Prolog: Du verstehst es einfach nicht
Flordelis hasste Galas. Statt Zeit bei der Arbeit zu verbringen, musste er sich mit Personen umgeben, die sich von der Gesellschaft abheben wollten, sich als etwas Besseres fühlten, obwohl sie genau dieselben Bedürfnisse, Wünsche und Instinkte hatten wie jeder andere – nur mit mehr Geld. Und sie gaben nichts davon zurück.
Perfekte Zähne strahlten einem wie Perle entgegen, wenn sie einander begrüßten, Hände wurden geschüttelt, während in der anderen bereits Dolche verborgen wurden, nur darauf wartend von dem metaphorischen Blut des Opfers zu kosten.
Natürlich wurde niemand wirklich ermordet. Aber nach den süßen Worten, die sie einem ins Gesicht sagten, wandten sie sich ab, um mit vor Gift triefenden Aussagen jene Person bei anderen zu diskreditieren. Nur um gespielt empört abzuwehren, sobald die Intrige ans Licht kam. Dann gab es reuevolle Tränen und Küsse, man schwor sich, nie wieder auch nur ein böses Wort über den jeweils anderen zu verlieren.
Und dann begann das Spiel von vorne.
Aber Flordelis weigerte sich, mitzuspielen. Er grüßte betont distanziert, unterhielt sich mit – möglichen – Geschäftspartnern, funkelte Personen an, mit denen er keinesfalls reden wollte – an diesem speziellen Abend gab es nur eine – und stand ansonsten mit seinem viel zu teuren Glas Champagner an der Seite und betrachtete die Spielenden mit gerunzelter Stirn.
Zusammen mit der einzigen Person, der er zwischen all diesen Ariados vertraute – und die natürlich mal wieder Partei für alle ergriff: »Heute sind sie wirklich gut drauf.«
»Platan.« Flordelis atmete tief durch. »Das hast du auch schon bei der letzten Gala gesagt. Und am Ende gab es einen großen Skandal um Madame Enora, ausgelöst von Madame Josette.«
»Aber Madame Josette hat sich doch entschuldigt.«
Flordelis sah Platan an, der den Blick mit seinen grauen Augen unschuldig erwiderte. Sein Freund konnte sich wirklich glücklich schätzen, dass es hier offenbar niemandem möglich war, ihm zu schaden, sonst wäre Platan von diesen politischen Ränkespielen schon längst zerfetzt worden. Oder alle besaßen zu viel Respekt vor dem Pokémon-Professor der Region.
Nein, Flordelis wollte lieber glauben, dass niemand in der Lage war, diesen gutgläubigen, viel zu optimistischen Mann zu verletzen. Das bewahrte ihm seinen letzten Glauben an die Menschheit.
»Du verstehst es einfach nicht«, urteilte Flordelis schließlich.
»Offenbar«, gab Platan unbekümmert zu. »Aber weißt du, was ich auch nicht verstehe? Dass du keinen Ton mit Julie gewechselt hast. Bist du immer noch wütend auf sie?«
»Bei dir klingt es, als wäre der Zwischenfall schon ewig her.« Flordelis runzelte die Stirn, während er zwischen den Gästen nach Julie Ausschau hielt. »Dabei waren es gerade einmal ein paar Monate – und diese Gala ist das Ergebnis davon.«
Da er Julie nirgends entdeckte, fiel sein Blick auf das Podest in der Mitte des Saals auf dem eine gläserne Vitrine stand. In deren Inneren befand sich ein facettiert und in Tropfenform geschliffener lila-farbener Edelstein. Ein Pendeloque-Schliff, sehr elegant, aber auch eine unfassbare Verschwendung, wie Flordelis fand. In seiner Rohform hatte der Stein vor Energie vibriert – nun schien davon nichts mehr übrig zu sein.
»Ich weiß, dass du enttäuscht bist, weil sie ihn dir nicht verkauft hat«, sagte Platan, in einem neuerlichen Versuch der Versöhnung, »aber sie hatte bestimmt ihre Gründe, warum sie ihn lieber Monsieur Henri überlassen hat.«
Enttäuscht war wirklich untertrieben. Flordelis war immer noch wütend deswegen, besonders nachdem er ausgiebig mit Julie darüber gesprochen hatte, welche Bedeutung ein derartiger Fund für die Zukunft der Menschheit und deren Energiegewinnung haben könnte. Wenn sie den Stein wenigstens an eine andere Firma verkauft oder ihm gesagt hätte, wo sie ihn gefunden hatte – aber nein, sie verkaufte ihn an einen Sammler, der ihn auch noch ruiniert hatte, nur um jetzt damit vor der versammelten Elite Kalos' angeben zu können!
»Der Grund scheint einfach nur Schmuck zu sein«, bemerkte Flordelis säuerlich, als ihm Julie doch endlich zwischen den Gästen auffiel.
Bei der letzten Gala hatte sie genauso wenig dazu gepasst wie er, hatte in ihrem demonstrativ getragenen Laborkittel mit ihm am Rand gestanden und den Kopf geschüttelt, wann immer eine neue Lästerei an ihre Ohren gedrungen war. Heute trug sie ein goldenes Kleid, das jedes ihrer Schritte mit einem Rascheln begleitete und damit sogar die brutalen Geräusche ihrer viel zu hohen Absätze übertönte. Mehrere Perlenschnüre waren in ihr kastanien-farbenes, schulterlanges Haar geflochten, das heute noch gewellter war als sonst. Und an ihrem linken Handgelenk trug sie einen auffallenden Reif, an dem silberne Ketten befestigt waren, die einen rosa-farbenen Edelstein im Marquiseschliff auf ihrem Handrücken festhielten. Dieses Schmuckstück hatte sie gegen einen möglichen Paradigmenwechsel getauscht. Und dann hatte sie die Dreistigkeit besessen, ihm diesen Armreif auch noch triumphierend zu präsentieren, ohne jede Form von Reue oder auch nur eine Entschuldigung.
Natürlich redete er da nicht mehr mit ihr. Auch wenn das Platan zu schmerzen schien.
»Sie wird bestimmt ihre Gründe dafür gehabt haben«, sagte er auch direkt. »Du kennst sie doch.«
»Genau deswegen wunderte mich diese Entscheidung. Ich habe sie nicht als derart egoistische Person kennengelernt.« Er sah Platan an. »Oder hat sie dir gegenüber eine Erklärung abgegeben?«
Betrübt schüttelte er mit dem Kopf. »Ich habe sie gefragt, aber sie sagte nur, dass ich das ohnehin nicht verstehen würde.«
Was auch dafür sprach, dass es rein egoistische Gründe gewesen waren. Warum sonst sollte Platan es nicht verstehen können?
Plötzlich hellte sich Platans Gesicht wieder auf. »Eigentlich hatte ich gehofft, ihr würdet euch heute Abend wieder versöhnen. Das ist doch der perfekte Zeitpunkt, oder?«
Wenn Flordelis beobachtete, wie ungezwungen Julie sich mit den anderen Gästen unterhielt, wie sie lächelte und ihre Brillengläser manchmal im Licht blitzten und damit ihre seltsam gelangweilten Augen verbargen, gab es für ihn nur eine Antwort: »Ganz bestimmt nicht. Jedenfalls nicht, bevor sie sich entschuldigt.«
Und bei Julies Sturheit konnte das ewig dauern.
Platan seufzte darauf. »Ihr seid beide richtige Pampuli.«
Flordelis sah ihn mit gerunzelter Stirn an. »War das eine Beleidigung?«
Er kannte dieses Pokémon nicht, da es in Kalos nicht heimisch war. Platan lächelte unschuldig und hob die Schultern. »Nein, nur die Wahrheit.«
Leicht genervt leerte Flordelis den Rest seines Glases und stellte dieses dann auf dem Tablett eines vorbeieilenden Kellners ab. »Ich denke, ich beende diesen Abend an dieser Stelle.«
»Oh, wirklich?« Platan wirkte tatsächlich geknickt; hatte er sich so sehr eine Versöhnung erhofft? »Es ist noch nicht einmal ganz Mitternacht. Um diese Zeit beginnen solche Feste doch erst wirklich, das sagen auch alle Märchen.«
Er zwinkerte Flordelis zu, aber dieser schüttelte nur mit dem Kopf.
»Ich habe mit allen gesprochen, mit denen ich reden wollte. Und ich muss morgen wieder arbeiten.«
Anders als manch anderer Teilnehmer dieser Gala.
»Dann sehen wir uns wohl ein andermal wieder.« Platan lächelte ihm zu, das einzig ehrliche Lächeln an diesem Abend. »Schlaf gut. Und melde dich, falls du Redebedarf hast.«
Flordelis versicherte ihm, dass er anrufen würde, falls er reden müsste – worüber auch immer Platan meinte, dass es notwendig sei –, dann stahl er sich möglichst unauffällig aus dem Saal. Jenseits der Tür waren Musik und Stimmen nur noch gedämpft, genau wie das Licht, das auf dem Gang hier draußen nicht derart grell war wie dort drinnen.
Flordelis atmete auf, als er das alles hinter sich lassen konnte und schritt in Richtung des Ausgangs. Je mehr er alles hinter sich ließ, umso befreiter fühlte er sich, als falle der Druck dieser Gesellschaft mit jedem Schritt mehr von ihm ab. Außerdem wuchs die Erleichterung, da niemand ihm nachkam. Es hätte ihm gerade noch gefehlt, wenn jemand doch noch ganz kurz mit ihm hätte sprechen wollen, abseits aller anderen. Das war auf solchen Galas nie ein Zeichen für etwas Gutes.
Ohne einen Zwischenfall konnte er den Magnum-Opus-Palast verlassen und direkt seinen Wagen aufsuchen, in dem sein wartender Chauffeur ihn überrascht empfing. »Sie brechen schon auf?«
»Ja. Mir liegt nicht viel daran, die Edelstein-Sammlung anderer Menschen anzusehen.«
Was danach klang, als besäße er selbst eine, wie ihm gleich danach stirnrunzelnd auffiel. Aber sein Chauffeur kommentierte das glücklicherweise nicht, stattdessen startete er einfach den Motor, aber eine Kleinigkeit konnte er sich offenbar doch nicht verkneifen: »Reiche haben wohl ihre ganz eigenen Probleme.«
Flordelis schmunzelte darauf. »Das stimmt wohl.«
Er lehnte sich zurück, als der Wagen losfuhr und den Magnum-Opus-Palast mit seinen hellen Lichtern rasch hinter sich ließ. Als sie die Palais-Allee entlangfuhren, fiel Flordelis' Blick unter seinen schwer werdenden Lidern auf die Uhr auf dem Armaturenbrett: 23:59 Uhr.
Dann müsste Platan wenigstens nicht mehr warten, bis das Fest wirklich begann. Bestimmt würde er ihm alles erzählen, was er verpasst hatte, also müsste er sich keine Gedanken machen.
Stattdessen könnte er einfach die Augen schließen und darauf warten, zu Hause anzukommen. Verbunden mit den sanften Vibrationen des Fahrzeugs fiel er rasch in einen tiefen Schlaf, der durchzogen war von dem mysteriösen Glitzern des heute markant ausgestellten Edelsteins, der für so viel böses Blut zwischen ihm und Julie gesorgt hatte – und der ihm in diesem seltsamen Traum einen Schauer über den Rücken jagte, ohne dass er den Grund dafür benennen könnte.
1st Loop: Hast du das schon einmal gesagt?
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Es kam ihm vor, als tauche er aus einem Fiebertraum auf. Flüchtige Farben tanzten noch in seinem Gedächtnis, verbanden sich mit Geräuschen, die einst Stimmen gewesen sein mochten, nun aber so verwischt waren, dass ihre ursprüngliche Bedeutung nicht mehr zu erkennen war. Er versuchte, die Erinnerungen zu fassen, doch sie rannen ihm wie Wasser durch die Finger, trafen auf den Boden und verdunsteten, bevor er etwas dagegen tun konnte.
Der Traum war fort. Ihm blieb nur, seine Augen zu öffnen.
Er blinzelte und stöhnte leise, als das grelle Licht von draußen auf seine Augen traf. Der hell erleuchtete Magnum-Opus-Palast hob sich wie ein Juwel von dem tintenschwarzen Nachthimmel ab; zweifellos verdrängte das Licht der Gala jegliches Leuchten von Sternen. Noch ein Grund, diese Feste nicht leiden zu können.
Er sah auf sein Handy hinab, auch wenn er sich nicht erinnerte, es aus seiner Tasche genommen zu haben. Das leuchtende Display, das ein Bild von ihm, Platan und Julie zierte, verriet ihm, dass es gerade 20 Uhr war. Mit Sicherheit war er der Gast, der als letztes ankam, genau wie geplant. Er würde dafür als erstes gehen. Also müsste er nur vier Stunden überstehen.
»Alles in Ordnung?« Sein Chauffeur musterte ihn im Rückspiegel. »Wollen Sie nicht aussteigen?«
»Ja, natürlich«, antwortete Flordelis. »Ich bin nur nicht sehr erpicht auf diesen Gala-Besuch.«
Das war vielleicht eine seltsame Beschwerde für eine vermögende Person (die auch noch der Nachfahre einer Königsfamilie war und so etwas deswegen gewöhnt sein sollte), aber sein Chauffeur schien seine Abneigung zu verstehen, denn er lachte: »Ich würde auch wirklich nicht mit Ihnen tauschen wollen. Außer vielleicht für das Essen.«
»Das ist das einzige, was es wert macht, eine Gala zu besuchen – sofern man Gelegenheit zum Essen findet«, sagte Flordelis schmunzelnd, während er sein Handy einsteckte. »Es tut mir leid, dass Sie hier draußen warten müssen.«
»Schon in Ordnung. Das gehört zum Job. Amüsieren Sie sich gut.«
Flordelis bedankte sich, dann verließ er den Wagen. Er war zwischen denen anderer Gäste geparkt, hinter den abgedunkelten Scheiben flackerten Lichter. Mehr als ein Fahrer unterhielt sich selbst womöglich mit Filmen oder Serien; hoffentlich könnte auch sein Chauffeur sich ablenken.
Während er auf die Eingangstüren des Palasts zuging, kam ihm wie bei jeder Gala der Gedanke, dass er so hell erleuchtet wirklich schön war. Für einen Moment konnte er sogar die Lichtverschmutzung ignorieren, die für in der Nähe lebende Pokémon unerträglich sein musste.
Als er an der Tür ankam, fiel sein Blick unwillkürlich auf die rechte Wand. Niemand war hier.
Aus einem ihm unerfindlichen Grund ließ diese Erkenntnis sein Herz schwer werden. Für einen Moment grübelte er darüber nach, ob er möglicherweise jemanden hier erwartet hatte. Aber warum sollte er das, ohne sich daran zu erinnern?
Vielleicht suchte er nur nach Gründen, weiterhin nicht nach drinnen zu gehen. Deswegen schob er dieses seltsame Gefühl wieder weit von sich und trat ein.
Ein Diener hieß ihn in der Eingangshalle willkommen. »Wir haben nur auf Sie gewartet, Monsieur Flordelis. Darf ich sie zum Ballsaal begleiten?«
Im Grunde war das unnötig, Flordelis kannte den Weg dank all der Galas sehr gut. Ganz zu schweigen von den Ausflügen hierher, zu denen vor allem Platan ihn während ihrer gemeinsamen Forschungszeit überredet hatte, um den Palast wie eine Touristen-Attraktion zu bewundern. Aber es kam ihm unhöflich vor, diese Hilfe abzulehnen, deswegen bat er darum und folgte dem Diener anschließend zum Ballsaal.
Im Moment war niemand außer ihnen und einigen anderen Bediensteten, die sofort eilig davonhuschten, tiefer in die Dunkelheit jenseits der Kerzenleuchter, in den Gängen. Die Musik und die Gespräche aus dem Ballsaal vibrierten regelrecht durch das Gebäude und hätten jeden, der auch nur ein wenig aufmerksam war, angelockt. In Flordelis erzeugte jeder Schritt, der ihn näher hinführte, nur mehr Abweisung. Warum konnten die vier Stunden nicht schon vorbei sein? Er sah sich regelrecht selbst wieder zurück in Richtung des Ausgangs laufen, so sehr sehnte er sich danach.
Aber natürlich ließ er sich nichts davon anmerken. Sein Gesichtsausdruck blieb undurchdringlich, sein Rücken gerade, seine Schritte fest. Wie es von jemandem wie ihm erwartet wurde.
An der Tür angekommen, wo die Atmosphäre bereits unangenehm bedrückend war, bedankte er sich bei dem Diener, atmete noch einmal tief durch und betrat dann den Ballsaal.
Ein seltsames Déjà-vu überkam ihn, nicht nur bei der aktuellen Musik, sondern auch bei dem Anblick, der sich ihm bot. In der Mitte des Saals befand sich etwas unter einem Tuch, vor seinem inneren Auge sah er einen lila Edelstein mit Pendeloque-Schliff, der mit einer gehörigen Portion Enttäuschung verbunden war. Dazu passend entdeckte er daneben eine Frau in einem goldenen Kleid, mit Perlenschnüren im kastanien-farbenen Haar; sie sah so anders aus, dass er einen Moment benötigte, um sie als Julie zu erkennen – und das geschah letztendlich auch nur, weil er glaubte, sich an sie in dieser Kleidung zu erinnern. Aber das war unmöglich.
Bevor er das erörtern konnte, klang eine Stimme an sein Ohr: »Ah, Monsieur Flordelis! Sie haben es wirklich geschafft.«
Mit einem ehrlichen Lächeln – wahrscheinlich sein einziges an diesem Abend – wandte Flordelis sich dem Gastgeber zu, der mit freudiger Erwartung auf ihn zukam. »Monsieur Henri, danke für die Einladung. Ich bitte darum, meine Verspätung zu entschuldigen, es gab noch sehr viel bei der Arbeit zu tun.«
Henri nahm seine Hand, um sie ausgiebig zu schütteln, und zwinkerte ihm zu. »Sie sind auf jeden Fall entschuldigt. Wir wissen ja inzwischen, dass Sie immer sehr beschäftigt sind.«
Bei Henri glaubte er diesen Satz sogar, bei anderen Gastgebern klang er meist sehr gepresst, manchmal sogar ein wenig passiv-aggressiv, aber man legte sich nur ungern mit Flordelis an. Als Nachfahre der Königsfamilie genoss er das Privileg, dass die feine Gesellschaft es sich nur ungern mit ihm verscherzte. Nur deswegen konnte er es sich auch erlauben, immer so wenig Zeit wie möglich auf Galas zu verbringen.
Henri war aber zumindest immer gut gelaunt, wenn Flordelis ihn traf. Deswegen mochte er diesen untersetzten Mann mit dem grau-blauen Haar und den stets funkelnden blauen Augen, die sich selbst in seinem fortgeschrittenen Alter noch über jedes neue Wunder zu freuen schienen. Für ihn nahm Flordelis sich auch bei Geschäftsessen gern besonders viel Zeit.
Dennoch verspürte er heute eine kurze, aber stechende Woge des Zorns, weil Julie ihm den Edelstein verkauft hatte. Einem Sammler, der mit der geballten Macht in diesem Stein gar nichts anzufangen wüsste, im Gegensatz zu Flordelis.
Doch er kämpfte den Impuls nieder, um Henri nicht vor den Kopf zu stoßen und bedankte sich für das Verständnis.
Henri winkte sofort ab. »Ich freue mich einfach, dass Sie heute hier bei uns sind, Monsieur Flordelis. Wenn ich mein größtes Schmuckstück präsentiere, muss einfach jeder dabei sein.«
Henri bat ihn mit sich und ging dann direkt auf die anderen Anwesenden und vor allem das verhüllte Kunstwerk zu. Flordelis folgte ihm langsamer und blieb schließlich in angemessener Entfernung wieder stehen.
»Meine lieben Gäste«, verkündete Henri voller Begeisterung, »ich freue mich, dass wir nun vollzählig sind~.«
Sofort verstummten alle Gespräche, die Blicke aller wandten sich ihm zu. Außer von Flordelis, denn er betrachtete die anderen, bis er einen gewohnt gut gelaunten Platan zwischen ihnen entdeckte. Sofort wurde seine Brust ein wenig leichter. Solange Platan da war, würde der Abend bestimmt nicht so schlimm werden. Er würde später einfach nur mit ihm reden. Alles war gut.
»Es ist mir eine große Ehre«, fuhr Henri fort, »Ihnen allen endlich mitzuteilen, wofür wir uns versammelt haben. Es gibt eine großartige Nachricht, die ich zu verkünden habe!«
Darauf breitete sich ein leises Flüstern aus, als die Anwesenden zu ergründen versuchten, was genau er wohl zeigen wollte.
»Inzwischen ist es in Kalos allgemein bekannt, dass ich vor kurzem in den Besitz eines ganz besonderen Stücks gekommen bin, das meine hochdotierte Sammlung noch weiter veredeln wird.«
Flordelis schnaubte lautlos. Julie wirkte ziemlich zufrieden, während sie Henri zuhörte.
»Hiermit enthülle ich voller Stolz den Amethyst der 1000 Möglichkeiten!«
Damit entfernte er das Tuch unter dem eine gläserne Vitrine auf einem Podest zum Vorschein kam. Darin lag ein lila-farbener Edelstein mit Pendeloque-Schliff, genau wie Flordelis es in seinem Déjà-vu vor sich gesehen hatte. Aber seine Ernüchterung über die Natur des Steins verdrängte die Verwirrung darüber schnell wieder. Als Julie ihm ihren Fund präsentiert hatte, war er von derart viel Energie erfüllt gewesen, dass er regelrecht vibriert hatte. Aber nun ...
Amethyst der 1000 Möglichkeiten?, fuhr es Flordelis durch den Kopf, während er ihn betrachtete. Das war er vielleicht mal.
Zumindest waren die anderen Gäste entsprechend angetan, wie er an den begeisterten Ausrufen hören konnte. Dazwischen gab es auch einige Neider, die mit gerümpften Nasen und gerunzelter Stirn auf den Stein sahen, leise vor sich hinmurmelten, dass sie so etwas ohnehin nicht benötigten und es typisch für Henri wäre, mit etwas derart Gewöhnlichem anzugeben.
Henri störte sich nicht daran, dafür war er noch zu begeistert, als er schließlich die Arme ausbreitete. »An diesem Abend werden Sie alle noch ausführlich die Gelegenheit bekommen, meinen Schatz zu betrachten. Deswegen wünsche ich Ihnen nun ein großartiges Fest. Essen und trinken Sie so viel Sie wollen! Teilen Sie meine Freude!«
Er legte beide Hände auf seine Brust, während er ergriffen den Kopf senkte. »Das ist alles, was ich mir heute von Ihnen wünsche.«
Julie hob das Glas, das sie gerade in der Hand hielt, worauf die anderen Gäste ihrem Beispiel folgten. Das alles geschah in einer eigentümlichen Stille, die Flordelis einen Schauer über den Rücken jagte. Aber da klatschte Henri schon in die Hände, womit das Schweigen aller beendet wurde und wieder in das geschäftige Summen überging, während alle sich wieder ihren eigenen Gesprächen widmeten.
Julie trat näher zu Henri, legte ihre Hand auf seine Schulter und flüsterte ihm etwas zu. Sein Gesicht strahlte darauf noch ein wenig heller. Er nickte – und dann verlor Flordelis ihn aus den Augen, weil er selbst plötzlich von mehreren Leuten umgeben war, die alle mit ihm reden wollten. Es waren alles potentielle Geschäftspartner, die er nicht einfach vertrösten konnte, deswegen konzentrierte er sich auf diese und dachte erst einmal nicht mehr an Henri oder Julies seltsames Verhalten.
Mehrere Stunden später, nachdem Flordelis mit allen geredet hatte, mit denen er reden wollte – und Julie über die Entfernung hin angefunkelt hatte, obwohl sie ihn nicht einmal beachtete –, fand er endlich die Zeit, mit Platan zusammenzustehen, während er seinen Champagner trank. Nicht das erste Glas an diesem Abend, vielleicht fühlte er sich deswegen ein wenig unruhig, während er die anderen beobachtete.
»Heute sind sie wirklich gut drauf.«
Etwas an diesen Worten verstärkte das Déjà-vu in Flordelis wieder. Aber er konnte die dazugehörende Erinnerung weiterhin nicht fassen.
»Platan.« Flordelis atmete tief durch. »Das hast du auch schon bei der letzten Gala gesagt. Und am Ende gab es einen großen Skandal um Madame Enora, ausgelöst von Madame Josette.«
»Aber Madame Josette hat sich doch entschuldigt.«
Flordelis sah Platan an, der den Blick mit seinen grauen Augen unschuldig erwiderte. »Du verstehst es einfach nicht.«
»Offenbar«, gab Platan unbekümmert zu. »Aber weißt du, was ich auch nicht verstehe? Dass du keinen Ton mit Julie gewechselt hast. Bist du immer noch wütend auf sie?«
»Bei dir klingt es, als wäre der Zwischenfall schon ewig her.« Flordelis runzelte die Stirn, während er zwischen den Gästen wieder nach Julie Ausschau hielt. »Dabei waren es gerade einmal ein paar Monate – und diese Gala ist das Ergebnis davon.«
Da er Julie nirgends entdeckte, fiel sein Blick wieder auf den Edelstein, worauf die Wut erneut in ihm brodelte.
»Ich weiß, dass du enttäuscht bist, weil sie ihn dir nicht verkauft hat«, sagte Platan, in einem neuerlichen Versuch der Versöhnung, »aber sie hatte bestimmt ihre Gründe, warum sie ihn lieber Monsieur Henri überlassen hat.«
»Der Grund scheint einfach nur Schmuck zu sein«, bemerkte Flordelis säuerlich, als ihm Julie endlich zwischen den Gästen auffiel – besonders als ihm wieder ihr Armreif ins Auge fiel. Jener, dem sie ihm so stolz präsentiert hatte, nachdem sie einen möglichen Paradigmenwechsel dafür eingetauscht hatte. Warum hatte sie erwartet, dass er sich mit ihr freuen würde?
»Sie wird bestimmt ihre Gründe dafür gehabt haben«, sagte Platan, absolut überzeugt von ihr. »Du kennst sie doch.«
»Genau deswegen wunderte mich diese Entscheidung. Ich habe sie nicht als derart egoistische Person kennengelernt.« Er sah Platan an. »Oder hat sie dir gegenüber eine Erklärung abgegeben?«
Betrübt schüttelte er mit dem Kopf. »Ich habe sie gefragt, aber sie sagte nur, dass ich das ohnehin nicht verstehen würde.«
Plötzlich hellte sich Platans Gesicht wieder auf. »Eigentlich hatte ich gehofft, ihr würdet euch heute Abend wieder versöhnen. Das ist doch der perfekte Zeitpunkt, oder?«
»Ganz bestimmt nicht. Jedenfalls nicht, bevor sie sich entschuldigt.«
Platan seufzte darauf. »Ihr seid beide richtige Pampuli.«
Flordelis runzelte seine Stirn. Irgendetwas an diesem Pokémon, das ihm eigentlich vollkommen unbekannt war, erinnerte ihn wieder an etwas. »Hast du das schon einmal gesagt?«
Darauf blinzelte Platan irritiert. »Eigentlich nicht. Ich hab es aber schon gedacht.« Er strahlte wieder. »Vielleicht kannst du jetzt einfach meine Gedanken lesen. Wäre das nicht wundervoll?«
»Findest du?« Flordelis schmunzelte. »Es gibt doch bestimmt Dinge, von denen du nicht willst, dass ich sie weiß, oder?«
Platan dachte einen Moment darüber nach, dann nickte er. »Stimmt. Ich glaube, ich habe meine Gedanken doch ganz gern für mich. Aber falls du sie mal wissen willst, frag mich einfach~.«
Er zwinkerte Flordelis zu, worauf dieser seinen Blick abwenden musste, um sein Herz wieder ein wenig zu beruhigen. Manchmal war Platan doch ein wenig zu viel für ihn.
Er leerte den Rest seines Glases und stellte dieses dann auf dem Tablett eines vorbeieilenden Kellners ab. »Ich denke, ich beende diesen Abend an dieser Stelle.«
»Oh, wirklich?« Platan sah ihn überrascht an. »Es ist noch nicht einmal ganz Mitternacht. Um diese Zeit beginnen solche Feste doch erst wirklich, das sagen auch alle Märchen. Willst du das nicht einmal wenigstens ausprobieren?«
»Ich habe mit allen gesprochen, mit denen ich reden wollte.« Oder mit denen er reden musste. »Und ich muss morgen wieder arbeiten.«
»Dann sehen wir uns wohl ein andermal wieder.« Platan lächelte ihm zu. »Schlaf gut. Und melde dich, falls du Redebedarf hast. Oder falls du meine Gedanken wissen willst~.«
Flordelis versicherte ihm, dass er genau das machen würde, dann strebte er zum Ausgang und verließ den Saal ohne weitere Unterbrechung. Bevor er die Tür hinter sich wieder schloss, spürte er ein unangenehmes Brennen auf seiner Haut. Für einen kurzen Moment kreuzte sich sein Blick mit dem von Julie. Sie sah ihn kühl an und so verstimmt, dass er allein dabei zu der Überzeugung kam, dass sie sich nie wieder versöhnen würden. Der Gedanke schmerzte ihn, aber es war ihre Entscheidung gewesen, nicht seine. Deswegen erwiderte er den Blick ebenso kühl und schloss die Tür endlich, um sie nicht mehr ansehen zu müssen.
Kaum war er von den Feierlichkeiten abgeschottet, atmete er tief durch. Mit schnellen Schritten lief er durch die Gänge, bevor doch noch jemandem – im schlimmsten Fall Julie selbst – einfallen würde, dass ein wichtiges Gespräch mit Flordelis angebracht war.
Ohne einen Zwischenfall konnte er den Magnum-Opus-Palast verlassen und direkt seinen Wagen aufsuchen, in dem sein wartender Chauffeur ihn überrascht empfing. »Sie brechen schon wieder auf?«
Flordelis stutzte bei dieser Wortwahl kurz, aber im Endeffekt hatte er recht und Platan hatte das ja auch schon angemerkt: Flordelis blieb einfach nie sehr lange bei diesen Galas. Aber er glaubte auch nicht, dass er irgendetwas verpasste.
