird noch einmal richtig bewusst, dass auch mein Häschen keine Mutter mehr hat, genau wie ich. Das bringt uns näher, oder? Hm …, nun fühle ich eine unangenehme Leere in der Brust, die ich sonst nur habe, wenn ich an meinen Konvertier denke. Schon echt kacke alles.
Als wir gehen, wirkt auch Hermes geknickt, wofür ich mich ebenfalls schuldig fühle. Über ein Trauma zu reden, ist eben nie leicht.
Am fehlenden zweiten Motorrad erkennen wir, dass Shine damit weggefahren ist. Meines steht dagegen noch.
Wir bemerken im Staub eine dritte Motorradspur, die von ihr stammen muss. Sie führt tatsächlich zum alten Hotel der Ruinenstadt, wo wir unser Reisegepäck zurückgelassen haben. Shine hat ihres geholt, ist aber bereits wieder verschwunden. Während der Fahrten bemerke ich, dass sich Tear intensiver an mir festhält als am Tag zuvor, zumindest habe ich das Gefühl. Richtig genießen kann ich es leider nicht, weil mir wegen des Streits mit Shine ein Kloß im Hals steckt, der nicht verschwinden wird, bis wir uns ausgesprochen haben.
Shine ist für mich eine Mischung aus großer Schwester, bester Freundin und Ex-Freundin. Da kommt einiges zusammen, was unsere Beziehung auch ziemlich komplex macht. Sie weiß alles über mich und kennt jeden Winkel von mir. Näher hat mir niemals jemand gestanden. Fakt ist: sie bedeutet mir unheimlich viel und ich kann es nur schwer ertragen, mit ihr im Streit auseinander gegangen zu sein.
“Machst du dir Sorgen um sie?”, fragt mich Tear während der Fahrt. Die Ruinenstadt haben wir hinter uns gelassen und durchqueren nun eine grasbewachsene Ebene mit kleinen Bauminseln.
“Schon, irgendwie …”
“Warum musste das passieren?”, höre ich und spüre, wie sich der Druck ihrer um mich geschlungenen Arme erhöht. Shine war eben auch Tears beste Freundin. Vermutlich ist sie das jetzt nicht mehr. Da ist ziemlich hart …
“Sie ist zu ihrem Großvater gefahren. Ganz sicher”, tröste ich, doch das scheint es nicht zu sein, was Tear belastet.
“Victors ganzer Familienstamm springt auf mich an. Erst Luis, dann ähm … , also, dann rettet mich Victor, dann kommt Shine noch dazu. Das überfordert mich.”
“Haben eben alle ein Auge für Schnuckelchen wie dich”, schlüpft mir heraus. Ups, kann sie das schon ab?
“Das ist nicht witzig”, haucht sie niedlich und drückt kurz stärker mit den Armen um meinem Bauch zu. Ich glaube, das hat sie ein wenig aufgemuntert. Fein.
Die meiste Fahrzeit schweigen wir, was aber überhaupt nicht unangenehm ist. Victors Anwesen ist ohnehin nur drei Fahrstunden entfernt. Papa hat mal behauptet, dass man eine gute Beziehung daran erkennt, dass einem Sprechpausen nichts ausmachen. Nach seiner Definition führen wir also eine gute Beziehung. Die Erkenntnis fühlt sich prima an. Tear und ich, das wird episch!
Als wir beim Anwesen meines Onkels ankommen, ist es kurz vor Mittag. Mir bleibt die Spucke weg, als sich die kugelförmige Glaskuppel in unser Sichtfeld bewegt. Sie beherbergt überhaupt keine Hochhäuser oder andere moderne Gebäude, wie ich sie erwarten würde, sondern ein waschechtes, riesiges Märchenschloss mit mindestens zehn hübschen Türmchen inmitten eines saftig grünen Gartens. Umliegend befinden sich weitere bis zu dreistöckige Häuser in einem altmodischen Baustil. Burg- oder Schlossruinen habe ich schon zu Gesicht bekommen und Bilder gesehen, aber noch niemals einen intakten Gebäudekomplex. Das macht mich extrem neugierig.
Wir fahren ein Stück um die Kuppel herum, bis wir den Eingang finden. Von drinnen winken uns hin und wieder Leute zu, während wir an ihnen vorbeifahren. Wie nett. Ich fühle mich jetzt schon willkommener als irgendwo sonst bisher auf unserer Reise.
Am Eingang, einem großen bogenförmigen Tor, halten wir an. Auch hier stehen Wachposten auf einer Pflasterstraße neben einem Steinhäuschen, allerdings ohne Uniform und auch hier muss ich einen Detektor durchqueren. Er schlägt an und ich zeige dem Mann im Rüschenhemd meinen Ring.
“Kein Problem und herzlich willkommen auf Château du Bonheur Forcé”, empfängt er mich. Olala, diesen Zungenbrecher werde ich definitiv nicht aussprechen.
Der Mann namens Charles, stellt sich als Partner von Miriam vor. Das widerum ist eine von Victors Töchtern, was ihn zu, ich muss überlegen, zu Octavians Schwager macht und Shines Onkel, … glaube ich. Und zu meinem … puh … ah, ja! Zum Partner meiner Cousine. Gut, das wäre geklärt.
Ich stelle mich als River Lucard vor. Charles fragt dennoch höflich, ob er meine Identität via Crisp bestätigen dürfe, was ich natürlich zulasse. Dabei fällt mir meine Modifikation wieder ein. Oh-oh, das macht mich jetzt schon etwas nervös.
“River Lucard, man erwartet Sie bereits”, sagt er einen Moment später freundlich. Okay, war es das? Hab ich den Check überstanden? Was, wenn das ein Codesatz ist für: Der Typ hat einen Jailbreak und wird festgesetzt? Dass er Tear sehr ähnlich empfängt, die keinen manipulierten Chip hat, entspannt mich dann aber ein wenig.
Nach der Kontrolle führt uns Charles die zentrale Pflasterstraße zwischen saftigen Wiesen entlang. Darauf blühen prächtige Blumengärten und stehen Pavillons mit Bänken. Bunte Vögel flattern unter der Kuppel herum. Krass. Vögel sind echt selten und welche in so knalligen Farben habe ich noch nie gesehen. Immer wieder kommen Leute zu uns, die höflich Hallo sagen und dann wieder verschwinden. Idyllischer geht es nicht. Mein Onkel hat sich hier ein Paradies erschaffen.
Tear und ich betreten staunend das Schlossgelände durch ein weiteres, kleineres Steintor. Vor uns offenbart sich ein kleiner Platz, in dessen Mitte ein hübscher Brunnen mit Wasserspiel steht. Die Atmosphäre ist einmalig. Dieser Frieden, die Ruhe und Geborgenheit fühlen sich surreal an. Ich checke, ob die Lenses ein Programm laufen haben, das dieses Märchenschloss mit seinen Gebäuden, Bewohnern, Vögeln und Pflanzen simuliert, aber finde keinen Hinweis darauf. Alles, was ich sehe, ist wirklich echt.
“Wunderschön hier …”, vertont Tear meine Gedanken. Aus einer der zahlreichen Türen des Hofes kommt ein gutaussehender Mann mit weißblonden Locken auf uns zu. Auch er trägt ein helles Hemd, allerdings ohne Rüschen, dafür aber eine exzentrische, rot-goldene Weste darüber. Das ist er, Victor-Constantin Lucard persönlich, Sohn des Urvampirs, Bruder von Mag und meinem Konvertierer … und somit mein Onkel. Er ist der Mann, der scheinbar überall seine Finger im Spiel hat.
“Exzellent!”, empfängt er uns mit ausgebreiteten Armen in herzlichem Tonfall. “Ich freue mich, dass ihr es auch ohne meinem Sonnenscheinchen geschafft habt. Also, falls ihr sie sucht, sie verkriecht sich in einem Zimmer, dessen Lage ich euch aber nicht verraten werde.”
“Victor …”, haucht Tear, mit geröteten Bäckchen, bevor wir unseren Gastgeber überhaupt anständig begrüßt haben. Das holen wir schnell nach und gehen durch ein kleines Tor zu seinem privaten Schlossgarten. Dort erwarten uns ein mit Ranken bewachsener Pavillon und ein weiß gestrichener, reichlich verzierter Metalltisch samt Stühlen, auf denen violette Kissen liegen.
Das klingt vielleicht eigenartig, aber ich habe nie zuvor unbedingt auf etwas so sehr sitzen wollen, wie auf diesen Stühlen unter diesem märchenhaften Pavillon. Alles ist so hübsch, ich kann mich überhaupt nicht statt sehen.
Wir informieren Victor in knappen Worten über unsere Anreise, doch selbst, wenn ich rede, schweift sein Blick immer wieder zu Tear ab. Das muss ich ansprechen.
“Ähm, kann es sein, dass du viel interessierter daran bist, wie es dem Mädchen geht, das du aus Mensonia entfüh- äh, gerettet hast?”
“Haha, scharfsinnig, mein Lieber!”, lobt er. “Genauso ist es, aber ich möchte Cecilia erst einmal in aller Ruhe ankommen lassen.”
Das verleitet Tear zu einem peinlich berührten Lächeln. Ich merke ihr an, wie dankbar sie ihm ist.
“Ihr habt mir nicht nur das Leben gerettet, Victor, Ihr habt mir … eins geschenkt.”
“Du kannst mich jetzt gern duzen, Cecilia”, freut er sich und wischt sich dabei eine lange weißblonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Interessanterweise macht Tear diese Bewegung bei sich selbst nach und haucht:
“Also eigentlich nenne ich mich jetzt … Tear. Es wäre nett, wenn du -”
“Selbstverständlich!”, unterbricht er und funkelt ihr irgendwie unangenehm zu. Wir haben gehört, dass Tear die Reinkarnation einer Lucard sei. Mir brennt die Frage auf der Zunge, ob sich die beiden nahe standen. Also so richtig, richtig nahe, mit Bettgeschichten und so. Mir gefällt nähmich dieses Gefunkle nicht.
Tear macht heute jedenfalls einen besonders offenen und aufgeweckten Eindruck. Vielleicht nur, weil sie sich auf das Wiedersehen mit ihrem Retter Victor gefreut hat, vielleicht aber auch, weil er aussieht, wie ich mir den klassischen Märchenprinzen vorstellen würde.
“Kein Problem, ich bin ausgeruht genug", bestätigt sie mindestens einen dieser Gedanken. “Ich würde gern direkt erzählen, wie ich die Konvertierung verkraftet habe, weil … ich …”
Victor wirkt plötzlich angespannter als zuvor. Mit besorgtem Blick lässt er sie weitersprechen.
“... weil ich fragen wollte, wie die Frau gewesen ist, der ich ähnlich sehe.”
“Das ist es auch, worüber ich mit dir sprechen wollte, Tear”, geht er auf sie ein. “Vor drei Jahren habe ich mich mit den anderen darauf verständigt, dir nicht die ganze Geschichte zu erzählen. Wissen kann sehr belastend sein.”
Victor pausiert kurz und fährt sich durch seine schimmernden Locken. Dann spricht er weiter, Tear genau im Blick.
“Gehe ich recht in der Annahme, dass man dich hin und wieder als Sari oder Sarina anspricht?”
Tear nickt bedächtig. Victor erklärt weiter.
“Du und sie, ihr tragt dieselbe Seele in euch. Ihr beide habt identische Veranlagungen. Du siehst nicht nur aus wie sie. Du sprichst, bewegst dich, dürftest und schmeckst wie sie. Du erinnerst dich an den Test vor unserer Abreise damals. Er diente dem Vergleich.”
Er hat also einen Vergleichstest durchgeführt, bevor er sie mitgenommen hat? Schade, dass wir noch nicht über solche Details geredet haben. Frauen mit Vergangenheit sind mega spannend. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn sie sich mir ein bisschen weiter öffnet, um mir von sich zu erzählen.
“Allerdings …”, bemerkt Victor, nachdem er gestockt hat. “... scheinen sich eure Charaktere über die Jahre auseinander bewegt zu haben. Seit unserem Kennenlernen hast du Eigenschaften verloren, die sie ausgemacht haben. Vielleicht verstehst du, welche ich meine. Auch Sarina hat ihre Ziele frei heraus ausgesprochen, wie du eben, aber sie war eine unerschrockene, aufbrausende Frohnatur. Du wirkst dagegen in dich gekehrt, als würde dich etwas belasten.”
Nun schweigt Tear. Ich spüre, wie sich Anspannung in ihr aufbaut. Sie schaut auf den weiß lackierten Metalltisch herab, ohne einen Laut von sich zu geben.
Ich verstehe sie. Was Victor beschreibt, ist der aufbrausende Zustand, in den sie verfällt, wenn sie die Kontrolle verliert. Ich flüstere ihr zu, ob ich es für sie erklären soll. Mein süßes Tränchen schüttelt allerdings den Kopf. Klar will sie es selbst übernehmen. Sie ist ja auch super cool. Ihr Tonfall wird nun hart und verbissen.
“Unglaublich, wie scharfsinnig du bist, Victor. Ich leide seit der Konvertierung unter einer Art zweiten Persönlichkeit. Manchmal bricht sie unkontrolliert hervor, was meine Handlungsspielräume einschränkt. Aus Angst, zu ihr zu werden und verloren zu gehen, meide ich Sozialkontakte. Wenn ich nichts gegen sie unternehme, zerstört sie mir mein neues Leben. Es ist zum Verzweifeln.”
Nun fasst sich Victor denkerisch ans Kinn.
“Möglicherweise … führt der Teil von dir, den du unterdrückst zu dieser sprunghaften Veränderung. Jetzt hast du mich neugierig gemacht. Wenn ich sie beurteilen soll, dann müsste ich sie schon einmal erleben.”
Ich kenne Tear gut genug, um ihr an ihren wechselnden Blickrichtungen anzusehen, dass sie nervös wird. Mir wäre das an ihrer Stelle auch unangenehm.
“Seit einem extremen Ausbruch vor zwei Tagen bei Luis, hat sie sich nicht mehr blicken lassen”, weicht sie aus.
“Oh, keine Sorge”, beruhigt Victor mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen. “Wenn ich etwas kann, dann Frauen zum Äußersten zu treiben.”
Buhää, mir schaudert bei dieser Vorstellung. Victor ist der gutaussehendste Vampir überhaupt. Neben ihm kann ich einpacken, ohne Mist! Deshalb kann ich von Natur aus nicht sehr erpicht darauf sein, Tear unnötig darauf aufmerksam zu machen.
Wobei ich an ihr beobachte, dass sie ähnlich ablehnend reagiert wie ich. Victors eigentlich recht ansehnlicher Enkel Luis hat ihr das Interesse an weißblonden Lucard Schönlingen, naja, und auch Schönheiten, offenbar nachhaltig verdorben. Glück für mich, denn obwohl auch ich zum Lucard Clan gehöre, sehe ich nicht nach einem aus.
“Zweifellos …”, haucht Tear leicht angeekelt. Sehr schön. Das ist mein Mädchen. Wieder lächelt Victor, steht auf und lehnt sich dann über den Tisch zu ihr. Der Abstand zwischen seinem und ihrem Gesicht liegt bei weniger als 30 Zentimetern. Huiui, also zumindest er sieht für mich aus, als würde es bei ihm heftig knistern.
Dann führt er eine Hand über ihren Kopf, was sie in sich zusammenzucken lässt. Er legt sie auf ihrer Mütze ab, die ich schon gar nicht mehr wahrnehme, weil ich Tear meist mit dem Mützchen sehe.
“Offenbar sitzt du dem Irrtum auf, diese Kopfbedeckung verstecke deine außerordentliche Schönheit”, haucht er und nimmt ihr sanft die Mütze ab. Wo er recht hat …
“Es bricht mir das Herz, wie du deine Eloquenz, dein Durchsetzungsvermögen und deine enorme Sozialkompetenz vernachlässigst. Meine Hübsche, ich kann dir Helfen, dich wieder selbst zu finden. Bleib bei mir im Château. Ich nehme dich zur Frau und führe dich auf den Weg deines wahres Potenzials.”
Zur Frau? Alter, ich glaub es hackt! Tear glaubt das wohl auch, weil sie mit einem Mal zurückweichend aufsteht wie ein aufgescheuchtes Reh. Nähe kann sie nun einmal nicht verkraften. Auch Victor richtet sich auf. Allerdings denkt er nicht im Traum daran, locker zu lassen. Langsam schreitet er auf sie zu und spricht weiter.
“Es war ein Fehler, dich im Refugium zurückzulassen. Ich hätte dich bei mir behalten sollen, das wird mir in diesem Moment klar.”
Er streckt seinen Arm aus, um sie an der Wange zu berühren und nun hat er sie so weit. Tear bricht aus.
“Sag sowas nicht, Victor!”, faucht sie aggressiv. “Das Refugium hat mir gutgetan. Ich konnte nicht so bleiben, wie ich war. Ich bin dir sogar dankbar, dass du einfach abgehauen bist. Du hast mich viel zu sehr an meine Zeit in Mensonia erinnert. Mit dir hätte ich niemals neu anfangen können.”
“Soso!”, entgegnet Victor lachend. “Das kannst du beurteilen, ohne mich näher zu kennen. Es wäre dreist, mir nach einer solchen Anschuldigung keine Chance zuzugestehen. Bleib wenigstens für einen Monat.”
Tear wird immer aufbrausender, aber nicht zur Furie wie Luis gegenüber. Sie zeigt Victor abwehrend ihre flache Handfläche. “Dann könnte ich meinen geliebten River nicht mehr begleiten, also nein, danke.”
“Deinen geliebten River”, wiederholt mein Onkel amüsiert und wirft einen flüchtigen Blick zur Seite auf mein selbstzufrieden grinsendes Gesicht. Jap, du überall die Fäden ziehender, uralter Beautysalon. Tear ist schon in einen anderen verknallt und der sitzt neben dir!
“Herzallerliebst”, tadelt er und wird danach wieder ernst. “Tear, sag mir, wer du bist.”
“Ähm, eine Frau, die zu ihren Gefühlen steht, würde ich sagen.”
Mir fällt auf, dass sie besonders aufrecht vor ihm steht.
“Und seit wann tust du das?”, bohrt er nach.
“Achso”, begreift Tear stirnrunzelnd. “Das ist schwer zu beantworten. Ich versuche es schon seit einer ganzen Weile, aber werde meist daran gehindert.”
“Du bist also das Original?”, fragt Victor zielstrebig. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, so mit Tear zu reden, wenn ihr zweites Ich am Ruder ist.
“Original? Nicht doch! Meine Gefühle und Gedanken sind immer dieselben, aber ich werde ständig daran gehindert, sie auszusprechen. Ich verstehe ja, dass ich anders sein muss, als ich mal war, dass ich mich ändern muss. Aber das höre ich in Endlosschleife. Manchmal ist das kaum noch auszuhalten. Die Angst, verstoßen zu werden, erdrückt mich, aber ich kann doch nicht mein Leben lang schweigen!”
“Verstoßen? Aus Mensonia?”, fragt Victor, worauf sie antwortet.
“Was will ich in Mensonia? Nein, von meinen Freunden. Aus dem Refugium.”
“Nie im Leben!”, platze ich dazwischen und stehe nun ebenfalls auf. “Selbst wenn du mal was Dummes sagen würdest, was unwahrscheinlich ist, geht doch die Welt nicht unter. Und wenn du aus dem Refugium fliegst, komme ich mit dir, wenn ich darf!”
Nun sieht sie mich traurig lächelnd an und stößt Luft aus den Nüsten. “Nein, River. Du hast dich in die Fassade der zurückgezogenen Tear verliebt, nicht in die wahre Tear.”
Ich gehe ein wenig auf sie zu. Unglaublich, was sie für einen ausgemachten Unsinn von sich gibt.
“Meine Güte, Tear! Ich war fast ein Jahr lang mit dem Alphaweibchen Shine zusammen und sie ist immer noch meine beste Freundin. Glaubst du echt, ich hätte ein Problem mit starken Frauen?”
“Naja, schon, weil ich-”, stammelt sie und schweigt danach.
“Eben”, bestätige ich. “Außerdem weiß ich doch, dass du eine bewegte Vergangenheit hast. Kann mir schon ‘n bisschen denken, warum du so wenig von früher erzählst. Vermutlich schämst du dich, aber das brauchst du gar nicht. Was spielt es für eine Rolle, was mal war? Ich find dich jetzt toll! Also auch jetzt gerade.”
“Auch jetzt …?”, haucht sie in sich hinein, als verstünde sie so langsam, worauf ich hinaus will. Ich sehe, wie ihre Augen glasig werden. Von selbst kommt sie auf mich zu und lässt sich von mir in den Arm nehmen. Ich bin so verflucht stolz auf mich, denn normalerweise bin ich nicht besonders gut mit Worten. Da hat mich Victor wohl ein Stüfchen nach oben gebracht. Das Tearchen fängt an zu weinen. Ich drücke sie noch fester an mich, bis ich ihr zuckersüßes Schluchzen höre.
“Hab dich lieb, meine Süße”, hauche ich. Langsam wird sie in meinen Armen immer schwerer. Ich sinke mit ihr auf die weiche, grüne Wiese. Victor nickt mir zu und lässt uns danach allein.
Mein Onkel ist verdammt beeindruckend. Irgendwie ist er so, wie ich gern wäre. Das ist krass, denn ich habe noch niemals jemanden getroffen, von dem ich das gedacht habe.
Es dauert einige Minuten, bis Tear ruhiger wird, sich dann schniefend von mir löst und sich neben mich setzt. Sie klammert sich an meinen Arm und legt dann ihren Kopf an meiner Schulter ab. So bleiben wir eine Weile sitzen. Ich höre entfernte Gespräche und lausche dem Gesang der Vögel, bis meine Liebste ein sanftes “Danke” flüstert.
Vorbereitungen
Locker zwei Stunden liege ich nun schon neben Tear auf der fast schon unnatürlich grünen Wiese des Schlosshofes. Meine hübsche Freundin blickt in Richtung taghell erleuchtete Kuppel. Viel geredet haben wir nicht. Sie hat viel Stoff zum Nachdenken, weshalb ich vermute, dass ihr innerer Dialog reichhaltig genug war. Erst nach einer langen, für mich sehr erholsamen Pause von all den Geschehnissen, erzählt sie mir, dass sie sich immer gleich verkrochen hat, wenn es ihr mies ging.
“Mich euch zu erklären, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich weiß auch nicht. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass ihr das nicht verstehen würdet.”
“Schon eine gewagte These”, witzle ich, was sie zum Lächeln bringt. “Ob dich jemand verstehst, kannst du nicht wissen, wenn du nicht einmal versucht hast, dich zu erklären.”
Sie setzt sich neben mir auf und schaut mit einem weichen Ausdruck zu mir herunter. “Das stimmt. Wie du reagiert hast …, ich hätte nicht damit gerechnet, obwohl ich dich eigentlich kenne.”
Ich nicke ihr verständnisvoll entgegen und setze mich ebenfalls auf.
“Bei sich selber ist man manchmal der größte Vollidiot”, lache ich und merke dann erst, dass ich sie damit indirekt beleidigt habe. Scheißeee! “Also, das soll nicht heißen, dass du ein …! Ich bin der Vollidiot, nicht du!”
Sie kichert. Puh, nochmal Glück gehabt. Der Duftcocktail ihrer Aura hat sich verändert. Auch wenn ihre Tränen heftig waren, wirkt sie nun befreit. Ich habe den Eindruck, dass aus ihr etwas herausgebrochen ist, das sich sehr lange in ihr angestaut hat.
Was ich durch Victors Experiment verstanden habe, ist, dass Tears Depressionen viel eher durch ein Leben in Unterdrückung ihres wahren Kerns entstanden sind.
Mag hat irgendwann einmal gesagt, dass Vampire und Menschen in einigen Dingen grundverschieden seien. Menschen könnten unerwünschte Eigenschaften angeblich recht einfach unterdrücken. Vampire würden dagegen nicht über diese Anpassungsgabe verfügen.
Der Konflikt zwischen dem, was Tear sein wollte und ihrer wahren Natur, muss sie innerlich zerrissen haben. So sehr, dass es der Vampir in ihr manchmal einfach nicht mehr ausgehalten hat. Das ist nachvollziehbar. Würde mich auch fertig machen, wenn ich was tun oder sagen will und jemand dauernd die Bremse reinhaut.
“Was du gesagt hast, tut weh und befreit mich gleichzeitig…”, haucht sie.
Hey, Sekunde! Ich hab ihr weh getan? Womit? Sie legt sich eine Hand vor die Augen und erklärt: “Ich schäme mich schrecklich für die Dinge, die ich damals getan habe, weil ich dachte, nur so überleben zu können. Vielleicht erzähle ich dir irgendwann davon. Noch kann ich das nicht …”
Mein Herz verkrampft sich. Mir ist doch vollkommen klar, dass sie Luis als Zofe nicht nur mit Blut, sondern auch durch den gezielten Einsatz ihres atemberaubenden Körpers gedient haben muss. Sex, Blut und Arbeitskraft, das ist es, was Vampire an Menschen ausbeuten. Allein die Behauptung, ausgerechnet eine sexy Schönheit wie sie sei unberührt geblieben, klingt doch komplett unglaubwürdig. Sie soll sich mal nicht so viele Sorgen machen.
“Entscheide selbst, was du mir anvertrauen willst. An meinen Gefühlen wird sich nichts ändern durch irgendwas, das du irgendwann mal als Sklavin tun musstest. Wichtiger ist die Tear im Hier und Jetzt.”
“Oh, River …”, flüstert sie lieblich.
Danach zeigt sich Tear bereit für den Aufbruch. Als sie aufsteht, tue ich das ebenfalls. Wir gehen langsam gemeinsam Richtung Innenhof, während sie weiter mit mir spricht.
“Ich habe es endlich begriffen. Es gibt kein sie oder ich. Das alles bin ich und ich muss aufhören, mich selbst zu bekämpfen. Zum Glück weiß ich das jetzt. Bevor wir Victor wiedertreffen, würde ich gerne erst einmal wissen wollen, wo sich Shine versteckt. Sie ist mir eine verdammt gute Erklärung schuldig. Und eine Entschuldigung obendrein.”
“Dann gehen wir sie mal suchen!”, steige ich auf sie ein.
Im Hof treffen wir auf einen blonden jungen Mann, der auf Garantie auch irgendwie mit mir verwandt ist und uns bereitwillig erzählt, was uns Victor nicht verraten wollte, nämlich dass wir Shine, also Sheron, in einem der Gästezimmer finden können.
Als er bemerkt, dass wir nicht wissen, wo wir hin sollen, begleitet er uns. Er führt uns durch eine der verschnörkelten Doppelflügeltüren, die ins Schloss hineinführen. Ich bin gespannt, was uns erwarten wird.
Kaum einen Schritt in der Tür, muss ich mich wundern. Wie kann es sein, dass in den sauberen Gängen und Empfangsräumen des Schlosses das Meiste mit Holz vertäfelt ist? Der komplette Boden, die Decke und hüfthoch auch die Wände bestehen aus massenhaft Holz, dabei ist dieser Rohstoff verdammt rar. So kunstvoll verarbeitet, in einem so hochwertigen Zustand habe ich Holz obendrein überhaupt noch nicht gesehen. Wie viele große und um vieles nützlichere Tische könnte man daraus wohl machen?
An den Wänden hängen handgemalte Bilder, die irgendwelche Leute, Landschaften und auch Schlachten zeigen. Eine Holztreppe führt vom geräumigen Eingangsbereich nach oben, wohin wir dem Mann folgen.
Sicher brauche ich inzwischen nicht mehr zu erwähnen, dass mich die Platzverschwendung förmlich anschreit. Der Mann weist auf eine Holztür mit geschwungenem Metallgriff auf der linken Seite, an die ich kurzentschlossen klopfe.
Einen Moment später wird sie einen Spalt geöffnet, aus dem uns eine hübsche blonde Frau ansieht. Ich spüre, wie Tear einen kleinen Schritt hinter mich macht, uns aber dennoch vorstellt.
“Wir sind Shines Freunde. Dürfen wir zu ihr?”
Die Frau öffnet ein wenig weiter, lässt uns aber nicht ein, sondern kommt zu uns heraus. Ich konnte nicht einmal einen Blick in den Raum erhaschen. Als die Frau vor der Tür steht, fixiert sie allein Tear, die ein leises “Ach, du Schande” haucht.
“Ich fasse es nicht! Schon wieder du!?”, empört sich die Frau in keinem sehr erfreuten Tonfall in Richtung meiner Freundin. “Kannst du meine Familie nicht endlich in Frieden lassen?!”
Dann wendet sie den Blick ab und sieht mit einem ganz anderen, freundlichen Gesicht zu mir. Wie jetzt? Es ist zwar eindeutig, dass sich die beiden von früher kennen, aber, wer genau ist sie?
“Und du musst River sein. Ich bin Sherons Mutter Lenia. Es hat seine Gründe, warum ich die meiste Zeit auf Château du Bonheur Forcé verbringe.”
Sie blickt kurz streng zur Seite zu Tear, dann wieder zurück zu mir.
Wieso tut sie das? Ich tippe bei ihren ungenannten Gründen ja eigentlich auf ihren werten Gatten Octavian. Das erklärt nur leider nicht, warum sie sich Tear gegenüber so abweisend verhält.
Meine Freundin gibt diese Kälte auch in vollem Umfang zurück und nimmt Abstand. Sagen wird Tear hier wohl nichts mehr. Ich muss das Gespräch übernehmen.
“Shine will uns nicht sehen, oder?”
“So ist es”, antwortet Lenia. “Sie braucht noch Zeit. Hol sie doch auf dem Rückweg deiner Reise ab, River.”
“Ähm, jo, das geht auch”, bestätige ich perplex und spreche dann lauter, damit mich Shine vielleicht hört. “Sagen Sie ihr bitte, dass es mir echt wichtig ist, dass wir uns aussprechen.”
Lenia nickt und ich verabschiede mich von ihr. Kaum ist sie wieder hinter der Tür verschwunden, spüre ich deutlich, wie sich Tears Körperhaltung lockert. Trotzdem läuft sie sofort zurück in Richtung Innenhof.
“Geht es wieder?”, frage ich sie, als wir ein paar Meter hinter uns gebracht haben. Bevor wir hinaus auf den Hof treten, bleibt Tear stehen und antwortet mir.
“Ich war wohl doch noch nicht bereit, auf Shine zu treffen. In mir hat sich alles verkrampft.”
“Achsoo, da hätte ich auch selber drauf kommen können”, entschuldige ich mich. “Ihre Mutter hat dich erkannt, oder? War bestimmt auch nicht so toll.”
Tear atmet erschöpft aus. Shit, ich hätte nicht fragen sollen. Trotzdem ist sie so lieb, die Sache aufzuklären.
“Lenia hat mich gehasst. Sie sagte mir damals, dass eine Zofe wie ich ihren Sohn nicht von Vampirfrauen ablenken dürfe. Wegen mir hat er keine Partnerin gewollt.”
Oha, das ergibt Sinn. Für Octavian scheint das kein Problem gewesen zu sein, immerhin verhielt er sich Tear gegenüber aufgeschlossen und hat sogar das Gespräch gesucht. Aber den spreche ich jetzt lieber nicht an. Stattdessen gehen wir hinaus auf den Innenhof, wo wir direkt von einem lächelnden Victor empfangen werden. Ups, ertappt.
“Keinen Erfolg gehabt?”
“An der Türsteherin abgerutscht”, bestätige ich, was Victor nur wieder zum Schmunzeln bringt. Dann beugt er sich ein wenig nach vorn zu Tear und haucht einfühlsam:
“Ich habe mein Bestes getan, um dich vor einer Konfrontation mit Lenia zu bewahren.”
Krass, sogar er weiß, dass sich die beiden nicht riechen können.
Dann richtet er sich wieder auf.
“Euer Disput soll jetzt nicht zum Thema werden. Für mich ist es Gewissheit, dass du Sarina Lucards Reinkarnation bist. Ich wollte dich informieren, dass ich diese Nachricht an ihre Eltern weiterleite, sprich, an meinen älteren Bruder David-Richard und seine Frau Corella.”
Ne, oder?! Er hält Tear also wirklich für die Reinkarnation der Tochter des Erstgeborenen David-Richard Lucard? Octavian hat mich für einen Abkömmling seiner Linie gehalten, dabei bin ich David noch nie begegnet. Er soll absolut imba sein und dir den Kopf schon von den Schultern reißen, wenn dir noch nicht mal bewusst war, dass er ein Problem mit dir hat. Oh Mann, ihn auf den Plan zu rufen, hat uns gerade noch gefehlt.
Tear antwortet so furchtlos und entschlossen, dass sie mir gerne was davon abgeben könnte.
“Ist okay, solange ich Ort und Zeitpunkt bestimmen kann.”
Victor nickt anerkennend. Er ist wohl ebenso beeindruckt wie ich. Nach unserem Pläuschchen führt er uns in einen anderen Schlossteil, der einen zum altmodischen Schloss unpassenden, modernen Eindruck macht. Bodenhohe Panoramafenster blicken nach draußen auf ein kleines Wasserspiel auf einer Wiese. Während wir gehen, spricht er.
“Mit ein paar kleinen Abweichungen erinnert mich deine Entwicklung an die von Ellys, Rivers Mutter. Auch sie ist eine Reinkarnation einer Enkelin meines Vaters Alucard und hat ähnliches durchgemacht wie du.”
Ich seufze. "Wenn ich mich nicht irre, und das tue ich nur seeehr selten, sind Tear und meine Mutter die einzigen, die jemals im Erwachsenenalter konvertiert wurden. Ich find’s traurig, dass sie sich niemals begegnen werden.”
Victor bleibt vor einer Treppe unvermittelt stehen und sieht mir streng ins Gesicht.
“Ich, für meinen Teil, habe deine Mutter noch nicht abgeschrieben, River.”
“Hä?”, ist alles, was mir über die Lippen kommt. Meine Mutter ist kurz nach meiner Geburt gestorben. Spricht er jetzt von noch einer Reinkarnation oder wie, oder was?
Victor bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle.
“Dein leiblicher Vater hinter den sieben Bergen im Refugium weiß davon nichts, weil es Robert allein mir anvertraut hat und nun weihe ich dich und deine begehrenswerte Begleiterin ein. Deine Mutter, River, ist nicht tot! Sie verharrt in einer Starre. Das ist es, was dir mein Bruder sagen will, wenn du ihn besuchen kommst. So gesehen, habe ich ihm wohl eben die Überraschung verdorben.”
“Meine Mutter … lebt?”
Meine Atmung wird unregelmäßig. Meine Hände kribbeln. Ich fange an zu zittern. Das kann doch nicht sein.
“Robert wartet, bis er eine Heilung findet, aber selbst mir hat er nicht verraten, worunter meine geliebte Ellys leidet.”
Tear wiederholt verwundert: “deine Geliebte?”
“So ist es. Ich liebe sie und gebe sie nicht auf, solange es mein Bruder nicht tut. Er findet immer eine Lösung. Ich vertraue ihm.”
“Meine Mutter lebt”, wiederhole ich nur und lehne mich an die Wand neben dem Treppenaufstieg. Das Zittern will nicht aufhören. Wie konnte mich mein Konvertierer nur so belügen?
“Verzeih ihm”, haucht Victor und legt dabei eine Hand auf meiner Schulter ab. “Robert war ratlos und tief erschüttert. Ihren Verlust konnte er kein zweites Mal verkraften und das trifft auch auf mich zu. Wie ich bereits sagte, war Ellys eine Reinkarnation. Schon in ihrem ersten Leben liebte ich sie. Auch damals war sie Roberts Frau und starb in seinen Armen.”
“Wie schrecklich”, höre ich von Tear, während der in mir wieder auflodernde Hass auf meinen Konvertierer mein rationales Denken betäubt.
Victor redet weiter auf mich ein.
“Er wird es dir erklären, aber du musst ihm auch zuhören, River. Auch dein leiblicher Vater und Mag haben das Recht, Ellys wahres Schicksal zu erfahren, aber Robert wird es nur dir anvertrauen, verstehst du?”
Das verstehe ich zur Abwechslung tatsächlich. Es geht nicht nur um mich und meine Gefühle. Auch Papa hat meine Mutter geliebt und Mag ist ihre Adoptivmutter. Robert-Valentin Lucard, der König der Vampire, muss sein Schweigen brechen.
Kaum denke ich darüber nach, erinnere ich mich, dass ich Fragen an Victor hatte. Ich wische meine Wuttränen weg und atme einige Male tief durch. Das hilft, um mich ein wenig zu sammeln.
“Okay, das war ein Schock. Sorry. Kann weitergehen.”
Wir nehmen die Treppe ein Stockwerk nach oben. Meine Beine sind noch etwas wabbelig, aber das passt schon. Da muss ich jetzt durch. Tear hatte viel mehr durchzustehen als ich, also Arschbacken zusammen kneifen. Was ein Tag, ey …
Uns erwartet ein eigentlich echt gemütlicher Aufenthaltsraum mit einem hellgrauen Sofa mit grünen Kissen. Darüber hängt ein großformatiges Bild, das mit einem Punktstil mit Pinsel gemalt wurde und eine idyllische Picknickszene zeigt. Also nicht die Art Picknick, bei der ein Mensch von einem Vampir ausgesoffen wird, sondern eins mit Brot und Wurst. Links und rechts neben dem Sofa befindet sich je eine Tür. Auch hier reichen die Fenster bis zum Boden und blicken auf das Wasserspiel. Dekadent!
Wir hauen uns gemeinsam auf das super bequeme und fleckenfreie Sofa. In Shattered Sky muss man so etwas erwähnen. Hier habe ich aber ehrlicherweise noch nichts Schmutziges gesehen. Ich lasse mich in die Mitte fallen. Normal hinsetzen wollten sich meine zitternden Knochen nicht.
Die warme, helle Atmosphäre des Raumes tut richtig gut. Hier kann ich Energie tanken.
“Die beiden Türen führen zu euren Gästezimmern”, erläutert Victor, der auch noch ein erstaunlich guter Gastgeber ist. Was kann der Mann bitte noch alles?
Ich sammle mich kurz, bedanke mich ganz höflich und widme mich meinen Fragen.
“Victor, dein Sohn Octavian meinte, meine Mutter sei unfruchtbar gewesen. Kannst du mir Näheres darüber sagen?”
Er sitzt neben mir, lehnt sich nach hinten und schlägt die Beine übereinander. Dabei sieht er vor sich ins Leere, als müsste er nachdenken, was er mir antworten soll.
“Nun, das ist ein Gerücht, das zufällig der Wahrheit entspricht”, ist alles, was von ihm kommt. Ein bisschen dürftig und auch verwirrend. Irgendetwas stimmt da nicht.
Nur eine Sache ergänzt er noch. “Diese Frage sollten Robert oder sein Hofnarr, pardon, dein leiblicher Vater beantworten.”
Alter! Sein Hofnarr?!
Heftig, war das ein unerwarteter Tiefschlag gegen Papa. Mir war bewusst, dass er und Victor miteinander bekannt sein müssen, aber Papa hat so gut wie nie über meinen Onkel gesprochen. In Anbetracht der beeindruckenden Präsenz neben mir, ist das mehr als eigenartig.
“Du magst ihn nicht? Meinen Papa Alexander?”, frage ich frei heraus und überlege dabei, was man an Papa nicht mögen könnte. Er ist im Bunker extrem beliebt. Victor ist der erste, den ich jemals etwas Abfälliges über Papa sagen gehört habe.
“Nennen wir es eine persönliche Fehde. Wo wir beim Thema sind. Wie stehen er und meine Schwester Magret zueinander?”, lenkt Victor ab.
Hm, warum auch immer fällt es mir schwer, diese Frage zu beantworten. Ich weiche etwas aus.
“Ja, also, Papa, Mag, Shine und ich leben zu viert in einer Wohnung. Die zwei führen zusammen Shattered Sky. Deine Schwester bespielt die Front, Papa bleibt im Hintergrund.”
Victor wirkt getroffen, so wie er die Augen aufreißt. Ich schiebe zur Sicherheit noch einen Satz nach.
“Führen zusammen, nicht sind zusammen, falls das jetzt falsch angekommen sein sollte.”
Tear hat bisher nur mitgehört, aber das kann sie nicht unkommentiert lassen.
“Eigentlich doch, River. Sie sind zusammen und ähm, waren es auch schon, als ich zu euch kam.”
Sie sind was!?
“Sie sind was!?”, spuckt Victor zeitgleich zu meinem Gedanken aus. Tear schiebt nach.
“Vor dir turteln sie zwar nicht, aber … das kann dir nicht entgangen sein!”
Ja, anscheinend doch!
Booooaaah, mir wird auf einmal so schlecht. Mag ist meine Großmutter, verdammt! Victor legt eine Hand über seine Augen. Er findet diese Vorstellung wohl ebenso eklig wie ich.
“Dieser perfide schwarzhaarige Lustknabe …”, faucht er in sich hinein und meint damit offensichtlich meinen Papa.
Mir fällt vor Schreck überhaupt nichts mehr ein. Umso besser, dass Victor die Beherrschung wiedererlangt.
“Du hast doch sicher noch weitere Fragen, nehme ich an. Ich wäre über einen zügigen Themenwechsel äußerst dankbar.”
Ich lache ermattet. Eine Menge Fragen habe ich mir für ihn aufgespart. Zu viele, um sie alle zu stellen. Was mich am drängendsten interessiert, ist wohl aber seine Sicht auf unsere kaputte Welt.
“Jo, hab ich. Also, das Leben im Refugium hat einen Nebeneffekt. Die Leute, also die Vampire, gehen fast nie nach draußen. Kaum einer entfernt sich weiter als 20 Kilometer vom Bunker. Ich habe erwartet, dass es hier anders ist, aber Pustekuchen. Eure Straßen sind der letzte Mist und keinen interessiert’s.”
Tatsächlich holt meine Beobachtung Victor aus seiner Ekel-Starre. Er erzählt seine Sichtweise mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.
“Zu Beginn sprudelte der Austausch zwischen den Städten noch, doch der Streit um den Erhalt der Straßen und die Trägheit bei der Entscheidungsfindung ließen ihn nach und nach immer weiter versickern. Menschliche Arbeiter können die Verkehrswege schwerlich instandhalten und Vampire verrichten diese Form der Arbeit nur sehr selten. Es wäre Roberts Aufgabe, hart durchzugreifen, aber er interessiert sich kaum für den Außenhandel. Das Resultat sind schwindende Macht und weitestgehend autonome Städte.”
“Aber warum?”, fragt Tear. “Warum ziehen sich alle zurück? Ist Handel nicht total wichtig?”
Victor lehnt sich nach hinten und sieht an die perfekte, weiße Zimmerdecke mit eingelassenen, quadratischen Leuchten, die mir dadurch erst auffallen. Auch hier: kein Fleck. Wie geht das überhaupt?
Victor tauscht die Stellung seiner übereinander geschlagenen Beine und philosophiert.
“Unsere Welt ist auf unser kleines, hübsches Königreich zusammengeschrumpft. Die Katastrophe steckt uns noch immer in den Knochen. Sie verursacht eine Rückbesinnung auf den eigenen winzigen Kosmos. Zu allem Überfluss hat uns der anhaltend vom Dunst verhangene Himmel kurzsichtig werden lassen, als liege der Nebel kollektiv auf unserem Geist. Niemand interessiert sich mehr für die Außenwelt. Wir leben hier in einem der letzten bewohnbaren Gebiete der Erde. Das glauben wir zumindest, denn es ist ungewiss, ob anderswo Menschen überlebt haben. Die Bilder uralter Weltraumsatelliten zeigen nichts als eine graue Kugel im All. Stellt euch vor, wir träfen morgen auf Menschen von außerhalb. Das käme einem extraterrestrischen Besuch gleich.”
Sehe ich auch so. Victor spricht aus, was ich mir schon lange gedacht habe. Von einem brennenden Himmel, den vampirischen Amokläufen oder dem Krieg erzählt aber auch er nichts. Dennoch spricht er anders als andere alte Vampire. Die erzählen alle ein und dasselbe, und zwar, wie glücklich sie darüber sind, überlebt zu haben. Alles Heuchler.
In Shattered Sky ziehen die meisten direkt danach über die Städte her, dabei sind Mag und Papa doch genauso kurzsichtig. Der eigene Erhalt steht im Mittelpunkt. Kaum jemand bemerkt, dass die Außenluft inzwischen mit einfachen Filtern auch für Menschen wieder betretbar ist. Oder will es einfach keiner bemerken? Haben sie am Ende Angst vor einer Veränderung des Status quo?
“Wird es bald einen Umbruch geben?”, frage ich.
“Wird es. Erste Menschen beginnen außerhalb der Städte zu siedeln. Das wird sich herumsprechen. Spätestens in 50 Jahren wird die Luft wieder rein genug für die Menschheit sein. Die Regentschaft der Loyalen Vampirvereinigung endet dann. Die Zeit läuft uns davon. Wir müssen unseren Blick erneut in die Ferne ausrichten. Wir müssen unsere Schockstarre überwinden und durch den Nebel hindurch sehen.”
Endlich! Endlich hat jemand außer mir die Zeichen der Zeit erkannt. Ich stimme meinem Onkel zu, bin aber trotzdem verwirrt.
“Warum sagst du das nicht meinem Va-, Konvertierer, also unserem König, der darauf reagieren müsste?”
“Sei versichert”, beruhigt Victor. “Das tue ich unentwegt. Was ihm fehlt, ist eine Perspektive und, du wirst es erleben, wenn du ihn besuchst, er ist in seiner Position durch einige Abneigungen gehandycapt. Ich setze große Hoffnungen in dich, River. Du bist genau der Richtige, um ihm eine Zukunft zu zeigen, die nicht nur ihn, sondern uns alle aus der Depression führt.”
Huiui, immer langsam mit den jungen Hottahüs. Mein Besuch soll eine Standpauke werden, kein Motivationsgespräch, das ihm die Lust am Regieren zurückgibt. Ich werde ihm richtig die Meinung geigen und ihn dann bedröppelt stehen lassen, mehr nicht. Punkt, aus, Ende.
Victors selbstsicherem Gesichtsausdruck kann ich nur ein überfordertes Auflachen entgegenbringen.
“Du erwartest, dass ich deinen Bruder repariere, obwohl du, der Seelen-Wunderheiler in Person, es nicht konntest!? Also, ganz ehrlich, meine Pläne sehen anders aus.”
Victor steht vom Sofa auf und sieht uns beide zuversichtlich an. “Deine Pläne gehen mich nichts an. Tear und du, ihr werdet eure Aufgabe unabhängig davon erfüllen.”
“Ich auch?”, fragt Tear, worauf er schmunzelnd antwortet.
“Robert hat Sarina, das Mädchen, dem du gleichst, sehr gern gehabt. Du wirst ihn an eine Zeit erinnern, in der er glücklich war.”
Nun beugt er sich zu meiner Freundin herab und berührt ihr Kinn sanft von unten mit dem Zeigefinger. Pfui!
“Unser König Robert ist Sklave seiner Position. Er fühlt sich von allen verlassen, die ihm einmal lieb und teuer waren. Du bist nicht vorbelastet wie River. Hab Mitgefühl mit dem armen Teufel.”
Danach will sich Victor verabschieden, aber ich halte ihn auf.
“Eins noch, Victor! Wir wissen, dass du ein Fahrzeug besitzt, mit dem du Menschen transportieren kannst. Warum holst du Clara, Hermes, Lisa und die anderen nicht hierher?”
Er bleibt stehen.
“Sieh an. Du weißt mehr, als ich dachte. Dafür gibt es zwei Gründe. Zunächst bin ich kein Fahrdienst. Unsere Probleme lassen sich nicht dadurch lösen, Menschen von A nach B zu transportieren. Des Weiteren handelt es sich bei den Vampiren unter ihnen um verurteilte Hochverräter. Ich muss und werde sie ihrer Strafe zuführen, sobald sie loyalen Boden betreten.”
“Und wenn du nur die Menschen zu dir holst, verdursten die Vampire …”, kombiniert Tear scharfsinnig. Victor dreht sich nun bereits von uns weg, sagt aber noch etwas dazu.
“Mein Schutz gilt nicht allen unter ihnen, insbesondere nicht der Hochverräterin Lisa. Ich denke, das bleibt unter uns.”
Danach geht er die Stufen nach unten. Ich sehe zu meiner nachdenklichen Freundin, die sich wahrscheinlich um die Clara sorgt. Mein Onkel ist krass. Ich glaube, er ist der erste, den ich treffe, der hier den Durchblick hat.
In meinem Inneren rumort es. Mein Hirn rattert vor sich hin. Zu viele Fragen bleiben nach wie vor ungeklärt. Ich glaube zwar zu verstehen, was Victor von mir will, aber warum hat mich mein Vater zu sich bestellt? Einfach nur für den Kontakt? Will er mich über meine Mutter aufklären, oder steckt noch mehr dahinter?
Tears Geist ist aus anderen Gründen ausgelastet. Auch sie hat eine Menge über sich erfahren, das sie verarbeiten muss. Wir beide brauchen eigentlich mindestens eine Woche Zeit zum Nachdenken und jemanden zum Reden, der die Kapazität dazu hat, ruhig zuzuhören und uns beim Reflektieren zu unterstützen. Wenn es doch so jemanden gäbe. Pff, aber die blöde Gorilla-Lady, baut ja lieber nur noch Scheiße, seit Tear und ich zusammen sind.
Eine Frage muss ich Tear aber noch stellen, bevor wir in unsere Zimmer gehen. “Kapierst du diese Starre, in der die Älteren angeblich verharren?”
Sie sieht mich mit wachen Augen an. Ich habe ihre aktuelle Denkkapazität offensichtlich unterschätzt.
“Da ich als Mensch in Mensonia geboren wurde, habe ich eventuell eine andere Sicht drauf als du, River. Also, sowas wie eine vererbte Angst vor einer Katastrophe haben wir meines Wissens nicht. Was wir haben, ist ständig den Tod vor Augen, der außerhalb und auch innerhalb der Städte auf uns lauert. Wir setzen alles daran, innerhalb der Pyramiden bleiben zu dürfen und niemandes Zorn auf uns zu ziehen.”
Ja, richtig, sie war ein Mensch, ich Trottel. Dank ihr verstehe ich jetzt aber, warum sich die meisten Menschen ruhig verhalten. Was in älteren Vampiren vorgeht, ist für Tear ebenso rätselhaft wie für mich.
Verständlicherweise wünscht sie sich, den Abend allein in ihrem Zimmer zu verbringen. Sich selbst zu akzeptieren, wie man ist, erfordert zuallererst Selbstreflexion und dazu wird sie Zeit und Ruhe benötigen. Blöd nur, dass ich lieber gern jemanden bei mir hätte, mit dem ich über meine Mutter reden kann. Tja, das lässt sich nun einmal nicht ändern.
Ich verabschiede sie mit einer sanften Berührung ihrer Hand. “Hab dich lieb, meine Maus. Das werde ich immer.”
Sie erwidert ein süßes: “Ich hab dich auch lieb, River”, was meine Gefühle wie aus dem Nichts zum Explodieren bringt. Diese schnuckelige, wunderhübsche Frau, die ich anhimmle, seit ich sie kenne, hat - mich - lieb!
Für einen Augenblick vergesse ich all meine Probleme und schwebe auf Wolke Sieben. Aww, ich könnte meine Tear dafür fressen, wie sie mich wegen meiner überschwellenden Aura verlegen durch ihren langen Pony ansieht. Dann lächelt sie mir sogar noch einmal liebevoll zu, bevor sie hinter dem Türrahmen verschwindet. Sooo cute!
Die Zimmer sind, wie erwartet, viel zu geräumig für einen läppischen Gast. 30 Quadratmeter - was soll ich hier machen? Alleine Lambada tanzen?
Die Einrichtung wirkt geradlinig und modern, aber um einiges freundlicher als Shines Zuhause in Mensonia. Die goldgelben Möbel sind zwar ähnlich kantig, haben aber schimmernde Rankenmuster, die im Einklang zu den Zimmerpflanzen und dem Ausblick stehen. Das kann kein Zufall sein. Hier war ein Einrichtungsprofi am Werk.
Ich knalle mich aufs Bett, das erst hart ist und sich dann meiner Körperform anpasst. Meine Fresse, so langsam beginnt mich diese Lebenswelt zu beschämen. Ich hab keine Lust mehr, in mein kleines, schmuddeliges Zimmer im Bunker zurückzukehren. Genau davor hatte ich Angst.
Dieser verfickte Luxus macht mich noch komplett inkompatibel fürs Refugium. Mann, ich bin doch ein Prinz, oder nicht? Ich dürfte so leben. Aber ist es nicht so, dass im noblen Schickimicki-Prinzen-Paket auch richtig viele Pflichten versteckt sind? Von Führung und Tamtam hab ich doch überhaupt keine Ahnung! Ich kann Dinge reparieren, das war’s. Pff, als ob mir jemand zuhören, geschweige denn, folgen würde. Im Leben nicht!
Und während ich auf dem Rücken auf diesem scheiß bequemen Bett liege, frage ich mich, wieso ich mir diese Gedanken überhaupt mache. Victor muss sie aus mir herausgekitzelt haben. Echt schlimm.
Ich dachte zwar, dass ich die halbe Nacht wach liegen und nachdenken würde, aber es kommt ganz anders. Ich merke, wie es mir nach den miesen letzten Nächten die Augen zuzieht. Gute Nacht, du ungerechte Welt …
Hauptstadt
Als ich am nächsten Morgen aufwache, fühle ich mich so erholt wie lange nicht. Ich strecke mich, kuschle mich noch einmal in das Federbett, und ja, da sind echte Federn drin, von echten Vögeln.
