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Deep down

grows our greatest strength
von

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fate's path

2002 - Stockholm
 


 

„Und das soll es nun gewesen sein? Das können sie nicht zulassen! Dann gehen wir eben in Berufung!“ Er gab sich keine Mühe die Stimme zu zügeln und ruhig zu bleiben. Es war eine Farce. Seit Monaten hatten sie auf diesen Moment hingearbeitet. Immer wieder hatte sie ihm versichert, dass er sich keine Sorgen machen müsste. Sie hatten die besseren Argumente. Einem Versprechen dem er geglaubt hatte und nun einen schier unzählbaren Preis zahlen musste.
 

„Es würde nichts bringen Mr. Miller. Sie haben die Urteilsbegründung gehört.“ Durchaus, das hatte er. Und er konnte es noch immer nicht fassen. Bei allem was sie vorgelegt hatten, wie konnte da ein solches Urteil überhaupt möglich sein? Er war schon immer im Dienste des Staates gewesen. Weil er davon überzeugt gewesen war, dass er etwas bewegen konnte. Das es in dieser Welt immer einen Weg gab das Recht zu verteidigen. Sein ganzes Leben hatte er dafür gekämpft, dass so etwas in seiner Stadt keinen Platz hatte. Und nun musste er am eigenen Leib erfahren, dass ihr Rechtssystem völlig versagte.

Sollte er wirklich einfach nur daneben stehen und das so hinnehmen?
 

War es wirklich allen egal, was hier gerade geschah?
 

„Der Kerl ist ein Verbrecher. Sie wissen es! Man kann ihm keine zwei kleinen Kinder anvertrauen! Können sie sich vorstellen, was er mit ihnen machen wird?!“ Ihre Blicke trafen sich, jedoch nur für einen Moment. Während er da stand und nicht wusste, wie er seine Wut in den Griff bekommen sollte, schien sie förmlich seelenruhig hinter ihrem Schreibtisch zu sitzen.
 

Eine Antwort würde sie ihm schuldig bleiben. In diesem Moment schien es wichtiger für sie zu sein ihre Akten zu sortieren und zu verräumen. Eine Handlung die höchstens dann eine Daseinsberechtigung gehabt hätte, wenn sie an einer Zwangsstörung leiden würde. Er wusste allerdings, dass es nicht der Fall war. Viel mehr handelte es sich um einen unangenehmen Tick, der sich zeigte, wenn sie ein Gespräch beenden wollte.
 

„Ich verstehe ihre Wut, doch wir können nichts tun. Der Staat wird einen genauen Blick auf die Situation haben und die Familie durch einen Sozialarbeiter betreuen.“
 

„Anstatt solcher Vorsichtsmaßnahmen sollte man sie lieber erst gar nicht in seine Hände geben! Er ist nicht einmal der leibliche Vater!“ Es waren hübsche Worte, die man ihm auftischen wollte, doch was waren sie am Ende wert? Wie konnte er noch glauben, dass man sich angemessen um diese Kinder kümmern würde, wenn man es in erster Instanz zuließ, dass sie in die Hände eines solchen Menschen gegeben wurden? Er hasste diese Situation, diese Machtlosigkeit, die sich in ihm ausbreitete. Denn am Ende konnte er absolut nichts gegen diese Entscheidung tun. Auf dem Papier hatte er nichts mit den Kindern zu tun. Das er sie gemeinsam mit ihrer Mutter aus noch schlimmeren Verhältnissen herausgeholt hatte, sie dabei unterstützt hatte die beiden Mädchen zu adoptieren und ihnen ein neues Heim zu geben. Oder das er in den vergangenen Jahren wie ein Onkel für sie gewesen war, all das hatte in diesem Moment keinen Wert. Stattdessen entschied ein Stück Papier, ein vermeintlicher Trauschein, über das Schicksal zweier Kinder.
 

„Wenn ich sie daran erinnern darf, das sind sie auch nicht. Hören sie..“ Sie atmete tief durch und lehnte sich vor, faltete die Hände auf dem Schreibtisch. Für einen Moment wirkte es auf ihn so, als würde sie denken sie müsse einem bockigen Kind erklären, warum es heute kein Eis zum Abendessen geben würde. „Ich weiß es ist schwer, doch das ist nun einmal das Gesetzt. Sollte etwas geschehen und es den Kindern nicht gut gehen, dann wird man sich darum kümmern. Und im Sinne der Kinder sollten sie nach all den schrecklichen Ereignissen der letzten Monate endlich ein stabiles Umfeld bekommen, denken sie nicht?“ Angestrengt mahlten seine Kiefer aufeinander. Nein. Er dachte nicht, dass das der richtige Weg war. Für ihn stand fest, dass er das Schicksal dieser Kinder besiegeln würde, sobald er sie in die Hand dieses Verbrechers geben würde.
 

Man könnte der Mutter der beiden sicherlich einiges vorwerfen, doch sicherlich nicht, dass sie sich nicht um die beiden gekümmert hatte. Das wohl der Mädchen war immer das wichtigste für sie gewesen. Er hätte seine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass mit diesen Papieren etwas nicht stimmte. Das sie gefälscht waren. Doch weder konnte er es beweisen, noch verstand er die Motivation dieses Mannes hinter all dem.
 

„Sie haben jetzt Zeit sich von den beiden zu verabschieden. Er will sie gleich mitnehmen. Vielleicht ist es besser, wenn sie die Zeit nutzen.“ Wieder mahlten seine Kiefer aufeinander. Nein. Alles in ihm wollte sich weigern diesen Schritt zu gehen, diesen Verrat. Er hatte ihnen versprochen, dass alles gut werden würde. Und nun sollte er sie in die Hand dieses Monsters geben? Und gleichzeitig wusste er darum, das er nun nicht von dieser Verantwortung davonlaufen durfte. Er musste sich dem stellen.
 

Ohne noch etwas zu sagen, ohne diesen sinnlosen Kampf weiter zu kämpfen würde er ihr Büro verlassen. Nicht, ohne die Tür lautstark hinter sich zu schließen und seiner Wut wenigstens so etwas Ausdruck verleihen zu können. Es gab selten Momente in denen er gerne solchen Gefühlen nachgeben würde. Heute war sicherlich einer davon und er konnte auch nicht leugnen, dass er darüber nachgedacht hatte sich diese Kinder einfach zu schnappen und aus der Stadt zu verschwinden. Doch wohin sollte das führen? Damit würde er das Leben für diese beiden Mädchen auch nicht verändern oder besser machen. Immer wieder fragte er sich, als er nun den langen, fensterlosen Gang herunter lief, wie ihre Mutter wohl darüber denken würde. Was sie ihm sagen, was sie von ihm in dieser Situation erwarten würde. Sie wollte das beste für die beiden und das einzige, was er in diesem Moment wohl tun konnte war, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Sein Vertrauen nicht mehr in die Behörden zu setzen, nicht darauf zu vertrauen, dass diese das beste für die beiden Mädchen im Blick hatten. Er würde es nun selbst in die Hand nehmen müssen.

Schließlich kam er vor der Tür zum stehen hinter der sich die beiden befanden. Sie wurden von einer Sozialarbeiterin betreut, er konnte das helle Lachen durch die geschlossene Tür hören. Dabei schloss er für einen Moment die Augen, kämpfte gegen die Tränen, kämpfte gegen das beklemmende Gefühl in seiner Brust.
 

Es half nichts.
 

Er legte die Hand an die Türklinke und würde diese öffnen, schob die Tür langsam auf und blickte auf die beiden Mädchen, die dort auf dem Boden hockten. Papier und Buntstifte lagen dort verstreut und ausgebreitet, während sie dabei waren ein gemeinsames Bild zu malen. Auffällig war, dass der kleine Rotschopf bereits ein deutliches Talent aufwies. Zwar hatte er keine Ahnung von Kunst und diesen Dingen, doch er konnte zumindest sagen, dass sie ihrer älteren Schwester dort wohl etwas voraus hatte. Dafür lag deren Talent eher in der Küche. Sie liebte Backwaren über alles.
 

„Onkel Genzo!“ Der Ausruf riss ihn aus seinen Gedanken, er blinzelte, dann sackte er auf die Knie und breitete die Arme aus. Sofort rappelten sich die beiden auf, kamen ihm entgegen gelaufen und stürzten sich lachend in seine Arme. Dabei drückte er die beiden feste an sich, würde sie am liebsten nicht mehr loslassen.
 

„Können wir jetzt endlich wieder nach Hause?“
 

„Ja, du hast versprochen wir gehen Eis essen!“
 

Ja, das hatte er versprochen. Ein Versprechen, welches er nun nicht würde einhalten können. Langsam löste er sich und blickte in die erwartungsvollen Augen, die so unterschiedlich waren, wie die Schwestern selbst. Ein bernsteinfarbenes Paar und eines mit einem dunklen Saphirblau. Was sie allerdings gemeinsam hatten war die Freude und die Hoffnung. So lange hatte er gebraucht, um ihnen diesen Ausdruck zurück zu geben, nach dem Tod ihrer Mutter. Und nun würde er derjenige sein, der ihn wieder zerstören würde.
 

„Nein..“ Seine Stimme war belegt, er musste sich räuspern auch, wenn er ihr nicht die nötige Kraft verleihen konnte. Deutlich spürte er, wie der Klos in seinem Hals stärker wurde. „Das mit dem Eis müssen wir verschieben. Mr. Sawyer wird euch gleich mitnehmen und euch-“
 

„Nein! Warum?! Du hast gesagt wir müssen nicht dahin!“
 

Das hatte er gesagt. Er hatte es gesagt, weil er sich so verdammt sicher gewesen war, dass man die richtige Entscheidung treffen würde. Weil er geglaubt hatte, dass so etwas in ihrem Rechtssystem nicht möglich sein.
 

„Ich will da nicht hin! Du hast es versprochen!“ Tränen überschwemmten die Bernsteine, quollen aus den kleinen Augen hervor und bahnten sich den Weg über die Wangen.

Es zerriss ihm das Herz.
 

„Ich…“ Doch er sollte nicht dazu kommen die Worte zu formen, die ihm so schwer auf der Zunge lagen. Er klopfen an den Türrahmen unterbrach ihn. Dort stand ein Mann, schwarzer Anzug. Breit gebaut, das kantige Gesicht zeigte keine Regung, als er auf die beiden Kinder hinunter blickte. Das schwarze Haar war zu einem strengen, straffen Zopf zusammengefasst.
 

„Gehen wir“, drang es ausdruckslos über seine Lippen. Die Mädchen wichen zurück, wurden aber von der Sozialarbeiterin zurückgehalten und wieder in Richtung Tür geschoben.
 

„Kinder, ihr müsst euch keine Sorgen machen, ihr werdet ein gutes Zuhause bekommen.“
 

„Der Boss wartet auf euch, wir sollten uns beeilen.“ Ein anderer Mann kam dazu und schob ihn auf Seite. Das weiße, krause Haar des anderen war in fünf Zöpfen an den Kopf geflochten. Auch er war breit gebaut und kantig. Gegen ihn wirkten die Kinder wie winzige, kleine Puppen. Sie schrieen, wehrten sich, als sie beide auf den Arm genommen wurden. Die kleinen Fäuste trommelten unaufhörlich gegen den Körper, gegen die Schultern. Er schenkte dem allerdings keine Beachtung und setzte sich wieder in Bewegung, um die beiden hinaus aus dem Zimmer zu tragen. Das Schreien wurde lauter.
 

„Onkel Genzo! Wir wollen das nicht!“
 

„Onkel Genzo!“
 

Hilflos musste er da stehen, hatte keine Zeit gehabt sich zu verabschieden, sich zu erklären. Das einzige was ihm blieb war zu sehen, die die beiden Kinder über den Gang und dann zum Ausgang gebracht wurden. Das einzige was bleiben würde war der Schmerz in seiner Brust und die Schreie, die er nie wieder vergessen würde.

leverage


 

2023 - New York - Tag 1
 


 

„Er wartet. Komm endlich.“ Entnervt stand er in der Tür, hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Deutlich konnte sie seine Blicke in ihrem Nacken spüren. Seit geschlagenen zehn Minuten stand er da und hielt sie von der Arbeit ab, obgleich er wirklich wissen sollte, dass es so eher länger dauerte, anstatt das es schneller ging. Noch ein Grund, warum sie ihn ignorierte und lieber über ihren Schreibtisch gebeugt blieb, um die Banknote weiterhin unter ihrer Lupe zu betrachten, die sie langsam weiter über das Stück Papier schob und jeden einzelnen Millimeter genau in Augenschein nahm. Zwischendurch hob sie den Blick und sah herüber auf ihr Tablet, um dort dann auch ein paar Notizen zu machen. Sie würde all diese Anmerkungen weitergeben müssen und dabei ging es um nicht weniger als Perfektion. Das war es, was von ihr verlangt wurde und gleichzeitig auch ihr eigener Anspruch an sich selbst.
 

„Nami, jetzt!“
 

Sie seufzte tief in sich hinein, legte den iPen zur Seite und richtete sich auf. Ihr Rücken knackte leicht bei dem Wechsel in eine neue Haltung. Erst jetzt merkte sie, dass sie wieder einmal viel zu lange in ein und der selben Position verharrt hatte. Ihr Rücken dankte es ihr mit eindringlichen Schmerzen, die sie daran erinnerten, dass sie endlich wieder mehr Zeit für Sport finden sollte. Vielleicht würde sie es in der kommenden Woche schaffen. Das würde allerdings nur dann funktionieren, wenn er endlich zufrieden mit der Arbeit sein würde. Sie bezweifelte es.
 

„Mach dir nicht ins Hemd Ray. Du brauchst Urlaub.“ Oder eine Freundin. Wobei sie auch keiner Frau zumuten wollen würde sich mit diesem Arschloch zu befassen. Nami erlebte nicht viel von ihm und doch reichte es, um sicher zu sein, dass er keine guten Seiten an sich hatte. All die Jahre in denen sie ihn nun kannte hatte er sich nicht verändert. Das einzige, was darauf hindeutete, dass er älter geworden war, waren die grauen Strähnen, die sich langsam durch das schwarze Haar zogen und durch den streng gebundenen Zopf noch deutlicher hervortraten. Gegen seinen unfreundlichen Gesichtsausdruck half es dennoch nicht.
 

Sie war aufgestanden und griff nach ihrem Blazer, um sich diesen überzustreifen und den Raum zu verlassen. Man konnte sicherlich viel behaupten aber nicht, dass man hier wirklich seriösen Geschäften nachging und dennoch könnte jeder von ihnen diesen Eindruck vermitteln. Ein gepflegtes Auftreten war das mindeste. Niemand würde Ray ansehen, dass auf seinem Rücken ein riesiges Ornament in der Form eines Rochens prangerte, welches gleichzeitig die Ableitung seines Namens war. Sie wusste nicht wie er wirklich hieß. Das wusste niemand von dem jeweils anderen und war sicherlich auch nur eine der Vorsichtsmaßnahmen, die sie gleichzeitig aneinander banden. Denn das er eine Vorliebe für das Meer und seine Bewohner hatte war ein offenes Geheimnis und damit sicherlich die offensichtlichste Verbindung zwischen ihnen allen. Das es allerdings nicht nur ein merkwürdiger Tick war sondern weit mehr dahinter steckte, das hatte sie erst begriffen, als sie an der Reihe gewesen war, um ihr Tattoo zu erhalten und damit in die Familie aufgenommen zu werden. Doch während Ray und die anderen ihre Zeichen und die Namen mit stolz und Loyalität trugen, war es für sie nur ein Mittel zum Zweck. Ein unliebsamer Kompromiss, den sie hatte eingehen müssen, um zu überleben. Das Tattoo war dabei jedoch noch das was sie am ehesten verschmerzen konnte. Das Ablegen ihres Namens war einer Bestrafung gleich gekommen, obgleich Nami damals auch noch viel zu jung gewesen war, um zu begreifen was um sie herum geschah. Dennoch verdeckte sie gerne ihren Oberarm und den Hai, der dort von einer Welle umfangen wurde. Sie war die einzige, deren Tattoo eine direkte Verbindung zu ihm herstellte. Familie verband eben.
 

„Du solltest das ganze ernster nehmen. Er ist verdammt wütend“, murrte Ray nur neben ihr. Mochte ja sein, dass er zu viel Angst hatte, um dem ganzen mit etwas mehr Rückgrat zu begegnen, doch das war bei ihr schon immer anders gewesen. Vielleicht auch der Grund, warum sie überhaupt in diese Lage geraten war. Zwar gab es da noch andere Gründe, doch war es sicherlich mehr als das. Nami hatte schon immer Wiederworte gegeben, hatte sich nicht einschüchtern lassen. Ray nannte es dumm, doch bisher hatte es sie auch noch nicht umgebracht. Im Gegenteil. Nami. Welle. Der Name war sicher ihrer aufbrausenden Art zuzuschreiben. Wäre es anders hätte sie am Ende sicher einen beknackten Namen wie Star, als Anlehnung an einen Seestern oder Okta. Wobei letzterer schon vergeben war und zwar an den Mann, der in der unteren Etage auf sie wartete und unruhig auf und ab lief. Nami hatte ihn schon immer als den zugänglichsten von ihnen allen empfunden und nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie genau er eigentlich hier herein passte. Sie kannte all diese Menschen seit über zwanzig Jahren und seit über zwanzig Jahren legte Okta diese merkwürdige Nervosität an den Tag, als hätte er sich noch immer nicht daran gewöhnt, womit er eigentlich sein Geld verdiente.
 

„Da seid ihr ja, warum hat das so lange gedauert?“
 

„Ich musst noch etwas fertig machen. Ihr wisst genau, dass meine Arbeit nicht besser wird, wenn ihr mir auf die Nerven geht“, wandte sie nur trocken ein. Es war ein ewiges Streitthema aber inzwischen glaubte sie nicht, dass sich darin noch einmal eine Besserung einstellen würde. Es war vergeblich, diese Kerle besaßen einfach nicht den nötigen Feinsinn oder Ahnung von Kunst. Und in gewisser Weise war es das, was Nami machte. Obgleich andere es sicherlich anders nennen würden.
 

„Versuch bloß nicht deine Fehler auf uns zu schieben.“ Okta rieb sich die Hände und schüttelte den Kopf. Offensichtlich erwartete er, dass sie versuchen würde irgendetwas auf sie abzuwälzen. Ein Gedanke der durchaus nicht unberechtigt war. Nami war nicht verlegen darum die Fehler und Versäumnisse anderer aufzuzeigen. Besonders nicht, wenn es auch tatsächlich so war. Als sie noch jünger gewesen war und sich einmal unerlaubter Weise aus dem Haus geschlichen hatte, um anschließend betrunken aufgegriffen zu werden, hatte sie allerdings die Schuld auf Okta geschoben. Es war tatsächlich das einzige Mal gewesen, wo Nami es bereut hatte. Die breite Narbe auf seiner Stirn erinnerte sie immer wieder daran was sie getan hatte und, dass Okta trotz allem geschwiegen und sie nicht verraten hatte.
 

„Wovon sprichst du?“ Fragte sie trocken, als sie sich an ihm vorbei schob und den Weg fortsetzte.
 

„Du hast deinen Job nicht richtig gemacht und der Boss ist ziemlich angefressen“, war es nun Ray der sie aufklärte und dabei für einen Moment ein fast schon hämisches Grinsen zeigte. Er gehörte sicherlich zu denjenigen, die bereits seit Jahren darauf wartete, dass sie einen Fehler machte und man sie ihnen zum Fraß vorwerfen würde.
 

„Er ist immer angefressen.“ Wirklich gute Laune hatte er nur, wenn andere unter seinen Entscheidungen litten. Ansonsten wirkte es so, als würde immer eine Gewitterwolke über seinem Kopf schweben und ihn könne nichts zufriedenstellen. Entsprechend fragte Nami sich nun, was genau man ihr mit dieser Aussage eigentlich sagen wollte. Wenn er sich erhoffte, dass Nami sich ängstlich oder unsicher zeigte, dann hatte er in den vergangenen Jahren wirklich nichts gelernt. Denn während Ray sicherlich auf jeden noch so kleinen Fehltritt von ihr wartete und sich danach verzehren würde das zu erleben, tat Nami alles dafür, damit genau das nicht passierte. Sie würde sich im wahrsten Sinne lieber eine Hand abhacken, als zuzulassen, dass er diese Genugtuung bekommen würde.
 

„Das ist was anderes“; setzte Ray noch einmal nach, während sie sich nun gemeinsam auf den Weg machten. Nami führte die kleine Gruppe an und konnte in ihrem Rücken die beiden, großbewachsenen Kerle spüren. Okta’s unruhiges Atmen drang unerträglich Laut an ihre Ohren, während sie das Gefühl hatte Ray’s abfälliges Grinsen deutlich spüren zu können. Die beiden Männer könnten nicht unterschiedlicher sein und nicht zum ersten Mal fragte sich Nami wie es dazu gekommen war, dass ausgerechnet sie hier ihre gemeinsame Berufung gefunden hatten. Doch während diese Kerle nahezu alles über Nami, ihr Leben und ihre Vergangenheit zu wissen schienen, wusste sie selbst verschwindend gering. Es gab ein paar Puzzleteile, die sie hatte und auf dem Tisch herumschieben könnte und dennoch wäre sie nicht fähig damit ein ganzes Bild zu formen. Egal.
 

Ihre Gedanken verstreuten sich, als sie die laute Stimme hörte. Er schrie. „… bloß nicht ohne Ergebnisse zurück!“ Waren die ersten Worte, die sie von seinem Gebrüll verstehen konnte, als die Tür zu seinem Büro aufgestoßen wurde und ein schlaksiger, blonder Kerl heraus eilte. Die Tür schlug wieder hinter ihm zu, während Archer mit genervter Miene auf sie zugelaufen kam. Als Nami sein Tattoo das erste Mal gesehen hatte, bei dem sich die eher kleinen Fische sein Bein hinauf schlängelten, hatte sie nicht verstanden, warum er ausgerechnet diesen Fisch zugewiesen bekommen hatte. An der Größe lag es zumindest nicht, dafür aber an seinen durchaus überragenden Schussfähigkeiten. Er war Scharfschütze und konnte mit nahezu jeder Schusswaffe umgehen. Auch jetzt trug er eine an der Hüfte und zwei weitere in Holstern unter seinen Armen. Es mochte niedlich klingen, dass Schützenfische mit ihrer Spucke ihre Beute abschossen, doch an Archer war absolut gar nichts niedlich.
 

„Sieh zu, das du deine Scheiße wieder ausbügelst!“ Fuhr er Nami an, während er an der Gruppe vorbei lief. Okta atmete zittrig durch. Konnte er sich nicht einmal zusammenreißen? Er machte Nami ganz unruhig und es fiel ihr immer schwerer seine unruhige Stimmung hinter sich zu ignorieren. Und das musste sie, wenn sie nun dort hineingehen würde.
 

Kaum, dass sie die Tür erreicht hatten trat Ray an ihr vorbei und klopfte. Dabei richtete er den Blick auf sie und bemaß sie noch einmal mit einem schadenfrohen Blick. „Viel Spaß Prinzessin“, wünschte er noch, bevor sich die Tür öffnete. „Wir warten hier auf dich.“ Nami hatte keinen Zweifel daran. Selbst wenn die Befehle andere sein würden, er würde sich keinen Millimeter weg bewegen, damit auch auch ja nichts von dem verpassen würde, was nun kommen würde. Sie schaffte es gerade so nicht die Augen zu verdrehen und sich lieber auf das zu konzentrieren was vor ihr lag.
 

Sie betrat den großen Raum, der nur von dem Licht erhellt wurde, welches das riesige Aquarium ausstrahlte, das die gesamte hintere Seite des Zimmers einnahm und fast bis unter die Decke reichte. Würde man nicht wissen, dass es einen Zugang über die obere Etage gab, dann müsste man sich nun fragen, wie es möglich war, dass die Fische ihr Futter bekamen. Es war alles eine gut gemeinte Illusion. Das Becken erhellte den Raum in einem kühlen blau, während man die verschiednen Fische beobachten konnte, die darin herum schwammen und sich von einer Seite zur anderen bewegten. Ein träges, monotones Leben, welches diese Exoten dort fristen mussten. Und Exoten waren sie tatsächlich. Sie wollte gar nicht erst wissen, wie viel Geld diese Anlage verschlang. Es gab extra Personal, welches nur dafür zuständig war, dass es den Fischen gut ging und diese Exoten überlebten von denen sicher kein einziger auf legale Weise den Weg hierher gefunden hatte. Wenn man einmal ausblendete, dass es das Leben dieser wunderbaren Tiere drastisch verkürzte und Ökosysteme beschädigt wurden, dann konnte das ganze sogar recht ansehnlich und beruhigend wirken.
 

Vor dem Aquarium befand sich ein riesiger Schreibtisch, massiv, schönes Holz und lediglich ein zur Show stellen des eigenen Ego’s. Wie alles was sich in diesem Raum befand. Dahinter saß ein großer, breit gebauter Mann. Er trug ein Hemd in einem hellen Lila, Flieder vielleicht, welches sich gut von der etwas dunkleren Haut abhob. Der Hang zu Maorizeichnungen und Tattoo’s kam nicht von ungefähr musste man hier festhalten.
 

Aron Sawyer sprach nie über seine Vergangenheit, über seine Herkunft. Und niemand würde es wagen ihm eine persönliche Frage zu stellen. Die bedrohliche, lauernde Ruhe die er ausstrahlte hinderte die meisten schon daran überhaupt den Mund in seiner Gegenwart zu öffnen und einen Mucks von sich zu geben. Ansonsten würde Nami ihn als durchschnittlichen Kerl bezeichnen. Das dunkle, leicht gelockte Haar fiel ihm bis auf die Schultern, wenn er es offen trug. Seine Statur zeigte, dass er regelmäßig und hart trainierte, während sein Gesicht eher durchschnittlich war. Ein breiter Mund mit schmalen Lippen und eine Nase, die mit ihrer Größe und Länge hervortrat, die durchaus ungewöhnlich und fast schon irritierender war. Seit ihm ein Stück des linken Nasenflügels fehlte - welches er bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei zugezogen hatte - war es noch irritierender.
 

Während Nami mit ruhigen Schritten auf den Schreibtisch zulief folgen die dunklen Augen ihr ohne, dass er etwas sagte. Das tat er auch nicht, als Nami schließlich vor ihm zum stehen kam. Auf dem Tisch selbst befand sich nicht viel, er liebte seine Ordnung. Ein MacBook lag da, zugeklappt. Ein Füller in Gold gehalten, ein Hai, der in Bronze gegossen war und als Skulptur auf der linken Tischseite stand. Und dann, war da noch etwas. Nami zog die Brauen zusammen und richtete den Blick auf den Gegenstand, den er zwischen seinen Fingern drehte und dann schließlich zwischen sie beide auf den Tisch legte, damit sie einen genaueren Blick darauf riskieren konnte.
 

„Was ist das?“ Seine Stimme war ruhig und doch konnte Nami die Drohung spüren, die damit verbunden war. Sie hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und versuchte so gelassen wie nur möglich zu bleiben. Es gab schon oft Auseinandersetzungen und Streit. Momente in denen er mit ihrer Arbeit nicht zufrieden gewesen war. Es war ihr nicht fremd und doch wusste Nami instinktiv, dass das hier etwas anderes war.
 

„Eine ID Karte.“ Nami bemühte sich die Worte möglichst locker klingen zu lassen, obgleich sie wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war. Es war nicht irgendeine ID Karte. Es war eine ID, die sie vor geraumer Zeit hatte anfertigen sollen und bei der sie bereits damals ein schlechtes Gefühl gehabt hatte. Wenn Aron etwas brauchte, dann war es ihre Aufgabe es zu fälschen. Seien es Lieferscheine, Checks, Ausweise oder Geld. Egal wie schwer oder unmöglich es erscheinen mochte, sie musste es möglich machen, obgleich es durchaus technische Grenzen gab, die sie nicht überwinden konnte. Um ihr die dazu nötigen Fähigkeiten zu verschaffen hatte er ihr nicht nur ein teures Kunststudium finanziert sondern auch ein Praktikum bei einer Bundesbank arrangiert. Die Beziehung zu dem Kerl aus der Bundesdruckerei, die sie für zwei Jahre gepflegt hatte, um an wichtige Informationen zu gelangen war bisher allerdings der Gipfel des ganzen. Natürlich gab es auch andere Leute von denen man lernen konnte, andere Fälscher die ihr Wissen weitergaben, wenn man sie dazu brachte. Seit fünfzehn Jahren lernte sie ihr Handwerk auf den verschiedensten Ebenen, denn Aron war nicht dafür bekannt nur auf ein Pferd zu setzen. Und Informationen nur von einer Quelle zu erhalten war durchaus naiv. Wenn es um Ausweisdokumente oder Geld ging? Durchaus. Alles andere war aus Nami’s Sicht eher eine Spielerei.
 

Ihr Gegenüber verengte die Augen, sie konnte die aufsteigende Wut deutlich spüren. Wenn sie sich verschätzte und ihn nun dazu bringen würde auszurasten, dann würde sie dieses Gespräch nie wieder auf sicheren Boden lenken können, dessen war sie sich bewusst.
 

„Erklär mir.. warum mein Fahrer damit aufgeflogen ist und meinen Container nicht vom Hafen wegschaffen konnte.“ Nun, das war ungünstig. Nami sah ihm einen Moment in die Augen, dann griff sie nach der Karte und würde sie sich ansehen, einen Moment zwischen den Fingern drehen. Sie war nicht nachlässig und auch auf den ersten Blick gab es keinen offensichtlichen Fehler, der ihr ins Auge springen könnte. Es lag also nicht an ihrer schlampigen Arbeit.
 

„Haben sich die Sicherheitsanforderungen verändert?“ Fragte sie dann ruhig und würde die Karte wieder sinken lassen. Sie legte sie zurück auf den Schreibtisch und würde ihre Hand zurück in die Hosentasche schieben, während ihre Miene ungerührt blieb.
 

„Wenn es so wäre, warum weißt du nichts davon und gibst ein fehlerhaftes Dokument heraus?“
 

„Wenn bekannt ist, dass die Bestimmungen am Hafen sich neuerdings öfter verändern und verschärfen, warum bekomme ich dann erst einen Tag vorher bescheid, dass von dort Container geholt werden sollen und wir einen neuen Ausweis brauchen?“ Fordernd hob sie die Augenbrauen. Aron mochte es sicherlich nicht, wenn seine Mitarbeiter ihm nicht gehorchten und jemand aus der Reihe tanzte. Allerdings waren die Bedingungen für Nami schon immer andere gewesen auch, wenn sie nicht vermochte zu sagen woran genau das lag. Allerdings gab es ihr nun auch die Möglichkeit die Kritik zurück zu geben und deutlich zu machen, dass sie nicht die einzige war, die hier Mist gebaut hatte. Er wusste genau, dass er immer schnell das bekam was er verlangte, doch mit so kurzem Vorlauf war es schlichtweg unmöglich auch noch eine ausführliche Recherche über aktuelle Sicherheitsbestimmungen zu machen. Die sich normalerweise ohnehin nie drastisch veränderten. Kein Unternehmen gab alle zwei Minuten neue Ausweise heraus und sicherlich hatte Nami in diesem Fall einfach darauf spekuliert, dass es auch hier so sein würde. Das sie sich in diesem Fall verschätzt hatte war unglücklich, zumal sie sich auch denken konnte was das bedeutete.
 

„Mein Fahrer wurde festgenommen und der Container beschlagnahmt. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet?“ Durchaus. Es bedeutete, dass die Polizei Nachforschungen anstellen würde. Man würde versuchen zu erfahren wem der Container gehörte, wo der Fahrer ihn hatte hinbringen sollen. Natürlich war Aron nicht so dumm einem einfachen Fahrer irgendwelche Informationen an die Hand zu geben, die ihn verraten könnten. Und es gab auch nur Verbindungen zu einer Scheinfirma, deren Briefkasten auf irgendeiner Insel im Pazifik lag. Man konnte nichts zurückverfolgen. Dennoch würde die Sache erst einmal breit getreten werden und das bedeutete wiederum, dass die Geschäfte nicht wie gewohnt über den Hafen laufen konnten. Er hasste es, wenn sich Pläne änderten und die Dinge nicht reibungslos liefen.
 

„Die Tatsache, dass wir dieses Gespräch führen und du den Ausweis hast sagen mir, dass du und dein Mann bei der Polizei alles im Griff habt“; wandte sie trocken ein. So war es doch. Der Ausweis war sicher nicht vom Hafen zurück zu ihm geflogen. Es handelte sich dabei um Beweismaterial, welches eigentlich in einem Beweismittelbeutel sicher, in der Aservatenkammer liegen sollte. Tat es aber nicht. Jemand wie Aron hatte natürlich auch jemanden bei der Polizei und dieser jemand schien bereits schwer damit beschäftigt zu sein Spuren zu verwischen und sich darum zu kümmern, dass man das ganze nicht weiter zurückverfolgen konnte.
 

Für einen Moment blickte er sie schweigend an, dann zogen sich die Lippen zu einem breiten Grinsen auseinander und sein schallendes Lachen dröhnte durch den Raum. Es amüsierte ihn jedes Mal auf’s neue, dass sie sich nicht von seiner schlechten Laune irritieren ließ. Okta hätte sich schon längst auf den Boden geworfen und um Vergebung gebeten. Auch so jemanden brauchte man unter seinen Leuten, doch es war offensichtlich, dass es ihn zunehmend langweilte, wenn alle nur Angst vor ihm hatten.
 

„Durchaus, die Lage ist unter Kontrolle auch, wenn ich es nicht leiden kann, dass die Bullen sich nun genauer umsehen werden und wir uns in nächster Zeit von unserer besten Seite zeigen müssen.“ Nami sah dabei zu, wie er sich erhob und sich auf den Weg zu der Minibar machte. Eiswürfel fielen in das Glas, während er eine der Flaschen aus dem Regal nahm und sich etwas einschenkte.
 

„Die habe ich ganz neu rein bekommen.. kommt aus Colorado“, erzählte er dabei und beobachtete wohl andächtig, wie die Flüssigkeit sich um die Eiswürfel schmiegte. Die Flasche wurde zugedreht und zwischen die anderen gestellt. Hier befand sich nur eine kleine Auswahl der aktuellen Lieblingstropfen, wie er es selbst gerne bezeichnete. Doch entgegen vieler Erwartungen handelte es sich dabei nicht um edlen Cognac, Scotch oder andere Alkoholiker. Nein, Aron sammelte und liebte Wasser. Er hatte Faschen aus den verschiedensten Ländern. Die teuerste Flasche hatte ihn 50.000 gekostet, wobei Nami sich sicher war, dass der Preis eher an den 24 Karat Goldüberzug der Flasche lag und weniger an dem Inhalt der aus Frankreich oder den Fidschi-Inseln stammte. Doch das spielte keine Rolle. So wie andere Menschen Briefmarken sammelten, sammelte Aron Wasser, Flaschen und genoss in seiner Freizeit die schönsten Tropfen. Es gab sicherlich schrägere Macken, die ein Kerl wie er haben konnte und, wenn man bedachte das er ungerne die Kontrolle verlor, dann war es durchaus passend.
 

„Weißt du, was ich nicht leiden kann?“ Er hatte sich wieder zu ihr herumgedreht. Nami wusste, dass es keine Frage war auf die er eine Antwort erwartete, also schwieg sie einfach und sah zu, wie er sich langsam auf sie zubewegte. Dabei trank er einen Schluck des Wassers. Während sie ihm mit dem Blick folgte war sie irgendwann gezwungen den Kopf leicht in den Nacken zu legen, um noch die Möglichkeit zu haben, ihm ins Gesicht sehen zu können. Er überragte sie um einiges und sicherlich war seine Größe auch etwas, das viele bereits einschüchterte ohne das sie wissen mussten, mit wem sie es zu tun hatten.
 

Er hob die Hand, die er zur Faust geballt hatte und drückte ihr die Fingerknöchel unter ihr Kinn, schob dabei ihren Kopf grob in den Nacken. Nami hatte Mühe dagegen zu halten und nicht das Gleichgewicht zu verlieren, obgleich sich seine Knöchel schmerzlich in ihre Haut bohrten.
 

„Ich kann es nicht leiden, wenn ich hinter meinen Leuten aufräumen muss, weil sie ihre verdammte Arbeit nicht machen.“ Die Atmosphäre im Raum hatte sich deutlich verändert. Sein Blick ließ keine Wiederworte zu und so konnte sie nichts anderes tun, als ihn einfach nur anzublicken. „Dir wird so ein Fehler nie wieder passieren. Ansonsten werde ich das niedliche Café deiner Schwester einstampfen und sie zurück ins Pearl holen, haben wir uns verstanden?“
 

Es gab sicherlich wenig, mit dem man ihr wirklich drohen konnte, doch das? Ja, das traf. Viel zu hart hatte Nami dafür gearbeitet wenigstens ihre Schwester aus der Schusslinie des ganzen zu ziehen, damit sie ihren Traum leben und ihr Café eröffnen konnte. Weg von dem Dreck, weg von all dem schlechten was Aron um sich herum anhäufte und mit dem er sie alle beschmutzte. Denn eines war klar; sollte diese ganze Sache irgendwann einmal hochgehen, dann würde er sie alle mit sich reißen und Nami würde dem nicht entgehen können. Sollte er es also ernst meinen, und das tat er, dann würde er ihrer Schwester alles nehmen, mehr als ihr Café. Das Pearl war für die einen der Himmel, für die anderen die Hölle auf Erden. Je nachdem auf welcher Seite man stand und in ihrem Fall wäre es letzteres.
 

„Ich sagte; hast du verstanden?“ Er war ihr nah gekommen, hatte sich zu ihr herunter gebeugt und die Faust unter ihrem Kinn gelöst. Dafür umfasste seine große Hand nun grob seinen Kiefer und drückte dort schmerzlich zu, so dass Nami kaum fähig war den Mund für eine Antwort zu öffnen.
 

„Verstanden“; brachte sie dann doch irgendwann mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Der Schmerz war unerträglich, sein Griff fühlte sich an wie ein Schraubstock, welcher sich immer enger um ihren Kiefer schloss und dafür sorgte, dass ihr Tränen in die Augen schossen. Sie hasste ihn so sehr!
 

Aron nickte, stieß sie zurück und Nami stolperte ein paar Schritte nach hinten, konnte sich aber noch fangen, bevor sie das Gleichgewicht verlor. Mit gesenktem Blick griff sie nach ihrem Blazer, straffte diesen und richtete sich dann wieder auf. Regel Nummer eins: Zeig keine Schwäche.

„Und jetzt geh mir aus den Augen.“
 

Etwas das er ihr nicht zweimal sagen musste. Ohne ein weiteres Wort wandte sich Nami ab und würde sich auf den Weg machen, um das Zimmer zu verlassen. Noch immer konnte sie seinen Griff am Kiefer spüren. Wenn sie Pech hatte, dann würde sie die nächsten Tage damit verbringen die dunklen Male zu Überschminken, damit ihre Schwester sich keine unnötigen Sorgen machte.

Unverwandt stieß sie die Tür auf und zwang Ray damit einen Schritt zurückzutreten, um ihr auszuweichen. Sein Blick sagte ihr, dass er nicht zufrieden war und sich durchaus mehr erhofft hatte zu hören. Mehr Geschrei vielleicht oder das sie wenigstens heulend aus dem Büro kommen würde. Da weder das eine noch das andere der Fall waren konnte man ihm den Missfallen des ganzen deutlich ansehen.
 

„Was hat er gesagt?“ Okta klang unsicher, vielleicht machte er sich wirklich ernsthafte Gedanken, doch selbst wenn dem so war; Nami würde ihm keine ehrliche Antwort darauf geben.
 

„Das geht euch nichts an. Müsst ihr nicht arbeiten?!“ Fragte sie nur genervt zurück, doch jemand anderes sollte diese Frage für sie beantworten. Es war Aron, der die Stimme erhoben hatte und die beiden zu sich herein rief. Wenig freundlich und mit deutlichem Missfallen. Etwas das zumindest dafür sorgte, dass die beiden ihr nicht länger auf die Nerven gingen und sich in sein Büro hinein trollten. In so einer Phase war es besser ihn nicht warten zu lassen, zumindest wenn man seinen Ärger nicht auf sich ziehen wollte.
 

Zurück blieb Nami, die einen Moment durchatmete und sich über das Gesicht strich. Verdammte scheiße! Das traf es doch am besten. Aber sie konnte sich nicht weiter damit aufhalten. Sie musste hier raus, Abstand bekommen. Es war ein langer Tag gewesen, sie lag gut in der Zeit für die nächsten Aufträge und wenn sie nur eine Minute länger hier bleiben würde, dann würde sie durchdrehen. Sie wusste, dass der Fehler nicht bei ihr zu suchen war und Nami zweifelte nun gewiss nicht an sich oder ihrer eigenen Arbeit. Das, was sie daran so aufwühlte, war der Umstand, dass er ihre Schwester in das alles mit hineinzog. Doch das hatte er schon immer getan. Immer dann, wenn Nami nicht gehorcht hatte war es nicht sie gewesen, die den Preis dafür hatte zahlen müssen. Und doch hatte sie geglaubt, dass sie endlich über diesen Punkt hinweg waren und sie Nojiko aus seiner Schusslinie gebracht hatte. Scheinbar hatte sie sich schwer darin geirrt.
 

Ihr Weg führte sie ins untergeschoss und von dort aus weiter zur Garage. Wobei Garage es nicht ganz traf. In der Halle standen diverse Fahrzeuge, die von verschiedenen Fahrern besetzt werden konnten, wenn es sein Wunsch war. Um die Uhrzeit, und wenn keine Termine anstanden, war es hier allerdings ruhig. Zudem schien Nami Glück zu haben.
 

„Sieh an, was die Hölle da ausgespuckt hat. Was führt dich zu mir?“ Er ließ sein Handy sinken und grinste sie breit an. Das grüne Haar war ordentlich mit Gel zurückgestrichen, während die Ärmel seines Hemdes hoch gekrempelt waren. Die Krawatte hatte er gelöst und locker um den Hals hängen. Viel schlimmer war jedoch, dass er auf der Motorhaube eines Wagens im Schneidersitz hockte und es sich dort gemütlich gemacht hatte. Hätte ihn jemand anderes so erwischt, dann wäre das Donnerwetter sicher vorprogrammiert.
 

„Kannst du mich in die Stadt fahren?“
 

„So schlimm?“ Fragend hob er die Brauen und blickte sie forschend an. Ronan hatte nur ein Auge, über das andere zog sich eine große Narbe, die ihn hatte erblinden lassen. Daher auch sein Spitzname; Zorro. Er fiel sicherlich aus dem Muster des ganzen, war aber auch noch nicht besonders lange dabei. Drei Jahre spielte er nun schon den Fahrer für Aron und schien den Job noch immer nicht wirklich ernst zu nehmen. Allerdings war er kein Arschloch und auch wenn Nami ihn nicht als Freund bezeichnen würde, so war er zumindest ein Vertrauter.
 

„Ich will einfach nach Hause.“ Glücklicherweise wohnte sie nicht mehr hier. Es war ein Kampf gewesen, dass Aron sie hatte ausziehen lassen, doch Nami hatte nie verstanden was eigentlich sein Problem gewesen war. Ihnen war beiden klar, dass sie ihm nicht einfach davonlaufen würde.
 

Zorro sah sie schweigend an, nickte dann aber und schob sich sein Handy in die Hosentasche, bevor er sich dann von dem Wagen hinuntergleiten lassen würde. Ohne noch etwas zu sagen würde er einsteigen und Nami würde um den Wagen herumgehen, um auf der Rückbank einzusteigen und sich dort seufzend in den Sitz sinken zu lassen. Sie schloss die Augen, würde dabei lauschen, wie der Motor leise ansprang und der Wagen sich langsam in Bewegung setzte. Er würde langsam durch die Halle Fahren, aus dem Tor heraus, welches sich automatisch öffnete und dann die lange Auffahrt hinunter. Und mit jedem Meter würde sie mehr Abstand zwischen sich und dieses Anwesen bringen und ihr das Atmen ein wenig leichter machen.

abysses


 

2023 - New York
 


 

„Ziemliche Scheiße ist das.“ Das war nicht zu leugnen. Allerdings hatte er diese Feststellung bereits vor zwei Stunden getroffen, als sie hier eingetroffen waren und man ihnen die Akten zugänglich gemacht hatte. Auf dem Flug hatten sie Zeit gehabt sich mit allem vertraut zu machen, waren alles durchgegangen was es zu wissen gab. Nun standen sie hier und blickten in einen Container hinein. Man hatte ihn inzwischen vom Hafen abtransportiert und zur Untersuchung auf ein Gelände der Polizei gebracht. Die Spurensicherung war mit ihrer Arbeit vor kurzem fertig geworden und neben der offensichtlichen Suche nach Fingerabdrücken war es auch die Suche nach DNA und das Analysieren der Flüssigkeiten, die man hier gefunden hatte. Inzwischen war der Container voll mit Markierungen, wo man Beweise gefunden und Proben genommen hatte. Staub des Fingerabdruckpulvers hing in der Luft und mischte sich in den Geruch von Eisen, Urin und Fäkalien. Es war ein schrecklicher Gestank, der auch nicht abziehen wollte, obgleich man den Container über die letzten Tage nicht verschlossen hatte. Es war, als wären all diese Gerüche in das Metall gedrungen und würden nun davon ausgestrahlt werden.
 

Während ihr Partner sich den Container genauer ansah, wandte sie sich wieder ab und schüttelte den Kopf. Genau genommen war es nicht ihre Sache sich damit zu befassen. Sie waren hier, um einen Eindruck des Falles zu bekommen, mit welcher Größenordnung man es hier zu tun hatte, doch zu ermitteln und die richtigen Fragen zu stellen war nicht ihre Aufgabe. Man hatte sie als externe Berater angefordert. Und während ihr Partner eher ein Experte des organisierten Verbrechens und Waffenexperte war, lag ihre Expertise eher in der Dokumentenanalyse. Dabei hatte sich ihr Schwerpunkt in den Vergangenen Jahren auf Fälschungen gelegt und ihr geschichtliches Wissen in alten Verfahren war dabei sicherlich nur eine hilfreiche Komponente. Hinzu kam ihr Fabel für Sprache und Schrift. Erpresserschreiben wurden ihr normalerweise auch gerne zur Analyse vorgelegt. Sei es was den Sprachgebrauch, die Schrift selbst oder auch das Papier anging, welches genutzt worden war. Viele Menschen unterschätzen was alleine diese Komponente aussagen und wie viele Hinweise sie geben konnte.
 

Nur, dass das Dokument, welches sie hatte analysieren sollen, verschwunden war. Das einzige was man noch hatte war ein Foto des Ausweises und das war wahrlich wenig mit dem sie arbeiten konnte. Franklin hatte da schon mehr und so hatte sie sich dazu entschieden ihn zu begleiten bis die hiesige Polizei das Rätsel um den verschwundenen Ausweis gelöst hatte. Für sie lag allerdings nichts rätselhaftes darin. Beweismittel verschwanden nicht einfach. Nicht, wenn sie derart wichtig waren. Etwas am Tatort zu übersehen war das eine, wenngleich es auch nur schlechte Polizeiarbeit widerspiegeln würde. Doch Beweise, die es bereits in die Arservatenkammer geschafft hatten, fielen nicht einfach aus einer Kiste und rutschten unter einen Schrank. Es war offensichtlich, dass man hier ein internes Problem hatte, welches dringend aufgearbeitet werden musste, obgleich auch das nicht ihre Sorge war.
 

Wenn man es so betrachtete, dann stand sie dem ganzen mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber. Wenn es hier nichts für sie zu tun gäbe, dann würde sie bald ohnehin wieder in einem Flugzeug zurück nach Hause sitzen. Es war ein Fall von vielen und sie würde ihm nur die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen.
 

„Die Mädchen müssen über Wochen hier drinnen eingesperrt gewesen sein.. Manche haben versucht sich loszureißen. Kann man ihnen nicht übel nehmen, dass sie es mit der Leiche versucht haben. Ne ziemliche Scheiße ist das.“ Er wiederholte sich. Bedachte man, wie die Mädchen hierin festgehalten wurden und zu welchen grausamen Taten man sie in ihrem Überlebenskampf gezwungen hatte, dann war es sogar mehr als das. Doch so gerne sie auch sagen würde, dass solche erschreckenden Taten die Ausnahme waren, so war es das gewiss nicht. Menschen taten anderen Menschen jeden Tag aufs neue grausame Dinge an und nur ein Bruchteil des Ganzen drang je an die Oberfläche.
 

„Robin? Bist du noch da?“
 

„Wo sollte ich hingegangen sein?“ Inzwischen lehnte sie an einigen Kisten, die in der Nähe des Containers abgestellt worden waren. Dabei hielt sie die Arme vor der Brust verschränkt und wartete einfach ab, bis er den Kopf wieder hinaus steckte. Franky war ein kantiger Mann. Und während das Kinn stets glatt rasiert war schwankte sein Haar zwischen fünf Millimetern und Elvis Tolle. Aktuell war es ersteres, was zumindest dafür sorgte, dass man ihm mit mehr Ernst begegnete. Respekt verschaffte er sich in beiden Fällen, doch wirkte die Tolle oftmals ein falsches Bild vermittelte, wenn sie gepaart wurde mit den Sprüchen, die er manchmal an den Tag legen konnte. Kannte man ihn nicht, dann wirkte er schrecklich irritierend auf andere.
 

„Willst du dir das nicht auch ansehen?“
 

„Nicht mein Fachgebiet. Und ich weiß nicht wie viel Arbeit wir hier investieren sollen, wenn die örtliche Polizei es nicht einmal schafft die Beweise beisammen zu halten. Wir haben lediglich einen Container. Keine wirkliche Basis, um damit zu arbeiten, findest du nicht?“ Sicherlich war das ein Punkt, den sie diskutieren sollten, denn Robin sah hier wenig Ansatzpunkte und am Ende waren sie auch darauf angewiesen, dass man ihnen ausreichend Beweise und Informationen zur Verfügung stellte. Wenn das nicht gegeben war hatten sie keine Basis auf der sie anfangen konnten ihre Profile zu erstellen und Schlüsse zu ziehen.
 

„Du willst abreisen.“ Es war weniger eine Frage, als eine Feststellung. Dabei warf er noch einmal einen Blick in den Container und würde sich dann zu ihr begeben, um sich neben ihr auf eine der Kisten zu setzen. Für einen Moment wartete sie ab, ob er vielleicht mehr dazu sagen würde, doch als nichts weiter kam, außer sein nachdenkliches Schweigen, seufzte sie nur.
 

„Nach allem was wir bisher wissen haben sie nichts brauchbares gefunden. Fingerabdrücke, die sich im System nicht zuordnen lassen und sicherlich von Menschen stammen, die nicht in diesem Land leben. Alle DNA Spuren stammen von den Mädchen, die sich entweder weigern zu sprechen, zu traumatisierte sind oder schlichtweg nichts wissen. Der Fahrer spricht angeblich kein Englisch und beruft sich darauf, dass er einfach nur die Lieferung abholen sollte und nicht wusste, was in dem Container war. Etwas anderes wird man ihm auch nicht nachweisen können. Die Adresse der Lieferung ist ein stillgelegtes Industriegelände wo der Wagen vermutlich nur an einen anderen Fahrer übergeben werden sollte. Der einzige, brauchbare Hinweis den es gab war der gefälschte Ausweis und der ist verschwunden.“
 

„Kannst du nicht dennoch etwas anhand der Fotos erkennen, die sie gemacht haben?“ Sie musste sich beherrschen, um nicht die Augen zu verdrehen. Manchmal sah er die Welt wirklich zu optimistisch. Robin würde behaupten, dass sie durchaus gut in ihrem Job war, wusste was sie tat und mehr in Dokumenten und Schriften lesen konnte als andere je erahnen könnten. Dennoch konnte sie keine Wunder vollbringen.
 

„Die Handschrift eines Fälschers erkennst du nicht auf Fotos sondern darin wie er arbeitet. Es gibt absolut nichts, was ich tun kann.“ Punk. Darüber würde sie auch nicht mit sich diskutieren lassen. Das Schicksal dieser Mädchen war schrecklich. Noch schrecklicher war es, was man jenen antat, die nicht aus solch einem Container gerettet worden waren. Zweifels ohne hatte man es hier mit Menschen zu tun, denen ein anderes Leben absolut nichts bedeutete. Menschen, die man aufhalten musste, doch würde Robin sich jedes Schicksal auf ihre Schultern legen, sie wäre nicht mehr fähig zu stehen und ihr Leben zu bestreiten.
 

„Das man ihnen einen Ring durch die Haut im Nacken gestochen hat, um sie daran anzuketten anstatt ihnen einfach eine Kette um Hals oder Handgelenke zu geben ist eine Handschrift.“
 

„Ja, eine die dich zu demjenigen führt, der die Mädchen verschleppt hat. Nicht zu demjenigen auf dessen Einkaufsliste sie standen.“
 

„Und? Das wäre schon einmal ein Anfang. Er verhöhnt die Mädchen. Er sagt ihnen schaut, ich halte euch fest. Wenn ihr nur genug Mut hättet, wenn ihr eure Angst vor dem Schmerz ignoriert, dann seid ihr frei. Ihr habt es selbst in der Hand.“ Unrecht hatte er nicht. Sie hatten es hier nicht mit einem einfachen Menschenhändler zu tun, dessen Job darin bestand junge Mädchen zu verschleppen und in die Staaten zu verschiffen. Dieser Mann nutzte seine Position, um sadistische Triebe auszuleben und dem ganzen einen - in seinen Augen - tieferen Sinn zu geben. Was sie unweigerlich zu der Frage führen würde, ob sie es hier wirklich mit einem Mann zu tun hatten oder, ob es nicht einer der äußerst geringen Fälle war, wo sie es doch mit einer Frau in einer solchen Position zu tun hatten. Obgleich ein solcher Umstand es in mancher Hinsicht leichter machen würde, waren Frauen doch schwerer aufzuspüren als Männer. Sie hielten sich eher im Verborgenen und hatten nicht das Bedürfnis ihre Macht offen zu zeigen.
 

„Gut, ich spiele mit. Woher kam der Container?“
 

„Das Schiff kam aus Schweden. Sie wissen noch nicht, ob der Container auch von dort stammt oder die Mädchen an einem anderen Ort gefangen genommen wurden.“
 

„Wir wissen es also nicht.“ Franky seufzte entnervt auf und fuhr sich mit einer Hand durch das stoppelige Haar. Robin verstand seine Frustration. Er war schon immer mehr mit dem Herzen bei der Sache gewesen und hatte es in all den Jahren nie geschafft eine wirkliche Mauer um sich herum zu ziehen. Auf der einen Seite schätzte sie diese Eigenschaft sehr an ihm. Sie könnte mit niemandem zusammenarbeiten, dem die Dinge völlig egal waren. Es reichte, wenn sie diejenige war, die das alles etwas rationaler betrachtete. Dennoch machte sie sich manchmal sorgen darum, dass es irgendwann diesen einen Fall geben würde, der ihn nie wieder loslassen und zerstören würde. Es wäre durchaus keine Seltenheit. Jeder von ihnen kannte mindestens einen Kollegen, bei dem es so gewesen war. Robin wollte sich selbst dieses Schicksal ersparen und achtete daher sehr genau auf sich und ihre Mauer.
 

„Sie werden es schon herausfinden. Robin, das hier ist nicht irgendeine Stadt.“ Nein, das war es nicht. Sie wusste, dass es in gewisser Weise eine persönliche Verbindung zu all dem gab. Auch für sie. Doch während er dazu neigte das ganze aus nostalgischen Gründen zu einer persönlichen Sache zu machen und einen Fall anzunehmen, der unhaltbar war, neigte Robin eher dazu das alles hinter sich zu lassen. Sie beide verbanden völlig unterschiedliche Gefühle mit dieser Stadt und Franky maß seinen Gefühlen einen höheren Stellenwert zu. Etwas das er sicherlich nicht aus böser Absicht tat aber das Robin dazu zwang hier besonders viel Vorsicht walten zu lassen. Sie würde ihn einfangen müssen, wenn er drohte sich darin zu verlieren.
 

„Und wie lange willst du darauf warten, dass sie etwas herausfinden?“
 

„Wie schnell willst du das Handtuch werfen?“ Für einen Moment blickten sie sich einfach nur in die Augen. Das ganze gleich als gescheitert zu erachten war vielleicht nicht fair und doch wusste Robin die Zeichen zu deuten und die waren alles andere als gut. Es schrie für sie nach Korruption. Sah er das wirklich nicht?
 

„Hör zu, ich sage ja nicht, dass das alles gut ist“; versuchte er sich dann auch wieder herauszureden. Er war noch nie gut darin gewesen seine Klappe zu halten und ertrug Stille nicht besonders gut. Franky war laut, redete manchmal zu viel und Robin wusste, dass sie nur lange genug schweigen musste, um ihn weich zu bekommen. An der Stelle unterschieden sich ihre Gemüter deutlich und für Außenstehende mochte es vielleicht so wirken, als würden sie deswegen als Team nicht gut funktionieren können. Robin erachtete diese Gegensätzlichkeit allerdings als ihre größte Stärke, da sie sich so sehr gut ergänzten und die Schwächen des anderen ausgleichen konnten.
 

„Ich sage nur, lass uns einen genaueren Blick darauf werden. Du hast recht, die Sache stinkt und wir müssen vorsichtig sein aber sind wir das nicht immer?“ Darüber ließ sich sicherlich streiten. Und dennoch mussten sie manchmal einfach Kompromisse eingehen und hier war es wohl an ihr einen Schritt auf ihn zuzugehen. Robin seufzte schwer und richtete ihren Blick wieder auf den Container.
 

„Zwei Tage. Ich werde in das Haus meiner Mutter fahren. Solange der Ausweis nicht auftaucht gibt es für mich keinen Grund mich hiermit zu beschäftigen. Mach so lange was du willst.“ Er würde sie ohnehin auf dem laufenden halten, wenn sich in den Tagen etwas ergeben würde, da musste man sich nichts einbilden. Jeder noch so kleine Durchbruch würde bei ihr landen und in Echtzeit dokumentiert werden. In zwei Tagen konnten sie die Sache noch einmal bewerten auch, wenn sie doch sehr stark bezweifelte, dass sich etwas neues ergeben würde, was ihre Meinung grundlegend ändern würde. Sie sollte also versuchen es positiv zu sehen, immerhin bedeutete es, dass sie nun zwei freie Tage vor sich hatte. Es gab zwar bessere Orte an denen sie diese verbringen könnte, doch da freie Zeit in ihrem Job rar war wusste sie darum, dass sie diese besser nutzen sollte.
 

„Super! Du wirst schon sehen, wir werden etwas finden!“ Sein Optimismus war manchmal schon erschreckend. Robin würde das alles aber auch einfach nur abwinken und sich dann von der Kiste abstoßen, um nach ihrer Tasche zu greifen und sich diese über die Schulter zu werden. Franky würde hier sicherlich noch eine Weile beschäftigt sein und Gespräche führen, doch sie würde sich keine Minute länger damit befassen und sich deswegen auch lieber auf den Weg machen, um endlich von diesem deprimierenden Ort zu verschwinden.
 


 

***
 


 

Am Ende hatte sie sich ein Taxi genommen. Es war das einfachste, denn nachdem sie von ihrem letzten Auftrag aus direkt hierher geflogen waren, hatten sie keine Zeit gehabt ihr Gepäck loszuwerden. Man hatte sie direkt zur Polizeistation gebracht und dort waren sie die letzten Stunden mit diesem Fall beschäftigt gewesen. Zeit die ihnen nur gezeigt hatte, dass die hiesige Polizei ein großes Problem hatte, dem sie so einfach nicht Herr werden konnten. Doch das wollte Robin nicht zu ihrem Problem machen und deswegen würde sie die Gedanken an diesen Fall auch weit weg von sich schieben in dem Moment, in dem die Tür ins Schloss fiel.

Für einen Moment stand sie einfach da, nahm die Konturen des Flures durch das fahle Licht auf und atmete tief ein. Die Luft roch stickig und abgestanden. Sie würde erst einmal lüften müssen, um hier richtig atmen zu können. Eine klare Aufgabe, der sie auch nachkommen konnte ohne sich weiter mit anderen Details befassen zu müssen. Sie würde links in das Wohnzimmer treten, nachdem sie ihre Reisetasche und den Rucksack im Flur hatte stehen lassen. Das Licht blieb ausgeschaltet. Robin war in diesen Räumen aufgewachsen und später hatte sie hier drinnen kaum etwas verändert. Sie würde sich sogar blind durch die Räume bewegen können, wenn es sein müsste, ohne gegen etwas zu stoßen.
 

Die Fenster wurden geöffnet und die Vorhänge zugezogen, damit sie später das spärliche Licht einschalten konnte ohne sich beobachtet zu fühlen. Etwas worauf sie allerdings noch verzichtete, da sie zunächst in die obere Etage gehen würde, um dort die Handlung zu wiederholen. Während es unten neben dem Wohnzimmer noch eine große Küche und ein Gästebad gab, befand sich oben das Schlafzimmer ihrer Mutter, das große Badezimmer, so wie Robin’s ehemaliges Kinderzimmer. Später hatte sie den Raum in ein Arbeitszimmer umgebaut. Allgemein erinnerte nur noch sehr wenig an Robin’s Kindheit. Zumindest, wenn man sich die Einrichtung der Räume ansehen würde.
 

Dennoch war da das knarzen der vorletzten Treppenstufe, welches noch immer zu hören wäre, würde Robin diese nicht automatisch überspringen so, wie sie es sich in ihrer Kindheit angewöhnt hatte, um ihre Mutter Nachts nicht zu wecken. Da waren noch die Kerben im Türrahmen, wenn sie mal wieder ihre Körpergröße abgemessen hatte um ihrer Mutter stolz zu zeigen, dass sie wieder ein paar Zentimeter größer geworden war. Und da war das Gitter des Lüftungsschachts’s in ihrem alten Zimmer, in dem sie früher immer ihre wertvollsten Dinge versteckt hatte. Es waren Kleinigkeiten, die die Jahre überdauert hatten, die nicht vergessen waren und das Haus für Robin einzigartig machten. Sie liebte und hasste diesen Ort gleichermaßen.
 

Sie liebte ihn, weil sie hier den Glücklichsten Teil ihrer Kindheit verbracht hatte. Die Zeit, die sie hier mit ihrer Mutter geteilt hatte war geprägt von Liebe und Fürsorge. Unzählige Bücher hatten sie gemeinsam gelesen und ihre Mutter hatte ihr die Geheimnisse von Geschichte und Schrift näher gebracht. Von ihr hatte sie gelernt stets neugierig zu sein und die Welt mit einem wachsamen Blick zu betrachten. Alles Eigenschaften, die Robin auch heute noch prägten. Doch viel mehr als das prägte sie wohl eine einzige Nacht in der ihr Leben für immer aus den Fugen gerissen worden war.
 

Nachdem sie die Fenster geöffnet hatte warf sie einen kurzen Blick in das Schlafzimmer. Das Bett war nicht bezogen und auch, wenn Robin seit Wochen, fast Monaten nicht hier gewesen war, war alles sauber und ordentlich. Etwas das aber nur deswegen möglich war, weil sie eine Haushälterin beschäftigte, die gelegentlich nach dem rechten sah und das Haus in Ordnung hielt. Ihr war es auch zu verdanken, dass nun alles hergerichtet war und auch, dass sie vermutlich keinen leeren Kühlschrank vorfinden würde. Es würde ihr die nächsten Tage etwas leichter machen und vielleicht würde sie dem Haus mit etwas weniger Argwohn entgegentreten.
 

Auf dem Weg hinunter würde sie auf die vorletzte Stufe treten und das vertraute Knarzen hören, welches sie mit einigen Erinnerungen auf ihrem Weg hinunter begleiten würde. Robin konnte sich lachen hören, ihre Mutter, die ihr zurief, dass das Essen bald fertig wäre. Es erinnerte sie an Wärme und Liebe. Und daran, als sie das Knarzen einmal zu viel gehört hatte. Als sie davon geweckt worden war und instinktiv wusste, dass es nicht ihre Mutter sein konnte, die da die Treppe hinauf kam. Würde man sie fragen, dann könnte Robin vermutlich jede Sekunde dieser Nacht wiedergeben. Es war als wäre es erst gestern gewesen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten versuchte sie zu vergessen, versuchte den Schmerz nicht mehr an sich heran zu lassen. Und wenn sie ehrlich war, dann war genau das der Grund, warum sie versuchte so wenig Zeit wie möglich in diesem Haus zu verbringen. Weil es hier unmöglich war sich von diesen Erinnerungen zu lösen. Bereits jetzt konnte sie deutlich spüren, wie es etwas in ihr aufwühlte und sie damit rechnen musste, dass sie eine unruhige Nacht haben würde.
 

Sie begab sich durch die untere Etage zur Küche, wo sie sich eine Flasche Wasser nehmen und sich ein Glas einschenken würde. Mit diesem lehnte sie sich an die Küchenzeile und ließ ihren Blick durch das Untergeschoss gleiten. Noch immer hatte sie kein Licht eingeschaltet und es war fraglich, ob sie das noch tun würde. Denn wenn Robin ehrlich war, dann wusste sie in diesem Moment nicht einmal, ob sie den Abend überhaupt in diesem Haus verbringen würde. Manch einer würde sie sicherlich fragen, warum sie das Haus nicht einfach verkaufte, wenn sie ein solches Problem mit den Umständen hatte, doch auch das war nicht so einfach zu beantworten.
 

Nach dem Tod ihrer Mutter war Robin bei ihrer Tante und ihrem Onkel untergekommen. Die Familienverhältnisse waren gelinde gesagt schwierig gewesen. Das Haus hatte in dieser Zeit leer gestanden, da es als Robin’s Erbe auch nicht hatte verkauft werden können. Ihre Verwandten waren lediglich die Verwalter gewesen, bis Robin irgendwann alt genug gewesen war, um auszuziehen und sich selbst um das Haus zu kümmern. Es war damals ihre einzige Zuflucht gewesen. Und, obwohl das Haus schrecklich heruntergekommen gewesen war, war es alles gewesen, was sie gehabt hatte. Es hatte Monate gedauert, bis sie das Haus wieder halbwegs hergerichtet hatte, obgleich es immer eine Zerrissenheit zwischen Hoffnung und Schmerz gewesen war.
 

Irgendwann war sie ausgebrochen, doch es war ihr nicht möglich gewesen einen klaren Schnitt zu machen und das Haus zu verkaufen. Und so war es auch heute noch immer ein Rückzugsort, wann immer sie in der Stadt war auch, wenn sie diese inzwischen nicht mehr als ihre Heimat bezeichnete. Robin lebte in der Welt und dort, wohin ihr Job sie brachte. Zumindest, wenn es um diesen Job ging. Robin hatte noch einen weiteren Job, als Professorin und lebte sonst in einer kleinen Wohnung in der Nähe der Universität. Eine Tätigkeit bei der sie allerdings nur einzelne Seminare abhielt und sich ansonsten doch lieber der Forschung widmete. Ein Umstand der es ihr ermöglichte mit Franky zusammen zu arbeiten durch den sie eher zufällig in diese andere Welt des Verbrechens hineingerutscht war. Er hatte Hilfe bei einem Fall gebraucht und sie um Rat gefragt. Seither arbeiteten sie als Team zusammen. Ob sie es für den Ausgleich tat oder, ob Robin doch darauf hoffte irgendwann die Chance zu haben etwas in ihrer eigenen Vergangenheit zu lösen, das vermochte sie nicht zu sagen. Auch das war eher eine Frage, die sie lieber ignorierte und darauf hoffte, dass sich ihr Unterbewusstsein nicht zu viele Hoffnungen machte.
 

Durch diese Umstände befand sich alles was sie besaß, was sie brauchte, befand sich in der Reisetasche, die sie noch immer im Flur liegen hatte. Es war erstaunlich, wie wenig der Mensch eigentlich zum überleben brauchte, wenn es darauf ankam. Sie brauchte wahrlich nicht viel und alles, was sie zusätzlich besitzen würde, würde Robin nur als unnötigen Ballast empfinden. Was nicht bedeutete, dass das Haus minimalistisch eingerichtet wäre. Sie schaffte sich nur eben nichts neues an.
 

Robin würde das Glas leeren und sich dann wieder auf den Weg machen, um auf einer Runde die unteren Fenster wieder zu schließen und auf dem Weg durch den Flur ihre Tasche einzusammeln und sich mit ihr wieder auf den Weg hinauf zu machen. Eine konkrete Entscheidung für den Abend hatte sie zwar noch nicht getroffen, doch es würde wohl nicht darauf hinauslaufen, dass sie hier bleiben und sich mit einem guten Buch entspannt zurücklehnen würde. Der erste Abend war meistens der schlimmste und deswegen würde sie wohl etwas Ablenkung suchen. Raus aus diesem Haus und sehen, wie sich die Stadt seit ihrem letzten Besuch verändert hatte.
 

Die Tasche würde in ihrem Schlafzimmer abgestellt werden und Robin würde sich ihrer Sachen entledigen. Handy und Ausweis landeten auf der Kommode, während sie anschließend ihre Kleidung ablegen und auf einen Stuhl werfen würde, der neben der Kommode stand. Egal wie sie ihren Abend gestalten würde oder auch nicht; das wichtigste war für sie die Möglichkeit auf eine Dusche, um sich diesen Tag vom Körper zu waschen. Den Geruch des Todes. Eine ihrer Ex-Partnerinnen hatte es einmal so beschrieben und das, obgleich Robin nur in äußerst seltenen Fällen wirklich mit Toten zu tun hatte. Nur dann, wenn es für ihre Arbeit wirklich wichtig war einen Tatort oder eine Leiche zu sehen. Das kam allerdings nur in den seltensten Fällen vor und war kein fester Bestandteil ihrer Arbeit. Vielleicht hatte ihr damals auch der Gedanke ausgereicht, dass Robin einen solchen Fall auf den Tisch bekommen könnte. So oder so war es etwas an das sie sich stets erinnerte und seither musste sie einfach eine Dusche nehmen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam. Ein Ritual, das ein fester Bestandteil geworden war und das Robin ein Gewohnheitstier war und eine gewisse Ordnung brauchte, das könnte Franky sicherlich am besten beurteilen. Er war allerdings kein besonderer Fan davon und hatte sicherlich am meisten darunter zu leiden. Auf der anderen Seite hatte sie an seiner Unpünktlichkeit und seinem Chaos zu leiden. Gegensätze. Das waren sie und dennoch funktionierten sie schon seit etlichen Jahren besonders gut.
 

Der Weg führte sie in ihr Badezimmer und dann unter die Regendusche. Es tat gut sich von diesem Tag zu distanzieren und die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Und das bedeutete zumindest sich Gedanken darüber zu machen in welche Bar sie gehen wollte. Vielleicht blieb sie auch einfach bei dem was sie kannte und würde daraus keine Wissenschaft machen. Nach so einem Tag konnte das sonst nur zu Kopfschmerzen führen und das war das letzte was sie brauchte.
 

Und, um das alles dann auch einfach zu vereinfachen, würde sie die Entscheidung dann auch für sich treffen mit dem Moment in dem sie dann auch wieder aus der Dusche steigen würde. In bekannten Gefilden konnte sie zumindest keine böse Überraschung erwarten und ein ruhiger Abend wäre gesichert. Wenn Franky sie schon dazu zwang länger als nötig in dieser Stadt zu bleiben, dann wollte sie wenigstens das beste daraus machen und sich nicht mit ihren persönlichen Dämonen herumschlagen müssen.

relaxation


 

2023 - New York
 


 

„Ärger beim Job?“
 

„Wie kommst du denn darauf?“ Nami blickte ihr Gegenüber ausdruckslos an und schob sich dann auf den Hocker vor der Bar, um es sich dort gemütlich zu machen. Im Hintergrund lief entspannte Jazzmusik, kleine Gruppen saßen beieinander und führten leise Gespräche. Nur wenige waren alleine hier. Das gedämpfte Licht erzeugte eine entspannte Atmosphäre und es war genau das, was Nami an diesem Abend brauchte, um runterzukommen. Ihre Optionen waren auch nicht weit gestreut gewesen. Ihre Schwester hätte ihr an der Nasenspitze abgelesen, dass etwas nicht stimmte und ihre Mitbewohnerin hätte sie mit ihrem Optimismus und ihrer guten Laune erschlagen. Und so war Nami nur kurz zu Hause gewesen und war dann mit einem Uber hierher gefahren. Ein Drink, Abstand.
 

„Du bist selten hier und du trinkst nur dann, wenn du Stress hast.“ Da konnte sie wohl nicht Wiedersprechen. Es war genau das. Nami konnte es nicht leiden die Kontrolle zu verlieren und wenn sie trank, dann diente es einzig und alleine der Entspannung und niemals dazu sich wirklich zu betrinken. Entsprechend war sie auch limitiert in dem, was sie überhaupt gerne trank und wenn sie hier war, dann war es meistens ein Cocktail. Angel’s Best. Eben jener wurde ihr dann auch einfach zubereitet. Orangensaft und Orangenlikör fanden sich mit anderen Zutaten in einem Glas zusammen und wurden noch hübsch dekoriert.
 

„Ich weiß.. keine Fragen zu deinem Job aber vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, dass genau das das Problem daran ist?“
 

„Sagst du mir das als meine Freundin oder als meine Ex?“ Nami’s Blick zuckte von dem Glas hinauf zu der anderen. Ihre Haare waren in einem dunklen Violet gefärbt und zu einem Bob geschnitten. Die wachsamen Augen beobachteten jede ihrer Bewegungen, doch daran störte sich Nami nicht weiter. Sie konnten beide nicht aus ihrer Haut.
 

„Beides. Denn in beiden Fällen ist es ungesund.“ Eine Aussage, die Nami so nicht unterschreiben würde. Denn natürlich war es in einer Freundschaft weniger schädlich, als in einer Beziehung, wenn über gewisse Dinge nicht gesprochen wurde. Sie hatten es erlebt. Als ihre Partnerin hatte Carina diese Geheimnisse und das Schweigen irgendwann nicht mehr ertragen und hatte einen Schlussstrich gezogen. Etwas das vielleicht eher daran gelegen hatte, dass es offensichtlich gewesen war, dass etwas nicht stimmte. Und weniger daran, dass sie von Nami detaillierte Antworten erwartet hätte. Doch Nami bewegte sich nun einmal in Kreisen, die zum einen nicht ungefährlich waren, zum anderen auch immer wieder neue Probleme mit sich brachten. Sie hatte sich davon nicht einschränken lassen wollen. Nami wollte ein normales Leben führen und doch schien genau das nicht möglich zu sein. Seit Carina hatte sie keine tiefere Beziehung mehr gehabt und sich lediglich auf kurze Geschichten konzentriert. Nichts ernstes. Keine Verpflichtungen.
 

„Welcher Job ist nicht manchmal stressig und anstrengend?“
 

„Es geht weniger um den Stress als darum, dass es dir offensichtlich nicht gut damit geht.“ Nami setzte an, um etwas zu erwidern, doch da wandte sich die andere bereits ab und schlenderte hinter der Bar zu einer anderen Kundin, die etwas bestellen wollte. Es war vielleicht auch besser, wenn sie dieses Gespräch nicht weiter vertiefen würden. Denn wäre Nami einmal ehrlich zu sich selbst, dann würde sie zugeben müssen, dass Carina recht hatte. Doch da sie so oder so nichts an ihrer Lage ändern konnte, warum sollte sie sich weiter Gedanken darum machen? Das erschien ihr doch eher eine Zeitverschwendung zu sein. Sie konnte eben nicht einfach kündigen und sich einen neuen Job suchen. Eine Kündigung bedeutete in ihren Kreisen meistens dort zu landen wo ihre schwächsten Glieder der Kette arbeiteten oder direkt eine Zielscheibe auf den Rücken gemalt zu bekommen. Beide Fälle ersann Nami nicht wirklich als erstrebenswerte Zukunft für sich. Sie war einen Handel eingegangen und an diesem ließ sich nichts ändern. In den engen Grenzen, die ihr gesetzt waren, versuchte sie das beste aus ihrer Situation zu machen und doch stand fest, dass ein normales Leben unter diesen Umständen einfach nicht möglich war.
 

Meistens kam sie gut damit aus, es hätte sie schlechter treffen können. Und doch gab es Tage wie diesen, wo ihre Nerven einfach blank lagen. Wo er mit ihren Ängsten spielte. Und Nami hatte Angst. Sie hatte Angst ihre Schwester zu verlieren, das er ihr schaden und sie doch wieder zurück in diesen Abgrund ziehen würde. Vielleicht auch, dass Nojiko das wahre Ausmaß dessen erfahren könnte, was Nami wirklich tat. Bisher war das etwas, das sie von ihrer Schwester fern gehalten hatte, damit sie sich keine Sorgen machen musste. Abgesehen davon, dass sie es auch nicht wollen würde. Sie hätte all dem niemals zugestimmt, wenn Nami ihr die Wahrheit gesagt hätte. Stattdessen glaubte ihre Schwester, dass Aron unter der Bedingung locker gelassen hatte, dass Nami ab und an bei ihm war und mit ihm einen auf heile Familie machte und seine Partner ab und an mit ihrem Talent beeindruckte. So oder so ähnlich zumindest hatte sie ihr das verkauft. Ob ihre Schwester es allerdings wirklich glaubte oder lediglich gute Miene zum bösen Spiel machte, das vermochte Nami nicht zu sagen.
 

Für einen Moment schloss sie die Augen und musste sich selbst ermahnen diesen Gedanken heute keinen Platz mehr zu geben. Heute nicht mehr. Morgen konnte sie sich sorgen machen aber jetzt sollte sie lieber ihren Drink genießen. Und so hob Nami das Glas an die Lippen und würde den ersten Schluck über die Zunge gleiten lassen. Sie schmeckte den Orangensaft und kurz darauf die schärfe des Likörs. Eine wunderbare Mischung, die ihr wenig später ein warmes Gefühl in der Magengegend bereitete. Gut, dass sie wenigstens eine Packung instant Nudeln gegessen hatte, bevor sie weitergezogen war. Auf nüchternem Magen würde das heute sonst wohl kein langes Vergnügen werden.
 

Langsam würde sie den Blick schweifen lassen und sich die Frauen in der Bar ansehen. Diejenigen, die in Begleitung da waren, warne nicht von Interesse. Doch es gab auch genug andere, die sich wie Nami alleine hierher verirrt hatten. Und während die einen offensichtlich ihre Ruhe wollten, blickten sich andere ebenso neugierig um, wie sie es tat. Ob es dabei nur darum ging sich die Zeit zu vertreiben oder, ob die ein oder andere selbst auf der Suche nach Ablenkung war blieb dabei offen. Man würde es nur herausfinden, wenn man das Gespräch suchen würde. Jedoch war Nami auch da eher vorsichtig. Ihr Augenmerk lag in erster Linie auf etwas unkompliziertem. Sie suchte weder eine neue Beziehung noch eine andere Form von Drama. Es war also Menschenkenntnis gefragt, denn sie konnte kaum durch die ganze Bar schleichen und bei einem Fehlschlag eine neue Frau ansprechen. Das konnte man in einem Club machen, wo niemand auf den anderen achtete, doch nicht in einer solchen Bar. Sie hatte einen Versuch.
 

Noch einmal nippte sie an ihrem Cocktail und würde die potentiellen Frauen ein wenig genauer unter die Lupe nehmen. Sie betrachtete eine junge Frau, das braune Haar fiel ihr ins Gesicht, so dass sie verstohlen zwischen den einzelnen Haarsträhnen hindurchblickte und man ihr förmlich ansehen konnte, wie unsicher sie war. Wie ein verschrecktes Reh, welches sofort verschwinden würde, wenn nur zu viel Licht auf es fallen würde. Nein. Das würde nicht funktionieren. Diese Sorte Frau kannte Nami, sie hatte es versucht und es war jedes Mal gescheitert. Nami brauchte eine Frau, die ihr auch etwas entgegensetzen konnte und nicht alles zufrieden abnicken und annehmen würde.
 

Langsam wanderte ihr Blick weiter und noch einmal wurde der Cocktail an die Lippen gehoben, um einen Schluck zu trinken. Weiter hinten saß noch eine Frau, doch die Zornesfalte zwischen ihren Brauen und das angespannte Gesicht zeigten davon, dass diese Begegnung wohl eher schwierig werden könnte. Und da Nami heute nicht mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten wollte wäre auch diese raus aus dem Rennen.
 

Es ging weiter. Die nächste war schlichtweg nicht ihr Typ. Wobei Nami vielleicht keinen richtigen Typ Frau hatte, jedoch konnte sie es anders nicht beschreiben. Bei manchen Menschen spürte man einfach ein Interesse, eine Anziehung und bei anderen nicht. Ob das nun an einem Typ lag oder an anderen Dingen war dabei wohl erst einmal egal. Immerhin brachte sie auch das für diesen Abend nicht weiter.
 

Etwas resigniert würde sie den Blick wieder auf ihren Drink richten und die Eiswürfel ein wenig hin und her schieben. Vielleicht war heute einfach nicht ihr Tag und sie sollte sich damit abfinden anstatt sich weiter zu quälen.
 

„Willst du darüber reden?“ Carina war wieder zu ihr zurück gekommen und beschäftigte sich damit ein paar Gläser zu trocknen, die sie gerade abgespült hatte und die anschließend wieder ihren Weg in das Regal hinter ihr finden würden. Das es bei ihr allerdings nicht nur Show war erkannte man alleine schon daran, dass sie bedeutend schneller arbeitete, als die meisten Barkeeper, die man aus Filmen kannte und bei denen man den Eindruck bekam, dass Gläser polieren in der Jobbeschreibung stehen musste.
 

„Ist einfach beschissen, wenn du für die Fehler anderer verantwortlich gemacht wirst und dir dann mit Sanktionen gedroht wird“; fasste sie es ruhig zusammen. So konnte man es umschreiben ohne auf die Details zu achten und am Ende wollte sie Carina auch nicht vor den Kopf stoßen. Sie beide hatten zwar ihre Differenzen und mochten als Paar nicht funktioniert haben, doch sie war froh darum sie in ihrem Leben zu wissen. Als Freundin und Menschen, dem sie vertrauen konnte.
 

„Warum kündigst du nicht einfach? Ich weiß, es ist nicht so einfach, das hatten wir schon. Aber ganz ehrlich.. auch ohne das du mir etwas sagst weiß ich, dass dich dieser Job krank macht und man dich nur wie Dreck behandelt.“
 

„Hätte ich eine Wahl, dann würde ich es tun.“ Hatte sie aber nicht. Und das Carina das nicht verstehen konnte, das niemand das verstehen würde, ja das verstand Nami auch. Doch was würde es ihr bringen? Inzwischen steckte sie selbst viel zu tief drin und das letzte worauf sie scharf war, war ein Aufenthalt in einem Gefängnis. Weggesperrt für Jahre? Nein. Das würde sie nicht überstehen, das konnte sie einfach nicht.
 

Als sie den Blick hob konnte sie deutlich die Sorge im Blick der anderen erkennen. Nami wusste darum, doch sie beide wussten auch, dass es besser war, wenn Carina dieses Gespräch jetzt nicht weiter verfolgen würde. Diese unausgesprochene Grenze hatten sie früher zu oft überschritten und es hatte ihnen beiden nicht gut getan. Und so würden sie diese Grenze zumindest heute wahren und sich nicht weiter damit befassen. Nami hoffte darauf aber sie konnte Glück haben, immerhin musste Carina arbeiten.

Sie beobachtete, wie die andere ein Glas wegstellte, sich das Handtuch in die hintere Hosentasche klemmte und dann die Bar entlang ging. Nami saß recht mittig. Links von ihr ging es weiter in das innere der Bar, deren Schnitt recht lang und Schmal war. Rechts von ihr befanden sich nur wenige Tische, da es von hier aus nicht weit zum Ausgang war, weswegen Nami dieser Seite bisher keine Beachtung geschenkt hatte. Das tat sie erst jetzt, als Carina sich auf den Weg machte, um am anderen Ende bei einer Frau stehen zu bleiben und mit ihr zu sprechen. Etwas das Nami genau beobachten würde. Das schwarze Haar war locker zusammengebunden, sie war schlank, gut gekleidet. Was Nami allerdings viel mehr auffiel war das schmale Gesicht, die schönen Wangenknochen und diese eisblauen Augen. Zumindest wirkte es in diesem Licht so als wären sie stechend blau. Etwas das einen faszinierenden Kontrast zwischen dem dunklen Haar und der gebräunten Haut bildete. Nami konnte nicht anders, als die Frau einfach dabei zu beobachten, wie sie mit Carina sprach, wie sich die Lippen zu einem schmalen Lächeln auseinander zogen. Sie betrachtete diese perfekte, gerade Nase, deren Linie sie gerne mit dem Finger abgefahren wäre. Und dann kam sie wieder zurück zu diese Augen, die sie direkt anblickten.
 

Nami fühlte sich ertappt in ihrer Träumerei und würde den Blick wieder abwenden, um ihn wieder auf ihren Cocktail zu senken und einen Schluck zu trinken. Falls das ihre neue Taktik werden sollte, dann war sie schon jetzt zum scheitern verurteilt. Eine Frau wie diese wurde sicher ständig fasziniert angestarrt. Beeindruckender wäre es gewesen, wenn Nami gleich ihren Arsch hoch bekommen und mit ihr gesprochen hätte. Aber dazu war sie schlichtweg zu abgelenkt gewesen und hatte diese Chance nun wohl verpasst. Ganz großes Kino. Konnte der Tag denn eigentlich noch schlimmer werden?
 

Sie atmete tief durch. Vielleicht wäre es besser, wenn sie einfach ihren Cocktail trinken und dann verschwinden würde. Immerhin musste man einsehen können, wann man verloren hatte und das war sicherlich einer dieser Tage. Ein Typischer Montag auch, wenn es gar kein Montag war. Das Gefühl war dennoch das gleiche, welches sie nun beschlich. Möglicherweise sähe die Welt auch schon wieder ganz anders aus, wenn sie eine Nacht darüber geschlafen hatte.
 

Carina riss sie aus ihren Gedanken, als sie ihr ein kleines Shotglas hinstellte und sie dabei vielsagend ansah.
 

„Was soll das?“
 

„Sie sagt ich solle dir etwas bringen, was dich entspannt. Also, entspann dich. Was ist nur los mit dir?“ Das Unverständnis ihrer Freundin war nicht zu überhören. Doch anstatt sich weiter damit zu beschäftigen würde Nami den Blick abwenden und wieder zu der Schwarzhaarigen blicken. Sie beobachtete sie, strich mit den Fingern entspannt über den Rand ihres Glases und zeigte dabei ein leichtes Lächeln. Auffordernd? Belustigt? Geheimnisvoll? Konnte in diesem Moment sicherlich alles sein.
 

„Kennst du sie?“ Fragte sie lieber, anstatt auf Carina’s eigentliche Frage zu antworten. Nebenbei würde sie dann auch nach dem Shot greifen und diesen einfach hinunter stürzen. Im besten Fall würde es wirklich etwas mit ihren Nerven machen. Etwas positives.
 

„Nicht wirklich. Sie war vor einigen Monaten mal hier. Ich erinnere mich, weil sie da auch schon für Aufsehen gesorgt hat. Ein paar haben sich die Zähne ausgebissen und auf einmal war sie weg. Keine Ahnung, ob alleine oder mit jemandem.“ Carina zuckte mit den Schultern. Viel gab es also nicht zu wissen. Doch wie sie das einschätzte, hatte sie es hier mit einer Frau zu tun, die gerne die Fäden in der Hand hatte. Aber das musste gewiss nicht das schlechteste sein.
 

„Gut, dann werde ich das jetzt wohl herausfinden.“ Sie wechselten einen kurzen Blick mit Carina und dann würde sie sich von ihrem Barhocker schieben und mit ihrem Cocktail die Bar entlang schlendern. Den Shot fasste sie als Einladung auf und zumindest diese wollte sie annehmen und sehen wohin das vielleicht führen würde. Es war sicherlich die interessanteste Begegnung, die sie an diesem Abend haben könnte und diese Frau hatte sicherlich etwas an sich, was Nami einfach neugierig machte.
 

Bei der anderen angekommen würde sie ihr Glas abstellen und sich dann neben ihr an die Bar lehnen. Aufmerksam glitt der Blick weiter über sie, musterte die Züge, die sich ihr zugewandt hatten und den Blick ebenso forschend erwiderten.
 

„Hat es geholfen?“ Fragte sie schließlich. Ein leicht belustigter Unterton war an dieser Stelle nicht zu überhören. Das leichte Lächeln blieb auf ihren Lippen und Nami konnte nicht anders, als dieses zu erwidern.
 

„Wer hat behauptet ich sei unentspannt gewesen?“
 

„Intuition. Ich war nicht sicher, ob du dich trauen würdest deine Fragen zu stellen.“
 

„Ich wäre schon noch auf dich zugekommen. Aber du warst offensichtlich gerade erst angekommen. Dich gleich zu überfallen wäre mir doch recht unhöflich erschienen.“ Nicht, dass ihre Gedanken an irgendeiner Stelle so weit gegangen wären, doch das musste nicht das Thema sein. Nun, wo dieser erste Schritt getan war, war sie wieder im Spiel und würde sich auch keine Unsicherheiten anmerken lassen. In der Regel war sie auch nicht der Typ für so etwas. Nami wusste durchaus, was sie zu bieten hatte und, dass sie sich nicht verstecken musste. Ihre Erfolgsquote war durchaus hoch, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte und hier würde das auch so sein. Zumindest schien ihr Gegenüber nicht abgeneigt, denn sie spürte den aufmerksamen Blick auf sich, der von nahem noch durchdringender wirkte. Das entspannte Lächeln allerdings sprach dafür, dass die Situation doch als angenehm empfunden wurde.
 

„Das ist sehr rücksichtsvoll. Du hättest also lieber gewartet, dass andere zuerst ihre Chance ergreifen, anstatt das Risiko einzugehen als unhöflich zu gelten.“
 

„Du denkst mir wäre jemand zuvor gekommen?“
 

„Du bist nicht die einzige, die plötzlich aufmerksam wurde.“ Die Aussage zeugte entweder von verdammt viel Selbstbewusstsein oder davon, dass diese Frau ebenfalls sehr genau ihre Umgebung im Blick gehabt hatte. In beiden Fällen hätte man wohl am Ende doch das gleiche Ziel und das sprach aus Nami’s Sicht für diese Situation. Ganz gleich wie ihr eigenes Verhalten nun bewertet wurde. Immerhin hatte es ausgereicht, um einen Shot und damit eine Einladung zu bekommen. Man konnte also nicht behaupten ihrem Gegenüber hätte irgendetwas missfallen. Sei es nun ihre Art oder ihr Aussehen. Und mit dieser Gewissheit würde sie sich nun auch nicht weiter aus der Ruhe bringen lassen auch, wenn die andere das vielleicht versuchte.
 

„Aber die Einzige, die einen Shot bekommen hat.“ Nami grinste die andere wissend an und erntete dabei ein zustimmendes Nicken. An der Stelle war man sich wohl einig.
 

„Ich habe dich hier noch nie gesehen, bist du geschäftlich in der Stadt?“ Das sie nicht neu war, dafür sprach die Aussage von Carina. Oder sie ging selten aus und gönnte sich nur ab und an diesen Spaß. Dennoch könnte sie mit dieser Frage vielleicht auch herausfinden was die andere beruflich machte. Immerhin auch ein wichtiger Aspekt wenn man einen Menschen kennenlernte. Und, obgleich das für eine Nacht nicht so relevant war, war Nami schlichtweg neugierig.
 

„So könnte man es nennen, ja.“ Wieder dieses süffisante Lächeln. Eine solch spärliche Antwort könnte man durchaus als Desinteresse oder Abweisung aufnehmen. Doch etwas an ihrem Blick, ihrem Lächeln sagte Nami, dass weder das eine noch das andere der Fall war. War das ihre Taktik, die Unnahbare zu spielen? Wenn es eine war, dann konnte Nami nicht leugnen, dass es einen gewissen Effekt hatte. Denn auch, wenn es ihr eigentlich völlig egal sein könnte, es machte sie einfach neugierig.
 

„Und, deswegen bist du jetzt hier? Um dich noch etwas zu entspannen?“ Und während Nami auf eine Antwort wartete, den Moment nutzte, um noch einmal etwas zu trinken, erntete sie lediglich ein vielsagendes Lächeln. Die Frau war eindeutig kein Freund großer Worte. Wobei das durchaus angenehm war. Die Verhältnisse schienen auf beiden Seiten klar zu sein. Kein tiefes Kennenlernen, keine unendlichen Gespräche. Nur das wichtigste, um zu erahnen, ob das alles vielleicht harmonieren könnte. Ob man das gleiche wollte.
 

Unweigerlich musste sie schmunzeln, während die andere sich nun doch ihrem eigenen Glas zuwandte. Nur anhand der Farbe müsste Nami spekulieren, was sie da wohl trank aber am Ende war selbst das unwichtig. Und gleichzeitig blieb die Frage offen, was wohl zu einer Frau wie ihr passen könnte? Sicherlich ein teurer Tropfen. So zumindest schätzte sie sie anhand ihres Verhaltens und ihrer Kleidung ein.
 

„Darin müsste man sich zumindest einig sein.“ Auch Nami hatte noch einmal einen Schluck getrunken und zuckte dann mit den Schultern, als sie diese Aussage vernahm.
 

„Ich hege weder die Absicht heute Abend jemanden zu heiraten, noch umzuziehen.“ Ja, darauf konnte man sich durchaus einigen. Das war nicht ihr bestreben. Auch Nami wollte lediglich entspannen und eine gute Zeit haben. Das letzte, was sie in ihrer derzeitigen Lage wohl gebrauchen konnte war eine komplizierte Beziehung.
 

„Das sind zwei nicht anzustrebende Ziele.“ Sie hob ihr Glas an und Nami würde mit ihr anstoßen. Man war sich einig. Man suchte nicht die große Liebe und vor allem keine enge Partnerschaft. Und damit war eigentlich alles wichtige gesagt, was man wissen musste. Obgleich das nicht bedeutete, dass man direkt zum eigentlichen Teil übergehen würde. Sie beide hatten noch ihre Getränke und wenigstens die sollte man noch entspannt austrinken können. Zumal es auch davor bewahrte doch noch unangenehme Überraschungen zu erleben, die man vielleicht vermeiden könnte, wenn man nur etwas länger miteinander sprach. Wobei Sprache vielleicht auch relativ war. Die andere hatte sich ihr inzwischen zugewandt, während sie noch immer auf ihrem Barhocker saß. Nami hatte sich ihr etwas mehr entgegen gelehnt und hatte inzwischen eine Hand auf ihrem Oberschenkel ruhen. Ganz langsam hatte man sich aneinander herangeschlichen und schien nun auszuloten, ob sich diese ersten Annäherungen stimmig anfühlten.
 

Machten sie Lust auf mehr?
 

Fühlte es sich stimmig an?
 

Wusste das Gegenüber, Berührungen gut zu setzen?
 

Wie reagierte der eigene Körper auf diese Berührungen?
 

All das waren Dinge, die für eine gemeinsame - und vor allem gute - Nacht relevant waren. Denn sollte man bereits bei solchen Annäherungen Irritationen verspüren, dann würde es im Verlauf des Abends kaum besser werden. Nami hatte gelernt auf diese kleinen Signale zu hören und sie sich auch ganz genau anzusehen, um ihre Zeit nicht mehr zu verschwenden. Ein schlechter One-Night-Stand konnte durchaus auf die Laune drücken und frustrieren. Wenn man aber eigentlich das Gegenteil suchte, dann war es doch besser sich vorher abzusichern und nichts dem Zufall zu überlassen.
 

Diese Begegnung hier wirkte allerdings sehr vielversprechend. Nami hatte ein gutes Gefühl und die Finger, die sich irgendwann von ihrer Hüfte zu ihrem unteren Rücken schoben versprachen durchaus viel. Ja, sie konnte sich vorstellen, sich von diesen Fingern berühren zu lassen. Ihr Körper reagierte mit einer gewissen Vorfreude auch, wenn sie sich davon nicht zu sehr leiten lassen wollte. Das Haar in der Suppe zu suchen wäre allerdings auch der falsche Ansatz.
 

„Ich denke wir sollten hier bald verschwinden.“ Ihr Gegenüber gluckste leise. Der warme Atem kitzelte ihr Ohr und jagte ihr eine leichte Schauer über den Rücken. Ein angenehmes Prickeln, welches die Vorfreude lockte und von einem interessanten Abend sprach. Für manch einen mochte diese Annäherung zu schnell gehen. Nami lebte allerdings getreu dem Motto; wenn es sich gut anfühlt, dann mach es! Da musste man nicht alles hinterfragen.
 

„Läuft das so, du nimmst sie gleich am ersten Abend mit zu dir?“
 

„Wer sagt, dass wir zu mir gehen?“ Wieder ein Lachen. Ja, man verstand sich schon. Am Ende war es doch auch egal wohin es gehen würde. Gemessen an ihrem bisherigen Tag hätte der Abend auch ganz anders enden können und Nami hatte auch nicht damit gerechnet wirklich so viel Glück zu haben eine passende Gespielin zu finden. Doch das waren meistens die besten Abende. Wenn die Dinge sich einfach fügten und man auf jemandem traf mit dem es einfach harmonierte. Glück musste man haben.
 

„Du möchtest, dass ich dich mitnehme?“ Sie spürte wie die Nase sich gegen ihre Schläfe drückte und schloss für einen Moment die Augen. Die leise Jazzmusik lud dazu ein sich weiter zu entspannen auch, wenn es Nami leicht fiel ihre Umgebung auszublenden. Das Carina sie sicherlich beobachtete musste sie immerhin nicht sehen, um es zu wissen. Manch einer würde ein solches Verhalten vielleicht als taktlos bewerten, doch über diesen Punkt waren sie beide hinaus. Die Beziehung lag lange genug zurück und Carina war keine eifersüchtige oder jähzornige Frau. Sie war eine Zicke, doch das würde hier kaum eine tragende Rolle spielen. Andernfalls wäre Nami auch nicht hierher gekommen, um sich eine Frau für den Abend zu suchen. Es würde sicherlich zu viele Probleme aufwerfen und ihr die Sache nur unnötig erschweren.
 

Mit der ersten Berührung legte sie automatisch ihre Hand in den Nacken der anderen, strich etwas darüber, während sich ein Schmunzeln auf ihren Lippen ausbreitete.
 

„Meine Mitbewohnerin ist zu Hause.. ich denke wir hätten bei dir deutlich mehr Ruhe. Es sei denn du hast mehr Mitbewohner, dann müssten wir uns ein Zimmer nehmen.“ Es war wohl eine recht pragmatische Sache, die man einfach begründen konnte. Letztlich erwartete sie sich nicht, dass es weiter diskutiert und vertieft werden würde. Warum auch? Niemand wollte gestört werden, wenn ein vielversprechender Abend auf einen warten könnte.
 

„Gut.. trink deinen Drink und dann verschwinden wir.“ Man war sich einig und sicherlich musste man ihr das nicht zweimal sagen. Leicht drehte sie sich zur Seite und griff nach ihrem Glas. Das Eis war inzwischen geschmolzen, der Farbverlauf verschwunden. In einem Zug wurde das Glas geleert, dabei schob die andere ein paar Scheine für Carina über die Theke. Es geschah in einvernehmlichem Schweigen, als man sich löste und durch die Bar hinaus verschwand, die sie vor ein paar Stunden alleine betreten hatte. Die angenehm, kühle Nachtluft schlug ihnen entgegen. Durchatmen. Ein Arm legte sich um ihre Hüfte und führte sie die Straße entlang.
 

Nami wollte bereits zur Seite ausscheren um ein Taxi zu rufen, doch sie wurde wieder eingefangen. Kurz ging der Blick fragend hinauf. Die andere war fast einen ganzen Kopf größer als sie, doch das störte Nami nicht weiter. Es war ein angenehmes Gefühl so neben ihr zu gehen. Dabei beobachtete sie, wie sie den Kopf schüttelte und lieber weiter die Straße hinunter ging, um dann wenig später in eine Seitenstraße einzubiegen. Dort würde sich schnell zeigen, warum man wohl auf ein Taxi verzichten würde.
 

„Netter Wagen“, stellte sie fest und strich mit den Fingerspitzen über die Motorhaube des schwarzen Sportwagens. Ein älteres Model, obgleich sie sich nicht wirklich damit auskannte. Spielte auch keine Rolle, denn es sprach zumindest eine deutliche Sprache zu ihr. Hier hatte sie es mit jemandem zu tun, der Geld hatte und zumindest eine stabile, finanzielle Basis haben musste, um sich ein solches Auto zu leisten.
 

„Ein Erbstück“, kam die knappe Antwort. Nichts was sie störte. Bereits den ganzen Abend über sprachen sie nicht zu viel und das, was man ausdrückte geschah durchaus nonverbal. Letztlich ging es aber auch keiner von ihnen darum eine gute Gesprächspartnerin zu finden. Nami würde keine weiteren Fragen stellen, die Aussage einfach auf sich beruhen lassen und warten, bis die andere den Wagen aufgeschlossen hatte. Dann würde sie die Tür öffnen und sich in den Wagen hineinsinkend lassen. Manch einer würde wohl behaupten, dass es nicht besonders klug sei sich einfach in einen fremden Wagen zu begeben und dann an einen Ort zu fahren, den man nicht kannte. Allerdings hatte Nami in ihrem Leben bereits viele schlechte Menschen kennengelernt und glaubte durchaus ein Gespür dafür zu haben, wenn sie jemandem gegenüber saß, der schlechtes im Sinn hatte. Diese Frau gehörte wohl kaum dazu und wenn, dann wäre sie durchaus in der Lage sich zu verteidigen.
 

Und so würde Nami auch keine weiteren Fragen mehr stellen, als sich der Wagen schließlich in Bewegung setzte und auf die Straße bog, um sich durch die Stadt zu schieben und sich doch langsam immer weiter vom Stadtkern zu entfernen. Sie stellte auch keine Fragen, als sie schließlich in einer ruhigeren Gegend ankamen in der sich ein Backsteinhaus an das nächste reihte. Nami mochte diese Architektur durchaus gerne. Sie hatte Charakter und war nicht so steril wie manch ein modernes Gebäude.

Irgendwann würde der Wagen auch langsamer werden und sie lenkte ihn an den Straßenrand, um vor einem der Häuser zum stehen zu kommen. Der Motor wurde ausgestellt und Nami würde aussteigen, nachdem sie der anderen noch einen flüchtigen Blick zugeworfen hatte. Etwas das allerdings nicht weiter kommentiert wurde und das war auch in Ordnung. Sie blieb einfach neben dem Wagen stehen, wartete bis die andere um diesen herum gegangen war, und würde ihr dann zu einem der Häuser folgen, um dort die wenigen Stufen zur Eingangstür hinauf zu steigen. Das Gebäude wirkte gepflegt und in einem sehr guten Zustand. Etwas das durchaus neugierig darauf machte, wie es wohl drinnen aussah, obgleich Nami nicht wegen der Einrichtung hergekommen war. Aber diese Frage würde sich glücklicherweise auch gleich von alleine beantworten.
 

„Eine schöne Wohngegend. Wohnst du schon lange hier?“ Vielleicht war es nicht notwendig das Gespräch zu suchen und doch konnte sie sich die Frage nicht ganz verkneifen. Eine Antwort würde sie allerdings nicht bekommen. Die andere würde die Tür hinter ihnen schließen und Nami dann wieder mit einem Arm zu umfangen und an sich heran zu ziehen. Als man sie etwas zurückdrückte und sie gegen die Tür lehnte, würde Nami automatisch die Augen schließen und ihre Lippen für einen Kuss in empfang nehmen, der sie all ihre Fragen vergessen lassen würde.

dreams


 

2011 - Boston
 


 

Unruhig wippte sie mit dem Fuß auf und ab, während sie auf den Zettel in ihrer Hand hinunter blickte und versuchte sich die einzelnen Stichpunkte einzuprägen. Sie hatte Angst vor diesem Gespräch aber es musste einfach sein und sie bereitete sich schon seit Tagen darauf vor. Sie hatte sich jeden einzelnen Punkt gut überlegt, hatte sich Argumente herausgeschrieben. Wenn sie sich nicht verunsichern ließ und bei dem blieb was sie wollte, dann könnte es gelingen. Oder? Sie hoffte es zumindest.
 

Was sie allerdings noch mehr hoffte war, dass sie ihn damit nicht wütend machen würde. Es war schlimm wenn er wütend wurde. Seit Jahren versuchte sie alles, um ihn zufrieden zustellen, damit er keinen Grund hatte die Fassung zu verlieren. Immerhin war es nicht sie, die anschließend dafür gerade stehen musste sondern ihre Schwester. Die Angst, dass er vielleicht glauben könnte sie hätte Nami hierzu angestiftet oder, dass er ihre Schwester noch härter bestraften musste, damit Nami nie wieder auf solche Ideen kam, war da. Und sie war berechtigt. Dennoch hatte sie ihre Chance in dieser neuen Situation gesehen und wollte es wenigstens versuchen. Denn, wenn sie es schaffte, dann würde das zumindest für ihre Schwester vieles leichter machen.

Deswegen hatte sie darum gebeten mit ihm sprechen zu dürfen und wartet nun auf einem Stuhl vor seinem Büro.
 

„Möchtest du?“ Sie blickte auf und blickte zu Octa, der ihr eine Tüte mit Gummibärchen hinhielt und sie breit angrinste. Langsam schüttelte sie den Kopf und blickte wieder hinunter auf ihren Zettel, der inzwischen schon ziemlich abgegriffen und verknickt war. Sie hatte keinen Hunger. Eigentlich glaubte Nami, dass sie sich sofort übergeben würde, wenn sie auch nur einen Bissen zu sich nahm. Denn ganz gleich wie oft sie sich sagte, dass Aron einfach nur ein Arschloch war, er war eben ein Arschloch nach dessen Regeln sie spielen musste. Ob ihr das passte oder nicht.
 

„Mach dir keine Sorgen. Er hat gute Laune und wird dir sicher zuhören. Das neue Haus ist fertig weißt du? Da wirst du ein noch größeres Zimmer haben als hier.“ Octa redete einfach weiter aber das tat er öfter. Nami wusste, dass er keine Antwort erwartete und, dass er es nicht böse meinte. Vermutlich glaubte er wirklich, dass ein großes, tolles Zimmer ein toller Grund war, um sich zu freuen und das es Nami damit wirklich gut gehen würde. Doch das letzte was sie momentan interessierte war das neue Zimmer das sie bekommen würde. Wesentlich wichtiger war für sie der Umstand, dass sie umziehen würden und, dass Aron von einer lebensverbessernden Maßnahme gesprochen hatte. Sicherlich hatte er es anders gemeint, als Nami es nun auslegen würde aber es hatte sie eben auf die Idee gebracht, dass jetzt ein Zeitpunkt war etwas anzusprechen, was sie sonst vermutlich niemals einfach so tun würde. Wozu es auch unter normalen Umständen keinen Grund oder keine Basis zu gegeben hätte. Und sobald sie einmal umgezogen waren würde es vermutlich nicht noch einmal so eine Chance geben. Sie musste es also jetzt nutzen jetzt, wo die Tür einen Spalt offen stand und sie einen Hauch von Freiheit erspähen konnte.
 

„Und du wirst ein eigenes Atelier haben. Das ist doch cool oder? Da kannst du dann alles machen was du möchtest.“ Ganz so einfach war es nun nicht. In erster Linie hatte Nami einen straffen Übungsplan und musste viel lernen. Aber vielleicht, ja, vielleicht würde auch das irgendwie möglich sein. Obgleich die Kunst für sie inzwischen einen doch eher anderen Stellenwert eingenommen hatte. Es wäre sicherlich cool, wenn Aron ein liebender Vater wäre, der versuchte das Talent seiner Tochter zu fördern. Das war er allerdings nicht. Und das würde er nie sein. Wobei er selbst diesen Anspruch auch nie gehabt hatte. Er hatte nie versucht eine väterliche oder gar familiäre Beziehung zu ihnen aufzubauen. Wobei Nami auch nicht glaubte, dass er wirklich wusste was es bedeutete eine solche Beziehung zu besitzen. Und selbst wenn er es versucht hätte; sie hätten es nie angenommen. Ihre leiblichen Eltern hatten weder Nojiko noch sie kennengelernt. Zwar hatte Nami früher oft nach ihnen gefragt, doch diese Frage war inzwischen weit weniger präsent als damals. Denn am Ende hatten sie beide eine Familie gehabt. Eine Mutter. Und diese Mutter war ihnen einfach genommen worden. Es war nie ihre Entscheidung gewesen bei Aron zu leben. Niemand hatte sie gefragt. Man hatte Aufgrund der Beziehung zu ihrer Mutter entschieden, doch Nami glaubte nicht daran, dass sie sie einfach ihm überlassen hätte. Das hätte sie ihnen niemals einfach angetan.
 

Die Tür wurde geöffnet und Nami aus ihren Gedanken gerissen. Ein Mann trat aus dem Büro und warf ihr einen kurzen, abschätzigen Blick zu, bevor er sich abwenden und den Gang hinunter verschwinden würde.
 

„Ich denke du kannst jetzt rein. Viel Glück.“ Octa lächelte sie wieder aufmunternd an. Vermutlich waren seine Worte wirklich ehrlich gemeint doch für Nami spielten sie keine Rolle. Anstatt ihr Glück zu wünschen sollte er ihr lieber helfen und sie hier heraus holen. Er müsste eigentlich erkennen in was für einer Lage sie hier steckten, wenn ihn das alles wirklich interessieren würde. Und so waren seine Worte für Nami am Ende auch nur leere Floskeln, die keine Bedeutung hatten.
 

Ohne etwas auf seine Worte zu erwidern würde sie sich erheben und dann in das Büro eintreten. Der Raum hatte für sie schon immer etwas dunkles gehabt, obwohl Licht durch die Fenster fiel und es sogar einige Lampen gab. Aber vielleicht lag dies auch einfach an Aron’s Präsenz, die den Raum in jedem Fall kleiner wirken ließ, als er eigentlich war. Zumindest wirkte der Schreibtisch mit seinem Stuhl viel zu winzig für einen Mann seiner Größe. Aber vielleicht war das auch Absicht, damit er noch größer wirkte als er ohnehin schon war. Eine Methode andere einzuschüchtern? Sie würde es ihm durchaus zutrauen. Zumal es Nami selbst auch nicht half ruhiger zu werden oder dem ganzen Gespräch entspannter entgegen zu blicken.
 

„Mach die Tür zu.“ Der dunkle Bass seiner Stimme hatte immer etwas drohendes an sich auch, wenn er das vielleicht nicht beabsichtigte. Vielleicht aber auch doch. Aron war für sie so durchschaubar wie ein Stück Pappe.
 

Sie folgte seiner Anweisung und würde die Tür schließen, bevor sie an den Schreibtisch herantreten und dort stehen bleiben würde. Zwar könnte sie sich setzen, doch Nami war selbst im stehen noch kleiner als Aron, wenn dieser saß. Sie brauchte diesen stand also. Und es würde sie noch nervöser machen, wenn sie sich nun setzen würde.
 

„Octa sagte du wolltest mit mir reden. Was ist das?“ Er deutete auf die Notizen, die Nami noch immer in ihrer Hand hatte. Sie hatte vergessen diese in die Hosentasche zu stecken, um ihre Handpunkte selbstbewusst vortragen zu können. Das konnte sie nun wohl vergessen. Egal. Wenn sie sich jetzt schon von dieser einfachen Frage beirren lassen würde, dann könnte sie das ganze Unterfangen einstampfen. Das durfte sie einfach nicht zulassen! Diese eine Chance musste sie nutzen und es einfach richtig machen.
 

„Notizen“, wandte sie ein und schob die Karten in ihre Gesäßtasche. Es musste einfach ohne gehen. Aron setzte an sie die gleichen Maßstäbe wie an seine Leute und wenn man ihm nicht in die Augen blicken konnte, dann respektierte er niemanden. Nicht, dass er das sonst tat, doch man erhöhte die eigenen Chancen durchaus, wenn man es schaffte etwas Selbstbewusstsein aufzubringen. Und genau das musste sie nun tun. Nicht nur für sich. Vor allem auch für ihre Schwester.
 

Nami atmete tief durch, während sie den stechenden, durchdringenden Blick ignorierte der ihr von Aron zugeworfen wurde. Vielleicht hatte Octa recht und er hatte durchaus gute Laune. Das würde zumindest erklären, warum er sie nicht drängte sondern einfach nur schweigend da saß und wartete. Das musste genutzt werden. Alles sprach dafür, dass sie den richtigen Zeitpunkt gewählt hatte und nun keinen Rückzieher machen durfte.
 

„Ich will, dass sich in Zukunft etwas verändert. Ich will, dass du Nojiko in Ruhe lässt und sie nicht mehr Kontrollierst. Sie soll ihr Ding machen, sie will in einem Café arbeiten und sich etwas aufbauen. Du brauchst sie nicht. Du hast nichts davon ihr ihr Leben zur Hölle zu machen“, begann sie schließlich ihre Ausführungen. Nami wusste nicht wie viel sie bekommen konnte, doch diese eine Sache? Die wollte und musste sie einfach erreichen. Nojiko litt unter dieser ganzen Situation, obwohl Aron sie nicht brauchte. Er nutzte sie lediglich aus Druckmittel gegen Nami aus und sperrte sie ein. Er nahm ihr die Luft zum atmen und zum leben. Das durfte einfach nicht mehr sein. Nami ertrug es nicht mehr und wenn sie wenigstens Nojiko aus all dem befreien konnte, dann war es alles was wichtig war und das was irgendwie ausreichen musste.
 

„Und warum genau sollte ich das tun?“ Fragte er schließlich nur. Natürlich musste sie ihm etwas anbieten. Er tat nie etwas aus reiner Herzensgüte und wenn man einen Deal einging, dann musste dieser zu seinen Gunsten ausfallen. Das hatte sie schon früh lernen müssen und das auf höchst unangenehme Weise.
 

„Du wolltest, dass ich mich euch anschließe. Das ich ganz einsteige. Ich mache es. Aber nur, wenn du sie gehen lässt, wenn wir in das neue Haus ziehen.“ Ganz einsteigen. Die eigene Zukunft danach ausrichten. Es bedeutete sich bewusst dazu zu entscheiden, dass darin die eigene Zukunft liegen würde und, dass man sich nicht abwandte. Dass er dem ganzen vertrauen konnte und sie sich dazu entschied würde ein Teil seines Teams zu werden. Für Aron bestand darin durchaus ein Unterschied und es bedeutete auch, dass Nami ein eigenes Interesse daran haben würde zu lernen und gute Arbeit für ihn zu leisten. Sie war sich darüber bewusst, dass hier nichts illegales passierte und auch, dass sie dafür bestraft werden konnte. Gefängnis. Sie verpflichtete sich anders und das war es, worauf er bisher immer hingearbeitet hatte. Das sie sich dazu entschied zu ihm zu gehören. Freiwillig. Ob sie das so sah? Nein. Aber es war das einzige was sie ihm anbieten konnte, damit er ihr hoffentlich diesen einen Wunsch erfüllen würde, den sie hatte.
 

Sie bot ihm Loyalität. Das, was er schon öfter gefordert hatte und, was er ihr auch immer wieder vorwarf. Er hatte keinen Grund zu vertrauen. Den musste sie ihm nun geben, da sie keine andere Chance hatte hier weiter zu kommen.
 

„Du machst das also, weil du dir erhoffst zu bekommen was du willst?“ Es war gewiss nicht so, dass Aron dumm war. Und Nami hatte auch damit gerechnet, dass er ihr nicht sofort alles abnehmen würde. Aber sie hatte das alles immerhin auch nicht mit jemandem besprechen und nach einem besseren Weg suchen können. Sie war in dieser Sache ganz auf sich gestellt und musste selbst einen Weg finden. Doch Nami hatte nie Verhandlungen geführt, sie war verunsichert und hatte ein äußerst schlechtes Blatt auf der Hand.
 

„Ich will ein besseres Leben.“ Zumindest das konnte sie ehrlich sagen. Sie wollte, dass ihr Leben sich veränderte, das es nicht so blieb wie es war. Genau genommen brachte es durchaus Vorteile mit sich, wenn sie sich ihm anschließen würde. Und gleichzeitig hatte Nami keine Vorstellung davon, was genau das bedeutete und; ob sie irgendwann einen Weg finden würde das alles ganz hinter sich zu lassen. Doch wenn dies nun das beste war, was möglich war, dann müsste sie sich diesem Weg zumindest öffnen. Wie lange sollte das denn sonst noch so weiter gehen? Etwas musste sich einfach verändern und sich bewegen. Irgendetwas. Und Aron würde sich nicht bewegen. Er war nicht darauf aus irgendjemandem auch nur einen Millimeter entgegen zu kommen.
 

Er schürzte die Lippen und strich sich dabei nachdenklich über das Kinn, während er langsam nickte und so wirkte als müsse er das alles einen Moment wirken lassen. Ob er wirklich darüber nachdachte? Schwer zu sagen und wenn er sich nicht in die Karten blicken lassen wollte, dann war das unmöglich. Zumindest für Nami, die sich in all dem noch nicht weiter zurechtfand. Nichts von all dem folgte Regeln, die sie lernen oder irgendwo nachschlagen konnte. Es war eine Welt mit Menschen, die sie einfach nicht verstand, obgleich sie fast ihr halbes Leben mit ihnen zusammenlebte und sie einfach mehr gelernt haben sollte als das.
 

„Und du bist bereit alles für ein besseres Leben zu tun?“
 

„Ja.“
 

Wieder nickte er langsam und würde dann eine Schublade öffnen und dort hineingreifen. Sie konnte nicht sehen wonach er suchte, doch sie sollte sich diese Fragen nicht lange stellen müssen. Er würde einen Umschlag auf seinen Schreibtisch legen und ihr diesen herüber schieben.
 

„Wenn du das machst, dann können wir über dein besseres Leben sprechen. Und jetzt verschwinde.“
 

„Aber..“
 

„Ich wiederhole mich ungerne. Geh.“ Der Ton wurde etwas rauer und sie wusste, dass sie den Bogen nicht überspannen sollte. Das eigene Glück herauszufordern war in der Regel nie eine besonders gute Idee und so griff Nami nur nach dem Umschlag und würde sich dann auf den Weg hinaus machen. Sie verließ das Büro und trat wieder auf den Gang hinaus, wo Octa noch immer saß und auf sie gewartet hatte. Immerhin durfte er sie auch nicht aus den Augen lassen. Der große Mann war meistens an ihrer Seite und hatte die ehrenvolle Aufgabe darauf anzupassen, dass sie nichts machte, was Aron in irgendeiner Weise ein Dorn im Auge sein könnte.
 

„Und, wie ist es gelaufen?“ Er hatte etwas von einem unruhigen Elternteil, welcher sein Kind gerade von einer Prüfung abholte. Dabei war weder das eine noch das andere der Fall aber es hätte Nami mit ihrem Bewacher auch durchaus schlechter treffen können. Es gab andere die deutlich anders mit ihr umgehen würden.
 

„Weiß nicht.“ Tat sie wirklich nicht. Kurz sah sie zu ihm und würde sich dann dem Umschlag zuwenden, den sie öffnete und dann hinein blickte. Sie sollte das tun, was darin war. Ein Auftrag? Ein Test? Konnte sicherlich alles sein auch, wenn das was sie am Ende herausziehen würde doch etwas unerwartet kam. Sie zog die Brauen zusammen und blickte auf die Skizze, die sie zu Tage gefördert hatte. Ein Hai. Einer der von Wellen umfangen wurde. Es war eine durchaus ansprechende Zeichnung, da legte jemand wert auf Qualität. Das konnte Nami durchaus zuordnen und irgendwie gefiel ihr das Bild, obgleich es ihr auch ein ungutes Gefühl bereitete.
 

„Es ist also so weit. Du musst ihn echt überzeugt haben.“ Octa klopfte ihr anerkennend auf die Schulter auch, wenn sie nicht wusste warum eigentlich. Wovon hatte sie ihn überzeugt? Und was sollte sie mit diesem Bild machen?
 

„Dann komm. Ich bringe dich ins Studio, es wird sicher ein paar Stunden dauern, bis das fertig ist. Oder wir müssen für eine zweite Session hin. Steht drauf wo es hinkommen soll?“ Seine Hand hatte sich auf ihren Rücken gelegt, damit er Nami langsam weiterschieben konnte. Ein paar Stunden? Session? Noch immer schien es nicht ganz zu ihr durchzudringen, was das alles zu bedeuten hatte.
 


 

***
 


 

„Fuck..“ Nami ließ ihre Tasche fallen und schleppte sich zu ihrem Bett, um sich darauf sinken zu lassen. Die Hand wanderte zu ihrem linken Oberarm und legte sich auf die Folie, die auf die Haut geklebt worden war. Die Haut darunter fühlte sich schrecklich heiß an, glühte fast. Kein Wunder, die Prozedur hatte sieben Stunden gedauert. In den ersten Stunden war es okay gewesen. Nami hatte blöde Witze gerissen und versucht sich einzureden, dass das alles nur halb so wild war. Ein Tattoo, nichts weiter. Jeder zweite hatte inzwischen ein Tattoo und manche waren einfach nur schrecklich hässlich. Dieses wäre wesentlich ansehnlich, so hoffte sie. Gleichzeitig würde damit für immer eine Verbindung zwischen ihr und Aron auf ihre Haut gebannt werden ohne, dass sie etwas dagegen unternehmen konnte. Es wäre unmöglich das wieder verschwinden zu lassen. Ja, Laser waren eine wunderbare Erfindung aber selbst das müsste man sich leisten können. Abgesehen von den Schmerzen und dem Umstand, dass es vermutlich eh nicht alles verschwinden würde.
 

Gegen Ende der Sitzung hatte Nami einfach nur noch Schmerzen gehabt. Die Haut war gereizt, wund und jeder Stich, jedes wischen mit dem Tuch hatte sich so angefühlt als würde man mit Schleifpapier über ihre Haut reiben.
 

Jetzt war sie lediglich froh, dass es vorbei war auch, wenn das Bild ihren ganzen Oberarm zierte und kaum zu verdecken oder zu verheimlichen war. Für Außenstehende würde es vermutlich keine Bedeutung haben aber Octa hatte ihr erklärt, dass es in ihren Kreisen durchaus zu Aron’s Markenzeichen gehörte. Wenn man jemandem mit einem Fisch-Tattoo sah, dann war das ein sicheres Indiz. Wobei es wohl noch mehr war aber so genau hatte Nami auch nicht zugehört. Octa hatte davon gesprochen als sei es das größte, was man erreichen konnte. Etwas worauf man stolz sein sollte und, was sie als Ehre ansehen könnte. Nami empfand nichts von all dem. Da war nur Schmerz und leere.
 

„Wo bist du gewesen?“ Nami zuckte zusammen. Sie hatte nicht wahrgenommen, dass sie nicht mehr alleine war. Sofort griff sie nach ihrem Shirt und versuchte es wieder über die Folie zu ziehen, damit man nicht sah, was sich dort an ihrem Arm verbarg. Das Licht im Zimmer hatte sie nicht eingeschaltet, doch stockfinster war es deswegen auch nicht.
 

Sie hörte die Schritte, die näher kamen, spürte wie sich die Matratze etwas senkte, als sich die andere neben sie setzte. Nami sah sie nicht an, sie hielt sich angespannt an ihrem Oberarm fest und versuchte dem keinen Raum zu geben. Verdammt! Dabei sollte sie doch wissen, dass es eigentlich unmöglich war etwas geheim zu halten. Zumindest vor ihr. Es gab keinen Menschen auf dieser Welt, der sie besser kannte. Keinen Menschen, dem sie mehr vertraute oder der ihr näher stand. Nojiko war ihre Schwester.
 

Vielleicht nicht blutsverwandt, doch sie waren als Schwestern aufgewachsen und hatten eine Familie gehabt. Für Nami spielte es keine Rolle was ein DNA Test dazu sagen würde. Sie waren Schwestern und daran würde nichts und niemand etwas ändern.
 

„Nami?“ Nojiko’s Hand legte sich auf ihre Schulter, die sie besorgt drückte. Ausgerechnet die Schulter, die gerade für Stunden von einer Nadel malträtiert worden war. Nami zuckte leicht zusammen und schnaufte schwer. Sofort zog sich die Hand ihrer Schwester wieder zurück.
 

„Was ist passiert? Was haben sie mit dir gemacht?“ Nami schwieg weiter auch, wenn sie wusste, dass die Frage berechtigt war. Es waren schon oft Dinge geschehen, obgleich sie Nahm’s Verfehlungen öfter damit bestraften, dass sie Nojiko etwas antaten. Dennoch wäre es auch für Nami nicht das erste Mal, wenn man sie bestrafen würde. Körperlich. Aron hatte da seine ganz eigenen Mittel und Wege, obgleich Nami sich stets geweigert hatte Nojiko das volle ausmaß dessen zu berichten, was geschah, wenn man sie wegbrachte. Ihre Schwester hielt es damit nur wenig anders. Vermutlich lag beidem der Impuls zu Grunde einander zu schützen, damit sie sich keine Sorgen machten. Doch was brachte es am Ende? Sicherlich hatten sie beide sehr ähnliche Erfahrungen gemacht und ihre Vorstellungskraft reichte durchaus aus, um das alles entsprechend einzuordnen und sich darüber im klaren zu sein, dass man keine Kaffeefahrt machte.
 

„Nichts“; drang es gepresst über Nami’s Lippen. Wie sollte sie das ihrer Schwester erklären? Darüber hatte sie sich einfach noch keine Gedanken gemacht. Ihr größtes Problem hatte darin bestanden Aron von ihrem Plan zu überzeugen und dafür zu sorgen, dass sich hoffentlich etwas veränderte. Die Wahrscheinlichkeit, dass das funktionierte hatte sie in gewisser Weise durchaus als unmöglich angesehen. Zumindest, dass diese Entscheidung ohne Geschrei und lange Diskussionen stattfinden würde. Ihr ganzer Fokus hatte auf diesem einen Gespräch gelegen, so dass sie einfach vergessen hatte über weiteres nachzudenken.
 

„Nichts? Ihr wart Stunden weg. Was ist das?“ Sie hätte sich einen Pulli anziehen sollen. Nami bereute es gleich, doch es war nicht zu ändern. Sie hatte diesen Plan ganz falsch aufgestellt und jetzt entglitt ihr die Situation einfach. Fast so als hätte sie in den vergangenen Jahren nichts dazu gelernt!
 

„Was ist das? Nami?!“ Der Ton ihrer Schwester wurde energischer, als sie nach ihrem Shirt packte und daran zog. Sie kam an ihren Oberarm und Nami zuckte schmerzlich zusammen. Der ganze Arm war eine einzige Wunde und so schrecklich heiß.
 

„Das ist nichts“; versuchte sie es wieder und drehte sich etwas von ihrer Schwester weg. Der Ärmel wurde weiter hinunter gezogen in einem kläglichen Versuch das alles zu verbergen. Nein, sie hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie sie das alles ihrer Schwester erklären sollte. Und das Nojiko es verstand, das bezweifelte Nami doch sehr. Eigentlich hatte sie sich genau deswegen eine völlig andere Geschichte und Erklärung einfallen lassen wollen. Doch nun fehlte ihr die Zeit dazu und das sie gleichzeitig dieses Tattoo verstecken musste, das war auch nie Teil ihres Plans gewesen.
 

„Lüg mich nicht an!“ Natürlich ließ Nojiko sich nicht einfach so abspeisen. Sie war ihre große Schwester und diese Rolle nahm sie immer und immer wieder ein. Das es Nojiko nicht gefiel, dass sie ohnehin kaum Einfluss auf diese Situation hatte und nichts tun konnte, das machte es gerade nicht einfacher. Für keine von ihnen.
 

Nojiko war an sie herangetreten, stand inzwischen vor ihr, damit sie nun nach ihrem Shirt greifen konnte. Nami sträubte sich, sie versuchte ihre Schwester auf Abstand zu bringen. Sie hasste es, wenn man sie in die Ecke drängte und Nojiko wusste es genau. Doch gerade hatte sie nicht die Kraft sich gegen ihre Schwester zu wehren. Sie kam nicht dagegen an und dann wurde ihr Ärmel hoch gezogen.
 

Inzwischen rannen die Tränen über ihre Wange. Sie hatte Schmerzen und war schlichtweg überfordert mit der ganzen Situation.
 

„Nami..“ Nojiko ließ von ihr ab, trat einen Schritt zurück und starrte ihren Arm an. Viel konnte man durch das Licht sicherlich nicht erkennen. Unter der Folie hatte sich etwas Flüssigkeit gesammelt und das eigentliche Tattoo war ohnehin schlecht zu erkennen. Am Ende war das aber nicht das entscheidende. Nojiko war schlau, sie konnte durchaus eins und eins zusammenzählen und sich denken, dass Nami sich hier kein Freundschaftstattoo hatte stecken lassen.
 

Sie schluchzte, hatte den Blick abgewandt, weil sie sich nicht traute Nojiko in die Augen zu sehen und sich ihrem Urteil, ihrer Reaktion zu stellen. Es war das, wovor sie durchaus am meisten Angst hatte. Noch mehr als vor Aron oder dem was seine Leute vielleicht tun könnten, wenn sie etwas falsch gemacht hatte. Das schlimmste was Nami geschehen konnte war es ihre Schwester zu enttäuschen. Die Angst sie als Menschen, als Bezugsperson zu verlieren, war das schlimmste für sie. Immerhin war sie alles was Nami noch hatte, alles was ihr geblieben war. Sie war ihre Familie, obgleich es Aron sicherlich schon immer ein Dorn im Auge gewesen war, wie sie zueinander standen und er mehrfach versucht hatte sie voneinander zu trennen.
 

Doch auch hier hatte er immer in einem Dilemma gesteckt. Er hatte Nojiko nie gebraucht, wäre sie sicherlich am liebsten losgeworden. Doch gleichzeitig war sie doch das perfekte Druckmittel, wenn es um Nami ging. Er hatte schnell erkannt wie stark dieses Band war und, wie groß Nami’s Angst. Er hatte mit dieser Angst gespielt. Immer und immer wieder und Nami war bestrebt, nichts falsches zu tun und ihre Schwester auf keinen Fall von sich weg zu treiben. Und nun prangte dort auf ihrem Oberarm dieses Tattoo. Etwas, das sie für immer an Aron band. Als würde sie sich dem freiwillig hingeben und alles verraten was ihnen beiden wichtig war. Ihre Familie. Ihre Mutter.
 

„Was ist das?“ Die Frage wurde nur gehaucht. Nami fragte sich, ob sie sich das alles nur eingebildet hatte oder, ob Nojiko sie wirklich gestellt hatte. Musste sie ihr diese Frage wirklich beantworten? Nami biss die Kiefer feste zusammen, schaffte es kaum noch die Tränen zu kontrollieren. Sie musste die Nase hochziehen, schnappte etwas nach Luft und versuchte zumindest sich zu kontrollieren.
 

„Ein Tattoo..“ Gut, das war das offensichtliche. Und doch war Nami schlicht und ergreifend überfordert. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
 

„Das sehe ich aber.. warum? Das ist eins von ihm, oder nicht?“ Nojiko schaltete zumindest schneller als Nami es getan hatte, als sie den Umschlag geöffnet hatte. Natürlich tat sie das. Sie durchschaute Aron und seine Masche ziemlich gut. Vermutlich war sie ihm auch deswegen ein Dorn im Auge, obgleich ihr Protest doch am Ende ganz anders ausfiel als der von Nami.
 

„Für ein besseres Leben.“

probing


 

2023 - New York - Tag 2
 


 

„.. haben doch noch etwas gefunden. Der Lieferschein muss auch gefälscht gewesen sein, damit sie durch kommen. Damit kannst du doch sicher arbeiten oder..?“ Noch einmal hörte sie sich seine Sprachnachricht an, die er mit der passenden Datei in der vergangenen Nacht auf ihr Arbeitshandy gesendet hatte. Gemessen an der Uhrzeit, wann die Nachricht bei ihr eingegangen war, war er noch die halbe Nacht dort gewesen. Das er sich derart an etwas festbeißen und dann alles in eine Sache hineinstecken konnte, war durchaus eine seiner besten Charaktereigenschaften. Franky war loyal und er machte keine halben Sachen. Wenn er etwas anfing, dann brachte er es auch zu Ende. Auf der anderen Seite musste man allerdings sagen, dass diese Eigenschaft ihn nicht immer davor bewahrte sich in Schwierigkeiten oder an seine Grenzen zu bringen. Was diesen speziellen Fall anging, so hatte Robin das dumpfe Gefühl, dass beides der Fall sein könnte, wenn sie nicht aufpassen würden. Momentan war er dabei nach jedem Strohhalm zu greifen, der sich ihm bot, um sie davon zu überzeugen, doch zu bleiben. Zwar hatte Robin sich das Dokument nicht angesehen und sie würde auch das Original begutachten müssen, doch aus der Erfahrung heraus, war sie sich sicher, dass ihnen das nicht wirklich helfen würde. Solche Dokumente waren die leichte Arbeit an solchen Aufträgen. Gehörte förmlich zum kleinen Einmaleins. Was auch immer sie finden oder daraus lesen würde, es würde ihnen nicht viel helfen.
 

„Hol mich ab, wenn du wach bist.“ Mehr würde sie ihm nicht dazu schreiben. Sie würden so oder so miteinander sprechen müssen und sie war es ihm schuldig sich wenigstens anzuhören, was er in den vergangenen Stunden herausgefunden hatte. Und wenn man all diese Erkenntnisse beisammen hatte, dann würde man weitere Entscheidungen treffen können. Aktuell standen sie an zwei sehr gegensätzlichen Positionen und man würde sich in irgendeiner Form einander annähern müssen. Wer von ihnen dabei den größeren Kompromiss würde eingehen müssen war dabei allerdings noch offen.
 

Etwas das sie auf später verschieben würde. Im Gegensatz zu ihr war Franky auch unter normalen Umständen ein absoluter Langschläfer. Es war also nicht damit zu rechnen, dass er sich vor zehn bei ihr melden würde. Gerade war es erst kurz nach acht und damit noch deutlich zu früh für den Hünen. Zumal er auch wusste, dass er seinen Schlaf brauchte, wenn er gute Arbeit leisten wollte. Ausreichend Zeit für sie ihren Kaffee zu trinken und sich ihre ganz eigenen Gedanken zu dem Thema zu machen. Zwar wollte sie sich erst vor Ort von den neuen Gegebenheiten überzeugen, doch zumindest wollte sie ihren eigenen Standpunkt für sich klar haben. Wie weit wollte sie gehen und sich um all das bemühen? Eigentlich war ihre Geduld wirklich nicht so weit auszureizen.
 

