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Eine schwere Last

„... und dann waren wir in einem Land, in dem es nur Seifenblasen gab.“

„Seifenblasen?“

Fye lachte, als er Sakuras große, verblüffte Augen sah. „Ja. Sie schwebten überall in den verschiedensten Farben und Größen herum. Das war ein wirklich schöner Anblick. Wir fanden die Quelle, aus der sie emporstiegen, aber ansonsten gab es in dieser Welt absolut nichts.“

Sakura hatte Fyes Erzählungen gebannt gelauscht und dennoch entging ihr – genau wie den anderen dreien in ihrer Runde – nicht, wie Shaolan bei Erwähnung der Seifenblasen merklich zusammengezuckt war.

„Ist alles in Ordnung, Shaolan-kun?“, fragte die Prinzessin besorgt und der Junge winkte etwas übereifrig ab.

„Es ist nichts. Bitte mach dir keine Sorgen.“ Er lächelte und spürte den durchbohrenden Blick Kuroganes auf sich.

„Shaolan?“ Mokona, die auf der Tischplatte (zwischen dem dort servierten Essen) herumhopste, richtete mit hängenden Öhrchen ihren besorgten Blick auf ihren brünetten Gefährten, dem diese Reaktion sichtlich unangenehm war.

„Stimmt etwas ni-“, begann Sakura, wurde aber hastig und heiter von Fye unterbrochen.

„Oje, oje! Ich ahne, wo das Problem liegt. Ich plappere und plappere und der arme Shaolan fällt vor Müdigkeit fast ins Essen!“ Die strahlend blauen Augen des Magiers trafen auf die verdatterte Miene des Jungen, der daraufhin langsam nickte.

„Du bist müde?“, hakte das Mädchen behutsam nach. „Warum hast du das denn nicht längst gesagt?“

„Vermutlich wollte Shaolan nicht unhöflich sein“, antwortete Fye an seiner Stelle. „Wo wir doch endlich noch einmal im Land Clow sind.“

„Aber das ist noch nicht unhöflich!“, entgegnete Sakura. „Bitte sag mir immer, was mit dir ist, ja, Shaolan-kun?“

Der Angesprochene machte eine erhebliche Pause. „J-ja.“

Kurogane stöhnte an dieser Stelle. „Geh schlafen. Du kannst morgen mit der Prinzessin reden.“

„Okay.“ Zögerlich stand Shaolan auf und verbeugte sich vor Sakura. „Entschuldigung.“

Energisch schüttelte das Mädchen den Kopf. „Du musst dich nicht entschuldigen. Ruh dich gut aus, ja?“

Er nickte erneut und setzte sich mit unsicheren Schritten in Bewegung.

„Ich bring ihn besser ins Bett.“ Fye stand ebenso auf und ignorierte dabei, dass Kuroganes Blick mittlerweile auf ihm gelandet war. „Sonst schläft er unterwegs noch ein.“ Er holte Shaolan rasch ein, hakte sich bei ihm unter und verließ mit ihm den großen Balkon, auf dem in dieser lauen Nacht im Schloss das Essen für die Reisenden aufgetischt worden war. Sakura hatte dies vorgeschlagen, weil sie diesen Platz für gemütlicher und familiärer als den Speisesaal hielt.

Schweigend begleitete der Magier Shaolan bis in das Zimmer, das jedes Mal für den Jungen im Schloss hergerichtet wurde. Es war ihr zweiter Besuch in Clow, seit sie damals von hier aufgebrochen waren. Bei ihrem jetzigen Besuch hatte Fye belustigt festgestellt, dass er und Kurogane keine getrennten Zimmer mehr zugeteilt bekommen hatten.

Außer ihr wollt doch zwei Zimmer haben ...“, hatte Sakura überfordert eingeworfen, nachdem sie Kuroganes verlegenes (und hochrotes) Gesicht gesehen hatte. Fye hatte daraufhin lachend abgewunken. Dass sie die Zimmer im Vorfeld so verteilt hatte, hatte nun sowieso sämtlichen Schlossbewohnern ziemlich deutlich gesagt, was Sache war. Warum sollte man dann einen Rückzieher machen? Das Land, in dem Sakura war, war für die stetig Umherreisenden das Nächste, was man ein Zuhause nennen konnte. Fye war ein wenig von sich selbst überrascht, dass er (ausgerechnet er) dies dachte, aber: Hier konnten sie alle sie selbst sein. Hier musste niemand etwas verstecken, sich verstellen oder gar lügen.

Eigentlich.

Der Magier setzte Shaolan auf seinem Bett ab und atmete hörbar aus. Kurogane würde wahrscheinlich wieder davon anfangen, dass er auf den Jungen abfärbte. Pah! Der feine Herr Ninja war es doch, der seine Zähne nie auseinanderbekam.

Vielleicht taugten sie beide nicht allzu viel als Vorbilder.

„Danke, dass du der Prinzessin nicht erzählt hast, was in der Welt mit den Seifenblasen vorgefallen ist“, sagte Shaolan von sich aus und sah dabei zu ihm hoch. „Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht.“

„Oh Shaolan-kun.“ Fye seufzte von neuem und fuhr mit einer Hand sanft durch die Haare des Jüngeren. „Das tut sie doch längst. Ich wollte dir nur die Möglichkeit geben, dich erst einmal zu sammeln, bevor du mit ihr redest. Sakura-chan anzulügen ist keine Option. Außerdem weißt du selbst, mit wem wir sie gerade allein gelassen haben ...“

„Denkst du, Kurogane-san wird es ihr erzählen?“

Angesichts der aufsteigenden Panik in der Stimme des Jungen schüttelte Fye den Kopf, bevor er sich zu dem auf der Bettkante sitzenden Shaolan herunterkniete und ihm direkt in die Augen sah. „Er weiß, dass es besser ist, wenn du mit ihr redest. Und das wirst du doch auch tun, nicht wahr, Shaolan-kun?“

„Ja. Natürlich.“

„Sehr gut!“ Fye lächelte ihn so überschwänglich an, dass Shaolan das Lächeln tatsächlich ein wenig erwiderte. „Dann ruh dich jetzt aus. Es war zum Glück ja nicht ganz gelogen, dass du erschöpft bist. Sonst dürfte ich mir von Kuro-pon wieder etwas anhören ...“ Er gab Shaolan einen kurzen Kuss auf die Stirn und strich noch einmal über sein Haar, ehe er sich aufmachte, das Zimmer zu verlassen.

„Fye-san?“

„Ja?“

„Danke.“

„Nichts zu danken. Wirklich nicht.“

Der Blondschopf schloss die Tür hinter sich und verweilte noch einen langen Moment in dem stillen und einsamen Flur. Sein Lächeln war einer sehr nachdenklichen Miene gewichen.

 

„Kurogane-san?“

Der Angesprochene schreckte zusammen, als die Prinzessin so betrübt klingend das Wort an ihn richtete. Er schaute zu ihr und schluckte. Sie blickte genauso drein, wie sie klang.

„Geht es … geht es Shaolan gut?“

Kurogane gab ein Brummen von sich. „Gut ist wahrscheinlich das falsche Wort. Aber es geht ihm auch nicht schlecht. Du solltest das mit ihm selbst besprechen.“

„Ja ...“

Der Ninja stöhnte unzufrieden. Was ließ der Spinner ihn mit der Prinzessin alleine?? Was sollte er ihr denn sagen? Beunruhigen wollte er sie ganz sicher nicht, aber er würde den Teufel tun und vortäuschen, dass alles in Ordnung war! Er würde ihr nicht erzählen, was in dem Land mit den verdammten Seifenblasen vorgefallen war. Er würde ganz bestimmt kein Wort darüber verlieren, wie der Bengel einen Nervenzusammenbruch gehabt hatte, nachdem einige der Seifenblasen bei Berührung mit ihnen zerplatzt waren. Er hatte Angst gehabt, dass sie eventuell Lebensformen waren und ihr Ankommen in dieser Welt sie getötet hätte. Der Klops und der Magier hatten eine halbe Ewigkeit auf Shaolan einreden müssen, bis sie ihn vom Gegenteil überzeugt hatten und er sich hatte beruhigen können.

Selbst harmlose Welten hinterließen nun schon Narben.

Es wurde einfach langsam zu viel für einen Jungen, der schon so viel hatte ertragen müssen.

Kurogane spürte ein schwaches, plüschiges Klopfen auf seiner rechten Hand. Er senkte seine Augen hinab und erblickte Mokona, wie sie ihm in einer Geste der Aufmunterung mit einer Pfote auf die Hand klopfte.

„Hey, stell die Lauscher auf. Was soll der mitleidige Blick? Du bist damit bei der falschen Adresse gelandet.“

Mokona schüttelte ihr Köpfchen. „Ich bin genau richtig.“

„Wie geht es dir, Kurogane-san?“

Überrascht schaute der Schwarzhaarige wieder zu Sakura, die sichtlich sorgenvoll auf seine Antwort wartete.

Ein für seine Verhältnisse sanftes Lächeln formte sich auf seinen Lippen. „Gut wäre vielleicht das falsche Wort. Aber mir geht es definitiv nicht schlecht. Definitiv nicht.“

Sakuras große, grüne Augen füllten sich trotz ihres spürbaren Kummers mit Freude. „Das ist schön zu hören.“

„Ja. Das ist es.“

 

Fye eiste sich von seinem Platz vor Shaolans Tür los und machte sich gemächlich auf den Rückweg. Er war dankbar, dass sie in Clow gelandet waren. Shaolan war sich dies vielleicht selbst nicht bewusst, aber er brauchte eine Pause und zwar dringend. Der Magier war froh, wenn sie nun wenigstens für ein paar Tage aufatmen konnten. Kurogane beschwerte sich ja praktisch nie, doch auch er hatte erkennbar erleichtert gewirkt, als sie realisiert hatten, in welchem Land sie waren.

Nachdem Sakura allen freudig um den Hals gefallen war, hatte sie sofort wissen wollen, was sie in der Zwischenzeit erlebt hatten. Sakura hatte ebenso schnell festgestellt, dass Fye wieder viel gesünder aussähe als damals bei ihrer Begegnung in dem Traum in Matrisis und er hatte das zum Anlass genommen, die Gesprächshoheit an sich zu reißen. Die Prinzessin sollte nicht wissen, dass er in den zwei Wochen, die sie in dem Land verbracht hatten, noch ganze zweimal das Prozedere über sich hatte ergehen lassen müssen, die natürliche Magie entzogen zu bekommen.

Er war selbst erschüttert darüber, wie schwer es ihm fiel, seine negativen Gedanken und Gefühle in den Griff zu bekommen. Er hatte ursprünglich sogar versucht, seine sich wieder verschlechternde Gesundheit vor Kurogane, Shaolan und Mokona zu verheimlichen – was eine wirklich blöde Idee gewesen war. Nach allem, was bis dahin vorgefallen war, konnte er allerdings auch verstehen, dass es für sie so ausgesehen haben musste, als würde er weiterhin schlichtweg nicht ehrlich zu ihnen sein wollen.

Während Shaolan in Matrisis versucht hatte, die Aufzeichnungen der Urahninnen der magischen Wächterinnen zu entschlüsseln und Kurogane zügig einen Job als Lastenesel („DAS IST NICHT DIE OFFIZIELLE BEZEICHNUNG!!“) gefunden hatte, hatte Fye sich schwer damit getan, sich nützlich zu machen. Da die Heilerin Monique Bedenken geäußert hatte, dass er sich nach seinem Beinahe-Tod besser nicht sofort in die Arbeit stürzen sollte („Ich kann dich auch nicht ständig wieder zusammenflicken, Goldlöckchen.“), hatte Fye versucht, Shaolan zu helfen, aber … uh, Fremdsprachen waren nicht sein Ding. Er konnte es selbst kaum fassen, doch der reine Gedanke daran, nutzlos zu sein, hatte schon wieder zu Schwindelanfällen geführt. Seine beiläufige Bemerkung, draußen alleine etwas spazieren gehen zu wollen (wenn er in Wahrheit die magischen Wächterinnen hatte aufsuchen wollen), hatte gereicht, um Kuroganes Argwohn zu wecken.

Als es zum insgesamt dritten Mal passierte, hatte er ihnen daher direkt Bescheid gesagt – und es umgehend bereut. Denn daraufhin hatte Shaolan beschlossen, in die nächste Welt zu reisen. Obwohl er mit den Aufzeichnungen noch nicht fertig gewesen war. Fye würde niemals das erschütterte Gesicht des Jungen vergessen, nachdem eine Erkenntnis über ihn gekommen war.

Wolltest du uns nichts davon sagen, dass es dir schlechter geht, damit ich die Aufzeichnungen zu Ende lesen kann? Bitte, sag die Wahrheit, Fye-san.“

Er hatte ihn nicht anlügen können. Und er hatte ihm nicht die Wahrheit sagen wollen.

Shaolan-kun ...“

Das hatte dem Jungen als Antwort gereicht. Nein, bevor ihm tatsächlich etwas zustoßen würde, müssten sie weiter. Shaolan hatte nicht einmal mehr Kurogane um seine Meinung dazu gefragt. Seitdem waren sie bereits wieder in unzähligen Welten gewesen, doch keine davon hatte ihnen weitergeholfen. Alles, was sie hatten, war ein Abschnitt aus den Schriften in Matrisis, in dem von einer Legende die Rede war, laut der es irgendwo Magier gab, die derart mächtig waren, dass sie selbst Tote wiedererwecken könnten.

Das war Humbug.

Das wusste keiner besser als sie.

Aber - jede Legende besaß einen wahren Kern. Vielleicht gab es in der Tat irgendwo noch viel mächtigere Zauberer. Die Magierinnen aus Matrisis hatten ja schon beeindruckende Kräfte besessen; es war demnach nicht völlig ausgeschlossen, dass es irgendwo jemanden gab, der ihnen helfen konnte, die Kinder zurückzubringen.

Schritte ließen Fye, der beim Gehen die Augen gedankenverloren gen Boden gerichtet hatte, aufhorchen und aufblicken.

Oje.

Da hatte jemand keine gute Laune.

„Wie geht es ihm?“ Kurogane blieb mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihm stehen.

„Ich hoffe, er kann etwas schlafen.“

„Wäre wünschenswert. In jeder neuen Welt rennt er sofort los, um etwas über Legenden und so'n Zeug zu erfahren. Er ist schrecklich rastlos geworden.“

Fye seufzte achselzuckend. „Ich weiß.“

„Wir müssen das in den Griff kriegen. Sonst verausgabt er sich irgendwann komplett.“

Der Magier legte den Kopf leicht schief. „Auch das weiß ich. Ich bin nicht ganz dumm, Kuro-tan.“

„Dann lass mich nicht mit der Prinzessin alleine, wenn sie so traurig guckt. Ich habe eben Blut und Wasser geschwitzt.“

„He he“, gluckste Fye. „Der große böse Ninja hat Angst vor Gefühlen?“

„NEIN! NATÜRLICH NICHT!“, schnaubte dieser. „Ich lüge nur Leuten nicht eiskalt ins Gesicht.“

„Autsch.“ Der Blondschopf zog eine beleidigte Schnute. Er unterdrückte den Drang zu argumentieren, dass das Auslassen gewisser Gegebenheiten in Erzählungen doch nicht das Gleiche wie lügen wäre. Die Diskussion hatten sie bereits mehrmals geführt und Fye wartete noch auf seinen ersten Sieg. Daher zog er einen Themenwechsel vor. „Wo steckt Mokona?“

„Ist mit der Prinzessin schlafen gegangen.“

„Ich könnte auch etwas Schlaf vertragen. Was ist mit dir, Kuro-Schäfchen?“

„WER IST HIER EIN SCHAF?!“

Fye grinste und machte wieder kehrt, um zu ihrem Zimmer zu gehen, doch zwei starke Arme, die sich von hinten um ihn schlangen, ließen ihn erstaunt innehalten.

„Auch wenn du es eben nur für den Kleinen getan hast“, raunte Kurogane ihm ins Ohr, „du lügst nach wie vor so leichtfertig, dass es beängstigend ist.“

Mit betroffener Miene legte der Magier eine Hand auf eine der Größeren, die ihn hielten. „Tut mir leid.“ Er lachte schwermütig. „Es passiert einfach.“

„Das darf es nicht.“

Fye fürchtete bereits, den Anderen verstimmt zu haben, als dieser ihn losließ und an ihm vorbeischritt. Doch Kurogane drehte sich noch einmal zu ihm um – und stöhnte.

„Willst du hier Wurzeln schlagen? Es ist spät, ich bin müde und selbst wenn wir nicht in Welten sind, die dich allein durch dein Gedankenkarussell umbringen können, gefällt es mir nicht, wenn du so ein Gesicht machst.“ Er hielt ihm eine Hand hin und Fye musste lächeln.

„Du bist und bleibst ein Romantiker, Kuro-min.“

 

Kurogane wachte auf, bevor die Tür zu ihrem Zimmer sich öffnete. Es war nicht mehr so ganz früh am Morgen; das konnte er am Lichteinfall ins Zimmer feststellen. Fye lag neben ihm auf der Seite und schlummerte friedlich und sabbernd, die langen Haare wunderbar zerzaust. Zum Schlafen zog er stets den Haargummi aus, mit dem er seine Mähne tagsüber zu einem Pferdeschwanz band. Kurogane hätte nichts dagegen gehabt, diesen Anblick noch etwas in Ruhe zu genießen, doch jemand konnte trotz ihrer geringen Größe Türen öffnen. Wohl eine ihrer 108 Fähigkeiten.

„Huiiii, Papa ist wach!“ Mokona hüpfte auf das Bett und wurde von dem Dunkelhaarigen mit einer Hand gefangen, während er ihr mit dem Zeigefinger seiner anderen Hand anzeigte, leise zu sein.

„Warum springst du hier rum und bist nicht bei der Prinzessin?“, fragte er im Flüsterton.

„Weil Sakura sich gerade mit Shaolan trifft. Und da wollte ich nicht stören.“

„Und stattdessen störst du uns??“

Das Wollknäuel grinste und nickte enthusiastisch. „Ich will noch ein bisschen mit Mama und Papa kuscheln.“

„Ma- ich meine, der Magier schläft noch, also weck ihn nicht!“ Bei seinem gigantischen Lapsus beschleunigte sich Kuroganes Puls mit einem Mal um ein Vielfaches. Verdammt, schlief sein Hirn noch oder wurde es langsam aber sicher von dem Klops übernommen? Zum Glück hatte der Magier nichts mitbeko- oh nein. Kurogane warf aus dem Augenwinkel einen Blick auf seinen Partner – seinen mit geschlossenen Augen spitzbübisch grinsenden Partner.

Fye öffnete die Augen und drehte sich dem Ninja zu. „Wir haben ihn bald so weit, Mokona.“

Die kleine Kreatur freute sich unverschämt unverhohlen darüber. „Mokona ist Mokona, Papa ist Papa und Mama ist Mama.“

„Ihr seid alle bescheuert. Das ist das einzige, was ihr seid.“

Unbeeindruckt von seinem Gemecker hüpfte Mokona aus Kuroganes Griff und kuschelte sich an Fyes Brustkorb. „Aber nicht auf mich sabbern, Mama!“

„Huh?“ Verdattert wischte der Blonde sich die Spucke mit dem Handrücken aus dem Gesicht. „Oh, das wird ja immer besser. Mach ich das schon lange?“ Er sah peinlich berührt zu dem anderen Mann, der nun derjenige war, der grinste.

„Willst du das wirklich wissen?“

Fye zog eine unzufriedene Miene. „Nein.“ Dann blickte er Kurogane überrascht an, als dieser sich wieder zu ihm drehte und einen Arm um ihn (und somit auch um) Mokona legte. „Ha, ich hatte jetzt damit gerechnet, du würdest aufstehen.“

„Der Bengel redet doch gerade mit der Prinzessin. Da will ich ganz sicher nicht stören. Ich bin nur froh, dass er das tut. Es besteht also noch Hoffnung für ihn.“

„Ja. … Moment, soll das heißen, für ihn besteht im Gegensatz zu jemand anderem Hoffnung??“

„Psst. Das Wollknäuel ist eingeschlafen.“

 

Sakura löste ihren Blick von der Stadt, auf die sie von dem großen Balkon aus hinunterschauen konnte und ließ ihn über den Jungen wandern, der neben ihr stand und sichtlich mit sich haderte. Shaolan war heute Morgen zu ihr gekommen, um mit ihr zu reden und dies freute und beruhigte sie im gleichen Maße, wie es sie beunruhigte.

„Shaolan-kun“, begann sie nach einer Weile, in der er nichts gesagt hatte, „es tut mir leid.“

„Was?“ Erschrocken wirbelte sein Blick zu ihr herum. „Warum … wofür entschuldigst du dich?“

„Weil ich nichts tun kann, um euch zu helfen. Ich wünschte, ich könnte euch viel mehr unterstützen. So wie … wie 'Sakura' es getan hat.“

Shaolan schüttelte hastig den Kopf. „Du hilfst uns doch! Sehr sogar! Von den Dingen abgesehen, die du in Niraikanai oder Matrisis für uns getan hast, bist du doch auch … du bist meine Heimat.“ Es erschütterte ihn tief, dass Sakura glaubte, sie wäre ihnen nicht hilfreich.

Nun schüttelte die Prinzessin ihren Kopf. „Du trägst die Hauptlast, Shaolan-kun. Und … und mir fällt einfach kein Weg ein, wie ich dir etwas davon abnehmen könnte. Ich glaube, Fye-san und Kurogane-san und Moko-chan geht es da genauso. Aber sie können dich wenigstens begleiten.“

Bei ihren Worten senkte Shaolan seinen Blick und ließ sie damit aufmerken. Der Junge atmete einmal tief ein und wieder aus.

„Ich bin froh, dass sie an meiner Seite sind, sehr sogar“, sagte er schließlich. „Aber es dauert alles schon so lange. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass ich ihren eigenen Leben im Weg stehe. Wenn wir es nicht schaffen … wenn wir keine Lösung finden, dann haben sie ihre Lebenszeit für mich aufgeopfert. Das will ich einfach nicht.“ Shaolan kämpfte spürbar damit, die Tränen in seinen Augen zurückzuhalten.

Resolut nahm Sakura eine seiner Hände in ihre. „Ich weiß ganz bestimmt, dass die drei das anders sehen. Und du weißt, dass sie an deiner Seite sein wollen, nicht wahr?“

Er wischte sich mit seiner freien Hand die fallenden Tränen aus seinem Gesicht. „Ich will niemandem mehr wehtun und habe Angst, es doch zu tun.“

Für einen kurzen, doch intensiven Moment sah die Prinzessin ihn aufgewühlt an. Dann umarmte sie den überrumpelten Jungen. „Ich habe letzte Nacht geträumt“, erzählte sie zu seiner wachsenden Verwunderung, „und in diesem Traum ist eine Feder auf einen Berg gefallen und plötzlich wurde es Nacht. Es wurde schrecklich düster und bitterkalt. Alles Leben auf dem Berg ging in der nicht enden wollenden Nacht ein. Dann begann die Feder den Berg nach und nach zu zerdrücken, bis von ihm nichts mehr übrig war. Ich glaube, ich verstehe jetzt, was dieser Traum bedeutet. Die Last, die du trägst, Shaolan-kun, wird schwerer und schwerer je größer deine Hoffnungslosigkeit wird.“ Sakura löste sich von ihm und wandte sich der Sonne zu. „Wenn du zulässt, dass die Nacht den Tag verdrängt und keine Sonne mehr am Himmel aufgeht, dann wird dir vielleicht wirklich etwas Schlimmes zustoßen.

Es war schön, wie du mich eben deine Heimat genannt hast, aber lass mich bitte noch mehr für dich sein! Bitte lass mich und Fye-san und Kurogane-san und Moko-chan deine Sonne sein! Bitte vergiss nie, dass nicht du allein die Last trägst, dass nicht du allein deine Eltern wiederbringen möchtest. Es ist kein Opfer, wenn alle dasselbe Ziel verfolgen!“

Shaolans Tränen fielen nun ungehindert. So lange schon hatte er das Gefühl gehabt, auf der Stelle zu treten, er konnte nicht einmal einen Hinweis finden, sodass er in der Tat zunehmend frustrierter und hoffnungsloser geworden war. Er hatte die Veranlagung, sich in Dinge hineinzusteigern, was zum einen gut und zum anderen katastrophal war. Die Sehnsucht nach seinen Eltern hatte ihn nur noch dieses Problem sehen lassen; er hatte sich selbst zu einem Getriebenen gemacht, der nicht mehr das große Ganze erkennen konnte.

Es war erschreckend.

Es war erschreckend, wie schnell man Fehler wiederholen konnte. Sein Wunsch hatte begonnen, übermächtig zu werden; die Kontrolle über ihn zu übernehmen. Wünsche waren nicht per se gut oder schlecht. Es waren die Taten, die man zu deren Erfüllung beging, die gut oder schlecht waren.

Sakuras Worte waren eine noch gerade rechtzeitige Mahnung. Bevor er sich seiner Verzweiflung ganz hingegeben hätte und vielleicht sogar seine eigene Familie von sich gestoßen hätte. Er hatte den dreien mit Sicherheit in letzter Zeit viel Kummer bereitet.

Shaolan atmete durch. Aufgeben kam nicht in Frage. Und es half niemandem, wenn er wie ein Besessener nach einer Antwort suchte.

„Wie ich bereits sagte: Du tust so viel für uns. Ich danke dir.“

Durch ihr Lächeln allein fühlte er sich mit einem Mal etwas leichter.

Ein Wort des Dankes

Nachdem sie aus Clow weitergereist waren, war die Gruppe wie gewohnt durch eine Vielzahl neuer und alter Welten gekommen. Einige waren unbewohnt gewesen, andere hatten eine rein tierische Bevölkerung gehabt (Fye lachte noch Dimensionen später über den Anblick von Kurogane in einer wild schnatternden Pinguin-Kolonie), wieder andere verfügten über Städte oder Ortschaften, in denen sie wenigstens für eine befristete Zeit bleiben und arbeiten konnten.

Den Aspekt des Geldverdienens durften sie nie außer Acht lassen. In fast allen von Menschen bevölkerten Welten gab es immer eine Art von Zahlungsmittel und wenn sie nicht genug davon hatten, standen sie mitunter ziemlich dumm da. Man durfte Kurogane nicht an die Welt erinnern, die praktisch über und über mit Gold gepflastert gewesen war. In diesem Land hatten sie sich nicht einmal eine Scheibe Brot (Blattgoldbrot – das musste man sich einmal vorstellen!) leisten können und der Ninja war alles andere als begeistert gewesen, als jemand ihnen Fye hatte abkaufen wollen. Sein Tobsuchtsanfall war sogar noch schlimmer gewesen als der damals in Matrisis, als einige der magischen Wächterinnen, die fasziniert davon waren, dass ein Mann Zauberkräfte besaß, ihnen gebrauchte Kleidung vorbeigebracht hatten und Fye in ein Kleid hatten stecken wollen.

Er sieht bestimmt super hübsch darin aus!“

NEIN!“

„Dann will ich ihn mal in diesem Pullover sehen. Der sieht bestimmt super hübsch an ihm au-“

„ER IST DOCH KEINE ANZIEHPUPPE!!“

(Fye hatte sich im Übrigen schlussendlich für den Pullover entschieden. Und anhand Kuroganes errötender Reaktion hatte man ablesen können, dass er wahrhaftig super hübsch darin ausgesehen hatte.)

Kurzum: Das Geld war oft knapp und die Arbeitssuche meistens schwierig. Daher nahmen die Reisenden auch Jobs an, die sie mit den Zähnen knirschen ließen. In der vorigen Welt war ein Dorf von einer Fledermausplage heimgesucht worden – doch Fledermäuse galten dort als heilig und niemand, der mit ihnen in Berührung kam, durfte ins Dorf zurückkehren. Obendrauf hieß es dann noch, dass die Fledermäuse (sollte man sie verärgern) einen in einen Vampir verwandeln konnten. Fye hatte an dieser Stelle eine gequälte Miene gezogen und „Nein, danke“ gesagt. Allerdings hatte Shaolan nach einer gezielten Recherche herausgefunden, dass die Vampirgeschichte nur ein Aberglaube war und ihr mittlerweile chronisch gewordener Geldmangel hatte sie die Aufgabe, die Fledermäuse umzusiedeln, annehmen lassen (ein gewisser Blondschopf war – verständlicherweise – alles andere als begeistert darüber gewesen. Man konnte doch nie mit Sicherheit sagen, ob nicht doch etwas an der Vampirsache dran war).

Mit Biegen und Brechen und einer deutlichen Schnappatmung seitens Fye hatten sie die Arbeit erledigt und die Bezahlung aus der Entfernung zugeworfen bekommen. Sie waren vollkommen erledigt gewesen und hatten dennoch nicht ins Dorf zurückkehren dürfen. Es war ihnen nur die Weiterreise in die nächste Dimension geblieben.

Jedoch -

War dies nach dieser Welt vielleicht nicht die beste Entscheidung gewesen.

Das jedenfalls dämmerte jedem Einzelnen von ihnen, als sie sich nach ihrer Ankunft umblickten und einer nach dem anderen mit Entsetzen feststellte, wo sie gelandet waren.

Die Ruinen der ehemaligen Wolkenkratzer waren noch deutlich weiter in sich zusammengefallen, als sie es in Erinnerung hatten. Der Asphalt war kaum noch vorhanden und ein karger, wüstenähnlicher Sandboden breitete sich mehr und mehr aus. Es hätte den einsetzenden, die Haut verbrennenden Regen gar nicht gebraucht, um ihnen Gewissheit zu geben.

„Wir sind in ...“, begann Shaolan stimmlos.

„... Tokyo“, schloss Fye für ihn gleichermaßen schockiert.

„Was machen wir?“, fragte Kurogane pragmatisch, während er Mokona musterte. Das magische Wesen hockte ziemlich schlapp aussehend auf Shaolans Schulter. Der Junge deckte sie mit der Mütze, die er trug ab und nahm sie in seine Arme.

„Mokona ist müde“, fiepste sie bekümmert.

„Dann los. Dahinten ist diese Stadtverwaltung oder wie das heißt.“ Kurogane gab sowohl Shaolan als auch Fye einen kleinen Schubs, damit sie sich in Bewegung setzten. Erst kurz vor dem Eingang zur Stadtverwaltung setzte er sich an die Spitze der Gruppe und signalisierte ihnen, hinter ihm zu bleiben. Mit Bedacht machte er einen weiteren Schritt in das Gebäude. Der Anblick war dem von damals nicht unähnlich. Die Leichen, die sie seinerzeit dort liegen gesehen hatten, waren mittlerweile nur noch Skelette – und trotzdem noch an Ort und Stelle. Es war dem Ninja bereits bei ihrem ersten Erscheinen in dieser düsteren Welt klar gewesen: Die erschossenen Leichname lagen dort zur Abschreckung. Anhand ihres Verwesungsgrades konnte er erkennen, dass nur wenige neue Opfer hinzugekommen waren. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Kuroganes wachsame, rote Augen schnellten zu dem Geräusch, das nur er wahrgenommen hatte. Seine fahrige Bewegung hatte allerdings auch die drei anderen aufgeschreckt. Unverzüglich schob sich Fye vor Shaolan und schirmte ihn ab.

Die Reisenden trauten sich kaum zu atmen, während sie in die Stille horchten. Nur wenige Sekunden vergingen, ehe aus dem Schatten rechts und links von ihnen je zwei in Umhänge verhüllte Personen traten, die ihre gespannten Armbrüste auf sie gerichtet hatten.

Die Zeit war ein weiteres Problem, dem sie auf ihrer Reise immer und immer wieder begegneten. Genauer gesagt: Die Unterschiede im Fluss der Zeit. Vor ein paar Welten (Kurogane konnte sich ehrlich nicht mehr daran erinnern, wie viele Welten es her war), waren sie in ein Dorf gelangt, das ihnen sofort bekannt vorgekommen war. Doch die Bewohner hatten sie nicht erkannt und waren bereits argwöhnisch geworden, bis eine Frau herbeigelaufen gekommen war und nach einer kurzen Musterung ihrer Personen Shaolan um den Hals gefallen war. Erst als die Frau danach gefragt hatte, wo sie Gottes geliebte Tochter gelassen hätten, war bei ihnen der Groschen gefallen. Die Frau war Chunyan gewesen.

Es war also durchaus möglich, dass in Tokyo vielleicht niemand mehr übrig war, der sie erkannte – was ein Problem wäre. Als wäre nicht alles sowieso schon kompliziert und verrückt genug. Kurogane stöhnte innerlich, ohne dies nach außen hin zu zeigen. Er musste ruhig bleiben, durfte nicht zu früh nach seinem Schwert greifen, denn wann immer es ging, wollte er Kämpfe vermeiden, um die drei anderen nicht in Gefahr zu bringen.

„Ist das wirklich möglich? Können sie das wirklich sein?“, sagte eine der verhüllten Gestalten und Shaolan spitzte die Ohren. Zusammen mit Mokona, die seine Mütze aus ihrem Gesicht geschoben hatte, lugte er vorsichtig hinter Fye hervor.

„Ahhhh~!“ Ein entzücktes Quietschen entfuhr der Gestalt neben der, die zuerst das Wort ergriffen hatte. Sie senkte ihre Armbrust ab und warf die Kapuze von ihrem Kopf, sodass das Gesicht eines jungen Mannes mit rötlichen Haaren zum Vorschein kam. „Sie sind es! Sie sind es!“ Er bekam sich fast nicht mehr ein und hopste jubilierend auf die Gruppe zu.

Da auch die anderen in der Zwischenzeit ihre Waffen abgesenkt hatten, fiel ein Teil der Anspannung von Kurogane und Fye ab und sie ließen ihn näherkommen. Anscheinend erkannte man sie – oder zumindest Mokona, denn der junge Mann quietschte erneut, als er sie in ihre Bäckchen kniff.

„Ka-kazuki??“ Shaolan starrte entgeistert zu ihm hin. Der kleine Junge von einst war inzwischen größer als er.

„Ihr seid es also in der Tat.“ Derjenige, der neben Kazuki gestanden hatte, zog ebenso seine Kapuze von seinem Kopf. Es war Nataku. „Wo ist das Mädchen? Und warum seid ihr in der ganzen Zeit nicht gealtert?“ Man konnte ihm nicht übelnehmen, dass er misstrauisch klang.

„Das liegt an den unterschiedlichen Flüssen der Zeit“, antwortete eine der Personen, die auf der anderen Seite standen. Ihre Stimme allein verriet, dass es Arashi war. Sie und Sorata zogen gleichermaßen ihre Kapuzen von ihren Köpfen. „Bei uns sind fast fünfzehn Jahre vergangen, doch bei ihnen könnte ihre Abreise genauso gut erst zwei Monate her sein.“

„Ein bisschen länger ist es schon her“, warf Fye lächelnd ein. „Aber keine fünfzehn Jahre, so viel ist sicher.“

„Wir sollten Meldung machen, dass keine Gefahr vorliegt“, schlug Sorata vor und machte sich gleich mit Arashi auf den Weg ins Innere des Gebäudes.

Kurogane blickte ihnen skeptisch hinterher. „Ihr habt euch also mit den Leuten aus dem Tower arrangiert?“

„Ja, wir verstehen uns gut. Es ist viel besser als früher“, erwiderte Kazuki, der mittlerweile Mokona freudestrahlend in den Armen hielt (und Mokona die Aufmerksamkeit sichtlich genoss).

„Das ist schön zu hören“, entgegnete Shaolan und schreckte zusammen, als er Natakus strengen Blick auf sich spürte.

„Ihr habt meine Frage nicht beantwortet. Was ist mit dem Mädchen, das bei euch war? Wo ist Sakura?“

„Sie ...“ Shaolan stockte. Das Mädchen, das damals in Tokyo gewesen war, war 'Sakura', seine Mutter, gewesen. Seine Mutter war praktisch nirgends. Es gab keinen Weg, das jemandem zu erklären.

„Das ist eine wirklich lange Geschichte“, kam Fye ihm zu Hilfe. „Aber Sakura-chan geht es gut. Sie reist nur nicht mehr mit uns.“

Natakus Blick bohrte sich geradezu in Fye, was dem Blondschopf das Lächeln gefrieren ließ. Kurogane wollte bereits dazwischengehen, als sie mehrere Leute hastig heraneilten hörten.

„Das ist unglaublich! Sie sind es!“ Kusanagi war der Erste, der bei ihnen ankam. „Oh Mann, Satsuki, das musst du dir ansehen!“

Entgeistert blieb die besagte Frau vor ihnen stehen und starrte unverhohlen auf Fye. „Wie-wie kann das denn sein?!“

Ah~, dämmerte es den Reisenden. Deswegen kassierte der Magier so ungläubige Blicke.

„Ist-ist dein Auge nachgewachsen??“ Satsuki schüttelte ihre Fassungslosigkeit ab, marschierte schnurstracks auf Fye zu und machte erst wenige Zentimeter vor seinem Gesicht halt. Das war ein bisschen nah. Ein bisschen zu nah. Fye machte einen verlegenen Schritt zurück.

„Nein, es ist nicht nachgewachsen. Das ist mein Auge. Es … wurde mir zurückgegeben.“

„Zurückgegeben?“ Satsukis Kinnlade klappte nach unten. „So etwas ist möglich?“

Greifbarer Schwermut legte sich auf Fyes Gesicht. „Ja. Leider, könnte man sa-“

„Okay, das reicht“, warf Kurogane missmutig ein. „Es hat jetzt jeder gesehen, dass der Spinner zwei Augen hat und alle können damit aufhören, ihn anzustarren. So viel gibt es da eh nicht zu sehen.“

„Autsch, Kuro-rin! Das hättest du auch anders ausdrücken können!“ Der Magier klang wieder heiterer.

„Wir müssen euch leider sagen, dass wir euch die Feder noch nicht zurückgeben können.“ Yuto trat aus der eingetroffenen Gruppe hervor. „Seit kurzem macht der Regen immer mal wieder längere Pausen, aber noch brauchen wir den Schutz der Feder.“

„Die Feder?“ Shaolan war bei seinen Worten ganz blass geworden.

„Moment, was soll der Scheiß? Wieso ist hier immer noch eine Feder?“ Kurogane war sicht- und hörbar sauer.

„Mokona spürt nichts. … Aber da war ja auch so ein Ding von Fuma um Sakuras Feder, also kann Mokona sie gar nicht spüren.“

„Hm.“ Fye legte nachdenklich eine Hand an sein Kinn. „Es macht Sinn, dass die Feder jetzt noch hier ist.“

„SINN?!“ Kurogane war außer sich. „Die verdammten Dinger müssten doch alle weg sein-“

„Mit-den-ken, Kuro-Hirni.“

„Fye-san hat Recht.“ Bei Shaolans bedrückt klingendem Einwand fragte der Ninja sich, ob alle den Verstand verloren hätten. „Wir werden erst in der Zukunft die letzte Feder aus den Ruinen holen. Und gerade sind wir … in der Vergangenheit dieser Zukunft.“

„Häh?“ Dem Dunkelhaarigen schwirrte merklich der Kopf. Hatte er nicht eben noch gedacht, dass eh schon alles kompliziert und verrückt war? Jetzt sollte es noch komplizierter und verrückter werden?

„Um euch alle zu beruhigen“, Fye legte eine Hand auf eine Schulter Shaolans, „ich halte es für ausgeschlossen, dass die Feder noch irgendetwas anrichten kann, außer dieses Gebäude zu beschützen. Der ursprüngliche Grund, warum die Federn verteilt wurden, existiert nicht mehr. Zu keiner Zeit. Es ist praktisch nur der Geist einer Feder, wenn man es so will.“

Shaolan atmete aus. „Entschuldige, das hätte mir eigentlich auch klar sein müssen.“

„Shaolan wird immer so traurig, wenn jemand 'Feder' sagt“, stellte Mokona besorgt fest. „Darum sollten wir lieber von etwas Schönerem reden!“

„Oh, ich hätte eine Frage“, meldete sich Yuzuriha aus dem Hintergrund zu Wort. „Was meintest du mit Ruinen und der Vergangenheit der Zukunft?“

Der arme Junge wurde noch blasser. Wie sollten sie das denn erklären??

„Uhm“, warf Fye abermals ein, „wäre es möglich, dass wir uns wenigstens kurz hier ausruhen könnten? Wir sind wirklich sehr erschöpft.“

„Ihr gebt uns sehr wenige Antworten und wollt nun auch noch dem Gespräch ausweichen“, entgegnete Kakyou mitleidslos. „Das ist ziemlich unhöflich von euch. Aber ich will darüber hinwegsehen. Was wichtiger ist: Der Grund eurer Reise hat sich also geändert?“

„Ja“, antwortete Shaolan.

„Die Feder kann hier bleiben?“

Er nickte.

„Das ist alles, was wir wissen müssen und sollten. Seid unsere Gäste. Allerdings ist die Stadtverwaltung ziemlich voll. Wir können euch nur ein Zimmer anbieten.“

 

Kakyou hätte genauso gut das Zimmer sagen können, ächzte Kurogane innerlich, als er den Weg wiedererkannte, den sie entlang geführt wurden.

„Vielleicht kommt es euch wie ein dummer Aberglaube vor“, erklärte Nataku kurz vor dem Ziel und die Gedanken der Besucher erratend. „Aber wenn an einem Ort sehr schlimme Dinge geschehen sind, meiden wir diesen Ort lieber. Wir benutzen ihn nur gelegentlich, falls wir einen Raum für Quarantänen oder Ähnliches benötigen.“

„Ja ja, schon gut“, brummte Kurogane. Das Konzept gab es so ähnlich in Nihon und er respektierte es, aber er hielt es für schwachsinnig. Schlimme Dinge passierten halt. Deswegen musste man nichts absperren oder mit Unmengen Salz überschütten. Sie brauchten einen Platz zum Ausruhen und wenn dieses verfluchte Zimmer, das ihn manchmal in seinen Albträumen heimsuchte, der einzige Platz war, dann war es eben so. Er musste nur dafür Sorge tragen, den bedrückten Bengel, den bleich gewordenen Magier und das bibbernde, die Ohren hängen lassende Wollknäuel die nächsten Stunden heil überstehen zu lassen.

„Sagt Bescheid, wenn ihr etwas braucht.“ Kazuki übergab Mokona wieder in Shaolans Arme und er und Nataku verabschiedeten sich.

Wie bestellt und nicht abgeholt standen sie nun in demselben Zimmer, das ihnen damals gegeben worden war. Fye ließ seine Augen durch den Raum wandern und sein Blick blieb an ein paar Blutflecken auf dem Boden kleben, die allem Anschein nach sämtlichen Entfernungsversuchen hartnäckig standgehalten hatten. Es konnte seines sein, es konnte Shaolans sein, es konnte Kuroganes sein. Immerhin gehörte es nicht zu Sakura oder Mokona und das war das einzig Positive, was er daran finden konnte. Er hob seine Augen wieder und spürte, wie sein Magen sich zusammenzog, als er das Loch wiedererkannte, das Kurogane in die Wand geschlagen hatte. Hier war nichts, woran er erinnert werden wollte.

'Fump!'

Fye schreckte aus seinen grausamen Erinnerungen, als Kurogane die Decke, die sie ihnen mitgegeben hatten, auf das Bett fallen ließ. Ihre Blicke trafen sich nur für einen flüchtigen Moment, bevor der Schwarzhaarige wortlos die Decke auf dem Laken ausbreitete. Fye spürte die Tränen, die sich in seinen Augen formten, während er den Anderen anstarrte.

„Fye ...“, jaulte Mokona leise und holte damit auch Shaolan aus seiner Schockstarre. Bis eben hatte er Mokonas Rücken angestarrt und keinen Mucks machen wollen. Die Atmosphäre war so angespannt, dass er Angst hatte, etwas zu sagen. Durch Mokonas jammervollen Laut schnellte sein Blick alarmiert zu dem Magier, der sich mit einem Ärmel die Tränen wegwischte.

Sie trugen ihm nichts nach. Das hatten sie beide bereits mehrmals gesagt. Und Shaolan glaubte ihnen das auch. Sie kümmerten sich so liebevoll um ihn, um ihn, der ihnen so viel Leid verursacht hatte. In Tokyo hatten sie sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und damals hatte es ihn gewundert, wie die Sache für ihn ausgegangen war. Es war doch seine Schuld gewesen, durch die Fye beinahe sein Leben und Kurogane beinahe jemanden, den er liebte, verloren hätte. Sie beide und Mokona hatten an jenem Tag den Jungen verloren, der ihnen so ans Herz gewachsen war.

Shaolan biss sich – ohne es selbst zu merken – mit voller Wucht auf die Unterlippe und erschrak von neuem, als er Kuroganes Blick nun auf sich spürte.

Der Ninja legte den Kopf in den Nacken und seufzte lautstark. „Versucht, euch auszuruhen. Sobald der Klops sich fit genug fühlt, hauen wir aus dieser Welt ab.“

„Kuro-sama“, Fye gab den Kampf gegen seine Tränen auf und atmete durch. „Du stehst zwar oft auf dem Schlauch -“

„Häh?!“

„- und du bist nur ein drittklassiger Schwertkämpfer-“

„HÄH?!“

„- aber ...“ Der Magier ging auf ihn zu und legte seine Arme um ihn. Zu Shaolans Überraschung erwiderte Kurogane sogar die Umarmung. Normalerweise ließ er, wenn er dabei war, nicht so viel Nähe zu. „Aber ohne dich hätten wir es nie so weit geschafft. Du hast unsere auseinanderfallende Gruppe zusammengehalten, obwohl du selbst so gelitten hast. Obwohl wir dich mit deinem Schmerz ganz alleine gelassen haben. Ich habe dir nie ausreichend dafür gedankt. Bitte verzeih.“ Fyes Stimme bebte und war mit jedem seiner Worte brüchiger geworden. Letztendlich vergrub er sein tränennasses Gesicht in der Schulter des größeren Mannes.

Kurogane strich ihm sanft über den Rücken, sprach aber gleichzeitig herzlich unsanft: „Hey, interessiert mich der Schnee von gestern? Nein. Das solltest du eigentlich wissen. Ich weiß es zu schätzen, aber hör auf zu heulen.“ Er spürte ein schwaches Nicken gegen seine durchnässte Schulter.

„Fye-san hat Recht. Ohne dich wäre damals bereits hier alles zu Ende gewesen. Und du hast nicht nur alles ertragen, Kurogane-san, du warst auch für uns alle da.“

„Fang du nicht auch noch a-“ Kurogane stöhnte. Dem Bengel kullerten schon dicke Tränen die Wangen hinab.

„Du … du sollst wissen“, Shaolan entwich gegen seinen Willen ein Schluchzen, „du sollst wissen, wie viel es mir bedeutet, dass du für mich da bist, Kurogane-san.“

„Hört auf, alle beide … alle drei!“ Er funkelte kopfschüttelnd Mokona an, der Sturzbäche aus den Augen liefen.

„Shaolan und Fye haben Recht! Mokona weiß noch ganz genau, wie traurig und verzweifelt Kurogane damals war und dass er das ganz lange war!“

„KLAPPE JETZT!“

Mokona sprang aus Shaolans Armen auf die andere Schulter des Ninjas und drückte sich gegen die Seite seines Gesichts.

Natürlich hatte er sich Sorgen gemacht, dass die Erinnerungen an Tokyo die drei anderen überwältigen könnten – aber er hatte nicht damit gerechnet, dass das passieren würde. Gegen so eine Übermacht an Sentimentalität kam er nicht an. Nachdem der Klops ihnen viel zu viel seiner Gefühlswelt offenbart hatte, krallten sich die Finger des blonden Trottels in seinen Rücken.

Es war nicht ihre Schuld.

Wenn sie die Kinder längst zurückgebracht hätten, wären sie nicht noch einmal hier gelandet und würden nicht von den Geschehnissen heimgesucht. Es ließ sich nur schwer mit der Vergangenheit abschließen, wenn man von ihr verfolgt wurde. Er selbst war gut darin, nach vorne zu blicken, doch der Idiot und der Bengel waren anders als er. Das war meistens gut und in manchen, seltenen Fällen wie diesem hier überaus schlecht.

„Schluss jetzt mit der Gefühlsduselei. Ich habe getan, was getan werden musste und das war alles. Ich bin jetzt nicht traurig und was anderes interessiert mich nicht. Verstehen wir uns da?“

„Entschuldige“, sagte Shaolan kleinlaut und schniefte, „das muss dir furchtbar unangenehm sein.“

„Gibt Schlimmeres.“ Er streckte eine Hand aus und wuschelte dem Jungen durch die Haare. Die andere legte er auf Fyes Kopf ab und wuschelte dort deutlich grober, sodass dieser empört von ihm abließ.

„Auauau, Kuro-sama, womit habe ich das denn verdient?“

„Das fragst du noch?“ Kuroganes Grinsen hatte etwas erstaunlich Mildes an sich. Seine Hand fuhr von Fyes Kopf seine langen Haare hinab und zur Überraschung des Magiers verweilte eine Strähne recht lange in der großen Hand. Das machte Kurogane in letzter Zeit immer öfter. Nun sogar schon vor Shaolan. Es war eine merkwürdig liebevolle Geste von ihm.

„Aw~“, machte die kleine Kreatur auf seiner Schulter entzückt. „Papa hat Mama sehr lieb.“

„Ich werd dich gleich gernhaben!!“ Der Dunkelhaarige schnappte nach Mokona, die gekonnt entkam und ihm bei ihrer Flucht sogar noch einen Schmatzer auf die Wange geben konnte.

„Ha ha!“ Das Wollknäuel hüpfte zurück zu Shaolan und hielt dort verwundert inne. „Bedrückt dich noch etwas?“

Shaolan hatte gerade einmal Gelegenheit verdattert zu blinzeln, ehe Kurogane erneut ächzte.

„Sofort raus damit, sonst kommen wir heute nie mehr zur Ruhe.“

„Ähm“, er zuckte zusammen, „ich dachte nur daran, na ja … dass die Leute in Tokyo nicht wissen, was irgendwann aus ihrem Land werden wird und ...“

„Und was?“, unterbrach Kurogane ihn. „Das Volk im Land Clow ist doch glücklich, oder?“

„Ja, schon ...“

„Wo ist dann das Problem?“

„Ähm ...“

„Richtig, es gibt keins.“

Fye lachte plötzlich. „Jetzt bist du aber richtig in Fahrt, Kuro-rin. Ich wette, du würdest jedes Problem, das man dir nennt, im Handumdrehen lösen.“

„Übung macht den Meister“, gab er zurück, stutzte kurz und schubste daraufhin den blonden Mann auf das Bett. „Im Stehen schläft es sich schlecht“, war alles, was er dazu sagte, bevor er Shaolan andeutete, sich ebenso hinzulegen. So löste er das Problem, wie er die anderen endlich dazu bringen konnte, sich auszuruhen statt in unschönen Erinnerungen zu versinken.

„Bitte, nimm du das Bett. Ich kann auf dem Boden-“ Shaolan brach ab, als Kuroganes zorniger Blick auf ihm landete. Ruckzuck kletterte der Junge gehorsam mit Mokona auf das Bett.

„Papa greift heute aber hart durch“, gluckste Fye und hob eine Hand in Richtung des Ninjas. „Wenn wir zusammenrücken, ist genug Platz für alle.“

„Oh ja!“, freute sich Mokona und zappelte in Shaolans Armen, um ihm zu signalisieren, an Fye heranzurücken. Noch auf dem Bett kniend, ließ er das Wesen los, damit es zu dem Blonden hopsen konnte, doch Mokona machte deutlich, was sie wollte. Mit ihrer winzigen Pfote zog sie an ihm.

„Ich …“ Shaolans Teint wurde leicht rosé. „Nicht, Mokona.“

„Aber das würde Shaolan doch glücklich machen.“

Ertappt zuckte er zusammen und starrte mit hochrotem Kopf die Bettdecke an.

„Ach, so ist das ...“, machte Fye, die Situation endlich verstehend. Er lachte. „Na dann!“ Der Magier öffnete seine Arme und blickte erwartungsvoll zu dem zaudernden Jüngeren.

„Ist das … wirklich in Ordnung?“, fragte Shaolan verlegen und zögerlich den Kopf hebend.

„Mehr als in Ordnung.“

Shaolan schaute zu Kurogane, als würde er auch dessen Einverständnis einholen wollen.

„Mach.“

Zaghaft nickte der Brünette daraufhin und kroch mit knallrotem Kopf und mit Mokona zusammen in Fyes Arme.

„Awww~“, quietschte das Wollknäuel zufrieden, „das ist schön! Fehlt nur noch Papa!“

Über Shaolans Kopf hinweg sah Fye zu Kurogane und erhaschte einen seltenen Anblick: Der sonst so grummelige Ninja lächelte selig – für einen flüchtigen Moment zumindest, denn er bemerkte Fyes Blick auf sich und stellte das Lächeln umgehend ein. Es war schon irgendwie süß, wie er seine so offensichtlich vorhandene, weiche Seite nie nach außen scheinen lassen wollte.

Kurogane räusperte sich und legte sich wortlos zu ihnen, einen Arm bis zum Magier hin ausstreckend.

„Jetzt ist Ruhe“, brummte er lediglich und warf dem daraufhin kichernden Blonden einen bösen Blick zu. Doch das Lächeln, das er in diesem Gesicht erblickte, war kein schelmisches. Fye wirkte ganz und gar gelöst und zufrieden.

„Ich bin nun wirklich kein Experte für familiäre Beziehungen“, flüsterte der blonde Mann leise, „aber du bist wahrhaftig ein Vater.“

Die heiße Welt

„Puuuh, ist das heiß hier.“

Shaolan schaute verwundert zu Fye, der sich mit einer Hand Luft zufächerte und mit der anderen an seinem Oberteil nestelte. In der Welt, in der sie vor wenigen Minuten gelandet waren, war es warm, ja, aber eher wie an einem sonnigen Frühlingstag, nicht wie an einem brütend heißen Hochsommertag. Er blickte aus dem Augenwinkel zu Kurogane, dem die Temperaturen ebenso nichts auszumachen schienen. Vielleicht lag es an den Unterschieden in den Welten, in denen sie aufgewachsen waren. Das hatten sie schon öfter gehabt. Fye mochte keine Hitze, während Kurogane über jede kältere Welt meckerte.

Sie waren mitten auf einer Straße voller Marktstände gelandet, als Mokona sie hergebracht hatte. Die Leute hatten vor Schreck geschrien und die Reisenden daher schnell zugesehen, dass sie erst einmal in einer Seitenstraße verschwanden. Die Häuser und die Straßen erinnerten ein wenig an Clow, nur dass kein Sand herumwirbelte und die Häuser eckige Formen hatten. Auch die Vegetation, auf die Shaolan einen kurzen Blick erhaschen konnte, bevor sie hatten türmen müssen, sah nicht nach einer typischen Wüstenwelt aus. Er hatte große, stämmige Bäume mit einem dichten, dunkelgrünen Blattwerk gesehen.

Vorsichtig lugte er um die Ecke auf die Hauptstraße zurück. Die Kleidung der Menschen bestand aus langen, wallenden Gewändern, die den Körper vollständig bedeckten, so wie es in einem Wüstenstaat üblich war, um sich vor der Sonne zu schützen. Das war ein wenig merkwürdig. Eventuell wurde es hier noch wärmer oder weiter außerhalb der Stadt gab es eine Wüste. Shaolan drehte sich wieder zu seinen Gefährten um. Immerhin passten seine und Fyes Kleidung recht gut in diese Welt. Aus der vorigen Dimension (einer Welt, die Nihon ähnlich war, doch in der die hiesigen Ninja auch über Zauberkräfte verfügten, was Kurogane aus irgendeinem Grund nicht gefiel) trug Fye eine lange, weite, weiße Hose mit etwas darüber, das wie eine kurze Haori-Jacke aussah. Beides war mit blauen Streifen abgesetzt. Shaolan selbst trug ein weites, grasgrünes Hemd mit einem breitem Kragen und einer langen, dunkelblauen Hose darunter. Lediglich Kurogane fiel hier ein bisschen aus dem Rahmen, denn sein ärmelloses, schwarzes Shirt mit rotem Saum und der nur dreiviertellangen, schwarzen Hose fügten sich nicht so leicht in das Stadtbild der neuen Welt ein. Und noch etwas anderes würde sich nur schwer einfügen.

„Ich spüre keine Magie. Du, Shaolan-kun?“

„Nein, ich auch nicht.“

„Dann wird es vielleicht ein wenig schwierig werden, der örtlichen Bevölkerung zu erklären, wo wir so plötzlich hergekommen sind“, gab Fye zu denken und wandte sich Mokona zu, die auf Kuroganes Kopf saß. „Und wo keine Magie, da auch keine magischen Wesen.“

„Was soll ich sein?“ Die Kreatur hüpfte energisch auf. „Baby oder Stofftier? Die Schauspielkunst gehört zu Mokonas 108 geheimen Fähigkeiten!“

„Ersteres will ich überhört haben“, grummelte Kurogane, griff mit einer Hand nach ihr und öffnete mit der anderen eine Tasche, die um seine Hüfte hing. „Kannst du fürs Erste da drin bleiben, bis wir mehr über dieses Land wissen?“

„Aye, Aye!“ Noch im Griff des dunkelhaarigen Mannes salutierte Mokona, bevor sie in die Tasche gestopft wurde.

Die drei Männer nickten sich zu und wagten sich vorsichtig auf die Hauptstraße zurück.

Das geschäftige Treiben dort war von ihrer plötzlichen Ankunft offenbar nicht weiter gestört worden. Die Händler verkauften eifrig Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände, während die Passanten neugierig die Stände inspizierten und fleißig einkauften. Möglicherweise hatten nicht allzu viele Menschen ihr Erscheinen bemerkt?

„Entschuldigung, seid ihr Dimensionsreisende?“

Die aus dem Nichts gekommene Frage ließ die drei zusammenschrecken. Sie drehten sich zu dem Fragesteller um. Es war Toya – oder vielmehr natürlich jemand, der die gleiche Seele wie Sakuras Bruder hatte. Und wie immer stand eine Version von Yukito neben ihm. Eine dunkelhaarige Version von Yukito. Das war neu. Dieser lächelte sanft, während Toya motzig die Arme verschränkte.

„Frag sie doch bitte etwas höflicher“, ermahnte Yukito ihn liebevoll.

„Ich habe 'Entschuldigung' gesagt, oder etwa nicht?“

„Wie kommst du überhaupt darauf?“, entgegnete Kurogane harsch und mit einer Aura, die jedem deutlich machen sollte, dass man sich ihm nicht zum Feind machen sollte.

„Weil ihr mitten auf der Straße erschienen seid“, gab Toya patzig zurück. „Das ist hier in Helios schon einmal zuvor vorgekommen, soweit wir wissen.“

„Es ist schon einmal vorgekommen?“, warf Shaolan schlagartig atemlos und blass ein. Es war nicht schwer zu erraten, welche Angst ihn so jäh heimsuchte. „Kam es dabei zu Zwischenfällen? Wurde etwas geraubt? Wurde jemand verletzt?“

Toya und Yukito blinzelten ihn verwundert an.

„Was stimmt denn mit dem nicht?“, sagte Toya schließlich. „Geht es ihm gut? Er sieht aus, als würde er gleich aus den Latschen kippen.“

„Shaolan-kun“, der Junge spürte Fyes Hände auf seinen Schultern, „ganz ruhig. Hol tief Luft.“

„Was war denn nun?“, hakte Kurogane ungeduldig nach und kassierte dafür einen kritischen Blick von Toya.

„Eigentlich sind wir hier die Aufseher und stellen die Fragen.“

„Aufseher, huh?“, konterte der Ninja unbeeindruckt. „Dann solltet ihr doch sehen, dass es wichtig für den Bengel ist, dass ihr ihm seine Fragen beantwortet, oder etwa nicht?“

Yukito ging dazwischen und schüttelte sacht den Kopf. „Es ist damals nichts weiter geschehen. Die beiden jungen Herren sind bei ihrer Ankunft durch eine Markise gekracht, aber es wurde niemand verletzt. Sie haben den Schaden sogar bezahlt.“

„Die beiden …?“, wiederholte Shaolan ungläubig. Das hieß … es war nicht 'Shaolan' gewesen?

„Oh!“, dämmerte es Fye. „Hatten die zwei besagten Herren dunkle Haare und waren ganz in Schwarz gekleidet?“

„Ihr kennt sie? Die Zwillinge?“ Toya klang überrascht.

„Da es in der Tat so ist, dass wir auch durch verschiedene Dimensionen reisen, haben wir bereits ihre Bekanntschaft gemacht“, antwortete der Magier.

„Sie sind aber nicht mehr hier, oder?“, warf Kurogane übellaunig ein und wirkte erst wieder entspannter, als Yukito von neuem den Kopf schüttelte. Gut, nicht noch mehr Erinnerungen an Tokyo.

„Was verschlägt euch denn hierher?“, fragte Toya und holte einen Notizblock samt Stift hervor. „Normalerweise kommen Reisende durch das Haupttor und registrieren sich dort.“

„Ha ha, Verzeihung, dafür fehlt uns die Zielgenauigkeit.“ Fye lachte entschuldigend. „Also, man muss sich registrieren, ja?“

„Wage es, Magier ...“, knurrte es neben ihm.

Shaolan, der endlich wieder durchatmen konnte und Farbe ins Gesicht bekam, musste sogar ein wenig schmunzeln. In einer anderen Welt hatten sie sich auch registrieren müssen – und Kurogane hatte in aller Öffentlichkeit Fye zu Boden gerungen, um ihm das Formular abzunehmen. Er ließ ihm mittlerweile eine Menge Spitznamen durchgehen, doch die 'Große Hündchen'-Nummer blieb ein Tabu.

„Das sind Kurogane und Fye. Mein Name ist Shaolan“, sagte er zum Erstaunen der Aufseher. „Und das ist Mokona.“ Er zeigte auf die Tasche an Kuroganes Hüfte, aus der sich zwei lange Ohren herausschälten, bis schließlich Mokonas Gesicht herauslugte. „Wir reisen umher, um verschiedene Legenden und Sagen zu studieren.“ Diese uralte Erklärung war ihre Standard-Tarnung geworden. Fye hatte Kurogane sogar extra gefragt, ob diese kleine Flunkerei in Ordnung wäre. Jedem zu erklären, warum sie tatsächlich unterwegs waren, wäre doch bei weitem zu umständlich.

„Aha, okay“, Toya kritzelte emsig auf den Notizblock. „Also, zwei Menschen und … was genau ist das da?“ Er zeigte auf Mokona, die wenig davon angetan war, „das da“ genannt zu werden.

„Mokona ist Mokona!!“

„Ein Plagegeist.“

„Mama, Papa ist gemein zu mir!“

„Ha ha.“

„Mokona ist ein magisches Wesen“, erklärte Shaolan in die wenig brauchbaren Reaktionen seiner Gefährten hinein.

„Magisches Wesen? Magie gibt es hier nicht, aber wo anders ist das wohl normal, wie? Na schön.“ Toya notierte dies stoisch. „Ist er auch eins?“ Zu ihrer Verwunderung zeigte er nun auf Fye.

„Äh, ich?“ Der Blondschopf blinzelte ihn verwirrt an. „Ich bin zwar ein Magier, aber eigentlich laufe ich auch unter der Bezeichnung 'Mensch' … oder?“

„Außer Plagegeist ist wirklich eine Kategorie“, bemerkte Kurogane trocken.

Shaolan musterte die zwei Aufseher währenddessen. Sie schienen wirklich irritiert von Fyes Antwort zu sein. Sie kannten keine Magie, warum also sortierten sie ihn in eine andere Kategorie als ihn selbst und Kurogane ein?

„Das muss daran liegen, dass sie aus einer anderen Welt kommen“, sagte Yukito letztlich schulterzuckend und Toya fuhr fort, seine Aufzeichnungen zu komplettieren.

„Habt ihr eine Unterkunft?“

„Noch nicht“, erwiderte Shaolan.

„Reich seht ihr nicht aus, also teile ich euch das günstigste Gasthaus zu.“

„O-okay?“

„Wie lange wollt ihr bleiben?“

„Das kommt darauf an ...“ Dem Jungen lief es bei Toyas strengem Blick eiskalt den Rücken hinunter. Es musste wohl eine genauere Antwort sein. „Sieben Tage? … Etwa?“

„Könnt ihr euren Lebensunterhalt bestreiten?“

„Ähm ...“ Shaolan warf Fye einen leicht verzweifelten Blick zu. Der Magier verwaltete die Haushaltskasse.

„Dürfen wir uns hier Arbeit suchen?“, fragte Fye und antwortete so auf die Frage, ohne sie zu beantworten.

„Ich fülle euch eine Arbeitserlaubnis aus. Für alle vier?“

„Für Kuro-tan und mich reicht völlig.“

„Alles klar. Dann seid ihr jetzt registriert. Benehmt euch ordentlich, sonst werdet ihr aus der Stadt entfernt. Wir bringen euch zu eurer Unterkunft.“

 

Dieser Ort warf nicht gerade wenige Fragen auf, dachte Shaolan, nachdem Toya und Yukito sie in dem zugeteilten Gasthaus abgesetzt hatten. Das Zimmer mit den drei Betten war groß genug für sie und sauber. Es gab einen Waschtisch und ein Fenster, von dem aus man auf die Hauptstraße blicken konnte. Es gab weder fließendes Wasser noch Elektrizität, doch immerhin war direkt am Haus eine Quelle, aus der man Frischwasser holen konnte. Zudem schien dieses Land friedlich und ohne größere Probleme zu sein. Ein paar Straßen weiter, das hatte Yukito ihm verraten, befand sich die Bibliothek, in der er sich so bald wie möglich umsehen wollte.

So weit, so gut.

Doch -

Warum hatte man ihnen auf dem Weg hierher so seltsame Blicke zugeworfen? Die Leute auf der Straße hatten sich teilweise sogar nach ihnen umgedreht und getuschelt. Auch der Inhaber des Gasthauses hatte sie mit großen Augen angesehen. Es waren keine böswilligen Blicke gewesen, nein, vielmehr … erstaunte? Warum sahen sie sie so an? Weil sie von weit weg kamen? Weil sie aus dem Nichts in der Straße aufgetaucht waren? Nein, irgendwie sagte sein Instinkt ihm, dass es das nicht war. Allerdings hatte Shaolan das Gefühl, irgendetwas Offensichtliches zu übersehen.

„Ist das stickig hier drin.“ Fye verzog das Gesicht und öffnete das Fenster. Er nahm einen tiefen Atemzug und fächerte sich von neuem Luft zu. „Fühlst du dich wieder besser, Shaolan-kun?“

„Das siehst du doch“, entgegnete Kurogane launisch, „er grübelt über irgendetwas nach.“

Mit einem Mal saß der Junge kerzengerade auf seinem Bett und wedelte mit den Händen. „Entschuldigt, nein, es ist nichts.“

„Gut. Denn es ist ja in der Tat nichts.“

Er wusste, dass Kurogane nur so streng klang, weil es schon wieder passiert war. Er hatte schon wieder Panik bekommen, obwohl es keinen Grund dafür gab. Sie machten sich nur Sorgen um ihn und das tat ihm von Herzen leid. Er wollte ihnen keine Sorgen bereiten.

„Also, wie wollen wir vorgehen?“, fragte Fye heiter in die Runde. „Es scheint noch ziemlich früh am Tag zu sein. Wollen wir uns gleich in der Stadt umsehen?“

„Ich würde gerne noch heute die Bibliothek aufsuchen“, antwortete Shaolan. „In Welten, in denen es keine Magie gibt, findet man in der Regel nur sehr wenig oder gar nichts, was uns weiterhelfen könnte. Wenn ich nichts Brauchbares finden kann, könnte ich ja auch etwas Geld verdienen … huh?“ Er stockte, als die Erwachsenen einen Blick austauschten. „Ist etwas?“

„Sag du es ihm“, brummte Kurogane und der Magier zuckte mit den Schultern.