»Ich ziehe es vor, morgen ausgeschlafen zu sein, statt über Gebühr mit Leuten zu sozialisieren.«
»Reiche haben wohl ihre ganz eigenen Probleme«, folgerte sein Chauffeur schulterzuckend.
Flordelis schmunzelte darauf. »Das stimmt wohl.«
Er lehnte sich zurück, als der Wagen losfuhr und den Magnum-Opus-Palast mit seinen hellen Lichtern rasch hinter sich ließ. Als sie die Palais-Allee entlangfuhren, fiel Flordelis' Blick unter seinen schwer werdenden Lidern auf die Uhr auf dem Armaturenbrett: 23:59 Uhr.
Dann müsste Platan wenigstens nicht mehr warten, bis das Fest wirklich begann. Bestimmt würde er ihm alles erzählen, was er verpasst hatte, also müsste er sich keine Gedanken machen. Vielleicht sollte er ihn morgen direkt deswegen anrufen. Möglicherweise könnte er ihn dann ja wirklich nach seinen Gedanken fragen. Und ob Julie vielleicht noch mit ihm gesprochen hatte.
Erst einmal könnte er aber einfach die Augen schließen und darauf warten, zu Hause anzukommen. Verbunden mit den sanften Vibrationen des Fahrzeugs fiel er rasch in einen tiefen Schlaf, in dem ihm Julies finsterer Blick überallhin zu folgen schien.
2nd Loop: Wir kennen uns schon sehr lange
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Es kam ihm vor, als tauche er aus einem Fiebertraum auf. Flüchtige Farben tanzten noch in seinem Gedächtnis, verbanden sich mit Geräuschen, die einst Stimmen gewesen sein mochten, nun aber so verwischt waren, dass ihre ursprüngliche Bedeutung nicht mehr zu erkennen war. Er versuchte, die Erinnerungen zu fassen, erhaschte Eindrücke eines Amethysten, der ihn wütend sein ließ, Julie in einem goldenen Kleid, mit diesem Armreif, für den sie ihre Freundschaft geopfert hatte, und dieser kühle Blick, der ihn quer durch den Raum hindurch traf. Dann zerflossen die Erinnerungen zwischen seinen Fingern und sammelten sich auf dem Boden zu einer farbenfrohen Pfütze, in der keine Einzelheiten mehr zu erkennen waren.
Ihm blieb nur, seine Augen zu öffnen.
Er blinzelte und stöhnte leise, als das grelle Licht von draußen auf seine Augen traf. Der hell erleuchtete Magnum-Opus-Palast hob sich wie ein Juwel von dem tintenschwarzen Nachthimmel ab; zweifellos verdrängte das Licht der Gala jegliches Leuchten von Sternen.
Moment!
Der Magnum-Opus-Palast? Die Gala? War er nicht auf dem Heimweg gewesen?
Sofort huschte sein Blick in Richtung seines Telefons, das er noch in der Hand hielt. Auch wenn er sich nicht daran erinnerte, es aus seiner Tasche genommen zu haben. Das leuchtende Display verriet ihm, dass es gerade 20 Uhr war. Zu jener Zeit war er bei der Gala angekommen. Vor vier Stunden. Und nun war es wieder …
Wie war das möglich? Er erinnerte sich an die Gala, das falsche Lächeln der Leute, die oberflächlichen Gespräche, das höfliche Lachen, Julie in diesem furchtbaren Kleid – und der Stein, der Grund für ihren Streit, der alle Einzigartigkeit verloren hatte. Könnte es sein, dass es nur ein Traum gewesen war? Hatte er die Gala noch gar nicht besucht?
Um nicht zu lange auf das Bild seines Displays zu starren, steckte er das Handy wieder ein.
»Alles in Ordnung?« Die vertraute Stimme seines Chauffeurs, er musterte Flordelis durch den Rückspiegel. »Sie sehen plötzlich so blass aus.«
Schwäche vor seinen Angestellten zu zeigen oder einem solchen zu erklären, dass er einen merkwürdigen Traum durchlebt hatte, hätte ihm gerade noch gefehlt. Deswegen schüttelte er mit dem Kopf. »Alles ist in Ordnung. Ich bin nur … nicht sehr erpicht auf diesen Gala-Besuch.«
»Ich würde auch wirklich nicht mit Ihnen tauschen wollen. Außer vielleicht für das Essen.«
Das wäre wirklich der einzige Vorteil – wenn man bei Galas wirklich zum Essen käme. Aber statt das weiter zu erörtern, entschuldigte Flordelis sich bei seinem Fahrer schon einmal für das langweilige Warten (worauf dieser ihm versicherte, dass es schon in Ordnung sei), dann verließ er den Wagen und ging auf den Eingang des Palasts zu.
Selbst dieser Moment, diese Schritte, kamen ihm so vertraut vor, sie mussten erst vor kurzem geschehen sein. War es möglich, einen derart realistischen Traum zu erleben? Oder träumte er diese Wiederholung? War sein Unterbewusstsein derart zerrüttet von dem Erlebten, dass es ihm nicht einmal erlaubte, von hier zu fliehen?
Ein Diener, der in der Eingangshalle stand, begrüßte Flordelis mit einem unverbindlichen Lächeln und bat ihn, direkt zum Ballsaal durchzugehen. Für einen kurzen Moment überlegte er, den Mann zu fragen, ob er heute schon einmal hier gewesen war, aber er entschied sich dagegen. Falls das ein Traum war, führte es nirgendwo hin. Und falls es Realität war, würde es nur einen seltsamen Eindruck erwecken, der zu Gerüchten und Rückschlägen bei Geschäften führte.
Also bedankte er sich nur und legte dann den Weg zum Ballsaal zurück. Diesmal allein, weil er sich ohnehin auskannte und weil er nicht riskieren wollte, auf dem Weg vielleicht doch zu fragen, was hier vor sich ging.
Bedienstete zogen sich hastig in die Dunkelheit zurück, wann immer er an ihnen vorbeikam, bevor er einen von ihnen grüßen oder mustern konnte. Die Musik und die Gespräche aus dem Ballsaal vibrierten regelrecht durch das Gebäude und lockten ihn zu sich. Gleichzeitig erzeugte jeder Schritt, der ihn näher hinführte, in Flordelis nur mehr Abneigung. Waren die vier Stunden nicht genug Strafe gewesen? Warum sollte er sie noch einmal durchstehen?
Vor der Tür des Ballsaals blieb er wieder stehen. Auch wenn es unsinnig war, kniff er sich selbst in den Arm, nur um schmerzhaft das Gesicht zu verziehen. Das hier war also offenbar kein Traum. Dann musste das zuvor Erlebte ein Traum gewesen sein. Ein Albtraum wahrscheinlich. Das sollte ihn nicht weiter wundern, er hasste diese Ereignisse wirklich, nicht zuletzt, weil sie eigentlich immer gleich waren. Das einzige, was sich änderte, waren die von den Frauen getragenen Kleider. Also war es durchaus im Bereich des Möglichen, sie im Vorfeld zu träumen. Alles war gut, er müsste nur diese vier Stunden überstehen. Er konnte das.
Doch als er die Tür öffnete, sank sein Mut ins Bodenlose. Er kannte das Bild, das sich ihm bot, es war eindeutig jenes, das er heute, in seinem Traum, schon einmal gesehen hatte. Das verhüllte Podest in der Mitte des Saales, die Kleider der anwesenden Frauen – aber vor allem entdeckte er fast sofort Julie zwischen ihnen, in diesem goldenen Kleid, den viel zu hohen Schuhen, den Perlenschnüren in ihrem Haar und dem Reif an ihrer Hand, dessen Glitzern ihn zu verspotten schien.
Seine Brust zog sich zusammen, während er versuchte, das zu verarbeiten. Sein Verstand lehnte es aber vollkommen ab, es war einfach unmöglich. Prophetische Träume existierten vielleicht für bestimmte Menschen, aber er gehörte nicht zu diesen. Das hier war aber auch kein Traum, er war eindeutig wach. Das alles widersprach jeglicher Logik und doch war er mittendrin.
Ihm blieb keine Zeit, sich länger damit auseinanderzusetzen, da plötzlich eine Stimme an sein Ohr drang: »Ah, Monsieur Flordelis!«
Flordelis wandte sich Henri zu, der strahlend auf ihn zukam. Genau wie zuvor.
Henri nahm seine Hand, um sie ausgiebig zu schütteln. »Ich bin so froh, dass Sie es einrichten konnten. Wir wissen ja alle, wie beschäftigt Sie sind.«
»J-ja«, sagte Flordelis. »Die Verspätung tut mir leid.«
Er versicherte ihm sofort, dass das schon in Ordnung war, dann betrachtete er ihn besorgt. »Geht es Ihnen gut, Monsieur Flordelis? Sie sehen etwas blass aus.«
»Es ist alles in Ordnung, machen Sie sich bitte keine Sorgen.« Es wäre nicht sehr hilfreich, mit Henri über dieses Traum-Thema zu sprechen, also verzichtete er drauf. »Ich denke, ich habe nur zu viel gearbeitet.«
»Umso wichtiger, dass Sie sich auch endlich eine Auszeit gönnen.« Henri lächelte wieder. »Deswegen freue ich mich, dass Sie heute hier bei uns sind, Monsieur Flordelis. Wenn ich meine zwei größten Schmuckstücke präsentiere, muss einfach jeder dabei sein.«
»Zwei größte Schmuckstücke?«, hakte Flordelis nach.
Das war neu. Vielleicht trug das endlich dazu bei, dass er seine Verwirrung ablegen und akzeptieren konnte, dass alles zuvor nur Teil eines Traums gewesen war. Einer, der in einigen Details eigenartig mit der Realität übereinstimmte, aber nicht viel mehr. Und auch das ließ sich vielleicht damit wegerklären, dass er sich gar nicht wirklich an diesen Traum erinnerte, sein Verstand aber unbedingt Lücken schließen wollte. Ja, damit könnte er leben.
Statt einer Antwort bat Henri ihn mit sich und ging dann direkt auf die anderen Anwesenden und vor allem das verhüllte Podest zu. Flordelis folgte ihm langsamer und blieb schließlich in angemessener Entfernung wieder stehen.
»Meine lieben Gäste«, verkündete Henri voller Begeisterung, »ich freue mich, dass wir nun vollzählig sind~.«
Sofort verstummten alle Gespräche, die Blicke aller wandten sich ihm zu, abgesehen von Flordelis'; er konzentrierte sich auf Julie, die am erwartungsvollsten aussah.
»Es ist mir eine große Ehre«, fuhr Henri fort, »Ihnen allen endlich mitzuteilen, wofür wir uns versammelt haben. Es gibt gleich zwei großartige Nachrichten, die ich zu verkünden habe!«
Darauf breitete sich ein leises Flüstern aus, als jeder bereits zu ergründen versuchte, worum es hier eigentlich ging. Abgesehen von der Enthüllung dieses Edelsteins, was gab es da noch zu erzählen?
»Zu meiner ersten Nachricht: Inzwischen ist es in Kalos allgemein bekannt, dass ich vor kurzem in den Besitz eines ganz besonderen Stücks gekommen bin, das meine hochdotierte Sammlung noch weiter veredeln wird.«
Julie lächelte sanft, während sie Henri zuhörte. So sanft hatte sie früher nur für Flordelis und Platan gelächelt. Warum machte ihn das so seltsam wütend?
»Hiermit enthülle ich voller Stolz den Amethyst der 1000 Möglichkeiten!«
Damit entfernte er das Tuch unter dem eine gläserne Vitrine auf einem Podest zum Vorschein kam. Darin lag ein lila-farbener Edelstein mit Pendeloque-Schliff – genau wie jener in seinem Traum.
Henri breitete begeistert die Arme aus. »An diesem Abend werden Sie alle noch ausführlich die Gelegenheit bekommen, meinen Schatz zu betrachten. Nun möchte ich Ihnen aber noch mein zweites Schmuckstück präsentieren!«
Er streckte Julie die Hand entgegen, die sie elegant ergriff, als sie sich an seine Seite begab. Dort legte Henri einen Arm um ihre Taille und wandte sich strahlend wieder den Gästen zu. »Die liebreizende Julie, der ich mein erstes Schmuckstück verdanke, ist auch mein zweites und wertvollstes. Ja, Sie vermuten richtig, meine lieben Gäste, wir wollen diese Gelegenheit nutzen, um unsere Verlobung bekanntzugeben!«
Von den anderen kamen überraschte und erfreute Ausrufe. Flordelis dagegen hatte kurzzeitig den Eindruck, als würde sein gesamtes Inneres durch Eiswasser ersetzt werden. Dabei war er sich nicht einmal sicher, warum ihn das so sehr traf. Julie konnte machen, was sie wollte – und Henri auch.
Die ersten mehrstimmigen Glückwünsche wurden ausgerufen, gefolgt von Applaus, dem sich alle Gäste anschlossen, auch Flordelis, um keine Gerüchte entstehen zu lassen. Julie sah zu ihm herüber, er erwiderte ihren Blick mit ausdrucksloser Miene. Darauf runzelte sie die Stirn. Was erwartete sie von ihm? Dass er sich freute, dass sie dafür ihre Freundschaft beendet hatte? Hätte sie ihm das nicht wenigstens erklären können?
Julie wandte ihren Blick wieder von ihm ab. Henri bedankte sich strahlend für die Glückwünsche. »Deswegen wünschen wir Ihnen nun ein großartiges Fest. Essen und trinken Sie so viel Sie wollen! Teilen Sie unsere Freude! Das ist alles, was wir uns heute von Ihnen wünschen.«
Einige der anderen Gäste – darunter auch Platan, wie Flordelis erkannte – versammelten sich sofort um sie beide, um ihnen noch persönlich mitzuteilen, wie sehr man sich für das Paar freute. Rasch verlor Flordelis sie damit aus den Augen. Aber das war auch egal, denn er selbst war plötzlich von einigen potentiellen Geschäftspartnern umgeben, die er nicht einfach vertrösten konnte. Somit blieb ihm keine Gelegenheit mehr, weiter über Henri und Julie nachzudenken – und im Moment war er wirklich froh darum.
Mehrere Stunden später, nachdem Flordelis mit allen geredet hatte, mit denen er reden musste, fand er endlich die Zeit, mit Platan zusammenzustehen, während er seinen Champagner trank. Dabei war dieses Glas eigentlich schon zu viel. Aber wann immer er darüber nachdachte, dass er vielleicht kein weiteres trinken sollte, hörte er wieder jemanden darüber reden, wie schön es für Henri war, dass er endlich eine Braut gefunden hatte, und dann nahm er sich doch wieder eines.
»Heute sind sie wirklich gut drauf.«
»Platan.« Flordelis atmete tief durch, seine Zunge fühlte sich schwer an. »Auch wenn Madame Josette sich entschuldigt hat, war es nicht in Ordnung, dass sie Madame Enora eine Affäre unterstellte. Schon gar nicht mit Madame Josettes Ehemann.«
»Das stimmt schon«, gab Platan zu und wechselte dann lieber das Thema: »Warum hast du Monsieur Henri und Julie eigentlich nicht gratuliert? Bist du immer noch wütend auf sie?«
Nachdenklich sah Flordelis ihn an. Sein Freund strahlte regelrecht, als freute er sich wahnsinnig für Julie. Wahrscheinlich tat er das sogar.
»Das klingt, als hättest du mich den ganzen Abend beobachtet.
»Das habe ich auch, mein Bester~.«
Der Stolz, der in seiner Stimme mitschwang, irritierte Flordelis, deswegen musste er einfach nachhaken: »Weswegen?«
»Ich beobachte dich einfach gern.« Platan zwinkerte ihm zu. »Du bist eine sehr eindrucksvolle Erscheinung.«
Flordelis nahm noch einen großen Schluck seines Champagners, statt darauf zu reagieren. Warum verwirrte dieser Mann ihn nur so gern?
»Jedenfalls«, wechselte Platan unvermittelt das Thema zurück, »hast du mir nicht geantwortet, ob du noch wütend auf sie bist.«
»Ich werde nicht einfach damit aufhören.«
»Aber jetzt weißt du doch, dass sie den Stein Monsieur Henri für die Liebe überlassen hat«, sagte Platan viel zu sanft. »Solltest du ihr also nicht vergeben und dich für sie freuen?«
Als guter Freund wäre das wirklich die richtige Reaktion, das war ihm selbst bewusst. Aber gleichzeitig war das auch, was ihn daran so sehr verletzte. »Warum hat sie mir das nicht einfach gesagt? Vielleicht hätte ich es dann anders gesehen.«
»Sie hat dir doch den Armreif gezeigt, den Monsieur Henri ihr dafür gegeben hat, oder? Vielleicht war das ihre Art, es dir mitzuteilen? Und du hast ihr nur nicht zugehört.«
Er hatte sie wirklich nicht ausreden lassen, als sie ihn deswegen aufgesucht hatte. Stattdessen war es zu einem Streit gekommen und sie war wütend davongerauscht. Seitdem sprachen sie nicht mehr miteinander.
»Ich verstehe es einfach nicht.« Flordelis schüttelte mit dem Kopf. »Warum Monsieur Henri?«
Das klang verdächtig danach, als wollte er fragen, warum sie nicht ihn gewählt hatte. Dabei war das gar nicht seine Intention gewesen. Zum Glück ging Platan auch nicht weiter darauf ein: »Ihr Vater war ein Sammler. Vielleicht hat sie einfach eine Schwäche für solche Leute. Aber auch wenn nicht, Monsieur Henri ist doch ein großartiger Mann. Er wird sie bestimmt gut behandeln.«
Das glaubte Flordelis auch. So stolz wie Henri sie präsentierte, während er an ihrer Seite glücklich durch den Saal wandelte, konnte Flordelis sich nicht vorstellen, dass er sie jemals verletzen würde. Selbst wenn Flordelis wütend auf sie war, wollte er immerhin nicht, dass das geschah.
»Damit bleiben wir wohl noch länger unter uns«, bemerkte Platan. »Dann können wir uns noch besser kennenlernen.«
Flordelis sah ihn schmunzelnd an. »Denkst du nicht, dass wir uns schon gut genug kennen? Ich bin sogar fast überzeugt, deine Gedanken lesen zu können.«
»Wirklich?«, fragte Platan aufgeregt. »Was denke ich dann gerade?«
Wenn er seinem Traum glauben durfte – wovon er nicht ausging, aber einen Versuch war es wert –, gab es da nur eine Sache: »Du denkst, dass heute der perfekte Abend ist, dass Julie und ich uns wieder versöhnen – und dass wir zwei Pampuli sind.«
Platans Augen weiteten sich vor Erstaunen und Ehrfurcht. »Du kannst wirklich meine Gedanken lesen!«
Das stimmte mit seinem Traum überein? Nein, es musste Zufall sein, das war unmöglich.
»Platan, wir kennen uns schon sehr lange. Ich bin einfach nur gut darin, zu erraten, woran du denken könntest. Das ist alles.«
Das klang logisch. Auch Flordelis könnte damit leben. Und Platan glücklicherweise auch, er nickte bereits. »Verständlich. Aber nicht sehr romantisch, mein Bester.«
Und schon war Flordelis wieder verwirrt, was seinen Freund anging. Mehr davon würde er an diesem Abend nicht mehr ertragen. Deswegen leerte er den Rest seines Glases und stellte dieses dann auf dem Tablett eines vorbeieilenden Kellners ab. »Ich denke, ich beende diesen Abend an dieser Stelle.«
»Oh, wirklich?« Platan sah ihn enttäuscht an. »Es ist noch nicht einmal ganz Mitternacht. Um diese Zeit beginnen solche Feste doch erst wirklich, das sagen auch alle Märchen. Willst du das nicht einmal wenigstens ausprobieren?«
»Ich muss morgen wieder arbeiten«, erwiderte Flordelis kurz angebunden. »Tut mir leid.«
»Dann sehen wir uns wohl ein andermal wieder.« Platan lächelte ihm zu. »Schlaf gut. Und melde dich, falls du Redebedarf hast. Oder falls du noch mehr meiner Gedanken erahnen kannst~.«
Flordelis versicherte ihm, dass er genau das machen würde, dann strebte er zum Ausgang und verließ den Saal ohne weitere Unterbrechung und auch ohne Julie noch einmal zu sehen. Dennoch glaubte er, ihren Blick kurz auf sich zu spüren, als er die Tür schloss, aber er sah sich nicht um.
Kaum war er von den Feierlichkeiten abgeschottet, atmete er tief durch. Warum belastete ihn diese Verlobung nur so sehr? Oder ärgerte er sich doch nur über seine eigene Starrköpfigkeit, die verhinderte, dass er sich für sie freute? Ja, das musste es sein. Er sollte Julie in den nächsten Tagen anrufen, um sich für sein Verhalten zu entschuldigen und ihr zu gratulieren. Vielleicht war es noch nicht zu spät, ihre Freundschaft zu retten. Bestimmt besserte sich dann auch seine Laune wieder.
Erst einmal durchquerte er aber die Gänge in Richtung Ausgang. Er wurde von niemandem aufgehalten, sodass er bald wieder bei seinem Wagen ankam, in dem sein wartender Chauffeur ihn überrascht empfing. »Sie brechen schon wieder auf?«
Erschöpft ließ Flordelis sich auf den Rücksitz sinken. »Ich hatte für heute genug Überraschungen.«
»Reiche haben wohl ihre ganz eigenen Probleme«, folgerte sein Chauffeur schulterzuckend.
War das eine angemessene Reaktion auf seine Antwort? Flordelis war sich nicht sicher, aber er wollte auch nicht darüber nachdenken.
Er lehnte sich zurück, als der Wagen losfuhr und den Magnum-Opus-Palast mit seinen hellen Lichtern rasch hinter sich ließ.
Gerade als Flordelis seine Augen schließen wollte, gab sein Handy plötzlich einen Ton von sich. Mit genervter Überraschung – hatte er davon nicht schon genug? – zog er das Handy hervor. Das Display verriet, dass es 23:58 Uhr war, was ihm zumindest sagte, warum er plötzlich so müde war.
Aber als er sah, von wem die Nachricht kam, war er kurz wieder hellwach.
Julie?
Für einen flüchtigen Moment hoffte er, dass sie sich jetzt entschuldigte und ihm eine Erklärung schickte, aber stattdessen war es nur eine Frage: Warum gehst du immer?
Das ließ ihn noch verwirrter zurück. Störte es sie plötzlich, dass er Galas immer so früh verließ? Oder meinte sie etwas anderes?
Unwillkürlich dachte er erneut an diesen Traum zurück. Aber er verwarf diesen Gedanken, der ihn dabei überkam, auch sofort wieder. Es war einfach unmöglich, er konnte diese Gala nicht zweimal erlebt haben. Das widersprach jeglicher Logik, der er sich als Wissenschaftler verschrieben hatte. Er war nun einmal nicht Platan, der mehr der Romantik zugeneigt war.
Flordelis wollte Julie antworten, sie fragen, was sie meinte, doch da sprang die Zeit auf 23:59 Uhr und eine geradezu bleierne Müdigkeit kam über ihn. Entgegen all seiner Anstrengungen fielen seine Augen zu und er rutschte in einen tiefen Schlaf, in dem er immer wieder Julies Blick in seinem Rücken spürte, während Henris Stimme feierlich ihre Verlobung verkündete.
3rd Loop: Was weißt du über Zeitschleifen?
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Es kam ihm vor, als tauche er aus einem Fiebertraum auf. Flüchtige Farben tanzten noch in seinem Gedächtnis, verbanden sich mit Geräuschen, die einst Stimmen gewesen sein mochten, nun aber so verwischt waren, dass ihre ursprüngliche Bedeutung nicht mehr zu erkennen war. Er spürte Julies kühlen Blick in seinem Rücken, verbunden mit einer irrationalen Wut in seinem Inneren, die sich in einer Explosion zu entladen schien – und inmitten dieser hörte er plötzlich Julies Stimme, die sich deutlich von dem Rauschen der anderen abhob: »Warum gehst du immer?«
Dann verhallte alles, die Farben wurden auf eine Leinwand geworfen und ergaben ein Bild, dessen Bedeutung er nicht erfassen konnte, bevor ein grelles Licht es verschlang.
Flordelis blinzelte überfordert. Der hell erleuchtete Magnum-Opus-Palast hob sich wie ein Juwel von dem tintenschwarzen Nachthimmel ab. Fassungslos sog er die Luft ein.
Das ist nicht möglich!
Er sah auf sein Handy hinab. 20 Uhr. Auch das Datum stimmte noch überein. Es war der Abend der Gala. Jene, die er ganz sicher schon erlebt hatte. Mindestens einmal, vermutlich eher schon zweimal. Zuletzt hatte er an einen Traum geglaubt, diese Theorie könnte er nun offenbar verwerfen. Doch was war es dann?
»Alles in Ordnung?« Dieselbe Frage wie letztes Mal. »Sie sehen plötzlich so blass aus.«
Nicht gewillt über dieses Rätsel mit seinem Fahrer zu sprechen, winkte er nur ab und öffnete den Posteingang seines Handys. Von Julies Nachricht war nichts zu sehen, aber das wunderte ihn nicht, schließlich hatte er sie noch nicht bekommen. Sollte er ihr einfach schreiben? Nein, sie stritten aktuell noch. Was sollte sie von ihm denken, wenn er ihr mit einer möglichen Zeitschleife käme? Sie würde es wahrscheinlich für einen Annäherungsversuch halten, ohne dass er sich entschuldigen müsste. Außerdem wüsste sie bestimmt auch nicht, was hier vor sich ging, sie war realistisch (noch mehr als er). Und sie wüsste auch nicht, wie man das beendete, dafür war sie zu brachial in ihren Lösungen; aus diesem Grund hatte sie die Forschung verlassen.
Doch es zu beenden war das eigentlich Wichtige und nahm deswegen erst einmal seinen Hauptfokus ein. Er hasste Galas ohnehin, auf einer solchen festzustecken konnte also nicht sein Ziel sein.
Aber er wusste nicht so recht, wie man ein solches Problem angehen könnte. Seines Wissens nach gab es keinerlei Abhandlungen für solche Fälle, keine Experten für Zeitschleifen. Schon gar nicht auf dieser Gala. Vielleicht würde es schon helfen, sich mit jemandem auszutauschen. Er bräuchte jemanden, dem er vertraute, der auf dieser Gala war, vielleicht dieselbe Erfahrung gemacht hatte und sich nicht zu sehr auf Logik berief. Und da fiel ihm nur eine Person ein: Platan. Ich muss mit Platan sprechen.
Dieser hatte sein Handy im Moment bestimmt nicht bei sich (das gehörte sich auf Galas nicht), also müsste Flordelis wirklich hineingehen, so sehr ihm das auch widerstrebte.
Als wären mindestens acht Stunden nicht schon genug gewesen.
Ohne etwas zu sagen, verließ Flordelis den Wagen und schritt eilig auf den Palast zu. Kurz vor dem Eingang fiel sein Blick wieder auf die leere rechte Seite. Letztes Mal hatte er es ignoriert, aber diesmal spürte er wieder diesen Stich in seinem Inneren. Als hätte er hier jemanden erwartet, der einfach nicht kam. Egal, wie oft er hier vorbeilief.
Er schüttelte den Gedanken erst einmal ab und trat ein. In der Eingangshalle erwiderte er die Begrüßung des Dieners, die noch genau dieselbe war, und legte dann den Weg zum Ballsaal zurück. Auch in den Gängen war alles wie letztes Mal: Die Bediensteten zogen sich in die Dunkelheit zurück, die Musik und die Gespräche aus dem Ballsaal vibrierten durch das Gebäude.
Der einzige Unterschied war er, denn diesmal waren seine Schritte nicht unwillig, sondern entschlossen. Sobald er mit Platan sprach, kämen sie bestimmt hinter das Geheimnis dieser Wiederholung und könnten es beenden. Platan war gut in so etwas, denn er versteifte sich nicht so sehr auf die Wissenschaft und er kannte sich besser mit Pokémon aus, falls ein solches dahintersteckte – vielleicht fiel ihm sogar ein passendes Märchen ein, das ihm eine Lösung bot. Gemeinsam würden sie es schaffen.
Diesmal hielt er vor der Tür nicht zum Durchatmen inne, sondern öffnete sie direkt zu dem inzwischen vertrauten Bild der Gala. Selbst Julie in diesem goldenen Kleid fiel ihm sofort wieder ins Auge. Er erinnerte sich vor allem auch wieder an die Verlobung und ihre Nachricht am Ende.
Warum gehst du immer?
Für einen flüchtigen Augenblick hegte er die Befürchtung, dass sie hinter allem steckte. Aber das war vollkommen unmöglich. Wie sollte sie das bewerkstelligen? Und warum sollte sie etwas tun? Das entsprach ganz und gar nicht ihrem Wesen. Also schloss er sie als Urheberin vollkommen aus. Platan war weiterhin seine einzige Hoffnung. Doch bevor er seinen Freund entdeckte, drang eine Stimme an sein Ohr: »Ah, Monsieur Flordelis!«
Er wandte sich Henri zu, der auf ihn zukam. Aber diesmal strahlte er nicht. Er wirkte vielmehr besorgt. Kaum war er bei ihm angekommen, ergriff Henri seine Hand, aber nicht um sie zu schütteln, eher fühlte es sich danach an, als bräuchte ihr Gastgeber gerade jemanden, der ihn unterstützte. »Wie schön, dass Sie es einrichten konnten.«
Für einen Moment traten seine eigenen Sorgen in den Hintergrund. So hatte er den sonst so fröhlichen Henri noch nie erlebt – und das deckte sich auch nicht mit seiner Erinnerung an diesen Abend. Aber der vermeintliche Traum und das letzte Erlebnis hatten sich auch voneinander unterschieden. Gab es wieder eine Änderung?