Sie würde an ihrem Kaffee nippen und sich ihr privates Handy nehmen und ein wenig durch die Nachrichtendienste surfen und sich über die Geschehnisse der Welt informieren. Es würde sie entspannen und dennoch würde sie sich nicht darin verlieren. Zugegeben war es allerdings auch die vorletzte Stufe, die sie verraten würde. Das knarzen war in dem ruhigen Haus nicht zu überhören und würde sie doch lächeln lassen. Nun würde es sicherlich spannend werden. Ob sie sich herausschleichen würde? Unweigerlich musste Robin bei diesem Gedanken schmunzeln. Es war eine lockere und doch schöne Nacht gewesen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass sie beide nur an etwas lockerem interessiert waren. Ein Umstand, der sich für Robin nicht verändert hatte, obgleich sie zugeben musste, dass die Nacht besser gewesen war als erwartet.
 

Die Kleine war ihr aufgefallen, weil sie durchaus offensichtlich zu ihr herüber gestarrt hatte. Aber wenigstens hatte sie genug schneit gehabt, um ihre Einladung anzunehmen und zu ihr herüber zu kommen. Das hatte Robin als etwas positives gewertet und von da an hatte sie doch ein sehr einnehmendes Wesen gehabt. Energie, Leidenschaft, Selbstbewusstsein. Ja, das hatte ihr durchaus zugesagt. Und das die Kleine am Morgen noch schlafend neben ihr gelegen hatte? Es hatte Robin nicht gewundert. Immerhin hatten sie beide eine durchaus lange Nacht gehabt und Robin war verhältnismäßig früh auf den Beinen gewesen. Sie hatte ihr also keine Chance gelassen sich frühzeitig aus dem Staub zu machen.
 

Der Blick ging über die Schulter, als sie den Rotschopf gerade am Ende der Treppe ankommen sah. Ohne sich umzusehen steuerte sie die Tür an und versuchte offenkundig sich unauffällig zu verhalten. Nur, dass es dafür schon längst zu spät war.
 

„Möchtest du noch eine Tasse Kaffee, bevor du verschwindest?“ Sie hätte sie auch gehen lassen können und doch empfand Robin es nicht als schlimm. Sie waren beide erwachsen und eine Tasse Kaffee galt wohl kaum als Heiratsantrag. Es war immerhin auch nichts geschehen wofür sich eine von ihnen schämen müsste. Im Gegenteil. Nun beobachtete sie, wie die andere inne hielt und wohl darüber nachdachte, was sie nun machen sollte. Ob sie wirklich darüber nachdachte ihre Frage zu ignorieren und sich zur Tür zu begeben war wohl reine Spekulation. Etwas, dem sich Robin auch nicht hingeben wollte. Sie wartete einfach, bis sich die andere herumgedreht hatte und dann doch langsam zu ihr herüber geschlendert kam.
 

„Ich wusste nicht, was deine Hausregeln sind“, stellte sie fest, als sie langsam zu ihr in die Küche kam und sich dabei forschend umsah. Robin schmunzelte nur und würde sich erheben. Dabei ließ sie ihre eigene Tasse stehen und würde sich zur Kaffeemaschine begeben, um dort eine weitere Tasse durchlaufen zu lassen. Es war kein Heckenwerk. Denn auch, wenn Robin nicht oft hier war, auf guten Kaffee konnte sie einfach nicht verzichten. Deswegen stand auch hier eine teure Maschine, die sicherlich alles für sie erledigen könnte, was sie sich wünschte. Für einen Kaffee reichte da ein Knopfdruck und wenige Augenblicke Wartezeit.
 

„Ich habe keine Hausregeln“, erklärte sie dann auch, während der Kaffee langsam in die Tasse floss. Dabei hatte sie sich herumgedreht und beobachtete, wie ihr Gegenüber sich dann doch etwas zögernd an den Tisch setzte. Es war offensichtlich, dass ihr die Situation nicht ganz zu behagen schien auch, wenn Robin nicht wusste woran genau das lag.
 

„Und ich denke dir nach der Nacht einen Kaffee anzubieten ist legitim. Keine Sorge, ich werde dich nicht fragen, ob du einziehen möchtest.“ So ganz konnte sie das nicht ernst nehmen aber es war vielleicht genau das, was die andere zu besorgen schien. Robin sah zu, wie sie das Gesicht verzog und den Kopf dann auf einer Hand abstützte.
 

„So hätte ich dich auch nicht eingeschätzt. Ist einfach Gewohnheit.“ Sie machte das also öfter. Das war zumindest ihre Schlussfolgerung daraus aber auch das war eher Spekulation als Wissen. Und, obgleich es ihr eigentlich auch egal sein könnte, kam Robin nicht umhin sich gewisse Gedanken zu der Situation zu machen.
 

„Milch? Zucker?“
 

„Beides. Nimm es nicht persönlich. Ich stehe normalerweise nicht so auf Frühstück.“
 

„Wie gut, dass ich Kaffe nicht als vollwertige Mahlzeit ansehe.“ Die Kleine war wirklich ulkig. Immerhin saß sie trotz ihrer Worte hier und ließ sich auf eine Tasse Kaffee ein. Ob man das nun als Frühstück bezeichnen mochte oder nicht war einmal dahingestellt. Robin machte den Kaffee fertig wie gewünscht und würde die Tasse dann zurück an den Tisch bringen, um sich anschließend wieder auf ihren eigenen Platz sinken zu lassen. Dabei schlug sie ein Bein über das andere und würde sich zurücklehnen, während der Blick aufmerksam auf der anderen lag. Immerhin hatte man nun das erste Mal die Möglichkeit einander bei Tageslicht zu sehen auch, wenn man da wohl keine allzu großen Überraschungen zu erwarten hatte. Allerdings musste Robin wohl zugeben, dass die andere ein gutes Stück jünger wirkte, als sie es selbst war. Nicht das sie damit ein Problem hätte und doch hatte sie das in dem schwachen Licht der Nacht wohl ein wenig anders eingeschätzt.
 

„Vielleicht ist es nun ein passender Zeitpunkt, um wenigstens nach deinem Namen zu fragen?“
 

„Spielt das noch eine Rolle, sobald ich durch diese Tür gehe?“
 

„Bist du immer so misstrauisch?“ Robin schmunzelte ein wenig. Das erlebte man auch selten und doch weckte diese ganze Situation ein gewisses Interesse in ihr. Anders konnte sie es wohl nicht beschreiben. Irgendetwas an dieser Frau wirkte doch in gewisser Form anziehen, obgleich sie nicht vor hatte dem ganzen weiter nachzugehen.
 

„Nora. Und du?“
 

„Robin.“ Sie trank einen weiteren Schluck aus ihrer Tasse. Sie fragte sich nicht, ob es sich wirklich um Nora’s Namen handelte oder, ob sie ihr lediglich etwas sagte, damit Robin sie in Frieden ließ. Wichtig war, dass es der Name war mit dem sie sie ansprechen würde und sei es nur für die nächsten zwanzig Minuten, bis der Kaffee getrunken war und die andere endgültig verschwinden würde. Zeit die für Nora offensichtlich schwer zu überbrücken war. Das sie im Gegensatz zu Robin nur schwer mit Stille umgehen konnte, war ihr bereits am vergangenen Abend aufgefallen. Da hatte sie auch einige Fragen gestellt, auf die Robin ihr eine Antwort schuldig geblieben war und, die viel tiefgreifender waren, als die Frage nach einem Namen. Zumindest war das ihre Meinung.
 

„Du hast gesagt dein Auto ist ein Erbstück.. das Haus auch?“ Sie tat es schon wieder. Irgendwie schien es sie wohl doch zu beschäftigen auch, wenn wohl offen blieb warum das so war. Immerhin hatte sie sich zuvor noch heimlich aus dem Haus schleichen wollen. Robin empfand ihr Verhalten als sehr ambivalent und fragte sich, ob es Unsicherheit war, die sie dazu verleitete.
 

„Ist das wichtig?“ Gab sie die Frage der anderen zurück und lächelte leicht. Nora verzog daraufhin das Gesicht und würde noch einmal etwas von ihrem Kaffee trinken, bevor sie die Tasse von sich schob und sich zurücklehnte.
 

„Ich wundere mich einfach nur. Ich hatte erwartet, dass jemand der nur beruflich in der Stadt ist in einem Hotel wohnt und einen Mietwagen fährt.“ Sie war aufmerksam, das musste man ihr lassen und scheinbar reichte es aus, um ihr Interesse zu wecken. Allerdings hatte Robin nicht vor dieses Interesse zu befriedigen. Immerhin hatte sie nicht die Absicht jemanden kennenzulernen, da sie durchaus nur beruflich in der Stadt war. Ein Umstand den sie auch nicht ändern wollte, obwohl sie an gewissen Dingen festhielt. Die Kosten, die das ganze verursachte waren durchaus tragbar und jeder hatte eben seine Dinge, die man aufbewahrte. In Robins Fall war es eben ein ganzes Haus.
 

„Ich dachte du möchtest kein zweites Date?“
 

„Möchte ich auch nicht, ich mache nur Smalltalk. Du hast mir einen Kaffee angeboten.“
 

„Geht es bei Smalltalk für gewöhnlich nicht um das Wetter und was für Eissorten wir gerne essen?“
 

„Musst du immer das letzte Wort haben?“
 

Robin gluckste leise und zuckte mit den Schultern. Es war nicht so, dass sie es mit Absicht machte, doch konnte sie gleichzeitig eben auch nicht aus ihrer Haut. Manch einer würde sicher sagen, sie solle nicht alles auf die Goldwaage legen. Aber was sollte sie tun, wenn ihr derartige Vorlagen geliefert wurden?
 

„Ich mache dir einen Vorschlag.“ Und damit hatte sie sicherlich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auch, wenn Nora sie über den Rand ihrer Tasse hinweg, weiterhin skeptisch ansah. Robin fragte sich, ob dieses Misstrauen zu ihrem Charakter gehörte oder, ob es der Situation geschuldet war. Am vergangenen Abend hatte sie zumindest alles andere als ablehnend und misstrauisch gewirkt. „Ich bin vermutlich noch ein paar Tage in der Stadt. Wenn wir uns noch einmal in der Bar über den Weg laufen sollten und du es dann noch immer wissen möchtest, dann werde ich dir vielleicht deine Fragen beantworten.“
 

„Soll das jetzt doch ein zweites Date werden?“
 

„Nein. Ich schlage dir lediglich vor, dass wir darüber sprechen können, wenn sich unsere Wege noch einmal kreuzen sollten. Bis dahin sehe ich nicht, warum all diese Informationen für dich von Interesse sein sollten.“ Und so gab sie das ganze dann auch einfach wieder zurück. Letztlich konnte man sich da wohl auch entspannen. Robin konnte nicht einmal sicher sagen wie lange sie noch in der Stadt sein würde und selbst wenn, würde sie noch einmal in die Bar gehen? Das konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Gewissheit sagen. Und damit schwand die Wahrscheinlichkeit, dass man sich tatsächlich noch einmal über den Weg laufen würde.
 

„Gut.“
 

Man war sich also einig. Robin sah zu, wie Nora noch einmal die Tasse ansetzte und diese dann wohl leerte. Anschließend stand sie auf und schob die Hände in ihre Hosentaschen.
 

„Danke für den Kaffee.“ Und damit würde sie sich dann auch auf den Weg machen. Dieses Mal würde Robin sie nicht aufhalten sondern sah ihr nur einen Moment hinterher, bis sie schließlich durch die Wohnung nach draußen verschwunden war. Noch kurz blieb ihr Blick an der Tür hängen, dann aber würde sie sich kopfschüttelnd abwenden und sich langsam erheben. Bis Franky sie abholen würde konnte sie noch etwas Ordnung schaffen und sich vielleicht doch ein paar Gedanken dazu machen, wie sie den Kühlschrank füllen wollte. Denn egal wie sie es drehen oder wenden würde, sie würde sicherlich noch ein paar Tage hier ausharren müssen, bis sie Franky eines besseren geleert haben würde.
 


 

***
 


 

„Wir werden uns mit dem Captain treffen und sehen, was sie für neue Informationen sie haben auf denen wir aufbauen können. Danach kannst du dir den Lieferschein ansehen. Vielleicht hilft uns das weiter, ich denke sie werden irgendwo schon eine Spur hinterlassen haben.“ Franky’s Optimismus war schon beeindruckend. Er war früher bei ihr gewesen als erwartet und gemeinsam waren sie zum Präsidium gefahren. Auf der ganzen Fahrt hatte er ihr von seiner Arbeit berichtet und davon, dass er noch Hoffnung für diesen Fall hatte. Robin sah das auch weiterhin anders aber das würde sie ihm gegenüber nicht noch einmal betonen. Franky gehörte zu den Menschen, die durch solche Grenzen nur noch weiter angestachelt wurden und es anderen dann erst recht beweisen wollten. Nur, dass das hier eben kein Wettbewerb war. Es ging nicht darum bei einem Sprint der Schnellste zu sein. Oder bei einem Marathon die Zähne zusammen zu beißen und gegen den Schmerz zu laufen. Das hier war ihr Job und nur, weil man es unbedingt wollte, tauchten nicht aus heiterem Himmel neue Beweise auf oder ein möglicher Täter präsentierte sich vor ihnen. Sie mussten mit dem arbeiten was sie hatten und dem, was mögliche Beweise hergaben. Letztlich würde er dann hoffentlich von alleine erkennen, dass sie hier nichts in der Hand hatten.
 

„Ein Lieferschein ist nicht gerade eine fälscherische Höchstleistung. Vermutlich haben sie sich ein Original beschafft und damit einen entsprechenden Entwurf gestaltet.“
 

„Aber man würde es erkennen, wenn es nur eine einfache Kopie wäre. Und das ist es nicht.“
 

„Wenn du das schon weißt, wozu genau brauchst du dann mich?“ Inzwischen waren sie ausgestiegen und Robin stand neben dem Wagen, hatte die Hände in die Hosentasche geschoben, um darauf zu warten, dass Franky seine Sachen zusammen gesucht hatte. Er fischte seinen Rucksack aus dem Kofferraum seines Mietwagens und warf sich diesen über die Schulter. So wie sie ihn kannte befanden sich mindestens zwei Flaschen Cola darin, vielleicht noch ein Sandwich, doch das was er wirklich brauchte war dieses süße, ungesunde Zeug. Robin würde nie verstehen, wie er as Zeug literweise in sich hineinschütten konnte und gleichzeitig so sportlich war. Aber manch einer besaß eben gute Gene und in Franky’s Fall war das sicherlich so.
 

„Erstens; weil ich kein Experte bin. Und zweitens, es ist eine Spur! Wenn sie an ein Original gekommen sind, dann vielleicht irgendwie durch einen Zugang zu den Büro’s und möglicherweise haben sie dabei gefälschte Ausweise benutzt.“
 

„Die sie vermutlich nicht brav für uns zurückgelassen haben“, gab sie zu bedenken. Franky verzog angestrengt das Gesicht. Sie ging ihm damit auf die Nerven, dass sie immer das letzte Wort haben musste. Robin wusste darum und dennoch sollte man diesen Fund durchaus nicht überbewerten. Man musste ihn in Relation zu allem sehen und aus ihrer Sicht war das eine nette Spur, die aber ihr nicht weiterhelfen würde. Sie drehten sich im Kreis.
 

„Könntest du mir einen Gefallen tun?“ Skeptisch sah sie zu ihm hinauf, während sie die Treppen zum Eingang des Präsidiums hinaufstiegen.
 

„Könntest du deine erquickenden Gedanken für dich behalten, wenn wir gleich da oben sind? Ich will wenigstens die Chance haben mir das alles genauer anzusehen und das kann ich nicht, wenn du ihm erzählst, dass wir hier ohnehin nichts machen können.“
 

„Solange du nicht von mir verlangst, dass ich ihm erzähle, dass dieser Lieferschein ein riesiger Durchbruch sei kann ich mich wohl damit anfreunden.“ Man musste es ja nicht gleich so hart ausdrücken aber sie würde auch nicht lügen. Immerhin würde das auf sie zurückfallen und, wenn Robin nun behaupten würde, dass sie damit ein handfestes Profil erstellen konnte, dann müsste sie auch liefern. Gemessen daran, dass sie hier bereits von vorne herein wusste, dass sie das nicht konnte, war es doch besser diese ganze Sache nicht größer zu machen, als sie war.
 

„Schön. Wir wäre es, wenn du einfach die Klappe hältst und mir das reden überlässt?“ Ob das die bessere Idee war wagte Robin durchaus zu bezweifeln. Allerdings war das kaum der richtige Moment, um sich mit Franky zu streiten oder zu versuchen ihn zu belehren. Der Mann hatte einen schrecklichen Starrkopf und meist wäre es lediglich Zeitverschwendung zu glauben, dass das alles mit Vernunft zu regeln wäre.
 

„Solange du keine Versprechungen machst, die wir nicht halten können.“ Dann konnte man das wohl als einen Deal bezeichnen. Und das sie ihm anderenfalls in seine wunderbare Parade grätschen würde, das konnte er sich ebenfalls denken. Robin hatte mit solchen Dingen durchaus keinen Vertrag und ihr war es auch egal, wie außenstehende das bewerten würden. Am Ende ging es dabei, was für sie realistisch war und das sie aus diesen wenigen Beweismitteln ein ausgefeiltes Profil erstellen könnte, das gehörte gewiss nicht dazu.
 

Doch abgesehen von ihren Zweifeln musste sie diese nun erst einmal bei Seite schieben und sich auf das Gespräch einstellen. Denn egal, wie sie jetzt darüber dachte, es gehörte eben auch zu ihrem Job nun unvoreingenommen in das alles hinein zu gehen und das anzunehmen was man ihnen sagen würde. Immerhin gehörten zwei Seiten dazu und bisher war es nur Franky gewesen, der die Gespräche mit den Behörden geführt hatte. Es war also Zeit das alles zu verändern. Und so würde sie ihm die Treppen hinauf folgen, wo man nun sicher das Büro des Captain ansteuern würde.
 

Viele der Polizisten und andere Menschen kamen ihnen entgegen und es herrschte bereits reges Treiben. Vermutlich waren die meisten Dienstbesprechungen vorbei und man machte sich an die Arbeit für Ermittlungen und Einsätze. Man war also gezwungen etwas gegen den Strom zu gehen, doch Robin konnte sich leicht in den Windschatten ihres Partners schieben, um sich nicht weiter von all dem beirren zu lassen. Man wusste wo die jeweiligen Stärken lagen und während Robin doch eher eine Beobachterin war, war Franky derjenige der auch einmal gut anpacken konnte. Etwas das auch dazu geführt hatte, dass er inzwischen entsprechend breit aufgestellt war was seinen Körperbau anging. Robin erinnerte sich noch gut daran, wie sie ihn vor einigen Jahren kennengelernt hatte. Bereits damals war er dem Kraftsport nicht abgeneigt gewesen. Er war ein Boxer, jemand der gerne den direkten Kontakt suchte, obgleich er auch eine gute Waffe zu schätzen wusste. Im laufe der Jahre war das ganze aber fast schon zu einer Sucht geworden und Robin hatte dabei zugesehen wie ihr Freund im Zuge seiner Selbstoptimierung immer breiter geworden war. Das er dennoch eine gewisse Wendigkeit aufwies war sicherlich das, was die meisten Menschen überraschen würde und, was sie auch als seine große Stärke beschreiben würde.
 

Sie erreichten das passende Stockwerk und konnten sich von der Treppe entfernen, um in einen Gang zu treten von dem verschiedene Türen abführten. Und während es weiter hinten sicherlich eine Personalküche und Verhörzimmer gab, so bogen sie doch in das Großraumbüro ab und würden sich ihren Weg durch die Schreibtische hindurch bahnen. Hier war es deutlich ruhiger. Nur vereinzelt saß jemand an seinem Schreibtisch und war mit seinem Computer beschäftigt. Weiter hinten unterhielten sich zwei Streifenpolizisten. Sonst war niemand zu sehen und sie konnten unbehelligt zum anderen Ende des Raumes gehen, wo es eine weitere Tür gab. Dahinter befand sich ein Büro in dem ein weißhaariger, breiter Mann auf und ab ging und in ein Telefon sprach. Man konnte ihn durch das Fenster beobachten, welches wohl dazu diente seinen Leuten seine permanente Präsenz deutlich zu machen. Das auffälligste an ihm war allerdings seine Zigarre, die er im Mundwinkel trug und immer mal wieder herausnahm, um mit ihr in der Hand wild zu gestikulieren.
 

Für Robin zeichnete er das Bild eins vergangenen Jahrhunderts. Ältere Männer in diesen Positionen gaben selten etwas auf die Meinung einer Frau. Sie machten ihre eigenen Regeln, was er durch die Zigarre sicherlich unterstrich. Das in dem ganzen Gebäude ein Rauchverbot galt schien nicht weiter von belang zu sein. Er zelebrierte diesen Akt und das nicht nur mit einfachen Zigaretten, die vielleicht noch schnell verschwunden wären. Nein. Zigarren waren eher eine edle Ware, die von Genuss und einer gewissen Dekadenz zeugten. Nicht, dass dieser Mann seine Zigarre gerade genoss. In seiner Wut schien er sie förmlich in sich hinein zu saugen, doch das war nicht der wesentliche Aspekt daran. Es zählte viel eher, welches Bild dadurch vermittelt wurde und das sprach für sie eine doch recht eindeutige Sprache.
 

Der Mann blickte auf, als sie sich der Tür näherten und gab ihnen ein Zeichen, dass sie hinein kommen sollten. Franky zögerte bei dieser Einladung nicht und öffnete gleich die Tür. Abgestandene, von Zigarrenrauch getränkte Luft schlug ihnen entgegen. Robin musste sich beherrschen, um keine Miene zu verziehen. Für sie gab es kaum etwas schlimmeres als den Geruch von kaltem Rauch.
 

„Dann schaffen Sie diese angebliche Zeugin endlich her, das kann ja wohl nicht so schwer sein!“ Brüllte der andere in das Telefon, bevor er das Gespräch einfach beendete und das Gerät zurück auf die Station knallte.
 

„Ich hoffe, dass Sie mir etwas brauchbares mitteilen können“, wandte er sich gleich an Franky. Robin hatte er nur einen kurzen Blick zugeworfen, doch das war nichts neues. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass sie beruflich miteinander zu tun hatten, doch der Ablauf war meistens der gleiche. Möglicherweise hatte es damit zu tun, dass Robin ihm deutlich gemacht hatte, dass sie nicht viel von seinem Führungsstil hielt und sich nicht von ihm herumkommandieren lassen würde, wie andere in seiner Einheit. Es könnte aber auch mit dem Fall ihrer Mutter zusammenhängen und dem Umstand, dass Robin seinen Vater der schlechten Polizeiarbeit beschuldigt hatte. Was auch immer es war, diese unterschwelligen Spannungen sorgten dafür, dass es ohnehin meistens Franky war, der die Gespräche führte, wenn es sein musste. Nur, dass Robin sich heute noch mehr als sonst zurückhalten musste.
 

„Unsere Händler haben uns einige brauchbare Hinweise hinterlassen, die wir als ihre Signatur auffassen können. Es gibt dazu zwar bisher keine übereinstimmenden Treffer im System und doch sind es doch sehr markante Details die uns der Zustand der Mädchen erzählen konnte. Möglicherweise haben wir es hier mit jemandem zu tun der dabei ist sich neu zu etablieren und das scheinbar durchaus erfolgreich.“
 

„Ich höre dabei noch nichts was uns hilft. Ich will nicht wissen, woher die Mädchen gekommen sind, ich will wissen wer zum Henker sie hergeholt hat!“
 

„Es hängt zusammen. Die Mädchen tragen Male auf ihrem Körper, die nicht einfach wieder verschwinden werden. Es dürfte möglich sein sie in Club’s oder auf der Straße zu identifizieren, wenn wir sie finden. Wir kommen über die Mädchen an ihn heran, wenn wir ein konkretes Profil zu ihnen erstellen.“
 

„Vorausgesetzt es sind überhaupt schon andere Mädchen hier.“ Er zeigte sich Kritisch. Smoker, wie er von seinem Umfeld nur genannt wurde hatte an dieser Stelle sicherlich keine Geduld für lange reden. Wenn es nach ihm ginge, dann würde man ihm nun am besten eine Adresse und den vollen Namen präsentieren können, doch so lief das alles nun einmal nicht.
 

„Gemessen daran, wie die Mädchen hergekommen sind dürfte das nicht das erste Mal gewesen sein. Sonst wären sicher mehr verstorben. Zumal sie auch das Prozedere am Hafen kannten.“
 

„Nur nicht gut genug. Der Fälscher muss ein Stümper gewesen sein.“
 

„Das würde ich nicht sagen.“ Robin sollte sich zwar nicht einmischen, doch dieser Mann saß eindeutig auf dem falschen Dampfer. Egal was sie von Franky und seiner Idee hielt, Fakt war nun einmal, dass man hier eben doch gegen organisierte Profi’s spielte und man gut daran täte das nicht zu unterschätzen.
 

„Ich habe das Original nicht gesehen doch gemessen an den Fotos und den Aussagen des Sicherheitspersonals vor Ort, ist das ganze nur aufgeflogen, weil vor kurzem etwas an den Ausweisen verändert wurde und die Sicherheitsprotokolle angepasst wurden. Wäre das nicht geschehen, dann hätte man das ganze sicherlich durch gewunken und nicht bemerkt. Sie haben es hier mit einem Profi zu tun. Vielleicht mit einem, der falsch informiert war aber grundsätzlich kann es auch sein, dass er mit den Informationen gearbeitet hat, die ihm geliefert wurden. Die Arbeit als solche war fehlerfrei.“ Das galt es doch anzumerken. Möglich, dass jemand wie Robin einen Fehler gefunden hätte, doch sie war darauf geschult. Sie suchte die Fehler im kleinen, die winzigsten Details, die über die Handschrift eines Fälschers Auskunft gaben. Details auf die sonst niemand achten würde. Aus ihrer Sicht war es durchaus ratsam das ganze nicht zu unterschätzen.
 

„Und was können sie mir ansonsten noch sagen außer, dass wir es hier mit Profi’s zu tun haben. Das sehe ich selbst!“ Fuhr er sie an. Robin verzog keine Mine. Das ihr Gegenüber angespannt war, war kein Wunder. Vermutlich saß jemand von weiter oben ihm im Nacken und wollte Antworten. Zumal es niemand gerne hatte, wenn die eigene Stadt mit Menschenhandel in Verbindung gebracht wurde. Eine ziemlich brisante und heikle Angelegenheit. Druck von außen war nie etwas gutes und aus der Erfahrung wusste sie auch, dass meistens eher die eigenen Interessen vertreten wurden, als die der jungen Frauen zu wahren, die unter all dem am meisten zu leiden hatten. Es waren ihre Leben und Schicksale, die auf dem Spiel standen und gleichzeitig war es bisher in keiner der Unterredungen darum gegangen herauszufinden, wer sie waren. Woher sie kamen. Und wie man vielleicht ihre Familien erreichen könnte. Es gab weit mehr Schattenseiten und man kratzte hier lediglich an der Oberfläche.
 

„Wir müssen die Chance bekommen umfangreichen Einblick in die Ermittlungen zu erhalten, um ihnen ein Profil erstellen zu können.“
 

„Und wie lange wollen sie dafür brauchen?“
 

„Das ist abhängig davon, wie schnell wir die passenden Einblicke bekommen. Sie sind sich ja bereits darüber im klaren, das der Verlust von wichtigen Dokumenten unsere Arbeit beeinträchtigen wird und wir entsprechend nicht über alles klare Aussagen treffen können.“ Robin fragte sich, auf welcher Basis er überhaupt Aussagen treffen wollte aber das mussten sie unter vier Augen diskutieren. Denn sie hörte sicherlich das gleiche was auch Smoker hörte. Und das war, dass sie am Ende absolut nichts in der Hand hatten.
 

„Wir sind dran aber wenn sie ihre Profile von einem einzigen Dokument abhängig machen, dann sind sie für uns keine Hilfe.“
 

„Die Kerle, die die Mädchen verschiffen und kaufen wollen ein besonderes Leid in ihnen schüren. Sie legen den Weg zur Freiheit augenscheinlich in ihre Hände in dem Wissen, dass sie diese doch nicht erreichen können. Es geht darum sie mental zu brechen und dafür zu sorgen, dass sie irgendwann auch nicht mehr versuchen werden davonzulaufen. Selbst dann nicht, wenn sie alle Freiheiten erlangen würden. Sie haben es hier nicht nur mit einem stumpfsinnigen Kerl zu tun, der Mädchen fängt und einsperrt. Es steckt mehr dahinter. Diese Mädchen dienen nicht nur dem Zweck des Menschenhandels. Das ist etwas größeres.“ Vielleicht. Wahrscheinlich. Robin musste Franky zumindest in diesem Punkt zustimmen. Der Aufwand war zu groß. Würde es nur darum gehen neue Mädchen für Bordelle oder den Straßenstrich zu finden, dann könnte man es einfacher haben. Man könnte sie einfach aneinander ketten und verschiffen und doch folgte das alles nicht den üblichen Mustern.
 

Smoker schwieg, nahm noch einen tiefen Zug von seiner Zigarre und stieß diesen aus. Robin fragte sich, wie lange es dauern würde, bis man in diesem nichts mehr durch den Rauch sehen könnte. Sie driftete ab, das merkte sie auch, wenn es für außenstehende wohl kaum ersichtlich war.
 

„Ich gebe ihnen vier Tage. Wenn bis dahin keine Resultate auf meinem Tisch liegen, dann sind sie den Job los.“ Und damit war das Gespräch wohl beendet. Er wollte sich nicht weiter damit befassen und nach einem kurzen Blickwechsel würde sich Franky dann auch abwenden. Robin würde ihm folgen. Hinaus aus dem Büro, wieder zwischen den zahlreichen Schreibtischen hindurch und zurück auf den Flur.
 

Franky holte bereits sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer, um sich an die Arbeit zu machen. Ab jetzt lief die Zeit für und gegen sie. Wobei sich Robin sicher war, dass sie in vier Tagen wieder in einem Flugzeug auf dem Weg nach Hause sitzen würde.

friendship


 

2023 - New York
 


 

„Wo bist du diesmal gewesen? Ich dachte eigentlich wir wollten uns mal wieder einen gemütlichen Abend machen. Du bist nur noch unterwegs und arbeitest.“
 

„Es hat sich kurzfristig was ergeben. Entschuldige.“
 

„Eine Frau?“ Nami hob den Blick. Sie hatte es bis nach Hause geschafft doch entgegen ihrer Hoffnungen war Vivi nicht bei der Arbeit gewesen. Am liebsten wäre sie diesem Gespräch aus dem Weg gegangen, da ihr der Sinn absolut nicht danach stand. Vivi war eine Frohnatur und oft eine Spur zu naiv. Es war daher wohl kaum verwunderlich, dass sie nicht ahnte wie tief Nami eigentlich in den Strukturen der Unterwelt steckte, wie sie es gerne beschrieb. Vivi’s Vater war Bürgermeister der Stadt und sie eiferte ihm durchaus nach. War politisch aktiv und besetzte auch ein paar Ehrenämter. Menschen wie Nami gehörten daher eigentlich zu jenen, die sie am liebsten für immer Wegsperren würde.
 

„Es war ein langer Tag und ich brauchte ein bisschen Entspannung.“
 

„Wirst du sie wiedersehen?“
 

„Natürlich nicht. Du weißt, ich suche keine Beziehung.“
 

„Es würde dir durchaus gut tun endlich mal wieder jemanden an deiner Seite zu haben.“ Das war zumindest ihre Meinung, die Vivi vehement vertrat. Nami wusste, dass es lediglich ein Ausdruck ihrer Sorge war auch, wenn sie dabei vergas das Nami andere Bedürfnisse hatte. Vivi selbst war ein Beziehungsmensch, sie konnte nur schwerlich alleine sein. Ein Grund, warum Nami sich manchmal fragte, ob die Beziehung zu ihrem Kindheitsfreund wirklich das war, was sie wirklich wollte. Doch im allgemeinen schien er sie glücklich zu machen und das war die Hauptsache. Zumal sie sich in ihrer politischen Sicht durchaus einig waren, obgleich sie sehr unterschiedliche Ansätze hatte, um diese zu vertreten. Denn während Vivi durchaus glaubte auf politischem Boden etwas verändern zu können würde Nami ihren Freund doch eher als Aktivist bezeichnen. Einer der seine Sichten auch schon einmal etwas vehementer vertrat. Kein Wunder also, dass ihr Vater nur bedingt begeistert von dieser Verbindung war.
 

„Ich komme auch wunderbar ohne jemanden an meiner Seite zurecht. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig und kann auch so meinen Spaß haben.“ In erster Linie ging es zwar um ihr Doppelleben und darum, dass sie deswegen niemanden zu nah an sich heranlassen konnte. Zum einen würde keine Frau das akzeptieren und gut finden und zum anderen saß ihr Aron im Nacken, sobald er das Gefühl hatte, dass sie sich nicht völlig auf ihre Aufgabe konzentrierte. Und sicherlich würde er eine Frau an ihrer Seite, nur als weiteres Druckmittel sein, was er gegen sie verwenden konnte. Entgegen ihrer Worte ging es dabei also weniger um ihre eigene Einstellung als darum was die Umstände ihr aufzwangen und was sie einfach akzeptieren musste.
 

„Irgendwann wird dir eine Frau begegnen bei der du das anders siehst.“
 

„Warum ist es nicht auch in Ordnung, dass ich alleine glücklich bin? Warum ist das größte Ziel im Leben eine Partnerschaft?“ Abgesehen von ihrer eigenen Situation war das durchaus ein Punkt, den sie in Frage stellte. Nicht jeder Mensch brauchte und wollte eine Beziehung führen und das war durchaus in Ordnung. Es war auch nichts an dem sie selbst ihren Selbstwert messen würde. Messen durfte. Sie brauchte keinen anderen Menschen, um sich selbst zu vervollständigen oder besser zu fühlen. Das musste sie alleine schaffen. Sie war verantwortlich für ihr eigenes Glück, das hatte sie schon früh von ihrer Mutter gelernt und daran würde sie auch festhalten.
 

„Ich finde es einfach schön Dinge teilen zu können. Gemeinsame Erinnerungen zu schaffen und jemanden zu haben, der da ist wenn es einem schlecht geht und den Rücken stärkt.“
 

„Also führen wir zwei auch eine Beziehung?“ Ein wenig grinste sie und wackelte mit den Augenbrauen. Das konnte man sicher verschieden auslegen aber am Ende war Vivi ihre beste Freundin. Einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben und sie verbrachten viel gemeinsame Zeit. Man war füreinander da und da Nami auch sehr aktiv war, wenn sie andere Bedürfnisse hatte, konnte sie all das durchaus auch ohne eine Beziehung ausgleichen.
 

„Ja, aber keine romantische“, korrigierte Vivi das ganze dann noch einmal und schmunzelte. Man verstand sich schon und Nami nahm es ihr auch nicht übel. Immerhin wusste sie, dass ihre Freundin nur das beste für sie wollte. Und doch war das eben weit komplizierter als es von außen aussah. Früher hatte sie noch die Hoffnung gehabt sich irgendwann von all dem lösen und befreien zu können. Sie hatte geglaubt, dass es möglich wäre ihre Arbeit irgendwann als beendet anzusehen. Das Aron sie irgendwann nicht mehr brauchen würde. Ein naiver Gedanke eines Kindes, welcher irgendwann im Keim erstickt worden war. Sie saß einfach zu tief drin und konnte nicht mehr einfach so aussteigen. Nami besäße durchaus die Fähigkeiten unterzutauchen. Doch untertauchen konnte man nur dann, wenn es nichts gab was man zurücklassen würde. Und sie ließ etwas zurück. Nicht nur ihre Schwester, die sie vielleicht mit sich nehmen könnte. Sie hatte viele Jahre zu niemandem enge Bindungen aufgebaut und doch war es irgendwann geschehen. Jeder Mensch brauchte das, andere Menschen, Vertraute. Doch diese Vertrauten würde sie in Gefahr bringen, sobald sie aus seiner Reichweite verschwinden würde und das war doch ein schwerwiegender Punkt, den sie nicht würde ignorieren können.
 

„Ich bin zufrieden wie es ist. Das letzte was ich gebrauche ist der Stress, der mit einer Beziehung einher gehen kann. Sieh dir nur an, was Sanji für einen Stress hat.“
 

„Er lebt Polyamor, das kannst du nicht vergleichen. Natürlich ist so etwas mehr Arbeit und du musst besser und mehr kommunizieren. Zumal er auch eine Schwäche für komplizierte Frauen hat. Nicht jede Beziehung bedeutet Stress, nicht wenn es passt.“
 

„Wie auch immer.. für mich ist es gut wie es ist.“ Das war es. Sie wollte auch nicht andere vorschieben, denn was wusste Nami schon von Beziehungen? Die zu Carina war letztlich die einzig handfeste, die sie vorweisen konnte. Ansonsten hatte es kaum zu etwas gereicht oder die Möglichkeiten waren nicht gegeben gewesen. Andere hatten ihr da durchaus mehr voraus und zu sagen, dass alles an ihrer Beziehung schlecht gewesen sei wäre sicherlich auch unfair. Das war durchaus nicht so gewesen auch, wenn die Trennung ihnen am Ende beiden gut getan hatte.
 

„Und diese Frau?“ Hakte Vivi dann doch noch einmal nach. Nami zuckte mit den Schultern und würde noch einmal einen Schluck trinken, bevor sie die Tasse zur Seite schob.
 

„Es war.. gut. Sehr gut. Sie wohnt in einem Haus, draußen am Stadtrand. Sie scheint nur beruflich in der Stadt zu sein und heute morgen haben wir noch einen Kaffe getrunken und.. was?“ Nami brach ab und hob die Brauen, während Vivi nur schmunzelte und die Nase dann wieder in ihrer eigenen Tasse versenkte.
 

„Regel Nummer drei: bleib nie zum Frühstück?“ Nami verdrehte die Augen. Natürlich wurde ihr das nun vorgehalten. Bei all dem Spaß den sie hatte, musste sich Nami natürlich auch an Regeln halten. Jeder, der das tat, hatte die. Und das Nami nie zum Frühstück blieb und sich vorher verdrückte hatte den Einfachen Grund, dass sie keine Missverständnisse aufkommen lassen wollte. Es sollte nicht so aussehen als habe sie nach einer tollen Nacht doch Interesse daran, dass mehr daraus wurde. Das man miteinander sprach und sich wiedersehen würde.
 

„Ich war dabei zu verschwinden. Aber sie war schon wach und hat mich erwischt. Was hätte ich machen sollen?“
 

„Sie hat dich erwischt und dir einen Kaffee angeboten?“ Vivi lachte und Nami sah sie zerknirscht an. Das war nicht gerade angenehm gewesen so viel konnte sie durchaus sagen. Natürlich hätte sie die Frage ignorieren und einfach kommentarlos verschwinden können. Aber hätte es das wirklich weniger peinlich oder unangenehm gemacht? Vermutlich nicht. Sie hatte sich also lieber für das geringere Übel entschieden, um noch einmal klarzustellen, was ihre Intentionen hinter all dem waren. Oder was sie eben nicht waren. Je nachdem, wie man es betrachten wollte.
 

„Dafür, dass du nur etwas Spaß hattest, weißt du ganz schön viel. Was macht sie beruflich?“
 

„Weiß ich nicht.“
 

„Und wie heißt sie?“ Nami verdrehte die Augen und blickte Vivi dann einfach nur an. Was erwartete sie nun? Sie wusste ganz genau, dass Nami niemals ihren Namen preis gab und auch nicht wusste mit wem sie da im Bett gelandet war. Nur, dass es diesmal doch ein bisschen anders war. Nami hatte ihr den Namen in ihrem Pass genannt. Den Namen, den sie für die Behörden trug. Nicht den, wie ihre Mutter sie immer genannt hatte und, wie enge vertraute sie auch nannten. War das ein Fehler gewesen? Was aber definitiv ein Fehler war, war Vivi dieses Blickduell gewinnen zu lassen. Sie wusste es und dennoch würde sie irgendwann seufzend nachgeben.
 

„Robin.“
 

Vivi kicherte wieder und sah sie vielsagend an. Es hatte keinen Sinn sie anzulügen. Was das anging schien sie immer einen guten Riecher zu haben. Auf der anderen Seite bedeutete es aber, dass Nami sich das nun die nächsten Tage würde anhören müssen. Ja, sie hatte ihre Regel gebrochen. Toll. Vermutlich würde sie das alles weniger stören, wenn Nami selbst behaupten könnte, dass ihr das alles egal wäre. War es aber nicht. Sie hatte selbst gemerkt, dass diese Frau etwas an sich hatte, was sie neugierig machte. Was genau das war, das vermochte Nami nicht zu sagen. Vielleicht war es ihre Ausstrahlung, ihre Art oder einfach wie sie Nami ansah. Am Ende spielte es aber keine wirkliche Rolle, sie würde sie nicht wiedersehen. Und das war auch besser so.
 

„Und wie küsst Robin?“
 

„Hör auf.“
 

„Warum? Hatte ich doch recht?“ Vivi lauerte nur darauf, das wusste Nami. Es gab zwar keine Regel die davon sprach, dass Nami niemanden küsste, doch ein Kuss konnte viel aussagen. Es war eher so, dass es ihr wichtig war, wie sich ein Kuss anfühlte und; was er in ihr auslöste. Meistens löste es kaum bis gar nichts aus. Etwas dem sie durchaus zugetan war, denn das bedeutete, dass sie die ganze Sache schnell wieder vergessen würde. Bedeutungslos.
 

Der erste Kuss mit Robin hatte allerdings Eindruck hinterlassen. Zwar war Nami etwas angetrunken gewesen aber sicherlich nicht so, dass es ihr die Sinne vernebelt hätte. Sie hatte all das sehr genau wahrgenommen und als Robin sie in ihr Schlafzimmer geschoben, bestimmend und mit deutlichem Nachdruck, da hatte sie die Hand in ihren Nacken geschoben und sie an sich gezogen. Kurz darauf hatte Nami gespürt wie Robin ihren Mundraum mit ihrer Zunge für sich erobert hatte. Ein Kuss der ihr den Atem genommen hatte.
 

Robin war eine Frau, die genau wusste was sie wollte. In der Regel war Nami diejenige, die in solchen Nächten die Führung übernahm. Sie nahm sich was sie wollte, hatte ihren Spaß und ging dann wieder. Robin allerdings hatte sie gar nicht erst zum Zuge kommen lassen und Nami hatte sich auf einmal in einer ganz neuen Situation wiedergefunden. Eine Situation, die sie so nicht kannte und; die sie durchaus genossen hatte.
 

Sie hatte diese ganze Nacht genossen und es wäre daher auch eine Lüge, wenn sie sagen würde, dass sie Robin von der Bettkante stoßen würde, sollte sich diese Möglichkeit noch einmal ergeben. Dennoch; das würde definitiv gegen ihre Regeln verstoßen.
 

„Okay.. es war gut, verdammt gut. Bist du jetzt zufrieden?“ Ihre Worte sorgten doch dafür, dass sich ein leichtes Grinsen auf Vivi’s Lippen stahl. Sie sprach selten wirklich gut über ihre Bettgeschichten und Vivi war sensibel genug diese feinen Unterschiede durchaus zu bemerken und für sich festzuhalten.
 

„Und du willst sie wirklich nicht wiedersehen?“
 

„Selbst wenn ich wollen würde, ich habe nicht ihre Nummer. Vergessen wir das also.“ Warum genau musste sie auch so sehr darauf herumreiten? Für Nami war es durchaus nicht einfach, immerhin hatte sie selbst ein gewisses Interesse an dieser Frau gespürt und versuchte nun, aus gutem Grund, Distanz zu der vergangenen Nacht zu gewinnen.
 

„Wenn du es wollen würdest, dann würdest du einen Weg finden. Du weißt wo sie wohnt, es gibt Instagram, Social-Media..“
 

„Ich bin kein scheiß Stalker. Es wäre absolut übergriffig nun etwas mit ihrer Adresse anzufangen.“ Und mit allem anderen. Nein. Das konnte sie nicht machen. Wie würde das auch aussehen? Wie eine verzweifelte Frau, die dringend versuchte die Aufmerksamkeit ihres Schwarms zu erlangen, weil sie sich nach einer Nacht hoffnungslos verliebt hatte. Nein. So eine Frau war Nami nicht und sie wollte so etwas auch nicht auf diese Weise angehen. Zum einen, weil es so nicht war. Zum anderen, weil Robin dann ohnehin kein Wort mehr mit ihr wechseln würde.
 

Zudem war es auch nicht so als gäbe es wirklich keine Optionen. Robin hatte von einem Zufälligen Treffen in Carina’s Bar gesprochen. Wenn es sich denn ergeben würde. Für Nami stand am Ende nur die Frage; hatte die andere es ernst gemeint? Hatte sie überhaupt vor noch einmal in die Bar zu kommen? Oder hatte sie Nami nur vertrösten und auf Abstand halten wollen? Bisher könnte sie sich alles vorstellen. Robin war ein Buch mit sieben Siegeln und absolut undurchsichtig. Vielleicht war das auch ein Punkt, den Nami so faszinierend an ihr fand. Dass sie eben nicht wie alle anderen Frauen war, nicht wie diejenigen, mit denen Nami sonst zu tun hatte. Das war durchaus noch einmal etwas ganz anderes.
 

Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als für sich die Entscheidung zu treffen, ob sie in den nächsten Tagen noch einmal ihr Glück in der Bar versuchen wollte, oder nicht. Gleichzeitig hingen ihre Möglichkeiten dahingehend aber auch damit zusammen, wie sehr Aron sie beanspruchen würde und, was er mal wieder brauchte. Phasenweise hockte sie durchaus lange, manchmal auch Nächte, in seinem Anwesen, um seine Aufträge abarbeiten zu können. Möglicherweise war es auch einfach eine Sache, die sie spontan entscheiden müsste.
 

„Ich sage nicht, du sollst sie stalken. Ich sage, du sollst dich wenigstens einmal darauf einlassen und sehen, was passiert anstatt gleich jede Frau in den Wind zu schießen, die dir begegnet. Du weißt nie wohin es dich bringen wird.“
 

„Sie arbeitet doch ohnehin nicht in der Stadt und wird bald wieder weg sein.“ Vivi verdrehte bei diesen Worten nur wieder die Augen und atmete schwer durch. Sie schien offensichtlich keine besonders leichte Zeit zu haben. Zumindest wirkte sie so, als würde sie einfach völlig verzweifeln. Gewiss war es nicht Nami’s Absicht ihre Freundin in den Wahnsinn zu treiben und doch geschah es ihr ganz recht, wenn sie einfach nicht locker lassen wollte.
 

„Wäre das nicht eigentlich der perfekte Grund es zu versuchen? Sie wird ohnehin freiwillig verschwinden und du musst dir keine Sorgen machen.“
 

„Was muss ich tun, damit du endlich Ruhe gibst?“ Ja, das war Verzweiflung! Nami wusste einfach nicht weiter. Wusste nicht wie sie damit umgehen sollte. Sie wusste nicht wohin mit sich und ihren Gefühlen und wie sie Vivi dazu bringen sollte nicht weiter in diesem Thema herum zu bohren.
 

Man könnte fast von Glück sprechen, als ihr Gespräch von ihrem Handy unterbrochen wurde. Nami drehte es um, damit sie auf den Display sehen konnte, wo die ersten Nachrichten von Aron aufleuchteten. Dabei vibrierte ihr Handy weiter in ihrer Hand, während die Nachrichten im Sekundentakt hereinkamen. Er hatte die nervige Angewohnheit seine Nachrichten nach jeder Aussage abzuschicken. Manchmal glaubte Nami, dass es nur dazu diente die Sache noch dringlicher wirken zu lassen, als sie es eigentlich war. Immerhin wusste sie, dass er gerade vermutlich an seinem Laptop saß und die Nachrichten von dort aus schickte. Aron hasste Smartphones. Die „winzigen Teile“ nervten ihn einfach. Zumindest wenn es darum ging etwas zu tippen. Er kam damit einfach nicht zurecht und verlor schnell die Geduld. Deswegen neigte er für gewöhnlich auch dazu wegen jeder Kleinigkeit anzurufen, sobald er unterwegs war und nicht seinen Laptop für Nachrichten benutzen konnte. Nami war dankbar, dass das heute nicht der Fall war.
 

„Ich muss nachher arbeiten“, stellte sie fest. Nami hatte zwar nicht alle nachrichten gelesen aber die Quintessenz war dennoch deutlich geworden. Es gab wieder irgendetwas das getan werden musste und sie sollte ins Anwesen kommen. Die Vermutung lag nah, dass es irgendetwas mit diesem verdammten Ausweis zu tun hatte. Was genau würde sie wohl dann erfahren. Und so gerne sie das alles nun ignorieren wollte, es wäre falsch ihn noch weiter zu reizen. Nach der Warnung, die er am vergangenen Tag ausgesprochen hatte täte sie wohl gut daran dafür zu sorgen, dass er sich wieder beruhigte und zufrieden war. Das letzte was sie gebrauchen konnte war, dass er auf die Idee kam bei ihrer Schwester im Café vorbei zu schauen und dieser zu verdeutlichen, dass er doch noch immer die Hand über ihrem Leben hatte.
 

„Ich dachte du bist heute nicht im Café.“
 

„Der andere Job.“
 

Vivi erhob sich und würde die Tassen einsammeln, um diese dann auch zur Spüle zu bringen und sich darum zu bemühen. Vermutlich sollte Nami sich nicht zu viel Zeit lassen. Sie sollte die Nachrichten lesen und sich dann bei Ronan melden, damit er sie abholen konnte. Immerhin konnte sie nicht einfach so zu Aron stapfen und an der Pforte klingeln.
 

„Du arbeitest zu viel. Mein Angebot steht, das weißt du, oder? Ich kann wirklich mehr von der Miete übernehmen, das ist kein Problem.“
 

„Das musst du nicht. Ich komme gut aus wie es ist.“
 

„Ich würde dich dennoch gerne wieder öfter sehen und nicht nur, weil wir uns zufällig über den Weg laufen.“ Ein Gedanke, den auch Nami nachvollziehen konnte. Immerhin waren sie nicht umsonst zusammengezogen. Sie hatten sich sofort verstanden, als sie sich vor neun Jahren kennengelernt hatten. Nami war feiern gewesen und auf dem Weg nach Hause war sie Vivi in die Arme gelaufen, die von von paar unangenehmen Kerlen belagert worden war. Nami, angetrunken wie sie gewesen war, hatte sich eingemischt und sich nicht beirren lassen. Es hatte damit geendet, dass eine völlig aufgelöste Vivi auf Nami’s Couch gehockt und ihr ihr halbes Leben erzählt hatte. Das Mädchen, dass immer nach den Regeln spielen musste, hatte ausbrechen wollen. Und das war einfach etwas nach hinten losgegangen. Seither gehörte Vivi zu ihrem Leben dazu. Hatte es irgendwie geschafft um Nami’s Mauern herumzuschleichen und sich einfach darin nieder zu lassen. Etwas das Nami gar nicht so bewusst mitbekommen hatte und, als sie es gemerkt hatte, da war es schon zu spät gewesen. Immerhin war es am Ende doch leicht sich an Menschen und sich an ihre Anwesenheit zu gewöhnen.
 

Es war am Ende also keine wirkliche Frage gewesen, ob sie irgendwann zusammenziehen würden. Zwar fragte sich Nami manchmal wie es werden würde, wenn Vivi sich doch entschied mit ihrem Freund zusammenzuziehen. Bisher war dieses Thema jedoch nicht auf den Tisch gekommen. Fast schon merkwürdig, wenn man bedachte, wie Vivi eigentlich dazu stand und, dass eine Märchenhochzeit sicherlich ihr großer Traum war. Vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass diese Beziehung möglicherweise nicht ganz das war, was es eigentlich sein sollte.
 

„Es wird wieder besser werden, ich verspreche es, okay?“ Ob Nami das wirklich versprechen konnte war fraglich. Immerhin ging es bei all dem nicht ums Geld. Vivi dachte das zwar und sie hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil sie in dieser Wohnung lebten die augenscheinlich zu teuer und zu groß für Nami war, doch eigentlich hatte Nami keine finanziellen Probleme. Zwar konnte sie nicht über ihre Verhältnisse leben und hielt ihr Geld zusammen, doch auch Aron war daran gelegen, dass sie auskam. Er finanzierte ihre Miete. Alles was sie zusätzlich brauchte erwirtschaftete sie durch die Arbeit bei ihrer Schwester. Das es sicherlich falsch war sich von ihm bezahlen zu lassen war das eine. Auf der anderen Seite aber arbeitete sie etliche Stunden und sicherlich war der Preis ohnehin schon unter ihrem Wert. Es war also das mindeste, dass er für ihre Miete aufkam. Immerhin könnte sich Nami bei diesem Pensum keinen anderen Vollzeitjob leisten. Zumal sie auch nicht wüsste was das sein sollte. In ihrem Lebenslauf hatte sie nichts vorzuweisen und das, obwohl sie doch eigentlich ihr Leben lang gearbeitet hatte. Doch Erfahrungen oder Qualifikationen in einem richtigen Beruf hatte Nami einfach nicht. Aron hatte sie abhängig von sich gemacht und dafür gesorgt, dass ein Ausstieg aus dieser ganzen Sache denkbar schwierig sein würde. Zumindest wenn er es zulassen würde, dass sie diesen Versuch startete.
 

„Das hoffe ich, ich bin immerhin nicht die einzige, der es so geht. Du hast noch mehr Freunde, die dich vermissen.“
 

„Hat sich etwa schon jemand beschwert?“
 

„Nicht wirklich. Aber ich denke Lola trägt es dir noch immer etwas nach, dass du bei der Eröffnung ihrer Agentur nicht anwesend warst. Du solltest dich wirklich bei ihr melden.“
 

„Ja, ich weiß..“
 

Ja, Nami vernachlässigte ihre Freunde durchaus sehr in der letzten Zeit. Etwas das sich nicht gut anfühlte. Immerhin wählte sie ihre Kontakte sehr sorgsam aus und die, die sie hatte, waren einfach ganz besondere Menschen. Jeder einzelne davon und sicherlich war es unfair, dass Nami nicht so für sie da sein konnte, wie sie es anders herum wären. Es wäre sicherlich ein Wunsch das zu ändern, obgleich Nami einfach nicht wusste wie sehr das überhaupt in ihrer Macht lag.
 

Offensichtlich hatte Vivi ihre Gedanken gelesen, denn sie kam zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter, um sie sanft zu drücken.
 

„Mach dir keine Sorgen. Du kennst sie. Nach fünf Minuten hat sie dir ohnehin alles vergessen und wird dir mit Freuden alles zeigen.“
 

„Es sollte dennoch nicht so sein.“
 

„Nein, sollte es nicht. Aber wir wissen auch alle, dass du es nicht aus böser Absicht tust.“ Das war vielleicht ein wichtiger Unterschied, doch würde es nicht dennoch irgendwann dazu führen, dass man sich voneinander entfernte und die Bande ihrer Freundschaft dünner wurden? Nami kannte das Gefühl von Einsamkeit. Es hatte ihre Kindheit bestimmt und sich darin manifestiert. Müsste sie daher sagen, was ihr wirklich Angst machte, dann war es das, dieses eine, alles verschlingende Gefühl. Diese Menschen zu verlieren, wieder alleine zu sein und keinen Lichtblick in all dieser Dunkelheit zu haben würde ihr durchaus unangenehm aufstoßen. Ja, es konnte Angst machen und gleichzeitig wusste Nami auch, dass sie nicht mehr tun konnte als das, was sie eben bereits tat.
 

„Pass einfach ein bisschen mehr auf dich auf.“ Vivi beugte sich hinunter und küsste sie auf die Wange, bevor sie sich dann löste. Nami würde sie ziehen lassen und ihr einen Moment hinterher sehen, als sie aus der Küche verschwand. Sicherlich musste sie auch bald los und so konnte Nami den Moment nutzen, um endlich auf ihr Handy zu sehen und die Nachrichten zu öffnen. Doch letztlich stand da nichts weiter drin als das, was sie sich ohnehin schon gedacht hatte. Es wartete Arbeit auf sie. Sie solle sofort in sein Anwesen kommen. Diesmal durfte es keine Fehler geben. Sie solle ihn bloß nicht ignorieren.
 

Nami würde ihm einen Daumenhoch schicken und dann einen anderen Chat öffnen. Wie geplant würde sie Ronan darum bitten sie abzuholen, an ihrem üblichen Treffpunkt. Sie wollte Vivi nicht erklären in was für einem Auto sie da verschwand, sollte sie es doch sehen. Vorsicht war besser als Nachsicht, besonders in diesen Kreisen.
 

Nachdem sie all das getan hatte würde auch Nami sich erheben und sich auf den Weg in ihr Zimmer machen. Wie immer musste sie sich nun die Frage stellen, ob sie noch Wechselkleidung im Anwesen hatte. Auch dort besaß sie ein kleines Zimmer für die Tage, an denen sie nicht nach Hause kam. Manchmal war es zu viel Arbeit und dann konnte es passieren, dass sie für einige Tage vor Ort bleiben und sich um seine Belange kümmern musste. Nach Möglichkeit versuchte sie natürlich diesen Umstand zu vermeiden, obgleich das auch nicht immer möglich war.
 

Da sie sich nicht sicher war, wie der Rest des Tages verlaufen würde und auch nicht, was sie noch an Kleidung in ihrem Zimmer hatte, würde Nami eine kleine Tasche packen. Nur das nötigste, ein paar Sachen zum wechseln waren doch das mindeste. Aron legte zwar wert auf ein gewisses auftreten, doch sollte es darauf hinauslaufen, dass sie die nächsten Tage in ihrem Atelier hockte, dann würde sie sicher nicht in schicker Hose und Bluse dort herumlaufen. Da musste es etwas gemütlicheres sein, zumal sie ohnehin keinen Kontakt nach außen hatte und damit auch keine representative Position hatte, so wie es bei anderen vielleicht der Fall war.
 

Schnell fanden sich ein paar Stücke in ihrer Tasche ein und Nami würde sich umziehen. Zumindest für die Anfahrt musste sie angemessen gekleidet sein aber das war das geringste Problem an dieser Sache.
 

Noch während sie sich umzog und dabei war die Bluse zuzuknöpfen würde sich ihr Handy wieder melden. Nami beugte sich über den Display und würde die Nachricht überfliegen. Er konnte in zwanzig Minuten am Treffpunkt sein. Das würde sie schaffen, wenn sie sich gleich auf den Weg machen würde und dann musste sie darauf hoffen, dass die Laune vor Ort nicht völlig unterirdisch sein würde und sie einen umsetzbaren Auftrag vorgelegt bekam, um nicht weiter in seiner Gunst zu fallen.

doubt


 

2023 - New York
 


 

Das Mädchen schluchzte. Sie zitterte am ganzen Leid, man konnte die Angst förmlich durch den Bildschirm spüren. Sie war nackt. Sie saß auf einem Stuhl. Ihre Zähne schlugen unkontrolliert aufeinander. Jedoch nicht aus Kälte sondern aus purer Angst. Tränen liefen ihre Wangen hinunter, mischten sich mit dem Blut, welches ihr aus Mund und Nase drang. Mit den Händen klammerte sie sich an die Sitzfläche, verkramte sich immer wieder. Ihr Oberkörper wippte leicht vor und zurück, was die Kette im Hintergrund in Schwingungen versetzte. Augenscheinlich war das Mädchen nicht gefesselt, saß einfach nur da. Und doch führte die Kette zu ihrem Nacken hinauf und schien sie bei jeder Bewegung daran zu erinnern, dass sie noch da war.
 

Ein Mann trat in den Bildausschnitt. Er war in schwarz gekleidet, während man sein Gesicht nicht erkennen konnte.
 

„Du kannst gehen. Die Tür ist offen, siehst du? Wenn du das nicht willst, dann steh einfach auf und geh.“ Etwas herablassendes, gehässiges lag in seiner Stimme. Man konnte das Grinsen auf seinen Lippen förmlich hören, welches er vermutlich auf den Lippen trug. Das Mädchen reagierte nicht auf seine Worte, sie zitterte am ganzen Leib, starrte auf den Boden und versuchte sich möglichst klein zu machen. Man konnte förmlich erkennen, wie sie versuchte zu verschwinden und sich an einen anderen Ort wünschte. Einen Ort, den sie vielleicht nie wieder sehen würde.
 

Der Schlag kam unerwartet und gleichzeitig nicht. Was dann geschah würde man nicht sehen. Das Video würde beendet werden. Die Lichter wurden eingeschaltet, so dass sich die Beteiligten im Raum wieder sehen konnten. Nami hielt den Blick auf den schwarzen Bildschirm gerichtet. Ihr war schlecht. Am liebsten würde sie aufstehen, aus dem Raum verschwinden. Hätte sie gewusst, auch nur geahnt, in was sie hineingeraten würde, dann hätte sie versucht nicht hier zu landen.
 

Aron hatte geladen. Seine engsten Vertrauten, ein paar Partner und Nami. Er hatte von einer Erweiterung des Geschäftszweiges gesprochen. Bisher war sein Brodel das, was im wesentlichen seine Geschäfte trug. Kleinere Drogengeschäfte kamen sicherlich auch vor und sie ging davon aus, dass er auch ihre Passe verkaufte. Geldwäsche geschah über den Laden durch die Gefälschten Scheine, die durch Nami nach und nach in Umlauf gebracht wurden. Doch das, was sie nun gesehen hatte war eine ganz andere Dimension.
 

Menschenhandel.
 

Menschenhandel in seiner abscheulichsten Dimension. Missbrauch in jeder Form für den die Mädchen und Frauen zur Verfügung gestellt werden sollten. Schon immer war ihr klar gewesen, dass auch sie ihre Hände in schlimmen Dingen drin hatte. Doch wie schlimm? Nein. Das war durchaus etwas das ihr in dieser Form das erste Mal vor Augen geführt worden war.
 

„Wie allen anwesenden bekannt sein sollte, wurde unsere letzte Lieferung aufgegriffen und die Polizei schaut sich derzeit alles genauer an. Das wird uns in unserem Zeitplan etwas zurückwerfen, doch ich habe nicht vor weiteres Geld durch diesen unglücklichen Zwischenfall zu verlieren.“ Es war ein Geschäft. Nichts weiter. Niemand in diesem Raum schien sich von dem geschehen irgendwie beeindruckt zu sehen. Für diese Männer war das Geschäft mit dem Leid und dem Schmerz von jungen Frauen alltäglich und etwas völlig normales. Etwas, zu dem sie jedes Recht der Welt hatten.
 

Nami wusste, dass sie ihre Betroffenheit, die Wut, den Ekel. Nichts von all diesen Emotionen zeigen durfte. Sie steckte mitten drin und Schwäche oder gar der Verdacht, dass sie sich gegen Aron stellen könnte, könnte sie ganz schnell auf diesen Stuhl bringen. Sie oder jemanden den sie liebte.
 

„Das wichtigste für uns ist, dass unsere Ware in einwandfreiem Zustand ist, wenn sie hier ankommt und wir sie zum Verkauf freigeben. Wir können also nicht irgendwelche Mädchen von der Straße holen. Zumal ich keine Lust darauf habe mich mit den hiesigen Zuhältern zu befassen.“ Leises lachen im Raum. „Wir haben einen Kontakt. Er arbeitet mit Waisenhäusern und Schulen in Mexico zusammen. Wir können also den Landweg nutzen. Was kein Problem ist, da sie alle gültige Pässe und die entsprechenden Visa haben werden.“
 

Nami konnte spüren, wie die Blicke auf ihr ruhten. Sie sah allerdings auf den Bildschirm und biss die Kiefer zusammen. Bisher war es darum gegangen eine Arbeitserlaubnis zu fälschen. Seinen Leuten andere Identitäten zu geben, für sie Pässe zu fälschen. Falschgeld in Umlauf zu bringen. Nun sollte sie diesen Mädchen ein Ticket in die Hölle ausstellen.
 

„Oder gibt es dabei ein Problem?“
 

Ihre Augen gingen langsam zur Seite. Nami betrachtete ihn schweigend. Die Art wie er Sprach, was er sagte, wie er es sagte, es war eine einzige Drohung. Sie musste sich zusammenreißen!
 

„Bei Personen die aus Mexiko kommen werden die Papiere grundsätzlich besonders streng geprüft. Wir wissen alle wie die Grenzkontrollen laufen und das darauf geachtet wird, dass niemand ins Land kommt, der hier nicht sein sollte. Präzise und fehlerfreie Arbeit ist dabei absolut notwendig. Das bedeutet nicht nur, dass ich die richtigen Informationen brauche sondern es muss klar sein, dass ich nicht innerhalb von 24 Stunden fehlerfreie Dokumente ausstellen kann. Spontane Planänderungen werden nicht funktionieren. Ich brauche Vorlauf, um zu gewährleisten, dass wir ohne Probleme durch die Grenze kommen.“
 

„Wie viel Vorlauf?“
 

„Es kommt immer auf die Anzahl an. Von wie vielen Pässen sprechen wir pro Tour? Wobei.. eine Woche das mindeste ist, was ich bekommen muss.“ Eine Woche Vorlauf. Er konnte die Mädchen immerhin nicht mit Bussen auf die andere Seite bringen. Das würde auffallen es sei denn er verkaufte es als Klassenfahrt oder Schüleraustausch. Nami wusste nicht wie genau er es anstellen wollte, sie wusste nicht warum er sich nicht einfach irgendeinen anderen, illegalen Weg suchte. Aber vermutlich glaubte er, dass es ihn so mehr absichern würde. Und Aron liebte es zu zeigen, dass er etwas besseres war. Die Mädchen direkt unter dem Auge des Gesetzes ins Land zu bringen gab ihm vermutlich den gewissen Kick auch, wenn er wohl selbst kaum beteiligt sein dürfte.

Er blickte sie schweigend an, nickte dann aber.
 

„Die Vorbereitungen laufen, wir wollen trotz allem ein wenig Gras über alles wachsen lassen. In zwei Wochen geht es los, bis dahin erwarte ich, dass alle ihre Aufgaben kennen und bereit für die Umsetzung sind. Ich erwarte, dass es diesmal ohne Zwischenfälle laufen wird. Bis wir den Hafen wieder nutzen können wird das unser neuer Weg sein.“ Als Übergang. Er wollte sicherlich auch eine andere Auswahl an Mädchen liefern, um bestimmte Vorlieben abdecken zu können. Nami wollte sich nicht vorstellen was genau das bedeutete und wie weit das alles wirklich ging. Wollte er einen Club eröffnen in dem Gewalt uns Missbrauch okay war? Wollte er die Mädchen zu hörenden Preisen einfach weiterverkaufen und mit diesem Handel ein Geschäft eingehen? Vielleicht beides. Vielleicht etwas ganz anderes. Doch am Ende war es durchaus irrelevant, denn dort stand das Schicksal dieser Mädchen und das würde in der Regel im Tod enden. Früher oder später würden sie daran zugrunde gehen. Körperlich oder mental spielte wohl kaum eine Rolle.
 

Aron begann die einzelnen Rollen zu verteilen. Archer, Ray und Octa würden die Fahrer sein. Es gab einen Arzt, den Nami bisher noch nie gesehen hatte und der wohl dafür sorge trug, dass die Mädchen möglichst lange am Leben erhalten wurden. Ein Partner, der den Kontakt zu Mexico hatte und sich um die Logistik kümmern würde. Dann noch jemand, der sich hier in der Stadt um alle wichtigen belange kümmern und Aron berichten würde. Es war ein kleines Team, wenig Menschen die involviert waren und an den passenden Stellen hatte er diejenigen platziert, denen er entweder blind vertraute oder, deren Loyalität er sich erzwungen hatte. Letzteres traf auf Nami zu, denn was hatte sie schon für eine Wahl? Sie würde ihre Schwester mit jedem falschen Schritt in Gefahr bringen und sie vertraute der Polizei zu wenig, als das sie wirklich geglaubt hätte, dass diese sich wirklich einmischen würden. Hinzu kam, dass Aron selbst dort seine Finger im Spiel hatte, seine Kontakte pflegte und sie sich nicht einmal sicher sein könnte an wen sie sich wenden sollte ohne, dass es postwendend bei ihm landen würde. Doch dieses Spiel einfach mitspielen? Diese Mädchen wissentlich in die Hölle schicken? Ihr Blut würde auch an Nami’s Händen kleben, denn sie würde mit ihrer Arbeit einen wesentlichen Beitrag zu dieser Sache leisten. Sich einzureden, dass sie nichts damit zu tun hätte wäre daher absolut illusorisch.
 

Naiv.
 

Was sollte sie jetzt tun? Diese Frage drängte sich ihr unaufhörlich auf, so dass es fast schon unmöglich war diesem Gespräch weiter zu folgen und sich auf die Anweisungen zu konzentrieren, die Aron da herunterbetete. Hier ging es nicht darum sich abzustimmen. Er delegierte und sie hatten es einfach umzusetzen so, wie er es sich in seinem tollen Plan vorstellte. Und wenn es nicht möglich war? Dann mussten sie einen Weg finden, um es möglich zu machen. So einfach war das. Nur, dass es für sie nicht einfach war. Nicht in dieser neuen Situation, die hier auf den Tisch gelegt worden war.
 

„An die Arbeit. Ich will keine Fehler mehr erleben.“ Etwas das noch einmal betont wurde, bevor Aron sie entlassen würde. Nami kam zurück ins hier und jetzt. Sie blinzelte und sah dabei zu, wie die Männer sich erhoben, um sich an die Arbeit zu machen. Davon hatten sie alle sicherlich genug auf dem Tisch und so würde auch Nami sich erheben. Sie müsste sich erst einmal in Ruhe und mit etwas Abstand ordnen, was auch bedeuten würde einen Überblick darüber zu bekommen was genau nun getan werden musste, welche Materialien sie brauchten und, um welche Sicherheitsstandarts sie sich zu kümmern hatte. Man würde sie vermutlich mit den entsprechenden informationen füttern, davon ging sie aus. Dennoch würde sie diese prüfen und genauer betrachten müssen. Denn darauf vertrauen, dass man ihr das richtige liefern würde? Nein. Denn am Ende würde sie die Verantwortung tragen, sollte bei all dem etwas schief gehen. Es war alles doch eher fragwürdig und noch immer fragte sie sich, wie sie bei all dem einfach blind mitmachen sollte. Doch was hatte sie für eine Wahl? Man hatte immer die Wahl. Ihre Schwester hatte ihr das einmal gesagt und sicherlich hatte sie Recht. Es war immer eine Entscheidung die man traf auch, wenn man glaubte keine Wahl zu haben. Meistens lag es doch eher daran, dass man nicht bereit war mit den Konsequenzen zu leben. Und wenn Nami bedachte, was die Konsequenzen für sie bedeuten würden, dann war das schlichtweg noch einmal eine ganz andere Sache. Nein. Sie konnte mit diesen Konsequenzen nicht leben. Niemals.
 

„Nami“, wandte sich Aron an sie und hinderte sie damit daran zu gehen. Er machte eine leichte Handbewegung, um sie zu sich zu winken. Etwas dem sie schweigend nachkam. Dabei verschränkte sie die Arme vor der Brust und würde sich an die Tischkante neben seinem Platz lehnen, um zu ihm hinunter zu blicken. Auf Grund seiner Größe war das allerdings nicht weiter relevant. Sie befanden sich fast auf Augenhöhe.
 

„Hast du irgendein Problem mit dem, was wir hier tun werden?“
 

„Warum sollte ich ein Problem damit haben? Es ist mir egal, wie du dein Geld machst.“ Das war es durchaus nicht. Aber was sollte sie ihm denn auch sagen? Er erwartete ja wohl nicht, dass sie sich nun offiziell gegen ihn stellte und klar machte, was sie wirklich von all dem hielt.
 

„Ich kenne dich, etwas geht in deinem hübschen Kopf vor sich“, gab er zu bedenken und musterte sie eingehend. Das war wohl eine offensichtliche Sache, doch Nami würde ihn einfach nur schweigend ansehen und abwarten. Wenn er etwas zu sagen hatte, dann sollte er es tun. Alles weitere interessierte sie in diesem Moment nicht. Sie hatte andere Probleme als das.
 

Für einen Moment begegneten sie sich schweigend, bevor er durchatmete und schüttelte den Kopf.
 

„Wie dem auch sei, ich hoffe es ist klar, dass ich keine weiteren Fehler dulde. Diese Sache ist zu groß und zu wichtig. Ich erwarte schnelle und präzise Arbeit. Und sollte etwas dabei schief laufen, dann werde ich dich dafür verantwortlich machen, haben wir uns verstanden? Ich muss dir wohl kaum erklären, dass deine Schwester die erste ist, die ich mir dann vorknöpfen werde, oder?“
 

„Schon klar, ich weiß wie es läuft.“ Sie versuchte sich möglichst gelassen zu geben auch, wenn das angesichts der Umstände durchaus nicht einfach war. Aber es war das mindeste, was man im Kontakt zu jemandem wie Aron tun musste, um nicht gleich unterzugehen.
 

„Ich verlasse mich darauf.“ Er machte eine wischende Handbewegung. Wohl als Zeichen, dass sie gehen konnte und das würde sie dann auch tun. Es war ziemlich klar was die Voraussetzungen für die nächsten Wochen waren und es war klar, dass die Arbeit nur mehr werden würde. Bisher hatte sie es geschafft sich immer wieder aus diesem Leben, dieser Welt, herauszuziehen. Doch je mehr man sie hier verpflichten würde, umso weniger Chancen hatte sie darauf aus all dem heraus zu kommen. Sie konnte förmlich spüren, wie der Sog stärker wurde, der sie immer weiter mit sich riss. Würde sie nicht aufpassen, dann würde sie irgendwann gar nicht mehr aus all dem herauskommen. Bereits jetzt schien es unvorstellbar zu sein, wie genau das funktionieren sollte und Nami hatte keine Vorstellung davon, wie es weiter gehen sollte.
 

Sie würde sich abwenden und den Raum verlassen. Durchatmen. Einen kühlen Kopf bewahren. Das letzte was ihr nun half war, in Panik zu verfallen. Ein Umstand über den sich Nami durchaus im klaren war. Wie man angesichts dieser Umstände allerdings nicht in Panik verfallen sollte, das war ihr durchaus ein Rätsel. Wie sollte sie das schaffen?
 

Tief atmete sie durch, machte sich auf den Weg zu ihrem Atelier. Zwar hatte sie noch keine Konkreten Informationen zu den Mädchen, keine Fotos oder andere Daten aber dennoch konnte sie sich an die Vorbereitungen machen. Ein Ausweis war eine heikle Sache und musste durchaus gut gemacht sein. Gemessen daran wie strickt die Sicherheitsbestimmungen waren und wie genau man bei diesen Mädchen hinschauen würde. Perfektion war das minimum, welches Nami erreichen musste in ihrer Arbeit. Und, ob das reichen würde? Als Fälscherin musste sie sich ständig weiterentwickeln, musste den ganzen Bestimmungen immer einen Schritt voraus sein und sich neue Tricks ausdenken. Es war ein Katz und Maus spiel.
 

Sie begab sich in ihren Raum, atmete tief ein. Sie roch Lösungsmittel, verschiedene Farben. Eigentlich handelte es sich hier um einen wunderbaren Ort. Für jemanden, der die Kunst liebte und damit etwas anfangen konnte. Ein Traum, der für Nami jedoch immer ein Albtraum gewesen war. Ein Gefängnis. Freiheit hatte sie hier nie verspüren können. Der einzige Trost, den sie hatte war wohl, dass das hier ihr räum war. Aron und seine Volkschaft konnte mit all dem nichts anfangen. Sie tauchten nur dann auf, wenn sie etwas von Nami wollten, doch ansonsten konnte sie sich darauf verlassen hier ihre Ruhe zu haben.
 

Mit einem seufzen würde sie ihren Blazer ablegen und die Ärmel ihrer Bluse hochkrempeln. Das mindeste, was sie tun konnte, war die Materialien noch einmal ordentlich zu reinigen, um dafür zu sorgen, dass sie sofort mit der eigentlichen Arbeit beginnen konnte, wenn die Informationen herein kamen. Zum anderen war es auch einfach schrecklich beruhigend. Es half Nami dabei sich zu sammeln, zu entspannen und zu sich zu finden, wenn es sein musste. Die Gedanken ordnen, sich beruhigen. Das waren die wesentlichen Dinge, die es brauchte. Nicht nur, dass sie sonst keine Lösung finden würde, nein. Sie würde auch schlechte Arbeit machen und so oder so würde es sie in Teufels Küche bringen.
 

Sie suchte das passende Lösungsmittel heraus, ein paar Lappen und würde dann die Treppe zu einem weiteren Raum hinunter gehen. Während sie oben die Feinarbeit machte, sich um Farben, Papiere und Schrift kümmerte, standen hier unten die passenden Drucker. Mit dem nötigen Geld konnte man fast alles bekommen und Aron hatte sicherlich seine Quellen. Nami hinterfragte es auch nicht, immerhin war es das mindeste, was sie brauchte. Das Papier, die passenden Farben, die wichtige Technik. Das war ihre Sorge.
 

Die Reinigungsutensilien würde sie neben den Drucker stellen und dann beginnen die Maschine auseinander zu bauen. Kein handelsüblicher, kleiner Drucker für den Hausgebrauch. Das Ding war etwas größer. Im Vergleich dazu waren die Maschinen für die Bindung und den Schnitt deutlich handlicher. Wobei es hier auch nicht darum ging in eine Massenproduktion gehen zu können. Es reichte völlig aus, was sie hier hatte. Leider.
 

„Hier bist du.. du arbeitest schon?“ Nami blickte auf. Sie hatte nicht gehört, wie Octa den Raum betreten und nun zu ihr hinunter gekommen war. Er sah sich prüfend um. Bereits einige Male hatte Nami versucht ihm zu erklären, wie es funktionierte, da er sie gefragt hatte. Ob er inzwischen verstanden hatte, wagte sie allerdings zu bezweifeln.
 

„Vorbereitungen. Wann kann ich mit den Informationen rechnen?“
 

„Kann ich dir nicht sagen. Du weißt, dass das Ray’s Aufgabe ist.“ Durchaus. Die drei verwalteten die verschiedenen Bereiche, die an das Pearl angegliedert waren. Menschenhandel, Prostitution und der Stripclub. Jeder Bereich hatte seine ganz eigene Aufgabe, seinen ganz eigenen Schwerpunkt, der die Maschinerie am laufen hielt. Sie bedingten sich gegenseitig, wobei der Stripclub wohl noch der legalste Bereich des ganzen war. Der Bereich, der Octa unterstellt wurde. Ein Umstand, der meistens dafür sorgte, dass Ray und Archer ihn eher belächelten. Vielleicht, weil es für sie aussagte, dass Aron ihm nicht mehr Verantwortung oder die härteren Aufgaben geben wollte. Etwas das Nami durchaus nachvollziehen konnte. Von den dreien war Octa noch der vernünftigste. Der, der noch nicht völlig abgestumpft zu sein schien.
 

„Was kann ich dann für dich tun?“
 

„Ich brauche ein paar Dokumente für die Hygiene Aufsicht.“
 

„Warum kommst du damit zu mir? Der Laden ist sauber, du würdest die Dokumente ohne weiteres auf legalem Wege bekommen.“ Das einzige was wirklich zu laufen schien. Die Arbeitsbedingungen schienen okay, er achtete darauf, dass der Laden sauber war und auch sonst gab es nichts daran auszusetzen. Im Grunde war es der einzig legale Teil, den Aron unter sich hatte.
 

Octa schwieg auf ihre Frage hin und Nami ließ schließlich ihre Arbeit auf sich beruhen. Sie musterte den großen Kerl, der wie immer schrecklich unbeholfen wirkte. Wieder einmal fragte sie sich, wie er dazu gekommen war, für Aron zu arbeiten. Aus Nami’s Sicht ergab das absolut keinen Sinn. Er passte in all das genauso wenig hinein, wie sie.
 

„Bist du okay? Du warst vorhin ziemlich blass um die Nase.“
 

„Natürlich bin ich okay. Ist doch ein fantastischer Plan, den er ausgearbeitet hat.“ Ihr Antwort war sicherlich zu schnell gekommen. Doch es war ein Reflex. Sie durfte nicht durchblicken lassen, wie sie wirklich zu all dem stand, durfte niemandem zeigen, wie sie sich wirklich fühlte. An Octa’s zweifelndem Blick erkannte sie allerdings, dass sie es diesmal wohl doch ein wenig übertrieben hatte. Immerhin war es ein offenes Geheimnis, dass Nami nicht viel von Aron hielt. Wie sollte sie auch? Sie hatte sich immerhin nie freiwillig und voller Freude dazu entschieden für ihn zu arbeiten. Man hatte ihr nie eine Wahl gelassen.
 

„Kommt überraschend, dass wir auf einmal diesen Weg einschlagen. Ich dachte es würde bisher nur seinem privaten Vergnügen dienen?“
 

„Du meinst Mädchen aus armen Verhältnissen in die Prostitution zu zwingen?“
 

"Nein."
 

Nein. Natürlich nicht. Sie wussten beide, was man besprochen hatte. Mädchen zu verkaufen, um sie Soziopathen zur Verfügung zu stellen, die frei über sie verfügen konnten. Der Tod dieser Mädchen wäre am Ende vermutlich das gnädigste, was ihnen widerfahren konnte. Stattdessen würden Folter und Missbrauch ihren Alltag, den Rest ihres Lebens bestimmen. Das zumindest war es was man ihnen gezeigt hatte und vielleicht waren die wirklichen Abgründe noch viel tiefer. Nami konnte und wollte sich all das nicht wirklich vorstellen.
 

Was er ihr hier allerdings sagte war, dass es bisher bereits unter diesem Dach stattgefunden hatte. Mehr als das. Wer wusste schon, was Aron in seinem privaten Trakt dieses Hauses trieb. Die Vorstellung, dass dort Mädchen gefangen gehalten wurden, die dazu dienten seinen sadistischen Phantasien Abhilfe zu verschaffen, war nicht einmal überraschend.
 

„Er wird nie aufhören können mehr zu wollen. Er hält sich für klüger und besser als die Behörden und irgendwann wird er uns alle damit in den Abgrund stürzen.“ Was war auch falsch daran seine kleinen, kriminellen Machenschaften weiterzuführen? Aron hatte ein gutes Leben. Die Geldwäsche, der Club und die anderen Aktivitäten beschafften ihm gutes Geld. Nur, dass es eben nie genug war. Vielleicht war es ihm bisher gelungen die Polizei nicht auf seine Spur zu bringen. Doch wie lange würde es noch so weitergehen? Wenn das ganze größer wurde, dann wuchs damit auch ungleich die Möglichkeit, dass man auf sie aufmerksam werden würde. Und wenn sie einmal auf dem Radar auftauchten, dann war es nur sehr schwer wieder von diesem zu verschwinden.
 

„Vielleicht. Wenn du etwas brauchst..“
 

„Informationen für die Ausweise. Fotos. Und das zeitnah aber da das nicht in deiner Verantwortung liegt..“ Sie zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder der Maschine zu. Auch hier war ihr bewusst, dass er nicht das gemeint hatte. Er hatte von etwas ganz anderem gesprochen, doch wie sollte sie damit umgehen? Sie war sich sicher, dass dieses Haus Ohren besaß und selbst, wenn Nami wollte, sie konnte das nicht ändern.
 

Er schwieg, sah sich um. Dabei trat er an eine der Maschinen heran und beugte sich etwas darüber, als wolle er sie genauer unter die Lupe nehmen. Nami beobachtete ihn aus dem Augenwinkel.
 

„Es wird schon gut gehen. Vermutlich wird er bald die Lust daran verlieren. Er hat uns gesagt, dass er nur etwas Abwechslung braucht und mal etwas neues probieren will. Keine große Sache.“ Ob er das wirklich glaubte? Nami war sich nicht sicher aber sie selbst glaubte es zumindest nicht. Manchmal war Octa durchaus zu gutgläubig. Einmal hatte sie ihm einen 11$ Schein unter die Nase gehalten und behauptet, dass der Schein so echt war, dass sie damit überall bezahlen konnte. Natürlich war der schein eine perfekte Fälschung gewesen. Zumindest wenn es um Papier und Technik ging. Allerdings war wohl kaum anzunehmen, dass jemand einen solchen Schein angenommen hätte. Octa zumindest hätte es getan und war hellauf begeistert gewesen.
 

Sammlerstück hatte er es genannt und ihr den Schein abgekauft. Sie wusste, dass das Ding bei ihm eingerahmt an der Wand hing und einen Ehrenplatz erhalten hatte. Warum auch immer, denn wirklich einordnen konnte sie es noch immer nicht. Jedoch zeigte es für Nami nur, dass er durchaus anders drauf war, das da noch ein anderer und sehr guter Kern in ihm steckte.
 

„Vielleicht hast du recht.“ Vielleicht. Doch wenn sie ehrlich war, dann glaubte Nami nicht daran. Aus ihrer Sicht war das eine ganz miese Sache. Und sollte es wirklich so funktionieren, wie er es plante, dann war das eine Goldgrube, die Aron nicht einfach so wieder zuschütten würde. So lief es nun einmal nicht, so war es noch nie gelaufen. Ganz abgesehen davon, dass er viel zu viel Freude daran hatte zu beweisen, dass er der Beste war. Ob er das nun war, war einmal dahingestellt, doch Nami wollte sich nicht auf eine wage Hoffnung verlassen. Sie musste realistisch bleiben, damit sie mit all dem zurechtkommen würde.
 

„Gut dann.. wenn du nichts brauchst, dann machte ich mich auch wieder an die Arbeit. Du weißt ja, wo du mich findest.“ Wusste sie, durchaus. Früher war sie öfter im Club gewesen, sie mochte die Stimmung dort. Und doch war inzwischen eher etwas zu dem sie Abstand nahm. Aus verschiedenen Gründen sicherlich.
 

„Ja, wir sehen uns.“ Noch einmal würde sie von ihrer Arbeit aufblicken und ihm nachsehen, als er sich umwandte und dann verschwinden würde. Nachdenklich schürzte Nami die Lippen. Sie wusste nicht, ob sie es wirklich wagen könnte ihm zu vertrauen und sein Angebot anzunehmen. Doch was sollte das schon sein? Egal was Octa denken mochte, auch er würde sich niemals gegen Aron stellen. Ebenso wenig, wie Nami es am Ende tun würde. Ob nun aus Freundschaft, Loyalität oder anderen Gründen war dabei durchaus unerheblich. Es zählte nur, dass auch er nichts tun könnte, um ihr aus all dem herauszuhelfen. Er konnte Aron’s Zorn nicht abwenden, konnte ihre Schwester nicht beschützen. Und wenn all das nicht gegeben war, was sollte Nami dann tun? Sie war dem ausgeliefert und so sehr sie seine Geste zu schätzen wusste, so wenig war sie am Ende des Tages doch wert.

locked


 

2004 - Boston
 


 

„Lasst uns raus! Lasst uns raus!“ Die kleinen Fäuste hämmerten gegen die Tür. Sie schnappte nach Luft, zog die Nase hoch. Zwischen die Worte und Schreie mischte sich ihr Schluchzen, während die Stimme bereits heiser war vom schreien. Die Fäuste fühlten sich taub an auch, wenn es sie nicht davon abhielt weiter auf die Tür einzuschlagen.
 

„Ich will zu Genzo!“ Sie wollte hier weg! Niemand hatte sie gefragt, wo sie sein wollten, man hatte sie einfach weg gebracht. Weg aus ihrem Zuhause, weg von vertrauten Menschen. Weg von allem was sie kannten. Man hatte sie einfach weggebracht in ein fremdes, dunkles Haus, was einfach nicht gemütlich war. Das Zimmer in das man sie gebracht hatte war klein und abgesehen von einem großen Bett und einer Kommode mit etwas Kleidung war nichts darin. Kleidung die viel zu groß und auch eher abgetragen aussah. Ihre Schwester hatte das Zimmer durchsucht in der Hoffnung, dass man etwas brauchbares finden könnte. Das war leider nicht der Fall gewesen. Man hatte gesagt, dass das nun ihr neues Zimmer war, das sie hier wohnen würden. Aber das wollte sie nicht! Sie wollte wieder nach Hause.
 

„Macht auf!“ Sie wusste nicht, wie lange sie schon schrie, wusste nicht wie lange sie mit den Fäusten schon gegen die Tür schlug, wie oft sie an der Türklinke gerüttelt, gezogen und sich daran gehängt hatte. Nichts war passiert. Auf der anderen Seite der Tür blieb es still, ungewiss, ob sie jemand hören konnte. Unklar, ob es jemanden interessierte. Vermutlich nicht. Sicher nicht.

„Lasst uns raus!“ Schreien, zerren. Sie gab nicht auf. Sie würde nicht aufgeben! Niemals! Sie mochte es hier nicht. Das war nicht das, was man ihnen versprochen hatte, nicht das was sie sich gewünscht hatten, als man sie danach gefragt hatte. Irgendwas musste das doch zählen! Das durften nicht alles haltlose Lügen gewesen sein! Genzo hatte ihnen versprochen, dass sie bei ihm bleiben durften. Das er mit ihnen ein Eis essen gehen würde, wenn das alles vorbei war.
 

„Beruhig dich..“
 

„Nein!“ Sie ließ von der Tür ab, fuhr herum und funkelte ihre Schwester an. Sie war ruhig, etwas resigniert. Im Gegensatz zu Nami hatte sie sich auf das Zimmer konzentriert und angefangen sich genauer umzusehen. Das Bett geprüft, nachgesehen ob sich etwas in der Kommode befand, die die erwähnte, zu große Kleidung zu Tage gefördert hatte. Auch die Fenster hatte sie überprüft aber schnell feststellen müssen, dass man diese nicht öffnen konnte. Und selbst wenn.. man hatte Gitter davor angebracht. Vielleicht wäre es sonst noch ein leichtes gewesen irgendwie die Scheibe einzuschlagen, heraus zu klettern. Doch so blieb ihnen die Möglichkeit gleich verwehrt.
 

„Ich bleibe nicht hier!“ Das stand für sie fest. Egal was geschah, egal was man ihnen sagen würde, sie würde nicht hier bleiben. Sie würde alles dafür tun, um wieder hier weg zu kommen.
 

„Und wo willst du hin?“
 

„Weg! Zu Genzo!“
 

„Sie werden uns nicht lassen.. und wir wissen auch nicht wo das ist. Wo wir sind.“
 

„Ist mir egal!“ Ja, es war ihr völlig egal. Sie wollte sich nicht damit abfinden. Es stimmte, sie wussten nicht wo sie waren, wusste nicht wie sie zu Genzo kommen sollten. Aber irgendwie musste es doch gehen! Es war ihr auch egal, ob man sie lassen würde oder nicht. Sie wollte einfach nicht hier sein. Nicht bei diesem Mann, der so viel schlechtes in ihr Leben gebracht hatte. Wegen ihm hatte ihre Mutter so viel geweint, wegen ihm war alles anders geworden. Und wegen ihm waren sie jetzt alleine! Sie wusste einfach, dass es seine Schuld war und da glaubte sie auch niemandem sonst, der ihr vielleicht etwas anderes einreden wollte. Egal was die Leute sagten, egal ob sie glaubten, dass er ein guter Mann war. Das war er nicht! Sie konnte ihn nicht leiden, sie hasste ihn! Sie. Hasste. Ihn.
 

„Wir können das nicht alleine machen..“
 

„Ist mir egal!“
 

„Nami..“ Nojiko war zu ihr gekommen, versuchte ihr eine Hand auf die Schulter zu legen und sie zu beruhigen. Doch sie wandte sich ab, riss sich los und blickte ihrer Schwester aus geröteten Augen entgegen. Seit Stunden weinte sie Tränen der Wut über das alles, ihr Hals schmerzte von den Schreien und sie hatte das Gefühl kaum Luft zu bekommen. Unangenehm. Alles schmerzte.
 

„Warum ist dir das egal?!“
 

„Es ist mir nicht egal! Aber wir müssen nachdenken! Das hier hilft uns nicht!“ Natürlich nicht. Aber was dann? Warten? Das konnte sie nicht. Denn da war Sehnsucht, Angst. Sehnsucht nach dem Heim, das sie einmal gehabt hatten. Nach ihrer Mutter. Nach Genzo. Und die Angst. Angst vor diesem Mann, der einfach nur böse war. Sie hatte es schon immer gewusst, seit er das erste Mal bei ihnen Zuhause gewesen war. Er hatte böse Augen. Das hatte sie auch ihrer Mutter gesagt, nachdem er wieder gegangen war. Das er böse Augen hatte und sie nicht wollte, dass er noch einmal zu ihnen kommen würde. Das hatte ihr schon immer Angst gemacht. Auch, wenn ihre Mutter versucht hatte sie zu beruhigen. Sie hatte versucht ihr zu erklären, dass das alles nicht so schlimm war. Doch es war schlimm gewesen. War schlimmer geworden. Jedes Mal, wenn er wieder aufgetaucht war hatte er neues Leid zu ihnen gebracht. Sie hatte nie verstanden was genau das gewesen war, warum dieser Mann immer und immer wieder zu ihnen kommen musste. Sie wusste nur, dass es ihrer Mutter nicht gut ging. Sie hatte einen anderen Ausdruck in den Augen, wenn er kam. Etwas war anders gewesen. Doch sie hatte sie nur immer wieder auf ihr Zimmer geschickt und sie hatten erst wieder herauskommen dürfen, wenn sie es ihnen gesagt hatte. Einmal, da hatte Nami nicht hören wollen. Sie hatte sich herausschleichen und nachsehen wollen. Nojiko hatte sie nicht gelassen. Sie hatte gesagt, dass sie auf ihre Mutter hören sollten. Dass das nicht gut war und sie Ärger bekommen würden. So wie heute.
 

„Sei nicht so feige!“
 

„Ich bin nicht feige!“ Aus Nami’s Sicht war sie genau das. Sie hielt sich immer an die Spielregeln, machte was man ihr sagte. So war Nojiko schon immer gewesen. Die Vernünftige von ihnen beiden. Das hatte auch ihre Mutter immer gesagt. Nojiko, diejenige, die immer brav war und keinen Ärger machte, während Nami schier keine zwei Meter weit gehen konnte ohne, dass sie sich in das nächste Problem manövrierte. Dabei machte sie es nicht einmal mit Absicht. Ein Hitzkopf, so hatte ihre Mutter sie immer genannt. Aber, wenn sie es damals getan hätte, dann wüsste sie wenigstens, was dieser Mann gemacht hatte. Warum er bei ihnen Zuhause gewesen war. Jetzt wusste sie nichts. Und sie wusste auch nicht, wie sie hier wieder heraus kommen sollten. Das machte sie Wahnsinnig!
 

„Ich sage nur wie es ist! Und das was du machst bringt uns nicht weiter! Du bist viel zu aufgebracht!“
 

„Ist mir egal!“ Wie sollte sie auch nicht aufgebracht sein? Nami nervte es eher, dass ihre Schwester so ruhig blieb. An dieser Stelle waren sie schon immer sehr unterschiedlich gewesen. Trotz der Tatsache, das sie beide einen starken Charakter hatten war es doch so, dass Nami ihr Temperament weniger unter Kontrolle hatte. Nojiko war die ruhige, die besonnene. Später würde sie mal eine gute Taktikerin werden. Bisweilen mussten sie aber einen Weg finden, um gemeinsam in dieser Situation zurecht zu kommen und das gestaltete sich als denkbar schwer. Welten die aufeinander prallten.
 

„Ich will hier raus!“ Nami wandte sich wieder von ihrer Schwester ab und der Tür zu. Erneut trommelten die kleinen Fäuste gegen das raue Holz. Inzwischen tat jeder Schlag weh, die Haut war gerötet und geschwollen. Doch sie konnte nicht aufhören. Sie konnte einfach nicht.
 

Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen, die schon bald hervor quollen und die Wangen weiter hinunter rannen. Atmen konnte sie nur noch durch den Mund, die Haut an den Wangen spannte unangenehm, doch all das war egal. Es spielte keine Rolle solange sie hier drinnen waren und niemand sie herauslassen würde.
 

Zeitgleich war es nicht einmal eine Frage des längeren Atem. Oder eine Frage des stärkeren. Solange es fraglich war, ob sie jemand überhaupt hören konnte war das alles vielleicht auch nur vergeudete Zeit. Zeit, die sie doch anders nutzen sollte? Aber wie? Wie sollte man das tun? Sie sah einfach keinen anderen Weg als diesen. Da war eine Tür, da war ein Weg nach draußen.

Nami hing sich an die Türklinke, stemmte sich mit den nackten Füßen gegen das Holz und versuchte weiter dagegen zu arbeiten. Versuchte die Tür zu öffnen und das mit all der Kraft, die ihr kleiner Körper in diesem Moment aufbringen konnte. Es knarzte, kurz glaubte sie, dass sich etwas tat. Doch dann verlor sie den Halt. Für einen Moment hing sie in der Luft, bevor sie unsanft auf dem Boden aufschlug und der Schmerz durch ihren Körper fuhr. Nami japste, rang nach Luft. Und dann brach es aus ihr heraus. Lautes Schluchzen, voller Schmerz und Trauer, erfüllte den Raum, während sie einfach auf dem Boden lag und sich dort zusammenkauerte. Die Arme schlangen sich um den Körper, als sie sich zur Seite drehte, versuchte das Beben zu kontrollieren und sich zusammenzunehmen.
 

Unmöglich.
 

Irgendwann spürte sie eine Hand auf der Schulter, während die andere ihr sanft durch das Haar strich. Nojiko hatte sich neben sie gesetzt, schwieg allerdings. Ihre Schwester war einfach da, hielt sie und versuchte sie damit ein wenig zu beruhigen. Doch konnte sie das? Wohl kaum. Nami konnte einfach nicht. Es war so schrecklich unfair! Ihre Mutter war einfach weg. Einfach so. Nur Genzo war da gewesen. Er hatte zugehört, hatte sich gekümmert. Nami hatte geglaubt, dass sie ihm nicht egal waren und das er zuhörte. Das er es ernst meinte. Alles was er sagte. Doch jetzt? Jetzt hatte er einfach zugelassen, dass dieser Mann sie mitnahm und an diesen Ort brachte. Er hatte nichts getan und einfach nur zugesehen, wie man sie mitgenommen hatte. Es war ihm auch egal. Wie allen anderen, die ihnen von Anfang an nicht zugehört hatten. Die ihnen nicht geglaubt hatten.
 


 

***
 


 

„Na, habt ihr euch endlich beruhigt?“ Nami funkelte den großen Mann an. Sie mochte sein Grinsen nicht. Wie lange hatte sie versucht, heraus zu kommen? Wie lange waren sie schon in diesem Raum? Nami wusste es nicht. Sie hatte das Gefühl für die Zeit verloren. Das einzige, was sie wusste, war das sie hungrig war. Sie hatte schrecklichen Hunger. Der Magen knurrte schon eine halbe Ewigkeit, doch auch das hatten sie nicht bekommen.
 

Nun stand er da, blickte auf sie hinunter mit diesem Grinsen. Und diesem bösen Blick. Sie waren alle böse.
 

„Wir wollen hier raus!“ Nein, Nami hatte sich nicht beruhig. Ganz sicher nicht. Sie hatte nicht vor das alles so hinzunehmen und sich hier einsperren zu lassen! Sie wollte gehen und zwar jetzt! Doch alles was als Antwort kam, war ein raues lachen. Er neigte den Kopf zur Seite, blickte sie abfällig an und zog die Mundwinkel weiter auseinander.
 

„Hast du es noch nicht kapiert? Das hier ist jetzt euer Zuhause. Also sei lieber brav und mach keinen Ärger. Je länger ihr schreit, umso länger dauert es, biss ihr wieder etwas zu essen bekommt.“
 

„Wir wollen aber nicht hier sein! Ihr dürft das gar nicht!“ Natürlich durften sie das nicht. Nur, dass es offenkundig niemanden interessierte. Und bei wem sollten sie sich auch beschweren? Bei der Frau, die entschieden hatte, dass sie hierher kommen sollten? Wohl kaum. Die würden ihnen ohnehin nicht glauben und das alles nur wieder als Nichtigkeit abtun. So wie sie es schon einmal getan hatten. Also, was war die Alternative? Es gab keine und er wusste das.
 

„Tja. Wir tun es aber. Und was willst du jetzt machen du Zwerg?“ Er machte einen Schritt auf sie zu. Nami stolperte etwas zurück, spannte sich an. „Der Boss will, dass ihr die Klappe haltet und euch beruhigt. Ihr seid jetzt hier, also hört ihr gefälligst auf ihn. Ihr wollt nicht wissen, was passiert, wenn ihr ihn wütend macht.“
 

„Er hat uns gar nichts zu sagen!“ Als würde sie wirklich auf ihn hören! Das hatte Nami nicht einmal im Traum vor. Ob sie damit weit kommen würde? Früher hatte ihre Mutter gesagt, dass sie es einfacher haben würde, wenn sie nicht immer so stur wäre und aufhören würde durch jede Wand zu laufen zu wollen, anstatt einen Weg drum herum zu suchen. Vermutlich wäre auch das so ein Moment in dem sie einen anderen Weg suchen sollte. Hatte sie nur nicht vor.
 

Der große Kerl schnaufte wieder. Nami wusste nicht wie er hieß. Interessierte sie aber auch nicht. Waren doch alle gleich!
 

„Er gibt euch ein Dach über den Kopf und Essen. Er ist sehr großzügig und ihr werdet gefälligst tun, was er euch sagt, sonst setzt es was. Ist das klar?!“ Sein Ton war strenger geworden. Drohender. Er baute sich weiter vor ihnen auf, kam ihnen entgegen. Nami wich zurück. Dabei rutschte ihr weg an ihm vorbei, zur Tür, die offen stand.
 

„Ich hab gefragt, ob das klar ist!?“ Nami ignorierte ihn weiter. Sie wandte den Kopf, blickte zu ihrer Schwester, die eher versuchte sie zu beruhigen. Dabei griff sie nach Nami, formte stumme Worte. Sicherlich sollte es heißen, dass sie es lassen und einfach auf ihn hören sollte, damit sie nicht noch mehr Ärger bekommen und das ganze schlimmer machen würden. Ja, ja, das könnte sie tun. Wollte sie aber nicht!
 

„Zwerg!“
 

Sie ignorierte ihn weiter, dachte nicht weiter nach. Nami griff einfach nach der Hand ihrer Schwester, zog daran. Dann rannte sie los. Das war ihre Chance! Die Tür stand offen. Sie kamen aus ihrem Raum heraus und konnten versuchen hier weg zu kommen. Sie mussten es einfach versuchen! Wer wusste schon, wann sie wieder diese Möglichkeit bekommen würden?
 

Nami rannte, spürte einen kurzen Widerstand, bis sich Nojiko wohl auch in Bewegung setzte und dem Zug nachgab, den sie auf sie ausübte. Sie rannte an dem Kerl vorbei, hielt auf die Tür zu. Fast erreicht. Nami rannte auf den Flur hinaus, als es einen Ruck gab. Das Handgelenk ihrer Schwester verschwand aus ihrem, Nami stolperte weiter. Wandte sich um und blickte hinauf.
 

Der Kerl hatte sich ihre Schwester geschnappt, hatte sie einfach unter den Arm gepackt und sah genervt zu ihr hinunter. Nojiko schrie, schlug und trat um sich. Ohne Erfolg. Es wirkte fast so, als würde er ihre Bemühungen sich zu befreien gar nicht wirklich wahrnehmen. Dafür war da etwas anderes in seinem Blick. Wut?
 

„Scheiße, ich habe keine Zeit für so einen Mist. Komm her!“
 

„Nami lauf!“ Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde in der Nami zögerte. Dann wandte sie sich ab und rannte los. Sie wusste nicht in welche Richtung sie musste aber das war auch egal. Weg. Sie musste einfach weg. Wenn sie hier heraus kam, vielleicht würde sie dann doch jemanden finden, der ihnen helfen würde. Der Nojiko hier herausholen würde!
 

„Octa! Schnapp sie dir!“ Die Worte drangen nur dumpf an ihre Ohren, Nami konnte sie auch nicht zuordnen. Ihre Füße trugen sie einfach weiter, so lange bis etwas vor ihr auftauchte und sie den Boden unter den Füßen verlor. Sie wurde hochgehoben. Hoch in die Luft, als man sie unter den Armen gepackt hatte und sie dann plötzlich in das Gesicht eines anderen Kerls blickte. Für einen Moment tauschten sie einen überraschten Blick, dann fing Nami an um sich zu schlagen. Sie kratzte ihn an den Händen, trat gegen seine Brust und versuchte wieder los zu kommen. Doch nichts bewegte sich. Es war als würde sie zwischen einem Schraubstock klemmen und einfach nicht aus all dem herauskommen. Starr und unnachgiebig.
 

„Nana, was soll das denn?“ Fragte er, fast schon verwundert, während Nami aus vollem Hals schrie und aus Leibeskräften um sich trat. Verdammt! „Beruhig dich Kleines, es ist doch alles in Ordnung..“ Nein. Nichts war in Ordnung. Gar nichts!
 

„Was ist passiert?“ Er setzte sich in Bewegung, wieder zurück in Richtung Zimmer.
 

„Die Gören haben versucht abzuhauen. Ich hab die ganze Zeit gesagt, dass es eine scheiß Idee war. Ich verstehe nicht, was der ganze Scheiß soll. Werf sie wieder da rein.“
 

„Meinst du nicht, wir sollten-“
 

„Nein! Werf sie rein, wir nehmen die hier mit.“ Nami wehte sich weiter, versuchte sich aus dem Griff zu befreien, doch es war zwecklos. Dann verlor sie erneut den Halt, die Orientierung. Alles um sie herum drehte sich und dann landete sie auf etwas weichem. Es dauerte einen Moment, bis sie Realisierte, dass man sie auf das Bett geworfen hatte. Kaum, dass diese Gedanken klar wurden raffte sie sich wieder auf, rannte zur Tür.
 

„Nami!“ Sie hörte ihre Schwester schreien, als die Tür wieder zugeschlagen wurde und Nami nichts anderes übrig blieb, als mit voller Wucht gegen diese zu laufen.
 

„Hey! Lasst sie hier! Nojiko!“ Nami schrie wieder. Dabei wurde es doch schwerer, die Stimme brüchiger. Wieder schlugen die Hände gegen das Holz, wieder stemmte sie sich hoch, hing sich an die Türklinke und versuchte diese zu öffnen.

Zwecklos.
 

Die Tür würde verschlossen bleiben.
 


 

***
 


 

„Hey Kleines. Wie geht’s dir?“
 

Nami schwieg. Sie war schrecklich müde und hatte keine Kraft mehr. Wie lange sie geschrieen, geweint und noch auf die Tür eingeschlagen hatte wusste sie nicht. Alles tat ihr weh, sie konnte die Hände kaum bewegen, der Hals brannte.

Das alles kam ihr vor, wie eine Ewigkeit. Seit sie Nojiko mitgenommen hatten war sie weg und sie hatte nichts mehr gehört. Das dieser große Kerl nun aufgetaucht war, war das erste Zeichen, was sie bekam.
 

„Ich bin Octa.. ich dachte du hast vielleicht Hunger?“ Er hatte einen Teller bei sich und einen Becher mit Wasser. Oder etwas anderem, zumindest etwas zum trinken. Nami hatte allerdings keine Lust mit diesem Mistkerl zu reden. Das einzige, was wohl als Zugeständnis kommen würde, war das verräterische Knurren ihres Bauches. Natürlich hatte sie Hunger. Wenn man sie fragen würde, dann konnte sich Nami nicht einmal mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. War es Stunden oder Tage her?
 

Octa beobachtete sie einen Moment, dann sah er wieder zu dem Teller. „Ich habe dir ein Sandwich gemacht.. Käse und Erdnussbutter. Das mag ich am liebsten“, begann er zu erzählen, doch Nami schwieg weiter. Käse und Erdnussbutter? Das klang nicht einmal wirklich lecker. Nicht so als würde man das wirklich essen wollen. Dennoch, Nami konnte nicht leugnen, dass sie Hunger und Durst hatte. Das sie etwas brauchte. Und so zuckte ihr Blick dennoch zu dem anderen, zu dem Teller. Octa würde ihn neben sie auf den Boden stellen, dazu das Wasser.
 

„Wenn du… was anderes auf dein Sandwich willst, dann kannst du mir das auch sagen?“ Versuchte er es weiter. Was sollte das? Versuchte er nun einen auf nett zu machen? Er war genau so ein Arschloch wie die anderen. Sie würde ihm nichts sagen. Und sie würde das hier nicht gut finden. Nichts davon!
 

Stille legte sich über sie, während Nami einfach nur vor sich hinstarrte und spüren konnte, wie dieser Kerl sie musterte. Dabei spielte er mit seinen Fingern, drückte die Fingerkuppen immer wieder zusammen als würde er über etwas nachdenken. Komisch. Und so zuckten die Augen irgendwann doch zu ihm, fingen an ihn zu mustern und seine Züge. Als würde ihr das helfen zu verstehen, was dieser ganze Mist sollte.
 

„Also.. überleg es dir. Du solltest was essen und wenn ich die Sachen hole.. dann kannst du mir sagen, was du gerne isst.“ Langsam würde er sich wieder erheben und dann auch strecken. Ein wenig schien er zu zögern, als hoffe er darauf, dass sie doch noch etwas sagen und ihm entgegen kommen würde. Diesen Gefallen würde Nami ihm allerdings nicht tun und ihn lieber weiter mit Schweigen abstrafen. Das einzige Mittel, was sie jetzt noch zu haben schien auch, wenn sie sich viel lieber auf ihn stürzen und ihn fertig machen würde. Doch daran war in diesem Moment einfach nicht zu denken, sie konnte einfach nicht mehr.
 

„Hey..“ Er zog seine Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Ich weiß, es ist nicht besonders gemütlich aber.. es kann okay sein. Und für euch wird es auch leichter, wenn ihr einfach auf das hört was er sagt.“ Mit diesen Worten würde er dann auch einfach wieder verschwinden. Für einen Moment würde Nami noch den Blick auf die Tür gerichtet lassen, dann wanderte er weiter zu dem Teller mit Essen.
 

Nein. Sie würde sich nicht hiermit abfinden.
 

Sie würde alles dafür tun, um hier wieder verschwinden zu können! Alles!

analysis


 

2023 - New York
 


 

„Das ist alles ziemlich überschaubar.“
 

„Sie haben die Ermittlungen gerade erst begonnen. Es kann noch nicht viel sein. Das wichtigste ist hier. Der Bericht über den Tatort und auch die Befunde der Gerichtsmedizin.“ Robin lehnte sich mit ihrem Kaffee zurück und ließ den Blick über die Akten schweifen, die Franky aus der Kiste räumte. Man hatte ihnen Kopien zukommen lassen, damit die Ermittlungen weitergeführt werden konnten, während sie sich ihr eigenes Bild machten. Smoker war deutlich gewesen; keine Störungen seiner Arbeit. Robin fragte sich warum man sie überhaupt einbestellt hatte, doch vermutlich würde auch das nur wieder als Angriff gewertet werden, sollte sie diese Frage aussprechen. Sie hielt sich zurück, hielt sich an das, was man ihnen gab. Im Grunde wäre es ihr ja nur recht, wenn das alles auf keinen fruchtbaren Boden treffen würde.
 

„Hier.“ Franky hielt ihr einen Lieferschein unter die Nase. Das Dokument aus dem sie nun ein Profil erstellen und das ganze beenden sollte. „Du kannst damit anfangen, ich sehe mir noch einmal die Berichte vom Tatort an.“
 

„Was genau denkst du soll ich hier finden?“ fragte sie, nachdem sie das Papier an sich genommen hatte, welches in einer Plastikhülle steckte. Kurz überflog sie mit dem Blick die geschriebenen Zeilen, bevor sie den Blick wieder zu Franky hob. Fast war sie überrascht, dass man es geschafft hatte ihnen in diesem Fall das Original zur Verfügung zu stellen. Aber es lag wohl daran, dass Smoker keinen Sinn darin sah seine Zeit mit diesem Dokument zu verschwenden und er keinen Wert darin sah. Zumindest keinen für den das Original nötig wäre.
 

„Irgendwas? Du findest doch sonst auch immer Details, die niemand sonst sieht.“
 

„Darf ich es wenigstens schon hier herausholen? Oder ist die Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen?“ Sie sollte es sein. Zumindest Fingerabdrücke hatte man bereist genommen, das konnte sie deutlich erkennen. Ob das ihre Arbeit erleichtern würde, das musste man noch sehen. Denn viel gab es auf dem Schein nicht zu sehen. Das Papier war kein besonderes, auf den ersten Blick würde man auch keinen Unterschied zu den Üblichen erkennen. Robin hatte einen anderen als Vergleich angefordert, der nun ebenfalls vor ihr lag und, den sie mit diesem akribisch vergleichen würde. Auf den ersten Blick war die Schrift allerdings das einzige, was ihnen vielleicht helfen könnte. Und das auch nur, sollten sie eine Probe von einem möglichen Verdächtigen vorliegen haben würde. Zusammenfassend könnte man feststellen, dass sie schlichtweg zu wenig in der Hand hatte, um hier ein umfassendes Profil aufstellen zu können.
 

„Die Sachen stehen uns zur freien Verfügung. Tu, was du für richtig hältst.“
 

Wenigstens das. Dennoch fragte sich Robin, wo genau sie ansetzen sollte. Aber, da man hier nicht weiter kam, in dem sie die ganze Zeit ihre Zweifel betonte, beschränkte sie sich darauf sich Notizen zu dem Schriftbild zu machen. Wie waren die einzelnen Buchstaben geschwungen. Gab es eine Neigung oder Anomalien? Wenn Robin es sagen müsste, dann gab es aber auch hier nicht viel was man als besonders auffällig beschreiben könnte. Sie nahm sich ihre Lupe die auch von Uhrmachern oder Juwelieren für Feinarbeiten benutzt wurden. Hier nutzte Robin es, um langsam - Zeile für Zeile - über das Papier zu fahren und sich jeden einzelnen Buchstaben genau anzusehen. Sie konnte die Spuren des Stiftes, vermutlich eines Kugelschreibers, erkennen. Hier und da war die Farbe nicht gleichmäßig auf das Blatt aufgetragen. Kleinigkeiten, die keine Perfektion zeigten. Es war also keine maschinelle Anfertigung. Jemand hatte sich die Mühe gemacht den Schein an der ein oder anderen Stelle per Hand auszufüllen. Zumindest dort, wo vermeintliche Abnahmen notwendig gewesen waren. Man müsste nun schauen, ob diese Abnahmen tatsächlich stattgefunden hatten. Wenn ja, dann konnte man dem nachgehen. Wenn nicht, dann musste man weitere Möglichkeiten suchen. Wobei wohl sicher war, dass Smoker diesen Spuren bereits nachgehen dürfte. Die Rückverfolgung war nicht das wo sie etwas beitragen könnte auch, wenn Robin es nicht verhindern konnte, dass ihre Gedanken auch in diese Richtung gingen. Man machte sich automatisch Gedanken, das konnte sie durchaus nicht ablegen, so gleichgültig sie die Sache auch am liebsten behandeln wollen würde. Es lag eben in ihrer Natur das ganze Bild sehen und verstehen zu wollen.
 

Doch was war es, was dann in ihren Möglichkeiten lag? „Wurde darüber nachgedacht alte Lieferscheine anzufordern, die von der gleichen Firma eingegangen sind?“ Fragte sie dann irgendwann doch und blickte auf. Franky war in eine Akte vertieft. Vermutlich der Bericht der Gerichtsmedizin.
 

„Weiß ich nicht. Was könnte das bringen? Immerhin ist vorher nie etwas aufgefallen“, fragte er dann nur ohne den Blick von der Akte zu wenden. Er konzentrierte sich sicherlich auf beides und konnte durchaus ernst bei der Sache sein. Auch, wenn man ihm das nicht immer zutraute.
 

„Ich könnte die Schriften alter Scheine Vergleichen. Vielleicht bringt es nichts aber vielleicht gibt es Übereinstimmungen und wir könnten entweder darauf Rückschlüsse ziehen woher diese Scheine kamen oder, wie viele Lieferungen es vielleicht schon gab“, erklärte sie ihm dann. Unbestreitbar war das eine müßige Arbeit, die nicht einmal besonders vielversprechend erschien. Doch am Ende war es das, was sie ihm anbieten konnte. Mit irgendetwas müsste sie die Schrift vergleichen und ein Profil aus einziger Schriftprobe zu erstellen war doch eher dürftig. Unmöglich war es zwar nicht aber es würde Fehler aufweisen und doch eher ungenau sein. Um Fehler zu vermeiden müsste sie sich doch sehr allgemein halten müssen. Robin zeigte sich doch eher unzufrieden mit dem, was ihr gegeben wurde, würde aber ihre Notizen vervollständigen. Zumindest das könnte sie liefern, aber sie würde sich nichts aus den Fingern saugen oder spekulieren. Das war nun wirklich nicht ihre Art.
 

„Wir können es ihm zumindest vorschlagen. Er müsste sicher jemanden dazu abstellen sich darum zu kümmern und die entsprechenden Scheine zu finden.“ Und, ob Smoker das machen würde? Kam sicherlich darauf an wie dürftig die übrige Spurenlage war mit der man es zu tun hatte. Auf der anderen Seite war es auch eine Möglichkeit an neue Spuren zu gelangen. Wenn man bedachte welches Ausmaß diese ganze Sache annahm wäre es vielleicht falsch die Möglichkeit auf neue Beweise zu ignorieren.
 

„Die meisten der Mädchen sind schlichtweg verdurstet oder verhungert. Anscheinend hätte der Container viel früher ankommen sollen oder jemand hat die Ration an Nahrung falsch bemessen. Offenbar haben manche aus Verzweiflung angefangen Kanibalismus zu betreiben.. deswegen sah der Container auch so aus, wie er aussah.. das Blut stammte von denen, die diesen Überlebenskampf verloren haben.“ Robin atmete durch und richtete den Blick wieder auf ihre Notizen. Es war schrecklich. Sicherlich einer dieser Fälle, der einen Verfolgen könnte, würde man ihn zu sehr an sich heran lassen. Sie hatte bereits vor Jahren gelernt, dass sie das nicht zulassen durfte, wenn sie diesen Job weiterhin machen wollte. Man nahm auch so schon genug Ballast und Geister mit sich, es wäre nicht gut auch an dieser Stelle etwas zu sehr an sich heran zu lassen. Sie musste es nüchtern betrachten und diese Mädchen wie Nummern behandeln. Nicht wie junge Frauen, die einmal einen Namen gehabt hatten. Deren Familien irgendwo warteten und darauf hofften, dass sie zurück kamen. Junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hatten. Und denen die Möglichkeit darauf genommen war zu lieben, zu lachen und die Welt zu entdecken, um ihre eigenen Geschichten zu schreiben und zu erleben. Robin durfte nicht die einzelnen Schicksale sehen, die dahinter standen.
 

„Meiner Meinung nach ist das ein ziemlicher Sadist, der das ganze anzettelt und versucht schlauer zu sein als alle anderen.“
 

„Das überrascht mich nicht“, murmelte Robin nur. Jemand, der so mit Menschen umging, konnte nur ein Sadist sein. Zumindest war das ihre Meinung dazu.
 

„Nein, hier geht es nicht nur um einfachen Menschenhandel. Aber diese kleinen Metallrohre in ihrem Nacken.. das war das einzige, womit die Mädchen angekettet waren. Er verhöhnt sie. Er sagt; komm. Befrei dich, es gibt nichts was dich hält. Mit dem nötigen Kraftaufwand würden sie sich losreißen können ohne das sie lebensgefährliche Verletzungen davontragen würden. Blutverlust, eine Wunde. Ja. Aber sie würden nicht daran sterben.“
 

„Doch wohin sollten sie fliehen? Das ist eine Wette, die sie nicht gewinnen können. Selbst, wenn sie den nötigen Mut aufbringen sich zu lösen.“ Robin blickte wieder von ihren Notizen auf. Es war Augenwischerei. Denn ganz gleich wie man es drehte, diese Mädchen hätten nie und nimmer aus diesem Container entkommen können. Und dort, wo man sie sonst gefangen hielt? Vermutlich auch nicht. Er wog sie in falscher Sicherheit und schürte Hoffnungen, doch am Ende würde sie vielleicht genau das Brechen. Der gescheiterte Versuch zu entkommen, wenn sie doch versuchten diesen einen Schritt zu gehen und sich zu lösen.

Franky zuckte mit den Schultern und legte die Akte wieder auf den Tisch.
 

„Kommt sicher darauf an was er mit ihnen macht, wenn sie an ihrem Bestimmungsort angekommen sind. Wir kennen nur den Container. Wir wissen nicht woher sie gekommen sind oder wohin sie gebracht werden sollten. Vielleicht ist das so ein Arschloch, das glaubt, dass Saw ne scheiß gute Idee war.“
 

Vielleicht. Es gab genug kranke Geister und wenn sich so einer nun von irgendwelchen Horrorfilmen inspirieren ließ? Dann wäre das sicherlich nicht das erste Mal, dass so etwas geschehen würde. Robin würde sich zumindest nicht darüber wundern, obgleich es ihre Arbeit nicht leichter machen würde. Das einzige, was man am Ende hoffen konnte war, dass solche Kerle größenwahnsinnig genug waren, damit sie so schnell wie möglich anfingen Fehler zu begehen. Und wenn man bedachte, dass man es hier nicht mit einer einzigen Person zu tun haben konnte, sondern man sicherlich von einem Netzwerk sprach, dann erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo ein Fehler entstehen würde. Das zumindest war es, worauf man setzen musste. Keine Organisation war unfehlbar. Niemals.
 

„Wir haben jemanden der gerne Macht demonstriert. Der autoritär genug ist, um ein Team anzuleiten. Oder gehst du davon aus, dass wir es mit einem Einzeltäter zu tun haben?“ Er schüttelte den Kopf. Zumindest darin war man sich wohl einig und konnte die ersten Notizen zu dem Profil eintragen. Erst einmal würde man alle Strichpunkte sammeln und versuchen es zu ordnen, bis sich ein konkreteres Bild ergeben würde aus welchem man dann ein Profil erstellen könnte. Dazu würden sie ihre Gedanken teilen, sich die Bälle gegenseitig zuspielen und versuchen sich entsprechend zu inspirieren und die jeweils anderen Gedanken weiter zu denken. Man verstand sich und Robin zweifelte nicht daran, dass sie am Ende einen Bericht erstellen würden, der Smoker zumindest irgendwie helfen könnte. Wobei es bei einem solchen Bericht wohl eher darauf ankam wie viel er davon würde annehmen wollen und, wo seine selbst gesteckten Grenzen lagen.
 

„Ich hab versucht dich gestern Abend noch zu erreichen und dachte wir gehen doch noch was trinken“, warf er irgendwann in den Raum, während sie gerade dabei waren die ethnischen Daten anzugeben, die sie vermuteten. Männlich. Älter als 35. Charismatische Persönlichkeit.
 

„Ich war unterwegs“; wandte sie ein ohne von ihrem Laptop aufzusehen, wo sie versuchte alles wichtige festzuhalten, was sie brauchen würden.
 

„Alleine?“ Robin atmete tief durch. So sehr er sich konzentrieren konnte, so schnell konnte er auch zwischendurch einfach wechseln und auf etwas anderes zu sprechen kommen. Und in diesem Fall war das wohl eine Frage, die er sich bereits seit dem vergangenen Abend stellte und, die eigentlich, überhaupt keine Relevanz hatte.
 

„Ich bin nicht sicher, was dir eine Antwort auf diese Frage bringen würde.“
 

„Befriedigung meiner Neugierde?“ Er grinste sie breit an und Robin seufzte erneut. Sie hatte dieses vermeintliche Interesse am Privatleben anderer Menschen nie wirklich verstehen können. Es war ihr durchaus fremd sich am Klatsch und Tratsch anderer zu beteiligen oder etwas darauf zu geben wer mit wem schlief. Was brachte ihr diese Information? Nichts. Es war schlichtweg unnützes Wissen, was in ihren Augen an eine einfache Zeitverschwendung grenzte.
 

„Nicht alleine.“ Der einzige Grund, warum sie dem nachgab war wohl der, dass Franky ohnehin nicht aufhören würde, bevor er seine Antwort bekam. Die wollte er einfach und genau deswegen würde er sich auch nicht eher wieder auf ihre Arbeit konzentrieren, bis sie das geklärt hatten.
 

„Mit wem?“
 

„Ich weiß nicht wie sie heißt. Ich habe sie in einer Bar getroffen, wir hatten eine schöne Nacht, mehr nicht. Können wir uns jetzt wieder auf die Arbeit konzentrieren?“ Es war sicherlich nur die halbe Wahrheit. Zumindest hatte Nora ihr einen möglichen Namen genannt und es gab zu mindest in der Theorie die Möglichkeit sich wiederzusehen. Sofern sie beide sich dazu entscheiden würden in den nächsten Tagen wieder in die Bar zu gehen und man sich durch Zufall dort treffen würde. Doch wie wahrscheinlich war das schon? Und wie wahrscheinlich war es, dass die Kleine ihr ihren wirklichen Namen genannt hatte? Robin machte sich da durchaus keine Illusionen. Wenn man bedachte, wie wiederstrebend sie den Kaffee getrunken hatte, dann war es doch nur wahrscheinlich, dass sie alles dafür tun würde, dass sie sich wirklich nicht wiedersehen würden. Nichts, was Robin persönlich nahm. Es hatte eben jeder seine eigenen Regeln in diesem Spiel. Auch sie.
 

„Werdet ihr euch wiedersehen?“
 

„Ich weiß nicht wie sie heißt, was kannst du aus dieser Information entnehmen?“ Ja, was sagte ihm das wohl? Er war nicht dumm, also könnte er durchaus auch weiter denken nur, dass Robin manchmal das Gefühl hatte, dass er sich in seinem Privatleben extra dumm stellte. Oder zumindest so tat.
 

„Weißt du, menschliche Verbindungen sind nicht automatisch etwas schlechtes.“
 

„Es war ihre Regel diese Distanz zu halten. Franky, ich werde in ein paar Tagen wieder abreisen, sobald wir das hier geklärt haben und ich bin nicht daran interessiert eine Beziehung zu führen. Die letzte hat mir vorerst gereicht.“ Durchaus. Es fiel ihr auch aus persönlichen Gründen schwer Nähe zu anderen Menschen zuzulassen und diese tiefergehend zu gestalten. Das war ein Fakt um den Robin durchaus wusste. Sie war durchaus reflektiert genug, als das sie wusste, dass ihre Beziehungen bisher oft genug an ihr und ihren Problemen gescheitert waren. Dennoch hatte sie es versucht und nachdem die letzte Beziehung in die Brüche gegangen war, saß ihr das alles doch noch schwer in den Knochen.
 

„Dass das mit Kalifa eine beschissene Idee ist, das hätte ich dir auch schon vorher sagen können. Es war klar, dass dieser kleine Kontrollfreak nicht mit dir umgehen kann. Sie ist gut in ihrem Job, mehr nicht.“ Franky hatte nie viel von ihr gehalten und Robin? Vielleicht hätte sie es ebenfalls sehen sollen. Hatte sie aber nicht. Sie hatte sich gegen alle Regeln darauf eingelassen und hatte durchaus geglaubt, dass das alles wirklich funktionieren könnte. Hatte es das? Nein. Sieben Monate hatte es gedauert, bis die Sache zwischen ihnen in die Brüche gegangen war und sich auch auf ihr Arbeit ausgewirkt hatte. Was genau sie sich dabei gedacht hatte, etwas in ihrem Arbeitsumfeld anzufangen, das konnte Robin heute nicht mehr beantworten. Es war von Anfang an einfach falsch gewesen und sie hätte es einfach besser wissen sollen. Hätte sie. Warum sie ihr Bauchgefühl ignoriert hatte? Vielleicht war es das Gefühl, was alle paar Monate aufkam, wenn sie sich doch alleine fühlte und glaubte, dass es doch gut wäre sich auf jemand anderen an ihrer Seite zu haben. Es war eine menschliche Regung, die sie nicht immer ignorieren konnte. Und entgegen Kalifa’s Meinung war Robin am Ende des Tages, keine Maschine. Sie arbeitete nicht einfach nur ihr Leben ab. Es war weit mehr als das.
 

Um das allerdings zu erklären und sich zu öffnen, brauchte Robin Zeit. Sie band nicht jedem gleich ihre Geschichte auf die Nase auch, wenn sie durchaus versuchte sich zu bessern. Für Kalifa war es allerdings nicht schnell genug gewesen und das hatte wiederum dazu geführt, dass sie auf eigene Faust versucht hatte in Robin’s Vergangenheit herumzuschnüffeln. So sehr Robin sich auch bemühen wollte das zu verstehen, so war es ein Vertrauensbruch, den sie einfach nicht vergessen konnte. Zumal Kalifa ihre Handlungen nicht einmal selbst offen gelegt hatte und Robin es nur durch einen Zufall und ihr eigenes Misstrauen erfahren hatte. Auf einer solchen Basis war es für sie unmöglich eine gesunde Beziehung aufzubauen und an eine gemeinsame Zukunft zu denken.
 

„Tu bitte nicht so, als hättest du in dieser Hinsicht noch nie eine schlechte Entscheidung getroffen“, wandte sie nur trocken ein. Hatte er durchaus. Weitaus öfter als sie. Franky hatte ständig eine neue Beziehung und ständig ging es wegen dem Job in die Brüche. Er nahm sich einfach keine Zeit, um das alles wirklich aufzubauen. Er bereitete die Frauen nie wirklich darauf vor, was es bedeutete mit ihm eine Beziehung führen zu wollen. Es fing schön an, solange er in der Stadt war und dann ging er plötzlich. Sie wurden ins kalte Wasser geschmissen und er erwartete, dass sie einfach damit zurecht kamen. Etwas, was nie funktionierte. Natürlich tat es das nicht. Welche Frau könnte auch damit zurechtkommen, wenn der vermeintliche Partner nicht mit ihr sprach und einfach sein Ding machte? Sie machten ihm natürlich die Hölle heiß und das wiederum war etwas, das Franky nicht leiden konnte. Er brauchte seine Freiheit, wie er es nannte. Robin nannte es ignorant. Er war einfach kein Typ für eine Beziehung und brauchte, wollte, seine Freiheit. Es war also nicht besonders überraschend, dass seine Beziehungen meistens weniger als ein halbes Jahr hielten. Er war nicht die Person, von der sie sich Beziehungsratschläge anhören wollte oder würde. Da musste er wirklich nicht versuchen sich in ihr Leben einzumischen.
 

„Hey, ich bin zufrieden wie es läuft. Aber ich glaube du bist es nicht.“ Das war seine Meinung. Robin entschloss sich das zu ignorieren und sich lieber wieder ihrem Laptop zuzuwenden. Sie war wenigstens realistisch genug, um zu wissen, dass ihr Job eine Beziehung deutlich komplizierter machte und sie sich nicht einbilden müsste, dass es eine einfache Sache wäre. Wollte sie auch nicht. Manchmal musste man sich einfach entscheiden und sie hatte sich am Ende des Tages für ihren Job entschieden. Eine Entscheidung zu der man am Ende einfach stehen musste. Ihr Job war das, was ihr Leben bestimmte. Und solange eine Frau damit nicht umgehen konnte, würde es auch niemals zu einer Beziehung führen.
 

„Wenn wir den Bericht fertig haben, wie geht es dann weiter?“ Wechselte sie lieber das Thema und richtete den Blick wieder auf ihre Arbeit. Das war zumindest das, was sie schaffen wollte.
 

„Solange nichts neues auftaucht denke ich können wir danach nicht mehr viel tun. Ich würde noch etwas bleiben für eventuelle, neue Erkenntnisse, die in den nächsten Tagen aufkommen könnten. Aber wenn es stagnieren sollte, dann können wir nur in Kontakt bleiben und Smoker kann sich melden, wenn sich etwas ergeben sollte.“ Das war sicherlich vernünftig und das, was man tun sollte. Denn hier sitzen und warten? Das würde ihnen auch niemand bezahlen.
 

„Dann rechnen wir mit drei Tagen?“
 

„Vier.“
 

Wieder ging ihr Blick hinauf und sie schielte Franky an. Vier also. Gut. Es war zumindest eine überschaubare Zeit, die sie hier überstehen konnte. Und, da sie nicht im Außeneinsatz waren, konnte sie hier in diesem Rahmen auch mit geregelten Arbeitszeiten rechnen. Sie würden den Bericht heute abarbeiten, am nächsten Tag noch einmal nachhaken aber ansonsten würde es nicht viel geben. Es war besser so. Normalerweise war Robin eine Person, die ganz in ihrer Arbeit aufging. Sie liebte ihren Job, immerhin war sie bereit das alles ihrem Leben überzuordnen. Kalifa hatte es eher eine Flucht vor der Realität genannt. Doch das war aus ihrer Sicht eher eine Frage des Blickwinkels. Am Ende kam es nur darauf an, dass sie hier nicht bei der Sache war. Und Robin konnte es nicht leiden, wenn ein Job nur halbherzig gemacht wurde. Sie hatte einfach einen anderen Anspruch an sich selbst. Und doch konnte sie nicht leugnen, dass ihre eigene Geschichte sie beeinflusste, solange sie sich in dieser Stadt befand. Ganz gleich wie schlimm das Schicksal dieser Mädchen auch sein mochte. Wenn es um diese Stadt ging, dann sträubte sich einfach etwas in ihr und Robin konnte sich nur bedingt dagegen wehren.
 

„Gut. Vier. Dann kann ich Zuhause meine Projekte weiterlaufen lassen.“
 

„Deine angestaubten Bücher werden dir schon nicht davonlaufen.“
 

„Zeit ist auch bei dieser Arbeit ein nicht unerheblicher Faktor.“ Aber was versuchte sie ihm das zu erklären? Franky hatte einfach keinen Sinn für Kunst und erst recht nicht für Geschichte. Er war Pragmatiker. Lebte im hier und jetzt und wenn er nicht im Dreck der Unterwelt wühlte, dann hatte er nur Kopf für seinen Sport oder für seine Bastelprojekte. Wie Robin es nannte. Aber wie sollte man es auch sonst bezeichnen, wenn ein erwachsener Mann kleine Roboter baute? Nicht, dass sie es verurteilte. Es beruhigte ihn und hat ihm dabei zu entspannen, was letztlich das einzig wichtige war. Jeder von ihnen brauchte einen passenden Ausgleich im Leben, um mit all dieser Dunkelheit umgehen zu können. Für sie zählte nur, dass es ihrem Freund gut ging. Aber dafür erwartete sie auch, dass er ihre Bücher in Ruhe ließ.
 

Es war ihre zweite Leidenschaft und die würde sie sich auch niemals nehmen lassen. Nicht einmal von ihrem kritischen Freund, der scheinbar immer wieder das letzte Wort haben musste.
 

„Was auch immer..“ Franky winkte ab und schien nicht weiter auf das Thema eingehen zu wollen. Es langweilte ihn und war damit genau das, was sie hatte bezwecken wollen. Sie redete gerne mit ihm. Allerdings nicht über ihr Beziehungsleben und auch nicht gerne während der Arbeit. Robin setzte da durchaus Prioritäten und war für ein effektives, konzentriertes arbeiten. Franky hingegen war der Auffassung, dass es auch Spaß machen sollte und so ein kleiner Plausch doch nicht schaden könnte. Grundsätzlich mochte er damit vielleicht auch recht haben. Wenn es nur nicht jedes mal so ausufern würde. Dahingehend war er wirklich ein Meister seines Fachs.
 

