Aeneas und Luzifer - Ein prickelndes Ritual
"Was machst du da für'n Mist?", fragte Aeneas ärgerlich, als der hübsche junge Mann in seinen Armen nicht aufhörte, spastisch zwischen seiner menschlichen Gestalt und der kunstvollen Statue aus Charoit, die er eigentlich war, hin und her zu wechseln.
"Ich kann nix dafür! Das passiert schon seit Wochen! Keinen Schimmer warum!", antwortete das Kunstwerk in ebenso genervtem Tonfall.
Sein Körper war das 166 cm hohe Meisterwerk eines Edelstein-Bildhauers gewesen, der darin seine Version des schönsten, gefallenen Engels verwirklicht hatte. Luzifer nahm bei seiner magischen Erweckung vor rund 230 Jahren einfach den Namen an, der auf seinem Sockel gestanden hatte. Seit damals war viel passiert. Er hatte ein bewegtes Dasein geführt, das ihn letztlich zu dem Schluss brachte: Alles haben und nicht dafür arbeiten zu müssen, sei sein Himmel. So kam er zu Aeneas, dem 217 cm großen Albino-Gorgonen, dessen Haupt von armdicken, 120-140 cm langen Königspythons belebt war, der Kraftsport betrieb als hätte er sonst nichts zu tun und dem obendrein eine paranormale Mafia-Organisation unterstand.
"Lüg nicht. Wenn das seit Wochen so geht, müsste ich das bemerkt haben.", wies Aeneas ihn zurecht.
Dieses mythologische Ungeheuer erpresste Luzifer um Schutzgeld, das dieser in Form von Schäferstündchen erbrachte. Zumindest hatte es so angefangen: Luzifer ging ohne Theater mit Aeneas ins Bett und dafür zwang Aeneas ihn nicht mit Gewalt dazu. In den ersten Monaten stellte sich heraus, dass diese ungleichen Typen im Bett tatsächlich sehr viel Spaß miteinander hatten. Aeneas begann Luzifer Geschenke zu machen und Luzifer verlor nach und nach seine Angst vor dem Gorgonen. Er begann ihn zunehmend als seinen Bodyguard und Sugar Daddy zu sehen.
"Ach ja? Wie denn, wenn du in Neuseeland warst, wie du behauptet hast?!", gab Luzifer zurück.
Da Luzifer von Haus aus einen durchtriebenen Charakter mitbrachte, stieg ihm die Freiheit, die er durch so einen Mäzen in seinem Rücken genoss, schnell zu Kopf und schon bald hatte er sich selbst in eine Situation gebracht, in der es für ihn beinahe lebensgefährlich wäre, Aeneas als Patron zu verlieren. Dementsprechend sauer war er, wenn Aeneas ihn für seine Geschäftsreisen verließ, und umso williger hieß er ihn anschließend willkommen. Nur diesmal gestaltete sich die Willkommenszeremonie aufgrund der Umstände schwierig.
"Sei nicht so frech. Kannst du das gar nicht kontrollieren?"
"Nein, verdammt! Was erzähle ich dir denn die ganze Zeit?"
"Seit wann genau passiert das?"
Luzifer überlegte, während sein Leib zwischen dem blassen, italienischen Teint und der polierten Charoitoberfläche hin und her flackerte. Plötzlich richteten sich Luzifers Augen beunruhigt auf die dunklen Brillengläser des Gorgonen, mit denen Aeneas die Welt vor seinen verfluchten, unmenschlichen Schnitter-Augen schützte. Ein ungeschützter Blick trennte jedem Lebewesen die Seele vom Leib und versteinerte den zurückbleibenden Körper. Nur Luzifer hatte den Blick des Gorgonen bisher überleben können, denn zum Einen war er schon aus Stein und zum anderen besaß er keine Seele.
"Seit mir dein Hexendoktor die Sigille eingemeißelt hat.", sagte Luzifer und schlug Aeneas wütend die Faust auf die nackte Brust. Dummerweise trafen seine Knöchel in dem Moment auf Aeneas' gestählte Muskeln, als sie gerade aus Fleisch und Knochen bestanden. Mit einem zischenden Laut des Schmerzes, zog Luzifer seine Hand wieder zurück und schüttelte sie.
"Aargh, Fuck! Ich wusste es! Ich wusste, am Ende bist du wieder schuld an der Scheiße!", fluchte das Kunstwerk und glitt von Aeneas' Schoß auf die Matratze des King Size Bettes.
Aeneas ließ ihn widerstandslos aus seinen Armen rutschen und setzte sich ebenfalls auf. Er hätte dazu durchaus etwas sagen können. Aber wenn man die lange Kette der Ereignisse, welche letztendlich zu dieser Sigille auf Luzifers Haut geführt hatten, bis an ihren Anfang zurückverfolgte, dann war er tatsächlich schuld daran. Zumindest wenn die Sigille der Grund für Luzifers Formwandleranfälle waren.
"Ich hasse dich, Alter!", murrte Luzifer unglücklich und betrachtete seine schmerzende Hand beim Flimmern. Aeneas griff zum Smartphone.
"Was machst du?", wollte Luzifer misstrauisch wissen.
"Ich rufe meinen Schrotthändler an, damit er dich kaputtes Stück entsorgt.", antwortete Aeneas, "Falls du Charoit bist, wenn er kommt, kriege ich wenigstend noch deinen Materialwert zurück."
Luzifers Miene war ein pures Abbild der Wut.
"Du bist doch echt das Letzte, du dreckiger, undankbarer Bullenschwanz!", schimpfte er.
Seine schmerzende Hand schützend sprang er auf, sodass er auf der Matratze stand und trat den sitzenden Aeneas gegen den nackten Oberschenkel. Als sein Fuß traf, bohrte sich der Stein zentimetertief in den Muskel. Der Gorgone nahm den Schmerz hin, packte Luzifer mit der Linken am Unterschenkel und zog ihm das Standbein weg, sodass das Kunstwerk mit einem Aufschrei und wedelnden Armen rücklings auf die Matratze fiel. Aeneas fasste zwischen den in der Luft zappelnden Beinen hindurch, legte die Hand auf den flachen Bauch des Gefallenen und lehnte sich mit einem Teil seines Gewichts auf den Italiener, was ihm ohne das schützende Charoit den Atem nahm.
"RIP, gut dass ich dich erreiche. Mein Schmuckstück hat seine Gestalt nicht mehr im Griff, seit du ihm die Sigille eingemeißelt hast. Könnte das was miteinander zu tun haben?", sprach Aeneas ins Telefon.
"Dr-ück au-f L-autspr-echer!", ächzte Luzifer nach Atem ringend. Aeneas tat es. Aus dem Handy drang eine Stimme, die sich anhörte, als würde jemand mit einer Rasierklinge an einer Gitarrenseite schaben.
"Fällt ihm was ab oder hihihi zerfließt er?"
"Er wechselt unkontrolliert zwischen seiner menschlichen Gestalt und der charoitenen hin und her."
"Oh hihi.", drang es aus dem Lautsprecher, "Das könnte allerdings wirklich an der Sigille liegen. Anscheinend verträgt sie sich nicht ganz mit der Magie, die für den Gestaltwechsel zuständig ist."
"So kann ich ihn nicht benutzen.", erklärte der Gorgone.
"Küss dir doch selbst die Klöten!", schimpfte Luzifer gepresst und zeigte Aeneas den flackernden Mittelfinger.
"Kannst du das reparieren?", führte der Grieche das Gespräch unbeeindruckt fort.
"Tut mir leid, nein.", säuselte die schnarrende Stimme des Hexendoktors, "Ich kann hier jetzt unmöglich weg. Aber ich schicke dir das Ritual, das den Schluckauf beheben sollte. Es verbindet verschiedenartige Magieströme miteinander. Falls es nicht wirkt, ... hihihi, na ja, das siehst du dann schon."
"Danke.", grollte der Gorgone und legte auf.
In diesem Moment hörte Luzifer auf zu flackern und blieb in seiner Gestalt aus Charoit.
"Sieht aus, als wäre der Anfall vorbei.", bemerkte das Kunstwerk. Aeneas legte das Smartphone weg und stützte sich dann mit dem gesamten Oberkörper über Luzifer auf.
"Gut.", raunte der Gorgone und lächelte kaum merklich. Der Italiener blinzelte träge und sah abschätzig zu ihm hoch.
"Dein scheiß Ernst? Eben war ich noch Schrott für dich!", erinnerte das Kunstwerk eingeschnappt.
"Und jetzt, da ich dich reparieren kann, will ich wissen, ob du es noch wert bist.", grollte der Koloss und senkte seine Hüfte zwischen Luzifers schlanken Beinen ab.
Luzifer atmete langsam und hauchend aus und wechselte den Körper. Das Charoit zerfloss zu glatter Haut. Er grub die weichen Fersen in Aeneas' durchtrainierten Gluteus maximus, um ihre Lenden auf Tuchfühlung miteinander zu bringen. Mit der Hand streichelte er den schuppigen Leib einer Python, die sich auf seine kunstvoll ausgearbeitete, nackte Brust herabgelassen hatte. Seine funkelnden, violetten Augen schenkten dem bleichen Koloss einen lasziven Blick.
"Aber mecker' mich nicht an, wenn dein Excalibur plötzlich im Stein feststeckt und du nicht würdig bist, es wieder herauszuziehen.", flachste Luzifer böse. Aeneas befeuchtete sich die Lippen mit seiner gespaltenen Zunge.
"Wenn das passiert, verarbeite ich dich zu Halsketten und Ringen.", drohte er leise.
Luzifer öffnete ebenfalls die Lippen, zog sich an Aeneas' breiten Schultern hoch und tauchte mit seiner wendigen, geschickten Zunge in Aeneas' drohenden Mund ein. Der Gorgone vertiefte die lustvolle Geste sofort und barg die schlanke Gestalt stützend in einem massigen Arm.
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Als Kjósa, Aeneas' Assistentin, herein kam, um dem Paten mitzuteilen, dass gerade die Anleitung für ein magisches Ritual bei ihr eingetroffen sei, stand bereits der Mond am Himmel und die Geräusche der Nacht erklangen auf der karibischen Insel. Das Bett war zerwühlt und verströmte den eindeutigen Geruch eines zu seinem Recht gekommenen Gorgonen. Aeneas und Luzifer befanden sich allerdings nicht im Zimmer. Dafür drang das Prasseln einer eingeschalteten Dusche aus dem Badezimmer. Kjósa klopfte und trat ein. Feuchte Hitze schlug der Walküre entgegen. Die Wände und Oberflächen waren vollständig beschlagen.
Der kolossale Gorgone stand in der Nasszelle und hielt Luzifers gesamtes Körpergewicht vor dem Leib, die Hände sichernd unter dessen Hintern. Der Italiener hatte die Arme um Aeneas' Nacken geschlungen und war damit beschäftigt unter leise keuchenden und stöhnenden Atemzügen seinem Gönner die Seele aus dem Leib zu küssen. Seine Haut glänzte feucht und seine langen lila Haare lagen in dunklen Schnörkeln darauf verteilt, als seien sie von einem Künstler dort hin gemalt worden.
Der Gorgone revanchierte sich für die Hingabe des Lustknaben mit langsamen und geschmeidigen Hüftbewegungen, welche die Ursache für Luzifers angeregte Atmung waren.
Kjósa räusperte sich und klopfte nochmals. Diesmal allerdings an die Glasfront der Duschkabine.
"Mnh~ Was?", fragte Aeneas, ohne auch nur den Kuss zu unterbrechen. Luzifers Zunge wurde kurz sichtbar, dann verschwand sie wieder hinter Aeneas' Lippen. Die beiden waren offensichtlich ganz eingenommen von der Lust am Geschmack des jeweils Anderen.
"RIP hat die Anleitung für eine Art Ritual geschickt mit der Anmerkung >eilt<.", erklärte Kjósa. Aeneas folgte Luzifers Kopfbewegung, als dieser sich daraufhin aus dem Kuss befreien wollte, und ließ ihn nicht entkommen. Er griff den nassen, schlanken Körper fester, drückte ihn mit dem Rücken gegen die Glasscheibe und intensivierte sein Tun weiter unten, bis das Kunstwerk nach Luft schnappend den Kopf zurückwarf und stöhnend in Aeneas' Armen erzitterte. Das reinigende Wasser aus dem Duschkopf fuhr zwischen sie und wusch den Beweis für Luzifers Höhepunkt augenblicklich von den beiden schwer atmenden Körpern ab.
"Kannst du das Ritual schon mal vorbereiten.", wies der Gorgone sie an und ließ Luzifer zu Boden. Das Kunstwerk musste sich nach dieser erfolgreichen zweiten Runde an der gläsernen Kabinentür abstützen, um seine zitternden Beine zu entlasten.
"Wo?", fragte Kjósa nach.