»Ist alles in Ordnung, Monsieur Henri?«, fragte Flordelis. »Fehlt Ihnen etwas?«
»Oh, also ...« Henri warf einen kurzen Blick über seine Schulter. »Ich glaube, ich bin nur etwas nervös. Deswegen hatte ich gehofft, wir könnten vorher noch kurz miteinander reden.«
Ihn überkam eine Vorahnung, worum es gehen könnte. Sein Inneres zog sich sofort zusammen. Was sollte diese Änderung? Wie kam es dazu?
Bevor er sich zu viele Gedanken darum machte, hakte er einfach nach: »Geht es um die Ankündigung Ihrer Verlobung mit Julie?«
Henri sah ihn überrascht an. »Woher wissen Sie davon?«
Stimmt, er dürfte es eigentlich gar nicht wissen. Es würde aber viel zu weit gehen, Henri von der Zeitschleife zu erzählen (wahrscheinlich würde er es ohnehin nicht glauben), also zog er sich einfach auf seine Autorität zurück: »Das tut jetzt nichts zur Sache. Aber warum denken Sie, mit mir darüber reden zu müssen?«
Normalerweise würde er nicht derart brüsk mit Henri sprechen, aber im Moment konnte er darauf keine Rücksicht nehmen. Zu seinem Glück störte sein Gegenüber sich nicht daran. »Julie und Sie stehen sich normalerweise sehr nahe, deswegen wollte ich nur sichergehen, dass diese Offenbarung für Sie nicht unangenehm wird.«
Es war sogar sehr unangenehm gewesen. Flordelis konnte sich nach wie vor nicht erklären, warum genau er so wütend deswegen war. Im Endeffekt ging ihn das gar nichts an, Julie konnte heiraten, wen sie wollte und wenn sie diesen Edelstein deswegen Henri überlassen hatte, würde Flordelis irgendwann seinen Frieden damit schließen.
Er schüttelte mit dem Kopf. »Nur keine Sorge. Wenn Sie beide glücklich sind, freue ich mich für Sie und Julie.«
Henri lächelte wieder. »Sie ahnen gar nicht, wie sehr mich Ihre Worte erleichtern, Monsieur Flordelis. Julie wird es bestimmt genauso gehen. Wissen Sie, eigentlich sollte ich Ihnen das nicht sagen, aber Julie hat wirklich befürchtet, dass Sie das schlecht aufnehmen würden.«
Damit hatte sie auch vollkommen recht. Aber darum ging es gerade nicht. Eigentlich wollte Flordelis vor allem dieses Gespräch beenden, um endlich mit Platan sprechen zu können. Er musste diese Zeitschleife beenden. Ob er damit auch diese Verlobung ungeschehen machte?
»Es gibt wirklich keinen Grund, für diese Befürchtungen«, sagte Flordelis, mit einem routiniert unverbindlichen Lächeln. »Bitte, verkünden Sie die Verlobung.«
Glücklich bat Henri ihn mit sich und ging dann direkt auf die anderen Anwesenden und vor allem das verhüllte Podest zu. Flordelis folgte ihm langsamer und blieb schließlich in angemessener Entfernung wieder stehen. Dann ließ er den Blick über die Anwesenden schweifen, bis er Platan, der regelrecht zu glänzen schien, unter ihnen entdeckte. Im Moment unterhielt er sich voller Inbrunst mit einer kleinen Gruppe; ausgehend von den höflich gelangweilten Mienen der Zuhörer erzählte er ihnen gerade wieder ein Märchen, wahrscheinlich über Feen-Pokémon. Banausen, wenn sie das nicht zu schätzen wussten. Sobald das hier alles vorbei war, würde er sich wieder viele Geschichten von ihm anhören.
»Meine lieben Gäste«, verkündete Henri voller Begeisterung, »ich freue mich, dass wir nun vollzählig sind~.«
Sofort verstummten alle Gespräche, die Blicke aller wandten sich ihm zu. Platan wirkte besonders fröhlich, bestimmt weil er sich gute Neuigkeiten erhoffte. Von denen bekam er nie genug.
»Es ist mir eine große Ehre«, fuhr Henri fort, »Ihnen allen endlich mitzuteilen, wofür wir uns versammelt haben. Es gibt gleich zwei großartige Nachrichten, die ich zu verkünden habe!«
Darauf breitete sich ein leises Flüstern aus, als jeder bereits zu ergründen versuchte, worum es hier eigentlich ging. Flordelis' Magen fühlte sich jetzt schon wieder unangenehm flau an, er musste sich um eine neutrale Miene bemühen.
»Zu meiner ersten Nachricht: Inzwischen ist es in Kalos allgemein bekannt, dass ich vor kurzem in den Besitz eines ganz besonderen Stücks gekommen bin, das meine hochdotierte Sammlung noch weiter veredeln wird.«
Platan lehnte sich zu der Person neben sich und setzte schon dazu an, etwas zu sagen, besann sich dann aber. Offensichtlich fiel es ihm schwer, sich zurückzuhalten, aber es gelang ihm, Henri weiter zuzuhören.
»Hiermit enthülle ich voller Stolz den Amethyst der 1000 Möglichkeiten!«
Damit entfernte er das Tuch unter dem der für Flordelis bereits bekannte Amethyst zutage kam. Deswegen betrachtete er diesen gar nicht erst weiter. Anders als Platan, dessen Augen sogar durch den halben Raum zu glänzen schienen.
Henri breitete begeistert die Arme aus. »An diesem Abend werden Sie alle noch ausführlich die Gelegenheit bekommen, meinen Schatz zu betrachten. Nun möchte ich Ihnen aber noch mein zweites Schmuckstück präsentieren!«
Er streckte Julie die Hand entgegen, die sie so elegant wie zuvor ergriff, als sie sich an seine Seite begab. Dabei fiel Flordelis auf, dass er nie angenommen hätte, dass Julie derart … elegant sein könnte. Sie war kein Tölpel, aber das hier entsprach auch nicht seinem Bild von ihr.
Henri legte einen Arm um ihre Taille und wandte sich strahlend wieder den Gästen zu. »Die liebreizende Julie, der ich mein erstes Schmuckstück verdanke, ist auch mein zweites und wertvollstes. Ja, Sie vermuten richtig, meine lieben Gäste, wir wollen diese Gelegenheit nutzen, um unsere Verlobung bekanntzugeben!«
Von den anderen kamen überraschte und erfreute Ausrufe. Platan legte ergriffen die Hände auf seine Brust, während er Julie sanft betrachtete. Bestimmt gelang ihm das, was Flordelis versagt blieb: Er freute sich einfach nur für sie. Er war eben ein guter Freund.
Die ersten mehrstimmigen Glückwünsche wurden ausgerufen, gefolgt von Applaus, dem sich alle Gäste anschlossen, auch Flordelis. Diesmal brachte er sogar ein halbes Lächeln zustande, als Julie in seine Richtung sah. Das schien sie aber noch mehr zu verärgern als zuvor. Jedenfalls ließ ihre finstere Miene einen Schauer über seinen Rücken fahren.
Julie wandte ihren Blick wieder von ihm ab. Henri bedankte sich strahlend für die Glückwünsche. »Deswegen wünschen wir Ihnen nun ein großartiges Fest. Essen und trinken Sie so viel Sie wollen! Teilen Sie unsere Freude! Das ist alles, was wir uns heute von Ihnen wünschen.«
Platan und einige andere Gäste versammelten sich sofort um sie beide, um ihnen noch persönlich mitzuteilen, wie sehr man sich für das Paar freute. Flordelis behielt Platan dabei im Auge, wofür er sogar einige potentielle Geschäftspartner, die mit ihm reden wollten – dieselben wie letztes Mal und wenn er sich richtig erinnerte auch davor –, vertrösten musste. Es würde ihm wahrscheinlich leid tun, sobald er die Zeitschleife durchbrochen hatte, aber dann könnte er sich immer noch entschuldigen.
Kaum ließ Platan von Julie und Henri ab, ging Flordelis auf ihn zu und ergriff ihn am Ellenbogen, um ihn mit sich zu ziehen. »Ich muss unbedingt mit dir reden.«
Platan blinzelte ihn überrascht an. »Bonjour, Flordelis~. Du bist heute aber sehr stürmisch.«
Statt etwas darauf zu sagen, brachte Flordelis ihn in eine ruhige Ecke. Da sich gerade alle um das Paar kümmerten, beachtete sie niemand weiter. Ein Glück, denn das Thema, das er ansprechen wollte, benötigte keine Zuhörer.
So ernst wie möglich sah er seinen Freund an. »Platan, was weißt du über Zeitschleifen?«
»Oh, es gibt wunderbare Geschichten darüber«, antwortete er enthusiastisch. »Besonders in Sinnoh, wo man immerhin Dialga als Gottheit verehrt, die den Lauf der Zeit bestimmt. Es heißt, schlägt das Herz von Dialga, läuft die Zeit normal. Wenn man davon ausgeht, könnte eine Herzstörung bei Dialga auch zu einer Zeitschleife führen.« Platan blickte plötzlich betrübt drein. »Aber das wäre ja tragisch.« Sein Gesicht klärte sich wieder auf. »Warum fragst du eigentlich? Hast du Lust auf eine Geschichte? Ich kann dir eine erzählen, aber es wäre das erste Mal, dass du dir auf einer Gala dafür Zeit nimmst, das macht mich durchaus neugierig.«
Seine Neugier war genau das, was Flordelis brauchte. Platan hätte ihm bestimmt auch so zugehört, aber es konnte nicht schaden, wenn er vollkommen involviert war.
»Ich weiß, dass es verrückt klingen mag«, begann er, »aber ich habe diese Gala schon einmal erlebt. Wahrscheinlich schon zweimal. Oder mehr.«
Zu seiner Überraschung lachte Platan. »Bist du sicher, dass das nicht einfach nur deiner Abneigung gegenüber Galas zuzuschreiben ist? Als wir letzte Woche darüber geredet haben, meintest du ja noch, dass sie alle gleich seien und du deswegen heute gar nicht herkommen willst.«
Das hatte er wirklich gesagt. Innerlich verfluchte er sich gerade selbst. Er hatte gehofft, Platan würde ihm ohne größere Überzeugungsarbeit glauben, aber anscheinend war es nicht so einfach.
»Ich bin mir absolut sicher. Ich wusste schon im Vorfeld, wie dieser Stein aussehen würde und auch, dass Monsieur Henri seine Verlobung mit Julie bekanntgeben würde.«
»Hast du vor, ihr noch zu gratulieren?«
»Das ist nicht das Thema«, erwiderte Flordelis verärgert. »Aber falls du es unbedingt wissen musst: Ich habe ihr schon letztes Mal nicht gratuliert und du hast es auch da schon bemerkt, weil du mich den ganzen Abend beobachtet hast.«
Platans Lächeln schwand für einen flüchtigen Augenblick. »Warum sollte ich dich den ganzen Abend beobachten?«
»Das habe ich dich auch gefragt. Du hast darauf geantwortet, dass du mich einfach gern beobachtest, weil ich eine sehr eindrucksvolle Erscheinung wäre.«
Die Aussage verwirrte ihn immer noch, aber diesmal hatte er keinen Champagner in der Hand, den er einfach trinken könnte. Deswegen konzentrierte er sich einfach auf Platan, dessen Augen inzwischen erstaunt geweitet waren. »Du hast diesen Abend wirklich schon einmal erlebt.«
Flordelis freute sich darüber, dass Platan ihm glaubte, aber etwas daran irritierte ihn doch noch: »Das hat dich jetzt überzeugt?«
Er hätte mit einigen anderen Dingen gerechnet, die er als Beweise anbringen müsste, wie etwa eine Vorhersage, was zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der Gala geschehen würde.
»Nun«, sagte Platan, »ich habe dir bislang nie erzählt, dass ich dich gern beobachte – und schon gar nicht, warum. Wenn du also nicht meine Gedanken lesen kannst, ist das nur so möglich.«
»Interessanterweise haben wir letztes Mal darüber gesprochen, dass ich dich schon so gut kenne, dass ich deine Gedanken lesen kann.«
Platans Augen glitzerten regelrecht vor Begeisterung. »Oh, wirklich? Wie faszinierend. Worüber haben wir noch gesprochen?«
»Über Julie und mich.« Nachdenklich strich Flordelis sich über den Bart. »Wärst du eigentlich gewillt, mir zu erklären, was ein Pampuli ist?«
Platan lachte verlegen. »Oh je. Habe ich das erwähnt? Pampuli ist ein sehr stures und eigensinniges Pokémon. Aber es ist auch sehr stark, deswegen … ist es irgendwie auch ein Kompliment.«
Also traf Platans Aussage zu, dass es nur die Wahrheit war. Er und Julie waren beide sehr stur und das schon immer. Deswegen zog sich diese Auseinandersetzung zwischen ihnen so lange hin.
»Aber davon ab«, fuhr Platan fort, bevor Flordelis mit mehr als einem Nicken reagieren konnte, »würde ich gern mehr über diese Zeitschleife wissen. Erzähl mir alles.«
Gut, sie kamen zum Thema zurück und näherten sich damit hoffentlich bald einer Lösung. »Ich weiß nicht, wie oft ich diese Gala bereits erlebt habe. Letztes Mal dachte ich, es wäre nur ein Traum gewesen, als ich im Wagen zu mir kam, nachdem ich bei der Abreise eingeschlafen war. Aber als ich diesmal aufgewacht bin, war es vollkommen klar.«
Warum auch immer. Vielleicht hing das mit dem seltsam verwirrenden Traum zusammen, den er kurz vor dem Aufwachen durchlebt hatte. Das brachte ihn jedoch nicht weiter, denn dieser bestand nur aus Farben und Rauschen.
Platan legte eine Hand an sein Kinn und nickte verstehend. »Also bist du schon mindestens zum dritten Mal hier.«
»So ist es. Wenn ich aufwache, ist es 20 Uhr, und wenn ich wieder einschlafe, ist es kurz vor Mitternacht.«
»Ah, du gehst also jedes Mal vor Mitternacht. Das ist typisch für dich.«
»Ich habe anderes zu tun, als auf einer Gala mit all diesen falschen Leuten zu reden.« Oder Julie zu beobachten. »Aber eigenartigerweise scheint sich bei jeder Wiederholung etwas zu ändern. Beim ersten Mal hat Monsieur Henri nur den Stein enthüllt. Beim letzten Mal hat er ihre Verlobung bekannt gegeben. Und dieses Mal hat er vorher noch mit mir darüber gesprochen, ob es für mich überhaupt in Ordnung wäre, es zu verkünden.«
Soweit er sich erinnerte, waren dies die einzigen Änderungen. Aber er verstand immer noch nicht, was es damit auf sich haben mochte.
Lachend zwinkerte Platan ihm zu. »Vielleicht kannst du diese Schleife ja durchbrechen, wenn du dich endlich mit Julie versöhnst.«
»Das würde dir gefallen, hm?« Abwehrend verschränkte er die Arme vor der Brust. »Ich verzichte weiterhin darauf. Hast du noch andere Ideen?«
»Wir könnten etwas ausprobieren, während ich dir Geschichten über Pokémon erzähle, die dazu in der Lage sind, die Zeit zu beeinflussen.« Wieder war er voller Enthusiasmus, als freute er sich am meisten, Geschichten erzählen zu dürfen. »Vielleicht fällt dir bei diesen Erzählungen schon etwas ein, was dir ohne den richtigen Kontext bislang nur nicht aufgefallen ist. Ansonsten musst du etwas tun, das du auch nur ungern tust.«
Flordelis runzelte seine Stirn. »Worum handelt es sich?«
»Bleib bis Mitternacht.« Platan lächelte sanft. »Manchmal ist die simpelste Antwort auch die richtige. Falls die Zeitschleife dann noch einmal anfängt, kannst du immer noch etwas anderes tun.«
Wieder musste Flordelis an Julies Nachricht denken. Warum gehst du immer?
Steckte am Ende wirklich Julie oder ihr gemeinsamer Konflikt hinter der Zeitschleife? Wollte sie um Mitternacht mit ihm reden? Selbst falls es nur wieder zu einem Streit führte, könnte es nicht schaden, wenn er es ausprobierte. Besonders wenn es beinhaltete, dass Platan ihm Geschichten erzählte. Ja, in diesem Fall wäre es nur ein kleines Opfer.
Deswegen vollführte er eine einladende Handbewegung. »Du wirst deinen Willen bekommen, ich bleibe bis Mitternacht. Erzähl mir dafür alle Geschichten, die dir, passend zu unserer Situation, einfallen.«
Platans Augen glänzten regelrecht. »Oh, mein Lieber, diese Worte wirst du noch bereuen~. Ich fange am besten mit Geschichten über Dialga selbst an. Weißt du, in Legenden erzählt man sich, mit Dialgas Geburt begann der Lauf der Zeit. Deswegen wird es als Gottheit verehrt, und es kann den Fluss der Zeit so manipulieren, dass es frei zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wandelt. Deswegen war es bislang unmöglich, dieses Legendäre Pokémon zu erfassen und zu untersuchen. Aber es gibt eine Geschichte über Dialgas letzte Sichtung. Und die beginnt vor Hunderten von Jahren in der Hisui-Region ...«
Flordelis unterbrach Platan kein einziges Mal, während er erzählte. Fast vier Stunden lang, alle Geschichten, die er von Dialga kannte. Sein Freund erzählte ausführlich und lebhaft, so wie eh und je. Manchmal machte er eine kurze Pause, um einen Schluck zu trinken – die Kellner kamen auffallend oft bei ihnen vorbei, um ihnen Getränke oder Snacks anzubieten und Platan kurz zuzuhören –, aber ansonsten blieb er vollkommen bei der Sache. Es war so bewundernswert, dass Flordelis' Herz schneller schlug, während er ihm lauschte. Glücklicherweise gab es genug Champagner, um das zu verdrängen und es nicht hinterfragen zu müssen.
»... und dann erlaubte Dialga es den Helden, die Zahnräder der Zeit im Turmsockel einzusetzen, was die Lähmung des Planeten unterbrach. Damit war die Welt gerettet, was mit einer großen Feier zelebriert wurde, ähnlich großartig wie diese Gala zweifellos.«
Der letzte Satz holte Flordelis unsanft wieder in die Realität zurück. Er bedankte sich dennoch lächelnd bei seinem Freund. »Waren das jetzt alle Geschichten, die mit Dialga zu tun haben?«
Platan nickte. »Jedenfalls alle, die ich kenne. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal dazu komme, sie alle auf einmal zu erzählen. Vielleicht sollte ich den Zeitschleifen dafür dankbar sein.« Er lachte. »Am Ende bin ich derjenige, der für alles verantwortlich ist, weil ich einfach nur Geschichten erzählen wollte.«
Das bezweifelte Flordelis sehr stark, deswegen schmunzelte er, ging aber dennoch darauf ein: »Falls ja, dann dürfte diese Schleife ja erfolgreich durchbrochen worden sein.«
Platan zwinkerte ihm zu, dann warf er einen Blick auf seine Uhr. »Sieh an, es ist kurz vor Mitternacht und du bist noch da. Eine richtige Premiere~.«
»Dann werden wir ja gleich erleben, ob das alles ist, was es braucht.« Flordelis hoffte es wirklich.
»Und?«, fragte Platan. »Ist dir an den Geschichten irgendetwas aufgefallen, was dir vorher vielleicht entgangen ist?«
Flordelis schüttelte mit dem Kopf. »Nein. Außerdem wüsste ich nicht, warum eine Gottheit diese Zeitschleife erschaffen sollte, nur um mich zu verärgern.«
»Vielleicht ist das Ziel ein anderes«, sagte Platan. »Aber ich wüsste auch nicht, was es für eines sein könnte. Und warum du und Julie darin so im Mittelpunkt steht.«
Auch ohne es bereits erlebt zu haben, wusste Flordelis, was als nächstes kommen würde, aber er war trotzdem nicht schnell genug, um Platans nächste Worte aufzuhalten: »Vielleicht seid ihr vom Schicksal füreinander bestimmt! Wäre das nicht wundervoll?«
Obwohl sein Freund begeistert klang und sogar lächelte, wirkten seine Augen seltsam trüb. Für ihn wäre das offensichtlich nicht wundervoll. Aus welchem Grund auch immer. Aber Flordelis wollte ihn nicht so sehen, deswegen wehrte er das direkt ab: »Ich bezweifle, dass dem so ist. Vielmehr denke ich, dass-«
Ein stechender Schmerz in seinem Rücken ließ ihn abrupt innehalten. Etwas bewegte sich in ihm, wühlte durch seine Brust und entfachte dabei ein geradezu lähmendes Feuer. Den Bruchteil einer Sekunde später – es fühlte sich wie eine quälende Ewigkeit an – spritzte eine rote Flüssigkeit auf Platans Gesicht, das sich in eine entsetzte Grimasse verwandelte, während er Flordelis anstarrte.
»Danke, dass du geblieben bist~«, flüsterte Julie hinter ihm geradezu lieblich in sein Ohr.
Mit einem Ruck wurde etwas aus seiner Brust entfernt. Die Schmerzen explodierten regelrecht und nahmen ihm jegliche Kraft. Platan rief seinen Namen, als Flordelis zu Boden sank. Jemand hielt ihn fest, aber jede Berührung sandte grell-weiße Flammen durch ihn hindurch, die verhinderten, dass er sich bewegte. Sein ganzer Körper brannte, er war nicht mehr Flordelis, er war nur noch Schmerz.
Geräusche, Stimmen vermengten sich zu einem seltsamen Rauschen, das sich seltsam dumpf in seinen Ohren anhörte. Durch den tiefroten Schleier vor seinen Augen konnte er nichts erkennen.
Julies Worte echote durch sein Inneres, durch den Schmerz, der ihn ausmachte: Warum gehst du immer? Danke, dass du geblieben bist~.
Zwei so unterschiedliche Sätze, die etwas in ihm zu zerbrechen drohten. Aber er konnte das nicht zulassen, er durfte es nicht. Er wusste nicht, woher diese Überzeugung kam, doch er wusste, dass es wahrhaftig war. Wenn dieses Etwas zerbrach, geschah etwas Schreckliches, etwas nie wieder Gutzumachendes.
Die Kanten des Schmerzes wurden langsam dumpf. Die Welt dunkler. Gleichgültigkeit setzte ein.
Durch den Schleier sah er plötzlich das panische Gesicht eines Mannes, der ihm etwas bedeuten müsste. Glaubte er. Der Mann bewegte seine Lippen, doch kein Laut erreichte ihn. Bedauerlich. Vielleicht. Er erinnerte sich nicht. Es kümmerte ihn auch nicht mehr.
Als seine Lider zu schwer wurden, schloss er seine Augen. Und dann erlosch der Schmerz und auch das letzte Überbleibsel des Mannes, der einst Flordelis gewesen war, schwand aus diesem von der Zeitschleife geschaffenen Konstrukt – um im nächsten wieder aufzuwachen.
4th Loop: Beende diese Zeitschleife
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Diesmal hatte er nicht das Gefühl, aus einem Traum aufzutauchen. Dafür war die Erinnerung an seinen Tod, die Überraschung, den Schmerz und Platans entsetztes Gesicht noch vorhanden. Noch bevor er seine Augen öffnete, griff er sich an die Brust, um erleichtert festzustellen, dass es keine Verletzung an dieser Stelle gab. Fast könnte er glauben, dass alles nur seiner Vorstellungskraft zu verdanken war. Aber das war unmöglich, dafür war alles zu scharf in seiner Erinnerung verankert.
Danke, dass du geblieben bist~.
Julies Stimme an seinem Ohr, der Schmerz … all das vereinte sich zu Verwirrung. Warum hatte sie das getan? Etwa nur weil sie gestritten hatten? Steckte sie doch hinter den Zeitschleifen? War das immer ihr Ziel gewesen?
Das ergab alles keinen Sinn. Selbst im größten Streit würde Julie niemals zu einem Mord greifen, schon gar nicht einem derart öffentlichen. Auch nicht in einer Zeitschleife. Die sie ohnehin nicht erschaffen könnte. Jedenfalls wäre das neu für ihn.
… Das Nachdenken darüber ließ seinen Kopf schmerzen.
»Alles in Ordnung?« Die vertraute Stimme seines Chauffeurs. »Sie sehen plötzlich so blass aus.«
Flordelis öffnete die Augen und sah in den Rückspiegel, um den Blick des anderen zu erwidern. »Ich denke, ich bin nur ein wenig überarbeitet.«
Noch immer hielt er es für eine schlechte Idee, das alles mit einem Angestellten zu besprechen, selbst wenn dieser es ohnehin wieder vergäße.
»Ich würde auch wirklich nicht mit Ihnen tauschen wollen.«
Im Moment wollte Flordelis nicht einmal selbst an seiner Stelle sein. Denn er wusste nicht so recht, wie er nun vorgehen sollte. Julie zur Rede zu stellen war bestimmt vergeblich. Sollte er doch versuchen, sich zu entschuldigen? Oder wäre es besser, diese Gala einfach zu vergessen und wieder zu fahren? Es wäre keine närrische Flucht, aber dennoch gefiel ihm der Gedanke nicht. Er war noch nie vor einer Herausforderung davongelaufen – und er hatte nicht vor, heute damit anzufangen.
Kurzentschlossen verließ er deswegen den Wagen und ging auf den Palast zu. Aber diesmal irritierte ihn der Anblick. Zum ersten Mal wirkte das hell erleuchtete Gebäude nicht mehr wie ein Juwel, sondern wie eine Falle, wie …
Für einen flüchtigen Moment hatte er das Bild eines Pokémon vor Augen, dessen Leuchten einen in seinen Bann zog und-
Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen und in alle Winde verstreut, als plötzlich die Tür geöffnet wurde. Das war neu – und damit eine Gefahr. Flordelis hielt inne, atmete einen Moment später aber auch schon auf. »Platan ...«
Sein Freund stand in der Tür und starrte ihn fassungslos an. So als erinnerte er sich an das Ende der letzten Zeitschleife. Nur langsam wandelte sich Platans Miene, bis es fast so aussah, als bräche er jeden Moment in Tränen aus. Dann stürzte er schon auf Flordelis zu und schlang die Arme um ihn. »Flordelis! Du lebst!«
Ehe dieser darauf reagieren konnte, löste Platan sich schon wieder von ihm, um vorsichtig über seine Brust zu tasten, genau dort, wo es zu der Verletzung gekommen war. »Das … das tust du doch, oder?«
Er ignorierte das aufregende Brennen in seinem Inneren über diese Nähe und legte vorsichtig die Arme um Platan. »Ich bin es wirklich.«
Unter anderen Umständen hätte er diesen Moment wesentlich mehr genossen, aber er musste etwas in Erfahrung bringen: »Erinnerst du dich etwa an die letzte Zeitschleife?«
Platan hob den Blick, um ihn mit glasigen Augen anzusehen. »Ja. Es war schrecklich!«
In einem ersten Impuls wollte Flordelis ihm versichern, dass jetzt wieder alles gut war. Aber das wäre möglicherweise eine Lüge gewesen. Außerdem war es gerade wichtiger, Informationen zu erhalten.
»Was ist passiert, nachdem ich …?« Er konnte es nicht aussprechen, schon allein, weil Platans Augen dabei noch trüber zu werden schienen.
»Nachdem du ...« Platan senkte den Blick, seine Finger krallten sich in Flordelis' Kleidung. »Die anderen haben Julie gefragt, warum sie das getan hat. Aber bevor sie antworten konnte, sind plötzlich alle einfach …« Für einen Moment schien es, als suchte er, der sonst immer Worte für alles kannte, nach genau diesen. »Sie haben alle ihr Bewusstsein verloren. Auch Julie. Und ich.« Er atmete schwer. »Ich bin neben dich gefallen. In dein Blut. Aber als ich wieder aufwachte, war es, als wäre das alles nie passiert.« Er schüttelte mit dem Kopf. »Alle haben gelacht und gefeiert und ich stand zwischen ihnen … als wärst du nicht vor unseren Augen ermordet worden …«
Seine sonst so wundervoll melodische Stimme erinnerte plötzlich eher an ein Krächzen. Mit einem leisen Laut lehnte er seine Stirn gegen Flordelis' Brust. Das gab ihm die Gelegenheit, Platan tröstend über den Rücken zu streichen und dabei nachzudenken.
Warum erinnerte Platan sich dieses Mal daran, dass es eine Zeitschleife gab? Warum erinnerte Flordelis sich überhaupt daran? Jede neue Schleife brachte ihm nur weitere Fragen ein, ohne die Aussicht auf irgendeine Antwort oder gar einen Ausweg.
Aber vielleicht war er ab sofort nicht mehr allein in dieser Situation. Falls Platan sich auch in weiteren Schleifen erinnerte, wäre er ein besonders wichtiger Verbündeter in dieser Sache. Eigentlich sogar der kostbarste, den er sich wünschen konnte.
Ob Julie sich auch erinnerte? Falls sie wirklich hierfür verantwortlich war – wie auch immer ihr das gelänge –, müsste das doch so sein. Vielleicht könnte er mit ihr reden und damit endlich alles beenden. Selbst wenn er sich dann erst einmal entschuldigen müsste. Ein Tod sollte ausreichen, um seinen Stolz zu überwinden.
»Ich sollte mit Julie reden«, entschied Flordelis.
Er ging davon aus, dass dies bei Platan auf Gegenliebe stoßen würde, immerhin hatte er den ganzen Abend darauf bestanden. Im ersten Moment zögerte er aber noch. »Muss das wirklich sein? Können wir nicht irgendetwas anderes machen …?«
Natürlich könnten sie allerlei Dinge ausprobieren, die ihnen gemeinsam einfielen – aber es gab die reelle Möglichkeit, dass ein Gespräch mit Julie alles beendete.
»Wir müssen diese Zeitschleife aus der Welt schaffen«, erklärte Flordelis. »Wenn ich mich dafür noch einmal in Gefahr begeben muss, dann ist das eben so.«
Auch wenn es ihm nicht gefiel. Er mochte es nicht einmal, risikobehaftete Geschäfte einzugehen und da ging es normalerweise nicht um sein Leben.