Für’s erste allerdings würde sie nun auch ihre Ruhe haben und hatte die Chance, dass man sich die nächsten Stunden noch weiter auf die Arbeit und das erstellen der Profile konzentrieren. Wenn das getan war konnte sie sich Gedanken um anderes machen. Das sie es dennoch nicht verhindern konnte, dass ihre Gedanken zwischendurch zu der vergangenen Nacht glitten und sie an den kleinen Wildfang dachte, würde sie ihm sicherlich nicht zugestehen. Ebenso musste er nicht wissen, dass sie durchaus darüber nachdachte noch einmal in die Bar zu gehen. Robin könnte nicht einmal genau sagen was es war, doch irgendetwas an der Kleinen hatte sie neugierig gemacht. Sie hatte diese kecke, selbstbewusste Art an sich, die zum spielen einlud und die sie durchaus erheitert hatte. Zumal die Nacht auch besser gewesen war, als sie es erwartet hatte. Wobei sie es durchaus nicht darauf beschränken wollte. Würde es nur danach gehen, dann gäbe es sicherlich auch andere Wege und Robin würde nicht von sich sagen, dass sie Sex brauchte. Es war eine nette Nebensache aber kein muss. Nein, die Kleine hatte etwas anderes an sich gehabt. Und auch, wenn sie nicht viel gesprochen hatten, so hatte es doch davon gezeugt, dass sie etwas im Kopf hatte. Durchaus etwas das von Robin immer Zuspruch erhalten würden.
 

Ob sich ihre Wege allerdings noch einmal kreuzen würden war allerdings offen. Sie konnte lediglich noch einmal in die Bar gehen und dann würde sich zeigen, ob ihre Einladung angenommen werden würde oder auch nicht. Das würde allerdings nur der Fall sein, wenn Nora sie nicht als ihre Bedrohung für ihre Freiheit wahrnehmen würde. Denn wie bei anderen Frauen konnte Robin sich in ihrem Fall wohl kaum auf ihren Charme und ihre Ausstrahlung verlassen.
 

Diesen kleinen, privaten Luxus würde sie sich allerdings erst gönnen, wenn sie ihre Arbeit fertiggestellt hatte und es keine offenen Fragen mehr geben würde. Die Hauptarbeit lag zwar am Ende noch immer bei Franky und dennoch mussten sie ihre Ergebnisse miteinander abgleichen und schauen, ob es zusammen passte. Wenn nicht müssten sie sich die Frage stellen, warum das so war. Und auch was sie übersehen hatten oder, wie es passen könnte. All das waren jedoch Fragen für später. Zunächst würde Robin weiter versuchen etwas aus dem wenigen zu machen, was sie erhalten hatte. Wenn Robin allerdings eines in den vergangenen Jahren gelernt hatte dann, dass man nur genau hinhören musste, wenn man Antworten erhalten wollte. Zumindest aber würde sie Fragen finden, die durch all das aufgeworfen werden würden und, die ihnen zeigen könnten, in welche Richtung sie im weiteren gehen müssten, um die entsprechenden Antworten zu erhalten.

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2023 - New York
 


 

„Und, was denkst du?“ Nami schob das Stück Kuchen auf ihrem Teller hin und her, bevor sie sie noch ein weiteres Stück mit der Gabel aufnahm und sich in den Mund schob. Ihre Miene blieb ausdruckslos. Allerdings war es auch nicht so, dass sie etwas schlechtes erwartete. Ein lockerer Boden, mit einer samtigen, fruchtigen Schicht. Panacotta? Mit einem Orangenaufstrich. Das gefiel ihr durchaus ziemlich gut.
 

„Fragst du mich, weil du irgendwelche Zweifel hast?“ fragte sie dann nur zurück und schielte ihre Schwester an. Nojiko seufzte und lehnte sich mit den Unterarmen auf den Tresen vor dem Nami auf einem Hocker saß.
 

„Der Laden läuft gut und ich möchte, dass es so bleibt. Dazu muss ich etwas investieren und wenn ich eigene Kuchen und vielleicht auch ein paar andere Gerichte anbieten kann, dann könnte das vielleicht auch neue Kunden gewinnen.“ Durchaus ein nachvollziehbarer Gedanke. Schon oft hatten sie darüber gesprochen und Nami fand auch, dass sie es wagen sollte. Deswegen hatte sie ihr auch Sanji empfohlen. Dieser war mit seinem alten Arbeitgeber nicht besonders glücklich gewesen und suchte etwas neues, eine Herausforderung und einen Ort, an dem er seine Kreativität ein wenig entfalten konnte. Er war eben ein Freigeist in der Küche und mochte es nicht immer nur das gleiche zu machen und nichts neues probieren zu dürfen. Durchaus etwas, das Nojiko und ihrem Laden gut tun könnte. Dennoch musste man ihm ein gutes Gehalt bieten und das würde bedeuten, dass sie wieder mehr verzichten musste. Ein kleiner, privater Rückschritt. Ob es das wert war? Das wünschte sie ihrer Schwester durchaus.
 

„Der Kuchen ist gut. Sehr gut. Er kann was.“ Zumindest damit schien er ihre Schwester überzeugt zu haben. Obgleich Nami auch nicht daran gezweifelt hatte, dass Nojiko sich in sein Essen verlieben würde. Denn man konnte von dem Schwerenöter sicher halten was man wollte, doch in der Küche konnte ihm niemand etwas vormachen.
 

„Er ist ein guter Koch. Ich denke es geht nur darum, ob du diese Veränderung durchziehen möchtest oder nicht.“
 

„Ich muss es wenigstens versuchen. Es ist doch bisher so gut gelaufen. Ich könnte ein gutes Leben haben und vielleicht irgendwann auch etwas zurücktreten. Vielleicht muss ich dann nicht mehr jeden Tag hier sein.“ Bisher konnte sie sich das noch nicht leisten. Das wusste Nami und sie wusste auch, wie sehr sich Nojiko etwas Erleichterung wünschte. Mehr Unabhängigkeit. Denn so sehr sie ihr Café und ihre Arbeit liebte, jeder brauchte auch ein Privatleben und davon konnte man bei ihr momentan noch nicht wirklich sprechen.
 

„Zumindest holst du dir damit niemand nutzlosen ins Boot.“ Durchaus. Es könnte gelingen. Das zumindest konnte sich Nami vorstellen, während sie das Stück Kuchen langsam weiter aß. Sie würde es ihr gönnen und doch hing all das leider nicht nur davon ab, ob Nojiko den richtigen Koch einstellen würde. Sie wusste durchaus, dass es viel mehr darum ging, wie gewillt Aron war ihre Schwester wirklich in Ruhe zu lassen. Und das wiederum hing sehr stark davon ab wie gut die Arbeit war, die Nami für ihn leisten würde. Alles daran widerstrebte ihr und doch hatte sie bisher noch keine wirkliche Lösung gefunden. Egal wie sie es drehte und wendete, sie hatte keine Wahl.
 

„Nein. Er ist vielleicht ein bisschen merkwürdig und flirtet zu viel. Aber er weiß was er tut. Damit werde ich schon fertig.“ Das war das wichtigste daran. Und sie wusste durchaus, dass man sich immer auf ihn verlassen konnte. Frauen mochten vielleicht seine Schwachstelle sein und er liebte es zu flirten, doch er würde niemals eine Grenze überschreiten, die ihm aufgezeigt wurde. Eigentlich war er ein ganz harmloser Kerl mit einem guten Herzen. Und deswegen mochte Nami ihn auch so, obgleich sie ihm das niemals sagen würde. Das würde ihm nur zu Kopf steigen. „Er kann ab dem nächsten Monat anfangen und bis dahin kann ich mir genug Gedanken darum machen wie genau das alles aussehen soll.“
 

„Ein Versuch ist es zumindest wert. Ich hoffe das es klappt.“ Nami schob sich das letzte Stück Kuchen in den Mund, dann schob sie den Teller zur Seite, um wieder den Blick zu heben und ihre Schwester anzusehen. Diese sah sie noch immer forschend an. Einfach war es wirklich nicht, denn Nojiko konnte sie durchschauen. Immer. Es war, als würde sie in Nami lesen, wie in einem offenen Buch. Ganz gleich was sie in den vergangenen Jahren auch versucht hatte, es war ihr nicht gelungen.
 

„Was ist passiert?“
 

Sie zog die Brauen zusammen, schürzte die Lippen und schüttelte dann den Kopf. Was sollte sie denn auch sagen? Natürlich war etwas passiert und Nojiko konnte ihr an der Nasenspitze ansehen, das etwas nicht stimmte. Diesen Umstand musste man wirklich nicht diskutieren. Viel eher ging es doch um die Frage, wie sie sich aus all dem herauswinden sollte. Immerhin war ihre Schwester nicht Vivi. Der reichte es, wenn Nami ihr weiter von einer ominösen Liebschaft berichtete und sie konzentrierte sich auf dieses Problem. Alles andere war vergessen. Diese Taktik konnte sie bei ihrer Schwester kaum anwenden. Nojiko konnte wie ein Pitbull sein, wenn sie sich an etwas festgebissen hatte und dann ließ sie einfach nicht mehr locker.
 

„Nichts bestimmtes. Es ist gerade einfach nur etwas stressig. Alles eben.“ Runterspielen. Das war meistens das Mittel der Wahl. Ob es funktionierte, das blieb am Ende offen. Kam immer darauf an, wie ihre Schwester drauf war und wie sehr sie sich auf Nami konzentrieren konnte. Angesichts der Tatsache, dass der Laden geschlossen war und es nur noch darum ging aufzuräumen und alles für den nächsten Tag vorzubereiten, konnte sie wohl mit Nojikos ungeteilter Aufmerksamkeit rechnen. Das alles war nicht einfach und doch war es eine Situation in die Nami sich freiwillig begeben hatte. Sie war wohl wissend in das Café ihrer Schwester gegangen, dass diese bald schließen und dann alle Zeit der Welt haben würde, um mit ihr zu sprechen. Vermutlich war aber genau das der springende Punkt. Sie wollte mit ihr sprechen. Nami wollte ein freundliches Gesicht sehen und am liebsten würde sie ihr sagen in was für einen Schlamassel sie sich hineingeritten hatte. Sie wollet ihr sagen was alles in ihrem Leben schief lief und, dass sie schon längst die Kontrolle darüber verloren hatte. Wenn Nami ehrlich war, dann würde sie am liebsten in Tränen ausbrechen und offen mit ihr reden. Nur, dass das ihre Situation nicht verbessern würde. Es war sogar wahrscheinlich, dass es nur schlimmer werden würde, wenn Nojiko sich einmischte. Dann wäre alles umsonst gewesen, was sie bisher getan hatte.
 

„Ich habe nie verstanden, warum du dich dazu entschieden hast für ihn zu arbeiten. Nach allem was war ist es falsch. Und ich dachte wir hätten das hinter uns, nachdem du gesagt hast, es hätte sich geregelt. Wenn er uns doch endlich in Ruhe lassen will, warum hast du dann weiter Kontakt zu ihm?“ Berechtigte Frage. Das sie Kontakt zu Aron hatte, das hatte sie ihrer Schwester nicht verheimlichen können. Das wäre zu viel gewesen. Nojiko kannte lediglich nicht das Ausmaß des ganzen. Was sie aber wusste war, dass es meistens mit ihm zu tun hatte, wenn es Nami schlecht ging. An was auch sonst?
 

„Du weißt doch wie er ist. Manchmal muss man ihm etwas hinwerfen, damit man seine Ruhe hat.“ Konnte man so sehen, machte es aber auch nicht besser. Letztlich war das alles eine doch eher schwache Begründung, darum wusste Nami. Immerhin handelte es sich bei Aron nicht um einen nervenden Onkel, den man bei einer Familienfeier ertragen musste. Er war weit schlimmer als das. Und sie hatten beide allen Grund ihn zu hassen für das, was er getan hatte.
 

„Ja, ich weiß wie er ist. Deswegen verstehe ich es auch nicht.“ Natürlich nicht. Wie könnte sie auch? Nami konnte ihr keinen Vorwurf machen. Sie selbst fand diesen Umstand schrecklich anstrengend und abstoßend. Und doch hatte sie sich für diesen Weg entschieden. Weil sie keinen anderen gefunden oder gesehen hatte. Und als sie eine Entscheidung hatte treffen müssen, da hatte sie es getan. War es die richtige Entscheidung gewesen? Momentan zweifelte sie daran. Dennoch war es damals alles gewesen, was sie gehabt hatte. Als Kind dachte man eben nicht an die Folgen. Man glaubte einen Weg gefunden zu haben und lief einfach los. Aus heutiger Sicht war das natürlich völlig dumm und naiv gewesen. Doch wo würden sie stehen, wenn Nami nicht diese Entscheidung getroffen hätte? Würden sie dann noch beide in diesem Mist sitzen?
 

„Wenn es das ist, damit wir sonst unsere Ruhe haben, dann mache ich es. Du weißt was er sonst alles tun könnte.“ Man wusste es. Dennoch sagte der Gesichtsausdruck ihrer Schwester, dass sie es nicht gut fand. Jede Art von Kontakt zu diesem Menschen war zu viel. Und dabei glaubte Nojiko, dass Nami lediglich Zuhause vorbeisah, um des „Familienfriedens“ willen. Eben dann wenn Aron glaubte eine heile Familie könne ihm irgendwie nützlich sein. Dass das alles dennoch keineswegs gut war, das wussten sie wohl beide. Immerhin waren sie in diesem Haus aufgewachsen und Kinder sahen viel. Mehr als man glaubte und mehr, als Aron vielleicht lieb war. Er mochte sich bemüht haben vieles fernzuhalten, doch am Ende hatte es nur bedingt funktioniert. Das dieser Mann ein Verbrecher war, das hatten sie sehr schnell gewusst.
 

„Möglich. Ich bin dennoch der Meinung, dass wir uns wenigstens Gedanken über andere Wege machen sollten. Wir sind beide längst erwachsen. Was auch immer er damals für Gründe hatte uns aufzunehmen, es spielt keine Rolle mehr.“
 

„Wir kannten damals nicht seine Gründe, wir wissen auch heute nicht, warum er das tut was er tut. Er ist unberechenbar und ich habe nicht das Geld, um mir im Notfall einen Anwalt leisten zu können. Du etwa?“ Nein, das hatten sie nicht. Ganz zu schweigen davon, dass Nami wusste, dass diese Sache so ohnehin auch nicht lief. Sie kannte das ganze Bild. Und die Schrecklichkeit dessen konnte man nicht beschreiben. Sie würde ihrer Schwester niemals davon erzählen können und sie konnte nur beten, dass sie es niemals auf einem anderen Wege erfahren würde.
 

„Denkst du wirklich er hätte ein Interesse daran seine Zeit mit uns zu verschwenden?“ Nami zuckte mit den Schultern. Was sollte sie sagen? Aus der Sicht ihrer Schwester war es sicherlich so, dass man es eigentlich so sehen konnte. Warum sollte Aron Interesse an zwei Frauen haben, die keinen Nährwert für seine kriminellen Machenschaften hatten? Die er nicht in eines seiner Brodels stecken konnte? Unter diesen Aspekten machte nichts davon einen wirklichen Sinn. Doch wenn Nami in den vergangenen Jahren eines gelernt hatte, dann das vieles keinen Sinn machte und er dennoch mit jeder Handlung ein klares Ziel verfolgte.

Warum er sie allerdings damals aufgenommen hatte, das war nichts, was sich ihnen erschloss. Nami vermutete, dass es mit ihrem talent zu tun gehabt hatte und Nojiko nur Beifang gewesen war. Die beste Erklärung, die sie sich dafür hatte geben können und eine wirkliche Antwort würde sie ohnehin niemals bekommen. Und selbst wenn, es würde keinen Unterschied mehr machen. Antworten machten die Vergangenheit nicht ungeschehen. Auch das hatte sie in den vergangenen Jahren lernen müssen.
 

„Wir sollten unsere Zeit zumindest nicht mit Gedanken an ihn verschwenden. Möchtest du noch etwas trinken?“
 

„Nein, ich will weiter, wenn wir hier fertig sind.“ Nojiko wandte sich ihr zu nachdem sie sich selbst ein Glas Orangensaft eingeschenkt hatte. Der Blick glitt forschend über sie, Nami konnte es genau spüren.
 

„Was hast du vor?“
 

„Nichts bestimmtes. Einfach raus, entspannen.“
 

„Warum kannst du es nicht wie jeder normale Mensch mit Sport machen?“ Berechtigte Frage aber so tickte Nami einfach nicht. Wenn sie Zeit hatte, dann machte sie etwas Yoga Zuhause, doch mehr? Dazu fehlte ihr einfach die Zeit. Sie setzte ihre Prioritäten eben anders auch, wenn es vielleicht nicht das gesündeste war. Immerhin könnte sie die Zeit, die sie nun draußen verbrachte auch anders nutzen. Nur war es eben doch so, dass sie beim Sex am besten entspannen und abschalten konnte.
 

„Weil mich das nicht entspannt.“
 

„Und ständig mit einer fremden Frau zu verschwinden ist es?“
 

„Kritisierst du gerade mein Sexleben?“ Fragend hob Nami die Brauen und sah ihre Schwester fast schon einen Moment kritisch an. Immerhin war es nicht so, dass sie nicht schon das ein oder andere Mal darüber diskutiert hatten.
 

„Nein. Du kannst so viel Sex haben wie du willst. Ich stelle nur deine Beweggründe in frage.“ Das konnte sie durchaus. Immerhin tat Nami es auch, um zu verdrängen. Um Dinge auszublenden mit denen sie sich eigentlich beschäftigen sollte. Doch was sollte das, wenn es ohnehin keine Lösungen dafür gab? An diesem Punkt hatte sie sich bereits so oft befunden und am Ende doch wieder entschieden, dass es eigentlich auf diese Art keinen Sinn machte. Unverbindlicher Sex. Das war das einfachste. Das beste. Sie würde sich davon nicht abbringen lassen. Doch warum sollte sie auch? Es war ihr Leben und wenn es an vielen Dingen haperte und sie Abstriche machen musste, dann wollte sie sich wenigstens ein paar Kleinigkeiten bewahren.
 

„Weißt du, was das Gute ist?“ Sie schielte ihre Schwester an und grinste schief. „Ich bin alt genug, um das alles selbst zu entscheiden.“
 

„Leider ja du kleiner Starrkopf.“ Nojiko schmunzelte ein wenig und würde sich nach einem weiteren Schluck abwenden. Es wurde wirklich Zeit mit dem aufräumen anzufangen, sonst würden sie noch den ganzen Abend hier sitzen. Kein Wunder also, dass Nami einen Lappen entgegen geworfen bekam. Eine stumme Aufforderung und der würde Nami dann auch einfach nachkommen.

Nebenbei wurde Musik eingeschaltet. Nojiko liebte die Musik der 20er Jahre und die wurde nun auch angestimmt. Und mit solcher guten Stimmung konnte man sich dann auch an die Arbeit machen. Eine Eigenheit, die Nojiko durchaus von ihrer Mutter übernommen hatte. Nami konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie manchmal von der Schule nach Hause gekommen waren, das Haus mit Musik erfüllt gewesen war, mit leckerem Essen auf dem Tisch, was auf sie wartete. Auch Nami konnte Jazz etwas abgewinnen, obgleich es ihr manchmal doch ein wenig zu viel war. Da brauchte Nami doch eher die sanften, klassischen Töne in ihrem eigenen Leben, die zu ihrem eigenen Leben in deutlichen Kontrast standen. Was sie wohl aber beide übernommen hatten war der Umstand, dass sie Musik in ihrem Leben brauchten. Und zwar keine mit viel Text oder die ihnen verbal etwas sagte. Nein. Musik musste Emotionen auslösen und dazu brauchte Nami keinen Text, nur den puren, reinen Klang der Instrumente.

Und dann ging es an die Arbeit. Tische abwischen. Stühle hoch stellen, Kissen richten. Schauen, ob die Blumen noch Wasser brauchten. Während Nojiko alles hinter dem Tresen machte, noch ein wenig in der Küche herumwuselte, war es Nami’s Aufgabe den Raum vorne fertig zu machen und sich zu kümmern. Da hatten sie beide einfach ihr System und waren gut aufeinander abgestimmt. Die Handgriffe waren eingeübt und man konnte einfach nebeneinander her arbeiten. Ja, Nami war in diesem Moment auch ganz dankbar für das Schweigen und die ruhige Arbeit, die sie etwas runter brachte.
 

Am Ende gab es nichts schlimmeres für Nami, dass sie ihre Schwester ein Stück weit anlog. Das sie nicht ganz ehrlich zu ihr sein konnte. Sie war am Ende des Tages doch ihre engste Bezugsperson. Seit sie klein gewesen waren, hatten sie schon viele schlimme Erfahrungen machen müssen. Nami wüsste nicht, wie sie all das hätte durchstehen sollen ohne ihre Schwester. Ein Band, das niemand auseinander bringen konnte. Nur sie selbst. Und dieser Gedanke war es, der Nami doch das ein oder andere Mal Angst machte. Das der Verrat an ihrer Schwester irgendwann so groß werden könnte, dass sie sie deswegen verlieren könnte. Nojiko war sicherlich ein schrecklich verständnisvoller Mensch. Sie war emphatisch, geduldig. Und doch hatte all das irgendwann ein Ende. Nami war sicherlich nicht so naiv, dass sie glaubte, dass sie auf ewig mit allem durchkommen würde. Nicht alle Verletzungen konnten wirklich heilen. Manche Wunden gingen einfach zu tief, wenn sie von der passenden Person zugefügt wurden. Je größer das Vertrauen und die Liebe zu einem anderen Menschen, umso leichter konnte ein Fehltritt zu tief gehen.

Nami holte den Besen und würde einmal den Vorraum kehren. Den groben Dreck entfernen, der sich den Tag über hinweg angesammelt hatte. War schon einiges auch, wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so wirkte. Doch es war ein gutes Zeichen. Es sprach davon, dass einige Menschen das Café ihrer Schwester besucht hatten und, dass sie erfolgreich war mit dem was sie tat. Sie hatte es geschafft sich ihren Traum zu erfüllen. Ein Gedanke, der Nami lächeln ließ und auch ein Stück weit beruhigte. Sie würde auskommen. Ganz gleich, was noch geschehen würde.
 

„Was ist eigentlich aus deinem Date geworden?“ Rief sie dann auch in Richtung Küche. War auch nicht so, als sei sie die einzige mit einem Privatleben. Eigentlich sollte Nojiko weit mehr Zeit dafür haben.
 

„Was?!“
 

„Dein Date! Wie ist es gelaufen?!“ Es dauerte einen Moment, dann wurde die Musik etwas leiser gemacht und ihre Schwester tauchte wieder auf. Sie hatte ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. So schlecht konnte es also nicht gewesen sein.
 

„Er war nett. Ein ziemlicher Vielfraß. Und irgendwie hat er auch eine große Klappe aber.. sympathisch. Dafür das er so viel gegessen hat, hat er mich dann auch eingeladen und nach Hause gebracht. Wir werden uns noch einmal sehen.“
 

„Und weißt du jetzt, was er beruflich macht?“
 

„Er reist viel, Headhunter für sein Unternehmen. Wir haben aber auch nicht viel über die Arbeit gesprochen.“
 

„Worüber habt ihr dann gesprochen?“ Sie hockte sich hin und würde den Dreck auf das Kehrblech schieben. Nojiko schien auch langsam mit ihren Sachen fertig zu werden. Man würde sich bald auf den Weg machen können und das sollte Nami nur recht sein. Dennoch war da die Neugierde und sie wollte auch wissen, was in dem Leben ihrer Schwester gerade passierte. Im allgemeinen hatten sie doch zu wenig Zeit miteinander, um sich einfach über banale Themen zu unterhalten und auszutauschen.
 

„Ach.. alles mögliche eigentlich. Er hat einen kleinen Bruder, der ihm manchmal genauso viele Sorgen bereitet wie mir meine kleine Schwester.“ Nami verdrehte die Augen. Nun, wenn sie meinte? Aber so richtig Wiedersprechen konnte Nami der ganzen Sache leider auch nicht. Sie wusste immerhin woher das ganze kam.
 

„Dann werdet ihr euch ja sicher blendend verstehen.“ Nami raffte sich wieder auf und würde den Dreck in den Mülleimer bringen. Der Besen und alles weitere wurde wieder weggebracht und verräumt. Damit war nun wenigstens das wichtigste getan. Sie wandte sich um, blickte dabei ihre Schwester an, die mit einem etwas verschmitzten lächeln da stand. Für einen Moment musterte sie ihre Schwester, dann aber schüttelte sie den Kopf.
 

„Ja, werden wir wohl.“ Nun, wenn es so war, dann würde es sie freuen. Nojiko hatte in den letzten Jahren nicht viel Glück in ihren Beziehungen gehabt. Es wäre schön, falls es diesmal anders werden würde. Aber auch das musste die Zeit zeigen. Immerhin war es erst ein Date gewesen. Und da gaben sie sich doch alle Mühe, waren noch freundlich und charmant. Erst auf der Langstrecke würde sich zeigen, was wirklich dahintersteckte. Darin galt es zu überzeugen und genau das war es, was Nami abwarten würde.
 

„Also trefft ihr euch nochmal?“
 

„Übermorgen. Wir werden wieder essen gehen.“
 

„Na, dann halt mich besser auf dem laufenden.“ Sie grinste schief und lehnte sich wieder an die Theke, während Nojiko die letzten Sachen verräumte und dann wohl auch anfing ihre eigenen Sachen zusammen zu suchen. Nami hatte ihre Jacke auf einem der Tische liegen, die sie auf dem Weg nach draußen dann auch wieder einsammeln konnte. Mehr hatte sie nicht dabei, würde aber auch nicht mehr an diesem Abend brauchen.
 

„Sicher. Du mich auch, ja?“
 

„Mache ich.“ Nami würde es zumindest versuchen auch, wenn es wirklich etwas anderes war, als das Date von dem man bei Nojiko gesprochen hatte. Denn das Nami nicht plötzlich mit einem Date oder einer Liebschaft um die Ecke kommen würde, das war ihnen wohl beiden klar. Und doch würde man zumindest das nicht weiter vertiefen. Nicht jetzt.
 

Nojiko hatte ihre Bedenken geäußert und das sollte für den Moment reichen. Nami wusste diesen Umstand zu schätzen und auch, dass sie diesen Bogen besser nicht weiter spannen sollte.
 

Man würde zusammenpacken. Es ging in Richtung Tür, wo Nami ihre Jacke aufnahm und sich diese über die Schultern warf. Sie würde als erstes aus der Tür heraustreten und dort dann auf Nojiko warten. Diese schaltete alle Lichter aus und würde die Tür hinter sich zuziehen, abschließen und dann war auch dieses Tagewerk verrichtet.
 

„Danke für deine Hilfe. Kannst du dann übermorgen einspringen?“
 

„Ich schaue noch einmal aber ich denke schon. Mach dir keine Sorgen, du kannst dich entspannt auf dein Date vorbereiten.“ Sie schmunzelte ein bisschen und setzte sich dann in Bewegung. Gemeinsam mit Nojiko würde sie noch ein wenig die Straße entlang schlendern. Sie würden beide die Metro nehmen, wenn auch in einen jeweils anderen Stadtteil fahren. Doch ein Stück konnten sie noch gemeinsam durch die vollen Straßen der Stadt schlendern.
 

Nojiko lachte und würde einen Arm um ihre Schultern legen, um sie ein wenig an sich heran zu ziehen. Nami würde die Geste erwidern und dazu den eigenen Arm um die Hüfte ihrer Schwester schieben.
 

„Danke, das ist wirklich sehr großzügig von dir.“ Ein wenig musste man sich ja necken und für diesen Moment die Leichtigkeit genießen. Für Nami spielte das viel zu selten eine Rolle in ihrem Leben. Und deswegen genoss sie die Momente, die sie mit ihrer Schwester ganz besonders. Sie brachten eben eine andere Leichtigkeit in ihr eigenes Leben und halfen ihr dabei nicht völlig in der Dunkelheit zu versinken.
 

Eine Dunkelheit, die immer wieder nach ihr griff und sich wie ein dunkler See anfühlte in dem sie orientierungslos herumtrieb. Ein See, dessen Ufer sie nicht sehen konnte und der mit einer ganz bestimmten Angst verbunden war. Der Angst darin zu versinken.

sleepless


 

2023 - New York
 

„Lass es dir schmecken.“ Kurz gingen ihre Augen hinauf, betrachteten die junge Frau, die ihr das Glas mit einem breiten Grinsen an den Tisch gebracht hatte. Robin hatte sich einen Tisch gesucht und es sich dort gemütlich gemacht. Wie bereits bei ihrem letzten Besuch war sie spät dran und hatte hatte nun erneut die Gelegenheit die Frauen zu beobachten. Durchaus ein paar bekannte Gesichert, die sie bereits beim letzten Mal gesehen hatte. Jedoch keine, die sie so weit interessierten, dass Robin sich genauer damit befassen wollte. Sie entschied sich lieber dazu ihren Drink zu genießen und den Tag damit ausklingen zu lassen. Noch immer stimmte sie die Situation sehr nachdenklich und die Arbeit an dem Fall machte es nicht besser. Dennoch muss sie sich davon abgrenzen und durfte sich nun nicht von Franky einlullen lassen. Er konnte das gut. Auf andere Menschen einreden und am Ende gab man nach. Durchaus würde sich Robin als willensstarken und klaren Menschen bezeichnen. Und doch hatte Franky diese Art an sich, die sie immer wieder nachgeben ließ. Und am Ende? Steckte sie doch wieder in Situationen in denen sie eigentlich nicht sein wollte.
 

Robin erinnerte sich an einen Einsatz in Europa bei dem sie für Tage völlig durchnässt gewesen war, weil Franky es für eine gute Idee gehalten hatte einem alten Freund zu helfen. Dieser wiederum hatte sich am Ende als das Problem in dem Konstrukt erwiesen und sie beide hatten irgendwo im Nirgendwo gesessen. Ohne die Möglichkeit nach Hilfe zu rufen. Kein Essen, kein Unterschlupf. Wie sehr hatte sie ihn in diesen Momenten verflucht? Und dennoch hatte sich an ihrer Freundschaft nie etwas verändert.
 

Dennoch, dieser Auftrag erinnerte sie sehr an damals. Obgleich Robin noch nicht einschätzen konnte in was für eine Richtung es diesmal ging oder, woher genau ihr schlechtes Gefühl rührte. Aber wenn sich ihr Bauchgefühl meldete, dann hatte es meistens auch einen Grund. Nur, dass ihr das in diesem Moment auch nicht wirklich weiter half. Die Abmachung war, dass sie auf Grund der neuen Entwicklungen, noch vier Tage bleiben und sich mit all dem befassen würden. Was konnte schon in vier Tagen geschehen? Das war die Frage, die Robin am meisten beschäftigte und doch fand sie keine Antworten darauf. Und so oblag es am Ende ihr zu entscheiden wie viel Raum sie dieser Frage geben wollte und, wo sie die Grenze ziehen würde.
 

Vier Tage. Sie würde diese Tage überstehen und dann wieder abreisen. Solange sie an diesem Plan festhalten würde, würde es schon funktionieren. Mit diesen Gedanken hob sie dann auch wieder ihr Glas an die Lippen und würde davon trinken. Ein Absacken. Wenn sie heute alleine blieb, dann würde es auch nicht mehr werden, als das. Sie könnte darüber nachdenken doch noch eine Frau anzusprechen, doch darauf Energie verwenden? Für belanglose Gespräche oder eine enttäuschende Gesellschaft? Nein. Danach stand ihr durchaus nicht der Sinn an diesem verkorksten Tag. Etwas das sie wohl auch ausstrahlen musste, denn es waren nur verstohlene Blicke, die ihr zugeworfen wurden. Ob eine dieser Frauen unter anderen Umständen den Schneid hätte sich zu ihr zu setzen? Sie bezweifelte es. Es langweilte sie. Und dabei würde ihr etwas Ablenkung dieser Tage durchaus gut tun.

Es war gewiss nicht das schrecklichste, was Robin je gesehen hatte. Zumal sie durch ihre Arbeit auch oft nicht direkt an den Fällen dran war. Sie konnte durchaus viel vertragen. Und doch war etwas an diesem Fall, das an ihre Substanz ging. Etwas warnte Robin einfach. Diese Warnung schien immer lauter zu werden. Und wenn Robin eines wusste dann, dass sie eigentlich auf ihr Bauchgefühl hören sollte. Solch eine Warnung kam nicht ohne Grund.
 

Ein wenig nachdenklich strich sie über den Rand ihres Glases und atmete durch, als sie mit einem Mal eine Bewegung über sich wahrnahm. Die blauen Augen zuckten hinauf, betrachteten ihr Gegenüber. Der Rotschopf zog schweigend einen Stuhl zurück und ließ sich ihr gegenüber nieder. Ein Bein wurde über das andere geschlagen, als sie sich zurücklehnte und dann einen Schluck von ihrem Drink trank. Robin sah sie abwartend und schweigend an, fast ein bisschen überrascht.
 

„Entschuldige.. ich hoffe ich unterbreche gerade nicht irgendwas?“
 

Unweigerlich musste Robin schmunzeln, als sie diese Frage vernahm. Wenn man bedachte mit welcher Selbstverständlichkeit sich die andere gesetzt hatte, dann glaubte sie nicht, dass sie die Antwort darauf wirklich interessierte.
 

„Und wenn es so wäre?“
 

„Dann sag ihr sie soll wieder gehen.“
 

Nun musste Robin sogar leise lachen. Es war wirklich unglaublich mit welcher Selbstverständlichkeit sie in das alles hinein ging. Irgendwie erfrischend. Und vielleicht genau das, was sie an diesem Tag brauchen würde. Immerhin wüsste sie hier wenigstens worauf sie sich einließ und, dass es sie nicht enttäuschen würde.
 

„Ich dachte, das hier sei nicht dein Ding?“
 

Nora zuckte mit den Schultern und trank noch einmal einen Schluck, während sie kurz den Blick schweifen ließ. Sie wirkte ebenfalls nachdenklich, anders als noch bei ihrem letzten Treffen. Wobei das vielleicht auch falsch sein könnte. Immerhin kannte sie die andere nicht und ihre Eindrücke basierten auf einem einzigen Abend. Was wusste sie also schon von ihrem eigentlichen Charakter und den Dingen, die sie bewegten?
 

„Ist es auch nicht. Aber die Auswahl ist ebenso bescheiden wie das letzte Mal. Du bist die beste Alternative.“
 

„Ich bin also deine Notlösung.“
 

„Hast du ein Problem damit?“ Nora grinste sie leicht an auch, wenn Robin den Eindruck hatte, dass es ihre Augen nicht wirklich erreichte. Es war als würde ein Schatten über ihr liegen und unweigerlich fragte sie sich, was in den letzten Stunden geschehen war. Gleichzeitig war es allerdings nichts um das sie sich Gedanken machen sollte. Würde sie das tun würde es bedeuten, dass es sie kümmerte und da musste sie doch eine Grenze ziehen. In ein paar Tagen war sie wieder weg und dann würde man einander nie wieder sehen. So zumindest der aktuelle Plan des Ganzen. Etwas das auch Nora in die Karten spielen sollte und deswegen war es doch besser, wenn sich beide Seiten emotional abgrenzten. Obgleich das etwas war, mit dem Robin normalerweise kein Problem hatte.
 

Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf und hob wieder ihr Glas, um daran zu nippen, während der Blick doch weiter auf dem Rotschopf ruhte.
 

„Durchaus nicht. Es soll mir recht sein.“ Man wusste zumindest worauf man sich einließ und ein wenig Entspannung? Ja, das konnte Robin durchaus gebrauchen. Sie würde sich nicht dagegen wehren und es war wohl davon auszugehen, dass Nora nicht nur wegen einem netten Plausch hier aufgetaucht war. Sie suchte Ablenkung und darin schien man sich wie üblich einig zu sein.
 

„Gut. Weißt du schon, wie lange du in der Stadt sein wirst?“
 

„Ist das Interesse oder willst du sichergehen, dass du mich bald wieder los bist?“ Beides konnte sie sich in ihrem Fall vorstellen. Das Misstrauen, welches die junge Frau ausstrahlte, ließ Robin allerdings nur wohlwollend schmunzeln. Da würde sie sich auch nicht dran aufhängen. Robin sah das locker und irgendwie amüsierte es sie auch ein wenig, wie penibel Nora darauf achtete, dass ihr bloß nichts und niemand zu nah kam. Konnte man in dem Alter wirklich schon so viele, schlechte Erfahrungen gesammelt haben? Ein wenig würde es sie schon interessieren. Es kitzelte ihre Neugierde und doch würde sie diese Frage nicht stellen.
 

„Ich weiß wie ich Frauen loswerde, wenn es sein muss, keine Sorge. Und wenn mich etwas interessieren würde, dann würde ich vermutlich fragen, was du beruflich machst und warum du nur so kurz hier bist. Aber da mich das nicht interessiert..“
 

„Beraterin.“
 

Nora stutzte merklich und sah sie überrascht an. Robin schmunzelte weiter und trank einen Schluck. Ja, sie hatte wohl nicht mit einer Antwort gerechnet und Robin war durchaus nicht scharf darauf nun ausführlich über ihren Job zu sprechen. In den meisten Fällen durfte sie das ohnehin nicht. Aber sie konnte es umreißen und diese Umschreibung ließ es ohnehin ziemlich unspektakulär wirken.
 

„Beraterin?“
 

Sie nickte nur, schwieg aber. Der fragende Ausdruck der anderen sagte ihr allerdings, dass sie wohl darauf wartete, dass Robin das ganze noch ein wenig mehr ausführen würde. Hatte sie allerdings nicht wirklich vor. Wenn es nach ihr ginge, dann könnte sie das durchaus aussitzen. Nora allerdings hob die Hand und vollzog mit dieser eine auffordernde Geste, um sie zu weiteren Ausführungen zu animieren.
 

„Beraterin für was? Teppiche?“
 

„Ich dachte es interessiert dich nicht.“
 

„Tut es auch nicht.“ Natürlich nicht. Aber da war Nora wohl wie die meisten Menschen. Sie erinnerte Robin irgendwie an eine Katze, die sich eher gleichgültig gab aber, wenn man ihr das passende Spielzeug zeigte, dann konnte sie auch nicht davon ablassen.
 

„Aber wenn wir jetzt schon darüber sprechen..“
 

„Ich berate verschiedene Institutionen mit meiner Expertise. Und da nicht all diese Institutionen in New York sind muss ich auch viel reisen. Meine Aufträge sind auf der ganzen Welt verteilt.“
 

„Und was für eine Expertise ist das?“ Bohrte Nora weiter. Robin warf ihr allerdings nur einen vielsagenden Blick zu. Sie würde das nicht beantworten. Wie sollte das auch schon ankommen? Ihr Job hatte noch nie dazu beigetragen, dass das Interesse einer Frau sich gesteigert hatte. Entweder der Aspekt des Reisens war abschreckend gewesen oder der Umstand, dass Robin sich auch mit Verbrechen auseinandersetzte. Das allerdings nicht nur. Sie versuchte durchaus sich zurückzuziehen, hatte eine Lehrstelle und ihre eigene Forschungsarbeit. Für sie war es ein durchaus vielfältiger Bereich in dem sie sich bewegte und der ihr viel Abwechslung bot. Dennoch sprach sie ungerne darüber. Besonders, wenn sie eigentlich mit einer Frau sprach, die sie nicht vorhatte wiederzusehen. In einer Beziehung wäre das ein anderes Thema. Doch das hier.. das war nur eine flüchtige Begegnung.
 

„Ich könnte dich ebenso fragen, was du beruflich machst“, wechselte Robin das Thema und konnte beobachten, wie Nora das Gesicht verzog und die Nase wieder in ihr Glas steckte. So. Da wusste sie doch genau wie es war, denn Rückfragen schienen nicht erwünscht zu sein.
 

„Kellnerin. Im Café meiner Schwester.“
 

Robin wusste nicht, was sie mehr überraschte. Das sie überhaupt eine Antwort bekam oder das, was Nora ihr da sagte. Kellnerin? Sicherlich war sie gut in ihrem Job. Durchaus vorstellbar, dass sie gut mit Menschen umgehen konnte, wenn sie es wollte. Was sie allerdings daran irritierte war, dass sie nicht unbedingt einen gewöhnlichen, ruhigen Job für diese Frau vorstellen konnte.

„Ich hätte eher auf Barkeeperin gesetzt“, gab sie also ihre Gedanken dazu preis. Wenn schon in der Gastronomie, dann doch eher so etwas, oder nicht? Wobei selbst das nicht so recht in das Bild passen wollte, was Robin versuchte zu formen. Und dabei hatte sie doch eigentlich keine wirklichen Anhaltspunkte, die sie in diesen Annahmen bestätigen würden. Viel mehr sprach sie hier von einem Bauchgefühl.
 

„Hab ich auch mal versucht, aber ich feiere lieber selbst.“
 

„Das wiederum kann ich mir vorstellen.“ Durchaus. Das passte wohl gut zu der anderen, obgleich sie nun schon zum zweiten Mal lieber in einer Bar anstatt in einem Club gelandet war. Blieb also die Frage, was wirklich an dieser Sache dran war. Robin’s Instinkt sagte ihr, dass sie hier nicht einmal die halbe Wahrheit hörte, wenn es überhaupt etwas mit der Wahrheit zu tun hatte. Aber darin waren sie wohl beide recht gut.
 

Angesichts der Tatsache, das sie wohl beide nicht offen sprechen wollten, ausweichend antworteten und wohl auch versuchten die andere auf Abstand zu halten, konnte man den Sinn dieser Unterhaltung durchaus hinterfragen. Man könnte auch anders an das alles herangehen. Immerhin schien der Konsens zu sein, dass sie beide nach Ablenkung und Entspannung suchten. Wenn dem so war, dann könnten sie einfach ihre Drink’s trinken und dann verschwinden. Trotz dessen saßen sie nun hier und versuchten sich daran und bekundeten eine gewisse Neugierde und Interesse.
 

„Ich habe nur den Eindruck, dass du ehrgeizig bist und ein Mensch bist, der sich eine andere Art von Karriere aufbauen würde.“ Es war gewiss nichts falsch daran sein Geld als Kellnerin und Servicekraft zu verdienen. Durchaus nicht. Nur wirkte Nora eben nicht so als würde sie ganz in diese Schublade hineinpassen.
 

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, bevor Nora einfach nur wissend lächelte. Robin verstand es als Zustimmung des ganzen und so waren sie sich in dieser Hinsicht wohl einig. Sie gaben einander kleine Brocken aus dem eigenen Leben an denen vielleicht ein wahrer Kern dran war und ansonsten hielt man sich doch wage. Das war auch in Ordnung, solange beiden beteiligten bewusst war nach welchen Regeln man dieses Spiel spielte.
 

„Und der Stress auf der Arbeit hat nun dazu geführt, dass du heute wieder hier bist und nach etwas Ablenkung suchst?“
 

„Könnte man so sagen. Manchmal hat man eben auch beschissene Tage, oder?“ Nora grinste schief, stellte das Glas zur Seite und lehnte sich dabei zurück. Sie hatte recht. Manchmal hatte man einfach diese Tage. Robin kannte es, denn auch bei ihr war es aktuell so, dass diese Tage sie emotional anstrengten. Normalerweise war es nicht ihr Umgang damit sich lockeren Sex zu suchen. Das tat Robin dann und wann zwar auch, doch nicht so wie hier. Aber hier war sie eben auch nicht mehr in ihrem gewohnten Umfeld, nicht an einem Ort an dem sie sich wirklich wohl fühlte.
 

„Es gibt solche Tage, ja.“
 

„Und wie beschissen war dein Tag?“
 

Robin gab einen belustigten Laut von sich. Ja, wie beschissen war es gewesen? Das konnte sie nicht einmal genau beschreiben. Denn das diese Tage Robin aufrieben, das wusste sie. Sie konnte nur den genauen Grund nicht ausmachen. Und das war es, was sie noch mehr aufrieb und ihr noch mehr zu denken gab.
 

„Wir sitzen beide wohl nicht ohne Grund hier. Darauf können wir uns einigen.“ Robin lächelte leicht, was Nora erwiderte. Zumindest musste man sich an dieser Stelle nicht weiter erklären und hatte die wichtigsten Dinge nun klargestellt. Andere würden nun vielleicht bohren, würden helfen wollen. Doch das war es nicht was sie beide gerade brauchten. Sie brauchten etwas ganz anderes und zumindest das schienen sie heute wieder ineinander zu finden.
 

„Also.. hast du Lust noch zu tanzen, bevor wir verschwinden?“ Nora deutete auf den hinteren Teil der Bar. Man konnte nicht von einer großen Tanzfläche sprechen und doch war die Musik doch laut genug, damit man dort etwas tanzen konnte. Taten auch einige der Frauen, die auf diese Weise noch etwas Körperkontakt suchten. Robin betrachtete das alles, bevor sie dann doch ihr Glas leerte und aufstand. Stummes Einverständnis und sie wusste auch so, dass Nora ihr folgen würde.
 

Kurz vor der Tanzfläche spürte sie, wie eine Hand nach ihrem Arm griff. Allerdings nicht, um sie zurückzuhalten. Die Hand strich ihren Arm hinunter, umfasste Robin’s und dann zog Nora an ihr vorbei. Sie lief voran auf die Tanzfläche und würde Robin mit sich ziehen nur, um sich dort dann wieder zu ihr zu wenden. Nora führte Robin’s Hand zu ihrer Schulter, hin zu ihrem Nacken. Sie selbst trat an sie heran und legte die Arme um sie, begann sich zur Musik zu bewegen.
 

Robin schob die Hand weiter in ihren Nacken und zog die Kleinere dann etwas mehr an sich heran, blickte ihr feste in die Augen. Man kannte den anderen Körper bereits, hatte ein Gefühl füreinander bekommen und so war dies hier nicht fremd. Es fühlte sich nicht falsch an gleich diese Nähe zu suchen und einander nah zu kommen. Eher wie eine natürliche und logische Konsequenz des ganzen. Da dauerte es auch nicht lange, bis sich der Körper von Nora an ihren eigenen schmiegte und sich zum Takt der Musik bewegte. Sie verstand etwas davon. Hatte Körpergefühl aber auch ein gutes Ohr, wusste sich zu bewegen. Das war durchaus zu spüren und das Selbstbewusstsein mit dem Nora durch die Welt ging war auch hier wieder zu spüren. Als könnte sie nichts erschüttern was um sie herum geschah. Ja, sie war eine Frau die ganz genau wusste wie sie wirkte und welche Ausstrahlung sie hatte. Etwas das nicht viele hatten und auch nicht in diesem Alter. Zwar wusste Robin nicht wie alt genau sie war aber sicherlich um einiges jünger als Robin selbst. Am Ende war Alter ohnehin nur eine Zahl und sagte nicht viel über die innere Reife eines Menschen aus. Und das brachte Robin auch wieder zu der Frage, was wohl dahinter steckte und was sie wohl zu der Frau gemacht hatte, die sie heute war.
 

Warum sie glaubte, dass mehr dahinter steckte? Nora hatte diesen Ausdruck in den Augen, auch jetzt als sie den Blick mit einem Augenaufschlag hob und zu ihr hinaus sah. Selbst jetzt lag ein Schatten über diesen Bernsteinen, der nicht von den Lichtverhältnissen herrührte.
 

Robin beugte sich leicht zu ihr hinunter, als sie den leichten Zug in ihrem Nacken spürte. Automatisch schob sie die Hand weiter um ihre Hüfte, zog sie enger an sich heran. Die Musik rückte weiter in den Hintergrund, während sie sich in den Nuancen ihrer Augen verlor. Sie hatte eine Tiefe in ihrem Blick und etwas gebrochenes. Leicht zog sie die Brauen zusammen, etwas fragend. Doch dann war der Moment vorbei und Nora überbrückte den Abstand zwischen ihnen.
 

Es war nur ein Hauch, ein sanftes streichen, als sie ihre Lippen auf ihre legte, bevor sie Robin in eine Umarmung zog und weiter mit ihr tanzte. Robin würde sie einfach halten und den Moment in sich aufnehmen.
 

„Lass uns gehen“, waren es schließlich die leisen Worte, die an ihr Ohr drangen. Gehaucht, nachdem sie noch zwei weitere Lieder eng miteinander getanzt hatten. Wobei Robin eher das Gefühl gehabt hatte, dass Nora einfach nur nach Nähe gesucht hatte und es doch weniger um den Tanz als solches gegangen war. Ja, es war eine gewisse Spannung zwischen ihnen und doch hatte dieses Treffen zwischen ihnen noch eine andere Note.
 

„Nach dir.“
 

Robin würde sich langsam lösen und zu ihr hinunter blicken. Nora nickte leicht, löste sich ganz und schritt dann voran. Was aber blieb war der Umstand, dass sie Robin’s Hand umfasst hielt und sie mit sich ziehen würde. Wobei sie auch hier beide dicht beieinander blieben und nur noch einmal am Tisch halten würden. Im vorbeigehen griff Robin nach ihrer Jacke, zog diese mit sich und dann ging es weiter hinaus. Sie beobachtete, wie Nora noch einen Blick hinter die Bar warf, ansonsten aber auch nur in Richtung Ausgang strebte, damit sie wieder in die kühle Nacht hinaustreten konnten.
 

„Wo ist dein Wagen?“
 

„Die Straße runter. Wirst du damit zurechtkommen, wenn wir wieder zu mir fahren?“ Fast schon etwas neckend stellte sie diese Frage. Immerhin war es eine zweite Übernachtung, sofern Nora diesmal denn wieder über Nacht bleiben würde. Das zweite Mal in ihrem Haus. Klang eher nach etwas zu viel Wiederholung angesichts dessen, dass sie doch eigentlich wenig Beständigkeit haben wollte. Und doch wussten sie beide eigentlich, dass man sich keine Sorgen machen musste.
 

„Wüsstest du eine Alternative?“
 

„Nein. Ein Hotel empfinde ich als zu teuer, wenn man bedenkt, dass ich davon ausgehen muss, dass du so schnell wie möglich wieder verschwindest.“
 

Gemeinsam schlenderten sie die Straße entlang. Noch immer hielt Nora ihre Hand und Robin machte keine Anstalten etwas an diesem Umstand zu verändern. Sie hielt sie einfach weiter fest, während sie sich zu ihrem Wagen begaben. Diesmal mussten sie etwas weiter laufen, da sie nicht gleich in der Nähe einen Parkplatz bekommen hatte. War aber auch nicht einfach in einer Stadt wie dieser und dennoch würde Robin niemals auf die Idee kommen mit der Metro zu fahren. Sie mochte es nicht von so vielen Menschen umgeben zu sein und nicht ihre Ruhe haben zu können. Abgesehen davon war sie so unabhängiger und musste sich nicht einem fremden Rhythmus anpassen.
 

„Warum klingt es bei dir wie ein Vorwurf?“
 

„Es sollte keiner sein. Für mich ist es okay, wenn es das für dich ist.“ Man hatte sich doch einig sein wollen. Nora nickte nur und Robin brachte sie zu ihrem Wagen. Erst hier würde sie ihre Hand loslassen, damit sie an der Motorhaube vorbei, auf die andere Seite gehen konnte. Der Wagen wurde aufgeschlossen und sie konnten einsteigen, um wieder zu Robin nach Hause zu fahren.
 


 

***
 


 

„Hier.“
 

Sie stellte das Glas Wasser auf den Nachtisch, nachdem sie sich wieder zu ihr ins Bett geschoben und über sie gebeugt hatte. Die Antwort war ein leises Brummen. Viel konnte Robin nicht erkennen, es war dunkel. Das wenige Licht, welches von draußen hineinfiel, konnte den Raum nur spärlich erhellen. Doch das war in Ordnung, sie fand sich auch so ohne Probleme zurecht und hatte das Gefühl, dass Nora gerade auch nicht mehr brauchte als das.
 

Robin ließ sich auf die Seite sinken, stützte den Kopf auf einer Hand ab, während sie mit der anderen sachte über den Rücken der anderen strich. Langsam ihre Wirbelsäule entlang, von Steiß hinauf bis in den Nacken, um durch den verschwitzten Haaransatz zu streichen. Eigentlich hatte Robin erwartet, dass sie entweder einschlafen oder gleich aufstehen würde, um das Haus mit wehenden Fahnen zu verlassen. Beides war nicht der Fall gewesen. Stattdessen hatte die andere nur nach einen Glas Wasser gefragt, welches Robin ihr geholt hatte, das nun aber nicht von ihr angerührt wurde.
 

Robin schwieg, kraulte sie einfach weiter. Das Nora nachdachte, das war deutlich zu spüren und offensichtlich. Auch der Sex war anders gewesen als das letzte Mal. Es war nicht an ihr das zu bewerten und Robin würde auch nicht sagen, dass etwas schlechter oder besser gewesen war. Durchaus nicht. Und doch war ein deutlicher Unterschied in dem Bedürfnis zu spüren gewesen, welches Nora ihr gezeigt hatte. Etwas das sie eher in ihren Gedanken bestätigte, dass wohl etwas vorgefallen sein musste was tiefgreifender war als einfacher Stress bei der Arbeit oder etwas schlechte Laune. Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass es sich hierbei um reine Spekulation handelte. Was wusste sie schon von der anderen? So gut wie nichts. Sie wusste nichts über ihr Wesen, ihren Charakter oder ihr Leben. Das einzige, was sie hatte war dieses Bauchgefühl und ihre Menschenkenntnis. Aber auch hier könnte sich Robin fragen, wieso es sie so beschäftigte? Was war es, dass sie dazu veranlasste sich Gedanken zu machen? Das müsste sie sicherlich nicht. Lag es daran, dass der Unterschied zu ihrem letzten Treffen so deutlich zu spüren war?

Es kam langsam Bewegung in den andere Körper und riss sie damit aus ihren Gedanken. Robin beobachtete, wie sie sich aufstützte und nach dem Wasserglas griff. Nachdem sie etwas getrunken hatte würde sie sich wieder hinlegen und langsam herumdrehen auf den Rücken. Der Blick ging zu Robin, die ihre Hand auf Nora’s Bauch geschoben hatte. Leichte Berührungen, die Suche nach Nähe. Robin ließ sie gewähren, würde sich nur wieder zu ihr hinunter beugen, um einen sachten Kuss auf ihre Lippen zu hauchen.
 

Das man einander gerne küsste, das hatte sich heute ebenfalls gezeigt. Es waren mehr Küsse als bei ihrem letzten Treffen, lang und mit einem Gefühl der Vertrautheit. Robin ließ sie gewähren, ließ sie bleiben. Denn auch für Robin war es eine angenehme Ablenkung. Denn nein, hier alleine zu sein mit ihren Gedanken, in diesem Haus, würde ihr in diesem Moment auch nicht gut tun. Sie benutzten einander, um sich abzulenken und sich besser zu fühlen. Wissend, dass sie es taten und es wohl für sie beide in Ordnung war. Und mit diesem Gefühl konnte man das ganze auch genießen und sich in den Moment hineinfallen lassen.
 

„Vielleicht sollten wir uns das nächste Mal doch ein Hotel nehmen“, murmelte Nora irgendwann leise. Wobei Robin nicht wusste, welche der Informationen sie als erstes verarbeiten sollte. Das sie von einem weiteren Treffen ausging oder, dass sie auf einmal doch in ein Hotel wollte.
 

„Bist du mit dem Bett nicht zufrieden?“ Fragte sie leise. Denn was sollte es sonst für einen Grund haben? Das es doch zu privat war und man vielleicht eine Bindung aufbauen könnte? Robin entschied sich dazu, das alles nicht weiter zu hinterfragen. Dazu war es inzwischen wirklich zu spät und am Ende würde es ohnehin nichts bringen. Zu versuchen das zu verstehen würde bedeuten, dass sie eine Chance darauf hätte hinter diese Fassade zu blicken und das würde wohl kaum passieren. Gleichzeitig wollte Robin aber auch nicht so sehr mit all diesen Dingen involviert sein. Alles, was sie von dem hier wollte war Entspannung und keine neuerlichen Probleme mit denen sie sich befassen müsste.
 

„Nein. Das Bett ist super.. aber du wirkst angespannt. Und ich dachte wir wollen beide entspannen“, wurden dann doch die Gedanken ausgeführt. Etwas das Robin nun doch überraschte. Sie hatte diese Anspannung selbst nicht so wahrgenommen. Natürlich war sie da, immerhin fühlte sie sich an diesem Ort auch nicht völlig wohl. Doch an sich glaubte sie doch, dass sie in der Lage war ihre Gefühle und Emotionen gut vor anderen verbergen zu können. Entgegen dieser doch guten Eigenschaft, die dafür sorgte, dass manch einer sie als kalt beschreiben würde, schien Nora doch weit mehr wahrgenommen zu haben, als man ihr vielleicht zutrauen mochte.
 

„Und ich dachte du wolltest dich nicht um die belange anderer kümmern?“ Fragte sie leise zurück. Ja, was interessierte es sie also, wie es Robin ging? Oder lag es nur daran, dass sie selbst weniger entspannen konnte, wenn Robin ihr nicht locker genug war?
 

„Es war nur ein Vorschlag Robin. Wenn du dich damit wohl fühlst, dass wir hier sind ist es okay. Manchmal kann ein Ortswechsel aber auch gut tun.“ Da hatte sie durchaus recht. Es war nicht einfach, wenn man sich an einem Ort nicht wohl fühlte und doch verband Robin einfach zu viel mit diesem Haus als das sie es einfach hinter sich lassen konnte. Es war nicht alles schwarz oder weiß im Leben und man musste durchaus differenzieren, wenn man solche Sachen betrachtete.
 

„Lass uns beim Frühstück darüber reden, okay?“
 

„Okay.“
 

Besser man würde sich das aufsparen und heute Nacht? Da wollte Robin einfach nicht mehr reden und sich über ernste Themen Gedanken machen. Entspannen. Das hatten sie beide gefordert und genau das sollten sie auch bekommen. Da war es in diesem Moment auch nicht wichtig, ob sie am nächsten Morgen wirklich ein gemeinsames Frühstück haben würden oder, ob Nora dieses Mal erfolgreicher mit ihrem Versuch wäre sich davon zu schleichen.
 

Doch für diesen Moment? Da würde man nebeneinander liegen. Robin machte den großen Löffel, hatte die Arme um die Jüngere geschlungen, die sich mit dem Rücken an sie schmiegte und inzwischen ruhig und entspannt atmete. Sicherlich war die Nacht schon weit vorangeschritten und es wäre besser, wenn sie nun einfach schlafen und diesen Tag beenden würden. Und da sie beide nicht mehr versuchten das Gespräch am laufen zu halten würde man nun auch weiter in einen leichten Schlaf hineingleiten.

Eine angenehme Stille und Wärme umfing sie und Robin stellte sich vor, dass sie in dieser Nacht vielleicht wirklich gut schlafen und sich erholen könnte. Doch diese Vorstellung würde nicht lange anhalten. Robin war wohl gerade an dem Punkt einzuschlafen, als das klingeln ihres Handy’s sie wieder zurück in die Realität holte.
 

Angestrengt atmete sie durch und löste sich von Nora, die brummend das Gesicht in ihr Kissen drückte.
 

„Was ist das?!“ Fragte sie zerknirscht und wirkte wohl wenig begeistert. Angesichts der Tatsache, dass sie wohl selbst dabei gewesen war einzuschlafen wunderte es Robin nicht wirklich. Sie drehte sich um und blickte durch den Raum. Wo war ihr Handy? Robin trug es für solche Fälle immer bei sich und ließ es deswegen nie in irgendeiner Tasche. Also hatte sie es in ihrer Hose gelassen die.. nun irgendwo in ihrem Schlafzimmer lag. Im Eifer des Gefechts hatte sie das lästige Stück Stoff einfach abgestreift und liegen gelassen.
 

Hinter ihr brummte Nora weiter, während Robin einen Moment brauchte, bis sie den leuchtenden Bildschirm endlich entdeckte. Etwas ungelenk raffte sie sich auf, schob sich aus dem Bett und würde die wenigen Meter bis zu ihrer Hose überbrücken. Das Klingeln hörte auf, als Robin das Gerät aus ihrer Hose zog und auf den Bildschirm blickte. Franky. Es war nach drei Uhr morgens. Keine Zeit zu der er sie eigentlich anrufen sollte.
 

Noch während sie darüber nachdachte klingelte ihr Handy erneut und Franky versuchte es wieder. Wenigstens konnte sie diesmal direkt rangehen.
 

„Wo bist du?“ Fragte er direkt ohne Begrüßung und ohne Umschweife. Robin hatte noch nichts gesagt, atmete nur tief durch.
 

„Zuhause.“
 

„Gut. Ich komme dich holen, mach dich fertig. Es gibt einen neuen Tatort.“
 

„Wundervoll..“ Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Angestrengt rieb sich Robin über das Gesicht aber sie wusste, dass sie jetzt funktionieren musste. Sich vor Ort ein Bild zu machen war durchaus wichtig und könnte sie weiter bringen. Bisher hatte man ihnen immerhin nicht viel gegeben mit dem sie arbeiten konnten. Etwas, das sich nun verändern könnte.
 

Sie würde einfach auflegen und sich dann aufraffen. Die Hose wieder anziehen, nachdem sie ihre Slip gefunden hatte. Wo war ihr BH?
 

„Was ist los?“
 

Nora hatte sich aufgesetzt und blickte in ihre Richtung. Zumindest wirkte es so. Dabei fand Robin dann ihren BH und würde sich diesen wieder anziehen, als sie langsam zurück zum Bett kam und die andere betrachtete.
 

„Ich muss zur Arbeit. Man wird mich gleich abholen. Du kannst hierbleiben und dich ausschlafen, wenn du möchtest. Vielleicht bin ich zum Frühstück wieder hier.“ Sie grinste schief. Was war das nur für ein Gespräch? Sagte sie gerade ihrer vermeintlichen Bettgeschichte, dass sie alleine hier in ihrem Haus bleiben konnte? Auf der anderen Seite musste man aber auch sagen, dass Nora hier kaum etwas mitnehmen oder finden konnte. Die wichtigsten Sachen waren sicher verstaut oder Robin hatte sie ohnehin bei sich. Was sollte also schon passieren?
 

„Was für Teppiche verkaufst du bitte?“ wandte Nora nur ein und ließ sich seufzend wieder in ihr Kissen fallen. Berechtigte Frage. Das konnte Robin nicht leugnen. Sie würde auch Fragen haben, wenn sie an ihrer Stelle wäre. Aber vielleicht würde sie dennoch um das alles herum kommen. Lieber griff sie nach ihrem Shirt und würde es sich überstreifen. Noch einmal schielte sie zu der anderen, doch diese hatte ihr bereits den Rücken zugedreht und schien nun endlich versuchen zu wollen zu schlafen. Es sollte ihr vergönnt sein.
 

Robin konnte nichts weiter tun, als einen Pulli zu nehmen und sich diesen überzustreifen, bevor sie aus dem Schlafzimmer nach unten verschwand. Dort würde sie Schuhe und Jacke finden, um sich fertig anzuziehen. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr war ohnehin klar, dass Franky auch bald da wäre, um sie abzuholen. Sicherlich nicht der Ausgang, den Robin sich für diese Nacht vorgestellt hatte.

investigations


 

2023 - New York - Tag 3
 


 

„Hat man dir gesagt, was genau sie gefunden haben?“
 

Robin nippte an ihrem Kaffee. Zu Franky’s Glück hatte er ihr einen großen Becher mitgebracht der mit dem stärksten Kaffee gefüllt war, den er hatte finden können. Sie konnte immer Kaffee trinken und wenn sie funktionieren sollte, dann brauchte sie das auch einfach. Sicherlich war Robin es gewöhnt wenig zu schlafen und sie arbeitete auch gerne in den Abend und Nachtstunden. Das Problem bestand heute wohl eher darin, dass sie kurz davor gewesen war einzuschlafen und dieser kritische Moment nun doch dafür sorgte, dass Robin ein wenig in den Seilen hing. Ein Umstand, den sie sich natürlich niemals anmerken lassen würde.
 

Dennoch kannte Franky sie lange genug, um zu wissen was sie brauchte. Und wenn sie Smoker um diese Uhrzeit ertragen sollte ja, dann brauchte sie so oder so eine ordentliche Portion Kaffee. Es war gut. Ebenso wie der Umstand, dass sie etwas länger zu diesem Tatort brauchten. So hatten sie ausreichend Zeit, um sich abzusprechen und auf den neusten Stand zu bringen. Gleichzeitig schielte sie zu ihrem Freund herüber und fragte sich unweigerlich, ob er überhaupt geschlafen hatte oder viel mehr; wann hatte er die letzte, richtige Pause gemacht?
 

Eine Frage, die sie nicht aussprach. Immerhin war er erwachsen und Robin glaubte, dass sie die Antwort ohnehin schon kannte. Leider. Diese Stadt war nicht gut, für sie beide nicht.
 

„Nein. Zwei Tote und, dass es wohl in direkter Verbindung zu dem Container steht, den wir haben. Vermutlich wussten sie selbst noch nicht wirklich mehr.“
 

„Denkst du wirklich, dass es hilfreich für uns sein wird, wenn wir auch dort sind?“
 

„Ja. Ein klarer Blick auf das alles und wir haben die Chance, dass wir hoffentlich alles sehen. Immerhin wissen wir, dass im Revier wohl etwas schief geht und wir können uns nicht darauf verlassen, dass dort alle Sachen bleiben wo sie sein sollten.“
 

„Wir sind keine Ermittler Franky.“
 

„Sind wir das nicht?“ Er schielte zu ihr herüber, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Fahrbahn. Robin nippte lieber an ihrem Kaffee und lehnte den Kopf zurück. Das war Haarspalterei. Natürlich wurden sie in Ermittlungen mit einbezogen. Sie standen aber nicht in der ersten Reihe und sie führten keine Befragungen durch, jagten nicht möglichen Verdächtigen hinterher. Natürlich wusste Robin mit einer Waffe umzugehen, wusste sich zu verteidigen. Das musste sie auch. Aber dennoch war das nicht die Rolle, die sie in diesem Konstrukt einnehmen würde.
 

„Wir sind externe Berater und als solches sollten wir uns auch verhalten. Es ist nicht unsere Aufgabe tief in die Ermittlungen einzusteigen.“
 

„Wir steigen nicht tief in die Ermittlungen ein.“
 

Nein. Robin tat das nicht. Sie sah sich an, was man hatte und gab dazu ihre Meinung ab. Sie versuchte zu helfen wo sie konnte. Doch das was Franky tat war weit mehr als er sollte. Und wenn sie einen Blick auf die Uhr warf - zwanzig vor vier - war das nicht die Uhrzeit, zu der sie normalerweise unterwegs sein sollten. Ja, es konnte vorkommen und Robin war auch bereit mal eine extra Meile zu gehen, um einen Auftrag zu erfüllen. Aber am Ende des Tages? Musste man es dennoch im Verhältnis sehen. Und das wollte ihr in diesem Fall nicht passen.
 

Da dieses Gespräch nun aber zu nichts führen würde beschränkte Robin sich darauf zu schweigen und lieber ihren Kaffee zu trinken. Vier Tage, von denen nur noch drei übrig waren. Das hatten sie gesagt und nun konnte Robin nur hoffen, dass ihr Freund das ganze nicht weiter ausbauen wollen würde. Es könnte sie beide sicherlich noch an ihre Grenzen bringen, wenn sie es nicht schafften sich auf etwas zu einigen.
 

Franky bremste den Wagen ab und würde ihn an die Seite lenken. Vor ihnen tat sich eine Absperrung auf, Blaulichter waren zu sehen, Menschentrauben. Robin würde aussteigen. Der Wagen war sein Problem auch, wenn es wohl besser war ihn einfach stehen zu lassen und sich später darum zu kümmern. Mit ihrem Kaffee machte sie sich langsam auf den Weg. Franky würde schon folgen und bei seiner Größe dürfte er sie schnell einholen und auch leicht zwischen den Menschen ausfindig machen. Spätestens an der Absperrung, wo die Schaulustigen aufgehalten wurden. Robin zog ihren Ausweis heraus und zeigte diesen schweigend einem der Beamten, der ihn etwas desinteressiert musterte. Sie hatte wirklich keine Lust jetzt zu diskutieren. Musste sie aber auch nicht. Kaum, dass sie Franky in ihrem Rücken spürte wurde das Absperrband gehoben, damit sie sich darunter hindurch schieben konnten. Für Robin ein wenig einfacher als für ihren großen Freund aber das war er gewöhnt. Für die meisten Dinge war er einfach zu groß.
 

Robin lief weiter. Das Team des Krankenwagens packte gerade zusammen und machte sich bereit, um abzufahren. Zahlreiche Streifenwagen standen vor dem Hotel. Keine billige Absteige sondern eine eher teure Adresse. Es war abzusehen, dass diese ganze Sache durch die Medien gehen würde und es erklärte auch, warum dort ein riesiges Aufgebot der Presse stand. Wenn man bedachte, dass diese ganze Sache erst vor kurzem entdeckt worden war, dann hatten sie ziemlich schnell Wind von all dem bekommen. Vielleicht hatte jemand vom Personal einen Tipp gegeben, um wenigstens etwas Profit aus dieser Sache herausholen zu können. Doch auch das sollte nicht ihr Problem sein. Smoker würde schon wissen was in diesem Fall zu tun war auch, wenn es sicherlich die Ermittlungen erschweren würde, dann wenn es die Täter weiter aufschrecken würde.
 

Sie schob sich zwischen den Menschen hindurch und würde die Treppen zum Foyer hinaufsteigen. Drinnen herrschte einiges an Stimmengewirr, viele Menschen, Polizisten. Man versuchte wohl die übrigen Gäste zu koordinieren. Denn der Auflauf vor dem Hotel war kaum unbemerkt geblieben und so gab es sicher einiges an Aufregung. Wohl aber in erster Linie auch Schaulustige und von Neugier getriebene, die hofften etwas aus erster Hand zu erfahren.
 

„Da sind sie ja!“
 

Robin richtete den Blick auf die junge Frau, die das dunkel, leicht blau schimmernde Haar zu einem strengen Zopf zurückgebunden hatte. In ihrem dunklen Hosenanzug hob sie sich doch von allen anderen ab.
 

„Detektive! Danke, dass sie uns informiert haben.“
 

Franky schob sich an ihr vorbei und reichte der anderen Frau die Hand. Diese nickte und musterte Robin für einen Moment, wandte sich dann aber auch wieder Franky zu. Man schüttelte einander kurz die Hand, bevor sie ihre Brille wieder zurecht rückte und sich dann abwandte, um in Richtung der Aufzüge zu gehen.
 

„Der Captain ist oben am Tatort. Wir sind noch dabei uns einen Überblick zu verschaffen aber wir gingen davon aus, dass ihre Einschätzung uns hier vor Ort helfen kann.“
 

Wenn Smoker vor Ort war, dann war es wohl ernst. Allerdings bekam er wohl auch ordentlichen Druck von oben. Robin fragte sich, ob das für ihre Einschätzung ein Vor- oder Nachteil werden würde. Sie persönlich bevorzugte es in Ruhe zu arbeiten, doch von Ruhe konnte man jetzt wohl nicht mehr ausgehen.
 

„Können sie uns schon etwas mehr sagen?“
 

Es ging weiter in den Aufzug. Robin verfolgte genau die Bewegungen, während sie sich an die Wand des Aufzugs lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. Eine der oberen Etagen würde es werden. Das sprach zumindest dafür, dass es kein billiges Zimmer war. Im Gegenteil. Je höher es ging, umso teurer wurde es und so war es auch keine wirkliche Überraschung, als sich schließlich die Aufzugtür zu einer Suite öffnete.
 

Auch hier herrschte reges Treiben. Robin und Franky bekamen gleich ein paar Überzüge für ihre Schuhe in die Hand gedrückt. Dazu Handschuhe und für Robin Galt es auch eine Haube aufzuziehen. Da musste sie nun wohl Abschied von ihrem Kaffee nehmen. Die Spurensicherung lief in weißen Anzügen herum, alle anderen versuchten so gut wie möglich zu verhindern, dass sie etwas durcheinander brachten.
 

„Die Spurensicherung ist noch nicht fertig?“
 

„Nein. Es wurden Fotos gemacht und wir haben auch Fingerabdrücke genommen aber wie sie sehen gibt es bei dem Chaos hier einiges, was dokumentiert werden muss.“
 

Ja, das konnte man sehen. Robin schritt weiter hinein und sah sich um. Nebenbei schlug ihr ein unangenehmer Geruch entgegen. Kupfer. Blut. Die Intensität war fast schon erschlagend und unangenehm. Obgleich es nicht das erste Mal war, dass sie es roch brauchte sie jedes Mal einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Lieber durch den Mund atmen, etwas flacher. Dann würde es gehen.
 

Noch während Franky dabei war mehr Informationen zu bekommen, die er für seine eigene Einschätzung brauchte, ging Robin langsam weiter und verschaffte sich einen Überblick über den Raum. Nicht ganz einfach. Für sie gab es zwei völlig verschiedene Szenen, die sich vor ihren Augen abspielten und die nicht recht zusammenpassen wollten.
 

Auf der einen Seite war da eine Scharr an Polizisten. Obgleich sie sich auf die Zimmer verteilt hatten. Man konnte hören, wie sie miteinander sprachen. Nur ein Zimmer schien unberührt davon zu sein. Lediglich drei Personen waren dort. Ein Gerichtsmediziner und eine Assistentin, wie Robin vermutete. Über all dem thronte Smoker. Und auch, wenn er schwieg, seine schlechte Laune war durch den ganzen Raum zu spüren. Keine Arbeitsatmosphäre, die Robin besonders schätzte. Sie mochte die Ruhe, dann wenn sie sich wirklich konzentrieren konnte.
 

Das nächste, was sie wahrnehmen konnte war das Blut und die beiden Körper, die dort lagen. Die Frau lag im Bett. Robin konnte ihr Gesicht nicht sehen, da es ihr abgewandt war, sie lag auf dem Bauch. Dennoch konnte man deutlich die Spuren der Gewalt auf ihrem Körper erkennen. Die Bettwäsche war Blutverschmiert.
 

Der Mann lag auf dem Boden, beide waren nackt. Todesursache in seinem Fall schien zumindest der Umstand zu sein, dass ihm die linke Seite seines Gesichts fehlte. Ein Teil davon zumindest. Wobei es auch jede andere der Schusswunden hätte sein können, die seinen Oberkörper getroffen hatten. Auf einen ersten, flüchtigen Blick konnte Robin fünf Einschusslöcher erkennen. Es schien nicht die gleiche Todesursache zu sein, wie bei der Frau. Obgleich es wohl nicht an Robin lag diese Frage zu beurteilen und es für ihre Einschätzung auch nicht relevant war.
 

„Gehen sie ins Arbeitszimmer“, wies Smoker sie an, ohne das alles noch genauer zu beschreiben und zu erklären. Robin blickte ihn einfach nur schweigend an, wandte sich dann aber auch ab und folgte dem Fingerzeig, der sie weiter in einen anderen Raum schickte. Wenigstens das sollte ihr recht sein, dann musste sie sich nicht mit ihm herumschlagen. Sollte Franky das übernehmen. Vielleicht war das die beste Strategie, die sie in diesem Moment fahren konnte.
 

„Mrs. Zwetkow!“ Ein junger Bursche sah sie an. Hoch gewachsen, trainiert. Und doch war das ungewöhnlichste, was einem an ihm auffallen konnte wohl das gefärbte Haar. Pastellrosa.
 

„Ich bin Sargent O’Connel, freut mich sie kennenzulernen. Der Captain hat mich angewiesen alle Dokumente die von Relevanz sein könnten zusammenzutragen. Viel ist es nicht aber sehen sie selbst..“ Er hatte ihr kurz die Hand gereicht, um sie zu begrüßen, nun deutete er auf den Schreibtisch, wo alles lag. Jedes Dokument war in eine Plastiktüte gepackt worden. Das würde sie für eine genauere Untersuchung sicher verändern müssen, doch für einen ersten Eindruck sollte es reichen. Es gab drei Ausweise, ein Zettel mit einer handgeschriebenen Notiz und ein paar andere Zettel. Diese würde sie erst einmal außen vorlassen. Die Ausweise waren interessant und da vor allem die der beiden Frauen. Immerhin gingen sie davon aus, dass es einen Zusammenhang gab. Die Mädchen in den Containern waren die Ware gewesen und somit war der Mann in diesem Szenario wohl der Käufer. Wenn es gefälschte Dokumente gab, dann gehörte sein Ausweis vermutlich nicht dazu.
 

Robin griff nach der ersten Tüte und nahm diese an sich, um den Ausweis genauer anzusehen. Die tote Frau war brünett. Die Frau auf diesem Ausweis blond. Somit war sie diejenige die fehlte oder aber es gab noch eine Leiche von der Robin zu diesem Zeitpunkt nichts wusste.
 

„Brauchen sie noch etwas?“
 

„Ich kann mir hier nur einen groben Überblick verschaffen. Für valide Aussagen muss ich mir das ganze genauer und ohne Folie ansehen.“
 

„Dann werden wir alles vorbereiten, damit sie das auf dem Revier machen können.“
 

„Wer wird dafür verantwortlich sein, dass diese Ausweise nicht verloren gehen?“ Sie hob den Blick und sah den jungen Kerl wieder an, der aufmerksam zu ihr zurück blickte. Zumindest ließ er sich von all dem nicht irritieren.
 

„Ich wurde persönlich dafür verantwortlich gemacht.“
 

Robin nickte in sich hinein und würde sich dann wieder den Ausweisen zuwenden. Auf den ersten Blick würde man den Ausweis nicht von einem echten unterscheiden können und es zeugte davon, dass sie hier wirklich ins Detail würde gehen müsste, um das alles besser einschätzen zu können und Eigenheiten herauszuarbeiten. Wenn dieses Dokument gefälscht war, dann war es in jedem Fall eine sehr gute Arbeit.
 

„Das sind alle Dokumente, die gefunden wurden?“
 

„Alle, die wir für relevant hielten. In den Sachen der Frauen gab es nur die Ausweise, sonst konnten wir nichts finden. Keine Handy’s oder andere Habseligkeiten.“
 

„Irgendein Laptop?“
 

„Nein. Nichts. Wir vermuten, dass das Zimmer nur für einen Zweck angemietet wurde und keine der entsprechenden Parteien viel mitgebracht hat.“
 

Wieder nickte Robin. Das war durchaus nicht viel und doch war es für ihre Arbeit schon ein deutlicher Erfolg. An sich könnte ihr alles weitere egal sein und doch versuchte sie das Gesamtbild zu verstehen. Immerhin würde sie sich auch weiter mit Franky austauschen. Das alles würde helfen, um die Situation besser einschätzen zu können und ein besseres Profil zu erstellen.
 

Robin wandte sich der Notiz zu und sah sich die Handschrift an. Linkshänder, grobe Schrift. Eher unsicher geschrieben. Das zumindest war der erste Eindruck, den sie gewinnen konnte. Wem diese Handschrift zuzuordnen war konnte sie so allerdings nicht sagen. Und was den Inhalt der Nachricht anging? Drei Frauennamen. Mehr nicht. Sie stimmten nicht mit den Ausweisen überein, zumindest das konnte Robin sagen. Vielleicht ein paar andere Mädchen. Aber das war sicherlich reine Spekulation, zumal es auch nicht ihre Aufgabe war das ganze genauer zu beleuchten. Etwas an das sich Robin leider viel zu oft aktiv erinnern musste.
 

„Und?“
 

Franky schob sich zu ihnen in das Zimmer und sah sich kurz um. Schritte waren zu vernehmen und Robin vermutete, dass der junge Kerl aus dem Zimmer verschwand, um sie alleine zu lassen. Erst jetzt würde sie den Blick wieder von den Beweismitteln abwenden und zu ihrem Freund herübersehen, um ihn nachdenklich zu mustern. Er war merklich angespannt, wirkte müde und ausgelaugt. Eine Pause würde ihm wahrlich nicht schaden.
 

„Was ich auf den ersten Blick beurteilen kann ist, dass wir es hier mit qualitativ sehr hochwertiger Arbeit zu tun haben. Ich denke es wird nicht einfach werden da eine Handschrift oder stichhaltige Anhaltspunkte zu bekommen. Was ist mit der anderen Frau?“

Er trat neben sie und warf einen Blick auf die Ausweise, dann schüttelte er leicht den Kopf.
 

„Nicht hier. Smoker vermutet, dass sie die Täterin ist. Sie sind dabei das Videomaterial der Überwachungskameras zu sichern und zu sichten. Sie werden versuchen sie zu finden und mit etwas Glück werden wir von ihr mehr Informationen erhalten.“
 

„Sofern sie noch lebt.“
 

„Ja.“
 

„Was denkst du darüber?“
 

Das war doch die entscheidende Frage. Zumindest für Robin. Denn nur um ihrer beider Einschätzung sollte es für ihre persönlichen Entscheidungen gehen und sie schätzte Franky als durchaus zuverlässiger ein, als Smoker. Dieser war zwar nicht ohne Grund Captain, doch verhielt er sich manchmal etwas zu engstirnig.
 

„Wenn ich raten müsste?“
 

Robin nickte und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie sich mit dem Rücken an den Schreibtisch lehnte und zu ihm hinauf sah.
 

„Dann würde ich sagen, dass der Kerl sich zwei Mädchen hat herkommen lassen, dann ist er ausgerastet und eines der Mädchen hat sich gewehrt, nachdem das andere von ihm umgebracht wurde. Sie könnte eine wertvolle Zeugin sein.“
 

„Sofern sie noch lebt.“
 

Robin wiederholte sich ungerne und doch schien es hier notwendig zu sein. Alles, was er ihr bisher gesagt hatte, stützte sich vor allem darauf, dass man das fehlende Mädchen finden musste. Natürlich würde es die Ermittlungen voranbringen und ihnen helfen. Smoker war bereits dabei sie zu suchen. Die Videoaufnahmen des Hotels würden ihnen zumindest sagen wann sie hier verschwunden war und wohin. Immerhin schien sie nicht durch die Vordertür verschwunden zu sein, das wäre sicher aufgefallen. Eine Frau, die verstört und vermutlich Blut am Körper hatte? Das hätte sie nur verbergen können, wenn sie wirklich die Täterin wäre und sich danach noch zurecht gemacht hätte.
 

Dennoch setzte es auch voraus, dass dieses Mädchen zum einen etwas wusste und zum anderen überhaupt mit ihnen reden würde. Eine Zeugin zu finden bedeutete noch lange nicht, dass sie kooperativ war und der Polizei wirklich bei den Ermittlungen helfen würde. Und wenn man bedachte woher sie kam? Dann wäre es ebenso denkbar, dass sie aus Angst schweigen und darauf hoffen würde, dass man sie für ihren Verrat nicht umbringen würde. Oder sie hätte trotz allem Angst vor einer Abschiebung oder einer Strafe. Am Ende des Tages gab es genug Gründe dafür, dass sie der Polizei nicht vertrauen würde. Und, wenn Robin ehrlich war, dann konnte sie das sogar verstehen.
 

So oder so würde man dann zumindest wissen wo man zu suchen hatte oder, welche Überwachungskameras man von umliegenden Gebäuden anfordern könnte. Eine durchaus langwierige Prozedur, wenn man Pech hatte. Es könnte Tage dauern, bis sie mehr erfahren würden, kostbare Zeit, die ihnen verloren ging. Zumal es noch keine Garantie dafür gab, dass überhaupt etwas dabei herauskommen würde.
 

„Ich weiß du glaubst nicht daran, dass wir hier etwas bewegen können“, wandte Franky leise ein und verschränkte die Arme vor der Brust. Etwas mit dem er durchaus recht hatte und Robin konnte nicht einmal sagen, das ihre Meinung in dieser Sache wirklich neutral war. Möglicherweise ließ sie sich zu sehr von ihren Gefühlen leiten und der Ablehnung dieser Stadt gegenüber. Keine besonders professionelle Haltung.
 

„Können wir etwas bewegen?“
 

„Ich kann ein Profil erstellen. Und du kannst dabei helfen diesem Fälscher auf die Spur zu kommen. Vielleicht wird es nicht gleich zu einem Erfolg führen aber es wird nicht umsonst sein. Irgendwann werden all diese Puzzleteile ein Bild ergeben.“
 

Recht hatte er. Wenn man sich Serien ansah, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass jeder Fall innerhalb von wenigen Tagen gelöst wurde. Eine einzige Spur reichte für den großen Durchbruch und für die Ermittler war es ein Kinderspiel. Die Wahrheit war jedoch, dass viele Verbrechen Wochen oder Jahre brauchten bis sie gelöst wurden. Bis es zu einer Verurteilung kam konnten weitere Jahre ins Land ziehen. Die Mühlen der Justiz mahlten langsam. Die Wahrscheinlichkeit, dass es mit diesem Fall nicht anders war, war sogar recht groß und es war ebenso möglich, dass das alles einfach im Sande verlaufen würde. Zumindest, wenn man es nicht schaffte das interne Problem in den Griff zu bekommen, welches die Ermittlungen offenkundig versuchte zu behindern.
 

„Dann sollten wir besser einen sehr guten Beitrag leisten.“
 

„Zumindest keinen der irgendwelche Zweifel offen lässt. Ist geklärt wie die Beweise gesichert werden?“
 

„Er hat wohl jemanden dafür abgestellt. Aber das ist keine Garantie.“
 

Franky nickte nachdenklich. Sicher könnte man besagten Beamten dafür verantwortlich machen sollten die Beweise verschwinden, doch bedeutete es, dass er etwas damit zu tun hatte? Am Ende würde man sich doch nur mit einer internen Untersuchung aufhalten und keinen Meter weiter kommen. Wenn es wirklich jemanden gab, der innerhalb des NYPD für die Gegenseite arbeitete, dann könnte man diese Strukturen wunderbar nutzen, um die Ermittlungen weiter zu behindern.
 

„Vielleicht sollten sie erst einmal ihren Maulwurf finden.“
 

„Vielleicht. Aber das muss Smoker entscheiden.“
 

Was in seinem Kopf vor sich ging war ohnehin schwer zu sagen aber das interessierte Robin eigentlich weniger. Er war kein Mensch, den man verstehen konnte und je weniger sie sich mit ihm befassen musste, umso besser war es.
 

„Haben sie alles gesehen was sie brauchen?“
 

Wenn man vom Teufel sprach. Franky wandte sich um und Robin blickte an ihm vorbei zu dem schlecht gelaunten Captain, der vielleicht auch keine andere Emotion zulassen konnte. Zumindest hatte sie nie erlebt, dass er lächelte oder auch nur ein positives Wort verlor. Auf der einen Seite war es nervig für die Arbeit. Auf der anderen Seite empfand Robin es allerdings als traurig. Sie selbst war auch nicht gerade das, was man als Sonnenschein beschreiben würde, doch er schoss wahrlich den Vogel ab. Wie konnte man so nur ein unzufriedenes Leben führen?
 

„Ja, wir haben alles, wenn wir die Akten und Beweise weiter einsehen können.“
 

„Ich erwarte ihren Bericht am Mittag, dann werden wir ein Teammeting ansetzen. Bringen sie dann alle auf den neusten stand. Wir verschwinden jetzt.“
 

Er wartete nicht auf eine Antwort, wandte sich einfach ab und würde sich auf den Weg machen. Robin seufzte leise und schüttelte den Kopf. Am Mittag. Das war nicht viel Zeit und ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie gleich fünf Uhr hatten. Und das wiederum bedeutete, dass man sich jetzt entscheiden müsste, ob sie versuchen wollten noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen oder, ob das Thema für heute beendet sein würde. Klar war, dass sie frühestens am Abend wieder in die Nähe ihres Bettes kommen würde, wenn sie es jetzt nicht täte. Das wiederum würde dazu führen, dass sie dringend mehr Kaffee auftreiben musste.
 

Andererseits lag gerade eine junge Frau in ihrem Bett und der Gedanke sich lieber mit diesem kleinen Abenteuer zu beschäftigen war weit reizvoller als dieser Fall. Eigentlich hatte sie geglaubt, dass diese Sache schnell geklärt sein und man ein gemeinsames Frühstück haben würde. Damit musste man jetzt wohl nicht mehr rechnen und Robin war sich auch darüber bewusst, wie unklug es eigentlich war überhaupt an so etwas zu denken. Sie konnte es sich nicht leisten, dass eine kleine Affäre ihre Professionalität untergrub.
 

Ihr Blick ging hinauf zu Franky, der sie fragend ansah und wohl versuchte zu ergründen, worüber sie nachdachte. Besser man vertiefte das nicht. Robin würde den Kopf schütteln und dann wieder zu den Beweisbeuteln blicken, die dort auf sie warteten.
 

„Dann sollten wir wohl auch zum Revier fahren und uns an die Arbeit machen. So kann ich auch sichergehen, dass O’Connel die Beweise nicht verschwinden lässt.“ Denn ohne Beweise würde sie auch nicht weiter kommen. Etwas das Franky nicht kommentierte. Vermutlich hatte er ebenso wenig Lust wie sie nun weiter zu machen. Doch es musste sein und manchmal war Schlaf auch nicht die beste Lösung. Besser man behielt die Spannung und würde das alles nutzen, um endlich ein paar Fortschritte zu machen, die dringend überfällig waren.
 

Er warf einen Blick auf die Uhr, nickte dann aber. Hier war man sich wohl einig und konnte es dann so machen. Robin würde ihm folgen und noch einmal nach dem Zuständigen Sargent Ausschau halten. Dieser stand auf dem Flur und blickte ihnen nun mit einem müden Lächeln entgegen.
 

„Wir werden uns auf den Weg zum Revier machen, um unsere Analyse fortzusetzen. Können sie dafür sorgen, dass die Beweise für uns so schnell wie möglich gebracht werden?“
 

„Natürlich. Ich werde mich sofort darum kümmern.“
 

Und weg war er. Er machte sich auf den Weg und damit war das zumindest getan. Zumindest würde ihnen dann auch niemand mehr erzählen können, dass das alles irgendwann verschwunden sein musste. Hier war wohl ganz klar, an wem es dann liegen würde und auch, wenn Robin sich lieber selbst darum gekümmert hätte ging das wohl nicht so einfach. Protokolle.
 

Sie würde Franky folgen, der schon dabei war das Zimmer zu verlassen, damit man anschließend hinunter in die Lobby fahren und das Hotel verlassen könnte. Robin lief auf Autopilot und versuchte sich nicht weiter von dem Außen beeinflussen zu lassen. Hier drinnen mochte das keine Rolle spielen und dennoch war da draußen einiges an Presse, die noch immer Antworten haben wollte. Da musste man sich zunächst durch quälen. Laute Stimmen umfingen sie, als sie hinaus traten und dort auf eine Menschenmenge trafen, die nur von Absperrbändern zurückgehalten wurden. Es waren weit mehr, als noch bei ihrer Ankunft, was gewiss daran lag, dass die Nachricht sich inzwischen weiter verbreitet haben musste.
 

Wie viel Staub das alles noch aufwirbeln würde war nicht gesagt. Man musste es abwarten und in den kommenden Tagen diese Entwicklung beobachten. Für’s erste war es nur wichtig für Robin, dass sie zurück zu Franky’s Wagen kamen. Wobei es deutlich länger dauerte den Weg zurück zu legen, als bei ihrer Ankunft.
 

Erst, als sie dort ankamen und einstiegen, umfing sie endlich etwas Stille. Ruhe.
 

Franky würde nicht sofort losfahren. Er atmete durch, schien nachzudenken und sie würde ihm die Zeit geben, bis er einen Entschluss gefasst hatte und dann doch den Wagen starten würde.
 

„Lass uns Kaffee und ein Frühstück besorgen. Die werden eh noch brauchen, bis sie alles rüber geschafft haben. Und ich brauche ne Cola.. und Essen.“
 

„Gut“, wandte sie ein und blickte hinaus. Auch Robin brauchte einen Kaffee und dann würde man an die Arbeit gehen und herausfinden, was sie wirklich in der Hand hatten, um diesen Fall sinnvoll bearbeiten zu können.

repercussion


 

2023 - New York
 


 

Tief atmete sie durch und drehte sich auf die Seite. Inzwischen fielen die ersten Sonnenlicht durch die Fenster und erhellte den Raum. Sie könnte nun nach ihrem Handy suchen, um auf die Uhr zu sehen, doch wozu? Nami hatte das Gefühl ganz weit weg von ihrem eigentlichen Leben zu sein und das wollte sie genießen. Dennoch machte sie sich keine Illusion darüber, dass man sie finden könnte, wenn man es wollte. Nami hatte ihnen zwar keinen Grund dazu gegeben und doch vermutete sie, dass er dann und wann immer versuchte herauszufinden, wo sie steckte, wenn sie sich nicht im Anwesen befand. Das Handy war sicherlich verwanzt. Daher hatte sie durchaus auch ein zweites Handy, ein sehr einfaches, Prepaid Vertrag für das, was sie eben doch mit Freunden kommunizieren musste. Dennoch traute sie all dem nicht und sie würde nie etwas verfängliches über eines dieser Geräte schreiben. Dabeihaben musste sie dennoch immer beide. Denn sie musste für ihn erreichbar sein, das war der Deal. Gefiel ihr das? Nein. Deswegen kam sie wohl auch jetzt eher schwer aus dem Bett und wollte sich lieber noch einen Moment dem Gefühl hingeben aus ihrem eigentlichen Leben fliehen zu können. Ein Gefühl, dem sie sich nun auch nur deswegen so hingeben konnte, weil sie alleine war. Vorhin hatte sie die Matratze neben sich abgetastet. Kalt.
 

Auch sonst wirkte das Haus eher still und sie ging davon aus, dass Robin nicht unten war. Dann wäre sie doch eher wieder hierher gekommen, oder? Unweigerlich kreisten ihre Gedanken um die Vergangene Nacht und darum, was geschehen war. Gut, das was war wohl eher nicht das, was Nami hinterfragen sollte. Es war doch recht eindeutig und durchaus auch angenehm gewesen. Sie hatte vielleicht etwas darauf spekuliert, dass Robin in der Bar sein könnte und, als sie die andere dort an ihrem Tisch entdeckt hatte, war es für Nami keine Frage gewesen, dass sie sie ansprechen würde. Scheiß auf die Regeln. Sie hatte Ablenkung gebracht und sie hatte es gebraucht zu wissen, worauf sie sich einließ. Keine bösen Überraschungen, kein schlechter Sex, der sich in diesen wunderbar beschissenen Tag mit einfügen würde. Nein. Sie hatte etwas gebraucht mit dem sie all das durchbrechen konnte und, von dem sie wusste, dass es sie ablenken würde. Den Kopf abschalten und durchatmen. Das war es gewesen, was Nami gebraucht hatte und sie hatte es bekommen.
 

Der Unterschied zu ihrem ersten Aufeinandertreffen mochte simple erscheinen und doch war er trivial. Sie beide hatten gewusst was die jeweils andere mochte und hatten diesen Aspekt genutzt, um sich das lästige fischen im trüben zu ersparen. Guter Sex basierte eben nicht nur darauf, ob man sich anziehend fand. Schön wäre es. Nein. Es ging vor allem auch darum, ob man fähig war einen anderen Körper zu lesen und die nonverbalen Signale zu deuten. Zumindest dann, wenn es keine verbalen Hinweise gab. Das sie beide allerdings nicht vor letzterem zurück schreckten, das hatten sie auch bewiesen. Dennoch; all das hatten sie sich sparen können und man hatte sich auf das wesentliche konzentriert. Etwas, das Nami normalerweise nicht erlebte, denn man konnte wohl kaum davon sprechen, dass sie oft die Gelegenheit suchte eine Frau ein zweites Mal zu sehen.
 

Ob sie diesen Umstand überdenken sollte?
 

Nein. Robin würde die Stadt wieder verlassen und ihr damit keine weiteren Probleme machen. Das war auch gut so. Bei Frauen, die allerdings hier wohnten sah das durchaus anders aus und Nami versuchte solche Art von Ärger zu vermeiden. Denn, machte man sich nichts vor, es endete doch immer gleich.
 

Seufzend raffte sie sich auf und rieb sich noch einmal über das Gesicht, bevor sie sich aus dem Bett schob. Ob sie sich noch eine Dusche gönnen sollte? Es würde sicherlich helfen, damit sie wieder wach wurde. Die einzige Frage war wohl, wie Robin das finden würde, wenn sie sich hier nun heimisch fühlte. Auf der anderen Seite musste man sagen, dass sie sie nicht vor die Tür gesetzt hatte. Sie hatte Nami einfach hier alleine gelassen und etwas von Frühstück gesagt. Das müsste wohl aber noch warten und wie sollte sie sich sonst ihre Zeit vertreiben? Es würde ihr zumindest noch etwas Aufschub geben, bevor sie sich entscheiden müsste, wie lange sie am Ende auf Robin warten wollte.
 

Nami suchte also sporadisch ihre Kleidung zusammen und würde diese mit ins Badezimmer nehmen. Wie alles hier war auch dieser Raum eine Mischung aus modernen Elementen, eingefasst in alte Architektur. Robin bewies durchaus Stil und Nami musterte für einen Moment die freistehende Badewanne, die durchaus verlockend wirkte. Nicht, dass Nami nicht die Möglichkeit hätte zu baden, wenn sie es wollen würde. Aber das war doch noch einmal eine ganz andere Sache. Hier könnte sie es vermutlich wirklich genießen.
 

Dennoch entschied sie sich für die Dusche. Das ging schneller und so ganz wohl fühlte sie sich ohnehin nicht damit sich hier so frei zu bewegen, obgleich es das Haus einer vermeintlich Fremden war, die sich nicht einmal selbst hier befand. Man müsste diesen Umstand also nicht zu sehr ausreizen und so ließ Nami sich auch nicht zu viel Zeit mit ihrer morgendlichen Routine.

Kein Wunder also, dass sie keine halbe Stunde später in Robin’s Küche stand und die Schränke auf der Suche nach Kaffee und Tassen durchforstete. Dabei fiel auf, dass Robin durchaus nur das nötigste hier hatte. Manche Schränke waren sogar gänzlich leer und Nami fragte sich unweigerlich, warum man ein Haus behielt, welches man nicht nutzte und das augenscheinlich auch keine andere Verwendung zu haben schien. Könnte man es nicht wenigstens vermieten? Letztlich ging es Nami auch nichts an, dessen war sie sich bewusst und doch konnte sie dem Impuls nicht Wiederstehen, dass sie schlau aus dieser ganzen Sache werden wollte.
 

Schließlich wurde sie fündig und starrte einen Moment in den Schrank hinein. Während die einen Schränke leer waren, nicht einmal eine Staubschicht hatte sich dort angesammelt, hatte Robin in diesem Schrank unzählige Pakete an Kaffee angesammelt. Was glaubte sie denn, was passieren würde? Das man die Kaffeeproduktion einstellen und sie nie wieder an neuen kommen würde, wenn sie nicht einen entsprechenden Vorrat ansammelte? Nami holte die offene Packung heraus und würde die Filtermaschine anstellen. Fast schon ein Wunder, dass hier kein modernes Gerät stand, doch das lohnte sich vielleicht nicht, wenn Robin kaum in der Stadt war. Dafür konnte Nami mindestens 14 Pakete zählen, die die andere dort verstaut hatte und, ob es eine zweite Reihe gab, wusste sie nicht.
 

Sie widerstand dem Dang einfach nachzusehen und würde sich abwenden. Der Kaffee konnte durchlaufen und Nami ward einen Blick auf ihre Handy’s. Das private war ruhig, ansonsten hatte man ihr wohl einen Zeitplan geschickt und Aron forderte, dass die Arbeit bald erledigt war. Was genau er damit meinte? Fraglich. Sie würde es erfahren, sobald sie zurück war und damit sollte sie sich vermutlich nicht zu viel Zeit lassen. Es ging wohl nur darum, wann Zorro sie abholen sollte und, wie lange Nami vielleicht doch hier warten wollte.
 

Ein Kopfschütteln erfolgte bei diesem Gedanken und sie setzte sich lieber in Bewegung. Bis der Kaffee durchgelaufen war konnte sie zumindest eine kurze Runde drehen und sich umsehen. Wobei es neben der Küche nicht viel zu sehen geben dürfte. Da war nur ein Wohnzimmer, welches sich in das restliche Bild des Hauses einfügte. Nami lehnte sich in den Türrahmen und würde den Blick schweifen lassen. Kein Fernseher, dafür gab es zahlreiche Bücher. Keine Romane, das konnte Nami durchaus erkennen auch ohne, dass sie an die Regale herantrat. Nein, das sah durchaus nach Fachliteratur aus. Etwas das nicht wirklich überraschend war. Was Nami hier allerdings anmerken musste war wohl, dass diese Bücher der einzige Hinweis auf etwas persönliches zu sein schienen. Es gab im ganzen Haus keine Deko, abgesehen von ein paar wenigen Blumen von denen Nami sich fragte, wie diese überhaupt überleben konnten, Orchideen waren immerhin nicht gerade einfach in ihrer Haltung und brauchten durchaus ein wenig Pflege. Von allem, was sie allerdings bisher wusste, war Robin nur selten in der Stadt und eher Wochen unterwegs.
 

Keine Fotos. Das Haus wirkte fast so als sei der Besitzer beliebig austauschbar, es war verlassen und dennoch gepflegt. Irgendjemand musste sich kümmern, denn sie bezweifelte durchaus, dass Robin wochenlang nicht hier war, nur um am Ende erst einmal zu putzen, sobald sie wieder zurück kam. Nami zumindest würde sich das kaum antun und sich andere Lösungen überlegen. Aber vermutlich würde sie ein eigenes Haus auch anders nutzen und, wenn sie keines hätte, dann würde sie lieber in einem Hotel wohnen. Auch das konnte durchaus zahlreiche Vorzüge haben.
 

Kurz sah sie über die Schulter zurück zur Küche und lauschte auf die Kaffeemaschine. Schien noch zu dauern und so stieß sie sich doch vom Türrahmen ab und würde zu den Bücherregalen gehen, um sich einen Überblick über die einzelnen Werke zu machen. Biographien, viele archäologische und geschichtliche Themen waren dort zu finden. Dann allerdings hielt Nami inne und zog die Brauen zusammen. Kunsthistorische Werke, Bücher zu einzelnen Künstlern wechselten sich ab mit Werken zur Entstehung der Schrift.
 

Man schien wohl gewisse Gemeinsamkeiten zu haben, was die einzelnen Themenkomplexe anging, denn auch Nami interessierte sich durchaus für Kunst und Kunstgeschichte. Naheliegend bei ihrem Studium. Dennoch musste sie unweigerlich an Robin’s Worte denken. Sie war Beraterin. Sie war mitten in der Nacht angerufen worden, um zu arbeiten.
 

Geruch von Kaffee stieg ihr in die Nase und Nami wandte sich wieder von den Büchern ab. Sie könnte die andere darauf ansprechen, sofern diese bald zurückkommen würde oder, man sich wiedersah. Würde man das tun? Auch das war wohl eine Entscheidung, die Nami für sich treffen musste und vor allem; wie sie diesen Kontakt gestalten wollte. Doch was tat man, wenn einen die eigene Neugierde kitzelte? Es war doch nichts dabei. Ein paar Tage und dann würde dieser Kontakt sich ohnehin wieder in Wohlgefallen auflösen. Zumindest hatte man sich darauf irgendwie geeinigt.
 

Zurück in der Küche schenkte sie sich eine Tasse ein, gab etwas Milch dazu und setzte sich damit an den Küchentisch. Diesmal auf den Platz an dem beim letzten Mal Robin gesessen und alles im Blick gehabt hatte. Durchaus nachvollziehbar, warum sie das wohl als ihren Platz auserkoren hatte. Man war nah an allem und hatte gleichzeitig die wichtigsten Elemente im Blick. Wozu auch immer das wichtig war. In Nami’s Fall hatte sie einfach gelernt, dass es nie schadete die eigene Umgebung immer im Blick zu haben und vor allem zu wissen, wie man verschwinden konnte, sollte es notwendig sein. Aber so hatte eben jeder seine Angewohnheiten, die sich eingeschliffen hatten.
 

Während sie ihren Kaffee trank warf sie einen Blick auf die Uhr. Lange würde sie hier zumindest nicht mehr bleiben können. Aron saß ihr im Nacken und sie hatte wenig Lust darauf, dass er derjenige war, der sich auf die Suche nach ihr machte. Oder viel mehr; sie suchen ließ. Es würde ihr also keine andere Wahl bleiben Zorro zu informieren, wo er sie abholen sollte. Nicht hier, sie würde die Metro nehmen und damit ein paar Stationen wieder in Richtung Innenstadt fahren, um diesen Ort möglichst aus all dem heraus zu nehmen. Wie gut ihr das am Ende gelingen würde, das wusste Nami nicht und doch galt es das alles nicht noch schlimmer zu machen als es das ohnehin schon war.
 

Eine Stunde.
 

Das sollte machbar sein. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sie nur noch das Haus verlassen und sich auf den Weg machen musste. Somit konnte sie die restliche Zeit damit verbringen sich Gedanken um ihr weiteres Vorgehen im Bezug auf Robin zu machen. Der Abend war durchaus angenehm gewesen, anregende Unterhaltungen. Alleine dafür würde es sich doch lohnen. Vielleicht war es auch eher das Gefühl, dass Nami etwas Ablenkung brauchen würde, das sie schließlich dazu veranlasste sich doch wieder zu erheben und sich noch einmal umzusehen. Sie suchte Stift und Papier und hoffte hier etwas zu finden, da sie durchaus keine Lust darauf hatte Robin’s ganzes Haus danach zu durchsuchen. Die Situation war auch so merkwürdig genug und man müsste es nicht noch weiter ausreizen.
 

Glücklicherweise gab es auch in diesem Haushalt das, was es wohl überall gab. Eine Schublade in der sich einfach alles finden ließ! Nami hatte Glück. Zwar kein Papier und doch Post-it Zettel und Kugelschreiber. Das selbst diese Schublade sortiert war, während sie bei anderen wohl darin bestand, dass die Dinge einfach hinein geworfen wurden, wunderte Nami nicht weiter.
 

Kopfschüttelnd ging sie wieder zurück zum Tisch und würde sich wieder zu ihrem Kaffee setzen. Ein weiterer Schluck, dann würde sie eine Notiz verfassen und diese dann so auf dem Tisch liegen lassen. Robin würde sie schon finden, wenn sie Nachhause kommen sollte, darum machte sich Nami keine Gedanken. Und wenn nicht? Dann war es eben so. Letztlich legte sie die Entscheidung damit ohnehin auf die Seite der anderen und würde sich so oder so einfach damit begnügen müssen zu warten, ob Robin diesem Angebot folgen würde oder nicht.
 


 

***
 


 

„Die Stimmung ist wirklich unterirdisch. Aron ist völlig ausgerastet. Sei froh, dass du nicht da warst. Aber du solltest aufpassen, dass du ihm heute aus dem Weg gehst und einfach deine Arbeit machst.“
 

„Ist er nicht immer schlecht gelaunt?“ Nami hatte es sich auf der Rückbank gemütlich gemacht und schielte zu Zorro. Er wirkte abgespannt, ernst. Etwas lag in der Luft, das konnte sie spüren auch, wenn sie nicht benennen konnte was genau das war.

Sie war nicht mehr lange in Robin’s Haus geblieben. Es hatte sich nicht ganz richtig angefühlt und da war es auch besser gewesen sich zu bewegen. Auch gerade im Hinblick auf die Notiz, die sie Hinterassen hatte. Sie hatte doch etwas Sorge gehabt sich das ganze vielleicht doch noch einmal anders zu überlegen und jetzt war es eben getan. Ob das alles wirklich so gut gewesen war würde sich noch zeigen. Was Nami jedoch viel mehr störte war wohl der Gedanke, dass Robin sich möglicherweise dazu entscheiden würde ihr Angebot nicht anzunehmen.
 

„Es ist anders. Hast du heute noch keine Nachrichten gesehen?“
 

„Ich vermeide es im allgemeinen. Das Weltgeschehen ist nicht weniger deprimierend, als mein eigenes Leben.“ Warum sollte sie sich das also antun? Das würde zu nichts führen und so zog sie es vor, um ihren Seelenfrieden wegen, weniger Nachrichten zu schauen und sich weniger negative Dinge vor Augen zu führen.
 

„Sie haben einen der Kunden tot aufgefunden.. hätte nie gedacht, dass der Kerl auch so einer ist.. naja und eines der Mädchen. Ein anderes ist verschwunden und nun versuchen sie sie zu finden und aus dem verkehr zu ziehen, bevor sie singt.“
 

„Hm. Das ist ungünstig. Wer war der Kunde?“
 

Es war nicht nur ungünstig, es machte auch viele Probleme. Der Container war das eine, die Aufmerksam der hiesigen Polizei war ohnehin schon geschärft und jetzt starb auch noch ein Kunde? Egal wer es war, wenn es durch die Nachrichten gegangen war, dann war es keine Sache, die sich einfach so unter den Teppich kehren ließ. Aron müsste wirklich alle Hebel in Bewegung setzen und es war fraglich wie genau sich das auf seinen kleinen Plan auswirken würde. Grundsätzlich würde es Nami begrüßen, wenn das ganze System endlich kollabieren würde. Und gleichzeitig wusste sie, was für sie selbst auf dem Spiel stand. Sie hatte einen nicht unwesentlichen Beitrag zu all dem geleistet und es war wohl davon auszugehen, dass sie nicht einfach so davonkommen würde.
 

„Republikanischer Abgeordneter. Mason McAllister.“
 

Nami pfiff durch die Zähne und musste sich durchaus ein lachen verkneifen. Großartig. Die Presse würde sich auf den Fall stürzen und alles auseinandernehmen. Es wäre also notwendig Einfluss auf die obersten Reihen zu haben, obgleich wohl davon auszugehen war, dass die Bearbeitung eines solchen Falles nicht mehr alleine in den Händen des NYPD liegen würde. Ob das schon ein Fall für das FBI war? Nami kannte sich nicht aus, doch sie war nicht so naiv zu glauben, dass der Tod eines Politikers, und sei er noch so verdient, einfach unbeachtet bleiben würde. Aus der Nummer wieder heraus zu kommen war ein wahres Kunststück. Und wie Aron das bewerkstelligen wollte, das war durchaus ein Rätsel. Alles würde nur noch mehr in den Mittelpunkt rücken und es war unklar, wie genau das ganze wirklich zur Ruhe kommen könnte. Immerhin war laut Zorro noch eines der Mädchen verschwunden und damit lief da draußen eine Zeugin herum, die sicher kein persönliches Interesse daran hatte das alles zu vertuschen. Ihr war sicher auch klar, dass ihre einzige Chance auf überleben darin bestand sich auf die Seite der Ermittler zu schlagen. Sofern sie denn in der Lage wäre zu vertrauen und ihre Angst sie nicht bestimmen würde. Wie hoch die Chancen dafür waren würde sicherlich davon abhängig sein, was sie glaubte zu verlieren zu haben und, wie lange sie schon in diesem verdammten System steckte.
 

„Vielleicht sollten wir uns alle schon einmal Gedanken darüber machen das Land zu verlassen und unterzutauchen.“
 

„Denkst du wirklich er würde irgendjemanden von uns gehen lassen? Wir sind die ersten, die er als Kanonenfutter verwendet, um seinen eigenen Arsch zu retten.“
 

Machte man sich nichts vor. Auf diesem sinkenden Schiff war nicht der Captain derjenige, der bis zum Schluss bleiben würde. Und das war doch ein Punkt, der Nami besorgte. Vielleicht war es zu früh das ganze zu negativ zu sehen und sie müsste sich erst einmal einen genauen Überblick über die Situation verschaffen. Und doch wusste Nami, dass diese neue Entwicklung alles andere als gut war. Sie würde sich ebenfalls Gedanken machen müssen.
 

„Kann er es sich wirklich leisten, dass jemand von uns festgenommen wird?“
 

„Ich vermute er hat gegen jeden von uns etwas in der Hand, damit wir nicht anfangen zu singen.“
 

Nami glaubte wirklich nicht, dass es anders war. Denn nun, wo dieses Risiko noch größer wurde wäre die einzige Alternative Mitwisser aus dem Verkehr zu ziehen und das konnte er sich auch nicht zwingend leisten.
 

„Und damit wir das sinkende Schiff nicht verlassen.“
 

Richtig. Sie waren alle an diesen Kahn gefesselt. Zwar stand noch nicht fest, dass diese Sache wirklich den Berg hinunter ging und es gab noch immer die Möglichkeit Lösungen zu finden, doch auf der anderen Seite war wohl auch klar, dass eine solche Sache nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Es würde sich nun zeigen wie gut sein Einfluss wirklich war und wie weitreichend seine Kontakte. Würde er es schaffen alle Spuren zu verwischen? Das blieb zu hoffen und gleichzeitig musste man sich fragen, wie sich das alles auf die weiteren Geschäfte auswirken würde. Klüger wäre es vermutlich den neuen Plan aussitzen zu lassen, bis es wieder ruhiger wurde. Doch Aron war nicht zwingend für seine Geduld bekannt.
 

„Sag mal.. du kannst doch alles mögliche fälschen, oder?“
 

Sie sah zu Zorro, der sie durch den Rückspiegel hindurch anblickte. Nami schwieg, denn sicherlich war das hier kein Gespräch das sie führen sollten. Bisher war es nichts verfängliches gewesen, doch was nun vielleicht kam könnte sie in Teufels Küche bringen.
 

„Alles. Zumindest alles was Aron von mir verlangt.“
 

„Hm. Verstehe.“
 

Tat er das? Sie war sich nicht so sicher. Aber Nami war nicht so naiv zu glauben, dass dieser Wagen nicht ebenfalls überwacht wurde. Er war ein Kontrollfreak und ausgerechnet in einem Wagen etwas dummes zu sagen, der Aron gehörte käme durchaus dem Versuch gleich seine Hand auf eine heiße Herdplatte zu legen. Man würde sich unweigerlich verbrennen. Daran gab es keinen Zweifel und sie hatte nicht vor dieser Platte zu nah zu kommen.
 

Ob Zorro wirklich vorhatte unterzutauchen und sie nach Papieren hatte fragen wollen wusste sie nicht. Das war reine Spekulation. Was Nami aber wusste war, dass der letzte Kerl, der bei ihr aufgetaucht war, um sie darum zu bitten, zwei Tage später einen Leichensack von innen gesehen hatte.
 

Ja, Nami konnte alles fälschen und sie könnte ihm eine neue Identität verschaffen doch auch hier war es so, dass sie davon ausging, dass Aron genau im Blick hatte was sie in ihrem Atelier trieb. Okta war nicht umsonst ihr Babysitter. Irgendjemand überwachte sie, da war sie sich sehr sicher. Oder sie war sehr paranoid. Beides war möglich und doch spielte es letztlich keine Rolle. Sie bewegte sich in Kreisen in denen niemand ein Freund war und man niemandem vertrauen konnte. Nami hatte gelernt dieses Spiel zu spielen und sich anzupassen, nur deswegen war sie so weit gekommen. Und genau deswegen musste sie sich nun dringend etwas einfallen lassen.
 

„Wir sollten uns etwas entspannen. Das einzige, was wirklich eine Spur zu ihm und uns herstellen könnte wäre das fehlende Mädchen. Er ist nicht so weit gekommen, weil er unsauber arbeiten würde.“
 

Das Problem lag eher darin, dass er momentan vielleicht zu viel wollte. Die bisherigen Geschäfte waren gut gelaufen und Aron hatte sich etwas aufgebaut. Davon konnte man sicher halten was man wollte aber es war nun einmal ein Fakt. Jetzt aber begann er mehr und mehr diese bestehenden Strukturen zu verändern und seither fingen die Probleme an. Schuster bleib bei deinen Leisten. Da war durchaus etwas wahres dran. Doch Aron wollte mehr und offenkundig schien die Versuchung zu groß zu sein. Mehr Einfluss, mehr Geld, mehr Kontrolle.
 

Mehr.
 

Es war nie genug.
 

Und genau das war meistens das Problem. Der Grund, warum viele am Ende doch scheiterten. Hochmut kam vor dem Fall und Nami fürchtete, dass auch das passieren konnte, wenn er sich nicht wieder auf das wesentliche besann. Doch auch das war vermutlich eher Wunschdenken. Er hatte groß verkündet was sein Plan war. Wie würde es wohl aussehen, wenn er davon wieder abrücken würde? Nun galt es zu beweisen, dass er alles im Griff hatte.
 

„Ja, vielleicht hast du Recht. Hoffentlich.“
 

Niemand der raus wollte hoffte das wirklich. Aber es wurde doch auch schwerer und Nami’s Gewissen nagte noch immer an ihr. Sie machte sich viele Gedanken über das, was sie gesehen hatte und, dass sie kein Teil von all dem sein wollte. Obgleich das Blut und der Dreck bereits an ihren Händen klebten, doch ihr war bewusst, dass sie damit jede Chance darauf, sie wieder rein zu waschen, verwirken würde. Dann, wenn sie noch weiter ging und ihre Hände noch tiefer in diesen Dreck mit hinein schieben würde.
 

Den Rest der Fahrt würden sie schweigend zubringen. Nami blickte aus dem Fenster und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen, die sich nur langsam veränderte. So lange, bis sie schließlich aus der Stadt heraus waren und der Weg sie zu dem abgelegenen Anwesen führen würde.
 

Wie immer lenkte Zorro den Wagen in die Garage neben dem Haus. Nami benutzte so gut wie nie den Haupteingang. Als sie ausstiegen trafen sich ihre Blicke noch einmal, doch sie sagten nichts. Wenn nicht bereits im Wagen, dann war spätestens hier der Moment gekommen, wo jedes Wort wohl durchdacht sein mochte.
 

Nami wandte sich ab und würde sich auf den Weg hinein machen. In der großen Eingangshalle blieb sie einen Moment stehen und fühlte in das alles hinein. Ja, es lag etwas in der Luft, die Stimmung wirkte bedrohlich und angespannt. Das war nicht zu leugnen, ebensowenig wie der Umstand, dass es bedrohlich still war.
 

„Zicke!“
 

Sie wandte sich um, blickte hinauf zu Ray, der sie herablassend ansah. Nami sah ausdruckslos zurück und schwieg. Wenn er etwas wollte, dann sollte er es aussprechen und ihr sagen. Sie zumindest hatte nicht das Verlangen danach sich mit ihm auseinander zu setzen.
 

„Beweg dich, es wartet eine Menge Arbeit auf dich!“
 

Klar. Nami richtete den Blick nach vorn und würde sich zur Treppe begeben, damit sie sich auf den Weg hinauf in den ersten Stock machen konnte. Dorthin, wo Ray auf sie wartete und mehr als ungeduldig wirkte. Noch ein Grund mehr für Nami die Treppe betont ruhig und langsam hinauf zu schlendern. Es war ihre Art deutlich zu machen, dass sie sich von ihm nicht einschüchtern lassen würde und, dass nicht er derjenige war, der alles an dieser Situation kontrollierte. Viel mehr als das konnte sie sich nicht nehmen aber nach all den Jahren hatte sie ihre ganz eigenen Wege gefunden gegen diesen Laden und die Menschen zu rebellieren.
 

„Hier. Die Unterlagen. Beeil dich lieber, wir brauchen die ersten Ausweise so schnell wie möglich. Also gestern.“
 

„Ich dachte ich hätte bereits gesagt, dass das nicht so schnell funktioniert.“
 

Sie hatte die Mappe entgegen genommen und warf nun einen Blick hinein. Darin lagen verschiedene Dokumente. An jedem war ein Foto von einem Mädchen angeheftet, welches sie für den Pass nutzen musste. Dazu die entsprechenden Daten. Das Mädchen auf der ersten Seite wirkte jung, viel zu jung. Das Alter im Ausweis wäre natürlich ein anderes, doch wenn Nami schätzen müsste, dann würde sie vermuten, das sie höchstens vierzehn Jahre alt sein konnte.
 

„Sollten wir angesichts der Lage nicht mal einen Gang runter fahren?“
 

Jedesmal, wenn sie so eine Situation hatten hoffte sie, dass man ihr nicht ansehen konnte, wie sehr es sie traf und wie viele Gedanken sie sich um diese Mädchen machte. Nichts daran war richtig und am liebsten würde sie alles hinwerfen, schreien und verschwinden. Doch sie konnte nicht.
 

„Nein. Wir müssen schneller arbeiten, damit wir noch ein paar Mädchen ins Land bekommen, bevor es zu heiß wird. Aber das soll nicht deine Sorge sein. Du solltest lieber hoffen, dass du gute Arbeit geleistet hast.“
 

„Tue ich das nicht immer?“
 

Ray grinste sie an, hämisch und herablassend.
 

„Hoffentlich. Sie haben vermutlich zwei Ausweise gefunden, die sie nun unter die Lupe nehmen werden. Und sie haben dafür gesorgt, dass dir diesmal niemand den Arsch retten kann.“

monster


 

2002 - Stockholm
 


 

„… und der einzige Weg, um einen Weg zurück nach Hause zu finden war weiter zu gehen, in das dunkle Labyrinth, was vor ihr lag. Ein Labyrinth voller Gefahren und voller Hindernisse, die sie alleine überwinden musste. Bei sich hatte sie nur ein kleines Licht, welches kaum größer als ihre Hand war.“
 

„Was für Gefahren sind in dem Labyrinth?“
 

„Shh.. nicht so laut!“
 

Nami brummte und legte sich die Hände auf den Mund, während ihr Blick den ihrer Schwester suchte. Ihre Züge waren kaum zu erkennen in dem Licht, das die kleine Taschenlampe von sich gab, die sie sich unter das Gesicht hielt, so dass ihre Züge etwas verzerrten.
 

„Niemand wusste was die Gefahren waren, denn niemand, der das Labyrinth je betreten hatte, hatte es auch wieder lebend verlassen. Sie war auf sich gestellt und schließlich würde sie den ersten Schritt machen und das Labyrinth betreten. Es gab keinen Weg zurück! Sie machte sich auf den Weg. Langsam. Ein Schritt nach dem anderen, bis sie die erste Gabelung erreichte. Links oder recht. Sie sah sich um und versuchte mit dem Licht etwas in den beiden Richtungen zu entdecken. Doch da war nichts zu sehen. Nur Dunkelheit.“
 

Nami kauerte sich weiter zusammen, starrte ihre Schwester aus großen Augen an, dicht hockten sie beieinander. Eingehüllt von Dunkelheit und ihre Decke.
 

„Rechts. Sie ging los, und machte ein X auf den Boden. Mit dem Finger malte sie es in den Sand, damit sie wusste welchen Weg sie ausgesucht hatte. Es ging weiter. Dann, wieder eine Gabelung! Weiter geradeaus oder links? Links. Wieder malte sie ein X in den Boden und lief langsam weiter. Es wurde kälter. Immer kälter je weiter sie in das Labyrinth hinein ging. Und dann hörte sie etwas!“
 

„Was? Was war da?!“
 

Nojiko zeigte ein breites Grinsen, während sie die Taschenlampe etwas anders hielt, um ihre Züge noch etwas verzerrter und gruseliger aussehen zu lassen. Dabei tanzten die Schatten über ihr Gesicht und bildeten einen harkten Kontrast zu dem Licht der Taschenlampe.
 

„Da war-“
 

„Solltet ihr nicht längst im Bett sein?“
 

Nami zuckte zusammen, als die Dunkelheit plötzlich verschwand und der Zauber gebrochen war. Nur wenige Sekunden später wurde die Decke gepackt und hochgezogen, so dass sie hinauf in das strenge Gesicht ihrer Mutter blicken konnten. Sie hatte recht. Bereits vor einer Stunde hatten sie sich fertig gemacht und waren ins Bett geschickt worden. Nur, dass sie dort nicht geblieben waren. Nojiko zumindest nicht. Sie hatte sich zurück geschlichen, um Nami noch eine gruselige Geschichte zu erzählen. Und sie hatten wohl beide geglaubt, dass es ausreichen würde, sich unter einer Decke zu verstecken, damit dieser kleine Ausflug unbemerkt bleiben würde.
 

„Was macht ihr hier, morgen müsst ihr in die Schule. Und ich muss mir dann das Gejammer anhören, wie müde ihr seid. Nojiko!“
 

„Mum, wir wollten nur eine Geschichte erzählen.“
 

„Und das kann nicht bis morgen warten? Los jetzt, ab ins Bett.“
 

Auffordernd wurde Nojiko angesehen, die alles andere als begeistert wirkte. Es war gerade viel zu spannend gewesen und Nami wollte eigentlich auch hören, wie es mit dem Mädchen und dem Labyrinth weiterging. Immerhin wusste sie noch immer nicht welche Gefahren dort lauerten und, viel wichtiger, ob sie einen Weg nach draußen finden würde!
 

„Können wir nicht noch ein bisschen wach bleiben? Nur noch diese eine Geschichte!“ Sie wollte es wenigstens versuchen auch, wenn der strenge Blick ihrer Mutter etwas anderes deutlich machte. Nein. Sie würde darüber wohl nicht verhandeln.
 

„Nein. Ihr könnt morgen weiter Geschichten erzählen. Jetzt geht es ins Bett, los junge Dame.“
 

Und damit griff sie nach Nojiko und würde sich diese einfach unter den Arm klemmen. Etwas wogegen diese sich nur bedingt wehrte, immerhin wusste sie bereits aus Erfahrung, dass sie das nicht weiter brachte. Ihre Mutter war stark und, ihr Wort galt. Im guten wie auch im schlechten. Und heute war es wohl eher etwas schlechtes, wenn sie jetzt doch schon ins Bett mussten und diese Geschichte nicht beenden konnten.
 

„Nami, leg dich wieder hin.“
 

Ihr wurden zwei Finger gegen die Stirn gelegt, bevor ihre Mutter einen sanften Druck ausübte und Nami zurück in ihr Kissen drückte. Sie kippte nach hinten und würde schmollend die Arme vor der Brust verschränken.
 

„Das ist unfair.“
 

„Richtig, das Leben ist nicht fair. Morgen habt ihr Schule und ich will nicht wieder wegen irgendetwas zum Recktor gerufen werden, ist das klar?“
 

Der Blick, den sie ihr zuwarf war unmissverständlich. Nami hätte gerne widersprochen, doch sie wusstest, dass das nichts brachte. Erst letzte Woche war Bellemere zum Direkter gerufen worden, weil Nami sich mit einem der Jungen geprügelt hatte. Das dieser angefangen und sie beleidigt hatte spielte dabei keine Rolle. Zumindest nicht innerhalb der Schule. Wie Bellemere darüber dachte war am Ende zweitrangig, denn Nami durfte sich keinen weiteren Ärger in der Schule einfangen und deswegen wäre es wohl kaum hilfreich gewesen, wenn sie während des Unterrichtes einschlafen würde. Dass das meiste davon sie nicht interessierte und einfach nur langweilig war, war am Ende des Tages auch kein Argument mit dem sie sonderlich weit kam. Leider.
 

„Nami? Jetzt wird geschlafen, okay?“
 

Bellemere war in der Tür stehen geblieben und wandte sich noch einmal zu ihr um. Inzwischen hatte sie Nojiko auch wieder auf dem Boden abgesetzt, damit diese selbstständig wieder in ihr eigenes Zimmer gehen konnte. Etwas das noch immer komisch für Nami war. Bis vor wenigen Monaten hatten sie noch in einer viel zu kleinen Wohnung gewohnt in der sie sich ein Zimmer mit ihrer Schwester geteilt hatte. Das war nichts schlechtes gewesen, denn am Ende waren Nojiko und sie ohnehin wie Pech und Schwefel und sie hatte sich sehr an das alles gewöhnt. Dann aber hatten sie in dieses Haus ziehen können, Stadtrand. Ihre Zimmer waren nicht besonders groß aber sie beide hatten ein eigenes und das war eigentlich eine ziemlich große Sache. Nur, dass die Umstellung bisher alles andere als einfach war. Nicht zum ersten Mal hatte Nojiko sich aus ihrem Zimmer zu ihr geschlichen und auch Nami hatte schon einmal einen Ausflug zu ihrer Schwester unternommen, obwohl sie beide eigentlich schlafen sollten.
 

„Okay.“
 

Dennoch konnte sie es sich nicht verkneifen den Mund schmollend zu verziehen, was ihre Mutter nur zum lächeln brachte.
 

„Schlaf gut.“
 

Sie zog die Tür hinter sich zu, nachdem sie das Licht wieder ausgeschaltet hatte, und Nami lag wieder alleine in ihrem Bett. Schnaufend zog sie die Decke über sich, um sich danach auf die Seite zu drehen und den Blick zum Fenster auszurichten. Während sie die Sterne beobachtete, dachte sie wieder an die Geschichte, die Nojiko ihr erzählt hatte. Es war gruselig gewesen und immer wieder gingen ihre Gedanken zu diesem Labyrinth und dem, was dort vielleicht auf einen lauern könnte. Ob es Monster waren? Böse Menschen? Fallen? Zauber?
 

Auf jeden Fall würde sie heute darauf keine Antwort mehr bekommen. Etwas, das Nami durchaus störte. Immerhin war sie neugierig und es war spannend gewesen. Vielleicht könnten sie das morgen vor der Schule noch klären und Nojiko könnte das ganze zu Ende erzählen.
 

Mit dieser Aussicht würde Nami tiefer unter die Decke sinken und die Augen schließen, um hoffentlich bald zu schlafen.
 


 

***
 


 

Schwer atmend rannte sie durch die Dunkelheit. Es war kalt. Sie konnte den Himmel kaum sehen. Er war Wolken behangen, glaubte sie zumindest. Der Weg war schmal, dichte Hecken steckten sich dem Himmel entgegen. Die Zweige ragten in den Weg, sie konnte spüren, wie diese ihr gegen den Körper schlugen. Wurde der Weg vor ihr Enger? War sie überhaupt auf dem richtigen Weg?
 

Der Weg teilte sich, sie musste stehen bleiben. Schwer atmend sah sie in die eine, dann in die andere Richtung. Wohin? In der Stille hörte sie ihren eigenen Atem, schwer, unregelmäßig. Ein Knacken. War da etwas gewesen?
 

Sie wandte sich um. Nichts. Dennoch war da dieses Gefühl, dass sie nicht alleine war. Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Weg vor ihr, dann lief sie einfach nach rechts. Egal. Sie hatte keine Zeit, um sich weiter Gedanken zu machen, musste einen Weg hier weg finden. Einfach weg. Hier raus.
 

Die Schritte beschleunigten sich wieder. Sie rannte. Schneller. Immer schneller. Wieder teilte sich der Weg. Links. Schneller. Weiter. Weiter!
 

Was war das? Ein ohrenbetäubender Knall durchriss die Stille.
 

Nami schreckte hoch. Schwer atmend blickte sie sich um, suchte das dunkle Zimmer ab und versuchte sich zu orientieren. Sie tastete sich über das Bett, fühlte den weichen Stoff ihres Lieblingskuscheltieres. Cleo. Eine Katze.
 

Sie war in ihrem Bett, war Zuhause. Es war nur ein Traum gewesen und dennoch trommelte ihr Herz so stark gegen ihre Brust, als sei sie eine ganz weite Strecke gelaufen, so schnell sie konnte. Als wäre sie wirklich durch das Labyrinth geirrt und hätte versucht einen Weg hinaus zu finden.
 

Langsam schloss sie die Augen, drückte Cleo eng an sich heran und versuchte sich zu beruhigen. Es war alles in Ordnung. Hier konnte ihr nichts passieren. Das wusste sie und dennoch kamen da immer wieder die Erinnerungen an den schmalen Weg, die Dunkelheit und den Knall. Laut und ganz plötzlich war er aufgekommen.
 

So wie jetzt.
 

Wieder zuckte sie zusammen, spannte sich an und öffnete wieder die Augen. Das war kein Traum gewesen. Diesmal hatte sie ihn wirklich gehört und es war hier gewesen. Im Haus. Unten. Es war fast so, als könne sie ihr eigenes Herz schlagen hören und als sei dieses Ohrenbetäubend laut. War da wieder etwas gewesen? Nami versuchte weiter in die Stille zu lauschen und doch hatte sie das Gefühl, dass sie nichts anderes außer sich selbst wahrnehmen konnte.

Ob sie aufstehen und nachsehen sollte?
 

Der Blick ging zu ihrer Zimmertür an der sie einen schmalen Lichtstrahl erkennen konnte. Es brannte noch irgendwo Licht, das bedeutete, dass ihre Mutter wach sein musste. Sie würde das Geräusch dann auch gehört haben. Vielleicht war ihr einfach nur etwas herunter gefallen und kaputt gegangen. Bestimmt. Es war alles in Ordnung.
 

Sie sollte einfach versuchen wieder zu schlafen, sonst würde sie am nächsten Tag in der Schule sicherlich Ärger bekommen. Und das wollte sie wirklich nicht. Immerhin war es auch kein besonders schönes Gefühl immer wieder gemaßregelt zu werden. Wer mochte das schon? Zumal es ja auch nicht so war als würde sie sich immer absichtlich in solche Situationen bringen. Sie rutschte nur immer wieder in das alles hinein.
 

Mit klopfendem Herzen wollte sie sich eigentlich wieder hinlegen, doch bevor sie das konnte durchbrach wieder ein Knall die Stille. Es wurde laut, waren das Stimmen? Etwas daran machte ihr Angst. Noch nie hatte Nami so etwas in ihrem Zuhause gehört. Alle Geräusche die es gab waren ihr bekannt und vertraut. Doch das hier, das war etwas anderes. Etwas das sie einfach nicht einordnen konnte.
 

Als sie auf den Boden rutschte konnte sie das kalte Holz unter ihren Füßen spüren. Fast schon automatisch lief sie die gewohnte Strecke zur Tür. Erst dort hielt sie wieder inne und würde sich mit beiden Händen abstützen, als sie vorsichtig das Ohr an das Holz legte, um wieder in das alles hinein zu lauschen. Ja, da waren Stimmen. Ihre Mutter und noch andere. Konnte das der Fernseher sein? Vielleicht hörte sie einfach nur einen lauten Film auch, wenn Nami sich das nicht vorstellen konnte. Das machte ihre Mutter normalerweise nie, eigentlich war es doch eher so, dass sie Nojiko und Nami immer maßregelte, wenn sie mal wieder zu laut eine Sendung sahen. Oft durften sie zwar nichts schauen aber es kam eben doch manchmal vor, dass sie das taten.
 

Es polterte wieder, die Stimme ihrer Mutter wurde lauter. Und dann war da wieder ein Knall. Laut. Unerwartet. Nami zuckte zusammen und griff dann doch mit einer zitternden Hand nach der Türklinke. Vorsichtig drückte sie diese hinunter und zog sie auf, war das alles lauter als sonst? Nein. Das durfte es nicht sein. Sie musste leise sein. Warum wusste sie nicht einmal, es war mehr ein Gefühl, dass das alles nichts gutes zu bedeuten hatte.
 

Die Tür öffnete sich weiter, Licht fiel in ihr Zimmer. Es war nicht das Licht des Flur’s. Es kam aus dem Wohnzimmer, das konnte Nami nun erkennen aber auch die Stimmen kamen daher. Männerstimmen. Das zumindest konnte sie aus all dem herausnehmen. Sie kannte die Stimmen nicht, das war nicht Genzo und es wurde auch nicht gelacht.
 

