KW 12 - Kätzchen
Wie sagt man so schön? Wer die Zuneigung einer Katze wünscht, der ignoriere sie und lasse sie auf einen zukommen. Von selbst. Nicht umsonst liegt ein Kätzchen mit ungeahntem Argwohn auf dem Hundemenschen Schoß und verschmäht die Hand des kreischenden Fanatikers.
So bewundere man sie aus der Ferne und warte auf das Glück. Einstig, wenn erwiesen würdig, wird das Kätzchen den Platz tauschen und sich anschmiegen, mit einem Schnurren belohnen die liebwollende Hand.
So Kätzchen, Kätzchen auch wenn du liegst in eines Fremden Obhut, spüre die Aufmerksamkeit, die auf dir liegt. Spür die Sehnsucht der Hand, die sich nicht traut.
KW 13 - Schuhe
Schuhe. So winzig kleine, im Vergleich zu den eigenen. Er hätte sie leicht in seinen verstecken können, hätte es aber nie getan. Wozu auch? Das war dumm und er war nicht dumm. Aber er war fasziniert. So klein, so filigran. Und er, nicht würdig, sie zu berühren. Zu helfen beim Ausziehen. Zu helfen beim Anziehen. Die Schnüre zu binden, die Zunge zu richten.
Stattdessen sieht er ihnen nach, dem Besitzer nicht ins Gesicht. Wendet den Blick ab. Starrt auf seine eigenen Schuhe. Schlicht und unauffällig wäre es nicht wegs der Größe. Die Schnüre gebunden, die Zunge schief, er richtet sie.
KW 14 - Schal
Da liegt was am Boden. Ein Stück Stoff. Ein Schal. Wie fallen gelassen. Ungeplant. Verloren. Er erkennt ihn, wie er vor einiger Zeit noch um den schlanken Hals gelegen hat.
Weich. Er will ihn behalten, aber entscheidet sich für das einzig Richtige. Nachlaufen. Zurückgeben.
Ein Ruf. Er streckt die Hand mit dem Schal. Geweitete Augen blinzeln vom Objekt hoch in sein Gesicht. Eine zarte Danksagung wird ausgesprochen. Er winkt sie ab. Es hat ihm keine Umstände bereitet. Im Gegenteil.
Der Schal wird entgegengenommen. Man kann ein Blitzen hören. Die Luft ist aufgeladen. Der Schal leitet nicht. Die Finger tun es.
KW 15 - Rose
Er ist Realist. Kein großer Denker. Aber aufmerksam. Er hält sich nicht mit romantischem Geplänkel auf und hätte sich nie in solch einer Situation vermutet.
Er ist nicht sentimental und verliert sich nicht in Tagträumen. Und dennoch. Am Weg nach Hause bringt ein Rosenbusch seine Rationalität zum Schwanken. Er bleibt stehen und betrachtet die Blüten. Rosa, zart, lieblich gar. Und er greift nach einer. Nicht, sie zu pflücken, aber sie zu berühren. Ob seine Haut auch weich ist?
Er wird schier unterbrochen. Sein Name wird gerufen. Die Hand zuckt hinunter.
“Schön”, sagt man ihm. “Schön”, sagt auch er und nickt.
KW 16 - Himmel
Man sieht es ihm an. Etwas beschäftigt ihn. Auf Anfrage spricht er sogar darüber.
Wie ein Stück Himmel, sagt man ihm, ist das, was er da fühlt. Mit großen Gesten und lauter Stimme, aber es verschreckt ihn nicht. Hat es noch nie. Nur das neue Gefühl, das Stück Himmel schüchtert ihn ein. Er weiß, es ist nicht wortwörtlich gemeint und dennoch will er, dass der Himmel über ihm bleibt, dazwischen die Wolken und sein Herz in seiner Brust. Und so sieht er nun hoch zum Himmel. Mit höher schlagendem Herz. Es hat etwas Wahres. Er fühlt sich dem Himmel näher.
