Prolog
Ein kleines Dorf auf einem abgelegenen Planeten war nicht gerade seine erste Wahl gewesen.
Zu frisch waren die jüngsten Erlebnisse noch in seiner Erinnerung.
Wie schnell sich Vorurteile und Gerüchte auf kleinem Raum hochschaukeln konnten hatte sich einfach nicht geändert im Laufe der Jahrhunderte. Es war immer wieder dasselbe.
Was ihn dennoch in diese Einöde gebracht hatte, war ein Würfel, die relative humanoiden Freundlichkeit der Bewohner und der örtliche Tempel.
Nach dem ersten Entsetzen, dem langsamen Abflachen seiner Wut und dem Einsetzen der Trauer hatte er nicht gewusst, wo er hin sollte.
Ein Fremder in einer Gaststätte hatte lange auf ihn eingeredet. Es hatte ihn scheinbar nicht gestört, dass es ein sehr einseitiges Gespräch war. Auch ohne jegliche Gegenreaktion hatte er nicht aufgehört zu erzählen.
Und dann hatte der Fremde ihm einen Würfel in die Hand gedrückt. Zum Dank, hatte der Fremde gesagt, wofür auch immer er dankbar war... Mit dem Hinweis, wenn er selbst nicht wüsste, wohin er als nächstes wollte, wäre es immer das Beste einen Würfel zu fragen.
Tja, aus irgendeinem Grund, vielleicht weil er selbst nichts besseres wusste, war er diesem Ratschlag letztendlich nachgegangen.
So war er in diesem Sektor gelandet.
Der Empfang an dem großen Raumfahrtbahnhof war nur mäßig berauschend gewesen. Unangenehm genug um in ihm schnell die Sehnsucht nach einer Weiterreise zu wecken.
Diesmal unter dem Gesichtspunkt der Einstellung der Einwohner.
Er wollte in Ruhe trauern können.
Er wollte sich vorerst nicht mit Feindseligkeiten gegen ihn auseinandersetzen müssen.
Er wollte eine Weile… was auch immer.
Bei seiner Recherche fiel ihm dann zufällig ein Tempel ins Auge. Ein Tempel, der einer Naturgottheit gewidmet war. Und diese Naturgottheit war ihm erstaunlich ähnlich. Es reizte ihn sich den Tempel zumindest anzusehen.
Das war sein erster eigener Impuls seit einer ganzen Weile gewesen.
Und so war er schließlich hier gelandet.
Hier, mitten in einer neuen Geschichte, die er nicht überblicken konnte.
Emma
Kurz vor der Ablösung durch den Nachtdienst klingelte es. Das war eine ungewöhnliche Zeit. Tagsüber konnte jeder frei kommen und gehen, der Tempel stand dann allen offen. Jetzt jedoch war die Pforte für die Nacht schon geschlossen. Was hauptsächlich eine Formalität war, doch es hatte sich auch bewährt.
Emma machte sich neugierig auf den Weg zur Pforte. Es war nicht weit, tatsächlich lag die Pforte nur ein paar Schritte von der Dienststube entfernt. Sie suchte den großen Schlüssel am Schlüsselbund heraus und steckte ihn in die Tür. Es klackte als sich der Schlüssel drehte und schwerfällig den Riegel zurück schob. Die Pforte bestand aus einem dicken Türblatt, das sich nur schwerfällig öffnen ließ. Eine solche Tür war sicher sehr altmodisch, sogar antik, aber auch sehr zuverlässig. Emma musste sich mit ihrem ganzen Körper gegen die Tür stemmen um sie zu öffnen.
Die Tür öffnete sich geräuschlos. Im Stillen dachte Emma zum wiederholten Mal dankbar, dass sie zum Glück nicht zusätzlich zu ihrem Gewicht knarrte, ihre Scharniere wurden regelmäßig geölt.
Als Emma nach diesem Kraftakt hochschaute stand ein Fremder vor ihr. Trotz der einsetzenden Dunkelheit, in der er stand, wusste sie, dass er ein Fremder war. Denn jeden der wenigen Dorfbewohner hätte sie sofort erkannt und diese kannten sie.
Die Silhouette des Fremden ragte groß und dunkel über ihr auf. Obwohl er so groß war und damit bedrohlich hätte wirken können, ging von ihm eher die Ausstrahlung eines verlorenen Kindes aus, fand Emma. Eine verlorene Seele in ihrem abgelegenen, kleinen Dorf. Der Mann schwieg.
„Hallo, willkommen am Tempel des Verborgenen. Man nennt mich Schwester Emma. Womit kann ich Ihnen helfen?“, fragte Emma leicht zögerlich. Etwas an diesem Mann irritierte sie, auch wenn sie noch nicht sagen konnte, was. Vielleicht, weil er nicht wie andere Fremde war. Für gewöhnlich waren die Fremden forscher, vor allem, wenn sie erst nachts, oder zumindest nach Pfortenschluss, kamen. Meist waren sie dann in Not geraten, hatten womöglich vergeblich nach einer anderen Unterkunft gesucht oder sich verlaufen. Beides ging hier sehr leicht. Deswegen fügte sie nach einer kurzen Pause, in der der Fremde keine Anstalten zu sprechen machte, hinzu: „Sind Sie vielleicht auf der Suche nach einer Unterkunft?“
Viele, die Abends vor den Türen des Tempels landeten, hatten anscheinend nicht daran gedacht, sich im Voraus nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu erkundigen. Diese großspurigen Städter dachten offensichtlich, selbst wenn kein Bus mehr fuhr, konnten sie sich immer noch eine Kleinraumdrohne rufen. Nur das so etwas hier noch nie installiert worden war. Und sie wunderten sich, das es nicht einmal so etwas wie Dosenhotels im weiten Umkreis gab.
