„Es gibt ein kleines Zeitfenster, in dem man in das Gewächshaus eindringen kann, Ami.“ Lautlos landete die groß gewachsene Dunkelelfe hinter mir. Ihre dunkle Haut verschmolz mit der Nacht um uns herum. Die roten Augen sahen mich durchdringend an, bevor sie sich zu mir herunter kniete.
„Wie oft wiederholt es sich, Sha?“ Der Naturelf neben mir spielte nervös mit dem Dolch in seiner Hand, rückte sogar den Bogen um seinen Oberkörper noch einmal zurecht. An seiner Seite war ein kleiner, roter Feendrache, der uns aufmerksam musterte.
„Alle zehn Minuten. Ist aber auch nur eine halbe Minute da. Für uns ist das Fenster auch zu klein, Valos.“ Sha sah mich durchdringend an und ein Schauer glitt über meinen Rücken. Als ich zwischen meinen zwei Begleitern hin und her sah.
„Nur ein Kobold wie Ami einer ist, kann dort eindringen. Kein Wunder, dass ein Team zu bilden Voraussetzung für diese Quest war.“ Sie seufzte kurz und lächelte mich dann an. Ich sah hinunter auf meine kleinen Hände und Füße. Sie waren dicker als die meiner beiden Begleiter, aber auch kürzer und kleiner. Konnte ich das?
Ich holte tief Luft, ballte meine Hände zu Fäusten und nickte ihnen dann entschlossen zu. „Keine Sorge. Verlasst euch auf mich. Ich werde die Kräuter der Königin stehlen und dann sind wir eine der ersten zehn Gruppen, die diese Aufgabe schaffen.“
„Nimm Thar mit. Er kann dir bestimmt helfen.“ Valos gab dem kleinen Drachen ein Zeichen und sofort tapste er zu mir herüber und sah mich mit seinen großen, grünen Augen an. Ein leises Fiepen erklang und er schmiegte sich an mein Knie.
„Okay, wann ist das nächste Zeitfenster?“ Die Nervosität begann meinen Magen zu verknoten und ich schluckte kurz trocken, um das pelzige Gefühl auf meiner Zunge zu verlieren. Es klappte nicht und meine Hände begannen feucht zu werden. Ob ich damit überhaupt meinen Dolch halten konnte?
„In ungefähr fünf Minuten. Bist du bereit Ami?“ Sha sah mich besorgt an und legte einen Finger auf meine Hand. Die Kälte verschwand und wich einer angenehmen Wärme, die auch die Nervosität von mir nahm.
„Ja, ich schaff das schon. Verlasst euch auf mich.“ Mit diesen Worten zog ich die Kapuze meines dunklen Umhangs über meinen Kopf. Ich sah um den großen Stein, der unser Versteck war, herum auf das gewaltige Schloss, das sich in den Nachthimmel erhob.
Lauter Magieflammen erleuchteten den Hof und die Burgzinnen, während mehrere Zweiergruppen von Nephilim überall patrouillierten. Doch bevor ich mich in der schieren Masse an Verteidigung verlieren konnte, riss mich der ausgestreckte Arm von Sha wieder in das Hier und Jetzt zurück.
„Siehst du? Dort hinten? In dieser kleinen Ecke entsteht bald ein toter Winkel, weil sowohl oben als auch unten keiner darauf Einsicht hat. Dort ist ein Abwasserrohr. Du solltest mit deinem Schattenschritt durch die Gitter schlüpfen können.“ Ihr Blick fiel auf Thar. „Der Kleine kann hoffentlich schon teleportieren?“
„Ja, seit zwei Level.“ Valos strahlte über das ganze Gesicht. Seine gebräunte Haut war bei weitem nicht so dunkel wie die von Sha, doch an vereinzelten Stellen schwarz tätowiert. Muster, die für sein Volk eine Bedeutung hatten, mir aber gänzlich willkürlich erschienen.
„Das ist gut, sonst hätte der Kleine gleich hier bleiben können. Halte dich bereit, Ami.“ Ich duckte mich und aktivierte meine Verstohlenheit, sodass ich für die anderen unsichtbar wurde.
„Immer wieder gruselig, wie sie verschwindet“, flüsterte Valos und Sha nickte neben ihm. Ich grinste breit und folgte dann noch einmal den Fingerzeig von der Dunkelelfe. „Dort hinten. Du musst dich beeilen, Ami.“
Ich nickte und schlich dann los. Nur noch fünf Minuten. Ein Fuß vor den anderen. Thar war neben mir und im nächsten Moment griff ich nach dem kleinen Tier. Er war noch jung und somit konnte ich ihn ohne Probleme an meine Brust drücken. Sofort ging meine Verstohlenheit auf ihn über und er verschwand mit mir zusammen in den Schatten.
Wenn er ausgewachsen war, dann konnte ich auf ihn reiten, doch jetzt war er noch ein Welpe. Klein und unbeholfen. Ob er mir wirklich eine Hilfe war? Mich beschlichen Zweifel, doch ich schüttelte sie mit einer kräftigen Kopfbewegung ab. Unwichtig. Es galt das Zeitfenster zu erwischen.
Ich atmete noch einmal tief durch, um mein schneller schlagendes Herz zu beruhigen. Dort waren die gewaltigen Nephilim mit ihren breiten Schultern und der schimmernden Haut. Elfen bewachten die Zinnen. Sie blieben immer mal wieder stehen und richteten ihren Blick in die Ferne. Zu weit, um mich zu entdecken.
„Okay, Thar. Sobald die Gruppe abgebogen ist, laufe ich los. Du musst dich dann kurz vor dem Gitter hindurch teleportieren. Ich kann dich bei meinem Schattenschritt nicht mitnehmen“, flüsterte ich den kleinen Drachen ins Ohr. Seine hornähnlichen Verlängerungen im Gesicht zuckten freudig unter einem leisen Fiepen.
„Okay, Ami, du schaffst das. Niemand ist besser als du. Du packst das. Darauf hast du dich wochenlang mit den anderen vorbereitet. Es wird gehen“, sprach ich mir selbst leise Mut zu und Thar zitterte kurz in meinen Armen. Erneut ein leises Fiepen, doch dann kam das Zeitfenster immer näher und ich sprintete los. „Jetzt!“
Der kleine Feendrache verkrampfte sich in meinen Armen. Die Nephilim verschwanden und auch die Elfen drehten der Außenwelt den Rücken zu. Ich hielt den Atem an. Nur noch drei Schritte. Mein Griff verfestigte sich. Ein Zeichen für Thar, denn schon aktivierte ich meinen Schattenschritt.
Ich tauchte in die Dunkelheit ein. Eine Leichtigkeit befiel meinen Körper und ließ mich lächeln. Dort waren die Stäbe, doch ich glitt durch sie hindurch, als existierten sie nicht. Nur zwei Schritte und dann kam die Schwere zurück. Mit ihr die Substanz meines Körpers und Thar tauchte neben mir aus dem Nichts auf.
Mit einem Platschen trat ich in das Rinnsal von Wasser und rümpfte die Nase. Was tat man nicht alles für einen Spielerfolg? Hier stank es widerlich. Königlicher Mist ist halt doch auch nur widerlich.
„Okay, wenn ich mich richtig erinnere, dann müssen wir dort lang.“ Ich hielt meine Stimme gesenkt und trat aus dem Wasser, um nicht noch weiteren Lärm zu machen. Mein Blick glitt zurück durch das Gitter, bevor ich noch drei weitere Schritte Abstand machte. Die nächste Gruppe ging daran vorbei. Kein Wort drang zu mir durch, nur das leise Stampfen ihrer schweren Schritte, zusammen mit dem Rasseln ihrer Rüstungen.
„Ob sie wohl freiwillig hier sind oder gehören sie zu Herjas Sklaven?“ Thar sah mich nur mit großen Augen an, als verstand er nicht, wovon ich sprach. Ich lachte kurz auf und winkte dann ab, um schon weiter durch die Kanalisation zu gehen. Thar flog neben mir her. Seine durchsichtigen Flügel schimmerten leicht und schlugen ruhig, um ihn in der Luft zu halten.
Immer wieder drangen Geräuschfetzen aus den Bereichen über uns, doch ich blieb nicht stehen. Hier unten waren wir sicher und der Gestank nahm auch mit jedem Atemzug mehr ab bis ich ihn gar nicht mehr wahrnahm. Ich brauchte danach bestimmt ein Bad, sonst bekam ich Ärger mit Sha.
Ich lächelte bei dem Gedanken an sie, doch stoppte nicht. Jede Ecke und Kreuzung wurde vorsichtig in Verstohlenheit ausgespäht. Thar blieb ruhig hinter mir, doch niemand begegnete uns. Hier unten wollte niemand sein und ich verstand es auch, doch es war die einzige Möglichkeit laut unserem Informanten in den geheimen Garten von Herja zu gelangen.
„Die nächste Leiter müssen wir dann hoch. Dort sollten wir direkt im Garten herauskommen.“ Erneut nur große Augen von Thar und ich schüttelte darüber den Kopf. Valos hatte ihn noch nicht lange. Erst vor kurzem war er ihm aus einem Ei geschlüpft. Nur deswegen war er kleiner als ich, wenn er ausgewachsen war, konnte ich auf ihn reiten.
Ich rannte weiter und dann erhob sie sich schon vor mir. So groß und riesig, dass ich sofort nach meinen Enterhaken griff, der immer an meinem Gürtel befestigt war. Ein Kobold kam sonst nirgends hin. Nicht in der Welt der Großen.
Mit gekonnten Drehungen warf ich ihn zur ersten Leitersprosse und zog mich an dem Seil nach oben. Thar blieb immer auf meiner Höhe. Ich kletterte weiter und weiter. Sah nicht zurück. Jede Sprosse war anstrengender als die davor, doch ich stoppte nicht. Dort oben wartete die giftigste Blume unseres Kontinents auf mich. Die Händler zahlten ein Vermögen für sie und erst die Assassinen und Auftragsmörder. Jeder wollte ein Stück davon haben.
Thar fiepte kurz hinter mir und ich sah ihn irritiert an, als ich schon auf der letzten Sprosse angekommen war. Der Schweiß lief mir den Rücken herunter und klebte meine Lederrüstung an meine Haut. Selbst meine Haare hafteten mir nass im Gesicht, doch ich strich die verirrten braunen Strähnen wieder hinter mein Ohr. Bald musste ich mir meinen Pigtails wieder neu binden, doch wichtiger war es, jetzt durch dieses Gitter zu kommen.
Mit einem leisen Klirren fand der Enterhaken Halt und ich atmete tief durch, bevor ich mich erneut hochzog. Kurz vor den engen Stäben aktivierte ich erneut meinen Schattenschritt und schlüpfte hindurch. Thar tauchte nur einen Herzschlag später neben mir auf. Ich lächelte den kleinen Drachen an, doch bevor ich etwas sagen konnte, war dort der aromatische Geruch von Kräutern.
Um mich herum erhob sich ein riesiger Dschungel mit allen möglichen Pflanzen und in mir erwachte das Gefühl, dass ich nur noch eine Ameise war. Unbedeutend und klein. Zweiteres war ich wirklich, doch Ersteres stand nicht auf meiner Liste.
„Okay, Thar. Die Pflanze sieht so aus.“ Ich rief die Questbeschreibung durch meinen Armreif als Hologramm auf und zeigte dem kleinen Drachen ein Bild des Krauts. „Wir müssen sie finden und zwar in der nächsten halben Stunde. Da beginnt der nächste Kontrollgang des Gärtners.“
Er nickte mir zu und flog dann davon. Ich selbst machte mich ebenfalls auf den Weg und sah mich um. So viele Pflanzen, doch keine entsprach dem Bild: Ein kleines, unscheinbares Kraut mit fransigen Blättern und einer blauen Blüte mit roten Streifen.
Nach ein paar Abzweigungen kam ich an einem Hochbeet an. Das Bild auf dem Holz glich dem des Krautes, das ich suchte. Es zierte neben vier weiteren Abbildungen die Wand des Holzkastens und so griff ich erneut nach meinem Enterhaken.
Ich schwang ihn. Die Erde unter meinen Füßen begann zu zittern und schon war dort wieder das Rasseln der Rüstungen. Shit!
Sofort packte ich den Enterhaken wieder an meinen Gürtel und huschte dann hinter das Bein des Hochbeetes. Sie kamen näher. Die Erde bebte regelrecht und die besinnliche Stille war nur noch von dem metallischem Scharben erfüllt. Ich zwang mich, tief und ruhig zu atmen, obwohl mein Herz so schnell schlug und meine Hände leicht zitterten. Meine Nackenhaare stellten sich unter einem Schauer auf und ich presste mich stärker an das Holz in meinem Rücken.
Sie durften mich nicht finden!
Dort lag dieser salzig-süßliche Geruch in der Luft und ich wusste Bescheid: Sie waren versklavt und standen unter Herjas Bann. Kurz erwachte Mitleid in meinem Herzen, doch dann kam mir meine Aufgabe wieder in den Sinn.
Ihre Schatten verschwanden und ich huschte aus meinem Versteck. Meine Finger fanden das Seil des Enterhakens sofort und nach ein paar Umdrehungen warf ich es nach oben.
Zu kurz. Er kam mir wieder entgegen und ein leiser Fluch entwich mir. Das Zittern des Bodens wurde schwächer. Ein Fakt, der mich weiter entspannen ließ.
Thar kam mit einem Fiepen zu mir und ich lächelte ihn an. „Hey, Thar. Schau mal nach, ob da oben wirklich die Pflanze ist. Ich komme gleich nach.“ Erneut ein leises Fiepen und er folgte meiner Anweisung. Ich selbst umschloss das Seil fester und atmete noch einmal tief durch. Drei Umdrehungen und dann mehr Kraft in den Wurf. Der Haken flog höher und höher. Mit einem leisen Aufprall hakte er sich in den Rand des Beetes fest. Drei kräftige Züge an dem Seil und ich begann den Aufstieg.
Meine Lederfingerlinge verhinderten, dass sich das raue Material in meine Hand schnitt. Ich sah nicht zurück, denn dann kam es für mich kein Weiterkommen mehr. Nach oben. Nur nach oben sehen. Nicht die Entfernung erkennen, die ich schon zurückgelegt hatte. Dieses Problem war dann beim Rückweg da. Nicht jetzt.
Endlich war ich beim Holz angekommen, doch dann war dort wieder das Geräusch der sich nähernden Wachen. Thar fiepte und sah besorgt über den Rand zu mir hinunter, als ich kurz stockte, bevor ich dann mit einem tiefen Knurren schneller kletterte. „Ich weiß. Ich beeile mich schon.“
Sofort schnappte er nach dem Seil und begann es nun seinerseits nach oben zu ziehen. Ich war zwar sehr klein, doch die Wachen sahen mich, wenn sie an dem Hochbeet vorbeikamen, und dann machte man aus mir einen Geschichtenerzähler und mein Charakter war vorerst verloren. Solange bis mich Valos und Sha befreiten.
Die feuchte Erde empfing mich als mich Thar mit einem letzten, kräftigen Ruck über den Rand zog und ich dann erst einmal schwer atmend liegen blieb. Ein leichter honigsüßer Geruch legte sich über mich und flüsterte mir süße Träume ins Ohr. Erneut fiepte Thar leise neben mir, doch meine Glieder begannen schwerer zu werden.
Schlaf ein, mein Kind. Träum süß. Schlaf tief und fest.
Ein kurzer, scharfer Schmerz riss mich aus der Dunkelheit zurück und ich blickte auf den kleinen Drachen, der an meinem Arm hing. Erneut musste ich lächeln und strich ihm über seinen schuppigen Kopf. „Danke, Thar. Los, lass uns das Kraut holen und dann nichts wie zurück zu Valos und Sha.“
Er stimmte mir mit einem Fiepen zu und ich trat auf die Pflanze zu. Ihre Blätter waren größer als ich selbst und auch die kelchförmige Blüte könnte ich als Gleiter benutzen. Noch einmal rief ich das Questmenü auf und überflog, welchen Teil wir brauchten. Entweder die Blätter, aber am meisten Gift trug die Blüte in sich. Konnte ich sie wirklich?
Ich tastete mit meinen Fingern nach meinen Dolchen, die in ihren Scheiden an meinem Gürtel hingen. Wenn ich jetzt die Blüte abschnitt, dann fiel es der nächsten Patrouille sofort auf. Spätestens der Gärtner erkannte es und ob ich dann schon schnell genug draußen war, bezweifelte ich.
Alles in mir schrie danach die Blüte zu holen. Das hatte vorher niemand geschafft. Jeder Kobold oder Fee kam nur mit einem Stück Blatt zurück, aber eine ganze Blüte? Noch nie. Ich könnte die Erste seien. Die erste Koboldin, die eine Blüte aus diesem Wintergarten stahl.
Ich begegnete dem Blick von Thar und sein kleiner Körper zitterte kurz, bevor er erneut fiepte. „Ich weiß. Es ist riskant, aber der Ruhm wäre grenzenlos. Wir müssen es probieren. Komm schon. Wir warten kurz bis die nächste Patrouille durch ist und dann schneide ich sie ab. Wir verschwinden sofort durch den nächsten Abfluss.“
Das skeptische Flackern in seinen Augen blieb, doch ignorierte es. Dort war wieder das Rasseln. Wir versteckten uns unter einem Blütenblatt. Der süßliche Duft lullte mich ein, doch nach einem Kopfstoß von Thar war ich wieder hellwach. Ich durchschnitt den Stiel so hoch es ging und dann fiel die Blüte wie ein gewaltiger Baum. Sie war schwer, doch mit Thars Hilfe konnte ich sie zum Rand tragen.
So hoch. Der Boden war so weit weg. Mir wurde schwindelig bei dem Anblick, doch ich schluckte erneut trocken. Ein kurzer Anlauf. Thar funktionierte perfekt und ich sprang mit ihm zusammen über den Abgrund. Der Kelch der Blüte fing die Luft ein und bremste meinen Fall. Ich segelte. Thar flog hinter mir.
Dort war das Gitter. Nur einen Schritt der Großen entfernt. Nicht mehr weit. Leicht nach links lehnen und ich flog eine Kurve. Nur noch kurz. Bald war ich da. Das Klimpern von Schlüssel drang zu mir durch. Der drückende Geruch von nasser Erde und Schweiß erfüllte den Raum. Zusammen mit den schweren Schritten.
War die halbe Stunde schon vorbei? Nein! Das kann nicht sein!
Mein Blick wanderte auf den Countdown, den wir uns ganz zu Beginn gestellt hatten, als wir das letzte Mal Licht durch den Wintergarten huschen sahen. Der Abfluss war da. Nur noch ein halber Meter. Meine Konzentration lag auf meinem Schattenschritt.
Ein Zittern ging durch die Blüte, doch dann legte sich ein Schatten über uns und mein Herz setzte aus. „Na? Was haben wir denn da? Einen diebischen Kobold? Na, der wird Herja bestimmt gefallen.“
Diese gewaltige Hand, die sich nach mir ausstreckte und obwohl ich mich verzweifelt in die entgegengesetzte Richtung lehnte, kam sie näher. Sie stoppte nicht. Ihre Wärme streifte mein ganzes Sein und dann raubte sie mir mein Licht und riss mich in eine unendliche Dunkelheit.
Sie haben Ihren Charakter an Herja verloren. Wollen Sie um Rettung bitten?
Ja? Nein?
„Fuck! Ich war so kurz davor!“ Ich nahm die Virtual Reality Brille ab und starrte auf den schwarzen Bildschirm, der mir zeigte, dass mein Charakter noch nicht befreit war. Eine Stoppuhr zeigte mir, wie lange ich nun schon in Gefangenschaft war, doch ich wusste, dass Marcel und Antje schon an der Sache dran waren.
„Hey, Kathi? Alles okay? Ami ist auf der Liste der Gefangenen.“ Die dunkle Stimme von Marcel drang aus meinen Kopfhörern. Sie flatterte immer leicht. Ab und an wurde sie schrill oder kratzig. Auch jetzt hüpfte sie zwischen den Oktaven hin und her.
„Ja und nein. Man hat mich geschnappt. Ich hatte die Pflanze schon und war auf dem Weg zurück. Da hat mich der blöde Gärtner erwischt. Derweil hatte ich noch Zeit. Der Countdown war noch nicht abgelaufen.“ Ich schnappte meinen Kugelschreiber, der neben einem Block auf meinem Schreibtisch lag. So lange hatte ich diesen Einbruch geplant und jetzt waren alle Notizen umsonst gewesen, oder wie?
„Warum war der Kerl da? Der hätte noch gar nicht auftauchen sollen“, grummelte ich und begann auf dem Kugelschreiber zu beißen. Zwei Monate hatte ich dieses verdammte Gewächshaus mit Marcel und Antje ausgekundschaftet, doch all die Informationen waren nutzlos, wenn sich die NPCs nicht an ihre Programmierung hielten.
„Wir haben sein Licht auch nicht gesehen, deswegen waren wir so überrascht, als wir die Nachricht bekamen, dass du um Rettung bittest.“ Antjes Stimme war wie eine sanfte Frühlingsbrise. Sie strich über meine Seele und hüllte mich ein, um dann all den Kummer und Ärger mit sich zu nehmen. Sofort lächelte ich und dort war diese wohlige Wärme, die ich immer bei ihr empfand.
„Fuck“, fluchte ich erneut und biss fester auf den Stift, der schon voller Bissspuren war. „Wann habt ihr mich da rausgeholt? Was ist mit Thar passiert? Konnte er entkommen?“
„Leider nein. Sein Icon ist aus meiner Leiste verschwunden. Ich habe ihn verloren.“ Marcel Stimme war voller Trauer und hinterließ diesen widerlichen Druck der Schuld in meiner Brust, so dass ich erneut dunkel knurrte. Herja und ihre Schergen waren schon immer lästig, doch jetzt standen sie meinem wichtigsten Erfolg im Weg. Ich wollte dieses Kraut. Um jeden Preis. Diese Quest war wichtiger als mein Leben. Wenn es zehn Gruppen geschafft haben, dann verschwand er. Zehn Stück. Die Hälfte war schon vorbei. Wir hatten keine Zeit zu verlieren.
„Wir finden dir einen neuen Feendrachen, Marcel. Schließlich braucht auch Kathi ein Flugtier.“ Der leichte Spott, der in Antjes Stimme lag, ignorierte ich. Seit dem ersten Tag zog sie mich mit der winzigen Körpergröße meines Charakters auf.
„Der war damals gar nicht so leicht und hat ewig gedauert, bis er geschlüpft ist. Warum macht sich Kathi nicht einen neuen Char? Wir haben die doch in nem halben Tag auf Maxlevel gezogen.“ Marcel seufzte, doch in meiner Brust quoll nur der Trotz heran und ein neues dunkles Knurren.
„Ich will keinen anderen Char. Ami ist perfekt. Sie ist winzig, aber ich mag sie. Ich will keinen Elfen oder gar Nephilim spielen, nur um die gleiche Körpergröße zu haben, wie eure beiden. Wir kommen doch auch so super voran.“ Die Stoppuhr lief vor meinen Augen weiter. Rote Zahlen auf schwarzen Grund, die den Effekt von fließendem Blut hatten.
„Wir könnten dich auch einfach nicht retten.“ Diese Worte von Antje trieben einen Dolch in meine Brust und drehten ihn ganz langsam um. Ich schluckte den Schmerz herunter und holte dennoch zittrig Luft, als sich über meinen Blick ein Schleier legte. „Du weißt ja, dass der Charakter nach einer gewissen Frist nicht mehr rettbar ist. Das könnten wir auch abwarten.“
„Das wagt ihr nicht.“ All meine Muskeln spannten sich an und erneut biss ich auf den Kugelschreiber, um einen Schrei zu unterdrücken. „Das wäre Verrat. Ihr wisst, wie wichtig mir Ami ist! Ich habe all meine Freizeit in sie gesteckt! Kein Kobold und vor allem Schurke ist besser als ich!“
„Und dennoch wurdest du geschnappt.“ Eine nüchterne Feststellung von Antje, die diese Wärme in meinem Inneren leicht abkühlte. Ich dachte an ihre leicht geschwungenen Lippen und ihre warmen, braunen Augen. Wie ihr leicht gewelltes, schwarzes Haar durch meine Finger glitt und die Kälte verschwand.
„Ja, weil ich in der Luft war. Sonst wäre mir das nicht passiert.“ Ich hatte meine Ruhe zurückgefunden, doch ich konnte meine Freunde nicht davon überzeugen, dass sie mich retteten. „Ohne mich wären wir erst gar nicht da reingekommen. Dann hätten wir erstmal einen anderen Kobold finden müssen! Vergesst das nicht!“
„Oder wir hätten einen anderen Weg gesucht.“ Marcel zuckte hörbar mit den Schultern, doch wir wussten alle, dass es keinen anderen Weg gab. Erneut biss ich zu. Das Plastik knirschte unter den Druck, doch es hielt stand.
„Den gibt es nicht“, knurrte ich gepresst und endlich lenkte Antje seufzend ein. „Ist ja gut, Kathi. Wir versuchen, dich zu befreien. Also, bleib ruhig, ja? Wir haben dich lieb, vergiss das nicht.“
„Ich liebe dich auch.“ Mit diesen vier Worten fiel die Anspannung von meinen Schultern und ich ließ von dem Stift ab, um mir dann träge durch die kurzen Haare zu streichen.
„Was? Mich magst du nicht?“ Empörung ließ Marcels Stimme schrill wirken, doch ich lächelte breit. „Das muss ich mir noch überlegen.“
„Hey! Antje wollte Ami verrecken lassen! Nicht ich!“ Immer wieder schlug sein Stimmbruch zu und ließ ihn krächzen, doch es gefiel mir, wie er scheinbar verzweifelte. Doch wir wussten alle, dass dies nur ein Spiel war. Neckerei, wie wir sie immer teilten, wenn wir zusammen spielten. Warum waren sie nur so weit weg?
„Antje hat Sonderrechte.“ Mehr sagte ich nicht und ein empörtes Schnauben drang an mein Ohr, auf das ich kurz kicherte. „Wenn ich dir deine Muschi lecke, dann darf ich deinen Kobold auch sterben lassen?“
Mir wurde schlagartig heiß und auch Antje verschluckte sich an einem Schluck Wasser, sodass sie kräftig hustete. „Was? Spinnst du, Marcel! Wie kommst du darauf?“
„Was? Ist doch kein Geheimnis, dass ihr zusammen seid. Der ganze Server weiß das.“ Erneut war dort sein Schulterzucken in den Worten. „Wisst ihr das denn nicht?“
„N-nein“, krächzte ich und auch Antje stimmte mir sofort zu. „Wie? Wie kann das sein?“
„Weil wir kein unbeschriebenes Blatt sind, Leute. Wir sind bekannt auf dem Server, weil die wenigsten so spielen. Gemischtrassig. Das wisst ihr doch.“ Vorwurf schwang in seiner Stimme mit, doch mir selbst, war das nicht so aufgefallen. Aber bis eben waren mir andere Gruppen auch immer egal gewesen.
„Die anderen sind mir egal“, nuschelte ich und Marcel lachte auf. Ich mochte sein Lachen, es klang nach Freiheit und tiefen Glück. Vor allem blieb es auf einer Tonstufe, als hätte sein Stimmbruch keine Macht darüber.
„Mir an sich auch. Bis jetzt kamen wir echt gut alleine zurecht.“ Antje stimmte mir zu und Marcel schüttelte nur hörbar den Kopf. „Das ist mir schon klar, dass ihr nur euch braucht. Mann, ich komme mir schon wieder wie das dritte Rad am Wagen vor.“
„Nein, du bist auch wichtig, Marcel.“ Antje widersprach ihm sofort und auch ich schloss mich ihrer Aussage an. „Ja, ein Dreirad läuft nur mit drei Rädern.“
Erneut war dort sein Lachen und langsam entspannte sich mein Kiefermuskel wieder. Ich gab den Stift frei und drehte ihn unruhig in meinen Fingern. „Also, holt ihr mich jetzt raus? Ich will endlich wieder mit euch spielen.“
„Kathi, das ist nicht so einfach.“ Marcels Zögern entlockte mir ein erneutes Knurren und der Stift wanderte wieder zwischen meine Lippen. „Wir wissen gar nicht, wo Herja so kleine Gefangene, wie dich, einsperrt.“
Die Zeit auf meinen Bildschirm lief weiter und näherte sich unaufhaltsam dieser widerlichen Zahl, bei der alles vorbei war. Ein Tag. Man hatte nur einen Tag Zeit und dann war der Charakter für immer an die Schergen von Herja verloren.
„Ihr müsst Ami retten.“ Meine Stimme zitterte und die Uhr verschwamm leicht. Ich schluckte hart und biss erneut auf meinen Stift.
„Hey, Süße. Wir werden alles tun, um Ami zurückzuholen, okay? Es war nur Spaß, wir haben unseren kleinen Taschenkobold doch auch gerne bei uns.“ Die Worte von Antje waren Balsam für meine Seele und ich sehnte mich danach, sie berühren zu können. Ihre sanften, dünnen Arme, wie sie sich um mich legten und die Welt ausschlossen.
„Danke. Das bedeutet mir viel. Ihr seid-“ Ich stockte und traute der Aufschrift auf meinen Bildschirm nicht. Wie war das möglich? Was wurde hier gespielt?
„Kathi? Was ist los?“ Antjes Stimme flatterte unter der Sorge, doch ich konnte nicht antworten. Die Stoppuhr war verschwunden und stattdessen, war dort ein Schriftzug, doch es war unmöglich. Wie? Wer?
„Kathi?!“ Antjes Stimme wurde schrill, doch ich fand immer noch keine Worte und berührte meinen Bildschirm kurz. Das Glas war kalt, doch es veränderte sich nicht und somit übernahm Marcel das Antworten für mich: „Sie ist weg von der Liste. Man hat Ami befreit.“
„Aber wer?“ Sie verstanden es beide nicht und auch ich selbst, begriff nicht, wie das geschehen konnte, doch dort stand er. Dieser eine Name. Dick und fett auf meinem Bildschirm. Verspottete mich und langsam erwachte die Wut in mir. Erneut ein Knurren.
„Wer hat dich befreit, Kathi?“ Marcel drängte nach einer Antwort, doch ich fauchte nur, bevor ich dann diesen widerlichen Namen wie Säure ausspie: „Askhor.“
„Na, los, mein kleiner Kobold. Erzähl mir eine Geschichte.“ Der grauhäutige Nephilim baute sich vor mir auf. Seine weißen Zähne blitzten auf und das lange, weiße Haar war in einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden. Die roten Augen zeugten von seiner Loyalität Herja gegenüber.
„Träum weiter, Askhor. Was willst du von mir?“ Ich funkelte ihn an. Er hat mich bestimmt nicht ohne Hintergedanken befreit, doch er lachte nur dunkel auf und strich sich über die Brust. „Eine Geschichte. Dafür seid ihr Kobolde doch bekannt. Ich wollte dich nicht versauern lassen und neben meiner Singfee fehlt mir nur noch ein Kobold.“
Erst jetzt fiel mein Blick auf die Fee auf seiner Schulter. Sie war genauso groß wie ich, doch von einem leichten Glanz umgeben und die transparenten Flügel bewegten sich unter jedem noch so leichten Windstoß.
„Kobolde und Feen vertragen sich nicht“, zischte ich und fixierte das gleichgroße Wesen auf seiner Schulter weiter. Wut brodelte in meinem Herzen auf, als ich sie weiter beobachtete, wie sie süffisant lächelte und arrogant mit ihrer Hand durch ihr pinkes Haar fuhr. Es ging ihr bis zur Taille und war leicht gewellt. Sie sah so perfekt aus mit ihren schwarzen Lippen und den ebenfalls roten Augen, dass ich sie alleine für ihre Existenz hasste.
„Deswegen bist du ja auch in einem Käfig und sie nicht. Damit ihr nicht aufeinander losgeht und vor allem du nicht abhaust.“ Askhor drehte sich herum und stellte mich dann auf einem kleinen Tisch in der Mitte seines Zimmers ab. Um meinen Tisch standen zwei Zweisitzer und bildeten so das Zentrum. Dort war noch ein Schreibtisch, auf dem viele Bücher lagen. Ein Sessel stand davor. Dann gab es noch ein großes Himmelbett, das die komplette hintere rechte Ecke einnahm. Das Nachtkästchen wirkte lächerlich klein dagegen.
Der Kleiderschrank war groß und immer wieder sah ich Bilder, Teppiche und Blumen. Alles, was Herja uns verbat, war hier im Übermaß vorhanden. War das sein Privileg, weil er ihr treu ergeben war? Lohnte sich dieser Eintausch wirklich?
Er trat auf sein Bett zu und legte sich hinein, stützte sich auf seine Unterarme ab und musterte mich weiter. Darauf wartend, dass ich endlich mit meiner Geschichte beginne, doch ich war nur eine Schurkin und keine Erzählerin. Wieso hatte er mich wirklich befreit? Er wusste, wer ich war.
„Wie wäre es, wenn du mir erzählst, was du mit dem Kraut vor hattest.“ Im nächsten Moment hielt er meine Beute in der Hand und drehte sie nachdenklich hin und her. Dort war sie: Die Möglichkeit diese Quest noch zu beenden. Sofort nahm ich Kontakt zu Valos und Sha auf, die immer noch online waren: Ich bin in seinem Zimmer. Er hat die Pflanze. Könnt ihr mich rausholen?
„Was wohl? Die Quest beenden und damit in die Top Ten kommen. Was sollte man sonst damit tun?“ Auf meine Antwort betrachtete er sie weiter nachdenklich und stand dann wieder auf. Seine schwarze Lederrüstung schmiegte sich perfekt an seinen Körper an und betonte all seine Vorzüge, die mich kalt ließen. Für mich war er nur ein jämmerlicher Diener von Herja, der sich den einfachen Weg durch dieses Spiel gesucht hatte.
„Du weißt also nicht, was für eine Pflanze das ist?“ Sein Blick fixierte mich und ich erschauderte unter diesem intensiven Rotton, der bis in meine Seele drang. „Nur eine Pflanze aus Herjas Garten. Mehr nicht.“
„Mehr nicht?“ Er lachte erneut auf und schüttelte den Kopf, um dann ein paar Schritte durch sein Zimmer zu schreiten. Die Fee auf seiner Schulter jedoch hob ab und landete auf dem Tisch vor meinem Käfig. Ihre schwarzen Lippen verzogen sich zu einem gehässigen Grinsen und ihr blaues Kleid war so dünn, dass man ihren nackten Körper durchscheinen sah. Obwohl es ihr bis unters Knie ging, fühlte ich mich von ihr sexuell belästigt. Die Unterwäsche, die sie trug, bestand auch nur aus einem String, der nicht viel Raum für Fantasie ließ.
„Du warst schon immer ein dummer Kobold und wirst es immer bleiben.“ Spott triefte aus jedem ihrer Worte, doch mit einem dunklen Knurren unterbrach Askhor sie sofort. „Schweig, Feni! Du hast keine Ahnung! Ami ist mehr.“
Meine Augenbraue wanderte überrascht nach oben. Wovon sprach er denn da? Ich war eine Koboldin und eine Schurkin. Zweiteres sogar sehr gut, wenn es nicht gerade um Herja ging, konnte ich jeden beklauen. Auch ihm hatte ich schon einmal etwas gestohlen. Ich sah an dem Blitzen in seinen Augen, dass er ebenfalls daran dachte, was mich zu einem breiten Lächeln verleitete.
Schon wieder dort? Wie immer auf dem Tisch? Sind die Fenster offen? Dann schicke ich dir Rubin vorbei. Dort war Valos‘ Antwort und kurz wanderte mein Blick zu den Fenstern, die jedoch geschlossen waren. Askhor hatte aus meiner letzten Flucht gelernt.
„Wenn du unbedingt einen Kobold willst, warum holst du dir dann nicht einem vom Schwarzmarkt? Du weißt doch, dass ich nicht für die Käfighaltung geeignet bin.“ Feni hatte sich mittlerweile demütig zurückgezogen und nun waren dort wieder nur wir beide. Askhor, der noch einen guten Kopf größer als Sha war und ich, die Koboldin Ami, die gerade einmal so groß wie seine Hand war. Er konnte mich ohne Mühen zerquetschen, doch er tat es nie.
Nein, die Fenster sind alle zu. Er hat aus dem letzten Mal gelernt. Ich knirschte mit meinen Zähnen und dann war dort wieder Askhor vor mir. Er nahm auf der Couch, die mit dem Rücken zu den Fenstern zeigte, Platz und zog meinen Käfig näher zu sich.
„Wir wissen beide, dass du mit deinen Freunden schreibst. Der Käfig hält dich nicht. Du kannst jederzeit mit deinem Schattenschritt hindurch gehen. Worauf wartest du dann also? Darauf, dass ich mich umdrehe oder gar auslogge?“ Er schüttelte amüsiert den Kopf. „Feni wird dich nicht mehr gehen lassen. Also, erzähl mir eine Geschichte. Wenn sie mir gefällt, darfst du gehen. Zeig mir, dass du eine gute Koboldin bist.“
„Nur eine Geschichte?“ Ich hob zweifelnd meine Augenbraue. Das klang zu leicht für ihn, doch dann fiel mein Blick wieder auf das Kraut in seiner Hand. „Bekomme ich dann meine Beute auch?“
„Die Pflanze?“ Prüfend drehte er sie in seiner Hand hin und her, bevor er dann leicht auflachte. „Nein, nachdem du nicht weißt, was sie kann, bekommst du sie auch nicht. Außer deine Geschichte überzeugt auch Feni.“
Mit verschränkten Armen landete die Fee wieder auf seiner Schulter und alleine ihr Blick verriet mir schon, dass sie sich niemals überzeugen lassen würde. Mein Skill im Geschichtenerzählen war zwar höher als bei Valos und Sha, weil ich eine Koboldin war, doch ich hatte keinen einzigen Punkt hinein gesteckt. Für Askhor konnte es reichen, aber Feni sah schlecht aus, dennoch wollte ich es versuchen.
Was will er von dir? Ich kann nicht einmal einen Fluch hineinschicken. Um sein Zimmer ist ein Bannkreis gelegt. Sha schrieb in unserem Gruppenchat und ich tippte kurz eine Antwort: Er will eine Geschichte von mir.
Was? Der Kerl ist jetzt echt total durchgeknallt. Valos hatte Recht, doch ich saß hier fest und auch wenn ich mit Schattenschritt aus dem Käfig kam. Ich konnte ihm nicht entkommen. Nicht solange er da war und auch wenn ich Feni zumindest körperlich gewachsen war, so hatte ich auch gegen sie schon öfters verloren. Ihre Zauber konnten sich mit den Flüchen von Sha messen.
Ich werde es versuchen. Mit etwas Glück gibt er mir auch die Blume. Drückt mir die Daumen, Leute. Damit schloss ich das Chatfenster und sah Askhor an. Die Gitterstäbe vor meinem Gesicht störten, doch wie er schon sagte: Sie dienten auch meinem Schutz, denn die Mordlust zuckte immer wieder durch Fenis Augen.
„Okay, also, wenn ich euch beide umhaue, dann lasst ihr mich frei und ich bekomme das Kraut.“ Askhor nickte zur Bestätigung und ich holte tief Luft. Der hasserfüllte Blick von Feni beunruhigte mich, doch ich konzentrierte mich lieber auf den großen Nephilim. Wie seine Flügel wohl aussahen? Ich schüttelte den Kopf. Das war egal. Ich brauchte eine gute Geschichte.
„Na, los, wir warten.“ Dort war der Button und ich schaute noch einmal auf meine Skillung. Kein Punkt war dorthinein gewandert, dennoch war er mit zwanzig Punkten höher als bei so manch anderen. Aber reichte das? Kurz überlegte ich, zu resetten, doch etwas sträubte sich in mir. Das war dann nicht mehr Ami.
„Sie hat keine. Bestimmt hat sie keinen Punkt reingeskillt.“ Feni lachte auf, doch Askhor hob seine Hand und bedeutete ihr zu schweigen. „Sie ist ein Kobold. Kobolde erzählen Geschichten. Also, tu das, wofür dich Herja erschaffen hat. Sei ein gutes Haustier.“
Galle stieg mir die Kehle empor, als dort sein widerliches Grinsen war und alles sträubte sich in mir dieses Icon zu drücken. Noch nie hatte ich es verwendet. Nicht einmal für meine Freunde, um sie zu unterhalten. Ami erzählte keine Geschichten, doch jetzt musste ich es tun. Anders kam ich hier nicht heraus, oder?
„Was? Wie ist das möglich?“ Feni wurde unruhig und mich erfüllte eine Wärme, als ich zu leuchten begann. „Feni?! Ich dachte, dass du einen Bannzauber über mein Zimmer gelegt hast!“ Askhor sprang auf und griff nach dem Käfig, um ihn zu öffnen. Seine gewaltige Hand näherte sich mir, dort waren seine Wärme und die Dunkelheit. Doch bevor er mich berührte, tauchte die Welt um mich herum in ein unendliches Weiß und ein gewaltiger Zug wirkte auf meinem Körper. Als holte man mich mit hoher Geschwindigkeit an einem Seil zu sich. Ich konnte kaum atmen und langsam tauchte das Weiß in ein sanftes Schwarz.
Was geschah hier mit mir? Valos. Sha. Helft mir. Ich hab Angst. Bitte rettet mich.
„Wahrscheinlich hat man dich teleportiert. Zwar kenne ich niemanden, der so mächtig ist, um jemanden aus einem Bannkreis zu holen, doch das heißt ja nichts.“ Sha zuckte mit den Schultern. „Was anderes kann ich mir wirklich nicht vorstellen.“
„Teleportation? Ich kenne das aus anderen Spielen. Aber hier habe ich noch niemanden getroffen, der das kann.“ Valos zog skeptisch die Augenbrauen zusammen und erntete dadurch einen bösen Blick von Sha. „Das bedeutet aber nichts. Du kennst kaum jemanden. Vor allem außerhalb deiner Waldelfen Freunde. Aber es gibt ein paar Weißelfen, die durchaus dazu in der Lage sein sollten.“
„Weißelfen? Aber warum sollte mich eine Weißelfe retten?“ Ich verstand immer weniger. Schließlich kannte ich nicht einmal irgendeine Weißelfe. Ich war froh über Valos und Sha. Mehr brauchte ich nicht und gemeinsam meisterten wir jeden noch so gefährlichen Dungeon.
„Das weiß ich auch nicht.“ Sha zuckte mit den Schultern. „Aber an sich ist es auch egal. Viel wichtiger ist es jetzt, dass wir das Kraut besorgen. Die Quest läuft noch und gilt nicht als beendet, weil wir sie nicht mehr in unserem Besitz haben.“
„Ja, Askhor hat es. Aber irgendwie hat er sich komisch verhalten.“ Ich stockte und die irritierten Blicke meiner Freunde zeigten mir, dass ich das erklären musste. Dafür holte ich kurz Luft und ließ das Gespräch Revue passieren. „Er sagt, dass es ein besonderes Kraut ist. Auch wollte er es mir nicht geben, weil ich seinen Nutzen nicht kenne. Aber hätte meine Geschichte Feni umgehauen, dann hätte er es mir überlassen.“
„Ich versteh den Kerl nicht“, schnaubte Sha und schlug theatralisch mit den Armen in die Luft, bevor sie den Kopf schüttelte und sich kurz abwandte. „Will er dich flach legen, oder was?“
„Die Quest heißt ‚Hochmut kommt vor den Fall‘. Vielleicht bezieht sich der Name auf etwas anderes als die Spieler. Wir sollten versuchen, mehr über dieses Kraut herauszufinden.“ Valos ignorierte den Einwand von Sha, doch ich konnte es nicht. Eifersucht und Angst zuckten durch ihre dunkelblauen Augen, genauso wie die tiefblauen Lippen zitterten. Sofort trat ich an sie heran und legte meine Hand auf ihr Knie.
„Egal, was Askhor von mir will. Er wird es niemals bekommen, okay? Ihr seid meine Freunde und niemand ist mir wichtiger. Keiner bedeutet mir mehr, als du, Antje.“ Der Schmerz verschwand aus ihrem Gesicht und machte der altbekannten Liebe wieder Platz. So gefiel mir meine Freundin viel besser. Sofort hielt sie mir ihre Hand hin und ich kletterte darauf, um sie dann sanft zu küssen.
„Okay, wieder alles Tutti im Paradies?“ Valos sah zwischen uns hin und her, ich nickte synchron mit Sha als Antwort. Sofort atmete er erleichtert aus und streckte uns die erhobenen Daumen entgegen. „Super. Okay, dann mal weiter im Text. Wir sollten uns ein wenig umhören, was man sich so über das Kraut erzählt. Vielleicht kapieren wir dann auch, was Askhor vorhat und können es verhindern.“
Erneut wanderte mein Blick zurück zu der Burg. Der Schatten war verschwunden und das Licht gelöscht. Sofort sah ich in die Umgebung und an den Himmel, doch dort war er nirgends. Hatte Askhor wirklich schon aufgegeben? So gut war unser Versteck hinter dem großen Stein nun auch wieder nicht.
„Okay, dann lasst uns in die Hauptstadt zurück reisen und dort die Leute befragen. Vielleicht hilft uns ja auch der Questgeber dabei.“ Sha fasste unseren Entschluss noch kurz zusammen, doch ich selbst sah erneut wieder zu dem Fenster von Askhor. Ich war die beste Diebin auf diesem Server und es kratzte an meinem Stolz, dass ich von einem von Herjas Schergen beklaut wurde.
Dieses Kraut war meine Beute und ich holte sie mir zurück. Ganz sicher. Niemand stahl mir meine Beute. Auch kein Nephilim und schon gar nicht irgendeine dreckige Fee. Mein Körper spannte sich an und ich ignorierte die Unterhaltung von Sha und Valos. Dort war das dunkle Fenster und dahinter meine Beute. Ich holte sie mir. Egal zu welchem Preis. Ich stahl sie mir zurück.
„Okay, meine Mum ruft zum Essen. Ich muss dann mal raus. Sehen wir uns danach wieder?“ Sha sprach in die Runde und Valos stimmte ihr zu. „Ja, ich muss auch kurz raus. Aber danach können wir uns gerne nochmal treffen, oder Ami?“
„Ja, ich muss auch was essen und man sieht sich später wieder.“ Ein kurzer Abschied und wir loggten uns alle aus mit der Voraussicht, dass wir uns in ein oder zwei Stunden wieder sahen. In dieser Welt, die schon längst mein Zuhause geworden ist. Ein Zuhause, wie ich es mir schon seit Jahren wünschen. Ein Ort der Liebe und Freundschaft. Ein Ort des Lichts.
Mit einem tiefen Seufzen nahm ich die VR-Brille ab und sah auf den Menübildschirm von Domination of Fantasy. Dort stand Ami und bewegte sich immer wieder leicht. Sie war für jedes Abenteuer bereit und ihre grünen Augen waren voller Entschlossenheit. Ich mochte ihren schwarzen, eng anliegenden Ganzkörperanzug mit Kapuze. Diese Rüstung war legendär und es hatte mich einige Spielstunden gekostet sie zu bekommen, denn nur dank ihr konnte ich sowohl Verstohlenheit als auch Schattenschritt einsetzen.
Ich ließ das Spiel offen und stand dann von meinem Schreibtischstuhl auf. Durch das kleine Fenster kam das rötliche Licht der untergehenden Sonne und erinnerte mich daran, dass ich zu Abend essen sollte. Doch dort war nur Stille in der Wohnung hinter der Tür. Mein Zimmer war klein und hatte neben dem Tisch nur Platz für mein Bett, den Kleiderschrank und ein einfaches Regal. Ich strich über die hölzerne Platte und wandte mich dann zur Tür.
Marcel und Antje brauchten jetzt eh eine gute halbe Stunde wenn nicht sogar länger. Ich öffnete sie und trat in den kleinen Flur. Stille kam mir entgegen, dann ein Klicken und leises Surren. Drei Türen zweigten davon ab: Wohnungstür, Bad und Wohnbereich. Ich wählte die Tür rechts von mir und trat in den größten Raum der Wohnung. Er war Küche, Ess-, Wohn- und Schlafzimmer meiner Mutter in einem.
Die Möbel waren wie bei mir im Zimmer aus einem hellen Holz und nur, was einen Nutzen hat, durfte hier existieren. Ich ging direkt zum Kühlschrank und holte mir Wurst und Butter heraus, bevor ich mir ein Brot belegte und mich an den kleinen Tisch für vier Personen setzte. Mehr als eine Person saß hier aber schon lange nicht mehr.
Die Couch diente meiner Mutter auch als Schlafplatz und so lagen ihre Bettdecke und das Kissen fein säuberlich zusammengelegt an einem Ende. Vielleicht sollte ich den Fernseher einschalten, dann ist es hier nicht so still, doch ich bewegte mich nicht, sondern lauschte nur dem Surren des Kühlschrankes und dem Ticken der Uhr.
Ich aß zwei Brote mit Salami und Schinken, bevor ich mir ein Glas aus einem der Hängeschränke nahm und es mit Leitungswasser füllte. Sofort trank ich es aus, um es erneut zu füllen und dann mit in mein Zimmer zu nehmen. Jedoch nicht, ohne die Süßigkeitenschublade zu öffnen, um mir noch einen Nachtisch mitzunehmen.
Sofort entdeckte ich den altbekannten Zettel meiner Mutter, der auf den Packungen lag: „Bist du dir sicher, dass du das jetzt essen willst? Nimm doch lieber Obst oder Gemüse aus dem Kühlschrank.“
Ich zischte kurz und griff dann rein aus Protest nach einem Schokoriegel mit Karamell und Nüssen. Es war mir bewusst, dass ich ein wenig zu viel auf den Rippen hatte, doch ich wollte mich nicht bevormunden lassen. Schließlich sprach nichts gegen einen einzelnen Schokoriegel. Ich nahm mir einen Zweiten zur Reserve mit.
Es waren gerade einmal fünfzehn Minuten vergangen, doch dort war wieder die Schwere auf meinen Schultern, die nicht weniger wurde, als ich den Zettel von Mutter an der Tür fand: „Ich mache heute Extraschichten. Werde erst sehr spät nach Hause kommen. Bleib nicht zu lange wach. Hab dich lieb.“
Ich zerknüllte ihn und warf ihn in den Altpapiermüll. Sie war nie da. Dort war wieder die Stille, die mich umschloss, wie ein eisiger Mantel und ich riss den ersten Schokoriegel auf, um ihn dann mit drei Bissen zu essen. Der süßliche Geschmack tötete die Einsamkeit in meinem Herzen ein wenig ab. Ich kannte es doch nicht anders.
Meine Finger glitten über ein Bild auf dem Schuhschrank, der neben der Wohnungstür stand. Darauf war ein braunhaariger Mann zu sehen, der sanft in die Kamera lächelte. „Du fehlst mir, Dad.“
Ich drückte einen Kuss auf meine Fingerspitzen und dann diese auf das Foto, bevor ich wieder zurück in mein Zimmer ging. Auf den Weg dorthin verschwand auch der zweite Schokoriegel mit drei Bissen in meinem Magen. Doch die Einsamkeit blieb und fraß sich weiter durch meine Gedanken und umschlang meine Seele.
Die Stille der Wohnung verschwand hinter mir, als ich meine Zimmertür wieder schloss und zurück auf den Bildschirm sah. Dort stand Ami und lächelte mich an. Bereit für das nächste Abenteuer. Sie war immer da. Die kleine, freche Koboldin und ihre Welt voller Gefährten. Dort war ich nie alleine. Niemals.
Das Fenster vor mir war verschlossen und der Raum dahinter leer. Ich kannte ihn. Dieses übertrieben große Bett in der Ecke und der kleine Tisch, auf dem er mich dauernd stellte, wenn er mich gefangen hat. Der kleine Käfig stand immer noch darauf. Die Gittertür geöffnet und bereit mich zu verschlingen. Ich erschauderte und tätschelte dem roten Feendrachen den Kopf, als er mich schon näher flog.
Ein tiefer Atemzug und ich stieg auf das kleine Fensterbrett. Die Glasscheibe fühlte sich kalt unter meinen Fingerspitzen an und ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich Schattenschritt aktivierte. Dort waren wieder diese Leichtigkeit und ein kurzes Ziehen als ich durch das Fenster glitt.
Sein schwerer Geruch hing in der Luft: Sandelholz und Vanille. Mein Magen drehte sich leicht um, doch ich schluckte trocken. Der Raum war leer und das Kraut lag immer noch auf den Tisch. Genau an derselben Stelle, auf die er es geworfen hatte, als man mich zu meinen Freunden teleportierte und er nach mir greifen wollte. Erneut ein Schauer bei dieser Erinnerung und ich seile mich vom Fensterbrett auf den Boden ab.
Die Möbel überragten mich und mit jedem Schritt versank ich in dem Teppich, als wäre er Neuschnee, doch ich stoppte nicht. Immer mein Ziel vor Augen. Dieses kleine grüne Blatt auf dem Tisch. Ich wollte es. Ich brauchte es. Es war meins.
Kaum war ich darunter angekommen, nahm ich wieder meinen Enterhaken in die Hand und schleuderte ihn nach oben. Ein Anlauf reichte mir und er hatte sich in einer Furche verhakt. Drei kürze, kräftige Züge. Er saß fest. Ich atmete tief durch und umfasste dann das Seil fester, um mich Stück für Stück emporzuziehen.
Der Boden glitt immer weiter weg und ich wackelte leicht, doch stoppte nicht. Höher. Dort oben lag das Kraut, mein Ruhm. Ich war der beste Schurke auf dem verdammten Server. Es war schon eine Schmach, dass es fünf Gruppen vor mir geschafft hatten, diese Pflanze zu stehlen. Ich durfte nicht versagen. Diese Quest musste ich schaffen, sonst war ich nicht mehr die beste Diebin.
Noch zwei kräftige Züge und ich griff nach der Tischplatte, um auf sie zu klettern. Sofort griff ich nach dem Kraut und zog es zu mir heran, bevor ich den Enterhaken wieder aufrollte. Wieso hatte er es noch? Wegen unserer Abmachung?
Ich schüttelte den Kopf. Nein, das konnte er niemals ernst meinen. Er wollte nur eine Geschichte von mir. Eine einfache Geschichte. Ich zischte. Nur weil ich ein Kobold war, musste ich keine Geschichten erzählen können. Askhor war schon immer rassistisch. Feni musste ihm bestimmt dauernd ein Schlaflied vorsingen.
Entschlossen zog ich das Blatt zu mir und umklammerte es, um damit an den Rand des Tisches zu gehen. Mein Blick glitt zu dem Fenster und ich sah meinen roten Feendrachen davor. Er wartete auf mich, doch sein nervöser Blick gefiel mir nicht. Ich wollte hier auch so schnell wie möglich weg.
„Das wagst du nicht, Kobold.“ Ein Fauchen erklang hinter mir und ich spannte mich sofort an, doch zog das Pflanzen Stück näher zu mir. Langsam drehte ich mich um und begegnete ihren finsteren Blick.
„Diese Pflanze gehört mir. Ich habe sie aus dem Garten von Herja gestohlen!“, widersprach ich sofort und drückte meine Beute noch fester an meine Brust. Nicht einmal im Traum dachte ich daran, es Feni zu überlassen. Nicht dieser widerlichen Fee.
„Nein, Askhor hat dir ein Angebot gemacht und du hast es nicht erfüllt. Also hast du kein Anrecht auf die Luminea!“ Sie schnellte auf mich zu, doch ich wich mit einem federnden Schritt zur Seite aus.
Sie drehte sich nur halb zu mir um und schleuderte einen Feuerball in meine Richtung. Hitze streifte mein Gesicht, als ich ihm nur knapp entkam. Das Blatt immer noch fest in einer Hand. Die andere umklammerte nun meinen Dolch.
„Wie kann man nur so verblendet sein, Feni?! Ich habe sie aus dem Wintergarten geholt! Sie gehört mir!“ Ich warf einen meiner Dolche in ihre Richtung, doch sie wich mühelos aus. Noch nie kam es zwischen uns zu einer Entscheidung, doch dieses Mal zog sich keiner von uns zurück.
„Du hast sie Herja gestohlen! Sei dankbar, dass dich Askhor gerettet hat!“ Hysterie befiel ihre Stimme und schon rasten lauter kleine Eiszapfen auf mich zu. Denen ich nicht ausweichen konnte, zerschlug ich mit meinem Dolch. Ich ließ von meiner Beute ab, um einen weiteren Dolch auf Feni zu werfen.
Sie wich aus, doch genau in die Richtung, die ich wollte und schon sprang ich sie vom Tischrand aus an. Ihre dünnen Flügel zitterten und schlugen schneller, um uns gemeinsam oben zu halten.
„Hey! Spinnst du?! Geh runter von mir!“ Sie schrie auf. Ihre spitzen Fingernägel gruben sich in mein Gesicht und hinterließen schmerzende Striemen, doch ich zuckte nicht zurück. Ich klammerte mich fester an sie. Der Stoff ihres hauchdünnen Kleides knirschte und riss unter meiner Zuglast am linken Träger ein.
„Nein, ich werde dich hier und jetzt erledigen, Feni.“ Mein Dolch lag an ihrer Kehle und sie stoppte in ihrem Toben. Ihr schneller Herzschlag hämmerte gegen meine Brust, die sich gegen ihren Rücken drückte. Ihre Flügel schlugen immer noch und versuchten, uns gemeinsam in der Luft zu halten.
„Wenn du mich tötest, zerschellen wir gemeinsam am Boden“, zischte sie. Eine Tatsache, die ich nicht ignorierte, doch ich konnte tiefere Stürze dank meiner Geschicklichkeit abfangen. Feni mit Sicherheit nicht.
„Das bezweifle ich. Ich werde schon rechtzeitig abspringen.“ Ich drückte die Klinge leicht in ihre warme Haut. Sie bewegte sich kurz unter dem harten Schlucken der Fee. Diese sah mich an. Energie zuckte über ihre Hände und Wahnsinn glitzerte am Rande ihrer Augen.
„Jeder Zauber gegen mich wird auch dich zerstören, Feni.“ Es ist keine Frage, sondern eine eiskalte Feststellung und ihr Knurren zeigte mir, dass sie das selbst wusste.
„Du bist ein Feigling, Ami. Das warst du schon immer. Noch nie hast du einen vernünftigen Kampf geführt. Entweder bedienst du dich solch falschen Tricks oder du versteckst dich. Schurken wie du sind nur widerlich.“ Sie spuckte mir ins Gesicht und ich zog meine Lippen unter dem Ekel kraus, bevor ich meine Klinge noch fester drückte. Warmes Blut lief in einem kleinen Rinnsal über ihre Haut, doch sie zuckte nicht zusammen. Nur kurz flackerten ihre Augen unter dem Schmerz. Kaum wahrnehmbar, doch ich hatte es gesehen und Triumph flammte in meinem Herzen auf.
„Ein widerlicher Schurke hat gerade dein Leben in der Hand. Bist du dir sicher, dass du es wegen so etwas lächerlichen wie Ehre über Bord werfen willst?“ Ich blieb ruhig. Mein Arm schmerzte leicht unter der Last meines Gewichts, doch ich klammerte mich weiter an dem Rücken von Feni fest. Die Klinge immer noch an ihre Kehle gedrückt und das Schlagen der Flügel auf meiner Haut.
„Hier geht es nicht um Ehre.“ Erneut zuckten Blitze über ihre Hände und bevor ich reagieren konnte, berührte sie mich an der Schulter. Sterne explodierten vor meinem Gesicht und ich verlor die Kontrolle über meinen Körper. Der Dolch segelte zu Boden und ich ließ von ihr ab. Ihre Flügel hörten auf zu schlagen und ihre Augen flatterten unter der Ohnmacht, die sich durch ihren Geist wühlte. Sie versuchte auch mich in die unendliche Schwärze zu ziehen, doch ich wollte nicht.
Meine Finger fanden selbstständig den Griff meines vierten Dolches. Er war der Letzte. Mehr besaß ich nicht, dennoch umschloss ich ihn und zielte. Eine kurze Bewegung aus dem Handgelenk und die kleine Klinge durchschnitt die hauchdünnen Flügel der Fee. Feni flog erst einmal nicht mehr.
Der Boden kam näher, doch meine Muskeln zuckten immer noch unkontrolliert unter den Stromschlägen. Ich brauchte die Kontrolle zurück. Der weiche Teppich konnte meinen Sturz nicht gänzlich bremsen.
Energisch schüttelte ich meine Glieder und bekam mit jedem Schlag die Kontrolle mehr zurück. Feni selbst hatte die Augen immer noch geschlossen. Sie hatte alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Diese widerliche Fee kam mir nie wieder in die Quere.
Ich griff nach dem Enterhaken und warf ihn wieder in Richtung Tischkante. Er verhakte sich und mit einem Ruck stoppte er meinen Fall. Sämtliche Luft presste er aus meinen Lungen, bevor ich zum Stehen kam.
Feni schlug auf den Teppich auf. Sie rührte sich nicht, doch es war mir egal. Sofort begann ich das Seil emporzuklettern. Meine Hände brannten unter der Last, doch ich stoppte nicht. Mit jedem Zug kam ich höher und fokussierte mich nur auf dieses grüne Blatt, dessen Spitze neckisch über den Tischrand blickte.
Das ist meine Beute. Meine Beute ganz alleine. Ich gebe sie nicht mehr her. Nie wieder.
Ich streckte meine pummeligen Hände nach ihr aus und spürte die glatte, kühle Struktur unter meinen Fingerspitzen. Erfolg und Glück strömten durch meine Adern und überrannten jeden einzelnen Gedanken. Ich hatte es geschafft. Niemand beklaute die beste Diebin des Servers. Ich bekam alles, was ich wollte. Immer.
Kurzerhand schlang ich das Blatt um meinen Rücken und rutschte das Seil wieder herunter. Feni lag immer noch regungslos in dem roten, weichen Fasernmeer. Ich hatte sie gewarnt und sie wollte nicht hören. Das war ihr eigener Verdienst.
Mit einem gezielten Schwung löste ich den Enterhaken und rollte das Seil wieder auf, um es dann an meiner Seite zu befestigen. Sofort sah ich zu dem Fenster auf und lächelte, als ich den roten Schemen meines Feendrachen sah. Er war immer noch da. Ich konnte diesen Diebstahl erfolgreich beenden, wenn ich jetzt nur noch das Zimmer durchquerte und zu dem Fenster zurückkam.
Erneut öffnete sich die Tür und der Boden erzitterte unter schweren Schritten. Reflexartig wechselte ich in meine Verstohlenheit und gab meinem Drachen ein Zeichen, dass er sich versteckte. Der Sandelholzgeruch wurde stärker und mein Magen drehte sich leicht um. Ich war in seinem Zimmer. Es war klar, dass er bald kam, vor allem nachdem auch Feni hier war.
„Feni?!“ Seine Stimme überschlug sich schrill vor Sorge. „Was ist geschehen? Wach auf!“
Dreh dich um. Sieh dir deine Tat an.
Ich war das nicht und dennoch folgte ich der Aufforderung. Das Blatt immer noch um meinen Oberkörper gebunden und somit mit mir unsichtbar. Es war alles, was ich wollte, dennoch ging ich nicht weiter, sondern sah auf dieses ungleiche Paar.
Askhor kniete auf dem Teppich und Feni lag in seiner Handfläche. Sie bewegte sich immer noch nicht. Ich hatte nichts getan. Sie hatte sich mit ihrem eigenen Zauber bewusstlos geschlagen. Dennoch war dort dieses nagende Gefühl, dass ich nach einigen Herzschlägen als Schuld erkannte.
„Feni? Mach die Augen auf. Bitte.“ Seine Finger strichen sanft über ihren Körper und Tränen liefen über seine Wange, bevor er sie gänzlich in seinen Händen einschloss. Dort waren ein sanftes Leuchten seiner Hände und gemurmelte Worte, die ich nicht verstand. Er lehnte seine Stirn gegen sie und ein Zittern ging durch seinen Körper.
Ich hatte ihn noch nie so gesehen. Die Stärke und Macht, die ihn sonst umgaben, waren verschwunden. Er wirkte zerbrechlich und in mir wuchs das Gefühl, dass ich diesen Moment nicht sehen durfte. Dieses Bild war nicht für mich bestimmt.
Noch einmal zog ich die Blume enger um meine Brust und wandte mich ab, um zum Fenster zu schleichen. Ich bin mir bewusst, dass der Teppich mir auswich, doch diese minimalen Veränderungen waren für Askhor unsichtbar. Zumindest so lange er sich auf Feni konzentrierte. Der Weg war nicht mehr weit. Nur noch wenige Zentimeter. Ich konnte das kühle Glas schon an meinen Fingerspitzen fühlen und die Freiheit schmecken, als plötzlich sämtliche Wärme verschwand und alle eine grausame Vorahnung meine Wirbelsäule empor eilte.
Nein! Ich muss verschwinden! Sofort!
Doch ich konnte mich nicht bewegen. Die Kälte kroch in meine Glieder und lähmte jeden Muskel, gefror ihn zu Eis. Nicht einmal als die Tür mit einem lauten Knall aufging und auch der letzte Hoffnung in diesem Raum verschwand: Herja war hier.
Ich hatte Herja immer nur in Erinnerungsszene gesehen, aber ihr niemals direkt gegenüber gestanden. Sie überragte selbst Askhor noch um eine gute Kopflänge und ihr schlanker Körper war in einem hauchdünnen, schwarzen Kleid gehüllt, das ihre violette Haut perfekt betonte.
Ihre schwarzen Lippen verzogen sich unter der Missgunst, die ihre perfekt, rötlich nachgeschminkten, roten Augen zum Flacken brachte. Ihre spitze Nase krauste sich vor Ekel und Askhor sprang überhastet auf. Er versteckte Feni hinter seinem Rücken. Sie bewegte sich immer noch nicht. Selbst wenn, ich an ihrer Stelle bliebe bewusstlos, bis diese Übermacht wieder verschwand.
„Askhor? Wo sind der Kobold und die Luminea? Du hast dich ihrer angenommen. Bericht!“ Sie strich sich durch das kurze, weiße Haar. Es ging ihr nicht einmal bis zum Kinn und dennoch umrahmte es ihr Gesicht sanft.
Askhor fiel vor Herja auf die Knie und senkte sein Haupt. „Sie wurde mir entrissen. Das Blatt der Luminea liegt auf dem Tisch. Sie konnte es nicht entwenden, Herrin.“
„Auf dem Tisch? Auf welchen? Ich sehe es nirgends.“ In ihrer Stimme lag eine düstere Bedrohung, unter der ich das Blatt noch enger an meinen Körper zog. Meine Knie zitterten und ich schluckte trocken. Ich musste hier raus. Sofort!
Askhor schnellte nach oben und sofort suchte er hektisch den Tisch und die nahe Umgebung ab. Instinktiv wich ich noch ein paar Schritte zurück. „Was? Es muss hier sein! Ich habe es hier hingelegt, als die Koboldin verschwand. Das ist nicht möglich!“
Die glatte, kalte Oberfläche des Blattes beruhigte meine Gedanken, doch die Blitze, die durch Herjas Augen schnellten, lähmten mich weiter, obwohl alles in mir nach Flucht schrie. Mein Blick glitt zum Fenster, doch mein Reittier war nicht mehr da. Zumindest nicht sichtbar und ich hoffte, dass es auch so blieb. Ich wollte meinen Feendrachen nicht an Herja verlieren.
„Scheinbar schon. Du weißt, was es bedeutet, wenn dieses Kraut aus meinem Palast verschwindet.“ Erneut war dort der Schauer, der über meine Wirbelsäule nach oben glitt und ich schluckte hart.
Eine dunkle Macht umspielte Herjas schlanke, lange Finger und Askhor fiel erneut auf die Knie. Sein Haupt war demütig gesenkt und sein Körper bebte. Mitleid schlich sich in mein Herz und zerdrückte es langsam.
„Askhor. Du weißt, was mit Versagern passiert, oder?“ Die lauernde Bedrohung verschwand nicht aus Herjas Stimme. Sie zog weiter die Wärme aus der Umgebung und ich begann zu frieren.
„Ja, Herrin.“ Akzeptanz. Kurz erwachte in mir der Gedanke, dass Herjas Scherge zu sein das Spiel vielleicht doch nicht leichter machte, doch ich wollte keine Sympathie für diesen Nephilim entwickeln. Er hatte sich immer gegen mich gestellt und mich verspottet. Ich war ihm nichts schuldig.
Erneut ging ich ein paar Schritte rückwärts, aber ich konnte mich von diesem Bild nicht lösen. Das leicht durchsichtige, knöchellange Kleid wallte unter einer unbekannten Macht und die schwarzen Schatten um Herjas Hand züngelten begierig nach Askhor.
Sie umschlossen ihn und drückten seinen Körper auf die Erde. Ein schmerzerfülltes Grunzen war das Einzige, was Askhor von sich gab. Die Schatten verschlangen ihn, bis nur noch eine wallende Masse übrig blieb. Herja stand nur da. Ihre Hand ausgestreckt, trieb sie die Schatten weiter über ihn hinweg.
Ihre Lippe zuckte an einer Seite kurz nach oben. Sie hob ihr Kinn und sah auf diesen unbedeutenden Klumpen aus Schwärze. Was tat sie? Brachte sie ihn gerade um? Nein! Das ging doch nicht! Askhor hatte nichts getan!
Dennoch umklammerte ich das Blatt fester und starrte weiter auf dieses Szenario, das mit jeder Sekunde surrealer wirkte. Ein erstickter Schrei glitt über mein Trommelfell und hinterließ den Hauch einer Ahnung, die meine Haare aufstellte. Ich musste fliehen, doch ich schaffte es nur, einen weiteren kleinen Schritt rückwärts in Richtung Fenster zu gehen.
Schließlich zogen sich die Schatten zurück und Askhor blieb regungslos am Boden liegen. Sofort schnellte Feni empor und umflog ihn. Herja blieb unbeeindruckt stehen, als sie ihre Macht weiter zurückzog und auch die Wärme teilweise zurückkehrte.
„Askhor? Wach auf! Geht es dir gut?“ Immer wieder berührte Feni den großen Körper, doch er bewegte sich nicht. Nur die Brust hob und senkte sich leicht. Herja selbst zischte schnippisch und wischte mit der Hand durch die Luft. Ein Windstoß löste sich von ihr und blies Feni quer durch das Zimmer.
„Er ist nur bewusstlos und wird eine Weile Schmerzen haben. Ihr habt hoffentlich verstanden, dass ihr mir das Blatt zurückholt, sonst höre ich das nächste Mal nicht auf und lasse die Schatten euch verschlingen. Niemand überlebt den Diebstahl einer Luminea, verstanden?“ Herja blickte beim letzten Satz direkt in meine Richtung.
Erkennen blitzte in ihren Augen auf und ich stolperte rückwärts über den Teppich, der meinen Sturz weich auffing. Das Blatt löste sich von meinen Schultern und glitt aus meinen Fingern. Ich schnappte danach, doch ich erwischte es nicht mehr. Herja wandte sich von uns ab und hob ihr Kleid leicht an, bevor sie erhobenen Hauptes aus dem Zimmer schritt.
Dort war das leise Wimmern von Feni, die immer noch um Askhor herum flog. Ich tastete noch einmal hinter mich nach dem Blatt, doch dann kehrte die Kälte zurück und Herjas Worte schallten in meinen Gedanken nach: „Niemand überlebt den Diebstahl einer Luminea, verstanden?“
Ich rappelte mich auf und warf den Enterhaken nach oben, um auf das Fensterbrett zu klettern. Sofort trat ich durch die Glasscheibe und stieg auf meinen Feendrachen. Immer noch das Schluchzen von Feni im Nacken und die Worte von Herja im Kopf.
Niemand überlebt den Diebstahl einer Luminea.
Erst als ich das Schloss hinter mir ließ, wagte ich es, zu landen und die Verbindung zum Spiel zu trennen. Ami sich selbst zu überlassen, um diesem beklemmenden Gefühl zu entkommen. Doch die Drohung und die Angst verließen mich nicht. Nicht einmal, als ich die VR-Brille absetzte. Herjas Macht blieb und zog die Wärme weiter aus mir heraus.
Niemand. Überlebt. Den Diebstahl. Einer Luminea. Verstanden?
Mein Zimmer lag im Zwielicht und ich hielt die VR-Brille in meinen Händen. Vor mir stand Ami, die auf dem Menübildschirm leicht zappelte. Ihr Blick spiegelte mein Innenleben wieder. Sah sie sich nicht sogar panisch um?
Das Lächeln, das normalerweise auf ihren Lippen lag, war verschwunden. Sie bebten leicht und Angst zog ihre Augenbrauen tief. Immer wieder griff sie nach dem Saum ihrer schwarzen Robe und ihr kleiner Körper zitterte.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich und berührte sie über den Bildschirm. Dort war keine Kälte, sondern Wärme und ein leichtes Vibrieren. Mein Herz sank tiefer, als ich die Hand wieder wegnahm und auf meine Brust legte. Ami blieb nervös und ich holte tief Luft, um mich von ihren Gefühlen nicht anstecken zu lassen.
Das Alles war nur ein Spiel, aber die Macht von Herja kroch immer noch über meine Wirbelsäule und hinterließ einen eiskalten Schauer. Die Schatten, die Askhor verschluckten, und das Wimmern von Feni drangen in meine Gedanken ein, um mich auch im Schlaf heimzusuchen.
Und wofür das Alles? Ich verlor das Blatt auf der Flucht und stand wieder mit leeren Händen da. Askhor litt umsonst und auch der Kampf mit Feni war bedeutungslos. Ich verlor meine Beute, wie ein Amateur.
Ein Zischen glitt über meine Lippen und ich ballte meine Hände zu Fäusten, bevor ich entschlossen auf Ami sah, die immer noch nervös ihre Umgebung begutachtete. Sie war immer noch auf Flucht eingestellt. Vielleicht hätte ich mit ihr nach Hause gehen sollen. Dort wäre sie sicher gewesen.
Kurz griff ich erneut nach der Brille, doch etwas stoppte mich. Kalte, spitze Finger strichen über meinen Nacken und erzeugten einen weiteren Schauer, durch den mir meine Idee töricht erschien.
Was sollte ich tun, wenn ich nun zurückkehrte? Wohin sollte ich gehen? Unser Plan war mehr über diese Blume herauszufinden. Ich kannte nun zumindest den Namen: Luminea.
Niemand überlebt.
Die Drohung von Herja kam mir wieder in den Sinn und unser Vorhaben erschien mir nutzlos. Gab es überhaupt jemanden, den wir befragen konnten? Wer sollte es damit denn helfen können? Die fünf Gruppen vor uns?
Ich kannte ihre Namen. Jeden Einzelnen und habe sie seitdem nie wieder gesehen. Bestimmt gab es einen Ort, der nur für die Elite bestimmt war. Eine Errungenschaft, die ich unbedingt noch erreichen wollte.
Langsam beruhigte sich Ami und fand zu ihrem Lächeln zurück und mein Menübild war wieder so, wie ich es kannte: Fröhlich und voller Abenteuerlust. Es lockte mich zurück in ihre Welt und auch wenn ich die Brille immer noch in den Händen hielt, setzte ich sie nicht wieder auf.
Meine Beine waren schwer und eiskalt. Immer mehr Wärme verschwand aus meinem Körper. Ein Huschen in meinen Augenwinkel. Sofort wandte ich mich um, doch ich sah niemanden. Mein Zimmer war so leer wie immer.
Ich lauschte in den Flur. Stille. Kein Geräusch und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass meine Mutter auch noch eine geraume Weile unterwegs war, aber Marcel und Antje kamen bald wieder.
Meine Finger schlossen sich fester um die Brille und ich holte tief Luft. Die Kälte blieb, doch sie stieg nicht höher und das Lächeln von Ami nahm mir noch einen weiteren Teil meiner Angst.
Wir waren Herja begegnet und leben noch. Das können nicht viele von sich behaupten. Stolz quoll in meiner Brust und vergrößerte das Lächeln auf meinen Lippen, während ich das kurze Wippen mit den Schultern von Ami nachmachte. Ich lachte auf und die Leichtigkeit, die ich beim Spiel mit ihr immer empfand, kehrte zurück.
„Danke.“ Erneut berührte ich über den Bildschirm Ami und auch die letzte Unruhe verschwand aus meinem Herzen. Dann kamen schon Marcel und Antje wieder online. Ich sah ihre Namen in meinem Chatregister: Valos und Sha.
Ein kurzer Blick auf Ami, die mich stumm mit einem Wink dazu aufforderte ebenfalls online zu gehen, doch ich konnte nicht und starrte nur auf den Bildschirm. Klauen legten sich von hinten um meinen Hals und schnürten mir die Kehle zu. Ganz langsam drückten sie zu und entzogen mir die Luft zum Atmen.
Niemand überlebt den Diebstahl einer Luminea.
„Es tut mir leid. Heute nicht mehr“, entschuldigte ich mich bei der kleinen Koboldin, bevor ich mich auch schriftlich bei meinen Freunden abmeldete und den Rechner herunterfuhr.
Ich bin müde und werde ins Bett gehen. Gute Nacht. Bis morgen. Hab euch lieb.
Ich ging ins Bett, aber ich konnte nicht schlafen, denn die Kälte verschwand nicht. Egal, wie eng ich mich unter meiner Decke zusammenrollte. Sie blieb und ich zitterte, unfähig zu schlafen, egal wie verzweifelt ich es versuchte. Die Angst trieb weiter das Adrenalin durch meine Adern und zerschlug jeden Gedanken an Schlaf.
Ich schloss meine Augen und zwang mich zu tiefen und kontrollierten Atemzügen. Doch auch wenn sich mein Körper beruhigte, so blieb diese unsichtbare Gefahr in meinem Zimmer bestehen und kroch zu mir unter ins Bett, um sich wie eine zweite Decke über mich zu legen.
Ich sehe dich. Du entkommst mir nicht. Niemals.
„Hey, hast du die Hausaufgaben kapiert? Ich check die letzte in Mathe nicht.“
„Ist doch nicht so schwer. Ich zeig’s dir nachher.“
Ich schulterte meinen Rucksack und blickte auf das graue, dreistöckige Gebäude mit Flachdach. Die Fenster waren groß und einladend, doch in mir erwachte der Impuls mich umzudrehen und zu gehen. Die Gesprächsfetzen, um mich herum machten es nicht besser. Genauso wie ihr Lachen und das unangenehme Ziehen in meinem Bauch.
„Ich geh arbeiten und du in die Schule. Das sind unsere Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber“, schallten die Worte meiner Mutter in meinem Kopf nach. Am Liebsten drehte ich jetzt um und ging zurück nach Hause, doch mein Pflichtbewusstsein trug mich in das Gebäude.
Man rempelte mich an, doch es folgte keine Entschuldigung. Sie alle liefen an mir vorbei und ignorierten mich. Ein Umstand, den ich bevorzugte und so nichts ändern wollte. Nicht zurück zu den Schikanen und Lachern.