Luzifer hob den Blick, wischte mit der Hand über die beschlagene Scheibe und sah die Walküre durch den entstandenen klarsichtigen Streifen hindurch fest an.
"Hier! In der Wohnung! Am besten direkt hinter dieser Tür!", sagte das patschnasse Kunstwerk unter schweren Atemzügen und deutete kraftlos auf die Badezimmertür.
"Ich geh heute nirgendwo mehr hin.", bestimmte er keuchend.
Aeneas' bleiche Mundwinkel zuckten amüsiert, während er seine riesigen Hände über Luzifers vor Nässe glänzenden Nacken und Rücken streichen ließ.
"Mach', was er sagt. Wir kommen nach, sobald ich fertig bin."
Luzifer drehte Übles ahnend den Kopf und versuchte, den weißen Koloss über seine Schulter hinweg ins Blickfeld zu bekommen. Die schön geformten dunklen Augenbrauen zogen sich über der Wurzel seiner hübschen Stupsnase zusammen.
"Wieso, sobald du fertig bist?", fragte er mistrauisch. Aeneas griff unter Luzifers erhobenen Arm hindurch, ließ seine starken Finger streichelnd über Luzifers Hals und hinunter auf seine Brust gleiten, dann zog er das Kunstwerk von der Glastür weg und rücklings gegen seinen harten Körper.
"Ich werde nicht aufhören, nur weil du schon fertig bist, du Schnellschießer.", gab er seinem Schmuckstück zu verstehen.
"Ah Fuck!", hörte Kjósa den Kurzen noch resignierend fluchen, als sie sich umwandte und das Badezimmer verließ.
Mit Luzifers gedämpftem Gezeter im Ohr, rollte Kjósa den Teppich im Wohnzimmer zur Seite und malte den Kreis mit den Symbolen und Zeichen penibel genau von der Vorlage mit Kreide auf den Boden ab.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür zum Badezimmer und Dampfschwaden waberten in den Raum. Der weiße Koloss duckte sich, angetan mit einem maßgeschneiderten königsblauen Bademantel, unter dem Türrahmen hindurch und trat barfuß ins Zimmer. Er hielt sich ein Badetuch an den Kopf, das in seinen Händen mehr an ein Handtuch fürs Waschbecken erinnerte und ließ die Pythons hindurchschlängeln. Das Prasseln der Dusche war weiterhin zu hören. Offenbar hatte Luzifer noch einiges von sich abzuwaschen.
Wortlos ließ sich Aeneas die Beschreibung des Rituals geben und las sie durch. Dann verglich er sorgfältig Kjósas Werk auf dem Boden mit der Vorlage.
"Gute Arbeit.", lobte er, während Kjósa die letzten Kerzen entzündete und die Pulverschalen auffüllte.
"Ich hoffe, es klappt, was auch immer du damit bezweckst."
Im Bad wurde das Wasser abgedreht und schon schlurfte ein nach wie vor patschnasser Luzifer aus dem Badezimmer. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ein Handtuch um die Hüften zu wickeln, wodurch er nun freizügig eine ganze Reihe Liebesmale auf seiner Haut zur Schau trug. Er achtete überhaupt nicht auf Kjósa, Aeneas oder den Symbolkreis im Wohnzimmer. Er schlurfte, überall kleine Pfützen hinterlassend, auf direktem Weg in die Küche, riss den Kühlschrank auf und trank eine ganze Flasche von Aeneas' Iso-Getränken leer. Danach nahm er sich eine Frischhaltebox heraus und begann, noch vor dem Kühlschrank stehend, daraus zu essen, bis sich das schwummrige Gefühl in seinem Körper legte. Nur um die Box anschließend in den Kühlschrank zurückzustellen, den Weg, den er gekommen war, zurückzuschlurfen und die Badezimmertür hinter sich ins Schloss fallen zu lassen. Kurz darauf ertönte das gedämpfte Rauschen eines Heißluftföhns.
"Du kannst gehen, Kay, Danke.", sagte Aeneas ungewöhnlich höflich. Kjósa nickte und verließ die Wohnung. Während Luzifer seine langen Haare föhnte und vorsichtig seinen durchgenommenen Körper trocknete, zog sich der Gorgone eine bequeme Jeans, ein Unterhemd und eine Sportjacke an. (Oberteile mit engen Halsausschnitten waren wegen der Pythons ein Problem, darum trug er vor allem Kleidungsstücke, die sich vorne zuknöpfen ließen oder einen Reißverschluss hatten.) Anschließend setzte er sich vor dem Symbolkreis auf einen Stuhl und las sich die Beschwörungsformel durch.
Endlich kam Luzifer trocken aus dem Bad und schlüpfte schnurstracks in frische Klamotten, bevor Aeneas auf die Idee einer dritten Runde verfallen konnte. Neugierig geworden musterte er zu gleichen Teilen den Symbol-Kreis.
"Ist ja 'n hübsches Mandala, aber wie genau soll das Geschmiere meine magischen Vibes wieder in Einklang bringen?", fragte er geringschätzig.
"Indem du dich in die Mitte stellst und dein Maul hältst.", antwortete Aeneas barsch. Luzifer verzog das Gesicht und trat vorsichtig in die Mitte des Kreises.
"Der freundliche Umgang mit Patienten liegt dir sehr am Herzen, wie? Na zeig schon, was du kannst, großer Hexenmeister."
Aeneas zeigte ihm die Zähne und Luzifer verstummte beim Anblick der schlangenhaften Fänge.
Die Anleitung in der Hosentasche, streute der Gorgone nacheinander die verschiedenen Pulver in die Kerzenflammen, bis Luzifer von farbigem Rauch eingenebelt war. Dann begann er in seinem tiefen, rauen Bass die Formel zu rezitieren. Luzifer fühlte sich auf einmal ganz kribbelig. Er sah auf seine Hände und Arme und musste feststellen, dass seine Gestalt wieder flackerte. Er wollte etwas sagen, doch der eingeatmete Rauch raubte ihm die Stimme. Er musste husten.
Der Rauch verdichtete sich an der Decke zu einer Wolke, in der nach kurzer Zeit rote und violette Blitze zuckten. Luzifers Flackern wurde immer schlimmer. Allmählich befürchtete das Kunstwerk, dass etwas schief gegangen sein musste. Die Sturmwolke über seinem Kopf ballte sich bedrohlich zusammen.
Luzifers Befürchtung wurde zur Gewissheit, als Aeneas die Formel beendete, die Anleitung aus der Hosentasche zog und nach einem eingehenden Blick darauf in den Kreis trat, um Luzifer herauszuziehen. Doch kaum hatte der Gorgone die Hand um den Oberarm seines Schmuckstücks geschlossen. Schlugen alle Blitze, die sich in der Wolke gesammelt hatten, gleichzeitig in den Kreidekreis ein. Für einen Augenblick war der Raum von Licht erhellt. Als sich der Rauch verzog, war das Zimmer leer.
Varian und die Varianten
Varian hatte mit seinen sechzehn Jahren bereits eine ganze Menge durchgemacht und viel angerichtet. Man konnte sagen, er sei in seinem zarten Alter bereits der genialste und gleichzeitig der gefährlichste Kopf in ganz Corona. Dabei war nichts davon je seine Absicht gewesen.
Varian war als einfacher Dorfjunge aufgewachsen, war aber nie wirklich einer gewesen. Er war mit einem unheimlichen Interesse an der Natur und ihren Zusammenhängen auf die Welt gekommen. Von frühester Kindheit an, hatte er alles untersucht. Er hatte herausfinden wollen, wie sich die Dinge miteinander und zueinander verhielten. Er hatte experimentiert, seit er denken konnte und obwohl viel dabei schiefging, konnte niemand leugnen, dass in dem kleinen Varian der Verstand eines Genies heranwuchs.
In seinem Eifer, alle Zusammenhänge der Physik und der Chemie zu begreifen, fiel Varian kaum auf, dass er eine wichtige Wechselwirkung der Natur völlig außer Acht ließ: Das Sozialgefüge der Menschen.
Varian hatte seinen Vater und bei all dem Ärger, den Varians Experimente diesem mit den anderen Dörflern einhandelten, wollte Varian nichts mehr, als seinen Vater stolz zu machen, der doch seine einzige Bezugsperson war.
Da die Dörfler meist der Grund waren, aus dem Varians Vater mit ihm schimpfte, fasste der kleine Alchemist den Entschluss, mit seinen Erfindungen das ganze Dorf glücklich zu machen. Wenn die Dörfler sich nicht mehr beschwerten, würde auch Varians Vater stolz auf ihn sein können. Er plante, versuchte und baute und mit vierzehn Jahren war er drauf und dran, das ganze Dorf mit fließendem, warmem Wasser zu versorgen.
Es war nur eine Kleinigkeit, die nicht gestimmt hatte. Es lag nur an seinem Mangel an Erfahrung und der fehlenden Möglichkeit, sich mit anderen Wissenschaftlern auszutauschen, dass sein Vorhaben misslang. Er hatte den Erfolg zu schnell gewollt. Die Heizkessel, die er heimlich unter dem ganzen Dorf aufgebaut hatte, hielten dem Druck des Wasserdampfs nicht stand und rissen das halbe Dorf ein. Er hatte es nicht gewollt, aber es war seine Schuld gewesen.
In dieser Lebenslage begegnete ihm das faszinierendste Studienobjekt seit langem: Rapunzel. Sie war mit ihrem Haar nicht nur maßlos interessant, sondern hatte Varian auch eine Freundlichkeit entgegengebracht, die seine Welt aus Substanzen, Reaktionen und Verbindungen kurzerhand für immer verändert hatte. Diese Begegnung hatte eine ganze Reihe großer und beängstigender, aber auch wunderbarer Ereignisse in Gang gesetzt.
Varian hatte Freunde gewonnen, hatte ihnen vertraut, war enttäuscht worden, hatte den König bestohlen, die Königin entführt, war gegen das Königreich in den Krieg gezogen, war geschlagen und eingesperrt worden. Dann hatte er sich befreit, Prinzessin Rapunzel hatte ihm vergeben, er war mit ihr gezogen, um zu helfen, nur um dann zu erleben, wie sich die Cassandra, in die er verliebt war, zum Bösewicht mauserte und ihn erneut gefangen nahm!
Er hatte Corona zwischenzeitlich so satt gehabt und doch hielt ihn etwas hier. Hoffnung. Rapunzel strahlte so viel Hoffnung aus! Sie glaubte unerbittlich daran, dass in jedem etwas Gutes steckte, wenn man sich nur die Mühe machte, es zu finden. Aber Varian fiel es immer schwerer, einfach zu glauben und zu hoffen, wenn so viel Verrat um ihn herum passierte. Er glaubte an Rapunzel, denn er hatte gesehen und am eigenen Leib erfahren, zu was sie fähig war. Er hoffte für sie, dass sich ihre Träume erfüllten. Vor allem aber hatte er ihr gegenüber einiges wieder gut zu machwn, darum half er ihr, wo er nur konnte.
Schließlich hatte sie ihn nach der letzten großen Schlacht geheilt und zum königlichen Ingenieur ernannt, sodass er endlich die nötigen Ressourcen für seine Arbeit bekam und in der Lage gewesen war, Corona fließendes, warmes Wasser zu geben. Mit seinem Prototyp der Wasserversorgung hatte er damals versehentlich sein halbes Dorf zerstört, doch er hatte daraus gelernt und es als königlicher Ingenieur fehlerfrei hinbekommen.
Wie sich in den zwei Jahren seiner Bekanntschaft mit Rapunzel herausgestellt hatte, war Varian ein alchemistisches und mechanisches Genie, das man nicht zum Feind haben wollte, aber er war auch ein Teenager und neigte zum Wagemut bis hin zum Größenwahn, besonders wenn es um seine Erfindungen ging.
Angespornt durch seinen Erfolg hatte er sich gleich das nächste große Projekt vorgenommen. Auf seinen Erfahrungen mit Wasserdampf aufbauend, hatte er eine Dampfmaschine erfunden, die ein Vehikel antreiben konnte ohne ein Pferd davorspannen zu müssen. Damit aber noch lange nicht genug. Varian stellte wie am Fließband große und kleine, starke und schwache Dampfmaschinen her, die er "Varian-ten" nannte. Seine Varian-ten sollten schwere Güter über Land befördern sowie im Haushalt und bei der Arbeit nützlich sein. Ein dampfbetriebener Hammer für den Schmied, ein dampfbetriebenes Bügeleisen, ein Dampfbähnchen für den Personenverkehr, ein dampfbetriebenes Karussell für die Kinder, eine Dampfpfeife für den Apell der königlichen Stadtwache ...
Varian hatte so viele Ideen und wollte sie am liebsten alle auf einmal umsetzen. Er fragte sogar beim König an, ob er Personal einstellen dürfe, um die Produktion zu beschleunigen.