„Dein Eifer in allen Ehren, Shaolan-kun, aber du würdest uns mehr helfen, wenn du die Dinge etwas langsamer angehen würdest.“

„Huh?“

„Wenn du nichts zum Recherchieren hast, okay, dann ist das so“, fuhr Kurogane mit der Belehrung fort, „aber schalte mal einen Gang runter. Du brauchst deine Kräfte noch und solltest sie mal aufladen.“

Der Junge blinzelte sie verdattert an. Er wollte doch nur helfen, war daran irgendetwas falsch? Es war wahr, dass er – wenn er konnte – seine Zeit meistens damit verbrachte, nach einer Lösung für sein Problem zu suchen (und sich mit Watanuki darüber auszutauschen, denn es war ihr Problem). Aber seiner Meinung nach hatte er bereits einen Gang heruntergeschaltet, seit Sakura mit ihm gesprochen hatte. Wirkte er immer noch wie ein Besessener? Oder … oder wollten die beiden nur verhindern, dass es wieder schlimmer mit ihm wurde?

„Shaolan-kun“, Fye setzte sich neben ihm auf das Bett, „ich weiß, dass das, was ich jetzt sage, viel verlangt ist, aber ...“ Er holte Luft. „Trotz allem, trotz der schweren Aufgabe, die wir erfüllen wollen, solltest du nicht vergessen, dein Leben zu leben. Verstehst du, was wir dir sagen wollen?“

Shaolan sah direkt in die glasklaren, blauen Augen des Magiers. Sein sanfter Blick hatte immer etwas Beruhigendes an sich. Er nickte. „Es ist in Ordnung hin und wieder auch einmal zu lächeln … nicht wahr?“

Fye stutzte kurz, schluckte, legte seine Arme um die Schultern des Jüngeren und drückte ihn an sich. „Genau das will ich damit sagen.“

Ein leichtes Gewicht ließ sich auf seinen Knien nieder und Shaolan musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer ihm da auf die Beine gehopst war.

„Mama und Papa haben Angst, dass du nicht glücklich bist, Shaolan.“ Mokona tapste ein Bein entlang und drückte sich in einer Geste der Umarmung gegen seinen Bauch. „Eltern wollen immer, dass ihr Kind glücklich ist.“

„Ja.“ Shaolan legte eine Hand um Mokona und presste seine Lippen zusammen, um nicht zu weinen. Egal, wie viel Mühe er sich gab, so zu tun, als wäre er ganz ruhig und ausgeglichen, sie würden es immer merken, dass es nicht echt war. Damit, dass er sie nicht sorgen wollte, hatte er ihnen vermutlich noch mehr Sorgen bereitet. „Es tu-“

„Wenn du dich jetzt schon wieder entschuldigst, setzt es Hiebe.“ Kuroganes Einwurf ließ ihn schnell verstummen.

„Wir wissen, wie schrecklich es ist, dass es schon so lange dauert“, ergänzte Fye, „aber du wirst nichts dadurch beschleunigen, dich so aufzureiben.“

Für ein paar Augenblicke verharrten sie in vollkommener Stille, bis Shaolan sich aus der Umarmung des Blonden löste. Eindringlich sah er zuerst zu ihm, dann zu Kurogane.

„Ich bin nicht unglücklich. Und das ist euer Verdienst.“

Zunächst überrumpelt, dann gerührt erwiderte der Magier seinen Blick und drehte sich dann dem Ninja zu – der sein Gesicht auffällig abgewandt hatte.

„Wollten wir uns nicht in der Stadt umsehen?“ Kurogane räusperte sich verdächtig und ließ Fye damit amüsiert den Kopf schütteln.

„Du hast ihn voll erwischt, Shaolan-kun.“

„Wollknäuel, du bleibst bei dem Bengel“, sagte der Schwarzhaarige, die Bemerkung des anderen Mannes gekonnt ignorierend. „Ihr zwei seid mir zu ähnlich, deswegen wird der Klops auf dich aufpassen.“

„Das war vermutlich kein Kompliment“, lachte Fye und gab Shaolan einen Klaps auf den Rücken. „Aber Papa meint es nur gut.“

 

Gemeinsam gingen sie bis zur Bibliothek, wo sie Shaolan und Mokona absetzten und Letztere stolz schwor, ganz doll auf ihren Bruder Acht zu geben und aufzupassen, dass er sich nicht übernahm oder seine Nase zu lange in die Bücher steckte. Dann machten die beiden Männer kehrt und gingen die Straße, die sie gekommen waren, zurück.

„Ich habe dein Notizheft gefunden“, sagte Kurogane aus dem Blauen heraus und obwohl es keinen offensichtlichen Grund dafür gab, wurde Fye etwas angespannter.

„Und?“

„Du zählst die Tage, die wir seit der Abreise aus Clow damals unterwegs sind.“

Verblüfft riss der Magier die Augen auf. „Wow, Kuro-sama, wie hast du das denn geschlussfolgert?“

„Ich überschlage seither den ungefähren Zeitraum im Kopf und die Anzahl der Striche passt.“

Was für ein Pech, dass Striche in jeder Sprache zu lesen waren, dachte Fye zerknirscht und wunderte sich selber. Es war mal wieder so, dass er kein Geheimnis daraus hatte machen wollen und es dennoch vor Kurogane verborgen hatte.

„Ich … ich dachte nur … es ist für Shaolan doch eh schon schwierig zu sagen, wie alt er ist und so können wir wenigstens ab einem gewissen Datum die Jahre zählen.“

Der Ninja blieb stehen und fixierte mit seinen stechend roten Augen den Mann vor sich. „Wenn es dir darum geht, dass dem Kleinen nicht das Gleiche passiert wie dir und er sein Alter irgendwann nicht mehr weiß, dann ist das in Ordnung und kein Grund, das Heft heimlich zu führen.“

„Ich habe es nicht heimlich geführt“, wehrte sich Fye empört.

„Es hastig verschwinden zu lassen, wenn ich den Raum betrete, ist nicht heimlich?“

Verdammter Ninja mit seinem verdammten Anschleichen! Er hatte schon so eine Ahnung gehabt, dass Kurogane sich manchmal absichtlich auf leisen Sohlen näherte. Fye wollte am liebsten entrüstet sein und eine Szene machen, aber … er wusste ja, woher der Argwohn des Anderen kam. Und wer Schuld daran hatte.

Nein, er wusste, warum er es vor Kurogane verheimlicht hatte und warum er sich selbst einreden wollte, dass es nur ein Versehen war. Shaolan und er waren sich in der Tat in dieser Sache ähnlich. Das Notizheft zu verstecken, hatte wie die vernünftigere Wahl geklungen. Es war doch nur eine Kleinigkeit, hatte Fye sich immer und immer wieder selber versichert, kein richtiges Geheimnis oder gar eine Lüge. Anfangs hatte er sogar überlegt, ihm direkt davon zu erzählen, doch eine Stimme in seinem Inneren hatte ihn davon abgehalten.

Wenn er die Strichliste findet, wird er Vermutungen dazu anstellen. Er wird denken, dass es mit meiner Vergangenheit zu tun hat und sauer werden. Er wird sich Sorgen machen, obwohl ich das nicht will. Wenn er nichts von der Strichliste weiß, gibt ihm das auch keinen Anlass, sich Sorgen zu machen.

Er hatte es vermasselt. Mal wieder.

„Ich will nie wieder“, begann Fye und wandte seine Augen ab, „ich will nie wieder jegliches Zeitgefühl verlieren. So wie damals in dem … in dem Tal. Ich war mir nicht sicher, ob du das verstehen würdest. Du sollst nicht glauben, ich würde ständig daran denken, aber es kommt eben vor. Und die Strichliste beruhigt mich ein wenig.“

Er hörte den Dunkelhaarigen ausatmen. „Wenn du mich nicht andauernd von vorneherein ausschließen würdest, müssten wir solche Diskussionen auch nicht andauernd führen.“

„Ha“, der Magier lachte gequält und blickte auf, „ich wünschte, du hättest mal ein Geheimnis vor mir, dann wäre ich nicht immer der Böse.“

„Du bist nicht der Böse, du bist ein Trottel.“ Kurogane deutete ein Kopfschütteln an. „Bei der nächsten Heimlichtuerei deinerseits vergess ich mich. Verstehen wir uns da?“

„Verstanden, Kuro-tan, verstanden.“ Mehr Schelte bekam er nicht? Kurogane gab ihn doch nicht etwa auf, oder?

„Was machen wir? Teilen wir uns auf?“, wechselte der Ninja das Thema.

Fye nickte. „Ich vermute, in den Seitenstraßen befinden sich die Werkstätten, die die Waren für den Markt herstellen. Vielleicht haben wir da Glück.“

„Bis zum Abend bist du wieder in das Gasthaus zurückgekehrt. Die Leute gucken immer noch und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Der Magier musste schmunzeln. „Pass du auch auf dich auf.“

Wortlos ruhten die leuchtend roten Augen einen langen Moment lang auf ihm, bevor Kurogane sich in eine Straße zu ihrer Rechten aufmachte und Fye eine in der entgegengesetzten Richtung ansteuerte.

Der Ninja war kein Mann, der seine Gefühle mit Worten ausdrückte; er würde auch keiner mehr werden. Aber dieser Blick gerade! Fye fasste sich mit einer Hand an die Brust, um sein schnell schlagendes Herz zu spüren. Er wünschte sich, dass er auch mit einem einzigen Blick ausdrücken könnte, wie viel Kurogane ihm bedeutete. Ernsthaft, wie bekam er das hin, so viel Warmherzigkeit und Leidenschaft in einen Blick zu packen? Fye hatte ganz weiche Knie bekommen. Jetzt war es ihm noch heißer als es ihm in dieser Welt sowieso schon war.

Immerhin war Kurogane demnach wohl nicht sauer auf ihn.

Wieso, wieso kostete es ihn so viel Mühe, ehrlich zu sein?? Der Magier verfluchte sich selbst in Gedanken. Die Notizheft-Angelegenheit war eigentlich eine Lappalie und rückblickend betrachtet hatte Kurogane wieder einmal Recht. Er hätte es ihm einfach sagen sollen.

Aber ich will ihn nicht beunruhigen. Ich will ihn schützen. Vor mir und meiner Unfähigkeit, mit allem fertig zu werden, hörte er abermals seine eigene Stimme in seinem Innern und Fye schüttelte wütend den Kopf. Wenn er diese Gedanken nicht abstellte, würde Kurogane irgendwann endgültig der Geduldsfaden reißen.

Ich darf ihn nicht mehr belügen. Und ich darf ihm keine Sorgen bereiten.

Wie schwer konnte es denn sein, sich daran zu halten? Konnte er nicht wenigstens einmal das hinbekommen? Warum fiel es ihm so schwer?

So in Gedanken versunken stolperte Fye über eine Unebenheit im Boden. Er geriet ins Straucheln und beim Versuch sich abzufangen, riss er ein vor einem Gebäude stehendes Schild mit um. Mit einem lauten Knall fielen beide zu Boden und er landete auf dem Rücken.

War das etwa die Antwort des Schicksals auf die Frage nach seinen Unfähigkeiten? Na, vielen Dank auch.

„Du meine Güte“, hörte er eine besorgte Stimme aus dem Haus herauseilen. „Ist dir etwas passiert?“

Diese Stimme …

Fyes Augen weiteten sich im Schock, als der Mann, zu dem die Stimme gehörte, sich über ihn beugte. Seine langen, tiefschwarzen Haare fielen dem Mann wie Strähnen aus Seide ins Gesicht und mit einer anmutigen Geste schob er sie beiseite. Er lächelte ein bezauberndes, sanftmütiges Lächeln.

„Ist alles in Ordnung? Ich helfe dir hoch.“ Er hielt dem entgeisterten Magier eine Hand hin.

Fye reagierte nicht und starrte nur unentwegt in die dunklen Augen seines Gegenübers.

„König Ashura …“

Die vergessene Geschichte

Shaolan kniff die Augen zusammen, als er vor dem Bücherregal stand. Eine große Hinweistafel war daran angebracht, die darüber informierte, welche Bücher in diesem Gang zu finden waren.

Er interessierte sich für Sagen, Legenden und die Geschichte dieses Landes und der Nachbarländer hatte er am Empfang erklärt und der Angestellte dort hatte wissend genickt.

„Du gehörst zu diesen Dimensionsreisenden, nicht? Die Aufseher haben schon Meldung gemacht. Kannst du unsere Sprache denn überhaupt lesen?“

Aufmerksam wie der Junge war, hatte er bereits kurz nach ihrer Ankunft nach Schriftzeichen Ausschau gehalten. Sie waren denen von Clow ein wenig ähnlich, doch ob es reichen würde, um Bücher zu lesen, konnte er erst sagen, wenn er sie sich ansah. Auf dem Schild vor der Bibliothek hatte er das Wort für „Buch“ entziffern können. Das war doch ein Anfang, oder?

„Ich will es versuchen“, hatte er daher geantwortet und umgehend auch nach Büchern in anderen Sprachen gefragt.

Die Antwort war schon wieder recht rätselhaft ausgefallen.

Die noch existierenden Länder teilten sich eine Sprache, hatte der Angestellte erläutert, aber sie besaßen nur noch wenige Ausgaben der untergegangenen Länder.

Untergegangene Länder?

Was war geschehen? Ein Krieg? Eine Naturkatastrophe?

Zu seinem Unverständnis hatte der Mitarbeiter mit den Achseln gezuckt. Das war so lange her, das wusste hier niemand mehr.

Shaolan suchte nun gezielt nach diesen Ausgaben. Es war leichter, sehr viel leichter sich mit solchen Geschehnissen zu befassen, wenn er Gewissheit haben konnte, dass die Federn nichts damit zu tun hatten. Das Problem war, dass die Menschen dieses Landes die Geschichte der anderen Länder nirgends notiert hatten. Ihre eigene Geschichte war relativ gut dokumentiert. Die Bevölkerung lebte seit Jahrhunderten auf diesem Fleck, sie hatte nie große Krisen erlebt. Das war eigentlich ein erfreulicher Umstand, aber etwas nagte an Shaolan. Die einzigen hervorstechenden Ereignisse waren eine kleine, wirtschaftliche Krise vor über zweihundert Jahren (wohl weil einige Händler aus dem Ausland nicht mehr kamen) und eine plötzliche Zuwanderungswelle ungefähr zur gleichen Zeit. Doch niemand hatte die Gründe dafür aufgeschrieben.

Wie seltsam.

Es war ihnen schon mehrmals begegnet, dass ein tragisches Ereignis zu einem Tabu wurde, über das nicht mehr gesprochen werden durfte. Vielleicht war hier genau das passiert? Und nun wussten die Leute eventuell selbst nicht mehr, was sich zugetragen hatte? Er dachte zurück an das Gespräch mit Toya und Yukito. Die Aufseher hatten akribisch ihre Daten aufgenommen, aber sie hatten ansonsten überraschend wenig Interesse an ihnen gezeigt. Von den verwunderten Blicken abgesehen, reagierte auch niemand hier besonders auf sie. Gleichermaßen war der Besuch Kamuis und Subarus in den Geschichtsbüchern ein Eintrag wie jeder andere gewesen. Es fanden sich keine Hinweise darüber, dass man die Zwillinge nach ihrer Herkunft oder Ähnlichem gefragt hätte. Shaolan konnte sich nicht vorstellen, dass es an seinen fehlenden Sprachkenntnissen lag. Die Verben dieses Landes machten ihm Schwierigkeiten, doch die Nomen konnte er lesen.

Endlich fand er ein Buch, dessen Umschlag anders aussehende Buchstaben zierten.

Enttäuscht ließ er den Kopf hängen. Die Buchstaben waren zu anders. Er konnte nichts davon entziffern.

Die untergehende Sonne warf ihre rot gewordenen Strahlen durch das Fenster hinter ihm. Erstaunt drehte er sich um. War es schon so spät?

„Mokona?“ Shaolan ging zu der kleinen Kreatur, die auf einem der Tische am Fenster hockte und gespannt nach draußen blickte. Vor dem Fenster war ein kleiner Garten. „Lass uns für heute Schluss machen und nach Hause gehen.“

Erfreut wandte sie sich zu ihm um. „Shaolan ist sooo vernünftig! Das wird Mama und Papa freuen!“

Der Junge lachte leise. „Das hoffe ich sehr. Aber … nenne Fye-san und Kurogane-san vielleicht nicht ständig 'Mama' und 'Papa.'“

Mokona legte den Kopf schief. „Warum nicht?“

„Vielleicht ist ihnen das unangenehm.“ Shaolan hatte das Gefühl, dass es Fye kurioserweise weniger unangenehm sein könnte als Kurogane.

„Nein.“ Das Wollknäuel schüttelte energisch den Kopf. „Das macht sie froh.“

Bedächtig hob Shaolan sie auf. Mokona log nicht. Niemals.

Kurogane und Fye waren seinen leiblichen Eltern so ähnlich; in der Art, wie sie sich aufopferungsvoll um ihn kümmerten, wie sie seinetwegen so viel auf sich nahme-

Er hielt inne. Natürlich waren sie sich ähnlich. Seine Eltern hatten schließlich unfassbar viel Zeit mit den beiden verbracht. Als Kind hatte er seinen Eltern geschworen, nicht nur ein guter, sondern der beste Sohn zu sein und sie zu beschützen und glücklich zu machen.

Ein sanftes Lächeln formte sich auf seinen Lippen.

Das Gleiche galt für die Eltern, die er nun zusätzlich bekommen hatte. Er konnte nicht aufhören, sich für alles schuldig zu fühlen, aber vielleicht konnte er ihnen wenigstens ein guter Sohn sein. Vielleicht würde das alles erträglicher machen.

„Gehen wir, Mokona.“

Die Kreatur strahlte über ihr ganzes Gesicht, weil sie seine Entschlossenheit spürte. „Gehen wir morgen wieder in die Bibliothek?“

„Ja. Ich will morgen nach einem Wörterbuch suchen, um das ausländische Buch zu lesen.“

„Dann wird Mokona wieder mitkommen. Auch wenn der Garten ein wenig langweilig ist.“

„Wieso?“ Shaolan warf beim Verlassen des Gebäudes einen Blick auf die Pflanzen, die von dort zu sehen waren.

„Es gibt gar keine bunten Blumen. Alles hat die gleiche Farbe.“

Das stimmte. Alle Pflanzen bestanden aus dunkelgrünen Blättern.

 

„Ich hab den Eindruck, die interessieren sich nicht sonderlich für uns.“ Wieder auf ihrem Zimmer verschränkte Kurogane die Arme vor der Brust, während er gegen die Wand lehnte und flüchtig zum Fenster hinausblickte. Die Sonne war untergegangen und ein gewisser Jemand noch nicht wieder aufgetaucht. Er gab ihm noch zehn Minuten, dann würde er in dieser Stadt keinen Stein mehr auf dem anderen lassen.

„Vielleicht findest du deswegen nichts zu anderen Ländern“, fuhr er fort und sah wieder zu Shaolan, der auf seinem Bett saß und dem Älteren alles, was er bis jetzt in Erfahrung gebracht hatte, erzählt hatte. „Weil sie sich für nichts, was außerhalb ihrer Mauern existiert, interessieren. Kann doch sein.“

„Das wäre eine mögliche Erklärung, aber das empfinde ich als schwer nachvollziehbar.“

„Das überrascht mich nicht.“ Kurogane grinste und wurde zügig wieder ernst. „Ist dir auf dem Weg aufgefallen, ob die Leute hier dir weiter erstaunte Blicke zugeworfen haben?“

Nachdenklich legte Shaolan seine Stirn in Falten. „Mir eigentlich nicht, denke ich. Nur Mokona wurde ein paar Mal fragend angesehen.“ Er schaute auf seine Begleiterin, die auf seinem Bett eingeschlafen war. Er spürte, wie Kurogane mit einem Mal angespannter wurde. „Ist etwas vorgefallen?“

„Das ist ja das Komische. Die haben mich keines Blickes mehr gewürdigt, als ich alleine unterwegs war.“

„Das ist wirklich seltsa-“ Der Junge stockte, als die Augen des Ninjas zur Tür schnellten. Wenige Sekunden später wurde diese geöffnet und Fye trat herein. Kurogane musterte ihn kurz, als wollte er sichergehen, dass alles an dem Magier noch dran war, dann explodierte er:

„Wo zur Hölle hast du gesteckt?!“

Nachdem er sich von dem Schreck erholt hatte, so begrüßt zu werden, lächelte Fye schuldbewusst. „Ich weiß, ich weiß, ich bin ein bisschen spät dran. Ich habe mich in diesen verschlungenen Seitengassen furchtbar verlaufen. Ein wenig Mitleid wäre angebracht!“

„Du hast dich verlaufen?“ Kuroganes Stimme und Miene trieften vor Skepsis. Der Idiot war ein Idiot, aber war er wirklich so idiotisch?

„Nein, furchtbar verlaufen. Das ist ein Unterschied“, entgegnete der Blondschopf theatralisch. „Aber dafür gibt es was zu essen!“ Er hielt eine Tasche mit Lebensmitteln hoch. „Es ist zwar immer schade, wenn ich nichts für euch kochen kann, aber verhungern lasse ich euch trotzdem nicht.“ Beschwingt stellte er die Tasche bei Shaolan ab und reichte ihm daraus etwas, das nach einem kleinen Brot aussah. Der Junge nahm es dankend entgegen. Er hatte Hunger, doch irgendwie wurde die Atmosphäre gerade merklich angespannter.

„Der Markt hat längst zu. Wo hast du das Essen her?“ Kritisch blickte Kurogane zuerst auf das Brot, das der Magier ihm entgegenhielt und dann auf den Magier.

Dieser schluckte und für den Bruchteil eines Augenaufschlags wirkte er merkwürdig verunsichert. „Was? Glaubst du, ich wäre irgendwo eingebrochen und hätte es geklaut? So schlimm ist unsere finanzielle Lage noch nicht, Kuro-rin.“ Als die Miene des Schwarzhaarigen sich nicht aufhellte, schüttelte Fye den Kopf und lächelte. „Oje, oje, du alter Kuro-Skeptiker. Die Inhaber einer Bäckerei haben mir den Weg zum Gasthaus gezeigt und mir die unverkauften Reste des Tages mitgegeben. Andere Leute wissen meinen Charme eben zu schätzen.“

Shaolan sah zwischen den beiden Erwachsenen, die sich ein Anstarrduell lieferten, hin und her. Fye hatte keinen Grund, sie wegen irgendetwas anzulügen, aber Kurogane wiederum hatte einen siebten Sinn, wenn es um den Magier ging.

„Vielen Dank für das Essen, Fye-san“, blubberte er daher leicht hilflos dazwischen. „Ist dir aufgefallen, ob die Bewohner dieser Stadt dich seltsam angesehen haben?“

„Hm?“ Fye wandte sich ihm zu. „Ja. Das geht doch schon den ganzen Tag so, dass sie uns so ansta-… habe ich etwas verpasst?“ Er bemerkte die alarmierten Gesichter der beiden anderen.

„Kleiner, wenn die Leute hier keine Magie kennen, dann spüren sie doch auch nicht, wenn der Magier ein Magier ist, oder?“

„Das ist unmöglich. Nur Wesen, die selbst über Zauberkräfte verfügen, können diese auch spüren. Kurogane-san und ich wurden von der Bevölkerung quasi ignoriert“, erklärte Shaolan zunehmend aufgeregter in Fyes Richtung.

„Verstehe.“ Der Blonde fasste sich mit einer Hand ans Kinn. „Es gibt hier keine Magie, da bin ich mir absolut sicher.“ Er sah in die Gesichter seiner Gefährten und schüttelte ganz sacht den Kopf. „Kuro-ron, wirken die Leute hier irgendwie feindselig auf dich?“

„Nein“, brummte er.

„Shaolan-kun, hast du einen Hinweis dazu gefunden, dass es hier irgendein Geheimnis oder eine Verschwörung geben könnte?“

„Bisher nicht ...“

„Also!“ Fye klatschte in die Hände. „Kommt mal wieder runter. Was auch immer es ist, weswegen die Leute starren, es wird schon nichts Schlimmes sein. Kuro-pon, du steckst den Jungen mit deiner Paranoia an. Das ist nicht in Ordnung.“

„Du bist auffallend entspannt“, widersprach der Ninja.

„Einer muss ja einen kühlen Kopf bewahren – und das in dieser Hitze. Sag mir lieber, ob du etwas gefunden hast, um unsere Haushaltskasse aufzubessern.“

„Ja.“ Er wiederholte das Brummen von vorhin. „Auf einer Baustelle. Ich muss früh raus.“

„So?“, hakte Fye hörbar erfreut nach. „Auf dich ist doch Verlass! Ich habe auch etwas in Aussicht.“

„Wo?“

„In einer Töpferei. Ich habe null Talent dazu, aber ich soll auch nur beim Glasieren und Aufräumen helfen.“

„Wie willst du den Laden wiederfinden, wenn du dich auf dem Rückweg verlaufen hast?“

„Ich bin immer noch nicht ganz dumm“, erwiderte Fye gespielt empört.

„Nimm den Klops mit.“

„Nein, mir ist es lieber, Mokona bleibt bei Shaolan.“

„Warum?“

Fye entglitten die Gesichtszüge und er starrte den Anderen sprachlos an, bevor er mit beiden Armen abwinkte. „Jetzt ist es genug, Kuro-sama. Ich habe das Gefühl, du willst mich bevormunden. Es ist viel zu spät und viel zu warm, um solche Diskussionen zu führen.“ Demonstrativ schritt er zu seinem eigenen Bett, zog seine Schuhe aus, ließ sich darauf nieder und zog die Bettdecke bis zu seinem Kinn hoch. „Gute Nacht!“, fügte er unterkühlt an. „Gute Nacht, Shaolan-kun.“ Dieser letzte Satz klang um Längen warmherziger.

Kurogane gab ein unzufriedenes Knurren von sich, fuhr Shaolan im Vorbeigehen über den Kopf und legte sich selbst hin. Als er sich zu Fye drehte, drehte dieser sich eingeschnappt in die andere Richtung. Nach einem weiteren Knurren wurde es mucksmäuschenstill in dem vom sehr hellen Mondlicht erleuchteten Zimmer.

„Gute Nacht“, flüsterte Shaolan in die unangenehme Stille hinein. Er hasste es, wenn sie sich stritten.

 

Das konnte doch nicht sein!

Fye wollte vor Frust am liebsten in das dünne Laken beißen. Das war nicht normal! Er hatte sich völlig normal benommen, wie konnte Kurogane dann den Braten riechen??

Hatte er sich zu normal benommen?

Gab es so etwas wie sich zu normal zu benehmen?

Wahrscheinlich hatte der Fehler darin gelegen, dass er so spät nach Hause gekommen war. Er hatte wahrgenommen, dass die Sonne dabei war unterzugehen, doch er hatte sich nicht von seinem Gesprächspartner loseisen können – oder wollen.

Selbstverständlich war es ihm klar, dass das nicht sein Ashura war, aber … es war ein Ashura. Er hatte seine herzliche Art, seine freundliche Stimme, sein bezauberndes Lächeln. Und das alles ohne einen Kriegerdämon im Hintergrund, der durch das Unglück der Zwillinge heraufbeschworen worden war und von ihm getötet werden wollte.

Fye biss sich mit voller Wucht auf die Lippen. Die Tränen brannten bereits in seinen Augen und wenn auch nur der leise Hauch eines Schluchzens über seine Lippen käme, würde Kurogane wahrscheinlich aufspringen.

Er wollte ihn nicht belügen. Er war fest entschlossen, ihm die Wahrheit zu sagen – später. Wenn er ihm jetzt schon davon erzählen würde, dass es in dieser Welt jemanden mit der Seele von König Ashura gab, würde Kurogane vielleicht verlangen, dass er ihn nicht wiedersah. Doch wenigstens noch ein Mal, noch ein einziges Mal wollte er Ashura aufsuchen und ihn sehen, ihn hören, in seiner Nähe sein. Nur noch ein einziges Mal sich der Illusion hingeben, das wäre sein Ashura. Dann würde er Kurogane beichten, ihm begegnet zu sein. Kurogane würde sehen, dass alles in Ordnung war und ihn nicht mehr für dermaßen zerbrechlich halten.

Die nackte Panik hatte ihn zuvor überkommen, als er endlich realisiert hatte, dass es draußen bereits dunkel geworden war. Der Ashura dieser Welt hatte ihm nach seinem Sturz aufgeholfen und ihn zu sich in die Töpferei gebeten, um sicher zu gehen, dass der Besucher sich auch wirklich nicht verletzt hatte. (So verwirrt wie Fye gewirkt haben musste, hatte ihn das nicht gewundert.) Ashura hatte gesagt, dass er noch nie so einen besonderen Gast gehabt hätte und Fye war von der gesamten Situation derart überfordert gewesen, dass er sich wieder wie ein kleines Kind gefühlt hatte. Übernervös und schüchtern hatte er angefangen, dem dunkelhaarigen Mann Fragen zu seinen Töpferwaren zu stellen und ach ja, einen Job suchte er auch noch.

Als ihm bewusst geworden war, wie spät es schon war, war der Magier aufgesprungen und hatte sich übereilt verabschieden wollen und Ashura hatte ihm – sozusagen als Wiedergutmachung für den Sturz über sein Schild – etwas zu essen mitgegeben. Während Fye in das Gasthaus zurückgeeilt war (natürlich kannte er den Weg noch), hatte er sich nicht einmal eine Lüge zurechtgelegt. Sein Kopf war einzig und allein von den Gedanken beherrscht gewesen, dass er Ashura unbedingt wiedersehen wollte – und dass Kurogane dies noch nicht erfahren sollte.

Ab da hatte sich in Fye ein Automatismus in Gang gesetzt, der ihn selbst erschreckte. Er musste nicht über die Lügen nachdenken, sie sprudelten einfach aus ihm heraus. Als würde er gar nicht aktiv an dem Gespräch teilnehmen, sondern nur danebenstehen und sich kopfschüttelnd fragend, was der blonde Wirrkopf da tat und ob er nicht wusste, dass er dies nicht tun sollte. Nicht durfte, weil es denjenigen, den er über alles liebte, verletzte. Es war kein Wunder, dass Kurogane so misstrauisch war. Er hatte jeden Grund dazu.

Es tat ihm schrecklich leid, so eine Show abgezogen zu haben. Aber er würde es ihm am morgigen Abend erklären. Er würde vollkommen ehrlich sein. Damit Kurogane ihn am Ende nicht doch noch aufgab.

Fye stellte fest, dass die Tränen, die er mit Gewalt zurückgehalten hatte, wieder getrocknet waren. Er schob das Betttuch ein wenig von sich und fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

„Trottel“, murmelte Kurogane, als er mit den ersten Sonnenstrahlen aufstand und bemerkte, dass Fye das Laken komplett weggestrampelt hatte. Die Nacht war recht frisch gewesen und der Holzkopf holte sich noch eine Erkältung, wenn er ohne Decke schlief. Er deckte ihn wieder zu und seufzte. Dann bemerkte er zwei Augen auf sich, oder vielmehr zwei Augenschlitze.

„Nicht traurig sein“, jaulte Mokona leise.

„Wer hat gesagt, dass ich traurig bin?“

„Du musst es nicht sagen.“

Der Anblick ihrer herabhängenden Ohren ließ ihn von neuem seufzen. Ohne ein Geräusch zu machen und die beiden anderen zu wecken, schritt Kurogane zu Shaolans Bett und fuhr der darauf stehenden Mokona in der gleichen Weise, wie er es am Abend zuvor bei dem Jungen gemacht hatte, über den Kopf.

„Pass du heute wieder auf den Bengel auf. Der Magier behauptet, er könne auf sich selber aufpassen.“

„Wer passt auf Papa auf?“

Der Ninja stutzte kurz, ehe er grinste. „Ich bin es gewohnt, auf mich selbst aufzupassen.“

 

Vor dem Gasthaus warf Fye sich an der Quelle eine große Ladung Wasser ins Gesicht.

„Ist es heute ernsthaft noch heißer als gestern?“

Verwundert blickte Shaolan von ihm zur Sonne am Himmel hinauf und wieder zurück zu seinem Kameraden. In Clow hatte er sich nie so stark beschwert. „Findest du? Es kommt mir gar nicht so vor.“

Fye schüttelte seine nun triefnassen Haarspitzen und machte ein gequältes Gesicht. „Ich werde nie verstehen, wie du es in einem Wüstenland aushältst, Shaolan-kun.“

Der Junge lächelte verlegen und begann, herumzudrucksen:

„Ah, Fye-san, wegen gestern Abend …“

Der Magier schreckte ein wenig zusammen. „Tut mir leid, dass du das mitbekommen hast.“

„Nein, das … das ist es nicht. Du weißt noch, was du uns versprochen hast, oder?“

Die blauen Augen seines Gegenübers weiteten sich und wurden von Bedauern überkommen. „Ich bin wirklich ein furchtbarer Mensch. Du glaubst direkt, ich würde irgendwelche Sorgen vor euch verbergen?“

„Du bist kein furchtbarer Mensch! Aber …“ Shaolan wusste nicht, wie er es ausdrücken sollte, dass Fye so wirkte, als würde er etwas vor ihnen verheimlichen.

„Ah, ich weiß etwas. Mokona, komm mal her.“ Fye hielt seine Arme auf und das Wollknäuel sprang hinein. „Bin ich besorgt? Oder traurig?“

„Hmmm ...“ Mokona grübelte heftig. „Nein, eher … aufgeregt.“

„Bei der ganzen Aufregung ist das kein Wunder.“ Fye lachte und tätschelte ihr Köpfchen. „Der Punkt ist: Mir geht es gut. Ich werde heute Abend mit Kuro-sama reden. Ganz vernünftig und ruhig. Wie klingt das?“

Sichtlich erleichtert nickte Shaolan. Er nahm Mokona von neuem entgegen und nach dem Hinweis, dass Fye viel trinken und sich im Schatten aufhalten sollte, da er das Klima nicht so gut zu vertragen schien, verabschiedeten sie sich voneinander.

Wieder in der Bibliothek fragte Shaolan umgehend nach einem Wörterbuch zu der Sprache, die er am Vortag zu entziffern versucht hatte.

„Wörterbücher?“ Der Angestellte kratzte sich am Hinterkopf. „Ja, wir hatten mal eins. Ob das noch hier steht?“ Er war selbst überrascht, es in einem der Regale zu finden. Eine ultra dicke Staubschicht hatte sich auf dem uralten, auseinanderfallenden Buch angesammelt. Shaolan wusste, sein Gedanke war seltsam, aber er hatte Mitleid mit dem verwahrlosten, unbeachteten Wörterbuch. Kuroganes Theorie schien sich mehr und mehr zu bewahrheiten. Ein Land, das sich nicht für andere Länder interessierte, interessierte sich auch nicht für deren Sprachen.

Engagiert setzte der Junge sich zusammen mit Mokona, dem ausländischen Buch und dem Wörterbuch an einen Tisch und begann, die Schriftzeichen des Titels nachzuschlagen.

 

Zielsicher steuerte Fye die Seitengasse an, in der sich die Töpferei befand. Sein Herz überschlug sich gerade aus zwei Gründen: Erstens, der Umstand, Ashura wiederzusehen und mit ihm ein wenig Zeit zu verbringen; zweitens, der Umstand, sich vollkommen bewusst zu sein, wie falsch es war, es den anderen nicht gesagt zu haben. Doch jetzt war es zu spät. Er konnte nur noch darauf hoffen, dass sie es verstehen würden, dass sie ihn verstehen würden und ihm glaubten, dass er sie nicht hatte anlügen wollen.

Aber er hatte es trotzdem getan.

Fye schluckte und versuchte, ruhig zu atmen.

Wenn er von sich selbst schon so enttäuscht war, wie sehr würden sie es dann sein?

War er vielleicht wirklich ein hoffnungsloser Fall?

Verunsichert blieb er vor der Töpferei stehen.

Es gab noch die Möglichkeit, umzudrehen und seine Lüge damit nicht noch schlimmer zu machen. Es gab auch die Möglichkeit, umzudrehen und ihnen gar nichts hiervon zu erzählen.

Die Tür ging auf und er hielt unbewusst den Atem an.

„Ah, Fye, da bist du ja“, begrüßte Ashura ihn freundlich und der Magier hatte das Gefühl, sein Herz wurde gleich aus seinem Brustkorb herausspringen. Wie sehr er sich danach gesehnt hatte, diese Stimme noch einmal zu hören! Noch einmal zu hören, wie diese Stimme ihn ansprach! Gleichzeitig zog sich alles in ihm zusammen, weil er vor seinem inneren Auge an die letzten Momente seines Ashuras denken musste. Damals, in Ceres, als sein Ashura dieses furchtbare Ende gefunden hatte und er selbst einfach nur nutzlos gewesen war.

Sah man es so, hatte er womöglich gar kein Recht, mit diesem Ashura so ungezwungen zu sprechen.

Der Ashura dieser Welt sah ihn derweil mit bewundernden Augen an. „Wie die Sonne auf deinen Haaren glitzert … etwas Derartiges habe ich noch nie gesehen. Es ist wunderschön.“

„So?“ Fye lächelte (zum Teil aufrichtig, zum Teil schuldbewusst) und zupfte zum wiederholten Mal an seiner Kleidung, um mehr Luft an sich zu lassen. Vielleicht gab es einen dritten Grund für sein Herzrasen: diese verdammte Hitze. Sie war heute in der Tat noch viel, viel schlimmer als gestern. Selbst in der Nacht war es ja kaum abgekühlt.

Ashura trat beiseite und signalisierte ihm, einzutreten.

Ich werde es Kuro-sama später erklären. Sobald ich wieder im Gasthaus bin, werde ich es ihm auf der Stelle erklären.

Mit schnellen Schritten, als hätte er Angst, entdeckt zu werden, huschte Fye in das kleine Gebäude.

 

„Hmm …“ Angestrengt starrte Shaolan auf das Zeichen, das er einfach nicht finden wollte. Die Benutzung des Wörterbuchs war recht einfach; man musste nur herausfinden, was das Hauptzeichen eines Buchstabens war und dann die Liste aller Zeichen, in denen dieses vorkam, durchgehen.

„Willst du eine Pause machen?“, fragte Mokona aufmunternd. Sie saß die ganze Zeit schon neben ihm auf dem Tisch und versuchte zu helfen.

„Noch nicht. Ich will unbedingt erst noch wissen, was dieses Zeichen bedeutet. Es steht in diesem Kapitel als Überschrift und kommt auch auffallend häufig im Text vor.“

Die Geschichte des Landes Phaeton“ war der Titel des Buchs, das Shaolan seit Stunden zu entziffern versuchte. Er konnte nicht jedes Schriftzeichen nachschlagen, denn dann würde er niemals damit fertig werden, doch er besah sich die Überschriften jedes Kapitels und pickte einzelne Abschnitte aus den Texten heraus. Das Land hatte südlich von Helios gelegen und war, nach dem was er verstand, ein sehr wohlhabender Staat gewesen, der mit vielen Ländern Handel betrieben hatte. Der Verfasser des Werks erwähnte im Vorwort, dass er vermutete, der Letzte zu sein, der von seinem Volk noch übrig war. Das Unheil, das aus dem Nichts über sie gekommen war, hatte in ihrem Land und den Nachbarländern gewütet und nur wenige, die so waren wie er, hatten sich nach Helios oder in dessen Umgebung retten können. Da die Leute hier jedoch nicht an den Geschehnissen von außerhalb interessiert waren (Kurogane hatte also Recht), befürchtete er, dass die schlimmen Ereignisse in Vergessenheit geraten könnten.

In Shaolan zog sich grundsätzlich alles zusammen, wenn er von „Unheil“ und „schlimmen Ereignissen“ hörte oder las. War es am Ende doch eine Feder gewesen?

„Ist es das?“ Mokona tippte mit ihrer Pfote auf eine Stelle im Wörterbuch und holte ihn so aus seinen Gedanken. Sie hatte im Alleingang darin geblättert und ein kleineres Zeichen als das Hauptzeichen des Buchstabens ausfindig gemacht. Aufgeregt besah er es sich näher.

„Ja! Das ist es!“ Er streichelte mit einer Hand ihren Kopf und erstarrte, als er die Übersetzung las. „Tod?“

Mit einem unguten Gefühl im Magen begann er, nach dem nächsten Schriftzeichen zu suchen.

 

'Krach!'

„Fye!“ Ashura sprang auf und hielt den schwankenden Blonden fest, der beinahe umgekippt wäre. „Ist alles in Ordnung?“

„Ja ...“ Der Magier wischte sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn. „Tut mir leid, ich habe das Tablett mit den fertigen Waren fallen gelassen ...“

„Das ist nicht so tragisch.“ Ashura lächelte mitleidsvoll und geleitete ihm zu der Sitzbank, die in seiner Werkstatt stand und auf der sie sich am Vortag so lange unterhalten hatten. Die letzten Stunden hatte Ashura ihm die Abläufe seiner Arbeit erklärt und sich sichtlich darüber gefreut, dass Fye alles, was er sagte, wie ein Schwamm aufzusaugen schien. Nach ein paar Versuchen hatte er es auch raus gehabt, wie man die Tonwaren in die Glasur tauchte, ohne Blasen daran entstehen zu lassen oder sie in der Wanne mit der Glasur zu verlieren. Doch obwohl er sich den ganzen Tag drinnen aufgehalten hatte und die Häuser hier so gebaut waren, dass es im Inneren merklich kühler war als draußen, war ihm heißer und heißer geworden. Schließlich hatte ihn plötzlich ein Schwindelanfall überkommen.

„Möchtest du noch etwas Wasser?“ Ashura hatte den Krug und den Becher schon in der Hand.

„Ja ... bitte.“

 

Tod durch Sonne?

Shaolan schüttelte den Kopf. Hatte er das richtig übersetzt? Zuerst, das entnahm er dem Buch vor sich, hatte es wohl die Pflanzen betroffen. Von einem auf den anderen Tag waren sie alle eingegangen. Die Menschen hatte es wenige Tage später getroffen. Es war immer ein warmes Land gewesen, doch, so schrieb es der Verfasser, war es innerhalb kürzester Zeit wärmer und wärmer geworden. Hilflos hatte er zusehen müssen, wie der Tod durch die Sonne einen nach dem anderen dahinraffte. Seine Frau war wie die anderen ihrer Art innerhalb von drei Tagen tot gewesen. Auch seine Kinder, die nach ihr gekommen waren, waren nicht verschont geblieben.

Die Wirtschaftskrise und die Zuwanderungswelle; das war ihr Ursprung gewesen. Anscheinend hatte eine Epidemie dort gewütet und die Überlebenden waren hierher geflohen. Aber … eine Epidemie, die zuerst Pflanzen und dann Menschen befiel? Shaolan kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Und nur gewisse Menschen? Vielleicht hatte er etwas missverstanden. Ungeduldig blätterte er weiter.

Die Bewohner der betroffenen Länder hatten selbst keine Erklärung dafür, was geschehen war. Die Sonne musste sich verändert haben und nun verbrannte sie die Menschen innerlich. Der Junge schluckte bei diesen Sätzen. Was für eine grausame Vorstellung das war. Zunehmend fahriger fuhren seine Finger die Listen im Wörterbuch entlang. „Symptom“, las er und suchte hastig nach dem nächsten Zeichen.

 

Irgendetwas stimmte nicht.

Fye fühlte mit seiner eigenen Hand gegen seine schweißnasse Stirn. Hatte er Fieber? Er hatte innerhalb von Minuten plötzlich seine gesamte Kleidung durchgeschwitzt. Die Symptome eines normalen Hitzschlags waren anders. Darüber hatte er sich bei ihrem zweiten Besuch in Hanshin schlau gemacht (oder vielmehr hatte Sorata ein Handpuppentheaterstück zu diesem Thema aufgeführt, weil es wohl zu dieser Zeit ein akutes Problem dort gewesen war und er nicht wollte, dass den Reisenden etwas passierte).

Die Sicht vor seinen Augen verschwamm. Es war auch egal, wie viel Wasser er trank, er wurde das Gefühl nicht los, komplett ausgetrocknet zu sein.

„Du siehst gar nicht gut aus“, sagte Ashura besorgt. „Soll ich dich zu deinen Gefährten bringen?“ Die Adresse des Gasthauses hatte er von der Arbeitserlaubnis, die Fye ihm vorgezeigt hatte. Kurogane würde noch nicht zurück sein, er würde also nicht in ihn hineinrennen.

Schwach nickte der Magier. „Bitte.“

 

War die mysteriöse Krankheit so etwas wie ein Fieber?

Das schlussfolgerte Shaolan aus den wenigen Wörtern, die er lesen konnte. Ein Fieber, das durch die Strahlung der Sonne verursacht wurde? Das Wörterbuch ließ ihn an dieser essentiellen Stelle im Stich. Es gab ihm als Übersetzung des Zeichens die Umschreibung „Krankheit, bei der der Körper sehr heiß wird.“ Hatte dieses Land kein Wort für Fieber? Zudem ärgerte es Shaolan, dass er ein weiteres Wort die ganze Zeit nicht finden konnte. Er hatte die starke Vermutung, dass dieses Wort ihm Aufschluss darüber geben könnte, wer von dieser Krankheit befallen worden war. Allerdings war der einzige Eintrag, den er dazu im Wörterbuch gefunden hatte, das Wort „hell“ gewesen. Das gab keinen Sinn.

Immerhin hatte er einige der Symptome entschlüsseln können. Die Betroffenen klagten über Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schwächeanfälle und einen unstillbaren Durst, bevor sie innerhalb von drei Tagen nach dem Auftreten der ersten Symptome verstarben.

Mit plötzlich geweiteten Augen hielt Shaolan inne.

Das …

Er erschrak Mokona fast zu Tode, als er schlagartig aufsprang. Sein rastloser Blick schnellte zu den Pflanzen draußen vor dem Fenster. Sie waren alle dunkelgrün. Es gab keine hellen Blüten, keine andersfarbigen Gewächse. Seine Augen rasten zu den anderen Menschen, die sich in der Bibliothek aufhielten. Sie alle …. Moment, wie war es gestern und heute auf dem Weg hierher gewesen? Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, da es bis eben nicht wichtig gewesen war.

„Mokona!“, rief er geradezu panisch aus. „Hast du in dieser Welt bisher auch nur einen Menschen mit hellen Haaren gesehen??“

 

Nur eine Sekunde, nachdem Mokona verängstigt „Ich glaube nicht“ geantwortet hatte, hatte Shaolan sie geschnappt und war in Windeseile aus der Bibliothek gestürmt.

Vielleicht lag er falsch, vielleicht lag er falsch, wiederholte er wie ein panisches Mantra in seinem Kopf.

Aber alles passte zusammen. Fyes Klagen über die Hitze, die sonst keiner von ihnen verspürte, die seltsamen Blicke, die sie kassiert hatten, der dunkelhaarige Yukito …. Er besah sich im Laufen die Passanten und tatsächlich besaßen sie alle dunkle Haare. Es gab keinen einzigen Menschen mit blonden Haaren. Sie waren es gewesen, die von der Strahlung der Sonne dahingerafft worden waren. Nur der dunkelhaarige Teil der Bevölkerung hatte überlebt und sich hier niedergelassen, wo man weder die Wörter für Fieber noch für blond kannte, weil scheinbar keins von beidem hier je existiert hatte.

Shaolan wusste nicht einmal, wohin er genau laufen sollte. Fye hatte ihm lediglich die Richtung gezeigt, in der die Töpferei lag.

Vielleicht lag er falsch, vielleicht lag er falsch -

Abrupt blieb er auf der Hauptstraße stehen. Sein Herz setzte kurz aus, als die Gewissheit, nicht falsch zu liegen, ihn wie ein Schlag ins Gesicht traf.

„FYE!“, schrie Mokona erschrocken, als sie den gesuchten Kameraden bewusstlos in den Armen eines Mannes erblickte, der ihr verdächtig bekannt vorkam.

„Gehört ihr zu ihm?“, fragte der Mann atemlos. „Er hat plötzlich das Bewusstsein verloren.“

„Ja.“ Shaolan schüttelte den Schock, den er gerade erlitten hatte, so gut es ging ab. Das vor ihnen war jemand mit der gleichen Seele wie König Ashura. Es erklärte Fyes merkwürdiges Verhalten vom Vortag. Beherzt streckte Shaolan eine Hand nach Fyes Stirn aus, um dort seine Temperatur zu fühlen (er konnte ehrlich nicht sagen, wie oft der Magier dies schon bei ihm getan hatte).

Er war glühend heiß.

„Er hat hohes Fieber!“

Während Mokona ängstlich jaulte, runzelte Ashura überfragt die Stirn.

„Was … was bedeutet das?“

Sie kannten nicht nur das Wort nicht. Auch das Konzept war ihnen fremd.

„Er ist sehr krank!“, beeilte sich Shaolan zu erklären. „Er braucht ...“ Er stoppte jäh. Auch ein Arzt würde das Konzept nicht kennen. Was sollten sie tun?

„Bitte, können Sie mir helfen und ihn auf unser Zimmer tragen?“

Ashura nickte und gemeinsam rannten sie die letzten Meter zum Gasthaus zurück. Shaolan füllte draußen einen großen Krug mit dem kalten Wasser aus der Quelle.

„Mokona, kannst du irgendwie Kurogane finden?“

Zitternd zappelte das auf den Boden gesprungene Wesen hin und her. „Ich weiß nicht, wo sein Arbeitsplatz ist. Ich kann ihn suchen, aber das wird bestimmt lange dauern!“

„Gehört er auch zu eurer Gruppe?“, hakte Ashura nach. „Dann wissen die Aufseher, wo er arbeitet. Wenn man jemanden einstellt, muss man ihnen das melden.“

Shaolan spürte wie sich zu seiner Panik blanke Wut gesellte. Sie dokumentierten jeden Mist, aber alles, was sie nicht betraf, vergaßen sie gnadenlos. Er schluckte seine Wut hinunter, denn er musste einen kühlen Kopf bewahren. „Sind die Aufseher immer auf der Hauptstraße?“

Ashura nickte von neuem und dieses Mal hüpfte Mokona mit großen Sprüngen augenblicklich los.

 

Das hektische, schwere Poltern, das er vernahm, ließ Shaolan umgehend noch angespannter werden, als er es sowieso schon war. Nur einen Augenblick später riss Kurogane die Tür auf und preschte ins Zimmer, wo der Junge nach bestem Wissen kalte Bandagen um Fyes Gelenke gewickelt hatte.

„Was ist verdammt nochmal passiert?!“ Kurogane schnaufte vor Zorn und Hast. Sein ungläubiger Blick verweilte lange auf der bewusstlosen Gestalt des Magiers, ehe er zu dem Jungen schnellte. Hinter ihm trafen Toya und Yukito (mit Mokona auf der Schulter) ein.

„Ich glaube, Fye ist krank“, begann Shaolan und erschrak bei dem entsetzten Gesicht, das Kurogane daraufhin machte.

„Was soll das heißen??“

„Er hat sehr hohes Fieber.“

„Heute Morgen hatte er das noch nicht! Was zum Teufel ist in der Zwischenzeit passiert??“ Aufgebracht landete sein Blick von neuem auf dem schwerfällig atmenden Magier.

„Das stimmt“, äußerte Mokona bekümmert. „Heute Morgen hat er sich noch nicht so schrecklich heiß angefühlt.“

„Ihm wurde schwindelig“, ertönte da eine Stimme hinter den Aufsehern. „Und dann klappte er zusammen.“ Ashura, der frisches Wasser geholt hatte, stellte den Krug im Zimmer ab.

Shaolan bekam gerade so noch mit, wie Kuroganes Augen größer wurden, bevor er sich blitzschnell zu dem gerade Eingetroffenen umdrehte.

„Du ….“ Sein ganzer Körper bebte vor Zorn. „DU!“ Er ging auf Ashura los und packte ihn mit beiden Händen an seinem Kragen. „Hast du etwas damit zu tun?! Hast du etwas mit ihm gemacht?!“

„Hey!“ Toya versuchte unverzüglich, den Ninja von dem Stadtbewohner wegzureißen, doch der Fremde war stärker.

Obwohl er so grob angegangen wurde, blieb Ashura seelenruhig. „Ich habe ihm nichts getan. Warum sollte ich?“

„Kurogane-san!“ Shaolan war an seine Seite geeilt. „Er hat nichts damit zu tun. Ich habe in einem Buch etwas von einer Krankheit gelesen, die anscheinend von der Sonne verursacht wird.“

Unbeeindruckt hielt Kurogane den langhaarigen Mann fest. „Von der Sonne?! Was für ein Schwachsi-“

„Nein“, der Junge schüttelte energisch den Kopf, „sieh aus dem Fenster. Es gibt in diesem Land oder vermutlich sogar in dieser gesamten Welt keine blonden Menschen. Die Sonne dieser Welt scheint eine für sie gefährliche Strahlung zu besitzen.“

Ashura immer noch nicht loslassend, drehte Kurogane hastig seinen Kopf zum Fenster. Er konnte von hier auf die stark frequentierte Hauptstraße sehen und – tatsächlich. Unter so vielen Menschen gab es keinen einzigen mit blonden Haaren. Jetzt, wo er darüber nachdachte, fiel ihm ebenso auf, dass ihm hier auch sonst nirgends ein hellhaariger Mensch begegnet war. Selbst der Yukito dieser Welt war dunkelhaarig ….

Mit einem fassungslos gewordenen Blick ließ er von Ashura ab und wandte sich Fye zu. „Das kann doch nicht … das ist … du willst mir ehrlich sagen, dass seine Haarfarbe ihn krank macht??“

„Na ja, nicht direkt. Es muss etwas mit der Sonne zu tun haben. Er reagiert auf sie anders als wir.“

Kuroganes Augen schnellten zu Mokona. „Hey, Klops, was ist mit dir?“

„Mir?“ Mokona blinzelte.

„Fühlst du dich gut?“

„Ja … bei mir ist alles so wie immer.“

„Vielleicht ist Mokona nicht betroffen, weil sie ein magisches Wesen ist. Oder weil ihr Fell die Strahlung abhält“, mutmaßte Shaolan und Kurogane atmete kurz aus. Seine Unruhe allerdings war immer noch greifbar.

„Warum habt ihr Flachpfeifen uns nicht davor gewarnt, als wir angekommen sind?!“, richtete er wütend an Toya und Yukito.

„Gewarnt? Wir hören zum ersten Mal von irgendeiner Sonnenkrankheit“, gab Toya zurück.

„Sie wissen nichts darüber“, warf Shaolan ein, als er sah, wie der Ninja kurz davor war, den beiden an den Kragen zu gehen. „Das Volk dieses Landes hat wahrscheinlich vergessen, dass es diese Krankheit – oder blonde Menschen – gibt. Erinnerst du dich an die Registrierung? Sie hatten angenommen, Fye sei kein Mensch. Weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass Menschen blond sein könnten.“

„VERGESSEN?!“ Kurogane ballte seine Hände zu Fäusten. „In was für einem kranken Land sind wir hier gelandet?!“

„Ich verstehe das alles nicht so richtig“, hauchte Ashura erschüttert. „Seine Haarfarbe ist so besonders, so schön und sie soll der Grund sein, dass er sich schlecht fühlt?“

„Okay, jetzt, wo wir wissen, warum er hohes Fieber hat“, ignorierte Kurogane Ashuras Einwurf, „was machen wir dagegen? Gibt es hier Ärzte? Medizin?“ Er bemerkte Shaolans verkniffenes Gesicht. „Was?“

Der Brünette sah zu den Aufsehern. „Hat einer von euch schon einmal den Begriff 'Fieber' gehört?“

Der Ninja stutzte, als er diese Frage hörte. Was sollte das denn? Wer wusste denn nicht, was Fie-

„Fieber?“, hakte Yukito verwirrt nach.

„Die Krankheit, bei der der Körper sehr heiß wird.“

„Ah“, machte der Brillenträger, „davon hat meine Großmutter einmal erzählt. Aber Genaueres weiß ich darüber nicht. Leidet er daran? Ist das gefährlich? Es klingt ganz danach.“

„Das ist gefährlich!“, rief Mokona aus. „Sehr gefährlich! Fye braucht ganz, ganz dringend Hilfe!“

Shaolans hilfloser und Kuroganes entsetzter Blick trafen sich. Sie mussten nicht aussprechen, was sie dachten:

Sie wissen nicht, was das ist – dann wissen sie auch nicht, was man dagegen tut.

„Wir müssen Fye-san hier wegbringen. Solange er in dieser Welt ist, ist er der Strahlung schutzlos ausgeliefert. Aber nur ein Ortswechsel allein wird ihn nicht gesund machen.“

„Und wenn wir in einer Welt landen, die noch gefährlicher ist? Oder in einer, wo man ihm nicht helfen kann?“ Mokona standen bereits dicke Tränen in den Augenwinkeln.

„Wir können auf keinen Fall hier bleiben“, sagte Shaolan ernst und Mokona blickte ratsuchend zu Kurogane.

„Wollknäuel, los!“ Der Ninja schritt eilig zu Fye und hob ihn vom Bett hoch. Erschrocken erstarrte er für einen Augenblick. Der Körper des Anderen strahlte eine glühende Hitze aus. Er war schweißgebadet und schien kaum vernünftig Luft zu bekommen. Die Hände des Schwarzhaarigen verkrampften sich um ihn. Es war nicht normal, dass ihm so etwas ständig passierte. Es war nicht seine Schuld, das war ihm auch klar, aber … Kurogane wollte auf irgendjemanden wütend sein, seine Wut an irgendjemanden auslassen. Wer war schuld daran, dass der Magier in diese Gefahr geraten war?

Er fühlte, wie der Anblick des Mannes in seinen Armen sein Herz sich panisch überschlagen ließ.

Die Schuldfrage war nicht wichtig. Dass der Wirrkopf nicht starb, war das einzig Wichtige im Moment. Er durfte nicht sterben. Kurogane hatte geschworen, das nicht zu zulassen.

Er drückte den bewusstlosen, heißen Körper fest gegen seinen, als Mokonas den Ortswechsel ankündigender Zirkel aufleuchtete und ihre Flügel wuchsen. Toya, Yukito und Ashura machten perplex einen Schritt zurück.

„Bitte“, rief Shaolan flehentlich in Richtung der Einheimischen, „notiert ausführlich, was hier geschehen ist und sorgt dafür, dass es nicht wieder in Vergessenheit gerät. Bitte fangt an, euch für die Länder außerhalb eurer Mauern zu interessieren. Das ist wichtig, bitte!“ Er konnte ein zaghaftes Nicken seitens Ashura ausmachen, bevor sie aus dieser Welt teleportiert wurden.

Ein Bekenntnis der Liebe

Sie kamen aus geringer Höhe auf dem Boden auf und sogleich sprang Mokona beunruhigt in Shaolans Arme.

„War das zu fest? Ist alles in Ordnung?“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Sorge. Der Junge hatte schon länger die Vermutung, dass die Landungen sehr von Mokonas Gemütszustand abhingen. Eilig ging sein Blick zu Kurogane, der Fye fest im Arm hielt.

„Ist nichts weiter passiert“, antwortete der Ninja. „Wo sind wir gelandet?“

Die schmale, dunkle Seitengasse wurde zu beiden Seiten von Hochhäusern eingerahmt, sodass kaum Licht in sie fiel. Dafür drang ein übler Gestank in ihre Nasen. Eine Mischung aus schon zu lange herumliegendem Müll und Abgasen.

Der ekelerregende Geruch war nicht der Grund, warum sich Kuroganes Magen umzudrehen begann.

„Wartet hier.“

Den ohnmächtigen, schwer atmenden Magier nach wie vor auf dem Arm tragend, begab er sich im Laufschritt zum Eingang der Gasse. Hinter ihnen war nur eine Sackgasse und von vorne ertönte der Krach einer stark befahrenen Straße. Tatsächlich kam er am anderen Ende an einer ohrenbetäubenden Hauptverkehrsstraße heraus. Dahinter erstreckten sich mehrere hässliche Hochhäuser. Grobe, gräuliche Betonzweckbauten, die bereits bessere Jahre gesehen hatten.

Vor allem hatte Kurogane sie schon einmal gesehen.

„Scheiße“, entfuhr es ihm und obwohl er Shaolan befohlen hatte, zurückzubleiben, tauchte der Junge samt Mokona neben ihm auf.

„Ist das …“, hauchte er fassungslos, „Infinity?“

Was war nun los, dass sie ständig in Welten landeten, die nichts außer furchtbaren Erinnerungen zu bieten hatten? Trotz der Abgase atmete Kurogane durch. Er musste seine Gedanken sortieren. Es gab medizinische Versorgung in Infinity und sie war nicht so schlecht. Allerdings gab es einen Unterschied zwischen der Versorgung, die man als Teilnehmer eines Schachturniers erhielt und der, die man als normaler Bürger erhielt. Des Öfteren hatte er während ihres quälend langen Aufenthalts in dieser grausamen Stadt etwas von Kliniken gehört, die von Organhändlern betrieben wurden und Ärzten, die einem ungefragt verbotene (sprich: schädliche) Substanzen spritzten.

Er schaute auf den schwerkranken Mann in seinen Armen.

Bei Fyes Glück würden sie an die Organhändler geraten.

Doch selbst wenn er die in den Boden stampfen würde, er könnte nicht beurteilen, ob man den Magier falsch behandeln würde.

Nein, keine Klinik.

Den Blick auf eines der exakt gleich aussehenden Hochhäuser vor ihnen gerichtet, überlegte Kurogane, was die beste Lösung war.

„Hier gibt es Apotheken, richtig?“

Als er so plötzlich angesprochen wurde, schreckte Shaolan zusammen. „Ja. Die gibt es hier.“

„Gut. Wir suchen uns schnell eine Unterkunft und du besorgst ihm etwas gegen das Fieber.“

An der Art, wie er dies sagte, konnte man spüren, dass er sich in dieser kurzen Zeit erstaunlich viele Gedanken darüber gemacht hatte. Daher stimmte Shaolan ihm stumm und ohne jeglichen Zweifel zu.

 

Sie waren immer noch knapp bei Kasse und ihr Geld reichte dieses Mal nur für eine Zweizimmerwohnung. Sie kannten es noch, dass manche der Wohnungen wochenweise und voll ausgestattet vermietet wurden und in dieser Stadt wunderten sie sich auch nicht, dass der Hausverwalter nicht einmal wegen des ohnmächtigen Mannes, den sie dabei hatten, nachfragte. Nach der Vertragsunterzeichnung eilten sie zu ihrer Wohnung im 18. Stock (Shaolan hätte schwören können, im Aufzug Kuroganes schnell schlagendes Herz gehört zu haben) und der Ninja rauschte durch den winzigen Wohnraum in das dahinter liegende Schlafzimmer. Immerhin waren diese Apartments, so baufällig die Gebäude auch waren, relativ sauber.

Ohne dass er etwas sagen musste, erneuerte Shaolan die kalten Wickel um Fyes Gliedmaße.

„Er glüht immer noch“, stellte Kurogane fahrig fest.

„Wir müssen das Fieber senken“, sagte Shaolan und biss sich unbewusst auf die Unterlippe. Er hatte dem Älteren nichts davon gesagt, dass die von dieser Krankheit betroffenen alle innerhalb von drei Tagen gestorben waren. Er wusste nicht, ob es einen Unterschied machte, dass Fye nun nicht mehr der Strahlung ausgesetzt war.

„Ich muss dir nicht sagen, dass du hier vorsichtig sein musst.“ Kurogane reichte ihm den Geldbeutel. Shaolan hatte mehr Ahnung von Medizin und solchem Kram, daher war es klüger, ihn zu schicken, auch wenn er angesichts der Gefahren dieser Welt lieber selber gehen wollte. „Nimm das Wollknäuel mit.“

„Ich werde mich beeilen.“

Shaolan umklammerte Mokona und rannte wie der Wind los. Kaum war er aus dem Raum, zog Kurogane sämtliche Vorhänge der großen Fenster zu. Es war noch Tag und selbst vom Bett aus konnte man mit Leichtigkeit erkennen, in welcher Welt sie sich befanden.

Er setzte sich ans Bett und strich mit einer dezent zittrigen Hand über Fyes Kopf.

Solange es ihm so schlecht ging, musste er nicht wissen, wo sie gelandet waren.

 

Shaolan war bewusst, dass Kurogane nur äußerlich die Ruhe behielt. In seinen Augen konnte man sehen, wie sehr es in ihm brodelte, wie sehr ihn die Situation an seine Grenzen brachte. Es war immer so, wenn etwas mit Fye war. Wenn Fye krank oder verletzt war, konnte Shaolan hören, wie etwas in Kurogane zerbrach.

Es war Angst. Die Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Er durfte sich keine „Was, wenn“-Fragen stellen. Wenn einem der beiden oder Mokona etwas zustoßen würde, dann wüsste er nicht mehr, wie er weitermachen sollte. Dann wäre es das wahrscheinlich gewesen. Er wollte niemandem mehr wehtun und hörte doch nicht auf damit.

„Da! Shaolan! Das rote Kreuz! Das heißt doch Apotheke, oder?“

Mokonas Ausruf riss ihn aus seinen Gedanken, während er wie ein Irrer die Straße entlang hetzte. An keinem anderen Ort musste man so höllisch aufpassen, nicht in jemanden reinzudonnern. Es konnte passieren, dass der Angerempelte einfach eine Waffe zog und schoss. Das hatte Shaolan damals mehrmals in den Nachrichten gehört. Gerade als er abbremsen wollte, kam aus einem anderen Geschäft ein Mann hinaus und Shaolan krachte mit voller Wucht in ihn hinein.

Mokona jaulte und erschrocken stolperte er rückwärts.

„Es tut mir leid! Verzeihen Sie bitte vielmals!“, presste er atemlos hervor und verbeugte sich dabei so tief er konnte. Er hatte keine Zeit, sich einen Kampf zu liefern und erst recht keine Zeit, angeschossen zu werden. Fye brauchte die Medizin und das am besten sofort.

„Huh? Das … bist du das etwa?“

Shaolans Kopf schnellte nach oben. Vor ihm stand ein hellhaariger, großgewachsener Mann mit einem Stirnband und blinzelte zunächst ihn, dann Mokona verdattert an. Die Anwesenheit der weißen Kreatur schien ihm Gewissheit zu geben. „Ihr seid wieder hier? Hat alles geklappt?“

„Eagle …“ war alles, was Shaolan wie vom Donner gerührt herausbrachte. „Ich … ja, ähm … ich … tut mir leid … ich muss …“

„Langsam, langsam, du bist ja völlig durch den Wind. Ich gehe also recht in der Annahme, dass etwas nicht stimmt, ja?“

„Fye ist ganz doll krank!“, warf Mokona hibbelig ein. „Er braucht ganz dringend Medizin!“

„Fye?“ Eagle hob eine Augenbraue, drehte sich zu dem hinter ihm liegenden Eingang zur Apotheke um und dann wieder skeptisch Shaolan zu. „Ihr seid unterwegs, um für ihn Arznei zu besorgen?“

Der Junge nickte hastig. „Er hat hohes Fieber.“

Der hellhaarige Mann tippte erwägend mit zwei Fingern gegen sein Kinn. „Das klingt sehr ernst. Das Zeug aus der Apotheke könnte nicht stark genug sein.“ Er sah Shaolans Schultern schlagartig herabsinken und lächelte ermutigend. „Ich werde meinen Leibarzt holen.“

 

„Was zur Hölle?!“ Entgeistert starrte Kurogane auf Eagle, der im Türrahmen stand und lächelnd winkte, während ein anderer, ihm unbekannter Mann, der eine Tasche bei sich hatte, auf Fye zusteuerte.

„Ich bin ihm zufällig begegnet“, erklärte Shaolan.

„Er ist in mich hineingedonnert.“

„Er war so nett, seinen Leibarzt zu rufen“, sagte der Junge weiter, da er merkte, dass dies den Ninja ganz und gar nicht besänftigte. Er konnte ihn verstehen. Eagle und seine Männer waren damals nicht wirklich aufrichtig gewesen, aber alles in allem hatten sie ihnen geholfen. „Ich denke, es ist besser, wenn ein Arzt sich ihn ansieht.“

„Dann behalte du den komischen Kauz neben dir im Auge und ich den hier.“

Der Doktor, ein schüchtern wirkender Mann mittleren Alters, wich dem bohrenden Blick des Schwarzhaarigen aus. Er ahnte offenbar, was ihm blühen würde, wenn er etwas Unvorsichtiges tat.