„Bitte.. wir hatten eine Vereinbarung..“
 

Das war ihre Mutter. Angst lag in der Stimme. Etwas das Nami nicht einordnen konnte. Ihre Mutter hatte vor nichts und niemandem Angst. Sie war die mutigste Frau, die Nami kannte. Das hatte sie schon immer bewundert und das war es auch, was sie ihnen beigebracht hatte. Sie sollten vor nichts Angst haben und sich nichts von anderen vorschreiben lassen.

Aber warum hatte sie jetzt Angst?
 

„Die Vereinbarung ist nicht mehr gültig. Er lässt sich nicht verarschen, weißt du?“
 

Eine Männerstimme. Nami hatte sie noch nie zuvor gehört, wusste nicht wer er war oder was er hier machte. Was für eine Vereinbarung? Was hatte ihre Mutter getan? All das warf mehr Fragen auf, als das es ihr half. Für Nami war das alles einfach unbegreiflich.
 

„Ich.. ich habe ihn nicht verarscht.“
 

„Und was ist mit dem Cop, der ständig hier ist?“
 

Cop. Genzo. Der Mann sprach von dem Freund ihrer Mutter. Genzo war wie ein Onkel für sie, er war einfach immer da und unterstützte ihre Mutter bei allem was es gab. Die beiden waren immer ein gutes Team gewesen. Mehr? Das wusste Nami nicht genau, was sie aber wusste war, dass er oft hier war und einfach ein fester Teil ihrer Familie war.
 

„Er ist ein Freund.“
 

„Und er mag es nicht, wenn man mit Cop’s redet, das weißt du doch.“
 

Nami hörte ein Schluchzen. Weinte ihre Mutter? Nein. Nein, das konnte nicht sein. Noch nie hatte sie ihre Mutter weinen gehört. Was war da nur los? Sie musste es einfach wissen. Vorsichtig schob sich Nami etwas weiter aus ihrem Zimmer heraus. Dabei hielt sie sich dicht an der Wand und tastete sich langsam weiter den Flur entlang. Die Schlafzimmer befanden sich in der oberen Etage, so wie das Badezimmer. Unten gab es das Wohnzimmer und die Küche. Die Treppe führte hinunter und, wenn man auf den oberen Stufen saß konnte man hinunter in das Wohnzimmer blicken. Wenn sie es bis dahin schaffen würde, dann könnte sie sehen, was dort unten los war. Wer dieser Mann war.
 

„Können wir das Theater jetzt endlich beenden?“
 

Das war eine weitere Stimme. Es waren zwei Männer. Der, der als letztes gesprochen hatte schien genervt von der ganzen Situation zu sein.
 

„Ja doch, halt die Fresse. Du kannst dich ja schon mal um die Zwerge kümmern.“
 

„Wagt es ja nicht meinen Kindern zu nah zu kommen!“
 

„Oder was? Ich verrate dir was, deine Kinder sind als erstes dran. Und dann kümmern wir uns um dich.“
 

Nami verstand nicht, was sie da hörte. Sie hatte die Treppe fast erreicht und hielt nun doch inne, als sie ihre Mutter schreien hörte. Sie war wütend, das verstand sie, doch auf einmal war es wieder still und etwas polterte.
 

„Verfluchte scheiße, willst du, dass die ganze Nachbarschaft bescheid weiß?!“
 

„Bring sie unter Kontrolle. Ich kümmere mich um den Rest.“
 

Die Geräusche von unten wurden lauter, Nami konnte hören, wie etwas zerbrach. Der erste Mann fluchte, sprach weiter. Was genau konnte sie nicht verstehen, es rauschte in ihren Ohren. Das war unheimlich und es war nicht gut. Was sollte sie denn machen? Was passierte da unten? Was machten die mit ihrer Mutter?
 

Noch bevor Nami einen klaren Gedanken fassen konnte und als gerade ein Schatten über die Wand neben der Treppe glitt wurde sie von hinten gepackt und weggezogen. Instinktiv versuchte sie sich zu wehren, ihr erschreckter Schrei wurde unterdrückt, als ihr eine Hand auf den Mund gelegt wurde und man sie zurück zog.
 

„Leise, komm..“
 

Nojiko sprach leise mit ihr und zog sie zurück. Nami konnte nichts weiter tun, als ihrer Schwester hinterher zu stolpern. Das Ziel war das Zimmer ihrer Schwester in das sie sich hinein schoben. Hinein, bevor Nojiko das Zimmer abschloss.

Auf dem Boden kauernd sah Nami zu, wie ihre Schwester einen Stuhl nahm und diesen noch zusätzlich vor die Tür stellte, um die Stuhllehne unter die Türklinke zu klemmen.
 

„Was machen die da.. was ist mit Mum?“
 

„Sei leise. Geh in den Schrank“, zischte sie. Doch darauf hörte Nami nicht wirklich. Sie blieb auf dem Boden hocken und sah zu, wie ihre Schwester zum Fenster lief und dieses öffnete. Das Bettuch wurde eilig herangezogen und festgebunden, bevor sie es aus dem Fenster warf.
 

„Was machst du?“
 

„Verdammt, in den Schrank!“
 

Nojiko kam wieder zu ihr und packte sie am Arm. Draußen auf dem Flur hörte sie Geräusche, dann wurde die Klinke der Tür bewegt. Sie drückte sich herunter, versuchte es zumindest. Die Tür gab nicht nach und dann war ein deutliches Fluchen zu hören. Jemand stemmte sich von außen an die Tür, rüttelte daran. Der Stuhl rutschte hinunter, fiel klappernd auf den Boden.

Sie stolperte zurück, wurde von Nojiko zum Wandschrank gezogen und hinein geschoben. Ihre Schwester folgte ihr, während sich jemand gegen die Tür warf. Ein schweres Knarzen des Holzes war zu hören.
 

Dabei schob Nojiko sie weiter in den Schrank hinein, zog die Tür zu und schob andere Sachen vor sie beide, bevor sie Nami wieder an sich heran zog und legte ihr dann auch die Hand auf den Mund, damit sie wirklich leise blieb. Noch immer verstand Nami nicht was da passierte, sie spürte nur, wie irgendwann die Tränen kamen. Das alles machte ihr schrecklich viel Angst.

Als dann die Tür plötzlich aufschlug und gegen die Wand schlug zuckte sie zusammen. Das sie inzwischen deutlich zitterte, nahm Nami kaum wahr. Sie hörte nur die Schritte, schwer, als würde sich etwas sehr großes in das Zimmer ihrer Schwester schieben. Dabei war ein ärgerliches Schnaufen zu hören, während sich der große Schatten langsam weiter bewegte.

Holz schliff über den Boden, etwas wurde umgeworfen.
 

„Verfluchte Belger“, knurrte der Mann nur. Die Schritte und der Schatten bewegten sich weiter durch das Zimmer. Quälend langsam verstrichen die Sekunden in denen Nami sich an die Hand ihrer Schwester klammerte. Dabei hielt sie den Atem an, hoffte das sie keinen verräterischen Laut von sich geben würde.
 

„Sie sind weg!“ Die Schritte entfernten sich wieder. Erst jetzt konnte sie wieder aufatmen und auch Nojiko lockerte ein wenig ihren Griff. Der Körper entspannte sich auch, wenn sie es dennoch nicht völlig locker lassen konnte. Die Monster waren noch in ihrem Haus und ihre Mutter war noch immer dort unten bei ihnen. Das zumindest ließ sich vermuten, die Stimmen waren wieder dumpf zu hören. Als würde sich jemand streiten. Ein Streit, der sich ein wenig hinauf schaukelte, es hörte sich an, als würde das ganze energischer werden. Verstehen konnte man es zwar nicht, doch was Nami verstand waren die Schreie ihrer Mutter. Sie schrie, bevor es einen Knall gab. Anders als die, die sie davor gehört hatte, härter, kälter.
 

Die Stimme, die danach folgte war endgültig. Unheimlich.
 

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis wieder Schritte zu hören waren und dann die Haustür, die ins Schloss fiel.
 


 

***
 


 

„Was ist mit Mum?!“
 

Nami folgte ihrer Schwester und kletterte aus dem Schrank. Nojiko hatte nichts mehr gesagt, während Nami noch immer die Tränen über die Wangen liefen. Sie wusste nicht, wie lange sie sich im Schrank versteckt hatten. Lange war das Haus still geblieben und ihre Mutter war nicht hinauf gekommen, um nach ihnen zu suchen und zu schauen, ob sie in Ordnung waren.

Warum war sie nicht nach oben gekommen?
 

„Bleib hier.“
 

Nojiko wirkte gefasst und bestimmend, als sie sich langsam auf den Weg zum Flur machte. Doch Nami dachte nicht daran jetzt auf sie zu hören. Sie wollte endlich wissen, was hier los war. Sie wollte zu ihrer Mutter, damit diese ihr sagte, dass alles in Ordnung war. Damit sie ihr durch’s Haar streichen und sie an sich drücken würde. Nur so würde Nami wissen, dass alles wieder gut werden würde.
 

Nach kurzem Zögern würde sie ihrer Schwester in den Flur folgen. Hier konnte sie beobachten, wie Nojiko bereits am oberen Ende der Treppe stand und hinunter blickte. Für einen Moment wirkte es so, als würden sie beide in die Stille lauschen, abwarten, ob es wirklich sicher war. Doch kein Laut war zu hören, noch immer lag das Haus völlig still vor ihnen. In dieser Stille spürte Nami kurz den Impuls nach ihrer Mutter zu rufen, sich bemerkbar zu machen. Doch kein Laut kam über ihre Lippen. Zu groß war die Angst, dass doch noch etwas geschehen würde, dass die Monster doch nicht verschwunden waren.
 

Alles was dann noch blieb war ihrer Schwester langsam zu folgen, die sich nun auf den Weg gemacht hatte die Stufen langsam hinunter zu steigen. Ihr zögern war deutlich zu spüren, dennoch wirkte ihre Miene ernst und konzentriert. Nami konnte nicht sagen was sie dachte oder, was in ihr vor sich gehen musste. Seit das angefangen hatte, hatte sie kaum ein Wort gesprochen. Nur die kurzen Anweisungen, das was Nami tun sollte, war über ihre Lippen gedrungen. Bisher hatte sie sich auch daran gehalten und jetzt schob sie sich an der Wand entlang, weiter bis zur Treppe. Der Blick hinunter zeigte ihr, dass Nojiko auf der Hälfte angekommen war. Im Flur lagen Scherben, die zu einer Vase gehörten, die einmal im Wohnzimmer gestanden hatte. Ein Geschenk, das Genzo einmal angeschleppt hatte, weil er der Meinung gewesen war, dass sie gut in den Raum passen würde. Ihre Mutter hatte sie ziemlich hässlich gefunden und dennoch war sie geblieben und hatte einen Platz in ihrem neuen Heim bekommen.
 

Inzwischen war Nojiko auf der untersten Stufe angekommen, als ein erschrockener Laut über ihre Lippen drang. Sie taumelte zurück und sackte auf die Treppe. Sie schrie, als die Tränen kamen und sie sich zusammen kauerte.
 

Nami wusste nicht, wie sie den Rest der Treppe hinunter gekommen war. Es spielte auch keine Rolle, denn entscheidend war nur, was sie sah und das riss ihr förmlich den Boden unter den Füßen weg.
 

„Mum! MUM!“
 

Ihre Füße trugen sie weiter, die Treppe hinunter und dann auch weiter, um ins Wohnzimmer zu kommen. Sie wollte zu ihr, wollte den Abstand überbrücken, doch stieß sie auf einen Wiederstand. Nami sackte auf den Boden, versuchte sich zu lösen und weiter zu kommen, doch sie schaffte es nicht.
 

„Nami, bleib hier!“
 

„Nein!“
 

„Du musst hier bleiben!“
 

Nojiko hatte die Arme feste um ihren Bauch geschlungen, so dass Nami nicht näher an ihre Mutter heran kam. Diese lag im Wohnzimmer auf dem Boden. Es wirkte so als würde sie auf einem Stuhl sitzen, als sei die Perspektive einfach gekippt worden. Doch das stimmte nicht. Die Perspektive war nicht einfach verschoben worden. Ihre Mutter saß auf einem Stuhl nur, dass dieser auf dem Boden lag und.. sie festgebunden war? Es wirkte als würden sich Schlangen um ihren Körper schlingen und sie festhalten. An dem Stuhl in dieser komischen, starren Haltung. Sie bewegte sich nicht, obwohl sie in ihre Richtung blickte. Nami sah ihr direkt in die Augen, die komisch aussahen. Leer.
 

Warum bewegte sie sich nicht?
 

„Mum.. Mum, du musst aufstehen! Sag etwas!“
 

Wieder rannen Tränen über ihre Wangen, ihre Stimme stolperte, verschluckte sich. Nami schrie, kämpfte gegen den Griff ihrer Schwester, die sie in ihrem Rücken spürte und, die sie einfach nicht loslassen wollte. Nojiko klammerte sich an sie heran, während Nami irgendwie versuchte weiter zu kommen. Dabei starrte sie ihre Mutter an, starrte sich an all dem fest, was einfach nicht stimmte. Ihre Augen. Und das rot. Alles war rot. Ihr Körper, der Boden. Die Finger, die seltsam aussahen. Die roten Linien, die sich über ihre Arme zogen.
 

Rot. Nichts als rot.

decisions


 

2023 - New York
 


 

Mit einem tiefen durchatmen lehnte sie sich zurück und hob dabei die Arme über den Kopf, um sich zu strecken. Wie lange sie nun auf die Dokumente geblickt hatte, wusste Robin nicht. Fakt war, dass ihre Augen brannten und sie inzwischen deutlich spüren konnte, dass sie in der vergangenen Nacht keinen Schlaf bekommen hatte. Robin brauchte zwar nicht viel Schlaf und doch war das hier auch für sie keine besonders ideale Situation.
 

Franky und sie hatten sich in einem Diner ein ausgiebiges Frühstück genehmigt. Während ihr bester Freund vor allem etliches an Cola in sich hinein geschüttet hatte, hatte Robin versucht das ganze irgendwie mit Kaffee auszugleichen. Nahrung war dabei doch eher zweitrangig gewesen, obgleich sie dieses Thema auch nicht außer acht gelassen hatten. Man hatte gegessen und dabei Zeit totgeschlagen. Mehr als einmal hatte sie darüber nachgedacht, dass sie - unerwarteter Weise - gerne bei sich Zuhause gewesen wäre. Dort wo vielleicht noch eine durchaus verlockende Ablenkung auf sie gewartet hätte. Ob sie noch da war? Viel zu oft hatte sich Robin diese Frage in den vergangenen Stunden gestellt.
 

Der Umstand, dass diese junge Frau sie noch beschäftigte stellte Robin vor noch weitere Fragen; warum? Versuchte sie gerade sich nur abzulenken und anderen Problemen zuzuwenden? Wenn sie ehrlich zu sich war, dann wusste sie doch, dass es das nicht war. Nicht alleine zumindest. Was auch immer es war, Nora hatte etwas an sich, das sie irgendwie interessant fand. Interessanter als die meisten anderen Affären, mit denen sie sich die Zeit vertrieb.
 

So oder so wäre es verlockender als dieser Job. Etwas an all dem widerstrebet ihr einfach und sie war durchaus kein Fan davon sich gegen ihr Bauchgefühl zu stellen. Meistens lag sie damit durchaus nicht falsch.
 

„Und?“
 

Sie schielte zur Seite und blickte zu Franky, der sie fragend ansah. Vermutlich erhoffte er sich irgendwelche bahnbrechenden Ergebnisse, aber so lief das nun einmal nicht. Wer glaubte, dass sie nun die ganze Lebensgeschichte des Fälschers in diesem Dokument ablesen könnte, der irrte sich gewaltig. So etwas war nur in Serien oder Filmen möglich. CSI. NCIS. Law & Order. Und wie sie nicht alle hießen und die Ermittlungen weitaus spannender erscheinen ließen, als sie das eigentlich waren. Immerhin wurde die eigentliche Arbeit des ganzen doch garnicht gezeigt. Die meiste Zeit passierte schlichtweg nichts.
 

„Es ist eine gute Arbeit. In einer normalen Kontrolle und ohne Verdacht wäre es vermutlich nicht aufgefallen, dass es sich hierbei um Fälschungen handelt.“
 

„Vermutlich?“
 

Robin zuckte mit den Schultern und sah dann wieder auf die Dokumente hinunter, um das ganze noch einmal zu betrachten.
 

„Haben sie inzwischen die Identität geklärt?“
 

„Nein. Sie können nur sagen, dass das..“ Er deutete auf die Ausweise. „Falsch ist.“ Damit war man zumindest einen Schritt weiter. Nicht, dass Robin Zweifel daran gehabt hatte, dass sie es hier mit einer Fälschung zu tun hatte. Dennoch war es immer erforderlich das Ganze doppelt zu prüfen und sich abzusichern. Immerhin war niemand unfehlbar.
 

„Also?“
 

Franky drängelte weiter. Sie empfand es bisweilen als anstrengend, weil sie wusste woher sein Verlangen nach Antworten kam. Er wollte etwas in diesem Fall sehen und glaubte vielleicht auch, dass sie hier etwas tun mussten. Das sie dieser verdammten Stadt irgendetwas schuldig waren.
 

„Wie gesagt, es ist eine professionelle Arbeit. Das Material ist hochwertig, sogar die Hologramme sind eingearbeitet.“ Durchaus beeindruckend. Wer auch immer das getan hatte, verstand etwas von seinem Handwerk und wusste wohl auch, wie die einzelnen Sicherheitsmerkmale zu reproduzieren waren. Etwas das es nur schwerer machte Fälschungen zu erkennen und solche Mädchen aufzugreifen. Robin glaubte nicht daran, dass ein ungeschultes Auge erkennen könnte, was man vor sich hatte.
 

„Aber?“
 

Robin sah ihn einfach nur schweigend an und würde das Ganze erst einmal so stehen lassen. Wenn er glaubte, dass sie ihm nun entgegen kam, dann irrte er sich gewaltig. Es war ihre Art ihm deutlich zu machen, dass sie das alles absolut nicht witzig fand.
 

„Komm schon. Ich habe es genau gehört, dir lag ein aber auf der Zunge.“
 

Erneut entwich ein Seufzen ihren Lippen. Er kannte sie eben und sie wäre wohl kaum so gut in ihrem Job, wenn sie nicht fähig wäre etwas zu finden. Es gab keine perfekten Arbeiten. Nicht, wenn es um Fälschungen ging.
 

„Es gibt eine kleine Unstimmigkeit bei den Y’s. Der gleiche Druckfehler auf beiden Ausweisen. Hier..“ Sie schob ihm die Dokumente hin, damit er sich das ganze ansehen konnte. Es sah aus, als würde ein Riese etwas winziges betrachten und irgendwie war es auch so. Franky hatte ungewöhnlich große Hände, selbst für einen Mann, und durch den Sport und das Krafttraining wirkte er noch riesiger, als er es vielleicht war.
 

„Ich seh nichts. Wirkt doch alles normal.“
 

Franky blickte wieder auf und sah sie fragend an, so dass Robin ihm das kleine Okular herüber reichte. Ein weiterer skeptischer Blick folgte, bevor er das kleine Werkzeug annahm und sich in die Augenhöhle klemmte, um sich durch die Vergrößerung noch einmal die Ausweise anzusehen. Während er beschäftigt war, würde sie noch einmal aufstehen und sich in den Nebenraum begeben. Sie hatten zwei Schreibtische zur Verfügung gestellt bekommen, aber man konnte kaum davon sprechen, dass sie in Ruhe arbeiten konnten. Die Schreibtische befanden sich im Großraum Büro und auch, wenn die ersten Stunden vielleicht ruhig gewesen waren, so hatte sich das mit dem Dienstbeginn der meisten Polizisten verändert. Noch etwas, das es für Robin schwer machte sich zu konzentrieren. Die Gespräche im Hintergrund, Lachen, das Klingen verschiedenster Telefone. Robin hätte sich durchaus etwas anderes gewünscht, aber da man wohl noch immer nicht wirklich wusste, was man über ihre Anwesenheit halten sollte, war dies das Beste was sie bekommen würden. Zumindest so lange, bis man den Wert ihrer Arbeit bewiesen hatte, während Robin nicht sicher war, ob sie das überhaupt wollte. Es gäbe sicher andere Orte, wo man sie und ihre Arbeit mehr schätzen würde. Warum sollten sie sich also hiermit herumschlagen?
 

Und warum hatte man ihre Hilfe überhaupt im ersten Schritt angefordert?
 

Immerhin waren sie beide nicht spontan auf die Idee gekommen nach New York zu kommen und sich in diesen Fall einzumischen. Man hatte sie gezielt angefragt, weil man bereits zusammengearbeitet hatte und Smoker durchaus wusste, dass ihre Arbeit einen Wert für seine Ermittlungen haben konnte. Des weiteren vermutete Robin aber auch, dass er sich erhofft hatte, die Einmischung von andren Behörden zu verhindern. Es war immerhin nicht zu leugnen, dass dies inzwischen eher ein Fall für das FBI wäre und kein Fall, den das NYPD alleine bearbeiten sollte. Gerade durch Franky erhoffte er vermutlich diese Brücke geschlagen zu haben, damit er in Ruhe sein eigenes Ding machen konnte. Und Robin fragte sich, ob man sich dafür instrumentalisieren lassen sollte.

Als sie die kleine Küche betrat war auch hier schon reger betrieb. Smoker hatte das Briefing angesetzt und wollte das Team auf den neusten Stand bringen. Vermutlich versuchte gerade noch jeder eine Tasse Kaffee abzubekommen, damit man die Besprechung überstehen würde.
 

„Hey, ich bin Detectiv Andrews. Darf ich Ihnen auch etwas nachschenken?“
 

„Danke.“
 

Der Blondschopf mit dem breiten Grinsen würde die Kanne heben und Robin’s Tasse auffüllen. Sie hoffte nur, dass das ganze wirklich stark genug war, um bei ihr irgendeine Wirkung zu haben. Doch die Erfahrung mit den meisten Departments ließ sie vermuten, dass das doch eher Wasser mit stärkerem Geschmack war.
 

„Sie sind neu hier, soll ich sie herumführen?“
 

„Nein danke.“
 

Robin wandte sich einfach wieder ab, ohne ihm weitere Beachtung zu schenken. Vielleicht nicht die höflichste Art und doch hatte sie wenig Lust sich nun mit ihm und seinen möglichen Flirtversuchen zu befassen. Leider eine nicht unübliche Sache bei Männern und es gab Tage, da hatte Robin schlichtweg keine Nerven für so ein Verhalten. Als würde jede Frau nur darauf warten, dass ein Kerl mit ihr flirtete und, als läge es nicht an ihr das selbst zu entscheiden.
 

Es war ein Verhalten mit dem Robin durchaus wenig anfangen konnte, noch weniger aber mit dem was meistens danach folgte. Ein gekränktes Männerego, welches eine Ablehnung nicht verstehen wollte. Glücklicherweise gab es hier keinen Raum für so etwas und sie war schneller wieder aus der Küche verschwunden, als das er Zeit zum reagieren gehabt hatte. Zwar konnte sie nicht ausschließen, dass er es noch einmal versuchen würde, wenn man sich wieder über den Weg lief, aber um so etwas konnte sie sich dann Gedanken machen.
 

Lieber würde sie sich wieder neben Franky setzen und dort dann einen vorsichtigen Schluck des Kaffee’s trinken. Wobei sie den Geschmack nur mit einem kurzen verziehen des Mundes kommentieren würde. Spülwasser.
 

„Du meinst diese winzige, weiße Ecke, die an der oberen, linken Seite fehlt?“
 

Nachdem sie genickt hatte wandte sich Franky noch einmal den Ausweisen zu und brummte dann auch leicht. Er schien nicht wirklich überzeugt von all dem zu sein.
 

„Kann das nicht nur Zufall sein? Ich meine, wie hilft uns das?“
 

„Wenn es eine sich wiederholende Anomalie ist, dann ist es ein Fehler im Druckverfahren. Und wenn sie Glück haben, dann ist dem Fälscher dieser Fehler noch nicht aufgefallen.“
 

„Du meinst damit kann man nachweisen wo die Ausweise gedruckt wurden, wenn man etwas zum Vergleichen findet?“
 

Ein Schulterzucken war die Antwort. Das mochte vielleicht im ersten Moment gut klingen aber dazu müsste man auch etwas finden, mit dem man es vergleichen konnte. Und kein Fälscher hatte ein schönes Büro oder stand im Telefonbuch. Selbst, wenn man den Fälscher als solchen fand war nicht garantiert, dass man damit auch den Ort kannte, wo er seine Fälschungen herstellte.
 

„Okay und.. gibt es sonst noch etwas?“
 

„Die Ausweise entsprechen den neusten Sicherheitsstandarts. Da geht es auch um Technik und vor allem darum das richtige Material zu bekommen. Folien, Farben.. die Person muss gute Quellen und Lieferanten haben, um eine solche Arbeit gewährleisten zu können.“
 

„Also könnte man versuchen die Sicherheitslücke zu finden oder den Lieferanten?“
 

„Vermutlich. Aber auch das muss nicht zwingend einfach sein.“ Durchaus nicht. Aber wie man das anstellte war auf der anderen Seite nicht ihr Problem. Sie war nur hier, um mögliche Richtungen aufzuzeigen und Wege zu finden, wie man betreffende Personen festnageln konnte. Alles weitere mussten Smoker und seine Leute erledigen.
 

„Schon klar.. aber es ist ein Anfang. Wir haben die Möglichkeit etwas zu beweisen und eine Verbindung herzustellen.“
 

„Vielleicht. Mehr kann ich erst einmal nicht dazu sagen.“
 

„Aber du könntest es, wenn man einen Fälscher und seine Werkstadt findet, richtig?“
 

Robin zuckte mit den Schultern. Er wusste, dass es so war aber dazu musste man eben erst einmal liefern. Franky sammelte alles ein und machte sich dann auch Notizen, um das ganze für sich noch einmal zusammenzufassen.
 

„Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“
 

Nun war es Franky, der sich zurücklehnte und ein wenig streckte, um dann auch einen Moment nachzudenken. Sicherlich hatte er sich den Tatort genauer angesehen, obgleich das für das eigentliche Ziel wohl nicht das wesentliche war. Da war es dann doch wichtiger anderes im Blick zu haben und das waren nun einmal die Mädchen und, was man vielleicht bei ihnen herauslesen konnte. Nur so könnte man im besten Fall etwas Näher an die Person herankommen, die dahinter steckte.
 

„Im wesentlichen ist es nur eine Bestätigung von dem, was wir bereits wissen. Eine Organisation, die hoch professionell arbeitet. Jemand, der es liebt Macht zu demonstrieren und auszuüben. Der Kundenstamm ist hochkarätig. Auch das spricht für eine sehr gute Organisation und weitreichende Kontakte. Das wiederum bedeutet aber auch, dass man eine gewisse Qualität liefern muss. Die Mädchen waren körperlich in einem guten Zustand, wenn man einmal von diesem Metallrohr absieht, was sie im Nacken haben. Gepflegte Hände und Haare, sie waren nicht unterernährt. Und sie werden nicht durch Drogen kaputt gemacht. Vielleicht gibt es auch solche aber davon gab es bei diesen beiden keine Hinweise. Sie müssen anders klein gehalten werden, mental oder durch anderes“; fasste er es zusammen und rieb sich dabei doch etwas nachdenklich über sein Kinn. Für Robin klang das durchaus schlüssig. Was es aber auch sagte war, dass man es hier mit einer größeren Organisation zu tun hatte. Wie sollte man so einen Ring zerschlagen?
 

„Das was du beschreibst klingt schlüssig, aber wir sprechen von einer großen Organisation. Einen Menschenhändlerring. Das ist keine Sache, die wir in vier Tagen klären können.“
 

Nein, das war eine Ermittlung, die durchaus Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern konnten. Bei denen man vielleicht sogar Leute undercover einschleusen musste, um nicht nur die kleinen Fische zu fassen sondern auch die Hintermänner. Diejenigen, die für all das Leid verantwortlich waren. Oder man fand jemand, der auspackte. Doch wer würde sich schon freiwillig eine Zielscheibe um den Hals hängen? Aus Robin’s Sicht war das durchaus eine zu große Sache, die sich dort abzeichnete.
 

„Scheint wohl so. Ich werde unsere Ergebnisse gleich im Meeting vortragen und dann werden wir erst einmal abwarten müssen. Vielleicht solltest du schon mal Nachhause fahren.“ Während Franky sprach warf er einen Blick auf seine Uhr und nickte, als müsse er seinen Verdacht noch einmal selbst bestätigen.
 

„War ne lange Nacht und es reicht wen einer von uns sich das noch antun und mit ihm reden muss.“
 

„Wie selbstlos von dir.“
 

Franky grinste leicht in sich hinein und würde sich dann auch aufraffen, um seine Notizen zusammenzupacken.
 

„Eigennutz. Ich will, dass du nach der Sache noch mit mir sprichst.“
 

Wo er recht hatte. Denn Robin musste durchaus zugeben, dass ihre Nerven langsam an ihre Grenzen stießen. Sie wollte gar nicht daran denken, wie viel Geduld sie diese ganze Sache noch kosten würde, wenn es so weiter lief. Gleichzeitig musste sie sich wohl fragen, ob es wirklich so gut war Fanky hier alleine zu lassen. Immerhin konnte sie dann nicht kontrollieren, dass er sie nicht in weitere Schwierigkeiten brachte.
 

„Tu mir nur einen Gefallen und übertreib es nicht okay?“
 

„Ich habe noch nie etwas übertrieben“, wandte der Große nur grinsend ein und machte sich dann mit gehobenen Daumen auf den Weg. Robin würde ihm noch kurz nachsehen und beobachten, wie sich noch weitere Menschen auf den Weg zum Besprechungsraum machten. Das war wohl ihr Signal zu verschwinden, bevor man sie doch noch dazu verdonnern würde sich das alles anzuhören. Sie hatte ihre Arbeit getan.
 

Bei diesem Gedanken musste sie doch über sich selbst den Kopf schütteln, als sie aufstand und ihre Sachen zusammenpackte. Wo war ihre Arbeitsmoral geblieben? Eigentlich mochte sie ihren Job, auch diese Art. Immerhin konnte sie so durchaus dazu beitragen, dass Verbrechen aufgeklärt wurden. Sicherlich hatte jede seine eigene Motivation und für Robin war es durchaus ein Ausgleich zu ihrem eigentlichen Job, wenn sie zu solchen Fällen herangezogen wurde. Das alles hier war dennoch eine Farce. Obgleich sie sich durchaus hätte denken können, dass ihr diese Stadt kein Glück bringen würde.
 

Vielleicht brauchte sie einfach etwas Schlaf und musste sich von all dem ein wenig Abgrenzen. Daher würde es dann auch für Robin zu den Aufzügen gehen, um hinunter in die Eingangshalle zu fahren und von dort aus hinaus auf die Straße zu treten. Sofort wurde sie von dem lauten Straßenlärm umfangen. Laufende Motoren, Hupen, Menschen, die laut miteinander oder in ihr Telefon sprachen. New York war wie ein Ameisenhaufen, der immer lebendig war und der nie still stand. Ein Aspekt, den Robin durchaus immer geschätzt hatte, früher zumindest. Jetzt gerade würde sie nur an den Straßenrand streben, um die Hand zu heben und sich ein Taxi heran winken. Da Franky sie Zuhause abgeholt hatte, blieb ihr nur diese Alternative. Es sei denn sie würde doch die Metro nehmen wollen und das war sicherlich keine Option.
 

Die Adresse, mehr würde sie dem Fahrer nicht nennen und dann war Robin durchaus auch froh darum, einfach ihre Ruhe zu haben und etwas Abstand zu all dem bekommen zu können. Die Fahrt konnte sie nutzen, um noch einmal einen Blick auf ihr Handy zu werfen und sich etwas mit den tagesaktuelle Nachrichten auseinander zu setzen. Zumindest wollte sie einen Überblick über das Weltgeschehen haben auch, wenn das vielleicht etwas in den Hintergrund rückte. Denn die lokalen Nachrichten waren doch deutlich präsenter und wenn man bedachte, dass es eigentlich eine geschlossene Ermittlung sein sollte, dann war es doch erschreckend, wie viel bereits nach außen gedrungen war. Nicht alle Details, die für diesen Fall wichtig waren und am Ende eben genug. Man würde sehen zu wie vielen Problemen das Ganze führen würde und doch bekräftigte es Robin eben in dem Gefühl, dass es da doch einige interne Probleme gab. So etwas war zumindest nicht dienlich für gute Ermittlungen. Und am Ende war es doch auch äußerst Zeitaufwändig, wenn die Polizei sich damit befassen musste, die Presse in Schach zu halten und sich mit öffentlichen Meinungen zu befassen. Wer auch immer da die Fäden im Hintergrund zog, der war offensichtlich nicht untätig und schien auch nicht vorzuhaben die Kontrolle aus der Hand zu geben.
 

Für Robin war das allerdings weniger wichtig. Die eigentlich wichtige Frage war doch, wohin das zweite Mädchen verschwunden war. War sie entkommen? Hatte man sie wieder gefunden und verschwinden lassen? Sie war bisher die wichtigste Spur aber, ob es realistisch war sie zu finden? Das war doch wirklich sehr fraglich. Aber ohne eine Zeugin? Ohne jemanden, der wirklich über interne Strukturen etwas mehr sagen konnte? Da sah sie doch die Chancen weiter schwinden diese ganze Sache zu einem schnellen Ende zu bringen. Bauernopfer. Das war es was man im besten Fall bekommen würde. Mochte ungerecht klingen, doch am Ende des Tages war es eben genau das, wie diese Strukturen funktionierten. Nicht nur hier in New York. Sondern generell in der Welt in der es überall zu diesen Strukturen kam. Egal wie aufgeklärt und fortschrittlich eine Gesellschaft vielleicht sein mochte. Das hatte absolut nichts damit zu tun, was in den Schatten vor sich ging.
 

Der Wagen würde halten und Robin blickte von ihrem Handy auf, um dem Fahrer das Geld zu reichen, bevor sie ausstieg. Merklich hatte sich die Atmosphäre der Stadt verändert. Es war deutlich ruhiger und angenehmer. Genau das, was sie in diesem Moment brauchte. Ihr Weg führte sie die Stufen zu ihrem Haus hinauf, um die Tür aufzuschließen und dann einzutreten. Für einen Moment blieb sie dann auch im Flur stehen und würde die Tür leise zurück ins Schloss drücken. Unweigerlich lauschte sie einen Moment in die Stille hinein als versuchte sie herauszufinden, ob sie alleine war oder, ob Nora sich noch im Haus befand. Bedachte man die Uhrzeit, war es doch eher wahrscheinlich, dass die andere inzwischen gegangen war und es kein gemeinsames Frühstück geben würde. War es etwas, das Robin störte? Darauf könnte sie in diesem Moment nicht einmal eine klare Antwort geben. Ein bisschen vielleicht.
 

Zumal es durchaus auch etwas problematisch wäre, wenn es sie wirklich stören würde. In was würde sie sich dabei denn verrennen, wenn sie es zulassen würde? Wieder schüttelte sie den Kopf über sich selbst, als sie aus den Schuhen stieg und sich auf den Weg in die Küche machte. Was sie nun mit ihrer Zeit machen würde hatte Robin zwar noch nicht entschieden aber, was sie auf jeden Fall brauchte, war ein guter Kaffee.
 

Erst dann würde sie sich weitere Gedanken um das alles machen. Oder auch nicht, denn wie weit sollte sie das auch durchdenken? Robin wusste selbst, dass sie einfach ein ziemlicher Kopfmensch war und sich ohnehin zu viele Gedanken um manches machte. Und oft sorgte das lediglich dafür, dass man sich im Kreis drehte und nicht weiter kam.
 

Als sie den Raum betrat würde sie sich einen Moment umsehen. Ja, es war jemand hier gewesen, hatte sich in ihren Räumen bewegt. Ein Blick in den Schrank sagte ihr, dass die Kaffeedose anders stand. Zumindest schien sie sich selbst bedient und zurechtgefunden zu haben. Das war erst einmal gut auch, wenn Robin einen Moment an diesem Gedanken hängen blieb, dass sie hier jemanden in ihrem privaten Raum gehabt hatte. Das war schon lange nicht mehr vorgekommen, obgleich es hier noch einmal etwas anderes war. Immerhin war dieses Haus nicht ihre Privatwohnung. Es sagte viel weniger über sie als Person aus und, es gab weniger zu finden, wenn man nach etwas suchen würde. Ansonsten hätte sie Nora wohl auch nicht hier gelassen.

Während der Kaffee durchlief würde sie sich dann auch umwenden und dabei den kleinen, grünen Zettel auf dem Tisch entdecken. Das war auch neu und auch zuvor nicht da gewesen. Als sie an den Tisch heran trat, um einen Blick auf die geschwungene Schrift zu werfen, strich sie mit den Fingerspitzen von Zeige- und Mittelfingern darüber und hob ein wenig die Brauen in einem überraschten Ausdruck.
 

Abgesehen von der Beschwerde, dass Robin ihr ein Frühstück schulden würde, war dort auch eine Nummer notiert. Eine Handynummer, die wohl darauf anspielte, dass sie sich melden konnte, wenn sie das denn wollte. Für ein Frühstück? Vielleicht. Für etwas anderes? Schon eher. Zumindest wenn man bedachte, wie sie bisher miteinander umgegangen waren. Würde ein Frühstück da nicht zu weit führen? Alles Fragen, die man sich stellen könnte, doch das würde es nur kompliziert machen. Und auf etwas kompliziertes konnte man wohl auf beiden Seiten verzichten.
 

Für den Moment würde sie das so stehen lassen und sich lieber eine Tasse aus dem Schrank holen und sich ihren Kaffee einschenken, damit sie sich damit an den Küchentisch setzen und noch einen Moment über das unausgesprochene Angebot seniren konnte. Durchaus war sie nicht abgeneigt die Nummer zu wählen, um den kleinen Wildfang wiederzusehen und sich dieser kleinen Ablenkung hinzugeben. Gleichzeitig war sich Robin allerdings auch darüber im klaren, dass das eigentliche Problem dadurch nicht verschwinden würde. Etwas ging ihr unter die Haut. Etwas das dazu führte, dass sie nicht voll und ganz bei der Sache war, wenn es um ihren Job ging. Das was sie dazu verleitete Ablenkung bei einer jungen Frau zu suchen. Nicht, dass daran etwas verwerfliches sein würde. Robin hatte durchaus kein Problem mit zwanglosem Sex und einem Abenteuer. Womit sie allerdings ein Problem hatte war, dass sie wahrnehmen konnte, wie diese ungesunden Verhaltensmuster spürbarer wurden und anfingen sich auf ihren Alltag auszuwirken. War das wirklich der richtige Weg? Und warum schaffte diese Stadt es noch immer ihr derart unter die Haut zu gehen?
 

Es ging darum, dass sie sich selbst positionieren und eine Entscheidung treffen musste. Franky würde auch ohne sie zurechtkommen. Auch dann, wenn sie nicht vor Ort war. Als Beraterin in dieser Sache könnte sie vermutlich auch von einem anderen Ort aus arbeiten. Von Zuhause.
 

Würde sie es darauf anlegen, dann könnte sie hier verschwinden und vermutlich wäre es auch besser endgültig ein paar Brücken hinter sich abzubrechen. Dieses Haus war eine davon. Es war so vertraut, dass Robin jede Nische kannte und deswegen viel es vielleicht so schwer loszulassen. Anstatt, dass sie sich endlich von all dem löste wirkte es eher so als würde sie hier eine Zeit konservieren, die längst vergangen war.
 

Doch es zu konservieren, um auf Antworten zu hoffen, die es nicht geben konnte, war schlichtweg naiv. Sie hatte viele Jahre versucht Antworten zu bekommen, war wohl auch deswegen in diesen Berufszweig gegangen, doch am Ende blieb nichts. Alle Spuren waren kalt und wo sollte ihr Leben hinführen, wenn sie weiter den Dämonen der Vergangenheit nachjagen würde? Es war ein Gedanke, eine Frage, an der Robin einen Moment hängen blieb. In jedem Fall würde sie sich nun damit befassen müssen. Ernsthaft und schonungslos. Etwas, das zumindest nicht funktionieren würde, wenn sie sich nun in ein sexuelles Abenteuer stürzen würde, um sich abzulenken. So gerne sie das vielleicht auch tun würde.
 

Mit diesem Entschluss erhob Robin sich wieder und würde den grünen Zettel an ihren Kühlschrank kleben. Er würde nicht im Müll verschwinden, man konnte immerhin nie wissen. Und die Kleine hatte durchaus eine schöne Schrift, das musste man ihr lassen. Außerdem sprach nichts gegen einen abschließenden Absacker, wenn sie ihre Angelegenheiten geregelt hätte. Diese Option wollte sie sich doch offen halten.
 

Heute allerdings würde das keine Rolle spielen und Robin entschied sich dazu den Tag mit einem warmen Bad ausklingen zu lassen. Es würde hoffentlich zu ihrer Entspannung beitragen und anschließend hoffte sie darauf ein paar Stunden Schlaf zu finden, um sich zu erholen. Auf ihren Rhythmus konnte sie dabei keine Rücksicht nehmen und, wenn sie am Ende die halbe Nacht wach wäre, dann wäre es noch immer besser, als nun auf den Abend zu warten.

cracks


 

2023 - New York
 


 

„Fuck..“
 

Nami blickte auf die Farbe, die sich auf ihrem Schreibtisch verteilte. Durchatmen. Für einen Moment betrachtete sie das alles, dann würde Nami anfangen alles aufzuwischen und das zu retten, was zu retten war. Sie war unkonzentriert. Seit Stunden versuchte sie die Ausweise herzustellen, die angefordert worden waren. Doch am laufenden Band geschahen Fehler. Entweder es war die Farbe, die nicht stimme, die Schrift war nicht richtig platziert, die Fotos waren nicht sauber genug. Anfängerfehler, die Nami unter anderen Umständen niemals passieren würden, obgleich sie hier auch keine leichte Arbeit zu vollführen hatte.

Selbst, wenn man die Technik kannte und auch, wenn es nicht die ersten Ausweise waren, die Nami herstellte, so war es dennoch kein Selbstläufer. Die Abläufe waren ihr vertraut und vermutlich könnte sie im schlaf beschreiben was zu tun war. Dennoch erforderte jeder einzelne Schritt Konzentration und ihre volle Aufmerksamkeit, damit es möglich war eine perfekte Fälschung herzustellen. Perfektion würden sie brauchen und in den vergangenen Stunden hatte sie nichts geschafft, was auch nur im Ansatz daran heran kam.
 

Die Tücher landeten im Müll und Nami ging zu dem Waschbecken herüber, um ihre Hände zu waschen. Dabei beobachtete sie genau, wie die Farbe sich mit dem Wasser mischte und hinein in den Abfluss floss. Daran wie viel Geld sie gerade den Abfluss hinunter spülte, dachte sie nicht. Es war wirklich das geringste ihrer Probleme, obgleich Nami nicht wusste was eigentlich das dringlichste ihrer Probleme war.
 

Der kranke Plan, den Aron verfolgte?
 

An was für einem Verbrechen sie sich die Hände dreckig machte?
 

Die Schuld, die sie auf ihre Schultern lud, wenn sie sich daran beteiligte, was mit diesen Mädchen geschehen sollte?
 

Das die Polizei Dokumente von ihr in der Hand hatte und man versuchen würde diese zu analysieren?
 

Die Frage, ob sie einen Fehler gemacht hatte und man Rückschlüsse auf sie ziehen könnte?
 

Seit sie davon gehört hatte, hatte Nami das Gefühl, dass der kalte Angstschweiß ihren Nacken kitzelte. Obgleich sie wusste, dass sie sauber arbeitete. Sie achtete bei jedem einzelnen Arbeitsschritt darauf, trug immer Handschuhe und reinigte die Ausweise auch nach der Fertigstellung noch einmal. Es war unmöglich, dass man ihre DNA an den Dokumenten finden könnte, was also sollten sie sonst damit anfangen? Es waren keine handschriftlichen Dokumente, wo man vielleicht auf Nami’s Handschrift Rückschlüsse ziehen könnte. Oder etwas anderes.
 

Dennoch konnte Nami nicht verhindern, dass die Frage fortwährend durch ihren Kopf kreiste. Was könnten sie mit den Ausweisen anfangen? Könnte es sie irgendwie zu ihr führen? Und, was sollte sie machen, wenn sie auf einmal vor ihrer Tür stehen würden?

Aron würde sie nicht schützen. Sicherlich baute viel von seinem Geschäft auf ihren Fälschungen auf, doch sie war nicht unersetzbar. Er würde jemand anderen finden, wenn es darauf ankommen würde. Da machte sich Nami durchaus keine Illusionen. Gleichzeitig würde er erwarten, dass sie dicht hielt und einfach nichts sagen würde. Und dann würde sie einfahren. Unklar wie viele Jahre sie dann einsitzen musste, doch es würde sicher eine verdammt lange Zeit werden. Abhängig davon wie viel man ihr am Ende nachweisen konnte.
 

Es war ein beängstigender Gedanke. Und gleichzeitig fragte sich Nami, ob es nicht am Ende Freiheit bedeuten könnte. Denn, wenn sie ehrlich war, was hatte sie zu verlieren? Nojiko würde wütend sein, sich sorgen machen, doch sie würde sich wieder beruhigen. Das tat sie immer. Und frei war Nami auch jetzt nicht. Sie konnte nicht einfach reisen und die Welt entdecken, was sie sich wünschen würde. Und jemanden kennenlernen, vielleicht eine Beziehung aufzubauen, ein Privatleben, das war unmöglich. Sie war immer abrufbar, ihr Leben gehörte ihm. Würde das endlich aufhören, wenn man sie festnehmen und für ein paar Jahre Wegsperren würde? Wäre das die Chance seinem Einfluss zu entkommen?
 

Etwas das Nami nicht einschätzen konnte. Gewiss spielte sie nicht mit dem Gedanken sich zu stellen, das würde doch zu weit gehen und sicherlich würde Aron ihr das nicht einfach durchgehen lassen. Doch sie fragte sich, wenn das Schicksal für sie entscheiden würde, ob es dann wirklich das Schlimmste war, was ihr passieren könnte.
 

Vielleicht sollte sie sich einfach zurücklehnen und abwarten. Nur, dass ihre Instinkte ihr etwas anderes sagten. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie verhindern musste, dass man etwas herausfand, dass sie sie festnehmen konnten. Oder, dass sie wenigstens einen Notfallplan brauchte. Aber wie sollte dieser aussehen? Sollte sie versuchen sich mit gefälschten Pässen und ihrer Schwester abzusetzen? Nojiko würde das kaum mit sich machen lassen. Weggehen und alles aufgeben, was sie sich aufgebaut hatte? Das konnte Nami nicht verlangen. Erst recht nicht ohne ihr etwas zu erklären und diese Sache zu diskutieren. Und Nojiko würde es sicherlich ausdiskutieren wollen. Aber sie zurücklassen, das kam auch nicht in Frage. Aron würde sie umbringen.
 

Das Wasser wurde abgestellt und sie trocknete sich die Hände ab, bevor das Handtuch auf den Tisch geworfen wurde und sich Nami über das Gesicht strich. Hinauf und die Haare und zurück, um den Zopf zu lösen, um ihn wieder neu zu binden. Etwas, das sie in der vergangenen Stunde sicherlich schon einige Male getan hatte. Sie war nervös.
 

Möglicherweise war es das beste, wenn sie die polizeilichen Untersuchungen nicht weiter beachten würde. Erst einmal nicht. Denn das, was viel bedrohlicher war, war das Monster mit dem sie hier unter einem Dach lebte. Nicht immer, doch an Tagen wie diesen, dann wenn er dringende Aufträge hatte, dürfte Nami nicht einmal daran denken das Anwesen zu verlassen. Er würde sie nicht eher gehen lassen, bis diese Ausweise auf seinem Tisch liegen würden.
 

Ausweise, die dafür sorgen würden, dass weitere Mädchen in diese Hölle geschickt wurden. Hier ging es nicht nur darum, dass man sie zur Sexarbeit zwingen wollte. Es war weit schlimmer. Der Tod würde am Ende eine wahre Erlösung für diese Mädchen sein.
 

Vielleicht war es bei allem, was gerade geschah, das womit Nami am wenigsten zurecht kam. Zu wissen was sie diesen Mädchen damit antun würde. Aron würde natürlich auch ohne sie einen Weg finden, sie hierher zu bringen und für viel Geld an den meist bietenden, frauenhassenden Sadist zu verkaufen. Dennoch machte das Nami’s eigene Schuld deswegen nicht ungeschehen. Das, was sie eigentlich tun müsste war klar; die Cops anrufen und sie ihm auf den Hals hetzen, gestehen. Es wäre das richtige. Nur würde das richtige sie ihr eigenes Leben kosten, wenn nicht sogar auch das ihrer Schwester.
 

War sie am Ende nichts weiter, als ein elender, verlogener Feigling?
 

Noch während sie darüber nachdachte würde sie anfangen alles wieder aufzubauen. Sie musste diese Ausweise fertig stellen. Erst, wenn er ihr nicht mehr drohend im Nacken sitzen würde hätte sie vielleicht eine Chance sich einen Plan zu überlegen. Keine unüberlegten Schritte. Sicher war das nicht gerade ihre Stärke. Würde man Nojiko fragen, dann würde diese vermutlich sagen, dass Nami nicht in der Lage war auch nur einmal für zwei Sekunden nachzudenken, bevor sie handelte und sich damit in Schwierigkeiten brachte. Sicherlich eine eher extreme Art das alles zu sehen, doch unterm Strich hatte sie nicht unrecht. Nur, dass Nami früher nicht sich selbst sondern viel eher ihre Schwester damit in Schwierigkeiten gebracht hatte. Und da das heute noch immer auf diese Weise funktionieren würde hatte sie nur eine Option; sich Zeit verschaffen.
 

Nachdem sie die einzelnen Utensilien an ihren Platz gestellt hatte würde Nami sich einen Moment an ihren Arbeitsplatz setzen. Sie schloss die Augen, strich sich langsam über das Gesicht und atmete noch einmal durch.
 

Konzentration.
 

Noch einmal ermahnte sie sich im stillen, dass sie wenigstens für die nächsten Stunden all diese Gedanken ausblenden und sich nur auf ihre Arbeit konzentrieren würde. Ein paar tiefe Atemzüge und dann würde sie einen neuen Versuch wagen ihre Arbeit umzusetzen.
 


 

***
 


 

„Komm rein!“
 

Er klang angefressen. Etwas das Nami nicht wunderte, immerhin hatte man ihn im laufe des Tages immer wieder durch das Haus schreien hören. Ein Grund, warum sie ihm lieber so lange aus dem Weg gegangen wäre, bis Aron sich wieder beruhigt hätte. Doch nachdem Ray zum dritten Mal bei ihr aufgetaucht war, um sie nach dem Stand der Ausweise zu fragen, konnte sie es nicht mehr vor sich herschieben.
 

Was auch immer er wollte, er wäre vermutlich nicht zufrieden mit dem, was sie ihm zu sagen hatte. Wobei ihr auch klar war, dass man ihn in diesem Moment mit nichts zufrieden stellen könnte. Er war gestresst, weil seine Pläne immer wieder von solchen - er nannte es - lästigen Zwischenfällen, unterbrochen wurden.
 

Lästig.
 

Zwei Menschen waren gestorben. Zumindest, wenn man sich nur den letzten Zwischenfall ansah. Nami betrachtete das nicht als eine Kleinigkeit. Unklar war ihr, was mit dem zweiten Mädchen geschehen war. Vermutlich setzte man gerade alle Hebel in Bewegung, um sie zu finden. Für sie hoffte Nami, dass sie ein verdammt gutes Versteck hatte oder schon längst aus der Stadt verschwunden war. Es war immerhin unbestreitbar, dass Aron sie umbringen würde, wenn er sie in die Finger bekommen sollte.

Ein Menschenleben bedeutete nichts. Sie waren eine Ware, nichts weiter.
 

Nami betrat das Arbeitszimmer. Wie gewohnt saß er hinter seinem Schreibtisch und verströmte von dort aus seine Wut und Anspannung. Etwas das sie zur Kenntnis nahm und versuchte es zu ignorieren. Lieber schlenderte Nami langsam zu ihm herüber und blieb dann vor dem Schreibtisch stehen.
 

„Wo sind die Ausweise?“
 

„Noch nicht so weit.“
 

Er schlug mit der Faust auf den Tisch und sah sie drohend an. Nami zuckte nicht mit der Wimper, während sie einfach abwartete. Solche Ausbrüche waren gewiss nichts neues für sie. Sie war gewisser maßen damit aufgewachsen. Würde der Tisch nicht zwischen ihnen stehen, dann wäre seine Faust sicherlich an einer ganz anderen Stelle gelandet.
 

„Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt?!“
 

„Ich hatte gesagt, dass ich Vorlauf brauche. Die Farbe wird auch nicht schneller trocknen indem du mich anschreist.“
 

Gut, genau genommen war es nicht so viel Farbe, die da trocknen musste. Vieles lief da durchaus anders ab, aber das musste sie ihm nicht auf die Nase binden. Wenn man nicht gerade eine Bundesdruckerei im Keller hatte, dann war es eben doch komplexer. Besonders, wenn Nami alle Sicherheitsmerkmale fehlerfrei umsetzen sollte. Zeitdruck war für so etwas nun wirklich nicht gerade dienlich. Und das war der einzige Faktor, der wirklich wichtig war.
 

„Und du erwartest, dass ich dir diesen Scheiß glaube?! Verarsch mich nicht Nami!“
 

„Du willst fehlerfreie Arbeit. Wenn ich mich zu sehr beeile, dann stimmt am Ende etwas nicht und dann werden sie an der Grenze aufgehalten. Willst du das?!“
 

Sie hatte durchaus kein Problem damit ihre Gedanken auszusprechen. Es wäre wohl falsch wenn sie nun zurückstecken würde. Und doch war Nami sich bewusst, dass sie sich in einer durchaus schwierigen Lage befand. Eine, die sehr leicht eskalieren könnte, wenn sie nicht auf das aufpasste, was sie tun würde.
 

„Du hast gefälligst zu liefern und zu arbeiten, wenn ich es dir sage, anstatt meine Zeit zu verschwenden!“
 

„Die Ausweise werden morgen früh fertig sein, schneller geht es einfach nicht.“
 

Erneut schlug er auf den Schreibtisch und würde sich dabei hochstemmen. Er baute sich vor ihr auf, so dass Nami hinauf blicken musste. Ja, er konnte ein verdammt bedrohlicher Kerl sein, doch daran hatte sie nie gezweifelt. Denn obgleich Aron viel der Drecksarbeit von seinen Leuten regeln ließ, er war durchaus auch in der Lage sich selbst die Hände schmutzig zu machen, wenn es sein musste.
 

„Bekommst du Skrupel?“
 

„Was?“
 

„Ob du auf einmal ein Gewissen bekommst hab ich gefragt?!“
 

Nami verzog das Gesicht. Woher kam das auf einmal? Es war kein Geheimnis, dass sie kein Fan seiner Arbeit war. Und sie beide wussten durchaus auch, warum sich Nami am Ende des Tages dafür entschieden hatte für ihn zu arbeiten. Sie hatte einen Preis dafür bezahlt. Dennoch war über all die Jahre nie die Frage aufgekommen, ob sie ihn vielleicht verraten könnte. Natürlich traute er ihr nicht, sie wurde überwacht. Wie weitreichend, das war konnte Nami zwar nicht sagen aber sie wusste, dass er sie niemals völlig aus den Augen ließ. Dennoch war ihnen beiden klar, dass Nami einen verdammt guten Grund hatte, um das zu tun, was er sagte. Ein Umstand an dem sich auch nicht einfach so etwas verändern würde.
 

„Wie kommst du auf so einen Blödsinn?“
 

Ob er das Gespräch mit Zorro belauscht hatte? Doch selbst wenn. Darin hatte sie kaum etwas gesagt, was sie ihm nicht auch ins Gesicht sagen würde. Sie hatte Fakten ausgesprochen und am Ende hatte das auch nichts mit ihrer Arbeit zu tun. Wenn, dann sollte er sich fragen, ob Zorro nicht daran dachte abzutauchen.
 

Anstatt ihr zu antworten würde Aron den Bildschirm drehen und ihr eine Aufnahme präsentieren. Nami sah sich selbst, wie sie unruhig und sichtlich nervös, gar unkonzentriert, durch ihr Atelier lief. Es zeigte den Moment, als ihr die Farbe aus den Händen geglitten war, sie alles hatte reinigen und erneut vorbereiten müssen.
 

Das er zusah sollte an sich keine Überraschung sein. Dennoch sorgte dieses Eingeständnis dafür, dass Nami sich merklich anspannte. Ihr war übel. Der Verdacht war immerhin das eine. Aber zu wissen, dass man beobachtet wurde, bei jeder Bewegung und jedem Handgriff, das war noch einmal etwas ganz anderes. Es löste Unwohlsein aus und das dringende Bedürfnis sich zu waschen und das, obwohl er ihr körperlich nicht zu nah gekommen war. Und doch war es wieder einmal eine deutliche Grenzüberschreitung, die er hier zelebrierte und, mit der Nami irgendwie zurechtkommen musste.
 

„Was ist das?“
 

„Ich habe Farbe verschüttet. Das kann jedem mal passieren.“
 

Natürlich wussten sie beide, dass es anders war. Doch was erwartete Aron jetzt von ihr? Sie würde nicht hier stehen, wie ein kleines Kind, und eingestehen, dass sie eine scheiß Angst hatte. Er würde ohnehin nur darüber lachen und ihr sagen, dass das ihr Problem war. Verständnis würde hier sicherlich nicht zu finden sein.
 

„Verarsch mich nicht!“
 

Bevor Nami reagieren konnte hatte er ausgeholt und sie am Hals gepackt. Durch den Zug stolperte sie nach vorn, musste sich am Schreibtisch abstützen und spürte den Schmerz, der sich von ihrer Kehle hin zu ihrem Kiefer ausbreitete. Ohne das sie es verhindern konnte, trieb es ihr die Tränen in die Augen und ihr ganzer Körper spannte sich an. Feste mahlten die Zähne aufeinander und sie konnte den Impuls nicht unterdrücken, der sich in ihr ausbreitete und dafür sorgte, dass sie versuchte sich irgendwie aus seinem Griff zu befreien.
 

Unmöglich.
 

Sein Griff war der eines Schraubstocks und zog sich noch fester zu, als Nami die Hände an seinen Unterarm legte und versuchte dagegen zu kämpfen. Es schnürte ihr den Atem ab.
 

„Du solltest besser nicht vergessen, wo dein Platz ist. Du gehörst mir, verstanden?!“
 

Selbst, wenn sie darauf hätte antworten wollen war es unmöglich. Nami bekam die Zähne vor Schmerz kaum auseinander und der Umstand, dass sie kaum Luft bekam sorgte dafür, dass Aron’s Drohungen gerade wirklich ihr kleinstes Problem waren.
 

„Dein Leben gehört mir und wenn du auch nur daran denkst zu verschwinden oder mich zu verraten, dann werde ich mir deine Schwester holen! Und wenn ich mit ihr fertig bin, dann werde ich sie an den meist bietenden Verkaufen! Sie wird darum betteln endlich sterben zu dürfen!“
 

Sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen traten. Ob aus Wut oder Schmerz war dabei unklar. Doch sie hasste es. Sie hasste es, dass er noch immer dazu fähig war, dass sie sich derart schwach fühlte. Das sie es war.
 

„Ich weiß jede Sekunde, wo sie ist! Ich weiß, wenn sie Alpträume hat. Ich weiß, das sie morgens summend durch ihre Wohnung läuft, wie sie unter der Dusche singt und wie sie sich anhört, wenn sie erregt ist. Ich kenne ihre Gedanken und Ängste, ihr Begehren. Und ich kann ihr ganzes Leben in einer verdammten Sekunde in einen Albtraum verwandeln!“
 

Sie zweifelte keine Sekunde an der Wahrheit, die in seinen Worten lag. Und es löste pure Panik in ihr aus.
 

„Hast du das kapiert?!“
 

Nami nickte. Dennoch wusste sie nicht, ob sie es war, die diese Bewegung in ihren Körper brachte oder, ob es Aron war, der ihr diese Bewegung aufzwang. Es spielte keine Rolle. Sie konnte sich am Ende nur in das alles ergeben und war eine seiner Marionetten in diesem schrecklichen Spiel. Es lag nicht in ihrer Hand, nichts von dem, was geschah.
 

Ohne Vorwarnung würde er sie von sich stoßen. Nami verlor den Halt und stolperte zurück, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Hustend drehte sie sich auf die Seite, griff sich an den Hals, wo sie seinen Griff noch immer spüren konnte.
 

„Ich hoffe für dich, dass du dich ab jetzt wieder im Griff hast und, dass die Ausweise morgen früh auf meinem Tisch liegen. Und jetzt geh mir aus den Augen.“
 

Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie er eine abfällige Handbewegung in Richtung Tür machte, damit sie ihm aus den Augen ging und er sich nicht weiter mit ihr befassen musste. Nichts würde sie lieber tun und doch brauchte ihr Körper etwas mehr Zeit, um wieder klar zu kommen. Nami haderte mit sich, hustete noch einen Moment, bevor sie es doch wieder schaffte aufzustehen. Dabei musste sie sich an einem der Stühle abstützen, da sie doch keinen völlig sicheren Stand hatte. Der Schrecken steckte ihr noch förmlich in den Knochen und ihre Beine fühlen sich weich und zittrig an. Ob sie wirklich zitterte vermochte sie in diesem Moment nicht zu sagen. Verhindern könnte sie es so oder so nicht.
 

Und so wankte sie mehr aus dem Büro, als das sie wirklich sicher ging und musste sich draußen an der Wand abstützen, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. Dabei war es nicht einmal der körperliche Angriff als solches, der sie aus der Bahn geworfen hatte. Es waren seine Worte gewesen, die zwar angekommen waren und doch ihre Wirkung erst nach und nach entfalteten.
 

Noch vor diesem Gespräch hatte Nami geglaubt, dass sie es war, die Aron überwachen würde, bis ins kleinste. Doch vielleicht hatte er seinen Schwerpunkt die ganze Zeit auf etwas völlig anderes gelegt. Wie weit reichte die Überwachung ihrer Schwester? Hörte er sie nur ab? Waren da Kameras in ihrer Wohnung? Sah er ihr zu wann immer er wollte?
 

Ihr war schlecht.
 

Irgendwie schaffte sie es dennoch, dass sie sich wieder in Bewegung setzen und den Gang hinunter wanken konnte. Zurück über den langen Korridor, bis sie endlich wieder ihr Atelier erreicht hatte. Dort schlug Nami die Tür hinter sich zu, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Holz und würde einmal tief durchatmen, bevor sie die Augen schloss und dann doch hinunter auf den Boden rutschte.
 

Er konnte sie sehen, das war ihr bewusst. Sie war hier an keinem sicheren Ort an dem sie sich einen Nervenzusammenbruch erlauben konnte. Aber Nami schaffte es nicht weiter gegen all das anzukämpfen. Sie schaffte es nicht sich zusammen zu nehmen und vor allem schaffte sie es nicht sich zu beruhigen. Ihr Körper zitterte, ihr Herz raste und die Gedanken sprangen von einem Punkt zum anderen ohne, dass sie auch nur einen davon wirklich zu Ende denken konnte.
 

Er beobachtete Nojiko. Er würde ihr etwas antun. Er würde sie hierher zurück bringen. Er würde sie umbringen. Wenn Nami ihm auch nur den geringsten Anlass dazu geben sollte an ihr und ihrer Loyalität zu zweifeln. Angesichts der angespannten Lage war das durchaus etwas, dass ihr schneller auf die Füße fallen konnte, als ihr lieb war. Denn natürlich hatte sie nicht vor Aron bewusst zu hintergehen. Sie war nicht so leichtsinnig. Doch was würde er denken, wenn auf einem ihrer Dokumente ein Fehler entdeckt werden würde? Was, wenn die Polizei doch auf ihre Spur käme? Würde er bereits das als Verrat werten? Was sollte sie machen, wenn ihre Informationen zu den Ausweisen falsch waren? Wenn die Mädchen an der Grenze festgehalten werden würden? Er würde es ihr anlasten. Jeder Fehler, der ab jetzt geschah, schien in diesem Moment auf ihren Schultern zu liegen.
 

Nami’s Atem wurde flacher, während die Gedanken sich immer weiter hoch schaukelten.
 

Was hatte er alles von Nojiko gesehen? Machte er aufnahmen von ihr? Zeigte er die Aufnahmen auch anderen? Sie musste sie aus ihrer Wohnung holen, doch wie sollte sie das machen? Wie sollte sie ihr das klar machen ohne, dass Aron Verdacht schöpfen würde? Und wie weit reichte seine Kontrolle überhaupt? Kontrollierte er auch das Café? Wurde ihr Handy auch überwacht?

Durchaus hatte sie geglaubt, dass sie mit ihrem Handel etwas Freiheit für ihre Schwester erkauft hatte. Dass sie sie aus seiner Reichweite gebracht hatte. Nun musste sie allerdings feststellen, dass es lediglich eine Illusion war. Nami hatte Nojiko auf einen räumlichen Abstand zu Aron gebracht, doch sie wirklich von ihm gelöst? Nein.
 

Schon immer war sie das Druckmittel gewesen, das was er gebraucht hatte, um Nami unter Kontrolle zu halten. Sie wusste es und doch, war es weit schlimmer, als sie es je für möglich gehalten hatte.
 

Nami wusste nicht, wie lange sie dort auf dem Boden hockte und versuchte sich wieder zu beruhigen. Doch es dauerte. Das sie an ihre Grenzen kam, das war durchaus selten. Immer hatte sie sich im Griff und immer funktionierte sie angesichts der Umstände. Aber vielleicht war genau das das Problem. Das Kartenhaus, welches sie sich so mühsam aufgebaut hatte schien langsam in sich zusammen zu fallen.
 

Während sie durchatmete, der Atem langsam ruhiger wurde, strich Nami sich über das Gesicht. Ihre Augen brannten. Schon lange hatte sie nicht mehr so viel geweint. Doch fühlte sie sich deswegen nun erleichtert? Nicht wirklich. Nichts war leichter geworden.
 

Eigentlich, brach ihr Leben gerade auseinander.

compromises


 

2023 - New York
 


 

Ein ausgiebiges Bad konnte manchmal durchaus Wunder bewirken. Robin fühlte sich deutlich ausgeglichener und entspannter als noch vor einigen Stunden. Etwas Schlaf hatte sein übriges dazu getan und nun konnte sie durchaus davon sprechen sich besser zu fühlen. Ihre Gedanken fühlten sich insgesamt strukturierter und weniger schwer an. Ein entscheidender Vorteil, wenn man plante Entscheidungen zu treffen.
 

Inzwischen hatte sie es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Auf dem Boden verteilt und auf dem kleinen Tisch lagen Dokumente und Fotoalben. Zusätzlich hatte sie sich Essen bestellt. Ein veganes Restaurant, dass sie durchaus schätzte, wenn sie hier war, obgleich Robin nicht oft Gelegenheit dazu bekam dort wirklich zu essen. Heute allerdings brauchte sie etwas für die Seele und gutes Essen und ein schöner Rotwein gehörten einfach dazu. Eigentlich ideale Voraussetzungen, um einen entspannten Abend zu verbringen und diesen Tag ausklingen zu lassen.
 

Das sie sich nebenbei mit ganz anderen Fragen beschäftigen musste legte doch einen leichten Schatten über all das und dennoch wogen all diese Fragen in diesem Moment etwas leichter. Immerhin war es eigentlich doch sehr simple. Robin hatte ihre Vergangenheit in dieser Stadt, keine besonders schöne und eine, die sie noch heute belastete. Sie merkte es immer, wenn sie hierher zurück kam und Zeit in New York verbrachte. Über New York lag ein Schatten, dem sie einfach nicht entkommen konnte. Wenn man bedachte, dass sie sich zudem auch ein eigenes Leben aufgebaut hatte, dann konnte man sich durchaus Fragen, warum sie etwas in ihrem Leben hielt, was ihr nicht wirklich gut tat. Es gab keinen Grund, um die Verbindung zu dieser Stadt zu halten. Am Ende kostete es sie nur Geld und Nerven.
 

Dennoch war es nicht so simple und keine Entscheidung, die man einfach auf einer rationalen Basis treffen konnte. Robin war hier aufgewachsen. Es gab auch andere, schöne Erinnerungen. Und das Haus aufzugeben, für welches ihre Mutter so hart gearbeitet hatte, war daher auch kein leichter Schritt.
 

Zu verkaufen wäre der leichteste, vielleicht auch nahe liegende Weg. Und doch hatte Robin nicht das Gefühl, dass das der richtige Weg war. Sie hatte hier ein Haus von dem sie sich eigentlich wünschte, dass es noch einen Zweck erfüllte. Einen anderen, als Menschen ein einfaches Heim zu bieten. Wäre es das, dann hätte Robin auch einfach vermieten können. Oder vielleicht ging es darum, es an die richtigen Menschen zu vermieten.
 

Ihr gefiel der Gedanke diesem Haus einen Sinn zu geben. Ein Heim für Menschen, die sonst keine Chance hätten. Robin dachte darüber nach sich mit einem Frauenhaus in Verbindung zu setzen. Vielleicht würde sich keine sofortige Lösung finden lassen. Doch sie könnte einen Grundstein setzen für das alles. Ein Verkauf würde sich am Ende noch immer regeln lassen, wenn es sein müsste. Dafür müsste sie nicht einmal in der Stadt sein, wenn sie jemanden beauftragen würde.
 

So oder so würde sie das alles hier nicht völlig loslassen müssen, wenn sie eine Zusammenarbeit anstreben würde und gleichzeitig könnte es ihr genug Distanz geben, damit dieser Schatten keinen Einfluss mehr auf ihr Leben hätte. Und, wenn sie sich so durch die alten Fotoalben blätterte? Dann wusste Robin, dass diese Zeit längst vergangen war. Früher war es der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Ein Haus voller Lachen, Freude und Miteinander. Hier hatte sie gelernt und ihre Liebe für Schriften und Geschichte entdeckt. Eine Leidenschaft, die gewachsen war, um darauf ihr heutiges Leben aufzubauen. Durchaus etwas, auf das Robin sehr stolz war und was sie nicht missen wollte. Sie wünschte sich keine Veränderung dahingehend. Obgleich es durchaus auch Dinge gab, die anders sein könnten. Nur, dass man manches Schicksal nicht einfach verändern konnte.

Ein Klingeln riss sie aus ihren Gedanken.
 

Robin blickte auf und zog die Brauen zusammen. Wer sollte das um diese Uhrzeit sein? Sie hatte schon lange keine Freunde oder Bekannten hier in der Stadt. Als es jedoch noch einmal klingelte wusste sie, dass sie sich zumindest kurz damit würde befassen müssen. Es schien kein Irrtum zu sein.
 

Seufzend erhob sie sich, würde dabei den Bademantel noch etwas enger um den Körper ziehen, bevor sie sich auf den Weg zur Tür machte. Noch während sie auf dem Weg war, klingelte es bereits ein drittes mal. Damit wuchs durchaus ihr verdacht, wer da vor ihrer Tür stand und versuchte sich Zugang zu verschaffen.
 

Vielleicht sollte sie es doch einfach ignorieren.
 

Noch während sie darüber nachdachte öffnete Robin die Tür und sah hinauf. Franky schielte zu ihr hinunter und musterte sie einen Moment, bevor er sich bückte und zwei Kartons aufnehmen würde, um diese schweigend an ihr vorbei in ihr Haus und ihre Küche zu tragen.
 

„Was machst du hier?“
 

„Das wüsstest du, wenn du an dein Handy gehen würdest.“
 

Die Kartons landeten auf dem Küchentisch, während Franky sich sein Jacket auszog und über einen der Stühle hing. Robin beobachtete, wie er weiter zu ihrem Kühlschrank lief und diesen öffnete nur, um genervt das Gesicht zu verziehen und sich ihr wieder zuzuwenden.
 

„Ist das dein ernst?“
 

„Ich brauche nicht viel, wenn ich hier bin.“
 

Genau genommen hatte Robin nur das nötigste im Haus. Am wichtigsten war der Kaffee, dazu etwas Obst, Saft und etwas Joghurt. Wozu sollte sie viel einkaufen, wenn sie ohnehin nicht viel Daheim war oder nach wenigen Tagen wieder abreisen würde? Darin sah Robin durchaus keinen Sinn und es war einfacher für sie etwas zu bestellen oder auswärts zu essen. So, wie sie es auch die vergangenen zwei Tage getan hatte.
 

Auch hier bewiesen sie wieder, dass sie schrecklich verschieden waren. Denn Franky musste sich immer heimisch fühlen und dazu gehörte ein Vorrat an Cola und viel Essen in seinem Kühlschrank. Mit beidem konnte sie ihm an diesem Abend allerdings nicht helfen.
 

Und so begab sie sich lieber selbst zum Küchentisch, um sich die Kisten ein wenig genauer anzusehen, die er ihr gebracht hatte.
 

„Was ist das?“
 

Sie nahm den Deckel ab und würde einen Blick hinein werfen. Mappen und Ordner mit verschiedenen Dokumenten lagen darin. Auf den ersten Blick konnte Robin das ganze nicht wirklich zuordnen.
 

„Du wolltest alte Lieferscheine oder andere Dokumente, die mit dem Container zu tun haben, um die Schrift zu vergleichen. Das sind die Dokumente der vergangenen Monate und ein paar zufällige Akten aus den letzten fünf Jahren. Du musst die herausfinden, deren Schrifttyp sich ähnelt. Der Fokus liegt zwar auf den letzten Monaten, da wir das besser zurückverfolgen können aber ich dachte es kann nicht schaden sich auch sporadisch anzusehen, ob auch etwas über die letzten Jahre dabei war.“
 

„Du weißt, dass das Tage dauern kann?“
 

„Hast du etwas dringenderes vor?“
 

Für einen Moment blickte sie ihren Freund schweigend an. Es war nicht so, das sie Termine hatte oder etwas anderes, das auf sie wartete. Dennoch bedeutete das, dass diese Sache sich vielleicht länger als die von ihr geplanten Tage ziehen könnte. Und Robin musste auch zugeben, dass sie nicht erwartet hatte, dass man die entsprechenden Dokumente so schnell auftreiben würde. Das es nun doch so war lag vermutlich an McAllister. Ein toter Politiker war immer ein Grund, damit sich die Dinge schneller bewegten, als bei einem normal Sterblichen. Man wollte offensichtlich alles in Bewegung bringen, was man konnte, um diesen Fall schnell zu lösen.
 

„Willst du meine ehrliche Antwort darauf haben?“
 

„Bitte.“
 

Franky hatte sich ein Glas Saft eingeschüttet und lehnte damit an der Arbeitsfläche, um sie zu beobachten. Gemessen an den Schatten unter seinen Augen, hatte er noch immer nicht geschlafen. Aus ihrer Sicht war es eine alarmierende Situation und wenn man bedachte, wie sich dieser Fall entwickelte, dann ging das durchaus über das hinaus, was sie leisten konnten.
 

„Dieser Ort und dieser Fall tut uns beiden nicht gut. Sieht dich an, wann hast du das letzte Mal geschlafen?“
 

„Es gehört zu unserem Job manchmal die extra Meile zu gehen.“
 

Robin schüttelte den Kopf. Sie beide wussten, dass das hier etwas anderes war. Sie waren beide zu sehr involviert, wenn auch auf andere Weise. Was genau die Beweggründe ihres besten Freundes waren, das konnte sie nicht genau sagen. Es spielte allerdings auch keine Rolle, wenn es bedeutete, dass sie beide maßgeblich unter dieser Situation litten.
 

„Und es gehört auch dazu zu wissen, wo unsere Grenzen liegen. Meine persönlichen Themen beeinflussen meine Arbeit. Das kann ich nicht einfach ignorieren und so tun, als würde es keine Rolle spielen.“
 

„Gut.. dann arbeitest du hier, ich übernehme die Kommunikation mit dem Department und Smoker.“
 

„Du weißt, dass es mehr als das ist.“
 

Er kannte immerhin ihre Geschichte. Man hatte viel darüber gesprochen. Sicherlich war es eine Belastung sich auch mit der Arbeit auseinanderzusetzen, wenn Smoker sich durchaus nicht immer professionell gab. Nur war Robin durchaus Profi genug, um damit umzugehen und sich nicht von so etwas unter Druck setzen zu lassen. Hierbei ging es nicht einfach nur, um persönliche Befindlichkeiten und ihr Problem mit diesem Mann. Es war weit mehr als das.
 

„Und du musst auch eine Pause machen. Du weißt, dass wir immer alles geben aber das hier frisst dich auf.“
 

„Vielleicht. Aber ich kann jetzt nicht einfach gehen und mich raushalten.“
 

„Warum nicht? Franky, wir sind keine Ermittler, das ist nicht unsere Sache.“
 

Noch einmal musste sie es betonen, als wäre sie eine Schallplatte, die einen Sprung hatte. Denn das waren sie durchaus nicht. Auch Franky nicht. Er war ein Experte, der beratend zur Seite stehen konnte, doch ansonsten hatte er keinerlei Befugnisse. Sie wusste durchaus, dass er sich manchmal doch wünschte einen anderen Weg eingeschlagen zu haben und sie sah durchaus, dass er der Typ dafür war. Bei einer höheren Ermittlungsbehörde? FBI oder dem GBI. Ja. Sie konnte sich das für ihn vorstellen und es war nicht so, als hätte Franky keine Verbindungen dorthin und, als wäre das Thema völlig vom Tisch. Im Gegenteil sogar. Die Chancen standen durchaus gut, dass er bald ein Jobangebot bekommen würde, wenn er die letzten Eignungstests bestehen würde. Im Umkehrschluss bedeutete das aber auch, dass er sich nicht bei einem Fall verheizen sollte, für den er nicht zuständig war.
 

Ob er hoffte damit etwas beweisen zu können? Das glaubte Robin nicht. Er mochte anders wirken und doch ließ sich Franky nicht von seinem Ego leiten. Er war ein gutherziger, mitfühlender Mensch und so vermutete sie, dass es doch eher Schuldgefühle waren, die ihn in diesem Fall antrieben. Woher diese genau kamen war wohl seine Sache.
 

„Wir beide wissen, dass dieser Fall eigentlich weitergeleitet werden müsste. Das FBI sollte dafür zuständig sein. Und wir wissen auch beide, dass Smoker über dich und deine Verbindungen versucht sie da heraus zu halten. Das ist der einzige Grund, warum er uns überhaupt erst dazu gezogen hat.“
 

Man musste den Fakten einfach ins Gesicht blicken. Smoker tat nichts ohne Hintergedanken und einen möglichen FBI Agent vor Ort zu haben war doch so gut wie das FBI selbst, nicht wahr? Zumal er sicher auch darauf spekulierte, dass Franky seine Verbindungen nutzen und mit in diesen Fall einbringen würde ohne, dass er ihm dabei auf die Nerven ging oder sich zu sehr einmischte, weil er schlichtweg keine Befugnisse hatte.
 

„Er benutzt uns, damit er sein eigenes Ego nicht zurückstellen muss.“ Das war für Robin doch sehr deutlich. Die Frage war nur, ob Franky das einsehen würde. Und selbst wenn, würde er auch entsprechend danach handeln und das ganze auf sich beruhen lassen? Daran konnte sie in diesem Moment nicht wirklich glauben, so sehr sie es vielleicht auch wollte.
 

„Sie haben das Mädchen gefunden.“
 

Robin blickte ihn überrascht an. Von allen Dingen, die Franky dazu hätte sagen können war es doch das, was sie am wenigsten erwartet hatte.
 

„Lebend?“
 

Eine Leiche, tot. Ja, das hätte zu allem gepasst. Sein Nicken sagte ihr jedoch, dass es nicht so war. Das Mädchen lebte und damit hatte man es geschafft eine wichtige Zeugin zu finden, die hoffentlich etwas mehr Licht ins Dunkel bringen könnte. Sofern sie denn überhaupt etwas wusste und bereit war mit dem NYPD zu kooperieren. Hinzu kam das wissen, dass etwas im Department schief lief, es gab mindestens einen Maulwurf oder korrupten Cop. Selbst, wenn man das Mädchen nun hatte, man müsste sie auch am leben halten, wenn man mit ihr und ihren Aussagen etwas anfangen wollte.
 

Robin atmete tief durch und würde einen Stuhl zurückziehen, um sich darauf sinken zu lassen und sich einen Moment über das Gesicht zu streichen. Eigentlich hatte sie sich sehr über ihren entspannten Abend gefreut und nun warf er wieder einmal alles über den Haufen.
 

„Sie haben sie weggebracht und unter Polizeischutz gestellt. Eine Psychologin betreut sie und am morgen soll sie verhört werden. Ich werde mich ausruhen und morgen dabei sein, um weitere Eindrücke zu sammeln, falls sie etwas sagt. Das könnte ein Durchbruch sein. Ich bitte dich nicht darum dabei zu sein. Ich bitte dich nur das hier durchzusehen und zu schauen, was du finden kannst. Alles was wir bekommen können wird uns helfen.“
 

„Franky.. denkst du wirklich dieses Mädchen taucht auf und wie durch ein Wunder wird ein Menschenhändlerring ausgehoben?“

Das war aus ihrer Sicht doch recht illusorisch und Robin hoffte durchaus, dass er sich dessen bewusst war. Eben ein Grund, warum man darüber sprechen und das ganze genauer auseinandernehmen musste. Er sollte sich nicht in etwas verrennen, denn wie wahrscheinlich war es schon, dass dieses Mädchen ihnen den Kopf des ganzen liefern konnte? Kleine Fische, vielleicht. Doch mehr als das konnte man ihrer Meinung nach wirklich nicht erwarten.
 

Derweil kam Franky zu ihr und würde sich neben sie an den Tisch setzen. Das Glas hatte er geleert und auf der Arbeitsfläche stehen gelassen, um sich nun vorzubeugen. Die Ellen auf die Knie gestützt und die Hände zwischen seinen Beinen gefaltet.

„Ich weiß was du denkst und du hast recht. Aber wir haben eine Spur und wir sollten etwas tun, solange sie noch heiß ist. Ich halte dich raus so weit ich kann aber ich bitte dich darum dir diese Dokumente anzusehen. Bitte Liv.“
 

Schweigend sah sie ihren Freund an. Sie wusste durchaus, wie ernst es ihm war. Nicht in allen Punkten lag er falsch und doch fragte sich Robin, ob man nicht an irgendeinem Punkt aussteigen sollte. Aber was, wenn sie das tun würde? Es würde kaum etwas verändern. Robin war sich sicher, dass Franky bleiben und diese Sache weiter durchziehen würde, auch ohne sie. Und so war es wohl eher die Frage, ob sie ihren Freund wirklich alleine lassen oder wenigstens ein Auge auf ihn haben wollte.
 

„Okay.. was erwartest du von mir?“, fragte sie dann auch nur und blickte ihn forschend an. Zuvor hatten sie immer darüber gesprochen was sie investieren würden. Wie viele Tage es wohl dauern sollte, bis man wieder im Flugzeug saß. Vier Tage hatte sie ihm zugestanden. Wenn man bedachte, wie sich die Lage entwickelte konnte man kaum voraussagen wie viele Tage das alles wirklich noch in Anspruch nehmen würde.
 

„Das wir bleiben.. solange die Sache in Bewegung ist. Das wir mit dem arbeiten was wir bekommen und, wenn alles ausgeschöpft ist, dann gehen. Ich brauche dich im Hintergrund.. den Rest übernehme ich.“
 

„Und du wirst wirklich gehen, wenn wir den Stillstand erreichen?“
 

Fragend hob sie die Brauen denn bisher war es anders. Franky wirkte eher so als würde er sich an diesem Fall festbeißen wollen, obwohl es nicht einmal seine Verantwortung war. Und das er wirklich locker lassen würde, das konnte sie in diesem Moment durchaus nicht glauben. Gemessen an der Tatsache, dass er sie weiterhin nur schweigend ansah, lag sie mit ihrem Bauchgefühl wohl nicht ganz falsch.
 

Tief atmete sie durch und schüttelte dann den Kopf. Das war durchaus ein Spiel, welches er ohne sie spielen musste. Robin würde da nicht mitmachen.
 

„Ich werde nicht hier bleiben und dabei zusehen, wie du deine Karriere aufgibst oder dich an so einen Fall verlierst. Du bist hier niemandem etwas schuldig.“
 

„Das erwarte ich auch nicht. Ich weiß was ich tue.“
 

„Dann solltest du dich auch so verhalten.“
 

Franky erhob sich wieder und begann durch die Küche zu laufen. Das alles mochte ihm nicht passen, doch es war nicht ihre Aufgabe ihn zu besänftigen. Oder ihm gar entgegen zu kommen. Und so müsste er sich wohl mit ihrer Meinung arrangieren. Was das vielleicht am Ende für ihre Partnerschaft bedeutete musste man sehen. Bisher war es durchaus noch nie so weit gewesen, dass sie sich uneinig gewesen wären aber nun kam man wohl an einen solchen Punkt. Robin ging zwar nicht davon aus, dass das alles ihre Freundschaft beeinträchtigen würde, doch beruflich würde man sich nach all dem sicher noch einmal unterhalten müssen.
 

„Ich fahre jetzt ins Hotel und versuche ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Meld dich einfach, wenn du irgendwas findest, okay?“
 

„Natürlich.“
 

Er ging dem Gespräch aus dem Weg, doch es war durchaus nicht der beste Zeitpunkt dafür. Wenn man bedachte, wie übermüdet er vermutlich war, dann würde dieses Gespräch weder nachhaltig sein noch irgendeinen Nährwert haben.
 

Sie würde ihm mit dem Blick folgen, als er noch einmal zu ihr kam, um die Hand auf ihre Schulter zu legen und dann den Weg zur Tür anzutreten. Robin selbst blieb sitzen und rieb sich angestrengt über das Gesicht. Das war durchaus nicht der Ausklang, den sie sich für diesen Abend erhofft hatte. Eigentlich hatte sie sich später noch mit einem guten Buch zurückziehen und damit ihre Zeit verbringen wollen, bevor sie dann doch etwas früher ins Bett hatte gehen wollen. Es gab Schlaf nachzuholen nach der vergangenen Nacht.
 

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war würde Robin den Blick auf die Akten richten und fragte sich, ob sie dieses Thema heute noch angehen sollte. Zwei Kisten und, wenn sie darin eine Verbindung finden wollte, dann könnte sie innerhalb eines Tages zu ersten Schlüssen kommen oder, es würde sie Tage dauern. Dabei kam es darauf an, wie markant die Schrift war oder, ob es etwas anderes gab, welches auf den betreffenden Lieferscheinen hervorstechen würde.
 

Dennoch war es wohl nicht die wichtigste Spur, die man hier hatte und das wiederum veranlasste Robin dazu, dass sie aufstehen und sich wieder ins Wohnzimmer begeben würde. Zwar meldete sich ihr Pflichtbewusstsein und doch brauchte sie diesen Abend einfach für sich. Wenn sie sich am nächsten Tag damit beschäftigen würde, war es auch ausreichend. Zumal es auch nicht helfen würde, wenn sie unkonzentriert bei der Sache wäre. Gerade, wenn es darum ging, solche Gemeinsamkeiten zu erkennen, dann musste sie sich voll und ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren können.
 

Mit einem seufzen würde Robin sich wieder auf die Couch sinken, um dann ihren Blick wieder schweifen zu lassen. Über die Erinnerungen, die sie hier auf dem Boden verteilt hatte. Es war schrecklich lange her und zwischen all diesen Erinnerungen lagen auch viele schlechte. Doch daran wollte Robin sich nicht festhalten. Als sie es gekonnt hatte, hatte sie sich von all dem losgelöst und distanziert. Umso wichtiger war es nun auch, dass sie sich auf das konzentrierte, was gut und schön gewesen war.

Robin würde eines der Fotoalben aufnehmen und einen Blick hineinwerfen. Die Bilder, die darin waren stammten von einem Ausflug, den sie einmal mit ihrer Mutter gemacht hatte. Robin erinnerte sich gerne daran. Gerade, weil es durchaus nicht so oft vorgekommen war, dass sie viel gemeinsame Zeit gehabt hatten. Schon immer hatte ihre Mutter viel gearbeitet, das hatte Robin nicht anders gekannt. Immerhin war sie doch auch damit aufgewachsen. Dadurch war sie schon früh zur Selbstständigkeit erzogen worden und hatte gelernt auf eigenen Beinen zu stehen. Man könnte sich nun vielleicht fragen, ob Robin nicht von ihrer Mutter vernachlässigt worden war, doch das würde sie so nicht unterschreiben. Vielleicht hatte sie nicht so viel Zeit mit ihrer Mutter gehabt und war ohne Vater aufgewachsen. Doch die Zeit, die sie mit ihrer Mutter gehabt hatte, war immer voller Glück geprägt gewesen. In dieser Zeit hatte ihre Arbeit nie eine Rolle gespielt, sie hatte sich nicht stören lassen und war mit all ihrer Aufmerksamkeit bei Robin gewesen.
 

Das sie allerdings für ein paar Tage, über ein Wochenende, weggefahren waren, war dennoch etwas sehr besonderes. Robin erinnerte sich daran, dass sie es kaum hatte glauben können, das sie schrecklich aufgeregt gewesen war. Und dieses Glück konnte man auch auf den Fotos erkennen. Auf jedem Bild strahlte Robin in die Kamera.
 

Die zahlreichen Museumsbesuche waren ein Highlight gewesen und das Buch, welches sie in einem erstanden hatten, stand noch heute im Regal und war eine dankbare Erinnerung an diese besondere Zeit. Und auch jetzt zauberte es Robin ein sanftes Lächeln auf die Lippen. Von ihrer Mutter hatte sie ihre Leidenschaft für Geschichte und alte Schriften. Sie hatte sie dazu inspiriert das zu tun, was sie heute tat. In jeder Hinsicht.
 

Manchmal fragte sich Robin, was sie dazu sagen würde, wie sich ihr Leben entwickelt hatte. Wäre sie stolz auf sie? Zumindest würde sie ihr keine Vorwürfe bezüglich ihres Liebeslebens machen. Immerhin war sie selbst alleinerziehend gewesen und hatte nie einen Mann in ihrem Leben gebraucht, um glücklich zu sein. Brauchte Robin eine Partnerin, für ihr Glück? Und, was hätte ihre Mutter wohl dazu gesagt, wenn sie sich bei ihr geoutet hätte? Auf letzteres hatte Robin durchaus keine Antwort. Sie hatte schlichtweg keine Ahnung, wie ihre Mutter zu diesem Thema gestanden hatte, weil es damals keine Rolle in ihrem Leben gespielt hatte.
 

Die erste Frage konnte sie sich selbst beantworten. Nein, sie brauchte keine Partnerin zu ihrem Glück. Inzwischen führte sie durchaus ein erfülltes Leben, doch sie musste auch zugeben, dass manche Dinge schöner waren, wenn man sie teilen konnte. Es wäre die berühmte Kirsche auf der Torte, wenn man es so nennen wollte. Brauchte man sie? Nein. War es schön, wenn man sie bekam? Sicherlich. So hielt es auch Robin.
 

Seufzend würde sie das Album wieder schließen und es zur Seite legen, bevor sie sich über die Augen strich. Warum genau machte sie sich nun über solche Dinge Gedanken? Vielleicht wegen der Nummer, die an ihrem Kühlschrank hing. Sie fragte sich durchaus, ob sie versuchen sollte eine Frau kennenzulernen, die eigentlich in einer Stadt lebte, mit der Robin brechen wollte. Fernbeziehungen waren machbar aber keine dauerhafte Lösung. Die Vernunft sagte ihr, dass es keinen Sinn hatte diese Nummer zu wählen und sie wiederzusehen, gar zu versuchen aus etwas Spaß, doch etwas anderes werden zu lassen. Sofern Nora das überhaupt wollen würde.
 

Doch entgegen ihrer Vernunft war da etwas. Etwas, das Robin, trotz aller Umstände, einfach nicht aus ihrem Kopf bekam.

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1993 - New York
 


 

Mit leerem Blick beobachtete sie die Menschen, die sich durch das Haus schoben. Eine Masse schwarzer Ameisen, die sich in langsamen Strömen von einem Raum in den anderen Bewegten. Die meisten von ihnen hatten ein Glas oder eine Tasse in der Hand. Manche auch etwas zu essen. Über all dem lag eine erdrückende Schwere, die einem fast den Atem nehmen konnte. Es fiel schwer zu atmen und doch entfernten sich die Menschen nicht voneinander. Sie gingen dem nicht aus dem Weg auch, wenn der kleine Hinterhof mit Garten ein Rückzugsort hätte sein können.
 

Wobei, wenn sie nicht dort sein durfte, warum sollten sie es dann? Vor einer Weile hatte sie versucht hinaus zu schleichen, doch ihre Tante hatte es bemerkt, sie an der Schulter gemacht und wieder zurück in den Raum geschoben. Es sei nicht in Ordnung die Gäste alleine zu lassen. Als sei es ihre Pflicht hier zu sein und sich um diese Menschen zu kümmern, von denen sie die meisten nicht einmal kannte. Zudem hatte sie auch nie darum gebeten, dass sie kamen und nun hier in ihrem Zuhause waren. All das hatte sie nie gewollt. Warum also sollte sie nun hier sitzen? Zumal ohnehin niemand von ihr Notiz zu nehmen schien. Niemand beachtete sie.
 

Nicht einmal vor der Kirche hatte man sie wirklich beachtet. Mitleidige Blicke, Gestotter. Offenbar waren die meisten Menschen damit überfordert, wie sie mit einem Kind in so einer Situation umgehen sollten.
 

Robin hatte all das nur mit einem stoischen Blick und ausdrucksloser Miene über sich ergehen lassen. Seit einer Woche war ihr Leben völlig aus den Fugen geraten und sie verstand es noch immer nicht wirklich. Nichts hatte sie darauf vorbereitet, es hatte keine Vorwarnung gegeben. Morgens noch hatte sie gemeinsam mit ihrer Mutter gefrühstückt, bevor sie in die Schule gegangen war. Dort war sie einige Stunden später von einem Polizisten wieder abgeholt worden. Ihre Mutter sei tot. Man könne nichts genaues sagen. Ein Unfall. Ihre Tante und ihr Onkel seien auf dem Weg.
 

Alles davon hatte sich so schrecklich falsch in ihren Ohren angehört. Robin hatte es nicht glauben wollen. Nicht nur ihre Mutter war bei dem Unfall anwesend gewesen. Noch weitere Menschen, Freunde und Kollegen ihrer Mutter, denen Robin näher gestanden hatte, als diesen Menschen hier. Sie alle waren plötzlich fort und sie war alleine. Alleine zwischen diesen Menschen, die sie nicht kannte und von denen sie nicht wusste, warum sie gekommen waren.
 

Ihre Tante schien viele von ihnen zu kennen. Allgemein hatte Robin das Gefühl, das es eher darum ging ihr Mitgefühl auszudrücken, als Robin. Dabei hatte sie zu ihrer Tante in den vergangenen Jahren so gut wie keinen Kontakt gehabt. Sie hatten alle Brücken zu ihrer ehemaligen Heimat abgebrochen und Robin konnte sich kaum noch an das Leben in Moskau erinnern. Alles was geblieben war, war die Sprache. Zuhause hatten sie nur russisch gesprochen, außerhalb war Englisch die Sprache, mit der sie aufgewachsen war. Mehr Verbindung gab es zu all dem nicht und der Bruder ihrer Mutter mochte vielleicht auf dem Papier ihr Onkel sein, faktisch war er für Robin ebenso ein Fremder, wie all diese anderen Menschen. Er und seine ganze Familie.

Ober all dem lag ein Brummen. Leise Worte wurden ausgetauscht, ein Murmeln, welches unverständlich war solange die Worte nicht direkt an einen gerichtet wurden. Dann und wann ein verlegenes, leises Lachen. Ausdruck von Unsicherheit. Durfte man in einem solchen Rahmen lachen? Spaß haben?
 

Nein. Doch war es wohl nur keine Höflichkeit, dass sich niemand wirklich gehen ließ und sich an die Form hielt. Denn wirkliche Trauer? Ihr Blick schweifte weiter abwesend über die Gesichter der Erwachsenen in denen sich keine Trauer zeigte. Oran, ihr Onkel, war wohl der einzige, der ein wenig betroffen wirkte. Allerdings hielt er sich doch weitgehend im Hintergrund und verkroch sich schon geraume Zeit in der Küche. Kurzweilig hatte sich Robin sogar gefragt, ob sie in ihm einen Verbündeten sehen könnte. Jemand der andere Ansichten, als ihre Tante teilte. Schnell hatte sich aber gezeigt, dass er wenig gegen sie zu sagen hatte und am Ende auch nur das tat, was sie vermeintlich zufrieden stellte.
 

All das verstand Robin nicht. Was sie aber verstand war, das sie keine Kontrolle darüber hatte. Man hatte ihr gesagt, dass ihr Onkel und ihre Tante nun für sie verantwortlich waren und sich um sie kümmern würden. Ob Robin das wollte oder nicht, das spielte durchaus keine sonderliche Rolle. Sie musste sich dem fügen auch, wenn sie nicht wirklich wusste, was genau das bedeutete.
 

Würde es zurück nach Moskau gehen?
 

Man hatte ihr nichts dazu gesagt. Bis heute war sie in der Obhut eines Heim’s gewesen. Eine Sozialarbeiterin hatte sich um sie gekümmert, damit ihre Verwandten sich um alles kümmern konnten. Die Beerdigung und alles was damit zusammenhing. Gespräche mit der Polizei sicherlich auch.
 

An diesem Morgen hatte man sie abgeholt, zum Friedhof gebracht und dann hierher. Robin hatte keine Fragen gestellt und man hatte kaum mit ihr gesprochen. Das sie sich umziehen und angemessen verhalten sollte. Das hatte man ihr gesagt. Für wen oder warum, das verstand sie allerdings nicht wirklich. Vielleicht würde man ihr bald mehr sagen dann, wenn all diese Menschen wieder gegangen waren.
 

Momentan sah es allerdings nicht danach aus, dass das alles bald ein Ende haben würde. Ihr Blick glitt wieder über die Menschen auf der Suche nach ihrer Tante. Sie schien in ein Gespräch vertieft zu sein und nicht mehr auf sie zu achten. Robin entschied sich dazu die Gunst der Stunde zu nutzen und schob sich von ihrem Platz, um sich anschließend zwischen den Menschen hindurch zu begeben. Das Ziel war die Treppe, die ins Obergeschoss führte. Zu den Schlafzimmern und dem Büro ihrer Mutter. Und, wenn Robin nicht hinaus durfte, dann wollte sie wenigstens in ihr Zimmer und dort etwas Ruhe tanken.
 

An der Treppe angekommen blickte sie sich noch einmal um, doch niemand schien auf sie zu achten. Gut. Daher begab sich Robin dann auch die Treppe hinauf. Schnelle Schritte trugen sie über die Stufen auch über die knarzende, die schon immer etwas lauter gewesen war. Heute würde es niemandem auffallen. Nicht einmal sie selbst konnte das Knarzen richtig wahrnehmen, dazu war es doch zu laut im Haus. Zu viel Bewegung, Menschen und Geräusche.
 

Dafür wurde es im nächsten Stockwerk etwas ruhiger. Die Luft schien weniger zu vibrieren und der Abstand zu den Menschen tat gut. Ließ sie ein wenig durchatmen. Robin rieb sich über die Augen, während sie den Flur entlang ging und ihr Zimmer ansteuerte. Sie wollte einfach dort hin und die Tür schließen, damit sie endlich alleine war. Seit der Polizist gekommen war, war sie nicht alleine gewesen. Immer waren da Menschen, die etwas von ihr wollten oder, weil sie einfach da waren. Um sie herum. Selbst Nachts. Da hatte sie kein Zimmer für sich gehabt und das hatte Robin nicht gefallen. Sie war gerne alleine, wollte lesen. Doch all das war einfach nicht möglich gewesen. Sie hatte nicht lesen, sich nicht konzentrieren können. Da war so schrecklich viel los in ihrem Kopf. Und sie fühlte sich komisch. Schon die ganze Zeit. So hatte sie sich noch nie gefühlt.
 

Verstehen musste sie das wohl nicht. Oder sie würde es irgendwann. Nicht so wichtig. Eigentlich wollte sie nur, dass diese Gefühle aufhörten und sie sich wieder anders fühlte. Normal. Wie sie es kannte.
 

Über den Flur ging es zu ihrem Zimmer.
 

Die Tür stand offen und Robin zog die Brauen zusammen, als sie um die Ecke blickte. Die Geräusche, die sie aus ihrem Zimmer vernahm waren vermutlich schon die ersten Vorboten davon, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte.
 

Da war jemand. Nicht irgendjemand sondern ihre Cousine. Ira. So kürzte Robin zumindest ihren Namen ab und sie fand es auch deutlich passender. Nicht, dass ihre Meinung in dieser Sache eine wirkliche Rolle spielte. Niemand fragte nach ihrer Meinung oder ihren Gedanken. Nicht mehr.
 

Für einen Moment beobachtete sie Ira, die gerade dabei war Robin’s Bücher anzusehen und achtlos auf den Boden zu werfen. Das Zimmer machte deutlich, dass sie wohl schon etwas länger hier war und sich durch Robin’s Sachen wühlte. Sie sah sich einfach alles an, nahm alles auseinander, als würde es ihr gehören.
 

Ein merkwürdiges Gefühl machte sich in ihrem Bauch bemerkbar.
 

„Was machst du da?“
 

Ira hielt inne in ihrem Bewegungen und blickte über die Schulter. Der Blick war abschätzig und wirkte nicht so, als würde sie sich unangenehm berührt fühlen. Wenn man bedachte wobei Robin sie gerade erwischt hatte, war es wohl kaum eine angemessene Reaktion in ihren Augen.
 

Wirklich viel wusste sie nicht über ihre Cousine. Sie hatten sich erst kürzlich kennengelernt, ihre Mutter hatte vielleicht mal von ihr und dem Rest der Familie erzählt aber, das hatte nie wirkliche Bedeutung gehabt. Ira war älter als sie und einen halben Kopf größer als Robin. Und sie schien das Ebenbild ihrer Mutter zu sein. Ihren Onkel konnte Robin nicht in ihren Zügen erkennen und das spiegelte sich bisher auch in ihrem Verhalten wieder.
 

„Ich sehe mir mein Zimmer an“, sagte sie ungerührt und wandte sich dann wieder ab, um sich wieder den Büchern und Regalen zuzuwenden.
 

„Das hier ist mein Zimmer.“
 

„Nicht mehr. Mum hat gesagt, dass das ab jetzt mein Zimmer ist und wir deine Sachen wegwerfen werden. Ich schaue, ob ich noch etwas gebrauchen kann.“
 

Das war ihr Zimmer? Ihre Sachen würden weggeworfen werden? Sie wollte etwas behalten? Dabei zog sie nun doch die Brauen zusammen. Unbewusst hatte Robin die Fäuste geballt. Das Gefühl in ihrem Bauch wurde stärker, unangenehmer. Was sollte das? Warum sollte sie aus ihrem Zimmer raus? Warum würde Ira hier bleiben? Warum sollte sie hier wohnen?
 

„Was guckst du so? Verzieh dich.“
 

Warum? Das war ihr Zimmer. Ira hatte hier nichts zu suchen. Das waren ihre Sachen. Ira sollte verschwinden!
 

„Nein. Das ist mein Zimmer..“
 

Ira schnaufte und drehte sich nun ganz zu ihr, musterte sie einen Moment, bevor sie auf Robin zukam. Sie schien sich durchaus nicht an all dem zu stören. Weder an Robin, noch daran, was diese gesagt hatte. Und, als Robin in ihr Zimmer kommen wollte, da legte sie ihr die Hand auf die Brust. Ira übte druck aus, damit sie nicht weiter kam.
 

„Ich hab gesagt, du sollst dich verziehen“, wiederholte sie noch einmal ihre Worte. Dabei wurde der Druck etwas stärker und, bevor Robin reagieren konnte, wurde sie hinaus auf den Flur gestoßen. Dabei verlor sie das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen, bevor sie unsanft auf dem Boden landete.
 

Perplex und überfordert blickte Robin auf die Tür zu ihrem Zimmer, die ihr vor der Nase zugeschlagen worden war. Das Klicken im Schloss sagte ihr, dass Ira die Tür verschlossen hatte, damit sie keinen Zugang mehr zu ihrem Zimmer oder ihren Sachen hatte.

Robin verstand nicht, was hier passierte. Sie verstand nicht, warum alles plötzlich so anders war, was das für ein Gefühl in ihrem Bauch war. Auf einmal wurde ihr alles weggenommen, was ihr etwas bedeutete.
 


 

***
 


 

„Wo willst du hin?“
 

Der schneidende Ton in der Stimme ihrer Tante ließ sie inne halten. Robin trat näher an den Durchgang zum Wohnzimmer. Ihre Tante und ihr Onkel saßen auf der Couch, der Fernseher lief mit irgendeiner reality Show. Robin verstand nicht, warum sie das sahen. Ja, auch sie hatte manchmal mit ihrer Mutter einen Film gesehen, doch das war doch eher die Ausnahme gewesen. Obgleich das nicht die einzige Veränderung war, die Einzug gehalten hatte. Die Bücher ihrer Mutter waren verschwunden. Robin hatte es geschafft ein paar aus dem Müll zu fischen und zu retten. Und doch war das meiste verschwunden. Die Einrichtung war noch nicht völlig verändert worden aber Robin wusste durchaus, dass man Dinge ändern wollte. Ständig verschwanden Sachen und neue tauchten auf.
 

„Auf mein Zimmer.“
 

„Hast du den Abwasch gemacht?“
 

„Ja.“
 

Auch das hatte sich verändert. Sobald Robin Nachhause kam war sie nicht alleine und anstatt sich hinzusetzen und ihre Hausaufgaben zu machen, musste sie Dinge im Haushalt machen. Jeden Tag gab es eine neue Aufgabe für sie, die ihre Tante ihr vorschrieb. Toiletten putzen. Staubsaugen. Fenster putzen. Und nach jedem Essen musste sie sich um den Abwasch kümmern. Oder Dinge wegräumen.
 

Ihre Tante musterte sie, machte dann aber nur eine kurze Handbewegung, die ihr deutlich machte, dass sie gehen konnte. Und das tat Robin dann auch. In der ersten Zeit war ihre Tante noch aufgestanden und hatte ihre Arbeit kontrolliert. Wenn Robin es nicht zu ihrer Zufriedenheit gemacht hatte, dann bekam sie am nächsten Tag nichts zu essen. Das war ein paar Mal passiert und seither ließ sich Robin besonders viel Zeit mit den Aufgaben, um alles richtig zu machen. Glücklicherweise schien ihre Tante mit dieser Entwicklung so zufrieden zu sein, dass sie es inzwischen sein ließ sie zu kontrollieren. Aus ihrer Sicht war diese Erziehungsmaßnahme wohl ein voller Erfolg.
 

Mit ihrer Schultasche ging es hinauf in den ersten Stock, wo sie noch einmal inne hielt und den Gang hinunter blickte. Die Tür zu ihrem alten Zimmer war geschlossen, laute Musik drang hinaus. Robin mochte dieses Geschrei nicht aber Ira liebte es und sie hörte es immer. Den ganzen Tag und so, dass alle anderen hörten, was sie hörte. Es war laut. Alles war so schrecklich laut geworden. Denn während da die Musik aus Ira’s Zimmer drang, konnte sie den Fernseher aus der unteren Etage hören. Nicht verwunderlich, wenn sie die Musik übertönen und noch etwas verstehen wollten. Dennoch schien sich das alles immer wieder hochzuschaukeln.
 

Robin lief weiter. Für sie ging es eine Etage höher. Dort öffnete sie die Tür und schob sich in den Raum, um das Licht einzuschalten. Eine Glühbirne erhellte den Raum mit spärlichem Licht. Früher war es ein Dachboden gewesen. Ihre Mutter hatte hier alte Dinge eingelagert und Robin hatte diesem Ort nie wirkliche Beachtung geschenkt. Nun war es ihr neues Zimmer. Ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Das hatte man ihr hierher gestellt. Ihre Kleidung lag noch in Kisten aus denen sie immer das richtige heraussuchen musste.
 

Es war kalt und nicht gemütlich. Robin arrangierte sich mit der Situation. Was sollte sie auch sonst tun? Sie hatte die Sozialarbeiterin gefragt, ob sie bleiben musste, doch ihre Verwandten hatten das Sorgerecht für sie und, bis Robin volljährig war, verwalteten sie auch Teile ihres Erbes. Wie genau das funktionierte hatte Robin nicht verstanden. Sie hatte keine Fragen stellen dürfen, wobei man ohnehin nicht wirklich mit ihr gesprochen hatte. Der Mann, der es erklärt hatte, hatte mit ihrem Onkel und ihrer Tante gesprochen. Robin hatte da sein müssen. Warum genau? Auch das hatte sie nicht verstanden. Was sie aber verstanden hatte war, dass ihre Verwandten nun mit ihr hier wohnen würden und die Chance auf das Haus mit ihrer Auswanderung verbunden hatten. Vor kurzem hatten sie ein kleines Restaurant eröffnet und arbeiteten dort. Ihr Onkel tat das zumindest. Wie es sich mit ihrer Tante verhielt wusste Robin nicht wirklich. Mal war sie hier, dann wieder nicht. Vor allem aber lud sie ständig Menschen ein und schien viele Kontakte zu knüpfen. Robin verstand nicht, warum sie so viele Leute kannte, obwohl sie noch nicht lange im Land war. Doch das hatte dazu geführt, dass Russisch und die russische Kultur einen viel stärkeren Bezug in ihrem Leben hatten. Etwas das grundsätzlich nichts war, das völlig fremd für Robin war und dennoch empfand sie etwas daran als extrem.
 

Mit ihrem Rucksack begab sich Robin weiter zum Tisch, wo sie anfing ihre Hefte und Bücher auszupacken. Als nächstes müsste sie die Hausaufgaben machen. Gestern hatte sie es nicht geschafft und es vergessen. Etwas das ihr noch nie geschehen war. Sie würde sicher mehr arbeiten müssen, wenn sie weiterhin gute Noten haben wollen würde. Sie hatte bisher immer Bestnoten gehabt, immerhin hatte sie ein klares Ziel vor Augen. Und dafür waren gute Noten das wichtigste. Sie wollte studieren. Früher wäre das möglich gewesen, ihre Mutter hatte ein gutes Einkommen gehabt. Doch jetzt? Robin wusste, dass ihre Verwandten ihr ein Studium nicht bezahlen würden. Ihre Tante sprach ständig davon, dass sie bald arbeiten sollte und es eigentlich Zeitverschwendung sei sie in die Schule zu schicken. Also brauchte Robin besonders gute Noten, nur so könnte sie sich vielleicht ein Stipendium erarbeiten und ihren Traum verwirklichen könnte. Es waren sicherlich keine Gedanken, um die sie sich in ihrem Alter Gedanken machen sollte und doch musste sie es tun. Sie war auf sich alleine gestellt und das hatte sie doch sehr schnell verstanden.
 

Trotz dessen spürte Robin vor allem, dass sie einfach müde war. Am liebsten würde sie einfach schlafen und ins Bett gehen. Und doch schob sie sich auf den Stuhl und würde ihr Heft aufschlagen, um zu schauen, was getan werden musste. Es war eine eher lange Liste. Drei Fächer galt es abzuarbeiten und dabei fehlte noch ein viertes, was sie am vergangenen Tag nicht geschafft hatte. Das würde sie auch am nächsten Tag brauchen.
 

Etwas daran ändern konnte Robin in diesem Moment nicht und so würde sie sich einfach an die Arbeit machen und sich damit beeilen, damit sie hoffentlich bald ins Bett konnte. Denn am Ende spielten die Umstände keine Rolle und niemand würde sich dafür interessieren. Es zählte nur das Ergebnis und dafür würde Robin nun noch härter arbeiten und es alleine schaffen müssen.
 


 

***
 


 

„Verzieh dich, wir sitzen hier.“
 

Robin’s Rucksack wurde gepackt und durch den Gang der Metro geworfen. Etwas das inzwischen nicht neu für sie war und so würde sie schweigend aufstehen und sich daran machen ihre Sachen wieder einzusammeln. Es brachte nichts darüber zu diskutieren und etwas zu sagen. Robin’s Worte trafen auf taube Ohren und ein vernünftiger Diskurs war wohl nicht das, was ihr hier helfen würde. Eigentlich hatte sie gehofft dem ganzen aus dem Weg zu gehen. Doch nicht jeden Tag hatte sie dieses Glück. Zumal Ira es auch darauf anlegte, dass Robin ihr nicht aus dem Weg gehen konnte.
 

Nicht nur, dass sie sich ein Zuhause teilten und sie Robin’s Zimmer für sich beansprucht hatte, nein. Sie gingen inzwischen auch auf die gleiche Schule. Zwar in unterschiedliche Jahrgänge und doch waren die Pausen wunderbare Möglichkeiten in denen Ira sie immer wieder fand. Und, wenn es ihr dann nicht gelang, weil Robin es schaffte einen ruhigen Platz zum lesen zu finden, dann war es der Heimweg. Zumindest an den Tagen, an denen sie gleich viele Stunden hatten.
 

Auch hier hatte Robin schon viele Schlupflöcher gefunden. Sie ging Umwege zu einer anderen Haltestelle. Oder sie wartete länger, in der Hoffnung, dass Ira schon verschwunden war. Möglichkeiten, die durchaus funktionierten aber eben nicht immer. Zumal sie und ihre Freunde durchaus gefallen an diesem ungleichen Katz und Maus Spiel hatten.
 

Heute hatte sie kein Glück gehabt und die Metro war auch nicht so voll, als das man sie in Ruhe lassen würde. Genug Freiraum, der zu Robin’s Leidwesen auch ausgiebig genutzt wurde. Denn kaum, dass sie ihre Sachen zusammen hatte und sich setzen wollte, war da schon jemand anderes und schob sich auf die Sitzfläche vor ihr. Gleichzeitig wurde sie zurückgestoßen und konnte sich gerade so fangen, um nicht auf dem Boden der Bahn zu landen.
 

„Was ist, heulst du jetzt?“
 

Wurde sie provokant gefragt. Nicht zum ersten Mal doch, Robin weigerte sich ihnen diesen Gefallen zu tun. Ganz gleich, was passierte, sie würde nicht weinen. Sie würde ihnen nicht diese Genugtuung geben. Immerhin lauerten sie nur darauf, dass sie endlich zusammenbrach. Das konnte sie deutlich spüren. Ira ließ sie keine Sekunde aus den Augen.
 

Sie lachten, während die Metro an der nächsten Haltestelle einfuhr. Die Türen öffneten sich und Robin wandte sich ab. Manchmal war es besser aus solchen Situationen zu verschwinden und im Gegensatz zur Schule hatte sie hier die Wahl. Robin musste nicht diese Line nehmen. Und wenn sie dann Zuhause Ärger bekommen würde, weil sie zu spät dran war? Das war ihr in diesem Moment durchaus egal. Das Geschrei ihrer Tante konnte sie besser ignorieren als das, was hier momentan passierte.
 

„Hier geblieben!“
 

Jemand packte sie am Rucksack und zog sie zurück. Robin stolperte und, bevor sie einen zweiten Anlauf nehmen konnte, schlossen sich die Türen schon wieder und die Bahn fuhr weiter. Chance vertan und sie müsste auf die nächste Station warten.
 

„Lasst mich in Ruhe!“
 

„Oder was?“
 

Wieder wurde gelacht. Man nahm sie nicht ernst in ihren Worten. Es brachte nichts, zu oft hatte sie es schon versucht und am Ende? Hatten sie recht. Mit wem könnte Robin schon sprechen, was könnte sie tun? Es gab niemanden. Und selbst, wenn sie es in der Schule ansprechen würde, sie lebte mit Ira und ihren Eltern unter einem Dach. Es ging nicht nur um die Zeit in der Schule und, dass ihre Tante immer auf der Seite ihrer Tochter stand und ihr Onkel nichts dazu sagte, das hatte Robin sehr schnell verstanden. Mit diesem Wissen war auch klar, dass es nichts gab, was sie gegen all das tun konnte.
 

„Willst du zu deiner Mami laufen und es ihr sagen?!“
 

Das lachen wurde nicht leiser und Robin zog angespannt die Brauchen zusammen. Ja, früher wäre sie zu ihrer Mutter gegangen, hätte mit ihr darüber gesprochen. Doch früher hätte sie auch nie solche Probleme gehabt. In der Schule hatte sie zwar nie viele Freunde gehabt, weil sie schon immer gerne alleine gewesen war, doch sie war zurecht gekommen. Sie war glücklich damit gewesen. Und auf einmal war alles anders.
 

„Das kann sie nicht, man hat sie in die Luft gesprengt!“
 

„Booooohm!“
 

„Bohooom!“
 

Sie grölten vor Lachen und Robin schloss einen Moment die Augen. Irgendwie hatten sie recht. Es war ein Unfall gewesen, das hatte man gesagt. Es hatte eine Explosion gegeben. Wie genau das alles passiert war, das hatte man Robin nicht gesagt. Doch im Gespräch mit ihrer Tante und ihrem Onkel war wohl heraus gekommen, dass die Umstände nicht ganz geklärt werden konnten und ein Fremdeinwirken nicht ausgeschlossen werden konnte. Das hatte Robin allerdings nur erfahren, weil Ira es als ungeheuer witzig empfand, das ihre Mutter durch eine Explosion ums Leben gekommen war.
 

Robin war daraufhin zu ihrem Onkel gelaufen. Sie hatte ihn zur rede gestellt und hatte gefragt, was das zu bedeuten hatte. Er hatte alles bestätigt, während seine Tochter lachend auf der Treppe gesessen und sich nicht mehr hatte beruhigen können.

Es hatte weh getan, alles daran und wieder hatte Robin dieses komische Gefühl in ihrem Magen gespürt. Ein Gefühl, welches sie auch jetzt spüren konnte, während die Gruppe über sie und den Tod ihrer Mutter lachte, als sei es der größte Witz des Jahres.
 

„Sie hat keine Mami mehr! Niemand hat sie mehr lieb!“
 

„Du bist so hässlich, deine Mommy hat sich lieber in die Luft sprengen zu lassen, als bei dir zu sein!“
 

Wieder wurde sie geschubst und Robin stolperte zur Seite. Das Gefühl in ihrem Bauch wurde stärker. Sie konnte nichts dagegen tun und wusste auch nicht, wie sie damit umgehen sollte. Es wollte einfach nicht weggehen und immer, wenn sie Ira und ihre Freunde sah wurde es mehr. So etwas kannte sie nicht, sie hatte sich noch nie so gefühlt.
 

Robin wandte dem ganzen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu. Der Fokus lag alleine auf der Tür und dorthin kämpfte sie sich wieder zurück. Würde sie sich nun mit Ira und den anderen befassen, dann würde es ihr nicht gelingen. Die Bahn fuhr bereits in der nächsten Station ein und wurde langsamer. Und dann sprangen die Türen auf. Robin riss sich los und stolperte aus der Bahn, während das schallende Gelächter und weitere Beleidigungen ihr folgten. Sie rannte einfach, versuchte so schnell wie möglich von diesem Ort weg zu kommen und schob sich zwischen den Erwachsenen hindurch, rumpelte sie an, damit sie schnell zum Drehkreuz kam, welches sie in die Freiheit entlassen würde. Dabei achtete sie nicht darauf an welcher Station sie eigentlich ausgestiegen war. Robin achtete nur auf ihre Füße, die sie so schnell wie möglich die Treppen hinauf trugen, um sie irgendwo auf den Straßen von New York wieder zu entlassen. Doch auch hier stoppte sie nicht sondern rannte einfach weiter, die Straße entlang.
 

Wie weit, das wusste Robin nicht. Erst, als sie keine Luft mehr bekam bog sie in eine Seitenstraße und lehnte sich dort schwer atmend gegen die Wand. Dabei hatte sie den Rucksack fest vor die Brust gepresst und hielt den Kopf gesenkt. Um sie herum gab es nur Straßenlärm und doch war es das Lachen und die hässlichen Orte, die noch immer in ihren Ohren dröhnten. Das Gefühl in ihrem Bauch war unerträglich. Es schnürte ihr fast die Kehle zu. Ihr Kiefer tat weh, weil sie diesen so feste wie sie konnte, zusammenbiss und der ganze Körper sich verspannte. Sie zitterte.
 

Erst, als sie ein leises Geräusch vernahm, kam sie wieder zurück in den Moment. Robin starrte auf den nassen Fleck, der sich auf ihrem Rucksack gesammelt hatte und nun auch von einem zweiten bereitet wurde. Ein dritter.
 

Als Robin realisierte, was es war, konnte sie die heißen Tränen nicht mehr aufhalten und sackte weiter, hinunter auf den Boden.

disavow


 

2023 - New York - Tag 4
 


 

Was hatte sie sich eigentlich gedacht? Sie wusste es einfach nicht. Nami hatte die ganze Nacht gearbeitet. Es war nicht einfach gewesen und doch hatte sie es geschafft die Ausweise an diesem Morgen fertigzustellen. Nach einer ordentlichen Dusche hatte sie die Dokumente noch einmal überprüft und sie dann freigegeben. Für sie war die Arbeit damit getan gewesen und damit hatte sie das Anwesen auch wieder verlassen dürfen, zumal sie heute auch im Café ihrer Schwester arbeiten sollte. Nicht ohne die skeptischen Blicke von Ray aber sie hatte es einfach nicht mehr ausgehalten und mit einer solchen Ausrede hatte sie es sich nicht nehmen lassen, die Beine in die Hand zu nehmen und zu verschwinden.
 

Ihre Nerven lagen einfach blank und deswegen hatte Nami etwas getan, was sie noch nie getan hatte. Sie war in die WG gefahren. Dorthin wo Aron sie erwarten würde. Natürlich hatte sie sich auch hier misstrauisch umgesehen. Konnte sie überhaupt irgendwo sicher sein? Was, wenn auch hier überall Kameras waren? Egal. Es war ihr so verdammt egal gewesen. Ja, er hatte Nojiko gedroht. Und Nami zweifelte nicht an dieser Drohung, doch sie brauchte Luft. Und einen Ort, an dem sie alleine sein konnte. Wenn sie nicht zu Atem kommen würde, dann würde sie auch keinen Weg für ihre Situation finden und sich nur weiter in all dem verrennen.
 

Die Anrufe und Nachrichten wurden auf ihr zweites Handy weitergeleitet. Sie würde mitbekommen, wenn er etwas wollen würde. Das andere Handy lag nun versteckt in einem Sprint der Bibliothek. Das Nami sich hier mal länger aufhielt, um Ruhe zu finden und zu arbeiten, das war nicht neu. Und nun versuchte sie den Anschein zu erwecken, dass sie dort war, während sie sich eigentlich in einem anderen Stadtteil befand.
 

Es war eine Kurzschlusshandlung gewesen und Nami hatte keine Sekunde über ihre Handlungen nachgedacht, die sie den vergangenen Morgen angetrieben hatten. Erst jetzt, wo sie einen Moment zur Ruhe kam, schienen die Gedanken wiederzukommen. Und die Zweifel.
 

Doch es war zu spät, um nun einen Rückzieher zu machen. Sie hatte bereits geklingelt und konnte am Ende nur hoffen, dass niemand Zuhause war. Gleichzeitig hoffte sie es nicht. Und wieder doch, denn Nami war durchaus schrecklich überfordert mit der Situation und wusste nicht einmal, wie sie erklären sollte, dass sie nun hier stand und nicht auf den geforderten Anruf gewartet hatte. Genau genommen war es eine ziemliche Grenzüberschreitung, die sie hier umsetzte, wenn man bedachte, dass sie ungefragt hier auftauchte.
 

Möglich, dass diese Grenzüberschreitung nicht auffallen würde. Es war bald Mittag, eigentlich eine Zeit zu der normale Mengen bei der Arbeit waren und nicht Zuhause saßen, um darauf zu warten, dass etwas passierte.
 

Es war also wahrscheinlich das..
 

Die Tür wurde geöffnet und sie blickte hinauf in die strahlend blauen Augen, die sie mit einer gewissen Verwunderung ansahen. Robin hatte nicht mit ihrem Auftauchen gerechnet. Wie hätte sie das auch tun sollen? Immerhin waren die Grenzen klar gewesen, sie hatten keinerlei persönliche Verbindung zueinander und Nami hatte ihre Nummer hinterlassen mit der Option, dass Robin sich melden könnte, wenn sie das wollte. Sie hatte sich nicht gemeldet. Alleine das war sicherlich eine deutliche Botschaft. Zumindest die, dass sie momentan keinen Bedarf an einem Zusammentreffen hatte.
 

Entgegen dieses klaren Signals stand Nami nun vor ihrer Tür, wie ein kleiner Stalker, der nicht locker lassen wollte. Wie jemand, der zu viel in eine Situation hineingelesen hatte und in einer Affäre eine Beziehung sah. Etwas, das Nami durchaus nicht tat. Sie ging nicht davon aus, dass das zwischen Robin und ihr mehr war, als man sich gegenseitig zugestanden hatte. Aber es war der einzige Ort in der ganzen Stadt, an dem sie je zur Ruhe gekommen war.
 

„Hey..“
 

Nami lächelte etwas unsicher. Ja, bis hierher hatte sie gedacht und nicht weiter. Das Robin sie musterte war deutlich zu spüren und es machte sie ein wenig unruhig. Doch darauf würde sie nicht eingehen. Nicht jetzt.
 

„Ich.. habe Frühstück mitgebracht.“
 

Dabei hielt sie zwei To-Go Becher hoch in denen sie Kaffee hatte, wo sie eine Tasche mit Beagles, die sie in einem nahegelegenen Kaffee gekauft hatte. Wenigstens war sie nicht mit leeren Händen gekommen und knüpfte an dem Frühstück an, welches Robin ihr am vergangenen Tag in Aussicht gestellt hatte. Es kam also nicht völlig aus dem Zusammenhang gerissen an und doch würde es weniger seltsam sein, wenn Nami nicht ihre Nummer hinterlassen hätte. So wirkte es wohl eher so, als hätte sie die Geduld verloren und wollte selbst nachhelfen.
 

„Darf ich rein kommen?“
 

Noch immer hatte Robin nichts gesagt. Sie sah sie einfach nur an, was Nami doch verunsicherte. Ihr Nervenkostüm war wirklich nicht gemacht für solche Situationen. Normalerweise? Wäre Nami sicherlich völlig entspannt und würde das ganze selbstsicher angehen. Obgleich sie dann wohl auch nicht hier stehen und den Kontakt zu einer schier fremden Frau suchen würde.

Noch immer schweigend trat Robin zur Seite und gab den Weg frei, damit Nami das Haus betreten und für alles weitere hinein kommen konnte. Wenigstens war es keine völlige Abfuhr auch, wenn unklar war, wie begeistert Robin über ihr Auftauchen war oder, eben auch nicht. Aber davon ließ sie sich nicht beirren und streifte lieber die Schuhe ab, wie es sich gehörte.
 

„Was verschafft mir die Ehre?“
 

Auch in Robin’s Stimme lag nichts, was Nami deuten konnte. Diese Frau war wahrlich ein Buch mit sieben Siegeln und undurchschaubar. Der ein oder andere könnte es sogar als unterkühlt bezeichnen. Nami konnte auch verstehen woher das kommen könnte aber, das war es nicht was sie mit dieser Frau verband.
 

„Ich war in der Gegend.. und dachte vielleicht hast du Zeit, das wir das versprochene Frühstück nachholen“, log Nami. Im lügen war sie durchaus gut und konnte es auch ohne dabei rot zu werden. Es ging ihr sehr leicht über die Lippen und nicht alles davon war fernab der Wahrheit.
 

„Keine Sorge, ich werde nicht versuchen hier einzuziehen. Nur ein Frühstück, dann bin ich wieder weg.“
 

Das musste wenigstens gesagt werden. Sie wusste durchaus, wie es wirken konnte und Nami wollte klarstellen, dass sie hier nicht gegen ihre eigenen Regeln verstieß, obwohl sie genau das dann am Ende doch tat. Sei es drum, sie war nicht verlegen darum sich herauszureden und ihren Weg zu finden. Schon immer hatte sie Wege gefunden zu überleben und hier würde es nichts anderes sein. Am Ende war es ohnehin nur ein Frühstück. Kurz durchatmen.
 

Nami lief also weiter und wollte die Sachen eigentlich in die Küche bringen. Nur, dass der Küchentisch aktuell belegt zu sein schien. Eine Kiste stand darauf, eine auf dem Boden daneben. Papiere lagen auf dem Tisch und eine Kaffeetasse. Ein wenig schürzte sie die Lippen, um über die Schulter zurück zu Robin zu sehen, die die Hand in die Hosentasche geschoben hatte und sie beobachtete.
 

„Komme ich ungelegen?“
 

„Ich muss ein paar Dokumente für die Arbeit durchgehen, nichts dringendes. Komm.“
 

Sie deutete auf das Wohnzimmer und würde dann auch voran gehen. Nami blickte noch einmal in die Küche, würde Robin dann aber auch folgen. Auch hier standen Kisten, die allerdings mehr zusammengeräumt waren, so dass sie genug Platz auf der Couch und dem Wohnzimmertisch hatten, um sich auszubreiten.
 

Hier würde Nami dann auch die Tüte abstellen, so wie die Becher, um es sich anschließend gemütlich zu machen und sich auf die Couch zu setzen, während Robin die Kisten etwas mehr zur Seite räumte. Erst dann würde sie sich zu Nami auf die Couch setzen. Diese hatte inzwischen die Tüte ausgepackt und die Bagel’s auf Servietten verteilt. Dazu dann auch der Kaffee.
 

„Ich wusste nicht, wie du ihn trinkst, also habe ich erst mal nur einen schwarzen geholt. Ich dachte du wirst anderes da haben, wenn du es brauchst?“
 

„So ist es gut, danke.“
 

Robin nahm den Becher an sich heran und würde dann auch einen Schluck trinken. Genug abgekühlt war der inzwischen bestimmt. Obgleich es wohl kaum um den Kaffee ging. Nami hatte sich in eine sehr merkwürdige Situation gebracht, die sie noch nicht wirklich greifen konnte. Denn das die Stimmung zwischen ihnen anders war, als die vergangenen Male, das war durchaus deutlich zu spüren. Kaum verwunderlich.
 

Das Robin sich in bedachtes Schweigen hüllte, machte es nicht einfacher. Diese Frau konnte einen wirklich aus dem Konzept bringen. War es wirklich das, was Nami in diesem Moment brauchte? Eigentlich wäre Sex, um sich abzulenken und den Kopf frei zu bekommen das, was ihr gerade gut tun würde. Etwas, das sie durchaus auch einfacher hätte haben können. Obgleich es nicht nur das war, was sie hierher gebracht hatte und, wäre Nami ehrlich zu sich, dann wüsste sie das auch.
 

„Ich-“
 

„Was ist passiert?“
 

Robin hatte den Ansatz ihrer Entschuldigung unterbrochen und eine Frage in den Raum gestellt, die Nami erst einmal etwas verwirrt dreinblicken ließ. Was meinte sie damit? Doch, bevor sie etwas sagen konnte spürte sie, wie sich sanfte Finger an ihren Hals legten und Robin vorsichtig mit dem Daumen über ihren Kiefer stich. Und damit wurde Nami auch klar, was sie in all der Aufregung vergessen hatte. Aron hatte sie grob angefasst und das hatte wohl seine Spuren hinterlassen. Nami neigte dazu blaue Flecken zu bekommen. Und sie hatte vergessen, sich das genauer anzusehen und, im Zweifel auch zu Überschminken.
 

Ein wenig zog sie die Mundwinkel hin und her, während sie dem forschenden Blick auswich, der auf ihr lag. Dieser Frau konnte man wohl nichts vormachen und nun war ihr auch klar, warum Robin sie an der Tür so gemustert hatte. Ob das der eigentliche Grund war, warum Robin sie überhaupt hinein gelassen hatte?
 

„Warst du bei der Polizei?“
 

Wie viel konnte man sehen? Waren etwa seine Fingerabdrücke zu erkennen? Nein, das konnte nun wirklich nicht sein. Und wenn doch, dann hätte Nami ein verdammtes Problem. Denn dann wäre Robin im Zweifel nicht die einzige, die anfangen würde Fragen zu stellen.
 

„Es ist alles in Ordnung“, wandte Nami also ein. Das man ihr das in diesem Moment nicht abnehmen würde war ihr durchaus bewusst. Doch es deswegen lassen? Nein, das konnte sie nicht und sie konnte es nun unmöglich benennen. Wie sollte sie das auch beantworten ohne, dass sie sich in weitere Schwierigkeiten bringen würde?
 

„Wirklich.. können wir nicht darüber reden, ist das okay?“
 

„Worüber möchtest du dann reden?“
 

Leise gesprochene Worte, während sich Robin’s Hand langsam weiter in ihren Nacken schob. Ihre leicht kühlen Finger schoben sich sachte in Nami’s Haaransatz hinein und kraulten ein wenig darüber. Eine unendlich beruhigende Geste und am liebsten würde sie sich in das alles hineinfallen lassen und gar nicht mehr aufstehen. Nur, dass ihr Leben so nicht wirklich funktionieren würde.
 

„Eigentlich will ich nicht reden“, drang es dann doch leise über Nami’s Lippen. Es war nur ein Hauch, bevor sie sich vorlehnen und Robin’s Lippen wieder mit den eigenen verschließen würde.
 


 

***
 


 

Nachdenklich blickte Nami an die Decke, während sie sich durch das Haar strich. Sie war merklich entspannter auch, wenn diese Art des Stressabbaus vermutlich nicht die gesündeste war und sie sich fragte, wie es in Zukunft werden sollte. Bald müsste sie einen Ersatz für Robin finden. Alleine schon, weil der Gedanke ihr schwerfiel, war das alles hier keine gute Idee. Sie war dieser Frau hinterhergelaufen. Hatte Frühstück zu ihr Nachhause gebracht. Was war nur los mit ihr?
 

Als sie Schritte vernahm schielte sie zur Seite. Nami lag im Wohnzimmer auf dem Teppich, hatte sich noch nicht wegbewegt. Man war nicht wirklich weit gekommen. Von der Couch war man einfach hinunter gerutscht und hatte sich im Anschluss in eine Decke gehüllt. Irgendwann war Robin aufgestanden und in die Küche verschwunden. Nami hatte sie dort gehört und was sie anhand der Geräusche bereits vermutet hatte, bestätigte sich nun als sie Robin entdeckte.
 

Sie hatte zwei Tassen in der Hand, während sie nackt durch ihr Haus lief. Ein durchaus verlockender Anblick aber Robin wusste eben auch, wie sie auf andere wirkte und, dass sie sich keineswegs verstecken musste.
 