Erst vertraute ihm der König nicht, was Varian sehr kränkte und ihn etwas bauen ließ, das den König umstimmen sollte. Doch die Maschine war zu hastig entwickelt worden und drehte durch. Rapunzel half ihm, seine Gedanken zu ordnen, das Chaos zu beseitigen und seine Maschine aufzuhalten. Anschließend baute er sie mit Geduld und Bedacht um, bis er die Maschine entwickelt hatte, die den König endlich umstimmte: Eine Heizung.
Endlich bekam er die Gesellen und Mitarbeiter bewilligt, die er brauchte und schon bald ging er mit seinen Varian-ten in Produktion.
Als er seine Erfindungen der breiten Masse vorführte, waren die Leute erstaunt und nachdem Rapunzel ihnen gezeigt hatte, dass die Erfindungen ungefährlich waren, auch begeistert. Nur die Pferde waren beleidigt gewesen, weil die neuen Dampfkutschen ohne sie funktionierten. Doch er baute ihnen eine dampfbetriebene Futterkrippe und sie waren wieder versöhnlich gewesen. Innerhalb von kürzester Zeit besaß so gut wie jeder in Corona eine Dampfmaschine von Varian und er genoss das Ansehen der Bürger von in vollen Zügen. Alles lief gut für ihn.
Doch dann kam dieser besonders heiße Tag im Juli. Die Maschinen überhitzten und drehten durch. Verbrennungen, Explosionen und Unfälle waren die Folge. Das Haus des Schmieds ging sogar in Flammen auf und auch wenn Varian sich sehr sicher war, dass keine seiner Varian-ten dafür verantwortlich sein konnte, und obwohl er bereits den begründeten Verdacht hegte, sabotiert worden zu sein, gab man ihm die Schuld an dem Desaster. Von einem Tag auf den anderen hieß es plötzlich, Varian und seinen Erfindungen sei nicht zu trauen. Manche sagten sogar, er habe versucht Corona zu übernehmen und dass seine Dampfmaschinen allesamt Bomben gewesen seien.
Ein heißer Sommertag brachte ihn vom geachteten königlichen Ingenieur und genialen Wohltäter wieder zurück zum Status: Feind der Nation. Rapunzel und Eugene glaubten ihm, dass er das nicht vorausgeahnt hatte, doch eine Sabotage ließ sich nicht beweisen. Hinzu kam, dass der König ihm die Entführung seiner Frau nicht so einfach verziehen hatte, wie gedacht, und so ließ er Varian erneut in den Kerker werfen, bis sich der Vorwurf des Putschversuchs zerschlagen hätte.
Natürlich war niemand in Corona qualifiziert dafür, Varians Erfindungen zu verstehen, selbst seine Mitarbeiter meinten, sie hätten einfach vom Plan abgeschaut und gebaut, verstünden aber selbst nicht recht, wie die Maschinen funktionierten. Allen erschienen die Varian-ten wie magische Büchsen, die plötzlich gewalttätig geworden waren. So schmorte Varian im Gefängnis ohne Hoffnung auf Rehabilitation, bis Rapunzel ihm auf seine flehentliche Bitte hin eine seiner Maschinen brachte. Er sagte, er könne seine Unschuld beweisen, wenn er den Fehler an seinen Maschinen fände, doch dafür müsse er sie untersuchen dürfen. Gutgläubig, wie Rapunzel nun mal war, kaufte sie ihm die Geschichte ab.
Aus Verzweiflung brachte Varian seine Erfindung absichtlich zur Explosion, riss damit die Kerkerwand ein, täuschte seinen eigenen Tod vor und verschwand in die Berge. Dort nutzte er Wasser- und Windenergie, um sich ein neues Labor aufzubauen, wo er unermüdlich forschte und experimenrierte. Seine Gedanken kreisten nur noch um einen Knackpunkt: Er hatte bei seinen Erfindungen nur das Wetter nicht mit einkalkuliert und ein einziger Tag hatte genügt, um ihn vom gefeierten Erfinder wieder zum geächteten Verbrecher zu erklären. Ein verdammter Tag! Er hatte es so satt, für Fehler büßen zu müssen, an denen er keine Schuld trug!
Was er nun baute in seiner Abgeschiedenheit, war eine Maschine, die es ihm ermöglichen sollte, in der Zeit zurückzureisen, das Wetter in seine Erfindung mit einzukalkulieren, seine Mitarbeiter besser einzuweisen und sie genau im Auge zu behalten, bevor er Corona seine Varian-ten zum Geschenk machte. Er würde besser sein als jemals ein Mensch vor ihm, vorausschauender, klüger! Mit dieser neuen Maschine würde er jedes Missgeschick sofort wieder ungeschehen machen und somit Unfälle verhindern, bevor sie nachher passiert worden wären. (Das eigentliche Problem mit Zeitmaschinen war die Grammatik, fand Varian in seinen Selbstgesprächen heraus.)
Die Zeit verging. Es wurde Herbst. Es wurde Winter. Varian musste fertig werden, wenn er nicht erfrieren wollte, denn er brauchte sämtliche generierte Energie, um die Maschine nicht einfrieren zu lassen und daran, sich selbst eine Heizung zu installieren, hatte er nicht gedacht. Was Varian eigentlich hätte erfinden sollen, wäre nüchtern betrachtet also eher eine Klimaanlage gewesen. Doch wenn sich sein Verstand einmal an einer Idee festgebissen hatte, war er nicht mehr davon abzubringen.
Ironischerweise war der Tag der Fertigstellung seiner Zeitmaschine auch der kälteste Tag des Jahres. Mit steifen Fingern stellte Varian die Maschine auf den Tag ein, an dem er entschieden hatte, dass seine Dampfmaschinen bereit für die Veröffentlichung wären. Mit einem tiefen Atemzug sah er dabei zu, wie seine Erfindung ansprang, wie die Kristalle aufleuchteten und wie die Luft zu knistern begann. Er atmete langsam und kontrolliert wieder aus, dann stellte er sich in den Käfig, der den Mittelpunkt der Maschine bildete und schloss die Gittertür hinter sich.
Über ihm zog sich die Luft zusammen. Ein plötzlicher Wind fegte durch die Höhle und wuchs zu einem Sturm. Gewitterwolken bildeten sich an der Höhlendecke. Varian runzelte die Stirn. Er hatte damit gerechnet, dass es Blitze geben würde, daher der Käfig. Aber er hatte diese Entladungen von seinen elektromagnetischen Spulen her erwartet, nicht von einem spontanen, unterirdischen Unwetter. Irgendetwas musste schon wieder schiefgelaufen sein, dachte er noch, als mit einem Mal sämtliche Blitze aus der Sturmwolke gemeinsam in den Käfig einschlugen. Für einen Moment war die Höhle von blendend hellem Licht erfüllt. Dann war der Käfig leer.
Cedrics großer Tag
Cedric hatte seit dem magischen Unfall seiner Schwester, an dem man ihm die Schuld gegeben hatte, eine traurige Existenz gefristet. In alter Tradition war er dennoch der königliche Hofzauberer an der Seite König Rolands geworden, doch sein angebliches, spektakuläres Versagen von damals haftete an ihm, wie ein Stigma.
In seiner Not fasste er den Plan, es allen zu zeigen! Er würde das Königreich übernehmen und dann würde ihn niemand mehr auslachen! Niemand widersprach dem König! Er würde bekannt werden als König Cedric, der Große und man würde vergessen, was er zuvor gewesen war.
Viele Vorhaben waren gekommen und gescheitert.
Dann war Prinzessin Sofia mit ihrer Mutter ins Schloss eingezogen und hatte ... ja, was hatte die Kleine nur mit ihm angestellt? Sie war ihm völlig vorbehaltlos begegnet. Sie hatte Lob und Dank für ihn bei jeder Gelegenheit. So oft wie sie hatte ihn bisher nur seine eigene Mutter umarmt! Aber sie hatte auch das Amulett von Avalor und ein neuer Plan entstand in seinem bösen Geist. Er wollte das Amulett von Sofia stehlen und mit der Macht dieses lilafarbenen Schmuckstücks König werden!
Das Problem mit diesem vertrackten Ding war nur, dass es einen verfluchte, wenn man es sich umlegte und Böses tat. Cedric hatte keine Chance, es unter diesen Umständen für seine Ziele einzusetzen, doch das wurde ihm erst nach vielen, vielen Versuchen klar.
Trotz seiner vielen Attentate schöpfte die Prinzessin niemals den Verdacht, er könne etwas gegen sie im Schilde führen, und das obwohl sie sonst immer ein untrügliches Gespür für unlautere Personen hatte. Bei ihm versagte ihr Gespür auf ganzer Linie.
Oder - manchmal meldete sich diese kleine Stimme in seinem Verstand - vielleicht durchschaute sie ihn besser als er sich selbst.
Sein Hass und sein Rachedurst waren ja nicht von vornherein in ihm angelegt gewesen. Das hatte sich über viele, viele Jahre der Schmähungen und der Nichtachtung in ihm entwickelt. Er wollte sich eigentlich doch nur aus dem Status des Trottels und Nichtskönners befreien und endlich die Anerkennung erfahren, die er sich in so langer, mühevoller Arbeit verdient hatte.
Einmal hatte er es geschafft, den Thron an sich zu reißen. Es war eine Verschwörung der königlichen Hofzauberer gegen die Königsfamilien gewesen. Sie hatten alle gleichzeitig zuschlagen müssen, damit kein Land dem anderen zu Hilfe kam. Der Plan war simpel aber effektiv gewesen und Cedric hatte einen wunderbaren Moment lang König des Zauberreiches sein können. Doch dann war Sofia aufgetaucht. Ihre Worte hatten ihn erreicht und er hatte ... aufgegeben. Auf der Höhe seiner Macht hatte er es einfach sein lassen. Er war verhaftet und eingesperrt worden. Nun war sein Ruf nicht nur miserabel, sondern völlig zerstört.
Sofia brachte ihren Vater zwar dazu, ihm die Chance zu geben, sich zu rehabilitieren, aber es war ein steiniger und demütigender Weg gewesen. Roland wollte ihn einfach nicht als denjenigen sehen, der er war. Er glaubte lieber seinen Vorurteilen, zu denen nun auch noch ein begründetes Misstrauen wegen des Putsches kam.
Es bedurfte Sofias ganzer Unterstützung, damit Cedric wieder seinen Status Quo erreichte. Also den Status, aus dem er sich hatte befreien wollen. ...
Dann kam der Tag als Sofia mit ihrer Familie nach Avalor reiste und die in ihrem Amulett eingesperrte Prinzessin befreite. Es kam zu allerhand Verwicklungen und Auseinandersetzungen und diesmal ging Sofia nicht einfach als Heldin aus der Geschichte hervor. Sie wurde in ihr eigenes Amulett eingesperrt. Plötzlich war es an Cedric, die Prinzessin zu retten. Alle Erwartungen und Hoffnungen lagen plötzlich auf ihm. Cedric hatte unter den Augen des missgünstigen Königs - genau wie unter denen seines Vaters - noch nie richtig zaubern können. Es machte ihn nervös und dann vermasselte er es immer. Doch diesmal, nach allem was er mit Sofia erlebt hatte, hatte er Vertrauen in seine Fähigkeiten gehabt. Er hatte es geschafft und dafür endlich den lang ersehnten Titel "Cedric, der Große" erhalten.
Danach dauerte es nicht mehr lange bis er am Hofe König Rolands endlich geachtet wurde. Jetzt da das Missverständnis mit seiner Schwester endlich aufgeklärt worden war, er sich mit König Roland versöhnt sowie Prinzessin Sofia vor aller Augen aus dem Amulett befreit hatte und man ihm endlich etwas zutraute, wurde er mit Aufträgen, Bitten und Fragen überschwemmt. Er erntete nun nicht nur das Ansehen, das er verdiente, sondern wurde nun auch deutlich öfter frequentiert! Die Menge an Fragen und Aufgaben, denen er sich nun stellen musste, beschäftigte ihn beinahe täglich von früh bis spät. Auf einmal hatte er spürbar weniger Freizeit. Manchmal kam es ihm so vor, als ließe man ihn in seinem Turm überhaupt nicht mehr allein.
So viel Trubel um seine Person überhaupt nicht gewöhnt, ertappte sich Cedric immer häufiger bei dem Versuch, sich zu verstecken, um der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entgehen, die ihm plötzlich zuteil wurde. Natürlich genoss er seine exponierte Stellung in vollen Zügen. Das Zaubern fiel ihm nun auch unter König Rolands Blicken immer leichter und er bewegte sich nun nicht mehr mit hängenden Schultern und gebückt durch das Schloss, sondern stolz und aufrecht, fast als wäre er selbst der König.