Leider bekomme ich kurz darauf ein unschön drückendes Gefühl in der Magengegend. Mein Sinn für die Realität wacht nämlich langsam auf und macht mir alles kaputt. Was für ‘ne Kacke!
Ich sollte unbedingt bald wieder in Victors Schloss zurückkehren. Mag und Papa könnten doch auch ein paar … - ach, nee, stimmt. Die Erinnerungen an das gestrige Gespräch kommen zurück. Papa und Victor, das wird nichts. Echt schade.
Ich stehe auf und mache mich hübsch, heute ein bisschen mehr als sonst, weil ich ganz schön abstinke gegen meinen Onkel. Meine Haare liegen geil, aber … ach, fuck. Tear hat mich auch lieb, wenn ich nicht wie ein Stricher aussehe.
Ich klopfe bei ihr, doch sie scheint noch zu schlafen. Ihr geht es wahrscheinlich ähnlich wie mir. Ich klopfe ein zweites Mal und höre dann ein verschlafenes: “Mome~nt!”
Mit völlig zerwühlt vom Kopf abstehenden Haaren öffnet mir meine Freundin eine Minute später die Tür. Awww, sie ist so süß und hübsch zugleich! Sie trägt einen goldenen Morgenmantel, wie er auch in meinem Badezimmer lag und der perfekt zu ihren kurzen Haaren passt. Zum knuddeln!
“Guten Morgen, hübsches Fräulein”, grinse ich sie an. Erst das lässt sie scheu ihren Kopf zur Seite drehen.
“Schmeichler.”
Sie wischt sich in einem Auge herum. “Entschuldige bitte, dass ich verschlafen habe. Ich bin erst sehr spät zur Ruhe gekommen.”
Dann hat sie die Nacht ganz anders erlebt als ich.
“Macht nichts. Wenn du fertig bist, fahren wir weiter. Ist ja nicht mehr weit und es reicht auch, wenn wir mittags da ankommen.”
Tear schließt ihre Tür und in diesem Augenblick taucht Victor hinter mir auf. Das ist schon etwas creepy.
“Deine Augen- und mehr noch, deine Haarfarbe”, sagt er nach der Begrüßung. “Du ähnelst deiner Mutter sehr.”
Da ich keine Idee habe, was ich darauf entgegnen soll, halte ich den Mund. Victor lehnt sich von der Seite an das Sofa zwischen den Türen, auf dem wir am Vorabend gesessen haben. In einem härteren Ton als üblich berichtet er.
“Ich habe meinen Bruder David kontaktiert. Er ist nun in Kenntnis, dass die Reinkarnation seiner Tochter Sarina gefunden wurde und sie ihre Konvertierung gut überstanden hat. Ich musste ihn beschwören, das Treffen mit deinem Vater nicht zu torpedieren. Da er ebenfalls in der Hauptstadt lebt, wird er den Kontakt zu euch suchen, sobald dein Besuch abgeschlossen ist.”
Aha. Das überrumpelt mich und wird Tear nicht gefallen.
“Warum so überstürzt? Ich finde, dass Tear den Zeitpunkt bestimmen sollte.”
“Nun”, setzt Victor einen Erklärungsversuch an. “Dem Erstgeborenen Informationen vorzuenthalten, wäre mehr als fahrlässig. Er wird sie bemerken, sobald sie die Stadt betritt, da er für die Sicherheit verantwortlich ist.”
“Oha, das hättest du auch gleich sagen können”, konfrontiere ich ihn frei heraus, was Victor die Augenbrauen anheben lässt. Deuten kann ich seine Mimik nicht. War ich zu respektlos?
“Weil es noch einen weiteren Grund gibt. Deine Mutter Ellys steht tief in seiner Schuld. Sarinas Tod wurde durch sie ausgelöst. Es gab eine Zeit, in der David deshalb Vergeltung an ihr üben wollte. Ihm die Reinkarnation seiner Tochter vorzuführen, wird ihn endgültig befrieden und Ellys’ Namen nach all den Jahren endlich reinwaschen.”
Vergeltung üben? Wollte mein Onkel David meine Mutter umbringen, weil sie irgendwie in Sarinas Tod verwickelt war? Aach, du Kacke!
“Was ist denn passiert?”
Victor schweigt kurz, aber ich sehe ihm an, dass er bereit ist, darüber zu sprechen.
“Da ich selbst nicht dabei war, kenne ich keine Details. Sarina starb an einer Silbervergiftung, als sie einen Streit zwischen Robert und Ellys schlichten wollte.”
Bitte? Was muss das für ein Streit gewesen sein, wenn ein Vampir dabei draufgeht? Vor allem, wieso soll meine Mutter die Schuldige sein? Das geht doch in Wahrheit alles auf das Konto meines Konvertierers, schließlich ist er durch und durch böse.
“Silber also …”, höre ich Tears Stimme von schräg hinter mir sagen.
Sofort schnellt mein Blick zur Tür, an der sie steht. Tear hat sich inzwischen komplett umgezogen und die Haare gekämmt. Ihre Mütze, unter der sie sich normalerweise versteckt, trägt sie nicht.
Victor entfernt sich von der Couch und nickt ihr einmal freundlich entgegen. Dann verbeugt und verabschiedet er sich von uns mit den Worten:
“Seid vorsichtig in der Hauptstadt und River, verschleierte deine Identität, sonst scharst du beizeiten die Advokaten des Aquarius um dich. Das sind im engsten Sinne Anhänger des Königs, die eine religiöse Gemeinschaft bilden. Du erkennst sie an ihrem Symbol, der doppelten Welle.”
Die Advokaten des Aquarius … ist klar. Ich will gar nicht wissen, was das für Leute sind. Die Kombination König und Religion sagt schließlich schon alles. Ha-ha-hatschi, Personenkult.
“Geht klar”, bestätige ich.
Tear und ich gehen durch den märchenhaften Schlosshof, zurück über die Wiesen an den hübschen Häuschen vorbei, wo einige Bewohner auf uns zu warten scheinen, um uns zu verabschieden. Ich hatte die leise Hoffnung, hier auf Shine zu treffen, aber sie ist nicht gekommen. Neben den fremden Leuten am Tor erspähe ich bereits unser Motorrad. Ich bin jedesmal erleichtert, es zu sehen.
Während ich unser Gepäck verstaue, komme ich in ein seichtes Gespräch mit einer Vampirfrau. Sie wünscht uns alles Gute für das Treffen mit meinem Va- … ach, was soll's -ter. Na, das wünsche ich mir auch.
Ich will mich schon aufs Motorrad setzen, da springt mein Denkapparat an. Wie wird diese Frau wohl zur Außenwelt und zur Hauptstadt stehen? Sie antwortet beseelt auf meine Fragen, die für sie wie aus dem Nichts gekommen sein müssen.
“Mir ist es egal, ob da draußen etwas ist und auch, was in der Hauptstadt passiert, solange ich bei Victor bleiben kann.”
Okaaay, Zustimmung von zwei neben ihr stehenden Leuten, einem Vampir und einem Menschen, lassen mich im Glauben zurück, Victor sei so etwas wie ihr spiritueller Führer. Mir kitzelt schon wieder die Nase, aber egal. Ich nehme das mal so hin, steige auf das Motorrad und lasse Tear hinter mir Platz nehmen. Dann verabschieden wir uns und fahren den freundlich winkenden Leuten davon. Eine plötzliche Gänsehaut läuft mir über die Arme, die mich ins Grübeln bringt. Ich glaube, hier will ich nach meiner Abreise vielleicht doch nicht zu viel Zeit verbringen.
Egal jetzt. Ich muss mich auf andere Dinge konzentrieren. Wir fahren auf die gepflasterte Verbindungsstraße zwischen Victors Schloss und der Hauptstadt. Sie ist der am besten gepflegte Wegabschnitt, den wir bisher passiert haben.
Tear klammert sich ohne Not beherzt an mich. Es fühlt sich wunderbar an, ihre Wärme zu spüren. Irgendwie habe ich gar nicht das Gefühl, dass sie sich festhält, sondern eher, dass sie sich an mich schmust. Vielleicht geht da aber auch nur meine Fantasie mit mir durch, weil wir immer so wenig Körperkontakt haben.
Einige Minuten, nachdem wir losgefahren sind, beginnt Tear mit mir zu sprechen. Das ist selten, denn meistens schweigen wir auf der Fahrt, obwohl wir uns gut verstehen. So nah, wie wir uns sind, stören weder der Fahrtwind noch das Summen des E-Motors, oder die Rollgeräusche der Reifen auf der soliden Pflasterstraße.
“Dass sie sich nicht blicken lassen hat, finde ich schwach”, urteilt sie und spielt damit natürlich auf Shine an. Das kann ich nur bestätigen, wobei es mich nicht wundert. Wenn sich Shine im Unrecht fühlt, wird sie schnell emotional. Vielleicht erinnert sie das an die Unterdrückung durch ihren Paps und ihren Kackbruder. Vermutlich hat sie keinen Schimmer, wie sie mit uns umgehen soll.
“Jap, ich auch. Auf dem Rückweg müssen wir sie aus ihrem Schneckenhaus holen.”
Tear lässt einige Zeit verstreichen, bevor sie ihre Kritik auf mich lenkt.
“... Ich weiß davon, dass du mein Kleid als Verkleidung benutzt hast.”
Ach ja? Weiß sie?! Oh, shit. Als nächstes sagt sie mir, wie enttäuscht sie auch von mir ist. Unwillkürlich wird das Motorrad immer langsamer.
“S-sorry, hätte ich gewusst, dass es deins ist -”
“Darum geht es nicht, River! Was meinst du, woher ich das weiß?”, unterbricht sie mich.
Ist das eine rhetorische Frage? Von einem rosafarbenen Kleid könnte ihr Hinz erzählt haben, Kunz aber auch. Jeder, der mich gesehen hat, käme in Frage, aber vermutlich spielt sie auf Shine an. Ich stoppe das Motorrad und drehe mich zu ihr. Wir stehen mitten im Nirgendwo. Tear löst ihre Arme von mir und richtet sich hinter mir auf.
“Shine hat mir vieles über dich erzählt. Dass du achtlos mit Geliehenem umgehst, dass du grundlos von dir überzeugt seist, ignorant sein kannst, oft das Falsche sagst oder dass du während eurer Beziehung mit anderen Frauen geflirtet hast. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was sich über die Jahre angesammelt hat …”
Was? Shine hat die ganze Zeit schlecht über mich geredet? Ich dachte, wir sind Bestis. Scheiße, das trifft mich richtig hart. Ich weiß überhaupt nichts zu erwidern.
Tear streicht mir tröstend über den Rücken. Ich will denken, dass ich mich gegen Shines üble Nachrede durchsetzen und trotzdem Tears Freund werden konnte, aber das passt zum beschriebenen grundlosen Selbstvertrauen. Jetzt weiß ich nicht einmal mehr, was ich denken soll. Tear versucht mich zu trösten.
“Sie hat Männer im Allgemeinen schlecht gemacht, immer hervorgehoben, was sie nicht können.”
Ja, klar hat Shine in Tears Gegenwart nie ein gutes Haar an mir gelassen, aber das waren doch nur Sticheleien, oder? Ich bin ziemlich durcheinander. Tear spricht in sanftem Ton weiter.
“Letzte Nacht habe ich mir auch eine Menge Gedanken über Shine gemacht. Ich glaube nicht, dass sie dich nicht mag. Im Gegenteil. Sie liebt dich wie einen Bruder, … mit dem sie konkurriert, verstehst du?”
Soll das bedeuten, Shine hat Rufschädigung begangen, um im Wettbewerb um Tear zu punkten? Das würde zu ihr passen und, … ich weiß nicht, … sie in meinen Augen auch weniger bösartig erscheinen lassen. In der Liebe ist alles erlaubt, hat sie selbst mal gesagt. Pah, sie ist eine Schlange, die sich als Gorilla getarnt hat. Wie frech! Tja, ihr Fett hat sie dafür bereits weg gekriegt. Na, die kann was erleben, wenn sie sich mir wieder unter die Augen traut.
“Puh, jap, verstehe. Eins zu Null für die Ehrlichkeit, sag ich da nur.”
Ich lächle Tear breit an, woraufhin sie wieder ihre Arme um mich schließt.
“Diese Nachsicht liebe ich so an di- ups.”
Kabumm! Mein Herz ist geborsten. Amors Pfeil hat es gänzlich zerfetzt.
“Ich liebe dich auch, Tear”, sage ich, so fest ich kann, weil ich fürchte, dass mir die Stimme wegrutscht, so gerührt wie ich bin. Gleich darauf gebe ich Gas und düse los. Meine Güte, ist mir heiß. Der Fahrtwind hilft ein bisschen, aber er kommt kaum an meinen Körper, so fest, wie mich meine Liebste hält.
Nach etwas mehr als einer super angenehmen Stunde Fahrt durch spärlich bewachsenes hügeliges Land, geht es plötzlich nur noch bergauf. Nicht steil, aber genug, um den Akku stark zu fordern. Dann, weitere zwei Kilometer später, die das Motorrad keuchend hinter sich gebracht hat, erkenne ich die Silhouetten mehrerer gläserner Pyramiden neben einer riesigen uralten Stadt, von der nur noch stark zerstörte Ruinen übrig sind.
Die Sicht ist erstaunlich gut bei diesem dünnen Dunst. Ich schätze, wir haben eine Sichtweite von mehr als zehn Kilometern. Dass wir bestes Wetter haben, freut mich, wundert mich aber auch. Mag hat immer behauptet, dass an der See die Luft besser sei als auf dem Festland. Bis jetzt kann ich das aber noch nicht bestätigen. Es ist genauso wechselhaft wie bei uns auch.
Links und rechts der Straße bemerke ich rote Schilder, die vor dem Betreten oder Befahren der Wiesen warnen. Minen und Stacheldraht. Nun frage ich mich, ob ich im Geschichtsunterricht geschlafen habe. Gab es jemals Krieg im Gebiet der neuen Hauptstadt, der diese Maßnahmen erfordert hätte?
Wie auch immer - meine Aufregung wächst. Wieder eine neue Stadt mit wieder so vielen neuen Dingen, die ich nicht kenne. Ich wünschte so sehr, dass die kleine verräterische Shine an unserer Seite wäre. Sie kennt die Hauptstadt. Tear kann dagegen nur Erfahrungen aus Mensonia mit mir teilen. Eine Hilfe wird sie aber garantiert trotzdem sein, besonders auch eine moralische. Ich bin unendlich froh, sie bei mir zu haben.
Vor uns wird eine umringende graue Mauer immer sichtbarer. Die gesamte Stadt wird davon gesichert. Je näher wir kommen, desto weiter gehe ich vom Gas. Als wir an einem bewachten Tor ankommen, lasse ich das Motorrad nur noch ausrollen. Zwei vampirische und schwarz uniformierte Wachen rufen uns schon von Weitem zu, dass wir absteigen sollen.
Das letzte Stück wird also geschoben. Ich begrüße die beiden und blicke danach zum Ende der Mauer hinauf. Zehn Meter, schätze ich. Wow, das ist allerhand.
“Das Motorrad bleibt hier, Herr Lucard”, sagt einer der beiden weniger hart als ich es erwartet hatte. Vielleicht liegt das daran, dass er ungefragt meinen Crisp ausgelesen hat. Sonst würde er meinen Namen nicht kennen.
Damit ich keinen Ärger bekomme, kläre ich gleich das nächste Problem.
“Ich habe etwas anzumelden. Einen Ring aus Silber.”
Ich nehme ihn vom kleinen Finger und zeige ihn auf meiner Handfläche liegend vor.
Einer der beiden Uniformierten wirft einen Blick darauf. “Ein filigraner Damenring. Gewicht und Reinheit?”
“985er Sterling Silber, aber gewogen habe ich ihn noch nie”, antworte ich, was er abnickt. Wahrscheinlich darf ich ihn wieder anstecken.
Danach werden wir durchgewunken mit den Worten: “Wir melden Sie beide am Einlass an. Ihre Eintrittsgenehmigungen liegen uns bereits vor. Willkommen in Magnum Oppidium, Herr Lucard und Frau Pirol.”
Magnum Oppidium heißt die Stadt? Pff, wie bescheuert. Kein Wunder, dass außer ihm alle nur Hauptstadt sagen. Wir bedanken uns, gehen durch das massive Metalltor und sehen nun, dass der Eingang zum Pyramidenkomplex noch einen halben Kilometer entfernt ist.
Neben uns stehen kleine schwarze Fahrzeuge, auf denen vier Personen Platz finden können. Im Grunde bestehen sie nur aus Sitzen auf Rädern. Ich traue mich nicht gleich an die Vehikel heran. Da mich Tear erwartungsfroh ansieht, rufe ich zu den Wachen vor dem Tor: “Können wir eines dieser Fahrzeuge benutzen?”
Der Uniformierte kommt neben dem Tor hervor. “Selbstverständlich. Wenn es losgehen soll, lesen Sie den Namen des Taxis vor und sagen ihm, wo sie hin wollen.”
“Alles klaro, danke!”
Wir nehmen Platz. Ich suche nach dem Fahrzeugnamen und finde ihn nicht. Statt mir zu helfen, lacht Tear lieber gehässig in sich hinein. Ich stehe auf, schaue auf meinen Sitz, dann darunter, dann an die Armlehnen.
“Wenn die wollen, dass ich den Namen dieses Teils vorlese, sollten sie ihn nicht so verstecken!”
“Veritas 27, Eingang der Hauptstadt”, sagt Tear plötzlich mit fester Stimme. Mit einem sanften Ruck fahren wir los.
“Wie jetzt?!”
“Der Name steht nicht nur groß auf der Seite, sondern auch oben auf der Windschutzscheibe", sagt Tear trocken, kräuselt danach aber die Lippen und fängt wieder an zu kichern. Hä, bin ich blind? Da steht's ja wirklich auf einmal. Das gibt es doch nicht! Auch ich muss lachen und vergesse dabei kurz die Anspannung.
Ich sehe hinauf zur gigantischen Hauptpyramide, die eine ähnliche Konstruktion aus Metall und Glas aufweist wie Mensonia. Sie ist etwas kleiner, aber auch nur eine von vielen Pyramiden des gesamten Komplexes.
Komplett anders dagegen ist die Raumaufteilung. Die Glaspyramide versteht sich nicht als Kuppel, sie selbst ist das Gebäude. Wir befinden uns sozusagen im Erdgeschoss. Ich sehe schon von Weitem, dass die Decke gut beleuchtet ist. Darüber befinden sich unzählige weitere Geschosse, jedes locker mit einer Deckenhöhe von zehn Metern. Wie kommt man auf solche Ideen? Kann man das überhaupt vernünftig belüften? Woher kommt diese riesige Menge Strom?
Veritas 27 hält am Eingang vor einer uniformierten Frau, die von uns diesmal keine Zertifikate sehen will und uns stattdessen nett begrüßt.
“Willkommen. Bleiben Sie ruhig sitzen und sehen Sie sich gern in der Stadt um. Danach werden Sie im Regierungs- und Universitätsdistrikt erwartet, der sich rechts von uns befindet. Werfen Sie am Besten einen Blick auf Ihren Plan.”
“Plan?”, frage ich verdutzt.
Tear flüstert mir zu: “Schalte die Lenses ein.”
Ah, na klar. Ich berühre mich hinterm rechten Ohr und sehe sofort eine Stadtkarte vor mir. Mir war gar nicht bewusst, dass ich sie abgeschaltet hatte, aber im Schloss liefen sie nicht und hier scheint die Benutzung der Lenses auch keine Pflicht zu sein, was ich schonmal gut finde.
Wir befinden uns in der zentralen Pyramide, die den Verwaltungs- und Handelsdistrikt beherbergt. Links von uns befindet sich die Pyramide mit dem Industrie- und Produktionsdistrikt, frontal stehen zwei versetzte Pyramiden, erst Wohn-, dann Landwirtschaftdistrikt und, wie die Frau sagte, rechts von uns der Regierung- und Universitätsdistrikt.
Als mein Blick auf Tear fällt, bemerke ich, dass sich mit dem Start der Lenses auch ihre Frisur geändert hat. Ihre Haare sind wieder grün und wellig. Ein Blick an mir herab auf meine weiße Hose und die rote Jacke versichert mir, dass ich nun wieder mit rosafarbenen Haaren herumlaufe.
“Trägt man sowas in der Hauptstadt?”, frage ich Tear, die mich überfragt mit zuckenden Schultern anlächelt. Ich wiederhole exakt dieselbe Frage an die Uniformierte gewandt.
“Ah, der Mensonia Cyberpunk Look”, stellt sie freundlich lächelnd fest. “Nicht wirklich, Herr Lucard. Lassen Sie sich am Besten in einer der Boutiquen direkt hier auf der Hauptstraße beraten.”
Sie zeigt einfach nur geradeaus in die Stadt hinein. Wir danken ihr. Tear gibt dem Gefährt die Anweisung, uns zu einem nahegelegenen Bekleidungsgeschäft zu bringen.
Wir fahren nur etwa drei Minuten in die von vollflächiger weißer Deckenbeleuchtung erhellte Straße hinein. Links und rechts von uns sehen wir Schmuck- und Souvenirläden, an denen ein paar Leute verweilen. Auf vielen Artikeln, die nicht nur virtuell, sondern real angeboten werden, ist ein goldenes Kleeblatt abgebildet, auf anderen ist das Wappen der Familie Lucard, ein Drachen, der auf einem Schild zu schlafen scheint. Die Farben Gold und Blau dominieren den Straßenzug.
Unser Vehikel bleibt vor dem dritten Bekleidungsgeschäft stehen. Es dauert nicht lang und wir begegnen dem von Victor beschriebenen Symbol, den zwei Wellen, auf einem Plakat, das an einem der Schaufenster hängt. Darauf steht: “Erfreuet euch des Centennium des Aquarius”. Worüber soll ich mich freuen? Auf jeden Fall hat das was mit diesen Advokaten zu tun. Ich ignoriere das erstmal.
Ich bin baff, als ich feststelle, dass hier ausschließlich echte Kleidung in den Schaufenstern hängt. Tear zeigt auf eins der Geschäfte, das Herrenbekleidung verkauft, allerdings nur Hemden mit und ohne Kragen in sehr vielen Mustern und Farbvarianten und variantenreiche Anzüge. Nichts Legeres oder Lockeres, nur Tamtam Klamotte. Um den Hals trägt Mann eine Kette, ein Tuch oder eine schmale Krawatte.
Moment, haben die Männer auf der Straße auch sowas an? Ich drehe mich um und bin ernüchtert. Jo, haben sie und die werten Damen an ihren Seiten sehen aus, als bekämen sie gleich einen Preis verliehen. In meinen Augen ist das alles irgendwie over the top.
Aber egal, ich will nicht auffallen und Tear lotst mich sowieso schon in das Geschäft. Kaum haben wir mit unseren klobigen Schuhen die Schlwelle des Ladens überschritten, werden wir von einem menschlichen Verkäufer ins Visier genommen. Er ist jung, gutaussehend und irgendwie … glattgebügelt. Selbst seine Haare liegen in Reih und Glied.
“Herzlich Willkommen. Der Herr sucht sicher Garderobe für den Stadtbesuch. Ich möchte Sie bitten, zunächst Ihren Skin abzulegen.”
Tja, das hat man uns wohl an der virtuellen Nasenspitze angesehen. Trotzdem will ich darauf hinweisen.
“Ja, richtig. Wir sind zum ersten Mal in der Hauptstadt, deshalb die Frage. Sind Skins hier allgemein unüblich?”
“Das nicht”, antwortet er. “Entscheiden Sie gern nach Budget, ob Sie die ausgewählte Kleidung virtualis oder in reali erwerben möchten.”
Ah, ja. Hmhm, Schickimicki-Sprech. Ist klar. Zumindest verstehe ich, was er von mir will. Da ich schon eine Menge Geld auf den Kopf gehauen habe, kommt es auf die paar Credits nun auch nicht mehr an. Rabenvater regelt.
“Prima, dann reale Klamotten, bitte. Hauen Sie mal raus, was Ihnen zu mir einfällt. Und dazu zwei Hinweise. Ich will nicht auffallen und, um des verpesteten Himmels Willen, nehmen Sie sich kein Beispiel an der Farbpalette meines aktuellen Skins.”
Tear macht ein kleines “Aww”, woraufhin ich den Kopf schüttele. Von Rosa hab ich wirklich erstmal genug.
“Zu Ihren kastanienfarbenen Haaren und ihren blaugrünen Augen empfehle ich einen abgestimmten blauen Grundton. Was halten Sie von einem Sakko mit …-”
Bah, Sakko. Wenn ich ihn reden höre, befürchte ich, nach dem Umstyling den Charme eines Buttlers zu versprühen. Das geht so nicht.
“Was sagen Sie zu meiner roten Jacke? Lässt sich was um sie rundherum basteln?”
Der Verkäufer stockt, sieht mich genauer an und weitet danach die Augen. Hab schon verstanden. Das wird wohl nix. Ich will schon abwinken, als er ins Gegenteil abdriftet.
“Sicher. Mir kommen eine Menge Ideen dazu.”
“Na, fein”, bestätige ich und bekomme danach ein cremeweißes kragenloses Hemd mit goldenen Knöpfen und eine dunkeltürkise Stoffhose ohne Bügelfalte. Dazu holt er noch einen passenden roten Gürtel mit goldenem Verschluss. Oha, daran gibt es nichts zu meckern. Ich ziehe alles an und bin zufrieden. Selbst die Größen passen. Tear strahlt mich begeistert an. Perfekt.
Ich bezahle unfassbare 15.500 Credits, in Klammern drei Ausrufezeichen. Mitzy bekommt gerade einmal ein Drittel dessen von mir, um einen ganzen Monat davon zu leben. Was ist das für ein Schuppen? Puh, egal. Gekauft ist gekauft. Ich gebe den Staffelstab weiter als sei ich Graf Koks: “Jetzt bist du dran, meine Süße”.
Während wir die gepflegte Straße entlang laufen, bemerke ich Blicke auf uns. Möp. Tear trägt nach wie vor ihr Mensonia Outfit, wobei das weiße Kleid gar nicht so daneben aussieht. Vielleicht eckt sie mit ihren grünen Haaren an. Nach ein paar Schaufenstern mit Damenbekleidung bleibt sie vor einem stehen.
Das Kleid, auf das sie schaut, ist Mittelblau, hat Spitze an den Ärmeln und einen weiten Rock bis übers Knie. Es ist eins der vergleichsweise schlichten Modelle, das aber trotzdem locker bei jeder Feierlichkeit als angemessen durchgehen würde. Denk ich zumindest. Ich nehme ihre Hand, spaziere mit ihr in den Laden und kaufe ihr das schweineteuere Stück Stoff mit passenden Schuhen.
Endlich angemessen gekleidet, ist es Zeit für Sightseeing. Ich kann unmöglich gleich bei meinem unwerten Herren Vater aufschlagen, ohne zumindest ein bisschen was von der Stadt gesehen zu haben.
Ich bin hier zwar in einer Großstadt, fühle mich aber wohler als in Mensonia. Diesmal muss ich keine weiten Entfernungen überblicken und der Blick nach oben ist auch versperrt. Schwindelgefühl habe ich deshalb keins. Sehr nice. Anders als in Mensonia, stehen hier aber kaum Pflanzen, was ich dagegen schade finde.
Erstmal suchen wir einen Weg in die Ebenen über uns. Die Lenses sind ausnahmsweise mal super hilfreich. Sie haben für jede Ebene einen Plan parat und zeigen unseren Standort an. In der Etage über uns finden sich Geschäfte für Möbel, Haushalt, Elektronik und so weiter, darüber sind Restaurants und dann kommen nur noch Büros und sowas.
Wir entscheiden uns dafür, die hochgelobte Hauptstadt-Küche zu kosten und fahren mit einem gläsernen Fahrstuhl ins vierte Stockwerk. Dort erwarten uns ebenfalls wieder einige schnöselig wirkende Ballgäste.
Ich versuche mich zu orientieren. Wir stehen auf einer Kreuzung, von der Straßen abgehen, in denen sich alle zwanzig Meter ein neues Restaurant befindet. “Zur Mühle”, steht über dem erstbesten, in das wir hinein flüchten. Ich will hier echt nicht auffallen. Drinnen sind ziemlich viele Plätze frei. Die riesige Anzahl der Restaurants scheint mir für die paar Leute total übertrieben zu sein. Wir setzen uns einfach in ein kleines Separee, in dem vier Personen Platz finden könnten und schauen, was passiert.
Keine 20 Sekunden später steht eine schwarz gekleidete Bedienung vor uns. Wow, ging das flott. Sie begrüßt uns und schaut uns danach erwartungsfroh an, als ob wir etwas tun müssten.
Da ich unruhig werde, muss ich das unvermeidliche zugeben: “Wir sind … ähm, Touristen.”
“Ah, ich verstehe. In Ihrer Unterkunft sollten Sie Bescheinigungen erhalten haben. Darauf müssten Sie mir jetzt den Zugang freischalten.”
Achso, ja dann.
“Welche Bescheinigungen?”, frage ich verdutzt. Tear runzelt erst die Stirn, einen Augenblick später nickt sie. Die Bedienung will gerade zur Aufklärung ansetzen, da haut meine Freundin ihre Vermutung einfach so raus.
“Nahrung ist rationiert.”
“Ja, natürlich”, bestätigt die Bedienung. “Auf eine Mahlzeit pro Woche.”
Oha, das ist vernünftig, genau wie im Refugium und erklärt obendrein, warum hier so wenig los ist. Aus Neugier schaue ich trotzdem kurz in die Bestellkarte, die ich mit den Lenses auswählen kann. Darauf stehen keine Geschmacksrichtungen nach Farbschema oder Umschreibungen für das Aroma, sondern ganze Gerichte. Pikantes Fleisch mit Erbsen, Kartoffeln und Soße zum Beispiel. Shine hatte uns schon in Mensonia davon berichtet, aber trotzdem muss ich einfach fragen.
“Die … Blutraionen schmecken nach Nahrungsmitteln für Menschen?”
“Ah, haha”, lacht die Bedienung freundlich. “Verzeihen Sie, dass ich es Ihnen nicht erklärt habe. Sie sagten ja bereits, dass Sie von außerhalb kommen. Die Mahlzeiten in unserer Karte sind menschlichen Speisen nachempfunden in Geschmack, Konsistenz und Form. Alles streng nach den Rezepten unserer Königin.”
Ihrer Königin? Das wäre ja wohl meine Mutter. Die Rezepte müssen älter als zwanzig Jahre sein. Mich würde ja brennend interessieren, was die Hauptstädter über meinen Rabenvater und meine Mutter denken.
“Traurig, dass sie nicht mehr da ist”, sage ich bedauernd. Ich bin gespannt auf ihre Reaktion.
“Ja, sehr. Das Vampirvolk hat sie verehrt. König Robert-Valentin und Königin Ellys haben sich seinerzeit perfekt ergänzt. Sie fehlt uns.”
Tear wird an dieser Stelle hellhörig und hakt nach. “Heißt das, sie fehlt spürbar? Mit welchen Auswirkungen?”
Die schwarz gekleidete Frau reißt die Augen auf.
“Ach je, das sollte keine Kritik sein. Wir wünschen uns einfach nur einen glücklichen und zufriedenen König. Seine Einsamkeit führte zu seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit, dabei freuen wir uns doch alle so sehr, den Erhabenen zu Gesicht zu bekommen. Nur noch einmal im Jahr zum Jahrestag seiner Krönung spricht er zu uns. Es ist so tragisch.”
Oha, den Erhabenen nennt sie ihn mit einem glaubwürdig klingenden Respekt und kein bisschen angelernt, wie ich es erwartet hatte. Eigenartig für einen tyrannischen Herrscher. Allgemein erlebe ich die Hauptstadt als besser geführt als Mensonia, bis jetzt zumindest. Das Merkwürdigste sind bisher diese menschlichen Rezepte. Sie werfen mehr als nur eine Frage auf.
“Wie stellen Sie denn die Geschmacksqualität der Blutkonserven sicher, die Sie verarbeiten?”
“Oh, eine ausgezeichnete Frage”, freut sich die Bedienung. “Wir erhalten nur streng kontrollierte Ware. Kleine Schwankungen können wir zwar nicht vermeiden, aber die Harmonien werden stets mit Feingefühl aufeinander abgestimmt.”
Hä? Das kapiere ich nicht. Erstens, welcher Vampir kann denn beurteilen, wie Fleisch für Menschen schmeckt? Zweitens, was ist, wenn keine Menschen geboren werden, die bestimmte Geschmacksnoten haben? Beide Fragen sind mir zu heikel. Ich stelle sie lieber nicht. Stattdessen beichte ich, dass wir in das Restaurant gegangen sind, bevor wir uns nach einer Unterkunft umgeschaut haben. Die Bedienung erklärt uns, dass es oben in der Pyramindenspitze ein exquisites, aber hochpreisiges Hotel gibt. Im fünften Stock findet sich dagegen ein preiswertes oder man kann Apartments im Wohndistrikt mieten. Das ist doch eine wertvolle Info.
Mir juckt es in den Fingern, die Lesefunktion meines Crisps auszuprobieren. Ich will es eigentlich sein lassen, aber es ist nunmal sooo unglaublich einfach, seit Hermes daran herumgespielt hat. Ich kann die Personendaten mit nur einem winzigen Blick, der mit einem Zwinkern bestätigt wird, anzeigen.
Plopp, steht alles da. Die Frau heißt Melissa Gorani, 43 Jahre alt. Sie ist, wie gesagt, ein Mensch, hat aber zwei Vampire als Eltern. Das kommt nicht oft vor, passiert aber manchmal. Und sie ist gemeldet in Mag … num Oppi … dium, oder einfacher: hier in der Hauptstadt. Da steht noch mehr, aber wenn ich das alles lese, fällt es vielleicht auf.
Wir bedanken uns, fahren ein Stockwerk nach oben in den Fünften. Im Fahrstuhl hängt ein Plakat. "Begrüßet das Centennium des Aquarius”
Ich sage “Hallo” zum Plakat, was Tear zum kichern bringt. Oben angekommen finden wir uns auf einem kleinen Platz wieder, auf der in jeder Ecke ein kleiner buschiger Baum und dazwischen eine Bank stehen. Das ist nett. Die Wege führen durch Rasenflächen, in dessen Mitte ein hübscher kleiner Brunnen sprudelt. Wasserprobleme haben sie hier scheinbar nicht. Aufgrund der Deckenbeleuchtung ist es auch hier taghell. Das Plätzchen ist zwar nicht zu vergleichen mit Victors märchenhaftem Piepmatz-Garten, aber es läd zum Verweilen ein.
Ich erspähe schon die Beschilderung in Richtung Hoteleingang, führe Tear aber einen Weg entlang, der mit “Panorama” betitelt ist. Mal sehen, ob ich den Taumel aus mir heute doch noch rauskitzeln kann.
Links und rechts von uns befinden sich Büros, dazwischen aber ein gepflasterer Weg, der von schmalen Rasenstreifen umsäumt ist. Wir befinden uns im unteren Drittel der Pyramide, es sind also locker 200 Meter bis zum Rand.
Als wir ankommen, knallt mir ein heftiger Ausblick an die Birne. Ich sehe auf eine komplett grüne Pyramide, die sich links vor mir aufbaut und eine kleinteiligere Pyramide rechts vor mir, in der nur einzelne Räume beleuchtet sind. Das wären somit der Wohn- und der Anbaudistrikt. Zu unserer linken kann ich eine gräulich erscheine Pyramide erahnen, in der die Produktion untergebracht ist und rechts steht eine hell beleuchtete, die aus dem inneren sandfarben erscheint. Darin sind Regierung und Universitäten untergebracht. Junge, Junge, sind das Dimensionen … und ja, mir wird etwas schwindelig. Geht doch.
Die Hauptstadt ist echt heftig. Sie wirkt durchdachter als Mesionia und nutzt deutlich mehr Fläche aus. Tear, die neben mir schweigt, ist ebenfalls die Kinnlade runtergeklappt. Ich kann es kaum erwarten, mehr über die Hintergründe der Pyramiden zu erfahren.
Als ich mich umdrehe, steht ein Typ im grauen Anzug etwas zu nah hinter Tear. Ich gucke ihn mit einem “Was bist’n du für ‘n Vogel"- Blick an, woraufhin er mich anspricht.
“Sind Sie zufällig zum ersten Mal in der Hauptstadt? Wenn Sie noch eine Unterkunft suchen, kann ich Ihnen gern behilflich sein.”
Seine Stimme klingt aufgesetzt freundlich. Tear macht einen Schritt schräg hinter mich. Ihr kommt dieser Kauz auch komisch vor.
“Das Hotel auf dieser Ebene ist überteuert”, fährt er fort. “Ich kann Ihnen ein besseres Angebot machen.”
Ne, danke. Mann, ist der Typ unangenehm. Ich mache noch einen weiteren schützenden Schritt vor Tear.
“Danke, sehr freundlich, aber wir kommen zurecht”, sage ich genauso gekünstelt und scanne den Mann. Das Ergebnis sagt alles. Ich lese: “Personality Sim, Tim Hofer” und so weiter und darunter: “Identität: Luis Merkur Lucard, 06. September 68, Vater Octavian Lucard, Mutter Lenia von Hillberg, Wohnhaft Mensonia”.
Fuck, dieser nervige Köter ist uns gefolgt! Diese Personality Sim lässt ihn aussehen wie eine andere Person. Sein Gesicht ist runder, die Nase größer, die Lippen schmaler, alles ist anders, auch die Haare sind nicht weißblond und lockig, sondern dunkel und glatt. Trotzdem ist das zweifellos Luis, die welke Pflaume.
Am liebsten würde ich ihm direkt eine Faust in die rotzfreche Fresse drücken, aber das würde verraten, dass ich ebenfalls einen Jailbreak benutze. Dennoch muss ich unwillkürlich die Lippen kräuseln, als ich lese, dass der Honk einen lustigen Planeten im Namen trägt, genau wie seine Schwester Shine. Merkur und Saturn. Die zwei haben echt Eltern mit Humor.
Ich drücke Tears Hand fester zusammen und versuche, an Luis vorbei zu kommen. Er stellt sich uns aber vehement in den Weg.
“Also gut, wir sehen uns Ihr Quartier an”, sage ich, woraufhin er zur Seite tritt. Kaum sind wir neben ihm, renne ich mit Tear los, die mich sofort verstanden hat. Unser Ziel ist die Pyramindenmitte.
Der Lackaffe ist uns dicht auf den Fersen. Wir laufen auf einen der Fahrstühle zu, der sich gerade schließt. Ich rufe Tear zu, dass sie weiterlaufen soll, bleibe selbst abrupt stehen und stelle dem Betrüger ein Bein. Da er nur leicht stolpert, schubse ich ihn und laufe Tear in den Fahrstuhl nach. Kaum hinein gerettet, hämmere ich auf der Taste mit dem E herum. Tear haut ihre Hand auf ein anderes Symbol mit zwei nach innen zeigenden Dreiecken.
Luis hat sich beim hinfallen am Kinn verletzt, richtet sich aber schnell wieder auf. Das wird arschknapp.
Die Türen schließen sich, er rennt los, kann sich aber nicht mehr dazwischen werfen. Ha! Fick dich, du Arschknoten!
“Meine Fresse”, atme ich aus. Tear sieht mich entgeistert an. Sie wirkt verwirrt.
“Was war das für einer?”
Ach stimmt, sie weiß es ja gar nicht. Da sie das Ekelpaket wahrscheinlich in- und auswendig kennt, will ich wissen, ob sie eine Ahnung hat.
“Kam er dir irgendwie bekannt vor?”, frage ich.
Sie wirkt sehr gestresst.
“Das, … ich glaube, das wollte ich dich auch gerade fragen. Irgendwie schon.”
“Ich habe ihn gescannt”, gebe ich zu. “Er hat eine Simulation benutzt.”
Tear reißt Augen und Mund zugleich auf. “Luis!?”
“Bingo”, bestätige ich. Sie legt eine Hand über ihre Augen und atmet konzentriert. Die Begegnung mit ihm setzt ihr ganz schön zu. Oder benötigt Tear viel Konzentration, um einen Persönlichkeitswechsel zu vermeiden.
Als wir unten ankommen, rennen wir zu einem freien Mobil, in das wir hinein hechten. Fahr los, du Möhre! Scheiße, wo stand nochmal der bescheuerte Name dieses hässlichen Teils?
Tear reagiert sofort. “Veritas 83, Eingang Wohndistrikt, schnell, wenn's geht.”
Das Fahrzeug setzt sich in Bewegung. Puh, duchatmen.
“Wieso Wohndistrikt?”, frage ich sie und werfe einen Blick hinter uns auf den Eingang des Gebäudes, aus dem jeden Augenblick unser Verfolger stürmen könnte. Sie zuckt mit den Schultern.
“Weil er damit rechnet, dass wir zu deinem Vater flüchten. Und wo Leute wohnen, kann man sich immer gut verstecken.”
Klingt nach einem Plan. Tear hatte wenigstens einen, im Gegensatz zu mir.
Qualitätskontrolle
Wir haben Glück, dass auf der Straße ordentlich was los ist und wir schon nach weniger als 20 Sekunden Fahrt in der Masse untergehen. Der Spacken ist nicht zu sehen, hat uns also wahrscheinlich schon aus den Augen verloren. Meine Fresse, was erhofft sich dieser Lurch davon, uns in die Hauptstadt zu verfolgen? Er wird wohl kaum dem Irrtum erliegen, Tear könnte einen plötzlichen Sinneswandel ereilen.
Sie hat sich während der Fahrt eine Hand auf dem Bauch abgelegt. Tja, bei dem Hanswurst wird es einem aber auch wirklich speiübel.
Veritas 38 fährt mit uns an Bord die Ladenstraße bis ans Ende, wo uns eine gläserne Schleuse erwartet, deren Türen sich automatisch öffnen und schließen. Innerhalb der Schleuse haben wir einen freien Blick auf die nur leicht vernebelte Außenwelt. Ich bemerke zwar keinen Identitäts-Check, bevor wir in die Wohnpyramide einfahren, würde aber jede Wette eingehen, dass er stattgefunden hat. Der Überwachungs-Chip hinter unseren Ohren muss ja schließlich zu etwas gut sein.
Innerhalb der neuen Pyramide beträgt die Deckenhöhe nur drei Meter. Unser Viersitzer auf Rädern fährt uns an den Rand der Hauptstraße und lässt somit die Fahrzeuge hinter uns durch. Direkt neben uns befindet sich eine unbeleuchtete Wohnung, in die ich hineinglotzen kann. Was für eine bekackte Lage. So gläsern würde ich echt nicht leben wollen.
“Veritas 83, bis zur Mitte weiterfahren”, weist Tear das Fahrzeug an. Prima Idee. Wir reihen uns wieder in den Verkehr ein und fahren an super vielen Wohnungen und schmalen Seitenstraßen vorbei. Das nenne ich ein platzsparendes Wohnkonzept.
Mitten auf der zentralen Kreuzung halten wir an und behindern damit den kompletten Verkehr. Hmhm, ist klar. Vermutlich wartet das Teil darauf, dass wir ihm eine Richtung geben. Wir könnten in eine der Straßen hinein fahren, die aber alle exakt gleich aussehen. Was weiß ich denn?
“Wissen Sie nicht mehr, wo Sie hin müssen?”, ruft eine Frau aus dem Fahrzeug hinter uns scherzhaft ungeduldig.
Ich gebe zur Antwort: “Sorry! Wir sind nur zu Gast.”
Sie steigt aus, während sie etwas in sich hinein murmelt, das sich am ehesten anhört wie: “Das erklärt einiges.”
Dann läuft die Frau tatsächlich zu uns nach vorn.
“Wo genau wollen Sie denn hin?”
“Najaaa, das wissen wir eigentlich selbst nicht so genau…”, sage ich ehrlich und halte danach inne. Holla, was ist das für ein vorzüglicher Duft, der mir auf einmal die Nase steigt? Er riecht so aromatisch, dass ich ihn nicht einmal vergleichen kann. Mir läuft unwillkürlich das Wasser im Mund zusammen. Krass.
Die Frau ist ein Mensch. Sie sieht etwas faltiger aus als die Bedienung vorhin und hat hübsche dunkel gelockte Haare. Ihre Kleidung ist dunkelgrün und schick, typisch für diese Stadt. Die Frau lächelt zwar, sagt dann aber hart: “Bitte versuchen Sie dennoch, die Verkehrswege offen zu halten.”
Tear schweigt, was an ihrem feinen Geruchssinn liegen könnte. Ich sage dem Veritas 38, dass er an den Rand fahren soll. Dort steigen wir aus. Die Frau gibt ihr Fahrzeug scheinbar frei, weil es nun ohne sie weiterfährt. Bei dieser Gelegenheit scanne ich sie.
Ihr Name ist Priscilla Langford, sie ist 47 Jahre alt und lebt in der Hauptstadt. Dahinter steht ein Zahlencode, wie ich ihn bisher bei noch niemandem gesehen habe. Ihre Eltern und Kinder sind Menschen, die ebenfalls mit Zahlencodes versehen sind. Was bedeutet das? Ist sie eine Agentin, oder sowas? Das ist mir suspekt.
Als sie ebenfalls am Straßenrand ankommt, sagt sie: “Da ich gerade meinen Obolus geleistet habe, ist der Rest des Tages frei. Ich kann Ihnen gern bei der Suche helfen.”
Fast automatisch gehe ich mit Tear so um die Hausecke, dass wir von der Hauptstraße aus nicht mehr so leicht aufgespürt werden können. Dann versuche ich, unsere Situation zu erklären.
“Also, um ehrlich zu sein, suchen wir eine Unterkunft für heute.”
“Die Apartmentverwaltung ist gleich da vorn, aber für eine Nacht wäre doch ein Hotel in der Zenpy, pardon, in der Zentralen Pyramide besser geeignet.”
Ach, Mist. Jetzt stecke ich in einer Zwickmühle. Ich will nicht lügen, die Wahrheit sagen kann ich aber auch nicht. Tear hat sich offenbar etwas gefangen und meldet sich zu Wort.
“Um noch ehrlicher zu sein, verstecken wir uns vor jemandem, … meinem Ex-Freund. Er lauert uns im Hotel auf.”
Na, huch! Unsere Situation auf diese Weise zusammenzufassen, wäre mir im Leben nicht eingefallen. Noch verrückter ist, welche Auswirkungen sie damit auf Priscilla hat! Auf einmal verändert sich ihr Gesichtsausdruck gewaltig. Ein strahlendes Lächeln überkommt sie.
“Ach, du meine Güte! Rebellische Liebe! Dann helfe ich euch sofort. Kommt mit!”
Das gibt's nicht! Ich blicke zu Tear, die gefasster wirkt als ich. Die Frau läuft unvermittelt los in Richtung eines Fahrstuhles. Perplex folgen wir ihr und betreten daraufhin den gläsernen Lift. Priscilla drückt auf die Drei und sagt:
“Von einer Übernachtung lässt sich mein Mann bestimmt überzeugen.”
Während der Fahrt kann ich nicht anders, als meine Verwunderung auszudrücken. “Ähm, Siiie … kennen uns doch gar nicht und … haben Sie denn keine Angst vor fremden Vampiren?”
Nun lächelt mich die Frau an, als hätte ich etwas ziemlich Dummes gesagt. Ihre Augen funkeln.
“Ach wo. Die Strafen für Vampire gegen Vergehen an Menschen sind so drakonisch. Vielleicht sollten Sie Angst vor mir haben, Herr …- äh”
“Lucard”, antworte ich aus einem Reflex heraus. Ah, Mist! Ich sehe, wie sich Tear neben mir an den Kopf greift. Jap, das war echt dusselig. Die Fahrstuhltür öffnet sich, aber alle bleiben stehen.
Priscilla wirkt geschockt.
“Sie sind mit dem König verwandt?”
Tear glaubt wohl auch, dass hier nichts mehr zu retten ist. "Verzeihen Sie. Wir suchen uns etwas anderes.”
“Nein”, ruft Priscilla und geht aus dem Fahrstuhl auf den Gang. “Jetzt glaube ich, dass es einen Grund geben muss, aus dem wir uns getroffen haben. Junge Frau, Sie fliehen vor einer Partnerschaft mit jemandem, mit dem Sie nicht zusammen sein möchten. Kaum etwas kann ich besser nachfühlen als das. Nun bitte ich Sie sogar, unser Gast zu sein.”
Oha, das war mal wieder ein Beispiel dafür, wie der Name Lucard Tür und Tor öffnen kann. Priscilla denkt jetzt bestimmt, ich hätte irgendwas in der Politik mitzureden. Tja, falsch gedacht, aber aufklären kann ich das nicht, ohne Dinge offenzulegen, die sie mal so gar nichts angehen.
Wir folgen Priscilla, die sich nun auch endlich mit ihrem Namen vorstellt. Vom Gang, in dem wir stehen, gehen links und rechts etwa alle fünf Meter Türen ab, als wären wir in einem Hotel. Bei der Nummer 358 bleibt Priscilla Langford stehen. Die Tür öffnet sich von selbst.
Ich blicke auf eine langgezogene Einzimmerwohnung, die ich auf zehn Meter Länge schätze. Sie ist bis zum letzten Zentimeter vollgestopft mit Möbeln und Regalen, in denen sich der Tinnef nur so stapelt. Das meiste sind kleine bemalte Figuren.
Der Raum endet in einem schrägen Außenfenster. Das ist wahrscheinlich ein Privileg, da es auch Wohnungen ohne Außenfenster geben muss. Ein angenehmer, um nicht zu sagen, überaus leckerer Duft strömt mir in die Nase. Direkt in Fensternähe steht ein Sessel, in dem ein Mann sitzt.
“Ich habe Gäste mitgebracht”, sagt die Frau, worauf sich der Mann zu uns umdreht. Er wirkt überrascht, ich aber wahrscheinlich auch. Er hat graue Haare, einen putzigen Schnauzbart und eine ganze Menge Falten. Der Typ ist mindestens 20 Jahre älter als Priscilla. Das muss ich checken.
Pierre Langford, 72 Jahre alt! Älter, als ich dachte. Blabla und wieder eine Nummer. Ich kann schlecht fragen, was sie bedeutet, aber sie macht mich stutzig.
Der alte Langford greift sich eine Gehilfe, die neben ihm am Sessel gelehnt stand und kommt in unsere Richtung gehumpelt. Tja, arbeiten kann der alte Mann wohl nicht mehr, aber ausgeblutet, so wie die Nutzlosen in Mensonia, wird er auch nicht. Vielleicht ist die Hauptstadt ja gar nicht so scheiße, wie ich dachte.
“Guten Tag, mein Name ist Pierre Langford”, sagt er freundlich zu uns, aber genervt zu seiner Frau, die mehr als locker seine Tochter sein könnte: “Warum bringst du Fremde mit?”
Priscilla verdreht die Augen. Oha, da herrscht dicke Luft. Sie antwortet ihm gar nicht, sondern sieht uns an.
“Sowas kommt dabei heraus, wenn man Zwangspartnerschaften eingehen muss.”
Als wir in die Wohnung hineingehen, schließt sich die Tür automatisch hinter uns.
“Sie und Herr Langford wurden einander zugeteilt?”, fragt Tear. “Welchen Grund könnte es geben, diese ungleiche Paarung zu bilden?”
Ich vermute irgendwas Genetisches, besonders gesunde Nachkommen oder so. Der Benannte kommt noch ein Stück näher gehumpelt und setzt sich schließlich an einen der vier Stühle an einem Tisch, der gleich beim Eingang steht. Dabei murmelt er durch seinen Bart.
“Ah, Sie sind fremd in der Stadt. Das erklärt einiges.”
Hehe, nun hört er sich an wie seine Frau. Die beiden müssen tatsächlich schon lange zusammen sein. Er weist mit einer Hand zum Tisch.
“Bitte setzen Sie sich. Du dich auch, dummes Huhn!”
Kurz denke ich, er meint Tear und will protestieren, aber dann realisiere ich, dass die Beschimpfung für seine Frau bestimmt war. Tear und ich folgen also seiner Aufforderung und nehmen Platz. Auch Priscilla setzt sich, die sich dabei mit Tears Frage befasst.
“Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie unser Blut riechen können. Das ist der Grund für unsere Partnerschaft. In dieser Stadt geht Geschmack über alles.”
Mir krampft sich der Magen. Es ist allerdings Tear, die meine Gedanken ausspricht.
“Ekelhaft!”
Priscilla reagiert überrascht. “Ihnen gefällt der Geruch nicht? Das ist selten.”
“Die Priorisierung auf Geschmack, die ist ekelhaft”, kläre ich auf. “Sie können beruhigt sein, was Ihren Duft betrifft.”
Die Frau schüttelt energisch den Kopf. “Na, ich weiß nicht, ob mich das beruhigt. Wegen ihm bin ich mit 17 mit einem 42 Jahre alten Sack Zwangsverbunden worden.
“Jetzt geht das wieder los”, stöhnt Pierre und greift sich in die grauen kurzen Haare. “Als ob ich eine pubertäre Meckerziege gewollt hätte. Ich würde wegrennen, wenn ich könnte.”
“Du hattest kein Problem mit meinem knackigen, jungen …-”
“Leute!”, ermahne ich die beiden.
“Verzeihung”, sagt die Frau und erzählt endlich Dinge, die von Relevanz sind.