ĶW 17 - Schwestern
Später im Bus lehnt man sich über den Sitz zu ihm nach vorne, um mit ihm zu plaudern. Er plaudert nie. Andere tun es. Immer.
“Die Schwestern von den beiden sind echt schnuckelig, oder?” ist die Frage, die er nicht beantworten kann. Was ist schnuckelig? Die Erklärung hilft ihm nicht, also schüttelt er den Kopf. “Egal, ich wünschte, wir hätten auch jemanden, der uns anfeuert. Meiner Schwester ist Volleyball so egal” Auch damit kann er nichts anfangen. Einerseits hat er keine Schwestern (auch keine Brüder) und außerdem spielt er nicht für den Jubel. Er spielt, um der Beste zu sein.
KW 18 - Stern
Den Zauber mit den Sternen versteht er nicht so recht. Auch der Spruch, jemandes Vater hätte die zwei schönsten - oder waren es die strahlendsten? - Sterne vom Firmament gestohlen und in jemandes Augen gesetzt, ist doch absoluter Schwachsinn. Und dennoch merkt er seit ein paar Tagen während seinem abendlichen Lauf durch die Straßen der Nachbarschaft, dass die Sterne irgendwie mehr strahlen. Ob es an dem Stück Himmel liegt, das ihm nun näher ist? Ein Stern leuchtet zu dieser Jahreszeit besonders hell und fängt seine Aufmerksamkeit. Und er denkt an ihn und fragt sich, ob er vielleicht auch mal an ihn denkt.
KW 19 - Beere
Dass jemand oder etwas die Kirsche auf dem Sahnehäubchen sein kann, das weiß er. Er kennt die Verwendung dieser Floskel zumindest. Beim Mittagessen in der Schulkantine aber kommt sie ihm abgewandelt zu Ohren.
“Du bist die Beere auf meinem Mousse au Chocolate”
Er sieht am Tisch entlang zu seinen Freunden. Da steht besagtes Mousse, darauf eine Blaubeere gebettet. Nicht lange. Sie wird mit etwas von der schokoladigen Leckerei auf den Löffel genommen und mit einem breiten, zufriedenen Grinsen hinter die summenden Lippen geschoben. Hinter die falschen Lippen. Enttäuschung. Stattdessen gibt es eine Lippenbekenntnis, der er sich abwendet. Alles wieder gut.
KW 20 - Pizza
Wochen vergehen, ohne, dass er sich viele Gedanken um die Situation macht. Immerhin gibt es Dinge, die viel präsenter sind. Training, Schule, Training und hier und da eine freundschaftliche Verabredung.
“Ihr könntet beim nächsten Mal Pizza essen gehen.” Das Thema scheint jemand anderen mehr eingenommen zu haben als ihn.
“Pizza macht dick” - “Pizza kann man teilen” nur je ein Argument dagegen und eines dafür.
Und dann ist es Pizza, die vor ihnen steht. Zum Teilen. Zu viert, weil man sich alleine nicht getraut hat. Gesprochen wird viel und gleichzeitig gar nicht. Gefühlt reden die Falschen. Aber er fühlt sich richtig.
KW 21 - Maschine
Er ist eine Maschine. Auf jeden Fall jetzt. Training! Aufschläge, Angriffe und abschließend Laufen. Ablenkung mehr denn je. Die Schweißperlen laufen ihm über die Stirn und man beugt sich zu ihm hinüber. Ein Handtuch wird gerecht, die Trinkflasche weggestellt. Das hat er jetzt gebraucht. Ein ausgiebiges Training mit dem Fokus auf das Wesentliche.
Neben ihm hat allerdings gerade jemand mit einem ganz besonders blöden Grinsen den Fokus nur auf ihm.
“Du bist wahrlich eine Maschine. Macht dich das Kätzchen so fertig, dass du dich so reinsteigern musst?”