Bezüglich des Kaffee’s war es offenkundig, dass ihr der mitgebrachte Kaffee nicht gemundet hatte. Keine wirkliche Überraschung für Nami als solches, denn das Robin da einen kleinen Tick hatte, das hatte sie durchaus schon mitbekommen. Da der mitgebrachte Kaffee inzwischen allerdings so oder so abgekühlt sein dürfte, war das auch nicht weiter der Rede wert. Robin sollte sich durchaus ihren geliebten Kaffee gönnen.
 

„Ist das gemütlich?“
 

„Komm her und finde es heraus.“
 

Nami schmunzelte und beobachtete Robin dabei, wie sie sich an ihre Seite setzte. Eine Tasse wurde auf den Wohnzimmertisch gestellt, die andere behielt sie in der Hand und würde sie an Nami reichen. Daraufhin würde sie sich nun auch etwas aufsetzen, damit sie einen Schluck trinken und das genießen konnte. Es hinderte Nami aber nicht daran die Tasse dann auf Seite zu stellen und sich lieber wieder zurück auf den Teppich sinken zu lassen.
 

Robin zupfte ein wenig an der Decke herum, zog sie über ihre Beine und würde dabei dann auch kurz über Nami’s Bauch streichen. Anschließend griff sie zur Seite, wo das Rascheln ihr sagte, dass Robin vermutlich nach dem Frühstück griff. Man hatte es vorhin nicht angerührt und sollte es jetzt vielleicht doch langsam nachholen. Auch ihr Magen knurrte bereits aber sich deswegen bewegen? Das sah Nami noch nicht wirklich ein.
 

Für einen Moment würde sich Stille über sie legen, in der Robin ihr Frühstück essen würde, während Nami noch einmal die Augen schloss und diese entspannte Stimmung in sich aufsog. Es war, als wäre sie in einer gänzlich anderen Welt, fernab von ihrem eigenen leben. In einer Realität in der sie vielleicht aufgezeigt bekam, was sie haben könnte, würde sie ein normales Leben führen. Ein selbstbestimmtes in dem es um sie und ihre eigenen Wünsche ging. In gewisser Weise hatte es etwas grausames an sich, obgleich es Nami’s eigene Entscheidung gewesen war sich mit dieser Möglichkeit zu quälen. Immerhin war sie diejenige, die hierher gekommen war. Nicht nur das, nein. Sie hatte ebenfalls den deutlichen Wunsch gehabt hier zu sein und vor ihrem Leben davonzulaufen.
 

„Wie lange wirst du noch bleiben?“
 

Nami durchbrach die Stille und würde doch langsam zu Robin schielen, die sich inzwischen ihrem Kaffee zugewandt hatte. Sie wusste, dass sie sich immer weiter von ihren eigenen Regeln und dem entfernte, was sie immer gesagt hatte. Aber es war limitiert, nur deswegen konnte sie das hier wohl wirklich zulassen ohne in Panik zu verfallen.
 

„Das ist noch nicht ganz klar.“ Robin hatte sich ihr zugewandt und erwiderte ihren Blick nun. Ein wenig nachdenklich vielleicht. „Die Arbeit gestaltet sich etwas komplexer als erwartet“, würde sie dann aber noch nachsetzen. Etwas das Nami nicken ließ, wobei es auch nicht weiter überraschend war. Robin war mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt worden. Wenn das nicht kompliziert war, was dann?
 

„Was für eine Beraterin muss mitten in der Nacht arbeiten?“
 

Eine Frage, die sie sich nicht verkneifen konnte. Wie auch? Das Bild erschloss sich Nami nicht wirklich und sie hatte wirklich immer wieder darüber nachgedacht, was für eine Art der Beratung Robin wohl durchführen könnte. Bisher machte allerdings nichts davon Sinn für sie.
 

„Wohin soll das führen Kleines?“
 

„Ich interessiere mich?“
 

Sie wussten beide, dass es das nicht war. Robin blickte sie sanft an und zeigte ein wissendes Lächeln, während sie doch mit der Hand noch ein wenig über ihren Bauch strich, weiter hinauf zu ihrem Hals. Es waren sanfte, liebevolle Berührungen, die sich heute durchzogen. Wieder war es anders zwischen ihnen gewesen, Nami hatte Robin gefordert und doch waren die Berührungen der anderen in erster Linie liebevoll uns sanft gewesen. Sie hatte Nami etwas entschleunigt und es geschafft, dass sie sich trotz der Umstände fallen ließ und entspannte.
 

„Hatten wir nicht gesagt, dass es nur Sex ist?“
 

Ja, das hatten sie gesagt. Man war sich einig gewesen und jede von ihnen hatte dafür wohl auch ihre eigenen Gründe gehabt. Trotz dessen hatten sie beide in den vergangenen Tagen wohl auch Dinge getan, die dazu im deutlichen Kontrast standen.
 

„Ja. Aber ist das wirklich wichtig, wenn du bald wieder abreisen und wir uns nicht wiedersehen werden?“
 

„Nein. Aber dann sollte die Antwort auch nicht wichtig sein.“
 

Den Punkt musste sie ihr geben. Es sollte nicht wichtig sein und doch war die Neugierde einfach da. Wie sollte Nami das auch abstellen? Zumal sie eben auch nur zufällig von all dem etwas mitbekommen hatte und es wirklich nicht ihre Schuld war, dass Robin mitten in der Nacht angerufen worden war.
 

„Du würdest auch Fragen stellen, wenn ich mitten in der Nacht angerufen worden wäre.“
 

„Und du würdest ebenso ungerne meine Fragen beantworten.“
 

Auch dieser Punkt ging wohl an Robin. Eine Frau, der man einfach nichts vormachen konnte und auch, wenn das bedeutete, dass Robin ihr nicht antworten würde, Nami fand das durchaus attraktiv. Und es war nicht das erste Mal, dass sie das über Robin dachte.
 

„Du hast also Fragen an mich?“
 

Robin gab einen belustigten Laut von sich und nippte noch einmal an ihrem Kaffee. So einfach würde Nami die andere nicht vom Haken lassen, zumal dieses Gespräch und die Zeit mit ihr einfach angenehm waren und ihr gut taten. Sie wollte sich darin verlieren auch, wenn sie nicht ewig bleiben konnte. Damit Nojiko auf ihr Date mit diesem Kerl gehen konnte hatte Nami ihr zugesagt, dass sie sich um das Café kümmern und schließen würde. Vermutlich hatte sie deswegen auch gar nicht mehr zu viel Zeit, um hier mit Robin zu liegen und sich in diesem neckischen Spiel hinzugeben.
 

„Wenn wir uns füreinander interessieren und uns kennenlernen wollen würden, dann hätte ich wohl einige Fragen.“
 

„Warum willst du eigentlich niemanden kennenlernen?“
 

Wenn schon nicht über sich persönlich, dann war das vielleicht etwas, das Robin ihr beantworten könnte. Oder würde das bereits zu viel über sie aussagen? Es könnte durchaus auch intime Gründe haben und in Nami’s Fall wäre eine ehrliche Antwort wohl auch nicht das, was sie nun anbringen würde.
 

„Nach meiner letzten Beziehung möchte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren. Außerdem fehlt mir nichts ohne eine Beziehung. Warum sollte ich mein Leben also komplizierter machen, als es sein müsste?“
 

„Das klingt logische.“
 

„Und was ist mit dir?“
 

Für einen Moment dachte Nami darüber nach, wie sie diese Frage ehrlich beantworten könnte. Immerhin war es doch recht simple und am Ende nur fair, wenn sie ein wenig auf Robin zugehen würde. Informationen gegen Informationen.
 

„Sagen wir ich habe ein Talent dafür in komplizierte Geschichten hinein zu geraten. Ich brauche einfach eine Pause. Auf der Arbeit habe ich schon genug Stress, das brauche ich nicht auch noch in meinem Privatleben.“
 

„Du magst deinen Job also nicht?“
 

Nami schielte sie an. Unglaublich. Sie nahm etwas und analysierte es dann weiter, um präzise Fragen zu stellen. Es könnte sie vielleicht noch in Bedrängnis bringen, wenn sie nicht auf ihre Worte achten würde. Nicht, dass Nami nicht wüsste wie man diskret war, doch Robin hatte eine Art an sich, die sie zur Vorsicht ermahnte. Ein Bauchgefühl, was man bekanntlich nicht ignorieren sollte.
 

„Nein, nicht wirklich. Mein Chef ist ein Arschloch aber.. die Stadt ist teuer und das Geld muss irgendwo herkommen.“
 

„Sagtest du nicht, du würdest bei deiner Schwester kellnern?“
 

Robin hatte fragend die Brauen gehoben und Nami fühlte sich doch ein wenig ertappt. Richtig. Das hatte sie gesagt, weil es zum einen die halbe Wahrheit war und zum anderen, weil es auch die wenigstens Fragen nach sich zog. Die Menschen glaubten zu wissen, was es bedeutete Kellnerin zu sein. Und da es die halbe Wahrheit war hatte sie sich nicht einmal etwas ausdenken müssen und hatte geglaubt damit unangenehme Situationen zu vermeiden in denen sie sich vielleicht in Wiedersprüche verstricken würde. Doch genau das war nun geschehen.
 

Aron war noch immer präsent in ihrem Kopf und der Stress, den er in ihrem Leben auslöste. Nun hatte sie das alles irgendwie mit in dieses Situation mit Robin gebracht, wo das alles wirklich kein Thema sein sollte.
 

„Tue ich auch.. aber ich.. habe zwei Jobs. Und der andere Job stresst mich einfach im Moment“, versuchte sie dann auch das ganze abzuwiegeln. Gelogen war das nicht und es war als solches auch nicht unüblich, dass man zwei Jobs hatte, um in dieser Stadt über die Runden zu kommen. Wenn man nicht gerade zu den Top Verdienern gehörte, dann musste man sich eben Alternativen einfallen lassen, wenn man nicht in einem Schuhkarton leben wollte. Genau genommen hatte sie ihre jetzige Wohnsituation auch nur Vivi zu verdanken, doch das war ein ganz anderes Thema, welches hier wirklich keine Rolle spielen sollte.
 

„Du hast keine Alternativen? In welchem Bereich arbeitest du?“
 

Robin schien ihr zu glauben und das ganze nicht weiter zu hinterfragen. Etwas das Nami gerne annehmen wollte. Aber das bedeutete eben auch, dass sie nun darauf anspringen und auch so tun musste als sei alles ganz normal und nicht, als hätte es sie kurz aus dem Konzept gebracht. Immerhin wollte sie sich davon wirklich nicht den Abend verderben lassen aber sie wollte auch nicht, dass Robin unnötige Fragen stellte.
 

„Das sind ganz schön viele Fragen auf einmal.“
 

Etwas neckisch blickte sie zu Robin und auch diese zeigte nun ein leichtes lächeln. Man nahm sich nicht wirklich ernst bei all dieses Dingen. Gleichzeitig waren da diese sanften Berührungen. Robin’s Finger, die über ihren Kiefer, den Hals und über das Schlüsselbein strichen. Es schien eine eher gedankenverlorene Geste zu sein aber es half Nami durchaus entspannt zu bleiben.
 

„Designerin.“
 

Für einen kurzen Moment konnte sie einen überraschten Ausdruck auf dem Gesicht der anderen erkennen. Ob es daran lag, dass sie nicht mit einer Antwort gerechnet hatte oder aber daran, dass sie diesen Job nicht erwartet hatte, vermochte Nami nicht zu sagen. Beides war denkbar. Aber wenn man das alles vereinfacht ausdrücken wollte? Dann war das doch recht nah an der Wahrheit dran. Zumindest so weit, wie Nami an die Wahrheit herankommen konnte und Robin hatte es ähnlich gehalten und Nami konnte sich damit recht sicher fühlen.
 

„Und da findest du in einer Stadt wie New York keinen anderen Job?“
 

„Weißt du wie viele Designer hier herumlaufen und auf einen Durchbruch warten?“
 

„Mode also?“
 

Nami hob nun ihrerseits etwas überrascht die Augenbrauen und musste dann lachen. Unglaublich. Aber was hatte sie auch erwartet, wenn sie Robin diese Tür öffnete? Wohl kaum, dass sie es einfach dabei belassen und diese Feinheiten ignorieren würde, die ihr vielleicht mehr Antworten liefern könnten. In gewisser Weise waren sie sich durchaus ähnlich was das anging. War es deswegen so anziehend sich mit ihr zu unterhalten?
 

„Das werde ich dir nicht sagen.“
 

Sie fing Robin’s Hand ein und würde diese dann zu ihren Lippen ziehen, um ihre Fingerspitzen zu küssen, bevor Nami sich doch aufsetzen würde. Automatisch kam sie Robin damit näher und saß nun direkt vor ihr, auf Augenhöhe und nur eine Hand breit voneinander entfernt. Die Bewegung hatte dafür gesorgt, dass Robin den Arm um ihre Hüfte gelegt hatte und nun ein wenig über ihre Seite strich.
 

„Aber wer weiß, vielleicht vertiefen wir das bei unserem nächsten Treffen.“
 

„Willst du schon wieder verschwinden?“
 

War das ein Hauch von Bedauern, den sie da in den Worten der anderen herauslesen konnte? Oder bildete sie es sich schon ein? Wunschdenken? Nami konnte es nicht genau zuordnen und so legte sich nur ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen, als sie den Kopf etwas neigte.
 

„Es geht wohl weniger ums wollen, als darum es zu müssen. Ich muss noch arbeiten aber.. wenn du mich lieb fragst komme ich danach vielleicht vorbei?“
 

Ihre Mundwinkel zogen sich weiter auseinander, als Robin ihr entgegen kam und sie spürte, wie sie ihre Nase leicht an ihrer vorbei schob. Ihr Atem kitzelte ihre Haut und sorgte für eine leichte Gänsehaut.
 

„Und du denkst, dass ich daran interessiert sei, dass du schon wieder bei mir auftauchst?“
 

„Mhm..“ Sie beugte sich Robin etwas entgegen. Die Berührung ihrer Lippen war dabei nur ein hauch, kaum merklich und doch so viel. „Ich glaube du findest es ganz gut, dass ich hier bin. Das du mich interessant findest und darüber nachdenkst, dass du mich kennenlernen willst. Weil du weißt, dass ich eine verdammt gute Partie bin.“
 

„Ist das so?“
 

„Ich denke schon ja.“
 

„Und was ist mit dir? Du konntest es nicht abwarten, bis ich mich wieder bei dir melde und bist ganz von alleine wieder zurück gekommen.“
 

Nami brummte ein wenig über diese Worte. Wie könnte sie es auch leugnen? Es war ein Fakt, dass sie heute hierher gekommen war. Fakt war aber auch, dass Robin sie nicht einfach wieder weggeschickt hatte sondern sie hereingelassen hatte. Es war etwas das auf Gegenseitigkeit beruhte egal, was sie beide einander erzählen wollten.
 

„Ich schreibe dir, wenn ich fertig bin.. und dann bringe ich Abendessen mit.“
 

Diesmal war es keine Frage, die Nami in den Raum stellte. Sie beschloss es einfach und ihre Worte waren viel eher ein freundlicher Hinweis auch, wenn Robin’s Antwort darauf keine Rolle spielen würde. Was wäre auch ihre Alternative? Nami könnte zu sich in die Wohnung, doch sie wollte nicht alleine mit ihren Gedanken sein. Was sie aber noch weniger wollte war zurück in Aron’s Anwesen zu fahren. Früher oder später würde sie das müssen, sobald er einen neuen Auftrag hatte, doch bis dahin wollte sie auch nichts damit zu tun haben. Die Nacht bei Robin zu verbringen war folglich die angenehmste Alternative. Verbunden mit der Hoffnung, dass sie sich auf diese Weise wenigstens ausruhen könnte, um am nächsten Tag Lösungen für all ihre Probleme zu finden.
 

„Italienisch.“
 

„Okay.“
 

Damit war es beschlossene Sache und Nami würde dieses Gespräch mit einem sanften Kuss beenden.

happiness


 

2023 - New York
 


 

„Oh man, ich hatte mit einem ruhigen Nachmittag gerechnet..“
 

„Tja, da siehst du mal, was gutes Essen bewirken kann.“
 

Sanji lachte und wischte sich die Hände an seinem Handtuch ab. Nami schielte ihren Freund an und seufzte dann auch. Recht hatte er und eigentlich war es ein gutes Zeichen, dass der Laden gut lief und das neue Angebot so gut angenommen hatte. Vorher war das Café auch schon gut besucht gewesen, aber so viel? Das war durchaus neu. Und dabei hatten nicht einmal alle Gäste einen Platz gefunden. Stattdessen hatte Nami etliches an Kuchen rausgegeben. Das Angebot zum mitnehmen wurde auch gut genutzt und dabei hatte Sanji gerade erst angefangen.
 

„Nach einem Tag?“
 

„Wir haben auf Instagram Werbung gemacht und diese Probierangebote beworben. Und ich habe mein Netzwerk genutzt. Außerdem scheint die Sonne, wer sitzt da nicht gerne mit Kuchen draußen?“
 

Er grinste sie breit an und schien da doch von sich und seiner Taktik überzeugt zu sein. Auch deswegen hatte Nami ihn an Nojiko empfohlen. Sanji war ein meister seines Fachs und hatte durchaus auch selbst auf den sozialen Netzwerken einige Fan’s. Dort zeigte er verschiedene Gerichte, die er kochte und wurde seither auch gerne für Events gebucht. Er war nicht darauf angewiesen irgendwo zu arbeiten und doch war er ein bodenständiger Kerl, der gerne unter Menschen war. Vermutlich würde er irgendwann sein eigenes Restaurant eröffnen und sie glaubte nicht, dass dieses Café seine letzte Station sein würde. Doch wenn er Nojiko helfen würde etwas zu etablieren, irgendwann einen Koch anzulernen, dann wäre das schon ein sehr großer Gewinn.
 

„Wie hat es dir gemundet meine Schöne?“
 

Er sah an Nami vorbei und diese verdrehte die Augen. Da er nicht mit ihr sprach würde sie sich daran machen noch einen Kaffee durchlaufen zu lassen, bevor sie die Maschine reinigen würde. Sollten die beiden das unter sich ausmachen.
 

„Hervorragend. Ich denke ich werde mir noch etwas mitnehmen, wenn ihr etwas übrig habt. Das können wir uns als Nachtisch Zuhause gönnen, was denkst du?“
 

Die Frage wurde an Nami gespielt, was sie befürchtet hatte. Vivi war ganz spontan hier aufgetaucht und hatte keine Anstalten gemacht wieder zu verschwinden. Bisher hatte Nami das Glück gehabt sich hinter ihrer Arbeit verkrieche zu können, doch jetzt, wo die Gäste gegangen waren, blieb nicht mehr viel wohinter sie sich verstecken konnte. Da konnte sie von Glück reden, dass sie wenigstens die blauen Flecken noch mit reichlich Make-up abgedeckt hatte. Vivi hätte sie nie wieder in Ruhe gelassen und sie gleich auf die nächste Polizeistation geschleift. Sicherlich der letzte Ort an dem Nami gerade sein wollte.
 

„Ich komme nicht mit Nachhause.“
 

„Warum nicht?“
 

Nami stellte ihren Kaffee zur Seite und begann dann die Kaffeemaschine auseinanderzunehmen. Sie wollte hier keine Ewigkeit verbringen. Je schneller sie hier raus war, umso schneller konnte sie ihr Abendessen besorgen und wieder zurück zu Robin. Ein Gedanke, der sie unweigerlich lächeln ließ.
 

„Triffst du dich mit Robin?“
 

„Wer ist Robin?“
 

„Die Frau mit der sie sich neuerdings trifft.“
 

Die zwei. Unter anderen Umständen könnte das alles wirklich lustig und schön sein. Gerade hatte sie aber keine Kapazitäten für so etwas. Und wie kam Vivi schon wieder darauf, dass sie sich öfter mit Robin getroffen hatte? Stichelte sie nur wieder ins blaue hinein, in der Hoffnung ihr Informationen zu entlocken? Würde sie nicht wundern. So unschuldig Vivi auch wirken mochte, so schlimm war sie auch.
 

„Oh, was für eine Frau? erzähl uns von ihr. Was macht sie, wie sieht sie aus, hast du ein Foto?“
 

Das Sanji gleich auf diesen Zug aufsprang war nun wirklich kein Wunder. Er war eben so ein Kerl und als solches war es auch nur ein Ausdruck der Freude nur, dass es so eine Sache nicht war. Und niemals sein könnte.
 

„Wir haben nur eine gute Zeit solange sie in der Stadt ist. Wenn sie wieder abreist, dann ist die Sache durch.“
 

„Klar, weil du dich ja sonst ständig zweimal mit einer Frau triffst“, mischte sich Vivi wieder ein und grinste breit vor sich hin. War es denn wirklich so auffällig, dass Nami von ihren Normen abwich? Vielleicht. Doch das alles geschah am Ende nur, weil ihr Leben in diese Schieflache geraten war. Normalerweise hätte sie sich nicht weiter auf Robin eingelassen, da war Nami sich ganz sicher.
 

„Hört auf zu quatschen. Wir müssen aufräumen.“
 

„Hast du es etwa eilig?“
 

Vivi sah sie neckisch an. Das Grinsen wurde noch breiter, falls das überhaupt möglich war. Das problematische daran war nur, dass Nami es nicht einmal leugnen konnte. So sehr es ihr missfallen mochte, sie freute sich auf diesen Abend. Immerhin wusste sie nicht, was die nächsten Tage und Wochen noch auf sie zukommen würde. Es gab ein gewisses Bedürfnis so viele schöne und entspannte Momente in sich aufzusaugen, wie sie nur konnte. Aber sie konnte auch nicht das Gefühl abstreifen, dass sie bald die Kontrolle verlieren würde. Über alles.
 

„Kümmert euch um euren Mist. Los jetzt..“
 

„Oh nein, so einfach nicht junge Dame!“
 

Sanji, der kurz in der Küche verschwunden gewesen war, kam nun zurück mit einem kleinen Tablett. Darauf befanden sich verschiedene Gläschen, deren Inhalt Nami nicht erkennen konnte. Sie vermutete allerdings, dass es sich dabei um einen Nachtisch handelte oder, verschiedene Varianten. Sich nun aber den Bauch vollzuschlagen, wenn sie eigentlich noch mit Robin zu Abend essen wollte, war durchaus nichts, was in ihrem Interesse lag.
 

„Wir bekommen dich in letzter Zeit kaum noch zu Gesicht, du bist ständig irgendwo anders. Und jetzt wirst du die Tür abschließen, das Schild umdrehen und dich mit uns an einen Tisch setzen, damit wir über die Frau reden können, die dein Interesse geweckt hat.“
 

Sie könnte nun dagegen reden und es diskutieren. Nami wusste allerdings, dass es nichts bringen würde. Und, würde sie ehrlich sein, dann wäre es doch eigentlich ganz nett. Mit ihren besten Freunden über eine Frau zu sprechen, die sie irgendwie interessant fand und, die sie gerne kennenlernen würde. Nur, dass all das eben nie Realität werden würde. Auch das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Nami könnte sich auf den Kopf stellen und die Situation würde sich dadurch auch nicht verändern.

Dennoch kam sie den Anweisungen nach und begab sich zur Tür. Diese wurde verschlossen und das Schild herumgedreht. Geschlossen. Erst dann wandte sie sich wieder den beiden zu, die sich bereits einen Platz herausgesucht hatten, wo sie es sich auf einer kleinen Couch und einem Sessel gemütlich gemacht hatten. Und so würde Nami ihnen auch folgen und sich neben Vivi auf die Couch sinken lassen. Sanji hatte ihren Kaffee mitgebracht, so wie seine eigene Tasse und Vivi hatte noch ihren Tee. Die beste Ausstattung für ein gemütliches Kaffeekränzchen, obgleich das nicht wirklich zu Nami’s Stimmung passen wollte.
 

„Also.. wie hat sie dir den Kopf verdreht?“
 

Nami zuckte mit den Schultern und lehnte sich vor. Dabei nahm sie sich eines der Gläser in dem sie Orangen erkennen konnte, um sich damit wieder zurückzulehnen und von der Creme zu kosten.
 

„Ich weiß nicht genau. Wir kennen uns immerhin nicht wirklich.“
 

„Sprecht ihr nicht miteinander?“ Es schien Vivi doch ein wenig zu verwundern aber sie ging immerhin davon aus, dass sie sich ständig trafen. Taten sie auch aber es war eben doch nicht ganz so einfach, wie sie glaubte.
 

„Doch aber nicht über private Themen. Ich weiß, dass sie nicht hier wohnt, sich auch für Kunst und Geschichte interessiert, viel unterwegs ist und Beraterin ist“
 

„Beraterin für was?“
 

Auch hier konnte sie nur mit den Schultern zucken. Sie wusste es einfach nicht und konnte nur waghalsige Vermutungen anstellen. Wie nah sie damit aber bei der Wahrheit liegen würde war recht fraglich. Doch was das anging waren sie beide sich schrecklich ähnlich.
 

„Wir sprechen nicht wirklich über private Themen. Wie gesagt, der Deal war, das wir nur eine lockere Zeit zusammen haben. Nicht mehr und nicht weniger.“
 

„Aber?“
 

Sanji neigte etwas den Kopf und sah sie forschend an. Hatte es an der Art gelegen, wie sie es gesagt hatte? Wie sie sich verhielt? Das konnte Nami an dieser Stelle nicht sagen, doch wenn sie ehrlich war? Ja, dann war da ein aber. Es war eben nicht nur das und Nami musste zugeben, dass sie Robin daten würde, wenn sie es könnte. Und, wenn Robin das wollen würde.
 

Noch während sie darüber nachdachte spürte sie, wie Vivi einen Arm um sie legte und sie an sich heran zog. Eine Geste, die Nami durchaus etwas an ihre Grenzen brachte. Wie sollte sie es denn schaffen nicht hier zu sitzen und in Tränen auszubrechen? Wobei es sicher nicht nur an Robin lag. Doch alles in Kombination? Das war schon schwierig.
 

„Sie hat etwas.. ich weiß auch nicht. Ich kann es nicht mal beschreiben, was es ist.“
 

„Aber das könntest du noch herausfinden, oder nicht?“ Da war er wieder, der grenzenlose Optimismus ihrer Freundin. Nami mochte es, das Vivi diesen reinen, fast schon naiven Blick auf die Welt hatte und immer an das Gute glaubte oder daran, dass man eine Lösung finden könnte. Nur, dass das nicht immer so funktionierte. Nicht für Nami zumindest. Und würde sie das alles ihren Freunden erklären, dann würden sie ihr sicherlich zustimmen. Doch solange sie das nicht konnte, konnte sie eben auch keinen klaren Grund vorbringen, warum all diese Worte ihr nicht halfen.
 

„Sie möchte keine Beziehung und.. ich will das eigentlich auch nicht.“
 

„Willst du meine Meinung hören?“
 

Nun war es Sanji, der sich einmischte. Nami antwortete nicht auf seine Worte, sondern schob sich lieber einen Löffel von dem Nachtisch in den Mund. Immerhin war es auch nicht so, dass sie eine wirklich Wahl hatte. Nun, wo sie hier saß, würde sie sich diesen freundschaftlichen Vortrag auch anhören müssen.
 

„Wir treffen in unserem Leben etliche Menschen. Manche berühren uns mehr und andere weniger. Man kann sich sicherlich mehr als einmal verlieben und man kann auch mehrere Menschen auf einmal lieben. Doch um das zu tun, muss man es eben auch zulassen und darf sich nicht davor verschließen. Liebe ist das schönste und wunderbarste, was wir in unserem Leben erleben dürfen, doch wir müssen auch etwas investieren, um sie zu bekommen. Du solltest diese Chance nutzen, wenn sie sich dir bietet. Du hast es verdient Darling.“
 

„Hast du mir nicht zugehört? Sie will keine Beziehung.“
 

„Natürlich. Und, weil sie dich so wenig leiden kann, esst ihr heute gemeinsam zu Abend.“
 

Nami würde zwar nicht behaupten, dass Robin sie nicht leiden konnte. Dennoch gab es einen himmelweiten Unterschied zwischen; „wir haben guten Sex“ und „ich kann mit ein Leben mit dir vorstellen“. Da wollte Nami sich durchaus nichts vormachen. Und eine Fernbeziehung? Selbst, wenn alles andere keine Rolle spielen würde. Konnte es funktionieren? Oder könnte es gerade deswegen doch funktionieren, weil Robin eben nicht hier wohnte? Könnte eine Fernbeziehung die Lösung ihrer Probleme sein?
 

„Ich.. kann es gerade wirklich nicht gebrauchen mich mit so etwas auf die Schnauze zu legen.“
 

Sie hatte durchaus Angst davor. Würde sie sich auf etwas einlassen und sich öffnen, wie sehr würde es sie aus der Bahn werfen, wenn am Ende etwas negatives dabei herauskommen würde? Wenn Robin wirklich einfach verschwand und Nami ihr Interesse an ihr nicht unterdrückt hätte? Das konnte sie sich einfach nicht leisten.
 

„Aber das gehört zum Leben dazu. Die Frage ist, willst du am Ende da stehen und dich ewig fragen, was gewesen wäre wenn du es doch versucht hättest? Oder willst du es wenigstens versuchen und am Ende vielleicht das große Los ziehen?“
 

Sanji war ein hoffnungsloser Romantiker. Und seine Partnerinnen konnten sich wirklich glücklich schätzen ihn zu haben. Aktuell lebte er in zwei Beziehungen und in jede dieser Beziehungen investierte er alles, sein ganzes Herz und all seine Liebe. So schräg Sanji vielleicht sein mochte, so klar hatte er eben seine Prinzipien und war ein Kerl mit einem guten Herzen. Wie er seine Beziehungen führte war durchaus etwas, das man nur bewundern konnte. Für Nami war eine einzige Beziehung schon überfordernd. Er schaffte es allerdings, trotz aller Herausforderungen, die Leichtigkeit in seinen Beziehungen zu bewahren und das war eine verdammt große Stärke.
 

Doch Nami wusste nicht, was sie zu seinen Worten sagen sollte. Natürlich wollte sie sich nicht völlig dagegen sperren. Dieses ganze Chaos bereitete ihr durchaus Kopfschmerzen und Nami konnte nur den Kopf schütteln, während sie weiter den Nachtisch in sich hinein schaufelte und versuchte sich dadurch ein wenig zu entspannen. Zucker half immer, oder nicht?
 

„Liebe geht durch den Magen“; sprach Sanji dann einfach weiter, während Vivi ihr über den Rücken strich. Sie musste durchaus ein ziemlich erbärmliches Bild abgeben und doch schaffte sie es nicht die Fassade aufrecht zu erhalten. „Ich werde dir ein wunderbares Abendessen zubereiten, während du dich noch ein bisschen entspannst. Und dann wirst du einen wunderbaren Abend mit ihr genießen und sie ein bisschen besser kennenlernen.“
 

„Wir haben aber nichts hier, nur Sachen zum backen“, wandte sie dann auch gleich ein. Sie zog ungerne andere mit in ihre Angelegenheiten hinein. Anderen eine Last zu sein, das widerstrebte Nami sehr und nun machte sie ihrem Freund auch noch Arbeit mit einer Sache, die eigentlich von vorne herein zu nichts führen könnte.
 

„Ich gehe zum Supermarkt. Das ist nicht weit“.
 

Er war schon dabei aufzustehen und raffte alles zusammen. Nami würde ihn nicht aufhalten können und da war er schon auf dem Weg. Am Ende war auch er ein ziemlicher Starrkopf und offenbar hatte sich Sanji in den Kopf gesetzt sich in ihr Liebesleben einzumischen. Auf der anderen Seite würde sie kaum etwas besseres bekommen als das, was er ihr zaubern würde. Nami kannte niemand, der so gut kochen konnte wie er. Und doch entlockte ihr diese ganze Situation nur ein tiefes Seufzen, während sie sich weiter an Vivi lehnte. Dann hieß es jetzt wohl abwarten.
 


 

***
 


 

„Also, wenn du sie damit nicht überzeugst, dann weiß ich nicht.“
 

„Du hast es doch noch gar nicht probiert“, wandte Nami ein und schielte zu Vivi herüber. Inzwischen saßen sie an der Theke und schauten durch die Tür in die Küche, wo Sanji dabei war ein Essen für sie zu zaubern. Es roch wirklich hervorragend und Nami war sich sicher, dass sie damit bei Robin punkten könnte. Wollte sie das? Darüber war sie sich einfach nicht sicher, obgleich sie das Thema mit Vivi noch weiter beleuchtet hatte.
 

„Es riecht hervorragend. Und du weißt, wie er kochen kann.“
 

„Möglich. Aber ich will sie von nichts überzeugen, es soll einfach ein schöner Abend werden.“
 

Was könnte Nami auch mehr erwarten? Sie würde kaum mit Robin über all diese Gedanken sprechen oder eine Möglichkeit einräumen, dass sie vielleicht doch mehr in ihrem Kennenlernen sehen könnte als das, was sie zu Beginn gesagt hatte. Vermutlich würde Robin das auch nicht besonders gut aufnehmen und dann könnte sie einen entspannten Abend wohl auch vergessen.
 

„Ein schöner Abend kann ihr zeigen, dass es noch einen weiteren Abend geben sollte. Ein Abend mit dem vielleicht ein neues Treffen, ein Date und weiteres kennenlernen einher gehen kann. Aber dazu musst du ihr erst einmal zeigen, was du zu bieten hast.“
 

Das wusste sie durchaus. Nami wusste ebenso, dass ein gutes Essen ein erster Schritt war, um die Stimmung zu bessern. Erst recht mit dem Wein, den Sanji für das Essen ausgewählt hatte. Es würde zumindest davon zeugen, dass Nami einen guten Geschmack hatte. Inzwischen hatte sie entschieden, dass sie alles einfach auf sie zukommen lassen würde. Planen konnte sie es nicht, da es nicht von ihr alleine abhing. Doch das Thema einer Fernbeziehung oder, zumindest einem Kontakt auf Distanz, schien langsam interessant für Nami zu werden. Wenn jemand nicht hier war, dann müsste sie weniger erklären und könnte diese Person auch aus Aron’s Reichweite halten.
 

„Ihr macht das alles größer als es eigentlich ist. Wir haben uns einfach getroffen und haben guten Sex. Das ist was anderes als wenn ich mit jemandem ausgehen würde.“
 

Wie oft hatte sie das nun schon gesagt und versuchte zu betonen, dass es nicht mehr als das sein konnte? Nami hatte aufgehört es zu zählen. Zumal es ohnehin nicht wirklich Gehör zu finden schien bei diesen beiden. Wobei dies wohl auch einfach daran lag, wie Nami damit umging. Das sie Frauen traf, mit denen sie guten Sex hatte, war nicht neu. Doch die Tatsache, dass sie Robin mehrfach getroffen hatte und, dass sie das Gespräch nicht so gleichgültig abgewiegelt hatte, schien sein übriges zu tun.
 

„Muss das eine das andere ausschließen?“
 

Nami wechselte einen Blick mit Vivi, die nur wieder grinste. Nein, das eine musste das andere gewiss nicht ausschließen. Und dennoch fand sie die Euphorie, die ihre Freunde hier verbreiteten durchaus ein wenig befremdlich. So, als würden sie nicht hören wollen, was Nami zu der ganzen Sache zu sagen hatte. Als würden sie das offensichtliche ignorieren und einfach ihren eigenen, kleinen Film schieben. Und dabei ging es nicht einmal nur um ihre Sicht auf die Dinge, die da ignoriert wurde. Sondern auch die von Robin, die Nami ebenfalls mehrfach versucht hatte deutlich zu machen. Ohne Erfolg. Das wiederum brachte Nami in die Position, dass sie darauf aufpassen musste, sich nicht ganz von all dem mitreißen zu lassen. Den Fokus durfte sie nicht verlieren.
 

„Wenn ich am Ende mit Liebeskummer oder so einem Scheiß da sitze, dann erwarte ich einen großen Becher Eis und zwar stündlich.“
 

„Du glaubst also, dass du dich verlieben könntest?“
 

Nami verdrehte die Augen und wusste nicht, wie sie mit so viel Ignoranz umgehen sollte. Denn nichts anderes war es, was Vivi hier zelebrierte, wie eine ganz Große. Aber während Sanji ein hoffnungsloser Romantiker war, war Vivi eben eine haltlose Optimistin. Beides brachte Nami gleichermaßen an ihre Grenzen. Immer und immer wieder.
 

„Willst du dich nicht einfach mal um deinen eigenen Scheiß kümmern?“
 

„Ich kümmere mich um mich, wenn du aufhörst so beratungsresistent zu sein.“
 

Also würde sie Nami nie ihre Ruhe haben. Wieder schüttelte sie den Kopf und sah zu Sanji, der wohl langsam fertig wurde und dabei war die Gerichte zu verpacken. Musste nun wohl auch schnell gehen, damit alles noch heiß ankommen würde.
 

„Darling, du kannst dir ein Uber bestellen!“ rief er aus der Küche heraus und Nami griff nach ihrem Handy. Zunächst würde sie aber Robin eine Nachricht schicken. Sie hatte es tatsächlich geschafft die Nummer der anderen zu bekommen, um sie diesmal wenigstens vorzuwarnen, dass sie gleich bei ihr auftauchen würde. So fair sollte es doch auch sein. Erst dann öffnete sie die Uber App und würde sich eines bestellen, damit sie gleich direkt mit dem Essen zu ihr fahren konnte.
 

„Hier, wenn es euch zu kalt sein sollte, dann wärmt es auf aber es sollte machbar sein.“
 

Mit diesen Worten würde er ihr dann auch alles auf den Tresen stellen. Nami betrachtete die Tüte und musste doch lächeln. Ein gutes Gefühl hatte sie inzwischen in sofern doch, dass sie mit Robin sicherlich einen schönen Abend haben würde. Wenigstens das konnte sie noch mitnehmen.
 

„Und es ist wirklich okay, wenn ich euch damit alleine lasse?“
 

Immerhin hatte man bisher nur sporadisch sauber gemacht. Vivi und sie hatten es wenigstens geschafft den Geschäftsraum zu fegen, die Tische abzuwischen und alles zu reinigen. Dennoch fehlte noch die Küche in der Sanji jetzt noch gearbeitet hatte. Zumal es auch eigentlich Nami war, die ihrer Schwester versprochen hatte, sich um das schließen des Café’s zu kümmern. Stattdessen wurde sie nun aber von ihren Freunden vor die Tür gesetzt.
 

„Du hilfst uns am meisten, indem du jetzt zu dieser Frau fährst und ihr euch kennenlernt. Gib dem ganzen eine Chance und lass dich einmal auf das alles ein. Und dann erwarten wir, dass du uns jedes kleine Detail erzählst, haben wir uns verstanden?“
 

„Er hat recht. Wir kümmern uns um alles. Mach dir einen schönen Abend.“ Vivi lehnte sich zu ihr herüber und küsste sie auf die Wange. Und auch Sanji würde sich im Anschluss zu ihr begeben, um sie kurz zu umarmen und an sich zu drücken. Die beiden setzten durchaus Hoffnung in das alles. Aber wenn man bedachte, dass sie seit Carina niemanden mehr wirklich an sich heran gelassen hatte, dann meinten sie es eben einfach nur gut.
 

„Gut. Vielen Dank.“
 

Noch einmal lächelte sie die beiden an, dann würde sie das Essen an sich nehmen und das Café verlassen. Draußen musste sie auch nicht lange warten, als schon ihr Uber vorfahren würde und Nami einsteigen konnte. Hier hatte sie auch die Gelegenheit noch einmal durchzuatmen und den Tag etwas sacken zu lassen. Aron hatte sich nicht gemeldet und sie hatte durchaus besser verdrängen können das Aron sie vielleicht jeden Moment kontaktieren und etwas neues einfordern könnte. Möglicherweise machte sie sich auch einfach nur zu viele Gedanken. Es gab nichts, was die Polizei auf ihre Spur bringen könnte und, so wahnsinnig Aron auch war, man hatte ihn noch nie in wirkliche Bedrängnis gebracht. Das hatte sie über die vergangenen Jahre mehrfach erleben dürfen. Alles sprach dafür, dass es jetzt auch nicht anders war. Und so sollte sie sich einfach entspannen und sich nicht davon wahnsinnig machen lassen.
 

Einzig für die Situation um Nojiko müsste eine Lösung finden, denn das Aron sie derart beobachtete und in der Hand hatte, war nichts was sie ihm einfach so überlassen wollte. Es war abartig. Ganz zu schweigen von der Gefährlichkeit des ganzen.

Mit klarem Kopf könnte sie das machen und vielleicht hatten ihre Freunde recht und Nami durfte versuchen sich auch etwas Glück in ihr Leben zu holen. Und sei es nur für eine kleine Zeitspanne oder, für einen einzigen Abend.
 

Nami blickte zur Seite zu dem Essen, was dort stand. Es war unklar, was daraus werden könnte und, wie Robin das alles sah. Doch sie wollte sich darauf einlassen und, je nachdem was geschah, könnte sie sich noch immer den Kopf über etwas zerbrechen, was dann kommen würde.
 

Ein Blick auf ihr Handy sagte ihr, dass Robin bereits auf ihre Nachricht geantwortet hatte. Sie freute sich. Das war gut und es sorgte dafür, dass sich auf Nami’s Gesicht wieder ein glückliches Lächeln ausbreitete. Auf der einen Seite fühlte sie sich schuldig und schlecht, dass sie in Zeiten wie diesen überhaupt so fühlte und es Raum dafür gab. Ihr Fokus sollte auf etwas völlig anderem liegen und dennoch schaffte sie es nicht diese Gefühle zu ignorieren und zu unterdrücken. Doch auf der anderen Seite hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
 

Glücklich

developments


 

2023 - New York
 


 

Mit ihrem Kaffee stand Robin im Wohnzimmer, wo sie inzwischen die Unterlagen ausgebreitet hatte. Nachdem der Wildfang verschwunden war hatte sie sich erst einmal sortieren müssen. Einige Gedanken hatten sie umgetrieben. In erster Linie wohl die Male, die sie am Hals der jüngeren hatte erkennen können und die offensichtlich für eine Gewalteinwirkung sprachen. Das sie nicht darüber hatte reden wollen, das hatte Nora auch deutlich gemacht. Robin hatte sie nicht dazu zwingen können, immerhin war sie eine erwachsene Frau und doch machte sie sich ihre Gedanken darum.
 

Gleichzeitig hatte sie sie nicht nur in ihr Haus gelassen, es war weit mehr zwischen ihnen passiert und Robin hatte sich besseren Wissens dazu hinreißen lassen. War es richtig mit einer Frau zu schlafen, die offensichtlich Gewalt ausgesetzt worden war? Ja, sie wusste nicht wie genau es passiert war und vielleicht war diese ganze Sache nun viel Größer in ihrem Kopf, als sie das eigentlich war. Doch mit ihrem Hintergrund konnte Robin nicht anders, als sich ihre Gedanken zu machen. Daher stand ihr Entschluss auch fest, dass sie Nora noch einmal darauf ansprechen und das Thema noch einmal anders zu beleuchten.
 

Was sie allerdings mit dem Umstand machen sollte, dass sie diesen Wildfang nicht einfach aus ihrem Leben raushalten und sich distanzieren konnte, war Robin nicht ganz so gut aufgestellt. Immerhin hatten sie sich darauf geeinigt den Abend gemeinsam zu verbringen und zwar hier in ihrem Haus. Eigentlich hatte Robin Ablenkung für einen Abend gesucht und nun erwischte sie sich dabei, wie sie sich in etwas verstricke, dass weit darüber hinaus ging. Die Kleine war ihr einfach nicht egal, auch wenn Robin es gerne so handhaben würde.
 

All diese Gedanken hatten sie umgetrieben, nachdem Nora verschwunden war. Zu einem klaren Ergebnis war sie noch nicht gekommen und so hatte sie sich dazu entschlossen sich wieder den Unterlagen zu widmen, die Franky ihr gebracht hatte. Etliche Liefer- und Passierscheine. Robin hatte sie zunächst nach Jahren ausgelegt und sich dann daran gemacht ein Jahr nach dem anderen vorzunehmen. Franky hatte ihr die letzten Monate als gesamte Unterlagen in einer Kiste gebracht. In der anderen hatten sich einzelne Monate der letzten Jahre befunden. Als Stichproben. Sie nahm an, dass er versuchte so, trotz des Zeitdrucks, einen möglichst weitreichenden Überblick zu erhalten und auf einen Glückstreffen innerhalb der vergangenen Jahre hoffte.
 

Dann hatte sie angefangen die einzelnen Monate durchzugehen und mit dem Schein zu vergleichen, den sie klar ihrem Verbrechen zuordnen konnte. Zunächst hatte sie alles nur einmal schnell überflogen und dabei die Scheine aussortiert, die auf den ersten Blick eine deutlich andere Schrift hatten. Trotz dessen gab es noch genug Scheine bei denen sie genauer hinschauen musste und dafür musste sie sich Zeit nehmen, während sie immer mal wieder einen herauslegen konnte, der sich eindeutig zuordnen ließ. Es war eine monotone und klare Arbeit. Etwas das Robin gewohnt war und gerne machte, doch heute fiel es ihr schwer sich zu konzentrieren. Etwas störte sie auch, wenn sie es nicht klar benennen konnte. Doch ihr Blick glitt immer wieder auf den Lieferschein mit dem das alles angefangen hatte. Es war etwas mit der Schrift. Sie konnte nicht genau sagen was es war, doch etwas an all dem kam ihr seltsam vertraut vor. Warum?
 

Dennoch war das nicht das wichtigste. Hier hatte sie mögliche Lieferungen, die vielleicht mit all dem zusammenhingen, an Smoker zu melden und diesem weitere Möglichkeiten zu verschaffen an Informationen oder neue Spuren zu gelangen. In wie weit das wirklich zum Erfolg führen würde, das konnte sie nicht wirklich einschätzen und vielleicht wäre das alles ohnehin etwas für eine andere Behörde. Ihrer Meinung nach hätte all das längst an das FBI gemeldet werden sollen. Da Franky aber in Verbindung mit dem FBI stand schien das Smoker für’s erste zu genügen. Sicherlich eine eher fadenscheinige Sache. Doch Smoker war ohnehin nicht wirklich dafür bekannt, dass er sich gerne an Regeln hielt oder andere die Nase in seine Angelegenheiten stecken ließ. Kooperation im Sinne der Opfer war nur bedingt das, was zu seinen Stärken zählte. Da stand ihm sein Ego im Weg und das war aus ihrer Sicht nie etwas Gutes. Es machte wütend und betroffen. Immerhin sollte alle Energie in die Zerschlagung dieses Menschenhändlerrings fließen, um weitere Opfer zu verhindern. Und doch hing fiel Prestige an der Aufklärung eines solchen Falles. Das dies meistens zum Nachteil der Opfer war, das hatte Robin selbst erfahren müssen. Und deswegen konnte sie Smoker wohl nicht leiden und hatte ein Problem mit seinem Vorgehen.
 

Robin schob die Dokumente, die sie ausgeschlossen hatte, wieder in die Kiste und machte sich etwas Platz, damit sie die anderen Dokumente weiter ausbreiten und sich mit einem Notizbuch dazwischen setzen konnte. Merkmale, die auf den ersten Blick zu erkennen waren, waren das eine. Nun musste sie die Auffälligkeiten der Schrift herausarbeiten, die eine nachweisbare Gemeinsamkeit aufweisen würden. Und mit dieser Gemeinsamkeit und den Eigenheiten könnte sie anschließend weitere Rückschlüsse ziehen. Dieses Profil würde zwar nicht den Fälscher hervorlocken aber es ließen sich doch gewisse Rückschlüsse ziehen und später könnte man es nutzen, um eine klare Verbindung zwischen dem Fälscher und den Dokumenten herzustellen. Vorausgesetzt, dass man ihn überhaupt finden würde.
 

Sie würde sich das erste Dokument vornehmen und sich die Schrift ansehen. Buchstaben für Buchstaben. Dabei würde sie sich alle Eigenheiten notieren, die ihr auf den ersten, genaueren Blick auffielen. Dieser erste Eindruck müsste anschließend überprüft und verifiziert werden. Das würde deutlich mehr Zeit beanspruchen aber sie konnte sich darin zumindest für ein paar Stunden verlieren, bis Nora wieder zurück kommen würde. Dann müsste sie das alles zusammenpacken und die Arbeit auf den nächsten Tag verschieben. Nicht, dass sie das wirklich störte aber, sie wollte die andere doch nicht in das blicken lassen, womit sie sich beschäftigte. Denn, dass diese kleine Schnüffelnase jedes Detail wahrnehmen würde, das war ihr nach dem letzten Besuch durchaus klar. Nora würde Fragen stellen und wie lange man diesen Balanceakt noch weitertreiben würde, das musste sich zeigen. Aber sie wollte das alles auch nicht weiter provozieren, wenn sie es auch anders regeln und einfach besser vor ihr verbergen könnte.
 

Während sie ihre Gedanken ausformulierte und in ihr Notizbuch schrieb klingelte es irgendwann an ihrer Tür. Kurz warf Robin einen Blick auf ihre Uhr, dann auf ihr Handy. Es war noch zu früh, als das es Nora sein könnte. Zumal sie auch davon gesprochen hatte, dass sie Robin schreiben würde, bevor sie hierher zurückkehren würde. Als Vorwarnung. Nicht, dass Robin das als nötig erachtet hatte und doch wäre es ungewöhnlich, wenn sie nun doch einfach so vor ihrer Tür stünde.
 

Robin würde sich erheben und dann zur Tür laufen. Als sie öffnete blickte sie nicht in das Gesicht von Nora, sondern in das ihres besten Freundes, der eine Tüte hoch hielt.
 

„Es gibt Neuigkeiten, ich habe Essen mitgebracht.“
 

Ohne auf ihre Antwort zu warten würde er sich an ihr vorbei in das Haus schieben. Robin atmete durch und schloss die Tür wieder, um Franky dann mit dem Blick zu folgen. Kurz war der Blick in die Küche gegangen aber dann hatte er den Blick aber auf das Wohnzimmer gerichtet und sich wohl dazu entschieden dorthin zu gehen. Die Tüte stelle er auf dem Tisch ab, schob sich dabei die Schuhe von den Füßen und hockte sich hinunter, um einen Blick auf die Unterlagen zu werfen und die Notizen, die sie gemacht hatte.
 

„Du hast etwas gefunden?“
 

„Zumindest Dokumente bei denen die Handschrift Ähnlichkeiten aufweist. Ich muss noch prüfen welche wirklich überein stimmen. 2020 und 2021 habe ich bisher keine eindeutigen Dokumente gefunden aber das kann mit der Pandemie zusammen hängen und, dass ich nicht alle Monate vorliegen habe.“
 

Sie war an ihn herangetreten, hatte die Hände in die Hosentasche geschoben und blieb nun neben ihm stehen, um ebenfalls noch einmal einen Blick auf die verschiedenen Stapel zu werfen, die sie hier ausgebreitet hatte. Bedachte man, dass die Jahr dann war das keine wirkliche Überraschung. Die Pandemie hatte alles beeinflusst und sicherlich auch den Menschenhandel. Wer schaffte sich schon Mädchen an, wenn er sie versorgen aber keinen Gewinn aus ihnen schlagen konnte, weil die Welt still stand? Zumal man auch nur Verluste machte, wenn die Mädchen sich angesteckt hätten und dann voraussichtlich gestorben wären ohne medizinische Versorgung. Und selbst diese Versorgung hätte nur Kosten verursacht.
 

Das alles machte durchaus Sinn. Dafür hatte sie, obgleich sie auch hier nur vereinzelte Monate zur Verfügung gehabt hatte, im folgenden Jahr mit den Lockerungen auch mögliche Scheine gefunden, die für den Fall relevant sein könnten. Das Geschäft schien explodiert zu sein, wenn sich auch nur die Hälfte davon zuordnen ließe. Obgleich hier noch immer die Voraussetzung greifen musste, dass diese Lieferungen wirklich im Zusammenhang mit dem standen, was sie bisher herausgefunden hatten. Aber vielleicht war in all dem auch nur das gewesen, was auf diesen Lieferscheinen stand. Kleidung oder Fahrzeugteile. Es war nie das gleiche angegeben. Nie der gleiche Absender, nie die gleiche Lieferadresse. Die einzige vermeintliche Gemeinsamkeit, auf die sich Robin stützen könnte, war die Schrift.
 

„Okay, das ist gut. Bist du schon mit allen Jahren durch?“
 

„Eine erste, oberflächliche Durchsicht. Das sind die Dokumente die ich bisher klar identifizieren konnte. Jetzt werde ich es genauer prüfen müssen.“
 

„Schon gut.. das ist mehr als ich erwartet hatte. Selbst, wenn wir nur ein paar Scheine haben wird Smoker genug damit zu tun haben das alles zu überprüfen. Das wird helfen auch, wenn das vermutlich nicht seine Priorität sein wird.“
 

Vermutlich war das der Grund, warum Franky nun hier war. Robin lief an ihm vorbei und würde sich dann auch auf die Couch setzen. Franky würde sich auf den Hintern sinken lassen und dann nach der Tüte greifen und anfangen die Boxen herauszuholen. Das auch eine große Flasche Cola dabei war wunderte Robin nicht wirklich. Nachdem er ihren Kühlschrank gesehen hatte schien er nun Vorsichtsmaßnahmen ergriffen zu haben, damit er überhaupt etwas bekommen würde, wenn er hier war. Ihr sollte es recht sein auch, wenn sie nicht sicher war, warum genau er so viel besorgt hatte. War doch einiges, selbst für seine Verhältnisse.
 

„Was hat sich ergeben?“
 

Immerhin war er wegen diesen Neuigkeiten extra hierher gekommen. Es war wohl nicht ausreichend gewesen ihr einfach eine Nachricht zu hinterlassen oder sie anzurufen. Doch anstatt ihr zu antworten öffnete er einfach nur die Boxen und würde Robin eine davon vor die Nase schieben. Er ließ sich merklich Zeit und würde sich zunächst einen großen Bissen in den Mund schieben, als hätte er eine halbe Ewigkeit darauf warten müssen.
 

„Das Mädchen hat geredet. Irgendwie zumindest“, würde er dann aber doch das Schweigen brechen und ihr den Grund verraten, warum er hier war.
 

„Irgendwie? Was soll das heißen?“
 

Da Robin das Essen nicht anrührte schob Franky ihr das ganze noch einmal etwas näher. Seiner Meinung nach konnte man nur mit vollem Magen richtig denken und arbeiten. Eine andere Option gab es in seiner Welt einfach nicht. Wobei es ja nicht so war, dass Robin keinen Hunger hatte. Nur, was sollte sie später essen, wenn Nora kam, wenn sie sich jetzt schon satt essen würde?
 

„Naja, man hat nicht wirklich viel aus ihr heraus bekommen. Sie wollte kein Phantombild erstellen, von denjenigen, die sie zu dem Hotel gebracht haben. Sie sagt, dass sie hier ist, um zu arbeiten. Das man sie nicht zwingen würde. Willst du nichts essen?“
 

„Gerade nicht. Naja, sie hat vermutlich Angst, was passiert wenn sie etwas falsches sagt. Es ist sicher nicht ungewöhnlich, dass die Mädchen in ihrer Umgebung gestorben sind“, gab sie zu bedenken. Das war einfach naheliegend. Am Ende würde es keinen Unterschied machen. Sollten diese Kerle sie wieder in die Finger bekommen, dann würde sie so oder so sterben, weil sie einfach keinen Wert für sie hatte. Sie war ein Sicherheitsrisiko, egal wie gut oder schlecht sie sich nun verkaufen würde. Die Polizei hatte sie aufgegriffen und das war genug, um ihr Todesurteil zu unterschreiben.
 

„Wann hast du das letzte Mal gegessen?“
 

„Franky..“
 

Robin schüttelte den Kopf und würde sich zurücklehnen. Er sollte sich konzentrieren, doch so wie er die Nudeln aufgriff und sie sich in den Mund schob hatte er offenkundig selbst andere Prioritäten. Wenn man bedachte, dass er gerade vermutlich wenig auf sich selbst achtete, dann war es durchaus das beste, wenn er wenigstens jetzt etwas essen würde.
 

„Also.. sie sagte sie sei Tänzerin. Wo sie gearbeitet hat wollte sie nicht sagen und du kannst dir ja denken, dass es ein paar Nachtclub’s gibt, die man sich nun genauer ansehen müsste. Unter einem Vorwand kann man das sicherlich machen aber, ob dabei etwas rum kommt ist fraglich. Und es würde viel Zeit und Geld verschlingen.“
 

„Zumal sicher bereits durchgesickert ist, dass sie gefunden wurde und man sich nun auch auf einen solchen Fall vorbereiten wird.“
 

Franky nickte zustimmend, während er weiter aß. Nein, das konnte nicht die Lösung sein und man brauchte dringend etwas handfestes. Irgendetwas das man konkret mit einem Ort in Verbindung bringen konnte und, was auch nachzuweisen war. Robin glaubte nicht wirklich daran, denn man hätte wohl kaum den Fehler gemacht und ein einfaches Mädchen zu viel sehen gelassen. Egal was sie wusste, es würde sie nicht zu den großen Fischen bringen.
 

„Sie spricht nur gebrochen Englisch, deswegen ist nicht klar, ob sie alles wirklich gut versteht. Und, mit der Übersetzerin spricht sie nicht. Sie weigert sich auf irgendetwas zu reagieren, wenn sie im Raum ist.“
 

„Hat sie etwas zu dem anderen Mädchen oder dem Abend gesagt?“
 

Franky schüttelte den Kopf und würde die Cola Flasche öffnen, um daraus einen großen Schluck zu nehmen. Was hatte sie auch erwartet? Natürlich würde das nichts bringen und was sollte sie auch sagen? Vermutlich war das Mädchen durch die letzten Wochen, vielleicht auch Monate stark traumatisiert. Sie hatte Angst und würde keinem Menschen einfach so vertrauen. Vielleicht hatte sie bereits einen Cop gesehen, der in all dem mit drin hing oder man hatte ihr erzählt, dass ihr bei der Polizei niemand glauben würde. Das man auch dort Leute hatte, um sie Mundtod zu machen. Ganz gleich was es war, es war doch mehr als deutlich, dass diese Spur nur dann ein Durchbruch war, wenn man es schaffte ihr Vertrauen zu gewinnen.
 

„Wer verhört sie?“
 

„Ist Chefsache.“
 

„Und da wundert man sich, dass sie nicht reden will? Warum nicht die Frau, die wir im Hotel getroffen haben?“
 

Erneut zuckte Franky mit den Schultern und schob ihr wieder das Essen entgegen. Es irritierte ihn, dass sie nicht wollte und Robin musste zugeben, dass es durchaus gut und sehr verlockend roch. Jedoch durchkreuzte es nun wirklich ihre Pläne.
 

„Sie ist auch dabei aber sie soll wohl nicht viel sagen. Keine Ahnung, was er sich denkt. Vielleicht glaubt er, dass sie reden wird, wenn sie mehr Angst vor ihm als vor den möglichen Konsequenzen hat. Bisher hat er keinen Erfolg. Vorhin mussten wir abbrechen, sie ist total abgedriftet, hat angefangen vor und zurück zu schaukeln. Die Psychologin musste eingreifen. Morgen wollen sie es noch einmal versuchen. Hoffentlich mit einem besseren Plan.“
 

„Mit der Brechstange wird er jedenfalls nicht weiter kommen.“
 

„Nein. Warum isst du nicht. Es ist vegan und kein Zucker.“
 

„Das ist nicht das Problem.“
 

Robin war durchaus nicht ganz so streng mit ihrem Essen, wie er es gerne darstellte. Nur, weil sie sich gerne gesund und auch vegan ernährte bedeutete das nicht, dass es für sie keine Ausnahmen gab. Zucker durfte auch mal sein und gelegentlich auch etwas Käse. Aber sie setzte sich durchaus mit dem auseinander, was sie aß. Etwas das Franky nur bedingt verstand, doch er ernährte sich zu einem großen Teil auch von Cola und Asia Nudeln. Was also sollte man davon erwarten?
 

„Sondern? Was ist nun wieder?“
 

„Ich esse heute schon mit jemandem zu Abend und, wenn ich das jetzt esse, dann werde ich satt sein. Du kannst es also für mich essen.“
 

Für einen kurzen Moment zeigte sich ein eher überraschter Ausdruck auf seinem Gesicht. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet. Doch ein lockerer Abend in einer Bar, eine Bettgeschichte, das alles waren durchaus andere Dinge, als ein Abendessen mit jemandem. Sie könnte nicht einmal sagen, dass es nicht so war denn, diese Sache entwickelte sich völlig anders als sie es geglaubt hatte. Und Robin tat gleichzeitig nicht sonderlich viel dafür, um diese Entwicklung wieder in den Griff zu bekommen.
 

„Etwa die Frau aus der Bar?“
 

Ihr Schweigen und der Griff nach ihrer Kaffeetasse sagten wohl genug. Zumindest brach Franky in schallendes Gelächter aus und lehnte sich dabei zurück, um dem ganzen noch mehr Ausdruck zu geben. Etwas das Robin dazu veranlasste die Augen zu verdrehen und den Kopf zu schütteln. Manchmal benahm er sich wie ein kleiner Junge.
 

„Hast du nicht gesagt du kennst nicht ihren Namen und ihr werdet euch nicht wiedersehen?“
 

„Wir sind uns zufällig noch einmal begegnet. Es war nicht geplant.“
 

„Natürlich. Und nun gehst du zufällig mit ihr essen? Aber ihren Namen kennst du inzwischen schon, ja?“
 

Sie hätte wirklich besser nichts dazu gesagt. Oder, dass sie eine Magenverstimmung hatte, gerade gegessen hätte oder eine andere Ausrede, die es ihr nun leichter machen würde. Alles wäre vermutlich besser gewesen, als dieses Thema mit ihm aufzumachen und sich nun damit befassen zu müssen, dass Franky ihr Privatleben so irrsinnig komisch fand. Wie sollte man da auch ernsthaft mit ihm über die eigenen Gedanken sprechen, wenn das die einzige Reaktion war, die auf einen wartete?
 

„Sie heißt Nora und.. ich weiß nicht wohin es führt okay? Wir sehen uns einfach in der Zeit in der ich in der Stadt bin.“
 

„Und was macht sie, wie alt ist sie? Soll ich sie durchleuchten?“
 

„Untersteh dich.“
 

Ein warnender Blick traf ihren Freund. Er machte das durchaus gerne. Zwar nicht immer aber, wenn er glaubte sich einmischen zu müssen, dann erstellte er gerne Profile von möglichen Dates. Obgleich Robin nicht diejenige von ihnen beiden war, die dahingehend die größeren Probleme hatte. Ja, mit Kalifa waren die Dinge am Ende kompliziert gewesen, doch wenn man bedachte in was für Beziehungen Franky selbst immer geriet, dann wäre er gut damit beraten lieber Profile für seine eigenen Bekanntschaften zu erstellen.
 

„Sie ist Designerin und ich weiß nicht, wie alt sie ist. Jünger als ich auf jeden Fall.“
 

„Uh, das ist neu. Bringt sie frische Energie ins Bett?“
 

Er wackelte ein wenig mit den Augenbrauen und Robin unterdrückte nicht den Impuls ein Kissen zu nehmen und es nach ihm zu werfen. Das war nun wirklich nicht angebracht und sie würde ganz sicher nicht mit ihm über ihr Sexleben sprechen. Genau aus diesem Grund; er nahm so etwas einfach nicht ernst.
 

Franky lachte wieder und fing das Kissen auf, um es dann neben sich auf den Boden zu legen. Ihn tangierte ihre Reaktion nicht wirklich.
 

„Wir reden nicht viel über unser Privatleben. Vielleicht ändert sich das heute, ich weiß es nicht. Und ich weiß auch noch nicht, ob ich das überhaupt will oder wohin das führen könnte.“
 

„Musst du es denn schon wissen? Du gehst ziemlich verkrampft an das alles heran. Lass es einfach auf dich zukommen. Du hast nicht zu verlieren und wer weiß, vielleicht wird ja was daraus. Aber ist das wirklich alles, was du über sie weißt?“
 

„Selbst, wenn ich mehr wüsste, ich würde es dir nicht sagen.“
 

Franky verzog etwas beleidigt das Gesicht, doch das war ihr egal. Das war alles was er bekommen würde und alleine damit konnte er glücklicherweise nichts anfangen. Wie sollte sie auch eine Beziehung aufbauen können, wenn er ihr das Leben der anderen in einer Mappe reichen würde. Informationen, die Nora noch nicht bereit war selbst von sich preiszugeben. So wollte sie wirklich nicht anfangen, zumal ohnehin völlig unklar war in welche Richtung das alles überhaupt gehen könnte. Wenn sie abreisen und der Kontakt dann abbrechen würde war es den Aufwand ohnehin nicht wert.
 

„Schon gut, dann halt nicht. Aber es freut mich, dass du es vielleicht doch etwas ernster versuchst. Versuch am besten nicht ganz so seltsam zu wirken.“
 

„Erzähl mir lieber, ob noch etwas bei dem Verhör herausgekommen ist.“
 

Robin zog es vor sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und was sollte das schon heißen; sie solle sich nicht seltsam verhalten? Sie war nicht seltsam. Zumal Nora sie bisher auch so kennengelernt hatte und es daran wirklich nicht scheitern würde. Das zumindest war ihre Meinung zu dieser Sache und die würde sie sich auch nicht nehmen lassen. Ein rationales herangehen an die Dinge war wohl kaum das seltsamste Verhalten, was einem beim dating über den Weg laufen konnte.
 

„Nicht wirklich. Als wir abbrechen mussten hat sie auch noch was gemurmelt.. die Übersetzerin hat das ganze auch beobachtet aus einem anderen Raum heraus, falls sie etwas sagt, das wir verstehen müssen. Sie sagte es seien Fische gewesen.“
 

„Fische?“
 

„Naja.. Oktopuss.. Doctorfisch.. Clownfisch.. so ein Mist eben. Wir vermuten, dass sie das aufgezählt hat, um sich zu beruhigen. Ein Zusammenhang zu ihrer Kindheit vielleicht. Möglicherweise waren ihre Eltern Fischer oder sie ist am Meer aufgewachsen..“

Robin nickte langsam und etwas nachdenklich. Das alles war wenig zielführend und schien bisweilen auch keinen wirklichen Sinn zu machen. Aber nun gut, damit hatten sie gerechnet. Daher war es keine wirkliche Enttäuschung, lediglich eine Feststellung von Tatsachen, die man so annehmen konnte.
 

„Was denkst du wie lange du hierfür noch brauchen wirst?“
 

Franky war dabei sein Essen zu leeren und würde dann auch Robin’s Schale zu sich ziehen. Dabei hatte er noch einmal auf die ausgebreiteten Unterlagen und Lieferscheine gedeutet. Eine Spur, die im Vergleich, sicherlich vielversprechender war auch, wenn Robin nicht wusste, was ein Fälscher ihnen bringen sollte.
 

„Ich habe erst einen groben, ersten Überblick. Um ein Profil zu erstellen werde ich mir alle Dokumente, die in Frage kommen, noch einmal ganz genau ansehen müssen. Und ich werde schauen müssen, ob es vielleicht Ähnlichkeiten zu anderen Dokumenten gibt, die ich auf den ersten Blick übersehen habe. Vielleicht zwei Tage. Ich versuche mich zu beeilen.“
 

„Kannst du mir morgen vielleicht eine erste Einschätzung zu dem Profil zukommen lassen? Es kann unter Vorbehalt sein aber, möglicherweise hilft uns das schon einmal.“
 

Möglich. Wenn auch eher unwahrscheinlich aus ihrer Sicht. Dennoch würde sie ihm den Gefallen tun und am Ende war es ohnehin nur ihre Aufgabe das alles irgendwie zu liefern und anderen die weitere Arbeit zu überlassen. Das einzig Gute daran war wohl, dass Robin sich unter diesen Umständen den ganzen Tag hier verkriechen und sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren konnte. Das war sicherlich ein besonderer Gewinn und würde sie wenigstens dahingehend entlasten.
 

Ihr Handy vibrierte und sie würde danach greifen, um einen kurzen Blick darauf zu werfen. Eine Nachricht von Nora, die sie unweigerlich lächeln ließ und dafür sorgte, dass sie das Handy entsperren und ihr eine kurze Antwort schicken würde.

Als sie wieder aufblickte sah sie zu Franky, der sie forschend und mit einem neckischen Grinsen ansah. Tja. Da schien er sie wohl erwischt zu haben.
 

„Ich werde dich jetzt rausschmeißen müssen.“
 

„Was, warum?“
 

Er warf einen Blick auf die Uhr, als hätte jemals festgestanden, wann sie sich mit Nora treffen würde. Doch darauf würde Robin nicht eingehen sondern sich lieber erheben, um damit zu beginnen alles zusammen zu räumen.
 

„Darum. Los, iss auf und dann verschwinde.“
 

„Warte.. kommt sie etwa hierher? Du isst hier mit ihr?“
 

Was sollte sie darauf sagen? Egal was sie tat, er würde es vermutlich darauf anlegen ihr über den Weg zu laufen und diese Begegnung wollte Robin sowohl sich als auch Nora ersparen. Er konnte schrecklich fordernd sein und das wollte sie nicht. Wie sollte es auch wirken, wenn der beste Freund unangekündigt da war und ein Verhör startete?
 

„Ja, sie kommt hierher und ich werde hier mit ihr essen. Und du wirst verschwinden. Haben wir uns verstanden?“
 

Der Ton war ein anderer geworden. In diesem Punkt würde sie auch nicht mit sich Spaßen lassen. Es gab einfach klare Grenzen und, wenn Franky wollte, dass sie noch mit ihm sprach, sollte er sich daran halten. Er konnte ihr nicht erzählen, dass sie sich um ihr Privatleben kümmern sollte und dann das ganze selbst sabotieren. Nicht, dass Robin sich wirklich etwas ernsthaftes davon versprach, doch wenigstens einen schönen Abend? Ja, das wollte sie doch genießen. Diese kleine Freude wollte sie sich von ihm nicht nehmen und verderben lassen.
 

„So ernst ist es also, ja?“
 

Franky grinste sie an und würde dann aber doch anfangen seine Sachen zusammen zu räumen. Nicht, dass er sich dabei besonders beeilte, doch das tat Robin auch nicht. Nora würde sicher etwas brauchen, bis sie durch die Stadt war besonders mit einem Taxi. Robin ging nicht davon aus, dass sie die Metro nehmen würde, wenn sie auf dem Weg noch Essen holen wollte. Und der Verkehr in New York war die Hölle. Da musste man sich also nicht hetzen. Er konnte das Essen so verpacken, dass er auch die Reste wieder mit sich nehmen konnte und Robin könnte die Dokumente so zusammenlegen, dass sie ihre Ordnung behielt und die Arbeit am nächsten Tag nicht würde doppelt machen müssen.
 

„Darf ich nicht einfach eine gute Zeit haben? Ich dachte das wolltest du.“
 

„Wollte ich auch.“
 

Lachend raffte sich Franky auf und würde die Tüte an sich nehmen. Auch Robin schob den Karton auf Seite. Das würde reichen und wer wusste schon wie viel Zeit man hier wirklich verbringen würde. Das war noch offen und konnte Robin nicht wirklich einschätzen. Zunächst würde sie ihren Freund aber zur Tür bringen und sich dort noch einmal von ihm umarmen lassen.
 

„Treib es nicht zu wild.“
 

Noch ein Grinsen und dann würde er auch verschwinden. Zumindest aus dem Haus. Robin würde zwar nicht aus dem Fenster sehen oder ihm mit dem Blick folgen aber sie würde ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass er sich in seinem Auto verschanzen und ihr Haus beobachten würde, um einen Blick auf ihren Gast zu werfen.

cognition


 

2023 - New York
 


 

„Das riecht hervorragend, was hast du mitgebracht?“
 

Robin sah zu Nora, die ihr die Tüte mit Essen in die Hand gedrückt hatte und nun dabei war abzulegen und die Schuhe von den Füßen zu streifen. Es hatte durchaus noch eine geraume Zeit gedauert, bis sie angekommen war und das hatte Robin noch einmal genug Zeit gegeben, um sicherzustellen, dass nichts mehr offen herum lag, was mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Auch ausreichend Zeit, als das Franky hätte verschwinden können. Das sie nun aber, während sie das Essen in die Küche brachte, ein vibrieren in ihrer Hosentasche spürte, sagte ihr deutlich, dass er nicht verschwunden war. Wer sollte ihr auch sonst schreiben? Die Menschen, die Robin kannten wussten, dass sie wenig damit anfangen konnte Nachrichten zu schreiben. Zu umständlich. Ein einfacher Anruf konnte vieles oftmals schneller klären und war einfach effizienter. Deswegen reagierte sie oftmals auch nicht auf Textnachrichten und niemand versuchte es noch auf diesem Weg. Wir üblich bildete Franky eine Ausnahme.
 

„Das weiß ich nicht. Italienisch und einen guten Rotwein.“
 

„Wie kannst du nicht wissen, was du bestellt hast?“
 

Robin stellte die Tüte auf der Anrichte ab und würde dann ein paar Teller aus dem Schrank holen. Wenigstens das konnte man machen und dem Ganzen doch ein bisschen mehr Stil geben. Robin gab sich gerne Mühe mit solchen Kleinigkeiten. Auch, wenn sie es nur für sich tat und besonders, wenn sie Gäste hatte.
 

„Ein Freund hat gekocht. Ich habe ihm nur gesagt in welche Richtung es gehen soll. Wir müssen uns also überraschen lassen“.
 

„Wolltest du nicht etwas von einem Italiener holen?“, fast schon neckische Worte, die da ausgesprochen wurden. Dabei würde sie das Essen auspacken und dann auch die Boxen öffnen. Pasta, das war durchaus zu erwarten gewesen. Robin lächelte und roch an dem Gericht, als sie spürte, wie sich ein paar Arme um ihren Bauch schoben und sich Nora an ihren Rücken lehnte. Es ließ sie in ihrer Bewegung inne halten und über die Schulter blicken.
 

„Er ist ein sehr guter Koch. Ich glaube ich hätte in keinem Restaurant etwas besseres für uns finden können.“
 

„Verstehe.. dann lassen wir uns überraschen. Aber du musst mich wenigstens anrichten lassen, sonst ist es gleich kalt.“
 

Und, wenn Nora so an ihr hing, dann würde das doch etwas schwerer werden. Vor allem, wenn sie dabei mit den Händen an ihr herum fummeln würde. Es entging ihr immerhin nicht, dass sie schon wieder über ihren Bauch strich und auf Tuchfühlung ging. Ob das ihre Art war mit Stress und Problemen umzugehen? Sollte dem so sein, dann würde Robin sie heute wohl ein wenig ausbremsen. Zumindest für den Moment, denn das Essen wollte sie durchaus warm genießen, nachdem sie Franky dafür hatte abblitzen lassen.
 

„Na schön.. dann beeil dich. Wo ist dein Flaschenöffner?“
 

„Dort, in der linken Schublade.“
 

Sie deutete auf die entsprechende Schublade und würde zusehen, wie Nora den gesuchten Gegenstand herausholte, damit sie die Weinflasche öffnen konnte. Sollte sie machen. Robin selbst konzentrierte sich nun wieder darauf die Pasta auf die Teller zu geben. Es gab Antipasti als Vorspeise, die sie auf einem anderen Teller anrichten würde. Und dann noch ein paar gefüllte Cannelloni. Man würde von allem etwas essen können und es versprach ein sehr gutes Essen zu werden. Der Magen knurrte und die Gesellschaft war schon einmal perfekt.
 

„Wohnzimmer?“
 

„Hast du etwas gegen meine Küche?“
 

„Sie ist ungemütlich.“
 

Das war wohl ein Argument. Kurz sah Robin zu ihr, als Nora nur die Schultern zuckte und sich dann aber auch schon mit den Gläsern auf den Weg machte, um sie ins Wohnzimmer zu bringen. Sollte sie nur, man musste nicht hier essen. Robin mochte sicher in vielen Dingen ihre Eigenheiten und schräge Gewohnheiten haben. Doch was das anging war sie recht entspannt. Man musste nicht immer am Tisch essen.
 

„Hattest du einen guten Tag?“
 

Nora war wieder zurück, als Robin gerade die Packungen zusammenräumte und etwas Ordnung schaffen würde. Müll konnte sie nicht einfach so herumliegen lassen, das war dann doch etwas anderes. Es gab einfach das innere Bedürfnis eine klare Linie zu halten und eine Übersicht zu haben. Wenn Flächen unnötig voll gestellt waren, dann entsprach das nicht ihrem Konzept von Ordnung, was sie brauchte, um sich zu entspannen.
 

„Ich bin weiter gekommen, ja. Aber es ist weiterhin schwer zu sagen, wie lange dieser Auftrag dauern wird.“
 

„Kommt so etwas öfter vor, dass du einen Job annimmst und gar nicht weißt wie lange du irgendwo sein wirst?“
 

„Meistens ist das so ja, aber in der Regel stellt sich in den ersten Tagen auch heraus womit man zu rechnen hat. Hier ist es etwas anders“, versuchte sie ihre Lage zu erklären. Fernab von der Realität war das durchaus nicht, da es oft nur darum ging ein Gutachten zu erstellen. Und wie lange so etwas dauerte konnte Robin meist sehr schnell einschätzen, sobald sie vor Ort war.

Robin lächelte Nora an und beugte sich dann zu ihr, um sie kurz in einen Kuss zu verstricken. Fast schon eine vertraute Geste, die sich völlig natürlich in das Gesamtbild hinein fügte. Als sei es die normale Konsequenz ihres Beisammenseins. Gleichzeitig war es befremdlich, denn sie kannten sich kaum. Daher sollte sich nichts von all dem normal und vertraut zwischen ihnen anfühlen. Doch nicht nur ihr Umgang wirkte selbstverständlich. Auch die Art, wie sich Nora durch ihr Haus bewegte und welche Sicherheit sie dabei ausstrahlte.
 

Nachdem sie den Kuss wieder gelöst hatte nahm Nora zwei der Teller auf und würde sich wieder auf den Weg zurück machen. Robin würde den dritten so wie das Besteck mitnehmen, um ihr dann auch zu folgen und alles auf den Wohnzimmertisch zu stellen. Das sah schon ganz anders aus und die Vorfreude auf das Essen ließ ihren Magen leise knurren.
 

„Welches Gericht bevorzugst du?“ Robin setzte sich auf die Couch und würde dann schon einmal das Besteck verteilen, während Nora sich neben sie sinken ließ.
 

„Wollen wir nicht einfach alles teilen? Du muss auf jeden Fall alles kosten und mir sagen, was du denkst. Und vorher..“, sie hob das Weinglas und würde es Robin entgegen halten. „Auf einen schönen Abend.“
 

„Auf einen schönen Abend.“
 

Und damit würden sie auch anstoßen. Robin kostete den Wein und musste zugeben, dass diese Wahl wirklich ausgezeichnet war. Wenn es um Rotwein ging hatte Robin durchaus gewisse Ansprüche und man dürfte ihr keinen schlechten Tropfen vorsetzen. Wein war für sie kein Rauschmittel, es war Genuss. Etwas um ein vortreffliches Essen abzurunden und perfekt zu machen. Bei Weißwein war sie dahingehend zwar ein wenig nachsichtiger aber auch hier scheute sie sich nicht davor einen schlechten Wein zurückgehen zu lassen. Ahnung von Wein hatte Nora’s Freund also schon einmal und, wenn es so mit dem Essen weitergehen würde? Dann hatte es sich durchaus gelohnt.
 

„Es ist also weiter offen, wie lange du bleiben wirst? Oder hast du dennoch eine Maximale Zeit, die du in einen Auftrag investieren kannst und dann ist Schluss?“
 

„Aktuell ändern sich viele Dinge. Manchmal kann man einen Auftrag nicht wirklich planen und muss sich immer wieder an die Gegebenheiten anpassen. Dafür gibt es aber kein Limit. Es liegt letztlich in meinem Ermessen und wie sinnvoll ich es erachte Zeit zu investieren.“
 

„Ist das nicht anstrengend?“
 

„Was genau meinst du?“
 

Robin hatte sich vorgebeugt, damit sie mit einer Gabel ein paar der Pasta aufnehmen und kosten konnte. Während man sich weiter unterhielt. Sie würde dabei weiter wage bleiben, da sie nicht die Intention hatte über ihren Job zu sprechen. Und doch wirkte es so, als würde man das Gespräch zumindest ein wenig offener halten. Möglich, dass sie beide auch nicht wollten, dass man sich gegenseitig immer wieder an Grenzen erinnern musste, die man nicht überschreiten sollte.
 

„Naja..“ begann Nora, die als erstes von den Antipasti etwas genommen hatte. „Wenn ich es richtig verstanden habe, dann bist du viel unterwegs, wenig Zuhause. Und ich vermute, dass du nicht immer das Glück hast dein eigenes Haus zu haben. Du weißt nicht immer, wann du wieder Zuhause bist.. ich stelle mir das irgendwie anstrengend vor, wenn man überall und nirgendwo Zuhause ist und sein Leben nicht richtig planen kann“, erklärte sie dann auch ihre Gedanken. Nicht wirklich abwegig und Robin konnte auch nicht sagen, dass sie damit falsch lag. Und dennoch war es so, dass sie nicht immer diese Aufträge mit Franky annahm. Es wurde weniger und Robin versuchte durchaus mehr Zeit bei ihrer Arbeit am Collage zu verbringen und den Fokus auf ihre Forschung zu legen. Doch ganz aussteigen? Nein. Das kam auch nicht in Frage, immerhin zog sie durchaus auch einiges aus dieser Arbeit und mochte es aus ihrem Alltag heraus zu kommen. Die Balance war durchaus gut und nichts, was sie anstrengte. Sie glaubte sogar, dass es ihr möglich wäre mit dem aktuellen Pensum eine gesunde Beziehung zu führen, obgleich das nicht ihr Ziel war. Doch, wenn man es mit Franky verglich? Dann hatte sie da durchaus eine bessere Basis geschaffen. All das wollte und konnte sie Nora so aber nicht erklären ohne zu sehr ins Detail gehen zu müssen und deswegen dachte sie auch hier einen Moment über eine ehrliche und dennoch wage Antwort nach, die das alles besser erklären würde.
 

„Ich bin immer wieder unterwegs ja, aber man kann wohl sagen, dass mein Fachwissen dann und wann benötigt wird. Dann reise ich. Aber sonst bin ich durchaus Zuhause und gehe dort meiner Arbeit nach. Es wirkt also nur auf den ersten Blick so viel.“
 

„Also bist du eine Expertin in deinem Feld und man braucht dich manchmal an verschiedenen Standorten, damit du eine Sache bewertest?“ fragte Nora dann auch weiter nach und schielte sie an. Dabei schob sie sich noch etwas von dem Essen in den Mund und betrachtete Robin forschend. Es wirkte fas so, als wolle da jemand mehr über sie erfahren und die Situation besser verstehen. Doch das Nora neugierig war, das fiel ihr nicht zum ersten Mal auf. Und Robin? Die tat zumindest für den Moment nichts, um sie daran zu hindern.
 

„So könnte man das ausdrücken, ja.“
 

Sie schmunzelte ein wenig, während sie Nora betrachtete, die mit dieser kurzen Antwort wohl nicht wirklich zufrieden zu sein schien. Aber Robin würde ihr nun nicht genau sagen, worum es ging. Man hatte sich zu Anfang klare Grenzen gesetzt und, wenn diese sich nun langsam abbauen würden, dann war es das eine. Doch allgemein konnte sie eben auch nicht einschätzen, was das Ziel von Nora war und solange das so war? Würde sie ihre Vorsicht auch nicht einfach einreißen lassen.
 

„Kunst oder Geschichte?“
 

„Wie kommst du darauf?“
 

Nora deutete auf das Bücherregal und Robin folgte ihrem Blick. Nun, anscheinend hatte sie sich doch etwas genauer umgesehen. Nicht ganz verwunderlich, immerhin war ihr die Neugierde förmlich ins Gesicht geschrieben. Aber es ihr deswegen einfacher machen? So funktionierte dieses Spiel dann doch nicht.
 

„Könnte auch nur schöne Deko sein“, gab sie zu bedenken. Gleichzeitig streckte sie sich etwas über den Tisch, damit sie dann auch an die Cannelloni herankommen und davon etwas kosten konnte. Erst einmal wollte sie alle Möglichkeiten probieren und dann konnte man weitersehen. Doch der erste Eindruck? War durchaus mehr als vielversprechend. Es schmeckte unheimlich gut und zerging auf der Zunge.
 

„Wer stellt sich schon Bücher als Deko auf?“ kam es nur als Gegenfrage, als Nora sich dann auch noch etwas von den Pasta nehmen würde. Man lehnte sich einfach immer mal wieder über den Tisch aber ging dabei auch recht entspannt zu. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass Nora ein wenig mehr mit den Pasta liebäugelte.
 

„Menschen, die einen gebildeten, intellektuellen Eindruck machen möchten?“
 

„Ja, aber das sind meistens Menschen, die nicht viel hier haben“, sagte Nora und würde sich dabei gegen die Stirn tippen. Etwas das Robin schmunzeln ließ einfach, weil es so erfrischend ehrlich und locker war. Nora trug das Herz einfach auf der Zunge und sie sagte in jeder Lebenslage was sie dachte. Das war eine durchaus wertvolle Eigenschaft, die Robin zu schätzen wusste. Aber alles andere würde sie auch eher langweilen und man würde nicht hier zusammen sitzen.
 

„Und ich bin mir sicher, dass du mir dazu etwas erzählen könntest, wenn ich dich fragen würde“, beendete Nora dann auch ihre Schlussfolgerungen zu dieser ganzen Sache. Wobei es vielleicht auch mehr Rückschlüsse auf sie, als auf Robin selbst zuließ. Gute Menschenkenntnis, jemand der seine Umgebung genau beobachtete und analysierte. Nora war auch nicht gerade auf den Kopf gefallen und wusste das auch einzusetzen. Sie hatten sich schon beide ganz bewusst für das hier entschieden und die Gründe dafür waren sich vermutlich recht ähnlich. Zumindest wenn es darum ging was sie aneinander spannend fanden.
 

„Ich könnte mir auch einfach ein paar Geschichten ausdenken, was würdest du dann machen?“
 

„Das würde ich merken.“
 

„Stimmt. Designerin.. also auch ein Verständnis für Kunstgeschichte?“
 

Das Schmunzeln auf der anderen Seite sagte wohl genug. Da hatte sie anscheinend ins Schwarze getroffen. Eine Gemeinsamkeit also. Und damit auch eine Frau, mit der man in ein Museum gehen könnte?
 

„Vielleicht sollten wir mal zusammen ins MoMa gehen“; schlug Nora dann auch vor, als hätte sie ihre Gedanken dazu gelesen. Etwas das Robin wiederum die Brauen heben ließ, als sie den Teller mit Cannelloni an sich nahm, um ein wenig einfacher davon essen zu können.
 

„Findest du das nicht etwas sehr touristisch?“
 

„Doch, aber ich liebe Monet’s Seerosen. Und die hängen nun einmal dort.“
 

Monet also. Irgendwie hatte Robin das nicht erwartet, doch wenn sie nun etwas genauer darüber nachdachte? Dann war es doch ganz passend, was sich da abzeichnete. Auch sie wusste, was den besonderen Charme dieser Gemälde ausmachte und, warum man sie sich Stunden ansehen könnte. Robin selbst war schon früh in den Genuss dessen gekommen, da es durchaus zu den wöchentlichen Ritualen gehört hatte mit ihrer Mutter einen Besuch in einem Museum zu haben. Es war also nicht ausgeblieben, dass sie manche Museen öfter besucht hatten, doch das hatte Robin nie gestört. Im Gegenteil. Es war immer unglaublich spannend gewesen und man hatte immer wieder etwas neues lernen dürfen. Ganz zu schweigen davon, dass sie die Zeit mit ihrer Mutter auch immer wahnsinnig genossen hatte. Dies gehörte eindeutig zu den schöneren Erinnerungen, die sie mit New York verband und die doch einfach auch wichtig waren, um alles wieder in das passende Licht zu rücken.
 

„Gut. Dann werden wir uns das nächste Mal dort treffen“, beschloss sie dann. Wenn man nun schon davon sprach, dann wollte sie wissen, wie es wirklich war mit ihr dort zu sein. War Nora jemand, die sich Stunden in einer Sache verlieren und nach Details suchen würde oder lief sie im Eilschritt an den Ausstellungsstücken vorbei und ging nur in ein Museum, weil es vielleicht als cool angesehen wurde etwas kulturelles zu machen? Das würde Robin durchaus gerne herausfinden.
 

„Gut.“
 

Es zeichnete sich ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen der anderen ab, während sie weiter essen würde. Man wollte das Essen nicht kalt werden lassen und am Ende war es durchaus ein Genuss. Das man dabei aber gleichzeitig schon das nächste Treffen vereinbarte an einem Ort der scheinbar ihnen beiden etwas bedeutete, das stimmte noch nachdenklich. Wann genau hatten sie beschlossen die Distanz aufzugeben und einander etwas mehr Einblicke zu gewährleisten?
 

„Heißt das, dass du auch für Museen arbeitest?“
 

Nora schien anscheinend noch nicht fertig damit zu sein sich um ihren Beruf Gedanken zu machen und versuchte es nun auch weiter. Etwas das Robin irgendwie auch schmunzeln ließ. Stur war sie, das musste man ihr lassen.
 

„Bevor wir weiter darüber sprechen, bin ich erst einmal dran. Findest du nicht?“
 

Es war ein geben und nehmen und, wenn Nora von ihr Antworten wollte, dann musste sie auch bereit sein selbst welche zu geben. Ganz einfach. Denn alles andere? Machte keinen wirklichen Sinn aus ihrer Sicht und Robin war durchaus jemand, dem ein solches Ungleichgewicht auffiel. Nora würde nicht die Chance bekommen sich selbst einfach hinter ihren Fragen zu verstecken.
 

„Ist deine Schwester älter oder jünger?“
 

Die Frage schien zu überraschen, denn Nora hob die Brauen und musterte sie einen Moment einfach. Doch warum sollte man über die Arbeit reden, obgleich sie beide deutlich gemacht hatten, dass sie darüber nicht sprechen wollten? Das hatte man versucht und deswegen hatte Robin für sich beschlossen zu versuchen andere Themen auf den Tisch zu bringen, die vielleicht etwas leichter zu beantworten wären. Obgleich sie auch wusste, dass Familie nicht für jeden ein leichtes Thema war. Das war es für sie selbst auch nicht. Allerdings hatte Nora ihre Schwester bereits bei ihrem zweiten Treffen erwähnt und auch beschrieben, dass sie bei ihr im Café arbeitete. Daher lag das Thema ohnehin schon auf dem Tisch und konnte nun ein wenig vertieft werden.
 

„Sie ist älter, wie kommst du nun darauf?“
 

„Habt ihr ein gutes Verhältnis?“, fragte sie weiter, ohne auf Nora’s Frage einzugehen. Wie sie darauf kam? Es hatte durchaus keinen bestimmten Grund und, sie verfolgte auch keinen bestimmten Plan mit ihrenFragen. Nur gehörte es neben der Frage nach dem Beruf wohl zu einem der Themen, welches am naheliegensten war, wenn man dabei war eine andere Person kennenzulernen. Und, dass sie das taten, das war inzwischen wohl nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht wollte man es nicht als solches benennen, doch es ging nicht mehr ausschließlich um das schnelle Vergnügen. Darüber sollte man sich wenigstens bewusst sein.

Für einen Moment musterte Nora sie einfach, dann stellte sie den fast leeren Teller zur Seite und würde nach ihrem Wein greifen, um davon einen Schluck zu trinken.
 

„Kann man so sagen, ja. Und wir versuchen uns oft zu sehen auch neben der Arbeit. Wir reden eigentlich über alles und haben auch jeden Tag Kontakt auch, wenn wir uns nicht sehen. Was ist mit dir? Geschwister?“
 

Robin schüttelte den Kopf. Sie hatte keine aber ob sie da sie gestört hatte? Eine Frage, die sie nicht ganz klar beantworten konnte. Als ihre Mutter noch gelebt hatte, da hatte ihr nie etwas gefehlt und sie hatte es gut gefunden, wie es war. Später wäre sie durchaus froh gewesen, wenn da jemand gewesen wäre, der auf ihrer Seite gestanden hätte. Es war wohl naheliegend, dass man dabei an Geschwister dachte, doch am Ende des Tages wäre jede Art der Unterstützung für Robin in Ordnung gewesen. Für sie war das nichts, dem sie eine besondere Wichtigkeit beimaß aber, das konnte auch daran liegen, dass sie einfach nicht wusste wie es war, eine solche Verbindung zu einem anderen Menschen zu haben.
 

„Keine Geschwister. Familie ist für mich kein wirkliches Thema in meinem Leben.“
 

„Verstehe.. bei mir sonst auch nicht“; räumte Nora ein und schwenkte dabei ein wenig nachdenklich ihr Glas. Robin nutzte den Moment, um noch etwas zu essen und dann den geleerten Teller wieder auf den Tisch zu stellen. Mit ihrem eigenen Weinglas würde sie sich wieder zurücklehnen und dabei ein Bein über das andere schlagen, um Nora ein wenig zu betrachten. Konnte sie das verstehen? Vielleicht. Doch Robin hatte nicht vor dieses Thema nun wirklich zu vertiefen. Daran hatte sie kein Interesse, da es bedeuten würde vielleicht auch ihre eigene Geschichte zu erzählen.
 

„Was spielt dann eine Rolle?“
 

Auch Nora würde noch etwas trinken und dabei schien sie über die Frage nachzudenken. Robin würde sie nicht dazu drängen eine Antwort zu geben. Das musste sie wirklich nicht. Man ging es entspannt an und am Ende respektierte man doch die jeweiligen Grenzen. Etwas das sie als angenehm erachtete und, was sie darüber nachdenken ließ, dass diese Bekanntschaft vielleicht doch noch weiter ausgeformt werden könnte. Wie genau musste die Zeit zeigen.
 

„In erster Linie meine Arbeit tatsächlich. Manchmal eine Bekanntschaft aber ansonsten habe ich in letzter Zeit nicht wirklich die Möglichkeit etwas zu tun, was mir gefallen würde.“
 

Darin lag eine gewisse Traurigkeit. Robin könnte nun nachhaken aber sie hatten bereits geklärt, dass Nora anscheinend nicht einfach so den Beruf wechseln konnte. Warum genau, das wusste nur sie aber es war wohl auch nicht Robin’s Angelegenheit. Sie nahm es einfach nur hin und kam dennoch nicht umhin den Schatten zu bemerken, der sich da über die Augen der anderen gelegt hatte. Vielleicht hatte es auch mit den Hämatomen zu tun, die sie am Morgen noch gesehen hatte und, die inzwischen mit Make-up überdeckt worden waren. Noch immer spielte sie mit dem Gedanken das Thema wieder aufzugreifen, doch vielleicht war es gerade wichtiger den Raum zu schaffen, um sich kennenzulernen und das nötige Vertrauen aufzubauen, damit ein solches Gespräch auch zielführend sein konnte.
 

„Aber ich würde gerne mehr reisen. Die Welt sehen, neue Kulturen kennenlernen.. das fand ich schon immer faszinierend“, setzte Nora dann doch noch nach und gab damit ein weiteres Detail über sich und ihre Interessen preis.
 

„Und wenn du es dir aussuchen könntest, wohin würdest du als nächstes reisen?“
 

Ja, wenn ihr niemand Vorschriften machen und der Job nicht so viel Zeit einnehmen würde. Wohin würde sie reisen und, welches Land würde sie sich ansehen wollen? Das waren zumindest etwas seichtere Themen, mit denen man sich besser auseinandersetzen konnte. Und doch würde sie einem etwas mehr über das Gegenüber erfahren.
 

„Thailand. Das Klima dort gefällt mir und ich könnte mir vorstellen, dass es spannend ist durch das Land zu reisen. Bangkok vielleicht.“
 

„Ist nur eine andere Großstadt und keine die ich wirklich empfehlen kann. Dort steht die Luft. Reis lieber herum, mach einen Abstecher nach Malaysia oder Singapur. Das kann ich empfehlen.“
 

Nun richteten sich die Augen doch neugierig auf Robin. Damit schien sie dann doch ein Thema geöffnet zu haben, welches nicht nur leicht war sondern auch einiges an Interesse zu wecken schien. Zumindest bei Nora, die ja bereits bekundet hatte, dass das gerne reisen würde.
 

„Jetzt wird es interessant. Du bist schon viel rumgekommen?“
 

„Könnte man so sagen. Ich war schon auf allen Kontinenten.“
 

Vieles war beruflicher Natur gewesen, aber anderes war durchaus auch privates Vergnügen. So würde man es wohl bezeichnen und was das Interesse an anderen Kulturen anging, hatten sie wohl etwas gemeinsam. Robin interessierte sich auch für Schrift und Sprache und dahingehend gab es durchaus einiges zu entdecken.
 

Nora griff nach ihrem Weinglas und lehnte sich ebenfalls zurück, würde es dann auch leeren und Robin forschend ansehen.
 

„Wohin ging deine letzte Reise?“
 

„Beruflich nach Canada. Aber ich verbringe dort auch gerne meine Zeit.“
 

„Ist es da nicht schrecklich kalt?“
 

Robin lachte leise und würde ebenfalls ihr Glas leeren und dann aber doch den Kopf schütteln. Zumindest darin schienen sie sich zu unterscheiden. Denn während es deutlich wurde, dass Nora die wärmeren Regionen bevorzugte, hatte Robin eine Faszination für Länder, die eher im Norden lagen und, die für ihre kalten Temperaturen bekannt waren. Mit Hitze kam sie dafür nicht immer gut zurecht.
 

„Nicht immer. Und die Landschaft ist wirklich schön und beeindruckend. Es ist dort sehr weit und ruhig. Ich könnte mir durchaus vorstellen dort zu leben.“
 

„Wo lebst du eigentlich?“
 

Da versuchte sie es schon wieder. Sie konnte es nicht lassen aber das war in Ordnung. Immerhin war es am Ende Robin, die entschied was sie sagte und was nicht. Daher würde sie sich auch erheben und ihr Glas auf den Tisch stellen.
 

„Wie wäre es, wenn ich einen Nachtisch und den Wein hole und du denkst über eine andere Frage nach, hm?“
 

Das war doch ein Deal. Immerhin war es so viel einfacher über die Reisen und diese Leidenschaft zu sprechen, als immer wieder an diesen Grenzen zu rütteln und nicht weiter zu kommen. Und so würde Robin sich auch wieder in die Küche begeben. Bisher entwickelte sich der Abend wirklich gut und sie entspannte sich zunehmend. Das Ganze würden sie noch mit einem kleinen Nachtisch und noch etwas Wein abrunden. Den Nachtisch hatte sie Mittags besorgt und so war es doch gut gewesen, dass Franky heute nicht in ihren Kühlschrank gesehen hatte. Diesmal wäre er bei seiner Suche fündig geworden.
 

Robin umfasste den Griff und wollte den Kühlschrank öffnen, als sie inne hielt. Ihr Blick blieb an dem grünen Zettel hängen, auf dem in geschwungener Schrift Nora’s Nachricht stand, die sie ihr hinterlassen hatte. Leicht zog sie die Brauen zusammen, während sie mit den Augen die einzelnen Buchstaben abfuhr. Buchstaben, die sie so bereits den ganzen Tag betrachtet und analysiert hatte, doch diese Buchstaben hatten dabei auf Lieferscheinen gestanden, die im Kontext eines Verbrechens zu betrachten waren..

countdown


 

2023 - New York - Tag 5
 


 

Nachdenklich trommelten ihre Finger auf dem Tisch, während sie den Blick auf ihren Laptop gerichtet hatte. Das hieß, es war nicht ihr eigener. Nachdem sie am Morgen bei Robin aufgebrochen war hatte sie auf dem Weg den Laptop von Sanji abgeholt. Sie hatte ihm erzählt, dass ihrer nicht funktionierte und sie sich nach einem neuen Job umsehen wolle. Das war tatsächlich einfacher gewesen, als ihn von der Frage abzuhalten, wie ihr vergangener Abend gelaufen war. Anschließend war sie damit in die Bibliothek gefahren und nun hockte sie hier und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Noch hatte Aron sich nicht gemeldet, doch das war wohl nur eine Frage der Zeit und, nachdem sie sich reichlich abgelenkt hatte, wollte sie sich nun doch Gedanken machen. Was konnte sie tun, wenn sich die Lage weiter zuspitzen würde? Hatte sie Möglichkeiten Dokumente zu fälschen und mit Nojiko zu verschwinden? Sollte sie das versuchen, dann müsste sie äußerst vorsichtig vorgehen. Aron dürfte davon nichts merken und ihr Plan müsste wasserdicht sein. Immerhin spielte sie ansonsten mit ihrem und dem Leben ihrer Schwester. Es gab weder ein Netz noch einen doppelten Boden, worauf sie sich in dieser Sache verlassen konnte.
 

Eine wirkliche Lösung hatte Nami allerdings noch nicht. Das Material was sie brauchte konnte sie nur aus ihrem eigenen Atelier bekommen. Sollte sie aber dort etwas machen, dann würde Aron es merken. Er würde merken, wenn etwas fehlte aber vor allem würde er auf den Kameras alles beobachten können. Sie selbst hatte keine eigenen Kontakte, dafür hatte er gesorgt und deswegen waren ihr eigentlich die Hände gebunden.
 

Und als sei diese Aussicht nicht schon schlimm genug, fiel es ihr aber weiterhin schwer klare Gedanken zu fassen. Eigentlich hatte Nami geglaubt, dass ein schöner Abend mit Robin ihr helfen würde zu entspannen und mit frischer Energie an das alles heranzugehen. Sich dann darauf konzentrieren zu können, was an Aufgaben vor ihr lag. Nur, dass ihre Gedanken auch jetzt immer wieder zurück zu dem vergangenen Abend gingen und Nami sich einfach nicht davon lösen konnte. Es war wirklich schön gewesen, die Stimmung, das Essen, die Themen. Sie hatten über Gemeinsamkeiten gesprochen und Nami hatte ein wirklich gutes Gefühl mit allem gehabt. Doch plötzlich war etwas anders gewesen und sie konnte nicht einmal genau sagen was oder warum.
 

Robin hatte abwesend gewirkt, nachdenklich. Auch das Gespräch hatte einen anderen Ton angenommen und es war ihr so vorgekommen, als hätte sich plötzlich eine neuerliche Distanz zwischen ihnen gebildet. Sie hatten zwar die Nacht miteinander verbracht, doch nicht miteinander geschlafen. Nicht, dass Nami das als Voraussetzung gesehen hätte. Durchaus nicht. Doch etwas an dieser ganzen Sache war merkwürdig gewesen. Natürlich hatte sie Robin irgendwann auch darauf angesprochen, aber diese hatte lediglich versichert, dass alles in Ordnung sei. Sie wäre müde von den vergangenen Tagen, die Arbeit hätte sie sehr eingespannt. Etwas, das im großen und ganzen nicht verwunderlich gewesen war und Nami sah auch keinen Grund darin, warum sie sie anlügen sollte. Dennoch schaffte sie es nicht ihre Gedanken von all dem zu lösen und es ruhen lassen. Gut möglich, dass sie Gespenster sah und dennoch war der Abend nicht so entspannt und schön verlaufen, wie sie es sich erwartet hatte. Obgleich das vielleicht auch das Problem in dieser Sache war, vielleicht hatte Nami einfach zu viel erwartet und sie müsste dem ganzen Zeit geben. Nur, wie lange? Und mit welchem Ziel?
 

Als sie Robin am Morgen gefragt hatte, wann sie einander wiedersehen würden hatte diese ihr gesagt, dass sie sich melden würde. Sie würde sich melden. Konkreter war man nicht geworden. Robin hatte nicht gesagt, dass sie abwarten musste wie ihre nächsten Tage aussehen würden, sie hatte nicht gesagt, dass es ihr zu viel wurde oder in einer anderen Art eine Grenze gezogen. Nein. Sie hatte nur gesagt, dass sie sich melden würde.
 

Eigentlich sollte sie es ruhen lassen, es war eine völlig normale und harmlose Aussage. Man war einander zu nichts verpflichtet, offiziell hatte sich immerhin nichts zwischen ihnen verändert. Sie hatten etwas Spaß zusammen und und wollten weiterhin darauf verzichten einander näher kennenzulernen. Dennoch störte es Nami, wie sich das alles verhielt und, dass alles so merkwürdig distanziert gewesen war.
 

Das Vivi und Sanji beide auf ihre Weise herauszufinden, wie es gelaufen war, machte die ganze Sache dabei nicht besser. Bisher hatte Nami die Nachrichten der beiden ignoriert und hatte auch vor das weiterhin zu tun. Nur, dass sie Vivi später vermutlich über den Weg laufen würde. Solange sich Robin nicht meldete bedeutete das wohl, dass sie den heutigen Abend bei sich Zuhause verbringen würde. Zur Abwechslung wäre das sicher nicht verkehrt aber sich mit Vivi über Robin unterhalten zu müssen erfüllte sie nicht gerade mit Vorfreude. Ihr Optimismus stand im Kontrast zu dem Gefühl, welches Nami verspürte.
 

Warum fühlte es sich nur so an, als hätte sie eine Chance vertan?
 

Das Display ihres Handy’s leuchtete auf und Nahm’s Augen zuckten sofort zur Seite. Die kurze Enttäuschung darüber, dass es nicht Robin’s Name war, der dort stand, machte all das nicht besser. Im Gegenteil. Nami wurde nur bewusst, dass sie vielleicht schon viel tiefer in diesem ganzen Mist drin steckte, als sie es eigentlich sollte. Es wurde höchste Zeit sich davon zu distanzieren. Ob sie ihre Nummer löschen sollte?
 

Bevor sie allerdings weiter darüber nachdenken konnte würde der Display noch einmal aufleuchten. Nami griff nun nach ihrem Handy, um es zu entsperren und den Chat mit Vivi zu öffnen. Das erste Foto zeigte Packungen mit Chips, Popcorn für die Mikrowelle, Bier und Eis. In der zweiten Nachricht kam die Frage nach einem Filmabend. Kurz dachte sie über die Frage nach, würde dann aber doch nur mit einem Daumen hoch auf die Frage reagieren und ihr Handy dann wieder zur Seite legen. Egal, ob Robin sich noch melden würde oder nicht; es war vielleicht das Beste wenn sie nicht weiter daran dachte und sich einen schönen Abend mit Vivi machen würde. Bis dahin könnte sie sich noch immer überlegen, ob sie Robin’s Nummer nicht doch noch löschen sollte. Vermutlich würde es dieser nicht einmal mehr auffallen, wenn sie nicht mehr zu erreichen war und es würde ihr in die Karten spielen. Also, warum sich weiter damit befassen und Zeit verschwenden? Sie hatte es versucht und es war nichts daraus geworden. So war das halt. Gleichzeitig könnte sie sich selbst davor bewahren zu einer Frau zu werden, die die Zeichen nicht verstand und sich ungefragt wieder meldete. Das hatte sie schon einmal gemacht, ein zweites Mal wäre kaum zu erklären.
 

Tun würde sie es dennoch nicht. Stattdessen begann sie ihre Sachen einzupacken, um die Bibliothek verlassen zu können. Am Ende musste man die Möglichkeiten ausschließen, die man ausschließen konnte und das, was am Ende übrig blieb war das, was man tun konnte. Nami konnte nicht das Atelier und das Material dort benutzen. Sie hatte alte Kontakte, sie kannte andere Fälscher, doch sie konnte nicht selbst nach Dokumenten fragen. Über das Dark Web konnte sie auch nicht gehen, da die Wahrscheinlichkeit für minderwertige Qualität zu hoch war. Sie brauchte perfekte Dokumente, um wirklich untertauchen und von der Bildfläche verschwinden zu können. Ähnlich wie im Zeugenschutz nur ohne die Polizei im Nacken, die ihr ohnehin nicht helfen würden. Über den Bruch zu ihren Freunden würde sie sich Gedanken machen, sobald sie die passenden Dokumente hatte.
 

Was Nami brauchte war eine Person, die in Kontakt zu einem der ihr bekannten Fälscher treten konnte und die nicht mit ihr in Verbindung gebracht werden würde. Von einem Fälscher müsste sie das Rohmaterial bekommen. Bei einem anderen müsste sie die Möglichkeit bekommen in der Werkstadt selbst zu arbeiten. Immerhin konnte Nami nicht einfach ihr Foto und das ihrer Schwester an jemand anderen schicken und um andere Dokumente bitten. Das Ganze würde schneller bei Aron landen, als sie es realisieren könnte.
 

Jeder einzelne Schritt musste für sich durchdacht und geplant werden. Es würde Zeit brauchen und viel Geduld. Ob sie diese Zeit hatte, das konnte Nami nicht sagen. Dennoch musste sie es versuchen. Und der erste Schritt wäre wohl eine Person zu finden, der sie vertrauen konnte und, die ihr helfen würde. Eine Person, die niemand kannte und, die niemand beachten würde. Und, wenn sie diese Person hatte, wenn es einen sicheren Weg der Kommunikation gab, dann könnte sie die nächsten Schritte einleiten.
 

Am Ende war das die beste Möglichkeit, die sie hatte. Es war besser als keine, obgleich das Risiko damit nicht ausgeschlossen war. Wenn man allerdings mit dem Rücken zur Wand stand, dann blieben nicht viele Optionen und Nami hatte durchaus nicht vor auf ihr Verderben oder den Tod ihrer Schwester zu warten. Aron hatte bewiesen, dass sie sich auf sein Wort nicht verlassen konnte, also müsste sie es nun selbst in die Hand nehmen.
 


 

***
 


 

„Du hast nicht auf meine Frage geantwortet.“
 

„Welche Frage?“
 

Wenn sie sich einfach dumm stellte würde sie dem Gespräch vielleicht irgendwie entkommen. Obgleich Nami wusste, dass es reines Wunschdenken war. Dennoch war sie gerade erst Nachhause gekommen und wollte wenigstens die Schuhe ausziehen und ankommen, bevor sie schwere Themen aufrollen würde. Nicht, dass es wirklich schwer war, immerhin war nichts passiert. Und doch lag genau darin das Problem. Es war nichts passiert.
 

Als sie den Blick hob und sich wieder aufrichtete stand Vivi im Türrahmen der Küche. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und blickte ihr auffordernd entgegen. Etwas das Nami überspielte und lieber in ihr eigenes Zimmer abbog, um ihre Tasche auf das Bett zu werfen und sich die Hose auszuziehen. Ein Filmabend verlangte einfach nach der entsprechenden Kleidung und da war es das mindeste, dass sie sich wenigstens ein paar gemütliche Shorts anziehen würde.
 

„Wie ist es gelaufen, hattet ihr einen schönen Abend?“
 

Vivi war ihr gefolgt und hatte nun wieder die gleiche Haltung eingenommen. Diesmal allerdings lehnte sie in der Tür zu Nami’s Zimmer. Sie würde nicht einfach locker lassen. So unschuldig Vivi auch aussehen mochte, so faustzig hatte sie es hinter den Ohren. Wenn sie etwas wissen wollte, dann konnte sie sich darin verbeißen wie ein verdammter Terrier. Nami drehte sich zu ihrer Freundin und zuckte mit den Schultern, als sei das alles keine große Sache. Sie würde auf keinen Fall zugeben, dass und vor allem, wie sehr es sie beschäftigte.
 

„Ja, es war ganz nett. Hast du schon einen Film ausgesucht?“
 

Es ging wieder aus ihrem Zimmer hinaus und sie würde sich an Vivi vorbei schieben, um ihren Weg in die Küche fortsetzen. Vivi folgte ihr, das konnte sie hören und so konnte man das Gespräch auch dort fortsetzen. Oder auf dem Weg, wenn es dann ins Wohnzimmer gehen würde. Denn viel musste man anscheinend nicht mehr machen. Sie konnte Popcorn riechen auch, wenn sie es nicht sah. Vermutlich hatte ihre Freundin bereits alles vorbereitet und aufgebaut.
 

„Ganz nett? Das ist alles?“
 

„Das ist alles.. wir haben einfach gegessen, viel geredet und dann habe ich nur dort übernachtet. Es ist nichts passiert.“
 

Als sie den Kühlschrank öffnete warf sie einen forschenden Blick hinein und würde dann eine Dose Cola herausziehen. Tür zu und dann lehnte sie sich gegen den Kühlschrank, um dem forschenden Blick ihrer Freundin zu begegnen. Verständlich. Noch am Vortag hatte Nami etwas hoffnungsvoller geklungen und sich Gedanken darüber gemacht sich auf diesen Versuch einzulassen. Sie hatte davon gesprochen sich nicht nur einen schönen Abend zu machen sondern diesen auch mit allen Vorzügen zu genießen. Das schloss auch Sex mit ein. Vivi wusste darum und um Nami’s Einstellung zu diesem Thema. Bei einer Frau zu bleiben, nicht mit ihr zu schlafen, das war schon etwas anderes. Und es passte nicht ganz in das Muster. Obgleich es eigentlich nicht um den Sex ging. Nicht nur.
 

„Es ist nichts passiert?“ hakte Vivi nach und hob etwas fragend die Brauen. Wieder zuckte Nami mit den Schultern und würde die Dose öffnen, um dann daraus einen Schluck zu trinken, während sie mit der freien Hand eine etwas ausladende Geste machte.
 

„Nichts.“
 

Nami legte in gewisser Weise ihren Frust in dieses eine Wort und machte damit wohl auch deutlich, dass sie dieses Thema zumindest jetzt nicht weiter vertiefen wollte. Es reichte wirklich. Nachdem sie sich den halben Tag Gedanken gemacht hatte und Robin sich noch immer nicht gemeldet hatte, wollte sie einfach nur den Abend mit ihrer Freundin genießen und sich ein paar stumpfsinnige Filme ansehen.
 

„Okay..“ Vivi zog das Wort ein wenig in die Länge und wandte sich dann ab, um weiter ins Wohnzimmer zu laufen. Auf dem Weg würde Nami ihr folgen und noch einen weiteren Schluck trinken.
 

„Also, hast du schon einen Film ausgesucht?“
 

„Titanik? Bodyguard?“
 

Was hatte sie auch erwartet? Vivi hasste Horror und Actionfilme. Das einzige, was wirklich in Frage kam, waren Dokumentationen, Komödien oder Liebesfilme. Für all das hatte Nami an sich wenig Sinn. Liebesfilme zeigten eben immer die gleiche Geschichte, die oftmals heteronormativen Mustern folgte, die sie am Ende einfach nicht mehr sehen konnte und wollte.
 

Über die Witze in Komödien konnte sie nur selten lachen und eine gute Doku? Auch da schieden sich sicherlich die Geister aber es wäre zumindest nichts für einen gemütlichen Filmeabend. Davon versprach sich Nami am Ende doch etwas ganz anderes. Ob sie das heute bekommen würde? Immerhin waren die beiden vorgeschlagenen Filme auch nicht gerade für einen positiven Ausgang bekannt. Also noch weniger das, was Nami angesichts ihrer Stimmung eigentlich gebrauchen konnte.
 

„Hast du nichts positiveres auf der Liste?“
 

„Sonst ist es dir immer zu schmalzig“, wandte Vivi ein. Unrecht hatte sie durchaus nicht aber warum musste es ausgerechnet das sein?
 

„Wollen wir nicht was ganz anderes schauen? Herr der Ringe?“
 

„Träum weiter.“
 

„Findet Nemo?“
 

Vivi sah sie an als würde sie sich fragen, ob Nami den Verstand verloren hatte, während diese sich seufzend auf die Couch setzte und die Füße hochlegen würde. Wenn sie so weiter machten, dann würden sie so schnell zu keiner Lösung gelangen. Die brauchte man zwar nicht, doch Nami konnte sich durchaus besseres vorstellen, als nun den halben Tag damit zu verbringen über potentielle Filme zu sprechen, die sie sich am Ende ohnehin nicht ansehen würden. Wozu sollte das auch gut sein?
 

„Fluch der Karibik?“, versuchte sie es zumindest weiter. Aus ihrer Sicht war das doch durchaus eine Möglichkeit einen Kompromiss zu finden. Immerhin ging es dabei auch um eine Liebesgeschichte. Grob genommen zumindest.
 

„Piraten?“
 

„Was hast du gegen Piraten?“
 

„Es sind Verbrecher und so wird das romantisiert.“
 

Nami brummte etwas angestrengt und rieb sich über die Augen. Was würde Vivi wohl sagen, dass sie direkt neben einer Verbrecherin saß und sie als ihre beste Freundin bezeichnete? Darauf würde sie kaum gut reagieren. Aber Vivi hatte eben doch einen sehr klaren Blick auf die Welt und eine klare Haltung. Nur, dass diese klare Haltung manchmal nur schwarz oder weiß kannte. Es gab keine Graustufen. Zumindest nicht, wenn es um Kriminalität ging.
 

„Es ist ein Film.. komm schon, du bekommst deine Liebesgeschichte und es ist lustig.“
 

Vivi musterte sie und schien offensichtlich darüber nachzudenken. Es war nicht das, was sie wirklich wollte aber zumindest zog sie es in betracht, bevor sie schließlich nach der Fernbedienung griff und sich dann auf die Suche machen würde. Unkommentiert. Nami nahm das einfach hin und würde stattdessen lieber nach dem Popcorn greifen, um es zu ihnen auf die Couch holen. Das war ohnehin das beste an einem Filmabend.
 


 

***
 


 

„Wer ist das um die Zeit?“
 

Inzwischen waren sie bei dem zweiten Teil der Reihe angekommen, zu der Vivi sich hatte überreden lassen, als es geklingelt hatte. Vivi hatte den Film pausiert und Jonny Depp damit auf dem Bildschirm eingefroren.
 

„Keine Ahnung, lass es uns einfach ignorieren, wird schon nicht wichtig sein.“ Das war zumindest Nami’s Meinung zu der ganzen Sache. Immerhin erwarteten sie niemanden, es war deutlich zu spät für irgendeine Lieferung und so war es doch sehr wahrscheinlich, dass sich da einfach jemand geirrt hatte. Oder eine zwielichtige Gestalt versuchte in das Gebäude zu kommen. Nicht, dass das wirklich ein großes Problem wäre, würde man es darauf anlegen. Wenn sie es nicht täten würde eben jemand anderes dem Verbrecher die Tür öffnen.
 

„Es wird ja wohl niemand ohne Grund bei uns klingeln“, gab Vivi zurück und stand dann auch schon auf. Sie war zu gut für diese Welt und Nami wusste, dass es nichts brachte sich nun darüber zu streiten. Sollte sie eben nachsehen. Sie selbst würde die Gelegenheit nutzen, um sich einen Überblick über ihre Vorräte zu verschaffen. Ob man noch einmal neues Popcorn machen wollte? Besser nicht. Immerhin standen da noch Chips und andere Leckereien. Sie würden damit also auskommen. Zumindest bis zum Ende dieses Filmes und, wie es danach weitergehen würde, das hatte man ohnehin noch nicht entschieden. Könnte zu diesem Zeitpunkt wohl alles sein und hing sicher auch damit zusammen, wie offen Vivi für den dritten Teil der Reihe sein würde oder, ob man sich doch dazu entschied noch etwas anderes zu machen. Es mochte vielleicht keine Zeit für unangekündigten Besuche sein, doch zu spät wäre es auch noch nicht. Nicht, wenn man die Stadt unsicher machen wollte.
 

Nami warf einen Blick auf ihr Handy. Robin hatte sich bisher nicht gemeldet, was sie doch ein wenig die Brauen zusammen ziehen ließ. Gut, dass sie die Ablenkung durch Vivi hatte. Warum ließ Robin auch nichts von sich hören? War es doch zu viel gewesen?
 

„Nami?!“
 

„Was ist?“ Sie hatte doch gesagt, dass sie die Tür ignorieren sollte! Was auch immer es war, es würde offensichtlich ihren Abend stören und das nervte sie bereits jetzt, obgleich Nami nicht einmal wusste worum es denn eigentlich ging.
 

„Komm her!“
 

Sie hielt inne und schielte zur Tür in Richtung Flur. Warum sollte sie kommen? Und warum klang die Stimme ihrer Freundin so merkwürdig? Etwas schien nicht zu stimmen und das sorgte dafür, dass sich Nami’s ungutes Bauchgefühl wieder meldete. Trotz dessen raffte sie sich auf und schob dabei das Handy in die Tasche ihrer Shorts, bevor sie in den Flur treten und in Richtung Wohnungstür blicken würde.
 

Vivi stand dort und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie wirkte angespannt und sah Nami mit einem Blick an, den sie nicht zu deuten wusste. Was sollte ihr das sagen? Und wer waren diese beiden Leute? War das ein Cop?
 

„Miss Johansson?“
 

Nami kam langsam näher, sagte jedoch nichts. Auch sie verschränkte die Arme vor der Brust. Die Frau war in Zivil, was bedeutete, dass sie sicherlich ein Detektive war. Mindestens. Der Mann im Hintergrund trug allerdings Uniform und machte damit klar, dass es sich hierbei nicht um die Post handelte, sondern die Polizei vor ihrer Tür stand. Panik machte sich in Nami breit. Hatte sie doch einen Fehler gemacht? War man ihr wirklich so schnell auf die schliche gekommen? Aron würde sie umbringen. Wenn er auch diese Wohnung mit Kameras ausgestattet hatte, dann könnte er nun live dabei zusehen, wie Nami festgenommen wurde. Was würde er mit Nojiko machen?
 

„Ich bin Detektive Adams.“ Während sie sprach hielt sie ihre Marke hoch auch, wenn das Nami gerade wirklich nicht interessierte.
 

„Wir müssten sie darum bitten mit uns auf das Revier zu kommen. Wir hätten ein paar Fragen an sie.“ Das konnte sie sich denken, dass sie die hatten. Doch Nami konnte aus verschiedenen Gründen nicht einfach nachgeben und nun mitgehen, als sei das eine völlig normal Sache. Denn das war es nicht. Nicht, wenn man bedachte, warum sie vermutlich hier waren. Sicher nicht, weil Nami bei rot über eine Ampel gegangen war.
 

„Darf ich fragen worum es geht?“ Sie versuchte ihre Stimme möglichst ruhig und gleichgültig zu halten. Bloß nicht in Panik geraten. Nun stand sie auf verdammt dünnem Eis und jeder falsche Schritt würde dafür sorgen, dass sie einbrechen würde. So durfte das einfach nicht laufen und sie musste wenigstens versuchen zu Aron’s Zufriedenheit zu handeln auch, wenn diesen das wohl kaum interessieren würde.
 

„Ihr Name ist im Zusammenhang mit einem unserer Fälle aufgetaucht und wir würden gerne mit ihnen sprechen, um ein paar Ungereimtheiten aufzuklären. Wir erklären ihnen auf dem Revier worum genau es geht.“
 

„Was für einem Fall? Wie kann ich helfen?“
 

Wenn sie sich nun zu sehr weigern würde, dann würde das auffallen. Gleichzeitig wollte Nami aber auch nicht hier vor Vivi dieses Gespräch führen. Das würde nur weitere Probleme nach sich ziehen, die sie noch weniger kontrollieren könnte. Das schlimmste, was ihr passieren könnte war, dass Vivi ihren Vater und einen Anwalt einschalten würde. Und genau das würde Vivi tun, wenn sie das Gefühl hätte, dass man zu unrecht mit Nami sprechen oder sie unter Druck setzen würde.
 

„Sie hat das Recht zu wissen worum genau es geht, wenn sie hierher kommen und sie sie mit auf das Revier nehmen wollen“, mischte sich Vivi dann auch ein. Unrecht hatte sie vielleicht nicht nur, dass Nami dieses Fass hier wirklich nicht aufmachen wollte. Aber sie wollte auch nicht auf das Revier. Sobald Aron davon erfahren würde waren die Cop’s wirklich ihr kleinstes Problem.
 

„Es würde die Sache sehr erleichtern, wenn sie einfach mit uns kommen würden.“ Die Frau schien nicht scharf darauf zu sein das ganze nun hier zu besprechen. Aber sie waren auch nicht mit einem Haftbefehl hier, den hätte Nami sonst schon längst gesehen. Je unkooperativer sie sich jetzt also zeigte, umso mehr würde sie den Verdacht auf sich lenken. Und vielleicht würde sie so wenigstens erfahren, wo sie standen. Nicht, dass Aron diese Information wirklich brauchen würde, er wusste es vermutlich schon längst. Doch Nami musste es wissen. Sie musste wissen, wie schlimm es wirklich stand und, wie schnell sie handeln musste.
 

„Kann ich mir vorher noch etwas anderes anziehen?“ So wollte sie wirklich nicht vor die Tür gehen und, als Adams nickte würde Nami sich umwenden und in ihr Zimmer gehen. Man beobachtete sie, das konnte sie deutlich spüren. Vor allem Vivi schien sich nun wohl Gedanken zu machen, was ihr gutes Recht war.
 

Sie würde sich eine Jeans und ein anderes Shirt anziehen. Darüber einen Kaputzenpullover. Die wichtigsten Dinge wanderten in ihre Hosentaschen und dann trat sie wieder hinaus in den Flur. Ein kurzer Blickwechsel mit Vivi, die sie besorgt ansah.
 

„Meld dich, wenn du etwas brauchst.“
 

„Klar, mach lieber neues Popcorn, für den dritten Teil. Wird sicher nicht lange dauern.“ Sie grinste ihre Freundin an auch, wenn ihr nicht nach grinsen zu mute war. Nein. Nami machte sich in diesem Moment schrecklich viele Gedanken und Sorgen. War es nun vorbei? Fühlte es sich so an, wenn das eigene Leben zerbrach, wenn man auf der Rückbank eines Dienstwagens platz nahm und nicht wusste, ob man das Revier wieder als freier Mensch verlassen durfte? Am liebsten würde sie Schreien und um sich schlagen. Doch nichts davon würde sie tun. Sie würde den beiden folgen und darauf hoffen, dass es gut gehen würde.
 

Hoffentlich.

betrayal


 

2023 - New York
 


 

„Haben sie diese Dokumente schon einmal gesehen?“
 

Robin beobachtete, wie Adams ein paar der Lieferscheine über den Tisch schob und Nora sich vorbeugte, um diese zu betrachten. Sie fasste sie nicht an, es wirkte als würde sie sich die Dokumente aufmerksam ansehen auch, wenn sich in ihrem Gesicht keine Reaktion spiegelte.
 

Vor einer halben Stunde hatte man sie in das Verhörzimmer gebracht und zunächst personelle Daten mit ihr durchgesprochen. Wohnhaft, Alter, Beziehungsstatus, Job. Nora hatte all diese Fragen ruhig beantwortet und auch jetzt saß sie in dem Zimmer so, als würde sie es nicht tangieren. Dabei war es eben kein zwangloses Gespräch, so wie man es ihr vermutlich gesagt hatte. Sonst würde man draußen, an einem der Schreibtische sitzen oder in einem anderen Raum, bei einer Tasse Kaffee. Stattdessen saß sie in einem Fensterlosen Raum, dessen Wände grau gestrichen waren und der lediglich mit einem Metalltisch und drei Stühlen ausgestattet war. Der Tisch war am Boden festgeschraubt, damit man ihn nicht verrücken konnte. Ebenso befand sich unter dem Tisch auf einer Seite eine Halterung, an der Handschellen befestigt werden konnte. Abgesehen davon wurde das Zimmer durch kaltes Neonlicht erhellt. Unangenehm, doch notwendig, damit man das Geschehen aus dem Nebenzimmer heraus beobachten konnte. Der venezianische Spiegel machte es möglich und erlaubte es nicht nur Robin sondern auch Franky, und Smoker in dem dunklen Raum zu stehen und das Verhör zu beobachten.
 

Ein Umstand, der sicher auch Nora bewusst war. Als man sie herein geführt hatte, hatte sie dem Spiegel einen prüfenden Blick zugeworfen. Robin hatte sich bereits hier befunden, nachdem Smoker sie vor zwei Stunden angerufen und einbestellt hatte. Er. Nicht Franky. Franky, der ihrem Blick schon die ganze Zeit auswich und kein Wort zu ihr gesagt hatte, seit er hier aufgetaucht war.
 

„Nein, tut mir leid.“
 

Nora schüttelte den Kopf und lehnte sich dann wieder zurück. Etwas das keine wirkliche Überraschung war, denn wer hätte schon geglaubt, dass sie es nun einfach zugeben würde? Denn, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Handschrift auf den Dokumenten war, das wusste Robin. Etwas, das sie nicht hatte wahrhaben wollen und worüber sie die ganze, vergangene Nacht gegrübelt hatte. Es war angespannt gewesen und, obgleich sie versucht hatte es zu verbergen, am Ende hatte Nora es dennoch bemerkt und sie darauf angesprochen. Keine wirkliche Überraschung, denn es war anders zwischen ihnen gewesen und Robin hatte es nicht über sich gebracht mit ihr zu schlafen, was ansonsten sicherlich geschehen wäre. Doch anstatt sie darauf anzusprechen und ein klärendes Gespräch zu suchen, war Robin dem ganzen ausgewichen und hatte behauptet, dass alles in Ordnung sei.
 

Sie hatte es einfach nicht glauben können und hatte sich alles am nächsten Tag noch einmal angesehen. Doch anhand dessen was sie gesehen hatte, schien der Fall deutlich zu sein. Zumindest so deutlich wie es sein konnte, wenn man alle anderen Möglichkeiten ausschloss.
 

„Was ist mit der Schrift?“
 

Adams hakte weiter nach und Nora sah sie ungerührt an, bevor sie noch einmal einen Blick auf die Dokumente warf. Pro forma. Robin sah, dass sie ihre Augen sich nicht wirklich über die Zeilen bewegte sondern Nora sich nur Zeit mit ihrer Antwort ließ.
 

„Nein, tut mir leid“, wiederholte sie ihre Worte, als sie sich erneut zurück lehnte und Adams dann auch forschend musterte. So kamen sie kaum weiter denn, sollte Nora wirklich hinter diesen Fälschungen stecken, dann wusste sie auch worum es in letzter Konsequenz ging und würde alles daran setzen, um sich nicht in die Enge drängen zu lassen. Und, wenn man es einmal genau betrachtete, dann hatten sie nicht wirklich etwas in der Hand.
 

Smoker hatte ihr gesagt, dass Franky einen Namen und eine Verdächtige hatte. Man müsse sie aber noch konkret mit allem in Verbindung bringen. Das wiederum bedeutete, dass er Smoker nicht gesagt hatte, woher er selbst davon wusste. Vielleicht das einzig gute, was er getan hatte.
 

Adam’s schob nun ein Klemmbrett und einen Stift über den Tisch. Auf dem Brett war ein Blatt befestigt auf das ein paar Sätze gedruckt worden waren.
 

„Wären sie so freundlich diese Sätze für uns einmal aufzuschreiben?“
 

Nora rührte sich nicht sondern blickte die andere einfach nur schweigend an. Es war offensichtlich, was man von ihr wollte, obgleich man es nicht aussprach. Ob das wirklich die richtige Herangehensweise war? Robin war sich nicht sicher aber am Ende des Tages war das nicht ihre Sache. Sollte Nora die Sätze aufschreiben, dann war die einzige Aufgabe, die sie hatte, festzustellen, ob die Schrift mit der auf den Lieferscheinen übereinstimmte.
 

„Sie haben gesagt, dass mein Name im Zuge eines Falles gefallen sei.. ich würde gerne wissen, worum es hier eigentlich geht.“

Das war durchaus ihr gutes Recht. Ebenso war es höchst fragwürdig, dass man sie noch nicht über ihre Rechte aufgeklärt und ihr keinen Anwalt zur Seite gestellt hatte. Etwas das sicherlich auf Smoker’s Mist gewachsen war, dabei sollte er wissen, dass alle Beweise unbrauchbar waren, wenn Nora dagegen klagen würde. Das ganze Vorgehen war einfach falsch, doch er wusste auch, dass aus ihr kein Wort mehr kommen würde, sobald sich ein Anwalt einmischen würde. Vermutlich versuchte er zunächst zu klären, ob diese Spur den Aufwand überhaupt wert war.
 

„Die Dokumente sind in einem Fall aufgetaucht bei dem es um geschmuggelte Waren geht. Wir möchten wissen, ob das auf den Dokumenten ihre Schrift ist.“
 

„Ich hatte doch gesagt, dass ich als Kellnerin arbeite. Wir haben nichts mit geschmuggelten Waren zu tun. Wir verkaufen Kaffee.“

Adams schob das Klemmbrett noch einmal etwas mehr in Nora’s Richtung, die sie ansah dann aber seufzte. Ob sie nun nachgab oder nicht war schwer zu sagen. Fakt war aber, dass sie nach dem Stift griff und begann zu schreiben. Flüssige und sichere Bewegungen, kein Zögern. Es ließ Robin die Brauen zusammenziehen.
 

Als Nora fertig war, schob sie alles wieder zurück und Adam’s würde für einen Moment einen Blick auf die Zeilen werfen, bevor sie alles zusammen räumte und dann mit allen Dokumenten wieder aufstand.
 

„Würden sie einen Moment warten?“
 

Nora zuckte mit den Schultern und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Ist wohl nicht so als hätte ich eine Wahl, oder?“ Dabei ging ihr Blick in Richtung Spiegel, als würde sie sie dahinter beobachten können. Etwas das durchaus falsch war, denn das einzige, was Nora in diesem Moment sehen konnte, war ihr eigenes Spiegelbild.
 

Smoker gab ihnen ein Zeichen, woraufhin Franky sich in Bewegung setzte und auch Robin den beiden Männern aus dem Raum folgen würde. Der Weg führte durch das Großraumbüro in einen Besprechungsraum, wo Adams bereits auf sie wartete und Robin nur schweigend die Papiere entgegenhalten würde.
 

„Ich glaube nicht, dass sie es ist“, sprach Adams dann auch ihre Gedanken aus, während Robin kurz die Zeilen auf dem Klemmbrett überflog. Das was sie sah überraschte sie allerdings nicht wirklich.
 

„Vielleicht ist sie einfach nur leichtsinnig. Das würde uns die Arbeit erleichtern.“
 

„Adam’s hat recht.“
 

Robin reichte das Klemmbrett an Smoker weiter, der das alles jedoch keines Blickes würdigte und es nicht annahm, sondern sie lieber herausfordernd ansah.
 

„Und das wissen sie, nachdem sie nicht einmal eine Minute auf die Dokumente gesehen haben?“
 

„Das weiß ich, weil Miss Johansson mit rechts geschrieben hat. Die Person, die sie suchen hat allerdings mit links geschrieben.“

Das war durchaus etwas eindeutiges. Natürlich konnte Nora auch gelernt haben mit beiden Händen zu schreiben, doch man hatte ihr förmlich gesagt wessen man sie beschuldigte. Und selbst, wenn dem nicht so war, wenn Nora die gesuchte Fälscherin wäre, dann würde sie ihnen kaum eine brauchbare Schriftprobe liefern. Sofern sie gut in ihrem Job war und sie musste gut sein. Robin hatte die Arbeit ihrer Ausweise gesehen. So etwas schaffte kein Amateur.
 

„Gibt es nicht auch Menschen, die mit beiden Händen schreiben können?“, mischte sich nun auch Franky in das Gespräch ein. Robin warf ihm einen kalten Blick zu. Er sollte lieber ruhig sein und sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, das würde ihm nicht bekommen.
 

