First Day
Das Spiel. Es heißt, man hat entweder das Zeug dazu oder man hat es nicht.
Kenma Kozume war Weilens seines Medizinstudiums immerzu der Überzeugung, er hätte das Zeug dazu.
Sein Interesse und seine Leidenschaft entstand sogar schon in sehr jungen Jahren, als der Nachbarsjunge, der damals mit seinem Vater und Großeltern frisch in die Gegend gezogen ist, anfing, mit ihm die coolsten medizinischen Experimente zu machen, die sich Kenma je hätte vorstellen können.
Wenn sich einer von ihnen verletzte, wurde sofort die Wunde inspiziert und das Reinigen, wie es die Ärzte taten, wurde auf kindliche Weise nachgeahmt. Verbände wurden angelegt, bei Bauchschmerzen gab es Bauchwehsaft und immer dann, wenn Kenma mit Fieber im Bett bleiben musste, übernahm Kuroo liebevoll den Part der Pflege. Wie Doktorspiele, nur anders.
In der Schule wurde Biologie zu Kenmas Lieblingsfach, wie schon ein Jahr zuvor bei Kuroo, dem er später beim Froschsezieren zusah, noch bevor er selbst damit an der Reihe war. Es war spannend und machte Spaß über die Jahre sein medizinisches Interesse zu nähren. Seien es weitere Experimente mit dem Älteren, entsprechende Einheiten im Unterricht oder passende Videospiele, die den Horizont dahingehend erweiterten, dass Kenma genau ein Jahr nach Kuroo sein Medizinstudium begonnen und mit Bravour abgeschlossen hat.
***
Als Kenma das allererste Mal die Garderobe des Haikyuu Medical Hospital betrat, wurde ihm eines umgehend klar: Sein Leben veränderte sich mit diesem Tag von Grund auf. Alles, was er bisher gelernt und erlebt hat, war für diesen neuen Abschnitt.
Die Energie, die ihn in diesem Raum begrüßte, war eine andere, als die, die ihn beim Betreten des Krankenhauses erreichte, die noch so bedeutungsvoll und ehrwürdig rüberkam im Vergleich zu diesem aufgeregten Haufen an Neulingen, zu denen er nun auch gehörte.
Unliebsames Geschnatter ließ ihn bereits den Kopf einziehen und so rasch als möglich dem Spind mit seiner unlucky Nummer 13 aufsuchen. Kaum versenkte er den Schlüssel, der an einem Kettchen um seinen Hals hing im Schloss, lehnte sich bereits der erste ungebetene Gast in seiner unmittelbaren Umgebung.
„Hab mich schon gefragt, wann unser Model uns beehrt“, fragte der junge Mann und nistete sich mit seinen stierenden Augen genau in Kenmas Blickfeld.
„Dir sind Partys wohl zuwider hm? Haben uns gefragt, ob du heute überhaupt kommst“, schnalzte der Störenfried und ehe Kenma etwas hätte erwidern können stand auch schon der nächste Wichtigtuer neben ihm, zumindest schätzte er ihn so ein, allein von seiner Größe her musste er in diese Kategorie passen.
„Mach dir nichts aus seinen Worten, er ist ein Vollidiot, zieh‘ dich lieber anständig an, Terushima… Kei Tsukishima“, stellte sich der blonde Schlichter mit der Brille vor, Kenma unterließ es, seinen Namen zu nennen, . Terushima steckte sein Oberteil ertappt in die Hose, schnürte den Gummizug zu und entfernte sich mit spottender Mimik, dass Kenma nun die Möglichkeit hatte, den Schrank zu öffnen und wie schon so viele hier in seine Arbeitskleidung zu wechseln.
„Warum nennt er mich Model“, wollte Kenma von Tsukishima wissen, der sich das Stethoskop gerade um den Hals legte.
„Wegen deinem Headshot“, sagte Tsukishima und schnippte gegen Kenmas ID-Karte, die sich dieser soeben an den weißen Kittel geklemmt hat. „Darauf siehst du aus wie diese Cara Delavingne, Model eben“, erklärte Tsukishima bevor er nach dem Aufrufen seines Namens verschwand und die erste Schicht seines Lebens begann. Mit ihm war Kenma also schon einmal nicht in der Gruppe.