„Ich will nur hoffen, mein Arzt kann da überhaupt etwas machen“, wandte Eagle zweifelnd ein. „Ich wusste bisher nicht, dass Vampire überhaupt krank werden können und keine Ahnung, ob ein Menschenarzt bei ihm etwas ausrichten kann.“ Er sah die entsetzten Mienen der beiden Reisenden und deutete sie falsch. „Darf man das nicht laut sagen? Oder stört es euch, dass ich davon weiß? Ich meine, ihr wisst, dass wir euch beobachtet haben und das, was wir gesehen haben, lässt sich nur so deuten. Es war ein wahrhaft … interessanter Anblick.“ Er biss sich auf die Zunge, als Kuroganes zorniger Blick ihn traf.

„Nein, nein“, kam es von Mokona, die als Einzige die Ruhe bewahrt hatte, „Fye ist doch gar kein Vampir mehr.“

„Huh? War das ein temporärer Zustand?“

„War es! Thema beendet!“, wetterte Kurogane wutentbrannt und ließ den armen Arzt, der beim Wort „Vampir“ ganz blass geworden war, noch blasser werden. Die Erinnerung daran, wie schwierig es gewesen war, den Idioten dazu zu bringen, sein Blut zu trinken, war schon unwillkommen genug, da brauchte er dazu jetzt nicht noch Kommentare von einem dahergelaufenen Voyeur. Und was noch wichtiger war: Der Idiot brauchte keine Kommentare dazu zu hören.

„Oje, da habe ich einen Nerv getroffen, was?“ Eagle zuckte ungerührt mit den Schultern. „Ich traue mich ja kaum zu fragen, wo die bezaubernde Sakura abgeblieben ist.“

„Ihr geht es gut. Sie reist nicht mehr mit uns“, entgegnete Shaolan automatisch und fast wie eine Maschine.

„Ihr seid wirklich wunderlich. Die Geschichte würde ich gerne noch zu Ende hören, aber ich verstehe natürlich zu gut, dass ihr gerade andere Sorgen habt.“

Kurogane grummelte laut.

 

Shaolan riss die Augen wieder auf, als das Knurren seines eigenen Magens ihn geweckt hatte. Er hatte vermutlich nur für wenige Sekunden geschlafen, doch trotzdem schaute er schuldbewusst über das Bett zu Kurogane herüber. Jeder von ihnen saß an einer Seite des Magiers, während Mokona neben seinem Kopf hockte und mit einer Pfote sanft über seine Haare streichelte. Mokona gab kein besseres Bild als Shaolan ab, so wie ihre Augen immer wieder zufielen und ihr ganzer kleiner Körper erschöpft nach vorn kippte. Inzwischen musste es Nacht geworden sein. Von draußen drang nur noch schwach ein künstliches Licht durch die verhüllten Fenster.

„Leg dich auf die Couch im Wohnzimmer und schlaf“, sagte Kurogane leise und dennoch mit Nachdruck. Er stöhnte, als Shaolan den Kopf schüttelte.

„Erst, wenn es ihm deutlich besser geht.“

Eagles Leibarzt hatte (unter den wachsamen, drohenden Augen Kuroganes) Fye ein Mittel gegen das Fieber gespritzt und ihnen zusätzlich eine weitere Medizin da gelassen, die er alle vier Stunden schlucken musste. Da Fye jedoch nach wie vor nicht bei Bewusstsein war, mussten sie sie ihm einträufeln und seinen Schluckreflex auslösen. Für den Fall, dass sich sein Zustand verschlimmern sollte, hatte Eagle ihnen ein Telefon überlassen, mit dem sie den Arzt im Notfall anrufen konnten. Telefone kannten sie aus mehr als genügend anderen Welten. Kurogane hasste die Dinger, aber im Moment war er nicht unglücklich darüber, eins zu haben. Dieser Eagle und seine Truppe waren eine genauso undurchsichtige Bande wie so viele andere, denen sie bislang begegnet waren. Doch Yuko und vor allem 'Sakura' hatten ihnen damals vertraut. Also würde er wieder einmal in den sauren Apfel beißen und auf die Hilfe anderer bauen.

Gott, wie er das hasste.

„Seine Atmung ist etwas ruhiger geworden“, sagte Shaolan in die Stille des mehr oder weniger finsteren Raums hinein. Mokona war in der Zwischenzeit trotz ihrer Bemühungen eingeschlafen.

„Ja. Das Fieber geht runter.“ Er hörte den Jungen erleichtert ausatmen. „Spuck schon aus, was dir auf dem Herzen liegt.“

„ …?“

Kurogane konnte zwar die Miene des Jüngeren nicht deutlich sehen, doch er wusste, was für ein verblüfftes Gesicht er gerade machte. Wenn den Bengel etwas bedrückte, hatte seine Stimme immer diese gewisse Nuance, als würde der Kleine zwar versuchen, tapfer zu klingen, doch seine Stimme trotzdem um Hilfe rufen.

„Vielleicht ...“, fing Shaolan an und klang nun in der Tat bedrückter, „vielleicht war in einem der anderen Länder eine Feder aufgetaucht oder verschwunden und hat damit die Strahlung der Sonne gefährlicher gema-“

Der Ninja stöhnte in seine Ausführung hinein.

„Wir können es nicht ausschließen!“, wehrte der Brünette sich, erschrak bei seiner Lautstärke und wurde umgehend wieder leiser. „Es wäre eine mögliche Erklärung.“

„Das mag sein. Und? Was ändert das?“

„Nichts, aber-“

„Nichts. Genau. Was in aller Welt wolltest du da für ein Aber dranhängen?“

Stille trat zwischen sie und Kurogane bekam Magenschmerzen, als diese von einem unterdrückten Schluchzen durchbrochen wurde. War er zu hart mit ihm ins Gericht gegangen? War der Kleine inzwischen so fertig, dass er selbst eine gemäßigte Schelte nicht mehr vertrug?

„Aber“, wimmerte Shaolan und gab sich hörbar Mühe, nicht zu wimmern, „aber es tut mir schrecklich leid, dass das mit Fye passiert ist.“

Ein Stich in sein Herz gesellte sich zu den Magenschmerzen hinzu. Verdammt! Ausgerechnet jetzt war der Magier nicht da, um Trost zu spenden! Das war seine Abteilung!

„Es ist nicht deine Schuld. Wenn du das nicht bald kapierst, setzt es gewaltige Hiebe.“

„Ich weiß.“ Er konnte ausmachen, wie Shaolan sich die Tränen mit einem Arm wegwischte. „Ich wünschte nur, alles wäre anders.“

Kurogane seufzte. „Die Dinge sind, wie sie sind.“ Mir tut es leid, dass du so leidest, war der Gedanke, den er nicht aussprach. Der Bengel war niemand, der Mitleid wollte. Wahrscheinlich würde er sich dadurch nur noch schlechter fühlen. „Ich sage es ein letztes Mal, also hör gut zu“, fuhr er stattdessen fort, „nichts hiervon ist deine Schuld. Keiner von uns kann wissen, wie die Dinge gelaufen wären, wenn die Zeit nicht zurückgedreht worden wäre und wir alle unserer eigenen Wege gegangen wären. Vielleicht hätte jeden von uns da ein schlimmeres Schicksal erwartet. Ist auch egal. Davon abgesehen, dass die Kinder noch nicht wieder da sind und ich ihnen noch keine für ihr Verhalten verpassen konnte, habe ich kein schlechtes Leben. Und der da“, er deutete mit dem Kopf in Richtung Fyes, „würde es selbst in Nihon schaffen, sich irgendwie ständig in Schwierigkeiten zu bringen. Da bin ich nicht gerade glücklich drüber, aber es gibt Dinge, die man ändern kann und es gibt Dinge, die man nicht ändern kann. Wenn du deine ganze Kraft an Letztere verschwendest, wirst du im Leben nie etwas erreichen.“

Shaolan schluckte seine restlichen Tränen hinunter. „Ich weiß nicht, ob ich mich jemals weniger schuldig fühlen werde.“

„Du bist noch jung. Für dich habe ich noch Hoffnung.“

 

Langsam und schwerfällig öffnete Fye die Augen. Er blickte auf eine Zimmerdecke, die nicht nach der Welt aussah, an die er sich zuletzt erinnern konnte. Der Raum war allerdings auch nicht wirklich hell. Seine Augen wanderten zur Seite und erblickten die zugezogenen Vorhänge, durch die gerade so viel Licht in das Zimmer fiel, dass man etwas darin erkennen konnte.

„Fye-san!!“

Etwas – nein, jemand; nein, Shaolan … (Hilfe, sein Hirn funktionierte aber langsam) – schmiss sich ihm um den Hals.

„Du bist aufgewacht! Wie geht es dir? Wie fühlst du dich? Tut dir etwas weh? Brauchst du irgendetwas? Kannst du sprechen? Der Arzt sagte, du sollst viel trinken, wenn du wieder bei Bewusstsein bist!“ Shaolan rückte von ihm weg und musterte ihn besorgt.

Fye hatte ein Déjá-vu und schmunzelte müde. Was war hier überhaupt los? Moment, der Arzt …? War er krank? Wieso erinnerte er sich nicht einmal daran, krank zu sein … oh oh. Die Erinnerung setzte wieder ein und ließ ihn leicht panisch werden. Ihm war schrecklich schwindelig geworden und Ashura hatte angeboten, ihn ins Gasthaus zu bringen und …. Fyes Blick wanderte durch den Raum. Das war nicht das gleiche Zimmer. Das war nicht einmal die gleiche Welt.

„Was ...“ der Blondschopf hustete und räusperte sich. Seine Stimme war ganz rau, so als hätte er sie lange nicht benutzt. „Was ist passiert?“

„Die Sonne in Helios war gefährlich für Menschen mit hellen Haaren“, erläuterte Shaolan gefasst. „Du hast Fieber bekommen und bist ohnmächtig geworden. Wir sind weitergereist, um Medizin zu besorgen.“ Als hätte er sich selbst ein Stichwort gegeben, ging sein Blick zu der Uhr auf dem Nachttisch und ohne weitere Erklärung schraubte der Junge eine Flasche auf und kippte den Inhalt in einen kleinen Messbecher. „Kannst du das hier trinken?“

„Die Sonne also … deswegen war es da so heiß“, überlegte Fye laut. „Und meine Haare, sagst du? Das kann doch wohl mal wieder nicht wahr sein. Wieso hat man uns das denn nicht direkt gesagt?“ Er versuchte, sich aufzusetzen und scheiterte. „Herrje, ich habe überhaupt keine Kraft.“

„Das muss vom Fieber sein, auch wenn deine Temperatur jetzt fast wieder normal ist. Und die Einheimischen wussten nichts von der Gefahr.“ Shaolan hob vorsichtig den Kopf des Älteren an und gab ihm die Medizin zu trinken.

Der Magier verzog unverzüglich das Gesicht. „Buargh. Das erklärt den widerlichen Geschmack in meinem Mund.“

„Tut mir leid. Dann schmeckt es also wirklich so, wie es riecht. Der Arzt meinte, du musst es nur nehmen, bis das Fieber endgültig weg ist.“

„Wo sind Kuro-sama und Mokona?“, fragte Fye und wurde dabei spürbar nervöser. Er wusste nicht, was genau geschehen war. Es bestand die Möglichkeit, dass Ashura ihnen doch über den Weg gelaufen war.

„Sie besorgen ein paar Lebensmittel.“ Nachdem Fyes Zustand im Laufe der Nacht und des darauffolgenden Tages besser geworden war, hatte Kurogane am dritten Tag in Infinity genügend Ruhe, um selbst Erledigungen zu machen. Shaolan hatte natürlich gehen wollen, aber der Ninja hatte ihm dies untersagt:

Du bist vollkommen übermüdet und hungrig. Wir können es weder brauchen, dass du in den Straßen zusammenklappst, noch dass du hier in irgendwelche verdammten Verbrecher rennst.“ Die Straßen von Infinity waren tagsüber ein wenig sicherer als nachts (auf gar keinen Fall durfte man hier nachts vor die Tür gehen), doch wenn es schlecht lief, konnte man auch am Tag in Schwierigkeiten geraten.

„Ah, gut ...“ Fye beobachtete, wie Shaolan geschwind den Raum verließ und gleichermaßen geschwind mit einem vollen Glas Wasser wieder hereinkam. Erneut hob er mit einem Arm den Kopf des Anderen und flößte ihm behutsam etwas von der Flüssigkeit ein. Während er diese in kleinen Schlücken trank (urgh, fühlte sich sein Hals rau an), wanderte sein Blick erneut durch den Raum. Es war ein bisschen seltsam, dass Kurogane Besorgungen machte. Normalerweise kümmerte Fye sich im Alleingang darum, manchmal übernahm Shaolan dies und manchmal ließ sich der mürrische Ninja breitschlagen, Fye zu begleiten. Stimmte etwas nicht? Es war merkwürdig, dass Kurogane nicht bei ihm blieb, wenn er krank war.

Fye verschluckte sich am Wasser, als ihm ein beängstigender Gedanke kam.

War Kurogane Ashura begegnet?

„Ist alles in Ordnung?“ Shaolan stellte das Glas weg.

„Ja.“ Der Magier winkte mit einer schwachen Hand ab und lächelte. „Wir sind also ganz abrupt aus der vorigen Welt abgereist?“

Der Junge nickte - und senkte betroffen seine Stimme. „Du konntest dich nicht von dem dortigen Ashura verabschieden.“

Erschrocken die Luft einziehend, starrte Fye durch ihn hindurch. Sie wussten es. Sie wussten, dass er sie angelogen hatte. Sie wussten, was er ihnen verheimlicht hatte. Kein Wunder, dass Kurogane nicht hier war. Er musste stinkwütend sein. Er hatte es ja schließlich angekündigt. Die nächste Heimlichtuerei würde er ihm nicht mehr verzeihen. Dann … dann war es das jetzt gewesen? Hatte er ihn tatsächlich ein für alle Mal aufgegeben?

Fye fühlte sein eigenes Herz brechen.

„Shaolan-kun … ich wollte nicht … ich wollte es euch sagen.“ Erbärmlich. Er war einfach nur erbärmlich. Warum sollten sie ihm das jetzt noch glauben?

Shaolan bemerkte seine entsetzte Mimik und schüttelte den Kopf. „Das ist wahr, Fye-san. Du hättest es uns sagen sollen. Aber Kurogane-san hat mir erklärt, wie schwierig es für dich ist.“

… was?

Große, blaue Augen starrten ihn nun gänzlich verwirrt an. „Kuro-sama hat … was?“

„Ich hatte ihn gefragt, ob er wüsste, warum du uns manchmal immer noch nicht die Wahrheit sagst und er hat mir erklärt, dass du dir bereits große Mühe gibst, dies zu tun, es dir aber einfach sehr schwerfällt.“ Shaolan unterschlug den genauen Wortlaut Kuroganes, weil er vermutete, dass es ihm nicht recht wäre, wenn er dies Fye sagen würde.

Du kannst nicht erwarten, dass jemand so schnell eine Gewohnheit ablegt, die zu einem Teil von ihm geworden ist. Er hat nicht damit angefangen, als er uns begegnete. Er musste schon Jahre vorher sich selbst belügen. Man hat etwas von ihm verlangt, was vollkommen wider seiner Natur ist. Er hat sich diese ganzen Schutzmechanismen zugelegt, um überhaupt überleben zu können. Der Mist ist, dass er sie nur sehr langsam wieder los wird. Vielleicht wird er sie auch nicht mehr alle los. Er versucht, das Richtige zu tun und hat gleichzeitig Angst, etwas falsch zu machen, weswegen er andauernd mit sich selbst Konflikte austrägt, die gar nicht sein müssen. Ich kann ihm das nicht durchgehen lassen, aber ich kann ihm auch keinen Vorwurf deswegen machen. Ich kann nur geduldig sein und ihn hin und wieder in die richtige Richtung schubsen.“

„Ich kann dich da verstehen, denke ich“, ergänzte Shaolan. „Aber du weißt, dass es mir lieber wäre, wenn ich ebenso immer wüsste, was in dir vorgeht.“

Gerührt hob Fye eine Hand bis zu einer Wange des Jungen und strich darüber. „Tut mir leid.“

Der Junge legte eine Hand auf die des Älteren. „Kurogane-san hat Recht. Sich immer weiter zu entschuldigen, macht es wirklich nicht besser. Kannst du mir stattdessen versprechen, dir noch mehr Mühe zu geben? Dann will ich mich auch mehr anstrengen.“

Einen langen Augenblick sah der Blonde ihn stillschweigend an. Was für eine Niete von Vorbild er war. Er spielte sich als sein Elternteil auf und war in Wahrheit um Längen unreifer als er. Das musste sich ändern. Er wollte sein Elternteil sein. Auch wenn er sich immer noch nicht sicher war, ob wegen seines Fehlers nicht sozusagen eine Scheidung ins Haus stand.

„Auf jeden Fall, Shaolan-kun. Auf jeden Fall.“

 

„Er war zwischendurch wach“, begrüßte Shaolan das heimkehrende Duo flüsternd im Wohnzimmer und erregte damit Kuroganes Aufmerksamkeit.

„Wie geht es ihm?“

„Das Fieber ist weg. Er fühlt sich verständlicherweise recht kraftlos, aber ansonsten gut. Er ist noch einmal eingeschlafen, aber er wacht bestimmt gleich wieder auf.“

„Gut. Dann kann ich ihn ja verprügeln.“

Empört hüpfte Mokona auf seinem Kopf auf und ab. „Das machst du nicht, Papa! Du musst lieb zu Mama sein!“

„Ruhe auf den billigen Plätzen.“ Er schnappte sich das Wollknäuel und setzte es auf der winzigen Arbeitsfläche der Kochnische ab. „Macht euch was zu essen. Ich sehe zuerst nach ihm.“

Kurogane übergab Shaolan die Tasche mit den Einkäufen und ging in das angrenzende Zimmer. Die Sonne ging unter und ein rötliches Licht fiel durch die Vorhänge.

Bedächtig näherte er sich dem Bett, in dem Fye nach wie vor schlief. Jedoch war sein Gesichtsausdruck nun dabei ein anderer als vorher. Während er unter dem Fieber gelitten hatte, war seine Miene stets ganz schmerzverzerrt gewesen. Jetzt lag er vollkommen ruhig und entspannt da. Kurogane setzte sich an seine Seite und schob eine blonde Haarsträhne aus seinem Gesicht.

Zwei blaue Augen öffneten sich langsam und der Ninja zog seine Hand zurück.

Fye blinzelte ein paar Mal, ehe er endgültig wach war – und den Anderen erblickte. Für das, was wie eine halbe Ewigkeit schien, aber sicherlich keine war, sahen sie sich einfach schweigend an.

„Hey“, sagte der Magier schließlich.

„Hey.“

„Wie sauer bist du?“

„Rate.“

„Sehr?“

„Das trifft es nicht mal annähernd.“

Fye nickte schwach. „Ich verstehe.“

„Ach ja? Tust du das?“

Erstaunt über diesen Einwand versuchte der Blondschopf die Mimik des Dunkelhaarigen zu lesen. Doch Kurogane zog die gleiche sauertöpfische Miene, die er in solchen Situationen immer zog.

„Bevor wir irgendetwas Weiteres besprechen“, fuhr Kurogane ruhig fort, „verrate mir eins: Hast du gemerkt, dass du krank warst und nichts gesagt, weil du diesen Kerl treffen wolltest?“

Der Magier erschrak bei dieser Frage. „Nein. Nein, ich habe erst gemerkt, dass etwas nicht stimmt, kurz bevor ich das Bewusstsein verloren habe. Das ist die Wahrheit! Wirklich!“ Er versuchte mit aller Gewalt, sich aufzusetzen, doch kam nicht sehr weit. Kurogane drückte ihn behutsam wieder auf das Bett zurück.

„Langsam, du Idiot. Du musst erst einmal wieder zu Kräften kommen. Ich glaube dir ja. Ich wollte nur, dass du meine Annahme bestätigst.“

Nun guckte Fye ihn mit so großen Augen an, dass er ächzen musste.

„Verstehst du, warum ich sauer bin?“

„Äh …“ Schiere Planlosigkeit stand dem Magier ins Gesicht geschrieben. „Weil … weil ich gelogen habe … oder nicht?“

„Warum hast du gelogen?“ Kuroganes Stimme blieb die gesamte Zeit so ruhig, dass es ihm fast unheimlich war. Es war ein bisschen so, als würde er mit einem Kind reden, das begreifen sollte, was es falsch gemacht hatte.

„Weil ich dachte, du würdest es nicht gut finden, wenn ich mich mit jemandem treffe, der die gleiche Seele wie König Ashura hat.“

„Okay, du bist also doch in der Lage mitzudenken.“

„Hey!“ Das wurde jetzt langsam beleidigend. „Was soll das denn-“ Er stockte, als der Ninja mit einer Hand andeutete, dass er noch nicht fertig war.

„Wo war ich während deiner Diskussion? Wann hast du dir tatsächlich meine Meinung dazu angehört?“

Fye runzelte die Stirn, halb aus Verärgerung, halb aus Überforderung. „Was meinst du? Ich weiß doch, wie du darüber denkst-“

Die Hand signalisierte ihm erneut innezuhalten.

„Du hast wieder einmal alles mit dir selbst ausdiskutiert. Du hast angenommen zu wissen, wie ich reagieren würde, aber tatsächlich gefragt hast du mich nicht. Du wolltest einen Konflikt vermeiden, den es von vorneherein nur in deinem Kopf gegeben hat. Natürlich bin ich nicht begeistert, wenn du in so einen Typen reinrennst, aber ich frage mich, ob du überhaupt verstehst, warum ich nicht begeistert wäre.“

„Pah!“, machte Fye entrüstet. Selbstverständlich verstand er den Grund dafür! Für wie dumm hielt er ihn eigentlich? Er hatte die gesamte Diskussion in seinem Kopf geführt, das entsprach der Wahrheit, ja, aber doch auf einer völlig realistischen Grundlage! Er verstand, warum Kurogane so dachte! Fye öffnete bereits den Mund, um ihm die Antwort um die Ohren zu hauen. Der Grund war … der Grund war … … … oh.

Der Schwarzhaarige war dazu übergegangen, seine Arme vor der Brust zu verschränken und sich selbstzufrieden zurückzulehnen. „Du wolltest etwas sagen? Bitte, ich bin ganz Ohr.“

Fyes Entrüstung und Selbstsicherheit fielen schlagartig in sich zusammen. „Du bist herzlos, Kuro-rin. Mich so zu traktieren, wo ich von der Krankheit doch noch so geschwächt bin …“

„Tsk!“ Der Ninja lachte selbstgefällig. „Jetzt packen wir die billigen Ausreden aus, wie? Im Ernst, du Trottel,“ er löste die Verschränkung seiner Arme auf und beugte sich mit ernster Miene zu ihm hinunter. „Ich wäre nicht begeistert, weil ich nicht will, dass du verletzt wirst. Und die Erinnerung an deinen König tut genau das. Glaubst du, ich habe nicht gemerkt, wie du in der Nacht versucht hast, deine Tränen zurückzuhalten? Ich halte dich nicht für zerbrechlich. Aber ich weiß, wie sanftmütig du bist – und wie schnell dir deswegen Leid zugefügt werden kann.“

Durch und durch verdattert starrte der Magier seinen Geliebten nach diesen eindringlichen Worten an. „Tut mir leid“, hauchte er nach einer Weile mit brüchiger Stimme und presste beschämt die Lippen zusammen. Er wusste, dass Kurogane die ewigen Entschuldigungen nicht mehr hören wollte. „Ich hätte dich nicht aus der Diskussion ausschließen dürfen.“

„Die Erkenntnis hat einen furchtbar langen Anlauf gebraucht.“

„Oh Gott, das ist schrecklich“, sagte Fye entgeistert und verwirrte damit nun den Anderen.

„Was?“

„Du bist vielleicht wirklich klüger als ich. Natürlich nur ein klitzeklein bisschen, aber dennoch ist das wirklich, wirklich schlimm, Kuro-tan.“

„WAS ZUR-?!“ Der Dunkelhaarige schnaufte durch. „Immerhin hab ich jetzt Gewissheit, dass es dir wahrhaftig besser geht.“

Der Blondschopf schmunzelte ein wenig und wurde gleich darauf wieder nachdenklich. „Es muss sehr schwer sein, es mit mir auszuhalten, oder? … Hältst du es noch mit mir aus?“

Kuroganes Laune machte einen heftigen Sprung in den Keller. „Solche schwachsinnigen Fragen können erstens nur von dir kommen und werden zweitens von mir grundsätzlich ignoriert.“ Er schaute in das blasse, verunsicherte Gesicht des Magiers und ächzte von neuem. „Es ist nicht gerade leicht, es mit dir auszuhalten. Aber hast du mich auch nur ein einziges Mal vor einer Aufgabe zurückschrecken sehen?“ Bevor Fye darauf reagieren konnte, schloss Kurogane die Distanz zwischen ihnen und küsste ihn erstaunlich zärtlich auf den Mund.

Der Gedanke traf Fye wie ein elektrischer Schlag. Kurogane liebte ihn tatsächlich so sehr, dass ihn das all seine Unarten und Fehler ertragen ließ. Er liebte ihn so sehr, dass er ihn nicht aufgab.

Der Schwarzhaarige wollte von ihm ablassen, als zwei schlanke Hände sich um sein Gesicht legten. Fragend sah er in die ergriffenen blauen Augen.

„Ich will für immer an deiner Seite sein“, sprudelte es aus Fye heraus, ohne dass er über diesen Satz nachgedacht hatte.

Nach einer kurzen Verwirrung formte sich ein deutliches Lächeln auf dem Gesicht des größeren Mannes. „Klingt gut.“

Seine lapidare Antwort brachte den Magier zum Lachen. „Ah, so viel Romantik halte ich ja kaum aus, Kuro-sama! Mir wird ja wieder ganz heiß!“

„Keine Witze darüber, sonst gibt's Hiebe.“ Kurogane pochte mit einer Faust sacht auf seine Stirn.

Immer noch lachend griff Fye mit einer Hand nach der „angreifenden“ Faust und legte seine Finger in die des Anderen. „Es beunruhigt mich aber doch ein wenig, dass ich auf dich abfärbe, Kuro-pon.“

„Häh? Wo, wie und wann willst du auf mich abgefärbt haben?“

Der Blick des Blonden wurde etwas ernster. „Du willst vor mir verbergen, wo wir sind.“

Für den Bruchteil einer Sekunde entgleiste Kuroganes Miene und Fye sprach sogleich weiter:

„Dass am helllichten Tag alle Vorhänge zugezogen sind, ist schon arg seltsam. Aber dass Shaolan mit keinem Wort etwas über die Welt, in der wir gelandet sind, erwähnt, ist am allerseltsamsten. Davon abgesehen erkenne ich selbst bei wenig Licht diese hässliche Bruchbude wieder. Wir sind in Infinity.“

Der Ninja zuckte mit den Schultern. „In Tokyo habt ihr alle angefangen zu heulen. Das brauchte ich kein zweites Mal.“

„Jajajajaja.“ Kopfschüttelnd führte Fye die Hand, die er hielt, zu sich und gab ihr einen Kuss auf die Innenfläche. „In dieser Sache verstehe ich dich wirklich, Kuro-sama, und es ist lieb gemeint, aber das musst du nicht tun. Auch wenn ich nicht hier bin, denke ich an das, was damals hier geschehen ist. Das lässt sich leider nicht ändern. Hätte 'Sakura'-chan nicht getan, was sie getan hätte, wäre es noch viel schlimmer gekommen und so versuche ich einfach, froh zu sein, dass es nicht so gekommen ist.“ Er dachte an den Albtraum zurück, den er vor einer ganzen Weile dank der natürlichen Magie in Matrisis gehabt hatte und schluckte. Es brachte nichts, darüber nachzugrübeln.

„Ich hoffe sehr, dass du ihr irgendwann dafür persönlich danken kannst.“

„Ja, das hoffe ich auch.“ Fye strich mit seiner anderen Hand über die Wange des Anderen. „Danke, dass du mich auch damals schon nicht aufgegeben hast.“

„Ich war ja auch schon damals klüger als du.“

„Hey!“

Kurogane lachte. „Wobei der Typ mit dem Stirnband, dem wir den wahrscheinlich einzigen brauchbaren Arzt in diesem Drecksloch zu verdanken haben, meinte, es wären erst vier Monate vergangen, seit wir hier waren. Dieser Fluss-der-Zeit - oder wie das heißt – Scheiß nervt tierisch.“

„Du malst mit Worten, Kuro-pii.“ Fye lachte abermals und stutzte daraufhin. „Riechst du das auch?“

„Riecht irgendwie verbrannt.“

„Ahhh!“, drang Mokonas Kreischen an ihre Ohren. „Vorsicht, Shaolan! Vorsicht! Das ist heiß!!“

„Was stellen die schon wieder an??“ Kurogane stand auf und stapfte zur Tür. Als er sie öffnete, kam ihm eine dickte, graue Rauchschwade entgegen. Der Qualm zog durch das geöffnete Fenster ab und machte den Blick frei auf einen zerknirschten Jungen, ein geschmolzenes Etwas in der Spüle und einen aufgeregt zappelnden Klops, der den Stecker der Mikrowelle gezogen hatte.

„Was ist los? Was ist passiert?“, rief Fye besorgt hinter ihm.

„Dieses Modell der Mikrowelle ist ein anderes als in der Wohnung, die wir hier zuvor gehabt haben“, erklärte Shaolan bedröppelt. „Ich glaube, ich habe die falsche Einstellung gewählt.“

„Es hat zzzzz, pfffff, brrrrzzz und dann 'puff' gemacht!“, ergänzte Mokona und gestikulierte wild dazu.

Kurogane beäugte die beiden (vom Schreck abgesehen schienen sie in Ordnung zu sein) und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Das Zeug, das ich gekauft habe, lässt sich doch bestimmt auch anders zubereiten, oder?“

„Ja, ich glaube schon. Da sind Symbole auf der Packung, die nach einem Herd und einer Pfanne aussehen.“

„Dann versuchen wir das.“

„Moment, Moment!“

Kurogane drehte sich in das Schlafzimmer zurück und traute seinen Augen nicht. Dieser wahnsinnige Wirrkopf kroch auf allen Vieren die Matratze entlang.

„Was wolltet ihr denn machen?“, fragte Fye, der nun erschöpft auf dem unteren Bettrand hockte.

„Das hier!“ Mokona schnappte sich eine der noch ungeöffneten Packungen und hüpfte damit in den Schoß des Blonden. „Ich bin sooo froh, dass du wieder gesund bist!“

„Ich auch“, erwiderte Fye, streichelte das Wollknäuel und nahm ihm die Packung ab, auf der ein Bild des Inhalts prangte. Blankes Entsetzen bildete sich auf seiner Miene. „Das wollt ihr essen?? Das sieht aus wie ein gepresster Matschklumpen!“

„Es schmeckt auch so“, entgegnete Kurogane gefasst, „aber beim ersten Besuch hier hab ich aufgeschnappt, dass es nährstoffreich ist und das Zeug gibt tatsächlich Kraft. Der Bengel, der Klops und ich haben es damals ständig gegessen.“

Dem Magier entglitten endgültig die Gesichtszüge. „Ihr habt DAS gegessen??“

„Wir mussten irgendwas essen. Die Prinzessin allerdings hat irgendwelche Energieriegel geknibbelt.“

Gänzlich erschüttert schüttelte Fye den Kopf. Er konnte ihnen keinen Vorwurf machen, denn er war schließlich schuld daran. Er hatte sich nicht mehr um das Essen für die Gruppe gekümmert. Er hatte keine Nahrung gebraucht … keine feste zumindest. „Das esst ihr also, wenn ich nicht für euch koche? Das geht nicht. Das … mir fehlen die Worte.“

„Man kann das auch als Zutat verwenden und zum Beispiel zu Suppen hinzugeben“, wandte Shaolan zaghaft ein, in der Hoffnung, die Lage zu retten.

„Ja?“, hakte der Blondschopf skeptisch nach. „Na ja, vielleicht …. Gibt es hier Gemüse? Ich werde euch nicht diesen Matsch pur essen lassen.“

„DU wirst dich wieder hinlegen.“ Kurogane schnippte gegen seine Stirn. „Dann machen der Kleine und ich eben etwas Akzeptables daraus. Du musst schließlich auch was essen.“

„Mama braucht wieder Kraft!“, flötete Mokona fröhlich. „Dann kann Mama wieder für uns kochen und das macht Mokona sehr froh, denn Mamas Essen ist das Beste!“ Sie kuschelte sich an Fye an, der sich sichtlich sowohl über die Geste als auch über die Worte freute.

„Mokona“, raunte Shaolan ihr zu, „wir hatten doch darüber gesprochen. Du sollst ihn nicht immer so nennen.“

„Huh?“, machten Fye und Mokona gleichzeitig und der Junge wurde spürbar verlegen.

„Ich meine … wegen … vielleicht … vielleicht ist dir das nicht Recht, Fye-san … ich meine …“

„Ah~“, machten beide wieder unisono.

„Shaolan-kun“, sagte Fye freudig, „ich habe schon länger darüber nachgedacht und ich kann mir gut vorstellen, dass Kuro-sama das ähnlich sieht. Mir würde es nichts ausmachen, wenn du die Höflichkeitsanrede weglässt. Es würde mich sogar sehr freuen. Nenn uns einfach so, wie du willst.“

Perplex schaute Shaolan daraufhin zu ihm, dann zu Kurogane, der achselzuckend seine Zustimmung gab.

„Ausnahmsweise hat der Spinner Recht. Fühl dich aber zu nichts gezwungen.“

„Mama und Papa sind soooo lieb!! Komm, Shaolan, sag es mit mir: Mama und Papa sind soooo lieb! Mama und Papa si-““

„FÜHL DICH VOR ALLEM NICHT DAZU GEZWUNGEN!“ Der Ninja schrie dem kleinen Wesen direkt ins Gesicht und es grinste nur genüsslich.

Shaolan begann zu lachen. Er wusste selber nicht so genau, warum er lachte, doch es kam über ihn und ließ sich nicht aufhalten. Die beiden Erwachsenen sahen ihn verwundert an und er konnte immer noch nicht aufhören. Es fühlte sich einfach nur gut an.

„Ich habe euch lieb“, sagte er zu ihrem Erstaunen letztlich. „Ich habe euch sehr lieb, Fye und Kurogane.“

Ein unbekanntes Gefühl

„Okay, das ist alles, was wir noch haben und nach dem, was wir bisher über diese Welt wissen, wird das wahrscheinlich nicht lange reichen.“

Fye schob fein säuberlich alle Münzen und Scheine der hiesigen Währung nebeneinander auf den kleinen runden Esstisch, um den alle in ihrer aktuellen Wohnung saßen.

Schon in Infinity war ihnen das Geld knapp geworden, aber dort auch nur nach Arbeit zu suchen, war Kurogane irgendwann gegen den Strich gegangen. Selbst wenn sie am helllichten Tag in einem stinknormalen Geschäft nach einer Stelle fragten, waren sie jedes Mal beinahe in krumme Geschäfte verwickelt worden. Eagle und seine zwei Kumpanen hatten zwischendurch auch noch einmal vorbeigeschaut und ihnen erzählt, dass bald ein neues Schachturnier stattfinden würde. Der Kerl hatte ernsthaft auf Mokona gezeigt und gesagt, sie könnte ja das Team anführen.

Es hatte die vereinten Kräfte von Fye und Shaolan gebraucht, um den Ninja davon abzuhalten, Eagle hochkant aus der Wohnung zu schmeißen.

Shaolan, Fye und Mokona hatten sich schon ein wenig gewundert, dass Kurogane, ausgerechnet Kurogane, es vorzog, auf einen Kampf zu verzichten und Eagle (bei dem Fye sich selbstverständlich noch bedankt hatte) hatte schmunzelnd gemutmaßt, dass Kuroganes Ablehnung vielleicht nicht mit seinem Vorschlag zusammenhing, was den Teamführer anging.

„Du willst nicht, dass wir verletzt werden“, hatte Shaolan schließlich gerührt geschlussfolgert.

„Der Magier ist eh noch nicht fit“, war seine gesamte, brummige Antwort gewesen, worauf sie sich geeinigt hatten, sich irgendwie noch in Infinity durchzubeißen und auf die nächste Welt zu hoffen.

Die nächste Welt, ein Land namens Aiheiwa, sah auf jeden Fall deutlich einladender aus. Die Stadt, in der sie waren, lag an einer Bucht, aber der Wind, der von dort blies, war von angenehmer Natur. Zudem schien die Sonne vom Himmel und sämtliche Bewohner, denen sie bis jetzt begegnet waren, waren überaus freundlich und zuvorkommend gewesen. Es war eine moderne Stadt mit Elektrizität, fließendem Wasser, asphaltierten Straßen samt Autos und Straßenbahnen und Hochhäusern (die jedoch weit weniger heruntergekommen aussahen als die in Infinity).

Direkt nach ihrer Ankunft hatten die Reisenden ein Pfandleihaus gefunden, in dem sie ein paar ihrer Besitztümer in Bargeld umgetauscht hatten. Da sie mit ihrer Kleidung nun doch recht stark herausstachen, war ihre nächste Station ein benachbarter Second-Hand-Laden gewesen und während drei von vier Reisenden den Besuch dort ganz amüsant gefunden hatten, war einer herzlich wenig begeistert gewesen. Fragte man Fye, so suchte Kurogane sich in jeder Welt immer die gleiche Art von Kleidung aus und fand er absolut nichts, was dieser nahekam, wurde er rasch mürrisch. Shaolan war sehr zufrieden mit einem grünen Shirt, das mit einer Technik, die sich „Batik“ nannte, gefärbt worden war und einer blauen Jeanshose mit sehr engem Bein. Fye hatte ein weites, weißes Rüschenhemd gefunden, über das eine mit Fransen behangene Weste kam. Darunter zog er eine blaue Stoffhose, deren Hosenbeine gen Saum fächerartig auseinander gingen.

Und da hatten nun die Probleme angefangen.

Kurogane hatte sowohl an den engen Hosen des Bengels als auch an den weiten Hosen des Magiers etwas zu meckern gehabt. Er würde weder das eine noch das andere jemals tragen. Zum Glück hatte der sehr entspannte Ladenbesitzer die Ruhe weg und nach langem Suchen ein zerknittertes rotes Leinenhemd sowie eine nicht minder zerknitterte schwarze Leinenhose aufgetan. (Mokona war übrigens stets am leichtesten zufrieden zu stellen: Sie war überglücklich mit einer künstlichen Blume, die Fye ihr an den Kopf gesteckt hatte. Und obwohl es in diesem Land keine Magie gab, störte sich niemand an dem quietschenden Wollknäuel. „Ich habe mich die ganze Zeit schon gefragt, ob der runde, sprechende Hase echt ist“, war die einzige Reaktion des Ladenbesitzers gewesen.)

Im Anschluss daran hatten sie die kleine Wohnung gefunden, die sie wochenweise mieten konnten. Die erste Woche mussten sie im Voraus bezahlen. Es gab ein kleines Bad, ein winziges Schlafzimmer mit einem Einzelbett darin und den etwas größeren Wohnraum mit einer kleinen Küche und dem Schlafsofa, von dem Fye schwer hoffte, dass es bequemer war, als es aussah.

„Egal, was kommt, wir müssen dringend etwas Geld verdienen“, fügte der Blondschopf mit Blick auf ihre mageren Finanzen hinzu. „Für ein paar Lebensmittel wird es wohl noch reichen, aber große Sprünge machen wir damit nicht.“

„Reicht es noch für Alkohol?“

„Du bist furchtbar, Kuro-pii.“

Kurogane lehnte sich beleidigt zurück. „Es ist ewig her, dass ich welchen hatte. Das ist furchtbar.“

„Wenn wir alle drei Arbeit finden, reicht es bestimmt für ein wenig“, sagte Shaolan energisch. „Ich darf doch … oder?“

„Trinken oder arbeiten?“, hakte Fye belustigt nach.

„Arbeiten, meinte ich ...“

„Awwww, Shaolan ist so ein guter Sohn!“, freute sich Mokona und tanzte auf dem Tisch. „Fragt Mama und Papa um Erlaubnis!“

„Keine Einwände, solange du dich nicht übernimmst“, antwortete der Magier noch belustigter.

„Ein guter Klops würde auch etwas zu unserer Haushaltskasse beitragen, statt wie ein schwarzes Loch einfach alles zu verschlingen, was wir teuer kaufen müssen.“ Kurogane funkelte das Wollknäuel an, das sich theatralisch fallen ließ.

„Ah, Papa ist wieder so streng mit mir! Tröste mich, Mama!“ Es rollte zu Fye hinüber, der es umgehend streichelte.

„Papa weiß doch, dass du schon so viel machst. Er will dich nur ärgern.“

„Wie gemein! Mokona würde Papa niemals ärgern!“

„HÄÄÄÄÄÄH?! HAB ICH MICH GERADE VERHÖRT?!“

Beim Geplänkel der drei lachte Shaolan. „Wir sollten langsam los. Die Vermieterin sagte, wir sollten nach Läden Ausschau halten, in denen ein Schild im Schaufenster steht. Das wäre wohl ein Zeichen, dass dort Arbeit zu finden ist.“

 

Shaolan landete als Erster einen Treffer. Ein Blumenladen suchte jemanden, der mit einem Fahrrad Auslieferungen machte. Der Junge war sich zuerst nicht sicher gewesen, ob er das Radfahren noch beherrschte, das ihm vor einer gefühlten Ewigkeit sein Vater beigebracht hatte. Doch nach ein paar ersten wackligen Metern fuhr er, als wäre er erst gestern zuletzt gefahren.

Fye applaudierte ihm begeistert, als er dies sah. Er hatte Fahrräder schon in mehreren Welten gesehen, aber ganz ehrlich: Die Dinger waren ihm nicht geheuer. Wie machte Shaolan das, dass er nicht zu einer Seite umkippte? Setzte er Magie ein? Aber die Menschen dieser Welt kurvten auch mit den Dingern herum und hier gab es keine Magie. Kurogane sah indes keinen Sinn in Rädern. Da konnte man seiner Meinung nach doch genauso gut zu Fuß laufen.

„Soll heißen, du weißt auch nicht, wie man damit fährt, huh?“, neckte Fye und das hastige „Ist doch egal“ des Schwarzhaarigen reichte ihm als Bestätigung.

„Shaolan-kun“, richtete der Magier wieder an den im Hinterhof, in dem sie standen, immer sicherer fahrenden Jungen, „hier gibt es Autos. Pass bitte gut auf, ja?“

Der Junge bremste und kam zum Stehen. „Das werde ich.“

„Hey“, blaffte Kurogane derweil den Inhaber des Blumenladens an. „Der Bengel braucht so einen Helm.“

Der ältere Herr, der Shaolan das Fahrrad zum Ausprobieren überlassen hatte, schreckte zusammen. „J-ja! Natürlich!“ Er griff in eine Kiste und förderte einen Fahrradhelm zu Tage, den er sofort dem Brünetten übergab. „Deine Eltern scheinen ja sehr um dich besorgt zu sein.“

Er lächelte aufrichtig. „Ja. Ja, das sind sie.“

 

Die beiden Erwachsenen ließen Shaolan und Mokona beim Blumenladen zurück und stiegen die hügelige Straße weiter empor. Der Druck, selbst Arbeit zu finden, war nun enorm gestiegen. Das ging gar nicht, dass nur Shaolan arbeitete. So verschieden die zwei auch waren, in diesem Punkt waren sie sich einig: Es würde sie in ihrem Stolz und ihrem Verantwortungsgefühl entsetzlich kränken.

Nur sehr wenige Schaufenster hatten so ein Schild darin stehen und für alles waren sie ja schließlich auch nicht geeignet. Fye konnte schon spüren, wie die Laune des Anderen immer weiter sank, je weiter sie gingen.

„Da! Kuro-pon! Ein Schild!“

„Hm?“

Beide musterten von außen das Geschäft, um zu erkennen, was es für ein Laden sein könnte, aber in diesem Fall ließ sich nichts erkennen. Das Schaufenster war mit einem Laken abgehangen und man konnte nicht in das Innere hineinsehen. Sie zuckten mit den Schultern und öffneten die Tür, um den Laden zu betreten. Es knirschte unter ihren Füßen. Gab es keinen richtigen Fußboden? Das schummrige Licht von nur wenigen vorhandenen Deckenlampen erhellte das Innere gerade so und zeigte ihnen einen fast leeren Raum. Eine Trittleiter stand mitten im Zimmer; etwas, das aussah wie eine Theke, der der obere Teil fehlte, stand neben dem Eingang. War das ein Restaurant? Oder vielmehr: Sollte es mal eins werden?

„Der Laden ist noch nicht einmal fertig“, nörgelte Kurogane. „Vielleicht steht auf dem dämlichen Schild etwas völlig anderes.“ Er machte bereits kehrt, als die Stimme einer Frau aus dem hinteren Teil des Raumes zu ihnen drang.

„Kann ich euch helfen?“, fragte sie freundlich, als sie herbeigelaufen kam. Sie war eine atemberaubend schöne junge Frau mit ellenlangen schwarzen Haaren, die sie in einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, der fast bis zum Boden reichte. Sie trug ein kariertes Hemd und eine Latzhose, aber Fye fand dennoch, dass sie etwas Erhabenes, Anmutiges an sich hatte. Durch seine Bewunderung ihrer Person entging ihm aber nicht, dass sein Begleiter, der sich bereits zur Tür umgewandt hatte, plötzlich wie erstarrt wirkte. Kurogane drehte sich wieder um und seine sonst so stoische Miene war einer anderen gewichen. Der Magier konnte sie nicht richtig deuten. Er wirkte ganz perplex oder gar … ungläubig? Was war los?

Die Frau sah sie abwartend an und Fye beschloss, das Wort zu ergreifen:

„Entschuldigung, wir sind neu in der Stadt und auf der Suche nach Arbeit.“

„Ah!“, machte sie erfreut. „Ihr habt das Schild gesehen, dass ich einen Handwerker suche, der mir bei der Fertigstellung meines Ladens hilft?“

„Äh, ja, genau das.“ Fye lächelte verlegen. „Was wird denn das für ein Laden, wenn ich fragen darf?“

Die Frau strahlte, als sie dies gefragt wurde und war mit einem Mal noch schöner. „Ein Restaurant. Mein Restaurant!“, antwortete sie stolz und trotzdem kein bisschen überheblich. „Ich habe mich wohl ein bisschen damit übernommen, alles allein machen zu wollen.“ Sie lachte. „Damit ich endlich mal fertig werde und eröffnen kann, bräuchte ich jemanden, der mir den Fußboden verlegt, die Theke fertig macht und mir noch bei ein paar Kleinigkeiten hilft. Alles andere kriege ich selbst hin. Oh, ich kann aber leider nur einen von euch einstellen, für mehr reicht mein Budget nicht.“ Sie fügte das so entschuldigend an, dass es herzallerliebst war.

„Na ja, was Handwerken angeht-“, begann Fye und zuckte geradezu zusammen, als ihm sehr plötzlich ins Wort gefallen wurde.

„Ich mache das.“

Der Magier guckte den auf einmal wieder aktiven Ninja irritiert an.

„Das sind Kleinigkeiten. Die schaffe ich locker.“

Die Frau sah Kurogane und seinen schlagartig erwachten Enthusiasmus und lächelte ihn an. „Hast du so etwas schon mal gemacht?“

„Schon mehrmals“, kam es von ihm wie aus der Pistole geschossen und bevor Fye auch nur hatte reagieren können. Was war denn nun? Kurogane wirkte regelrecht aufgedreht (für seine Verhältnisse wohlgemerkt). Er riss sich ja praktisch um den Job. Irgendetwas sagte ihm, dass es hier nicht mehr nur um seinen Stolz und sein Verantwortungsbewusstsein ging.

„Wann soll ich anfangen?“

Bitte? Fye starrte ihn mit offenem Mund an (was der Kerl anscheinend nicht einmal bemerkte! Registrierte der überhaupt noch, dass er hier neben ihm stand??). Kurogane hatte sich noch nie, noch nie, dermaßen auf eine Arbeit gestürzt. Er wirkte wie ausgewechselt. Kein muffeliges Gesicht, kein mürrischer Unterton.

„Willst du nicht erst einmal wissen, wie die Bezahlung ist?“, fragte die Frau.

„Die wird schon in Ordnung sein.“

HÄH? Fye spürte sein Herz gegen seinen Brustkorb hämmern. Verunsichert blickte er zu der angehenden Restaurantbesitzerin zurück. Zu der wunderschönen, anmutigen, liebreizenden Restaurantbesitzerin.

Das … nein. Das konnte nicht sein … Kurogane würde niemals ….

Stopp!, schrie Fye sich in Gedanken selbst an. Wir reden hier von Kurogane. Dem ehrlichsten und aufrichtigsten Menschen aller Dimensionen. Er würde sich nicht vor meinen Augen an eine Frau heranschmeißen. Das passiert nur wieder in meinem Kopf.

Die Frau und der merkwürdig energische Ninja waren schon dazu übergegangen, die Arbeitszeiten zu klären, als der Blonde durchatmete.

„Gut, also dann werde ich mich mal weiter umsehen … ja?“ Fye lächelte nervös.

„Hm?“ Kurogane würdigte ihn nur eines flüchtigen Blickes. „Ja, mach das.“

„Wir sehen uns dann heute Abend. Zu Hause …? Zusammen mit Shaolan und Mokona …?“

„Hn.“

Die fremde Frau verabschiedete sich herzlicher von ihm als sein Geliebter. Sie wünschte ihm sogar viel Glück bei der Arbeitssuche und verwies ihn an eine befreundete Ladeninhaberin eine Straße weiter. Fye verließ mit einem flauen Gefühl im Magen das unfertige Geschäft.

 

„Jedenfalls musste ich in der Konditorei nur eine Kleinigkeit zur Probe backen, sie war begeistert von mir und tada~, ich habe den Job!“

„Mamas Essen ist das Beste!“, bestätigte Mokona und verschlang sofort das, was Fye ihr gerade auf den Teller getan hatte.

Dieser setzte sich wieder an den Tisch und ließ fahrig seinen Blick über die beiden anderen wandern.

„Schmeckt es dir auch, Shaolan-kun?“

„Ja, sehr gut! Vielen Dank, Fye. Mokona und ich werden hinterher den Abwasch machen.“

„Das ist lieb von euch. Und dir, Kuro-tan?“

Keine Reaktion. Der Ninja stopfte sichtlich gedankenversunken das Essen in sich hinein.

„Schmeckt es dir, Kuro-tan?“

„Häh?“

„Das Essen, schmeckt es dir?“

„Ja. Könnte herzhafter sein.“

Alarmiert beobachtete Shaolan, wie Fye nach diesem frustrierenden Dialog den Dunkelhaarigen nervös musterte. War irgendetwas zwischen den beiden vorgefallen? Kurogane war eigentlich wie immer, nur vielleicht noch etwas wortkarger als sonst, aber Fye beschäftigte offensichtlich etwas. Shaolan konnte inzwischen den Unterschied zwischen seinem echten Lächeln und seinem erzwungenen Lächeln sehr viel leichter ausmachen. Es wirkte aber gar nicht so, als hätten sie gestritten.

„Weißt du, Shaolan-kun“, der Junge fuhr zusammen, als der Magier ihn aus dem Blauen heraus ansprach, „Kuro-samas Chefin ist eine wunderhübsche junge Frau. Richtig atemberaubend.“

„Aha?“, gab Shaolan ratlos von sich. Was passierte jetzt?

„Findest du nicht auch, Kuro-rin? Dass sie atemberaubend hübsch ist?“

Endlich blickte der Ninja zu dem angespannt auf seine Antwort wartenden Blonden und sah dabei nicht weniger verwirrt aus.

„Ja, sie ist sehr hübsch.“

Seine Verwirrung nahm zu, als Fyes Augen sich daraufhin weiteten. Offensichtlich hatte er auf eine andere Antwort gehofft.

„Du findest sie also auch hübsch?“, sagte er nach einer merkwürdigen Pause. Kurogane und Shaolan tauschten einen überfragten Blick aus.

„Fye, fühlst du dich nicht gut?“, fragte der Jüngste der Runde schließlich besorgt.

„Warum sollte ich mich nicht gut fühlen? Ich fühle mich hervorragend. Meine Chefin ist übrigens auch sehr hübsch.“ Kaum hatte er dies gesagt, hielt Kurogane ihm seine rechte Hand gegen die Stirn.

„Fühlt sich normal an. Aber er redet komplett wirres Zeug. Kleiner, haben wir noch das elektronische Fieberthermometerdings aus Infinity?“

Shaolan nickte energisch, sprang sogleich auf und wühlte durch seine Tasche.

„Äh ….“ Der Magier blinzelte. Komplett wirres Zeug war doch wieder etwas hart … oder? Er hatte vielleicht gerade nicht die eloquenteste Rede aller Zeiten gehalten, aber … … oh, er hatte völligen Mist geredet! Warum hatte er diesen Mist von sich gegeben? Er war doch schließlich nicht eifersüchtig ... oder?

Widerstandslos ließ er sich von Shaolan die Temperatur im Ohr messen und wollte gleichzeitig am liebsten vor Scham im Boden versinken. So ein idiotisches Verhalten konnte er ihnen kaum erklären.

„Normal.“ Shaolan hielt Kurogane das Thermometer hin, damit dieser sich ebenso vergewissern konnte.

„Hmpf. Na schön, nächstes Messgerät.“ Der Schwarzhaarige schob Mokona an Fye heran, die ihn in den vorangegangenen Minuten sowieso stirnrunzelnd beobachtet hatte.

„Mokona ist KEIN Messgerät“, empörte sich die kleine Kreatur und stupste dennoch sanft mit ihren Pfoten gegen Fyes auf dem Tisch liegende Hand. „Alles in Ordnung, Mama? Machst du dir wegen irgendetwas Sorgen?“

Oh, ich habe mir nur vorgestellt, wie Kuro-sama über seine bezaubernde Chefin herfällt, aber sonst ist nichts weiter, konnte er wohl schlecht sagen. Der Gedanke war abstrus, vollkommen absurd und er würde Kurogane damit mit Sicherheit zutiefst beleidigen. Er würde so etwas nicht tun und wenn er wüsste, dass er (der derjenige war, der ständig sämtliches Vertrauen verspielte) ihm so etwas zutrauen würde, wäre der Ninja zu Recht stinkig auf ihn. Fand er diese Frau halt attraktiv, das konnte und würde er ihm nicht verbieten. Kurogane würde ihm niemals wehtun und das war alles, was zählte.

Fye atmete auf und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Es ist nichts. Wirklich. Ich weiß auch nicht, warum ich das eben gesagt habe. Vergesst es bitte einfach.“

Kurogane stutzte bei dieser Antwort und sah ihn für einen langen Augenblick schweigend an. „Bist du dir sicher?“

„Aber ja. Und bitte lasst uns das Thema wechseln, weil ich sonst gleich anfange, mich schlecht zu fühlen. Wenn ich einmal etwas Komisches sage, versetzt euch das alle direkt in Alarmbereitschaft. Das ist kein schönes Gefühl, besonders weil ich weiß, wieso das so ist.“

Sie beschlossen, es dabei zu belassen.

In der Nacht jedoch, als Shaolan und Mokona in ihrem Zimmer waren und die beiden Erwachsenen versuchten, es sich auf dem knarzenden, klapprigen Schlafsofa bequem zu machen („Hui, Kuro-pin, ich kann jede Sprungfeder der Matratze fühlen!“), rückte Fye an Kurogane heran. Das war soweit nichts Ungewöhnliches, aber der Ninja spürte den Unterschied zwischen einem Wirrkopf, der einfach nur seine Nähe suchte und einem Wirrkopf, der seine Nähe brauchte.

Der Wirrkopf sagte allerdings kein Wort.

„Ist etwas, Magier?“, fragte Kurogane behutsam in die Dunkelheit hinein und fühlte sogleich, wie der Andere seinen Kopf, der nun auf seinem Brustkorb lag, hin und her bewegte.

„Nein, was soll sein?“

„Wenn du das sagst.“

Fye kam nicht umher, die Enttäuschung in seiner Stimme herauszuhören und fühlte sich mit einem Mal noch schlechter. Wie lächerlich er sich gemacht hatte! Wenn Kurogane das wüsste – nein, das durfte er niemals erfahren! Er wäre gewiss enttäuscht.

So fühlte es sich also an, eifersüchtig zu sein? Großartig. Da hätte er drauf verzichten können. Er dachte an das Mal in Niraikanai zurück, als er es spaßig gefunden hatte, dass Kurogane ein bisschen eifersüchtig geworden war (nun ja, Kurogane war niemals etwas nur ein bisschen …), aber das war ja auch etwas gänzlich Anderes gewesen. Kurogane nahm sicherlich nicht an, dass er sich ernsthaft für jemand anderen interessieren könnte.

Was wiederum hieß, dass Fye selbst annahm, Kurogane könnte sich ernsthaft für jemanden …?

Argh! Das war lächerlich! Er musste damit aufhören!

 

„Heute begleitet Mokona Mama zur Arbeit!“, verkündete das Wollknäuel fröhlich nach dem Frühstück.

„So?“ Fye lachte. „Meinetwegen, aber du darfst nicht annehmen, dass es dort gratis Essen gebe.“

„Hmm?“ Mokona legte erwägend den Kopf schief. „Ich komme trotzdem mit dir mit.“

„Wenn du möchtest. Shaolan-kun, du passt im Straßenverkehr trotzdem gut auf, ja?“

Der Junge nickte eifrig. „Es gibt hier auch extra Spuren für Fahrräder. Es ist also relativ sicher.“

„Das wird für mich niemals sicher aussehen. Niemals.“ Der Blondschopf lächelte gequält und räumte den Tisch ab, wobei Shaolan ihm umgehend half. Mit dem Rücken zu den beiden anderen gedreht, bekam Fye nicht mit, wie Mokona vor Kurogane salutierte.

Die Arbeit in der Konditorei machte Spaß und sie lenkte Fye dankenswerterweise davon ab, dass ein gewisser Ninja den ganzen Tag mit einer Frau verbrachte, die ihm anscheinend gefiel. (Mokona war übrigens nicht leer ausgegangen; die Besitzerin der Konditorei war so angetan von ihr, dass sie dem Klops mehrmals irgendeine Leckerei zugesteckt hatte).

Der Magier dachte schon, dass er diesen furchtbaren Eifersuchtskram überwunden hatte, als Kurogane nicht zur verabredeten Zeit am Abend nach Hause kam.

„Die Menschen dieser Welt scheinen sehr offen für alles zu sein“, erzählte Shaolan, während sie warteten. „Gestern hat sich auch schon niemand über Mokona gewundert und wenn man den Leuten erklärt, was sie ist, finden sie es einfach 'cool.'“

„Ha ha, das ist wahr.“ Fye setzte sich zu ihm an den Tisch. „Das ist ungewöhnlich, aber sehr schön, oder? Ich glaube, wir sind endlich noch einmal in einer tatsächlich friedlichen Welt gelandet.“

Shaolan lächelte, während er dies sagte. Was ihn noch mehr freute (was er allerdings nicht laut sagte), war, dass man in dieser Welt ohne jegliche Vorbehalte, Vorurteile oder Verkleidungen Kurogane und Fye automatisch für seine Eltern hielt. Die Angestellten in den Geschäften gestern und auch an seiner neuen Arbeitsstelle hatten sie alle wie selbstverständlich als Familie identifiziert. Mokona hatte sogar erzählt, dass sie Fye in der Konditorei immerzu mit „Mama“ angesprochen hatte und auch das hatte niemand hinterfragt. Es tat gut, so unglaublich gut, in einer Welt zu landen, in der nichts Schlimmes lauerte.

Er wurde aus seinen friedvollen Gedanken geschreckt, als Fye in dem Moment aufsprang, in dem die Wohnungstür sich öffnete.

Kurogane trat ein, ließ seinen Blick flüchtig über die anderen wandern und machte eine zufriedene Miene.

„Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?“

„Nein, es war ein ruhiger Ta-“, setzte Shaolan an, bevor Fye explodierte.

„Kannst du mir verraten, wo du gesteckt hast?? Du hättest schon vor einer halben Stunde zu Hause sein sollen!“

Erneut trafen sich – äußerst verwirrt - zwei Paare roter und brauner Augen.

„Ich musste noch etwas zu Ende machen. Ich kann nicht pünktlich alles stehen und liegen lassen, wenn ich noch mitten in der Arbeit bin“, entgegnete Kurogane irritiert. Wutausbrüche seitens des Magiers waren selten. Aber wenn sie vorkamen, fielen sie in der Regel heftig aus. Nur war er sich momentan gar keiner Schuld bewusst.

Fye hingegen schien sich gerade bewusst zu werden, dass er den Anderen so hitzig angeschrien hatte. Er räusperte sich verlegen und atmete durch. „Wir wussten ja nicht, wo du steckst. Wir haben uns eben Sorgen gemacht.“

Wir?“, wollte Shaolan am liebsten einwerfen, war aber zu verdutzt, um es zu tun. Sie hatten sich doch gerade noch darüber unterhalten, wie friedlich diese Welt war.

Kurogane rieb sich mit einer Hand über die Schläfen. Merkte der Idiot überhaupt, was er ihm da vorwarf? „Das war nicht meine Absicht.“

„Das hat niemand behauptet“, erwiderte Fye, „aber mir wäre es lieber, das würde nicht noch einmal vorkommen. Deine Chefin hat mit dir feste Arbeitszeiten vereinbart. Daran sollte sie sich halten. Oder ist sie etwa eine Ausbeuterin?“

„Sie ist ganz bestimmt keine Ausbeuterin!“, verteidigte Kurogane die Frau vehement und verschreckte den Blonden damit offenbar. Er riss die Augen abermals weit auf.

„E-entschuldigt mich kurz.“ Unter den ratlosen Blicken der anderen rauschte er ins Bad.

„Er verhält sich schon wieder so … seltsam.“ Shaolan wollte es eigentlich nicht aussprechen, doch ein passenderes Wort fiel ihm nicht ein.

„Klops, Bericht“, sagte Kurogane lediglich und Mokona salutierte von neuem.

„Den ganzen Tag hat Mama sich normal verhalten – bis eben. Bis … bis Papa nach Hause kam.“ Die Erkenntnis verwunderte sie sichtlich.

Der Junge seufzte derweil leise. „Du hast Mokona auf Fye angesetzt?“ Man konnte deutlich heraushören, dass er das moralisch für nicht ganz einwandfrei hielt.

„Er muss seine Lektion lernen.“ Der Schwarzhaarige zuckte mit den Schultern.

 

In der Nacht lag Fye wach und starrte im Dunkeln die Zimmerdecke an. Dann machte Kurogane eben Überstunden in dem Job, um den er sich so auffällig gerissen hatte. Na und? Das hatte nichts zu sagen. Vielleicht hatte der Ehrgeiz ihn gepackt. Der Ehrgeiz, einer wunderschönen Frau zu helfen und möglichst viel Zeit mit ihr allein zu verbringen – argh!

Fye schlug die Hände über seinem Kopf zusammen. Er kam sich immer noch lächerlich vor. Wenn er das nicht bald abstellen würde, würde er langsam aber sicher wie ein Irrer auf die anderen wirken. Kurogane war mit ihm zusammen, er liebte ihn, daran gab es doch gar keinen Zweifel. Er nahm die Hände von seinem Gesicht und sah aus dem Augenwinkel, was er bereits befürchtet hatte – beziehungsweise, sah er genau die roten Augen, die er auf sich gespürt hatte.

„Ist irgendetwas, Magier?“, brummte der Ninja leise.

„Nein.“ Fye drehte sich zu ihm, rückte näher und küsste ihn. „Ich kann nur nicht schlafen. Vielleicht fällt dir ja etwas ein, was wir dagegen machen könnten?“

Die gehobene Augenbraue war definitiv nicht die Antwort, die er mit seiner unterschwelligen Frage hatte herauskitzeln wollen.

„Ich muss morgen früh raus. Außerdem schlafen die Kinder nur ein paar Meter weiter und dieses Ding knarzt und quietscht schon, wenn man sich nur umdreht.“

„Oh … verstehe. Es ist nur … es ist nur schon wieder eine Weile her, seit wir das letzte Mal …“

„Ich weiß. Gerade geht's aber leider nicht.“

„Du klingst nicht so, als würde dir das schwer leidtun.“

„Warum sollte es mir nicht-“

„Ach, vergiss es.“ Fye drehte sich schmollend in die andere Richtung. Rein logisch betrachtet hatte Kurogane mit allem Recht, aber ein Korb war dennoch im Moment das Letzte, was er von ihm hatte kriegen wollen. Es war nur ein schwacher Trost, dass der andere Mann seine Arme um ihn legte.

 

Es war eine grausame Tortur zu wissen, dass man sich wie ein Irrer aufführte und doch nichts dagegen tun konnte.

Fye versuchte, sich auf das Auffüllen der Auslage in der Theke der Konditorei zu konzentrieren, aber seine Gedanken schweiften ständig ab. Als Shaolan heute Morgen im Bad war und Mokona im anderen Zimmer, hatte Kurogane ihm in der Küche einen auffallend langen Kuss gegeben. Das tat er sonst nicht, wenn die Kinder in der Nähe waren. Hatte der Kuss eine tiefere Bedeutung? Fühlte er sich wegen irgendetwas schuldig? Wegen des Korbs oder wegen etwas ganz anderem? Vielleicht weil er erneut vorhatte, den ganzen Tag mit einer Köpfe verdrehenden Schönheit zu verbringen? Er verlor kein Wort zu viel über seine Arbeit. Gut, Kurogane war sowieso nicht der geschwätzigste Mensch, aber war er nicht noch viel wortkarger als sonst? Vielleicht dachte er, er würde sich verraten, wenn er etwas erzählte. Etwas darüber verraten, wie attraktiv er die Frau fand und wie gern er bei ihr war. Fye ging nach wie vor nicht davon aus, dass Kurogane ihn betrügen würde. Das war ausgeschlossen. Aber -

Er hatte sich gewünscht, dass Kurogane auch einmal ein Geheimnis vor ihm haben sollte. War sein Wunsch etwa in Erfüllung gegangen? Hatte Kurogane ihn ausgerechnet dabei erhört?

Vielleicht gefiel es dem Ninja zur Abwechslung mal, Zeit mit jemandem zu verbringen, der ganz und gar unkompliziert war; der nicht immerzu gerettet werden musste und alle in Schwierigkeiten brachte, weil er das Unheil wie eine Schleppe hinter sich herzog. Vielleicht brauchte er einfach nur mal eine Pause von ihm und all seinen Eigenarten. Vielleicht ging es auch einfach nur um körperliche Reize? Die Frau war bildhübsch und sie war … eine Frau. Es war nicht ausgeschlossen, dass irgendetwas davon Kurogane auf einer rein physischen Ebene ansprach. Vielleicht brauchte er nicht nur eine Pause von seinem komplizierten Ego, sondern auch von ihm als … Mann? Vielleicht hatte auch sein ganzes katastrophales Verhalten doch den Bogen überspannt und Kurogane hatte sich nur Shaolan zuliebe zusammengerissen. Vielleicht … vielleicht …

„-ma! MAMA! FYEEEEE!“

Mokonas Schrei schmiss den Magier von seinem Gedankenkarussell. Entgeistert schaute er sie an. Mokona blickte ganz erbärmlich drein, das Gesicht verkniffen und voller Sorge um ihr Gegenüber.

„Dir geht es nicht gut“, fiepste sie elendig. „Du bist ganz blass und zitterst und hast so doll Angst.“

Eine Erkenntnis brach über ihn ein, als Mokona dies sagte und dabei vor Mitleid fast zerfloss. Er hatte es schon wieder getan. Er hatte schon wieder jemanden in Sorge versetzt. Fye schüttelte über sich selbst den Kopf, als seine Chefin nicht minder besorgt sagte, er sollte eine Pause machen und an die frische Luft gehen.

Mit Mokona im Arm saß er nun vor dem Laden und zwang sich, ruhig zu atmen. Er wurde allein nicht Herr über seine Gedanken. Er musste mit jemandem sprechen. Jemandem, der das Problem eventuell verstehen würde und nicht Kurogane war.