Er schnaubt es weg. “Das Turnier kommt näher. Ich muss in Bestform sein”
KW 22 - Bär
Ihm gefällt der Vergleich mit dem Kätzchen. Denn wahrlich wäre ihm lieb, er würde sich einrollen, weich auf seinem Schoß. So dass er die Finger durch seine Haare führen kann. Ob er dann die Augen schließt und sich an ihn schmiegt oder ob er ihn verschreckt? Ist er dann ein Hund, der das Kätzchen verscheucht? Oder eine Maus, weil er sich nicht traut?
“Wenn er ein Kätzchen ist, was bin dann ich?” Zwei Augen blitzen auf. Es wird überlegend gar auch amüsiert gesummt. Mundwinkel kräuseln sich hoch.
“Du bist ein Bär” Es wird gekichert und korrigiert: “Aber eher ein Teddybär”
KW 23 - Wildnis
In der Wildnis hat er keine Schwierigkeiten mit Katzen. Da bleibt er für Jede stehen, die seinen Weg kreuzt, auch für die Schwarzen, die von links kommen. Ihm ist egal, ob das per Aberglaube Unglück bringt.
Nur wäscht er sich die Hände, wenn er sie anfasst. Wenn er sie streicheln darf und sie sich anschmiegen, zaubert das ein Lächeln in sein Gesicht, das niemand kennt. Er ist entzückt, wenn sie zu schnurren beginnen. Planlos ist er dann, wenn ihm so ein zartes Tier bis nach Hause folgt.
In der Wildnis. Da funktioniert das. Da verdient er der Katze Zuneigung bereits.
KW 24 - Freund
“Was willst du eigentlich, dass er ist? Ein Freund? Dein Freund? Also dein fester Freund? Oder dein bester Freund? Ich hoffe doch nicht, dein bester Freund, weil das bin ja ich und das bleib ich auch” Neugier im Gesicht seines Gegenübers tauscht mit Bestimmtheit ab. Die Augen fixieren ihn. Unangenehm für viele Andere. Ganz normal für ihn.
“Ja, du bist mein bester Freund”, bestätigt er, auf die anderen Konstellationen geht er nicht ein. Es gibt keine Antwort, denn er kennt die Antwort nicht. “Ich mag den Gedanken an ihn”, kann er einzig festhalten. Und das reicht für den Moment auch.
KW 25 - Tasse
“Not my cup of Tea”, ist eine englische Redewendung, die er schon öfter gehört, aber nie verstanden hat. Man hat es ihm erst übersetzt: “Nicht meine Tasse Tee” - Seine Antwort: “Ich trinke keinen Tee”, er hat also keine Tasse. Darauf hat man ihm die Bedeutung erklärt: “Wenn was nicht dein Ding ist”
Eigentlich hat er immer gedacht, das mit den Gefühlen wäre “nicht sein Ding”, somit nicht seine Tasse. Wenn er eine Tasse hätte, wäre sie randvoll mit Volleyball. Aber eigentlich nicht. In eine Tasse passt nicht einmal ein unaufgeblasener Volleyball. Und seine Gefühle auch nicht. Er hat keine Tasse.
KW 26 - Kuh
Er steht da, wie so eine Kuh auf der Weide, weil jemand da ist, wo er ihn nicht erwartet. Nicht wie eine Kuh, nicht auf der Weide, mehr wie eine Blume am Wegesrand, so schön, dass selbst die Kuh inne hält. Er zögert, fühlt sich nervös. Ungewohnt. Er zögert nie, wird nicht nervös. Realisierung: Gefühle sind seltsam.
Ein Ruf. Nicht von ihm. Ein Lachen. Von jemand anderes. Weg, noch bevor er sich annähern kann. Und er steht da, wie so eine Kuh auf der Weide, weil jemand da ist, wo er ihn nicht erwartet, mit jemanden, den er nicht wünscht.
KW 27 - Feen
Er ist kein Träumer. Auch in der Nacht nicht. Sein Schlaf ist effizient und er wacht erholt auf.
Man mag meinen, er träume von Siegen und vom Erfolg. Von Spielen, Medaillen, Pokalen. Vom Jubel und von Fans gar. Doch so ist es nicht. Seine Nächte sind traumlos, seit er sich erinnern kann. Bis es eines Tages anders ist. Aufgewühlt erregt, wohlig durcheinander, aber ratlos wacht er auf und teilt sein überraschendes Erlebnis.