„Akaashi, Kozume, Terushima, Yamaguchi, da lang zu Doktor Komori“, wurde Kenma unter seufzen aufgerufen. Musste er wirklich ausgerechnet mit dieser unangenehmen Person demselben Abteilungsarzt unterstellt sein?
„Hi, ich Tadashi Yamaguchi, ihr könnt mich aber Dashi nennen“, stellte sich als erstes der junge Assistenzarzt mit den Brünetten Haaren vor. Täuschte sich Kenma oder hatten diese einen Grünstich? Mit ihm gingen auch noch – zu Kenmas Bedauern eben – Terushima aus der Garderobe und jemand, den Kenma jetzt schon gut leiden konnte, der allen Anschein nach dann Akaashi sein musste. Er war ruhig, hatte einen müden Blick und wirkte durch sein abstehendes schwarzes Haar etwas verwahrlost, aber Kenma war einfach froh, auch jemanden in der Gruppe zu haben, der nicht direkt drauf los plapperte wie Yamaguchi oder Scheiße redete, wie Terushima, der sich direkt wieder unter Beweis stellte.
„Dashi? Ne, dich nenn ich Freckles! Genauso wie ich den Dude Pointy-Braue nennen werde, komm Model und Mr. Sleepy Eye“, sagte Terushima, klopfte Kenma und Akaashi auf die Schultern und forderte sie so auf, zu Dr. Komori zu gehen.
„Ist dir eigentlich bewusst, was da für Müll aus deinem Mund kommt, Vollidiot?“, fragte Akaashi. Er verdrehte angespannt die Augen und Kenma musste doch im Ansatz darüber schmunzeln.
„Was dich also zu Vollidiot macht“, hob er hervor und meldete sich wie auch die anderen bei ihrem zuständigen Abteilungsarzt, dessen Augenbrauen von Terushima doch recht gut beschrieben wurden. Aber Äußeres, das wusste Kenma ganz genau, tat absolut gar nichts zur Sache. Tat es nie.
Komori musterte seine vier Assistenzärzte für einen Moment und hob den Finger, als Terushima etwas sagen wollte und verbot ihm somit den Mund. Besonders ernst sah er dabei nicht, aber etwas in seiner Ausstrahlung forderte einen gewissen Respekt ein, dem überraschenderweise sogar der verfehlte Punk Folge leistete. Bemerkenswert, empfand Kenma und dann redete Komori auch schon drauf los.
„Gut, ab heute seid ihr vier meine Schatten, ihr geht hin, wo ich hin gehe, ihr lernt von dem, was ich mache, ihr tut, was ich sage“, führte er sie ein und orderte ihnen unter winken, ihm zu folgen, so wie er zum Empfangspunkt der Abteilung ging, sein Klemmbrett von dort nahm und den vieren ihre Pager geben ließ.
„Die Pager sind 24 Stunden, 7 Tage lang eure Begleiter, wenn ihr gepaged werdet, seid ihr umgehend am Weg zu Patienten, keine Umwege, kein schnell noch aufs Klo gehen, kein warten auf den Lift, ihr nehmt die Treppen, da seid ihr schneller. Wer zuerst beim Patienten ist, gibt die Anweisungen. Vor der ersten Anweisung wird einmal tief eingeatmet, ich will keine unüberlegten Manöver, kappiert?“
Komoris Einweisung folgte nach einem einstimmigen „Kappiert“ eine kurze Liste der Patienten, die sie in ihrer ersten Runde abklapperten und von denen jeder von einem anderen der vier neuen Assistenzärzte vorgestellt wurde.
Kenma nahm das Klippboard in die Hand, das ihm gereicht wurde, um seinen ersten Patienten vorzustellen.
„Kotaro Bokuto, wiederholte Endokarditis, nach Herzklappen-Operation vor zwei Jahren, aktuell mit Antibiotikum behandelt, hier, weil an einer weiteren Herzklappe operiert werden soll“, der Vorstellung folgten Entzündungswerte und diverse Notizen der behandelten Ärzte.