“Pierre, warum ich die beiden mitgebracht habe: Diese junge Frau ist ebenfalls versprochen und flieht mit diesem jungen Herren hier vor ihrem Verlobten. Sie verstehen uns. Wenn jemand unsere jüngste Tochter vor der Zwangsverkupplung retten kann, dann diese beiden.”
“Irgendwelche dahergelaufenen Jugendlichen, die zufällig Vampire sind, sollen uns helfen?”, fragt der Mann, entschuldigt sich bei uns mit einem kleinen “Sorry”, aber ich kann es ihm ohnehin nicht verübeln.
Sie bemerkt den Denkfehler. “Achso, nein. Der junge Herr ist ein Lucard.”
Ich schlucke. Pierre lehnt sich, den Rücken durchstreckend, nach hinten über den Stuhl, als könne er nicht glauben, was seine Frau da gesagt hat. Dabei stöhnt er:
“Du schleppst einen Lucard in unsere Wohnung, beschwerst dich dann über ihre Gesetze und erwartest dafür Hilfe? Dir ist nicht mehr zu helfen!”
Während des letzten Satzes wurde ich von ihm ins Visier genommen. Ich zucke mit den Schultern.
“Wie gesagt, wir sind nicht von hier. Ich finde diese Bevormundung auch kacke, aber darauf hab ich keinen Einfluss.”
Tear sagt dazu nichts mehr. Wir unterhalten uns noch ein wenig über die Kinder der Langfords, die allesamt sehr früh mit vorgegebenen Partnern verbunden wurden. Zwei von ihnen arbeiten in der grünen Pyramide, das jüngste, darauf sind sie besonders stolz, lernt Agrarwirtschaft im Universitäts-Distrikt.
Es wird Abend. Pierre und Priscilla essen einen warmen gelblichen Brei, von dem ich weiß, dass er aus Kartoffeln gemacht wird, und irgendwelches geschnippeltes Gemüse. Außerdem trinken sie ein orangefarbenes Getränk. Danach hängt Priscilla einen weißen Strick quer durchs Zimmer, an dem sie ein Laken befestigt. Es trennt ihr Bett im vorderen Teil von zwei Sesseln im hinteren Teil, sodass der Raum zweigeteilt wird. Die Sessel stellt sie zur Seite, legt ein Laken auf den Teppichboden, zwei Kissen und zwei Decken dazu.
“Wären wir jünger, würden mein Mann und ich hier schlafen, aber leider … seht euch den alten Sack an. Ich kann euch nichts anderes anbieten.”
“Das ist mehr als genug”, wird sie von Tear beruhigt. “Besten Dank.”
Wir ziehen uns in unser provisorisches Zimmer am Fenster zurück. Ausblick haben wir aber trotzdem keinen, weil die Außenwelt vom dunkler werdenden Dunst verhangen wird. Trotzdem ist der Blick nach draußen genial. Wenn ich nach unten sehe, kann ich in die Wohnung fremder Leute glotzen. Ich erkenne allerdings nur Stühle, kleine Beistelltische und Lampen. Die Bewohner über uns können dagegen sehen, dass wir hier am Fenster schlafen. Vorhänge oder so was gibt es hier nicht.
Mein Magen rumort. Zum einen, weil der Duft in dieser Wohnung extrem intensiv ist und zum anderen, weil ich morgen zum ersten Mal auf meinen Vater treffen werde. Je näher wir ihm kommen, desto verschwommener wird meine Vorstellung von dem, was ich ihm vorwerfen will. An meinem Zweifel trägt Victor eine gewaltige Mitschuld. Wissen bringt Überzeugungen ins Wanken. Das nervt irgendwie.
Ich sitze zum Fenster gewandt auf dem Boden, als sich Tear neben mich legt, mit dem Kopfkissen direkt unter die Fensterschräge. Sie starrt nach oben auf den dunkelgrauen Himmel und hält sich dabei eine Hand mit einem Kleidungsstück aus ihrem Rucksack vor die Nase. Für sie, als vergleichsweise frischer Vampir, ist es um einiges schwerer, diese appetitanregende Duftdosis auszuhalten als für mich.
“Kommst du zurecht?”, frage ich weich und werde mir bei ihrem Anblick bewusst, dass wir nebeneinander schlafen werden. Halleluja!
Sie antwortet nicht.
“Hey, Tear, mein Schätzchen. Kann ich dir irgendwie helfen? Willst du lieber ein Kleidungsstück von mir als Barriere? Das hilft vielleicht besser als dein eigenes.”
Sie greift nach meinem Handgelenk, das sie zu sich zieht. Ich muss an sie heran rutschen, noch weiter sogar, als sie sich von mir wegdreht, meinen Arm aber nicht loslässt.
Dann spüre ich ihre Zunge auf meinem Unterarm. Davon geschockt flüstere ich: “Tear, das kannst du nicht machen. Wir sind kein eingetragenes …”
Zu spät. Sie lässt einen ihrer spitzen Eckzähne in mein weiches Fleisch eindringen und saugt danach an der blutenden Wunde. Es ist nicht so, dass es komplett verboten wäre, Blut voneinander zu trinken. Aber es ist nur in eingetragen Partnerschaften erlaubt und davon sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Ich versuche es erneut.
“Tear, Mausi, davon wirst du nicht satt. Vampirblut wirkt nur unerwünscht anregend.”
Endlich hat sie zugehört und lässt von mir ab. Ich nehme ihr meinen Arm weg und beobachte, wie sich die Bisswunde bereits zu schließen beginnt. Bei mir geht das super schnell und bei Tear auch. Shines Verwandtschaftsgrad zum Urvampir ist einen Schritt weiter weg, weshalb ihre Heilung in etwa doppelt so lange dauert. Im Vergleich zum normalen Vampirvolk ist das aber immer noch quasi eine Superkraft.
“Kannst du dich neben mich legen?”, bittet Tear leise. Na, nichts lieber als das! Selbstverständlich folge ich ihrem Wunsch, rutsche nach unten und mache mich lang.
Mega, mega, mega! Diese wunderschöne, liebe und intelligente Frau, die ich schon seit Jahren förmlich anbete, will, dass ich mich direkt neben sie lege! Mein armes Herz!
Als ich liege, dreht sich der blonde Engel zu mir. Ich sehe einen kleinen Tropfen meines Blutes an ihrer Lippe und finde das irgendwie total heiß. Ruhig bleiben!
Ich strecke eine Hand nach ihr aus, berühre sanft ihre zarte Wange und wische das Tröpfchen mit dem Daumen weg. Von mir aus kann sie noch viel mehr haben, dieses heiße Schnittchen, denke ich und bekomme gar nicht so richtig mit, wie sie sich zu mir beugt.
Erst als sie mir so nah ist, dass ich ihren Atem spüren kann, wird mir klar, was gerade passiert. Nämlich das Geilste, was ich mir im Moment vorstellen kann. Unsere Lippen berühren sich.
Meine vorherige Aufregung ist ein Dreck gegen die Erregung, die mit einem Schlag durch meinen gesamten Körper pumpt. Ich spüre ihre zarten Lippen, höre ihren hämmernden Herzschlag und wie sie sanft durch die Nase atmet. Ein Universum an Gefühlen entsteht um mich herum, in das ich mich fallen lasse. Ich treibe darin, bin der glücklichste Kerl der Welt, will, dass es niemals endet, doch …
… dann entfernt sich meine Traumfrau wieder und ich lande. Tear sieht mich für einen Augenblick leidend an und schmust sich danach an meine Wange, sodass ich sie nicht mehr sehen kann. So schlecht kann ich doch gar nicht gewesen sein!
Ich lege eine Hand auf ihrem Hinterkopf ab und fahre ihr zärtlich durch die goldene Mähne. So bleibt Tear eine ganze Weile liegen.
Puh, also wenn ich mit einer Sache nicht gerechnet habe, dann mit einem Kuss von meinem Engelchen. So weit ist sie doch eigentlich noch gar nicht. Liegt das an diesem Geruch? Auch wenn ich gern jederzeit bereitstehe, und wie ich das tue, habe ich alle Zeit der Welt.
Es ist gar nicht so einfach, zur Ruhe zu kommen, wenn meine wunderschöne Tear in meinen Armen liegt. Ich streichle ihr noch eine ganze Weile durchs Haar, bis ich irgendwann einschlafe.
Am Morgen werden wir von klappernden Geräuschen und halb geflüsterten Gesprächen geweckt, die aus dem vorderen Teil der Wohnung stammen. Es ist einigermaßen hell. Draußen sehe ich allerdings nichts als hellgrauen Dunst. Tear liegt in Embryostellung eingerollt neben mir. Ihr Kopf ist auf meiner Brusthöhe. Ich streiche ihr ein Haar vor den Augen weg, was sie aus dem Halbschlaf holt. Sie sieht mich verschreckt an und haucht dabei überrascht meinen Namen.
“R-River…!”
Ich lächle und wünsche ihr einen guten Morgen. Sie antwortet mit belegter Stimme.
“Ich hab kaum geschlafen. Wie spät ist es?”
“Frag die Lenses”, sage ich und schaue selbst ebenfalls nach. 7:20 Uhr. Meine Güte, ist das früh!
“Achja …”
Tear steht als erstes auf und lugt hinter den Bettbezug-Vorhang vor uns, den sie gleich darauf abnimmt. Der alte Langford sitzt mit einer Tasse am Tisch, während seine Frau Teller in eine kleine Küchenzeile zurück räumt. Anscheinend haben die beiden gerade gefrühstückt.
“Guten Morgen. Ich muss gleich zur Arbeit”, begrüßt uns Priscilla. Wir wünschen ebenfalls einen guten Morgen. Tear geht ins kleine Badezimmer, wo sie sich anzieht und frisch macht. Währenddessen erzählt mir unsere Gastgeberin, dass sie als Agrarwirtin arbeitet. Ihr Mann war früher Lehrer, erzählt dieser. Nachdem ich im Bad war, ist Priscilla bereits aufgebrochen. Wir verabschieden uns von Pierre und verlassen die Wohnung.
Ich vermute, die frühe Stunde wird uns in die Karten spielen. Luis erwartet uns sicher nicht um diese Zeit.
Wir nehmen eins der Fahrzeuge, dem wir den Zielort Regierungsdistrikt mitteilen. Zur Sicherheit lassen wir die Lenses unsere Frisuren durch irgendwelche Standardhaare überblenden. Tear bekommt langes schwarzes Haar simuliert, so ähnlich wie es Papa trägt. Ich habe strubbelig, weißes Haar wie ein alter Mann. Sieht witzig aus. Damit fühlen wir uns einigermaßen sicher.
Während der Fahrt durch den Wohndistrikt stöhnt Tear: “Endlich sind wir da raus. So benommen war ich seit Jahren nicht mehr wegen eines Geruchs.”
Sie sitzt zusammengesunken neben mir. Ich bemühe mich, Abstand zu halten. Wer weiß, wie sie auf Nähe reagiert, nun, wo sie aus diesem Blutdunst raus ist. Einen Spruch kann ich mir dennoch nicht verkneifen.
“Hatte auch sein Gutes.”
Aus Angst vor ihrer Reaktion, schaue ich strikt nach vorn in Richtung näher kommender Schleuse. Neben mir höre ich es kichern, was ich nicht unbedingt erwartet habe.
“Meinst du das hier?”, fragt Tear, setzt sich etwas auf und kommt mir plötzlich näher. Ich drehe mich zu ihr und habe prompt erneut ihre zarten Lippen auf meinen.
Kabumm! Irgendwas ist in mir gerade implodiert. Ich tippe auf mein Gehirn, denn es fühlt sich matschig an.
Die süßeste Frau der Welt löst sich von mir, setzt sich wieder und lacht leise in sich hinein. Mein Kopf beglückt mich mit rein gar nichts mehr außer einem Hochgefühl. Tear wirkt eher bei Sinnen.
“Hach, das erleichtert mich”, sagt sie wie für sich selbst, spricht aber danach so weiter, dass ich verstehe, was sie meint.
“Gestern Abend war ich nicht so ganz bei mir und doch war es anders, als wenn ich übernommen werde. Gestern hatte ich hinterher keinen Kloß im Hals und auch keine Bauchschmerzen. Und heute ist auch alles bestens.”
Ich nehme überhaupt nichts mehr von meiner Umwelt wahr und habe kein Gefühl mehr dafür, wo wir sind. Für mich gibt es gerade nur noch sie. Ich lausche weiter ihren zarten und wunderschönen Worten.
“River, weißt du, wie bedeutend das ist? Du gibst mir Hoffnung, dass ich meine Vergangenheit eines Tages ganz hinter mir lassen kann. Das macht mich so glücklich.”
Mir fällt eine kleine Träne an ihrer Wange auf. Wie in Trance breite ich meine Arme aus, in die sie sich legt. “Du bist es, die mich glücklich macht, mein kleines Tränchen”, hauche ich.
In dieser Position fahren wir weiter. Ich beginne langsam wieder wahrzunehmen, wo wir sind, nämlich mitten im Berufsverkehr. Vor uns öffnet sich gerade die Schleuse zum Universitäts- und Regierungsdistrikt. Dieser hat ähnlich viele Stockwerke wie der Wohnbereich. Von der Hauptstraße aus gehen Beschilderungen zu verschiedenen Schulen, Fakultäten und Forschungseinrichtungen ab.
Da die Fensterfassaden neben uns aus Glas bestehen, kann ich durch sie hindurch in Klassenzimmer hinein sehen. Der Unterricht ist noch nicht losgegangen, aber das wird er wohl demnächst.
Das Fahrzeug bleibt wieder mal genau in der Mitte der Pyramide stehen. Wir steigen zügig aus, gehen zum Rand, vor die Fassade eines leeren Beratungsraumes und öffnen die Stadtkarte. Der Regierungsbezirk beginnt ab Etage 70, eine Reihe von sieben Fahrstühlen befindet gleich neben uns.
Wir steigen in einen, Tear drückt direkt die 70. Ein höheres Stockwerk ist gar nicht nicht auswählbar. Ich glaube, unsere Crisps werden gescannt, offenbar mit positivem Ergebnis, denn wir fahren los. Weitblick haben wir keinen, da jedes Stockwerk für sich unterteilt ist. Ich lese die Namen vieler Fachrichtungen. Auch Handwerk und Materialkunde sind dabei, ebenso wie Medizin, Biotechnologie, Mechanik und Elektronik, Energie, Physik, Wirtschaft, Agrarwirtschaft und noch einiges mehr.
Die Hauptstadt scheint eine Art Hochburg des Wissens zu sein. Das habe ich so nicht erwartet. Irgendwie cool.
Als sich der Fahrstuhl öffnet, blicken wir in eine große Halle, die sich bestimmt perfekt für wichtige Anlässe oder Verkündungen eignet. Was mir zudem auffällt, ist, dass wir gar nicht in der Mitte der Pyramide, sondern am Rand der Halle herausgekommen sind. In der Mitte befindet sich eine Wendeltreppe mit Plattform, von der zu allen unten stehenden Gesprochen werden kann. Ein bisschen erinnert sie mich an einen Thronsaal.
Wir machen ein paar Schritte nach vorn. Hinter uns höre ich eine fremde Stimme mit vertrauter Sprechweise.
“War doch klar, dass Sie irgendwann hierher kommen!”
Ach, Scheiße! Der Haarfarbenwechsel nützt gar nichts. Die Arschkrampe schneidet uns den Weg ab, der zurück zu den Fahrstühlen führt, aber da wollen wir ohnehin nicht wieder hin. Der Typ hat die Personality Sim immer noch aktiv. Ich stelle mich schützend vor Tear, die meine Deckung dankend annimmt.
“Geh nach Hause, Luis!”, fauche ich. Er reißt die Augen auf, weil wir sein Kostümspiel durchschaut haben, antwortet aber passend.
“Nicht ohne Cecilia. Ich brauche sie.”
Tear sagt nichts, doch ich fühle, wie sie sich hinter mir groß macht. Ich glaube, sie würde Luis viel lieber die Meinung sagen, statt sich in Furcht vor ihrer anderen Persönlichkeit hinter mir zu verstecken. Ich antworte für sie.
“Aber sie braucht dich nicht. Finde dich damit ab!”
“Komm zurück nach Mensonia, Cecilia”, ignoriert er mich und kommt einen Schritt näher. “Oder ich lösche noch mehr Daten von deinen Crisp.”
“Hä?”, platzt aus mir heraus. Das soll sein Druckmittel sein?
“Du hast was gelöscht?”, fragt Tear nun irritiert und macht einen kleinen Schritt aus meiner Deckung heraus.
“Aber hallo! Alle Credits, die du von mir hast, sind weg. Du bist jetzt wieder bettelarm! Außerdem fehlen deine Textnachrichten, Fotos, Videos und Apps. Wenn du sie wiederhaben willst, dann…-”
“Ehrlich?”, fragt sie unterbrechend. “Stimmt, ist alles leer. Ist mir gar nicht aufgefallen.”
“Wie kann dir das nicht auffallen?”, quiekt er irritiert. “Das ist jedermanns Schwachstelle. Auf dem Crisp ist das ganze Leben abgespeichert!”
Wenn man wirklich alles da drin ablegt, kann ich mir das sogar vorstellen, aber dass wir in Shattered Sky leben, wo die Teile keine Rolle spielen, hat Luis wohl nicht bedacht. Tear zuckt mit den Schultern.
“Behalte den Kram von mir aus. Hauptsache, du lässt mich in Zukunft in Ruhe!”
Wow. Tear hat nicht gewechselt und mault ihn trotzdem an. Das macht mich stolz.
Da Luis alleine zu sein scheint, kann er keine Gewalt anwenden. Er wäre schlicht unterlegen. Falle hat er anscheinend auch keine gestellt. Sein Plan beruhte einzig darauf, Tears digitales Abbild als Geisel zu nehmen. Das ist echt armselig und wird noch trauriger, als die Kröte unruhig wird.
“Dann lösche ich auch alles von diesem Dorftrottel!”
Autsch! Dorftrottel hat gesessen. Ich halte mir angeschlagen das Herz.
“Luis, mein Bester. Wenn du tatsächlich Zugriff auf meinen Crisp hättest, dann wäre ich nicht immer noch stinkreich. Der Bluff zieht nicht.”
Haha, eins zu Null für mich, du Pfeife! Er brüllt aggressiv:
“Dass du so tust, als sei es dir egal, das ist der Bluff!”
Dann macht er eine ausladende Handbewegung. “Ich zähle runter von Drei. Wenn du Cecil nicht freigibst, ist alles futsch! Drei …”
“Ich komme nicht zurück!”, ruft ihm Tear noch einmal zu.
“Zwei …”
Ich drehe mich leicht ein, sehe meine Liebste an und sage: “Lass uns gehen, Mausi.”
“Du machst mich rasend! Lass sie frei! Eins!”, keift er und kommt danach wie bekloppt auf mich zugestürmt. Ja, ne, wie auch immer, dann verhauen wir uns jetzt eben doch gegenseitig. Böse bin ich darüber nicht, denn endlich kann ich ihm meine Faust in die nervige Fresse drücken! Darin bin ich nicht der Beste, aber auch nicht der Schlechteste. Gegen den Hanswurst wird's reichen.
“Stehenbleiben! Waffe auf den Boden!”, befiehlt eine feste Stimme von links.
Wie? Was? Welche Waffe? Ich behalte meinen Blick starr bei Luis, der nun tatsächlich ein kleines, schmales Messer in der Hand hält, das mir vorher nicht aufgefallen ist. Bloß gut, denn nun konzentriere ich mich darauf, sein rechtes Handgelenk abzufangen. Der kleine silberfarbene Dolch stoppt vor meinem Rumpf. Scheiße, das war knapper als gedacht. Ohne Hinweis würde das Ding jetzt in mir drin stecken.
Ich höre, wie Schritte auf uns zukommen. Dann wird das Arschgesicht im Anzug von mir weggerissen und heftig zu Boden geschleudert. Einen Moment später sehe ich einen Fuß, der auf seiner bewaffneten Hand steht. Der Retter ist ein großer und breit gebauter Mann mit grünem Umhang, langen, hellen Haaren und prächtiger Aura.
Sofort schmeiße ich die Lesefunktion meines Crisps an. David-Richard Lucard, wie heftig! Geboren 1531 a.D. - das ist die alte Zeitrechnung! Er lebt in der Hauptstadt und sein Vater ist Alucard, der Urvampir. Irre!!!
Ich kann's kaum glauben. So einen alten Vampir habe ich in meinem gesamten Leben noch nicht getroffen. Vermutlich ist er der älteste Vampir der Welt. Normalos werden nämlich gar nicht so alt. Das haut mich um. Diese Aura, die mir die Knie zittern lässt, gehört zu meinem Onkel, der, zu allem Überfluss, auch noch der Vater von Sarina ist, die in Tear angeblich reinkarniert. Au weia!
Ich höre es unter Davids Fuß knacken. Luis’ Hand sollte mehr als einmal gebrochen sein. Die heilt zwar recht fix wieder, aber das dürfte trotzdem ordentlich wehgetan haben. Der Kleine wimmert auch ziemlich. Hat er verdient, der Lendenfurz!
“Wärst du nicht der Enkel meines Bruders, hätte mein Fuß auf deinem Kopf gestanden”, sagt er eiskalt zum winselnden Geschöpf unter sich. Ich schlucke unwillkürlich, denn ich hege keine Zweifel an dieser Aussage. Einer Person mit einer derart brutalen Aura bin ich noch nie begegnet. Der könnte mich mit einem Fingerschnipp fertigmachen.
David hebt den Blick und fixiert die schräg hinter mir stehende Tear. Ich schaudere. Der Typ ist dermaßen gruselig, dass mir nach weglaufen zumute ist, aber das wäre wohl zwecklos.
Eine zweite schwarz gekleidete Person läuft zu Luis, während David das Wort an mich richtet.
“Ihr werdet im Arbeitszimmer des Königs erwartet. 75. Stockwerk. Der Fahrstuhl befindet sich hinter Euch.”
Ich bewege mich keinen Millimeter. Der gruselige Vampir läuft langsam auf uns zu. Noch immer verweilt sein Blick auf Tear. Zu meiner Überraschung tritt sie nun ganz aus meinem Schatten hervor.
“Es ist wahr?”, fragt sie der gruselige Riese, erhält aber keine Antwort von ihr. “Victor hat dich gefunden, Sarina, … doch über Erinnerungen verfügst du nicht, sagte er.”
Sie schüttelt den Kopf. David bleibt vor ihr stehen und mustert sie. Es fällt mir schwer, seine Emotionen zu lesen. Von enttäuscht über fasziniert bis hin zu tief gerührt ist alles denkbar.
Wieder richtet er das Wort an mich. “Prinz River, lasst Euren Vater nicht länger warten und geht. Ich kümmere mich um den verwöhnten Bengel und meine Tochter.”
“Ich lasse sie nicht zurück”, stelle ich klar und bemerke, wie leise und eingeschüchtert die Worte meine Kehle verlassen. Oh, Mann.
“Ist schon gut, River”, sagt Tear ebenfalls leise, aber mit festerer Stimme als meiner. “Ich würde meinen früheren Vater ebenfalls gern kennenlernen.”
Das haut mich aus den Socken. Tear ist viel taffer, als ich es bin. Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und geht einen Schritt auf David zu. Dann nickt sie.
“O-okay”, sage ich zögerlich. “Ich gehe jetzt also ganz alleine zu meinem Vater.”
Scheiße, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Tear ist schließlich eine nicht zu vernachlässigende moralische Stütze für mich. Ich brauche sie scheinbar mehr als sie mich.
“Du schaffst das schon”, bestätigt sie. Na toll. Mir ist nach Heulen zumute, weil ich das Gefühl habe, mein Leben hinge am seidenen Faden, wenn ich widerspreche.
Ich drehe meinen Körper, ohne Tear aus dem Blick zu verlieren. Ach, verdammt. Das gefällt mir überhaupt nicht. Mein Puls ist am Durchdrehen, was den beiden nie und nimmer entgeht. Sowas bemerkt man nunmal super schnell.
Fuuuck, oder habe ich diese Angst, weil ich mich gleich meinem Konvertierer stellen muss? Ich atme dreimal tief durch und gehe danach mit weichen Knien Richtung Wendeltreppe. Die Halle ist echt riesig, weshalb das gefühlt ewig dauert. An der ersten Metallstufe angekommen, drehe ich mich zu Tear um, die lächelnd mit diesem Auramonster spricht. Mann, wenn sie mit ihrem, ihr völlig unbekannten, angsteinflößenden Quasi-Vater sprechen kann, dann kann ich das doch auch! Oder nicht? Noch einmal atme ich tief durch und gehe dann die Stufen hinauf zum Fahrstuhl.
Vampirkönig
Ich fahre mit dem Fahrstuhl in den 75. Stock und versuche, mich zu sammeln. Mein Kopf ist wie leer gefegt. Was war es noch gleich, was ich meinem Rabenvater alles sagen wollte? Scheiße, scheiße, scheiße. Ich darf nicht die Nerven verlieren. Für ihn ist es auch das erste Mal, dass er mich sieht. Er ist wahrscheinlich genauso aufgeregt wie ich und hat totale Panik, dass ihn sein Sohnemann zur Schnecke machen will. Ja, genau. Das war es, was ich tun wollte, wenn ich ihm gegenüber stehe. Ich putze ihn runter, bis er heulend zusammenbricht und um Gnade winselt, so wie Luis Lowchecker. Aber Moment, ist, ihn fertig zu machen, wirklich das, was ich - ?
Die Zeit zum Nachdenken ist vorbei. Die Fahrstuhltür öffnet sich und gibt mir den Weg in das Arbeitszimmer des Vampirkönigs frei. Der Raum ist zwar weit oben gelegen, aber immer noch ziemlich groß. In der Spitze der Pyramide über uns vermute ich die königlichen Privatgemächer.
Ich sehe mich um. Direkt vor mir steht ein kleiner Konferenztisch, an dem bis zu acht Personen Platz finden. Bücherregale dienen als Raumteiler und an den Fenstern hängen geöffnete violette Vorhänge. Ich gehe aus dem Fahrstuhl heraus, der in der Mitte des quadratischen Raumes steht. Auf der Seite, die ich zunächst nicht einsehen konnte, sehe ich eine Person an einem Schreibtisch sitzen.
Sie ist goldblond, trägt einen blauen Anzug mit goldgelber Krawatte und erhebt den Kopf. Eine kleine Panikwelle erfasst mich.
Er ist es. Daran gibt es keinen Zweifel.
Das ist Robert-Valentin Lucard, dritter Sohn des Urvampirs, König über die Vampire und mein Vater.
Der fremde Mann, den ich bisher nur aus Videoansprachen kenne, erhebt sich und empfängt mich mit ruhiger, fast schon zweifelnder Stimme. Er lächelt nicht. Sein Gesicht ist eher ausdruckslos.
“Du bist wirklich zu mir gekommen.”
Was soll ich darauf erwidern? Ich stehe total neben mir. “Bin ich”, bestätige ich überflussigerweise. Meine Fresse, das muss besser werden!
“Ich befürchtete, du könntest dich auf den letzten Metern noch umentschieden. Weißt du, ich selbst …” Er macht eine Sprechpause und läuft dabei ein paar Schritte zu mir.
“Ich selbst scheue mich bis heute davor, meinen Vater zu besuchen. Und deshalb, eines vorweg. Ich vermute, dass du mich hasst, immerhin habe ich dir nur eine einzige Lektion ins Leben mitgegeben. Die Welt ist ungerecht. Ich war dir kein Vater, habe dich von mir weggestoßen wie ein lästiges Problem. Vielleicht bin ich nicht so schlimm wie mein eigener Vater, aber ich bin näher dran, als mir lieb ist. Wenn du also gekommen bist, um heute und hier deinen lebenslang angestauten Frust loszuwerden, werde ich dich nicht davon abhalten.”
Oha, seine Ansprache ist reflektierter als erwartet und nimmt mir den gesamten Wind aus den Segeln. Das ist echt mies, denn jetzt treibe ich steuerlos auf dem Meer meiner unausgesprochenen, widersprüchlichen Empfindungen.
Vater schweigt, vermutlich weil er mir Zeit für meine Antwort einräumen will. Irgendetwas an ihm schüchtert mich gehörig ein. Er wirkt aufrecht und fordernd. Ihn umgibt eine traurige Aura, die nicht nur von seinem matten Blick ausgeht. Auf mich macht er, trotz seiner edlen Ausstrahlung, einen gebrochenen Eindruck. Ich kann meinen Frust nicht an jemandem entladen, der bereits am Boden liegt.
Als er merkt, dass ich nicht vorhabe, auf seine Äußerung einzugehen, sagt er:
“Das ist nicht deine richtige Haarfarbe. Würdest du den Skin für mich ablegen?”
Stimmt!
“Ja, klar”, bestätige ich sofort. Ich stehe nun mit meinen Rotbraunen halblangen Haaren, meinem nagelneuen hellen Hemd, der dunklen Stoffhose und meiner roten Jacke aus Shattered Sky vor meinem Vater. Zum Glück waren wir shoppen …
Er selbst scheint nichts Virtuelles an sich zu tragen. Ich bemerke ein winziges Lächeln auf seinen Lippen, das gleich wieder verschwindet.
“Die Haare hast du von deiner Mutter”, sagt er fast schon gehaucht. Dann dreht er den Kopf zur Seite, was wirkt, als würde er nach draußen schauen und hängt die Frage an, auf die ich gewartet habe.
“Willst du sie sehen?”
“Will ich”, bestätige ich schon wieder knapp. Er sieht mich wieder an und kneift die Augen für einen Moment zusammen.
“Du bist nicht überrascht darüber, deine Mutter sehen zu können? Du solltest im Glauben sein, sie sei nicht mehr am Leben … Es gibt nur eine einzige Person, die dich darauf vorbereitet haben kann …”
Mein Vater wirkt verärgert. Vielleicht, weil er diese Sache seinem Bruder Victor im Vertrauen erzählt hat. Meinen Schock über diese Lüge habe ich dadurch aber bereits verdaut, worüber er froh sein sollte. Ich würde ihm das gerne sagen, aber bekomme es nicht über die Lippen. Das nervt!
Wortlos geht mein Vater an mir vorbei zum Fahrstuhl. Ich folge ihm hinein. Meine Hände sind feucht, meine Atmung flattert. Ich habe unglaubliche Angst davor, meine Mutter zu sehen …
Wir fahren nach oben, über die letzte angezeigte Etage 79 hinaus. Der Fahrstuhl hält unter dem oberen Ende der Kuppel. Der Raum hat nunmehr eine Kantenlänge von etwa sieben Metern unten und sechs oben. Die Wände sind golden, nicht durchsichtig, das Licht im Raum stammt von leuchtenden Leisten an der Decke. Am Rand führt eine Treppe nach oben, die Vater hoch geht.
Ich folge ihm in die beeindruckend große letzte Kammer ganz oben in der Pyramidenspitze. Der Raum ist ebenfalls durch Leisten beleuchtet, die an den schrägen Längskanten herablaufen. Die Flächen sind mit leuchtenden Punkten übersät, die wie ein Sternenhimmel anmuten.
Nur mit Überwindung richte ich meinen Blick in die Mitte des Raumes. Dort steht ein gläserner Sarg wie im Märchen. Ich erkenne eine Frau in einem weißen Kleid darin.
Das ist also meine Mutter. Ich weiß nicht, ob ich die Nerven dazu habe, sie mir näher anzusehen. Wie angewurzelt verharre ich auf der letzten Stufe.
Vater beginnt behutsam zu sprechen, aber nicht mit mir, sondern mit ihr. Schaurig. Ich bekomme Gänsehaut.
“Da ist er, mein Herz. Unser Sohn River ist hier, um dich zu sehen. Er ist … auch ohne mich, ohne uns, groß geworden.”
So langsam gewinne ich den Eindruck, wir befänden uns in einer Art Sanktum oder einem Schrein. Zumindest kann ich mir sicher sein, dass dieser Mann meine Mutter vergöttert.
Er sieht zu mir hinüber, als ob er mich auffordern will, näher zu treten. Noch immer scheue ich mich, überwinde mich aber, winzige Schritte in ihre Richtung zu machen.
Ich bemerke, dass der Sarg von innen beleuchtet wird. Die Frau darin ist so hübsch wie in den Videos, aber blass wie eine Kalkwand. Ihr rotbraunes Haar ist sorgfältig gekämmt über ihre Schultern gelegt. Ihre Hände hat sie gefaltet auf ihrem Bauch liegen. Am Hals trägt sie eine silberfarbene Kette mit einem sonnenförmigen Anhänger.
Ich schlucke, aber der Kloß in meinem Hals will nicht verschwinden. Ohne dass ich es will, beginne ich schneller zu atmen, bis langsam Tränen in mir aufsteigen.
Da liegt die Frau, die mich geboren hat. Mein Herz fühlt sich plötzlich so leer an. Wie kommt das? Ich kenne sie nicht. Wie kann sie mir gefehlt haben? Ich hatte Eltern. Ich hatte einen Papa und ich hatte Mag, die wie eine Mutter zu mir war. Wieso sollte ich diese Frau und den Mann neben mir vermissen? Das ergibt keinen Sinn.
Als mir die erste Träne die Wange herunterläuft, wende ich mich ab und gehe zurück zur Treppe. Das ist alles irgendwie zu viel für mich. Ich höre Vater leise sprechen, während ich nach unten gehe.
Verdammt, ich habe echt nicht damit gerechnet, dass mich ihr Anblick so berühren würde. Ich wünschte, Papa wäre hier und könnte sie sehen. Ich weiß, wie sehr er an ihr hängt, wie sehr er sie geliebt hat und immer noch liebt. Mann, diese bescheuerten Tränen wollen nicht aufhören.
Mein Magen schmerzt.
Ich hocke mich auf den Boden.
Scheiße! Das ist meine Mutter, meine leibliche Mutter. Ich war es, der sie so zugerichtet hat, der sie in diesen Zustand gebracht und meine Väter unglücklich gemacht hat. Wenn meine Existenz so viel Leid verursacht, warum gibt es mich dann überhaupt?
Vater wartet geduldig ab, bis ich mich von selbst etwas beruhigt habe. Ich sitze inzwischen zusammengekauert im leeren Raum unter dem Sanktum.
Irgendwann setzt er sich zu mir auf den Boden. Seine Stimme ist leise, klingt gebrochen.
“Ich versuche immer noch, eine Heilung für sie zu finden. Erfolglos, wie du siehst.”
Als ich schniefe, reicht er mir ein Stofftaschentuch, das ich ohne zu zögern benutze. Ein lautes Schniefen entweiht die heilige Atmosphäre.
“Was … was genau hat sie denn?”, hauche ich.
“Das möchte ich nicht hier besprechen.”
Er steht auf und geht zum Fahrstuhl. Ich folge ihm.
Wir fahren ein Stockwerk nach unten, das sich als Labor entpuppt. Auch dieser Raum ist abgedunkelt und künstlich beleuchtet, sehr hell diesmal. Die Raummitte ist leer. An den Seiten stehen Schränke und Labortische voll mit Geräten und Apparaten. Mehrere Tafeln sind mit chemischen Formeln beschrieben.
“Zwanzig Jahre Forschung und kaum brauchbare Ergebnisse”, sagt der Mann, der sich eben einen Laborkittel anzieht, oder besser, ihn sich in einem Schwung überwirft. Er geht zu einem der Tische, auf dem er sich abstützt.
“Mit ihrer Erlaubnis habe ich Lyz in eine anämische Starre versetzt, bis ich einen Weg finde, ihr zu helfen.” Er macht eine Pause und atmet schwer. Es scheint ihm nicht leicht zu fallen, darüber zu reden. Dann beugt er sich zu einer Schublade, aus der er ein kleines Fläschchen mit glänzendem Inhalt holt.
“Das hier ist kolloidales Silber. Nachdem die Behandlung bei mir gewirkt hat, habe ich auch meine Liebste gegen Silber immunisiert.”
Ich schüttle leicht den Kopf, weil ich zu wissen glaube, auf was seine Erklärung hinauslaufen wird.
“Ihr Zustand ist deine Schuld, nicht meine”, verteidige ich mich.
“Richtig”, bestätigt er ruhig, während er das Fläschchen auf dem Tisch abstellt. “Es lag auch an der Silberresistenz-Therapie, dass sie keine Kinder bekommen konnte, zumindest nicht von mir.”
“Deshalb bin ich der Sohn deines Beraters und nicht deiner.” Ich klinge vermutlich ziemlich anklagend. Er insistiert.
“Du bist mein Sohn, River. Ich habe dich vielleicht nicht gezeugt, aber durch eine Konvertierung wird viel Erbinformation weitergegeben. Genetisch gesehen bist du sogar mehr mein Sohn als Alexanders.”
Das ist mir schon klar. Papa, als auch Mag haben mir das schon oft gesagt. Bei der Konvertierung richtet sich die Hälfte der Gene neu aus und übernimmt die Konfiguration des Spenders. Die andere Hälfte stammt weiterhin von meiner Mutter Ellys und meinem richtigen Papa Alexander. Trotzdem, oder gerade deshalb, wiederhole ich abschätzig:
“Genetisch gesehen.”
“Wir Vampire sind dumm, River. Ich glaubte, keine Zeit zu haben für ein Kind und noch weniger Nerven. Alles was ich vor Augen hatte, war die Heilung deiner Mutter als Wiedergutmachung, doch habe ich mich damit noch tiefer versündigt.”
Wieder zeigt er sich so reumütig, dass mir mein angestauter Frust im Hals stecken bleibt. Mich wegzugeben wie ein Haustier kann ich ihm aber nicht so einfach verzeihen. Ich schweige.
“Sie hat mir vertraut, River”, sagt er und holt etwas anderes aus der Schublade heraus. Es ist ein gerahmtes Foto. “Ihre letzten Worte, bevor ihr Herz stehenblieb, waren ‘Wir sehen uns.’ All die Jahre … und nichts! Das Einzige, was ich kann, ist zerstören.”
Er reicht mir das Bild. Er und sie sitzen in einem Garten, der mir sehr bekannt vorkommt, auf weiß lackierten Metallstühlen. Hinter ihnen steht Papa, der um jeden einen Arm gelegt hat. Die drei standen sich wohl näher, als mir bewusst war. Wieder weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll. Dieser Mann ist am Ende seiner Kräfte und so langsam vermute ich, dass er mich eingeladen hat, um mir das alles zu beichten.
Ich reiche ihm das Bild zurück. Wahrscheinlich sollte er es sich nochmal genauer anschauen, denn eines macht absolut keinen Sinn.
“Warum hast du Papa- warum hast du Alexander angelogen, deinen Bruder Victor aber eingeweiht?”
“Alexander”, schnaubt er. “Er hat damals hohe Stücke auf mich gehalten. Ich konnte ihm nicht sagen, wessen Schuld es war. Ihn zu enttäuschen, war unvorstellbar für mich. Meine Lüge hat mich vor seinem Hass und zugleich mein Ansehen bewahrt.”
Wie selbstsüchtig. Ich kann mir langsam denken, wieso er mich von sich weggeschoben hat. Ich bin eine Brücke zwischen ihm und Papa. Wenn er ihn loswerden wollte, war ich das probate Mittel dazu.
“Aber bei Victor war das kein Problem?”, frage ich stellvertretend beleidigt. Darauf bekomme ich nur ein “Nein” als Antwort. Allerdings leitet er nun von selbst über.
“Wenn du willst, zeige ich dir, was ich bereits alles ausprobiert habe, um deine Mutter zu heilen.”
Mutter
Vater und ich stehen uns immer noch im Labor im 89. Stock gegenüber. Er gibt mir nach und nach mehr Dateien frei, die mir von meinen Lenses eingeblendet werden. Immer wieder ploppt etwas Neues auf. Schon nach kurzer Zeit verliere ich den Überblick und zugleich das Gleichgewicht. Ich taumle zu einem der Drehstühle und setze mich.
Hunderte von wissenschaftlichen Texten hat mein Vater über die Jahre verfasst. In einigen sehe ich chemische Formeln, andere zeigen Atommodelle, handeln von Quantenmechanik oder Antiteilchen. Ich bin zwar nicht dumm, aber mit meinem Bildungsniveau maßlos überfordert. Die Schule in Shattered Sky geht nicht in die Tiefe der Mathematik oder irgendeines anderen naturwissenschaftlichen Faches.
“Vielleicht ist dir bekannt, dass ich eigentlich Biochemiker bin, der in die Rolle des Anführers gezwungen wurde”, bedauert er sich selbst. “Doch mein Steckenpferd, die Biochemie, bot keinen Ausweg. Auch mit Genetik scheiterte ich, also erwarb ich einen Doktor in Physik, nur, um auch damit zu scheitern.”
Ich komme schon lange nicht mehr mit. Vielleicht liegt das daran, dass er vergessen hat, mir eine Sache zu erklären.
“Woran leidet meine Mutter denn überhaupt?”
“Ah, natürlich!”, scheint er seinen Fehler einzusehen. “Bereits während der Schwangerschaft begannen erste Silberpartikel in ihrem Blut zu verklumpen. Zunächst lief alles glimpflich ab, da ich die meisten herausschneiden oder -spülen konnte. Leider wanderte eines unbemerkt in ihr Gehirn, das auch nach der Geburt noch zu Gedächtnis- und Sprachstörungen führte. Wie du weißt, ist Hirnmasse sehr empfindlich. Ich konnte das Gerinnsel nicht entfernen. Als es immer tiefer in ihren linken Temporallappen wanderte, beschlossen wir gemeinsam, sie in eine Starre zu versetzen.”
Okay, so langsam verstehe ich, was er zu sagen versucht. Der Klumpen kann weder in ihrem Gehirn bleiben, noch kann er herausgeholt werden. Eine Zwickmühle. Zwanzig Jahre sucht er nun schon nach einer Lösung.
“Was ist mit der Forschung an der Universität?”, frage ich zielgerichtet. Vater nickt und entscheidet sich dazu, wieder Richtung Fahrstuhl zu gehen.
“Selbstverständlich lasse ich in vielversprechenden Disziplinen Forschung betreiben, aber so nützt das alles nichts. Was kann eine einzige Universität schon erreichen? River, du wärst enttäuscht, wenn du wüsstest, woran hier geforscht wird und vor allem, in welchem Tempo. Wissenschaft lebt vom Austausch und wir sind viel zu wenige.”
Er zieht den Kittel aus und gibt mir dabei, mit einer Kopfbewegung Richtung Fahrstuhl, den Hinweis, dass wir das Labor verlassen. Ich folge ihm. Während der Fahrt beschwert er sich weiter.
“Vampire sind stolz und faul. Wenn sie haben, was sie wollen, setzen sie sich zur Ruhe. Das bremst Innovation und Fortschritt. … Ich bin auf die Intelligenz der Menschen angewiesen.”
Dass Vampire angeblich faul seien, hörte ich außerhalb des Refugiums öfter. Bei uns ist das nicht so. Als ich nach Gründen suche, brummt er in sich hinein:
“Wie ich diese Welt hasse.”
Hasst er es, von Menschen abhängig zu sein? Oder dass Vampire nicht genug leisten? Ich muss nachfragen.
“Was hasst du daran?”
“Uns, aber sag es nicht weiter.”
Also stimmt es, was Victor gesagt hat. Er hat mit Abneigungen zu kämpfen und zwar gegen Vampire.
“Aber du bist unser König”, muss ich feststellen. Nun lächelt er kurz mit angehobenen Augenbrauen.
“Deshalb sollst du es ja auch nicht weitersagen.”
Wieder bin ich sprachlos. War das eine merkwürdige Art von Humor, oder sein Ernst?
Die Fahrstuhltür öffnet sich und ich blicke auf einen altmodisch eingerichteten, aber gemütlichen Raum in einem Stil vor der Zeitenwende. Gewebte, bunte Teppiche mit Fransen auf dem Boden, verzierte Möbel aus Holz, Glasvitrinen, in denen Kristallgläser stehen und gepolsterte Stühle an einer Tafel, auf der ein Kerzenständer steht. Hoffentlich nutzt er den nicht. Das ist Sauerstoffverschwendung hoch zehn.
Links neben uns nehme ich jemanden wahr, sehe genauer hin und erkenne meine hübsche Tear auf einer rot gepolsterten Holzcouch im lockeren Gespräch mit diesem gruseligen Schrank von einem Vampir, David-Richard Lucard.
Hammer! Meine Freundin weiß mich echt zu beeindrucken.
Sie unterbricht, dreht sich zu uns und lächelt so süß, dass ich schmelzen könnte. Der Blick des Mannes neben ihr ändert sich von irgendwie aufgeschlossen nichtssagend zu gleichgültig nichtssagend. Der Typ regt mich auf, weil ich ihn nicht deuten kann. Wie kann Tear mit dem reden? Unfassbar. David ist es nun, der als erstes etwas sagt.
“Ein positives Ergebnis, wie ich sehe.”
Damit meint er sicher das Gespräch zwischen mir und meinem Vater. Ja, eigenartigerweise ist das Ergebnis sowas ähnliches wie positiv. Mein Groll gegen ihn ist jedenfalls total in den Hintergrund getreten. Antwort erhält David trotzdem keine.
Tear wirkt ziemlich erleichtert. Sie hat ja keine Ahnung, was ich in der kurzen Zeit durchgemacht habe. Die eigene Mutter wie tot daliegen zu sehen, ist heftiger als gedacht. Und dann diese Gänsehaut-Nummer meines Vaters, als er mit ihr gesprochen hat. Brrrr.
Vater und ich setzen uns auf eine zweite Couch, die im rechten Winkel zu den anderen beiden steht. Er mustert Tear interessiert. In mir wächst ein merkwürdiges Gefühl, wenn sie von Männern angeglotzt wird und das liegt vor allem genau daran - sie schauen nicht, sie glotzen - selbst mein Vater wirkt, als würde er ihr mit seinen Blicken schmeicheln wollen.
“Wie erfreulich, dass die Gerüchte um Rivers Begleitung zu stimmen scheinen. Willkommen in der Hauptstadt, junge Dame.”
“Danke, Majestät”, haucht sie und errötet dabei ein wenig. Er lächelt erheitert. “Nenn mich Rova.”
Rova? Das ist der Kosename für Robert-Valentin, den auch Lisa benutzt hat. Er hat Tear diese intime Ansprache ja ganz schön schnell an angeboten. Vermutlich fühlt er sich an Sari erinnert. Warum wird mir deshalb schon wieder etwas mulmig? Wie standen die beiden wohl zueinander?
“Oh, sehr gerne, … Rova”, antwortet sie mit einer süßlichen Stimme. “Dann nenn mich doch bitte Tear.”
Er nickt. Danach übernimmt David.
“Tear hat mir von den Zuständen in Mensonia berichtet. Octavian verwaltet die Stadt noch immer nicht in deinem Sinne, Bruder.”
Irre. Auch er nennt sie Tear und nicht Cecilia. Diesmal stöhnt mein Vater.
“Was hast du von ihm erwartet? Wenn du Viccos Erstgeborenem die Zügel entreißen willst, wirst auch du es sein, der ihm die Amtsenthebung seines Sohnes beibringt. Und mir lieferst du zuvor jemanden, der die Stadt besser führt.”
Oha, das nenne ich Resignation. Man spürt förmlich, wie viel Spaß der König am Regieren hat. Vicco scheint der Kosename von Victor-Constantin zu sein.
“Das könnte beides schwierig werden”, geht David darauf ein. Damit ist das Thema für die beiden vom Tisch. Tear senkt den Kopf betroffen. Wie jetzt?
“Das war’s?”, frage ich und kann mein Entsetzen nicht verbergen. David reagiert nicht, während mein Vater müde blinzelt.
“So läuft eben das Geschäft.”
Warte, hab ich mich verhört?
“A-aber in Mensonia werden Menschen verkauft und missbraucht! Hier in der Stadt habe ich gehört, dass man dafür heftige Strafen erhält.”
“Und das vom stolzen Besitzer einer eigenen Sklavin. Du bist nicht eben sorgsam mit meinem dir zur Verfügung gestellten Budget umgegangen.”
Ey, dafür hatte ich vielleicht mal gute Gründe!?! Ich will mich gegen diese fiese Anschuldigung verteidigen, doch dieser herrische Despot würgt mich einfach ab, indem er mich übertönt.
“Zudem sagte Daric doch bereits, dass Mensonia nicht in meinem Sinne geführt wird. Gegen von der eigenen Familie schlecht geführte Städte, kann ich wenig unternehmen. Davon abgesehen, bleiben Vampire immer Vampire, River. Es spielt kaum eine Rolle, wen ich in die Führung berufe. Sind die destruktiven Strukturen in der Stadt einmal etabliert, bekommt man sie nicht wieder beseitigt. Korruption ist wie ein Geschwür.”
“Ts, das kann ich nicht glauben”, sage ich leise und blicke dabei nach unten auf meine Hände, die am Ring an meinem kleinen Finger herumspielen. Das will ich nicht glauben.
“Aus dir spricht der Enthusiasmus der Jugend”, urteilt mein Vater.
Nun weiß ich nicht, ob ich mich beleidigt fühlen soll. Geringschätzig klang es nicht, wohl aber urteilend, als ob ich etwas für mein Alter könnte. Unabsichtlich schüttle ich den immer noch gesenkten Kopf und sage:
“Kein Wunder, dass der Fortschritt stagniert.”
Tear ermahnt mich mit einem gehauchten “River!”. Sie hat recht. Es ist zu früh, um so hart mit ihnen ins Gericht zu gehen.
“Er hat es noch nicht begriffen …”, murmelt Vater vor sich hin. Danach spricht er seinen Bruder an. “Erklär du es ihm. Vielleicht ist er für dich zugänglicher.”
Das finde ich hingegen schon ganz schön überheblich, aber sei’s drum. Ich will lernen, also höre ich zu.
David beginnt damit, mir unsere Welt zu erklären.
“Junge, wie groß wirkt unser Königreich auf dich?”
Was weiß ich? Victor sagte, es sei winzig, aber da das hier mein erster Ausflug aus dem Refugium ist, wirkt es auf mich nicht so klein. Dennoch ist mir klar, dass wir nur ein paar hundert Kilometer hinter uns gebracht haben. Der Umfang der Erde beträgt dagegen satte 40 tausend Kilometer, unvorstellbar für mich. Ich zucke mit den Schultern. Tear antwortet für mich.
“Für River und mich ist das schwer zu beurteilen, da wir zum ersten Mal reisen.”
Ich sehe zu ihr, bemerke Davids Gesichtsausdruck, während sie spricht, und bin verblüfft. Dieser gruselige Koloss strahlt für einen Moment eine gewisse Wärme aus, die allein für sie bestimmt ist.
Hat mein Vater auch so einen Blick für mich? Ich sehe zu ihm. Er hält sich mit einer Hand die Schläfe, ohne mich anzusehen. Mir kommt es eher so vor, als sei ich eine Belastung für ihn.
David erklärt weiter. “Dein Vater konzipierte schon selbst versorgende Städte, als die Menschen noch keine Zuflucht suchten. Damit hat er das Überleben unseres Volkes sichergestellt. Robert beherrschte das Chaos des Umbruchs, zwang und zähmte wildgewordene Vampire unter die Macht seiner Schwingen. Sein Königreich ist nicht weniger als ein Weltreich, so geografisch klein es euch vielleicht vorkommt.”
Ich habe nie gesagt, dass es mir klein vorkommt und Tear auch nicht. Seine Rede klingt wie eine Lobeshymne auf den König, aber was erwarte ich von seinem Bruder und Berater auch anderes?
“Wieso geht ihr davon aus, dass sonst nirgends Menschen überlebt haben?”, frage ich und bemerke schon währenddessen meinen Denkfehler. David sagte nicht, wir seien die einzigen, er bezeichnete uns als Weltreich. So ein Blödsinn. Diesmal antwortet mein Vater, der dabei aufsteht und zur schrägen Glasfassade neben uns läuft. Mit einer Hand fährt er sanft über den lilafarbenen Stoff eines der Vorgänge.
“Ich bin sicher, dass in gut konstruierten Bunkern, die auf der Erde verstreut sind, ein paar Menschengruppen überlebt haben. Aber es wird wohl kein zweites Reich geben, das sich mit unserem messen könnte. Wir stellen die einzig verbleibende Hochzivilisation.”
Ich stehe ebenfalls auf und laufe ihm hinterher.
“Und wie geht es weiter, wenn die Menschen ohne Atemmasken, oder sogar ohne Filter wieder nach draußen können? Sind wir darauf vorbereitet?”
Ich blicke aus der Glasfassade auf die anderen vier Pyramiden, was wieder mal ein unangenehmes Schwindelgefühl bei mir auslöst. Ich drehe mich zur Sitzgruppe um, spüre dabei aber, wie mich mein Vater beobachtet. Anstatt mir zu antworten, stellt er eine Gegenfrage.
“Wie groß ist dein Interesse an Politik, River?”
Das bringt mich aus dem Konzept, dabei war ich endlich auf dem Kurs, den mir Victor, der einzige nicht anwesende Lucard Bruder, vorgegeben hat. Leider ist mir bei der Frage nicht klar, ob sie auf mein Vorwissen oder meinen Wissensdrang bezogen ist. Ich stammle ein geratenes: “Äh, g-groß.”
“Ja, hervorragend”, sagt Vater mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen. “Dann schlage ich vor, wir lernen uns noch etwas besser kennen und dann bringe ich dir alles bei, was ich weiß. Es gibt keinen besseren Weg, dir die Naivität auszutreiben.”
“Wie jetzt?”, kommt verunsichert aus meinem Mund. Ich fühle mich überrumpelt.