Nach einer gefühlten Ewigkeit nickte der Fremde zögerlich. „Dann kommen Sie doch herein“, bot Emma freundlich an, „Bei uns ist jeder willkommen. Hier im Ort sind wir die Einzigen, die Gästebetten anbieten.“ Daraufhin trat der Fremde behutsam über die Schwelle. Emma meinte einen gemurmelten Dank zu hören. Also war er nicht stumm, dachte sie. Insgeheim hatte sie kurz befürchtet, er wäre unfähig in irgendeiner Weise zu kommunizieren. Dann wäre es selbst für sie schwierig geworden.
Ihr war als träfe sie ein kleiner Schwall kalter Luft, als er an ihr vorbei ging, der sie frösteln ließ. Aber der Eindruck verschwand sofort wieder.
Emma schloss die Pforte hinter ihrem neuen Besucher wieder. Oder vielmehr ließ sie die schwere Tür einfach zufallen. Diese gab einen dumpfen Ton von sich als sie in den Türrahmen fiel und dann musste Emma nur noch den Riegel mit dem Schlüssel vorschieben. Wieder klackte es, dann zog sie den Schlüssel heraus und ließ ihn in der Masse am Schlüsselbund untergehen. Mit einem Blick auf ihre kleine Uhr wandte sie sich um.
„Es ist schon spät, Sie müssen erschöpft sein“, begann sie an ihren Besucher gerichtet. In dem Moment kam von ihm ein Knurren, das eindeutig auf einen leeren Magen hinwies. Sie musste lächeln. Daran hätte sie nicht gedacht. „Lassen Sie mich kurz etwas in der Pforte hinter Ihnen erledigen“, erklärte sie, während sie um ihn herum schritt, „Dann kümmern wir uns schnellstmöglich um Ihren Magen und ein Bett für Sie.“
In der Pforte hängte sie ihr Zeichen am Brett unter das Symbol für „Wir haben einen neuen Gast, bin gleich wieder da“ um ihre Ablösung – Aya, wenn sie sich richtig erinnerte – zu informieren und griff nach einem kleinen Schlüssel für eine Gästezelle. Nun würden alle, die in der Pforte vorbei schauten, informiert sein, auch wenn sie nicht daran zweifelte, dass es um diese Uhrzeit eigentlich nur die Nachtwache war. Dann trat sie wieder hinaus. Ihr Gast sah aus als hätte er sich nicht einen Zentimeter bewegt seit er eingetreten war.
„So, wollen doch mal sehen, ob wir noch etwas zu essen finden. Folgen Sie mir einfach“, sagte sie.
Auf dem Weg in die Küche fragte sie ihn: „Waren Sie schon einmal hier in der Gegend?“ Emma wollte gleichermaßen höfliche Konversation halten, wie die Zunge ihres Gastes vielleicht etwas lockern um zumindest irgendwann seinen Namen zu erfahren. Ihn direkt nach seinem Namen zu fragen verbot sich für sie leider. Doch er schüttelte nur den Kopf. Das würde doch schwieriger werden, dachte Emma bei sich.
Trotzdem ließ sie sich nicht beirren dem Neuankömmling einige Regeln und Daten des Tempels aufzuzählen. Das war ein offizieller Teil ihrer täglichen Arbeit, den sie schwerlich verbergen konnte. Es bereitete ihr meist viel Freude, auch wenn sie zugeben musste, dass sie in letzter Zeit weniger dazu kam. Aus irgendeinem Grund hatte das Interesse an ihrem kleinen Tempel nachgelassen.
Der Neuankömmling war scheinbar ein guter Zuhörer oder zumindest durchaus interessiert an ihren Informationen, das konnte sie erkennen. Aber trotzdem sprach er die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal mit ihr. Nicht in der Küche, wo Emma tatsächlich noch etwas Brot und Saft vom Abendessen fand. Und nicht als Emma ihm die Waschzellen zeigte für die persönlichen Bedürfnisse oder als sie sich schließlich von ihm für die Nacht vor seiner Gästezelle verabschiedete.
Emma hatte ihm angeboten ihn am nächsten Morgen in den Speisesaal zu begleiten, sollte er nicht am Sonnenaufgangsritual teilnehmen wollen. Doch mit keinem Wort oder Zeichen hatte er sie wissen lassen, ob er überhaupt wusste, wovon sie sprach oder ob er ihre Hilfe annehmen wollte.
Leicht ratlos begab sie sich noch einmal zurück zur Pforte für eine ordentliche Übergabe an die Nachtwache. Wie sie es angenommen hatte, war es heute tatsächlich Aya.