Mit Marcel und Antje sehe die Welt hier anders aus. Dann hätte ich Leute, mit denen ich reden könnte. So schwieg ich und grenzte die Gesprächsfetzen, um mich herum, aus. Sie interessierten mich nicht und ich wollte nicht Teil dieser Welt sein. Nicht bei den Mädchen mit ihren knalligen Lippen und den falschen Wimpern. Genauso wenig bei den Jungen mit ihrer Sportkleidung und dem Machogerede.
Ich betrat das Klassenzimmer und nahm auf meinem Stuhl Platz. Neben mir saß niemand und in der letzten Reihe übersahen mich auch hin und wieder die Lehrer. Ich verschwand und tauchte nur auf, wenn ich es wollte. So war es für mich am besten.
Nach der Schule traf ich mich mit Marcel und Antje in Domination of Fantasy. Aber ich war mir noch unsicher, ob ich ihnen von meiner Begegnung mit Herja erzählen sollte. Die Kälte war immer noch spürbar und lief immer mal wieder schauerartig über meinen Rücken. Die Herrscherin von Ion war übermächtig. Die Leichtigkeit, mit der sie Askhor zu Boden zwang, suchte ihres Gleichen. Wie sollte man gegen sie gewinnen?
Immer wieder lief die Szene von gestern in meiner Erinnerung ab. Die Schatten und die Verzweiflung von Feni. Askhors Niederlage und die Forderung von Herja. Erneut ein kalter Schauer und ich schrieb die Texte auf der Tafel ab, bevor das markante Gesicht der Herrscherin wieder vor mir auftauchte.
Sie war attraktiv und ihre dunklen Lippen luden zu einem Kuss ein, doch dann drängte sich Antje in meine Gedanken. Das markante Gesicht verformte sich zu sanfteren, dünneren Konturen und die violette Haut erblasste. Dagegen wurde das weiße Haar dunkler und länger, begann sich zu wellen und auch die roten Augen verloren an Kraft und wandelten sich zu einem warmen Braun.
Erneut durchzog mich der Wunsch, Antje und Marcel mal wiederzusehen. Ihre Stimmen zu hören und die Gewissheit zu haben, dass unsere Freundschaft niemals zerbrach, doch außerhalb der Ferien ging das nicht und so musste ich mich noch gedulden. Nur noch ein paar Wochen und dann trafen wir uns auf einem Festival.
Bei diesem Gedanken flatterte ein Schwarm Schmetterlinge durch meinen Bauch und legte ein Lächeln auf meine Lippen. Die Schulzeit konnte gar nicht schnell genug vorbeigehen. Meine Pause bestand nur aus einem belegten Brot, ein paar Scheiben Gurke und einen Schokoriegel, den ich mir selber aus der Schublade geholt hatte. Den Rest hatte meine Mutter schon vorbereitet, wie jeden Morgen. Als könnte sie so Einfluss auf mich nehmen.
Vielleicht sollte ich keine Schokoriegel mehr kaufen. Dann kannst du sie auch nicht essen.
Sie hatte es sogar einmal versucht, aber meine Aggressivität hatte sie schnell vom Gegenteil überzeugt und seitdem gab es wieder Riegel. Ich war nicht stolz darauf, doch das war mein kleines Glück in dieser grauen Welt.
Die Schulglocke läutete und Bewegung kam in meine Mitschüler. Ich wartete und ging erst als Letzte aus dem Raum. Lange nachdem meine Mitschüler schon verschwanden und gerade noch früh genug, um den Lehrer nicht zu behindern. Ich brauchte seinen beschützenden Blick und die Gewissheit, dass sie alle schon weg waren.
Auch wenn der letzte, unangenehme Vorfall im letzten Schuljahr war. Die Angst, dass es wieder zurückkommen könnte, hielt mich in diesem Verhalten fest und legte ein schüchternes Lächeln auf meine Lippen, als ich dem Blick des Lehrers begegnete. Seine blauen Augen spiegelten Mitleid wieder und zwangen mich dazu, wegzusehen.
Ich eilte aus dem Klassenraum und wich den Leuten aus. Jede meiner Bewegung erinnerte mich an Ami. Wie gerne hätte ich ihre Geschmeidigkeit und vor allem ihr Selbstbewusstsein. Ich wollte wieder zu ihr werden und zurück nach Ion kehren. Am Liebsten nie wieder zurückkehren. Wenn ich sie spielte, fühlte ich mich vollkommen und größer als in meinem menschlichen Körper.
Ich fand auf dem Pausenhof ein ruhiges Eckchen, in dem ich mich immer aufhielt. Dort waren andere Schüler, die wie ich im Schatten verborgen blieben, und ein Junge wurde von Klassenkameraden geschubst. Kurz war dort der Impuls hinzugehen, doch dann kam die Angst zurück, die sich wie eisige Kette, um meine Glieder schlang. Ich blieb sitzen und biss von meinem Schokoriegel ab. Mein belegtes Brot und die Gurken lagen noch in meiner Brotzeitbox.
Die Süße breitete sich auf meiner Zunge aus und durchbrach die negativen Gedanken mit einem leichten Glücksgefühl. Es waren erst die ersten beiden Stunden vorbei und ich sehnte mich jetzt schon nach dem Ende, doch der Schulgong rief mich wieder zurück ins Klassenzimmer.
Meine Schritte waren auch jetzt wieder langsam, damit ich nur knapp vor dem Lehrer ankam und nicht allzu lange vor der verschlossenen Tür wartete. Erneut erreichten mich ihr Lachen und die Gespräche, die belanglos für mich waren. Ich war kein Teil von ihnen und wollte es auch seit Jahren nicht mehr sein. Damals, als sie mir gezeigt hatten, dass es sinnlos war, es weiter zu versuchen.
Ich erschauderte, als die Bilder zurückkehrten und das freudige Lachen gehässig wurde. Sie zeigten mit dem Finger auf mich, nahmen mir meine Sachen weg, stießen mich, selbst wenn ich noch nicht aufgestanden war. Du bist so fett und hässlich.
Sofort schüttelte ich den Kopf, um aus der Vergangenheit zu entkommen, und atmete dann tief durch. Sie sahen mich nicht an. Nicht mehr seit diesem einen Tag – sofort umklammerte ich meine Brust und wehrte mich gegen die Bilder.
„Komm, lass uns rein gehen, Katharina.“ Die Stimme meiner Lehrerin riss mich aus meinen Erinnerungen, bevor sie mich gänzlich umschlangen. Dankbar lächelte ich sie an und nickte ihr zu, bevor ich ihr dann schon mit meinen Klassenkameraden in den Raum folgte. Dort waren ihre Blicke. Ich war für zwei Herzschläge wieder sichtbar für sie, doch dann ging nur ein abfälliges Zischen durch die Reihen und sie wandten sich wieder ab.
Das Monster entließ mich aus seinem Blick und ich schluckte den letzten Schauer herunter, um mich auch dem restlichen Tag zu stellen. Immer mit dem Gedanken daran, dass ich am Nachmittag Marcel und Antje wiedersah. Sie und Ami. In Ion.
Ich will nicht mehr zurück.
„Und du bist dir sicher, dass wir hier Informationen bekommen?“ Sha schaute Valos skeptisch an und ich teilte ihr Gefühl. Das Dorf der Waldelfen war eher für seine Verschwiegenheit, als für seine Redebereitschaft bekannt, aber Valos war einer von ihnen. Vielleicht lockerte dieser Fakt die ein oder andere Zunge.
„Ja, Waldelfen sammeln alle möglichen Informationen. Dank ihrer Fähigkeit mit Tieren zu sprechen, wissen sie alles, was in der Welt so vor sich geht.“ Valos war von seinem Volk begeistert und näherte sich mit großen Schritten der Ansammlung an Baumhäusern.
Ich erschauderte bei dem Gedanken eine der Leitern zu erklimmen und die Sehnsucht nach meiner dunklen Höhle wuchs in meinem Herzen weiter an. Kurz schüttelte ich mich, um meine verkrampften Glieder zu lockern, dann griff ich nach meinem Enterhaken, um mich so auf den Aufstieg vorzubereiten. Aber Sha war schneller.
Sie lächelte mich an und hielt mir helfend ihre Hand hin. Kurz jaulte mein Stolz auf, doch ich sah, wie viele Leiterstufen es waren und dass ich sie niemals so schnell erklimmen konnte. Warum waren Kobolde nur so klein? Wieso hatte ich mich für diese Rasse entschieden? Für Ami?
„Ich weiß, dass du es auch alleine kannst. Aber so geht es schneller und wir dürfen keine Zeit verlieren, oder? Komm, ich trag dich.“ Sha deutete mein Zögern falsch, doch ich korrigierte sie nicht, sondern trat auf ihre weiche Hand und hielt mich an ihrem Daumen fest. Sofort schlossen sich ihre Finger liebevoll um mich herum und sie hob mich auf ihre Schulter hoch.
Ich sprang ab und nahm dort Platz. Ihre Zauberkutte hatte extra eine kleine Schlaufe, an der ich mich in solch einer Situation festhalten konnte. Valos lächelte mich schelmisch an, bevor er uns dann winkte näher zu kommen.
Es war nicht das erste Mal, dass wir dieses Dorf betraten, doch die gewundenen Bäume und die verschnörkelten Baumhäuser raubten mir jedes Mal aufs Neue den Atem. Immer wieder sah ich die dunkelhäutigen Waldwesen über die Brücken laufen, die sie zwischen ihren Hütten gespannt hatten oder sie saßen nur auf einer größeren Terrasse und unterhielten sich angeregt.
„Wen willst du überhaupt fragen, Valos?“ Sha stieg weiter die Leiter hoch und ich hielt mich an der Schlaufe fest, damit ich nicht herunterfiel, denn mit jeder Stufe ging ein Ruck durch ihren Körper, der mich nach vorne und hinten schlug.
„Es gibt in unserem Dorf einen kleinen Sammler, der weiß alles. Ich hab letztens mal etwas über Feendrachen wissen wollen und schon jeden gefragt, aber keiner wusste es. Nur er. Er hatte es sofort gewusst. Das war der Wahnsinn. Seitdem gehe ich nur noch zu ihm und er weiß alles. Einfach alles. Das ist so krass.“ Valos verfiel ins Schwärmen und ich tauschte einen skeptischen Blick mit Sha aus.
„Wenn jemand weiß, was es mit dieser komischen Pflanze auf sich hat, dann bestimmt er. Da bin ich mir sicher.“ Ich sah auf seinen Hintern, der über uns hin und her wackelte. Seine Bewegung hatte eine hypnotische Wirkung und ich musste mich ruckartig davon losreißen.
„Also, Valos, nichts für ungut, aber du weißt ganz genau, dass niemand alles wissen kann. Auch er wird irgendwann etwas nicht mehr wissen.“ Ein Lachen erklang von Valos und er zog sich die letzte Sprosse hoch, um dann Sha eine Hand zur Hilfe zu reichen. „Oh, nein, Sha. Glaub mir, der weiß alles. Das wirst du gleich selber merken.“
Sha und ich tauschten erneut einen Blick aus, bevor ich leicht nach oben katapultiert wurde, als sie mit ihren Schultern zuckte. Mein Griff verfestigte sich sofort um die Schlaufe und der Abgrund tauchte vor mir auf. Ein Sturz von Shas Schulter war tödlich für mich und ich konnte nicht darauf vertrauen, dass einer meiner Freunde schnell genug reagierte.
„Okay, und wo wohnt dein Alleswisser? Etwa hier?“ Sie deutete auf das eher unauffällige Gebäude, das im Gegensatz zu allen anderen nur einen verzierten Türrahmen hatte. Es sind undefinierbare Muster hinein geschnitzt, die perfekt ineinander griffen, aber doch nie gleich waren. Wie ein riesiges Tribal.
„Ja, das ist seine Hütte.“ Valos grinste breit und wandte sich dann um. Sofort klopfte er gegen die Tür und ein lautes Scheppern drang aus dem Innenraum, bevor ein kurzer Fluch erklang und dann schon eine helle Stimme: „Moment. Ich komme gleich.“
Erneut hörten wir einen leisen Fluch und ein kurzes Scheppern, doch dann öffnete sich die Tür und ein kleiner Waldelf stand vor uns. Er ging Valos und Sha nur bis zur Brust und hatte ebenfalls hellbraune Haut, wie Valos. Sein kurzes schwarzes Haar war wirr und zerzaust, doch die grünen Augen strahlten vor Neugier und Wissensdrang.
„Oh, Valos. Schön, dich zu sehen. Komm rein. Ist das deine Freundin?“ Er trat zur Seite. Im Gegensatz zu Valos trug er nur ein grünes Stoffhemd mit einer braunen Lederweste und seine Beine steckten in einer schwarzen Leinenhose. Er lächelte uns an und gab den Blick auf einen Raum voller verschiedener Dinge frei. Kleine Feendrachen flogen zwischen Metallteilen, Stoffresten, Glasgefäßen – mal befüllt, mal leer –, Gerätschaften, Schmuck – mit Edelsteine oder aus Edelmetallen oder mit Muscheln verziert – und Dinge, die mir fremd waren.
„Ja, das sind Sha und Ami. Meine Besties. Sha, Ami, das ist Levi.“ Er grinste breit und deutete nacheinander auf mich. Erst dann erkannte Levi mich und seine Augen wurden größer, bevor er auf mich zu schnellte. Sein Atem blies mich nach hinten und ich musste mich an der Schlaufe festhalten, um nicht herunter zu fallen.
„Wahnsinn! Ein echter Kobold! Ich habe noch nie einen gesehen und habe so viele Fragen!“ Ich drängte mich automatisch ein wenig näher an Sha. Diese Reaktion war mir nicht unbekannt, dennoch jedes Mal aufs Neue unangenehm. Mein Bauch verkrampfte sich und meine Handinnenflächen begannen zu schwitzen.
„Scheinbar weiß er doch nicht alles.“ Sha schnaubte und funkelte Valos belehrend an, der dann sofort abwehrend die Hände hob und demütig seinen Kopf senkte. „Gut, über Kobolde musste ich ihn nie befragen. Ich hab ja Ami.“
Dann ging er auf uns zu und griff Levi am Arm, um ihn von uns wegzuziehen. „Aber ich glaube, dass dir Ami all deine Fragen beantworten wird. Zuerst haben wir aber eine Frage an dich: Was weißt du über die Quest: Hochmut kommt vor den Fall?“
Levi überlegte kurz und dann erhellte erneut ein breites Grinsen sein Gesicht und Vorfreude schüttelte seinen Körper: „Sagt bloß, dass ihr die Quest machen wollt, oder habt ihr die Luminea schon? Das wäre der Wahnsinn! Darf ich mitkommen oder sie zumindest sehen?“
„Wir hatten die Luminea, aber ich wurde gefangen und kam wieder frei. Aktuell hat Askhor sie.“ Ich presste jedes Wort zwischen meine zusammen gebissenen Zähne heraus, denn mein Selbstbewusstsein bröckelte bei diesem Zugeständnis. Kurz zitterte ich unter der Erinnerung an Herja. Ich hatte es meinen Freunden nicht erzählt. Diesen Schrecken behielt ich für mich.
„Askhor? Der General von Herja?“ Levi schien überrascht, doch ich hob skeptisch eine Augenbraue. „General? Der ist doch nur einer ihrer Nephilim. Der ist doch kein General.“
Ich winkte ab, doch sofort schüttelte Levi seinen Kopf. „Nein, Askhor ist einer ihrer fünf Generäle. Aber das ist schade, dann müsst ihr es wohl noch einmal versuchen. Das tut ihr doch, oder?“
„Da sind wir uns noch nicht sicher. Wir wollten erst einmal herausfinden, was es mit dieser Pflanze auf sich hat.“ Valos bremste Levis Übermut. Der Glanz verschwand aus den Augen des anderen und seine Schultern sackten ein. „Oh, ach so. Die Luminea ist eine der wenigen Pflanzen, die allmächtig sind und somit in der Lage sind, Herja Schaden zu zufügen. Rebellengruppen zahlen ein Vermögen für ein Stück der Pflanze. Egal, wie groß es ist.“
„Aber es haben doch schon fünf Gruppen die Quest beendet. Warum wurde dann noch kein Anschlag auf Herja verübt?“, sprach Sha meine Gedanken aus und ich nickte zustimmend. Wir wären die sechste Gruppe gewesen, aber noch nie hatte ich gehört, dass ein Attentat geplant war oder was danach mit diesen Leuten geschah.
„Weil sie alle verschwunden sind.“ Levi zuckte mit den Schultern, bevor sie noch tiefer sanken und er sich auf einen der vielen exotischen Stühlen niederließ. „Kein einziger ist je wieder aufgetaucht. Sie sind nur noch Namen auf den Ruhmestafeln.“
„Kein einziger?“ Ich konnte es nicht glauben. Fünf Kobolde verschwanden spurlos und in meiner Zunft sprach keiner darüber? Das war eine Lüge. Sie versteckten sich nur vor dem Ruhm und den Drängen, dass man sie zu einem weiteren Diebstahl auffordern konnte.
„Kein einziger. Nicht die Kobolde, Feen, Elfen oder Nephilim. Alle sind verschwunden. Jeder Einzelne. Genauso wie das gestohlene Stück der Luminea.“ Levi sah in die Runde und Valos wandte sich auch zu uns. Sein Gesicht war blass und seine Augen geweitet. Er ballte seine Hände zu Fäusten, doch das Zittern seines Körpers hörte nicht auf.
Ich dachte an Askhor und die Forderung von Herja. Wie viele hatte er schon gejagt und gefangen? Ließ er die Gruppen verschwinden? Aber warum mich nicht? Ich konnte entkommen und er verfolgte mich nicht. Nur weil ich die Blüte nicht mehr besaß? Möglich.
„Weißt du, wohin man die Luminea bringt, wenn der Diebstahl erfolgreich ist?“ Shas Frage klang logisch, dennoch glitt mir ein Schauer über den Rücken und all meine Haare stellten sich auf.
„Nein, nicht wirklich. Ich habe bisher mit keinem sprechen können und ich hatte es wirklich versucht. Sobald der Erfolg angezeigt wurde, besorgte ich mir ihre Namen und kontaktierte sie. Aber keiner antwortete mehr und kam nie wieder online.“ Er strich sich durch das wirre Haar und brachte es dadurch kurz in Ordnung.
„Das ist doch komisch.“ Ich legte den Kopf schief und griff nachdenklich nach meinem Kinn. „Wieso verschwinden die Leute und die Luminea? Ja, wir wissen, dass Herjas Schergen stark sind, aber das waren Topspieler. Die sollten mit ein paar NPCs oder anderen Spielercharakteren zurechtkommen.“
„Sie sind alle verschwunden.“ Levi zuckte mit den Schultern, als wäre das Erklärung genug und erneut tauschte ich Blicke mit meinen Freunden aus. Ich sah in ihren Gesichtern die Angst, die sich auch langsam durch meine Brust wühlte.
„Ihr könnt eigentlich froh sein, dass ihr es nicht geschafft habt. Sonst werd ihr auch verschollen.“ Wir alle drei lachten auf diese Worte amüsiert auf und winkten dann ab. Wir waren eine der stärksten dreier Gruppe und schon seit zweihundert Kämpfen ungeschlagen. Wenn wir zusammen waren, dann besiegte uns niemand.
„Uns kriegt keiner klein. Da brauchst du dich nicht sorgen, Levi.“ Valos legte freundschaftlich einen Arm um die Schultern des kleineren Waldelfs und lächelte siegessicher. Sha nickte ihm zu. „Genau, gegen uns kommen auch die Generäle nicht an. Wir verschwinden bestimmt nicht, wenn wir die Luminea zurückgeholt haben.“
„Ihr wollt sie immer noch stehlen?“ Diese Frage war nur ein Hauch und breitete sich wie Nebel aus. Die Angst wühlte sich immer noch durch meine Brust und Gedanken. Ich erkannte sie auch als leichtes Flackern in den Augen meiner Freunde. Doch dort waren eine Entschlossenheit und ein Stolz, die uns schon unsere gesamte Spielzeit begleiteten. Keine Herausforderung war uns zu schwer oder groß gewesen und wir haben noch nie den Schwanz eingezogen.
Darum taten wir das jetzt auch nicht. Diese Quest werden wir auch schaffen und wir werden nicht verschwinden. Nicht wir.
Ich wechselte einen Blick mit meinen Freunden, doch dann erwachte wieder dieses Ziehen in meinem Körper, wie im Zimmer bei Askhor. Sofort verstärkte ich den Griff um meine Schlinge, doch das Gefühl verschwand nicht und raubte mir Stück für Stück meine Sicht. Valos erkannte es und wollte nach mir greifen, doch dann tauchte alles in ein grelles Licht und man riss mich hinfort.
Niemand überlebt den Diebstahl einer Luminea.
Kaum verschwand die Dunkelheit um mich herum, zog ich sofort meine zwei Dolche und ging in Angriffsposition, doch ich fand mich nicht in Herjas Burg oder gar in Askhors Zimmer wieder, sondern in einem gewaltigen Kirchenschiff.
Das Licht fiel durch bunte Fenster herein und zauberte ein Farbenspiel auf die Bänke und Säulen, die das gewaltige, gewölbte Dach stützten. Ich erkannte die Erschaffung der Welt auf den einzelnen Bildern.
Dort waren die Elementare, Phönixe, Einhörner, Feendrachen, Feen, Kobolde, Elfen und Nephilim. Auf je einem Bild war die Schöpfung von jeweils zwei Rassen zu sehen. Herja überragte sie alle und hauchte ihnen Leben ein, bevor sie sich auf dem letzten Bild zur Göttin krönen ließ.
Ich erschauderte bei diesem Anblick, obwohl mir diese Geschichte nicht fremd war, doch bisher war sie immer nur als Cutscene zu sehen, wenn ich eine Quest geschafft oder andere Puzzleteile zusammen gesetzt hatte.
Diese Kirche kannte ich nicht und die hohen, weißen, verschnörkelten Säulen trugen eine bemalte Decke, die ebenfalls Herja zeigte, umgeben von allen zehn Rassen. Sie knieten und unterwarfen sich.
Hier war kein warmes Gefühl der Geborgenheit, wie ich sie aus meinen heimatlichen Kirchen kannte, sondern eine drückende Stimmung, die ein Echo der Sklaverei in sich trug. Mussten wir die Quest schaffen, um Herja zu stürzen und ihre Herrschaft zu beenden? Aber wenn sie uns geschaffen hatte, konnte sie uns das geschenkte Leben nicht einfach wieder entziehen?
„Ami? Es tut mir leid, dass ich dich deinen Freunden so entrissen habe, aber ich muss dringend mit dir sprechen.“ Eine dunkle, aber sanfte Stimme hallte durch das Gebäude und dann trat ein Weißelf an den Altar heran. Die graue Robe ging bis zum Boden und schleifte bei jedem Schritt darüber. Es wunderte mich, dass er nicht darüber stolperte.
Die blonden Haare fielen wie flüssiges Gold über seine Schultern und reichten ihm bis zur Taille. Die schlanken Finger legten sich um den Griff eines alten Holzstabes, auf dem ein weißer Kristall thronte. Seine gelben Augen leuchteten unter einer Güte, die ich selten in dieser Welt erblickte und mich automatisch entspannen ließ.
Lange spitze Ohren brachen aus der Haarpracht heraus und sein Gesicht war eckig und spitz. Ich kannte diese Elfe nicht und trat daher einen Schritt zurück, als er unaufhörlich näher kam.
Sofort stoppte er und das Lächeln gefror, bevor er seine Faust auf seine Brust legte und betrübt den Blick senkte. „Es tut mir leid. Manchmal vergesse ich, dass das Kennen nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Ich bin Kaeldin, der oberste Tempelführer und somit der Wahrsager dieses bescheidenen Ortes.“
„Wahrsager? Tempelführer? Wo bin ich zum Fick?“ Ich stieß meine Dolche hart zurück in ihre Scheiden. Scheinbar ging von dem Weißelf wirklich keine Gefahr aus. Tempeldiener waren meistens Heiler und beherrschten nur sehr wenig Angriffszauber.
„Du bist in meinem Tempel. Dem Haupttempel von Herja. Siehst du das nicht?“ Er umfasste mit einer ausholenden Geste die gesamte Kirche und ich drehte mich um meine eigene Achse, doch die Wirkung des Ortes hatte sich nicht verändert. Auch nicht, als mir bewusst wurde, in welcher Kirche ich mich befand.
„Nein, ich habe mich eher selten mit dem Kult um Herja beschäftigt und stand meistens auf der anderen Seite.“ Ich zuckte mit den Schultern und wechselte kurz nervös von einem Bein auf das andere. Der Name Kaeldin klang nicht mehr so fremd wie am Anfang. Ein sanftes Ziehen erwachte in meinem Hinterkopf und ein gewisses Erkennen zog in meinem Herzen ein, doch ich konnte es nicht greifen.
„Stimmt, ich vergaß. Du bist meistens mit deinen Freunden Sha und Valos unterwegs. Richtig nette Kameraden. Da hast du dir treue Seelen geangelt.“ Ich verzog bei diesen Sätzen die Lippen kraus, denn ich hatte nicht gezielt nach Sha und Valos gesucht. Wir waren uns während dem Spielen irgendwann begegnet, und freundeten uns an.
„Ich hab sie mir nicht geangelt. Wir haben uns immer wieder zufällig getroffen und irgendwann haben wir einander geaddet, um dann gezielt zusammen zu spielen“, zischte ich und spannte mich an, als Kaeldin begann mich zu umrunden. Ich verfolgte ihn mit meinen Blicken, um jede noch so verräterische Bewegung zu erfassen. Seine Robe raschelte unter seinen Bewegungen und das Lächeln blieb wie festgeklebt auf seinen Lippen.
„Ach so. Es ist ja nicht wichtig, wie man sich findet. Hauptsache man bleibt zusammen.“ Er presste seine Hände zusammen und verhakte die Finger miteinander. Unzertrennlich und fest. So wie sich die Verbindung von uns anfühlte. Dann sah ich das neidische Glitzern in seinen Augen, doch nur für einen Herzschlag, bevor es wieder verschwand.
„Ja, Loyalität und Treue sind wichtig, aber auch Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Wir vertrauen uns blind.“ Stolz schwang in meiner Stimme mit und instinktiv streckte ich meine Brust weiter heraus, während ich zu ihm hochsah. Er überragte mich soweit und mit einem Schritt könnte er mich zerquetschen, doch ich blieb stehen und wich nicht zurück. Auch wenn ich in seiner Reichweite war. Meine Reflexe beruhigten mich und hielten mich an Ort und Stelle fest.
„Das ist schön, denn das wirst du brauchen.“ Er seufzte und strich sich dann eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte mich erneut an, doch es gefror schon, bevor es gänzlich geboren war. „Herja sucht dich, Ami.“
„Was? Wieso mich? Ich habe die Blüte doch gar nicht mehr!“ Ich begriff es nicht, doch dort war wieder dieser eisige Hauch in meinem Nacken, der mit spitzen, kleinen Füßen meinen Rücken hinuntereilte.
„Aber du hattest sie! Du hast es einmal geschafft und könntest es wieder versuchen.“ Seine Stimme war ein bedrohliches Flüstern und er kniete sich zu mir auf den Boden, doch er überragte mich immer noch.
Diese Weltsicht war mir schon lange nicht mehr fremd. Alles war so groß, um mich herum, dass es normal für mich geworden war. Am Anfang hatte es mich geängstigt, doch jetzt sah ich all die Möglichkeiten, denn nur weil ich so klein war, konnten wir die Luminea erbeuten. Na ja, hatten sie fast erbeutet.
„Wir haben nicht aufgegeben. Wir haben uns nur noch nicht geeinigt, ob wir einen neuen Diebstahl starten wollen oder versuchen uns die Blüte von Askhor zu holen.“ Ich biss mir kurz auf die Unterlippe.
Wieso verriet ich ihm all unsere Pläne? Ich kannte diesen Weißelf nicht und wir standen hier in dem wohl größten Tempel von Herja, den ich je gesehen hatte. Vielleicht verpetzte er mich schon bei ihr, während wir gerade miteinander sprachen. Woher nahm ich das Wissen, dass er nicht zu ihren Schergen gehörte?
Dann erkannte ich es: Seine Augen waren nicht rot. Deswegen vertraute ich ihm, weil er mich mit sanften, gelben Augen ansah. Nicht dieses rote, bedrohliche Leuchten, das ich von Askhor und Feni kannte.
„Du solltest von diesem Plan ablassen, Ami. Am besten legst du diesen Charakter auf Eis und erschaffst dir einen Neuen. Mit der Hilfe deiner Freunde bist du bestimmt schnell wieder auf dem Maxlevel.“ Kaeldins Blick wurde durchdringender und ich wich instinktiv einen Schritt zurück.
„Wieso? Ami ist alles, was ich habe“, begehrte ich sofort auf. Panik schnürte mir die Kehle zu und ich atmete flach und schnell. Alleine bei dem Gedanken in diese Welt ohne Ami zurückzukehren, zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen.
„Weil Ami gesucht wird. Was ist schon dabei? Erstell dir einen neuen Char oder willst du, dass Herja Ami in die Finger bekommt? Vielleicht kannst du in einem halben Jahr oder so wieder als Ami zurückkehren.“ Seine Worte klangen so leicht, doch jedes Einzelne krachte wie ein Stein in meinen Magen und bereitete mir Übelkeit.
„Das geht nicht. Ich ... ich kann das nicht.“ Bei jedem Wort schüttelte ich den Kopf und krallte mich fester an meine Brust. Tief ein- und ausatmen, doch ich hyperventilierte weiter. Marcel und Antje hatten auch nur Valos und Sha. Wir wollten keine andere Figur spielen. Niemals.
„Wieso nicht?“ Unverständnis begegnete mir in dem Gesicht von Kaeldin, doch dann fixierte ich seinen Blick, der hin und her huschte. Dort war ein Flackern in seinen Augen, das mich zu meiner Gegenfrage verleitete: „Hast du denn einen zweiten Charakter?“
Er stockte und kurz brach etwas in seinen Augen, bevor er sich dann ans Ohr griff und seinen Blick abwandte. „Das ist unwichtig. Ich werde nicht gesucht. Du dagegen schon. Ami ist ein wertvoller Charakter. Keine Diebin ist so gut wie du, Ami. Daher wirf deine Freiheit nicht weg.“
„Ich werfe sie nicht weg. Mich wird niemand fangen.“ Ich war klein und wendig. Bis auf diesen Gärtner hatte mich noch nie jemand gefangen. Ich entkam jeden, durch das, was ich war: Eine Kobolddiebin.
„Doch das tust du und das wissen wir beide, nicht wahr?“ Er erhob sich wieder und schritt kurz zurück zu dem Altar, doch auf halben Weg blieb er wieder stehen. Seine Schultern sanken herab und der Griff um seinen Stab verfestigte sich.
„Nein, ich weiß gar nichts. Ich werde bei Sha und Valos bleiben. Gemeinsam kann uns niemand stoppen.“ Immer wieder strich eine sanfte Wärme über mein Herz, wenn ich an meine Freunde dachte. Sie waren alles, was wichtig war und unser Team funktionierte nicht ohne Ami.
„Du merkst es nicht. Das ist traurig.“ Sein Körper spannte sich ruckartig an und ich wich instinktiv zurück, doch nicht schnell und weit genug. Seine warme Hand umschloss mich sanft und im nächsten Moment rutschte ich in die Kapuze seiner Robe. „Versteck dich und sei still. Ich werde dich beschützen. Vertrau mir.“
So viele Fragen explodierten hinter meiner Stirn, doch bevor ich eine aussprechen konnte, schwangen die Kirchenflügel laut krachend auf und spien eine Gestalt in das Schiff, die ich gehofft hatte, so schnell nicht wieder zu sehen.
„Kaeldin!“ Die dunkle Stimme vibrierte in meinen Knochen nach und instinktiv zog ich die Kapuze fester um mich herum, bis nur noch ein leichter Lichtschein auf mich fiel. Die Spannung in der Luft lud sich weiter auf, doch Kaeldin stand locker auf einer Stelle.
„Askhor? Was treibt dich in meinen Tempel? Willst du beten, dass Herja dein Versagen verzeiht?“ In seiner Stimme schwang ein Lächeln mit und ich starrte weiter auf das Deckengemälde über uns.
Der Elf und Nephilim knieten direkt vor Herja. Herjas Hände ruhten auf ihren Köpfen. Ein Kobold und eine Fee lagen zwischen ihnen im Gras. Die anderen vier Rassen hielten sich im Hintergrund auf, doch wenn ich genau hinsah, dann erkannte ich die Ketten, die sie mit Herja verbanden.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen und ich zwang mich, wegzusehen. Lieber lauschte ich der Diskussion von Kaeldin und Askhor, bevor mich die Hoffnungslosigkeit unseres Unterfangens gänzlich bewusst wurde. Ich wollte nicht akzeptieren, dass es kein Entkommen vor Herja gab. Sie war nicht allmächtig.
Askhor lachte dunkel auf und ich sah Feni, wie sie um Kaeldin herumschwirrte. Sofort aktivierte ich meine Verstohlenheit, damit sie mich nicht sah. Wenn mich Kaeldin wirklich ausliefern wollte, dann hätte er mich nicht erst versteckt, oder? Ich zwang mich dazu, ihm zu vertrauen, und schob jeden Zweifel von mir weg.
„Du weißt ganz genau, dass Herja keine Gebete erhört. Für sie zählen nur Erfolge und Gefolgschaft. Wer sich ihr unterwirft, hat nichts zu befürchten. Aber wer sich ihr widersetzt–.“ Ein Zittern ging durch Kaeldins Körper, doch seine aufrechte Haltung stürzte nicht ein.
„Ich widersetze mich ihr nicht. Warum sollte ich auch?“ Ich wackelte unter seinem Schulterzucken und dann war dort der Geruch von Askhor wieder: Sandelholz und Nelke. Mein Magen verkrampfte sich und meine Finger zuckten in Richtung meiner Dolche, doch ich unterdrückte den Impuls herauszuspringen und ihn zu attackieren.
„Du folgst ihr aber auch nicht.“ Ein bedrohlicher Unterton schwang in Askhors Stimme mit. „Darum bin ich auch hier. Ich biete dir erneut einen Platz in ihren Reihen an. Als oberster Tempelführer ist dies eigentlich deine Pflicht.“ Schwere Schritte von Askhor hallten auf dem Marmor wider und sein Schatten legte sich über mich.
„Ich muss ihr nicht folgen, um ihr treu zu sein.“ Meine Brust zog sich panisch zusammen und erneut war dort der Impuls zu fliehen, doch etwas hielt mich hier. Vielleicht war es der weiße Haarschopf von Askhor oder das sanfte Glitzern von Feni. Ich blieb in Kaeldins Kapuze sitzen und flehte darum, dass Askhor endlich verschwand.
„Okay, dann beweise deine Treue, indem du mir mit deinen Fähigkeiten zu Diensten bist.“ Askhor verschwand und ich entspannte mich, auch wenn Feni blieb. Sie flog weiter um Kaeldin herum, als suchte sie etwas.
„So? Was soll ich denn für dich tun?“ Kaeldin rührte sich immer noch nicht. Seine Atmung war gleichmäßig, doch sein Herzschlag hämmerte im schnellen Takt gegen meinen Rücken.
„Du sollst eine Diebin für mich finden.“ Sofort verkrampfte sich die Haltung von Kaeldin und ich hielt mir erschrocken den Mund zu. Mir war klar, welche Diebin Askhor suchte. War er nur wegen Kaeldin dauernd dort, wo ich ihn nicht brauchen konnte? Spionierte er mich mit der Hilfe des Weißelfs aus?
„Lass mich raten: Ami Flinkfinger?“ Sein Lachen schüttelte mich leicht durch und dann flog schon wieder das Glitzern von Feni über mich hinweg. Es wunderte mich, dass sie mich noch nicht erkannt hatte. Vor ihr konnte ich mich nie gänzlich verstecken.
„Du bist clever, Kaeldin. Also, wirst du deinen schlauen Stein nach ihr befragen?“ Der Unterton in Askhors Stimme machte aus der Bitte einen Befehl und das Holz von Kaeldins Stab knirschte leise.
„Was habt ihr nur mit dieser Koboldin? Man könnte fast meinen, dass ihr sie liebt.“ Ein kehliges Lachen war Askhors einzige Antwort und der Stab von Kaeldin scharrte über den Boden, als er schon am äußersten Rand meines Sichtfeldes auftauchte.
„Finde sie einfach. Der Rest kann dir egal sein.“ Ungeduld schwang in Askhors Stimme mit und schon leuchtete der Stein hell und verschwand wieder aus meinem Sichtfeld. Die Luft vibrierte und jeder Atemzug verwandelte sich in eine Qual. Ich musste hier verschwinden. Sofort griff ich nach dem Stoff der Kapuze, um mich daran höher zu ziehen. Feni war gerade erst vorbeigeflogen. Sie sollte nicht so schnell zurückkehren.
Bleib. Vertrau mir. Er bekommt dich nicht. Kaeldins Stimme hallte in meinem Kopf nach und hüllte meine Gedanken in eine sanfte Wärme ein. Ich lockerte den Griff und fiel zurück in seine Kapuze. Fenis Glitzern wanderte wie eine Sonne über mich hinweg. Sie sah mich nicht und die Vibration verwandelte sich in ein leichtes Zittern.
„Sie ist an einem dunklen Ort. Leider kann ich diesen nicht genau bestimmen. Wenn ich mich umsehe, ist dort nur Dunkelheit. Einzig am Himmel ist Licht und immer wieder taucht ein Glitzern auf.“ Zu nah! Er war viel zu nah an der Wahrheit und die Stimmung geriet ins Kippen.
„Dunkel und Glitzer?“ Feni flog erneut über mich hinweg, doch sie schwieg und erkannte mich immer noch nicht. Meine Verstohlenheit schien zu reichen, doch etwas in Askhors Stimme gefiel mir nicht. Der Bass war noch tiefer und legte sich als unheilvoller Schauer über meine Arme.
„Ja.“ Ich fiel wieder hin und her, als sich Kaeldin aufrichtete und sein Stab wich zur Seite zurück. Dort war der Stein, der mich verriet. Eine mächtige Waffe, die ich zerstören sollte. Doch wie?
„So ungenau warst du noch nie.“ Der Geruch von Askhor wurde stärker und sein Schatten warf sich über mich. Ich erkannte seinen weißen Schopf, als er Kaeldin scheinbar umrundete. Das Scharren seines Schwertes erklang und der Stab von Kaeldin wackelte kurz. „Warum auf einmal? Jetzt, kaum dass sie wirklich gefährlich geworden ist? Muss ich dich an deinen Pakt erinnern, Kaeldin?“
„Nein, ich brauche keine Erinnerung an meinen Pakt.“ Erneut verschwand der Stein aus meinem Sichtfeld und das Scharren von Holz über Marmor erklang. Die Muskeln hinter mir spannten sich an und ein leichtes Zittern ging durch den Körper, als neue Macht durch die Adern floss.
„Dann zeig mir Ami. Sag mir, wo sie ist. Sofort!“ Askhors Stimme wurde laut und überschlug sich beim letzten Wort sogar leicht, doch Kaeldin spannte sich als Antwort nur weiter an und dann war dort das Kopfschütteln, das sich leicht durch den ganzen Körper ausbreitete.
„Ich habe dir alles gesagt, was ich kann. Mehr zeigt mir mein Stein nicht.“ Erneut flog Feni über mich hinweg und dann sackte ich leicht nach unten, als sich Kaeldins Position minimalste veränderte. Die Stille um uns herum verschlang alles und spuckte es als niederdrückenden Nebel wieder aus.
„Da muss mehr sein, Kaeldin. Es war immer mehr.“ Askhor schien Kaeldin zu umrunden, denn wir drehten uns leicht und langsam. Sofort legten sich meine Finger auf die Griffe meiner Dolche. Bereit Feni anzugreifen und das Weite zu suchen. Auch wenn ich noch nicht wusste, wie ich zu Valos und Sha zurückkehrte.
Erst jetzt bemerkte ich das blinkende Chatfenster und nach einem letzten prüfenden Blick zum Ende der Kapuze hatte ich den Mut die Nachrichten zu öffnen. Natürlich waren sie von Valos und Sha, die nach meinem Aufenthalt und meiner Gesundheit fragten. Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen.
Erneut wippte ich unter einer Bewegung von Kaeldin hin und her. Ich hatte keine Zeit für lange Diskussionen, doch eine Antwort war ich ihnen definitiv schuldig. Keine Sorge. Ich bin in einem Tempel von Herja. Ein Spieler namens Kaeldin ist hier und verteidigt mich gerade vor Askhor.
Nichts daran klang, als konnte man die Sorgen vergessen, doch ich wusste nicht, wie ich es sonst formulieren sollte. Da war alles Wichtige geschrieben und für mehr hatte ich keine Zeit, denn schon brach Hektik um mich herum aus.
„Du hast sie, Rück sie sofort raus!“ Schwert prallte auf Stab und erneut war dort das Glitzern von Feni über mir. Ich hielt mich in dem weichen Stoff der Kapuze fest, damit man mich nicht mit diesen ruckartigen Bewegungen aus meinem Versteck katapultierte. Immer wieder erklang das dumpfe Klingeln, wenn die Waffen aufeinanderprallten, doch Kaeldin gab nicht nach.
„Da irrst du dich, Askhor. Ich habe Ami noch nie in echt gesehen. Daher kann ich sie gar nicht zu mir rufen.“ Kaeldin fing den Angriff ab. Auch den zweiten Schwerthieb und dritten. Meine Finger schmerzten unter der Belastung, doch ich krallte mich fester in den Stoff und klammerte mich an meine Verstohlenheit. Wenn ich jetzt auftauchte, dann war nicht nur mein Leben verwirkt, sondern auch Kaeldins.
„Gib mir die Koboldin“, knurrte Askhor und erneut trafen ihre Waffen aufeinander. Kaeldins Körper vibrierte leicht und dann war dort schon das leichte Kribbeln der Magie über meine Haut. Ein Grunzen erklang und meine Haare stellten sich unter einem weiteren Zauber auf.
„Binde ihn sofort los!“ Fenis helle Stimme nahm das Glitzern mit sich und Kaeldin ging ein paar Schritte, bevor er sich leicht herunter kniete. Der Geruch nach Nelken wurde intensiver und mein Magen drehte sich herum. Ich schluckte trocken und zwang mich, durch den Mund zu atmen.
„Nein, weil er mich dann wieder angreifen wird.“ Kaeldins Stimme ist ruhig und ich wippte erneut hin und her, als er sich aufrichtete. „Askhor, ich sage es dir noch einmal. Ich weiß nicht, was das Bild des Steines zu bedeuten hat, und auch nicht, wo Ami ist. Schließlich habe ich dich bisher immer zu ihr geführt.“
Ein Schauer beutelte meinen Körper und ich konnte das fassungslose Was nicht in meiner Kehle halten, doch man hörte mich draußen nicht. In mir erwachte der Impuls aus der Kapuze zu klettern und nachzusehen, doch eine schreckliche Vorahnung hielt mich hier fest.
„Binde ihn los, Weißelf!“ Fenis Stimme zitterte unter der Drohung und Kaeldin wich einen Schritt zurück. Sein Stein tauchte wieder in meinem Blickfeld auf, als er abwehrend die Hände hob.
„Ich habe ihn gefesselt, weil er mich erschlagen wollte und sobald er aufhört gegen die Pflanzen zu ziehen, werden sie auch wieder verschwinden. Doch bis er sich beruhigt hat, werden sie ihn halten. Zu meiner Sicherheit.“ Erneut scharrte der Stab über den Boden und der Stein leuchtete auf.
„Was tust du jetzt?“ Die schrille Stimme der Fee überschlug sich kurz und in mir erwachte wieder dieses Ziehen, das ich zu gut kannte. Doch ich wollte noch nicht gehen und klammerte mich fester in die Kapuze. Dieses Gespräch könnte mir so viele Informationen liefern. Außerdem wollte ich Askhor gefesselt sehen, doch mein Körper wurde immer leichter.
„Ich muss nur etwas gerade biegen.“ Kaeldin ließ sich weiterhin nicht in die Karten schauen und dann war dort wieder das Glitzern von Feni. Sie blieb über mir stehen und ich war mir sicher, dass sie mir direkt in die Augen sah, doch das Halbdunkel der Kapuze und meine Verstohlenheit versteckten mich vor ihr.
„Was ist in deiner Kapuze?!“ Sie stürzte auf mich nieder, doch im nächsten Moment traf sie der Stab von Kaeldin und schleuderte sie aus meinem Sichtfeld. Die Dunkelheit umschloss mich langsam und raubte mir immer mehr meines Sehens.
„Lass mich hier. Ich brauche noch mehr Informationen“, flehte ich ihn leise an. Seine Bewegung stockte nur kurz, bevor er mir flüsternd antwortete: „Das geht nicht. Du musst zu deinen Freunden zurück. Sie machen sich große Sorgen. Askhor bekommt dich nicht und alles, was du wissen musst, wirst du zu gegebener Zeit erfahren. Versteck dich, kleine Ami.“
„Nein!“ Ich krallte mich fester in den Stoff, als das Ziehen stärker wurde, doch er entschlüpfte meinen Fingern und dann löschte ein unendliches Weiß sämtliches Schwarz aus. Man riss mich hinfort und ich hoffte, dass ich Kaeldin bald wiedersah. Denn er hatte die Antworten auf all meine Fragen...
Ich tauchte im Dorf der Waldelfen wieder auf, genau zwischen meinen Freunden, die mich mit großen Augen ansahen, bevor Sha überglücklich zu mir stürzte und mich in die Hand nahm. „Ami! Du bist wieder da!“
Sofort waren ihre Stimmen wieder in meinem Ohr und ich drückte das letzte Blicken des Chatfensters weg ohne ihre Antworten zu lesen. Es war nicht mehr wichtig. Ich war hier und Kaeldin lieferte sich einen Kampf mit Askhor.
„Gut, dass du wieder da bist, wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ Valos grinste mich ebenfalls breit an und strich sich kurz über die Augen. Das beklemmende Gefühl glitt bei ihrem Anblick von meinen Schultern und auch die Angst löste langsam ihren Griff um mein Herz.
„Ja, ich wurde schon wieder teleportiert“, antwortete ich zerknirscht und zog dabei die Lippen kraus. Schnell sah ich zwischen meinen Freunden hin und her. „Ob es dafür etwas gibt, um das zu verhindern? Langsam beginnt es lästig zu werden.“
„Na ja, damals hat es dich gerettet. Schon vergessen?“ Valos stoppte meinen Einwand sofort, doch wenn ich Kaeldin zurückdachte, erschauderte ich. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm noch einmal begegnen wollte. Auf jeden Fall sollte ich nach einer Möglichkeit suchen, dass er mich nicht mehr aufspüren konnte.
„Nein, habe ich nicht“, grummelte ich und strich über die Handinnenfläche von Sha, bevor ich mich dort niederließ und zwischen meinen Freunden hin und her sah. Shas dunkle Augen waren gerötet und auch Valos grünes Gegenpaar flackerte noch leicht unter den Nachwehen der Sorge.
„Wo warst du? Was ist passiert? Hast du den Zauberer getroffen, der das dauernd macht?“ Endlich schaltete sich Valos Neugier ein und zerschlug damit die bedrückte Stimme, die sich immer weiter zwischen uns ausbreitete. Ich nickte ihm dankbar zu und tätschelte dann noch einmal Shas Innenfläche, bevor ich mich zu ihm umwandte.
„Ja, ich habe ihn getroffen. Er heißt Kaeldin.“ Sofort zogen beide scharf die Luft ein und ich hob irritiert eine Augenbraue. „Was? Kennt ihr den?“
Sie tauschten einen nervösen Blick aus und mich beschlich das Gefühl, dass sie mir etwas verheimlichten. Wir waren Freunde. So etwas wie Geheimnisse gab es nicht zwischen uns. Niemals!
„Kennen ist zu viel gesagt.“ Sha zuckte mit den Schultern und warf Valos dann einen flehenden Blick zu, sodass ich mich zu ihm umwandte. Ich fixierte ihn sofort, damit er nicht auf die Idee kam, dass er sich herausreden könnte. Das gab es nicht. Ich wollte hier und jetzt die Wahrheit.
„Schau mich nicht so an, Ami. Ist ja gut. Es wundert mich, dass er dir nichts sagt.“ Vorwurf schwang in dem letzten Satz mit, doch dann setzte er sich zu mir und Sha auf den Boden. „Kaeldin ist der Weißelf, ein Hohepriester von Herja.“
„Ja, das mit dem Hohepriester hat er mir selbst gesagt, aber was meinst du mit der Weißelf?“ Ich legte den Kopf leicht schief und fixierte ihn erneut. Eine Ahnung schickte einen Schauer über meinen Rücken und ich schüttelte mich kurz, um ihn loszuwerden. Erneut tauschten die beiden einen Blick aus und forderten damit ein dunkles Knurren von mir. „Spucks‘ aus!“
„Na ja, er ist der beste Weißelfspieler des gesamten Spieles. Nicht nur auf dem Server, nein, sondern auf allen Servern. Niemand spielt einen besseren Hohepriester und seinen Namen kennt jeder.“ Valos sah mich mit einem schüchternen Lächeln an, bevor dann Sha aussprach, was aus seiner Zunge lag: „Bis auf dich.“
„Hohepriester interessieren mich nicht. Ich schaue nur auf Schurken und Teams.“ Ich sprang von Shas Hand und trat ein paar Schritte von meinen Freunden weg. „Aber er scheint auf unserer Seite zu sein. Herja hat keine Macht über ihn, auch wenn er ihr dient. Er – er will uns irgendwie helfen.“
Ich konnte meinen Satz selbst nicht glauben und sah meine Freunde mit großen Augen an, die ihre ebenfalls ungläubig aufrissen.
„Uns helfen?“ Valos fand zuerst seine Zunge wieder und lachte dann auf. „Das soll ihm wer glauben? Er nimmt uns die Blüte doch sofort weg, wenn wir sie wiederhaben! Nein, Ami, wir können ihm nicht vertrauen.“
„Ich stimme Valos zu.“ Sha nickte. „Er ist der Hohepriester von Herja. Warum sollte er auf unserer Seite sein? Das ergibt doch keinen Sinn!“
Ihre Argumente klangen schlüssig, doch etwas sperrte sich in meinem Herzen. Ein Teil von mir wollte ihm glauben, aber ich wusste nicht einmal, woher ich diesen nahm. Nur weil er mich nicht an Askhor ausgeliefert hat?
„Ich weiß es nicht.“ Ich zuckte meine Schultern und legte dann meine Hand auf meine Brust. „Aber irgendwie vertraue ich ihm. Er hätte mich an Askhor ausliefern können, aber stattdessen kämpfte er für mich.“
„Was? Das... ich raffs nicht.“ Valos zuckte übertrieben mit den Schultern und stand dann auf, um ein paar Schritte wegzugehen. Sha sah mich liebevoll an und beugte sich dann zu mir hinunter. „Das tut keiner, Valos. Aber ich glaube Ami. Ihr Instinkt lag noch nie falsch.“
Sie drückte mir einen kurzen Kuss auf meinen Kopf und erhob sich dann wieder, um auf Valos zuzugehen. „Wir sollten jetzt einfach weiter Informationen sammeln. Dein Freund meinte, dass wir zu eurem Kräuterexperten gehen sollten. Vielleicht verstehen wir dann, was dieses ganze Chaos um die Quest bedeutet.“
Valos verzog zerknirscht das Gesicht, aber nickte dann entschlossen. „Ja, du hast recht, Sha. Lasst uns weiter Infos sammeln. Die Hütte von Herbavin ist gleich da hinten.“ Er deutete in besagte Richtung und nachdem mich Sha aufgesammelt hat, überquerten wir die Hängebrücken, die all die Hütten miteinander verbanden.
Sie schwangen unter ihren Schritten und Sha tat sich schwer ihr Gleichgewicht, ohne Halt zu bewahren. Valos dagegen lief leichtfüßig darüber und die Brücke wackelte nicht einmal. Ich selbst klammerte mich an der Schlaufe fest und achtete darauf, dass ich nicht herunterfiel.
Ich passte zwischen die Lücken zwischen den Brettern und der Boden war so unendlich weit weg. Sofort schluckte ich die Angst trocken herunter und zwang mich nach vorne, anstatt nach unten zu sehen. Valos‘ Rückansicht wippte vor uns hin und her. Sha zitterte bei jeder neuen Hängebrücke mehr, sodass ich ihr beruhigend über den Hals strich und dann einen Kuss auf ihre Wange hauchte. Sie lächelte und bedankte sich flüsternd bei mir.
„So, hier sind wir.“ Valos zeigte auf eine Hütte, die sich von den anderen nur durch die unendlichen Blumentöpfe unterschied. Überall wachste etwas darin und so manche Pflanze verströmte ein angenehmes Aroma, doch ich konnte mich nicht länger davon gefangen nehmen, denn schon klopfte Valos an die Tür.
„Hey, Herbavin, bist du da? Ich bin es, Valos!“ Ein kurzes Klirren erklang und dann ein leiser Fluch, bevor sich im nächsten Moment schon die Tür vor uns öffnete. Die kurze, schwarze Mähne des Waldelfs war zerzaust und ein schwarzer Fleck war auf seiner Wange. Energisch klopfte er sich Erde von den Händen und als sein Blick auf Valos fiel, leuchteten die braunen Augen glücklich.
„Valos? Du bist es wirklich.“ Er umarmte unseren Freund herzlich. „Ich dachte schon, dass man mir wieder einen Streich spielt. Kommt rein. Kommt rein. Entschuldigt das Chaos, aber ich topfe gerade meine Pflanzen um.“
Nach einem kurzen Blick über uns trat er zur Seite und ging zurück in die Hütte, die hell erleuchtet war durch viele Fenster in der Decke. Überall standen Töpfe mit den verschiedensten Pflanzen und Säcke voller Erde. Gießkannen in tausend Ausführungen und Hochbeete oder kleine Gewächshäuser.
„Was führt dich zu mir, mein Freund?“ Es überraschte mich immer wieder, wie beliebt Valos in seinem Dorf war. Ich selbst war bei den Kobolden gerade mal geduldet. Vielleicht lag es an unseren Klassen, doch ich hatte bisher noch nie einen Artgenossen bestohlen. Das Misstrauen war dennoch da. Vielleicht hätte ich eine andere Klasse wählen sollen?
„Wir brauchen Informationen zu einer ganz besonderen Pflanze.“ Valos riss das Gespräch wieder an sich, doch Sha und ich kannten das schon. Er war immer unser Sprecher, weil sein Charakter die höchsten Punkte bei Charisma hatte. Wenn jemand verhandeln konnte, dann war es Valos.
„Da bist du bei mir natürlich richtig. Um welche Pflanze geht es denn?“ Herbavin strich sich über die Wange und verteilte den schwarzen Fleck damit nur noch mehr und ich musste leicht auflachen. Auch Shas Schultern wackelten unter einem leisen Kichern, doch die beiden Waldelfen registrierten uns gar nicht.
„Um die Luminea.“ Sämtliche Farbe wich aus Herbavins gebräunten Gesicht, doch dann schluckte er trocken. „Habe ich gerade richtig gehört? Luminea?“
„Ja, die Luminea aus Herjas Garten“, bestätigte Valos und dann wurden Herbavins Augen ganz groß. „Hast du eine? Das wäre der Wahnsinn! Ich könnte sie kultivieren und erforschen! Bitte, wenn du sie hast, dann musst du sie mir geben!“
„Wir haben sie leider an Askhor verloren“, mischte ich mich nun in das Gespräch ein und ließ betrübt die Schultern hängen. Es war meine Schuld. Ich hatte die Blüte mittlerweile dreimal verloren. Eine vierte Chance bekam ich wohl kaum.
„Askhor?“ Herbavin verzog angewidert das Gesicht und dann zuckte er schon mit den Schultern. „Was wollt ihr über sie denn wissen? Steht doch alles in der Questbeschreibung oder nicht?“
„Leider nicht.“ Valos ließ die Schultern sinken und zwang sich dann erneut zu einem Lächeln. „Aber wir wollen das durchziehen. Zumindest wenn es die Blume den Aufwand wert ist. Also, weißt du was über sie?“
„Nicht viel. Die Luminea ist ein Mythos. Sie wächst nur in Herjas Garten und alle, die eine zu Gesicht bekommen haben, sind spurlos verschwunden.“ Herbavin zuckte mit den Schultern und begann dann die gerade umgetopfte Pflanze mit neuer Erde zu versorgen. „Ich habe versucht Kontakt zu den Spielern aufzubauen, die diese Quest beendet haben. Aber ich konnte niemanden mehr erreichen. Sie sind nur wenige Tage nach dem erledigten Quest verschwunden.“
„Verschwunden?“ Sha hob alarmiert die Augenbraue und ein Zittern ging durch ihren Körper. Sofort legte ich sanft eine Hand auf ihren Hals und lächelte sie an. „Das wird uns nicht passieren.“
„Ja, verschwunden. Kommen nicht mehr online. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Ich weiß nur, dass alle – also wirklich alle – Pflanzen in Herjas Gewächshaus giftig sind. Vielleicht löscht es ja den Charakter. Seid also froh, dass ihr sie verloren habt.“ Seine Worte schnürten mir die Kehle zu und der schwere Stein in meinen Magen kehrte zurück.
Was hatte das zu bedeuten? Hatten wir echt Glück? Aber musste dann nicht jetzt Askhor verschwinden? Er war im Besitz der Luminea. Ich brach meine Gedanken ab, denn ihre Richtung gefiel mir nicht, und konzentrierte mich lieber auf Valos und Sha.
„Was wollen wir tun?“, sprach Sha die Frage aus, die sich wie dichter Nebel in unserer Mitte ausbreitete, doch ich wusste es nicht. Auch Valos Augen zitterten unter der Angst, die sich langsam durch meine eigenen Gedanken schlängelte. Sollten wir es wirklich weiter versuchen oder davon ablassen?
„Danke für die Infos, Herbavin.“ Valos drückte Herbavins Schulter und dieser lächelte breit. „Keine Ursache. Solltet ihr die Luminea aber doch zurückbekommen, dann bringt sie mir, ja? Ich würde sie gerne untersuchen.“
„Ja, das werden wir machen. Man sieht sich.“ Valos‘ Versprechen stieß mir sauer auf, doch ich schluckte den Widerspruch herunter. Das hier war sein Dorf und so wie er bei den Kobolden schwieg, behielt ich jegliche Ablehnung und Widerspruch für mich. Er hatte ja nicht gesagt, dass wir sie holten, sondern nur, dass wir sie ihn brachten, falls wir sie zurückbekamen. Aber wollten wir das wirklich?
Die Stimmung zwischen uns sank mit jedem Atemzug tiefer und wir kletterten stillschweigend auf den Boden zurück. Sha setzte mich auf den Boden zurück und ich wusste ihre nächsten Worte schon, bevor sie diese aussprach: „Ich muss offline gehen. Man sieht sich später, okay?“
Wir nickten ihr zu und dann verschwand ihr Charakter schon vor unseren Augen. Ich selbst suchte den Blick von Valos und fand dort eine Schwere, die mir bekannt war. Sein gequältes Lächeln täuschte mich nicht und ich überlegte, ob ich mit ihm über die neuen Informationen reden wollte, doch bevor ich zu einer Entscheidung kam, durchschnitt seine Stimme die Stille: „Ich werde auch gehen. Bis nachher, okay?“
Ich nickte ihm zu und blieb alleine zurück. Mit dieser unheilvollen Prophezeiung im Nacken, die sich wie ein eisiger Mantel weiter um meinen Körper schlang. Meine Lippen zitterten und ich holte tief Luft, bevor ich mich ebenfalls aus diesem Spiel ausloggte. Ich musste diese Informationen erst einmal verdauen. Alle Informationen.
Seufzend lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und blickte kurz auf das Startmenü des Spiels. Ami stand dort und wackelte freudig hin und her. Sie war mein einziger Charakter und auch wenn unter ihrem Namen der Button zum Erschaffen eines neuen Charakters stand, sträubte sich alles in mir diesen zu drücken.
Das Gespräch mit Kaeldin drang zurück in meine Erinnerung und ich schnaubte. Ami ruhen lassen? Sie wegwerfen? Ein neues Leben beginnen? Klar, er hatte Recht. Antje und Marcel halfen mir bestimmt dabei zu leveln und dann war alles wieder wie vorher. Ich konnte eine andere Koboldin oder einen Weißelf machen. Vielleicht sogar einen Nephilim. Damit würde Askhor bestimmt nie rechnen.
Ich lachte trocken auf. Es klang so einfach, doch alleine bei dem Gedanken gefror mein Herz und Schuld zerfraß mich, wenn ich in ihre Augen sah. Wir hatten schon so viel miteinander erlebt. Sie war neben Marcel und Antje meine beste Freundin.
Ich berührte mit meinen Fingerspitzen die glatte Bildschirmoberfläche und lächelte erneut. Sie war mein größter Schatz und daher konnte ich sie nicht wegsperren. Ami war alles für mich. Ohne sie hätte ich Marcel und Antje niemals kennen gelernt. Antje – bei den Gedanken an sie lächelte ich und das Eis um mein Herz begann zu tauen.
„Ich lasse dich nicht hängen, Ami. Das verspreche ich dir. Wir schaffen das gemeinsam, ja?“ Sie nickte mir entschlossen zu und ich lachte befreit auf. Ein leichtes Magenknurren riss mich in die Realität zurück und ich erhob mich, um mein Zimmer zu verlassen.
Erneut begrüßte mich die Stille der Wohnung und ich atmete tief durch, bevor ich dann in Richtung Küche ging. Das Ticken der Uhr und Surren des Kühlschrankes begleiteten meine Schritte. Meine Mutter würde erst in ein paar Stunden nach Hause kommen, wenn überhaupt.
Die Einsamkeit legte sich erneut kalt um meine Schultern, doch ich schüttelte sie ab. Es war nie anders gewesen, wenn ich ehrlich zu mir selbst war. Meine Mutter war schon immer viel arbeiten. Seit mein Vater tot ist, gefühlt sogar noch mehr.
Mein Blick glitt zu der Couch und eine Wärme kroch in mein Herz, unter der ich lächelte. Eine Berührung an meiner Schulter und eine zärtliche Umarmung. Du bist mein Schatz, Kathi. Wenn du willst, kannst du alles erreichen. Das verspreche ich dir.
Ich lachte unter dieser Erinnerung schmerzhaft auf und blinzelte die Tränen weg, bevor ich schniefte und mir über das Gesicht strich. Zehn Jahre und es tat immer noch weg. Seine Wärme fehlte in dieser Wohnung und in meinem Leben.
„Papa, du fehlst mir“, flüsterte ich in den Raum, bevor ich schluchzte und mich von der Couch abwandte. Ich riss die Schublade auf und blickte erneut auf den Zettel meiner Mutter, der mich an Obst und Gemüse im Kühlschrank erinnerte. Zischend griff ich an ihm vorbei nach einem Schokoriegel und stieß die Schublade kraftvoll wieder zu. Sie verstand mich nicht.
Du bist mein liebes Mädchen. Egal, was die Welt dir sagt, du bist perfekt, so wie du bist. Vergiss das bitte niemals. Das Knistern der Verpackung vertrieb für einen kurzen Moment die sonstigen Geräusche, als ich den Schokoriegel auspackte und dann herzhaft abbiss. Die Süße breitete sich auf meinem Gaumen aus und eine kleine Welle des Glücks verschluckte die negativen Gefühle in meinem Herzen.
Ich wollte nicht an die Zweifel denken und an diese Angst, die mich seit der Luminea in Ion regelmäßig begleiteten. Dieses Spiel hatte Spaß gemacht, doch mit dieser Quest war das Alles irgendwie Vergangenheit. Ich wollte wieder zurück zu der Leichtigkeit und der Freiheit, die mich so an Ion fasziniert hatten. Warum wollte ich diese Quest nur abschließen?
Ich lachte auf, als mir der Grund wieder einfiel: Für den Ruhm. Jetzt wollte ich nur wieder den Spaß mit meinen Freunden haben und alles andere war mir egal. Das Leben selbst war schon hart genug. Ich wollte diesen Schmerz nicht auch noch in Ion. Der Ort, an dem alles perfekt war. Alles bis auf Askhor.
Bei der Erinnerung an ihn zischte ich und verkrampfte mich. Manchmal fragte ich mich, welcher Mensch hinter diesem Nephilim stand, doch dann war es mir sofort wieder egal. Er war nur ein Spieler, der schon immer einen Narren an mir gefressen hatte. Seit dem Tag, als wir mal bei einem Quest aufeinandergetroffen sind.
Sofort schüttelte ich die Erinnerung ab und dachte lieber an das nächste Wochenende, an dem ich mit Antje und Marcel auf ein Musikfestival ging. Drei Tage nur wir drei und gute Musik. Keine Mutter, die mich anfuhr, dass ich nicht so viel essen sollte oder eine stille Wohnung. Freunde, Spaß und gute Musik. Mehr brauchte und wollte ich gerade nicht.
Der letzte Bissen des Riegels wanderte zwischen meine Zähne und ich machte mir noch zwei belegte Brote, bevor ich wieder zurück in mein Zimmer ging. Beim Vorbeigehen hauchte ich dem Foto meines Vaters noch einen Kuss zu und die Schwere fiel mit dem Schließen meiner Zimmertür von meinen Schultern.
Leise, rockige Töne verhinderten, dass die Stille der Wohnung auch hier über mich herfiel. Ich wollte nicht jedes Mal daran erinnert werden, dass ich alleine war. Mit zügigen Schritten ging ich zurück an meinen PC und lächelte Ami zu, die immer noch auf dem Bildschirm zu sehen war.
Konnte Herja mir meinen Charakter wirklich nehmen? Ich kannte die Antwort. Ja, konnte sie. Wenn der Countdown ablief, dann wurde der Charakter hingerichtet und verschwand für immer. Konnte ich dieses Risiko eingehen?
Mein Mauszeiger lag auf dem Button für die Charaktererstellung und ich biss herzhaft vom ersten Brot ab: Käse und Tomate auf Vollkorn. Da konnte sich meine Mutter wirklich nicht beschweren, oder?
Das Auswahlfenster öffnete sich und man bat mich, mich für eine Rasse und ein Geschlecht zu entscheiden: Kobold, Fee, Waldelfe, Dunkelelfe, Weißelfe und Nephilim.
Immer wieder klickte ich durch die verschiedenen Rassen und sah mir beide Geschlechter davon an. Die etwas pummeligen Kobolde mit ihren spitzen Ohren und dicken Nasen. Dagegen die zierlichen Feen mit ihren spitzen Gesichtern und noch spitzeren und vor allem langen Ohren. Ihre Gliedmaßen waren dünn und lang. Widerlich in meinen Augen.
Die Elfen unterschieden sich in erster Linie bei der Hautfarbe voneinander, aber auch der Körperbau war leicht unterschiedlich, was man erkannte, wenn man genauer hinsah. Weißelfen hatten helle Haut und einen gesunden Körperbau. Dunkelelfen dagegen waren dürr mit einer fast schwarzen Haut. Waldelfen waren drahtig und definiert mit einer gebräunten Haut, doch wirkten schwach neben den breitschultrigen Nephilim mit ihren gewaltigen Flügel, die sie bei Bedarf rufen konnten. Ihre Gesichter waren kantig und sie waren die einzige Rasse, die keine spitzen Ohren besaß.
Doch egal, wie oft ich durch all die Rassen klickte, keine sprach mich mehr an. Nicht so, wie damals bei Ami. Dieses warme Ziehen und die Zufriedenheit stellten sich nicht mehr ein. Dort war nur die Gewissheit, dass es falsch war, was ich gerade tat und so schob ich den letzten Bissen des zweiten Brotes, das ich mit Schinken belegt hatte, in meinen Mund.
Ich verließ das Erstellungsmenü und blickte wieder auf Ami, die mich verschmitzt angrinste. Sie war zu jeder Schandtat bereit und voller Tatendrang. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass Antje und Marcel noch eine Weile brauchten, wenn sie überhaupt zurückkamen. Ich konnte also eines der Quest machen, die nur für Diebe war und ich schon eine geraume Weile vor mir her schob, weil ich Angst davor hatte.
„Also, Ami, dann wollen wir mal. Holen wir uns ein paar Einhornhaare.“ Ich setze meine VR-Brille wieder auf und loggte mich mit nur einer Mission ins Spiel ein: Riesige Pferde zu bestehlen.
Das Zwitschern von Vögeln drang an mein Ohr und ich schob ein Blatt einer kleinen Pflanze zur Seite, bevor ich weiter schlich. Das kurze Schnauben eines Pferdes stoppte mich in meiner Bewegung. Dumpfer Hufschlag löste meine Erstarrung und ich schlich weiter. Noch ein weiteres Blatt, das ich zur Seite schob, bevor ich auf eine Lichtung trat.
Das wenige Licht, das durch die Baumkronen fiel, brachte das weiße Fell der zwei Einhörner zum Leuchten. Ihre samtige Mähne fiel locker über ihren Hals. Mit schnellen Schlägen ihres Schweifes verscheuchten sie lästige Insekten. Sie grasten ruhig: Eine Mutter und ihr Kind. Eine andere Konstellation gab es nicht. Einhörner waren Einzelgänger.
Ich schluckte schwer, als ich das lange, dünne Horn sah. Es war so spitz, dass es mich ohne großen Widerstand durchbohrte, wenn es mich erwischte. Erneut ein lautes Klopfen, als das Fohlen unruhig mit seinen dünnen Beinen auf den Boden schlug. Es wieherte leise und sprang dann sogar einmal um seine Mutter herum, die weiter graste, bevor es ebenfalls wieder zu essen begann.
Ein kräftiger, tiefer Atemzug beruhigte mein Herz und ich wagte es, aus dem Gebüsch zu treten. Die Erde war weich unter meinen Füßen und hielt trotzdem jeden meiner Schritte stand, sodass ich weiter schleichen konnte.
Alarmiert hob die Mutter ihren Kopf und begann geräuschvoll und tief die Luft einzuziehen. Nein, dieses Mal stand ich gegen den Wind. Sie konnte mich nicht riechen. Aber hatte sie mich vielleicht gehört?
Ihre Ohren zuckten unruhig hin und her, um irgendein Geräusch wahrzunehmen. Ich hielt still und atmete nur noch flach. Friss weiter. Ich bin nicht hier. Es ist alles sicher. Friss ruhig weiter.
Als hätte sie endlich mein Gebet erhört, schnaubte sie noch einmal und wandte sich dann wieder der Wiese zu. Ihr Junges graste ungestört weiter um sie herum und schien von ihrem kurzen Alarmzustand gar nichts mitbekommen zu haben.
Vorsichtig und mit nur einem leisen Scharren zog ich meinen rechten Dolch aus seiner Scheide, bevor ich wieder kurz innehielt, als ihre Ohren zuckten. Die Mähne wippte unter der reißenden Bewegung. Sie war alles, was ich wollte. Nur eine kleine Strähne. Dann konnte ich die Quest, die ich schon seit bald einem Monat mit mir herumtrug, endlich beenden, um die nächste Stufe auf der Diebesleiter zu erklimmen.
Ich holte noch einmal tief Luft und näherte mich weiter mit vorsichtigen Schritten den Tieren. Jetzt war es das Junge, das den Kopf alarmiert hob, doch nach einem prüfenden Blick zu seiner Mutter entspannte es sich sofort wieder und fraß dann weiter.
Meine Schritte brachten mich nur langsam näher. Ich wich jeden Ast aus, der knacken, und auch jedem Stein, der rollen könnte. So nah war ich noch nie meinem Ziel gewesen, als schon an meinem Bildrand die Meldung erschien, dass Valos und Sha online waren. Ich lächelte und stoppte kurz, um sie zu begrüßen.
Hi, hätte nicht mehr mit euch gerechnet.
Hey, wo bist du denn? Im Wald von Yurikon? Was machst du denn da? Valos fiel natürlich wieder mit der Tür ins Haus und ich lächelte in mich hinein. Ami federte unruhig von einem Bein auf das andere, doch die Einhörner waren noch ruhig und fraßen friedlich.
Ich versuche, die Quest mit dem Einhornhaar zu erledigen. Was habt ihr jetzt vor?
Wir hatten das Thema schon öfters. Es war eine Quest für Diebe. Sha und Valos gingen da nur im Weg um, was wir beim ersten Versuch schmerzlich erkennen mussten. Die zwei erwachsenen Einhörner, die wir bei ihrem Balzverhalten gestört hatten, haben uns angegriffen und übelst mitgespielt. Alleine bei der Erinnerung erschauderte ich.
Du hast sie noch nicht aufgegeben? Bitte sei vorsichtig, ja? Ich lächelte unter Shas Sorge und die Wärme kehrte in mein Herz zurück. Sie vertrieb die kalte Einsamkeit meiner Wohnung und dieses Gefühl, niemals gut genug zu sein.
Nein, ich will ja in die nächste Stufe aufsteigen. Außerdem hat das noch nie jemand geschafft. Ich wäre die Erste. Was habt ihr derweil vor? Ich lenkte vom Thema ab. Mir war selbst bewusst, wie gefährlich die Aktion hier war und die spitzen Hörner vor mir machten es nicht besser, doch ich brauchte diese Haarsträhne, um meinen Titel zu verteidigen. Immer mehr Diebe zogen mit mir gleich. Ein Fakt, den ich nicht hinnehmen wollte.
Okay, wenn du gerade nicht kannst, werden wir wohl mal bei den Feen herumfragen. Vielleicht haben die irgendeine Ahnung von dem Kraut. Valos übernahm das Wort, bevor sich Sha weiter Sorgen machen konnte und seine Idee war gut. Feen kannten sich mit den Blumen sehr gut aus und wenn ich sie begleitete, dann kam es bestimmt nur zum Streit.
Ja, das klingt gut. Haltet mich auf den Laufenden. Ich lächelte, als schon die Bestätigungen kamen und erneute Bitten, dass ich vorsichtig sein sollte. So war es besser, denn alleine bei dem Gedanken in so ein stinkendes Feendorf zu gehen, zog sich mein Magen zusammen.
Mit einem Seufzer schüttelte ich den Hass und Zorn ab, um mich dann wieder auf die beiden Tiere vor mir zu konzentrieren. Die Verstohlenheit versteckte mich vor den Augen der Tiere, doch nicht vor ihrem Geruch, wenn ich also nah genug herankam, musste es schnell gehen.
Schritt für Schritt. Zentimeter für Zentimeter näherte ich mich weiter den majestätischen Tieren. Ihre weiche, seidige Mähne glitt durch meine Finger, als das Fohlen erneut den Kopf hochriss und dieses Mal die Mutter folgte.
Es wieherte fröhlich und stupste sie in die Seite, doch mit einem Schnauben wandte sie sich wieder dem Fressen zu und der weiße Vorhang glitt wieder vor mich. Ich holte noch einmal kurz Luft und streckte meine Hand danach aus, als plötzlich der schmale Huf auf mich zuraste.
Sofort wich ich zwei Schritte nach hinten aus, um dann erneut danach zu greifen. So weich und seidig. Kein Wunder, dass man auf den Schwarzmarkt so gute Preise dafür bezahlte. Zwei Hände breit brauchte ich und nahm Maß, doch dann ein Knacken und erneut entwischte mir meine Beute.
Die Stute tänzelte nervös und ich sprang erneut zurück. Sie suchte die Umgebung ab und auch das Fohlen stand alarmiert auf der Stelle und drückte sich näher an seine Mutter. Das Zucken der Ohren und die weit aufgerissenen Augen nährten einen schrecklichen Verdacht in mir: Die Zeit lief mir davon.
Ich hastete zu dem Schweif, der zwar leicht angehoben war, doch noch erreichbar. Sofort nahm ich Maß und schnitt mit einem beherzten Hieb die gebrauchte Menge ab. Keine Sekunde zu früh, denn ein weiteres Knacken erklang und ein leises, warnendes Wiehern trieb das Fohlen davon, dicht gefolgt von seiner Mutter.
Ich packte meine Beute in meine Tasche und löste dann meine Verstohlenheit auf. Sofort kam die Meldung an den Bildrand, dass ich die Quest geschafft hatte und nur noch abgeben musste. Endlich bekam ich den nächsten Rang und war somit wieder einzigartig. Niemand stahl besser als ich.
Kurz kamen mir die fünf Diebe in den Sinn, die verschwanden, weil sie die Luminea gestohlen hatten. Waren sie besser als ich, weil sie nicht scheiterten? Nein, sie existierten nicht mehr, darum war ein Messen mit ihnen sinnlos.
Ich hab das Einhornhaar. Schon etwas herausgefunden? Ich lenkte mich mit dem Chat mit meinen Freunden ab, der verstummt war, um mir die nötige Konzentration zu ermöglichen. Sofort kam eine Antwort von Sha. Nicht wirklich. Sie reagieren alle sehr komisch auf die Blume. Ich bin mir sicher, sie wissen etwas.
Aber? Dann bringt doch irgendeine Fee zum Singen! Als hättet ihr nicht die Macht dazu. Ich hasste dieses kleine Volk abgrundtief. Wenn sie uns im Weg standen, dann war jedes Mittel recht, um unser Ziel dennoch zu erreichen. Sha konnte mit ihren Flüchen bestimmt etwas erreichen.
Das ist nicht so einfach. Kaum haben wir das erste Mal nach der Luminea gefragt, sind alle panisch davon geflogen und wir kommen an keine einzige Fee mehr heran. Sie haben sich alle in ihren Häusern versteckt. Valos‘ Text entlockte mir ein Knurren und ich spannte mich instinktiv an. Wie konnten es diese widerlichen Gestalten wagen sich uns zu verweigern? Sie waren nur Abschaum!
Dann brecht in deren Häuser ein.
Du weißt genau, dass die Häuser zu klein dafür sind. Wir werden die Feen dabei wahrscheinlich töten. Shas Antwort sollte mich besänftigen, doch hier ging es um dreckige Feen. Da gab es keine Besänftigung.
Wenn die Ersten sterben, dann kommt der Rest bestimmt von alleine. Ich wollte Antworten und diese kleinen fliegenden Mistkröten hatten sie. Sha und Valos mussten sie sich nur holen, aber sie beharrten auf irgendeine Moral.
Ami, das willst du nicht wirklich. Es war ja nicht ganz umsonst. Wir wissen jetzt, dass Lumineas Macht echt groß ist. Jetzt heißt es nur herausfinden, wie die genau aussieht. Treffen wir uns gleich in Twilight? Ich stimmte Valos‘ Vorschlag zu und rief nach meinen Feendrachen, um mit ihn zu meinem Ziel zu fliegen.
Ein Rascheln erklang und ich lächelte sofort. Scheinbar war er gerade in der Nähe und ich kam schneller dort an, als ich gedacht hatte. Doch das Rascheln wurde schwerer, gewaltiger und bevor ich begriff, was das zu bedeuten hatte, trat Askhor aus dem Gebüsch und lächelte mich mit einem breiten Grinsen an. „Hab ich dich, Ami.“
Mit ausladenden Schritten näherte sich Askhor und ich wich instinktiv einen Schritt zurück. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn ein Entkommen war nur im undurchdringlichen Dickicht möglich. Ich hatte noch zwei Schritte von ihm Zeit.