“Wovon hast du geträumt?”, die neugierige Frage. Er muss sich erst sammeln, realisieren, welch Wesen ihn besucht haben. “Ich hab von Feen geträumt.”
Und von einer ganz besonders.
KW 28 - Netz
Halloween. Die Zeit der Verkleidungen. Die Zeit, Netze aufzuhängen, oder auch einmal ein Netz anzuziehen. Über lange, stramme Beine. Ein Rat, den er nicht annimmt, obwohl er sonst so viele berücksichtigt. Das kann er nicht. Das Netz für die Beine wird abgelehnt, dafür werden Netze und kleine schwarze Spinnen ins Gesicht gemalt.
Das bedeutendste Netz aber ist zum Vorentscheid des Frühlingsturniers wieder gespannt. Sieg. Es wird nach Tokio gehen. Er wird ihn wieder sehen, vielleicht sogar durch das Netz hindurch, seine schöne Form bewundernd. Sich wünschend, er würde ihm den Ball vorlegen und er könnte diesen über das Netz schmettern.
KW 29 - Pferd
“Schon mal vom Trojanischen Pferd gehört?” - hat er. Im Unterricht, wobei er nicht mehr sagen kann, ob es echte Geschichte oder Mythos ist. “Du könntest das Trikot von seinem Kapitän anziehen und dich einschleichen, wie die Griechen bei den Trojanern und sein Herz erobern.”
Er kann sich nicht vorstellen, dass eine Verkleidung etwas brächte, zumal er ihn nicht hinters Licht führen will.
“Eigentlich wurde durch das Pferd der Einmarsch der griechischen Armee ermöglicht” wird sich eingemischt, aber ein schrilles Lachen blockt ab: “Und da kommen wir ins Spiel, wir machen alle anderen fertig”
Wann ist diese Situation eigentlich so ausgeartet?
KW 30 - Stoff
Er beobachtet, wie er springt. Sich lang macht und den Rücken durchstreckt. In perfekter Form wird der Ball vorgelegt, aber der Fokus liegt auf dem Trikot, das sich durch die kurzweilige Haltung aus dem Bund der Hose befreit. Der Stoff flattert in der Bewegung weg. Ein Hauch von zarter Haut ist zu sehen und er ertappt seine Finger dabei, wie sie seinen Gedanken gleich nach dem Stoff greifen wollen. Nicht, ihn zu lichten, sondern daran zu ziehen und die unschuldige Blöße zu verdecken. Verstecken vor unangebrachten Blicken, seiner selbst inbegriffen. Und dennoch bleibt die Neugier nach der Weiche des Stoffes.
KW 31 - Banane
“Wärst wohl selbst gern an der Stelle von der Banane, hm?” - “Du kannst echt ein Schwein sein!” Eine kleine Auseinandersetzung seiner Freunde, aber er reagiert nicht darauf. Er beobachtet in der Pause den gesunden Snack. Wünscht sich nicht an dessen Stelle. Es ist vernünftig, sich jetzt mit Vitaminen zu stärken. Gesunder Zucker, Ballaststoffe und Energie. Er greift in seine Sporttasche und zieht selbst eine mitgebrachte Banane heraus. Er schält sie und nährt sich, bereitet sich auf das nächste Spiel vor und just im ungelegensten Moment treffen sich ihre Augen. Der Mund voll Obst. Ein Wimpernschlag nur. Dennoch irgendwie peinlich. Ertappt.
KW 32 - Geist
Mit Geist und Seele. Mit Haut und Haaren. Mit allen Sinnen einen anderen Menschen einnehmen wollen. Ihn für sich haben. Ihn beanspruchen. Verlangen in sich aufkommen spüren, das so noch nie empfunden war. Begehren. Leidenschaft. Für einen Menschen, nicht für den Sport. So komplett neu, aber in gewisser Weise natürlich, weil es ganz von allein kommt. Und dennoch sieht er ihn nun an, als hätte er einen Geist gesehen. Der Ball wird gereicht. Ihre Finger berühren sich. Er wagt es, länger Kontakt zu halten als üblich. Ein Fehler. Nicht? Doch? Es folgt ein schüchterner Blick. Sein eigener Ausdruck wird sanft.