Kenma strich sich beim Vorlesen und Zusammenfassen lose gewordene Strähnen aus seinem Zopf zurück hinters Ohr und hob den Kopf um den Patienten schließlich anzusehen, der ihn bereits mit einem breiten Grinsen anstrahlte.
„Du bist Kenma, oder? Kuroo hat schon so viel von dir erzählt“, freute sich Bokuto ein unbekanntes bekanntes Gesicht zu sehen. Kenma allerdings war das unangenehm. Warum erzählte Kuroo von ihm? Allerdings wusste er selbst bereits beim Vortragen des Namens, dass es sich bei diesem Patienten um einen jungen Mann handelte, mit dem Kuroo viel Zeit verbrachte, seit dieser hier im Krankenhaus war.
„Dann werden wir Bokuto lieber Dr. Akaashi zuteilen, wenn die Runde fertig ist, nimmst du ihm Blut ab, bringst es ins Labor und berichtest mir die neuen Werte. Weiter geht’s“, sagte Komori, Akaashi nickte, auch Kenma akzeptierte, es blieb ihm auch nichts anderes übrig, immerhin war es eine direkte Anweisung.
„Bye Dr. KenKen“, rief Bokuto der Gruppe – gezielt natürlich Kenma – nach und winkte aufgeregt. Kenma wandte den Blick ab.
Die weitere Runde war bald abgeschlossen. Akaashi machte sich auf den Weg zu Bokuto, ihm Blut abzunehmen, Yamaguchi wurde mit einem Patienten zum CT geschickt, Terushima Patientenaufbereitung und Kenma saß gerade mit Shoyo Hinata, einem Orthopatienten, im Wartebereich der Röntgenabteilung.
„Und dann bin ich sooo hoch gesprungen und dann bin ich viel tiefer gefallen, ich hab gedacht, mein Bein ist ab“, erzählte Hinata begeisterter, als man von einem Oberschenkelbruch berichten sollte.
„Aber erzähl du doch mal, bist du gerne Arzt? Macht es dir Spaß?“, fragte Hinata gleich darauf, dass Kenma sich in dem Sitz etwas aufrichtete und zu seiner sah, wo der quirlige Patient saß und ihn mit glänzenden Augen anstarrte.
„Naja, ich schätze schon, ich hab heute meinen ersten Tag hier, aber ich mochte das Lernen und ich war gut auf der Uni und werde meinen Job als Arzt mit besten Gewissen gut machen“, sagte Kenma und wunderte sich gleich über Hinatas überlegenden Blick.
„Hmmm… Ich bin mir sicher, du wirst noch richtig Spaß daran haben, ich hab schon so viele coole Dinge im Krankenhaus gesehen und du wirst die alle behandeln können und du wirst sicher viel krassere Aufgaben lösen als diese Fernsehärzte“, gab Hinata begeistert von sich, dass Kenma leise in sich hineinlachte.
„Vielleicht hast du recht“, sagte er zu seinem Patienten.
***
„Und dann hat sie die ganze Röhre angekotzt und ich hab den restlichen Vormittag damit verbracht, die CT-Maschine zu putzen“, erzählte Yamaguchi erschöpft während er in seinem Essen herumstocherte. Kenma setzte sich gerade zu der Gruppe. Auch Tsukishima saß bei ihnen, er sprach sogar auf Yamaguchi ein, dass dieser lieber nicht mehr daran denken und stattdessen essen sollte, als damit zu spielen. „Mir ist der Appetit vergangen“, sagte der Brünette. Kenma genoss, dass man ihn nicht in ein Gespräch verwickeln wollte und lauschte neben dem Essen den Unterhaltungen am Tisch.
In den ersten Stunden hatten die Jungs und Mädels schon so viel erlebt. Eine Assistenzärztin, Yachi, wie sich herausstellte, erzählte davon, dass Sie mit ihrem Abteilungsarzt einen epileptischen Patienten behandelte, der, als sie ihm Blut abnehmen wollte, einen Anfall bekam und das Blut nur so durch die Gegen spritzte. Kein Blutbad, wie man ihren Ausführungen nach vermuten konnte, doch ihrer Kleidung nach war es allemal genug, dass sie für den restlichen Tag Papierkram durchpauken durfte.