Mein Blick huschte nach hinten. Ich brauchte fünf Sekunden, um bis zum Rand der Lichtung zu kommen. Sobald ich in dem Gebüsch untergetaucht bin, entkam ich Askhor. Jetzt! Ich muss jetzt loslaufen!
Doch meine Beine bewegten sich nicht. Ich sah in das breite Grinsen von Askhor, als er einen weiteren federnden Schritt näher kam. Seine Arme sind einladend geöffnet und sein Schwert hing friedlich an seiner Hüfte, dabei schlug es mit jeder Bewegung leicht gegen sein Bein.
Äste knackten unter seinen Schritten und sein Geruch wurde intensiver. Nur noch ein Schritt. Ich musste mich entscheiden. Er beugte sich langsam nach unten und sein Grinsen wurde breiter. Seine große Hand öffnete sich und bewegte sich auf mich zu. „Schön, dass du zur Vernunft gekommen bist und mir endlich meine Geschichte erzählst.“
Sein Schatten verdeckte das Licht und die aufkommende Düsternis löste die Blockade in meinen Beinen. Sofort sprang ich zurück und hechtete in Richtung Dickicht. Die Dunkelheit wurde übermächtig und ich stach instinktiv mit meinen Dolchen hinter mich.
„Autsch! Hey! Ami, jetzt warte doch! Du bist mir noch eine Geschichte schuldig!“ Mit einem gewaltigen Beben krachte Askhors Schwert vor mir in den Boden. Fuck! Ich bremste und kam knapp vor dem Metall zum Stehen. Meine Finger legten sich auf den kalten Stahl und ich sah ein schwaches Spiegelbild. Grüne, weit aufgerissene Augen starrten mich an, bevor die Waffe wieder nach oben gezogen wurde.
„Ich bin dir gar nichts schuldig.“ Schwungvoll drehte ich mich zu ihm um. Meine Dolche zum Angriff bereit in den Händen und jeder Muskel in meinem Körper zum Zerreißen angespannt. Das Dickicht hinter mir versprach mir Sicherheit und Schutz, doch ich näherte mich nur einen weiteren Schritt rückwärts.
„Meinst du ich check nicht, was du vorhast?“ Eine eisige Macht ergriff mich und zerrte mich vom Dickicht weg in die Höhe von Askhors Gesicht. Seine tiefroten Augen drangen bis in meine Seele und ich erschauderte, doch meine Hand zuckte nach vorne.
Mit einem Zischen durchschnitt der Dolch die Luft und verfehlte Askhors Auge nur um wenige Millimeter. Ein tiefes Knurren drang aus seiner Kehle und der Druck um meinen Körper verstärkte sich.
„Willst du wirklich mit mir kämpfen? Das ist Irrsinn und das weißt du.“ Meine einzige Antwort war ein zweiter Dolch, der ebenfalls einen Schnitt in seinem Gesicht hinterließ. „Soll ich dich zerquetschen, wie eine Made?“
Die Macht drückte mir die Luft aus den Lungen und egal wie sehr ich es versuchte, ich bekam keine Neue mehr hinein. Luft! Ich japste und kratzte über meinen Hals, um diese unsichtbare Barriere zu entfernen, doch ich bekam nichts zwischen die Finger außer meine eigene Haut.
„Also? Willst du jetzt artig sein?“ Langsam lockerte sich der Griff und ich holte einmal tief Luft, doch sofort griff ich nach einem weiteren Dolch. Dieses Mal aus meiner besonderen Sammlung. Das brennende Gift sollte zumindest seine Magie eine Weile blockieren.
Erneut schleuderte ich ihn in seine Richtung. Dieses Mal streifte er den Hals und der Druck um meinen Körper stieg wieder. Doch nur für zwei Atemzüge, dann brach die Magie in sich zusammen und ein leiser Fluch erklang. „Fuck! Was hast du gemacht?“
„Für Chancengleichheit gesorgt.“ Ich kam federnd auf den Boden auf und zog sofort zwei weitere Dolche. Das Surren seiner Klinge erklang, als er sie aus der Scheide zog. Er ging in Angriffsposition. Die Erde knirschte unter seinen Füßen und ich prüfte noch einmal kurz meinen eigenen Griff um meine Waffen.
„Du hattest noch nie eine Chance gegen mich, Ami. Erzähl mir einfach die Geschichte.“ Zorn entbrannte durch seine Worte in meiner Brust und ich knurrte dunkel. Diese kaputte Schallplatte langweilte mich. Warum verstand er nicht, dass er dies niemals von mir bekam?
„Ich bin nicht für deine Unterhaltung da.“ Ich spuckte aus und eilte auf ihn zu. Das Singen seiner Klinge erfüllte die Luft, doch ich wich ihr aus und versetzte ihm einen Schnitt am Fußgelenk. Er war minimal, doch auch jetzt bediente ich mich einem Gift und er grunzte schmerzerfüllt auf. Kurz sank er sogar auf sein Knie. „Du mit deinen elendigen Giften. Ich hasse Schurken.“
Er holte mit seinem Arm aus und ich machte einen Satz zurück, doch nicht weit genug. Mit Wucht traf mich seine Hand und schleuderte mich in das Dickicht. Mein Schädel dröhnte und ich schmeckte Blut im Mund, doch kämpfte mich in die Höhe. Die Erde bebte unter seinen Schritten. Ich schüttelte benommen den Kopf. Weg! Ich muss hier weg!
Sein Schatten warf sich wieder über mich und ich stach instinktiv nach oben. Erneut ein leiser Fluch. „Was hast du auf deinen Klingen? Das brennt wie Feuer!“
„Du wirst bald noch mehr merken.“ Ich lächelte in mich hinein und kämpfte gegen das Schwindelgefühl in meinem Kopf an. Das Rauschen in meinen Ohren verschwand nicht und ich zischte. So sehr ich dieses Spiel liebte, manchmal war der Realismus sehr überwältigend.
„Fuck! Du hast mich blind gemacht! Du miese Schlange, Ami! Wir hatten einen Deal!“ Askhor fiel auf seine Knie und strich sich immer wieder über die Augen, doch seine Pupillen blieben groß und dunkel. Er tastete auf dem Boden und krallte sich weiter an sein Schwert. Sein Blick ging durch mich hindurch, ohne mich wahr zunehmen.
Langsam stoppte das Dröhnen in meinem Kopf. Ich wagte es, aufzustehen und mich leise zurückzuziehen, doch erneut stoppte mich Askhor. „Ami? Bist du noch da? Ich dachte, dass du die Luminea willst.“
Er holte die Blüte aus seiner Gürteltasche und ich stockte. Sie sah noch genauso aus, wie als ich sie gepflückt hatte. Warum hatte er sie noch? Sollte er sie nicht Herja geben? Wenn ich vorsichtig war, dann könnte ich sie ihm jetzt entwenden. Aber alleine bei dem Gedanken mich schnell zu bewegen, schmerzte mein Rücken.
„Wieso hast du sie noch? Du hättest sie Herja geben müssen.“ Ich wollte ihn verstehen und sofort schnellte sein Kopf in meine Richtung. Sein geblendeter Blick lag wieder auf mir und ich erschauderte unter der toten Intensität.
„Wir hatten einen Deal und ich will eine Geschichte von dir hören.“ Ich schnaubte, als er erneut mit diesem Schwachsinn ankam, doch näherte mich ihm vorsichtig. Die Luminea lockte mich und lag wie auf den Präsentierteller in seiner Hand, nur ein schneller Schachzug und sie gehörte wieder mir. Der Ruhm war zum Greifen nah.
„Eine Geschichte. Ich bin eine Diebin, Askhor. Hör auf Geschichten von mir zu verlangen.“ Ich zischte und sofort lag sein blinder Blick wieder auf mir. Unter der hektischen Bewegung zuckte ich zurück und erschauderte. Konnte er sich etwas schon an die Dunkelheit gewöhnt haben? Ich sollte weglaufen, aber die Luminea–.
„Du bist aber auch eine Koboldin und Kobolde erzählen die besten Geschichten. Ich würde gerne eine von dir hören. Du hast bestimmt einiges zu bieten.“ Ich schnaubte als Antwort und verdrehte die Augen. „Ich habe keinen einzigen Punkt in diese Richtung geskillt. Jeder andere Kobold kann bessere erzählen.“
„Ich will aber von dir eine hören.“ Die Intention, mit der er mich ansprach, schickte einen Schauer durch meinen Körper, der ihn zum Erbeben brachte. „Ich will eine Geschichte von Ami Flinkfinger.“
„Warum?“, hauchte ich fassungslos und blieb nur wenige Schritte vor ihm stehen. Der Geruch von Schweiß drang in meine Nase, gefolgt von Vanille und Sandelholz. Ich rümpfte die Nase, doch die Luminea war direkt vor mir. Ein schneller Schattenschritt und sie war mein. Erneut ein stechender Schmerz in meinem Rücken, der in meine Gliedmaßen ausstrahlte, doch ich konnte mir diese Chance nicht entgehen lassen.
„Ich mag Kunst.“ Er zuckte mit den Schultern und schon wieder sah er in meine Richtung. „Egal ob Musik, Malerei oder Erzählungen. Sie alle haben ihren Reiz und ihre Daseinsberechtigung.“
„Warum dienst du dann Herja?“ Was? Was tat ich hier? Ich wollte mich nicht mit Askhor unterhalten. Er reduzierte mich immer nur auf meine Geschichten, die ich nicht als ein Teil von mir ansah. Ich sollte mir die Luminea schnappen und dann verschwinden, doch ich näherte mich nur einen weiteren Schritt meinen Gegner.
„Weil ich dann die Kunst dieser Welt erleben kann und glaube mir, Ami, die ist überwältigend.“ Erneut glitt sein Blick auf mich und dann erkannte ich es: Seine Pupillen begannen wieder zu schrumpfen. Unsere Körper spannten sich gleichzeitig an. Ich stieß mich nach hinten. Sein Arm schnellte nach vorne. Die Luminea verschwand hinter seiner geöffneten Hand, die nach mir gierte.
Sie schlug direkt vor mir in den Waldboden ein. Ein leiser Fluch, der über Askhors Lippen huschte, trieb mich noch weiter nach hinten. Die glatten Blätter des Dickichts streichen über meine Wangen und umschließen mich hauchzart.
„Ami, bleib hier. Du entkommst mir nicht!“ Askhor fixierte mich und warf sich noch einmal nach vorne, doch seine Hand verfehlt mich wieder und greift nur in die kalte Erde. „Wir hatten einen Deal, Ami! Einen Deal!“
„Und du hast die Blume noch, Askhor. Aber ich werde sie mir noch holen, ohne Geschichte“, versprach ich ihm und er knurrte tief. „Du verlogenes Miststück. Ich bekomme meine Geschichte, das verspreche ich dir. Du wirst mir gehören, Ami Flinkfinger.“
„Träum weiter.“ Mit diesem Gedanken wandte ich mich um und tauchte gänzlich ins Dickicht ein, um im Schutz der Blätter davon zu eilen. Askhor bekam mich nicht und ich erzählte ihm auch keine Geschichte. Denn Ami Flinkfinger unterhielt niemanden mit irgendwelchen Legenden. Niemals.
Es gab nur wenige Feste in Ion und wenn drehten sie sich alle um Herja. So auch das Heutige. An diesen Tagen sah man immer die meisten Spieler online und die Straßen der Städte waren überfüllt. Normalerweise mied ich dann die Zivilisation, doch Valos bestand darauf, dass wir nach Askhor Ausschau hielten.
„Wenn er hier ist, dann ist die Blume unbewacht und wir können sie vielleicht stehlen.“ Seine Worte hallten in meinen Erinnerungen nach und ich konnte sie damals genauso wenig glauben, wie Sha. Aber ich musste ihm zustimmen: Eine bessere Chance bekamen wir so schnell nicht wieder.
Die fröhliche Musik von Flöten, Trommeln und Tamburins erfüllte die Straßen und die Wesen um uns herum tanzten ausgelassen zu der Musik. In der Mitte des Stadtplatzes saß Herja auf ihrem Thron. Die Klauen an ihrer Hand tippten im Takt auf die Lehne des großen, mit schwarzem Leder überzogenen Stuhls. Jetzt trug sie ein weißes Kleid, das an beiden Seiten eingeschnitten war, sodass ihre Beine unbedeckt waren.
Ihre schwarzen Hörner glänzten im Sonnenschein und ihr Schwanz wippte ebenfalls im Takt der Melodie mit. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihr Blick schweifte immer wieder prüfend über die Anwesenden.
Ein Schauer erfasste mich, als ich ihrem Blick begegnete. Kam dort ein Erkennen in ihre Augen? Lächelte sie gerade anders? Ich schüttelte die Angst ab. Es war unmöglich, dass sie mich auf der Schulter von Sha sah und dann auch noch erkannte.
„Er ist wirklich da.“ Valos zog so stark an Shas Ärmel, dass ich ebenfalls wackelte und mich fester an der Schlaufe festhielt. Als ich wieder einen sicheren Halt hatte, folgte ich seinem Deut und erkannte Askhor, der neben Herja auftauchte und ihr etwas zuflüsterte. Sie nickte und dann zog er sich wieder zurück.
„Was macht er da? Was hat er ihr gesagt?“ Shas Fragen sprachen mir aus der Seele, doch Valos winkte sofort ab. „Ist doch egal. Er ist hier und das heißt, dass die Blume unbewacht ist. Du musst sie dir sofort holen, Ami.“
Meine Hände zitterten und ich begegnete Shas besorgten Blick. Erneut ließ uns Valos nicht die Zeit anders zu entscheiden, sondern drängte weiter: „Was ist los? Das ist eine einmalige Chance. Dem Funkeln nach zu urteilen ist sogar Feni da.“
„Du hast ja Recht.“ Ich senkte meinen Kopf. Ein ängstliches Flattern nistete sich in meinem Herzen ein, kaum dass ich meinen Drachen Rubin zu mir rief. Es dauerte ein paar Sekunden und dann erklang sein surrender Flügelschlag, bevor er auf uns zugeflogen kam.
Er hielt neben mir an und ich kletterte auf seinen Rücken. Shas Blick hatte sich nicht verändert. Im Gegenteil, die Furchen um ihre Augen wurden tiefer und sie strich mir liebevoll mit einem Finger über die Wange. „Bitte, pass auf dich auf.“
Ich lächelte sie zuversichtlich an. „Natürlich. Das tue ich immer. Sagt mir nur Bescheid, wenn Askhor die Veranstaltung verlässt, okay?“ Beide nickten als Antwort und ich holte noch einmal tief Luft, um die Nervosität in meiner Brust zu beschwichtigen.
Rubin wackelte kurz unter mir, bevor ich schon mit ihm in Richtung Herjas Schloss flog. Es stand am Ende der Stadt Yukiro und überragte alle anderen Gebäude. Man konnte es gar nicht verfehlen.
Ein Zittern ging durch unsere Körper, als wir uns dem Schloss aus dunklem Stein weiter näherten. Die Anzahl der Wachen auf den Zinnen wurde erhöht, doch auch jetzt beachteten sie so kleine Wesen, wie Feendrachen und Kobolde nicht.
Die einzelnen Türme ragten in den Himmel empor und tasteten nach möglichen Eindringlingen. Sechs Stück an der Zahl und erst jetzt begriff ist es: Nur die Generäle und Herja bewohnten diese Gemächer. Askhor hat schon immer dort gewohnt, deswegen war es mir nie aufgefallen. Wieso ignorierte ich diese Zeichen? Konnte ich es nicht glauben, dass ein General Interesse an mir hatte?
Ich schnaubte und schüttelte den Kopf. Askhor war unwichtig. Es zählte nur die Blume zurückzubekommen, ohne so eine lächerliche Geschichte zu erzählen. Auch jetzt drehten sich meine Zehennägel bei diesem Gedanken auf.
Rubin blieb neben dem Fenster stehen und ich blickte in den unbewohnten Raum. Der Käfig stand immer noch auf dem kleinen Tisch. Doch ein lebloser Käfig konnte mir nichts antun. Solange Askhor nicht hier war, ging davon keine Bedrohung aus.
Ein tiefer Atemzug und ich stieg vom Rubins Rücken auf das Fensterbrett, um dann im nächsten Moment schon mit dem Schattenschritt durch das Glas zu treten. Der schwere Geruch von Sandelholz traf mich und ich atmete reflexartig eine Weile durch den Mund ein.
Vorsichtig seilte ich mich von dem Fensterbrett ab und tauchte wieder in den weichen Teppich ein. Sofort glitt ich in die Verstohlenheit, um eine unliebsame Überraschung zu verhindern, und sah mich sorgfältig im Raum um.
Sie stand nicht mehr auf dem Tisch oder in einem seiner Regale. Auch nicht auf dem anderen Fensterbrett. Wo war sie? Hatte er sie vielleicht doch mitgenommen? War das alles umsonst?
Eine böse Vorahnung rann mit eisigen Fingern über meinen Rücken und ich streckte reflexartig den Rücken durch, um ihr zu entkommen. Dabei blickte ich auf den Nachttisch und sah den dunklen Nebel. Die Blume war leicht ergraut, doch ich konnte ihren schwachen Schatten sehen.
Ein Verhüllungszauber? Von Feni oder gar von Askhor?
Instinktiv legte ich meine Hand auf meinen Hals, als der Druck aus meiner Erinnerung zurückkehrte. Das Atmen fiel mir schwer und mein Herz schlug schneller. Keine Angst, Kathi. Es ist alles gut. Askhor ist nicht hier. Sha und Valos sagen mir schon Bescheid. Du holst jetzt die Blume und dann gehen wir in die Geschichte ein.
Ein tiefer Atemzug beruhigte mich. Entspannung kehrte in meinen Geist zurück und ich griff nach dem Enterhaken an meiner Seite. Ich watete durch den Teppich, wie durch Wasser, gänzlich fixiert auf die kleine Blume in dem Wasserglas.
Gekonnt schwang ich den Enterhaken und schleuderte ihn bis zum Nachtkästchen empor. Ich zog prüfend an meinen Handschuhen und faste dann das Seil fest, um mich Stück für Stück empor zu hangeln.
Ich griff nach dem Rand des Nachtkästchens und hievte mich das letzte Stück nach oben. Die Blüte stand in dem Glas und schimmerte immer noch leicht grau. Sie flimmerte, wie unter zu starker Hitze. Ihre Ausstrahlung war noch wie am Tag des Pflückens. Kein Blütenblatt wirkte welk oder verlor seine Farbe.
Leicht zitternd streckte ich meine Hand nach ihr aus und kaum berührte ich sie, zerbrach der Zauber. Sie erstrahlte in ihrem ganzen Glanz und bekam ihre Farbe zurück. Die Blütenblätter waren glatt und kühl. Noch einmal holte ich tief Luft und grinste, dann erst nahm ich meine Beute an mich.
Ich hab sie! Eine kurze Nachricht in unseren Gruppenchat und sofort kamen Jubelrufe zurück, die mein Lächeln verstärkten. Ich band die Blüte an meinem Rücken fest und rutschte dann schon am Seil nach unten auf den Boden.
Der weiche Teppich erwartete mich und umschloss wieder meine Beine. Ich ließ mich davon nicht aufhalten und eilte zu dem Fenster, hinter dem Rubin auf mich wartete. Das Gewicht der Blüte war spürbar auf meinem Rücken und beflügelte meine Schritte.
Ich war die Meisterdiebin und es gab nichts, was ich nicht in der Lage war zu stehlen. Mein Herz schlug vor Aufregung und Freude schneller. Jetzt konnten wir gleich das Geheimnis hinter dieser Blume herausfinden. All die Fragen, die noch unbeantwortet waren, auflösen und die Wahrheit erkennen.
Mit einem leisen Klacken kam der Enterhaken auf dem Fensterbrett zum Liegen und ich sah mich noch einmal über die Schulter um. Das Zimmer war immer noch leer und auch der Chat blieb ruhig. Ich sollte es wirklich geschafft haben. Das kam mir so unwirklich vor, doch manchmal lief etwas richtig.
Noch ein tiefer Atemzug und ein prüfender Zug bevor der Aufstieg begann. Das Surren von Rubins Flügelschlägel wurde immer lauter, desto höher ich kam. Doch meine Aufmerksamkeit war nach hinten gerichtet. Ich lauschte, ob jemand in das Zimmer kam oder sich draußen bewegte, doch die Stille blieb und wurde nur von meinem leisen Keuchen und dem Knarzen des Seils unterbrochen.
Erleichterung stürmte mein Herz, als ich das Holz des Fensterbretts unter meinen Fingern spürte und mich mit einer letzten Anstrengung nach oben zog. Noch ein kurzer Blick über die Schulter, doch der Raum war immer noch leer. Prüfend zog ich an dem Seil um meine Oberkörper, doch die Blüte saß bombenfest.
Ich nahm den Enterhaken wieder an mich und hauchte einen Kuss in den Raum. Erst dann durchquerte ich das Fenster mit Hilfe des Schattenschritts und sah schon in Rubins große, violette Augen.
„Wir haben es geschafft, Rubin. Ich habe die Blüte. Lass uns von hier verschwinden.“ Ich tätschelte ihren Kopf und stieg dann auf ihren Rücken. Im nächsten Moment flogen wir schon davon, ließen das schwarze Schloss hinter uns und steuerten auf die feiernde Menge zu. Der Singsang und Jubel waren in der ganzen Stadt zu hören.
Wo seid ihr? Ich wollte mit der Blüte nicht in die Feier fliegen und hielt mich eher am Rand auf. Mein Blick suchte nach Valos und Sha, doch ich konnte sie in der nahen Menge nicht ausmachen.
Treffen wir uns am Südtor. Shas Vorschlag, den ich nur zu gerne annahm und Rubin schon in besagte Richtung lenkte. Ihr Körper zitterte unter mir und immer wieder sah sie nervös zu mir zurück. Ich kam daher nicht umhin, dass ich sie immer wieder beruhigend streichelte. „Alles gut, Mädchen. Herja wird uns nicht kriegen. Bald sind wir bei Valos und Sha. Auch werde ich die Blüte so schnell es geht abgeben.“
Ihre Aufregung blieb, doch das Tor tauchte schon auf, sodass ich nicht weiter darauf eingehen konnte. Valos und Sha kamen vom Osten und winkten mir schon zu. Ich hob ebenfalls reflexartig meinen Arm, bevor mir bewusst wurde, dass sie mich ja gar nicht erkannten.
Rubin flog instinktiv schneller und hielt dann vor den beiden, die im Schatten des Tors standen, an. Sofort holte ich die Blüte hinter meinem Rücken vor und zeigte sie dem anderen. Ein kurzes, helles Pling ertönte und das Quest veränderte sich.
Sturm auf Herja – Vorbereitung
„Was? Ich dachte, dass es vorbei ist“, sprach Valos auch meine Gedanken aus.
„Scheinbar nicht.“ Sha zuckte mit den Schultern und mit einem dumpfen Ploppen tauchte ein Steckbrief neben uns an der Mauer auf. Ich zuckte zusammen, Valos schnaubte und Sha schrie erschrocken auf.
„Was? Warum sind wir da drauf?“ Sha riss den Steckbrief ab, der uns abbildete. Eine hohe Summe war auf unsere Ergreifung ausgesetzt, lebend oder tot. Ich erschauderte und auch die Gesichter meiner Freunde waren blasser geworden.
„Ich... ich weiß es nicht, aber–.“ Ich wollte noch mehr sagen, doch da erwachte ein Ziehen in meinem Körper, das mir nur allzu bekannt war. „Nein! Nicht jetzt!“
Ich sprang aus Rubins Sattel in Shas Richtung, doch das Ziehen verstärkte sich. Ihre sanften Fingerspitzen strichen über meine. Die Wärme schoss meine Arme entlang, doch das Ziehen verschluckte sie sofort und zerrte mich wieder durch die Dunkelheit.
Valos! Sha! Bleibt bei mir! Bitte! Bleibt bei mir! Ich will nicht alleine sein. Nicht schon wieder.
Die Schwärze verschwand um mich herum und der Duft von Weihrauch kroch in meine Nase. Mein Blick fiel auf den pompösen Altar, der mehr einem Thron glich mit einer lebensgroßen Figur von Herja.
„Woah. Das war also eine Teleportation? Voll krass.“ Valos‘ Stimme riss mich von dem Abbild los und ich sah auf meine Freunde, die hinter mir standen. Sha hielt sich den Magen und sah blass aus. „Ist euch auch so schlecht?“
Ich hatte auch einen flauen Magen, doch es war nicht mehr so schlimm, wie beim ersten Mal. „Nicht mehr so sehr. Man gewöhnt sich daran.“
Sie hoben simultan ihre Augenbrauen und ich kicherte, bevor die Erde vibrierte und mir jedes Wort entzog. Mit eingezogenen Kopf drehte ich mich wieder um und das Rascheln der Robe begleitete jeden seiner Schritte: Kaeldin.
„Es tut mir leid, dass ich euch so plötzlich zu mir geholt habe. Aber ich kann nicht zulassen, dass sie euch schnappen.“ Kaeldin lächelte uns an und meine Freunde traten näher an mich. Sha hob mich auf ihre Schulter und ich ergriff automatisch die Schlinge, um mich festzuhalten.
„Schnappen? Wer und wieso? Aber vor allem, wer bist du?“ Valos‘ Stimme war voller Skepsis und er verschränkte die Arme vor der Brust. Auch Shas Körper war angespannt und ihre Kiefer pressten sich aufeinander. „Ja, wir stehen hier in Herjas Haupttempel. Wieso sollten wir dir vertrauen?“
„Das ist Kaeldin. Der Weißelf, der mich vor Askhor gerettet hat. Mehrmals“, stellte ich ihn meinen Freunden vor. Er nickte und verbeugte sich kurz. „Ja, ich bin der Hohepriester von Herja. Aber ich bin schon längere Zeit unzufrieden mit ihrer Herrschaft.“
„Wieso sollten wir ihm vertrauen?“ Valos löste seine ablehnende Haltung nicht auf, genauso wie Sha. Ich verstand sie, weil es mir beim ersten Treffen auch nicht anders ging, doch dann machte ich sie auf meine damalige Entdeckung aufmerksam. „Er hat keine roten Augen.“
Überrascht öffneten sich ihre Münder und sie zuckten kurz vor der Erkenntnis zurück. Langsam entspannten sie sich, aber ihre Hände lagen immer noch in der Nähe ihrer Waffen. Kaeldin selbst hielt seinen Stab locker in der Hand und lächelte immer noch beschwichtigend.
„Ihr habt die Blume mittlerweile?“, wechselte er das Thema und wir tauschten kurz überraschte Blicke aus, bevor ich sie dann aus meinem Inventar holte. „Ja, da ist sie. Ich habe sie von Askhor gestohlen und das Quest hat sich verändert, obwohl wir sie noch gar nicht zum Questgeber gebracht haben.“
„Das ist normal, weil ihr nicht mehr zu ihm müsst. Luminea ist die einzige Pflanze, die Herja ihrer Kräfte berauben kann, wenn man sie entsprechend verarbeitet. Die Methode kennen aber nur die Kobolde und da auch immer weniger. Herja lässt jeden umbringen, der sich dieses Wissen aneignet.“ Kaeldin sah mich direkt an und ich wich kurz zurück. Meine Beziehungen zu meinem Volk waren nicht die Besten und ich war seit dem Start des Spiels nicht mehr in meiner Heimat. Musste ich jetzt zurückkehren?
„Ihr habt aber noch Zeit dafür. Bevor euch gezeigt wird, welcher Kobold die Blume verarbeiten kann, müsst ihr zwei Wochen überleben.“ Ich erschauderte unter der Betonung des letzten Wortes und Valos kam mir zuvor. „Wie überleben? Man kann sich ja immer wiederbeleben, wenn man stirbt. Nur wenn man nicht mehr aus Herjas Gefängnis gerettet wird, ist der Charakter verloren. Man überlebt immer.“
Ein kurzes Lachen erklang und Kaeldin schüttelte den Kopf. „Ja, früher, aber jetzt, da ihr die Blüte habt, wird sich einiges ändern. Erst nur für euch, aber nach den zwei Wochen auch für alle anderen.“
„Ändern? Was denn?“ Shas Stimme und Lippen zitterten. Ich strich ihr beruhigend über den Hals. Sie war nicht alleine. Ich würde sie immer beschützen. Egal gegen welchen Feind.
„Die Verbindung zu euren Charakteren wird stärker werden. Realer.“ Unheil schwang in Kaeldins Stimme mit und legte sich über unsere Schultern wie ein frostiger Mantel. Meine Finger zitterten und ich umschloss die Schlinge fester, um es zu verbergen.
„Was soll der Schwachsinn? Das hier ist ein Spiel. Es kann gar nicht real werden.“ Valos wehrte sich gegen die Wahrheit, die hinter diesen Worten mitschwang. Kaeldin trat auf mich zu und sah mir direkt in die Augen. „Du weißt es, nicht wahr, Ami? Als ich dich damals darum bat einen anderen Charakter zu spielen, hast du es auch gespürt, oder?“
„Ich ... ich weiß es nicht.“ Unsicher sah ich zwischen meinen Freunden hin und her. Eisige Finger glitten über meinen Nacken und Rücken. Ich erschauderte und wich seinem Blick immer wieder aus. Diese Wahrheit drängte sich mir auf, doch ich wehrte sie verzweifelt ab. Es zu glauben, veränderte alles, was ich je in diesem Spiel sah und das wollte ich nicht. Es war mein sicherer Hafen und er sollte kein Ort der Gefahr werden. Haben wir ihn mit unserer Aktion kaputt gemacht?
„Du verschließt dich gerade, aber damals hast du vehement abgelehnt, Ami ruhen zu lassen und einen neuen Charakter zu erstellen. Niemand hier besitzt einen zweiten Charakter.“ Kaeldin wandte sich mit einer ausschweifenden Geste von mir ab und trat zwei Schritte auf den Altar zu.
Es bedarf keinen Blick zu Valos und Sha. Ich wusste schon lange, dass auch sie nur ihre Elfen hatten. Kaeldin schien es ähnlich zu gehen. Ob Askhor auch einzigartig war? Laut der Aussage des Weißelfen schon. Konnt das wirklich sein?
„Und weiter? Was hat das zu bedeuten?“ Valos wechselte fragende Blicke mit uns aus, bevor er dann einen Schritt auf Kaeldin zu ging. Dabei schob er sich unauffällig zwischen uns und den Weißelfen. Auch wenn wir alle sehr fragile Klassen spielten, war Valos am stabilsten von uns.
„Das weiß ich selbst auch noch nicht. Dadurch hebt es sich aber von all den anderen Spielen ab, in denen man sich mehrere Charaktere erstellen kann.“ Er zuckte mit den Schultern und wandte sich dann wieder zu uns um. Sein Stab scharrte über den Boden und die Robe versteckte das Spiel seiner Muskeln perfekt.
Sein Blick fiel auf Valos und das Lächeln auf seinen Lippen trübte sich. „Ihr braucht vor mir keine Angst haben. Ich werde euch nichts tun. Valos sollte sich lieber hinter euch platzieren. Von dort droht die wahre Gefahr.“
„Wieso sollten wir das glauben? Du bist ein Handlanger von Herja. Rote Augen hin oder her. Du dienst in ihrem Tempel. Das ist Beweis genug für mich.“ Valos zog sein Kurzschwert, doch Kaeldin rührte sich nicht.
„Ich habe vorhin schon gesagt, dass ich mich nicht mehr ihr zugehörig fühle. Es hat sich während des Spiels so ergeben, dass ich hier gelandet bin.“ Er zuckte unwissend mit den Schultern und trat dann weiter auf den Altar zu. „Man kommt unsagbar leicht hier rein. Rauskommen ist dagegen verdammt schwer. Zumindest wenn man seinen Kopf behalten will.“
„Dann mach dir doch einen neuen Char.“ Shas Vorschlag löste ein befreites Lachen bei Kaeldin aus und es dauerte einige Sekunden, bevor er sich wieder beruhigte. Er hatte mir das doch auch nahe gelegt. Wieso galt dies nicht für ihn?
„Habt ihr mir gerade nicht zugehört? Das geht nicht und vor allem–.“ Er stockte und umfasste dann den Stab fester. Was passierte jetzt? Ist ihm doch eingefallen, dass dies eine Lösung war? Sha besaß ein Talent, Probleme zu lösen. Nur weil ich mich von Ami nicht trennen konnte und auch Antje und Marcel keine anderen Charaktere besaßen, bedeutete das nicht, dass es unmöglich war einen zweiten zu erstellen. Wir hatten nur viel Spaß mit unseren und brauchten keine Abwechslung.
„Zieht eure Waffen. Wir bekommen Besuch.“ Der Kristall in seinem Stab leuchtete hell auf.
Mit einem lauten Knall schlug die Tür auf und eine donnernde Stimme hallte von den Wänden wider. „Kaeldin! Rück Ami und ihre Freunde heraus! Wir wissen, dass sie bei dir sind!“
Askhor.
Der imposante Nephilim trat in den Tempel. Sein Schwert lag locker in seiner Hand und sein Blick fiel sofort auf uns. Valos sprang vor uns und zog dabei sein Kurzschwert. Sha riss ihren Zauberstab – schwarzes Holz, das sich um sich selbst windet und einen feuerroten Rubin am oberen Ende umklammerte – von ihrem Rücken.
Das Leuchten von Feni tauchte neben Askhor auf und ich glitt über das Band an Shas Rücken auf den Boden. Kaum berührten meine Füße die kalten Fliesen, zückte ich meine Dolche und trat an die Seite meiner Freunde. Kaeldin trat hinter uns und eine angenehme Wärme durchströmte mich. Meine Muskeln verstärkten sich und meine Glieder wurden geschmeidiger.
„Du bist mir eine Geschichte oder die Blüte schuldig, Ami.“ Seine Beharrlichkeit fing an, lächerlich zu werden, genauso wie seine Besessenheit von mir. Begriff er das selbst nicht oder hörte er seine eigenen Worte nicht mehr?
Ich sah zu Sha empor, die missbilligend die Lippen verzog und auch Valos‘ Rücken vor uns spannte sich an. „Du bekommst aber keines von beiden. Ami bleibt hier und die Blüte haben wir, wie vom Spiel verlangt, gestohlen! Sha, beschützte sie.“
Valos stürzte nach vorne und die ersten Klingen trafen aufeinander. Askhor war nur mit Feni hier, die nun mit einem Kampfschrei auf mich zu stürzte. Sofort umgab Sha ein schwarzer Nebel, der sich dann mit dürren Fingern nach der Fee ausstreckte und sie unsanft auf den Boden zog. Mein Blick traf Shas und wir nickten uns zu.
Ihre Schatten banden Feni an den Boden und so hatte sie keinen Vorteil mir gegenüber mehr. Ich suchte den Kampf zu ihr, sodass Sha Valos zur Hilfe eilte, der unter Askhors purer Kraft zurückwich.
Ihr Stein leuchtete auf und ein grauer Schleier überzog Askhor. Er knurrte dunkel, doch dann war ich schon bei Feni, die mich mit einem Feuerzauber begrüßte. Ich wich der Kugel mit einer Rolle zur Seite aus. Die Hitze brannte sich schmerzhaft in meine Wange und ich sog scharf die Luft ein.
Schmerzen.
Ein Schauer erfasste mich. Noch nie hatte ich wirkliche Schmerzen gespürt. Ein neuer Feuerball riss mich aus meinen Gedanken und ich wich mehr instinktiv aus. Meine Muskeln schmerzten unter der Anstrengung und Schweiß lief mir über den Rücken. Wie konnte das sein?
Ich schleuderte einen Dolch nach Feni, als sie erneut einen Zauber beschwor. Sie wich aus und kreischte wütend. „Du dreckige Diebin! Ich werde dich hier und jetzt vernichten, Ami! Damit tue ich der Welt und Askhor einen riesigen Gefallen!“
„Träum weiter, Feni. Ich werde mich nie wieder von dir besiegen lassen!“ Ein neuer Dolch fand seinen Weg in meine Hand und ließ die Klingen kreisen. In gebeugter Haltung umschlich ich die Fee, die erneut stumme Sätze murmelte und filigrane Bewegungen mit ihren dürren Fingern vollzog. Schalk durchzog ihre roten Augen, bevor sie mir das letzte Wort entgegen spie: „Icerio!“
Viele spitze Eiszapfen tauchten zwischen ihren Händen aus, die sie auseinanderzog und so Platz für noch mehr von diesen tödlichen Geschossen machte. „Zeit zu sterben, listige Koboldin.“
Mit der letzten Silbe rasten die Eiszapfen auf mich zu. Ich schlug sie von mir und tauchte unter ihnen hinweg. Meine Klingen vibrierten unter dem harten Eis. Schmerz erwachte in meinen Handgelenken, denn ich mit einem Zischen ignorierte.
Ein Brennen explodierte in meinem Oberarm und warmes Blut lief über meine Haut – ein Streifschuss. Ich war zu langsam und Fenis Gesicht wandelte sich zu einer schadenfrohen Fratze. „Ihr Kobolde werdet immer nur wertlose Sklaven sein, die man mühelos zerquetschen kann.“
„Du scheinst etwas zu vergessen, Feni. Damals haben die Kobolde den Krieg gewonnen.“ Ich stieß mich nach vorne und raste auf die Fee zu. Erneut murmelte sie einen Zauber, doch zu langsam. Sie sprang hastig zur Seite und mein Dolch bohrte sich klirrend in den Boden. Funken stoben, doch ich setzte sofort zur Verfolgung an.
Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Meine Klinge lechzte nach ihrem Gesicht. Ein gewaltiger Schlag schleuderte mich zurück. Fenis hauchdünne, rote Flügel waren immer noch von Shas Schatten gefesselt. Wir beide atmeten schwer. Mein Bauch schmerzte, doch als sich ihre Lippen erneut bewegten, schnellte ich wieder auf sie zu.
Ich nahm einen Dolch bei der Klinge und warf ihn nach Feni. Er bohrte sich in ihre Schulter und sie schrie gepeinigt auf. Sofort sank sie auf ein Knie herab und riss meine Waffe aus ihrem Fleisch. Angewidert schleudert sie diese von sich und aus meiner Reichweite.
„Askhor! Du wirst hier nicht gewinnen!“ Kaeldins Stimme hallte von den Wänden wider, doch Feni knurrte dunkel und beschwor den nächsten Zauber. Auch Askhor lachte hinter uns nur kehlig auf. „Du verbündest dich mit den Feind, Kaeldin. Herja weiß das und sie wird endlich deinen Kopf fordern. Ich werde gewinnen und Ami wird mein sein.“
„Niemals!“ Shas Stimme explodierte hinter mir mit einer Kraft, unter der mein ganzer Körper erschauderte. Schmetterlinge kribbelten in meinem Bauch und eine Hitze glitt meinen Hals empor bis zu meinen Wangen.
Ich liebe dich auch.
„Kannst du endlich mal von Ami lassen. Das beginnt lästig zu werden, Askhor. Wie oft soll sie noch Nein sagen?“ Valos forderte ein weiteres tiefes Knurren von dem Nephilim. „Sie schuldet mir eine Geschichte.“
Ich verdrehte darüber die Augen, doch konnte mich dann nicht mehr weiter auf das Gespräch der Großen konzentrieren, denn ein weiterer Feuerball raste auf mich zu. Ich wollte zur Seite springen, doch meine Füße klebten am Boden. Pflanzen schlangen sich um meine Knöchel. Was?
Die Hitze brannte sich auf meine Haut und ich ließ mich reflexartig auf die Knie fallen. Der Geruch von verbranntem Haar drang in meine Nase ein. Ich strich instinktiv darüber, doch die Hitze verschwand schon wieder. Mit zwei schnellen Schnitten befreite ich mich von den Pflanzen und eilte wieder auf Feni zu, die schon den nächsten Zauber murmelte und zauberte. Ihre Fingerbewegungen glichen denen von den Eiszapfen. Ich lag richtig.
Die Geschosse tauchten zwischen ihren Händen auf und rasten dann schon auf mich zu. Ich wich ihnen aus und drängte weiter nach vorne. Meine Klingen vibrierten unter den Wunsch, sich in ihr Fleisch zu bohren. Doch sie sprang im letzten Moment zurück. Sofort schleuderte ich wieder eine meiner Waffen nach ihr. Ihr schmerzerfülltes Stöhnen berichtete meinen Treffen und ich grinste zufrieden. Dieser Sieg ging an mich. Ich wollte sie besiegen und sie so für all die Pein bezahlen lassen.
„Feni! Rückzug!“ Askhors Stimme knirschte, doch donnerte durch den Tempel. Nein! Ich muss sie besiegen! Ihr das Grinsen aus dem Gesicht schneiden! Sofort warf ich meinen letzten Dolch nach ihr, doch sie verschwand, bevor er sie traf. Ein leiser Fluch entwich meinen Lippen und ich sah zu den anderen zurück.
Askhor blutete aus mehreren Schnitten und ein dunkler Ring umschlang seinen Hals und Gelenke. Valos‘ Klinge zeigte auf den Nephilim, der sich nun mit gesenktem Haupt und Feni auf seiner Schulter zurückzog. „Dieses Mal habt ihr gewonnen. Aber Herja will eure Köpfe. Ihr werdet nirgends mehr sicher sein.“
Erneut ein Schauer, der mich durchschüttelte und als die gewaltigen Torflügel sich schlossen, begegnete ich den Blicken meiner Freunde. Sorge spiegelte sich in ihren Gesichtern und ihre Lippen waren nur noch dünne Striche. Schweiß glitt über ihre Schläfen und Valos blutete aus einer Wunde an seinem Bein.
„Ich werde euch heilen.“ Kaeldin trat erst an Valos und dann an mich heran. Sein Kristall leuchtete sanft, genauso wie seine Hand, die er auf meine Verletzung legte. Eine angenehme Wärme legte sich über meine Haut und die Blutung stoppte, bevor sich die Wunde schloss.
„Ihr müsst jetzt vorsichtig sein. Alle Schergen von Herja wollen euch jetzt tot sehen oder gefangen nehmen.“ Kaeldin sah uns durchdringend an, doch Valos zuckte mit den Schultern. „Du hast gesagt, dass das Quest erst in zwei Wochen weitergeht. Dann warten wir die Zeit halt ab. Oder Mädels?“
Er drehte sich zu uns um. Sha bückte sich gerade zu mir und hob mich auf ihre Schulter. Meine Finger fanden die Schlinge automatisch. Wir begegneten seinen Blick, doch bevor wir antworten konnten, nahm uns Kaeldin jegliche Hoffnung. „Zwei Wochen In-Game-Zeit.“
Ich sah auf das Skypefenster, in dem die zwei Avatare meiner Freunde zu sehen waren. Sie hatten die Gesichter von Valos und Sha gewählt. Ich selbst hatte ebenfalls Ami zu meinem Profilbild gemacht.
Nach der Ankündigung von Kaeldin haben wir uns ausgeloggt und schwiegen uns nun seit zehn Minuten schon an. Es wurde unangenehm und so räusperte ich mich. „Zwei Wochen also. Wir müssen nur zwei Wochen durchhalten.“
„Im Spiel. Das kann sich ewig ziehen“, widersprach Marcel sofort und stöhnte.
„Ja, aber es macht uns doch Spaß. Wir haben schon viel mehr Spielzeit auf unseren Charakteren wie zwei Wochen.“ Antjes Einwand klang vernünftig, doch dort war wieder die Erinnerung an den Schmerz.
Bisher fühlte sich jeder Treffer wie ein leichter, unangenehmer Druck an, aber ich hatte noch nie richtige Schmerzen. Die Blume verstärkt die Verbindung.
Ich erschauderte unter der Erinnerung an Kaeldins Worte. Hatte er das damit gemeint? Aber warum war das wichtig und vor allem wie war es möglich? Es war doch nur ein Spiel, das uns Spaß machte, und wir waren eines der besten Trios auf dem ganzen Server. Uns stoppte niemand.
„Wurdest du in dem Kampf getroffen, Antje?“ Marcels Stimme klang verbittert und legte sich wie ein eisiger Stein in meinen Magen. Die Erinnerung an die Hitze und den Schmerz kehrte zurück, sodass ich verzweifelt den Kopf schüttelte, um sie loszuwerden.
„Nein, ich werde selten getroffen und das weißt du. Was spielt das für eine Rolle?“ Antje verstand nicht und Marcel knurrte dunkel. Es legte sich ein Bass in seine Stimme, den ich dort noch nie gehört hatte. „Weil es wehtat als ich getroffen wurde.“
„Wie wehtat? Man spürt Treffer doch immer. Das macht das Spiel ja so geil, weil man das Gefühl hat, wirklich diese Figur zu sein.“ Marcel schwieg erst einmal und auch ich selbst war mir nicht sicher, ob ich es Antje sagen wollte. Doch dann gab ich mir einen Ruck. Sie hatte es auch verdient, dass sie über die neusten Entwicklungen Bescheid wusste.
„Wir haben richtige Schmerzen gehabt, Antje, als man uns traf.“ Stille folgte auf meinem Satz, bevor ein leises Oh über Antjes Lippen huschte.
„Ja, das tat voll weh, als mich Askhor getroffen hat. Das hat mir voll Angst gemacht.“ Marcel klang kleinlaut und die Sorge legte sich nun auch über Antjes Stimme. „Deswegen hast du kurz gestockt und wärst beinahe nochmal getroffen. Ich hab mich schon gewundert. Das ist krass.“
Erneut legte sich Schweigen über uns und ich strich mir prüfend über die Wange, doch ich erspürte nichts. Es waren nur Schmerzen, aber die Wunden blieben im Spiel. Das war doch okay, oder?
Ich teilte meine Gedanken mit meinen Freunden und Antje stimmte mir sofort zu. „Ja, solange wir nur die Schmerzen spüren, ist es natürlich uncool, aber wir sollten die Mission trotzdem schaffen.“
„Und was, wenn es nicht dabei bleibt?“, äußerte Marcel berechtigte Zweifel, unter denen ich erschauderte. So weit wollte ich nicht denken, doch er zwang mich dazu. Angst kroch aus meiner Brust bis in meine Kehle hoch und legte sich mit harten Fingern um sie. Langsam drückte sie zu, raubte mir die Luft zu atmen und meine Sprache.
„Es ist ein Spiel, Marcel. Wie soll es uns verletzten können? Schmerzen gehen ja noch, durch elektrische Impulse. Aber das Headset kann dir keine Schnittwunden zufügen.“ Antje zerschlug mit ihren Worten den berechtigten Zweifel, doch Splitter davon blieben übrig und bohrten sich tiefer in meine Gedanken.
„Das weiß ich nicht. Aber Leute, ich werde rausgehen. Lasst uns in Ruhe beim Festival darüber sprechen. Wir treffen uns morgen dann alle am Bahnhof und fahren gemeinsam weiter, oder?“ Marcels Stimme fehlte die bekannte Leichtigkeit und schürte dadurch die Sorge in meinem Herzen. Doch bevor ich reagieren konnte, bestätigte Antje schon seine Aussage und er loggte sich aus.
Stille trat zwischen uns und ich versank immer tiefer in meine Gedanken. Antje hatte recht, aber diese brennenden Schmerzen und die Hitze. Ich strich mir abwesend über die Wange, ohne etwas zu spüren. Die Haut war intakt und der Feuerball hatte nur Ami getroffen.
„Kathi? Wie denkst du darüber?“, durchbrach Antjes Stimme die Stille und ich seufzte. „Ich weiß es nicht. Es war alles so real. Daher kann ich Marcels Bedenken verstehen. Aber du hast auch Recht. Es ist nur ein Spiel, das unsere Nerven stimuliert. Nicht mehr.“
Erneut entwich mir ein Seufzer, doch die Last auf meinen Schultern verringerte sich nicht. „Marcel hat Recht. Jeder von uns sollte sich darüber Gedanken machen und dann bequatschen wir das morgen beim Festival.“
„Okay, Kathi. Ich werde auch für heute rausgehen. Es gibt bald Abendessen.“ Antje akzeptierte meine Reserviertheit und ich rechnete es ihr hoch an. „Ja, guten Appetit. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch und freu mich auf morgen. Bis dann.“
„Ich mich auch.“ Dann war sie schon weg und ich starrte noch eine Weile auf den Bildschirm. Ami stand im Menüfenster vor mir und bewegte sich immer mal wieder, um ihre Glieder beweglich zu halten.
Ich sah sie jetzt anders. In ihren Augen lag ein Glanz, der ihr eine Lebendigkeit gab, die ich ihr niemals zugestanden hätte. Doch sie war da und auch das schelmische Grinsen auf ihrer Lippe berührte mein Herz.
Vorsichtig legte ich meine Finger auf ihre Wange, die sich warm anfühlte. Sofort zuckte ich zurück. Was geschah hier? Zwinkerte mir Ami gerade zu? Hat sie diese Bewegung früher schon einmal gemacht? Das konnte doch nicht sein.
Ich schüttelte den Kopf und schloss das Spielfenster. Das Klicken der Wohnungstür riss mich aus meinen Gedanken. Mutter! Sofort sprang ich auf und eilte aus meinem Zimmer.
Sie schlüpfte gerade aus ihren Stöckelschuhen und hängte dann ihren roten Mantel an die Wohnungstür. „Hallo, Kathrina. Hast du heute schon etwas vernünftiges gegessen oder nur wieder Süßkram?“
Die Freude erstickte unter ihrer Frage und mein Lächeln erstarb. Warum war ich überhaupt aufgestanden? Das war totaler Schwachsinn und es war immer dasselbe. Ich lächelte sie zerknirscht an. „Nein, noch nicht und auch nein. Ich war sehr beschäftigt.“
„Beschäftigt? Womit denn? Doch nicht wieder dieses dumme Onlinespiel.“ Sie legte ihre Handtasche neben Vaters Foto und ich presste die Lippen aufeinander. „Du vergeudest damit deine Zeit und wirfst deine Zukunft weg, Kathrina. Warum siehst du das nicht? Es wäre so viel besser, wenn du stattdessen Sport machen würdest.“
„Ich habe dort Freunde –.“ Ihre Mutter unterbrach sie sofort wieder. „Freunde? Das sind doch keine Freunde. Freunde trifft man in einer Bar oder in der Schule, aber nicht im Internet.“
Sie wedelte wegwischend mit der Hand und verpasste meinem Herz einen Stich. „Freunde gibt es überall. Sie mögen mich, so wie ich bin.“
„Weil sie Loser sind. Du solltest dir Gewinner suchen, Kathrina. Die ziehen dich hoch und nicht runter, wie die Zwei. Ich verstehe auch nicht, warum du dich mit ihnen abgibst.“ Das Gespräch lief in eine ganz falsche Richtung.
Ich wollte mit ihr über das reden, was im Spiel geschah. Doch mit jedem weiteren Wort, das aus ihrem Mund kam, sank die Hoffnung, dass sie mich ernst nahm. Warum starb diese Hoffnung in meinem Herzen nicht endlich? Mutter hatte kein Interesse an meinem Leben. Für sie zählte nur mein Körper und schulischen Leistungen. Ich hätte es definitiv besser wissen müssen.
„Ich mag die zwei und das ist das Einzige, was wichtig ist“, widersprach ich trotzig, doch sie kam auf mich zu. Ihr süßliches Parfum nach Orchidee drang in meine Nase und ich sah ihre perfekten, rot geschminkten Lippen. Ihre braunen Augen fixierten mich, als sie ihre Hände auf meine Wangen legte.
„Nein, aber das wirst du verstehen, wenn du erwachsen bist. Wichtig ist es, ob sie dich in deinem Leben weiterbringen oder behindern. Niemand braucht einen Stein als Freund.“ Sie strich liebevoll durch mein Haar und drückte mir einen Kuss auf die Stirn.
„Nachdem du noch nicht gekocht hast, werde ich uns kurz etwas zaubern, ja? Wenn du willst kannst du mir dabei ja helfen.“ Sie verschwand in Richtung Küche und ich senkte meinen Kopf. Dies war keine wirkliche Wahl.
Mein Blick glitt durch meine geöffnete Zimmertür zu meinem Computer. Sehnsucht schlich sich in mein Herz. Der morgige Tag konnte gar nicht schnell genug kommen, doch jetzt war ich noch hier.
Das Klirren von Geschirr riss mich aus meinen Gedanken und ich folgte meiner Mutter in die Küche, um einen Schein zu wahren, der nur noch wie ein schwerer Mantel über meine Schultern lag.
Vater, du fehlst mir so sehr.
Ich schlug den letzten Hering in die Erde und rüttelte einmal an allen Schnüren. Das Zelt stand bombenfest. Mein Blick glitt über das Gelände, das mit Zelten gefüllt war. Marcels und Antjes bildete mit meinem ein Dreieck. Ich lächelte meine beiden Freunde an, die ebenfalls mit dem Aufbau gerade fertig wurden.
Das Schreiben meiner Mutter steckte sicher in meinem Geldbeutel, genauso wie die Kopie ihres Ausweises. Damit stand der sorgenlosen Zeit nichts im Wege. Mein erstes Festival und dann zusammen mit Antje und Marcel. Besser konnte es nicht werden.
„Das Festival kann beginnen“, freute ich mich und wir drei umarmten uns gemeinsam. Ich war die Kleinste von uns und auch dicker. Marcel und Antje waren dünn. Schon fast dürr und jedes Mal, wenn ich mit ihnen zusammen war, hörte ich Mutters Stimme in meinem Hinterkopf. Iss nicht so viel Süßes. Du bist eh schon zu dick.
Antje küsste meine Stirn und umarmte mich noch einmal extra. „Es ist schön, dass es geklappt hat und wir alle hier sind. Das wird ein geiles Wochenende.“
„Oh ja, die Bands sind klasse und das Wetter soll auch top sein. Das haben wir uns auch verdient.“ Marcel holte kurz drei Flaschen Bier aus seinem Zelt und öffnete sie mit einem seiner Ringe. Dann reichte er jeweils eins an uns weiter. Ich nahm einen Schluck und genoss den herben Geschmack.
Um uns herum bauten fremde Menschen ihre Zelte auf. Bis die ersten Auftritte stattfanden, hatten wir noch ein wenig Zeit, doch ich wusste schon, welche ich unbedingt sehen wollte. Antje und Marcel hatten auch ihre Listen, die sie nun herausholten.
„Lasst uns mal schauen, ob wir uns überschneiden. Mit dem ganzen Krautchaos sind wir gar nicht dazu gekommen.“ Antje lächelte und wir zogen alle ein Blatt Papier aus unserer Hosentasche.
Unser Musikgeschmack ging in eine ähnliche Richtung, aber wir favorisierten durchaus andere Bands. Dadurch überschnitten sich unsere Listen nur in einzelnen Punkten, aber es gab auch hin und wieder einen Leerlauf. Die gemeinsame Zeit sollte also nicht darunter leiden.
„Drei Bands wollen wir alle sehen. Das ist toll, da können wir dann gemeinsam hingehen.“ Ich strahlte meine beiden besten Freunde an und Marcel stimmte mir sofort zu. „Ja, das ist sowas von klar. Aber bis zur ersten Band haben wir alle noch Zeit.“
Antje lächelte ebenfalls und ich erkannte das kleine Grübchen, das sich dabei bildete. Das Glück in ihren braunen Augen erfüllte auch mein Herz. Wenn die Schule vorbei war, mussten wir unbedingt eine WG gründen. Ich wollte nie wieder ohne diese beiden Chaoten sein.
Ich griff nach Antjes Hand und drückte sie leicht. Ihre Wärme kroch in meine Finger und erfüllte mich. Der süßliche Duft nach Orchidee glitt in meine Nase, kaum dass ich einen Schritt näher zu ihr trat.
„Stör ich?“ Schalk blitzte in Marcels blauen Augen auf, doch ich entfernte mich nicht von Antje, sondern lehnte mich noch einmal extra näher an sie. „Du störst nie. Fühlst du dich vernachlässigt?“
„Wenn du so fragst. Ja.“ Er lachte auf und schmiss sich an uns heran. Sofort stiegen wir ein und fingen ihn auf. Sein Geruch nach Moschus erzeugte Geborgenheit in mir und ich war dankbar für die beiden. Sie waren alles, was ich in meinen Leben brauchte.
Schon bald darauf begann Musik über die Wiese zu schallen. Menschen feierten und genossen das Leben. Ich war mit Marcel und Antje mitten drinnen. Immer wieder fanden wir einander und genossen nur diese gemeinsame Zeit. Das Kraut war vergessen und auch die Sorgen aus Domination of Fantasy. Sogar Ami verschwand aus meinen Gedanken.
In diesen drei Tagen war kein Platz für negative Gedanken. Es existierte nur gute Musik, nette Menschen, meine Freunde und Bier, das noch den letzten Rest von Zweifel hinfort spülte. Ich tanzte in einem Strudel aus Glück und unterhielt mich mit wildfremden Menschen, doch ich hatte mich schon lange nicht mehr so geborgen gefühlt.
Niemand kritisierte mich, wenn ich ein weiteres Stück Fleisch vom Grill nahm oder mit einem Schokoriegel über das Gelände schritt. Keine schrägen Blicke oder abfälligen Worte drangen zu mir durch. Jeder nahm mich so, wie ich war, und ich fühlte mich seit langem Mal wieder wohl in meinem Körper.
Immer wieder fanden Antje und ich uns in einer stillen Minute. Ihre Nähe berauschte mich und ihre Lippen schmeckten nach mehr. Jeder Zentimeter ihrer Haut war weich und ich konnte mich ewig in ihrer Nähe verlieren. So nutzten wir jede freie Minute zusammen. Marcel verschwand immer mal wieder, wenn wir zu sehr aufeinander fixiert waren. Doch er beschwerte sich nie, wenn er wieder zurückkam.
Irgendwann verschwamm das ganze Wochenende zu einem großen, bunten Fleck aus Glück und nie enden wollender Geborgenheit. Doch die Zeit schritt unaufhaltsam voran. Irgendwann stand die letzte Band auf der Bühne und schloss das Festival. Alle bauten ihre Zelte ab und packten ihre Sachen. So auch wir und das Glück schlug langsam in eine niederdrückende Trauer um.
Jetzt hieß es wieder Abschied nehmen und die bekannte Schwere kam zurück. Am Liebsten hätte ich Marcel und Antje begleitet und wäre bei ihnen geblieben, doch ich wusste, dass wir uns wiedersahen. Online und in Domination of Fantasy.
Das Spiel und das Kraut. Die Zeit war so schnell vergangen, dass wir gar nicht darüber gesprochen hatten. Vielleicht weil es mittlerweile nicht mehr so wichtig war. Wir hatten einander und brauchten wir Ami, Valos und Sha wirklich noch? Schließlich könnten wir uns auch einfach so online treffen und auf Festivals gehen.
Sollten wir von dem Spiel ablassen? Vielleicht fanden wir etwas Neues? Etwas störte mich an diesen Fragen und immer wieder glitten meine Gedanken zurück zu Ami. Sie war da und sah mich voller Sehnsucht an. Unsere gemeinsame Zeit war wertvoll für mich. Sie war wertvoll für mich. Aber konnten wir es wirklich schaffen? Zwei Wochen, ohne erwischt zu werden? Ohne – Schmerzen?
Askhor drängte sich zurück in meine Gedanken. Seine Besessenheit von mir und Koboldgeschichten jagte einen Schauer über meinen Rücken. Wer wohl hinter ihm steckte? Ein Jugendlicher in unserem Alter? Das bezweifelte ich. Er verhielt sich zu reif dafür und vor allem viel zu dominant.
Ich schüttelte die Bilder von ihm aus meinem Kopf und starrte weiter aus dem Fenster des Zuges. Wiesen und Bäume flogen an mir vorbei. Bald war ich wieder in meinem kleinen Zimmer, in dem mich nur der Computer in eine Welt führte, die mich tolerierte.
Tränen stiegen in meine Augen und ich wischte sie eilig weg. Ich wollte zurück zu Antje. Weiter in ihren Armen liegen und wissen, dass man mich liebte. Stattdessen fuhr ich immer weiter von ihr weg ohne das Wissen, wann ich sie das nächste Mal sah.
Mein Herz wurde schwerer und ich schluckte erneut trocken, bevor ich zittrig Luft holte. Kurzerhand holte ich mein Handy heraus und schrieb eine Nachricht in unseren Gruppenchat: Das Wochenende war endgeil. Wir sollten es unbedingt wiederholen. Vermisse euch jetzt schon.
Ich vermisse euch auch und ja, das müssen wir nächstes Jahr unbedingt wiederholen - Marcel.
Ja, ich würde am Liebsten zurückfahren und noch weiter mit euch auf der Wiese liegen. Sehen wir uns nachher im Spiel? – Antje
Ja, bis nachher. Kam es gleichzeitig von Marcel und mir, obwohl ich mich nicht so sicher fühlte. Immer noch lag dort dieser eisige Mantel über meinen Schultern, wenn ich an Ion dachte. Ob es wohl je wieder so unbeschwerlich wurde, wie es am Anfang war? Ich wünschte es mir so sehr.
„Hm, hier sollten wir die Blüte der ewigen Jugend finden.“ Valos öffnete die Map und auch ich erkannte, dass wir auf dem Questfeld waren, doch um uns herum war nur endlose Wüste und die Sonne brannte unbarmherzig auf uns herunter.
„Hier ist aber nichts“, stellte Sha fest und brummte frustriert. Die Luft flimmerte leicht und meine Zunge klebte an meinem Gaumen, dennoch zwang ich mich an der Unterhaltung teilzunehmen. „Zumindest nichts, was irgendeine Blume sein sollte. Sind wir zur falschen Zeit hier?“
Ich öffnete die Questbeschreibung, doch in ihr stand nichts von einer zeitlichen Begrenzung. Schweiß lief mir über den Nacken und durchnässte mein schwarzes Gewand weiter. Von Shas Schulter aus konnte ich zwar das ganze Feld überblicken, doch ich sah dennoch nichts.
Valos stapfte weiter und sank dabei immer leicht in den Sand ein. Frustriert flogen seine Arme mit jedem Schritt mit und nach zehn Meter blieb er wieder stehen. „Hier ist nichts.“
Er warf resignierend die Arme in die Luft und drehte sich wieder zu uns um. „Die Quest scheint fehlerhaft zu sein! Hier ist keine einzige Blume.“
Ich sah mich um, doch fand ich nichts, um seine Worte zu widerlegen, und die Enttäuschung legte sich auch schwer auf meine Schultern. Doch ich wollte mich davon nicht unterkriegen lassen. „Lasst uns dennoch die Gegend genauer anschauen. Vielleicht übersehen wir etwas?“
„Was denn? Vielleicht noch mehr Sand?!“, schrie Valos frustriert und deutete mit breit geöffneten Arme um sich herum. Ich verstand ihn, denn dieses Gefühl wühlte sich auch durch meine Brust, aber ich wollte ihm noch nicht nachgeben.
Als sich Sha nicht bewegte, rutschte ich an der Schnur hinunter. Der Sand federte nicht unter meinem Aufschlag zurück, sondern blieb hart und brachte meine Knochen schmerzend zum Vibrieren. Seine Hitze drang durch die dünne Sohle meiner Stoffschuhe, doch ich stoppte nicht, sondern lief einige Schritte in keine bestimmte Richtung.
Der helle Sand blendete mich, doch ich kniff die Augen leicht zusammen und konnte dadurch zumindest das ein oder andere erkennen: Valos hatte Recht, es gab nur Sand. Aber mein Spielerhirn wollte das noch nicht akzeptieren. Wir übersahen etwas. Irgendetwas.
Achtsam setzte ich einen Fuß vor den anderen. Der Sand knirschte unter meinen Schritten und die Sonne leckte heiß und schmerzhaft über meine Haut, die darunter schon spannte. Es musste irgendetwas hier sein. Wir übersahen etwas.
Kurz strich etwas Kühles über meinen Knöchel und ich zuckte zurück, doch als ich nach unten sah, war dort nichts. Ein Kribbeln lief über meinen Rücken und kitzelte meinen Nacken.
„Das bringt doch nichts, Ami“, jammerte Valos hinter mir und auch Shas Blick klebte spürbar auf meinem Rücken. Ich hob nur die Hand, um ihnen zu bedeuten, dass sie sich gedulden sollten.
Der Boden fühlte sich in diesem Moment anders an und instinktiv aktivierte ich meine Verstohlenheit. Die Hitze verschwand und um mich herum tauchte ein Meer aus Blumen auf.
„Ich habe sie gefunden!“, rief ich aus und grinste breit. Sofort eilte ich auf eine Pflanze zu. Sie hatte breite, grüne Blätter und eine blaue Blüte. Ihre lange Stempel waren gelb und lechzten nach Insekten, die sie bestäubten.
Ich umschloss den Stängel mit meinen Fingern und knickte sie um. Valos und Sha eilten in meine Richtung und ich trat aus der Verstohlenheit. Dabei nahm ich die Blume ebenfalls in die Wirklichkeit zurück.
„Krass“, staunte Valos und auch Shas Lippen umspielte ein stolzes Lächeln. Die Blume war nur knapp größer als ich, sodass ich ein wenig Probleme hatte, sie zu halten, doch Valos nahm sie mir schon ab. In seinen Händen wirkte sie klein und unbedeutend, aber bevor ich genauer darüber nachdenken konnte, bückte sich Sha schon zu mir herunter. Ich trat näher auf sie zu, um wieder auf ihre Schulter zu klettern.
Ein Surren erfüllte die Luft und mit einem lauten Knall schlug ein gewaltiger Feuerball neben uns ein. Dicht gefolgt von zwei Pfeilen. Die Explosion riss uns drei auseinander.
Ich schlug hart auf dem Boden auf und rollte noch ein Stück weiter, bevor ich im heißen Sand liegen blieb. In meinen Ohren klingelte es und Sand rieselte herab, kaum dass ich aufstand. Mit einem Kopfschütteln schleuderte ich noch das letzte Sandkorn aus meinen Haaren, doch dann drang ein helles Klirren zu mir durch.
Ich hob meinen Blick und erkannte Valos, der von einem Weißelf bedrängt wurde. Ihre Klingen kreuzten sich immer wieder und die schwere Rüstung des Kriegers reflektierte die Sonnenstrahlen. Sha wich Zaubern aus und schickte Flüche in eine dreier Gruppe Magier. Noch ein Stück weiter hinten standen zwei Waldelfen, die jeweils einen Bogen in der Hand hielten.
Sofort zog ich meine Dolche und stürmte auf die Feinde zu. Ich verstand es nicht, doch es war keine Zeit zu zögern. Valos und Sha brauchten mich. Wir mussten unser Leben verteidigen, das die anderen Spieler gerade mit Nachdruck verlangten.
Ich sprang zur Seite und der Pfeil schlug nur knapp neben mir ein. Die Erde zitterte noch unter dem Aufprall, doch ich stoppte nicht, sondern rannte weiter auf die Gruppe Magier zu. Wenn ich sie ausschaltete, dann konnte sich Sha um die Bogenschützen kümmern.
Ich schloss meine Finger fester um die Griffe meiner Dolche und erkannte die grauen Male auf der Haut der Magier. Shas Flüche wirkten schon und entzogen ihnen immer mehr ihrer Energie. Doch es war nicht schnell genug.
„Ami! Komm zurück!“ Shas panische Stimme hallte über das Klirren der Klingen und Surren der Pfeile hinweg. Ich sprang gerade zur Seite, als ein Feuerball neben mir in den trockenen Boden schlug. Aber ich stoppte nicht, sondern rannte weiter.
„Ami!“ Ihre Stimme hallte schrill in meinem Kopf nach, doch auch jetzt drängte ich weiter vorwärts. Die Hitze des nächsten Feuerballs strich über meine Wange und ich tauchte unter ihm hinweg. Ich fixierte die drei Magier mit meinem Blick. Ihre Hände bewegten sich und der altbekannte Glanz der Magie tanzte zwischen ihren Fingern hin und her.
Ein Eiszapfen raste dieses Mal in meine Richtung, doch es war so heiß, dass er zerbrach, als er nur knapp neben mir in den Boden einschlug. Magier trafen mich nie und so hastete ich weiter. Die harten Knäufe meiner Dolche lagen fest in meinen Händen und dann raste schon der erste Fuß auf mich zu. Ich tauchte unter dem Tritt hinweg und hielt den Dolch über meinen Kopf. Blut rann über meine Hand und ein schmerzerfüllter Schrei hallte über das Schlachtfeld.
„Rückzug!“ Valos‘ Schrei hallte in meinem Kopf wieder, doch ich wich erneut einen wütenden Tritt aus. Meine Klinge zuckte hervor und durchtrennte eine Achillesferse. Das Wehklagen ebbte bald zu einem Wimmern hinab und ich fiel in einen Rausch.
„Ami!“ Erneut rief Sha nach mir, doch sie drang kaum in meine Gedanken ein. Eher wie ein leichtes Klopfen an einer Fensterscheibe. Zwei der Magier lagen zusammen gekrümmt am Boden und der Dritte – ein Nephilim – wich einen Schritt zurück. Angst flackerte in seinen Augen. Ich erhörte sein stummes Flehen nicht, sondern setzte ihm sofort nach.
Rote Augen fixierten mich – ein weiterer Scherge von Herja. Ich zischte kurz und der Angriff verwunderte mich nicht mehr. Sie waren alle nur auf ihren Befehl hier und wollten die Blume zurück, doch wir würden sie niemals hergeben.
Er wich einen weiteren Schritt zurück, doch ich stürmte weiter und erkannte zu spät, dass er nur ein Cape trug und keine Robe. Dort war das silberne Haar und die Angst wich einem siegessicheren Lächeln.
Sofort stoppte ich meinen Lauf und meine Beinmuskeln schmerzten unter der Wucht, mit der ich mich in die Erde grub. Es war zu spät und ich zu nah. Die Schreie meiner Freunde hinter mir klingelten in meinen Ohren, doch sie drängten die näher kommende Hand auch nicht zurück.
Ein Surren erklang und eine Klinge sprang unter dem Cape hervor. Sie parierte den Pfeil, der mir so bekannt vorkam. Ich drehte mich um und krabbelte kurz, als mich der Schwung meines Sprints zu Boden schleuderte, in die andere Richtung davon. Sofort rappelte ich mich wieder auf, doch der Geruch von Sandelholz und Vanille drang weiter in meine Nase ein.
Dieser gewaltige Schatten verschluckte mich und ich sah, wie Valos erneut einen Pfeil in seinen Bogen legte. Er traf sein Ziel nicht, sondern die Hand schloss sich erbarmungslos um mich herum. Ein letzter Blick auf Sha und Valos, bevor mich die Dunkelheit umschloss und wieder dieses altbekannte Ziehen in meinem Bauch erwachte.
Askhor floh mit mir.
Erneut saß ich in diesem Käfig und sah in Askhors grinsendes Gesicht. Ich verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und funkelte ihn an. „Dieses Theater wird langsam langweilig, Askhor.“
Seine Mimik veränderte sich nicht und er beugte sich langsam nach vorne. Sein Atem drang warm in meine Zelle ein, doch ich wich nicht zurück. „Wir hatten einen Deal, Ami Flinkfinger. Ich verlange daher entweder meine Geschichte oder die Blume zurück.“
Er streckte fordernd seine Hand nach mir aus, doch selbst wenn ich die Blüte bei mir gehabt hätte, würde ich sie ihm nicht geben. Ich hatte sie ehrlich gestohlen, sogar zweimal, und daher gehörte sie mir.
„Vergiss es“, zischte ich und tastete nach meinen Dolchen. Askhor hatte mich noch nie entwaffnet und so berührte ich den Knauf von jedem Einzelnen. Sie waren alle da und somit war ich ihm nicht schutzlos ausgeliefert, auch wenn er mich nie als Bedrohung wahrnahm.
„Warum bist du nur so stur, Ami? Ich bin mir sicher, dass du wundervolle Geschichten erzählst, wenn du es nur einmal versuchst.“ In seiner Stimme schwang eine gewisse Traurigkeit mit, die mich kurz irritierte. Doch dann erinnerte ich mich wieder an meinen eigenen Stolz.
„Nur weil ich eine Koboldin bin, muss ich noch lange nicht eine Erzählerin sein.“ Ich hasste dieses Schubladendenken und ich war mehr als meine Rasse. Die Hülle entschied nicht über das Innere. Ich wurde mein gesamtes Leben über mein Äußeres definiert und ich ertrug es nicht mehr.
„Feni singt auch wunderbar. Jede Fee kann super singe und jeder Kobold kann Geschichten erzählen.“ Askhor fixierte mich weiter, doch ich wich nicht zurück. Das rote Leuchten in seinen Augen begleitete mich schon meine gesamte Spielzeit. Ich konnte mich gar nicht mehr an eine Zeit ohne Askhor erinnern. Er war immer da, wenn ich es am wenigsten brauchen konnte, wie ein lästiger Schatten.
„Ja, ich besitze diesen Button, aber ich habe ihn noch nie gedrückt“, widersprach ich ihm und er lachte kurz auf. „Dann ist es nun an der Zeit dies endlich einmal zu tun. Deine Geschichte wird bestimmt einmalig sein.“
Erneut zischte ich und spannte mich an. Mein Blick wanderte zu dem kleinen Kästchen am Rande meines Sichtfeldes: Ein Koboldkopf mit einer Sprechblase. Doch alles sträubte sich in mir bei dem Gedanken ihn zu drücken. Könnte ich es, hätte ich den Button schon längst gelöscht, doch er war fix, wie jede Rassenaktivität. Valos hatte dort seine Tiersprache und Sha ihre Dunkelsicht.
„Ich habe keinen einzigen meiner Skillpunkte in diese Fähigkeit gesteckt. Jeder Kobold kann dir eine bessere Geschichte erzählen als ich. Wann checkst du das endlich?“ Ich funkelte ihn weiter zornig an und antwortete kurz im Chat auf die Frage meiner Freunde, wo ich sei: In Askhors Zimmer.
„Viele Kobolde haben mir schon Geschichten erzählt und ja, sie alle waren echt gut, aber etwas fehlte immer. Sie sprachen von Dingen, die sie nicht kannten und bei dir bin ich mir sicher, dass du mir nicht nur eine Geschichte, sondern ein ganzes Abenteuer liefern wirst.“ Seine Worte ergaben für mich keinen Sinn und Unverständnis kroch tiefer in meinen Verstand.
„Du bist ein Idiot, Askhor“, flüsterte ich und fixierte ihn weiter. Dabei wich ich nicht zurück, als er sich näherte, um meine Worte besser zu verstehen. „Du verfolgst einen Kobold, der dir niemals das geben kann, was du dir wünschst. Vor allem werde ich niemals deinen Wunsch erfüllen.“
Zorn blitzte in seinen Augen auf und grub tiefe Furchen in sein Gesicht. Mit voller Kraft schlug er auf den Tisch neben meinem Käfig und sprang energisch auf. „Wir hatten einen Deal, Ami Flinkfinger! Die Blume für eine Geschichte! Bist du etwa eine Eidbrecherin?“
„Ich breche keine Eide und was hatte ich damals für eine Wahl?!“ Ich ließ mich von seiner Wut anstecken und funkelte ihn angriffslustig an. „Du hattest mich gefangen, wie jetzt. Als hättest du mich gehen lassen, wenn ich abgelehnt hätte.“
„Du hast nicht abgelehnt.“ Askhor betonte jedes Wort extra und überragte mich, obwohl ich auf einem Tisch stand. Was sah er in mir oder Feni? Waren wir nur eine witzige Unterhaltung für ihn? Spielzeug, das er nach belieben nutzen konnte?
Galle stieg bei diesen Gedanken meine Kehle empor und ich umklammerte die Gitterstäbe fester. Wenn ich die Kraft hätte, würde ich sie jetzt aufbiegen. Ich hatte keine Lust mehr auf seine Spielchen.
Wir sind bald da. Valos‘ Nachricht erweckte Hoffnung in meinem Herzen und sehnsüchtig sah ich zu den Fenstern. Askhor bemerkte meinen Blick und folgte ihm irritiert, doch es war niemand zu sehen. Noch nicht.
„Kommen deine Freunde?“ Ich zuckte unter der rhetorischen Frage zusammen und trat einen Schritt vom Gitter weg, um mich nicht zu verraten. Gepeinigt lachte ich auf, um von meiner Hoffnung abzulenken. „Hierher? Spinnst du? Wir sind in Herjas Schloss. Sie können niemals hierher kommen, ohne draufzugehen.“
Askhor sah mich zweifelnd an, doch dann schluckte er meine Worte und wandte sich wieder gänzlich zu mir. „Stimmt, so bescheuert sind nichtmal sie.“
Diese Beleidigung schmerzte kurz und entlockte mir ein Knurren. Meine Dolche lagen spürbar an meiner Hüfte und ein Kribbeln erwachte in meinen Fingern. Ich wollte ihm wehtun, damit er endlich von mir abließ. Dafür musste ich aber erst einmal aus diesem Käfig raus.
„Also, Ami, wirst du mir nun endlich eine Geschichte erzählen?“ Ich verdrehte bei dieser Frage genervt die Augen und stöhnte leicht, doch bevor ich antworten konnte, zersprang ein Fenster unter einem lauten Krachen und meine beiden Freunde sprangen mit einem Hechtsprung in den Raum. Sie rollten sich ab und kamen sofort wieder auf die Beine.
Valos zog sein Kurzschwert und Shas Lippen bewegten sich gemeinsam mit ihren Fingern. Askhors Knurren glitt eiskalt über meinen Rücken und ich erschauderte, doch er griff sofort nach meinem Käfig und zog mit der anderen Hand sein Schwert aus der Scheide.
Das ist meine Chance! Sofort riss ich meine Dolche heraus und stach in die Hand, die mein Gefängnis hielt. Mit einem Schmerzensschrei ließ mich Askhor fallen und ich schlug hart auf dem Boden auf. Durch den Aufprall öffnete sich die Tür meines Käfigs und ich schlüpfte sofort hinaus.
„Ami!“, schrie Askhor, doch Valos zog seine Aufmerksamkeit sofort auf sich und ging in den Angriff über. Ich blickte auf meine Freunde und auf Askhor. Sha konzentrierte sich auf ihren Fluch, der sich langsam als grauer Schleier über den Nephilim legte. Valos selbst bedrängte den Krieger unnachgiebig mit seinem Kurzschwert. Das helle Klirren ihrer Waffen war bestimmt im nahen Teil des Schlosses zu hören.
Wir mussten hier verschwinden, bevor Askhor Verstärkung bekam und wir alle gefangen wurden. Dennoch war dort dieser Zorn in meinem Inneren, der mich davon abhielt zu Sha zu rennen, sondern mich mit bedächtigen Schritten zu Askhor gehen ließ.
Meine Waffen lagen in meinen Händen und erfüllten mich mit Macht und Gewissheit. Ich wollte ihn aufschlitzen und ihm damit endlich zeigen, dass ich nicht sein Spielzeug war. Es gab nichts, was uns verband, außer seiner bizarren Besessenheit von mir. Ich wollte ihn nie wieder in meinem Leben sehen.
Askhor war gänzlich damit beschäftigt Valos schnelle Attacken zu parieren, doch sein Blick huschte immer wieder zur Seite. Er suchte mich, da war ich mir sicher. Wieso konnte er nicht von mir lassen? Ich war nur eine Koboldin.