Nach der Übergabe ging sie schnell selbst schlafen. Der Morgen kam immer zu früh, zumindest in ihren Augen.
Emma
Zu Emmas Überraschung schien der späte Neuankömmling vom Vorabend sich ohne Hilfe und fast überpünktlich im Saal für das erste Ritual des Tages eingefunden zu haben. Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie ihm erzählt hatte, wo und wann das Sonnenaufgangsritual stattfand. Doch sie war etwas abgelenkt von den Vorbereitungen für die Zeremonie und den Neuigkeiten aus dem Dorf, die ihre Mitschwestern und Mitbrüder sich zuflüsterten. Anscheinend hatte es schon wieder einen Vorfall gegeben.
Eine Frau aus dem Dorf war vor etwa einer halben Stunde zum Tempel gekommen. Sie war offensichtlich aufgelöst gewesen von ihrem Erlebnis. Aber sie hatte sich bis zum Ritual halbwegs beruhigt, nach dem was Emma berichtet wurde. Sie wusste nicht, wen es diesmal getroffen hatte. Nur das es sicher ein weiterer Vorfall war, der die Behörden nicht interessieren würde.
Ein Blick auf ihre Uhr brachte sie zurück in die Gegenwart. Es war höchste Zeit zu beginnen. Sie klatschte zweimal in die Hände, bevor sie wie jeden Morgen die Einleitungsworte sprach: „Kinder, es ist Zeit zu beginnen.“
Sofort hörte das Tuscheln auf, die Letzten huschten auf ihre Plätze, ganz als wären sie hier in einer Schule und nicht im Tempel. Manchmal hatte dieser Gedanke sie schon zum Schmunzeln gebracht, jedoch nicht heute.
Emma stimmte das Summen an, aus dem der spätere Gesang erwachsen sollte. Erst leise und zaghaft, dann immer lauter stimmten die Anderen mit ein. Das war der Zeitpunkt um das erste Fenster zu öffnen. Es lag dem heutigen Sonnenaufgang am nächsten.
Nachdem Emma die Fensterläden komplett geöffnet hatte, wechselte sie vom Summen zu einem wortlosen Gesang. Sie stellte sich wie jeden Morgen einen Besucher vor, der vor dem Fenster neugierig darauf wartete hineingelassen zu werden. Die Musik lockte ihn an, die sich nacheinander öffnenden Fenster gaben immer mehr den Blick frei auf die Menschen, die sich für seinen Empfang versammelt hatten.
Dann änderte sich der Gesang der Anderen ein letztes Mal, es waren nur noch die beiden Fenster neben der Tür übrig und die Tür selbst. Als Emma zu den Worten des Empfangs ansetzte öffneten zwei ihrer Schwestern die Fenster zeitgleich. Nun schallte der Gesang laut und klar durch alle Fenster. Das Letzte, was zu tun blieb, war, pünktlich zum Sonnenaufgang, die Tür zu öffnen. Mit einem letzten „Tritt herein“ lud Emma ihren unsichtbaren Gast ein, sich zu ihnen durch die geöffnete Tür zu gesellen.
Sobald die Tür vollständig geöffnet war, ließen alle ihre Köpfe ehrfürchtig zu Boden sinken und verstummten. Nur Emma blieb an der Tür stehen und machte eine ausladende Geste, die einladend wirken sollte.
Nach einigen Atemzügen der Stille richtete sie sich auf und setzte zum Gesang der Aufgaben an. Dieser war immer etwas verzwickt, musste sie doch sich ändernde Namen und Aufgaben in die Melodie einfließen lassen. Sie erklärte dem verborgenen Gast, wer heute welche Aufgabe übernehmen würde, während sie zwischen den Reihen hindurchging und die Entsprechenden hieß aufzustehen. Als schließlich alle Mitglieder des Tempels standen platzierte Emma sich noch einmal neben der Tür.
„Nun öffnet ihm, der Verborgen ist, eure Herzen, lasst ihn teilhaben an allem was ihr tut. Geht hin und lasst auch alle anderen teilhaben an unserem Glauben. Lasst uns nun den Tag beginnen“, sagte sie und damit löste sich die Versammlung wie jeden Tag auf.
Obwohl scheinbar alle vor dem ersten Ritual des Tages immer viel mitzuteilen hatten, waren die Minuten danach wie eine kostbare beseelte Zeit der Ruhe, die sich durch den Tempel trug. Alle spürten dem Zauber hinterher, an dem sie gerade teilgenommen hatten. Brauchten einen Moment um wieder im Alltag anzukommen. Es bildeten sich jetzt keine Grüppchen, alle waren noch zu eingenommen von den Gefühl der größeren Gemeinschaft, die in ihnen nachklang. Emma konnte es, wie jeden Morgen in sich selbst spüren, auch wenn sie tief in sich wusste, das ihr Tempel vor einiger Zeit von dem Angebeteten verlassen worden war.