Platan löste sich von ihm, legte eine Hand an sein Kinn und schloss die Augen, während er darüber nachdachte. Und wie Flordelis es sich gedacht hatte, lächelte er schließlich – aber mit dem, was er dann sagte, hatte Flordelis nicht gerechnet: »Du hast recht, wir müssen diese Zeitschleife beenden. Auch für alle unwissenden Menschen, die mit uns hier feststecken.«
»Die anderen sind mir egal«, wehrte Flordelis ab.
Immerhin war es die Wahrheit. All diese falschen Personen dort drinnen, die sich in dieser geradezu ekelerregend süßlichen Gesellschaft ergingen, in der alle einander Dolche in den Rücken rammten – so wie Julie es bei ihm getan hatte – konnten ihm gestohlen bleiben. Kalos würde nichts verlieren, wenn sie alle für immer in dieser Zeitschleife blieben.
Aber Platan sah ihn bereits tadelnd an. »Nicht alle Menschen hier sind schlecht.«
Flordelis war bereit, einige Ausnahmen zu akzeptieren – etwa Platan selbst oder Julie, wenn sie nicht gerade so war wie aktuell –, aber Platan ließ ihn gar nicht zu Wort kommen: »Ja, sie haben andere Prioritäten als wir, aber das ändert nichts daran, dass sie Träume, Ziele und Wünsche haben. Allein deswegen ist es unsere Pflicht, ihnen allen zu helfen so gut wir können.«
Er sagte das mit so viel Leidenschaft, dass Flordelis ihm das wirklich glauben wollte. Natürlich war Platan derjenige, der immer ein wenig naiv und etwas zu optimistisch war, also dürfte es diesen Menschen dort drinnen leichtfallen, ihn hinters Licht zu führen. Aber in diesem Moment war er derart überzeugend, dass Flordelis sich tatsächlich verantwortlich fühlte, diese Menschen zu retten.
Außerdem traf sich das mit seinen Plänen, er sollte sich also freuen, dass Platan ihm zustimmte.
»Wenn du das sagst, glaube ich dir das.« Flordelis lächelte ihn an. »Schließlich bist du derjenige, der öfter mit ihnen kommuniziert als ich. Unterstützt du mich also?«
Platan erwiderte sein Lächeln mit einem Zwinkern. »Verlass dich auf mich. Wenn Julie nicht mit dir reden will, werde ich sie darum bitten. Mir kann sie bestimmt nichts abschlagen.«
Das fiel Flordelis auch immer ausgesprochen schwer, also verstand er das. Statt das anzumerken, vollführte er eine einladende Handbewegung zur Tür hin. »Wollen wir dann reingehen? Je schneller wir das tun, desto schneller sind alle gerettet.«
Obwohl Platan noch etwas zögerlich schien, nickte er. Mit Sicherheit wusste er, dass er seine heroischen Worte nicht mehr zurücknehmen konnte und bereute es vielleicht gerade. Nichtsdestotrotz ging er voran, bedankte sich bei Flordelis, als dieser ihm die Tür aufhielt, und lief dann neben ihm her zum Ballsaal.
Das Schweigen, das sich dabei zwischen ihnen ausbreitete, war ungewohnt bedrückend. Normalerweise konnten sie stundenlang schweigend nebeneinander sitzen, aber heute war es eine angespannte Stille, die Flordelis unbedingt zerbrechen wollte: »Ist dir eigentlich bewusst, dass du vorhin zugegeben hast, dass es hier doch schlechte Menschen gibt?«
»Wirklich?« Platan sah ihn überrascht an.
»Ja, du sagtest, sie seien nicht alle schlecht. Also akzeptierst du endlich, dass nicht jeder hier gut ist?«
Platan lachte und sah wieder nach vorne. »Da hast du mich wohl erwischt. Ich bin nicht naiv genug, zu glauben, dass jeder hier nett ist. Leider habe ich schon von einigen mitbekommen, dass sie fragwürdige Motive haben oder schlimme Dinge planen. Aber das ändert nichts daran, dass ich denke, sie haben es verdient, gerettet zu werden.«
Flordelis deutete ein Nicken an. Als sie an der Tür ankamen – die gewohnte Musik spielte auf der anderen Seite –, blieb er wieder stehen und lächelte Platan an. »Du bist ein wirklich gutherziger Mensch. Genau das mag ich so an dir.«
Er ließ Platan keine Gelegenheit zu einer Reaktion, sondern öffnete die Tür und trat in den viel zu belebten, viel zu hellen Ballsaal. Platan folgte ihm direkt.
Wie schon letztes Mal fiel ihm Julie direkt ins Auge. Sie stand mit einigen Adeligen zusammen und lauschte diesen lächelnd. Dieses Bild war falsch und es schmerzte. Früher war sie genauso desinteressiert an diesen Gesprächen gewesen und hatte sich stattdessen bei ihm über diese Menschen beschwert. Und nun stand sie unter ihnen, als wäre sie ein Teil von ihnen. Das konnte er nicht akzeptieren.
Mit festen Schritten ging er auf sie zu, wehrte Henrys Versuch, ihn anzusprechen mit einem knappen »Wir reden später« ab und behielt selbst dabei Julie im Auge. Platan entschuldigte sich bei dem Gastgeber für dieses Verhalten – sicher mit einem besonders charmanten Lächeln – und folgte Flordelis dann.
Julies Gesprächspartner warfen Flordelis einen eingeschüchterten Blick zu, ehe sie eine Entschuldigung murmelten und sich dann zerstreuten. Julie blieb zwar stehen, wandte sich aber demonstrativ von ihm ab und trank einen Schluck Champagner. Etwas, was sie früher auch nie getan hatte.
»Julie, ich muss mit dir sprechen.«
Sie ignorierte ihn. Sehr erwachsen.
Bevor Flordelis darauf wieder wütend werden konnte, schaltete Platan sich ein: »Julie, bitte. Flordelis möchte wirklich mit dir sprechen. Du kannst weiterhin wütend auf ihn sein, falls dir nicht gefällt, was er zu sagen hat.«
»Vielleicht gefällt mir nicht mal der Gedanke, dass er etwas zu sagen hat«, erwiderte sie über die Schulter.
»Das wird dir aber bestimmt zusagen«, sagte Platan beschwingt. »Flordelis möchte sich entschuldigen!«
Obwohl Flordelis nicht gut fand, dass Platan das bereits verkündet hatte, schien es zu wirken: Julie sah wieder über die Schulter und musterte ihn diesmal selbst. »Ist das wahr?«
Er war nach wie vor davon überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben, aber wenn er damit diese Zeitschleife beenden konnte, würde er seinen Stolz hinunterschlucken. Daher nickte er. »Ist es.«
Endlich wandte sie sich ihm gänzlich zu und vollführte eine einladende Handbewegung. »Ich bin ganz Ohr.«
Etwas an dieser Aussage stimmte nicht, aber er konnte nicht genau sagen, was es war, denn er musste sich nun auf seine eigenen Worte konzentrieren.
»Es tut mir leid«, begann er – und seltsamerweise fühlte er sich danach schon ein wenig leichter. »Ich hätte dir keine Vorschriften machen dürfen, was du mit dem Amethysten tust. Oder dir vorwerfen, dass dir vollkommen egal ist, was aus der Welt wird. Oder dass du auf der falschen Seite der Geschichte stehen wirst, wenn das alles vorbei ist.«
Wenn er so darüber nachdachte, hatte er vielleicht doch einiges falsch gemacht und sich dann nur von seinem eigenen Stolz blenden lassen. Julies Zorn war vollkommen gerecht.
»Nachdem du den Amethysten gefunden hast«, fuhr er fort, »ging ich davon aus, dass unsere Freundschaft mir einen Vorteil verschaffen würde und war deswegen in meinem Stolz verletzt, als dem nicht so war. Das war nicht in Ordnung von mir und deswegen möchte ich dich um Entschuldigung bitten.«
Julies Miene wurde ein wenig weicher, sie lächelte tatsächlich. »Dass ich mal eine Entschuldigung von dir höre, hätte ich auch nie gedacht.«
Es war eigenartig, dass ihm erst in diesem Moment bewusst wurde, wie sehr er Julies Lächeln vermisst hatte. Doch gerade bedeutete es noch so viel mehr.
Er glaubte schon, am Ziel zu sein – aber da verfinsterte sich ihr Gesicht wieder. »Wie kommt dein Stimmungsumschwung zustande? Hat Platan dir gesagt, dass du dich entschuldigen sollst?«
Er konnte ihr das Misstrauen nicht einmal übelnehmen. »Nein, es war meine eigene Idee.«
Platan bestätigte das auch sofort, aber Julie blieb skeptisch: »Was willst du jetzt von mir haben, Flordelis? Denkst du wirklich, ich akzeptiere diese Entschuldigung und du bekommst dann einfach das, was du haben willst?«
»Was lässt dich glauben, dass diese Entschuldigung nicht ernst gemeint ist?«, hakte er nach.
Sicher, am Anfang war sie nur aus der Not heraus geboren worden, aber dann hatte sie doch seinen Gefühlen entsprochen. Was war es also, das Julie daran missfiel?
»Du hattest einige Wochen Zeit, dich privat zu entschuldigen, aber du hast immer darauf bestanden, dass es keinen Grund für dich gäbe.« Sie vollführte eine ausladende Handbewegung zu den Umstehenden, die sie neugierig beobachteten. »Und dann entschuldigst du dich ausgerechnet vor diesem ganzen Publikum? Das ist sehr werbewirksam. Aber ich werde bestimmt kein Teil davon sein. Also sag mir einfach, was du willst.«
Er hätte sich denken müssen, dass sie seine – für sie plötzliche – Entschuldigung nicht akzeptieren würde. Besonders nicht vor all diesen Leuten – aber sie konnte ja auch nichts von diesen Umständen wissen, falls sie nicht dahinter steckte. Umstände, die wie Gebirge auf ihm lasteten und ihm die Luft zum Atmen rauben wollten. Ihr stechender Blick tat sein Übriges dazu.
So benötigte er einen Moment länger, um entsprechende Worte zu finden. Glücklicherweise war Platan noch bei ihm, er legte eine Hand auf Flordelis' Schulter und nickte ihm lächelnd zu. Seine Anwesenheit half ihm auch in diesem Moment weiter und gab ihm genug Mut, Julie zu antworten: »Beende diese Zeitschleife. Ich weiß, dass du dafür verantwortlich bist.«
Das wusste er eigentlich nicht, aber es schadete sicher nicht, sich ihr gegenüber bestimmt zu zeigen. Manchmal wirkte das einschüchternd auf andere, was dann dazu führte, dass sie sich verrieten oder nicht mehr auf ihren eigenen Punkt bestanden.
Doch zu seiner Enttäuschung runzelte sie ihre Stirn. »Die was?«
»Die Zeitschleife«, wiederholte er unbeirrt, vielleicht ein wenig wütender. »Diese ganze Gala steckt in einer Zeitschleife, für die du verantwortlich bist!«
Er deutete auf sie, um seinen Punkt zu unterstreichen. Aber ihr Blick blieb abweisend. Sie schüttelte mit dem Kopf. »Hast du dir mal selbst zugehört? Eine Zeitschleife? Geschichten sind normalerweise Platans Ding.«
»Aber es ist die Wahrheit«, schaltete Platan sich direkt ein. »Ich habe es auch erlebt. Flordelis wurde getötet, dann hat die Schleife wieder neu begonnen und ich habe ihn vor dem Palast getroffen.«
Julie warf Platan einen kurzen Blick zu, ehe sie sich wieder auf Flordelis konzentrierte. »Nehmen wir mal an, ich glaube euch diese wilde Geschichte: Was hat dazu geführt, dass du getötet wurdest?«
»Ich habe nichts getan.«
»Das ist wahr«, sagte Platan. »Er stand einfach nur da und dann ...«
Er schluckte, unfähig, fortzufahren. Aber mehr benötigte Julie offenbar auch nicht, um zu ihrem Schluss zu kommen: »Flordelis erinnert sich also an die Zeitschleife und ist derjenige, der einfach so in ihr getötet wird – und ihr glaubt, ich bin dafür verantwortlich? Für mich klingt das eher danach, als hätte Flordelis eine erschaffen.«
Ein leises Murmeln setzte zwischen den Zuschauern ein. Inzwischen schienen noch mehr Leute dazugekommen zu sein. Flordelis bezweifelte, dass irgendjemand von ihnen diese Geschichte glaubte, mit Sicherheit waren sie alle eher verwirrt. Aber etwas daran beunruhigte ihn. Die Auseinandersetzung mit Julie war jedoch gerade wichtiger: »Ich würde das gern ausführlicher mit dir erörtern, wenn wir unter uns wären, denn ich habe eindeutige Beweise, die dich als Urheberin identifizieren.«
»Nein«, war die kurz angebundene Antwort. »Heute geht es ausnahmsweise nicht um dich, auch wenn du es gern hättest. Wenn du unbedingt mit mir reden willst, können wir das nächste Woche machen. Für heute möchte ich nichts mehr von dir oder irgendwelchen Zeitschleifen hören.«
Damit wandte sie sich von ihm ab. Seine bislang einzige Möglichkeit, diesem Zustand zu entkommen, wollte einfach weggehen, ohne zu helfen. Das durfte er nicht zulassen!
Er griff nach ihrer Hand. »Warte! Du musst mir zuhören, Julie!«
Wütend versuchte sie, sich loszureißen, während sogar Platan darum bat, dass er sie loslassen sollte. Aber das konnte er nicht. Nicht, bevor sie nicht einsah, dass sie seine einzige Chance war und er ihre Hilfe benötigte.
»Julie, bitte, ich-«
Ein plötzlicher Schmerz unterbrach ihn. Es dauerte einen kurzen Moment, bis ihm bewusst wurde, dass sie ihn gerade geohrfeigt hatte. So heftig, dass seine Wange regelrecht zu brennen schien. Das Murmeln um sie herum war abrupt verstummt.
Julies finsterer Blick forderte ihn auf, herauszufinden, wie weit sie gehen würde. Dass sie ihn so ansah, war schmerzhafter als er je gedacht hätte.
Jemand legte eine Hand tröstend auf seine Schulter, direkt danach erklang Platans Stimme: »Lass sie los, Flordelis. Wir lassen uns etwas anderes einfallen.«
Er wusste, dass es richtig wäre, sie loszulassen, aber gleichzeitig fürchtete er, damit etwas Wichtiges unwiederbringlich zu verlieren. Er wollte sie weiter festhalten, sie bitten, ihn diese Sache nicht weiter durchstehen zu lassen, dass sie ihm doch vergeben sollte.
Aber kein Wort kam über seine Lippen. Das Brennen seiner Wange zwang ihn zu schweigen.
Julies Gesicht verfinsterte sich noch weiter. Sie würde ihm ohnehin nicht zuhören – und das überzeugte ihn, sie wirklich loszulassen, auch wenn sich das anfühlte, als würde er alles verlieren, was ihm wichtig war. Fast alles.
Zufrieden fuhr Julie herum und ging mit großen Schritten in Richtung einer Glastür, die in den Park führte, davon. Kaum war sie außerhalb ihres Blickfelds, begannen die anderen Gäste wieder zu flüstern, die Augen fest auf Flordelis gerichtet.
Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass ihm sämtlicher Sauerstoff geraubt wurde. Seine Kehle schnürte sich immer weiter zu, während er die Blicke erwiderte. Jeder einzelne hier war gegen ihn, jeder einzelne hier war nun eine Bedrohung. Was sollte er tun? Wie sollte er dieser Zeitschleife, dieser Gefahr, entkommen?
Jemand griff vorsichtig nach seinem Arm und zog ihn mit sich in Richtung der Tür. In einem ersten Impuls wollte Flordelis sich losreißen, aber da erklang schon Platans beruhigende Stimme: »Du brauchst eine kurze Pause. Lass uns rausgehen.«
Damit folgte Flordelis ihm widerstandslos nach draußen. Erst als sie auf den Gang traten und die Tür sich hinter ihnen schloss und damit auch alle Blick von ihm nahm, fühlte Flordelis sich wieder etwas freier. Es wurde noch besser, als sie einige Schritte gingen, um sich von der Tür zu entfernen und in einer Nische Schutz suchten.
Er atmete tief durch, begrüßte den Sauerstoff, der seine Lungen flutete, als wäre er kurz vor dem Ertrinken gewesen. Sein Freund musterte ihn besorgt. »Das funktionierte wohl nicht so gut, wie erhofft.«
»Nein«, sagte Flordelis tonlos.
Er lehnte sich gegen die Wand und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um sich kalten Schweiß abzuwischen. Wann war ihm dieser ausgebrochen?
»Soll ich dich zurück zu deinem Wagen bringen?«, fragte Platan. »Vielleicht solltest du dich lieber dort ausruhen. Dort bist du bestimmt auch sicher, falls irgendjemand wieder versucht ...«
Seine Stimme erstarb, dafür war Flordelis gerade dankbar; er liebte es, wenn Platan ihm stundenlang Dinge erzählte, aber er wollte nicht daran denken, dass er möglicherweise erneut getötet werden könnte.
»Es geht schon«, wehrte er ab. »Ich muss mich nur ein wenig fangen.«
Und er glaubte, in diesem halbdunklen Gang wesentlich sicherer zu sein als in seinem Wagen, wo man ihn vermutlich eher suchte. Falls Julie sich die Mühe machen würde, ihn dort aufzusuchen, um ihn auch diesmal zu töten.
Nachdenklich griff Platan sich an das Kinn. Aber glücklicherweise bestand er nicht darauf, ihn dorthin zu bringen, sondern kam auf das wichtigere Thema zu sprechen: »Julies Worte wirkten für mich sehr aufrichtig. Ich glaube, sie hat wirklich keine Ahnung.«
Flordelis ging es ähnlich, aber … »Das ergibt keinen Sinn. Wenn ich vor Mitternacht heimfahre, schreibt sie mir diese Nachrichten.«
Die er nicht zeigen konnte, da sie jedes Mal gelöscht wurde, wenn alles neu begann.
»Und sie hat mich in der letzten Zeitschleife getötet. Du hast es selbst gesehen. Hast du das schon vergessen?«
Platan wurde ein wenig blass. »N-nein, natürlich nicht.«
Flordelis entschuldigte sich leise, dass er ihn daran erinnert hatte. Glücklicherweise schüttelte sein Freund direkt mit dem Kopf und wurde wieder nachdenklich. »Falls Julie wirklich der Ursprung ist, besteht doch die Möglichkeit, dass es nun vorbei ist, oder? Weil du dich entschuldigt hast, meine ich. Auch wenn sie die Entschuldigung erst nicht annehmen wollte. Aber zumindest das entspricht ja ziemlich ihrem Charakter.«
Dem konnte Flordelis nicht widersprechen. Vielleicht war damit also wirklich alles vorbei. Auch wenn das bedeutete, dass jeder seinen Ausbruch und sein seltsames Verhalten mitbekommen hatte und sich daran erinnern würde.
»Das wird unangenehm«, konstatierte Flordelis seufzend.
Platan tätschelte ihm den Arm. »Du hast das Richtige getan. Deine Tat hat immerhin auch alle anderen gerettet. Ich werde dir dafür auf jeden Fall für immer dankbar sein.«
Das zu hören fühlte sich gut an, als wäre es allen Ärger und jeden sich daraus ergebenden Nachteil wert gewesen. Er lächelte Platan an – und dann erklang das Geräusch von raschen Schritten.
Alarmiert sah er in den Gang hinüber und entdeckte gerade noch, wie Julie an ihrer Nische vorbeihuschte. Er lehnte sich gemeinsam mit Platan nach draußen, um ihr hinterherzusehen.
»Wo will sie hin?«, fragte Flordelis.
»Vielleicht«, sagte Platan aufgeregt, »sucht sie nach dir, um noch einmal mit dir zu sprechen.«
Das wäre etwas, das Flordelis ihr zutraute; nachdem sie sich beruhigt hatte, in aller Ruhe, ohne Zuschauer mit ihm zu sprechen und ihm zu sagen, was ihr auf dem Herzen lag, war ganz ihr Stil.
Doch noch bevor er sich auf diesen Gedanken einlassen konnte, bog sie plötzlich ab und ging einen Gang entlang, der auf keinen Fall nach draußen führte. Sofort flammte sein Misstrauen wie ein Buschfeuer wieder auf. Was hatte sie vor? Hatte sie auch in den letzten Zeitschleifen die Feier verlassen? Er erinnerte sich nicht, aber er musste mehr herausfinden.
Ohne etwas zu sagen, lief er los, um Julie einzuholen. Platans Stimme in seinem Rücken wurde zu einem undeutlichen Rauschen, als er sich seinem Ziel wieder so unfassbar nahe fühlte. Julie würde diese Zeitschleife beenden, er würde keinen weiteren Abend auf dieser Gala verbringen.
Er bog in den Gang, in den sie verschwunden war – und stand direkt vor einer Treppe nach unten. Lichter flackerten am Fuß der Treppe, ein Anblick, der ihm seltsam bekannt vorkam, obwohl er überzeugt war, hier noch nie gewesen zu sein. Gleichzeitig spürte er aber auch, wie eine unsichtbare Kraft ihn zu locken versuchte, ihm die Erfüllung all seiner Wünsche versprach, wenn er nur-
»Flordelis!«
Platans Stimme war so eindringlich, dass sie Flordelis' Gedanken unterbrach. Er drehte sich um – und sah sich Julie gegenüber. »Wie bist du-?«
Der Dolch in ihrer Hand schnitt seine Worte abrupt ab, als sie ihn in seine Brust rammte. Flammende, weiß glühende Schmerzen breiteten sich in ihm aus, jeder Atemzug fachte das Feuer an und erfüllte ihn mit einer lähmenden Agonie.
Warum?
Er brachte nicht einmal dieses eine Wort über seine Lippen, obwohl es ihn so sehr interessierte. So starrte er in ihre Augen, deren Grün ihm aus unzähligen Diskussionen vertraut war – aber an diesem Abend wurde sein Blick von einem goldenen Augenpaar erwidert, in dem keinerlei Mitgefühl lag.
Woher kenne ich diese Augen?
»Julie!« Platans Stimme zerriss den Moment, der nur einen Wimpernschlag angedauert und sich doch wie eine Unendlichkeit angefühlt hatte. »Warum tust du das?!«
Statt einer Antwort berührte Julie Flordelis an der Schulter – nein, sie stieß ihn von sich. In seinen von Schmerzen verhangenen Gedanken spürte er kaum, wie er den Boden unter den Füßen verlor, für einen flüchtigen Moment schwerelos wurde.
Dafür brannte sich ihm jede einzelne Stufe auf seinem Weg nach unten in sein Bewusstsein, jeder dumpfe Schmerz, als seine Knochen brachen, das Aufflammen, als der Dolch sich noch tiefer in seine Brust grub.
Der Sturz endete nach einer Lebenszeit voller Leiden, mit ihm als gebrochener Person am Fuß der Treppe. Das einzig Tröstliche war das dumpfe Gefühl, das sich seines Körpers bemächtigte und die Schmerzen auslöschte, es ließ nur die schwelende Glut in den Ruinen seines alten Selbst zurück.
In der letzten Zeitschleife war am Ende lediglich Gleichgültigkeit geblieben, diesmal echoten Fragen und Ratlosigkeit in seinem Inneren, gemeinsam mit einem bedrückenden Gefühl von Reue, das er sich nicht erklären konnte. Warum glaubte er, schuld an dieser Situation zu sein? An diesem Unglück, das er über Julie brachte, die noch immer am obersten Treppenabsatz stand und gefühllos auf ihn herabblickte, oder dem, das er über Platan brachte, der gerade die Treppe herunterkam und sich neben ihn kniete, mit diesem panischen Gesichtsausdruck, den Flordelis eigentlich nie wieder sehen wollte.
Es tut mir leid.
Auch diese Worte schafften es nicht über seine Lippen. Ihm blieb nur zu hoffen, dass er sich während der nächsten Wiederholung entschuldigen könnte, während sein Bewusstsein in einer unendlichen Dunkelheit versank – und im neuesten Konstrukt der Zeitschleife erwachte.
5th Loop: Ich werde immer zurückkehren
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Missgelaunt legte Flordelis eine Hand auf seine Brust, bevor er seine Augen öffnete. Natürlich war die Wunde und auch der Dolch verschwunden. Aber seine Erinnerungen waren noch lebhaft vorhanden, der Schmerz und der Verrat hallten nach.
Warum geschah gerade ihm das? Woher kannte er diese goldenen Augen, die ihn anstelle von Julies Augen angesehen hatten?
Er hasste es, nicht auf diese Situation vorbereitet zu sein, egal wie oft er in sie hineingeriet, weil er immer wieder auf neue unbekannte Variablen stieß, deren einziges Ziel es zu sein schien, ihn zu ermorden.
»Alles in Ordnung?« Wie üblich unterbrach sein Fahrer ihn in seinen Gedanken. »Sie sehen plötzlich so blass aus.«
»Ich bin gerade gestorben«, sagte Flordelis trocken. »Ich würde erwarten, blass auszusehen.«
Sein Fahrer drehte ihm den Kopf zu, um ihn fragend anzusehen, aber Flordelis ignorierte das und verließ den Wagen. Zu Beginn der nächsten Zeitschleife hätte er ohnehin wieder vergessen, was er gerade gehört hatte.
Mit unwilligen Schritten näherte Flordelis sich dem hell erleuchteten Magnum-Opus-Palast, der ihm auch diesmal wieder wie eine Falle vorkam. Ein Käfig, der extra für ihn aufgestellt worden war. Wenn er nur wüsste, weswegen, und wie er hier wieder herauskäme …
Ob er noch einmal zu der Treppe zurückkehren sollte? Etwas am Fuß der Stufen hatte nach ihm gerufen, ihn zu sich gelockt. Vielleicht fände er dort eine Antwort, wenn er sich hinunter wagte.
Die Türen des Palasts öffneten sich genau wie in der Zeitschleife zuvor – und genau wie zuletzt war es auch diesmal Platan, der heraus kam und ihm in die Arme fiel, kaum, dass er ihn entdeckte.
»Oh Flordelis«, seufzte er dabei. »Für einen Moment dachte ich ...«
»Es ist alles in Ordnung«, sagte Flordelis leise, während er tröstend über Platans Rücken strich. »Ich bin wieder hier.«
Platan atmete schwer, während er leise zu weinen schien, was Flordelis' Herz schwer werden ließ. Gerade ihn wollte er nicht leiden sehen, schon gar nicht aufgrund seiner Taten. Oder war es eher Julies Schuld? Inzwischen war sich Flordelis gar nicht mehr so sicher. Etwas tief in seinem Inneren, an einem Ort, der sich seiner Erinnerung entzog, sagte ihm, dass es allein sein Verschulden war. Dass nichts von dem, was gerade geschah, sein müsste, wenn er nicht falsch gehandelt hätte.
Aber was war diese falsche Handlung gewesen? Wenn er es nur wüsste …
Während Flordelis in Gedanken versunken war, beruhigte Platan sich ein wenig. Flordelis hörte dennoch nicht auf damit, ihm über den Rücken zu streichen. Wenn er ihm schon so nahe war, wollte er diesen – wenngleich traurigen – Moment auskosten.
»Was, wenn du irgendwann nicht mehr hier bist?«, fragte Platan leise. »Wenn die Zeitschleife irgendwann mit deinem Tod endet?«
Fast hätte Flordelis ihm gesagt, dass er dann wenigstens endlich die Schleife durchbrochen hätte, aber das wäre nicht hilfreich für Platan. Deswegen sagte er etwas anderes: »Das wird nicht geschehen. Ganz offensichtlich beginnt die Schleife mit meinem Tod nur erneut, also muss ich sie anders durchbrechen – und dann werde ich auch da sein. Ich werde mich nicht einfach töten lassen.«
»Aber was, wenn doch?« Platans Stimme war kaum noch hörbar. »Ich weiß nicht, ob ich das ertragen würde ...«
Flordelis befürchtete, dass er das wirklich nicht ertragen würde. Schon der Gedanke schien ihm derart zuzusetzen, dass sein Körper leicht zitterte.
»Du vertraust mir doch, oder?«, fragte Flordelis.
Die Verwirrung über diese Frage war genug, dass Platan sich wieder etwas von ihm löste, um ihn mit gerunzelter Stirn anzusehen. Immerhin zitterte er nun nicht mehr.
»Natürlich tue ich das«, antwortete er.
Flordelis lächelte ihm zuversichtlich zu. »Gut. Denn ich werde nicht zulassen, dass diese Zeitschleife mich endgültig tötet. Ich werde immer zurückkehren, das verspreche ich dir.«
Platans Augen wurden überraschend dunkel, dann senkte er den Blick wieder. Seine Finger krallten sich noch mehr in Flordelis' Sakko, erzeugten Falten, die vermutlich nur mit viel Mühe jemals wieder zu glätten wären. »Ich wünschte, ich könnte das einfach glauben. Aber ich habe dich sterben gesehen. Zweimal. Ich … möchte das nicht noch einmal erleben. Deswegen bitte ich dich ...«
Mit einer Miene, so entschlossen wie Flordelis sie noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte, blickte Platan ihn wieder an. »Lass uns zusammen weglaufen!«
Er stellte diese Forderung mit so viel Nachdruck, dass Flordelis zurückwich, aber da Platan ihn immer noch festhielt, glich dieser den Schritt einfach wieder aus. »Was redest du da?«
»Du hast das noch nicht probiert, oder?«, fragte Platan drängend. »Du bist immer erst kurz vor Mitternacht gegangen, oder? Lass uns versuchen, ob es auch so funktioniert!«
Auch ohne Platans flehenden Blick hätte Flordelis daran nichts auszusetzen gefunden. Er hatte es nun einmal wirklich noch nie versucht, und wenn er seinen Freund damit beruhigen könnte, wollte er das gern tun. Außerdem konnte er auch darauf verzichten, noch einmal getötet zu werden. Zweimal sollte genug sein. Und vielleicht war das im Endeffekt wirklich die Lösung, dann wäre es keine Flucht vor einer Herausforderung. Er musste es zumindest versuchen.
»In Ordnung«, sagte er. »Wir nehmen meinen Wagen.«
Platans Augen leuchten auf, er lächelte glücklich. »Danke, Flordelis. Lass uns gleich gehen.«
Bevor noch etwas passiert.