Ein kurzes Schnauben und ich hob meine Klinge. Askhors Beinarbeit war perfekt und ich musste immer wieder zurückhüpfen, damit er mich nicht traf, doch dann war dort meine Chance. Sein Fuß kam auf mich zu und ich trat nur einen kleinen Schritt zurück, bevor ich meine Klinge quer über seinen Knöchel zog.
Askhor schrie auf und knickte ein. Valos setzte nach und Askhor riss sein Schwert noch hoch, doch die Klinge streifte sein Gesicht. Unter einem weiteren Schrei krümmte er sich zusammen. Seine Waffe fiel klirrend zu Boden und Blut sickerte zwischen seinen Fingern durch.
„Los, Ami, lass uns verschwinden.“ Sha bückte sich zu mir hinunter und sofort eilte ich zu ihr, um mit ihrer Hilfe auf ihrer Schulter Platz zu nehmen. Noch einmal sah ich kurz zu Askhor zurück, der immer noch sein Gesicht hielt. Das Blut hörte nicht auf zu fließen und für einen Wimpernschlag erwachte Mitleid in meinem Herzen.
Aber dann erkannte ich wieder, wer dort kniete und es erlosch sofort wieder. Es war immer noch Askhor. Der Kerl, der mir schon immer Probleme bereitet hatte. Er verdiente mein Mitleid nicht, denn bestimmt war er es, der uns die Gruppe auf den Hals gehetzt hatte.
Der Wind strich durch meine Haare, als Sha aus dem Fenster kletterte, und ich wandte meinen Blick wieder nach vorne. Weg von Askhor und seiner verkorksten Weltansicht. Denn ich bin Ami Flinkfinger und ich werde keine Geschichte erzählen. Niemals.
Der Kampf mit Askhor war nun schon einige Tage her. Marcel war in dieser Zeit offline und somit hielten auch Antje und ich uns von dem Spiel fern. Zu groß war die Angst, dass wir zu zweit den Angriffen nicht gewachsen waren. Valos war unser Schutzschild und ohne Marcel machte das Spiel auch keinen Spaß.
Jetzt standen wir wieder alle drei vor Herjas Haupttempel. Kaeldin hatte uns bisher am meisten Informationen liefern können und so erhofften wir uns nun Erkenntnisse, die uns aus diesem Schlamassel heraus holten.
Valos holte tief Luft und trat dann nach vorne. Er drückte die großen Flügeltüren auf und wir traten hinter ihm ein. Ich hielt mich eher aus Gewohnheit an der Schlaufe fest und ignorierte die imposante Wirkung des gewaltigen Raumes. Herja war schon immer selbstverliebt und das merkte man in all ihren Bauten. Ihre gewaltige Statue am Altar überragte alles andere. Genauso wie sie auch in dieser Welt.
„Was treibt euch erneut in meinen Tempel?“ Kaeldin trat wieder von dem Nebenzimmer auf Höhe des Altars in den Raum. Er lächelte leicht und hielt seinen Stab locker in der Hand. Langsam kam er uns näher, doch er blieb am Ende der Treppe zum Altarbereich stehen und wartete darauf, dass wir uns ebenfalls näherten.
Zweifel blitzte in den Gesichtern meiner Freunde auf, doch ich nickte ihnen aufmunternd zu. Kaeldin war unser Freund und wir konnten ihm vertrauen. Er war auf unserer Seite, da war ich mir sicher.
Valos strich sich kurz über den Nacken und wandte sich dann wieder nach vorne, um die letzte Entfernung zu überwinden. Sha folgte ihm direkt und mein Blick blieb auf Kaeldin liegen. Obwohl er so primitiv gekleidet war, strahlte er eine Macht aus, die sich wie ein schwerer Nebel im Raum verteilte. Ob ich so auch auf andere wirkte?
„Was treibt euch zu mir?“ Kaeldin öffnete seine Arme, als würde er uns umarmen wollen, doch wir blieben auf Abstand. „Nehmen die Attacken zu? Ja, diese Questreihe ist einmalig und wohl die Schwierigste. Hat noch niemand geschafft.“
Er erwartete gar keine Antwort von uns und so lauschten wir seinem Monolog. Ich ignorierte Valos missbilligenden Blick. Hohe Spieler waren alle ein wenig seltsam und ich hatte gelernt, dies zu ignorieren.
„Aber was erwartet man auch? Am Ende der Reihe steht Herjas Fall. Wenn das geschafft ist, wird sich das komplette Spiel ändern.“ Kaeldin seufzte und strich sich kurz über das Gesicht. „Wer weiß in welche Richtung. Herjas Macht ist doch allgegenwärtig. Wenn sie weg ist–.“ Er stockte und sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Wenn sie weg ist, dann wird diese Welt endlich frei sein“, beendete Valos Kaeldins Satz und der Priester lächelte ihn dankend an. Doch schon kam die Trauer zurück und Kaeldin schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Es wird erst einmal zu einem schlimmen Chaos kommen, weil Spieler wie Askhor die Herrschaft an sich reißen wollen.“
„Askhor“, zischte ich und Galle stieg in meiner Kehle empor. Dieser Name war ein Graus und ich wollte ihn nie wieder hören. Der Nephilim sollte bei dem Kampf um den Thron ruhig sterben. Dann hatte ich wenigstens meine Ruhe.
„Alle wollen Herjas Fall, aber warum greifen sie uns dann an?“, brachte Sha ein Thema auf den Tisch, das auch auf meiner Seele brannte. Jeder hasste Herja und ihre gewaltsame Herrschaft. Dann sollten sie doch auf unserer Seite sein, oder nicht?
Kaeldin lachte kurz auf und schüttelte dann den Kopf. „So leicht ist das nicht. Herja erzählt Lügen und schürt Angst. Außerdem verändert die Quest das Spiel spürbar.“
Beim letzten Satz klebte eine Bedrohlichkeit an Kaeldins Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken trieb. Auch Sha zitterte kurz und heftig. Valos zog die Schultern hoch und sein Rücken verkrampfte sich, doch sonst reagierten wir nicht darauf.
„Es ist immer noch ein Spiel.“ Sha appellierte an unser logisches Denken, doch Valos senkte seinen Kopf und schwieg. Kaeldin und ich sahen uns nur an, bevor er sich dann umwandte und auf den Altar zutrat. „Ist es das noch?“
Bei dieser Frage sah ich auf meine Hand, die ich immer wieder zur Faust ballte. Ich spürte den Druck und die Berührung. Sogar das leicht schmerzhafte Ziehen an den Muskeln, als wäre es meine eigene Hand. Dieses Spiel war schon immer anders als alle anderen, aber jetzt begann es sich zu verändern.
„Herja ist eine besondere Göttin. Sie duldet keinen Aufstand und sieht sich selbst als die Beste von allen. Daher unternimmt sie alles, was möglich ist, um diese Questreihe zu behindern. Die Spieler glauben, dass ihr das Spiel vernichten wollt und entsprechend gehen sie gegen euch vor.“ Kaeldin schwieg kurz und drehte sich wieder zu uns um. Sein Blick glitt über uns und mir gefiel es nicht, dass er uns jetzt überragte. Auch Sha spannte sich an, doch Valos‘ Blick blieb gesenkt.
„Wir sind ja nicht die Ersten. Damals habe ich nichts davon mitbekommen“, widersprach ich ihm und ein väterliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Stimmt, ihr seid nicht die Ersten, die diese Blumen gestohlen habt. Aber ihr seid die Ersten, die sie abgegeben haben.“
„Was? Moment! Woher weißt du dann, dass es zwei Wochen dauert?“ Sha erkannte sofort den Widerspruch und Kaeldin schüttelte den Kopf. „Weil der Counter ansprang, sobald ihr die Quest abgegeben habt.“
„Was für ein Counter?“ Sha sprach unsere Zweifel aus und ich sah panisch über meinen Bildschirm, doch ich sah nirgends einen Timer. Wovon sprach Kaeldin? Verarscht er uns doch? Bei diesem Gedanken spannten sich meine Finger an und umschlossen den Griff fester.
„Der Counter, der Herjas Niedergang anzeigt. Den sehen nur ihre Gefolgsleute und–.“ Das Scharren von Metall unterbrach den Hohepriester und Valos stand mit gezogener Klinge vor uns. Seine Knie leicht gebeugt und die waffenfreie Hand seitlich ausgestreckt.
„Verräter!“ Er stürmte auf Kaeldin zu, doch prallte an einer unsichtbaren Wand ab und Kaeldins schweres Seufzen erfüllte den Raum. „Ich bin Herjas Hohepriester, deswegen sehe ich das. Warum vertraut ihr mir nicht? Hätte ich gewollt, dann hätte ich euch schon längst vernichten können!“
Kaeldin hielt inne und atmete tief durch, bevor er uns dann wieder fixierte. „Auf jeden Fall sehen diesen Counter nur ihre Gefolgsleute, gemeinsam mit euren drei Gesichtern und euren Aufenthaltsort auf der Karte. Damit sie euch vernichten können und so Herjas Sturz verhindern.“
„Was?“ Valos wich einen Schritt zurück und sein Schwert lag locker in seiner Hand. Jetzt trat Kaeldin wieder auf uns zu, doch er blieb am Ende der Treppe stehen. „Ja, das ist das Schwierige an dieser Quest. Ihr seid für alle sichtbar, damit sie euch jagen und töten können. Desto weiter die Quest fortschreitet, umso gefährlicher wird es.“
„Was? Wieso?“ Sha verstand nicht, doch ich spürte es: diese Verbindung zu Ami, die immer realer wurde. Merkte sie es etwa nicht? Valos schwieg und die Spitze seiner Klinge deutete mittlerweile gen Boden. Sämtliche Spannung wich aus seinem Körper und die Schultern sanken gemeinsam mit seinen Armen.
„Wieso passiert das?“, fragte ich Kaeldin, doch dieser zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Schließlich ist es doch nur ein Spiel, nicht wahr? Wir sitzen alle vor unserem Rechner und steuern mit unseren Gedanken die Figur.“
Er ließ seinen Stab kreisen und starrte kurz auf seine freie Hand, die er zu einer Faust ballte. „Aber mittlerweile kann ich viel mehr machen. Am Anfang war es nur bewegen und angreifen. Es war alles surreal, aber seitdem ihr die Blume gestohlen habt, beginnt sich alles intensiver anzufühlen.“
Valos steckte seine Klinge ein und im nächsten Moment öffnete er seinen Lederharnisch und zog sein grünes Hemd, das er darunter trug, empor. Zum Vorschein kam eine rötliche Narbe, die sich über von hinten nach vorne über seine Seite zog. Sha und ich zogen die Luft scharf ein. Kaeldin schien unbeeindruckt. Valos ließ das Stück Stoff wieder fallen und die Verletzung verschwand.
„Da hat mich Askhor in unserem letzten Kampf getroffen. Ich lag einige Tage im Krankenhaus und musste genäht werden. Wir können nicht mehr kämpfen, weil wir dann sterben werden.“ Valos Worte schürten eine Angst in meinem Herzen, die sich eiskalt um meine Kehle legte und mir Askhors letztes Bild ins Gedächtnis rief. Er blutete im Gesicht. Hat Valos ihn vielleicht sogar getötet?
Was wenn wir jemanden hier umbrachten? Starb dann auch der Spieler? Wie sollten wir so noch um unser Leben kämpfen? Wir konnten doch niemanden umbringen! Nicht einmal Askhor hatte das verdient.
„Der Schnitt ist nicht so tief, wie er bei Valos war. Aber er war doch bedrohlich. Aber wenn die Verbindung wirklich stärker wird, dann–.“ Valos sprach nicht weiter und wir senkten alle unseren Blick, bevor Kaeldin aussprach, was wir alle befürchteten: „Dann werden auch die Verletzungen komplett übertragen.“
„Es ist doch nur ein Spiel!“, begehrte Sha auf und ich sah eine Träne über ihre Wange laufen, die ich zärtlich auffing und dann meinen Kopf an ihre Wange lehnte. „Es ist doch nur ein Spiel. Wir wollen doch nur Spaß haben. Es darf uns nicht umbringen.“
Sie umschlang ihre Brust mit ihren Armen und sank dann auf die Knie herab. Ihr Körper zitterte und ich kuschelte mich weiter an ihr Gesicht. „Alles wird gut, Sha. Wir werden jetzt jeden Kampf, so gut es geht, aus dem Weg gehen und dann–.“
Valos unterbrach mich mit einem verzweifelten Lachen und drehte sich dann zu mir um. Der Wahnsinn der Todesangst verzerrte sein Gesicht zu einer grausamen Grimasse. „Aus dem Weg gehen? Ich weiß ja nicht, was du gehört hast, Ami, aber Kaeldin hat gesagt, dass unsere Feinde genau wissen, wo wir sind. Sie können uns verfolgen und auflauern, denn wir sehen sie gar nicht. Das Ganze müssen wir noch eineinhalb Wochen durchhalten. Im Spiel. Das sind mindestens drei eher vier Wochen, die wir spielen müssen.“
Tränen liefen über seine Wangen und sofort wischte er diese weg, bevor er sich von uns abwandte. Schweigen trat zwischen uns und auch Kaeldin senkte seinen Blick. War es das? Endete unser Abenteuer jetzt und hier? Dieses Spiel bedeutete uns doch so viel. Wir durften jetzt nicht aufgeben. Doch bevor ich die passenden Worte fand, seufzte Valos und ich ahnte die Worte schon, bevor er sie aussprach: „Ich geh raus, Leute. Man sieht sich morgen.“ Vielleicht.
Dann verblasste Valos vor unseren Augen und Kaeldin sah auf uns. „Ihr solltet auch gehen. Sie planen einen Überfall. Besprecht es in Ruhe und entscheidet euch dann. Die Situation verlangt ein großes Opfer, das nicht jeder bereit ist zugeben. Niemand wird euch einen Rückzieher übelnehmen. Wirklich niemand.“
„Marcel ist offline. Was sollen wir tun? Ich kann nicht mehr kämpfen, wenn ich weiß, dass Marcel verletzt wird.“ Antjes Stimme zitterte und sie holte hörbar Luft. „Stell dir vor, was mit den Spielern passiert ist, die ich verflucht habe? Oder mit Askhor?“
„Askhor ist ein Arsch und außerdem stirbt der bestimmt nicht so schnell.“ Ich versuchte, ihr diese Angst zu nehmen, die in meiner eigenen Brust wütete. Es war doch nur ein Spiel, doch diese innere Stimme raubte mir diese Illusion immer wieder mit einer kurzen Frage: Wirklich?
Vor mir tanzte Ami wieder im Spielmenüfenster. Ihr sonst so unbefangenes Lächeln wirkte besorgt und auch der Schalk lag nicht mehr in ihren Augen. Ihre Augenbraue waren leicht runtergezogen und ihre Bewegungen sahen steif aus. Ich erkannte sie nicht mehr wieder und doch sah sie realer als sonst aus.
„Kathi, wir können keine Menschen umbringen.“ Ihre Stimme war nur ein Hauch, der als Schauer über meinen Rücken glitt. Ich schüttelte mich und hoffte, dass ich damit diese Last auf meinen Schultern wieder loswerde. Es gelang mir nicht.
„Müssen wir ja auch nicht. Kaeldin hat doch den Überfall bemerkt. Er könnte uns doch immer warnen.“ Ich wollte die Erste sein, die diese Quest schafft. Unsterblich in die Geschichte des Spiels eingehen. Endlich etwas schaffen, worauf auch meine Mutter stolz sein würde, und dann sah sie bestimmt, dass dies nicht nur Zeitverschwendung war.
„Kaeldin ist nicht immer online und sie werden es bemerken, dann ist auch er in Gefahr.“ Antje zerschlug jede Hoffnung in mir und schniefte dann leise. Weinte sie? Das kann nicht sein. Dieses Spiel darf keine Belastung sein. Es hat uns zusammengebracht und immer Spaß gemacht.
„Was willst du damit sagen, Antje? Willst du Sha den Rücken zukehren?“ Alleine bei dem Gedanken nicht mehr mit Ami zu spielen, warf sich ein eiskalter Stein in meinen Magen und breitete sich wellenartig in meinem ganzen Körper aus.
„Nein, ich will das Spiel nicht verlassen. Aber, vielleicht können wir die Quest abbrechen?“ Eine Idee, die mich stutzen ließ und vielleicht wirklich unser Problem löste. Wir wollten alle nicht, dass sich das Spiel veränderte. Damals hatten wir die Quest nur angenommen, weil sie eine der wenigen war, die wir noch nicht geschafft hatten und vor allem Ruhm versprach. Jetzt begann sie uns alles zu nehmen und wir mussten umkehren, solange es noch möglich war.
„Glaubst du, Marcel kommt irgendwann zurück?“, flüsterte Antje, als hätte sie Angst, dass ihre Worte sonst wahr werden würden. „Er hatte echt Angst in dem Tempel. Ich würde es ihn nicht übel nehmen, wenn er nicht mehr spielen will.“
„Ich weiß es nicht, Antje. Aber auch wenn wir nicht mehr zusammen Domination of Fantasy spielen werden, finden wir bestimmt ein neues Spiel oder reden nur so miteinander. Unsere Freundschaft ist ja nicht davon abhängig.“ Ich stand komplett hinter diesen Worten und erreichte Antje mit ihnen.
„Du hast Recht. Wir sind Freunde und wenn Domination nicht mehr geht, dann suchen wir uns ein neues Spiel. Es ist ja nicht das einzige MMO.“ Ihre Stimme hatte wieder die gewohnte Leichtigkeit zurückbekommen und zauberte ein Lächeln auf meine Lippen.
„Ich liebe dich, Antje“, flüsterte ich ihr zu und wünschte mir, dass ich sie berühren konnte. Doch dort war nur ihr Avatar in einer Ecke meines Bildschirmes und Ami, die mich besorgt ansah. Wir mussten nur noch ein paar Jahre durchhalten, dann würde dieser Abstand endlich verschwinden.
„Ich liebe dich auch, Kathi.“ Ihre Erwiderung raubte mir die Kälte und ersetzte sie mit Wärme, die den Schmerz bittersüß machte. „Unser Trio wird niemals untergehen. Es ist schade, um Valos, Sha und Ami. Aber ich will nicht wegen einem Spiel im Krankenhaus landen.“
„Ja, das geht mir genauso. Sie werden mir fehlen, doch soweit sollten wir jetzt noch nicht denken. Wir werden versuchen, die Quest abzubrechen, und dann wird alles wieder so, wie es vorher war.“ Die Worte sollten nicht nur Antje überzeugen, sondern auch mich. Dort war ein leichter Zweifel.
Diese Quest war anders als alle anderen. Alleine der Fakt, dass wir die Blüte immer noch besaßen und dieser Countdown. All das nährte den Zweifel in meiner Brust und dennoch holte ich tief Luft. „Ich werde die Blüte zurückgeben und damit die Quest abbrechen. Dann wird Herja bestimmt Gnade zeigen und unser Spiel wird wieder so wie vorher.“
„Soll ich dich begleiten?“ Ich schüttelte auf Antjes Frage den Kopf und als mir bewusst wurde, dass sie mich ja nicht sah, sprach ich meine Antwort noch aus: „Nein, das mache ich alleine. Ich kann am besten fliehen. Du darfst nicht verletzt werden, Antje.“
„Du aber auch nicht, Kathi.“ Die Sorge in ihrer Stimme berührte mein Herz und ich sah Ami tief in die Augen. Dort unten war sie irgendwo noch: Die freche Diebin, die niemand aufhalten konnte.
„Keine Sorge, Ami und ich schaffen das schon. Wir haben schon schlimmeres geschafft, nicht wahr?“ Genau in diesem Moment nickte Ami mir zu und eine Zuversicht erwachte in meiner Brust, die sämtliche Zweifel Stück für Stück verschlang. Mit Ami an meiner Seite schaffte ich alles.
„Okay, aber sei vorsichtig. Ich werde online sein, damit ich dir zur Not helfen kann, okay? Wir sollten auch Marcel über unseren Plan informieren.“ Es war noch nicht ausgesprochen, da erschien schon die besagte Nachricht in unserem Gruppenchat. Marcel reagierte mit einem Daumenhoch-Smiley und damit war der Plan endgültig entschieden: Wir brachen die Quest ab.
Triff mich heute Abend auf der Einhorn-Lichtung. Komm alleine und du bekommst, was du so sehr begehrst.
Endlich bist du zur Vernunft gekommen, Ami Flinkfinger.
Ich schnaubte bei Askhors Antwort. Er bekam nicht das, was er sich erhoffte. Niemals erzählte ich ihm eine Geschichte, aber er war der Einzige, dem ich die Blume geben konnte. Kaeldin nahm sie nicht an, sondern würde uns nur überreden, weiterzumachen. Aber unser Entschluss stand fest.
Meine Verstohlenheit tarnte mich auf der Lichtung und zusätzlich stand ich noch unter einem Gebüsch am Rande. Askhor bekam nur die Blume, nicht mich. Das musste ich Antje versprechen, doch insgeheim wussten wir beide, dass es nicht alleine in meiner Hand lag, dies zu verhindern.
Ein schweres Rascheln forderte meine Aufmerksamkeit und keine zwei Atemzüge später trat Askhor auf die Lichtung. Ich sah auf den ersten Blick Feni nicht und auch ihr Geruch drang nicht zu mir durch. War er wirklich alleine gekommen? Für so ehrbar hielt ich ihn gar nicht. Schließlich war er Herjas Handlanger, sogar mehr: ein General.
Diese Information wirkte immer noch so surreal auf mich, doch ich schüttelte den Kopf und kam aus meinem Versteck, doch ließ ich meine Tarnung nicht fallen. Trotz allem schnellte Askhors Blick sofort zu mir und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.
Erst jetzt erkannte ich die leichte Linie, die sich über sein linkes Auge zog und erst auf der Höhe der Lippe endete. War dies die Verletzung, die ihn Valos zugefügt hatte? War Askhors Spieler jetzt auch halbblind?
Sofort schüttelte ich die Gedanken ab und griff nach der Blüte auf meinem Rücken. Wenn ich sie ihm übergab, dann war dieser Spuk endlich vorbei und das Spiel wurde wieder zu dem, was wir liebten. Ich wollte Ami nicht verlieren und auch nicht diese Welt, doch dafür musste ich ihm jetzt die Blüte überreichen.
„Ich weiß, dass du hier bist, Ami Flinkfinger.“ Seine schwere Stimme hallte über die Lichtung und er trat auf mich zu. Ich hob meine Verstohlenheit mit einem kurzen Gedanken auf und sofort stoppte er in seiner Bewegung. Sein Grinsen nahm eine diabolische Vorfreude an, die mir einen Schauer über den Rücken schickte.
„Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag einmal kommt, an dem sich Ami Flinkfinger bei mir meldet, um sich zu treffen. Vor allem, um mir eine Geschichte zu erzählen.“ Ich verdrehte beim letzten Satz die Augen und schnaubte. Entschlossen holte ich die Blüte hinter meinem Rücken hervor und hielt sie ihm hin. „Nein, Askhor. Ich gebe dir die Blüte zurück. Du wirst von mir niemals eine Geschichte bekommen.“
„Wieso vergeudest du dein Talent so? Du könntest damit bestimmt richtig berühmt werden.“ Askhor kniete sich zu mir hinunter und zeigte mir sein zerknirschtes Gesicht. Mein Herz schlug schneller, als sein Duft wieder in meine Nase stieg und er mir so nahekam. Alle meine Muskeln waren angespannt für den Moment, dass er nach mir und nicht nach der Blüte griff.
Doch keines von beiden geschah. Er sah mich nur an. Sein linker Arm lag auf seinem angewinkelten Knie und das andere bohrte sich in den Boden. Er ignorierte die Blüte, die ich ihm entgegen streckte. Seine Finger zuckten kaum merklich und veranlassten mich dazu, einen Schritt zurück zugehen.
„Warum willst du mir die Blüte zurückgeben?“ Askhors Frage irritierte mich und meine Antwort drängte sich ohne mein Zutun hinaus. „Weil ich das Spiel wieder so haben will, wie es vorher war.“
„Du könntest eine der erfolgreichsten Spielerinnen sein. Das wirfst du weg. Warum?“ Bedauern lag in seiner Stimme und wirbelte meine Gedanken weiter durcheinander. Ich war nicht hier, um mit ihm ein Schwätzchen zu halten, doch er nahm die Blüte nicht an und langsam kam ich mir wie eine Idiotin vor. Ich senkte meine ausgestreckte Hand und sah kurz auf den Boden.
„Weil das Spiel sonst zu gefährlich wird.“ Wieso sprach ich mit ihm? Ich sollte die Blüte auf den Boden legen und weglaufen. Jede Sekunde, die ich länger hierblieb, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass er mich wieder gefangen nahm.
Askhor tastete nach der Narbe in seinem Gesicht und Schmerz durchzuckte sein Gesicht. „Wegen so etwas? Das hat echt weh getan. Aber dieses Spiel war schon immer anders, Ami. Jetzt beginnt es einzigartig zu werden.“
„Nein! Es wird tödlich!“ Sein Lachen zerschlug meine Worte und sprach mir meine Gefühle ab. „Es ist immer noch ein Spiel, Ami. Oder glaubst du wirklich, dass ich sterbe, wenn du deinen kleinen Dolch in mein Herz rammst?“
Er schlug sich mit seiner Faust auf die linke Brust und ich zuckte zurück. Galten für Herjas Gefolgsleute vielleicht andere Regeln? Übertrug sich die Verletzung nicht auf seinen Spieler? Aber dann stieg die Gefahr für uns doch nur weiter an, oder?
Verzweifelt sortierte ich all die Worte und Informationen, doch ich schaffte es nicht und Askhors Schatten legte sich über mich. „Also, Ami, willst du wirklich auf den Ruhm verzichten, die Erste zu sein? Denk doch nur an den Ruhm.“
Er stand auf und umfasste mit streckte seine Arme gen Himmel, bevor er sich um die eigene Achse drehte. „Du weißt, dass ich nichts lieber hätte als eine Geschichte von dir, Ami Flinkfinger. Deine Leistungen sind auf dem ganzen Server bekannt. Sie werden dich auslachen, wenn sie erfahren, dass du vor dieser Quest gekniffen hast.“
Stolz wühlte sich durch meine Brust und wurde zu einem bitteren Ehrgeiz. Ich wollte diese Anerkennung, doch dann waren dort Marcel und Antje. Ich war nicht alleine in diesem Spiel. Sie litten mit mir und schwebten genauso in Gefahr. Ich musste beide beschützen.
Mit diesem Entschluss schüttelte ich bestimmt den Kopf. „Nein, es ist besser so, wenn wir die Quest abbrechen. Kein Ruhm ist es wert zu sterben.“
„Lächerlich, es ist ein Spiel. Niemand stirbt. Du–.“ Askhor brach vor mir zusammen und eine dunkle Präsenz überrannte mich. Eine Präsenz, die ich nur allzu gut kannte, obwohl ich sie erst einmal gespürt hatte. All meine Nerven schwangen unter ihrer Macht und ich schluckte. Jetzt gab es kein Entkommen mehr. Denn niemand entkam der Göttin des Spieles: Herja.
Wieso war sie hier? Normalerweise verließ sie ihr Schloss doch niemals. Trotzdem stand sie jetzt vor mir und lächelte herablassend auf mich nieder. Eine Hand in die Hüfte gestemmt strich sie sich durchs Haar und schnalzte kurz.
„Du hast eine gute Entscheidung getroffen, Ami Flinkfinger.“ Sie streckte ihre Hand nach mir aus. Die langen, spitzen Fingernägel glänzten im schwachen Schein der Sonne und auf ihren violetten Lippen lag ein selbstgefälliges Lächeln. Ich sah auf die Blüte in meiner Hand und in Herjas perfektes Gesicht, dann wanderte mein Blick zum bewusstlosen Askhor. Er war ihr Diener, ein General, und dennoch hat sie ihn einfach außer Gefecht gesetzt.
Konnte ich ihr wirklich die Blüte zurückgeben und damit ihren Sturz verhindern? Sollten wir nicht alles versuchen, um sie zu besiegen? Ist sie nicht die größte Bedrohung für diese Welt?
„Gib mir die Blüte, Ami, und du kannst eine meiner Generäle werden. Askhor ist dem Posten schon lange nicht mehr würdig. Du könntest seine Stelle einnehmen.“ Ihr Angebot ließ mich stutzen. Auch wenn ich hier war, so wollte ich niemals ein Teil ihrer Dienerschaft werden. Sie war der Feind, aber ich konnte meine Freunde doch nicht weiter gefährden, oder?
Alles okay bei dir? Antjes Nachricht ploppte links unten in meinem Sichtfeld auf, doch ich traute mich nicht, ihr zu antworten. Jede Unachtsamkeit konnte meinen Tod bedeuten.
Herja stand immer noch mit ausgestrecktem Arm vor mir, doch ihr Lächeln wackelte bedrohlich und auch der freundliche Glanz in ihren Augen verschwand mit jedem Atemzug mehr in einem Strudel der Ungeduld.
Die Blüte lag kalt in meiner Hand und ich zitterte, doch alleine bei dem Gedanken sie ihr zu übergeben, breitete sich eine unangenehme Übelkeit in meinem Magen aus. Ich schluckte trocken, doch das flaue Gefühl blieb. War es richtig, hier zu sein?
Ein weiteres Mal blickte ich auf Askhor, der sich immer noch nicht bewegte. Lebte er überhaupt noch oder hatte sie ihn umgebracht? Mit einem einzigen Schlag? Konnte sie das? Ich kannte die Antwort und erschauderte, ohne sie bewusst zu formulieren.
„Worauf wartest du, Ami?“ Herjas Stimme zitterte bedrohlich und die langen Nägel wurden in meinem Geiste zu gefährlichen Krallen. Unsicher ging ich einen Schritt zurück und drückte die Blüte enger an meine Brust. Sie war die einzige Möglichkeit, Herjas Schreckensherrschaft zu beenden.
„Du hast die richtige Entscheidung getroffen, Ami. Ihr könnt diesen Kampf nicht gewinnen. Gib mir die Blüte und dann kannst du mit deinen Freunden wieder unbeschwert weiterspielen.“ Herjas Worte legten sich wie Honig um meine Seele: Süß und klebrig.
Ich sah auf die Blüte und schluckte erneut. Antje und Marcel drängten sich in meine Gedanken. Sie waren alles, was wirklich wichtig war, aber hörte es wirklich auf, wenn ich ihr die Blüte gab? Wir hatten versucht sie zu stürzen. Konnte sie das wirklich so einfach vergessen?
Mein Blick wanderte zögerlich in Herjas Gesicht und selbst das Lächeln begann zu wackeln. Ihre Finger ballten sich ungeduldig immer wieder zur Faust und die Freundlichkeit war einer steinernen Grimasse der Verachtung gewichen. Wollte ich weiter unter ihrer Herrschaft leiden?
Überraschung trat in Herjas Gesicht, noch bevor ich meinen Entschluss zu Ende gefasst hatte und die Blüte stärker an mich drückte. Nein, ich konnte ihre Herrschaft nicht mehr länger dulden. Sie musste ein Ende finden. Jemand, der nicht einmal seine Untergebenen schätzte, durfte kein ganzes Land führen.
„Ami Flinkfinger, wage es ja nicht.“ Herja betonte jedes Wort extra und fixierte mich dabei. Ihre Hand war immer noch ausgestreckt und untermalte dadurch ihre Forderung. „Gib mir sofort die Blüte und du wirst zusammen mit deinen Freunden leben. Wenn du jetzt abhaust, werdet ihr sterben.“
Ich erstarrte bei dem letzten Wort und starrte sie fassungslos an. Es klang nicht wie eine Möglichkeit oder eine Drohung, sondern wie eine Tatsache. Herja hatte doch niemals so viel Macht, oder?
„Ihr gehört alle mir und ich kann machen, was ich will. Ich habe euch erschaffen und daher müsst ihr mir gehorchen. Also, gib mir die Blume, Ami.“ Mein Blick wanderte noch einmal auf die Blüte und dann sah ich ein kurzes Zucken durch Askhors Körper gehen. Erleichterung breitete sich in meinem Herzen aus und verfestigte meinen Entschluss. Ich wollte diese Blüte Askhor geben, nicht Herja.
„Wir müssen gar nichts!“, widersprach ich trotzig, „Außerdem will ich keine Herrscherin, der ihre Schützlinge egal sind! Herja soll untergehen!“
Mit dem letzten Aufruf aktivierte ich meine Verstohlenheit und eilte sofort in Richtung Gebüsch davon. Die Blüte drückte ich immer noch gegen meine Brust und entschuldigte mich in Gedanken bei meinen Freunden. Ich hatte versagt, aber mir ist umso bewusster, dass diese Quest beendet werden musste. Herja durfte nicht noch länger regieren. Jemand musste sie aufhalten und diese Jemande waren eindeutig wir.
„Ami Flinkfinger! Das wagst du nicht! So sollst du zusammen mit der Blüte untergehen und deine Freunde sind die nächsten!“ Ihrer schmetternden Worte folgte ein Erbeben und dann traf mich ein heißer Schlag im Rücken.
Schmerz explodierte in meinen Gedanken und der Geruch von verbranntem Stoff und Haut kroch in meine Nase. Ich flog durch die Luft und prallte hart gegen den nächsten Baum. Die Blüte entglitt meinen Fingern und ich sank zu Boden.
Tränen drängten sich in meine Augen und die versengende Hitze pulsierte in meinem Rücken, zerschlug damit jeden Gedanken und erschwerte mir das Atmen, doch meine Verstohlenheit hielt.
„Ami, du entkommst mir nicht. Niemand tut das.“ Erneut ein Beben und dann die Hitze, die jedoch dieses Mal nur über mich hinweg fegte. Wo war die Blüte? Ich musste sie finden, doch mein hektischer Blick erfasst sie nicht. „Übergib mir die Blüte und ich werde dich am Leben lassen. Du hast nur noch wenige Sekunden Zeit. Ich verspreche dir, der nächste Angriff wird dich töten.“
Dort lag sie. Ich erkannte sie nur wenige Schritte von mir entfernt, doch Herjas Countdown hallte in meinem Kopf nach und jede Zahl traf mich wie ein Hammerschlag. Mein Rücken schmerzte und auch meine restliche Haut spannte unangenehm.
6.
5.
Ich streckte mich verzweifelt nach der Blüte aus, doch ich kam ihr nicht näher. Wenn ich sie jetzt hier verlor, dann war doch alles umsonst gewesen, oder hörte die Jagd dann trotzdem auf? Ich musste sie erreichen.
4.
3.
Die Blüte. So nah. Ich konnte doch schon ihr Blatt spüren, oder? Doch als ich meine Hand schloss, war dort nichts. Nur Luft, die diese unendliche Verzweiflung in meinem Inneren weiter nährte. Ich musste sie erreichen.
2.
1.
Verzeiht mir, Marcel und Antje. Ich habe versagt.
Ausloggen?
JA!
0.
Du hast dich ausgeloggt.
Ich riss mir die VR-Brille vom Kopf und erhob mich mit einem schmerzerfüllten Zischen. Mein Rücken brannte und klebte leicht an der Lehne meines Stuhles fest. Das Lösen schickte erneut eine Welle der Pein durch meinen Körper. Was war geschehen?
Ich zog mein Oberteil aus, das erneut an der Wunde zog. Der Stoff war intakt. Aber wie? Es fühlte sich an, als wäre der Stoff verbrannt gewesen. Wie konnte ich an meiner Lehne festkleben?
Wundnässe tränkte den Stoff und der Anblick schickte einen Schauer durch meinen Körper. Sofort eilte ich ins Badezimmer und betrachtete meinen Rücken durch den Spiegel. Meine Haut war verbrannt und warf vereinzelt Blasen. Jeder leichte Luftzug fühlte sich angenehmen an, aber sobald er stärker wurde, war dort wieder der Schmerz.
„Fuck! Was mache ich? Ich müsste ins Krankenhaus, aber wie soll ich die Fragen beantworten? Das glaubt mir doch niemand.“ Verzweiflung krallte sich in meine Gedanken und trieb mir Tränen in die Augen.
Was wäre passiert, wenn mich der nächste Angriff getroffen hätte? Wie ging es Askhor? Lebte er noch oder hatte sie ihn einfach verbrannt? Schließlich war er für sie wertlos. Nahm sie seinen Tod dann in Kauf?
Ich holte zittrig Luft, als meine Haut erneut leicht brannte. Kurzerhand ging ich an unseren Medizinschrank. Ich konnte damit nicht ins Krankenhaus gehen. Sie würden mich für verrückt erklären und außerdem – ich erschauderte bei dem Gedanken – meine Mutter informieren. Niemals durfte sie davon erfahren.
Ein sanftes Lied erfüllte die Wohnung und durchfuhr mich wie ein Blitz: Mein Klingelton für Antje. Sofort eilte ich zu dem kleinen Smartphone und nahm den Anruf entgegen: „Ja?“
„Kathi? Alles okay? Du warst plötzlich weg und das Quest läuft weiter. Hast du Askhor die Blüte gegeben?“ Ihre Stimme überschlug sich fast und ich schluckte trocken. Was sollte ich ihr erzählen? Die Wahrheit? Dann war doch alles vorbei.
„Ja, es ist alles okay. Nein, ich habe Askhor die Blüte nicht geben können, aber ich habe sie verloren.“ Sie sollte sich nicht unnötig sorgen. Bis wir uns wiedersahen, war die Verbrennung bestimmt verheilt. Mein Versagen war schon Last genug.
„Verloren? Wie denn das?“, fragte Antje sofort nach und erneut war dort die Last auf meinen Schultern. Ich holte tief Luft und wappnete mich für jede Reaktion, aber sie hatte zumindest einen Teil der Wahrheit verdient. „Herja ist aufgetaucht. Sie hat Askhor niedergeschlagen und die Blüte von mir gefordert.“ Sie bot mir sogar einen Posten als General an.
„Hast du sie ihr gegeben?“ Antjes Stimme zitterte und ich schüttelte reflexartig den Kopf bis mir bewusst wurde, dass sie mich ja nicht sehen konnte. „Nein, ich konnte nicht. Als ich sie angesehen habe und was sie gesagt hat. Da ging es nicht mehr. Wir müssen Herja stürzen.“
„Was? Stopp. Lass uns auch Marcel dazu holen. Das muss er auch hören. Bis gleich.“ Antje legte auf, noch bevor ich reagieren konnte, und dann blinkte schon der eingehende Anruf für einen Gruppencall auf meinem Bildschirm auf. Konnte ich? War es gut so? Ich sollte es vielleicht alleine gerade biegen. Dennoch hob ich ab.
„Okay, Kathi, jetzt erzähl noch einmal alles von vorne.“ Keine Begrüßung und dann war dort die erwartungsvolle Stimmung. Ich holte zittrig Luft und verdrängte das Brennen auf meinem Rücken nach ganz weit hinten. Die Angst vor Schmerzen hielt mich im Stehen und von meinem Stuhl fern. Ich war froh, dass wir so gut wie nie Kameras verwendeten, sonst kämen Fragen, die ich aktuell nicht beantworten wollte.
„Ich traf mich mit Askhor auf der Einhornlichtung, um ihm die Blüte zu übergeben und dem ganzen Spuk ein Ende zu bereiten. Er kam, aber er wollte die Blüte nicht, sondern wie immer diese bescheuerte Geschichte.“ Marcel zischte und unterstrich damit meine Worte, doch er sagte nichts dazu. Sie hörten beide weiter geduldig zu.
„Plötzlich tauchte Herja auf, schlug Askhor nieder und wollte die Blüte von mir.“ Erneut ließ ich das Angebot des Generalpostens aus. Es war unwichtig, weil ich ihn eh niemals annahm. Dieses Mal japste Antje überrascht und ich konnte die Frage, die auf ihrer Seele brannte, fühlen, doch sie schwieg.
„Ich hab ihr zugehört und kurz überlegt, ob ich ihr die Blüte gebe, doch dann konnte ich nicht mehr. Desto länger ich sie angesehen und ihren Monolog über mich ergehen ließ, umso bewusste wurde es mir, dass sie gestoppt werden muss.“
„Also hast du die Blüte noch?“ Marcels Stimme war kühl, trotzdem brannte die Frage die Schuld zurück in meine Seele. „Nein, ich habe sie auf der Flucht verloren.“
„Hat sie nun Herja?“, flüsterte Antje ehrfürchtig und ich zuckte erst mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Es ging alles so schnell und ich musste mich ausloggen.“
„Was ging schnell?“ Der lauernde Unterton in Marcels Stimme ermahnte mich zur Vorsicht. Ich wollte ihnen meine Verletzung doch verschweigen, aber jetzt hatte ich die falschen Informationen geteilt.
„Alles. Ihr Auftauchen, ihre Forderung und dann ihre Drohung.“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Hatte Herja die Blüte gefunden? War dann die Quest abgebrochen? Aber vor allem: Konnten wir sie dann erneut annehmen?
„Drohung? Warum? Kathi, die Quest läuft noch.“ Antje hakte nach und auch Marcel klinkte sich ein. „Also hat sie die Blüte nicht. Wir sollten zur Lichtung zurückkehren und sie holen.“
Die Lichtung! Die Erinnerung an die Hitze kam zurück und bestimmt war alles dort verbrannt. Wie sollte ich meinen Freunden das erklären oder war die Realität noch nicht so weit vorgedrungen und die Umgebung hat nichts abbekommen?
„Was wenn die Blüte dort nicht mehr ist? Wir sollten die Quest am besten einfach abbrechen.“ Ich winkte ab und hoffte, dass meine Freunde das auch so sahen. Die Blüte machte nur Ärger. Es war vielleicht gut, dass ich sie verloren hatte und wir somit die Chance haben die Quest abzubrechen. Dann konnte alles wieder so werden wie vorher.
„Genau, wir sollten alle online gehen und dann gemeinsam das Quest abbrechen. Bestimmt klappt es dann und dieser Blödsinn hat ein Ende.“ Erleichterung schwang in Antjes Stimme mit und auch Marcels war um einiges befreiter. „Das klingt gut und hätten wir schon viel früher tun sollen. Dann werden sie bestimmt auch aufhören, uns zu jagen.“
„Okay, dann ist es also beschlossen. Wir werden die Quest abbrechen, ja?“ Die zwei Sätze fielen mir schwerer, als ich mir eingestehen wollte. Herjas Gesicht tauchte vor meinen Augen auf und ich schluckte erneut trocken. Sie musste gestoppt werden, doch als ich den beschwingten Gespräch von Antje und Marcel lauschte, die schon unsere nächsten Abenteuer planten, erkannte ich, dass ich alleine auf weiter Flur stand.
Meine Freunde wollten nicht mehr kämpfen und das unangenehme Ziehen und schmerzhafte Brennen an meinem Rücken zeigte mir auch deutlich den Grund. Es war zu groß für uns. Viel zu groß, sodass wir es beenden sollten, bevor es uns tötete.
Erneut ein Schauer und Askhors regungsloser Körper tauchte in meinen Gedanken auf. Er war stark und trotzte uns schon, seit ich denken konnte. Sie hatte ihn mit einem Hieb geschlagen. Mich zerquetschte sie mit einer Hand und meine Freunde? So weit wollte ich nicht denken.
Konnten wir wirklich zu der Zeit zurückkehren? So einfach? Das wäre schön. So wunderschön.
Kein Abbruchbutton.
Das Questfenster zierte meinen Bildschirm, doch egal, wie oft ich den belanglosen Text überflog und die Buttons betrachte, die mir entweder den Countdown oder den Ort des Questgebers anzeigten, ich fand keinen Abbruchbutton.
„Wo kann man es abbrechen?“ Valos‘ Stimme zitterte in meinem Ohr und auch Shas Antwort kämpfte gegen eine aufkommende Panik: „Das geht normalerweise ganz unten. Neben den anderen zwei Buttons. Aber da ist nichts. Wie können wir sie abbrechen? Müssen wir zum Questgeber direkt gehen?“
„Eine andere Chance haben wir ja nicht, oder?“ Valos resignierte und Hoffnungslosigkeit schlich sich in mein Herz. Ja, wir hatten keine andere Möglichkeit, dennoch verstärkte sich eine grausame Ahnung in meinem Hinterkopf.
„Okay, wir gehen zu dem Kerl, der uns die Quest gegeben hat.“ Sha nickte entschlossen. Ich saß wie immer auf ihrer Schulter und Valos stand vor uns. Er zwang sich zu einem Lächeln, das ihm sichtlich misslang und auch noch den letzten Rest der Hoffnung in meinem Herzen tötete.
„Wir sollten es zumindest versuchen“, sprach ich ihm Mut zu und er senkte betrübt den Blick. „Ja, sollten wir. Hoffentlich klappt es. Ich ... ich kann so nicht weitermachen.“
„Keiner von uns kann das.“ Sha legte eine Hand auf Valos Schulter und dann nickten wir uns noch einmal zu. Ein letzter, verzweifelter Versuch, den Mut nicht zu verlieren, bevor wir uns auf den Weg zum Questgeber begaben.
Dafür nutzten wir Schnellreisepunkte, die uns von einer Stadt zur nächsten brachten. Es fühlte sich ein wenig wie Teleportation an, nur dass man seine Umgebung rasant an sich vorbeiziehen sah. Ich hielt mich an der Schlaufe fest, damit ich nicht vom Fahrtwind davon geschleudert wurde.
Abrupt stoppten wir auf einem gewaltigen Platz. Valos und Sha traten aus dem Portal und liefen sofort weiter, weil immer mehr Spieler hinter uns hinein drängten. Hier waren wir vorerst sicher. In dieser Stadt waren Angriffe gesperrt. Eine Möglichkeit, den Countdown zu überstehen, doch als ich auf die Ansammlung von Zahlen sah, erkannte ich, dass er nicht weiterlief.
„Wisst ihr noch, wo der Questgeber war?“ Valos sah sich suchend um, doch Sha deutete dann schon in Richtung Osten. „Ja, in einer dunklen Ecke bei den Slums. Hoffentlich greift man uns dort nicht an.“
Die ungute Vorahnung,die sich in mir ausbreitete, zwang mich zu einem trockenen Schlucken, doch bevor ich etwas dagegen sagen konnte, liefen meine zwei Freunde schon in besagte Richtung los.
Prunkvolle Gebäude reihten sich an der Straße entlang und ein reges Treiben herrschte. Man eilte aneinander vorbei, jedoch ohne sich anzurempeln. Ich klammerte mich an der Schlaufe fest und sah den Gebäuden beim Verfall zu. Aus den prachtvollen Steingebilden wurden Stück für Stück Ruinen, die nur noch notdürftig repariert und mit Brettern vernagelt waren.
Am Straßenrand saßen die verschiedensten Elfen und in den Schatten der Seitengassen starrten uns Nephilim an. Ich sah Feen nervös umher schwirren und vereinzelt huschten Kobolde von einem Schatten zum anderen. War diese Gegend schon immer so deprimierend gewesen?
„In dieser Gasse war er damals.“ Sha deutete auf eine etwas breitere Abzweigung von der Straße, die mit einer Plane überdacht war. Valos nickte und sie bogen beide sofort ab. Mein Blick glitt von einer Seite zur anderen und ich begegnete jedem noch so misstrauischen Passanten.
Als ich den kleinen Stand mit der exotischen Ware sah, kehrte auch bei mir die Erinnerung zurück. Er hat uns von der Blume erzählt, aber warum wollte er sie dann nicht? Ach ja, wir sollten sie für einen Kunden beschaffen.
„Das ist er, oder?“ Valos‘ Stimme ging am Ende spitz nach oben. Ich verzog gepeinigt das Gesicht, als meine Ohren schmerzhaft klingelten. Shas Gesicht zuckte nicht einmal und sie nickte mit ernster Miene. Ihr Blick haftete auf den kleinen Nephilim, der hastig seine Waren sortierte.
Mit festen Schritten näherte sie sich ihm und blieb hinter ihm stehen. Sie räusperte sich übertrieben laut und ich hob skeptisch eine Augenbraue. Ihr Enthusiasmus verwirrte mich, aber vor allem dieser harte Gesichtsausdruck. So kannte ich sie nicht. Sie war immer lieb und fürsorglich. Setzte diese Quest sie auch so stark unter Druck wie Valos?
„Hallo, wir würden gerne die Quest mit der Pflanze abbrechen.“ Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu, dennoch drehte sich der Nephilim nicht einmal um. „Geht nicht.“
„Was? Geht nicht? Das muss gehen!“ Ihre Sicherheit wich Panik und ihre Kieferknochen zitterten. „Wir wollen die Quest nicht mehr weitermachen. Kann jemand anderes tun.“
„Ihr hattet die Pflanze einmal in euren Besitz, oder?“ Erst jetzt drehte er sich um. Sein schwarzes Haar umrahmte das hellgraue Gesicht, aus dem dunkle Augen stachen. Nicht einmal der Funken von Angst leuchtete in ihnen auf, sondern nur eine gewisse Müdigkeit und Gleichgültigkeit.
„Ja, aber jetzt haben wir sie nicht mehr.“ Valos drängte sich in das Gespräch. Sha war erstarrt und ihr Körper zitterte leicht. Behutsam legte ich eine Hand auf ihre Wange und dann ran die erste Träne über sie. Ich begriff es nicht, doch die Farbe wich mit jeder Sekunde, die verging, mehr aus ihrem Gesicht.
„Das ist schlecht.“ Er räumte weiter seine Waren um und ignorierte uns erst einmal wieder.
„Wieso? Dann können wir die Quest nicht beenden und somit bricht sie von selbst ab, oder?“ Valos hakte nach und ich sah in sein panisches Gesicht. Diese Gefühle drängten sich auch mir auf, doch ich wehrte mich dagegen. Noch gab es Hoffnung. Ohne Pflanze konnten wir die Quest nicht beenden und wie jede begrenzte Quest galt sie dann als gescheitert, oder?
Ein schwerer Seufzer schlich sich über die Lippen des Nephilim und er drehte sich wieder zu uns um. Lässig lehnte er sich an die Tischkante seines kleinen Standes und sah uns der Reihe nach an. „Diese Quest ist anders als alle anderen. Das habe ich euch damals gesagt und ihr wolltet sie unbedingt haben. Jetzt müsst ihr sie auch durchziehen.“
„Du hast kein Wort davon gesprochen, dass wir Gejagte werden!“ Valos packte den Händler am Kragen und zog ihn zu sich hoch, doch es zeigte keine Wirkung. Der Nephilim griff nach Valos‘ Händen und löste sie von sich, bevor er dann seine Kleidung wieder richtete.
„Ihr habt auch nicht gefragt. Ruhm und Ehre wolltet ihr und die bekommt ihr am Ende auch. Aber wenn ihr die Blume innerhalb der zwei Wochen nicht habt, dann werdet ihr hingerichtet werden.“ Er fuhr sich zur Verdeutlichung mit dem Daumen über den Hals. „Herja wird euch einen Tag später öffentlich töten lassen, wenn ihr die Pflanze nicht mehr habt. Solltet ihr sie aber doch beim Interessenten abgeben, dann wird er das Fadenkreuz von euch löschen und Herja wird euch nicht mehr finden.“
„Was?“ Das Wort kam fassungslos gleichzeitig über unsere Lippen und ein amüsiertes Lächeln erschien im Gesicht unseres Gegenübers. „Ja, entweder ihr habt die Pflanze oder ihr seid tot. Diese Quest ist und bleibt etwas Besonderes. Warum glaubt ihr, dass es so wenige geschafft haben?“
„Weil sich niemand den Diebstahl der Pflanze zutraut?“ Ich war von meinen Worten selber nicht überzeugt und das Lachen des Questgebers zerstreute auch noch die letzte Sicherheit. „Oh nein, also, ja, vielleicht auch. Aber weil am Ende ein Tod steht. Herjas oder eurer.“
„Unserer? Wieso sollten wir sterben?“ Sha sprach aus, was uns allen durch den Kopf ging. Valos‘ Gesichtsfarbe glich einer Kalkwand und auch mir war das Blut in den Beinen gesackt. Es war Schwachsinn, dass wir am Ende des Countdowns tot umfielen, aber die Ernsthaftigkeit in den Augen des Händlers ließ keinen Zweifel zu.
„Weil ihr dann von Herja als Diebe hingerichtet werdet“, beantwortete er emotionslos die Frage und räumte ein paar der okkulten Gegenstände um. Es wirkte, als versuche, er damit zu vermeiden uns anzusehen.
„Was?!“, platzte es gleichzeitig aus uns allen drei heraus, dann drängte sich Valos nach vorne. „Wir haben keine Blume mehr und sind somit keine Gefahr mehr für Herja. Es ist Schwachsinn, dass sie uns dann töten lässt.“
„Wieso? Ihr seid in ihr Schloss eingebrochen und habt sie bestohlen. Das lässt Herja nicht ungestraft und wenn ihr die Pflanze nicht mehr besitzt, um ihr ihre Kräfte zu rauben, dann wird sie diese gegen euch einsetzen. So einfach ist das Ganze.“ Erst am Ende begegnete er unseren Blicken voller Gleichgültigkeit.
„Fuck!“, fluchte Valos und stampfte mit dem Fuß auf. Sha berührte ihn am Arm und deutete dann wieder zur Hauptstraße zurück, doch bevor wir davongingen, stoppte uns der Nephilim noch einmal. „Ihr habt die Pflanze doch noch, oder? Das vorhin war ein Scherz, nicht wahr?“
Keiner von uns antwortete, sondern begegneten ihn nur mit einem eisigen Blick. Er zog darauf scharf die Luft ein. „Das ist übel. Richtig übel. Ich hoffe, dass ihr sie noch rechtzeitig zurückbekommt. Wäre schade um gute Spieler. Aber bringt Schaulustige.“
Dann wandte er sich ab und wir verließen die Seitengasse, um dann in Richtung Portale zu gehen. Der Countdown stand immer noch still. „Was sollen wir tun? Wir haben die Pflanze nicht mehr und wahrscheinlich hat sie Herja schon längst.“
Valos und ich wussten auf Shas Frage keine Antwort und senkte nur betrübt den Blick. Nach ein paar schweigsamen Sekunden platzte Valos mit einer Idee heraus: „Wir können in der Stadt bleiben, dann wird der Countdown nie runter gezählt.“
„In der Stadt? Und dann? Das ist doch kein Spiel mehr. Hier passiert nichts. Wie oft sind wir in unserer Spielzeit in Städten gewesen? Quasi nie, Valos. Da können wir es auch gleich aufgeben“, widersprach Sha sofort und ich starrte auf meine klumpigen Hände, die das Seil hielten.
„Anders werden wir sterben, Sha!“ Valos hielt uns die grausame Wahrheit vors Gesicht, an der ich schuld war. Ich verlor die Pflanze und auch ich hatte die Idee, sie Askhor zu übergeben. Ohne mich hätten die beiden nicht einmal die Quest angenommen. Sie durften deswegen nicht sterben.
„Nur wegen mir“, huschte es über meine Lippen und meine Hände zitterten unter dieser Erkenntnis, „ich wollte die Quest machen. Ich habe die Pflanze gestohlen und auch wieder verloren. Nur wegen mir werden wir alle sterben.“
Unter Tränen zitterte meine Stimme und ich versteckte mein Gesicht in meinen Händen, damit meine Freunde dies nicht sahen. Ein Wimmern quälte sich meine Kehle hoch und ich schluchzte.
Sha nahm mich von ihrer Schulter und auch Valos‘ Hände legten sich um mich herum. Es wurde dunkel, doch ich fühlte mich geborgen und beschützt. Langsam beruhigte ich mich wieder und genoss die Nähe meiner Freunde, die in einem warmen Schauer über meinen Körper glitt.
„Ami, du bist nicht schuld daran. Wir alle tragen einen Teil der Schuld. Schließlich hätten wir auch nein sagen können. Alleine hättest du die Quest nicht machen können. Schon vergessen, dass man dazu mindestens zu dritt sein muss?“ Shas Stimme legte sich wie Balsam über meine verzweifelte Seele.
„Sha hat Recht. Wir hängen da gemeinsam drinnen. Wir müssen jetzt nur überlegen, wie wir da wieder rauskommen, ohne das Spiel zu verlieren.“
„Glaubst du, dass sie noch bei der Lichtung liegt, Ami? Vielleicht sollten wir nachsehen?“ Ein letzter verzweifelter Versuch, doch ich schüttelte den Kopf. „Herja war da und auch Askhor. Einer der beiden wird sie bestimmt mitgenommen haben. Wir haben nur eine Wahl–.“
Ich stockte und holte tief Luft, dabei vermied ich meinen Freunden ins Gesicht zu sehen. „Ich muss noch einmal in das Gewächshaus einbrechen und eine weitere Pflanze stehlen. Vielleicht kann uns Kaeldin helfen.“
Valos‘ Gesicht verdunkelte sich und er knurrte tief. „Das ist Schwachsinn. Der Kerl wird uns niemals helfen und du wirst nicht noch einmal einbrechen. Was wenn du wieder gefangen wirst? Oder schlimmer noch, getötet?“
Sha nickte zustimmend. „Schon vergessen? Wir sind auf den Karten sichtbar. Du kannst niemals dort ungesehen einbrechen. Jeder weiß es und dann wird man dich sofort schnappen.“
„Wir haben aber keine andere Wahl. Vielleicht kennt Kaeldin ja einen Zauber, der mich verschwinden lässt. Zumindest für eine kurze Zeit. Ich brauche ja nicht lange.“ Ich gab nicht auf, doch Valos‘ Missgunst stieg weiter an und brachte seine Lippen zum Zucken.
„Was hast du nur mit diesem Kaeldin? Er ist einer von Herjas höchsten Priestern! Der ist nicht auf unserer Seite, wann kapierst du das Ami?“
„Das ist nicht wahr, Valos. Er hat viel getan, um uns zu helfen. Vielleicht bereut er seine Wahl und kann Herjas Armee nicht mehr verlassen? Kaeldin ist auf unserer Seite“, verteidigte ich ihn vehement und suchte dann Shas Blick, die bisher schwieg.
„Es ist zu gefährlich, Ami“, behaarte Valos auf seine Meinung, doch ich konzentrierte mich auf Sha. Sanft legte ich meine Hände auf ihren Handballen und sah ihr tief in die Augen, die unter einer allzu bekannten Angst flackerten. „Sha, wenn ich das nicht tue, dann haben wir nur noch eine Woche in diesem Spiel.“
„Wir können ein anderes finden.“ Sie glaubte ihre Worte selbst nicht und so schüttelte ich den Kopf. „Es gibt für uns kein anderes Spiel. Willst du Sha wirklich verlassen?“
Sie schluckte hart und schüttelte dann ganz leicht den Kopf. Ich lächelte und nickte. „Siehst du? Wir können Ami, Valos und Sha nicht hängen lassen. Ich werde Kaeldin um Hilfe bitten und dann steig ich noch einmal in das Gewächshaus ein. Schließlich weiß ich ja jetzt, wo ich die Pflanze finde. Ich werde schneller draußen sein, als sie verstehen, was passiert.“
Die Zuversicht, die in meinen Worten mitschwang, war alles, was ich aufbringen konnte. Ein hämischer Zweifel krallte sich unbarmherzig in meinen Nacken und trübte mein Lächeln, doch ich hielt es aufrecht. Es war unsere einzige Chance diese Situation noch zu unserer Gunst zu wandeln. Ich musste es tun. Schließlich hatte ich die Blüte auch verloren und nur ich konnte sie wieder zurückholen.
„Also steht der Plan? Wir bitten Kaeldin um einen Verdeckungszauber und ich steige noch einmal ins Gewächshaus ein?“ Ich sah fragend in die Runde und ein widerwilliges Nicken kam mir von meinen Freunden entgegen.
„Ich mag die Idee nicht“, grummelte Valos und Shas Lippen zitterten. „Ich auch nicht, Ami. Können wir es nicht doch anders machen? Ein anderes Spiel suchen?“
„Ich will erst alles versuchen und keine Angst, ich passe auf. Außerdem wird mich Askhor bestimmt befreien, wenn ich wieder gefangen werden sollte.“ Ich lachte künstlich auf und wünschte mir, dass mir diese Erkenntnis nicht so viel Angst machen würde. Aber irgendeinen Vorteil musste Askhors Besessenheit ja haben und wenn es nur der war, dass er mich aus Herjas Klauen rettete.
„Es gefällt mir nicht, wenn wir uns auf den Penner verlassen.“ Valos bockte weiter und verschränkte mittlerweile die Arme vor der Brust. Sha hielt mich weiter auf ihren Händen und sah mich mit glänzenden Augen an. „Bitte, sei vorsichtig, Ami. Bitte, komm heil zurück.“
Sie beugte sich zu mir herunter und hauchte einen Kuss auf mein Haar. Eine Träne fiel auf mich herab und Schmerz wühlte sich durch mein Herz. Ich gab ihr die Worte, die sie brauchte, um nicht zu zerbrechen: „Ja, ich verspreche es.“
Ich liebe dich.
„Wir wollen noch einmal in den Garten einsteigen.“
„Ihr wollt was? Das ist Irrsinn, Ami. Habt ihr die Lichtung besucht?“
„Ja, die Blüte ist weg. Wir haben keine andere Wahl.“
„Verdammt. Sieht so aus. Okay, und was erwartet ihr jetzt von mir?“
„Unterstütze mich mit deiner Teleportation. Bring mich rein und wieder raus.“
„Rein geht nicht, aber raus könnte klappen. Zumindest wenn ich es rechtzeitig schaffe.“
„Okay, rein komme ich zur Not auch alleine.“
„Seid vorsichtig.“
„...“
Ich zog mich aus dem Kanal, den ich auch schon beim ersten Einstieg verwendet habe, und hörte die schweren Schritte der Wachen. Es waren mehr als beim letzten Mal und der Countdown lief schneller.
„Du musst dich beeilen. Sie haben dich bestimmt schon gesehen, Kathi.“ Antjes Stimme zitterte in meinem Ohr. Wir waren im Teamspeak, damit sie sofort reagieren konnten, wenn ich Hilfe brauchte. Auch wenn ich nicht wusste, wie sie sich das genau vorstellten. Niemals waren sie schnell genug hier. Aber Kaeldin stand bei ihnen, bereit für die Teleportation. Ein schwaches Ziehen hing an meinem Körper und zeigte mir, dass er mich im Visier hatte.
Ich atmete tief durch und lauschte den schweren Schritten. Sofort huschte ich in den nächsten Schatten und drückte mich an die Wand. Die Bewegungen der Wachen wurden hektischer und sie rannten immer wieder an mir vorbei. Ich durfte nicht allzu lange an dieser Stelle bleiben. Ein tiefer Atemzug und ich entspannte mich. Die Vibration des Bodens wanderte zitternd meinen Körper empor und ich erkannte einen Rhythmus.
Eine Lücke!
Sofort huschte ich in den nächsten Schatten und dann drangen die ersten Worte zu mir durch. „Sie ist hier! Ami Flinkfinger ist hier! Findet sie und schnappt sie! Sie darf die Blume nicht bekommen!“
Mit Bedauern stellte ich fest, dass zwei Waldelfen sich neben dem Hochbeet der Blume platzierten und die Umgebung mit Adleraugen beobachteten. Ich war klein und scheinbar gab die Ortung nicht meinen genauen Aufenthalt durch, sondern nur eine grobe Richtung. Mein Glück, das ich zu ergreifen dachte und ich huschte weiter durch die Schatten. Erst einmal an dem Beet vorbei, um dann von der anderen Seite zu kommen.
Ich schlängelte mich durch tiefer hängende Pflanzen und Gartenutensilien hindurch. Ein Düngersack diente mir als Versteck, als eine kleine Gruppe Nephilim an mir vorbeieilte. Ich erkannte Askhor und auch Feni. Natürlich waren sie hier, wenn es um mich ging.
Ich schnaubte und wagte den Sprint zum nächsten Schatten. Meine Freunde waren ruhig in meinem Ohr, seit die Verkündung der Wache auch sie erreicht hatte. Ich hörte nur noch ihren schweren Atem, der mir zeigte, dass ich nicht alleine war, genauso wie das Ziehen ein wenig stärker wurde, doch es ließ mich noch an Ort und Stelle.
Ich trat an eines der hinteren Beine des Hochbeetes heran und sah noch einmal zu den Wachen hoch. „Ami Flinkfinger ist hier! Findet sie! Egal, was es kostet! Sie darf die Blume kein zweites Mal stehlen, sonst werden Köpfe rollen.“
Die vier Wachen salutierten, doch keiner sah mich in meiner Verstohlenheit. Ich holte zittrig Luft und schleuderte meinen Enterhaken wieder nach oben, der sich sofort in die Kante verhakte. Mein Werkzeug war sichtbar und wenn auch nur einer der vier genauer hinsah, dann war es vorbei mit mir.
Ich holte tief Luft, um meine zitternden Hände zu beruhigen. Fest griff ich das Seil und zog mich daran hoch. Es war anstrengender als sonst. Schweiß brach mir aus, doch ich stoppte nicht, sondern kletterte weiter an dem Seil empor.
Die weiche Erde schmiegte sich um meine Finger und ich überwand den hölzernen Rand. Der süßliche Duft der blühenden Blume umschmeichelte mich und ich sah die Blume, der ich die Blüte stahl. Würde jetzt ein Blatt reichen oder musste es, wie angekündigt, eine Blüte sein?
Mein Stolz drängte mich zur Blüte, doch die Blicke der Wachen glitten immer wieder über das Beet und nur meine Verstohlenheit rettete mich gerade vor dem Entdecken. Eine Blüte fiel sofort auf, wenn sie weg war. Es musste ein Stück Blatt reichen.
Widerwillig näherte ich mich dem grünen Pflanzenteil, griff vorsichtig danach und zog es ganz langsam nach unten. Ich behielt die Wachen ganz genau im Auge und sobald eine von ihnen auf das Beet sah, hielt ich inne, um darauf zu warten, dass sie sich wieder der Umgebung widmete.
Ich zuckte mein Messer und setzte es am Stiel an in der Hoffnung, dass es nicht auffiel oder zumindest erst, wenn ich schon wieder draußen bei meinen Freunden war.
Mit einem tiefen Atemzug durchschnitt ich den Blattstiel und zog es sofort an mich, dass meine Verstohlenheit es als einen Teil von mir ansah. Ich hatte es geschafft!
„Antje–.“
„Diebin! Diebin! Ami Flinkfinger ist hier!“ Fenis Schrei unterbrach mich und dann prallte ihr zierlicher Körper schon gegen mich. Er riss mich von den Füßen und aus dem Hochbeet heraus.
Ihre langen Finger rissen an meinen Haaren und ihre Beine traten nach mir. Wir rollten über den Boden und meine Verstohlenheit zerbrach. Schwere Schritte erwachten und näherten sich uns.
Ich stach nach Feni und klammerte das Blatt weiter fest an meine Brust. Kaeldin musste mich wegteleportieren. Mein Messer traf auf weichen Widerstand und ein leiser Fluch spritzte Blut auf mein Gesicht.
„Miststück. Du entkommst nicht. Nicht noch einmal“, drohte mir Feni und drückte mir die Kehle zu. Ich umfasste den Griff meiner Klinge fester und stach immer wieder zu, doch Fenis Griff lockerte sich nicht.
Wahnsinn spiegelte sich in ihren Augen wider. „Ich befreie die ganze Welt, mich und Askhor von deiner Existenz, widerliche Koboldin.“ Ihre Finger tasteten nach meinen Augen und ich stach weiter auf sie ein, doch außer ein Zucken ihres Gesichts bekam ich keine Reaktion.
„Holt mich raus! Verdammt! Holt mich raus!“, schrie ich, als sich immer mehr Schatten über uns legten und mit einem letzten Kraftaufwand trat ich Feni von mir herunter. „Jetzt!“
Feni schrie auf und stürzte sich wieder auf mich. In ihrem Rücken griffen gewaltige Hände nach uns und der Geruch von Sandelholz und Vanille drang in meine Nase. Dabei raubte er mir auch noch meinen letzten Atem und legte sich wie ein Ring um meine Brust. Der Zug an meinem Leib verstärkte sich und Fenis Wahnsinn wich der Verzweiflung. Sie streckte ihre langen Krallen nach mir aus und kratzte hauchzart über meinen Unterarm.
Ein Ruck ging durch meinen Körper und riss mich hinfort. Alles um mich herum wurde weiß. Das Letzte, an das ich mich erinnerte, war der Hass in Fenis Augen und die Panik in Askhors Gesicht. Ich war entkommen, doch das Brennen meines Armes zeigte mir deutlich, wie knapp es war. Zu knapp.
Meine Finger legten sich um das kühle Blatt und ich drückte es an meine Brust. Ich war erfolgreich und jetzt konnte es weitergehen. Unsere Leben waren gerettet. Wir konnten uns gegen Herja verteidigen und wir würden gewinnen.
Mit einem Ruck tauchte ich zwischen meinen Freunden auf. Das Blatt immer noch fest in meinem Griff und das wilde Getöse hinter mir. Die Welt drehte sich um mich, kaum dass ich den Kopf hob. Trotz allem zwang ich mich zu einem Lächeln, um die besorgten Gesichter meiner Freunde zu besänftigen.
„Mir geht es gut.“ Sie knieten sich zu mir herunter und schon umschlossen mich Shas warme Hände. „Danke, du hast mich genau im richtigen Moment heraus geholt. Ohne dich hätte das nicht funktioniert, Kaeldin.“
Er verbeugte sich leicht und richtete sich dann wieder auf. Sein Blick glitt über uns hinweg und seine Augenbrauen zogen sich nachdenklich kraus. „Jetzt kann ich euch aber nicht mehr helfen. Ihr seid wieder auf euch alleine gestellt, aber ich weiß, dass ihr es schaffen werdet.“
„Danke. Für alles, Kaeldin.“ Ich nickte ihm zu und dann verschwand er vor unseren Augen. Ich begegnete den Blicken meiner Freunde. „Wir sollten auch verschwinden.“
Sie ließen es sich nicht zweimal sagen. Sofort setzte mich Sha auf ihre Schulter und rief mit Valos zusammen ihre Einhörner herbei. Sie waren stämmiger und hatten nur ein sehr kurzes, dickes Horn. Ihr Körperbau war auch kräftiger und sie waren nicht rein weiß. Shas Reittier besaß viele kleine, braune Flecken. Valos sein Exemplar dagegen hatte vier große, schwarze Flecken.
Ohne zu zögern schwangen sie sich auf die Rücken ihrer Tiere und trieben sie an. Ich packte das Blatt in meine Tasche und klammerte mich mit all meiner Kraft an meinem Riemen fest. Fenis Kratzer brannten immer noch und pulsierten schwach. Ich vermied es sie mir anzusehen. Das konnte ich später auch noch. Jetzt mussten wir von hier verschwinden und untertauchen. Irgendwo untertauchen, um noch den Rest des Countdowns zu überstehen. Denn nun gab es kein Zurück mehr.
Mein Gesicht lächelte mir von einem Plakat entgegen. Die Summe, die darunter stand, hatte so viele Nullen, dass mir schwindelig wurde. Ich klammerte mich fester an die Zügel meines Feendrachen, der sich mit gleichmäßigen Flügelschlägen in der Luft hielt. Valos und Sha standen neben mir und starrten auf ihre eigenen Plakatebenbilder.
„Das ist nicht ihr Ernst, oder?“ Shas Stimme zitterte und ich sah sie besorgt an. Ihre Hand lag auf ihren Lippen und ihre Augen glänzten feucht. „Damit werden uns doch auch alle anderen jagen. Mit dem Geld kann man sich alles kaufen und muss nie wieder farmen gehen.“
„Das will sie damit bezwecken, Sha.“ Valos knurrte und ballte seine Hände zu Fäusten. „Wir werden nirgends mehr sicher sein. Sie starren uns ja sogar jetzt an und warten nur darauf, dass wir diese Stadt verlassen.“
Ich stimmte ihm zu, denn auch wenn sie in Bewegung blieben, sie fixierten uns an. Der Countdown stand still. Es waren nur noch vier Tage, die wir überstehen mussten. 96 Stunden. Zu lange.
„Was sollen wir tun? Wir müssen hier raus, sonst wird es nie enden.“ Sha sah uns an und Valos schüttelte den Kopf. „Nicht hier. Lass uns woanders hingehen.“
Er wandte sich ab und schritt in Richtung Portal. Sofort folgten uns die Spieler – in ihren Augen unauffällig. Mein pinker Feendrache zitterte und ich strich ihm beruhigend über die Seite. Hier gab es keinen Kampf, doch sobald wir durch dieses Portal gingen und kurze Zeit später in der Wildnis standen, gab es keinen Schutz mehr für uns.
„Wir werden jetzt ein wenig hin und her springen, bis sie uns nicht mehr verfolgen. Dann können wir reden.“ Valos‘ Stimme war gesenkt und wir nickten ihm zu. Er griff nach Shas Hand und ich kletterte auf ihre Schulter. Mit einem leisen Abschiedsruf flog der Feendrache davon.
„Sie wollen abhauen! Verliert sie nicht aus den Augen!“ Der Ruf drückte uns ins Portal und die Welt raste an uns vorbei. Dieser Zug, der sich in meinen Magen krallte, verstärkte sich mit jedem weiteren Portal. Sha und Valos stoppten nicht. Sofort sprangen sie in das nächste Portal und das nächste. Ich klammerte mich verzweifelt an die Schlaufe, damit ich nicht verloren ging.
Nach dem vierten Portal habe ich aufgehört zu zählen. Es war mir egal. Mir war schlecht und ich konzentrierte mich darauf, nicht auf Shas Schulter zu kotzen. War es nicht endlich genug? Ich wusste ja selbst nicht mal mehr, wo wir gerade waren.
Vogelgezwitschert drang an mein Ohr und der Duft der Bäume zeigte mir, dass es das Dorf der Waldelfen war. Es stoppte. Wir traten in kein weiteres Portal, sondern sprangen in das Gebüsch, das das Portal umrandete.
Valos drückte Sha auf den Boden und wir fixierten das Portalfeld. Mein Herz schlug wie verrückt gegen meine Brust und ich wagte es kaum zu warten, doch es verstrich nicht einmal eine halbe Minute, als schon die ersten Verfolger erschienen.
„Fuck“, huschte es über Valos‘ Lippen, doch er eilte nicht zu den Portalen zurück, sondern beobachtete die Gruppe. Sie sahen sich suchend um, was in mir den Verdacht erweckte, dass sie nicht zu Herja gehörten. Ob sie uns auch auf der Karte sahen?
Ein eisiger Schauer glitt über meinen Rücken und schüttelte mich durch. Was habe ich uns nur angetan? Ich wollte uns zu Ruhm führen, doch desto mehr Leute durch das Portal traten, umso deutlicher wurde es für mich, dass ich uns dieses Spiel genommen habe. Die Ersten traten in das nächste Portal, doch eine Handvoll blieb zurück.
„Lasst uns hier verschwinden.“ Es war kein Vorschlag und Valos kroch gebückt in Richtung Dorfgrenze. Überall hingen unsere Plakate. Selbst jeder dritte Baum war damit bestückt. Waren wir für Herja so eine große Gefahr? Ich konnte es nicht glauben.
Nachdenklich sah ich über meine Schulter zurück und erkannte, dass immer mehr Spieler aus dem Portal traten. Sie wollten uns und ich war mir nicht sicher, ob wir solange davon laufen konnten. 95 Stunden und dreißig Minuten.
Die Zeit verging zu langsam. Äste und Blätter flogen mir ins Gesicht und hinterließen brennende Schlieren. Ich klammerte mich weiter an die Schlaufe und sehnte mich nach dem Ende der Flucht – ein törichter Wunsch.
Meine Freunde traten aus dem Wald und wir sahen uns einer Gruppe aus mehreren Spielern gegenüber. Das leuchtende Rot ihrer Augen zeigte deutlich, warum sie uns hier erwarteten.
„Habt ihr mit dem sinnlosen Portalspringen endlich aufgehört?“ Spott triefte aus der Stimme der Nephilimkriegerin. Hinter ihr standen zwei Magier, ein Bogenschütze und ein Schurke. Alles Elfen, doch ebenfalls diese rubinroten Augen.
Vor Herjas Schergen gab es kein Entkommen. Sie sahen uns auf der Karte und so punktgenau wie weitere Schatten am Horizont auftauchten, war unsere Position um einiges genauer als früher.
Mein Blick wanderte zu dem Countdown. 95 Stunden und fünfzehn Minuten. Die Zeit verging viel zu langsam. Wie sollten wir sie nur überstehen, wenn sie unsere Position so genau bestimmen konnten? Hoffnungslosigkeit kroch in mein Herz und ich schluckte hart. Die Oberhand über meine Gefühle bekam ich nicht zurück.
„Ihr könnt Herja nicht besiegen. Sie ist die Göttin dieser Welt und hat uns alle geschaffen. Wenn sie es wollte, dann könnte sie uns alle mit einem Fingerschnipsen auslöschen.“ Die Kriegerin zog ihre Klinge und schon gingen auch ihre Begleiter in Angriffsposition.
Valos holte ebenfalls seine Waffe hervor und trat automatisch zwischen die Gegner und uns. Ich griff nach meinem Seil und glitt auf den Boden. Sofort nahm ich meine Dolche in die Hände und aktivierte die Verstohlenheit.
„Spar es dir, Ami. Wir sehen dich.“ Mit einem Wink löste sich ein Pfeil von der Sehne und schlug knapp neben mir in den Boden ein. Ich hatte mich schon einige Schritte in Richtung der Feinde bewegt.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich schluckte hart. War das wirklich möglich? Wie sollten wir ihnen jemals entkommen? Starben wir hier? Es waren so viele und es kamen noch mehr nach.
Beweg dich!
Valos ging mit einem Schrei in den Angriff über und die altbekannten Schatten legten sich um unsere Feinde. Shas flüsternde Stimme glitt über meinen Nacken und stellte mir die Haare auf. Das metallische Klirren erfüllte die Luft und ich springe vor einem weiteren Pfeil zurück. Feuerbälle erstickten im Flug und die Magier sanken röchelnd zu Boden.
Mit einem Sprung brachte ich mich vor einem weiteren Pfeil in Sicherheit. Ich musste nach vorne und den Schützen ausschalten. Am besten auch den Schurken.
Der Schurke!
Mein Blick huschte zu Sha zurück und dann sah ich die leichte Bewegung des Grases hinter ihr. Reflexartig warf ich meinen Dolch in die Richtung, in der ich den Feind vermutete. Das Licht brach sich in der gegnerischen Klinge und vor meinem panischen Verstand sank Sha niedergestochen zu Boden.
Mein Dolch war schneller. Er bohrte sich in die Schulter des Schurken und hob seine Verstohlenheit auf. Mit einem schmerzerfüllten Stöhnen sank er zu Boden und hielt sich die Schulter. Erschrocken drehte sich Sha herum und ihr Gesicht erbleichte. Ich sah das Zittern ihrer Hände und die Schatten verschwanden.
„Valos! Sha!“, schrie ich. Wir standen auf verlorenen Posten. Sha rührte sich nicht mehr, sondern starrte immer noch den Schurken an, der nach seiner verlorenen Klinge griff. Ihre Schatten verblassten und die Magier erhoben sich. Wenn wir blieben, dann starben wir.