„Mokona, kannst du bitte Shaolan herholen?“

 

„Das würde er niemals tun.“

Shaolan stand mit rosafarbenem Teint vor Fye auf dem Bürgersteig vor der Konditorei. Der Inhaber des Blumenladens war so verständnisvoll, dass er ihn hatte gehen lassen.

„Tut mir leid, dass ich dich damit belaste.“ Fye drückte Mokona wieder an sich, als wäre sie sein Rettungsanker. „Ich habe das Gefühl, ich drehe durch.“

„Nicht doch.“ Er wedelte mit den Händen. „Das … na ja … das ist Eifersucht, denke ich.“

„So weit war ich auch schon.“

Shaolan kratzte sich verlegen am Kopf. Er wollte Fye nicht sagen, dass er es auch ein wenig seltsam fand, dass Kurogane sich fast so etwas wie begeistert in die Arbeit zu stürzen schien (das würde Fyes Ängste verschlimmern) und er wollte gleichzeitig seine Ängste nicht kleinreden.

„Wenn du mit Kurogane reden würdest ...“

„Würde er denken, dass ich ihm das zutraue“, schloss der Magier und schüttelte den Kopf.

Nachdenklich kaute der Junge auf seiner Unterlippe herum. Er hatte so ein Gefühl, auf was das hinauslaufen würde und er war nicht sehr angetan davon. Innerlich seufzend besah er sich dann allerdings Fye, der kurz davor war durchzudrehen. Er nickte entschlossen.

„Wenn du möchtest, werde ich mir die Sache einmal ansehen.“

Hoffnungsvolle, blaue Augen strahlten ihm entgegen. „Würdest du das tun?“

 

Eilig und gleichzeitig sichtlich zaudernd marschierte Shaolan in die Richtung, die Fye ihm gezeigt hatte.

Was sollte er denn sagen?

Ihm war gar nicht wohl dabei, sich eine Ausrede überlegen zu müssen. Ob Kurogane auch seine Lüge umgehend durchschauen würde? Es war wahrscheinlich. In diesem Fall konnte er aber schlecht ehrlich sein. Nein, nein, das sollten die beiden unter sich klären. Shaolans Schritte wurden fester, als er einen Entschluss fasste. Er würde Kurogane sagen, dass er später am Tag mit Fye reden sollte. Das war alles, was er tun würde. Und das musste auch reichen, um Fye fürs Erste zu beruhigen. Er blieb vor dem Geschäft mit dem abgehangenen Schaufenster stehen, holte tief Luft und trat entschlossen ein. Im Inneren begrüßte ihn ein halbfertig verlegter Fußboden, ein fertig gestellter Tresen neben dem Eingang und eine Frau mit ellenlangen schwarzen Haaren auf einer Trittleiter. Sie hatte den Rücken zu ihm gedreht, während sie weitere Deckenleuchten anbrachte.

Kurogane war nirgends zu sehen.

„Hm?“ Die Frau hatte bemerkt, dass jemand hereingekommen war und drehte sich neugierig um. „Kann ich dir helfen?“

Shaolan erstarrte.

Mit einem Mal hatte er das Gefühl, dass der Raum sich drehte.

Die Frau stieg von der Leiter und kam auf ihn zu, merklich besorgt, weil ein schweigender Junge vor ihr stand und sie mit aufgerissenen Augen anstarrte.

„Ich … ähm …“, stammelte Shaolan, ohne zu wissen, wie der Satz überhaupt lauten sollte. „Ist … ist Kurogane nicht da?“

„Ah!“, machte sie und strahlte plötzlich über das ganze Gesicht. „Bist du etwa Shaolan?“

„Woher …?“

„Kurogane hat schon so viel von dir erzählt!“

„Er hat … er hat von mir erzählt?“ Er blickte ungläubig und restlos überfordert drein und konnte dennoch nicht die Augen von der Frau nehmen.

„Ja, jede Menge“, gab sie ihm lachend zur Antwort. „Er scheint ja mächtig stolz auf dich zu sein.“

Er schreckte so sehr zusammen, dass sie ihn fragend anschaute.

„Aber du bist noch viel schüchterner, als er gesagt hat“, fügte sie verblüfft hinzu. „Ich habe deinen Vater gerade zum Eisenwarenladen geschickt, weil wir ein paar Sachen von dort brauchen. Er ist sicher gleich zurück, wenn du warten willst-“

Er schüttelte so hastig den Kopf, dass sie sich erneut wunderte.

„N-nein! Schon gut. Ich … ich muss wieder los.“

„Soll ich ihm etwas ausrichten?“

„Nein, nein, es war nichts Wichtiges. Das hat Zeit bis später. Entschuldigen Sie bitte vielmals die Störung!“ Er machte eine perfekte 90-Grad-Verbeugung und stürmte wieder aus dem Restaurant hinaus.

Shaolans Atem ging nun schnell und das nur zum Teil aus dem Grund, dass er wie der Wind zurück zu Fye rannte. Endlich verstand er, was hier los war und er musste es sofort dem Blonden berichten.

Die Frau hatte die gleiche Seele wie sie! Die Frau hatte die gleiche Seele wie Kuroganes Mutter!

Eine verwandte Seele

„Shaolan war zwischendurch hier.“

„Häh?“

Kurogane stellte die Tüte mit den Nägeln und Schrauben ab und blickte abwartend zu seiner Chefin.

„Ich hatte gefragt, ob er auf dich warten will oder ob ich was ausrichten soll, aber er meinte, es wäre nichts Wichtiges und ist wieder davongerauscht.“ Sie lächelte. „Er ist ja noch viel süßer, als ich ihn mir vorgestellt habe. Aber auch schrecklich schüchtern. Er hat mich angesehen als wäre ich ein Geist.“

„Oh.“ Kurogane fuhr sich mit einer Hand angestrengt durch die Haare und räusperte sich. „Vielleicht siehst du jemandem ähnlich, den er kennt.“

„Meinst du?“ Sie legte den Kopf leicht schief. „Dann scheint das aber niemand zu sein, dem er gerne begegnet.“

„Das … ist bei ihm etwas schwierig.“

Sie winkte ab. „Ist auch nicht weiter schlimm. Er war schließlich trotzdem sehr höflich. Er hat sich vor mir verbeugt. Das erlebe ich auch nicht alle Tage.“ Sie lachte und Kurogane beobachtete sie dabei unverhohlen. Sie war so wunderschön, wenn sie lachte. Er konnte nicht verhindern, dass seine Mundwinkel sich dabei mit nach oben zogen.

Natürlich war er nicht blöd.

Er wusste, dass das da nicht seine Mutter war. Das war dieser gleiche-Seelen-Mist, dem sie andauernd begegneten. Nur dass ihm zum ersten Mal jemand begegnete, der die gleiche Seele wie seine Mutter hatte. Wie sie aussah, wie sie sprach, wie sie sich bewegte, wie sie roch – es hatte alles Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Auch wenn sie es nicht war, er hatte das Bedürfnis, bei ihr zu sein und mit ihr zu reden.

Das war dumm und das wusste er. Musste der schlechte Einfluss des Magiers sein.

Und trotzdem … fühlte es sich gut an.

„Es ist interessant“, sagte sie und schwang sich elegant auf einen der Hocker, die am Tresen standen. „Wir kennen uns erst seit vorgestern und trotzdem habe ich das Gefühl, wir würden uns schon viel länger kennen.“

„So?“ Der Ninja kratzte sich beiläufig am Hinterkopf und setzte sich neben sie.

„Vielleicht liegt es daran, dass du mir schon so viel über dich erzählt hast.“

„Mit anderen Worten: Ich habe dir ein Ohr abgekaut.“

„Nicht doch, nicht doch!“ Lächelnd wedelte sie mit den Händen. „Ich finde es großartig! Ich habe noch nie zuvor jemanden getroffen, der so offen mit mir gesprochen hat. Vor allem Männer sind oft so schweigsam und kriegen die Zähne nicht auseinander! Das ist doch furchtbar! Warum können die sich nicht vernünftig mitteilen? Ist das so eine 'Männlichkeitsgeschichte'? Wenn ich jemals einen Sohn haben sollte, würde ich wollen, dass er offen auf andere zugehen kann und nicht ständig nur irgendein Gebrumme von sich gibt.“

Kurogane räusperte sich heftig, während er hoffte, dass ihr die Schweißperlen auf seiner Stirn entgingen.

„Alles in Ordnung? Brauchst du ein Glas Wasser?“

Peinlich berührt wedelte nun er mit den Händen. „Geht schon.“

„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „habe ich das Gefühl, es gibt da irgendeine Verbindung zwischen uns, verstehst du? Als hätte das Universum dich zu mir geschickt.“

Er deutete ein Nicken an und stöhnte innerlich. Die anderen würden vermutlich jetzt einen Vortrag über das Schicksal anstimmen. Konnte ihm aber auch egal sein.

„Ich weiß auch nicht, es freut mich einfach, dass du mir das alles erzählst. Als würdest du mir, die ich doch eine Fremde bin, dein Innerstes offenbaren. Das ist etwas Besonderes.“ Sie ließ aus Verlegenheit ihren Blick durch den Raum wandern. „Oje, klingt das komisch?“ Ihre Augen landeten wieder auf ihm und der Schwarzhaarige schluckte.

„Nein“, entgegnete er ungewohnt sanft. „Ich bin … froh, dass du es so siehst.“

Ja, es war dumm, es war vollkommen bescheuert, aber Kurogane hatte es nicht aufhalten können. Er hatte ihr von Shaolan, von Mokona, von Fye und von so vielen anderen Sachen erzählt (natürlich nur die oberflächlichen Dinge; die ganze Wahrheit über ihre Gruppe ließ sich nicht in Worte fassen). Er war selbst zutiefst über sich verwundert gewesen, als er damit angefangen hatte, doch er hatte das überwältigende, unaufhaltsame Bedürfnis gespürt, ihr von ihnen zu erzählen – und sich wie ein kleines Kind gefreut, als sie ihm neugierig und scheinbar gern zuhörte.

Nicht seine Mutter. War ihm klar.

Aber seit er begonnen hatte, mit ihr zu reden, fühlte sein Herz sich plötzlich um einiges leichter an. Als hätte sie eine Last davon genommen, an deren Schwere er sich bereits gewöhnt hatte.

„Ich hoffe, wenn du deinem Mann hiervon berichtest, wird er das nicht falsch verstehen.“ Sie kicherte verschämt.

„Meinem … was?“ Als hätte man bei ihm auf einen Knopf gedrückt, lief der Ninja rot an.

„Oh, entschuldige, war das das falsche Wort? Wie nennst du ihn denn?“

Schwachkopf, Trottel, Wirrkopf, Idiot, Schwachmat, Holzkopf, Spinner und … Magier; was er ihr selbstverständlich nicht sagte. Er hatte nichts in der Richtung erwähnt, dass er und der Magier ….

„Wie … wie kommst du darauf, er und ich …?“

Jetzt war sie diejenige, die große Augen machte. „Von dem, was du erzählt hast, habe ich verstanden, dass ihr zusammen den Jungen aufzieht – und dieses Wesen. Außerdem, so wie du von ihm geredet hast und auch als ihr beide zusammen hier im Laden wart … alles deutet darauf hin. Ich wäre sehr schockiert, wenn ich da falsch liegen würde.“

Verdutzt beobachtete sie, wie Kurogane lachte.

In seltenen Fällen, wenn er sich dazu hinreißen ließ, „Was wäre, wenn“-Gedanken nachzuhängen (der schlechte Einfluss des Magiers!), hatte er darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn seine Eltern noch lebten und er ihnen Fye vorstellen würde. Er dachte dieses Szenario nie zu Ende, denn er wurde meistens wütend auf sich selber, so einen Mist auch nur für eine Sekunde in seinem Kopf zu zulassen. Doch – die Antwort war ihm wohl gerade gegeben worden. Er müsste nichts weiter sagen, nichts erklären. Seine Mutter hätte es sofort gewusst.

„Du liegst nicht falsch“, erwiderte er schließlich und sie atmete auf.

„Da bin ich erleichtert. Von dem, was du erzählt hast, wäre es ja eine Schande, wenn ihr kein Paar wärt. Du liebst ihn sehr, nicht wahr?“

Dieses Mal stöhnte Kurogane laut und fixierte den Boden. „Er ist … er hat ein paar Probleme.“

Mitfühlend nickte sie in der Hoffnung, er würde weitersprechen.

„Er kann nichts dafür. Er hat schon eine Menge Mist durchmachen müssen. Er gibt sich Mühe und ist schon sehr weit gekommen, obwohl er nicht einmal kapiert, wie stark er ist. Ihm wurde erzählt, er würde andere unglücklich machen und müsste selbst unglücklich sein. Deswegen steht er sich immer wieder selbst im Weg und sabotiert sich selbst, ohne dies zu wollen. Es ist in ihm verankert. Und manchmal … bin ich mir unsicher, ob ich es schaffe, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.“

„Du hast Angst um ihn?“

Eine lange Pause entstand, während sie ihn anblickte und er weiterhin den Fußboden betrachtete.

„Ich will ihn nicht verlieren.“

Abermals nickte sie. „Das ist verständlich. Man will niemanden verlieren, den man liebt.“

„Ich hatte dir doch von meiner Mutter erzählt.“

„Dass sie krank war?“

„So sehr ich mich auch bemühe; gegen so etwas kann ich nichts machen. Wenn ihm das Gleiche passieren würde … ich würde wieder einfach nur erbärmlich und hilflos sein.“

Energisch und doch ruhig schüttelte sie den Kopf, sodass Kurogane zu ihr schaute. „Du wärst weder das eine noch das andere. Deine Mutter hat es gespürt und dein Mann spürt es bestimmt auch. Deine Liebe kommt bei ihnen an und niemand, der liebt, ist erbärmlich.“

Schweigend blickte Kurogane auf ihre Hand, die sich auf seine gelegt hatte.

 

Erbärmlich.

Jetzt hatte er endgültig die höchste Stufe der Erbärmlichkeit erreicht.

Frustriert ließ Fye sich auf das augenblicklich knarzende Bettsofa fallen.

Au. Verdammte Sprungfedern.

Aber das hatte er verdient. Er war im Prinzip auf Kuroganes Mutter eifersüchtig gewesen. Auf seine Mutter. Voller Scham schlug er seine Hände vors Gesicht.

Nachdem Shaolan ihm dies aufgeregt berichtet hatte, war der Magier noch blasser geworden. Es erklärte alles! Und machte sein eigenes Verhalten noch viel sträflicher. Kurogane hatte jemanden getroffen, der die gleiche Seele wie seine Mutter hatte, was ihn spürbar mitgenommen hatte und er benahm sich wie ein Elefant im Porzellanladen!

Die Inhaberin der Konditorei hatte seine bleiche Erscheinung gesehen und ihn für heute nach Hause geschickt. Er wollte ein wenig alleine sein, hatte er dem besorgten Shaolan erklärt und Mokona gebeten, bei dem Jungen zu bleiben. Er müsste sich sortieren und vielleicht ein bisschen schlafen, bevor er je wieder Kurogane gegenübertreten könnte. Davon war nichts gelogen.

Als er laute Schritte und das Öffnen der Tür hörte, zog er daher eine gequälte Grimasse. War das jetzt sein Ernst? Was wollte er denn nun hier? Er hatte ja noch nicht einmal Gelegenheit bekommen, mit dem Sortieren auch nur anzufangen.

Die Tür fiel ins Schloss und dennoch sagte keiner etwas.

„Du bist grausam.“ Fye setzte sich auf und blickte schmollend zu Kurogane.

„Ich?“ Der größere Mann blieb in kurzer Distanz zu ihm stehen.

„Ja, du. Was machst du überhaupt hier?“

„Ich bin bei der Konditorei vorbeigegangen, aber da sagte man mir, du hättest dich nicht gut gefühlt und wärst nach Hause gegangen.“

„Mir geht es gut“, entgegnete der Magier umgehend. „Ich habe nur einen Narren aus mir gemacht.“

„Ein Tag wie jeder andere also.“

Fyes Miene ging in Zorn über. Der Kerl sollte bloß nicht so tun, als trüge er keine Schuld an der Situation. „Wolltest du Zeit mit ihr alleine verbringen und hast deswegen nichts gesagt?“

Erstaunt stutzte der Ninja. „Anfangs, ja. Aber dann hast du begonnen, dich seltsam zu benehmen und ich habe es nicht mehr für erwähnenswert gehalten. Bis ich begriff, warum du dich seltsam benimmst.“

Der Blondschopf biss sauer die Zähne zusammen. „Du wusstest, dass ich eifersüchtig war und hast es einfach dabei belassen?? Ich bin fast wahnsinnig geworden!“

„Einfach?“ Kurogane hob eine Augenbraue. „Wie denkst du denn hätte die ganze Angelegenheit sich vermeiden lassen?“

„Vermeiden?!“ Fye sprang wutentbrannt auf. „Was hätte ich denn tun so-“ Er hielt in seinem Zetern inne, als ihn eine Erkenntnis übermannte. Kurogane hatte ihn mehrmals gefragt, ob irgendetwas war. Das hatte er also getan, um ….

„Ich wollte sehen, ob du das wieder nur mit dir selbst ausdiskutierst oder ob du damit zu mir kommst.“

„Das war ein Test?“ Fyes Zorn war verraucht. Geschlagen ließ er sich auf das Bettsofa fallen und starrte kopfschüttelnd den Boden an. „Ich bin durchgefallen, was?“ Er lachte verbittert. „Ich würde es verstehen, wenn du mich doch in den Wind schießt.“

Kurogane gab ein lautes Knurren von sich. „Ja? Ich würde das nicht verstehen, du Trottel.“

Der Kopf des Magiers schnellte mit ungläubigem Blick nach oben.

„Du hast den Bengel um Hilfe gefragt. Das ist ein Fortschritt. Ein kleiner, aber immerhin ist es ein Schritt in die richtige Richtung.“

Perplex und wortlos sah Fye zu ihm hinauf. So etwas sollte ihn nicht mehr überraschen. Kurogane hatte direkt durchschaut, warum Shaolan in dem Restaurant aufgetaucht war. Als er von neuem lachte, war immer noch ein Hauch von Bitterkeit zu hören.

„Können wir bitte niemals wieder darüber reden, dass ich eifersüchtig auf deine Mutter war?“

„Sie ist NICHT meine Mutter“, wehrte sich der Ninja umgehend. „Sie ähnelt ihr ein bisschen“, schob er kleinlaut hinterher, „aber das war's auch schon. Und selbst, wenn sie jemand vollkommen anderes wäre, würde ich mich nicht weiter für sie interessieren. Hast du das gehört, Magier?“

Beschämt wich Fye seinem Blick aus und nickte nur.

„Nein, Magier“, Kurogane trat näher, packte ihn an beiden Armen und zog ihn von dem Bettsofa hoch. Er schaute in ein wunderschönes, aber selten dämlich dreinblickendes Paar blauer Augen. „Hast du es wirklich gehört und verstanden?“

Ein schwaches, entschuldigendes Lächeln formte sich auf dem Gesicht des Blonden. „Ich schäme mich dafür, auch nur den Gedanken gehabt zu haben, du könntest mich verlassen. Ich weiß, du würdest das nicht tun. Ich weiß, dass du mich … liebst. Und ich will, dass du weißt, dass es mir genauso geht.“

Sie sahen sich schweigend an, während der vormals harte Griff von Kuroganes Händen um Fyes Arme behutsamer wurde.

„Gut“, sagte der Dunkelhaarige schließlich und mit einem merkwürdig erleichtertem Unterton, „dann wäre das ja geklärt.“

Fye lachte leicht. „Oh, das war wieder die volle Ninja-Breitseite an Romantik, Kuro-rin! Ich bekomme ja ganz weiche Knie!“ Sein Lachen wurde lauter und er ließ sich gegen den anderen Mann fallen, um den er seine Arme schlang. „Danke für die Geduld“, fügte er liebevoll, aber ernsthaft hinzu.

„Hmpf“, war alles, was er an Antwort bekam. Dafür vergrub Kurogane sein Gesicht in seiner blonden Mähne.

„Musst du jetzt eigentlich noch einmal zur Arbeit?“, fragte Fye und warf über Kuroganes Schulter einen Blick auf die Wanduhr, die in der Küche hing.

„Nein, sie meinte, ich sollte es für heute gut sein lassen und zu Hause alles klären.“

„Klären, huh?“ Fye benetzte seine Lippen. „Die Frau war mir von Anfang an sympathisch.“ Kurogane ging dazu über, seinen Nacken zu küssen. „Es dauert noch gut zwei Stunden, bis Shaolan nach Hause kommt“, sagte der Magier und atmete hörbar schneller. „Wir haben immer noch keinen Alkohol da“, er ließ seine Hände südwärts wandern und dort verweilen, „aber vielleicht kann ich mit etwas anderem dienen, was es lange nicht mehr gab und was dazu noch kostenlos ist.“

Sie rissen sich ihre Klamotten im Eiltempo von den Leibern.

Dieses Mal war es Fye egal, dass die verdammten Sprungfedern sich fast in seinen Rücken bohrten, als er auf die Matratze geschmissen wurde.

 

Auf leisen Sohlen schlich Shaolan den Flur entlang. Vielleicht schlief Fye noch und da wollte er ihn auf gar keinen Fall wecken. Daher hatte er auch Mokona, die er im linken Arm hielt, gebeten, möglichst leise zu sein. Es war nett, dass er heute früher hatte Schluss machen dürfen, dachte er, als er mit der rechten Hand die Tür aufschloss und -

„AAH!“

„WHA~!“

„Scheiße!!“

„Whaaa~!“

'RUMMS!'

Kaum hatte Shaolan die Wohnung betreten, hatte er Fye und Kurogane erblickt, einen erschrockenen Laut ausgestoßen und Mokona fallengelassen. Während Kurogane panisch Fye von sich geschubst hatte, hatte Shaolan nicht minder panisch mit geschlossenen Augen kehrtmachen wollen und war mit voller Wucht gegen die noch geöffnete Tür geknallt.

„Du meine Güte, Shaolan-kun!“ Fye war der Erste, der sich von seinem Schock erholte, sich notdürftig das Bettlaken umknotete und zu dem Jungen lief, der sich nun mit einer Hand die Nase hielt. Kurogane hatte sich derweil die Decke übergeworfen und sich darunter verkrochen.

„Lass mal sehen.“ Der Magier hob Shaolans Hand weg und fühlte behutsam über das durch den Zusammenstoß in Mitleidenschaft gezogene Riechorgan. „Sie blutet nicht, das ist schon mal gut. Tut es sehr weh?“

„Es-es geht.“ Der Junge hatte einen knallroten Kopf und sah strikt an Fye vorbei.

„Setz dich.“ Der Blondschopf geleitete ihn zu einem der Stühle am Küchentisch und platzierte ihn dort, bevor er zum Kühlschrank ging, aus dem Gefrierfach eine kleine Tüte Erbsen nahm und sie in ein sauberes Geschirrtuch einschlug. „Mokona, ist bei dir alles in Ordnung?“ Er blickte währenddessen zu der kleinen Kreatur, die ein Stück über den Boden gerollt war, dann wieder auf ihre kurzen Beine gesprungen war und nun unerschrocken auf das Bettsofa hüpfte – was demjenigen, der sich noch darauf befand, ganz und gar nicht gefiel.

„Die Stuntrolle ist eine von Mokonas 108 geheimen Fähigkeiten“, erklärte sie stolz und zog mit einer Pfote belustigt an der Decke, in die Kurogane sich eingewickelt hatte. So wie nur noch sein hochroter Kopf herausschaute, hatte er etwas von einer peinlich berührten Schildkröte.

„Geh weg, Klops! Hier gibt es nichts zu sehen!“, schimpfte der Ninja und wirkte dabei nicht einmal halb so einschüchternd, wie er das wohl gerne wollte.

Fye gluckste, als er Shaolan die improvisierte Eispackung vorsichtig gegen die Nase hielt.

„Das … hättest du offensichtlich nicht sehen sollen, Shaolan-kun. Es ist ein wenig unangenehm, oder?“

„EIN WENIG??“, tönte es aufgebracht von der Couch. „WAS GIBT ES DA ÜBERHAUPT ZU LACHEN, MAGIER??“

Kuroganes Gezeter brachte ihn noch mehr zum Lachen. „Ja doch, es ist eine schrecklich ernste Angelegenheit, Kuro-Kröti.“ Er zwinkerte dem Jungen vor sich zu. „Wir werden jetzt wohl damit leben müssen, dass Kuro-sama unter dieser Decke bleibt. Für immer.“

„T-tut mir leid“, kam es zerknirscht von Shaolan, „ich konnte etwas früher Feierabend machen und ich konnte ja nicht ahnen, dass ihr ...“ Das Blut schoss von neuem in sein Gesicht. „Es tut mir einfach leid.“

Fye winkte ab. „Mach dir nichts draus. Auf unserer Seite ist kein Schaden entstanden.“ Er warf einen Blick zurück auf Kurogane, der versuchte, Mokona davon abzuhalten, weiter an seiner schützenden Decke zu ziehen. „Hoffe ich.“

„Mokona findet es auch nicht schlimm!“, quiekte das Wollknäuel fröhlich. „Shaolan hat gesagt, es ist immer etwas Gutes, wenn Kurogane und Fye sich so besonders lieb haben!“

Dem Magier rutschte an dieser Stelle der Eisbeutel aus der Hand, als sein Blick den des Ninjas traf und sie beide begriffen, was Mokona gerade gesagt hatte. Jetzt doch auch etwas peinlich berührt, drehte Fye sich wieder zu Shaolan, der die Packung Erbsen aufgefangen hatte und sein Gesicht hinter dem Geschirrtuch zu verstecken versuchte.

„Shaolan-kun“, begann Fye zögerlich, „hast du … hast du vielleicht vorher schon einmal etwas … mitbekommen?“

Hinter dem Geschirrtuch konnte er ein zaghaftes Nicken ausmachen.

„Wir hatten schon gaaanz oft dünne Wände“, ergänzte Mokona, sich keinem Grund, sich zu schämen bewusst. „Da konnte man gaaanz viel hören!“

„Oje.“ Fye grinste gezwungen. „Warum hast du denn nichts gesagt? Dann hätten wir doch nicht … oh.“ Er atmete kopfschüttelnd aus. „Oh, Shaolan-kun. Deswegen hast du nichts gesagt, stimmt's?“ Er schob das Geschirrtuch beiseite und konnte das zaghafte Nicken eines dunkelroten Kopfes ausmachen. „Du bist ein zu guter Junge.“ Mit einer Hand über die Haare des Jungen streichelnd, wandte er sich noch einmal zur Couch um. Kurogane hatte mittlerweile sogar den Kopf eingezogen und man konnte von ihm nur noch ein gedämpftes und gequältes „Oh Gott“ vernehmen.

„Ja. Er wird ab jetzt definitiv unter dieser Decke leben.“ Fye lachte.

 

Natürlich hatten sie Kurogane nach einer (erstaunlich langen) Weile dazu bewegen können, wieder aus seinem Versteck hervorzukommen. Mit einem gefassten und sehr endgültig klingendem „Wir werden da nie wieder drüber reden“ hatte er das Thema abgehakt – oder abhaken wollen. Beim späteren Abendessen hatte Fye sichtlich vergnügt bemerkt, wie die beiden immer noch blassrot im Gesicht waren und es nicht schafften, sich in die Augen zu sehen. Wie ging dieses Sprichwort, das er einmal aufgeschnappt hatte? Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm? Beide hatten auch den gleichen verdatterten Gesichtsausdruck, als Fye bei diesem Gedanken losprusten musste – was sein Lachen nur verstärkte.

Irgendwann war auch das Restaurant fertiggestellt und Kuroganes Mutter („SIE IST NICHT MEINE MUTTER!“) hatte sie alle zu einem Testessen eingeladen. Nicht nur, dass die Frau aussah wie eine Göttin, sie kochte auch wie eine und freute sich spürbar von Herzen, die kuriose Runde bewirten zu dürfen. Fye verbat sich jegliche Kommentare darüber, wie Kurogane die Frau ansah. Es war offensichtlich, wie gut ihm der Aufenthalt hier getan hatte. Als sie dann noch, bevor sie aufstand, um den Nachtisch zu holen, erwähnte, dass ihr Freund in wenigen Wochen anreisen würde, um mit ihr das Restaurant zu führen und dieser Freund „schon irgendwie Ähnlichkeit mit Kurogane“ hatte, landeten alle Augen auf dem Ninja.

„Was?“, sagte er ungerührt, als sie unter sich waren.

„Kuro-min“, Fye legte eine Hand unterm Tisch auf sein Bein und drückte es, „selbst deine Leitung ist nicht so lang, dass du das gerade nicht verstanden hättest.“

„Das sagt der Richtige.“

„Nein, im Ernst, Kurogane“, schaltete sich Shaolan ein. „Es ist doch sehr wahrscheinlich, dass ihr Freund die gleiche Seele besitzt wie dein-“

Der Schwarzhaarige machte eine Handbewegung, um ihn daran zu hindern, weiterzusprechen. „Wer auch immer das ist, ist nicht mein Vater. Hört auf, diese Gesichter zu machen. Sollten wir nicht langsam weiter?“

„Aber-“, wollte Mokona einwerfen und wurde ebenso von ihm unterbrochen.

„Mir reicht es zu wissen, dass sie nicht alleine ist.“ Er blickte nacheinander in die Mienen des Braunschopfes zu seiner Linken, des Blondschopfes zu seiner Rechten und der weißen Puderquaste vor ihm auf dem Tisch. „Es ist in Ordnung. Mir fehlt es an nichts.“ Er sah einen weiteren Gefühlsausbruch ihrerseits kommen und wuschelte hastig über die Köpfe links und rechts von sich (rechts ein bisschen doller), während Mokona hochsprang und ihm mehrere Schmatzer auf die Wangen verpasste.

Die Besitzerin des Restaurants kam wieder und brach über das ulkige Bild vor sich in Gelächter aus. „Irgendwann möchte ich eine Familie wie eure haben!“

Die Gefahren eines Wunsches

„Es regnet ja mal nicht.“

Kurz nach ihrer Ankunft schaute Kurogane zum unerwartet blauen Himmel hinauf, bevor sein Blick auf den Laden vor ihnen fiel. Wahrscheinlich verriet seine Miene, was er dachte: Nicht sein Lieblingsort. Aber es gab schlimmere und hier lauerten im Normalfall keine Gefahren, wenn man von einer Sache absah-

Kaum hatte er dies gedacht, öffnete sich die Schiebetüre und ein schwarzes Etwas flog im hohen Bogen und mit einem Affenzahn heraus und auf ihn zu. Er hätte direkt nach der Landung daran denken sollen, das Wollknäuel dem Magier zuzuwerfen. In dieser Welt passierte schließlich immer das Gleiche.

„HUIIIII! MOKONA!“

„HUIIIII! MOKONA!“

Die beiden Kreaturen feierten auf Kuroganes Schulter und Kopf ein freudiges, lautes und bewegungsintensives Wiedersehen.

„HÖRT AUF, MICH ALS HÜPFBURG ZU MISSBRAUCHEN!“ Kurogane schnappte nach ihnen, doch die schwarze Mokona hüpfte weiter und gab sowohl Fye als auch Shaolan ein Begrüßungsküsschen.

„Ah, ihr seid die Ursache für diesen Lärm.“ Watanuki erschien in der Türe und lächelte schwach.

„Entschuldige“, sagte Shaolan schnell, „haben wir dich geweckt? Du siehst müde aus.“

Der dunkelhaarige Junge stutzte und schüttelte den Kopf. „Ich schlafe in letzter Zeit nicht so gut, aber mach dir keine Sorgen. Es liegt sicher am Wetter.“ Er musste spüren, dass er damit keinen von ihnen hatte überzeugen können, denn er fuhr gleich fort. „Bitte, kommt rein. Es ist eine Weile her, seit ihr das letzte Mal hier wart.“

Seit Aiheiwa waren sie erneut durch mehrere Welten gekommen. Sah man von der Welt ab, in der aggressive Schlingpflanzen versucht hatten, sie unter Wasser zu ziehen, war nichts Spektakuläres geschehen. Sein anderes Ich argwöhnisch im Blick behaltend, betrat Shaolan, gefolgt von seinen Reisegefährten und den wiedervereinten Mokonas, den Laden.

„Machst du Inventur?“, fragte Fye, als er die ganzen Sammlerstücke, die gegen Wünsche eingetauscht worden waren, kreuz und quer im Flur erblickte. Sie waren nicht nur im Flur. Sie quollen aus fast jedem Raus heraus.

Watanuki seufzte. „Ich möchte sie immer irgendwie sortieren, doch es sind einfach zu viele. Ich weiß nicht wohin mit dem ganzen Krempel.“

„Verständlich.“ Der Magier schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Manche von den Gegenständen sind aber auch sehr hübsch.“ Er tippte ein mit Perlmutt verziertes Kästchen an.

„Das würde ich lassen“, sagte der Junge trocken. „Als ich letztens den Deckel angehoben habe, kam ein unheimliches Gejaule aus dem Innern.“

Erschrocken zog Fye seine Hand zurück und lächelte. „Danke für die Warnung.“

Sie erreichten den Wohnraum, in dem wenigstens noch genug Platz war, um sich auf den Boden zu setzen. Während die Mokonas zusammen tuschelten, bot Watanuki seinen Gästen an, Tee für sie zu machen.

„Habt ihr auch Hunger?“ Er bot ihnen jedes Mal, wenn sie herkamen, etwas an. Es konnte ja sein, dass sie zuvor vielleicht länger nichts bekommen hatten. Er konnte sich nur schwer vorstellen, wie es war, ständig von Dimension zu Dimension zu reisen und nicht zu wissen, was einen erwartete. Es musste beschwerlich sein und er hatte das starke Bedürfnis, etwas für sie zu tun.

„Bitte, mach dir keine Umstände“, antwortete Shaolan wie gewohnt, als die schwarze Mokona mit einem plötzlichen, lautstarken Ausruf alle zusammenfahren ließ:

„DAS WILL ICH AUCH MAL PROBIEREN!!“

„Argh!“, schimpfte Kurogane. „Was soll das Geschreie?? Wollt ihr uns zu Tode erschrecken??“

„Nein.“ Die weiße Mokona schüttelte grinsend den Kopf. „Ich habe Mokona nur erzählt, was für leckere Sachen Mama in letzter Zeit für uns gekocht hat.“

„Mama?“ Watanuki hob fragend eine Augenbraue.

„Mama.“ Das Wollknäuel zeigte auf Fye. „Papa.“ Die Pfote wanderte zu Kurogane.

„Ah … ja … natürlich.“ Der Junge schaute verwirrt zu Shaolan, der lächelnd mit den Schultern zuckte.

„Mokona will auch leckere Sachen essen!“ Die schwarze Mokona tänzelte zu Fye und zog ihn grinsend am Ärmel.

„Hey, sei nicht unhöflich“, ermahnte Watanuki sie, doch Fye wirkte von der Aufforderung nur amüsiert.

„Ich weiß nicht, ob ich da nein sagen kann, wenn ich so nett gefragt werde. Wenn es dir nichts ausmacht, Watanuki-kun, darf ich deine Küche benutzen?“

„Du musst wirklich nicht-“

Der Magier klatschte in die Hände. „Gut, dann wäre das geklärt. Kuro-tan, du darfst mir helfen.“

„Häh?“

Ohne eine weitere Erklärung zog er den Ninja, der sich gerade erst auf dem Boden niedergelassen hatte, wieder hoch und schob ihn in die benachbarte Küche. Die Mokonas tapsten ihnen nach.

Shaolan blickte ihnen hinterher und begriff, was vor sich ging. Sie wollten ihnen Zeit geben, sich unter vier Augen zu unterhalten.

„Ist auch wirklich alles in Ordnung, Kimihiro?“

Der Angesprochene öffnete perplex den Mund, bemerkte die betroffene Mimik des Anderen und schloss kurz die Augen. „Ich hatte in letzter Zeit oft Albträume …. Aber bitte, Shaolan, erzähl mir doch erst, was ihr in der Zwischenzeit erlebt habt.“

„Kimihiro ...“

„Eins nach dem anderen.“

Shaolan nickte, auch wenn er nicht glücklich darüber war, dass Watanuki etwas bedrückte und er nicht wusste, was es war. Außer des Offensichtlichen.

„Ah!“, fiel ihm schlagartig etwas ein, mit dem er hoffte, den Anderen aufheitern zu können. „Vor einiger Zeit habe ich noch einen Hinweis zu diesen mächtigen Magiern gefunden. In einer Welt gab es eine Aufzeichnung, die der aus Matrisis glich. Es war die Rede von Magiern, deren Kräfte jegliche Vorstellungen überstiegen. Jedoch hieß es auch hier, dass es nur eine Legende sei. Es war kein Bericht in dem Sinne, dass jemand sie tatsächlich getroffen hätte. Aber die Beschreibungen ähnelten sich so sehr, dass sie die gleichen Magier meinen müssen. Hast du inzwischen in Yukos Bibliothek etwas dazu finden können?“

Der brünette Junge wunderte sich, dass seine aufgeregte Erzählung, mit der er doch gehofft hatte, sein Gegenüber aufzumuntern, das genaue Gegenteil bewirkt hatte. Watanukis Augenbrauen zogen sich zusammen und er wirkte fast so, als wäre er … erzürnt?

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Du klammerst dich da an irgendeine Legende, die wahrscheinlich nur ein Märchen ist. Wenn du dich weiter so da reinsteigerst, wirst du nur enttäuscht werden“, entgegnete Watanuki auffallend brüsk.

„Aber sie sind vielleicht die einzige Hoff-“

„Nein, Shaolan! Sie sind nichts! Vergiss sie!“

Irritiert starrte Shaolan den Dunkelhaarigen nach diesem Wutausbruch wortlos an.

 

„Um was machst du dir Sorgen?“

Kurogane hielt kurz inne, nachdem Fye ihn dies gefragt hatte. Der pfeifende Wirrkopf hatte Watanukis Schränke und Kühlschrank nach Zutaten durchforstet und überlegte nun, was er daraus zaubern sollte.

„Der schwarzhaarige Bengel verbirgt irgendetwas“, brummte er zurück.

„Ja, scheint mir auch so.“ Fye lehnte sich mit dem Rücken gegen die Arbeitsfläche und ließ seinen Blick über den Mann vor ihm wandern. Die Mokonas saßen in einer Ecke und erzählten sich von ihren Erlebnissen. Dann seufzte der Magier.

„Ich verstehe das immer noch nicht.“

„Was?“, hakte Kurogane nach und wich seinem musternden Blick aus.

„Wenn ich etwas habe, tust du jedes Mal so, als wäre das ein Weltuntergang und hältst mir einen Vortrag darüber, dass ich ehrlich sein soll – was ich ja auch versuche. Ich verhalte mich in letzter Zeit mustergültig, findest du nicht?“

Das Grummeln, das er als Antwort bekam, ließ ihn neckisch schmunzeln.

„Aber wenn du etwas hast, ist es selbstverständlich, dass wir nicht darüber reden. Das erscheint mir unnötig kompliziert. Erhelle mich, oh großer, weiser Ninja.“

„Weil ich überhaupt nichts habe, darum. Thema beendet.“

Fyes Heiterkeit verzog sich in Windeseile, doch bevor er seinem sturen Bock von Partner eine Standpauke halten konnte, reagierten die Mokonas.

„Riesenaugen!“, riefen beide aus und machten selbige.

Einen Moment später öffnete sich eine Dimensionsspalte und Fuma stand mit ihnen in der Küche.

„Wow, hey, gut getroffen, was?“, begrüßte er die beiden baffen Männer winkend.

„Was zur-?!“

„Fuma-kun?“

„Wieso seht ihr so überrascht aus? Ich sollte doch für Wartungsarbeiten vorbeikommen, oder nicht?“ Er packte bereits sein Werkzeug aus. „Ich war selbst erstaunt, als ich eine Nachricht von eurem Kloß auf mein neues Spielzeug empfangen habe.“ Er zeigte ihnen flüchtig ein Gerät, das den von Kurogane verhassten Mobiltelefonen glich. „Es empfängt telepathische Nachrichten. Cool, oder?“

„Ja, cool …“, wiederholte Fye und sah wie Kurogane verblüfft zu ihrer Mokona, die sie besorgt anblinzelte.

„Seit die gemeine Schlingpflanze an Papas Arm gezogen hat und es so ein komisches Geräusch gegeben hat, ächzt Papa manchmal. Aber Papa sagt nie, wenn er Schmerzen hat, weil er wahrscheinlich Mama und Shaolan und Mokona keinen Kummer machen will. Da hat Mokona sich gewünscht, Fuma würde vorbeikommen und nach Papas Arm sehen.“

Milde knurrend machte Kurogane seinen linken Arm frei. „Wenn ich etwas sage, macht ihr genau die Gesichter, die ihr jetzt macht. Das will keiner sehen.“

„Kriegst du ihn wieder hin, Fuma-kun?“, fragte Fye nach einem langen, schweigenden Blick auf den Ninja. „Tu ihm ruhig weh, er hat es verdient, auch wenn er es gut meint.“

„Hey!“, empörte sich der unfreiwillige Patient und knurrte lauter, als Fuma lachte.

„Da wird nur ein bisschen was verzogen sein, kein Problem. Ich habe diesen Arm schon so oft repariert und ausgetauscht, ich kenne ihn besser als all meine Westentaschen.“ Er schmunzelte. „Du hast ein Glück, da kann man fast neidisch sein. Ein Kind, das so besorgt um den Vater ist, dass es unbewusst eine Nachricht durch Raum und Zeit schickt. Ihr seid euch auch wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Fuma ging wie Fye lachend in Deckung, als Kurogane mit Schraubenziehern nach ihnen schmiss.

 

Nicht begreifend, warum Watanuki ihn aus dem Blauen heraus so anschrie, blickte Shaolan ihn lediglich weiter perplex an.

„Sie vergessen?“, sagte er nach einer Weile des Schweigens, in der er die gepeinigte Miene des Anderen gemustert hatte. „Warum soll ich sie …?“ Er zog scharf die Luft ein. „Du hast etwas über sie herausgefunden, oder? So ist es doch, nicht wahr?“

Der dunkelhaarige Junge wandte seine Augen ab. „Shaolan ...“

„Bitte! Wenn du etwas gefunden hast, dann sag es mir bitte!“

Zögerlich richtete Watanuki seinen Blick wieder auf sein anderes Ich. Es war so sichtbar, so greifbar, wie er mit sich haderte und wie schwer er es ihm fiel, nach den richtigen Worten zu suchen. Geschlagen zuckte er mit den Schultern.

„Es ist …“, begann er und Shaolan hielt unbewusst den Atem an, „es ist nicht viel, was ich gefunden habe. Eine kurze Notiz von Yuko über etwas, was ein Kunde ihr berichtet hatte. Mehr nicht. Aber in dieser steht etwas von einer Legende über Magier, die dermaßen unvorstellbare Kräfte besessen hatten, dass sie in ihrer Welt sogar wie Götter verehrt worden waren. Niemand weiß, was aus diesen Magiern oder dieser Welt geworden ist.“ Watanuki machte eine lange Pause, als müsste er sich darauf vorbereiten, eine niederschmetternde Botschaft zu übermitteln.

„Doch man kann es sich denken, wenn man die Worte beachtet, mit denen die überlieferte Legende endet: 'Fürchtet euch vor den Magiern des Abgrunds, die die Welt an den selbigen getrieben haben.'“

Erneute Stille trat zwischen die beiden außergewöhnlichen jungen Männer.

Wie geistesabwesend schüttelte Shaolan den Kopf. „Fürchtet euch …? Aber ...“

„Wenn das die Magier sind, die du zu finden hoffst“, fuhr Watanuki gedankenschwer fort, „dann wäre es besser, wenn du sie nicht findest. Es heißt, dass man sie fürchten soll. Fürchten, Shaolan.“ Er presste seine Lippen aufeinander und ballte seine Hände zu Fäusten. „Selbst wenn du sie findest, werden sie dir – uns – nicht helfen. Wahrscheinlich wäre eher das Gegenteil der Fall.“

Shaolan schüttelte abermals den Kopf, diesmal energischer. „Nein, das kannst du nicht wissen. Vielleicht ist etwas falsch überliefert worden. Ich habe bisher nur darüber gelesen, wie mächtig sie waren, doch nichts darüber, dass sie gefährlich waren.“

„Denk doch einmal nach!“, wandte Watanuki erzürnt ein. „Wieso findest du keine Details zu dieser Geschichte?! Wieso sind alle Überlieferungen nur fragmentarisch?! Wieso gibt es keine Berichte, in denen ihnen jemand persönlich begegnet ist?! Weil die Welt, in der sie vermutlich waren, untergegangen ist! Weil niemand, der ihnen begegnet ist, dies überlebt hat! Darum!!“

„Das sind nur Vermutungen, das kannst du nicht wissen!!“ Der brünette Junge merkte weder dass er schrie, noch dass ihm dabei die Tränen in den Augen standen. „Das ist alles, was ich bisher gefunden habe!! Es muss sie geben!! Es muss!!“

Watanuki schien zunächst ebenso schreiend antworten zu wollen, doch er biss sich auf die Lippen und drehte dem Anderen den Rücken zu.

„Seit ich diese Notiz gelesen habe“, sagte er beachtlich leiser und mit brüchig werdender Stimme, „habe ich immer und immer wieder den gleichen Traum.“

Als er dies hörte, horchte Shaolan auf und regte sich umgehend ab. Ein unheilvolles Gefühl machte sich stattdessen in ihm breit.

„In diesem Traum ist es pechschwarz. Ich kann nichts erkennen.“ Watanuki schluckte. „Aber … aber ich kann Schreie hören. Schreckliche Schreie, die durch Mark und Bein gehen. Sie klingen wie … wie Todesschreie.“ Langsam drehte er sich zu seinem nun erschüttert dreinblickenden Gegenüber um. „Es sind eure Stimmen, Shaolan. Deine und die deiner Gefährten.“

Als hätte ihm eine unsichtbare Macht die Beine wegzogen, fiel Shaolan kraftlos auf die Knie. Tränen rannten sein Gesicht hinunter und er schnappte nach Luft. Er bekam nur am Rand mit, dass jemand auf ihn zukam, sich zu ihm hinunterkniete und ihn in den Arm nahm.

„Ganz ruhig, Shaolan-kun.“ Fye. Das war Fye. „Alles ist gut. Es ist nichts passiert.“

Er hatte mitangehört, was sie besprochen hatten? Ängstlich drehte Shaolan den Kopf, um zu dem geöffneten Durchgang zur Küche zu blicken. Kurogane stand dort und schaute ernst zu ihm. Fuma stand hinter ihm, auf jeder Schulter eine bestürzte Mokona. Wann war Fuma hergekommen? Und warum? War doch etwas mit Kuroganes Arm? Er hatte so eine Vermutung gehabt. Shaolan wollte diese ganz normalen Fragen stellen, doch kein Laut verließ seine Lippen. Watanuki war ein Traumseher. Seine Träume gewährten in der Regel einen Blick in die Zukunft.

„Es tut mir leid.“ Mit zittrigen Fingern nahm Watanuki seine Brille ab und putzte sie notdürftig an seinem Hemd ab. Sie war beschlagen, weil er selbst weinte. Die schwarze Mokona hüpfte von Fuma zu dem Jungen und drückte sich in einer tröstenden Geste gegen seinen Kopf, was er deutlich dankbar zur Kenntnis nahm.

„Muss uns das jetzt Sorgen machen?“, fragte Kurogane in Fyes Richtung.

Dieser zuckte überfragt mit den Achseln. „Watanuki-kuns Träume zeigen wie die Träume von Sakura-chan eine mögliche Zukunft. Es muss also nicht heißen, dass sie in der Tat eintreffen werden. Da er die Albträume allerdings hat, seit er diese Notiz gelesen hat, vermute ich stark, dass sie mit diesen Magiern zusammenhängen.“

„Das heißt, es gibt sie wahrscheinlich, aber sie haben noch wahrscheinlicher einen an der Waffel. Öfter mal was Neues.“

Fye grinste gequält. „Kuro-sama, du bist wieder einmal der Inbegriff des Feingefühls.“

Ungerührt zuckte der Ninja mit den Schultern. „Ist ja nicht so, als könnten wir die Typen suchen und finden. Von dem, was ich verstanden habe, ist die Geschichte uralt, oder? Vielleicht ist von denen gar keiner mehr da. Magier sind bekloppt, aber nicht unsterblich. Und vor allem lass ich mich von solchen Blitzbirnen nicht um die Ecke bringen. Wir lassen es also einfach auf uns zukommen und geraten nicht jetzt schon in Panik. Hast du mich gehört, Bengel?“

Shaolan schluckte und nickte zaghaft.

„Nein, hast du mich wirklich gehört? Argh, wie ging der dämliche Spruch? Irgendwas mit 'nem Apfel und 'nem Stamm … ist auch egal.“

Während Fye über seine Haare strich, wischte Shaolan sich die Tränen aus dem Gesicht und nickte erneut. „Ich habe verstanden, was du sagen willst.“

„Gut. Wir finden eine andere Lösung. Ist das bei dir auch angekommen, Bengel Nummer 2?“

Verdattert zuckte Watanuki zusammen. „Ähm, ja …?“

„Wenn du sie beim Namen nennen würdest, müsstest du sie nicht durchnummerieren“, rügte Fye den schwarzhaarigen Mann belustigt, der darauf nur unbeeindruckt brummte.

„Es liegt mir fern, mich einmischen zu wollen“, warf Fuma ein, „aber wo wir doch schon an diesem Ort sind: Gibt es keinen Wunsch, der euch weiterhelfen könnte?“ Erstaunt registrierte er, wie Watanuki ihn daraufhin entsetzt ansah.

„Ein Wunsch hat uns überhaupt erst in diese Lage gebracht. Nein. Gerade wir sollten wissen, dass man mit seinen Wünschen vorsichtig sein sollte.“

„Er hat Recht“, pflichtete Shaolan ihm kleinlaut bei.

 

Fuma blieb noch zum Abendessen, verabschiedete sich jedoch, bevor sie anfingen, die Futons für ihr Nachtlager (es war wirklich nur in einem Zimmer noch Platz, um etwas auszubreiten) zu bereiten. Die Mokonas hielten es für hilfreich, aus dem Schrank heraus die Kissen in den Raum zu werfen und dabei grundsätzlich nur Kurogane mitten ins Gesicht zu treffen. Als er wild fluchend und wutentbrannt in den Schrank langte und sie ihm dennoch entkamen, gesellte sich Fye sichtbar grübelnd zu ihm. Ein Blick genügte, um ihn zu fragen, was ihn beschäftigte.

„Watanuki tut mir leid“, flüsterte der Magier und sah beiläufig zu dem Jungen, der am anderen Ende des Raums mit Shaolan die Futons ausbreitete, auf denen die Mokonas nun herumsprangen. „Er leidet so offensichtlich, aber ich weiß nicht, was ich da machen könnte. Er gehört auch zu uns, aber wir kennen ihn ja eigentlich kaum. Ich glaube, er würde es nur als aufdringlich empfinden, wenn wir ihn trösten wollten.“

Kurogane schaute zu dem bedrückten Blondschopf und dann zu den Jungen, ehe er laut ausatmete. Ohne ein Wort zu sagen, ging er schließlich zu ihnen hin und wuschelte ohne Vorwarnung durch ihre Haare. Dann trabte er zurück zum große Augen machenden Magier.

„Was … was war das?“ Watanuki wirkte, als hätte er gerade eine Begegnung der dritten Art gehabt.

Shaolan, das Wuscheln mittlerweile gewohnt, lächelte sanft. „Sie machen sich Sorgen um uns und wollen uns trösten.“

Der bebrillte Junge stutzte. „Um uns?“

„Natürlich.“

Ein zartes Lächeln formte sich auf Watanukis Lippen. „Ich bin jedes Mal froh, wenn ihr vorbeikommt.“ Er blickte Shaolan direkt an. „Ich weiß zwar, wieso diese beiden damals ausgewählt worden sind, um die Reise anzutreten, aber … ist es nicht auch ein wahnsinniges Glück, dass sie es geworden sind? Ich meine, bei allem Schrecklichen, was geschehen ist, kannst du dich mit ihnen wahrlich glücklich schätzen, findest du nicht? Als hätte das Schicksal es so gewollt. Als hätte es diese beiden ausgewählt, um alles etwas weniger schrecklich zu machen.“

Shaolan erwiderte seinen Blick, bevor er zu seinen beiden Gefährten schaute. Fye zog gerade das letzte Kopfkissen aus dem Schrank und knallte es Kurogane mitten ins Gesicht. Über das darauffolgende Gezeter des Ninjas hinweg musste der Junge lächeln.

„Ja. Als hätte das Schicksal sie mir an die Seite gestellt.“

In der Nacht, in der Shaolan Kimihiros Hand hielt, in der Hoffnung, dies könnte den grässlichen Albtraum fernhalten, lag er noch lange wach und dachte über das Schicksal und seine Eltern nach.

Wenn es keinen Weg gab, sie zurückzubringen, dann war die Reise nicht nur unsinnig, sondern auch endlos. Aber er hatte 'Shaolan' getroffen; das musste etwas zu bedeuten haben! Er und 'Sakura' mussten irgendwo sein. Es musste einen Weg geben, sie zurückzubringen. Er konnte es sich nicht genau erklären, aber dies fühlte sich für ihn nicht wie eine Möglichkeit, sondern wie eine Tatsache an. Es musste einen Weg geben. Und er musste ihn finden. Er musste alles daran setzen, sie zurückzubringen, da sonst er und Kimihiro niemals Frieden finden konnten. Und ebenso Sakura nicht. Auch sie litt unter dem Verlust ihres anderen Ichs, selbst wenn sie das praktisch nie ansprach, um damit nicht den Druck auf ihn zu erhöhen.

Es musste einen Weg geben.

Er würde ihn finden. Er würde ihn finden und umsetzen.

Mit dem überwältigenden Wunsch, seine Eltern bald wiederzusehen, schlief Shaolan ein.

Das vergessene Band

Mokona sah erwartungsvoll zu Kurogane hoch, nachdem sie in einer neuen Welt angekommen waren.

„Was?“

„Mokona wartet auf ein Lob!“

„Häh? Wofür?“

„Für die super mega ultra weiche Landung!“

Der Ninja blinzelte nüchtern. „Die sollten selbstverständlich sein.“

„Awwww, Papa lobt mich nie.“ Mit hängenden Ohren schlappte die Kreatur zu Fye und ließ sich vor seinen Füßen auf die Erde plumpsen.

„Na na, du weißt doch, dass Papa immer etwas zu meckern hat.“ Fye hob sie hoch und tätschelte ihren Kopf. „Ich fand die Landung sehr gelungen.“

„Ja, das war sie“, bestätigte Shaolan aufmunternd und Mokonas Ohren richteten sich wieder auf.

„Ja? Ja? Findet ihr?“

„Der Klops hat uns einmal nicht mit Karacho auf den Boden donnern lassen und will dafür gleich eine Belohnung“, murrte Kurogane. „Das kommt dabei heraus, wenn man jemanden ständig verhätschelt.“

Die Ohren senkten sich wieder auf Halbmast hinab. „Awww …“

„Also wirklich, Kuro-Nörgler, kannst du nicht einmal einfach etwas Nettes sagen?“ Fye schüttelte halbernst den Kopf. „Manchmal bist du schlimm.“

Mehr als ein Grummeln bekam er nicht zur Antwort. „Wo sind wir? Kommt einem von euch etwas bekannt vor oder ist das hier eine neue Welt?“ Er sah in den graublauen Himmel empor. Eine Sonne schien schwach durch die dunkelgrauen Wolken hindurch. Es war frisch, aber nicht unbedingt kühl. Hinter ihnen erstreckte sich ein großer, dunkler Wald mit hochgewachsenen Nadelbäumen. Vor ihnen lag eine offene Grasfläche.

„Ich glaube nicht, dass wir schon einmal hier waren.“ Shaolan hatte ebenso den Himmel und die Umgebung betrachtet. „Wir sollten nachsehen, ob es in dieser Richtung vielleicht eine Siedlung gibt.“ Er zeigte zu der Grasfläche.

Kurogane grinste stolz, ehe er sich in Bewegung setzte. „Die Richtung hätte ich auch vorgeschlagen.“

Für einen flüchtigen Moment freute sich Shaolan über diese Bemerkung, bis Mokona von neuem seufzte.

„Papa lobt mich nie …“

Fye tätschelte von neuem ihren Kopf und setzte sie behutsam auf seine Schulter. „Papa hat dich trotzdem lieb.“

Mehr als ein jammervolles Jaulen bekam er nicht zur Antwort.

 

Eine gefühlte Ewigkeit liefen sie durch das Grasland, ohne dass ein Mensch oder ein Hinweis auf eine vorhandene Zivilisation ihnen begegnete. Shaolan war bereits kurz davor, diese Welt abzuhaken, als ihm etwas Gravierendes auffiel. Er blieb stehen und guckte nachdenklich auf eine weitere Grünfläche.

„Ist dort etwas?“ Fye war wie Kurogane bei ihm stehen geblieben.

„Das … ich bin mir nicht sicher, aber es wirkt beinahe so, als wäre dies vielleicht einmal vor langer Zeit Ackerland gewesen.“

Die beiden Erwachsenen folgten seinem Blick. Für sie sah das Ganze lediglich nach einer mit Gras überwucherten Ebene aus. Doch Shaolan hatte von seinem Vater die Augen eines Archäologen geerbt; er bemerkte oft Dinge, die ihnen in eintausend Jahren nicht aufgefallen wären.

„Wir sollten noch etwas weitergehen.“

Sie stimmten seinem Vorschlag bedenkenlos zu.

Nach einigen weiteren Minuten erblickten sie in der Ferne tatsächlich ein paar Häuser – oder vielmehr die Überreste von Häusern. Den einfachen, doch sicherlich einst schmucken, hölzernen Gebäuden fehlten allesamt Teile der Dächer oder Wände. Bei einigen waren lediglich ein paar Löcher in den Wänden, bei anderen stand nur noch ein bisschen mehr als das Grundgerüst. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde es, dass dies ein verlassener Ort war. Gras und Unkraut hatten die Wege, die einst angelegt worden waren, überwuchert. Von einem steinernen Brunnen stand nur noch die Hälfte. Doch dies war nicht das schlimmste Bild, das sich ihnen dort bot.

Sie lagen bereits am Dorfeingang und auch überall im Dorf waren sie verstreut.

Knochen. Unzählige Knochen. Manche von Tieren, aber die meisten ohne jeglichen Zweifel von Menschen.

Wimmernd sprang Mokona in Fyes Arme zurück.

Im Bruchteil einer Sekunde hatte Kurogane sein Schwert aus seiner linken Hand gezogen, während seine Augen nun die Umgebung nahezu scannten. Auch wenn die Überreste offensichtlich schon lange hier lagen, hieß das nicht, dass die Gefahr vorüber war. War hier jemand Feindseliges? Waren diese Leute Opfer eines Überfalls geworden? Gab es irgendwelche Monster oder Dämonen?

Fye spürte seine Alarmbereitschaft und tastete mit seinen Sinnen ebenso die Umgebung ab. „Ich glaube nicht, dass hier noch irgendjemand ist“, sagte er ruhig, aber nicht minder alarmiert. „Ich kann nichts Lebendiges in der Gegend wahrnehmen.“

„Wer oder was hat diese Leute dann dahingerafft?“, entgegnete Kurogane und ließ seinen Blick erneut über die Massen an Knochen schweifen, die überall herumlagen. Scheiße, irgendeine Epidemie vielleicht? Ihm gefiel es ganz und gar nicht, dass der Bengel sich nun zu einigen der menschlichen Überreste hinunter gekniet hatte, um sie sich näher anzusehen.

„Fass nichts an, solange wir nicht wissen, was hier passiert ist“, ermahnte er ihn daher.

Mit seinen Gedanken schon längst bei der Untersuchung der Knochen, nickte Shaolan nur beiläufig.

„Ich bin mir natürlich nicht sicher, aber ich denke, diese Menschen sind bereits vor vielen Jahren, vielleicht sogar vor über einem Jahrzehnt gestorben. Oh!“

Fye und Kurogane eilten schnellen Schrittes zu ihm, als er offenkundig eine Entdeckung gemacht hatte.

„Sieht das nicht aus wie eine Pfeilspitze?“ Shaolan deutete auf eine kleine, scharfkantig aussehende Spitze, die inmitten der Knochen lag. Kurogane beugte sich herunter und bestätigte ihm seine Annahme.

„Das ist eine. Und das da sieht aus wie der Überrest einer Klinge.“ Er stupste mit seinem Schwert einige Knochen beiseite und zeigte damit dann auf einen länglichen, verrosteten Gegenstand von der Größe eines Messers, der in dem danebenliegenden Knochenhaufen lag. „Also wurden diese Leute angegriffen … aber ...“ Sein erwägender Blick musterte ein weiteres Mal die Häuser.

„Aber?“ Angespannt folgten Fyes Augen den Seinen.

„Nach einem Überfall auf ein Dorf brennt man das Dorf im Regelfall nieder. Grundsätze der Kriegsführung.“

Mokona jaulte bei seinen trockenen Ausführungen und Fye strich ihr von neuem über den Kopf. „So hartherzig Kuro-rin das auch ausgedrückt hat, es ist leider wahr.“

„Ein Feuer hat es hier definitiv nicht gegeben.“ Auch Shaolan suchte mit seinen Augen alles erneut ab. „Was mag diesen armen Menschen nur widerfahren sein?“ Schwermütig stand er auf. „Ich würde mich gerne noch etwas umsehen. Vielleicht findet sich noch ein Hinweis, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte.“

„Mach, was du meinst, aber bleib ja in der Nähe“, erteilte Kurogane ihm seine nur bedingt begeisterte Zustimmung.

„Mokona“, sagte Fye lediglich und die Angesprochene verstand sofort und hüpfte auf Shaolans Schulter. Während diese beiden sich zum am nächsten stehenden Haus aufmachten, um sich vorsichtig dort umzusehen, besah sich Kurogane einige der Skelette, die vor den Häusern lagen. Er fand weitere Reste von Pfeilspitzen und Klingen. Welches Ziel hatte der Angriff wohl verfolgt? Waren die Menschen alle nach draußen geflüchtet? Von wo waren die Angreifer gekommen? Pfeile bedeuteten, dass die Angreifer aus der Ferne angegriffen hatten, doch wieso fanden sich selbst in den Gebeinen hinter einigen Häusern Pfeilspitzen? Das machte keinen Sinn. Im Dorfinneren war es unsinnig mit Pfeilen zu attackieren. Da machten die Klingen Sinn, aber wieso lagen die Pfeile und die Klingen kreuz und quer? War der Angriff nicht von außerhalb erfolgt? Sowieso …

„Hast du irgendwo auf dem Weg hierhin auch nur ein einziges Tier bemerkt?“, fragte der Ninja den bei ihm stehenden Magier plötzlich.

„Ein Tier? Nein, jetzt, wo du es sagst, da war nichts und niemand.“

„Pfeile und Bögen lassen darauf schließen, dass diese Leute gejagt haben. Aber was haben sie gejagt, wenn es hier überhaupt keine lebenden Tiere mehr gibt?“

„Dann haben sie sie nur zur Kriegsführung eingesetzt?“, mutmaßte Fye und folgte Kurogane, der ein paar Meter weiter an den Rand des Dorfes zu weiteren Knochenhaufen ging und einen kurzen Blick auf diese warf.

„Das sind eindeutig Überreste von Tieren, aber sie sind nicht von Menschen getötet worden.“

„Von wem dann?“ Der Magier betrachtete die Knochen. In der Tat fanden sich dort keine Reste von Waffen. „Oder sind sie eines natürlichen Todes gestorben?“

„Unwahrscheinlich. Der Schädel da ist eindeutig zertrümmert.“

„Der andere auch ….“

Das Ganze wurde zunehmend mysteriöser. Ein kalter Wind wehte durch das Dorf und war nur zum Teil der Grund, warum Fye schaudern musste. Es war eindeutig etwas Fürchterliches in diesem Ort vorgefallen und er wusste nicht, ob er überhaupt herausfinden wollte, was das gewesen war.

 

Achtsam machte Shaolan in der Ruine des kleinen Hauses einen Schritt vor den anderen. Im Dach klaffte ein riesiges Loch, aber alles wirkte noch so stabil, dass er nicht fürchten musste, unter dem Haus begraben zu werden. Auch im Inneren fand er weitere Knochen. Manche waren so klein, dass sie keinen Zweifel daran zuließen von einem Kind zu stammen.

Wie grausam.

Er schluckte.

Nicht bei allen Skeletten, so wie bei diesem Kind zum Beispiel, fanden sich Waffen. Was bedeutete, dass jemand das Kind mit bloßen Händen getötet hatte. Aber Kurogane hatte Recht. Für einen gewöhnlichen Überfall gab es hier zu viele Ungereimtheiten. Im Innern des Hauses herrschte zwar Chaos, mit umgeworfenem Mobiliar und zerschepperter Keramik, doch es wirkte nicht so, als wäre hier geplündert worden.

„Was ist hier nur vorgefa-ah!“ Shaolan fasste sich mit einer Hand an den Kopf und alarmierte damit Mokona.

„Shaolan! Was ist? Hast du Kopfschmerzen?“

„Ja … ja, ein bisschen. Mach dir keine Sorgen.“ Er legte eine Hand auf Mokona, um sie zu beruhigen und holte tief Luft. Was für ein merkwürdiger Schmerz. Als hätte ein Blitz ihn in den Schädel getroffen. Nun blieb ein unangenehmer Druck in seinem Kopf zurück und ihm wurde etwas schwindelig. Es war wahrscheinlich besser, schnell zurückzugehen zu Kurogane und … und ….

Shaolan stutzte heftig. Kurogane und … …. Was war jetzt los? Er konnte sich nicht an den Namen seines anderen Gefährten erinnern. Er war wie ausgelöscht.

„Shaolan?“ Mokonas besorgte Stimme ließ ihn zusammenschrecken.

„Suchen wir schnell die anderen, ja?“ Panisch stellte er fest, dass er sich auch nicht an den Namen des Wesens auf seiner Schulter erinnern konnte.

 

„Kurogane!! Fye!!“

Beim Klang von Mokonas aufgescheuchter Stimme wirbelten die beiden Männer erschrocken herum. Shaolan schwankte aus der Ruine heraus und hielt sich eine Hand an den Kopf. In Windeseile rannten sie zu dem Jungen, der sich vor dem Haus auf den Boden setzte.

„Shaolan-kun, was ist los?“ Fye schob seine Hand behutsam weg, um nachzusehen, ob er irgendwo eine Verletzung hatte, doch dort war nichts zu sehen. Stattdessen kniff der Junge immer wieder die Augen zusammen und schaute den Magier mit zunehmender Verwirrung an.

„Er hatte plötzlich Kopfschmerzen!“, berichtete Mokona hektisch.

„Kopfschmerzen?“, wiederholte Fye beunruhigt. „Fehlt dir sonst noch etwas?“

Shaolan antwortete nicht, sondern blickte panisch von ihm zu Kurogane. Seine Augen schnellten wie manisch zwischen den beiden hin und her.

„Shaolan-kun …? Warum …? Da stimmt etwas nicht.“ Fye wandte sich zügig dem Ninja zu, der sich mit Daumen und Zeigefinger die Stelle zwischen seinen Augen kniff. „Kuro-sama?“, hakte er alarmiert nach. „Fühlst du dich auch nicht gut?“

„Ich hab das Gefühl, mir ist ein verdammter Blitz in den Schädel eingeschlagen“, antwortete Kurogane und gab sich sichtlich Mühe, nicht durchscheinen zu lassen, dass er gerade Schmerzen hatte.

„Du hast auch-“

„Wer seid ihr?? Was wollt ihr von mir??“

Fyes Frage wurde von Shaolan unterbrochen. Der Magier sah wieder zu ihm und erschrak bei dem Anblick, der sich ihm bot. Vollkommen von Angst überwältigt, drückte Shaolan sich gegen die Wand des Hauses, als wollte er in ihr verschwinden, um von ihnen wegzurücken. Sein Blick hatte endgültig etwas Manisches.

„Was ist das??“ Der Junge erblickte Mokona aus dem Augenwinkel und schlug sie hastig mit einer Hand von seiner Schulter. Die kleine Kreatur kam hart auf dem Boden auf und kullerte ein paar Meter von ihnen weg.