Er musste es nicht aussprechen, damit Flordelis wusste, dass er sich genau davor fürchtete.
Platan ließ sein Sakko los und griff dafür nach seiner Hand, um ihn mit sich zu ziehen, dabei redete er bereits aufgeregt: »Sobald das hier vorbei ist, müssen wir unbedingt in einem schicken Restaurant essen gehen. Ich kenne da schon genau das richtige, dort gibt es köstlichen Kaffee. Und danach muss ich dir unbedingt ...«
Unvermittelt verstummte er wieder und blieb stehen. Genau wie Flordelis, der ungläubig den Blick schweifen ließ.
Der Parkplatz war leer. Dort, wo Flordelis eben noch aus dem Wagen gestiegen war, stand nun nichts mehr. Als wären sämtliche Autos ohne jegliches Geräusch zu verursachen weggefahren – oder als wären sie einfach verschwunden.
»Das ist unmöglich«, stellte Flordelis fest. »So etwas kann in der Realität nicht passieren.«
»Zeitschleifen normalerweise auch nicht«, warf Platan nachdenklich ein. »Und doch sind wir nun hier.«
Dann klatschte er schon voller Tatendrang in die Hände. »Sieht aus, als hätten wir einen aufregenden Abendspaziergang vor uns, mein Lieber.«
Da war er wieder, der Optimist, der einfach nicht aufgeben wollte. Ohne ihn wäre Flordelis nun in den Palast gegangen, um vielleicht doch noch die untere Etage zu erkunden, die ihn zu sich gerufen hatte – und möglicherweise erneut sein Ende zu finden. Mit ihm nickte Flordelis aber lediglich und lief los, worauf sein Freund sich ihm anschloss.
Sie schwiegen, während sie den Magnum-Opus-Palast und sein Licht hinter sich ließen. Erst als sie in die Schatten der Bäume der Palais-Allee traten, brach Platan das Schweigen wieder: »Was denkst du? Warum fokussieren sich diese Zeitschleifen anscheinend auf dich?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Flordelis ehrlich. »Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, aber ich verstehe es auch nicht. Abgesehen von dem Streit mit Julie gibt es nichts Außergewöhnliches in meinem Leben.«
Platan legte eine Hand an sein Kinn. »Julie erscheint mir außerordentlich wütend. Das war nicht euer erster Streit, also gäbe es eigentlich keinen Grund für sie, dir etwas derart nachzutragen.«
Außer er erinnerte sich an etwas Bestimmtes nicht. Bislang glaubte er nicht, etwas Wichtiges vergessen zu haben, aber das musste in diesem Phänomen der Zeitschleife nichts bedeuten.
»Ich wüsste auch nicht, wie Julie das alles hier erschaffen könnte«, erwiderte Flordelis. »Ihre Wut dürfte dafür nicht ausreichen.«
Platan schmunzelte. »Die Hölle kennt keinen schlimmeren Zorn als den einer verschmähten Frau, so sagt man. Vielleicht hat sie damit ein Loch ins Raum-Zeit-Kontinuum gerissen.«
»Verschmäht?« Flordelis schüttelte mit dem Kopf. »Das ist Unsinn. Eine derartige Beziehung haben wir nicht.«
»Bist du dir sicher?«, fragte Platan.
»Ich denke, es wäre mir bekannt, wenn es anders wäre«, erwiderte Flordelis schroff, nur um dann überrascht zu sein, dass sein Freund tatsächlich zu lächeln schien und die Hand wieder sinken ließ.
Was genau ihn daran so glücklich machte, blieb Flordelis aber verborgen. Und es kam ihm falsch vor, diese Emotion zu hinterfragen, wenn es endlich wieder einmal etwas Positives war – und außerdem sah Platan mit einem Lächeln einfach hinreißend aus.
»Jedenfalls«, sagte Flordelis, bevor er sich zu sehr auf Platan konzentrierte, »wirkte Julies Verwirrung aber echt, als ich sie auf die Zeitschleife angesprochen habe. Sie scheint damit nichts zu tun zu haben. Zumindest nicht bewusst.«
Aber dennoch war sie bislang zweimal aktiv für seinen Tod verantwortlich gewesen. Und sie hatte ihm das eine Mal diese Nachricht geschrieben. Dazu noch ihre Augen, die ihm so fremd gewesen waren, bevor sie ihn die Treppe hinabgestoßen hatte. Als wäre Julie … besessen.
»Dann versuchen wir es anders«, beschloss Platan, nun wieder ernst, ohne etwas von Flordelis' Gedanken zu ahnen. »Was ist neu an Julie?«
»Der Armreif.« Zorn flackerte bei dem Gedanken daran sofort in seinem Inneren. »Sie hat ihn dafür bekommen, dass sie Monsieur Henri den Amethysten überlassen hat.«
Platan nickte. »Ja, sie hat ihn mir auch gezeigt. Sie ist sehr stolz darauf.«
Für Flordelis war er dagegen nur ein Sinnbild enttäuschten Vertrauens. Natürlich war es falsch, automatisch davon auszugehen, dass Julie ihm den Vorrang bei der Vergabe des Amethysten geben würde, nur weil sie Freunde waren. Aber es nagte dennoch an ihm und seinem Stolz.
»Warum«, begann Platan nachdenklich, »hat sie dir den Amethysten eigentlich nicht überlassen?«
Darüber hatte Flordelis seit seinem ersten Tod in dieser Zeitschleife gar nicht mehr nachgedacht. Aber seine erste Theorie stand nach wie vor: »Ich dachte, es wäre ihr um den Schmuck gegangen.«
Was absolut nicht zu ihr passte. Vielleicht war das einer der Gründe, weswegen er über ihre Entscheidung so wütend war: sie war einfach nicht nachvollziehbar für ihn. Julie wusste, wie viele Möglichkeiten die Energie des Amethysten geboten hatte, deswegen war sie auf der Suche danach gewesen. Dann eine 180° Drehung zu vollziehen und den Stein einfach nur einem Sammler zu verkaufen – für unnützen Tand –, der dieses Potential nicht einmal im Mindesten nutzen würde, entsprach so gar nicht ihrem Naturell.
Platan schüttelte ebenfalls mit dem Kopf. »Nein, es muss einen anderen Grund geben.«
»Den du nicht verstehst, hat sie dir geantwortet, als du sie gefragt hast.«
Aber er war ein Wissenschaftler, er verstand sehr viel in diesem Bereich – aber dafür wenig von profanen, geschäftlichen Dingen. Also musste es damit zu tun haben, wenn Platan es nicht verstehen könnte.
»Sollen wir also davon ausgehen, dass dieser Reif schuld an allem hier ist?«, fragte Platan, statt weiter darauf einzugehen. »Mir ist bislang eigentlich nie etwas daran aufgefallen.«
»Mir ebenfalls nicht.«
Flordelis hatte den Reif nur einmal richtig gesehen und war sonst lediglich in seiner Nähe gewesen. Aber im Vergleich zum Amethysten war da tatsächlich nie das Gefühl gewesen, als wäre er mit Energie gefüllt. Vielleicht folgte er hier wirklich der falschen Spur …
Etwas in seinem Augenwinkel lenkte Flordelis' Aufmerksamkeit zu den Bäumen, die diese Straße säumten. In der nur von den – überraschend trüben – Straßenlaternen erhellten Nacht, wirkte alles düsterer als es sein dürfte, die Atmosphäre bedrohlicher. In der Dunkelheit jenseits der knorrigen Stämme, die ihre Äste und Wurzeln ausstreckten und damit fragwürdige Schatten warfen, schien es ihm, als leuchtete immer wieder ein helles Licht auf, nur um zu erlöschen, sobald er sich darauf zu konzentrieren versuchte, und dann woanders wieder aufzuflammen.
»Hmm, das ist seltsam.«
Flordelis sah Platan an. Doch seine Hoffnung, dass sein Freund dasselbe festgestellt hatte und ihm mehr dazu sagen könnte, wurde sofort zerschlagen, denn Platan blickte geradeaus.
»Was ist seltsam?«, hakte Flordelis nach.
Platan deutete den Weg hinab. »Die Allee mündet doch normalerweise in Route 7 – aber es sieht aus, als würde sich die Straße vorne wieder auf einen beleuchteten Platz öffnen.«
Ein unangenehmes Gefühl, wie geballte Kälte, breitete sich in Flordelis' Inneren aus, als eine furchtbare Vorahnung von ihm Besitz ergriff – und sie bestätigte sich sofort, als sie die Bäume wieder hinter sich ließen.
Dort, direkt vor ihren Augen, hinter dem immer noch verlassenen Parkplatz, erhob sich der Magnum-Opus-Palast, so prächtig und hell, dass sogar der Nachthimmel dahinter verblasste.
»Ich hätte nie gedacht, dass mich dieser Anblick einmal verstören würde«, murmelte Platan.
Er war blass geworden und warf einen Blick zurück auf die Allee, die so dunkel dalag wie zuvor, da alle Lampen gelöscht worden waren. »Vielleicht sind wir irgendwo falsch abgebogen … Wenn wir noch einmal dort langgehen …«
»Platan«, erwiderte Flordelis ernst mit tiefer Stimme, »sei vernünftig. Wir sind die ganze Zeit geradeaus gelaufen, kein einziges Mal abgebogen und wir haben auch keinen unbeabsichtigten Haken geschlagen. Es ist offensichtlich, dass wir diesen Ort nicht verlassen können.«
Damit kehrte die Sorge wieder in Platan zurück. Er legte seine zitternde Hand an sein Kinn, während er leise vor sich hermurmelte: »Also betrifft diese Zeitschleife auch den Raum? Hat dann auch Palkia etwas damit zu tun? Nein, das kann nicht sein, wir sind immer noch weit von Sinnoh entfernt und ...«
Flordelis verstand nicht ganz, wovon er da sprach, aber es brachte ihn tatsächlich auf einen Gedanken: »Also ist die Quelle dieser Energie eine andere.«
Platan verstummte und sah ihn fragend an. Flordelis tat ihm den Gefallen, auszuholen: »Wie du selbst festgestellt hast, bräuchte man hierfür gleich zwei Legendäre Pokémon – jedenfalls gehe ich davon aus, dass es sich bei Palkia auch um eines handelt –, also können wir ausschließen, dass es eine gewöhnliche Zeitschleife ist. So gewöhnlich wie eine Zeitschleife nun einmal sein kann.«
Das brachte ihm ein kurzes Lächeln von Platan ein.
»Also muss es eine andere Energie sein, die uns alle hier festhält. Möglicherweise handelt es sich auch um ein Psycho-Pokémon.«
Platan gab einen verstehenden Ton von sich, dann verschränkte er die Arme vor der Brust, während er nachdenklich zur Seite blickte. »Es müsste sich aber um ein sehr starkes Psycho-Pokémon handeln, dem es gelingt, uns alle zu beeinflussen – und sogar Julie dazu bringt, dich umzubringen. Das muss doch auch dazugehören, oder?«
Seine Stimme brach ein wenig ein, als er diese Frage stellte. Daher war Flordelis glücklich, dass er Platan direkt beruhigen konnte, indem er nickte. »Ich denke auch, dass es irgendein fremder Einfluss ist, der sie dazu bringt. Wir müssen nur die Quelle finden – und ich denke, ich weiß, wo sie sein könnte.«
Platans Augen weiteten sich. »Wirklich? Wo?«
»Irgendwo am Fuß der Treppe vom letzten Mal.«
Das erfüllte Platan wieder mit Sorge. »Denkst du wirklich, wir können einfach dort unten herummarschieren? Das ist bestimmt nicht erlaubt.«
Flordelis sah ihn für einen Moment einfach nur an. Er hatte damit gerechnet, dass Platan ihn davor warnen würde, dass Julie vielleicht dort unten wäre oder unter Umständen sogar ein anderer Feind, aber das war so typisch Platan, dass er nicht anders konnte als kurz zu lachen.
»Was ist so lustig?«, fragte Platan verwirrt.
Flordelis atmete tief durch, ehe er antwortete: »Ach, lediglich die Tatsache, dass wir hier in einer außergewöhnlichen Situation feststecken, und dein größtes Problem scheint ein Regelverstoß zu sein.«
Es dauerte einen Moment, bis Platan das wirklich verstand, aber kaum hatte er diese Absurdität verarbeitet, lachte er auch kurz auf. »Stimmt, das ist ein wenig lächerlich. Es tut mir leid, du hast natürlich recht, wir sollten diese Chance ergreifen. Vielleicht finden wir ja etwas, wenn du davon so überzeugt bist.«
»Das bin ich.« Flordelis atmete auf. »Danke, Platan. Ich wüsste nicht, was ich in dieser Situation ohne dich machen sollte.«
Platan tätschelte lächelnd seinen Arm. »Ich unterstütze dich immer so sehr wie ich kann. Und ich wünsche mir im Gegenzug nur einen Kaffee.«
Er zwinkerte ihm zu – mit jenem Zwinkern, das Flordelis' Herzschlag jedes Mal beschleunigte –, dann deutete er zum Eingang hinüber. »Wollen wir dann? Je schneller wir das hinter uns bringen, desto schneller sind wir all unsere Sorgen los.«
Dem wusste Flordelis nichts entgegenzusetzen.
Sie traten in eine verlassene Eingangshalle, da um diese Zeit wohl keine Gäste mehr erwartet wurden. Falls jemandem aufgefallen war, dass Platan und Flordelis auf der Gala fehlten, so zeigte sich das nirgends, auch nicht in den verlassenen, halbdunklen Gängen, die sie schweigend durchquerten. Sein Innerstes rebellierte allein bei dem Gedanken, dass er einfach im Ballsaal enden könnte, genau dort, wo er eigentlich nie sein wollte – und nach diesem Abend würde er eine lange Zeit auf alle Einladungen in dieser Richtung verzichten.
Schließlich blieb Flordelis an einer Treppe nach unten wieder stehen. Nicht, weil er sich daran erinnerte, hier das letzte Mal erstochen worden zu sein, sondern weil ihn wieder das Gefühl überkam, gerufen zu werden, und tief in seinem Inneren wusste er auch von wem. Aber diese Information erreichte sein waches Bewusstsein nicht, also schob er den Gedanken daran erst einmal möglichst weit von sich.
»Von Julie ist nichts zu sehen«, sagte Platan.
Sollte er seinen Freund fragen, ob er auch dieses Verlangen spürte, hinabzugehen? Oder würde Platan dann nur versuchen, ihn davon abzuhalten, und ihm vorschlagen, es doch anders zu versuchen?
Um sich eine derartige Diskussion zu ersparen – und weil der Ruf langsam übermächtig wurde – stieg Flordelis langsam die Stufen hinab. Er musste sich zwingen, sie einzeln zu nehmen, nur um sicherzugehen, dass er nicht stürzte, weil er sich zu sehr beeilte. Es war eine derart anstrengende Aufgabe, dass sich bald kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete.
Platan folgte ihm und teilte ihm immer wieder mit, dass sie weiterhin allein waren. Falls Julie ihre Abwesenheit bemerkte und nach ihnen suchte, tat sie dies offenbar nicht hier. Jedenfalls im Moment nicht.
Am Fuß der Treppe hielt Flordelis einen kurzen Moment inne. Hier war er letztes Mal gestorben, nur noch eine Ruine seiner selbst, wie eine Marionette, deren Fäden man zerschnitten hatte. Diesmal stand er aber noch aufrecht, er konnte laufen.
Und das setzte er sofort in die Tat um.
Er war noch nie hier unten gewesen, da dieser Bereich normalerweise gesperrt war. Jedenfalls erinnerte er sich nicht wirklich daran, je eine dieser Türen oder altertümliche Waffen, die als Dekoration an den Wänden hingen, gesehen zu haben. Aber gleichzeitig war es, als fänden seine Füße den Weg allein zu jener Doppeltür, wo der Ruf am lautesten schien.
Platan war ihm die ganze Zeit schweigend gefolgt und blieb nun neben ihm stehen. »Dahinter finden wir die Quelle?«
»Ich bin davon überzeugt, ja.«
Sein Freund wandte ihm den Blick zu. »Was macht dich so sicher? Warst du schon einmal hier?«
Das beantwortete ihm immerhin die Frage, ob Platan es auch spüren konnte.
»Ich erinnere mich nicht«, sagte Flordelis. »Aber ich weiß einfach, dass es hier ist.«
Er griff nach dem Türknauf, doch das Hindernis gab nicht nach.
»Abgeschlossen«, stellte er fest.
»Oh.« Platan sah indigniert auf die Tür. »Wir sollten den Schlüssel suchen. Oder einen anderen Weg hinein oder-«
Er verstummte abrupt, als Flordelis Pyroleo aus seinem Pokéball entließ und ihm dann direkt eine Anweisung gab: »Bodycheck!«
Sein Partner ließ sich nicht lange bitten und sprang mit voller Wucht gegen die Tür, die sofort aufbrach und einen in Dunkelheit gehüllten Raum offenbarte. Gleichzeitig wurde die Energie im Inneren freigesetzt und hieß Flordelis willkommen, als wäre er nach einer langen Reise am Ziel.
»Ich«, sagte Platan, »bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee war.«
Flordelis ging an ihm und Pyroleo vorbei, tätschelte kurz dessen Mähne und betrat den Raum. Kaum wurde er von Energie umhüllt, wurde er auch in Licht getaucht, genau wie das einzige, was hier stand und seinen Blick unweigerlich auf sich zog.
In dem gläsernen Schaukasten, gebettet auf ein weiches Samtkissen, lag der Amethyst, ungeschliffen, in seiner ihm zu gut bekannten Brillanz.
Er vibrierte voller Energie, mehr noch als zuvor, und verlangte, dass Flordelis ihn an sich nahm. Dass er sich mit ihm verband. Dass er-
»Flordelis, was ist das?«
Platans Stimme riss ihn wieder aus seiner Trance. Gerade rechtzeitig, um festzustellen, dass er bereits die Hand ausgestreckt hatte, um erst den Glaskasten zu öffnen und dann – viel wichtiger – den Amethysten an sich zu nehmen.
Rasch zog er seine Hand wieder zurück und wandte sich Platan zu. Mit dem vibrierenden Edelstein im Rücken fühlte er sich seltsam unsicher, aber es war besser, als ihn anzusehen.
»Das ist der Amethyst«, erklärte er. »Er ist hier – und scheint noch mehr Energie zu besitzen als zuvor.«
Platan sog scharf die Luft ein. »Aber wie ist das möglich? Er sollte doch oben im Ballsaal sein.«
Das sollte er, und zwar als Pendeloque-Schliff. Aber dennoch war er hier, in seiner natürlichen, ungeschliffenen Form. Flordelis verschränkte die Arme vor der Brust, ehe er sich an den Bart griff und nachdenklich durch diesen hindurchfuhr. »Bedeutet das, der Edelstein im Ballsaal ist eine Fälschung? Aber wofür das Ganze?«
Und könnten sie davon ausgehen, dass der Amethyst hierfür verantwortlich war? Würde die Zeitschleife enden, wenn sie ihn zerstörten? Oder er ihn zumindest an sich nahm? Er wollte ihn so sehr einfach nehmen, aber gleichzeitig warnte sein Instinkt ihn davor. Etwas stimmte nicht mit diesem Amethysten. Vielleicht hatte Julie das auch bemerkt und deswegen-
Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Pyroleos Brummen seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Flordelis sah zu ihm und bemerkte, was ihn unruhig werden ließ: Bunte Farbkreise tanzten um ihn herum – bis einer in lila dazukam, der Pyroleo für einen Moment sogar komplett einhüllte.
»Was war das?«, fragte Platan, als die Farben verblassten.
»Ich hatte gehofft, du wüsstest das«, erwiderte Flordelis. »Du bist der Pokémon-Professor.«
»Aber nicht für Attacken. Und das sah aus wie eine. Aber ich kenne einen Kollegen, der-«
Das Ende des Satzes hörte Flordelis nicht mehr. Pyroleo sprang plötzlich auf ihn zu und riss ihn zu Boden, wobei er mit seinem ganzen Gewicht auf ihm zu liegen kam. Im ersten Moment glaubte Flordelis noch, sein Pokémon hatte ihn vor einer Gefahr beschützen wollen – doch da bohrten sich plötzlich scharfe Zähne in seinen Hals, verbunden mit einem tiefen Knurren, das er zu gut kannte.
Er wollte Pyroleo von sich runterschieben, doch er war einfach zu schwer. Er wollte den Pokéball herausholen, um ihn zurückzurufen, doch Pyroleo lag genau auf ihnen. Er wollte etwas sagen, doch statt Worte quoll nur warmes Blut aus seinem Mund.
»Pyroleo!«, rief Platan verzweifelt. »Hör auf damit! Warum tust du das?!«
Diese Frage fuhr auch durch Flordelis' Gedanken. Er hatte sich immer auf seinen Partner verlassen können. Warum jetzt nicht mehr? Lag das an dieser Attacke zuvor?
Der Druck von Pyroleos Zähnen verstärkte sich. Das Atmen fiel Flordelis langsam schwer – und dennoch fühlte er sich seltsam ruhig. Vielleicht war es die Selbstverständlichkeit, dass er ohnehin wieder am Anfang der Zeitschleife erwachen würde. Möglicherweise hatte er aber auch erwartet, dass es wieder mit seinem Tod enden würde. Er hatte nur nicht gedacht, dass es durch sein eigenes Pokémon geschähe.
Wie durch einen Schleier bekam er mit, dass Platan versuchte, Pyroleo von ihm herunterzuziehen, natürlich war er zu schwach, natürlich schien sich Pyroleo als Reaktion nur tiefer in seinen Hals zu beißen, natürlich floss dadurch noch mehr Blut, in seinen Mund, in seine Lunge, aus seinem Körper heraus.
In seinen von Nebel verhangenen Gedanken tauchte eine neue Sorge auf, die wesentlich schwerer wog als ein weiterer Tod: Tat Pyroleo das gegen seinen Willen und litt selbst darunter?
Diese Vorstellung erschien ihm unerträglich, deswegen hob er seinen inzwischen unendlich schwer gewordenen Arm und strich vorsichtig durch Pyroleos Mähne. Er wollte ihm versichern, dass er ihm keine Schuld gab, dass er ihn immer noch für seinen treuen und zuverlässigen Partner hielt, dem er jederzeit sein Leben anvertrauen würde.
Kurz lockerte sich der Druck auf seinen Hals, als zögerte Pyroleo. In weiter Ferne konnte Flordelis Platan weinen und flehen hören.
Ich habe ihn schon wieder enttäuscht und traumatisiert. Was bin ich nur für ein Freund?
Wenn er nur rückgängig machen könnte, ihn jemals auf die Zeitschleife angesprochen zu haben. Wenn er ihn nicht in diese Sache verwickelt hätte. Wenn er Pyroleo rechtzeitig zurückgerufen hätte.
All seine Fehler prasselten wie Pfeile auf ihn ein und versetzten ihm unzählige quälende Stiche, die seinen Körper in Flammen aufgehen zu lassen schienen.
Da war es schon fast eine Wohltat, als Pyroleo den Druck wieder erhöhte.
Und ein schmerzhaftes Knacken das letzte war, was er in dieser Zeitschleife wahrnahm.
6th Loop: Du vertraust ihm also
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Der metallische Geschmack des Bluts lag Flordelis noch auf der Zunge und wollte sich nicht vertreiben lassen. Zum ersten Mal sehnte er sich tatsächlich nach dem Champagner, der auf diesen Galas in Massen angeboten wurde; damit hätte er bestimmt den Geschmack fortspülen können, inklusive seiner Erinnerungen an alles, was bislang geschehen war.
Wie oft würde er noch sterben müssen? Durch welche Methode würde er als nächstes sterben? Und würde Platan es wieder mitansehen müssen?
Besonders letzteres wollte er nicht mehr in Kauf nehmen.
»Alles in Ordnung?«, fragte sein Fahrer, während er in den Rückspiegel sah.
»Sehe ich so blass aus?«, stellte Flordelis eine Gegenfrage. »Ich fühle mich jedenfalls nicht wirklich in Ordnung.«
Für einen Moment schien der Fahrer nicht zu wissen, was er sagen sollte. Flordelis wäre es auch lieber, er würde schweigen, denn er glaubte nicht, dass irgendjemand ihm gerade helfen könnte. Außer vielleicht Platan, wenn er ihm einfach eine Geschichte erzählte. Eine leichtherzige Geschichte, in der nichts Schlimmes geschah. Ob er je in eine solche Situation zurückkehren könnte? Ab sofort würde er sie wesentlich mehr zu schätzen wissen.
»Ich fahre Sie schon so lange«, begann sein Fahrer schließlich, »aber so habe ich Sie noch nie erlebt.«
Fuhr er ihn wirklich schon so lange? Warum fiel Flordelis dann sein Name nicht ein, als er darüber nachzudenken versuchte? Wie war das möglich?
»Bislang«, sprach er weiter, »dachte ich immer, das liegt daran, weil Sie alles so perfekt im Griff haben. Aber das bedeutet wohl auch, dass Sie gerade in einer Situation sind, der Sie sich hoffnungslos ausgeliefert fühlen.«
»So könnte man es sagen.« Flordelis war überrascht von der überraschend klaren Analyse des Mannes. »Ich weiß einfach nicht, was ich noch tun soll.«
»Ich weiß natürlich nicht, was Sie gerade durchmachen, aber mir hilft es immer, wenn ich in solchen Momenten innehalte und tief durchatme. Und dann versuche ich, alle Fakten in meinen Gedanken zu ordnen. Manchmal finde ich dann den weiteren Weg.«
Und was, wenn nicht?
Das fragte Flordelis aber lieber nicht. Er war dankbar für diesen Ratschlag, der auch von ihm selbst hätte stammen können, schloss die Augen und atmete tief durch. Dann konzentrierte er sich auf das, was vor seinem inneren Auge auftauchte.
Julie und der Armreif, sowie ihre Verlobung mit Henri.
Julie ist zwar in diese Sache verwickelt, aber ich denke nicht, dass der Armreif oder Henri etwas damit zu tun haben. Das ist nur Ablenkung von dem richtigen Verantwortlichen.
Er selbst stand im Mittelpunkt all dieser Ereignisse, deswegen startete die Schleife mit seinem Tod stets erneut.
Aber ich weiß noch nicht, weswegen, darüber sollte ich erst mit mehr Informationen nachdenken. Was könnte ich getan haben, um jemandes Zorn derart auf mich zu ziehen?
Die Palais-Allee, die sie zurück zum Magnum-Opus-Palast geführt hatte, was unmöglich sein müsste.
Nein, das ist jetzt nicht wichtig, das lenkt nur ab.
Der Amethyst lag ungeschliffen und voller Energie im Untergeschoss des Magnum-Opus-Palast. Hinter einer verschlossenen Tür. Der Amethyst verlangte, dass Flordelis ihn an sich nahm, um … irgendetwas damit zu tun. Und als er es nicht hatte tun wollen, war Pyroleo von etwas beeinflusst worden und hatte ihn umgebracht.
Aber warum? Liegt der Ursprung im Amethyst? Oder ist das auch nur eine Ablenkung? Oder war es reiner Zufall?
Ob Julie etwas Ähnliches geschehen war? Wurde sie auch von etwas kontrolliert, wenn sie ihn tötete? Ihre Augen beim letzten Mal …
Ich darf mich nicht ablenken lassen. Konzentration! Gerade ist nur der Ursprung wichtig!
Die schwebenden Farben mussten eine Pokémon-Attacke gewesen sein, die Flordelis vollkommen fremd war. Was dafür sprach, dass sie einzigartig war.
Wenn wir wüssten, welches Pokémon dafür verantwortlich ist, können wir es vielleicht finden und alles beenden.
Doch Platan hatte sie nicht erkannt. Er hatte allerdings einen Kollegen, der sich mit Attacken auskannte. Vielleicht sollten sie diesen fragen – und dann ihre Strategie danach ausrichten.
Ja, das sollte sein Vorhaben in dieser Zeitschleife sein.
Nachdem er sich zugenickt hatte, öffnete er seine Augen wieder. Dabei bemerkte er den neugierigen Blick seines Fahrers im Rückspiegel.
»Ich denke, das hat mir wirklich geholfen«, sagte Flordelis. »Vielen Dank dafür.«
»Ich helfe immer gern«, erwiderte er.
Flordelis öffnete die Tür, um auszusteigen, da hörte er schon eine erleichterte Stimme von draußen: »Du bist da!«
Im nächsten Moment kletterte Platan überraschend rücksichtslos ins Auto, so dass Flordelis zur Seite rutschte, um ihm Platz zu machen. Kaum saß er neben ihm, umarmte Platan ihn. »Ich bin so froh ...«
Hatte er so viel Zeit im Wagen verbracht, dass Platan die Zeit gehabt hatte, nach ihm zu suchen? Das war ihm gar nicht aufgefallen.
Vorsichtig legte Flordelis seine Arme um Platan, der wieder zu zittern schien. »Alles ist gut, beruhige dich doch.«
»Ich lasse Sie lieber allein«, sagte sein Fahrer und stieg dann aus, bevor jemand ihn aufhalten konnte.
Bevor er ganz davonging, schloss er noch die von Platan offen gelassene Tür. Dann waren sie wieder allein, wie schon bei den letzten Zeitschleifen, diesmal aber in einem zumindest gefühlt geschützten Raum.
Flordelis entschuldigte sich leise. »Ich sagte doch, ich komme immer zurück. Diesmal war ich nur mit zu vielen Fragen beschäftigt, aber ich denke, ich-«
»Es war furchtbar«, sagte Platan gedämpft, das Gesicht in seine Brust gedrückt, als hätte er seine Worte gar nicht gehört. »Du und Pyroleo, ihr wart voller Blut.«
Er hatte es schon wieder mitansehen müssen. Flordelis' Herz schmerzte so sehr, als wäre ein Teil davon herausgerissen worden. Wann würde es ihm endlich gelingen, Platan einen solchen Anblick zu ersparen? Wann würden seine Entschuldigungen endlich wahrhaftig sein?