Es gab nur noch eine Möglichkeit für uns. Eine einzige. „Ausloggen! Sofort!“
„Das war knapp, Leute.“ Marcels Stimme ging keuchend und drückte uns unsere eigene Angst tiefer in die Köpfe. Ich starrte auf das Menüfenster, in dem Ami stand und sich immer wieder bewegte. Ihr Lächeln wirkte befangen und das neckische Funkeln in ihren Augen war ebenfalls erloschen.
„Ja, der Schurke hätte mich beinahe niedergestochen. Danke, Kathi, dass du so schnell reagiert hast.“ Tränen legten sich über jedes von Antjes Worten. Die Schwere, die so zu mir herüberschwappte, belastete mein Herz.
„Kein Problem. Ich ... ich bin froh, dass ich ihn gesehen habe.“ Stille breitete sich zwischen uns aus und ich sah weiter auf Ami, deren Bewegungen immer träger wurden. Ihr Lächeln gefror und sie erblasste.
„Wir haben noch gute 95 Stunden. Wie wollen wir die überleben? Man lauert uns überall auf. Jeder will das Preisgeld bekommen. Und wenn ich ehrlich bin, dann würde ich das auch tun. Damit kann man sich all seine Wünsche erfüllen und noch viel mehr.“ Marcels Erkenntnis leuchtete auch mir ein. Ich würde nicht anders handeln, dennoch war es grausam.
Hatten die anderen Spieler noch nicht mitbekommen, dass das Spiel mittlerweile realer war und sich Verletzungen auf uns übertrugen? Oder betraf es nur uns und Herjas Leute? Hatte es auf die normalen Spieler nicht so eine Auswirkung? Das wäre dann ja noch grausamer.
„Was wollen wir tun?“, fragte Antje leise und ich schwieg weiterhin. Auch von Marcel hörte man erst einmal nur seinen schweren Atem. Er hatte leichtes Asthma und wenn er aufgeregt war, dann schlug es sich auf seine Atmung nieder.
„Ich weiß es nicht. 95 Stunden. Fuck!“ Marcel fluchte leise vor sich hin und mein Blick blieb auf Ami liegen. Sie bewegte sich ruckartig und sah immer wieder ängstlich über ihre Schulter zurück.
„Wir können nicht die ganze Zeit davon laufen.“ Antjes Worte krallten sich wie ein Raubtier in meinen Verstand und zerrissen jeden klaren Gedanken. Nur Amis grüne Augen hielten mich im Hier und Jetzt.
„Nein, das können wir nicht.“ Marcel sprang sofort auf Antjes Zweifel auf. Sie schlichen sich auch in mein Herz, doch ich wollte Ami nicht aufgeben. Ich wollte Ion nicht aufgeben. Es war meine zweite Heimat und der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühlte. Dort habe ich Antje und Marcel getroffen. Valos und Sha.
Ihre Charaktere kamen vor mein geistiges Auge und ich holte zittrig Luft, um die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Es half uns nichts, wenn ich jetzt die Nerven verlor. Wir brauchten eine Entscheidung.
„Weglaufen ist auch sinnlos. Sie sehen uns. Wir sie aber nicht“, sprach ich das Problem einer dauerhaften Flucht an. Wir können auch keine Woche durch das Spiel laufen. Nicht, wenn es auch körperlich anstrengend für uns war. Antje und Marcel waren zwar sportlicher als ich, doch auch sie hielten solch einen Marathon nicht durch.
„Sollen wir nach Verbündeten suchen?“ Antje warf eine Möglichkeit ein, die ich bisher gar nicht in Betracht zog. Seit ich Sha und Valos damals in meinen ersten Dungeon getroffen hatten, waren wir unzertrennlich. Ich brauchte keinen Tank oder Heiler. Wir rockten jeden Dungeon auf eigene Faust und sogar den ein oder anderen Raid. Uns hielt niemand und nichts auf.
„Es wäre eine Möglichkeit, aber wie?“ Marcels Zuspruch verknotete mir die Gedärme und ich schluckte trocken. Mein Blick blieb weiter auf Ami liegen, die mit jeder Sekunde ein Stück mehr ihres Lebens verlor.
„Wer ist schon so verrückt?“, flüsterte ich. Ich würde mich nicht auf solch einen Deal einlassen. Gegen Herjas Horden kämpfen und dann nicht einmal eine Belohnung bekommen? Im Gegenteil, vielleicht sogar selbst ins Fadenkreuz geraten? Ich wollte Antje und Marcel nicht verlieren.
„Wir könnten auf dem Schwarzenbrett einen Aushang machen“, schlug Marcel etwas vor und überging meine Frage dabei. Er entlockte mir ein grausames Lachen, das sich gnadenlos in mein Herz krallte.
„Das würden doch Herjas Leute sofort herunterreißen.“ Ich schüttelte den Kopf und meine Stimme war immer noch nur ein Hauch. Amis Anblick schnürte mir die Kehle zu. Es formte sich immer mehr eine Erkenntnis in meinem Kopf und trieb mir neue Tränen in die Augen.
„Wir können nicht allein gegen Herjas Schergen bestehen und Kathi hat Recht. Niemand würde so ein Gesuch hängen lassen.“ Antje hatte meine Worte gehört und entlockte Marcel ein Knurren. „Ihr habt wahrscheinlich recht. Aber was sollen wir sonst tun? Wir können ja schlecht auf dem Schwarzmarkt herumfragen. Die wollen dann Summen jenseits des Preisgeldes. Niemals könnten wir die bezahlen.“
„Es tut mir Leid“, flüsterte ich Ami zu und berührte sanft den Bildschirm. Antje und Marcel schwiegen und hinterließen eine erdrückende Stimmung. Meine Koboldin sah mich mit großen Augen an. Stumm flehte sie um eine andere Lösung, doch ich sah keine.
„Aber wenn wir weiter online gehen, dann werden wir sterben. Wir alle – Sha, Antje, Valos, Marcel, du und ich. Daher können wir nicht mehr online kommen. Nicht wahr?“ Ich suchte nach der Unterstützung meiner Freunde und sie stimmten mir mit heiseren Stimmen zu. „Darum können wir nicht mehr nach Ion zurückkehren.“
„Ist das jetzt dein Ernst, Kathi?“, fragte Marcel ungläubig nach, „wir könnten doch noch versuchen –.“
„Kathi hat Recht, Marcel. Wenn wir uns wieder einloggen, dann sterben wir. Das ist es nicht wert, oder?“, stimmte mir Antje zu und ein tiefes Seufzen schallte durch die Leitung, bevor es auch Marcel einsah. „Ja, ich weiß es. Aber – es ist Domination of Fantasy. Können wir es so einfach aufgeben?“
Mein Blick lag auf Ami, die ihre Hände nach mir ausstreckte und versuchte, meine nächsten Worte zurückzuhalten. Ich stoppte nicht. Egal, wie grausam diese Erkenntnis war. Wir hatten keine andere Wahl. Hatten wir nie und dennoch wurde meine Zunge schwer wie Blei und der folgende Satz fiel mir schwer. Trotzdem presste ich ihn mit aller Kraft heraus, um die Wahrheit nicht mehr länger zu leugnen.
„Ja, müssen wir, sonst sterben wir.“
„Katharina, ich bin zuhause“, rief meine Mutter in die Wohnung, doch ich starrte immer noch auf den schwarzen Bildschirm meines Computers. Der Entschluss lag schwer in meinen Magen und ich vermisste Ami jetzt schon.
Wir wollten uns ein anderes Spiel suchen, dass wir gemeinsam zocken konnten und uns jeden Abend zum Quatschen treffen. Dennoch schmerzte der Abschied von Ion immer noch. Ich wollte Ami nicht aufgeben. Es half aber nichts, wenn ich mein Leben bei diesem Spiel verlor.
„Katharina?“ Ich holte zittrig Luft und erhob mich, um dann das Zimmer zu verlassen. Im Flur traf ich auf meine Mutter, die schon auf meine Tür zutrat. Ich lächelte sie gequält an. „Ja, ich bin da, Mutter.“
„Warst du wieder in diesem schrecklichen Spiel vertieft? Du solltest mehr rausgehen und dich bewegen. Dann würde sich dein Gewichtsproblem von alleine lösen.“ Sie schnalzte abwertend am Ende ihrer Ansprache und wandte sich dabei in Richtung Wohnbereich um. „Ich habe uns etwas vom Italiener mitgebracht. Der heutige Tag war so anstrengend, ich wollte nicht mehr kochen und nachdem du nicht auf meine Nachrichten reagiert hattest, war mir klar, dass ich das auch nicht von dir erwarten kann.“
Ich ignorierte die unterschwellige Kritik in ihrem Satz. Auf mein Handy hatte ich bisher nicht gesehen. Normalerweise kontaktierten mich nur meine Freunde darüber und mit denen hatte ich gesprochen. Selten kam so eine Nachricht von Mutter.
Ihr prüfender Blick glitt über mich. Erneut ein herablassendes Schnalzen, das ich widerlich fand. Ich wusste, wie sie über mich dachte, aber es tat weh, dass sie sich nicht einmal mehr die Mühe machte, es zu verbergen.
„Hast du wenigstens gelernt und deine Hausaufgaben fertig?“ Sie stellte die Tüte auf den Tisch und verteilte die zwei Nudelgerichte auf dem Tisch. Ich hätte mich mehr über eine Pizza gefreut, aber insgeheim war ich froh, dass es nicht nur ein Salat war.
„Ja, habe ich.“ Ich nahm auf meinem Stuhl Platz und Mutter saß wie immer mir gegenüber. Sie sah mich an, ohne mich zu erkennen. Ich mied ihren Blick und konzentrierte mich auf die Portion Carbonara. Bolognese mochte ich lieber. Mutter kannte mich nicht mehr.
„Wenigstens etwas. Hast du wieder gespielt?“ Der vorwurfsvolle Unterton schnürte mir die Kehle zu und so brachte ich nur ein Nicken zustande. Erneut ihr widerliches Schnalzen, das mich herabsetzte. Ich vermisste Dad so sehr.
„Was findest du nur an diesem sinnlosen Zeitvertreib?“ Sie schüttelte den Kopf und mein Körper zitterte unter der Demütigung. „Was bringt es dir für deine Zukunft? Nichts. Darin lernst du gar nichts, was du im Arbeitsleben brauchen kannst. Oder willst du später solche Spiele machen?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich hab dort Freunde“, antworte ich kleinlaut und sie schnaubte fassungslos. „Freunde? Diese Freaks sind doch keine Freunde.“
„Es sind keine Freaks und das Spiel ist mehr. Mittlerweile ist es anstrengend und man wird verletzt!“ Sie hob skeptisch eine Augenbraue in die Höhe und sah mich zweifelnd an. Nach zwei Herzschlägen schüttelte sie dann den Kopf. „Das glaubst du doch selbst nicht. Wieso sollte ein Spiel so etwas können? Du lügst mich nur an, damit ich es gut finde.“
„Nein, ich lüge dich nicht an! Hier, schau doch.“ Ich drehte mich um, damit sie die Verbrennung sah.
„Was ist das? Wieso ist deine Haut da gerötet? Was hast du angestellt?“ Ich hatte schon Luft geholt, um ihr zu antworten, doch ihre letzte Frage drückte mir meine Antwort zurück in den Rachen.
„Ich? Gar nichts. Man hat mich im Spiel angegriffen und verletzt. Das hat sich auf mich übertragen.“ Ihr Blick veränderte sich nicht und ich drängte weiter. „Wir haben so eine Quest angenommen, in der wir Herja eine Blume stehlen musste. Das haben wir geschafft und jetzt will uns Herja töten. Seitdem beginnt sich alles im Spiel auf uns auszuwirken!“
„Katharina.“ Der sanfte Unterton ihrer Stimme erweckte ein mieses Gefühl in mir. „Warum belügst du mich? Was ist wirklich passiert? Hast du dich beim Kochen verletzt?“
„Mutter, das ist die Wahrheit. Ich belüge dich nicht.“ Die Verzweiflung in meinem Herzen wuchs und verschlang Stück für Stück jede Hoffnung, die noch in meinen Gedanken existiert hatte.
„Katharina, es ist unmöglich, dass ein einfaches Computerspiel dir so etwas zufügt. Ich weiß also nicht, was du versuchst vor mir zu verheimlichen, doch ich bitte dich, damit aufzuhören. Wenn du bereit bist mir die Wahrheit zu sagen, dann rede ich wieder gerne mit dir. Aber einer Lügnerin höre ich nicht zu und das weißt du, Katharina.“ Sie beugte sich über ihre Tortelloni mit Käse-Sahne-Sauce und erklärte damit das Gespräch für beendet.
Fassungslos starrte ich meine Mutter an, die seelenruhig ihre Nudeln aß und mich nicht einmal mehr eines Blickes würdigte. Wieso tat sie das? Sah sie nicht, dass ich Angst hatte? Warum hörte sie mir nie zu? Was bedeutete ich ihr überhaupt noch? Warum musste Papa nur sterben?
Ich sah auf meine Spaghetti und setzte meine Mahlzeit nach einigen Herzschlägen fort, auch wenn mir der Hunger gerade gründlich vergangen war. Wann hatten Mutter und ich einander so verloren? Waren wir jemals verbunden?
Ne–. Ich unterbrach sofort den Gedanken und aß stillschweigend weiter. Ich wollte die Antwort darauf nicht wahrhaben und trotzdem schlich sie sich ganz langsam in meine Gedanken hinein. In mir erwachte die Sehnsucht nach Marcel und Antje. Wann kam ich hier endlich raus?
Warum liebst du mich nicht?
Hilf mir! Rette mich! Ich brauche dich. Komm zurück. Hilf mir!
Langsam tauchte in der Dunkelheit um mich herum eine winzige Silhouette auf. Der Boden unter mir verschwand in der endlosen Schwärze, die mich umgab, und als ich mich um meine eigene Achse drehte, erkannte ich, dass nur das kleine Wesen und ich hier existierten.
Warum bist du gegangen? Wieso hast du mich alleine gelassen? Ich schaffe es nicht ohne dich. Herja jagt mich.
Die ängstliche Stimme berührte mich im Herzen und hinterließ eine Vertrautheit, die ich die letzten Tage vermisst hatte. Wir hatten kein neues Spiel gefunden. Viele ausprobiert, aber keines hatte uns so gefesselt wie Domination of Fantasy.
Ich trat einen Schritt auf das zitternde Wesen zu und hörte ein leises Weinen. Mein Herz schnürte sich bei diesem Geräusch schmerzhaft zusammen. Ich stockte. Etwas in mir sagte mir, dass mein nächster Schritt mehr Bedeutung hatte als jeder davor.
Wir gehören doch zusammen. Wie die zwei Seiten einer Medaille. Wir hatten so viel Spaß. Wie kannst du mich jetzt im Stich lassen?
„Ami?“, flüsterte ich in die Stille um uns herum und das Weinen verstummte. Das kauernde Wesen richtete sich langsam auf und drehte sich zu mir um. Dabei wippten ihre zwei Pigtails auf und ab. Sie war so klein und mir wurde erst jetzt bewusst, wie viel Kraft sie hatte, um all die Abenteuer zu bestehen.
Sie lächelte nicht und auch ihre Bewegungen waren nicht so leicht, wie ich es vom Startbildschirm gewohnt war. Ihre Augen waren gerötet und sie nestelte nervös an ihrem Oberteil herum.
Ich kniete mich hin und streckte meine Arme nach ihr aus. Sie wich meinem Blick aus und ging zögerlich zwei Schritte auf mich zu. Tränen liefen ihre Wangen herab, die sie mit ihrem Ärmel eilig wegwischte.
„Kathi, wieso kommst du nicht mehr zurück? Du fehlst mir. Vermisst du mich nicht?“ Ihre Stimme flatterte im Wind und sie zog nervös an einen ihrer Zöpfe. Schüchtern suchte sie meinem Blick, aber wich dann sofort wieder aus. Sie schniefte und wischte sich noch einmal über die Wange.
„Ich vermisse dich, Ami. Mehr als alles andere. Mir fehlt Ion und die Abenteuer, die wir zusammen hatten. Aber–.“ Ich brach ab und starrte auf meine Hände. Die Verbrennung von damals war mittlerweile verheilt und nichts zeugte mehr von dem, was mit dem Spiel passiert war. Außer die Angst, die sich in meine Gedärme krallte, wenn ich nur daran dachte zurückzukehren.
„Aber?“ Ihre kleinen Hände legten sich um meine Finger und wärmten meine Haut. Wie konnte das möglich sein? Ami war nur eine Computerfigur, die ich erschaffen habe. Fehlte sie mir so sehr, dass ich mir all das in meinem Traum ausmalte und ihr mehr zusprach, als sie wirklich war?
„Aber ich will nicht sterben.“ Meine Stimme zitterte unter den Tränen, die sich bei diesem Satz in meine Augen drängten. Ami kletterte auf meine Hand und sah mich direkt an. Sie war so leicht und zerbrechlich. Es war ein Wunder, dass wir beide nicht schon längst gestorben sind bei allem, was wir zusammen erlebt hatten.
„Ich auch nicht, aber ich kann Herja nicht ohne dich besiegen, Kathi. Sie jagt uns und so lange ihr weg seid, wird es niemals enden. Irgendwann werden sie uns erwischen“, flehte sie mich an und ich erkannte ihre Angst, die meiner bis aufs kleinste Detail glich.
„Das kann ich nicht alleine entscheiden.“ In mir entstand ein Zwiespalt, der es verhinderte, dass ich ihr direkt absagte, obwohl ich immer wieder mit meinen Freunden darüber gesprochen hatte. Jedes Mal, wenn das neue Spiel wieder nicht unseren Erwartungen entsprach. Aber ihre Antwort blieb immer gleich. Wir hatten uns für den Abschied entschieden.
„Sha und Valos vermissen Antje und Marcel auch.“ Sie strich über meinen Daumen und hinterließ einen Schauer. Wie gerne würde ich zu ihr zurückkehren, doch die Angst in meiner Brust blieb. Ich hatte den Verbrennungsschmerz noch nicht vergessen.
„Antje und Marcel vermissen sie auch.“ Der Satz schmerzte und ich schluckte hart, um die Tränen zurückzudrängen. Wie gerne würde ich mit Ami wieder durch Ion laufen, aber ich wollte nicht sterben.
„Ihr müsst zurückkommen.“ Amis Stimme verfestigte sich und das nervöse Spielen stoppte. Sie sah mich direkt an und ließ keinen Widerspruch zu. Er bildete sich dennoch in meiner Kehle und drängte nach draußen. „Ich will nicht sterben, Ami.“
„Das will niemand. Aber wir müssen es trotzdem irgendwann, Kathi.“ Sie hielt meinem Blick stand und umklammerte meinen Daumen, den sie vorhin gestreichelt hatte, fester. „Du hast diese Quest angenommen, weil du Ruhm und allen damit zeigen wolltest, dass du wir die beste Diebin in ganz Ion sind. Was glaubst du, was passiert, wenn wir Herja besiegen?“
„Kann man sie besiegen?“ Amis Worte berührten mich und lösten die Angst langsam auf. „Sie hat euch alle erschaffen und ist die Göttin der Welt. Kann man einen Gott vernichten?“
„Was glaubst du, warum wir noch am Leben sind? Auch Herja ist nicht allmächtig.“ Ami ließ nicht locker und ihre Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ich wollte daran glauben, dass wir es schafften. „Ohne Antje und Marcel wird das aber nichts und sie wollen nicht mehr.“
„Wer weiß. Rede mit ihnen morgen, okay? Ich freue mich darauf, wenn wir uns wiedersehen.“ Sie drückte freundschaftlich meinen Daumen und ich erwiderte ihr Lächeln. Ami war mein Fels in der Brandung und Ion war meine zweite Heimat. Ich wollte zurückkehren, aber ohne Antje und Marcel ging es nicht.
Ich verstand ihre Zuversicht nicht, doch sie geriet nicht ins Wanken, als schon das Klingeln meines Weckers zu mir durchdrang und ich noch einmal ihre letzten Worte hörte. „Rede mit ihnen und dann werden wir uns bestimmt bald wiedersehen. Wir brauchen euch. Für Herjas Fall und Ions Befreiung. Kommt zurück zu uns. Bitte kommt zurück zu uns.“
Amis Worte gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder sah ich ihre verzweifelten Augen vor mir und hörte ihr Flehen. Ich war mir nicht sicher, ob ich Marcel und Antje darum bitten konnte, weil ich selbst nicht wusste, ob eine Rückkehr sinnvoll war. Ami ließ mich nicht gehen.
Sie tauchte immer wieder in meinen Träumen auf und erschien mir in den kleinsten Ecken meines Lebens. Ihr Flehen legte sich wie ein Schleier über mich und wurde zu meinem persönlichen Wind, der mich bei jedem Schritt umspielte. Ich vermisste Ami und auch Ion. Die unendliche Weiten und die Freude, wenn ich mit meinen Freunden eine neue Herausforderung geschafft hatte.
In dieser Welt waren wir Helden und nichts konnte uns aufhalten. Nichts, außer die Möglichkeit zu sterben. Alleine bei dem Gedanken daran erschauderte ich und ich setzte mich mit gemischten Gefühlen an meinen Rechner.
Ami sah hinter dem Bildschirm hervor. Ihre großen Augen flehten mich an zurückzukehren. Meine Angst sperrte jede Möglichkeit aus, aber ich konnte sie nicht mehr ignorieren. Sie sah von Tag zu Tag schlechter aus. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann hatte ich das Gefühl, dass ich sie beim Sterben beobachtete. Aber es war Marcel, der schließlich bei einem unserer täglichen Voicetreffen das Schweigen brach. „Hey, Leute, Valos kontaktiert mich ständig. Vielleicht sollten wir doch nochmal nach Ion schauen. Ich hab Angst, was mit ihm passiert.“
Ami stand neben mir und berührte meine Hand, die auf der Computermaus lag. Ein eisiger Hauch glitt von dort durch meinen Körper. Sie flehte mich stumm mit ihren Augen an, dass ich zustimmte. Die Angst in meiner Brust schnürte mir die Kehle zu und nahm mir die Luft zum Atmen. Wir könnten sterben, wenn wir zurückkehrten. Ami, Valos und Sha waren doch nur Computerfiguren, die ohne uns nicht existierten. Wie konnte es dann sein, dass man sie weiter jagte?
„Ja, Sha begegnet mir auch überall und hat mich angefleht, dass ich zurückkomme. Sie sieht mit jedem Tag schlechter aus.“ Antjes Worte nährten meine Angst weiter und meine Atmung flachte ab. Wie konnte es sein? Sie waren unsere Charaktere. Von uns erschaffen. Sie konnten ohne uns nicht existieren. Warum starben sie? Was war das für ein Spiel?
Ich will nicht sterben. Mein eigener Wunsch überdeckte sich mit Amis. Nur dass ich hier sicher war und sie weiterkämpfen musste. Was geschah, wenn sie starb und ich nicht in Ion war? Ich wollte die Antwort darauf nicht wissen.
„Ami ist auch bei mir“, flüsterte ich und konnte mich von ihrem Anblick nicht lösen. Sie bedeutete mir alles und noch viel mehr. Unsere Abenteuer waren alles, was ich mir immer gewünscht hatte. „Was tun wir?“ – Schweigen.
Ami trat auf mich zu und blieb zwischen der Tastatur und den Bildschirm stehen. Sie ließ meinen Blick nicht los und erneut bemerkte ich, wie klein sie war. Ich könnte sie ohne Probleme ignorieren und so tun als wäre sie nicht hier. Aber sie war ich oder zumindest das, was ich mir immer gewünscht hatte zu sein.
„Was wenn wir erneut angegriffen werden?“ Ich traute mich diese Worte kaum auszusprechen, aber sie kreisten immer weiter in meinem Kopf herum. Diese Angst zu sterben krallte sich immer fester in mein Herz und zerdrückte es mit jedem Schlag ein Stück mehr. Den Gedanken, dass es Marcel oder gar Antje treffen könnte, wagte ich nicht einmal, zu formulieren.
„Das könnte passieren. Aber–.“ Marcel stockte und ich hielt die Luft an, um ja keines seiner Worte zu verpassen. Er schwieg und so verlangte meine Lunge schmerzhaft nach neuem Sauerstoff.
„Aber ich muss wissen, was mit Valos los ist.“ Mit einem Stoß atmete ich aus und sog sofort wieder tief Luft ein. Die Sicherheit, die in seinen Worten mit schwang, berührte die Angst in mir und schwächte sie ab.
Ami stand immer noch mit großen Augen vor mir und flehte mich stumm an, dass ich auch erkannte, was Marcel schon lange klar war. Wir könnten sterben. Ich will Marcel und Antje nicht verlieren. Sie sind alles für mich.
„Und was bin ich für dich?“ Ami trat auf mich zu und blieb vor der Tastatur stehen. „Bedeute ich dir gar nichts mehr? All unsere gemeinsamen Abenteuer und der Spaß, den wir hatten. Wir haben etwas geschaffen. Gemeinsam.“
„Du bist die andere Seite meiner Medaille.“ Diese Antwort fühlte sich so natürlich an, wie das Atmen selbst. Ich konnte Ami nicht im Stich lassen und sie weiter Herjas Schergen ausliefern. Auch wenn ich nicht wusste, wie wir dem Ganzen entkommen sollten.
„Marcel hat Recht“, stimmte ich ihm zu und Antje quietschte erschrocken auf. Sie war die Einzige, die noch nicht verletzt wurde, aber deren Leben auf Messerschneide stand. Alleine die Erinnerung an diesen Moment trieb mir Tränen in die Augen.
„Ihr wollt wirklich zurück?“ Antjes Stimme flatterte panisch, dann sog sie scharf die Luft ein.
„Sha.“ Der Name war nur ein Hauch und doch so voller mir bekanntem Gefühl, das ich Ami anlächelte. Ich wusste, wie es Antje gerade ging. Die Antwort, auf diese eine Frage, erschien mir plötzlich so klar, dass ich mich über mein eigenes Zögern wunderte.
Ami. Valos. Sha. Sie waren wir und sie brauchten uns. Ion brauchte uns. Wir hatten etwas begonnen und nun war es Zeit, es zu Ende zu bringen.
Ami nickte mir bestimmt zu und kaum brach ich den Blickkontakt zu ihr ab, verschwand sie. Sie schien ihre Antwort endlich bekommen zu haben und bei dem Gedanken, dass sie in Ion auf mich wartete, erfasste mich ein angenehmes Kribbeln, das über meine Beine, Arme und Rücken bis zu meinen Nacken und Kopf zog.
„Wir kehren zurück“, teilte ich meinen Entschluss mit und bekam von Marcel ein zustimmendes Brummen. Antje zögerte immer noch und ich hörte ein leises Schluchzen. „Was wenn wir sterben?“
„Wir sind gut. Wir werden nicht sterben. Niemand ist besser als wir. Wir sind das Elitetrio und führen die Spitze des Spielerrankings an. Keiner kann uns stoppen und wir werden es schaffen. Da bin ich mir sicher.“ Ich verstand selbst nicht, woher ich dieses Selbstbewusstsein hernahm.
„Ami hat Recht. Wir haben schon so vieles gemeinsam geschafft, was noch keine Dreiergruppe vor uns geschafft hat. Wir spielen Schlachtzüge und Dungeons ohne Heiler oder Tank. Und wenn wir ehrlich sind, dann ist es doch nichts anderes, oder? Ein Schlachtzug, der über ganz Ion geht.“
Diese Sichtweise überraschte mich, doch Marcel hatte Recht. Es war nur ein großer Schlachtzug, in dem die ganze Welt unser Feind war. Wir gegen den Rest. Wie auch außerhalb von Ion. Wie schon immer.
„Wenn das jemand schafft, dann wir. Wir kämpfen schon unser ganzes Leben, Antje. Schon vor Ion. Wir sind für diese Quest geboren.“ Ich versuchte ihr auch noch den letzten Rest ihres Zweifels zu nehmen, denn ohne Antje klappte es nicht. Alle oder keiner. So war es schon immer und so würde es auch immer sein.
Ihr leises Wimmern verstummte und sie schwieg. Marcel und ich warteten gespannt auf ihre Antwort. Wir mussten zurück nach Ion und Herja stürzen. Wenn wir unser eigenes Leben schon nicht von den Tyrannen befreien konnten, dann wenigstens unser Zuhause.
„Ihr habt Recht.“ Sie schniefte und holte dann hörbar tief Luft. „Ion braucht uns. Wir müssen zurückkehren und beenden, was wir begonnen haben. Damit es wieder unser Zuhause wird.“
Nun standen wir wieder hier: in Ion. Alle Blicke lagen auf uns, aber wir rührten uns nicht. Wenigstens in den Städten waren wir sicher, doch die Zeit lief dann auch nicht weiter. Man belauerte uns und schien nur darauf zu warten, dass wir die sicheren Mauern verließen. Aber unser Plan sah erst einmal anders aus.
Zielstrebig gingen wir auf Herjas Haupttempel zu und die missbilligenden roten Augen mehrten sich mit jedem Schritt, den wir uns dem Gebäude näherten. Es war uns egal. Ich saß wie immer auf Shas Schulter und hielt mich an dem Riemen fest. Mein Blick wanderte über die Gassen und Straßen.
Ich begegnete jedem Blick. Sie alle waren unsere Feinde, weil sie das Geld wollten. Es war nichts gegen uns persönlich und wenn sie wahrscheinlich wussten, um was es wirklich ging, würden sie uns nicht mehr angreifen. Das redete ich mir zumindest immer wieder ein. Ich wollte nicht daran glauben, dass sie tatsächlich etwas gegen uns hatten. Wir hatten vorher nie Feinde gehabt, was an der Tatsache lag, dass wir unter uns blieben. Deswegen hatten wir aber auch nicht viele Freunde.
„Glaubst du wirklich, dass Kaeldin uns helfen kann? Er ist Herjas Hohepriester. Es ist an sich ein Wunder, dass er noch nicht wegen Hochverrat getötet wurde.“ Valos‘ Zweifel trafen auf fruchtbaren Boden bei Sha und mir, doch ich riss sie sofort wieder aus. „Er ist unsere einzige Hoffnung. All unsere Freunde und Bekannte sind eher Informanten und haben nicht besonders viel Macht. Sie können uns nicht unterstützen. Er selbst ist aber der stärkste Priester auf dem Server. Bestimmt kennt er einen Zauber, der uns schützen kann.“
Ich wollte daran glauben, denn sonst hatte ich keine Idee mehr und wir waren uns schon vor dem Wiedereintritt in das Spiel einig, dass wir nicht weglaufen werden. „Es reicht ja, dass er Schutzzauber über uns legt oder uns immer wieder wegteleportiert, wenn es zu gefährlich wird. Irgendwas in die Richtung muss er ja tun können, oder nicht?“
Meine zwei Freunde schwiegen und hinterließen ein ungutes Gefühl in meiner Brust. Der Zweifel, den ich glaubte, ausgerissen zu haben, kehrte zurück und drang noch tiefer in mein Herz ein. Wenn wir selbst nicht an unser Tun glaubten, warum waren wir dann überhaupt hier? Doch Sha und Valos stoppten nicht, sondern stiegen die großen, weißen Marmortreppen empor.
Ihre Leder- und Stoffschuhe erzeugten klatschende Geräusche, die unser Schweigen verhöhnten, bis Valos dieses brach. „Wir sind in diesem Tempel nicht sicher, das ist euch klar, oder? Askhor hat hier schon einmal gegen uns und Kaeldin gekämpft. Was machen wir, wenn er auf uns wartet?“
„Dieses Risiko müssen wir eingehen. Jeder sieht, dass wir jetzt in den Tempel gehen. Nicht nur die, die uns beobachten, sondern jeder auf der Landkarte. Wenn Askhor uns aktuell jagt, dann kann es passieren, dass er auftaucht. Aber wir brauchen einen starken Verbündeten und Kaeldin ist unsere einzige Chance. Daher–.“ Sha unterbrach mich.
„Solange es nur Askhor ist, sollte es kein Problem sein. Gegen ihn haben wir schon öfters gekämpft und in den meisten Fällen gewonnen. Wir sind zu dritt und er hat meistens nur diese lästige Fee dabei. Den kriegen wir klein.“
Ihre Entschlossenheit war deutlich auf ihrem Gesicht zu sehen. Sie schritt aufrecht und ihr Blick war fokussiert auf die großen Flügeltüren vor uns gerichtet. Ich hätte ihr geglaubt, wenn nicht ein leichtes Zittern in ihrer Stimme gewesen wäre. Auch Valos schien es bemerkt zu haben, denn er wandte sich besorgt zu ihr um. Wir entschlossen uns aber beide es nicht zu erwähnen. Ihre Angst war ja nicht grundlos und das wussten wir beide.
Valos drückte die schwere Tür auf und wir traten in die große, hell erleuchtete Halle. Herjas Statue am Altar überragte alles und ihr Blick war auf die Bänke gerichtet. Sie war in Wirklichkeit nicht so groß, aber dafür war ihre Aura umso mächtiger.
Noch während wir nach vorne liefen, erschien Kaeldin aus einer seitlichen Tür und kam uns entgegen. „Ami? Valos? Sha? Was treibt euch zu mir? Ich habe euch lange nicht mehr gesehen und schon Angst, dass ihr aufgegeben habt. Schön, dass es euch gut geht.“
„Es geht uns noch gut. Sobald wir die Stadt verlassen, sieht es anders aus.“ Valos schnalzte mit der Zunge und verschränkte seine Arme vor der Brust. Sha blieb schräg hinter ihm stehen. Zwischen uns und Kaeldin war jetzt nur noch die dreistufige Treppe zum Altar, sodass er auf uns herunterblickte.
„Oh ja, aber auch das wird sich ändern. Sobald die letzten Tage anbrechen, werden sie euch überall jagen können. Herja lässt sich ihre Macht nicht so leicht nehmen.“ Ich legte den Kopf schief und sah ihn irritiert an. „Woher weißt du das Alles?“
Ein trauriges Lächeln legte sich auf seine Lippen und er stützte sich auf den Stab. „Wie glaubt ihr, dass ich zu einem von Herjas Leuten wurde?“
„Wie jeder andere auch. Du hast dich dazu entschlossen.“ Valos zuckte mit den Schultern. Jeder hatte sich am Ende des Tutorials für eine Seite entschieden. Freiheit oder Herja. Kaeldins Lachen strafte Valos‘ Worte Lügen.
„Das ist nur eine der vielen Möglichkeiten. Nein, ich habe mit meinen damaligen Freunden ebenfalls die Luminea geklaut. Wir hatten nur noch drei Tage vor uns. 72 Stunden. Lächerlich nicht wahr. Als Priester, Krieger, Schurke und Magier hatten wir gute Karten. Meine Schutzzauber waren stark. Aber nicht stark genug.“ Er machte eine Pause und ein Schauer glitt über unsere Gruppe.
„Die Angriffe wurden immer stärker, doch wir wehrten uns tapfer. Ich heilte und schützte, so gut es ging. So viele haben wir damals besiegt, doch sie alle kamen zurück. Unsere Verletzungen wurden immer stärker auf uns übertragen. Wir waren dabei zu unterliegen.“ Erneut machte er eine Pause. „Herja tauchte auf. Sie stoppte die Angriffe und machte uns ein einmaliges Angebot: Wenn wir ihre Gefolgsleute wurden, vergaß sie den Diebstahl und auch die Hinrichtung. Unsere Schurkin, Grimhild, lehnte das Angebot ab und–.“ Er stoppte und holte zittrig Luft. „Herja hatte ihre Hand ausgestreckt und sie zerquetscht ohne sie zu berühren. Wir haben ihren röchelnden Todeskampf mit angehört, bevor der Kontakt zu Theresa abbrach.“
„Ihr habt das Angebot angenommen?“, fragte ich in die entstandene Stille hinein.
„Natürlich! Was hätten wir denn sonst tun sollen? Sie hätte uns einen nach den anderen getötet! Man kann diese Questreihe nicht gewinnen.“ Kaeldin brauste auf, doch beruhigte sich noch während des Sprechens selbst.
„Warum hast du uns nicht gewarnt?“ Sha verlangte nach Antworten und bekam nur ein trauriges Lächeln. Erneut trat Schweigen zwischen uns und Kaeldins einst so stolze Haltung fiel in sich zusammen. Er sah wie ein alter Mann aus, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte.
„Es war doch schon zu spät. Ihr hattet die Blume schon gestohlen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Da wollte ich euch lieber, so gut es ging, unterstützen. Da sah ich mehr Potential drinnen.“
„Du willst uns gerade sagen, dass wir am Ende eh nur die Wahl zwischen Tod oder Gefolgschaft haben?“ Valos war fassungslos und jedes zweite Wort von ihm wurde von einem Keuchen begleitet.
„So war es zumindest bei uns. Vielleicht habt ihr bessere Karten. Ihr seid anders – geschickter. Ami ist Askhor schon so oft entkommen und hat auch einen von Herjas Angriffen überlebt. Das können nicht viele von sich behaupten.“ Ich wollte die Hoffnung in Kaeldins Worten glauben, doch etwas sperrte sich dagegen. Damals habe ich nur überlebt, weil ich mich ausloggen konnte. Was wenn ich das nicht mehr rechtzeitig schaffe?
„Das war Glück.“ Ich wehrte das Lob mit einem Kopfschütteln ab. „Eure Gruppe war stärker. Wie sollen wir das ohne Hilfe schaffen?“
„Ich schätze, dass dies der Grund ist, warum ihr hier seid.“ Kaeldin lächelte verschwörerisch und richtete sich langsam wieder auf. „Ihr wollt mich um Hilfe bitten.“
„Ja, du bist ein starker Priester. Wir hatten gehofft, dass du uns entweder mit Schutzzauber oder mit deiner Teleportation helfen könntest.“ Ich kam sofort auf den Punkt, um Kaeldin nicht zu kränken. Er hatte unsere Absichten erkannt und seine Vergangenheit zeigte einmal mehr, dass er auf unserer Seite war.
„Wie ich schon sagte, meine Schutzzauber sind nicht stark genug. Sie konnten Grimhild nicht schützen und auch Theresa nicht. Herja können sie nicht fernhalten.“ Kaeldins Schultern sanken wieder ein und Trauer zeichnete tiefe Falten in sein Gesicht.
„Dann teleportier uns immer wieder weg. Das hilft uns auch schon. Komm in unseren Teamspeak und wir können dir ein Zeichen geben, wenn du uns wegteleportieren sollst“, platzte es aus Sha heraus und ich sah sie überrascht an. Sie war die ganze Zeit still gewesen, aber schien nun auch zu begreifen, wie wichtig diese Hilfe war.
„Ich kann immer nur einen teleportieren und es dauert. Es könnte also schief gehen. Seid ihr euch sicher?“ Er sah uns fragend an und wir nickten im Einklang. Kaeldin war unsere einzige Hoffnung und wir wollten diese Quest gewinnen. Für uns. Für Ion. Für das Ende von Herjas Herrschaft. Aber vor allem für die Freiheit.
„Valos! Hinter dir!“, schrie ich vom Rücken meines roten Feendrachens aus. Sofort drehte sich Valos um und wehrte den herannahenden Pfeil ab. Sha schleuderte einen Fluch in die Richtung des Schützen ab, der dann röchelnd in die Knie sank.
Mein Feendrache vollzog eine Rolle und tauchte unter einem Schwerthieb hindurch. Ich selbst schnitt dem Krieger dabei den Unterarm auf. Blutgeruch lag in der Luft, doch ich sah nicht zurück, sondern stürzte weiter an Valos‘ Seite durch die Gruppe.
Wir hatten es uns erlaubt eine kurze Rast in einer kleinen Höhle zu machen, nachdem wir die ganze Zeit unterwegs waren. Es war ein Fehler. Sofort drängte ein ganzer Pulk Spieler auf uns ein.
„Soll ich euch teleportieren?“ Auf Kaeldins Worte spürte ich das bekannte Ziehen, doch ich schüttelte sofort den Kopf. „Noch nicht und wenn dann zuerst Sha. Valos und ich halten länger durch.“
Ich sah zurück auf Sha, die nur zwei Schritte hinter mir rannte und immer wieder kleine Flüche auf die Gegner schleuderte. Für mehr müsste sie stehen bleiben. Aber das würde ihren Untergang bedeuten.
Krieger, Schurken, Waldläufer, Magier, Fluchsprecher, Tierzähmer, Schamanen und Priester. Jede verdammte Klasse war hier zugegen. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann versammelte sich bestimmt gerade der gesamte Server hier. Es wunderte mich, dass es die Serverrechner mitmachten. So viel Zugriff auf einen Bereich der Welt ging normalerweise nicht gut.
Unsere Bewegungen blieben flüssig und auch die Konturen unserer Gegner und der Umgebung hielt stand. Es war als wären wir nicht mehr in einem Spiel, sondern in einer realen Welt.
Als mich dieser Gedanke befiel, war es als hätte ich einen Schlag in den Magen bekommen, doch ich konnte ihn nicht mehr länger verfolgen. Denn erneut wich ich einem heranfliegenden Pfeil aus, um ihn dann mit einem gezielten Hieb von seiner Bahn zu bringen.
Schweiß lief mir in Bahnen über den Rücken und ich atmete schwer. Es drängten immer mehr Spieler heran, doch ich sah Valos vor mir hereilen und Sha hinter mir. Wir stoppten nicht, genauso wie der Strom der Spieler kein Ende nahm.
„Kaeldin“, keuchte ich, als ich erneut mit einem Wurfmesser einen Angriff auf Sha abwehrte. Ihr durfte nichts passieren. Valos und sie mussten hier lebend herauskommen. Ich schaffte es zur Not auch irgendwie anders.
Ein Klirren riss mich herum und ich sah, wie der Schutzschild um mich herum unter einem Schlag mit einem Zweihandschwert in schillernden regenbogenfarbenden Scherben zerbrach. Mir begegnete das widerliche Grinsen des breiten Elfenkriegers.
„Teleportier uns heraus!“ Ich tauchte unter der gigantischen Klinge hinweg und klammerte mich verzweifelt an den Feendrachen, der unter dem Luftzug ins Straucheln geriet. Zwei Atemzüge später verschwand Sha vor unseren Augen und die auf sie eindrängenden Gegner fielen wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
„Jetzt Valos!“
„Nein! Du zuerst, Ami!“ Valos schlug mit einem ausholenden Schwerthieb drei Gegner von sich und ich wich einen weiteren Schlag aus. Der Feendrache zitterte unter mir, doch er blieb weiter in Bewegung.
„Kaeldin! Teleportier Valos!“ Ich ließ keinen Widerspruch gelten. Erneut ein Schlag, dessen Luftzug meinen Feendrachen herumschleuderte. Wenn uns diese Klinge traf, dann war es vorbei. Aber ich war eine Fliege für diesen Krieger.
„Nein! A-!“ Valos verschwand und alle drängten auf mich zu. Wir wichen Klingen, Pfeilen und Händen aus. Keiner bekam uns zu fassen und ich stieg mit dem Feendrachen empor. Dicht gefolgt von den Feen.
Schon spürte ich das bekannte Ziehen, doch Schatten legten sich über uns und lähmten die Flügel des Feendrachen. Eine unsichtbare Macht legte sich um mein Herz und zerquetschte es quälend langsam.
Das boshafte Lachen der Feen drang an mein Ohr, als ich ihnen entgegen fiel. Meine Hände verloren ihre Kraft und lösten sich. Mein Feendrache stürzte von mir weg. Sein Rot verblasste mit jedem Herzschlag ein Stück mehr und seine Augen schlossen sich quälend langsam.
Mit einem kurzen Befehl rief ich ihn – in der Hoffnung, dass ihn der Fluch dann losließ – in die kleine Flasche, die ich an meinem Gürtel trug, zurück. Das Ziehen an mir verstärkte sich, doch auch mein Herzschlag wurde immer langsamer. Konnte er es schaffen?
Zarte Hände rissen an meinen Haaren und umschlossen mich. Ich konnte mich nicht bewegen. Starb ich jetzt und hier?
Mein Blick glitt zu dem Auslog-Button, der mir wie ein strahlender Held hinter all den verzerrten Fratzen erschien. Sie alle wollten meinen Tod. Sie alle wollten das Gold. Ihre filigranen Finger legten sich um meine Kehle. Nutzlos. Ich konnte schon lange nicht mehr atmen.
Schmerzhaft verlangte meine Lunge nach Luft, doch sämtliche Muskeln versagten mir den Dienst. Viel zu langsam tauchte das Weiß in meinem Augenwinkel aus und verschlang die Feen um mich herum. Aus dem Fallen wurde ein Zug, der mich durch die Welt riss.
Meine Fahrt stoppte abrupt und ich landete in dem weichen Gras zwischen meinen Freunden. Der Aufprall presste mir auch noch den letzten Rest Luft aus den Lungen, doch ich konnte immer noch nicht atmen.
„Ami!“ Valos und Sha schrien im Chor nach mir und tauchten in meinem Gesichtsfeld auf. Es ging ihnen gut. Ich wollte mich nach ihnen ausstrecken, aber meine Muskeln gehorchten mir immer noch nicht.
„Ami? Was ist los?“, fragte Valos irritiert und in Shas Augen trat eiskalte Erkenntnis. Ihre Augen glänzten feucht und sie hob zitternd eine Hand an ihre Lippen. „Sag was, Ami!“
Valos schüttelte mich durch. Im nächsten Moment stieß ihn Kaeldin schon zur Seite. Seine Hand leuchtete golden und er legte sie auf meine Brust. „Sie ist verflucht. Aber keine Angst. Ich kann ihn brechen.“
Seine Berührung erfüllte mich mit Wärme und lockerte meine Muskeln, die immer mehr verkrampften. Sie nahmen mir die Schwere vom Herzen und regten es wieder zum regelmäßigen Schlagen an. Mit einem tiefen Atemzug erhielt ich die Kontrolle über meinen Körper zurück und saugte neuen Mut ein.
„Das war knapp. Der Krieger zerschlug mein Schild und die verdammten Feen haben mich verflucht.“ Ich schnaubte aus und sah in die Gruppe. Wir saßen auf einer Einöde, die am anderen Ende von Ion ist. Damit wir so viel Abstand wie möglich zwischen den Jägern hatte, wenn uns Kaeldin rettete.
Ich griff nach der Flasche, in der mein Feendrache saß. Seine Farbe begann wieder kräftiger zu werden und nahm mir auch diese Sorge vom Herzen. Kurzerhand kletterte ich wieder auf Shas Schulter und sah dann auf Kaeldin.
„Danke. Ohne dich wären wir jetzt gestorben.“ Ich nickte ihm zu. Er winkte ab und sah uns dann besorgt an.
„Keine Ursache. Aber es sind gerade einmal fünf Stunden bisher vergangen. Ihr dürft nicht lange hier verweilen. Sie kommen. Ihr müsst ihn Bewegung bleiben. Immer in Bewegung. In achtzehn Stunden wird sich bestimmt Herja bei euch melden und euch vor die Wahl stellen und dann–.“ Er stockte und Valos legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Und dann wird dein Schild uns schützen. Du bist stärker als damals. Das darfst du nicht vergessen.“ Er lächelte den Priester an. Kaeldin nickte ihm zu.
„Apropos Schild.“ Seine Hände glühten erneut und auch der Stein in seinem Stab leuchtete. Um uns herum errichtete sich wieder diese schillernde Barrikade und ich fühlte mich sofort sicherer. Erst dann deutete Kaeldin in die Ödnis hinaus.
„Danke für euer Vertrauen, aber geht jetzt. Sie sind schon auf dem Weg. Ich werde mich wie immer so weit wie möglich von euch entfernen.“
Nur ein Nicken und wir trennten uns wieder. Ich hielt mich fest und Sha und Valos riefen ihre Einhörner, um ein Stück auf ihnen zu reiten. Unwissend welche Richtung gut war und welche nicht. Aber alles war besser, als stehen zu bleiben. Denn Stillstand bedeutete unseren Tod.
Das Spiel setzte sich fort. Ich wusste nicht, wie wir es schafften, dass wir immer wieder entkamen. Es wirkte, als wäre die ganze Welt hinter uns her und es gab keinen Ort, wo wir mal ausruhen konnten. Immer wieder trafen wir uns und spielten ein paar Stunden, um den Countdown zu dezimieren. Jede freie Minute verbrachte ich in diesem Spiel, damit der Horror endlich ein Ende nahm.
Ami war immer da, wenn ich nicht im Spiel war. Ich sah sie überall in meinem Leben: in der Schule, zuhause und unterwegs. Egal, was ich tat. Sie blieb hier, wie ein kleines treues Hündchen, das nur ich sah. Marcel und Antje ging es genauso. Sie sahen Valos und Sha überall. Das Spiel ließ uns nicht mehr los.
Gerade ritten wir wieder durch eine weite Steppe als der Countdown auf 72 Stunden runterging. Der blaue Himmel verdunkelte sich und die Einhörner unter Marcel und Antje wurden unruhig. Eine unvergleichliche Macht breitete sich aus und brachte die Luft zum Schwingen. Sie glitt wie ein Kribbeln über meine Haut und stellte all meine Haare auf.
„Sie verfolgen euch nicht mehr.“ Kaeldins Stimme hallte in meinem Kopf wider. „Es ist so weit. Herja wird euch erscheinen und das Angebot machen. Hoffentlich hält mein Schild.“
Ein violetter Blitz durchzog den Himmel und schlug nur wenige Schritte von uns entfernt ein. Er hinterließ eine Frau, die uns nur allzu bekannt war. Das violette Haar verschlang den schmalen Körper. Nur die kurzen Hörner zeigten, dass dies kein normaler Mensch war.
Langsam erhob sie sich und ihre Macht erdrückte uns. Valos und Sha hatten Mühe, aufrecht zu bleiben, doch sie hielten krampfhaft ihre Köpfe erhoben. Wir wussten, dass dies kam, und wir waren bereit. Egal, was sie uns entgegenschleuderte. Kaeldins Schild schützte uns, aber vor allem unsere eigene Entschlossenheit. Wir wollten niemals Herjas Diener werden. Lieber starben wir.
„Ich hoffe, dass ich euch schützen kann. Soll ich euch teleportieren?“ Kaeldins Angebot war verlockend, doch damit stieg die Gefahr, dass sie erkannte, dass er uns half und er somit ebenfalls in ihr Visier geriet.
„Nein. Wir vertrauen auf deine Kraft“, beantwortete ich seine Frage und fixierte Herja weiter von Shas Schulter aus. Langsam stiegen Valos und sie von ihren Reittieren ab und riefen sie ebenfalls in die kleinen Flaschen an ihren Gürteln zurück.
Ich klammerte mich fester an die Schlaufe. Sie war alles, was mich vor dem Sturz bewahrte. Kurz kam mir die Idee, dass ich von Sha Abstand nehmen sollte, damit sie geschützt war, wenn Herja auf mich losging. Doch ich erinnerte mich daran, dass wir alle ihr Ziel waren. Sie war nicht nur wegen mir hier, sondern wegen uns allen.
„Valos. Sha. Ami.“ Herja sah uns nacheinander an und erhob sich schließlich. Sie überragte uns. Erneut drückte ihre Macht auf uns ein und versuchte, uns in die Knie zu zwingen. Wir blieben standhaft. Ein verärgertes Zucken ging durch Herjas Gesicht, bevor sie sich wieder in ein Lächeln flüchtete. Es wirkte erzwungen und konnte das Zucken ihrer Augenbrauen nicht überschatten.
Mit ihren dürren, langen Finger zeigte sie nacheinander auf uns und hielt uns dann ihre Hand zum Angebot hin. „Ihr habt euch lange tapfer geschlagen. Aber seid ihr das Weglaufen und Kämpfen nicht langsam leid? Wollt ihr nicht endlich wieder das Spiel in vollen Zügen genießen? Es kann so einfach sein.“
Eine theatralische Pause folgte, in der sie uns nacheinander musterte. Ihre Hand weiterhin erhoben und zum Einschlagen bereit. Wir würden sie nicht annehmen. Lieber starben wir hier und auf der Stelle. Kaeldins leises Beten drang in unser Ohr und zeigte uns deutlich, dass wir nicht alleine waren. Wir schwiegen und erneut zuckte Zorn durch Herjas Gesicht, den sie sofort wieder hinter einem fadenscheinigen Lächeln versteckte.
„Nun, ihr seid nicht sehr gesprächig. Das ist schade. Derweil seid ihr so gute Spieler. Es wäre doch eine Verschwendung, wenn ich euch hier und jetzt töten muss, oder? Wäre es nicht sinnvoller, wenn wir die ganze Sache mit der Luminea vergessen und ihr euch mir anschließt, um zu beweisen, dass ihr hinter mir steht?“ Da war es: Das Angebot, vor dem uns Kaeldin gewarnt hatte.
„Nein.“ Ein einfaches Wort, das gleichzeitig aus unseren Kehlen drang und jetzt glitt ich von Shas Schulter, um auf Herja, die ihre Überraschung nicht verstecken konnte, zu zugehen. Ich hatte diese Quest begonnen. Ich hatte die Blume das erste Mal verloren und ich hatte sie ein zweites Mal gestohlen. Es begann mit mir und ich hielt alle Fäden in der Hand. Valos und Sha hielten mir nur den Rücken frei.
„Wir haben uns beim Start des Spiels geschworen, dass wir niemals deine Sklaven werden, Herja. An diesen Schwur hat sich bis heute nichts geändert. Wir würden lieber sterben, als dir zu dienen. Aber wir sind nicht allein. Deine Herrschaft wird nicht mehr geduldet und die Spieler wollen eine Veränderung. Deine Zeit rennt ihrem Ende entgegen, Herja.“ Es war nur Kaeldin, der hinter uns stand, aber das musste Herja nicht wissen. Wenn wir mehr Propaganda gemacht hätten, dann wären bestimmt noch mehr Spieler bei uns. Aber das war unser Kampf, unsere Quest, und wir wollten sie, so gut es ging, allein meistern.
„Ihr wollt also lieber sterben?“ Herja hob arrogant ihr Kinn und sah herablassend auf uns nieder. Kein anderes Lebewesen in dieser Welt war so groß wie Herja. Dennoch fühlte ich mich gerade nicht klein, sondern stark und bereit ihr zu trotzen. Violette Blitze umspielten ihre Finger und zuckten über ihren Körper.
Ich wusste, dass ich Angst haben sollte, aber sie war nicht da. In mir war nur dieses tiefe Vertrauen zu Valos, Kaeldin und Sha. Wir vier konnten gewinnen. Ich sah das schwache Flimmern von Kaeldins Schutzschild und hörte sein Beten in meinem Ohr. Diese Zauberformel hatte bestimmt einen Zweck und war der Grund für das warme Gefühl, das durch meinen Körper glitt und dem Schauer, den Herjas Anwesenheit auslöste, entgegenwirkte.
„Es schmerzt mich immer wieder, wenn solche großen Talente ihre Zukunft wegwerfen. Mittlerweile seid ihr doch lange genug dabei und solltet wissen, dass man sein wahres Potential nur an meiner Seite entfalten kann. Nicht wahr?“ Sie bekam von uns nur ein synchrones Kopfschütteln. Sofort ballte sie ihre Hände zu Fäusten und zischte verächtlich. „Wenn ihr es unbedingt so wollt, dann soll es so sein. Ich werde euch mit einem Schlag töten. Mit wem fangen wir an?“
„Mit einem Schlag? Sollten wir diesen Schlag aber überleben, dann lässt du uns gehen, versprochen?“ Ich begegnete ihren überraschten Blick. Fünf Herzschläge lang starrten wir uns nur an, bevor sie in ein schallendes Gelächter ausbrach. „Ihr wollt ihn überleben? Das ist lächerlich.“
„Wenn du dir so sicher bist, dann kannst du die Wette ja akzeptieren. Sollten wir den Schlag überleben, dann lässt du uns gehen.“ Meine Stimme war ruhig, obwohl mir kalter Schweiß über den Rücken lief und meine Hände schwitzig machte. Dies war unsere einzige Chance, die Verhandlung lebendig zu verlassen. Denn selbst wenn Kaeldins Schild einen Angriff abblockte, wer konnte uns versichern, dass sie nicht noch einmal zuschlug und wir dann starben?
„Es gibt kein Schild, das meinem Angriff widersteht. Aber gut, wenn ihr diesen Funken Hoffnung braucht, um würdevoll sterben zu können, dann akzeptiere ich es. Solltet ihr den Angriff überleben, dann lasse ich euch ziehen. Aber niemand widersteht meinem Angriff.“ Ihre Überzeugung schwang in jedem ihrer Worte mit. Ich selbst war mir sicher, dass es anders verlief. Schließlich spürte ich den starken Schutz um mich herum. Kaeldin war auch stärker geworden und er konnte sich mit Herjas Macht messen.
Die Blitze zuckten nun schneller über ihre Hände und ihr Drachenschwanz schlug kraftvoll hin und her. Ihre Augen fixierten mich und dann raste sie auf mich zu. Ich starrte auf das Schimmern des Schildes und Herjas siegessichere Fratze, die immer näher kam. Kaeldin musste stark genug sein. Sein Schild musste halten.
Sie kam näher und mit jeder Sekunde, die ich ihr ins Gesicht sah, gab ich mich mehr der Angst hin, dass ich hier und jetzt starb. Was passierte mit mir, wenn Ami zusammenbrach? Ging es mir dann wie Theresa? Was konnte ich dann tun?
Herja war zum Greifen nahe und ich schloss die Augen, um meinem Untergang nicht länger entgegenzusehen. Doch der Schlag blieb aus, stattdessen hörte ich das Klirren des Schildes hinter mir.
Sha!
Panisch drehte ich mich um und blickte auf Herja, die über Sha gebeugt da stand. Sha saß im Gras und starrte panisch zu der Herrscherin hoch. Die Scherben von Kaeldins Schild lagen um sie herum am Boden und verschwanden nach und nach. Ein dünnes Blutrinnsal glitt von ihrer Stirn über ihr Gesicht bis zum Kinn. Aber sie war noch da und atmete.
„Was?! Wie?“ Sofort schnellte sie auf Valos zu und schlug nach ihm, doch auch hier ertönte nur das Klirren des Schildes und die Scherben rieselten zu Boden. Dann war sie wieder bei mir und versagte ein drittes Mal. Kaeldins Schild fing die Wucht ihrer Attacke so weit ab, dass ich nur zu Boden geschleudert wurde und ein Kratzer auf meiner Wange erschien. Wir überlebten. Alle drei.
Sofort rappelte ich mich wieder auf und sah in Herjas entsetztes Gesicht. „Du hast etwas geschworen, Herja. Sei eine gute Verliererin und lass uns weiterziehen. Wir werden nicht sterben und wir werden auch kein Teil deiner Legion. Wir werden diese Quest beenden.“
Erneut zischte sie und sah jeden von uns noch einmal in die Augen. „Das Spiel ist noch nicht vorbei. Dieser Sieg geht an euch, aber den Krieg gewinnen ich. Oh ja, den Krieg werde ich gewinnen. Diese Quest wird euer Untergang sein.“
Ihr siegessicheres Lachen erzeugte einen eisigen Schauer in unseren Körpern, doch bevor wir noch reagieren konnten, verschwand sie mit dem gleichen violetten Blitz, mit dem sie auch erschienen war, und der Himmel klarte wieder auf.
„Es hat gehalten, Kaeldin.“
„Ja, Gott sei Dank.“ Kaeldin fiel hörbar ein Stein vom Herzen.
„Herjas Wille war das definitiv nicht.“ Valos lachte und wir stimmten mit ein.
„Ihr könnt es wirklich schaffen. Herja könnte durch euch ihr Ende finden. Daher, egal, was auch passiert, gebt niemals auf. Ja?“ Kaeldin gab nicht auf, bis wir es ihm alle drei schworen. Ich verstand sein Tun nicht, doch die Glücksgefühle des frischen Sieges löschten sämtlichen Zweifel aus. Zweifel, der mich damals gewarnt hätte.
Wir waren nirgends mehr sicher. Das Preisgeld auf uns wurde angehoben und die Angriffe nahmen mit jeder Stunde, die verging zu, da sich die Belohnung immer verzehnfachte. Wir blieben nicht mehr stehen, sondern ritten durch das Land. Mieden die Städte, wo es ging, und sollten wir doch einmal in einen Hinterhalt geraten, dann teleportierte uns Kaeldin.
Seine Schilder fingen die meisten Angriffe ab und bewahrten uns allzu oft vor einem tödlichen Treffer. Ohne ihn hätten wir diese Zeit niemals überstanden. Ohne ihn hätte uns Herja schon getötet.
Sha und Valos ritten nebeneinander her. Ich selbst saß ausnahmsweise auf meinem Feendrachen und umflog sie immer mal wieder. Die weite Steppe um die Stadt Twilight herum breitete sich vor uns aus. Am Horizont erkannte man die Umrisse der Stadt, die in unserem Rücken lag.
„Noch 48 Stunden. Wir haben es bald geschafft. Dank Kaeldin.“ Ich versuchte, Sha und Valos zu motivieren, die erschöpft wirkten.
„Wir wissen aber nicht, was jetzt noch passiert. Niemand war jemals so weit. Herja wird bestimmt nicht untätig herumsitzen und darauf warten, dass der Countdown auf null geht.“ Valos zweifelte weiter. Sha stimmte ihm mit einem Nicken zu.
Ich wollte diese tiefen Augenringe bei ihnen nicht sehen. Das Zittern ihrer Hände drang in mein Herz. Ich wehrte mich gegen diese Zweifel. Wir waren so weit gekommen. Da schafften wir auch noch den Rest. Wir waren unaufhaltsam.
„Was wenn Kaeldin gezwungen wird, gegen uns zu arbeiten? Er ist immer noch Herjas Diener, ob er will oder nicht. Sie hat bestimmt irgendeine Art Macht über ihn.“ Bei Valos‘ Worten erinnerte ich mich an Herjas Züchtigung von Askhor. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter, doch ich schwieg. Ich wollte nicht noch Öl ins Feuer kippen. Es war wichtig, dass wir alle an den Sieg dieser Mission glaubten.
„Herja hat keine Macht über mich.“ Kaeldins Worte drangen in unsere Gedanken, wie eine heiße Klinge in Butter, ein. „Ich werde ihr nie wieder unterliegen. Da braucht ihr keine Angst haben. Aktuell ist auch der Chat ihrer Leute sehr ruhig. Es scheint als hättet ihr eine kleine Verschnaufpause.“
Statt Freude schlich sich ein ungutes Gefühl in meinen Bauch, doch ich schluckte es herunter. Zweifel halfen uns nichts. Sie schwächten uns nur und ließen uns zögern. Beides konnten wir in unserer aktuellen Situation nicht gebrauchen.
„Wir bleiben trotzdem in Bewegung, aber danke, Kaeldin.“ Valos und Sha stimmten mir mit einem Nicken zu und ließen ihre Tiere weiterwandern. Immer wenn wir eine Rast gemacht hatten, dann wurden wir kurz darauf überfallen. Die Lust, stehen zu bleiben, hielt sich entsprechend in Grenzen.
Die Stadt versank immer weiter hinter uns am Horizont, doch vor uns tauchte eine einzelne berittene Person auf. Der Wind trug den Duft von Sandelholz und Vanille zu uns und ich wusste sofort, wer sich uns näherte. Mein erster Impuls war umzudrehen, doch er blieb allein. Was war sein Plan? Er hatte gegen uns drei keine Chance. Ich sah nicht einmal Fenis Schatten.
„Ist das Askhor?“, fragte Sha, als man die ersten Einzelheiten erkannte. Ich nickte und räusperte mich. „Ja, und er scheint allein zu sein. Vielleicht auch nicht. Wer weiß, wie viele ihm folgen.“
„Keiner.“ Dieses eine Wort von Kaeldin hallte in meinem Kopf unendlich nach, bevor es als Schauer über meinen Rücken fuhr. Warum näherte sich Askhor uns, ohne jemanden im Rücken zu haben? Er musste uns auf der Karte sehen. Das war kein Versehen, da war ich mir sicher. Ein Kampf? Nein, so töricht war nicht einmal er. Dennoch lag meine Hand auf einem Griff meiner Dolche.
Wir näherten uns weiter und sein Duft verstärkte sich. Ich mochte ihn immer noch nicht und auch Sha rümpfte die Nase. Valos blieb unberührt und starrte unbewegt auf ihn. Immer wieder erinnerte ich mich an seine letzten Taten. Ja, er griff uns an, aber er half mir auch.
„Schön, dass ich euch treffe und ihr nicht gleich abhaut.“ Askhor hielt sein Einhorn an. Es war so breit wie die zierlichen Versionen von Sha und Valos zusammen. Das schwarze Fell war nur von vereinzelten weißen Flecken durchzogen – das genaue Gegenteil von den Reittieren meiner Freunde.
„Was willst du, Askhor? Wir werden dir nicht folgen oder uns ergeben. Die Luminea bekommst du auch nicht.“ Valos zog sein Schwert aus der Scheide und ritt vor Sha, um sie zu schützen. Ich flog auf meinem Feendrachen neben ihr. Mein Blick lag auf dem breiten Nephilim, der von Valos‘ Drohung unbeeindruckt blieb. Seine Hand befand sich nicht einmal in der Nähe seines Schwertgriffes.
„Das will ich auch nicht. Aber ich bin hier, um euch zu warnen. Herja wird es bald nicht mehr zulassen, dass ihr fremde Hilfe bekommt. Ihr müsst einen Weg finden, allein klar zu kommen. Das am besten so schnell wie möglich. Sie sucht schon eifrig nach den Verrätern.“ Askhor schwieg daraufhin und ließ seine Worte wirken.
„Wir haben keine Helfer“, leugnete ich Kaeldin und Askhors Gesichtszüge wichen auf, wie die eines Elternteils, das sein Kind beim Lügen erwischte. „Ich kenne diesen Schutzschild nur allzu gut, aber ich werde jetzt keine Namen nennen, um ihn zu schützen. Ihr solltet euch eilig einen eigenen Weg suchen. Bevor euer Schutz wegbricht und ihr dann panisch werdet. Aber vor allem bevor ihr einen Freund verliert.“
Er sah uns eindringlich an und wir wechselten einen nervösen Blick. War Kaeldin wirklich in Gefahr? Ich zweifelte daran. Er saß an der Quelle. Niemals würde Herja ihn erwischen. Nicht Kaeldin. Niemals ihn.
Nach Askhors Warnung waren wir noch zwei Stunden im Spiel geblieben, bevor wir uns für den heutigen Tag ausloggten. Jedes Spiel war anstrengender als das davor. Ich seufzte schwer, als ich die VR-Brille von meinem Kopf zog und mir übers Gesicht strich.
Schweiß befeuchtete meine Hand und meine Muskeln schmerzten von dem langen Ritt. Es kam zu keinem Kampf, da uns Kaeldin an jeder Gefahr vorbei lotste. Unser Plan funktionierte super und wir konnten auch die restlichen Stunden so verbringen.
Kaeldin bestätigte uns nach dem Treffen mit Askhor, dass Herja nach dem Verräter suchte, aber er nicht in Verdacht stand. Sie hatte ihn gar nicht auf den Schirm. So waren seine Worte, doch als wir am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit online kamen, war Kaeldin nicht am vereinbarten Treffpunkt, um wie immer eine Gruppe zu eröffnen.
„Was ist mit Kaeldin? Er kam bisher noch nie zu spät.“ Sha sah sich nervös um. Auch Valos trat von einer Seite zur anderen und ließ seinen Blick über die felsige Steppe schweifen.
„Vielleicht wurde er kurzfristig aufgehalten. Aber ohne sein Schutzschild und seine Auskunft werden wir nicht lange durchhalten. Wir brauchen Kaeldin.“ Valos umspielte den Griff seines Schwertes mit den Fingern, während sein Blick unruhig über die Steppe wanderte.
„Er wird schon kommen.“ Die Zuversicht in meiner Stimme fühlte ich selbst nicht, doch ich wollte nicht daran denken, dass Kaeldin etwas zugestoßen sein könnte. Egal ob jetzt im Spiel oder in Wirklichkeit. Wir brauchten den Priester und daher war Wegfallen inakzeptabel.
„Was machen wir, wenn Askhor Recht hatte und man Kaeldin geschnappt hat? Wenn er weiß, wer es ist, dann ist es doch für Herja die leichteste Übung das herauszufinden, oder?“ Shas Bedenken sickerten in meinen Verstand wie Honig und verklebten all meine Gedanken zu einem riesigen Klumpen Angst.
„Askhor hat aber gesagt, dass er ihn nicht verraten wird. Warum nicht? Er ist doch auf Herjas Seite und hat uns immer gejagt, wenn wir Mist gebaut haben. Wieso ist er nun gegen Kaeldins Auslieferung?“ Valos‘ Fragen öffneten neue Gedankengänge und ich erinnerte mich daran, dass er mich befreit hatte, als ich das erste Mal die Luminea gestohlen hatte.
Auch damals hatte er mich nicht an Herja übergeben, sondern an sich eine einfache Aufgabe von mir verlangt, dass er mich freiließ und auch die Pflanze übergab. Auch jetzt entzog es sich mir, warum er immer weiter auf unseren Deal bestand. Wahrscheinlich nur irgendein Tick von ihm habe ich mir damals gedacht. Aber vielleicht stand da ja mehr dahinter. Hätte das Alles einfacher sein können?
Was wäre passiert, wenn ich meinen Teil des Deals wahrgenommen hätte und die Blüte auf ehrliche Weise mir verdient hätte? Wären unsere Gesichter dann auch auf den Steckbrief erschienen? Hat uns meine Sturheit in mehr Probleme geritten, als nötig gewesen wäre?
„Vielleicht ließ man ihm keine Wahl. Herja hat so ihre Tricks.“ Sha zuckte mit den Schultern und ich wollte Askhor gerade in Schutz nehmen.
Herjas Stimme, die über die ganze Welt hallte, stoppte mich. „Ich dulde keinen Verrat. Wer die Verbrecher Ami, Sha und Valos deckt, muss mit harten Konsequenzen rechnen. Dabei ist es egal, ob ihr meiner Gefolgschaft angehört oder nicht.“
Eine böse Vorahnung nistete sich in meiner Brust ein und stach in meine Lunge. Ich zwang mich, ruhig weiter zu atmen, während ich auf die nächsten Worte wartete. Wo blieb Kaeldin?
Doch als ich in die Gesichter meiner Freunde blickte, begegneten mir vor Schreck geweitete Augen und blasse Haut. In ihnen wütete die gleiche, schreckliche Vorahnung, wie in mir. Dennoch sprachen wir nicht, sondern starrten uns nur stumm an, während wir begierig darauf warteten, dass Herja weitersprach.
„Einen dieser Verräter haben wir nun gefunden. Er wird heute Abend auf dem Stadtplatz von Twilight hingerichtet. Als Mahnmal für alle anderen, die mit dem Gedanken spielen, die Flüchtigen zu unterstützen. Wir dulden nicht, dass sie unsere Welt zerstören wollen. Niemals.“ Ihre Übermacht verschwand mit dem letzten Wort. Die Panik, die sie mit diesen Worten in unser Wort pflanzte, blieb und wuchs unaufhaltsam an.
„Ist das eine Falle?“ Valos klammerte sich an den letzten Strohhalm. Ich suchte nach Worten, doch Sha fand sie schneller.
„Keine Ahnung. Wir wissen nur, dass Kaeldin nicht da ist und auch nicht auf unsere Nachrichten reagiert.“
„Hast du ihn angeschrieben?“ Eine Gefahr schwang unter Valos‘ Worten mit.
Shas Lippen verzogen sich beleidigt und sie fauchte. „Natürlich! Wir können ja nicht ewig hier stehen. Irgendwann wird man uns angreifen.“
„Das sollten wir doch nicht. Wegen dir hat Herja Kaeldin jetzt.“ Valos trat bedrohlich einen Schritt auf Sha zu und sofort flog ich mit meinem Feendrachen zwischen sie.
„Stopp! Das glaube ich nicht, Valos. Herja hatte Kaeldin schon, bevor wir hier ankamen, sonst hätte er auf uns gewartet. Shas Kontaktaufnahme hat gar nichts zu bedeuten.“
„Vielleicht hatte man Kaeldin nur gefangen genommen, aber durch Shas Nachricht weiß Herja jetzt Bescheid?“ Valos ließ nicht locker und ich sah ihn entgeistert an. Wir waren Freunde und dieser Zwist war unnötig. Das sollte er doch selbst wissen.
„Valos, was stimmt nicht mit dir?“ Ich sah ihn weiter an und schüttelte den Kopf. Sein Blick wechselte hektisch zwischen Sha und mir. Unsicher ging er zwei Schritte zurück und biss sich auf die Unterlippe.
„Ohne Kaeldin werden wir sterben, Kathi. Wir gehen hier drauf! Kapierst du das nicht? Wir müssen sofort hier weg, bevor uns irgendwer angreift! Ich kann das so nicht. Es geht nicht. Es tut mir leid.“ Noch bevor ich antworten konnte, war Valos verschwunden und in meinem Ohr erklang der kurze Sound des Verlassens. Marcel hatte sogar unseren Call beendet.
Langsam drehte ich mich zu Sha um, die fassungslos auf den Fleck sah, wo bis vor kurzem noch Valos stand. Erst als ich sie ansprach, wanderte ihr Blick zu mir.
Ich erkannte das Flackern in ihren Augen und schluckte trocken, um den Kloß in meinem Hals loszuwerden. „Antje.“
„Marcel hat Recht. Ohne Kaeldin werden wir schon bald tot sein. Wir können nicht weitermachen. Verzeih mir.“ Sie verschwand vor meinen Augen und verließ ebenfalls den Call. Ich lauschte in die Stille um mich herum und richtete meinen Blick auf den Horizont, an dem ich die kleinen Umrisse der Stadt Twilight erkannte.
War es nun wirklich vorbei? Richtete sie in zwei Stunden Kaeldin hin? Wie konnte sie ihn finden? Hatte ihn Askhor doch verraten? Sollte ich ebenfalls gehen? War meine Zeit in Ion nun endgültig vorbei?
Nein, ich wollte nicht daran glauben, solange ich es nicht mit eigenen Augen sah. Im Gegensatz zu Valos und Sha war ich klein. Es sollte also kein Problem sein, mich in die Meute zu mischen und zu überprüfen, ob es wirklich Kaeldin war, der hingerichtet wurde. Denn ich konnte es nicht glauben. Kaeldin war perfekt und er hatte alles im Blick. Niemand konnte ihn schnappen. Nicht einmal die allmächtige Herja. Vor allem nicht sie.
Mit einem kleinen Zug an meinen Zügeln lenkte ich meinen Feendrachen auf die Stadt zu. Es war Zeit, herauszufinden, was die Wahrheit war und dann konnte man weiter überlegen. Ja, dann konnte man sich einen neuen Plan überlegen, denn Herja musste gestoppt werden. Ein für alle Mal.
Twilights gewaltiges Stadttor erhob sich vor mir. Bis zur Hinrichtung waren es nur noch fünfzehn Minuten. Es wunderte mich, dass mich noch niemand angegriffen hatte. Zumindest solange bis ich die Ansammlung auf dem Stadtplatz erblickte.
Alle Straßen waren vollgestopft mit Elfen und Nephilim. Ich sah das Glitzern der Feen und Kobolde auf Feendrachen fliegen. Bei all den Feendrachen fiel ich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einmal auf. Dennoch zögerte ich.
Um etwas zu sehen, musste ich näher dran sein. Von meiner aktuellen Position sah ich nur den obersten Balken des Hinrichtungsgerätes. Ich konnte nicht einmal sagen, ob es eine Guillotine oder ein Galgen war. Geschweige denn wer gleich hingerichtet werden sollte.
Die Hoffnung in meiner Brust, dass es nicht Kaeldin war, schrumpfte mit jeder Minute, die verging weiter. Interessanterweise lief der Countdown weiter. Ich konnte also das Spiel zur Not beenden, auch wenn meine Freunde nicht mehr wollten.
Alleine bei dem Gedanken lachte ich innerlich gequält auf. Als ob ich ohne die beiden auch nur den Hauch einer Chance hatte. Alleine war ich leichte Beute. Egal, wie sehr ich mir etwas anderes wünschte. Ich war nur eine Koboldschurkin. Nicht mehr und auch nicht weniger.
„Ami? Du bist hier? Alleine? Wieso?“ Mit einem erschrockenen Schrei fuhr ich herum. Dabei hatte ich so viel Schwung, dass ich beinahe aus dem Sattel gefallen wäre. Wie konnte das sein? Warum war er schon wieder da? Wieso habe ich ihn nicht schon vorher bemerkt?
Erst jetzt kroch mir der altbekannte Geruch nach Sandelholz und Vanille in die Nase. Die roten Augen lagen auf mir und die silbernen Augenbrauen zogen sich fragend zusammen. Sofort brachte ich ein bisschen mehr Abstand zwischen uns und sah mich suchend nach Feni um. Sie hatte ich schon länger nicht mehr gesehen. Ob alles in Ordnung war?
„Askhor. Ähm, ja. Ich wollte überprüfen, ob unsere Vermutung richtig ist. Valos und Sha sind schon rausgegangen. Ihnen ist die Sache zu heiß.“ Warum sprach ich mit ihm? Ich sollte untertauchen und mir irgendwo einen geschützten Ort suchen, um die Hinrichtung zu sehen.
„Und du glaubst, dass man dich nicht fangen kann?“ Askhor lachte auf und schüttelte den Kopf. Dabei stemmte er seine Hände in die Hüfte. Als sein Lachen verstummte, verschränkte er seine Arme vor der Brust und sah mich ernst an. „Selbstbewusst wie eh und je, Ami Flinkfinger. Das habe ich schon immer an dir bewundert. Seit dem ersten Tag.“
Ein Schauer erfasste mich und ich wich erneut vor Askhor zurück. Sein Lächeln gefror und er deutete dann auf den Stadtplatz. „Weißt du schon, wohin du willst? Ansonsten kenne ich ein gutes Plätzchen.“
Mein Blick glitt noch einmal über meine Schulter auf die Meute zurück. Ich hatte nicht wirklich einen Plan, wie ich da durchkam oder wo ich überhaupt hin wollte. Konnte ich Askhor vertrauen? Was führte er im Schilde? Wollte er mich an Herja ausliefern?
Ich erinnerte mich an dem Moment, in dem Herja von ihm meine Auslieferung verlangte und er ihre Bestrafung annahm anstatt mich zu verraten. Vielleicht war Askhor gar nicht mein Feind, sondern nur ein verschrobener Verbündeter, der es auf seine Art und Weise machte.
Erneut ein Blick über die Ansammlung und mir wurde schmerzhaft bewusst, dass ich auf Askhor angewiesen war. Zumindest, wenn ich etwas von der Hinrichtung sehen wollte. Zumindest mehr als den obersten Balken. Ich könnte auch mit meinen Feendrachen einfach von oben herabsehen, doch eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf riet mir davon ab. Als hätte ich so eine Ahnung, dass Herja nur darauf wartete, dass ich eben dies tue. Hoch oben in Sicherheit überprüfen, wer gerade hingerichtet wurde.