“Ich freue mich auf deine vordenkerischen Ideen, die du später, mit meinem Segen, gern federführend umsetzen darfst.”
Was zum …! Wieso klingt diese Ehre aus seinem Mund wie eine Drohung?
Da es mir ein ums andere Mal die Sprache verschlägt, springt erneut Tear ein, die ähnlich verwirrt ist wie ich.
“Ist das eine Einladung, länger hier bleiben zu dürfen?”
“Selbstverständlich ist es das”, bestätigt mein Vater. “Es wäre mir das Liebste, wenn River zumindest eine Weile bei mir bliebe. Das gleiche gilt für dich, Tear, und das nicht, weil du die unübersehbare Reinkarnation von Sarina Lucard bist, sondern weil du die Frau bist, die mein Sohn für sich auserwählt hat.”
Holla, klingt das final! So sehr ich Tear vergöttere, sind sie und ich erst ganz frisch zusammengekommen und … hoppla. Er hat mich Sohn genannt, ohne dass sich mir die Eingeweide im Körper verdreht haben. Was ist denn da kaputt?
Dass meine Nervosität einfach nicht verschwinden will, zeigt sich daran, dass ich immer wieder an meinem kleinen Finger herumspiele, an dem sich Tears Silberring befindet. Vater wird darauf aufmerksam.
“Ist das der Ring, den du angemeldet hast? Du trägst ihn, trotz des Schmerzes, den er verursacht?”
Sofort nehme ich ertappt die Hände auseinander. “Äh, ja, aber er schmerzt nicht.”
“Nicht?”, fragt David knapp, während sein Bruder interessiert nachhakt.
“Deutest du an, dass du silberresistent bist? Seit wann? Wie hast du das angestellt?”
“Seit, also, schon immer, denke ich. Dafür hab ich nichts gemacht.”
“Von Geburt an? Das bedeutet …, langsam verstehe ich, warum du überlebt hast. Das würde heißen, du bist der erste und einzige von Geburt an silberresistente Vampir, den es je gab. Reagierst du auf die Sonne?”
Was ist das für eine blöde Frage?
“Äh, keine Ahnung. Es scheint ja keine”, antworte ich perplex. Vater geht wieder zu den anderen beiden und lässt sich geistesabwesend wirkend nieder. Er blickt mit wandernden Augen zu Boden, als würde er konzentriert nachdenken. Kurz darauf hebt er schlagartig den Kopf und fixiert mich.
“Wer weiß noch davon?!”
Jetzt fühle ich mich angegriffen und gehe in die Verteidigung. “Hab es nicht rumposaunt. Papa und Mag, Shine, Tear … das war’s.”
“Shine. Das ist der Kosename von Octavians flügger Tochter, wenn ich mich nicht irre. Sie hat euch zu Beginn begleitet. Warum ist sie nicht mehr bei euch?”
Woher weiß er, dass sie - egal. Ich habe mir ohnehin gedacht, dass er uns überwacht. Bevor ich antworten kann, übernimmt David.
“Das Verhör ihres Bruders Luis wirft kein gutes Licht auf eure frühere Begleiterin.”
Sorry, aber ich komme nicht mehr mit. Was denn für ein Verhör? Tear bemerkt meine Verwirrung und erklärt es mir gnädigerweise.
“Luis war redselig. Er hat vorhin behauptet, von Shine erfahren zu haben, dass wir in die Hauptstadt wollten. Er sagte, dass er uns nur deshalb zuvorkommen konnte.”
Hä?
“Bitte, was? Tear, erinnerst du dich nicht mehr daran? Er war im Raum, als ich Octavian davon erzählt habe, dass du mich zu meinem Vater in die Hauptstadt begleitest. Er weiß es nicht von Shine, sondern von mir selbst!”
Die beiden Alten halten sich heraus. Tear senkt den Kopf, vermutlich, weil ich Shine in Schutz nehme. Und das muss ich auch, denn Tear scheint ihrer ehemaligen Freundin nach ihrer Entgleisung neuerdings alles zuzutrauen. Nenene, ich kenne Shine schon länger als sie. Nie im Leben hat sie etwas damit zu tun. Unablässig schüttle ich den Kopf, aber Tear bleibt skeptisch.
“Das macht sie nicht zur Verräterin. Luis ist ihr großer Bruder.”
“Den sie genauso zum Kotzen findet wie ich. Nope, trotz Rufmord-Kampagne und dem Mist, den sie bei dir abgezogen hat, vertraue ich ihr.”
“Gut”, geht mein Vater dazwischen. “Hätten wir das geklärt. Ich behalte sie im Auge.”
“Wieso? Ich hab doch gesagt -!”, empöre ich mich und werde sofort von ihm unterbrochen.
“Wer sich Fehltritte leistet, wird überwacht. Sie ist kein unbeschriebenes Blatt mehr.”
Ey, hört der Alte mir überhaupt zu? Um meinen wiederholten Protest zu unterbinden, verfügt er, an seinen Bruder gerichtet:
“Verweise Octavians Jungen der Stadt. Er erhält bis auf weiteres Zutrittsverbot. Sein Crisp wird durch einen mit Basisversion ersetzt, ohne Zugriff auf Unterhaltungsmedien für die kommenden zehn Jahre. Für andere Versionen erhält er eine DNA-Sperre.”
Ich grinse kurz in mich hinein. Das wird den Affen hart treffen. Da Vater nicht nur mich, sondern auch meine Freundin darauf anspricht, hat Tear wohl ebenfalls Schadenfreude gezeigt.
“Amüsiert euch das?”
“Ich habe noch nie erlebt, wie er für irgendwas bestraft wurde”, bestätigt sie und nickt dabei einmal bedächtig. Dann wendet er sich nur an mich.
“Und dich?”
Sein bohrender Blick! Ist das ein Test?
“Ja, klar. Ich hab echt Aggressionen gegen die Wurstpelle.”
Oh-oh, war das zu ehrlich? Er hakt nach.
“Höre ich da heraus, dass du ihn körperlich züchtigen würdest?”
What? Auspeitschen, oder was? Ach, Quatsch! Ich schüttle den Kopf mit einem überforderten Grinsen. “Vielleicht ein einziges Mal in seine dumme Fresse …, ne, sorry, bin schon still.”
Ein urteilendes “Hm”, ist seine einzige Reaktion, bevor er sich von mir abwendet. Wie ‘hm’? Was soll das bedeuten? Ist er enttäuscht? Weil? Bin ich ihm zu hart oder zu weich?
“Magret hat Spuren hinterlassen”, klärt David auf. Das wird vermutlich bedeuten, dass sich mein Vater mehr Gewaltbereitschaft bei mir gewünscht hätte. Nein, danke, also echt.
Hass
Mein Onkel David steht von der roten Holzcouch auf, nickt zuerst seinem kleinen Bruder zu, dann mir und dann, langsamer, Tear. Ihn zu deuten, ist wie das Verhalten einer ungezähmten Bestie zu studieren. Normales Nicken bedeutet vermutlich Anerkennung, langsames Nicken steht für Zuneigung und gar kein Nicken könnte dann so viel heißen wie “Du bist überflüssig, du Knilch”.
Danach geht er zum Fahrstuhl und verlässt die gemütlich eingerichtete königliche Wohnetage. Ich setze mich neben meine Süße. Der irgendwie immer angeschlagen wirkende Blick meines Vaters wandert dadurch über uns hinweg.
“Wieso habt ihr keine Unterkunft in der Stadt gebucht?”, fragt er daraufhin. Wetten, er weiß nicht nur davon, sondern auch exakt, in wessen Wohnung wir übernachtet haben?
Tear antwortet schneller als ich.
“Wir haben uns bei hilfsbereiten Leuten vor Luis versteckt.”
"Zwischen hilfsbereit und fahrlässig verläuft ein schmaler Grad, aber es geht mir um etwas anderes. Ihr wart nah dran am Hotel. Hättet ihr den Störenfried an der Rezeption gemeldet, wäre er schon gestern aus dem Verkehr gezogen worden.”
Tatsächlich? So effektiv sind die Sicherheitsmaßnahmen in der Hauptstadt? Die öffentliche Ordnung scheint einen hohen Stellenwert zu genießen, was an Davids Verbissenheit liegen könnte. Vor diesem Koloss habe garantiert nicht nur ich Angst. So gesehen, sollten wir dem hiesigen Sicherheitsdienst vielleicht mehr Vertrauen schenken. Tear, die Luis' Verhör miterlebt hat, erkennt allerdings einen Vorteil darin, ihn nicht sofort gemeldet zu haben.
“Vielleicht hättet ihr dann nie erfahren, wie Luis hier einen Dolch beschaffen konnte.”
“Jap, da gab es ein Sicherheits-Lag”, bestärke ich sie. Mein Vater schenkt uns dafür aber keine Anerkennung, sondern einen strengen Blick.
“Euch für derlei Lappalien zur Zielscheibe zu machen, ist unverhältnismäßig.”
“Oh! Hm, da ist was dran”, knickt sie ein, während ich einmal bestätigend nicke. Jop, total unverhältnismäßig. Hey, Moment! Wieso, bitteschön, bin ich jetzt auf einmal seiner Meinung?
Wir haben auf Basis unserer Informationen so gut gehandelt, wie wir konnten. Außerdem sind wir nur dadurch in den Kontakt mit hier lebenden Menschen gekommen. War doch eigentlich ziemlich gut für uns. Vielleicht liegt das aber nu- …
“River, erzählst du mir etwas über dich?”, unterbricht Vater meine Gedanken und kappt sie dadurch.
“Äh, was zum Beispiel?”
Er seufzt wehleidig. “Ich habe alles versäumt. Wie du aufgewachsen bist, was du gern tust, was du gut kannst.”
Ich puste Luft aus.
Seine Frage ist nicht nur schwer zu beantworten, sie trifft mich auch voll ins Mark. Der Schmerz, verlassen worden zu sein, steigt langsam wieder in mir hoch. Nur, weil er mir ein paar Dinge erzählt hat, sind sie noch lange nicht vergessen. Im Gegenteil.
Alles, was mir über mein Leben einfällt, hat mit meinem Verlust zu tun. Außerdem finde ich, dass er sich noch keine Antwort auf diese Fragen verdient hat. Eigentlich weiß ich auch gar nicht, ob ich sie ihm jetzt schon beantworten könnte, immerhin zieht sich gerade alles in mir zusammen.
Tear ist feinfühlig genug, sich aus dieser Sache herauszuhalten. Sie greift sich meine Hand, die sie danach einfach nur mit einem leichten Druck hält. Sie ist so ein Schatz und er? Er hat mich weggeworfen, weil ich ihm zu anstrengend war und jetzt hat er Gewissensbisse. Jetzt! Nach verfickten zwanzig Jahren!
Shit. Ich weiß nicht mehr, wo ich hinsehen soll und schließe die Augen.
Tear drückt meine Hand noch etwas fester zusammen. Sie spürt wahrscheinlich, wie meine Stimmung kippt.
Ich schnaufe.
“Du hast mich vorhin meisterhaft ausgebremst”, sage ich abschätzig zu meinem Vater und meine damit, dass er mir gar keine Möglichkeit gelassen hat, in meinen Hass hineinzufinden. Dann öffne ich die Augen wieder, sehe aber nur nach unten auf unsere beiden Hände. Mein Vater bleibt stumm. Tja, jetzt lässt er mir die Möglichkeit.
Es folgen einige Sekunden tonnenschwerer Stille, die ich zähneknirschend zermalme.
“Du hast das Schlimmste getan, was man seinem Kind antun kann!”
Nichts. Er sagt wieder einfach mal gar nichts dazu. Ey, fick dich doch!
“Du hast mich weggeworfen und belogen. Was kann ich bitte dafür, dass ich nicht von dir gezeugt worden bin? Warum musste ich darunter leiden, hm? Ist das etwa mein Fehler?”
Er reagiert mit einem gefassten: “Ganz sicher nicht.”
Was ich dagegen ganz sicher nicht tue, ist, ihn anzusehen. Das würde mich aus dem Konzept bringen, mich aus meiner Wut reißen. Es reicht mir schon aus, dass ich seine nervtötende Jammeraura überwinden muss.
“Weißt du was? Ich hab dich nicht vermisst. Keine Sekunde. Mein Papa war der beste Papa, den man sich vorstellen kann. Er war immer für mich da. Ich frag mich, was ich mit dir jetzt überhaupt noch soll! Du bist sowas von überflüssig!”
Uff, das war hart, trifft aber genau das, was ich empfinde. Ich zittere inzwischen vor Wut und atme schwer, schnaufe sogar. Außerdem muss ich feststellen, dass ich mich von Tears Hand losgerissen habe. Wenn ich etwas gerade nicht brauche, dann ist das Trost.
“Pff, du hast alles versäumt?”, steigere ich mich weiter hinein. “Versäumt!? Als hättest du einen Termin verpasst!? Ich könnte kotzen! Zu geil ist auch, dass du sagst, ich sei ein Mittel zum Zweck gewesen, damit du deine Fehler vor Papa vertuschen konntest.”
Ich lache gespielt auf, stur mit dem Blick nach unten auf das dekadente Echtholzparkett.
“Hast du mich überhaupt als Individuum wahrgenommen? Bist du irgendwann mal auf die Idee gekommen, wie ich mich gefühlt habe, als mir Papa und Mag erzählt haben, dass ich noch ein drittes Elternteil habe, das mich aber nicht haben will?”
Ich knirsche mit den Zähnen und kralle mich mit den Fingernägeln in den roten Samt der Sitzfläche. Als mein Vater schnauft, schieße ich weiter.
“Solltest du es, wider erwarten, irgendwann auf die Reihe kriegen, Mutter aufzuwecken, meinst du, sie wäre stolz auf dich?!”
Ich verstelle meine Stimme in einen hohen Ton. “Das hast du aber fein gemacht, unseren Sohn beiseite zu legen, um dich voll und ganz meiner Heilung zu widmen. Wen kümmert es schon, ob er gesund aufwächst?”
Vater räuspert sich streng. “Unterlasse es, deine Mutter auf diese Weise zu imitieren.”
“Tss”, stoße ich Luft aus. Lache dann verzweifelt, was sich nach wenigen Atemzügen in Heulen verwandelt. Verdammt nochmal! Dicke Tränen bilden sich, die wegen meiner gebeugten Haltung direkt zu Boden fallen. Ich spüre, wie mich Tears Hand sanft am Rücken berührt, wodurch sich mein Inneres noch fester zusammenzieht, als beherberge es ein Vakuum, das mich in sich aufsaugt.
“Niemand …”, wimmere ich. “... hat mir je … so weh getan wie du.”
Auf eine kleine Pause folgt ein schnaufend gehauchtes “Ich weiß”. Vaters Stimme klingt gebrochen.
Auch wenn ich mich davor fürchte, kann ich nicht anders, als den Kopf anzuheben. Er hat seine sichtbar zitternden Hände auf den Oberschenkeln abgelegt. Seine Mundwinkel sind noch weiter nach unten gezogen als sonst, während mich seine glasigen Augen fixiert halten. Er sieht so leidend aus, dass ich meinen Blick schnell wieder abwenden muss.
Scheiße, ich hab keine Ahnung, was ich tun soll. Ich kann nur hier sitzen und meine Kindheit beweinen, dabei war ich ohne diesen Mann total glücklich. Er hat mir nicht gefehlt.
Was ich beweine, ist der Verlust. Alles, was ich nicht erleben durfte, weil er es mir verwehrt hat. Ich hätte genauso gut neben ihm, als anerkannter Sohn des Königs, als waschechter Prinz aufwachsen können. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie viel mehr ich dann über die Welt wüsste. Vater und Victor sind zweifellos Intellektuelle, denen ich nun niemals das Wasser reichen können werde, weil mir das Grundwissen fehlt.
Was macht man zum Beispiel bitte den ganzen Tag in einer Universität? Texte lesen? Ich habe keine Ahnung! Wieso hab ich die nicht!? Mann, was bin ich schon? Ein Mechaniker, wie es ihn hier wahrscheinlich an jeder Ecke gibt. Mein Vater hat mich meiner Möglichkeiten beraubt.
“Sprich deinen Frust laut aus”, fordert mich Vater auf. “Ich höre mir alles an, was sich in dir aufgestaut hat.”
Als ob das so leicht wäre …
“Egoist! Denkst, du könntest es wieder flicken, indem du jetzt den Einsichtigen mimst.”
Ich stehe wutentbrannt von der Couch auf und fluche: “Scheiße, das hier bringt doch alles nichts!”
Dann schnappe ich mir Tears Hand und ziehe sie hinter mir her zum Fahrstuhl. Die Gegenwart dieses Mannes kann ich keine Minute länger ertragen. Als sich die Tür vor uns öffnet, sagt er, ohne sich vom Fleck zu bewegen:
“In Etage 72 stehen zwei Zimmer für euch bereit.”
Tear bedankt sich, was ich nicht kann. Wortlos quetsche ich mich in den gerade erst vor uns größer werdenden Spalt in den Fahrstuhl hinein und hämmere auf dem E herum. Wieder ist es Tear, die ergänzend auf eine andere Taste mit zwei Dreiecken drückt.
Nervlich vollkommen am Ende, lehne mich mit dem Rücken an eine der Fahrstuhlwände, sehe nach oben und versuche einfach nur zu atmen. Tear stellt sich mir gegenüber und streicht mir sanft über die Wange. Sie ist so ein Schatz.
“Du hast es geschafft”, flüstert sie, als sei sie stolz auf mich.
Hm, vielleicht kann sie das auch sein. Ich habe das getan, was ich mir vorgenommen hatte. Ich habe meinem despotischen Vater die Meinung gegeigt und ihn dann wie einen Trottel stehen gelassen. Naja, sitzen, in meinem Fall.
Ich benutze Vaters Stofftaschentuch, das ich in meiner Jackentasche hatte, ein zweites Mal und wische mir mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen. Jetzt, wo ich aus seiner gravitativ wirkenden Aura raus bin, fühle ich mich befreit. Der Tag ist noch jung und er soll nur uns gehören, der Frau, die ich liebe und die mich liebt und mir.
“Wenn wir zwei irgendwann Kinder haben, dann überschütte ich sie mit Fürsorge”, posaune ich aus. Ich sehe zu Tear, die lächelnd die Lippen kräuselt. Ups! Da hat sie vielleicht auch noch ein Wörtchen mitzureden.
“Nimm dir einfach ein Beispiel an Alexander”, sagt sie über meinen Papa. “Der hat alles richtig gemacht.”
Das ist wahr. Er sagte oft zu mir, dass er sich schon ewig Nachwuchs gewünscht hat. Entsprechend stolz war und ist er, glaube ich, auch auf mich.
Okay, gut jetzt mit dem Thema Eltern. Ich will irgendwas von der Stadt sehen, das mich ablenkt. Der Fahrstuhl ist fast unten. Am liebsten würde ich mir einmal die Energie- und Wasserversorgung ansehen, aber frage mich, ob Fremde überhaupt Infos über die Versorgungstechnik erhalten dürfen. Im Refugium sind das sensible Bereiche.
“Kommst du mit zur grünen Pyramide?”, frage ich Tear, die erfreut zustimmt. Unser nächstes Ziel ist also gesetzt.
Wir fahren mit einem der stillosen Viersitzer-Taxis durch die Zentralpyramide bis durch die Schleuse der grünen Pyramide. Wir dürfen scheinbar echt überall rein.
Schon als wir einfahren, staune ich über eine endlos lange Allee kleiner Bäume, an denen mehr Früchte wachsen als Blätter. Das ist doch nie und nimmer natürlich! Tausende von Bäumchen stehen in Reih und Glied. Der Ertrag muss riesig sein. An manchen Bäumen hängen Äpfel, dabei dachte ich, dass Apfelbäume ausgestorben seien. Irre! Woher kommt wohl das ganze Wasser für diese Pflanzenmassen?
Wir erspähen einen Arbeiter, der vor einem der Bäumchen steht. Ich begrüße ihn und frage, was er tut. Er zeigt uns kleine braune Pünktchen an den Blättern, die ein Hinweis auf einen Pilz seien, der den Baum befällt. Seine Aufgabe ist das Finden eines Gegenmittels.
“Nicht auszudenken, wenn die Ernte beeinträchtigt wird”, sagt er, was ich nur zu gut kenne. Wir haben mit den Feldern vor den Bunkern auch schon einiges durch.
Der Mann ist also gar kein Arbeiter, sondern ein Forscher … und auch noch ausgerechnet so eine Art Chemiker, … wie mein Vater. Verdammt! Geh doch jetzt mal aus meinem Kopf!
Ich erkläre, dass wir nicht von hier sind und nutze die Gelegenheit, nach der Wasserversorgung zu fragen.
“Aus welcher Richtung sind Sie denn angereist?”, will er wissen. Weil ich nichts von Victor und der Ruinenstadt sagen will, nenne ich Mensonia.
“Auf dieser Strecke sollten Sie eigentlich das Werk zur Umkehrosmose vor der Stadt gesehen haben.”
“Wir sind nicht den direkten Weg gekommen”, stellt Tear klar. Dann fängt er an zu erzählen.
Obwohl die Hauptstadt etwa 180 Kilometer Luftlinie vom Meer entfernt liegt, wird auch in der Hauptstadt Salzwasser aufbereitet, so wie in Mensonia, das 100 Kilometer vom Meer entfernt liegt. Allerdings haben wir uns die ganze Zeit längs zur Küstenlinie bewegt und deshalb die Pipelines nicht gesehen. Der Forscher nennt auch noch weitere Wasserquellen.
“Aus der Pyramide selbst verdunstet kaum etwas. Kondenswasser, Abwasser, Grundwasser - jede potentielle Quelle wird ausgenutzt.”
Das klingt ziemlich effektiv. Vermutlich wird es in Mensonia ähnlich gehandhabt. Da der Mann einen informierten Eindruck macht, schiebe ich eine Frage zur Energieversorgung nach. Es überrascht mich nicht, dass er Solarkraft nennt, allerdings schon, dass die Kollektoren die Glasflächen der Pyramide selbst sind. Darin seien photoelektrisch reagierende Fasern eingelassen, was ihre Transparenz kaum beeinträchtigen würde. Das ist echt nice.
Gespeichert wird in Hochleistungs-Batterieanalagen. Sowas haben wir daheim nur in geringen Kapazitäten. Eigentlich haben wir in Shattered Sky alles nur in geringen Kapazitäten … und geringen Qualitäten.
Zum Beispiel ist die Hose, die ich mir für einen Haufen Schmott gekauft habe, die weichste und bequemste, die ich jemals getragen habe. Ich denke an mehr Handel, aber fragte mich auch ernsthaft, was wir schon anzubieten hätten. Nix irgendwie …
Wir bedanken uns bei dem Forscher und machen die Biege. Führungs- und ziellos in Orte einzudringen, an denen andere Arbeiten, fühlt sich eigenartig an. Meine leise Hoffnung, in der grünen Pyramide auf Priscilla zu treffen, ist anhand der schieren Größe des Gebäudes nahezu aussichtslos.
Über Essensgutscheine verfügen wir auch noch nicht und ich will keinen einzigen Credit meines Vaters mehr ausgeben. Tja, aber was machen wir dann überhaupt noch hier? Ich fühle mich in dieser fremden Stadt verloren. Mir wird schmerzlich bewusst, dass uns Shine als Fremdenführerin fehlt. Sie hätte bestimmt mega gute Ideen gehabt.
Tear schlägt vor, in die Spitze der Zentralpyramide zu fahren, wo sich das Nobelhotel befinden soll. Find ich auch nicht übel. Man kann es sich ja zumindest mal ansehen.
Wir fahren zurück in die Zenpy, suchen dort einen Fahrstuhl und werden direkt wieder von einem dieser witzigen Plakate angeguckt.
“Empfanget das Centennium des Aquarius”
“Was ist überhaupt ein Centennium?”, wundere ich mich während der Fahrt.
"Lenses, was ist ein Centennium?”, sagt Tear und liest danach vor. “Als Centennium, auch Hektode genannt, bezeichnet man eine Zeitspanne von einhundert Jahren.”
Jetzt kapiere ich es. Das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung steht unmittelbar vor der Tür. Hätte man eigentlich drauf kommen können.
Diese Leute laden wohl schlicht und ergreifend, auf zugegeben merkwürdig klingende Weise, zu einer Silvesterparty ein. Deshalb steht da auch nie ein Datum. Und es ist nicht mehr lange hin. Heute haben wir den 15. Juni und den Jahreswechsel feiern wir immer am 01. Juli. An diesem Tag hält auch mein Vater seine Neujahrsansprache. Die vorherige Zeitrechnung endete am 31. Juni 2039, das ist Grundschulwissen.
Wie auch immer. Wir kommen ganz oben an, was, wegen der 10 Meter Deckenhöhe in der Zenpy, Etage 35 bedeutet. Raus lässt uns der Fahrstuhl inmitten eines weiten, begrünten Platzes. Er ist von Balkonen geradezu umzingelt, die sich an drei der vier Ränder auf drei Stockwerke verteilen.
Die Bäume sehen hier anders aus als irgendwo sonst und ich weiß, dass es sich um Palmen handeln muss. Überall stehen Sitzgelegenheiten wie Bänke oder Liegen. Neben uns befindet sich ein kleiner Pool, in dem eine Frau in hohem Tempo hin und her schwimmt, als ginge es um ihr Leben. Das finde ich irgendwie witzig. Soll sie mal machen. Viel schräger finde ich den Gedanken, dass den Gästen hier überhaupt angeboten wird, sich durch Wasser hindurch zu wühlen. Merkwürdiges Verhalten, aber das hier ist eben die Hauptstadt.
Frontal kann ich die Rezeption hinter einem sandsteinfarbenen Bogen im Hauptgebäude erahnen. Sie ist mit einer Person besetzt. Tear und ich treten aus einem der vier Fahrstühle, die nicht weiter nach oben verlaufen. Sie sind mit Holzstäben verkleidet, um besser in die idyllische Umgebung zu passen.
“Meine Credits sind noch da. Oder wieder”, sagt Tear, die damit wahrscheinlich anbieten will, die Hotelrechnung zu übernehmen. Ich habe keine Ahnung, wie viel sie hat, aber eine Übernachtung in diesem Urlaubsressort wird ihr Budget auf Garantie übersteigen.
“Ich war nur neugierig”, stelle ich klar. “Hab kein Interesse daran, dass du dein Erspartes an sowas verpulverst. Das Hotel im fünf … ten … Stock … ”
Ich kann nicht mehr weitersprechen, weil uns eine Vampirfrau entgegenkommt, mit hohen Schuhen, einem engen knielangen Rock, einer weißen Bluse und einem Amulett um den Hals, das diese zwei Wellenlinien zeigt. Während sie näher kommt, starre ich bloß, aber als sie an uns vorbei zu den Fahrstühlen will, quatsche ich sie unverblümt an.
“Gehören Sie zu den Advokaten?”
Die Frau bleibt abrupt stehen und mustert mich, ohne dabei abschätzig zu wirken. Sie macht eher einen überraschten Eindruck.
“Oh, ja, natürlich”, antwortet sie zuerst spontan, geht dann aber einen kleinen Schritt zurück, als ob sie an einem Gespräch mit uns interessiert wäre. Super, das bin ich nämlich auch.
“Warum fragen Sie? Haben Sie etwas auf dem Herzen?”
Ich erkläre ihr, dass wir auf Besuch und aufgrund der Plakate neugierig geworden sind. Sie lächelt mich bis über beide Ohren an, was nun vollständig den Eindruck bricht, sie sei so streng wie ihre zu einem festen Dutt geschnürten, brünetten Haare. Durchgehend mit diesem Gesichtsausdruck beschreibt sie uns, was es mit den Advokaten auf sich hat.
“Wir sind die Advokaten des Erhabenen, unseres Erlösers, der uns aus der Knechtschaft befreit und uns ins Paradies geführt hat. Im Jahre 100 unseres Salvators, des Aquarius, wird unsere Gemeinschaft 222 Jahre alt. Uns steht das größte Jubeljubiläum bevor, das wir je erleben durften. Ich bin so aufgeregt.”
Tatsächlich wirkt sie hibbelig.
“Und dieser, ähm, Salvator Aquarius ist nicht zufällig mein Va- unser König?”, frage ich gereizt, obwohl ich die Antwort schon kenne. Oh Mann, weil ich den Gedanken so dumm finde, diesen jammernden Gewaltherrscher anzubeten, hätte ich mich fast verplappert. Ich muss mich zusammenreißen.
“Ganz richtig”, lacht die Frau, die sich nun als Sarah vorstellt. Da ich ein bisschen mehr wissen will, rufe ich ihre Daten auf. Der Name Sarah stimmt. Ihr Nachname ist Riland. Sie ist bemerkenswerte 245 Jahre alt, was ich nicht erwartet habe. Sonst ist alles unauffällig. Dass sie nur den Vornamen genannt hat, spielt mir in die gezinkten Karten.
“Ich bin River, das hier ist Tear”, sage ich. Meine knuffige Freundin nickt einmal süß.
Ich bohre daraufhin weiter nach: “Und den König kennt ihr Aquarianer, äh, Advokaten auch alle persönlich?”
Ich bin mir sicher, dass sie gleich anfangen wird, sich herauszuwinden. Wer ihn kennt, kann ihn unmöglich noch anbeten, das ist klar. Und wie erwartet antwortet sie mit:
“Ja, sicher! Einige von uns arbeiten sehr nah mit ihm zusammen. Unsere Sacerdos Aquarius Major hat vor der Zeitenwende für viele Jahre die Leitung der Geschäfte an seiner Seite übernommen.”
Wie jetzt!? Halt, stopp! Das ist nicht wie erwartet. Wie kann das denn sein?
“Sacerdos Aqua…?”, wiederholt Tear, was Sarah sofort erklärt.
“Sacerdos Aquarius Major ist unsere oberste Priesterin. Ich bin eine von sieben Sacerdos Aquarius Minor.”
Uiui, Sarah ist gar nicht einfach nur eine Mitläuferin. Vielleicht trägt sie ihr Amulett deshalb so offen.
“Ich helfe euch gern beim Sehen. Ich bin gerade auf dem Weg zu einer ersten Generalprobe. Wenn ihr mögt, dürft ihr mich gern begleiten.”
Sarah hat wohl die Skepsis in meinen Augen bemerkt und will uns von seiner Herrlichkeit überzeugen.
“Nur zu gern”, sage ich und grinse dabei dreckig. Soll sie versuchen, mir ihren Erlöser schmackhaft zu machen. Ich bin sicher, Tear und mich erwartet ein amüsanter Tag.
Aquarius
Wir folgen Sarah in den Fahrstuhl, in dem sie sich so positioniert, dass sie das Plakat neben sich nicht verdeckt. Ja, haben wir kapiert. Ich kläre sie am besten auf, dass wir zum Jahreswechsel bereits abgereist sein wollen.
“Wohnen Sie im Hotel?”, wundert sich Tear, weil uns Sarah von dort entgegenkam. Diese schüttelt den Kopf.
“Ich habe einen prominenten Gast aus Lamiapolis begrüßt. Er wird bei der Jahreszeremonie in zwei Wochen ein paar Worte sagen.”
So prominent, das ich ihn auch kenne? Hm, vermutlich nicht. Wir fahren nur wenige Stockwerke nach unten in eine große Halle. Direkt vor uns erhebt sich ein sandsteinfarbenens Gebäude mit Säulen. Der Eingang liegt ein paar Treppenstufen höher. Die andere Hälfte der Pyramide beherbergt kein einziges Gebäude, ja nicht einmal Bäume, sondern nur ein paar Bänke, die auf dem großen Platz stehen. Hier kann man sicher allerhand veranstalten.
“Da kommen verschiedene Stände hin”, klärt die Priesterin auf und begrüßt danach zwei Vampire, die Kisten aus dem Fahrstuhl neben uns heraus tragen.
Danach folgen wir ihr in das Gebäude hinein, das auf mich wie ein Theater wirkt. Kultur spielt in der Hauptstadt offensichtlich eine respektierte Rolle, sonst würde ihr nicht eine komplette 3-stöckige Etage eingeräumt. Schon ganz cool, eigentlich.
Am Einlass dreht sich Sarah zu uns um und fordert beiläufig: “Es ist doch bestimmt in Ordnung für euch, wenn wir euren Besuch registrieren.”
Ich stutze, weil mir nicht klar ist, was das genau bedeuten soll. Kommen wir jetzt auf eine Anwärterliste für Neumitglieder oder so was? Pff, die können ewig an mir rumgraben. Ich trete hier garantiert nirgends bei.
Sarah nickt uns zu und bittet uns hinein. Scheinbar ist alles schon erledigt, obwohl ich noch überlegt habe, ob ich doch besser widersprechen sollte. Naja, das ist jetzt zu spät.
Wir betreten einen Saal, in dem sich so viele Sitzreihen befinden, dass von ganz hinten die vielen auf der Bühne herumwuselnden Leute schon kaum noch erkennbar sind. Ich vermute, dass man dieses Problem mit den Lenses kompensieren und irgendwie ranzoomen kann.
Wir laufen die endlosen Reihen entlang, während uns jede Person im Raum ein herzliches “Hallo” zuruft. Ganz wie Zuhause im Refugium.
“Sarah, wie lief es?”, kommt eine dunkelblonde Vampirin in einem schwarzen Kleid auf uns zu und mustert Tear und mich. “Wer begleitet dich? Hallo, ich bin Ester.”
Sarah übernimmt für uns. “Interessierte Hauptstadtbesucher. Das hier ist … Tear und das River.”
“Sehr erfreut. Nehmt doch gern in der ersten Reihe Platz. Ich muss euch Sarah leider entführen, aber bleibt, solange ihr wollt.”
“Ähm, okay”, bestätige ich, gehe mit Tear durch die Reihen und setze mich mit ihr, wie angeboten, ganz vorne hin.
Kurz darauf geht schon das Licht aus. Krass, als hätten sie nur auf uns gewartet. Der Saal wird daraufhin an allen Seiten und auch auf der Bühne ganz leicht blau beleuchtet. Eine klare Frauenstimme beginnt langgezogen und echt hübsch zu singen.
“Kyrie eleison”
Dann wird es wieder heller. Ein männlicher Schatten erscheint auf der Bühne, der von hinten Goldgelb angestrahlt wird und ein Kind in die Höhe hält. Daneben erscheinen drei weitere Schatten, zwei männlich, einer weiblich, die ihre Hände in Richtung des Kindes emporheben. Der Knirps fängt wiederum an, unnatürlich zu leuchten, zu flimmern, zu glitzern oder zu strahlen … keine Ahnung, der Effekt ist irgendwie too much. Wieder wird gesungen. Diesmal aber alle im Raum. Die Textzeilen und Noten, als auch die Übersetzung, werden von den Lenses vor mein Sichtfeld geblendet.
“Et filius datus est nobis.”
Ein Sohn ist uns geschenkt.
“et factus est principatus super humerum eius”
Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter.
“et vocabitur Admirabilis, Consiliarius, Aquarius, Fortis, excelsius Princeps pacis”
man nennt ihn: Wunderbarer, Ratgeber, Wassermann, Starker, Fürst des Friedens in der Höh’
Sekunde, wollen die mich verarschen? Kann es sein, dass dieses strahlende Würmchen meinen Vater darstellen soll? Würg! Wie geschmacklos ist das bitte? Was sollen all diese saublöden Titel? Da kommt mir die kleine Wobbelportion geliertes Blut aus Mensonia wieder hoch, bahh! Ich sehe zu Tear, die gebannt nach vorne zur Bühne blickt. Sie ist voll drin, liest sogar die Textzeilen inklusive Mundbewegungen mit. Mir blendet es die nächsten gesungenen Zeilen vor.
“ecce enim evangelizo vobis gaudium magnum, quod erit omni populo,”
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird
Leute, das nervt gewaltig!
“Tear”, hole ich sie aus der Immersion. “Tear! Ich weiß nicht, wie ich diese Scheiße aushalten soll.”
Erst nach einer Verzögerung sieht sie kurz zu mir, dann gleich wieder nach vorn.
“Sieh es dir einfach an. Wenn das chronologisch erzählt wird, kommt dann gleich der Teil, über den keiner reden will.”
Hm, könnte sein. Okay, gut. Ich tu’s mir an.
Nach dem getragenen Song wächst das Kind während eines Lichteffekts zu einem Mann mit einem unnötigen Umhang mit Stehkragen heran. Da der Schauspieler das Timing verpatzt hat, konnte ich sehen, wie der niedliche Fratz, offensichtlich ein echtes Kind von ein bis zwei Jahren, nach hinten gereicht wird. Neben den Umhangmann stellt sich eine Frau, die seine Hand hält und dann theatralisch in sich zusammenbricht. Er hält sie am Boden hockend in seinen Armen, doch sie stirbt. Das muss Vaters erste Frau gewesen sein. Ich weiß nicht mal, wie sie heißt.
Danach richtet er sich wieder auf und wächst wegen eines Lichteffekts optisch noch weiter. Dabei wird er größer als all die anderen Leute auf der Bühne. Sein Umhang weht wie blöd hinter ihm. Mehr als ein halbes Dutzend Frauen kommen auf die Bühne, die sich um ihn reihen. Hat er jetzt ‘nen Harem, oder was?
Ich erkenne Sarah in einem schwarzen Talar mit lila Schärpe. Neben dem Typen, der meinen Vater darstellen soll, gesellt sich eine Frau mit goldener Schärpe hinzu, die daraufhin in das fast nur aus Tear und mir bestehende Publikum spricht.
“Es ist mir die größte aller Freuden, liebe Gemeinde, im Jahr des doppelten Jubeljubiläums … blablabla” und dann irgendwas mit Gründerjahr.
Mein Kopf schaltet ab. Ich lehne mich nach hinten, mache die Beine lang und verschränke die Arme. Das ist mir echt zu blöd.
Gleich darauf stimmt die Oberste Priesterin schon wieder ein Lied an. Ich lese die erste Zeile.
“Gloria iuventus fili”
Gepriesen sei der jüngste Sohn
Okay, das reicht. Ich schalte wieder ab.
Tear singt dagegen tatsächlich mit. Irgendwie ist es ja auch schön, sie so heiter zu erleben. Hat also doch sein Gutes, hergekommen zu sein.
Als das Lied endet, werde ich wach, denn neben dem Hauptdarsteller erscheint erneut eine Frau, die seine übermenschliche Größe annimmt. Hey, bedeutet das, meine Mutter wurde von diesen Verrückten hier respektiert? Ich muss zugeben, dass mir das ein bisschen gefällt.
Danach wird es endlich spannend. Eine mit lodernden Flammen überblendete, riesige Scheibe wird von oberhalb der Bühne heruntergelassen. Das ganze wird mit einer donnernden Musik untermalt, die mir glatt Angst machen könnte. Jeder auf der Bühne sieht verängstigt nach oben. Tja, jetzt geht ihr alle drauf.
Ha, von wegen.
Der Verschnitt meiner Superhelden-Eltern beschwört aus dem Boden ein dreieckiges Konstrukt, dessen Spitze sich immer weiter nach oben schiebt. Alle auf der Bühne treten darunter, während sich das Königspaar direkt unter der Spitze immer weiter nach oben bewegt. Dann beginnt alles außerhalb der Pyramide zu brennen. Dazu wird ein pompöses, getragenes Lied angestimmt.
“Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,
Wir betreten, feuertrunken, himmlische, dein Heiligtum.”
Alle auf der Bühne singen mit erhobenen Armen. Die Flammen klingen unterdessen ab und Schattenwesen erheben sich, die auf die dreieckige Barriere zulaufen. Als das Lied seinen Höhepunkt erreicht, verwandelt sich der Umhang des Königs in riesige Fledermausflügel, mit denen er herabschwebt und sämtliche Schatten vertreibt.
Seine Frau schwebt danach ohne Flügel herab. Der Gesang endet und geht in reine Instrumentalmusik über. Erneut stirbt seine Frau in seinen Armen, doch er steht wieder auf und sieht erhaben nach vorn, immer noch mit diesen fetten, mechanischen Flügeln am Rücken. Hinter ihm werden die zwei symbolischen Wellen eingeblendet. Ende.
Das Bühnenbild wird dunkel.
Ein paar Helfer haben von der Seite aus zugesehen und applaudieren euphorisch. Dann geht, etwas zu spät, das Licht wieder an und nur die Oberpriesterin wird von einem Scheinwerfer angestrahlt.
Sie hält eine weitere Ansprache, die mich nicht die Bohne interessiert. Tear hängt ihr allerdings weiterhin an den Lippen. Es geht um irgendwas von der Verteidigung gegen böse, destruktive Mächte durch ihren Lichtbringer.
Nun singen wieder mal nur die Priesterinnen, ohne dass was angezeigt wird.
“Adventus Domini”
Ein Statist kommt auf die Bühne, der mit dem Scheinwerfer verfolgt wird, aber dann passiert nichts.
Danach folgt wieder ein Lied für uns alle, dann ein Gebet und ein Segen als Verabschiedung. Das normale Deckenlicht geht wieder an. Geschafft!
“Ist bestimmt beeindruckend, wenn das ganze Publikum mitfiebert”, staunt Tear, die mich begeistert ansieht. “Sowas hab ich noch nie gesehen oder erlebt.”
“Ich auch nicht, aber ich fand’s trotzdem ziemlich beknackt”, urteile ich und fahre hoch wie ein aufgeschrecktes Karnickel, als es hinter mir fragt:
“Was fanden Sie beknackt, junger Herr?”
Oh, Scheiiißeee!
Mein Kopf wirbelt zur Absenderin der Nachfrage herum, erkennt Goldgelb und blockiert. Verdammt, Hirn, denk nach! Winde mich da schnell wieder raus! Was reimt sich auf beknackt? Bekackt? Gefuckt? Zerhackt?! Hiiiirn!
“Iwo! Ziemlich verpackt”, sagte ich. “Da wurden ganz schön viele Jahre in eine Show gepackt.”
Geil, hab ich's gerettet?
Erst jetzt checke ich, dass ein goldgelber Schal gleichbedeutend mit Oberpriesterin ist. Oh, fuuuck!
Sie verengt die Augen. Okay, ich versteh schon. Ein Satz mit X. Ich erhebe mich von meinem Platz, weil ich einen Verweis von selbigem erwarte, da sagt sie:
“An wen erinnern Sie mich bloß? Lassen Sie mich noch einen Moment lang nachdenken.”
Um Gottes Willen, bloß nicht! Flucht! Flucht!
“Ach, was! Kann nicht sein. Danke, dass wir die Probe sehen durften. Bye Bye.”
“Sie sind hier sehr Willkommen”, übergeht sie mich und stellt sich danach als Angeline Bartholdy vor. Mit Stolz in der Stimme erzählt sie, sie habe sehr viele Jahre eng mit dem König zusammengearbeitet.
“Okay, cool.” Das erkenne ich an. War bestimmt nervtötend. “Und wie war er da so?”
Nun lächelt Angeline selig. Die Frau ist echt für ihren Heiligen-Job geboren.
“Willens- und durchsetzungsstark, vorausschauend. Er ist jemand, der im Chaos den Durchblick behält.”
Eine Lobeshymne. Was hab ich erwartet?
“Ne, ich meine, wie war er so als … ach, egal.”
“Haha, achso”, lacht sie. “Er ist anspruchsvoll und verlangt viel Sorgfalt von seinen Leuten. Mich hat das immer angespornt.”
Pff, ich nenne sowas penibel. Übergenauigkeit geht mir auf den Zeiger. Ich hebe die Hand zum Abschied und will mich abwenden, da fragt Angeline an uns beide gerichtet:
“Wie fanden Sie die Show denn, von der Kompaktheit einmal abgesehen?”
Uff!
“Äh, das kleine Kerlchen zu Beginn war zu grell.”
“Stimmt”, bestätigt Tear. “Und dieser Umhang. Ich weiß nicht.”
Angeline nickt uns begeistert zu.
“Ich stimme zu, dass die Flügel anders versteckt werden sollten. Das habe ich dem Bühnen-Team auch schon gesagt.”
Hä? Wo ist das Problem?
“Blendet die Dinger doch als Effekt ein”, sage ich stirnrunzelnd.
Angeline wirkt kurz geistesabwesend und ruft dann: “Natürlich! Das ist es! Ich danke Ihnen!”
Ähm, jo …
“Nichts zu danken …”, sage ich und grinse kurz.
Okay, Gespräch beendet. Ich will abhauen, aber wieder hält sie mich auf. Verflixt!
“Ich hab's!”, sagt sie mit einem breiten Lächeln, das ihr einfriert. Dann stutzt sie. “Aber, wie passt das zusammen?”
Fein! Jetzt spricht sie auch noch in Rätseln. Ich will langsam echt nur noch weg von hier. Sie macht mir einen etwas zu wachen Eindruck und ich will mich von ihr weder missionieren noch analysieren lassen.
“Ich muss mich entschuldigen”, kommt von ihr.
Okaaay, why? Sie macht eine Handgeste, die mich freundlich bittet, mich zu setzen. Also gut, ich will mal nicht so sein. Neugierig auf ihre Ankündigung setzte ich mich wieder neben Tear, die die ganze Zeit sitzen geblieben war. Angeline erklärt, wofür sie sich entschuldigen will.
“Sie beide wurden am Einlass gescannt - eine Standardprozedur bei uns. Da Sie …”, sie macht eine Handbewegung zu mir, “Ihren Nachnamen nur mit L. abgekürzt haben, lasen wir ihr Zutrittzertifikat zur Hauptstadt aus und da stand der Name Lucard. Mir war also bewusst, dass Sie kein gewöhnlicher Gast sind.”
Erst beim Einlass. Sarah wusste es wahrscheinlich also nicht. Ich hebe die Augenbrauen.
“Sie haben lediglich meinen Nachnamen gelesen?”
“So ist es”, bestätigt Sie, was mich erleichtert. Unter den Zertifikaten ist ja schließlich eins, das behauptet, ich sei Kronprinz. Ey, ich will echt nicht wissen, welchen Kasper ich diesen Verblendeten geben soll, wenn sie das rausfinden. Ich nicke Tear einmal zu und sage:
“Okay, kein Problem. Lass uns gehen.”
Noch bevor ich aufstehe, schlägt die Auffassungsgabe der Priesterin bei mir ein wie ein Blitz.
“Sie sind Alex wie aus dem Gesicht geschnitten. Er ist ein sehr guter Freund von mir, möchte ich hinzufügen. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber, … wenn Sie den Namen Lucard tragen, wer ist dann Ihre Mutter?”
Scheiße, sie weiß es bereits! Fuck, fuck, fuck, fuck!
Und ich Vollhonk mache das Verräterischste überhaupt, nämlich wie angestochen vom Stuhl hochzuspringen. Keine Chance. Da kann ich mich nicht rauswinden. Aber immerhin weiß sie nichts von meiner Verbindung zum König. Das ist gut. Puh, beruhig dich, River …
“Darf ich nach Ihrem Alter fragen?”, schließt sie an. Halloooo? Nein, vielleicht mal!? Die Alte kombiniert doch jetzt nicht etwa, dass Mutters Tod und meine Geburt echt nah beieinander liegen!? Da war meine Panik wohl doch angebracht. Leute, was hab ich noch alles im Gesicht stehen!? Ich werde hier noch bekloppt!
“Alles gut!”, beruhigt sie. “Meinen Sie, ich hätte meine starke Stellung unter Rova so viele Jahre lang behalten, wenn er mir nicht blind vertraut hätte? Alles, was über Sie beide gesagt wurde, dekliniere ich als verschwiegenheitspflichtig.”
Ich sage nichts dazu, sondern nehme Tears Hand und ziehe sie daran aus der Sitzreihe. Angeline sieht uns sanft lächelnd nach. Wer weiß, was sie sich noch alles aus Indizien zusammenreimt und dann damit fett ins Schwarze trifft. Ich will einfach weg von der.
Noch vor dem Ausgang fängt uns Sarah ab. Na Klasse! Auch sie lächelt breit und fragt unbedarft:
“Und, wie fandest ihr mich?”
“Du warst toll”, bestätigt Tear, die ja auch tatsächlich aufgepasst hat. Außer der miesen Performance des Hauptdarstellers, hab ich nichts abgespeichert. Da ich nicht reagiere, springt meine Freundin für mich ein.
“Die Vorstellung hat ihn an ein paar unangenehme Dinge erinnert.”
Bei älteren Vampiren würde man diese Aussage am ehesten auf den Impakt beziehen. Hoffentlich steht mir mein Kükendasein nicht zu krass ins Gesicht geschrieben.
Sarahs “Oh, ich verstehe”, ist jedenfalls echt rücksichtsvoll, was ich gut finde. Dafür bekommt sie zumindest ein kleines “sorry” von mir, bevor ich weitergehe. Mehr kann ich gerade nicht. Sie winkt uns nach und wünscht uns einen angenehmen Tag.
Tear wechselt wohl noch ein paar Worte mit ihr und schließt dann zu mir auf.
“Komm jetzt endlich”, fauche ich herrisch. Gerade fühle ich mich so unwohl in meiner Haut, dass ich einfach nur noch weg will.
“So schlecht gelaunt hab ich dich ja noch nie erlebt”, schimpft sie daraufhin, läuft mir dann aber stumm hinterher.
Ich lege nach: “Wenn du nichts dagegen hast, reisen wir morgen früh ab.”
Dann höre ich, wie ihre Atmung schwerer wird. Ist sie jetzt sauer, oder hat sie irgendetwas anderes? Ich drehe mich zu ihr. Meine Freundin ist stehengeblieben und hat, mit gesenktem Kopf, die Augen geschlossen. Was ist mit ihr?
“Tear?”
Sie tut nichts anderes, als kontrolliert ein und aus zu atmen. Scheiße, ich glaube, ich war zu schroff zu ihr. “Ich hätte dich nicht so anfahren dürfen.”
Keine Regung, außer ihren Atemübungen. Ich nähere mich und als ich sie am Arm berühre, lässt sie ihre Wut heraus.
“Ich würde es dir gerne nett sagen, aber ich - kann - es - nicht. Es geht nicht! ”, faucht sie zähneknirschend und legt dann richtig los.
“Ja, River! Da hab ich gewaltig was dagegen! Ich weigere mich, dich in deinem Zustand wieder mit zurückzunehmen. Ich kratze und beiße, wenn es sein muss, weil ich ganz genau weiß, wie dreckig es dir gehen wird, wenn du jetzt kneifst! Also, vergiss es! Als deine Freundin hab ich schließlich Verantwortung für dich, deshalb schwingst du deinen hübschen Hintern zu deinem Vater und lernst ihn besser kennen, klar!? Deinen Vater meine ich, … nicht deinen Hintern.”
Ich schlucke. Wow, … das hat mich echt geerdet. Es tut mir schon fast weh, wie recht sie hat. Ich sehe doch an Shine, dass Weglaufen nichts bringt.
Mein lieber Scholli. Der einzige, den Tear bisher derart angemault hat, war Luis Lutschpastille und da hatte sie einen ihrer Aussetzer. Den Frust über mein kindisches herumgebocke muss sie in sich hineingefressen haben und genau dieses Verhalten war es doch, das Tear krank gemacht hat. Es ist mir ziemlich unangenehm, sie so gefordert zu haben. Mann, ich muss echt an mir arbeiten.
Immer noch atmet Tear schwer. Ihre Augen glänzen feucht. Nach meinem kleinen Schockmoment nehme ich sie in meine Arme, in die sie dankbar hinein sinkt.
Ich flüstere ein ehrliches “Danke”, das ihre Tränen hervorbrechen lässt. Sie ist so eine liebe Frau. Jetzt, wo ich sie so in den Armen halte, frage ich mich, ob ich sie wirklich verdient habe.
“Ich bin stolz auf dich, Tear”, ergänze ich ergriffen. “Wir bleiben, also, alles gut. Wir bleiben, okay?”
Testphase
Tear besteht darauf, das Hotel in der fünften Etage für eine Nacht zu bezahlen, was ich ihr schwerlich abschlagen kann. Auch wenn es aufs Budget schlägt, buchen wir zwei nebeneinander liegende Zimmer.
Verraten, wie viele Credits sie hat, will sie mir nicht, aber ich wette, es sind super wenig. Ich bin ihr unheimlich dankbar dafür, dass sie mir dadurch Abstand zu meinem Vater ermöglicht. Auf diese Weise stellt er weder die Zimmer zur Verfügung, noch bezahlt er sie. Das nenne ich Unabhängigkeit.
Tear und ich nutzen den Nachmittag und Abend, um uns darüber auszutauschen, was wir in der Zeit erlebt haben, als wir getrennt waren. Ich berichte ihr von meiner in einem gläsernen Sarg liegenden Mutter sowie den gescheiterten Heilungsversuchen.
Tear erzählt mir von Luis’ Verhör. David muss seinem brutalen Ruf offenbar alle Ehre gemacht haben, obwohl der kleine weißblonde Furzbeutel sein Neffe ist. Was wird wohl Victor darüber denken? Mehr als einmal wünschte ich, Victor wäre mein Konvertierer und nicht der ach so tolle Erlöserkönig Rova. Aber sowas kann man sich nunmal nicht aussuchen.
Die Zimmer sind etwas geräumiger als die in Mensonia, aber prinzipiell mit ihnen vergleichbar. Außerdem bedeutet Einzelzimmer hier tatsächlich auch Einzelbett. Bevor ich Tear in ihr Zimmer verabschiede, bekommt sie einen obligatorischen Spruch von mir ab.
“Wird eng heute Nacht”, was ich mit einem zweideutigen Augenbrauenlupfen unterstreiche. Sie kichert, errötet sogar ein bisschen und gibt mir dann einen zuckersüßen Kuss auf die Wange, den sie durch das, was sie sagt, zu einem Feurigen macht.