„Mokona!“ Überfordert drehte Fye sich wieder Kurogane zu, doch dessen Mimik war mit einem Mal voller Misstrauen. Als hätte er es mit einem Feind zu tun, machte der Ninja zwei Schritte rückwärts, zog sein Schwert und hielt die Spitze in Fyes Richtung.

„Wer zur Hölle seid ihr? Und wo bin ich?“

Der Magier hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Hatten sie etwa ihr Gedächtnis verloren? Er schluckte, als er begriff, was sich in diesem Dorf ereignet haben musste.

Hatten die Dorfbewohner vergessen, wer sie waren und sich daraufhin gegenseitig …?

Mit wieder festeren Beinen stand Shaolan auf. „Wo sind meine Eltern?? Habt ihr ihnen etwas getan??“ Er klang beinahe paranoid. „Redet, sonst muss ich Gewalt anwenden!“

„Keine Ahnung, wovon du redest“, erwiderte Kurogane mit einem wahnsinnigen Grinsen im Gesicht, das noch viel irrer aussah, als das, was er zu Beginn ihrer Reise gehabt hatte. „Aber wenn ihr euch mit mir anlegen wollt, müsst ihr lebensmüde sein. Ich töte grundsätzlich jeden, der mir in die Quere kommt.“

Löschte irgendetwas hier nicht nur Teile der Erinnerung, sondern machte auch in einem paranoid und aggressiv?

Die Tiere am Dorfrand, kam es Fye plötzlich in den Sinn, sie hatten sich ebenso gegenseitig umgebracht!

„Hört auf!! Hört auf!!“ Mokona schüttelte sich und sprang wieder auf ihre kleinen Beinchen. „Ihr habt einander doch lieb! Ihr wollt euch doch nichts tun!“

„Was ist denn das für ein hässlicher Kloß?“ Kurogane bedachte Mokona mit einem verächtlichen Blick. „Gehört das jammernde Ding da zu dir?“ Die Spitze seines Schwertes berührte nun Fyes Kinn. Der Ninja sah ihm in die entgeisterte Miene. „Was ist? Kannst du überhaupt kämpfen? Du siehst lächerlich schwach aus.“

„Niemand möchte hier kämpfen“, antwortete Fye mit zitternder, aber bemüht ruhiger Stimme. „Es wird alles wieder gut, wir müssen nur-ah!“ Er fasste sich mit einer Hand an den Kopf, so als hätte er mit einem Mal große Schmerzen. Als wäre ein Blitz … - panisch schaute er aus dem Augenwinkel zu Mokona, um ihr etwas zu sagen, doch als er sie anblickte, konnte er sich schon nicht mehr an ihren Namen erinnern.

„Fye? Mama?“, wimmerte Mokona bang und wurde noch ängstlicher, als sie bemerkte, wie verunsichert der Ausdruck auf seinem Gesicht auf einmal wurde. Seine Augen wanderten zurück zu der Schwertspitze, die ihn bedrohte, dann zu Kurogane und letztlich zu Shaolan.

„Wer seid ihr? Was wollt ihr? Wenn ihr Ceres überfallen wollt, solltet ihr wissen, dass ihr dafür an mir vorbei müsst.“

„Na endlich wird die Sache mal interessant“, entgegnete Kurogane noch, ehe er mit seinem Schwert ausholte und nach Fye schlug. Dieser wich aus und ging auf Distanz, von wo er rasend schnell Zeichen in die Luft schrieb, die sich in eine Unmenge grell leuchtender Pfeile verwandelten und unverzüglich auf den Ninja zuflogen. Einige schlugen nahe bei Shaolan ein und er wich ihnen mit großen Sprüngen aus. Nur ein einziger streifte ihn am Fuß, sodass er ins Taumeln geriet. Kurogane wehrte den Angriff mit einer eigenen Attacke ab und wurde ebenso von nur einem einzigen Pfeil am linken Arm getroffen.

„Tsk, mehr hast du nicht drauf? Ich blute ja nicht einmal.“

Kaum hatte er dies gesagt, schleuderte er eine weitere Attacke in die Richtung des Magiers, der von neuem auswich, dadurch aber übersah, dass Shaolan trotz seiner Verletzung nach ihm trat. Der Junge traf Fye mit einem harten Tritt direkt in den Bauch und schmetterte ihn zu Boden. Kurogane, sichtlich angetan von einem überraschend starken Gegner, ging daher auf Shaolan los, der nicht schnell genug reagieren konnte und von einem Hieb am Oberarm erwischt wurde. Der Schwarzhaarige wollte ein weiteres Mal zuschlagen, als er hinter sich eine gewaltige Kraft spürte. Dem Feuersturm, der von dem Magier auf ihn zustürmte, entkam er nicht vollständig. Sein rechter Arm wurde von den glühend heißen Flammen getroffen, die seine Haut gnadenlos verbrannten.

„Scheiße“, schimpfte er, bevor er das Schwert fallen ließ und auf die Knie sank.

Fye näherte sich ihm vorsichtig und blieb vor ihm stehen. „Muss ich dich töten oder verschwindest du von alleine?“

„Keins von beidem.“ Kampfeslustig hob Kurogane blitzschnell mit seiner linken Hand das Schwert auf und schlitzte seinem Gegner in einem Zug den rechten Arm auf. Getroffen und vor Schmerzen aufschreiend taumelte Fye zurück.

Wie wilde Tiere sahen die drei sich aus der Distanz an und machten deutlich, dass keiner von ihnen den Kampf aufgeben wollte.

„Hört auf!! Hört auf!!“, schrie Mokona, die sich mit immenser Verzweiflung und Hilflosigkeit das Geschehen angesehen hatte.

Sie hörten sie anscheinend nicht einmal. Sie schienen nur noch davon besessen zu sein, sich gegenseitig zu verletzen.

Shaolan richtete sich ein weiteres Mal auf, bereit den nächsten Angriff zu starten. Kurogane verstärkte den Griff um sein Schwert, die Mordlust, die von ihm ausging, war nahezu mit den Händen greifbar. Aus Fyes Fingern strömte erneut seine enorme magische Kraft, von der er bisher nur einen Bruchteil eingesetzt hatte.

Sie würden sich gegenseitig umbringen.

Sie gingen gleichzeitig aufeinander los und Mokona nahm all ihre Energie zusammen, um sich zwischen sie zu werfen.

„AUFHÖREN!!! BITTE HÖRT DOCH AUF!!! BITTE!!!“

Das unzertrennbare Band

Träge öffnete Kurogane seine Augen. Sein Schädel dröhnte, als hätte er den schlimmsten Kater seines Lebens. Und das sollte etwas heißen. Fye nannte ihn nicht umsonst ein Fass ohne Boden, wenn es um Alkohol ging.

Nur -

Er konnte sich gar nicht daran erinnern, etwas getrunken zu haben. Die Sicht vor seinen Augen war verschwommen, er konnte kaum etwas in dem halbdunklen Raum, in dem er lag, erkennen. Immer und immer wieder kniff er die Augen zusammen und wunderte sich mehr und mehr über die Gerüche, die in seine Nase drangen. Es roch so stark nach Zedernholz. Wieso roch es nach Zedernholz? Sie waren doch in keiner Welt in der es Zedern gab, die genauso rochen wie … in welcher Welt waren sie zuletzt überhaupt gewesen?

„Argh!“

Er rieb sich mit der rechten Hand über sein Gesicht, als das Hämmern in seinem Kopf schlimmer wurde. Ein beißender, brennender Schmerz fuhr durch den Arm, als er ihn bewegte. Ungläubig blickte er seinen einbandagierten Arm an. War er verletzt? Wieso in aller Welt erinnerte er sich nicht einmal daran, verletzt zu sein? Immerhin wurde seine Sicht allmählich klarer. Von rechts schien Licht in das Zimmer und als er aus dem Augenwinkel dort hinüber blickte, ergriff ein unheilvolles Gefühl Besitz von ihm.

Dort war eine papierne Schiebetür. Er sah an sich hinunter und bemerkte den schwarzen Yukata, in den er gekleidet war. Was zur Hölle war hier los? Diese vertrauten Gerüche, der ihm bekannte Anblick der Schiebetür, der Yukata … Nihon. War er in Nihon? Er würde es wissen, wenn sie nach Nihon gereist wären und er wusste nichts davon!

Hastig (zu hastig) setzte er sich auf und wollte den Rest des Raumes begutachten, doch ein Schwindelanfall machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Obwohl der Raum sich nun drehte, reichte es, um die wichtigste aller Informationen einzuholen.

Er war allein. Die anderen waren nicht bei ihm.

Sein Körper ächzte und widersetzte sich den plötzlichen Bewegungen, aber Kurogane sprang nichtsdestotrotz auf und versuchte, die gegenüberliegende Tür zu erreichen. Irgendetwas war geschehen. Irgendetwas, an das er keine Erinnerung hatte und weder der Magier noch der Bengel noch der Klops waren bei ihm. Er spürte, wie sämtliche Kraft seinen lädierten Körper verließ und er ins Straucheln geriet und auf den Fußboden knallte.

„Scheiße!“, entfuhr es ihm mit zusammengebissenen Zähnen, als er sich umgehend wieder aufrichten wollte und es nicht schaffte. Selbst mit aller Gewalt reichte es nur dafür, sich auf alle Viere hochzustemmen. Sein Körper tat ihm nicht den Gefallen aufzustehen. Nichts alle pure Panik erfüllte nun jede Faser seines Seins. Er hielt den Atem an, als die Tür, zu der er hingewollt hatte, sich öffnete.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die Person an, die im Türrahmen erschienen war. Ihre Miene war zugleich besorgt und bekümmert.

„Du darfst noch nicht aufstehen“, sagte sie mit klarer, fester Stimme und wirkte dabei doch seltsam unsicher.

War sie das wirklich? Seine Augen wanderten rasend schnell mehrmals über ihre gesamte Gestalt. War er wirklich in Nihon? War das da wirklich seine Tomoyo?

„Wo sind die anderen?“

Die Prinzessin stutzte, als er dies fragte, was Kuroganes Unruhe noch intensivierte. Ihm entging nicht, dass sie ihn genauso musterte, wie er es bei ihr getan hatte.

„Woran kannst du dich erinnern?“, fragte sie zu seiner Irritation.

„Was soll das heißen?? Wo sind die anderen, verdammt noch mal?!“ Das Dröhnen und Hämmern in seinem Kopf verschlimmerte sich drastisch. Vor seinem inneren Auge erschienen plötzlich Bilder, die keinen Sinn ergaben. Sie zeigten einen Kampf zwischen ihm, dem Magier und dem Bengel. Was war das für ein Schwachsinn? Sie würden nie gegeneinander kämpfen. Sie waren in dieser menschenleeren Welt gewesen, daran erinnerte er sich nun. Dort hatten überall diese Knochen herumgelegen und der Kleine hatte schlagartig über Kopfschmerzen geklagt. Ja, Kurogane konnte sich erinnern, dass er auch auf einmal diese Schmerzen gehabt hatte ….

Das Grauen stand ihm ins Gesicht geschrieben, als die vollständige Erinnerung zurückkehrte. Atemlos starrte er auf seinen verbundenen Arm. Der Magier hatte ihn mit einer Feuerattacke erwischt. Oh Gott, er hatte mit seinem Schwert zuerst den Kleinen und dann noch viel schlimmer den Magier getroffen! Was war dann geschehen? Sie hatten sich erneut gegenseitig angegriffen … aber er hatte keine Erinnerung daran, wie das ausgegangen war. Hatte er …?! Kurogane fasste sich mit der linken Hand an die Brust. Sein Herz sprang fast aus seinem Brustkorb, während ihm speiübel wurde.

„Beruhige dich.“ Tomoyo hatte sich zu ihm hingekniet und eine Hand auf seinen linken Arm gelegt. Sein aufgebrachter Blick traf auf ihren Sanften. „Du erinnerst dich?“

„Wo sind sie? Was ist mit ihnen?“, fragte er nun leiser und klang dabei fast wie gebrochen.

„Sie sind verletzt, aber am Leben. Mach dir keine Sorgen. Fye ist noch nicht erwacht, aber Shaolan ist bereits wieder bei Bewusstsein.“

Zum ersten Mal, seit sein Gedächtnis zurückkehrt war, gelangte wieder Luft in Kuroganes Lungen. „Und der Klops?“

Tomoyo nickte. „Mokona ist bei Fye.“

Der Ninja ließ den Stoff seines Yukatas los, in den er seine Hand verkrampft hatte. „Was zum Teufel ist passiert?“

Das Gesicht der Prinzessin wurde ernster. „Ihr seid mitten in den inneren Palastgarten gefallen und wart nicht bei Bewusstsein. Mokona erzählte, dass ihr in der vorigen Welt plötzlich eure Erinnerung verloren hättet und euch beinahe umgebracht hättet. Da wir uns nicht sicher sein konnten, ob eure Erinnerung wieder zurückkommt, haben wir euch in verschiedenen Zimmern untergebracht. Shaolan konnte sich ebenso nach und nach an alles erinnern und hat den Wunsch geäußert, erst einmal allein gelassen zu werden.“

„Kann ich zum Magier?“

„Ich denke, das ist möglich.“ Sie schüttelte sacht und doch deutlich missbilligend den Kopf, als Kurogane Anstalten machte, alleine aufzustehen. Stur wie er war, schaffte er es dieses Mal, aber seine Beine wackelten merklich, woraufhin sie versuchte, ihn zu stützen – was dem Ninja natürlich nicht gefiel. Tomoyo warf einen Blick zurück zu der Tür, die sie einen Spalt breit offen gelassen hatte. Unverzüglich schob die Tür sich erneut auf und Soma eilte ins Zimmer und an Kuroganes Seite.

„Ich brauche keine Hilfe-“

„So siehst du aus“, fiel sie ihm ins Wort. „Du willst zu deinem Magier, oder? Himmel, dann stell dich nicht so an. Man sagt den Männern aus Suwa ja eine gewisse Dickköpfigkeit nach, aber es war bestimmt noch keiner so schlimm wie du.“

Sie lachte, als er daraufhin lediglich tief brummelte.

Gemeinsam mit Tomoyo betraten sie den Flur und Kurogane biss unbemerkt die Zähne zusammen, als er die Wachen vor seinem Zimmer und die ein paar Meter weiter bemerkte. Was auch immer der Klops erzählt hatte, musste so dramatisch gewirkt haben, dass Tomoyos Schwester diese Maßnahme für notwendig gehalten hatte. Immerhin wurde sein Gang mit jedem Schritt wieder fester, sodass er, als sie endlich an Fyes Zimmer angelangt waren, sich kaum noch auf die beiden Frauen stützen musste. Eine Wache öffnete die Tür und Kurogane befreite sich von ihren helfenden Händen, ehe er eintrat. Die beiden blieben hinter ihm im Türrahmen stehen.

Der Magier schlief noch. Gekleidet in einen weißen Yukata, lag er auf einem Futon und atmete ruhig ein und aus. Wie immer, wenn er schlief, hatten sich einige Haarsträhnen auf sein Gesicht verirrt und Kurogane unterdrückte das Bedürfnis, diese wegschieben zu wollen, solange Tomoyo und Soma dabei waren. Was ihn an diesem Anblick allerdings verstörte, war der Verband um Fyes rechten Arm, der unter dem Ärmel des Yukata hervorblitzte.

Kurogane spürte schon wieder diese Wut, die er an niemandem auslassen konnte. Er war schuld an dieser Verletzung und war es gleichzeitig nicht. Er würde den Trottel niemals verletzen und doch hatte er es getan. Die Verbrennung an seinem rechten Arm schmerzte höllisch und er fand es nur gerecht. Wenn er als einziger die anderen verwundet hätte, wäre er ihnen zwar trotzdem noch unter die Augen getreten, aber er hätte sich dabei schändlich gefühlt.

„Papa?“

Das leise, beklagenswerte Fiepsen holte ihn aus seinen Gedanken und lenkte seinen Blick zu Mokona. Das kleine Wesen sah noch kleiner aus als sonst, so zusammengekauert stand es neben Fye und blickte mit tränennassen, eingeschüchterten Augen zu dem Ninja hoch.

Kurogane riss die Augen auf, als ihm etwas bewusst wurde. Es traf ihn wie ein harter Schlag in die Magengrube. Der Grund, warum sie sich nicht gegenseitig umgebracht hatten, er war …!

Wortlos ging er zu Mokona hin, die ihren Blick nicht von ihm nehmen konnte, setzte sich neben sie und legte ihr zu ihrem Erstaunen sehr sacht seine Hand auf den Kopf.

„Gut gemacht, Wollknäuel. Das hast du sehr gut gemacht.“

Mokonas ganzer Körper begann zu zittern, bevor sie unter der Hand wegrutschte und sich weinend gegen Kurogane drückte. Sie gab sich größte Mühe, nicht lautstark zu heulen, damit sie Fye nicht aufweckte.

„Wir lassen sie jetzt alleine“, flüsterte Tomoyo und Kurogane bemerkte noch das ergriffene Lächeln in beiden Gesichtern, ehe die Frauen sich umgehend zurückzogen.

Im Moment war es dem stolzen Ninja sogar egal, dass der Klops ihn vor den beiden „Papa“ genannt hatte.

Minutenlang weinte Mokona sich einfach aus, bevor ihre Tränen allmählich abebbten und sie japsend mehrmals wiederholte, wie viel Angst sie gehabt hatte.

„Ein Glück, dass du so tapfer bist“, sagte Kurogane leise und wurde mit einem verblüfften Blinzeln belohnt.

„Papa denkt, ich bin tapfer?“

„Hah, nein.“ Er pochte harmlos auf ihren Kopf. „Ich weiß es.“

Sein bis hierhin schnell gehender Puls beruhigte sich für einen Augenblick, in dem das Wollknäuel ihn breit angrinste. Dann bemerkte er, wie der Magier sich rührte und sein Puls schoss erneut in die Höhe. Sein linker Arm hielt Mokona zurück - nur zur Sicherheit – während er selbst unbewusst den Atem anhielt.

Fye kniff mehrere Male die Augen auf und zu, runzelte die Stirn und verzog schmerzverzerrt das Gesicht. Ihm erging es vermutlich genauso wie ihm vor wenigen Momenten.

„Kuro-rin?“, nuschelte der Blondschopf und Kurogane atmete auf. „Was ist passiert? Mein Schädel fühlt sich an, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen.“ Fye wollte seinen rechten Arm heben, um sich damit durchs Gesicht zu fahren und zog scharf die Luft ein, als ein stechender Schmerz durch die Gliedmaße fuhr. „Was?! Au! Bin ich gegen eine Wand gelaufen?!“ Er hob den bandagierten Arm vorsichtig in sein Blickfeld und blinzelte zunächst ihn, dann den Mann an seiner Seite übelst irritiert an.

„Verhalte dich ruhig. Gleich wird's besser.“

„Besser? Was ist überhaupt los?“

„Mama!“ Mokona hatte sich aus dem locker gewordenen Griff des Schwarzhaarigen befreit und tapste im Eiltempo neben Fyes Kopf. Sie hatte von neuem einzelne Tränen in den Augen, heulte jedoch nicht mehr hemmungslos drauf los. „Mama! Ich bin so froh! So froh!“

Mokonas Verhalten irritierte Fye noch mehr. Sein nun nicht mehr verschwommener Blick landete auf dem verbundenen Arm des Ninjas und triggerte seinen Beschützerinstinkt.

„Du bist verletzt!“ Entgegen Kuroganes Rat schnellte der Magier hoch und bereute es auf der Stelle, als der Raum sich zu drehen begann.

Kurogane hielt ihn behutsam an den Schultern fest. „Ist das ruhiges Verhalten??“, schimpfte er und stöhnte. Der Spinner war unverbesserlich.

„Ich verstehe überhaupt nicht, was ...“ Als Fye schlagartig das Grauen ins Gesicht geschrieben stand, wusste Kurogane, was gerade passierte. Er drückte die Schultern des Anderen etwas fester.

„Hier stimmt etwas nicht!“ Blaue Augen blickten voller Entsetzen in seine, während Fye nach Luft zu schnappen begann. „Da sind völlig verrückte, absurde Bilder in meinem Kopf! Sie fühlen sich an wie Erinnerungen, aber das kann unmöglich jemals passiert sein!“ Seine Augen landeten abermals auf der Verletzung des größeren Mannes und weiteten sich noch mehr, als sie es ohnehin schon getan hatten. „Nein! Nein! Das ist nicht passiert! Shaolan! Wo ist Shaolan??“

„Tomoyo sagte, es geht ihm gut“, antwortete Kurogane betont ruhig, ohne den Anderen loszulassen.

„Tomoyo??“ Fyes Blick raste durch den Raum. „Wir sind in Nihon?“

„Shaolan war auch erst ganz verwirrt“, erklärte Mokona, „und dann wollte er allein sein, um sich zu sammeln. Aber er hat mir aufgetragen, auf Mama aufzupassen, während Tomoyo bei Papa geblieben ist.“

Niedergeschlagen ließ Fye den Kopf hängen, sodass noch weitere Strähnen aus seinem Pferdeschwanz in sein Gesicht fielen. „Dann … dann ist das wirklich geschehen und ich habe euch beide-“

„Nein“, ächzte Kurogane dazwischen, „hast du nicht, du Idiot. Mit der Welt stimmte offensichtlich irgendetwas nicht. Ich weiß, ich habe euch ebenso verletzt und auch Dinge gesagt, die ich nicht einmal denken würde. Es ist gut ausgegangen. Der Klops hat uns gerettet und fertig.“

Fye lachte bitter und hob den Kopf. „So schnell kann ich das aber nicht abhaken. Dass ich euch verletzt habe, meine ich.“

„Dann lass dir Zeit.“ Kurogane strich ein paar der Strähnen hinter sein Ohr. Seine Miene hatte für einen flüchtigen Moment verraten, dass er befürchtet hatte, der Andere könnte ihm nicht vergeben, was er gesagt hatte. „Hauptsache, du hakst es irgendwann ab.“

Der Magier nickte bedächtig. „Danke, Mokona. Ich bin auch sehr, sehr froh.“

Das Wollknäuel hüpfte auf die frei gewordene Schulter und schmiegte sich dort an ihn an. „Ich werde Mama und Papa und Shaolan immer beschützen.“

„Pah, jetzt wirst du übermütig“, neckte der Schwarzhaarige sie, während sie über ihr ganzes Gesichtchen strahlte.

„Ich möchte jetzt zu Shaolan“, äußerte Fye bestimmt. „Weißt du, wo er steckt?“

„Tomoyo wird es wissen.“

 

Die Sonne war lange untergegangen, bis die drei in dem Garten angelangt waren, in dem Shaolan sich aufhielt. Die weißen Mauern des Schlosses reflektierten das Mondlicht und sorgten für genügend Helligkeit, um ihn dort stehen zu sehen. Er trug einen olivgrünen Yukata und starrte mit dem Rücken zu ihnen regungslos in den kleinen Teich, der sich dort befand. Eine der Wachen hatte berichtet, dass er dies schon eine ganze Weile lang tat. Sorgsam darauf achtend, dass der Magier nicht vielleicht doch noch zu wacklig auf den Beinen war und über die Steine im Garten fallen könnte, ging Kurogane dicht an seiner Seite zu dem Jungen hin. Mokona saß mittlerweile auf der Schulter des Ninjas.

„Shaolan-kun?“, begann Fye mit Bedacht und der Junge zuckte dennoch zusammen. „Hast du Schmerzen? Du solltest dich lieber noch ausruhen.“

Es war mehr als deutlich, dass etwas nicht stimmte. Shaolan drehte sich nicht zu ihnen um. Stattdessen ballte er kurz seine Hände zu Fäusten und entspannte sie wieder. Dann erst wandte er sich endlich zu ihnen um.

„Ich bin nicht so schlimm verwundet worden wie ihr.“ Seine Stimme war bemüht ruhig, seine Mimik bemüht gefasst.

„Schlimm?“ Kurogane hob eine Augenbraue. „Wo sind wir denn schlimm verwundet worden? Ich habe als Kind mal an einen brennenden Ofen gefasst, das hat tausendmal schlimmer weh getan als der kleine Zaubertrick des Magiers. Und der Magier … du weißt doch, Unkraut vergeht nicht.“

„Hey!“

Shaolan schüttelte schwach den Kopf. „Nein. Tu das bitte nicht. Spiele bitte nicht herunter, was geschehen ist.“

Der Ninja seufzte. „Ich kann verstehen, dass dich das erschreckt hat. Ich bin auch nicht begeistert. Aber es ist passiert und wir haben es überlebt.“

Etwas regte sich in der Miene des Brünetten. Doch er unterdrückte es mit Gewalt. „Ich habe euch angegriffen. Ihr habt einander angegriffen. Wir hätten uns gegenseitig töten können.“

„Haben wir aber nicht.“

„Aber was wäre-“

„Fang jetzt bloß keinen 'Was wäre, wenn'-Mist an!“ Kurogane wurde mit einem Mal bedeutend lauter. Er war schon erleichtert gewesen, dass der Schwachkopf nicht von so etwas angefangen hatte und dann kam der Bengel ihm damit!

„Was wäre, wenn du Fye getötet hättest?“, fragte Shaolan mit bitterernster Miene und vollkommen unbeeindruckt von Kuroganes Ansage. „Was wäre, wenn du ihn getötet hättest? Sag es mir. Wäre das dann auch einfach nicht zu ändern gewesen?“

„Shaolan-kun“, übernahm Fye für den von dem Verhalten des Jungen überrumpelten Schwarzhaarigen. „Kuro-sama hat Recht. Wenn du solche Gedanken zulässt, wird dich das nur ins Unglück stürzen. Wir sollten stattdessen froh sein, dass es gut ausgegangen ist.“

„Und wenn du Kurogane getötet hättest?“, gab der Junge umgehend zurück. „Was, wenn so etwas wieder passiert? Was, wenn du ihn eines Tages ernsthaft verletzt, weil irgendeine Dimension unsere Gedanken vernebelt? Was, wenn irgendwo irgendein Feind oder eine Gefahr auftaucht, der wir nicht heil entkommen können? Kannst du mir sagen, was dann sein wird, Fye?“

Erschüttert über seine Worte wusste der Magier nichts zu antworten. Hilflos sah er zu dem Mann neben sich, dessen Miene immer verärgerter wurde.

„Bengel, es reicht jetzt. Du bist durcheinander, das verstehen wir. Aber hör auf, so einen Unsinn-“

„Das ist kein Unsinn“, fiel er dem Älteren ins Wort. „Nichts davon ist Unsinn. Es ist möglich. Es ist sogar wahrscheinlich.“

„Aber Shaolan“, fiepste Mokona geknickt. „Du kannst doch nicht so schreckliche Sachen sagen.“

Der Angesprochene warf einen flüchtigen Blick auf das kleine Wesen und schluckte. Dann ballte er erneut seine Hände zu Fäusten und richtete seine Augen gen Boden. „Ich habe heute viel nachgedacht. Und … ich habe eine Entscheidung getroffen.“ Seine zuvor bemüht ausdruckslose Miene wurde krampfhaft entschlossen. „Wir sind glücklicherweise in Nihon gelandet. Das heißt, ihr könnt hier bleiben. So wie Kurogane es die ganze Zeit bereits wollte. Leider kann ich alleine die Dimensionen nicht wechseln und daher muss Mokona mich weiterhin begleiten. Aber ihr bleibt hier. Ich reise mit ihr alleine weiter. Es ist besser so. Bevor euch wirklich etwas zustößt, ist das die bessere Lösung. Ich danke euch für alles, was ihr für mich getan habt. Ich werde auf ewig in eurer Schuld stehen. Tut mir leid, dass ich Mokona mitnehmen muss. Ich weiß, ihr werdet dann Probleme haben, euch zu verständigen. Ich wünschte, ich könnte auch sie hier lassen. Es tut mir leid. Bitte verzeiht mir. Alles in allem wird es so besser sein. Ich werde so bald wie möglich aufbrechen. Ich hoffe, ihr werdet hier glücklich werden.“

Für einen langen Moment nach Shaolans mit zunehmend bebender Stimme vorgetragenem Monolog herrschte absolute Stille.

Dann wurde sie von einem erschreckend lauten Geräusch brutal durchbrochen.

'KLATSCH!'

Der Schlag mit der flachen Hand hallte durch den gesamten Garten. Vermutlich war er sogar noch darüber hinaus zu hören gewesen. So heftig war er gewesen, dass er Shaolan beinahe umgeworfen hätte.

Verdattert schaute Kurogane auf die feuerrote, anschwellende Wange des Jungen und die noch in der Luft verharrende linke Hand des Magiers. Womöglich überlegte er, ihm noch eine zu scheuern.

Deswegen machte man den Magier nicht wütend. Niemals. Wenn er ausrastete, dann machte er keine halben Sachen. Ein wütender Magier war grundsätzlich unter allen Umständen zu vermeiden.

„WAS FÄLLT DIR EIN?!“ Fye kochte vor Wut. „Was fällt dir ein, so etwas zu sagen?! Hast du den Verstand verloren?! Du willst ohne uns weiter?! Willst du uns umbringen?! Glaubst du wirklich, einer von uns würde jemals wieder eine ruhige Minute haben, wenn du abhauen würdest?! Wage es nicht, dich jemals davonzustehlen! Wir würden dir hinterherjagen und wir würden dich finden und du würdest es bereuen, abgehauen zu sein! Was für ein Kind sagt so etwas Grauenvolles zu seinen Eltern?!

Vielleicht bist du von den Ereignissen wirklich noch sehr verwirrt, deswegen will ich schnell vergessen, was du gerade von dir gegeben hast! Aber lass dir gesagt sein, dass ich, wenn du es noch einmal wagst, so etwas zu sagen, dich so lange verprügeln werde, bis du wieder bei Verstand bist! Hast du mich gehört, Shaolan, oder muss ich lauter werden?!“

Kurogane schluckte und rieb sich beiläufig über das Ohr, das dem Magier am nächsten war. Er traute ihm zu, noch lauter brüllen zu können. Wahrscheinlich hatten sogar die Nachbarreiche seine Tirade gehört und würden nun nie wieder auch nur überlegen, hier einfallen zu wollen.

„ICH HABE GEFRAGT, OB DU MICH GEHÖRT HAST!!“

Selbst im Halbdunkeln konnten sie Shaolans zitternde Lippen ausmachen. Tränen standen in seinen Augen und obwohl er sich sichtlich Mühe gab, es zu unterdrücken, fing er an zu wimmern.

„Es tut mir leid“, hauchte er gebrochen. „Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid“, wiederholte er immer weiter, während seine Tränen anfingen zu laufen. „Es tut mir leid.“

Am ganzen Körper vor Zorn bebend, wandte Fye sich Mokona zu und Kurogane hätte beinahe einen Schritt zurück gemacht; so furchteinflößend war die Aura des Magiers momentan.

„Egal, was Shaolan dir sagt, du wirst niemals ohne uns weiterreisen. Versprichst du mir das, Mokona?“

Das Wollknäuel war durch das vorangegangene Geschrei und Geschehen spürbar erschrocken, antwortete aber dennoch mit tapferer Stimme: „Verlass dich auf mich, Mama. Ich gehe nirgends ohne euch hin.“

„Gut.“ Fye atmete aus und drehte sich wieder zu Shaolan um. Er ging zu dem schluchzenden Jungen, der sich seine malträtierte Wange hielt, hin und nahm mit einer bedächtigen Bewegung seine Hand weg.

„Lass mich mal sehen“, sagte er nun um Längen sanfter und hielt ihm seine eigene Hand vorsichtig gegen die Wange. Kurogane konnte eine Art schwachen Dunst ausmachen, der aus den Fingern des Blonden strömte. Er wusste, dass Fye keine Heilzauber beherrschte, also war das Naheliegendste, dass er irgendeinen Eiszauber modifiziert hatte, um das Gesicht zu kühlen.

Sie standen so eine ganze Weile schweigend in dem Garten, das einzige Geräusch das langsam abklingende Wimmern des Jungen.

„Es tut mir leid“, wiederholte Shaolan schließlich und suchte zum ersten Mal seit der Eskalation Augenkontakt zu dem Magier.

Dieser nickte bedrückt. „Ich weiß. Mir auch.“ Er nahm seine Hand weg und prüfte noch einmal die Schwellung. „Sag so etwas einfach nie wieder, ja?“

Shaolan biss sich auf die Unterlippe. „Versprochen.“ Seine immer noch tieftraurigen Augen wanderten zu Kurogane, der die beiden nur still beobachtet hatte. „Es tut mir leid.“

Der Ninja seufzte laut. „Ich habe zwar gesagt, ich will nach Nihon zurück, aber doch nicht so. Wir müssen erst alles erledigen.“ Er schloss zu den beiden auf und legte dem Jungen eine Hand auf den Kopf. Shaolan erwartete das übliche Wuscheln und war erstaunt, wie leicht und behutsam sich seine Hand stattdessen anfühlte. „Du willst uns beschützen“, fuhr Kurogane fort, „das ehrt dich und macht mich stolz, aber verdreh dabei bloß nichts. Wir können nicht glücklich sein, wenn es dir nicht gut geht oder wenn wir nicht wissen, wo zum Teufel du überhaupt steckst. Du bist doch eigentlich ein vernünftiger Bengel, das müsste dir doch klar sein.“ Er fühlte wie der Kopf unter seiner Hand energisch nickte und wie eine Hand des Jungen sich in den Stoff seines Yukata krallte. Ein Blick aus dem Augenwinkel genügte, um zu sehen, dass Shaolan das Gleiche bei Fye machte. Die Blicke der beiden Erwachsenen trafen sich und verrieten ihrer beider Hilflosigkeit.

„Mokona beschützt alle.“ Sie hopste von Kuroganes Schulter auf Shaolans Schulter. „Solange Mokona da ist, wird Mokona immer alle in Sicherheit bringen.“

Fye legte einen Arm um Shaolan, während Kurogane seine Hand auf dessen Kopf ließ. Die andere, verletzte Hand des Magiers suchte nach Kuroganes anderer Hand und wurde widerstandslos von dieser in Empfang genommen. So verweilten sie noch eine gefühlte Ewigkeit in dem nächtlichen Garten. Der Ninja ahnte, dass Tomoyo sie wahrscheinlich von irgendwo beobachtete, aber es war ihm egal. Er hätte beinahe seine Familie verloren und jetzt musste er spüren, dass sie noch da war.

Wer hätte ahnen können, dass die Reise, die vor so langer Zeit hier für ihn seinen Anfang genommen hatte, zu solchen Entwicklungen, zu solchen Gedanken, zu solchen Gefühlen führen würde?

Nichtsdestotrotz musste die Reise bald enden. Sie musste ein Ende finden und er schwor sich, alles dafür zu tun.

Für das Wohl seines Sohnes.

Die reine Welt

„Ich hasse es, mich zu wiederholen“, Kurogane blickte nach ihrer Ankunft in einer neuen Welt alle anderen nacheinander eindringlich an, „aber sobald auch nur das Geringste komisch sein sollte, sind wir hier sofort weg, verstanden?“

Shaolan nickte, während Fye und Mokona salutierten.

Keiner konnte sagen, wie hoch oder gering die Wahrscheinlichkeit war, dass sie so bald wieder in einer gefährlichen Dimension landen könnten. Kurogane wusste nur, dass es nichts brachte, sich im Vorfeld schon verrückt zu machen. Gleichzeitig musste er den Kleinen beruhigen und dem Wollknäuel einbläuen, dass es nicht allein für die Sicherheit der Gruppe zuständig war. In Nihon war Mokona allen Ernstes zu Soma getapst, um sie zu fragen, ob sie ihr Kampftechniken beibringen könnte. Soma hatte überfordert Mokona angeschaut und ihr geantwortet: „Ich bin mir ganz ehrlich nicht sicher.“ Dann hatte sie dies Kurogane und Fye berichtet, die sich daraufhin das magische Wesen zur Brust genommen hatten. Während Letzterer Mokona davon hatte überzeugen können, dass es am besten war, wenn sie sich auf das konzentrierte, was sie am besten konnte, war Ersterem ein kleines Detail aufgefallen: „Moment mal, wieso gehst du damit zu Soma und nicht zu mir?“

„Ach so“, hatte Mokona unschuldig von sich gegeben, „Papa kann ja auch kämpfen.“

„WAS WAR DAAAAAS?!“

So hatten sie nach einem längeren Aufenthalt in Nihon, bei dem sie ihre Wunden gepflegt hatten, nicht völlig mutlos die Weiterreise antreten können.

Sie hatten ja auch keine Wahl.

Kurogane hasste es, ständig denken zu müssen, dass die nächste Katastrophe vielleicht schon auf sie lauerte, denn das entsprach nicht seiner Natur. Mit dem, was in den letzten Monaten alles passiert war, konnte aber selbst er nicht mehr jegliche Anspannung so leicht abschütteln.

„Gut, wo sind wir denn hier?“ Fye schirmte mit einer Hand seine Augen gegen die Sonne ab und sah sich um. „Shaolan-kun, das dort sind doch Äcker, richtig? Das heißt, hier gibt es Menschen.“ Er zeigte in die entsprechende Richtung und Shaolan folgte seinem Fingerzeig.

„Ja, das sieht nach Ackerbau aus. Exzessivem Ackerbau.“

Vor ihnen breiteten sich unzählige Felder aus, auf denen verschiedenste Pflanzen gediehen. Bei manchen konnte man zügig erahnen, dass es sich um Gemüse handeln musste, andere Gewächse sahen schmuckvoller aus, aber vielleicht war auch davon etwas essbar. Vor allem bedeutete dies, dass es Bauern in der Nähe geben musste, die diese Felder bewirtschafteten – und sich somit nicht gegenseitig umgebracht hatten.

Die Reisenden hatten sich noch nicht in Bewegung gesetzt, da vernahmen sie fröhliches Geschrei und herannahende Schritte. Eine Gruppe Kinder lief lachend auf dem Pfad zwischen den Feldern entlang. Sie waren so in ihr Spiel vertieft, dass sie die Fremden erst kurz, bevor sie bei ihnen waren, bemerkten.

„Wer seid ihr denn?“, fragte ein Mädchen von vermutlich knapp zehn Jahren unerschrocken und sah wie die anderen Kinder dabei vor allem an Kurogane hoch. „Ihr tragt ja lustige Sachen.“

Der Ninja hatte sich in Nihon wieder Kleidung besorgt, die stark an seine Ursprüngliche erinnerte und machte zudem sein übliches sauertöpfisches Gesicht (Fye hatte gewitzelt, er wollte wahrscheinlich nur seinem Image wieder nachhelfen. Nun, nachdem sie alle wussten, dass er ein ganz zahmer und weicher Kerl war, wollte er das mit so düsteren Klamotten wohl wieder korrigieren. Tomoyos Schwester war außer sich gewesen, als sie gesehen hatte, dass ein paar ihrer Hortensiensträucher der Verfolgungsjagd zwischen einem Magier und einem Ninja zum Opfer gefallen waren). Fye hatte von Tomoyo einen weißen Kimono und einen blauen Haori-Mantel, auf den ein Kranich, ein Fächer und einige Blumen gemalt worden waren, spendiert bekommen und für Shaolan hatte sie ein Outfit zusammengestellt, das dem von Kurogane glich – nur in Grün. Kurzum: Ein flüchtiger Blick auf die Kinder in ihren luftigen, dünnen Baumwollhosen und Baumwollhemden verriet ihnen, dass sie wieder einmal herausstachen.

„Wir kommen aus dem Ausland.“ Shaolan beugte sich freundlich lächelnd zu den Kindern hinunter und bemerkte nicht die erleichterten Blicke, die sich seine zwei Begleiter zuwarfen. Sie hatten befürchtet, der Junge wäre inzwischen so mitgenommen, dass er anderen Welten und Völkern vielleicht nur noch Misstrauen entgegen bringen könnte. Aber so war Shaolan nicht. Er war durch und durch ein guter Junge, selbst wenn es ihm schlecht ging.

„Aus dem Ausland?“, hakte eines der Kinder nach und die Reisenden stutzten, als die restlichen Kinder sich untereinander fragend anguckten. „Was für ein Ausland? Es lebt doch niemand außerhalb unseres Landes.“

Das war unvorteilhaft. Es gab Welten, die nur aus einem einzigen Land bestanden, das war ihnen schon mehrmals begegnet. Aber in denen hatte es Magie gegeben und die ehrliche Erklärung war damit kein Problem gewesen. Hier allerdings ….

„Ich spüre nicht auch nur den Hauch von Magie“, flüsterte Fye den anderen zu und Shaolan bestätigte ihm dies leise.

„Ich auch nicht.“ Der Brünette schaute in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder und räusperte sich. „Entschuldigt bitte, könnt ihr uns sagen, wo der nächste Ort ist? Wir haben uns verlaufen.“

Die Kinder blinzelten und antworteten nicht. Sie musterten sie lediglich neugierig.

„Wir kennen uns hier nicht aus“, meldete sich nun Mokona freundlich zu Wort, die bislang auf dem Boden gestanden hatte und somit schlichtweg übersehen worden war. „Daher wäre es es seeehr nett, wenn ihr uns helfen würdet.“

Die Augen der Kinder fielen unisono auf sie.

„Was ist das?“, fragte ein Junge.

„Ein sprechendes Tier?“, fragte ein anderer.

„Nein, eine sprechende Puppe, das sieht man doch“, wandte ein weiteres Mädchen ein.

„Mokona ist Mokona.“

Nun blinzelten die Kinder und Mokona sich gegenseitig an.

„Ihr seid echt seltsam“, sagte das Mädchen, das sie zuerst angesprochen hatte, trocken. „Ihr tragt total komische Kleidung und habt eine sprechende Tierpuppe und behauptet, ihr hättet euch auf einem Weg verlaufen, der doch nur in zwei Richtungen führt.“

Während zwei von drei Reisenden daraufhin forciert lächelten, brummte der dritte nur.

„Gibt es in eurem Land keine Gastfreundlichkeit?“, beschwerte Kurogane sich.

„Doch, natürlich“, wehrte sich das Mädchen prompt, „aber normalerweise kommen ja auch nur Gäste aus den umliegenden Dörfern ….“ Sie hielt plötzlich inne, als wäre eine Idee über sie gekommen und sie wandte sich ihren Freunden zu. „Meint ihr, sie sind …?!“

Alle Kinder bekamen große Augen – die sie umgehend wieder auf die Reisenden richteten. „Oooooh“, machten sie und Shaolan sah leicht hilflos zu den beiden anderen, die ratlos mit den Achseln zuckten.

Die Kinder tuschelten jetzt aufgeregt miteinander und ließen ihre staunenden Augen nicht mehr von ihnen.

„Kommt mit, kommt mit!“, forderte das Mädchen sie mit einem Mal auf und winkte sie herbei, während sie und die anderen schon losliefen.

„Wir sollten ihnen folgen … oder?“ Shaolan blickte ein weiteres Mal zu seinen Begleitern.

„Jetzt bin ich schon gespannt, für was sie uns halten“, entgegnete Fye unbekümmert.

Und auch Mokona schien sich keine Sorgen zu machen. „Mokona kann nichts Böses hier ausmachen.“

„Wenn der Klops das sagt“, war alles, was Kurogane dazu äußerte.

 

Sie folgten den aufgeregt vor ihnen herlaufenden Kindern bis in einen größeren Ort. Ob man gleich von einer Stadt sprechen konnte, konnte Shaolan an diesem Punkt noch nicht sagen. Direkt hinter den Feldern begannen gepflasterte Straßen und gemauerte Häuser unterschiedlichster Größen erhoben sich in der Nähe. Die höchsten Gebäude hatten maximal drei oder vier Stockwerke, viele jedoch nur ein oder zwei. Ihre Fassaden waren alle in verschiedenen Weiß- oder Brauntönen gehalten und nach nur ein paar Schritten in den Ort hinein konnte man bereits einen Marktplatz und einen schönen, großen Brunnen erkennen.

Es sah hier recht friedlich aus.

„Keine Stadtmauer“, raunte Kurogane ihnen zu. „Entweder haben sie demnach keine Feinde oder sie sind zu unbesorgt.“

„Du hast doch gehört, dass es nur ein Land geben soll“, wandte Fye ein.

„Na und? Innerhalb eines Landes kann es auch zu Auseinandersetzungen kommen“, konterte der Ninja unbeeindruckt.

Die Kinder waren derweil vor einem stattlichen weißen Gebäude mit zwei Etagen, einer schmuckvoll verzierten Fassade und imposanten Säulen davor stehengeblieben. Zwei von ihnen waren in das Gebäude gelaufen, der Rest starrte sie wieder mit großen Augen an.

Für was man sie wohl hielt?

Shaolan vermutete, dass es nichts Schlimmes sein konnte, da sie sonst nicht vorbehaltlos in den Ort geführt worden wären. Trotzdem war er nervös. Sie hatten in letzter Zeit einfach zu viel Pech mit anderen Dimensionen gehabt. Er warf Kurogane und Fye (und auch Mokona, die auf der Schulter des Ersteren saß) immer wieder Blicke zu, um zu sehen, ob mit ihnen alles in Ordnung war. Jedes Mal, wenn er das tat, nannte er sie in seinem Kopf beim Namen – nur um sicherzugehen, dass er noch wusste, wer sie waren. Ihm war klar, dass ihnen seine nervösen Blicke längst aufgefallen waren. So wie Fye ihn in einem Stück erbaulich anlächelte und Kurogane jedes Mal stöhnend nickte, gab es gar keinen Zweifel. Mokona hingegen sagte alle paar Minuten frei heraus, dass alles in Ordnung wäre.

Er schämte sich ein bisschen, dass er dermaßen paranoid auf sie wirken musste.

Für den Moment hatte Shaolan jedoch keine Gelegenheit, darüber weiter zu grübeln, denn die Kinder kamen aus dem Gebäude hinaus und hatten zwei Erwachsene im Schlepptau. Es waren eine Frau mit langen, wallenden, hellbraunen Locken und ein Mann mit halblangen, roten Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Beide trugen lange, fallende Roben aus hochwertig aussehendem Stoff und je ein goldenes Armband um ein Handgelenk. Ähnlich wie die Kinder musterten sie unverhohlen – doch alles andere als aufdringlich oder unfreundlich – die Fremden.

„Das habt ihr richtig erkannt, Kinder“, lobte die Frau die nun ekstatisch grinsenden Jüngeren, „das sind mit Sicherheit Dimensionsreisende.“

Die Reisenden stutzten und die Frau lächelte ihnen wohlwollend entgegen. „Wir hatten schon lange keine Besucher mehr von außerhalb. In der Tat seid ihr die Ersten in unserer Amtsperiode. Lasst mich euch uns vorstellen. Mein Name ist Solum, das ist Arbor. Wir sind die amtierenden Ortsvorsteher der Hauptstadt.“

„Bitte“, Arbor zeigte in das Innere des Gebäudes, „tretet ein. Dort können wir uns in Ruhe unterhalten.“

„Moment mal“, warf Kurogane ein. Man merkte ihm an, dass ihm das freundliche Verhalten der Einheimischen suspekt war. „Wo sind wir hier überhaupt?“

„Ah, ihr kennt den Namen unseres Landes nicht?“, hakte Arbor dezent verblüfft nach. „Ihr seid in Junnasekai. Bitte, lasst uns alles Weitere drinnen besprechen.“

Sie tauschten einen langen Blick untereinander aus und stimmten sich quasi telepathisch zu. Deutlich missmutig kam Kurogane als Erster der Aufforderung nach und gab Fye ein Zeichen, nicht von Shaolans Seite zu weichen. Während Shaolan vom Magier ebenso sacht ins Gebäude geschubst wurde, bedankte der Junge sich bei den noch immer staunenden Kindern.

Direkt hinter dem Eingang befand sich eine Art Empfangshalle mit einer kunstvoll verzierten, hohen Decke darüber. Der hell geflieste Boden gab dem Raum etwas sehr Einladendes. Es gab einen langen Tresen, hinter dem gleichartig gekleidete Menschen arbeiteten und anscheinend Einheimische berieten.

War das ein Rathaus?

Die Ortsvorsteher führten sie aus der Empfangshalle hinaus in einen langen Flur. Dann blieben sie vor der dritten Tür auf der rechten Seite stehen, öffneten diese und baten sie mit einer Handbewegung hinein. Kurogane wurde die Sache immer undurchsichtiger. Er prägte sich den Weg ein, suchte die Leute mit den Augen nach Waffen ab. Magie gab es keine, das war erfreulich, denn so konnte er besser abschätzen, wie sie angreifen würden, falls sie angreifen würden.

Die Gruppe betrat das Zimmer. Es war sehr viel dunkler darin als in dem restlichen Teil des Gebäudes. Man konnte immer noch genug sehen, denn eine Vielzahl an Öllampen leuchtete den Raum aus. Doch es gab keine Fenster und die Fliesen waren schwarz. Im Gegensatz zum Rest waren auch die Wände schwarz gefliest. In der Mitte des Raumes standen steinerne Bänke. Die beiden Einheimischen setzten sich auf eine Seite und boten ihren Gästen die gegenüberliegende Bank an. Zwischen diesen stand nichts und so wirkte der große Abstand zwischen den Sitzgelegenheiten äußerst merkwürdig.

„Willkommen, Reisende“, sagte Solum freundlich, nachdem sich alle niedergelassen hatten, „entschuldigt die Umstände, aber wir erledigen die Einreiseformalitäten immer in diesem Zimmer.“

Verunsichert, aber entgegenkommend schüttelte Shaolan den Kopf. „Das macht uns nicht aus. Haben Sie öfter Besucher aus anderen Welten?“

„Wir hatten schon einige“, antwortete Arbor. „Doch nicht ständig. Alle paar Jahre bis Jahrzehnte etwa sucht jemand unser schönes Land auf.“ Plötzlich wurde seine Miene um einiges ernster. „Lasst mich euch auch gleich sagen, dass dies nicht das Land ist, das ihr sucht.“

„Häh?“, ertönte es von Kurogane, der wie die anderen von dieser Aussage irritiert war.

„Das Land, das wir suchen?“, fragte Fye nach.

„Ihr seid doch hier, um die mächtigen Magier zu finden und sie um etwas zu bitten“, fuhr Solum fort und blinzelte verwundert, weil sie nun in vier perplexe Gesichter blickte. „Deswegen besuchen uns doch so viele Dimensionsreisende. Weil sie irgendwo etwas über das Land der Magier gelesen haben und daraus geschlossen haben, dies müsste das besagte Land sein.“

„Das Land der Magier?“, hauchte Shaolan fassungslos.

„Wir verstehen selbst nicht, wieso es seit Jahrhunderten immer wieder zu diesem Irrtum kommt“, seufzte Arbor, „doch dies ist das falsche Land. Es gibt hier nicht einmal Magie. Ihr dürft natürlich trotzdem so lange bleiben, wie ihr wollt, aber bitte, begreift, dass dies das falsche Land ist.“

„Die mächtigen Magier aus den Aufzeichnungen? Was hat das zu bedeuten? Warum sollten sie hier sein?“, entfuhr es Shaolan fast panisch. Die bloße Erwähnung dieser mysteriösen Zauberer brachte seinen Puls zum Rasen.

„Sie sind nicht hier“, wiederholte Arbor und schaute verdattert zu den beiden Erwachsenen, in der Hoffnung, wenigstens sie hätten dies verstanden.

„Ah, das ist so“, übernahm Fye, „wir haben vor einer Weile zum ersten Mal von diesen Magiern gehört und sind nun sehr überrascht, dass ihr Name hier fällt. Wir waren nicht auf der Suche nach ihnen. Wir sind nur zufällig hier gelandet.“

Die Ortsvorsteher tauschten einen irritierten Blick aus.

„Ihr sucht gar nicht nach ihnen?“, hakte Solum nach.

„Nein.“ Fye winkte lächelnd ab. „Wir interessieren uns zwar für sie, aber … es ist mehr ein wissenschaftliches Interesse.“

„Das ist in der Tat neu.“ Arbor kratzte sich am Kopf. „In keiner unserer Chroniken war bisher so ein Fall beschrieben.“

„Soll das heißen, alle anderen Besucher kamen hierher, weil sie dachten, dies sei das Land der mächtigen Magier?“ Shaolan hatte sich rein äußerlich wieder gefasst.

Solum nickte. „Unsere Bibliothek ist voll von Büchern, in denen alles zu den Reisenden und dem, was sie über diese Magier wussten, gesammelt ist.“

Der Junge sprang fast auf. „Darf ich mir diese Bücher ansehen?“

„Klar.“ Solum lächelte ihrem Kollegen zu, der gleichermaßen zufrieden nickte.

„Ihr dürft in die Stadt einreisen. Seid unsere Gäste so lange ihr wollt.“

„Vielen Da-“

„Stopp.“ Verdutzt sah Shaolan zu Kurogane, der diesen Einwand vorgebracht hatte.

„Gibt es noch ein Problem?“ Arbor schaute zu dem Schwarzhaarigen.

„Und wie es das gibt. Was soll das hier?“ Kurogane deutete mit seinem Kopf in den Raum hinein. „Das Zimmer hat doch nicht ohne Grund etwas von einem Verhörraum. Was wäre passiert, wenn wir doch diese bescheuerten Zauberkünstler gesucht hätten?“

„Dann hätten wir euch gebeten, wieder zu gehen“, antwortete Arbor mit einem Lächeln, in das der Ninja am liebsten reinschlagen wollte. Es war ein Fye-artiges Lächeln.

„Und wenn wir nicht gegangen wären?“

„Ist das wichtig zu wissen?“, erwiderte der Rothaarige.

„Anders ausgedrückt“, ergänzte Solum, „ihr wollt es lieber nicht wissen. Dies ist ein von den Göttern geschützter Raum. Er dient uns seit Anbeginn der Zeit dazu, unser Land vor denjenigen zu schützen, die Böses im Sinn haben.“

Fyes Augen wanderten über die Wände und den Boden. Seine Mimik war bitterernst. „Keine Fenster, schwarze Fliesen und ich vermute, weit genug weg von den anderen Räumen, damit keine Schreie nach außen dringen. Nur aus Neugier: Wie hättet ihr uns getötet?“

Seelenruhig zuckte Arbor mit den Schultern. „Wir hätten gar nichts gemacht. Der Raum erkennt, ob jemand böse Absichten hat oder nicht. Und wenn dem so ist, wird man ausgelöscht.“

Mokona wimmerte und Shaolan zuckte zusammen, doch Solum schüttelte von neuem den Kopf. „Wir sind ein friedliebendes Volk. Ihr habt hier nichts zu befürchten. Ihr könnt in der Haupthalle gerne um Hilfe bei der Suche nach einer Bleibe bitten.“

 

„Du siehst immer noch ein wenig bleich aus, Shaolan-kun.“ Fye beäugte den Jungen, der seit dem Vorfall im Rathaus sehr wortkarg geworden war und jetzt mit nachdenklicher Miene auf dem Bett in der Herberge saß. Er und Mokona teilten sich ein Zimmer, während Fye und Kurogane das Benachbarte bezogen hatten. Zur Besprechung ihres weiteren Vorgehens hatten sich alle in Shaolans Zimmer versammelt.

„Ich … ich weiß nicht, was wir tun sollen“, brachte der Junge sichtlich hadernd hervor. „Ist diese Welt wirklich friedlich oder sollten wir weiter?“

Fye seufzte leise. „Es lässt sich nicht leugnen, dass hier ein paar Dinge seltsam sind. Aber es wäre wahrscheinlich überstürzt, gleich vom Schlimmsten auszugehen.“

„Du willst dir doch diese Bücher ansehen, oder?“ Kurogane lehnte gegen eine Wand und schaute aus dem Fenster, um die Straße darunter zu begutachten. Es wurde bereits dunkel und da es hier keine Elektrizität gab, erhellten nur ein paar mit Öl befeuerte Laternen die Straße.

„Ja … nein … ich … ich weiß es nicht.“ Shaolan senkte den Kopf und umfasste ihn mit beiden Händen. „Seit Kimihiro von diesem Traum erzählt hat, bin ich verunsichert, was diese mächtigen Magier angeht. Vielleicht wäre es besser, allem, was mit ihnen zu tun hat, aus dem Weg zu gehen.“

„Aber hier sind sie doch definitiv nicht“, wandte Mokona ein. „Hier gibt es absolut keine Magie, nicht wahr? Und die Bücher können doch nicht schaden, oder?“

„In Wahrheit willst du diese Aufzeichnungen lesen.“ Kurogane trat vom Fenster weg und schnippte dem Jungen gegen den Kopf, sodass dieser ihn wieder anhob. „Du hoffst, dass da irgendwo steht, dass sie nicht gefährlich sind und im Idealfall noch eine Wegbeschreibung zu ihnen dabei ist. Du wirst es bereuen, wenn du dir den Kram nicht wenigstens ansiehst. Ich weiß, wir hatten mit einigen Welten Pech, aber das hatten wir früher auch schon und trotzdem stehen wir heute noch hier. Wir kommen nicht weiter, wenn wir uns von der Angst lähmen lassen.“

Fye kicherte. „Kuro-min, deine Fähigkeit, Gedanken zu lesen wird mir langsam unheimlich. Aber im Ernst, er hat ein bisschen Recht. Diese Welt sollten wir nicht so schnell abhaken. Es gibt hier einige interessante Fragen zu klären. Warum verwechseln so viele diese Dimension mit der dieser ominösen Magier? Und was hat es mit diesem Raum auf sich, der von den Göttern geschützt wird?“

Ein bisschen Recht?“, hakte Kurogane trocken nach.

NUR ein bisschen!“, flöteten Fye und Mokona vergnügt und zum Leidwesen des Schwarzhaarigen. Shaolans Züge entspannten sich indes ein wenig.

„Gut.“ Er nickte und fasste neuen Mut. „Dann will ich mir morgen die Bibliothek ansehen. Begleitet ihr mich?“

Er erntete Zustimmung und sie verabschiedeten sich für die Nacht voneinander.

Kurogane hatte mal wieder vollkommen Recht. Er durfte sich nicht von Furcht beherrschen lassen. Wie sollte er eine Lösung für sein Problem finden, wenn er es aus Angst in keiner Welt mehr länger als ein paar Minuten aushielt? Vielleicht fand sich hier ein Hinweis, ein kleiner würde ihm ja schon genügen, um endlich seinen Kopf wieder dauerhaft aus dem Sand zu heben.

Sich so gut zuredend, nahm Shaolan Mokona in den Arm, ließ sich mit ihr auf seinem Bett nieder und deckte sie beide in der recht kühlen Nacht zu.

Die Angst würde ihn nicht länger beherrschen.

Ein verängstigtes Kind

Shaolan schreckte aus dem Schlaf auf. Es war noch mitten in der Nacht, der Raum war stockdunkel. Hatte er nicht gerade ein Geräusch gehört? War es nur ein Traum gewesen? Er konnte sich nicht daran erinnern, was er geträumt hatte, aber er hatte plötzlich -

Ein tiefes, unheimliches Jaulen drang an seine Ohren. Wie von einem gepeinigten Tier, das lauthals krächzte.

Das war es! Das Geräusch, das ihn geweckt hatte! Shaolan setzte sich im Bett auf und hielt Mokona fest umklammert. Das Jaulen wurde lauter und gepeinigter.

„Shaolan?“ Schmatzend wurde Mokona wach. „Was ist denn?“

„Dieses Geräusch, hörst du es? Was ist das nur? Es klingt grauenhaft.“

„Geräusch?“ Die kleine Kreatur blinzelte.

Plötzlich erschauderte Shaolan. Schlagartig schien die Temperatur im Zimmer um mehrere Grad gefallen zu sein. Ihm wurde bitterkalt.

„Mokona, spürst du das?“

„Hmm? Was soll ich spüren, Shaolan?“ Irritiert versuchte das Wollknäuel herauszufinden, was den Jungen in solche Angst versetzte, doch es konnte absolut nichts und niemanden ausmachen.

Der Atem des Brünetten ging derweil immer schneller.

„Es-es kommt näher! Und der Raum wird immer kälter!“ Fahrig griff er mit einer Hand (die andere zerdrückte Mokona fast) nach der auf dem Nachttisch stehenden Öllampe, entzündete sie und hielt sie in das Zimmer hinein. In jede Ecke leuchtete er, doch außer ihm und Mokona war niemand da.

Das Jaulen war inzwischen so laut, dass Shaolan das Gefühl hatte, ihm würde direkt ins Ohr geschrien.

„Woher kommt das??“

„Shaolan ...“ Mokona ließ besorgt ihre Ohren hängen. „Was meinst du?“

„Was ich meine?? Dieses Geräusch! Und die Kälte!“

„Hier ist kein Geräusch. Es ist ganz still. Und genauso kalt wie vorher auch.“

Entgeistert hielt der Junge inne. Was erzählte sie da? Sie hörte dieses durch Mark und Bein gehende Jaulen nicht? Was war mit Kurogane und Fye? Besonders Ersterer hörte jeden noch so hauchzarten Mucks, wieso reagierte keiner auf diesen Lärm, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ?

Hastig stellte Shaolan die Lampe wieder ab und stand auf. Mit schnellen Schritten ging er zu der Tür, die von seinem Zimmer in das Nachbarzimmer führte.

Er klopfte sicherheitshalber.

„Hm?“, erklang es schläfrig von Fye.

„Was?“, erklang es alarmiert von Kurogane.

Der Junge öffnete geschwind die Tür und trat auf wackligen Beinen ein. Mittlerweile zitterte er vor Eiseskälte am ganzen Körper und verzog vor Schmerzen das Gesicht, weil ihm das lärmende Geräusch Kopfschmerzen verursachte.

Die beiden Männer lagen einander zugewandt im Bett, als Fye sich eilig zu dem nächtlichen Besucher umdrehte. Es musste etwas passiert sein, wenn Shaolan mitten in der Nacht zu ihnen kam.

„Shaolan hört irgendein Geräusch!“, berichtete Mokona ängstlich. „Aber Mokona hört gar nichts!“

„Ein Geräusch?“ Fye war schnell wie der Wind bei dem mit den Zähnen klappernden Jungen. „Ist dir kalt?“ Wie üblich fühlte er seine Temperatur, doch er konnte nichts Außergewöhnliches feststellen. Shaolan fühlte sich vollkommen normal an. Dann, plötzlich, hörte Shaolan auf zu bibbern. Ihm war nicht mehr kalt – und das Geräusch war weg. Fassungslosigkeit machte sich in seinem Gesicht breit.

„Was für ein Geräusch?“ stocherte nun auch Kurogane nach, nachdem er die Lampe in ihrem Zimmer angemacht hatte. Er hatte tatsächlich nichts gehört? Aber … wie konnte das sein?

„Da … da war ein … wie ein … Jaulen …. Es … es war … furchtbar“, stammelte Shaolan, selbst zutiefst verwirrt über das, was hier geschah. „Und alles … alles wurde so kalt … bitterkalt.“

Zur Sicherheit fühlte Fye auch noch die Temperatur an seinen Händen. Sie waren ein wenig verschwitzt, aber mehr auch nicht. Der Anblick von Shaolan, wie er völlig verloren und bestürzt vor ihm stand, versetzte ihm einen heftigen Stich ins Herz.

„Ist dir immer noch kalt?“

„Nein …. Ich … es … es ist alles … weg.“

„Hattest du vielleicht einen Albtraum?“

„Nein … nein.“ Er schüttelte kraftlos den Kopf. „Ich glaube nicht … ich … ich bin mir nicht sicher.“ War es nur ein Albtraum gewesen? Er konnte sich an nichts dergleichen erinnern.

Fye warf Kurogane, der mittlerweile in das Zimmer des Jungen gegangen war und sich dort umgesehen hatte, einen bangen Blick zu.

„Hier ist nichts.“ Kurogane kam zu ihnen zurück.

„Entschuldigt ...“ Shaolan ließ den Kopf hängen und verstärkte seinen Griff um Mokona, so als würde er sich an ihr festhalten. Er kam sich vor wie ein kleines Kind, das aus Angst vor möglichen Monstern unter seinem Bett seine Eltern aufgeweckt hatte.

„Die restliche Nacht bleibst du einfach bei uns“, schlug Fye vor. „Und sobald wieder irgendetwas sein sollte, sagst du uns sofort Bescheid.“

„Ich ...“, begann Shaolan immer noch merklich verängstigt, brach den Satz jedoch ab. Er wollte sagen, dass das nicht nötig wäre und sowieso, er war ja eigentlich schon erwachsen und kein kleines Kind; da war es doch unangebracht, wenn er immer noch bei ihnen im Bett schlief, oder? Er hatte diesen Einwand schon oft gedacht, aber noch nie ausgesprochen und auch jetzt sagte er nichts davon. Insgeheim schämte er sich dafür, aber bei ihnen zu schlafen, gab ihm ein Gefühl von Geborgenheit, das er sonst nur noch schwach aus seiner viel zu kurzen Zeit bei seinen leiblichen Eltern kannte. Es war jedes Mal so, als ob die unendliche, bedrohliche Weite aller Dimensionen, die ihn sonst zu verschlingen drohte, von seinen beiden Ersatzeltern abgeschirmt würde.

Daher ließ er sich auch nun widerstandslos von Fye zum Bett führen, krabbelte mit Mokona dort hinein und krallte sich regelrecht mit seiner freien Hand an dem Magier fest, nachdem dieser sich zu ihm gelegt hatte. Auf der anderen Seite löschte Kurogane das Licht und quetschte sich auf den schmalen Streifen, der ihm an Platz geblieben war. Fye strich so lange über Shaolans Haar, bis der Junge eingeschlafen war. Dies beruhigte auch Mokona so weit, dass sie ihm auf der Stelle folgte.

„Meinst du, da war wirklich ein Geräusch?“

Fye schaute über Shaolan hinweg zu Kurogane, der diese Frage hörbar nachdenklich in den dunklen Raum geflüstert hatte.

„Ich weiß es nicht.“ Der Blondschopf sah flüchtig zu dem schlafenden Jungen. „Wenn ja, ist die Frage, warum nur er es gehört hat.“

„Scheiße“, fluchte der Ninja leise, „entweder haben wir schon wieder eine verkorkste Welt erwischt oder ...“ Oder der Kleine verliert den Verstand. Diesen Gedanken wollte er allerdings nicht aussprechen. Als Shaolan eben derart verängstigt vor ihnen gestanden hatte, war ihm selbst das Herz in die Hose gerutscht. Der Bengel war mutig und tapfer und stark, aber die sich in die Länge ziehende Reise und die Geschehnisse der letzten Zeit forderten möglicherweise nun ihren Tribut. Würden er und der Magier das schaffen? Reichte das, was sie taten, um ihn zu beschützen?

„Ich habe Angst um ihn.“

Diese erschüttert vorgetragene Bemerkung seitens Fye zerriss ihm selbst beinahe das Herz.

„Schlaf. Ich bleibe wach und passe auf.“

Still blickte Kurogane danach in die Dunkelheit und kam nicht umher sich zu fragen, ob sein Vater sich auch je wie ein Versager gefühlt hatte.

 

Sie hatten bereits erwartet, dass Shaolan am nächsten Morgen reuevoll den Kopf hängen ließ, nachdem er aufgewacht war. Wie ein Häufchen Elend saß er auf dem Bett und schaffte es kaum, Blickkontakt zu ihnen herzustellen. Fye saß neben ihm auf der Bettkante und untersuchte Mokona (auf deren Wunsch hin) nach Quetschungen, weil Shaolan sie so fest gehalten hatte. Kurogane hatte auf einem der beiden Stühle, die an einem kleinen Tisch gegenüber des Bettes standen, Platz genommen.

„Ich … ich weiß nicht“, sagte der Junge endlich und deutlich beschämt, „vielleicht habe ich das wirklich nur geträumt und … ich sollte nicht andauernd zu euch kommen, das ist … na ja …“

„Das muss dir nicht peinlich sein“, bot Fye entgegenkommend an, während er Mokona zu deren Vergnügen inzwischen kitzelte. „Es macht uns nichts aus. Das meine ich ernst, Shaolan-kun.“

Der Braunschopf warf Fye ein schwaches Lächeln zu. „Das ist sehr nett, aber ich bin ja eigentlich kein Kind-“

Ein Stöhnen unterbrach seinen Einspruch, sodass Shaolan sich zaghaft in Kuroganes Richtung drehte. Dieser rollte mit den Augen.