„Durchaus aber ich kann nur das beurteilen, was ich als Schriftprobe vor mir sehe.“
 

Smoker gab einen entnervten Laut von sich und sah dann wieder zu Franky. Das lief alles nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Man merkte durchaus den Druck unter dem er stand und vor allem auch, dass er ein Kerl war, der immer mit dem Kopf durch die Wand wollte.
 

„Es könnte nun hilfreich sein, wenn Sie ein paar Karten auf den Tisch legen würden, damit wir etwas gegen sie in der Hand haben, um hier weiter zu kommen. Wir haben uns darauf eingelassen und sie hierher geholt, ich erwarte Antworten.“

Wie sie vermutet hatte, hatte Franky anscheinend nicht alles auf den Tisch gelegt. Er hatte nicht wirklich nachgedacht oder wohl gehofft, dass das alles von alleine laufen würde. Sicher war Robin sich nicht, denn Franky wollte diesen Fall unbedingt vorantreiben. Nur, dass er unter diesen Umständen keine Hilfe von ihr erwarten durfte. Robin ignorierte seinen Blick und würde das Klemmbrett auf den Tisch legen, bevor sie durch den Raum ging und an die Fenster heran trat. Dabei hatte sie die Arme um den Körper gelegt und blickte hinaus, um das treiben auf der Straße zu beobachten.
 

Das war nicht ihre Sache. Er hatte es auf diese Weise gewollt, dann musste er da jetzt alleine durch, ganz einfach. Nach einer solchen Vorgehensweise konnte man nicht mehr von Partnerschaft sprechen und das war es, was Robin am meisten an dieser Situation störte. Was ihr durchaus wichtiger war als die Frage, wie tief Nora in all dem mit drin steckte. Denn das sie darin steckte? Das hielt Robin leider nicht für unwahrscheinlich.
 

„Mein Kontakt will anonym bleiben. Ich habe habe das zugesichert.“
 

„Wollen Sie mich verarschen? Wir haben hier einen solchen Fall und sie schleppen irgendein Mädchen an und können uns keine klaren Anhaltspunkte geben, warum?! Sie haben einen Vertrauensvorschuss bekommen, damit wir hier unsere Zeit verschwenden?!“
 

In diesem Punkt musste Robin Smoker ausnahmsweise recht geben. Das war eine ziemlich schlechte Herangehensweise. Eine Übersprungshandlung. Nichts anderes war es gewesen. Dumm. Unprofessionell. Robin konnte kaum in Worte fassen, was das alles war, was Franky getan hatte.
 

„Ich bin mir sicher, dass wir etwas finden, wenn wir in ihrem Umfeld suchen.“
 

„Und mit welcher Begründung? Wir werden keinen Durchsuchungsbeschluss bekommen, wir werden sie nicht einmal weiter festhalten können ohne einen begründeten Verdacht!“ Smoker schrie ihn förmlich an und sicher war es nicht zu überhören, was hier in diesem Zimmer los war. Es war eine berechtigte Wut, das konnte Robin nicht leugnen und Franky sollte es auch besser wissen. In Ermittlungen wie diesen musste man sich einfach an die Regeln halten. Dazu gab es Gesetze. Das musste einem nicht immer passen und manchmal war es vielleicht nicht fair aber sie konnten sich deswegen nicht auf das Niveau vonVerbrechern hinab begeben und ihre eigenen Regeln aufstellen.
 

„Sie ist keine Amerikanerin, es wird sicher etwas zu finden geben, wenn wir uns ihren Werdegang ansehen, ihre Familie. Vielleicht werden wir darin etwas finden. Wenn sie damit in Verbindung steht, dann wird es da auch etwas geben, das wir benutzen können“, wehrte Franky sich gegen die Vorwürfe. Und ja, wenn man nun anfangen würde sie zu durchleuchten, zu beobachten und sie in das Zentrum der Ermittlungen rücken würde, dann würde man vielleicht auch etwas finden. Doch wie sollte ein solches Vorgehen gerechtfertigt werden?
 

„Scheiße, haben sie auch nur die leiseste Ahnung von vernünftiger Polizeiarbeit?!“
 

„Was ist, wenn wir sie noch einmal etwas mit links schreiben lassen? Außerdem könnten wir eine provisorische Überprüfung machen. Vielleicht finden wir ja etwas das zumindest ein Anhaltspunkt bietet. Das können wir machen solange sie hier ist und, bis wir sie wieder gehen lassen müssen“, schlug Adam’s dann vor. Sie versuchte irgendwie einen Streit zwischen den beiden Männern zu verhindern. Oder viel mehr; das dieser Streit ausarten würde. Das Ziel war es wohl irgendwie produktiv bei all dem vorzugehen auch, wenn man sie nun schon hier hatte.
 

„Sie ist so oder so hier.. versuchen wir schnell zu arbeiten solange wir es können“, setzte sie noch nach. Robin drehte sich wieder zurück, um die beiden Männer zu beobachten, die sich wütend anstarrten. Ob diese beiden Ego’s hier wirklich zusammenfinden würden? Das war doch eher fraglich.
 

„Zwei Stunden“; knurrte Smoker irgendwann dann doch und Adam’s würde sich sofort auf den Weg machen und das Zimmer verlassen. Das bedeutete nicht, dass diese ganze Sache nun durchgestanden und man wirklich weiter gekommen war. Man hatte sich nur dazu entschieden das Ganze zu nutzen, solange man dennoch nebenbei weiter über all das streiten und diskutieren würde.
 

„Das wird Konsequenzen haben. Wenn wir nichts finden, dann werden Sie beide keinen Fuß mehr in mein Department setzen, ist das klar?!“
 

Endlich mal Worte für die sich Robin sogar bedanken würde. Smoker würde auch den Besprechungsraum verlassen und die Tür lautstark hinter sich schließen. Wenn er sie von den Ermittlungen ausschließen würde, dann würde er zumindest Robin damit einen Gefallen tun. Es könnte sicherlich schlimmer sein, doch Franky sah das vermutlich anders. Robin beobachtete, wie er durch den Raum schritt und offenkundig mit sich rang. Sie selbst lehnte sich nur zurück, gegen die Fensterbank und würde warten. Sollte er sagen, was er zu sagen hatte. Darauf würde sie warten und ihm keinen Millimeter entgegen kommen.
 

„Warum schützt du sie?“, platzte es dann doch aus ihm heraus, während er sie vorwurfsvoll anblickte. Robin neigte den Kopf und sah ihn ausdruckslos an. War das wirklich die Art, wie er dieses Gespräch führen wollte?
 

„Du weißt genau, dass Menschen mit beiden Händen schreiben können. Und wir haben deine Notiz. Wir haben bereits den Beweis, dass sie die scheiß Scheine geschrieben hat!“
 

„Dann sag es ihm. Sag ihm woher du es weißt, damit er mein Haus danach durchsuchen kann.“
 

Er musterte sie und Robin vermutete, dass er in diesem Moment wirklich darüber nachdachte es zu tun. Man könnte nun darüber debattieren, ob persönliche Interessen wirklich angebracht waren, wenn man es hier mit einem Menschenhändler-Ring zu tun hatte. Für Robin war es allerdings mehr als das. Er hatte es zu etwas persönlichem gemacht.
 

„Warum tust du das?“
 

„Muss ich dir das wirklich beantworten?“ Sie konnte nicht glauben, dass das wirklich sein ernst war. Wie konnte er von ihr warten, dass sie das alles überging und so tat, als sei es in Ordnung, wie er sich in den letzten Stunden verhalten hatte?
 

„Ich habe mich bei dir gemeldet, weil ich darüber sprechen wollte. Mit dir als Freund und nicht mit meinem Partner. Du bist, ohne mit mir zu sprechen, zu Smoker gelaufen. Und anstatt mich vorzuwarnen wartest du einfach, bis er mich anruft und hierher bestellt?“
 

Robin glaubte nicht, dass sie ihm wirklich erklären musste, was das Problem war. Franky hatte inzwischen auch den Blick gesenkt und wirkte betreten. Doch das half ihr auch nicht. Im vertrauen hatte sie mit ihm über all das sprechen wollen, hatte sich erhofft einen Rat zu bekommen. Eben, weil es auch einen persönlichen Aspekt gab. Deswegen hatte sie ihn angerufen, ihm erzählt, was sie entdeckt hatte und deswegen vermutete. Eigentlich hatte sie mit ihm darüber nachdenken wollen, in welche Richtung das alles gehen sollte. Anstatt aber gemeinsam mit Robin zu sprechen war Franky anschließend direkt zu Smoker gelaufen und hatte dafür gesorgt, dass man Nora durchleuchtete und hierher brachte, um sie zu verhören. Und so richtig diese Entscheidung vielleicht auf beruflicher Ebene gewesen war, so falsch war es im Rahmen ihrer Freundschaft gewesen. Angesichts dessen, dass er wusste wie schwierig dieser ganze Fall bereits für Robin gewesen war, war dieses Vorgehen durchaus nicht förderlich für die Situation gewesen.
 

„Du willst diesen Fall abschließen und schaust dabei nicht mehr nach links oder rechts. Und ich habe nicht vor Smoker über meine Verbindung zu ihr aufzuklären oder ihn das ausnutzen lassen. Ich werde mich nicht auf diese Ebene begeben.“
 

„Hier geht es nicht um unsere persönlichen Befindlichkeiten. Da sterben Mädchen und es ist unsere Pflicht alles zu tun was notwendig ist, um sie zu retten.“
 

Robin atmete durch und wandte den Blick ab. Moralisch gesehen konnte sie ihm nicht widersprechen. Doch etwas an all dem störte Robin. Sie konnte nicht einmal genau benennen was es war. Vielleicht die Art, wie sie Nora bisher kennengelernt hatte oder die dunklen Male an ihrem Kiefer, die sicher nicht von einer harmlosen Geschichte gekommen waren. Es war denkbar, dass es in all dem einen Zusammenhang gab. Was, wenn Nora auch nur ein Opfer in dieser Sache war? Auch dann sollte man wohl mit ihr sprechen und versuchen einen Deal mit ihr zu bekommen aber dennoch störte Robin sein Vorgehen und die mangelnde Empathie.
 

„Trotzdem wirst du mehr brauchen als das. Smoker hat recht, es gibt absolut keine rechtliche Grundlage für das, was du vor hast durchzusetzen. Und ein guter Anwalt kann ebenso die Verbindung die ich gezogen habe auseinandernehmen. Das wird nicht reichen“, führte sie es noch einmal aus. Vielleicht wäre es ein Ansatz aber am Ende musste es mehr sein als das. Sollte Franky sich nun darin verrennen, dann würde das zu keinem Ziel führen. Er verlor sich in Dingen, die ihn nicht weiter brachten und sich jeder Grundlage entzogen. Nicht immer war es eine Lösung mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.
 

„Wir werden etwas finden, wir müssen sie nur lange genug festhalten und ihr verdammtes Leben auseinander nehmen!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch und funkelte sie wütend an. Robin verstand woher es kam aber sie würde nicht so mit sich reden lassen, nicht wenn er es war. Er war dabei Grenzen zu überschreiten und merkte nicht einmal, dass er an dieser Stelle wirklich besser aufhören sollte.
 

Bevor sie das Gespräch an diesem Punkt allerdings fortsetzen konnten klopfte es und Robin wandte sich der Tür zu. Adam’s kam herein und blickte kurz zwischen ihnen beiden hin und her, bevor sie aber zu Robin herüber kam und ihr ein neues Klemmbrett reichte. Zwar nahm sie es entgegen und warf auch einen Blick darauf, doch sie hätte auch vorher sagen können, dass es sie nicht weiter brachte. Die Handschrift wirkte unsicher. Vielleicht sicherer als bei den meisten Menschen, die mit ihrer schwachen Hand schreiben mussten, doch es war nicht eindeutig. Ja, Robin könnte vielleicht Ähnlichkeiten finden, doch damit so etwas vor Gericht bestand hatte brauchte sie viel mehr und die Probe auf dem grünen Zettel, die wohl ihre richtige Schrift zeigen musste, war schlichtweg zu wenig. Es waren wenige Worte und Robin hatte ihre Schlüsse vor alle auch auf Grund ihrer Erfahrung gezogen. Jeder Verteidiger würde das auseinandernehmen. Und, da Nora genau wusste, warum sie hier war, hatte sie nun auch sicher genug dafür getan, um ihnen Steine in den Weg zu legen.
 

„Ich müsste mich länger damit beschäftigen und vielleicht würde ich hinweise auf einmalige Charakteristika ihrer Schrift finden, doch ich möchte betonen, dass - wenn sie es ist - wir es hier mit einer Fälscherin zu tun haben, die sehr genau weiß was sie tut. Wir werden nicht genug finden, um darauf eine Anklage aufzubauen, es muss mehr sein.“ Darauf konnte man sich wohl einigen und so reichte sie Adam’s dann auch wieder das Klemmbrett, die nachdenklich nicken würde. Auch sie schien sich einige Gedanken zu all dem zu machen und versuchte Lösungen zu finden. Dabei war sie nicht so impulsiv, wie die Herren, die mit diesem Fall und vor allem mit ihrem Ego zu tun hatten. Möglich, dass doch noch etwas Hoffnung bestand.
 

„Ich bereite ihnen alles vor und würde Sie darum bitten das zu tun. Unsere Analyse läuft im Hintergrund und wir werden versuchen sie etwas länger hier zu halten. Am Ende ist es wohl das beste, was wir haben.“
 

Adam’s hatte mit den Schultern gezuckt und sich dann wieder zur Tür begeben, wo sie allerdings noch einmal inne hielt. Der Blick ging noch einmal zu Robin, um diese zu betrachten.
 

„Sie ist erst 27. Denken sie wirklich, dass jemand in diesem Alter schon solche Fähigkeiten haben könnte? Nach allem, was Sie uns zu den Lieferscheinen gesagt haben geht das alles mindestens schon fünf Jahre zurück.“
 

„Es wirkt unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.“
 

Alles in allem hing das wohl auch mit Nora’s Werdegang zusammen. Wenn sie es war, dann tat sie es nicht bereits seit wenigen Jahren. Es musste schon viel länger gehen als das und, sie musste vor allem auch gute Verbindungen und ein Netzwerk haben. Ja, es wirkte unwahrscheinlich aber es musste am Ende nichts aussagen. Und nach allem, was Robin bisher wusste und, was ihr Bauchgefühl ihr sagte? Passte es durchaus zusammen. Wie genau sie aber zu dem geworden war, was sie vielleicht war? Das konnte nur Nora selbst beantworten.
 

„Wonach müssten wir suchen, wenn wir etwas finden wollen?“, ihre Frage richtete Adam’s gezielt an Robin und schien Franky zu ignorieren. Offenbar hielt sie von all dem ebenso wenig, wie Robin selbst. Und darin hatte sie auch ihre ganz eigene Art das zu verdeutlichen.
 

„Wichtig wäre es zu sehen, ob sie in ihrem Lebenslauf Verbindungen zu künstlerischen Berufen hat“; begann Robin ihre Gedanken auszusprechen. Ging sie davon aus, dass Nora sie nicht angelogen hatte, dann arbeitete sie auch als Designerin. Oder eben als etwas anderes. Im weitesten Sinne. Das würde durchaus passen.
 

„Des weiteren ist es sicherlich nicht unerheblich sich die Menschen in ihrem Umfeld anzuschauen. Für Ausweise braucht man besondere Materialien, die muss sie irgendwo herbekommen und braucht dafür entsprechende Kontakte. Möglicherweise kennt sie jemanden bei einer Notenbank oder anderen Behörden. Und ich könnte mir vorstellen, dass ihre Familiengeschichte nicht unerheblich ist. Wenn eine Person bereits in einem solchen Alter in diesen Zweig gerät und dort so gut ist, dann hat sie es nicht erst in den vergangenen zwei Jahren gelernt. Dazu müsste sie ein Ausnahmetalent sein. Finanzielles aber vor allem auch die Beziehungen zu potenziell zwielichtigen Bereichen.“
 

„In Ordnung. Wir informieren sie, sobald wir mehr wissen und würden uns über ihre Meinung dazu freuen.“
 

Sie reichte Robin die Hand, welche sie ergriff und kurz schütteln würde. Natürlich würde sie verfügbar bleiben, nun musste sie es wo man einen konkreten Verdacht hatte. Ob sich dieser bestätigen würde? Das musste man abwarten. Auf der anderen Seite wurde Franky von der anderen Frau ignoriert, bevor sie einfach wieder das Zimmer verlassen und sie wieder alleine lassen würde.

Robin atmete tief durch und warf einen Blick auf ihr Handy. Man würde heute sicherlich nicht mehr viel schaffen und es war doch das Beste, wenn sie sich zurückziehen würde, bis man sie wieder brauchte. Schlaf war ein hohes gut und sie musste diesen Tag wirklich sacken lassen, um sich selbst zu ordnen und ihre Lage in all dem ein wenig besser einzuschätzen. Wo stand sie momentan und, wie würde sie nun im Bezug auf Nora mit allem umgehen. Eine Frage, die sie gerade nicht einfach so beantworten konnte.
 

„Robin..“
 

„Du hast genug gesagt. Wenn Detective Adams mich braucht wird sie auf mich zukommen. Du solltest dir lieber Gedanken um deine persönlichen Verstrickungen in all dem machen.“
 

Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen würde nun auch Robin den Raum verlassen und sich auf den Weg machen. Sie hatte nicht vor hier noch länger zu bleiben vor allem aber wollte sie auch nicht, dass sie Nora doch über den Weg lief. Es war ein Punkt, der nicht sein musste, solange sie das alles nicht auch für sich geordnet hatte. Denn natürlich war es auch ihrer persönlichen Verbindung zu der jungen Frau geschuldet, dass sie so reagierte, wie sie es eben tat. Franky hatte damit nicht unrecht.
 

Dennoch hätte Robin das alles gerne anders geregelt. Als Nora bei ihr gewesen war hatte sie erst einmal ihre Gedanken ordnen müssen und vor allem hatte sie das Bedürfnis gehabt diese kurze Eingebung zu überprüfen, bevor sie Nora mit etwas konfrontierte. Franky war ihr zuvor gekommen und sie hatte mit ihrem besten Freund darüber gesprochen ihm aber auch deutlich gemacht, dass sie das Gespräch mit Nora suchen und sie zunächst selbst konfrontieren wollte. Etwas das ihr zumindest ehrlicher vorgekommen war. Richtig. Robin war jemand, der mit offenen Karten spielte. Doch anstatt ihr diese Möglichkeit zu geben hatte Franky einfach eigenständig gehandelt und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Nora hierher zu bringen und in seinen Augen das richtige zu tun. Eine Entscheidung, die er nicht als ihr Freund getroffen hatte.
 

Nun waren die Dinge allerdings ins rollen geraten und Robin würde das nicht aufhalten können. Viel eher stimmte es sie nachdenklich und machte sie in gewisser Weise auch betroffen. Immerhin mochte sie die Kleine durchaus. In gewisser Weise hatte sie sogar darüber nachgedacht, ob man doch in Kontakt bleiben und das ganze einfach weiter erkunden könnte und, ob sie Nora weiter kennenlernen wollte. Optionen, die jetzt sicherlich vom Tisch waren.
 

Die Tür des Aufzugs würde aufgehen und Robin wartete, bis ein Officer ausgestiegen war, damit sie hinein konnte, um sich auf den Heimweg zu machen.

consequences


 

2023 - New York - Tag 6
 


 

Nicht so viele Anrufe und Nachrichten, wie sie erwartet hatte. Was aber sicherlich auch daran lag, dass sie das Handy von Aron und nicht ihr privates mitgenommen hatte. Warum? Bauchgefühl. Sie hatte darauf vertraut, dass man keine Genehmigung haben würde ihr Handy anzusehen und wenn? Dann wäre es wohl so gewesen. Sie konnte immerhin nicht alles kontrollieren und es wäre Aron sicher aufgefallen, wenn er sie nicht hätte Orten können. Oder, wenn er sie geortet hätte aber nicht beim NYPD sondern noch bei sich in der Wohnung. Sie hatte ihm nicht noch mehr in die Hände geben wollen.
 

Ray und Octa hatten versucht sie zu erreichen. Anrufe in erster Linie. Das war nichts, was sie nun wirklich beschäftigte. Vielleicht waren es neue Aufträge gewesen, denn die Nachricht von Aron, die entscheidend war, war erst viel später auf ihrem Handy eingegangen. Nur eine Adresse, mehr hatte er ihr nicht geschickt.
 

Dorthin war Nami nun auf dem Weg, während sie versuchte ihre Gedanken irgendwie zu ordnen. Sie saß in der Metro und lehnte den Kopf zurück, um für einen Moment die Augen zu schließen. Durch das Verhör, und das war es eindeutig gewesen, und die Tatsache das man sie festgehalten hatte, hatten dafür gesorgt, dass sie kein Auge zugetan hatte. Nami fühlte sich völlig gerädert, doch selbst wenn sie nun Nachhause könnte, sie würde keine Ruhe finden. Immerhin versuchte sie zu verstehen was eigentlich passiert war. Grundsätzlich hatte sie damit gerechnet, dass man sie vielleicht irgendwann festnehmen würde, weil sie einen Fehler bei den Ausweisen gemacht und man doch ihre DNA gefunden hatte. Sicherlich eine irrationale Angst, die sie da durchlebt hatte, doch sie war wenigstens naheliegend gewesen, nach dem Mord an dem Republikaner. Während des Verhörs war sie allerdings nicht ein einziges Mal nach diesen Ausweisen gefragt worden. Es war lediglich um diese verdammten Lieferscheine gegangen und man hatte Schriftproben von ihr gewollt. Durchaus ein Fall auf den Nami vorbereitet war. Sie konnte mit beiden Händen schreiben und die Hand, die sie für ihre Fälschungen aber auch manchmal im Alltag benutzte, war ihre schwache Hand. Sie benutzte sie immer dann, wenn es nicht wichtig war oder man ohnehin keine Verbindung zu ihr ziehen konnte, um im Training zu bleiben. Bei Behörden oder, wenn es um offizielles ging, benutzte sie ihre eigentliche Schreibhand. Es war also durchaus keine schwere Übung gewesen ihnen etwas zu liefern mit dem sie nichts anfangen konnten. Und, selbst wenn da etwas war, sie würden nicht genug finden, um sie wirklich festzunehmen. Deswegen war sie nun eben auch wieder auf freiem Fuß, ganz ohne einen Anwalt. Sie hatten einfach nicht genug. Und darauf hatte Nami gehofft, sie hatte sich möglichst ruhig und entspannt verhalten auch, wenn sie immer wieder gefragt hatte was man ihr eigentlich vorwarf und, warum man sie festhielt. Das, was man normalerweise in so einer Situation tun würde. Für einen Anwalt hatte sie angeblich kein Geld hatte sie gesagt und sich darauf berufen, dass sie nichts getan hatte.
 

All das war das eine, das andere war aber noch immer wie Frage, wie man auf sie gekommen war. Ihr Name war genannt worden. Doch von wem? Wer hatte sie verraten und warum? Und wenn man sie verraten hatte, warum war es dann nur um die Lieferscheine gegangen und man hatte nicht mehr Beweise gegen sie gehabt? All das machte wirklich keinen Sinn. Woher hatten sie ihren Namen?
 

Sie würde sich vor Aron rechtfertigen müssen. Das war ihr klar doch, wie sollte sie etwas rechtfertigen, wenn sie keine Ahnung hatte, was da eigentlich passiert war? Obgleich das auch keine Rolle spielte. Aron würde seine eigenen Schlüsse ziehen und, ob er ihr zuhören würde kam sicherlich darauf an in welcher Laune er war. Sollte seine Laune noch immer so schlecht sein, wie bei ihrer letzten Begegnung, dann würde es schlimm werden.
 

„..Clark Street“, vernahm sie und öffnete wieder die Augen, um aus dem Fenster zu sehen. Gerade fuhr die Metro in der nächsten Station ein, so dass sie sich aufraffte und an die Tür heran trat. Es ging hinaus und dann über das Gleis zu den Treppen. Sie war in Brooklyn Hights. Hier befand sich die Adresse zu der sie kommen sollte. Von der Station aus wäre es noch ein kurzer Fußweg und während sie diesen einschlug fragte sie sich, ob es das richtige war. Immerhin lief sie hier vermutlich geradewegs in ihr Verderben. Aber wenn sie es nicht tun würde? Er würde sich Nojiko holen.
 

Sie trat hinaus auf die Straße und blieb einen Moment an der Seite stehen, um durchzuatmen. Ob sie sich doch stellen sollte? Mit der Polizei reden und darauf hoffen, dass sie wenigstens Nojiko retten konnten? Es fühlte sich nicht wie eine kontrollierbare Situation an. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich ihre ganze Situation verändert und sie musste sie neu einordnen. Es musste schnell gehen, doch Nami hatte nicht das Gefühl, dass sie mit diesem Tempo Schritt halten konnte. Zu viele Entscheidungen mussten zu schnell getan werden und sie hatte nicht die Möglichkeit diese zu überdenken oder zu planen.
 

Ihr Handy vibrierte und Nami zog es aus der Hosentasche, um einen Blick darauf zu werden. Ray wollte wissen wo sie war. Ob er es wirklich nicht wusste oder doch und er ihr einfach nur Druck machen wollte, das spielte im allgemeinen keine Rolle. Sie durfte sich nicht mehr zu viel Zeit lassen. Die Zeit arbeitete eindeutig gegen sie. Denn während sie der Polizei vielleicht etwas erklären würde, hätte Aron alle Zeit der Welt, um ihrer Schwester etwas anzutun. Letztlich konnte sie nur hoffen, dass sie die Situation in den Griff bekommen könnte, um sich etwas mehr Spielraum zu verschaffen.
 

Sie könnte sich nun vielleicht daran aufhalten, dass sie kostbare Zeit verschwendet hatte, als sie bei Robin gewesen und sich lieber eine Auszeit gegönnt hatte aber auch das würde nichts mehr bringen. Es änderte nichts und vielleicht war einfach das Bedürfnis zu groß gewesen auch einmal etwas für sich zu bekommen. Denn egal, ob Robin sich noch einmal melden würde oder nicht, das Thema war nun ohnehin durch und sie würde sich nicht weiter damit befassen können.
 

Ohne auf die Nachricht zu reagieren schob sie das Handy wieder zurück in ihre Hosentasche, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte und die Straße entlang ging. Zu Fuß würde sie noch zehn Minuten brauchen. Ein Möglichkeit, die sie nutzen konnte, um sich weitere Gedanken zu der Situation zu machen. Doch was sollte das überhaupt bringen? Immerhin hatte sie sich in den letzten Tagen genug Gedanken um das alles gemacht und das alles hatte sie keinen Millimeter weiter gebracht.
 

Nachdem sie die Straße überquert hatte würde sie in die dazugehörige Querstraße einbiegen. Jeder Schritt fühlte sich unendlich schwer an. Als würde mit jedem Meter ein weiteres Gewicht an ihre Knöchel binden mit all der Last, die momentan in ihrem Nacken saß. Und doch musste sie weiter, ein Schritt vor den anderen, während ein Auto neben ihr hielt, dem Nami keine wirkliche Beachtung schenkte. Ihre Aufmerksamkeit lag bei ihren Gedanken, bei ihrer Angst.
 

Sie vernahm Schritte hinter sich, anscheinend hatte es jemand besonders eilig. Warum kam der ihr so nah und überholte sie nicht einfach? Sie hasste solche Menschen, die keinen Sinn für sich und dem Raum von anderen hatten. Heute hatte sie noch weniger Nerven dafür als sonst und so entschloss sie sich, sich herum zu drehen und dem Kerl die Meinung zu sagen. Doch noch bevor sie das konnte, um die Person hinter sich zu erkennen geriet ihre Welt plötzlich ins wanken und ihr wurde schwarz vor Augen.
 


 

***
 


 

Nami rang panisch nach Luft, als sich ihre Lungen endlich wieder mit Luft füllen konnten. Dabei versuchte sie sich zu orientieren, doch es war ihr nicht möglich den Blick auf etwas zu richten, denn da veränderte sich ihre Perspektive bereits wieder. Sie versuchte gegen den Druck zu arbeiten, doch sie schaffte es nicht, da tauchte ihr Kopf bereits wieder unter und es war, als würden hunderte von Nadelstichen in ihr Gesicht dringen. Unerträgliche Schmerzen, während ihr wieder die Luft genommen wurde.
 

Sie versuchte sich zu befreien, dem Griff zu entkommen und gleichzeitig gegen den Arm zu schlagen, der sie an Ort und Stelle hielt. Doch aus ihrer Position hatte sie keine Chance einen guten Treffer zu landen. Am Ende verschwendete sie dabei nur Energie und die würde ihr fehlen bei dem Versuch nicht zu ersticken. Denn das würde sie, wenn ihr die Luft ausgehen würde. Sicherlich ein grausamer Tod.
 

Langsam ging ihr die Kraft aus, die Panik wurde größer. Nami versuchte weiter um sich zu schlagen, trat mit dem Fuß nach hinten aus, aber auch dieser Versuch ging ins Leere und veränderte ihre Situation nicht.

Die Panik nahm überhand. Der Impuls Luft zu holen wurde immer größer.
 

Das durfte sie nicht.
 

Sie brauchte Luft!
 

Nami spürte, wie ihre Gliedmaßen schwerer wurden. Sie schaffte es nicht sich darauf zu konzentrieren.
 

Der Druck auf ihre Lungen wurde stärker.
 

Alles brannte die Feuer!
 

Unerträglich.
 

Sie musste atmen.
 

Jetzt!
 

Bevor Nami Luft holen und das Wasser in ihre Lungen ziehen konnte, wechselte ihr Körper wieder die Perspektive. Sie verlor den Halt, die Welt drehte sich und dann spürte sie Schmerz der sich von ihrer linken Schulter aus ausbreitete. Das war allerdings nicht das größte ihrer Probleme. Nami hustete, rang verzweifelt nach Luft, während sich ihr Körper auf die Seite drehte und sie anfing zu würgen.
 

Sie war noch dabei sich zu fangen und gerade zu Atem zu kommen, als sich erneut ein stechender Schmerz von ihrem Magen ausbreitete und die Luft aus ihrem Körper drückte. Sie spuckte Galle und krümmte sich schützend zusammen auch, wenn sie nicht wusste, was um sie herum passierte. Ihre Instinkte übernahmen und versuchten das einzige zu tun, was in ihrer Macht stand. Sich irgendwie schützen!
 

„Genug jetzt“, mischte sich dann auch jemand ein. Etwas das Nami nur dumpf wahrnehmen konnte, als sie schon wieder gepackt und hoch gezogen wurde. Schon wieder veränderte sich ihre Perspektive auf die Welt, als man sie aufrichtete und dann auf einen Stuhl setzte.
 

Noch immer würgte sie, musste husten und hatte keine klare Sicht. Als man sie losließ kippte sie wieder nach vorn und kam auf einer Fläche zum liegen. Nach Luft ringend hob sie die Hände und tastete vor sich herum, bevor sie es doch schaffte sich wieder hoch zu drücken. Nur langsam wurde ihre Sicht klarer, so dass sie sich umsehen und mehr von ihrer Umgebung wahrnehmen konnte.
 

Ray stand an der Seite und hatte die Arme vor der Brust verschränkt, während er ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen hatte. Dahingegen wirkte Octa schon fast betroffen und unschlüssig darin wie er nun mit der Situation umgehen sollte. Nicht, dass man ihn nach seiner Meinung fragen würde. Denn, als sie den Kopf drehte und sich die nassen Haare aus dem Gesicht strich, konnte sie Aron erkennen, der ihr gegenüber saß. Man hatte sie zu ihm an den Tisch gesetzt, wo er gemütlich sein Essen zu sich nahm. Offenkundig schenkte er ihr keine Beachtung, obgleich ihr bewusst war, dass es anders war.
 

„Wie lange arbeitest du jetzt schon für mich?“
 

Nami reagierte nicht auf seine Frage. Sie stützte die Stirn auf einer Hand ab und schloss die Augen, während sie Galle ausspuckte. Ihr war unglaublich schlecht, abgesehen von dem Schmerz, der sich durch ihren Körper zog. Aron erwartete sicher keine Antwort von ihr und so konzentrierte sie sich lieber darauf sich nicht zu übergeben und wieder zu Atem zu kommen.
 

„Ich dachte eigentlich, dass du es besser wissen würdest. Und das du weißt, dass ich es nicht mag, wenn meine Leute mit den Cop’s reden.“
 

„Jemand hat denen meinen Namen.. genannt..“, brachte sie hervor. Nami empfand nicht, dass sie sich rechtfertigen müsste, zumal sie nichts falsches getan hatte. Dennoch ging es hier um ihr Leben. Ob sie bereits genug Wert für Aron verloren hatte, als das er sie umbringen würde, das konnte Nami nicht einschätzen. Sie würde aber auch nicht darauf wetten, dass er ihr kein Haar krümmen würde.
 

„Wer?“
 

Sie schüttelte den Kopf. Woher sollte sie das auch wissen? Fakt war aber, dass sie nichts gegen sie in der Hand hatten und man sie hatte laufen lassen. Dennoch war es nicht gut, dass sie nun irgendwie im Visier der Polizei war. Man musste nun noch vorsichtiger sein, als ohnehin schon und das gefiel ihr nicht.
 

„Mit wem hast du gesprochen Nami? Komm.. wer hat deinen Namen verraten?“
 

Wieder schüttelte sie den Kopf. Wer sollte sie denn an die Cop’s verraten? Das machte wirklich keinen Sinn und sie wüsste auch niemanden, der irgendetwas über sie wissen würde. Immerhin hatte sie alles ihr mögliche getan, damit niemand irgendetwas über sie oder gar ihre Verbindung zu Aron wusste. Da gab es einfach niemanden, der es wissen könnte und so hatte sie auch keine Möglichkeit ihm auf diese Fragen zu antworten.
 

„Okay.. du willst mir also sagen, dass die Cop’s ganz zufällig über deinen Namen gestolpert sind und nun anfangen in deine Richtung zu ermitteln?“
 

Er war ruhig, eine bedrohliche Ruhe. Nami mochte diesen Ton nicht, da sie besser damit umgehen könnte, würde er sie einfach anschreien und wütend sein. Dann wusste sie zumindest was ihr blühte, doch jetzt? Sie wusste nicht wie er mit dieser Situation umgehen wollen würde. Sie wusste nur, wie er mit Leuten umging, die weit weniger Nutzen für ihn hatten. Ob bereits eine Kugel ihren Namen trug und nur darauf wartete ihren Dienst zu erfüllen?
 

„Mein Kontakt hat mir mitgeteilt, dass sie anscheinend ein Spezialistenteam zu den Ermittlungen hinzugezogen haben. Sie haben wohl deinen Namen ins Spiel gebracht. Weitere Informationen scheint es nicht zu geben. Und sie haben weder etwas gegen dich in der Hand, noch können sie dich mit etwas in Verbindung bringen.“
 

Wenn er das alles wusste, warum genau saßen sie nun hier? Warum versuchte er sie zu ertränken und ihr die Seele aus dem Leib zu prügeln? Aus Prinzip? Das erschloss sich Nami wirklich nicht aber es war sicherlich nur wieder eine verquere Art seine Macht zu demonstrieren.
 

Spezialistenteam.
 

Dieses Detail blieb doch irgendwie hängen, obgleich Nami nichts damit anzufangen wusste. Was sollte das auch schon bedeuten? Und woher sollte so ein Team ihren Namen haben? Sie war doch nirgendwo aufgeführt. Es machte keinen Sinn.
 

„Das bedeutet aber, dass wir noch vorsichtiger sein müssen und du dich wie eine brave, gesetzestreue Bürgerin verhalten wirst. Wir fahren die Aufträge erst einmal hinunter, bis die Situation sich etwas abgekühlt hat. Wir können es nicht gebrauchen, dass das FBI sich doch noch einmischt und uns auf die Nerven geht.“
 

Für wen auch immer er das ausführte. Nami hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, hatte die Augen weiterhin geschlossen und hoffte, dass dieses Übelkeitsgefühl endlich nachlassen würde. Das war doch beschissen. Es war anstrengend. Und das letzte worauf sie gerade Lust hatte war Aron’s Monolog, den er da führte, während er in aller Ruhe sein Essen weiter aß. Allein der Geruch war schon unangenehm auch, wenn Nami versuchte sich nicht darauf zu konzentrieren.
 

„Du wirst vorerst nicht Nachhause kommen.“
 

Sie hatte die Anweisung das Anwesen nicht zu betreten? Endlich mal gute Nachrichten auch, wenn das gleichsam bedeutete, dass sie nicht an ihr Atelier heran kam. Egal. Sie würde andere Lösungen dafür finden, denn vorerst schien das alles doch eher eine Entlastung mit sich zu bringen. Wenn die Ermittlungen so aufgeheizt waren und Aron sie deswegen etwas in Frieden ließ? Dann würde sie das gerne annehmen und sich nicht darüber beschweren.
 

„Du bekommst ein neues Handy, deine Kontakte wurden bereits übertragen. Du wirst jederzeit erreichbar sein und du wirst Octa jedes Mal die Adresse schicken, wenn du den Ort wechselst. Ich mag es nicht, wenn ich nicht weiß, wo du bist.“
 

Ob er wusste, dass sie versucht hatte ihn auszutricksen? Das sie versucht hatte zu verschleiern, dass sie bei Robin war, um diese nicht in ihren Kontakten aufkommen zu lassen. Sie konnte es nicht einschätzen. Spielte gerade aber auch keine wirkliche Rolle, da sie nur mit dem gehen konnte, was man ihr gab und das waren Arons neue Spielregeln an die sie sich besser zu halten hatte. Die Schlinge um ihren Hals wurde enger und würde sich sicherlich zuziehen, wenn sie sich weiter Fehler leisten würde.
 

Sie blickte zur Seite, als man ein neues Handy vor ihr auf den Tisch legte. Ray trat wieder zurück auf seinen Platz und Nami würde nach dem Gerät greifen ohne es sich genauer anzusehen. Es war sicherlich eine Standartversion, mit den Kontakten von allen anwesenden. Natürlich liefen diese Kontakte nur über Zweithandy’s, die man leicht loswerden konnte. Was genau alles dahinter stand interessierte Nami im Wesentlichen auch nicht, da es immer Aron’s Verantwortung gewesen war diese Sicherheit zu garantieren.
 

„Octa wird dich zurück zur Stadt fahren, geh dich frisch machen, damit du hübsch aussiehst, falls man deine Wohnung bewacht.“
 

Sich frisch machen? Nami wusste gerade nicht einmal, wie sie aufstehen sollte. Der Schmerz war überwältigend und sie hatte nicht das Gefühl, dass sie damit zurecht kommen würde. Allerdings wurde ihr diese Entscheidung abgenommen, als sie jemand unter dem Arm packte und wieder auf die Beine zog. Octa schien sich dem ganzen nun anzunehmen und zog sie mit sich, während Nami keine andere Wahl hatte außer mit ihm zu stolpern.
 

Sie befanden sich in einer Fabrikhalle, zumindest wirkte es so. Oder eine alte Lagerhalle? Es standen einige Kisten herum, während Aron ansonsten alles nach seinen Bedürfnissen hergerichtet hatte. Hier konnte man weder einen Arzt noch ein Bad erwarten, wo sie sich um sich kümmern konnte. Das, was sie bekam war ein alter, kaputter Spiegel in einer Ecke und dazu noch etwas neue Kleidung. Es würde wohl darauf hinaus laufen, dass sie sich hier ausziehen und sich das nasse Haar wieder herrichten musste. Ein Zopf war da wohl das einzige, was Sinn machte.
 

Nami stützte sich schwer atmend auf einer der Kisten ab, während sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Dazu schien ihr allerdings keine Zeit zu bleiben, denn Octa drückte etwas nachdrücklicher ihre Schulter.
 

„Mach schon..“, leise Worte, die einen Hauch von Sorge in sich trugen auch, wenn man wohl keine Zeit hatte auf das alles einzugehen. Nami nickte also nur und würde anfangen sich auszuziehen und gegen die mitgebrachte Kleidung zu tauschen. Eine Jeans, einfache Sneaker und ein Pullover. Der Wechsel war schnell getan und anschließend würde sie ihr Haar zusammenfassen, um es sich zu einem Dutt zusammen zu binden. Draußen würde es trocknen und damit auch nicht weiter auffallen. Wenn sie es denn schaffte Haltung zu bewahren. Etwas das sich gerade nahezu unmöglich für sie anfühlte. Sie schaffte es nicht einmal jetzt wirklich gerade zu stehen. Da war es doch ein Glück, dass man New York als eine anonyme Stadt ansehen konnte. Man würde sich nicht wirklich um sie kümmern, es sei denn man hatte einen Grund auf sie zu achten. Doch den gäbe es nur, wenn man sie beschatten würde.
 

Nachdem sie fertig war würde Octa sie wieder am Arm packen und dann zurück zu Aron an den Tisch führen. Setzen durfte sie sich nicht. Anscheinend war das Treffen vorbei und Aron hatte alles gesagt, was er hatte sagen wollen.
 

Konnte sie von Glück sprechen?
 

War es gut für sie gelaufen?
 

Verglichen mit dem, was es hätte sein können, konnte man diese ganze Sache durchaus so einordnen. Es war gut gelaufen. Zumindest wenn man es im Kontext des Ganzen sah. Freuen konnte sie sich dennoch nicht, denn der Ernst ihrer Lage war ihr schmerzlich bewusst geworden. Nun ging es darum nicht unter die Räder zu geraten und den Kopf aus der Schlinge zu bekommen.
 

„Bring sie zurück.. und keine Fehltritte mehr.“
 

Nami blickte ihn an, wurde dann aber auch einfach weiter gezogen. Es ging durch die Halle und vermutlich würde man sie wieder in irgendeinen SUV verfrachten, damit Octa sie an einer Metro Station aussetzen und sie alleine zurück in die Stadt konnte. Einen Fahrservice bis vor die Tür würde es leider nicht geben auch, wenn sie das gut gebrauchen könnte.
 

„Ach.. Nami?“
 

Sie blieben noch einmal stehen, damit sie einen Blick über die Schulter werfen und Aron anblicken konnte. Dieser hatte sich an seinem Platz zurück gelehnt und die Hände vor seinem Bauch gefaltet, während er sie kalt ansah. Ein lauerndes Raubtier, welches seine Beute genau im Auge hatte.
 

„Ich hoffe, dass du meine Warnung diesmal wirklich ernst nehmen wirst.“
 


 

***
 


 

„Oh mein Gott, ich habe mir solche Sorgen gemacht!“
 

Sie war gerade erst zur Tür rein gekommen, als Vivi ihr schon um den Hals fiel und sie an sich drückte. Nicht die angenehmste Begrüßung, wenn der ganze Körper schmerzte. Für den Heimweg hatte sie eine gefühlte Ewigkeit gebraucht. Nami brauchte dringend Schmerztabletten und musste sich dann hinlegen, um sich wenigstens ein paar Stunden auszuruhen. Ob Vivi ihr diese Zeit geben würde?
 

„Was wollten sie? Soll ich die Anwälte meines Vaters einschalten? Du hast Rechte, egal was sie dir vorwerfen. Mit guten Anwälten können wir das schnell aus dem Weg räumen.“
 

„Vivi.. langsam.. keine große Sache.. alles okay..“, versuchte sie ihre Freundin zu beruhigen. Ob ihr das gelingen würde? Nami konnte es nur hoffen, denn sie hatte durchaus keine Kapazitäten für mehr als das. Sie musste schlafen. Ihr Körper fühlte sich abgesehen von den Schmerzen an, als sei er aus Blei. Wenn sie könnte, dann würde sie vermutlich im stehen einschlafen und Nami konnte kaum beschreiben, wie sehr sie sich das wünschen würde. Wenn sie schlief, dann müsste sie wenigstens nicht über die ganze Scheiße nachdenken, die innerhalb der letzten 24 Stunden geschehen war. Es war zu viel als das man irgendwie darauf klarkommen konnte. Kein normaler Mensch konnte das.
 

„Bist du sicher.. sie haben dich lange festgehalten..“
 

Nami nickte müde. Sie konnte es nicht in Worte fassen, wollte nicht darüber reden. Sie wollte einfach schlafen. Für all das würde es vielleicht eine Lösung finden. Vielleicht. Denn wie diese Lösung aussehen sollte? Das konnte Nami beim besten Willen nicht sagen. Ihr ging die Luft aus und es musste schnell etwas geschehen. Wenn ihr Leben weiter in diesem Tempo den Bach hinunter gehen würde, dann wäre sehr bald nichts mehr davon übrig.
 

Ohne das ganze noch weiter zu vertiefen schob sie sich einfach an Vivi vorbei, versuchte es dabei zu belassen und nicht zu deutlich zu zeigen, wie schlecht es ihr in diesem Moment vielleicht ging. Das tat es durchaus nur.. wie sollte sie das Vivi erklären? Die würde es auf die Polizeigewalt schieben und würde das ein Fass öffnen, was man nicht mehr kontrollieren konnte. Wenngleich Nami auch jetzt nichts unter Kontrolle hatte.
 

Ihr Weg führte sie in ihr Zimmer, wo sie sich kurz umsah und dann weiter zum Schrank ging. Eine Dusche und frische Kleidung. Das musste sie wenigstens sein, bevor sie sich hinlegen würde.
 

„Warst du schon im Krankenhaus?“
 

Sie hielt inne und zog die Brauen zusammen. Sah sie so beschissen aus, dass Vivi sie gleich dort sehen wollte? Nami hoffte, dass es nicht so war, denn das würde sie dann auch Nojiko erklären müssen. Und im Gegensatz zu Vivi konnte ihre Schwester durchaus eins und eins zusammenziehen.
 

„Warum sollte ich ins Krankenhaus?“, brummte sie nur angestrengt. Abwehrend. Sie mochte ihre beste Freundin, doch wenn Vivi sie heute nicht einfach in Frieden ließ, dann würde sie das nicht ertragen können. Ihr fehlte die Kraft und die Geduld dafür.
 

Nami war dabei sich ein paar Sachen heraus zu ziehen, als sie doch langsam inne hielt. Es war still. Zu still. Vivi hatte ihr nicht auf ihre Frage geantwortet und es war Nami’s Bauchgefühl, dass anfing sich zu melden, als sie sich umdrehte und ihre Freundin ansah, die dort stand und sie betroffen musterte. Warum? Was war los?
 

„Vivi? Warum hätte ich ins Krankenhaus gehen sollen?“
 

Das Bauchgefühl wurde mit jeder Sekunde in der sie keine Antwort von Vivi bekam schlechter. Ihr wurde schlecht und es war, als würde eine Stimme in ihrem Hinterkopf sich bereits jetzt melden und versuchen ihr etwas zu sagen.
 

„Vivi?“
 

„Sanji.. wollte versuchen dich zu erreichen..“
 

„Warum?!“ Nami hatte sich von dem Schrank abgewandt und kam nun wieder auf ihre Freundin zu, um sie an den Schultern zu packen und ihr eindringlich in die Augen zu sehen. Die Kleidung war achtlos auf den Boden gefallen und in diesem Moment schaffte sie es nicht ihre Emotionen im Griff zu behalten. Nicht die Verzweiflung oder Panik. Und vor allem nicht ihre Angst. Warum hätte Sanji versuchen sollen sie zu erreichen?! Dafür konnte es eigentlich nur einen Grund geben. Aber das durfte nicht sein. Es durfte einfach nicht wahr sein!
 

„Warum?!“
 

„Es gab einen Überfall.. im Café von Nojiko.. sie mussten sie ins Krankenhaus bringen."

desire


 

2023 - New York
 


 

Die Stille wurde nur von einem leisen, monotonen Piepen unterbrochen, welches die Enge des Ganzen nicht einfacher zu ertragen machte. Nami wusste nicht, wie lange sie schon hier saß und ihre Schwester anblickte. Noch immer fiel es ihr schwer das alles zu begreifen und einzuordnen. Doch es war real. Sie spürte die Hand von Nojiko in ihrer eigenen, konnte ihre Vitalwerte auf den einzelnen Bildschirmen ablesen und zusehen, wie sich ihr Brustkorb langsam hob und wieder senkte. Sie sah schrecklich aus. All die Kabel mit denen man sie angeschlossen hatte. Die blauen Flecken, die Verbände. Nojiko lag auf der Intensivstation und war noch nicht wirklich zu sich gekommen. Zwar schwebte sie nicht in direkter Lebensgefahr, doch sie war weit weg davon, dass es ihr gut ging.
 

Nachdem Vivi ihr gesagt hatte, was geschehen war, war sie sofort ins Krankenhaus gefahren. Sanji war hier gewesen, inzwischen aber auch wieder gegangen. Es hatte einen Überfall auf das Café gegeben. Sicherlich hatte man versucht ihr Details zu erzählen, doch diese waren nicht bei ihr angekommen. Sie musste auch nicht wissen, wann es geschehen war. Oder wie viele, was sie gewollt hatten. Nami wusste all das. Sie wusste warum man das Café überfallen hatte, warum Nojiko jetzt im Krankenhaus lag. Es war nicht um das Geld in der Kasse gegangen, was natürlich verschwunden war. Vielleicht für die Kerle, die den Überfall durchgeführt hatten, doch nicht für die Person, die den Auftrag ausgesprochen hatte.
 

Aron hatte gesagt, dass er hoffe, dass sie seine Warnung nun ernst nahm. Er hatte ihr deutlich machen wollen, dass er keine Skrupel hatte Nojiko wirklich etwas anzutun. Sie umzubringen war keine Lösung gewesen, weil sie das Druckmittel war, damit Nami die Füße still hielt. Aber sie schwer zu verletzen? Das war möglich gewesen und es war eine Wiederholung von Taten aus der Vergangenheit. Wenn Nami nicht gehorchte wurde ihre Schwester bestraft. Fast ein Wunder, dass das nichts an ihrer Verbindung zueinander verändert hatte und Nojiko sie nicht hasste.
 

Doch Nami fragte sich, wie weit es noch gehen sollte. Immerhin hatte sie diese ganze Situation nicht verantwortet. Sie wusste nicht wie es geschehen war und sie wusste auch nicht, wie sie Schadensbegrenzung betreiben konnte. Nichts davon lag in ihrer Hand aber das würde Aron offenkundig nicht davon abhalten es auf ihrem Rücken oder viel mehr auf dem Rücken ihrer Schwester auszutragen. Und wie weit konnte sie das wirklich noch tragen? Was sollte sie jetzt machen?
 

Klar war, dass sie die Kontrolle verloren hatte und die Umstände einfach weiter Eskalieren würden. Denn, wie sollte sich das alles auflösen? Würde die Polizei einfach aufhören sie zu durchleuchten? Würden sich die Spuren in ihrem Fall einfach im Sand verlaufen? Würde Aron sich wirklich damit zufrieden geben?
 

Nein.
 

Ihr Name war im Zusammenhang mit einem Verbrechen aufgetaucht und nun würde man anfangen zu suchen. Wie viel genau sie dabei finden würden hing von Umständen ab, die Nami nicht beeinflussen konnte.
 

Bedeutete das am Ende, dass sie nur hier sitzen und warten konnte, bis man sie holen würde? Bis Aron seine Handlanger schickte, um es zu beenden?
 

Schwer atmete sie durch und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, während sie nach ihrem Handy griff und einen Blick darauf warf. Das Handy von Aron hatte sie ausgeschaltet und einfach in der WG gelassen. Sie würde ihn umbringen, das hatte sie Octa noch geschrieben. Sicherlich war bekannt, wo sie sich nun aufhielt und Aron wusste auch, wie Nami war, wenn es um Nojiko ging. Vermutlich würde er es nicht so eng nehmen und sich lieber daran erfreuen, dass er sie wirklich getroffen hatte. Genau das war immerhin sein Ziel gewesen und ja, er hatte es geschafft.
 

Auf ihrem zweiten Handy waren vor allem Nachrichten von Vivi und Sanji. Selbst Lola schien inzwischen gehört zu haben, was geschehen war. Sie waren für sie da und sie solle sich melden, wenn sie Hilfe bräuchte. Ja, sie brauchte Hilfe. Doch niemand ihrer Freunde würde ihr dahingehend wirklich helfen können. Sie würde ein paar erhaltene Nachrichten beantworten und dann an einem der Chat’s hängen bleiben. Es war ein kurzes Zögern, doch dann würde sie die Nummer wählen und sich das Telefon ans Ohr halten.
 

Während Nami dabei dem Freizeichen lauschte stand sie auf und würde sich aus dem Zimmer auf den Gang bewegen. Stille lag über dem Krankenhaus, es war alles still. Wenn man aber bedachte wie spät es inzwischen war, dann war das auch kein Wunder. Für die letzten Stunden hatte sie an Nokijos Seite gesessen und nun würde ihr vielleicht etwas Bewegung gut tun. Abgesehen von ihren eigenen, körperlichen Schmerzen, sollte auch Nami etwas schlafen. Hier konnte sie nichts tun, Nachhause fahren und schlafen. Doch sie konnte ihre Schwester nicht alleine lassen und mit all diesen lauten Gedanken in ihrem Kopf würde sie ohnehin nicht schlafen können.
 

„Nora?“
 

Die sanfte Stimme holte sie wieder zurück und Nami lehnte sich an die Wand, schloss für einen Moment die Augen, bevor sie antworten konnte.
 

„Hey.. tut mir leid für den späten Anruf“, begann sie dann auch und rieb sich mit der freien Hand über die Augen. Es war durchaus spät und vielleicht nicht die klügste Entscheidung. Dennoch war da dieses Bedürfnis gewesen ihre Stimme zu hören, sich von ihr wegziehen zu lassen, in die Ferne an einen anderen, besseren Ort.
 

„Schon in Ordnung, ich gehe normalerweise nicht früh ins Bett.“
 

„Ich weiß“, murmelte Nami und musste unweigerlich dabei grinsen. Zumindest wusste sie, dass sie selbst in den letzten Tagen ab und an der Grund dafür gewesen war, dass Robin spät im Bett gewesen war. Durchaus schöne Erinnerungen auch, wenn sie bei Nami nicht das Hochgefühl auslösten auf welches sie eigentlich gehofft hatte. Schade.
 

„Was ist passiert?“, riss Robin sie wieder aus ihren Gedanken. Ihr Schweigen hatte anscheinend doch dafür gesorgt, dass klar wurde, dass das hier kein Anruf für ein bisschen Spaß war. Ob es gut war die andere nun damit zu belasten? Das konnte Nami nicht einschätzen, zumal ihre Beziehung eigentlich auch nicht so war. Wie sollte das jetzt auch wirken, wenn sie nicht bei ihren Freunden anrief sondern bei einer Fremden?
 

„Nora?“
 

„Kann ich nicht sagen“, murmelte sie dann aber doch leise. Konnte sie einfach nicht. Vielleicht was ihre Schwester anging aber auch das würde sicherlich komisch kommen. „Ich wollte einfach.. keine Ahnung, etwas Ablenkung schätze ich..“
 

„Möchtest du dich treffen und.. reden?“
 

„Ja. Aber ich kann gerade nicht. Ich.. es ist kompliziert.“
 

Musste sicherlich komisch klingen, denn wenn man bedachte das sie sich nicht kanten, warum rief sie dann überhaupt bei ihr an? Es setzte Nami in Zugzwang, das wusste sie auch, während sie dem Schweigen am anderen Ende der Leitung lauschte und versuchte die richtigen Worte für das zu finden, was denn eigentlich los war und, warum sie hier am Telefon gelandet war.
 

„Vielleicht wollte ich einfach nur noch einmal mit dir reden. Ich glaube nicht, dass wir uns wiedersehen können. Und ich wollte wohl eine nette Stimme hören.“
 

Schlimm wie dramatisch das klang. Und gleichzeitig war es das irgendwie. Nami glaubte nicht, dass sie angesichts der Umstände noch einmal mit Robin ihre Zeit verbringen würde. Nicht, bevor diese die Stadt verließ aber, vielleicht war es ihr auch egal. Wenn man bedachte, wie auf einmal die Stimmung sich zwischen ihnen verändert hatte.
 

„Und ich wollte mich entschuldigen. Wenn ich bei unserem letzten Treffen einen falschen Eindruck hinterlassen habe oder.. ich weiß auch nicht.“
 

„Du hast keinen falschen Eindruck gemacht.“
 

„Nein?“
 

Das war nun doch verwunderlich. Immerhin hatte Robin ihr ein anderes Gefühl gegeben aber warum sollte das jetzt noch wichtig sein? Das war es nicht. Nicht mehr zumindest. Nami hatte einen kurzen Ausflug in ein schöneres Leben gemacht und musste nun doch einsehen, dass das so nicht funktionierte und es nicht möglich war so zu leben. Sollte sie es doch schaffen irgendwann eine Lösung für das alles zu finden, ja. Dann würde es anders werden und dann könnte sie vielleicht auch über eine Beziehung nachdenken oder darüber eine Frau zu Daten. Eine Frau wie Robin.
 

„Nein, du hast nichts falsch gemacht.“
 

„Dann habe ich mir nur eingebildet, dass du letztes Mal distanziert warst?“, würde sie dann auch nachhaken. Vielleicht spielte es keine wirkliche Rolle mehr und dennoch musste Nami zugeben, dass es sie wurmte. Immerhin war das der Beigeschmack, den ihr letztes Treffen hinterlassen hatte. Das hätte sie sich einfach anders gewünscht.
 

„Nein, aber das ist auch kompliziert“, räumte Robin derweil ruhig ein. Fair. Immerhin waren sie sich beide da doch ähnlich, dass sie gewisse Dinge ausließen und nicht gleich alles offen legten. Das war einfach nicht ihr Ding und sie beide hatten so ihre Geheimnisse. Ob es deswegen so anziehend war, weil Robin ein Geheimnis umgab und etwas daran.. doch ein merkwürdiges Gefühl hinterließ? Obgleich Nami dieses Gefühl nicht einordnen konnte, war ihr aber auch egal.
 

„Aber es hat mit mir zu tun gehabt?“
 

„Nora.. du hast hast gesagt, dass wir uns vielleicht nicht wiedersehen werden“, wandte Robin dann auch ein und diesen Punkt musste Nami ihr durchaus geben. Fairerweise spielte es doch eigentlich keine wirkliche Rolle, was das alles mit ihr zu tun gehabt hatte. Aber ging es denn wirklich darum oder nicht einfach nur um ein völlig menschliches Bedürfnis. Sie wollte verstehen und, es war nun einmal Fakt, dass sie ein gutes Gefühl mit Robin gehabt hatte. Und, wenn man so ein Gefühl mit jemandem hatte, dann wollte man dem doch eigentlich nachgehen. Man wollte wissen wer das Gefühl kam und, wie man vielleicht auch mehr davon bekommen konnte.
 

„Ich hab nicht gesagt, dass ich dich nicht wiedersehen will.“
 

Das war doch der Unterschied, oder nicht? Sich nicht wiedersehen können und es nicht zu wollen. Und Nami würde sie durchaus gerne sehen und sie einfach ganz normal kennenlernen. Und eigentlich hatte sie geglaubt , dass Robin es ähnlich gesehen hatte. Es hatte sich so angefühlt als wäre man gemeinsam in etwas hinein gerutscht, was man nicht geplant hatte.
 

Doch vielleicht hatte sie das alleine so gesehen. Ob sie gehofft hatte, das Robin es vielleicht bedauerte, dass sie einander nicht wiedersehen würden? Möglich. Menschlich.
 

„Entschuldige. Ich weiß.. zu viel“, schob sie dann aber auch hinterher. Es war zu viel, in Anbetracht dessen, wo sie standen. Nami wollte nicht zu einem dieser Klischees werden, die sie selbst so gerne verteufelte. Und vor allem wollte sie nicht, dass sie etwas auf Robin projizierte, was eigentlich nicht da war. Aus Verzweiflung. Oder aus Einsamkeit.
 

„Ich habe auch nicht gesagt, dass ich dich nicht sehen will.“
 

Nami starrte ihre Füße an und zog ein wenig die Brauen zusammen. Die Worte machten etwas mit ihr, lösten etwas aus und rührte in ihr an. Ein Klos bildete sich in ihrem Hals und Nami musste für einen Moment schweigen. Würde sie sofort sprechen, sie hätte Angst, dass ihre Stimme würde brechen.
 

„Allerdings scheinen wir uns gerade in einer komplizierten Situation zu befinden. Aber.. das heißt nicht, dass du mir nicht versuchen kannst zu sagen, was los ist.“
 

Mochte wohl so sein. Sie könnte es versuchen daraus etwas zu machen. Immerhin hatte es doch bisher auch funktioniert, obwohl man nicht wirklich miteinander gesprochen hatte war es dennoch eine intensive und vielleicht auch intime Zeit gewesen. Und genau deswegen hatte sie am Ende doch bei ihr angerufen und versucht sie zu erreichen.
 

„Mein Job frisst mich auf. Und mein Leben. Alles.“
 

Es war wohl die beste Beschreibung, die Nami dazu geben konnte ohne zu viel zu sagen. Ohne sich zu verraten auch, wenn das inzwischen vielleicht keine Rolle mehr spielte. Was, wenn sie Robin einfach alles offen legen würde? Es war durchaus verlockend.
 

„Dann solltest du aussteigen.“
 

„Ich kann mir keine Kündigung leisten. Ich.. es ist einfach gerade alles zu viel.“
 

Der Druck wurde von Tag zu Tag größer und nach all den Jahren erreichte Nami langsam ihr Limit. Betrachtete man alleine die Ereignisse der vergangenen 24 Stunden, dann war das alles wohl mehr als genug gewesen. Für die nächsten Wochen und Monate. Nur, dass sie eben noch mitten drin steckte und es so schnell keine Erlösung geben konnte. Vermutlich niemals. Ihr Leben war schon vor etlichen Jahren einfach verpfuscht worden.
 

„Man hat immer die Wahl. Es ist eine Entscheidung mit welchen Konsequenzen man besser Leben kann.“
 

„Deswegen habe ich keine Wahl.“
 

Hatte sie nicht. Nami würde sich gerne etwas anderes einreden, doch an diesem Punkt gab es nicht mehr viel, was sie machen konnte. Ihr rannen die Optionen förmlich durch die Finger und, ob sie am Ende wirklich eine davon zu greifen bekommen würde, das stand auf einem ganz anderen Blatt. Aron hatte seine Figuren auf diesem Spielfeld gut gesetzt. Er war ihnen allen immer einen Schritt voraus. Die Kunst würde nun darin bestehen genau das umgehen zu können.
 

„Können wir über etwas anderes reden? Es war ein verdammt langer Tag, ich bin um Krankenhaus und..“
 

„Warum bist du im Krankenhaus?“, würde Robin sie unterbrechen und Nami die Brauen zusammenziehen lassen. Ja, warum. Wegen ihrer Schwester auch, wenn Nami vermutlich selbst einen Arzt aufsuchen sollte, um an Schmerzmittel zu kommen. Zuhause hatte sie keine mehr gehabt, so dass sie sich irgendwo welche kaufen musste, sofern Aron nicht dafür gesorgt hatte, dass ihre Finanziellen Mittel stark eingeschränkt wurden. Etwas, das sie bisher nicht geprüft hatte. Nami besaß zwar ein Konto, doch das gehörte auch Aron. Sie hatte lediglich eine Zweitkarte mit Zugriff bekommen, doch um etwas zu ändern bräuchte es immer seine Unterschrift oder Zusage. Auf der anderen Seite hatte er alle Befugnisse und konnte darüber entscheiden, wie viel Geld sich auf diesem Konto befand und welche Zahlungen damit getätigt wurden. Und, da bereits ein zweites Handy ein großes Risiko gewesen war, hatte Nami es nicht auch noch wagen wollen ein geheimes Konto zu eröffnen, damit sie etwas Geld auf Seite schaffen konnte. Das wäre nicht möglich gewesen. Und da sie Vivi nicht nach Geld fragen konnte, ohne ein weiteres Fass zu öffnen, würde sie darauf hoffen müssen, dass Nojiko bald wieder ansprechbar wäre.
 

„Wegen meiner Schwester.. gab nen Überfall auf ihr Café. Wird schon wieder..“
 

Es musste einfach werden, denn Nami wusste einfach nicht, was die Alternative sein sollte. Sie wollte es sich einfach nicht vorstellen und dem keinen Raum geben. Sie konnte am Ende doch nur hoffen, dass sie wieder auf die Beine kam und nicht schlimmeres geschehen würde.
 

„Brauchst du etwas?“, fragte Robin schließlich, nachdem sie einen Moment zu all dem geschwiegen hatte. War sicherlich auch viel und Nami wusste nicht einmal, ob sie am Ende nicht doch zu viel von ihr und der Situation verlangte. Auf der anderen Seite hatte sie durchaus nichts mehr zu verlieren, wenn die Beziehung zu Robin unter diesen Umständen ohnehin nichts Zukunftsträchtiges sein konnte.
 

„Nein. Nur ein bisschen Ablenkung von meinen Gedanken. Wie läuft es mit deinen Teppichen?“
 

Nami wollte durchaus einfach nur über etwas anderes sprechen. Zu sehr musste sie sonst dem Impuls widerstehen nicht alles offen zu legen, weil sie derart verzweifelt war. Doch ein solcher Hilfeschrei würde am Ende auch keine Hilfe bringen. Sie wusste es und deswegen zog sie es vor das Thema zu wechseln und lieber über die nicht vorhandenen Teppiche zu sprechen.
 

„Auch nicht so gut. Es.. haben sich ein paar nicht erfreuliche Entwicklungen gezeigt. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen werden.“
 

„Hm. Ich hatte auf gute Nachrichten gehofft.“
 

„Entschuldige. Aber du würdest dich wundern, wie oft ich in meinem Job eher mit schlechten Nachrichten zu tun habe.“
 

„Klingt wahnsinnig deprimierend.“
 

Durchaus. Und dabei hatte Nami doch eigentlich geglaubt, dass es anders wäre. Aber am Ende? Wusste sie eben nichts über Robin und ihren Job. Sie war nur davon ausgegangen, weil Robin doch wohl deutlich gemacht hatte, wie sie handeln würde, wenn sie einen schlechten Arbeitgeber hatte. Und nun sagte sie ihr, dass es ähnlich war? Oder ging es dabe um den Job im allgemeinen? Was es aber auch nicht wirklich besser machen würde. Ein Job, der viele schlechte Nachrichten mit sich brachte, war sicherlich nicht gesünder als das, was Nami in ihren Leben hatte. Es war anders toxisch.
 

„Manchmal ist es das. Auch, wenn ich noch nie in einer Situation wie jetzt war.“
 

„Was macht es anders?“
 

„Persönliches Interesse schätze ich. Das macht es immer schwerer. Aber vielleicht ist das auch nur ein Zeichen dafür, dass ich einen anderen Weg einschlagen sollte.“
 

Während Robin sprach hatte Nami sich von der Wand abgestoßen und sich wieder in Bewegung gesetzt. Sie musste einfach ein paar Schritte gehen und hier auf dem Gang war es durchaus nicht besonders gemütlich. Zwar konnte sie niemanden sehen und doch war es ein öffentlicher Bereich. Das die Schwestern sie hören konnten war dabei nicht unbedingt unwahrscheinlich und eigentlich war das ein Gefühl, welche sie durchaus nicht mochte. Ob sie doch lieber wieder zurück in ihr Zimmer gehen sollte?
 

„Fällt mir schwer zu glauben, dass jemand wie du Probleme damit hat Beruf und Privates zu trennen.“
 

„Nun, ich schätze so etwas kann den Besten passieren unter den richtigen Umständen. Am Ende hängt es an der Frage, wie man damit umgeht.“
 

Unweigerlich musste sie schmunzeln, als sie sich doch wieder in Nojiko’s Zimmer schieben würde. Da davon auszugehen war, dass dieses Gespräch noch etwas andauern würde, wollte Nami durchaus ihre Ruhe haben und solange sie nicht schrie war es wohl nichts, was ihre Schwester stören würde. Nami wollte sich einbilden, dass es sogar besser war, wenn sie spürte, dass sie nicht alleine war und Nami sich kümmerte.
 

„Du redest davon, als sei es eine völlig rationale Entscheidung.“
 

„Ist es das nicht?“
 

„Normalerweise nicht, sonst wäre es nicht so problematisch“, wandte Nami ein. Wobei sie durchaus glaubte, dass Robin ein derartiges Problem nicht wahrnahm sondern es durchaus rational betrachtete. Es würde zumindest zu dem Bild passen, welches sie bei den vergangenen Treffen von ihr erhalten hatte. Beeindruckend, wenn man so handeln konnte, das war allerdings nichts, was Nami je für sich beanspruchen könnte. Würde sie ihre eigene Situation rationaler betrachten, dann wären viele Dinge sicherlich ganz anders gelaufen.
 

„Wie gesagt, ein abwägen von Konsequenzen.“
 

„Beneidenswert, wenn man es so angehen kann.“
 

„Das bedeutet nicht, dass es deswegen leichter ist. Ich habe lediglich gelernt Situationen anzugehen und dann nicht weiter darüber nachzudenken. Zweifel zeugen davon, dass man nicht hinter der Entscheidung steht, die man getroffen hat.“
 

Unrecht hatte sie nicht. Nami trat an das Fenster heran und blickte hinaus in die Dunkelheit. Wobei das nicht ganz richtig war. Das Krankenhaus lag im Zentrum von Manhattan. Und da New York nie schlief waren auch jetzt die Straßen noch voller Menschen und die Lichter der Stadt erhellten die Umgebung. Das einzige was zwischen ihr und dem Lärm der Stadt stand waren die hervorragend isolierten Fenster des Krankenhauses.
 

„Hast du etwa nie Zweifel?“
 

„Doch. Aber sobald ich mich entschieden habe schenke ich ihnen keine Beachtung mehr.“
 

„Kein bereuen also?“
 

„Nein. Das wäre nur Zeitverschwendung.“
 

Leicht schüttelte Nami den Kopf auch, wenn die andere es nicht sehen konnte. Noch nie hatte sie einen Menschen kennengelernt, der die Dinge derart rational anging und das war durchaus faszinierend, obgleich sie sich nicht vorstellen konnte, wie so etwas funktionieren konnte. Nami war gewiss nicht so. Genau genommen war sie das genaue Gegenteil von Robin, wenn man ihr Temperament bedachte, welches sie unbestreitbar hatte. Das konnte sie selbst nicht einmal schön reden.
 

„Klingt so als wäre deine Lage bald nicht mehr so kompliziert.“
 

„Das bleibt abzuwarten. Ich habe das Gefühl, dass ich das Ausmaß noch nicht kenne. Das wird meine Entscheidung in mancher Hinsicht wohl verzögern.“
 

„Ich liebe deinen Optimismus.“
 

Es brachte sie durchaus ein wenig zum schmunzeln. Aber wer könnte es Robin schon vorhalten, Nami? Durchaus nicht. Sie war selbst doch eine Realistin. Vivi würde es zwar eher als Pessimismus beschreiben, doch gemessen an deren eigener Einstellung bestand die ganze Welt aus Pessimisten.
 

„Du wirst also bald die Stadt verlassen?“, hakte sie dann aber doch nach. Es war vielleicht nicht klar worum es bei Robin ging, doch sicherlich würde es das am Ende bedeuten. Ob man es schaffte sich noch einmal zu sehen? Die Idee bewegte sie durchaus in ihrem Kopf, obgleich Nami wusste, dass sie für derartiges wirklich keine Zeit hatte. Und doch war da diese Sehnsucht nach diesen wunderbaren, hellen und leichten Momenten, die sie hatte erleben dürfen.
 

„Vermutlich.“
 

„Hm.“
 

„Woran denkst du?“
 

„Das ich dich zum falschen Zeitpunkt kennengelernt habe.“
 

Ob es schon einmal einen besseren Zeitpunkt gegeben hatte? Nein. Das war nicht so, denn ihr Leben war schon immer ein Schlachtfeld gewesen, obgleich die Intensität schon einmal entspannter gewesen war. Was Nami allerdings meinte und sich erhoffte war, dass es in Zukunft irgendwann einmal diesen Moment geben würde. Der passende Moment, in dem sie eine Person unbefangen kennenlernen könnte. Robin würde wohl nicht diese Person sein.
 

„Bedauerst du es?“
 

„Nein. Du?“
 

„Nein.“
 

Unweigerlich lächelte Nami. Vielleicht war es nichts, was etwas veränderte. Nicht an ihrer Situation und auch nicht daran, dass diese Sache mit Robin keine Zukunft hatte. Und doch tat es gut dieses Zugeständnis zu hören, damit sie sich an dem Gefühl und den wenigen Momenten festhalten konnte. Vielleicht hätten sie bei den nächsten Treffen festgestellt, dass sie zu wenige Gemeinsamkeiten hatten, dass sie sich einer Illusion hingegeben hatten. Wobei dies durchaus viel zu hoch gegriffen war. Immerhin hatte Nami gerade erst für sich erkannt, dass es da eine Illusion gab, der sie nachlaufen wollen würde.
 

„Gut zu wissen. Ich.. denke wir sollten beide versuchen etwas Schlaf zu bekommen. Danke Robin.“
 

„Pass auf dich auf.“
 

Sie würde das Gespräch beenden und einen Moment auf den Display blicken, bevor sie es wieder in ihre Hosentasche schieben würde. Ob das ihr letztes Gespräch gewesen war wusste Nami sich, doch es wurde Zeit sich von diesen Gedanken zu lösen. Vielleicht hatte es sie in den letzten Tagen zu sehr von dem wesentlichen Abgelenkt lassen. Ein Luxus den sie sich ab jetzt definitiv nicht mehr leisten konnte.
 

Doch bevor sie ihre Probleme angehen würde, die schier übermächtig zu sein schienen, sollte sie das tun, was sie Robin vorhin nahegelegt hatte und ein paar Stunden schlafen, damit sie überhaupt wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.
 


 

***
 


 

Nachdenklich blickte Robin auf ihr Handy hinunter und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Auf der einen Seite fühlte sie sich schlecht, weil sie Nora einen Schritt voraus war und über Informationen zu der Situation verfügte, die sie nicht besitzen sollte. Auf der anderen Seite verhalfen ihr diese Informationen dazu, dass Robin den Kontext für all das besser setzen konnte. Einige der Aussagen ergaben jetzt durchaus einen anderen Sinn oder wurden erst jetzt wirklich verständlich.
 

Allerdings ging es hierbei nicht um Robins persönliche Meinung. Es ging um Fakten und nach denen schien Nora immer weiter in den Fokus der Ermittlungen zu rücken, die sie als eine der Beteiligten innerhalb dieses Verbrecherrings ansahen. Würde Robin das unterschreiben? Teile davon. Immerhin hatte sie Franky ihre Bedenken genannt und sie war es auch gewesen, die Nora’s Namen erst ins Spiel gebracht hatte. In wie weit sie damit recht hatte, das würde sich noch zeigen müssen. Glaubte sie deswegen auch, dass Nora ein schlechter Mensch war? Nein. Immerhin war das alles nichts was sie Robin in einem Verhör sagte, um ihre Haut zu retten. Sie sagte es, weil sie es so empfand, weil es echt war. Und so musste Robin die Möglichkeit in betracht ziehen, dass Nora am Ende vielleicht auch nur auf eine andere Weise ein Opfer des ganzen war und keine bösartige Sadistin, die sich daran erfreute diese Mädchen in ihre persönliche Hölle zu schicken.
 

Aber all das würde nichts zählen, wenn man sie anklagen und vor eine Jury stellen würde. Sollte sie darin verwickelt sein, dann traf sie eine Teilschuld, mindestens. Und wer wusste schon wie tief sie wirklich in all dem drin steckte?
 

Und dennoch hatte Robin nicht gelogen. Sie hatte nicht gesagt, dass sie Nora nicht sehen wollte und sie bereute auch nicht, was geschehen war. Dabei ging es durchaus nicht darum, was die vernünftigste Entscheidung war. Denn rational gesprochen? Sollte Robin sich nicht von diesen persönlichen Empfindungen beeinflussen lassen.
 

„Sag bloß, du hast wirklich einen Narren an der Kleinen gefressen?“
 

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht“; wandte sie ein und schob das Handy in ihre Hosentasche, ehe sie den Blick auf Franky richtete. Vor einer Weile war er hier aufgetaucht, um das alles zu besprechen und den Streit beiseite zu legen. Für Robin gab es da allerdings wenig zu klären. Er hatte sich dazu entschieden eine Information, die sie ihm im Vertrauen erzählt hatte, einfach weiter zu geben. Richtig oder falsch, er hatte ihr Vertrauen missbraucht und für Robin war das durchaus eine unmissverständliche Handlung gewesen. Egal was für eine Erklärung er ihr lieferte, es machte für sie keinen Unterschied.
 

„Wenn es dein Urteilsvermögen beeinträchtig dann..“
 

„Ich denke nicht, dass du in der Position bist darüber zu urteilen. Und, wenn du ein Problem hast, dann verlasse ich die Ermittlungen und du kannst dich alleine darum kümmern, damit habe ich durchaus kein Problem.“
 

Es lag ihr fern sich länger mit diesem Fall zu befassen und sie hatte durchaus keine emotionale Bindung dazu. Wenn er also glaubte, dass sie sich deswegen unter Druck setzen ließ, dann irrte Franky sich. Sie würde am Ende des Tages nicht wach im Bett liegen und sich fragen, wie viele Menschenleben sie sich deswegen auf die Schultern lud. Einfach, weil es nicht ihre Verantwortung war und, weil sie wusste das sie nicht die Probleme der Welt lösen oder verändern konnte. Robin konnte einen Beitrag leisten, mehr jedoch nicht. Und sie würde sich auch nichts anderes einreden lassen, von niemandem auch nicht von ihrem besten Freund.
 

„Du weißt, dass es richtig war, was ich getan habe.“
 

„Ohne mit mir zu sprechen zu Smoker zu gehen? Nein, das war nicht richtig. Du hast die Entscheidung für dich getroffen nicht als mein Partner und Freund zu handeln sondern, als jemand, der nur noch schwarz oder weiß sieht.“
 

„Willst du mir wirklich vorwerfen, dass ich meinen Job gemacht und eine Verdächtige der Polizei gemeldet habe?“
 

„Nein. Ich werfe dir vor, dass du nicht mit mir gesprochen hast.“
 

Er verstand den springenden Punkt nicht. Robin war durchaus bewusst, dass sie diese Information nicht hätte verheimlichen können. Und doch wäre es ihr wichtig gewesen das alles vernünftig zu validieren ohne Smoker und seine Leute im Rücken. Dass diese vorschnelle Entscheidung vielleicht auch die Ermittlungen gefährden könnte, das schien den Beteiligten durchaus egal zu sein. Doch es war nicht an Robin all das aufzurollen. Für sie war es nur wichtig, dass sie sich so gut wie möglich zu all dem abgrenzen würde.
 

„Das was du getan hast entspricht nicht meiner Vorstellung von Teamarbeit. Du verlierst dich in diesem Fall und vergisst unsere Prinzipien, siehst nicht deine Grenzen. Und ich sehe nicht, wie wir unter diesen Umständen vertrauensvoll zusammenarbeiten sollen. Ich sagte es bereits beim NYPD; Adams kann mich darüber informieren, wenn sie etwas finden, das ich mir ansehen soll. Ansonsten möchte ich nichts mehr damit zu tun haben.“
 

„Du willst also wirklich verheimlichen, dass du die Kleine kennst und damit die Ermittlungen riskieren?“
 

„Was würde das verändern? Selbst wenn ich das tue, solange sie nichts anderes finden wird es nicht glaubwürdig sein. Jeder Verteidiger wird diese Argumentation auseinandernehmen. Und der Fakt, dass du dich so sehr daran festbeißt sagt genug aus. Lass sie ihre Arbeit machen und entweder sie finden etwas oder nicht. Aber wenn nicht, dann wird meine Aussage diesen Fall auch nicht lösen.“
 

Robin würde sich dafür nicht die Schuld in die Schuhe schieben lassen und sie weigerte sich nun auch auf dieses Niveau mit hinunter zu gehen. Das Franky sich gerne in Schwierigkeiten brachte oder aber auch mal dazu neigte sich in Dingen zu verbeißen, das wusste Robin. Doch wie sie schon öfter in den vergangenen Tagen bemerkt hatte, nahm das hier ganz neue Züge an. Und sie würde sich nicht vor diesen Karren spannen lassen. Das diese Zusammenarbeit nicht funktionierte hatte er immerhin eindeutig bewiesen. Bedachte man, dass er zudem nicht dazu fähig war zu erkennen was Robin’s Problem in dieser Sache war und, dass er auch weiterhin versuchte ihr die Schuld für die mangelnde Beweislage zu geben, dann untermauerte das nur ihren Eindruck von der Situation. Eine Diskussion schien sinnlos zu sein, zumal ihre Erfahrung ihr das ebenso riet. Franky war ein Sturkopf. Ein Grund warum Diskussionen zwischen ihnen schon einmal hitziger werden konnten, zumindest wenn Robin es so weit kommen ließ. Heute hatte sie gewiss nicht vor so weit zu gehen.
 

„Ich werde mich um meine Angelegenheiten kümmern und dann werde ich abreisen. Vielleicht noch ein paar Tage und ich will, dass du mich bis dahin damit in Ruhe lässt.“
 

„Du wirfst einfach so das Handtuch?“
 

„Nein. Ich kenne meine Grenzen.“
 

Sie drehten sich im Kreis. All das war nichts neues, sie sprachen schon seit Tagen immer und immer wieder über die gleichen Dinge und langsam wurde Robin müde. Müde davon sich zu wiederholen und sich immer wieder Gedanken darum zu machen ohne, dass ihre Worte auf furchtbaren Boden stießen. Er wollte es nicht einsehen. Und Robin war nicht seine Mutter. Franky konnte selbst für sich und sein Leben entscheiden. Doch das konnte sie auch. Und deswegen war es auch an ihr hier eine Grenze zu ziehen und für sich zu entscheiden, dass sie kein Teil mehr davon sein wollte.
 

Der Umstand, dass sie persönlich involviert war kam nur erschwerend hinzu. Alleine das reichte schon aus, um für diesen Fall problematisch zu werden, sollte es von den falschen Menschen gegen sie verwendet werden.
 

„Scheiße, Robin..“
 

„Nein. Und ich will, dass du jetzt gehst.“
 

„Wegen diesem Mädchen?“
 

Schon wieder versuchte er die Schuld auf sie zu wälzen auch, wenn es darum nicht ging. Robin konnte nur den Kopf schütteln, als sie sich dann wieder in Bewegung setzte. An ihm vorbei und hinaus aus dem Raum, um dann zur Haustür zu gehen.
 

„Es reicht.“
 

Sie würde sich auf keine weitere Diskussion einlassen. Nicht mehr. Also sah sie ihren Freund nur abwartend an, während Franky angespannt zurück blickte. Wut lag in seinem Blick, doch davon würde sie sich nicht einschüchtern lassen. Alles hatte seine Grenzen und auch Robin konnte sehr stur sein, wenn sie sich einmal für etwas entschieden hatte. Also würde sie ihn einfach schweigend ansehen und abwarten. Die Hand lag dabei an der Türklinke, damit sie sichergehen konnte, dass er wirklich ging.

Und das würde er. Franky schnaufte würde sich dann aber in Bewegung setzen. Kurz zurück in die Küche, um dort sein Sakko zu holen und es sich über die Schulter zu werfen, bevor er schweigend an ihr vorbei ging. Auch Robin würde nichts weiter dazu sagen sondern einfach abwarten, bis er an ihr vorbei ging. Durch die Tür hinaus, die sie ihm aufgehalten hatte.
 

Kaum, das sie diese hinter ihm geschlossen hatte drang ein schweres Seufzen über ihre Lippen und Robin massierte sich die Nasenwurzel. Wo war sie da nur hinein geraten? Die Sache mir Franke war das eine. Sicherlich war es enttäuschend, doch in den vergangenen Jahren waren sie durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Es würde sich regeln lassen, wenn man das ganze einen Moment ruhen ließ und Franky selbst dazu irgendwann etwas Abstand hatte gewinnen können. Vielleicht würde das erst dann sein, wenn er aus diesem Fall raus war und, wie lange das dauerte war unklar. Aber Robin war geduldig.
 

Sie würde sich auf den Weg in die Küche machen. Ein Glas Wein und dann wäre es besser diesen Tag zu beenden. Endgültig. Wenn sie die Stadt verlassen wollte, dann wäre es besser sie würde die kommenden Tage nutzen, um ein paar Sachen zu regeln.

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2023 - New York - Tag 7
 


 

Sie riss das zweite Päckchen mit Zucker auf und würde es ebenfalls in den Becher rieseln lassen. Der Kaffee war nicht besonders gut aber aus dem Automaten war er billiger, als aus der Mensa. Wenn man genug Zucker hinein streute, dann war es sogar erträglich.
 

Nami hatte in der Nacht kaum geschlafen und war mit Nackenschmerzen aufgewacht. Anschließend war sie kurz nachhause gefahren, um zu duschen und sich ein paar frische Sachen anzuziehen, bevor sie wieder zurück gekommen war. Seither war sie hier und wartete. Inzwischen war es Nachmittag, der Zustand ihrer Schwester hatte sich nicht verändert. Aron meldete sich nicht und Vivi ließ dafür in regelmäßigen Abständen eine Nachricht da. Ob sie etwas brauchte? Sollte sie ihr frische Kleidung bringen? Wollte sie am Abend Nachhause kommen? Hatte sie genug zu Essen? Auf das meiste hatte sie nicht einmal eine Antwort, weil es Nami schwer fiel die eigenen Gedanken zu ordnen. Der gleiche Zustand, wie auch an den vergangenen Tagen. Nur, dass es sich diesmal unüberwindbar anfühlte.
 

Ihre Hoffnung war, dass der Kaffee ihr dabei helfen würde und mit diesem machte sie sich auf den Weg zurück zum Zimmer ihrer Schwester. Ob sie wollte oder nicht, sie musste wohl ein paar Nachrichten schicken und sich bei ein paar Menschen melden.
 

„Miss Johansson?“
 

Nami hielt inne und wandte sich leicht um, damit sie über die Schulter blicken konnte. Verdammt. Warum war sie hier? Und das nicht alleine. Unweigerlich spannte sie sich an aber Nami wusste auch, dass eine voreilige Reaktion sie in wirkliche Schwierigkeiten bringen würd. Hätte man etwas gegen sie in der Hand, dann hätte Aron sich entweder gemeldet oder sie aus dem Weg geräumt. Beides war nicht der Fall also war es vielleicht reine Routine.
 

„Entschuldigen sie, dass wir sie hier aufsuchen aber wir würden gerne mit ihnen über den Überfall auf ihre Schwester sprechen“, erklärte die andere sich weiter, nachdem Nami nichts gesagt hatte. Wobei diese Erklärung Nami auch nicht weiter half. War das nicht eine völlig andere Ermittlung?
 

„So weit ich weiß wurden bereits alle Aussagen gemacht und meine Schwester ist noch nicht wieder ansprechbar. Ich war nicht dort, wie sie vielleicht wissen.“ Immerhin hatte sich Nami in Polizeigewahrsam befunden. Falls man ihr das also anlasten wollte, dann hatte sie wenigstens dafür ein gutes Alibi. Auch, wenn sie sich nicht erklären könnte, warum man das tun sollte.
 

Adams sah zur Seite zu ihrem Kollegen. Er war jünger, nervös. Das pink gefärbte Haar wollte nicht wirklich zu seiner Rolle passen aber sie vermutete, dass er noch kein Detektive war.
 

„Ja, wir wissen um die Umstände. Könnten wir uns vielleicht irgendwo unterhalten?“
 

Nami atmete durch. Sie könnte sich verweigern aber sie wusste auch, dass das nicht zwingend dazu beitragen würde, dass man sie in Ruhe ließ. Wie Aron das finden würde? Fraglich aber in diese Lage hatte er sie gebracht. Er sollte sie also einfach in Ruhe lassen mit diesen Dingen. Zumal sie auch wusste das sie beide ein Interesse daran hatten, dass diese Sache möglichst ruhig lief.

Das alles beantwortete aber nicht die Frage, wo sie sprechen konnten und, da Nami auch nicht wollte das hier im Krankenhaus doch noch Gerüchte umgingen war es wohl besser das ganze in das Zimmer ihrer Schwester zu verlegen. Dort waren sie wenigstens alleine. Also würde sie nicken und sich dann auch auf den Weg machen, um die letzten Meter über den Flur zu gehen, um dann in das Zimmer zu treten. Dort hatte sich nichts verändert. Nojiko lag weiterhin ruhig da, das leise Piepen der Maschinen unterbrach die Stille des Raumes.
 

Sie schlenderte weiter und würde den Becher dann auf dem kleinen Tisch abstellen, bevor sie sich umwandte und gegen die Fensterbank lehnte. Dabei verschränkte sie die Arme vor der Brust und blickte abwartend zu den beiden Beamten, die nach ihr das Zimmer betreten hatten. Während Adams schweigend zu Nojiko sah und diese einen Moment betrachtete, schloss ihr Kollege die Tür leise hinter sich. Er hatte wohl die Anweisung bekommen sich im Hintergrund zu halten. Es wirkte zumindest so, denn er blieb direkt bei der Tür stehen und kam nicht weiter in den Raum hinein, während es nun Adams war, die den Blick wider auf sie richtete.
 

„Wir haben heute Morgen von den Kollegen von dem Überfall auf ihre Schwester erfahren und sind nun hier, um darüber zu sprechen und sie zu fragen, ob sie uns etwas dazu sagen möchten?“, führte sie das ganze dann auch ein wenig weiter aus. Nami’s Miene blieb ungerührt bei all dem. Was sollte sie auch dazu sagen? Am Ende konnte sie sich vielleicht denken, worauf das alles hinauslaufen sollte. Man hatte sie festgenommen im Zusammenhang mit schwerwiegenden Verbrechen, deren genauen Hintergrund sie offiziell aber noch nicht kannte. Gleichzeitig fand ein Überfall auf ihre Schwester Stadt. Zufälle gab es nicht.
 

„Über was beispielsweise?“ fragte sie dann aber doch. Nicht, dass sie sich wirklich dumm stellen wollte, doch sie wollte etwas genauer wissen womit sie es zu tun hatte. Man wurde eben vorsichtig und das lag nicht nur an ihrer eigenen Vergangenheit.
 

„Darüber, ob es dabei einen Zusammenhang gibt.“
 

Die Frau kam wenigstens zum Punkt. Und falsch lag sie mit dieser Vermutung immerhin auch nicht. Das Problem war nur, dass Nami ihr das so nicht sagen konnte. Selbst, wenn sie es wollen würde, es ging nicht. Immerhin wusste sie, dass Aron jemanden beim NYPD sitzen hatte und diese Person würde ihn sofort mit den entsprechenden Informationen versorgen. Dem könnte man zwar aus dem Weg gehen, wenn sie die Karten offen legte und jemanden fand, der entsprechend mit diesen Informationen umgehen würde. Doch wer sagte ihr, dass es nicht Adams war, die für Aron arbeitete? Oder der Kerl, den sie mitgebracht hatte? Sie konnte nichts davon ausschließen und das war ein Problem. Eines, welches Nami nicht lösen konnte, solange sie nicht herausfand, wer der Spitzel war. Doch das war ein Thema, an dem sie schon eine Weile dran war. Nur, dass ihre Möglichkeiten sehr beschränkt waren und sie es bisher nicht geschafft hatte etwas zu erfahren, was sie weiter brachte. Sie hatte nicht einmal den geringsten Hinweis darauf gefunden in welchem Department er arbeitete. Und das wäre das mindeste, um die Lage etwas besser einschätzen zu können.
 

„Einen Zusammenhang?“
 

„Zwischen ihrer Lage und der ihrer Schwester“, versuchte Adams es weiter. Doch Nami konnte dem nicht nachgeben. Daher atmete sie nur tief durch und richtete den Blick langsam auf ihre Schwester. Sie war in dieser Lage wegen ihr. Das sie nicht tot war, war kein Glück oder ein Zufall. Es war eine Entscheidung, die Aron getroffen hatte. Damit er sie auch weiterhin als Druckmittel gegen Nami benutzen konnte.
 

„Ich weiß nicht, was das für Kerle waren, die meine Schwester überfallen haben. Sie haben das Geld aus der Kasse mitgenommen und sind verschwunden. Und was meine Lage angeht.. da ich nur weiß, dass mein Name im Zusammenhang mit Dokumenten steht, die geschmuggelte Waren betreffen. Entweder sie sagen mir etwas wesentliches nicht oder mir fehl das Verständnis wo genau da ein Zusammenhang bestehen sollte.“
 

Auf den ersten Blick hatte sie sicherlich recht. Zumal sie sich auch denken konnte, dass Adams wohl eher darauf hoffte, dass sie einknickte und nun doch zugab, dass an diesen ganzen Vorwürfen etwas dran war. Wobei man nicht einmal sagen konnte, dass man ihr wirklich viel gesagt hatte. Nami musste also aufpassen, dass sie sich nicht doch verriet indem sie etwas sagte, was sie eigentlich nicht wissen konnte. Ein Drahtseilakt für den sie nun auch starke Nerven brauchte. Doch Nami’s Nerven lagen langsam ziemlich blank.
 

Adams sah ihr einen Moment in die Augen, dann sah sie noch einmal zu ihrer Schwester und schien auch einen Moment über das alles nachzudenken. Ja, wie sollte sie das angehen? Nami stellte sich vor, das es gerade in ihr arbeitete aber das gab ihr eben auch Zeit durchzuatmen. Und, da das hier kein offizielles Verhör war? Könnte sie die beiden auch wieder vor die Tür setzen. Obgleich sie da dann einen möglichst eleganten Weg finden müsste.
 

„Wie ist der Kontakt zu ihrem Adoptivvater?“
 

Die Frage kam so unerwartet, dass Nami sichtlich überrascht die Brauen hob. Wo kam das nun auf einmal her? Wobei das eigentlich nicht zu überraschend sein sollte. Wenn ihr Name bei den Ermittlungen gefallen war, dann hatte man sicherlich ihren Hintergrund durchleuchtet. Und das wiederum dürfte den Behörden unweigerlich zu Aron geführt haben. Immerhin waren sie damals mit ihm eingereist und er hatte das Sorgerecht für Nojiko und sie gehabt. Und sie waren nicht wie die Mädchen heute ins Land geschmuggelt worden.
 

„Sporadisch“, wandte sie ein und atmete durch. Sie hatte keine Lust über Aron zu reden, zumal das alles auch in die völlig falsche Richtung ging. Und wie sie das abwimmeln sollte, das wusste sie nicht. Er war Besitzer eines Nachtclubs. Zwar wusste Nami nicht wie viel genau Adams wusste, doch wenn sie eines der Mädchen hatten? Und die Ausweise? Dann hatten sie zumindest eine grobe Ahnung von was man hier sprach. Aron war kein unbeschriebenes Blatt und das könnte den Club in den Fokus der Ermittlungen rücken. Natürlich würde man dort nichts finden, dafür hatte er gesorgt. Der Club war völlig sauber. Aber machte es das deswegen besser oder einfacher?
 

„Das Verhältnis ist kein gutes?“ hakte Adams dann auch nach, während Nami durchatmete.
 

„Wir haben wenig Gemeinsamkeiten. Das Verhältnis war nie besonders eng.“
 

„Warum nicht?“
 

„Wie würden sie es finden, wenn man sie nach dem Tod ihrer Mutter einfach in ein fremdes Land bringt?“ Das war zumindest ein Argument. Und ihre Hoffnung war dabei nur, dass Adams sie nicht weiter nach ihm fragen würde. Sollten sie doch einfach in den Club fahren und seine Mitarbeiter nerven. Aber sie ahnten vermutlich, dass sie da noch weniger ansetzen konnten. Wenn die Hoffnung war, dass sich Nami umdrehen ließ? Dann war das wohl nichts, was mit einem einzigen Gespräch getan war.
 

„Wissen sie etwas über sein Geschäft?“
 

„Ein Stripclub. Ich war ein paar Mal da aber schon länger nicht mehr.“ Da konnte sie tatsächlich nicht mit Antworten dienen. Wollte sie aber auch nicht. „Warum fragen sie? Ich dachte es würde um den Überfall gehen?“
 

„Wir versuchen die Verbindung zu finden.“
 

„Warum glauben sie, dass es da eine gibt?“
 

Nun wandte sich Adams wieder ihr zu und betrachtete sie aufmerksam, durchdringend. Als hoffe sie dadurch etwas in ihr bewegen zu können oder Antworten zu bekommen. Doch das konnte Nami ihr nicht geben. Sie würde stur bleiben und nur mit unergründlicher Miene zurückblicken auch, wenn sie zugeben musste das sie fast ein wenig beeindruckt war. Immerhin hatte das NYPD eine Fährte aufgenommen die nicht einmal so falsch war. Ob jetzt doch alles zusammenbrechen würde?
 

Das hing vielleicht auch davon ab, wie weit seine Kontakte reichten und, wie einflussreich er war. Im besten Fall würde er es schaffen, dass die Ermittlungen einfach im Sande verliefen und nichts dabei heraus kam.
 

Adams zuckte schließlich nur mit den Schultern. Ob sie sich vorher einen Plan für dieses Verhör zurechtgelegt hatte? Das konnte Nami nicht wirklich einschätzen aber sie wirkte zumindest nicht sonderlich überrascht oder so, als sei sie unzufrieden wie sich die Dinge entwickelten. Gut möglich aber, dass sie beide ihre Fassade nur gut wahren konnten.

„Instinkt?“
 

Nami schmunzelte und schüttelte dann den Kopf. Was sollte sie dazu sagen? Ihr Instinkt lag durchaus richtig und es passte zusammen aber es war gewiss nicht so, dass Nami nun darauf anspringen konnte.
 

„Falls es einen geben sollte, dann kenne ich ihn nicht. Zumal es doch auch so ist, dass ihre Informationen mich betreffend falsch waren?“ fragend hob Nami die Brauen. Immerhin hatte man sie gehen lassen, weil es keine stichhaltigen Beweise gegeben hatte. Nami hatte dafür gesorgt, immerhin hatte man ihr gesagt, dass sie eine Schriftprobe wollten. Aber, ob sie deswegen aus dem Schneider war? Daran glaubte sie nicht wirklich. Die Dinge liefen nicht immer so einfach und, dass Adams hier stand sagte ihr nur, dass sie mit diesem Bauchgefühl recht hatte.
 

„Das gilt es noch zu prüfen.“
 

Offensichtlich. Nami nickte langsam in sich hinein, griff dann aber zur Seite und würde ihren Becher an sich nehmen, um nun doch einen Schluck davon zu trinken. Sie stand also weiter unter Beobachtung und man durchleuchtete sie. Es würde jetzt also darauf ankommen wie gut Aron sie aufgestellt hatte und, ob sein Schutz gut genug war.
 

„Es wäre vielleicht einfacher, wenn sie mir sagen würden worum genau es geht und ich dann auch konkreter darauf antworten könnte, um ihnen die Arbeit zu ersparen.“
 

„Das ist leider zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Wir versuchen lediglich alle Spuren zu verfolgen und, wenn sich daraus etwas konkretes ergibt, dann kommen wir wieder auf sie zu.“
 

Adams schien ihr nicht entgegen zu kommen. Gerne würde Nami mehr Informationen bekommen und das alles besser einschätzen zu können. Aber das schien nicht im Interesse des NYPD zu sein. Dafür gab es sicher verschiedene Gründe. Entweder sie hatten nichts, sie waren viel näher dran, als sie Nami wissen lassen wollten oder; sie sorgten sich ebenso um ihr Datenleck, wie Nami es tat. Vielleicht war es auch eine Mischung aus all diesen Dingen aber das bedeutete eben auch, dass Nami diesen Part nicht kontrollieren oder einschätzen konnte.
 

„Ich denke, dann werde ich ihnen hier nicht weiterhelfen können.“
 

Zum jetzigen Zeitpunkt hatte sie nicht die notwendige Basis, um sich dem ganzen zu öffnen. Ob sich das verändern würde? Kam sicher darauf an, was sie noch herausfinden würde aber mit den wenigen Freiheiten, die sie aktuell hatte, rechnete sich Nami keine zu großen Chancen aus.
 

Adams nickte also langsam und sah noch einmal zu Nojiko. Dann aber würde sie sich abwenden.
 

„Ich hoffe ihre Schwester wird bald wieder zu sich kommen und genesen. Melden sie sich gerne, falls ihnen doch etwas einfällt über das sie sprechen möchten“, sagte sie dann nur noch. Auch Nami nickte ein wenig, während sie dabei zusah, wie die beiden wieder den Raum verlassen würden. Adams versuchte ihr eine Hand zu reichen aber Nami wusste nicht, ob diese Hand ihr wirklich helfen wollte oder, ob sie sie in den Abgrund ziehen könnte. Beides war möglich.
 

Und so würde sie tief durchatmen, noch einmal einen Schluck trinken und dann an das Bett ihrer Schwester heran treten. Nami griff nach ihrer Hand und würde diese leicht drücken.
 

„Ich wünschte, ich könnte mit dir sprechen..“ Über alles, alles was geschehen war. Darüber, wie man aus all dem wieder herauskommen sollte. Über ihre Fehler, ihre Ängste. Darüber, wie es weiter gehen sollte. Nami wünschte sich mehr denn je, mit ihrer Schwester sprechen zu können. Doch all das schien weiter weg zu sein, als je zuvor. Zumal sie gleichzeitig auch die Angst haben musste, sie vollleicht für immer zu verlieren.
 

Wie Nojiko reagieren würde? Nun, zumindest das konnte Nami sich sehr gut denken. Sie wäre alles andere als begeistert und sie würde ihr die Ohren lang ziehen. Aber sie wusste es nicht und Nami konnte es ihr nicht sagen. Würde sie auch nicht, wenn sie aufwachen würde, denn dann hätte ihre Schwester erst einmal andere Sorgen. Also müsste sie alleine Lösungen finden und das alles wieder unter Kontrolle bringen. Aufgeben? Nein. Das war keine Option. Sie wollte sich durchbeißen und in erster Linie ging es wohl darum zu überleben. Wie? Das war erst einmal zweitrangig. Vielleicht würde sie eine Haftstrafe nicht verhindern können, doch sie hatte in den vergangenen Tagen auch noch eine andere Sache kennengelernt. Es war als hätte sie an der süßen Freiheit geschnuppert. Freiheit, die sie vielleicht nicht mit Robin erleben würde, doch das nächste Mal wollte sie wenigstens eine Chance haben.
 

Noch einmal würde sie die Hand ihrer Schwester drücken, bevor sie sich abwandte und sich an den Tisch setzen würde. Dort trank sie ihren Kaffee und öffnete den Laptop. Ein bisschen Recherche, Nachrichten schreiben, ja es gab durchaus das ein oder andere zu tun.
 


 

***
 


 

Seufzend lehnte sie sich zurück und strich sich erschöpft über das Gesicht. Inzwischen war es Abend geworden. Die Schwestern hatten nach Nojiko gesehen, sich gekümmert und Nami hatte es genutzt, um sich in der Mensa etwas zum Abendessen zu holen. Das sie auf sich achten musste wusste Nami auch, wenn sie eigentlich keinen Hunger hatte. Würde es nach ihr gehen, dann wäre das alles nichts mit dem sie sich befassen würde. Doch ihre Schwester brauchte sie und, da sie nicht wusste, wie sich die kommenden Tage entwickeln würden. Der Besuch von Adams war allerdings ein Zeichen dafür gewesen, dass da noch etwas auf sie zukommen würde. Was genau? Darüber wollte sie nicht spekulieren. Es reichte zu wissen, dass es weiter arbeitete und brodelte. Und das schloss nicht einmal Aron und seine Belange ein.
 

Es klopfte leise an der Tür und Nami atmete durch, hob den Kopf wieder an und ließ den Blick auf ihr Handy gleiten. Bald war es acht. Die Schwestern waren das letzte Mal da gewesen und für Besucher war es eigentlich zu spät. Eigentlich.
 

Noch bevor sie etwas sagen konnte wurde die Tür leise aufgeschoben und jemand kam schweigend herein. Nami zog die Brauen zusammen, schnaufte und wandte sich dann wieder ihrem Laptop zu, um ein paar offene Anwendungen zu schließen. Vermutlich wunderte es ihn nicht einmal, wie sie sich benahm und, dass sie ihn ignorierte. Aber er war schon immer anders gewesen als andere. Sensibler. Aufmerksamer.
 

„Wie geht es ihr?“
 

„Kann er nicht einfach jemanden aus dem Krankenhaus bestechen, um ihre Akte zu bekommen?“, fragte sie zurück. Das konnte er bestimmt und vermutlich wusste Aron auch wie ihr Zustand war. Kontrolle. Darum ging es bei allem und er hatte sicherlich auch diese Fäden irgendwie in der Hand. Immerhin müsste er im schlimmsten Fall auch entscheiden, ob er Nojiko weiter schaden müsste oder, ob sie vorerst kein Thema auf seiner Agenda war.
 

„Ich frage nicht für ihn“, wandte Okta leise ein und wandte den Blick kurz von Nojiko ab, um in Nami’s Richtung zu sehen. Diese seufzte und würde den Laptop zuklappen. Anschließend lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte dabei die Arme vor der Brust.
 

„Dann bist du auch nicht auf seine Anweisung hier?“
 

„Du weißt ich soll ein Auge auf dich haben.“ Das konnte alles und nichts bedeuten. Nami wusste allerdings, dass Okta seine Aufgabe ein wenig ausdehnte und letztlich würde Aron es vermutlich auch nicht weiter hinterfragen selbst, wenn das hier keine Anweisung war. Okta könnte sagen, dass er sie lange nicht gesehen hatte und sichergehen wollte, dass sie überhaupt noch im Krankenhaus war. Einfach nur ein vorsichtiger Kerl, der Aron’s Zorn nicht auf sich ziehen wollte.
 

„Sie ist stabil. Aber bisher war sie noch nicht wirklich bei Bewusstsein. Wir hoffen darauf, dass sie in den nächsten Tagen wieder aufwacht.“
 

Würde sie das tun, dann wäre das schlimmste überstanden. Zumindest, wenn es um den körperlichen Zustand ihrer Schwester ging. Gerade konnte Nami nur in diesen kleinen Meilensteinen denken und sich diese kleinen Ziele setzen. Die Umstände änderten sich ansonsten viel zu schnell, als das sie wirklich in der Lage war sich auf etwas zu verlassen. Sicherheiten gab es nicht mehr.
 

„Das ist gut“, murmelte er und rieb sich die Hände. Er wirkte angespannt, unsicher. Nicht unbedingt ungewöhnlich und doch wunderte es sie. Nach all den Jahren verstand sie einfach noch immer nicht wie genau er in das alles hinein geraten war. Seine Geschichte würde sie durchaus interessieren aber es war eine unausgesprochene Vereinbarung, dass sich solche Fragen nicht stellten.
 

„Warum bist du hier? Du weißt doch sicher, dass heute schon einmal jemand da war.“ Die Polizei. Wenn Okta sie wirklich im Auge behielt, dann hatte er das doch sicher auch gesehen oder war von jemand anderem darüber informiert worden. Es bestand also durchaus die Möglichkeit, dass jemand das Krankenhaus beobachtete.
 

„Da ist niemand“, beschwichtigte er sie und zog dann ein Gerät aus der Tasche. Nami seufzte und klappte ihren Laptop wieder auf, während er sich langsam durch den Raum bewegte und ein paar Stellen absuchte. Wanzen. Ob man wirklich schon genug in der Hand hatte, um Nami auf diese Art zu beschaffen und sich Informationen zu erhoffte? Sie wusste es nicht aber sie würde lügen, wenn sie diesen Gedanken nicht auch schon gehabt hätte. Über die vergangenen Jahre hatte sie einfach schon viel zu viel erlebt. Es war also nichts ungewöhnliches und, dass Okta sich nun rückversicherte war nur natürlich.
 

Das ganze würde etwas dauern und Nami nutzte die Zeit, um einfach mit dem weiter zu machen, was sie vorher begonnen hatte. Immerhin brauchte er auch die Ruhe und Konzentration für seine Arbeit, zumal sie auch nicht wollte, dass er ewig hier blieb. Es gab zwar weit schlimmere Gesellschaft als diesen etwas tollpatschigen Riesen aber dennoch wollte sie das ganze nicht zu sehr strapazieren. Immerhin war er trotz allem am Ende einer von Aron’s Leuten. Nicht ihr Freund.
 

„Okay“, riss er sie irgendwann aus ihren Gedanken und kam dann zu ihr an den Tisch. Nami klappte wieder ihren Laptop zu und griff dann selbst nach dem Gerät. Offensichtlich wollte er es nun ganz sicher machen und deswegen sollte sie es bei ihm anwenden, während er sein Handy ausschaltete und zur Seite legte. Etwas das sie auch tun würde, nachdem sie fertig war.
 

„Wir das nicht auffallen?“
 

„Meins liegt im Wagen. Und deins?“ fragte er nur zurück. Nami schmunzelte und ließ sich dann wieder auf ihren Platz sinken, um fragend zu ihm hinauf zu sehen. Noch immer wirkte er unschlüssig, als sei er sich nicht sicher, ob sein Plan wirklich der beste war. Nami würde allerdings nicht noch einmal fragen. Sie stützte das Kinn auf ihrer Hand ab und sah ihn einfach nur abwartend zu ihm herüber, bis er sich gefasst hatte.
 

„Was hast du jetzt vor?“
 

„Ich weiß nicht.“ Nami zuckte mit den Schultern. Was sollte sie ihm dazu auch sagen? Weiter machen und schauen wohin es sie brachte aber sie würde ihm kaum all ihre Gedanken dazu preisgeben. „Sie waren hier und haben nach ihm gefragt, suchen eine Verbindung. Vermutlich werden sie bald im Club auftauchen.“
 

„Ja, vermutlich. Das war zu erwarten.“ Keine wirkliche Überraschung für niemanden der damit zu tun hatte. Das Auftauchen von Nami’s Namen, wie auch immer es dazu gekommen war, hatte das alles wieder mehr in den Fokus gerückt und stellte sicherlich ein größeres Problem dar. „Sie haben externe Berater, die deinen Namen wohl auf den Tisch gebracht haben.“
 

„Es ergibt keinen Sinn“; murmelte sie nachdenklich. Wie sollte jemand sie mit all dem in Verbindung bringen? Das war nicht ersichtlich, es sei denn diese Person hatte Einblick in Dinge, die nur für eingeweihte bestimmt waren. Bedeutete das, dass Aron aus den eigenen Reihen heraus verraten worden war? Oder sie? Ersteres könnte Nami durchaus nachvollziehen, doch die zweite Möglichkeit weniger. Warum diesen Umweg über sie gehen? Warum nicht direkt mit der Polizei kooperieren und so wenigstens auf Schutz hoffen?
 

„Nein, tut es nicht“, stimmte er ihr zu und rieb sich dabei einen Moment nachdenklich über das Kinn. „Umso wichtiger, dass du auf dich aufpasst, hörst du?“
 

„Mache ich das nicht immer?“
 

Er schmunzelte und zuckte dann mit den Schultern, bevor er in seine Tasche griff und etwas heraus zog. Nami musterte die Packung mit Fruchtgummis. Typisch. Noch immer glaubte er sie sei ein kleines Kind und, dass man mit ein paar Süßigkeiten alles wieder in Ordnung bringen konnte. Konnte man nicht und es hatte bereits früher in ihrer Kindheit schon nicht funktioniert.
 

„Ich dachte das kannst du gebrauchen.“
 

Mit diesen Worten würde er sich dann auch erheben und sich das Sakko richten. Nicht, dass das wirklich nötig wäre aber irgendetwas schien ihn schrecklich nervös zu machen. Ein kurzer Blick zu Nojiko, dann streckte er die Hand aus und würde ihr durch das Haar wuscheln.
 

„Wir sehn uns.“
 

Und damit löste er sich wieder, um sich auf den Weg zur Tür zu machen. Kein weiterer Blick, bevor er das Zimmer wieder verließ und Nami alleine zurück ließ. Diese seufzte schwer und strich sich durch das Haar. Es war durchaus merkwürdig auch, wenn sie das eigentlich nicht mehr wundern sollte. Schon immer hatte Okta sich etwas seltsam verhalten aber das? Vielleicht passte es aber auch einfach nur zu der allgemeinen Verkettung von merkwürdigen Ereignissen, die sich in den vergangenen Tagen gezeigt hatten.
 

Kopfschüttelnd griff sie nach der Packung an Fruchtgummis und sah sie sich genauer an. Zitrusfrüchte. Okta mochte diese Sorte nicht, er war der Waldfrucht Typ. Darüber hatten sie früher schon einige Male gesprochen, so dass sie davon ausgehen musste, dass er diese Packung extra für sie besorgt hatte. Nicht das, was gerade das wichtigste für sie war und doch war es ein netter Gedanke. Denn es bedeutete, dass er sich Gedanken um sie machte und ihm nicht alles egal war. Das hatte zwar nicht dafür gesorgt, dass er Aron aufgehalten hatte aber am Ende wusste sie, dass auch er nur eine Schachfigur auf diesem Spielfeld war und sich keine eigenen Handlungen erlauben durfte.
 

Leicht zog sie die Brauen zusammen und drehte die Packung herum. Was war das? Auf der Rückseite befand sich ein Streifen Klebeband, den sie nun auch langsam abziehen würde. War das ein ungeschickter versuch doch eine Wanze hier zu lassen? Konnte eigentlich nicht sein, immerhin war auch er kein Anfänger und sollte es eigentlich besser wissen.
 

Wusste er auch. Denn unter dem Klebeband befand sich keine Wanze sondern ein zusammengefaltetes Stück Papier.
 

„Was zum..“ Leicht entnervt brummte sie. Hätte man das nicht auch leichter haben können? Und was sollte das überhaupt sein? Nami zog das Papier von dem Klebeband herunter und würde diesen langsam auseinander falten. Es war ein kleiner, schmaler Streifen. Okta hatte nicht viel darauf notiert. Nur ein paar wenige Informationen standen darauf. Lediglich zwei Namen und eine Adresse.

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2023 - New York - Tag 8
 


 

Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass sie die nächsten Tage ihre Ruhe haben würde. Sie hatte Termine gemacht und alles in die Wege geleitet, um New York bald als Kapitel für sich schließen zu können. Doch offenbar schien die Stadt sie nicht einfach loslassen zu wollen. Auch dieser Fall streckte immer wieder seine Hand nach ihr aus und das, obwohl sie durchaus versucht hatte sich aus all dem heraus zu halten.
 

Es war nicht Franky gewesen, der sie angerufen hatte. Adams hatte sich gemeldet und sie einbestellt. Neue Entwicklungen, Beweise und sie sollte bei dem Verhör noch einmal ein Auge auf alles haben. Das hatte sie gesagt, so dass Robin noch keine Details kannte. Diese müsste sie nun für sich herausfinden. Was sie dabei verdächtig fand war, dass die Intervalle zwischen den Entwicklungen kürzer wurden. Es wirkte zu einfach und viel mehr so, als würde man einfach nur einer gezielten Brotkrumenspur folgen. Das Problem dabei war, dass ein solcher Verbrecherring nicht so groß geworden wäre, wenn man ihn einfach finden könnte.
 

Das Robin über Nora und ihre Verbindung zu all dem gestolpert war mochte hingegen durchaus reiner Zufall gewesen sein. Ein unglücklicher wenn man es so betrachten wollte. Möglicherweise einer, der die Dinge nun beschleunigte und dazu führte, dass man doch mehr in ihrer Vergangenheit gefunden hatte. Es mochte merkwürdig erscheinen, doch Ted Bundy war auch verhaftet worden, weil er wegen überhöhter Geschwindigkeit in eine Polizeikontrolle geraten war. Der „Son of Sam“ wurde gefasst, weil er zu nah an einem Hydranten parkte und dafür einen Strafzettel erhielt, so dass man ihn mit einem der Morde in Verbindung bringen konnte. Winzige Fehler, Kleinigkeiten und Zufälle konnten am Ende dazu führen erfolgreiche Verbrecher zu überführen und ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Es war gut möglich, dass es hierbei ähnlich war.
 

Die Aufzugtür öffnete sich und Robin trat hinaus. Der Weg führte sie etwas weiter über den Gang und dann hinein in das Großraumbüro, wo sie sich einen Moment umsah, bis sie Adams entdeckte, die wohl auf sie gewartet hatte.
 

„Danke, dass sie kommen konnten“, sagte sie und streckte Robin die Hand entgegen, die sie schüttelte und dazu nur nickte.
 

„Wie kann ich helfen?“ Das war am Ende doch das einzige was für Robin wichtig war. Hatte man weitere Schriftproben, die sie untersuchen sollte? Und wenn dem so war; warum hatte man sie ihr nicht einfach zu einer ersten Sichtung schicken können? Auf Robin wirkte das alles noch recht undurchsichtig.
 

„Wir haben Miss Johansson wieder herbringen lassen. Als wir ihre Vergangenheit durchleuchtet haben, hat uns das neue Erkenntnisse gebracht und die ID Karte ist wieder aufgetaucht.“
 

„Die, die zu dem ersten Container und dem Fahrer gehörte?“, hakte Robin nach und hob überrascht die Brauen. Das kam durchaus unerwartet und gab ihnen dabei ein neues Puzzleteil in die Hand. Das würde dann auch erklären, warum man Robin hier haben wollte, wenn sie sich diese Fälschung genauer ansehen und einen Bericht dazu abgeben sollte.
 

„Genau. Er war anscheinend falsch einsortiert worden. Wir haben ihn natürlich gleich zur Analyse weitergeleitet, um ihn auf Fingerabdrücke zu überprüfen. Das übliche Prozedere, um ihn dann für sie freizugeben, damit sie uns mehr über die Art der Fälschung sagen und wir es mit ihren bisherigen Erkenntnissen abgleichen können“, erklärte Adams nebenbei auch weiter. So weit so gut. „Und jetzt raten sie wessen Fingerabdrücke wir gefunden haben?“
 

„Sie denken wirklich, dass sie ihre Fingerabdrücke auf dem Dokument hinterlassen hat? Eine ziemliche Nachlässigkeit“.
 

„Wir konnten es erst auch nicht glauben und haben es überprüfen lassen.“ Adams zuckte mit den Schultern als sei es einfach eine Tatsache, die sie so annehmen sollten. Robin war sich da allerdings nicht so sicher. Die ID war verschwunden, über Tage und nun tauchte sie einfach wieder auf mit den Fingerabdrücken einer potentiellen Verdächtigen? Ein ziemlich bequemer Zufall.
 

„Noch andere Fingerabdrücke?“
 

„Die des Fahrers, was zu erwartet war. Ansonsten nichts. Hier..“ Sie hielt Robin die Tür auf, damit sie in den abgedunkelten Raum hinein gehen konnten. Von hier aus konnten sie in den Verhörraum blicken in dem Nora saß und angespannt zu Smoker sah. Er sprach, doch für den Moment konnte man nichts hören, da vermutlich die Mikrophone ausgeschaltet waren.
 

Robin folgte Adams weiter, die eine Akte heran zog und diese öffnete. Darin konnte Robin die Dokumente erkennen, die sie im Zuge der Ermittlungen erstellt hatte, so wie eine Plastiktüte in der die ID Karte aufbewahrt wurde.
 

„Wir haben sie noch nicht mit diesen Anschuldigungen konfrontiert. Ihr Kollege sagte, dass es vielleicht klüger sei, wenn sie den Captain bei dem Verhör unterstützen und präzisere Fragen stellen können, die uns weiter helfen.“
 

„Hat er das..“ Robin hob den Blick und sah durch das Fenster zu Franky, der sich ebenfalls in dem Verhörraum befand. Allerdings dürfte er dort drinnen neben Smoker keine besonders große Rolle spielen. Man duldete ihn aber es würde wohl nicht dazu kommen, dass er dieses Verhör übernehmen dürfte. Stattdessen hatte er sie ins Spiel gebracht und zwang sie nun in diese Situation wohl wissend, welche Verbindung sie zu Nora hatte? Das er darauf hoffte, dass Robin deswegen an sie heran kam war offensichtlich auch, wenn sie selbst diesen Plan als eher schwierig erachtet. Wer sprach schon freiwillig mit der Person, die einen offenkundig verraten hatte? Robin würde es an ihrer Stelle nicht tun aber, wenn sie sich das so ansah? Dann schien Nora nicht die Intention zu haben hier überhaupt mit jemandem zu sprechen.
 

„Hat sie keinen Anwalt?“
 

„Ihr wurden ihre Rechte verlesen doch sie weigert sich auch nur eine Silbe zu sagen. Und solange sie nicht nach einem Anwalt verlangt.“ Adams zuckte mit den Schultern. Und sie hatte recht; solange Nora nicht einen Anwalt verlangte konnte man sie nicht zwingen sich einen zu nehmen. Obgleich es in Anbetracht ihrer Lage durchaus besser wäre sie würde sich einen rechtlichen Beistand organisieren. Selbst ein Pflichtverteidiger wäre in dieser Situation besser als nichts. Es sei denn sie ging davon aus, dass ein Anwalt automatisch hier auftauchen würde, um sie aus der Schusslinie zu ziehen und den Schaden zu begrenzen.
 

„Er redet bereits seit drei Stunden auf sie ein, ihre Haltung hat sich nicht verändert. Ich denke nicht, dass das der Weg ist, um sie zum reden zu bringen“, riss Adams sie dann auch wieder aus ihren Gedanken. Robin schielte zu ihr herüber und schürzte ein wenig die Lippen. Wundern tat sie das nicht. Sie schätzte Smoker nicht als sonderlich feinfühlig ein und wie bereits im letzten Verhör zweifelte sie an seinen Fähigkeiten was das anging.
 

„Möglich. Aber dann wird sie auch nicht reden, wenn ich dazu komme“.
 

„Worauf wollen sie hinaus?“
 

„Es ist davon auszugehen, dass sie ein Problem mit seiner Person hat. Wenn dem so ist, dann wird sie kaum etwas sagen solange er mit im Raum ist. Wenn ich das mache.. dann will ich es alleine machen.“ Und das sagte sie nicht nur wegen Nora. Robin konnte es nicht leiden, wenn man sich in ihre Arbeit einmischte und sie wusste, dass Smoker ihr nicht die Führung in einem solchen Gespräch überlassen würde. Doch ohne das hätten sie wohl kaum eine Chance hier weiter zu kommen.
 

Das bedeutete gewiss nicht, dass sie in dieses Verhör einsteigen wollte. Es war keine gute Situation. Aber, wenn sie hier vielleicht die Einzige war, die etwas weiter blickte als nur auf das offensichtliche, dann könnte sie zumindest versuchen Nora eine Möglichkeit zu bieten mit dieser Misere umzugehen. Ob sie überhaupt wusste wie groß die Schwierigkeiten waren in denen sie steckte?
 

„Das wird ihm nicht gefallen“.
 

„Ich bin nicht hier, um ihm einen Gefallen zu tun. Und so wie ich das sehe hat er bisher auch nichts erreicht“. Der Punkt dürfte wohl an sie gehen. Doch, ob Smoker das hören wollte? Sie bezweifelte es. Aber auch das war nicht ihr Problem. Wenn man sie nicht damit betrauen wollte, dann würde sie sich an einen Schreibtisch setzen, ihre Arbeit machen, einen Bericht aufsetzen und sich dann wieder um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Das wäre Robin ohnehin lieber als sich mit der Frage zu befassen, wie dieser kleine Wildfang in diese Lage geraten war. Sollte sie sich wirklich derart getäuscht haben?
 

„Warten sie hier.“
 

Adams hatte etwas auf einem Papier notiert und schob sich dann wieder an ihr vorbei, um den Raum zu verlassen. Robin selbst trat etwas näher an die Scheibe heran und ließ den Blick auf Nora ruhen, um deren verhärteten Gesichtszüge zu betrachten. Und ihren Blick. Diese Bernsteinfarbenen Augen, die Robin von Anfang an als etwas besonderes gesehen hatte und, die nun seltsam leer wirkten.
 

Smoker blickte zur Seite und Robin beobachtete, wie Adams hinein ging, um ihm das Blatt zu reichen. Er sah darauf, dann gab er Franky ein Zeichen und erhob sich, um Adams dann zu folgen. Es gab ihr die Zeit, um die andere noch einen Moment länger zu beobachten und an das Telefonat zu denken, welches sie vor wenigen Tagen geführt hatten. Damals war sie noch davon ausgegangen, dass es der letzte Kontakt gewesen wäre.
 

„Wollen sie mich verarschen?!“
 

Smoker platzte in den Raum hinein und baute sich in der Tür auf. Nichts was Robin besonders einschüchterte und so wandte sie sich ihm nur langsam zu, um ihm ausdruckslos entgegen zu blicken.
 

„Da ihre Methode bisher nicht funktioniert hat, halte ich es für angebracht die Strategie zu wechseln. Und da sie nichts von meinem Metier verstehen sehe ich nicht, wie mir ihre Anwesenheit helfen sollte.“ Für sie hatte es keinen Nährwert mit diesem Kerl zusammen zu arbeiten. Sie hatten völlig unterschiedliche Ansichten, wie so etwas zu laufen hatte.
 

„Das sind meine Ermittlungen und ich werde mich nicht aus meinem Verhör werfen lassen!“
 

„Müssen sie auch nicht. Ich kann mir auch einfach die ID nehmen und mich damit an die Arbeit machen. Ich muss nicht teil dieses Verhörs werden aber wenn, dann mache ich es nur alleine.“ Ganz einfach. Darüber würde sie auch nicht mit sich diskutieren lassen. Immerhin war es nicht ihre Idee gewesen dort hinein zu gehen, was dazu führte das Robin auch wenig bereit war sich kooperativ zu zeigen.
 

„Wir haben hier eine Chance. Robin versteht das Handwerk und kann die Kleine damit etwas unter Druck setzen. Warum versuchen wir es nicht einfach. Sie hat nichts gesagt seit sie hier ist und entweder wir wechseln die Strategie oder wir beißen weiter auf Granit“, mischte sich Franky dann auch ein. War immerhin auch seine Idee gewesen und die musste er nun verteidigen. Es stieß Robin auf, wie er an das alles heran ging auch, weil er sie damit schon wieder überging. Falls es Franky’s Plan gewesen war ihr entgegen zu kommen und die Wogen zu glätten, dann schlug er sich momentan nicht besonders gut.
 

„Sie ist keine Verhörspezialistin.“
 

„Vielleicht wird uns genau das helfen. Weil es vielleicht etwas ist auf das sich die Kleine nicht vorbereiten konnte.“
 

„Das ist doch lächerlich.“
 

Es war seine Ansicht und die würde man kaum verändern können. Robin hatte allerdings nicht vor sich davon tangieren zu lassen und so wandte sie sich von den beiden Männern ab, um lieber einen Blick auf ihre Akte und die ID zu werfen. Denn egal, ob sie nun reingehen würde oder nicht, es war sicherlich nicht falsch sich wenigstens einen groben Überblick zu verschaffen und sich ein paar Gedanken zu machen.
 

„Eine halbe Stunde.“ Robin hob den Blick und sah zu Smoker herüber. „Wenn sie in einer halben Stunde nicht den Mund auf gemacht hat, dann war es das und ich übernehme wieder.“
 

Das kam fast schon ein wenig überraschend. Sie konnte ihm ansehen, dass er nicht begeistert über all das war aber es war so weit, dass er ihr eine halbe Stunde gab. Für Robin war die Zeit nicht der entscheidende Faktor darin. Entweder Nora würde mit ihr reden oder nicht und in ihrem Fall würde sich das innerhalb der ersten Minuten entscheiden. Viel schwieriger war der Fakt, dass sie nun in diesen Raum hinein musste und der Frau gegenüber zu treten, die sie in der vergangenen Woche getroffen und mit ihr intim gewesen war. Nora hatte sie aus dem Krankenhaus heraus angerufen und sie hatte Emotionen in ihrer Stimme gehört. Verzweiflung, Müdigkeit. Hilflosigkeit. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, doch Robin hatte darin eine gewisse Ehrlichkeit gesehen. Immerhin hatte Nora nicht gewusst welche Rolle Robin darin hatte, es war nicht darum gegangen sie von etwas zu überzeugen.
 

Mit diesem Hintergrund war das alles durchaus nicht so leicht und ihr eigener bester Freund hatte sie in diese Lage gebracht. Eine Lage aus der sie nicht heraus kam ohne die Karten auf den Tisch zu legen und, ob sie das wollte? Fraglich. Immerhin war der Schaden ohnehin schon angerichtet.
 

Sie würde das alles nicht weiter kommentieren und nahm sich nur die Akte, damit sie damit den Raum verlassen konnte. Hinter sich schloss sie die Tür und atmete kurz durch. Man würde sie beobachten und alles genau im Auge haben was sie sagte oder tat in der Hoffnung, dass es etwas aus Nora heraus brachte, was sie zu einem Durchbruch in diesem Fall führen würde.
 

Vor der Tür zum Verhörraum blieb sie noch einmal stehen und atmete durch, bevor sie die Klinke hinunter drückte und das Zimmer betrat. Nora blickte nicht sofort auf. Vermutlich, weil sie davon ausging, dass Smoker zurück war und sie nicht vor hatte mit diesem zu sprechen. Ein Punkt, den man ihr wohl nicht vorwerfen konnte, ganz unabhängig von ihrem Kontext.
 

Robin schob die Akte auf den Tisch und zog den Stuhl zurück, damit sie sich dann auch setzen konnte. Diese Bewegung sorgte nun doch dafür, dass der Rotschopf den Blick hob und zu ihr hinauf sah. Ihre Blicke trafen sich und Robin konnte, während sie sich setzte, beobachten wie bei der anderen Erkenntnis einsetzte. Die verhärteten Züge voller Ablehnung weichten auf, die Brauen zogen sich zusammen, während sie gleichzeitig erkennend hinauf wanderten. Das, was Robin vorhin bei ihrem Anblick vermisst hatte waren die fehlenden Emotionen in ihren Augen, die nun aufloderten. Wut? Schmerz? Traurigkeit? Vielleicht eine Mischung aus all dem, denn nun wusste sie zumindest wieso ihr Name plötzlich in diesen Ermittlungen aufgekommen war. Sie hatte keinen Fehler in ihrer Arbeit gemacht. Ihr Fehler war es gewesen einer Frau, die sie anscheinend mochte, eine handgeschriebene Notiz zu hinterlassen, die sie am Ende gegen sie verwendet hatte. Das Robin das so nicht entschieden hatte spielte dabei kaum eine Rolle.
 

„Miss Johansson, mein Name ist Robin Zwetkow. Ich berate die lokalen Behörden in ihrem Fall und unterstütze sie in der Analyse verschiedener Dokumente, die für die Ermittlungen relevant sind“, stellte sie sich vor, während sie Nora in die Augen sah. Diese wirkte noch immer erschüttert, verletzt. Es wäre der Moment für eine offene und ehrliche Aussprache, doch in diesem Rahmen war das unmöglich.
 

„Ich würde gerne mit ihnen über eines der Dokumente sprechen, welches wir in diesem Zusammenhang gefunden haben“, sprach sie weiter und richtete den Blick dabei auf ihre Akte. Robin öffnete diese und zog den Beutel mit der ID-Karte heraus, die sie sich selbst kurz ansah und dann auf den Tisch zwischen Nora und sich legte. Dabei drehte sie die Karte so, dass Nora einen Blick darauf werfen konnte.
 

Robin beobachtete, wie die Augen kurz hinunter zuckten und eine Irritation sich ausbreitete. Nora wirkte ehrlich überrascht darüber was ihr hier vorgelegt wurde.
 

„Dieses Dokument wurde ihm Rahmen illegaler Aktivitäten sichergestellt. Es handelt sich dabei um eine Fälschung. Die forensische Abteilung hat neben den Fingerabdrücken des Fahrers noch die Abdrücke einer weiteren Person sicherstellen können.“ Für einen Moment würde sie das wirken lassen. Und, dass sie Nora damit kalt erwischte konnte man ihr ansehen. Vielleicht wäre Smoker schon viel weiter, wenn man ihr dieses Detail nicht vorenthalten hätte aber das lag wohl daran, dass Franky Robin ins Spiel gebracht hatte. Eine andere Erklärung hatte sie bisher nicht dafür ausmachen können. Gut möglich, dass es aber auch an einer Kombination aus vielen Dingen war, immerhin war ihre persönliche Verbindung zu Nora auch kein unerheblicher Fakt, um sich einen unfairen Vorteil innerhalb eines Verhörs zu erschaffen.
 

„Können sie mir erklären, wie ihre Fingerabdrücke darauf gelangt sind?“
 

Sie wussten wohl beide, dass es nur eine Antwort darauf gab und egal, wie man diese ausformulieren würde, am Ende bedeutete es, dass sie mit diesen Verbrechen in Verbindung stand. Das alleine war schon schwer anzunehmen, da Robin sich niemals hätte vorstellen könnten, dass eine Frau wie Nora in so etwas verwickelt sein könnte. Gewiss musste man sich nicht vorstellen, dass so ein Wildfang die Unschuld in Person war. Doch das waren ganz andere Ausmaße von denen man hier sprach. Es war schwer anzunehmen vor dem Hintergrund was man geteilt hatte, welche Intimität es zwischen ihnen gegeben hatte und gleichzeitig war es die Antwort auf so viele Dinge in ihrem Verhalten. Warum sie Frauen auf Abstand hielt, warum sie nicht über sich und ihr Leben sprechen wollte. Die ganzen vermeintlichen Regeln, um diesen Abstand zu bewahren. Rückblickend ergab das alles einen Sinn auch, wenn sie es sich nie hätte vorstellen können.
 

Da Nora ihr aber nur eine Antwort auf das alles geben konnte, wäre das jetzt der Moment in dem sie spätestens nach einem Anwalt verlangen sollte. So eine Beweislage zu entkräften war keine einfache Sache und mit Schweigen machte man es in der Regel auch nicht besser.
 

Doch anstatt das zu tun drang ein belustigter und etwas verzweifelter Laut über die Lippen der anderen. Robin zog die Brauen zusammen und beobachtete, wie Nora sich vorlehnte und das Gesicht in ihren Händen vergrub.
 

„Fuck..“, murmelte sie erstickt. Konnte man das als Schuldeingeständnis werten? Robin war sich nicht ganz sicher. Es konnte auch damit zu tun haben, dass ihr bewusst wurde, wie schlimm ihre Lage wirklich war. Und das, obwohl ihre Schwester gerade im Krankenhaus lag und sie eigentlich brauchen würde. Robin kannte dazu keine Details und doch hatte sie das Gefühl, dass das kein unerheblicher Faktor in dieser ganzen Sache war.
 

„Sie haben nun zwei Möglichkeiten. Sie schweigen und rufen sich einen Anwalt oder sie kooperieren mit der Polizei und sagen aus, was sie wissen. Ich weiß nicht, ob man ihnen einen Deal anbieten kann aber es wird sicherlich den Unterschied machen, ob man sie nur wegen Dokumentenfälschung anklagen wird oder wegen Mordes und Menschenhandel.“
 

Nora schüttelte den Kopf, hatte noch immer das Gesicht in den Händen vergraben. Schwer zu sagen, was gerade in ihrem Kopf vor sich ging. Vielleicht versuchte sie einen Weg zu finden, wie sie aus all dem herauskommen konnte. Oder ihr wurde klar, dass es vorbei war und sie sich aus dieser Situation unmöglich wieder würde herauswinden können. Man würde sie nun nur noch genauer durchleuchten und ihr ganzes Leben auseinander nehmen. Nur Nora wusste was man dort finden könnte, doch es war naiv zu glauben, dass sie damit keinen Erfolg haben würden.
 