„Hey, Bloody Mary“, begrüßte Terushima die Blondine und stellte sein Tablett direkt neben Kenma ab um sich auch gleich darauf neben ihn zu setzen.
„Hab gehört, du hast den Patienten mit ‘ner Nadel auseinander genommen“, lachte er und kassierte gleichzeitig von Kenma als auch von Shirabu, einem weiteren Assistenzarzt aus Yachis Gruppe, einen Rempler mit dem Ellenbogen.
„Hey hey, alles gut, Sorry. Was gibts bei euch sonst? Nichts? Sehr cool, dann kann ich ja erzählen, ich werde heute Nachmittag einen Blinddarm entfernen, Doktor McPointy Braue hat bei einem kurzen Besuch in der Notaufnahme mein Potenzial entdeckt und mich miteingetragen, da ist auch dieser Gockel-Dude dabei, den unser Model kennt, aber ich zieh das Ding voll durch bei Oberarzt Sawamura“, posaunte Terushima seine Neuigkeiten heraus. Kenma seufzte, als Kuroo als Gockel-Dude erwähnt wurde, weil er schon befürchtete, dass sein Roommate sich mit Terushima anfreunden könnte. Neid, dass der Punk-Arzt seine erste Operation fahren durfte, gab es keinen, zumindest nicht bei ihm. Bei den Anderen am Tisch löste das aber eine hitzige Diskussion aus. Yachi gratulierte herzlich, was für ihr gutes Herz sprach, weil sie kurz nachdem einen wirklich widerlich gemeinen Spitznamen von ihm erhalten hat, dennoch hellauf begeistert für Terushima war. Tsukishima prustete und stichelte sogleich Wetten an, was Terushima alles falsch machen könnte.
„Sollten wir nicht einfach alle zusehen und lernen? Wenn Terushima-san es gut macht, ist doch toll für uns alle oder?“, warf Yamaguchi ein und erntete sofort Tadel von Tsukishima, bei dem er sich umgehend entschuldigte.
„Ihr beide kennt euch doch oder?“, fragte Terushima. Yamaguchi japste ertappt und Tsukishima zuckte mit den Schultern. „Ich wüsste nicht, was dich das anginge“, sagte er und Terushima lachte einmal laut auf. „Wusste ich doch“, bestätigte er sich selbst. Yamaguchi starrte ihn an, als hätte er einen Geist gesehen, dass auch Kenma zu seinem Sitznachbarn sah. Was hatte er denn?
„Hast du ein Zungenpiercing?“, fragte Yamaguchi entsetzt. Terushima zeigte sofort die Zunge mit der silbrigen Metallkugel, dass Kenma den Blick sofort wieder ab. Das lag dann fern seines Interesses, genauso wie der schlechte Spruch, der Yamaguchi dazu hätte animieren sollen, durch einen Zungenkuss zu ertasten, ob es denn beim Küssen störte.
Mit höflichem Schweigen stand Kenma also auf und verließ die Situation, in der einer seiner Kollegen vollkommen rot angelaufen war und der vor innerem Schelm nur so strotzte, wieder ein anderer genervt seufzte und weitere amüsiert kicherten.
Beim Verlassen der Kantine lief er aber Kuroo das erste Mal über den Weg, der sich umgehend um sein Wohlergehend erkundigte.
„Alles in Ordnung“, sagte er ihm und Kuroo fragte weiter nach seinem Abteilungsarzt, den anderen Assis wie er sie und eigentlich sich selbst auch nannte und bekam von seinem besten Freund die Antworten in üblicher Manier: Knapp aber mit all den wichtigen Informationen.
„Bokuto ist n toller Typ, aber gut, dass du nicht zu involviert bist…“, sagte Kuroo und seufzte. Kenma legte den Kopf schief. „Warum?“, fragte er. Kuroo zuckte mit den Schultern. „Man weiß nie, was passiert, okay? Aber ich muss leider weiter. Ich darf heute Ushiwaka bei nem Oberschenkel helfen. Meeega komplizierter Bruch“, sagte Kuroo und ließ Kenma auf der Brücke zwischen den beiden Teilen des Krankenhauses zurück.