„Ich werde es mal mit aller Deutlichkeit sagen: Es ist bei dir wie beim Magier. Euer Alter ist eine komplett unbrauchbare, unnütze Zahl, die nur ausdrückt, wie lange ihr schon verkorkst seid.“

„Ah, Kuro-tan, du beherrscht es wahrhaft, mit Worten umzugehen!“

„Papa ist ein Poet!“

Verblüffung mischte sich ins Shaolans Miene und ließ ihn mit einem Mal weniger geknickt aussehen. Es war leicht zu erkennen, dass er angenommen hatte, gerade Kurogane würde sein Verhalten nicht gutheißen.

„Sei einfach ein anständiger Bengel und komm zu uns, wenn du merkst, dass du unsere Hilfe brauchst. Wenn du versuchen würdest, mit allem selbst fertig zu werden, würde ich tatsächlich sauer. Eifer da bloß nicht-“

„-Mama nach!“

„Mama nach … SCHEISSE! Nein! Ich meinte dem Magier! Dem Magier! Verdammter Klops!!“ Kurogane war aufgesprungen und kläffte mit dunkelrotem Teint das lachende Wollknäuel an, das ihn so effektiv manipuliert hatte.

„Er hat's gesagt, er hat's gesagt!“, freute sich Mokona, während Fye vor Lachen fast vom Bett fiel.

Unverhofft musste selbst Shaolan schmunzeln. Welchen Aufwand die beiden betrieben, nur um Kurogane zu ärgern. Der Schwarzhaarige wuschelte dem Tränen lachenden Magier grob durch die Haare, während Mokona ihm entkommen war und aus sicherer Entfernung auf dem Tisch weiter ihren Erfolg feierte.

Dies war einer dieser Momente, für die Shaolan grundsätzlich am dankbarsten war. Einer von denen, in denen alles normal und friedlich war und sämtliche Schicksalsschläge weit, weit weg schienen.

Um das Ganze in seiner Normalität zu krönen, grummelte sein Magen, was dem Treiben um ihn herum Einhalt gebot.

„Shaolan hat Hunger“, gab Fye, immer noch kichernd und nun mit komplett zerzausten Haaren von sich. „Wir sollten irgendetwas zu essen auftreiben, bevor wir uns diese Bibliothek ansehen.“ Er band sich geschwind seinen Pferdeschwanz neu.

„Essen wir den Klops“, schlug Kurogane mit finsterer Visage in Richtung Mokonas vor, was diese ganz und gar nicht verschreckte.

Noch immer über das ganze Gesicht strahlend, hüpfte sie furchtlos auf seine Schulter. „Dafür hast du mich doch viel zu lieb, Papa!“

Kurogane ächzte, als sie ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange gab.

 

Da es ein schöner, sonniger Tag war, hatten sie an einem der draußen stehenden Tische eines Restaurants Platz genommen. Die Gerichte, die viel Obst und Gemüse und Getreide enthielten, hatten aus üppigen Portionen bestanden, sodass selbst Mokona mit ihrem unstillbaren Appetit satt geworden war (es reichte trotzdem noch für ein in Honig getauchtes Brötchen zum Nachtisch und natürlich meckerte Kurogane, wie man so viel Zucker in sich hineinstopfen konnte). Während sie noch die letzten Schlücke ihres Weins und des Traubensaftes genossen (natürlich meckerte Kurogane, dass der Wein nicht genügend Alkohol enthielt, was Fye mit einem „Es ist noch früh am Tag, du Fass ohne Boden“ kommentierte), betrachteten sie ausgiebig ihre Umgebung. Alle Häuser, die sie von hier erblicken konnten, waren in tadellosem Zustand und auf den Straßen herrschte ein geschäftiges Treiben. Die gut gekleideten Einheimischen kauften in den Geschäften und auf dem Markt ein, aßen in den Restaurants und trafen sich zum heiteren Plausch an dem mit eleganten Statuen geschmückten Brunnen. Die Hauptstadt schien wohlhabend zu sein, ihren Einwohnern schien es außerordentlich gut zu gehen. War dies also in der Tat eine friedliche Welt? Shaolan wünschte es sich so sehr, doch er hatte ein seltsames Gefühl. Vielleicht kam dies nur von dem, was letzte Nacht geschehen war oder vielleicht bedrückte ihn immer noch alles, was zuvor geschehen war.

Dass nicht nur er von den vorangegangenen Ereignissen gezeichnet war, merkte er blitzschnell, als die beiden anderen mit Argwohn und Anspannung darauf reagierten, dass Solum und Arbor an ihrem Tisch auftauchten.

Die Ortsvorsteher begrüßten sie freundlich.

„Ist das Essen zu eurer Zufriedenheit?“, fragte sie.

„Gefällt euch eure Herberge?“, fragte er.

„Was interessiert euch das?“, grummelte Kurogane und Fye wedelte entschuldigend mit den Händen, als die zwei daraufhin etwas verdattert dreinblickten.

„Kuro-sama, wo sind deine Manieren? Entschuldigt ihn, er ist nur schüchtern.“

„HÄH?“

„Nein, uns tut es leid“, entgegnete Solum freundlich. „Wir sind einfach sehr neugierig. Wir wollten euch sowieso noch bitten, ob ihr für unsere Chronik ein paar Fragen beantworten könntet. Wir führen Buch über alle, die je hergekommen sind und wollen auch wissen, welche Informationen sie über diese Magier gesammelt haben.“

„Es wäre viel einfacher, wenn wir zukünftigen Besuchern irgendwann sagen könnten, wo sie diese Magier finden, statt sie unverrichteter Dinge fortschicken zu müssen“, ergänzte Arbor.

„Fortschicken, huh?“, warf Kurogane ein. „War nicht gestern die Rede von 'auslöschen'?“

„Nur die, die Böses im Sinn haben und nicht verstehen, dass es hier keine Magier gibt“, wehrte Arbor sich abermals. „Außerdem geschieht dies durch die Götter. Wir folgen nur ihrem Willen.“

Hellhörig richtete Shaolan sich auf. „Was genau bedeutet das? Haben eure Götter diesen Raum für euch eingerichtet? Woher wisst ihr, wie er funktioniert?“

Solum nickte. „Das haben sie unseren Vorfahren alles persönlich gesagt, bevor sie diese Welt verlassen haben.“

„Sie haben diese Welt verlassen?“, hakte der Junge erstaunt nach.

„Aber ihr Wille ist noch hier und beschützt uns. Daher kann uns nichts passieren. Auch wenn sie nicht hier sind, wachen sie über uns und sehen alles, was geschieht.“

„Gibt es eine Entstehungsgeschichte dieser Welt?“ Das seltsame Gefühl in Shaolans Innerem wurde stärker. Er hatte das Gefühl, irgendetwas auf der Spur zu sein, er konnte nur noch nicht greifen, was es war.

„Ja“, antwortete Solum weiter, sichtlich erfreut, dass die Fremden sich für ihr Land interessierten. „Diese Welt war ein schrecklicher, trostloser Fleck, auf dem keine Pflanze mehr wuchs, das Wasser so giftig war, dass man es nicht einmal berühren durfte und die Luft so unrein war, dass das Atmen schmerzte. Doch dann stiegen die Götter in dieses Land hinab, machten den Boden fruchtbar, reinigten das Wasser und erfrischten die Luft, sodass es keinem Lebewesen mehr an etwas fehlte. Weil ihre Arbeit getan war, verließen sie das Land wieder und gaben den Menschen die Warnung mit auf den Weg, niemals in Streit untereinander auszubrechen, da sie ihnen sonst alles, was sie ihnen gegeben hatten, wieder nehmen würden.“

Erwartungsvoll schauten beide Ortsvorsteher in die Gesichter der Reisenden. Sie wunderten sich, warum diese recht skeptisch dreinblickten.

„Also“, Mokona legte nachdenklich den Kopf schief, „hat es hier vorher schon Menschen gegeben oder haben die Götter die Menschen erschaffen?“

„Ah, eine gute Frage“, erwiderte Arbor, „es hat hier bereits Menschen gegeben, aber natürlich nicht viele. Es war ja ein sehr lebensfeindlicher Ort.“

„Eben“, wandte Kurogane ein. „Wieso lebte hier überhaupt jemand in einer anscheinend komplett vergifteten Welt?“

Die Ortsvorsteher tauschten einen ratlosen Blick aus.

„Oh“, schien Solum die Antwort gefunden zu haben, „ihr könnt ja zwischen den Dimensionen umherreisen, aber andere können das nicht. Deswegen mussten die Menschen in dieser schrecklichen Welt leben.“

„Sind die dumm oder wollen die die Frage nicht verstehen?“, raunte er Fye zu, der sich lächelnd an sie wandte:

„Aus dieser Zeit der 'schrecklichen Welt' gibt es nicht zufällig auch Überlieferungen?“

Arbor schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in dieser grauen Vorzeit schon jemand schreiben oder erzählen konnte. Es gibt auch keinerlei Artefakte oder Ähnliches von damals. Es heißt, die Menschen wären vollkommen mit dem Überleben beschäftigt gewesen und nicht selten daran gescheitert.“

„Und die Götter richteten nur dieses Land her, nicht wahr?“, schlussfolgerte Shaolan. „Deswegen gibt es kein Ausland.“

„So ist es“, übernahm wieder Solum. „Außerhalb der Grenzen unseres Landes ist es sehr gefährlich. Dort kann man nicht überleben.“

„Wir danken für die Geschichtsstunde und die Warnung“, flötete Fye. „Wäre es in Ordnung, wenn wir uns zuerst die Aufzeichnungen über die Magier ansehen?“

Die Ortsvorsteher hatten keine Einwände.

 

Die Informationen über die Magier befinden sich in der vierten Etage“ war eine maßlose Untertreibung ihrerseits gewesen. Die gesamte vierte Etage der vierstöckigen Bibliothek war den gesammelten Aufzeichnungen über diese ominösen Gestalten gewidmet. Ein riesiger Raum, unzählige, vollgepackte Regalreihen mit einem Meer an Büchern – das Land Record ließ ja beinahe grüßen. Immerhin – das hatten sie erfahren – sah das System dieses Landes so aus, dass die Texte nicht nur in der hiesigen Sprache, sondern (sofern es möglich war) auch in der Originalsprache des jeweiligen Besuchers vorhanden waren. Shaolan hatte bereits festgestellt, dass er von der Sprache des Landes Junnasekai nichts lesen konnte, aber es bestand immer die Möglichkeit, dass eine Sprache dabei war, die er entziffern konnte.

Buch um Buch zogen sie nun aus den Regalen, um zu überprüfen, ob sie damit etwas anfangen konnten.

„Warum schnallen die nicht, dass an der Geschichte ihrer Welt etwas faul ist?“, maulte Kurogane, während er nacheinander dem Magier und dem Kleinen ein Buch hinhielt und es zurückschob, nachdem beide mit dem Kopf geschüttelt hatten.

„Es gibt keinen Grund für sie, die Geschichte zu hinterfragen“, antwortete Shaolan. „Das ist das, was ihnen seit Anbeginn ihrer Zeit erzählt wird und da sie damit gut leben, fällt ihnen die Inkonsistenz womöglich gar nicht auf.“

„Ist es nicht möglich“, begann Fye und strich sich gedankenverloren über das Kinn, „dass die Menschen der 'schrecklichen Welt' von diesen Göttern angehalten worden sind, ihre eigene Geschichte zu verleugnen? Damit, was auch immer in dieser alten Welt vorgefallen ist, in Vergessenheit gerät und Platz macht für die Erzählung über die göttlichen Retter?“

„Das heißt, deren Götter haben Dreck am Stecken?“ Kurogane stöhnte und stutzte daraufhin, als Fye ihm signalisierte, kurz innezuhalten. „Was?“

„Ich wollte nur austesten, ob du von einem Blitz getroffen wirst, wenn du so etwas sagst. Angeblich sehen diese Götter doch alles.“ Es amüsierte den Blondschopf sichtlich, als der Ninja in Schweiß ausbrach. Sie wussten, dass Shaolan in irgendetwas vertieft sein musste, wenn er nicht darauf reagierte. Und tatsächlich las er angestrengt in einem der Bücher.

„Hast du etwas gefunden, Shaolan-kun?“

„Ah-huh“, gab er nur von sich und die beiden Männer warteten einfach eine Weile ab.

„Jemand berichtet hier sehr detailliert von den Magiern“, sagte der Junge nach einer Zeit aus dem Blauen heraus. „Dutzende sollen es gewesen sein und sie sollen den Menschen, mit denen sie zusammengelebt haben, Wünsche erfüllt haben.“

„Wünsche?“ Mokona, die ihren Blick die gesamte Zeit aus einem der großen Fenster hatte schweifen lassen, drehte sich verdutzt zu ihnen um. „So wie Yuko?“

„Nicht ganz“, erwiderte Shaolan, „sie haben wohl keine Gegenleistungen verlangt. Hier steht außerdem, ihre Kräfte wären mit der Zeit ins Unermessliche gewachsen.“

„Oh?“, machte Fye verblüfft. „Das weckt ja schon meine Neugier.“

„Wieso kannst du eigentlich keine Wünsche erfüllen?“, wollte Kurogane ihn necken, aber anhand des Grinsen des Blonden ahnte er schon, dass das nach hinten losging.

„Wenn ich darauf etwas antworte, Kuro-puu, wirst du nur wieder so entzückend knallrot im Gesicht werden.“

Ungeachtet der Tatsache, dass er wahrhaftig errötete (und der arme Shaolan ebenso), blätterte der Junge weiter. „Hmm … eines Tages sollen sie dann einfach verschwunden sein. 'Es heißt, sie waren nicht mehr an ihrem bekannten Ort anzutreffen'“, zitierte er. „'Selbst der Ort war nicht mehr anzutreffen.' Der Verfasser dieses Textes schließt seine Aufzeichnungen mit dem Bedauern darüber ab, dass er bei seiner Recherche wohl einen Fehler gemacht habe. Dabei sei er sich so sicher gewesen, den richtigen Ort ausfindig gemacht zu haben.“

„So wie alle, die hierher kamen.“ Fye ließ seinen Blick wie Mokona zuvor aus dem Fenster schweifen. „Es ist mehr als seltsam, dass sich so viele, die diese Magier suchen, an einen Ort verirren, an dem es gar keine Magie gibt.“

„Die durchgeknallten Springbohnen aus Matrisis hatten ihre Magie damals unterdrückt, richtig?“, hakte Kurogane nach und Fye nickte. „Aber du hast sie trotzdem bemerkt, richtig?“

Er nickte erneut.

„Also selbst wenn hier irgendwer mit magischen Kräften wäre und sie bis zum Anschlag unterdrückte, würdest du sie spüren.“

„Davon gehe ich eigentlich aus.“

„Könnte es sein …?“, machte Shaolan und wirkte dabei ein wenig erschüttert. „Vielleicht … vielleicht war dies tatsächlich einst die Welt dieser Magier, aber sie ist, wie Kimihiro berichtet hat, untergegangen und sie sind weitergezogen.“

Fyes Miene wurde nach dieser Vermutung bitterernst. „Dann würde das heißen, die, die in dieser Welt als Götter verehrt werden … sind eigentlich die gesuchten Magier?“

Seine Schlussfolgerung wiederum sorgte bei Kurogane für übelst schlechte Laune. Entweder gefiel ihm der Umstand nicht, dass Magier verehrt wurden oder dass die Geschichte dieser Welt immer verdrehter wurde. „Der bebrillte Bengel hatte doch etwas in der Richtung gesagt. Und vor allem hatte er gesagt, dass diese Magier schuld am Untergang irgendeiner Welt wären.“

„Aber … aber“, Mokona wibbelte aufgeregt hin und her, „Watanuki erzählte doch, man sollte sich vor den Magiern fürchten. Die Leute hier fürchten sich doch nicht vor ihren Göttern. Im Gegenteil!“

„Mokona hat Recht“, stimmte Shaolan ihr zu, „das passt nicht zusammen. Vielleicht liegt der Schlüssel darin, herauszufinden, wie die vorige Welt zu dieser 'schrecklichen Welt' werden konnte. Und wer sie danach in Wahrheit wieder aufgebaut hat.“ Er stellte das Buch, aus dem er so viele Informationen gewonnen hatte, in das Regal zurück, aus dem er es genommen hatte. Nachdenklich betrachtete er schweigend den Buchrücken.

„Spuck aus, was du denkst“, ertönte es schließlich von Kurogane in die aufgekommene Stille hinein.

Shaolan drehte sich ihnen wieder zu. „Angenommen sie waren in der Tat hier gewesen … dann findet sich womöglich ein Hinweis, wo sie hingegangen sind. Aber …“ Er senkte seinen Blick zum Boden hinab und verstummte.

„Aber du machst dir Sorgen wegen dem, was Watanuki-kun gesagt hat“, schloss Fye für ihn und er nickte schwach.

„Sammeln wir einfach erst noch weitere Informationen“, fuhr der Magier fort. „Wenn sich ein klareres Bild ergibt, können wir immer noch entscheiden, was wir tun.“

„Mokona findet den Plan gut.“ Das magische Wesen sprang auf Shaolans Kopf, sodass dieser ihn automatisch wieder hob. „Mokona hat auch noch ganz viele Fragen zu dieser Welt.“

„Du?“, hakte Kurogane nach und Mokona zeigte aus dem Fenster.

„Da, das da ist sehr seltsam, findet ihr nicht?“

Shaolan folgte verwirrt ihrem Fingerzeig, während Fye ihre Frage ausführte.

„Das habe ich eben auch bemerkt. Da in der Ferne. Seht ihr den Berg? Rundherum ist alles grün und erstrahlt in voller Blüte, aber dieser Berg sieht pechschwarz aus.“

Kurogane und Shaolan blickten nun ebenso aus dem Fenster hinaus, als sie Schritte hinter sich hörten.

„Entschuldigung“, fragte eine weibliche Stimme, die sie als die der Empfangsdame der Bibliothek erkannten, „die Ortsvorsteher baten mich, euch daran zu erinnern, noch für unsere Chronik Frage und Antwort zu stehen. Passt es jetzt vielleicht?“

„Ah, ja“, erwiderte Shaolan, „das erledigen wir gleich. Wir würden nur eine Sache gerne vorher noch wissen.“

„Ja?“

„Dieser Berg dort“, er zeigte aus dem Fenster hinaus, „ist etwas mit ihm? Dort scheint keine Vegetation zu sein.“

Die freundliche junge Frau nickte sogleich. „Das ist der Mahnmalsberg. Vor langer, langer Zeit brach ein Streit zwischen zwei Dörfern aus und die Götter verbrannten als Warnung die Erde des Berges. Dann trat wieder Frieden ein.“

„Das war, als die Götter noch hier waren?“, hakte der Brünette nach.

„Nein, in der Erzählung heißt es, dass sie da schon fort waren. Aber das Mahnmal lässt uns seither wissen, dass sie immer über uns wachen.“

Shaolan konnte sich nicht erklären, warum sein Herz plötzlich schneller schlug, als er sich erneut dem Berg zuwandte.

 

Der Weg ins Innere

Nachdem sie im gleichen Restaurant etwas zu Abend gegessen hatten, war die Gruppe abermals in Shaolans Zimmer versammelt. Der Junge haderte noch mit dem, was sie der Chronistin über sich erzählt hatten. Er hatte ihr fast die ganze Wahrheit über die Informationen, die sie in anderen Welten zu den Magiern gesammelt hatten, wiedergegeben; nur die Überlieferung von Watanuki hatte er vorsichtshalber ausgelassen. Dennoch hatte er sie gefragt, ob die Magier in irgendeiner Aufzeichnung negativ oder gar gefährlich dargestellt worden wären. Manche Legende enthielt den Hinweis, dass große Zauberkräfte nicht unbedingt nur Heil bringen würden, aber nein, von einer Gefahr war bisher nirgends die Rede gewesen.

Das machte Sinn.

Alle, die hierher gekommen waren, hatten wohl einen Wunsch an die Magier richten wollen. Niemand suchte jemanden auf, dem man nachsagte, gefährlich zu sein.

Was die Auskünfte über sie selbst anging … nun. Das hatten sie mit Kuroganes bedingt begeisterter Zustimmung Fye überlassen. Laut ihm waren sie Forscher, die sich praktisch unlösbarer Probleme annahmen und dafür Lösungen suchten (immerhin war dies nicht völlig an den Haaren herbeigezogen). Er streute ein paar Informationen über Clow, Nihon und Ceres ein und dass sie sich zufällig in einer weiteren Welt begegnet waren - auch das stimmte irgendwie, doch Shaolan fand es trotzdem unangenehm, dass sie selbst nicht ganz aufrichtig waren, während die Menschen dieser Welt ihnen alles frei heraus erzählten. Es war eine bittere Erkenntnis. Solange die Reise andauerte, mussten sie immer wieder auf solche Lügen und Halbwahrheiten zurückgreifen. Hier die Wahrheit preiszugeben war vermutlich keine gute Idee. Die Einheimischen hätten daraus folgern können, dass sie in Wahrheit die Magier doch suchten, um sie um Hilfe zu bitten.

Eine weitere Sache beunruhigte Shaolan.

„Fye“, richtete er an seinen Begleiter, der sich, die schon schlafende Mokona im Arm haltend, zu ihm aufs Bett gesetzt hatte. „Wie denkst du funktionieren diese Schutzzauber? In diesem Raum und an diesem Berg? Beobachtet wirklich jemand diese Welt?“

Gespannt ruhten auch Kuroganes Augen nach dieser Frage auf dem Blonden. Wenn sie beobachtet würden, würden sie das merken. Das wussten sie dank Feiwan.

„Ich kann natürlich nur mutmaßen“, antwortete Fye, „aber es könnte irgendeine Form von Automatismus dahinterstecken. Etwas, das jedes Mal einen Zauber aktiviert, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Diese Magie würde ich auch nur dann merken, während sie aktiv ist. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Absichten von jemandem zu prüfen. Weicht zum Beispiel die festgestellte Absicht von der in einem Bannkreis vorgesehenen ab, aktiviert sich ein Zauber. So könnte dieser Empfangsraum funktionieren.“

„Aber?“ Kurogane hob skeptisch eine Augenbraue.

„Aber diese Erklärung funktioniert nicht für eine gesamte Welt. Selbst wenn diese Magier übermächtig gewesen sein sollten, keine Kräfte würden ausreichen, um eine ganze Welt mit Bannkreisen zu überziehen. Die dann auch noch alle sehr spezifische Einstellungen haben müssten. Die Wahrscheinlichkeit, dass man damit aus Versehen schweren Schaden anrichtet, ist weitaus höher als dass man damit funktionierende Schutzzauber einrichtet. Die Flüche, mit denen ich belegt war, sind ein gutes Beispiel dafür. Sie aktivierten sich zwar selbstständig, doch einmal in Gang gesetzt, waren sie nicht mehr kontrollierbar. Man würde mit so etwas den Untergang dieser Welt riskieren.“

„Das heißt ...“ Shaolan kräuselte die Stirn, „die Geschichte mit dem Mahnmalsberg kann so nicht stimmen. Aber wie wurde der Berg dann verbrannt?“

„Auf gut Glück vielleicht?“, warf Kurogane ein. „Vielleicht haben die einfach an nur einer einzigen Stelle im Land so ein Bannding zur Abschreckung eingerichtet, das dann ausgelöst wurde. Und seitdem traut sich keiner mehr gegen die Regeln zu verstoßen.“

„Du meinst, sie hätten den Tod von Menschen dafür in Kauf genommen? Sie konnten doch nicht wissen, ob sich Menschen auf dem Berg befinden ...“ Shaolan war sichtlich unglücklich mit dieser These.

Der Ninja zuckte mit den Schultern. „Halte ich nicht für ausgeschlossen.“

Schwermütig starrte Shaolan die Bettdecke an. Wenn die Magier so etwas getan hatten, dann waren sie kaum als ungefährlich einzustufen.

Eine Hand Fyes strich sanft über seinen Kopf und er bekam einen Kuss auf die Stirn.

„Wir suchen morgen weiter.“ Fye lächelte ihn aufmunternd an. „Versuch, dich mal richtig auszuschlafen.“

 

Shaolan war so erledigt, dass er, kurz nachdem die zwei Erwachsenen das Zimmer verlassen hatten, sofort eingeschlafen war. Im Gegensatz zur vorigen Nacht war er sich in dieser Nacht bewusst, zu träumen. Wenn es auch ein sehr merkwürdiger Traum war. In diesem lief er ganz allein durch einen dunklen Wald. Alle paar Meter blieb er stehen und hörte eine Stimme. Sie klang undeutlich und er konnte nicht hören, was sie sagte, doch sie schien zweifelsohne nach ihm zu rufen. Er versuchte, dieser Stimme zu folgen und lief weiter, weiter, immer weiter durch den Wald, bis die Bäume sich lichteten und den Blick freigaben auf einen Berg. Einen großen, pechschwarzen Berg, der sich hinter dem Wald erhob. Shaolan kam nicht einmal dazu, sich darüber zu wundern, denn die Stimme, die ihn hierher gelotst hatte, wandelte sich mit einem Mal zu dem furchtbaren Jaulen, das er in der Nacht zuvor gehört hatte. Plötzlich wurde das Jaulen zu einem zähnefletschenden Knurren. Angst überkam ihn und er wollte weglaufen, doch er konnte nicht! Seine Beine bewegten sich keinen Zentimeter. Das Geknurre kam näher und näher, es war ganz nah bei ihm! Es klang, als würde jeden Moment ein Ungeheuer auftauchen, dass ihn bei lebendigem Leib verschlingen würde. Es stand ganz dicht bei ihm und gegen seinen Willen drehte Shaolan sich zu dem Geräusch um. Ein tiefes Schwarz und eisige Kälte überkamen ihn ….

„AAAAAHHH!“

Schweißgebadet saß er aufrecht im Bett und schnappte nach Luft. Mokona war umgehend aufgewacht und aufgesprungen.

„Was ist, Shaolan? Was ist? War da wieder etwas?“ Verunsichert blickte sie zwischen ihm und dem restlichen Zimmer hin und her.

Auch Shaolan sah sich im Raum um. Als würde er immer noch verfolgt, schnellten seine Augen von Ecke zu Ecke. Die beiden anderen hatten das Licht angelassen, aber wie zuvor auch war niemand da.

Die Tür ging auf und Kurogane und Fye stürmten herein.

Letzterer eilte an Shaolans Seite, während Ersterer sich im Zimmer umsah.

„Da war … es war ...“ Shaolan hatte, nach wie vor nach Luft ringend, Fyes Hand gegriffen und hielt sie ganz fest, „ein Traum. Aber das Geräusch … es war ganz nah … und noch schlimmer als gestern.“

Besorgt blickten beide Männer auf den entgeisterten, verstörten Jungen, der sich praktisch an Fye festgekrallt hatte.

„Das war's. Wir gehen“, murrte Kurogane entnervt. „Irgendwas ist in dieser Welt, das ihn in den Wahnsinn zu treiben versucht.“

„Nein!“, rief Shaolan zu ihrem Unverständnis aus. „Nein! Wir müssen noch bleiben!“

„Was zur Hölle …?“ Kurogane knarzte mit den Zähnen. Ein deutlicheres Zeichen, dass er wütend wurde, gab es nicht. „Wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir weiterziehen, wenn uns etwas komisch vorkommen sollte. Das hier ist schon nicht mehr komisch, das ist eine Stufe vor vollkommen wahnsinnig! Also verschwinden wir!“

„Nein! Bitte!“ Seine panischen braunen Augen landeten auf Fye. „Ich glaube, wir werden hier etwas finden! Ich kann es nicht näher erklären, es ist so ein Gefühl! Bitte! Du hast gesagt, wir würden weitersuchen!“

Der Magier schluckte. Hilflos blickte er von dem zitternden Jungen zu Kurogane.

„Nein“, sagte dieser, bevor Fye irgendetwas sagen konnte.

„Shaolan-kun, wir machen uns Sorgen um dich.“

Der Betroffene schüttelte vehement den Kopf. „Dieser Berg! Ich habe ihn im Traum gesehen! Ich glaube, dort ist etwas! Wir müssen uns wenigstens einmal dort umsehen! Bitte! Bitte!“

Erneut trafen ratlose blaue Augen auf ein Paar erzürnter Roter.

„Dein Ernst?“, hakte Kurogane ungläubig nach, ohne dass Fye etwas gesagt hatte.

„Es ist ihm wichtig.“

„Er verliert den Verstand.“

„Ich bin bei Verstand“, warf Shaolan ein und beruhigte sich ein wenig. Es war ihm peinlich, so flehentlich herumgeschrien zu haben. Er wollte ebenso Fyes Hand loslassen, doch der Blondschopf ließ sie ihn nicht wegziehen.

„Shaolan-kun, es ist möglich, dass du dich da in etwas hineinsteigerst. Da ich da selbst nicht wenig Erfahrung mit habe, weiß ich, wie wichtig es ist, so etwas schnell zu unterbinden.“

„Entschuldigt“, sagte der Junge bedröppelt und wollte sich am liebsten selbst dafür schlagen, von neuem in eine Entschuldigungsspirale zu geraten. „Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber ich glaube, irgendetwas ist hier, das von mir gefunden werden will. Das klingt verrückt, ich weiß.“

„Argh.“ Kurogane rieb sich mit zwei Fingern über die Stirn. „Du vergisst, mit wem du sprichst. Für uns klingt das traurigerweise völlig normal.“ Er seufzte lautstark, bevor sein Blick wieder auf der blassen und bebenden Gestalt des Kleinen landete. Nervös wartete dieser auf die Antwort des Schwarzhaarigen. „Na schön, meinetwegen. Wollknäuel“, Mokona richtete sich erstaunt auf, als sie angesprochen wurde, „beim nächsten Zwischenfall bringst du uns ohne Diskussion hier raus, verstanden?“

„Verstanden!“, entgegnete sie entschlossen wie noch nie zuvor.

 

Zum Fuß des Berges brauchte man ungefähr einen halben Tag, erfuhren sie von dem verdutzten Rathausmitarbeiter an der Information. Und nein, es wäre kein Tabu, den Berg aufzusuchen, fügte er auf Shaolans Nachfrage hinzu, es wäre nur recht unsinnig, da es dort nichts gäbe - außer verbrannter Erde. Deswegen und weil die Einheimischen Ehrfurcht vor diesem Ort hatten, mieden sie den Berg und seine direkte Umgebung.

„Gibt es da irgendwelche wilden Tiere? Irgendwelche Bestien?“, hakte Kurogane schlecht gelaunt nach und erntete eine hochgezogene Augenbraue seitens des Angestellten.

„Ein paar Rehe, Hirsche, Hasen … nichts, was die Bezeichnung 'Bestie' verdienen würde.“

Zur Sicherheit stellten sie die gleiche Frage noch einmal in der Bibliothek. Gab es Aufzeichnungen über das furchteinflößende Jaulen, das Shaolan gehört hatte? Oder gar über Angriffe auf Menschen? Spuren, dass dort irgendetwas Unerklärliches war? Die Dame am Empfang schüttelte auf jede Nachfrage ihren Kopf. Dies war ein friedliches Land. Bestien kannten sie nur aus den Erzählungen der Besucher aus anderen Welten.

Es war kein gutes Gefühl, mit dem die Gruppe ihren Weg zum Berg antrat.

„Vielleicht ist es ein bisschen so wie in Niraikanai“, überlegte Shaolan laut, nachdem sie die Hauptstadt hinter sich gelassen hatten und einen Pfad in den dichten Wald eingeschlagen hatten. Kurogane ging vorneweg, während Mokona auf Fyes Kopf saß und sich ständig in alle Richtungen umsah. Der Magier selbst wich nicht von Shaolans Seite.

„Daran habe ich auch schon gedacht“, entgegnete Fye grübelnd, „allerdings hatten sie in Niraikanai auf einen Auserwählten gewartet. Hier war von nichts dergleichen die Rede.“

„Wenn die hier so eine ähnliche Nummer abziehen, wie mit diesem Utaki oder wie das hieß, spielen wir nicht mehr mit“, meckerte Kurogane, ohne sich umzudrehen. „Wir sind dann sofort weg, mir egal, was irgendwer sagt.“

„Shaolan“, meldete sich Mokona zu Wort, „du sagst sofort Bescheid, wenn du etwas Komisches hörst oder siehst, ja? Wir bemerken das ja leider selber nicht.“

Sanft lächelnd nickte er. Er war immer dankbar, sie alle um sich zu haben, doch in Situationen wie dieser empfand er sich als im wahrsten Sinne des Wortes glücklich. Er wollte ihnen keine Sorgen bereiten und er hoffte, dass, was auch immer hier nach ihm rief, nichts Bedrohliches war. Es bestand die Möglichkeit, dass er das entsetzliche Jaulen falsch deutete. Es passte nicht zu diesem Gefühl, dass er gerufen wurde. Was auch immer es war, er hatte keine Angst, solange die anderen bei ihm waren.

Der finstere Wald erstreckte sich von den Ausläufern der Hauptstadt bis fast an den Berg heran. Keiner hatte bisher eine Spur von einem Tier gefunden, das zu dem passte, was Shaolan gehört hatte. Nach einer halben Ewigkeit kamen sie endlich am anderen Ende aus dem Wald heraus. Nur wenige Meter dahinter erhob sich der rabenschwarze Berg. Sämtliche Erde auf ihm und um ihn herum war tatsächlich verbrannt. Kein einziger Grashalm wuchs auf ihm, kein Unkraut, nichts. Selbst wenn der Vorfall aus der Geschichte vor „langer, langer Zeit“ geschehen war … dies war sehr merkwürdig. Einen richtigen Weg auf das seltsame Massiv gab es nicht. Die Gruppe stieg ein wenig empor, doch der Anstieg war viel zu steil und alles war von derart viel Asche bedeckt, dass man nicht erkennen konnte, ob es sicher war, weiterzugehen.

„Bis nach oben kommen wir nicht“, maulte Kurogane. „Das Ding ist über und über mit Asche übersät, wir hätten nicht genug Halt. Davon abgesehen glaube ich auch nicht, dass sich das lohnen würde.“

Von hier unten sah es so aus, als wäre der gesamte Berg bis zur Spitze nur ein einziger, riesiger, massiver Aschehaufen. Shaolan beugte sich hinunter, nahm etwas Asche vom Boden auf und rieb sie zwischen seinen Fingern. Er spürte ein flüchtiges Kribbeln auf der Haut, doch bevor er sich darüber wirklich wundern konnte, war es verschwunden.

„Das war kein normales Feuer, das das hier angerichtet hat“, sagte er seinen Gefährten, die kritisch umherblickten.

„Nein, die Geschichte mit dem Zauber scheint zu stimmen.“ Fye strich über eine Felswand, die sich neben ihm erhob und zuckte zusammen. Verdattert besah er sich daraufhin seine Hand, an der das Ruß klebte.

„Was?“ Kuroganes Laune war schlagartig noch schlechter geworden.

Ohne darauf zu antworten legte Fye erneut seine Hand gegen das Gestein und schloss die Augen, um sich zu konzentrieren. Voller Anspannung warteten die anderen ab.

„Was ist das?“ Der Magier öffnete seine Augen wieder. „Irgendetwas ist da. Erst war es nur ein Stechen, als ich den Felsen berührt habe. Aber wenn ich meine Magie in den Felsen fließen lasse, scheint sie abzuprallen und zu mir zurückzukommen.“

„Ein Stechen?“ Shaolan schaute auf die schwarzen Schlieren, die auf seinen Fingern verblieben waren. „Ich habe ein leichtes Kribbeln gespürt.“

„Okay und was heißt das?“, nörgelte der Ninja ungeduldig.

„Sind das vielleicht Reste von dem Zauber?“ Mokona blinzelte von oben herab auf Fyes nun verschmierte Handfläche.

„Nein“, er schüttelte den Kopf, „das kann ich mir nicht vorstellen. Es hat mehr etwas von einer Barriere.“

„Barrieren bringt man an, um etwas zu schützen“, wandte Shaolan ein und schloss zu Fye auf, um gleichermaßen den Felsen zu berühren. Er spürte lediglich das gleiche Kribbeln wie zuvor. Lag das wieder an den Unterschieden in ihren Zauberkräften? Fye verfügte über weitaus größere magische Fähigkeiten als er. Er konnte somit Dinge fühlen, die ihm selbst verborgen blieben. Nicht verborgen blieb ihm jedoch, dass seine Aktion Kurogane nicht gefiel. Der Größte der Runde riss seine Hand ziemlich grob von dem Felsen weg.

„Wenn ihr unbedingt einen stechenden Schmerz fühlen wollt, kann ich euch nachhelfen, aber hört auf den dämlichen Berg zu betatschen.“ Seine Tonlage und Mimik verrieten, dass ihm die ganze Sache nicht geheuer war.

„Hmm ...“ Fyes nachdenkliche Miene wurde schelmisch, als er Shaolan zurückzog und ein paar Schritte mit ihm rückwärts machte. „Kuro-rin, lass doch deine Laune bitte einmal an dem Berg aus, ja?“

„Ich soll was?“

„Hau mit einer deiner süßen Attacken drauf“, flötete Fye und förderte damit eine große, pochende Vene auf Kuroganes Stirn zum Vorschein.

„Süß?! Was nennst du hier süß?!“ Das Schwert war schneller gezogen, als sie hatten gucken können. „HARGH!“ Der Ninja schleuderte einen gewaltigen Schlag gegen die Felswand – und rein gar nichts passierte. „Was soll der Mist??!“ Zeternd schmetterte er zwei weitere Schläge gegen das Gestein, das nicht einmal einen mikroskopisch kleinen Kratzer davontrug. „Wollt ihr mich verar-“

Er wollte ein weiteres Mal ausholen, als er Fyes Hand auf seiner spürte und verstand, dass er aufhören sollte. Der Blondschopf übergab Mokona an Shaolan und schritt an Kurogane vorbei.

„Das ist eine Barriere, kein Zweifel.“ Zu seinem Missfallen berührte der Magier schon wieder die Felswand, jetzt sogar mit beiden Händen! „An der Geschichte ist doch etwas faul“, schlussfolgerte Fye schließlich und nahm seine Hände weg. „Ein Zauber hat diese Erde verbrannt, so viel ist sicher, aber nicht aus dem Grund, der uns und den Bewohnern genannt wurde. Hier ist irgendetwas drin, was nicht das Licht des Tages erblicken soll. Und deswegen sollen die Leute von hier wegbleiben.“

„Das heißt, da drin könnte etwas weggesperrt sein?“ Kurogane verkrampfte seine Hand um den Schwertgriff.

„Keine Ahnung.“ Fye zuckte mit den Schultern. „Man will auf jeden Fall verhindern, dass etwas nach drinnen oder etwas nach draußen kommt.“

Mokona schlotterte auf seinem Kopf und Shaolan blickte angestrengt in den rotgefärbten Abendhimmel. Die Sonne war bereits fast untergegangen. Entgegen seiner Erwartung hatte er hier keine Stimme und keine Geräusche gehört. Hieß das … er hatte sich doch alles nur eingebildet? Wenn etwas aus dem Inneren des Berges ihn rufen würde, sollte er es doch gerade jetzt hören, wenn er direkt davor stand, oder nicht?

„Ich habe eigentlich keine Lust, das überhaupt zu fragen“, drang Kuroganes Stimme durch seine Überlegungen an seine Ohren, „aber kriegst du die dämliche Barriere geknackt?“

Fye lächelte genüsslich, zuckte aber abermals mit den Schultern. „Da muss ich mich leider geschlagen geben.“

Für das geübte Auge wirkte Kurogane merklich erleichtert, als er sich zu Shaolan drehte. „Du hast es gehört. Was willst du tun?“

Spürbar enttäuscht nickte der Junge. „Dann würde ich mich gerne noch einmal in der Bibliothek umsehen, wenn das in Ordnung ist.“

Kurogane machte stöhnend kehrt und ging den Weg, den sie gekommen waren, wieder hinab. Fye übernahm Mokona wieder von Shaolan und drückte kurz dessen Schultern, bevor sie sich in Bewegung setzten.

Sie kamen nur wenige Meter weit, ehe Shaolan plötzlich erstarrte. Er blieb einfach stehen und riss die Augen weit auf. Die zwei Erwachsenen spürten, dass etwas nicht stimmte und drehten sich sofort zu ihm um.

„Shaolan?“, fiepste Mokona angesichts seines erschrockenen Gesichtsausdrucks ängstlich.

„K-kalt“, sagte der Junge lediglich und zitterte mit einem Mal am ganzen Körper. Die Sonne war untergegangen, aber dadurch war es nur minimal kühler geworden. Umgehend hielt Fye ihm eine Hand gegen die Stirn. Er schüttelte den Kopf.

„Er fühlt sich vollkommen normal an.“

„Was zum Teufel ist dann mit-“ Kurogane unterbrach sich selber, als ein markerschütterndes Jaulen durch die Umgebung hallte.

Shaolan fuhr zusammen. „D-das Geräusch …!“

„Dieses Mal hab ich es auch gehört!“, erwiderte der Ninja alarmiert.

„Mokona auch!“

„Was … was ist das?“ Fye bemerkte ein Glühen am Boden, unweit der Stelle am Fuß des Berges, an der sie gerade eben noch gestanden hatten. Ein Zirkel leuchtete grell auf der verbrannten Erde auf und kurz darauf materialisierte sich ein Wesen darin. Es sah aus als hätte man ein riesiges graues Wildschwein mit einem tollwütigen Wolf gemischt. Es fletschte seine gigantischen, scharfen Zähne und jaulte von neuem, bevor es seine gelb leuchtenden Augen auf Shaolan richtete und zu einem Sprung ansetzte.

„Was auch immer es ist, es hat es gleich hinter sich!“ Kurogane stieß mit der linken Hand den Jungen und den Magier beiseite und schlug mit seinem Schwert nach dem Ungetüm. Trotz seiner massigen Größe war es flink und wendig und wich rechtzeitig aus.

„Das war Magie!“, wimmerte Mokona. „Das ist ein magisches Wesen! Aber hier sollte es doch so etwas gar nicht geben!“

„Und das Vieh will noch keiner bemerkt haben?!“, schimpfte Kurogane und wunderte sich, dass die Augen seines Gegners nicht auf ihm lagen, sondern auf Shaolan. Erneut setzte das erschienene Tier zum Sprung an und flog über den Ninja hinweg auf die drei anderen zu, während es seine Krallen ausfuhr. Es prallte mit voller Wucht gegen das Schutzschild, das Fye errichtet hatte.

„Mokona, mein Schwert!“, rief Shaolan aus und das Wollknäuel spuckte ihm unverzüglich die gewünschte Waffe aus.

Das Biest hatte sich derweil von dem Aufprall erholt und stürmte von neuem los. Shaolan schleuderte eine Donnerattacke auf es und wieder gelang ihm die Flucht. Nun blieb es auf Distanz und jaulte.

„Shaolan-kun!“ Voller Entsetzten bemerkte Fye, wie sich ein magischer Kreis unter dem Brünetten bildete. Im nächsten Augenblick schon drängte sich ein gewaltiger Luftstrom aus dem Boden und katapultierte den Jungen mehrere Meter in die Luft, von wo er binnen einer Sekunde hart auf die Erde hinunter knallte – als hätte ein weiterer Luftstoß ihn von oben getroffen.

Der Magier machte eine blitzschnelle Handbewegung, nach der spitze Erdlanzen aus dem Boden schossen und das Ungetüm trafen. Es kreischte ohrenbetäubend und setzte dennoch scharrend zum nächsten Angriff an. Kurioserweise steuerte es nicht den allein dastehenden Magier an, sondern wieder den am Boden liegenden Shaolan, an dessen Seite Kurogane gerade geeilt war.

„Es greift nur den Bengel an! Wieso verdammt greift es nur den Bengel an?!“

Als Shaolan dies hörte, während er sich nach dem schweren Sturz mühsam auf alle Viere hochkämpfte, überkam ihn eine schreckliche Erkenntnis:

War er etwa von diesem Wesen hergelockt worden? Aber warum? Und warum wollte es ihn töten?

Die Kreatur wich Kuroganes Angriff aus und sprang mit aufgerissenem Maul auf Shaolan zu, der gerade einmal Zeit hatte, sich sein fallen gelassenes Schwert zu greifen und es dem Biest entgegenzuschlagen. Es biss auf die Klinge und zerbrach den harten Stahl in tausend Teile. Eine unnatürlich starke Windböe traf es von der Seite und schleuderte es von seinem Opfer weg. Doch auch wenn Fyes Angriff eigentlich die Knochen des Monsters hätten brechen müssen, schüttelte es sich nur kurz und stand wieder auf. Ebenso schnell raste es einmal mehr mit aufgerissenem Maul auf Shaolan zu. Der erneuten Windböe von Fye wich es gekonnt aus und Shaolan, deutlich lädiert, hatte keine Gelegenheit, um wegzulaufen.

Dieses Mal zerbiss es Kuroganes linken Unterarm.

„Drecksvieh!“, fluchte er, während er dabei zusehen musste, wie die untere Hälfte seines künstliches Armes zersplitterte.

„Kuro-sama!!“ Nur einen Augenaufschlag nach Fyes entgeistertem Ausruf schlugen von allen Seiten gleißende Blitze in das Tier ein. Die Luft um sie herum knisterte und knackte von der tödlichen Ladung Elektrizität, die der Magier durch das Wesen gejagt hatte. Doch das Wesen lebte noch. Benommen torkelte es rückwärts. Noch während es dies tat, rannte Kurogane auf es zu und schlitzte es der Länge nach auf. Anstelle von Blut erstrahlte ein grelles Licht aus seinem Innern, ehe es umfiel und sich in Luft auflöste.

Außer Atem sackte der Ninja auf die Knie.

„Mir geht's gut“, presste er hervor, noch bevor der aufgebrachte Blonde bei ihm war.

Fye musterte schnell den Schwarzhaarigen, aus dessen Ellbogen ein paar zertrennte Kabel, Drähte und abgebissene Metallteile herunterhingen. Die künstliche Haut war auch oberhalb des abgetrennten Bereichs gerissen und irgendeine dunkle Flüssigkeit tropfte aus dem Innern heraus. Immerhin schien nichts davon ihm Schmerzen zu bereiten. Seinen schnell gehenden Atem beruhigend, wandte er sich dem Jüngsten ihrer Gruppe zu.

„Shaolan-kun, was ist mit dir?“

Der Brünette sah mit fassungslosem Blick von der Stelle, an der das Biest verschwunden war, zu seinen Gefährten. Er hatte Probleme beim Auftreten, vielleicht war sein Knöchel verstaucht. Seine Rippen taten weh, er hatte mehrere Prellungen davongetragen und blutete oberflächlich aus ein paar Schürfwunden. Nichts davon war ihm im Moment wichtig.

Es war seine Schuld, dass sie hergekommen waren.

„War das das, was diese Barriere einsperren sollte?“, fragte Kurogane, als er aufstand, sein Schwert in seinen Gürtel steckte und mit Fye zu ihm kam. Mokona war vorausgehüpft und beäugte besorgt die Wunden des Jungen.

„Nein, die Barriere ist noch intakt“, antwortete der Magier und man konnte einen hörbaren Zorn vernehmen.

„Es … es war eine Falle“, hauchte Shaolan erschüttert, während Fye ihn von oben bis unten betrachtete, um zu sehen, ob eine der Verletzungen sofortiger Versorgung bedarf. „Es … es wollte mich ...“

„Aber warum?“, warf Mokona aufgewühlt ein. „Warum wollte es Shaolan töten?“

„Scheißegal“, murrte Kurogane, während Fye dazu überging, den unter Schock stehenden Jungen abzustützen. „Wir verschwinden. Um deine Verletzungen kümmern wir uns in der nächsten Welt. Wollknäuel!“

„Ja!“ Mokona hüpfte auf den Boden und stutzte plötzlich. „… Hm?“ Ein magischer Kreis bildete sich unter ihnen. „Das bin ich nicht.“

„Was?!“ Aufgeschreckt schnellte Kuroganes Blick zu der panisch werdenden Mokona.

„Das bin ich nicht!“, wiederholte sie von Angst ergriffen. Sie verstand überhaupt nicht, was nun wieder los war. Sie hatte noch rein gar nichts gemacht. Wo kam dieser grell aufleuchtende Zirkel her?

„Diese Magie ...“ Fye hielt mit seinem linken Arm Shaolan fest und richtete seine rechte Hand gegen das Licht, das um sie herum aus dem Kreis aufstieg und sie darin einschloss. „Diese Magie kommt aus dem Inneren des Berges!“ Ein weißes Licht kam aus seiner eigenen Hand, doch als er mit dieser die Strahlen aus dem Zirkel berührte, gab es einen Rückstoß und er wurde mit Shaolan zusammen umgeworfen.

Auf der Stelle kniete Kurogane sich zu ihnen hinunter, das sie einschließende Licht nicht aus den Augen lassend.

„Was war das??“

Der Magier richtete sich ein Stück wieder auf, während Shaolan Hilfe von Kurogane erhielt. „Ich wollte die fremde Magie auflösen, doch sie lässt es nicht zu!“ Er warf einen flüchtigen Blick auf die Hand, die das Licht berührt hatte und jetzt mit einer Brandwunde versehen war.

„Wir … wir werden hinuntergezogen!“, schrie Shaolan panisch, kurz bevor auch die anderen es bemerkten. Der Zirkel zog sie langsam in den Boden.

„Klops!!“

„Es geht nicht! Es geht nicht!“, kreischte Mokona. „Ich kann uns nicht wegbringen!!“

Geistesgegenwärtig schnappte Fye sich Mokona und krallte sich mit der anderen Hand an Shaolan fest, der wiederum von Kurogane festgehalten wurde. Nur einen Moment später waren sie im Boden versunken und das seltsame Licht erlosch.

Die Magier

Kurogane kam zu sich und sah um sich herum nichts außer Finsternis. Wo auch immer sie waren, es war stockdüster. In seinem rechtem Arm hielt er immer noch den Kleinen und er konnte das Ächzen des Magiers und das Wimmern des Wollknäuels hören. Immerhin waren sie nicht voneinander getrennt worden.

Fye ließ in seiner nicht verwundeten Hand ein schwaches Licht entstehen, sodass sie einander endlich sehen konnten. Besorgte blaue Augen fuhren über jeden einzelnen von ihnen und entspannten sich erst, als alle seinen Blick erwiderten. Vorsichtig leuchtete er dann in ihre direkte Umgebung.

Hier war nichts – außer dunklen, kahlen Felswänden.

„Sind wir im Berg?“ Shaolans Stimme zitterte.

„Es sieht so aus.“ Der Magier legte gedankenvoll die Stirn in Falten.

„Warum zur Hölle sind wir in dem bescheuerten Berg?“ Kurogane stand auf und reichte Shaolan seine Hand, damit er sich ebenso hochziehen konnte. Mokona hüpfte auf die unversehrte Schulter des Ninjas.

„Ich habe keinen Schimmer.“ Fye strich mit den Fingern über eine der Wände und stöhnte. „Diese Barriere ist auch von innen aktiv. Mit Gewalt kommen wir hier nicht raus.“

„Bitte!“, rief Shaolan plötzlich in die Düsternis hinein. „Bitte! Wer auch immer hier drin ist und uns hergebracht hat, sagt uns, was ihr von uns wollt!“ Sagt mir, was ihr von mir wollt und lasst meine Gefährten gehen, war das, was er unausgesprochen ließ. Für so einen Satz würde er sich nur Hiebe von ihnen einhandeln.

„Was wir von euch wollen?“

Die ganze Gruppe fuhr zusammen, als unmittelbar vor ihnen zwei junge Männer aus dem Nichts erschienen. Beide hatte längere Haare, die dunkellila waren, Augen in der gleichen Farbe und ein Muttermal einmal links und einmal rechts am Kinn. Sie trugen lange, fliederfarbene Gewänder, die denen der Ortsvorsteher stark glichen. Die immense Ähnlichkeit der zwei ließ nur einen Schluss zu, was sie waren.

„Zwillinge?“, hauchte Fye entgeistert und machte einen Schritt zurück, während Kurogane einen nach vorne machte. Mit dem Auftauchen der Fremden war es heller geworden, sodass es die Lichtmagie von Fye nicht mehr brauchte.

„Magst du keine Zwillinge?“ Der eine der beiden stemmte eingeschnappt eine Hand in seine Taille.

„Vielleicht sollten wir deswegen die Begrüßung übernehmen“, sagte der andere und lächelte ominös. „Als Rache dafür, dass sie Taiyos Liebling getötet haben.“

„Sprecht ihr von dem Wesen, das uns angegriffen hat?“, ergriff Shaolan das Wort. „Wir wollten es nicht töten, aber es hat uns angegriffen und wir mussten-“ Die kühle Art, wie die Zwillinge ihn anblickten, ließ ihn verstummen.

Der zuvor Eingeschnappte lachte spöttisch. „Natürlich hat es angegriffen. Dafür ist es ja auch erschaffen worden. Nur hat in dieser ganzen Zeit noch niemand es geschafft, es zu erledigen.“

„Moment mal“, mischte sich Kurogane bärbeißig ein. „Das Vieh wurde erschaffen, um anzugreifen? Was soll der Mist?“

„Kuro-sama“, ging Fye mit nervöser Stimme dazwischen, „reiz sie nicht. Sie verfügen über entsetzlich starke Zauberkräfte. Viel, viel stärkere als meine.“

Shaolan horchte auf. Das war das quälende Gefühl, das er hatte, seit sie in dieser Finsternis erwacht waren. „Haben wir die Dimension gewechselt? Dieser Ort hier quillt beinahe über vor Magie. Sie erdrückt einen fast.“

„Tja … habt ihr die Dimension gewechselt ...“

„... oder habt ihr nicht?“ Die Zwillinge lachten.

„Das würde allerdings bedeuten, dass die Kreatur, die uns angegriffen hat, auch aus einer anderen Dimension geschickt worden wäre.“ Shaolan fasste sich mit einer Hand an die Schläfen und rieb darüber. Was war geschehen? Was war hier los? Nichts ergab einen Sinn. Wieso waren sie nicht mehr in Junnasekai? Aber wenn sie im Innern des Berges waren, waren sie doch noch in dieser Welt-

Er zog scharf die Luft ein.

„Wir haben die Dimension nicht gewechselt. Wir sind tatsächlich nur in das Innere des Berges gezogen worden.“

„In der ganzen Welt draußen gab es doch keine Magie“, widersprach Mokona, „und hier gibt es ganz eindeutig ganz viel davon!“

Unter den fragenden Blicken der anderen schüttelte der Junge den Kopf. „Die Magier haben diese Welt nie verlassen. Sie haben sich in das Innere des Berges zurückgezogen.“ Er blickte zu den Zwillingen. „So ist es doch, nicht wahr?“

Für einen kurzen Moment verrieten die Mienen der beiden ihre Verblüffung, dann grinsten sie keck.

„Was auch immer er ist ...“

„ … er weiß zu viel.“

„Soll das heißen, der gesamte Quatsch stimmte und die da sind diese angeblich so mächtigen Typen aus den Aufzeichnungen?“ Kuroganes Blick wanderte zwischen ihnen und seinen Gefährten hin und her. Er hatte ein verdammt mieses Gefühl bei der Sache. Die Frage, ob sie gefährlich waren, hatte sich damit beantwortet, dass sie eben gegen dieses Monster hatten kämpfen dürfen. Und der Magier wirkte schrecklich nervös. Es mochte daran liegen, dass ihm der Anblick der Zwillinge Unbehagen bereitete, aber seine Warnung von vorhin war vermutlich auch nicht aus dem Nichts gegriffen. Außerdem gab es wohl noch einen dritten Spinner.

Scheiße.

„'Angeblich so mächtige Typen' …?“, wiederholte einer der zwei glucksend. „Wenn wir schon das Vergnügen haben, uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, dann nennt uns bei unseren Namen.“

„Ich bin Seiza“, sagte der Andere, „und das ist mein Bruder Ryusei. Wir haben so selten … Gäste. Bitte“, er lächelte ominös, „verratet uns eure Namen.“

„Shaolan.“

„Mokona!“

„ … Fye.“

„ … Hmpf. Kurogane.“

Die Zwillinge stutzten und sahen sich untereinander an.

„Das ist interessant“, äußerte Ryusei schließlich. „Dreimal stimmte hier etwas nicht so ganz.“

„Verratet ihr uns jetzt, warum wir hier sind?“, fragte Fye und konnte dabei nicht verschleiern äußerst alarmiert zu wirken.

Seizas ominöses Lächeln ebbte nicht ab. „Ihr habt den Wächter getötet …“

Die Reisenden zuckten erschrocken zusammen, als die Zwillinge plötzlich verschwunden waren – und sie hielten den Atem an, als beide ganz dicht vor und hinter Fye wieder auftauchten.

„ … wir fordern eine Wiedergutmachung“, beendete Ryusei den Satz und säuselte ihn dem erstarrten Blonden von hinten ins Ohr.

„Sofort weg von ihm!!“ Kurogane zog erst Shaolan weg und dann sein Schwert.

„Das klingt doch nur fair“, wehrte Seiza sich. „Euer Magier bleibt bei uns und ihr dürft gehen. Ist das kein guter Tausch?“

„Er hat bei euch eh nichts verloren und wäre hier viel besser aufgehoben“, ergänzte Ryusei. „Seine Kräfte sind unseren zwar unterlegen, aber sie sind dennoch beeindruckend. Und sie könnten viel besser wachsen, wenn er bei uns bleibt.“

„Vielen Dank für die Blumen, aber nein“, lehnte Fye das Angebot mit einem angespannten Lächeln ab. „Ich gehöre ganz sicher zu meinen Kameraden, daher müssen wir wohl eine andere Abmachung finden.“

„Denkst du das, ja?“ Seiza machte einen Schritt zurück. „Das sehen wir völlig anders und wir wissen es besser.“

„Es ist noch nie etwas Gutes dabei herausgekommen, wenn Magier und Menschen sich zu nahe standen.“ Auch Ryusei ließ von ihm ab. „Ihr werdet füreinander nur den Untergang bedeuten.“

Das sehe ich anders und ich weiß es besser“, gab Fye zurück und atmete durch.

Die Zwillinge zuckten mit den Schultern. Sie nahmen ihre Niederlage erstaunlich gleichgültig auf und das versetzte Shaolan in Panik. Waren sie wirklich die besagten Magier? Warum wollten sie Fye haben? Das Ganze wirkte mehr und mehr wie ein richtig böser Albtraum, aus dem er nicht erwachen konnte. Kimihiros Warnung … sie hatte eine pechschwarze Dunkelheit beinhaltet. Hatte er in seinem Traum das Innere dieses Berges gesehen? Shaolan schluckte. Es war seine Schuld, dass sie sich jetzt in dieser Lage befanden. Und er hatte keine Ahnung, wie sie hier wieder herauskommen sollten. Warum nur hatte man sie hergebracht?

Was auch immer er ist ...“

„ … er weiß zu viel.“

Sein Herz setzte für einen Moment aus. Nein! Hieß das etwa …?!

Shaolan kam nicht dazu den Gedanken zu Ende zu denken, denn Kurogane schreckte zusammen und wirbelte herum. Hinter ihm stand mit einem Mal eine Frau mit fast bodenlangen, orangefarbenen Haaren. Ihr dunkelgelbes Gewand glich eins zu eins dem der anderen.

DU hast den Wächter getötet?“ Sie hob skeptisch eine Augenbraue. „Hast du eine Ahnung, wie schwierig es war, ihn zu erschaffen? Jetzt kann ich von vorn anfangen!“ Sie musste Taiyo sein; die Erschafferin der Kreatur. „Also echt, dass wir mal geweckt werden, weil der Wächter tot ist! Das ist nicht zu fassen!“

„Dann hätte das Vieh uns nicht angreifen dürfen“, entgegnete Kurogane, sichtlich um Besonnenheit bemüht. Die Absichten der komischen Gestalten waren nicht zu erkennen und er hasste es, wenn die Situation so unüberschaubar war. Hätten die Zwillinge nicht von Fye abgelassen, hätte er sie mit Sicherheit angegriffen, obwohl er nicht einmal mutmaßen konnte, wie dies ausgegangen wäre.

Taiyo zog eine genervte Grimasse. „Das Vieh … tsk. Menschen. Das 'Vieh' hat jahrhundertelang seinen Job gut gemacht. Allerdings ...“ Sie legte den Kopf schief. „Ist schon interessant, wie ihr es erledigen konntet. Kleine Belohnung gefällig?“ Noch während sie mit den Fingern schnippte, wollte Kurogane am liebsten in ihre arrogante Visage reinschlagen. Doch plötzlich wurde um ihn herum alles schwarz.

 

Gemächlich öffnete Fye seine Augen. Sie und sein ganzer Körper fühlten sich schrecklich schwer an. Besonders sein Kopf dröhnte, als hätte er mehrere Schläge einstecken müssen. Doch – er lag ganz weich gebettet auf einer Matratze; sein Kopf ruhte auf einem fluffigen Kissen und er war mit einer dicken, kuscheligen Decke zugedeckt. Die Luft um ihn herum war ein bisschen kühl, aber sie war nicht unangenehm. Sie schien vielmehr seltsam vertraut. Was …?

Er riss die Augen auf, als er den Baldachin über dem Bett, in dem er lag, erblickte. Schlagartig richtete er sich auf und ließ seinen Blick panisch durch das restliche Zimmer rasen. Die bauschigen, handgeknüpften Teppiche, die auf dem kalten Steinboden lagen, die schweren Vorhänge vor den Fenstern, die die eisige Luft von draußen zusätzlich abhalten sollten … was war das hier?? Ein Albtraum??

Die Tür knarzte und Fye wollte instinktiv einen Zauberspruch aktivieren, aber nichts passierte. Sämtliche Farbe entwich seinem Gesicht, als er sah, wer da eintrat.

„Ah, Yui, du bist wach. Du bist ein schrecklicher Langschläfer, weißt du das? Ich dachte, ich hätte dich geweckt, aber dich würde nicht einmal ein Feuerwerk direkt neben dem Bett wecken, was?“

Der junge Mann, der dort eingetreten war, lächelte fröhlich und stockte erst, als die Miene seines Gegenübers vollkommen fassungslos war.

„Yui? Ist alles in Ordnung? Du bist ganz blass. Hast du schlecht geträumt?“ Er eilte zu Fye, setzte sich zu ihm und beäugte ihn besorgt.

„D-das … das kann nicht … du … du kannst nicht …“, stammelte Fye, während seine Augen sich mit Tränen füllten. Mit beiden Händen fuhr er dem anderen Mann über seine blonden Haare und über die bleiche Haut seines Gesichts, während er in seine blauen Augen starrte.

„Yui? Was ist denn bloß? Fühlst du dich nicht gut?“

Als hätte er sich verbrannt, zog Fye seine Hände zurück und schüttelte vehement den Kopf. „Was soll das? Wer bist du? Wo bin ich hier?“ Wut mischte sich in die Verzweiflung, die hochgekommen war, als er den Anblick seines erwachsenen Zwillingsbruders gesehen hatte. Das konnte nicht Fye sein. Und er konnte nicht in Valeria sein.

Die Täuschung jedoch sah so echt aus, dass es ihm das Herz brach, als die Fälschung ganz erschrocken und bekümmert dreinblickte.

„Du redest wirr, Yui. Hast du vielleicht Fieber? Soll ich Mutter holen?“

„Mutter?“ Erbost wich Fye zurück, als der Andere ihm die Hand auf die Stirn legen wollte. „Beende diese Farce sofort! Wo sind die anderen?!“

„Die anderen? Welche anderen?“, hakte der Zwilling beklommen nach.

„Meine Gefährten!“

„Wen meinst du?“

„Die anderen, die bei mir waren!“

„Bei dir? Wo? Und wann?“

„Wieso kann ich keine Magie anwenden??“

„Magie? Yui, was redest du denn da …?“ Verständnislos schüttelte er den Kopf. „Ich hole besser Mutter. Und vielleicht auch direkt einen Arzt.“ Der junge Mann rannte schnell wie der Wind aus dem Zimmer. Fye schlug die Decke weg und stand wacklig auf. Nicht nur, dass er keine Magie anwenden konnte, er konnte auch keine spüren, obschon er das Gefühl hatte, welche spüren zu müssen. Die anderen … er musste sie finden!

Er kam nur wenige Schritte weit, ehe die Tür erneut aufgerissen wurde und eine Frau, gefolgt von dem Trugbild seines Bruders, hineinkam.

„Chi?“, hauchte Fye verwirrt, als er sie erblickte. Das konnte nicht Chi sein. Sie existierte nicht mehr und diese Frau dort ähnelte mehr einer leicht älteren Version seiner …. Zornig biss Fye die Zähne zusammen. Jetzt brachten sie auch noch seine Mutter ins Spiel?

„Ganz ruhig, mein Junge“, sagte die Frau sanft und Fye erinnerte sich mit einem Mal an den beruhigenden Klang ihrer Stimme. Es war Ewigkeiten her, dass er ihre Stimme gehört hatte. „Leg dich bitte wieder hin. Wir haben den Arzt schon rufen lassen. Es ist sicher nichts Schlimmes, mach dir keine Sorgen.“

„Hör auf zu reden!“ Er presste seine Hände auf seine Ohren. Doch da er immer noch ihre bekümmerten Gesichter sah, kniff er ebenso die Augen zusammen. Diese Täuschung war zu echt. Sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb und gegen seinen Willen begann er zu weinen. Er fühlte, wie sie behutsam ihre Arme um ihn legte und obwohl er sich bewusst war, dass dies nicht seine Mutter sein konnte, ließ er es einfach geschehen. Es war Ewigkeiten her, seit er das letzte Mal ihren Geruch gerochen hatte, ihre Berührung gespürt hatte. Dies war eine Täuschung, nicht wahr? Es konnte nicht echt sein. Auch wenn es sich so anfühlte. Seine Mutter strich ihm sacht über den Kopf und Fye nahm seine Händen von den Ohren.

„Alles wird gut, mein Junge“, hörte er sie sagen.

„Ich bin hier, Yui, hab keine Angst“, hörte er seinen Zwilling sagen.

Langsam führten beide ihn zum Bett zurück.

Nein. Das war nicht richtig. Er musste doch … etwas tun. Er … hatte eben noch etwas tun wollen … oder? Hatte er nicht jemanden suchen wollen? Aber wen? Ein unheilvolles Gefühl machte sich in ihm breit.

„Lass mich nicht allein, Fye.“ Ängstlich ergriff Yui die Hand seines Bruders.

 

Kurogane riss die Augen auf und schnellte nach oben. Ein Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ließ ihn aufgekratzt umherblicken. Zedernholz. Schiebetüren. Yukata.

Nein.

Er konnte nicht in Nihon sein. Sie waren diesen magischen Trotteln begegnet, ein hässlicher Köter hatte sie angegriffen, alles war schwarz geworden … wo war sein magischer Trottel? Dem bleiernen Gefühl in seinen Knochen und dem Dröhnen in seinem Kopf zum Trotz stand er auf. Ungläubig wanderte sein Blick seinen vollständigen linken Arm hinab. Der Arm fühlte sich völlig anders an als sonst. Er fühlte sich an wie … sein eigener Arm. Irritiert ballte er ein paar Mal die Hand zu einer Faust. Da war keine Mechanik dahinter. Das war sein Arm.

„Was soll die Scheiße?!“, schnauzte er einfach in den Raum hinein. „Das hier ist nicht echt, also lasst den Mist!“

„Was brüllst du hier so unflätig herum?!“ Die Schiebetür wurde mit Karacho aufgeschoben und Soma stand schnaubend im Türrahmen. Neben ihr stand Tomoyo und lächelte ihr übliches Lächeln.

„Du klingst, als seist du wieder fit. Dann darfst du mit sofortiger Wirkung deine Tätigkeit als mein oberster Leibwächter wieder aufnehmen“, äußerte die Prinzessin und wunderte sich merklich, dass sie nicht die gewünschte Reaktion erhielt.

Kuroganes wütender Blick landete auf ihr und versetzte Soma in Alarmbereitschaft.