Dennoch war er es viel zu lange gewöhnt gewesen, teilweise Tage lang ungestört in seinem Turmzimmer Pläne auszutüfteln und Zauber vorzubereiten. Die Aufträge des Königs waren ihm immer eher eine lästige Ablenkung davon gewesen als eine Ehre, vor allem wenn es wieder geheißen hatte, er solle die Kinder mit Zaubertricks bespaßen. Jetzt aber kamen laufend ernstgemeinte Anfragen, Probleme und Aufträge herein, bis sich die Papiere und Gegenstände auf allen Tischen seines Turmzimmers stapelten.
Eines Tages fand ihn Prinzessin Sofia zusammengekauert im Gemüsegarten, wo sie gerade mit ihrem Kaninchen Kalle spazieren ging. Dort suchte ihn nämlich normalerweise nie jemand.
"Mister Cedric? Mister Cedric. Was machen Sie denn hier? Hat man Sie gebeten, das Gemüse zum Wachsen zu bringen oder mit einem Zauber die Schädlinge zu bekämpfen?", fragte das kleine Mädchen aufgeschlossen und freundlich wie immer. Cedric entfaltete seinen langen, dünnen Körper, um sie anzusehen und seufzte.
"Ach Prinzessin Sofia. Wie macht Ihr das nur, bei all der Aufmerksamkeit und Verantwortung, die Euch als Prinzessin zukommt, dass es Euch nie zu viel wird?", fragte er niedergeschlagen. Sofia sah ihn mit ihren großen Augen erstaunt an. Dann legte sie nachdenklich einen Finger an die Lippen. Neben ihnen tat sich Kalle an einer Karotte gütlich und kratzte sich mit dem hinteren Lauf an seinem rechten Schlappöhrchen. Plötzlich hob Sofia die Arme, legte den Kopf schief und zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß auch nicht. Ich versuche einfach immer mein Bestes und gehe eine Aufgabe nach der anderen an.", meinte sie und ließ sich neben Cedric ins Beet sinken.
"Habt Ihr nie das Gefühl ... Euch verkriechen zu wollen?", fragte Cedric unglücklich. Er konnte es ja selbst nicht fassen. Endlich hatte er alles was er je gewollt hatte und nun brauchte er eine Auszeit davon. Die Arbeit wuchs ihm einfach über den Kopf. Sofia überlegte wieder. Dabei folgten ihre Augen den Wolken am Himmel.
"Hm. Nur wenn eine Aufgabe zu groß für mich zu sein scheint. Aber wissen Sie, was ich dann mache?"
Cedric schniefte.
"Was denn?", fragte er, "Setzt Ihr Euer Amulett ein?"
Sofia kicherte niedlich. Er mochte dieses unschuldige Kinderkichern und musste unwillkürlich selbst lächeln.
"Ja, das tue ich.", gab sie freimütig zu.
"Aber ich habe kein solches Amulett, Prinzessin Sofia.", gab der Zauberer zu bedenken.
"Und selbst wenn ich es hätte, würde es mich doch nur wieder verfluchen.", dachte er laut. Diese Erfahrung hatte er schließlich schon gemacht. Sofia schenkte ihm ihr bezauberndes Lächeln.
"Darauf wollte ich jetzt gar nicht hinaus. Ich wollte sagen: Auch wenn eine Aufgabe zu groß für mich ist, dann ist sie das noch lange nicht für uns alle zusammen. Ich bin auf meinen Abenteuern nie alleine gewesen. Ich habe Sie und Minimus und Amber und James und Helferich und Mama und Papa und Kalle, Rubi, Jade, Lucinda und ..."
Cedric unterbrach sie glucksend.
"Ja, ja, ich habe schon verstanden worauf Ihr hinaus wolltet."
"Genau! Und Sie sind auch nicht alleine. Jeder, der Sie gern hat, wird Ihnen auch helfen, wenn Sie nett darum bitten."
Cedric musste über diese kindliche Naivität einfach schmunzeln. Leider gab es im Schloss nur einen königlichen Hofzauberer. Er konnte seine Aufgaben nicht einfach delegieren oder teilen oder ... wenn er ehrlich zu sich war, dann wollte er nur die Macht nicht teilen, die ihm sein neuer Titel verschaffte.
"Danke, Sofia. Ihr habt mir sehr geholfen.", log Cedric und strich Sofia lächelnd über das braune Haar. Sofia kicherte glockenhell.
"Kann ich Ihnen denn bei etwas helfen? Ich bin inzwischen ganz gut im Zaubern.", bot Sofia an.
"Oh nein, vielen Dank, Prinzessin Sofia. Ich war nur ... etwas müde von all der neuen Verantwortung.", er streckte und reckte sich demonstrativ und zerrte sich dabei versehentlich etwas im Kreuz, "Argh ... Ähm, aber jetzt fühle ich mich wieder voller Tatendrang. Am besten gehe ich gleich in meinen Turm und stelle mich der nächsten Herausforderung. Zum Wohle des Zauberreiches und so weiter."
Er verabschiedete sich und machte sich auf den Weg in seinen Turm. Er vermisste Wurmwurz. Mit ihm war er sich einig gewesen. Ihm hatte er nichts vorspielen müssen. Aber Wurmwurz hatte ihn verraten und Sofia hatte immer zu ihm gestanden, daher war es gut so, wie es jetzt war, oder?
Tief in Gedanken schlurfte er durch das Schloss, an Helferich, Prinzessin Amber und Prinz James vorbei, die ihn alle ansprachen und irgendetwas von ihm wollten. Er winkte ihnen müde mit den Worten: "Ja, ja, ich kümmere mich darum.", und ging weiter, ohne ihnen zugehört zu haben. Dann jedoch trat ihm König Roland in den Weg. Aus schierer Gewohnheit krümmte Cedric den Rücken vor ihm und machte sich damit kleiner als er tatsächlich war.
"Cedric, was hat das zu bedeuten?", fragte der König mit dieser harten Stimme, die Cedric schon bis zum Erbrechen von ihm gewohnt war. Der Zauberer bemühte sich um Beherrschung und Servilität.
"Wie bitte, was meint Ihr, eure Majestät? Ich war nur kurz in dringenden Angelegen...", doch König Roland unterbrach ihn, indem er plötzlich sehr freundlich lachte und Cedric auf die Schulter klopfte.
"Nicht so schüchtern, mein Bester. Ich nehme Sie doch nur ein wenig auf den Arm. Sie dachten wohl, wir hätten es vergessen, nicht wahr?"
Cedric war vollkommen überfordert.
"Vergessen? Was denn?"
"Ihren Geburtstag, Cedric! Ihren Geburtstag. Na kommen Sie schon mit. Im Thronsaal wartet Ihr Geschenk auf Sie.", erklärte der König aufgeregt und ging voraus.
"Ihr schenkt mir den Thron?", fragte Cedric halb verwirrt, halb hoffnungsvoll. Glücklicherweise überhörte Roland das. Er folgte König Roland und tatsächlich warteten im Thronsaal der halbe Hofstaat nebst Cedrics Eltern, seiner Schwester, seiner Nichte und offenbar allen, denen er je geholfen hatte.
Cedric konnte es nicht fassen.
"Was wird das hier?", fragte er kleinlaut an den König gewandt, doch da eilten bereits die Kinder auf ihn zu und beglückwünschten ihn zu seinem Geburtstag. Ihnen folgte die Gratulation des Königspaars, seiner Eltern, seiner Schwester und vieler, vieler weiterer. Eine Menge Leute überreichten ihm Geschenke, bis er sie alle mit einem Wink seines Zauberstabs zu einem Paketeturm stapeln musste, um der Gabenflut Herr zu werden. Die Musik spielte auf und das Buffet wurde eröffnet. Da sich zuvor nie jemand gefragt hatte, was Cedric an Essbarem eigentlich gerne mochte, hatte man eine große Vielfalt an Speisen und Getränken aufgefahren.
"Cedric, wollen Sie mit mir tanzen? Ach was frage ich, natürlich wollen Sie das!", gab sich Prinzessin Amber die Ehre, Cedric zum ersten Tanz aufzufordern. Wahrscheinlich tat sie das nur, weil Cedric als Ehrengast der erste Tanz zustand und Amber von allen gesehen werden wollte. Sie hatte sich für den feierlichen Anlass ein Ballkleid schneidern lassen, das an eine Zaubererrobe erinnerte, ohne dabei an Eleganz zu verlieren. An ihren Ohren baumelten kleine Zauberstäbe aus Obsidian mit funkelnden Brilliantspitzen und ihr Diadem war einem Zauberhut nachempfunden. Ihrer Vorliebe gemäß war ihr Outfit rundherum mit Sternbroschen ausstaffiert worden. Selbst im Haar trug sie Sterne.
Cedric konnte sich gegen Ambers höflich-herrische Art schlicht nicht wehren. Er wurde von ihr überrumpelt und tief gebückt auf die Tanzfläche gezogen. Als Amber anhielt, konnte er sich endlich wieder aufrichten. Doch da nahm sie ihn bereits wieder bei der Hand. Die Musik fing einen Walzer an und Amber übernahm kurzerhand den führenden Part, da Cedric offensichtlich nicht recht wusste, was er tat. Doch es dauerte nicht lange, da hatte Cedric sich in die ungewohnte Situation geschickt und ließ sich von Amber die Führung abtreten, was diese auch mit Freuden tat, denn so konnte sie sich frei drehen und ihr Kleid zeigen.
Obwohl für Cedric alles so überraschend kam, fing er langsam an, sich zu amüsieren. Nach dem Tanz verneigte sich Amber artig vor Cedric und Cedric verbeugte sich. Dann zauberte er den Kindern eine Rutschbahn in den Thronsaal, den Damen ein Spiegelkabinett und den Herren einen großen Tisch mit Bauklötzen und Zinnsoldaten, an dem sie sich Schlösser bauen und sie verteidigen konnten. Nachdem er auf diese Weise alle abgelenkt hatte, zauberte er sich selbst eine gemütliche Sitzecke und gönnte sich eine Verschnaufpause. Glücklich und erfüllt von einer Wärme, die ihm lange versagt gewesen war, schaute er der Gesellschaft dabei zu, wie sie sich über seine Zauber freute und Spaß hatte.
Seine Eltern setzten sich zu ihm und legten je eine Hand auf die seinen. Liebevoll blickten sie ihn an.
"Ich bin ja so stolz auf dich, mein Ceddilein!", sagte seine Mutter, schlang ihre kurzen, molligen Arme um ihn und knuddelte ihn mit der ganzen Herzlichkeit einer liebenden Mutter. Sie hatte ihn immer unterstützt, egal was für Ziele er sich gesetzt hatte. Doch sie genoss es sichtlich, ihn endlich glücklich und erfolgreich zu sehen.
"Du machst unserer Familie wirklich Ehre, mein Sohn.", lobte der Vater wesentlich gesetzter, aber nicht weniger aufrichtig als die Mutter und klopfte Cedric anerkennend auf die Schulter.
"Danke Mutter, Danke Vater.", sagte Cedric gerührt und sein Lächeln verbreitete sich über sein ganzes Gesicht.
Das war sein großer Tag!
Noch am Morgen hatte er Zweifel gehabt, ob er dem Leben, das er jetzt führte, gewachsen war. Doch jetzt wusste er mit Bestimmtheit, dass es sich lohnte!
Den ganzen Tag lang blieb er der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und ging völlig darin auf. Niemand fragte ihn, wie es um all die Anfragen stand, die sich in seinem Turmzimmer stapelten. Alle wollten nur wissen, ob es ihm gut ging und ob er Spaß hatte. Vor lauter Trubel und Heiterkeit kam er nicht einmal dazu seine Geschenke auszupacken und als die Gäste fröhlich lachend gegangen waren, schaffte es Cedric nur noch mit Sofias Hilfe ins Bett und schlief fast sofort mit einem breiten, glücklichen Grinsen auf den Lippen ein.
Als er am nächsten Tag erwachte und nach dem Aufstehen wie gewohnt zur Arbeit in sein Turmzimmer ging, stellte er fest, dass man ihm all seine Geschenke hier herauf gebracht hatte. Auf einem eigens dafür herangeschleppten Beistelltischchen stand ein Tablett mit einer lila Blume in einer schlanken Vase und einem reichhaltigen Frühstück. Der Tee war in einer süßen, runden Teekanne unter einem Teewärmer versteckt, damit er nicht kalt wurde. Unter der silbernen Servierhaube befand sich ein Teller mit Blaubeerpfannkuchen. Sirup, Honig, Schlagsahne und Pflaumenmus standen dabei, ebenso wie ein Schälchen Joghurt mit Früchten. Cedric traute seinen Augen kaum. Er bekam dasselbe Frühstück wie die Königsfamilie!
An die schmale Vase gelehnt fand er eine Karte, auf der ihm Helferich einen schönen Morgen wünschte und ihm mitteilte, dass König Roland Cedric heute frei gegeben hatte, damit er sich von dem rauschenden Fest gestern erholen und in Ruhe seine Geschenke auspacken konnte.