KW 33 - Junge
“Mann, dich hats ja echt erwischt” Noch jemand ist ihm auf die Schliche gekommen. Aber er erkennt kein böses Urteil. Nicht, weil er sich für etwas anderes als das Spiel interessiert. Nicht, weil es sich um jemanden aus einem anderen Team handelt. Nicht, weil es ein anderer Junge ist.
“Was heißt das?”, fragt er, weil er nicht weiß, was ihn erwischt haben soll. “Du bist verliebt”, folgt die Offenbarung, auf die hin er seinen Gesprächspartner anstarrt. “Verliebt?” - “Naja, oder einfach nur ein bisschen fixiert? Besessen? Ist auf jeden Fall ein besonders hübsches Exemplar. Viel Glück” - “Danke”, wofür weiß er garnicht.
KW 34 - Alkohol
“Schon mal mit Alkohol versucht?”
Der Vorschlag ist noch keine paar Minuten alt aber direkt abgelehnt.
Sie sind zu jung für Alkohol und Alkohol ist keine Lösung. Nun gut, Alkohol ist eine Lösung, das haben sie im Chemieunterricht gelernt, aber nicht die Lösung, nach der er sucht.
“Macht es süchtig?” Die Frage geht an die beiden Jungs neben ihm. Hand in Hand. Nicht die beiden, die den Vorschlag gemacht haben, aber im Bilde.
“Alkohol?” kommt die Gegenfrage. Er schüttelt den Kopf und atmet tief ein. “Liebe”
Zwei Blicke treffen sich. Ungewohnt sanft in ihrer Gesamtheit.
“Ja”, antwortet man einstimmig. Eindeutig.
KW 35 - Schokolade
“Aber probiers mit Schokolade" wird immer noch über einen Annäherungsversuch philosophiert. Außerdem wird ein Riegel dunkler Schokolade gereicht. Er nimmt ihn an und überlegt. Das ist keine schlechte Idee. Schokolade, vor allem dunkle, ist eine perfekte Ergänzung für Sportler.
“Komm, wir lenken El Capitan ab”, hört er noch ein verschwörerisches Lachen und die beiden sind weg. Er bleibt mit dem Schokoladenriegel in der Hand zurück. In naher Ferne hört er auch schon das Ablenkungsmanöver. Jemand macht einfach keine halben Versprechen. Und er selbst ist jemand, der die Dinge durchzieht, die er sich vornimmt. Er atmet noch einfach tief ein. Jetzt!
KW 36 - Giraffe
Auf dem Papier ist eine Giraffe aufgedruckt. Was die mit Schokolade zu tun haben soll, will sich ihm nicht ergründen. Aber es ist ja öfter so. Tiere sind auf Verpackungen, wo sie nichts zu suchen haben. Nur die Kuh, die passt auf die Milch.
Aber die Giraffe passt nicht auf die Schokolade.
Auch sein Blick passt nicht zu ihm. Er ist unsicher. Man sieht es ihm wohl an. Er steht auch ganz angespannt vor ihm und starrt. Wird zurück angestarrt.
Er sollte was sagen. Ja genau! Er muss etwas sagen. Also streckt er die Hand mit dem Schokoladenriegel aus.
“Giraffe?”
KW 37 - Ratte
“Giraffe?”, fragt er und blickt in ein perplexes Gesicht.