“Dann komm. Ich freue mich schon darauf.”
Meine Sicherungen brennen durch und drehen mir den Saft ab. Ihr zärtliches Flüstern war mein persönliches Halleluja. Während ich dastehe wie ein energieloser Roboter, geht sie, herausfordernd lächelnd, in ihr Zimmer hinein.
Boaah, was für ein heißer Feger! Sie setzt sich nach hinten auf ihr Bett und winkt mir dann zu Abschied zu. Heftig, wie sie mit ihrem Sexappeal spielen kann, wenn sie will. In einem lieblichen Tonfall sagt sie: “Wenn du dich nicht traust, dann bis morgen, Hasi”.
Fuck, ist sie heiß und zur gleichen Zeit so süß, dass ich sie am liebsten auf der Stelle austrinken würde. Diese Frau bringt mich noch um. Ich kriege keinen Ton heraus, sondern gehe stocksteif in mein nebenan liegendes Zimmer.
Heute Abend will ich mich doch eigentlich nur zurücklehnen und nachdenken.
Puh, durchatmen! Ah, genau. Ich lenke mich ab, indem ich den hauptstädtischen Veranstaltungskalender überprüfe.
Es gibt einige geöffnete Lokale, normalerweise auch Theater, aber das ist aktuell an die Advokaten vermietet. Musikveranstaltungen finden aber auch woanders statt. Jede Woche gibt es zwei Tanzveranstaltungen. Hehe, dazu sind die Leute ja quasi permanent perfekt angezogen.
Dann stoße ich auf virtuelle Museen. Ui, das klingt nach einem viel netteren Zeitvertreib, um wieder herunterzukommen und auch nicht so viel Grübeln zu müssen. Kunst, Automobile und andere Fortbewegungsmaschinen, Bergungskunde, uuh, und Vampirkunde. Dann zeig mal her!
Gut, dass ich auf meinem Bett liege, denn ich werde von den Lenses in einen dreidimensionalen, virtuellen Raum geschickt. Das geht also wirklich! Vor mir erscheinen die Abbilder von zwei Frauen, einer Vampirin, einer Mensch- … -in … einer Menschenfrau.
Ich kann entscheiden, worüber ich etwas wissen will und wähle durch Gestensteuerung mit meinen Händen ihren Kopf aus. Mal sehen, ob das hier mit dem übereinstimmt, was ich in der Schule gelernt habe.
Das Programm liest mit einer weiblichen Stimme vor, die mittels Vibration im Crisp hinter meinem Ohr für mich hörbar wird. Zugleich zeigt es den Text an.
Also Intelligenzunterschiede gibt es kaum, wohl aber welche, die das Gedächtnis betreffen.
“Vampire erinnern sich 10 - 30 Mal besser und merken sich 3-7 Mal mehr als Menschen.”
Hä? Was für ein Menschen-Bashing! Dann haut es noch was raus:
“Dafür lernen Menschen 3x schneller.”
Warte, widerspricht sich das nicht?
“Das ergibt keinen Sinn!”, sage ich laut und zucke volle Kanne zusammen, als ich darauf eine besserwisserische Antwort erhalte.
“Doch, tut es. Vampire nehmen auch für den Lernprozess irrelevante Dinge wahr, fokussieren sich dementsprechend schlechter und erbringen dadurch schlechtere Ergebnisse bei ihrer Lerneffizienz."
“So so.”
Darauf erwidert das interaktive Programm nichts mehr. Aus Jux klicke ich der Vampirin zwischen die Beine. Tear hat mich viel zu rattig gemacht, verflixt. Egal. So, du elektronische Klugscheißerin, erzähl mir was dazu!
“Die Ovulation einer vampirischen Frau fällt mit Kern- und Halbschattenfinsternissen des Mondes zusammen. Der Follikelsprung einer Menschenfrau durchläuft hingegen einen komplexen Monatszyklus. Beide können von vampirischem als auch menschlichem Samen befruchtet werden.”
Joa, soweit wusste ich das auch. Anatomische Details wären um einiges interessanter gewesen, aber mir fällt gerade wieder ein, dass mein Vater genau nachverfolgen kann, in welchen Apps ich gestöbert habe. Mist, das hätte hier echt noch super schön werden können.
Okay, okay, ich bremse mich und klicke auf … ihre Brüste! Nein, Spaß. Ich hab die Schulter erwischt. Auch dazu hat die neunmalkluge Labertante was zu sagen.
“Menschliche und vampirische Muskeln sprechen ähnlich auf Training an, allerdings liegt die Leistungskapazität von Vampiren zwischen dem 0,7 bis 10 - fachen eines Menschen.”
Holla, ist das ein gewaltiger Unterschied. Welcher Vampir ist bitte so degeneriert, dass er weniger als ein Durchschnittsmensch leisten kann? Wäre doch interessant zu wissen, wo der Durchschnitt genau liegt. Ich frage sie und erhalte die Antwort:
“Im Mittel liegt der Leistungswert eines Vampires beim 3-fachen eines Menschen.”
Hehe, dann liegt Shine bestimmt beim 7 oder 8- fachen. Die Stimme spricht weiter.
“Für Sie liegen keine Werte vor. Es wird dringend empfohlen, ihre jährliche Leistungsbeurteilung vorzunehmen.”
“Meine was?”, rutscht mir raus, was das Programm gekonnt ignoriert.
"Möchten Sie die Beurteilung jetzt starten?”
“Was? Nein!”, blaffe ich. Danach legt die Bitch erst richtig los.
“Die Verweigerung einer Beurteilung zieht eine monatliche Geldstrafe nach sich. Sie wird mit Erreichen des 14. Lebensjahres verpflichtend. Bei Ihnen fällt aufgrund einer Überziehung eine Gesamtsumme von 7.200 Credits an. Unverzügliches Durchführen der Beurteilung wird dringend geraten, andernfalls wird der Sicherheitsdienst alarmiert. Möchten Sie die Beurteilung jetzt starten?”
Die soll mich in Ruhe lassen! Verdammt!
“Ich will aber nicht!”
“Sicherheitsdienst wird informiert.”
Ich heul gleich.
“Hey! Ruhig Blut! Ich mach den scheiß Test, okay!? Ich mach ihn ja!”
Darauf geht sie ein.
“Sie befinden sich im Hotelzimmer 5-276. Vergewissern Sie sich, dass alle für den Test benötigten Utensilien im Schrank bereitgestellt wurden.”
Die 3D Umgebung wird ausgeblendet. Stattdessen erscheint ein kleiner Timer am unteren Rand, der von 5:00 Minuten herunterzählt. Was ist das für ein Drill!?
Tatsächlich steht im Schrank ein Koffer.
“Suche erfolgreich”, erkennen die Lenses von selbst. Auf dem Koffer steht “Assessment-Kit”. Gut, dass sie mir das übersetzt hat.
Ich werde aufgefordert, den Koffer zu öffnen. Das Programm scannt alle Inhalte, ist happy und sagt mir, dass ich mich setzen soll. Das mach ich dann auch lieber.
Auf meinem Bett sitzend, werden mir nun Fragen eingeblendet, ganz ohne, dass sie vorgelesen werden.
“Aufgabe 1/10: Sie veranstalten ein Dinner. In Ihrem Besteckkasten liegen 8 Messer, 12 Gabeln, 7 kleine und 9 große Löffel. Wie viele Gäste können Sie empfangen?”
Hä? Leute, ist das ‘ne Fangfrage? Seit wann muss man Gästen Besteck hinlegen? Ich mach denen doch keine dieser bescheuerten Blutmahlzeiten, die man mit Messer und Gabel isst. Ein Glas reicht pro Person. Aber wie viele Gläser habe ich? Scheiße, ich verstehe die Frage nicht! Was ist überhaupt ein Dinner?
“Äh, sieben Menschen, wenn alle ein ganzes Set brauchen und so viele Vampis, wie ich hübsche Gläser habe?”, brabble ich fragend.
Ohne Information, ob es richtig war, kommt die nächste Aufgabe. Ich soll zwei verschiedenfarbige, faustgroße Bälle aus dem Koffer nehmen und gleichzeitig zwischen meinen Händen hin und her werfen. Als ich den Dreh raushabe, legt sie erst richtig los. Während ich weiter Bälle werfen und fangen soll, lese ich mir die nächste Aufgabe durch.
“Aufgabe 2.2/10: Sie finden heraus, dass Ihre vampirische Nachbarin Lebensmittel beiseite schafft, um ihr nicht gemeldetes Menschenkind zu ernähren. Wie würden Sie handeln?”
Was zur … ? Und uaaah, jetzt wäre mir fast einer der Bälle runtergefallen. Ich muss mich ordnen, konzentrieren, antworten. Los, los! Davon, dass Menschenkinder von Vampiren Probleme verursachen, hab ich schon in Vaters Ansprachen gehört. Ey, die sollen sich mal nicht so haben! Davon abgesehen, wie kann man in diesem Überwachungsstaat überhaupt eine Schwangerschaft verstecken? Huch! Gerade noch aufgefangen. Egal, ich muss antworten.
“Ich melde das Kind. Es kann ja nicht sein ganzes Leben lang eingesperrt bleiben. So ein Quat- uaaah!”
Neben mir klopft es fest an der Zimmertür, was mich komplett hochschrecken und um ein Haar beide Bälle verlieren lässt. Ich fange sie auf. Aaach, Scheiße, meine Bewertung!
“Sicherheitsdienst. Öffen Sie bitte die Tür!”, ruft es. Dieses bescheuerte Ding hat also wirklich …! Dabei mach ich doch schon dieses behämmerte …!
Ich blende den Test aus und öffne die Tür. Davor steht ein schwarz gekleideter Mann mit einem goldenen Kleeblatt-Symbol auf der Jacke, das alle Beamten tragen. Der Kerl sieht genauso genervt aus, wie ich es bin.
“Guten Abend, Ihre Bewertungsanwendung hat mich gerufen. Da Sie im Hotel wohnen, nehme ich an, Sie sind in der Stadt zu Gast.”
Ich will antworten, aber komme nicht dazu.
“Und, lassen Sie mich raten, sind von gehobenem Stand, die Oberlehrerin hatte keine Berechtigung, Ihre Zertifikate auszulesen und hat mich gerufen … Ja, tatsächlich. Den Test können Sie abbrechen, Herr Lucard. Entschuldigen Sie die späte Störung.”
Er will schon wieder gehen.
“Äh, eine Sekunde.”
Er dreht sich wieder um.
“Wieso würde eine Vampirfrau ihren menschlichen Nachkommen verstecken wollen?”
“Sie haben eine der Gewissensfragen abbekommen, wie?”, lacht er schmunzelnd. “Ein eigenes Menschenkind zu verstecken, kann mehrere Gründe haben. Scham zum Beispiel. Dann haben Menschen weitreichende Pflichten zu erfüllen, wie eine obligatorische Berufstätigkeit und den wöchentlichen Obolus. Manche Eltern wollen sich einfach nicht vorstellen, das Blut ihres Kindes zu spenden. Tja, aber das ist notwendig.”
Ahaaa. “Was ist mit Zwangsehen?”
“Um die kommen sie nicht herum, wenn sie ins Programm passen. Wenn sie nicht passen, verstopfen sie dagegen einen Platz fürs Zuchtprogramm. Reproduktion ist nicht ohne Grund reguliert.”
Zuchtprogramm? Puh, bei einer so herablassenden Bezeichnung muss ich erstmal durchatmen. Menschen in der Hauptstadt sind wohl doch nichts anderes als bessere Sklaven. Hab ich es mir doch gedacht. Priscilla und Pierre waren eindeutig Teil dieses Programms. Mir fallen ihre Nummern wieder ein. Ob die etwas damit zu tun haben?
Ich bedanke mich bei dem Sicherheitstypen, setze mich und blende den Test wieder ein. Da steht die nächste Aufgabe geschrieben. “Aufgabe 3/10: Machen Sie fünf Minuten lang Kniebeuge und zählen Sie mit, wie viele sie geschafft haben. Nennen sie dabei das jeweilige Gegenteil der Ihnen laut vorgelesenen Begriffe. Die gegenteiligen Begriffe dürfen nicht den gleichen Wortstamm verwenden.”
Na, immerhin hab ich nichts verpasst und da ich sauer bin, kann ich auch ein bisschen Sport machen. Und eins, und zwei.
“ambivalent”
Ähhh, und drei, ähhh.
“eindeutig?”
und vier.
“verachten”
und fünf … pfff, Mann, ist das schwer. Ah, genau und sechs.
“respektieren”
…
nach fünf Minuten dieser Tortur bin ich körperlich und geistig vollkommen ausgelaugt. Leute, das ist echt heftig!
Keuchend werfe ich mich aufs Bett und lese die nächste Aufgabe. Ich muss in einem Text Schreibfehler finden. Hm, ist nicht so meine Stärke. In einem späteren Test muss ich dreidimensional denken können, mir eine Aufbauanleitung merken und alles exakt nachbauen und so weiter. Sport ist nicht mehr dabei.
Am Ende bin ich platt und warte auf das Ergebnis. Es vergleicht mich sogar mit anderen Bürgern der Stadt.
Wissen 7.3 von 10, das ist guter Durchschnitt und das mit dem, was ich auf’m Dorf gelernt habe.
Kraft 7.5 von 10, das ist okay. Könnte besser sein.
Ausdauer 6.3 von 10, nicht so toll, aber dennoch über dem Durchschnitt.
Geschick ganze 9.7 von 10, Bazinga! Weit überdurchschnittlich! Dankeschön! Dankeschön!
Loyalität 8.1 von 10, Echt jetzt? 8 von 10? So viel? Ich? Hm, okay, was soll's.
Mehr steht da nicht, aber der Test hat garantiert noch mehr ausgewertet, Lerneffektivität zum Beispiel. Ich vermute, dass er nur Werte raushaut, die man steigern kann.
40.9/50 Punkten beim ersten Mal. Ich würde sagen, das kann sich sehen lassen. Es fühlt sich jedenfalls nach einem Erfolg an und das ist etwas, das ich gerade echt gut gebrauchen kann. Schlafen kann ich jetzt definitiv.
Und so ist es auch. Ich schlafe prima und wache spät, aber erholt auf. Nice! Nach unserer kurzen Nacht bei den Langfords war das auch echt nötig.
Diesmal ist es Tear, die an meiner Tür klopft. Nur mit einer Hose bekleidet, weil mir nach dieser abendlichen Anstrengung echt warm unterm Pony geworden ist und ich deshalb so geschlafen habe, gewähre ich ihr Zugang zu meinem Zimmer. Frisiert habe ich mich natürlich auch noch nicht.
Ich sitze auf meinem Bett, als sie eintritt, kurz stockt, dann aber weiter auf mich zukommt und die Tür hinter sich schließt. Im Gegensatz zu mir ist sie bereits ausgehfertig.
“Gut geschlafen?”, frage ich weich. Sie nickt nur. Obwohl sie mich jetzt eigentlich zurück fragen müsste, was sie nicht tut. Dann erzähle ich ihr eben ungefragt von meinem super schrägen Abend. Ich berichte vom sauschweren Test, dem Security-Typen und meinen bravourösen Ergebnissen.
Tear nickt höflich und sagt wenig. Sie wirkt eigentlich allgemein ein bisschen abwesend. Den Grund dafür verrät sie mir nun auch, als sie fragt:
“Und? Was wirst du tun?”
Alles klar. Jetzt verstehe ich ihre Unruhe. Sie weiß nicht, ob ich abreisen, oder bleiben will.
“Hab doch gestern Abend schon gesagt, dass wir hier bleiben.”
Das erleichtert sie sichtlich, denn endlich sehe ich dieses bezaubernde Lächeln an ihr, in das ich mich vor drei Jahren schockverliebt habe. Dann werde ich sie mal noch ein bisschen weiter beruhigen.
“Wir gehen gleich nachher zu ihm. Nein, weißt du was? Egal, wie es läuft, gehen wir diese Woche jeden Tag hin. Was hältst du davon?”
“Sehr viel”, sagt sie auf strahlende Weise. Ich strecke mich.
“Gut, dann werde ich mich mal anziehen.”
Aus Neugier warte ich einen Augenblick, funkle die Schönheit selbstsicher an und ergänze: “Oder soll ich das gar nicht?”
Schockartig friert sie vor mir zur Salzsäule. Sie bekommt kein Wort mehr heraus und wird von Sekunde zu Sekunde röter im Gesicht.
Oh-oh, wenn sie das ernst nimmt, dann reagiert mein Körper ebenfalls sofort auf dieses wunderschöne Geschöpf. Mir wird heiß, also so richtig. Soll ich was sagen? Dass es eigentlich Spaß war? War es denn Spaß? Eigentlich nicht.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der sich mein Zimmer dazu entschlossen hat, sich spontan zur Sauna umzurüsten, haucht Tear ein süßes “Lass ruhig so” heraus.
Puh, okay. Was kommt jetzt? Mit Shine war sowas einfach. Sie war die Erfahrene, als ich mit ihr zusammenkam. Sie hat alles gemacht, mich angeleitet und so. Jetzt bin ich derjenige mit Beziehungserfahrung und sollte vielleicht führen, oder vielleicht gerade nicht, weil Tear die Kontrolle behalten will. Ich bin sowas von überfordert, dass wohl gleich Dampf aus meinen Ohren schießen wird.
“Magst du dich zu mir setzen?”, frage ich.
Das war nicht übel. Oder doch zu aufdringlich?
Tear beantwortet mir die Frage, indem sie sich in Bewegung und dann tatsächlich zu mir setzt. Sie sieht mich an, nein, sie mustert meinen Körper. Irgendwie gefällt mir das. Mir kommt der saublöde Gedanke, meine Brustmuskeln abwechselnd hüpfen zu lassen. Das hab ich vor ein paar Jahren mal trainiert und kann es noch.
Bereits nach der dritten Muskelkontraktion kräuselt Tear die Lippen. Ich glaube, sie versucht sich ein Grinsen zu verkneifen.
“Lächeln steht dir”, sage ich und mache weiter mit dem linke Brust, rechte Brust Spiel. Haha, jetzt hab ich sie. Meine Göttin lacht einmal laut auf und lächelt mich danach breit an.
“Blödmann!”
“Angebetete”, erwidere ich schmunzelnd.
Dann lehnt sie sich zu mir und legt eine Hand auf meiner Brust ab, die ich jetzt ruhig halte.
Whoow, … sie kommt mir so nah, dass sich unsere Lippen berühren. Einmal mehr wachsen mir Flügel. Ich bin ein Vogel, der in Loopings durch eine Sauna fliegt.
Ich fühle zugleich alle und keine einzige Faser meines Körpers. Vermutlich platzen gleich meine Arterien, weil ich einfach viel zu viel Blut pumpe. Ich zerberste, wenn mich Tear mit ihrer Lieblichkeit weiterhin dermaßen an meine Grenzen treibt.
Sie löst sich wieder und jetzt bin ich die Säule - in jeder Hinsicht. Das nutzt sie, um sich an mich zu schmiegen. Haaach, ich bin der glücklichste Vampir der Hauptstadt, wenn nicht gar der ganzen Welt!
So bleiben wir eine Weile sitzen. Ich verpulvere gerade ein Tagespensum an Energie in wenigen Minuten. Das ist die wunderschönste Verschwendung, die ich mir vorstellen kann.
Als Abschluss gibt mir Tear einen Kuss auf die Wange und löst sich von mir. Mein Oberkörper macht ihr also schonmal nichts aus. Das ist mega, meeega wichtig!
“Das war echt schön”, untertreibe ich.
“Wunderschön”, haucht sie, lächelt dann wieder und steht auf. Tja, aufstehen ist etwas, das ich genau jetzt lieber nicht tun sollte. Ich brauche noch einen Moment, um mein Blut weniger auffordernd umzuverteilen.
Das ist ihr vermutlich mehr als bewusst, denn sie tänzelt zur Tür und sagt, dass sie draußen auf mich wartet.
Liebe, Liebe, Liebe ist alles, was ich noch spüre. Ich liebe diese Frau!
Ohne kalte Dusche werde ich das Zimmer nicht verlassen können. Naja, es nützt nichts. Da muss ich jetzt durch.
Ich dusche also kalt, komme dadurch wieder runter, also so richtig und ziehe mich an.
Tear hat geduldig abgewartet und wirkt entspannt, als wir uns auf den Weg zu meinem Vater machen.
Auren
Diesmal entschließen wir uns dazu, in den Uni- und Regierungs-Distrikt zu laufen. Im Erdgeschoss der zentralen Pyramide kommen wir dadurch an einigen Geschäften vorbei, von denen wir bisher kaum Notiz genommen haben. Es gibt Brillen für Menschen, Kosmetik, außerdem Schnickschnack, den Mädels als Accessoires bezeichnen wie Taschen und so’n Zeug und auch Schmuck.
Während wir händchenhaltend an einem Juwelier vorbei schlendern, lasse ich Tears Fortschritte Revue passieren. Sie legt ein irres Tempo an den Tag, wenn ich bedenke, dass sie sich erst vor drei Tagen mit ihrer inneren Stimme verständigt hat. Vielleicht sollte ich das nochmal deutlich machen.
“Ich freue mich zwar, aber du brauchst dich zu nichts zu drängen.”
Ihr Händedruck wird fester. Das wirkt auf mich wie ein schlechtes Zeichen. Allerdings schüttelt sie den Kopf.
“Mach ich nicht …, weißt du …”
Irgendwas fällt ihr schwer auszusprechen. Ich warte einfach ab, was genau richtig ist, denn einige Schritte weiter findet sie tatsächlich den nötigen Mut.
“Für mich fühlt es sich an, als hätte ich schon zu viel Zeit mit dir verloren, deshalb …”
“... und deshalb nutzt du jede Gelegenheit?”, vervollständige ich grinsend, werde dann aber ernst. “Dann muss ich dir noch mehr einschärfen, dass du dich nicht unter Druck setzen … sollst … äh, Tear?”
Sie sieht nicht mehr zu mir, sondern auf Schmuckstücke hinter einem Schaufenster. Darin sind hunderte von Modellen übereinander aufgestapelt.
“Tear?”
“Kaufst du mir das?”, fragt sie aufgeregt und zeigt auf ein Kettchen, an dem viele grüne Steine angebracht sind. Es ist zu kurz für eine Kette, muss also ein Armband sein. Dann weist sie auf ein Baugleiches mit roten Steinen.
“Und für dich das hier.”
Ist das nicht Damenschmuck? 400 Credits steht an jedem von ihnen. Klingt eigentlich bezahlbar. Eine Übernachtung kam auf 125 Credits pro Zimmer in unserem einfachen Hotel. Leider bin ich trotzdem so überhaupt nicht begeistert vom Geldausgeben.
“Tear, … wenn ich uns das kaufe, hätte ich auch gleich die Zimmer bezahlen können.”
"Stimmt, das ergibt überhaupt keinen Sinn, entschuldige”, knickt sie sofort ein. Haaach, menno! Das ist zwar ein Gewissenskonflikt, aber ich kann's halt nicht ändern. Ich habe kein Geld, sondern nur einen Vater.
“Ist gar nicht schlimm”, beruhigt sie mich. “Mich haben die Armbänder einfach nur so angeguckt und dann kam der Kauf-Impuls. Echt schräg.”
“Der Kapitalismus hält dich bereits in seinen gierigen Klauen gefangen”, witzle ich und verliere sofort den Kampf gegen meine Neugier.
“Konntest du dir in Mensonia eigentlich alles kaufen, was du wolltest?”
Nun lächelt sie traurig. Ich hätte die Klappe halten sollen. Tear betrachtet weiter den Schmuck, während sie mir antwortet.
“Ich habe Taschengeld bekommen, aber Luis hat mir trotzdem alles mögliche gekauft. Allerdings sagte ich nie, was mir gefällt, sondern hab ihn so lange einkaufen lassen, was ihm gefällt, bis was dabei war, das ich auch mochte. Rückblickend war das ein bisschen unfair von mir.”
“Wie langweilig”, sage ich vor mich hin und bemerke, dass ich mich gerade in Luschi Luis hineinversetzt habe. Pfui! Ich schüttle mich. Sie erklärt, warum sie ihn hat zappeln lassen.
“Ich wollte vor ihm nichts von mir preisgeben. Er hat … mich auf seine Weise geliebt und ich habe ihn bis aufs Blut verabscheut, tue es noch.”
“Richtig so! Bloß kein Mitleid für den Knecht! Wie kann dieses ignorante Arschloch nicht bemerkt haben, dass du zu allem Ja und Amen sagst, obwohl du todunglücklich warst?”
Tear kommt zu mir, lehnt sich kurz an mich und nimmt dann meine Hand.
“Er wollte eine Familie mit mir gründen. Das hat er beim Verhör gestern nochmal wiederholt. Ist es denn wirklich okay, wenn ich ihn dafür hasse, dass er mich über alles liebt?”
“Aber hallo! Der Typ ist gestört!”, beruhige ich meine Freundin. Sie drückt meine Hand zusammen und geht dann weiter.
Schon krass, wie verfallen er ihr war, nein, ist. Ich kann's ja verstehen. Scheinbar bin ich nicht der einzige, dem Tear alles bedeutet.
Wie komme ich jetzt an 800 eigene Credits? Ach, Kacke!
Wir fahren in den 70. Stock, die große thronsaalartige mehrstöckige Etage. Ich rechne damit, dass wir überwacht werden und uns deshalb auch nicht anzukündigen brauchen. Nur darauf zu bauen, führt nun aber dummerweise dazu, dass wir herumstehen und nicht so ganz wissen, ob wir weiterfahren dürfen. Theoretisch haben wir für den anderen Fahrstuhl in der Mitte eine Freigabe für den 72. Stock, auf dem unsere Zimmer liegen sollten, aber da wollen wir ja gar nicht hin.
Tear schlägt vor, direkt im Fahrstuhl einen Zugang zu Vaters Büro zu beantragen. Das macht sie, indem sie im Fahrstuhl mit ihrem Crisp spricht.
Verrückterweise haben wir mit dieser Dreistigkeit echt Erfolg. Das hätte ich mich alleine nicht getraut. Dieser ganze elektronische Hokuspokus und auch dieses Herrscher Tamtam sind einfach nicht mein Ding.
Leider fange ich gerade wieder an, verflucht nervös zu werden. Mit meinem Vater bin ich ja nicht gerade im Guten auseinander gegangen. Puh, ganz ruhig. Er kann froh sein, dass ich zurückkomme, jawohl.
Es klappt. Der Fahrstuhl öffnet sich tatsächlich in seinem Arbeitszimmer im 75. Stock. Tear ist sowas von mutig!
Baah, was ist das für eine grässliche Atmosphäre? Die Erinnerung an die kühle, einsame Aura meines Vaters hatte ich schon wieder verdrängt. Sie trifft mich hart ins Mark und verrät bereits, dass er sich hier irgendwo aufhalten muss.
Wir treten aus dem Fahrstuhl heraus, wobei ich sofort sehe, dass er, wie schon am Tag zuvor, an seinem Schreibtisch sitzt und vermutlich arbeitet. Da sich das hinter seinen Lenses abspielt, sieht man es nicht.
Ich bekomme kein Wort heraus. Tear ist es, die ihn mit einem weichen “Guten Tag” begrüßt.
Ebenfalls wie am Tag zuvor, steht Vater auf und läuft um seinen riesigen Schreibtisch aus dunklem Holz herum.
“Willkommen zurück”, empfängt er uns und weist auf einen runden Tisch neben sich, an dem sich passenderweise drei gepolsterte Stühle befinden. Wir setzen uns.
“Wie war die Nacht im Hotel?”, fragt er, ohne die Miene zu verziehen.
Pff, verdammter Stalker! Das regt mich jetzt schon so sehr auf, dass ich mit den Zähnen knirsche. Ich kann ihm nicht antworten, was Tear verunsichert. Dass wir stumm bleiben, juckt ihn gar nicht. Er beginnt ganz einfach einen Monolog.
“In Ordnung. Ich verstehe die Situation, River. Nach gestern war ich mir nicht sicher, ob du heute abreisen würdest und bin erleichtert, dass du es nicht getan hast. Du liegst in allen Punkten im Recht, das ist mir mehr als bewusst. Aber selbst wenn du heute nicht wieder zu mir zurückgekehrt wärst, bin ich froh darüber, mich mit eigenen Augen davon überzeugt zu haben, wie gut du geraten bist. Ich muss anerkennen, dass Magna und Alexander über Fähigkeiten verfügen, an die ich nicht heranreiche. Du brachtest den Einwand vor, ich hätte dir vieles genommen, was ohne Zweifel der Wahrheit entspricht und doch muss ich mich fragen, ob du hier in der Hauptstadt zu einem ebenso reflektierten, starken und intelligenten jungen Mann gereift wärst, oder ob ich einen zweiten Burschen wie Luis herangezüchtet hätte.”
Tear sieht mit wachen Augen zu mir, weil sie offensichtlich etwas loswerden will. Ich nicke bestätigend, dass sie sich gerne frei äußern darf.
“Rova, glaubst du, dass Luis ein anderer geworden wäre, wenn er Alexander zum Vater gehabt hätte?”
Interessante Frage. Vater überlegt kurz.
“... anders, definitiv. Versnobt, wahrscheinlich dennoch. Dieser Tage haben und sind Lucard Prinzen alles. Der Adel, das Volk, die Menschen, jeder liebt sie, egal was sie tun.”
Dieser Tage? Oh Mann. Ich hebe die Augenbrauen an, was ihm nicht entgeht. Gut, von mir aus, sag ich eben, was ich denke.
“Ach, und zu deiner Zeit war das anders? Ihr Kinder des Urvampirs seid nicht vergöttert worden, tse, und werdet es ganz offensichtlich heute auch nicht?”
Vater fährt sich mit zwei Fingern an die Schläfe und massiert sie. Ich bin ihm wohl zu anstrengend. Fuck, kotzt mich das an. Er atmet schwer aus. Gut, okay, ich will wissen, was er zu sagen hat. Das muss ich aushalten. Am besten sehe ich ihn dabei nur einfach nicht mehr an.
“Du spielst auf die Advokaten an. Darüber sprechen wir später. Zunächst trifft deine Vermutung bezüglich der Privilegiertheit von Lucard Prinzen zweifelsohne auf meine Brüder Daric und Vicco zu. Um Magna steht es anders. Als einzige Lucard Frau hat man ihr den Titel der Königin vorbehalten, als Braut Alucards. Da liegt der Urkonflikt unserer Familie. Sie floh vor ihm. Ich wurde nur aus einem einzigen Grund gezeugt. Ich sollte ihren Platz als Stammmutter einnehmen. Das ist nur leider unmöglich als dritter Sohn, was mich in Alucards Augen zur Missgeburt degradierte. Für ihn existierte ich erst, als ich begann, Erfolge zu erzielen und so war ich es, der im Alter von 18 Jahren allein für die Geschicke der Familie zu sorgen hatte.”
Die Familiengeschichte meines Vaters ist der blanke Horror. Mag als Stammmutter. Krass. Und auch eklig.
“Wie kam es dazu?”, fragt Tear vorsichtig, was Vater erneut ausschweifend beantwortet. Scheint sein Ding zu sein, Monologe zu halten.
“Meine Frau Elisabeth, Magnas unstandesgemäße Tochter eines Wachmanns, verstarb. Alucard und Vicco verloren durch den Verlust ihre Fähigkeiten zur Führung, während Daric sie nie besaß. Ich übernahm für 20 Jahre die Führungsrolle, bis Vicco wieder zu mir stieß und Daric dies anerkannte. Fortan regierten wir Brüder als Trio, während Alucard nicht mehr in die Politik zurückfand. Vielleicht, River, erkennst du, dass mir im Leben nichts zugefallen ist. Was ich habe und hatte, musste ich mir hart erkämpfen, inklusive deiner Mutter.”
“Erzähl einfach weiter”, fordere ich auf. Er braucht nicht so zu tun, als bräuchte er eine Rückmeldung für seine Reden.
“Elisabeths Reinkarnation in einer menschlichen Frau stellte alles auf den Kopf. Deine Mutter Lyz machte es mir nicht immer leicht. Sie war undurchschaubar, stur und eigensinnig, doch sie brachte Liebe, Licht und Leben in mein tristes Dasein.”
Wie erbarmungslos wunderbar die Liebe ist, das spüre ich zur Zeit am eigenen Leib. Das kann ich also gut verstehen. Natürlich interessiert es mich, wie sein Leben mit meiner Mutter war, aber noch viel verwirrender finde ich den Part über meinen Großvater Alucard, den Urvampir.
“Lebt Alucard noch?”
Vater schnauft abschatzig. Er hasst seinen Vater vielleicht doch mehr als ich ihn.
“Tss, das ist nicht leicht zu beantworten. Daric hat sich nach der Katastrophe mit ihm befasst. Frag ihn, wenn du mehr wissen willst. Da gleich ein Termin mit einer Anhängerin der Advokaten ansteht, interessiert mich dein Eindruck von den Advokaten des Aquarius als christliche Konfession, River.”
Er weiß also tatsächlich sehr genau, wo wir uns aufhalten. Diese ständige Überwachung ist einfach zum Scheiße schreien. Ich rolle die Augen, würdige meines Vaters aber keines Blickes.
“Was soll ich schon von diesen verblendeten Spinnern halten?”
“River!”, ermahnt er mich. “Diese Leute sind freundlicher, respektvoller und hilfsbereiter als die meisten anderen Vampire.”
“Weil sie dich freundlicherweise anbeten?”
“Das tun sie nicht”, behauptet er. Da hab ich aber was anderes erlebt.
“Pff, sie huldigen dir als unseren Erlöser, als Lichtbringer.”
Wieder findet er eine Begründung. “Unter meiner Führung haben die Vampire die Vorherrschaft vor den Menschen erlangt, sodass wir unsere Natur nicht mehr zu verstecken brauchen. Zudem bin ich es, der den UV-Blocker, das Medikament, erfunden und vertrieben hat, das es uns erlaubt, uns direkter Sonneneinstrahlung aussetzen zu können.”
Meine Fresse, ey. Das bringt uns ohne Sonnenschein nun auch nix mehr. Egal, weiter im Text.
“In ihrer Show bist du mit Flügeln von einer Pyramide runter gesaust und hast alleine sämtliche Belagerer vertrieben.”
“Alleine bin ich nicht gewesen, das ist wahr. Mein Anteil war aber wohl der Größte.”
Hä? Will der mich veralbern?
“Bullshit!”, spucke ich aus.
Er seufzt. “Etwas mehr Selbstbeherrschung, River! Ich schalte dir für die Dauer meines Termins konfisziertes Archivmaterial frei. Vorher möchte ich noch etwas ausprobieren. Kannst du deine Aura bündeln und damit versuchen, die meine zu unterdrücken?”
Was?
Dazu müsste ich ihn ansehen, was ich nicht so geil finde. Außerdem ist er doch sowieso stärker. Will er mir beweisen, wie toll er ist? Das passt mir gar nicht, aber dieser Tyrann lässt nicht locker.
“Sieh mich an, River! Fokussiere mich! Bündle deine Abscheu auf mich! Tu es!”
Abscheu bündeln klingt doch ganz nett. Ich hebe den Kopf mit einem finsteren Blick. Ich sehe einen gut gekleideten Mann, der mit übereinander geschlagenen Beinen und leerem Ausdruck im zarten Gesicht vor mir sitzt. Pah, dieser überhebliche Arsch. Okay, dann lasse ich meinen Hass eben ausströmen. Er wird schon sehen, was er davon hat.
Ich konzentriere mich auf dieses dreckige Gefühl in meiner Brust, von ihm abgeschoben worden zu sein und sende es ihm. Mir geht es von Sekunde zu Sekunde elender. So heftig in dieses Gefühl hineinzugehen, kann nicht gesund sein.
Auch Vater verzieht endlich das Gesicht, was mir aber bereits sehr bekannt ist. Er wirkt leidgeplagt. Ein neuer Schwall meiner Abscheu trifft auf ihn ein, bis er die Augen schließt und erneut seufzt.
Dann öffnet er die Augen wieder und bricht damit im selben Augenblick meine Aura, die er einnimmt. Ich will einatmen, aber kann nicht.
Nein, es ist noch schlimmer. Es- es drückt mich nach unten.
Auch Tear neben mir ist betroffen, da sie immer weiter in sich zusammen sinkt. Ich will ihn anschreien, dass er sie raushalten soll, aber da ich keine Luft mehr in der Lunge habe, geht das nicht. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Was soll diese Scheiße!?
Dann lässt er los.
Meine Hände schnellen an meine Brust.
Atmen, atmen.
Zusammengesunken sehe ich zu Tear, der ich eine Hand auf den Rücken lege. Sie schnappt ebenso nach Luft wie ich. Ich bemerke, dass meine Augen weit aufgerissen sind.
Das ist so krank! In meinem ganzen Leben habe ich mich noch niemals so hilflos gefühlt.
Langsam klingt das Summen in meinem Ohren wieder ab. Zuerst höre ich die Absätze von Vaters schicken Schuhen, dann seine Worte.
“Deine Mutter hat eine angeborene Widerstandsfähigkeit gegen Auren. Die scheinst du nicht geerbt zu haben. Dafür war deine Aura recht ordentlich, wenn auch sonderbar. Wir sprechen später darüber. Erholt euch etwas. Ich nehme meinen Termin wahr, für den ich auf dieser Etage bleibe, falls ihr mithören wollt. Es handelt sich dabei um einen Besuch von Baroness Fredine, einer sogenannten Vampiradligen. Sie wird bei der Centennium celebrare sprechen. Nicht zu vergessen, erhaltet ihr beiden Zugang zu den versprochenen, gesperrten Archivdateien.”
Ich sitze noch immer gekrümmt, obwohl ich spüre, dass ich mich inzwischen aufrichten könnte. Vor mir ploppt ein Ordner auf, den ich noch nicht auswähle.
Stattdessen beobachte ich, wie die blitzeblank polierten Schuhe meines Vaters über das Parkett wandeln und verschwinden. Der Fahrstuhl wird von einem Bücherregal verdeckt, in dem uralte Schmöker stehen. Ich höre also nur, wie er diese Adlige empfängt. Das ist doch garantiert die “Prominenz”, von der uns Sarah aus dem Bonzen-Hotel entgegenkam.
“Baroness, was verschafft mir das zweifelhafte Vergnügen Eures Besuches?”
Sekunde! Habe ich richtig gehört? Wie herablassend redet er mir ihr?!
“Charmant wie eh und je, Majestät”, lacht sie gekünstelt. “Es ist ganz banal. Ich habe eine Laudatio vorbereitet und möchte sie absegnen lassen.”
“Von mir aus, aber geht so effizient wie möglich vor. Ich bin beschäftigt.”
Schon wieder ist er so schroff. Heftig, wo er sie vorhin noch als Adlige angekündigt hat und sie sogar ihrzt. Ich will unbedingt wissen, wie sie aussieht.
Ich stehe auf und bin nach der Auraexplosion überrascht, wie stabil sich mein Stand anfühlt. Wenigstens etwas.
Neugierig schaue ich an der Kante des Regals auf den Zugangsbereich, in dem Vater und die Baroness sitzen. Sie hat schwarzes, kantig geschnittenes Haar, trägt ein fließendes, weißes Kleid und massenhaft Goldschmuck an Kopf, Hals, Hüfte und Handgelenken. Die Tante ist irre auffällig und, ohhhh shit, hat mich gesehen!
Sie spricht das Offensichtliche an.
“Oh, verzeiht, Ihr habt Besuch. Ich komme gern später …”
“Nicht nötig”, unterbricht mein Vater. “Später passt es mir auch nicht besser.”
Irre, wie er sie abkanzelt. Ein bisschen geil finde ich das ja schon. Sie lacht, als hätte er einen Witz gemacht und fixiert mich dann. Neiiin!
“Möchtet Ihr die Gelegenheit nutzen, Euch mir vorzustellen, junger Herr?”
Äh, also eigentlich nicht … ach, verdammich!
Okay, also gut. Ich bin kein Kind mehr und kann es nicht bringen, mich hier weiter hilflos hinter einem Bücherregal zu verstecken. Allerdings packe ich Tears Hand und ziehe sie mit mir aus der Deckung.
Ich laufe den beiden entgegen. Der Rock der Adligen ist vorne so kurz, dass ich ihren Schlüppi zwischen ihren übereinandergeschlagenen Beinen sehen kann. Sie ist echt kurvig. Das ist super selten bei Vampis. Gibt's bestimmt Liebhaber für. Mein Vater scheint keiner zu sein, so wie er sie angeblafft hat.
Ein paar Meter vor dem Beratungstisch bleibe ich stehen und versuche mich so vorzustellen, dass sie nicht stutzig wird.
“Ich bin River und das hier ist Tear. Wir sind auf Besuch von Shattered Sky.”
“Ha!”, lacht sie spitz. “Shattered Sky, wunderbar. Schön, dass wir so gute Kontakte in die Provinz haben. Mein werter Name ist Baroness Fredine, aber ich bin auch unter dem Namen Qadesch bekannt. Sagen Sie, wo Sie gerade hier sind, River und Tear ohne Nachnamen, wieso nennt sich das Refugium eigentlich Shattered Sky und nicht Shaded Sky? Das wollte ich schon immer einmal wissen.”
In die Provinz? Alter! Nach oben buckeln und nach unten treten, oder was? Die Bratze hat wohl den Arsch offen! Wie wir uns nennen, geht sie einen feuchten Kehricht an und den Nachnamen hab ich nicht grundlos weggelassen. Da ich schäume, springt einmal mehr Tear für mich ein.
“Der Name unseres Refugiums erinnert an die Zerstörung, nicht den Nebel, Baroness und bitte entschuldigt die Unhöflichkeit bezüglich unserer Nachnamen. Sie geben viel Preis.”
“Ohhh~”, macht die Adlige mit einer übertrieben entzückten Handpose. “Ich glaube zu verstehen, junges Fräulein. Dann ist es an mir, sich zu entschuldigen. Man begegnet nicht aller Tage einer Reinkarnation.”
Bäm! So schnell hat sie Tear entlarvt. Mega heftig. Die Priesterin wusste direkt, wer ich bin und die Aristokratin konnte meine Freundin instinktiv zuordnen. Puh, also unsere Herkunft verstecken können wir offensichtlich nur, wenn wir uns im Refugium einmauern. Das ist irgendwie ernüchternd.
“Gut, hätten wir das geklärt”, wimmle ich sie ab. “Wir ziehen uns wieder zurück.”
Danach gehen Tear und ich zurück zum runden Tisch mit den gepolsterten Stühlen. Meine Güte, was ist das schon wieder für ein intensiver Besuch bei meinem Vater?
Ah, da fallen mir die Archive wieder ein. Ich lausche noch kurz, was die Muftis von sich geben.
“Drollig”, befindet die Baroness und beginnt dann, ihre Rede vorzutragen. Da höre ich schon aus Protest weg. Interessant fand ich, dass Vater kein Wort gesagt hat, als sie mit uns ins Gespräch ging.
So, also gut. Ich wähle in diesem temporär zugreifbaren Ordner die Datei mit dem ältesten Datum.
Ein Video öffnet sich und ich sehe … ja, was sehe ich da? Einen übervollen Veranstaltungssaal, völlig verwackelt gefilmt. Die Leute sitzen oder knien gebeugt in den Stuhlreihen. Dann fangen sie sich langsam an zu regen, stehen auf und es kommt ein Schwenk zur Bühne.
Musik und Gesang sind zu hören. Ich erkenne das Lied wieder. Die Advokaten haben es gesungen, aber eine andere Strophe davon. In der Aufnahme verstehe ich kein Wort, aber ich erinnere mich grob an die Zeile, die ich im Theater mitgelesen habe. Freude und dann kam was mit Funken. Ah, die verwackelten Leute da hinten auf der Bühne sind der Chor. Ein blonder Mann, vermutlich mein Vater, steht vor ihnen.
Dann flackert die Helligkeit der ohnehin schon zittrigen Aufnahme. Der Chor singt etwas, das klingt wie “Oh Gooott” und dann kommt etwas, das unmöglich wahr sein kann. Ne, das glaub ich nicht. Ich halte die Aufnahme an und sehe zu Tear, die zeitgleich den gleichen Clip bei sich aufgerufen hat.
“Das ist Fake”, bestimme ich.
"G-glaub ich nicht…”, stottert sie und sieht die Aufnahme bis zum Ende. Ich lasse sie ebenfalls weiterlaufen. Der Mann mit den blonden Haaren steht immer noch da vorn, aber auf seinem Rücken trägt er riesige lilafarbene, ledrige Flügel.
“Das ist eine Requisite”, urteile ich erneut. Tear, die schon eine andere Datei geöffnet hat, schüttelt den Kopf.
Ich öffne ein Foto. Darauf ist mein Vater zu sehen, wie er mit ausgebreiteten Flügeln das Zugangstor einer Pyramide schützt. Ich finde weitere Bilder, die bezeugen, dass er mit den Dingern sogar fliegen kann.
Okay, fein. Mein Vater verfügt nicht nur über eine mörderische Aura, sondern ist auch noch ein Ungeheuer. Ist klar. Wo kann ich mich einliefern lassen?
Ich sinke auf dem Stuhl zusammen und schaue desillusioniert noch ein paar Bilder durch. Wenn ich mich nicht irre, hat der Typ sogar Klauen und rot glimmende Augen. Tja, kein Wunder, dass er als wahrer Erbe des Urvampirs anerkannt wird … kein Wunder, dass die Baroness vor ihm im Dreck kriecht, oder die Advokaten.
Irgendwie wird mir nun alles klar.
Mein Vater herrscht nicht, weil sie ihn als König haben wollen. Er herrscht aufgrund seiner brutalen Power. Scheiße, darauf hat mich keiner vorbereitet. Ich habe ihn zwar für einen Tyrann gehalten, aber doch nicht für so ein Monstrum. Gut, dass ich ihm das Meiste schon an die gefährliche Omme gehauen habe, denn mein Respekt vor ihm ist eben bis ins Unermessliche gestiegen.
“Super, jetzt macht er mir noch mehr Angst”, sage ich halblaut zu meiner Freundin, die gefasster bleibt als ich es bin.
“Braucht er nicht”, haucht sie und legt eine Hand auf meine, mit der ich mich an der Armlehne festgekrallt habe. “Erinnerst du dich daran, wie du ihn gestern wie ein Häufchen Elend hier hast sitzenlassen? Er hat ein Herz für dich. Er … er liebt dich … auf seine Weise.”
“Dann hätte er die letzten 20 Jahre bei mir sein sollen”, kotze ich aus. Tear intensiviert ihren Druck auf meine Hand.
“Das stimmt und das weiß er auch. Er gibt sich große Mühe mit dir. Leicht machst du es ihm nämlich nicht gerade.”
Pff, wieso sollte ich auch? Ich spüre, wie seine Präsenz nun wieder näherkommt. Als mein Vater neben dem Bücherregal auftaucht, sieht er schon wieder so leidend aus.
“Die Baroness ist weg”, erklärt er. “Wie ich bemerke, habe ich in dir eine Fürsprecherin gefunden, Tear, aber du wirst meinen Sohn nicht beeinflussen können. Es liegt allein an ihm.”
Dann setzt er sich wieder zu uns und bleibt gewohnt arrogant.
“Die Dateien wurden abgerufen, wie ich sehe. Gibt es Fragen?”
Und ob.
“Unterdrückst du das Vampirvolk?”
Tear macht ein leicht empörtes “Wie?”, aber mein Vater geht offen darauf ein.
“Gut erkannt. Ich herrsche durch Furcht. Vampire sind nur auf diese Weise anführbar.”
“Aber im Refugium …”, beginne ich und werde unterbrochen.
“Im Refugium leben diejenigen, die auf diese Weise leben wollen. Bildungselite, Adel, Berufsquerulanten, triebgesteuerte oder mordlustige Vampire, all das lebt nicht auf der Insel, sondern hier. Verstehst du jetzt, warum ich mir die Advokaten lobe?”
Hm, vielleicht ein bisschen. Anscheinend komme ich aus einem Regenbogen Ponyhof, während er sich in einer Löwengrube durchzubeißen hat. So stellt er es jedenfalls dar. Keine Ahnung, wieviel da dran ist. Nach Baroness Fredines Besuch bin ich jedenfalls gewillt, ihm das abzukaufen.
“Keine weiteren Fragen? Dann habe ich welche”, leitet er oberlehrerhaft über. “River, hast du, neben deiner Silberresistenz, noch weitere Besonderheiten an dir?”
Ich runzle die Stirn. “Zum Beispiel fette Schwingen auf dem Rücken? Sorry, mit sowas kann ich nicht dienen.”
Er bleibt gefasst. “Verändern sich deine Fingernägel, wenn du wütend wirst? Oder deine Augenfarbe?”
“Nope! Hier sitzt ein Totalversager”, kombiniere ich alle Fakten.
Tear stupst mich an. “Das hat keiner gesagt.”
Aber gedacht - brauche ich nicht auszusprechen, denn es weiß eh jeder.
Vater stöhnt. Ich treibe ihn wohl schon wieder an seine Grenzen.
“Vorhin habe ich etwas Ungewöhnliches gespürt, als du deine Aura konzentriert hast. Ich bin mir sicher, dass noch eine weitere Fähigkeit in dir schlummert.”
“Und wenn schon. Was kann ich schon? Ich bin halt nutzlos”, sage ich vor mich hin.
“Nein, River”, reagiert Vater, bevor Tear es tun konnte. “Du magst vieles sein, aber nutzlos sicher nicht.”
Ich zucke mit den Schultern.
“Ich habe das Ergebnis des Tests gesehen, den du gestern Abend durchgeführt hast”, gibt er zu. “Ich konnte kaum glauben, dass du ihn zum ersten Mal absolviert hast. Aus dem Stand diese Ergebnisse zu erzielen, ist herausragend. River, diesen Geschicklichkeitswert erreicht sogut wie niemand.”
Echt nicht? Wieder zucke ich mit den Schultern, diesmal aber weniger depri. “Bin halt ‘n ganz normaler Mechaniker.”
“Mechaniker? Du bist ein geborener Ingenieur”, bestärkt er, doch das schmettere ich ab.
“Tja, Ausbildungszeit ist vorbei. Ist doch eh alles zu spät.”
Das wühlt ihn auf.
“Zu spät, Junge? Du bist vor einer Woche zwanzig geworden. Ich habe meinen vierten Doktortitel mit 235 erworben. Mit 235 Jahren, River!”
Das wühlt wiederum mich auf. Es ist also noch gar nicht zu spät?
“Unter uns befindet sich die Universität. Besuche sie, solange du willst, in allen Fächern, die dir zusagen.”
Was? D-das geht? Meint er das ernst? Das ist … keine Ahnung. Mich überrollt etwas. Wie nennt man das? Hoffnung? Freude auf die Zukunft? Sowas habe ich das letzte Mal gefühlt, als ich zwölf war.
“Du natürlich auch Tear”, spricht Vater sie an. “Dazu wäre es gut, wenn auch du einen Test durchführen würdest. Ich bin sicher, dass ein wacher Geist wie deiner mehr als geeignet ist.”
Sie nickt energisch. “Sicher.”
Nun richtet er sich wieder an mich.
“Ich kann dir alles ermöglichen, was in meiner Macht steht und das ist nicht wenig.”
“Das ist nice”, sage ich nun endlich. “Ehrlich. Das ist richtig nice.”
“Schön.”
War das der Anflug eines Lächelns bei ihm? Hm, muss ich mir eingebildet haben. Vor lauter Aufregung spiele ich mit dem Silberring herum. Irgendwie haftet er heute noch besser an meiner Handfläche als sonst. Sogar Vater wird darauf aufmerksam.
“Was genau tust du da?”
“Was? Nichts, ich spiele nur ein bisschen mit -”
Wumms - knallt mir die Erinnerung an die Birne, dass ich auf Silber anziehend wirke.
“Silber klebt ein bisschen an mir.”
“Es tut was!?”, brüllt mich Vater fast schon an.
Ich zeige ihm, dass ich den Ring auf meine Handfläche legen kann, diese umdrehen und sie schütteln. Der Ring bleibt dran, bis ich die Hand mit Schwung schüttle.
Ich hab das für nichts Besonderes gehalten, aber mein Vater hat einen Ausdruck im Gesicht, den ich bei ihm noch nicht gesehen habe. Seine Augen sind geweitet, die Pupillen verengt. Dabei fällt mir auf, dass seine Augen bernsteinfarben sind. Irre, das habe ich noch nie an jemandem gesehen.
“Silber ist diamagnetisch”, erklärt er. “Es wird von inhomogenen Magnetfeldern abgestoßen, aber von keiner bekannten Kraft angezogen.”
Ich zucke mit den Schultern. “Von mir schon. Ist nur leider nutzlos.”
“River, verstehst du es denn nicht?!”, fragt er aufgeregt, steht auf und lehnt sich auf den Tisch zu mir. Ich glaube, seine Oberlippe zuckt. Jap, sie zuckt und nope, ich habe keine Ahnung, auf was er hinaus will.
“Wie präzise kannst du es steuern?”, schiebt er nach. Aber Moment.
“Erzähl bitte erstmal, was mir hier entgeht.”
“Die verklumpten Nanopartikel im Temporallappen deiner Mutter, River. Wenn du sie weiter herausleiten kannst, dann kann ich sie womöglich entfernen.”
“Was!?”, platzt aus mir heraus, während Tear mit hoher Stimme “Das kann sie heilen?” entfährt.
Vater stellt sich wieder aufrecht und fängt danach an, vor dem Tisch hin und her zu tigern.