Ein weiterer Arzt lief an ihm vorbei, das feuerrote abstehende Haar kam ihm schon etwas gar unangebracht vor, aber er wusste ja, Äußerlichkeiten taten nichts zur Sache und so würde er nicht urteilen ob dies gerade ein rebellischer Assistenzarzt oder vielleicht sogar ein renommierter Ausnahmechirurg war und nahm sich ein paar Minuten heraus, sich an das Geländer der Brücke zu lehnen und dem Treiben in der Empfangshalle zu folgen. Patienten mit Aufnahmescheinen kamen herein, Besucher meldeten sich an und Ärzte tummelten sich zu Wartenden, zur Treppe oder einfach nur durch die Halle, weil sie alle einen anderen Weg hatten. Schwestern wuselten umher mit Akten, sogar Yachi lief mit Akten beladen die Treppe hinunter. Die Gruppe am Tisch musste sich also langsam aufgelöst haben und dann… dann erhaschte Kenma etwas, von dem er augenblicklich wusste, dass es seine Welt noch einmal mehr umkrempeln und auf den Kopf stellen sollte.
„Oh, daran hab ich mir die Finger gestern Nacht schon verbrannt, lass es lieber“, sagte Terushima neben ihm, der sich kaum bemerkbar neben Kenma stellte genau bemerkt hat, wo Kenma geschlagene anderthalb Minuten hinstarrte. Kenma atmete einmal tief ein und neigte den Kopf zu seinem Kollegen.
„Was heißt bitte, du hast dir gestern schon die Finger an ihm verbrannt?“, wollte er wissen.
Was er lassen sollte, war ihm auch ein Rätsel, doch er ahnte schon, dass er mit dieser Person eine Frage nach der anderen klären musste. Zu viele Fragen würden ihn bestimmt überfordern. Wie er wohl das Medizinstudium geschafft hat? Irgendwas musste er also können. War es auswendig lernen? Die Praxis würde ihm bestimmt das Genick brechen, wenn es besonders ungünstig war, vielleicht sogar einem Patienten. Bei der anstehenden Blinddarm Operation aber hoffentlich noch nicht.
„Hab ihn gestern in der Bar auf der anderen Straßenseite angesprochen, abweisend wie Neopren, sag ich dir“, erklärte Terushima und Kenma zog die Augenbrauen hoch.
„Und du denkst, ich wäre in dieser primitiven Weise an ihm interessiert? Weißt du eigentlich, wer das ist?“, fragte er ihn mit einem angestrengten Seufzen. Er wollte sich ja gar nicht mit ihm unterhalten. Lieber wollte er weitergehen um die Testergebnisse zu holen um die er geschickt wurde.
„Dr. McArrogant?“
„Das ist Doktor Kiyoomi Sakusa, Spezialist der neurologischen Chirurgie und bisweilen der einzige Arzt, der noch nie einen Fehler gemacht hat, sich auf dich einzulassen wäre somit einer gewesen. Aber ich wusste nicht, dass er hier in diesem Krankenhaus arbeitet“, sagte Kenma und wurde beim letzten Teil etwas murmelnder. Da bot auch schon Tsukishima seinen Rat an, der soeben mit Yamaguchi zu den beiden trat.
„Er wurde mit heute hier her überstellt, er ist also genauso neu wie wir“
„Man sagt, er ist mit Oberarzt Suna befreundet und tut ihm einen Gefallen“, gesellte sich auch Akaashi dazu und die fünf ungleichen Kammeraden teilten noch einen Moment der Stille und Bedachtheit, bis Abteilungsarzt Komori mit Stapfen und Klatschen hinter ihnen auftauche und sie direkt weiterschickte.
„Tsukishima, zu deinem zugeteilten Arzt, Terushima, solltest du nicht bei Doktor Sawamura sein? Und ihr drei kommt mit mir, bevor ihr eurem Kollege zusehen dürft, hab ihr noch ein paar kleine Tests für mich zu machen“, sagte er und scheuchte die fünf auseinander.
Im Labor lernten Akaashi, Kenma und Yamaguchi den Laborleiter Dr. Shinsuke Kita kennen, der den Laden hier mit einer Routine im Griff hatte, dass man neidisch um so viel Disziplin werden konnte.