Schweigen. Hadern. Der Griff in die Jackentasche. “Ratte?”, kommt die Gegenfrage und auch ihm wird etwas entgegengehalten. Aber es ist keine Ratte. Es ist ein flaumig zartes Kleingebäck aus Hefeteig mit Nuss-Nougatfüllung. “Das ist eine Schulmaus. Maus, keine Ratte”, erkennt er richtig. “Oh… Ja, also. Mir ist das ziemlich egal. Ich mag Katzen mehr”
Ein schüchterner Blick trifft auf ein sanftes Lächeln. “Ich auch”, sagt er. Ein zweites Lächeln. “Am liebsten die Bunten” - “Die Weißen mit den orangenen und schwarzen Flecken”
Beide nicken. Beide Lächeln. Ratte wird gegen Giraffe getauscht.
KW 38 - Eis
Er ertappt sich bei dem Gedanken, dass das metaphorische Eis gebrochen ist. Nicht, dass er was von derlei Parabel versteht, aber die kennt er. Den Eisbrecher.
Weil sie ein gleichlautendes Spiel gespielt haben. Damals in der Ersten. Und genauso ist es jetzt auch. Nur ohne Karten, ohne Aufgabe. Einfach so passiert. Das Eis ist gebrochen. Oder? Nicht wahr? Unsicher. Der Blick seines Gegenübers wirkt anders. Starr. Vorsichtig. Zögerlich. Neues Eis zieht wieder auf.
Was spricht man mit jemandem, der das Interesse weckt? Er hat noch nie darüber nachgedacht, weil ihm nie wichtig war, zu sprechen.
“Ich mag dich”
Eis. Brecher.
KW 39 - Kissen
Und plötzlich sieht es so aus, als hätte er ihm mit einem Kissen ins Gesicht geschlagen. Wie bei so einer Übernachtungsparty im Fernsehen. So wie andere es machen. Er nicht. Er macht keine Übernachtungspartys. Er schläft des Nachtens. Mit dem Kopf fest in sein Kissen gedrückt. Niemals würde er dieses Kissen so zweckentfremden und jemanden damit schlagen. Schon gar nicht ihn. Und dann sieht er dennoch aus, als wäre genau das geschehen.
“Entschuldige”, hört er ihn sagen und sieht schweigend zu, wie er sich umdreht und geht. Am liebsten würde er sein Gesicht nun auch fest in ein Kissen drücken.
KW 40 - Herz
Badumm… Stille. Dann ein hohes Fiepen im Ohr. Wieder Stille. Ein unangenehmes Gefühl macht sich in seinem Magen breit. Gehaltvoll. Wie ein tiefer Schlag. Immer breiter. Immer intensiver. Bis es auch höher wandert. Es nimmt seine Brust ein. Klamm. Mit immensem Druck. Und es schnürt ihm den Hals zu.
Badumm…
Für einen kurzen Augenblick hat er das Gefühl, sein eigener Aufschlag hätte ihn erwischt. Als hätte er sich selbst den Volleyball, nicht nur ein Kissen, ins Gesicht geschmettert. Und gleichzeitig in den Bauch und gegen die Brust. Da wo es nun gefühlt still steht. Sein Herz. Sein Herz steht still.
KW 41 - Literatur
Wie geht man nun mit so einer Situation um? Wie geht es in Filmen weiter? Was machen Serien draus? Er weiß es nicht. Er schaut keine Filme. Er schaut keine Serien. Er liest nur manchmal Manga und da geht es nie um sowas.
Ob er bei klassischer Literatur einkehren soll? Romeo und Julia vielleicht? Eigentlich liest er gerne. Schulbücher. Weil das keine Zeit verschwendet. Immerhin lernt er dabei für die Schule und gute Noten und er braucht gute Noten für ein Stipendium.
Seine Gedanken werden unterbrochen. Jemand kommt und legt ihm die Hand auf die Schulter.
“Wird schon, mein Großer.”
KW 42 - Religion
Glaube, Aberglaube, Religion. Irgendwas hat ihn hierher getrieben. Und es war keine dieser Ansichten. Es ist nicht Verzweiflung oder Hilflosigkeit. Mit Respekt hat es auch nichts zu tun. Er fühlt das alles nicht. Gar nicht. Er findet es nur schön. Und er hat Vertrauen. Nicht in Götter oder eine Religion. Sondern in den Jungen neben sich. Er vertraut ihm blind. Egal, ob bei Vorschlägen für gutes Essen oder Beziehungstipps, die er ihm seit dem Reinfall beim Turnier gibt.