„Ich kann ihnen nur dringend raten den verantwortlichen Ermittlern zu sagen, was sie wissen. Nur so kann man ihnen helfen.“
 

„Fick dich..“ Es waren sehr leise Worte, doch Robin konnte sie dennoch wahrnehmen. Ob es auch für Smoker und andere zu hören war konnte Robin zwar nicht sagen, doch für den Moment mochte es wohl eher so wirken, als würde die kleine Verbrecherin aufmüpfig werden. Nur Robin wusste, dass die Worte wohl einen anderen Hintergrund hatten.
 

Als Nora den Blick wieder hob sah sie ihr in die Augen, die inzwischen weit mehr Emotionen zeigten, als zuvor. Sie konnte erkennen, dass sie sich trübten und die andere mit den Tränen kämpfte.
 

„Denken sie wirklich, dass ich einen so dringenden Wunsch danach habe zu sterben?!“
 

„Wenn sie kooperieren dann..“
 

Robin wurde von einem verzweifelten Lachen unterbrochen, während Nora nur wieder den Kopf schüttelte.
 

„Ich habe die Wahl zu sterben oder eingesperrt zu werden. Was glauben sie wohl, was ich tun werde?“
 

„Was lässt sie glauben, dass sie sterben werden, wenn sie mit uns sprechen?“
 

„Muss ich ihnen das wirklich erklären?“
 

Nein. Musste sie nicht. Robin war durchaus in der Lage eins und eins zusammen zu zählen. Sie hatten Nora nicht bei ihrer letzten Festnahme mit der ID konfrontiert. Und, wenn sie zu diesem Ring gehörte, dann wusste sie möglicherweise auch, dass es im NYPD jemanden gab der korrupt war. Adams hatte es so dargestellt, als sei die ID einfach nur in einem falschen Ordner abgelegt worden. Es war nicht unmöglich, doch Robin hielt das ganze für fragwürdig. Man musste sich also die Frage stellen, ob es wirklich so gewesen war oder, ob die ID nachträglich wieder dort platziert hatte.
 

Ging man davon aus, dass das NYPD ein Sicherheitsproblem hatte, dann bedeutete das auch, dass man es weitergeben würde, sobald Nora redete. Und damit würde sie sich selbst eine Zielscheibe auf den Rücken kleben. Man würde sicherlich versuchen sie aus dem Weg zu räumen. Vielleicht würde man das ohnehin tun, doch die Angst der jungen Frau war nachvollziehbar. Was könnte man ihr also anbieten, um ihr die nötige Sicherheit zu garantieren? Vermutlich nicht viel.
 

„Ich werde nichts dazu sagen“, bekräftigte sie dann aber auch noch einmal ihre vorherigen Aussagen. Etwas das Robin tief durchatmen ließ, während sie sich zurück lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte.
 

„Glauben sie, dass das ihrer Schwester helfen wird?“
 

„Halten sie sie da heraus.“
 

Es war ein wunder Punkt. Und es war wohl wirklich unfair das hier nun auf den Tisch zu bringen. Immerhin wusste Robin wie sehr es sie mitgenommen hatte. Und das war auch der Grund, warum sie davon ausging, dass sie hier alles nicht nur in schwarz oder weiß unterteilen durften. Das hier hatte viel mehr Schichten.
 

Sie tat Nora also den Gefallen und schwieg, sah die junge Frau einfach nur schweigend an und wartete. Worauf genau wusste sie nicht, immerhin hatte die andere bereits deutlich gemacht, dass sie nicht vor hatte mit ihr zu sprechen und der Polizei entgegen zu kommen. Was blieb also noch? Vielleicht könnte sie mehr Druck aufbauen, doch wenn Robin ehrlich war, dann wollte sie das nicht. Sie konnte nicht völlig unbefangen hier sitzen und so tun, als würde es da keine Verbindung zwischen ihnen geben. Es gab eine, Robin hatte sie wahrgenommen und diese Frau, die Begegnung mit ihr, hatten etwas hinterlassen. Es war Robin nicht egal und sie spürte den Drang nach Antworten für das alles zu suchen, die ihr erklärten, wie Nora in das alles hinein geraten war. Und vor allem, dass es einen Grund gab, der ihre Schuld minderte.
 

„Sie hat damit nichts zu tun. Ich will, dass man sie in Ruhe lässt“, wandte Nora schließlich leise ein. Robin neigte etwas den Kopf und schwieg weiter. Zunächst wollte sie abwarten, ob Nora noch mehr dazu sagen und es ausführen würde. Tat sie nicht. Stattdessen senkte sie den Blick und betrachtete ihre Hände, welche sie inzwischen wieder auf dem Tisch gefaltet hatte.
 

„Ist das eine Bedingung, damit sie ihr Schweigen brechen?“, hakte sie irgendwann doch nach, nachdem Nora wohl nicht vor hatte ihre Worte weiter auszuführen. Diese hob wieder den Blick und sah ihr schweigend in die Augen mit einem Blick, den Robin nicht zu deuten wusste. Sie wäre durchaus froh, wenn sie dieses Gespräch offen und unter vier Augen führen konnte aber dazu würden sie wohl nie wieder eine Gelegenheit haben.
 

„Sie..“
 

Robin wurde unterbrochen, als es an der Tür klopfte. Sie wandte sich um, als Smoker sich in den Raum schob und sie schlecht gelaunt anblickte.
 

„Ihr Anwalt ist da.“
 

Mit diesen Worten trat er zur Seite und ließ einen hoch gewachsenen Mann eintreten, der dabei den Hut von sei Kopf zog und Robin sachte anlächelte. Sie wandte sich wieder um, blickte zu Nora, die ebenso überrascht wirkte. Ihr Blick richtete sich wieder auf Robin und diese glaubte für einen Moment ein Kopfschütteln erkennen zu können. Doch vielleicht war das auch nur ihre Einbildung, die ihr hier einen Streich spielte.
 

„Zwetkow, bewegen sie sich.“
 

Und das tat sie. Robin erhob sich und schob ihre Akte dabei wieder zusammen, um sie aufnehmen und damit den Raum verlassen zu können. Sie hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache, ihr Bauchgefühl warnte sie, doch sie konnte nichts tun. Als Beraterin und mit einem Anwalt dazwischen hatte sie keinerlei Befugnisse oder Handlungsspielraum. Am Ende konnte sie nur darauf hoffen, dass Smoker sie weiterhin hier dulden würde, damit sie die weiteren Ereignisse im Auge behalten könnte.

dead end


 

2023 - New York
 


 

„Wo kommt der Kerl auf einmal her? Sie hat nach keinem Anwalt verlangt.“
 

Sie hatten sich in einen Besprechungsraum zurückgezogen. Nachdem Nora’s Anwalt aufgetaucht war hatten gab es nicht mehr viel was sie tun konnten. Er hatte das Recht alleine mit ihr zu sprechen, ohne Zuhörer und sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen und die Strategie festzulegen. Damit blieb ihnen nichts anderes übrig, als abzuwarten.
 

Robin stand an einem der Fenster und blickte auf ihre Tasse hinunter. Ein guter Kaffee war das mindeste, damit sie ein wenig ihre Nerven beruhigen konnte. Noch immer hing sie an Nora’s Blick und dem Kopfschütteln. Sie hatte nicht nach diesem Anwalt gefragt und es entzog sich jeder Kontrolle was er ihr da drinnen nun sagen würde. Er konnte sie bedrohen, einschüchtern oder ganz anderes. Und damit schwanden auch die Chancen, dass Nora sich bereit erklären würde mit der Polizei zu sprechen und zu kooperieren.
 

„Vermutlich hab die Kerle für die sie arbeitet ihn geschickt. Dreck, wir hatten sie fast.“
 

„Denken sie wirklich, dass sie etwas gesagt hätte? Wenn sie in all das involviert ist, dann weiß sie auch, dass sie ein Sicherheitsproblem und einen Maulwurf haben.“
 

„Wie kommen sie darauf, dass wir ein Sicherheitsproblem haben?“
 

Smoker war angefressen, das konnte sie verstehen. Doch es war nicht Robin’s Aufgabe die Dinge zu beschönigen oder über rohe Eier zu laufen. Sie war hier, um ihre Meinung zu sagen und die Dinge beim Namen zu nennen. Und, dass dieses Department ein ziemliches Problem hatte war aus ihrer Sicht offensichtlich.
 

„Die ID war über Tage verschwunden und kaum, dass sie eine potentielle Verdächtige haben taucht sie wieder mit deren Fingerabdrücken wieder auf? Ein ziemlicher Zufall nicht wahr?“
 

„Hat man sie nicht darüber informiert, dass sie falsch einsortiert wurde?“
 

„Wäre das etwa weniger beunruhigend?“ Robin verstand nicht, warum er das alles so abtun wollte, als sei es eine Kleinigkeit. Denn das war es nicht. Ohne Zweifel ging es dabei auch um seinen Ruf, darum kein schlechtes Licht auf das NYPD fallen zu lassen oder für Zweifel an ihrer Arbeit zu sorgen. Doch am Ende des Tages würde genau so ein Verhalten diesen Verbrechern in die Karten spielen. „Es würde bedeuten, dass ihre Leute einfach so ein wichtiges Beweismaterial verloren oder schlichtweg nicht richtig danach gesucht hätten. Nehmen sie es also nicht ernst worum es hier geht?“
 

„Ich warne sie, wenn sie nicht aufpassen was sie sagen dann“, Smoker war dabei sich vor ihr aufzubauen, doch es war Franky der sich dazwischen schob, um beruhigend die Hände zu heben. Die Wogen glätten war wohl sein neues Motto auch, wenn Robin dahingehend an seinen Kompetenzen zweifelte.
 

„Was sie sagen will ist, dass wir es hier mit mächtigen Leuten zu tun haben und unser Blatt dahingehend nicht besonders gut ist.“
 

„Erklären sie beide mir nicht, wie ich meinen verdammten Job zu machen habe!“
 

Anstatt die Wogen zu glätten schien er es nur schlimmer zu machen. Denn die Botschaft hinter seinen Worten sagte ebenso aus, dass Smoker nicht wusste was er tat und seiner Arbeit nicht nachkam. In Anbetracht dessen wie viel Druck bereits aus der Öffentlichkeit kam war es wohl nicht das beste den Druck auch in den eigenen Reihen hoch zu setzen. Zumal man mit diesem Mann auch nicht reden konnte und gleichzeitig war es lediglich die Wahrheit und das, was passiert war.
 

Manch einer könnte vielleicht auch vermuten, dass es Smoker war, der alles deckte. Das er derjenige war, der die unsichere Stelle im Department bildete, um die Informationen so zu schieben, wie es gebraucht wurde. Robin hielt ihn zwar für einen misogynen Idioten, doch er war kein Verbrecher. Da gab es dann doch einen Unterschied auch, wenn sein Ego wohl unwissentlich für die andere Seite mitarbeitete.
 

Gerade wollte er noch einmal ausholen, um etwas zu sagen, als die Tür aufgeschoben wurde. „Captain.. das Büro des Bürgermeisters ist am Telefon.. sie haben schon dreimal angerufen.“ Die junge Frau wirkte eingeschüchtert und Robin beneidete sie keineswegs um ihren Job.
 

„Nerven sie mich nicht!“ Kam die barsche Antwort, doch entgegen dieser Worte würde Smoker abdrehen. „Lassen sie sich etwas einfallen!“ Die Anweisung ging an Adams. Klare Worte und doch bereitete er ihr keine Grundlage auf der sie das tun konnte. Das einzig gute daran war wohl, dass Smoker seine schlechte Laune nahm und aus dem Besprechungsraum verschwinden würde. Den Bürgermeister konnte er immerhin nicht ewig vertrösten und ignorieren. Es würde ihn sicherlich einen Moment beschäftigen dort die Wogen möglichst flach zu halten, denn sie ganz verschwinden zu lassen würde ihm zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mehr gelingen. Dennoch war es gut, dass er verschwand, denn das ließ dem Rest von ihnen etwas mehr Luft, um durchatmen zu können.
 

Robin trank einen Schluck Kaffee und wandte sich dann von dem Geschehen ab, um aus dem Fenster in den Innenhof zu blicken. New York zeigte sich heute nicht von seiner besten Seite. Der Himmel war Wolkenbehangen und sie fragte sich, ob heute noch ein Gewitter auf sie warten würde. In mehrerer Hinsicht.
 

„Sie denken, dass sie absichtlich in die Schusslinie geschoben wird, um ein Bauernopfer zu haben und von den eigentlichen Ereignissen abzulenken?“ War es nun Adams, die nachhakte und versuchte etwas besser zu verstehen, was Robin gemeint hatte. Nicht überraschend und wenn man Robin fragen würde, dann wäre Adam’s qualifizierter dafür, um diese sensiblen Ermittlungen zu leiten.
 

„Wenn man bedeckt, wie akkurat und gut die Fälschungen ausgeführt wurden finde ich es sehr verdächtig, dass sie ausgerechnet das wichtigste vergessen und ihre Fingerabdrücke darauf hinterlassen haben sollte.“ Es wäre nun gut zu wissen, was man gefunden hätte, hätte man die ID gleich untersucht, doch das war scheinbar nicht passiert. Aus ihrer Sicht ein entscheidender Fehler und nun war dieses Bauchgefühl von ihr eben nur das; ein Bauchgefühl. Es gab keine Beweise für das, was Robin in den Raum stellte. Und selbst, wenn es so wäre; das würde Nora nicht von ihrer Schuld befreien. Auch das musste sie sich immer wieder vor Augen halten.
 

„Möglich. Doch am Ende bedeutet das nur, dass die eigentlichen Drahtzieher des ganzen sich darauf verstehen ihre Leute über die Klinge springen zu lassen. Und, wenn sie nicht bereit ist auszusagen und als Kronzeugin zu fungieren, dann können wir ihr auch nichts anbieten.“
 

„Sie haben sie gehört. Sie vertraut nicht darauf, dass sie in der Lage wären sie zu schützen. Gerade ist ein Anwalt bei ihr nach dem sie nicht verlangt hat und ich glaube nicht, dass seine Hauptaufgabe sein wird sie vor dem Gefängnis zu gewahren. Sie hat Angst.“
 

Zumindest das war für Robin deutlich geworden. Diese Emotion hatte Nora durchdringen lassen und egal wie tief sie selbst in all dem drin steckte; wenn man nicht aufpasste, dann könnte sie zu einem weiteren Opfer werden. Das konnte nicht das Ziel dieser Ermittlung sein. Gleichzeitig war es wohl aber so, dass man sich auch hier kaum um ein Bauernopfer scheren würde, wenn man über dessen Rücken an die großen Fische heran kommen könnte.
 

„Die hat sie zurecht. Es gab kürzlich einen Überfall auf ihre Schwester. Man hat sie übel zugerichtet. Offiziell gibt es natürlich keinen Zusammenhang zwischen diesem Vorfall und unseren Ermittlungen aber..“ Adams zuckte mit den Schultern und wirkte nachdenklich. Für Robin setzte es das ganze noch einmal in einen anderen Kontext und ja, sollte das ganze zusammenhängen, dann war die Gefahr durchaus real. Doch auch das war nur ein Bauchgefühl.
 

„Sie glauben nicht an einen Zufall?“
 

„In diesem Kontext? Nein.“
 

Adams war darin doch sehr klar. Ob ihr Vorgesetzter das auch so sah? Robin bezweifelte das. Und doch war es vielleicht gut, dass wenigstens eine Stimme der Vernunft hier war und noch positiv auf das alles einwirken könnte. Blieb nur die Frage, wie viel Einfluss sie am Ende wirklich haben würde.
 

„Was haben sie bei ihrer Hintergrundrecherche herausgefunden?“ hakte Franky weiter nach. Inzwischen hatte er sich mit seiner Cola an den Tisch gesetzt. Drei Dosen hatte er bei sich stehen, wobei das wohl kaum seinen täglichen Bedarf decken würde.

Adam’s seufzte und würde sich dann ebenfalls an den Tisch setzen. Den Stuhl etwas weiter zurückgezogen und ein Bein über das andere geschlagen. Man konnte auch ihr die letzten Tage deutlich ansehen. Sie wirkte müde und abgespannt, die Schatten unter ihren Augen waren dunkler geworden.
 

„Sie und ihre Schwester wurden in Stockholm geboren. Mit ihrem Stiefvater kamen sie in die Staaten, lebten zunächst in Boston und später in New York. Ihr Stiefvater ist Aron Sawyer ist Besitzer eines Clubs. Das Pearl ist bekannt für gute Drinks und leicht bekleidete Frauen. Ein edler Stripclub, wenn man so will.“
 

„Noch ein Zufall.“
 

Adams nickte leicht in sich hinein. Es gab wenig Zufälle in solchen Sachen. Doch nur, weil jemand einen Club betrieb, bedeutete das noch lange nicht, dass er deswegen auch ein Verbrecher war. Es galt vor allem Beweise für diese Vermutungen zu finden.

„Wurde Sawyer durchleuchtet?“ fragte Robin weiter, um die aktuelle Situation besser einschätzen zu können.
 

„Er ist den Behörden nicht unbekannt aber für nichts gab es je Beweise oder eine Anklage. Der Club ist sauber. Wir hatten heute Nacht eine Durchsuchung. Nichts. Kaum Mädchen aus dem Ausland und die, die da sind sind schon seit Jahren hier, haben gültige Papiere. Es lässt sich alles nachprüfen. Auch bei früheren Prüfungen war immer alles in Ordnung. Man kann fast sagen, dass es ein Vorzeigebetrieb ist.“
 

„Klar, ne schöne Fassade ist das A und O.“
 

„Wir können es nennen wie wir wollen, aber am Ende bleibt das es reine Spekulation ist und wir keine Beweise für irgendetwas haben. Wir haben genau genommen nicht mal einen Grund, um ihn zum Verhör zu bitten und könnten ihn höchstens fragen, ob er von den Aktivitäten seiner Stieftochter wusste.“
 

„Was er natürlich verneinen wird.“
 

Und damit drehte man sich im Kreis. Ganz zu schweigen davon, dass es sich um seine Tochter handelte und er damit auch nicht dazu gezwungen war auszusagen. Er konnte sich einfach ausschweigen und sie würden nichts daran gewinnen.
 

„Können sie etwas daraus machen nun, wo sie wissen auf wen sie ihre Aufmerksamkeit richten müssen?“
 

„Wir werden es versuchen aber wenn wir ehrlich sind, dann wird er sich das denken können und nun besonders vorsichtig sein.“
 

„Genau genommen gibt es also nichts, was sie nutzen können und solange Miss Johansson nicht redet kann sie für nicht viel angeklagt werden“, fasste Robin das ganze noch einmal zusammen. Man stand also mit leeren Händen da und das, obwohl man der eigentlichen Lösung schon viel näher gekommen war. Das war durchaus keine besonders befriedigende Situation. Der einzige Lichtblick, der sich für Robin stellte, war die Tatsache, dass mit Nora’s Verhaftung sie bald aus dem Schneider war und man sie für die weiteren Ermittlungen nicht mehr brauchen würde. Nach ihren Berichten konnten die lokalen Spezialisten übernehmen und Dokumente abgleichen. Im schlimmsten Fall müsste sie für einen Prozess und eine damit verbundene Aussage noch einmal zurück in die Stadt kommen, doch das sollte zu verkraften sein.
 

„Ihre Fingerabdrücke sind auf der ID“, erinnerte Franky sie dann aber doch. Für ihn schien die ganze Sache etwas klarer zu sein, doch bei ihm verschwammen Bauchgefühl und Tatsachen viel leichter ineinander, als bei Robin. Zumal sie beide auch zwei völlig verschiedene Blickwinkel hatten, wie sie auf die Situation blickten. Franky wollte einen Schuldigen finden und Robin war emotional befangen, was Nora anging. Da setzte man den Fokus einfach etwas anders.
 

„Ja, doch wenn ich es richtig verstanden habe, dann gibt es da nicht viel mehr. Es gibt keine brauchbare Schriftprobe, die beweist, dass sie die Dokumente gefälscht hat. Bisher keine Beweise dafür, dass sie am Tatort war oder auf andere Weise in die Morde und den Mädchenhandel verwickelt ist. Zugegeben, ihre Fingerabdrücke auf der ID sind nicht vorteilhaft und sie wird sie kaum plausibel erklären können, doch alleine darauf wird sich keine Anklage aufbauen lassen.“
 

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die gefälschten Papiere eigentlich nur ein Nebenschauplatz waren. Denn Nora hatte sicherlich aktiv nichts mit dem Tod des Republikaners, noch mit dem Menschenhandel zu tun. Diese beiden Fälle waren noch offen und Nora wäre vielleicht der Schlüssel, um an mögliche Hintermänner zu kommen. Und doch verschob sich gerade der Fokus des ganzen und schien die Fälschungen in den Fokus zu setzen. Sicherlich eine falsche Gewichtung der Umstände.
 

„Auch das ist leider richtig. Wir werden sie damit länger festhalten können, das wird uns Zeit geben ihren Hintergrund genauer zu durchleuchten, Freunde zu befragen und nach Zeugen zu suchen. Am Ende müssen wir aber darauf hoffen, dass wir mehr haben als das, sobald sie angeklagt wird.“
 

Was das bringen würde? Das musste man abwarten. Es war nur so, dass es wohl nichts war, was Franky eigentlich hören wollte. Robin sah dabei zu, wie er frustriert die Dose ansetzte und einige Schlücke daraus nahm, bevor er wieder absetzte und sie einfach in der Hand zusammen drückte. Sein Frust war im ganzen Raum zu spüren, doch das würde ihnen auch nicht helfen. Es reichte, dass Smoker’s Laune unterirdisch war und er damit nicht die besten Entscheidungen für diesen Fall traf. Noch ein Ego würde das ganze sicher nicht verkraften.
 

„Ich denke sie haben uns bisher sehr geholfen, doch ab hier werden wir nicht weiter kommen. Es sei denn wir finden neue Beweise und Indizien, die wir von ihnen besser einordnen lassen können.“
 

„Heißt, dass es für uns hier nichts mehr zu tun gibt?“
 

„Ich fürchte so ist es.“
 

Robin sah zu, wie Adams sich erhob. Vermutlich würde sie sie weiter auf dem laufenden halten, doch bis dahin konnte man nichts mehr machen. Zwar könnte sie darauf warten, dass der Anwalt mit seiner Besprechung fertig war, um das Verhör fortzusetzen, doch sie wussten alle, dass sie nicht mehr hatten, um Nora unter Druck zu setzen. Und mit einem Anwalt an ihrer Seite war die Wahrscheinlichkeit für eine Aussage bei null angekommen. Dennoch kam Robin nicht umhin sich zu fragen, ob sie nicht doch noch etwas vor Ort bleiben und die Dinge im Auge behalten sollte. Das ließ sich allerdings weder begründen noch war es eine sinnvolle Verwendung ihrer Zeit.
 

Sie würde also ihre Tasse leeren und sich dann von der Fensterbank abstoßen, um die Tasse auf den Tisch zu stellen und Adams zu folgen, damit sie ebenfalls den Besprechungsraum verlassen konnte.
 

„Liv, warte..!“ hörte sie Franky hinter sich, doch würde sie dem ganzen keine Beachtung schenken. Robin hatte dazu nichts mehr zu sagen. Innerhalb weniger Tage hatte er sie einfach zwei Mal ins offene Messer laufen lassen. Für ihre Auffassung waren das zwei Mal zu viel und sie brauchte dringend Abstand. Und sollte sie je bereit sein das ganze ausdiskutieren zu wollen, dann würde sie das vermutlich nicht in aller Öffentlichkeit tun.
 

Robin wandte sich nicht mehr um, sondern würde versuchen möglichst viel Abstand zwischen sich und diese ganze Situation zu bringen, die sie innerlich merklich an ihre Grenzen brachte. So ungerne sie es auch zugeben wollte doch noch nie hatte ein Fall ihre professionelle Haltung derart in Frage gestellt. Und so wäre es wohl das Beste, wenn sie den Rest des Tages nutzen würde, um ihre Abreise aus der Stadt weiter vorzubereiten.
 


 

***
 


 

Ob sie mit dem buchen ihres Fluges noch warten sollte? Robin war sich unsicher. Nachdem sie ein paar letzte Termine vereinbart hatte, die sie in dem kommenden Tagen haben würde, und angefangen hatte ein paar persönliche Gegenstände in Kartons zu packen, nahm sie sich nun eine Pause. Im Haus selbst gab es nicht viel zu tun. Sie würde noch ein paar Kartons besorgen und müsste , um alles persönliche verstauen und sich dann überlegen, ob sie es einlagern oder zu sich Nachhause liefern lassen wollte. Glücklicherweise hatte Robin hier eine Kontaktperson, der sie dahingehend vertraute und die sich um alles kümmern konnte, was sie nicht schaffen würde. Die einzige Frage, die sich Robin an dieser Stelle stellte war, wie lange sie auf mögliche Entwicklungen warten wollte, bis sie die Stadt verlassen würde.
 

Zwei Tage? Doch mehr?
 

Sie konnte es nicht sicher abschätzen und so wäre es vielleicht angebracht sich noch einmal mit Adams dahingehend zu beraten und anschließend eine abschließende Entscheidung zu treffen. Immerhin kam es nun nicht mehr darauf an, ob sie einen Tag mehr oder weniger in der Stadt bleiben würde. Allgemein wäre es wohl das mindeste und dem professionellen Rahmen angemessen, wenn sie ihre Entscheidung mitteilen und zumindest bis zu einem gewissen Punkt absprechen würde. Denn am Ende spielte es keine Rolle wie sehr Robin persönlich involviert war. Sei es im Bezug auf Nora noch im Bezug auf ihre Diskrepanzen mit Franky. Es war ihr Job und im Rahmen dessen galt es nun einmal gewisse Formen einzuhalten.
 

Robin atmete durch und schenkte sich etwas Kaffee nach. Trotz der vorangeschrittenen Uhrzeit hatte sie das Gefühl diesen heute besonders zu brauchen. Zwar würde sie nicht mehr zu lange damit verbringen ihre Liste an Aufgaben abzuarbeiten, immerhin hatte sie bereits einiges geschafft, doch ein bisschen was wollte noch getan werden. Auch, um sich noch ein wenig von ihren eigenen Gedanken ablenken zu können.
 

Eigentlich würde Robin nicht von sich behaupten ein grüblerischer Mensch zu sein. Nicht, wenn es ihr Privatleben anging. Sie ging es rational an, hielt sich an Fakten und akzeptierte verschiedene Situationen. Heute allerdings kam sie nicht umhin immer wieder an das Verhör, an Nora und ihre Situation zu denken. Es beschäftigte sie, obgleich Robin sich darüber im klaren war, dass sie nichts an dem ändern konnte, was gerade im Raum stand. Das einzige, was sie wohl möglich tun könnte wäre, die Beweislast zu erhöhen, wenn man doch noch etwas finden würde. Doch eigentlich wollte sich Robin mit dieser Möglichkeit nicht befassen. Schuldig oder nicht, man lernte in diesem Beruf das es nicht nur schwarz und weiß gab. Alles bestand aus Graustufen und wo genau sich Nora darauf befand, das müsste man sich eigentlich genauer ansehen.
 

Das leise brummen ihres Handy’s riss sie aus ihren Gedanken und Robin richtete den Blick auf die Arbeitsfläche an der sie noch immer lehnte. Sie hatte ihr Handy vorhin darauf gelegt und nun betrachtete sie den Namen, der dort aufleuchtete. Adams.

Franky hatte ebenfalls versucht sie zu erreichen, doch seine Versuche hatte sie ignoriert und den Anruf einfach abgebrochen. Aus Robin’s Sicht hatten sie sich für den Moment nichts zu sagen und sie hoffte darauf, dass er wenigstens diese Botschaft verstehen würde. Worte schienen bisher immerhin keine Wirkung gezeigt zu haben.
 

„Ja?“
 

„Entschuldigen sie, dass ich mich jetzt noch melde, doch ich dachte, dass sie über die Aktuellen Entwicklungen informiert werden wollen“, meldet sich Adams. Robin mochte die Arbeit mit ihr, weil sie sich nicht mit unnötigen Details aufhielt sondern auf den Punkt kam. Kein gezwungener Smalltalk, den Robin so verabscheute und der am Ende ohnehin keinem Zweck diente außer vielleicht gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Zeitverschwendung.
 

„Ich höre.“ Ja, sie war ganz Ohr. Was konnte es nun sein? Immerhin rief Adams sie nicht umsonst um diese Zeit an. Bei Kleinigkeiten hätte das vielleicht auch bis zum nächsten Tag ausgereicht und zudem bedeutete es, dass die andere noch immer arbeitete.
 

„Das Nora Johansson die Aussage verweigert war uns wohl bewusst. Wir werden sie morgen in Riekes verlegen, damit sie vorerst dort bleibt, bis die Anklage vorgebracht wurde. Es wird ein Risiko zur Flucht vermutet.“
 

„Dagegen wird ihr Anwalt wohl vorgehen.“
 

„Dennoch wird es uns Zeit verschaffen das ganze zu untermauern und das alles auf sichere Pfeiler zu stellen.“ Wie gut ihnen das gelingen würde, das stand wahrlich auf einem anderen Blatt. Robin wusste darum aber es war wohl damit auch klar, Nora ein idealer Sündenbock sein würde. Auch hier konnte sie nur Spekulieren, doch falls die Fingerabdrücke auf der ID absichtlich platziert worden waren, wer konnte dann ausschließen, dass weitere Indizien sauber waren?
 

„Noch etwas“; fuhr Adams derweil fort und Robin fragte sich durchaus was jetzt noch kommen konnte bei all diesen Ereignissen. „Nina Johansson ist aus dem Krankenhaus verschwunden.“
 

„Die Schwester?“
 

„Ja. Wir wurden vor einer Stunde darüber informiert, dass sie nicht mehr auf ihrem Zimmer war, als die Schwestern sie bei der Abendroutine versorgen wollten.“
 

„Und niemand hat etwas bemerkt?“
 

Sie hörte wie Adams am anderen Ende seufzte. Vermutlich konnte sie selbst nicht fassen was gerade passierte. Doch damit war auch klar, dass es sich bei all dem nicht um einen Zufall handelte. Niemand konnte davon wirklich überzeugt sein auch, wenn es keinen Sinn ergeben mochte. Wenn man die Schwester hätte aus dem Weg räumen wollen, warum hatte man sie dann nicht gleich umgebracht, anstatt jetzt das Risiko einzugehen und sie aus einem Krankenhaus verschwinden zu lassen?
 

„Wir sind noch dabei das Videomaterial zu sichten und hoffen darauf dort etwas zu finden. Niemand kann es sich erklären.“
 

„Das sind keine guten Nachrichten.“ Mehr konnte sie dazu auch kaum sagen, denn es war das was es war. Robin wusste zwar nichts über den gesundheitlichen Zustand der anderen Frau, doch wenn sie nach Nora’s Reaktion ging? Dann war er nicht besonders gut gewesen. Doch wie schaffte man es, eine schwer verletzte Frau einfach so aus einem Krankenhaus verschwinden zu lassen? Zumindest deutete es darauf hin, dass es keine Anfänger gewesen waren und sicherlich keine einfachen Schläger. So etwas dürfte doch ein wenig mehr Planung und Geschick erfordern.
 

„Nein. Für den Moment können wir nur versuchen Beweise zu sichern und hoffen darauf etwas zu finden das uns hilft. Sollte sich etwas neues ergeben, lasse ich es sie wissen.“
 

„Ja, vielen Dank.“
 

Sie würde wieder auflegen und einen Moment auf das Display ihres Handys blicken, um die gehörten Informationen erst einmal sacken zu lassen. Die Ereignisse schienen sich schier zu überschlagen und das in einer schier unberechenbaren Weise. Robin konnte es nicht einschätzen, doch auch hier war ihr Bauchgefühl kein besonders gutes.
 

Menschen verschwanden nicht ohne Grund. Und diese Gründe waren meistens nie gute.

caught


 

2023 - New York - Tag 9
 


 

Es war still. Das einzige, was sie hören konnte war ihr eigener Atem und ab und an ein paar Schritte, die in der Ferne auf dem Gang zu hören waren. Es war ein unangenehmer Kontrast, denn in Nami’s Kopf war es schrecklich laut. Fast schon unerträglich. Als man sie festgenommen hatte, hatte sie bereits kein besonders gutes Gefühl gehabt. Immerhin war klar, dass sie etwas gefunden hatten, wenn sie dafür ein zweites Mal auf das Revier zitiert wurde. Doch die ersten Stunden hatten aus ihrer Sicht keine wirkliche Relevanz gehabt. Der schlecht gelaunte Kerl hatte einfach nur verlangt, dass sie zugab mit all dem etwas zu tun zu haben, hatte mit Dokumenten herum gewedelt und versucht sie zu konfrontieren. Dabei hatte Nami schnell das Gefühl bekommen, dass es sich dabei eigentlich um einen Verzweiflungsakt handelte und er am Ende nichts in der Hand hatte mit dem er sie wirklich mit all dem in Verbindung bringen konnte. Zu schweigen und darauf zu hoffen, dass er irgendwann aufgeben würde war für sie daher die logische Entscheidung gewesen.
 

Was dann allerdings geschehen war, damit hätte Nami niemals gerechnet. Obgleich es Rückblickend irgendwie Sinn ergab doch, wie hätte sie ahnen sollen, dass ausgerechnet Robin durch die Tür des Verhörraums kommen und das Gespräch fortsetzen würde? Damit war auch klar wieso man überhaupt auf ihre Spur gekommen war. Zwar wusste Nami nicht genau warum und wie aber es musste mit der Notiz zu tun haben, die sie Robin nach ihrer zweiten, gemeinsamen Nacht hinterlassen hatte. Auf dieser Notiz hatte sie nicht ihre eigentliche Handschrift benutzt. Sie hatte die Handschrift gewählt mit der sie sonst auch Dokumente fälschte, wenn die Schrift keinem bestimmten Typ entsprechen musste. Warum sie das getan hatte? Darauf könnte Nami keine Antwort geben und es war eine Frage, die sie bereits seit Stunden immer wieder überdachte. Was hatte sie dazu gebracht diese Schrift zu nutzen und damit alles ins rollen zu bringen? Auf der anderen Seite, wie hätte sie ahnen können das ausgerechnet Robin mit dem NYPD zusammenarbeitete. An diesem Fall.
 

Am Ende spielte das alles aber keine Rolle, denn Fakt war, dass Robin ihr Wissen an das NYPD weitergegeben hatte. Nami könnte ihr nicht einmal einen wirklichen Vorwurf machen. Streng genommen war es das richtige, wenn man bedachte worum es hierbei ging. Das konnte aber auch nicht darüber hinweg täuschen, dass es sie verletzt und enttäuscht hatte. Robins Rolle in dieser Sache war fast noch schwerwiegender als die ID, die sie ihr vorgelegt hatte. Denn das Aron ein verdammtes Arschloch war und sie lieber über die Klinge springen ließ als sich unnötigen Ärger ins Haus zu holen, war keine besonders große Überraschung. Sie hatte die ID angefasst, als er sie mit ihrem Fehler konfrontiert hatte, ihre Fingerabdrücke drauf hinterlassen und ihm damit etwas in die Hand gegeben, um sie einfach aus dem Verkehr zu ziehen. Ein Bauernopfer, um die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Ob er es dabei nicht doch übertrieb musste sich zeigen, immerhin hatte Nojiko’s Zustand die Ermittler ebenfalls auf den Plan gerufen und, welche Verbindung sie als Schwestern zu Aron hatten, das würde sich sicherlich irgendwo finden lassen. Die Frage war; würden sie mehr als das finden? Aron liebte das Spiel mit dem Feuer, die Möglichkeit anderen zu beweisen, dass er der Beste war. Besser als das NYPD. Ihnen derart auf der Nase herum tanzen zu können war sicherlich genau nach seinem Geschmack.
 

Nami als Bauernopfer zu deklarieren war wohl das einfachste. Man gab ihnen etwas, beschäftigte sie mit dem Verfahren und hoffte darauf, dass alles andere im Sand verlief. Getreu nach dem Motto: man hatte ja wenigstens irgendetwas herausgefunden. Das Nami auspacken würde? Darum machte sich Aron keine Sorgen. Er hatte ihr einen Anwalt geschickt, der ihr eine eindeutige Botschaft überbracht hatte. Sollte sie reden oder auch nur den Verdacht nahelegen, dass sie etwas ausplaudern könnte, dann würde man erst Nojiko und dann sie zum schweigen bringen. Eine Botschaft deren Übermittlung eigentlich überflüssig gewesen war. Nami wusste durchaus, was auf dem Spiel stand, wenn man sich mit Aron anlegte und diesen Weg gehen würde. Besonders mit dem Wissen, dass es innerhalb des NYPD einen Maulwurf gab. Nami war sicherlich nicht lebensmüde genug dieses Risiko einfach so einzugehen. Ob der Anwalt ihr allerdings dabei helfen würde eine möglichst milde Strafe zu bekommen? Das musste man abwarten und hing sicherlich auch damit zusammen, was man sonst noch für Beweise gegen sie finden würde. Bisher waren es nur ihre Fingerabdrücke auf einem Dokument. Das war nicht gut aber auch nicht das schlimmste. Ein paar Jahre und dann wäre sie wieder draußen. Hoffentlich.
 

Denn je länger man sie aus dem Verkehr zog, umso weniger Kontrolle hatte sie darauf, was mit Nojiko passieren würde und, ob Aron nicht doch darauf zurückgreifen würde sie wieder mehr in seine Geschäfte einzuspannen, damit er Nami gleich wieder im Griff hatte, sobald sie wieder draußen war.
 

Doch all das war nicht das, was ihre Gedanken bestimmte. Immer wieder war es Robin, die sich in ihren Fokus drängte und die Frage, was sie jetzt wohl über das alles dachte? Wie lange kannte sie schon die Verbindung? War es nur ein Spiel gewesen, um an Informationen von ihr zu gelangen? Das wollte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Denn Nami war all das nicht egal gewesen. Sie hätte diese Frau gerne kennengelernt und wer wusste schon was daraus unter den richtigen Umständen hätte werden können? Doch es gab eben keine anderen Umstände sondern nur diese. Die Realität in der Nami in einer Arrestzelle saß, während Robin mit dem NYPD zusammenarbeitete. Ganz gleich wie Robin darüber dachte und, ob das alles eine Lüge gewesen war oder nicht, in keiner Welt konnte so etwas funktionieren.
 

Es war also nicht wirklich klug sich über etwas Gedanken zu machen, das eigentlich sowieso auf verlorenem Posten stand. Und doch hatte Nami das Gefühl eine Chance verpasst zu haben. Obwohl sie nicht wusste, wie Robin dazu stand. Doch das Gespräch, welches sie im Krankenhaus gehabt hatten, hatte Nami eigentlich ein sicheres, ehrliches Gefühl gegeben. Konnte sie sich wirklich derart geirrt haben und war Robin derart gut darin andere Menschen emotional zu manipulieren? Das wollte sie sich wirklich nicht vorstellen.
 

Die Finger krampften sich etwas zusammen, die sie zwischen ihren Beinen gefaltet hatte. Dabei hockte sie auf der Pritsche, die sich ein Bett schimpfte, im Schneidersitz und hielt die Augen geschlossen. Von außen mochte es so wirken, als würde sie meditieren. Niemand musste wissen was innerlich in ihr los war und auch, wenn sie es nicht sicher wusste aber Nami ging davon aus, dass sie hier nicht völlig unbewacht war. Und, weil es in dieser Sache sehr viel im Kontrolle ging und auch darum, was am Ende auf Aron’s Tisch landete, war es umso wichtiger sich möglichst gelassen zu geben.
 

Eine Haltung, die sie nicht ganz auf ihre Finger übertragen konnte, denn diese rieben unruhig aneinander, wurden gedrückt und geknetet. Würde sie jemandem die Hand geben, dann würde vermutlich auffallen, dass sie klamm waren. Schweißnass. Bei dem ganzen Stress, der sich momentan in ihrem Körper ausbreitete war das allerdings keine wirkliche Überraschung.
 

Doch neben all dem gab es auch eine ganz leise Stimme, die erleichtert war und hoffte das sie wieder frei atmen konnte, wenn dieses Kartenhaus endlich zusammenbrechen würde. Ob sie endlich ein eigenes Leben haben könnte, wenn das alles vorbei war. Eine Hoffnung, die Nami eigentlich nicht zulassen wollte. Bis dahin war es immerhin noch ein weiter weg und das Kartenhaus müsste gänzlich in sich zusammenbrechen, um etwas bewirken zu können. Was sie machen sollte, wenn sich am Ende nichts verändert hatte, das wusste Nami einfach nicht. Ihr ging die Kraft für all das immer weiter aus.
 

„Johansson.“
 

Nami öffnete die Augen und drehte den Kopf etwas zur Seite. Vor der Zelle stand ein Polizist den sie nicht kannte. Ein Streifenpolizist, wenn sie das richtig deuten konnte. Er sah sie auffordernd an ohne ihr zu sagen was genau er eigentlich von ihr wollte. Und da nichts weiter kam würde Nami auch nicht reagieren sondern unverändert sitzen bleiben, während ihr Blick ausdruckslos auf ihm ruhte.
 

„Sie werden nach Rikers gebracht. Bewegen sie sich.“
 

Innerlich seufzte sie, schob ihre Beine dann aber auch über die Pritsche und würde sich ihre Schuhe wieder anziehen. Hetzen tat sie sich dabei nicht besonders, warum auch? Davon wäre sie nicht weniger lange eingesperrt und, da man mit ihr auch nicht besonders umsichtig umging, war das wohl ihre Art sich ein wenig dagegen zu stellen. Viele Möglichkeiten zur Rebellion hatte man hier drinnen immerhin nicht. Schon keine die Taktisch besonders klug sein würden.
 

Ganz davon abgesehen war sie auch schrecklich müde. Ihr Körper hatte sich noch immer nicht gänzlich von Aron’s Folter erholt und in der vergangenen Nacht hatte sie kaum ein Auge zu getan, weil ihre Gedanken nicht hatten schweigen wollen. So sehr sie es auch versucht hatte. Am Ende waren es vielleicht zwei, wenn sie Glück hatte, drei Stunden gewesen. Das half ihr jetzt aber auch nicht, um sich besser zu fühlen.
 

Rikers. Nami stand auf und trat an die Zellentür. Zunächst musste sie ihre Hände durch eine vertikale Öffnung schieben, damit man ihr die Handschellen anlegen konnte. Für einen Moment blickte sie auf das kühle Metal hinunter, welches sich an ihre Handgelenke schmiegte und einen leichten Druck aufbaute. Sie ließ sich in das Gefühl einer vergangenen Zeit hinein fallen und spürte diesem einen Moment nach, während sich die Tür ihrer Zelle öffnete und man sie anwies hinaus zu treten.
 

Sie folgte den Anweisungen, während sich ihr Blick ausdruckslos nach vorn richtete. Nami wusste, dass sie nicht die einzige war, die man hier unter Arrest gestellt hatte. Sie hatte immer wieder einen anderen, scheinbar verwirrten Mann gehört, der entweder gesungen oder geschrieen hatte. Dabei hatte sie gedacht, dass sie dieses Gefühl sehr gut nachempfinden konnte. Man wollte schreien, weil der eigene Bewegungsfreiraum auf ein paar wenige Quadratmeter beschränkt wurde. Eingesperrt mit der Aussicht darauf vielleicht eine längere Zeit an so einem Ort verbringen zu müssen. Und gleichzeitig wollte man lachen, weil es auch eine gewisse Sicherheit mit sich brachte. Ein trügerisches Gefühl und dennoch konnte sie sich dem ganzen nicht verwehren. Man wollte glauben, dass nichts von da draußen an einen heran kam, weil man selbst auch nicht heraus konnte. Nur, dass die Welt da draußen einen Schlüssel zu diesen Türen besaß und einen jederzeit wieder einholen konnte.
 

Man führte sie den Gang entlang, ohne das sie einen Blick in die anderen Zellen riskierte. Eine weitere Tür wurde aufgeschlossen und sie mussten eine Treppe hinauf steigen. Noch eine verschlossene Tür. Wieder ein Gang. Begleitet wurde Nami von zwei Polizisten, während man den Weg sicherlich auch genau beobachtete. Doch man rechnete wohl nicht damit, dass sie einen Fluchtversuch wagen könnte. Alles lief ruhig und routiniert ab, bis man irgendwann die Türen weit öffnete und Nami frische Luft entgegen schlug. Angenehm auch, wenn man nicht behaupten konnte, dass New Yorks Luft die Beste wäre.
 

Es ging wieder eine Treppe hinunter, auf einen Hinterhof wo bereits ein Wagen bereit stand. Während sie auf diesen zugingen hob Nami noch einmal den Blick gen Himmel. Wolkenbehangen.
 

Schade.
 

Man brachte sie zum Wagen und öffnete ihr die Tür, damit sie sich auf die Rückbank schieben konnte. Einer der Beamten würde ihre Handschellen an einer dafür vorgesehenen Halterung befestigen, bevor er sich neben sie setzte. Es war kein großes Aufgebot und dennoch schien man darauf zu achten, dass sie nicht einfach so verschwinden konnte. Sicherlich eine normale Prozedur und doch fühlte sich das alles für Nami schrecklich surreal an. Immerhin bedeutete es, dass man sie mit etlichen anderen Verbrechern auf eine Stufe stellte, das von ihr Gefahr für andere oder mindestens Fluchtgefahr ausging. All das war sicherlich nicht unbegründet und als solches auch richtig einzuordnen. Dennoch fühlte es sich für Nami einfach nur seltsam an sich nun in dieser Situation wiederzufinden.
 

Der Fahrer würde einsteigen und Nami lehnte den Kopf zurück, um sich eine möglichst bequeme Position zu suchen in der sie wieder die Augen schließen konnte. Man würde sie durch die Stadt fahren, doch sobald sie aus Manhattan raus wären würde die Fahrt auch nicht besonders lange dauern. Die Gefängnisinsel lag im Norden in der Nähe des LaGuardia Airport. Je nach Verkehr wären sie vermutlich innerhalb der nächsten 30 Minuten dort ankommen. Wie das weitere Vorgehen sein würde? Das konnte Nami nicht sagen. Es wäre sicherlich die Aufgabe ihres Anwalts gewesen ihr die nächsten Schritte zu erklären und einen Plan für ihre Freilassung zu erarbeiten doch, da er nicht in Nami’s Sinne arbeitete sondern vermutlich strickte Anweisungen von Aron bekam, musste sie davon ausgehen, dass sie ihn frühestens bei einer weiteren Anhörung sehen würde. Wann auch immer diese sein würde.
 

An all dem konnte sie nichts mehr verändern und so versuchte sie lediglich sich auf ihre Atmung zu konzentrieren und ihre Gedanken nicht wieder abschweifen zu lassen. Die Sorge, die sie damit verband war wohl, dass dies nun ihr neuer Alltag sein würde. Wie lange würde es dauern, bis ihre Gedanken nicht ständig zu Robin schweifen würden? Bis sie sich nicht mehr fragte, was daraus hätte werden können oder, was überhaupt echt gewesen war in den vergangenen Tagen.
 

Schlief man wirklich mit einer Person, wenn es nur für den Job war? Robin wirkte auf sie wie eine Frau mit Prinzipien. Daher wäre so ein Verhalten nichts was zu ihr passen würde. Doch am Ende kannte Nami nur einen winzigen Teil von ihr und da wusste sie nicht einmal, was echt gewesen war. Vielleicht war Robin auch ganz anders als das, was sie kennengelernt hatte. Und vielleicht war das alles doch kein Zufall gewesen. Immerhin war Robin diejenige gewesen, die damals in der Bar den ersten Schritt gemacht hatte. Sie hatte ihr einen Drink ausgegeben. Sie hatte es darauf angelegt, dass Nami auf sie aufmerksam wurde.
 

Nein.
 

Schwer atmete sie durch, öffnete nun doch die Augen und sah hinaus aus dem Fenster. Wenn sie nun damit anfangen würde, dann würde sie sich verrennen. Und das auf eine sehr ungesunde Art und Weise. Diese Gedanken würden sie kaputt machen. Denn auch, wenn Nami nicht unbedingt von Selbstzweifeln zerfressen war, doch es hatte ihr etwas bedeutet. Sie hatte Robin gemocht. Und so wütend sie eigentlich sein wollte, so verletzt war sie am Ende einfach nur und es warf Fragen auf. Zweifel an sich selbst.
 

Aber wie könnte Robin auch ein Interesse an ihr haben, wenn sie am Ende doch wusste, wer Nami war? Wie könnte überhaupt eine Frau damit zurecht kommen? Niemand. Sie konnte ihre Vergangenheit nicht einfach auslöschen und, ob diese Vergangenheit auch ihre Zukunft bleiben würde, das musste sich noch zeigen.
 

Der Wagen blieb stehen und für eine Weile würde sich nichts bewegen. Nicht ungewöhnlich, dass man in New York im Stau stand. Solange sie noch nicht aus Manhattan hinaus waren würde das alles wohl doch etwas länger dauern. Warum man ausgerechnet um diese Zeit losgefahren war könnte man hinterfragen aber.. Es war wohl auch nicht so, dass sie dringend irgendwo sein musste. Man hatte Zeit und so würde Nami versuchen sich damit abzulenken die Menschen auf der Straße zu beobachten, die an den Autos vorbeiliefen und ihren eigenen Leben nachgingen. Leben die vermutlich so weit weg von den Dämonen waren, die man in dieser Stadt finden konnte.
 

Es ging weiter, wenn auch nur sehr langsam, bis sie dann auch wieder standen. Nami tangierte das alles nicht wirklich während der Kerl neben ihr doch etwas unruhig wurde. Er wippte mit seinem Bein, was sie schier wahnsinnig machte. Doch Nami war kaum in der Position, um ihn darauf hinzuweisen, dass er das lassen sollte.
 

„Gibt’s keinen anderen Weg?“ fragte er irgendwann seinen Kollegen, der am Steuer saß. Auch der wirkte genervt und nicht besonders gut gelaunt, als er antwortete.
 

„Würden wir dann hier stehen?“ kam nur die ruppige Antwort. Man war sich also nicht einig, zumindest wie man damit umgehen sollte. Die schlechte Laune war da. Dabei könnte es weit schlimmer sein, sie könnten in Nami’s Position sitzen und hätten damit sicherlich weit größere Probleme als etwas stau. Zumal es an sich doch ein recht entspannter Arbeitstag war. Konnte sie auch deutlich schlechter treffen.
 

Der Wagen würde sich weiter schieben, über eine Kreuzung und dann zum nächsten Block.
 

„Bieg bei der nächsten ab. Das hier dauert sonst Ewigkeiten“, kam die Anweisung neben ihr. Von dem Fahrer kam keine Antwort. Er war sicherlich ziemlich genervt und sah wohl keinen Sinn darin das ganze verbal zu vertiefen. Er würde der Anweisung einfach folgen und eine andere Richtung einschlagen. Ob sie dem Verkehr damit entkommen würden? Nami war wenig optimistisch also schloss sie wieder die Augen. Das sie es schaffte ein wenig zu schlafen war sicherlich zu viel verlangt und doch hoffte sie auf ein wenig Ruhe. Zumal sie einfach völlig erledigt von den letzten Tagen war. Wie viel schlaf sie bekommen hatte konnte Nami nicht sagen. Es war aber viel zu wenig gewesen und noch immer hatte sie Schmerzen von Aron’s kleiner Warnung. Das sie schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr in einem richtigen Bett geschlafen hatte machte das alles nicht besser. Die Muskeln waren verspannt, der Nacken Schmerzte.
 

Eine warme Dusche und ein weiches Bett. Das war es, was sie sich wünschte doch Nami wusste darum, dass sie beides auf unbestimmte Zeit nicht bekommen würde. Ein Wunder müsste geschehen, um sie von einer Gefängnisstrafe zu bewahren. Und in Rikers gab es sicher keine weichen Betten oder warme, private Druschen.
 

Der Wagen bewegte sich weiter, es ruckelte leicht, bis die Fahrt irgendwann ruhiger und gleichmäßiger wurde. Es schien so, als hätten sie den Hauptverkehr hinter sich gelassen. Der Fahrer beschleunigte den Wagen und sie schienen nun doch endlich weiter zu kommen. Dennoch wollte das nervöse Wippen neben ihr nicht aufhören. Er musste sich dringend beruhigen. Und Nami war froh, wenn sie endlich aus diesem Wagen raus wäre.
 

„Was macht der Kerl da?“
 

„Was?“ Er bewegte sich, lehnte sich wohl vor, damit er mehr sehen konnte. Nami öffnete die Augen, sah allerdings nicht aus der Windschutzscheibe. Sie sah aus dem Seitenfenster, während sich ihr Körper etwas mehr anspannte.
 

„Wie fährt der.. was soll das?!“
 

„Wechsel die Spur.“
 

Nami konnte den Spurwechsel spüren und wie anschließend wieder beschleunigt wurde. Jemand fluchte und dann gab es einen Ruck. Es quietschte, Reifen blockierten und der Wagen begann sich zu drehen. Jemand Schrie, fluchte. Nami zog an ihren Handschellen, die sich nicht bewegten, so dass sie nicht die Arme hochziehen konnte, um sich zu schützen. Ihr blieb nichts weiter übrig, als den Kopf hinunter zu ziehen, während sie durch die Drehung gegen die Tür gedrückt wurde.
 

Es wurde Laut, ein weiterer Ruck beförderte sie nach vorne, wieder zurück. Schmerz durchflutete ihren Körper, erstreckte sich von ihrem Kopf hinunter und ihre Wirbelsäule entlang. Sie verlor die Orientierung, konnte nicht sagen was genau passierte doch, bevor sie sich versuchen konnte wieder zu fangen gab es noch einen weiteren Knall, noch einen Aufprall und dann wurde alles schwarz..

departure


 

2023 - New York - Tag 14
 


 

„Vielen Dank, ich wünsche ihnen einen guten Flug.“ Die junge Frau strahlte sie an, als sie ihr ihren Ausweis reichte. Robin würde es erwidern und dabei das Dokument wieder entgegen nehmen, bevor sie sich abwandte und sich auf den Weg zur Sicherheitskontrolle machte. Gekommen war sie mit einem kleinen Handgepäckskoffer. Für den Rückweg hatte sie sich dazu entschieden diesen gegen zwei große Koffer einzutauschen, damit sie darin einige Sachen zurück Nachhause transportieren konnte. Diese Koffer hatte sie nun aufgegeben, so dass sie jetzt nur noch ihre Handtasche bei sich hatte, was die Zeit bis zur Ankunft etwas angenehmer gestalten würde.
 

Robin hatte sich ein Ticket für die Businessclass besorgt, damit sie die Möglichkeit hatte sich in einer Lounge zurückzuziehen und vor allem auch einen entspannteren Flug haben würde. Fast zwei Wochen hatte sie in dieser Stadt verbracht und es fühlte sich an, wie eine halbe Ewigkeit. Robin könnte nicht einmal in Worte fassen, wie froh sie war, dass diese Ewigkeit heute zu einem Ende kommen würde.
 

Sie hatte ihre Belange geregelt und die nächsten Schritte eingeleitet, um das Haus einem anderen Zweck zukommen zu lassen. Dinge waren entsorgt worden, die nicht mehr gebraucht wurden, ein paar Dinge hatten einen neuen Platz in einem Storage bekommen, bis Robin sich mehr Gedanken über ihren weiteren verbleib gemacht hatte und der Rest befand sich in den beiden Koffern, die sie zurück nach San Francisco nehmen würde. Für ihr Privatleben gesprochen war das durchaus eine gute Bilanz und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. New York würde in Zukunft keine Rolle mehr in ihrem Leben spielen müssen.

Endlich kam sie bei der Sicherheitskontrolle an und reihte sich in die Schlange ein, die glücklicherweise nicht zu lang war. Bisher konnte sie wenige Kinder entdecken was sie als gutes Zeichen aufnahm.
 

Drei Schalter waren geöffnet auf die die einzelnen Passagiere sich verteilen konnten. Die Mitarbeiter dort würden stoisch ihrer Arbeit nachkommen und noch einmal die Pässe so wie Tickets kontrollieren, bevor man sich weiter einreihen und an die eigentliche Kontrolle weitergeleitet wurde. So oft, wie Robin in ihrem Leben bereits geflogen war, war das alles schon reine Routine für sie. Sie packte ihr Handgepäck so, dass sie die wichtigen Sachen schnell herausziehen konnte oder das, im besten Fall, nicht nötig war.
 

Während sie wartete beobachtete sie ein älteres Ehepaar, welches dort Hand in Hand stand und sorgsam ihre Pässe an den jungen Mann reichten, der diese kontrollierte und einen prüfenden Blick darauf warf. Während er das machte sprachen die beiden miteinander und sie konnte beobachten, wie er die Hand seiner Frau liebevoll tätschelte. Für manch einen Fluggast wären die beiden sicherlich ein Albtraum. Immerhin war anzunehmen, dass sie bei der kommenden Kontrolle die durchschnittliche Zeit, die ein Fluggast normalerweise brauchen würde, deutlich anheben würden. Selbst Robin konnte nicht dem Impuls widerstehen auf ihre Uhr zu blicken. Doch sie hatte noch ausreichend Zeit, bis das Boarding anfangen würde, so dass sie zuvor auch noch in aller Ruhe einen guten Kaffee trinken könnte. Letzteres war dabei das einzige, was ihr wirklich wichtig war.
 

Daher war sie auch recht entspannt, als sie sich am Ende in der gleichen Reihe wie die beiden befand. Und während sie irgendwann ihren Pass so wie das Ticket zurück gereicht bekam schien der Kerl vor ihr ein wenig nervös zu werden. Jung, hoch gewachsen und ein Surfer. So wirkte er zumindest. Kopfhörer auf den Ohren wippte er von einem Bein auf das andere und rückte wohl immer ein Stück zu weit auf, was zur Folge hatte, dass die Frau vor ihm immer wieder genervt über die Schulter blickte.

Robin nutzte die Zeit und würde das alte Ehepaar weiter zu beobachten und sah dabei zu, wie er ihr aus der Jacke half und alles sehr sorgsam und ordentlich in die einzelnen Boxen legte. Die beiden schienen sich in ihrer eigenen Welt zu bewegen, weit weg von der Schnelllebigkeit und dem Stress des Flughafens. Sie wirkte ein wenig abwesend und er? Voller liebe und Fürsorge. Gemeinsam wurde sich da aus den Schuhen gekämpft, bevor er erst sie zu der Schleuse brachte und dabei half, dass sie sich richtig aufstellte. In der Zeit lief er zurück und würde seine Sachen ablegen und ihr dann folgen, um sich ebenfalls scannen zu lassen.
 

Das war das Zeichen, dass sich die Reihe nun auch weiter bewegte. Die Frau trat an das Band und nahm sich eine Box, während der junge Kerl an ihr vorbei huschte und deutlich hektischer seine eigene Box heraus holte und diese wirsch auf das Band warf, um seine eigenen Sachen hinterher zu schmeißen. Nichts landete richtig in der Box und er nahm viel zu viel Platz ein, weshalb Robin sich zurück hielt und noch einen Moment warten würde.
 

Ihr Blick folgte wieder dem älteren Paar, welches inzwischen durch die Kontrolle gekommen war und die eigenen Kisten zur Seite zog, damit er ihr wieder dabei helfen konnte alles anzuziehen. Es war ein schönes Bild und es rührte etwas in Robin an, das sie schrecklich wehmütig machte.
 

Nachdem der hecktische Kerl weg war würde auch Robin weiter voran schreiten. Sie zog sich eine Kiste hervor und stellte diese vor sich ab. Sie legte ihre Tasche hinein und zog ihren Ereader heraus, legte ihr Handy und ihren Schlüssel dazu. Diese wurde weiter geschoben, damit sie eine neue Kiste herausziehen konnte. In diese gab sie ihre Jacke, die Schuhe und ihren Gürtel. Auch diese Kiste wurde weiter geschoben, damit sie sich hinter der Frau einreihen konnte, um durch die Kontrolle zu kommen.

Es war reine Routine und dauerte nicht sonderlich lange. Und so war es nicht überraschend, dass das Ehepaar noch vor Ort verweilte, während der Surfer schon lange verschwunden war. Robin stellte sich neben sie und wartete dort auf ihre Kisten.

„Vorsicht, einmal der linke Fuß“, hörte sie den Mann sagen, der sich hinunter gebeugt hatte, um seiner Frau zu helfen die Schuhe wieder anzuziehen. Seine Stimme war ruhig, sanft und sehr geduldig. Immerhin schien es nicht gleich beim ersten Versuch zu klappen. Dennoch gab es ein Ziel und nichts von all dem wirkte planlos. Viel eher war es so, dass es wie eine eingeübte Choreographie wirkte. Sie machten das nicht zum ersten Mal.
 

Inzwischen waren auch Robins Kisten durch die Kontrolle und sie konnte diese über die Rollbahnen zu sich heran ziehen. Schuhe, Jacke und Gürtel wurden wieder angezogen, damit die erste Kiste gleich wieder weggestellt werden konnte und man dann auch wieder mehr Platz halte und es keinen Rückstau gab.
 

Auch die nächste Kiste war schnell geleert und weggeräumt. Robin schob alles wieder in ihre Tasche, das Handy nahm sie so an sich und dann könnte sie sich auch auf den Weg machen. Ein letzter Blick auf das Ehepaar, wo er ihr gerade die Jacke wieder anzog. Ein wahrer Gentleman. Es ließ sie lächeln, bevor sie sich endgültig abwenden und ihren Weg fortsetzen würde. Zunächst müsste sie sich einen Überblick verschaffen und schauen, wo sich ihr Gate befand. Sie hatte noch eine Stunde Zeit bis das Boarding beginnen würde. Ausreichend für einen guten Kaffee und vielleicht ein Croissant. Sofern sie so etwas in der Lounge finden würde und genau jene würde Robin nun auch ansteuern, um sich dort zurückziehen zu können.
 

Man würde vielleicht nicht merken das man es brauchte, immerhin war es normal das ein Flughafen und die Welt in der sie sich bewegten eine laute. Gerade wenn man sich New York ansah war es eine Stadt, die niemals still war und in der man immer und überall von Geräuschen beschallt wurde. Es sei denn man hatte eine gute Unterkunft mit gut isolierten Fenstern. Wie groß allerdings der Unterschied war, den spürte Robin sofort, als sie durch die Tür trat. Die Lounge war fast leer, nur wenige Menschen waren dort und die Stille, die sie umfing, war wirklich wohltuen.
 

Ihr erster Weg führte sie an die Bar, wo sie sich einen Kaffee bestellte und sie sollte auch Glück haben, was ihr Croissant anging. Mit beidem würde sie sich dann einen Platz bei der großen Fensterfront suchen, um einen Blick auf das Rollfeld zu haben. Nicht, dass es sich dabei um eine besonders schöne Aussicht handelte, doch das Licht war gut und hier gab es gemütliche Seller mit kleinen Tischen auf denen sie all ihre Sachen ablegen konnte. Das würde sie auch tun, bevor sie in das weiche Polster hinein sinken und durchatmen würde, nachdem sie auch ihre Tasche abgestellt hatte.
 

Robin griff nach der Tasse und würde an dem Kaffee riechen. Das war schon einmal ein gutes Zeichen und nach dem ersten Schluck war sie doch deutlich zufriedener gestimmt. Wenigstens einen guten, letzten Kaffee würde sie hier also genießen können. Es stimmte sie doch etwas milder und ließ sie sich auch langsam weiter entspannen. Und nachdem sie noch einmal den Blick über das Rollfeld hatte wandern lassen, würde sie ihr Handy hervorziehen. Ein paar Nachrichten waren eingegangen. Unter anderem auch von Franky, der wissen wollte, wie lange sie ihn noch anschweigen würde. Etwas worauf er auch jetzt keine Antwort erhalten würde. Robin wusste noch nicht, wann sie sich wieder mit ihm befassen würde doch seine Rolle, die er bei diesen Ermittlungen ihr gegenüber eingenommen hatte, empfand sie als höchst problematisch. Und solange er dahingehend keine Einsicht zeigte würde Robin ihre Zeit auch nicht mit solche Gesprächen verschwenden.
 

Eine Nachricht ihres Kollegen bezüglich der Vorlesungen, die sie ab der kommenden Woche wieder halten würde. Darum könnte sie sich kümmern, sobald sie wieder Zuhause war. Nichts dringendes und nichts, was schnell ihre Aufmerksamkeit erfordern würde.
 

Robin ging ihre Chat’s weiter durch und würde schließlich an einem hängen bleiben. Keine Neuen Nachrichten. Sie war jetzt auf dem Weg zu ihr. Das war ihre letzte Nachricht gewesen. Danach hatten sie nur noch gesprochen, per Telefon oder persönlich, wobei das letzte Gespräch ein Verhör gewesen war in dem sie ihr deutlich gemacht hatte, dass sie Angst um ihr Leben hatte. Keine unbegründete Angst und doch hatte niemand ahnen können, was auch nur einen Tag später geschehen war. Es war nicht das erste Mal, dass Robin den Chat öffnete und ihren Gedanken an sie nachhing. Schon nach dem Verhör war klar gewesen, dass dieser Chat sich nicht weiter fortsetzen würde. Nora hatte sicherlich davon ausgehen müssen, dass Robin sie in diese Lage gebracht hatte. Nicht ganz falsch aber eben auch nicht ganz richtig. Das alles war keine Falle gewesen oder eine große Lüge. Nur, dass sie ihr das nicht hatte deutlich machen können.
 

Hatte sie sich Sorgen gemacht, dass man über Nora’s Handy einen Zusammenhang zu ihr hätte herstellen können? Nein. Sie hätte damit umgehen können. Vielleicht würde auch noch etwas dazu kommen, das konnte sie nicht beurteilen, doch schien das erst einmal nicht das wichtigste zu sein. Gerade hatten die Ermittlungen wohl andere Probleme. Man hatte das Mädchen tot in seiner Zelle gefunden. Suizid, wie vermutet wurde. Nora’s Schwester war aus dem Krankenhaus verschwunden und bisher nicht wieder aufgetaucht. Und Nora? Bei der Verlegung nach Rikers war der Wagen, in dem sie gesessen hatte, in einen Unfall geraten. Der Fahrer und Nora hatten den Unfall nicht überlebt, der zweite Beamte war schwer verletzt ins Krankenhaus gekommen. Ebenso wie die Insassen des zweiten Wagen. Robin kannte nicht alle Einzelheiten, doch die waren für sie auch nicht wichtig gewesen. Fakt war, dass Nora den Unfall nicht überlebt hatte.
 

Die Nachricht hatte sie kalt erwischt und dafür gesorgt, dass Robin sich endgültig aus den Ermittlungen zurückgezogen hatte. Sie hatte Adam’s mitgeteilt, dass sie nicht mehr zur Verfügung stand, weil man sie an ihrer Universität brauchte. Man hatte es so hingenommen und sie hatte ihre Zeit darin investiert ihre Angelegenheiten zu regeln und mit all dem abzuschließen. Sie hatte sich beschäftigen müssen, weil sie das alles nicht zu nah an sich hatte heranlassen wollen. Dennoch saß sie nun wieder hier und blickte auf den Chat hinunter, der für immer still bleiben würde.
 

Robin konnte nicht einmal ihre Gefühle dazu genau einordnen oder beschreiben. Wenige Begegnungen innerhalb weniger Tage und doch hatte dieser kleine Wildfang einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dabei wusste Robin nicht einmal was davon echt gewesen war. Sie wusste recht wenig von ihr und konnte nur über ihre Geschichte spekulieren. Doch wie in den meisten Dingen war das vielleicht nur die halbe Wahrheit und konnte ihr nicht sagen wer diese Frau wirklich gewesen war. Sie hatte das Gefühl einer verlorenen Seele gehabt und müsste Robin raten, dann würde sie eher vermuten, dass Nora auch nur ein weiteres Opfer dieser Welt gewesen war. Entschuldigte das etwas? Wohl nicht und doch wäre es eine Erklärung gewesen. Doch Antworten würde sie nicht auf ihre Fragen erhalten und das war etwas das Robin nur schwer auszuhalten wusste.
 

Sie nahm noch einen Schluck von ihrem Kaffee und ließ den Blick wieder schweifen. Es war aus mehreren Gründen sicherlich gut, dass sie diese Stadt nun hinter sich lassen und damit abschließen würde. Es hatte ihr kein Glück gebracht hier zu sein. Sie hatte ihre Familie verloren und wenn es um Beziehungen ging? Dann konnte sie hier wohl auch auf keine gute Bilanz blicken. Später könnte sie vielleicht mal bei einem Date erzählen, dass sie mal eine Frau getroffen hatte, die für einen Menschenhändler gearbeitet hatte. Könnte in die Kategorie schlechteste Dates fallen.
 

Nur, dass es das nicht gewesen war. Die Treffen mit Nora waren nicht schlecht gewesen.
 

Robin hatte sich schon lange nicht mehr so gut unterhalten und ja, sie hätte sie gerne wiedergesehen. Wenn all die Hintergründe kein Teil dessen gewesen wären? Dann hätte daraus etwas anderes werden können.
 

Wieder blickte sie auf den Chat, würde ihn nun aber schließen und das Handy wieder in ihre Tasche gleiten lassen. Der Kaffee sollte nicht kalt werden und sie wollte das auch entspannt genießen können vor dem Boarding. Gut also, dass man das tun und gleichzeitig in den eigenen Gedanken versinken konnte. Und das, obwohl sie die einzelnen Szenarien inzwischen schon mehrfach durchgegangen war. Mit welchem Ziel sie das machte? Auch das konnte Robin nicht beantworten. Man könnte sagen sie war dabei das alles zu verarbeiten und versuchte Antworten zu bekommen. Obgleich sie das nicht schaffen könnte.
 

Es würde ihr gut tun, sobald sie wieder in ihren eigenen vier Wänden war und sich auf ihre eigentliche Arbeit und die Forschung konzentrieren konnte. Das alles würde sie nun wieder in den Fokus ihrer Tätigkeit stellen. Auch, weil es wohl ein guter Zeitpunkt war, um einige Entscheidungen innerhalb ihrer Karriere zu hinterfragen und auch wieder zu verändern. Sie plante ihre beratenden Tätigkeiten niederzulegen und sich auf das zu konzentrieren, was sie wirklich erfüllte, zumal das alles nun auch nicht gut gelaufen war. Und, wenn Dinge nicht gut liefen, dann musste man Konsequenzen ziehen. Zumindest dann, wenn Dinge so katastrophal verliefen, wie es in diesem Auftrag der Fall gewesen war. Nichts daran könnte Robin davon überzeugen, dass es Sinn machte auf diese Weise weiter zu operieren. Man könnte vielleicht das ein oder andere anpassen, darüber reden, reflektieren. Aber sie hatte sich dazu entschieden das als Punkt zu nehmen, um einen klaren Cut zu machen. Es war der beste Moment für solche Entscheidungen und da sie finanziell nicht darauf angewiesen war? War es durchaus eine recht einfache Entscheidung. Wie sie Nora gesagt hatte, wenn sie einmal eine Entscheidung traf, dann hatte diese auch bestand und auch hier in diesem Rahmen war das nichts was sie noch weiter hinterfragen würde.
 

Der Kaffee war geleert und sie konnte die Tasse auf dem Tisch abstellen, um sich nun in Ruhe ihrem Croissant zuzuwenden. Ein kleiner Snack vor dem Flug, da sie mit dem Essen was dort gereicht wurde selten etwas anfangen konnte. Nicht einmal die Snacks waren aus ihrer Sicht ansprechend, wenn man sich auf diesen kürzeren Flügen befand. Darauf verzichtete sie also doch gerne und würde sich später mit einer Freundin zum Abendessen treffen.
 

Wenn man vom Teufel sprach. Ihr Handy klingelte und Robin zog es wieder hervor, um einen Namen auf dem Display aufleuchten zu sehen. Koala. Es war nicht ihr wirklicher Name aber dieser Spitzname hatte sich durchgesetzt und Robin vermutete, dass die wenigsten wussten, dass sie eigentlich Jordan hieß und in einer christlichen, konservativen Familie aufgewachsen war. Wer es nicht wusste, der sah einfach nur eine aufgedrehte, fröhliche Frau mit einer Obsession für Koalas, die sie sogar mit einem Tattoo auf ihrer Haut verewigt hatte.
 

„Was kann ich für dich tun?“ fragte Robin direkt, als sie den Anruf entgegen genommen hatte. Nebenbei zerpflückte sie ihr Croissant ein wenig mehr.
 

„Bist du schon wieder zurück?“
 

„Mein Boarding ist gleich. Ich sagte doch ich kann erst zum Abendessen.“ Wobei sie nicht davon ausging, dass Koala das vergessen hatte. Sie mochte auch manch einen nicht so wirken aber die Kleine hatte einiges im Kopf und etwas zu vergessen würde nun wirklich nicht einfach so vorkommen. Und wenn sie etwas vergas, dann war es pure Absicht.
 

„Ja, stimmt. Ich wollte nur wissen, ob es bei Italienisch bleibt oder, ob wir lieber in eine Bar sollten?“
 

„Warum?“
 

„Naja, je nachdem wie anstrengend es war.. du hast nicht viel gesagt also wollte ich wissen ob wir nicht doch lieber einen Drink haben wollen.“
 

„Und du bist natürlich ganz alleine auf diese Idee gekommen.“ Das glaubte Robin ihr keine Sekunde. Bis jetzt war von so etwas nie die Rede gewesen und Robin hatte auch nicht durchscheinen lassen, was genau alles geschehen war. Für ein Telefonat oder eine Textnachricht war ihr das unangebracht erschienen. Daher hatte sie beschlossen das eigentlich auf einen späteren Moment zu verschieben.
 

Am anderen Ende hörte sie Koala seufzen. Das war für Robin ausreichend Bestätigung dahingehend und man müsste auch nicht darum diskutieren, woher sie das nun glaubte zu wissen und, dass das alles nicht stimmte. Es stimmte.
 

„Er macht sich sorgen, weil du nicht mit ihm sprichst. Und ich mache mir Sorgen, weil ich nicht wusste, dass es so einen Zustand zwischen euch überhaupt geben kann.“
 

„Da dieser Zustand sein Verschulden ist sollte er sich lieber um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.“ Das war zumindest ihre Meinung zu dieser ganzen Sache. Er hatte sich nicht wirklich darum Gedanken gemacht wie es ihr ging, als er zu Smoker gegangen war und da müsste er nun auch nicht damit anfangen. Immerhin war der Schaden bereits angerichtet und ließ sich nicht mehr so einfach aus der Welt schaffen.
 

„Und du bist sicher, dass du dann nicht lieber trinken anstatt essen willst?“
 

„Denkst du ein Streit mit Franky erschüttert meine Welt so sehr, dass ich mich betrinken müsste?“
 

Robin sah den Zusammenhang nicht. Immerhin ging sie das auch rationaler an, als die meisten Menschen und daher lag das alles eben in seiner Verantwortung. Er hatte sich so entschieden und nun musste er mit der Konsequenz leben, dass sie nichts mehr damit zu tun haben wollte. Vorerst zumindest.
 

„Nein, nicht wegen ihm.“
 

Wieder musste sie seufzen und rieb sich etwas über die Nasenwurzel. Wieso musste er sich eigentlich immer einmischen in ihr Leben? Das empfand sie doch als recht anstrengend. Vermutlich hatte er Koala weit mehr erzählt als sie wissen sollte und, als Robin ihr je zugestanden hätte und nun wusste sie irgendetwas, das sicherlich nicht einmal der Wahrheit entsprach sondern einzig auf Franky’s Spekulationen beruhte, die er gerne in den Raum gab.
 

„Egal was er dir erzählt hat, er hat keine Ahnung davon. Und ich werde auch nicht über sie sprechen.“ Fertig. Dahingehend war Robin doch sehr bestimmt. Vielleicht würde sich das irgendwann ändern und sie würde irgendwann darüber sprechen wollen, wenn sie auch für sich die ganzen Ereignisse etwas besser eingeordnet hatte. Sie wollte sich dahingehend aber auch nicht festlegen. Immerhin war es doch etwas persönliches und Robin sprach ungerne über ihre Gefühle im allgemeinen.
 

Als das Schweigen sich ausdehnte lehnte Robin sich wieder zurück und schürzte etwas die Lippen. Es war nicht böse gemeint, das wusste sie durchaus. Nur empfand sie es als nicht richtig dieses Gespräch zu führen. Was sollte sie auch sagen und wie sollte sie es erklären? Selbst, wenn sie es wollen würde, sie hätte darauf keine Antwort.
 

„Lass uns einfach zum Italiener gehen. Ich bin in Ordnung aber.. danke das du fragst.“
 

„Ja.. klar. Dann sehen wir uns später.“
 

Sie würden sich verabschieden und nachdem sie ihr Handy wieder verstaut und zuvor den Flugmodus eingestellt hatte. Keine weiteren Überraschungen mehr. Sie wollte ihr Croissant noch in Ruhe essen und ein wenig entspannen. Bis zum Boarding würde es nicht mehr lange dauern und sie müsste noch den kurzen Weg zu ihrem Gate zurücklegen. Sie würde also die Zeit im Blick behalten, ihr Croissant essen und nebenbei das Rollfeld beobachten, wie Flugzeuge ankamen oder sich für den Start bereit machten. Es war eine sich fortwährend wiederholende Choreographie, die etwas beruhigendes an sich hatte.
 

Irgendwann würde sie sich aber auch davon abwenden, ihre Tasche aufnehmen und sie sich über die Schulter geben, damit sie sich auf den Weg machen konnte. Sie würde sich zum Gate begeben, damit sie den Flughafen und diese verdammte Stadt endlich verlassen konnte.

remembrance


 

2025 - San Francisco - Herbst
 


 

„Machen sie sich bitte mit den angegebenen Quellen vertraut. In der nächsten Vorlesung machen wir uns mit den Prüfungsmechanismen dieser Vorlesung besprechen.“
 

Sie schloss die Vorlesung und schaltete die Präsentation aus, während der Hörsaal sich in einen Bienenstock verwandelte. Die Stille verschwand schlagartig, als die Studierenden anfingen ihre Sachen zusammen zu packen, in ihre Rucksäcke und Taschen zu verräumen, um dann aufzustehen und sich aus den Reihen heraus zu schieben, um die Gänge und Treppen hinunter zu streben, um den Saal verlassen zu können. Die Gespräche die dabei geführt wurden hatten vermutlich wenig mit ihrer Vorlesung und mehr mit dem Essen der Mensa oder privaten Belange. Das was Menschen in diesem Alter eben so umtrieb. Robin machte sich nicht die Illusion, dass ihre Vorlesung ein teil davon war.
 

Das neue Semester hatte gerade erst angefangen und nach einer langen Sommerpause in der Robin vorwiegend mit ihrer eigenen Forschung beschäftigt gewesen war, war es doch schön wieder hier zu sein und das Wissen weiter vermitteln zu können. Zumal sie das hier auch nicht in Vollzeit machte. Robin hatte ein paar ausgewählte Vorlesungen, die sie jedes Jahr anbot zu Themen, die ihr selbst viel Freude bereiteten. Es war eine nette Abwechslung und manche dieser jungen Menschen konnten durchaus mit interessanten Gedanken und Ansätzen glänzen. Und diese Abwechslung in ihrem sonst so ruhigen Alltag empfand sie durchaus als angenehm. Die Anfrage, ob sie nicht mehr Stunden hier haben wollte hatte sie dennoch dankend abgelehnt. So wie es war passte es doch sehr gut für sie zusammen und Robin hatte sich einen für sie perfekten Arbeitsraum geschaffen.
 

Nachdem sie die ganze Technik verräumt hatte wanderte der Laptop in ihre Tasche, gemeinsam mit ihrem Notizbuch und ein paar anderen Unterlagen. Robin hatte das Gefühl, dass diese Gruppe ihr noch Freude bereiten könnte. Bereits heute hatte sie ein paar Wortmeldungen gehabt, die davon zeugten, dass man nicht hier war, um einfache Punkte zu bekommen und das war immer eine wichtige Sache, wenn man etwas Qualität in den Vorlesungen haben wollte. Das und nicht weniger war Robin’s Anspruch an diese jungen Menschen, die sich ein wenig mehr mit Schriften und ihrer Entstehung befassen wollten.
 

Der Saal hatte sich inzwischen geleert. Zumindest fast, denn da war noch jemand, der langsam den Mittelgang hinunter schritt und es offenkundig nicht so eilig hatte wie die übrigen Studenten, die entweder auf dem Weg zu ihrer Pause oder der nächsten Vorlesung waren. Aber er war auch im Vergleich deutlich älter und wirkte nicht wie die Studenten, mit denen sie sonst zu tun hatte. Er war für einen Mann eher klein, sicherlich kleiner als Robin, hatte einen markanten Schnauzer und dunkles Haar, welches an den Schläfen bereits grau meliert war. Markante Narben zogen sich über die linke Wange und das Kinn und waren sicherlich das, woran man sich am ehesten erinnern würde, müsste man ihn beschreiben. Das zweite wäre wohl der Umstand, dass er gut gekleidet war. Sein dunkelbrauner, dreiteiliger Anzug mit dem mintgrünen Hemd waren schon eine spannende Kombination.

„Eine wirklich interessante Vorlesung“, begann er dann auch das Gespräch, als er bei ihr stehen blieb und sie lächelnd musterte.

„Danke. Es freut mich, wenn ich Menschen für dieses Thema begeistern kann.“ Wenn sie das schaffte, dann war schon viel gewonnen. Immerhin war es auch Robin’s Ziel, dass diese Forschung von jungen Geister weitergeführt wurde. So viel, wie es in diesem Bereich zu entdecken und zu entschlüsseln gab? Das war es doch, was die Forschung brauchte, um möglichst viele dieser Rätsel irgendwann lösen zu können.
 

„Das merkt man. Sie unterrichten nur noch?“
 

„Nicht hauptberuflich. Meine eigene Forschung liegt im Fokus meiner Arbeit aber ich nutze auch gerne etwas von meiner Zeit, um mein Wissen weiterzugeben.“ Es war einfach die richtige Balance die sich eingestellt hatte und seit sie ihre beratenden Tätigkeiten nicht mehr fortsetzte waren viele Dinge auch deutlich einfacher geworden. Robin hatte ihr Leben zuvor zwar nie als besonders stressig oder anstrengend erlebt und doch war es, als hätte sie eine Last losgelassen, die sie all die Jahre beschwert hatte. Das wiederum hatte dazu geführt, dass sie ihre Entscheidung nie bereut hatte, die sie getroffen hatte.
 

„Sie nehmen an unserem Gasthörer Programm teil?“ fragte sie. In erster Line, weil er sie so forschend anblickte, als würde er erwarten, dass sie das Gespräch fortsetzte. Robin wusste nicht, was sie von ihm halten sollte aber in erster Linie war er ein interessierter Gasthörer, der sich für ihre Themen begeistern und darin weiter bilden konnte.
 

„Nicht ganz, ich werde die Stadt bald wieder verlassen, doch mir wurde ihre Vorlesung empfohlen und ich wollte mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie persönlich zu treffen.“
 

„Das klingt als hätte man ziemlich hohe Erwartungen bei ihnen geweckt.“ Eine seltsame Vorstellung, dass jemand von ihren Vorlesungen schwärmte und deswegen jemand anderes sich die Mühe machte, um hierher zu kommen und sich eine einzige Vorlesung anzusehen. Robin würde sicherlich nicht sagen, dass sie schlechte Vorlesungen hielt, doch hätte sie wohl gesagt das ihre Vorträge für so etwas besser geeignet wären. Immerhin wurde sie auch als Gast zu Fachtagen oder anderen Events geladen. Das passierte zwar nicht besonders oft, doch in Kooperation mit einiger Museen kam es durchaus vor und das nicht nur in San Francisco.
 

Er lachte, während Robin nun ihre Tasche aufnahm und diese über die Schulter hing, um sich dann auf den Weg zur Tür zu machen. Eine weitere Vorlesung hatte sie an diesem Tag zwar nicht, doch es gab noch ein paar Dinge zu organisieren, wie es meistens zu Beginn des Semesters war. Kleinigkeiten, die sie dennoch heute erledigen wollte, damit sie sich anschließend nur noch auf die eigentliche Arbeit konzentrieren konnte.
 

„So könnte man das nennen. Sie haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“
 

„Freut mich zu hören, wenn meine Arbeit wertgeschätzt wird.“
 

Gemeinsam verließen sie den Hörsaal und Robin würde die Tür hinter sich zuziehen, um abzuschließen da es keine direkte Vorlesung im Anschluss geben würde. Das sie dabei nicht aus den Augen gelassen wurde konnte sie deutlich spüren und sie fragte sich, ob ihm noch etwas auf dem Herzen lag, was er eigentlich noch sagen wollte. So ganz konnte sie es noch nicht nachvollziehen. Und als sie sich dann wieder herum drehte, da stand er noch da und hatte wohl auch nicht vor zu verheimlichen, dass er sie zu mustern schien.
 

„Ich glaube es hat auch immer etwas mit der Person zu tun, die lehrt. Ein schlechter Lehrer kann den spannendsten Stoff langweilig erscheinen lassen“, gab er zu bedenken und in diesem Punkt würde Robin ihm nicht einmal widersprechen. Gleichzeitig war es aus ihrer Sicht aber auch so, dass man nur über etwas gut lehren konnte, wofür man sich selbst begeisterte. Hatte man keine Leidenschaft für etwas, dann konnte man das auch nicht gut auf eine Klasse oder in einen Hörsaal übertragen. Es brauchte also eine gute Mischung von beidem, denn Leidenschaft alleine machte auch keinen guten Lehrer aus.
 

„Wer sagten sie nochmal hat ihnen diese Vorlesung empfohlen?“ hakte sie dann aber doch nach. Das Lächeln, welches sich auf seinen Lippen zeigte, zeugte davon das er wohl auf diese Frage gewartet hatte. Doch vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. So genau konnte Robin das nicht einschätzen.
 

„Meine Nichte. Hier.“ Er führte das alles nicht weiter aus sondern hielt ihr ein schmales Buch entgegen. Zumindest vermutete Robin das es eines war. Was sollte sich auch sonst in diesem zusammengefalteten Papier befinden? „Ich glaube das dürfte sie interessieren. Einen schönen Tag noch.“ Kaum, dass sie es angenommen hatte, wandte er sich auch schon wieder ab und würde langsam den Gang hinunter schreiten ohne ihr die Möglichkeit einer Antwort zu gewähren. Etwas verwirrt ließ er Robin zurück, die nicht ganz wusste, wie sie mit all dem umgehen sollte. Durchaus ein komischer Kautz und, als wüsste sie nun welche der vielen Studentinnen, die sie einmal gehabt hatte, ihm etwas empfohlen hatte. Doch manche Menschen gingen einfach davon aus, dass andere über das gleiche Wissen verfügten wie sie selbst und hielten es für überflüssig ihre Umgebung in ihre Gedanken einzuweihen.
 

Doch da er nun wohl doch alles gesagt hatte, was er sagen wollte, würde sie ihn auch nicht aufhalten sondern ihm einen Moment einfach hinterher blicken, bevor sie auf das Paket hinunter sehen, welches er ihr in die Hand gedrückt hatte. Das ganze wurde dadurch nicht weniger merkwürdig aber was wusste sie schon? Es gab auch Leute, die würden Robin als merkwürdig bezeichnen, so dass sie wohl wenig darüber sagen konnte, wie sich das bei anderen verhielt.
 

So oder so müsste sie nun weiter und könnte sich nicht weiter damit aufhalten. Das müsste also warten, bis sie etwas mehr Zeit zur Verfügung hatte. Robin würde sich daher auf den Weg zu ihrem Büro machen, welches sie sich mit einer Kollegin teilte, da sie beide immer zu anderen Zeiten und nie oft vor Ort waren. Es war ausreichend für das, was sie hier tun musste, da war sie nicht wie andere, die auch an ihrem Arbeitsort viele persönliche Gegenstände um sich herum brauchten. Das hatte Robin noch nie ganz verstehen können. Doch sie trennte ihr Privatleben auch anders von ihrer Arbeit als es viele ihrer Kollegen taten. Etwas das am Ende wohl jeder für sich selbst entscheiden musste.
 


 

***
 


 

„Hier, das sind alle Unterlagen, die ich dazu finden konnte.“
 

„Danke, das sollte wohl ausreichend sein.“
 

„Besser wäre das“, wandte Koala ein und lehnte sich an ihren Schreibtisch. Würde man die andere fragen, dann würde sie sagen, dass sie Robins persönlicher Handlanger war, doch das wäre wohl etwas dramatisch formuliert. Sie hatte als wissenschaftliche Mitarbeiterin angefangen und später hatte Robin sie als ihre persönliche Assistentin übernommen, die sie nicht nur hier an der Universität unterstützte sondern auch ihre eigene Forschung. Manches war eben doch einfacher, wenn ihr jemand zuarbeiten und etwas von dieser Arbeit abnehmen konnte.
 

„Und, wie war der erste Tag?“
 

„Nicht weiter ungewöhnlich. Ein skurriler Gasthörer, der keiner ist, doch mehr war nicht los.“
 

„Das musst du mir erklären“. Koala sah sie fragend an, während Robin sich an ihrem Schreibtisch zurück lehnte und dabei die Arme vor der Brust verschränkte. Was sollte sie auch dazu sagen? Sie konnte nicht einmal selbst beschreiben was genau sie daran beschäftigte oder ihr nachhing. Immerhin gab es immer wieder Menschen, die nicht ganz der Norm entsprachen und auffielen. Das musste nichts negatives sein und, bei so vielen Menschen, die an einer Universität zusammen kamen war das auch nicht weiter ungewöhnlich. Es war nicht schlecht und machte den Alltag interessant. Die Ideen, die damit zusammen kamen waren immer wieder bereichernd und Robin erfreute sich gerne daran. Dennoch ließ sie das Gefühl nicht los, dass diese Begegnung anders gewesen war.
 

„Er kam nur für eine Vorlesung, weil ich ihm als Referentin empfohlen wurde. Und er hat mir etwas mitgebracht.“ Dabei deutete sie auf das Papierpaket. Später hatte sie gesehen, dass es eine einfache Papiertüte war in der sich tatsächlich ein Buch befand. Allerdings hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt es sich etwas genauer anzusehen, da sie dann doch immer wieder eingebunden gewesen war.
 

Und so war es nun Koala, die nach der Tüte griff und diese an sich zog. Während sie sich auf den Stuhl vor Robin’s Schreibtisch fallen ließ, zog sie das Buch heraus und würde sich dann den Einband ansehen.
 

„Vermutlich nur jemand, der Versucht eigene Dinge irgendwie in Umlauf zu bringen“, kommentierte Robin das ganze. Wenn man eine nette Geschichte um so etwas herum baute, dann versprach sich manch einer doch etwas mehr Erfolg davon und hoffte darauf den großen Wurf zu machen. Wenn man in eine Forschung hinein kommen wollte, glaubte etwas entdeckt zu haben und versuchte Aufmerksamkeit dafür zu erhaschen. Da sie seinen Namen nicht kannte konnte sie das zwar nicht einordnen und doch würde sie es nicht als zwingend unwahrscheinlich erachten.
 

„Hm, interessant“, kommentierte Koala das ganze und Robin zog fragend die Brauen hinauf. Dennoch musste sie auf die Antwort warten, bis Koala das Buch herumgedreht hatte, um ihr nun auch den Einband zu zeigen. Eine Geschichte der Kunstfälschungen. Ja, das war durchaus interessant. Eine dumpfe Erinnerung, die damit einher ging. Robin beobachtete, wie Koala durch das Buch blätterte, als eine Karte zwischen den Seiten hervor rutschte. Es wirkte wie eine Postkarte, was sich bestätigen sollte, als die andere die Karte hoch hob und Robin das Bild erkennen konnte. Kanada. Vancouver.
 

„Dem Guten schuldet wohl jemand ein Frühstück“, hörte sie Koala sagen, was sie nun doch dazu veranlasste sich vorzulehnen und nach der Karte zu greifen. Robin nahm die Karte an sich, würde noch einmal das touristische Bild auf der Vorderseite betrachten, bevor sie sich die Rückseite ansehen würde. Keine Adresse, kein Absender. Nur zwei Zeilen, die in einer geschwungenen Schrift geschrieben worden waren und, die ihr so bekannt war, dass sie sie auch noch in zehn Jahren wiedererkannt hätte.
 

„Es war schön mit dir. Aber du schuldest mir noch ein Frühstück.“
 

Über den Inhalt der wenigen Zeilen ließe sich sicherlich streiten, denn eigentlich war diese Forderung bereits umgesetzt worden aber viel wichtiger war wohl, was es zu bedeuten schien. Die Erkenntnis traf Robin völlig unvorbereitet und schien auch nicht der Realität zu entsprechen. Wie könnte das auch sein? Wie wäre so etwas möglich?
 

Nach allem was sie wusste war doch klar, dass vieles möglich war und doch wollte sie sich nicht gleich diesen Gedanken hingeben. Zu lange hatte sie gebraucht, um diese loszulassen und wieder aufzugeben. Sich nicht mehr daran festzuhalten an Hoffnungen, Wünschen, dem Gefühl etwas zu bereuen und etwas verpasst zu haben. Sie hatte deutlich länger damit zu kämpfen gehabt, als sie damals geglaubt hatte und nun wurde diese alte Wunde einfach so wieder aufgerissen? Ohne Vorwarnung und ohne, das man sie überhaupt gefragt hatte, ob sie das wollen würde?
 

Es war nicht fair.
 

Langsam fuhr sie mit den Augen jeden Buchstaben der geschwungenen Schrift ab, als wolle sie sich vergewissern, dass es nicht ihre Einbildung war, die ihr hier einen Streich spielte. Wobei der Inhalt des Textes sie eines besseren belehren sollte. Vorausgesetzt diese Nachricht war überhaupt an Robin adressiert, was sie nicht wusste. Auf der anderen Seite hatte er ihr das Buch gegeben über Fälschungen, eine Karte aus Kanada, das verpasste Frühstück, diese Schrift, wenn man all das zusammen nahm, dann konnte das nur eines bedeuten. Obgleich es unmöglich wäre.
 

Wie konnte so etwas sein?
 

„Robin?“
 

Sie hob den Blick und fasste Koala wieder ins Auge, die sie fragend ansah. Offenkundig war sie wohl etwas abgedriftet mit ihren Gedanken und benahm sich nicht ganz nachvollziehbar für die andere. Etwas das verständlich war, doch wollte sie ihr das alles erklären? Damals, als sie aus New York zurück gekommen war, hatte sie der anderen einige Fragen beantworten müssen und ja, sie hatten auch über Nora gesprochen. In allen Einzelheiten? Nein. Sicherlich nicht. Das hatte Robin zu verhindern gewusst. Dazu war es zum einen zu persönlich gewesen, zum anderen hatte sie keinen Sinn darin gesehen über eine Tote zu reden, wenn man an der Situation als solches nichts verändern konnte. Robin hatte für sich damit abschließen wollen, zumal auch nichts geschehen war, was ihr Empfinden aus ihrer eigenen Sicht gerechtfertigt hätte.
 

„Schon gut, ich musste nur an etwas denken.“
 

Es blieb ihr nichts anderes, als abzuwinken und das Thema wieder vom Tisch zu schieben. Wo sollte man dabei auch anfangen? Es würde keinen Sinn ergeben und, wenn sie ehrlich war, dann musste sie all das erst einmal für sich begreifen.
 

„Manchmal bist du ziemlich wunderlich, hat dir das schon einmal jemand gesagt?“
 

„Ich hörte davon.“
 

Zwar war die Formulierung oftmals eine andere, doch die Bedeutung blieb dennoch bestehen. Robin war sich ohnehin darüber bewusst, dass sie nicht immer nachvollziehbar für andere war und das musste auch nicht sein. Sie hatte gelernt all das nicht als eine Schwäche sondern als ihre Stärke zu betrachten. Die Welt anders zu sehen und sich anders in ihr zu bewegen, als andere, eröffnete manchmal eben auch Möglichkeiten, die Robin gelernt hatte für sich zu nutzen und dies auch in ihrer Arbeit eine große und wichtige Rolle spielte.
 

„Du solltest Feierabend machen. Die nächsten Tage werden und noch mehr einpassen, wenn sie die neuen Fundstücke bringen.“
 

„Bist du sicher?“
 

„Ja, geh schon.“
 

Koala würde sie noch für einen Moment etwas skeptisch mustern, das Buch dann aber wieder auf ihren Schreibtisch schieben und aufstehen. Robin wusste, dass sie Fragen hatte und Koala wusste wiederum, dass sie keine Antworten bekommen würde. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als sich mit diesem Rausschmiss abzufinden und ihre Sachen zusammen zu packen, damit sie sich auf den Weg machen konnte.
 

„Schön. Aber übertreib es heute nicht weiter, ja?“
 

„Geh schon.“
 

Und dann schob sie sich auch schon hinauf und würde Robin in ihrem Büro alleine lassen. Die Stille würde sie wieder umfangen, als sie dann auch nach dem Buch griff und es zu sich heran zog. Es war unwahrscheinlich, dass darin noch mehr verborgen war als die Karte, die wohl alle wichtigen Aussagen beinhaltete, doch Robin konnte nicht anders, als noch einmal hindurch zu blättern, als würde sie darin etwas konkreteres finden als das, was sie bereits in die Hände bekommen hatte.

Zwar würde sie auf ein paar Seiten inne halten, weil es dort tatsächlich Notizen gab, die gemacht werden waren, doch bezog es sich meist auf die Textstellen des Buches denen sie auch keine tiefere Bedeutung beimessen konnte auf den ersten Blick.
 

Nichts.
 

Robin griff ein weiteres Mal nach der Karte, betrachtete das Bild eingehend, drehte die Karte noch einmal um, doch es blieb das was es war. Eine Nachricht aus ihrer Vergangenheit. Ein Schatten, der nach ihr Griff und ihr nichts gab mit dem sie arbeiten konnte. Was genau sollte sie damit anfangen? Was war der Sinn dieser Nachricht?
 

Fragen auf die sie hier wohl keine Antwort bekommen würde und weswegen Robin die Karte dann wieder in das Buch hinein schieben und dieses in ihre Tasche hinein geben würde. Sie würde es mitnehmen und sich später weiter damit befassen. Es war kein Thema das hier richtig aufgehoben wäre und keines, was sie hier an sich heran lassen wollte. Dazu würde sie weit mehr Ruhe benötigen. Und Abstand.
 


 

***
 


 

Robin stellte das Glas auf ihren Couchtisch und würde sich auf das Sofa davor sinken lassen. Ihr Blick richtete sich auf das Buch, welches sie ebenfalls dort liegen hatte, gemeinsam mit der Karte. Beides gab ihr noch immer Rätsel auf und noch immer wusste sie nicht so recht, wie sie es für sich einordnen sollte. Seit damals war viel geschehen. Auch in Bezug auf den Fall an dem sie gearbeitet hatten. Vieles hatte sie nur aus den Meiden erfahren, da sie sich nach dem Unfall aus dem Fall zurückgezogen und keine weitere Zusammenarbeit gewünscht hatte. Und das, was am Ende durch die Medien gegangen war? Ein Skandal in einem Nachtclub von New York und einige Festnahmen in diesem Zusammenhang. Offiziell war es dabei zwar um Drogen gegangen und es hatte keinen Zusammenhang zu dem getöteten Politiker oder dem Menschenhandel gegeben aber Robin war auch davon ausgegangen, dass man diese Nachrichten auch nicht hatte öffentlich machen wollen. Für sie war es ein zu großer Zufall im Rahmen des Ganzen gewesen, als das es keinen Zusammenhang gegeben hätte.
 

Und damit hatte sie recht behalten sollen. Franky hatte später versucht sie zu erreichen und ihr eine Sprachnachricht hinterlassen, nachdem sie sich geweigert hatte seine Anrufe anzunehmen. Das FBI hatte sich in den Fall eingemischt. Es hatte einige Festnahmen gegeben unter anderem auch innerhalb des NYPD. Ein Beamter aus der Aservatenkammer, Rattengesicht hatte Franky ihn genannt. Auch der Chief des Department. Zudem noch ein Kerl, dem eine Bar gehört hatte in der viele der Cop’s ihre Abende verbracht und vermutlich oft genug über die Fälle gesprochen hatten. Ob das alles noch tiefer gegangen war, das wusste Robin nicht. Fakt war nur, dass aus heiterem Himmel etwas geschehen war, das man eigentlich für unmöglich gehalten hatte. Woher das FBI seine Informationen gehabt hatte? Das war unklar gewesen. Franky hatte es so beschrieben, dass sie einfach gekommen und gehandelt hatte. Ihn hatte man ausgeschlossen nach einer ausführlichen Befragung und dann hatte er unverrichteter Dinge gehen müssen. Der Fall, der ihn so eingenommen hatte existierte auf plötzlich nicht mehr. Robin vermochte nicht zu sagen, wie er sich gefühlt haben mochte.
 

Sie hatte nur erahnen können, wie es war, wenn nur leere blieb.
 

Es hatte alles so groß und bedrohlich gewirkt. Und dann auf einmal hatte sich alles einfach so in Wohlgefallen aufgelöst. Damals hatte Robin es nicht hinterfragt, weil sie einfach hatte abschließen wollen. Für sie war nur wichtig gewesen, dass diese ganze Stadt keine Rolle mehr in ihren Leben spielte. Und wenn, dann nur unter ihren Bedingungen.
 

Wenn sie nun das Buch ansah und eine Möglichkeit in betracht zog, die damit zusammen hing, dann ließ es manche Ereignisse in einem anderen Licht erscheinen. Vielleicht gab es noch eine andere Möglichkeit eine, bei der sie damals vielleicht nicht das ganze Bild gesehen hatten.
 

Was es auch war, sie würde es nur herausfinden, wenn sie sich weiter damit beschäftigen würde. Und so zog sie das Buch an sich heran und würde es sich genauer ansehen. Ob der Inhalt ihr Hinweise liefern würde? Das setzte wohl voraus, dass es überhaupt Hinweise gab, die sie finden konnte und diese Karte nicht alles war, was sie bekommen würde. Vielleicht ging es auch nicht darum, dass Robin etwas herausfand und dem ganzen weiter nachging. Es war auch möglich, dass man ihr auf diesem Weg lediglich eine Information zukommen lassen wollte.
 

War das befriedigend? Nicht für jemanden wie Robin. Mit klaren Fakten konnte sie arbeiten doch mit dem, was ihr in diesem Fall gegeben wurde fiel es ihr äußerst schwer zurecht zu kommen. Es war noch nie ihre Stärke gewesen Rätsel auf sich beruhen zu lassen, wenn sie einmal damit begonnen hatte. Wenn sie also nicht wollte, dass sie diese Sache weiter mit sich herum trug würde sie dem ganzen auf den Grund gehen und einen Abschluss für sich finden müssen. Wieder einmal.
 

Und so würde sie damit anfangen was vielleicht der erste, logische Schritt in dieser Sache war. Sie würde das Buch lesen und sich mit dessen Inhalt vertraut machen.

curiosity


 

2021 - New York


 


 

„Du wirst sie also nicht wiedersehen?“
 

„Sie hat davon gesprochen, dass wir zusammen ziehen können und das sie glaubt ich sei eine gute Mutter.“
 

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“
 

Nami seufzte und lehnte sich an die Wand, nachdem sie die letzten Stufen zu ihrer Etage genommen hatte. Dabei beobachtete sie ihre Schwester, wie diese die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss und dann als erstes in den Flur hinein trat. Kopfschüttelnd folgte Nami ihr hinein und schob die Tür hinter sich zu.
 

„Auf keinen Fall. Ich will weder eine feste Beziehung, mit jemandem zusammenziehen. Geschweigedenn Kinder. Seh ich aus als würde ich mein Leben beenden wollen?“
 

Sie lief einfach weiter durch den Flur in die Küche. Vorbei an Nojiko, die sich wenigstens die Zeit nahm, um ihre Schuhe von den Füßen zu streifen und ihre Tasche liegen zu lassen. Etwas wofür Nami nicht die Nerven hatte. Das alles regte sie schrecklich auf. Warum musste es immer kompliziert werden? Ganz gleich was und wie sie es kommunizierte, am Ende schien niemand mehr etwas davon wissen zu wollen und zu glauben sie eines besseren belehren zu können. Als wüsste Nami selbst nicht was für sie und ihr Leben das beste sei.
 

„Kinder zu bekommen beendet doch nicht dein Leben. Mum war auch nicht unglücklich darüber.“
 

„Mum wollte es auch. Ich nicht. Es ist vollkommen okay keine Kinder zu wollen Nojiko.“
 

Auf die Diskussion würde sie sich nicht wieder einlassen. Nur, weil sie es konnte bedeutete das nicht, dass sie es auch wollte. Im Gegenteil. Für Nami war das keine Option, selbst wenn sie ihr Leben nicht diesem Arschloch von Stiefvater verschrieben hätte. Eine Bezeichnung, die sicherlich nicht richtig für ihn war. Nami sah ihn nicht als ihren Vater an, nicht einmal im Ansatz. Dennoch war das nun einmal das, was man auf offiziellen Dokumenten finden würde, würde man sich genauer damit befassen. Doch jetzt gerade hatte es keine Relevanz. Nicht für Nami zumindest, denn wichtig war nur, dass sie auch unabhängig davon nicht wollte das ihr Date bei einem zweiten Treffen schon in die Familienplanung einstieg. Besonders dann nicht, wenn Nami klar gesagt hatte, dass sie nur ein wenig Spaß wollte. Was war an diesen Worten misszuverstehen? Vielleicht sollte sie sich in Zukunft anders ausdrücken. Wie genau und, ob das helfen würde, das wusste sie nicht. Aber vielleicht gab es für solche Belange auch keine wirklich gute Lösung und sie sollte dem ganzen einfach abschwören. Wieder zurück zu ihren Regeln. One Night Stands.
 

„Schön. Dann wirst du sie also nicht wiedersehen. Wie sieht sie das?“
 

„Sie ist nicht begeistert“, wandte sie nur nüchtern ein. Dabei legte sie die ganze Post, die sie aus dem Briefkasten mit hinauf genommen hatte, auf den Küchentisch. Dort würde sie stehen bleiben und langsam anfangen diese durchzugehen, während ihre Schwester zum Kühlschrank lief. „Hört nicht auf zu schreiben und ich glaube nicht, dass sie es einfach so akzeptieren will.“

Das, was Nami daran störte war der Umstand, dass sie immer wieder durch den Prozess einer Trennung gehen musste, obwohl sie keine Beziehungen führte. Es war ein Prozess, der nicht nur Zeit sondern vor allem auch Energie verlangte. Zumal Nami zwar egoistisch aber kein Unmensch war. Es lag ihr durchaus fern die Gefühle anderer zu verletzen, auszunutzen oder eine andere Person leiden zu sehen. Deswegen versuchte sie so klar wie möglich zu kommunizieren. Und doch wurde es ihr am Ende immer schwer gemacht, denn das einzige was wirklich half war; ein Arschloch sein. Wenn Grenzen nicht verstanden wurden musste Nami deutlich und manchmal auch verletzend werden. Das war nicht schön. Für beide Seiten nicht aber hier würde es am Ende sicherlich wieder darauf hinaus laufen.
 

„Ich verstehe nicht, wieso du dir das immer wieder antust, wenn du es doch nicht willst.“
 

„Du tust so, als würde ich mir das freiwillig aussuchen“, wandte Nami ein und ließ sich dann auf den Küchenstuhl sinken. Dort fing sie an ihre Schnürsenkel zu öffnen und ihre Schuhe abzustreifen, während sie ihre Gedanken weiter formulierte. „Ich sage immer klar was ich will und was nicht und dann passiert es trotzdem.“
 

„Wenn man immer wieder in den gleichen Mustern endet, dann sollte man sich Gedanken darüber machen, was man ändern muss“, erklärte Nojiko dann auch nur. Das sie Nami unterschwellig unterstellte, dass sie selbst daran Schuld war? Nun, das hatte sie durchaus verstanden. Die Frage war am Ende aber auch, was für Muster waren das und zu welchem Zweck sollte sie es verändern? Immerhin war sie nicht darauf aus eine Beziehung zu führen. Nami wollte einfach nur ein wenig Spaß und Entspannung. Vielleicht konnte man ihr nahelegen, dass es auch die Möglichkeit geben würde sich diesen Spaß und die Entspannung zu kaufen. Damit hätte sie die wenigsten Probleme doch das war nicht ihr Ding. Vielleicht, weil Nami die Schattenseiten so gut kannte, vielleicht aber auch weil sie mit dem Gedanken nichts anfangen konnte, dass ein Mensch mit ihr Sex hatte, weil sie dafür zahlte. Sie empfand es nicht als sexy könnte man vereinfacht sagen.
 

„Könnte man. Ich könnte mich aber auch mit anderen Dingen befassen.“ Warum mit sich selbst? Ihr Leben war doch ohnehin schon verkorkst genug. Wobei das vielleicht etwas sehr dramatisch klang aber ihr Leben gehörte eben Aron. Er bestimmte ihren Beruf, ihre Arbeitszeiten und verlangte, dass sie ihm jederzeit zur Verfügung stand. Wenn man davon absah, dass sie nichts legales machte und er manchmal schrecklich viel Druck aufbaute, könnte man auch sagen, dass er einfach ein beschissener Boss war. Nur, dass Nami keine Option für eine Kündigung hatte und er gerne damit drohte, dass Nojiko ihr Fehlverhalten ausbaden müsste. Drohungen von denen sie leider wusste, dass sie wahr werden konnten. Doch solange er nur verlangte, dass sie irgendwelche Lieferscheine und Geld fälschte, ab und an vielleicht ein Ausweis.. das war in Ordnung. Nicht gut oder legal aber doch etwas mit dem sie sich arrangieren konnte.
 

„Und mit was zum Beispiel?“
 

Nojiko hatte sich etwas Saft aus dem Kühlschrank geholt und stellte auch Nami eines vor die Nase. Orangensaft. Nami nahm derweil eine Karte auf, die sie die Brauen zusammenziehen ließ. Merkwürdig war das und so würde sie diese auch zu Nojiko schieben, anstatt ihr auf ihre Frage zu antworten.
 

„Kennst du jemanden in Schweden? Ein Verehrer von dem ich nichts weiß?“
 

„Ich bitte dich, du weißt, dass dort nichts mehr ist“, brummte Nojiko verstimmt. Ja, Nami wusste das. Seit sie damals als Kinder von dort weggebracht worden waren, waren sie nicht mehr in ihrer Heimat gewesen. Stockholm und das Leben, welches sie dort mit ihrer Mutter geführt hatten war eine fortwährend verblassende Erinnerung. Schulfreunde, die sie damals gehabt hatten waren einfach so aus ihrem Leben verschwunden und sie hatten keinen Kontakt halten dürfen und selbst die Sprache war verblasst. Als Kinder hatten sie Englisch sprechen müssen, Aron hatte sich schnell angewöhnt Schwedisch nicht mehr zu nutzen, wenn er mit ihnen zu tun hatte. Und auch sonst war die Sprache einfach aus ihrem Alltag verschwunden. Sicherlich würde Nami noch das ein oder andere verstehen, wenn sie müsste doch fehlerfrei sprechen? Nein. Eine Erkenntnis, die ihr damals einen bitteren Beigeschmack beschert hatte, als sie versucht hatte sich ein Video auf YouTube anzusehen. Es war ihre Muttersprache und dennoch war es nicht einfach gewesen. Mit Nojiko konnte sie sich auf Schwedisch verständigen, doch sie hatten in der Schule nicht alles gelernt. Grammatik und anderes, was ihnen unter diesen Umständen hätte helfen können. Entsprechend war die Art, wie sie auf Schwedisch sprachen sicherlich eine andere. Doch wer war sie schon das zu beurteilen?
 

„Und was soll dann die Postkarte?“
 

„Keine Ahnung.. ich vermisse dich..?“, laß Nojiko den Text auf der Karte vor. Darunter war eine Nummer notiert. Offensichtlich eine Schwedische. Diese Vermutung lag nahe, denn das Bild auf der Karte zeigte verschiedene Altbauten. Darunter stand in geschwungenen Lettern „Stockholm.“ Es war also keine Frage der Interpretation um welchen Stadt es sich hierbei handelte.
 

„Wer sollte uns vermissen?“
 

„Dich, es steht deine Adresse darauf“, korrigierte Nami sie und würde von ihrem Saft trinken. Ob das eine Rolle spielte? Das war fraglich. Jedoch hatte niemand die Karte unterschrieben. Kein Hinweis darauf, wer sie geschrieben haben könnte.
 

„Ist doch egal. Wir sind weg, als wir klein waren. Und selbst, wenn sich dort jemand an uns erinnert, niemand hat unsere Adresse.“
 

„Deine Adresse.“
 

„Ach, hör schon auf.“ Nojiko schüttelte den Kopf und würde die Karte zur Seite legen, als wolle sie sich nicht weiter damit beschäftigen. Nami verstand durchaus warum. Es war wie ein Stein, den man im Schuh hatte und nicht loswerden konnte. Die Erinnerung an ihre Kindheit dort und an ihre Mutter verblasste immer mehr, auch Nami konnte es spüren. Und gleichzeitig war da noch immer dieser Schmerz. Ein Schmerz, den man nicht beschreiben konnte und den nur jene verstehen konnten, die einen ähnlichen, grausamen Verlust hatten ertragen müssen. Es war besser geworden, doch verschwinden? Nein, das würde niemals verschwinden. Die Zeit heilt alle Wunden? Vielleicht mochten sie heilen, doch manche Wunden hinterließen Narben und die, die würden nicht verschwinden. Ganz gleich wie viel Zeit auch vergehen mochte.
 

„Vermutlich ist das nur ein Scam. Irgendein Idiot, der Postkarten verschickt und darauf hofft, dass man ihn anruft. Nur, um dann versuchen zu können an das Geld von gutgläubigen Opfern zu gelangen.“
 

„Ist das nicht ein bisschen sehr aufwändig?“ In Zeiten des Internet und Datenlecks gab es immerhin genug Möglichkeiten an Informationen heran zu kommen, die man nutzen konnte, um gutgläubigen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das gab es in den verschiedensten Varianten und Facetten. Der Fantasie waren schier keine Grenzen gesetzt. Und vor allem; man musste nicht investieren. Eine Postkarte zu schicken kostete. Besonders, wenn man es in Massen machte, um darüber vielleicht jemanden zu betrügen?
 

„Es gibt Idioten da draußen. Warum nicht auch einen, der so etwas macht?“
 

„Weil es Schwachsinn ist“, murmelte Nami nur. Genau das war es und sie konnte sich nicht vorstellen, dass das so einfach war. Schweden. Sie glaubte nicht wirklich an Zufälle auch, wenn sie das noch nicht wirklich einordnen konnte.
 

„Schön. So oder so kannst du das mit allem anderen in den Müll werfen und dir lieber Gedanken darüber machen, was wir essen und welchen Film wir uns anschauen wollen.“ Und damit war das Thema zumindest für ihre Schwester erledigt. Sie erhob sich und machte sich auf den Weg, vermutlich in ihr Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Sollte Nami vielleicht auch machen, damit man sich einen gemütlichen Filmabend machen konnte. Der Plan war ohnehin, dass sie heute hier übernachten würde. Und doch würde sie sich noch einmal die Karte nehmen und sie ansehen.
 

„Nami!“
 

Schnaufend verdrehte sie die Augen. Nojiko kannte sie wohl zu gut und wusste, dass sie manches nicht einfach so stehen lassen konnte. Egal. Sie räumte alles zusammen und würde aufstehen. Dabei faltete sie die Karte allerdings zusammen und würde sie sich in ihre hintere Hosentasche schieben. Wegschmeißen konnte sie das noch immer, wenn sie sich später noch einmal ein paar Gedanken dazu gemacht hatte.
 

Heute allerdings war es sicherlich besser, wenn sie sich auf den gemeinsamen Abend mit ihrer Schwester konzentrierte. Es war schon wieder viel zu lange her, dass sie einfach einen Abend für sich gehabt hatten und ja, den wollte sie wirklich genießen.
 


 

***
 


 

Der Geruch von frischem Kaffee stieg ihr in die Nase. Es war ein schöner Abend gewesen und nun startete man gemütlich in den Tag. Sie hatten sich dazu entschieden, dass sie gemütlich Zuhause frühstücken würden anstatt in ein Café zu gehen. Nami hatte bei Schere-Stein-Papier verloren und so kam ihr die Aufgabe zu besagtes Frühstück zu beschaffen. Ob Nojiko in der Zeit noch im Bett lag oder wenigstens schon einmal unter die Dusche gestiegen war, das war offen. Nami spekulierte allerdings eher darauf, dass sie zumindest den Tisch gedeckt und sich dann wieder ins Bett gelegt hatte.
 

Wobei auch das überflüssig wäre. Ein gemütliches Frühstück im Bett? Nami würde das durchaus machen. Es hing allerdings eher an Nojiko. Man mochte es kaum glauben, doch ihre Schwester konnte manchmal sehr penibel sein, wenn es um die Sauberkeit in ihrer Wohnung ging. Vermutlich hing es damit zusammen, wie sie aufgewachsen waren und damit, dass man ihnen früher kaum die Möglichkeit gegeben hatte ihr Zimmer sauber zu halten. Die Einzelheiten waren dabei nicht wichtig, doch es war oft eher grenzwertig gewesen. Nami war damit besser zurecht gekommen und sah das heute weniger eng, doch sie war auch öfter aus diesem Raum heraus gelassen worden, während man Nojiko fast konstant dort eingesperrt hatte.
 

Vielleicht würden sie also nicht im Bett frühstücken. Das Wohnzimmer konnte ein guter Kompromiss sein. Hauptsache sie konnte wieder aus dieser Jeans heraus. Es würde sicherlich niemanden stören, hätte Nami die Besorgungen in einer Jogginghose machen können. Nur war das eben nicht ihr Stil und nichts worin sie sich wohl fühlte. Wer wollte sich schon mit einer Hose, die man draußen getragen hatte, wieder ins Bett legen? Das passierte zumindest nicht in ihrer Welt.
 

Glücklicherweise lebte Nojiko in einer Gegend, wo man alles nötige schnell zu Fuß erreichen konnte. Es war kein Aufwand von mehr als einer halben Stunde, nach der sie wieder in das Gebäude hineintreten würde, in dem sich die Wohnung ihrer Schwester befand.
 

„Guten Morgen Miss Frig“, grüßte sie beim eintreten die ältere Dame, die ihr entgegen kam. Nami würde ihr die Tür aufhalten, damit sie es ein wenig leichter hatte, was ihr ein warmes Lächeln einbrachte.
 

„Guten Morgen Liebes. Ich hab dich lange nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?“
 

„Danke, gut. Viel Arbeit. Wie geht es ihnen?“
 

„Das Knie macht noch immer Probleme, sie wissen ja“, plapperte sie drauf los und Nami würde lächelnd nicken. Zwar lief sie Nojiko’s Nachbarin nur selten in die Arme, doch inzwischen wusste sie durchaus genug über ihr Leben. Fast so viel, wie man es auch bei guten Bekannten tat und das war durchaus ein Level auf dem sie diese Frau nicht einordnen wollte.
 

„.. Jedenfalls muss ich jetzt zum Arzt. Sie sollten mal auf einen Kaffee vorbei kommen“; beendete sie dann auch ihre kurze Erzählung, der Nami keine wirkliche Beachtung geschenkt hatte. Es endete ohnehin meistens gleich und bisher hatte sie es vermeiden können diese Einladung in die Tat umzusetzen.
 

„Das werde ich sicher bei Gelegenheit. Ich wünsche ihnen alles Gute!“
 

Nami würde die Tür wieder zufallen lassen und sich dann auf den Weg hinauf in den vierten Stock machen. Kein Aufzug aber wenigstens hielt es einen fit, wenn man es ständig machen musste. Das war zumindest Nojiko’s Ausrede dafür, warum es eine gute Wohnung war und, dass Nami durchaus froh sein konnte, dass ihre Wohnung nicht im sechsten Stock lebte. Whataboutism. Oder so ähnlich. Egal. Nami war jedes Mal froh, wenn sie oben angekommen war und die Tür zu ihrer Wohnung aufschließen konnte. Das war eindeutig zu viel Sport für einen frühen Morgen gewesen!
 

Nami schob ihre Schuhe von den Füßen und machte sich auf den Weg in die Küche, um dort alles abzustellen und in die Wohnung hinein zu lauschen. Es war nicht still, wie sie es erwartet hatte. Tatsächlich hörte sie Wasserrauschen, was darauf hindeutete, dass Nojiko es tatsächlich aus ihrem Bett geschafft hatte. Gut. Also würde Nami so frei sein das Wohnzimmer als Ort für ihr Frühstück zu wählen.
 

Beagle und Croissants wurden auf einen Teller gelegt, Kaffee aufgesetzt und das nötige Geschirr zusammen zu suchen. Tassen, Teller, Besteck. Aufstrich und andere Sachen. Eben das, was Nojiko’s Kühlschrank hergab. Das war durchaus mehr als der von Nami. Sie selbst neigte dazu sich Essen immer unterwegs zu holen. Es gab immerhin genug Foodtrucks in der ganzen Stadt bei denen man gut und günstig essen konnte. Warum sollte sie sich also sie sich also die Mühe machen zu kochen, obwohl es andere besser konnten?
 

Glücklicherweise konnte sie hier aber auf eine gute Auswahl zurückgreifen und das würde sie dann auch ins Wohnzimmer bringen, um dort alles aufzubauen und anschließend nur noch auf den Kaffee und ihre Schwester warten zu müssen. Wir lange das dauern würde? Müsste Nami raten, dann würde sie wohl darauf setzen, dass der Kaffee vor Nojiko fertig sein würde.
 

Noch während sie darüber nachdachte, wie sie ihre Zeit bis dahin verbringen wollte, spürte sie etwas in ihrer Hosentasche. Nicht einfach so, immerhin hatte Nami sich eigentlich auf die Couch setzen wollen, doch diese Bewegung sorgte dafür, dass der Gegenstand in ihrer Tasche einen leichten Widerstand mit sich brachte. Sie griff nach hinten und fuhr in die Tasche, bevor sie sich doch setzte und die zusammengefaltete Karte anblicken würde, die sie aus der Tasche gezogen hatte. Hatte sie fast schon wieder vergessen, dass da noch etwas war mit dem sie sich eigentlich beschäftigen wollte. Und da Nojiko nicht hier war, um ihr in das alles hinein zu reden? Konnte sie sich die Karte auch noch einmal etwas genauer ansehen.
 

Die Altbauten auf dem Bild waren in einem Comic-Stil gehalten. Die Karte wirkte bunt, obgleich die Farben nicht besonders knallig waren. Erinnerte eher an etwas das zu einem Kind passen würde und sie vermutete auch, dass solche Karten entweder von Kindern verschickt oder ihnen mitgebracht wurden. Das nächste war die Stadt. Was Nami und Nojiko damit verbanden war wohl nicht weiter zu debattieren. Man könnte sagen es war ihre Heimat, obgleich Nami es nicht mehr als solches bezeichnen würde. Konnte man sich irgendwo heimisch fühlen, wo man kaum Zeit verbracht hatte? Sie würde sich niemals als Schwedin vorstellen und diese Frage war ihr auch noch nie gestellt worden. Denn am Ende des Tages? War sie in Amerika aufgewachsen und verband mit diesem Land weit mehr, als mit Schweden. Und doch könnte sie nicht sagen, dass es ihr egal sei. Manchmal stellte Nami sich vor, dass sie ein anderes Leben dort zurückgelassen hatte. Wie ihr Leben heute aussehen würde, wenn diese eine, verhängnisvolle Nacht nicht gewesen wäre? Kaum vorstellbar. Es wäre einfach anders. Alles.
 

Um diese doch eher düsteren Gedanken zu vertreiben würde Nami die Karte herumdrehen und sich nun die Rückseite ansehen. Adressiert war das ganze an ihre Schwester, mit einer sehr einfachen Nachricht. Doch was sagte das inhaltlich? Man konnte nur jemanden vermissen, den man kannte. Jemanden, der ein Teil des eigenen Lebens gewesen war. Wenn diese Nachricht also ernst gemeint war, wovon man nicht zwingend ausgehen konnte, dann müsste Nojiko die Person kennen. Doch, selbst wenn das der Fall wäre, niemand aus Schweden kannte ihre Adressen. Sie hatten den Kontakt zu allen Personen verloren, als sie noch Kinder gewesen waren und hatten später nicht versucht jemanden zu erreichen.
 

Also war es doch nur ein dummer Zufall?
 

Nami tat sich schwer damit das zu glauben. Sie betrachtete die Handschrift, die sehr unordentlich wirkte. Keine Frau, zumindest wenn sie raten müsste. Männer schrieben zumeist so, was die Auswahl doch ein wenig eingrenzet und sie dennoch nicht weiter brachte. Ein Mann? Wer sollte das sein und sie vermissen?
 

Am Ende gab es wohl nur einen Weg herauszufinden, was es mit all dem auf sich hatte. Immerhin stand dort auch eine Nummer, als eine vermeintliche Aufforderung den Kontakt aufzubauen. Mit wem? Würde man wohl nur erfahren, wenn man sich auf dieses Risiko einlassen würde. Sollte sie es tun? Nami blickte nachdenklich über die Schulter und lauschte wieder in die Stille hinein. Es war kein Wasser mehr zu hören, was wohl bedeutete, dass Nojiko bald fertig sein würde. Aber auch das war wohl eine eher dehnbare Zeitangabe und hätte wohl eher damit zu tun wie ausgiebig ihre Schwester ihre Morgenroutine betreiben wollte.
 

Egal.
 

Sie würde ihr Handy aus der Tasche ziehen und es entsperren, bevor sie die notierte Nummer eingeben würde. Bis hierher war es eine sichere Sache und Nami zögerte nicht. Erst, als sie mit dem Daumen über dem grünen Hörer verharrte kamen doch kurze Zweifel auf. Sollte sie das wirklich machen? Einem Streich hinterher jagen, den sich irgendein Freak ausgedacht hatte? Vielleicht hatte Nojiko irgendwann doch einmal mit einem Date über ihre Herkunft gesprochen und, nachdem sie ihn abserviert hatte, versuchte er es nun auf die Tour? Sicherlich eine ziemlich paranoide Vorstellung und in dem Fall wäre es auch besser zu wissen, woran man war.
 

Sie ließ das Handy wählen und blickte einen Moment auf das Display. Dumpf konnte sie das Freizeichen hören, obwohl der Lautsprecher nicht einmal eingeschaltet war. Etwas daran machte sie Nervös auch, wenn Nami nicht einmal genau sagen konnte was es war. Warum sollte sie so etwas nervös machen? Dafür gab es keinen Grund.
 

Dennoch würde sie sich erheben und das Handy nun an ihr Ohr legen, um das Freizeichen klarer hören zu können. Unnatürlich laut hallte es in ihren Ohren wieder. Vielleicht sollte sie doch besser auflegen. Ihre Nummer wurde zwar unterdrückt aber wer wusste schon wie hoch die Kosten sein würden, die sie sich mit diesen wenigen Sekunden aufhalsen würde.
 

Noch während sie darüber nachdachte, verschwand das Freizeichen auf einmal. Stille. Nami zog die Brauen zusammen, immerhin hatte sich niemand am anderen Ende der Leitung gemeldet, so dass sie kurz das Handy sinken ließ und auf den Bildschirm blickte. Der Anruf lief, also musste jemand abgenommen haben!
 

Sie hielt sich das Handy wieder ans Ohr, doch dort konnte sie noch immer nichts hören. Also doch ein Scam?
 

„Hallo?“ fragte sie dann aber doch in die Stille hinein. „Ich rufe wegen der Karte an, die sie meiner Schwester..“, begann Nami mit ihrer Erklärung, als sie doch etwas am anderen Ende der Leitung hörte. Ein Seufzen? Schluchzen? Nein. Das war es nicht. Aber irgendetwas..
 

„Du warst schon immer die Neugierigere von euch beiden“, hörte sie eine Männerstimme schließlich sagen. Etwas daran ließ Nami die Brauen zusammenziehen, als würde es an einer längst vergessenen Erinnerung rütteln.
 

„Wie bitte?“ hakte sie nach, während sie versuchte die Stimme einzuordnen. Nami wusste, dass ihr das alles etwas sagen sollte, dich sie kam einfach nicht darauf.
 

„Weiß sie, dass du hier anrufst oder machst du es heimlich, weil sie dagegen war?“ Sie glaubte einen belustigten Unterton in der Stimme wahrnehmen zu können, den sie aber auch hier nicht ganz einzuordnen wusste. Was sie aber am meisten an all dem störte war aber der Umstand, dass dieser Kerl sie kannte. Gut genug, um sie so treffend einzuschätzen.
 

„Wer sind sie?“
 

Am anderen Ende der Leitung konnte sie wieder ein Seufzen hören, während hinter ihr eine Tür geöffnet wurde. Nojiko war anscheinend fertig nur, dass Nami noch nicht so weit war. Sie hatte noch immer nicht herausgefunden, was es mit dieser verdammten Karte auf sich hatte und nun spielte dieser Kerl Spielchen?
 

„Du bist inzwischen ziemlich höflich dafür, dass du früher so ein Rotzlöffel warst“, kam es dann aber doch und Nami hielt inne. Sie spürte wie ihre Augen feucht wurden und der Blick ein wenig verschwamm. Das konnte nicht sein!
 

„Willst du etwa hier essen?“ Nojiko stand hinter ihr und schien über den angedachten Kompromiss wohl wenig begeistert zu sein. Doch darauf konnte Nami sich nun nicht konzentrieren. In ihrem Kopf drehte sich alles, während sie versuchte all diese Puzzleteile irgendwie zusammen zu setzen. Dabei drehte sie sich langsam zu ihrer Schwester herum, die sie nun doch fragend ansah, als sie bemerkte, das sich Nami in einem Telefonat befand. Doch sie konnte sich nicht darauf konzentrieren. Nicht wirklich zumindest. Denn in ihrem Kopf wurde eine Frage immer lauter und schien alles andere zu überschatten.
 

„Onkel Genzo?“

exit


 

2023 - New York - Tag 5
 


 

„Wo warst du?“
 

„In der Bibliothek, hast du das nicht gesehen?“
 

„Nein Nami. Ich kann nicht jeden deiner Schritte nachverfolgen.“
 

War er genervt? Besorgt? Vermutlich beides und das konnte sie ihm nicht einmal verübeln, so wie die Lage stand. Das ihm dabei die Hände gebunden waren und er nicht helfen konnte, wie er das wollte erschwerte die ganze Sachlage nur weiter. Dennoch und vielleicht gerade deswegen sah Nami sich aber nicht gezwungen ihr Leben von zwei Seiten auf Schritt und Tritt überwachen zu lassen. Alles hatte seine Grenzen und darin lagen ihre.
 

„Außerdem meinte ich das nicht. Gestern Abend, mir wurde gesagt, dass du dich offenbar aus dem Café geschlichen hast.“
 

„Und?“
 

„Nami..“ Er seufzte schwer, klang angestrengt und müde. Und ja, es war anstrengend und ermüdend. Doch das Nami absolut paranoid wurde und das Gefühl hatte jede Sekunde überwacht zu werden, obwohl das vielleicht nicht stimmte, das war in Ordnung? Nein. War es nicht. Und für sie hatte festgestanden, dass diese Sache mit Robin nicht zum Gegenstand solcher Unterhaltungen werden sollte. Deswegen hatte sie sich auf der Fahrt zu Robin auch noch einmal absetzen lassen, war in einer Mall verschwunden und untergetaucht, bevor sie wieder in ein anderes Taxi gestiegen war.
 

„Außerdem bin ich nicht aus dem Café geschlichen.“
 

„Du hast ihn auf der Fahrt abgehängt.“
 

„Sollte er nicht dafür ausgebildet sein, damit genau das nicht passiert?“ Ja, vielleicht wollte sie es ein wenig provozieren, doch sie war wütend. Denn anstatt ihr zu helfen glaubten diese Leute, dass sie sich in ihr Leben einmischen und darüber verfügen könnten, während Nami bei dem kleinsten Fehler sterben könnte. Sie riskierte ihr Leben und wofür? Für nichts. Hätte sie damals gewusst, dass man sie in dieser Scheiße einfach im Stich lassen würde, dann hätte sie sich niemals darauf eingelassen. Sie hätte einen anderen Weg gefunden.
 

„Wo warst du?“ wurde die Frage nur wieder wiederholt. Seine Stimme war angespannt, genervt. Doch darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. Auch, wenn sie wusste, dass er da war um zu helfen. Er hatte sie gefunden, hatte den Kontakt hergestellt. Ja, er versuchte sein Möglichstes, um sie aus der Sache heraus zu holen und war sicherlich der Letzte, dem sie Vorwürfe machen sollte. Und doch; er hockte in einem sicheren Büro, während ihr der ganze Mist hier um die Ohren flog.
 

„Das spielt keine Rolle.“
 

„Verdammt, Nami!“
 

Sie verdrehte die Augen, als sie die Treppen zur Metro hinunter lief. Es war die schnellste Möglichkeit, um durch die Stadt zu kommen, obgleich sie nicht besonders scharf darauf war Nachhause zu fahren. Vivi würde sie nur über den vergangenen Abend ausfragen wollen in der Hoffnung, dass Nami endlich die Frau fürs Leben gefunden hatte. Nur, dass diese Frau sich merkwürdig verhalten hatte und sie keine Ahnung hatte wann und ob sie die andere wiedersehen würde. Es war schwierig. Doch in der Metro war sie wenigstens umgeben von Menschen und Geräuschen. Stille konnte Nami gerade nicht besonders gut aushalten auch, wenn so ein Ort natürlich viel Raum gab, um sie zu beobachten.
 

„Kannst du dir vorstellen, dass ich es manchmal auch brauche alleine zu sein? Ohne das er oder ihr mich überwacht?“ Oder entzog sich das seiner Vorstellungskraft? Manchmal war sie sich nicht sicher, ob überhaupt jemand daran dachte wie es ihr damit ging. Gerne würde sie sich bei Nojiko darüber beschweren doch, da ihre Schwester nicht einmal die Hälfte der ganzen Situation kannte, half ihr das wenig. Genzo und sie hatten sich darauf geeinigt sie so gut wie möglich aus allem heraus zu halten. Das wiederum machte es Nami aber schwerer, da sie alleine mit vielem auskommen musste.
 

„Ich weiß es ist schwer für dich aber-“
 

„Nein, du weißt es eben nicht, genau das ist das Problem. Weißt du was beim NYPD los ist? Kannst du dir vorstellen, was das für mich bedeutet?“ Es lag ihr durchaus fern nun hysterisch zu werden, sie war noch in der Öffentlichkeit. Doch er machte es ihr wahnsinnig schwer ruhig zu bleiben und das alles locker und diplomatisch zu sehen.
 