Dann fuhr Platan fort und bewies wieder einmal, warum sowohl Flordelis als auch Julie so viel von ihm hielten: »Ihr müsst beide so viel gelitten haben …«
Nicht viele Leute würden sich Sorgen machen, wie sehr das angreifende Pokémon darunter gelitten hatte. Aber er durchaus. Sein Mitleid erstreckte sich nicht nur auf das Opfer, sondern auch den Angreifer. Ob er ihm dieses Gefühl auch entgegenbrächte, wenn er je einen Fehler machte?
Flordelis wollte sich entschuldigen, dass Platan das wieder hatte mitansehen müssen, aber sein Freund kam ihm mit einer eigenen Entschuldigung zuvor: »Es tut mir so leid, dass ich es nicht verhindern konnte. Ich habe es wirklich versucht, aber Pyroleo war zu schwer und ich wollte ihn nicht verletzen.«
»Es war nicht deine Aufgabe, ihn aufzuhalten«, erwiderte Flordelis. »Ich hätte damit rechnen müssen, dass etwas geschieht, wenn ich eine neue Variable einführe.«
Aber er hatte seine Deckung vernachlässigt, was für ein törichter Fehler von ihm.
Glücklicherweise wollte Platan nicht darüber diskutieren, wer nun mehr Schuld daran trug: »Wie geht es Pyroleo?«
Flordelis war so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass er noch gar nicht an seinen Partner gedacht hatte, wie nachlässig von ihm! Nun legte er eine Hand auf Pyroleos Pokéball. Er fühlte sich warm an, eine leichte Vibration ging von ihm aus, als fürchtete Pyroleo sich vor dem, was geschehen war oder was noch geschehen könnte. Beruhigend strich er über die Oberfläche, um ihm auch in dieser Zeitschleife noch einmal zu versichern, dass alles in Ordnung war und er ihm nichts nachtrug.
»Er hat Angst«, antwortete er schließlich auf Platans Frage. »Aber ich bin sicher, dass wir das wieder in den Griff bekommen.«
Platan nickte, atmete tief durch und löste sich dann wieder ein wenig von ihm. Bedauerlich.
»Was hast du diesmal vor?«, fragte er leise. »Wie willst du versuchen, die Zeitschleife zu durchbrechen?«
Das war sein passendes Stichwort: »Vielleicht gelingt es mir, wenn ich weiß, welches Pokémon dahinter steckt. Dafür muss ich wissen, was das für eine Attacke war, die Pyroleo beeinflusst hat.«
Platan löste sich gänzlich von ihm, damit er eine Hand an sein Kinn legen konnte. Sofort fehlte Flordelis die Wärme, die den anderen begleitet hatte.
»Mir ist immer noch nicht eingefallen, welche Attacke das sein könnte. Aber wie ich letztes Mal schon sagte, habe ich einen Kollegen, dessen Schwerpunkt es ist, Attacken zu erforschen.« Platan lächelte zaghaft. »Ich habe dir schon von ihm erzählt, sein Name ist Professor Kukui.«
Er musste nicht lange darüber nachdenken: »Der Professor aus Alola? Ja, ich erinnere mich. Du hast mir auch Videos von ihm gezeigt, weil ich dir nicht glauben wollte, dass er die Attacken an sich selbst ausprobiert.«
Das kam ihm immer noch sehr unvernünftig vor, aber offenbar kam er sehr gut damit zurecht.
»Wenn«, fuhr Platan fort, »jemand also diese Attacke kennt, dann er. Sollen wir ihn anrufen?«
Flordelis hatte es nicht einmal selbst vorschlagen müssen, das erleichterte ihn. »Versuchen wir es.«
Offenbar hatte Platan gar nicht darüber nachgedacht, dass es nicht funktionieren könnte, denn erst in diesem Moment wirkte er wieder ein wenig besorgt. Schweigend – was immer ein schlechtes Zeichen bei ihm war – holte er sein Handy aus seiner Tasche. Nach kurzem Navigieren durch die Menüs, hielt Flordelis unbewusst den Atem an, als der Anruf aufgebaut wurde.
Was, wenn es wirklich nicht funktionierte? Dann blieben ihnen keine weiteren Anhaltspunkte, dann müssten sie noch einmal ganz neu darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte.
Doch plötzlich wechselte das Display, ein Mann mit getönter Brille, Kappe und Laborkittel, unter dem er oberkörperfrei war, grinste in die Kamera. »Alola, Platan~. Was gibt’s?«
Flordelis und Platan atmeten gleichzeitig auf, ersterer war vor allem froh, dass er auch wieder durchatmen konnte. Selbst wenn das die Frage weckte, wie dieser Anruf die Zeitschleife verlassen konnte, obwohl sie nicht einmal vom Magnum-Opus-Palast wegkamen, sollte er sich darauf gerade nicht konzentrieren, wichtiger war das Gespräch, das dankenswerterweise funktionierte. Und solange er nicht zu sehr darüber nachdachte, täte es das hoffentlich auch weiterhin.
»Bonjour, Kukui«, grüßte Platan ihn zurück. »Es ist schön, mit dir zu reden.«
Kukui musterte ihn eingehend. »Also für mich hättest du dich nicht so herausputzen müssen. Ich rede auch gern so mit dir.«
»Oh, ich würde mich jederzeit für dich herausputzen, aber eigentlich bin ich gerade auf einer Gala.«
»Und da nimmst du dir Zeit für mich? Platan, du weißt, dass ich glücklich verheiratet bin, nicht?«
Die beiden lachten amüsiert. Flordelis' Herz wurde derweil von einer unsichtbaren Hand zusammengepresst. Es war dumm und unsinnig, deswegen sollte er sich eigentlich keine Gedanken darum machen, aber dennoch war er einfach … eifersüchtig. Er sah Platan selten mit anderen seiner Freunde interagieren, meist galt seine ganze Aufmerksamkeit ihm – manchmal auch noch Julie – und nun zu erleben, wie er mit anderen umging, mit ihnen Spaß hatte – was bei Flordelis quasi nie vorkam, vor allem nicht in letzter Zeit –, das war ein wenig zu viel für ihn, gerade in dieser Zeitschleife.
Deswegen war er froh, als Platan endlich zu ihm – und damit näher zum Punkt – kam: »Kukui, ich will dir kurz Flordelis vorstellen.«
Er hielt sein Handy so, dass die Kamera Flordelis einfing. Dieser hob nur kurz die Hand, während Kukui ihn auch lebhaft mit einem Alola begrüßte. Dann fokussierte Platan die Kamera wieder auf sich. »Ich glaube, ich habe dir ja schon von ihm erzählt-«
»Sehr oft sogar«, unterbrach Kukui ihn schmunzelnd.
»- also kann ich mich kurz fassen. Wir sind heute auf einer Gala und dort in eine sehr verfahrene Situation geraten. Wahrscheinlich würdest du es nicht glauben, wenn ich dir davon erzähle, deswegen lasse ich es lieber, obwohl ich es gern täte.«
»Das klingt gar nicht nach dir«, kommentierte Kukui. »Normalerweise redest du doch immer wahnsinnig gerne, egal, ob ich dir glaube oder nicht.«
»Ich würde auch wirklich gern heute darüber sprechen, aber wir haben eine sehr wichtige Frist einzuhalten, ein andermal gelingt es mir aber bestimmt.«
Die Zeit tickte unablässig, bis es Mitternacht war, also mangelte es ihnen daran wirklich. Selbst wenn Kukui die Attacke erkannte, bestand die Wahrscheinlichkeit, dass er erst recherchieren müsste, welches Pokémon sie beherrschte. Noch schlimmer wurde es, wenn doch mehrere Pokémon darüber verfügten. Dann bliebe ihnen nichts anderes übrig, als eine andere Methode zu finden, um dahinterzukommen, wer dafür verantwortlich war.
»Jedenfalls«, sagte Platan, »bräuchten wir deine Einschätzung als Experte für Pokémon-Attacken.«
Kukui grinste zufrieden. »Nur zu. Ich helfe gern mit meiner Expertise aus, lasst mich eure Rechte Hand sein.«
In eindrücklichen Worten beschrieb Platan ihm die Attacke, die sie beobachtet hatten. Für Flordelis wurde die Erinnerung viel zu lebendig, er spürte die Verwirrung, den Schmerz – und den Ärger darüber, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte und es einfach nicht mehr zu fassen bekam.
Kukui hörte Platan aufmerksam zu, dann nickte er schließlich. »Ja, die Attacke sagt mir etwas.«
Flordelis' Gefühle erreichten für einen Moment einen Höhenflug der Erwartung, als es so aussah, als könnten sie das alles bald beenden – und dann holte Kukui ihn schlagartig wieder auf den Boden zurück: »Allerdings weiß ich spontan nicht, welche Attacke es ist oder zu welchem Pokémon sie gehört. Ihr habt ja bestimmt schon selbst festgestellt, dass es keine häufig vorkommende Attacke ist.«
Auch Platans Laune verdüsterte sich sofort ein wenig. »Oh … ja, natürlich, daran hätte ich im Vorfeld denken müssen. Aber du kannst sicher herausfinden, zu welchem Pokémon sie gehört, oder?«
»Aber klar«, sagte Kukui selbstsicher. »Gebt mir nur ein wenig Zeit, dann durchsuche ich mein Gedankengut und melde mich, sobald ich die Antwort habe.«
Flordelis warf einen Blick auf seine Uhr. Es war fast neun, und die Sekunden tickten unablässig.
»Wir müssten innerhalb der nächsten drei Stunden etwas erfahren«, warf Flordelis ein, worauf Platan die Kamera auf ihn richtete. »Ist das möglich?«
Auf dem Display sah Flordelis, wie Kukui ihn musterte, schweigend, während er – hoffentlich – schon darüber nachdachte, wo er die gesuchte Information finden könnte. Gerade als Flordelis ihn noch einmal darauf hinweisen wollte, dass sie nicht viel Zeit hatten, lächelte Kukui ihn zuversichtlich an. »Um ein wenig Ausdauer muss ich euch bitten, aber ich schaffe das. Ich werde euer Wegbereiter.«
Flordelis wollte ihm wirklich vertrauen. Aber es fiel ihm schwer, denn diese ganze Situation, diese Gala, hatten ihm schon mehr Nerven geraubt, als ihm lieb war. Dafür konnte Kukui aber nichts, deswegen bedankte er sich lediglich. Platan übernahm dann auch direkt das Gespräch wieder: »Wir sind dir wirklich dankbar dafür, Kukui. Nächstes Mal erzähle ich dir dann auch mehr über alles hier.«
»Ich kann es kaum erwarten, die Hintergründe zu erfahren«, bekundete er. »Also, ich suche dann mal los und melde mich wieder. Mich habt ihr am Wickel. Bis später.«
Damit beendete er das Gespräch bereits.
Mit einem erleichterten Aufatmen ließ Platan das Handy wieder sinken. »Ich weiß nicht, wie das funktionieren konnte. Aber ich bin froh, dass Kukui sich nun der Sache annehmen wird.«
»Du vertraust ihm also«, sagte Flordelis.
Platan sah ihn an, ähnlich hoffnungsvoll wie bei ihrem Versuch, einfach davonzulaufen. »Auf jeden Fall. Er ist ein sehr guter Professor und auch ein Freund von mir.«
»Das hat man eurem Gespräch angemerkt.«
Darauf blinzelte Platan kurz überfordert. »Das klingt, als wäre es schlimm, dass wir uns verstehen.«
»Nein, es ist natürlich nicht schlimm.« Eigentlich wollte Flordelis es nicht weiter ausführen, weil es zu viele andere Dinge gab, um die er sich sorgen müsste.
Platan gab sich mit dieser knappen Erwiderung aber natürlich nicht zufrieden. Stattdessen beugte er sich ein wenig vor, wodurch er noch näher bei Flordelis war und diesen genauer mustern konnte. Dabei fiel Flordelis auf, wie angenehm sein Freund heute roch. War das schon den ganzen Abend so gewesen? Wie hatte ihm das bislang entgehen können?
Vermutlich weil er mir bislang nicht so nahe gekommen ist.
Flordelis erwiderte seinen Blick schweigend, ohne sich anmerken zu lassen, wie sehr ihn diese Nähe im Moment freute, wie angenehm sie war, wie tröstend. So konnte er sich darauf konzentrieren, dass Platan für einen kurzen Moment seine Stirn runzelte, ehe sich seine Augen vor Überraschung weiteten. Und dann stellte er die Frage, die ihn offenbar in diesem Moment heimsuchte: »Bist du etwa eifersüchtig?«
»Was?«, entfuhr es Flordelis, bevor er sich selbst davon abhalten sollte. »Wie kommst du darauf?«
»Ich weiß nicht ...« Platan neigte den Kopf ein wenig, während er ihn weiter beobachtete. »Du hast noch nie so darauf reagiert, dass ich mich mit jemandem verstehe. Aber gerade wirken deine Augen ein wenig … düster. Nicht mehr so himmelblau wie sonst, eher wie ein aufgewühltes Meer.«
Unwillkürlich griff Flordelis sich an die Augen, verfluchte sie innerlich für ihren Verrat. Sie waren bedauerlicherweise das einzige an seinem Körper – neben seinem Herzen –, was er nicht zu kontrollieren verstand.
Bevor er es noch einmal abwehren konnte, sprach Platan weiter: »Wir sind beide in dieser Zeitschleife gefangen, nicht wahr? Da sollten wir ehrlich zueinander sein. Wir haben sonst niemanden hier, auf den wir uns verlassen können.«
Er legte eine Hand auf sein Herz, seine Augen leuchteten regelrecht. »Du kannst mir alles erzählen. Was auch immer es ist, ich stehe dir bei.«
Alles, was er sagte, entsprach der Wahrheit. Im Moment konnte er niemandem außer Platan vertrauen – und das sollte er nicht riskieren, nur weil er nicht über seine Gefühle sprechen wollte.
Ehe er tatsächlich begann, atmete tief durch: »Ich bin tatsächlich ein wenig eifersüchtig. Du schienst sehr viel Spaß im Gespräch mit Kukui zu haben. Meine Befürchtung ist, dass es dir bei mir nicht so gehen könnte.«
Er wollte schon ansetzen, zu erklären, warum er das dachte, doch Platan kam ihm mit einem Kopfschütteln zuvor. »Diese Befürchtung ist unnötig. Ich bin immer sehr gern bei dir. Niemand hört mir so aufmerksam zu wie du – und ich höre dir auch immer gern zu. Besonders wenn du wieder eine deiner leidenschaftlichen Reden hältst.«
Platan lachte leise. »Auch wenn ich denke, dass deine Bild über Menschen meist zu negativ ist, will ich immer wissen, was du zu sagen hast. Und ich liebe es, wenn deine Augen richtig hell werden, wie der Himmel an einem strahlenden Sonnentag, wenn dir eine meiner Geschichten richtig gut gefällt. Allein dafür könnte mir in deiner Nähe nie langweilig werden.«
Während Platan das alles sagte, wirkte er wieder so lebendig und fröhlich wie vor der Zeitschleife, der unverbesserliche Optimist, den Flordelis so oft beneidet hatte. Unter diesen Umständen war es ihm unmöglich, an der Wahrhaftigkeit dieser Worte zu zweifeln.
Flordelis atmete auf und bedankte sich bei Platan dafür. »Ich fühle mich schon ein wenig besser. Ich weiß, dass es eigentlich lächerlich ist, wir haben schließlich wichtigere Probleme, aber-«
»Ich finde nicht, dass es lächerlich ist«, erwiderte sein Freund, immer noch seltsam lebhaft. »Selbst in dieser Situation haben wir ja noch Gefühle, die lassen sich nicht einfach abschalten. Ich habe auch-«
Er verstummte so abrupt, dass Flordelis für einen Moment glaubte, er hätte etwas bemerkt, was ihm entgangen war. Aber er sagte nichts mehr, sondern wandte sogar das Gesicht ein wenig ab, als wäre er … verlegen. Ein interessanter Anblick, der ein eigentümliches Feuer in Flordelis' Brust entfachte, genährt von den zarten Zweigen eines Baumes, der kaum je Licht erhielt. Dürfte er an dieser Stelle zu hoffen wagen, dass Platan ähnlich empfand wie er?
»Was hast du?«, fragte Flordelis sanft.
In diesem Moment rückte alles andere in die Ferne, selbst der finstere Grund, aus dem sie hier zusammensaßen. Am Ende ergab vielleicht alles Sinn, am Ende war dies der Schlüssel für das Durchbrechen der Zeitschleife.
Einreden kann ich mir das ja, selbst wenn es nicht stimmen sollte.
»Ich glaube, es ist eigentlich nicht der richtige Moment, um darüber zu sprechen«, sagte Platan. »Im Grunde wollte ich es dir nie sagen, weil ich weiß, wie nah du Julie stehst. Aber nach all der Zeit, die wir in den Schleifen miteinander verbracht haben, und allem, was wir erlebten … ich denke, ich sollte nicht mehr zögern.«
Er hob den Kopf, um ihn wieder anzusehen, so entschlossen und gleichzeitig sanft, dass Flordelis' Herz in seiner brennenden Brust tanzte. Diese silbernen Augen waren ihm noch nie so verführerisch vorgekommen. Mit einer Hand strich er über Platans Wange – und das war es wohl, was dem anderen endgültig den Mut für die letzten Worte gab: »Ich liebe dich, Flordelis.«
Das war die schönste Äußerung, die Flordelis je gehört hatte, dazu war sie noch von Platan gekommen, mit der wundervollsten Stimme, die es auf der ganzen Welt geben konnte. Sein Herz stand gemeinsam mit dem Rest seiner Brust in Flammen.
»Ich liebe dich auch, Platan«, sagte Flordelis, so sanft wie es ihm möglich war. »Es tut mir leid, dass es mir erst durch diese Umstände wirklich bewusst geworden ist.«
Für einen Moment war Platans Blick ungläubig, als wüsste er nicht, ob er seinen Ohren glauben könnte. Um ihn von deren Funktionalität zu überzeugen und ihn aus der – überaus entzückenden – Verwirrung zu befreien, beugte Flordelis sich zu ihm und küsste ihn. Als hätte Platan darauf seit einer Ewigkeit gewartet, erwiderte er den Kuss sofort begierig.
Die Flammen in Flordelis' Inneren explodierte förmlich in ein farbenprächtiges Feuerwerk, so strahlend, dass es alles in ihm erhellte. Selbst die finstersten Gedanken kamen nicht dagegen an und wurden in die entferntesten Ecken zurückgedrängt. In diesem Moment wirkte alles perfekt und so wunderschön wie nichts zuvor in seinem Leben. Er hätte sogar die Zeitschleife weiter ertragen, solange Platan nur an seiner Seite war.
Als er den Kuss schließlich wieder löste, atmete Platan erst einmal durch, seine roten Wangen zeigten, wie überwältigt er war. Genau wie Flordelis sich gerade fühlte.
»Wundervoll~«, brachte Platan schließlich hervor. »Das ist genau das, was ich wollte.«
»Und was ich wollte«, sagte Flordelis lächelnd. »Ich bin so glücklich, dass du bei alledem an meiner Seite bist. Und hoffentlich auch darüber hinaus.«
»Wenn du es mir erlaubst, bleibe ich für immer bei dir.« Platan stieß ein glückliches Seufzen aus, ehe er wieder ein nachdenklich wurde. »Bedeutet das jetzt, die Zeitschleifen hatten auch etwas Gutes an sich?«
Flordelis strich ihm durch das Haar, das er schon so lange hatte berühren wollen, und das sich so seidig an seinen Fingerspitzen anfühlte. »Ist es nicht Teil deiner Lebensanschauung, dass alles etwas Gutes in sich trägt?«
»Durchaus.« Platan neigte den Kopf ein wenig. »Aber ich hätte nicht gedacht, dass diese Zeitschleifen dazugehören könnten. Immerhin bist du darin mehrmals-«
Bevor er es aussprechen konnte, legte Flordelis einen Finger auf Platans zarte Lippen und brachte ihn damit zum Verstummen. »Wir müssen jetzt gerade nicht daran denken, oder? Lass uns einfach genießen, was wir haben. Vielleicht ist das die Antwort auf alles.«
Platans Augen weiteten sich vor Aufregung. Er musste es nicht aussprechen, dass Flordelis wusste, was er dachte, und er ihm darauf antworten konnte: »Ich habe nur überlegt, dass vielleicht ein solches Erlebnis wie das Entdecken und Gestehen unserer Gefühle der Schlüssel sein könnte, das zu beenden. Da wir nicht wissen, wie es überhaupt hierzu gekommen ist, können wir auch für alles Weitere nur spekulieren.«
Platan nickte, worauf Flordelis seinen Finger wieder herunternahm. Derart befreit eröffnete sein Freund ihm direkt einen Vorschlag: »Wenn wir schon dabei sind, sollten wir vielleicht sichergehen, meinst du nicht?«
»Sichergehen?«, hakte Flordelis nach. »Was hast du im Sinn?«
Zur Antwort küsste Platan ihn diesmal und löste damit wieder dieses fantastische Feuerwerk in seinem Inneren aus. Viel zu schnell löste Platan sich wieder von ihm, dann zwinkerte er ihm zu. »Wenn wir schon nichts anderes tun können als warten, sollten wir diese Wartezeit wenigstens mit etwas Angenehmen ausfüllen. Damit zumindest eine der Zeitschleifen etwas Schönes an sich hat.«
»Das ist eine hervorragende Idee«, sagte Flordelis. »Lass uns das tun.«
Diesmal war er es wieder, der Platan küsste, gleichzeitig schloss er ihn in seine Arme, einnehmend, beschützend, wie ein kostbarer Schatz, der von einem Drachen behütet wurde.
Ein Schatz, der bei diesem Drachen bleiben wollte, der die Zuneigung nicht einfach nur erwiderte, sondern sie hundertfach zurückgab.
Für diesen Moment in der Ewigkeit existierten nur sie beide – und das vertrieb jegliche Finsternis, die an diesem Ort existierte, und verbannte jeden Schmerz.
Flordelis war sich nicht sicher, wie lange sie beide so dasaßen, eng aneinandergeschmiegt, und Zärtlichkeiten austauschten. Es kam ihm vor, als dehnte sich die Zeit in die Ewigkeit, und gleichzeitig verging sie schneller als sie dürfte.
Aber alles war perfekt – und deswegen hätte ihm klar sein müssen, dass es in dieser Zeitschleife keinen Bestand haben konnte.
Platan schmiegte sich an ihn und seufzte zufrieden. »So lasse ich mir das gefallen.«
»Ich mir auch.« Flordelis strich ihm behutsam über den Rücken. »Selbst wenn wir nie entkämen, wäre ich vollkommen zufrieden.«
»Wo wir gerade davon sprechen ...« Platan löste sich bedauerlicherweise von ihm und zog sein Handy hervor. »Kukui lässt sich ganz schön viel Zeit mit dem Antworten.«
Flordelis bereute sofort, das Thema darauf gebracht zu haben. Aber da es nun bereits geschehen war … »Wie spät ist es?«
Platan runzelte seine Stirn, während er auf sein Handy hinabsah. »Zehn Minuten vor Zwölf.«
Das ließ Flordelis auch nachdenklich werden. »Glaubst du, er kann nicht herausfinden, was es für eine Attacke ist?«
»Oder er kann uns in der Zeitschleife nicht erreichen.«
War es überhaupt noch notwendig? Vielleicht hatten sie den Fluch bereits gebrochen, der Gedanke war doch nicht abwegig, oder?
Plötzlich hob Platan den Kopf. »Ist es nicht seltsam? Dein Fahrer ist nie zurückgekommen.«
Erst als er das erwähnte, fiel Flordelis das auch auf. Sein Blick ging zum leeren Fahrersitz. »Vielleicht … unterhält er sich mit den anderen Fahrern.«
Er wusste, dass sie das manchmal tatsächlich taten, wenn sie sich langweilten, weil die Galas zu lange dauerten. Aber könnte das diesmal auch der Fall sein? In dieser Situation musste man mit allem rechnen.
Bevor Flordelis noch etwas sagen konnte, klingelte plötzlich sein Handy, um ihm eine Nachricht anzukündigen. In der Hoffnung, dass es sich dabei um seinen Fahrer handelte, holte er es sofort aus seiner Tasche, nur um dann festzustellen, dass es sich bei dem Absender um eine korrumpierte Nummer handelte. Der Inhalt zumindest ließ aber keine Zweifel offen, wer der Absender sein mochte: So wirst du dich nicht retten. Gefühlsduseleien sind hier wertlos.
Flordelis wollte Platan die Nachricht zeigen, ihn nach seiner Meinung dazu fragen, doch da fiel dessen eigenes Handy plötzlich klappernd zu Boden und verschwand irgendwo im Fußraum des Wagens.
»Ich ...«, stieß Platan aus, während er erschöpft gegen Flordelis' Brust kippte, »... fühle mich nicht so gut. Wir haben die Schleife wohl nicht durchbrochen.«
»Das denke ich auch.« Flordelis legte einen Arm um ihn, obwohl dieser sich plötzlich auch so schwer anfühlte als wäre er mit Beton gefüllt worden. »Aber das ist in Ordnung. Wir haben noch eine weitere Schleife vor uns. Gemeinsam werden wir das schaffen.«
Als Platan diesmal seufzte, hörte es sich weniger glücklich an, eher betrübt. »Ja … gemeinsam werden wir es schaffen. Nächstes Mal … ganz bestimmt …«
Einen Moment später verrieten seine gleichmäßigen Atemzüge bereits, dass er eingeschlafen war. Aber das war in Ordnung. Er sollte schlafen, die Erinnerungen an diese Schleife genießen und dann mit neuer Stärke in die nächste hineingehen.
Genau das nahm auch Flordelis sich vor, als seine Augen schließlich zufielen und er langsam in die Schwärze versank, die stets einer neuen Schleife vorausging.
Und in dieser Dunkelheit beschäftigten ihn diesmal nur zwei Fragen:
Wer war es, der hier die Fäden zog? Und wie konnte man das endgültig beenden?
7th Loop: Kämpf dagegen an
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Kaum hörte er die Stimme seines Fahrers, öffnete er sofort seine Augen. Platans Wärme, die bis zu diesem Zeitpunkt noch neben ihm existiert hatte, schwand augenblicklich. Natürlich. Sie waren in eine neue Schleife eingetreten, Platan war noch nicht hier, nur die Erinnerung an das, was zuvor geschehen war.
Seine Nähe. Die Küsse. Die Perfektion, die sie in diesem Moment miteinander verbunden hatte.
Aber dann erinnerte er sich auch wieder an alles andere, was geschehen war. Der erfolglose Versuch, Hilfe von Professor Kukui zu erhalten, die letzte Nachricht eines unbekannten Absenders … So wirst du dich nicht retten. Gefühlsduseleien sind hier wertlos.
Er war es leid, zu warten und zu hoffen. Die Defensive half offensichtlich nicht weiter. Es gab also nur noch eine Möglichkeit, die Flordelis in dieser Situation sah – und er musste sie ergreifen, bevor es zu spät war.
Ohne ein Wort an seinen Fahrer zu verlieren oder auch nur auf dessen besorgte Nachfrage zu warten, verließ Flordelis den Wagen. Mit schnellen Schritten betrat er den Magnum-Opus-Palast, suchte sich seinen Weg durch die halbdunklen Gänge, bis er bei der Treppe ankam, die nach unten führte. Trotz der schmerzhaften Erinnerung an seinen Tod an dieser Stelle, zögerte er nur wenige Sekunden, dann stieg er die Stufen hinab.
So dauerte es nicht lange, bis er schließlich wieder vor jener Tür stand, hinter der er das Vibrieren des Amethysten spüren konnte. Dieser war die Antwort auf all seine Fragen, davon war Flordelis überzeugt. Und sobald er die Antworten kannte, würde es ihm gelingen, die Zeitschleifen zu durchbrechen und in die Realität zurückzukehren. Dann könnte er seine Gefühle Platan gegenüber offen ausleben und Julie auch endlich eine richtige Entschuldigung anbieten.
Alles würde gut werden.
Aber erst musste er diese Tür öffnen, bevor Julie oder Platan ihn hier unten fanden. Er musste das allein machen, ansonsten wäre es nur ein weiterer Fehlschlag, weil jemand ihn wieder aufhalten würde, davon war er überzeugt.
Da Pyroleos Pokéball immer noch zu zittern schien, wenn er ihn nur berührte, entließ er Wie-Shu und wies ihn an, Bodycheck einzusetzen. Mit voller Wucht stieß Wie-Shu sich gegen die Tür, die sofort aufsprang, als hätte sie nur darauf gewartet, dass er es noch einmal versuchte. Als hätte sie gewusst, dass er zurückkehren würde.
Energie strömte daraus hervor, noch mächtiger als zuvor. Eine Welle ungebündelter Macht, die damit drohte, Flordelis von den Füßen zu reißen. Doch er stemmte sich dagegen, genau wie Wie-Shu, der dabei einen entschlossenen Laut von sich gab. Zu sehen, wie selbst sein Pokémon sich nicht einfach geschlagen gab, machte ihn stolz und ermutigte Flordelis, dass er den richtigen Weg wählte. Diesmal würde alles gut werden. Es musste einfach.
Schließlich ebbte die Welle ab, ohne ihn mitgerissen zu haben, und doch schwebte er nun in dieser seltsamen Energie, die zu ihm zu sprechen schien. Seltsame Lichtreflexe tauchten vor seinen Augen auf, verbunden mit weit entfernten Erinnerungen, die zu ihm gehörten und ihm gleichzeitig auch vollkommen unbekannt waren. Er blinzelte mehrmals und starrte in den Raum hinein. Im Inneren herrschte immer noch Dunkelheit, aber in ihrem Herzen sah er den fahlen, illuminierten Umriss eines Gegenstands – der Amethyst. Es gab keinen Zweifel, etwas in seinem Inneren wusste es und verlangte danach, dorthin zu gehen.
Wie-Shu stieß einen besorgten Laut aus und erinnerte Flordelis damit wieder an seine Anwesenheit. Rasch rief er das Pokémon zurück, damit es sich nicht auch noch gegen ihn wenden und dadurch schwer traumatisiert werden könnte, dann betrat er den Raum.