In Cedrics Augenwinkel funkelte eine winzige Träne der Rührung. Nach nunmehr fast drei Jahrzehnten behandelte ihn Roland endlich wie einen Freund!
Glücklich schniefend, probierte er die Pfannkuchen, aß einen Löffel voll Joghurt und trank von dem heißen Tee. Gestärkt für den Tag machte er sich flugs daran, seine Geschenke auszupacken. Ein Wink mit dem Zauberstab ließ Päckchen für Päckchen in seine Hände schweben, Papier und Schleifen wickelten sich ab und zurück blieb nur der Inhalt. Er bekam unter anderem eine schicke neue Robe, einen roten Kamm von seiner Nichte, ein magisches Haarpflegepulver von seiner Schwester, ein neues Paar Schuhe, ein Kästchen mit einer Auswahl an großen Kragen-Schleifen und Bücher jeder Art.
Prinzessin Sofia hatte ihm einen niedlichen Taschenkalender gebastelt, damit er seine vielen Aufgaben ordnen und im Blick behalten konnte. Prinzessin Amber hatte ihm eine kleine Krone anfertigen lassen, in die mit goldenen Schnörkeln die Worte "Cedric der Große" eingearbeitet waren. Voller Stolz setzte er sie auf. Von Prinz James kam die handliche Tischversion einer Konfettikanone. Sicher hatte man ihn davon abbringen müssen, eine Kanone in waffenfähiger Größe für Cedric einzupacken. Dafür war genau so eine gestern mehrmals im Thronsaal losgegangen. Cedric musste ein wenig lachen, als er die kleine Kanone sah und daran dachte. König Roland hatte ihm einen Orden machen lassen, der Cedric als den besten königlichen Hofzauberer des Zauberreiches auszeichnete und Königin Miranda hatte ihm die dazugehörige Schärpe genäht.
Andächtig legte er die Ehrenbekundungen an und sah sich dann nach seinem Standspiegel um, der normalerweise in seinem Turmzimmer stand. Unglücklicherweise war er vollkommen verstellt, sodass zu ihm kein Durchkommen war.
"Na ja, halb so schlimm. Ich werde mich schon durchgraben.", murmelte Cedric zu sich selbst und ließ das nächste große Geschenk auf sich zufliegen. Es war beinahe größer als er selbst und stammte laut einem Zettel am Papier von seinen Eltern.
"Hoffentlich nicht wieder ein Porträt.", dachte er laut und ließ die Verpackung verschwinden.
Zu seiner großen Verwunderung war es ein unendlich wertvoller Zauberspiegel. Er kannte so etwas nur aus seinen Büchern. Seine Eltern mussten viele alte Gefallen eingefordert haben, um ihn zu bekommen. In einem kunstvoll geschnitzten Rahmen aus dem Holz des Zauberbaums, gebeizt mit Jungbrunnenwasser und maßvoll lackiert mit goldenem Feenglanz, prangte ein Spiegel aus Kristallkugelglas mit einer hauchdünnen Schicht Einhornsilber. Solche Spiegel konnten die Zukunft voraussehen und jeden Punkt der Welt zeigen. Es war ein Fenster, das durch Raum und Zeit blickte.
Cedric war sprachlos. Nicht nur dass der Spiegel wahnsinnig kostbar war, er spiegelte auch einen Cedric wieder, der auf dem Höhepunkt seiner Träume angelangt war. Seine Robe war neu und glänzte, seine Haare strahlten in kräftigen Farben, er trug eine Krone, eine Schärpe und einen Orden auf der Brust und nichts davon hatte er stehlen müssen. All das war ihm in Anerkennung seines Könnens geschenkt worden.
Cedric kippte hinten über in einen vergoldeten Thronsessel, der ebenfalls unter den Geschenken gewesen war, als ihm aufging, dass der Spiegel noch gar nichts magisches tat. Er spiegelte lediglich Cedric wider und zwar genau so wie er gerade dasaß. Also König unter den Zauberern.
"Ich hab's geschafft.", murmelte Cedric, "Ich hab's tatsächlich geschafft. Bei Merlins Zauberhut."
Nachdem er sich einigermaßen von diesem Schock erholt hatte, zog er den Zauberstab aus seinem Ärmel und tippte den Spiegel nach kurzem Zögern damit an.
"Zauberspiegel, zeig mir die Zukunft.", sagte er. Er wollte wissen, ob er alles, was er jetzt besaß, würde behalten können.
Die Oberfläche des Spiegels kräuselte sich und das Bild füllte sich mit Rauch. Der Rauch ballte sich zusammen, wurde schwarz und farbige Blitze begannen darin zu zucken. Cedric stand von seinem Thronsessel auf und stellte sich so nah vor den Spiegel, dass seine lange Nase fast das Glas berührte.
"Was bedeutet das?", fragte er mit gerunzelter Stirn. Ein Blitzschlag flimmerte über das Glas und Cedric stolperte erschrocken zurück, stieß mit der Wade gegen den Thronsessel, machte einen Satz nach vorn, um nicht zu stürzen und fiel frontal in den Spiegel. Sein Körper glitt durch das Glas, wie durch Wasser. Der Spiegel verschluckte seinen Oberkörper und zog den Rest von Cedric nach, bis er komplett darin verschwunden war. Der Schwebezauber, den Cedric beim Auspacken auf den Spiegel gelegt hatte, verpuffte. Der Spiegel sank zu Boden und lehnte sich an den verbliebenen Geschenkeberg. Dann war alles still im Turmzimmer.
Willkommen Spieler zu Level 1
Über einer winzigen Insel im Ozean braute sich derselbe magische Sturm zusammen, wie über Aeneas, Luzifer, Varian und Cedric. Die Insel maß alles in allem nur 70 qm und eine einzige Palme wuchs in ihrer Mitte. Ansonsten bestand sie nur aus Sand. Als die bunten Blitze auf den Strand niedergingen, bildeten sich durch die Hitze vier unterschiedlich große gläserne Obelisken an den Einschlagsstellen im Sand. Es donnerte einmal, dann lösten sich die Sturmwolken auf und die Sonne schien wieder aus einem blauen Himmel. Die vier Glaszapfen begannen farbig zu leuchten.
Einer in weiß und gelb.
Einer in violett.
Einer in grün und blau.
Der letzte in lila.
Der Schein wurde immer heller, breitete sich aus und griff um sich, bis der Strand von blendendem Licht erfüllt war.
Als sich das Phänomen legte, brach Cedric klirrend aus dem Glas hervor, stolperte und fiel auf Hände und Knie in den Sand. Verwirrt rieb er sich den Kopf und versuchte, sich zu orientieren. Ein Klirren, wie von berstendem Glas, nicht weit von ihm, erregte seine Aufmerksamkeit und sofort übertönte eine aufgebrachte Jungenstimme das Rauschen des Meeres.
"Nein! Nein! Nein! Was ist denn diesmal wieder schief gelaufen? Ich hatte doch alles x-mal durchgerechnet! Das hier ist doch nie und nimmer Corona! Nie und nimmer!", hörte Cedric die aufgeregte Jungenstimme neben sich reden. Ein schlaksiger Jugendlicher mit Hasenzähnen und Fliegerbrille in einer ledernen Arbeitshose mit ebensolcher Schürze, einer ledernen Weste über einem weißen Hemd, Armmanschetten mit seltsamen Messanzeigen daran, Handschuhen und einem Gürtel, an dem eine enorme Anzahl Taschen hingen, sowie einem Rucksack stapfte am Strand auf und ab, klaubte eine Muschel auf und warf sie offensichtlich frustriert ins sachte wogende Meer. Der Junge hatte blaue und braune Strähnen in seiner schwarzen Mähne. Cedric fuhr sich mit den Fingern durch seine eigenen weißen Ponysträhnen, die sich genauso auffällig von seinem schwarzen Schopf abhoben. Vielleicht war der Junge ja ebenfalls ein Zauberer.
In der Annahme es könnte nicht schaden, sich dem potentiellen jungen Kollegen in angemessener Weise vorzustellen, stand Cedric rasch auf und klopfte sich den Sand von der Robe, bevor der Junge seine würdelose Lage bemerken konnte. Mit einem stummen Wink seines Zauberstabs ließ er das Krönchen, die Schärpe und den Orden verschwinden, welche die Königsfamilie ihm geschenkt hatte. In dieser Situation wirkten diese Dinge leicht übertrieben, wie er fand. Als er sich mit seinem Auftreten gut fühlte, hob er die Hand zum Mund und räusperte sich. Weiter kam er mit seinem Vorhaben aber nicht, weil erst ein weiteres, monströseres Klirren hinter ihm ertönte und dann eine Stimme, als spräche ein Höllenhund, hinter seinem Rücken zu sprechen begann.
"Schmuckstück!", bellte die tiefe, raue Bassstimme.
Entsetzt wirbelte Cedric herum und auch der Jugendliche mit den Hasenzähnen drehte sich überrascht um die eigene Achse. Das größtenteils humanoide Wesen, zu dem diese dämonische Albtraumstimme gehörte, war über zwei Meter groß, mit kalkweißer Haut und einer viel zu großen Anzahl armdicker Würgeschlangen, die ihm am Kopf festgewachsen zu sein schienen, gekleidet in seltsame Stoffe und die Augen hinter dunklen Gläsern verborgen. Der muskelbepackte Koloss stand neben der Palme, die ihm als Wanderstab hätte dienen können.
Sowohl der Zauberer als auch sein vermeintlicher Kollege standen wie erstarrt. Doch das Monster beachtete sie überhaupt nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit galt einem 160-170 cm hohen Obelisken aus violett leuchtendem Glas.
"Ich bin mir nicht sicher, ob ich fasziniert oder verängstigt sein sollte. Aber ich hasse Schlangen.", meinte der Junge mit dem Rucksack leise und trat ein Stück näher an Cedric heran.
"Ich bin Varian.", stellte sich der Knabe vor ohne die Augen von dem Koloss zu lassen.
"Cedric. Hocherfreut.", erwiderte Cedric ebenso paralysiert.
Das Wesen strich mit einer Hand, die dazu gemacht schien, Schädel zu zerdrücken, vorsichtig über die Oberfläche des gläsernen Obelisken. Das Glas sprang an der Stelle, an welcher der reptile Koloss es berührte. Rasch zog er die Hand wieder zurück, doch da zerbrach der Glaszapfen bereits klirrend in unzählige Splitter und gab den Blick auf einen schönen, jungen Mann mit lilafarbenen, brustlangen Haaren, einer warmen Hautfarbe und schimmernden violetten Augen frei. Er steckte in kurzen aber weiten Kleidern, die ebenso bequem wie leger aussahen. Der junge Mann war nur gute 10 cm größer als Varian, wirkte vom Körperbau her aber nicht nur ausgewachsen, sondern geradezu wie das in Stein gehauene kunstvolle Abbild eines Engels. Die Palmblätter schienen allerdings merkwürdige Schatten auf ihn zu werfen, fast als würde er immer wieder die Hautfarbe wechseln.
"Und wir haben einen Gewinner.", kommentierte Varian eindeutig fasziniert.
Mit geschmeidigen, schlanken Fingen, an denen die kurzen Fingernägel dunkellila glänzten, fuhr sich der junge Mann durch das glatte Gesicht und Glassplitter fielen aus seinem Haar sowie von der Kleidung. Dann fand der Blick seiner edelsteingleichen Augen die monströse Kreatur, die über ihm stand.
"Alles Wichtige noch dran?", fragte die grollende Sandpapierstimme auf den Kleineren hinunter. Der Eindruck von makelloser Schönheit verflog, als der junge Mann den Mund aufmachte, um zu antworten.
"Du bist als Hexe ja mal 'n Totalausfall! Guck mal, wo wir sind! Außerdem flackere ich immer noch, wie 'ne kaputte Neonreklame! Du hast es komplett vergeigt, du Penner!"
"Schnauze, Schlaumeier. Krieg dich wieder ein.", brachte der kreideweiße Riese den Kleineren zum Schweigen. Dieser ließ sich rücklings gegen den Stamm der Palme fallen und verschränkte abwartend die Arme vor der Brust, ganz so als wolle er es komplett dem Gorgonen überlassen, die Situation zu klären.
Da fiel der Blick der dunklen Brillengläser auf Cedric, der sofort respektvoll zurückwich und sich hinter seinem neuen Kumpel in der Ledermontur versteckte. Da dieser nur 1,54 m groß war und Cedric fast 1,90 m maß, sah dieser Versuch, sich zu verbergen, relativ komisch aus, auch wenn Cedric seinen streichholzdünnen Körper erstaunlich geschickt zusammenklappen konnte. Nicht so jedoch Varian. Mit großen, grünen Augen starrte er das Albtraummonster an, das sich nun zu seiner vollen Größe aufrichtete und die beiden ins Visier seiner Brillengläser nahm.
"Wer seid ihr?", fragte er mit grollender Betonung auf dem letzten Wort.