“Du musst deinen Horizont erweitern" und das macht er. Hier. Im Tempel. Wo es still ist. Wo Raum für neue Gedanken ist.
KW 43 - Tod
“Du siehst aus wie der Tod” - “Sag sowas doch nicht” - “Aber wenn es so ist” - “Und jetzt sieht er noch schlechter aus. Was ist los?”
Ja, was ist los? Warum sieht er aus wie der Tod? Warum hat er nicht geschlafen? Und warum kann er kaum etwas essen? Seit wann ist der Schlag auf den Volleyball nicht mehr erfüllend? Und warum sind die Sonnenstunden voller Tagträume und die Mondstunden leer? Was bedeutet dieses Ziehen in seiner Brust? Und warum fühlt er sich, als zieht es nicht nur in seiner Brust, sondern etwas seinen ganzen Körper hinunter?
Ist das alles Liebeskummer?
KW 44 - Ozean
- Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean Verstand - Blaise Pascal.
So ist es. Dieser Tropfen, dieses Bisschen Liebe erschlägt ihn mehr als der Ozean, der Schwall, der Haufen an Verstand, mit dem er sonst durchs Leben geht. Verstand, aufgebaut durch Wissen. Akademisch und ein bisschen zwischenmenschlich. Soweit man ihm eben hilft. Aber die Liebe überwältigt ihn. Der Kummer zieht ihn runter. Dieser kleine Tropfen lässt ihn wie in einem Ozean ertrinken, obwohl er schwimmen kann. Obwohl er starke Arme hat, sich festzuhalten. Aber das ist Neugebiet. Es gibt nichts zum Festhalten. Es gibt nur Augen, in denen er versinkt.
KW 45 - Nacht
Man sagt, dass in der Nacht alle Katzen schwarz seien. So ist das aber nicht für ihn. Denn auch in der Nacht zwischen den Turniertagen fällt ihm diese eine Katze besonders auf. Und das obwohl sie gar nicht auffallen will. Verschwinden gar. Um die nächste Ecke. Ob er folgen soll? Die nächste Abfuhr kassieren? Ein Fauchen gar, wo er doch am liebsten ein Schnurren will - das zarte Köpfchen gegen seine Handfläche geschmiegt und das Gesicht der Glückseligkeit als Dank.
Wunschdenken hilft da nichts. Also handelt er. Er folgt.
“Es ist dunkel”, sagt er.
“Es ist Nacht”, wird ihm trocken entgegnet.
KW 46 - Ball
Eine unschuldige Unterhaltung wird losgetreten. Nicht besonders lebhaft. Wortkarg gar, aber nicht unangenehm. Ohne Ablehnung, ohne Scheu.
Man tauscht sich aus. Sie lernen sich kennen. Stück für Stück. Seit sie Kinder sind, spielen sie schon mit dem Ball über dem Kopf.
Der eine aus familiärem Antrieb. Der andere wegen seinem Umfeld.
Dem einen macht es mehr Spaß. Der andere fühlt sich verpflichtet.
Der eine hat es aus einer Verpflichtung heraus begonnen. Der andere wurde mit Spaß gelockt.
Wie sich das Blatt auch wenden kann. Und dennoch wissen sie beide eines ganz genau: Sie sind gut darin. Und bleiben am Ball.
KW 47 - Krone
Am Ball bleiben. So lange, bis jemand die Krone trägt. Aber es ist keiner der beiden. Keines ihrer Teams. Der Krone Verdruss schlägt die Stimmung um. Erst noch euphorisch. Des Sieges so sicher. Und nun am Boden.
“Sieh’s so, wenn wir alle verloren haben, haben wir umso mehr Glück in der Liebe”, wird summend versucht, seine Laune zu heben. Er will nicht an die Liebe denken. Er denkt nur an das verlorene Spiel. Die Krone, die er nicht tragen kann. Auch wenn es beim Volleyball keine Krone gibt. Es gibt keinen König des Spielfeldes. Nur Narren, die sich etwas einbilden.