„Also Ami, wie sieht es aus?“ Askhor stemmte erneut seine Hand abwartend in seine Hüfte und entlockte mir damit ein Lächeln. Wenn er mich tot sehen wollte, dann hätte er mich vorhin hinterrücks erschlagen können. Ich sollte aufhören, überall Feinde zu sehen, und anfangen die Freunde zu akzeptieren, die man mir gab.
„Du hast Recht. Ich will näher ran und weiß nicht wirklich wie. Wenn es für dich passt, dann komme ich mit dir mit.“
Die Elfen und Nephilim hinter uns begannen unruhig zu werden und Askhor winkte mir ihm zu folgen. Rubin zitterte unter mir, doch ich streichelte ihm beruhigend über die Flanke, bevor wir Askhor dann folgten. Immer wieder sah ich mich nach Feni um und der Impuls ihn zu fragen, wurde mit jeder Sekunde, die verging, stärker. War ihr vielleicht etwas passiert?
„Wieso bist du hier und nicht vorne bei Herja? Du bist doch einer ihrer Generäle.“ Das Schweigen zwischen uns war mir unangenehm und ich hoffte, dass Askhor auf mein Gesprächsangebot einging.
„Ja, einer ihrer Generäle, aber nicht ihr Richter. Außerdem will ich in diesem Fall nicht daneben stehen. Ich könnte sonst einen dummen Fehler machen.“ Erneut schwieg er und ließ offen, was er damit meinte. Ich sah auf seinen breiten Rücken und sein Duft stieg weiter in meine Nase. Mittlerweile löste er keine so starke Ablehnung mehr hervor, wie noch vor ein paar Wochen.
„Einen dummen Fehler? Was denn? Den Verräter befreien?“ Ich lachte, weil ich es selbst nicht ernst meinte.
Die prägnante Antwort stopfte mir mein Lachen zurück in den Hals. „Ja.“
„Was? Wieso?“ Ich hakte sofort nach, doch Askhor schwieg. Wir betraten eines der Gebäude und bewegten uns über Verbindungsbrücken durch die angrenzenden Häuser. Ich sah immer wieder aus dem Fenster und erkannte, wie wir an der Meute vorbeiliefen.
Wieso waren so viele hier? Waren sie alle so geil darauf einen Mord zu sehen? Oder hatten sie wenigstens vor zu helfen?
Ich fand meine Antwort in den kleinen, stark besuchten Essensständen, die am Straßenrand standen. Das war für alle ein Event. Wie damals die Jagd auf die Phönixe oder gar die Bindung der Elementare. Genauso wie der große Schaulauf der Einhörner. Nur eine neue Ablenkung von Herjas Herrschaft.
Nein, das hier war eine Demonstration von ihrer Herrschaft. Diese Ausgelassenheit und Feierlaune der Meute widerte mich an und ich löste meinen Blick ruckartig von ihnen. Jetzt war wieder Askhors Rücken in meinem Sichtfeld. Sein gewaltiges Breitschwert auf seinem Rücken wippte unter seinen Schritten hin und her. So groß und dennoch hatte er mich nie damit getroffen.
„Wir sind bald da.“ Seine Stimme donnerte durch die Stille zwischen uns und läutete das Ende unserer Wanderschaft an. Weitere Steinwände flogen an uns vorbei und kein Bewohner begegnete uns. Sie waren wirklich alle auf den Straßen. Derweil war die Sicht von hier doch auch nicht schlecht.
Noch einmal wagte ich beim Vorbeilaufen den Blick aus dem Fenster und endlich sah ich die Tribüne. Jetzt wünschte ich mir, dass ich sie nicht gesehen hätte. Es war wirklich Kaeldin, der vor der Guillotine kniete.
Seine Robe hing nur noch in Fetzen an seinem Körper. Verfilzt und mit Blut beschmiert, klebte sein blondes Haar in seinem Gesicht. Wie flüssiges Gold mit roten Verzierungen lief es über seine Schultern und breitete sich um ihn herum aus. Seinen Kopf hielt er gesenkt. Die Hände hatte man ihm hinter den Rücken gefesselt.
„Kaeldin!“, rief ich aus und lenkte meinen Feendrachen auf das Fenster zu. Ich musste ihm retten. Er durfte nicht wegen uns sterben. Außerdem brauchten wir ihn noch. Wenn er starb, dann hatten wir doch gar keine Chance mehr. Ich musste ihn retten. Irgendwie.
Ein Ruck stoppte Rubin und ich sah auf Askhor, der ihn am Schwanz festhielt. Er sah mich entgeistert an. „Was hast du vor? Wolltest du wirklich da runterfliegen und versuchen, ihn auf eigene Faust zu befreien? Darauf wartete Herja doch nur. Siehst du nicht all die Bogenschützen und Magier in den Fenstern um die Tribüne herum?“
Erst jetzt besah ich mir die Umgebung genauer und bemerkte die rotäugigen Elfen und Nephilim. Das Knistern der Magie lag in der Luft. Ich sah das Blitzen der Pfeilspitzen. Askhor hatte Recht. Sie warteten nur darauf, dass Valos, Sha und ich auftauchten. Ich konnte Kaeldin nicht retten.
„Willst du bleiben? Jetzt, da du die Wahrheit weißt.“ Askhor wartete auf meine Entscheidung. Ich sah, dass wir noch nicht an unserem Posten angekommen waren, denn Askhor stand noch im Gang, bereit weiter zu gehen.
„Ja, ich bin es ihm schuldig. Außerdem kann es ja sein, dass er vielleicht Hilfe braucht.“ Verzweifelte Hoffnung, die aus mir sprach. Kaeldin war am Ende. Sein Körper war gebeugt und sein Geist zerschlagen. Er hatte sich mit diesem Ende abgefunden. Aber konnte ich das auch?
„Okay, wir können noch ein wenig näher ran, wenn du willst.“ Askhor deutete den Gang weiter entlang. Ich schüttelte den Kopf. Hier war es gut. Ich sah ihn und auch wollte ich nicht näher rangehen. Von hier erkannte ich alles, was ich wollte. Es war Kaeldin und er kniete. Er war verletzt und gebrochen. Sein Stab war nicht mehr bei ihm. Genauso wie seine Robe und sein Lebenswille.
„Hier ist es gut“, flüsterte ich und flog näher an das Fenster, um dann auf dem Fensterbrett zu landen. Ich stieg von Rubins Rücken und rief ihn in die Flasche zurück. Dann trat ich bis ans Ende des Fensterbrettes und nahm Platz. „Wie lange dauert es noch?“
Ich wollte nicht auf den Countdown sehen oder gar irgendwo anders hin als auf Kaeldin. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Die ersten Tränen drängten sich in meine Augen, doch ich blinzelte sie weg.
„In fünf Minuten sollte es beginnen.“ Askhor trat neben mich. Erneut erfüllte sein Duft meine Welt. Ich sehnte mich nach Sha und Valos. Sie sollten jetzt bei mir sein und nicht Askhor. Dennoch blieb er und schwieg.
Fröhliches und aufgeregtes Stimmengewirr drang zu uns hoch. Kaeldin kniete alleine direkt vor der Guillotine. Hinter ihm standen in einer Reihe die vier anderen Generäle. Ich kannte sie von Plakaten und von anderen Auseinandersetzungen. Drei Elfen und ein Nephilim. Ihre Namen waren für mich unbedeutend. So wie Askhor waren sie in meinen Augen nur Herjas Marionetten.
Ein dumpfer Glockenschlag erklang und noch einer. Die Zuschauer verstummten nach und nach. Eine überwältigende Macht breitete sich aus und drang tief in meinen Kopf ein. Ich spürte sie, bevor ich sie sah: Herja.
Mit erhobenem Kopf stolzierte sie auf die Tribüne. Ihr Drachenschwanz wippte unter ihren Bewegungen hin und her. Die gewaltigen Drachenklauen schabten bei jedem Schritt über das Holz. Sie sah nicht einmal in die Meute, bis sie neben Kaeldin stehen blieb. Ihre langen Finger gruben sich in sein Haar.
Ruckartig riss sie seinen Kopf in den Nacken und beugte sich zu ihm herunter. Sie flüsterte ihm etwas zu. Die Umgebung kühlte spürbar ab. Ich fror. Mein Atem stieg als kleine Wölkchen vor mir in die Luft. Was geschah hier?
„Ihr seid alle hier, um Zeuge von der Hinrichtung dieses Verräters zu werden. Jeder von euch kennt Kaeldin, meinen geschätzten Hohepriester. Doch ich vergebe keinen Verrat, egal von wem.“ Sie riss Kaeldin bei dieser Ansprache in die Höhe und zog ihn noch einmal näher zu sich. Erneut flüsterte sie ihm etwas ins Ohr.
Jetzt kam Leben in seinen Leib und er stemmte sich gegen ihren Griff. War es Panik, die ich in seinem Gesicht sah? Was hatte sie ihm zugeflüstert? Ich musste eingreifen!
Meine Hand ruhte auf Rubins Flasche. Ich stoppte, als ich ein Zittern in meinem Augenwinkel bemerkte. Ein Knurren drang an mein Ohr und ich wandte mich zur Seite: Askhor starrte zornig auf das Schauspiel vor uns.
Er hielt sich am Fensterrahmen fest, wobei ich mir nicht sicher war, ob er sich vor dem Sturz bewahren oder sich davon abhalten wollte aus dem Fenster zu springen.
„Ihr seid hier, weil ihr Verräterblut sehen wollt, und das bekommt ihr auch. Niemand widersetzt sich mir, Herja. Niemand zerstört unsere Welt. Aber vor allem hilft niemand Valos, Sha und Ami.“ Als ich unsere Namen hörte, sah ich zurück auf das Schauspiel.
Herja drückte Kaeldin in die Halterung der Guillotine und ließ den Riegel zuschnappen. Kaeldin wand sich in seinen Fesseln, doch Herja würdigte ihn keines Blickes mehr. Sie trat auf den Thron zu, der am hinteren Ende der Tribüne aufgebaut war. Elegant nahm sie Platz und schlug ihr linkes Bein über das rechte. Interessiert stützte sie ihren Kopf in die Hand ab und lächelte zufrieden.
Ich hörte das Brechen von Stein, als Askhor fester zugriff und sich erste Risse in der Wand bildeten. Doch ich schwieg und beobachtete weiter, was dort unten geschah. Der Nephilim trat hervor und an Kaeldins Seite. Ich wusste, was kam, und wollte es nicht sehen. Dennoch starrte ich weiter auf diese Szenerie. Unfähig wegzusehen. Immer wieder huschte eine leise Entschuldigung über meine Lippen. Es wirkte nie genug.
„Tod den Verrätern! Ihr Blut soll unsere Welt nähern und unsere Zukunft tränken! Herja, für die Ewigkeit!“ Das gebrüllte Mantra hallte über den Platz und fand sein Echo in den Mündern von Herjas Dienern.
Das Feilbeil surrte auf seinen Weg nach unten und kam mit einem Knall zum Stehen. Ein dumpfer Aufprall und Kaeldins Körper erschlaffte. Ich sah seinen Kopf rollen und das Blut auf die Tribüne fließen. Es war vorbei. Kaeldin war tot. Verschwunden. Weg.
Ich starrte weiter auf die Bühne und konnte nur weinen. Auch noch, als sich die Meute schon auflöste und man die Tribüne abbaute. Mein Blick lag weiter auf Kaeldins Leiche, die man achtlos an die Seite geworfen hatte.
Er starb. Für uns. Für diese Quest. Für die Freiheit. War sein Opfer umsonst, wenn wir jetzt stoppten? Konnten wir noch weitermachen? Ich wollte, aber was war mit Valos und Sha? Konnte ich es alleine tun?
Mein Blick glitt zum Countdown, der weiterlief, obwohl nur ich hier war. Vierundvierzig Stunden. Nur noch vierundvierzig Stunden, dann bekamen wir die ultimative Waffe. Waren wir fähig zu überleben? Konnten wir es schaffen?
„Wenn du Kaeldin rächen willst, dann triff mich morgen Nachmittag bei den Einhörnern.“ Askhor verschwand und ließ mich zurück. Zurück in dieser Trauer, bevor ich mich selbst auch dazu entschloss zu gehen. Dies war noch nicht das Ende.
„Wieso bist du dorthin gegangen, Kathi? Herja hätte dich töten können. Askhor hätte dich töten können!“ Antjes Stimme war gefüllt mit Angst und Vorwürfen. Ich starrte auf den Bildschirm vor mir und blickte in die Gesichter meiner Freunde, die sich den Platz darauf teilten.
Sie waren blass und dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Diese Müdigkeit, die ich dort sah, kam mir selbst so bekannt vor. Doch die Hoffnungslosigkeit, die sich in ihre Augen grub, trug ich nicht im Herzen.
„Ich musste mich vergewissern, dass es wirklich Kaeldin war und vor allem, dass er wirklich tot ist. Wahrscheinlich hatte ich irgendwie gehofft, dass ich ihn doch noch retten kann.“ Ich lachte unter dieser Dummheit auf und schüttelte meinen Kopf.
„Und Askhor ...“ Ich schwieg und starrte auf meine Tastatur. Das Atmen meiner Freunde lag in meinen Ohren und ihre Sehnsucht nach meinen Worten drang in meine Gedanken. Ich wusste nicht, wie ich dieses Gefühl Askhor gegenüber beschreiben sollte.
„Askhor ... er hat sich verändert. Damals hat er mich angesprochen und wenn er mich hätte töten wollen, hätte er es ohne Probleme tun können. So oft hätte er mich einfach umbringen können, aber er hat es nie wirklich getan.“
„Was willst du damit sagen?“ Marcels Augenbrauen zogen sich zusammen und ich hörte den Zweifel in seiner Stimme. Für sie war Askhor unser Feind, der uns angriff, wann immer möglich. Der uns damals die Luminea geklaut hat und der mich immer wieder gefangen nahm.
„Ich glaube, dass Askhor – so wie Kaeldin – nur die Rolle des Dieners spielt, aber es in Wirklichkeit gar nicht sein will.“ Ich strich mir eine meiner Strähnen aus dem Haar und lächelte unter dieser Erkenntnis.
„Stimmt, Kaeldin hat von einem Nephilim und einer Fee gesprochen, die ebenfalls Teil seines Teams waren. Nur die Koboldin ist damals ums Leben gekommen, stimmt’s?“ Antjes Blick bekam neue Hoffnung.
Marcel entspannte sich nun auch sichtlich. Er nickte eifrig. „Oh ja, stimmt. Sie waren zu viert beim Diebstahl der Luminea. Also verstehe ich das gerade richtig, ihr glaubt, dass Askhor und Feni alte Teamkameraden von Kaeldin sind? Aber warum haben sie ihn dann angegriffen, als er so offen für uns war?“
„Das weiß ich nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern. Antje dagegen hatte eine Erklärung dafür.
„Weil sie Angst um sein Leben hatten, wenn er uns so offen unterstützt. Womit sie ja auch Recht hatten. Kaeldin ist gestorben, weil er uns geholfen hat.“ Erneut senkten wir alle betrübt den Blick.
Ich dachte an den Hohepriester. An all seine Worte und seine Hilfe. Sein Lächeln, das mir immer wieder neuen Mut machte. Seine Furchtlosigkeit, mit der er all den Problemen trotzte, die ihm wegen uns widerfuhren. Er war sich des Risikos durchaus bewusst gewesen und er hatte es willentlich in Kauf genommen.
„Askhor will mich morgen Nachmittag treffen.“ Ich ließ die Bombe platzen und sah in die erschrockenen Gesichter meiner Freunde. Antje fand als Erste wieder ihre Stimme und schnellte dabei nach vorne.
„Das kannst du nicht tun! Ja, er hat uns oft geholfen, aber wir können ihm nicht vertrauen. Wenn du stirbst, Kathi, dann ist alles vorbei. Verstehst du? Das darf nicht passieren.“
„Antje hat Recht. Du darfst dich nicht mit Askhor treffen. Woher willst du wissen, dass er dich nicht an Herja verraten wird?“, stimmte Marcel Antjes Einwand zu.
Ich lächelte und dachte an Askhors Verhalten während Kaeldins Hinrichtung. Da waren Schmerz und ein gieriger Rachewunsch. Askhor war nicht mehr auf Herjas Seite. Nie wirklich und mit Kaeldins Tod hatte sie ihn gänzlich verloren.
„Weil er Herja stürzen will. Ich habe seine Reaktion auf Kaeldins Hinrichtung gesehen. Die war nicht gespielt und sie war intensiv. Askhor ist auf unserer Seite und ich will seiner Bitte nachkommen.“ Es war keine Frage, sondern nur eine Erwähnung für die beiden. Ich würde es zur Not alleine tun, aber am Liebsten wäre es mir, wenn wir es zu dritt machten. Schließlich hatten wir in diesem Spiel fast alles gemeinsam erlebt.
„Ich vertraue ihm nicht.“ Marcel stimmte Antjes Zweifel mit einem Summen zu. Sie entlockten mir mit ihrer Sorge ein Lächeln und ich liebte sie in diesem Moment ein Stück mehr. Es ging nicht um Askhor, sondern um mich. Sie hatten Angst um mich.
„Ich aber. Am Liebsten wäre es mir, wenn ihr mitkommen würdet. Aber ich kann es auch verstehen, wenn ihr es nicht wollt.“ Ich atmete tief durch. Die nächsten Worte fielen mir unheimlich schwer, weil ich Angst hatte, dass sich meine Freunde davon vor den Kopf gestoßen fühlen könnten. Aber ich wollte diese Quest beenden und Herja für Kaeldins Tod zur Rechenschaft ziehen. „Doch ich will diese Quest beenden und das werde ich zur Not auch alleine tun. Der Countdown lief weiter, obwohl ihr nicht dabei ward. Ich kann es also auch ohne euch tun. Aber Herja muss für Kaeldins Tod bezahlen.“
Antje und Marcel schwiegen. Sie starrten nach unten. Antje strich sich immer wieder eine ihrer Strähnen hinters Ohr. Marcel dagegen strich sich immer wieder nervös über die Nase. Sie überlegten und die Entscheidung fiel ihnen nicht leicht. Es ging um ihr Leben und um meines. Einfach um alles.
„Du wirst gehen, hm?“ Antje war die Erste, die die Stille durchbrach. Sie lächelte mich gequält an und wickelte eine Strähne um ihren Finger. Ich nickte ihr zu. Jetzt drang auch ein tiefer Atemzug von Marcel zu mir durch.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir seelenruhig zuhause sitzen werden, während du dein Leben riskierst, oder Kathi?“ Marcel stöhnte am Ende. Sein vorwurfsvoller Blick lag auf mir und entlockte mir dieses Mal ein beschämtes Lächeln.
„Ich weiß nicht, was ich von euch erwarte. Ich weiß nur, dass ich alles versuchen will, um Herja zu stoppen und diese Quest zu beenden. Kaeldins Tod darf nicht umsonst gewesen sein.“
Erneut trat Schweigen zwischen uns und sie überlegten weiter. Es war nicht einfach. So wie damals mit Kaeldin. Diese Erkenntnis gab mir Hoffnung. Ich konnte ihnen zeigen, dass es anders war und ihre Angst zwar eine Berechtigung war, aber sie nicht stoppen sollte.
„Ihr habt mir damals mit Kaeldin vertraut. Warum glaubt ihr mir jetzt nicht, wenn es um Askhor geht?“ Ich wollte das Spiel nicht alleine beenden. Sie zu zwingen kam aber auch nicht in Frage. Wenn sie mich begleiteten, dann sollten sie das aus freien Stücken heraus tun.
„Weil Askhor uns sonst immer angegriffen hat, wenn wir ihm begegnet sind. Kaeldin nicht.“ Antjes Worte stimmten, aber dann begriff ich noch etwas: Seit uns Kaeldin unterstützte, war Askhor nicht mehr bei den Angriffen dabei. Er hatte uns aufgesucht, aber niemals mehr das Schwert gegen uns erhoben. Hatte Kaeldin auch dafür gesorgt? – Unwichtig.
„Aber nicht mehr seit die Jagd wirklich begonnen hat.“ Mein Satz breitete sich zwischen uns wie Nebel aus und umschlang die Zweifel meiner Freunde. Sie hoben ihren Blick und sahen mir direkt in die Augen. Ich fühlte mich in diesem Moment ihnen so nahe. Glück und Geborgenheit füllte mein Herz und zauberte mir ein warmes Lächeln auf die Lippen.
Diese zwei Menschen waren meine Familie und eine Familie hielt zusammen. Egal, was auch kam. Sie blieben bei mir. Auch im tiefsten Sturm und so erkannte ich ihr Nicken.
„Du hast Recht. Seit die Steckbriefe aushingen, hat er uns nicht mehr gejagt. Er ... er könnte uns wirklich helfen wollen.“ Antje traute sich kaum, diese Erkenntnis auszusprechen. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe und wickelte weiter ihre Strähne um ihren Finger.
„Stimmt.“ Mit einem Nicken sprach Marcel dieses einzelne Wort aus und säte somit neue Hoffnung in meinem Herzen. Konnten wir die Quest doch gemeinsam beenden.
„Also? Kommt ihr morgen mit?“ Meine Stimme flatterte unter dem Lächeln, das sich immer wieder auf meine Lippen drängte. Ich wollte nicht zu sehr hoffen, damit der Fall nicht zu schmerzhaft wurde. Es war unnötig, denn schon nickten sie mir zu und antworten im Chor: „Ja, ich bin dabei.“
Das leise Flüstern des Waldes drang an mein Ohr. Ich saß erneut auf Rubins Rücken. Seit Kaeldins Unterstützung blieb ich Shas Schulter fern, um besser kämpfen und vor allem um die Angriffe besser aufzuteilen. In solchen Momenten sehnte ich mich nach ihrer Körperwärme und den schwachen Jasminduft.
Wir standen auf der Lichtung, auf der ich mir das Einhornhaar geholt hatte. Immer wieder huschten Schatten dieser majestätischen Kreaturen durch den Wald. Ich hörte das Getrappel ihrer Hufe. Hier war ich Askhor begegnet und er verlangte erneut nach meiner Geschichte. Etwas, das ich ihm bis heute nicht gegeben hatte.
„Ihr seid gekommen.“ Er trat zu uns auf die Lichtung. Feni saß auf seiner Schulter. Ihr wahnsinniger Blick war wie weggefegt und sie lächelte uns unsicher an. Hätte sie nicht ihr gewelltes pinkes Haar, das ihr bis zur Taille ging, und diese stechend roten Augen, dann hätte ich sie nicht wieder erkannt.
„Ja, wir wollen Herja stürzen. Du hast behauptet, dass du etwas weißt.“ Wir rührten uns nicht. Ich spürte die Anspannung meiner Kameraden in meinen Rücken, als ich mit Rubin ein Stück näher an ihn heran flog. Askhors Augen leuchteten bedrohlich rot. Seine Arme hingen locker neben seinem Körper herab. So weit weg vom Griff seines Breitschwertes am Rücken.
„Ja, ich habe Informationen, die für euch von großen Nutzen sein können. Kaeldin hat an euch geglaubt, egal wie oft ich ihn einen Narr schimpfte. Ihr ward sein Schlüssel in die Freiheit.“ Askhor lachte gepeinigt auf und Feni legte sanft eine Hand an seine Wange. Er bedankte sich leise bei ihr.
„Irgendwie stimmt das ja auch. Jetzt ist er ebenfalls von Herja befreit.“ Er zuckte mit den Schultern und trat dann einen weiteren Schritt auf mich zu. Ich ließ es geschehen und blieb an Ort und Stelle. Immer wieder wanderte mein Blick nervös zwischen seinen Händen und seinem Schwertgriff hin und her.
Auch wenn ich glaubte, dass er mir nichts antat, hundertprozentig sicher war ich mir nicht. Aber er war die einzige Möglichkeit, dass wir irgendwie diese Quest noch lebendig beenden konnten ohne das Spiel für immer zu quitten.
„Sein Tod war nicht unsere Absicht. Wir hatten gehofft, dass wir vorsichtig genug waren.“ Ich senkte betrübt den Blick. Askhors Schnauben holte meine Aufmerksamkeit zurück. Er machte eine wegwerfende Bewegung, doch das Flackern in seinen Augen zeigte mir deutlich, dass es eben nicht Schnee von gestern war.
„Ich gebe euch nicht die Schuld dafür. Kaeldin ist erwachsen gewesen und wusste, was er tat und was für Konsequenzen ihn erwarten könnten. Er hat an euch geglaubt und so will ich es nun auch tun.“ Er schwieg und die Stille breitete sich unangenehm zwischen uns aus. Was erwartete Askhor nun von uns? Worauf wartete er? Ist es doch eine Falle und wir wurden bald von einer ganzen Schar Spielern überfallen?
Instinktiv spannte ich mich an. Ein kurzer Schulterblick zeigte mir, dass auch Valos und Sha sich kampfbereit machten, doch Askhor rührte sich nicht und schien mit den Gedanken immer weiter abzuschweifen.
„Er hat euch ja bestimmt gesagt, dass wir Diener Herja nicht angreifen können. Sie verstärkt unsere Kraft und ermöglicht uns, höhere Level zu erreichen, aber dafür müssen wir ihr gehorchen und können nicht gegen sie handeln. Zumindest nicht offen. Der Schutzschild und die Teleportation waren kein offener Angriff gegen Herja und deswegen konnte euch Kaeldin unterstützen.“ Askhor lächelte nostalgisch. „Wahnsinn wie viel stärker Kaeldin geworden ist, obwohl er kaum den Tempel verlassen hat. Er konnte sogar Herjas tödlichen Schlag abwehren. Ich hab solche Zaubertricks leider nicht drauf und ich kann euch auch nicht meine Klinge leihen. Aber–.“
Er stockte und sah uns eindringlich an. Valos war der Erste, dem der Geduldsfaden riss. „Was aber? Askhor, hör auf Zeit zu schinden! Oder ist das dein Plan: Uns hier festhalten bis deine Freunde kommen?“
„Freunde? Ich habe außer Feni keine Freunde mehr in diesem Spiel.“ Askhors Lächeln erlosch und seine Lippen zuckten unter einem tiefen Schmerz. „Kaeldin, Feni und Grimhild. Herja hat mir schon zwei meiner drei Freunde genommen. Ich werde nicht tatenlos darauf warten, dass sie mir auch Feni nimmt.“
„Was weißt du?“ Ich reagierte nicht auf seine Racheansprache. Es war sein Grund, hier zu stehen. Ich hatte meine eigenen Gründe und es war egal, ob sie sich glichen oder nicht. Wir hatten dasselbe Ziel und er schien etwas zu wissen.
„Es gibt ein Schmuckstück, dass einen vor Herjas Macht schützt. Ich habe davon erfahren, als ich mal in Herjas Bibliothek war. Der einzige Ort, an dem man Bücher lesen kann und der nur ihren Dienern zugänglich ist. Jetzt weiß ich auch warum.“ Er seufzte und strich sich durch sein silbernes Haar. „In einem der Bücher war von einem Schatz in den Gebirgen die Rede. In den Höhlen der urtümlichen Mächte. Ich vermute, dass damit die Elementare und Phönixe gemeint sind. Herja hat sie ja, der Legende nach, zuerst erschaffen.“
„Das Gebirge? Da geht doch keine Menschenseele hin“, zweifelte Sha hörbar und ich musste ihr zustimmen. Kein Quest hatte uns je in diese Gegend geführt. Es galt als gefährlich und unüberwindbar. Vor allem weil Phönixe und Elementare unberechenbar, mächtig und voller Hass waren.
„Das klingt als würdest du uns in den Tod schicken.“ Valos trat neben mich und deutete anklagend auf Askhor. „Von wegen Schutz. Du willst uns immer noch loswerden. Kommt, das war Zeitverschwendung.“
„Nein, war es nicht, Valos. Ich sage die Wahrheit. In den Gebirgen liegen Schmuckstücke, die euch vor Herjas Macht schützen können. Ich werde euch, so gut es geht, den Rücken freihalten. Sobald ihr den Phönixschatz habt, steht euch nichts mehr im Weg. Das schwöre ich bei meiner Ehre.“
Es war erneut Valos, der lautstark loslachte. „Ein Diener von Herja hat keine Ehre.“
Die Freundlichkeit wich aus Askhors Leib und er funkelte meinen besten Freund finster an. „Ich war nicht immer einer von Herjas Dienern. Damals waren wir die Ersten, die die Luminea geklaut haben. Alle nach uns hat sie eiskalt ermordet. Sie bekamen das Angebot nicht einmal.“
„Schwachsinn. Uns hat sie es auch angeboten.“ Sha wischte diese Vermutung sofort vom Tisch und war nun ebenfalls neben mich getreten. Askhor lächelte und zeigte dann auf mich. Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als ich seine nächsten Worte hörte.
„Ja, weil sie Ami Flinkfinger haben will.“
„Mich? Warum?“ Ich verstand es nicht. Schließlich war ich nur eine Koboldschurkin. Nicht mehr und auch nicht weniger. Seine Worte klangen wie Schwachsinn in meinen Ohren. Was sollte an mir besonders sein?
„Weil du noch hier bist“, zischte Feni und beugte sich nach vorne. Sie fixierte mich und ich wich instinktiv ein wenig zurück. Was sollte das schon wieder bedeuten?
„Wieso sollte ich es nicht sein?“ Ich zuckte mit den Schultern und wechselte Blicke mit meinen Freunden, die ebenfalls nur mit ihren Schultern zuckten. Wir verstanden das nicht.
„Ami Flinkfinger, hat die Luminea nicht einmal, auch nicht zweimal gestohlen. Sondern dreimal.“ Askhor ließ diese Information in unser Bewusstsein sickern und mich erfasste ein Zittern.
„Was? Wieso?“ Ich verstand es nicht.
„Ami Flinkfinger war die erste Diebin der Luminea und Herjas innigste Vertraute. Bis sie sie in ihrem Wahn und Enttäuschung über diesen Verrat erschlug.“ Askhor fixierte mich weiter, doch ich schüttelte nur den Kopf.
„Wie kann das sein? Ami war schon immer meine Figur. Ich bin mit ihr niemals eine Dienerin oder gar in Herjas Nähe gewesen. Das ist Schwachsinn.“ Ich wehrte mich gegen diese Informationen. Ami war ich und das seit der ersten Stunde an. Ich hatte mich mit ihr durch die Nebel der Koboldheimat gekämpft. Ihre Fähigkeiten wuchsen mit mir. Sie war nichts, als wir starteten.
„Vielleicht ist es auch nur eine Legende. Wir wissen es nicht hundertprozentig. Auf jeden Fall, solltet ihr euch in die Gebirge machen, um die Schmuckstücke zu finden. Dann folgt dem Pfad des Lebens. Er sollte euch sicher an euer Ziel bringen. Zumindest laut dem Buch.“
Askhor trat einen Schritt zurück. Er senkte seinen Kopf und wandte sich zum Gehen. Ich konnte ihn nur anstarren und seine Worte kreisten weiter in meinem Kopf. Ami Flinkfinger sollte Herjas beste Freundin sein? Das war doch Irrsinn. Ich ... ich habe mit ihr bei null angefangen.
„Ihr solltet jetzt gehen. Die ersten Truppen sind zu euch unterwegs. Ich werde euch so viel Rückendeckung geben, wie es mir möglich ist.“ Askhor sah über seine Schulter zu uns zurück. Seine breiten Schultern und das gewaltige Schwert auf seinem Rücken wirkten unüberwindbar auf mich. Sollte er wirklich unser Held und nicht unser Feind sein?
„Danke.“ Das Wort erkämpfte sich seine Freiheit und ich nickte Askhor zu, bevor ich Rubin in Richtung Gebirge lenkte. Sha und Valos riefen ihre Einhörner und stiegen auf deren Rücken.
„Wir werden Herja stürzen und Kaeldin rächen. Das verspreche ich.“ Askhor nahm meinen Schwur mit einem Kopfnicken an. Er zog sein Schwert und trat in den Wald hinein. Den Grund wollte ich nicht erfahren. Es war jetzt wichtiger, in das Gebirge zu kommen. Wir hatten noch 41 Stunden vor uns und ich hatte nicht vor zu versagen.
Herja musste bezahlen: Für Grimhild, für Kaeldin und wenn Askhor die Wahrheit sprach, dann auch für Ami Flinkfinger. Für all das Leid und die Tode, die ihre Hände befleckten. Herjas Zeit neigte sich ihrem Ende entgegen. Endlich ...
Die Reise zum Gebirge war seltsam. Immer wieder tauchten Spieler auf, um uns anzugreifen, doch sie kamen nie bis zu uns. Entweder verschwanden sie oder blieben stehen, als wäre ihr Rechner eingefroren. Ich hoffte, dass es Askhors Tun war, damit nicht noch mehr Leute ihr Leben für uns riskierten. Eine Hinrichtung reichte.
Wir überquerten die Steppen und Flüsse, um an das andere Ende der Welt zu reisen. Ein Sturm versuchte, uns am Weiterkommen zu hindern, doch wir stoppten nicht. Rubin setzte sich auf den Hals von Shas Einhorn, damit wir nicht davon geweht wurden. Alles hing von diesem Gebirge ab und den angeblichen Schmuckstücken.
Es fiel mir schwer, daran zu glauben, dass Herja so ein mächtiges Utensil nicht schon längst vernichtet hatte. Aber vielleicht hoffte sie einfach nur auf die Aggressivität der Elementare und Phönixe, die ihren Lebensort mit aller Macht verteidigten.
„Hier sind wir.“ Valos zügelte sein Tier, als das Gebirge über uns aufragte. Ein Trampelpfad wand sich wie eine Schlange an dem massiven Gestein empor. Das Gebirge lag ruhig und unberührt vor uns. Der Sturm erreichte es nicht und ich war mir sicher, dass wir dort auch keinen anderen Spieler finden würden.
„Ja, hier soll unsere Lösung sein, wenn Askhor recht hat.“ Die Zweifel, die in Shas Stimme mitschwangen, pulsierten auch in meinem Herzen. Ich wollte ihm glauben, doch er war ein treuer Diener. Zumindest dachte ich das immer. Hatte er das nur gespielt?
Ich schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht die Zeit darüber nachzudenken. Wir mussten uns, so schnell es ging, vor Herja schützen und an sich hatten wir nichts zu verlieren. Nichts, was wir auch nicht mit Nichtstun gefährdeten.
„Okay, dann lasst uns reingehen.“ Ich atmete tief durch und gab Rubin das Zeichen abzuheben, bevor wir den Pfad entlang flogen. Das Trampeln der Hufe hinter mir zeigte mir, dass meine Freunde mir folgten. Auf dem harten Sand waren keine Spuren sichtbar. Dieses Gebirge kannte keine Besucher und dennoch war hier dieser Weg, der nicht so unbenutzt wirkte, wie er sollte.
„Scheinbar kommt doch hier ab und an jemand vorbei“, sprach Valos meine Gedanken aus. Ich ließ mich zu meinen Freunden zurückfallen und sah in Valos‘ leicht gebräuntes Gesicht.
„Ja, Wilderer, die Elementare und Phönixe für den Schwarzmarkt fangen. Wer sollte denn sonst so lebensmüde sein und hierher kommen?“ Sha zuckte mit den Schultern und wir ritten weiter den Pfad entlang. Ich könnte mit Rubin einfach emporfliegen, doch sich zu trennen, war noch nie eine gute Entscheidung gewesen. So blieb ich neben ihnen und lauschte den Schritten ihrer Einhörner.
Schon bald drang der Pfad in das Gebirge ein und die gewaltigen Steinmassen ragten an beiden Seiten empor. Unsere Schritte hallten an den massigen Wänden zurück und verriet unser Kommen schon meilenweit. Es war egal. Mit jedem Meter, den wir tiefer in das Gebirge kamen, wurde mir bewusster, dass wir hier keinen Spielern begegnen würden.
Die Temperatur begann zu steigen und vertrieb auch den letzten Rest an Kälte, der noch vom Sturm in unseren Knochen steckte. In mir erwachte das Gefühl, dass man uns beobachtete und auch Rubin wurde unruhig. Die Einhörner wippten nervös mit ihren Köpfen und der Geruch von Feuer drang in meine Nase.
Ich erinnerte mich an die Fackeln bei uns zuhause in den Höhlen: Phönixe und Elementare, die Licht und Wärme spendeten. Gefangen in magischen Ketten, um an dieser Stelle zu bleiben und ihren Sinn und Zweck zu erfüllen.
„Ich habe ein schlechtes Gefühl bei der Sache“, flüsterte Valos.
Sha lachte auf und schüttelte dann den Kopf. „Das hab ich schon, seit Askhor uns davon erzählt hat.“
„Wir haben keine andere Wahl, oder habt ihr eine bessere Idee?“ Ich sah meine Freunde dabei nicht an, sondern starrte auf den Pfad vor uns. Bisher gab es keine Abzweigungen. Wir folgten diesem einen Weg, der uns – weiß Gott wohin – führte. Aber ich wollte jetzt auch nicht mehr umdrehen. Wir waren hier und Askhor tat alles, damit wir die nötige Zeit hatten um uns diesen einen, letztmöglichen Schutz zu holen.
Sie schwiegen und dann spürte ich es: Die Hitze stieg weiter an. Ich hörte ein Züngeln und Knacken, wie bei einem Lagerfeuer. Rubin fiepte ängstlich und auch die Einhörner wieherten, bevor sie das Tänzeln anfingen.
„Hey, ruhig, ruhig. Alles gut“, redeten Sha und Valos beruhigend auf ihre Tiere ein. Ich selbst strich Rubin nur über den Kopf und musterte weiter unsere Umgebung. Das Geräusch wurde lauter und Rubin weigerte sich, weiter zu fliegen. Auch die Einhörner machten keinen Schritt mehr tiefer in das Gebirge, sodass wir gezwungen waren abzusteigen.
Wir riefen unsere Tiere in die Transportflaschen zurück und tauschten dann Blicke aus. Die Augen meiner Freunde zitterten unter der unbekannten Angst. Das Geräusch blieb und begann lauter zu werden. Meine Haare stellten sich auf und ich erschauderte. Doch umkehren kam für mich nicht in Frage. Wir mussten weitergehen und uns diese Schmuckstücke holen.
„Wir schaffen das. Es ist nur eine Quest, Leute.“ Ich lächelte sie an. Sie erwiderten es nicht.
Valos sprach aus, was wohl in ihren Herzen wütete: „Ami, es ist schon lange nicht mehr nur eine Quest. Hier geht es um unsere Gesundheit und unser Leben. Wir haben noch nie gegen Elementare oder Phönixe gekämpft. Können wir das überhaupt? Sie sind doch nur Feuer.“
„Wir haben keine andere Wahl, Valos. Zumindest nicht, wenn wir diese Quest beenden oder gar das Spiel nicht aufgeben wollen. Wollen wir das? Ich will Ami nicht verlieren.“ Ich blickte zu meinen Freunden hoch, die sich dann seufzend zu mir herunter knieten.
„Wir wollen es auch nicht, Ami. Aber wir wollen auch nicht sterben. Versteh das doch, Kathi.“ Als mich Sha mit meinen richtigen Namen ansprach, erkannte ich erst, wie groß ihre Angst war. Eine Angst, die ich auch in mir trug, doch unter tausend anderen Dingen tief in meinem Inneren begraben hatte.
„Das will niemand. Aber–.“ Ich konnte nicht weitersprechen, denn eine hallende Stimme unterbrach mich: „Verschwindet! Dies ist kein Ort für euch. Er gehört uns.“
Die Temperatur stieg weiter an und das knisternde Geräusch wurde lauter. Ich hatte dem Pfad gerade den Rücken zugedreht, um mit meinen Freunden zu diskutieren, daher sah ich nicht, was ihre Gesichter weiß zeichnete.
„Kehrt um! Kehrt um! Ihr werdet niemals siegreich sein! Das ist unser Reich! Unser Reich! Ihr werdet brennen! Brennen!“ Nur langsam drehte ich mich um und blickte auf die Ansammlung von fünf Elementaren. Ihre Körper tanzten unförmig mit dem Feuer, das sie verkörperten. Immer wieder wuchsen Arme an den Seiten heraus. Ihr Oberkörper wirkte unbeständig. Nur die Feuersäule, die sich spiralförmig in die Höhe arbeitete, zuckte nicht unter dem Flammentanz.
Ich schluckte und die Hitze trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Vorsichtig ging ich einen Schritt zurück und legte meine Hände auf meine Dolche. Meine Vernunft flüsterte mir zu, dass es lächerlich war. Keine Waffe konnte Feuer schneiden.
„Wir wollen nur zu den Phönixen. Sie haben Schmuck, der uns helfen könnte.“ Gegen jegliche Logik versuchte ich in den Dialog mit diesen Wesen zu gehen. Vielleicht ließen sie uns durch, wenn wir zu den anderen Bewohnern wollten.
„Helfen wofür? Phönixe haben viel Schmuck. Keine Ahnung woher. Niemand kommen hier her. Wer kommt, will Phönixe und uns fangen. Verschwindet!“ Die Elementare wurden unruhig und das Feuer, das ihre Körper bildete, zuckte immer wieder. Zerriss ihr menschliches Abbild und formte es neu. Ein ewiger Auf- und Abbau.
„Wir wollen Herja stürzen.“ Das wilde Zucken stoppte und Stille erwachte. Das Knistern blieb und ich wartete gespannt ab. Hinter mir spürte ich Valos und Sha. Ich war nicht alleine, aber auch ihre Waffen waren zum größten Teil bedeutungslos gegen diese Art von Gegner.
„Herja stürzen? Kann niemand. Herja Göttin. Herja erschuf Welt. Sie kann alles darauf auch wieder vernichten. Du töricht, Kobold.“ Ich war mir sicher, dass ich einen Nerv getroffen hatte, doch Sha drängte sich nun vor.
„Sie ist nicht töricht. Wir haben die Luminea und in 38 Stunden werden wir die ultimative Waffe gegen Herja bekommen. Das, was die Phönixe haben, kann uns dabei helfen, diese Zeit zu überstehen.“ Sie stand auf und hob mich noch in dieser Bewegung auf, um den Elementaren zu begegnen.
Der Duft nach Jasmin berauschte mich und meine Hände fanden wie von selbst die Schlaufe an ihrer Schulter. Ich fühlte mich sicher und zuhause. Nirgends war ich lieber als auf ihrer Schulter. Die Zuversicht, siegreich zu sein, strömte durch meine Gedanken und zauberte ein Lächeln auf meine Lippen.
„Sie haben die Luminea? Die Luminea? Unmöglich. 38 Stunden? So weit noch nie jemand war. Herja stürzen? Unmöglich. Sicher? Wir wissen es nicht.“ Ein wildes Getuschel brach zwischen den fünf Elementaren aus und ihre Körper zuckten dabei immer wieder. Sie berührten einander. An diesen Stellen wurde das Feuer blau. Wir warteten ab.
Valos knirschte neben mir mit seinen Zähnen und Shas Finger waren von Schatten umspielt. Sie flüsterte leise. Ich selbst nahm diese Bedrohung nicht wahr. Wenn sie uns tatsächlich angreifen wollten, dann hätten sie es doch schon längst getan, oder nicht?
„Aber wir brauchen es. Freiheit. Herjas Tod bedeutet Freiheit.“ Dann geschah das, was wir nicht erwartet hätten. Die Feuerelementare wichen zur Seite und ihre Flammen züngelten in die Richtung des Weges. „Folgen weiter den Pfad. Dritte Höhle ist Heim der Phönixe.“
Ich nickte den Elementaren zu und lächelte sie dann an. Valos und Sha setzten sich zögerlich in Bewegung und schritten durch die Flankierung der Elementare. Das Feuer züngelte nach unseren Haaren und Kleidung. Ganz leicht stieg auch der Geruch nach Verbrannten in meine Nase, doch bevor ich den Grund dafür fand, war er schon wieder verschwunden. Die Hitze trieb mir den Schweiß aus den Poren und die Luft war so stickig, dass mir das Atmen schwerfiel.
Nein, wir hätten niemals einen Kampf gewonnen. Wie waren wir überhaupt in der Lage diese Wesen zu versklaven? Sie könnten uns doch alle niederbrennen.
Mit einem Kopfschütteln unterbrach ich diese Gedanken und schaute weiter nach vorne. Den Weg entlang, der uns zu unserer letzten Hoffnung führen sollte. Dieser letzten Hoffnung auf einen Sieg gegen Herja. Hoffentlich hatte sich Askhor nicht getäuscht ...
Als hätten es die Elementare allen ihren Freunden gesagt, ließen uns auch die darauffolgende Elementare in Ruhe den Weg entlang gehen. Eine Höhle nach der anderen tauchte auf und das Gestein wurde spitzer und steiler.
Die Hitze stieg gefühlt immer weiter an, bis ich mir wie in einen Ofen vorkam. Meine Kleidung klebte an meiner Haut. Mit jedem Atemzug trocknete meine Kehle ein Stück mehr aus. Ich sehnte mich nach Wasser und griff immer wieder nach der Wasserflasche auf meinem Schreibtisch, doch der Durst verschwand nie für lange.
„Das müsste die Höhle sein.“ Valos deutete auf einen Eingang, der wie ein riesiger Schlund wirkte. Rubine ragten wie Zähne spitz aus dem Gestein heraus und funkelten im schwachen Sonnenschein.
Wie ein blutiges Maul. Bei dem Gedanken lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich erzitterte und klammerte mich fester an die Schlaufe. Schon nach wenigen Schritten hüllte uns die Dunkelheit ein und wir sahen nur in der Ferne einen Feuerschein.
„Was tun wir, wenn wir bei den Phönixen sind und sie uns den Schmuck nicht geben wollen?“, stoppte uns Valos. Er griff nach Shas Oberarm, um sie zu stoppen.
„Dann werden wir wohl kämpfen müssen.“ Valos sah Sha irritiert an und schüttelte bestimmt den Kopf.
„Wie kämpfen? Das sind Vögel aus Feuer. Unsere Waffen werden nichts gegen sie ausrichten können, außer uns selbst die Hand zu verbrennen. Wie stellst du dir so einen Kampf vor, Sha? Oder auch du Ami?“
„Ich weiß es nicht, Valos. Vielleicht haben wir Glück, wie bei den Elementaren und sie geben uns den Schmuck freiwillig, damit wir Herja stürzen können. Oder ...“ Ich stockte und zuckte dann mit den Schultern.
„Wie?“ Valos machte mein Schulterzucken nach.
„Was soll das heißen?“ Erneut ahmte er mein Zucken nach und sah mich fassungslos an.
„Ist dir unser Leben so viel wert?“ Er hob übertrieben seine Schultern. Ein zorniges Funkeln trat in seine Augen, als er die Bewegung ein viertes Mal vollzog. „Das ist ein Witz, oder Ami? Sag mir, dass es ein Witz ist. Sofort! Denn–.“
Wieder dieses aggressive Zucken seiner Schulter. „Ist nicht das, was ich sehen will, wenn es um mein Leben geht.“
„Ich weiß es doch auch nicht, Valos. Das Einzige, was ich weiß, ist die Tatsache, dass wir nur zwei Optionen haben: Entweder verlassen wir für immer das Spiel oder wir vertrauen auf Askhor, der Teil von Kaeldins Truppe war, dass er uns hier keinen Schwachsinn erzählte, sondern uns tatsächlich eine Möglichkeit gezeigt hat, um auch weiterhin geschützt zu sein.“ Die Hilflosigkeit, die sich in meinem Herzen ausbreitete, legte sich wie eine einschneidende Schlinge um meinen Hals und zog sich ganz langsam zu. Sie trieb mir Tränen in die Augen, die ich versuchte wegzublinzeln. Es gelang mir nicht wirklich und so glitt eine einzelne über meine Wangen.
„All das.“ Valos zeigte um uns herum. „Gefällt mir nicht, Ami. Ich sehe kaum etwas und bewege mich in das Nest eines Gegners, den ich definitiv nicht besiegen kann. Wenn du mich fragst, gehen wir so oder so drauf. Entweder jetzt bei diesem Versuch oder wenn wir zurückgehen, tötet uns Herja.“
„Valos. Hast du die Elementare vorhin nicht gehört? Noch nie ist jemand so weit gekommen. Wir werden es schaffen. Da bin ich mir sicher.“ Sha legte eine Hand auf seinen Unterarm und lächelte ihn zuversichtlich an.
Diese Sicherheit würde ich auch so gerne in meinem Herzen spüren, doch ich konnte Valos‘ Angst voll und ganz verstehen. Keine unserer Waffen würde uns gegen die Elementare oder gar die Phönixe helfen. Wir hatten keine andere Wahl, als zu hoffen, dass es irgendwie anders ging als mit einem Kampf.
„Wieso? Was macht dich da so sicher?“ Valos konnte seinen Zweifel nicht fallen lassen und sah Sha weiter an. Ihr Lächeln erfüllte mein Herz und vertrieb zumindest bei mir auch die letzten Bedenken.
„Weil ich einen Fluch beherrsche, der sie anfällig für Waffen macht. Sollten sie wirklich Ärger machen, dann werde ich sie mit damit belegen und ihr könnt sie angreifen. Ich habe ihn extra noch auf den Weg hierher geskillt und mir beigebracht, als ich die Elementare gesehen hatte.“ Ich traute meinen Ohren kaum.
Shas Zuversicht drang in meinen Geist ein und nahm mir die Angst. Auch Valos‘ Gesichtszüge entspannten sich langsam wieder und er lächelte sogar schwach. „Warum sagst du das nicht gleich? Stattdessen lässt du uns hier Todesängste ausstehen. Das war echt fies, Sha.“
Er strich sich mit dem Finger über die Nase, bevor er sich in den Nacken fuhr und eine Strähne hinters Ohr steckte. Der Stein, der ihm gerade vom Herzen gefallen war, wurde mit jeder Geste sichtbarer.
„Ja, ich habe ihn auch gerade erst entdeckt, als ich überlegt habe, dass es doch irgendwie möglich sein müsste. Schließlich–.“ Sie stockte und ich holte tief Luft, um ihren Satz zu beenden.
„Schließlich versklaven wir sie. Irgendwie müssen wir sie also greifbar machen. Ich habe mich auch schon gefragt, wie das möglich ist, wenn sie nicht greifbar sind.“ Für diesen Scharfsinn liebte und bewunderte ich sie. Sie war schon immer die Taktikerin in unserem Team gewesen. Auch damals, bei unserem ersten Diebstahl der Luminea.
„Okay, dann sollten wir uns jetzt beeilen, damit wir so schnell wie möglich hier auch wieder rauskommen.“ Wir folgten dem Licht am Ende des Tunnels, doch es war nicht ein einziger Gang, sondern spaltete sich schließlich auf.
Aus beiden Richtungen sah man den Feuerschein. Von links hörte man nur das Knistern der Flammen, rechts war auch immer wieder ein Vogelschrei zu hören.
„Wenn wir wirklich zu den Phönixen müssen, dann sollten wir ihrem Schrei folgen, oder?“ Valos deutete nach rechts. Ich nickte.
„Askhor hatte auch gesagt, dass wir den Pfad des Lebens folgen sollten. Phönixe sind ja für ihre Wiedergeburtsfähigkeit bekannt. Feuerelementare dagegen können wahrscheinlich nur alles verbrennen. Wir sollten also ihrem Geschrei folgen“, stimmte ich ihm zu.
Er ging los, doch Sha zögerte und blieb trotz meines Drängens stehen. „Los, wir haben nicht mehr viel Zeit. Wer weiß, wann Herja das nächste Mal zuschlagen wird. Desto früher wir die Schutzitems haben, umso eher sind wir vor ihr sicher.“
„Ja, das ist mir klar, Ami. Aber, für Wesen, die regelmäßig gejagt werden, benehmen sie sich nicht gerade sehr unauffällig, findest du nicht auch?“ Erneut wurde gezweifelt, obwohl sie uns gerade so viel Sicherheit gab. Ich wollte doch nur diese Quest beenden und den größten Ruhm dieser Welt erlangen. Nicht immer und überall Fallen sehen.
„Sha, bitte, lass uns einfach gehen und dann sehen wir ja weiter. Du hast deinen Fluch, wir können kämpfen. Wir werden schon mit ein paar Phönixen fertig, okay? Vertrau uns, ja?“ Ich legte meine Hand sanft auf ihren Hals. Ihr Puls hämmerte unter meinen Fingern, die auf Grund der weichen Haut kribbelten.
Ich hauchte einen Kuss auf ihre Halsbeuge und schmiegte mich an ihre Wange. Jasminduft umspielte mich und nahm mir auch noch den letzten Rest von Zweifel. „Ich liebe dich. Wir schaffen das. Gemeinsam. Versprochen.“
Sha schluckte hart und nickte. Mit einem Ruck folgte sie Valos, der schon dabei war, um die nächste Biegung zu verschwinden. Wir hörten das Kreischen der Phönixe und die Flammen zuckten hin und her. Ein Huschen begleitete unsere Wanderung durch die Gänge, doch wir blieben alleine.
Zumindest solange bis wir den Gang verließen und eine riesige Höhle betraten, die in Flammen stand.
Es waren so viele Phönixe, die um uns herum flogen oder in den Nestern saßen oder nur auf dem Boden mit jemand anderen. Die Hitze war unerträglich und das Licht, das von ihren Körpern ausstrahlte, trieb heiße Tränen in meine Augen.
„Fuck sind das viele.“ Valos ging einen Schritt zurück und trat dabei einen Stein, der geräuschvoll davonrollte. Das Kreischen verstummte und alle Augen richteten sich auf uns.
Sie waren nicht viel größer als Valos oder Sha, doch ihre dunklen Augen trugen umso viel mehr Zorn in sich. Erbarmungslos fixierten sie uns und kamen einen Schritt näher. Sie verließen ihre Nester oder landeten wenige Schritte von uns entfernt. Mordlust leuchtete in den dunklen Abgründen auf.
Unter all dem Zucken der Flammen sah ich das Glitzern von Gold in einigen Nestern. Das musste der Schmuck sein, von dem Askhor erzählt hatte. Doch bevor ich Valos und Sha darauf hinweisen konnte, verschwanden sie hinter den flammenden Körpern der Vögel, die sich mit hüpfenden Schritten näherten.
„Hey, wir sind nicht hier, um zu kämpfen. Ihr sollt Schmuckstücke haben, die uns vor Herja schützen können. Wir wollen Herja stürzen, doch unser Priester, der uns immer geschützt hat, ist schon gestorben. Jetzt sind wir auf eure Schätze angewiesen.“ Valos ging in den Dialog und stellte sich schützen vor Sha und mich.
Einer der Phönixe schrie ihn aggressiv an. Kein Wort drang aus seiner Kehle. Nur ein Kreischen, das sein Echo in den Kehlen seiner Kameraden fand und somit eine Kakophonie erzeugte, die sich schmerzhaft in mein Trommelfell brannte.
„Wir können mit ihnen nicht kommunizieren. Wir müssen kämpfen. Verfluch sie, Sha.“ Valos hielt sich ebenfalls die Ohren zu und ich erriet seine Worte mehr, als ich sie verstand. Sha nickte und sprach den Fluch. Schatten tanzten über ihre Finger, lösten sich davon und gierten nach den Vögeln.
Stück für Stück legte sich der schwarze Schatten über die Tiere und das wilde Zucken ihrer Flammen ebbte ab bis es nur noch ganz schwach hin und her wogte. Sofort rief ich Rubin aus seiner Flasche und stieg auf seinen Rücken, um mit ihn in die Schlacht zu reiten.
Die Vögel kreischten und rannten auf Valos und mich zu. Es waren so viele. Mussten wir wirklich alle töten? Sie verteidigten doch nur ihr Zuhause.
Aber als der erste gezackte Schnabel nach mir schnappte und mit einem dumpfen Knall nur knapp neben meinem Kopf zusammenschlug, verließen mich die Zweifel. Ich stach mit meinem Dolch nach dem dürren Hals.
So wunderschöne Kreaturen. Ihr Gefieder tanzte, wie eine lebendige Flamme und sie hatten einen Schopf, wie ein Kakadu. Nur ihre Schnäbel zeigten ihre Brutalität: Gerade und mit spitzen Zacken, die jedes Fleisch zerrissen, wenn sie es erwischten.
Rubin zitterte unter mir. Er tauchte unter dem nächsten Vogel hindurch. Ich stach zu. Die Hitze war unangenehm, doch sie brannte nicht so stark, wie sie hätte können. Meine Klinge traf auf Widerstand und entlockte dem Vogel einen gurgelnden Laut, als ich seine Lunge durchschlug.
Er stürzte zu Boden. Nur knapp hinter mein erstes Opfer. Immer wieder drehte und wendete ich meinen Oberkörper, um jedem Angreifer zu begegnen. Rotes Blut lief heiß über meine Haut und füllte die Luft mit dem Geruch von Eisen. Sha stand hinten und hielt den Fluch aufrecht. Valos stürmte ebenfalls vernichtend durch unsere Feinde.
Wären es keine Phönixe und würde ich nicht gerade diese eisige Kälte in mir spüren, dann hätte es wie immer sein können. Ein weiterer Dungeon und die Belohnung direkt vor uns. Der letzte Ansturm der Gegner, bevor wir siegreich sein würden.
Ein Kreischen hallte durch die Höhle und die Vögel drängten weiter auf uns ein. Ich stach und drehte mich. Meine Schenkel klammerten sich fest an Rubin, damit ich nicht aus dem Sattel flog. Ich vertraute ihm, dass er den richtigen Weg wählte. Er hatte mich noch nie im Stich gelassen.
Meine Muskeln schmerzten unter der Anstrengung. Ich stoppte nicht und stach weiter um mich. Immer wieder warf ich einen meiner Dolche, um Sha vor Angreifern zu verteidigen. Man konnte uns nicht aufhalten.
Mit jedem Phönix, der viel, sank die Temperatur und erstarb das Licht um uns herum. Wir stoppten erst als auch der letzte Vogel bewegungslos auf dem Boden lag. Ihr Feuer glich nun eher einer Glut und hüllte die Höhle in ein dunkles Rot. Es reichte gerade noch um das Nest zu finden, in dem ich das Glitzern gesehen hatte.
„Das waren viele.“ Valos seufzte und wischte das Blut von seiner Klinge. Ich tat es ihm gleich und steckte nur eine der beiden wieder in die Scheide. Die andere behielt ich angriffsbereit in der Hand.
„Ja, und sie sind nicht wirklich tot. Wir haben also nicht allzu viel Zeit, bevor sie wieder aufstehen und uns erneut attackieren. Wo hast du den Schmuck gesehen, Ami?“ Sha stieg über die Phönixe um sich herum drüber und trat hinter mich. Sie bot mir indirekt wieder ihre Schulter an, doch ich wollte auf Rubin bleiben, bereit für den Kampf.
„Dahinten in dem Nest. Da hat zumindest vorhin etwas geglitzert.“ Ich deutete auf ein Nest, das recht zentral in der Höhle lag. Sofort näherten wir uns ihm und tatsächlich lag darin eine Halskette.
„Das ist ja nur eins. Ob in den anderen Nestern auch noch etwas liegt?“ Sofort wandten sich Sha und Valos dem Rest der Höhle zu. Das Nest war aus Kohlestücken gebaut und drei Eier lagen darin. Ob sie die Halskette für ihre Junge brauchten? Verlieh der Schmuck ihnen ihr ewiges Leben? Haben sie deswegen darum gekämpft?
Ich schüttelte das schlechte Gewissen ab. Es ging um mehr als ein paar Phönixbabies. Wir mussten Herja stürzen und das Land von ihr befreien. Das war wichtiger und danach bekamen sie diese ja gerne zurück.
Mit einem leichten Druck bedeutete ich, Rubin zu landen, und sprang auf die noch warmen Kohlen. Mit wenigen Schritten war ich bei der Halskette. Sie bestand aus kleinen Gliedern aus Gold mit einem Amulett, in das ein Rubin eingesetzt war. Aber nicht irgendein Rubin. Es sah aus, als würde in dem Edelstein selbst ein Feuer brennen und fühlte sich unnatürlich warm an.
„Ich habe ein Armband gefunden“, rief Valos und Sha stimmte ihm sofort zu.
„Ja, hier lag ein Ring. Ich glaube, das sollte reichen.“
Ich legte die Kette um, die sich wie von Zauberhand auf meine Größe einstellte und kaum kam sie auf meiner Brust zum Liegen, erfüllte mich ein seltsames Gefühl. Mein Herzschlag verlangsamte sich und mein Atem strich eisig über meine Lippen.
„Hey! Ami! Was ist passiert?“ Panik schwang in Shas Stimme mit und ich drehte mich irritiert zu ihnen.
„Was soll los sein? Ich bin hier und hab die Kette angelegt.“ Ich verstand ihre Angst nicht. Sie rannten hastig zu mir und fielen vor mir auf die Knie. Ich blickte in ihre bleichen Gesichter.
„Du lebst, Ami!“ Überglücklich nahm mich Sha in die Arme und auch in Valos’ Gesicht kehrte die Farbe zurück.
„Warum sollte ich das nicht tun?“ Ich verstand es nicht.
„Weil du als tot angezeigt wirst. Du hast keine Lebensleiste mehr und dein Bild ist ausgegraut“, erklärte Valos ihre Reaktion.
„Als tot? Ist das der Schutz? Herja hält uns dann für tot. Aber läuft der Countdown weiter? Los, zieht eure auch an“, forderte ich sie auf. Sie tauschten einen kurzen skeptischen Blick aus, befolgten aber meine Anweisung.
Kaum legten sie den Schmuck an, ergraute ihr Bild und auf meinem Bildschirm erschien die Meldung, dass sie gestorben sein. Ihre Körper wirkten gräulicher und fast geisterhaft.
„Der Countdown. Er läuft weiter.“ Ich konnte es nicht fassen. Die Sekunden verstrichen und dennoch galten wir als tot. Wie war das möglich und konnten wir Herja so wirklich täuschen?
Eines war klar: Vor den Spielern waren wir nun sicher. Was Herja betraf, das würde sich zeigen. Aber ohne die Angriffe würde die Zeit angenehmer werden. Viel angenehmer.
Noch 37 Stunden bis wir die Waffe bekam und Herjas Stündchen geschlagen hatte. Wir würden siegen. Ganz sicher.
Danke Askhor. Vielen Dank.
Die letzten Stunden waren angenehm. Niemand griff uns mehr an und wir blieben den Städten fern. Immer wieder streiften wir durch Wälder und saßen an Ufern. Unsere Bleibe war eine kleine unscheinbare Höhle, die uns Schutz vor allzu neugierigen Blicken bot.
„Was glaubt ihr, welche Waffe werden wir bekommen? Können wir damit einfach zu Herja gehen und sie erledigen oder müssen wir weiter tricksen?“ Es waren nur noch wenige Minuten auf den Countdown und die Nervosität in unserer Gruppe stieg.
Valos drehte seine Klinge in den Händen und Shas Schatten umtanzten ihre Finger. Der Kloß in meinem Magen vergrößerte sich und wurde schwerer. Ich knetete meine Hände und sah immer wieder zu dem Eingang der Höhle. Bald war es so weit.
„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, dass es effektiv und unaufhaltsam ist. Ich will nur noch zu ihr gehen und sie für Kaeldins Tod büßen lassen.“ Hass schwang in jedem meiner Worte mit. Mein Blick fixierte weiter den Countdown, der unaufhörlich weiter ablief.
„Es wundert mich, dass es Herja nicht auffällt, dass der Countdown nicht stoppt“, zweifelte Sha. Ich zuckte mit den Schultern.
„Wer weiß, vielleicht sieht sie ihn gar nicht? Woher wollen wir wissen, dass der Countdown nicht nur für uns sichtbar ist?“
„Ja, alles möglich. Ich kann das aber nicht glauben. Herja ist schließlich die Erschafferin dieser Welt. Wieso sollte sie es dann nicht sehen?“ Sha ließ nicht ab. Sie seufzte schwer und stoppte ihre Beschwörung. Die Schatten um sie herum verschwanden. Sie fiel nach vorne zusammen. „Ich will endlich losgehen. Das Warten ist schrecklich. Wer denkt sich so eine grausame Quest aus?“
„Das weiß niemand, Sha.“ Valos zuckte. Er schob seine Klinge zurück in ihre Scheide und stand auf. Unruhig schritt er von einer Höhlenseite zur anderen. Seine dumpfen Schritte hallten von den Wänden wider und hörten sich wie das Ticken einer Uhr an. Ein erwartungsvoller Schauer erfasste mich und riss erbarmungslos an meiner Geduld.
„Bald ist es vorbei. Wir sollten uns vielleicht auf den Weg zum Questgeber machen, oder? Ist zumindest besser als hier herumzusitzen und verrückt zu werden.“ Ich versuchte, die Atmosphäre mit einem Lächeln zu entschärfen. Es misslang mir. Sha und Valos warfen mir undeutbare Blicke zu. „Was?“
„Nichts, du hast ja Recht.“ Valos nickte seufzend und wandte sich zum Höhleneingang. Wir sahen das hell leuchten Loch an, das uns zurück in diese Welt spuckte, die uns für tot hielt und somit in Ruhe ließ.
Ich kletterte auf Shas Schulter. Wir verließen zu dritt die Höhle. Valos und Sha bestiegen ihre Einhörner und ritten durch den Wald auf die Hauptstadt zu. „Ich hoffe, dass sich der Abgabeort nicht groß ändert und wir nicht ans andere Ende der Welt müssen. Das wäre peinlich.“
„Teleporter sind unser Freund, Sha. Wir kommen schon rechtzeitig an und ich glaube nicht, dass er sich ändern wird. Der Kerl klang so als würde er die Pflanze selbst entgegen nehmen“, beruhigte Valos unsere Freundin. Sofort entspannten sich ihre Schultern unter mir. Ich lächelte. Bald war dieses Abenteuer vorbei und Ion befreit.
Wir ritten durch Twilights Stadttor, als der Countdown auf null fiel. Mit einem leisen Pling tauchte das Ausrufezeichen auf unserer Karte auf. Wir hatten Recht: Es war derselbe Ort.
Sha und Valos glitten vom Rücken ihrer Tiere und riefen sie in die Flaschen zurück, um sich durch die Menge zu schlängeln. Staunen erfüllte die Luft und man wich uns ängstlich aus. Uns war klar, dass wir immer noch wie tot aussahen, aber alle wirkten gerade so als würden sie Geister sehen.
Wir begrüßten den Freiraum, den man uns damit gab, denn wir kamen dadurch schneller an unser Ziel. Das Einzige, was gerade zählte. Nur zu diesem Questgeber kommen und ihm die Blume in die Hand drücken.
„Ich bin so froh, wenn wir die Luminea nicht mehr bei uns tragen. Diese Pflanze hat so viel Schaden angerichtet.“ Shas Worte breiteten sich schwer zwischen uns aus. Ich senkte betroffen den Kopf und auch Valos‘ Miene verhärtete sich. In unseren Gedanken stimmten wir Sha zu. Ich selbst wollte diese Angst aber nicht mit meinen Worten bestärken. Wir brauchten für die nächsten Taten all unseren Mut.
Die dunkle Gasse des Schwarzmarktes breitete sich um uns herum aus. Stände reiten sich an den Hauswänden aneinander. Zwielichtige Gestalten standen hinter ihren Waren und musterten uns misstrauisch. Gedämpfte Verhandlungen drangen zu uns durch. Wir blieben nicht stehen. Unser Fokus lag auf dem Ausrufezeichen, das am Ende der Straße auf uns wartete.
Ich krallte mich fester an die Schlaufe. So fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Die Angst, dass uns ein Kampf bevorstand, befiel meine Gedanken. Ich presste die Lippen fest aufeinander, damit ich diese Befürchtung ja nicht aussprach. Shas Schultern verspannten sich unter mir weiter und ich bemerkte, dass Valos‘ Hand auf seinem Schwertgriff lag.
Schließlich kamen wir vor den Dunkelelfen zum Stehen. Er sah uns überrascht an und stellte den Erlenmeyerkolben mit der pinken Flüssigkeit zurück zu den anderen Tränken. „Es ist also kein Fehler, als mich der Ping erwischte. Ihr seid noch am Leben. Wie? Selbst Herja glaubt, dass ihr drauf gegangen seid.“
„Wir haben uns besondere Items besorgt. Aber das ist unwichtig. Hier, nimm die Pflanze und gib uns endlich die Waffe.“ Valos riss die Blüte von meinem Rücken und drückte sie dem Händler in die Hand.
„Eine Blüte? Wahnsinn. Damit lässt sich viel anfangen.“ Seine Worte erweckten in mir einen unguten Verdacht. Auch Valos und Sha erbleichten, was angesichts unserer Todesblässe fast nicht mehr möglich war.
„Wie? Anfangen? Ist sie nicht fertig?“ Sha war die Erste, die wieder ihre Stimme fand. Der Händler lächelte uns so zuckersüß an, dass es schon wieder grausam war und die unheilvolle Ahnung noch bestärkte.
„Nein, ich muss sie erst noch bauen. Die Materialien habe ich aber mittlerweile hier. Sie wurden geliefert und ich kann sofort damit beginnen. Es wird trotzdem vierundzwanzig Stunden dauern. Aber die sollten eine Kleinigkeit im Vergleich sein, oder?“ Er erwartete keine Antwort, sondern schloss seinen Laden und verschwand in dem Haus dahinter.
Wir blieben fassungslos zurück. Erneut warten und hilflos sein. Wann hörte diese Tortur endlich auf? Ich wollte nur noch Herja besiegen. Sie sollte endlich sterben. Wir wollten wieder frei sein. Vollkommen frei.
Wir ritten über die Steppen, die Twilight umringten. Erneut sollten wir warten. Immer nur warten. Es fühlte sich in diesem Moment unsagbar falsch an. Wir waren geflohen und hatten gekämpft. Einen guten Freund verloren und schwebten nun zwischen Leben und Tod.
Es fühlte sich falsch an jetzt erneut die Zeit totzuschlagen und darauf zu hoffen, dass wir nicht angegriffen wurden. Bestimmt machte die Kunde über unser Überleben schon die Runde und es war nur eine Frage der Zeit, bis es auch Herja mitbekam.
Erneut ergriff mich ein Schauer, als würden eiskalte Hände über meinen Rücken streichen. Auch Sha erschauderte unter mir und ich legte beruhigend eine Hand auf ihren Hals. Ihre Wärme kribbelte in meinen Fingern und ich lehnte mich näher an sie heran. Sha roch anders als Antje. Erdiger und dunkler mit einer süßlichen Note.
Ihre Einhörner liefen gemütlich über das Gras. Deren Köpfe wippten leicht im Takt der Schritte hin und her. Der Wind spielte mit ihren Mähnen und strich über uns hinweg. Er hinterließ auf meinen Armen eine Gänsehaut, als flüsterte er uns eine Warnung zu.
Ich hob meinen Blick und sah zum Himmel, auf dem sich dunkle Wolken versammelten. Konnte es sein? War es möglich? Die böse Vorahnung verstärkte sich als violette Blitze über uns aufleuchteten.
„Fuck! Weg hier!“ Valos schlug seinem Einhorn die Fersen in die Flanke und es sprang sofort in den Galopp. Sha folgte ihm und ich klammerte mich fester an den Riemen, damit ich nicht verloren ging.
„Wie kann das sein? Sie kann uns doch nicht mehr orten, oder?“ Sha erhoffte sich Antworten von uns, die wir aber selbst nicht kannten. Valos und ich tauschten nur einen kurzen Blick aus, bevor wir simultan mit den Schultern zuckten.
„Wir wissen es auch nicht, Sha. Aber das ist bestimmt Herja. Niemand anderes taucht so auf. Wir müssen dem Gewitter entkommen so schnell es geht.“ Ich wollte ihr keine Angst machen, aber anlügen führte auch zu nichts. Über uns kündigte sich Herja an. Daran bestand kein Zweifel. Wir mussten dem Gewitter entkommen, sonst würden wir uns ihr gegenüber sehen.
Valos und Sha trieben ihre Tiere weiter zur Eile an. Die Blitze über uns blieben und ein Donnergrollen kündigte von unserem Untergang. Vier Stunden hatte es gedauert, bis uns Herja fand. Das war nicht lange genug. Sie durfte uns nicht erwischen. Wir mussten irgendwo untertauchen.
Der Wald, der uns schon die letzten Stunden Schutz geboten hatte, tauchte am Horizont auf. Wir mussten die Höhle erreichen, dann wären wir wieder sicher. Ganz bestimmt.
Ein weiterer Blitz teilte den Himmel über uns. Dicht gefolgt von einem lauten Donnerschlag, der wie ein Peitschenhieb auf uns niederging und uns weiter zur Eile antrieb. Konnten wir es überhaupt schaffen?
Die Antwort spürte ich, bevor ich sie gedanklich begriff: Nein, unsere Flucht war sinnlos. Der nächste Blitz unterstrich meine Vermutung, indem er nur wenige Meter von uns entfernt einschlug und die Einhörner stoppte. Unter einem dunklen Grollen richtete sich Herja vor uns auf.
Ihre langen Finger zeigten in unsere Richtung und sie lächelte tödlich. „Ihr seid tatsächlich noch am Leben und ihr habt es geschafft die Luminea abzugeben. Aber jetzt ist Schluss mit eurem Spielchen. Was genug ist, ist genug. Euer Abenteuer endet hier und heute.“
Sofort rief ich Rubin aus seiner Flasche und sprang auf seinen Rücken, damit ich mich freier bewegen konnte. Wir mussten kämpfen. Das sahen auch Sha und Valos ein, die von ihren Tieren stiegen und diese zurückriefen. Valos‘ Schwert lag in seiner Hand und Schatten umtanzten Shas Körper.
„Das ist ja süß. Ihr seid wirklich der Meinung, dass ihr ohne die Luminea gegen mich gewinnen könnt. Aber gut, wenn ihr nicht mehr weglauft, dann kann ich euch leichter töten.“ Sie hauchte uns einen Kuss zu. Ich sah den Abdruck ihrer Lippen, der immer näher kam, und versuchte auszuweichen. Auch Valos und Sha sprangen zur Seite. Hoffnungslos, der Kussmund drückte sich auf meine Kehle und brannte wie Säure.
„Jetzt seid ihr auf ewig markiert. Ich mache euch noch einmal ein Angebot: Werdet meine Diener und ihr könnt friedlich weiterleben.“ Ihre Worte brannten in meiner Seele schlimmer als ihr Säurekuss auf meiner Haut. Niemals wollte ich mein Knie vor ihr beugen.
„Vergiss es!“, zischten wir drei im Chor und ihr Lächeln gefror. Das Brennen des Kusses verstärkte sich, als ihr Blick jeglichen Schalk verlor und von Mordlust erfüllt wurde. Wir waren nicht so weit gekommen, um jetzt aufzuhören.
Sha schleuderte ihre Schatten auf Herja, die sich nun um den zierlichen Körper schlangen. Valos stürzte mit einem Schrei auf sie zu. Ich folgte ihm mit meinen zwei Dolchen und auf Rubin sofort.
Schattenschritt.
Ich verschwand vor ihr und tauchte hinter ihr wieder auf. Meine Dolche gierten nach ihrem Nacken und Valos‘ Klinge blitzte vor ihr im Schein der Sonne. Herja rührte sich nicht. Unsere Klingen trafen auf ihre Haut und verloren sämtliche Substanz. Sie schmolzen in unseren Händen.
Bevor wir begriffen, was das zu bedeuten hatte, umschloss mich ihre Hand und riss mich von Rubins Rücken. Dunkelheit umschlang mich. Ihre Hitze kroch über meine Haut und ihr Duft drang tief in meine Lungen ein: Macht und Tod. Schwer und kräftig. War dies nun unser Ende?
Valos röchelte und Sha schrie unter Schmerzen auf. Mein Herz setzte aus und schlug schneller. Nein, wir durften hier nicht sterben. Nicht in diesem Moment. Wir waren so weit gekommen. Herja durfte nicht gewinnen.
Ich griff nach einem weiteren Dolch und stach nach ihrer Hand. Erneut schmolz meine Klinge dahin und verschwand zwischen Herjas Fingern. Ich konnte ihr keinen Schaden zufügen. Wie war das möglich? Was für eine Macht besaß sie?
„Es tut mir immer in der Seele weh, wenn ich so vielversprechende Kämpfer töten muss, weil sie nicht einsahen, was das Beste für sie ist. Aber ich werde keinen Widerstand gegen mich dulden. Ich habe euch alle erschaffen. Ihr seid mein Eigentum und habt mir zu gehorchen! Jeder, der gegen mich ist, hat sein Recht, hier zu leben, verwirkt. So nun auch hier.“
Eine Erschütterung ging durch meinen Körper und die Geräusche meiner Freunde erstarben. Ihr Atem in meinem Ohr verschwand mit einem letzten Stöhnen und trieb eine eisige Kälte durch meinen Körper und meine Gedanken.
Nein! Das darf nicht wahr sein! Marcel und Antje leben noch! Wir dürfen hier nicht sterben! Ich darf sie nicht in den Tod getrieben haben!
Langsam öffnete sich Herjas Klaue und ich blickte auf die leblosen Körper meiner Freunde, die im Gras lagen. Tränen drängten sich in meine Augen. „Nein. Nein. Das ist nicht wahr. Marcel. Antje. Antwortet mir bitte.“
Ich streckte meine Hand nach meinen Freunden aus. Die ersten Tränen glitten über meine Wangen und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Wie konnte es sein? Wir waren so weit und doch sollten wir scheitern?
„Steht auf. Sagt was. Irgendwas. Bitte.“ Mein Flehen fand kein Gehör. Herja lachte amüsiert auf und hob mich vor ihr Gesicht. Meine Freunde verschwanden hinter ihrem breiten Lächeln.
„Sie sind tot, Amilein. Nun sind wir zwei wieder hier und du hast dich nicht verändert. Immer noch bist du gegen mich, obwohl ich dir alles zu Füßen legen würde. Alles, was du dir wünscht, kann ich dir erfüllen. Alles, bis auf das, was du dir auch heute noch wünscht: Ich werde nicht verschwinden. Dies ist meine Welt. Meine Heimat und ich lasse sie mir nicht nehmen. Nicht von dir oder sonst irgendeinem daher gelaufenen Idioten. Es tat mir damals weh und jetzt auch wieder. Aber wir wissen beide, dass es sein muss. Irgendwann wirst du es hoffentlich verstehen.“ Sie hauchte mir am Ende ihrer Ansprache einen Kuss aufs Haar.
Ich konnte nicht antworten, denn ihre Finger schlossen sich fester um mich und zerdrückten mich. Ein gewaltiger Schlag riss mich aus dem Licht und stieß mich in eine unendliche Dunkelheit. Aus dem Leben und hinein in den Tod.
Wir haben verloren. Es tut mir leid. Marcel. Antje. Bitte verzeiht mir. Ich liebe euch. Für immer.
Die Scherben der Kette rieselten vor meinem Gesicht nieder und durchbrachen die Dunkelheit, die mich umschlang. Erfüllte sie mit Licht und nahm den Druck um meinen Körper. Mein Herz erwachte und schlug wieder kräftig in meiner Brust.
Ich war mir sicher, dass ich tot war. Der eiskalte Hauch strich über meinen Nacken. Er wollte bleiben, doch zog widerwillig weiter. Das Bersten des Goldes hallte in meinen Ohren noch nach.