"Unglaublich!", staunte Varian mit vor Aufregung hoher Stimme und entblößte dabei seine Hasenzähne. Dann schien er sich zusammenzureißen. Er räusperte sich und versuchte von diesem Moment an erwachsener zu wirken.
"Hi. Ich bin Varian. Königlicher Ingenieur, Erfinder und Alchemist.", er verbeugte sich, wodurch Cedric seine Deckung verlor. Doch noch bevor Cedric sich diesbezüglich etwas Neues ausdenken konnte, stand Varian wieder gerade und sprach weiter, wobei er gegen Ende etwas ins Stocken kam.
"Zumindest war ich das mal. Ich bin sozusagen versehentlich hier. Aber lasst euch nicht von mir stören. Ich finde schon einen Weg zurück nach Hause. Das ist, hrmhrm, schließlich mein Job, ... irgendwie ..., weil ich Erfinder bin."
"Das sagtest du schon.", brachte Cedric endlich seinen ersten Satz heraus. Missmutig Leute anzubruddeln fiel ihm irgendwie leichter als sie höflich zu begrüßen. Hochnäsig verschränkte er die Arme vor der Brust und sprach mit Varian nur noch über seine spitze Schulter hinweg.
"Äh, was?", fragte Varian verwirrt und seine aufgesetzte Coolness bröckelte.
"Dass du Erfinder bist. Das hast du jetzt schon zweimal gesagt.", präzisierte Cedric pikiert.
"Du arbeitest also nicht mit Magie?", hakte der Zauberer enttäuscht nach.
"Oh, nein, nein, nein, nein.", wehrte Varian mit erhobenen Händen ab, "Ich glaube nicht an Magie. Also, natürlich gibt es Phänomene, die einem magisch erscheinen, wie heilendes, meterlanges Haar oder unzerstörbare, explodierende Stalagmiten, die einem Mädchen den Weg zu ihrem Schicksal zeigen und ... all ... sowas ...", Varian bemerkte die Blicke, die ihn verständnislos bis genervt anstarrten. Er räusperte sich wieder.
"Hrm hrm, aber das sind nur wissenschaftliche Ereignisse, die nur noch nicht gründlich genug erforscht sind. Also nein, mit Magie habe ich nichts zu schaffen. Eher mit Mechanik und Alchemie. Apropos wissenschaftliche Ereignisse, die noch nicht erforscht sind...", er trat fasziniert auf den kreidebleichen Riesen mit der Schlangenfrisur zu und ließ einen überaus nervösen Cedric schutzlos zurück.
"So was wie Sie habe ich noch nie gesehen! Sind Sie von hier? Sehen Sie schon immer so aus? Wie ist das, so viele Köpfe zu haben? Macht Sie Ihre Hautfarbe lichtempfindlich? Wird Ihre Art immer so groß? Und ..."
"Du redest sehr viel.", unterbrach ihn der Angesprochene ohne die Stimme zu erheben. Er sagte nur einen Satz, doch die Worte waren durch das tiefe Vibrato seines Basses körperlich so stark zu spüren, dass es sowohl Varian als auch Cedric kurz die Sprache verschlug. Varian fand sie jedoch schnell wieder.
"Wow. Ich würde Sie so gern in meine Testmaschine spannen. Sie ist auf besonderes Haar spezialisiert und macht an die 87 Tests völlig selbstständig, ähm, reagieren diese Schlangen sehr sensibel auf Gewalteinwirkung?"
Der Koloss schien entschieden zu haben, dass er sich mit Varian nicht weiter befassen wollte und wandte sich Cedric zu, was diesen nun erst recht ins Schwitzen brachte.
"Sie.", grollte er.
"Ich?", schluckte Cedric.
"Sie haben nach Magie gefragt. Haben Sie den Magiewirbel erzeugt, der uns her brachte?"
Cedric erinnerte sich. Ja, da war ein magisches Gewitter gewesen. Aber er hatte angenommen, dass es vom Spiegel gekommen war. Bevor er sich jedoch weit genug gesammelt hatte, um eine Antwort zu formulieren, antwortete eine bisher gänzlich unbekannte Stimme für ihn. Sie klang überirdisch, hoch und kindlich, aber auch ein wenig krächzend und sie besaß ein kurzes Echo, als käme sie aus einer leicht verschobenen Dimension.
"Ich habe euch hergebracht. Willkommen in meinem Spiel."
Alle sahen sich nach der körperlosen Stimme um. Varian mit unverhohlener Neugier, die Finger allerdings kampfbereit am Gürtel, über seinen vielen Taschen. Cedric zog seinen Zauberstab und hielt ihn nervös vor der Brust.
"Wer spricht da? Zeig dich!", fragte der Gorgone grob. Sein kurzer Begleiter sah nur mäßig überrascht zu dem Albino auf. Da wuchs genau in der Mitte der kleinen Gruppe aus dem Schatten eines Stück Treibholzes im Sand ein wesentlich dunklerer Schemen in die Länge. Der Schemen veränderte sich, während er wuchs, bis er die grobe, scharfkantige Silhouette einer annähernd menschlichen Gestalt angenommen hatte. Er wirkte wie der grobe Scherenschnitt eines kindlichen Oberkörpers. Ein heller Strich zog sich halbmondförmig über den Kopf der Silhouette und malte ein spitzes Gesicht hinein. Die sichelförmige Hälfte des Gesichts hob sich gräulich vom Rest des Schemens ab, während die andere Hälfte tiefschwarz blieb, sodass der Eindruck eines abnehmenden Mondes entstand. Plötzlich öffneten sich zwei große, weiße Augen mit schwarzen Pupillen in dem Gesicht und ein weißer Strich lächelte vom Sand her zu ihnen hinauf. Der Strich öffnete sich zu einem weiß ausgefüllten Mund, der lachend verkündete:
"Man nennt mich den Sammler. Aber das ist unwichtig. Wir werden zusammen viel Spaß haben, solange ihr nicht den Kopf verliert.", bei diesen Worten trennte sich der Schatten von dem Treibholz und der Körper verschwand, bis nur noch das mondartige Gesicht auf dem Sand zu sehen war.
"Versteht ihr? Den Kopf verlieren.", kicherte das körperlose Gesicht. Cedric wich zwei Schritte zurück, betrachtete das Phänomen dann aber eingehender und rieb sich nachdenklich über das Kinn. Varian ließ sich zu dem Schatten auf den Boden sinken und versuchte, ihn mit seinen in Lederhandschuhen steckenden Fingern zu berühren. Vergnügt wich der Schatten jedes Mal aus, drehte sich dabei verspielt um sich selbst und streckte Varian kichernd die Zunge heraus.
"Was bist du? Wie machst du das? Woraus bestehst du? Warum nennt man dich Sammler?", fing er an zu fragen. Dann schien er sich daran zu erinnern, was der Kopf gerade gesagt hatte und sein Ton änderte sich von neugierig zu vorwurfsvoll:
"Moment! Einen Augenblick! Du hast uns hergebracht? Heißt das, es lag nicht an meiner Maschine?"
Das Mondgesicht grinste.
"Oh, es lag weder an deiner Maschine, noch an dem verzauberten Spiegel oder dem magischen Ritual. Als ihr mit diesen Dingen das Raum-Zeit-Kontinuum gekitzelt habt, bin ich dadurch nur auf euch aufmerksam geworden."
"Danke für die Aufklärung.", knurrte die albtraumhafte Sandpapierstimme des Gorgonen, "Ich habe keine Zeit für Spiele, Sammler. Schick uns zurück."
"Was er sagt!", stimmte der an der Palme Lehnende ungefragt zu und zeigte mit dem Daumen auf den Koloss.
Wieder wuchs dem Gesicht ein eckiger gedrungener Kinderkörper. Dann schoss der Schemen über den Sand und an dem Gorgonen empor, der auf seinem breiten, muskelbepackten Leib mehr als genug Projektionsfläche für das Wesen bot.
"Runter von mir!", fuhr der Riese erbost auf und versuchte, den Sammler loszuwerden. Die Pythons auf seinen Schultern ballten ihre Körper zusammen und flohen oder fauchten, doch der Albino bekam den Schemen nicht zu fassen, der geschickt jeder Bewegung des Monsters auswich. Seine weißen Augen fixierten dabei ununterbrochen den am Baum lehnenden jungen Mann, der nun beunruhigt die Arme aus ihrer Verschränkung löste.
"Du scheinst kaputt zu sein. So macht das keinen Spaß. Die Spieler können nicht schon vor dem Start kaputt sein. Das ist gegen die Regeln!", erklärte er. Der Lilahaarige schob sich von der Palme weg und ging bedächtig auf Abstand zu dem Gorgonen. Doch die schemenhafte Gestalt des Sammler lehnte sich auf dem enormen Bizeps des Kolosses nur in einen bequemen Schneidersitz zurück und schnippte lächelnd mit den kantigen Fingern. Der Lilahaarige hörte auf zu flackern.
"Hey.", stieß er anerkennend aus und betrachtete seine konstant hautfarbenen Arme.
"Was hast du getan?", wollte der Gorgone von der Gestalt auf seinem Bizeps wissen.
"Ich habe ihn repariert. Jetzt kann ich euch endlich die Spielregeln erklären.", verkündete der Schatten und floss vom Körper des Gorgonen, um sich auf das Treibholz zu setzen. Sein Oberkörper hing dabei als dunkle Silhouette über dem Holz in der Luft, während die kurzen Beine wie bloße Schatten auf dem festen Material hafteten.
"Ich sagte, wir spielen nicht!", grollte der Gorgone erneut und nun klang es nicht mehr höflich, sondern bedrohlich. Cedric war froh, dass er so weit von dem Ungetüm entfernt stand.
"Ich auch nicht. Ich habe Verpflichtungen und eine Menge wichtiger Aufgaben am königlichen Hof!", warf Cedric ein, der endlich einen Punkt gefunden hatte, an dem er sich zu Wort zu melden konnte. Er drückte den Rücken durch, richtete sich zu seiner vollen Länge auf, reckte das Kinn und hob den Zauberstab, als posiere er für ein Porträt.
"Ich bin Cedric, der Große! Königlicher Hofzauber am Hofe König Rolands im Zauberreich! Es wird Sie teuer zu stehen kommen, wenn Sie mich weiter hier festhalten! Sicher sucht man bereits nach mir. Nicht, dass ich Hilfe nötig hätte.", erklärte er hochmütig. Er wusste ganz genau, dass niemand an seinem freien Tag nach ihm suchen würde und daher klang seine Drohung leider nicht besonders überzeugend.
Es entstand ein Moment der Stille, in dem sich alle Augen langsam von Cedric abwandten und auf den ungewohnt schweigsamen Varian richteten. Der bemerkte es, hob unschuldig die Arme und zuckte mit den Schultern.
"Ich habe eigentlich keine Verpflichtungen zuhause.", gab er zu.
Der Sammler lachte und winkte ab.
"Keine Ausnahmen. Ihr seid zum Spiel angetreten und jetzt müsst ihr auch spielen. So sind die Regeln. Ich würde sie an eurer Stelle nicht brechen, es würde mir nämlich sehr leid tun, wenn ich euch aus dem Spiel nehmen müsste… Für immer!", der Tonfall des Sammlers gab Grund zu der Annahme, dass er mit ‚aus dem Spiel nehmen‘ gleichzeitig auch ‚aus dem Leben tilgen‘ meinte.
"Schickst du uns zurück, wenn wir spielen?", lenkte der Gorgone weise ein.
"Nein.", antwortete der Sammler munter, "Aber jeder, der gewinnt, hat einen Wunsch frei.", verkündete er und breitete feierlich die Arme aus. Dann zeigte er auf das Meer.
"Das erste Spiel besteht darin, so schnell wie möglich über das Wasser zu kommen. Die zwei Schnellsten gewinnen. Los gehts!"
Damit zog sich der Schemen zusammen und verschwand. Unter den Füßen der Vier begann der Boden zu beben.
Wettschwimmen
Die Insel begann so heftig zu beben, dass die Palme rauschend durchgeschüttelt wurde. Zwischen den Vieren brach in parallelen Schneisen der Boden auf und dicke, unregelmäßige Wände aus Glas wuchsen senkrecht daraus empor. Sie teilten die Insel in vier Streifen und verliefen schnurgerade ins Meer, womit sie den Kontrahenten die Richtung vorgaben. Cedric und Varian verloren den Halt im losen Sand, der sich hier zu Dünen auftürmte und dort unwillkürlich absank. Aeneas konnte sich nur aufgrund seines schieren Körpergewichts auf den Beinen halten, ging aber in die Knie und stand nun tief gebeugt, um sich notfalls mit den Händen am Boden stabilisieren zu können. Luzifer sank aufgrund seiner Molekül-Dichte einfach ein und wäre wahrscheinlich komplett im losen Untergrund versunken, wäre er nicht so geistesgegenwärtig gewesen, sich das weite T-Shirt über den Kopf zu ziehen und seine großen, lilafarbenen Vogelschwingen auszubreiten. Sie besaßen gut und gern eine Spannweite von vier Metern, eine dichte Befiederung und lange, eindrucksvolle Schwungfedern. Die Zeichnung des Gefieders war ähnlich der Maserung eines Charoits mit schwarzen, weißen und goldenen Einschlüssen, die an Galaxiewirbel erinnerten. Es bedurfte nur weniger Flügelschläge, um die schlanke Gestalt in die Luft zu heben, wo sie vor der bebenden Erde sicher war. Dabei erzeugten die Schwingen genug Wind, um den Sand ringsherum aufzupeitschen.