Diesmal war es, als schritt er durch eine Wand hindurch, aber dann war alles wieder erleuchtet, so wie beim letzten Mal. Obwohl er sich beeilen wollte, kam er nicht umhin, zu bemerken, dass die einstmals schmucklosen Wände nun bemalt waren. Dunkle Schatten, die aus dem Boden krochen, die Hände gierig nach dem Licht ausgestreckt, das ihnen versagt blieb, weil sie die ihnen vorgegebenen Grenzen nicht verlassen konnten und der Künstler grausam genug war, ihnen kein Ziel aufzumalen.
Doch was war ihr Ziel?
Bei genauerem Hinsehen strebten sie alle zu einem Zentrum – doch dort herrschte nur Leere. Die verzweifelten Hände griffen ins Nichts, als wäre ihre Erlösung einfach verschwunden und hätte nur sich selbst gerettet.
Wie gern hätte er darüber mit Platan philosophiert, der aber nicht hier war, und wieder wurde ihm bewusst, dass ihm nur begrenzte Zeit zur Verfügung stand.
Er wandte sich dem Amethysten zu. Im Licht schien er zu pulsieren, einen hoffnungsvollen Herzschlag zu imitieren, dem nicht mehr viel fehlte, um den perfekten Rhythmus zu finden.
Diese Erkenntnis erfüllte Flordelis sowohl mit Sorge als auch mit Euphorie. Sein Verstand sagte ihm, dass es gefährlich war und er dieses Herz nie vollständig werden lassen dürfte, aber sein Gefühl säuselte ihm die süßesten Worte ins Ohr, um ihn davon zu überzeugen, dass das Ergebnis jedes Opfer wert wäre.
Auch Platan und Julie. Und vor allem er selbst.
Zu seinem Glück – oder Unglück – war er ein Geschäftsmann, daher siegte vorerst sein Verstand. Er trat näher an den Amethysten, was die seltsamen Lichtreflexe – blendend helle, um sich selbst windende Schnüre – vor seinen Augen verstärkte. So sehr er auch blinzelte, sie verschwanden nicht, schienen sich stattdessen regelrecht auf seine Retina einzubrennen und dann gleichsam auf seinen Schädel einzuhämmern.
Sie hemmten seine Schritte, jede seiner Bewegungen, die ihm plötzlich unendlich schwerfiel. Aber vor allem nahmen sie ihm die Sicht auf das, was vor ihm war. Stattdessen glaubte er, Hunderte von überlagerten Bildern zu sehen, die undeutlich und verschwommen waren, ihn aber mit einem Gefühl von Verzweiflung erfüllten und den Schmerz nur noch mehr verstärkten.
Und er wusste, wenn er sich davon nicht lösen könnte, würde er diesen Abend nie beenden.
Flordelis stieß einen tiefen Seufzer aus – und als ginge eine Heilwelle durch den Raum, ließ der Schmerz ein wenig nach. Die Bilder verblassten und ließen ihn wieder alles in seiner Umgebung sehen.
Statt sich zu fragen, wie das sein konnte, ergriff er die Gelegenheit und streckte seine Hand nach dem Amethysten aus. Wenn er ihn endlich ergreifen könnte, bekäme er alle Antworten. Seine Fingerspitzen müssten ihn nur streifen und dann-
Seine wild umherwirbelnden Gedanken kamen zu einem abrupten Halt, als er eine vertraute und doch so fremde Stimme in seinem Inneren hörte: »Dein Wunsch ist auch mein Wunsch.«
Während er bereits sein Gehirn zermarterte, um das Gehörte einzuordnen, kam ein weiterer Sprecher dazu und diesen erkannte er auf Anhieb – denn es war er selbst: »Dann lass uns diese Welt zu einem besseren Ort machen.«
»Bist du sicher?«, fragte die unbekannte Stimme, schmeichelnd und doch … finster.
»Ja«, hörte er sich selbst bestätigen.
»Egal, was es kostet?«
»Vollkommen gleichgültig.«
»So sei es. Wir reinigen die Welt. Gemeinsam.«
»Nein!« Flordelis riss sich los und taumelte zurück.
Er benötigte einen Moment, um zu verstehen, dass der Schrei kein Teil dieses Dialogs gewesen war, sondern erst gerade in dieser Situation von ihm gekommen war.
»Was war das?«, murmelte er, um seine eigene Stimme außerhalb seines Kopfes zu hören und hoffentlich nicht erneut in dieses fragwürdige Gespräch einzutauchen.
Es fühlte sich vertraut an, aber er erinnerte sich nicht wirklich daran. Als wäre er nicht dabei gewesen, sondern hätte nur von jemand anderem davon erfahren.
»Oder ...«
Oder als wäre es zu lange her.
Allein der Gedanke jagte wieder einen stechenden Schmerz durch seinen Kopf. »Wie lange … wie lange bin ich wirklich schon hier?«
Er erinnerte sich daran, dass es bislang sechs Zeitschleifen gegeben hatte, er befand sich also in der siebten. Aber was, wenn es noch mehr gegeben hatte? Wenn nicht Julie der Auslöser war, sondern er selbst?
»Nein!«, rief er sich selbst zur Ordnung. »Das ist nicht möglich! Ich erinnere mich genau an den Anfang der Schleife!«
»Tust du das wirklich?«, fragte die finstere Stimme in seinem Inneren.
Etwas in Flordelis wollte dem Zweifel nachgeben und Verzweiflung in seinem Inneren Einzug halten lassen. Wenn er sich nicht einmal an den Anfang erinnerte, er aber möglicherweise verantwortlich für alles war, wie sollte er dann jemals einen Ausweg finden? Existierte überhaupt einer? Hatte er alleine Platan und Julie in diese ausweglose Situation gebracht?
»Wenn du es mir erlaubst, bleibe ich für immer bei dir.« Platans Stimme aus der letzten Zeitschleife breitete sich in seinen Gedanken aus, so sanft und wohltuend wie eine Feenbrise, die sich auf seiner Seele ablegte »Bedeutet das jetzt, die Zeitschleifen hatten auch etwas Gutes an sich?«
Flordelis griff sich an die Brust, in der sein Herz wieder schneller schlug, als er an die Küsse zurückdachte, die sie im Wagen miteinander geteilt hatten. Wäre es ohne die Zeitschleifen jemals dazu gekommen? Möglicherweise könnten sie gemeinsam immer noch einen Weg nach draußen finden, besonders wenn sie sich nicht mehr auf Julie konzentrieren müssten.
Gleichzeitig schlich sich plötzlich ihre Stimme in seine Gedanken: »Ich wünschte, ich hätte diesen Amethysten nie gefunden. Dann könnte er jetzt nicht zwischen uns stehen.«
Wann hatte sie das zu ihm gesagt? Nein, das spielte keine Rolle, er musste sich ganz auf die Worte konzentrieren, denn sie beinhalteten eine harte Wahrheit, die er nicht aus den Augen verlieren durfte: Egal, welche Rolle Flordelis in dieser Hinsicht spielte, eigentlich war der Amethyst für all das verantwortlich! Wenn er ihn zerstören könnte-
»Flordelis!«, erklang plötzlich Platans Stimme, deutlich panisch. »Pass auf!«
Obwohl er sich nicht sicher war, ob sie nicht auch seinen Gedanken entsprang, wirbelte er herum und machte gleichzeitig einen Schritt zurück. Im selben Moment spürte er einen brennenden Schmerz unter seinem linken Auge, gefolgt von einer unangenehm warmen Flüssigkeit, die sein Gesicht hinablief.
Das Messer in Julies Hand, viel zu nah bei ihm, glitzerte verheißungsvoll. Sie selbst musste mit derart viel Schwung auf ihn zugekommen sein, dass sie erst ihre Balance wiederfinden musste. Platan selbst stand gegen die Tür gelehnt und schnappte schwer nach Luft.
Natürlich, du Narr!, schalt er sich selbst in Gedanken. Wie konntest du nicht daran denken, dass die beiden dich hier suchen würden?!
Er wich noch ein wenig zurück, als Julie sich wieder aufrecht hinstellte. Ihre goldenen Augen, die so falsch waren, funkelten unangenehm und wirkten gleichzeitig so leer und emotionslos, als sei kein Leben mehr in ihr.
Aber das durfte nicht sein. Es konnte für sie noch nicht zu spät sein. Er könnte noch alles retten, wenn er nur an diesen Amethysten käme!
Doch als ob Julie seine Absichten vorhersehen könnte, schwang sie das Messer zur Seite, gerade als er hinüberhechten wollte. Leise fluchend wich Flordelis weiter zurück. Damit entfernte er sich von dem Amethysten, aber solange Julie zwischen ihm und seinem Ziel stand, würde er ihn ohnehin nicht erreichen.
Aber wie käme er gefahrlos an ihr vorbei? Jeder Gedanke von ihm genügte, dass sie direkt die Seite wechselte oder ihr Messer schwang. Ohne diese Waffe könnte er sie einfach niederringen, aber mit ihr erinnerte er sich zu gut daran, wie oft sie ihn an diesem Abend bereits getötet hatte. Er konnte dieses Risiko nicht eingehen – schon allein, weil er sich nicht sicher war, ob er noch eine Chance bekäme, vor ihr hier unten zu sein. Ein Pokémon einzusetzen kam auch nicht in Frage. Nicht nur, weil dabei entweder Julie oder das Pokémon verletzt werden könnte, sondern auch weil er sich nicht darauf verlassen konnte, dass nicht dasselbe geschah wie bei Pyroleo.
Bedrohlich kam Julie näher, was ihn schließlich bis an die Wand drängte.
»Julie!«, rief Platan von der Tür herüber. »Tu das nicht! Lass uns darüber reden!«
Normalerweise hätte Flordelis sich dieser Bitte angeschlossen, aber er sah an ihrem Blick, dass es sinnlos war. Was auch immer gerade von ihr Besitz ergriffen hatte, war nicht daran interessiert, mit irgendjemandem zu reden.
»Kümmere dich nicht um Julie!«, rief Flordelis deswegen in Platans Richtung, ohne den Blick von Julie zu nehmen. »Du musst den Amethysten vernichten, egal wie!«
Er hatte das Gefühl, Platan wolle widersprechen, aber die Dringlichkeit in seiner Stimme musste ihn überzeugt haben. Dennoch blieb er wohl noch einen Moment unschlüssig stehen, ehe sich seine Schritte entfernten; hoffentlich um etwas zu holen, womit er dieser Aufforderung nachkommen könnte.
Damit blieben Flordelis und Julie aber erst einmal allein.
Sie war einige Schritte vor ihm stehengeblieben, sah ihn nun aber lauernd an und wartete auf seine nächsten Pläne. Als interessierte es sie gar nicht, was Platan tun könnte oder wollte. War das ein Zeichen dafür, dass Platan zum Scheitern verurteilt war?
Nein, er durfte sich nicht zu viele Gedanken machen, er musste sich konzentrieren, um dieser Situation endlich zu entkommen. Und das würde nur mit einem Trick funktionieren.
Sein Blick huschte nach links, worauf auch Julie einen Schritt in diese Richtung tat – und er nutzte diese Gelegenheit, um nach rechts auszubrechen. Im gleichen Moment flammten Schmerzen in seinem Bein auf, die ihn zu Boden rissen. Er wusste sofort, dass sie ihn mit dem Messer getroffen hatte – und dass er viel zu schnell viel zu viel Blut verlor.
Er rollte sich auf den Rücken, doch bevor er sich weiterbewegen konnte, setzte Julie sich auf seine Beine, was weitere Schmerzen wie Hitzewellen durch seinen Körper rauschen ließ. Dennoch biss er die Zähne zusammen, denn er wollte der Entität, die von Julie Besitz ergriffen hatte, nicht die Genugtuung geben, ihn leiden zu sehen.
Die goldenen Augen blickten weiterhin reglos auf ihn hinab. Zumindest in diesem Moment war nichts mehr von dem Wesen übrig, das ihn in den – möglicherweise – ersten Zeitschleifen nach seinem Tod derart verspottet hatte.
Aber das änderte nichts an ihrem Drang, ihn töten zu wollen. Sie hob das Messer. Seine Hand schnellte nach oben, um sie festzuhalten. Das irritierte sie offensichtlich, weswegen sie versuchte, sich loszureißen. Er war glücklicherweise immer noch stärker als sie, so gelang ihr das also nicht.
Sie stellte das ebenfalls fest und wechselte ihre Strategie – indem sie mit ihrer freien Hand in sein Gesicht schlug. Die zuvor verursachte Wunde brannte wie tausend Feuer, verblasste aber neben dem Schmerz, der langsam sein Bein taub werden ließ.
»Hör endlich auf damit!«, knurrte Flordelis. »Das bist nicht du, Julie! Kämpf dagegen an!«
Die einzige Antwort darauf war ein Stirnrunzeln, aber an dem leeren Blick änderte sich nichts. Er müsste sich besser gegen sie zur Wehr setzen, vergessen, dass sie eigentlich Julie war, aber … je länger er in ihr Gesicht sah, das er so gut kannte, in das er schon oft aus den verschiedensten Gründen und mit den unterschiedlichsten Gefühlen gesehen hatte, desto mehr schwand sein Überlebensinstinkt. Wenn alles hier seine Schuld war, wenn sie wegen ihm leiden mussten …
Wäre es dann nicht vernünftig, sich selbst zu opfern?
»Egal, was es kostet?«, echote es in seinem Kopf.
»Vollkommen gleichgültig.«
Sein Griff um ihr Handgelenk lockerte sich. Es war vollkommen gleichgültig, wenn sein Leben der Preis war. Wenn Julie ihn so oft töten wollte, vielleicht töten musste, dann war er bereit, das hinzunehmen, um sie zu befreien.
Er ließ sie los. Triumphierend hob sie das Messer noch einmal höher – doch bevor sie es in ihn stoßen konnte, erklang ein lautes »Nein!«. Im selben Moment stürzte Platan sich Julie entgegen.
Der erneute Druck auf sein Bein ließ den Schmerz wieder explodieren und entlockte ihm diesmal wirklich ein Stöhnen. Sein Blickfeld verschwamm so sehr, dass er Julie und Platan nur als Schemen wahrnehmen konnte, die in einen erbitterten Kampf vertieft waren, in dem sie für einen kurzen Moment zu verschmelzen schienen. Dadurch bot sich ihm ein faszinierendes Schattenspiel, dessen Ausgang darüber entscheiden würde, ob er leben würde – aber gleichzeitig fühlte er sich seltsam losgelöst von der Situation. Als ob alles … einfach weit fort wäre.
Der Kampf endete mit einem heftigen Schlag, einem Schrei – und dieser holte ihn sofort in die Realität zurück. »Platan!«
Sein Freund wurde zur Seite gestoßen, fiel zu Boden, außerhalb von Flordelis' Blickfeld. Aber das frische Blut an der Klinge genügte, um ihm zu sagen, dass etwas Schlimmes geschehen war.
»Platan ...«
Die eine Person, die er nie hatte verletzt sehen wollen, die er stets hatte beschützen wollen, weswegen er ohne ihn hierher gekommen war.
Wut kochte in ihm hoch, setzte neue Energiereserven in ihm frei und verdrängte jeden Schmerz, den er fühlte. Sein Oberkörper fuhr nach oben, er griff nach Julies Händen. Sie fuhr ruckartig zurück, aber er hielt sie weiterhin fest, folgte all ihren Bewegungen, bis Julie auf dem Boden lag und er auf ihr saß. Noch gab sie den Kampf aber nicht auf.
Mit aller Macht versuchte sie, ihm das Messer in den Körper zu rammen, was nur dadurch verhindert wurde, dass er ihre Hand immer noch festhielt und sich dagegen stemmte. Ihre goldenen Augen blickten regelrecht durch ihn hindurch, als wären sie nicht im Mindesten fokussiert und als wäre ihr das Ergebnis dieser Auseinandersetzung vollkommen gleichgültig.
Aber sie war nicht Julie, sie war diese Entität, die hinter allem steckte. Er musste keine Rücksicht auf sie nehmen, er musste-
Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, verschwand das Gold aus ihren Augen und wurde wieder von dem bekannten Grün ersetzt. Im selben Moment wirkte sie verwirrt, als wüsste sie gar nicht, was los war – und dann atmete sie erschrocken ein.
Zuerst verstand Flordelis nicht, was geschehen war, aber dann fiel ihm auf, dass er bis eben noch mit ihr gekämpft hatte und nun jeglicher Widerstand von ihr fort war.
Mit einer dumpfen Vorahnung in seinem Inneren, sah er auf sie hinab. Seine verkrampften Hände hielten noch immer das Messer umklammert, das nun bis zum Heft in Julies Körper steckte. Er ließ sofort los, als hätte er sich daran verbrannt und wich zurück.
»Was habe ich getan?«, fragte er murmelnd.
Er war viel zu sehr in seinen Überlebenskampf vertieft gewesen, zu sehr in die Betrachtung ihrer Augen, um zu bemerken, dass er sie überwältigte. So wie er immer aus dem Blick verlor, dass er zu viel für andere war, zu mächtig. Nicht einmal in dieser Situation konnte er sich zurücknehmen, sich nicht einmal selbst opfern, als es angebracht gewesen wäre. Niemand wäre verletzt worden, wenn er einfach-
»Flordelis«, brachte Julie angestrengt hervor.
Ihre Stimme riss ihn aus seinen trüber werdenden Gedanken. Er begab sich neben sie, hob vorsichtig ihren Oberkörper an, wobei er darauf achtete, das Messer nicht zu sehr zu bewegen, dann hielt er sie in seinen Armen.
»Es ist in Ordnung«, sagte er dabei. »Die Zeitschleife wird sich bald wiederholen, dann wird das alles nie geschehen sein.«
»Warum …?«, fragte sie, mit schwächer werdende Stimme, etwas Blut rann ihren Mundwinkel hinab. »Warum hast du …?«
»Ich wollte das nicht tun«, erklärte er. »Du hast mich angegriffen und dann hast du Platan-«
Sie deutete ein Kopfschütteln an. »Nein, warum … hast du das … am Anfang … getan?«
Sprach sie von dem Ursprung dieser Zeitschleifen? Falls ja, dann …
»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich erinnere mich nicht ...«
»Ist es … so lange her?« Ihr Blick schien wieder ins Leere zu gehen, während der Glanz ihrer Augen langsam verblasste.
Es schmerzte in seiner Brust, die vor Schuldgefühlen überlief. Hatte Platan sich genauso gefühlt, während er Flordelis ein ums andere Mal hatte sterben sehen müssen?
Ein klagender Laut kam aus Julies Kehle und dann … erschlaffte ihr Körper in seinen Armen, drohte, ihm einfach zu entgleiten. Er hielt sie ein wenig fester, drückte sie an sich, in einem verzweifelten Versuch, sie an diese Welt, diese Zeitschleife, an ihn zu binden.
Dabei war es aussichtslos, das wusste er. Sein Verstand wusste es, aber sein Herz wollte es nicht einsehen. Noch nicht.
Und so wie das Blut sein Bein hinunterlief, wusste er, dass es auch nichts mehr zum Einsehen gab. Er würde ihr folgen, noch bevor diese Zeitschleife ihr natürliches Ende fand. Selbst der Amethyst war für den Moment fern seiner Gedanken, denn …
Was, wenn seine Zerstörung die Zeitschleife in diesem Zustand beendet?
Dieses Risiko wollte er nicht eingehen. Nicht für sich, er war bereit, sich zu opfern – aber er war nicht gewillt, Julie aufzugeben. Sie hatte dieses Schicksal nicht verdient.
Besonders weil nichts davon ihr eigener Wille gewesen war.
Mit einer Hand fuhr er ihr vorsichtig über das Haar, ihr leerer Blick starrte an die Decke. Zum ersten Mal sehnte er sich danach, dass sie ihn wütend ansah, ihre Stimme erhob und ihm mitteilte, wie wenig sie von seinen Vorschlägen hielt und dass sie seine Hilfe nicht benötigte. Er wünschte sich, dass sie die Lippen schürzte, den Kopf zur Seite drehte und lieber mit verschränkten Armen die Wand anstarrte statt ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Und er vermisste, dass sie sich irgendwann entspannte, sich ihm wieder mit niedergeschlagenen Augen zuwandte und sich bei ihm entschuldigte – nur um ihm gleich darauf eine Standpauke zu halten, dass er inzwischen wissen sollte, wie wenig sie dieses Verhalten von ihm manchmal mochte, sie ihm aber noch einmal verzeihen würde, wenn er ihr dafür ein Stück Kuchen bezahlte.
Das alles war fort. In diesem Moment, dieser Zeitschleife, war es einfach erloschen. Und er konnte nur hoffen, dass es in der nächsten wiederkehren würde.
»Es tut mir so leid«, flüsterte er. »Wenn ich das alles nur rückgängig machen könnte.«
Sie antwortete nicht darauf, nicht einmal ein Vorwurf für sein Verhalten.
Natürlich nicht.
Er war sich nicht sicher, wie lange er so dasaß und sie einfach an sich drückte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor und gleichzeitig können es doch nur ein paar Sekunden gewesen sein.
Erst ein leises Geräusch hinter ihm erinnerte ihn, dass sie nicht allein in diesem Raum waren. Gerade als er sich umdrehen wollte, traf ihn etwas an der Schläfe. Hart genug, dass eine ganze Galaxie vor seinen Augen zu explodieren schien. Der Schwung war genug, um ihn zu Boden zu reißen. Julies lebloser Körper stürzte wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren, neben ihn.
Erschrocken schnappte er nach Luft, geradezu empört darüber, dass jemand es wagen könnte, ihr das nach ihrem Tod anzutun. Er war in diesem Moment unwichtig, aber für sie galt das nicht!
Sein Blickfeld waberte ein wenig und färbte sich dunkel. Sein linkes Auge brannte.
Er öffnete den Mund, um den Täter zur Rede zu stellen, zu verlangen zu erfahren, wer Julie – wer ihnen – so etwas antat, aber kein Laut kam aus seiner Kehle. Als wären seine Stimmbänder selbst verstummt.
»Wie bedauerlich«, erklang Platans Stimme, kälter als sonst, falsch. »Ich hatte richtig Spaß mit ihr. Aber sie wurde mir ohnehin zu aufmüpfig. Mit diesem neuen Spielzeug werde ich bestimmt auch sehr viel Spaß haben.«
Mit einer geradezu übermenschlichen Anstrengung, drehte Flordelis den Kopf um wenige Zentimeter, um seinen Angreifer anzusehen. Sein Blickfeld wurde dabei immer dunkler und erlaubte ihm damit nur grob etwas aufzunehmen. Aber was besonders hervorstach an dieser hochgewachsenen, viel zu dünnen Person waren die silbernen Augen, die kalt auf ihn herabsahen – und dann plötzlich golden aufleuchteten, als er einen dunklen Gegenstand in die Luft hob und ihn dann mit aller Wucht auf Flordelis niedersausen ließ.
Und mit einem letzten, fast erleichterten Seufzen, war für Flordelis auch diese Zeitschleife vorbei.
8th Loop: Es gab keinen anderen Weg
»Wir sind da, Monsieur Flordelis.«
Die tiefe Verzweiflung entließ Flordelis nur zaghaft aus ihren Klauen. Sein Geist musste um sich treten, schlagen, schreien, aber dann gelang es ihm, seine Augen zu öffnen und sich in der Limousine umzusehen. Er war zurück, er war sicher – und hoffentlich galt das gleiche auch für Julie.
Sie durfte einfach nicht tot sein, er durfte sie nicht getötet haben. Julie musste leben, so wie er nach dem Beginn einer jeden neuen Zeitschleife.
Bei dem Gedanken an Julie, ihr leerer Blick am Ende, verschwamm seine Sicht für einen Moment. Hastig wischte er sich die Tränen aus den Augen. Die konnte er sich jetzt nicht leisten.
»Alles in Ordnung?«, fragte sein Fahrer, während er in den Rückspiegel sah.
»Ja, natürlich«, sagte Flordelis möglichst gefasst und öffnete bereits seine Tür. »Ich muss gehen.«
Damit stieg er bereits aus. Ihm blieb keine Zeit, mit seinem Fahrer – dessen Name ihm einfach nicht einfallen wollte – zu reden, obwohl er ihm in einer Zeitschleife wirklich geholfen hatte. Aber im Moment interessierte ihn lediglich, was mit Julie und Platan war.
Er schlug die Tür zu und näherte sich mit großen Schritten dem hell erleuchteten Magnum-Opus-Palast. Der Anblick erinnerte ihn nach wie vor daran, dass er diesen Ort niemals wieder aufsuchen würde, wenn das hier vorbei war – oder jedenfalls lange Zeit nicht mehr.
Als er vor dem Haupteingang stand, hielt er überrascht wieder inne. Rechts davon, genau dort, wo er vor mehreren Zeitschleifen bereits jemanden erwartet hatte, stand heute wirklich jemand.
»Julie?«, entglitt es ihm ungläubig.
Obwohl er damit gerechnet hatte, war er doch erleichtert, zu sehen, dass sie wohlauf war. Zu wissen, dass er ein Messer in ihren Körper gebohrt hatte, dass sie in seinen Armen gestorben war, fühlte sich wie eine furchtbare Bürde an. Da wollte er für den Moment einfach nur froh sein, dass sie wieder wohlauf war. Außerdem erkannte er sofort, dass sie keine Bedrohung mehr war, denn sie sah so anders aus als zuvor, nämlich so, wie er sie in Erinnerung hatte. Statt des goldenen Kleids trug sie ein schlichtes rosa Kleid, darüber ihren Laborkittel, die Schuhe mit den hohen Absätzen waren durch braune Stiefeletten ersetzt worden. Auch ihr Haarschmuck war fort. Sie war einfach wieder Julie. So einfach und bodenständig – und sichtlich verwirrt, als sie den Blick hob, um ihn anzusehen.
»Da bist du ja«, sagte sie. »Ich hatte gehofft, dass du bald wieder vorbeikommst.«
»Warum bist du hier?«, fragte er.
Sie zog ihre Brauen zusammen. »Weil du mich darum gebeten hast, hier zu warten. Du hast mir eine Nachricht geschrieben, dass du mit mir reden willst.«
Immer noch verwundert zog er sein Handy aus seiner Tasche und sah in seine gesendeten Nachrichten, ohne zu erwarten, etwas zu finden. Aber da war tatsächlich ein Text an Julie, in dem er sie genau darum bat – gesendet um halb acht. Vor der Zeitschleife.
»Ich erinnere mich nicht daran«, murmelte er. »Ich habe diese Nachricht komplett vergessen.«
Aber er erinnerte sich durchaus daran, dass es mindestens eine Schleife gegeben hatte, in der er enttäuscht gewesen war, dass niemand hier auf ihn wartete. Zwar waren da keine Details gewesen, aber zumindest das Wissen, dass jemand da sein müsste, war ihm geblieben.
Julie richtete ihre Brille, dabei gab sie einen nachdenklichen Ton von sich – und dann wie gewohnt ihre Theorie zu den Geschehnissen: »Wahrscheinlich hast du inzwischen zu viele Zeitschleifen durchlebt.«
Flordelis starrte sie verblüfft an. »Was?«
»Ich habe den Verdacht, dass sie dein Gedächtnis beeinflussen«, antwortete sie, ohne den Grund für seine Verwunderung zu verstehen. »Als würden kleine Stücke davon abfallen, jedes Mal, wenn eine neue Schleife beginnt.«
Wenn Flordelis darüber nachdachte, kam es ihm eher vor, als würde jedes Mal, wenn er starb, ein Teil von ihm verschwinden. Dieser Gedanke war ihm bereits mehrmals kurz vor seinem Tod gekommen, aber es war immer viel zu viel geschehen, um ihn weiterzuverfolgen. Auch in diesem Moment gab es etwas anderes, das wichtiger war: »Das ist eine interessante Theorie, aber mich verwundert eher, dass du von den Schleifen weißt.«
Wusste sie dann auch, dass er sie in der letzten getötet hatte? Auch wenn es keine Absicht gewesen war, so war es doch eine unverzeihliche Tat gewesen. Eine, für die er sich noch entschuldigen würde.
Sie sah ihn aufrichtig verwundert an. »Natürlich weiß ich davon. Wir haben bislang immerhin-«
Abrupt hielt sie inne, ihre Augen weiteten sich, dann gab sie ein verstehendes »Oh« von sich, gefolgt von einer Vermutung: »Du hattest in der Zwischenzeit Schleifen ohne mich, oder? Wie deprimierend. Ich hatte gehofft, ich könnte dir helfen, sie zu durchbrechen. Andererseits, wenn du jetzt wieder hier bist, sind sie ja noch nicht vorbei, also habe ich noch eine Chance. Allerdings habe ich inzwischen das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe, und-«
Er hob eine Hand, um ihren Redeschwall zu unterbrechen. Sie hielt auch sofort inne, so dass er erklären konnte: »Wenn ich richtig gezählt habe, ist das hier meine achte Zeitschleife. Aber wenn das, was du sagst, stimmt, könnten es schon wesentlich mehr sein, an die ich mich nur nicht mehr erinnere. Oder ...« Er fixierte sie mit seinem Blick. »Das hier ist nur eine Falle.«
»Warum sollte ich dir eine Falle stellen?« Sie wirkte ernsthaft verwirrt.
»Nicht du selbst«, erwiderte er. »Aber das, was von dir Besitz ergriffen hat.«
Alles an ihr wirkte wieder so normal, von ihrer Kleidung über ihr Auftreten und sogar ihre Augen, die nicht mehr golden waren. Sie war wieder die Person, die er so gut kannte und so sehr vermisst hatte. Frei von jeder Wut auf ihn. Könnte das dafür verantwortliche Wesen das wirklich derart gut vortäuschen?