Von allen Türen waren gemurmelte Worte der Einladung zu hören als ihre Brüder und Schwestern sich daran machten die ihnen zugeteilten Aufgaben aufzunehmen. Auch für Emma wurde es damit Zeit das Tagewerk zu beginnen. Da war zum Einen der Besucher von gestern Abend, der immer noch hinten im Raum saß und sie offensichtlich beobachtete, und zum Anderen die Frau aus dem Dorf, die dringend Beistand gesucht hatte.
Emma entschied sich zuerst für den mysteriösen Besucher, da er schon in der Nähe war. Und hoffentlich nicht so viel ihrer Zeit und Aufmerksamkeit brauchen würde. Sie ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit einem Lächeln. Erneut wurde sie von ihm an diesem Morgen überrascht, denn er grüßte sie zurück. Mit tiefer Stimme stellte er sich leise vor: „Vielen Dank für die Mahlzeit und das Bett. So freundlich bin ich schon lange nicht mehr aufgenommen worden. Ihr müsst verzeihen, das ich deswegen etwas zögerlich war. Mein Name ist übrigens Ivo.“ Es sprudelte fast aus ihm heraus, dachte Emma.
„Sehr erfreut, Ivo“, antwortete sie, vorsichtig drehte sie den Namen in ihrem Mund und spürte dem Gefühl nach. Der Klang war irgendwie ungewohnt und doch angenehm. „Wie ich gestern schon sagte, nennt mich ruhig Schwester Emma.“ Sie wollte noch weiter sprechen, doch in diesem Moment wurde sie gerufen: „Schwester Emma!“ Leichte Panik schwang in der Stimme mit. Sie wandte sich von ihrem Gesprächspartner ab und der Stimme zu.
Es war eine der jüngeren Schwestern und tatsächlich stand leichte Panik auf ihrem Gesicht. Sie machte hektische, an Emma gerichtete Gesten ihr zu folgen. Unverzüglich setzte Emma sich, ohne sich dafür bei ihrem Gast zu entschuldigen, in Bewegung, die Jüngere wand sich sofort ab und eilte davon.
Emma holte sie vor einer Tür ein, an der sie hastig die Worte der Einladung sprach, bevor sie hindurch lief. Die Tür führte in den kleinen Empfangsraum, von dem Emma angenommen hatte, die Dörflerin würde sich darin von ihrem frühmorgendlichen Schock erholen.
Durch die geöffnete Tür konnte Emma nur einen kurzen Blick auf einen scheinbar zusammengesunkenen Körper erhaschen. Im nächsten Augenblick versperrte ihr Anis Rücken, der sie gefolgt war, wieder den Blick. Emmas nächstes Augenmerk galt Esk, die ihren Blickkontakt suchte, sobald sie durch die Tür geschritten war. Der Blick einer schlechten Nachricht. Begleitet von einem stummen Kopfschütteln. Am Rande nahm Emma das schlaffe Handgelenk in ihrer Hand wahr.
Emma wischte sich mit einer Hand über das Gesicht. „Also noch eine?“, fragte sie leise, obwohl es offensichtlich war. Die Antwort war nur ein Nicken. Mehr brauchte es nicht. Im Tempel zählten sie die Geschädigten und Toten nicht mehr aktiv, das hätte es nur noch schmerzhafter gemacht. Und Emma zeigte ihnen die Statistik nicht mehr, die sie trotzdem führen musste. Sie verdrängte die Zahl, die sich gerade wieder erhöht hatte und versuchte sich auf die Gegenwart zu konzentrieren.
„Was hat sie gesehen?“, setzte sie zögerlich an. Ani zuckte nur mit den Schultern. Esk, die andere Anwesende, legte behutsam den Arm, den sie gerade noch gehalten hatte, auf den Schoß der Dörflerin. Emma hatte sich noch nicht getraut zu schauen, von wem sie diesmal Abschied nehmen musste.
Nun antwortete Esk und sprach genauso leise wie Emma zuvor: „Es sind wohl die Tiere gewesen. Sie war eigentlich noch dabei sich fertig zu machen, bevor sie sie füttern musste, aber die Tiere waren unruhig und so ist sie früher hingegangen um nachzuschauen. So wird es wohl gewesen sein. So war es doch bis jetzt immer, wenn sie früh auf waren. Aber Enola war zu geschockt, sie hat gar nicht gesprochen.“ Esk stockte die Stimme als sie sprach, aber sie schaffte es irgendwie.
Emma strich ihr tröstend über den Arm. Jetzt war der unausweichliche Zeitpunkt für sie, sich den Tatsachen zu stellen. Enola war eine kinderlose Witwe von der anderen Seite des Dorfes. Zum Glück, schoss es Emma kurz durch den Kopf. Das war nicht fair von ihr, dass wusste sie, aber sie hatte es satt Angehörigen, Kindern, traurige Nachrichten zu überbringen oder ihnen ihr Beileid zu bekunden. Und die Nachricht, dass es wieder keine Untersuchung von irgendeiner offiziellen Stelle geben würde. Niemanden in der Verwaltungszentrale schien zu interessieren, was hier draußen vor sich ging.