KW 48 - Schloss
Umgezogen und bereit, schließt er die Tür des Spindes, der vorübergehend seinem Hab und Gut Obhut geboten hat. Sein Blick fällt auf die Nummer. Zwölf. Wie auf dem Trikot, das seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Nicht das Trikot selbst. Derjenige, der es trägt. Getragen hat. Denn auch derjenige schließt das Schloss mit dem kleinen Schlüssel, der ihnen über die Dauer ihres Verweilens überlassen ist.
Sein eigener Schlüssel gleitet rasch in die Jackentasche. Er wird ihn zurückbringen, wie alle anderen. Später. Jetzt gibt er sich der Faszination hin.
Sein Kätzchen. So zart.
Der Blick folgt. Die Tür fällt ins Schloss.
KW 49 - Kupfer
“Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" - aber es gibt noch Bronze und Kupfer und andere Edelmetalle. Was ist Handeln? Bronze ist hart. Kupfer ist weich. Handeln kann hart sein, aber auch weich.
Er will weich handeln. Will Kupfer sein. Aber erst muss er Bronze sein. Ihm nachlaufen. Stark sein. Hart und dann weich, so wie er ihm in die Augen sieht. Die goldenen warmen Augen.
Wenn Gold warm ist, ist Silber kalt? Und was ist dann Kupfer? Was ist er?
Er will warm sein, sanft und weich und dennoch protzt er von Kühle und Härte. Vielleicht ist Kupfer verwirrend. Verwirrt.
KW 50 - Eule
Es ist nicht von Interesse, wer das Turnier gewinnt. Egal, ob Eule, Möve, Wiesel. Egal, ob Osaka, Saitama, Hyogo. Fakt ist: Keine Katze, kein Adler steht am Podest.
Es ist egal. Plötzlich. Weil Anderes schlagartig wichtiger ist.
Gerade steht er wie am Podest, sein Blick wird erwidert. Er ringt nach Luft. Verwunderlich, weil er gut in Form ist. Verständlich, weil ihm das Herz bis zum Halse schlägt.
“Eule?”, fragt er missverständlich. “Aula?”, wird interpretiert. Er nickt.
“Willst du die anderen Spiele nicht sehen?”, die unvermeidliche Frage, aber er schüttelt den Kopf. “Nein”
Ein zartes Lächeln folgt. Darf er wirklich hoffen?
KW 51 - Lachen
Er gibt ein Getränk aus. Eine Dose Limo aus dem Automaten. Als Dank bekommt er kurz darauf ein leises Lachen, das sein Herz erwärmt. Und gleich den Dämpfer: “Kuro macht das auch so”
Weil er erst drei mal auf den Verschluss klopft, ehe die Dose geöffnet wird.
“Tendou hat gesagt, das macht man so”, gibt er ehrlich seine einzige Begründung. “Sie würden sich wohl gut verstehen”
Noch so ein Dämpfer. Die Angst, seine einzige Bezugsperson zu verlieren. Aber die Erkenntnis folgt, dass er gerade auch jemandes Person für sich gewinnen will. Und er will diese Person unbedingt wieder lachen sehen.
KW 52 - Film
Ein zarter Film Limonade glitzert auf den Lippen. Es sieht verlockend aus, drüber zu streichen. Die weichen Lippen zu berühren, oder sind sie rau? Sie sehen gesprungen aus, von den Temperaturen. Er könnte Lippenbalsam anbieten. Aber das wäre dann… nein, das wäre wie ein indirekter Kuss. Und er will ihn nicht indirekt küssen.
Er will es echt. Wie im Film! Er wagt es. Er legt die Finger auf.
“Kyeenmaa!”
Verdammt! Gebrochen ist die Stille. Vorbei der schöne, innige Moment, dem sich das Kätzchen nicht hätte verwehren wollen.
“Wakatoshi!” - auch er hat zu gehen. Zurück. Aber er ist einen Schritt weiter.