“Zumindest ist es ein neuer Forschungsansatz, ein vielversprechender wohlgemerkt. Rivers Geschick wird ausschlaggebend sein und wie wir erfahren durften, ist das seine größte Stärke. Die Chancen stehen ausgesprochen gut.”
Ich soll mit der arschlosesten Fähigkeit der Welt ein Leben retten können? Und dann auch noch kein geringeres als das meiner Mutter? Das kann ich gar nicht so schnell verarbeiten.
“Was … äh, was soll ich denn tun?”
“Trainieren”, antwortet Vater unmittelbar. “Übe erst einmal mit deinem Ring. Ich denke mir eine Apparatur aus, mit der wir später zum Feinschliff übergehen. Vielleicht kann ich auch schon dein Können als Mechaniker beim Bau des Übungsgeräts gebrauchen.”
“J-ja, okay. Ich helfe, wo ich kann”, bestätige ich.
Vater bittet uns daraufhin, uns zunächst in unsere Zimmer zurückzuziehen, damit er Raum zum Nachdenken hat. Den gewähre ich ihm gern. Hier geht es schließlich um etwas unfassbar Wertvolles, nämlich das Leben meiner Mutter.
Einübung
Ich habe nun nichts mehr dagegen, die Zimmer zu beziehen, die Vater für uns vorbereiten lassen hat. Der Fahrstuhl bringt uns in einen Raum, der wie ein altmodisches, aber gemütliches Vorzimmer eingerichtet ist und von dem zwei Türen abgehen. Wieder einmal erweisen sich die Lenses als super nützlich, denn sie heben eine davon weiß leuchtend hervor. Schauen wir doch mal nach, was dahinter ist.
Ich bin etwas irritiert, als wir ein zweites, viel gemütlicheres Wohnzimmer betreten. Ich weiß schon, was hinter den Türen in diesem Raum sein wird - ein drittes und viertes Wohn-, ne, Spaß, es sind zwei Schlafzimmer und es gibt auch ein Badezimmer.
Wir haben von Vater also gar nicht nur ein Zimmer, sondern vielmehr eine ganze Wohnung erhalten, die größer ist als die der Langfords, in der wir vor zwei Tagen übernachtet haben. Und sie ist natürlich auch größer als unsere Wohnung in Shattered Sky.
Die Möbel in der Wohnung gefallen mir richtig gut. Auf dunkelbraunem Holzparkett stehen hellgraue, halbhohe Schränke, auf denen wiederum Grünpflanzen drapiert wurden. Es gibt Naturbilder an den Wänden, eine ebenfalls hellgraue Sofaecke und einen Tisch für vier Personen. Das ist viel Platz für zwei Personen, aber nicht so grausam viel, dass ich mich unwohl fühlen müsste.
Gemeinsam mit Tear setze ich mich an den Tisch im Wohnzimmer. Ich lege den Ring in einer elegant geschwungenen Handbewegung auf der grauen Tischplatte ab und halte beide Hände darüber, als könne ich zaubern. Tear sieht mir aufmerksam dabei zu, wie ich die Hände ein Stück zu mir ziehe, in der Hoffnung, der Ring würde durch meine Anziehungsmagie hinterhergezogen.
Hokus Pokus Fidibus
Und es passiert …
nix.
Okay, Hände näher ran und nochmal.
Abra kadabra. Wieder nix.
Nochmal mit zehn Zentimetern Abstand.
Simsala bim. “Hat der Ring gewippt?”
“Mikroskopisch vielleicht”, antwortet Tear.
Pff, dann eben mit fünf Zentimetern? Drei? Zwei?
Jetzt! Er reagiert. Wenn ich langsam mache, kann ich ihn über den Tisch ziehen.
“Tadaaa!”, rufe ich.
Der erwartete Applaus bleibt leider aus. Schade. Aber zumindest lächelt Tear. Es hat sich also gelohnt.
“Ich denke”, beginnt sie, was schon mal vielversprechend klingt. Ich mag es, wenn sie mitdenkt. “Dass du deine Aura konzentrieren und auf den Ring richten musst.”
Meine Aura. Klar, mach ich. Hnnnnggggggh! Hnnggh! Wieder dasselbe. Drei Zentimeter Abstand.
“Nein, mach es so wie vorhin. Da war sie viel stärker.”
Ich seufze. In dieses dreckige Gefühl wollte ich eigentlich nicht wieder rein. Vorhin habe ich meine Enttäuschung über meinen Vater gebündelt und den Verlust.
Kann man Auren nicht auch aus Liebe erzeugen? Es kann nicht schaden, das auszuprobieren. Ich positioniere meine Hände in zehn Zentimetern Abstand zum Ring.
Tear, mein Engel, ich liebe d- ... oh!
“Er hat gewackelt!”, freue ich mich. “Komm mal ran gerutscht, meine Süße.”
Sie tut es, fragt aber irritiert: “Wieso?”
“Wirst du gleich merken. Bitte so nah, dass sich unsere Beine berühren.”
Sie rutscht ganz nah neben mich und ich kann es tatsächlich spüren, Tears warmes Bein. Mega! Das Kribbeln geht durch mich hindurch, ich fange es auf und leite es in meine Hände, irgendwie.
Ha! Zehn Zentimeter, Check! Der Ring lässt sich langsam ziehen.
“Es klappt!”, ruft sie. Ich funkle sie an.
“Das ist die Kraft der Liebe.”
Sie lächelt noch hübscher als zuvor und legt dann ihren Kopf auf meiner Schulter ab. Ihre Haare kitzeln mir lieblich an der Wange. Das ist ein Traum. Was macht diese süße Schönheit nur mit mir?
Ich entferne meine Hände noch ein Stück, aber ab einer Entfernung von 15 Zentimetern ist Schluss.
“Wenn du dich jetzt auf meinen Schoß setzen könntest”, witzle ich.
“Das reicht erstmal so”, höre ich ganz nah neben meinem Ohr und bekomme danach ein Küsschen auf die Wange.
Ich lodere. Dass meine Traumfrau so nah bei mir ist, dass sie mich küsst, mich liebt! Mir raucht der Kopf. In den Händen kommt die Bonusenergie nur leider nicht mehr an. 15 sind mein aktuelles Limit.
Wir bleiben noch eine ganze Zeit sitzen, während ich versuche, meine Präzision zu verbessern. Leider habe ich keinen Schimmer, wie ich das anstellen soll.
Was mir gerade auffällt, ist, dass ich so langsam Hunger kriege. Einen Gutschein für eine Ration haben wir durch die Hotelbuchung gestern tatsächlich erhalten. Tear ist einverstanden, dass wir gemeinsam eins dieser merkwürdigen Lokale in der Zenpy besuchen.
Wir haben inzwischen Nachmittag. Besonders viel los ist nicht, wahrscheinlich, weil gerade keiner Pause hat.
Ich brauche nicht ins Detail zu gehen. Rindfleisch mit Kartoffeln und Erbsen, zubereitet aus Menschenblut ist einfach nur mega bekloppt. Natürlich sieht alles rot aus und ist ohne Übung mit Messer und Gabel kaum verspeisbar. Das Dumme an der Sache ist, dass ich das essen muss, weil ich dafür meinen einzigen Wochenrations-Gutschein eingelöst habe.
Tear hat Spirelli mit Bolognese. Das sind Kringel mit Krümeln drüber. Ich koste und finde es auch eklig, aber immerhin hat sie das Glück, nur ein Besteckteil nutzen zu müssen. Das macht sie verflixt geschickt, weil sie nicht als Vampi geboren wurde. Ach, und sie findet es lecker. Vielleicht muss man mal Mensch gewesen sein, um diesen Fraß geil zu finden.
Wir gehen halbwegs satt wieder zurück zu unserer schicken Wohnung. Das erste, was ich mache, ist den Ring wieder auf den Tisch zu schnipsen, wofür mich Tear ein bisschen rügt. Stimmt schon, er war ja ihr Geschenk an mich. Dann versuche ich ihn wieder berührungsfrei an mich zu ziehen.
Einen richtigen Fortschritt kann ich nicht feststellen, was mich ziemlich ernüchtert. Da Tear langweilig ist, sieht sie sich irgendwelche Filme mit den Lenses an. Was genau, kann ich weder sehen, da es nur vor ihre Augen projiziert wird, noch hören, da der Ton über Vibrationen im Crisp an ihr Ohr übertragen wird.
Ich spiele gerade Pingpong mit dem Ring, ohne ihn zu berühren, als ich mörderisch zusammenzucke. Irgendein schrrriller Ton donnert durch meinen Crisp, der fast schon meinen Kopf vibrieren lässt.
“Was zur Hölle ist das!?”, brülle ich.
Da mich Tear ansieht, als hätte ich einer fremden Frau einen Antrag gemacht, erkläre ich:
“Dieses Scheppern in meinem Hirn. Es macht immer wieder brrrrr, brrrr, brrrr! Brrrr am Arsch! Mein Crisp ist kaputt!”
Jetzt lacht sie laut und fragt zwischendurch luftholend. “Siehst du ein grünes Ding wackeln? Dann wirst du angerufen. Wähle es einfach aus.”
Okay, konzentrieren. Erst unten rechts, dann einmal Zwinkern. Gut, geschafft.
“River!?”, raunt es. Das ist eindeutig die tiefe, launige Stimme meines Vaters. Bild kommt keins.
“Sorry, die Funktion war mir neu”, antworte ich. “Geht das in jeder Stadt? Dann hätte ich Tear in Mensonia einfach angedröhnt, als sie verschwunden war.”
“Wenn ihr Daten ausgetauscht habt, kann jede Person angerufen werden”, antwortet er und ich verstehe, wo der Hase im Pfeffer begraben lag. Wir haben nie irgendwas ausgetauscht und schon gar nicht, bevor mir dieses Drecksteil überhaupt implantiert wurde. Wenn ich genauer darüber nachdenke, war Shines Reaktion, zu ihrem Vater Octavian zu rennen, um nach Tear zu suchen, die beste Lösung.
Mein Vater hat inzwischen weitergesprochen, während ich in Gedanken war. Oh, nicht gut.
“... könnte die Einzelteile ausdrucken und du sie montieren. Rufe am besten die Skizze auf. Ich lasse einen talentierten Ingenieur darüber schauen und alles präzisieren.”
Skizze? Ah, hier blinkt ein Briefsymbol, das ich auswähle. Das Bild einer gruseligen technischen Zeichnung öffnet sich vor mir. Ein in vier Teile zersägter Schädel ist in einem Gestell aufgehangen. An allen vier Seiten befinden sich winzige Kameras, die, der Beschriftung zufolge, permanent den Schädel durchleuchten. In einer Detailzeichnung ist zu erkennen, dass sich eine Masse im Kopf befinden wird. Daran werde ich ziemlich wirklichkeitsnah üben können. Buaaah, mich schüttelt es. Das Ding ist schauderhaft.
“Was meinst du?”, werde ich aufgefordert, meine mit experimentellen Aufbauten jahrzehntelang gesammelte Expertise zu teilen, hust.
“Was, äh, was genau ist in diesem Schädel drin?”
“Zu Beginn wohl nur eine gallertartige Masse, um die Dichte eines Gehirns nachzubilden. Sobald du gut genug bist, ersetzen wir sie mit Hirnnachbildungen und letztendlich mit Spenderorganen, vielleicht auch ganzen Körpern. Sicher lassen sich für die letzte Phase auch freiwillige Probanden finden.”
“Aha.”
Probanden? Echte Leute mit echten lebenden Gehirnen? No way!
Er erläutert seine Ideen weiter.
“Was ich noch nicht konstruiert habe, ist die Liege, auf der die Person liegen wird. Der Kopf soll, genau wie in der Zeichnung, von allen Seiten zugänglich sein.”
“Von allen Seiten”, sage ich überfordert. “Das ist gut.”
“Du bist also einverstanden? Wenn dir noch etwas einfällt, kannst du mich zu jeder Uhrzeit erreichen.”
Und klack, ist das Gespräch beendet. Okay, cool. Ich kann nur hoffen, dass ich sehr schnell sehr präzise werde beim hin- und herschnipsen von Silber, sonst bringe ich am Ende noch jemanden um. Eieiei, na, das kann ja was werden.
Während ich neu motiviert weiterübe, widmet sich Tear ihrem Beurteilungstest. Natürlich finden wir das Assessment-Kit auch hier im Schrank. War ja klar. Sowas ist schließlich Grundausstattung …
Auch sie bekommt Koordinationsaufgaben gestellt. Anders als ich muss sie zwei kleine Stöckchen jonglieren. Das sieht zu ulkig aus, vor allem weil sie sich wie ein kleiner Tollpatsch aufführt. Also ich habe meine Bälle nicht fallengelassen.
Zu knuffig, wie sie immer wieder durch das Zimmer flitzt, um die Stöckchen wieder aufzusammeln. Nach 20 Minuten sinkt sie vollkommen fertig mit den Nerven auf dem grauen Sofa zusammen und schließt die Wissens-, und Gewissens- und auch die Geschicklichkeitsaufgaben ab. Insgesamt braucht sie dafür eineinhalb Stunden. Ich war nach einer Stunde durch. Ganz schön langsam, das Tränchen.
“Da kommt die Auswertung!”, ruft sie und liest vor.
“Wissen 9.5 von 10, Kraft 7.5 von 10, Ausdauer 7.2 von 10, Geschick 6.0 von 10, Loyalität 9.1 von 10, 40.3/50 Punkten”
Fast volle Punktzahl bei Wissen?! Geht das überhaupt? Hexe! Außerdem hat sie genauso viel Kraft wie ich, aber einen Punkt mehr in Ausdauer? Halloooo? Tear soll sportlicher sein als ich? Das ist doch nicht zu fassen! Dafür ist sie ungeschickt. Eigentlich kann sie gut zeichnen, aber das ist es wohl nicht, was der Test feststellt. Loyalität ist bei ihr aber auch super hoch. Vater wird entzückt sein …
“Hat es dir die Sprache verschlagen?”, fragt das freche Ding neckisch.
“Hab nichts anderes von meiner Freundin erwartet”, sage ich, ziehe meine rote Jacke aus, krempele die Ärmel meines hellen Hemdes hoch und fange an, Liegestütze zu machen. Es kann doch nicht sein, dass sie sportlicher ist als ich! Shine, darf das, aber Tear doch nicht!!!
Und eins und zwei und drei und …
“Wenn du entscheiden müsstest”, fängt Tear an, eine Testfrage zu wiederholen, “ob du entweder einen renommierten Vampir oder ein Menschenkind retten könntest, wen würdest du wählen?”
“Das Kind”, antworte ich ohne Umschweife. Und zeehn und eeelf.
“Und wieso?”
“Weil das Kind eine Chance auf ein Leben verdient hat.” Und dreiiizehn. “Der Vampir hatte ein Leben - mit Erfolg gesegnet auch noch.” Und viiiierzehn.
“Wenn du das wirtschaftlich betrachten würdest, hätte der Vampir dann nicht den größeren Wert?”, fragt sie und ich komme nicht mehr hoch. Fünfzehn ist echt mau … egal, ich muss erstmal mit Tear reden. Ich setze mich im Schneidersitz auf den Boden. Er ist genauso sauber wie ein Tisch oder Stuhl in diesen geleckten Pyramidenstädten.
“Der Wert des Lebens ist immer Eins. So hab ich das von Mag gelernt. Ein Vampir ist Eins. Fünf Vampire sind auch Eins. Drei Menschen sind ebenfalls Eins. Deshalb kann man Leben nicht gegeneinander abwiegen.”
“Aber der renommierte Vampir hat Bildung genossen, die Geld und Energie gekostet hat. Was er gelernt hat, ist von wirtschaftlichem Wert.”
In diese verschrobene Kapitalistendenke finde ich nicht hinein.
“Du weißt doch gar nicht, ob das Kind zu einem viel krasser renommierten Was-weiß-ich wird. Außerdem würde ich instinktiv halt das Kind retten. Kinder sind niedlich und schutzbedürftig. Denen muss man einfach helfen. Der Erwachsene findet vielleicht selber noch irgendeine Lösung.”
“Hm …, das ist auch ein Ansatz. Ich glaube, bei diesen Fragen kommt es immer darauf an, welche Begründung man für seine Entscheidung abliefert. Im Test wird eindeutig noch mehr erhoben, als wir in der Auswertung stehen haben.”
“Meine Rede!”, rufe ich und springe auf. “Was meinst du? Schlafenszeit?”
“Hmhm”, nickt sie mir zu.
“Gehen wir zu mir oder zu dir?”
“Du bist unermüdlich, weißt du das?”, lacht sie zuckersüß.
“Du weißt, dass du es willst”, hauche ich verführerisch und lupfe die Augenbrauen.
“Wir beide wissen das”, sagt sie abgeklärt und mir kracht es den Scheiße-es-wird-Ernst-Schalter um. Dann kommt sie zu mir, gibt mir einen Kuss auf die Wange und haucht: “Schlaf gut, mein Schatz.”
Sie winkt mir zum Abschied mit vor und zurück wiegenden Fingern und verschwindet in ihrem Zimmer.
Puuhhh, ist mir heiß. Mutiert Tear etwa zur Verführerin, wenn sie sich irgendwann komplett gefangen hat? Das halte ich nicht aus.
Sie ist so schon der heißeste Engel der Welt. Wenn sie noch anfängt, einen auf Femme Fatale zu machen, drehe ich durch. Ganz im Ernst. Dann kann ich doch gar nicht mehr geradeaus denken. Und um die Ecke schon gar nicht.
So wunderschön, klug und elegant sie ist, hätte sie einen sehr kurzen Weg bis zur Herzensbrecherin. Eine Frau wie sie kann sich jeden Mann angeln, den sie haben will. Puh … , das ist eine aufregende Vorstellung. Leute, mir gehen die wildesten Fantasien durch den Kopf. Darunter sind Dinge, die sie niemals mitmachen würde, vor allem aufgrund ihrer schwierigen Vorgeschichte.
Also, Klappe zu, Hirn, oder besser … Hose. Warum musste ich mich auch in die attraktivste Lady zwischen Nebel und Erde verlieben? Selbst schuld, River, selbst schuld.
Ich schnappe mir ihren Ring vom Tisch und gehe in das andere Zimmer hinein. Auch hier sind die Möbel hellgrau, aber mitnichten trist. Grüne Kissen, Pflanzen und das Bild eines sattgrünen Waldes, wie es ihn heute gar nicht mehr gibt, machen es auch hier super gemütlich. Also mir gefällt es.
Ich springe mit Anlauf auf mein Bett, das leider überhaupt nicht quietscht. Schade. Ich hatte gehofft, dass Tear mich hören kann.
Den ganzen Abend spiele ich mit dem Ring herum. Schon verrückt, dass ich ihm vielleicht das Leben meiner Mutter verdanke. Aber eins nach dem anderen. Ich muss lernen, meine Fähigkeit zu bündeln.
Ich übe noch eine Weile und gehe dann schlafen, sehr erholsam, wohl gemerkt.
Am nächsten Tag lädt uns Vater schon morgens in sein Labor ein, wo er mit uns an der Apparatur arbeiten will. Seine technische Skizze hat sich über Nacht in einen Bauplan verwandelt und zwar auf einem krank professionellen Niveau.
Tear sitzt neben mir an einem am Rand stehenden Arbeitstisch und hat ihre Freude an den Plänen, da sie selbst auch gern Konstruktionen zeichnet. Ihre Bilder unterscheiden sich aber klar von so einer ollen Bauzeichnung, denn Tears konstruierte Bilder sind künstlerischer Natur, und super hübsch.
Als wir der Meinung sind, dass die neuen Pläne den letzten Schliff erhalten haben, gibt Vater sie an eine Abteilung in der Universität weiter, wo die Einzelteile der Apparatur hergestellt werden. Dann wendet er sich Tear zu.
“Glückwunsch zu deinen hervorragenden Bewertungsergebnissen. Wenn jemand studieren sollte, dann du, Tear.”
Sie bedankt sich erfreut, sagt aber nichts über ihre Vermutung, dass mehr hinter dem Test steckt. Stattdessen gibt sie ein Kompliment zurück. Sie ist eben sehr formal erzogen.
“Darf ich fragen, ob du diese hochpräzisen Baupläne allein gezeichnet hast?”
“Allein schon, allerdings mit digitalen Hilfsmitteln”, antwortet er, was eigentlich total logisch ist. Tear bleibt trotzdem angetan.
“Sehr beeindruckend. Gibt es etwas, das du nicht kannst?”
“Piano spielen”, entgegnet er prompt, als hätte er mit dieser Frage gerechnet. “Ich bin unmusikalisch. Noten lese ich mehr schlecht als recht.”
“Schade, Piano hätte River gefallen”, plaudert sie aus. Pssst, das braucht er nicht zu wissen.
“Das Piano ist mein liebstes Musikinstrument”, gesteht Vater. “Vicco spielt es auf passablen Niveau. Sprecht ihn darauf an, wenn ihr ihn wiedertrefft.”
Tear stupst mich grinsend an. “Na, wenn das mal keine Gemeinsamkeit ist.”
Statt ans Klavierspielen, denke ich beim Stichwort Vicco, oder … Victor, direkt wieder an sein Anliegen, das er mir vorgebracht hat.
“Dein Bruder meinte, wir sollten uns darauf vorbereiten, dass die Luft immer klarer wird und die Menschen in 50 Jahren wieder nach draußen könnten.”
Vater stöhnt. “Wieder die Mär vom dünner werdenden Gift und rebellischen Menschen? Er hat sie schon so oft erzählt, dass er wohl inzwischen selbst daran glaubt.”
“Stimmt nicht?”, fragt Tear vorsichtig, aber ergebnisoffen. Wieso sollte Victor lügen? Ich habe doch selbst gesehen, dass einige Menschen in den Ruinen einer alten Stadt überleben können.
“River …”, haucht mir Tear zu, die mich damit darauf aufmerksam macht, wie finster ich meinen Vater anstarre. Pff, tut mir nicht leid.
Vielleicht packt Vater genau deshalb wieder den Oberlehrer aus.
“Wissenschaftlichen Fakten sollte man mehr Glauben schenken als Wunschvorstellungen. Das ist Lektion eins. Was meint ihr, sorgt dafür, dass die Giftstoffbelastung in der Luft gesunken ist?”
Also gut, dann spiele ich halt mit. “Weil es mehr Grünpflanzen gibt.”
Vater bleibt vor uns stehen, während wir sitzen. Das ist echt wie in der Schule.
“Ansteigende Vegetation, teilweise richtig. Sie hat Einfluss auf den Abbau des Kohlendioxidgehaltes und erhöht zugleich die Sauerstoffsättigung der Luft. Aber gegen die Belastungen durch Schwefeldioxid, Wasserstoffchlorid und Fluorwasserstoff können sie nichts ausrichten. Es stellt sich die Frage, ob zuerst die Vegetation wuchs und daraufhin der Nebel dünner wurde oder ob es vielleicht umgekehrt war?”
“Hab’s kapiert”, raune ich. “Es gibt eine andere Ursache, aber ich weiß sie nicht.”
“So ist es. Die Ursache sind wir”, bestätigt er. “Beziehungsweise sind es unsere Städte. Die Belastung in unserem Einflussbereich ist nur deshalb so gering, weil unsere Filteranlagen große Mengen an Luft einsaugen. Jedoch strömen permanent gewaltige Mengen verseuchter Luft vom Rest der Erde nach. Victor versteht das nicht. Er glaubt, wir könnten die Luft der gesamten Erde filtern. Das ist der Irrglaube eines Philosophen, der die Dimensionen unserer Welt nicht begreift. Was er sich herbei halluziniert, ist vergleichbar mit dem Versuch, die Atmosphäre der Venus mit fünf winzigen Kraftwerken für Menschen atembar zu machen. Das ist die reinste Utopie, River. In tausend Jahren nicht.”
Wieso muss das jetzt auch noch so schlüssig klingen? Mann, halt doch einfach die Klappe! Das dekonstruiert alles, was mir während meiner Reise durch den Kopf gegangen ist. Victors Version war nach vorne gerichtet. Sie hatte ein Ziel vor Augen. Es kann doch nicht ewig so bleiben, wie es jetzt ist.
“Wenn das stimmt, werde ich niemals den Sternenhimmel sehen”, schlussfolgere ich.
“Ich sagte, wir könnten die Atmosphäre nicht filtern. Wenn allerdings unsere Erde zur Ruhe kommt, beginnt sich der Dunst von selbst zu lichten. Das kann in 50 Jahren passieren, oder in 300. Ausschließen würde ich deshalb nicht, dass du den Sternenhimmel irgendwann zu Gesicht bekommst.”
Ja, super! Jemanden aufbauen müssten wir echt noch üben. Pff, 300 Jahre. So alt ist er ja selbst nicht mal, sondern … genau … ich schaue fix nach, 239.
“River!”, faucht er mich an, während neben ihm eingeblendet wird, dass er der Sohn Alucards und einer Menschenfrau sei. Das liest sich nach einer irre geheimen Information. Upsi.
“Was fällt dir ein, meine Personendaten auszulesen?”
Vor Schreck, dass er es mitbekommen hat, fällt mir absolut keine schadensbegrenzende Ausrede ein. Das würde wohl auch nichts bringen, immerhin habe ich ihm meinen Jailbreak eben auf die Nase gebunden.
“Selbstverständlich weiß ich seit Betreten der Stadt, dass dein Crisp frisiert wurde und mir ist auch bekannt, dass du Daric gescannt hast.”
“Okay, war blöd von mir. Kommt nicht wieder vor”, sage ich, Hände hebend. Mann, ich seh’s ja ein. Hätte mir auch nicht gefallen.
“Hast du es gelesen?”, fragt Vater daraufhin und ich weiß schon, worauf er anspielt.
“Dass deine Mutter ein Mensch war? Jo.”
Er seufzt.
“Wie du, bin ich als Hybrid auf die Welt gekommen. Eine Vampirfrau wie deine Mutter hat damit kein Problem, aber eine Menschenfrau stirbt unweigerlich daran … Du erkennt nun, dass ich nicht nur dir die Mutter verwehrt habe, sondern auch mir selbst.”
Ach, erkenne ich das?
“Puh, ne. So sehe ich das überhaupt nicht. Du hast bei mir echt Mist gebaut, aber du kannst dir nicht alles aufs Tableau ziehen. Was unseren Müttern passiert ist, war wohl kaum deine Absicht und verhindern konntest du es auch nicht.”
Sieht mich Vater verdutzt an? Der fragende, ziellose Blick, die halb vor seinen Augen hängenden Haare. Das spielt er nicht. Was ich gesagt habe, hat ihn ins Herz getroffen.
“lch betrachte mich als Verursacher,” haucht er ungefestigt. Sonst spricht er immer mit Kraft in der Stimme.
Hm, als Verursacher?
Oh! Das ist der Grund, warum er in den Briefen jedesmal geschrieben hat, ich solle mir nicht die Schuld für den Tod meiner Mutter geben, obwohl er sich die Schuld bei seiner eigenen Mutter selbst gibt. Warte, das ergibt Null Sinn!
Er hat die ganze Zeit vor uns gestanden, ich vermute, weil er eigentlich etwas holen wollte, aber jetzt zieht er sich einen Drehstuhl mit Rollen zu sich, auf den er sich setzt. Ich kläre ihn über meine Sichtweise auf.
“Wenn du für deine Mutter verantwortlich wärst, müsste ich es für meine Mutter sein, aber, ähm, nope, bin ich nicht. Ich hab absolut nichts getan. Ist nicht meine Schuld, dass sie ein Kind wollte. Und das Nanosilber, das letztendlich verklumpt ist, hast du ihr doch bestimmt nicht aufgezwungen, oder?”
Wobei ich das nicht ausschließe. Na, mal sehen, was er antwortet. Mein Vater sitzt zusammengesunken vor uns und sieht auf den Parkettboden. Die Unterarme hat er auf den Beinen abgestützt.
“Die Behandlung war experimentell, aber Lyz wollte sie erhalten, gegen Alexanders Willen.”
“Also war es wessen Entscheidung?”
Er antwortet nicht. Gut, mach ich es eben. “Ihre eigene.”
Er sagt nichts mehr und, wow, ich kann nicht glauben, was ich hier tue! Ich spreche dem Tyrann vor mir Schuld ab. Ich! Und ich halte es für korrekt! Was hat mich denn dazu geritten? War es sein immerzu leidender Blick oder seine Mitleidsaura?
Es dauert einen Augenblick, bis sich Vater an die Augen fasst und aufsteht. Das Gesicht hat er weggedreht.
“Ich verdiene keine Absolution. Besonders nicht von dir, mein Sohn.”
Damit beendet er die Unterhaltung erstarkt, geht dann zum Fahrstuhl und verschwindet.
Als wir allein sind, atme ich die in mir angestaute Anspannung aus und sehe zu Tear, die sich feinfühlig zurückgehalten hat. Bereits ihre Anwesenheit hat mir viel Kraft verliehen. Ihre Augen sind glasig und schauen mich verwundert an. Ich rolle mit dem Drehstuhl näher zu ihr und lege eine Hand auf ihre.
“Dein Vater ist ein Wrack”, sagt sie.
Oh, ja, und was für eins. Ich zucke wissend mit den Schultern und nicke.
“Ich hab den Eindruck, er hat sich damit bestrafen wollen, Papa und mich von sich zu schieben, damit er in seinem Selbstmitleid baden kann. Das hätte Papa nämlich nicht zugelassen. Ich weiß ja nicht, wie ich dann geraten wäre, aber so wie ich bin, hätte ich ihm ‘nen täglichen Tritt in den Pöter verpasst.”
Tear lächelt betroffen.
“Vielleicht ist ihm die Einsicht zu unbequem. Dir passt es doch auch nicht, dass der Nebel gar nicht dünner wird.”
Uff, stimmt ja. Da war noch was. Mann, was ist das für ein scheiß Tag!
Der Fahrstuhl öffnet sich wieder, aus dem Vater zurückkommt. Tatsächlich hat er etwas geholt und zwar die Silberkette, die Mutter um den Hals getragen hat. Er hält sie mir am Kettchen entgegen und ich blicke auf das Sonnensymbol.
“Das ist unser heutiges Übungsobjekt”, bestimmt er, ohne erneut auf irgendwas zuvor Gesagtes einzugehen. Okay, ist mir ganz recht. Hab eh keine Ahnung, was ich dazu noch sagen soll. Ich nicke also.
Er holt einen leeren Reagenzglasständer, in den er die Halskette einhängt und vor mich auf den Tisch stellt. Darunter rollt er ein Maßband aus.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Da es mir jetzt gerade leichter fällt, meine negativen Gefühle aufzurufen, danke dafür, ist auch meine Aura negativer Natur. Ich bringe meine Hände vor der Kette in Stellung, doch werde vom Meister ermahnt.
“Ohne Hände. Nutze allein deine Aura.”
Ach, du Schreck! Kann ich das? Okay, Versuch macht kluch.
Hnnnng! Ich hasse diesen Arsch, der uns abgeschoben hat! Hnnnng!
Was!? Erfolg!? Das Kettchen wackelt ein wenig. Ist das irre! Das hab ich nur mit meiner Aura gemacht! Ich bin echt ein Zauberer! Hat Tear es auch mitbekommen? Ist sie stolz? Jap, sie strahlt mich an. Vaters Blick ist dagegen gewohnt düster, aber er nickt.
“Sehr gut, es funktioniert. Das ist deine Tagesaufgabe.”
Wie jetzt, Tagesaufgabe?
Er dreht sich ins Profil. “Ich verabschiede mich für heute. Falls ihr etwas braucht, ruft mich an. Viel Erfolg!”
Dann geht er wieder zum Fahrstuhl, doch bevor er darin erneut verschwindet, ermahnt er uns noch.
“Und fasst hier nichts an!”
Autsch. Die Schwäche, die er uns vorhin gezeigt hat, scheint er schnell wieder mit Härte ausgleichen zu wollen. Meine Güte! Wie lange soll es dauern, diesen steifen Typen weichzuklopfen, damit man den einigermaßen aushält? Ich hab nämlich echt vor, hier zu bleiben und mit meinem süßen Schnecken zur Uni zu gehen.
Also gut, dann widme ich mich meiner Aufgabe. Mein Erfolg hat meine Stimmung gehoben, also schnappe ich mir wieder Tears Hand und versuche das Ganze mit der Kraft der Liebe.
Hnnnng, ist meine Freundin bezaubernd, die süßeste und klügste auf der Welt, hnnnng.
Bling! Das Kettchen schwingt hin und her und bricht meine Konzentration. Ein ganzer Zentimeter. Nice. Das wird klappen.
Ich bin ausdauernd und übe locker drei Stunden lang, bis ich nach 4 Zentimetern keine Fortschritte mehr mache. Ich brauch ‘ne Pause.
Tear hat sich in der Zwischenzeit durch virtuelles Informationsmaterial über die Stadt gewühlt und Pläne studiert. Das macht Shine als Stadtführerin nun vollkommen obsolet. Besonders jetzt, wo ich an sie denke, merke ich, dass ich sie vermisse. Sie ist wie eine große Schwester, die immer auf mich aufpasst. Schon echt kacke, dass sie sich ins Aus geschossen hat. Traurig irgendwie.
Ich würde gerne in eine andere Etage fahren, weiß aber nicht, ob wir dann wieder Zugang zum Labor erhalten und bleibe deshalb lieber. Ich laufe ein bisschen hin und her und habe einen Geistesblitz. Tear schüttelt auf niedlichste Weise den Kopf, als ich anfange, Liegestütze zu machen. Ich will eine 8/10. Das kann doch nicht sein! Tear zählt laut mit.
“... vierundzwanzig, fünfundzwanzig …”
Und schwuuub, das war abzusehen, schiebt es gerade jetzt den Fahrstuhl am Rand des Labors auf, aus dem Vater tritt. Weißt du was, alter Sack!? Ich mach einfach weiter und zähle laut mit.
“Sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, achtundzwanzig."
Aus dem Augenwinkel kann ich erkennen, dass er tadelnd zu mir auf den Boden schaut. Als ob mich das interessieren würde, pff! Die Dreißig mach ich jetzt noch voll.
“neunundzwanzig, dreißig, fertig.”
“Du kommst ganz nach Alexander”, faucht er.
Gut so. Das nehme ich als Kompliment auf.
“In wie fern?”, fragt Tear spitzfindig. Vater beobachtet mich, während ich aufstehe und meine Kleidung richte. Die Jacke ziehe ich gar nicht erst wieder an. Er hebt die Augenbrauen und mustert mich.
“Diese gelebte Respektlosigkeit, an der selbst meine Machtdemonstration nichts ändern konnte. Sein reinstes Ebenbild.”
Dann macht er eine Armbewegung zur Kette.
“Wie sehen deine Fortschritte hiermit aus?”
Ja, stimmt. Direkt nachdem mir klar geworden ist, was er drauf hat, war ich eingeschüchtert, aber, ich weiß nicht, … je länger ich mit ihm zusammen bin, desto weniger nehme ich ihn als Bedrohung wahr. Mal sehen, wie er meine Leistung einschätzt.
“Vier Zentimeter schaff ich - freihändig.”
“Gut. Wie lange kannst du sie halten?”
“Halten?”, muss ich verdutzt zurückfragen. Ich dachte, ich soll die Kette anstoßen. Dann hab ich wohl doch versagt. Shit!
Er deutet weiterhin auf den Stuhl vor der Kette, was ich so interpretiere, dass ich meinen Fortschritt demontieren soll. Okay, wenn's sein muss.
Das macht mich jetzt nervöser als erwartet. Ich bin wohl doch noch nicht so weit, wie ich dachte.
Ich setze mich, drehe mich zur Kette, die ich mit den Augen fixiere und rufe dann meine Liebe zu Tear ins Gedächtnis. Der Anhänger schwingt leicht zu mir.
Halten, ich muss ihn halten. Hnnnng! Halten, so wie meine Liebe zu Tear ewig halten wird …
Zwei Sekunden nur? Am Arsch! Unsere Liebe hält ewig, du unverschämte Kette!
“13:47 Uhr, zwei Sekunden, vier Zentimeter. Notiere das als Anfangswert und erstelle eine Liste.”
“Jawohl, Chef”, bestätige ich pflichtbewusst.
“Heute Abend montieren wir das Gestell. Übe bis dahin weiter. Deine Zugkraft ist ausreichend für den Anfang. Behalte sie bei und setze dir zehn Sekunden als Tagesziel.”
Ich bestätige auch das. Ein Ziel vor Augen zu haben, motiviert mich. Vater nickt und verlässt die Etage danach wieder.
Wird schon werden. Langweilig ist mir auch nicht, weil ich meine Liebste die ganze Zeit um mich haben darf. Cool, dass er damit überhaupt kein Problem hat.
Wie versprochen trainiere ich bis zum Umfallen. Was ich mir vorstelle, entscheidet darüber, wie lange ich den Anhänger halten kann. Abstraktes funktioniert schlechter als Konkretes. Ich kann die Konzentration gut halten, wenn ich mir einen Kuss von Tear vorstelle.
Nach einer Stunde üben ist fünf Sekunden der beste Wert. Nach zwei Stunden sind es sechs. Ein echter Kuss von Tear auf die Wange bringt sieben Sekunden. Drei Stunden sind vergangen und ich kann nicht mehr. Sieben Sekunden war der Spitzenwert. Seitdem fällt die Dauer wieder ab.
Tear sitzt neben mir und spekuliert.
“Vielleicht strengst du dich zu sehr an. Wenn du dich konzentrierst, hältst du die Luft an. Wie willst du so jemals auf mehrere Minuten kommen?”
Minuten …? Ich könnte heulen. Sie hat recht. Ich brauche eine neue Technik.
Langsames Ausatmen bringt mich wieder auf sechs Sekunden. Nach einigen Wiederholungen geht auch Einatmen. Sehr gut. Acht Sekunden.
Trotzdem merke ich immer noch, wie ich meinen Körper anspanne, wenn ich die Aura erzeuge. Egal was ich tue, anders entsteht keine.
Ich probiere noch ein bisschen was, aber scheitere. Die zehn Sekunden sind heute Abend nicht mehr drin. Fuck, ich Versager!
Wie angenommen, kommt Vater am Abend wieder. Im Fahrstuhl stehen Kartons, die wir gemeinsam ins Labor tragen. Er legt alles einzeln auf einen beweglichen Metalltisch, den er in die Mitte der Fläche rollt und arretiert.
Ich kenne den Plan und kann jetzt schon vor meinem inneren Auge sehen, was wohin gehört und wie die Apparatur aufgebaut aussehen wird.
Vater sieht mir an, dass es mir in den Fingern juckt.
“Das hier ist deine Bühne”, fordert er auf. “Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wessen Geschick auf einem höheren Niveau ist.”
Wow, das war definitiv ein Lob. Allerdings braucht man auch eine Menge technisches Verständnis, was er scheinbar voraussetzt. Egal. Ich will das Ding aufbauen, also mache ich das auch.
Vater bleibt bei Assistenzarbeiten, wie die Teile zurechtzulegen und das Werkzeug zu reichen. Das meiste sind innovative Stecksysteme, die mindestens auf den Zehntel Millimeter genau gefertigt wurden. Sowas können wir im Refugium gar nicht herstellen.
Kurz vor Mitternacht werden wir fertig. Tear hat uns die Ohren voll gegähnt wie eine ausgewachsene Löwin. Ich bin aber auch extrem erschöpft nach all der Anstrengung. Wie schon in der Zeichnung zu erkennen war, besteht die Apparatur aus einer Liege, an der um den Kopfbereich Metallstreben angebracht sind. Diese halten den Kopf in der Schwebe und durchleuchten ihn mit Sensoren, die ein Livebild an die Lenses senden.
Vater fordert mich nach all dem auf, mich ein letztes Mal für heute an der Kette zu versuchen. Ich bin kurz vorm einpennen und erwarte nicht mal, dass ich überhaupt auf vier Zentimeter komme, aber von mir aus. Krache ich mich eben nochmal auf den Drehstuhl, starre die Kette an, die sich immerhin doch auf die gewohnten 4 Zentimeter schwingt und dort sogar ein bisschen verharrt. Sechs, … sieben? … Acht? … Neun? Zehn Sekunden!
“Geschafft!”, brülle ich, springe auf und kann es nicht glauben. Yeah, das war oberste Liga! Ich muss mir nur merken, wie ich das eben … Momentchen, wie hab ich das jetzt gleich wieder gemacht? Es kann doch nicht sein, dass ich keinen Schimmer habe …
Tear schaut mich aus ihren müden Augen anerkennend an. Ich lasse sie im Glauben, alles sei top. Wird schon werden. Der River von morgen regelt das. Auf den ist doch immer Verlass.
Versöhnung
Hundemüde und zugleich aufgedreht zu sein, bewirkt, dass ich erst gegen 01:30 Uhr einschlafen kann. Mir ist schon klar, dass wir nicht bis Mittags pennen sollten, aber was mein Vater mit uns abzieht, ist unter aller Sau. Der rücksichtslose Penner haut uns um fucking 06:30 Uhr mit einem Anruf schon wieder aus der Koje. Ey, wenn der Typ Schlafstörungen hat, dann ist das seine Sache!
“Ich erwarte euch um 7 Uhr im Labor”, sabbelt er.
Bevor er auflegen kann, schnauze ich schlaftrunken: “Was zur Hölle will ich mitten in der scheiß Nacht mit Hirnzellen im Tiefschlaf in deinem bekackten Labor?”
Vater seufzt. “River, ich habe nichts gegen deine Einwände, wohl aber gegen deine Ausdrucksweise. Bei einer vernünftig formulierten Erklärung hätte ich mit mir reden lassen, aber nun erwarte ich dich in 15 Minuten im Labor.”
Dann legt der Vollarsch auf. Lächerlich, seine neunmalklugen Erziehungsmethoden. Pff, kommen bisschen spät. Aber gut, ich will ja auch vorankommen, also schmeiße ich eben meine kuschelig warme Decke von mir und gehe zu ihm. Ist seine Entscheidung, einen übel gelaunten Proll bei sich haben zu wollen. Ich wasche mir das Gesicht und ziehe mich an. Dann klopfe ich bei Tear, die gleich darauf die Tür öffnet.
“Mog’n”, haucht sie dünn. Die müde Maus zu sehen, gibt mir ja schon einen ziemlichen Kraftschub. Die Süße ist völlig fertig. Ich würde ihr den Schlaf ja eigentlich gönnen, will aber echt nicht mit meinem Vater alleine sein. Ich rechne eigentlich damit, dass er noch irgendeinen triftigen Grund hervorzaubert, der die Uhrzeit rechtfertigt. Wehe, wenn nicht!
Wir kommen ins hell beleuchtete Labor, das logischerweise zwar über vier schräge Fensterfronten verfügt, in dem Tag und Nacht aber trotzdem verschmelzen. Das Licht von außerhalb ist nämlich kaum der Rede wert.
Vater hat in die gestern fertiggestellte Apparatur einen, wahrscheinlich echten, aber sauberen Schädel eingehängt. Sowas schockt keinen, der mal durch eine beliebige Ruinenstadt gelatscht ist. Das Ding hebt mich jedenfalls nicht an und Tear auch nicht. Durch die leeren Augenhöhlen hindurch schimmert mich eine gelbliche Masse an, die wahrscheinlich die Gehirnmasse simulieren soll.
Obwohl ich mich gern näher damit befassen will, leitet mich Vater wieder nur zum Silberkettchen, das an der Reagenzglashalterung baumelt. Ich weiß, was ich zu tun habe, pflanze mich davor und lege los.
Erst sind es acht Sekunden, nach dem vierten Versuch aber schon dreizehn! Geilomat! Vater zeigt sich unbeeindruckt.
“Dein Ziel bis heute Mittag sind 20 Sekunden mit schwebenden Bewegungen. Vier Zentimeter nach links, zwei Sekunden halten, vier Zentimeter nach rechts, zwei Sekunden halten und so weiter, bis die Zeit voll ist.”
“Das ist ein Witz. Ich kann Silber anziehen, nicht manövrieren!”, protestiere ich.
Vater schaltet mir eine Bilderserie frei, die markiert, wo genau Mutters verklumptes Silberpartikel steckt. Die Blutbahnen sind voller winziger Windungen im, weiß nicht, Hundertstel- Millimeter-Bereich. Er braucht nichts zu sagen. Ich begreife gerade, worauf ich hier trainiere und dass ich noch ganz am Anfang stehe. Baah, das drückt auf die Motivation.
Sein Anspruch ist gerechtfertigt. “Verstehe. Bis heute Mittag hin und her Wedeln. Wird gemacht.”
Er nickt. Ich erkläre Tear alles und beginne das Training. Es dauert alleine drei Stunden, bis ich es schaffe, den schwebenden Sonnenanhänger auch nur einen Millimeter in irgendeine Richtung zu schieben. Allerdings ist das der Beweis, dass ich mehr kann, als das Silber anzuziehen. Ich habe einen gewissen Einfluss auf die Bahn, die es nimmt.
Aus einem werden immer mehr Millimeter, bis ich die Anweisung halbwegs präzise umsetzen kann, rechtzeitig für Vaters Kontrollbesuch. Da die Präzision nicht erreicht ist, erhalte ich keine neue Aufgabe.
Erst einen Tag später zur Mittagszeit bin ich so weit. Ich darf erstmals am Modell üben und bemerke, dass das winzige Silberteilchen so stark von der Masse abgeschirmt wird, dass ich zurück zur Trockenübung muss. Ich soll ein winziges Silberspähnchen innerhalb einer Petrischale an der vorderen Rundung hin und her bewegen.
Die Vier-Zentimeter Aura ist dafür nur leider viel zu schwach. Da tut sich nichts. Es klappt einfach nicht.
Auch einen Tag später komme ich kaum voran. Der Spahn bewegt sich langsam zu mir, bleibt dann aber an der Rundung der Petrischale hängen und lässt sich nicht mehr manipulieren.
Es ist Mittag des dritten Tages und meine Stirn liegt erledigt auf der Arbeitsplatte, auf der das Schälchen steht.
“Ich kann's nicht”, jammere ich Tear voll, die dazu übergegangen ist, alte Bücher zu lesen, während ich übe. Jetzt gerade ist es “Krieg und Frieden”. Vater hat es ihr ans Herz gelegt und sie wirkt angetan - leider nur vom Buch und nicht von mir. Sie wird mich noch verlassen, wenn ich weiter versage. Entweder heul ich gleich oder werde zum Berserker und schmeiße diese Drecks-Petrischale runter. Ich bekomme echt langsam Aggressionen auf das Scheißding.
Als mein Ohr zu vibrieren anfängt, brülle ich: “Was!?”
Es gibt nichts Grässlicheres als einen vibrierenden implantierten Chip im Schädel. Vater ruft an. Wer sonst?
“Eure Freundin steht am Einlass der Stadt. Soll ich ihr Zutritt gewähren?”
“Shine!?”, schreie ich versehentlich überrascht. “Ja! Unbedingt.”
Tear zuckt neben mir zusammen, als sie ihren Namen hört. Oje, für sie wird es unbequem werden, sich auszusprechen, aber ich weiß, dass sie es so will. Und ich weiß, dass ich das brauche. Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein. Hauptsache raus aus diesem Labor, weg von diesem mich verhöhnenden Glasschälchen.
Vater reagiert: “Ich schicke sie in Begleitung in die Empfangshalle. Findet auch ihr euch umgehend dort ein.”
“Jawohl, Meister”, bestätige ich.
Vater beendet das Gespräch und ich springe auf. Das vorherrschende Gefühl in mir ist aufgeregte Vorfreude. Shine hat mich über längere Zeit hinweg hinter meinem Rücken vor Tear schlecht gemacht und dann ihre Freundin belästigt. Das ist mir bewusst und das sind auch richtig hässliche Dinge, aber trotzdem freue ich mich auf sie.
Die schönen Erlebnisse, die sich in den zehn Jahren mit ihr angesammelt haben, überwiegen in mir. Ich habe fast meine gesamte Kindheit und meine Jugend hindurch zu ihr aufgeschaut. Sie war immer die coolste, stärkste, abgeklärteste und schönste Frau im Refugium, letzteres, bis Tear zu uns kam. Ich war der stolzeste Junge der Welt, diese Frau der Superlative meine engste Freundin nennen zu dürfen.
Wir fahren nach unten und kommen auf der Plattform an, von der eine Wendeltreppe in die Empfangshalle führt. Mir fällt auf, dass der Fahrstuhl eine Etage weiter runter fahren könnte, nur leider haben wir wieder die Etage der Treppe erwischt.
Shine ist noch nicht da. Ihr Weg vom Stadttor zu uns ist auch weiter als unserer von ein paar Stockwerken darüber.
Tear atmet kontrolliert. Das tut sie, wenn sie aufgeregt ist. Vor ihrem kolossalen Grusel-Quasi-Vater hatte sie keine Angst. Verrückt, wie unterschiedlich wir die Welt wahrnehmen. Ich streichle ihr über einen Arm. Sie dreht den Kopf zwar, sieht aber nicht zu mir.
“Bleib ruhig erstmal hinter mir”, sage ich leise. “Übernimm dich nicht. Wenn es zu viel wird, ziehst du mir zweimal am Ärmel. Dann gehen wir.”
Sie nickt. Die Enttäuschung über ihre vormals beste Freundin steht ihr ins Gesicht geschrieben.
Ich führe Tear die im Kreis verlaufenden Stufen nach unten und sehe mich dabei um. Die Halle ist komplett leer. Die Hauptfahrstühle kommen alle im vorderen Bereich an, davor ist ein riesiger Platz, der auf die Stufen und die Plattform blickt, auf dem sich der Fahrstuhl befinden, aus dem wir eben gekommen sind. Eigenartig. Standen hier vor ein paar Tagen nicht noch einige Bänke? Naja, egal. Wir laufen die Stufen bis zum Fuß und warten dort.
Tear ist nicht in Redelaune, also lasse ich sie in Ruhe. Nach locker 25 Minuten öffnet sich einer der Fahrstühle, in dem ich eine weißblonde Frau in einem lilafarbenen Kleid und einen großen blonden Mann mit grünem Umhang sehe. Wenn das mal nicht David, Tears eben benannter Quasi-Vater persönlich ist.
Es dauert etwas, bis sie den Platz bis zu uns überquert haben. Shines Haare sind hochgesteckt. Ihr Kleid ist schick und glitzert ein bisschen. Ich habe es noch nie gesehen und denke nun zu wissen, warum ihr Weg zu uns so lange gedauert hat.
David bleibt ein paar Schritte entfernt stehen und nickt jedem von uns einmal zu. Ich nicke zurück und widme mich dann Shine, die vor mir stehen bleibt. Sie hält die Hände vor ihrem Rock gefaltet und haucht ein devotes “Hi”.
“Hi, Prinzessin”, sage ich, hebe die Augenbrauen und zeige dann mit dem Finger auf ihr Kleid und ihre Haare. “Du hast uns hoffentlich nicht deshalb warten lassen?”
Sie sieht an sich herab und dann überrascht zu mir.
“Was? Nein! Das Kleid habe ich im Château angezogen. Die … äh, Einreiseformalitäten haben sich etwas hingezogen.”
Dann deutet sie mit den Augen in Richtung David. Oha, ich bin wohl nicht der einzige, der Bammel vor ihm hat.
Dann senkt Shine schuldbewusst den Kopf und schließt die Augen. “Es tut mir unendlich leid”, wispert sie. “Ich bin nicht besser als mein Bruder.”
“Die Blödheit liegt in der Familie”, sage ich grinsend und erhalte dafür ein Grunzen von David. Hilfe, ist das gruselig. Was kann ich machen, um diesen Henker loszuwerden? Kann ich den einfach ansprechen und wegschicken?
“Shine ist total und absolut ungefährlich. K-könntest, ne, könntet Ihr uns ein wenig Privatsphäre …”
Oh, Scheiße! Das geht in die Hose. Wie streng starrt der mich an, bitte? Tear hilft zum Glück aus. Gerade noch gerettet.
“Lässt du uns ein bisschen allein, David? Du schüchterst die beiden ein.”
Er nickt und geht ein paar Meter weg von uns. Tear, meine Heldin! Du wunderbarste und, oh, bedrückt aussehende Göttin. Sie empfand Davids Nähe womöglich als angenehm. Daran habe ich nicht gedacht.
Shine wirft einen scheuen Blick über die Schulter zu ihrem nun 20 Meter entfernten Großonkel und meint nun, weitersprechen zu können.
“Wegen Tear, also, ich dachte, steter Tropfen höhlt den Stein und, weiß nicht. Vielleicht hattest du schon immer recht mit mir, River. Denken ist nicht meine Stärke. Ich habe dir Unrecht getan und … Tear auch.”
Dass sie selbst erkannt hat, wie hohl sie ist, reicht mir zunächst als Einsicht. Ich bin aber schon vorher mehr als bereit gewesen, mir ihre Verteidigung anzuhören.
Damit wir nicht weiterhin so dumm herumstehen, leite ich sie auf die Treppenstufen, auf die wir uns setzen. Dabei achte ich penibel darauf, Tear als Schutzmauer zu dienen. Sie sitzt nun rechts neben mir auf den Stufen der Wendeltreppe und wird für Shine wahrscheinlich zum größten Teil von mir verdeckt. Mal sehen, ob mir Shine schlüssig erklären kann, was so alles in ihr vorgeschlagen ist. Ich erwarte eine verdammt gute Erklärung!
“Ich war beim Verhör nicht dabei, aber Luis muss wohl behauptet haben, du hättest ihn dazu angestachelt, Tear zu verfolgen.”