Langsam schlug ich meine Augen auf. Mein Sichtfeld war verschwommen, doch mit jedem Wimpernschlag klärte es sich auf und zeigte mir einen weiten, weißen Raum in dem fünf weitere Gestalten lagen.
Die Kleinste unter ihnen fiel mir sofort ins Auge. Ihre braunen Haare, die zu zwei Pigtails gebunden waren. Dieser Anblick erweckte eine Vertrautheit in mir, die ich nur von meiner Familie und Freunden kannten.
„Wo? Wo bin ich?“ Antjes Stimme drang zu mir durch. Sie richtete sich nur einen Meter von mir entfernt auf. Ich selbst setzte mich ebenfalls hin und strich mir dabei über den verspannten Nacken.
„Sieht so das Jenseits aus? Da haben sich aber viele geirrt.“ Marcels dunkle Stimme erfüllte die unendliche Weite. Die anderen drei Gestalten rührten sich nicht. Ich erkannte sie wieder: Ami, Sha und Valos. Wieso waren sie hier? Wo ist hier?
„Das glaube ich nicht, Marcel.“ Ich schüttelte den Kopf und sah mich um, blieb aber sitzen. Es sah nicht so aus, als würde man irgendetwas erreichen, wenn man herumlief. Außerdem waren alle wichtigen Personen gerade in meiner Nähe.
„Kathi, kann es wirklich sein? Sind das tatsächlich–?“ Antje flüsterte und deutete schüchtern zu unseren Avataren. Sie kam zu mir und griff nach meinen Händen. Ihre Wärme schickte ein Kribbeln durch meinen Körper. Sie war am Leben. Keine Kälte des Todes. Wir hatten Herjas Angriff überlebt.
Wir. Aber auch unsere Charaktere? Sie lagen immer noch regungslos am Boden und ein schrecklicher Verdacht beschlich mich. Ich wollte ihn nicht wahrhaben. Es konnte nicht sein. Hatte das Item unsere Verbindung gekappt und war deswegen zerbrochen? Könnten wir einfach auf wiederbeleben drücken?
„Ich sehe keinen Button. Wo sind wir? Im Spiel? Irgendwo anders? Aber warum sind dann unsere Alter Egos hier?“ Marcel deutete auf die immer noch regungslosen Fantasywesen. Ich verstand es ja auch nicht.
„Vielleicht haben uns die Schmuckstücke getrennt und jetzt sind wir in irgendeiner Zwischendimension gefangen.“ Antje stand auf. Unsere Hände lösten sich voneinander. Sie ging einige Schritte in dem leeren Raum umher. Entfernte sich aber nie weiter als drei Schritte von uns als hätte sie Angst verloren zu gehen.
„Glaubst du Valos, Sha und Ami sind tot?“ Ich krabbelte den halben Meter zu Ami und drehte sie auf den Rücken. Ihre Augen waren geschlossen, aber ihre kleine Brust hob und senkte sich. Sie atmete also noch.
„Ami ist noch am Leben“, teilte ich meinen Freunden meine Entdeckung mit. Sofort eilten sie herbei und überprüften Sha und Valos, um meine Entdeckung zu bestätigen.
„Ja, Sha auch.“
„Valos atmet auch.“
„Das ist schon einmal gut. Dann konnte uns Herja doch nicht töten.“ Mein Blick glitt über die kleine Koboldin. Die Kette war nicht mehr da. Ihre Brust war schmucklos. Ich erinnerte mich wieder an die zerbröselnde Kette. Hatte sie wirklich den tödlichen Schmerz abgefangen? Ich konnte dies nicht glauben.
Flatternd öffneten sich Amis Augen. Kaum erkannte sie mich, lächelte sie mich an. „Kathi. Dir geht es gut.“
Sie griff nach meiner Hand und ihre kleinen Hände konnten gerade einmal einen Finger umschließen. Ihr Lächeln war echt und voller Erleichterung. Ich nickte ihr zu und erwiderte ihr Lächeln. „Ja, scheinbar. Ihr aber auch. Die Phönixkette ist aber weg.“
Kaum hörte Ami meinen letzten Satz tastete sie hektisch ihre Brust ab und seufzte schwer. „Ja, scheinbar ging sie bei Herjas Angriff kaputt. Das ist schade, aber die letzten zwanzig Stunden schaffen wir auch so.“
„Zwanzig Stunden.“ Diese Zeit breitete sich schwer im Raum aus. Kurz verfluchte ich mich in Gedanken es ausgesprochen zu haben, als ich die müden Augen meiner Kameraden sah. Wir hatten schon so viel geschafft und jetzt fehlte uns der Schutz. Konnten wir das wirklich noch durchhalten?
„Ja, aber die schaffen wir auch noch.“ Ami war voller Hoffnung.
„Du weißt schon, dass wir ohne den Schmuck gestorben wären?“ Ich verstand ihre Einstellung nicht, doch sie ließ sich von meinem Einwand nicht beunruhigen und zuckte die Schultern.
„Ja, ist mir klar. Aber ohne Kaeldin wären wir schon viel früher gestorben und ohne Askhor hätten wir die Blume nie wiederbekommen. Darum weiß ich jetzt nicht, warum das anders sein sollte?“ Sie zuckte mit den Schultern und lächelte mich weiter an.
Ihre Worte hatten einen Funken Wahrheit, doch bevor ich antworten konnte, stöhnten Sha und Valos auf. Sie richteten sich ebenfalls auf und strich sich über Kopf und Nacken. Wir sahen alle aus, als hätten wir eine üble Nacht gehabt: zerzaustes Haar, leichenblass und dunkle Augenringe.
„Wir haben tatsächlich überlebt.“ Valos strich sich durchs Haar und sah ungläubig in die Reihen. Als sein Blick auf Sha lag, stürmte Erleichterung seine Augen und er griff nach ihrer Hand. Etwas an diesem Bild störte mich, obwohl mir mittlerweile bewusst war, dass unserer Charaktere ein gewisses Eigenleben hatten, gefiel mir diese vertraute Geste nicht. Antje und Sha waren meine Freundin.
Ich schluckte jedes böse Wort herunter und hob Ami auf, um sie auf Höhe meines Gesichtes zu heben. Antje trat näher auf Sha zu und Marcel näherte sich Valos, der von der Dunkelelfe abließ und sich seinem Spieler zuwandte.
„Wo sind wir hier, Ami? Was hat das zu bedeuten?“ Ami sah sich auf meine Frage hin um und zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Diesen Ort kenne ich ... nicht.“ Sie stockte und die spärliche Farbe entwich ihr, bevor sie kräftig den Kopf schüttelte. „Nein, das kann nicht sein. Wir sind alle hier. Wir leben. Der Schmuck hat uns gerettet.“
„Was? Was ist los? Wovon sprichst du, Ami?“
„Hier in diesem Raum habe ich nach meinem Tod gewartet, dass man mich wieder ins Leben ruft. Das ist das Jenseits. Aber, wieso seid auch ihr hier? Normalerweise kommen nur Ionier hierher.“ Ami legte nachdenklich ihren Kopf zur Seite und überlegte sichtlich. Ich sah auf meine Freunde, die neben ihren Avataren standen und ihren Blick nach zu urteilen genauso viel wussten wie ich.
„Es ist egal, warum wir hier sind. Wichtig ist, wie wir jetzt weitermachen wollen.“ Valos wandte sich zu Marcel, dessen Gesicht noch mehr Farbe verlor. Seine Hände zitterten und er wich einen Schritt zurück.
„Wir wären beinahe gestorben, Valos. Da gibt es kein weiter.“ Panik schwang in Marcels Worten mit, die ich nur zu gut verstand und auch in meinem Herzen spürte. Es schlug, kräftig und sanft.
„Wir können jetzt nicht stoppen. Es sind nur noch zwanzig Stunden. Die werden wir schaffen und dann wird Herja fallen.“ Sha trat an Valos‘ Seite und erneut legten sich ihre Hände ineinander. Wie konnte das sein? Marcel und Antje waren kein Liebespaar. Daher war es Schwachsinn, dass Valos und Sha so vertraut miteinander umgingen.
„Zwanzig Stunden sind lange.“ Antje hatte ihre berechtigen Bedenken. Es war eine lange Zeit und Herja hatte uns viel zu schnell gefunden. Wir konnten keine zwanzig Stunden davonlaufen.
„Wir sind jetzt so weit gekommen und ihr habt euch tapfer geschlagen. Wir dürfen jetzt nicht aufhören, sonst war alles bis hierher umsonst.“ Ami hielt dagegen und ich begegnete ihren grünen Augen, die voller Hoffnung waren.
„Ihr ward tapfer und wir sind euch unsagbar dankbar für euren Einsatz. Aber wir dürfen jetzt nicht aufhören. Wir müssen es zu Ende bringen, damit wir uns endgültig von Herja befreien können.“ Valos ließ keinen Zweifel zu und Amis Blick wurde noch intensiver.
Ich sah ihren Dank und den unbeugsamen Willen, der bereit war auch noch ein weiteres Mal zu sterben ohne zurückzusehen. Diese Stärke stieg in meine Brust und entzündete ein Feuer, das sämtliche Angst in mir verbrannte.
„Sie haben recht, Leute. Wir sind schon so weit gekommen, da müssen wir es auch zu Ende bringen. Wir können jetzt nicht aufgeben.“ Ich suchte den Blick meiner Freunde und erkannte diese Todesangst, die auch in meinen Gedanken leise rumorte. Aber ich wollte mich ihr nicht ergeben. Sterben mussten wir alle irgendwann und wir waren so weit gekommen. So weit, dass wir es wirklich schaffen konnten.
„Kathi, ich will weder sterben, noch dich verlieren.“ Antje kam zu mir und umschlang meine Hände, in denen Ami saß. Ihre sanften Augen und die hohen Wangenknochen zogen mich magisch an. Ich kam zu ihr und stahl mir einen Kuss.
„Ich auch nicht, Antje. Weder dich noch Marcel. Aber ich will auch Ami nicht verlieren und ich weiß, dass wir es schaffen können. Vielleicht hat Askhor noch einen Tipp. Er hatte uns damals schon geholfen. Zwanzig Stunden werden wir noch schaffen. Zur Not nutzen wir die Teleporter, oder?“ Am Ende fing ich Marcels Blick ein, der mir aber beschämt auswich.
„Wir haben die Macht und wir werden euch nicht enttäuschen. Gemeinsam können wir Herja zu Fall bringen.“ Valos trat auf Marcel zu und ließ Shas Hand los. „Ich will Sha auch nicht verlieren oder Ami. Aber wir kämpfen hier für etwas Großes. Für die Freiheit unserer Welt und dagegen sind unsere Leben unbedeutend.“
„Ja, es ist eure Welt. Warum sollte ich dafür mein Leben oder das meiner Freunde riskieren? Wir könnten auch einfach ein anderes Spiel spielen.“ Marcel wich erneut vor seinem Avatar zurück, der ihn wie ein kleines Kind ansah.
„Nein, könnt ihr eben nicht. Es betrifft euch. Ihr liebt unsere Welt und vor allem uns. Wir sind verbunden und daher ist es auch euer Kampf. In zwanzig Stunden können wir Herja stürzen. Was sind schon zwanzig Stunden gegen zwei Wochen? Das schaffen wir, oder?“ Am Ende streckte Valos seinen Arm in die Mitte und sah auffordernd in die Runde.
Sha trat sofort an seine Seite und legte ihre Hand auf seine. „Valos hat Recht. Wir sind euch dankbar für euren Einsatz, aber wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Dieser Kampf wird ein Sieg. Wir werden es gemeinsam schaffen.“
Ami sprang von meinen Händen und lief zu Sha hinüber, um den Mantel zu erklimmen, und dann über den Arm auf die zwei Hände zu klettern, wo sie sich niederließ. Ihr breites Grinsen begegnete mir und in ihren Augen leuchtete ein unbrechbarer Kampfeswille. „Die zwei haben Recht. Ich werde Herjas Machenschaften nicht mehr länger dulden. Sie muss untergehen und wir haben die Mittel dazu.“
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, und suchte Rat bei Antje und Marcel, die genauso verwirrt wirkten, wie ich mich fühlte. Mein Blick fiel wieder auf unsere Charaktere, die geduldig und voller Eifer auf uns warteten.
„Wir werden es schaffen. Gemeinsam. Da bin ich mir sicher.“ Shas Stimme zitterte nicht. Valos‘ und Amis Augen leuchteten ebenfalls unter dem Siegeswillen, der in ihren Brüsten brannte, aber der mich nicht erreichte.
Es war Marcel, der als erster zu den Drei ging und seine Hand ebenfalls dazu legte. „Ihr habt Recht. Ion ist meine Heimat. Dort ist alles in Ordnung. Ich kann nicht mehr ohne ihm. Und ihr auch nicht, Kathi und Antje, wenn ihr ehrlich zu euch seid.“
Ich tauschte einen Blick mit Antje und küsste sie erneut. Wenn sie starb, dann ... ich durfte gar nicht so weit denken. Der Schmerz, der sich dabei durch meine Brust wühlte, zerriss alles andere und trieb mir Tränen in die Augen.
Es war dennoch Antje, die zu den anderen ging und mich mit sich nahm. „Wir werden aufpassen, dass keiner von uns beiden stirbt, aber wir können jetzt nicht aufhören. Habe ich Recht, Kathi? Du kannst jetzt auch nicht mehr zurück. Wir werden nicht sterben.“
Ich hätte gerne ihre Zuversicht, doch bevor ich widersprechen konnte, berührte meine Hand schon die der anderen. Ein warmes Kribbeln glitt durch meinen Körper und ich spürte eine Verbundenheit, die ich nur von Ion kannte. Dieses Gefühl zuhause zu sein.
Ami kletterte auf meine Schulter. Sha und Valos wandten sich Antje und Marcel zu. Ich begegnete wieder ihren großen Augen, die den Tod so oft sahen und dennoch nicht aufgaben. Eine Kraft, um die ich sie beneidete. Vielleicht ging sie irgendwann auf mich über.
„Wir werden es schaffen, Kathi. Gemeinsam. Nicht allein. Zusammen werden wir siegreich sein. Das verspreche ich dir.“ Sie fasste nach meinen Wangen und zog meinen Kopf zu sich, bevor sie sich auf die Zehenspitzen stellte und meine Stirn zu sich herunterzog.
Kaum berührten wir einander, durchfuhr mich eine Wärme, die mich aus dieser Welt riss und in eine neue Dunkelheit schleuderte. Eine Dunkelheit, die uns zurückbrachte. Zurück in den Krieg um diese Welt, die wir unser zuhause nannten. Eine Welt, der ich die Freiheit schenken wollte. Endlose Freiheit ...
Der Geruch von Sandelholz und Vanille drang in meine Nase ein. Mein Schädel brummte. Ich richtete mich stöhnend auf und rieb mir über die Schläfen und den Nacken. Mich empfing ein Zwielicht. Ich erkannte, dass ich neben Sha und Valos in einem Bett lag. Sie waren beide noch bewusstlos.
„Du bist wieder wach. Schön.“ Askhors dunkle Stimme zog meine Aufmerksamkeit zu ihm, der an einem Tisch in der Mitte des Raumes saß. Feni hockte an der Tischkante und tötete mich mit Blicken.
„Wo sind wir?“, fragte ich mich und blickte auf meine kleinen, dicken Hände. Ich war wieder in Amis Körper, was kein Wunder war. Schließlich stand ich Askhor gegenüber, sodass wir eindeutig wieder in Ion waren. Ich war niemals als Kathi in Ion gewesen.
„Ich hab euch regungslos in der Steppe gefunden und habe euch hierher gebracht.“ Das war nicht die Antwort auf meine Frage. Askhor sah auf seine Nägel und vermied es so mir ins Gesicht zu sehen, während mich Feni weiter fixierte.
„Das habe ich nicht gefragt. Wo hast du uns hingebracht?“ Ich stand auf und trat an den Rand des Bettes, um Askhor zu verdeutlichen, dass ich jetzt Antworten wollte und zwar vernünftige. Es war lächerlich. Er hatte sich niemals von mir bedroht gefühlt.
„Ihr seid in einer kleinen Holzhütte, die mir gehört, im Feenwald.“ Er stand auf und trat auf mich zu. „Bringt dir diese Information irgendwas? Du könntest dich auch einfach mal bedanken, dass ich euch eingesammelt habe.“
„Warum hast du das getan?“, fragte ich nach, doch Feni mischte sich sofort ein und ließ ihm keine Zeit zu antworten.
„Ja, Askhor? Warum hast du das getan? Willst du, dass dich Herja genauso köpft wie Kaeldin?“ Sie stieß sich vom Tisch ab und flog direkt vor Askhors Gesicht, dessen Lippen sich missgünstig verzogen.
„Nein, Feni, ich habe nicht vor, dass ich sterbe. Aber es gibt mehr Möglichkeiten, als das Knie zu beugen oder drauf zu gehen.“ Askhor unterstrich seine Worte mit einer aggressiven Geste. „Wir waren mal wie sie, Feni. Wir waren die Ersten, die die Luminea gestohlen haben! Einst wollten wir Ion auch befreien. Hast du das vergessen?“
„Nein, habe ich nicht. Aber ich habe auch nicht Theresas Tod vergessen“, zischte Feni Askhor an, der darauf die Augen verdrehte.
„Ja, wir haben uns damals genau deswegen für Herja entschieden, weil wir nicht sterben wollten, aber wir hatten auch damals nicht unser heutiges Wissen, Feni. Und mit diesem Wissen kann ich Ami und ihren Freunden helfen.“ Es fühlte sich unangenehm an, den beiden bei ihrem Streit zuzusehen, doch ich wollte jetzt auch nicht gehen, vor allem da Sha und Valos noch hier waren.
„Sie wird dich köpfen, Askhor und du wirst sterben, wie Theresa und Alfred.“ Es lag nur noch Angst in Fenis Stimme, doch Askhors Miene blieb verschlossen. Er verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Vielleicht wird das passieren, aber Ami und ihre Freunde haben die Blume abgegeben, deswegen sucht Herja gerade wie verrückt nach dem Kerl, der sie angenommen hat, um ihn zu töten.“ Askhor schob Feni sanft zur Seite und trat auf mich zu. „Zeig es mir, Ami. Die Waffe, die Herja stürzen wird.“
Ich schluckte trocken und sah ihn mit großen Augen an. Ja, sie kannten den weiteren Ablauf der Quest nicht, weil sie selbst schon bei den zwei Wochen abgebrochen hatten. Daher sah ich auf meine leeren Hände, die ich öffnete und schloss, bevor ich mich zu den Worten durchrang. „Wir haben sie noch nicht.“
„Was?! Willst du mir sagen, dass Herja sie euch weggenommen hat? Fuck!“ Er stampfte zornig auf und schürte den Trotz in meinen Inneren. Ich sah mich meiner Mutter gegenüber, die nicht zuhörte.
„Noch nicht, Askhor, hör mir doch zu. Der Questgeber hat die Blume entgegengenommen und gesagt, dass wir die Waffe nach vierundzwanzig Stunden holen sollen. Wir haben jetzt noch ...“ Ich sah auf den Countdown, der wie gewohnt in der rechten oberen Ecke ablief. „Noch sechzehn Stunden vor uns.“
„Was? Wieder warten? Wie sollt ihr Herja weiter entkommen? Sie wird euch töten, sobald sie merkt, dass ihr noch lebt.“ Unruhig schritt Askhor im Raum hin und her. Er strich sich immer wieder über das Gesicht und die Haare. Feni flog schließlich wieder vor ihn.
„Siehst du? Unnötige Risiken. Woher willst du wissen, dass sie es nicht vermasselt haben? Jede Sekunde, die wir länger bei ihnen bleiben, bringt uns näher an den Tod, Richard. Du hast schon ein Auge verloren. Willst du nun auch dein Leben verlieren? Lass uns endlich verschwinden“, flehte sie ihn an.
„Hast du deine Prinzipien so leicht über Board geworfen? Wir waren mal gegen Herja.“ Feni unterbrach ihn.
„Und jetzt arbeiten wir für sie.“
Sha bewegte sich neben mir und auch Valos stöhnte.
„Was? Wo bin ich?“ Sha sah sich irritiert im Raum herum und mein Herz machte einen freudigen Sprung, als auch die letzte Sorge vor dem Tod verschwand.
„Askhor hat uns gerettet und wir sind wohl in seiner Holzhütte.“ Ich krabbelte zu ihr hinüber und berührte sie liebevoll am Oberschenkel. Sofort lächelte sie mich an und hob mich hoch.
„Ja, Ami hat Recht. Ich habe euch bewusstlos in der Steppe gefunden und hierher gebracht, bevor euch noch Schlimmeres passiert. Ich hatte gehofft, dass ihr die Waffe gegen Herja schon habt. Aber, scheinbar dauert die Quest länger als gedacht.“ Sein Gesicht verzog sich zerknirscht. Er näherte sich uns nicht, sondern blieb hinter Feni stehen, die immer noch aufgebracht vor ihm herumflatterte. Feen, lästige kleine Wesen.
„Ja, wir müssen warten. Er fertigt sie erst noch an. Aber ... wir haben schon länger überlebt und vor allem dank deines Tipps auch einen weiteren Angriff standgehalten. Hast du vielleicht noch etwas oder sollen wir uns von den Phönixen Nachschub besorgen?“ Valos ergriff sofort die Chance und hoffte auf weitere Informationen.
Ich sah, wie die Hoffnung aus Askhors Gesicht wich, und kannte die Antwort schon, bevor er seinen Mund aufmachte. „Nein, es bringt auch nichts, sich noch einmal Schmuck von den Phönixen zu holen. Dieser Effekt geht nur einmal im Leben. Leider habe ich keine weitere Möglichkeit der Abwehr gefunden. Herja hat penibel darauf geachtet, dass man sie nicht stürzen kann. Daher kommt zu mir, wenn ihr die Waffe habt. Gemeinsam finden wir bestimmt einen Weg.“
Ich tauschte einen besorgten Blick mit meinen Freunden aus und hörte Fenis Zischen. „Willst du uns umbringen? Herja wird uns köpfen, wenn sie davon erfährt! Auch wenn du ein General bist, sie kennt keine Gnade. Warum opferst du uns für diese Idioten?“
„Diese Idioten, Feni, tun das, was wir damals nicht geschafft haben. Sie können zu Ende bringen, was wir begonnen haben. Willst du nicht, dass die Quest endlich abgeschlossen wird? Ich würde gerne sehen, was am Ende dann passiert.“ Er lächelte sie spitzbübisch an und sie verdrehte genervt die Augen.
„Wenn sie dich fängt, halte mich da raus, und ich werde dich auch nicht retten. Ich will damit nichts mehr zu tun haben. Gar nichts mehr, Askhor. Mach diesen Mist ohne mich.“ Feni flog davon, ohne auf Askhors Antwort zu warten. Er schüttelte nur seufzend den Kopf und trat einen weiteren Schritt auf uns zu.
„Keine Sorge, sie beruhigt sich schon wieder. Ihr habt gesagt, dass es noch sechzehn Stunden dauert, kommt danach bitte sofort zu mir und zeigt mir die Waffe. Ich will sie sehen und euch helfen, es durchzuziehen, okay? Ansonsten könnt ihr euch hier solange ausruhen, wie ihr wollt. Ich werde noch einmal mit Feni reden.“ Askhor wartete gar nicht auf unsere Reaktion, sondern verschwand aus der Tür und ließ uns in dem Halbdunkel zurück.
„Was war das?“ Valos‘ Fassungslosigkeit war auch in meinem Herzen. Ich war mir nicht sicher, von was wir gerade Zeuge wurden und was das Alles zu bedeuten hatte, doch bevor ich auf Valos reagieren konnte, sprach Sha etwas aus, was mich überraschte.
„Keine Ahnung, Valos. Aber euch ist schon klar, dass wir ihm die Waffe nicht zeigen werden, oder?“ Sie sah uns nacheinander an. Valos nickte sofort entschlossen. Ich selbst war mir da nicht so sicher. Er hatte uns erneut geholfen und jetzt sollten wir ihn ausschließen? Das klang irgendwie falsch.
„Ami?“ Sha sah mich durchdringend an und auch in Valos‘ Blick lag eine Dringlichkeit, die mich zum Handeln zwang.
„Ich weiß nicht, er hat uns doch bisher immer geholfen, oder nicht? Glaubt ihr wirklich, dass er uns verraten würde?“ Ja, früher hatte ich oft an Askhor gezweifelt und ihn als Feind angesehen, doch die letzten Spielstunden hatte er mir das Gegenteil gezeigt.
„Er ist einer von Herjas fünf Generälen!“, schrie Sha mich an. Ich hatte das Gefühl, dass dies als Argument ausreichen sollte, aber nicht für mich.
„Kaeldin war ihr Hohepriester. Er hat uns dennoch bis zu seinem Tod unterstützt. Das Argument akzeptiere ich nicht.“ Ich stemmte trotzig die Hände in meine Hüften und entlockte Valos ein Seufzen.
„Okay, aber du bist überstimmt, Ami. Er konnte uns nicht mehr helfen und er will die Waffe unbedingt sehen. Alles wirkt so krass auffällig. Bestimmt verpetzt er uns sofort. Ich traue ihm nicht. Auch wenn er uns von dem Schmuck erzählt hat. Vielleicht ist das alles nur eine Strategie um an den Questgeber heranzukommen.“ Er zuckte die Schultern.
Ich wollte Askhor vertrauen, doch meine Freunde sahen mich unüberwindbar an. Sie wollte ihm nicht trauen und somit fügte ich mich mit einer gehörigen Portion Schuld dem Willen der Mehrheit.
„Okay, wir werden Askhor nichts sagen. Versprochen.“
Wir konnten die sechzehn Stunden unbehelligt in Askhors Hütte verbringen. Kaum verstrich die letzte Sekunde, tauchte das leuchtende Fragezeichen auf der Karte auf. Wir verließen geschlossen die kleine Hütte, in der wir uns über alles Mögliche unterhielten, um die Zeit zu überstehen.
„Er ist nicht mehr in der Gasse, sondern außerhalb von Twilight und entfernt sich von der Stadt. Ob ihm Herja auf den Fersen ist? Wir sollten schauen, dass wir so schnell wie möglich zu ihm kommen.“ Valos eilte aus der Hütte und rief sein Einhorn aus der Flasche. Sha folgte ihm und ich stieg auf Rubins Rücken, um ihnen zu folgen.
Es war besser, wenn wir getrennt reisten. Wir wussten nicht, was uns bei dem Questgeber erwartete. Wir trieben unsere Tiere an und Rubin gab alles, dass ihn die Einhörner nicht abhängten. Seine kleinen Flügel zeigten mir meine eigenen Nachteile, vor denen ich gerne die Augen verschloss. Wir blieben hinter ihnen und schafften es, nicht verloren zu gehen.
Das Fragezeichen kam immer näher und wir trieben unsere Tiere weiter an. Herja durfte nicht vor uns bei dem Dunkelelf ankommen. Wir mussten die Waffe entgegen nehmen und diese Quest beenden. Ion baute auf uns.
„Werden wir es schaffen?“ Sha klang besorgt. Dunklen Wolken verdunkelten den Himmel und am Horizont tauchte ein Reiter auf. Laut Karte musste es der Questgeber sein, der rasend schnell auf uns zukam. Donner grollte und Blitze zuckten über den Himmel. Die Wolken kamen uns nicht näher, sondern bewegten sich in eine andere Richtung. Wir hatten eine Schonfrist. Nur wie lange?
„Ja, sie sucht woanders.“ Valos deutete in den Himmel. Sie trieben ihre Einhörner weiter an. Rubin und ich fielen zurück, doch wir gaben nicht auf, sondern flogen weiter mit aller Kraft, die wir hatten. Das leuchtende Fragezeichen zeigte uns deutlich, dass wir den richtigen Charakter vor uns hatten.
„Ihr lebt?“, begrüßte er uns. Die Einhörner tänzelten unter dem abrupten Stopp und schnaubten. Rubin umkreiste die Elfen. Am Sattel hatte er mehrere Taschen und seine Gestalt war mit einem Umhang verhüllt. Ohne das Fragezeichen wären wir an ihm vorbeigeritten.
„Ja, wir hatten Hilfe.“ Valos verschwieg Askhor. Ich war ihm dankbar dafür, schließlich wussten wir nicht, wie loyal er war, wenn ihm Herja sein Leben für Informationen versprach.
„Hilfe? Interessant. Ich hab euch für tot gehalten und schon überlegt, ob ich aufhöre, doch der Countdown lief weiter und somit habe ich brav weitergemacht. Zum Glück, sonst wäre das jetzt peinlich geworden.“ Der Dunkelelf lachte auf und griff in eine kleine Satteltasche vor seinem Knie. Herauskam eine Halskette, die violett schimmerte und einen Anhänger in Form der Blüte hatte.
„Schmuck? Das ist die Waffe? Lehrt sie uns eine bestimmte Technik, wenn wir sie anlegen oder schießt sie Laserstrahlen?“ Valos nahm sie skeptisch entgegen und drehte sie in der Hand. Ihr Schimmern erinnerte mich an die Luminea. Ob der Anhänger anders aussah, wenn wir einen anderen Teil der Pflanze gebracht hätten?
„Nein, nicht ihr müsst sie anziehen, sondern Herja. Sie wird ihr alle Kräfte rauben, damit ihr sie töten könnt.“ Der Questgeber sah nervös über die Schulter und lächelte gequält. „Wenn das nun erledigt ist, bin ich auch wieder weg. Herja sucht mich und ich hab keine Lust, mein Leben zu verlieren. Viel Erfolg euch.“
Er ließ uns nicht einmal Zeit noch etwas zu sagen, sondern trieb sein Einhorn wieder an und stürmte davon. Valos überreichte die Halskette an Sha, die sie ebenfalls musterte. Ich umflog meine Freunde weiter und musterte das Item. Wie sollten wir Herja dazu bringen, dass sie die Kette anlegte?
„Die Quest wird immer unmöglicher. Ich dachte, dass wir jetzt zu den Wolken reiten könnten und einen gewaltigen Angriff auf Herja abfeuern. Aber das da–.“ Valos zischte und deutete genervt auf das Schmuckstück. „Ist doch bescheuert. Herja wird es nie anlegen. Warum sollte sie auch? Sie weiß, dass wir ihre Feinde sind und bestimmt nicht ihre Diener werden. Wir haben zweimal abgelehnt. Nie wird sie glauben, dass wir unsere Meinung geändert haben.“
Sha überreichte mir die Kette und Valos‘ Blick wanderte zu mir. Von diesem Schmuckstück ging eine starke Macht aus. Es pulsierte in meinen Händen und erinnerte mich an das Knistern in der Luft, wenn Herja auftauchte. Ich schluckte und strich über die feinen Glieder, die je nach Lichteinstrahl silbern, violett oder sogar blau leuchteten. Der Anhänger verriet sofort, was das für eine Kette war. Herja war nicht dumm.
„Ich hatte auch auf ein Schwert, einen Stab oder eine Rolle, die uns eine nützliche Technik lehrt, gehofft. Aber nein, wir haben nur eine Kette.“ Sha verzog ihre Lippen. Ich gab die Kette zurück an Valos, der sie einsteckte. Er war ein Nahkämpfer und hatte auf Grund seiner Größe die höchste Wahrscheinlichkeit, dass er sie Herja umlegen konnte.
„Wie wollen wir sie ihr anlegen?“ Ich sah meine Freunde fragend an. Sie wollten ohne Askhor auskommen. Ich hätte ihn jetzt gefragt. Der Donner entfernte sich immer weiter und nahm die Bedrohung mit sich.
„Keine Ahnung, das weiß ich nicht.“ Valos zuckte mit den Schultern und senkte den Blick. Sha schwieg und tat es ihm gleich. Ich hob skeptisch eine Augenbraue.
„Wollt ihr jetzt aufgeben? Wir sind so weit gekommen und es gibt eine Möglichkeit. Das wisst ihr, oder?“
Sie vermieden es weiterhin, mich anzusehen. Ihre Hände lagen zu nah beieinander, ohne sich zu berühren. Ein Stich glitt in meine Brust und ich erinnerte mich an den zärtlichen Umgang zwischen Valos und Sha. Ihre Charaktere liebten sich. Ging das allmählich auf Marcel und Antje über? Verlor ich sie?
„Was spricht dagegen? Wir sollten Askhor fragen und ihn um Hilfe bitten. Entweder es bringt uns vorwärts oder wir müssen weitersuchen. Wir haben nichts zu verlieren“, appellierte ich noch einmal für meinen alten Gegenspieler. Valos und Sha seufzten. Ihre Blicke blieben weiter gesenkt.
„Wir können alles verlieren, wenn er uns in eine Falle lockt, Ami. Wieso verstehst du das nicht?“ Sha hob ihren Blick und ich zitterte unter der Angst, die in ihren Augen wütete. „Ja, er hat uns geholfen, aber was macht dich so sicher, dass er es nicht in Herjas Namen tat? Vielleicht ist es ein Plan, um uns an Herja auszuliefern. Diese Option lässt du immer mehr außer Acht, Ami. Warum?“
Ich stockte. Valos sah mich ebenfalls abwartend an und erhöhte den Druck weiter, mich mit meinen Gefühlen für Askhor zu beschäftigen, derweil kannte ich die Antwort schon längst. „Weil ich seine Reaktion auf Kaeldins Hinrichtung sah. Das war kein Theater. So gut kann niemand spielen. Er hat die Nase voll von Herja. Außerdem habe ich einen Streit von Feni und ihm in der Hütte mitbekommen.“
„Ach, der Streit.“ Valos hob den Sarkasmus mit Anführungszeichen in der Luft hervor und musterte mich streng. „Das war kein Streit, Ami. Bestimmt war es ebenfalls Fake, um uns zu täuschen. Du kannst Askhor nicht vertrauen. Er ist einer der fünf Generäle.“
Schon wieder dieses Argument, das mir ein abwertendes Zischen entlockte. „Kaeldin war Hohepriester. Das greift nicht. Askhor hat uns geholfen und mir sogar öfters. Er hat mich damals aus dem Gefängnis geholt und vorhin hatte er uns eingesammelt. Warum könnt ihr ihm nicht vertrauen?“
Sha und Valos tauschten einen Blick aus und in mir erwachte eine unangenehme Vermutung. Ich wollte sie nicht hören und als hätten sie meine Gedanken gelesen, lächelten sie mich zerknirscht an.
„Okay, ich werde mit der Kette ihm fernbleiben und entweder gehst du alleine Ami oder mit Sha zusammen. Ich werde auf die Waffe aufpassen.“ Er zischte und zog sein Einhorn in einen Rückwärtsschritt, um sich ein Stück von uns zu entfernen. Mein Blick wanderte zu Sha, die mir mit einem traurigen Lächeln begegnete.
„Tut mir leid, Ami. Ich vertraue Askhor auch nicht. Du musst es, wenn dann alleine tun. Alleine hast du auch bessere Chancen zu entkommen. Ich werde aber immer in deiner Nähe bleiben, sodass ich im Notfall eingreifen kann.“ Ihre Ablehnung schmerzte, weil sie mir zeigte, dass ihr eigenes Leben ihr wichtiger war als mein eigenes.
Ich hatte es zwar vorgeschlagen, doch sich dieser Aufgabe nun alleine gegenüber zu sehen, schmerzte. Wollten sie mich nicht schützen? Warum nicht? War ich ihnen nicht mehr wichtig?
Ich schüttelte den Gedanken ab. Wir waren besten Freunden. Niemals waren wir einander egal. Wir hatten immer zusammen gespielt und auch jetzt blieben sie in meiner Nähe. Das war das Einzige, was wirklich Sinn ergab. Sodass ich nickte und ihren Vorschlag hiermit annahm. Ich würde Askhor fragen und ihnen beweisen, dass er auf unserer Seite war. Ja, das war er. Ganz bestimmt ...
Ich flog mit Rubin an Askhors Fenster und sah hindurch. Das Zimmer dahinter war leer. Ich landete auf dem Fensterbrett und stieg von Rubins Rücken. Vorsichtig schritt ich an das Glas und drückte mein Gesicht dagegen. Der Raum dahinter blieb leer.
„Askhor. Wo bist du?“ Ich drehte mich um. Mein Blick glitt über Herjas gewaltiges Schloss. Unter mir herrschte reges Treiben. Askhor sah ich unter ihnen nicht. Wo war der Nephilim bloß? Sonst klebte er mir immer an den Fersen, aber wenn ich ihn suchte, tauchte er nicht auf.
Ich hatte ihm schon eine Nachricht im Chat geschrieben. Es kam bisher keine Antwort und schürte einen dunklen Verdacht in mir. Was wenn Herja ihm auf die Schliche gekommen war? Was sollten wir tun?
Feni ...
Ich erschauderte bei dem Gedanken an die Fee. War sie meine einzige Chance? Diese Option wollte ich nicht akzeptieren und schüttelte sie ab.
Ich schickte Askhor eine Freundschaftsanfrage, in der Hoffnung, dass er sie annahm, und ich besser mit ihm kommunizieren konnte. Es geschah nichts. Meine Anfrage blieb unbeantwortet und das ungute Gefühl in meiner Brust wuchs. Wir durften nicht noch jemanden an die Göttin verlieren.
„Did you hear that? Besides the high priest, one of the generals is also said to have been killed.“ Ich spitzte meine Ohren und kletterte auf Rubins Rücken. Leise flog ich näher an die zwei Dunkelelfen, die das Haupttor bewachten.
„Really? Already dead? I’ve heard something about exile. But everyone’s going crazy over this flower anyway. I wonder where the three of them are hiding now. Herja claims they’re dead, but the game still feels different.“ Die weibliche Dunkelelfe sah auf ihre Hände und ihr männlicher Gegenpart nickte.
„You’re right about that. I don’t like what’s happening here. Maybe we shouldn’t play for a while, Nellie? There are final exams coming up anyway and I should be studying.“ Sie schwiegen und ich flog über sie hinweg. Askhor sollte gefangen sein? Das konnte ich nicht glauben. Askhor war viel zu stark und zu gerissen dafür.
Mir blieb nichts anderes übrig als Feni zu suchen. Mein Magen drehte sich bei dem Gedanken schmerzhaft herum. Valos und Sha waren online. Ich hörte ihren Atem in meinen Ohren.
„Askhor ist nicht da.“ Gab ich meine Erkenntnis weiter, „scheinbar hat ihn Herja erwischt.“
„Was willst du jetzt tun, Kathi?“ Antjes Stimme zitterte.
„Ich weiß es nicht. Am besten wohl Feni suchen. Sie ist die Einzige, die neben Herja die Wahrheit kennt.“ Egal wie oft ich diese Option aussprach, sie wurde nicht besser.
„Feni hasst dich, Kathi. Die wird dir nichts sagen. Das kannst du voll knicken.“ Marcels Worte waren mir selbst bewusst, aber ich hatte keine andere Wahl. Sie war unsere einzige Chance.
„Ich muss es zumindest versuchen. Sollte es nicht klappen, kann ich mir immernoch einen anderen Weg überlegen. Ich mag Feni genauso wenig, aber wir sind jetzt schon so weit gekommen.“ Ich flog mit Rubi weiter über das Schloss hinweg auf der Suche nach der Fee, die mir bisher immer Probleme bereitet hatte.
„Wir sollten aufhören, Kathi.“ Antjes Worte waren leise. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich nicht verhört hatte.
„Warum? Wir sind so weit gekommen und können die Quest bald beenden.“ Ich verstand ihre Einwände nicht.
„Es wird zu gefähr–.“
„Da ist Feni. Ja, vielleicht. Antje, wir reden später darüber. Ich muss die Fee erwischen.“ Ich wollte nicht erneut hören, dass DoF für uns verloren war. Dieses Spiel bedeutete uns alles und ich wollte es wieder zu einem Ort für uns machen.
Ich flog mit Rubin auf Feni zu und stoppte direkt vor ihr. „Feni. Weißt du, wo Askhor ist? Ich brauche seine Hilfe.“
Feni zuckte überrascht zurück. Sie funkelte mich wütend an und zischte. „Warum sollte ich dir das sagen? Du bringst nur Ärger. Verpiss dich einfach.“
Sie wandte sich ab und flog an mir vorbei. Ich ließ sie nicht und stellte mich ihr wieder in den Weg. „Askhor wollte uns helfen. Wir haben die Waffe und brauchen seine Hilfe. Hör auf, so stur zu sein, Feni.“
Ich wich dem Feuerball in letzter Sekunde aus. Die Hitze versengte vereinzelte Haare und ihr verbrannter Geruch stieg in meine Nase. „Spinnst du, Feni? Warum greifst du mich an?“
Keine Antwort, sondern ein Eiszapfen schnitt den Stoff an meiner Schulter auf. Ich begegnete ihren zornigen Augen, die feucht glänzten. Eine Windböe erfasste Rubin und schleuderte ihn durch die Luft. Alles drehte sich um mich herum. Ich klammerte mich verzweifelt an den Sattel fest. Wenn ich fiel, zerschellte ich am Boden.
„Feni! Wir brauchen Askhor! Ohne ihn können wir Herja nicht stürzen!“ Verzweifelt versuchte ich, zu ihr durchzukommen. Sie fauchte mich hasserfüllt an und schleuderte einen weiteren Feuerball in meine Richtung. Rubin tauchte unter ihm hindurch. Ich zog meine Dolche. Wir drängten auf sie ein. Eine Windböe hielt uns auf Abstand. An sich wollte ich sie auch nicht angreifen. Ich brauchte ihre Hilfe. Sie wusste bestimmt, was mit Askhor passiert war.
„Wenn wir jetzt aufhören, dann ist Kaeldin umsonst gestorben. Also, Feni, bitte, sag mir, wo ich Askhor finden kann.“ Die Wut verrauchte und sie jammerte herzzerreißend auf. Tränen rannen über ihre Wangen und ihre Hände zitterten.
„Man hat ihn weggebracht. Herja wird ihn wegen Hochverrat hinrichten und das nur wegen euch! Ich habe ihm gesagt, dass er sich raushalten soll! Aber er wollte nicht hören. Jetzt wird Herja auch ihn töten. Wie alle anderen davor.“ Feni starrte auf ihre Hände. „Dann bin nur noch ich da. Ich alleine. Wird sie mich auch töten?“
„Keine Sorge, Feni. Wir werden Askhor befreien. Er wird nicht sterben“, sprach ich ihr Mut zu. Ihr verzweifeltes Lachen zerschlug meine Worte eiskalt und sie schüttelte erschöpft den Kopf.
„Nein, niemand kann ihn befreien. Er wird streng bewacht. Bis zur Hinrichtung kommt niemand an ihn heran. Nicht einmal ich.“
„Dann werden wir ihn bei der Hinrichtung befreien. Askhor wird nicht sterben, das verspreche ich dir, Feni.“ Ich lächelte sie an und kam ein wenig näher. Sie erwiderte es und nickte dankend.
„Hey, Leute. Askhor wurde gefangen und soll hingerichtet werden. Feni meinte, dass die Bewachung zu krass ist. Wir können ihn höchstens kurz vor der Hinrichtung befreien. Das schaffe ich aber nicht allein. Seid ihr dabei?“, wandte ich mich an meine Freunde.
Stille.
Ich hörte nur ihre Atmung und alleine deswegen blieb ich ruhig. Sie sollten alle Zeit der Welt haben. Es ging hier um mehr als ein Spiel. Es ging um unser Leben.
„Was sagen sie?“ Feni sah mich mit großen Augen an. „Nur zu zweit werden wir es nicht schaffen.“
„Das weiß ich, Feni. Sie überlegen noch.“ Ich winkte ab.
„Du weißt, was du von uns verlangst, Kathi, oder?“ Marcel fand als Erster Worte und ich nickte betroffen.
„Ja, das weiß ich. Wir brauchen Askhor. Er hat viel Wissen“, drängte ich sie.
„Er kommt an Herja nicht mehr heran. Sie weiß, dass er mit uns unter einer Decke steckt“, warf Antje ein. Ich musste ihr zustimmen, aber ich wollte nicht so leicht aufgeben.
„Er hat uns geholfen. Wir sind es ihm irgendwie schuldig“, flehte ich und lauschte dem Schweigen in der Leitung. Nur ein leises Tastaturklicken war zu hören. Sie schrieben miteinander, um mich auszuschließen. Ein Stich fuhr durch meine Brust und ich sah die ineinanderliegenden Hände von Sha und Valos vor meinem Auge. Liebte mich Antje noch?
Sie diskutierten lange schriftlich. Feni wimmerte neben mir und zitterte weiter. Ihre großen Augen und die Tränen, die tiefe Furchen in ihr Gesicht zogen, verleiteten mich zu einem Lächeln. „Es wird alles gut.“
„Okay, Kathi, wir sind dabei. Ich hoffe, dass es sich lohnt und wir es alle überstehen.“ Marcel gab mir ihre Entscheidung mit. Ich sehnte mich nach Antjes Stimme, doch lächelte darüber hinweg und teilte Feni die Entscheidung mit. Eine bodenlose Erleichterung stürmte sie und ein hörbarer Seufzer riss einen Stein von ihrem Herzen.
„Danke. Danke. Ich werde euch helfen, so gut ich kann. Versprochen. Zusammen schaffen wir es bestimmt.“ Sie schüttelte meine Hand und flog davon. Ich blieb auf Rubins Rücken zurück und lauschte wieder der Stille in meinem Kopfhörer. „Freunde? Ist alles okay? Antje?“
„Ja, es ist alles okay, Kathi. Ich bin raus für heute. Wir sehen uns morgen.“ Marcel loggte sich aus. Antje schwieg weiter und mein Herz schlug schwer in meiner Brust, während ich ihrem zittrigen Atem lauschte.
„Antje?“, flüsterte ich ihren Namen. „Ich liebe dich, das weißt du, oder?“
„Ja, Kathi. Ich weiß es. Ich ... liebe dich auch. Wir sehen uns morgen. Es ist schon spät. Tschüss.“ Mit einem kurzen Ton teilte mir das Programm mit, dass auch Antje gegangen war. Ich war alleine und starrte über Herjas Burg hinweg. Mit einem Schenkeldruck lenkte ich Rubin von hier fort und loggte mich ebenfalls aus dem Spiel aus. In der Hoffnung der Schwere zu entkommen. Sie blieb und entzog mir die Zuversicht, die ich dringend brauchte.
Morgen sah alles besser aus. Wir waren Freunde und Freunde halfen einander. Immer.
Ich liebe dich ...
Die Hinrichtung fand in nicht einmal einer Stunde statt und wir trafen uns an der Stadtmauer. Valos und Sha sahen blass aus. Mein eigener Magen verknotete sich ebenfalls. Hier ging es um so vieles. Wir durften nicht versagen.
Der Sturm der Besucher riss nicht ab. Immer mehr Spieler drängten in die Stadt. Ich war mir nicht sicher, ob man uns nicht erkannte, bevor wir überhaupt in Askhors Nähe kamen. Unsere Gesichter hingen wochenlang an allen Wänden. Wir waren das Ziel von so vielen Spielern gewesen.
„Die Hinrichtung ist bald. Habt ihr einen Plan?“ Feni flatterte vor uns und knetete nervös ihre Hände. Immer wieder glitt ihr Blick über die einströmende Masse.
„Nicht wirklich. Wir hatten keine Zeit zum Planen.“ Ich lächelte beschämt. Valos und Sha schwiegen.
„Was? Wie hast du dir das jetzt vorgestellt? Ihr könnt doch nicht einfach hinein stürmen und auf das Beste hoffen!“ Feni explodierte. Sha unterbrach sie.
„Warum denn nicht? Niemand rechnet damit, dass wir auf unseren Reittieren hineinstürmen und Askhor befreien. Man vermutet eher einen heimtückischen Akt, oder nicht? Mit einem offenen Angriff wird Herja nicht rechnen, weil sie glaubt, dass es sich niemand traut.“
Shas Worte klangen logisch und es war besser als eben nichts. Wir sollten es versuchen. Auf die Schnelle fiel uns eh nichts besser ein, wenn wir ehrlich waren. Es war ja nur unser Leben, das hier auf dem Spiel stand.
Ich legte meine Hand auf die Kette, die in meiner Brusttasche steckte. Sie war alles, was wir hatten und unsere einzige Hoffnung gegen Herja zu bestehen. Wir brauchten Askhor für unsere nächsten Schritte. Davon war ich überzeugt.
„Ja, wir sollten es versuchen. Feni, kannst du uns Bescheid geben, wenn die Hinrichtung beginnt und man Askhor auf das Schafott führt? Dann sollten wir losstürmen, oder Leute?“ Ich suchte bei meinen Freunden nach einer Zustimmung.
Ihre Augen flackerten und ihre Hände zitterten. Sie trugen die gleiche Angst in ihren Herzen, die auch durch meinen Geist wirbelte. Wir hatten es noch nie gezielt mit Herja aufgenommen und erst recht keinen Angriff gegen ihre Generäle gestartet.
„Wir schaffen das“, sprach ich uns Mut zu und bekam ein Nicken. Zögerlich, aber es war da. Ich streckte meine Hand nach vorne und lächelte in die Runde. „Einer für alle.“
Valos‘ und Shas Hand kam dazu. Das Lächeln auf ihren Lippen wurde wärmer. „Und alle für einen.“
Dieser Satz von den beiden erfüllte mich mit Wärme und Zuversicht. Wir werden diesen Sturm meistern. Gemeinsam. Wir werden siegreich sein.
Feni flog nach oben. Valos und Sha stiegen auf ihre Einhörner, die unruhig tänzelten. Ich selbst saß schon auf Rubins Rücken und streichelte seine rote Flanke. Er zitterte unter mir. Mutspendend tätschelte ich seine Schulter und sah zu Feni hoch.
Die Besucher nahmen langsam ab, dafür drang ein undurchdringlicher Lärm aus dem Stadttor heraus. Ich tauschte mit meinen Freunden Blicke aus und erkannte ihre Angst dabei. Eine Angst, die auch in meinem Herzen zuhause war, aber ich wollte mich von ihr nicht lähmen lassen. Jetzt zählte jede Sekunde.
„Jetzt! Sie führen ihn rein!“ Fenis Ruf löste unsere Verbundenheit. Wir stürmten los in die entstehende Stille. Shas und Valos‘ Pferde schlugen sich erbarmungslos durch die Zuschauer. Ich flog mit Rubin über das Chaos hinweg. Es waren noch mehr da als damals bei Kaeldin.
Unter den ersten Schmerzensschrei wichen die Anwesenden zurück und entkamen den tödlichen Hörnern und Hufen. Valos hielt seinen Bogen im Anschlag und schoss die ersten Pfeile auf Herjas Wachen. Von Shas Finger streckten sich Schatten über alle und trieben sie zur Seite oder in die Knie.
Ich selbst hielt meine Dolche in den Händen und wehrte die Pfeile ab, die für mich oder meine Freunde bestimmt waren. Wir würden siegreich sein.
Meine Zuversicht stieg, als der erste Feuerball in die Masse einschlug und die Panik endgültig ausbrach. Die Zuschauer rannten an uns vorbei in Richtung Stadtausgang. Herjas Folgschaft stürmte uns entgegen. Direkt in Fenis Eiszapfen hinein. Mit gurgelnden Lauten sanken sie nieder.
Herja erhob sich von ihrem Thron und trat uns entgegen. „Das sind die Verräter! Fangt sie! Tot oder lebendig! Bis auf die Koboldin. Sie will ich lebend.“
Ihre langen Krallen zeigten direkt auf mich. Ein Schauer jagte durch meinen Körper. Ich entzog mich ihren roten Augen und fixierte mich auf Askhor, der gefesselt in der Mitte des Podestes stand. Hinter dem Baumstumpf, auf den er geköpft werden sollte. Das Holz war noch dunkel verfärbt: Kaeldins Blut.
Shas uns Valos‘ Blicke brannten auf meinen Rücken. Sie waren bei mir. Niemals war ich wirklich alleine. Ein Klirren brach hinter mir aus. Shas Flüche hallten in meinen Ohren nach. Ich tauchte unter einem Klingenhieb durch. Rubin vollzog eine Rolle. Ich klammerte mich verzweifelt an seinem Rücken fest. Nicht herunterfallen. Ich musste im Sattel bleiben.
Mein Blick fixierte weiter Askhor, der meinem begegnete. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Der Kampflärm fiel hinter mir zurück. Was war mit Valos und Sha?
Askhors intensiver Blick verhinderte, dass ich mich umdrehte und nach ihnen sah. Ich musste weiterdrängen und ihn befreien. Wenn ich seine Fesseln gesprengt hatte, war die Mission geglückt.
Ein Blitz schlug knapp neben mir ein. Meine Haare stellten sich auf und meine Muskeln verkrampften schmerzhaft unter dem elektrischen Impuls. Rubin sank für einen Herzschlag herab. Er fing sich sofort wieder und flog weiter auf Askhor zu.
„Das nächste Mal treffe ich einen deiner Freunde, Ami. Du solltest diesen Schwachsinn lassen.“ Herja deutete immer noch auf mich – nein, ihre Finger zeigten auf Sha. Eiskalt rann die Erkenntnis meine Wirbelsäule entlang und riss mein Blut mit sich. Ein taubes Kribbeln legte sich über meinen Körper.
Askhors Augen weiteten sich. Ich traute meinen Augen nicht, als sich Askhor mit einem Schrei erhob und seine Ketten selbst sprengte. Mit einem kraftvollen Hieb schlug er Herja ins Gesicht. Sie fiel von ihrem Thron. Er breitete seine Flügel aus und stieß sich kraftvoll in die Lüfte ab.
Sein Schatten warf sich über mich. „Schnappt ihn! Lasst den Verräter nicht entkommen! Fangt ihn ein! Sein Blut soll heute vergossen werden! Niemand hintergeht mich ungestraft!“
Askhor floh nicht. Er legte seine Flügel an und stürzte in den Kampf hinab. Seine kräftigen Armen risse Elfen und andere Nephilim von den Beinen. Ich selbst wendete mit Rubin.
„Ihr entkommt mir nicht. Dieses Mal entkommt ihr mir nicht.“ Herjas Drohung legte sich eiskalt über uns. Mit einem hektischen Winken animierte ich meine Freunde zum Rückzug. Valos behauptete sich gegen zwei Krieger und Sha hielt mehrere Magier mit ihren Schatten gefangen. Askhor griff die Bogenschützen in den Fenstern mit bloßen Händen an.
„Ihr. Entkommt. Mir. Nicht.“ Die vier Worte breiteten sich wie giftiger Nebel aus. Sha erstarrte vor meinen Augen. Ihre Augen weiteten sich und ihre Schatten verschwanden. Sie wurde in die Höhe gehoben. Ihre Arme eng an den Körper gepresst.
„Antje!“, rief ich ins Headset. Ich hörte ihr Röcheln und Marcels Angst.
„Antje, was ist los? Logg dich aus! Los, Ami, wir auch!“ Marcels Aufforderung trieb meinen Blick in die rechte obere Ecke. Der Button war weg. Ich konnte ihn nicht mehr drücken, sondern nur auf Rubins Rücken weiter in Richtung Sha und Valos stürmen.
Sha raste an mir vorbei in Herjas Arme. Antje schwieg. Panisch riss ich Rubin herum, doch Askhor stoppte mich. Er fing mich mit meinen Feendrachen ab und stürzte in die andere Richtung. „Wir kommen jetzt nicht an sie heran. Aber wir werden sie befreien. Das verspreche ich. Jetzt müssen wir uns zurückziehen. Los, Valos, Rückzug.“
„Antje.“ Marcels Flehen blieb in meinem Ohr, genauso wie Antjes Atem. Sie lebte. Die Frage war nur, für wie lange.
„Nein, wir müssen sie retten!“, begehrte ich auf. Askhor ließ mich nicht gehen und nahm mich mit. Hinaus aus der Stadt. Weg von Sha. Weg von Antje, die weiterhin schwieg. Egal, wie oft wir sie ansprachen, bis auch das verstummte und wir jeglichen Kontakt zu Antje verloren.
Wir werden dich retten ...
„Wir müssen Sha retten!“, schimpfte ich. Askhor hielt mich immer noch fest und trat in seine Hütte ein. Valos und Feni folgten ihm. Er schlug die Tür hinter ihnen zu und setzte mich auf den Tisch ab.
„Niemand hat etwas anderes behauptet, Ami. Aber im Moment können wir sie nicht retten.“ Askhors Worte wiederholten sich. Ich knurrte und trat auf Valos zu, der seinen Blick zu Boden gesenkt hatte.
„Komm, Marcel, lass uns Antje befreien. Wir schaffen das auch alleine.“ Ich trat bis an den Rand des Tisches, stieß meinen Enterhaken in das Holz und warf das Seil hinunter. Gerade wollte ich mich abseilen, da griff mich Askhor erneut und hob mich wieder auf den Tisch hoch.
„Nein, ihr schafft es gerade nicht. Ihr könnt nicht nur zu zweit in Herjas Schloss stürmen. Wir müssen darauf warten, dass sie sie herausholt, ja? Lass uns lieber auf die Waffe konzentrieren. Wenn wir Herja schwächen, ist auch Sha sicher.“ Askhor appellierte weiter an meine Vernunft. „Was hat euch der Questgeber überreicht? Womit können wir Herja angreifen?“
Ein abfälliges Zischen drang über Valos‘ Lippen. „Angreifen. Lächerlich.“
Askhor hob irritiert eine Augenbraue und sah nur kurz zu Valos, bevor sein Blick wieder auf mir lag. Ich senkte betroffen meinen Blick und griff in meine Brusttasche, um die Halskette herauszuholen. „Das ist die Waffe.“
„Was? Willst du uns verarschen, Koboldin?“, Feni stürzte auf mich herab und riss mir das Schmuckstück aus den Händen. „Was sollen wir damit tun? Sie erwürgen? Das hält die Kette nie aus! Ich hab es dir gesagt, Askhor! Das bringt uns nur den Tod! Wir sollten uns bei Herja entschuldigen und auf Gnade hoffen.“
„Nein, ich werde nicht gehen.“ Sein Blick lag weiter auf mir. Er nahm Feni die Kette aus der Hand und überreichte sie mir wieder. „Was sollen wir mit der Kette tun? Hat es der Questgeber gesagt?“
„Wir müssen sie ihr umlegen–.“ Fenis hysterisches Lachen unterbrach mich. Hilfesuchend schaute ich auf Valos, der weiter schweigend neben der Tür stand und zu Boden starrte. Sein Gesicht war weiß und Marcel schwieg in meinem Ohr. Ihr hörte nur seinen Atem.
„Und wie stellt ihr euch das vor? Wollt ihr zu Herja gehen, sie um Vergebung bitten und es ihr als Geschenk überreichen?“ Fenis Idee klang nicht schlecht, doch Askhor schüttelte den Kopf.
„Sie merkt es sofort. Hast du es nicht gespürt, Feni? Die Kette blockiert unsere Kräfte. Außerdem strahlt sie eine bedrohliche Aura aus. Das durchschaut Herja sofort.“ Er verschränkte seine Arme vor der Brust und verlagerte sein Gewicht auf ein Bein.
„Wir müssen sie ihr aber umlegen.“ Ich senkte die Hand mit der Kette. In Valos erwachte Leben und er eilte auf den Tisch zu.
„Nein! Wir müssen Antje befreien! Die Kette ist doch scheiß egal! Wichtiger ist Antje!“
„Siehst du, Askhor? Sie wollen Herja nicht mehr stürzen. Wir sollten schauen, dass wir verschwinden, bevor Herja uns doch noch kalt macht.“ Feni deutete auf die Tür. Askhors Blick ruhte weiter auf mir. Ich selbst sah in Valos‘ verzweifeltes Gesicht. Es war nicht nur die Sorge um eine Freundin, sondern ich fand den Schmerz der Liebe in seinen Augen.
„Nein, Feni. Du kannst gerne gehen. Ich werde bleiben. Es wird Zeit, dass die Quest endlich beendet wird.“ Askhor löste seine Augen nicht von mir. Ich steckte die Kette wieder in die Brusttasche und trat zu Valos. Meine Hände legte ich auf seine und drückte sie, so gut es ging.
„Ich will Antje auch befreien. Wir müssen warten, wie es weitergeht und Askhor kann uns helfen, ihr die Kette anzulegen. Er kennt das Schloss. Bestimmt gibt es Geheimwege. Jedes Schloss hat Geheimwege.“ Ich lachte und begegnete nervös seinen Blick. Wir waren Freunde und unsere Beziehung durfte daran nicht zerbrechen.
„Hast du einen Plan, Askhor?“ Valos wandte sich zu dem großen Nephilim.
„Ja, zu gehen.“ Feni drängte sich erneut dazwischen. Askhor verscheuchte sie mit einem genervten Handwinken.
„Nein, Feni. Ich werde bleiben.“
„Wieso bist du so dumm? Herja wird dich töten! Aber ohne mich! Ich werde nicht zusehen, wie du stirbst, Askhor!“ Feni stürmte aus der Hütte. Askhor rührte sich nicht. Nicht einmal ein Zucken ging durch sein Gesicht. Er sah weiter auf uns und wartete auf Valos‘ Reaktion.
„Herja ist mir egal, Kathi. Ich will nur Antje befreien und dann dieses Spiel hinter mir lassen.“ Valos entzog mir seine Hand und beschwor eine Kälte in meiner Brust herauf, unter der ich fröstelte.
„Okay, wir sollten auf Herjas nächsten Zug warten und dann entscheiden wir, was wir tun. Klingt das gut?“ Ich sah zwischen den beiden Männern hin und her. Sie tauschten einen Blick aus und nickten simultan. Erleichterung trieb ein Lächeln auf meine Lippen. Ich legte meine Hand auf meine Brust und seufzte.
„Marcel, Antje wird nicht sterben. Das verspreche ich dir. Keiner von uns wird sterben. Wir schaffen das. Gemeinsam.“ Meine Worte erreichten ihn nicht gänzlich, doch er entspannte sich ein wenig und nickte.
„Ja, einer für alle, nicht wahr?“ Ein trauriges Lächeln legte sich auf seine Lippen und er streckte die Hand nach vorne aus. Ich nickte ebenfalls und legte meine Hand auf seine.
„Alle für einen.“ Antjes Hand fehlte, doch schon tauchte Askhors graue Hand auf und füllte die Lücke. Eine Lücke, die nicht für ihn bestimmt war, aber in diesem Moment verstand ich, dass er hinter uns stand. Mit allem, was er hatte, sogar seinem Leben.
Die Erkenntnis erkannte ich auch in Valos‘ Augen und die Situation fühlte sich nicht mehr so hoffnungslos an. Wir konnten es schaffen. Gemeinsam würden wir diese Quest beenden. Zusammen und nicht alleine. Ich war niemals alleine. Niemals ...
Ich habe eine der Verräterinnen gefangen. Morgen werde ich sie hinrichten. Lasst euch das alle eine Lehre sein. Niemand zweifelt meine Herrschaft an und vor allem wird sie niemand beenden können.
Herjas Worte hallten in meinem Kopf nach. Ich stand mit Valos und Askhor in dem kleinen Waldstück vor seiner Hütte. Ihr gewaltiges Abbild erstrahlte am Horizont. Ich sah in ihre roten Augen, die keine Gnade kannten. Sie tötete jeden, der auch nur daran dachte, sie zu stürzen.
„Sie könnte sich auch langsam mal etwas Neues ausdenken. Immer nur Kopf ab. Als wäre das die Lösung für alle Probleme.“ Valos zischte. Askhor lachte neben uns auf.
„Wann hattest du jemals das Gefühl, dass Herja besonders kreativ wäre?“ Er schüttelte amüsiert den Kopf und unterdrückte das Lachen zu einem Kichern.
„Laut der Legende hat sie diese Welt geschaffen. Also, ja, sie sollte ein gewisses Maß an Kreativität besitzen“, warf ich in das Gespräch ein.
„Ach ja, und ist sie kreativ? Es existieren nur Elfen, Nephilim, Feen, Kobolde, Einhörner, Phönixe und Elementare. Die Städte sind begrenzt und auch die Landschaft sieht überall gleich aus. Also, kreativ würde ich das nicht nennen.“ Valos‘ Worte trugen eine gewisse Wahrheit in sich. Wenn man an andere Spiele in diesem Genre dachte, war die Auswahl der Wesen wirklich nicht besonders abwechslungsreich. Davon mal abgesehen, dass man nur vier davon spielen konnte.
„Klingt einleuchtend.“ Ich saß auf Rubins Rücken und flog neben den beiden her. Shas Schulter fehlte mir. Ihre Stimme und ihre Vernunft. Ich durfte nicht zulassen, dass sie starb.
„Okay, also, wie wollt ihr vorgehen? Es ist klar, dass wir sie bei der Hinrichtung befreien müssen, oder?“, lenkte Askhor das Gespräch wieder auf das richtige Thema.
Jeder, der mir die übrigen Verräter bringt, kann mit einer großzügigen Belohnung rechnen. Alles, was ihr euch wünscht, werde ich euch erfüllen. Sei es Geld, sei es Macht oder etwas anderes. Es gibt keinen Wunsch, den ich euch nicht erfüllen kann. Lasst uns gemeinsam diesen Irrsinn beenden, damit die Welt wieder normal werden kann.
„Was? Fängt der Schwachsinn wieder an?“ Valos stöhnte und setzte sich erschöpft in das Gras. Er zupfte vereinzelte Halme heraus. Alles hing an seinem Körper herunter.
Zu den wohl bekannten Spielern Valos und Ami habe ich noch einen weiteren Kandidaten, den ihr euch holen könnt, wenn ihr euch traut: Askhor. Es ist immer traurig, wenn ein Vertrauter zum Verräter wird. Bringt mir ihre Köpfe. Außer Ami, sie will ich lebend. Wer sie tötet, wird bestraft.
Askhors und Valos‘ Blicke glitten zu mir. Ich senkte betroffen meinen. Was sollte das? Wieso war ich schon wieder eine Ausnahme? Welche Geschichte hatten die zwei, dass Herja nicht von mir lassen konnte?
„Natürlich gibt es für dich wieder eine Sonderbehandlung.“ Valos deutete abfällig auf mich und schnaubte. „Ami kriegt immer eine Sonderbehandlung. Kein Wunder, dass du so ohne Probleme nach vorne stürmen kannst. Dein Leben steht ja nicht auf dem Spiel.“
In jeden seiner Worte schwang Angst mit, die ich nur zu gut verstand. Ich wusste doch selbst nicht, was all das zu bedeuten hatte. Das war vor meiner Zeit. In Amis früheren Leben.
„Du hörst dich wie ein Feigling an, Valos. Vorhin hast du dich noch so tapfer für deine Freundin Sha ausgesprochen. Und jetzt? Ziehst du den Schwanz ein oder was?“ Askhor spuckte vor Valos auf den Boden. „Du solltest endlich Stellung beziehen. Willst du deine Freundin um jeden Preis retten oder dich irgendwo verkriechen?“
„Ich will nicht sterben, Penner! Du bist ja nicht schon seit Wochen auf der Flucht oder lebst in der Angst, dass jeder tödliche Treffer dein Leben beendet! Also, halt einfach deine Klappe, wenn du keine Ahnung hast, ja?“ Valos sprang auf und drängte auf Askhor zu. Er ging dem Nephilim gerade einmal bis zum Kinn und entsprechend unbeeindruckt begegnete Askhor dem Waldelf.
„Hab ich das wirklich nicht? Schon vergessen? Wir waren die Ersten, die diese Quest jemals begonnen haben. Ich habe meine Freundin sterben sehen.“ Askhor verschränkte seine Arme vor der Brust. „Und ja, auch ich sterbe, wenn mein Avatar stirbt. Trotzdem stehe ich hier, weil es richtig ist.“
„Du musstest nicht fliehen“, zischte Valos und trat an Askhor vorbei. Ich konnte dem Streit nur zusehen. Wir mussten zusammen bleiben, aber mir fielen keine Worte ein, um sie u besänftigen. Sie hatten beide Recht, aber hier ging es um Antje.
„Hey, Jungs, wir wollen Sha retten. Alles andere können wir danach besprechen, ja? Wir können immer noch aufhören. Aber wenn wir jetzt verschwinden, dann stirbt Antje.“ Ein verzweifelter Versuch, der an ihnen abprallte.
„Ja, Sha retten. Nur deswegen bin ich noch hier. Danach bin ich raus.“ Valos ließ keine Zweifel an seinen Worten zu. Askhor zog seine Augenbrauen graus und hob eine skeptisch, als Marcel seinen Ausstieg verkündete.
„Ziehst den Schwanz ein, oder was?“ Er trat auf meinen Freund zu. Ich flog zwischen ihnen.
„Stopp! So kann das nicht weitergehen, ja? Wir müssen zusammenarbeiten, um Sha zu befreien. Wenn wir das geschafft haben, können wir noch einmal über den Rest reden. Aber das ist gerade echt unwichtig, ja?“
„Meine Meinung wird sich nicht ändern, Kathi. Ja, ich liebe dieses Spiel und die Zeit, die ich mit euch hier hatte. Aber es ist schon lange nicht mehr das, was es am Anfang war. Wir können uns auch so treffen und finden bestimmt einen Ersatz.“ Der Schmerz in Valos‘ Augen glich meinem eigenen. Er konnte diese Worte nicht ernsthaft meinen. Schließlich hatten wir schon etwas anderes probiert. Nichts war gut genug. Kein einziges Spiel war wie Domination of Fantasy.
Ich holte gerade Luft, um ihm all das entgegen zu werfen, als ein hysterisches Lachen erklang, das mir eiskalt über den Rücken lief. Es war mir so bekannt wie jedes Geräusch meiner Freunde.
„Es ist amüsant, dass ihr einander verliert, obwohl ihr doch ein so gutes Teamwork bis hier her habt. Ihr wollt das Spiel behalten? Dann habe ich ein Angebot für euch: Dient mir. Ich begnade euch und auch eure Freundin muss nicht sterben.“ Herja trat auf uns zu. Wir zogen sofort unsere Klingen. Askhor trat schützend vor uns. Mit jedem Schritt flackerte ihre Gestalt und ich verstand: Sie war nur eine Illusion.
„Vergiss es. Sie werden dir niemals dienen. Ich steig auch aus!“ Askhors Ansprache lockte aus Valos‘ Kehle ein Knurren. Er spannte sich neben mir an. Diese Worte wühlten auch in mir Frust auf. Ich konnte für mich selbst sprechen. Sein Ausstieg überraschte mich.
„Aussteigen?“ Herja lachte auf und schüttelte amüsiert den Kopf. „Wie kommst du auf diese Dummheit? Niemand steigt aus. Schon vergessen? Du hast mir Folgschaft auf Lebenszeit geschworen. Willst du aussteigen, musst du sterben. Denk also lieber noch einmal darüber nach.“
Sie wandte sich wieder an uns. Valos trat zwischen uns und verdeckte mir so die Sicht auf Herja. „Das ist mein letztes Mal, dass ich es euch anbiete. Ihr habt Bedenkzeit bis zur Hinrichtung. Ich erwarte eure Antwort dort.“
Falle!
Ich versteifte mich. Valos trat einen Schritt auf Herja zu. „Vergiss es!“
„Nicht so schnell. Ihr solltet darüber nachdenken. Nutzt die Zeit. Jede vorzeitige Antwort akzeptiere ich nicht. Wir sehen uns also morgen zur Hinrichtung.“ Es war keine Frage, sondern klang wie ein Befehl, der Widerspruch in meinem Herzen säte. Ihr zu dienen war keine Option. Das war sie niemals und als ich in Askhors und Valos‘ Gesichter sah, erkannte ich es in ihren Augen: Wir würden ihr niemals dienen.
Herja verschwand, bevor wir reagieren konnten. Valos stieß frustriert sein Kurzschwert zurück in die Scheide. „Fuck! Sie erwartet uns! Wir können vergessen, dass wir sie wie damals überraschen werden!“
„Das ist jetzt nicht wirklich was Neues.“ Askhor steckte sein Schwert ebenfalls weg und wandte sich zu uns. Ich hielt meine Dolche weiter in der Hand. Der Gedanke sie wegzustecken schien mir falsch. Ihre Bedrohung war noch hier, weil sich unsere Antwort nicht ändern würde.
„Wir müssen dorthin. Sha zählt auf uns. Wir können sie nicht hängen lassen und vielleicht ...“ Ich stockte und lächelte. Wir kamen bis zur Plattform, ohne dass uns etwas passieren würde. Herja gab uns einen Freifahrtschein für Shas Befreiung.
„Was vielleicht? Glaubst du wirklich, dass wir einfach da hingehen können und durch die Menge laufen bis zu Sha, ohne dass irgendwas passiert? Vor allem wenn wir dann vor Herja stehen und ihr Angebot ablehnen? Wir werden schneller Pfeile im Kopf haben, als wir Halleluja sagen können.“ Valos stampfte auf und sah mich an, als wäre ich verrückt.
„Auf jeden Fall kommen wir bis zur Plattform, ohne dass man uns angreifen wird. Herja will uns als Diener und–.“
„Nein, Kathi. Sie will dich als Diener. Askhor und ich können ruhig sterben. Das ist ihr egal. Wir hängen an dir und deswegen glaubt sie, dass sie über uns an dich kommt“, unterbrach mich Valos.
„Solange sie das glaubt, ist alles in Ordnung. Hauptsache ihr seid sicher und werdet nicht von ihr gegrillt.“ Der Grund war mir egal. Solange er meine Freunde schützte, konnte es alles sein.
„Kathi, ich will nur noch Antje retten. Alles andere ist mir egal. Dieses Spiel ist mir egal. Wenn Askhor meint, dass er es durchziehen will, drück ihm die fucking Halskette in die Hand und lass uns abhauen.“ Valos trat auf mich und nahm meinen Feendrachen in die Hand. Sein Blick bohrte sich in meinen und ließ mich nicht gehen.
„Du willst wirklich so kurz vor dem Schluss den Schwanz einziehen? Vom serverbesten Waldläufer habe ich definitiv etwas anderes erwartet.“ Verachtung triefte aus jedem einzelnen Wort von Askhor und lockte erneut ein Knurren aus Valos‘ Kehle. Er ignorierte den Nephilim und sah mich weiter an.
„Ich bin diesem Spiel für all die schöne Zeit dankbar, aber wenn ich mich noch einmal entscheiden müsste, würde ich diese Quest niemals annehmen. Auch bin ich froh, dass ich Antje und dich hier getroffen habe. Aber ... ich will mein Leben nicht dafür lassen.“ Valos legte seine Stirn an meine. Seine Wärme raste durch meinen Körper und brachte meine Haut zum Kribbeln. Ich sah die Träne, die über seine Wange lief.
„Marcel ... ich ... mir geht es genauso. Aber ...“ Ich stockte, weil ich Angst hatte, dass meine nächsten Worte unsere Freundschaft zerstörten.
„Ihr habt die Macht die ganze Welt von Herja zu befreien. Eine neue Zeit einzuläuten. Und jetzt, so kurz vor dem Ende, zieht ihr den Schwanz ein? Das ist erbärmlich. Ich hatte auf mehr von euch gehofft.“ Askhor stand zwei Meter von uns entfernt. Seine Arme hielt er vor seiner Brust verschränkt und seine Beine standen auseinander. Er sah wie ein Fels in der Brandung aus, an dem unser Schiff zerschellte, wenn wir nicht aufpassten.
„Askhor.“ Ich hob mit Rubin wieder ab und flog auf den Nephilim zu. „Du weißt nicht, was wir in den letzten Wochen durchgemacht haben und vor allem hast du keine Ahnung, was dieses Spiel wirklich für uns bedeutet und was nicht. Diese Entscheidung ist nicht einfach und deine Beleidigungen helfen dabei nicht wirklich.“
„Ich ... ich will nur nicht, dass ihr aufgebt. Wir können es schaffen.“ Askhors Stimme wurde weicher. Verzweiflung flackerte in seinen Augen und befiel mein Herz. Ich schluckte trocken. Konnte ich ihn so kalt abblitzen lassen? Vielleicht gab es doch einen Weg diese Quest zu beenden.
„Echt sorry, Mann, aber ich hab keinen Bock mehr. Ich will nur noch Antje befreien und dann nichts wie weg hier. Du kannst den Schmuck haben und mit Feni dein Ding durchziehen. Aber echt ohne mich. Sha ist bestimmt auch raus aus der Sache und Ami ... wie denkst du darüber?“ Valos zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Ich hatte keine Antwort auf seine Frage.
Sterben war keine Option, genauso wie die Rettung von Antje undiskutabel war. Aber konnte ich gehen, wenn ich sie befreit hatte? Konnte ich all das hinter mir lassen und so kurz vor dem Ende aufhören?
Ein kleiner Funken in meiner Brust glühte auf und steckte die Angst in Brand. Ein unnachgiebiges Ziehen zwang mich zur Handlung und nicht zum Rückzug. Ich war mir sicher, dass es Ami war, die sich diesen Weg wünschte.
„Es steht also eins gegen eins, Ami. Deine Stimme zählt. Was willst du?“ Askhor sah mich an und Valos trat wieder neben mich. Ich spürte ihre Blicke auf mir ruhen, die sich wie heiße Nadeln in meine Haut bohrten.
„Ich ... ich will Antje retten.“ Dieser Tatsache war ich mir sicher, aber alles danach schien so schwammig. Ich konnte nicht mehr zwischen mir und Ami unterscheiden. Dieser Hass Herja gegenüber, der sich immer weiter in meinem Herzen ausbreitete, war mir unbekannt. Dennoch befiel er meine Gedanken und spendete mir eine Kraft, die ich so nicht kannte.
„Okay, das steht außer Frage. Wir werden zu der Hinrichtung gehen und Sha befreien. Es geht eher darum, was wir danach machen.“ Askhor sah mich weiter direkt an und erweckte in mir das Gefühl, dass er bis auf den tiefsten Grund meiner Seele blickte. Ich wollte nicht sterben und auch keinen meiner Freunde verlieren. Die Wahrscheinlichkeit war aber hoch, dass genau dies geschah, wenn wir zu der Hinrichtung gingen und Herja unsere Antwort gaben.
„Ich weiß es nicht, Jungs.“ Es tat körperlich weh, diese Unfähigkeit zuzugeben. Ihre auffordernden Blicke machten es nicht besser. Wieso musste ich entscheiden? Warum immer ich? Ich bin nur ein kleiner Kobold, der eine Blume gestohlen hat. Mehr war ich doch nicht. Dennoch drehte sich alles nur um mich. Jeder wollte mir folgen, obwohl ich mich am Liebsten nur verkriechen würde.
„Dann denk darüber in Ruhe nach. Wir haben ja noch Zeit. Jeder sollte mit ganzem Herzen dahinter stehen, sonst ist unsere Aktion zum Scheitern verurteilt.“ Askhor deutete auf sein Haus. „Du kannst dich gerne dafür zurückziehen, wenn du Ruhe brauchst. Meine Hütte steht dir offen.“
Valos schnaubte. Enttäuschung blitzte in seinen Augen auf. Er nickte stumm und wandte sich ab, um ein paar Schritte von uns wegzugehen. Noch einmal sah ich auf meine zwei Teammitglieder, bevor ich Rubin umdrehen ließ und zur Hütte flog.