Emma atmete einmal tief durch, nickte, dann richtete sie sich auf. „Wir müssen wohl schon wieder ein Begräbnis ausrichten. Ihr wisst, was zu tun ist?“, fragte sie. Die Beiden nickten. Sich abwendend teilte sie noch mit ihnen, dass sie das Dorf informieren würde.
Auf dem Flur fiel ihr Blick einen kurzen Moment lang auf den neuesten Gast des Tempels. Seine Augen blickten scheinbar ins Leere, an ihr vorbei, seine Stirn war gerunzelt. Sobald sie genauer hinsehen wollte, war der Ausdruck auch schon wieder verschwunden. Er nickte ihr kurz zu und wandte sich dann ab um im Speisesaal zu verschwinden. Emmas Magen meldete sich mit einem leisen Grummeln. Zu gerne wäre sie ihm gefolgt. Aber das konnte warten, es gab nun dringenderes für sie zu tun.
Etwas über eine halbe Stunde später war Emma froh, das sie noch nicht gefrühstückt hatte. Sie stand zusammen mit zwei jungen Männern aus dem Dorf im Stall der Toten.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war grauenerregend. Auch wenn ihr Magen leer war, versuchte er noch etwas hochzubringen. Emma hielt sich sicherheitshalber die Hand vor den Mund. Sie versuchte tief durchzuatmen und den Reflex wortwörtlich hinunter zu schlucken. Ihren Begleitern erging es offensichtlich nicht besser. Sie konnte sie würgen hören.
„Es hilft alles nichts“, brachte sie mühsam hervor, „Wir können sie nicht so hier lassen.“ Der Vorfall war noch nicht lange her. Sie wusste, es würde nicht viel bringen, wenn mehr Zeit verging. Trotzdem ging sie zurück zum Eingang und öffnete das Tor weit. Dann versuchte sie sich einen Weg zu den Fenstern auf der anderen Seite zu bahnen ohne in etwas zu treten. Oder auf etwas.
Das war kein leichtes Unterfangen und es gelang ihr nicht gänzlich. Sie war froh als sie die ersten Fenster erreicht hatte und an der Verriegelung nestelte. Auch auf den Verriegelungen war Flüssigkeit, über die sie lieber nicht nachdachte.
Es dauerte etwas bis sie die einfachen Haken aus ihren Plätzen gelöst hatte. Letztendlich war sie aber erfolgreich und stieß die Fensterläden weit auf.
Gierig atmete sie die Luft ein, die herein strömte. Es war nur eine kurze Erleichterung, dann erfasste sie wieder der Geruch des Stalles. Er trieb sie an auch die anderen Fenster zu öffnen.
Der Geruch des Todes wollte nicht aus ihrer Nase verschwinden. Der Durchzug hatte nur dafür gesorgt, dass die aufsteigende Sonne den Raum besser erhellte. Ihre anfänglichen langen Schatten hatten die Szene noch bizarrer dargestellt.
Nun stand sie so hoch, dass der Raum wieder ins Dunkel getaucht war. Er war noch immer ein Bild des Grauens, so schlimm, einer der Männer hatte kurz vorgeschlagen, einfach alles anzuzünden. Und Emma konnte es nachvollziehen, warum. Doch dann hatte sie den Kopf geschüttelt. Zu groß war die Gefahr, dass das Feuer außer Kontrolle geraten würde. Die Nachbarhäuser standen zu nah, alle hätten mit anpacken müssen um sie zu schützen. Nein, sie mussten es irgendwie so schaffen.
Neben dem Misthaufen hatte sie die jungen Männer ein großes Loch graben lassen. Während die Beiden damit beschäftigt waren, hatte Emma sich eine Mistgabel genommen und angefangen aufzuräumen.
So gut es eben ging kratzte sie die größeren Überreste zusammen. Sie stapelte sie neben der Tür zum Misthaufen. Von dort war es nachher nur ein kurzer Weg um alles in die Grube zu bringen. Sie blickte hinaus, eine kurze Pause von ihrer Arbeit machend. Die Grube war schon fast tief genug, schätzte sie. Ihr Blick wanderte über die Grube hinaus in die Ferne. Am Rande nahm sie einen Schatten war, der sich bewegte. Aber bevor sie sich darauf konzentrieren konnte, war er schon verschwunden.
Emma schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe.
Ivo
Am Morgen hatte ein seltsamer Geruch in der Luft gehangen. Ivo war davon aufgewacht. Obwohl ihn hier scheinbar alle Türen willkommen hießen, war sein Schlaf, wie üblich, nur leicht gewesen. Es war ein leichtes ihn abzuschütteln und aufzustehen.
Misstrauisch hatte Ivo sich angezogen um dem Geruch auf den Grund zu gehen. So weit er sagen konnte waberte der Geruch durch den ganzen Trakt in dem er untergebracht war. Er schien für Gäste reserviert zu sein, denn als Ivo probehalber eine andere Tür öffnete, lag dahinter ein kleiner Raum wie der in dem er geschlafen hatte.
Ivo wollte nicht alle Türen öffnen um dem Geruch näher auf den Grund zu gehen. Stattdessen versuchte er herauszufinden, wohin er noch führte.