Shine blickt aus leeren Augen vor sich in die Halle.
“Luis kam flennend im Château an. Er ist echt das Letzte, hat mir an allem die Schuld geben. Für mich ist er Geschichte!”
“Das war keine Antwort auf meine Frage, Shine”, ermahne ich. Sie zuckt gestresst, nickt und bestätigt: “Ja, ich weiß! Ich weiß! Was ich erzählen will, ist wirklich nicht leicht. Ich habe Luis total unterschätzt in Mensonia.”
Ich höre Tear hinter mir schnell einatmen, doch sie bleibt stumm, also frage ich mit einem ekelhaften Anfangsverdacht:
“Wie meinst du das?”
Shine senkt den Kopf. Ihre Stimme wird dünner.
“Die Reihenfolge, zuerst bei Vater zu suchen und danach erst bei Luis … Es wäre auch andersrum möglich gewesen, aber ich dachte, wenn Tear mit meinem Bruder redet, erinnert sie das an schlechte Zeiten …, damit sie später meine Nähe … Sie ist doch konvertiert! Wer rechnet schon damit, dass Luis sie trotzdem noch als sein Eigentum betrachtet?”
Tear meldet sich gebrochen klingend.
“Du hast bewusst Zeit herausgeschlagen?”
“Ich dachte, ich könnte das alles wieder gut machen”, versucht sich Shine rauszureden, was es aber nur schlimmer macht. Tear war vorher schon sauer, weil Shine so lange eine Beziehung zwischen uns verhindert hat und enttäuscht wegen des Kussversuchs. Von diesem Vertrauensbruch on top wussten aber weder sie noch ich.
“Du hinterhältiges Miststück!”, faucht Tear mit geschlossenen Zähnen. Ich drehe mich zu ihr. Tear atmet schnell. Sie schäumt vor Wut.
Da ich Shine nicht ansehe, stupst sie mich am Arm an und flüstert: “Hat sie gewechselt?”
Ich wende mich der verwirrt wirkenden Shine zu und antworte ihr selbstbewusst: “Sowas wie Wechsel gibt es bei Tear nicht mehr. Du hast viel verpasst.”
Ihre Hände schnellen an ihren Mund, der sich verzieht. Sofort schießen Shine Tränen ein, die ich an anderer Stelle erwartet hatte. Ihre Stimme rutscht ab.
“Tear leidet nicht mehr unter ihrer gespaltenen Persönlichkeit?”
“Nope”, bestätige ich und Shine sinkt in sich zusammen.
“Das ist das Beste … , was ich seit langem gehört habe. Das Allerbeste. … Anscheinend … war ich all die Jahre überhaupt keine Hilfe für Tear. Ich…. Vielen Dank, River. Danke, dass du nicht aufgegeben hast …”
Shine ist zu meiner Linken nun komplett in Tränen ausgebrochen. Ich lasse sie in Ruhe. Ihre Beichte hat sie schließlich hinter sich gebracht. Klar bin ich sauer auf sie, aber sie ist nunmal wie eine Schwester für mich und alles, was ich will, ist, mich mit ihr auszusprechen.
Tear zu meiner Rechten hat den Kopf abgewendet.
“Diese falsche Schlange!”, spuckt sie geflüstert aus. Ich lege einen Arm hinter sie, den sie tatsächlich nutzt, um sich an mich zu lehnen. Dann küsse ich ihr aufs Haar.
“Gut gemacht, Tränchen.”
Sie bleibt nur einen Augenblick in dieser Position. Dann erhebt sie sich mit den Worten:
“Wir werden keine Freundinnen mehr, Shine. Nie wieder.”
Die Angesprochene reagiert erst mit Verzögerung.
“Danke trotzdem, dass ich dich sehen durfte.”
Ich patte Shine einmal den Rücken. War schon stark von ihr, ihre Fehler vor ihrer ehemaligen Freundin einzugestehen. Dafür, was der Lurch Luis für ein Lauch ist, kann sie nichts. Sie sagte ja selbst, dass sie ihm sowas nicht zugetraut hat.
Die verheult aussehende Shine dreht sich zu mir.
“Es tut mir leid, dass ich dich vor ihr schlecht gemacht habe. Ich hab dich schrecklich lieb, ganz ehrlich.”
“Ich weiß”, grinse ich und will mich wegdrehen, kann aber nicht. Ich schnaufe.
“Tear ist für dich in jeder Hinsicht verloren, aber … naja, wir zwei sind Freunde fürs Leben, okay, Gorilla-Lady?”
Shine nickt ergriffen. Ich habe sie noch niemals so aufgelöst erlebt und will es auch niemals wieder.
Tear ist schon fast alle Stufen bis nach oben gestiegen, als ich Davids Kontakt suche. Sofort kommt er mit dunkelster Miene zu Shine und mir gelaufen. Buahh, ist das angsteinflößend.
“Shine hat unser Vertrauen missbraucht, aber, wie gesagt, sie ist keine Verräterin. Sie sollte gehen können, wohin sie will.”
Der Alte gibt mir nicht den Hauch einer Reaktion. Wie nervig!
“Dann”, schnieft Shine, “würde ich gerne noch etwas in der Hauptstadt bleiben.”
“Keine Einwände”, bestätigt David endlich und mir fällt ein Stein vom Herzen.
Ich drehe mich nun wirklich um, winke und gehe die Stufen nach oben.
“Danke, … River”, ruft mir Shine nach und wendet sich ebenfalls ab. Vom oberen Sockel aus beobachten Tear und ich gemeinsam, wie Shine und David in einen der Hauptfahrstühle steigen.
“Du bist treudoof”, beschimpft mich meine Freundin schroff. “Sie wird dich wieder hintergehen. Sie hat gezeigt, dass sie dazu fähig ist.”
Ich schüttle den Kopf. “Shine hat ihre Lektion gelernt und außerdem hast du gesagt, dass du das an mir magst.”
“Das stimmt”, schnauft sie.
Wir kehren ins Labor zurück, wo mich diese behämmerte Petrischale mit dem Silberspahn anguckt. Nein! Ich kriege hier noch ein Trauma vom Endlosscheitern!
Unmotiviert setze ich mich davor, denke an Tear und ziehe geistig an diesem winzigen Silberteilchen. Ich schiebe es nach links, ich schiebe es nach rechts, hä!? … alles klappt! Was ist das für ein Leistungssprung?
Die Aufgabe, die ich seit Tagen nicht lösen konnte, ist auf einmal ein Klacks, wie irre.
“Tear, sieh dir das an!”, rufe ich sie zu mir. “Ich glaube, bei mir hat sich eine Schraube gelockert!”
Sie kichert, obwohl sie noch bedrückt wirkt, allerdings ist mir nicht ganz klar, warum. Meine Stellschrauben sind jetzt nicht mehr so fest, weil mich das Gespräch mit Shine erleichtert hat.
Tear hält sich weiterhin den Mund zu, um ihr Lächeln zu verbergen. “Dann zeig mal her.”
Ich wiederhole die Aufgabe an der Petrischale und ziehe dann den Reagenzglasständer mit dem Sonnenanhänger zu mir.
Meine Zugkraft hat sich deutlich erhöht. Ich kann die Kette nun in gerader Linie zu mir ziehen und dabei schwenken. Na, wenn ich nicht bereit für die nächste Stufe bin, dann weiß ich auch nicht.
Ich klingle bei Vater durch, der nur fünf Minuten später im Labor erscheint. Wieso, habe ich ihm nicht gesagt.
“Was gibt es?”, fragt er gehetzt.
“Bei River ist eine Schraube locker”, wirft Tear dazwischen und lächelt frech. Ummm, jetzt hab ich's auch kapiert. Ich meinte eine Stellschraube! Witzig. Schlimm wird es erst, als Vater auch noch darauf einsteigt.
“Holt mich künftig nur für Erkenntnisse mit Neuheitswert.”
Mir schläft das Gesicht ein, aber nein, Moment! Hat Vater gerade gelächelt? Tear, du Füchsin! Okay, das lass ich ihr durchgehen.
Ich zeige Vater alles, der anerkennend nickt. Yes! Es ist soweit. Ich darf an den Apparat. Vater öffnet den Schädel, der in zwei Hälften geschnitten ist. In der Mitte einer gallertartigen Masse, das das Gehirn repräsentiert, befindet sich ein kaum sichtbares Silberkörnchen. Das muss ich bewegen können, sonst war alles umsonst.
Er schließt die zwei Hälften des Schädels, zeigt mir alles in den Live-Bildern und gibt mir zu verstehen, dass ich anfangen soll.
Puh, durchatmen. Ich kann das.
Diesen kleinen Dreckpunkt mitten im Gewabbel will ich jetzt zu mir ziehen. Konzentrieren und los.
Scheiße, wie viel Kraft brauche ich bitte, um dieses winzige Ding durch die dichte Masse hindurch zu erreichen? Die Petrischale war ein Witz dagegen!
Ich gebe alles und!? … Keine Ahnung? Ich bin völlig außer Atem.
“Hat sich was getan?”
“Im Millimeterbereich. Glückwunsch”, sagt Vater und schluckt dann. Ob er mitgefiebert hat?
“Übe daran weiter. Wenn du genug Zugkraft aufbauen kannst, kümmern wir uns um die seitliche Bewegung.”
Wir ist gut. Er macht doch gar nichts. Ich bestätige aber trotzdem, was er sagt. Er löst nun erst seinen starren Blick, wahrscheinlich vom Live-Bild des durchleuchteten Wackelpudding und wendet sich mir zu. Uah, will er mich damit durchbohren?
“Wenn du davon genug hast, kannst du deine Antiaura ausprobieren.”
“Meine was?”
Huch, mir ist die Stimme am Ende weggerutscht. Egal, sag schon!
“Ist es dir noch nicht aufgefallen? Wenn du Silber tatsächlich nur zu dir ziehen könntest, wären Richtungswechsel unmöglich. Du kannst weit mehr als das, River.”
Moment! Ja, das stimmt. Ich drehe mich sofort zur Kette, die ich aus zwei Metern Entfernung böse anstarre. Dann los, Antiaura! Schicke den bösen silbernen Sonnenanhänger weg von mir!
Huch! Er fängt ja tatsächlich an zu schwingen und zwar zuerst in Richtung Wand.
“Ich werde bekloppt! Was kann ich noch alles!?”, rufe ich und bekomme einen tierischen Höhenflug. Leute, ich bin overpowered!
Tear, der die Kinnlade heruntergeklappt ist, hat erste Anwendungsideen, leider der unappetitlichen Art.
“Wenn du kleine Objekte aus Silber in der Luft frei bewegen und auch beschleunigen kannst, bist du eine Vampir Killermaschine.”
“Was!?” entfährt mir. “Ach, du Kacke!”
Vater fasst sich ans Kinn und runzelt die Stirn. Was will er dem Publikum mit dieser Denkerpose mitteilen? Sag schon! Liegt Tear damit richtig?
Dann wiegt er den Kopf hin und her.
“Wenn du Silber auf größere Entfernung manipulieren kannst, macht dich das mächtiger als Daric. Meisterst du diese Fähigkeit, macht sie dich, nach mir, zum mächtigsten lebenden Vampir.”
Aaaalter! Ist nicht wahr! Wer will denn sowas? Ich mag Menschen und ich mag Vampis und will sie nicht mit Silbergeschossen ermorden! Wieso sollte ich das meistern wollen?
“Ne, danke”, fauche ich angewidert. Vater hebt den Kopf, was etwas arrogant auf mich wirkt.
“Dann widme dich der Heilung deiner Mutter”, befiehlt er und läuft im nächsten Augenblick los zum Fahrstuhl.
“Das hatte ich auch vor”, raune ich. Ist er jetzt enttäuscht, oder was? Mein Vater ist sowas von machthungrig …, echt schlimm sowas.
Okay, egal. Meine Fähigkeit ist super cool und alles andere als nutzlos, genau deshalb heile ich damit meine Mutter. Ich konzentriere mich also den Rest des Tages darauf, das winzige Silberklümpchen durch diese dichte Masse zu mir zu ziehen.
Wie schon erwartet, startet der nächste Tag ganz genauso, nur mit dem Unterschied, dass ich schon nach einer Viertelstunde erfolgreich bin und das Silberkügelchen in Händen halte. Die angedrohte Seitwärts-Übung glückt ebenfalls, sodass Vater nun zum ersten Mal ein echtes Gehirn einspannt, in das er mit einer Spritze an die exakte Stelle etwas Silber injiziert hat. Dazu erhalte ich einen bebilderten Vortrag, der sich wie folgt anhört:
“Der Blutabfluss aus dem Schläfenlappen erfolgt über die absteigenden oberflächlichen Venen und über die mittlere oberflächliche Hirnvene. Du konzentrierst dich auf die Mittlere. Nutze von da aus den Abfluss in den Sinus transversus. Er leitet das Blut schließlich in die innere Drosselvene, die aus dem Schädel führt. Von dort aus kann ich mit dem Skalpell tätig werden.”
Logisch, oder? Das Silber durch die winzige Blutbahn zu manövrieren, ohne eine Hirnblutung auszulösen, ist nun eine Übung für sich. Ich wiederhole sie wieder und wieder. Hunderte Male und den nächsten Tag nochmal, bis meine Fehlerquote bei unter fünf Prozent liegt. Diese Zahl habe ich mir nicht ausgedacht. Das Überwachungssystem behauptet das.
Vater reicht das noch nicht. Er lässt mich drei weitere Tage an unterschiedlichen Gehirnen üben, bis ich deutlich unter ein Prozent Fehlerquote komme. Übertrieben gesagt, beherrsche ich die Prozedur mittlerweile im Schlaf.
Ich fühle mich eigentlich bereit, aber als Vater die Operation für morgen ansetzt, erhalte ich einen förmlichen Asylantrag von meinen Versagensängsten. Abgeleht! Hier kommt ihr nicht rein, verflucht! Sonst zerstört ihr meine Bilanz!
Erwachen
Vater sieht bei mir kein Verbesserungspotential mehr, selbst wenn ich weiter übe. Die OP ist für 9 Uhr geplant. Ich vermute, dass er gern um 05:30 Uhr gestartet wäre, aber hier tatsächlich ausnahmsweise mal Rücksicht auf mich genommen hat. Selbst wenn ich das schon hunderttausendmal gemacht habe, bleibt die Manipulation eines klitzekleinen Silberpartikels schwere geistige Arbeit. Ich muss wach sein, um das zu schaffen.
Als sich 8:45 Uhr der Fahrstuhl ins Labor vor Tear und mir öffnet, liegt Mutter bereits in ihrem weißen Kleid auf dem Operationstisch. Mann, geht mir die Düse! Das muss klappen. Ich darf nicht versagen. Ich weiß, dass ich es schaffen kann! Ich weiß es!
Vater ist gerade damit beschäftigt, ihren Kopf vorsichtig in der Halterung zu fixieren. Ihr langes rotbraunes Haar schwingt dabei frei hin und her und verdeckt die Gurte, was es aussehen lässt, als würde ihr Kopf schweben.
“Sie ist wunderschön …”, haucht Tear ergriffen.
Dafür habe ich gerade absolut kein Auge. Mir geht im Kopf herum, dass ich noch nie Haare überwinden musste. Das ist neu. Neu ist unbekannt und unbekannt ist Panik verursachend! Fuuuck!
Ich kann das! Ich-kann-das!
Ich laufe auf meine Eltern zu. Vater hebt seinen Kopf an und schickt mir seinen durchbohrenden starren Blick. Sehr hilfreich, danke. Mir springt gleich das Herz aus der Brust.
“Wir starten, wenn du bereit bist”, sagt er, härter als nötig.
Okay, jetzt hängt alles von mir ab. Meine Knie werden weicher. Ich gehe zu den Arbeitstischen am Rand und setze mich auf einen Drehstuhl neben Tear. Sie legt eine Hand auf meinem Bein ab, von der aus sofort etwas Beruhigendes in mich einströmt.
Atmen. Ich kann das. Ja, ich kann das, und zwar dann, wenn ich Tears kraftspende Berührung spüren kann. Wenn sie mir beisteht, packe ich das. Nochmal ruhig atmen und dann los.
Ich nehme Tears Hand von meinem Bein, stehe auf und bitte sie, mit mir zu kommen.
“Steh mir bei, meine Göttin.”
Sie folgt mir. Sie weiß Bescheid. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich sie nutze, um meine Aura zu festigen.
Dann stelle ich mich vor meine auf dem Edelstahltisch liegende leichenblasse Mutter. Auf mich wirkt sie in diesem grellen Licht nun doch eher tot als schlafend.
Okay, ich schaue nach, ob alles passt. Die Lenses laufen, Tear berührt mein weißes Shirt am Rücken, was meinen Puls im Zaum hält und Vater läuft nervös hin und her. Jap, besser wird's nicht.
Ich konzentriere mich auf das Bild der Lenses, um die Silberverklumpung zu finden. Sie sitzt tatsächlich im linken Schläfenlappen, den ich über die mittlere Hirnvene abfließen lassen kann, genau da, wo Vater sie an den Übungshirnen platziert hat.
Puh, durchatmen. Das hier ist doch schon Routine.
Okay, es geht los. Ich werde jetzt alles auf das Pünktchen bündeln und manövriere es dann durch die mittlere Hirnvene in den Sinus transversus.
Ich konzentriere mich allein auf das angezeigte Silberklümpchen und die Blutgefäße und bekomme das Pünktchen zu fassen. Yes! Nun fange ich an, es Millimeterweise herauszuleiten. Mein Rekord lag bei drei Minuten, aber hier, wo jeder Fehler tödlich sein kann, lasse ich mir mehr Zeit. Viel mehr. Ich nehme mir etwa eine Minute pro Zentimeter und bin nach 15 Minuten an ihrer inneren Drosselvene angekommen.
Vater beobachtet alles sehr genau, kommt dann heran und setzt einen kleinen Schnitt in ihrem Hals, aus dem er das höchstens einen zehntel Millimeter große Silberkörnchen saugt.
Erschöpft taumle ich zurück und werde von Tear gestützt. Das war's, oder? Ich hab's geschafft.
“Ich hab's geschafft!”, vertone ich und rufe es danach noch einmal. “Tear, ich hab's wirklich geschafft!”
Das Glücksgefühl erfasst und durchflutet mich. Wir beide fallen uns um den Hals, wobei ich echt aufpassen muss, nicht zu stark zuzudrücken, so viel Power, wie ich gerade bekomme.
Ist das irre?
Ich konnte mit der vermeintlich sinnlosesten Fähigkeit der Welt meine Mutter retten. Endlich! Endlich werde ich meine Mutter kennenlernen dürfen.
Ich bin so glücklich, ich könnte die ganze Welt umarmen. Sogar Vater, die fiese Socke, könnte ich jetzt in meine Arme schließen.
Ich lockere meinen Griff um Tear, die danach Luft schnappt. Huch, war wohl doch zu fest. Sorry, mein Häschen!
Dann sehe ich zu Vater, der eine Hand vor den Augen liegen hat. Ich sehe Tränen an seinen Wangen. Sogar seine Lippen zittern. Dieser Anblick ist so heftig wie ein Schlag in die Magengrube.
Als er japst, beschließe ich, zu ihm am Tisch vorbei zu gehen und eine Hand auf seinen Rücken zu legen. Das verstärkt seine Tränen. Ich höre sein Japsen. Baah, ist das intensiv und, aufgrund seiner Aura, auch verflucht ansteckend. Auch mir steigen nun die Tränen auf.
Vater dreht sich zu mir und das ist der Auslöser dafür, ihn tatsächlich in meine Arme zu schließen. Scheiße, was soll der Stolz? Ich hab's schließlich geschafft.
Er ringt um Luft.
“Es tut mir alles … so schrecklich Leid, … mein Sohn.”
Ich sage nichts. Ich kann nicht. Alles, was ich kann, ist atmen und ihn halten. Vergeben kann ich ihm deshalb noch lange nicht.
Vater löst sich, zieht ein Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche, wofür er zuerst den Laborkittel anheben musste und hält es sich vor die Nase. Dann dreht er sich weg und spricht wieder gefasster zu uns.
“Die Infusion wird nicht hier durchgeführt, sondern in unseren Gemächern.”
Oh, achso. Ja, ergibt Sinn. Mutter ohne Not im klinischen Labor auf einer Metallliege aufwachen zu lassen, muss echt nicht sein.
“Wie lange …-”, startet Tear ihre Frage, die Vater unterbricht.
“Die Infusion selbst wird nur 3-4 Stunden in Anspruch nehmen, aber ich kann nicht abschätzen, wie lange es dauern wird, bis Lyz aufwacht.”
Das klingt, als könnten es Stunden, Tage oder Wochen sein. Wo soll ich diese Geduld hernehmen, verdammt!? Vater erteilt uns Zugangsberechtigungen für das 75. Stockwerk, in das er uns bereits schon einmal eingeladen hat. Dann lösen wir Mutter gemeinsam aus der Apparatur.
Vater nimmt die blasse, leblose Frau auf die Arme und geht mit ihr zum Fahrstuhl. Wir fahren zu dritt hinunter in den gemütlichen Wohnbereich.
Er läuft voraus bis zu einer Schiebetür, die ich öffne und dahinter ein übergroßes Himmelbett sehe, in das sie dreimal reinpassen würde. Das Bett ist mit blütenweißer Bettwäsche bezogen und duftet lieblich. Das orange rosa Licht strahlt eine angenehme Atmosphäre aus, die ich als angemessen für eine schlafende Königin empfinde.
Vater hat schon alles bereitgestellt und mir wird klar, wie optimistisch er war. Neben dem Bett sehe ich einen Tropf. Blutkonserven liegen auf dem Nachtschränkchen. Während er die Infusion anlegt, lasse ich mich auf einen von zwei großen gemütlichen Sesseln fallen, zwischen denen ein kleines, rundes Tischchen steht. Tear setzt sich auf den anderen.
“Ich bewege mich hier keinen Millimeter weg”, setze ich die anderen von meinem Entschluss in Kenntnis.
Vater schweigt, doch Tear lächelt mich an. “Dann hoffen wir mal, dass deine Mama keine Woche braucht, um aufzuwachen.”
Hm, jo. Das wäre dann irgendwie blöd.
Mann, bin ich fertig. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwann schon mal so viel geleistet zu haben wie in den letzten Tagen. Mir ist schon klar, dass wir im Grunde genommen Zeit hatten. Die Frau hat zwanzig Jahre geschlafen, oder war … scheintot, wie auch immer man das nennen will, da hätten ein paar Monate mehr auch nichts mehr gemacht. Also, das könnte man meinen, aber … ne, ich musste alles geben und das sofort. Das hat Vater sicher auch so empfunden. Seine Sehnsucht ist immerhin noch auf einem ganz anderen Level als meine Neugierde.
Nach nicht einmal einer Stunde ratze ich in diesem super kuscheligen Sessel ein. Das hab ich mir aber auch verdient.
Ich werde irgendwann von einem unsanften Schütteln geweckt, das überraschenderweise von Tear stammt. Meine Güte, ist ja gut, Mausi.
“Ich bin wach. Kannst aufhören …”, raune ich und strecke mich erstmal. Tear wirkt aufgeregt.
“Endlich. Du hast geschlafen wie ein Stein! Deine Mama, River, ihre Augenlider zucken seit zehn Minuten hin und wieder. Sie wird bald aufwachen.”
“Wa- Wie? Was!? Ich bin wach!”, rufe ich und höre ein weibliches Stöhnen vom Bett. Ich sehe, dass Vater neben Mutter auf dem Bett sitzt und ihre Hand hält.
“Lyz, mein Herz, hörst du mich?”, fragt er sanft.
“R-Ro …”, höre ich. Sie scheint noch nicht sprechen zu können. Vater nimmt einen Schluck Blut aus einem Glas, das auf dem Nachtschränkchen steht, beugt sich zu seiner Frau und flößt es ihr mit einem Kuss ein, was mir irgendwie ein bisschen peinlich ist.
“Rova”, haucht sie nach dem Kuss. Er streichelt ihr zärtlich über die Haare. Erst einige Momente später hat sie die Kraft, wieder etwas zu sagen.
“Ich wusste, … du würdest es schaffen.”
Vater bringt nichts weiter heraus als ein wiederholtes “Lyz, mein Herz.” Ich glaube, ihm laufen schon wieder Tränen an den Wangen herunter.
Ich stehe auf, um meine Mutter besser sehen zu können, bleibe aber auf Abstand. Schließlich will ich ja nicht, dass sie gleich wieder ins Koma fällt. Oh, Mist, jetzt sieht sie mich an!
“Alex?”, haucht sie. “Alex, bist du das? Ich sehe noch ein wenig verschwommen.”
Ja, ne, fast richtig. Kacke, was soll ich jetzt sagen? Vater, tu doch was! Warum tust du nichts? Okay, keine Ahnung, dann gehe ich eben doch näher ran, damit sie mich besser sieht.
“Alex, wo ist River?”, fragt sie mit ihrem trockenen dünnen Stimmchen und durchbohrt mir damit das Herz wie mit einem Pfeil aus Stahl.
Als ich nicht gleich reagiere, schiebt sie nach.
“Hol ihn bitte! Ich möchte ihn halten.”
Uff. In ihrem Kopf sind ganz offensichtlich keine zwanzig Jahre vergangen. Endlich ringt sich Vater durch, die Sache aufzuklären.
“Der Mann neben mir ist nicht Alexander. Das … ist River.”
Mutters Atem stockt.
“Was?” Sie ringt um Luft, während sie spricht. “... Wie- … viele Jahre hast du … gebraucht?”
“Zwanzig”, antworte ich. “Ich bin vor kurzem zwanzig geworden.”
“River …”, haucht sie und verzieht das Gesicht, als würde sie weinen, doch noch ist ihr Körper nicht in der Lage, Tränen zu bilden. Dann sieht sie sich immer unruhiger werdend um.
“Wo-, wo ist Alex, Rova? Wo ist Alex?”
“Er …-”, will Vater anfangen zu erzählen, doch diesmal schneide ich ihm das Wort ab. Ha!
“Er ist im Refugium bei Mag.”
“Was? Wieso?”, fragt sie, sieht sich erneut um und erblickt Tear. Ich sehe deutlich, wie sich die strahlend blauen Augen meiner Mutter weiten, als sie meine Freundin erkennt.
“Bist du … Saris Reinkarnation?”, fragt sie direkt, was Tear mit einem knappen “scheint so”, beantworten kann. Dann richtet Mutter ihren Blick an die orange rosa angestrahlte Decke.
“Könntet ihr Rova und mich kurz alleine lassen?”
Oje, oje. Ich glaube, sie ist nicht so glücklich, wie Vater es ist. Er hat aber auch echt eine ganz schöne Scheiße gebaut ohne sie.
Wir kommen Mutters Bitte nach, gehen hinaus und schieben die Tür zu. Ich vermute, dass er sich eine ordnungsgemäße Standpauke von ihr anhören darf und das zurecht! Sie sah aus, als hätte sie schon so eine Ahnung, als ich sagte, Papa sei im Refugium. Also ich würde jetzt jedenfalls nicht mit dem armen Würstchen da drin tauschen wollen.
Hm, schon ein merkwürdiges Gefühl … da drin sind meine Eltern, die sich streiten. Was ist das? Ist das stolz? Ja, ich glaube, ich bin stolz darauf, halbwegs normal zu sein.
“Geht's dir gut?”, fragt Tear vorsichtig und nimmt meine Hand.
“Jop, befreit.”
Ganau. Befreit fühle ich mich, nicht stolz.
Dann kuschelt sie sich an meinem Arm.
“Bei so einer lieben Freundin, kann es mir nur gut gehen”, raspele ich Süßholz. “Danke für deine Unterstützung, mein süßes Tränchen.”
“Heute hast aber du geweint!”, weist sie mich zurecht, als ob ihre Äuglein trocken geblieben wären. Pah, nie und nimmer!
“Mutter ist zwar wieder am Leben, aber bestimmt traurig. Was meinst du?”, leite ich über, während ich mit Tear zu einem gemütlich aussehenden Sofa laufe.
“Garantiert”, bestätigt Tear und setzt sich. “Den eigenen Erstgeborenen nicht aufwachsen sehen zu können, ist wahrscheinlich unglaublich hart. Und ihren Lover hat sie auch verloren.”
Ich bleibe vor Schreck stehen. “Hast du Papa eben als ihren Lov-... bääh, ich kann das nicht aussprechen, als ihren, na, Dingens bezeichnet? Das ist total eklig!”
Tear seufzt, was echt selten ist.
“Wie alt bist du nochmal geworden, River? Dein Papa Alexander ist, sorry, wenn ich das so sagen muss, eine Zehn von Zehn mit Bonussternchen. Nicht mal Mag konnte ihm widerstehen und die hat vorher mindestens 200 Jahre abstinent gelebt. Ohne Witz.”
Koootz! Auch ohne Witz. Ich halte mir das Herz.
“Uuund jetzt kommt der Part, an dem du mir sagst, dass du mit mir zusammen bist, weil ich ihm ähnlich sehe.”
Ihr schläft das Gesicht ein. “River”, haucht sie, “Du bist der verständnisvollste, verrückteste und treueste Vampir auf dem Planeten. Für mich bist du eine Hundert von Zehn.”
“Naww, dann bist du eine Tausend …”
Mein Kopf schnellt zur Schiebetür, die sich öffnet. Vater weist uns mit einer Handbewegung an, eintreten zu dürfen. Er hält den Kopf gesenkt und tritt beiseite. Seine Stimme ist belegt.
“Ihr dürft.”
Wir gehen an ihm vorbei zu meiner Mutter, die nun schon angelehnt sitzen kann. Ihre Heilungskraft ist echt beeindruckend. Vater schließt leise die Tür, wohlgemerkt von außen.
Ich weiß nicht genau, wo ich hingehen soll und bleibe vor Mutter stehen. Sie betrachtet mich und ich sie. Ihre langen Haare umspielen ihre Wangen, die nun eine leichte Röte tragen. Wow, ist sie hübsch.
“Ich muss mich für Rova entschuldigen, weil er es vermutlich nicht getan hat”, sind ihre ersten richtigen Worte an mich.
“Ähm, doch, eigentlich hat er das”, muss ich sie verbessern, was eine sichtbare Überraschung in ihren blauen Augen hervorruft. Sie geht aber nicht weiter darauf ein.
“Und mir tut es Leid, dass ich nicht für dich da war.”
“Ist nicht deine Schuld”, sage ich, doch sie beharrt weiter darauf.
“Jedes Kind braucht seine Mutter. Das weiß ich besser als jeder andere. Rova sagte, Mag hätte dich wie einen eigenen Sohn aufgezogen. Ich bin ihr so unendlich dankbar dafür. Mein armer, kleiner, süßer Sohn. Du warst bestimmt unendlich niedlich.”
Aber sicher war ich das. Nicht umsonst war ich das beliebteste Kind im Refugium. Ich behalte das aber lieber für mich. Mutter hat sowieso genug zu erzählen.
“Ich dachte, ich hätte Rova die Dummheit ausgetrieben, aber er hat sich wieder einmal hinter seiner Arbeit versteckt und eingeigelt. Ich weiß noch nicht, ob ich ihm das Unrecht verzeihen kann, das er dir und Alex getan hat.”
Das erinnert mich an etwas.
“Victor sagte, wir sollen, Zitat, Mitgefühl mit dem armen Teufel haben und irgendwie hab ich das auch ein klitzekleines bisschen. Aber vielleicht war das auch eine versteckte Botschaft an dich. Wäre ihm zuzutrauen.”
Ihr Ausdruck wird weicher. “Ach, Vicco … ja, das schon, aber er will allem voran das Beste für sich selbst. Hm, … ob er vielleicht ein besserer …, oh, das habe ich laut ausgesprochen, oder? Ich bin noch nicht voll wiederhergestellt.”
“Aber nun hast du mich neugierig gemacht”, sage ich grinsend und sehe zu Tear, die energisch nickt, sich aber nicht traut, sich einzumischen.
“Hach, aber sagt es nicht weiter”, beginnt sie verschmitzt lächelnd, was wir bestätigen. “Ich frage mich, ob Vicco ein besserer Vater gewesen wäre.”
“Jooo!”, gehe ich sofort darauf ein, weil ich mir diese Frage auch schon gestellt habe. “Also definitiv besser als ein abstinenter Vater auf Garantie. Allerdings hab ich seinen Erstgeborenen Octavian kennengelernt, der sowas von in die Hose gegangen ist mit seiner patriarchalischen Kapitalisten-Denke. So einen als Bruder! Hau mir ab! Und Octavians Sohn ist ja wohl die Spitze des Kotzeberges. Was für ein saublöder Wicht der ist! Mensonia ist ein verfickter Sündenpfuhl, der unter Victors Abkömmlingen zu leiden hat.”
Puh, das musste raus. Mutter hat es die Sprache verschlagen. Sie sieht zu Tear hinüber, dann wieder zu mir.
“Ich komme aus Mensonia”, erklärt Tear. “Ist wirklich nicht schön dort.”
“Hält Lenia die Jungs nicht einigermaßen auf Kurs?”, fragt Mutter. Sie scheint sich auszukennen.
Tear antwortet ihr. “Lenia von Hillberg? Ne, die wohnt jetzt bei Victor.”
“Oje, und ihre kleine Tochter, … die jetzt auch erwachsen sein muss …?”
Das beantworte lieber ich.
“Shine, also Sheron ist aktuell hier in der Stadt. Sie hat die letzten zehn Jahre mit mir im Refugium gelebt. Tear ist übrigens jetzt seit drei Jahren bei uns.”
“Na, kein Wunder, dass Mensonia abdriftet, so ganz ohne Frauen an der Spitze. Und du Tear, bist als Mensch oder als Vampir geboren?”
“Mensch, von Mag konvertiert”, antwortet sie ohne Umschweife. Das freut Mutter sichtlich, denn sie lacht Tear offen an.
“Das macht uns zu Schwestern! Ich habe mir immer Geschwister gewünscht … -” Sie hält sich eine Hand vor den Mund, was ich nun irgendwie knuffig finde. Das war ihr offensichtlich peinlich.
“Huch! Ich spreche gerade wirklich alles aus.”
Oh, da kommt mir ein echt blöder Gedanke. Mir ist schon klar, dass ich es als Privileg betrachten sollte, zur Elite zu zählen und trotzdem habe ich die Nase gestrichen voll von Verwandtschaftsgraden. Also so richtig. Ich will, zum Fick, nicht wissen, wie Tear und ich miteinander verwandt sind.
“Was ist los, Riv?”, fragt Mutter, die mir damit vor Augen führt, dass sich meine Gedanken auf mein Gesicht übertragen haben. Shit!
“Nix! Alles fein”, sage ich ertappt, doch das nimmt sie mir nicht ab. Verflixt! Ihre Augen verengen sich. Außerdem setzt sie sich aus eigener Kraft im Bett aufrecht. Sie erholt sich wirklich schnell.
“‘Nix’ sieht so aus”, sagt sie und lächelt, “oder so”. Dann schaut sie neutral. “Du hast aber so ausgesehen.” Nun zieht sie die Mundwinkel nach unten. Tear fängt an zu kichern und auch ich muss lächeln.
“Okay, überführt. War aber echt nichts Tragisches. Ich mag nur dieses: ‘Der ist mit dem soundso verwandt Gerede’ nicht.”
Mutter zeigt Verständnis dafür. “Ich eigentlich auch nicht.”
Tear kommt dagegen aus dem Kichern nicht mehr raus. Mädchen, was geht bei dir? Gut, dass sie es gleich darauf erklärt.
“Lyz, deine Strategie, um herauszufinden, was in Rivers Kopf vorgeht, ist bezeichnend. Kann es sein, dass du so versucht hast, Rovas Gemütslagen zu deuten?”
“Oh, haha!”, lacht Mutter ertappt. “Alte Gewohnheit. Wenn ich Sherlock Holmes bin, dann bist du Professor Moriarty.”
“Wer?” Das kapiere ich nicht. Auch Tear macht große Augen, was Mutter nicht glauben will.
“Kennt ihr nicht? Sherlock Holmes haben wir in den Datenbanken, als Filme, Bücher und auch Hörspiele frei verfügbar. Das ist Kulturgut.”
Ich zucke mit den Schultern.
“Klingt nach vorimpaktualer Popkultur. Also, damit habe ich keine Berührung gehabt in Shattered Sky.”
“Aber Alex muss dir doch Filme gezeigt haben”, zweifelt Mutter an, doch da muss ich sie enttäuschen.
“Nope, ich sag nur rationierter Strom.”
“Was? Und das soll er überlebt haben? Ich muss unbedingt mit ihm sprechen. Wenn er erfährt, dass es mir wieder gut geht, kommt er bestimmt zurück.”
Ohh, sie weiß es noch nicht. Jetzt wird's haarig. Tear zieht mit geschlossenen Zähnen scharf Luft ein, was ein zischendes Geräusch verursacht. “Eher nicht.”
Mutter runzelt die Stirn. “Wegen Rova? Ach, das renkt sich schon wieder ein.”
“Ne, eher wegen Mag. Er dachte, du wärst … naja, tot. Die zwei führen gemeinsam das Refugium und sind, also, nach den vielen gemeinsamen Jahren … ähm. Sie - sie sind ein Paar.”
Mutters Gesicht fällt zusammen. Damit hat sie offensichtlich nicht im Ansatz gerechnet.
“Er ist mit Mama …? Ich- ich wusste gar nicht, dass er auf sie, … aber nach zwanzig Jahren. Das war eine lange Zeit für ihn. A-aber für mich … Ich bin eingeschlafen und als ich aufwache, ist mein Sohn erwachsen und mein Mann über alle Berge.”
“Dein Mann?”, fragt Tear. “Ich dachte, Rova wäre dein Mann.”
“Wir hatten eine Beziehung zu dritt”, haucht Mutter geistesabwesend.
Sie hatte zwei Männer? Bin ich prüde, weil ich das gierig finde? Wozu braucht man denn einen zweiten Partner? Neben meiner wundersüßesten Göttin der Welt, Tear, verblasst doch jede andere Frau. Moment, aber hier geht es nicht um sie, sondern um Vater. Okay, den hält niemand ohne seelischen Beistand aus. Sich in den zu verlieben, grenzt an Masochismus.
Dann hebt Mutter den Kopf energisch und sieht mich intensiv an.
“Was meint ihr? Könnte Rova absichtlich abgewartet haben, damit er mich endlich für sich allein haben kann?”
“Das glaube ich nicht”, antwortet Tear zeitgleich mit meinem entsetzten “Nie im Leben! Du machst dir kein Bild, wie er darunter gelitten hat, dich nicht heilen zu können!”
Ihr Ausdruck entspannt sich wieder.
“Das beruhigt mich. Solche Spielzüge passen nämlich zu ihm, aber er sagte auch, dass deine Fähigkeiten ausschlaggebend waren. Ich danke dir von Herzen, Riv.”
“Bitte bitte”, sage ich grinsend. Ich mag Lob. Außerdem gefällt es mir, wenn Mutter mich genauso anspricht wie Mag es tut. So muss eine Mama klingen, finde ich.
“Bevor ihr mir das Mitleidsbündel wieder rein schickt, sagt mir noch, was ihr jetzt vorhabt”, bittet sie.
Tear überlässt mir die Antwort. “Erstmal geht es nach Hause, Bericht erstatten und dann kommen wir wieder her und gehen zur Uni.”
“Ihr kommt wieder, um zu bleiben?” Mutter gerät ganz aus dem Häuschen. “Riv, das ist das schönste Geschenk, das du mir machen kannst! Rova sagte, dass wir kurz vor der Jahrhundertwende stehen. Vielleicht können wir sie zusammen feiern. Wäre das nicht toll? Du ebenfalls, Tear. Ich bin so neugierig darauf, euch beide kennenzulernen.”
“Hab dich auch lieb”, sage ich und schrecke zusammen, als Mutter erneut in Lichtgeschwindigkeit eine Hand vor ihren Mund wirft. An ihren Augen erkenne ich Rührung, wenn auch nach wie vor ohne Tränen.
“Wie süß du bist!”, wimmert sie und sinkt dann ein bisschen in sich zusammen. Ich glaube, ich weiß, was sie zum Abschied braucht: Eine schöne feste Umarmung.
Heimreise
Okay, der Plan steht. Es geht zurück ins Refugium und dann wieder hierher in die Hauptstadt. Am liebsten würde ich Papa und Mag direkt einsacken und mitbringen. Ich bin gespannt, ob sie das zulassen, immerhin würden die Bewohner Shattered Skys hundertpro auch gern mit ihren beiden Chefs zusammen die Jahrhundertwende feiern.
Heute ist der 26. Juni. In den Lenses habe ich eine Karte des Königreichs gefunden, in der alle Straßen eingezeichnet sind. Meine Handgemalte ist nun ein für alle Mal überholt. Ich kann die Hauptstadt als Startpunkt setzen und die Insel als Endpunkt, mit dem Ergebnis eines Routenvorschlags, der direkt über Mensonia führt. Es schlägt mir im nächsten Schritt Fahrzeuge vor, aus denen ich wählen kann und noch viel krasser, die man mieten kann! Also zumindest wenn man ein Vampi ist.
Alle Fahrzeuge wirken geländegängig und haben dicke Reifen. Sie bieten Platz für vier bis zehn Personen, manche Autos verfügen sogar über Betten, aber was ich brauche, ist Stauraum für mein Motorrad. No Problemo, eine Animation überzeugt mich davon, dass man einfach ein paar Sitze umklappen kann. Ich wähle also ein kleines Fahrzeug.
Dann rechnet es in wenigen Millisekunden die Fahrtdauer aus. Fünf Stunden bis Mensonia, drei bis zum Hafen? Kann das sein? Wie viele Tage waren wir nochmal unterwegs? Okay, ganz entspannt. Das war eine Bildungsreise und die muss ja schließlich länger dauern als der direkte Weg. Die Motorräder sind auch echt speziell und laufen ohne Mikrochips einfach nicht so gut. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich die gar nicht ausbauen müssen, aber sei’s drum.
Wenn ich also rechne, dass wir am 27. losfahren, sind wir schon am 28. in Shattered Sky, könnten Paps und Mag am 30. einladen und rechtzeitig zur Jahrhundertwende wieder in der Hauptstadt sein. Falls sie nicht mitkommen, wovon ich ausgehe, fahre ich mit Tear allein zurück.
Ich erkläre Tear alles und buche den Geländewagen auf Vaters Kosten. Geht halt aktuell nicht anders. Wenn's ihm nicht passt, soll er doch mein Konto auflösen.
Die Anweisungen der Lenses sind klar. Wir sollen am nächsten Morgen um 8 Uhr zum Haupttor kommen. Machen wir auch. Das khakigrüne Fahrzeug steht gleich vor dem letzten Tor. Es sieht kastenförmig aus, hat riesige Reifen, fast einen Meter im Durchmesser, und macht auch sonst einen robusten Eindruck. Das Motorrad ist bereits verladen. Die sind echt auf Zack hier.
Als Tear und ich näher kommen, entriegelt es sich automatisch und öffnet die Fahrertür. Es gibt allerdings kein Bedienpult. Stattdessen melden die Lenses eine Bestätigung der Route. Als wir beide auf den zwei sesselähnlichen Sitzen Platz nehmen, werde ich automatisch gefragt, ob wir startbereit sind. Ich bestätige, das Ding fährt los und ich ärgere mich, dass ich nicht unter die Motorhaube geschaut habe.
Wir können durch die Windschutzscheibe und die Seitenfenster beobachten, wo wir langfahren. Eine solide gepflasterte Straße, daneben, zumindest zu Beginn, eine verminte Wiese, später auch ein paar kleine Bäume, vor allem aber super viel Dunst. Von den Städten abgesehen, kommt mir die Welt inzwischen ganz schön langweilig vor. Das spannendste sind die fünf fetten Rohre mit jeweils einem Meter Durchmesser, die neben uns aus der Erde aufgetaucht sind und neben der Straße verlaufen.
Nach nur einer Stunde Fahrt sehen wir nicht nur ein super spannendes Pumpwerk mit Kreiselpumpen, das Meerwasser zur Hauptstadt befördert, das System meldet auch einen außerplanmäßigen Halt. Verrückt, das Ding kennt doch nicht etwa meine Interessen? Geil, zeig her, die Pumptechnik!
Leider halten wir auf einer langweilen Wiese locker hundert Meter entfernt vom Pumpwerk. Das kapiere ich nicht, bis ich in die andere Richtung sehe. Hey, da steht ja ein anderes Fahrzeug zehn Meter neben uns. Ist das Zufall? Vor mir blinkt jetzt jedenfalls ein kleiner Schriftzug: “Treffpunkt erreicht.”
Hä?
“Hast du der Fahrt irgendwas hinzugefügt?”, frage ich Tear blinzelnd, bekomme aber nur ein verwirrtes Kopfschütteln. Geht es jetzt um das Werk oder um das weiße, schicke Fahrzeug neben uns, auf das Tear nun deutet.
“Moment, das kenne ich!”
Was, echt? Plötzlich öffnet sich die Fahrzeugtür und ich erkenne … “Victor?”
Ich bin nicht nur total überrascht ihn zu sehen, sondern auch geplättet von seiner vollendeten Coolness, in der er aussteigt. Diese Art, mit der er in einer fließenden Bewegung die Tür öffnet, sich eindreht und aus der Aufstehbewegung heraus losläuft, haut mich um. Okay, jetzt bin ich dran. Ich öffne erst jetzt die Tür, drehe mich ein und stocke, als ich seine Begrüßung höre. Mist, das hat meinen Auftritt ruiniert. Außerdem rieche ich jetzt wieder diese ekelhafte Luft.
“Guten Morgen, ihr beiden. Ihr wirkt überrascht. Robert hat dieses Treffen wohl arrangiert, ohne euch zu informieren.”
Ich stöhne. Warum wundert mich das nicht? Kopfschüttelnd komme ich Victor entgegen.
“Ich freue mich zwar, dich zu sehen, ich wüsste nur gerne, warum?”
Victor nickt mir zu, läuft an mir vorbei zu Tear, die eben erst ausgestiegen ist und verbeugt sich ein klein wenig vor ihr. Ey, baggert er sie schon wieder an, oder irre ich mich?
Egal, ich stelle mich neben sie und nehme sicherheitshalber ihre Hand. So fühlt es sich schon bedeutend besser an. Victor lächelt, als hätte er alles durchschaut und äußert dann seine Vermutung zu unserem Treffen.
“Bevor wir in den Smalltalk übergehen können, müssen wir das Wichtigste klären. Wenn ich alle Zeichen richtig deute, ist etwas Bedeutsames geschehen, das Robert nicht mittels technischen Hilfsmitteln kommunizieren will.”
Ah, jetzt geht mir ein Licht auf.
“Ach, deshalb! Ja, Mutter ist wach, also, sie ist geheilt.”
Sein Gesichtsausdruck entspannt sich von Sekunde zu Sekunde immer weiter. So berechnend er sein mag, hat ihn das komplett überrumpelt. Er fasst sich mit einer Hand an die Brust, die sich unter seinen tiefen Atemzügen hebt und senkt.
“Ellys ist … geheilt?”
Ich nicke.
“Nach zwanzig Jahren. Wie?”, fragt er stirnrunzelnd betroffen und macht den Eindruck, schon zu ahnen, dass ich da mit drin hänge.
“Damit!”, prahle ich und zeige ihm, wie ich den hübschen, zarten Damenring auf meiner Hand schweben lassen kann. Das verschlägt dem sonst so eloquenten Victor nun endgültig die Sprache. Hammer, da wächst Hochmut in mir. Das kannst du nicht, hm?
Ich zaubere ein bisschen, lasse den Ring Kreisbahnen ziehen und werfe ihm das gute Stück entgegen. Er fängt den Ring und präsentiert ihn dann auf seiner Handfläche.
“Bemerkenswert …”, haucht er und schnippt mir den Ring wieder zurück, den ich mit meiner Aura fange und dann auf meinem kleinen Finger einfädeln lasse. Victor zeigt mir für eine Sekunde lang seine vom Silber gerötete Handfläche.
“Vater hat mich gelehrt, meine angeborene Fähigkeit zu nutzen”, erkläre ich ihm stolz. “So konnte ich das Silber aus Mutter Kopf herausholen.”
“Ich habe noch niemals eine so präzise Verwendung einer Aura gesehen. Ich wusste nicht einmal … River, das ist eine Meisterleistung, vor allem nach dieser kurzen Zeit”, bestätigt er meine Superkräfte.
Heftig! Lob aus seinem Munde fühlt sich unglaublich geil an.
Ich sehe hochmütig zu Tear, die mir anerkennend zunickt. Bin ich im Himmel? Es fühlt sich nämlich so an.
Victor läuft den letzten Meter bis zu unserem olivgrünen Fahrzeug, an dessen Dach er sich abstützt. Dass meine Mutter wieder atmet, haut ihm ja echt den Boden unter den Füßen weg.
Wir lassen ihn einen Moment in Ruhe, den er nutzt, um sich zu ordnen.
“Geh vorsichtig mit deiner Fähigkeit um, River. Besuch mich. Wir sprechen später darüber. Nun will ich meine Gedanken allein auf Ellys konzentrieren.”
Darauf geht Tear ein.
“Sie war etwas deprimiert nach ihrem Erwachen und wird sich über deinen Besuch freuen.”
Victor dreht den Kopf zu Tear. Sein Ausdruck wirkt wieder gefestigter. “Fortuna reicht mir ihre liebliche Hand, nun, wo sich der Lustknabe an meiner Schwester vergreift. Alles fügt sich. Ellys wird meine Zuneigung willkommen heißen.”
Warte! Was!?
Das meint er hoffentlich nicht so, wie es sich für mich angehört hat. Er will sich echt an meine Mutter ranschmeißen, kaum dass sie wach ist? Baah, mir dreht sich der Magen um.
“Du musst ja nicht gleich-”, versuche ich ihn auszubremsen, doch er verbeugt sich und läuft bereits das Stück über die Wiese zu seinem weißen, schnittigen Fahrzeug.
“Jetzt warte doch mal!”, rufe ich. “Ich hab noch eine dringende Frage!”
Tatsächlich bleibt er stehen.
“Ja?”
Notgedrungen laufe ich ihm nach.
“Vater sagte, die Luft sei hier nur deshalb besser, weil sie von den Pyramiden gereinigt wird, aber da tonnenweise Gift vom Rest der Welt nachströmt, hätte das global überhaupt keinen Einfluss. Klang echt schlüssig, so wie er es erzählt hat.”
Ich merke an Victors unstetem Blick, dass er lieber losfahren würde, aber ich erhalte doch noch die Gnade einer Antwort.
“Robert ist ein hervorragender Wissenschaftler. Ich zweifle nicht an ihm, sondern an der Belastbarkeit seiner Daten.”
“Auf welche Daten stützt er sich denn?”
“Sehen wir uns bald?”, fragt Victor freudig erregt und tut, als hätte er meine Frage überhört. Ich stammle ein “Äh, j-ja. In der Hauptstadt.”
“Hervorragend. Wünscht mir Glück!”
“Überfordere sie nicht! Sie ist noch schwach!”, ruft ihm Tear zu, während er bereits in einer vom Laufen ins Hinsetzen fließenden Bewegungen einsteigt. Ich gehe wieder zu meiner Freundin zurück, der ich fassungslos an die Schulter stupse.
“Ey, auf welcher Seite stehst du eigentlich?”
Sie winkt ihm und sieht dann verdutzt zu mir.
“Wie meinst du das? Auf welcher stehst du?”
“Hä? Auf der meiner Eltern natürlich!”
Warte, das ist Vaters Seite. Oh, was wird mir da gerade bewusst? Ich glaub es nicht. Bahh, dieser Egomane! Warum hasse ich ihn nicht mehr? Ich antworte Tear nicht, sondern schüttelte mich.
“Ach, jetzt verstehe ich. Du hast deine Einstellung zu deinem Vater geändert, oder? Dann tut es mir leid, was ich gesagt hab.”
Oh, Mann. Das wundert nicht nur sie. Vater ist nicht der Tyrann, für den ich ihn gehalten habe, aber ein jämmerlicher Feigling, der in seiner Verzweiflung seinen Sohn weggestoßen hat, ist er trotzdem noch. Einigermaßen verwirrt steige ich zurück in unser Gefährt. Tear steigt neben mir ein und sieht mich schuldbewusst an, aber das braucht sie nicht. Ist doch sowieso nicht ihre Entscheidung.
“Kann mir doch eigentlich egal sein, mit wem Mutter rummacht, Hauptsache sie ist glücklich”, sage ich, schüttle mich trotzdem nochmal und werde im nächsten Moment von meiner Liebsten breit angestrahlt. Ob ihr klar ist, dass sie seit ihrer Schocktherapie immer mehr zum Sonnenschein mutiert? Oder liegt das vielleicht daran, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen?
“Oha, hört, hört!”, kichert sie. “Und dein Papa Alex? Darf der mit Mag rummachen, weil sie ihn glücklich macht?”
Ahh, mein wunder Punkt! Was soll das? Ich halte mir das Herz und sinke auf dem Sitz in mich zusammen. Mag ist meine Großmutter, verdammt! Ich muss das nicht gut finden!
Wir setzen unsere Reise fort und merken wegen der guten Federung und den großen Reifen nur wenig davon, dass die Straßen Schotterpisten gleichen. Allerdings sind sie tatsächlich besser als die verrotten Straßenreste auf unserer Hinfahrt. Spannender wird unsere Fahrt dadurch aber nicht. Draußen ist wie immer alles grau. Tear döst vor sich hin, während ich mit meinem Ring spiele.