„Oberster Leibwächter? Am Arsch. Wo sind die anderen?“

„Hast du nun endgültig den Verstand verloren?“, echauffierte Soma sich. „Wie redest du denn mit-“

„Mit irgendwelchen Betrügern rede ich so, wie ich will“, unterbrach er sie harsch. „Rückt den Magier, den Bengel und den Klops raus, sonst vergess ich mich!“

Er stutzte, als die Gestalten von Soma und Tomoyo scheinbar einfroren. Sie bewegten sich nicht mehr.

„Hätte ich doch ein Szenario mit deinen Eltern wählen sollen?“

Aufgeschreckt drehte der Ninja sich der Stimme zu, die hinter ihm erklungen war. Dort stand diese Taiyo oder wie sie hieß.

„Szenario? Was für ein krankes Spiel ist das?“

„Tsk. Das ist eine nur für dich erschaffene Traumwelt. Wenn du dich auf sie einlassen würdest, könntest du glückselig in ihr leben.“

„Soll das ein Scherz sein?“ Kurogane schnaufte. „Glaubst du, deine kleine Schmierenkomödie würde mich die anderen vergessen lassen?“

„Nun ja, ja, das sollte eigentlich passieren. Aber ich hatte schon befürchtet, dass du hart zu knacken sein würdest. Du hättest hier doch alles, was du dir wünschst, warum wehrst du dich dagegen?“

„Wo sind die anderen?“, gab er unbeeindruckt zurück.

„Ah, ist es etwa das?“ Sie strich sich nachdenklich übers Kinn. „Ich kann kein Szenario erstellen, in dem einer der anderen vorkommt.“ Sie lachte verächtlich. „Das ist traurig. Dir fehlt der blonde Magier, aber … ihm fehlst du leider überhaupt nicht.“

Die roten Augen des Ninjas verzogen sich im Zorn zu Schlitzen. „Was soll das heißen?“

„Er hat sich für die Traumwelt entschieden.“

Kurogane zuckte kurz zusammen, wurde dann aber schnell wieder stoisch. „Als ob.“

„Bei ihm war es viel leichter. Du kennst ihn doch schon lange. Sicher kannst du dir vorstellen, wie schnell er schwach wird, wenn er seinen Bruder wiederbekommt?“

„Ihr verdammten Mistkerle-“

„Willst du denn nicht, dass er glücklich ist? Oder bist du sauer, weil er dich ohne mit der Wimper zu zucken abgeschrieben hat? An deiner Stelle wäre ich sauer auf ihn. Du gehst jetzt total leer aus, während er ohne dich glücklich wird.“

Kurogane ballte beide Hände zu Fäusten.

 

Als Shaolan die Augen aufmachte, sah er in einem blassen Lichtschein die Felswände des Berginneren. Außerhalb des Lichts war es stockdunkel. Wie vom Blitz getroffen schnellte er hoch und blickte sich in dem Lichtkegel, der sich um ihn geformt hatte, um. Bei ihm lag Mokona und war anscheinend bewusstlos. Doch Fye und Kurogane waren nirgends zu finden. Eilig und gleichzeitig behutsam nahm er Mokona in den Arm. Sie atmete, wachte allerdings nicht auf.

„Dieses Wesen ließ sich nicht in eine Traumwelt schicken, daher schläft es nur“, erklärte eine männliche Stimme und als Shaolan wieder aufschaute, saß vor ihm auf dem Boden ein Mann mit kurzen, dunkelblauen, abstehenden Haaren und einem hellblauen Gewand. Unbewusst legte der Junge seine Arme noch fester um Mokona. Das vor ihm musste ein weiterer dieser Magier sein. Ihre Kräfte waren beängstigend. Lag es an der Barriere, dass sie diese überwältigende Macht außerhalb des Berges nicht bemerkt hatten?

„Wo sind meine beiden Gefährten?“, fragte Shaolan trotzig.

Dem Mann huschte ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht, bevor er den Kopf schief legte. „Ihnen geht es gut. Sehr gut sogar. Sie haben eine Menge Entbehrungen in Kauf nehmen müssen, aber jetzt werden sie dafür entlohnt. Sie dürfen endlich glücklich sein.“

„Was bedeutet das?“ Shaolan schluckte. Der Mann hatte irgendetwas von einer Traumwelt gesagt. War es ihnen etwa möglich, sie mir nichts dir nichts in eine solche zu bringen?

„Du gibst dich nicht damit zufrieden, dass es ihnen gut geht?“

„Ich will mich selbst davon vergewissern.“

Der Blauhaarige lachte. „Dafür müsstest du sie aus ihren Träumen und damit aus ihrem Glück herausreißen. Und dann könnten sie nicht mehr in die Träume zurückkehren. Willst du das etwa? Willst du sie weiter unglücklich machen?“

Shaolan zuckte zusammen und biss die Zähne zusammen. „Ich kenne beide gut genug, um zu wissen, dass sie in einer künstlichen Welt nicht glücklich werden würden.“

Sein Gegenüber stutzte und schüttelte den Kopf. „Und du denkst, das, was du ihnen antust, ist besser?“

„Was ich ihnen …?“

„Du bist der Grund für eure Reise, nicht wahr?“, fuhr der Mann unbeirrt fort. „Weil du zu schwach bist, es alleine zu schaffen, ziehst du sie mit in dein Verderben hinein.“

„Das ist nicht wahr! Hör auf!“ Shaolan wollte sich am liebsten die Ohren zuhalten, doch er konnte Mokona nicht loslassen. Zu groß war die Angst, dass sie ihm auch sie wegnehmen würden.

„Du verlässt dich auf andere, obwohl du Schuld an allem hast. Du warst damals schwach und du bist es heute noch.“

„Hör auf! Hör auf!“

„Wenn du wirklich bereit wärst, alles zu geben, könntest du dein Leid einfach beenden – und vor allem die Leiden deiner Begleiter. Deine Existenz ist das Problem, also weißt du doch, was du zu tun hast, oder etwa nicht?“

Shaolan machte mehrere Schritte zurück, doch der Lichtkegel verfolgte ihn, er konnte nicht in die Dunkelheit laufen und sich dort vor dem Magier verstecken. Er wusste, dass dieser nicht Recht hatte. Er wusste, dass er nur versuchte, ihn zu manipulieren. Und dennoch – trafen ihn diese Wort hart. Gegen seinen Willen flossen Tränen aus seinen Augen und platschten auf Mokona; die dadurch endlich aufwachte.

„Shaolan …?“ Sie kniff ihre Augen mehrmals zusammen und japste erschrocken, als sie seine Gefühlslage erkannte. Es war eine erdrückende Mischung aus Angst und Verzweiflung. Aufgebracht blickte sie zu dem Fremden, der sie verdutzt musterte.

„Es ist aufgewacht? Der Schlafzauber kann doch nicht so einfach gebrochen werden …?“

„Wer bist du und was hast du Shaolan angetan??“

Der Mann fasste sich schnell wieder und lächelte süffisant, während er sich durch seine Haare fuhr. „Wie unhöflich von mir: Mein Name ist Uchu, aber angetan habe ich ihm nichts. Ich habe nur ausgesprochen, was er schon längst weiß.“

„Warum ...“ Shaolans Hände verkrampften sich um Mokona. „Warum wollt ihr mich unbedingt tot sehen?“

Uchus Miene verfinsterte sich ein wenig. „Ist dir das nicht klar? So etwas wie dich darf es nicht geben. Wir suchen nur nach einer Lösung.“

„SAG NICHT SO GEMEINE SACHEN!!“, kreischte Mokona ihm mit der vollen Kraft ihrer kleinen Lungen entgegen. „Es muss Shaolan geben, weil Shaolan ganz vielen Menschen am Herzen liegt!!“

„Auch das Problem haben wir bereits erkannt.“ Uchu seufzte lang und tief.

 

„Bringt's was, dir eine zu scheuern?“ Kurogane sah von seinen geballten Fäusten zu Taiyo auf.

Der Magierin entglitten vor Überrumpelung die Gesichtszüge. „Bitte was?“

„Der 'blonde Magier' hat mich gewarnt, weil ihr wohl so mächtig sein sollt. Ich will nicht riskieren, verletzt zu werden, weil er dann übelst wütend wird.“

Sie winkte verdattert ab. „Hörst du schlecht? Der blonde Magier hat dich längst vergessen. Ihm ist egal, was du-“

„Schwachsinn. Der Idiot würde mich nie vergessen, selbst wenn ich ihn persönlich darum bitten würde.“

Taiyo lachte gezwungen. „Und wenn du damit falsch liegst?“

„Das ist ja der Spaß daran. Ich liege nie falsch.“ Kurogane lächelte siegessicher, als er aus dem Augenwinkel etwas bemerkte. „Dein kleiner Zaubertrick löst sich auf, wenn man nicht drauf reinfällt, was?“ Das falsche Nihon wurde zunehmend verschwommener, bis kaum noch Konturen zu erkennen waren.

„Du ...“, Taiyos Mimik wurde zorniger, „du bist doch kein normaler Mensch! So willensstark kann doch niemand sein! Du wirst sehen, was du davon hast, wenn er in der Traumwelt bleibt!“

„Ja? Werde ich das?“ Kurogane entspannte seine Fäuste, als das Trugbild um ihn herum in sich zusammenfiel.

 

Wie in Trance starrte Yui auf seine rechte Hand und die linke Hand seines Bruders, die ineinander verschlungen waren, während seine Mutter ihm sanft über die Haare strich.

Alles an diesem Moment fühlte sich schön an, aber Yui konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas nicht stimmte. Sein Herz raste und er konnte sich nicht erklären, warum. Es war, als würde er jemanden schrecklich vermissen. Als sollte jemand, vielleicht sogar mehrere Leute, hier bei ihm sein. Das Gefühl fraß ihn innerlich fast auf.

Jemand, der seine Hand hielt ….

Yui zog seine rechte Hand ein wenig zurück und drehte sie, sodass er die Handfläche sehen konnte. Dort fehlte auch etwas. War er nicht verwundet gewesen? Sollte dort nicht eine Brandwunde sein?

Er zog scharf die Luft ein, als er sich daran erinnerte, wie er die Lichtsäule berührt hatte, um die anderen vor dem Zauber zu beschützen, der sie eingeschlossen hatte. Er schloss die Augen und atmete durch.

Mit glasklarem und zeitgleich betrübtem Blick wandte er sich seiner Mutter zu.

„Ich … ich kann mich nach all der Zeit noch so genau daran erinnern, wie du Fye und mir immer über unsere Haare gestrichen hast. Das werde ich auch nie vergessen.“ Er schluckte, um das aufkommende Beben in seiner Stimme zu unterdrücken. Sein Blick wanderte zu der Hand seines Bruders, die noch zart seine hielt und letztlich in sein besorgt dreinschauendes Gesicht.

„Danke, dass ich deine Hand halten durfte, Fye. Aber jetzt muss ich zu den anderen zurückkehren.“ Der Magier schenkte ihm ein letztes Lächeln, bevor das falsche Valeria sich auflöste.

 

Kurogane fand sich plötzlich in einem blassen Lichtkegel wieder, außerhalb dessen pechschwarze Dunkelheit herrschte. Der Bengel stand vor ihm und krallte sich heulend an dem Klops fest.

Shaolan erblickte ihn und noch ehe Mokona etwas sagen konnte, hatte der Junge sich dem Ninja schluchzend an den Hals geworfen.

„Hey! Hey, Kleiner, du vergisst zu atmen! Beruhige dich.“ Kurogane klopfte ihm mit der rechten Hand (der linke Arm war – wie er innerlich seufzend feststellen musste – wieder ein zermatschter Kabel-Draht-Haufen) erst auf die Schulter und rieb ihm dann über den Rücken. Sorgsam suchte der Schwarzhaarige währenddessen den Lichtkreis ab. Außer ihnen war niemand hier.

Aus dem Nichts wurde Fye in den Lichtkegel gespuckt und Kurogane atmete auf.

„Shaolan-kun?!“ Der Anblick des weinenden Jungen versetzte Fye beinahe automatisch in den Berserkermodus, als Shaolan sich nun ihm entgegenwarf und sich mit einer freien Hand an seinem Haori festkrallte.

Fye legte seine Arme um ihn und blickte zu Kurogane. „Wart ihr auch in einem Trugbild gefangen?“

Der Ninja brummte. „Sie versuchen auf Teufel komm raus uns voneinander zu trennen.“

„Ich bin mir mittlerweile sehr sicher, dass mindestens einer von ihnen in unseren Erinnerungen lesen kann.“

„Wieso machen die sich die Mühe?“

Das Schluchzen ebbte ab und Shaolan ließ Fye los. Unter Mokonas mitleidigem Blick wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich bin der Grund.“ Er sah zu den beiden anderen hoch. „Ich fürchte, mein Wunsch, 'Shaolan' und 'Sakura' zurückzubringen, hat uns hierher gebracht. Aber die Magier sind anscheinend der Meinung, dass ich nicht existieren dürfte und deswegen versuchen sie, mich zu eliminieren.“

Fassungslosigkeit stand den beiden Männern ins Gesicht geschrieben.

„Was geht die das an?“, wetterte Kurogane. „Die sollen sich aus Dingen, die sie nichts angehen, gefälligst heraushalten.“

„Oh, aber es geht uns etwas an.“

Mit dem Erklingen einer weiteren Stimme griff sich Fye von neuem Shaolan, während Kurogane sein Schwert abermals zog und sich schützend vor sie stellte.

Eine Frau mit silbrig-blonden Haaren, die sie in einem Bob trug, lächelte ihnen entgegen. Ihr cremefarbenes Gewand verriet, dass sie zum gleichen Verein wie die Vorigen gehörte.

„Verzeiht bitte, dass die anderen so grob waren“, sagte sie entschuldigend und demütig. „Ich bin Hoshi. Es musste leider sein. Anders konnten wir euch schlecht auf die Probe stellen.“

„Auf die Probe?“, wiederholte Shaolan tonlos.

„Ihr habt doch einen Wunsch, nicht wahr?“ Sie lächelte ungebrochen. „Wir können nur denjenigen einen Wunsch erfüllen, die unsere Prüfung bestehen. Eine Prüfung des Herzens sozusagen.“

„Wolltet ihr nicht eben noch den Bengel um die Ecke bringen?“ Es kostete Kurogane sämtliche Disziplin, die Frau nicht sofort anzugreifen. Sie konnten mit einem einfachen Fingerschnippen irgendwelche starken Zauber vom Stapel lassen; wer konnte schon sagen, was sie vorhatte?

„Aber das gehörte doch zur Prüfung“, erläuterte Hoshi seelenruhig. „Du kannst die Waffe wegpacken. Ich habe nicht vor, euch etwas zu tun.“

„Euer Verhalten war bis hierher ziemlich undurchsichtig“, wandte Fye ein. „Und vor allem scheint ihr ohne Rücksicht auf Verluste mit Gefühlen zu spielen.“ Der Gedanke an das vorgetäuschte Valeria ließ ihn zornig werden, trotzdem gab er sich größte Mühe, ruhig zu bleiben.

„Auch das tut mir leid.“ Hoshi verbeugte sich vor ihnen. „Erfüllt man jedem einen Wunsch, ohne vorher seinen Charakter und seine Absichten geprüft zu haben, riskiert man damit ein Ungleichgewicht, das verheerende Folgen haben kann. Aber wem sage ich das? Wir haben dein Problem erkannt, Tsubasa. Und wir sind bereit, uns dessen anzunehmen.“

Shaolan machte einen unsicheren Schritt aus Fyes Griff hinaus und an Kurogane vorbei auf die Magierin zu. Seine Miene war von Unglauben überkommen. „Könnt ihr … könnt ihr sie wirklich zurückbringen? Meine Eltern?“

Hoshi nickte und strahlte ihm freundlich entgegen. „Das können wir. Wenn es das ist, was du wirklich willst.“

Ein schwaches, hoffnungsvolles Lächeln formte sich auf dem Gesicht des Jungen, als er nacheinander zu Kurogane und Fye blickte. Beide wirkten nach wie vor vorsichtig, wenn nicht sogar reserviert.

„Wie?“, fragte Fye und schloss wieder zu Shaolan auf. „Wie macht ihr das?“

Hoshis Lächeln war wie eingemeißelt. „Nun, sie sind ja nicht tot. In so einem Fall könnten selbst wir nichts machen. Erbringt man die nötige Gegenleistung, lassen sich ausgelöschte Existenzen jedoch wiederbringen.“

Shaolan wurde hellhörig. „Gegenleistung?“ Ein mulmiges Gefühl stieg in ihm auf.

„Von nichts kommt nichts“, antwortete Hoshi. „Um etwas zu bekommen, muss man etwas anderes aufgeben. Das gehört zu den Grundsätzen der Magie.“ Sie lächelte Fye an, als ob sie eine Bestätigung haben wollte.

„Hat sie Recht?“, wollte auch Kurogane wissen und Fye nickte zaghaft.

„So funktioniert im Prinzip Yukos Geschäft.“

„Also, wenn Shaolan dir etwas gibt, gibst du uns dafür 'Shaolan' und 'Sakura' wieder?“ Mokona blinzelte die hellhaarige Frau an.

„Ja, das ist alles, was er tun muss.“

„Aber ...“ Shaolan machte einen Schritt zurück und wusste selbst nicht, warum. Ein Gefühl des Horrors machte sich in ihm breit. Sein Atem ging schneller und er bekam kaum Luft. Sein Puls raste und sein Herz hämmerte. „ … was soll ich dir geben?“

„Ah, ja, das sollte ich ausformulieren.“ Hoshis Lächeln trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. „Wenn du zwei Menschen haben möchtest, musst du dafür zwei Menschen opfern.“

Die Welt des Abgrunds

Shaolan fiel vor Schreck hinterrücks um, doch Fye fing ihn auf. Hatte sie gerade tatsächlich gesagt, er sollte zwei Menschen für seinen Wunsch opfern? Er hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen.

„Ihr habt alle einen Vollschuss!“, fluchte Kurogane, doch Hoshi blieb unbeeindruckt.

„Dafür können wir nichts. So funktioniert diese Magie nun mal.“

„Ha“, Fye lachte leise und zog damit alle Aufmerksamkeit auf sich. „Wenn das wirklich funktionieren würde ...“

Von einer plötzlichen, blanken Angst ergriffen krallte Shaolan von neuem seine Hand in die Jacke des Blonden. „Nicht, Fye. Nein, nein, denk da nicht einmal drüber nach. Bitte!“

Der Magier legte seine Hand auf die des Jüngeren und nahm sie sacht weg. „Shaolan-kun, wenn sie die Wahrheit sagt, dann ...“

„Nein! Nein, Fye!“

„ … dann wäre dies wahrhaftig eine Möglichkeit, die beiden wiederzubringen.“

„Selbst wenn sie die Wahrheit sagt, ist das eine Scheißidee.“ Kuroganes erzürnter Blick landete auf Fye, der gedankenversunken den Kopf schüttelte, was den Ninja spürbar nervös machte.

„Ich habe keinen Grund, euch anzulügen“, warf Hoshi unschuldig in die Diskussion ein. „Uns ist daran gelegen, das Problem zu lösen.“

„Kuro-sama“, Fye schaute von dem entgeisterten Jungen in seinen Armen empor zu dem mittlerweile nicht minder entsetzten Ninja, „ich weiß, du wirst mich sicher gleich anschreien, aber hör mir bitte erst zu: Es lässt sich nur auf eine Art austesten, ob sie die Wahrheit sagt oder nicht. Nämlich indem einer von uns … dieses Opfer bringt. Wir waren noch nie zuvor einer möglichen Lösung des Problems so nahe und ich weiß ehrlich nicht, ob sich jemals eine bessere Option auftun wird. Vielleicht … vielleicht dürfen wir diese Gelegenheit wirklich nicht ungenutzt verstreichen lassen.“ Fye stiegen die Tränen in die Augen. „Bitte verzeih mir, ich weiß, das ist nicht das, was wir uns versprochen haben. Aber ich will alles tun, um Shaolan zu helfen und wenn ich dafür-“

Shaolan befreite sich aus seinen Armen und sprang auf. „NEIN! Das lasse ich nicht zu! Das wird nicht geschehen! Hör auf, darüber auch nur nachzudenken!“ Voller Verzweiflung drehte er sich Kurogane zu, der dem Magier zähneknirschend zugehört hatte. Kurogane würde ihn wieder zur Vernunft bringen, ganz bestimmt. Der Schwarzhaarige blickte überfordert zwischen dem Magier und dem Jungen hin und her.

„Dreck!“, schrie er schließlich niemand im Besonderen an. „Wenn sie uns verarschen, ist immer noch einer von uns tot!“

„Wenn sie es ernst meinen, können wir die Kinder zurückbringen.“ Fye stand vom Boden auf. Seine Miene schwankte zwischen Entschlossenheit und Traurigkeit hin und her. „Ich will euch natürlich nicht verlassen. Nein, das könnt ihr mir glauben, das würde mir alles andere als leicht fallen. Aber … wenn es wirklich und wahrhaftig diese Möglichkeit gibt, dann … wäre ich bereit, es zu riskieren. Damit diese Reise und alle damit verbundenen Leiden endlich ein Ende finden. Bevor Shaolan endgültig verzweifelt.“

Kurogane senkte sein Schwert hinab und knarzte so laut mit den Zähnen, dass es für alle hörbar war. „Ich habe es die ganze Zeit niemals fragen wollen, aber: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, einen Weg zu finden, der die Kinder zurückholen kann?“

Fye richtete seine Augen gen Boden. Bei dem Satz, vor dem er sich fürchtete, ihn auszusprechen, konnte er ihnen nicht in die Augen sehen. Keinem von ihnen. Sie hatten nicht grundlos alle Hoffnungen in die Suche nach diesen mächtigen Magiern gesteckt. Und – mächtig waren sie auf jeden Fall. Ha! Was für eine Untertreibung! Ihre Kräfte waren einschüchternd. Fye konnte in ihrer Anwesenheit kaum atmen. Also, ja, es war möglich, dass sie – und möglicherweise nur sie – in der Lage waren, das zu tun, was sie sich erhofften.

„Tut mir leid“, war alles, was er mit gesenktem Kopf antwortete und jeder dort verstand, was er damit meinte.

„Mama“ wimmerte Mokona herzzerreißend in die eingetretene Stille hinein.

Fye hob seinen Kopf wieder. Der Anblick von Shaolans erschütterter Miene brach sein Herz – und befeuerte seinen Entschluss. „Ich würde es riskieren.“

Kurogane steckte sein Schwert weg und fuhr sich mit der freigewordenen Hand durch die Haare. Man konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Er blickte an seinem zerstörten Arm hinunter und stöhnte.

„Klappe, du Idiot. Du würdest es riskieren? Denk einmal mit, wenn hier etwas schiefginge, könntest du bei diesem Zauberschnickschnack doch viel eher eingreifen. Wenn wir das hier also ernsthaft diskutieren, dann bist du vielleicht nicht die erste Wahl.“

„Wir müssen das nicht diskutieren!“, rief Shaolan panisch dazwischen. „Ich will keinen einzigen von euch verlieren!“

„Uhm“, Hoshi legte den Kopf schief, nachdem sie sich alles interessiert angehört hatte, „ich dachte, du wolltest deine Eltern unbedingt wiederhaben? Du wolltest doch alles dafür geben, oder hast du das nur so dahergesagt? Der blonde Magier hat schon Recht. Es werden sich nicht so viele Möglichkeiten für euch auftun. Wahrscheinlich ist das hier die einzige, die sich je bieten wird.“

„NEIN!!“ Er brüllte noch lauter als zuvor. „ES MUSS EINE ANDERE GEBEN! ES MUSS!! ES MUSS!!“

„Shaolan-kun, lass uns das in Ruhe durchdenken.“ Fye streckte eine Hand nach dem kreischenden Brünetten aus, aber dieser wehrte ihn ab.

„Ich will weder dich noch Kurogane opfern!!

„Ihr braucht nicht seine Einwilligung“, zwitscherte Hoshi unangemessen fröhlich dazwischen, „wenn es euer Wunsch ist, erfüllen wir euch diesen.“

Shaolan bemerkte, wie Fye und Kurogane einen Blick austauschten, der offenbarte, dass sie über das Angebot nachdachten.

„HÖRT AUF!!“ Er brüllte sich nun die Seele aus dem Leib. Mit einem Mal fühlte er sich fürchterlich einsam, als hätten die anderen ihn bereits verlassen. Wie konnten sie ernsthaft darüber nachdenken? Wie konnten sie ernsthaft bereit sein, ihre Leben für ihn zu opfern?

Er kannte die Antwort darauf – und das machte alles nur noch schlimmer.

Sie mussten hier weg, bevor sie tatsächlich auf das Angebot eingehen konnten. Er musste sie von hier wegbringen, nicht nur weil es seine Schuld war, dass sie hier gelandet waren, sondern auch weil er sie unter keinen Umständen und für nichts in der Welt verlieren wollte.

Seine panische, verzweifelte Miene landete auf der japsenden Mokona. „Bring uns hier weg, bitte, bring uns schnell hier weg!!“

Umgehend strengte Mokona sich mit allem, was sie hatte, an, doch sie konnte die Dimension nicht verlassen.

„Es geht nicht!“, jammerte sie ebenso panisch und überfordert. „Es geht nicht!“

„Warum blockiert ihr Mokonas Magie?! Lasst uns einfach gehen!! Bitte!!“, rief Shaolan in Hoshis Richtung und ihr Lächeln wirkte für ihn inzwischen wie eine Grimasse aus einem Albtraum.

„Du willst wirklich weg? Ohne deine Eltern wiederzubekommen? Diese Chance bekommst du kein zweites Mal.“

„Shaolan-kun, beruhige dich-“

„Hey, hör auf, Panik zu schieben-“

„Tut mir das nicht an! Bitte, tut mir das nicht an!“ Weinend sank er auf alle Viere und ließ dabei Mokona los, die gleichermaßen in Tränen ausgebrochen war. „Ich kann nicht ...“ Seine Worte kamen nur zwischen heftigem Schluchzen hervor. „Ich kann nicht … meine Eltern für meine Eltern opfern. Das geht nicht. Das geht nicht. Bitte, tut mir das nicht an.“

Die nassen Augen vor seelischem Schmerz zusammengekniffen, fühlte Shaolan, wie Fye ihn von neuem in den Arm nahm und eine Hand von oben auf seinem Kopf landete.

„Das werden wir nicht“, sagte Fye und drückte seine Schulter. „Das werden wir auch nicht.“

„Dann suchen wir halt weiter.“ Kurogane wuschelte durch seine Mähne. „Ich fand deren 'Angebot' eh nicht besonders überzeugend.“

„Mokona will Mama und Papa auch nicht verlieren!“ Das Wollknäuel schmiss sich Fye entgegen, der es mit einer Hand fing und ebenso an sich drückte.

„Keine Angst. Wir bleiben zusammen, versprochen.“

Obwohl Shaolans Tränen weiter seine Wangen hinabliefen, bekam er endlich wieder Luft. Sie waren zur Vernunft gekommen. Sie würden ihn nicht verlassen. So weit waren sie bereit für ihn zu gehen. Es war beängstigend und überwältigend zugleich. Shaolan hatte es selbst längst bemerkt. Er zerbrach zunehmend an der Dauer und den Beschwerlichkeiten der Reise, doch er wusste, dass er genauso zerbrechen würde, wenn er die beiden verlieren würde.

„Bitte“, wandte er sich, die restlichen Tränen hinunterschluckend, an Hoshi. „Bitte, lasst uns gehen.“

Das Lächeln der hellhaarigen Magierin war einem Stirnrunzeln gewichen. „Das … das ist eure Entscheidung? Ehrlich? Hm. Das ist nicht das, was wir erwartet haben.“ Sie schreckte plötzlich zusammen und guckte in die Dunkelheit außerhalb des Lichtscheins.

Eine weitere Person trat aus der Finsternis hervor. Sie hatte lange, teils geflochtene, blassrosafarbene Haare und trug ein rotes Gewand.

„Erstaunlich“, sagte sie und auch an ihrer Stimme konnte man kein eindeutiges Geschlecht erkennen. „Dieser Junge ist mit seinen Nerven vollkommen am Ende und geht doch nicht auf das Angebot ein. Dabei würde es doch seine Qualen beenden.“

„Noch so'n Clown?“ Kurogane nahm seine Hand von Shaolans Kopf und führte sie so unauffällig wie möglich zu seinem Schwertgriff. Sie hatten seine Bitte, sie gehen zu lassen, ignoriert. Er konnte diese Figuren absolut nicht einschätzen, aber dass jetzt noch einer auftauchte, war mehr als suspekt.

„Oh, Tsuki“, begrüßte Hoshi den Kameraden munter. „Gibt es neue Anweisungen?“

Der Angesprochene nickte anmutig. „Er hat eine Entscheidung getroffen. Sobald die Vorbereitungen abgeschlossen sind, beenden wir es.“

„Oh, also doch ...“ Sichtlich nicht ganz zufrieden mit dieser kryptischen Botschaft betrachtete Hoshi noch einmal die Reisenden. „Wenn er meint, es geht nicht anders ….“

„Halte dich bereit.“

Sie nickte und verschwand.

Beunruhigt und argwöhnisch standen Fye und Shaolan vom Boden auf. „Er“ bedeutete, es gab noch einen Magier und anscheinend war er so etwas wie ihr Anführer.

„Warum behaltet ihr uns hier?“, fragte Shaolan ernst. „Von was für einer Entscheidung sprachst du gerade?“

Tsuki schloss kurz die Augen und zuckte mit den Achseln. Sein graziles Äußeres biss sich mit dem strengen Tonfall seiner Stimme. „Deine Existenz ist eine Bedrohung für das Raum-Zeit-Gefüge. Ein Wesen, das nach logischen Maßstäben nicht existieren dürfte, wird früher oder später schwere Schäden verursachen. Auch wenn wir mit den Welten außerhalb unserer Welt nichts mehr zu tun haben, können wir nicht ihren Untergang verantworten.“

„Ihr wollt nach wie vor Shaolan töten?“, empörte sich Mokona.

„Wollen ist das falsche Wort“, entgegnete Tsuki gefasst. „Er darf nicht existieren, also müssen wir seine Existenz auslöschen.“

„Und was ist mit eurem großen Gerede von eben?“, hakte Kurogane nach.

„Das Problem ist, dass das die Logik aushebelnde Wesen Bindungen zu anderen geformt hat.“

„Inwiefern beantwortet das die verdammte Frage?!“, polterte der Ninja nun. „Was wäre passiert, wenn wir eben nicht abgelehnt hätten?!“

Tsuki zog missmutig eine Augenbraue hoch. „Das ist jetzt nicht mehr wichtig. Nach Auslesen all eurer Erinnerungen hat Meister Ginga entschieden, dass es nicht ausreicht, uns nur um euch zu kümmern.“

Fye zog eine gequälte Grimasse, als er dies hörte. Kuroganes fragenden Blick auf sich spürend, gab er ein ebenso gequältes Lachen von sich. „Ich hatte schon befürchtet, dass es einen gibt, der über den anderen steht und ihre Aktionen koordiniert. Und, Kuro-rin, ich denke, du weißt, was das heißt, wenn diese absurd starken Magier einen Anführer haben?“

Kurogane ächzte. „Die oberste Blitzbirne ist noch mal stärker als die anderen Blitzbirnen.“

„Ist … ist diese gesamte Welt eine Falle gewesen?“ Shaolan hatte seine bebenden Hände zu Fäusten geballt.

„Oh, nein, nein.“ Der rosahaarige Magier schüttelte den Kopf. „Junnasekai ist eine ganz normale Welt.“ Er stockte. „Nun ja, so normal wie eine Welt eben sein kann, die einst kurz vor der Zerstörung gestanden hat. Die Menschen, die dort leben, wissen nicht, dass wir hier sind. Sie glauben an die Geschichte, zu der wir ihre Urahnen überzeugt haben. Dass wir auf euch aufmerksam geworden sind, liegt einzig und allein daran, dass ihr den Wächter getötet habt.“

„Wieso hat dieser Wächter überhaupt auf uns reagiert?“, fragte Fye. „Kein Mensch dieser Welt scheint ihn je zuvor zu Gesicht bekommen zu haben.“

„Wegen des Jungen“, ertönte die prompte und kühle Antwort. „Wir haben den Wächter als zusätzliche Schutzvorrichtung in Junnasekai gelassen. Er reagiert auf Anomalien, die durch Zaubersprüche, Flüche, Wünsche et cetera entstanden sind und eliminiert diese. Das ist … war seine Aufgabe.“

Shaolan ging derweil ein Licht auf. „Dies ist kein Teil der Welt, in der wir ursprünglich gelandet sind. Wir sind nicht einfach ins Innere des Berges gezogen worden, wir sind in eine andere Welt gebracht worden.“

„Häh? Ich dachte, wir hätten die Dimension nicht gewechselt.“ Kurogane war merklich überfordert.

„Das hier ist auch nicht einfach eine andere Dimension … nicht wahr?“ Shaolan sah zu Tsuki, der ein Nicken andeutete.

„Diese Welt … sie ist von allen anderen Welten abgeschottet. Wir haben sie erschaffen, um einen Ort zu haben, an dem wir sein können, ohne uns in die Belange der Menschen einzumischen. Wenn ihr ihr unbedingt einen Namen geben wollt, dann nennt sie 'Welt des Abgrunds.' Das ist der bittere Name, den wir uns auferlegt haben.“

„Abgrunds …?“ Shaolan riss die Augen weit auf, als endlich alle Fäden zusammenliefen.

Fürchtet euch vor den Magiern des Abgrunds, die die Welt an den selbigen getrieben haben.

Die Magier waren für den schrecklichen, vorigen Zustand dieser Welt verantwortlich. Kimihiros Warnung, sie entsprach der Wahrheit!

In diesem Traum ist es pechschwarz. Ich kann nichts erkennen. Aber … aber ich kann Schreie hören. Schreckliche Schreie, die durch Mark und Bein gehen. Sie klingen wie … wie Todesschreie. Es sind eure Stimmen, Shaolan. Deine und die deiner Gefährten.“

Pechschwarze Dunkelheit. Shaolans Augen glitten über den Lichtschein hinaus. Die Entscheidung, die getroffen worden war ….

„Sie wollen uns alle töten“, hauchte er tonlos und als hätten ihn bereits sämtliche Lebensgeister verlassen.

„Schon klar“, brummte Kurogane und zog mit einer unvergleichlichen Geduld sein Schwert. „Wir lassen sie aber nicht.“

Fye schmunzelte süffisant. „Wie hat Kuro-tan mal so schön gesagt: Auch Magier sind nicht unsterblich.“

„Das ist wohl wahr.“

Eine tiefe Stimme erfüllte den Raum und schien von überall her zu kommen. Fye erstarrte, als er bemerkte, wie sich jemand ganz nah bei ihm materialisierte. Von jetzt auf gleich sah er in dunkelgrüne Augen, die zu einem Mann mit der gleichen Haarfarbe gehörten. Seine Haare waren etwas kürzer als die Tsukis und die dunklen, ungleichmäßig langen Strähnen fielen in sein Gesicht. Sein Gewand war schwarz und er war so nah, dass er und Fye sich fast berührten.

„Ich habe nämlich schon viele Magier getötet“, sagte der Aufgetauchte mit einem betrübten Lächeln im Gesicht. Geistesgegenwärtig schmiss Fye Mokona Shaolan zu, schubste den Mann mit einer Hand weg und schmiss eine knisternde Lichtkugel auf ihn. Er fing den Lichtzauber mit einer Hand elegant ab und schleuderte ihn auf die heranrasende Attacke Kuroganes, sodass auch diese abgewehrt wurde.

„Meister?“ Tsuki bedachte ihn mit kritischer Miene.

Das war er also. Ginga. Der Anführer der Magier. Man konnte nicht sagen, dass er in irgendeiner Weise stärker als die anderen aussah, aber das war ja auch das Kreuz mit den Magiern. Ihr Aussehen ließ auf rein gar nichts Rückschlüsse zu.

Ginga verschwand von der Stelle, an der er aufgetaucht war und materialisierte sich neben Tsuki. „Es hat aus der Distanz nicht funktioniert, daher muss ich mich ihnen nähern.“

„Ich hab die Schnauze so was von voll davon, dass die alle in Rätseln sprechen“, motzte Kurogane angesäuert. „Aber niemand nähert sich hier irgendeinem von uns, damit das klar ist!“

Es brachte sein Blut noch mehr zum Kochen, dass Ginga daraufhin kicherte. „Verzeiht, ich will nicht unhöflich sein. Allerdings ist es schon so lange her, dass wir Kontakt zu anderen Lebewesen hatten. Ich verstehe nun, warum die anderen Spaß daran hatten, mit euch zu spielen, während ich alles über euch in Erfahrung gebracht habe.“

„Was zur-?!“

„Kuro-sama“, beschwichtigte Fye ihn abermals, „wenn ich die Lage richtig überblicke, dann sind diese Magier seit Jahrhunderten hier eingeschlossen.“

„Soll heißen?“

„Das soll heißen, du könntest zum ersten Mal Recht haben mit deiner üblichen Meinung zu Magiern.“

Ginga machte eine lasche Handbewegung und das Licht, in dem sie standen, breitete sich ein wenig mehr aus. Rund um sie herum erschienen Seiza, Ryusei, Taiyo, Uchu und Hoshi und kesselten sie ein. Shaolan verstärkte seine Arme um die hibbelig zappelnde Mokona. Hatte Fye Recht? Hatten Jahrhunderte in der Abgeschiedenheit den Verstand der Magier getrübt? Waren sie deswegen so grausam?

„Grausam?“ Shaolan erschrak, als Ginga seinen Gedanken wiederholte. „Man könnte uns so bezeichnen, doch, das lässt sich nicht leugnen. Vielleicht ist es grausam, das zu tun, was nötig ist.“ Er sprach mit ruhiger Stimme und dennoch konnte man heraushören, dass er mitgenommen klang. „Als wir noch mit den Menschen zusammenlebten, erfüllten wir ihnen ihre Wünsche, weil es uns glücklich machte, sie glücklich zu sehen. Damals hatten wir gedacht, wir würden das Richtige tun, doch die Menschen begannen, unsere Gutmütigkeit auszunutzen und gegen uns zu verwenden. Sie wollten mehr und immer mehr. Sie fingen Kriege an und wollten dafür unsere Hilfe. Sie verlangten nach Macht und Reichtum und bekamen den Hals nicht voll. Und wir hatten doch nur mit ihnen zusammenleben wollen.“ Er machte eine gehaltvolle Pause.

„Sind wir grausam? Hätten wir ihnen nicht jeden Wunsch erfüllt, hätten wir nicht ihre Liebe haben wollen, dann wäre diese Welt nicht untergegangen und wir hätten weder den Großteil der Menschen, noch unsere Kameraden töten müssen, um alle Kämpfe zu beenden. Wir bereuen, was geschehen ist und wissen doch, dass es nötig war. Wir lieben die Menschen nicht mehr, aber wir hassen sie auch nicht. Wir wollen nicht, dass je wieder so ein Unheil geschieht wie in dieser Welt.“ Sein geklärter Blick schweifte über die Reisenden.

„Eine Anomalie, ein magisches Wesen und ein Magier, der einem Menschen viel zu nahe steht. Das klingt nach der Rezeptur für einen weiteren Weltuntergang. Wäre es nicht grausam, das nicht zu verhindern?“ Sein Blick ging urplötzlich ins Nichts. „Fangt an. Ich überlege mir etwas wegen der beiden anderen.“

Die Reisenden hatten gerade einmal genug Zeit, seinen Satz zu vernehmen, ehe von allen Seiten magische Attacken auf sie zuflogen. Ryusei und Seiza griffen mit einer Art starkem Wind an, während Taiyo Feuerkugeln auf sie herabregnen ließ; beide Zauber verbanden sich zu einem Feuersturm, der sie komplett einhüllte. Das Feuer prallte an Fyes kuppelförmigen Schutzschild ab und verschwand.

Uchu schickte eine geballte Ladung Wasser in ihre Richtung und Hoshi lud den Strahl mit Elektrizität auf, sodass ein lärmendes Knistern die Umgebung erfüllte. Erneut prallte der kombinierte Angriff auf das Schutzschild. Fye keuchte unter der Anstrengung, diese übermächtigen Attacken aufzuhalten.

„Hm“, machte Tsuki und bewegte minimal die Finger.

Unsichtbare Kräfte setzten sich in Bewegung und schoben mit Gewalt die Gruppe auseinander. Kurogane hatte das Gefühl, eine massive Wand würde ihn wegschieben. Es brachte nichts, sich dagegen zu wehren. Stattdessen sprang er von der unsichtbaren Wand weg und schleuderte seinen stärksten Angriff auf den rosahaarigen Magier. Tsuki blinzelte erstaunt, bewegte aber ansonsten keinen Muskel. Ginga, der neben ihm stand, wischte die Attacke mit einer Handbewegung weg und schmiss sie auf den Ninja zurück. Von seinem eigenen Angriff getroffen, flog Kurogane mehrere Meter rückwärts in die nächste Felswand hinein.

Unverzüglich zuckten Blitze aus beiden Händen Fyes, doch bevor er sie auf die Gegner werfen konnte, hatten Ryusei und Seiza seine Hände gegriffen. Die elektrische Ladung schien ihnen rein gar nichts auszumachen. Im Gegenteil, sie grinsten und drückten fester zu, als wollten sie seine Hände zerquetschen. Die Blitze wurden weniger und weniger und Fye verstand sofort, warum. Sie absorbierten seine Magie.

Shaolan wollte ihm zu Hilfe kommen und musste feststellen, dass er nicht vom Fleck kam. Ein unsichtbarer Käfig hatte sich um ihn gebildet. Jede Berührung mit den nicht sichtbaren Stäben brachte die Luft zum Flimmern und verpasste ihm eine Art Stromschlag. Dennoch schlug er mit seiner freien Hand dagegen und trat trotz seines lädierten Knöchels so fest zu, wie es ihm möglich war, doch nichts tat sich.

„WEG VON IHM HAB ICH GESAGT!“ Kurogane schälte sich aus dem Felsen und hob sein Schwert zum Angriff an. Taiyo tauchte vor ihm auf und blockte die Klinge mit der bloßen Hand, während Uchu auf seiner anderen Seite erschien und ihn am Rest des künstlichen Arms packte. Mit blankem Entsetzen begriff Kurogane, was der Blauhaarige vorhatte. Mit einer übermenschlichen Kraft zerrte Uchu an dem Arm und riss ihn von Kuroganes Körper ab. Blut spritzte aus den gewaltsam gekappten Verbindungsstellen und der Ninja biss innerlich schreiend die Zähne zusammen. Taiyo nutzte den Moment, um die Klinge, die nicht durch ihre Haut schneiden konnte - fast so als würde sie ein Schutzschild am ganzen Körper tragen – fester zu packen und sie samt des Schwertkämpfers herumzureißen und wegzuschleudern.

Kurogane krachte mit einem heftigen Knall auf dem Boden auf und durch die Wucht des Aufpralls glitt ihm sein Schwert aus der Hand und flog einige Meter weg von ihm. Als er sich wieder aufrichtete, floss Blut aus einer Platzwunde an seinem Kopf in sein Sichtfeld.

Das lief nicht gut.

Die Zwillinge, die immer noch Fyes Hände so fest hielten, als wollten sie seine Knochen brechen, stutzten plötzlich.

„Was …?“ Irritiert schaute Ryusei in das Gesicht ihres Gegners und Seiza folgte seinem Blick und kam gar nicht mehr dazu, sich weiter zu wundern.

Ein Windstoß, der einer gewaltigen Orkanböe, wenn nicht sogar einem Tornado gleichkam, fegte die Brüder von Fye weg und ließ einen von ihnen nach hinten in die Felswand donnern, während der andere beinahe in Tsuki hineingeflogen wäre, der knapp (und nicht minder verwundert) ausweichen konnte. Der von Fye verursachte Sturm breitete sich aus und drängte selbst die weiter hinten stehenden Taiyo und Uchu zurück. Lichtblitze zuckten aus den Böen hinaus und schlugen rund um die feindlichen Magier ein.

Kurogane beobachtete das Treiben staunend und musste ein wenig stolz grinsen.

Deswegen machte man den Magier nicht wütend.

Derweil nutzte Shaolan die Gunst der Stunde. Das Gitter, das ihn einschloss, war instabiler geworden, wohl weil Tsuki damit beschäftigt war, Fyes Angriffen auszuweichen. Shaolan setzte Mokona auf dem Boden ab, konzentrierte all seine Kräfte und ließ seine eigene Magie in seine Muskeln fließen, bevor er seinen ganzen Körper gegen die unsichtbaren Stäbe rammte. Dieses Mal durchbrach er das magische Gefängnis, rollte sich ab und schnappte sich, noch während er aufsprang, Kuroganes Schwert. Er kam gleichzeitig mit Fye bei dem Ninja an, der sich mit seiner Hand die blutende Schulter hielt.

„Geht schon“, sagte dieser lapidar, als er in die betroffen dreinblickenden Gesichter seiner Gefährten schaute. Er nahm von Shaolan sein Schwert entgegen und richtete seinen Blick wieder auf die Gegner, die sich den Staub von der Kleidung wischten und sich ihnen gegenüber aufstellten. Fyes Tobsuchtsanfall hatte sie für den Moment gerettet, aber er hatte nicht ausgereicht, um die magischen Spinner ernsthaft zu verletzen. Fye selbst keuchte vor Anstrengung. Seine Miene wurde von neuem von dem gleichen Zorn bestimmt, den er während seines letzten Angriffs gehabt hatte.

„Wir brauchen einen Plan“, stieß er schwer atmend hervor. „Entweder versuchen wir das Gleiche, was sie bei uns versucht haben und trennen sie voneinander oder wir müssen einen Weg finden, die Barriere zu durchbrechen und dann die Dimension zu wechseln.“

„Wenn einer von diesen Gestörten die Barriere errichtet hat“, erwiderte Kurogane, „reicht es dann, denjenigen zu töten, um hier rauszukommen?“

Fye nickte. „Davon gehe ich aus. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das ihr liebenswerter Anführer war.“

Hadernd hörte Shaolan sich dies an. Er zermarterte sich das Hirn, doch ihm fiel keine Lösung ein. Gab es keinen anderen Weg als Ginga zu töten? Gab es überhaupt einen Weg Ginga zu töten? Ihre Gegner waren übermächtig und Kurogane und er selbst waren jetzt bereits arg angeschlagen. Würden sie diesen Kampf überleben?

„Nein“, begann Shaolan leise und kopfschüttelnd, ehe er sich zur Verwunderung seiner Kameraden an die Magier wandte und mit lauter Stimme fortfuhr. „Nein! Bitte! Bitte beendet diesen Wahnsinn! Ich will nicht, dass wir uns bekämpfen! Bitte, lasst uns einen anderen Weg finden! Wenn es sein muss, wenn es wirklich nicht anders geht, dann könnt ihr mich töten, aber nicht die anderen!“

„Bengel!“

„Shaolan-kun!“, entfuhr es den beiden Männern voller Entsetzen.

Mokona, die in der Zwischenzeit bei ihnen angekommen war, verschlug es vor Schrecken den Atem, bevor sie anfing, eine sehr angestrengte Miene zu machen.

„Das würde das Problem aber nicht vollständig lösen“, erklärte Hoshi mit einer Freundlichkeit, die angesichts ihrer Situation mittlerweile verstörend war.

„Ah!“, machte Ginga plötzlich, nachdem er Mokona neugierig beobachtet hatte. „Das könnte der Schlüssel sein.“

Bevor sie sich versehen konnten, tauchte er vor der Gruppe auf, schnappte sich Mokona und kehrte genauso geschwind zu seinen Leuten zurück.

„Mokona!“, schrie Shaolan verängstigt. Was hatte er mit ihr vor? Wie die beiden anderen starrte er fassungslos auf das in Gingas Hand aufgeregt zappelnde und kreischende Wollknäuel.

Ginga besah sich die Trophäe in seiner Hand und schmunzelte. „Dieses Wesen versucht auf Biegen und Brechen euch hier herauszuteleportieren. Seine Transportkunst ist wirklich einzigartig. Das müsste ich doch nutzen können.“

„Lass sie auf der Stelle los“, bellte Kurogane ihn an.

Der Anführer der Magier schenkte ihm ein kaltes Lächeln und reagierte nicht weiter auf die Drohung. Stattdessen berührte er mit seiner anderen Hand Mokona und ein grelles Licht umhüllte sie schlagartig. Bei den Reisenden formte sich plötzlich ein rosafarbener Lichtstrahl – und buchstäblich aus dem Nichts … stand Sakura bei ihnen.

Verwirrt und bang blickte sie sich hastig um.

„Shaolan? Fye-san? Kurogane-san? Was ist …?“ Beim Anblick ihrer Wunden schlug sie ihre Hände vor ihren Mund. „Ihr seid verletzt!“

„Scheiße, was ist jetzt los?“, entfuhr es Kurogane. „Ist das wirklich unsere Prinzessin?“

Entgeistert hielt Fye sich ebenso eine Hand vor den Mund. „Das ist Sakura. Das ist unsere Sakura.“

„Was soll der Mist?! Warum ist sie hier und nicht in Clow??“

„Wo bin ich hier? Wo sind wir hier? Eben war ich noch im Schloss … wie …? Moko-chan!“ Sie erblickte die treue, ohnmächtig gewordene Freundin in der Hand eines Unbekannten. „Moko-chan! Was ist mit dir??“

Angesäuert wanderten Gingas Augen von der Prinzessin zu der Geisel in seiner Hand. „Nur eine von zwei? Warum hat es bei dem anderen nicht geklappt? Wird er von irgendetwas abgeschirmt?“ Er ließ Mokona mitleidslos auf die Erde plumpsen.

„Sie wollen auch Sakura und Kimihiro töten.“ Beim Erscheinen Sakuras war Shaolan erstarrt. Ihr Auftauchen machte ihm klar, was das Ziel ihrer Gegner war – und es ließ sein Herz vor Pein beinahe zerspringen. „Sie wollen Kimihiro aus dem gleichen Grund wie mich ermorden. Aber sie wollen genauso jeden, zu dem ich eine tiefe Bindung habe, töten.“

„Das ist der beste Weg, um jegliche Risiken, die deine Existenz mit sich bringt, zu verhindern“, bestätigte Ginga ihm ungerührt. „Eure Gesichter verraten mir, dass ihr uns immer noch für grausam haltet. Doch ihr habt nicht miterlebt, was eine außer Kontrolle geratene Magie mit einer Welt anrichten kann.“ Er wandte sich mit strengem Blick seinen Leuten zu. „Es reicht jetzt. Ich verstehe, dass ihr nach all der Zeit eure Kräfte einsetzen wollt, aber hört auf mit der Spielerei. Tötet den Jungen zum Schluss. Ich muss über ihn noch an den anderen drankommen.“

Kaum hatte er dies gesagt, hatten Fye und Kurogane sich schützend vor die Kinder gestellt.

„Mistkerle“, beschimpfte der Ninja ihre Gegenüber, während die Blicke beider Männer über die bewusstlose Gestalt der am Boden liegenden Mokona gehuscht waren.

„Shaolan-kun, du bleibst bei Sakura-chan“, befahl Fye und der Junge starrte ihn mit von Angst ergriffenen Augen an.

„Es wäre ratsamer, ihr würdet euch einfach ergeben“, wandte Tsuki ein. „Wenn ihr euch wehrt, macht ihr es nur schlimmer.“

„Halt die Klappe!“, schrie Kurogane ihm entgegen. „Was stimmt mit euch nicht?? Glaubt ihr ernsthaft, ich seh seelenruhig zu, wie ihr meine Familie abschlachtet?! Ihr könnt mir jede Gliedmaße einzeln rausreißen, aber ich werde nicht kampflos zusehen, wie ihr die anderen tötet!!“

„Du findest wirklich immer die richtigen Worte zur richtigen Zeit, Kuro-pon.“ Fye lächelte flüchtig, ehe er todernst wurde. „Wenn sie Ernst machen wollen“, ein mysteriöser Wind bildete sich um ihn, „dann werde ich auch Ernst machen.“

Die Zwillinge, Taiyo und Uchu stürzten sich gleichzeitig mit Attacken auf sie. Felsbrocken lösten sich aus den dicken Wänden des Berges und flogen auf sie zu. Fye lenkte seine Windmagie so, dass sie auf die Angreifer zurück geschmissen wurden und griff gleichzeitig mit einem gewaltigen Feuersturm an. Seiza löschte das Feuer mit Wasser und Fye gefror es umgehend zu Eis, das er aufsplitterte und wie Speere auf sie zufliegen ließ. Währenddessen schleuderte Kurogane einen Angriff nach dem anderen auf die Magier, die jedoch von neuem auswichen. Erneut schaffte Taiyo es bis an ihn heran und drückte ihm ihre Hand auf die Brust. Mit einem Gefühl, als wäre er von einer Abrissbirne getroffen worden, flog Kurogane zur Seite und schmetterte abermals in eine Wand. Ryusei materialisierte sich in den Kampfeswirren hinter Fye und machte das Gleiche mit ihm, sodass er zur anderen Seite weggeschleudert wurde.

Sakura schrie auf. Sie verstand nicht, was überhaupt los war. Diese Magier, Shaolan hatte mal erzählt, dass er nach mächtigen Magiern suchte, waren sie das? Sie wollten sie alle umbringen. Sie, die mit den Federn in Berührung gekommen waren. Der Traum, den sie vor einiger Zeit gehabt hatte …. Am ganzen Körper bebend sah Sakura sich um. Dunkelheit, ein Berg, die Federn. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann, urplötzlich, stand Hoshi direkt neben ihr.

Shaolan bemerkte sie, packte die Prinzessin und riss sie nach hinten. Es war aussichtslos gegen die Magier zu kämpfen, aber er würde es dennoch tun. Bis zu seinem letzten Atemzug würde er Sakura beschützen. Dass ihre Reise, all ihre Qualen, alles, was sie durchmachen mussten, so enden würde, erfüllte ihn mit einem nie zuvor gefühlten Kummer.

Hoshi legte den Kopf schief.

„Ich weiß ja nicht“, murmelte sie nachdenklich. „Ginga hat uns von den Erinnerungen erzählt, die er bei euch gesehen hat und eure Geschichte ist irgendwie traurig. Irgendwie aber auch total schön, weil ihr alle so aneinander hängt. Dass das jetzt so enden soll ...“

„Das muss es nicht.“ Entschlossen machte Sakura einen mutigen Schritt nach vorn. „Ich spüre, dass ihr auch alle traurig seid. Ihr wollt uns doch eigentlich gar nicht töten, nicht wahr?“

Tsuki seufzte, als er sah, wie Hoshi sich grübelnd an der Wange kratzte. „Ihre Bindung zueinander ist schon faszinierend. Die beiden mit demselben Namen. Sie sind der Anfang von allem.“

„Ah“, machte Ginga erneut. „Du hast Recht. Das ist eine gute Idee. Es ist ein bisschen gewagt, aber ich werde die Barriere wohl kurz verlassen.“

Tsuki schien über das Lob erfreut, seufzte jedoch von neuem. „Als Erschaffer der Barriere bist du der Einzige von uns, der diesen Ort verlassen kann. Ich spüre doch, dass dich etwas beschäftigt. Du weißt sehr gut, wie grässlich es ist, etwas zu bereuen, daher: Bitte. Überprüfe, was dich stört.“

Ginga lächelte ihn an, bevor er hinter Shaolan und Sakura erschien. Selbst Hoshi schien überrascht davon zu sein. Wie die anderen Magier hielt sie für einen Augenblick inne.

Fye und Kurogane stockte der Atem, als sie sahen, was geschah. Sie waren mit Müh und Not wieder auf die Beine gekommen, doch ihre Gegner schmissen sie spielend leicht erneut zu Boden. Und jetzt stand der Stärkste ihrer Feinde bei den Kindern – und streckte seine Hände nach ihnen aus. Shaolan wollte einen Zauberspruch aktivieren, doch kam nicht mehr dazu. Er, Sakura und Ginga waren mit einem Mal verschwunden.

„Was …?!“ Kurogane kämpfte sich abermals auf seine Beine zurück. „Wo zum Teufel sind sie hin?! Was habt ihr mit ihnen gemacht?!“

„Bringt sie wieder!! Bringt sie auf der Stelle wieder!!“ Ein tosender Orkan samt Gewittersturm fegte durch den Berg und drängte die Magier zurück. Hätte Tsuki sie nicht alle unter einem Schutzschild versammelt, Fyes Blitze hätten sie dieses Mal mit Sicherheit voll erwischt.

„Kann es sein, dass er ...“, begann Seiza.

„... stärker wird je wütender man ihn macht?“, schloss Ryusei.

„Probieren wir es aus.“ Taiyo zuckte mit den Schultern und erschien direkt vor Kurogane. Der Ninja wollte nach hinten zurückweichen, stieß jedoch gegen den dort plötzlich aufgetauchten Uchu. Der Blauhaarige schlug ihm mit einer stahlharten Handkante in den Rücken, sodass Kurogane auf die Knie fiel. Taiyo griff nach der Klinge seines Schwertes und packte sie. Trotzig wie er war, ließ Kurogane den Griff nicht los – bis er bemerkte, was sie mit seinem Schwert anstellte.

Ihre Hand glühte feuerrot und eine unerträgliche Hitze stieg schlagartig aus dieser empor. Kurogane traute seinen Augen nicht, als er mitansehen musste, wie der Stahl seines Schwertes schmolz.

Ein verzweifelter, ohrenbetäubender Schrei hallte daraufhin durch das Innere des Berges. Von seinem vorigen Angriff noch gänzlich außer Atem, attackierte Fye dennoch von neuem. Kurogane selbst blieb die Spucke weg, als alles um ihn herum von tiefblauen Flammen eingehüllt wurde. Er konnte ihre glühend heiße Hitze auf seiner Haut spüren, doch sie berührten ihn nicht. Auch um Mokona machten sie einen Bogen. Die Magier schrien auf und zogen sich erneut hinter Tsuki zurück.

Als das blaue Höllenfeuer nach schier endlosen Sekunden verschwand, war Kurogane abermals völlig baff. Die Magier wirkten ein wenig erschrocken, aber sie hatten alle nur kleinste Verbrennungen davon getragen. Mehr nicht. Obwohl sie von dieser Feuersbrunst direkt getroffen worden waren.

Fye hingegen japste zusammengesunken nach Luft und spuckte plötzlich Blut.

Er hatte sich vollkommen verausgabt.

Er hatte alles gegeben, was er hatte und trotzdem war das Ergebnis mickrig ausgefallen. Wenn er noch einmal so angreifen würde, würde er wahrscheinlich sterben.

Kurogane hatte sich früher nie Gedanken um seinen eigenen Tod gemacht. Bevor Tomoyo ihn weggeschickt hatte, hatte er sich für praktisch unsterblich gehalten, da es niemanden gegeben hatte, der gegen ihn angekommen war. Dann waren die Kinder und vor allem der Idiot in sein Leben getreten und Kurogane war sich seiner eigenen Sterblichkeit auf eine Art, die er zuvor nie für möglich gehalten hätte, bewusst geworden. Um niemanden von ihnen zu verlieren, hatte er immer und immer wieder sein eigenes Leben eingesetzt. Zu sterben konnte nie und nimmer so schlimm sein, wie einen von ihnen zu verlieren. Er hatte sich geschworen, sie bis zu seinem letzten Atemzug zu beschützen.

Doch jetzt ….

Sie konnten nicht gewinnen. Sie konnten anstellen, was sie wollten, diese Gegner waren ihnen haushoch überlegen. Es war eine bittere, schrecklich schmerzende Erkenntnis. Er wusste nicht, was mit den Kindern geschehen war und ob der Klops noch lebte und ihm fiel kein Weg ein, den Magier zu retten.

Dies war das Ende ihres langen und gleichzeitig viel zu kurzen Weges.

Sein Blick glitt ein letztes Mal über den erbärmlichen Rest seines stolzen Schwertes, ehe er es zu Boden fallen ließ. Das Geräusch schreckte Fye auf, dessen Augen voller Entsetzen zu ihm schnellten, bevor er so schnell er konnte, zu ihm hastete. Kurogane musste feststellen, dass er es nicht einmal mehr schaffte, aufzustehen. Die wiederholten Angriffe der Magier hatten seine Knie geschrottet.

Fye hockte sich zu ihm auf die Erde und legte seine zitternden Hände um seine Wangen.

„Halt dich zurück“, brachte er mit erstickter Stimme hervor, „ich kümmere mich um den Rest. Ruh dich aus.“

Für einen langen Moment starrte Kurogane einfach nur in die wunderschönen blauen Augen seines Gegenübers, die sich langsam mit Tränen füllten. Es musste Fye genauso klar sein, dass sie keine Chance hatten.

Es war nicht das Gleiche wie kampflos aufzugeben. Sie hatten gekämpft. Sie hatten gekämpft und verloren. Nun ging es nur noch darum, wie sie ihren letzten gemeinsamen Moment verbringen wollten.

Kurogane legte seinen Arm um Fye und drückte ihn zu dessen Verblüffung an sich.

„Tut mir leid“, sagte er ihm leise.

Fyes Augen weiteten sich perplex, bevor seine Tränen zu laufen begannen und er den Kopf schüttelte. „Das ist eine Premiere, Kuro-sama. Dass du dich mal entschuldigst, meine ich.“ Ihm entwich ein schwaches, trauriges Lachen. „Ich glaube, ich hätte darauf verzichten können. Besonders, weil du nichts falsch gemacht hast.“

„Dieser Wiedergeburtskrempel … gilt der auch für uns?“

Fye stutzte heftigst und gab sich Mühe, seine restlichen Tränen hinunterzuschlucken. „Das ist schwer zu sagen. Es ist möglich.“

„Wirst du mich wiederfinden?“

Kurogane spürte, wie Fye seine Finger in seinen Rücken krallte.

„Natürlich werde ich das“, erwiderte der Magier mit brüchiger, um Leichtigkeit bemühter Stimme. „Ich werde dich überall wiederfinden. Ich werde dich wiederfinden und dir bis ans Ende aller Tage auf die Nerven gehen.“

Ein Lächeln bildete sich auf Kuroganes Lippen. „Gut.“

Die feindlichen Magier stellten sich um sie herum auf.

Das Ende

Ungläubig und voller Verwirrung blickte Shaolan auf eine ihm bekannte Wand. Dass diese Wand aber plötzlich vor ihm stand, ergab keinerlei Sinn. Er sollte doch im Innern des Berges sein, bei den anderen und mit ihnen zusammen-

„Shaolan?“

Das Herz rutsche ihm in die Hose und er wirbelte zu der bangen Stimme neben ihm herum. Sakura stand dort und verstand genau wie er die Welt nicht mehr.

„Wo-wo sind wir? Ich habe das Gefühl, diesen Ort zu kennen, aber ich bin mir nicht ganz sicher ...“

Das stimmte. Sakura selbst war noch nie hier gewesen und ihr anderes Ich war damals bewusstlos gewesen. Beide Sakuras kannten von diesem Ort nur das, was sie während der Gespräche mit Yuko im Hintergrund gesehen hatten.

„Das ist … der Laden“, antwortete Shaolan und tastete mit seinen Sinnen und seinen Zauberkräften die Umgebung ab, um sicherzugehen, dass dies keine Illusion war. Nein. Dies war der Laden. Wieso in aller Welt waren sie hier? Wie waren sie hierhergekommen?

„AHH!“

Kimihiro!

Shaolan und Sakura tauschten einen alarmierten Blick aus, bevor sie in die Richtung rannten, aus der sie Watanukis Schrei gehört hatten. Ersterer schob sich vor die junge Frau, für den Fall, dass sofortige Gefahr drohte.

Angstvoll blieben beide im Türrahmen stehen, als sie sahen, warum der Besitzer des Ladens panisch geschrien hatte.

Watanuki drängte sich mit der schwarzen, ebenso eingeschüchterten Mokona gegen eine Wand und starrte zu dem Grund für seine Furcht. Ihm gegenüber stand Ginga und sah sich interessiert im Raum um.

„Wer sind Sie?! Wo kommen Sie so plötzlich her?!“ Der bebrillte Junge war viel gewohnt, aber dass ein Fremder aus dem Nichts neben ihm auftauchte, kurz nachdem Mokona merkwürdig bang „Riesenaugen!“ geschrien hatte, war auch für ihn nichts Alltägliches.

Deswegen hatte Ginga sie hergebracht! Die Erkenntnis ließ Shaolan erschrocken die Luft einziehen. Irgendwie hatte der übermächtige Magier ihn und Sakura benutzt, um sich herzuteleportieren und um an Watanuki heranzukommen.

„Shaolan? Und … Sakura?“ Watanuki bemerkte sie und starrte sie sogleich irritiert an. „Wo sind Fye und Kurogane?“

„Sie sind noch innerhalb der Barriere“, antwortete Ginga beiläufig, während er neugierig ein paar der herumstehenden, eingetauschten Gegenstände betrachtete.

„Was heißt denn das? … HEY! Fassen Sie das nicht an!“ Watanuki war erschrocken, aber nicht unerschrocken. Mit der bibbernden Mokona machte er einen mutigen Schritt nach vorn und wich umgehend wieder zurück, als Ginga nur in seine Richtung blickte. Die starke Aura, die den Magier umgab, wirkte auf jeden einschüchternd.

„Nur damit ich das richtig verstehe“, Ginga stellte alles wieder an seinen Platz zurück, „im Austausch für einen angemessenen Preis bekommt man einen Wunsch erfüllt, ja?“

„So ist es“, antwortete Shaolan anstelle des überrumpelten Watanukis.

„Und damit habt ihr dieses Chaos verursacht.“

„Das ist leider wahr.“

„Das heißt auch, jemand anderes könnte mit einem Wunsch noch mehr Chaos stiften, ja?“

„So einfach funktioniert das nicht“, widersprach Watanuki trotzig. „Wünsche lassen sich auch ablehnen und was heißt hier überhaupt, wir hätten irgendein Chaos verursacht?“

Shaolan holte tief Luft für seine Erklärungen. „Das ist Ginga. Er ist der Anführer der Magier aus den Überlieferungen … aus deiner Warnung. Er will uns alle töten, weil er befürchtet, wir würden Unheil für alle Welten bedeuten.“

„Er will uns ...WAS??“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Ladeninhaber sein anderes Ich an. „Ihr habt diese Magier gefunden? Und sie sind tatsächlich ...“ Er presste seine Lippen zusammen. „Anstatt uns zu helfen, wollen sie uns also töten.“

„Ich glaube immer noch nicht, dass sie das wollen.“ Zum Schrecken der beiden Jungs war Sakura bis an Ginga herangetreten. „Ich spüre ganz deutlich, dass er damit hadert, uns etwas anzutun.“

Ginga stutzte und lachte im Anschluss daran. „Hast du etwa Mitleid mit mir, Mädchen? So voller Mitgefühl hat mich seit Jahrhunderten keiner mehr angesehen.“

Unbeirrt blieb Sakura vor ihm stehen. „Wenn wir gemeinsam nach einer anderen Lösung suchen, werden wir bestimmt eine finden, bei der keiner von uns leiden muss.“

„Ich finde es interessant, wie Tsuba- nein, Shaolan willst du genannt werden, nicht wahr? Wie du alle Schuld auf dich nimmst, obwohl du nur eine Spielfigur dieser Kreatur namens Feiwan gewesen bist.“ Sakura ignorierend, sah er an ihr vorbei zu Shaolan.

„Hast du ihnen alles erzählt?“, hakte Watanuki beklommen nach und erntete ein Kopfschütteln.

„Das musste ich nicht. Er kann in unseren Erinnerungen und Gedanken lesen.“

„Dann sollte er doch wirklich wissen, dass nicht wir für unsere Lage verantwortlich sind!“, entrüstete der Dunkelhaarige sich.

„Für sie ändert das aber nichts an der Situation.“ Mit ernstem Blick richtete sich Shaolan an den Magier. „Wie es zu der Zerstörung eurer Welt gekommen ist, ist nicht mehr wichtig, oder? Es zählt nur, dass es so weit gekommen ist und wie es beendet wurde. Ob ich die Schuld auf mich nehme oder nicht, ändert nichts an dem, was angerichtet wurde. Und doch zerfrisst die Schuld mich, der in dieses Chaos hineingeworfen wurde, ohne es gewollt zu haben.“

„Shaolan-kun ...“ , entfuhr es Sakura erschüttert.