Von dem Seitengang kam er auf den Flur an dem sich der Speisesaal befand. Er erinnerte sich noch an den abendlichen Abstecher in die Küche. Doch in dem Raum wurde der Geruch undeutlicher. Also wand er sich wieder ab.
Als er sich schließlich auf dem Gang mit dem Eingang wiederfand, war es schwierig geworden dem Geruch zu folgen. Er lag eindeutig noch in der Luft, aber hier gingen die ersten Personen in verschiedene Richtungen auf und ab. Sie zerstreuten den Geruch. Bis jemand an ihm vorbei ging, der eine neue Woge davon mit sich trug.
Neugierig war Ivo ihm gefolgt. Er landete in einem Saal, in dem scheinbar eine Zeremonie stattfand. Viele die er zuvor auf den Gängen gesehen hatte und noch einige mehr kamen hier zusammen. Sie hielten offensichtlich eine Art Versammlung ab.
Schließlich hatte die Frau vom Vorabend einen kleinen Zauber gewirkt. Er stellte erstaunt fest, wie er sich dadurch glücklich und wirklich willkommen fühlte. Das Gefühl hallte genug in ihm wider um seine Zunge zu lösen und mit der Frau zu sprechen. Allerdings schien sie abgelenkt zu sein. Ein kleiner Schatten verdunkelte ihr Gesicht.
Als sie sich abrupt von ihm abgewandt hatte, war er ihr gefolgt. Ivo hatte sich gefragt, ob ihre Sorgen etwas mit dem seltsamen Geruch zu tun hatten. Vielleicht konnte sie ihn ja auch wahrnehmen.
Das hatte seine Neugier geweckt. Doch sie schien nichts zu riechen, sonst wäre sie wohl nicht ohne zu zögern in den Raum gegangen. Aus ihm drang der Gestank so stark, das Ivo ihn endlich erkannte. Er ekelte sich so sehr, es widerstrebte ihm den Raum zu betreten, obwohl er dazu eingeladen war.
Zwischen den Tempeldienerinnen saß eine Tote, von der der Geruch ausging. Sie sah für ihn aus als wäre sie damit eingerieben worden so stark war es an ihr. Er konnte den Anblick nicht ertragen und wandte sich ab.
Durch die nächstbeste Tür war er erneut im Speisesaal gelandet. Da er nichts besseres wusste, hatte er sich unter die Anderen gemischt und ein kleines Frühstück zu sich genommen. Beim Essen versuchte er seine Gedanken zu sortieren.
Hier wurde er willkommen geheißen, mehr als er sich erhofft hatte. Mehr als er zu wünschen gewagt hatte. Doch seine morgendliche Suche nach dem Geruch hatte ihm auch keine Spur von der Person aufgezeigt, die er zu treffen gehofft hatte. Vielleicht war dieser Tempel von ihr verlassen worden. Das würde die Anwesenheit des Anderen erklären. Oder der Anderen, verbesserte er sich, SIE waren durchaus gerne im Rudel unterwegs, auch wenn der Volksglaube anderes behauptete.
Letztendlich entschied er sich erst weitere Nachforschungen anzustellen, bevor er zu einem Entschluss kam. Die Punkte für und gegen diesen Ort glichen sich noch aus. Obwohl sein Instinkt danach schrie weiterzuziehen, eine natürliche Reaktion auf ihre Anwesenheit nun da er von ihnen wusste. Aber ihn beschäftigte auch die Frage, ob die Person, die er hatte treffen wollen, von ihnen vertrieben worden war, oder ob sie gekommen waren, weil die Person nicht mehr da war. Wenn sie überhaupt jemals hier gewesen war. Manchmal bildeten sich Kulte auch scheinbar ohne Antrieb von außen oder wurden mitgebracht von anderen Orten. Der Hauch von Magie heute Morgen ging ihm dabei im Kopf herum.
Nach dem Essen trug es ihn aus dem Tempel heraus. Die Tote verströmte dort immer noch den Geruch. Er trug sich immer weiter in alle Räume hinein und machte es Ivo langsam schwer zu denken. Ivo kannte die Begräbnisriten hier nicht, doch er hoffte, sie würden sie schnell wegschaffen.
Draußen konnte er sich nicht überall umschauen. Dennoch suchte er nach Hinweisen auf Antworten. Immer wieder trieb der Wind ihm auch den Geruch in die Nase.
Letztendlich beschloss er zuerst diesen aufdringlichen Hinweisen nachzugehen, bevor er sich auf die Suche nach den anderen machte.
Das Dorf neben dem Tempel hatte er bei seiner Ankunft gestern kaum beachtet. Jetzt folgte er dem Geruch durch die schmalen Straßen.
An einer Ecke hatten sie sich gerieben, er konnte sogar Haare von ihnen sehen.
An einer anderen Stelle hatten sie die Erde aufgewühlt.
Und hier hatten sie vor einer Weile in die Blumen uriniert. Die Katzen machten seitdem einen Bogen darum.
Langsam bekam er ein Gefühl für das Dorf. Und bemerkte kleine Unterschiede zwischen den Orten, an denen sie sich gerne aufhielten, oder zumindest in letzter Zeit öfter gewesen waren, und denen an die sie ihn nicht führten.