Einen Moment lang sah der Engelsgleiche auf Aeneas hinab, der die Lange noch zu sondieren schien, dann rief er ihm zu: "Sieh zu, dass du Zweiter wirst!"
Dann legte er sich in den Wind und schoss mit gewaltigen Flügelschlägen zwischen den gläsernen Trennwänden hindurch aufs offene Meer hinaus. Kurz darauf sah man ihn nur mehr als kaum erkennbare Gestalt in der Ferne. Er war so schnell, dass die Druckwelle, die seine Geschwindigkeit erzeugte, wie eine unsichtbare Kraft durch die Wasseroberfläche pflügte und sie noch lange nachdem er darüber hinweg gesaust war aufwühlte.
Aeneas sprang wortlos ins Wasser und begann zu schwimmen. Zwar brach er wie ein weißer Wal durch die Wellen, legte dabei allerdings eine erstaunliche Geschwindigkeit und unerwartete Geschmeidigkeit an den Tag, so als sei das Wasser sein eigentliches Element. Ob es nun mehr an seiner schieren Muskelkraft lag oder an seiner genetischen Wasseraffinität, war schwer zu sagen. Beides brachte ihn jedenfalls so rasch vorwärts, dass sich Varian und Cedric bereits nach wenigen Sekunden schon abgehängt fühlten!
Cedric wand sich als Erster aus der Sanddüne heraus, unter der er halb begraben lag und stand auf.
"Ich muss diesen Gorgonen einholen!“, knurrte der Zauberer entschlossen, „Wäre doch gelacht, wenn ein Zauberer meines Formats da nicht hinterher käme!“, damit hob er den Zauberstab und richtete ihn auf die Palme. Ein Blitz zuckte aus der Spitze des Stabs und trennte sauber ein mannsgroßes Blatt von der Pflanze ab. Cedric ließ es an sich vorbei und bis ans Ufer schweben, wo es sich sanft auf die wogende Wasseroberfläche legte.
"Bootibus!", rief er und ein bläulich glitzernder Funkenschauer ergoss sich über das Palmblatt, welches sich augenblicklich in ein kleines Segelboot verwandelte.
"Wow.", staunte Varian, der fasziniert zugesehen hatte, ohne einen Gedanken an das Wettrennen zu verschwenden, in dem er sich gerade beweisen musste. Cedric kletterte in das Boot, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. Es bot auch nur gerade so Platz für Cedrics lange Glieder. Dann zeigte er mit seinem Zauberstab auf das Segel.
"Briesibus rapidus!"
Ein steifer Wind fuhr in das Segel und stieß das Boot an. Schnell nahm es Fahrt auf und plötzlich saß Varian allein am Strand. Er musste zugeben, dass Cedrics Methode doch sehr nach Magie ausgesehen hatte. Doch wenn er es genau wissen wollte, dann musste er schleunigst hinterher! Mit frischem Elan und Tatendrang klemmte er die Zunge zwischen die Lippen, streifte sich den Rucksack von den Schultern und begann zu basteln.
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Luzifer kam bei Weitem als Erster am Ufer des Festlands an. Da er von hier aus nicht weiter konnte, ließ er die Flügel wieder verschwinden, zog sich das T-Shirt wieder an, das er während des Fluges im Arm gehalten hatte und lümmelte sich an der felsigen Küste an einen großen Stein, um zu warten.
//Königlicher Hofzauberer … königlicher Ingenieur … was für Vögel.//, dachte Luzifer und ließ sein Gefieder wieder verschwinden, um sich bequemer an den Stein lehnen zu können. Er hegte fast keinen Zweifel daran, dass Aeneas bald kommen würde. Andererseits wollte er aber auch nicht darüber nachdenken, was er tun würde, sollte der Koloss das Wettrennen verlieren. Stattdessen sah sich der Gargoyle den Himmel und die Umgebung an. Es wirkte alles so real. Der steinige Sand war rau, der Stein in seinem Rücken war hart und von der See her wehte eine fischig duftende Brise. Luzifer hörte auf zu atmen und zog seine Moleküle zu Charoit zusammen. Es funktionierte einwandfrei. Dann entspannte er sich bewusst, lockerte sich und wurde wieder zu Fleisch und Blut. Auch das klappte reibungslos. Der Sammler hatte sein Problem tatsächlich behoben.
Nach einer ganzen Weile tauchte ein Segel am Horizont auf. Luzifer setzte sich auf und spähte angestrengt. Das Segel stand voll im Wind und es gehörte zu einem kleinen Boot. Das konnte doch nicht sein! Wie sollte denn einer von den beiden Lauchstangen auf der Insel an ein Boot gekommen sein?! Dann fuhr es Luzifer erneut durch den Kopf: //Zauberer! Ingenieur und Erfinder!//
Luzifer stand auf. Wenn dieses Boot schneller war als Aeneas, dann musste Luzifer es versenken, da führte kein Weg dran vorbei. Kalt berechnend, wie er das am besten anstellen würde, schlurfte der Gargoyle zum Ufer. Dann zog er sich das Shirt aus und ließ es neben sich auf den Strand fallen. Mit majestätischem Rauschen breiteten sich die Flügel erneut um seine Schultern herum aus. Der Wind kam von vorne, perfekt um aus dem Stand zu starten. Er breitete die Schwingen aus, der Wind griff in sein Gefieder und Luzifer wurde von den Füßen gehoben. Wie eine Möwe segelte er auf das winzige Boot zu. Doch als er näher kam, erkannte Luzifer, dass sich der darin sitzende Zauberer ein heißes Kopf an Kopf Rennen mit dem schwimmenden Aeneas lieferte, der wie ein Meeresungeheuer durch die Wellen glitt. Sie waren gleich auf und nun trennte sie auch keine gläserne Wand mehr. Luzifer fragte sich, ob der Zauberer wirklich seine gesamte Konzentration brauchte, um das Boot zu steuern, oder ob er schlichtweg nicht darauf kam, Aeneas mit einem Zauber zu sabotieren. Eines stand jedoch fest: Luzifer würde den Sieg des Zauberers verhindern, bevor dieser darauf kam, seine Magie gegen Aeneas einzusetzen!
Elegant und beunruhigend, wie ein Racheengel, ließ sich Luzifer auf das Boot zu tragen und klammerte sich schließlich mit Armen und Beinen an dem dünnen Mast fest.
„Bei Merlins Zauberhut! Wirst du da wohl weg gehen?!“, verlangte der Zauberer wütend. Doch Luzifer brachte das Boot bereits mit kräftigen Flügelschlägen so ins Schwanken, dass Cedric der Zauberstab aus den Händen rutschte. Er konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er ins Wasser fiel. Doch, indem er sich dafür weit aus dem Boot lehnte, sorge er damit unbeabsichtigt für das steuerbordseitige Übergewicht, welches den Kahn endgültig zum Kentern brachte. Cedric kippte ins Wasser und Luzifer ließ augenblicklich den Mast los, um sehr zufrieden mit sich wieder ans Ufer zu fliegen, Aeneas direkt unter sich.
Cedric kämpfte indessen auf offener See ums Überleben. Er hatte sich in den Tauen seines kleinen, gekenterten Seglers verheddert und paddelte nun rufend und nach Luft schnappend verzweifelt mit Armen und beinen, nur um den Kopf über Wasser halten zu können. In seiner Panik fiel ihm auch kein geeigneter Zauber ein, um sich zu retten, selbst wenn er den Kopf hätte lange genug über Wasser halten können, um einen Zauberspruch auszusprechen.
Aeneas und Luzifer kamen gleichzeitig am Ufer an. Luzifer lächelte süffisant, während Aeneas auf die Beine kam und seinen schweren Körper an Land wuchtete. Sofort zog er sich die Sportjacke, das Unterhemd und die Hose aus, um alles auszuwringen und auf dem Strand zum Trocknen auszubreiten, wobei er das Unterhemd Luzifer zuwarf, damit dieser sich nützlich machte. Anschließend streckte er sich selbst auf dem kiesigen Sand aus. Seine Körpertemperatur war durch das kalte Wasser enorm gesunken und auch die Pythons mussten sich aufwärmen.
„Grins‘ nicht so dämlich.“, kommentierte er Luzifers anhaltend selbstzufriedenes Lächeln endlich, ohne den Kurzen anzusehen, der sich oberkörperfrei auf Aeneas‘ muskelbepacktem Oberschenkel niederließ.
„Du hättest ohne mich gerade total abgeloosed, Arielle. Du schuldest mir was.“, feixte Luzifer und raschelte mit den Flügeln. Aeneas grinste unheilvoll.
„Du hast dir nur selbst geholfen, du Aasgeier.“, bewies er gelassen, dass er Luzifer nach wie vor mühelos durchschaute. Luzifer wollte noch etwas sagen, als ein seltsam vertrautes und doch völlig deplatziertes Geräusch das Meeresrauschen übertönte.
„Ist das … ein Motor?“, fragte der Gargoyle völlig perplex und starrte auf die See hinaus. Am Horizont war ein merkwürdiges Vehikel aufgetaucht, das im ersten Moment an eine Art Surfbrett oder Jetski erinnerte. Luzifer bedeckte die Augen mit der Hand und sah genauer hin.
„Was zum Geier?!“
Es war Varian, der auf einer Eisscholle ritt, an die er hinten einen Rotor montiert hatte. Dieser wurde allem Anschein nach von einer handlichen, aber leistungsstarken Dampfmaschine angetrieben! Das Gefährt war so schnell, dass Varian Mühe hatte, die Balance darauf zu halten und nicht abzurutschen. Die Eisscholle geriet vorne immer wieder aus dem Wasser, das hinter ihr schäumte und spritzte. Sie hielt mit unverminderter Geschwindigkeit genauen Kollisionskurs auf das Ufer zu. Ein dutzend Meter vor dem Strand wurde Varian dann abrupt langsamer, indem er die Dampfmaschine vom Rotor abkoppelte und die Eisscholle parallel zum Ufer steuerte. Varian hatte den hilflos um sein Leben paddelnden Cedric entdeckt. Der kleine Ingenieur beugte sich tief hinunter zum Wasser und gab sich die größte Mühe, Cedric aus dem Tau zu helfen und ihn zu sich auf die Eisscholle zu ziehen. Ersteres gelang ihm noch, aber um auf die Eisscholle zu klettern reichte Cedrics Kraft bereits nicht mehr aus. In Ermangelung einer Alternative schlang Varian Cedric schließlich das Tau um die Brust und sicherte ihn seitlich an der Scholle, um den in Seenot Geratenen abzuschleppen. Anschließend drosselte er die Betriebsamkeit der Dampfmaschine, indem er die Flamme eines Bunsenbrenners herunter drehte und koppelte sie dann wieder mit dem Rotor, der daraufhin nur noch ein Bruchteil der Beschleunigung erzielte wie zuvor. Auf diese Weise brachte Varian sich und Cedric sicher ans Ufer. Sanft kam die Eisscholle knirschend im seichten Wasser zum Halten und Varian erstickte die Flamme, welche die Dampfmaschine angetrieben hatte. Dann stieg er von der Eisscholle, um behutsam Cedric loszubinden und ihn zu stützen, bis er ihn vorsichtig nicht unweit von Luzifer uns Aeneas in den Sand setzen konnte. Dann nahm er den Rucksack ab, wühlte eine Trinkflasche daraus hervor und päppelte Cedric unter freundlichem Zureden wieder auf. Doch kaum war Cedric wieder einigermaßen bei Stimme, deutete er mit ausgestrecktem Arm drohend auf Luzifer.
„Duuuuuu! Warte nur! Das kriegst du wieder!“, versprach er zähnefletschend. Luzifer sah ihn einen Augenblick lang gelangweilt aus den Augenwinkeln an und betrachtete dann lieber weiter den improvisierten Jetski.
„Das mit dem Erfinder war kein Witz, huh? Wie hast du das angestellt? Viktor, oder?“, wandte er sich an den Kurzen mit der Fliegerbrille.