Er schwebt vor mir hin und her. Mir kommt die glorreiche Idee, auszutesten, ob ich ihn wirklich wie ein Geschoss beschleunigen kann. Am Anfang lasse ich den Ring schnell auf mich zufliegen und fange ihn dann mit einer Art Bremskissen aus Luft mit meiner Hand wieder auf. Das mache ich immer schneller und schneller, bis mich Tear darauf anspricht.
“Bisschen gefährlich ist das ja schon.”
“Hab alles im Griff, siehst du?”, beruhige ich sie und fange den Ring. Trotzdem höre ich erstmal auf damit.
Nach einer Stunde sehe ich ein weiteres Pumpwerk, das das Meerwasser in den Pipelines entgegen dem geografischen Gefälle fließen lässt. Mann, das ist schon super spannend, aber ich will auch keine Zeit verlieren. Okay, die Pumpwerke laufen nicht weg. Ich sehe sie mir später an. Um mich davon abzulenken, fange ich wieder an, mit meinem Ring zu experimentieren, doch diesmal kommt er beim Beschleunigen ins Taumeln, fliegt gegen die gepolsterte Sitzlehne, wo er abprallt und dann volle Möhre an Tears Arm klatscht. Shiiit, das gibt Ärger!
“Aua! So, jetzt reicht's!”, ruft sie und nimmt den Ring ruppig an sich. Dann höre ich ein leises “Huch”.
Sie zeigt mir ihren blutenden Finger, der sich an der leeren Steinfassung geschnitten haben muss. Ohhh, Doppel-Shit!
“Scheiße, das ist meine Schuld!”, rufe ich sofort und beginne, nach medizinischer Versorgung zu suchen.
“Gibt es hier ein Erste Hilfe Set gegen Silberwunden?”, fragt Tear, was ich mit einem Schulterzucken beantworte, obwohl das gar nicht an mich gereicht war, sondern an das Fahrzeug. Clever. Offenbar hat sie die Antwort auf ihrem Crisp erhalten, denn ich konnte sie weder hören noch sehen.
“Gibt hier nix”, sagt sie.
Na, super. Silber ist halt verboten. Wieso sollte man gegen etwas Verbotenes vorsorgen? Dabei brauchen wir im Grunde nur ein scharfes Messer, um alle Berührungspunkte auszuschneiden. Die Wunde ist klein und besteht nur aus einem einzigen Schnitt. Was zum Abbilden tut's vielleicht auch erstmal.
In meiner Jackentasche finde ich Vaters Stofftaschentuch, von dem ich ein schmales Stück Stoff abreiße und es Tear um den Finger binde. Mit dem restlichen Stoff wische ich ihren Finger sauber, den es etwas vollgesabbert hat.
Die Blutung nimmt ab, wird aber nicht stoppen. Zellen, die mit Silber in Berührung gekommen sind, regenerieren nämlich nicht. Verbluten wird Tear zwar nicht so schnell, aber das ist trotzdem echt lästig.
Wir fahren noch eine Stunde bis Mensonia. Ich werde aufgeregter, als ich die hellen Umrisse der Pyramide erkenne. Bah, Großstädte jagen mir einfach immer noch einen Schauer über den Rücken.
Wir fahren langsam in den grauen Betonkanal über all die Bremshügel und werden am ersten Tor direkt eingelassen. Aussteigen können wir erst an der Einlasskontrolle, an der aber auch alles schon geregelt ist. Selbst mein Ring ist angemeldet. Von Tears Wunde wissen sie natürlich nichts. Der hässlich grau angezogene Grenzbeamte begrüßt uns und öffnet uns die Tür zum letzten Checkpoint.
“Meine Freundin braucht eine Versorgung einer Silberwunde”, mache ich ihn weniger panisch aufmerksam, als ich erwartet habe.
“Wie ist das denn passiert?”, fragt der Fatzke, anstatt sofort loszurennen. Silberwunde, du Pfiffikus! Ab mit dir!
Tear, die hinter mir steht, antwortet ihm allerdings viel zu geduldig. “Ich habe mich an seinem Ring am Finger verletzt.”
Der Grenzmann grinst eklig und lacht ein leises “Typisch Frau”, in sich hinein, bevor er geht.
Was ist das für ein Sponk!? Sowas kann er sich verkneifen! Immerhin holt er nun endlich einen blauen Koffer, den er öffnet und ein Skalpell herausholt, das er mir in die Hand drückt.
“Mit Speichel benetzen, dann tut es nicht so weh”, empfiehlt er. Warte, ich soll das machen? Ich kann doch meiner schnuckeligen Freundin nicht in den Finger schneiden. Ahhh, muss ich wirklich? Atmen, okay, ruhig Blut. Ich kann das. Ich muss mir einfach nur vorstellen, ihr Finger wäre ein Stromkabel, das ich kürzen will.
Ich lege die Spitze des Skalpells vorsichtig einen Moment lang auf meine Zunge und fokussiere mich dann auf Tears kleinen Cut am rechten Zeigefinger. Stromkabel, River. Schneid in das seidige, zärtliche, hübsche …
So verharre ich kurz, bis mir Tear das Skalpell aus der Hand nimmt und so schnell über ihren Finger schneidet, dass ich nur perplex zuschauen kann.
“So, erledigt”, sagt sie und sieht mich abgeklärt an.
Okay, fein. Das hätte ich natürlich auch hinbekommen, nur eben nicht ganz so schnell. Ich hätte mein Vorstellungsvermögen schon noch angekurbelt, irgendwie. Ich blicke zurück auf ihren Finger, an dem sich die nun etwas größere Wunde bereits zu schließen beginnt. Super, das wäre geschafft. Ich bin echt erleichtert.
Der Typ in grau reicht Tear ein feuchtes Tuch, mit dem sie die Blutreste abwischen kann.
“Sei in Zukunft vorsichtiger mit Silber, junge Dame.”
Tear reißt ihm das Tuch aus der Hand und geht achtlos an ihm vorbei, ohne etwas zu erwidern. Ich laufe ihr nach, durch die letzte, bereits für uns offene Tür in die Stadt hinein.
Als wir einen gewissen Abstand zum Grenzposten haben, faucht sie: “Ach, ich hasse diese Stadt”, was ich gut verstehen kann. Ich streichle ihr über den Arm.
Die Lenses brauchen diesmal keinen Skin über uns zu blenden. Wenn unser schnieker Ausgehlook gut genug für die Hauptstadt war, dann ist er auch gut genug für dieses Drecksloch hier. Tear sieht in ihrem blauen Kleid jedenfalls wunderschön aus.
Wir nehmen uns jeder einen dieser witzigen kleinen Soli und fahren damit zum Hotel, wo wir Mitzys Zimmer anpeilen. Mal sehen, wie sich die Kleine entwickelt hat, seit ich sie freigekauft habe. Ich buche direkt zwei preiswerte Hotelzimmer in ihrem Gang und klopfe dann bei ihr.
Yes! Sie ist da, ich höre Stimmen.
Während sie die Tür aufreißt, brüllt sie fröhlich: “Du bist aber früh heu- Ups!”
Dann stockt sie und knallt uns die Tür wieder vor der Nase zu. Arrg! Dieses Weib!
Ich klopfe erneut. Immerhin öffnet sie uns, diesmal in einem normalen Tempo. Ihre Kleidung ist inzwischen eingemensoniat, in Neongrün.
“Wie geht's?”, frage ich aufgesetzt grinsend, was sie ignoriert.
“War nur der Schock!”, redet sie sich stattdessen raus. “Hab jemand anderes erwartet. Schöne Haarfarbe, übrigens. Die steht dir sogar.”
Sag bloß. Naja, aber immerhin war's was Nettes. Ich sehe mich um. Das Zimmerchen ist ein Saustall. Überall liegen quietschbunte Klamotten, richtige echte, keine virtuellen und auf dem Schreibtisch stehen schmutzige Teller, die aber von heute sein müssen. Außerdem sitzt auf dem Bett ein anderes Mädchen, das uns scheu zuwinkt. Sie ist in einem ähnlichen Alter wie Mitzy und trägt ein neongelbes Kleid.
“Das ist Zanja. Sie ist bei mir eingezogen”, erläutert Mitzy.
“Freut mich”, begrüßt sie Tear, die nun erst von der kleinen Hexe bemerkt wird.
“Tear!!!”, brüllt sie und hüpft meiner hübschen Freundin um den Hals. “Wo habt ihr Shine gelassen?”
“In der Hauptstadt zurückgeblieben”, sage ich, was die ganze Sache abkürzt.
“Wie geht es dir?”, fragt Tear nun noch einmal, worauf die kleine Zicke nun sogar eingeht.
“Prima! So eine geile Bude und immer was zu Beißen zu haben, ist schon echt super. Ich war vielleicht ein ganz kleines bisschen undankbar letzte Woche. Die gute Zanja hat mich eingenordet.”
“Das kann man wohl sagen!”, fauche ich, was sie unerwartet stark in sich zusammenzucken lässt.
“Jaaa, doch. Sorry, okay!? Hab dich halt für ‘nen Perversen gehalten.”
Ich höre eine männliche Stimme vom Gang hinter uns. “Oh, hallo!”
Ein Junge mit blauen kurzen Haaren, der alterstechnisch zu den Mädels passt, steht hinter uns im Gang und macht große Augen.
Tear, der immer noch Mitzy am Hals hängt, begrüßt ihn, was ich auch mache. “Hi, ich bin River.”
“Der River? Deine Haare sind doch gar nicht pink!”, lacht er und stellt sich dann vor. “Ich bin Zanjas Freund Huck. Wir sind verabredet.”
Dann mustert er mich. “Mitzy hat dich anders beschrieben.”
“Ach ja?”
Ich schicke Mitzy einen scharfen Blick, die schon wieder zusammenzuckt.
“Hab nur Gutes erzählt.”
“Wie ein aufdringlicher, arroganter Trottel kommst du mir gar nicht vor”, lacht Huck, der sich in der Tür an uns vorbei quetscht und zu seiner Freundin aufs Bett setzt.
“Verräter!”, brüllt die kleine Zimtzicke, die uns danach ins Zimmer bittet. Ich schüttle den Kopf.
“Passt schon. Ich wollte nur sehen, ob alles Paletti ist. Habt einen schönen Abend.”
Wir schließen die Tür. Boah, diese ganzen Klamotten … dass ich sowas finanziere … naja, oder eigentlich mein Vater.
“Mitzy war überraschend nett heute”, sage ich, was Tear zum Lachen bringt.
“Vermutlich, weil sie um ihre üppige Monatszahlung bangt.”
Sind 5000 Credits denn üppig? Shine meinte doch, dass ich so viel geben soll.
“Was hast du denn bekommen, als du für den Pfosten gearbeitet hast?”
“2500, naja und bergeweise Geschenke. Das war ein gutes Einkommen.”
Wahrscheinlich hat Shine einfach nur kein Gefühl für Werte, so als stinkreiche Prinzessin.
Tear kommt zu mir ins Zimmer. Sie legt sich ohne Schuhe auf mein Bett, bittet mich neben sich und streicht mir durch die Haare. Das ist Balsam für die Seele. Mein Geist breitet seine Flügel aus und schwingt sich in die Lüfte, lässt Mensonia hinter sich und schwebt bis zum weiten Ozean. Schade, dass ich mir die Welt ohne Nebel nicht vorstellen kann, denn sonst, Moment! Ozean!? Ich schrecke hoch und drehe mich im Sitzen zur neben mir liegenden tollsten Frau der Welt.
“Wie kommen wir eigentlich über's Meer!?”
Sie bleibt ruhiger als ich. Prima, dann schmeiß bitte dein rationales Denken an! Meins schiebt gerade Panik.
“Oh! Äh, was zeigt denn die Routenplanung?”
Fein, gutes Mädchen. Ich rufe die Planung auf und lese Tear die angezeigten Daten vor.
“‘09:00 Uhr Abfahrt in Mensonia, 14:00 Uhr Umstieg auf Schiff am Anleger.’ Sieht mir nach dem gleichen aus, wo wir angekommen sind. Na, ob da morgen ein Schiff für uns stehen wird, … ich weiß nicht.”
“Wir fahren hin und hoffen das Beste”, schlägt Tear vor. “Hier in Mensonia will ich jedenfalls niemanden auf so eine heikle Sache ansprechen.”
Dass man vom Anleger aus ins Refugium übersetzen kann, sollte weitestgehend geheim sein und Octavian frage ich bestimmt nicht, da bin ich ganz ihrer Meinung.
Wir setzen den Reiseplan vorbildlich um, fahren kurz vor 9 von Mensonia los und erreichen den Anleger etwas früher als in der Planung steht.
“Und, was sag ich? Kein Schiff!”, muss ich feststellen, als ich aussteige. Was für eine Kacke. Ich laufe zum Steg und blicke hinaus auf das vernebelte, rauschende Meer. Fuck, bin ich angepisst!
“Saublödes Planungsdingens! Als ob es hier sowas wie Pendelverkehr gäbe! ‘Umstieg auf Schiff’, am Arsch! Soll’n wir schwimmen, oder was!?”
Tear kommt mir nach und stellt sich zu mir auf den Steg.
“Beruhig dich! Es sind noch zwanzig Minuten bis 14 Uhr.”
Ich kann mich aber nicht beruhigen. Wenn wir zurück nach Mensonia müssen, sind wir auch nicht schlauer und haben trotzdem keinen Dunst, wie wir die Überfahrt organisieren sollen. Mann, auf der Anreise hat das alles Shine geregelt und wir haben uns nicht mal erklären lassen, wie man ihren Onkel Julius kontaktiert. Das ist der Typ mit der alten Yacht namens Star of the Ocean.
“Denkst du echt, hier kommt was, weil wir an diesem Planungsprogramm herumgespielt haben? Hast du dich mal umgesehen? Wir sind hier im Nirgendwo! Das war’s. Der Zeitplan ist geplatzt.”
Tear stöhnt genervt, geht dann zu einer fast zugewachsenen alten Treppe neben dem Steg, die bis ins Wasser führt und beginnt, ihre hübschen Absatzschuhe auszuziehen. Mist, ich glaube, ich habe sie verärgert, was mir jetzt schon leid tut. Ich gehe zu ihr, doch sie streckt mir eine Handfläche entgegen.
“Lass mich mal kurz, bitte.”
Ich weiche zurück. “Sorry!”
Ja, super! Sie ist wirklich genervt von meinem anhaltenden Zweifel an der digitalen Technik. Okay, von mir aus halte ich die nächsten zwanzig Minuten eben meine Klappe. Käme eh nur Gemecker raus.
Tear läuft vorsichtig die kaum noch sichtbaren Stufen hinab, bis sie mit den Füßen im Wasser steht. Dann setzt sie sich. Wäre ich nicht so angespannt, könnte es hier eigentlich ganz nett sein.
Da meine Freundin ihr Vertrauen auch nach zehn Minuten nicht zu verlieren scheint, hole ich das Motorrad aus dem Stauraum des Fahrzeugs, fluchend natürlich, wann immer es irgendwo hängen bleibt.
Auch die letzten zehn Minuten verstreichen ereignislos. Ich verkneife mir einen Kommentar und gehe nochmal alle Lösungen durch. Die Beste ist, zurück nach Mensonia zu fahren, Vater zu kontaktieren und ihn zu bitten, uns eine Überfahrt zu arrangieren. Das wird peinlich, führt aber hoffentlich vergleichsweise schnell zum Ziel.
Ich seufze und höre im nächsten Augenblick von Tear ein: “Hörst du das?”
Tatsächlich höre ich etwas, das sich vom Wellenrauschen unterscheidet. Wieso hat sie es schneller bemerkt als ich, wo mein Gehör doch das bessere ist?
“Das ist der Motor der Yacht!”, rufe ich unabsichtlich euphorisch. Wie krass! Die kommt ja doch!
Ein paar Augenblicke später sehe ich sie, die Star of the Ocean, von deren Reling aus uns Fina und der dreijährige Maxi bereits fröhlich zuwinken. Meine Stimmung erhellt sich schlagartig. Was ist das bitte für ein knuddeliger kleiner Fratz? Tear kommt die Stufen nach oben und zieht ihre Schuhe wieder an. Dabei schickt sie mir einen “Was hab ich gesagt?”- Blick.
“Du weißt, dass du die Beste bist”, antworte ich ihr. “Ich hab dich lieb, meine Süße.”
Nun sieht sie verlegen nach unten und lächelt. Hehe, hab ich dich. Sie kommt von selbst zu mir, streichelt mir flüchtig über die Hand und flüstert: “Hinterwäldler.”
“Wie bitte?!”
Ich bin entsetzt! Hat Shine etwa doch Einfluss auf Tears Wahrnehmung von mir? Zeigt ihre Rufmord-Kampagne am Ende doch noch Wirkung?
Dann fängt meine Freundin an zu kichern, auf ihre drollige Art. Hat Tear mich gerade aufgezogen? Und dann auch noch mit Erfolg!? Also, was ist das für eine unverschämte Frechheit! Ich halte mir schon wieder das Herz.
“Wie schön, euch wiederzusehen!”, ruft uns Fina entgegen und reißt mich aus dem Dialog mit meiner hübschen, fiesen Liebsten. Das in die Jahre gekommene Schiff stößt sanft an die mit irgendwas abgefederte Steinmauer des alten Stegs. Fina hüpft zu uns vom Schiff herunter und vertäut es. Dann hüpft sie zurück und schiebt das halb vermoderte Brett über die Lücke zwischen das Deck und die Anlegestelle. Stimmt, da war ja was …
Als sie fertig ist, fällt sie zuerst Tear um den Hals und dann mir. Die beiden gehen an Bord. Ich laufe zu unserem Fahrzeug, bestätige eine leere Rückfahrt und schiebe dann das Motorrad über dieses Holzbrett, das mich nachts nicht schlafen lässt. Gleich macht es Platsch, ich weiß es!
Es knarzt, und zwar so laut, dass ich die Luft anhalte beim Drübergehen. Das ist eine Mutprobe, die ihresgleichen sucht, ganz ehrlich.
Okay, geschafft!
Ich stelle das Motorrad ab, hocke mich vor den kleinen Maxi und reiche ihm die Hand. “Hallo”, sage ich und bekomme ein scheues Hallo zurück, allerdings rennt er danach an mir vorbei zu Tear, die sich ebenfalls hinhockt und von ihm gedrückt wird.
“Hey, kleiner Mann, schmeiß dich nicht so an meine Freundin ran. Sie steht nämlich auf Jüngere!”
Was ich im Scherz sage, meine ich sogar ein bisschen ernst. Tear ist echt unnormal beliebt. Tja und was sind schon ein paar Jahre mehr oder weniger für Vampis wie uns? Mutter und Vater trennen hundert Jahre. Papa und Mag trennen, ich weiß es nicht genau, im Dreh sogar hundertfünfzig Jahre, und da ist Papa der jüngere von beiden. Was lernen wir daraus? Die Konkurrenz lauert überall!
“Da verwechselst du aber was, mein Schatz!”, kontert Tear. “Du bist es, der auf Ältere steht.”
Oh! Ohhh, da könnte was dran sein. Shine ist acht Jahre älter als ich und Tear ein Jahr, hm und angegraben hab ich auch immer nur Frauen, denen eine interessante Geschichte ins Gesicht geschrieben stand. Das … ist irgendwie … erhellend und peinlich zugleich. Aber gut, Schluss mit dieser nutzlosen Selbstanalyse!
Ich nehme einen schwarz gekleideten Mann neben mir wahr, der das ins Intime abdriftende Gespräch abwürgt. Den hat der Himmel geschickt. Danke, dunkler Mann!
“Julius, herzlichen Dank fürs Abholen!”, begrüße ich ihn. “Mir ist nicht ganz klar, wie wir dich kontaktiert haben, aber das ist echt spitze!”
Julius kratzt sich am Kopf, was seine vor einem Auge hängende Haarsträhne aber nicht das winzigste bisschen von der Stelle bewegt.
“Du warst es doch selbst, der mir seinen Reiseplan geschickt hat.”
Ich spüre Tears scharfen Blick im Nacken.
“Doch nicht so ein Müll, dieses Planungsprogramm, hm?”
Dazu sage ich nichts, sondern spreche weiter mit Julius.
“Jetzt, wo ich Mensonia kenne, vollstes Verständnis dafür, dass ihr den Knirps außerhalb der Stadt großziehen wollt.”
Julius nickt und will sich im nächsten Augenblick wieder aus dem Staub machen. Moment noch!
“Wir haben deinen älteren Bruder Octavian kennengelernt. Ihr beiden seid echt grundverschieden! Und deshalb will ich dir was sagen, Julius. Wenn ich auf meiner Reise eins gelernt habe, dann dass Maxi schon allein deshalb kein Lurch wie Luis werden kann.”
Er dreht sich wieder um, winkt mich zu sich und geht. Ich soll ihm wohl folgen, was ziemlich cool ist.
Ich laufe ihm hinterher die Metallstufen nach oben, an durchgesessenen Sitzecken mit abblätterndem Lack vorbei bis zur winzigen Brücke. Darin gibt es zwei braune Drehsessel und eine verwirrende unübersichtliche Bedienkonsole mit drei Monitoren, von denen einer rauscht, einer abgeschaltet ist und einer ein Radarbild zeigt.
Auf der Konsole ist eine Art Gashebel und davor befindet sich ein abgegriffenes Steuerrad. Der Blick nach vorne aus dem Fenster ist typisch grau vernebelt. Julius fährt das Boot also fast blind. Echt krass.
Er scheint sich darauf zu verlassen, dass Fina das Tau gelöst und das Brett eingeholt hat, denn er drückt einige Knöpfe, dreht am Steuerrad und schiebt dann den Hebel leicht nach vorn, was uns sanft in Bewegung setzt.
Julius erzählt mir während der Fahrt von seinen sechs Brüdern und sieben Schwestern, die alle zu einer scheinbar sehr produktiven, ähnlichen Zeit geboren wurden. Warum wundere ich mich überhaupt, dass ich bei Victors Kindern null Durchblick habe?
Er erzählt, dass sein Vater seinen Erstgeborenen Sohn Octavian bevorzugt behandelt hat. Soviel zu seiner Eignung als Vater. Mittlerweile bin ich doch ganz froh, dass nicht er mein Vater ist, sondern Robert.
Huch! Schon wieder erwische ich mich dabei, meinen Vater ganz okay zu finden, dabei hat der Typ absolut gar nichts zu meiner Erziehung beigetragen. Was hat er mit mir gemacht? Mir das Gehirn gewaschen?
Ich erzähle Julius von meinem doch nicht so schlimmen Treffen mit meinem Vater und dass ich zum Jahreswechsel gern mit Papa und Mag in der Hauptstadt wäre. Julius lacht einmal kurz auf.
“Du willst sie zum wichtigsten Fest des Jahrhunderts in die Hauptstadt entführen? Dein Vertrauen in deine Überzeugskraft muss überragend sein. Wenn sie übermorgen mit dir zusammen am Steg stehen, lasse ich dich das Schiff steuern.”
“Echt? Ich war vorher schon motiviert, aber jetzt platze ich vor Tatendrang! Drück auf die Tube, Julius!”
Einsicht
Tear, Fina und Maxi gesellen sich nach kurzer Zeit hinter uns auf die abgesessenen Sitzmöbel und reden. Die Überfahrt dauert nur etwas mehr als zwei Stunden und war wieder richtig nett.
Vater hatte mich in der Hauptstadt gefragt, wen er für die Führung Mensonias statt Octavian berufen könnte. Also mir fallen hier zwei ein, die man auch Victor super verkaufen könnte. Der Erstgeborene hat verkackt? Dann schick doch den Zweitgeborenen! Was bin ich für ein Genie? Vater wird die Idee super finden.
Oh, Mann, was soll dieses Hochgefühl schon wieder? Ich fühle mich jetzt schon wie der verdammte Retter des Reichs, dabei hab ich noch gar nichts zum Besseren beeinflusst. Ich hoffe echt, Zukunfts-River packt das dann auch. Sonst bin ich aber sowas von enttäuscht von ihm!
Wir legen an. Tear und ich setzen uns auf das Motorrad und winken Julius, Fina und Maxi zum Abschied.
“Bis übermorgen!”, rufe ich und brause danach über altbekannte Wege hinauf bis zum Wald, an den Feldern vorbei bis zum Hauptbunker.
Alles wirkt wie auf dem Festland. Der Himmel ist grau, die Luft stinkt und schmeckt nach saurem Ruß und die kleinen, stark verästelten Bäume tragen kleine grüne Blätter. Trotzdem ist hier alles irgendwie anders. Ich kenne jede Wegbiegung, jeden Baum und egal, wohin ich gehe, stinkt die Luft, selbst im Bunker.
Die engstirnigen Bewohner leben einfach vor sich hin und schimpfen auf die materialistische Außenwelt, während sie in Bürokratie ersticken. Ist das hier nun das Paradies, oder doch die Hölle?
Tear und ich betreten den Bunker durch die zwei schweren Metalltüren. Sofort strahlen mich bekannte Gesichter an. Da ist Kate vom Blumengeschäft, Mika und Nod vom Klamottenladen, Lenny von der Drogerie … und sie alle wissen, wo ich war.
Da wir nicht daran gedacht haben, uns umzuziehen, sieht man uns den Luxus der Stadt ohnehin an der schicken Kleidung an. Die fein gewebten Stoffe und klar definierten Farben meiner Hose oder Tears Kleid mit dieser eleganten Spitze an den Ärmeln lassen die Sachen aus Shattered Sky fast schon wie Lumpen aussehen. Scheiße, ich hatte nicht vor, hier auf den Putz zu hauen, als seien wir jetzt was besseres. Zum Glück habe ich meine rote Jacke behalten.
Da wir jede Person grüßen, die wir sehen, kommen wir kaum voran. Erst nach ein paar Minuten bemerke ich, dass Tear die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie strahlt die Leute offen aus ihren rehbraunen Augen mit einer freundlichen Wärme an, während sie anmutig in ihrem feierlichen blauen Kleid an ihnen vorbei schreitet wie eine Prinzessin. Diese nahbare Anmut kennen sie sonst nur von Mag, die hier verehrt wird wie der König in der Hauptstadt.
Die häufigste Frage, die wir hören, ist: “Wo habt ihr Shine gelassen?”, was stets ich beantworte.
“Sie wartet in der Hauptstadt auf uns. Wir gehen wieder zurück.”
Die Reaktionen darauf polarisieren stärker als erwartet zwischen “Schaut euch die Welt an” und “Was wollt ihr denn dort?”
Eigentlich hatten wir vor, erstmal in unsere Wohnungen zu gehen, doch die Traube um uns wird so dicht, dass nicht mehr an ein Vorankommen zu denken ist. Ich glaube, wir sind ein richtiges Event für die gelangweilten Bewohner des Refugiums. Ich erzähle, dass draußen vieles genauso schlimm ist, wie ich es mir vorgestellt habe, aber auch, dass es in der Hauptstadt Gutes gibt, zum Beispiel die Uni, die wir besuchen wollen.
In diesem Moment treten einige Leute beiseite und lassen die beiden in den Kreis ein, die wir sehen wollten, Papa und Mag.
Endlich, endlich, endlich!
Ich freue mich wie blöde, schnappe mir Tears Hand und ziehe sie den beiden entgegen. Das Ganze mündet in eine herzliche Umarmung zu viert, die einen Applaus von unseren Beobachtern erhält. Vor meiner Reise hab ich diese grundlose Anerkennung total genossen, aber jetzt frage ich mich, womit wir uns diese Aufmerksamkeit überhaupt verdient haben.
Okay, Mag und Papa leiten den Laden, aber ich … ? Noch bin und kann ich nichts, aber Leute, ich arbeite daran, euren Applaus zu verdienen. Das verspreche ich mir selbst hoch und heilig.
Mag erhebt die Stimme und bittet alle Bewohner Shattered Skys nun wieder ihren eigentlichen Tätigkeiten nachzugehen. Ich konnte ihre freundliche und bestimmte Aura schon immer spüren, aber nun kann ich sie auch vergleichen.
Mag ist richtig krass. Es scheint unmöglich, sich ihr zu widersetzen. Sie ist mehr als eindeutig Davids, Victors und meines Vaters Schwester. Scheiße, allein die Vorstellung, Mensonias Führung würde ihr übertragen, lässt mein Hirn bersten. Wieso verschwendet sie ihre enormen Fähigkeiten an dieses schmutzige und winzige Refugium? Das Königreich braucht sie!
Es dauert nur wenige Minuten, bis Mag, Papa, Tear und ich alleine auf dem Gang stehen, der zu unserer Wohnung führt. Da das, was wir zu berichten haben, nicht für lange Ohren bestimmt ist, und ich weiß, dass es die hier überall gibt, steuere ich unsere Wohnung an. Mag kann dabei kaum einen Blick von Tear lassen.
“Wenn wir gewusst hätten, wie gut dir eine Reise tut …”, murmelt sie, worauf Tear ganz entspannt lächelnd eingeht.
“Alles gut. Ich bin lange Zeit noch gar nicht bereit dazu gewesen.”
Oh, dass sie inzwischen so denkt, wusste ich noch gar nicht. Mein letzter Stand war, dass Shine ihre Entwicklung behindert hätte, aber das kann am Ende nur Tear selbst einschätzen.
Ich öffne die olivgrüne Tür, die zu unserer bescheidenen Wohnung führt. Sie ist kleiner als Tears und mein Apartment der Hauptstadt und wir haben hier zu viert gehaust.
Nicht nur unseren Tisch habe ich größer in Erinnerung, auch den schmuddeligen Fußboden, die fleckige Färbung der Wände, die erdigen Farbtöne aller Stoffe und das schwache Licht unserer Lampen habe ich noch niemals so intensiv wahrgenommen. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr wohl in meinem Zuhause.
Ich wusste es! Ich wusste, dass mich eine Reise in die Außenwelt verderben und inkompatibel mit Shattered Sky machen würde. Bin ich froh, dass mich Tear davon abgehalten hat, vorzeitig das Handtuch zu werfen. Dann hätte ich erst wer weiß wann von meinen Fähigkeiten erfahren und Mutter nicht gerettet.
Kaum ist die Tür hinter uns geschlossen, platzt die wichtigste Nachricht aus mir heraus.
“Papa, Mag, haltet euch fest! Mutter lebt … wieder! Sie war nicht tot, sondern nur in einer Starre und dreimal dürft ihr raten, wer das fehlende Zahnrädchen zu ihrer Genesung war!”
“Lyz ist nicht …!?”, ruft Mag, die danach mit offenem Mund an der Tür verharrt. Papa lehnt sich auf dem Tisch auf, als hätte er weiche Knie bekommen. Einige Momente verstreichen, in denen er einen Stuhl ertastet und sich dann hinsetzt. Tear und ich setzen uns ihm gegenüber.
“Es ist war”, haucht ihm meine Freundin entgegen. “Wir waren bei ihr, als sie aufgewacht ist.”
Papa hebt seinen Kopf zu ihr an und verschlägt mir damit komplett die Sprache. Tränen bilden sich in seinen Augen. So habe ich ihn noch nie gesehen. Tear spricht weiter sanft mit ihm.
“Es geht ihr gut. Sie hat direkt nach River und dir gefragt.”
Papa schluchzt. Ich fahre heftig in mich zusammen, als er mit der Faust auf den Tisch schlägt. Mag steht inzwischen hinter ihm und legt eine Hand auf seiner Schulter ab.
Der Schock holt mich aus meiner Starre.
“Sie hatte ein Gerinnsel-...”, sage ich, doch Papa übernimmt mit überraschend harter Stimme “ein Silbergerinnsel im Kopf, ich weiß.”
Dann legt er sich die Hand, die er eben noch auf den Tisch geschmettert hat, vor die Augen.
“Ich wusste, dass er ihren Körper aufbewahrt und nach einer Heilung gesucht hat.”
Was?
“Das wusstest du? Vater meinte, dass er das geheim gehalten hat, besonders vor dir.”
Papa schnaubt. “Besonders vor mir … Ich konnte Rova schon immer lesen wie ein offenes Buch. Deshalb war mir klar, dass er selbst nicht an eine Heilung geglaubt hat, sondern Lyz aufbahren würde wie eine Götze. Das alles war mir sehr bewusst, als wir gegangen sind, River.”
“Gegangen sind?”, wiederhole ich vorsichtig. Wie … meint er das?
“Ich hab es bei ihm nicht ausgehalten. Ich musste raus aus der Hauptstadt, in der mich alles an sie erinnert hat.”
Ich schlucke schwer.
“Vater hat uns gar nicht weggeschickt?”
Papa scheint seinen spontanen Ausbruch wieder im Griff zu haben, denn seine Haltung richtet sich auf.
“Er hat mir ans Herz gelegt zu gehen und ich war einverstanden.”
Dann streicht er sich die langen Haare aus dem Gesicht. Gegen die nun an seinen Wangen herunterlaufenden Tränen scheint er nichts machen zu können.
Ich weiß gerade nicht, wie ich mich fühlen soll. Papa ist nicht so unbefleckt, wie ich dachte. Wenn er das alles wusste, hätte er dann nicht umso mehr für Vater da sein müssen?
“Also hast du mich all die Jahre belogen? Dass Mutter tot ist und Vater uns verstoßen hat?”
Beim Luftholen japse ich. Scheiße! Ich kann Papa nicht mehr ansehen. Dann spüre ich Tears Hand auf meinem Bein. Ich bin dankbar, dass ich das nicht alleine durchstehen muss.
“Was? Nein, Riv”, höre ich von Mag, doch Papa übernimmt seine Verteidigung selbst.
“Lyz war tot, River. Was ändert eine Aufbahrung daran? Hätte ich mich mit ihm und dir neben ihren Sarg setzen sollen? Er wollte allein sein und ich wollte ein Leben für dich, also bin ich gegangen.”
“Ja, aber hast du nicht immer gesagt, er hätte uns verstoßen, mich … weggeworfen …?”, hauche ich und schlucke einen Kloß herunter. Fuck! Jetzt bloß nicht heulen!
Papa steht schlagartig von seinem Platz auf.
“Das habe ich nie gesagt. Nie! Er hat uns weggeschickt, aber das ist was anderes, als uns rauszuschmeißen.”
Der Schreck zieht meinen Blick zu Papa, der die Augen aufreißt, als verstünde er so langsam, was in mir vorgeht. Weggeschickt und verstoßen sind für mich ein- und dasselbe. Mag versucht sich an einer Aufklärung.
“Bei Riv ist das anders angekommen, Lex. Er dachte wohl eher, dass du keine harten Worte verwenden willst, um ihn zu schonen.”
Er schüttelt energisch den Kopf.
“Rova ist eigensinnig, aber kein Monster. Okay, er hat sich gegen uns entschieden, aber nicht, weil er uns ablehnt. Scheiße, wie soll ich das ausdrücken? Ich bin so schlecht bei sowas, verdammt! Kein Wunder, dass du nicht verstanden hast, worauf ich hinaus will, River. Fuck, was hab ich da angerichtet?”
Ich atme schwer aus. Die Anspannung verfliegt langsam wieder, denn immerhin sehe ich das Leid in Papas Augen und habe es auch in denen von Vater gesehen.
“Ich würde es immer noch nicht kapieren, hätte ich ihn nicht selbst kennengelernt. Liegt vielleicht doch mehr an ihm als an dir, Papa.”
Er sieht allerdings immer noch verzweifelt aus.
“Du hast ihn die ganze Zeit gehasst, weil ich zu blöd war, dir zu verklickern, was damals passiert ist.”
Dann setzt er sich wieder, spricht aber weiter. “Lyz ist wieder da … und ich … Scheiße, ich wollte ein neues Leben. Jetzt hab ich eins und weiß überhaupt nicht mehr… Mag, du…, ich….”
Dann sieht er zu Mag und legt sich zittend eine Hand vor den Mund. Seine Verzweiflung scheint wieder zuzunehmen. Aber keine Sorge, ich kenne sein Dilemma bereits.
“Weiß ich schon”, sage ich abgeklärt und schniefe danach unabsichtlich. Mag schüttelt den Kopf.
“Das weißt du sicher noch nicht.”
Dann fasst sie sich an den Unterbauch.
Ne, oder? Ne! Ne, ne, ne! Das soll doch nicht etwa heißen, dass sie …
“Bist du schwanger?”, fragt Tear mit erfreutem Unterton. Mag nickt, was meine Freundin noch mehr anstachelt.
“Das ist doch kein Grund, traurig zu sein, Alex! Das ist wunderschön! Dann bekomme ich endlich ein Geschwisterchen!”
“Jo, ich wohl auch”, sage ich ausatmend. “Und gleichzeitig einen Neffen und was weiß ich noch alles.”
Tear ignoriert mich und beglückwünscht die beiden. “Ich freu mich so für euch.”
Mag wirkt erleichtert. Vielleicht, weil sie die Last, es uns zu sagen, hinter sich gebracht hat. Papas Nerven liegen allerdings blank. Er sitzt in sich zusammengesunken am Tisch und grübelt, auf seine am Mund liegende Hand gestützt, in sich hinein.
“Das wird dem Prinzesschen das Herz brechen, aber ich, … ich übernehme die Verantwortung für meine Kinder.”
Dann hebt er den Kopf und sieht Mag aus seinen glasigen grünen Augen an.
“Keine Sorge, Mag. Ich lass dich nicht im Stich.”
Mir steigen schon wieder die Tränen auf, aber Mag, die hier den Vater des Kindes in ihrem Bauch verlieren könnte, holt nur tief Luft und fängt sich direkt wieder. Sie lächelt traurig und schiebt sich eine ihrer kurzen dicken Haarsträhnen hinters Ohr. Ich habe das Gefühl, dass wir bei diesem Gespräch nicht dabei sein sollten.
“Ich weiß doch…”, beginnt sie und holt nochmal Luft. “... wie sehr du die beiden liebst. Es ist okay, Lex. Lyz, meine Tochter, ist wichtiger als ich es bin.”
Ne, das geht uns gerade echt nichts an. Ohh, Kacke, ich würde mich jetzt nur zu gern in Luft auflösen.
Papa springt auf und umarmt Mag sofort, was sie nur zaghaft erwidert, bis er es wiederholt:
“Dich liebe ich auch, Mag. Ich hab doch gerade gesagt, dass ich bei euch bleibe.”
Endlich erwidert sie die Umarmung, sagt aber:
“Ich bekomme das hin, ehrlich!”
Papa umschließt sie noch fester. Wann schnallt sie denn endlich, dass sie ihn nicht mehr los wird?
Die beiden halten die Position einen Moment lang, bis Mags Geist die Tore öffnet und etwas an ihrem Auge glitzert. Es sollen ja noch Wunder geschehen.
Unglaublich, wie viel es braucht, um ihre Bastion zu brechen. Mag muss echt schon über dem Abgrund schweben, um aus ihr was anderes als ein verständnisvolles Lächeln herauszuholen.
Obwohl mir Mags geringes Selbstwertgefühl echt auf die Eier geht, muss ich mir schon wieder einige Tränen wegwischen. Ich rutsche mit dem Stuhl ganz bis zu Tear auf, die es ebenfalls erwischt hat, lehne mich an ihre Schulter und wische ihr eine ihrer Tränchen weg.
“Mag kann sich echt glücklich schätzen”, sagt sie japsend.
Wir warten einige Zeit, bis sich die beiden wieder einigermaßen gefangen haben. Als sie auseinander gehen, streicht sich Papa einige nass geweinte Haare aus dem Gesicht und haucht:
“Lyz wird es hart treffen, dass ihre Mutter ein Kind von mir … hast schon recht, River. Das macht das Chaos perfekt.”
“Zumindest Shine wird es freuen”, tröstet Mag, die sich ebenfalls die verwuschelten Haare richtet. “Sie war es, die mich ermutigt hat, meinen eigenen Rat zu befolgen. Ist sie jetzt eigentlich wieder in Mensonia?”
Puh, Shine. Die Themen gehen vom Regen in die Traufe.
“Gegenfrage”, umgehe ich es erstmal vorsichtig. “Welche Art von Rat hast du ihr denn gegeben?”
“Na, dass sie sich ihre wahren Gefühle eingestehen soll”, antwortet sie und ahnt es nun. “Oh, das hat sie getan, oder? Kann es sein, dass sie nicht zufällig fehlt?”
“Nope, kein Zufall”, bestätige ich und blicke zu Tear, die mir sehr dezent zunickt, als solle ich es erzählen. Sie selbst ist wahrscheinlich zu emotional dafür.
“Shine hat Tear ihre Zuneigung im Lucard Style vermittelt. Nimm lieber mich, denn was Besseres findest du eh nicht.”
Papa kann sich, trotz des eigentlich ernsten Inhalts, ein kleines, wenn auch von Schmerz gezeichnetes Grinsen nicht verkneifen. Da Mag nichts sagt, war ich ihr nicht präzise genug. Ich versuche es erneut.
“Nachdem wir ihr gesagt haben, dass wir zusammen sind, ist bei ihr ‘ne Sicherung durchgebrannt. Sie hat Tear überfallen wie ein wildgewordener Gorilla. Jetzt ist sie in der Hauptstadt. Hat sich auch entschuldigt.”
“Oh, nein, Tear, du Ärmste”, erschrickt sich Mag. “Du hast wirklich lange genug gelitten. Auch wenn ich Shine Mut zugesprochen habe, befürworte eure Beziehung.”
Papas winziges Grinsen ist nicht verschwunden, nur hat er endlich die Güte, uns mitzuteilen, wieso.
“Der Spruch eben kam doch aus deinem eigenen Repertoir, oder River, du kleiner Halunke?”
Hä? Wie frech. Als ob ich je behauptet hätte, ich sei die beste Partie in Shattered Sky, oh, warte. Das hab ich tatsächlich.
“Und wie geht es bei euch weiter?”, leitet Papa schniefend über.
“Wir gehen zurück in die Hauptstadt, um dort zu studieren. Zum 31. wollen wir ankommen, damit wir den Jahreswechsel nicht verpassen und … naja, und ich hatte mir eingebildet, dass ihr für ein paar Tage mitkommen könntet. Wegen Mutter und so …”
“Uff”, macht Papa. “Dir ist klar, dass wir hier alles stehen und liegen lassen müssten?!”
“Morgen hättet ihr noch Zeit, alles zu regeln”, verbessere ich, was seinem nach wie vor entsetzten Gesichtsausdruck keinen Abbruch tut. Nun schaltet sich auch Mag ein.
“Und dir ist klar, dass die Jahrhundertwende nicht nur in der Hauptstadt gefeiert wird?”
“Jaaa … , schon”, gestehe ich. “Daran hab ich zwar gedacht, als ich den Plan aufgestellt habe, aber …”
“Du verstehst also, dass wir die Einladung erst nach dem Wechsel annehmen können?”, versucht Mag zu vertrösten. Aber, was wird dann aus Julius’ Angebot, das Schiff steuern zu dürfen!? Ich hab mir das alles so schön ausgemalt …
“Wollt ihr wirklich das Centennium Celebrare verpassen? Hier passiert doch eh immer dasselbe. Paar Girlanden, langweilige Rituale für Abergläubige, ‘ne fesche Rede, die … du halten musst, Mag …, ach verdammt! Hab's ja kapiert. Ich bin abgeblitzt. Zieht euer alle Jahre wieder Ding durch und gut ist der Lack.”
“Wir besuchen Lyz gleich nach den Feierlichkeiten”, tröstet Mag. “Wir wollen sie doch auch so schnell es geht wiedersehen.”
“Jap”, bestätigt Paps und runzelt gleich darauf die Stirn. “Haben wir überhaupt darüber gesprochen, wie Rova Lyz so plötzlich heilen konnte?”
“Äh, ne”, erwidere ich nachdenklich. “Los, Tear, das erzählst du. Aber schön episch ausschmücken, bitte.”
“Oh, äh, gut, ich versuche es”, bestätigt sie zögerlich und beginnt dann. Das wird bestimmt spitze. Ich lehne mich zurück.
“Wo soll ich anfangen? Also, erinnert ihr euch daran, als sich River, Shine und ich vor zwei Jahren Zugang in das verbotene Lager verschafft haben? Das, in dem das eingesammelte Geld liegt. Scheine, Münzen und so was?”
Beide schütteln entsetzt den Kopf. Oje, Tear, schnell weiter im Text. Sie räuspert sich.
“Dann wisst ihr es jetzt. Jedenfalls hat er mir dort einen Trick gezeigt. River konnte eine verdreckt aussehende grauschwarze Münze auf seine Handfläche legen und diese umdrehen, ohne dass das Geldstück runterfiel. Als ich ihm die schmutzige Münze abnehmen wollte, brannte sie an meinen Fingern wie Feuer. Sie bestand aus Silber. Ab diesem Moment war mir klar, dass River eine Gabe hat.”
Hmhm, bis auf den ausgeplapperten Einbruch nicht übel. Ich lass sie mal machen.
“Es dauerte länger als ein Jahr, um ihm ganz legal einen Gegenstand zu beschaffen, der aus Silber besteht, einen Ring.”
“Ein Ring, ihn zu knechten”, unterbricht Papa grinsend. Mag stupst ihn an. “Psst!”
“Nun seht mit eigenen Augen, was River mit diesem Ring inzwischen bewerkstelligen kann”, kündigt Tear an und sieht erwartungsfroh zu mir. Oh! Ich soll was machen! Klar, bringen wir sie mal ins Staunen.
Ich zeige meinen kleinen linken Finger, an dem der zarte Damenring mit zwei Saphiren und einem leeren Steinsockel steckt. Ich halte ihn dem interessierten Publikum entgegen und schiebe den Ring mit meiner Aurakontrolle nach oben ab, wo ich ihn dann schweben lasse.
Tear weist in meine Richtung und deutet ein leises Klatschen an.
“Applaus bitte, für unseren Magiermeister!”
Mag und Papa bleibt der Mund offen stehen. Ich mache eine elegante Handbewegung und lasse den Ring zu Papa fliegen.
“D-das ist ein Trick”, behauptet er und schnappt sich den vor ihm schwebenden Ring mit Daumen und Zeigefinger. Dann zieht er scharf Luft ein. Silber scheint auch ihm wehzutun.
“Du kannst Silber manipulieren?”, fragt Mag rhetorisch. “Von so einer Fähigkeit habe ich noch nie gehört.”
“Vielleicht entwickelt man als Lucard die Fähigkeit, die man am meisten braucht”, ist Tears pragmatischer Erklärungsversuch. Klingt nicht übel. Ist gekauft.
Papa hält den Ring, trotz Schmerzen, noch in den Fingern. Mal sehen, ob ich ihm das gute Stück entreißen kann. Ich ziehe am Ring, noch ein bisschen mehr, bis er ihn loslässt. Dann lasse ich das Schmuckstück wieder auf meinen kleinen Finger gleiten.
Papa versteht jetzt ziemlich genau, was ich für Mutter getan haben muss. “Mit dieser Kraft hast du das kolloidale Silber aus ihrem Körper geholt.”
Ich zeige mit dem Zeigefinger auf ihn. “Wir haben einen Gewinner!”
Mag atmet durch. Sie sah schon direkt zu Beginn der Präsentation besorgt aus.
“Ich bin dir unbeschreiblich dankbar, dass du meine Tochter gerettet hast, aber deine Fähigkeit ist sehr gefährlich. Selbst ich bin nahezu schutzlos gegen sie. Meine Auramanipulation beschränkt sich auf Emotionen, auch wenn ich kaum Gebrauch davon mache. Rova beherrscht sie ebenfalls. Vielleicht hast du sie bei ihm einmal erlebt.”
Oha, na und ob. Krass, dass Vater irgendwie alles kann. Je länger ich mich mit ihm beschäftige, desto klarer wird mir, warum er selbst gegen seinen Willen unser König sein muss … obwohl er Vampis hasst. Schon verrückt.
“Irre, das macht dich zum zweitmächtigsten Vampir nach ihm”, murmelt Papa. Jo, das hat Vater auch gesagt.
“Mein Prachtjunge!”, ruft Papa daraufhin, springt von seinem Stuhl auf, kommt um den Tisch zu mir und umarmt mich. “Morgen erzählst du mir alles haarklein, okay?”
“Geht klar”, presse ich unter dem Druck seiner straffen Umarmung aus meinen Lungen. Ich deute das als Rauswurf, wenn man das so sagen kann, immerhin wohne ich genauso in dieser Dreckbude wie die beiden. Shit, ich sollte nicht so negativ über die Wohnung denken, in der ich aufgewachsen bin. Tja und wie ich so nachdenke, schießt mir eine Frage in den Kopf.
“Mag, wenn die Bedingungen in der Hauptstadt noch ein bisschen besser würden, könntest du dir dann vorstellen, mit deiner Kommune in die Hauptstadt umzusiedeln? Oder vielleicht nach Mensonia?”
So, wie sie mich ansieht, habe ich sie gerade aus einem komplett anderen Gedanken herausgerissen.
"Shatsky umsiedeln?”
“Oder vielleicht könnte eine neue Kuppel für euch gebaut werden, so wie für Victors Schloss. Kann doch ein längerfristiges Projekt sein”, schiebe ich nach.
“Wozu? Wir haben hier doch alles, was wir brauchen”, sagt sie mit einem auffordernden Blick, als wolle sie hören, was mir hier nicht passt. Puh, da gäbe es einiges, aber soll ich das wirklich aussprechen? Da fällt mir auf, dass ich gar nicht weiß, wieso sie sich überhaupt abgespalten hat. Heftig, dass ich solche unbemerkten Wissenslücken habe.
“Ähm, der Komfort ist höher, die Luft riecht besser, es ist allgemein sauberer und heller, … sowas.”
“Also ‘ne eigene Kuppel hätte schon was”, unterstützt mich Papa, der nun im doppelten Sinne hinter mir steht. Auch Mag nickt einmal, sagt aber:
“Lex, du weißt, warum unser Standort geheim ist.”
Er seufzt erst, aber was er sagt, klingt belustigt. “Weil du ein Problem mit Autorität hast.”
Leider sehe ich ihn nicht, da er ja hinter mir steht, ihre Reaktion aber schon und sie wirkt angegriffen.
“Nein, weil ich die Kapazitäten nicht stemmen kann! Ich würde nur zu gerne mehr Leuten eine Alternative zum Königreich bieten, aber es geht eben nicht.”
Das ist Tears Stichwort. “Ähm, dann wäre der Bau einer eigenen Stadt doch eigentlich … also, das könnte doch ein Generationenprojekt sein …, aber, eigentlich hab ich keine Ahnung, wie man solche Mammutprojekte bewerkstelligt. Das war keine Hilfe, ich weiß schon. Sorry dafür.”
Darauf steige ich ein. “Also wenn man das wirklich will, dann helfen Vater und Victor doch garantiert mit. Ich bin mir sicher, die wissen, wie es geht.”
Mag schüttelt den Kopf! Mann, warum jetzt wieder?
“Wie kann ein Königreich sein eigenes Refugium errichten? Das ergibt doch keinen Sinn.”
Hm, das ist leider wahr. Sinnvolles Konzept hab ich auch keins. Wie soll eine winzige kommunistische Stadt inmitten materialistischer Metropolen Bestand haben? Okay, die Menschen sind in jeder Stadt quasi eingekerkert, aber die Vampire nicht. Bei Mag muss unseresgleichen auf Feldern und so arbeiten, woanders heißt es Müßiggang. Ich will ja auch weg deshalb … ach, verdammt, der ganze Plan ist doch fürs Popöchen.
“Ich hab auch keine Idee. Ich lass euch jetzt in Frieden und gehe mit zu Tear, wenn das okay ist?”, formuliere ich vorsichtig und schaue sie süß zwinkernd von der Seite an.
Sie wirkt kurz überrascht, stimmt mir aber zu. Yesss! Ich darf bei ihr übernachten! Das wird spitzenmäßig.
Wir sind noch dabei, die Wohnungstür zu schließen, da sehe ich, wie sich Papa an den Tisch setzt und in sich zusammen sinkt. Er hat jetzt erstmal einiges zu verarbeiten.
Als die Tür geschlossen ist, spreche ich meine merkwürdigen Gefühle aus. “Ich weiß gerade nicht, ob ich mich für ihn freuen, oder ihn bedauern soll.”
Jetzt sieht mich Tear an, als hätte ich einen Dachschaden.
“Dein Ernst?”, fragt sie. “Freu dich! Alex hat zwar seine große Liebe verlassen, aber sie lebt! Und noch viel wichtiger ist, dass er eine neue Liebe gefunden hat, mit der er ein zweites Mal Papa werden kann. Das sind zwei riesige Gründe, sich zu freuen, River. Ganz besonders du!”
Ich sehe sie aus großen Augen an. “Meinst du wirklich?”
“River!” Nun packt sie meine, ich möchte hinzufügen, schon ein bisschen trainierten, Oberarme mit beiden Händen und sieht mir tief in die Augen. “Freu dich! Du hast alles erreicht, was du wolltest. Du hast dich mit deinem Vater versöhnt, hast deine Mutter gerettet, bist auf einmal super gefährlich und wirst in der Hauptstadt bestimmt bald als verschollener Prinz bejubelt!”
Ich lächle Tear an. Sie hat sowas von recht und das mit der Liebe des Lebens hat sie echt schön gesagt. Eines hat sie nämlich vergessen aufzuzählen. Zeit, pathetisch zu werden.
“Das Allerwichtigste hast du nicht genannt, meine tiefstapelnde Göttin. Ich habe die Liebe meines Lebens für mich gewonnen. Selbst wenn irgendwas anderes in die Hose gegangen wäre, hätte ich mit dir mein Happy End gefunden.”