Sie waren zu zweit oder zu dritt. Genauer konnte er es nicht eingrenzen. Ihre Haare vermischten sich oft und auch ihre Gerüche. Das machte es ihm schwerer sie zu unterscheiden.
Kurz vor Mittag führten ihre Spuren ihn an den Ort, an dem sie in der letzten Nacht getobt hatten.
Er musste nicht sehr nah heran um es zu riechen. Alle Fenster des niedrigen Gebäudes waren weit geöffnet. Sie gaben ihm den Blick frei auf etwas, dass wohl als Schlachtfeld bezeichnet werden konnte. Was auch immer dort gelebt hatte, sie hatten es grob in kleine Stücke zerrissen. Flüssigkeiten und Gewebestücke waren überall verteilt, soweit er das sagen konnte. Auf brutalste Art war der Raum von ihnen umdekoriert worden.
Vor dem Gebäude gruben zwei Männer. Er wollte ihnen nicht unangenehm auffallen, deswegen ging er weiter. Nun wusste er mehr.
Gezielt suchte er nach Anzeichen seines Gleichen dort, wo die Anderen nicht oder noch nicht oft gewesen waren. Sie hatten ihm tatsächlich auf eine Art geholfen.
Über einer Tür verblasste ein Schutzzeichen aus lange vergangenen Tagen.
Hinter einem Haus wuchs ein ganzes Feld Knoblauch. Die Bewohner sollte er also von weitem erkennen können.
Neben einem Eingang hing eine vergessene Einladung. Ob wohl jemand ihr nachgekommen war, fragte er sich nachdenklich.
Da alle anderen Hinweise noch älter waren, überlegte er der Einladung auf den Grund zu gehen.
Auf sein Klopfen öffnete eine ältere Frau.
Sie sah ihn misstrauisch an. Ihre Augen wanderten skeptisch von oben nach unten an ihm herab und dann wieder zurück nach oben. „Ihr seid nicht von hier“, stellte sie schließlich fest.
Er schüttelte den Kopf.
„Weswegen habt Ihr an meine Tür geklopft? Hier nimmt nur der Tempel Fremde auf“, sagte sie abweisend und machte eine Armbewegung in Richtung des Tempels.
„Der Tempel hat mich aufgenommen. Ich bin deswegen hier“, erwiderte er ruhig. Er deutete auf die Einladung.
Sie kniff ihre Augen fast zusammen und sah ihn noch skeptischer an, wenn das möglich war. „Wissen Sie was das ist?“, blaffte sie schließlich.
Er zuckte möglichst nichtssagend mit den Schultern. Das reichte ihr anscheinend. Sie gab die Tür frei und deutete ihm mit einem Kopfnicken an einzutreten.
„Tretet ein in Frieden“, sagte sie. Automatisch erwiderte er „Nur in Frieden“, bevor er eintrat.
Die Frau stellte sich als durchaus hilfreich heraus.
Als er ihr Haus wieder verließ, hatte er nicht nur eine ungefähre Idee, wann die Anderen gekommen waren. Er hatte auch ein besseres Bild von der Gottheit, die hier verehrt wurde. Und er hatte ein karges Mittagessen im Magen.
Er hatte ihr nichts versprochen, aber er war fest entschlossen ihr zu helfen.
Und dieses Dorf zumindest für eine Zeit zu seinem zu machen. Bis ihre Gottheit wiederkam, nicht viel länger, nahm er sich vor.
Dafür musste er das Rudel vertreiben.
Für den Moment schaffte es dieser Entschluss, die Erinnerungen aus seiner jüngsten Vergangenheit zu verdrängen. Und damit seinen eigentlichen Grund für seinen Aufenthalt im Tempel.
Emma
Als das Begräbnis vorbereitet gewesen war, war einer ihrer Mitbrüder gekommen um sie zu holen.
Ohne das sie es bemerkt hatte, war es später Nachmittag geworden. Emmas Magen knurrte laut, weil sie kaum etwas gegessen hatte seit dem Morgen. Und ihr war bewusst, dass sie ein schlechtes Vorbild abgegeben hatte, weil sie auch die Rituale versäumt hatte.
An Tagen wie diesen fragte sie sich, warum gerade sie für den höchsten Dienst ausgewählt worden war. Sie packte lieber selbst mit an und half den Leuten als diese Aufgaben zu delegieren und sich auf ihre Pflichten im Tempel zu konzentrieren. Womit sie ja nicht weniger half, wie ihr Vorgänger ihr immer wieder erklärt hatte als er sie einarbeitete. Aber es war einfach nicht ihre Art, gestand sie sich mal wieder seufzend ein.
Sie schritt angemessen schnell durch die Gänge des Tempels. Bemüht nicht hektisch zu wirken da das unangemessen gewesen wäre. Obwohl sie nun, da sie ihren leeren Magen bemerkt hatte, gerne wenigstens eine Kleinigkeit gegessen hätte, blieb ihr dazu keine Zeit. Anscheinend hatten sich schon die ersten Freunde und Bekannte von Enola versammelt um sie zu verabschieden.