„Varian.“, verbesserte der Ingenieur und ließ Cedric mit der Wasserflasche im warmen Kies sitzen, um seine Erfindung wieder zu zerlegen. Luzifer stand von Aeneas auf, pflückte sein Shirt vom Boden, ließ seine Flügel verschwinden und zog das Shirt im Gehen wieder über, bevor er sich neben die Eisscholle stellte.
„Wo hattest du das ganze Zeug her? Vor allem das Eis?“, fragte er interessiert.
„Aus meinem Rucksack. Auf Reisen bin ich immer gerne auf alles vorbereitet. Das macht die Erfahrung, weißt du? Ich bin früher viel gereist und in die heftigsten Abenteuer geraten. Das Eis habe ich selbst gemacht, mit Hilfe einer chemischen Reaktion und dem Meerwasser, das ich vorher allerdings noch blitzartig destillieren musste. Darum komme ich auch erst jetzt an.“, erklärte der Erfinder hörbar stolz, auch wenn er versuchte, sich ganz cool und lässig zu geben. Luzifer wandte den Kopf und blickte auf den Rucksack zurück, den Varian bei Cedric gelassen hatte. Dabei bemerkte er, dass der Zauberer ihn immer noch komplett erschöpft, aber mit mörderischer Wut in den Augen anstarrte.
„Und dein Name war?“, fragte Varian beschäftigt.
„Luzifer.“, antwortete der Gargoyle in dem Moment, als Varian unter lautem Knirschen den Rotor aus dem Eis brach. Daher konnte es durchaus sein, dass Varian ihn nicht richtig verstanden hatte.
„Okay, Luftikus, dann erkläre mir doch mal, warum Cedric so sauer auf dich ist.“
Luzifer zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung.“, log er gelassen. Varian sah ihn über seine Arbeit hinweg misstrauisch an. Dann hievte er sich den Rotor auf die Schulter, klemmte sich die Dampfmaschine unter den Arm und wankte damit zu seinem Rucksack zurück, wo er die Dampfmaschine direkt einpackte und den Rotor erst noch in seine Einzelteile zerlegte. Aeneas schien derweil genug Sonne getankt zu haben, denn nun begann er unter den ersten Auswirkungen seiner lichtempfindlichen Albinohaut zu leiden.
„Schmuckstück!“, rief er Luzifer zu sich und der trottete, wie auf Kommando, zu Aeneas zurück.
„Was?“
„Ich brauch deine Flügel gegen die Sonne.“, verlangte er gerade heraus.
„Bin ich dein Palmwedel-Sklave oder was?“, muckte Luzifer dagegen auf, doch er hatte den Satz kaum beendet da packte ihn Aeneas riesige Pranke bereits drohend am Shirt. Luzifer begann augenblicklich zu zappeln und krakeelen.
„Okay, lass gut sein! Alter! Lass mich los, du zerreißt mir das Shirt! Verstehst du keinen Spaß?!“
Cedric und Varian beobachteten die Szenerie und versuchten – jeder für sich – herauszufinden, in welchem Verhältnis dieses ungleiche Paar wohl zueinander stehen mochte. Cedric für seinen Teil beschwichtigte die Art und Weise, wie Luzifer von dem Gorgonen behandelt wurde, etwas in seiner Wut. Offenbar wirkte die ausgleichende Gerechtigkeit schon, was den Geflügelten anging.
Die Stimme des Sammlers riss sie aus ihren Gedanken und erinnerte sie nach den erlittenen Strapazen wieder daran, dass sie ja eigentlich miteinander im Wettstreit lagen.
„Willkommen auf dem Festland, Freunde. Zwei von euch haben das Rennen gewonnen und zwei haben verloren. Die Gewinner werden ihren Weg auf der festen Erde fortsetzen. Die Verlierer werden zeigen müssen, wie gut sie unter Wasser klarkommen. Viel Spaß!“
In diesem Augenblick brach am Strandufer die Hölle los. Eine wogende Masse aus dunklen, feucht glänzenden Leibern wälzte sich aus dem Wasser und mit unheimlicher Geschwindigkeit auf die vier Spieler zu. Es waren humanoide Wesen mit gummiartiger Haut. Ihre Oberkörper glichen denen von hübschen, nackten, meist weiblichen Menschen, doch von der Hüfte abwärts bewegten sie sich auf acht beindicken Tentakeln fort. Die Gestrandeten waren zu überrascht und zu erschöpft um zu fliehen. Lediglich Luzifer war ausgeruht genug, sich aus Aeneas‘ gelockertem Griff zu winden und sich auf seinen Schwingen in die Luft zu retten. Von dort aus sah er zu, wie die unüberschaubare Masse über die drei unfreiwilligen Kontrahenten hinweg schwappte und sich dann langsam wieder in Richtung Meer zurück zog. Ihre gummiartigen Klauen zerrten dabei an Cedric und an Aeneas. Cedric schien nur noch panisch zu lamentierten, sich aber nicht mehr groß wehren zu können, nachdem er seine ganze Kraft bereits beim Paddeln im Wasser verbraucht hatte. Aeneas hingegen kämpfte wie ein weißer Tiger, schlug und trat um sich, dass die Oktopoden nur so durch die Luft geschleudert wurden, und versuchte, mit der Hand an seine Brille zu kommen, um sie abzunehmen. Doch die Meermenschen schienen instruiert worden zu sein. Zwei Dutzend von ihnen waren ausschließlich damit beschäftigt, Aeneas‘ Arme fest zu halten, ein dutzend weitere kümmerten sich um die Pythons und riskierten Bisse, nur damit ein Weibchen auf Aeneas‘ Brust klettern und dem Gorgonen eine grünschwarze Masse ins Gesicht reiben konnte. Die Masse fraß sich augenblicklich an Aeneas‘ trockener Schuppenhaut fest und die Sonne härtete das Material aus, wie Kunstharz. Das Ergebnis war ebenso erschreckend, wie effektiv. Aeneas‘ Brille war luftdicht an seinem Gesicht festgeschweißt und würde sich nicht ohne erhebliche Fleischwunden wieder davon lösen lassen. Der Gorgone brüllte vor Wut und hieb mit seinen Füßen nach den Angreifer, dass etliche davon tot am Strand zurückblieben.
Varian durchsuchte seinen Rucksack verzweifelt nach irgendetwas, womit er den beiden helfen konnte, doch nach weniger als fünfzehn schrecklichen Sekunden, waren Cedric und Aeneas ins aufgewühlte Meer entführt worden und nichts mehr von ihnen zu sehen.
Fassungslos starrte Varian auf das Strandufer. Dann zerriss Luzifers erboste Stimme seine Trance.
„Was zum Arsch soll die Scheiße, Mann?! Sammler, du Wichskopf, das ist gegen deine eigenen verfickten Regeln! Aeneas ist Zweiter geworden! Er hat gewonnen! Rück‘ ihn wieder raus, aber zackig!“
Das echobehaftete Kichern der unwirklichen Kinderstimme erfüllte die Luft. Dann trat der Sammler in dreidimensionaler Gestalt und in Farbe hinter jenem Stein hervor, an dem Luzifer gelehnt hatte, als er noch auf die anderen gewartet hatte. Sammler maß in etwa 139 cm, sein strubbeliges, volles Haar war weiß, seine Kleidung dunkelblau und fliederfarben, die Augen waren rot, die Hautfarbe hell ohne ungesund oder blass zu wirken. Er trug eine Zipfelmütze mit Ohrenklappen an deren Spitzen je ein goldener Stern baumelte und ein Amulett um den Hals das ebenso farblich und sichelförmig zweigeteilt war wie sein Gesicht; denn genau wie in seiner Schattenform wies Sammlers Antlitz eine Zweiteilung auf, die an einen abnehmenden Mond erinnerte. Die sichelförmige Hälfte war hautfarben, während die runde, innen liegende Fläche blau war. Er hatte auffallend gerade Zähne, die er lächelnd zur Schau stellte. Dabei steckte er in weiten, Pyjama-artigen Kleidern, die mit Halbmonden, Sternen und Spiralen verziert waren. Luzifer landete mit solcher Wucht auf dem Strand, sodass die Steinchen unter seinen Füßen knirschend davon sprangen.
„Gib ihn zurück! Er hat mit mir zusammen gewonnen!“, ging Luzifer den Knirps an und offenbarte dabei einen Mut und ein Temperament, das ihm bisher überhaupt nicht anzusehen gewesen war. Doch auch Varian war kein verschreckter Hase mehr. Er beeilte sich, an Luzifers Seite zu kommen und redete ebenfalls auf den Sammler ein.
„Was passiert jetzt mit ihnen? Sie werden doch nicht ertränkt, oder gefressen, oder? Was für ein Spiel soll das sein, wenn die Verlierer jedes Mal umkommen. Dann halten wir doch keine zwei Runden mehr durch! Verstehst du sowas unter Spaß?!“
Kurz bevor die beiden aufgebrachten Jünglinge den Sammler erreichten, zog er die Beine an und verschränkte sie unter seinem Leib zum Schneidersitz ohne sich dabei auf den Boden niedergelassen zu haben. Er schwebte in dieser Haltung in der Luft und ehe Luzifer ihn am Kragen packen konnte, erhob er sich zwei Meter über den Boden und drehte sich dann um 180 Grad seitwärts, sodass er Varian und Luzifer nun kopfüber in die verzweifelten Gesichter sah. Er schien ehrlich verwirrt.
„Was habt ihr denn? Freut ihr euch nicht über euren Sieg?“, fragte er verdutzt.
„Was, Sieg?! Ohne den Großen bin ich in der nächsten Runde Fischfutter! Du hast gesagt, die ersten zwei, die übers Wasser kommen sind die Sieger und das waren Aeneas und ich!“, krakeelte Luzifer mit großer Geste und stampfte mit dem Fuß auf.
„Es ist kein Sieg, wenn die Verlierer sterben müssen!!“, beharrte Varian und schien den Tränen nah, „Sowas … sowas ist kein Spiel! Sowas ist Krieg!“, erklärte er nun so bewegt, dass Luzifer eine einschneidende, persönliche Erfahrung dahinter vermutete.
Der Sammler drehte sich nachdenklich auf den Bauch und stützte das Kinn in die kleine Hand, während er zuhörte, oder zumindest so tat. Dann jedoch kicherte er wieder.
„Ihr seid seltsam. Die beiden sind doch nur im nächsten Level. Sie haben eine faire Chance, wieder zu euch aufzuschließen, das heißt, wenn sie einen Weg finden, unter Wasser zu atmen.“, erklärte er heiter. Dann jedoch zogen sich die Augenbrauen des Sammlers über der Nasenwurzel zusammen und er deutete auf Luzifer.
„Aber es macht mich traurig, dass du meine Regeln nicht verstanden hast!“, lamentierte er, „Ich habe doch deutlich gesagt: >Wer am schnellsten über das Wasser kommt, hat gewonnen<! Du und Varian hattet die schnellste Methode. Wen interessiert, in welcher Reihenfolge ihr angekommen seid?“
Luzifer stand der Mund offen. Er war ausgetrickst worden. Er!
„Aber sie können nicht unter Wasser atmen!“, warf Varian verzweifelt ein, „Sie ertrinken!“
Nun wurde der Sammler endgültig ungeduldig!
„Ihr zwei solltet lieber herausfinden wie ihr das nächste Level gewinnt, statt den Verlierern nach zu schreien! Wisst ihr denn nicht wie man spielt?! Ich warne euch! Spielverderber kann ich gar nicht leiden.“
Und damit verschwand er wieder; löste sich mit einem leisen ‚Plopp‘ in Luft auf, als wäre er nichts als eine bunte Seifenblase gewesen.
Luzifer stand da, wie vom Donner gerührt. Seine Lebensversicherung war gerade dabei zu ertrinken und er konnte nichts dagegen machen. Er hätte nicht gedacht, dass ihr Aeneas‘ Verlust einmal so treffen würde. Andererseits hatte er auch damit gerechnet, dass er sich in der ihm vertrauten Welt befinden würde, wenn das passierte und in der konnte er sich notfalls auch um sich selbst kümmern. Hier jedoch war er der Spielball einer unbekannten höheren Macht, die willkürlich die Umgebung veränderte und Monster herbei rief, die einen ins Wasser zogen. Luzifer war hochgradig wasserscheu, weil er darin versank, wie ein Stein, auch wenn er aus Fleisch und Blut war. Er würde hier keine fünf Minuten klarkommen...
Varian hingegen rannte zum Ufer und in das seichte Wasser hinein, versuchte zu erkennen, wo die Ungeheuer mit Cedric und Aeneas hin verschwunden waren. Doch natürlich war es viel zu spät. Es gab keine Spur mehr von ihnen. Mit den Tränen kämpfend trottete er zurück zu Luzifer. Er schniefte tapfer.
„Und was machen wir jetzt?“
Luzifer starrte immer noch stoisch gerade aus, aber er antwortete.
„Loslaufen und gucken, was die nächste Aufgabe ist. Ich hoffe, dein Rucksack bringt uns da durch.“