Was sollte ich tun? Was war die richtige Antwort? Was wollte ich? Gab es mich überhaupt noch oder war ich in dieser Welt nur noch Ami? Ich musste eine Antwort finden. Für Askhor. Für Valos. Für Sha. Für mich.
Das Zwielicht der Hütte begrüßte mich und sperrte die Welt hinter mir aus. Herjas Druck, Shas Hinrichtung, die Kette, die hart gegen meine Brust drückte und selbst meine Mutter rutschten weit nach hinten.
Mein Herzschlag rauschte in meinen Ohren. Ich flog auf einen kleinen Spiegel zu. Ein flüchtiger Blick in die rechte obere Ecke zeigte mir, dass wir uns immer noch nicht ausloggen konnten. Ob es wieder ging, wenn Sha befreit war? Was sollten wir tun, wenn wir hier solange gefangen waren, bis wir Herja die Kette umlegten?
Ich begegnete meinem Blick im Wandspiegel. So oft hatte ich in dieses pummelige Gesicht mit der Knollennase geblickt. Die spitzen Ohren und die neckischen Pigtails wackelten auch jetzt unter meinen Bewegungen.
„Ami ... bist du da?“ Diese Frage klang lächerlich. Ich war Ami oder nicht? Natürlich, ich hatte sie geschaffen und dennoch existierte eine Vergangenheit, ein Leben vor mir. Die ineinanderliegenden Hände von Valos und Sha kamen mir wieder in den Sinn. Betrogen mich Marcel und Antje?
„Ich bin immer hier, Kathi.“ Das Spiegelbild löste sich von meinen Bewegungen und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Vom ersten Tag an und bis zum bitteren Ende. Wir bereisen diese Welt so lange schon gemeinsam, dass es mich beleidigt, wenn du glaubst, dass ich dich jetzt alleine lasse.“
„Wie? Du bist ich.“ Ich hauchte und flog näher. Sie lächelte mich an. Wir legten unsere Hände aufeinander. Keine Wärme, nur die Kälte des Glases drang in meine Haut.
„Eher bist du gerade ich.“ Sie lachte auf und schüttelte amüsiert den Kopf. „Als ich starb, dachte ich wirklich, dass es vorbei war und ich Herja nie wiedersehen werde. Aber dann hast du mich gerufen und zurückgeholt.“
„Was ist Ion wirklich?“ Ich wollte es verstehen. Wieso übertrugen sich Verletzungen jetzt und warum liebten sich Valos und Sha?
„Ion ist eine Welt voller Magie auf dem Planeten Yerion. Zumindest hat das Herja immer behauptet. Neben Ion existieren noch vier weitere Welten. Mehr weiß ich aber nicht.“ Ami zuckte mit den Schultern.
„Was? Wie kann das sein? Es ist ein Videospiel.“ Ich verstand nicht und Amis trauriges Lächeln legte sich schwer auf meine Seele.
„Nein, ist es nicht. Das Spiel ist nur das Portal in unsere Welt. Du bist meine Seelenverwandte. Wir sind auf ewig verbunden.“ Ami legte ihre Hand auf ihr Herz.
„Das ... das ist mir jetzt zu hoch. Ich ... wir müssen Antje befreien.“ Amis Worte kreisten in meinem Kopf und schlugen wild Purzelbäume. All das ergab keinen Sinn und doch wieder schon, aber ich konnte mich damit jetzt nicht beschäftigen. Vielleicht wenn Sha sicher war.
„Ja, und was willst du dann tun, Kathi?“ Amis Blick fixierte mich und jagte einen Schauer über meinen Rücken. Ich klammerte mich fester an Rubins Zügel, doch das Gefühl zu fallen blieb. Der Aufprall kam nicht.
„Ich ... ich weiß es nicht. Marcel hat recht. Es ist zu gefährlich und das Ganze nicht wirklich wert. Aber ... es fühlt sich falsch an, zu gehen. Kaeldin starb für uns. Askhor setzt auch sein Leben ein. Diese Sache ist zu groß, um sie einfach so fallen lassen zu können. Außerdem ...“ Ich stockte und sah auf meine zitternden Hände. Was wollte ich?
„Jeder muss mal sterben. Ich war auch schon einmal tot, weil ich nicht bei Herja bleiben wollte. Du hast die Möglichkeit, diese Welt zu erneuern. Die Geisel von uns allen zu reißen und wir sind fast so weit. Wenn du jetzt aufhörst, war alles umsonst.“ Ami hatte recht, aber aktuell lebten wir noch. Ich konnte Herja Ami übergeben und alle wären glücklich. Das Spiel vorbei und ich könnte mit meinen Freunden unbehelligt irgendwo etwas Neues anfangen.
„Ich weiß, Ami. Das weiß ich. Aber ... wir wollen nur spielen und nicht sterben.“ Die Todesangst hing unbarmherzig in meiner Brust fest und schlug nach meinen Gedanken. Es muss einen Weg hier heraus geben.
„Kaeldin ist gestorben. Askhor ist auch bereit dafür. Ich bin bereit dafür und werde nicht zu Herja zurückkehren.“ Ami fixierte mich hart. „Wir haben die Macht all das zu beenden und sollten sie auch nutzen. Herja muss merken, dass wir nicht ihre Sklaven sind. Egal, ob sie uns erschaffen hat oder nicht. Wir sind fühlende Wesen und haben unser eigenes Leben, über das sie nicht bestimmen kann.“
„Ich will Antje retten.“ Es war mein Mantra und alles, was noch wichtig für mich war. Ich holte die Kette aus der Brusttasche. Ihre Glieder glitten durch meine Finger. Das kalte Metall brannte auf meiner Haut.
„Sie wird euch nicht gehen lassen. Die Verbindung zu eurer Welt ist gekappt. Ihr sitzt hier fest, bis das Spiel beendet ist.“ Amis Worte bestätigten, was ich insgeheim befürchtet hatte. Der Auslogbutton kam erst wieder zurück, wenn diese Sache beendet war.
„Kathi! Hast du dich endlich entschieden?“ Valos platzte in die Hütte. Mein Spiegelbild kopierte mich wieder. Ami war wieder in mir. Ihr Herzschlag legte sich über meinen und verschmolz mit ihm.
„Marcel ... kannst du wirklich gehen? Wir sind so weit gekommen und ich glaube, dass wir gar keine andere Wahl haben werden, als es durchzuziehen. Herja wird uns nicht mehr gehen lassen. Wir müssen sie schwächen.“ Ich flog in seine Richtung. Er zischte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Man hat immer eine Wahl. Wenn wir Herja die verfluchte Kette vor die Füße werfen, wird sie uns gehen lassen. Da bin ich mir sicher.“ Ich schüttelte auf seine Worte hin den Kopf.
„Nein, sie wird uns töten, Valos. Besser gesagt euch. Wir werden keine Diener werden. Das steht außer Frage, aber wir können nicht aufgeben. Wir sind schon zu weit drinnen und müssen jetzt weitergehen. Bevor wir die Quest nicht beenden, werden wir hier nicht rauskommen. Da bin ich mir sicher. Herja wird uns nicht gehen lassen. Entweder müssen wir ihr dienen –“ Valos schnaubte. „Oder sterben oder ihr diese Kette anlegen. Sie ist nicht mehr nur das Ende der Quest, sondern auch unser Weg hinaus.“
„Was macht dich da so sicher?“ Valos‘ Zweifel schrumpfte langsam und gab mir Hoffnung, dass ich ihn erreichte.
„Ich habe mich mit Ami unterhalten und es ist alles komplizierter. DoF ist kein normales Spiel. Wir sind in einer anderen Welt, im Körper von anderen Wesen und unser Weg nach Hause hat Herja zerstört. Wir müssen sie dazu zwingen, ihn wieder zu öffnen. Das klappt nur mit dieser Kette, ansonsten sind wir ihr nicht gewachsen.“ Ich hielt Valos das Schmuckstück entgegen. Er sah es nur an und seufzte schwer. Frustriert stampfte und schrie er auf. Fünf Schritte lief er durch den kleinen Raum und kam wieder vor mir zum Stehen.
„Ernsthaft? Das ... das ...“
„Das ist wahr. Du weißt es, Marcel. Ami existierte vor mir. Sha und Valos lieben sich, deswegen trifft dich Antjes nahender Tod so stark.“
„Was? Nein, wir sind nur Freunde.“
„Ja, du und Antje. Aber nicht Valos und Sha. Es sind andere Leben, die wir uns ausleihen, wenn wir spielen.“
„Das ist totaler Schwachsinn.“ Valos strich sich durch die Haare und erstarrte. Sein Blick lag auf dem Spiegel hinter mir. Er lauschte und riss seine Augen mit jeder Sekunde weiter auf. Sein Kinn klappte herunter und er schüttelte den Kopf.
„Ist es nicht.“ Meine Antwort war überflüssig und erreichte Valos nicht. Er hörte einer Stimme zu, die nur für ihn existierte, und lachte hart auf.
„Okay ... okay ... ich kapier’s. Wir werden keine Hörigen und beenden das ganze Theater, wenn ich nur so nach Hause komme, muss ich es tun.“ Valos zuckte mit den Schultern und strich sich mehrmals über den Nacken.
„Habt ihr euch endlich entschieden?“ Askhor platzte in unsere Unterhaltung. Ich begegnete seinem Blick. Valos wich ihm aus. Ich nickte und hielt ihm die Kette hin.
„Ja, wir werden Herja stürzen.“
Zufrieden lächelte Askhor mich an und verschränkte die Arme vor der Brust. Ein kräftiges Nicken und Worte, die ich dankbar einnahm, folgten.
„Das hört man gerne. Ich habe auch schon einen Plan.“
Der Strom an Zuschauern brach nicht aus. Sie drängten durch die Twilights Tore und die Straßen waren von Elfen und Nephilim erfüllt. Feen flogen über den Köpfen hinweg und Kobolde saßen auf den Fensterbrettern.
Wir selbst standen wenige Meter von der Mauer entfernt. Feni war nicht bei uns. Sie war seitdem nicht mehr hier gewesen. Ich war froh darüber. Diese Fee war mir immer noch nicht geheuer und sie würde unseren Plan bestimmt nur zunichte machen.
„Gib mir die Kette, Ami.“ Askhor streckte seine Hand nach mir aus. Ich wechselte einen Blick mit Valos, der mir stumm zunickte. Mein Magen drehte sich einmal um sich selbst, doch ich zog die Kette aus meiner Brusttasche und überreichte sie Askhor.
Er wollte sie Herja im allgemeinen Getümmel umlegen. Ich glaubte nicht daran, dass es funktionierte. Wichtiger war, dass wir Sha befreiten und danach konnten wir uns einen Weg überlegen. Jetzt kamen wir an sie heran, danach wohl nicht mehr. Askhor hatte Recht, dass wir diese Chance nutzen mussten. Näher kamen wir ihr niemals wieder.
„Okay, dann geht rein. Ich werde später folgen.“ Askhor deutete auf das Stadttor und lächelte uns an. So warm war es noch nie und streute Vertrauen in mein Herz, das mich zu einem Nicken verleitete. Ich vertraute ihm und flog mit Rubin neben Valos, der auf seinem Einhorn saß. Unsere Blicke trafen und ich erkannte in seinen Augen, die gleiche Angst, die auch in meiner Brust rumorte.
„Für Sha“, flüsterte er mir zu.
„Für Sha.“ Ich nickte ihm zu und wir gaben uns eine Brofist.
Valos trieb sein Einhorn an und ich folgte ihm in die Stadt hinein. Die Meute teilte sich vor uns. Ich sah nicht zur Seite und in kein Gesicht. Mein Blick haftete auf dem Podest am Ende der Straße. Der Thron wie damals und der blutige Baumstumpf. Sha stand hinter ihm. Ihre Hände waren hinter dem Rücken gefesselt und ein Knebel steckte in ihrem Mund. Durch den gesenkten Kopf fiel ihr schwarzes Haar nach vorne.
„Sie lebt.“ Erleichterung fegte über meine Gedanken hinweg. Ich suchte Valos’ Blick, doch er fixierte das Ende der Straße weiter. Qual glitt über sein Gesicht und krallte sich in seine Augen. Dieser Schmerz glich meinem eigenen wie aufs Haar. Liebte er sie auch?
Die Frage steckte in meiner Kehle fest und erschwerte mir jeden Atemzug. Ich wollte die Wahrheit wissen und hatte Angst zugleich. Es war nicht wichtig. Sha musste gerettet werden. Antje durfte nicht sterben.
„Schön, dass ihr gekommen seid.“ Herja sah auf uns. Wir hielten vor dem Podest an. Für mich existierte nur Sha, die ihren Kopf hob. Tränen rannen über ihre Wangen und Hoffnung tanzte einen wilden Tango mit der Angst in ihren Augen. „Habt ihr über mein Angebot nachgedacht?“
Herja trat an Shas Seite. Sie griff in das seidige Haar und ließ es durch ihre Finger streichen. „Natürlich seid ihr hier. Es geht ja um eure Freundin, nicht wahr? Ich hoffe, dass ihr auch die richtige Antwort habt. Vor allem du, Ami.“
Ich tauschte mit Valos einen Blick aus. Wir schwiegen und entlockten Herja ein arrogantes Lachen. Sie trat einen Schritt auf uns zu. Ihr langer Schwanz peitschte von einer Seite zur anderen und die Sonne brach sich in ihren schwarzen Hörnern. „Noch unentschlossen? Derweil könnt ihr alles haben, sobald ihr mir dient. Ihr werdet die besten Spieler. Jeder wird sich vor euch fürchten und ihr könnt euch holen, was ihr wollt. Es gibt keine Grenzen für euch. Nirgends mehr. Die Insel steht euch gänzlich offen und noch so viel mehr.“
Wo blieb Askhor? Sollte er nicht kommen und sie schwächen? Er wollte ihr die Kette doch umlegen. Warum erschien er nicht? Hatte er uns verraten?
Ich tauschte mit Valos einen nervösen Blick aus, der Herja nicht entging. „Was ist los? Ich dachte, dass ihr eure Freundin retten wollt. Scheinbar wisst ihr nicht, was auf dem Spiel steht.“
Sie trat zurück an Shas Seite und drückte sie gewaltsam auf den Holzklotz. Ein Dunkelelf mit rot glühenden Augen und einer großen Axt trat an die andere Seite. Er holte aus. Mein Herz blieb stehen. „Nein! Antje!“ Valos stürmte nach vorne und stoppte.
„Herja!“ Askhors Stimme hallte über den Platz. Er trat durch die Menge, die sich ehrfürchtig für ihn spaltete. Herja hob ihre Hand und die Axt sank nieder. Valos und ich drehten uns zu Askhor um. Ich erkannte die Kette in seiner Hand. Was hatte er vor? Jeder sah sie. Er lächelte und schritt an uns vorbei, ohne uns anzusehen.
Vor Herja ging er in die Knie und streckte ihr die Kette entgegen. „Ich habe Euch die Kette der Macht gebracht, die am Ende der Quest wartet. Bitte, verzeiht mir meinen Verrat und nehmt mich wieder in Euren Reihen auf. Diese Beiden wollten sie Euch in einem heimtückischen Akt umlegen. Ich konnte sie ihnen abnehmen und es verhindern.“
Was?
Ich traute meinen Ohren nicht. Wie konnte uns Askhor das antun? Ich dachte, dass er auf unserer Seite stand. Er war doch nur einer von Herjas Handlangern. Wir hätten ihm nicht vertrauen sollen.
„Askhor! Du Arsch! Wie konntest du? Wir haben dir vertraut! Du hast uns alle umgebracht! Ist dir das klar?“ Valos ging drei Schritte auf Askhor zu, doch ein Speer stoppte ihn. Er knurrte dunkel und ich lenkte Rubin daran vorbei, kam aber nicht viel weiter.
„Ist dir Kaeldins Tod so egal? Ich dachte, dass wir zusammen ...“ Ich brach ab. Tränen brannten in meinen Augen und ich schluckte sie herunter. Der Ring um meine Brust zog sich enger zusammen. Wie konnte uns Askhor so verraten? Ich hatte ihn vertraut und gehofft, dass er mehr war als Herjas General. War alles nur eine Täuschung?
„Ihr wollt mir nicht dienen? Sehe ich das richtig?“, wandte sich Herja noch einmal an uns. Wir antworteten nicht, sondern starrten Askhor, der immer noch vor Herja kniete und ihr die Kette hinhielt, an. Wie konnte er uns verraten? War das von Anfang an sein Plan? Wollte er Herja die Waffe übergeben?
„Verhaften. Sie werden gleich mit hingerichtet und nun zu dir, mein Nephilim.“ Man drängte auf uns zu, doch wir wichen zurück. Es durfte nicht passieren. Mein Blick lag weiter auf Askhor, der sein Haupt gesenkt hielt. Was übersah ich?
„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Du warst schon immer der beste meiner Generäle. Schön, dass du dir wieder bewusst wurdest, wer hier die Welt in den Händen hält. Ich darf nicht fallen.“ Sie griff nach der Kette. Ihre Finger näherten sich den goldenen Gliedern. Ein Glitzern im Augenwinkel und ein rosiger Duft drang zu mir durch.
Herja berührte die Kette nicht, sondern Feni entriss sie Askhor und legte sie der Göttin um den Hals. Sofort flog sie wieder davon. Askhor sprang auf und nahm Abstand. Herja schrie gepeinigt auf und schlug nach der Kette. Ein Zischen lag in der Luft und schwache Rauchwolken stiegen von Herjas Haut auf. Es geschah das, was ich niemals vermutet hätte: Herja brach zusammen und sank zu Boden. Die Göttin fiel ...
Chaos brach um uns herum aus. Herja knurrte und schrie. Sie griff nach der Kette und zuckte immer wieder zurück. Askhor wich einen Schritt zurück und die Waffen, die uns hielten, sanken nieder.
Die Zuschauer griffen zu ihren Waffen und stürmten mit lautem Geschrei auf die Wächter zu. „Nieder mit Herja! Die Göttin muss sterben! Herjas Herrschaft ist endgültig vorbei!“
Das Klirren der Waffen drang an mein Ohr. Askhor verschwand in der heranstürmenden Meute. Sha erkannte ich nur dank ihrer Schatten, die sich auf jeden legten, der sich ihr näherte und ihm den Kampfeswillen raubten.
Mein Blick suchte Herja, die von ihren Leuten abgeschottet wurde. Ich sah die dünnen Rauchschwaden weiter in den Himmel steigen und das Zischen kitzelte immer noch über mein Trommelfell. Wir mussten sie jetzt angreifen, bevor sie einen Weg fand die Kette zu entfernen. So schnell wie möglich.
Ich lenkte Rubin weiter durch das Getümmel und wehrte einen Pfeil mit meinem Dolch ab. Mein Blick glitt über die Schulter auf Valos zurück, der im Strom der Masse versank. „Kathi! Antje! Lasst uns von hier verschwinden!“
Wir durften jetzt nicht gehen. Herja war schwach. Wir mussten sie jetzt erschlagen, sonst scheiterte die Quest, die Herjas Tod forderte. Jetzt zu verschwinden, war falsch. „Marcel! Wir müssen Herja töten! Solange sie noch schwach ist!“
Ich lenkte Rubin durch das Chaos und wich Klingen und Speerspitzen aus. Sie gierten nach Leben, die nicht mein Eigenes war. Die Rauchschwaden waren mein Ziel. Shas Schatten tasteten nach den Dienern, die tapfer zwischen Herja und der Meute ihre Stellung hielten. Sie waren blind von einer Macht, die sie zu willenlosen Sklaven gemacht hat. Ihre dunklen Striemen legten sich auf die Kehlen und über die Gelenke in Armen und Beinen. Waffen fielen klirrend zu Boden und die Soldaten fielen auf die Knie.
Ihre Leiber wurden von den Waffen der Meute durchbohrt und sie stürmten über sie hinweg. Mein Herz gefror bei dem Gedanken an die menschlichen Leben, die damit jäh ein Ende fanden. Wie konnte man so grausam sein? Es war kein Spiel mehr, sondern bitterer Ernst. Hatten das immer noch nicht alle verstanden?
Ich schüttelte den Kopf und trieb Rubin weiter an die Stelle, an der Herja gestürzt war, doch sie war leer. Herjas gewaltige Figur war nicht mehr zu sehen. Die Rauchschwaden verschwunden und ihr schmerzerfülltes Schreien verstummt. Wohin hatte sich Herja verkrochen? Wir durften keine Zeit verlieren.
Mein Blick raste suchend über das Schlachtfeld. Ich sah Valos‘ braunen Schopf, der immer weiter von uns wegtrieb. Seine Hand streckte sich nach uns aus, doch die Meute schwappte ihn hinfort. Wir würden uns wieder finden.
Ich suchte nach Sha, die immer noch auf dem Podest stand, doch auch sie wurde ein Opfer der rasenden Meute. Ihre Schatten flackerten und erloschen. Was geschah hier? Wir waren auf ihrer Seite. Herja stürzte wegen uns und wir beendeten es. So bald wir wieder eine Gruppe waren.
„Antje? Marcel? Wo seid ihr?“ Ich lenkte Rubin weiter über das Schlachtfeld. Wir tauchten unter einem Pfeil hindurch und wichen einer Speerspitze mit einer Rolle aus. Er flog rasend schnell und ich klammerte mich fester an meinen Sattel und Zügel. Ein Dolch raste knapp neben uns vorbei. Ich spürte den Windzug auf meiner Haut und erwartete einen schneidenden Schmerz. Er kam nicht.
Ich stürzte weiter in Shas Richtung. Das Podest war doch nicht mehr so fern? Warum erreichte ich sie nicht?
Meine Hand streckte sich nach der Stelle aus, an der ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ich musste sie erreichen. Noch einmal durfte ich sie nicht verlieren. Nicht an Herja und nicht an Valos. Wir gehörten zusammen.
Meine Lippen bebten und ich lenkte Rubin außerhalb der Reichweite eines Schwerthiebes. Der Luftzug brachte uns in Straucheln, doch mein stolzer Feendrache stoppte nicht. Wir hatten ein gemeinsames Ziel: Sha.
Doch auch ihre Stelle war leer. Sie war wie Herja spurlos verschwunden. Was geschah hier? Warum trennte man uns? Wir konnten nur gemeinsam siegen. In diesem Spiel hatten wir alles gemeinsam gemacht. Von dem ersten Dungeon bis zu diesem Quest. Sobald ich aus dem Startgebiet der Kobolde draußen war, bestritt ich mein Abenteuer mit Valos und Sha – mit Marcel und Antje. Wir würden auch diese letzte Quest gemeinsam zu Ende bringen.
Verzweifelt suchte ich nach Askhors weißen Haaren, doch ich erkannte ihn in der Masse nicht. Wo waren sie alle? Ich ... ohne sie hatte ich hier nichts mehr verloren. Ich sollte verschwinden, bevor mir noch etwas geschah. Wir fanden einander wieder. So wie immer.
Ich riss Rubins Zügel herum und steuerte auf Twilights Stadttor zu. Raus aus dieser Meute und weg von der Gefahr, doch noch verletzt zu werden. Hier gab es für mich nichts mehr. Herja war verschwunden und meine Freunde sah ich auch nicht mehr. Jetzt galt es lebendig hier herauszukommen.
Ein weiterer Pfeil, der Rubin ins Straucheln brachte. Er fing sich auf und stürzte vorwärts. Bis uns ein gewaltiges Schild von der Seite erwischte. Der gnadenlose Aufprall riss mich von Rubins Rücken und presste mir einen dumpfen Schmerz in meinen gesamten Körper.
Mir wurde für zwei Sekunden schwarz vor Augen. Ich verschwand in dem Getöse der kämpfenden Meute. Blutgeruch lag in der Luft und ein Wimmern schwang unter den Kampfschreien mit. Ich schlug hart auf den Boden auf und wartete darauf, dass ich meine Knochen brechen hörte. Es blieb stumm. Der dumpfe Schmerz bekam nur Gesellschaft von einem Brennen in meiner rechten Seite, mit der ich erbarmungslos über das Kopfsteinpflaster rutschte.
Schuhe stampften um mich herum auf. Die Erde bebte unter meinen Fingern. Ich rappelte mich schnell auf. Wich mit einer Rolle einem Fuß aus und bremste gerade noch rechtzeitig, um nicht vom nächsten zerquetscht zu werden.
Fuck! Was tue ich jetzt? Ich suchte den Himmel nach Rubin ab, doch sah meinen Feendrachen nirgends. Ohne ihn war ich hier unten gefangen. Ein Tritt schleuderte mich ein paar Meter weiter über den Boden und schenkte mir stechende Schmerzen in meinen Rippen. Starb ich hier? Zertrampelt von irgendeinem Idioten?
Ich ... ich wollte doch nur das Spiel spielen und die letzte Quest beenden. Ein weiterer Fuß raste auf mich zu und ich ließ mich zur Seite fallen, um ihm auszuweichen. Mein Herz schmerzte in meiner Brust und Schweiß lief mir über den Rücken und das Gesicht. Ich musste hier weg!
„Ami Flinkfinger?“ Ich zuckte unter dem Namen meines Avatars zusammen und suchte die Quelle. Zwei Schritte zur Seite, damit ich nicht den nächsten Tritt kassierte, und dann tauchte eine kleine Koboldfamilie in meinem Blickfeld auf. Sie wirkten sonderbar vertraut für mich. Ihre großen grünen Augen und die braunen Haare erinnerten mich an mein eigenes Spiegelbild. Nein, ich wollte nicht zu den Kobolden.
Instinktiv wandte ich mich von ihnen ab und wich weiter den Füßen aus, die mit jedem Schritt die Erde zum Beben brachten. Ich musste hier weg. So schnell es ging.
„Rubin? Komm her! Hol mich ab!“, rief ich nach meinem Feendrachen. Er tauchte nicht auf, sondern ich übersah einen Fuß, der mich wieder zurückschleuderte. Direkt in starke Arme, die mich umschlangen und mit sich nahmen. In die dunkle, feuchte Heimat der Kobolde.
„Lasst mich los!“ Ich schlug um mich und wand mich in dem Griff. Ergebnislos. Der dunkle Gang umhüllte mich und zog sich Stück für Stück enger um mich zusammen. Mein Herz schmerzte bei jedem Schlag, aber beschleunigte seine Frequenz. Jeder Atemzug war ein Kampf gegen einen Druck, der sich unnachgiebig auf meine Brust legte. Wohin brachten sie mich? Wer waren sie? Warum mich?
Licht tanzte an den Höhlenwänden entlang und der Tunnel verbreitete sich. Erst als sich der Gang zu einer Höhle wandelte, ließ man mich los. Ich sprang auf die Beine und drehte mich ruckartig herum. Meine Dolche in meinen Händen und angriffsbereit gebückt starrte ich auf die drei Kobolde, die ich vorhin schon im Getümmel gesehen habe.
„Ami, du bist es wirklich? Wir konnten es nicht glauben, als wir dein Bild damals auf den Steckbriefen gesehen haben. Herja hatte dich doch getötet.“ Die Frau lächelte und streckte ihre zitternde Hand nach mir aus. Der Geruch der feuchten Erde drang in meine Nase ein und erweckte Ekel in meiner Brust. Ich musste hier weg.
„Wer seid ihr? Warum habt ihr mich hierher gebracht? Das wollte ich nicht.“ Die Wände um mich herum kamen näher und ich trat einen Schritt zurück in Richtung Höhlenausgang. Ich musste zurück zu den anderen. Valos und Sha brauchten meine Hilfe. Sie hatten doch nur Askhor und da war ich mir gerade nicht mehr sicher.
„Wir sind deine Familie. Erkennst du uns nicht mehr?“ Der Mann legte seine Hände auf die bebenden Schultern der Frau. Ihre Gesichter waren mit Falten durchzogen und bei näherer Betrachtung erkannte ich vereinzelte graue Strähnen in ihrem Haar. Das Licht der Elementare, die an die Wände gekettet waren, tanzte weiter durch den Raum und erschuf lebendige Schatten, die mich noch einen weiteren Schritt in Richtung Ausgang drängten.
„Ich ... ich weiß es nicht.“ Das vertraute Gefühl kehrte in meine Brust zurück und erwärmte mein Herz. Was sollte ich tun? Ich musste zurück, aber eine tiefe Sehnsucht hielt mich an Ort und Stelle fest. Hier zu sein war auf eine unbegreifliche Art richtig.
„Sie sieht nur aus wie Ami. Unsere Ami ist tot, meine Liebe.“ Das ältere Pärchen umarmte sich und mein Blick wanderte zu dem kleinen Koboldjungen, der mich mit großen Augen musterte.
„Du hast dich gegen Herja aufgelehnt. Das ist so coooool.“ Er trat ehrfürchtig einen Schritt auf mich zu und streckte bewundernd seine Hand nach mir aus. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück und er stoppte.
„Warum habt ihr mich hierher geholt?“ Ich entspannte mich langsam. Die Wände waren immer noch zu eng, aber sie kamen zumindest nicht mehr näher und mein Herz schlug nicht noch schneller. Tiefe Atemzüge vertrieben die Wände noch ein Stück weiter.
„Weil wir dachten, dass du unsere kleine Ami bist.“ Die Frau wimmerte und vergrub ihr Gesicht wieder in der Brust ihres Mannes.
„Irgendwie bin ich das auch. Wir ... es ist kompliziert.“ Ich wusste nicht, wie ich es erklären sollte, aber sie hörten nicht wirklich zu. Wie meine Mutter wischte der Mann jeden Einwand von dem Tisch.
„Das ist jetzt auch egal. Wir haben dich nicht nur deswegen hierher geholt, sondern auch, um dir zu zeigen, was du gerade bereit bist zu tun, Ami. Dein Handeln wird unvorhersehbare Konsequenzen haben. Ich weiß, dass du die Geschichte bestimmt schon wieder vergessen hast. Du konntest dich nie für sie begeistern.“ Er lachte traurig auf und drückte seine Frau noch einmal stärker an sich. Eine Träne glitzerte in seinem Augenwinkel. Er wischte sie weg.
„Was für eine Geschichte?“ Ich entspannte mich gänzlich und streckte meine Dolche wieder ein. Ich ging einen Schritt ich auf die kleine Koboldfamilie zu. Der Mann deutete auf einen Tisch mit vier Stühlen, der in der Mitte des Raumes stand. Ich folgte seinem Wink und wir setzten uns.
„Die Geschichte unserer Welt.“ Bedeutungsschwer legte sich seine Stimme über den gesamten Raum und drückte all meinen Hochmut nieder. Ich war die beste Schurkin auf diesem Server und bald auch die erste Koboldin, die diese Quest geschafft hatte. Keine Geschichte konnte etwas daran ändern.
„Ich höre.“ Er sollte weitersprechen. Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme vor meiner Brust.
„Als Herja und ihre Geschwister auf diese Welt kamen, war sie nur ein Planet voller Wasser. Sie ist mit ihrer Familie aus ihrer Welt geflohen und hat sich hier mit ihnen niedergelassen. Der Vater gab seinen fünf Kindern ein Stück seiner Magie, aus der jedes Kind seine Heimat formte. Mit anderen Worten, Ami, es gibt noch weitere Kontinente und Herja ist unsere Schöpferin. Wir alle und diese Welt ist aus Herjas Energie geformt!“
„Und? Glaubst du etwa, dass wir alle verschwinden werden, wenn Herja tot ist?“ Ich ließ mich nicht beirren. Diese Quest diente einem bestimmten Zweck. Außerdem hätte Herja sie nie entstehen lassen, wenn sie wirklich diese Macht in unserer Welt hätte.
„Das weiß niemand, aber ja, ich befürchte es. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle mit Herja zusammen verschwinden werden. Sie ist auch nur ein Wesen, das vertrieben wurde und versucht, sein Leben zu meistern. Im Grunde unterscheidet sie sich nicht groß von uns.“ Er zuckte mit den Schultern und ich lachte auf. Das war nicht sein Ernst? Herja tyrannisierte uns alle und er nahm sie in Schutz?
„Wir sind alle besser dran, wenn Herja nicht mehr ist“, verteidigte ich meinen Weg und begegnete seinen traurigen Augen. Die Mutter schluchzte immer noch und der Junge staunte mich weiter an.
„Das glaubst du jetzt. Ich bezweifle es. Als ihr Vater ihr diese Macht gab, erschuf sie die Welt, auf der wir wandeln und Stück für Stück hat ihre Magie uns alle erschaffen. Als diese noch wild und ungezügelt war, entstanden die Phönixe und Elementare. Wir Kobolde waren zusammen mit den Feen ihr erster Versuch Leben zu schaffen. Sie perfektionierte es bei den Elfen und Nephilim.“ Er schwieg. Ich erschauderte durch diese Erkenntnis und schüttelte vehement den Kopf.
„Das ist Schwachsinn! Wieso sollte sie als normales Wesen diese Macht besitzen? Wir sind nur alle gemeinsam auf diesem Kontinenten und Herja beansprucht den Thron für sich“, widersprach ich vehement. Mein Weg war richtig. Das war er immer und ich wollte nicht zurücksehen. Nicht erkennen, was ich dabei bin zu tun. Herja musste endlich bezahlen!
Eine unbändige Wut entzündete sich in mir und seine nächsten Worte gossen Öl hinein. „Ohne Herjas Energie und ihre Anwesenheit werden wir zugrunde gehen. Keine Welt kann ohne seinen Schöpfer überleben. Sie gibt uns jeden Tag einen Teil ihrer Energie ab und hält uns so am Leben. Versteh das doch Ami: Ihr Tod ist auch unserer.“
Ich schnaubte und erhob mich zornig. Mein Blick wanderte vernichtend über Amis Familie. Sie hatte alles und ließ es doch zurück. Warum?
„Wir haben schon zu viel geopfert, um bis hierher zu kommen. Ich werde nicht umdrehen. Herja muss bestraft werden für all das Leid, das sie dieser Welt zugefügt hat. Ihre Schreckensherrschaft findet jetzt ein Ende. Ich lasse mich nicht aufhalten. Von niemanden.“
„Ami, bitte. Du darfst dich diesem Wahnsinn nicht länger hingeben. Es ist tragisch, was damals passierte. Aber ... du weißt es doch noch, oder? Herja und du ... es war ein Unfall.“ Die Worte der Koboldfrau rüttelten an etwas in mir und trieb Tränen in meine Augen. Ich schüttelte vehement den Kopf, um die Bilder zu verscheuchen, bevor sie Klarheit bekamen.
„Darum geht es nicht. Ich muss die Welt von Herja befreien. Kein Leid mehr wegen ihr. Nie wieder.“ Ich unterstrich meine Worte mit einer energischen Handbewegung und wandte mich dem Ausgang zu.
„Warte, Ami. Wenn du sie wirklich noch stürzen willst, folge mir. Es gibt einen geheimen Tunnel zwischen deinem Zimmer und Herjas.“ Mein Herz wurde schwer unter diesen Worten und mich befiel eine Melancholie, die ich nicht verstand. Es musste Ami sein, die ich gerade spürte. Meine Überzeugung verschlang ihre Bedenken und ich drückte meine Brust heraus. Entschlossen nickte ich der Kobolddame zu.
„Zeig ihn mir.“
Sie ging voraus durch einen weiteren engen Gang, der einer von den vier war, die von der Höhle abzweigten. Ich folgte ihr und ignorierte die Enge, die sich um mich herum zusammenzog. Nicht nachdenken. Nur auf den Rücken vor mir schauen und ihr folgen. Nach ein paar Schritten kamen wir in Amis alten Zimmer an. Pilze wuchsen auf den meisten Möbeln. Amis Mutter stoppte nicht, sondern deutete ein viel zu kleines Loch in der Wand. „Da bist du immer durchgekrochen, um zu Herja zu kommen, wenn es dir hier wieder zu viel war. Er wird dich in ihre Gemächer führen. Dort wird sie sich bestimmt erholen. Aber ... denk bitte noch einmal darüber nach, okay?“
Ich nickte ihr zu und trat auf den Gang zu. Kurzerhand öffnete ich das Chatfenster und schrieb an Marcel und Antje: Hey, Leute. Ich hab hier einen Geheimgang und werde nun zu Herja gehen. Ich werde es beenden. Versteckt euch derweil und wir treffen uns dann.
Ich schickte die Nachricht ab, die grau blieb und nicht zu Weiß wechselte. Wie konnte das sein? Das Headset auf meinem Kopf war schon lange verstummt. War ich nun gänzlich von meinen Freunden abgeschnitten? Es war egal. Wir mussten es zu Ende bringen.
„Pass auf dich auf, Ami. Ja? Hier wird immer dein Zuhause sein.“ Amis Mutter lächelte ich traurig an und bekam ein Nicken von mir.
Ich holte noch einmal tief Luft, um den Ring um meine Brust zu dehnen, und kroch in den kleinen Gang. Die Wand strich über meine Arme und Beine. Ich bewegte mich mühselig vorwärts und weiterer Schweiß lief über meinen Rücken. Die Dunkelheit um mich herum wurde nur durch einen kleinen Lichtpunkt am Ende unterbrochen. So weit weg. Wieso war diese Verbindung hier, wenn Ami Herja hasste? Waren sie früher wirklich Freunde gewesen?
„Hey, Ami? Können wir hier stecken bleiben?“, flüsterte ich in die Dunkelheit und hörte ein leises Kichern.
„Nein, der Gang ist groß genug. Ich bin so oft hier entlang gekrochen. Herja hatte immer ein Ohr für mich. Sie war die Einzige, die akzeptierte, dass ich keine Geschichten erzählen wollte.“ Amis Stimme klang sanfter als vermutet. Eine Schwere legte sich auf mein Herz und ich kroch weiter.
Hoffentlich hatte sie Recht und wir kamen hier wieder heraus. Der modrige Geruch der feuchten Erde war alles, was in dieser ewigen Dunkelheit existierte. So hoffte ich zumindest. Ich wollte jetzt keinem Insekt oder anderen Wesen begegnen. Es war zu eng, um an meine Dolche zu kommen, geschweige denn um sinnvoll zu kämpfen.
Doch mir blieb nur eines: Weiterkriechen und auf die Einsamkeit hoffen. Immer weiter. Bis das Licht mich gänzlich verschlang.
Ich sah um die Ecke des Regals, hinter dem der Tunnel geendet hatte. Vor mir erstreckte sich ein Thronsaal und ich hörte ein schmerzerfülltes Stöhnen. Unter einem Frustschrei zuckte ich zusammen. Herjas langer Schwanz peitschte unruhig hin und her.
„Geh ab!“ Ein Zischen erklang und erneut ein gequältes Wimmern. Langsam trat ich in den Raum und erkannte Herjas gebeugte Figur auf dem Thron sitzen. Mein Blick glitt durch den weiten, leeren Raum. Der purpurne Teppich führte zu dem Podest, auf dem Herja verweilte.
Das Klirren von Waffen und wilde Rufe drangen von hinter der Tür an mein Ohr. Ich trat einen Schritt auf Herja zu. Der Geruch von verbrannter Haut lag in der Luft und ihre Klauen waren verkohlt. Sie griff erneut nach der Kette und ihre Finger zuckten unter einem zischenden Laut zurück.
Ihre einst so leuchtende Haut wirkte blass und fahl. Herjas Augen lagen tief in den Höhlen und die Wangenknochen zeichneten sich ab. Dies war meine einzige Chance, all das zu beenden und dieser Welt endlich Frieden zu bringen. Genau für diesen Moment haben wir die letzten Monate gekämpft und gespielt. Diese Kette um Herjas Hals ermöglichte mir den finalen Stich.
Ich tauchte in die Schatten ein und beugte mich, um zu ihr zu schleichen. Meine Dolche lagen in meinen Händen und ich hielt sie zum Angriff bereit neben meinen Hüften fest. Dies war meine letzte Tat in Ion. Wenn ich Herja jetzt tötete, hatte ich alles in diesem Spiel geschafft. Dann waren wir die Besten.
Ein Schauer glitt durch meinen Körper. Ich sah Valos und Sha vor mir und instinktiv wanderte mein Blick zu dem Chatfenster, das seit Shas Gefangenschaft nicht mehr da war. Es fehlte immer noch und zeigte mir, dass es schon lange kein Spiel mehr war.
Der Ruhm war zum Greifen nahe. Es war nur ein Stich. Vorsichtig. Einen Schritt nach dem anderen. Ich sah Herjas Kehle, die unter einem Schlucken zuckte. Erneut berührte sie die Kette, doch es folgte nur ein Zischen. Kleine Rauchschwaden kringelten sich in die Höhe und die Haut unter der Kette war rabenschwarz. Der Gestank vom verbrannten Fleisch wurde stärker und ich würgte, doch schwieg und trat näher an sie heran.
Drei Stufen trennten mich von ihr. Von meinem endgültigen Ruhm. Von meiner Vergeltung. Ich zuckte unter diesem Gedanken zusammen. Amis Präsenz war greifbar in meinem Herzen und die nächsten zwei Schritte waren nicht mein Befehl. Meine Finger schlossen sich fester um die Griffe der Dolche und mein Körper beugte sich noch ein Stück tiefer. Auch wenn Herja geschwächt war, sie konnte uns immer noch zertreten. Wir durften von ihr nicht entdeckt werden. Obwohl ... sie wollte uns immer schon lebend. Bestimmt würde sie uns auch jetzt nicht töten.
Herjas Magie ist unser Leben, Ami. Ohne Herja kann es passieren, dass all das Leben in dieser Welt vergeht. Sie hat uns nicht nur geformt und erschaffen, sondern schenkt dieser Welt ihre Kraft.
Ich schüttelte unter der Erinnerung an die Worte der Kobolde meinen Kopf. Das war Schwachsinn. Keiner hatte so viel Macht, dass an ihm die ganze Existenz eines Kontinents hing. Aber was, wenn es nicht so war? Kobolde erzählten Geschichten. Sie waren die Hüter des Wissens der Vergangenheit. Manche waren vielleicht erfunden, aber oft bedienten sie sich eher an den vergangenen Geschehnissen. Ich sollte dieses Wissen auch besitzen. Irgendwo in mir und genau daher kam dieses unruhige Zittern in meiner Hand.
Noch ein weiterer zögernder Schritt auf Herja zu. Ihr Knurren vibrierte durch den Raum und dem erneuten Zischen folgte ein verzweifelter Schrei. Herja sprang auf und bäumte sich auf. Die Kette blieb und drückte die Göttin zurück in ihren Thron.
Herja wimmerte und Tränen rannen ihre Wangen hinab. Der Anblick versetzte mir einen Stoß ins Herz und mein Sichtfeld verschwamm unter meinen eigenen Tränen. Ich stockte erneut und senkte meine Dolche. War sie überhaupt eine Göttin? Was war sie wirklich? Wenn sie uns alle erschaffen hatte, warum konnte sie eine einfache Kette ausbremsen? Was war wahr? Aber vor allem: Was war richtig?
Ich kletterte mit Hilfe meines Enterhakens ihren Thron empor. Das raue Seil verkeilte sich in meinen Händen und gab mir Halt für den Aufstieg. Herja stampfte wild mit ihren Füßen auf den Boden auf. Ihre Klauen klackten und ihre Hände gruben sich tief in das Holz. Sie grunzte und schnaubte. Ein weiterer Versuch, die Kette wegzureißen, wurde wieder zischend gestoppt. Das Schmuckstück blieb an Ort und Stelle und brannte sich weiter in die göttliche Haut.
Geübt zog ich mich immer höher, bis ich bei ihrem Kopf ankam. Mein Blick glitt über ihren Hals und die Schläfe. Meine Dolche waren klein, aber mit einem gezielten Stich wäre alles vorbei. Ich könnte sie jetzt und hier töten. Das Quest wäre vorbei und wir die Helden. Und danach?
Mit Herja verschwindet die Magie und damit auch all unsere Leben.
Der Dolch in meiner Hand zitterte und ich umfasste ihn fester. Ich schloss unter einem tiefen Atemzug meine Augen. Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ruhig atmen. So tief wie möglich einatmen, halten und langsam wieder ausatmen. Meine Hand zuckte, aber stockte kurz vor dem Ziel. Ich konnte nicht. Das war falsch, oder? Tötete ich Ion mit Herja zusammen? Ich konnte diese Welt nicht zerstören.
Langsam zog ich den Dolch zurück und fasste das Seil neu, um wieder nach unten zu gleiten, doch ich erstarrte als sich rote Augen auf mich richteten. So voller Schmerz und Zorn. Bereit zu töten. Mich zu töten.
„Ami ... natürlich bist du hier. Wer sollte es sonst sein?“ Der Zorn erlosch aus Herjas Augen und sie lachte bitter auf. „Am Ende hast du gewonnen, kleine Koboldin. Ich wusste schon immer, dass du eine besondere Rolle in dieser Welt spielen würdest. Die einzige Koboldin, die keine Geschichten erzählen will.“
Sie hielt mir ihre zitternde Hand hin. Ich sah auf die langen Klauen, die mich ohne Probleme durchbohren konnten. In meinem Herzen kehrte bei ihrem Anblick keine Furcht ein, sondern Sicherheit und Vertrauen. Gefühle, die ich nur von Antje und Marcel kannte und in diesem Moment nicht mir gehörten.
Ich schwang mich zu der Hand hinüber und landete zielsicher auf der warmen Haut. Der beißende Geruch vom verbrannten Fleisch stach in meine Nase und ich rümpfte sie. Überall sah ich dunkle Flecken und erkannte Wunden und Blasen. Wie oft hatte sie versucht, die Kette abzunehmen?
„Wir waren mal Freunde, Ami. Es ist so viel schief gegangen und es tut mir leid, was geschehen ist. Jetzt, da du mir meine Macht genommen hast, begreife ich, wie widerlich ich war.“ Ein trauriges Lächeln lag auf ihren Lippen. „Ich hätte dich niemals als mein Eigentum sehen dürfen. Niemals von dir erwarten können, dass du mein persönliches Spielzeug warst. Du warst meine beste Freundin und ich ...“
Sie stockte und biss sich auf die Lippen. Mit einem Zischen missglückte erneut der Versuch, die Kette abzunehmen. Sie stöhnte unter Schmerzen auf und mein Herz wurde schwer. „Ich wollte dich besitzen. Du solltest nur noch mir gehören und nur noch mich sehen. Es tut mir so leid, Ami. Du hättest nicht sterben müssen. Aber ich bin froh, dass du zurückgekommen bist.“
„Ich bin nicht Ami, sondern Kathi“, widersprach ich und sie lachte kopfschüttelnd auf. Erneut ein Zischen und ihr Gesicht zuckte unter den Schmerzen. Der Gestank wurde übermächtig und ich wollte mir nicht vorstellen, wie groß die Pein war, die sie in diesem Moment erlitt.
„Stimmt, mein Bruder hat mir so etwas erzählt, dass die Seelen, die wir in unsere Welt holen, ein Spiegelbild besitzen. Vater hat diese Welt mit einem Schutzzauber belegt, der zu dieser Verbindung geführt hat. Ich dachte, dass er spinnt. Aber scheinbar ist da etwas Wahres dran.“ Herja lächelte erkennend und senkte ihr Haupt leicht. Ich konnte ihre geschwungenen schwarzen Hörner sehen. Sie war schutzlos. Ich könnte sie töten, doch ich zog keinen meiner Dolche. „Ist meine Welt dabei unterzugehen oder warum seid ihr hier?“
Ich zuckte mit den Schultern und versuchte weiter, ihre Worte zu verstehen. Wovon sprach sie? Wir hatten hier ein Spiel und keine Verbindung zu einer anderen Welt oder doch? Erklärte das die Übertragung der Verletzungen? Weil wir mit unserem Computer in eine andere Welt gewechselt hatten?
„Ich weiß es nicht. Bei mir zuhause ist es ein Videospiel.“
„Ein Videospiel? Meine schöne Welt, die ich erschuf, ist für euch nur ein Spiel?“ Zorn schwang in den Fragen mit und ich wich instinktiv vor Herja zurück. Zumindest wollte ich das, doch meine Beine gehorchten mir in diesem Moment nicht. „Ich habe all die Magie, die mir Vater gab, in diese Welt gesteckt und dennoch wollt ihr meinen Untergang.“
„Wir gehören nicht dir, Herja. Das hast du niemals verstanden und deswegen ist es erst so weit gekommen.“ Ami sprach und verdammte mich zum Zuhören. Dieser Körper gehörte nicht mehr mir. Ich war nur noch die Beobachterin, wie sonst immer Ami.
„Ihr seid meine Schöpfung. Natürlich gehört ihr mir! Wem sonst?“ Herjas Stimme wurde lauter, doch Ami zuckte nicht zusammen. Sie stand mit erhobenem Haupt und herausgestreckter Brust weiter auf der Klaue, die ihr Leben in einem Bruchteil einer Sekunde beenden könnte.
„Uns selbst, Herja. Das wirst du nie verstehen. Darum ist es Zeit, dass wir uns von dir befreien.“ Ami zog die Dolche. Trauer stürmte Herjas Augen und zeichnete tiefe Furchen in ihre Stirn. Sie lächelte müde und schüttelte den Kopf.
„So lange warst du an meiner Seite, doch hast es nie begriffen. Ich kanalisiere die Magie, die durch diese Welt fließt und somit auch durch jeden Bewohner. Wenn ich sterbe, wird diese Magie sich verteilen und zu Vater zurückkehren. Keine Magie, kein Leben. Ihr werdet alle mit mir sterben.“ Herja blieb ruhig und strich über die Kette. Ein Zischen erfüllte die Luft und der verbrannte Geruch verstärkte sich. Nur ein kurzes Zucken an ihrem Auge zeigte ihre Schmerzen.
„Die Kobolde hatten Recht? Wir werden alle mit dir untergehen?“ Ami senkte ihre Dolche. Die Erkenntnis glitt eiskalt über unsere Kopfhaut, über den Nacken und den gesamten Rücken entlang.
„Ja, mein Tod ist euer aller Tod.“ Herjas Stimme blieb ruhig und die Kette fraß sich weiter in ihre Haut. Blut lief über ihre Brust und ihr Lächeln wankte unter den Qualen. „Also, Ami, willst du mit mir gemeinsam sterben? Ich würde mich darüber freuen, wenn wir im Tod vereint blieben.“
„Ich will nicht sterben. Damals nicht und heute auch nicht. Ich will frei sein und ein Leben nach meinen Wünschen führen! Niemand soll mir sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe! Auch du nicht!“ Ich sprang auf Herja zu und mein Dolch durchtrennte das dünne Glied der Kette, die zischend über Herjas Brust zu Boden glitt. Mit einem leisen Klirren schlug sie auf und die Wunde schloss sich zu einer hellen Narbe.
„Ich wusste, dass du mich niemals sterben lassen würdest.“ Herja lächelte und in Amis Brust erwachte Angst. Ich griff nach ihrem Sein, doch ich erreichte sie nicht mehr. „Das Spiel ist vorbei, kleine Kathi. Du hast alles erreicht und alles verloren. Leb wohl.“
Herjas Abschied explodierte vor meinen Augen und schlug auf mich ein. Ich löste mich von Amis Körper und wurde davon geschleudert. Durch die Dunkelheit in ein grelles Licht, das alles um mich herum verschlang.
Sie wurden erfolgreich ausgeloggt.
Das Piepen einer Maschine drang an mein Ohr. Mein Körper fühlte sich schwer wie Blei an. Das weiche Laken unter meinen Händen umschloss mich fürsorglich und die Decke hielt mich warm.
Schwerfällig öffnete ich meine Augen und starrte an eine weiße Decke. Elektroden hefteten an meiner Brust und das Piepen neben mir wurde ein wenig schneller. Meine Lunge füllte sich mit Luft und ich strich mir träge durchs Gesicht. Schläuche hingen an meinen Armen.
„Wieso bin ich im Krankenhaus?“ Meine Stimme hallte im fast leeren Zimmer wieder. „Welchen Tag haben wir? Wo ist Mutter?“
Ich tastete nach dem Rufknopf, fand ihn über mir hängen und drückte ihn. Es dauerte keine Minute, da platzte nach einem kurzen Klopfen schon eine schweratmende Schwester durch die Tür herein.
„Kathi? Du bist wirklich wach. Wie geht es dir, Kind?“ Sie trat auf mich zu und lächelte mich an. Ihr blondes Haar hatte sie in einen Pferdeschwanz zusammengebunden und ihre braunen Augen leuchteten unter einer mir unbekannten Freude.
„Gut, glaub ich. Warum bin ich hier?“ Ich richtete mich ein wenig auf und sah mich im Raum um.
„Deine Mutter hat dich zusammengebrochen an deinem Rechner gefunden und den Notarzt gerufen. Wir konnten nur ein Koma feststellen, aus dem wir dich nicht erwecken konnten.“ Die Erklärung der Frau klang so surreal.
„Ist meine Mutter hier?“ Ich entschied mich aber, nicht darauf einzugehen. Sie würde es eh nicht verstehen, wenn ich ihr von Ion erzählte.
„Nein, sie ist arbeiten. Meistens kommt sie abends her. Wie sieht es aus? Hast du Hunger?“ Die Antwort überraschte mich nicht und dennoch fraß sich eine Klinge in mein Herz und schickte einen Schmerz über meine Nervenbahnen, dass mein Lächeln ins Wanken geriet.
„Was zu essen wäre nicht schlecht, ja.“ Ich wollte nicht nach dem Datum fragen. Es war unwichtig, wie lange ich weg war. Genauso wie es unwichtig war, dass meine Mutter nicht hier war. Sie war es nie und würde es niemals sein. Ihre Arbeit stand schon immer über mir und daran würde sich nie etwas ändern. Ich musste mich damit einfach abfinden.
„Ist okay. Ich bringe dir gleich etwas.“ Sie strich mir ein letztes Mal über den Oberarm und verließ wieder das Zimmer. Ich starrte an die weiße Wand vor mir. Das Piepen der Maschinen immer noch in meinem Ohr und die letzten Bilder von Herja vor meinem geistigen Auge.
Wie es wohl Marcel und Antje ging? Sind sie auch schon zurück oder steckten sie noch in den Körpern der anderen fest? Ich wollte nach Hause und all das in Erfahrung bringen, doch ich rührte mich nicht. Es hatte keinen Sinn jetzt abzuhauen. Mutter erwartete mich hier und auch die Schwestern und Ärzte würden mich bestimmt nicht ohne ein paar Test gehen lassen.
Ich lächelte gequält und schüttelte den Kopf. All unsere Abenteuer waren umsonst gewesen. Wir konnten Herja am Ende nicht besiegen. All das Leid und die Streitereien, die uns beinahe auseinandergerissen hätten, unbedeutend. Ob Ami und Herja jetzt wieder Freunde waren und sich nach meinem Verschwinden ausgesprochen hatten? Ich wusste nicht, was davon ich hoffen wollte.
Ein Klopfen schreckte mich aus meinen Gedanken hoch. Die Krankenschwester von vorhin trat ein und stellte mir ein Tablett mit Brötchen Käse und Wurst vor die Nase. „Hier, das habe ich für dich gefunden. Lass es dir schmecken. Nachher bringe ich dir den Speiseplan der Woche.“
„Nicht nötig. Ich glaube nicht, dass ich lange bleiben werde.“ Ihr Lächeln zeigte mir, dass meine Worte vergebene Liebesmüh waren.
„Dann können wir alles streichen. Keine Sorge, so ist der normale Ablauf.“ Sie winkte mir zum Abschied und verschwand wieder. Ich sah auf das Essen vor mir und lächelte. Es war Irrsinn, aber gut, ich hatte wirklich Hunger.
Ich griff nach dem Brötchen und schnitt es auf, bevor ich es mit Wurst und Käse belegte und dann kräftig ab biss. Erneut legte sich die Stille auf meine Schultern und erfüllte mich mit einer Schwere, die meine Laune Stück für Stück tiefer zog. Warum konnte meine Mutter seelenruhig arbeiten gehen, wenn ich hier lag? Hatte sie sich auch nur einmal wirklich um mich gesorgt?
Gedanken, die ich nicht wollte, aber auch nicht stoppen konnte und so konzentrierte ich mich lieber auf das Essen vor mir. All diese Fragen konnte ich ihr heute Abend stellen. Jetzt erstmal hatte ich die Zeit selbst mit dem Erlebten klar zu kommen, bevor sie mich verhörte.
Immer wieder ging ich die letzten Stunden noch einmal durch. Den Moment, als ich mich nicht mehr ausloggen konnte bis zu dem Gespräch mit Herja. Ich konnte sie nicht töten, aber wie ging es in Ion weiter? Waren auch Marcel und Antje wieder hier? Wie ging es Askhors Spieler? Oder Fenis?
Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Es gab kein Ergebnis und ich wusste auch nicht, was ich meiner Mutter sagen sollte. Sie würde mir niemals glauben, was wirklich geschehen war und wenn sie es tat, dann würde sie mir bestimmt jedes weitere Videospiel verbieten. Oder auch nicht. Ich wusste nicht mehr, was oder ob ich ihr überhaupt bedeutete.
Die Schwestern holten gerade das Abendessen ab, als sich die Tür öffnete und meine Mutter eintrat. Unter ihren Augen lagen dunkle Ringe und sie waren gerötet. Aus ihrem Pferdeschwanz hatten sich vereinzelte Strähnen gelöst, doch kaum begegnete sie meinem Blick, legte sich ein erleichtertes Lächeln auf ihre Lippen.
„Katharina, du bist endlich wieder wach!“ Sie stürzte zu mir und umarmte mich innig. Diese simple Geste beantwortete mir all meine Fragen von vorhin. Ich war ihr wichtig und seitlangem fühlte ich mich mal wieder von ihr geliebt. Mein Herz öffnete sich und Tränen stiegen in meine Augen.
„Ja, ich bin wieder wach.“ Wir drückten uns und sie nahm Abstand zu mir. Ohne hinzusehen, zog sie einen Stuhl ans Bett heran und setzte sich darauf. Sie ergriff meine Hände und strich über meinen Handrücken.
„Was ist passiert? Ich kam nach Hause und du lagst bewusstlos auf deinem Schreibtisch. Dieses komische Spiel lief, aber du warst nicht ansprechbar. Ich habe Panik bekommen und den Notarzt gerufen. Sie konnten dich nur ins Krankenhaus bringen, wo man ein Koma feststellte. Aber helfen konnten sie dir nicht. Ich hatte Angst, dass du nie wieder aufwachen würdest.“ Sie hauchte einen Kuss auf meine Hand und schmiegte sich mit ihrer Wange an sie.
„Ich ... ich war in Ion.“ Ich wollte ihr die Wahrheit sagen, doch ihre Augenbraue wanderte skeptisch in die Höhe und brachte mich zum Stocken. Ein tiefer Atemzug nahm mir die Blockade, dabei senkte ich meinen Blick, um ihrem Bann zu entkommen. „Wir hatten eine schwierige Quest, die am Ende den Untergang der ganzen Welt verursacht hätte. Als wir in angenommen haben, war alles noch normal, doch desto länger er lief, umso enger wurde die Verbindung. Verletzungen wurden übertragen und alles, was ich tat, fühlte sich echt an. Irgendwann konnten wir uns nicht mehr ausloggen, bis wir die Quest beendet haben. Als dies der Fall war, wachte ich hier im Bett auf.“
„Ein Computerspiel hat dich verletzt? Sicher, dass du nicht irgendwelche Drogen genommen hast?“ Mutter glaubte mir nicht und entzündete die Hoffnungslosigkeit in meinem Herzen aufs Neue. Es hatte sich nichts geändert. Wie konnte ich nur so naiv sein?
„Ich nehme keine Drogen, Mutter! All das ist wirklich passiert!“, begehrte ich auf, doch ihr Lächeln nahm mir den Wind aus den Segeln.
„Das ist Irrsinn und das weißt du. Ich weiß nicht, was passiert ist, Katharina, aber jetzt ist es vorbei. Du brauchst mich nicht anlügen, wenn du nicht über die Wahrheit sprechen willst. Ich bin hier, wenn du bereit dafür bist. Aber bitte, verschone mich mit deinen Lügen, ja?“ Sie war zurück. Die Fürsorge und Wärme waren aus ihren Augen zusammen mit ihrer Hand um meiner verschwunden. Niemals würde sie mir glauben. Nie.
Ich holte zittrig Luft, senkte erneut den Kopf und nickte stumm. „Gut, dann ist das geklärt. Die Ärzte wollen bestimmt einige Tests noch machen, aber ich vermute, dass du bald wieder hier raus kannst. Ich werde das mal abklären.“
Sie tätschelte meine Hand und erhob sich. Noch bevor ich reagieren konnte, verschwand sie aus der Tür und ließ mich erneut zurück. Ein Stich fuhr in mein Herz und drückte Tränen in meine Augen. Meine Lippen zitterten und ich biss darauf, um sie zu stoppen. Es hatte sich nichts verändert. Rein gar nichts und wenn ich ehrlich war, würde sich das auch nie.
Daher entschied ich mich, über das Geschehene gegenüber Mutter und den Ärzten zu schweigen. Es war eh egal, was ich sagte. Daher ließ ich all die Untersuchungen über mich ergehen und war froh, als ich nach drei Tagen die Klinik wieder verlassen durfte. Immer noch schweigend, denn es gab nichts mehr, was ich ihr sagen wollte. Gar nichts mehr ...
„Ich bin froh, dass du endlich wieder da raus bist. Es war lästig immer wieder dorthin zu gehen. Hat meinen ganzen Ablauf total durcheinandergebracht.“ Mit einem Klirren fiel Mutters Schlüssel auf den Schuhschrank neben der Wohnungstür.
Ich trat hinter ihr in den kleinen Flur und zog schon meine Jacke aus. Ihre Beschwerden perlten an mir ab wie Wassertropfen auf einem Lotusblatt. Es war unwichtig, was sie sagte oder dachte. Diese Familie existierte nicht mehr. Es gab nur noch Ion und meine Freunde.
„Ich bin in meinem Zimmer.“ Es war mehr ein Reflex als eine bewusste Entscheidung. Mutter stoppte in ihrem Satz, der mich schon gar nicht mehr erreichte, und wandte sich zu mir.
„Was? Ja, ist okay. Ich ruf dich, wenn das Essen fertig ist.“
Unsere Wege trennten sich und ich schloss meine Zimmertür hinter mir. Dieser kleine Raum, der schon immer mein Wohlfühlort war. Das Bett, das mich vor der Kälte der Welt schützte und mein Computer, der mich mit Freunden verband. Mehr war nicht wichtig in meinem Leben. Auch jetzt stieß ich mich von der Tür in meinem Rücken ab und trat auf meinen Schreibtisch zu.
Ohne nachzudenken, schaltete ich den Rechner ein und blickte auf das Headset, das neben der Tastatur lag. So als wäre ich niemals im Koma gelegen, sondern nur in der Schule gewesen. Ich lächelte unter dieser Erkenntnis, die das Erlebte noch surrealer erscheinen ließ.
„Was ist nur passiert?“ Ich tippte mein Passwort ein und der Desktop baute sich vor mir auf. „War alles Wirklichkeit? Wie konnte es passieren, dass ich im Koma gelandet bin? Vom Zocken?“
Ich lachte auf und drängte die aufkeimenden Bilder der letzten Schlacht nieder. Doch die Sehnsucht nach Sha und die Sorge um meine Freunde konnte ich nicht aufhalten. Sie stürmten mein Herz und streckten die Finger nach meinen Gedanken aus. „Ob es ihnen gut geht? Ich hoffe doch sehr.“
Ich zog den Stuhl zurück und nahm Platz. Automatisch führte ich den Mauszeiger zu dem Platz vom DoF-Icon. Der Fleck war leer. Ich sah nur das Bild mit meinen Freund, das mein Hintergrund war. Wir lächelten in die Kamera. Das Abschiedsbild von unserem letzten Festival.
„Was? Wie kann das sein?“ Ich öffnete die Übersicht der installierten Programme. Mein Blick huschte über die Auswahl bis zum Buchstaben D, doch auch dort fand ich den Namen des Spiels nicht mehr.
Hastig riss ich die Tür meines Schreibtischschranks auf, der all meine Spiele beinhaltete. Ich durchwühlte die Verpackungen. Strategie, Simulation, Adventure- und Rollenspiele flogen mir entgegen, doch die Hülle von Domination of Fantasy blieb verschwunden.
„Das kann doch nicht sagen.“ Ich schüttelte den Kopf. Das blubbernde Klingeln meines Messengers riss mich aus meiner Suche. Ein Gruppencall von Antje und Marcel. Wenigstens schienen sie real zu sein. Bei diesem Gedanken musste ich auflachen. Warum sollten sie es nicht sein? Ich hatte sie ja auch außerhalb des Spieles getroffen.
Schnell setzte ich mein Headset auf und nahm den Call entgegen. „Hey, Leute!“
„Hallo, Kathi. Na? Wie geht es dir?“ Marcels dunkle Stimme begrüßte mich und ich sah in ihre Gesichter. Sie wirkten so ausgemergelt, wie ich mich gerade fühlte.
„Gut, bin gerade aus dem Krankenhaus zurückgekommen.“ Die erwartete Überraschung blieb aus. Antje senkte den Kopf und Marcel zeigte auf seine Cam. Ich verstand sofort und aktivierte auch meine.
„Lass mich raten. Koma?“ Marcel lächelte zerknirscht. Ich nickte.
„Ihr etwa auch?“
„Ja, bin vor zwei Tage nach Hause gekommen.“ Marcel zuckte mit den Schultern. Antje nickte.
„Ich gestern.“
„Ja, Mutter wollte zwar auch, dass ich schnell da rauskomme, aber die Ärzte haben noch unzählige Tests gemacht.“ Ich verdrehte die Augen. Es war schön, dass die beiden wohlauf waren. Vor allem Antje zu sehen, ließ mein Herz schneller schlagen und flattern.
„Ist bei dir das Spiel auch weg?“, wechselte Marcel das Thema. Ich zitterte unter der Erkenntnis, die mich befiel: Es ging allen so. Ion war verschwunden. War alles nur ein Komatraum?
„Ja, ich kann nicht einmal mehr die CD finden. Derweil wollte ich nachsehen, wie es Ami ging, nachdem mich Herja aus dem Spiel geschleudert hatte. Ich hoffe, dass sie noch lebt.“ In den Augen meiner Freunde begegnete mir die gleiche Sorge, die auch meine Gedanken durcheinanderwirbelte.
„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das Ganze überhaupt geschehen ist. Haben wir das Spiel jemals gespielt? Klar, wir haben uns darüber getroffen, aber dennoch. Vielleicht ...“ Antje zuckte mit den Schultern und fand keine anderen Worte. Es war leicht so zu tun, als wäre es nur ein schlechter Witz gewesen. Aber wir waren hier und wir haben uns in Ion getroffen. Das war Tatsache.
„Es ist alles so passiert, wie wir es gesehen haben. Ich habe noch die Narbe von damals.“ Marcels Worte zerschlugen auch die letzte Möglichkeit sich in eine Lüge zu flüchten. „Wir haben in Ion um unser Leben gekämpft und Herja gestürzt.“
„Nein, wir haben sie nicht gestürzt. Ich habe sie nicht angegriffen, sondern ihr die Kette wieder abgenommen–.“
„Was? Wieso? Dann war doch alles umsonst!“ Marcel fuhr hoch und auch Shas Stimme zitterte.
„Ich wäre umsonst beinahe gestorben? Wir haben nicht einmal Ion befreit. Wieso hast du das getan, Kathi?“
„Weil ich sonst die ganze Welt vernichtet hätte. Herja hat mit ihrer Magie Ion geschaffen und es ist auch ihre Magie, die Ion am Leben erhält. Hätte ich sie getötet, wären alle gestorben.“ Die Farbe wich aus den Gesichtern meiner Freunde. Ich lächelte schuldbewusst und senkte meinen Blick. Was sollte ich tun?
„Warum hat uns das niemand gesagt?“, hauchte Antje und Marcel nickte. Ich konnte nur mit den Schultern zucken.
„Weil wir immer die falschen gefragt haben. Wir haben nie mit den Kobolden gesprochen. Sie kennen neben den Geschichten auch die Wahrheit.“
„Was wollen wir jetzt tun?“ Antje sah uns direkt durch die Kamera an und ich lächelte. Marcel war aber schneller.
„Uns ein neues Spiel suchen und Ion im Herzen behalten. Nicht wahr?“
Wir nickten synchron. Eine Nachricht tauchte auf meinem Bildschirm auf und auch Marcel und Antje wirkten abgelenkt. Ihre Augen flogen über Zeilen, genauso wie meine:
Hey, Kathi, ich bin es, Ami. Ich hoffe, dass dich dieser Brief noch erreicht, bevor die Verbindung zwischen unseren Welten gänzlich verschwindet, aber ich wollte mich noch einmal aus tiefsten Herzen bei dir bedanken. Die gemeinsamen Abenteuer in Ion haben wirklich viel Spaß gemacht und auch wenn wir Herja am Ende nicht getötet haben, so haben wir die Welt doch verbessert.
Herja ist ruhiger geworden und auch bereit Kompromisse einzugehen. Sie sieht ein, dass wir alle unsere eigenen Leben und Willen haben. Ich hoffe nur, dass sie es nicht vergisst, wenn ein paar Generationen vergangen sind. Ansonsten freue ich mich auf ein Wiedersehen mit dir, Kathi. Wir sind ein unschlagbares Team und du kannst alles schaffen, was du dir vornimmst. Vergiss das niemals, ja?
Lebe lang und genieße jede Sekunde. Sie könnte die Letzte sein. Vergiss mich und Ion nicht. Wir werden dich auch niemals vergessen. Versprochen.
In ewiger Verbundenheit, Ami.
PS: Auch wenn es uns eigentlich verboten ist. Ich hab dir ein kleines Andenken zurückgelassen. Sieh unter deiner Tastatur nach.
Ich hob mein Keyboard empor und erblickte die Anleitung zu dem Spiel. Abschiedsschmerz durchzuckte mein Herz und ich nahm das kleine Heft mit zitternden Fingern in die Hand. War es möglich, dass nun alles vorbei war, oder konnte ich auf ein Wiedersehen hoffen?
Egal, wie es kam. Niemals vergaß ich den Tag, an dem alles angefangen hatte, und mein Leben endlich aus der Finsternis auftauchte, in die mich der Tod meines Vaters gestoßen hatte. Nein, diesen Tag vergaß ich nicht mehr. Nie mehr ...
Domination of Fantasy
Ich drehte die Hülle des Spiels in meiner Hand und wartete darauf, dass mein Computer hochfuhr. Der Klappentext versprach mir ein grenzenloses Abenteuer und mit vielen neuen Freunden.
Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Keine Einsamkeit mehr? Keine Ausgrenzung mehr? Hielt es, was es mir versprach? Ich wollte nicht mehr alleine sein.
Blind tippte ich den Code für meinen Benutzer ein. Nur noch wenige Sekunde bis sich die nötigen Programme geöffnet hatten und ich endlich das Laufwerk öffnen konnte. Ein letzter tiefer Atemzug und ich schob die Schublade wieder zurück in den Rechner.
Es öffnete sich das Installationsfenster und ich klickte mich durch die Sprache und den Speicherort. Jetzt hieß es nur noch warten. Aber was dann? Welche Rasse und Klasse wollte ich spielen? Was gab es überhaupt?
Ich nahm die Anleitung aus der Hülle und betrachtete das Cover, das vier Charaktere zeigte: Elfen, Feen, Kobolde und Nephilim – engelartige Kreaturen. Sie knieten nieder und hinter ihnen erhob sich ein dunkler Schatten mit Hörnern und einem Schwanz. Die glühenden roten Augen jagten mir einen Schauer über den Rücken.
Um diesen Anblick zu entkommen, öffnete ich das kleine Büchlein und überblätterte die Seiten zur Installation. Ich hatte schon genug Spiele auf meinen Rechner geladen, das brauchte ich nicht, sondern ich wollte die Beschreibung der Rassen haben.
Ein kurzer Blick auf den Bildschirm zeigte mir, dass erst zwanzig Prozent geladen waren. Ich hatte also noch ein wenig Zeit. Zielstrebig blätterte ich zu den Rassenbeschreibungen und begegneten dem Bild dreier Elfen, die nicht unterschiedlicher sein konnten.
Der linke Elf war in natürlichen Farben gekleidet. Sein Körper von Tattoos überzogen und er trug eine leichte Lederrüstung, während sein Haar im Gegensatz zu den anderen beiden sehr kurz geschnitten war. Sein wilder Blick fixierte mich und trieb mich weiter.
Der Elf in der Mitte trug eine lange Robe und hielt einen Stab in der Hand. Seine helle Haut passte perfekt zu dem blonden Haar, das wir flüssiges Gold über seine Schultern fiel. Den Blick stolz erhoben strahlte er Macht und Weisheit aus.
Die rechte Elfe trug einen schwarzen Kapuzenumhang, der ihre dunkle Haut perfekt tarnte und ich musste zweimal hinsehen, um ihre Hände zu erkennen, die bedrohlich nach oben gekrümmt waren. Beschwor sie etwas?
Ich schüttelte den Kopf und wandte mich dem Beschreibungstext zu:
Die Rasse der Elfen hat sich in drei Richtungen entwickelt: Waldelfen, Dunkelelfen und Weißelfen. Waldelfen sind die Beschützer der Natur und haben sich auf die Klasse der Tierzähmer und Schamanen spezialisiert. Dunkelelfe sind Magier und Fluchsprecher. Weißelfen Heiler und Supporter. Sie bedienen sich der Magie auf ihre eigene Art und Weise oder agieren mit der Natur zusammen.
Mein Blick wanderte noch einmal zu dem Bild, doch ich fühlte keine der drei Möglichkeiten. Sie wirkten so perfekt mit ihren dünnen Körpern und den perfekten Gesichtern. Unbewusst strich ich mir über meinen hervorstehenden Bauch und hoffte, dass ich ihn so verschwinden lassen konnte. Er blieb. Wie so oft.
Ich blätterte weiter, um zu verhindern, dass mich das Gefühl überrannte. Dieses Spiel sollte mir Freude schenken und mich nicht an alles erinnern, was in meinem Leben schief lief. Ich wollte dieser Schwere entkommen und sie nicht mit nach Ion nehmen.
Auf der nächsten Seite erwarteten mich zwei stolze Nephelins, die mich mit ihrem breiten Schultern überragten. Die Frau trug eine festere Lederrüstung und der Mann eine Kettenrüstung. Sie hielten beide Waffen in den Händen. Also hatte ich es hier mit Nahkämpfern zu tun, oder?
Die Rasse der Nephilim ist ein sehr kriegerisches Volk, das seine Absichten gerne mit roher Gewalt durchsetzt. Viele von ihnen dienen Herja und bestreiten dabei hohe Generalränge. Sie haben sich auf die Klassen des Kriegers und des Ritters spezialisiert.
Für mich klang beides gleich, doch auch sie reizten mich nicht. Es war unwichtig, was sie mir versprachen. Ich wollte nicht die ganze Zeit auf so einen perfekten Körper blicken. Es musste eine Rasse geben, die mich abholte, oder? Vielleicht hätte ich mich vorher informieren sollen, aber als ich das Spiel heute im Regal meines Lieblingsladens sah, konnte ich nicht anders als es mitzunehmen.
Seufzend blätterte ich auf die nächste Seite und sah in das puppenhafte Gesicht einer Fee, die mich entzückt anlächelte. Ihre feinen Flügel und der schmale Körper trieben mich in die Übelkeit. Ich würgte kurz und konnte nur im letzten Moment, den Impuls unterdrücken weiterzublättern.
Feen sind kleine Wesen, die vor allem für ihren Gesang bekannt sind. Sie leben oft als Haustiere in den Haushalten der Elfen und Nephilim. Gerüchten zufolge gab es zwar auch kleine Dörfer in den Wäldern, doch diese hatte bisher noch nie jemand gesehen. Ihre Klassen sind auf Grund ihrer großen Affinität zur Magie Heiler und Magier.
Ich schüttelte mich und blätterte weiter. Es gab nur noch eine Rasse zur Auswahl und ich hoffte, dass sie es war. Ich wollte das Spiel nicht umsonst gekauft haben.
Ein warmer Schauer erfasste mich bei dem Anblick der kleinen Knollennase und den spitzen Ohren. Die kurzen, dicken Finger und den üppigen Körper. Ich tauchte in die großen Augen ein und fühlte mich sofort zuhause.
Kobolde sind die Geschichtenerzähler der Welt und reisen daher gerne als Barden durch die Welt, wenn sie nicht in ihren unterirdischen Dörfern lebten. Früher wurden sie oft gefangen gehalten, um zur Unterhaltung zu dienen. Genauso wie die Feen. In einem blutigen Krieg haben sie sich befreit. Sie sind Barden oder Schamanen. Vereinzelt berichtet man auch, dass sich Schurken in deren Reihen befinden, doch niemand konnte dieses Gerücht bisher bestätigen.
Das war es! Diese Rasse wollte ich, aber keine Geschichten erzählen. Ich wollte eine Schurkin sein. Unentdeckt und leichtfüßig, obwohl man es meinem Körper nicht ansah, denn ich war mehr als das: Mehr als meine Figur.
Das leise Pling berichtete mir, dass die Installation beendet war. Sofort klickte ich auf Starten und tauchte ein in diese pastellfarbene Welt, die leicht schimmerte. Ich sah eine Stadt auf dem Ladebildschirm, die von einem Schloss überragt wurde.
Der Ladebalken füllte sich rasend schnell und schon war ich im Charaktermenü, das mich dazu aufforderte meinen ersten Avatar zu erstellen. Nichts lieber als das. Ich sah mir gar nicht die anderen Rassen an. Es war nicht wichtig, denn ich klickte sofort auf den Kobold, der mich frech angrinste. Braune Pigtails und grüne Augen rundeten ihr Erscheinungsbild ab.
Kurz erwachte in mir Verwirrung, warum die Kobolde drei Klassen hatten, während die anderen nur zwei besaßen, doch ich wischte es zur Seite und klickte auf Schurke, um in das wohl größte Abenteuer meines Lebens zu tauchen.
Ein Abenteuer, das mir so viel schenkte: Freundschaft, Stärke, Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen. Aber auch nahm: Naivität, Vertrauen, Schwarz-Weiß-Sicht und meine Mutter.
Ich stürzte mich in Quest, Dungeons und Dailys. Am Anfang alleine bis ich auf die zwei Menschen traf, die mein Leben werden sollten: Marcel und Antje. Genauso wie Askhor, dem wir in einem Raid mal gegenüberstanden und der mich nie wieder loslassen sollte.
Hey, hast du Lust, dass wir ein Team bilden? Du bist eine echt starke Schurkin.
Ja, Valos hat Recht. Mit dir zusammen und seinem Tankeinhorn können wir bestimmt einige Dungeons alleine meistern.
Oh ja, zu dritt werden wir das Spiel total rocken.
Ja, wieso nicht? Gemeinsam macht es bestimmt mehr Spaß. Ich bin Ami.
Dann willkommen im Team, Ami. Ich bin Sha und das ist Valos. Hast du Teamspeak?
Ja, hab ich.
Dann lass uns dort treffen.
Sie sind meine Welt geworden und gemeinsam würden wir auch noch viele andere Abenteuer bestehen. Ganz bestimmt.
Danke, Ami. Für alles. Auf dass wir uns irgendwann wiedersehen ...
Ganz bestimmt.
Ende