Und eine Stunde später saßen sie in der Galerie über den OP-Saal in dem Terushima als erster der Neulinge seine Operation direkt am Menschen ausführen durfte und zur Überraschung aller: Das Ding auch noch rockte.
Und so fügte sich die erste Schicht der neuen Assistenzärzte nach etlichen Stunden dem Ende zu. Für Kenma endete der Tag am Sofa seiner WG mit Kuroo, der es nicht wagte, ihn zu wecken und ihm vorzuschlagen, doch in sein Bett zu gehen und ihm stattdessen nur ein Glas Wasser auf den Tisch stellte und eine kleine Notiz schrieb, dass er stolz auf ihn war, weil er seinen ersten Tag hinter sich gebracht hatte.
Heartbeat
Fünf Minuten.
Fünf Minuten kann ein Mensch ohne Herzschlag überleben ohne bleibenden Schaden davon zutragen. Fünf Minuten dauert es, um herauszufinden, ob ein Kind mathematisch begabt ist
In fünf Minuten kann man laut [url= https://www.israelheute.com/erfahren/in-5-minuten-an-gott-glauben-wissenschaftliche-beweise-in-einem-video/]Isreal Heute[/url] einen Menschen dazu bringen an Gott zu glauben. Etwa fünf Minuten dauert Mendelssohns [url= https://open.spotify.com/track/7eITzwuOcf14wfeg0mP1HX?si=72515117b94947fb]Hochzeitsmarsch[/url] oder aber auch der [url= https://open.spotify.com/track/2CSFsXat4JpLXomEr3EiZm?si=b9ff30b642c445b1]Pinball Cha Cha[/url] von Gigi D’Agostino. Fünf Minuten wartet man auf das Ergebnis eines Schwangerschaftstests und in fünf Minuten Kochzeit hat man ein perfekt gekochtes Ei mit flüssigem Kern. Fünf Minuten später von Zuhause wegzufahren, kann unser ganzes Leben verändern.
Fünf Minuten können verfliegen wie wenige Sekunden, wenn man zum Beispiel einem geliebten Menschen nahe ist oder sich ziehen wie die Ewigkeit in Begleitung schlechter Musik. Verrückte fünf Minuten nennen wir es, wenn eine Katzen wie von der Tarantel gestochen vom Wohnzimmer in die Küche über den Kühlschrank zur Spüle und vor dort im hohen Bogen an einem vorbeispringt um die restliche Wohnung binnen weniger Sekunden auf den Kopf zu stellen, obwohl unsere Wohnung so etwas niemals fünf ganze Minuten aushalten würde.
Fünf Minuten.
Fünf Minuten sind mathematisch klar definiert und dennoch fühlen sie sich oft unterschiedlich an.
***
Die erste Woche verging für Kenma gleicherweise viel zu schnell und zäh wie schmelzende Reifen. So wie der Gummi, der sich bei seiner Ankunft gerade an Terushimas Motorradreifen absetzte, nachdem dieser auf riskante Weise einem Rettungswagen ausgewichen war und gerade noch vor Kenma Halt machen konnte. Ohne mit der Wimper zu zucken blieb dieser stehen und besah den unwirklichen Stuntman.
Terushima nahm den Jethelm ab, strich mit einem kessen Grinsen durch das blondierte Haar und selbst, wenn Kenma gestehen musste, dass diese Aktion ziemlich cool aussah und Terushima jetzt auch noch eine gute Figur machte, schnaubte er verachtend. „Du hättest leicht selbst der nächste sein können, der am OP-Tisch liegt, vielleicht sogar auf meinem, zur Abnahme deiner Organe für Transplantationen“, sagte er, doch Terushima begann sofort wild zu gestikulieren und versuchte sich herauszureden. Etwas von, das wäre genau geplant und perfekt berechnet gewesen, doch Kenma gab nichts darauf und ging weiter. Terushima plapperte und plauderte weiter. Das Motorrad wurde nun auch ordnungsgemäß abgestellt und der Helm verstaut, die Umhängetasche lockerer wieder um eine Schulter gezogen anstatt quer über den Oberkörper. So lief er Kenma nach und erreichte ihn just in dem Moment als er durch die große Eingangstür schritt.