So schnell es ihr möglich war legte Emma ihre Trauerroben an. Wie so oft verfing sie sich darin. Erst mit ihrem Kopf im Untergewand und dann mit ihrem Arm in den Ärmeln beim Aufsetzen der Kopfbedeckung. Sie war eindeutig ungeschickt, wenn es um diese Kleidung ging.
An Tagen wie diesen, vermisste sie Eikes Hilfe besonders, durchfuhr es sie kurz. Doch sie schob den Gedanken an Hände, die ihr geschickt halfen und dann sicher noch ein Brot gereicht hätten, schnell zur Seite. Eike hatte sie alle verlassen. Die kleine Hütte vor dem Tempel beherbergte niemanden mehr.
Emma richtete sich auf während sie ein letztes Mal über ihre Gewänder strich. Dann verließ sie gemäßigten Schrittes ihren Raum Richtung Begräbnis.
Als Emma eintraf waren tatsächlich schon mehr Dorfbewohner anwesend als sie erwartet hatte. Trotzdem ging sie von einem zum nächsten und begrüßte sie alle persönlich.
Während sie damit beschäftigt war, kamen weitere Gäste, die sie auch begrüßen musste. Zum Glück hatte sie mittlerweile Übung darin dabei den Überblick zu behalten.
Irgendwann gab ihr die Schwester an der Tür ein Zeichen, dass sie beginnen konnte. Emma ging nach vorne neben die aufgebahrte Enola. Sie sah friedlich aus wie sie dort lag. Nichts deutete daraufhin, dass sie sich wortwörtlich zu Tode geängstigt haben musste.
Emma berührte sie einmal sanft an der Schulter, bevor sie sich mit einer improvisierten Ansprache an die Versammlung wand. Sie hatte sich den Tag über durchaus Gedanken gemacht, was sie nun sagen würde, aber natürlich hatte sie sich nicht die Zeit genommen und sich hingesetzt um die Rede zu schreiben. In ihr Armbandterminal hätte sie auch sprechen können um die Gedanken festzuhalten. Doch die Dinger fielen bei ihr regelmäßig aus. Es waren nicht mehr als Schmuckstücke an ihrem Handgelenk. Deswegen hatte sie sich nie angewöhnt diese Technik zu nutzen. Oder eine ganze Reihe an anderen technischen Hilfsmitteln.
Nach der Ansprache kam eine ganze Reihe an Gebeten und Liedern, die zu jeder Verabschiedung gehörten. Die Meisten der Versammelten kannten sie wahrscheinlich auswendig, doch jeder hatte ein aufgeschlagenes Gesangbuch in seinen Händen. Ein Anblick der Emma immer wieder berührte.
Der Höhepunkt der Zeremonie näherte sich als sie zu dem bereitliegenden Pflock und Hammer griff.
Niemand hatte ihr sagen können, wann diese brutale Praxis Teil des Rituals geworden war. Nur das es dazu Aufzeichnungen gab, die bis an den Anfang der großen intergalaktischen Zeitrechnung zurückreichten. Ihre eigenen Recherchen hatten sie zu dem gleichen Ergebnis gebracht. Nur Eike hatte manchmal seltsame Theorien aufgebracht, nach denen es solche Rituale schon mindestens 2000 Jahre vorher gegeben haben könnte. Nachdem es allerdings keine Beweise mehr dafür geben konnte, hatte Emma das immer als Spinnerei abgetan.
Sie positionierte den Pflock auf der leblosen Brust, schickte in Gedanken eine kurze Bitte um genügend Kraft an die Göttin, und schlug dann mit dem Hammer kräftig zu.
Es brauchte mehrere Schläge bis der Pflock tief genug in die Brust eingedrungen war. Als Emma so weit war, bildete sich eine Schlange von Trauergästen neben ihr. Sie reichte dem Ersten den Hammer weiter und sah zu, wie einer nach dem anderen sich von der Toten verabschiedete, indem sie den Pflock noch tiefer schlugen. Damit war der Tod endgültig nach ihrem Glauben.
Alle, die sich schon verabschiedet hatten, blieben mit Emma um den Leichnam herum stehen. Sobald der Letzte dran gewesen war, fassten so viele wie möglich das Tuch unter dem kalten Körper an und trugen sie gemeinschaftlich nach draußen.
Nach dem andächtigen Teil zuvor, war dieser Teil nun sehr lebhaft. Alle versuchten zu helfen. Verschiedene Personen brüllten Befehle um die Gruppe zu lenken. Wie ein überdimensionierter Haufen Ameisen wuselten alle scheinbar planlos umeinander.
Doch am Ende schafften sie es reibungslos nach draußen und den Körper in das ausgehobene Loch zu betten. Noch einmal versuchten scheinbar alle mit anzufassen um das Loch mit Erde zu füllen.
Als das geschafft war, verstreuten sich die Leute nach und nach. Sie gingen zurück ins Dorf, wo sie sicher noch etwas beisammen sitzen würden.
Emma sank erschöpft in sich zusammen. Der Tag hatte sie viel Kraft gekostet. Morgen würden sie den Seuchenschutzauflagen nachkommen und den Körper verbrennen müssen. Doch morgen war morgen.