„Alle sollen sterben, weil ich eine Wahl getroffen hatte, weil ich einen Wunsch geäußert hatte“, fuhr der Junge mit fester Stimme fort, „ist das gerecht? Ist das nichts, mit dem ihr euch eine Schuld aufladet?“

Ginga schwieg.

In die unheilvolle Stille fiepste Mokona kläglich hinein. „Ich kann keine Verbindung zu Mokona herstellen. Sie antwortet einfach nicht.“

„Warte …“ Watanuki fiel etwas auf; etwas, das ihn sichtlich erschreckte. „Die Rede war von mehreren Magiern, nicht wahr? Stehen Fye und Kurogane etwa mehreren von dieser Sorte gegenüber?“ Er schluckte betroffen. Die fürchterlichen Schreie aus seinem Traum waren ihm mehr als präsent. „Vielleicht sind sie längst …“

„Sag so etwas nicht!“, unterbrach Sakura ihn aufgebracht.

„Keiner von euch ist tatsächlich miteinander verwandt“, sagte Ginga plötzlich. „Das Schicksal hat euch zusammengeworfen und doch bezeichnet ihr euch alle als Familie. Selbst der Junge, der immer an diesen Ort gebunden ist, sorgt sich um die beiden, die mit dem anderen Jungen reisen. Das sind starke Bindungen. So etwas kann verhängnisvoll sein. Bedenkt das Schicksal derjenigen namens Yuko – und wozu ihr Tod geführt hat.“

„Gerade durch Yuko wissen wir, wie gefährlich ein Wunsch sein kann!“, schrie Shaolan ihm resolut entgegen. „Und gerade weil wir durch Yukos Schicksal diese Bindungen untereinander aufgebaut haben, wird sich das Unglück, das mit ihrem Tod kam, niemals wiederholen! Weil keiner von uns mehr alleine ist! Wenn einer von uns fällt, wird immer jemand da sein, der ihn auffängt und wieder aufrichtet!“

„Das ist ein Gefühl, das du kennst, habe ich Recht?“ Als wäre ihr jegliche Angst fremd, ergriff Sakura Gingas Hand. „Der Grund, dass du damit haderst, was du mit uns tun sollst, er liegt bei deinen Gefährten. Ihr habt gemeinsam etwas Schreckliches durchmachen müssen und du willst sie davor bewahren, wieder etwas Schreckliches erleben zu müssen! Du willst verhindern, dass sie auch nur daran erinnert werden!“

Ginga hielt inne, starrte seine gehaltene Hand und letztlich Sakuras kämpferische Miene an. Dieses Mädchen …. Ihre Kräfte … als würde sie in seine Seele blicken. Diese ganze Gruppe verhielt sich mehr als außergewöhnlich.

„Deswegen also.“ Shaolan begriff endlich. „Deswegen willst du eine schnelle Lösung haben. Damit deine Kameraden nicht daran erinnert werden, wie ihr eure eigenen Leute umbringen musstet, nachdem die Welt durch die Erfüllung der Wünsche ins Ungleichgewicht geraten war. Damit sie keine Angst davor haben müssen, dass es noch einmal passiert; damit sie nicht fürchten müssen, dass sich das Schicksal eurer Welt woanders wiederholt.“

Der Magier zog hastig seine Hand aus Sakuras Griff und stieß dabei einen der Gegenstände im Raum um. Es war eine üppig verzierte, gläserne Kugel. Sie fiel zu Boden und zersprang in tausend Stücke. Ginga besah sich die Scherben eindringlich.

„Das Problem sind die Wünsche“, flüsterte er gebrochen und doch für alle hörbar. „Die Menschen sollten sich selber helfen, statt für die Erfüllung ihrer Wünsche zu bezahlen. Wunder lassen sich nicht erzwingen. Tote nicht zurückbringen. Ich habe damals alles versucht, um unsere Welt zu retten, doch niemand wollte mir zuhören, niemand wollte auf die Erfüllung der eigenen Wünsche verzichten. Egal, was dies für andere bedeutete. Ich war zunächst ganz allein, als ich anfing, sie alle zu töten, damit das Elend endlich ein Ende hatte. Tsuki, Ryusei, Seiza, Taiyo, Uchu und Hoshi, sie schlossen sich mir an, aber sie bezahlten dafür den Preis, all ihre Bindungen zu anderen trennen zu müssen.“

Seine traurige Miene wurde schlagartig bitterernst. „Noch mehr Schuld kann ich ihnen nicht aufbürden. Jetzt ist es mir klar. Euer Leid hat hier seinen Anfang gefunden und wird hier sein Ende finden.“

Blitzschnell stürmte er nach vorn und fuhr mit seinen Händen in die Brustkörbe von Sakura und Shaolan. Ihre Körper waren plötzlich wie gelähmt, sie konnten nicht einmal mit der Wimper zucken. Hilflos schaute Watanuki aus dem Hintergrund mit an, wie Ginga seine Hände zurücknahm und Shaolan und Sakura bei vollem Bewusstsein zu Boden fielen.

„Nein … nicht …“, japste Shaolan panisch, als er sah, was der Magier in beiden Händen hielt.

„Es muss enden.“ Ginga presste die zwei Federn, die er hielt, zusammen und sie lösten sich auf.

 

Kurogane sah die Magier aus dem Augenwinkel und drückte Fye noch etwas fester an sich. Nicht, dass der Wirrkopf noch auf die Idee kam, noch einmal anzugreifen und sich damit selber den Todesstoß gab. Dass sie sie gleichzeitig erledigen würden, war nur ein schwacher Trost, aber es war alles, was sie im Moment hatten. Er wollte weder Fye sterben sehen, noch es dem Blondschopf antun, vor ihm zu sterben.

Allerdings war eine Sache sehr seltsam.

Es war ihm die ganze Zeit über bereits aufgefallen. Ihre Gegner waren gefährlich und lächerlich übermächtig, aber man konnte nicht wirklich eine Bereitschaft zum Töten, geschweige denn eine Mordlust bei ihnen ausmachen. Sie mussten schon oft getötet haben (so etwas merkte man jemandem einfach an), aber die ganze Spielerei, die sie bisher mit ihnen abgezogen hatten, hatte nicht Grausamkeit zum Hintergrund gehabt (ein wenig Langeweile sehr wohl, denn auch das war leicht zu bemerken).

Sie waren nicht darauf versessen, sie zu töten. Sie taten es, weil sie der Überzeugung waren, es tun zu müssen; nicht weil sie es wollten.

Tsuki atmete tief ein und hob eine Hand als Zeichen für den finalen Angriff – als er plötzlich innehielt und wie seine Gefährten einen Schritt zurück machte.

Zwei weitere Gestalten tauchten zwischen ihnen und den Magiern auf. Sie hatten Kurogane und Fye den Rücken zugewandt und standen mit zu den Seiten ausgestreckten Armen vor ihnen, als wollten sie sie beschützen. Allem Anschein nach waren es eine Frau und ein Mann und Kuroganes Herz machte einen Sprung, als er sich Letzteren näher betrachtete.

Er hatte Ähnlichkeit mit ….

Nein.

Das konnte nicht sein. Halluzinierte er?

Fye erging es bei der Frau, die vor ihm stand, nicht anders. Mit fassungslosem Ausdruck in den Augen löste er sich ein wenig von Kurogane und streckte eine Hand nach der Frau aus. Er berührte sie leicht am Arm und sie wandte sich zu ihm um.

„Bist du es? Bist du es wirklich? Du bist es, oder?“, hauchte er, bevor neue Tränen in seine Augen traten und er lauter wiederholte: „Du bist es!“ Ehe Kurogane völlig begreifen konnte, was vor sich ging, ließ der Magier ihn los, stand mit wackligen Beinen auf und fiel der Frau um den Hals. „'Sakura'-chan! Meine 'Sakura'-chan!“

Während die Frau gleichermaßen gerührt seine Umarmung erwiderte, wanderte Kuroganes entgeisterter Blick zu dem Mann, der sich zu ihm umgedreht hatte. Wieso sah dieser Kerl aus wie eine ältere Version des Bengels? Waren die beiden etwa …? Waren sie wirklich …?

„Es ist eine Weile her, Kurogane-san“, sagte der Mann und ließ den Ninja schlucken.

„Bengel …?“ Er musterte den jungen Mann von oben bis unten. „Bist du der Ur-Bengel??“

'Shaolan' stutzte und lächelte verlegen. „Eigentlich bin ich die Kopie und der andere Shaolan-“

„Bist du der verdammte Bengel von damals oder nicht??“

„Ja, der bin ich.“

Die Miene des Ninjas wurde noch perplexer. „Und das da ist die Prinzessin von damals??“

Ohne Fye loszulassen (selbst wenn sie gewollt hätte, wäre sie aus seiner festen Umarmung nicht herausgekommen), antwortete 'Sakura': „Ich bin es, Kurogane-san. Bitte verzeiht, dass wir euch solchen Kummer bereitet haben.“

Vehement schüttelte Fye den Kopf. „Wir müssen euch um Verzeihung bitten. Wir wissen nicht einmal, wo eure Originale gerade sind.“

„Das ist also deine Entscheidung?“, fragte Tsuki laut in den Raum hinein. Er lächelte und zuckte mit den Achseln. „Uns soll es recht sein.“

Ein helles Licht erfasste Kurogane, Fye, Mokona, 'Sakura' und 'Shaolan.'

 

„Shaolan?? Sakura??“ Watanuki hockte an der Seite der beiden, nachdem sie auf den Boden gefallen waren. Die schwarze Mokona wibbelte neben ihm nervös auf und ab. „Seid ihr verletzt?? Du!“ Der zornige Blick des Jungen schnellte zu Ginga. „Was hast du mit ihnen gemacht?! Wo sind die Federn hin?!“

„Die Federn sind weg.“ Ginga antwortete so ruhig, dass es Watanuki noch rasender machte. Hatte dieser Typ gerade seine Eltern endgültig ausgelöscht? Waren alle Bemühungen und Hoffnungen, die Shaolan gehabt hatte, umsonst gewesen?

Der Junge und die Prinzessin richteten sich schwerfällig auf. Sakura weinte bitterlich. Das Fehlen der Feder in ihrem Innern fühlte sich an, als wäre ihr ein Teil ihres Herzens herausgerissen worden. Den Kopf nach unten gesenkt, ballte Shaolan seine Hände zu Fäusten. Die Federn waren unwiederbringlich verloren. Alles war umsonst gewesen. Sein Herz fühlte sich an, als würde es jede Sekunde zerbersten.

Er hielt in seinen verzagenden Gedanken inne, als ihm plötzlich etwas auffiel:

Der Boden, auf dem er kniete, wurde durchsichtig.

„Oje! Oje!“ Die schwarze Mokona sprang vor Schreck in Watanukis Arme zurück. Der schwarzhaarige Junge ließ mit offenem Mund seine Augen umherschweifen. Nicht nur der Boden, auch die Wände, das Dach, jeder einzelne Gegenstand, alles im Laden wurde nach und nach durchsichtig.

Shaolans verwirrter Blick wanderte zu Ginga. „Die Vernichtung des Ladens ist die Lösung?“

Watanuki klappte endgültig der Kiefer nach unten, als er dies hörte. Der Laden war doch Yukos Vermächtnis! Er konnte doch nicht zulassen, dass er zerstört wurde!

Ginga nickte bedächtig. „Ich habe die Existenz dieses Geschäfts eingetauscht. Diese Lösung beherbergt natürlich ein Restrisiko, aber ich will diesen Versuch wagen. Du hast ein wahres Wort gesprochen. Noch mehr Schuld kann keiner von uns ertragen. Wenn die Menschen nicht mehr durch ihre Wünsche das Gleichgewicht in Gefahr bringen können, dann will ich euch diese Chance geben.“

Shaolan erhob sich vom Boden. „Ihr habt für die Überlebenden eurer Katastrophe eine neue Welt geschaffen – Junnasekai – um ihnen einen Neuanfang zu ermöglichen. Aber bei uns verhält sich das anders. Ein Neuanfang ist nicht so einfach möglich, Kimihiros und meine Existenz nicht so einfach in diese Welt zu integrieren, der Fluch nicht so einfach zu brechen.“

Ginga winkte – beinahe amüsiert – ab. „Eine neue Welt kann ich euch wohl in der Tat nicht erschaffen. Die Narben der zerstörten Vernunft bleiben. Aber die Wunden schließen sich endlich. Die Aufgabe dieses Ortes ist der letzte Preis, den ihr bezahlen müsst.“

Ein helles Licht erfasste Sakura, Shaolan, Watanuki und Mokona.

Nur eine Sekunde später war an dem Platz, an dem sie gerade noch alle gestanden hatten, niemand mehr. Kein einziger der unzähligen, eingetauschten Gegenstände lag, stand oder hing mehr an seinem angestammten Platz. Dort, wo jahrelang Yukos Geschäft gestanden hatte, klaffte plötzlich eine Lücke zwischen den Gebäuden.

„Es ist schade, Hexe der Dimensionen“, ertönte Gingas Stimme aus dem Nichts, „dass wir nie persönlich das Vergnügen hatten. Wir werden nun wieder schlafen – und diese Menschen sich selbst überlassen.“

Die Zukunft

Shaolan erwachte schreiend.

Die Magier, Ginga, der Laden, die Federn – alles schoss ihm sofort durch den Kopf, kaum dass er dabei war, das Bewusstsein wiederzuerlangen. Panisch saß er aufrecht im Bett und begriff umgehend, dass etwas nicht stimmte. Warum lag er in einem Bett? Wie war er dort hingekommen? Wo war er? Sein unkoordinierter Blick rasten wie wild durch den Raum - der verdächtig nach seinem Zimmer im Schloss des Landes Clow aussah.

„Alles ist gut.“

Shaolan erstarrte, als er diese Stimme neben sich hörte und ihr Besitzer vorsichtig in sein Sichtfeld kam und ihm sanft eine Hand auf die Schulter legte.

„Alles ist gut. Hab keine Angst.“

Vor Schreck wollte er von dem Mann wegrücken und stieß dabei gegen den neben ihm liegenden und noch tief schlafenden Watanuki.

Kimihiro war ebenfalls hier?

Kimihiro war in Clow?

Er war irgendwo anders als im Laden …? Das ging doch nicht-

„Das muss nach all der Zeit sehr verwirrend für dich sein.“ An Watanukis Seite saß eine Frau, die ihn mit Tränen in den Augen ansah. Sie gab sich größtmögliche Mühe, ein Schluchzen zu unterdrücken.

Die Federn.

Die Federn, die Ginga aus seinem und Sakuras Körper gerissen hatte. Die Federn, die die Seelen von 'Shaolan' und 'Sakura' waren und die Ginga zerstört hatte.

Hatte er sie in der Tat zerstört?

„Ihr ...“ Nur sehr langsam begreifend sah Shaolan von der Frau zu dem Mann und wieder zurück. Ein paar Mal tat er dies, bis er selbst anfing zu weinen.

Um etwas zu bekommen, muss man etwas anderes aufgeben.“

Ich habe die Existenz dieses Geschäfts eingetauscht.“

Die Stimmen der Magier hallten in seinen Ohren nach und Shaolans Tränen bahnten sich ihren Weg aus seinen Augen hinaus. Sie flossen in Strömen, während er die beiden Erwachsenen nur ungläubig anstarrte.

Es war so surreal, dass sie wirklich hier bei ihm sein sollten.

Dann will ich euch diese Chance geben.“

Die Narben der zerstörten Vernunft bleiben. Aber die Wunden schließen sich endlich.“

Dies war Gingas finale Lösung gewesen.

Deswegen war Kimihiro hier. Weil es keinen Laden mehr gab.

Deswegen waren sie nun hier. Weil nur mit ihnen die Wunden heilen konnten.

„Seid ihr … seid ihr wirklich …?“

„Wir sind hier.“ Die Stimme seines Vaters.

„Wir werden bei euch bleiben.“ Die Stimme seiner Mutter.

Es gab so viel, dass er ihnen sagen wollte, so viel, dass er all die Jahre nicht hatte sagen können und doch bekam er kein einziges Wort heraus. Er begann, elendig zu wimmern und zu japsen und es wurde nur schlimmer, als beide zu ihm eilten und ihn in den Arm nahmen.

„Es … es ist … so viel passiert“, presste er nach einer Weile hervor.

„Ich weiß. Ich habe alles gesehen. Jede Sekunde eurer Reise. Ich war die ganze Zeit bei dir. So wie deine Mutter die ganze Zeit bei Sakura war.“ 'Shaolan' hielt seinen Sohn noch etwas fester. „Wir sind unheimlich stolz auf dich, auf euch alle. Ihr habt so viel ertragen müssen und seid nicht daran zerbrochen. Ihr seid wahrscheinlich stärker als wir es je waren.“

Sein Blick ging zu dem mittlerweile aufwachenden Watanuki, der verstört immer wieder die Augen zukniff, als würde er damit einen Tagtraum oder ein Trugbild vertreiben wollen. 'Sakura' griff nach seiner Hand und wie er durch ihre Berührung mit einem Mal keinen Zweifel mehr daran hatte, dass die beiden, die aussahen wie seine Eltern, wahrhaftig real waren, füllten sich auch seine Augen mit Tränen.

Es gab keine Worte, die ausdrücken konnten, wie die beiden Jungen sich fühlten. Keine Worte, die sie äußern konnten, um ihre Situation auch nur ansatzweise zu erfassen.

Doch es gab noch ein Gefühl, das Shaolan plötzlich wie ein Blitzschlag traf.

„Was ist mit den anderen?!“

 

Kurogane erwachte und wollte sogleich aufspringen. Die dumpfen, aber heftigen Schmerzen in seinem Kopf und in seiner linken Schulter hielten ihn jedoch davon ab. Sein Blick ging zu dem Magier, der neben ihm lag und schlief. Dieser atmete – und so atmete Kurogane auf.

Wo zur Hölle waren sie? Wo waren die bekloppten Magier hin?

Es roch nach Sand. Dieser Raum … war das nicht …?

Moment.

Waren die Kinder tatsächlich vor ihnen erschienen oder hatte er das nur geträumt?

Gott, wie er das hasste, wenn er seinem eigenen Gedächtnis nicht trauen konnte.

Langsam und ächzend richtete er sich auf.

„Kuro-sama?“, erklang es erschöpft neben ihm.

„Hey, ist das hier echt?“

„Huh?“

„Sind wir wirklich in Clow?“

„Clow …?“ Mit einem Mal hellwach, schnellte Fye nach oben und blickte sich um. „Was …? Wie sind wir …? Wo sind die Kinder??“

Als hätten sie ihr Stichwort gehört, öffnete sich die Tür und Shaolan und Sakura traten ein. Die Prinzessin war lange vor den anderen aufgewacht und hatte bereits ausgiebig mit ihrem anderen Ich gesprochen. Und dennoch standen ihr nach wie vor die Tränen in den Augen. Zu unglaublich war alles, was gerade geschah.

„Shaolan-kun! Sakura-chan!“

Bevor Fye, geschwächt wie er durch den Kampf war, aus dem Bett fallen konnte, waren beide zu ihm gelaufen. Er packte sie mit beiden Händen und beäugte sie von Kopf bis Fuß. Es war noch alles an ihnen dran.

„Wir hatten Angst, wir würden euch nie wieder sehen! Verschwindet nicht einfach so plötzlich!“, schalt er sie und lächelte dennoch erleichtert dabei. „Was ist passiert? Wie sind wir in Clow gelandet?“

„Ginga hat Sakura und mich in den Laden zu Watanuki gebracht“, begann Shaolan zu erklären. Den beiden Männern verschlug allein schon dies den Atem. Was hatten diese Magier eigentlich nicht drauf? Als wäre dies ebenso sein Stichwort gewesen, streckte Watanuki vorsichtig den Kopf zur Tür rein und trat danach ein.

„Watanuki-kun?“ Fye starrte ihn baff an.

„Was macht er hier? Ich dachte, er dürfte den Laden nicht verlassen.“ Nicht minder perplex blickte Kurogane von dem dunkelhaarigen Jungen zu Shaolan zurück. Sein Blick wanderte flüchtig zu seiner eigenen rechten Hand, als Fye, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er ein Gespenst gesehen, danach griff und sie erstaunlich fest drückte. Was erschreckte ihn dermaßen?

„Kuro-sama“, der Magier schluckte, „Watanuki darf den Laden nicht verlassen, bis der Fluch gebrochen ist.“

„Ja, so viel habe ich auch verstanden.“ Kurogane hob fragend eine Augenbraue, als Tränen in Fyes Augen traten und er gleichzeitig freudig lächelte.

„Bis gerade habe ich gedacht, ich würde mir ihre Anwesenheit nur einbilden und unser Wiedersehen in diesem Berg sei nur ein Traum gewesen, aber …“

Keiner konnte sich entsinnen, dass Kurogane je so schockiert ausgesehen hatte wie in diesem Moment, als 'Shaolan' und 'Sakura' das Zimmer betraten.

„Sind die echt? Hey, seid ihr echt? Verdammte Scheiße, Bengel, wie haben du und die Prinzessin das hingekriegt??“

Die überforderte Miene des Ninjas zauberte ein Lächeln auf Shaolans Gesicht. „Nachdem wir mit Ginga geredet hatten, hat er eine Lösung gefunden, die wenigstens einen Teil der Vernunft wiederhergestellt hat. Er hat die Existenz des Ladens gegen die Existenz meiner Eltern eingetauscht.“ Er konnte nur über die Gründe mutmaßen, warum Ginga ihr Aussehen und ihr Alter so bestimmt hatte. Hatte er beabsichtigt, dass es zu ihren Söhnen passen sollte, damit der Schaden an der zerstörten Vernunft möglichst klein gehalten werden konnte?

„Und dann hat er uns alle nach Clow geschickt, damit wir uns an einem Ort wiedertreffen können“, ergänzte Sakura. „Ich glaube, er war sehr froh, diese Lösung gefunden zu haben.“

Watanuki seufzte leise. „Das ist zwar besser als uns alle umzubringen, aber ich habe das Gefühl, ich habe Yuko endgültig verloren.“

'Sakura' drückte sanft seine Schultern. „Vielleicht wäre auch Yuko mit diesem Ausgang sehr froh.“

„Also, die bleiben jetzt, ja?“ Kurogane fiel es immer noch schwer, die Situation zu begreifen. „Keiner zieht mehr irgendeine Verschwindenummer ab, ja?“

„Ich gehe davon aus, dass sie bleiben, ja.“ Dass der Ninja so dumm aus der Wäsche guckte, brachte Fye zum Lachen. „Das würde ich ihnen auf jeden Fall raten. Sonst werde ich nämlich wütend.“

„Verzeiht uns bitte“, sagte 'Shaolan' geknickt. „Ihr habt so viel unseretwegen durchmachen müssen.“

„Ja? Haben wir?“ Fye zuckte lächelnd mit den Achseln. „Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Ich erinnere mich nur daran, wie dankbar ich euch bin und wie sehr ich euch liebe.“

„Oh, Fye-san!“ 'Sakura' liefen einzelne Tränen über die Wangen, als sie zu ihm schritt und ihn umarmte.

„Moment.“ Kurogane war schlagartig wieder aufgekratzter, als er in die Runde blickte und eine Gestalt nirgends ausmachen konnte. Auf keinem Kopf und auf keiner Schulter. „Wo ist der Klops?“

„Ah, Moko-chan und Moko-chan sind-“, begann Sakura, aber ein fröhliches, herannahendes Quieken fiel ihr ins Wort. Die beiden Mokonas kullerten wie ein großer, schwarz-weißer Ball ins Zimmer.

„Mama! Papa!“, quietsche die weiße Mokona, löste sich von dem anderen Mokona und sprang auf das Bett, wo sie von Kurogane mit einer Hand gefangen wurde.

„Dir geht’s also gut?“

„Jetzt wieder! Hat Papa sich Sorgen um mich gemacht?“

Wortlos schaute der Schwarzhaarige einen Augenblick lang in das strahlende Gesicht der kleinen Kreatur, ehe er erleichtert (und flüchtig) lächelte. Dann warf er sie ungerührt in die Luft und Fye fing sie geistesgegenwärtig auf.

„Wir haben es geschafft“, sagte Shaolan ergriffen in die gelöste Atmosphäre hinein. „Die Reise ist vorüber.“ Erneute Tränen formten sich in seinen Augen, als Kurogane abwinkte.

„Noch nicht ganz.“

Der Junge stutzte. „Was meinst du?“

„Eine Sache muss noch erledigt werden. Ihr zwei da“, er deutete nacheinander auf 'Shaolan' und 'Sakura', „kommt mal her.“

Verdutzt tauschten die beiden einen Blick aus und wunderten sich zudem, wieso Fye so wissend lächelte. Überrascht beobachtete Sakura, wie sie zu Kurogane gingen. Kurogane war nicht der Typ für Umarmungen oder sonstige Gefühlsbekundigungen. Warum wollte er, dass sie näher kamen?

„Oh ...“, dämmerte es Shaolan, doch da waren seine Eltern schon bei dem Ninja, der ihnen ein Zeichen gab, dass sie sich zu ihm hinunterbeugen sollten.

'Whack!'

'Whack!'

„Au!“

„Au!“

Jetzt ist es geschafft.“ Mit einem genüsslichen Grinsen verfolgte Kurogane, wie 'Shaolan' und 'Sakura' sich über die Beulen an ihren Köpfen rieben.

 

1267.

Mit einem lauten 'Klapp!' schloss Fye das Notizbuch, in dem er die Tage gezählt hatte.

1267 Tage, seit sie damals aus Clow zu der zweiten Reise aufgebrochen waren. Die Tage vorher hatte er nie gezählt. Er hatte damals keinen Grund dafür gehabt. Damals, als er sich zu Yukos Laden aufgemacht hatte, um seinen Auftrag zu erfüllen. Damals, als er zum ersten Mal auf Kurogane getroffen war und gedacht hatte: „Das ist also derjenige, den ich töten muss.“

Fye musste lachen, während er zugleich zu weinen anfing.

Was war das für ein Idiot gewesen, der ihn als Auftragsmörder engagiert hatte!

Ganz zu Beginn der Reise hatte der Magier noch darüber nachgedacht, wie er es anstellen sollte, Kurogane zu ermorden. Mit Magie wäre es natürlich eine Leichtigkeit gewesen, aber die hatte er damals ja nicht einsetzen wollen.

Es war nie auch nur eine brauchbare Idee bei diesen Überlegungen herausgekommen.

Immer wenn Fye wirklich über ein Attentat hatte nachdenken wollen, war ihm dabei so speiübel geworden, dass er die Entscheidung vertagt hatte – und vertagt hatte und vertagt hatte, bis er sich so sehr an den Ninja gehangen hatte, dass der bloße Gedanke ihn zu verlieren, ihn fast wahnsinnig gemacht hatte. Damals war ihm ständig nach Weinen zumute gewesen, doch er hatte die Tränen hinter seiner lächelnden Maske weggesperrt. Kurogane hatte es damals schon gemerkt. Und er würde es selbstverständlich auch jetzt merken, dass er sich heute die Augen ausgeheult hatte. Aber nun würde Fye ihm offen und ehrlich sagen, warum.

Weil ihn die Last von mehr als 1267 Tagen überkommen hatte.

Und er sich von dieser Last befreit hatte.

Fye begann, das Notizbuch in tausend Stücke zu zerreißen. Er zerfetzte jede einzelne Seite, jeden einzelnen Strich, bis nur noch Fetzen übrig waren, die kaum größer als Schneeflocken waren. Er holte tief Luft und schmiss die Schnipsel von dem Balkon, auf dem er stand, in den blauen Himmel des Landes Clow.

Der Wind trug sie davon und Fye weinte, solange er ihnen hinterhersah. Dann, als sie verschwunden waren, atmete er durch, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und nickte.

Es war Zeit, nach seinem nörgelnden Ehemann zu gucken. Kurogane konnte so unleidlich werden, wenn er eine Weile das Bett hüten musste.

Lachend und mit federleichten Schritten kehrte Fye in das Schloss zurück.

 

Shaolan hatte, vor Aufregung allein die Frage zu stellen, bereits rote Wangen gehabt. Daran hatte man erkennen können, dass es dem Kleinen überaus wichtig war und Kurogane war sich längst bewusst, dass er ein massives Problem damit hatte, ihm dann etwas abzuschlagen.

„Ich … es wäre … ich würde gerne ...“

„Raus damit.“ 'Shaolan' hatte schmunzeln müssen, als Kurogane seinem anderen Ich so kernig ins Wort gefallen war.

Die Röte auf seinen Wangen hatte sich auf dem gesamten Gesicht des Jungen ausgebreitet. „Es wäre schön, wenn ich mit euch zusammen ein paar Plätze in Clow besuchen könnte.“

Kurogane nahm den Vorschlag dankend an. Die Ärzte in Clow waren zwar der Meinung, er sollte sich noch schonen, aber pah! Was wussten die schon? Wenn er noch länger herumlag, würde er durchdrehen. Außerdem konnte er seine Knie wieder belasten und die Schmerzen waren insgesamt erträglicher geworden. Der Magier schien sich über den geplanten Ausflug ebenso zu freuen, lehnte aber dankend ab, als er hörte, es würde auch in die Wüste gehen. Innerhalb der Stadt hatten die Kinder ihn schon von A nach B geschleppt, doch auf die Wüste konnte er verzichten – was auch kein Problem war, denn die Sakuras freuten sich auf der Stelle, Fye für einige Zeit nur für sich zu haben.

(Die Mokonas verbrachten ihre Tage damit, fröhlich durch das Schloss zu kullern. Kurogane verstand nicht ganz, was in den Köpfen der beiden vorging, aber ihr Wollknäuel war glücklich und das war das Einzige, was zählte.)

Shaolan war überglücklich, 'Shaolan', Kurogane und Kimihiro zu allen Orten zu führen, die ihm wichtig waren (auch wenn Ersterer diese Orte im Prinzip alle selber kannte). Da gab es eine Wasserstelle in der Wüste, an der seltene Pflanzen wuchsen. Ein paar andere Ruinen, von denen bis heute nicht bekannt war, was sie wohl einst mal gewesen waren („Ist das nicht auch einfach was aus Tokyo?“, war Kuroganes saloppe Reaktion und die beiden Shaolans sahen sich mit großen Augen an. Vielleicht war es wirklich so einfach. Dass sie da nicht von allein drauf gekommen waren!) und die alte Bibliothek des Landes, wo Kurogane sich mit seiner Hand über die Schläfen fuhr, als beide Shaolans ekstatische Loblieder auf das geschriebene Wort anstimmten und auch Watanuki immer größere Augen bekam.

Dennoch konnte Kurogane sich nicht erinnern, dass sein Herz sich je so leicht angefühlt hatte.

Ihre Situation war zu gleichen Teilen auf wunderbare Art vertraut und wunderlich neu für sie alle. Als der Bengel vor einer Weile einen Albtraum gehabt hatte, waren natürlich zuerst seine Eltern bei ihm gewesen, doch er war so verstört gewesen, dass er nach ihm und dem Magier verlangt hatte. Als er sich in ihrer Gegenwart beruhigt hatte, war Shaolan aufgefallen, was er da getan hatte und es war ihm auf der Stelle unangenehm gewesen. Die Ur-Kinder (sie korrigierten ihn immer wieder, dass sie doch die Kopien waren, aber das war Kurogane egal) hatten sich indes völlig verständnisvoll gezeigt.

„Wir sind unendlich froh, dass ihr da seid“, hatte 'Sakura' ihnen gesagt. „Ihr seid genauso seine Eltern, wie wir es sind.“

Nach solchen Momenten vertagte Kurogane es immer und immer wieder, dass er eigentlich etwas ansprechen wollte. Der Ur-Bengel bedachte ihn allerdings so oft mit einem Blick, der ihm verriet, dass er wusste, worüber der Ninja nachdachte.

Als sie nach ihrem Ausflug ins Schloss zurückkamen, dem kullernden Mokona-Ball auswichen, feststellten, dass die Mokonas eine Spur aus Mehl hinterließen und sie dem Geruch von Mehl und Kakao folgten, hatte Kurogane einen weiteren solchen Moment, der ihn tiefer und tiefer in eine Zwickmühle brachte.

Sie folgten dem Geruch bis in das Gemach von Sakura. Dort, auf einem der Sofas, fanden sie den schlafenden Magier und an jeder seiner Schultern eine genauso seelenruhig schlafende Prinzessin. Mehl und Kakao hafteten an ihrer Kleidung und die Haare des Magiers waren zu einem mit Blüten geschmückten Zopf geflochten.

Was auch immer sie angestellt hatten, jetzt sahen sie alle glückselig aus.

 

Angestrengt betrachtete Fuma zuerst die inzwischen verheilte Schulter des grummelnden, neben ihm sitzenden Ninjas, dann den künstlichen Arm, der vor ihm auf dem Tisch lag. Immer wieder tat er dies, maß irgendwas nach, drehte mit winzig kleinen Schraubenziehern an genauso kleinen Schrauben des Arms. Das an sich gefiel Kurogane ja schon nicht, aber es gefiel ihm noch viel weniger, dass ihm dabei der Magier gegenübersaß und jeden von Fumas Handgriffen mit besorgtem Blick verfolgte. Irgendwann hatte er beiläufig seine Hand auf Kuroganes unverletzte, auf dem Tisch verweilende Hand gelegt und drückte sie nun immerfort.

„Kriegst du ihn wieder hin, Fuma-kun?“

Voller Konzentration leckte Fuma sich über die Lippen und schenkte Fye ein aufmunterndes Lächeln. „Die guten Arterien und Nerven, die wir zuvor immer für die Verbindung genutzt haben sind leider in Mitleidenschaft gezogen worden. Das ist ärgerlich, aber mit ein bisschen Fummelei kriege ich den Arm wieder dran.“

Fye atmete erleichtert aus. „Gut, dass du da bist.“

Fuma schmunzelte, während er erneut an irgendwelchen Schräubchen drehte. „Zum Glück hatte Mokona mir eine neue Nachricht geschickt. Sie weiß immer noch nicht, wie sie macht?“

„Nein. Sie hat keine Ahnung. Deswegen waren wir ja von neuem so überrascht, als du plötzlich vor uns im Gang standest.“

Kurogane stutzte, als die Miene des Magiers nachdenklicher wurde. Umgehend lächelte Fye, als wollte er ihm damit sagen, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab.

„Fuma-kun“, fuhr der Blondschopf fort, „wenn Kuro-sama wieder in Nihon ist und irgendetwas ist mit dem Arm …“

Der Ninja zuckte bei dem nun angeschnittenen Thema kurz zusammen.

„Nihon?“ Fuma schielte über seine Brille hinweg. „Du gehst nach Nihon?“

„Sag nicht, du kennst dieses Land?“ Kuroganes Mimik und Tonfall verrieten, dass er nicht glücklich darüber war, dass Fuma seine Heimat kennen könnte.

„Oh, doch. Es ist echt schön da.“ Er ignorierte nonchalant das tiefe Brummen, das er als Reaktion erhielt. „Also, das wäre gar kein Problem. Ich könnte einfach in regelmäßigen Abständen vorbeikommen und Wartungsarbeiten durchführen. Na, wie klingt das?“

„Furchtbar. Komm bloß nicht zu oft vorbei.“

Seine grantige Reaktion brachte Fuma zum Lachen und Fye zum Kopfschütteln.

„Kuro-puu, benimm dich.“

Kurogane wandte den Kopf zur Seite ab – zum Teil, weil der Magier einen der peinlichsten Spitznamen benutzt hatte, zum Teil, weil er sich wenigstens kurz sammeln musste, um das anzusprechen, was er die gesamte letzte Zeit vermieden hatte.

„Willst du immer noch mitkommen? Nach Nihon?“, fragte er schließlich und löste bei seinem Gegenüber sichtliche Verwunderung aus.

„Was heißt denn 'immer noch'?“ Fye bedachte ihn mit einem irritierten Blick. „Stand irgendwann zur Debatte, dass ich nicht mehr mitkomme?“

„Ich dachte … wegen der Kinder. Mit mir zu kommen bedeutet, dass du von ihnen getrennt wirst.“

Fyes Verblüffung wuchs. Baff blinzelte er den angesichts des Themas sichtlich unbehaglichen Ninja an. Man konnte seine Sorge regelrecht spüren, dass er fürchtete, der Magier würde sich tatsächlich gegen ihn und für die Kinder entscheiden.

„Oh Kuro-Dummkopf.“ Lächelnd schüttelte Fye den Kopf. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich je wieder in Frieden lasse? Nein, ich habe versprochen, dich bis ans Ende aller Tage zu nerven. Und ich stehe zu meinem Wort. Natürlich wird es schrecklich schwierig und entsetzlich traurig, die Kinder zurückzulassen. Aber wir werden schon einen Weg finden. Es ist nicht gesagt, dass wir für immer voneinander Abschied nehmen müssen. Ich bin ein Magier, schon vergessen?

Dich kann ich auf keinen Fall allein lassen. Du bist ohne mich aufgeschmissen. Ich weiß, dass du mich brauchst. Jede. Einzelne. Sekunde. Es wäre unverantwortlich, dich dir selbst zu überlassen.“

Mit zunehmend zuckenden Augen schaute Kurogane in das immer breitere Grinsen des Magiers.

Fuma, der inzwischen dazu übergegangen war, den Arm an der Schulter des großen Mannes festzuschrauben, hob belustigt eine Augenbraue. „Eure Beziehung ist wirklich … interessant. Ich werde in Zukunft schon alleine deswegen regelmäßig vorbeischauen, um zu erfahren, wie das wohl weitergeht.“

„Bist du dir wirklich sicher?“, ignorierte Kurogane Fumas Kommentar und Fyes hochtrabende Rede.

Der Blonde legte auch seine zweite Hand auf die des Schwarzhaarigen. „Absolut sicher.“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Kuroganes Gesicht. „Dann sollten wir dir noch ein paar Grundlagen meiner Sprache beibringen. Sonst bist du nämlich aufgeschmissen.“

„Oje, ja.“ Fye lächelte gequält. „Da war ja noch was ...“

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Zimmer der beiden einen Spalt breit. Aufmerksam blickte Kurogane dorthin, auch wenn er wusste, dass es nur ein Lebewesen gab, das ins Zimmer platzte, ohne anzuklopfen. Seine Augen wanderten gen Boden und was er dort erblickte, verwunderte ihn zutiefst. Normalerweise kam das Wollknäuel voller Elan angeflogen oder angesprungen. Jetzt allerdings tapste es mit hängenden Ohren und grübelnder Miene hinein, hopste über Fyes Schoß auf den Tisch und besah sich trübsinnig die Arbeiten am künstlichen Arm.

„Wird Papas Arm wieder gut?“

„Aber ja. Dank dir ist Fuma-kun ja da.“ Fye zog eine Hand weg und streichelte mit ihr über Mokonas auf Halbmast hängende Ohren. Sie reagierte nicht, wie er das gewohnt war. Statt sich zu freuen, seufzte sie.

„Hey“, sprach Kurogane sie streng an, „warum kugelst du nicht wie sonst mit dem schwarzen Kloß umher?“

„Mokona ist bei Watanuki und da wollte Mokona mal nach Papa sehen.“

„Bedrückt dich etwas?“, fragte Fye, inzwischen doch besorgt, weil Mokona so niedergeschlagen klang.

„Hmm ...“, machte sie bekümmert. „Mokona muss nachdenken.“ Ohne weitere Erklärung hopste sie hinunter und verließ das Zimmer wieder.

Etwas ratlos tauschten die beiden Männer einen Blick aus.

 

Vieles war ungewohnt für Shaolan.

Immer an einem Ort zu bleiben, zum Beispiel. Schon mehrmals hatte ihn in der letzten Zeit die Panik überkommen, dass sie bereits viel zu lange in einer Welt verweilten und sie dringend weiter reisen mussten.

Es war ebenso ungewohnt, Kimihiro um sich zu haben. Der bebrillte junge Mann war mit der neuen Situation gleichermaßen, wenn auch auf andere Weise, überfordert. Dass er den Laden hatte aufgeben müssen, nagte nach wie vor schwer an ihm, auch wenn er verstand, dass es so besser war. Zudem musste er sich an ein neues Land, eine völlig neue Umgebung gewöhnen – und an den Umstand ständig von so vielen Menschen umgeben zu sein.

Für beide war es außer Frage am aller seltsamsten, ihre Eltern bei sich zu haben.

Manchmal brauchte der brünette Junge daher Zeit für sich. Um alles zu verdauen und die neue Situation zu verinnerlichen. Wobei er wusste, dass sich bald erneut etwas ändern würde und er noch nicht einordnen konnte, wie er sich dabei fühlte. Besonders, weil das Thema, um das es ging, sowohl von ihm als auch von den beiden Betroffenen krampfhaft vermieden wurde. Aber allein darüber nachzugrübeln brachte ihn nicht weiter. Und so war er alles andere als unglücklich darüber, bei einem nachdenklichen Spaziergang durchs Schloss auf denjenigen zu treffen, an den er sich eine gefühlte Ewigkeit lang stets gewandt hatte.

„Und er funktioniert wieder einwandfrei?“ Shaolan hatte sich neben Kurogane auf einer der Bänke, die in den luftigen Arkaden des Schlosses standen, niedergelassen und beäugte erleichtert, wie der Ältere demonstrativ seine linke Hand mehrmals schloss und wieder öffnete.

„Hast du Fuma gefragt, wie das werden wird, wenn du … wenn du wieder in Nihon bist?“

Verdattert sah Kurogane dem Kleinen in die großen Augen. Lasen jetzt alle seine Gedanken?

„Er will hin und wieder vorbeikommen.“

„Ah … das ist … gut.“

Eine merkwürdige Stille trat zwischen sie und wurde letztlich von Kuroganes tiefem Stöhnen durchbrochen, was Shaolan automatisch zusammenzucken ließ. Hatte er etwas Falsches gesagt? Er hatte das Thema eigentlich behutsam und beiläufig zur Sprache bringen wollen.

„Ich wollte es nicht ansprechen, solange es nicht akut ist“, sagte der Ninja. „Aber anscheinend ist ja eh jedem klar, dass ich, beziehungsweise der Magier und ich, irgendwann abreisen werden.“

„Ich weiß doch, dass du ein Versprechen zu halten hast“, entgegnete Shaolan, „und wie sehr du nach Hause zurückkehren willst.“ Eine Hand landete auf seinem Kopf.

„Glaub bloß nicht, dass es so einfach ist, Bengel.“ Kurogane lächelte schwach. „Euch zu verlassen wird definitiv nicht einfach.“

Bei diesen Worten traten sofort Tränen in Shaolans Augen, die er am Fallen hindern wollte. „Das wird sehr seltsam werden, wenn ihr nicht mehr hier seid. Ich werde euch furchtbar vermissen.“ Er schluckte mehrmals und doch lief ihm eine einzelne Träne verräterisch die Wange hinab.

„Sag so etwas nicht. Deine Eltern sind schließlich wieder da.“

Schritte ließen ihn aufhorchen und in die Richtung blicken, aus der sie kamen. Mit nicht weniger betrübter Miene stand nun 'Shaolan' vor ihnen.

„Ich kann verstehen, dass er das sagt. Wir werden euch ebenso vermissen. Ihr seid für uns alle unsere Eltern. Ihr seid die Menschen, die sich um uns gekümmert haben, die uns beschützt haben, die für uns so viel auf sich genommen haben und uns gerettet haben. Ich glaube, nein, ich bin der festen Überzeugung, ihr beide seid einer der Gründe, warum Ginga diese Lösung gewählt hat. Weil es euch gibt, weil ihr für uns da gewesen seid, sind 'Sakuras' und meine Existenz nicht widersprüchlich, obwohl wir aus dem Nichts entstandene Kopien sind. Weil wir eure Kinder sind.“

Sprachlos starrte Kurogane nach dieser Rede den Bengel vor sich an.

Dann stand er langsam auf und -

'Whack!'

'Whack!'

„Au!“

„Au!“

„Das ist dafür, dass ihr es mir NICHT leichter macht und den Magier zum Heulen gebracht habt.“

Die rosa anlaufenden Köpfe beider Shaolans drehten sich zur anderen Seite des Säulengangs, wo Fye stand und versuchte, mit einer Hand vor dem Mund sein Schluchzen zu unterdrücken.

 

„Du solltest dich erst wieder zu einhundert Prozent bei Kräften fühlen.“

„Es hilft bestimmt, wenn du dich vorher gut ausruhst.“

Beide Sakuras häuften gleichzeitig etwas von dem braunen Gemüse-Getreide-Matsch, den sie persönlich zusammengerührt hatten, auf Fyes Teller. Sie waren der festen Überzeugung, dass der unansehnliche Brei dem Magier die nötige Kraft für die anstehende Reise verleihen würde. Und der Magier – von ihrer Fürsorge gerührt – das Zeug beim gemeinsamen Abendessen tatsächlich hinunterschluckte (natürlich nicht ohne die beiden darauf hinzuweisen, dass Kurogane nach seinen schweren Verletzungen auch eine ordentliche Portion abbekommen sollte. „Verdammter Sadist“, hatte der Ninja ihm daraufhin zugeraunt und dafür nur ein schelmisches Grinsen geerntet).

„Bist du dir wirklich sicher, dass du das schaffst?“, richtete Shaolan sorgenvoll an Fye. „Du hast doch noch nie zwei Personen gleichzeitig teleportiert.“

Der Magier winkte beschwichtigend ab. „Ich denke, am sichersten wird es sein, Kuro-sama zuerst zu schicken und ihm dann zu folgen. Das müsste funktionieren. Meine Kräfte haben schließlich auch zugenommen.“ Er zwinkerte den anderen zu, woraufhin Kurogane sich geheimnistuerisch zu dem ihm gegenübersitzenden 'Shaolan' hinüberbeugte.

„Kann man das Ziel eigentlich verfehlen? Ich meine, kann er mich aus Versehen in diese Pinguin-Welt zurückschicken?“

„Äh ...“ 'Shaolan' lächelte verlegen. „Ich glaube nicht, dass das passieren würde.“ Es war fast, als wollte er ein „Hoffe ich“ mit dranhängen.

„Kuro-rin, ich bin enttäuscht, dass du das auch nur von mir denkst“, empörte sich Fye halbernst. „Vielleicht sollte ich dich zur Strafe tatsächlich woandershin schicken. Hmm, welche Welt gefiel dir denn am allerwenigsten? Oh! Wie wäre es mit Matrisis?“

„Das wagst du nicht!“

„Wie läuft eigentlich der Sprachkurs?“, warf Watanuki ein, bevor der Ninja aufspringen konnte, um dem lachenden Blondschopf an den Kragen zu gehen.

Fyes nun gequälte Grimasse sprach Bände. „Es könnte schlimmer laufen … denke ich.“

„Denke ich nicht.“ Kurogane kreuzte die Arme vor der Brust. „Ginge es danach, sollte ich lieber eine der Prinzessinnen mitnehmen.“

Die Sakuras hatten sich zu Fyes Unterstützung dem Sprachunterricht angeschlossen – und waren sehr viel mehr bei der Sache als der Magier, der ohne Unterlass über die schwierig aussehenden Zeichen jammerte.

„Nur Mut“, wollte Watanuki Fye aufmuntern und verzog dabei selbst das Gesicht, als er bemerkte, dass seine Mutter auch ihm den braunen Matsch auf den Teller löffelte. Die Shaolans verdrückten den Brei ohne mit der Wimper zu zucken. Liebe konnte also anscheinend wahrhaftig Berge versetzen. Watanuki schielte zu den Mokonas, die abseits des Tisches, an dem sie saßen, auf dem Boden standen und anscheinend wild miteinander diskutierten. Er hatte gehofft, ihnen den Brei zuzuschieben, doch sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie seine Blicke gar nicht wahrnahmen.

„Unsere Moko-chan wirkt in letzter Zeit etwas bedrückt, oder?“, flüsterte 'Sakura' leise in die Runde, nachdem sie Watanukis Blick gefolgt war.

„Hat sie irgendetwas zu dir gesagt?“, hakte Fye nach und 'Sakura' schüttelte bekümmert den Kopf.

„Sie antwortet immer nur, dass sie nachdenken muss.“

„Jetzt hab ich sämtliche Bengel, Prinzessinnen und den Magier so weit, dass sie die Zähne auseinander kriegen, jetzt fängt plötzlich der Klops mit Geheimnistuerei an!“ Kurogane stöhnte, während alle anderen verstohlen zu den Mokonas blickten.

„Oh? Seht mal“, raunte Shaolan.

„Was ist denn jetzt?“ Wie die anderen wandte sich nun auch Kurogane den beiden magischen Kreaturen zu, die sich mit einem Mal weinend in den Armen lagen.

Die zwei Wesen ließen voneinander ab und die weiße Mokona hüpfte auf den Tisch, tapste zu Fye und stellte sich mit entschlossener Miene vor ihm auf.

„Darf Mokona mitkommen?“

„Mitkommen?“, erwiderte Fye perplex.

„Mokona hat ganz viel nachgedacht und so ist Mokona zu dem Entschluss gekommen, dass sie bei Mama und Papa bleiben will.“

Sprachlos tauschten der Magier und Kurogane einen verdatterten Blick aus.

„Bist du dir wirklich sicher, dass du das willst?“, fragte Fye nach und Mokona nickte energisch.

„Ganz sicher! Darf ich?“

Sichtlich ergriffen lächelte Fye über das ganze Gesicht. „Natürlich darfst du.“

„Moment mal“, wandte Kurogane brummig ein. „Wieso fragst du nur den Magier um Erlaubnis? Habe ich hier gar nichts zu sagen?“

Mokona blinzelte ihn an, blinzelte Fye an und trällerte mit dem Blonden zusammen: „Nöö~.“

Mit einem breiten Grinsen hopste das Wollknäuel auf die Schulter des Schwarzhaarigen, der irgendwelche unverständlichen Flüche grummelte. „Mokona weiß doch, dass Papa mich am allermeisten vermissen würde.“

Zum Erstaunen aller erwiderte Kurogane nichts, sondern tätschelte nur kurz mit einer Hand ihr Köpfchen. Dass er sich gerade über alle Maßen freute, würde ihr Geheimnis bleiben.

 

Da Mokona nun mitkam, löste das mit einem Schlag den Großteil ihrer Probleme und der Tag des Abschieds war schneller nähergerückt, als es Shaolan lieb gewesen war. Er hatte sich vorgenommen, nicht zu weinen, doch insgeheim hatte er gewusst, dass es schwer würde, sich daran zu halten.

„Macht mir keine Schande“, ermahnte Kurogane alle, die in Clow blieben, zum Abschied. Mokona saß auf seiner Schulter und versuchte, ein tapferes Gesicht zu machen. „Wenn irgendeiner von euch wieder verlorengeht, raste ich aus. Verstehen wir uns da?“

„Mehr als deutlich“, antwortete 'Shaolan', einen Arm um 'Sakura' gelegt. „Passt ihr auch auf euch auf.“

Kurogane nickte. Sie hatten sich darauf geeinigt, keine lange Abschiedszeremonie zu veranstalten. Ihr Abschied war nicht für immer. Sie hatten die Mokonas, um miteinander in Kontakt zu treten und in Verbindung mit Fyes Zauberkräften waren sie in der Lage, Clow gezielt anzusteuern. Alles, was sich jetzt ändern würde, war, dass sie sich nicht mehr jeden Tag sahen. Kurogane konnte nicht leugnen, dass das sogar ihm ein komisches Gefühl gab. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, den Bengel um sich zu haben, dass es ihm bewusst war, wie seltsam es werden würde, wenn dem nicht länger so war. Der Kleine selbst dachte da wohl ganz ähnlich, so wie er mit Ach und Krach gegen die Tränen in seinen Augen ankämpfte.

Kurogane musste schlucken.

„Okay, ziehen wir das nicht unnötig in die Länge“, drängte der Ninja und fuhr allen mit einer Hand über ihre Köpfe. Die beiden Sakuras zuckten etwas erschrocken zusammen, hatten sie diese Behandlung doch zuvor noch nie abbekommen. Auch Watanuki reagierte noch leicht perplex darauf. 'Shaolan' lächelte, während Shaolan, dem er als Letztem durch die Haare gewuschelt hatte, die ersten Tränen kamen.

„Magier, los.“ Er drehte sich von ihnen weg.

„Du bist mal wieder extremst gefühlvoll, Kuro-mu.“ Fye räusperte sich. Einzelne Tränen liefen über seine Wangen, während er einen nach dem anderen in den Arm nahm.

„Wenn irgendetwas sein sollte, egal was“, sagte er währenddessen und bemühte sich um eine feste Stimme, „dann meldet euch sofort. Ich werde schneller hier sein, als ihr gucken könnt. Und wie Papa schon sagte: Macht uns keine Schande.“

Er war bei Shaolan angekommen, der sich – ohne das bewusst zu tun – bei der Umarmung an ihm festkrallte.

„Ich danke euch, danke für alles“, schluchzte der Junge, dessen Tränen nun unaufhaltsam flossen. Langsam ließ er den Magier los.

„Wir danken dir, Shaolan-kun.“ Fye gab ihm einen Kuss auf die Stirn, ehe er zu Kurogane schritt.

„Mokona hat euch alle lieb!“, rief das Wollknäuel erfreut aus, als ihre Flügel wuchsen.

Shaolan, mit je einer Hand seiner Eltern auf jeder Schulter, lächelte über sein verheultes Gesicht, als die drei, mit denen er so viel Zeit verbracht hatte, das Land Clow verließen.

 

Sakura lachte, als Shaolans Schritte immer schneller wurden, bis er praktisch im Laufschritt den Gang hinuntereilte.

„Es ist immer das Gleiche.“ Sie beeilte sich, um mit ihm mitzuhalten und beide nahmen sich an der Hand, um die letzten Meter bis zum Ziel gemeinsam zu gehen.

Im Wohnzimmer, das zu den Räumlichkeiten seiner Eltern gehörte, angekommen, zog Shaolan zwei Taschenuhren aus seinen Hosentaschen und kontrollierte die unterschiedlichen Zeiten. Watanuki und Mokona, sowie 'Shaolan' und 'Sakura' kamen weitaus gemächlicher in den Raum spaziert und machten es sich auf einem der Sofas gemütlich.

Sie hatten mit Kurogane, Fye und Mokona feste Zeiten vereinbart, zu denen sie sich (mithilfe der Mokonas) verabredeten. Clow und Nihon unterschieden sich in ihren Zeiten nur minimal, sodass Shaolans Angst, sie könnten zu viel voneinander verpassen, zügig verflogen war. Sie redeten auch so zwischendurch und spontan mal miteinander, aber diese Treffen waren Shaolan beinahe heilig. Obwohl seit ihrer Abreise bereits viele Monate vergangen waren, nahm die freudige Aufregung des Jungen bei keinem Mal ab. Er wirkte stets übernervös, bis die schwarze Mokona die Verbindung aufgebaut hatte.

Dieses Mal stutzte er allerdings.

Mokona winkte ihnen fröhlich entgegen, doch Kurogane saß mit verdrießlicher Miene und überkreuzten Armen da und seufzte. Wo war Fye? War etwas passiert? Hatten sie sich gestritten? Kurogane hatte den Shaolans verraten, dass er einige Bedenken bezüglich Fye und Nihon gehabt hatte. Der Ninja hatte dies so natürlich nicht gesagt, aber man hatte heraushören können, dass er sich gesorgt hatte, ob der Magier sich an das Leben in seiner Heimat gewöhnen würde. Die schwül-warmen Sommer in Nihon waren eine dieser Sorgen, ob Fye sich an das Leben im Schloss Shirasagi gewöhnen könnte, eine andere.

Aber Fye war Fye.

Er klagte zwar ausgiebig über das Wetter, fand aber Mittel und Wege, es erträglicher zu machen (wofür war er denn bitte ein Magier?). Und das Leben im Schloss bereitete ihm auch keine Probleme. Tomoyos Schwester hatte ihnen auf dem Schlossgelände eine Wohnung herrichten lassen, sodass der Blondschopf sich in seiner eigenen Küche austoben konnte – und außerdem konnten sie vor Ort einen Magier sehr gut gebrauchen. Kurogane, teils Leibwächter Tomoyos, teils Ausbilder neuer Rekruten (Soma hatte an dem Tag, als er dazu ernannt worden war, vor Glück geweint. „Dass ich das noch erleben darf!“), hatte seine Sorgen somit irgendwann ablegen können. Wenn man davon absah, dass Tomoyo und Fye sich zu seinem Leidwesen zu gut verstanden und gerne gemeinsam Dinge ausheckten, unter denen er dann zu leiden hatte (er glaubte bis heute nicht, dass sich die funkelnden Glitzersteinchen „ganz von allein“ auf seinen Umhang geklebt hatten. In der Tat hatten einige noch an Fye und Tomoyo geklebt, während sie das behauptet hatten!).

Mit ängstlichen Augen sah Shaolan auf das Bild, das die Mokonas projizierten, aber bevor er irgendetwas sagen konnte, hob Kurogane eine Hand. Selbst so wusste der Ninja immer sofort, was in ihm vorging.

„Der Magier verspätet sich“, sagte er mit ruhiger Stimme.

„Ist … ist etwas passiert?“, hakte Shaolan noch nicht wirklich beruhigt nach. Verdutzt registrierte er Kuroganes Reaktion darauf.

Stöhnend kratzte der Schwarzhaarige sich am Hinterkopf. „Das ist so: Vor kurzem gab es einen kleinen Vorfall an einem der Tore zum Schloss. Und der Magier kümmert sich jetzt darum.“

„Ah … äh … huh?“ Verwirrt versuchte Shaolan zu verstehen, was Kurogane ihm so kryptisch mitteilte. Dass Mokona die ganze Zeit freudestrahlend grinste, verwirrte ihn nur noch mehr.

„Papa kümmert sich doch auch!“

„Ein Vorfall?“, fragte Shaolan beklommen nach.

„Jemand hat außerhalb eines Tors ein-“ Kurogane stockte und sein Blick wanderte zur Seite, von wo ein paar Geräusche zu hören waren. Sakura war derweil mindestens so verwirrt wie Shaolan selbst und Watanuki runzelte die Stirn. Nur die beiden Erwachsenen sahen sich erwartungsvoll an.

Wie gewohnt lächelnd kam Fye hinzu und trug im Arm ein kleines, in eine Decke eingemummeltes Bündel.

Shaolan und Sakura zogen die Luft ein, als sie zu begreifen begannen.

„Entschuldigt die Verspätung, aber jemand hat den gleichen Appetit wie ihr Herr Papa – und auch die gleiche miese Laune, wenn sie nicht sofort bedient wird.“

„Ist das … ist das ein Baby?“ Sakura schlug vor Freude die Hände zusammen.

Fye drehte das Kind so, dass die anderen es besser sehen konnten. „Sie wurde vor einem der Tore abgelegt und Tomoyo meinte, irgendwer sollte sich um sie kümmern …“

„Guckt mal! Guckt mal!“ Mokona hüpfte aufgeregt auf und ab. „Unsere kleine Schwester!“

„Ein Mädchen? Ihr habt ein Mädchen?“ Diese Neuigkeit schien Sakuras Freude noch zu verstärken. Watanuki hingegen schien plötzlich merkwürdig angespannt zu werden, als er sich das Findelkind näher betrachtete.

Ein durch und durch erfreutes Lächeln breitete sich auf Shaolans Gesicht aus. Dieses Kind würde in guten Händen sein. Dem Umstand, dass Kurogane seine übliche sauertöpfische Miene machte, maß er keinerlei Bedeutung bei. Er konnte das stolze Blitzen in seinen Augen erkennen, jedes Mal, wenn er zu Fye und dem Kind hinüberblickte.

„Wir gratulieren euch“, sagte 'Shaolan' und lächelte so, als ob er den gleichen Gedanken wie sein Sohn gehabt hätte.

„Ihr werdet ihr fantastische Eltern sein“, pflichtete 'Sakura' ihm gerührt bei.

„Yuko ...“, hauchte Watanuki, die Augen stur auf das schwarzhaarige Kind gerichtet, und die Blicke aller anderen um ihn herum fielen umgehend auf ihn.

Fye jedoch schmunzelte und war gar nicht überrascht. „Das war auch das Erste, was Mokona gesagt hat, als sie das Kind gesehen hat.“

„Deswegen hat Mokona so ein Kribbeln im Bauch!“, entfuhr es der schwarzen Mokona.

„W-was? Kann das-kann das wirklich …?“ Shaolan kniff die Augen zusammen, um das Mädchen anzuvisieren. Es war schwer zu sagen. Sah sie Yuko ähnlich? Aber die Mokonas hatten vermutlich ein Gespür dafür, oder?

„Ich sehe da überhaupt keine Ähnlichkeit zur Hexe“, brummte Kurogane. „Aber ich bin eh schon überstimmt worden, was ihren Namen angeht.“

„Yuko!“ Mokona grinste breit und fröhlich.

„Diesen Namen finde ich gut“, entgegnete Watanuki und musste lachen. So gelöst hatten noch keiner von ihnen ihn je lachen gehört. Wenn seine Yuko wiedergeboren werden konnte und Einfluss darauf hatte, wie – sie würde auf jeden Fall diesen Weg wählen.

„Kuro-pon, du hast es doch eh nicht so mit Namen“, wandte Fye amüsiert ein.

„DAS SAGT DER RICHTIGE!“

„Du nennst sie ja jetzt schon nur 'Kleine' und ich wette, irgendwann wird sie nur noch als Papas kleine Prinzessin bekannt sein.“

„KLAPPE!“ Der Ninja lief dunkelrot an.

„Papa ist gaaanz verrückt nach ihr“, verriet nun Mokona. „Er singt ihr sogar Schlaflieder – auch wenn er total grässlich singt!“

„WER SINGT HIER GRÄSSLICH?!“

Man hätte meinen sollen, dass ein kleines Kind bei diesem Geschrei aufwachen würde, doch das Mädchen schlummerte friedlich und je mehr Kurogane sich aufregte, desto seliger wurde das Lächeln, das dabei ihr hübsches Gesichtchen zierte.

Yuko.

Keine Frage.

Shaolan ließ seinen Blick von der kleinen Yuko, zu ihren gemeinsamen Eltern, zu Mokona, zu der anderen Mokona, zu Watanuki, zu Sakura und schließlich zu seinen Eltern schweifen.

„Danke“, sagte er tonlos und praktisch ungehört in den Raum hinein. Er war wunschlos glücklich.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich denke Tokyo Revelations gehört zu den besten Animes, die je gemacht worden sind – und dass Kurogane nie genügend Anerkennung bekommt, für das, was er dort leistet. Er ist derjenige, der am wenigsten versteht, was überhaupt los ist und gleichzeitig derjenige, der am meisten tut, um die Gruppe zusammenzuhalten. Da musste ich die anderen mal sagen lassen, wie dankbar sie ihm dafür sind. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich habe auf einem tumblr-Account mit dem Namen „starlyte road“ eine Auflistung aller Spitznamen, die Fye je Kurogane gibt, gefunden. Weil ich mich selber nicht an alle erinnern kann und mal Abwechslung reinbringen wollte, habe ich diese großartige Auflistung zur Hilfe genommen. Mein Dank wird starlyte road wohl nicht erreichen, aber er ist definitiv vorhanden! Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
„Helios“ ist der Name des griechischen Sonnengottes, „Phaethon“ ist der Neffe von Helios, der sich den Sonnenwagen des Onkels ausborgt und damit umkommt. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Erkennt man vielleicht schon langsam, worauf ich mit allem hinauswill?
Da beim ersten Besuch in Infinity sowohl Kurogane als auch Fye sichtlich leiden, wollte ich ihnen (ähnlich wie bei meinem Tokyo-Kapitel) eine etwas versöhnlichere Erfahrung dort geben. Und auch Shaolan brauchte dringend mal etwas mehr Nähe, deswegen fallen die Höflichkeitsanreden weg. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich weiß nicht genau, wo die Idee für die San Francisco-Hippie-Welt („ai“ = Liebe, „heiwa“ = Frieden) herkam, aber ich mag sie unheimlich – genau wie die Vorstellung eines eifersüchtigen Fyes, was die Grundlage für diesen Teil der Geschichte war. Fye weiß ja schließlich nicht, wie Kuroganes Mutter aussieht. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Kurogane brauchte unbedingt mal jemanden, bei dem er seine Sorgen abladen kann. Es war ein bisschen anstrengend, weil seine Mutter keinen Namen hat und ich ihr auch nicht einfach irgendeinen geben wollte.
Und ja, es brauchte auch unbedingt die obligatorische Szene, die Shaolan in Verlegenheit bringt – und dieses Mal nicht nur Shaolan. Ich hatte unverschämt großen Spaß an dieser Szene. XD Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Mein Problem mit Watanuki ist, dass ich xxxholic nie gelesen habe. Ich hoffe daher, dass ich ihn trotzdem passabel hinbekommen habe. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Es war Zeit für einen Cliffhanger. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Wenn es richtig schlimm wird, landet man in Nihon. Das vorige Kapitel diente als Vorbereitung für Shaolans Nervenzusammenbruch. Außerdem wollte ich Mokona und Kurogane eine gefühlvolle Szene zusammen geben. Ich glaube, niemand hängt mehr an dem Wollknäuel als er.
Und was kommt traditionell nach Nihon? Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
„Jun“ ist Japanisch und bedeutet „rein, unschuldig“, „na“ markiert es als Adjektiv und „sekai“ bedeutet Welt (=> die reine Welt). „Solum“ und „arbor“ wiederum sind Lateinisch für „Erde“ und „Baum.“ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Haha, wie viel Aufwand ich betreibe, nur um Kurogane zu ärgern.
Diese Geschichte ist so viel länger geworden, als ich das ursprünglich gedacht hatte. So langsam bewegen wir uns aber auf den Showdown zu. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Die Magier haben alle Namen, die mit dem Weltraum zu tun haben. „Seiza“ ist Japanisch für Sternkonstellation, „ryusei“ ist die Sternschnuppe, „taiyo“ die Sonne, „uchu“ der Weltraum und „hoshi“ der Stern.
Ich bin sehr gespannt zu hören, was ihr über die Entwicklung der Geschichte denkt. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
„Tsuki“ ist der Mond und „ginga“ die Galaxie.
Mit dem Ende des Kapitels habe ich mich beim Schreiben selbst zum Weinen gebracht. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich dachte mir, warum soll es niemandem geben, der stärker ist als Clow, Feiwan und Yuko? Damit täte sich ja eine Möglichkeit auf, das Problem lösen zu können. Es folgt noch der Epilog. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und deswegen hatte diese Geschichte den nicht ernstgemeinten Arbeitstitel „Gern geschehen, CLAMP.“ Mit dem letzten Kapitel löse ich dann auch endlich auf, warum diese Geschichte diesen leicht kryptischen Titel bekommen hat. Nachdem ich „Zusammen“ geschrieben hatte, war mir der Gedanke gekommen, wie schade es ist, dass ich keine Lösung für Shaolans Problem hatte. Also dachte ich über eine Lösung für sein Problem nach. Mir kamen zudem noch einige andere Ideen für Tsubasa Chronicle-Geschichten in den Sinn und diese habe ich dann alle hier verarbeitet. Ich wollte selber wissen, wie die Charaktere sich im Verlauf der langen Reise weiterentwickeln könnten.
Es war ein Projekt, das sehr viel Arbeit bedeutet hat, aber auch unglaublich viel Spaß gemacht hat. Ich hoffe, ihr hattet beim Lesen auch ganz viel davon. Ich war (und bin immer noch) äußerst positiv überrascht, auf wie viel Interesse die Geschichte anscheinend gestoßen ist. Lasst mich gerne wissen, wie ihr die Reise fandet. Ich bedanke mich von Herzen für euer Interesse und dass ihr die Reise begleitet habt! Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (1)

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Von:  Ruha_Ducky
2024-08-24T13:29:06+00:00 24.08.2024 15:29
Ohhh spannend!
Schöne Geschichte, bin gespannt wie es weiter geht.
Antwort von:  rokugatsu-go
31.08.2024 15:12
Ohh, ich freue mich riesig, dass du mir einen Kommentar hinterlassen hast! Nicht nur, weil das auf animexx so selten geworden ist, sondern weil es gerade auch für Tsubasa Chronicle super selten ist.
Vielen, vielen Dank! Es freut mich sehr, dass du mitfieberst. ^^


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