Sein Blick wanderte an ihrem Körper hinunter, bis zu ihrer Hand, wo zuvor der Armreif gewesen war. Davon war nichts mehr zu sehen. Aber er war überzeugt, dass zumindest dieser Reif keine Erfindung des Verantwortlichen gewesen war. Also fragte er Julie nach dem Schmuckstück, worauf sie auch einen Blick nach unten warf. »Ich habe ihn zu Hause gelassen. Er ist so kostbar, aber gleichzeitig passt er auch nicht so recht zu mir. Außerdem wollte ich nicht, dass wir uns deswegen direkt wieder streiten. Schließlich bin ich eigentlich nur hier, weil ich gehofft hatte, dass wir uns versöhnen könnten.«
Ihr war dieser Streit also auch zuwider gewesen. Das hätte er sich denken müssen. Vielleicht hatte er das sogar und ihr deswegen diese Nachricht geschrieben.
»Haben … wir uns denn versöhnt?«, fragte er.
Sie schmunzelte amüsiert. »Aber natürlich. Du hast dich so reuevoll bei mir entschuldigt, dass ich nicht anders konnte als dir zu vergeben.« Sie wandte den Blick ab und fuhr etwas leiser fort: »Außerdem habe ich mich auch entschuldigt.«
Er glaubte fast, sich vorstellen zu können, wie das geschehen war. Bedauerlicherweise schienen all seine Erinnerungen daran auf dem Grund eines tiefschwarzen Ozeans zu liegen, so dass er keinerlei Zugriff darauf hatte.
»Aber«, fuhr Julie fort, »das ist auch erst passiert, nachdem du schon einige Schleifen durchlebt hast. Ich weiß nicht genau, wie unsere ersten Treffen waren, davon hast du nichts erzählt. Aber irgendwann hast du dich so innig und aufrichtig entschuldigt und mir von den Zeitschleifen erzählt, dass ich erst komplett verwirrt war.«
Während sie das sage, war ihm tatsächlich, als gelänge es einer Erinnerung ihren Weg aus dem tiefen Ozean an die Oberfläche zu finden. Julies Stimme erklang in seinem Kopf: »Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wovon du redest. Und das macht mir Sorgen, denn bislang habe ich dich immer verstanden. Aber jetzt habe ich das Gefühl, du hast dich so weit von mir entfernt, als wärst du eine ganz andere Person. Oder als wäre ich eine andere Person. Ich weiß nicht, was von beiden mir lieber wäre.«
Mit dieser Erinnerung war ein Gefühl von Traurigkeit verbunden, als wären sie wirklich weiter voneinander entfernt als je zuvor.
»Aber dann hast du mir geglaubt«, schlussfolgerte Flordelis aus ihren bisherigen Worten.
»Natürlich«, sagte sie sanft, ehe sie wieder schmunzelte. »Wenngleich auch hauptsächlich, weil du ein guter Lügner bist und dir nicht eine solch fantastische Geschichte ausdenken müsstest, um mich von irgendetwas zu überzeugen.«
»Das nehme ich einfach mal als Kompliment.« Nachdenklich fuhr er sich durch den Bart. »Kannst du mir vielleicht sagen, wie die Zeitschleifen mit dir verlaufen sind?«
»Ich wünschte, sie wären alle lustig gewesen – und ein paar waren es auch –, aber die meisten waren richtig anstrengend. Und ein paar andere … waren wirklich furchteinflößend.«
Er wartete darauf, dass sie ihm weitere Einzelheiten erzählen würde, aber sie biss die Zähne zusammen und wandte den Blick ab. Mehr musste er nicht hören, um zu wissen, dass sie auch Zeugin schrecklicher Dinge geworden war, genau wie Platan.
Aus Rücksicht darauf fragte er nicht weiter, sondern begann ihr zu erzählen: »Die letzten sieben Schleifen warst du jedenfalls nicht meine Verbündete, sondern meine Feindin. Und du sahst auch ganz anders aus als jetzt. Noch dazu warst du mit Monsieur Henri verlobt.«
Sie runzelte ihre Stirn. »Monsieur Henri? Also, er ist nett, aber heiraten würde ich ihn trotzdem nicht.«
»Das ist das einzige, was dich daran irritiert?«
»Das ist das, was ich irgendwie greifen konnte.« Sie stemmte eine Hand in die Hüfte und neigte nachdenklich den Kopf. Dabei sah sie knapp an ihm vorbei, während sie sich in ihren Gedanken verlor. »Ich habe also etwas getan, um dir zu schaden, verstehe ich das richtig?«
Ihm lag schon auf der Zunge, dass sie ihn mehrmals umgebracht hatte, aber er schluckte die Worte herunter; sie brannten wie Lavasteine in seinem Bauch, aber sie hätten noch viel schlimmere Schäden in ihrer Seele verursacht. Das wollte er nicht verantworten, vor allem, wenn er daran zurückdachte, dass alles hier irgendwie seine Schuld war.
»Richtig«, bestätigte er daher lediglich. »Kannst du mir sagen, was das letzte ist, woran du dich erinnerst? Bevor die aktuelle Zeitschleife angefangen hat?«
Ihre Augen huschten wild umher, während sie in ihren eigenen, sichtlich schmerzlichen, Erinnerungen wühlte. »Ich glaube … ich bin gestorben.«
Ihre Stimme war so frei von jeder Emotion, dass es Flordelis' Herz erst recht anrührte. Niemand sollte so über seinen eigenen Tod sprechen – niemand sollte gar die Gelegenheit haben, über den eigenen Tod zu sprechen.
Sie griff nach ihrer Brille, als wolle sie sich am Rahmen festhalten. »Ich weiß nicht, was genau geschehen ist, daran erinnere ich mich nicht. Wir haben irgendetwas gemacht, plötzlich habe ich dich rufen gehört, dann hatte ich das Gefühl, mein Kopf explodiert.«
Ihre Hand zitterte ein wenig. »Im nächsten Moment wurde alles schwarz und dann … war ich wieder am Anfang einer Zeitschleife.«
Flordelis konnte nachfühlen, wie es ihr gerade gehen musste.
»Und du musstest das so oft erleben«, fuhr sie bedrückt fort. »Ich weiß nicht, wie du das ausgehalten hast, ohne zu zerbrechen.«
Also war er auch in den Zeitschleifen mit ihr gestorben, mehrmals. Er war erleichtert, dass er nicht fragen musste, denn das hätte ihn noch mehr Kraft gekostet.
»Es gab keinen anderen Weg«, antwortete er ihr. »Ich muss ihn immer weitergehen, denn ich kann es mir nicht erlauben, aufzugeben.«
Vor allem nicht in dieser Situation. Für die er verantwortlich war.
Das musste er sich immer wieder sagen, das wäre der letzte Antrieb, den er benötigte, um alles zu beenden. Er versteckte sich nicht vor seiner Verantwortung, er schulterte sie, schon immer.
Sie ließ ihre Hand wieder sinken. »Dann bin ich froh, dass du derjenige bist, der das alles durchmachen muss, statt ich. Nicht, dass ich wollen würde, dass du leidest, aber ...«
»Ich verstehe schon«, sagte er, als sie offenbar unsicher war, wie sie den Satz beenden sollte.
Darauf atmete sie erleichtert auf. »Also, dann sind wir jetzt wohl wieder zusammen in dieser Sache unterwegs. Hast du denn irgendetwas herausgefunden, was helfen könnte, das hier zu beenden?«
»Ich glaube, ich habe einen Anhaltspunkt«, bestätigte er. »Im Keller des Palasts gibt es einen Raum, in dem der Amethyst liegt. Was auch immer uns hier festhält, möchte definitiv verhindern, dass ich ihn in die Hände bekomme.«
»Das ist wirklich eigenartig«, bestätigte sie, die Hand wieder an ihrer Brille. »Sollen wir versuchen, dorthin zu gehen? Oder hast du das schon und es hat nicht funktioniert?«
Er konnte ihr nicht sagen, dass seine Versuche bislang immer mit dem Tod geendet hatten, letztes Mal sogar mit dem ihren. Wenn das alles hier vorbei war, könnte er ihr noch mehr Informationen dazu geben und sich angemessen entschuldigen.
»Es kam immer etwas dazwischen«, wich er deswegen aus.
Skeptisch zog sie die Brauen zusammen, sagte aber auch nichts dazu, sie blieb offensichtlich lieber beim richtigen Thema: »Dann lass uns jetzt zusammen runtergehen. Im Moment dürfte dir nichts im Weg stehen.«
Er wollte erst ablehnen, einen weiteren Grund vorschieben, weil er befürchtete, dass wieder etwas Schlimmes geschehen würde, wenn sie zu zweit hinuntergingen. Aber wenn er sich beeilte, sich diesmal nicht ablenken ließ, dürfte es zu keinem Zwischenfall kommen. Hoffentlich.
»Gut, wenn du darauf bestehst.«
Darauf winkte er sie mit sich. Sie lächelte zufrieden und schloss sich ihm sofort an.
Gemeinsam betraten sie den Palast, der von einer seltsamen Stille erfüllt wurde. Eine von jener Sorte, die sich unangenehm auf den Gehörgang legte, als wäre man unter Wasser, und das Hirn kribbeln ließ.
Und er war nicht allein in dieser Einschätzung, denn schon nach wenigen Schritten schauderte Julie. »Irgendetwas stimmt nicht ...«
Selbst ihre Stimme schien nur mühevoll gegen die erdrückende Stille anzukommen. Flordelis' Aufmerksamkeit schoss in die Höhe, sein Blick huschte zwischen allen Schatten umher, als könne jeden Moment etwas daraus hervorschnellen und ihn umbringen. Immer wieder sah er auch kurz über seine Schulter, um sicherzustellen, dass Julie noch da war und sie nicht wieder zu seiner Feindin wurde. Doch sie sah sich nur furchtsam um, während sie ihm folgte, und achtete nicht wirklich auf ihn.
An der Treppe angekommen, waren Flordelis' Nerven zum Zerreißen gespannt. Er sah die Stufen hinab, glaubte, sich selbst dort unten liegen zu sehen, gebrochen, blutend, ein groteskes Abbild seiner selbst. Und da, für einen kurzen Moment, zuckte sein Körper.
Flordelis beugte sich ein wenig vor, um einen genaueren Blick darauf zu werfen. Sein Herzschlag pulsierte in seinen Ohren.
Er lag immer noch dort unten. Sein ganzer Körper unnatürlich verdreht, wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten worden waren, ehe sie unachtsam entsorgt wurde.
Aber das war nicht möglich. Er stand hier oben und sah hinunter, wie könnte er …?
Plötzlich zuckte der Körper – der unmöglich seiner sein konnte – unkoordiniert. Im nächsten befand er sich plötzlich auf allen Vieren, aber seine Gliedmaßen waren unangenehm verdreht, so dass er fast wie ein Ariados wirkte.
Flordelis schluckte. Sein Herz schlug so heftig in seiner Brust, dass sie schmerzte. Er wollte den Blick abwenden, aber sein Körper ließ das nicht zu, er reagierte einfach nicht auf ihn.
Das falsche Ariados wandte sich ihm dafür zu und sah ihn an, den Mund zu einem stillen Schrei geöffnet, eine blutige Tränenspur zog sich über das Gesicht. Aber die Augen waren golden.
»Nein«, hauchte Flordelis leise.
»So sei es«, echote es in seinem Kopf. »Wir reinigen die Welt. Gemeinsam.«
»Nein!«
Mit einem Ruck riss Flordelis sich von den unsichtbaren Ketten los und wich zurück. Der Fuß der Treppe geriet außerhalb seines Blickfelds. Doch für einen kurzen, furchtbaren Moment stellte er sich vor, wie dieses falsche Ariados die Treppe hinaufstürmte, um ihn in die Tiefe zu reißen.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Flordelis fuhr herum – und sah in Julies besorgtes Gesicht. Ihre Augen waren grün, alles war normal.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie. »Dir steht der Schweiß auf der Stirn.«
»Nein, ich ...« Er sah wieder zur Treppe, wo keine schaurige Gestalt heraufgeklettert war, um ihn zu holen. »Kannst du es sehen? Am Fuß der Treppe?«
Sie hob eine Augenbraue, als zweifele sie an seinem Verstand, aber dann sah sie an ihm vorbei, streckte sich sogar ein wenig, um einen besseren Blick zu haben. Sie schwieg einen Moment lang, dann: »Da ist nichts.«
Unwillkürlich griff Flordelis sich an die nasse Stirn. »Bist du sicher?«
»Vollkommen. Ich sehe nichts.« Sie stellte sich wieder aufrecht hin und sah ihn wieder an. »Was hast du gesehen?«
Er schüttelte mit dem Kopf. Er konnte ihr nicht erzählen, was er gesehen hatte, es war zu furchtbar und gleichzeitig unerklärlich. Verlor er langsam seinen Verstand? Stiegen ihm die Zeitschleifen zu Kopf? Vielleicht war der Schlaf, den er am Ende jeder Schleife fand, nicht so erholsam, wie er sein sollte.
Sie wartete einen Moment und sah ihn dabei mit diesem stechenden Blick an, der ihr zu eigen war, sobald sie einem misstraute. Manchmal genoss Flordelis ihn zu sehr und sagte deswegen absichtlich Dinge, die ihn provozierten. Aber gerade wäre es ihm lieber, wenn sie das unterließe.
Als hätte sie diesen Gedanken erahnt, sah sie auch wieder die Treppe hinab. »Ist das, was du mir zeigen willst, dort unten?«
»Im Grunde, ja.«
Doch das, was ihn zuvor so sehr gelockt und zu sich gerufen hatte, schien ihn nun abzustoßen und von sich zu weisen. Es verschloss sich vor ihm. Fürchtete es, dass Flordelis das alles endlich beendete? Oder versuchte es, ihn vor weiteren Tragödien zu bewahren? Inzwischen war er sich nicht mehr so sicher.
»Was willst du tun?«, fragte Julie.
Auch darauf wusste er keine Antwort. Aber er musste auch keine geben, denn plötzlich erklang eine Kakophonie von Schreien, die durch die Gänge hallten. Zahlreiche Menschen schrien aus voller Kehle, verzweifelt, voller Schmerz und in Todesangst.
Julie rückte näher zu ihm, bis er ihre Körperwärme spüren konnte. »Was ist das?«
Immerhin entsprang das nicht seiner Einbildung. Aber es machte ihn nur noch nervöser. »Ich glaube, es kommt aus dem Ballsaal. Wir sollten hingehen und-«
»Bist du verrückt?« Sie sah ihn fassungslos an. »Das klingt gefährlich! Auch wenn du nach jeder Schleife wieder aufwachst, warum willst du dich in Gefahr begeben?«
Wie konnte sie ihn das fragen, wenn sie genau dasselbe hörte wie er?
»Weil jemand anderes in Gefahr sein könnte«, antwortete er möglichst gefasst. »Vielleicht kann ich helfen.«
Als wolle sie ihn davon abhalten, griff sie nach seinem Arm. »Warum? Diese Menschen sind dir doch komplett egal. Du solltest lieber zusehen, dass du in Sicherheit bleibst.«
»Du hast recht.« Vorsichtig löste er sich aus ihrem Griff, sie leistete keinen Widerstand. »Diese Menschen sind mir allesamt egal. So wie ich ihnen in Wahrheit. Aber Platan ist unter ihnen.«
Auch wenn eine seiner letzten Erinnerungen an diesen ihm sagte, dass Platan möglicherweise nun von dem Urheber dieser Zeitschleife kontrolliert wurde – aber er konnte ihn nicht einfach aufgeben. Er durfte nicht für einen weiteren Tod seiner Liebsten verantwortlich sein. Es durfte nicht so sein wie bei Julie.
»Oh.« Sie senkte ihren Blick. »Platan, ja. Dann … solltest du zu ihm gehen. Ich sehe mich unten im Keller um.«
Er spürte eine seltsame Art von Frust in ihr, aber die Schreie ließen nicht nach, er durfte sich nicht noch mehr Zeit nehmen, um ihre negativen Gefühle zu ergründen. Wenn das hier vorbei war, sagte er sich, würde er das nachholen.
»Sei aber vorsichtig«, bat er sie. »Falls irgendetwas ist, lauf lieber weg. Du sollst nicht verletzt werden.«
Nicht noch einmal.
Sie nickte, noch immer ohne ihn anzusehen. »Mach dir keine Sorgen um mich. Geh endlich!«
Auch wenn er sie nur mit einem unguten Gefühl zurückließ, musste er das tun. Es war wichtig, herauszufinden, was hier vor sich ging, was mit Platan war. Aber sie zurückzulassen, würde bedeuten, möglicherweise erneut für ihren Tod verantwortlich zu sein.
Oder sie diesmal zu beschützen. Vielleicht würde ihr dort unten nichts geschehen, wenn er nicht dabei war. Ja, so könnte er beide retten.
Bevor er ging, trat er noch einen Schritt näher zu ihr und küsste ihr Haar. Sie zuckte darunter zusammen, schien vor Überraschung aber auch nichts sagen zu können. Er lächelte sie zuversichtlich an, statt das zu erklären. »Sei bitte vorsichtig.«
Damit lief er los, in Richtung des Ballsaals, mit Julies verwirrtem Blick im Rücken. Sie war bestimmt sicher – so konnte er seine Gedanken Platan zuwenden, dem es hoffentlich auch gut ging. Obwohl es immer unwahrscheinlicher wurde, je näher er dem Ursprung der Schreie kam.
Bitte, Arceus, lass ihn unverletzt sein!
Vor dem Ballsaal hielt er wieder inne. Inzwischen waren die Schreie leiser geworden, aber noch nicht gänzlich verstummt. Dafür waren leise Klagelaute und ein gefühlt vibrierendes Wimmern hinzugekommen. Was immer er dort drinnen zu sehen bekäme, würde eine weitere Wunde in seine Seele reißen und seine Brust schmerzen lassen.
Es kostete Flordelis unendlich viel Überwindung, seine Hand auf die Klinke zu legen, diese dann auch noch hinunterzudrücken und die Tür schlussendlich einen Spalt breit zu öffnen. Sein Herzschlag glich inzwischen einer Trommel in einem aufgeregten, schnellen Lied, eines von jener Sorte, die er normalerweise nicht anhören würde.
Lass dich nicht ablenken!, ermahnte er sich selbst. Es geht um Platan!
Mit diesem Gedanken öffnete er die Tür vollständig. Die Helligkeit aus dem Ballsaal überschattete für einen Moment seine Augen, abwehrend hielt er seine Hand davor. Doch noch bevor er etwas sah, stieg ihm ein unangenehm bekannter Geruch in die Nase: Blut.
Nur widerwillig ließ er die Hand wieder sinken, um einen Blick auf das zu werfen, was vor ihm lag.
Der Ballsaal, der bislang immer so voller Leben und Feierlichkeit gewesen war, den höchstens seine Todesfälle zeitweilig entweiht hatten, war kaum wiederzuerkennen. Die Tische mit dem Essen und den Getränken waren umgeworfen, die Inhalte über den Boden ergossen. Dazwischen lagen Menschen in rubinroten Lachen, verkrümmt und entstellt, in ewiger Agonie verzerrt, weil sie nicht einmal im Tod Frieden fanden. Die noch Lebenden wurden von anderen Gästen – nur noch Avatare einer wütenden Übermacht – mit teils improvisierten Waffen heimgesucht. Von irgendwo war noch ein leises Klagen zu hören, das kurz darauf mit einem gezielten Hieb zu einem gurgelnden Laut verkam. Jemand bat leise schluchzend um Gnade, doch ein erbarmungsloses Hämmern ließ ihn für immer verstummen. Madame Enora – oder etwas, das aussah wie sie – saß auf einer am Boden liegende Gestalt und stach wie in wilder Wut immer wieder mit einem Messer auf das ein, was nur noch anhand des Kleids als Madame Josette erkannt werden konnte. Monsieur Henris Leiche – oder das, was davon übrig war – lag neben dem Schaukasten, in dem normalerweise der falsche Amethyst war; nun lag er blutverschmiert neben dem Körper.
Und inmitten dieses Massakers, untermalt von den zarten Klängen einer Geige, stand Platan, mit dem Rücken zu ihm und erhobenen Armen, als hieße er all das willkommen.
Ihm war nichts geschehen, das erleichterte Flordelis. Aber gleichzeitig jagte es ihm Tausende Schauer über den Rücken, denn er wusste, was das bedeutete.
»Platan.«
Flordelis war selbst erstaunt, wie gefasst seine Stimme klang, obwohl er das nicht im Mindesten war. Nicht nach diesem Anblick.
Platan ließ die Arme sinken.
»Ah, da bist du ja endlich.« Er klang amüsiert, fast fröhlich. »Ich habe schon befürchtet, du würdest mein kleines Schauspiel hier verpassen.«
Quälend langsam wandte Platan sich ihm zu. Noch bevor Flordelis seine Augen sah, wusste er, dass nichts an dieser Person richtig war. Sein Lächeln war zu abfällig, zu kalt, eigentlich schon eher ein schräges Grinsen, mit seinem linken hochgezogenen Mundwinkel. Seine Nase war gerümpft.
Und seine sonst so lebhaften grauen Augen waren hasserfüllt und golden.
»Was hast du so ausführlich mit Julie besprochen?«, fragte dieses Wesen, das sich als Platan ausgab. »Habt ihr Pläne gegen mich geschmiedet?«
»Wer bist du?«, fragte Flordelis, statt sich auf dieses Spiel einzulassen. »Was hast du mit Platan getan?«
Gespielt empört legte das Wesen eine Hand auf seine Brust. »Du weißt immer noch nicht, wer ich bin? Man sollte meinen, dass du inzwischen genug Wiederholungen erlebt hast, um dich zu erinnern.«
Es ließ die Hand wieder sinken und grinste ihn finster an. »Oder ist dein schlechtes Gewissen derart groß, dass du dich nicht traust, diese Erinnerung zuzulassen?«
Nein, das war unmöglich. Er erinnerte sich immerhin, dass er auch hierfür verantwortlich war. Der Name des anderen Verantwortlichen sollte also nicht derart schlimm für ihn sein. Was genau blockierte ihn dann an dieser Stelle also?
Flordelis wischte diese Fragen mit einer Handbewegung fort. »Was tust du hier?!«
Es war nicht gut von ihm gewesen, nicht auf die Antwort auf seine ersten Fragen zu bestehen, das zeigte Schwäche – und das Wesen vor ihm verzog das Gesicht zu einem noch breiteren Grinsen; es witterte diese Schwäche als wäre sie ein auffallendes Parfüm.
»Sieht man das denn nicht?«, fragte das Wesen, es breitete die Arme aus. »Ich lasse all diese Menschen, diesen Abschaum, sich gegenseitig vernichten. Wie sie es sich ohnehin wünschen.«
Er reichte Flordelis die Hand. »Wie du es dir gewünscht hast.«
»Dann lass uns diese Welt zu einem besseren Ort machen.«
Flordelis schüttelte rasch seinen Kopf. Er durfte sich jetzt nicht beirren lassen. »Das hier habe ich mir nicht gewünscht!«
Die Wut in den Augen des Wesens flackerte. »Egal, was es kostet. Erinnerst du dich?«
»Das tue ich.« Flordelis blieb unbeeindruckt. Er musste Stärke demonstrieren und neue Begebenheiten schaffen. »Aber offensichtlich habe ich dein Angebot falsch verstanden. Du hättest es ausführlicher erklären müssen. Hätte ich gewusst, dass das hier deine Vorstellung einer Reinigung ist, wäre ich nie darauf eingegangen.«
»Du hättest nicht darauf eingehen dürfen, wenn du dir wegen der Konditionen unsicher bist«, konterte das Wesen nicht minder unbeeindruckt. »Außerdem habe ich es in deinem Herzen gesehen. Vertrau mir. Das hier ist dein Wunsch. Vielleicht wolltest du die Auswirkungen davon nicht mitansehen, aber das ist es, worauf alles hinausläuft.«
Nein, das wollte er nicht glauben. Das durfte er nicht glauben. Das hier war nicht sein Wunsch.
Flordelis atmete durch. Er durfte nicht emotional werden. Er musste sich zusammenreißen. Seine Gefühle ausschalten und rein geschäftsmäßig denken. »Ich finde, wir sollten die Bedingungen neu verhandeln, da wir uns jetzt beide im Klaren sind, über welche Fähigkeiten der jeweils andere verfügt.«
Das Wesen ließ die Hand sinken. »Was für ein großzügiges Angebot. Aber ich fürchte, wenn du nicht bereit bist, unseren Plan weiterzuverfolgen, muss ich die Zusammenarbeit mit dir beenden. Was bedauerlich ist, aber ich bin sicher, Platan und Julie werden es auch verstehen.«
Ein Schrei voller Agonie hallte durch den Palast. Natürlich erkannte er die Stimme sofort, obwohl er sie noch nie derart hatte schreien hören. Kälte flutete seinen gesamten Körper.
»Ah«, gab das Wesen zufrieden von sich, »du zeigst also wirklich nur bei diesen beiden Gefühle. Wie amüsant. Alles andere scheint dir vollkommen egal zu sein, inklusive des Massakers, das du hier vor dir siehst. Wie unmenschlich von dir.«
»Was hast du ihr angetan?!«, verlangte Flordelis zu wissen.
»Dasselbe, was ich dir antun werde«, sagte das Wesen mit einem süffisanten Lächeln.
Seine goldenen Augen leuchteten auf. Gleichzeitig wurden alle der wütenden Überlebenden in das gleiche Licht getaucht wie Pyroleo in einer der letzten Schleifen. Jene Attacke, die nie identifiziert worden war.
Abrupt wandten sie sich ihm allesamt zu, mit hasserfüllten, wilden Blicken, in denen keinerlei Verstand mehr zu entdecken war. Der Wille, ihn zu töten, war geradezu spürbar.
»Aber ich will kein Unmensch sein«, sagte das Wesen gönnerhaft. »Ich gebe dir gern und jederzeit die Möglichkeit, unsere Zusammenarbeit zu verlängern – in der nächsten Zeitschleife. Hoffentlich hast du dann endlich deine Lektion gelernt.«
Lektion? Wovon sprach er?
Ihm fehlte die Zeit, darüber nachzudenken, denn mit einer simplen Bewegung – und dennoch so elegant wie es nur Platans Körper möglich war – gab er den anderen Gästen den Befehl zum Angriff. Wild schreiend stürzten sie sich auf ihn.
Jene, die sich sonst so viel Mühe gaben, kultiviert zu erscheinen, sahen nun genau so aus, wie die Monster, die Flordelis immer in ihnen gesehen hatte: Blutverschmierte Kleidung, gerissener Stoff, aus dem Mund triefender Speichel und ein Blick, der jenseits des Universums geblickt hatte und gebrochen zurückgekehrt war.
Und hinter ihnen allen das Wesen, das sich Platans Körper bemächtigt hatte, und ihn mit seinen goldenen Augen regelrecht in seinen Klauen zu halten schien. Ein übermächtiger Gegner, der jeden Schritt vorherzusehen schien, auf alles eine Antwort wusste und ihn scheinbar für immer und ewig eingesperrt hatte.
Aber warum? Wer tat ihm das an? Welche Lektion sollte er hier lernen? Warum verletzte er deswegen jene, die Flordelis etwas bedeuteten? Und wie sollte er dem allem entkommen, wenn alles so ausweglos und sinnlos schien?
Ohne Platan, ohne Julie und mit nur weiteren Fragen … blieb ihm einfach keine Hoffnung. Er wollte sich nicht durch diese Menschen kämpfen, auch wenn sie ihm nichts bedeuteten, denn Platan hatte recht: Sie waren alle wie er. Und er war wie sie. Gefangen in seinen eigenen Vorstellungen und Erwartungen – und dieser Zeitschleife, die auch durch ihn erschaffen worden war.
So bewegte er sich keinen Schritt, zückte nicht einmal einen Pokéball, auch nicht, als das erste Messer in seine Brust stach, eine Flasche über seinem Kopf brach und eine Gabel den Weg in seinen Hals fand. Aber jeder Schmerz kam ihm dumpf vor, das warme, klebrige Blut, das an ihm herabströmte fast vertraut und doch bittersüß, wie ein alter Freund, mit dem man seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte, nur um nach einem Wiedersehen festzustellen, wie sehr man sich auseinandergelebt hatte.
Er stürzte zu Boden, fiel einfach in sich zusammen. Ließ die Monster mit ihren Waffen, ihren Klauen, ihren Zähnen, mit denen sie ihn regelrecht auseinanderrissen, wie eine Welle über ihn hinwegrollen. Vielleicht wäre es aber besser, alles mit einer Schlangengrube zu vergleichen. Zähne bissen in seine Haut, Hände fuhren grob über sein Gesicht, Arme schlangen sich um ihn, fremde Beine schienen plötzlich seine zu sein. Bis er sich nicht mehr sicher war, wo er, der Mensch, endete, und die Monster begannen.
Aber es gab auch keinen Unterschied zwischen ihnen. Er war die ganze Zeit einer von ihnen gewesen, ohne es zu realisieren.
»Dann lass uns diese Welt zu einem besseren Ort machen.«
»Bist du sicher?«
»Ja.«
»Egal, was es kostet?«
»Vollkommen gleichgültig.«
»So sei es. Wir reinigen die Welt. Gemeinsam.«
Welcher Mensch stimmten einem solchen Plan zu, ohne zu wissen, was er beinhaltete? Nur Monster taten so etwas. Nur Monster wie jene, die ihn auseinanderrissen, und zu denen er die ganze Zeit gehört hatte, auch als er auf sie alle hinabgeblickt hatte.
Jenseits der chaotischen Masse, von der er nun ein Teil war, entdeckte er das Wesen, das neugierig nähergekommen war. In den goldenen Augen tanzten Neugierde, Freude – aber auch in den tiefsten Tiefen etwas, das man fast als Bedauern betrachten konnte. Am liebsten hätte er das Wesen getröstet, ihm versichert, dass ihn keine Schuld traf, denn es gab nur einen, dessen Verantwortung das alles hier war, nur um im entscheidenden Moment den Vertrag zu verletzen.
Flordelis hasste solche Geschäftspartner, solche … solche …
Für ein Monster wie mich, ging es ihm durch den Kopf, braucht es kein Bedauern.
Und mit diesem Gedanken endete eine weitere Existenz und eine weitere Zeitschleife – doch diesmal traf es glücklicherweise nur ein Monster.