„Ich weiß, wir abreiten dran, okay? Du musst noch ein bisschen durchhalten.. bist du draußen?“
 

„In der Metro, ich fahre zu Vivi.“
 

Klar, das war es was ihn interessierte. Sie war draußen und auch, wenn das eine angeblich sichere Leitung war, die man eingerichtet hatte war es natürlich ungünstig, wenn sie in aller Öffentlichkeit darüber sprach. Dabei fand Nami das weit weniger fragwürdig als er. New Yorker waren mit sich selbst beschäftigt. Die meisten hatten Kopfhörer auf, führten eigene Gespräche oder lauschten der Straßenmusik, die in den Bahnen gespielt wurde. Es gab sicherlich keinen Ort, an dem man weniger auf sie achten würde, als hier.
 

„Mir ist egal woran ihr arbeitet, ich hab genug davon. Ihr habt alles bekommen, was ihr wolltet. Ich will in einem Stück aus der Sache herauskommen.“
 

„Nami du musst dich beruhigen. Lass uns an einem sicheren Ort reden.“
 

„Ich will nicht mehr reden. Scheiße, Genzo.. mir läuft die Zeit ab, verstehst du das?“
 

Wenn er wusste wo das NYPD stand, dann sollte er eigentlich auch wissen was das bedeutete, wenn Aron von all dem Erfuhr. Oder, wenn man ihn an den Punkt brachte Konsequenzen ziehen zu müssen. Nami’s Leben war für ihn nichts wert. Auch nicht das ihrer Schwester. Für Nami fühlte es sich so an, als würde sich die Schlinge um ihren Hals immer weiter zuziehen. Immer enger und enger. Ihr ging die Luft aus und sie konnte es spüren. Würde sie jetzt nicht handeln, dann könnte es jederzeit zu spät sein und das wollte sie nicht riskieren.
 

„Wenn ihr mir nicht helft, dann kümmere ich mich selbst darum. Ich habe einen Plan.“
 

„Was für einen Plan?“
 

„Geht dich nichts an. Ich weiß es zu schätzen, was du versucht hast aber ich habe lange genug auf eure Hilfe gewartet. Ich werde nicht weiter die Marionette für andere spielen.“
 

Sie hatte es getan und immer wieder ihre Hoffnung in die falschen Leute gesetzt. Das alles könnte sie nun ihr Leben kosten doch wenn es da noch eine Chance gab, und sei diese noch so klein, dann musste Nami sie einfach nutzen. Sie musste alles tun was sie konnte, um am Leben zu bleiben und durfte jetzt nicht aufgehen. Vielleicht würde sie scheitern aber dann hätte sie es wenigstens versucht. Denn am Ende würde sie vielleicht so oder so sterben.
 

„Du bist keine Marionette für mich und das weißt du.“
 

„Dann beweis es.“
 

„Was?“
 

Musste sie ihm das wirklich erklären? Nami hob den Blick auf die Anzeige für die nächste Station. Noch zwei, dann müsste sie wieder hinaus. Zwei Stationen würde sie diesem Gespräch noch geben.
 

„Beweis es. Hol mich endlich aus dieser Scheiße raus. Ich will einen Plan. Bis morgen. Und wenn ihr dann nichts macht, dann tue ich es alleine.“ Vielleicht war das der einzige Weg, den sie noch hatte. Ihm die Pistole auf die Brust zu setzen. Denn sicher konnten die es sich nicht leisten, dass sie etwas dummes machte und dabei starb. Über die Jahre hatte sie immer wieder Informationen weitergegeben. Das alles war etwas das man zwar gegen Aron benutzen konnte, doch sie als Zeugin? Das konnte man nicht einfach so ersetzen. Sie brauchten sie, um das ganze Wasserdicht zu machen. Denn ohne sie? Nun, er würde Wege finden, um das alles entweder zu erklären oder seine Taten zu verschleiern. Vielleicht würde er sie auch einem anderen anhängen. Es gab immer einen Plan B. Einen, den das FBI nicht hatte.
 

„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Wir sollten uns treffen und reden.“
 

„Nein. Ich hab genug geredet. Und wie ihr das macht ist nicht mein Problem. Ich muss jetzt los, bye.“
 

Und damit war die Sache für Nami erledig. Sie beendete das Gespräch und schob das Handy in ihre Hosentasche. Dabei atmete sie tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Noch eine Station. Und so ungerne sie Genzo recht gab; sie musste sich beruhigen. Gleich würde sie vor Vivi stehen und die Roch Bullshit zehn Meilen gegen den Wind. Nami durfte all das nicht nach außen dringen lassen und musste sich zusammennehmen in der Hoffnung, dass ihre beste Freundin sich viel lieber mit der Frage beschäftigte, warum Nami nicht über Robin und den vergangenen Abend reden wollte. So hätte das ganze wenigstens sein gutes auch, wenn das Thema an sich nicht gerade zu Nami’s Freude beitrug. Doch das musste sie vorerst verschieben und auf Eis legen. Gerade konnte sie ohnehin nichts daran ändern. Sie musste abwarten und vielleicht würde sich Robin doch noch melden.
 


 

***
 


 


 

2023 - New York - Tag 7
 


 

Noch immer versuchte sie einzuordnen, was sie hier in die Hand bekommen hatte. Und es veränderte alles. Nicht unbedingt zum Guten aber es war etwas, das sie benutzen konnte. Nami öffnete wieder ihren Laptop und dort auch das Programm, welches sie von Genzo erhalten hatte. Eine Möglichkeit noch einmal anders Informationen auszutauschen. Und, da sie um diese Zeit nicht noch ein Telefongespräch führen wollte, welches sie frustriert würde es eben so passieren.
 

Noch einmal wanderte ihr Blick über die geschriebenen Zeilen. Das sie durchhalten musste. Man habe alle aktuellen Entwicklungen weitergegeben. Er beeilte sich. Klar. Ihre Schwester lag im Krankenhaus und Nami war gefoltert worden. Die Cop’s saßen ihr im Nacken aber das alles war noch nicht an dem Punkt, das man sich beeilen müsste. Genzo mochte auf ihrer Seite sein und ihm war vielleicht nicht egal, was mit ihnen passierte. Doch er war ebenso wie andere an die Spielregeln der Behörden gebunden, für die er arbeitete. Er konnte nicht einfach machen, was er wollte und für das FBI hatten sie keinen besonderen Wert. Sie gehörten nicht dazu. Waren keine verdeckten Ermittlerinnen um deren Leben man sich sorgte. Viel eher waren sie ein Teil dieser Welt und zumindest Nami könnte man den Stempel „Verbrecher“ aufdrücken. Ja, sie waren eine gute Chance für das FBI an Informationen heran zu kommen, doch die hatte Nami bereits übergeben in der Hoffnung, dass man sie herausholen würde. Hatte man nicht und anhand ihrer Informationen konnte das FBI die Ermittlungen alleine weitertreiben. Eine Zeugin war gut und notwendig. Aber nicht zwingend ersetzbar. Das zumindest schien die allgemeine Herangehensweise an diesen Fall zu sein und führte dazu, dass man hier mit ihrem Leben und dem ihrer Schwester pokerte.
 

„Ich habe zwei Namen. Männer mit Einfluss. Politik.“
 

Würde sie schreiben. Sie hatte sich nicht einmal erkundigen müssen. Die Namen dieser Männer waren bekannt und es war ihnen zuzutrauen, dass sie ihren Einfluss nutzen. Natürlich hatte sie keine Beweise, doch Okta hatte ihr die Namen und die Adresse nicht umsonst gegeben. Er war kein schlechter Kerl. Er war der einzige gewesen, der versucht hatte sich zu kümmern. In dem Rahmen, in dem es eben möglich gewesen war. Er kannte den Unterschied zwischen richtig und falsch. Und sie vertraute darauf, dass diese Information das war, was sie glaubte. Ihre Chance auf Freiheit. Vielleicht die einzige, die sie noch bekommen würde.
 

„Wer?“
 

Nami blickte das Wort an, was da im Chat aufgetaucht war. Klar. Sie schrieb nun einfach die Namen auf und dann würde man sie weiter hier versauern lassen. Damit hatte sie schon gerechnet. Umso wichtiger war es nun auch das Ganze anders anzugehen. Man konnte niemandem vertrauen. Nicht einmal den großen Behörden dieses Landes. Am Ende verfolgte jeder seine eigenen Ziele und man hatte sie geleert, dass sie auf niemanden vertrauen konnte.
 

„Holt uns raus, dann bekommt ihr Namen.“
 

Eine ganz einfache Bedingung. Nami würde singen wie ein Vogel, wenn man dafür sorgte, dass Nojiko und sie in Sicherheit gebracht wurde. Doch all das hing eben auch daran wie glaubwürdig man Nami einstufte und, ob es ihnen reichte die Ermittlungen an dieser Stelle zu beenden. Zumindest die, die sich auf Nami als Insider stützten.
 

„Wir müssen die Namen erst prüfen.“
 

Natürlich mussten sie das. Vermutlich hatte sie gerade nicht Genzo am anderen Ende des Chat’s was aber auch egal war. Denn so oder so war das keine Antwort, die Nami hören wollte. Es bestätigte sie lediglich darin, dass dieser Weg sie nicht weiter brachte. Und wenn einem nicht geholfen wurde, dann musste man es selbst tun.
 

„Gut. Wenn ihr mir nicht helft, dann mache ich es alleine. Ich steige aus.“
 

Damit würde sie den Chat verlassen und den Laptop ausschalten. Was dachten die sich eigentlich? Ja, Nami wollte etwas von ihnen, doch sie wollten auch etwas von ihr. Und Nami würde sich nicht mehr erpressen lassen. Vielleicht standen ihre Chancen nicht gut, noch schlechter nun, wo Nojiko in diesem Zustand war aber vielleicht könnten ihr die Namen, die sie bekommen hatte, doch zu etwas nütze sein. Denn inzwischen dachte sie durchaus darüber nach Vivi doch noch einzuweihen und ihr alles zu erzählen. Sicherlich würde ihre beste Freundin nicht begeistert sein, ach Nami wollte sich nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn sie es erfuhr. Doch wenn Nami ihr erklärte das sie schon seit Jahren versuchte auszusteigen? Dass das FBI ihr nicht helfen wollte? Vielleicht könnte Vivi ihren Vater dazu bewegen ihnen zu helfen. Er hatte Einfluss und sie hatte ihn immer als fairen, rationalen Mann erlebt. Die Chancen das es funktionierte waren nicht besonders groß und die Zeit arbeitete gegen sie. Doch sie hatte kaum andere Optionen. Heil würde sie aus dieser Sache so oder so nicht heraus kommen. Es war am Ende also lediglich eine Frage davon, wie groß der Schaden sein würde. Ein abwägen von Konsequenzen. So hatte Robin es genannt. Sie musste sich für das geringste Übel entscheiden und das war es vielleicht.
 

Ihr Handy vibrierte und Nami warf einen Blick darauf. Es überraschte sie weniger, dass dieser Anruf kam, wohl aber, dass er so schnell getätigt wurde. War das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen?
 

„Was?“ Fragte sie nur und wirkte dabei durchaus ein wenig genervt. Wobei Nami sich auch keine Mühe darin gab ihre Emotionen zu verbergen.
 

„Nami, hör zu, wenn du ihnen einfach die Namen-“
 

„Nein. Damit sie dann wieder sagen können wir brauchen noch ein bisschen mehr und ich muss ihnen mehr bringen? Mir ist inzwischen scheiß egal, ob er gefasst wird oder nicht Genzo. Aber Nojiko liegt auf der Intensivstation. Die Ermittlungen ziehen sich immer weiter zu. Wir werden hier sterben und ihr habt nichts besseres zu tun, als mich um noch mehr zu bitten? Vergiss es.“

Sie war durch mit dem Thema. Wie sollte man auch an eine gerechte Welt glauben, wenn man so aufgewachsen war? Nichts hatte sich verändert. Schon damals nach dem Tod hatte man ihnen nicht geholfen. Warum hatte sie geglaubt, dass es nun anders sein könnte?
 

„Ich weiß. Ich weiß, dass es nicht gut aussieht und ich tue mein Möglichstes.“
 

„Aber das ist nicht genug. Hörst du? Ich habe keine Zeit mehr, um auf eure Hilfe zu warten und ich habe nicht vor wegen eurer Ignoranz zu sterben.“
 

„Das weiß ich.. hör zu. Ein Name.. gib mir einen der Namen, damit ich sie überzeugen kann. Und dann holen wir euch da raus. Ich verspreche es.“
 

„So wie du versprochen hast, dass wir bei dir bleiben können?“
 

Es war eine Wunde, die noch immer tief saß. Aus heutiger Sicht wusste Nami durchaus, dass man Genzo keinen Vorwurf machen konnte. Er hatte vor Gericht alles versucht, was möglich gewesen war, doch Aron hatte die besseren Möglichkeiten und Anwälte gehabt. Er hatte nichts gegen das Gesetz ausrichten können, weil er auf dem Papier der Fremde gewesen war. Nicht Aron. Und doch war es eben der Anfang vieler Enttäuschungen gewesen. Diese Entscheidung hatte alles andere doch erst möglich gemacht auch, wenn ihr Leben bereits zu einem früheren Zeitpunkt zerstört worden war. Nur, dass man ihnen nicht die Chance gegeben hatte wieder auf die Beine zu kommen und sich von dem Verlust ihrer Mutter zu erholen.
 

„Ich habe versprochen, dass ich euch da heraus hole.“
 

Er klang gequält. Es schmerzte ihn, das wusste Nami durchaus. Vor allem, weil so vieles doch eigentlich nicht in seiner Macht stand und ihm die Hände gebunden waren. Das machte seine haltlosen Versprechen allerdings nicht weniger schlimm.
 

„Dann tu es endlich!“
 

Auf Worte konnte Nami nichts mehr geben. Sie brauchte Taten, Handlungen. Deutlicher konnte sie es nicht mehr machen. Und, wenn es jetzt keine Wirkung hatte, nicht verstanden wurde, dann gab es für sie nichts mehr zu tun.

Und doch wurde es still. Genzo schwieg und Nami gab der Stille Zeit, um sich auszubreiten und ihre Wirkung zu entfalten. Nein, diesmal würde sie ihm nicht weiter entgegen kommen. Wenn es ihm etwas bedeutete, dann musste er ihr jetzt entgegen kommen.
 

„Okay.“
 

Nami hob den Kopf und zog die Brauen zusammen. Okay? Es war nicht die Zusage an sich, die sie überraschte. Man sagte ihr viel, um sie ruhig zu stellen. Doch es war die Art, wie dieses eine Wort ausgesprochen wurde. Wie Genzo versuchte ihr auf seine Weise etwas zu verdeutlichen.
 

„Wir holen euch jetzt raus. Ich kümmere mich darum.“
 

War das real? Würde er es wirklich tun? Nami schwieg, würde es wohl erst glauben, wenn es real wurde und er handelte. Und so blieb ihr am Ende nichts weiter, als einfach aufzulegen und das Handy von sich zu schieben.
 

Fuck.
 

Sie pokerte und konnte nur hoffen, dass es ausreichen würde. Genzo müsste nun auf seiner Seite alle Hebel in Bewegung setzen. Dafür, dass sich überhaupt etwas bewegte und das vor allem schnell. Wie schnell sie handeln konnten? Das wusste Nami nicht. Sie konnte nur hoffen, dass sie sich beeilen würden.
 

Nami beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Knien ab, vergrub das Gesicht für einen Moment in den Händen und atmete schwer durch. Ruhig bleiben. Sie musste ruhe bewahren, nur dann könnte sie sich hier herauswinden.
 

„Wie schlimm ist es?“
 

Die leisen Worte rissen sie aus ihren Gedanken und Nami blickte auf, hin zum Blick ihrer Schwester. Diese hatte die Augen nicht geöffnet, die Stimme war schwach und belegt. Aber sie war wach. Als sie am Nachmittag das erste Mal die Augen geöffnet hatte war es eine schreckliche Erleichterung gewesen auch, wenn sie das eben für sich behalten hatte. Aus Gründen.
 

„Schlimmer“, sagte Nami nur leise und erhob sich dann. Nojiko wusste nicht alles und sie fragte auch nicht. Aber so ehrlich musste sie dann doch sein und ihrer Schwester zugestehen, dass ihr klar war, wie es um sie bestellt war. Deswegen würde sie auch aufstehen und sich zum Bett ihrer Schwester begeben, wo sie ihre Hand nahm und sie sanft drückte.
 

„Ich finde ne Lösung. Mach dir keine Sorgen.“
 

Nojiko brummte nur. Was sollte sie auch sagen? Dazu fehlte ihr vermutlich die nötige Kraft. Ansonsten würde das jetzt sicher eine Diskussion auslösen. Doch so? Müsste sie es Nami überlassen und die wiederum müsste nun darauf warten, dass Genzo sie anrufen und ihr hoffentlich einen Plan unterbreiten würde, wie er sie aus diesem Schlamassel herausholen würde.

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2025 - Kanada - Herbst
 


 

„Was ist das?“
 

Nami lächelte den kleinen Jungen an, der vor ihr stand und ihr ein Blatt entgegen hielt. Seine Mutter war bereits da, um ihn abzuholen und man hatte ihm bereits Jacke und Straßenschuhe wieder angezogen. Dennoch hatte er sich noch einmal von ihr gelöst und stand nun vor ihr, wartete bis sich Nami wieder hingehockt und mit ihm auf Augenhöhe begeben hatte.
 

„Dich“, nuschelte er leise und senkte den Blick, hielt ihr das Blatt aber noch immer entgegen, bis Nami es schließlich auch annahm und einen Blick darauf werfen würde. Eine typische Kinderzeichnung mit zwei Figuren. Eine kleine, mit braunem Haar und gelbem Shirt. Die andere war größer und hatte rote Haare mit einem grünen Shirt.
 

„Das ist für mich?“ fragte sie noch einmal und wartete, bis der kleine Junge einmal genickt hatte. Sie lächelte ihn sanft an, breitete die Arme aus. Eine Geste, die dafür sorgte, dass er sich kurz in die Umarmung hinein sinken ließ.
 

„Vielen Dank, ich werde es mit Nachhause nehmen.“ Sie grinste ihn noch einmal an, nachdem er sich gelöst hatte. Erwidern tat er das allerdings nicht, doch das war in Ordnung. Für seine Verhältnisse war all das schon eine sehr aufgeschlossene und positive Geste. Seit er hier zu ihnen in den Kindergarten kam sprach er kaum, nur das nötigste und man konnte nur versuchen ihm die nötige Zeit und Sicherheit zu geben, damit er sich in seinem Tempo öffnen konnte. Doch diese kleinen Gesten und Fortschritte zeigten Nami, dass sie durchaus auf dem richtigen Weg waren und man davon ausgehen konnte, dass es sich weiter verbessern würde. Es war einfach normal, dass sich alle Kinder etwas unterschiedlich entwickelten und solange sie den Leistungsdruck der Gesellschaft von ihnen Fernhalten konnten, würden sie das auch machen. Das war das wichtigste.
 

Sie würde dem Kleinen nachsehen, der zurück zu seiner Mutter lief, die ihn an die Hand nahm. Noch einmal wurde da gewunken und dann machte man sich gemeinsam auf den Weg, um das Gebäude zu verlassen. Für einen Moment blieb sie hocken und sah den beiden nach, bis sie verschwunden waren, dann richtete sich ihr Blick wieder auf das Bild, welches er ihr geschenkt hatte. Niedlich. Es würde seinen Platz bei den anderen finden, die sie im laufe der Zeit von anderen Kindern geschenkt bekommen hatte.
 

„Gott sei dank, ich dachte sie würde ihn nie abholen“, vernahm sie eine vertraute Stimme und musste doch schmunzeln. Nami erhob sich und drehte sich dabei zu ihrer Kollegin Anne herum, die im Türrahmen lehnte und doch etwas ausgelaugt schien. Allerdings war das keine besondere Überraschung, wenn man bedachte, dass es heute durchaus ein ziemlich intensiver Tag gewesen war. Ein Junge hatte Sand gegessen, zwei Kinder hatten sich eingenässt und ein anderes Kind hatte es lustig gefunden mit einem Klebestift über die Fenster zu malen. Das Chaos, welches besonders aus letzterer Aktion resultiert war hatte sie wohl alle ein bisschen gefordert. Aber was sollte man machen, wenn auf einmal zehn kleine Kinder beschlossen das es cool war Papier an die Fenster zu kleben? Man hatte eben nur zwei Arme und an manchen Tagen war das einfach nicht genug.
 

„Wir wären heute doch so oder so länger hier gewesen.“
 

„Und? Er war uns keine Hilfe.“
 

Nami lachte leise und würde sich auf den Weg machen, um noch einmal zurück in den Gruppenraum zu gehen und sich einen Überblick zu verschaffen doch es schien so weit alles wieder an seinem Platz zu sein. Allerdings war es auch bedeutend leichter Ordnung zu schaffen, wenn die meisten Kinder draußen spielten und nicht ständig jemand etwas von ihnen wollte. Das war ihr Vorteil in dieser Sache gewesen und, wenn man Feierabend haben wollte? Dann war man gleich doppelt motiviert es schnell hinter sich zu bringen.
 

„Manchmal sind es wirklich kleine Monster. Hast du das bösartige Grinsen gesehen, als Caleb die Filzstifte auf der Scheibe probieren wollte?“
 

„Findest du nicht, dass bösartig ein etwas harter Begriff ist?“ fragte Nami, während sie ihr aus der Gruppe hinaus in den Pausenraum der Erzieherinnen folgte. Nicht, dass sie dort wirklich Zeit verbrachten, doch in der Theorie könnte man hier mal einen Kaffee trinken. In der Realität nutzte man den Raum allerdings nur, um die eigenen Wertgegenstände aufzubewahren und, wenn sie ihre Besprechungen hatten.
 

„Nein. Manche Kinder sind einfach von Anfang an bösartig.“
 

Es war sicherlich eine Aussage, über die man streiten konnte. Denn würde man Nami fragen? Dann war das durchaus nichts, dem sie zustimmen würde. Sie hatte gesehen und erfahren was es bedeutete, wenn ein Mensch wirklich Böse war. Mit Filzstiften auf eine Fensterscheibe zu malen gehörte aus ihrer Sicht wirklich nicht zu den bösartigen Dingen dieser Welt.
 

Würde man sie allerdings fragen, ob sie glaubte das manche Kinder böse geboren wurden, um dann zu bösen Erwachsenen zu werden? Das war wohl eine Frage, die Nami nicht völlig klar für sich oder andere beantworten könnte. Es war eine recht komplexe Sache und, ob ein Mensch am Ende gut oder böse wurde hing sicherlich von mehr ab, als den eigenen Genen. Hatten manche Kinder eine böse Veranlagung? Nun, das würde sie wohl mit ja beantworten. Wobei das eben nur Randbemerkungen für sie waren. Wollte sie sich wirklich mit der Psychologie von Menschen oder gar mit Kindern befassen? Nein. Das war eigentlich nicht das, was sie als Intention für sich festlegen würde. Genau genommen war Nami ganz froh ein ruhiges und vor allem einfaches Leben zu führen. Ruhig und einfach. Ja, das waren die Zauberworte und man konnte sich kaum vorstellen, wie schon das doch eigentlich sein konnte!
 

„Wie auch immer, lass uns hier verschwinden, ich bin fertig für heute.“
 

„Da werde ich sicher nicht wiedersprechen.“
 

Es war ein anstrengender Tag gewesen und deswegen würde Nami ebenfalls nach ihren Sachen greifen und zusammenpacken. Alles in den Rucksack und dann konnte man den Raum auch schon verlassen. Sollten sie etwas vergessen haben, dann könnten sie das auch am nächsten Tag noch nachholen. Immerhin mussten sie so oder so früher hier sein, um die Gruppen vorzubereiten. Man konnte das also recht entspannt sehen und das tat Nami inzwischen auch. Sie machte sich keinen Stress mehr, zumal ihre Chefin auch die gutmütigste Seele war, die sie je hatte kennenlernen dürfen. Nami zweifelte daran, dass sie überhaupt wusste was es bedeutete verärgert zu sein.
 

„Ich bin froh, dass morgen der letzte Tag für diese Woche ist, ich kann das Wochenende kaum erwarten. Hast du etwas vor?“
 

Nami schob sich hinter Anne aus der Tür hinaus an die frische Luft und würde es dann übernehmen das Gebäude abzuschließen, während man die Unterhaltung noch einen Moment fortsetzen würde.
 

„Ich werde mit meiner Schwester an den See fahren, ein wenig entspannen.“ Glücklicherweise konnten sie das inzwischen einfach machen ohne, dass sie jemandem für etwas Rechenschaft schuldig waren. Und sie nahmen sich diese kleinen Auszeiten wann immer sie es möglich machen konnten.
 

„Was hast du vor?“
 

„Besuch bei den Schwiegereltern. Ich kann die alte Krähe nicht ausstehen.“
 

Manchmal fragte sie sich durchaus, was Anne eigentlich leiden konnte und, ob es etwas in ihrem Leben gab, was ihr Freude bereitete. Das schien manchmal nicht ganz so einfach zu sein, doch wer war sie schon, um darüber zu urteilen? Immerhin hatte Nami Jahrzehnte ein Leben gelebt, was sie gehasst hatte. Nicht freiwillig, doch der springende Punkt war, dass sie es auch nicht einfach hatte beenden können. Vielleicht hatte Anne also auch ihre Gründe, warum sie sich so oft mit Dingen zufrieden gab, die sie eigentlich nicht wirklich glücklich machten.
 

„Ich hoffe es wird erträglich."
 

„Wird schon. Erst mal müssen wir den Tag morgen überleben.“
 

Da hatte sie nicht ganz unrecht auch, wenn Freitage meistens doch noch am angenehmsten waren. Zumindest bildete sie sich das ein aber vielleicht war es auch nur Wunschdenken. Alles war möglich. In diesem Sinne würde man sich dann auch voneinander verabschieden und Nami lief über die breite Straße zu ihrem Wagen. Das sie einmal ein eigenes Auto besitzen würde, das hätte sie auch nicht gedacht, doch hier war es eine zwingende Notwendigkeit. Um sich frei in Kanada bewegen zu können setzte es voraus, dass man ein eigenes Auto besaß. Dabei redete man nicht von kleinen, gemütlichen Autos. Nein. Nami fuhr einen SUV, einer mit einer kleinen Ladefläche. Viel zu groß, wenn es nach ihr ginge, doch hier war alles noch größer als sie es ohnehin schon gewohnt gewesen war.
 

Der Rucksack landete auf dem Rücksitz und Nami würde einsteigen, um einen kurzen Blick auf ihr Handy zu werfen. Keine neuen Nachrichten. Es war keine Überraschung und dennoch hatte sie sich nach all den Jahren noch immer nicht an diese Abgeschiedenheit gewöhnen können. Es war merkwürdig, wenn auch eine zwingende Notwendigkeit. Je zurückgezogener sie lebten, umso sicherer waren sie.
 

Sie startete den Wagen und würde warten, bis sich das Handy mit der Freisprechanlage verbunden hatte. Dann würde sie ihre Schwester anrufen und losfahren. Noch bevor sie die erste Ampel erreicht hatte würde sie hören, wie der Anruf entgegen genommen wurde.
 

„Du bist spät dran“, wurde sie von Nijoko begrüßt, was Nami doch etwas die Augen verdrehen ließ. Noch jemand, der an allem etwas auszusetzen hatte? Könnte man fast denken aber in diesem Fall war es wohl nur neckender Natur.
 

„Gab heute etwas Chaos, wir mussten mehr aufräumen als sonst. Ich bin gerade losgefahren. Wie sieht es bei dir aus?“
 

„Ich warte auf meine Mitfahrgelegenheit, die sich heute ziemlich lange bitten lässt.“
 

„Ja ja. Ich bin schon auf dem Weg. Hol uns noch einen Kaffee oder so. Bis gleich.“
 

Damit würde sie das ganze beenden, bevor sie sich noch mehr Sprüche dieser Art anhören musste. Heute war ihr einfach nicht danach und sie würde es doch vorziehen den Rest des Tages in Frieden zu verbringen. Ob Nojiko ihr das allerdings gönnen würde blieb abzuwarten und hing sicherlich auch davon ab wie ihr eigener Arbeitstag gelaufen war.
 

Nach ihrer Ankunft in Kanada war es zunächst darum gegangen sich zu erholen. Nojiko von dem Überfall und Nami von dem Unfall, der dazu genutzt worden war, um sie verschwinden zu lassen. Es hatte einiges an Zeit gebraucht und war dennoch wichtig gewesen, um die Frage zu beantworten, was sie eigentlich in Zukunft mit ihrem Leben anfangen wollten. Gar keine leichte Frage, wenn man das erste Mal wirklich vor einer Wahl stand und sich nun Gedanken darum machen musste, wie die neu gewonnene Freiheit zu nutzen war. Nami hatte damit weit mehr zu kämpfen gehabt, als Nojiko, während diese allerdings ihrem Café nachtrauern musste. Sicherlich war das ein fairer Preis für das eigene Leben und ihre Freiheit, dennoch war es nicht leicht einen Lebenstraum zurück zu lassen. Ganz zu Schweigen von allen persönlichen Gegenständen und Freunden. Man hatte einfach eine Reset Taste gedrückt und sie hatten noch einmal ganz neu beginnen müssen.
 

Für Nojiko war klar gewesen, dass sie in der Gastronomie bleiben wollte. Und so war sie am Ende in einem Feinkostgeschäft gelandet, wo sie Gastronomen berieten und mit ausgewählten Zutaten handelten. Vielleicht war es nicht ihr großer Traum, doch für den Moment schien sie durchaus zufrieden mit ihrer Situation zu sein und das war alles, was in diesem Fall für Nami wichtig war. Zumal es ihnen auch die Freiheit gab geregelte Arbeitszeiten zu haben und Nami ihre Schwester ab und an auch mal nach Feierabend mitnehmen konnte.
 

Und Nami selbst? Nun, sie hatte nicht gewusst, was sie tun sollte. Verschiedene Praktika hatten dann aber doch dazu geführt, dass sie die Stelle im diesem Kindergarten bekommen hatte, wo sie noch heute zufrieden arbeitete. Genzo hatte sie damals ausgelacht, als sie ihm von dieser Idee berichtet hatte. Sie und Kinder? Ja, das mochte auf den ersten Blick vielleicht verkehrt und nicht stimmig wirken, doch Nami hatte schnell gelernt, dass es ihr gut tat die Welt mit den Augen dieser Kinder zu sehen. Die Fantasie zu erleben in der fliegende Katzen die Welt retten, in der es immer ein Happy End gab und wo all die wirklichen Probleme so schrecklich weit weg wirkten. Für Nami war es wie eine andere Welt in die sie eintauchen durfte und wenn sie ehrlich war, dann hatte sie auch schrecklich viel Spaß daran zu Basten, malen oder Spiele zu spielen. Man könnte es vielleicht als verschrobeneren Weg beschreiben ihre eigene Kindheit nachzuholen. So weit das eben möglich war, denn am Ende des Tages hatte sie die Verantwortung für diese Kinder und musste sich mit gereizten Eltern herumschlagen, wenn diesen etwas nicht passte.
 

Doch abgesehen davon? Empfand sie ihr neues Leben durchaus als entspannt und ruhig. Calgary war zwar innerhalb von Canada eine große Stadt, doch man konnte sehr idyllisch wohnen, solange man nicht ins Stadtzentrum wollte. Und das war durchaus nicht ihr bestreben gewesen. Und so hatten sie am Ende ein kleines Haus mit Garten in einer ruhigen Nachbarschaft gefunden.

Wie sie sich das hatten leisten können? Nun, man könnte wohl sagen, dass Genzo sich lange auf all das vorbereitet hatte. Ihnen eine entsprechende Starthilfe zu geben war für ihn selbstverständlich auch, wenn sie bestrebt waren ihm das alles zurück zu zahlen. Doch das war noch einmal ein ganz anderes Thema.
 

Ruhig würde sie den Wagen durch den Verkehr lenken und nebenbei das Radio laufen lassen. Das sie inzwischen wieder Kapazitäten für die Sorgen der Welt hatte war durchaus etwas, was sie als eine weitere, positive Entwicklung aufnahm und, die ihr zeigte, dass sich auch ihr eigenes Leben langsam normalisierte. Je normaler und langweiliger es wurde, umso besser.

Die Fahrt selbst dauerte vielleicht fünfzehn Minuten, bis sie den Wagen schließlich an den Straßenrand lenken würde. Es war durchaus unproblematisch, obwohl man sich hier in der Stadt befand. In New York wäre das kaum denkbar gewesen. Jetzt hatte sie die Möglichkeit entspannt zu halten, damit ihre Schwester einsteigen konnte.
 

„Erwarte bloß kein Trinkgeld bei dieser Verspätung“, wurde Nami dann auch begrüßt, als sich ihre Schwester auf den Sitz schob. Die Tasche landete im Fußraum, während die Tür hinter ihr zugezogen wurde.
 

„Erwarte nicht, dass ich dich noch einmal mitnehme, wenn du so weiter machst.“ Das Spiel konnte man immerhin auch zu zweit spielen und Nami war durchaus gut darin. Gut möglich also, dass sie es irgendwann einfach in die Tat umsetzen und ihre Schwester mutmaßlich vergessen würde, wenn sie den Bogen weiter überspannen sollte.
 

Sie würde den Wagen wieder zurück auf die Straße lenken und die Fahrt dann fortsetzen. Diesmal war das Ziel ihr Zuhause. Keine Umwege einfach nur eine friedliche und entspannte Fahrt. Alles hier war friedlich und noch immer konnte Nami es kaum glauben, wenn sie darüber nachdachte. Andere würden es sicher als langweilig bezeichnen und ja, in gewisser Weise war es das vielleicht auch. Zumindest, wenn man ihr Datingleben betrachtete. Das hatte sich deutlich verändert im Gegensatz zu ihrer Zeit in New York, doch genau genommen störte sie das nicht weiter. Denn was das anging war sie mit den Gedanken noch zu oft in New York und bei den Ereignissen kurz vor ihrer Festnahme. Bei Robin. Solange das der Fall war müsste sie sich wohl nicht die Mühe machen jemand anderen kennenzulernen.
 

„Dein Tag war also anstrengend?“
 

„Ein Klebestift gegen Fenster Eklat. Es war dramatisch“; meinte sie nur belustigt. Doch, wenn das die einzigen Probleme in ihrem Leben waren? Dann war aus Nami’s Sicht alles in bester Ordnung.
 

„Verstehe. Dann muss ich später wohl einen Schoko-Orangenkuchen für die Neven machen.“
 

Nun war es Nami die lachen musste, bei so einer Aussage aber sie beide Namen ihr Leben nicht mehr so ernst und, dass sie die Möglichkeit hatten über diese Dinge Scherze zu machen? Das war noch immer ein Wunder aus ihrer Sicht.
 

„Ich fürchte ja.“
 


 

***
 


 

„Wir sollten uns am Wochenende darum kümmern den Garten winterfest zu machen. Es wird bald deutlich kälter werden.“
 

„Du meinst ich soll endlich das Laub verschwinden lassen?“
 

Nami schielte ihre Schwester an, die zufrieden in ihrem Sessel saß und es sich dort gemütlich gemacht hatte. Man sollte nicht meinen wie viel Arbeit so ein Garten machte. Vor allem im Frühling und Herbst doch dafür durfte man im Sommer auch die Sonne draußen genießen. Es hatte eben doch Vorteile und am Ende hatten sie sich beide einfach in dieses kleine Haus verliebt. Vielleicht, weil es sie an ihr früheres Zuhause erinnerte nur, dass sie da keinen solchen Garten gehabt hatten. Es gab ein kleines Wohnzimmer, eine geräumige Küche, ein Gästebad und oben zwei Schlaf- und ein Arbeitszimmer, so wie ein zweites, großes Bad. Es war perfekt, zumindest für sie beide und hier wieder gemeinsam leben zu können war wahrlich keine Bestrafung. Nami hatte eher das Gefühl, dass sie hier auch die verlorenen Jahre als Geschwister wieder nachholen konnten. Ein nicht unerheblicher Punkt, denn das Nami nicht in allen Belangen ehrlich zu ihrer Schwester gewesen war, war noch eine ganze Weile ein Thema zwischen ihnen gewesen. Verständlicherweise war Nojiko verärgert darüber, dass sie nicht das ganze Ausmaß von Nami’s Situation gekannt hatte. Obgleich Nami noch immer der Auffassung war, dass sie sich damit für das richtige entschieden hatte. Was hätte es auch schon geändert außer, dass sich ihre Schwester deutlich mehr Sorgen gemacht hätte?
 

Kaum nötig zu erwähnen, dass das kein Argument gewesen war, was Nojiko überzeugt hatte. Doch durch die neue Wohnsituation hatten sie viel Zeit miteinander verbracht und vor allem viel miteinander gesprochen. Und seit langem hatte es sich für Nami wieder leicht angefühlt. Denn nachdem Genzo sie beide aus diesem Albtraum heraus geholt hatte, war es ihr möglich gewesen endlich wieder offen und ehrlich mit ihrer Schwester zu sprechen. Und Nami hatte gesprochen. Ohne murren hatte sie sich mit Nojiko zusammen gesetzt und gemeinsam hatten sie Tage damit verbracht alles aufzuarbeiten was geschehen war.

Vielleicht gab es noch die ein oder anderen blinden Flecken doch im Großen und Ganzen würde Nami diese nicht als wichtig erachten. Sie hatten das besprochen was wichtig gewesen war. Das war alles was zählte. Zumindest aus ihrer Sicht.
 

„Das wäre wunderbar, wenn du das tun würdest.“
 

„Und was ist mit unserem Ausflug zum See? Sobald es kalt wird können wir das auch nicht mehr machen.“ Hatte man nicht eigentlich darüber gesprochen? Etwas fragend sah sie zu ihrer Schwester, die die Lippen schürzte und dann lieber wieder vorgriff und sich ein zweites Stück Kuchen auf den Teller gab.
 

„Verschieben wir es auf das nächste Wochenende?“
 

Fragend hob Nami die Brauen. Sicherlich war das möglich allen voran deswegen, weil Nami’s Privatleben nicht besonders ausgeprägt war. Ja, sie hatte ein paar Freunde und Bekannte, doch bei weitem nicht so viele wie Nojiko. Ihr war es etwas leichter gefallen sich in dieser neuen Stadt einzuleben, während Nami das Gefühl hatte, als sei sie etwas eingerostet, wenn es darum ging neue Bekanntschaften zu machen. Sicherlich nicht weiter ungewöhnlich, wenn man bedachte, dass es auch vor all dem nicht anders gewesen war und sie die meisten Leute durch Vivi kennengelernt hatte. Der Gedanke, dass sie nie wieder Kontakt zu ihrer besten Freundin haben würde schmerzte schrecklich. Sie wollte sich nicht ausmalen, wie es Vivi ging. Immerhin glaubte diese, dass Nami bei dem Unfall gestorben war. So wie alle anderen auch.
 

„Ich würde mich gerne mit jemandem treffen.“
 

Das erklärte es durchaus. Und nach fast zwei Jahren auch nicht weiter verwunderlich. Ihre Schwester blühte in dieser neuen Umgebung auf und erschloss sich ihr eigenes Leben. Das nicht alles perfekt war? Das war ein Fakt über den man gut und gerne hinwegblicken konnte. Zumindest wenn man bedachte, was ihnen dafür geschenkt wurde. Freiheit. Ein Leben ohne Angst.
 

„Der Architekt?“
 

„Mhm. Ich würde gerne wissen, ob die Chemie auch stimmt, wenn wir uns treffen, bevor wir unsere Zeit weiter verschwenden.“
 

„Meinetwegen. Solange ihr zu ihm fahrt, wenn ihr eure Chemie testet.“
 

Kaum das Nami den Satz ausgesprochen hatte flog bereits ein Kissen nach ihr. Lachend zog sie die Arme hoch, um sich zu schützen, was vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Nojiko war nicht besonders begabt darin zu werfen und so traf sie am Ende auch nur Nami’s Beine, was diese nicht sonderlich störte. Das war es ihr wert gewesen.
 

„Ich werde nicht beim ersten Treffen mit ihm schlafen.“
 

„Langweilerin.“
 

Nojiko schnaubte, als sie sich wieder in die Kissen zurücksinken ließ und dabei die Arme vor der Brust verschränkte. Ja, sollte sie schmollen, doch Nami hatte am Ende nur die Wahrheit ausgesprochen. So wie es war!
 

„Und das ausgerechnet von dir? Du triffst dich seit zwei Jahren mit niemandem. Nicht einmal, um Freunde zu finden oder überhaupt mal raus zu kommen. Man könnte meinen, du ziehst es vor hier drinnen zu verstauben.“
 

„Danke aber ich bin ganz zufrieden. Ich verstaube nicht, ich habe genug zu tun. Deinen Garten sauber halten zum Beispiel.“
 

Darum ging es zwar nicht aber was sollte Nami auch sagen oder, wie sollte sie es erklären? Nachdem ihr Leben all die Jahre kontrolliert worden war, war Nami durchaus froh darum alleine zu sein. Nur für sich. Sie genoss diese Stille durchaus und, da Aron aus ihrem Leben verschwunden war, hatte sie auch keinen Grund, um sich abzulenken, indem sie möglichst große Reize für sich suchte. Keine Reize in Form von langen Partynächten oder One-Night-Stands. Sie brauchte es nicht mehr, um sich zu betäuben.
 

Stattdessen fand sie durchaus Gefallen daran sich selbst wieder mehr wahrzunehmen und ihre eigenen Bedürfnisse kennenzulernen. Und so könnte man durchaus sagen, dass sie beide gerade ein doch sehr gegenteiliges Leben führten. Doch das war aus Nami’s Sicht vollkommen in Ordnung. Nojiko hatte es verdient sich endlich ausleben und verwirklichen zu können.
 

„Das ist Quatsch und das weißt du. Willst du niemanden kennenlernen? Nun hast du endlich die Möglichkeit eine Beziehung zu führen. Ohne das er dich kontrolliert oder jemand in Gefahr geraten würde.“
 

„Ja, vielleicht. Aber ich hab nicht das Bedürfnis jemand neues kennenzulernen.“
 

„Wegen ihr?“
 

Nami seufzte. Man musste nicht vertiefen oder klären, wen Nojiko meinte. Nachdem die Dinge eskaliert waren und man sie hatte wegbringen müssen, hatten sie gesprochen. Und dabei hatte sie sich eben auch alles von der Seele geredet, was Robin betroffen hatte. Es war nicht einfach gewesen ihre Emotionen dahingehend zu ordnen. Da war auf der einen Seite der Umstand, dass sie sich kennengelernt und Nami Interesse für diese Frau entwickelt hatte. Und dann war sie es gewesen, die sie verhört und wohl auch in den Fokus der Ermittlungen gerückt hatte. Selbst heute wusste sie nicht recht, wie sie sich deswegen fühlen sollte, doch man musste sagen, dass diese Entwicklung auch dafür gesorgt hatte, dass ihr Ausstieg sich beschleunigt und vielleicht doch glimpflicher verlaufen war, als erwartet. Zumindest wenn man einmal von dem Überfall auf Nojiko absah, der auch hätte anders ausgehen können und nicht in ihrem Plan vorgesehen gewesen war.
 

„Nami.. es ist jetzt zwei Jahre her. Ihr kanntet euch nicht einmal richtig.“
 

„Ich weiß.. du musst mir nicht erklären wie dumm es ist. Aber ich kann es eben nicht vergessen.“
 

Sie hatte es versucht und war gescheitert. Robin geisterte einfach durch ihren Kopf, tauchte immer wieder auf auch, wenn Nami glaubte es endlich abschließen zu können. Doch etwas an dieser ganzen Sache ließ sie nicht los. Verbunden mit dem Gefühl keine richtige Chance bekommen zu haben war es eine eher schlechte Kombination.
 

„Du musst das loslassen Nami..“
 

„Genzo war bei ihr“, platzte es dann aber doch aus ihr heraus. Sie hatte vorher nicht mit Nojiko darüber gesprochen, weil sie deren Antwort auf all das gekannt hatte. Und, weil Nami selbst wusste, wie Problematisch es war. Immerhin befanden sie sich in einer Art Zeugenschutzprogramm. Das bedeutete, dass es darum ging zu verschleiern, dass sie noch lebten, damit Aron’s Leute sie nicht aufspüren und sich rächen könnten. Immerhin hatte vor allem Nami’s Aussage in dieser Sache zu einigen Festnahmen und auch dazu geführt, dass sein vermeintliches Lebenswerk in sich zusammengebrochen war. Würde herauskommen, dass sie nicht bei diesem Unfall gestorben war, würde es sicherlich dazu führen, dass man versuchen würde sie beide umzubringen. In folge dessen war es unumgänglich, dass es keinen Kontakt zu niemandem aus ihrer Vergangenheit gab. Und nun offenbarte Nami ihrer Schwester, dass ihr Onkel dennoch Kontakt zu einer solchen Person aufgebaut hatte, weil Nami es nicht schaffte sie zu vergessen.
 

„Was?“
 

„Er war bei ihr. Hat ihr nicht gesagt wer er ist aber.. ihr ein Buch von mir gebracht.“
 

„Scheiße Nami.. warum?“
 

Sie zuckte mit den Schultern und sah ihre Schwester schuldbewusst an. Natürlich war ihr klar, dass das alles nicht gut war aber letztlich war es nicht ihre Idee gewesen. Und, wenn ihr Onkel als Einsatzleitung so umsetzte? Dann war Nami’s schlechtes Gewissen gleich nur noch halb so groß. Immerhin hatte sie es nicht heimlich getan, hinter dem Rücken aller. Sie hatte lediglich die Chance ergriffen, die er ihr geboten hatte.
 

„Vielleicht, weil ich das Schicksal herausfordern will?“
 

„Seit wann glaubst du an Schicksal?“
 

Ein Schulterzucken war die Antwort. Wenn sie ehrlich war, dann glaubte sie nicht wirklich an Schicksal und doch forderte sie es heraus. Immerhin hatte sie Robin nicht einfach ein Buch mit einer klaren Botschaft geschickt. Das wäre nicht gegangen und hätte zu leicht zurückverfolgt werden können. Also hatte sie in dem Buch eine Botschaft versteckt. Ob Robin diese finden würde? Das kam sicher darauf an ob und wie aufmerksam sie das Buch lesen würde. Würde sie sich erinnern? Würde sie ein Interesse daran haben sie zu sehen? All das wusste sie nicht und Nami würde noch ein paar Monate warten müssen, bis sie eine Antwort auf diese Frage bekommen würde. Dann, wenn Robin erscheinen würde oder eben nicht.
 

„Ich muss das einfach machen.“
 

„Und, was wenn etwas schief geht? Wenn sie es gegen dich benutzt?“
 

„Glaube ich nicht.“
 

„Sie hat es schon einmal, wenn ich dich daran erinnern darf.“
 

Sicherlich musste niemand Nami daran erinnern wie es gelaufen war. Und doch musste man einfach bedenken, dass die Umstände andere gewesen waren. Am Ende hatte Robin doch nur ihre Arbeit gemacht auch, wenn das Nami vielleicht nicht passen wollte. Was genau sollte sie ihr also vorwerfen? Dass sie die Frau, mit der sie eine Affäre hatte und die sie kaum kannte, nicht schützte? Es wäre doch reichlich vermessen das zu glauben auch, wenn es weh getan hatte. Natürlich hatte sie daran zu knabbern gehabt, das konnte Nami nicht einmal leugnen. Und trotzdem musste sie diesen Schritt einfach gehen. Sonst würde sie diese Sache niemals wieder aus ihrem Kopf bekommen.
 

„Diesmal ist es anders. Vielleicht kommt sie auch gar nicht darauf worum es geht und dann spielt all das auch keine Rolle.“
 

Für einen Moment blickte Nojiko sie einfach nur schweigend an. Ja, sie wusste was im Kopf ihrer Schwester vor sich ging. Sie sah das alles skeptisch und fand diese Entscheidung alles andere als gut. Das konnte sie ihr nicht einmal vorwerfen und doch hatte sie sich dafür entschieden in diesem Punkt sehr egoistisch zu handeln und das zu tun, was sie für sich das richtige hielt. Und entweder sie konnte am Ende damit abschließen oder sie bekam eine Chance.
 

„Ich will nicht, dass du verletzt wirst.“
 

„Das weiß ich, doch ich habe alles versucht. Ich bekomme sie einfach nicht aus dem Kopf. Ich muss etwas damit machen, damit ich es abschließen kann.“
 

Es mochte töricht klingen und doch war es einfach das was sie im Bezug auf das alles empfand. Nami war nicht in der Lage sich auf etwas anderes einzulassen oder ihr Leben anders zu bestreiten, wenn diese Frau ihr immer wieder durch den Kopf geisterte. Warum? Schwer zu sagen und vielleicht hoffte sie darauf, dass sie sie sehen und genau dieses Gefühl nicht verstehen würde. Das sie an einer Illusion festhielt, die sie einfach nur auflösen musste. Es entzaubern. Und dann wäre wieder alles in Ordnung.
 

„Pass einfach auf, dass du dich nicht in etwas verrennst. Ich will, dass du endlich glücklich wirst. Du musst nicht mehr in der Vergangenheit leben und kannst deinen eigenen Weg bestimmen.“
 

Sie hatte nur genickt. Es war nicht so einfach wie Nojiko glaubte und doch hatte Nami das Gefühl, dass sie mit dieser Entscheidung vielleicht das erste Mal etwas nur für sich getan hatte. Was daraus werden würde? Ungewiss. Doch vielleicht war es nicht so wichtig und es ging um das Gefühl es wenigstens versuchen zu können.

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2025 - Kanada - Winter
 


 

Worauf hatte sie sich nur eingelassen?
 

Diese Frage hatte sie sich bereits gestellt, als sie am Flughafen ihr Gepäck aufgegeben hatte. Sie war sich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal sicher gewesen, ob sie mit ihrer Vermutung überhaupt richtig lag oder nur einem Geist hinterher jagte. Und doch stand sie jetzt vor dieser Auffahrt an deren Ende sie ein kleines Haus erkennen konnte. Ein Haus, das hier an der Auffahrt bereits als kleines Ferienparadies bezeichnet wurde. Doch, um Zugang zu diesem vermeintlichen Paradies zu bekommen, müsste sie erst einmal den Schlüssen bekommen.
 

Robin wandte den Blick ab und blickte die Straße hinunter. Viel gab es in diesem Ort nicht. Ihr Uber Fahrer hatte berichtet, dass es hier nur ein paar Hütten gab, wenige Anwohner, ein kleiner Kiosk, wo es das nötigste zu kaufen gab. Genau dorthin würde sich Robin auf den Weg machen, denn laut den Anweisungen würde sie dort auch den passenden Schlüssel zu dem Haus finden. Und das tat sie besser schnell, denn die Kälte kroch doch langsam durch ihre Kleidung.
 

Allgemein mochte sie den Winter, doch musste sie zugeben, dass der kanadische Winter noch einmal etwas ganz anderes war. Dafür war sie vielleicht nicht gut genug vorbereitet und freute sich darauf diese wunderbare Winterlandschaft von einem warmen Platz aus betrachten zu dürfen. Vorzugsweise vor einem Kamin doch, ob dieses Haus so etwas hatte? Würde sich wohl später zeigen müssen.
 

Über ihrem Kopf klingelte eine kleine Glocke, als sie die Tür zu dem Kiosk aufschob. Wirkte auf den ersten Blick verlassen und Robin musste einen Moment in die Stille hinein lauschen, bevor sie sich dazu entschied ihren Koffer weiter hinein zu ziehen und neben der Tür abzustellen. Das war eindeutig nicht die richtige Wahl für einen Ort gewesen, an dem es keinen Räumdienst gab. Robin war durch den tiefen Schnee gestapft und hatte eine Schneise hinter sich hergezogen. Da hatte sie die Räumungsarbeiten gleich selbst übernommen, was das Vorankommen für sie selbst allerdings nur anstrengender machte.
 

„Ah! Hallo!“
 

Robin wandte sich um und blickte dem, unerwartet jungen, Mann entgegen. Er grinste sie breit an, trug eine Wollmütze, dazu einen passenden Pullover. Die Kälte schien ihm nicht wirklich etwas auszumachen.
 

„Sind sie wegen dem Schlüssel vom Seehaus hier? Nicky sagte, dass sie heute vorbei kommen würden.“
 

Nicky? War das ihr neuer Name? Das konnte durchaus sein aber sicher war sie sich nicht. So etwas war nicht Teil der Nachricht gewesen. Nur ein Datum, die Adresse. Und so stand sie hier, unvorbereitet und ein wenig überfragt. Beides Gefühle, die Robin nicht besonders gut leiden konnte. Sie hatte durch eine Recherche versucht das Beste aus dem wenigen zu machen, was sie hatte. Und doch konnte so etwas niemals alle Fragen beantworten.
 

„Ja, danke.“
 

„Super!“ Er wandte sich um und trat hinter den Tresen, wo er in einer Schublade herumsuchte und ihr dann auch einen kleinen Schlüsselbund entgegen hielt. Sie würde ihn entgegen nehmen und für einen Moment den Schlüsselanhänger mustern. Ein Bär. Natürlich.
 

„Ich hab heute Morgen auch schon ein paar Lebensmittel rüber gebracht. Nicky hat mir eine ganz schöne Einkaufsliste geschickt.“ Er lachte wieder. Robin fragte sich, ob diese entspannte Offenheit hier normal war oder es an den Personen lag. Auch ihr Uberfahrer hatte eine ähnliche Ausstrahlung gehabt.
 

„Verstehe, vielen Dank. Brauchen sie noch etwas von mir?“
 

Beispielsweise einen Ausweis oder etwas anderes, um sie einzuchecken. Doch das schien anscheinend nicht wirklich notwendig zu sein. Für ihn zumindest nicht, denn der junge Kerl würde einfach nur abwinken.
 

„Ist alles geregelt. Sie sagte sie trinken gerne Wein aber ich wusste nicht was gut ist. Da hinten ist eine Auswahl, die können sie sich gerne ansehen und etwas mitnehmen. Und wenn doch noch etwas fehlt kommen sie einfach rum, das wichtigste habe ich hier.“ Dabei machte er eine ausladende Handbewegung, durch den kleinen Laden. Hier standen einige Regale. Auf den ersten Blick konnte Robin Getränke, Nudeln, Shampoo und andere Dinge für den täglichen Bedarf entdecken. Ja, sollte etwas wichtiges ausgehen, dann würde sie es hier finden. Auch Kaffee. Das war wohl das wichtigste. Und doch würde sie ihm den Gefallen tun und zu den Weinen herübergehen. Er hatte verschiedene Sorten ausgesucht und ja, da würde Robin schon etwas finden, was ihr hoffentlich munden würde. Denn sie hatte durchaus das Gefühl, dass dieser Trip eine gute Flasche Wein noch nötig machen würde.
 

„Dann würde ich diesen hier mitnehmen. Wissen sie, wann Nicky hier sein wird?“
 

Mit dem Wein war sie wieder zu ihm getreten und konnte nun dabei zusehen, wie er einen Zettel hervor nahm, auf dem er etwas notierte.
 

„Vermutlich morgen, wenn ich mir das Wetter so ansehe. Ich schreibe alles was sie holen auf und wir rechnen dann ab, wenn sie den Schlüssel zurückbringen. Das ist einfacher.“
 

„Vielen Dank.“
 

Noch einmal würde sie ihn anlächeln, bevor sich Robin dann auch wieder abwandte. Der Wein wanderte in ihre Umhängetasche, bevor sie die Tür öffnen und sich dann mit ihrem Koffer wieder hinaus in die Kälte begeben würde. Keine zehn Minuten war sie in dem Kiosk gewesen und dennoch hatte sich bereits wieder eine deutliche Schicht Neuschnee über die Schneise gelegt, die sie bei ihrer Ankunft hinterlassen hatte. Ein Grund mehr, warum sie sich nun beeilen sollte zurück zum Haus zu kommen und sich dort einzurichten.
 

Allerdings wurde es nicht ganz so einfach, wie sie es sich vorgestellt hatte. Den Koffer durch den Schnee zu ziehen und zu zerren dauerte am Ende doch länger als sie es sich gewünscht hätte. Da war es doch eine wahrlich Erleichterung, als sie endlich die Stufen zur Haustür hinauf ging und diese aufschließen konnte. Warme Luft kam ihr entgegen. Also hatte der junge Kerl nicht nur die Einkäufe erledigt sondern auch dafür gesorgt, dass schon einmal vorgeheizt wurde.
 

Sie hatte ihn nicht nach seinem Namen gefragt. Aber das könnte sie wohl nachholen, wenn Nora da wäre. Oder Nicky. Wie auch immer sie denn wirklich hieß. Und das war dabei nur eine der Fragen, die sie wirklich dringend besprechen müssten.
 

Zunächst aber trat Robin ein, nachdem sie sich den Schnee von den Stiefeln geklopft hatte. Den Koffer ließ sie gleich neben der Tür stehen. Diese wurde geschlossen und dann, konnte sie endlich durchatmen. Reisen an sich machten ihr nichts aus, sie tat es gerne, war gerne unterwegs. Doch hier heraus zu kommen, an diesen entlegenen Fleck der Welt? Das hatte schon noch einmal etwas anderes an sich. Zumal sie eben auch nicht genau wusste, was sie auf dieser Reise eigentlich erwartete.
 

Bevor sich Robin darüber aber weitere Gedanken machen würde, würde sie die Stiefel ausziehen, Mantel und Schal ablegen und sich dann in dem kleinen Haus umsehen. Es war überschaubar. Eigentlich gab es nur diesen Eingangsbereich, der in einem Wohnzimmer mit Kamin mündete. Von dort aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den Zugeschneiten See. Im Sommer musste es herrlich sein. Jetzt gerade hatte es etwas seltsam unberührtes an sich diese unendliche Schneelandschaft sehen zu können. Idyllisch.
 

Weiter ging es in eine kleine Küche mit Essbereich. Alles offen gehalten und schön gemütlich eingerichtet. Robin würde an die Fenster herantreten und hinaus blicken. Es gab eine überdachte Veranda, die man bei diesem Wetter wohl nur dann nutzen würde, wenn man Raucher wäre und es nicht aushalten konnte darauf zu verzichten. Sie selbst hatte dem glücklicherweise nie etwas abgewinnen können.
 

Als sie sich umwandte fiel ihr Blick auf einen Stapel mit Holzscheiten. Darauf lag ein Zettel mit einer unordentlichen Handschrift. „Mehr Holz lagert draußen im Schuppen. Kann gerne genutzt werden!“ Gut. Das könnte sie also machen, wenn sie den Ofen überhaupt angefeuert bekam aber wo ein Wille, da ein Weg. Und für diesen Abend war das in jedem Fall etwas, das sie dringend unternehmen musste. Das Haus war zwar nicht kalt, doch über die letzten Stunden war ihr die Kälte des Winters in die Knochen gedrungen und Robin würde nun alle Register ziehen, um sich wieder aufwärmen zu können.
 

Zunächst ging die Erkundungstour jedoch weiter in die Küche, wo sie sich einen kleinen Überblick verschaffte. Der Kühlschrank war gut gefüllt, damit konnte man also durchaus etwas anfangen. Und auch hier lag wieder ein Zettel mit einer kurzen Botschaft.
 

„Brötchen werden jeden Morgen gebracht. Tasche draußen neben der Haustür.“
 

Klang fast schon nach Luxus. Das hatte Robin nicht erwartet. Auf der anderen Seite, was genau hatte sie denn erwartet? Wie stellte man sich ein Treffen mit einer tot geglaubten vor? Einer Frau, die eine Fälscherin war und die man gleichzeitig irgendwie gedatet hatte? Robin konnte diese Frage nicht beantworten und bis sie zu einer Antwort kommen würde, würde es wohl noch dauern. Nora würde erst am nächsten Tag hier erscheinen, wenn diese Information richtig war, das bedeutete sie konnte den Rest des Tages nutzen, um sich mit dem Haus vertraut zu machen, sich einzurichten und ein gutes Glas Rotwein zu trinken.
 


 

***
 


 

Die Fragen waren geblieben. Auch am nächsten Tag konnte sie das alles nicht klar einordnen. Was sie aber sagen musste war, dass Nora eine gute Wahl getroffen hatte. Das Haus war schön, die Einkäufe waren gut, es gab hervorragenden Kaffee und am Morgen hatte eine Tüte mit ein paar Brötchen und einem Croission in der Tasche gelegen, die neben der Haustür hing. Zwar hatte sie das alles noch einmal aufwärmen müssen, doch das hatte sie nicht weiter gestört. Es trug dazu bei eine gemütliche Stimmung zu erzeugen in der man sich wohl fühlen konnte. Fast als sei man hier wirklich in einem Urlaub. Es half ihr dabei sich zu ordnen und auf das einzustellen, was wohl heute geschehen würde.
 

Robin versuchte dem ganzen möglichst gelassen entgegen zu treten. Sie hatte dem Kamin befeuert und es sich mit einem Buch auf der Couch gemütlich gemacht. Dazu gab es eine Kanne mit Kaffee. Die perfekte Ausstattung, um zu warten. Denn etwas anderes konnte sie angesichts der Situation durchaus nicht machen. In den vergangenen Wochen und auf der Reise hierher war sie alle möglichen Variablen durchgegangen. Hatte über verschiedene Szenarien nachgedacht, doch am Ende musste sie einsehen, dass sie all das nicht weiterbringen würde. Es war unmöglich sich die Antworten für so eine Situation auszudenken, ganz gleich wie viel Fantasie sie auch aufbringen wollen würde.
 

Gerade, als sie dabei war sich eine weitere Tasse Kaffee einzuschenken klopfte es. Robin hielt inne, würde in die Stille hinein lauschen und die Kanne dabei wieder auf den kleinen Wohnzimmertisch abstellen, als sie bereits vernahm, wie ein Schlüssel in die Tür gesteckt wurde. Jemand trat ein, sie hörte ein leises Fluchen einer vertrauten Stimme. Die Erkenntnis ließ sie die Brauen zusammenziehen.
 

Robin würde sich aufsetzen und das Buch auf Seite legen, während sie ansonsten einfach sitzen blieb und abwartete. Leichte Unruhe machte sich in ihr breit, doch Robin hatte keine Gelegenheit dem ganzen ausgiebig nachzuspüren und das alles weiter zu durchdenken. Die Schritte kamen bereits näher und wenige Augenblicke später stand sie einfach da. Nora blickte ihr entgegen. Sie hatte ihre Jacke wohl abgelegt und neben der Jeans und dem dicken Pullover trug sie lediglich noch eine Wollmütze unter der ein paar der roten Haarsträhnen hervor kamen. Sie wirkte außer Atem, fast schon ein wenig verwundert so, wie sie Robin anblickte.
 

„He..“, brachte sie schließlich hervor und versuchte sich an einem zaghaften Lächeln. Robin ließ den Blick einfach weiter über sie wandern. Man konnte nicht sagen, dass sie sich verändert hatte. Doch zwei Jahre waren in diesem Alter auch noch keine wirkliche Zeit und Veränderungen gingen nicht immer mit großen Sprüngen einher.
 

„Hey.“
 

Robin erwiderte langsam das lächeln, während Nora sich die Hände rieb und ein wenig unschlüssig wirkte, als sie sich kurz umsah, als müsse sie sich erst einmal einen Überblick verschaffen.
 

„Tut mir leid, ich wollte eigentlich schon früher da sein aber.. das Wetter.“ Sie deutete hinaus, als müsse sie sich wirklich erklären.
 

Musste sie nicht, denn aus Robin’s Sicht hatte es keinen Zeitplan gegeben. Sie hatte nicht gewusst wann Nora hatte hier sein wollen, denn das war nicht teil der Botschaft gewesen. Diese hatte ihr nur gesagt wann sie selbst hier sein sollte. Und wie lange sie bleiben könnte, wenn sie das wollte.
 

„Schon gut, man hat mir bescheid gesagt.“
 

Nora nickte langsam und zog die Mundwinkel dabei ein wenig hin und her, während sie noch immer etwas unentschlossen dort beim Eingang zum Wohnbereich stand, als sei sie sich nicht sicher ob und wie sie weiter in den Raum vordringen sollte. Dabei war das alles hier ihre Idee gewesen.
 

„Richtig.. Andrew..“
 

Nora nickte langsam in sich hinein und richtete dann doch wieder den Blick auf Robin. Sie selbst wusste auch nicht, was sie tun sollte. Aufstehen und sie begrüßen, als sei nichts gewesen? Nur, dass eben eine ganze Menge gewesen war. Abgesehen von ihrem vermeintlichen Tod, ihrer Beteiligung im Zusammenhang mit diesem Menschenhandel, war ihre letzte Begegnung auch in einem Verhörzimmer gewesen. Ein Verhör, was Robin in diesem Moment geleitet hatte. Richtig oder nicht, damit hatte sie wohl unweigerlich den Eindruck gemacht, Nora verraten zu haben. Und trotz dessen, etwas mehr als zwei Jahre später, waren sie beide hier. Irgendwo im Nirgendwo in einem Haus am See.
 

„Ich.. also, danke das du gekommen bist. Ich war mir nicht sicher.“
 

„Ob ich kommen würde?“
 

„Ja, ob du das wollen würdest.“
 

Langsam nickte Robin in sich hinein. Dem konnte sie nicht Wiedersprechen. Vor einer Woche noch war sie sich nicht sicher gewesen, ob sie diese Reise wirklich antreten sollte oder nicht. Leicht hatte sie es sich durchaus nicht gemacht auch, weil sie nicht das Risiko hatte eingehen wollen, alte Wunden wieder zu öffnen. Mit was für einem Ziel kam man hier überhaupt zusammen? Eine nette Aussprache und dann würden sich ihre Wege wider trennen? Aus Robin’s Sicht machte das weder Sinn noch war es besonders erstrebenswert. Nur, dass es hier eben nicht nur um ihre Meinung ging sondern auch um die von Nora und die hatte vielleicht ihre ganz eigenen Beweggründe, warum sie sich hier hatte treffen wollen.
 

„Vielleicht.. solltest du erst einmal richtig ankommen. Und dann können wir einen Kaffee trinken und.. darüber reden.“ Etwas das sie dringend tun sollten und sicherlich war es für niemanden eine Hilfe, würde man so tun als sei das alles nicht relevant. Denn das war es. Und man konnte es nicht einfach übergehen, einen netten Abend verbringen und das alles ignorieren. Zumindest Robin konnte das nicht. Aus ihrer Sicht war es das beste, wenn man sich gleich all dem stellen würde, denn es würde weder besser noch schlechter werden, wenn man es vertagen würde.
 

„Okay.. ich beeil mich.“
 

Nora versuchte sich an einem zurückhaltenden Lächeln, bevor sie sich wieder abwandte und dann zurück in den Flur begab. Robin konnte hören, wie sie wohl etwas aufnahm und dann über die knarzenden Stufen hinauf in den ersten Stock ging. Dort befanden sich lediglich zwei Schlafzimmer in dem Robin sich bereits in einem eingerichtet hatte. Das Badezimmer befand sich hier unten, doch wichtig war nur, dass sie sich im Zweifel auch aus dem Weg gehen konnten. Wobei Robin sich in so einem Falle wohl eher darum bemühen würde früher abzureisen, als sie es geplant hatte. Darin war sie flexibel und hatte sich durchaus ihre Optionen offen gehalten.
 

Nun aber setzte sie sich richtig auf und würde für einen Moment das Gesicht in den Händen vergraben und sich darüber reiben. Was machte sie hier nur? Und warum löste das alles so viel in ihr aus? Es war zwei Jahre her und dennoch war da diese Vertrautheit. Der Impuls die andere einfach in den Arm zu nehmen. Vielleicht sogar zu vergessen was alles geschehen war. Doch das durfte sie nicht, dazu war das alles einfach zu schwerwiegend gewesen und musste dringend aufgearbeitet werden. Ansonsten würde das alles keine Basis haben auf der man aufbauen konnte.
 

Kaum das der Gedanke aufgekommen war schüttelte Robin über sich selbst den Kopf. Aufbauen. Was wollte sie denn aufbauen? Sicherlich wusste sie das nicht einmal selbst so genau aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken dem ganzen zugeneigt waren. Töricht.
 

Lieber würde sie aufstehen und sich in die Küche begeben, um dort eine Tasse und Milch so wie Zucker zu holen. Vielleicht wusste man nicht viel voneinander, doch wie Nora ihren Kaffee trank, das wusste sie noch. Eines der wenigen Dinge von denen Robin sagen konnte, dass sie sehr wahrscheinlich der Wahrheit entsprachen. Geschmackliche Vorlieben waren selten das, was einem wirkliche Probleme machte und andere Dinge bei denen es lohnenswerter war über sie zu lügen und sich Geschichten auszudenken. Da war der Name schon etwas das relevanter war. Oder die Frage nach dem Job, wobei man Nora wohl auch nicht vorwerfen konnte, dass sich sich dabei zu weit von der Wahrheit entfernt hatte. Und doch hatte man sich unter falschen Bedingungen kennengelernt und sie beide müssten nun wohl für sich herausfinden was davon wahr war und wie viel mit einer Illusion zu tun gehabt hatte.
 

Als sie Schritte hörte, die wieder die Treppe hinunter kamen machte Robin sich daran die zweite Tasse mit Kaffee zu füllen. Milch und Zucker würde sie ebenfalls dazu geben, bevor sie sich mit ihrer eigenen Tasse zurücklehnen und ein Bein über das andere schlagen würde.
 

Nora hatte ihre Jeans gegen eine Leggins getauscht und setzte sich auf den Sessel neben der Couch, nachdem sie wieder zu ihr gestoßen war.
 

„Danke.“
 

Es würde sie sicher wieder aufwärmen und so wartete Robin dann auch, bis sie einen schluck getrunken hatte. Dabei musterte Nora anschließend nachdenklich ihre Tasse, bevor sie sich doch wieder zurück lehnte und es sich gemütlich machte. Die Anspannung war ihrer Körperhaltung dennoch weiter anzusehen.
 

„Du fragst dich sicher, was das alles soll.“
 

„Unter anderem, ja. Wobei ich mir auch meinen Teil denken kann.“
 

„In wiefern?“
 

Robin zuckte mit den Schultern und würde selbst noch einen Schluck aus ihrer Tasse trinken. „Zeugenschutz. Vermutlich warst du schon früher mit jemandem im Kontakt. Ich frage mich lediglich.. warum das hier. Ist nicht eine der Regeln, dass man keinen Kontakt zu Personen aus seiner Vergangenheit aufnehmen sollte?“
 

„Ich habe darauf spekuliert, dass du es für dich behalten kannst. Und ich wollte dich sehen.“
 

Das war ihre Ausrede? Sie hatte sie sehen wollen? Robin musste zugeben, dass sie nicht wusste, was sie davon halten sollte. Immerhin war niemand wegen einer Lappalie im Zeugenschutz. In der Regel bedeutete es, dass das Leben dieser Person in ernsthafter Gefahr war, sobald ihre Identität bekannt werden würde.
 

„Außerdem hat mein Onkel dich durchleuchtet, bevor er mir das ganze erlaubt hat.“
 

„Der Mann, der mir das Buch gebracht hat?“
 

Nora nickte. Offensichtlich hatte sie die Skepsis in ihrem Blick gesehen und versuchte das ganze nun auf ihre Weise zu entschärfen. Wobei sie das wohl nur konnte, indem sie die Situation mehr erklären würde und etwas Licht ins Dunkel brachte. Wie Robin gesagt hatte konnte sie sich vieles denken und dennoch hatte diese ganze Sache noch einige dunkle Flecken.
 

„Er arbeitet für das FBI. Und er hat im Hintergrund die Fäden gezogen, um meine Schwester und mich aus der Schusslinie zu bekommen. Eigentlich sollte das alles anders laufen, doch nachdem sich die Situation so zugespitzt hatte.. blieb ihm keine Wahl, als schnell zu handeln.“
 

„Ein Onkel beim FBI und ein krimineller Stiefvater. Wie passt das zusammen?“
 

„Er ist nicht mein Stiefvater. Er ist der Mann, der uns adoptiert hat, nachdem er meine Mutter hat umbringen lassen.“ Nora zog die Brauen zusammen und blickte auf ihren Kaffee. Es waren harte Worte und die Art, wie sie es ausgesprochen hatte schien sie selbst erschreckt zu haben. Vielleicht auch der Umstand sie laut zu hören, das vermochte Robin nicht zu sagen. Doch sie entschied sich dazu zu schweigen und der anderen den nötigen Raum zu geben. Nun waren sie hier, die Dinge waren ins rollen gekommen. Es nicht auszusprechen und zu bereinigen wäre wohl das größere Problem in dieser Sache.
 

„Sie waren verheiratet. Auf dem Papier zumindest. Er und meine Mutter.. ich weiß bis heute nicht was genau er gegen sie in der Hand hatte oder, warum sie diesen Weg überhaupt eingeschlagen hat. Doch als er glaubte, sie habe ihn verraten ließ er sie durch seine Leute umbringen. Die haben es allerdings versäumt das gleiche mit Nojiko und mir zu tun und als dann die ganzen Prozesse losgingen.. er wollte das Sorgerecht haben und hat es bekommen.“
 

„Obwohl er für ihren Tod verantwortlich war?“
 

„Es gab nicht genug Beweise. Und er hatte schon damals ein Händchen für gute Kontakte. Eines hat zum anderen Geführt und kaum, dass er gewonnen hatte, haben wir das Land verlassen. Erst nach Boston, später nach New York. Ich war sechs..“
 

Ein Kind. Ein Opfer. So etwas entschuldigte sicherlich nicht alles, zumal Robin auch nicht wusste was genau alles geschehen war und Nora für diesen Mann getan hatte. Und doch war es eine Erklärung für viele Dinge, die man nicht außer acht lassen durfte.
 

„Er hat mein Talent erkannt, mich gefördert, mein Studium finanziert und mich von den besten Fälschern lernen lassen. Ich war gut in meinem Handwerk. Und meine Schwester war das perfekte Druckmittel. Immer, wenn ich nicht nach seinen Vorstellungen gehandelt habe wurde sie bestraft. Irgendwann bin ich mit ihm den Deal eingegangen, dass ich ihm loyal ergeben sei, wenn er sie dafür ihr Leben leben lassen würde. Er hat zugestimmt auch, wenn mir immer klar war das er sie umbringen würde, sollte ich versuchen auszusteigen.“
 

„Und doch hast du es getan.“
 

Nora verzog ein wenig das Gesicht und zuckte mit den Schultern. Sie wirkte angespannt, bestürzt. Vermutlich bekam Robin gerade nur die kurze Zusammenfassung von allem was wirklich geschehen war und in Wirklichkeit reichte das alles weit tiefer. Dennoch würde sie nicht danach bohren. Das wäre keine Lösung und in erster Linie wollte sie verstehen worum es bei all dem wirklich gegangen war. Immerhin würde sie davon abhängig machen, wie sie selbst im weiteren mit der Situation umgehen sollte.
 

„Erst, als wir eine Nachricht von meinem Onkel erhalten haben. Er hatte uns gefunden und wir fingen an mit ihm Kontakt zu halten. Doch da ich schon einmal drin war.. wollte das FBI auch möglichst viele Beweise. Der Zugriff verzögerte sich immer wieder. Anfangs war es nicht so schlimm für mich. Ich sollte nur Geld und ab und an ein paar Dokumente fälschen. Das war nicht richtig aber es war bei weitem nicht das, was es geworden ist. Ich kannte nicht die Ausmaße seines Menschenhandels. Offen gestanden.. ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass in den Containern etwas anderes sein könnte, als Drogen.“
 

„Wann ist dir klar geworden wie schlimm es wirklich ist?“
 

„Vielleicht acht Monate bevor wir uns kennengelernt haben. Das war das wonach das FBI gesucht hatte. Sie wollten mehr, mehr Beweise, mehr Namen. Genzo hat versucht Druck zu machen, doch man wollte sich nicht einfach damit zufrieden geben. Also musste ich weiter machen. Es gab keinen Weg raus und ich dachte bereits darüber nach es selbst in die Hand zu nehmen, meine eigenen Ausweise zu fälschen und dann unterzutauchen.“
 

„Und dann wurde McAllister getötet.“
 

Wieder ein nicken. Was dann folgte das wusste Robin. Zumindest von Seiten der Ermittlungen des NYPD. In wie weit das alles wirklich so war, das konnte sie nicht wissen und doch zeichnete sich ein vollständigeres Bild des ganzen ab. Zumal es Robin auch darin bestärkte, dass ihr Bauchgefühl nicht völlig daneben gelegen hatte. Nora war kein vollkommen schlechter Mensch, wenn sie dem ganzen glauben sollte. Doch, was sprach dagegen?
 

„Die Dinge sind plötzlich völlig aus dem Ruder gelaufen. Und nachdem du meinen Namen an die Cop’s weitergegeben hattest da-“
 

„Habe ich nicht“, unterbrach Robin sie dann aber doch. Vielleicht war es an diesem Punkt fair etwas von ihrer Seite aus preiszugeben, nachdem Nora ihr bereitwillig und ohne großes Zögern ihren Teil der Geschichte geschildert hatte. „Mein Partner hatte mir die Lieferscheine gebracht, die für den Fall relevant waren. Ich habe angefangen jene zu suchen, deren Schriften übereinstimmten. An dem Tag, als du mit dem Essen deines Freundes vorbeigekommen bist und ich in der Küche etwas holen gegangen bin habe ich die Notiz gesehen, die du mir hinterlassen hattest.“
 

„Die ich aus Gewohnheit nicht mit meiner richtigen Handschrift geschrieben hatte..“
 

„Sondern mit der, die auch auf den Dokumenten war, ja.“
 

Wieder nickte Nora, diesmal allerdings als würde sie nun das Puzzle langsam für sich etwas besser zusammensetzen können. Als würde sie nun endlich verstehen an welcher Stelle sie den Fehler gemacht hatte. Doch konnte man es wirklich so nennen? Am Ende war es lediglich ein dummer Zufall gewesen, dass Robin in ihrem Fall beraten hatte. Das hätte sie nicht wissen können.
 

„Deswegen warst du so anders. Weil du verstanden hast, dass ich da mit drin hänge.“
 

Robin kommentierte es nicht sondern trank selbst von ihrem Kaffe. Es noch einmal zu unterstreichen war wohl nicht notwendig. Immerhin schien Nora sich ebenso gut an diesen Abend zu erinnern, wie Robin es tat.
 

„Ich musste das erst für mich einordnen. Die Erkenntnis kam unerwartet.“
 

„Verständlich. Aber, wenn du meinen Namen nicht weitergegeben hast, wer dann?“
 

„Mein Partner.“ Bei dem Gedanken an Franky zog sie nachdenklich die Brauen zusammen. Ihre Beziehung zueinander hatte sich nie wieder erholt nach diesem Fall. „Er war mein bester Freund, ich wollte mit jemandem darüber reden. Zwar hatte ich nicht vor mein Wissen zu verschweigen aber.. ich kam zu dem Schluss mit dir reden zu wollen, bevor ich die Polizei einschalten würde. Er hielt das offenbar für eine dumme Idee.“
 

„Er hat es ohne dein Wissen getan?“
 

„Er dachte wohl du könntest verschwinden oder jemanden warnen, wenn ich erst mit dir rede.“
 

„Du dachtest das nicht?“
 

Es war sicher ein guter und wichtiger Punkt. Auch Robin hatte sich darüber Gedanken gemacht. Nur, dass sie lange Zeit keine richtige Antwort dafür gehabt hatte. Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie es damals nicht in Frage gestellt. Für sie hatte die Option, Nora könnte verschwinden oder Sawyer warnen, nicht existiert. Und so könnte man Franky vielleicht zu gute halten, dass er sich gegen ihre offensichtliche Befangenheit durchgesetzt hatte. Doch wer ließ sich schon gerne vorwerfen, dass man befangen war?
 

„Du hattest mir bereits von deinem Chef erzählt, der ein Arschloch sei. Und egal was wir getan haben, der traurige Ausdruck in deinen Augen wollte nicht verschwinden. Nenn es Bauchgefühl oder Naivität doch ich ging nicht davon aus, dass du das tun würdest.“
 

„Es war nicht alles gelogen, was ich gesagt habe.“
 

„Du hast nicht wirklich viel gesagt.“ Das musste man wohl festhalten, denn sie beide hatten sich durchaus bemüht die Dinge im unklaren zu lassen. Jede für sich hatte wohl ihre eigenen Gründe dafür gehabt. Gründe die berechtigt gewesen waren aber konnte man dann wirklich von Lügen sprechen? Und durfte man sich deswegen angegriffen fühlen? Immerhin waren sie beide einander nichts schuldig gewesen. Weder damals noch heute.
 

„Nein aber.. das würde ich jetzt gerne ändern.“ Nora stellte die Tasse zur Seite und würde sich vorlehnen, bevor sie ihr die Hand reichen und Robin forschend, vielleicht auch etwas unsicher ansehen würde.
 

„Ich bin Nami.“

hope


 

2025 - Kanada - Tag 3
 


 

Sie atmete durch und blickte sich durch den Spiegel hinweg in die Augen. Dabei stützte Nami sich auf dem Waschbecken ab, zog nachdenklich die Mundwinkel hin und her. Die warme Dusche hatte sie wirklich gebaucht, nachdem Robin und sie den ganzen Tag draußen verbracht hatten. Es war nun schon der dritte Tag, den sie hier gemeinsam verbrachten und noch immer fühlte es sich surreal für sie an. Das Robin überhaupt aufgetaucht war hatte sie kaum glauben können. Sie war sich sicher gewesen, dass sie das nicht tun würde. Vielleicht, weil sie die Botschaft nicht verstand oder, weil sie es nicht wollte. Durchaus Möglichkeiten, die sie hatte in betracht ziehen müssen.
 

Doch Nami war eines besseren belehrt worden und, nachdem die erste Zeit durchaus etwas steif gewesen war und man zunächst über einiges hatte sprechen müssen, hatte sie heute zum ersten Mal das Gefühl gehabt, sie könnten vielleicht wieder dort anknüpfen, was sie in New York gehabt hatten. Vielleicht. Noch gab es dafür keine Sicherheit und Robins Gedanken dazu lesen zu können war nahezu unmöglich. Noch immer war sie wie ein Buch mit sieben Siegeln, wenn auch nicht auf unangenehme Weise. Es war schön. Sehr schön.
 

Ein Grinsen ging an ihr Spiegelbild, bevor sie sich abstieß und anfangen würde sich anzuziehen. Shots und ein lockeres Shirt, darüber würde es einen gemütlichen Wollpulli geben. Sie würde sich auf den Weg machen, hinaus aus dem Bad, wo sie noch das Fenster zum lüften geöffnet hatte. Von der Küche aus drangen leise Geräusche zu ihr herüber und der Geruch nach Essen erfüllte das Haus. Etwas das dazu führte, dass das Grinsen einfach nicht von ihrem Gesicht weichen wollte. Und so schön es auch war es wäre sicherlich besser, würde sie Robin gegenüber diese Gefühlsregung nicht so sehr zur Show stellen.. Nami war sich darüber bewusst, dass sie bei weitem noch nicht so weit waren die Situation locker zu nehmen. Dennoch nahm sie sich den Moment das zu genießen, woran sie hier schnuppern durfte. An dem Gefühl, was sie schon damals im Magen gekitzelt und, welches sie sich verboten hatte. Diesmal würde sie es sich nicht verbieten müssen und doch war ungewiss, ob sie die Chance darauf bekommen würde dem ganzen nachgehen zu dürfen.
 

„Das riecht ziemlich gut“, stellte sie fest, als sie zu Robin in die Küche trat, die dabei war etwas abzuschmecken. Auf ihre Worte hin drehte sich die andere zu ihr herum und würde sie leicht anlächeln.
 

„Eines der wenigen Rezepte, die ich gut kann würde ich behaupten.“
 

„Ich gebe zu, ich habe dich nie wirklich in der Küche am Herd gesehen“, räumte Nami ein. Das durchaus nicht aber es war doch ein angenehmes Bild. Hatte wohl auch mit dem Umstand zu tun, dass es nicht zwingend viele Frauen gab, die je für Nami gekocht hatten. Ihre Mutter und Schwester klammerte sie dabei dann doch aus. Es war etwas besonderes, wenn auch unvermeidbar in dieser Unterkunft. Um ein Restaurant zu besuchen müssten sie erst einmal vierzig Minuten fahren, was bei diesem Wetter durchaus kein Vergnügen war. Und so blieb ihnen eigentlich keine andere Wahl als selbst zu kochen und, obwohl Nami dafür alles bei Andrew bestellt und vorbereitet hatte, war ihr erst am ersten Abend bewusst geworden was es bedeutete und, dass sie mit ihren eigenen Kochkünsten wirklich nicht punkten konnte. Eine Verschwendung für die frischen Zutaten, die sie hatte kaufen lassen.
 

Glücklicherweise hatte Robin das Ganze heute in die Hand genommen und ersparte Nami eine weitere Blamage in der Küche.
 

„Für gewöhnlich ist das auch nicht unbedingt mein Lieblingsplatz.“
 

„Tut mir leid“.
 

„Schon gut. Es passt zu diesem Ort und heute würde mich nichts und niemand noch einmal vor die Tür bekommen.“
 

Nami würde da nicht widersprechen. Es war ein schöner Tag gewesen, doch Kanadas Winter war eben eine Sache für sich. Eine Herausforderung und Nami hatte sich bis heute nicht daran gewöhnt. Der Winter war wirklich nicht ihre favorisierte Jahreszeit und sicher spielte sie noch heute mit dem Gedanken irgendwann in ein Land auszuwandern, wo es wärmer war. Spanien kam da durchaus in frage. Bisher war sie leider noch nicht dort gewesen, doch Barcelona würde sie durchaus reizen. Vielleicht wäre es auch eine logische Konsequenz, die man aus all dem ziehen musste. Zurück nach Europa? Das wirkte auf den ersten Blick nicht als das schlechteste, was sie machen konnte.
 

„Wein?“
 

„Gerne.“
 

Während Robin sich also weiter um ihr Abendessen kümmerte war es an Nami den Wein zu suchen und zu öffnen. Man hatte eine kleine Auswahl dank Andrew doch diese Auswahl war bereits ein wenig geschrumpft. Die Gespräche hatten sich besser bei einem Glas Wein führen lassen, das war nun einmal so gewesen doch eigentlich hätte hier noch ein Weißwein stehen sollen, was Nami die Brauen zusammen ziehen ließ.
 

„Wo ist der Weißwein?“
 

„Im Risotto.“
 

„Die ganze Flasche?“
 

Tja, dann wurde wohl nichts daraus, dass sie dazu etwas Weißwein trinken konnten. Sie konnte förmlich vor sich sehen, wie Robin den Kopf schüttelte und Nami musste schmunzeln. Sie wusste nicht, wie sich das entwickelt hatte, doch manchmal hatten sie eine merkwürdig vertraute Dynamik miteinander.
 

Da es keinen Weißwein mehr gab würde Nami nach dem Rotwein auswählen und sich dann darum kümmern die Flasche zu öffnen und dann die Weingläser zu suchen.
 

„Wie kommt es, dass du ausgerechnet dieses Rezept kannst? Italien.. wie passt das zu dir?“ Hakte Nami dann aber doch nach und lehnte sich wieder neben Robin an die Arbeitsfläche, als sie ihr das Glas mit Rotwein hinstellte.
 

„Ich mag das Land und das Essen dort. Bei einer Reise nach Venedig habe ich einmal ein unglaubliches Risotto gegessen. Und auch, wenn ich gerne essen gehe, es war einfacher es selbst zu lernen.“
 

„Das klingt sehr pragmatisch.“
 

„Du wirkst überrascht?“
 

„Weniger wegen dem Pragmatismus sondern mehr davon, dass es dich so weit bringt kochen zu lernen.“ Doch diese Frau steckte voller Überraschungen und es gefiel Nami durchaus. Nun war sie noch auf das Ergebnis gespannt. Wie gut es wohl schmeckte?

Während sie Robin beobachtete, trank Nami etwas von ihrem Wein und genoss die entspannte Stimmung zwischen ihnen. Als sie hierher gekommen war, hatte sie das wohl am wenigsten erwartet und jetzt fühlte es sich völlig natürlich zwischen ihnen an. Etwas das man sicherlich nicht kommentarlos annehmen sollte. Immerhin musste noch einiges aufgearbeitet werden. Obgleich Nami nicht das Gefühl hatte das man sich nun nicht in einer Verdrängungsphase befand. Bei Robin wäre das wohl auch unwahrscheinlich, denn sie war dazu zu klar und aufgeräumt im Gegensatz zu Nami. Vor einigen Jahren war sie die Königin der Verdrängung gewesen.
 

„Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt dann..“
 

„Ja, schon verstanden. Was denkst du wie lange ich noch durchhalten muss, bis wir essen können?“ Fragend hob sie die Augenbrauen und betrachtete Robin, die nun doch etwas forschend zu ihr herüber blickte. Nami hob nur selbst die Augenbrauen und sah Robin abwartend an. Ja, sie hatte Hunger und so schön das war, nach diesem langen Tag da draußen würde sie sich doch darüber freuen etwas warmes in den Magen zu bekommen. Wein alleine wäre sicherlich nicht zuträglich.
 

„Es muss noch etwas einkochen. Wenn ich dich damit alleine lassen kann und du noch etwas Wein und Brühe zugießt, sobald die Flüssigkeit verkocht ist und aufpasst, dass nichts anbrennt, dann kann ich mich kurz umziehen.“
 

Und ohne das Nami etwas darauf sagen konnte, würde sie dann auch alles zu ihr schieben. Robin schlenderte davon und Nami konnte ihr nur hinterher sehen, bevor sie sich auf den Topf konzentrierte. Was konnte schon schief gehen? Flüssigkeit nachgießen und darauf achten das nichts anbrannte. Sie war ja keine völlige Katastrophe wenn es darum ging zu kochen. Ein paar grundlegende Fähigkeiten hatte sie durchaus. Und doch hoffte Nami, dass Robin sich nicht zu viel Zeit lassen würde.
 

Da musste dann doch mal etwas Wein nachgegossen werden. War das genug? Zu viel? Risotto gehörte durchaus nicht zu den Gerichten, die Nami ansonsten in ihrer Küche hervorbrachte. Und zu glauben, dass Nojiko ihr so etwas vorsetzte? Wohl auch falsch. Sie kannte nur eine Person, die das vielleicht für sie getan hätte. Sanji. Doch der war in New York und war ein Star. Manchmal verirrte Nami sich auf sein Instagram Profil und sah sich an, für welche Stars er kochte oder auf welchem Event er sich herumtrieb. Ja, Sanji hatte es geschafft, doch daran hatte sie nie gezweifelt. Er war ein Naturtalent und mit seinem Charme konnte er die Massen verzaubern. Und so war sein Essen und vor allem auch Sanji ein Freund jemand, den sie nach wie vor schrecklich vermisste.
 

„Und, wie sieht es aus?“
 

Nami zuckte zusammen, als Robin auf einmal wieder bei ihr auftauchte. Und mehr noch, Robin schob eine Hand über ihren Rücken und griff um ihren Bauch herum, als sie sich an Nami lehnte. Diese drehte kurz den Kopf und blickte zu Robin, die über ihre Schulter sah. Es kam überraschend, ebenso wie das Kribbeln, welches sich plötzlich in ihrem Bauch ausbreitete.
 

„Gut?“
 

„Ist das eine Frage oder weißt du es?“ hakte Robin dabei schmunzelnd nach und Nami richtete den Blick wieder auf den Topf. Was wusste sie schon, wann es wirklich gut aussah? Ihre Kriterien beschränkten sich darauf, ob es angebrannt roch und es ansprechend aussah. Doch ansprechendes Essen konnte auch schlecht schmecken, wenn es falsch gewürzt wurde. Man konnte es wohl kaum als qualifizierte Meinung benennen.
 

„Eine Frage?“
 

Robin lachte leise, bevor sie sich dann auch von Nami löste und sie sanft zur Seite schob, um ihr den Holzlöffel wieder aus der Hand zu nehmen und dann selbst noch einmal durch den Topf zu rühren. Ein kurzer prüfender Blick, dann griff sie zur Seite und würde aus zwei verschiedenen Schalen Butter so wie Parmesan hinzufügen und anfangen das ganze wieder zu verrühren. Nami stützte sich schweigend mit den Ellen auf der Arbeitsfläche ab und würde jeden Handgriff genau beobachten. Es hatte etwas beruhigendes und schon als kleines Kind hatte sie es genossen ihrer Mutter bei der Arbeit zuzusehen und sich bekochen zu lassen. Nicht, dass sie das von einer Frau in ihrem Leben erwartete, doch es war durchaus ein schöner Pluspunkt, das musste sie an dieser Stelle einfach zugeben.
 

„Du kannst schon einmal die Gläser und Besteck zum Sofa bringen oder wo auch immer du essen möchtest.“
 

Die Augen schnippten hinauf, als Nami Robin noch einmal musterte aber; sie hatte recht. Nami sollte sich lieber nützlich machen und deswegen würde sie sich auch wieder aufrichten und anfangen alles zusammen zu suchen, was Robin aufgezählt hatte. Viel war es nicht und damit als Arbeit schnell getan. Dabei stellte sich für Nami nicht die Frage, ob man am Tisch oder beim Sofa essen würde. Das eine war immerhin deutlich gemütlicher und auch weit näher am Kamin als der Tisch.
 

Sie brachte die Gläser zum Couchtisch und würde anschließend das Besteck holen. Zeit in der Robin bereits Teller herausgenommen und angefangen hatte ihnen etwas aufzutun.
 

„Brauchst du noch Hilfe?“
 

„Nein, setz dich, ich bin sofort bei dir.“
 

Und das würde sie auch sein. Nami hatte sich seufzend auf die durchgesessenen Kissen sinken lassen, als Robin bereits bei ihr auftauchte und die Teller vor ihnen auf dem Tisch platzieren würde. Anschließend ließ sie sich neben Nami sinken und griff nach ihrem Weinglas.
 

„Lass es dir schmecken.“
 

„Mit bestem Dank an die Köchin.“
 

Sie würden anstoßen und dann endlich gemeinsam dieses essen genießen.
 


 

***
 


 

„Woran denkst du?“
 

Nami schürzte die Lippen und musste einen Moment über die Frage nachdenken. Inzwischen hatten sie es sich gemeinsam auf der Couch gemütlich gemacht. Robin lag hinter ihr und Nami vor ihr, während sie von Robin ein wenig umfangen wurde. Dabei lag deren Arm über ihrer Seite, um ihren Bauch herum, während sie beide das knisternde Feuer beobachten konnten. Wie genau sie hier gelandet waren? Nami würde sagen, dass es sich einfach ergeben hatte und sie selbst hatte sicherlich wenig dafür getan, um der Sache zu entgehen. Denn eigentlich fühlte es sich endlich wieder richtig an und es erinnerte Nami daran, warum sie diese Frau bisher nicht hatte vergessen können. Wegen diesem wunderbaren, warmen Gefühl welches sie gerade empfand.
 

„Das ich das hier vermisst habe.“
 

Sie könnte sich nun hinterfragen oder damit hadern, ob es wirklich angebracht war so offen zu sprechen. Ob es unangenehm sein könnte, ob man es bereute. Ja, diese Fragen würden andere sich wohl stellen, doch durch die letzten Jahre hatte Nami gelernt, dass sie mit solchen Situationen anders umgehen musste. Zumindest, wenn sie aufhören wollte etwas zu bereuen. Alles war besser, als es nicht versucht zu haben.
 

„Mhm. Es ist merkwürdig“; murmelte Robin hinter ihr. Sie wirkte nachdenklich und Nami konnte ihr das auch nicht verdenken.
 

„Weil wir uns eigentlich kaum kennen?“
 

„Es sind zwei Jahre vergangen.“
 

Diesem Argument konnte Nami nicht widersprechen. Es war viel Zeit vergangen und man sollte meinen, dass diese flüchtige Begegnung zwischen ihnen beiden kein Thema mehr sein sollte. Und doch war es anders. Für Nami zumindest und sie hatte aufgehört das zu hinterfragen. Lieber wollte sie handeln und versuchen das alles zu lösen und egal was am Ende passierte, Nami würde sich leichter fühlen. Zumindest dessen war sie sich sicher.
 

„Ich denke so etwas folgt keinen bestimmten Regeln.“
 

„Dennoch ist viel geschehen.“
 

„Und wir haben darüber gesprochen. Ich habe nicht vor in der Vergangenheit zu leben aber.. vielleicht ein paar Dinge aus meiner Vergangenheit mitzunehmen.“ Während sie das sagte würde Nami sich langsam drehen, um sich auf den Rücken zu legen und dann zu Robin hinauf blicken zu können. Diese hatte den Kopf auf ihrer Hand abgestützt, um nun zu ihr hinunter zu sehen. Und Nami war es auch lieber, wenn sie sich bei diesem Gespräch in die Augen blicken konnten. Man wollte ehrlich sein und es aufarbeiten, dazu gehörte eben auch nicht wegzusehen.
 

„Das gilt es wohl zu prüfen.“
 

Sie schmunzelte und schüttelte ein wenig den Kopf. Diese nüchterne Herangehensweise war etwas das sie durchaus gut leiden konnte an Robin.
 

„Sagst du damit, dass wir beide schauen sollen, wohin uns das bringen könnte? Das wir.. uns Daten sollten?“ Unweigerlich musste sie grinsen und konnte auch das leichte Glücksgefühl in ihrem Körper nicht unterdrücken. Was am Ende dabei herauskam war vielleicht nicht wichtig, denn am Ende zählte es nur das man es versucht hatte. Es versuchen und dann sehen, was daraus werden konnte. Aber zumindest hätte man dann eine faire Chance gehabt und müsste sich nichts anderes vorwerfen.
 

„Ich sage, dass es sich lohnen könnte einen genaueren Blick auf das alles zu legen“, räumte Robin ein und lächelte sie dabei an. Sie tat es nicht so oft aber wenn sie es tat, dann war es doch ziemlich schön.
 

„Mhm. Hab ich schon einmal gesagt, dass ich es mag wie nüchtern du die Dinge betrachtest?“
 

„Es hilft sich nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren.“
 

Nami musste lachen und schob dabei die Hand über Robin’s Arm und zog sie ein wenig mehr an sich heran. Belanglosigkeiten. Ja, so könnte man das auch nennen aber es war doch zu verstehen und Gefühle konnten - so schön sie auch waren - oft für viel Verwirrung und Komplikationen sorgen. Zumindest dann, wenn man sich von diesen Gefühlen unkontrolliert leiten ließ und seine Impulse nicht kontrollieren konnte.
 

„Ich finde trotzdem, dass du.. dich vielleicht ein bisschen mehr in diesen Belanglosigkeiten verlieren könntest.“
 

„Und das ist eine ganz uneigennützige Sicht auf die Dinge?“
 

„Natürlich.“
 

Nami grinste Robin weiter an und es gab durchaus den Impuls, dass sie ihr Näher kommen wollte. Schwer sich dagegen zu wehren, wenn man diese Grenze eigentlich schon vor langer Zeit überschritten hatte. Wäre es gut, das jetzt zu tun? Darüber war Nami sich noch etwas unschlüssig. Immerhin hatten sie über die letzten Tage mühevoll versucht die Situation zwischen ihnen wieder auf einen neutralen Grund zu bringen. Nun war das Pendel dabei wieder in eine andere Richtung zu schwingen und Nami musste sich entscheiden, ob sie versuchen würde dieses wieder einzufangen oder, ob sie es einfach laufen ließ.
 

„Ich werde es in Erwägung ziehen. Und du, du solltest auch ein bisschen ruhiger machen, findest du nicht?“
 

Sie wurde ausgebremst. Nami verstand auch woher das kam. Denn man sollte sich durchaus bewusst sein darüber was gerade passierte und sich nicht einfach von einer möglichen Sehnsucht davon spülen lassen. Nun, Nami war kein Freund der Vernunft, das sollte durchaus klar sein und doch verstand sie die unterschwellige Botschaft.
 

„Ruhig ist langweilig.“
 

„Gut, dann wirst du lernen müssen damit zu leben, denn ich bin schrecklich langweilig.“
 

Das lag sicher im Auge des Betrachters. Zumindest Nami würde Robin nicht als langweilig beschreiben. Dennoch musste sie Robin den Punkt geben, dass sie menschlich durchaus ein wenig wie Feuer und Wasser waren. Gegensätze die sich dennoch irgendwie anzogen und ein Interesse füreinander weckten. Vielleicht machte auch das den besonderen Charme des ganzen aus, den Reiz. Und was Nami anging? Das was Robin als langweilig bezeichnete war wohl genau das, was sie brauchte. Sie hatte in der Vergangenheit gelernt, dass die langweiligen Dinge im Leben ihren Reiz hatten. Sie wollte keine Spielchen, wollte keine Spannung oder Unsicherheit. Das was Nami wollte war Verlässlichkeit, Stabilität mit einem Hauch Unberechenbarkeit.
 

„Ich glaube ich könnte mich damit arrangieren.“
 

Wenn Nami sich ein bisschen Mühe geben würde? Ja, dann könnte sie lernen Robin’s Langeweile an ihrer Seite irgendwie zu ertragen und damit zurecht zu kommen. Immerhin musste man in jeder Beziehung gewisse Kompromisse eingehen.
 

„Und ich glaube, dass du ein bisschen übermütig wirst.“
 

Robin umfasste ihre Hüfte und drehte sie langsam wieder in eine andere Richtung. Weg von sich so, dass sie wieder in Richtung des Kamins blicken konnte. Ein Zeichen, dass sie die Situation nicht überreizen sollte, doch das war okay für Nami. Für jetzt würde sie sich damit zufrieden geben, was sie bekommen hatte.
 


 

***
 


 

„Du hast Glück, dass Wetter scheint die Züge nicht beeinträchtigt zu haben.“
 

Nami würde die App auf ihrem Handy wieder schließen und dieses wieder neben sich auf die Ablage vor der Schaltung legen. Die Zeit war schnell vergangen. Fast etwas zu schnell, wenn man sie fragen würde. Und doch wusste Nami, dass es nicht klug wäre sich nun zu sehr in dem zu verlieren, was in den vergangenen Tagen geschehen war. Etwas Abstand und ein Blick ohne emotionale Einflüsse auf die Situation könnte durchaus nicht schaden. Das war zumindest die Vernunft, die sich einmischte. Nami fand das schrecklich unbefriedigend.
 

Dennoch hatte sie am Ende nichts weiter tun können, als Robin anzubieten sie wenigstens zum Bahnhof zu fahren. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zum Flughafen aber es hatte ihr wenigstens eine Fahrt mit dem Uber erspart und gab Nami die Gelegenheit den Abschied noch einen Moment hinaus zu zögern.
 

„Dann werde ich mich gleich auf den Weg machen. Ein Kaffee für die Fahrt kann nicht schaden.“
 

Ein wenig schürzte Nami die Lippen, schwieg aber dazu. Das Robin sich noch etwas für die Fahrt besorgen wollte war natürlich und doch missfiel es ihr ein wenig. Alles an dieser Situation wollte ihr nicht wirklich gefallen aber das gehörte wohl dazu. Zu dieser verqueren Situation in der sie irgendwie gemeinsam steckten. Doch taten sie das wirklich? Oder hatte Nami sich das lediglich einbildet über die vergangenen Tage? Manchmal glaubte sie durchaus, dass ihr all das einen Streich spielte. So nah sie sich vielleicht gewesen waren, so distanziert schien Robin heute zu sein. Was Nami dazu brachte, dass sie nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte.
 

„Wie hast du dir das jetzt vorgestellt?“
 

Robins Frage ließ sie den Kopf drehen und zu der anderen herüber schauen. Sie beide saßen in Nami’s Wagen, dich eingepackt. Zumindest trugen sie noch Schals und Mützen, Nami verzichtete auf ihre Jacke dank der Sitzheizung, währen Robin es vorgezogen hatte einfach gleich alles an zu behalten.
 

„Was meinst du?“
 

„Unser Kontakt. Sollte das hier eine einmalige Sache sein? Du befindest dich noch immer im Zeugenschutz.“
 

„Du denkst ich wollte dich nur für etwas einmaliges sehen? Ich dachte wir hätten uns darauf geeinigt, dass wir uns das alles noch einmal genauer ansehen wollen.“
 

Die Art, wie Robin sie ansah und dabei ihre Brauen hob sagte Nami, dass es genau das gewesen war. Sie glaubte, dass Nami.. ja, was glaubte sie? Das konnte Nami in diesem Moment nicht einmal genau benennen. Eine einmalige Sache, um ihre Neugierde zu befriedigen? Noch einmal mit ihr zu schlafen, um der alten Zeiten willen? Nichts davon war der Fall gewesen und nichts davon war passiert. Nami war nach wie vor Neugierig auf diese Frau und bis auf etwas Kuscheln und Umarmungen waren sie sich auch nicht näher gekommen. Es war viel wichtiger für sie beide gewesen miteinander zu sprechen und die Vergangenheit ein wenig aufzuarbeiten.
 

„Tz..“
 

Sie wandte den Blick ab und sah aus der Windschutzscheibe, während sie die Arme vor der Brust verschränkte und ein wenig mehr in den Sitz hinein rutschte.
 

„Ich weiß nicht, wie es funktionieren kann. Aber ich weiß, dass ich nicht darauf verzichten möchte. Und ich würde gerne eine Lösung finden, wenn du das auch willst.“
 

So fair musste sie sein und Nami wollte nicht länger um den heißen Brei herum reden. Sie hatten es lange genug getan und nun, wo sie frei war wollte ei das Leben auch für sich nutzen. Sobald Robin aussteigen würde hätte sie ihre Chance vertan, das wusste Nami. Wenn sie also noch etwas erreichen wollte, dann musste es jetzt sein.
 

„Du willst deinen Zeugenschutz umgehen, um mit mir Kontakt zu haben?“
 

„Man kann sich ein zweites Handy zulegen, prepayed..“ murmelte sie vor sich hin. Ein wenig hatte sie durchaus darüber nachgedacht. Man musste eben nur bereit sein das Ganze ein wenig für sich zu bewegen und auch offen für Kompromisse sein. Denn Nami konnte nicht einfach so zurück in die Staaten und dort ein neues Leben anfangen. Und sie konnte auch nicht von Robin verlangen, dass diese einfach alle Zelte abbrach und nach Kanada kam. Und doch wollte sie es versuchen, obgleich Robin eher nicht so klang als sei diese Idee für sie eine besonders gute.
 

„Nun, ich denke wir sollten es nicht kopflos angehen. Das ist nichts mit dem man spaßt.“
 

„Ich spaße nicht damit.“
 

Nami hatte die Brauen zusammen gezogen und starrte auf das Lenkrad. Sie benahm sich wie ein bockiges Kind, das war ihr durchaus bewusst. Dennoch konnte sie nicht anders. Es war das Gefühl von Glück, welches sie hatte spüren dürfen und sie war nicht bereit es einfach loszulassen.
 

„Dann müssen wir uns wohl etwas einfallen lassen.“
 

Überrascht blickte sie auf und wandte sich wieder Robin zu, die sie sanft anlächelte und ihr eine kleine Karte entgegen hielt. Nami würde sie entgegen nehmen und einen kurzen Blick darauf werden. Eine Visitenkarte. Robins Kontakt. Ja, das war ein Anfang und sicher wichtig.
 

„Es muss sicher sein, das ist meine Bedingung. Melde dich erst, wenn du einen guten Plan hast, verstanden?“
 

„Was.. aber…“
 

Doch Robin ließ sie nicht weiter zu Wort kommen. Sie öffnete die Tür und würde aussteigen. Ja, sie musste einen Zug erwischen, Nami erinnerte sich durchaus daran. Das konnte sie nicht verhindern. Ebenso wenig wie den Umstand, dass Robin sich dazu entschieden hatte sie einfach mit dieser Entscheidung alleine zurück zu lassen.
 

Sprachlos blickte sie der anderen nach, als sie sich mit ihrem Koffer durch den Schnee kämpfte und schließlich im Bahnhofsgebäude verschwand. Einfach so war Nami wieder alleine, als hätte es die vergangenen Tage nicht gegeben. Nur, dass sie sich jetzt etwas einfallen lassen musste, denn Nami wusste; sie musste nicht nur Robin sondern auch Genzo und Nojiko von ihrem Plan überzeugen, wenn sie eine Chance bei dieser Frau haben wollte.

happiness


 

2030 - Barcelona
 


 

„Nami? Was machen Sie hier?“
 

Sie blickte von ihrem Handy auf und musterte die Blondine, die sichtlich überrascht wirkte sie zu sehen. Dabei war es eigentlich nichts ungewöhnliches, dass Nami hier auftauchte. Wenn sie Zeit hatte, dann versuchte sie ihre Freundin abzuholen.
 

„Hat sie sich etwa an etwas festgebissen?“ fragte sie zurück und schob dabei die Sonnenbrille ein wenig hinauf, um der anderen in die Augen sehen zu können. Eine Geste der Höflichkeit vielleicht auch, wenn Nami es gleich bereute. Die Sonne stand noch immer hoch. Die Hitze der Stadt war zu spüren und wirkte noch nach. Selbst, wenn man nur stand rann einem der Scheiß den Nacken herunter und Nami? Sie liebte es. Sie mochte die Wärme auch, wenn es manchmal anstrengend war.
 

„Sie sah zumindest nicht so als als hätte sie bald vor Schluss zu machen.“
 

„Dann werde ich sie wohl erinnern müssen. Danke.“
 

Ein Lächeln folgte, bevor die andere ihren Weg fortsetzen würde. Nami selbst stieß sich von ihrem Wagen ab und würde diesen abschließen. Wenn ihre Freundin nicht zu ihr kam, dann musste sie eben zu ihr gehen und sie in den Feierabend zerren. Wobei es sie durchaus auch interessierte was es war, dass sie da wohl so fesselte. Gleichzeitig war es aber auch so, dass sie bereits in den vergangenen Wochen beide viel Stress gehabt hatten. Nami selbst war in Kanada gewesen und hatte Nojiko besucht. Drei Wochen war sie dort gewesen nur, um dann hier gleich wieder voll in die Arbeit einzusteigen. Entsprechend voll war die letzte Woche gewesen und sie hatten kaum Zeit füreinander gehabt. Das erklärte Ziel war es gewesen, dass sie sich ein schönes Wochenende zu zweit machen wollten. Pünktlich Feierabend zu machen war durchaus ein wichtiger Teil, bevor man sich zuhause umziehen und ausgehen würde. Sie hatte einen Tisch in ihrer Lieblings Tapasbar reserviert.
 

Als sie das Gebäude betrat wurde es schlagartig kühler. Fast schon kalt. Klimaanlagen waren eine wirklich wunderbare Sache aber aus Nami’s Sicht wurde es an mancher Stelle doch übertrieben. Dem Wetter angemessen trug sie Shorts und ein lockeres Shirt. Hier drinnen hatte sie allerdings das Gefühl zusätzlich noch einen Pullover zu benötigen.
 

Es war also besser sich zu beeilen und deswegen strebte sie gleich weiter zur Treppe und würde sich in den ersten Stock hinauf begeben. Den Gang hinunter. Um diese Zeit war es ruhig, sie begegnete fast niemandem auf ihrem Weg. Sicher waren die meisten schon Nachhause gegangen. Und das wollte Nami nun auch endlich machen. Sie würde noch duschen müssen, sich umziehen und ja, vielleicht wollte sie sich auch ein wenig zurecht machen. Denn ja, es war aus ihrer Sicht durchaus wichtig sich in einer Beziehung mühe zu geben und das auch zu zeigen. Obgleich das in ihrer Beziehung durchaus kein Problem war. Im Gegenteil. Nami hatte durchaus das Gefühl, dass ihre Beziehung mit jedem Jahr nur noch schöner und besser wurde. Wenn man einmal von der Besessenheit ihrer Freundin im Bezug auf ihren Job absah.
 

Bei ihrem Büro angekommen klopfte Nami nur kurz an, würde dann aber einfach eintreten. Wenn sie wirklich in ihre Arbeit vertieft war, dann würde sie ohnehin auf nichts anderes reagieren. Und damit sollte sie recht behalten. Nachdem Nami die Tür geöffnet hatte konnte sie erkennen, wie die andere über einen Tisch gebeugt da stand und sich vermutlich die Details eines Dokumentes ansah.
 

„Denkst du, du kannst dich in absehbarer Zeit davon trennen oder muss ich heute alleine essen gehen?“ fragte Nami dann aber auch direkt und grinste ein wenig. Es war ein Grund, warum sie sie so liebte, weil sie sich so sehr in diesen Details verlieren konnte und diese Leidenschaft für ihren Beruf hatte. Das sie nun aber nicht mal mehr eine Antwort bekam? Das war neu.
 

„Robin?“
 

Dann musste sie eben noch einmal deutlich nachhaken und nun bekam sie auch eine Reaktion. Robin richtete sich auf und blickte sie fast schon ein wenig überrascht an. Erst jetzt schien sie wohl zu realisieren, dass sie sich wohl ein wenig in der Zeit verschätzt hatte, als sie noch einmal einen Blick auf ihre Uhr warf und dann unzufrieden brummte.
 

„Tut mir leid, das hier kam heute Nachmittag rein“, sagte sie dann nur und wandte sich wieder dem Dokument zuwandte. Es blieb Nami in diesem Moment nichts anderes übrig, als sich schmunzelnd durch den Raum zu bewegen und sich neben Robin über den Tisch zu beugen.
 

„Ich soll prüfen, ob es sich dabei um eine Fälschung handelt, das Museum möchte sichergehen, bevor sie den Fund ausstellen“, sagte Robin während sie sich gleichzeitig wieder aufrichtete und dann auch zur Seite trat. Eine stillschweigende Aufforderung, der Nami dann auch nachkam und sich an Robins Position schob, um sich das ganze dann durch eine Lupe etwas genauer anzusehen. Nebenbei spürte sie, wie Robin kurz die Hand in ihren Nacken legte und mit dem Daumen über ihre Muskulatur strich, bevor die Hand weiter zu ihrer Schulter wanderte. Vorsichtig strich sie über die dunkle Folie, die sich dort unter ihrem Shirt befand. Dabei schob sie das Shirt ein wenig weiter hinauf. An sich war es nichts neues, doch es wurmte Robin merklich, dass sie nicht sehen konnte, was sich darunter befand.
 

„Sieht nach einer professionellen Arbeit aus“, murmelte Nami leise.
 

„Das weißt du nach nicht einmal einer Minute?“
 

Sie richtete sich wieder auf und sah neckisch zu Robin. Sie beide wussten wohl, dass Nami sich kaum irrte, wenn es um diese Dinge ging. Es war ihr Spezialgebiet. Manch einer würde es vielleicht auch als Berufung beschreiben.
 

„Ärgert es dich, dass ich schneller war als du?“
 

Noch während sie die Worte aussprach würde sie sich strecken und den Abstand zwischen ihnen überbrücken, um Robin einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Immerhin hatten sie sich bisher noch nicht wirklich begrüßt und das wollte noch nachgeholt werden.
 

„Mich würde interessieren, wie du so schnell darauf gekommen bist.“
 

„Und ich würde es vorziehen, wenn du mir vertraust und wir Nachhause fahren, um uns für unser Date fertig zu machen. Denkst du, du schaffst das? Ich kann dir Montag in aller Ausführlichkeit sagen womit du es zu tun hast. Aber nicht mehr heute.“
 

„Wirst du es mir genauso zeigen, wie dein neues Tattoo, das ich noch immer nicht sehen darf?“
 

Wie sie gedacht hatte, es wurmte Robin noch immer. Und dabei hatte Nami eigentlich nicht geplant sie absichtlich außen vorzulassen. Doch nachdem sie gemerkt hatte, dass Robin bei diesem Thema eine etwas andere Reaktion zeigte, als sonst musste sie einfach damit spielen. Es war ein neues Spielzeug in ihrer Sammlung, welches viel zu interessant war, um es zu ignorieren.
 

„Vielleicht zeige ich es dir heute, wenn wir endlich hier weg kommen.“
 

Sie würde sich wieder von Robin lösen und sich dann auch wieder auf den Weg zur Tür machen. Das Robin ihr folgen würde, daran zweifelte sie nicht. Sie konnte hören, dass sie etwas verräumte und als sie bereits draußen auf dem Flur war konnte sie auch hören, wie eine Tür verschlossen wurde. Robins Absätze hallten leise auf den Steinplatten des ehrfürchtigen Gebäudes wieder, bevor sie nach Nami’s Hand griff und ihre Finger miteinander verschränkte.
 

„Was hast du heute getrieben?“
 

Da Robin nicht auf ihrem Tattoo herumhacken wollte, wechselte sie nun offensichtlich das Thema. Sicher die beste Variante auch, wenn Nami verstand woran es lag. Sie hatte sich ihr altes Tattoo und die letzte Verbindung zu Aron entfernen lassen. Es war nicht möglich gewesen es direkt zu Covern. Und dann hatte Nami lange suchen müssen, bis sie eine passende Künstlerin gefunden hatte, die ihre Vorstellungen perfekt umsetzen konnte. Nun war nichts mehr aus ihrer Vergangenheit mehr übrig und es gab nur noch die Zukunft. Nun, fast zumindest.
 

„Ich habe mich mit einem interessanten Künstler beschäftigt. Chagall’s Bilder sind sehr beeindruckend.“
 

„Ist das so?“
 

Nami schmunzelte, während sie hinaus gingen und die Wärme der spanischen Sonne sie wieder umfing. Herrlich.
 

„Mhm. Ich glaube es würde gut in unser Wohnzimmer passen.“


Nachwort zu diesem Kapitel:
Und damit ist es vorbei.
Ich bedauere es ein wenig, dass es schon vorbei ist, doch ich bin froh, dass es diesmal keine Jahre gedauert hat und die Geschichte in einem geschrieben werden konnte ;)

Vorerst wird es wohl meine letzte Story gewesen sein und ich gehe in die Pause, um an eigenen Projekten zu arbeiten und dann mit frischen Ideen auch wieder hier etwas zu zeigen.
Danke an alle, die die Geschichte bis hierher verfolgt haben! Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (40)
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Von: robin-chan
2025-01-29T16:43:45+00:00 29.01.2025 17:43
Die Frau und Barcelona, was möchte Nami mehr? ;) Nach allem ein rundes Happy End für die beiden und umso schöner ist es, nochmal ein kleines Bild von ihrer Beziehung zu erhaschen. Es ist einfach passend, dass Robin sich in die Arbeit festbeißt und regelrecht abgeholt werden muss! Und ja, bisschen wurmt es bestimmt, wenn Nami schneller ein Original oder Fälschung erkennt und dann noch das Tattoo - wobei sie dabei ja bisschen zu ungeduldig ist. Als ob sie es nie zu Gesicht bekommen würde XD
Der Epilog rundet hier noch mal bisschen alles ab, wobei ich es weiterhin schade finde, dass dann doch diese Zeit dazwischen ... ach, ist doch immer so - als Leser könnte man eben dann doch ewig weiterlesen ;)

Alles hat nun mal sein Ende und was soll ich sagen? Ich mochte das Setting von Anfang an, alles Drumherum und es war mal wieder etwas vollkommen anderes. Besonders eben wie es mit den beiden verlaufen ist. Vom Kennenlernen weg, über das typische Ich-habe-meine-Regeln, das Verhör und somit Realisieren (was gefühlt ewig gedauert hat :P) und eben bis am Schluss. Man hat dieses Mal sehr wohl gemerkt, dass du der Verbindung mehr Raum gegeben hast, insbesondere zum Ende hin - wofür ich sehr dankbar bin :P Und ich muss nochmal sagen, irgendwie hätte dieses Mal sogar Namis Tod als Ende gepasst, eben weil es realistisch gewesen wäre, aber nein, ich bin dankbar, dass wir mit einem Happy End davon gekommen sind ;)
Wobei ich trotzdem anmerken muss: Ich hätte verdammt gerne gesehen, wie Aron direkt eines drauf bekommen hat XD Aber auf der anderen Seite ... das wäre dann noch ordentlich länger geworden, was? x)
Oh die Kleinigkeiten dazwischen waren auch immer wieder nett, ohne es ausführlicher zu machen, einfach zu sehen, wie Robin dennoch mit New York abschließt, Okta - wobei ich mich ja frage, was mit dem armen Kerlchen passiert ist :') - zum wiederholten Male: Ich hätte ewig weiterlesen können :)

Dann genieße die Pause, die Ideenschöpfung und wie ich schon mal gemeint habe, egal in welche Richtung es geht, ich wäre gerne als Leser dabei :P

Von: robin-chan
2025-01-22T18:21:28+00:00 22.01.2025 19:21
Sag mal ... bei einer Flasche Weißwein .. wie viel hat die Frau da bitteschön vorgekocht? XD
Nach allem, was da jetzt vorgefallen ist, ist es richtig schön die zwei gelassener zu sehen und vor allem in Gesprächen. Also, ohne auf irgendetwas achten zu müssen. Und wie erkennbar ist, liegt eben durchaus etwas in der Luft. Vor allem ja, nach zwei Jahren, spricht so etwas Bände xD
Wobei mir Robins Abgang noch am besten gefällt. Irgendwie passend, irgendwie fühlt man mit Nami dieses Stehengelassene XD Da wundert mich fast, dass sie sich auf der Hütte nicht noch etwas Zeit für diesen Part genommen haben. Ernsthafte Gedanke über eine Möglichkeit zu machen und das ist halt das Wichtigste. In dieser Situation wäre es kontraproduktiv wieder mit einem Spielchen anzufangen. Stichwort zweites Handy - also wirklich, das würde wieder nach hinten los gehen. Aber schön, dass sie Nami jetzt vor eine ordentliche Aufgabe stellt. Und es ist fair. Hat halt etwas von diesem - entweder ganz oder gar nicht und das ist richtig so, vor allem sollte ne Zukunft in Aussicht gestellt werden.
Wenn ich das jetzt nochmal richtig habe, kommt ja jetzt nur noch der Epilog, oder? Genau jetzt wo es ja auf eine andere Weise spannend wird T-T Da bin ich ja mal gespannt~
Von: robin-chan
2025-01-19T07:35:54+00:00 19.01.2025 08:35
Endlich! Auf das Gespräch hieß es ja ein Weilchen warten! Und das Ambiente lädt auf jeden Fall ein, abgeschieden, keine allzu große Ablenkung - was will man mehr!
Mal ehrlich, es sein lassen, hätte nicht viel gebracht. Jetzt, wo wieder alles da ist, braucht es Antworten etc. Robin wäre ansonsten sowieso nur durchgehend im Kreis gelaufen und es wäre nie zu einem ordentlichen Abschluss gekommen. Da ist es erst mal egal, was dieses Treffen alles bezwecken könnte, was sich eröffnet oder nicht. Antworten und Verstehen ist nun mal gerade das Wichtigste. Umso schöner wie die Karten endlich mal offen auf den Tisch gelegt werden können. Auch für Nami ist die Info, dass es nicht Robin war, sehr viel wert. Es bietet endlich das Potenzial für eine stabile Grundbasis. Ein echtes Kennenlernen.
Auf jeden Fall ist es halt wirklich schön, dass dieses gewisse Etwas von damals noch zwischen ihnen hängt. Das macht es im Endspurt ja nochmal interessant, wie es genau verläuft zwischen den beiden und was am Ende dann tatsächlich herauskommt ;)
Von: robin-chan
2025-01-06T17:08:40+00:00 06.01.2025 18:08
Ja, auf jeden Fall ein guter Ort für einen Neustart :P
Nach allem was passiert ist, tut es aber verdammt gut, dass sie auf neue Weise weitermachen können. Und ja, es ist gar nicht so unverständlich, warum es für Nojiko einfacher fällt. Sie war ja dann doch nicht so stark in alles involviert und hatte durchaus, wie es auch durchkam, deutlich mehr Freiraum. Da fällt der Umstieg mit Sicherheit etwas einfacher, aber umso mehr sollte sie Nami verstehen. Außerdem - wenn sie ihrem Café nachtrauert, könnte sie das in Zukunft erneut angehen.
Nami als Kindergärtnerin ist in diesem Fall sogar ziemlich passend. Bei dem, was sie alles durchgemacht hat, und ja, ich sehe es sehr wohl als kleine Möglichkeit das innere Kind zu heilen xD Und was andere so denken und empfinden ... als Kind mit nem Stift am Fenster ... sehr bösartig, wird mit Sicherheit der nächste Garavito oder Shipman, also da hat die Recht, alles fängt mit einem Filzstift am Fenster an! :D
Ich kann Nami aber gut verstehen. Sie wurde ständig kontrolliert, auf die verschiedensten Weisen. Sie hat alle Zeit der Welt, kann sich mal voll und ganz auf sich konzentrieren - auch ohne die Tatsache, dass sie Robin nicht vergessen kann ;) Was aber halt echt ein bisschen weh tut, dass sie eben auch Vivi zurücklassen musste, ohne je die Wahrheit zu erfahren. Obwohl .. gäbe doch den einen oder anderen Weg, oder? Wobei ... lieber so, Vivi würde das noch zelebrieren und alles zunichte machen xD
Jedenfalls bin ich jetzt gespannt darauf, was Robin aus dem alles macht. Was da jetzt noch kommt. Das soll nicht grundlos gewesen sein und wehe es hört abrupt aus ohne irgendwas xD
Antwort von:  BurglarCat
07.01.2025 10:23
Du weißt doch früh übt sich, wer Die Welt beherrschen will ;)
Und zu deiner üblichen Frage; ich kann dir sagen das es mit Epilog noch 3 Kapitel sind und ich bin der Meinung bin ausnahmsweise mal mehr Klarheit geschaffen habe, als es das sonst der Fall war xD
Von: robin-chan
2024-12-29T16:28:49+00:00 29.12.2024 17:28
Lese ich richtig, es gibt ja langsam die eine oder andere Antwort :P
Also in der Hinsicht braucht man ja nicht mehr überrascht sein, dass Nami die Decke auf den Kopf fällt. Als ob ihr Leben so nicht schon stressig genug war, also nebenbei auch noch mit Genzo zusammengearbeitet. Ziemlich schwierig. Beide Seiten können, wie man sieht, auf eigenen Weise ans Messer liefern. Schön das Genzo im Hintergrund genauso versucht, aber das macht es in der Situation nicht besser. Eben weil nicht viel weiter passiert, nur noch mehr Druck macht - kein Wunder, dass sie hier einfach mal alles auf eine Karte setzt. Mit den beiden Namen ist also eine Antwort gekommen. Hatte anfangs tatsächlich gedacht, sie würde erfahren, wer eben im Hintergrund ermittelt, habs dann aber bei Robins Verhör endgültig verworfen - das ist allerdings wesentlich interessanter. Zeigt somit auch bisschen mehr von Okta. Und da verstehe ich Nami. Namen geben reicht nicht, dass etwas gemacht wird. Meist soll dann mehr kommen und das geht eben nicht bzw. war die Schlinge schon verdammt eng um sie.
Nach den letzten Kapitel sieht es ja so aus, das Genzo hinter Nojikos Verschwinden liegt und dem Unfall? Wobei wenn der geplant war ... na ja, bisschen übertrieben in der Hinsicht, dass das auch mal nach hinten los geht xD kann ja durchaus tödlich ausgehen, wenn es richtig scheiße läuft, aber abwarten :P Irgendwie schön zu sehen, wie es sich nach und nach auflöst, aber umso mehr deutet es eben auf das bevorstehende Ende hin D:
Von: robin-chan
2024-12-23T15:54:32+00:00 23.12.2024 16:54
Verständlich, bringt nichts, wenn eine mehr möchte - außer in Mitleid gezogene Nerven :D
Irgendwie ist der Kontrast lustig, da geht sie wieder zurück zu diesen Regeln und in der Gegenwart hat sie mit Bomben und Granaten versagt ;) Nach allem ist es ja fast schön, etwas zurückzukehren und einen normalen Tag der zwei zu erleben. Natürlich abgesehen vom Ende. Schätze so ist sie auf die Idee gekommen, jetzt Robin eine Karte zukommen zu lassen? xD
Aber hey, du hast mal wieder eine Frage beantwortet :P Und zwar, wie es zum Kontakt mit Genzo gekommen ist. Habe mich ja gefragt, ob da was rückwirkend war oder eben erst nachdem alles bisschen ruppiger wurde. Auf jeden Fall scheint er da doch die eine oder andere Nachforschung betrieben zu haben, aber besonders der Moment, bis Nami es realisiert hat, hat mir gefallen. Verständlich, damals waren sie ja noch Kinder und da kann es schon dauern, bis die Erinnerung durchbricht. Und jetzt heißt es wieder warten, es ist ja dennoch noch das eine oder anderen offen D:
Von: robin-chan
2024-12-17T19:58:54+00:00 17.12.2024 20:58
Wie gesagt, es hätte was gehabt, aber das Kapitel zeigt, wie schön es ist, dass du dich für ein Weiterführen entschieden hast! So hat es die Chance auf ein paar mehr Antworten x) Und mittlerweile habe ich mich echt an die Frage gewöhnt und ja, die sind dieses Mal wieder am Start. Wobei ich ein bisschen das Gefühl habe, als wäre da die eine oder andere oberflächlich beantwortet? xD
Auf jeden Fall ist der Zeitsprung passend; Veränderungen, über die Sache ist doch etwas Gras gewachsen. Aber natürlich, so einfach läuft es dann nicht und ja, es scheint einiges passiert zu sein, wenn jetzt Genzo plötzlich ins Bild kommt - nach dem Prolog habe ich mich ja damals schon gefragt, ob man ihn irgendwann nochmal sieht. Nett (auch wenn es anfangs anscheinend nicht geplant war xD). Koalas Job ist hoffentlich gut bezahlt, mit Robin und ihrer manchmal sturen, schweigsamen Art ... na, wird manchmal mit Sicherheit kompliziert sein.
Wird jetzt interessant. Robin hat versucht abzuschließen und jetzt kommt es erneut ins Rollen und ja, wir wissen wohl alle, von wem das nur stammen kann, aber wie genau es passiert ist? Es gibt eben erneut genug Konstellationen wie und was, und ja, in dem Fall würde ich mich über eine oder andere konkrete Antwort freuen x) Bzw. wird es sehr wohl interessant was Robin mit den Infos macht oder ob sie noch so welche findet.
(Oh, und Franky tut einem fast leid, wie schnell sein aufopfernder Fall Geschichte war XD)
Von: robin-chan
2024-12-09T17:24:18+00:00 09.12.2024 18:24
Okay, ich muss gestehen, das Kapitel hätte etwas als Ende. Irgendwie dieses ja, Scheiße passiert, es gibt keines dieser Happy Ends, was auch immer ... fast ein interessanter Gedanke - zwar wäre es eines dieser Ende, die einen zur Fackel und zur Mistgabel greifen lassen, aber okay. Ein Gedanke, der nichts zur Sache tut und der nicht eintrifft - So nicht! :')
Muss aber sagen, ich habe mit dieser direkten Abreise in dieser Situation nicht so gerechnet. Bei der Entwicklung allerdings passend und die logische Konsequenz - nur wer glaubt bitteschön, sie sei tot? Also aus Lesersicht. Ne, ne, ne (obwohl es verdammt nochmal realistisch ist; alle Zeugen hops gehen lassen, fertig - aber wie gesagt, davon will man nichts lesen, ne, ne).
Für Robin gerade passend zurückzukehren. Immerhin hat sie somit aktuell sowieso keinen Grund, ohne irgendwen verläuft alles bald im Sand und ja, natürlich, Selbstmord in der Zelle - Okay, Smokyboy nimmt es vermutlich wieder als Zufall hin x)
Finde ich auch nett, dass hier wirklich etwas aus Robins eigentlichen Leben preisgegeben wird bzw. immer wieder herrlich, wie Franky sich überall einmischt. Sogar noch eine Freundin volllabern, auweh, wann lernt er endlich? xD
Was aber die große Frage aufwirft: Wie geht das weiter? Ich meine, wird sie tatsächlich für den Rest ausgenommen? Oder kommt wieder etwas. Aaaah, danke. Du bist immer so gütig, was neue Fragen angeht x)
Und ich mochte das alte Ehepaar - da schmilzt einem das Herz dahin. Das ist im Allgemeinen immer so süß zu beobachten!
Antwort von:  BurglarCat
09.12.2024 18:56
Ich gebe zu, ich hatte es ursprünglich als Epilog geplant ;) Aber der andere hat sich durchgesetzt und da müssen wir nun erst mal hinkommen.
Und ich weiß du hast Fragen, die nach dem nächsten Kapitel sicher nur noch mehr werden aber.. ich gebe mein bestes und bald wirst du ein wenig mehr wissen, versprochen ;) Bis dahin soll dir nur nicht langweilig werden.
Von: robin-chan
2024-12-01T16:49:10+00:00 01.12.2024 17:49
Oh, die Gedanken sollte sie lieber lassen, ja, da kommt nie etwas Positives heraus - vor allem, wenn sie nur darüber nachdenken und nicht kurz mit Robin sprechen kann. Wird nie gut enden. Aber hey, hat sich für den Moment dann sowieso erledigt xD
Ach schön und natürlich kommt da eine nette, kleine Frage daher ... soll sie rausgeholt oder eventuell selbst ausgeschaltet werden? Gäbe ja wieder die eine Möglichkeit oder die andere, aber ich höre lieber auf, endet für mich auch nicht gut x)
Bleibe jedoch bei der Meinung, dass es mit Nojiko noch immer so eine Sache ist. Drohen ist gut, aber übertreibt man es und sie geht irgendwann echt hops ... wobei hier eben das Problem entsteht, sofern sie im Gefängnis geblieben wäre, ob sie das jemals erfahren würde ... ne, lass mal, jedenfalls, jetzt kommt da was in Gang, egal in welche Richtung. Außer Smokyboy denkt wieder es ist alles ein bloßer Zufall :P Kann es kaum erwarten, was jetzt kommt und eben wie sich das alles dann irgendwie, irgendwann auflösen wird und was mit den beiden überhaupt wird~
Von: robin-chan
2024-11-29T18:43:38+00:00 29.11.2024 19:43
Okay, wirklich keine Antwort, stattdessen die nächste Frage. Du bist unmöglich xD
Langsam empfehle ich Smoker aber auch ein bisschen Dampf abzulassen oder er sollte sich paar Zigarren anstecken. Könnte förderlich sein - immerhin läuft bei seinen Leuten durchaus etwas schief. In Rage das Offensichtliche vergessen, macht es nicht besser :D Wobei er mir ja leid tut, da ist einiges im Gang und er ist derjenige, der so richtig stramm stehen darf.
(Wenigstens darf Franky noch brav zappeln!)
Aber was ist denn jetzt mit Nojiko D: Okay, okay, Anwalt taucht auf, Schwester ist aus dem Krankenhaus ... Anwalt steckt, dass sie Schwesterchen haben und setzen der Drohung eines oben drauf? Reden oder an die Gurgel gehen? Wobei eben noch immer der Punkt ist, Nami ausgeliefert zu haben ... oder ist das der Plan? Nojiko als Drohmittel nehmen, damit Nami alles auf sich nimmt und sich ans Messer liefern lässt? Wäre ja eine Möglichkeit. Verdammt ... habe wieder genug Szenarien im Kopf.
Ich brauche das nächste Kapitel xD


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