„Sag mal, warum wartest du nicht, Dr. Model?“ fragte er bei ihm angekommen. Kenma neigte den Kopf zu seiner Linken, wo Terushima auf dem Weg zum Lift nun neben ihm herging.
„Wusste nicht, dass wir dazu verabredet waren“, sagte er. Terushimas Mundwinkel schnellten hoch.
„Verabredet? Würdest du dich denn mit mir verabreden?“, war seine vorerst letzte Frage, denn danach ließ Kenma Schweigen walten. Es interessierte ihn nicht, auf diese Art von Gespräch einzugehen.
„Oooooh, ich verstehe, immer noch die Hots für Dr. McArrogant, hmm?“, fragte Terushima beim Betreten des Lifts, den Kenma mit erhobenem Mittelfinger direkt wieder verließ und den Punk mit den anderen Fahrgästen rauffahren ließ. Ein Glück, dass der nächste Lift bereits daneben ankam und Kenma diesen nehmen konnte. Kaum setzte er einen Fuß hinein, fiel ihm aber auf, dass erwähnter Oberarzt bereits im Fahrstuhl stand, vertieft in die Zettel auf seinem Klemmbrett. Selbst mit Atemschutzmaske, die dieser auch außerhalt des Operationssaales trug, konnte Kenma erahnen, dass er die Worte, die er las tonlos mit den Lippen formte, eine Eigenart, die Kenma wohl mit ihm teilte.
„Morgen“, sagte er knapp, Sakusa gab einen „Hmm“-Laut von sich, die Tür schloss ab und im entsprechenden Stock ging sie wieder auf ohne, dass die beiden auch nur ein weiteres Wort gewechselt haben. Eine richtig angenehme Liftfahrt, wie Kenma empfand, wäre da nicht Terushima mit seinem dummschneidigen Gesichtsausdruck. Sakusa ging einfach ihm vorbei, Kenma hingegen musste in dieselbe Richtung wie der andere Assistenzarzt, der allen Anschein nach auch noch auf ihn gewartet hat.
„Traust du dich alleine nicht reingehen?“, fragte er genervt und Terushima schüttelte unter Glucksen den Kopf. „Wäre ich allein gegangen, hätte ich deinen Senior Moment mit Dr. McArrogant verpasst“, triezte Terushima. „Weder heißt er Dr. McArrogant, noch gab es irgendeinen Moment“, stellte Kenma klar. Sie beschritten beide die Garderobe, Terushima versuchte Kenma klar zu machen, dass ihm das nicht unangenehm sein musste, doch dieser wiederum erklärte ihm, dass das einzige Unangenehme gerade er und sein schwachsinniges Gerede war, womit er das Gespräch für sich wieder beendete und sich umzog.
Die Visite der unter Komori betrauten Patienten endete für die Gruppe an diesem Tag bei Bokuto und dabei, dass Akaashi die Laborwerte präsentierte.
„Und was bedeutet das?“, fragten Bokuto und Komori gleichzeitig. Akaashi wunderte sich etwas, aber Komori schmunzelte und wies ihm, die Frage zu beantworten.
„Das bedeutet, dass wir Bokuto-san heute wie erhofft operieren können“, sagte er und wandte sich nun ganz dem Patienten zu. „Dr. Suna wird die OP machen, Sie sind in guten Händen, soweit ich informiert bin, gibt es für diesen Job keinen Besseren“, erklärte er und Bokuto nickte.
„Aber sag mir noch eines, Dr. Akaashi, wie oft muss ich noch bitten, mich zu duzen?“, fragte Bokuto. Akaashi verharrte einen Augenblick, neigte den Kopf minimal zur Seite und sagte: „Noch mindestens einmal und ich würde es begrüßen, professionell zu bleiben.“
Ihm war, wie auch vielen anderen hier, wichtig, das Arzt-Patienten-Verhältnis zu respektieren. Er wollte keine Nähe aufbauen, auch keine künstliche durch eine andere Ansprache.
„Dann bitte ich dich jetzt oder ich lass mich nicht operieren!“, kam es patzig statt verständnisvoll zuzustimmen von Bokuto. Komori seufzte hinter Akaashi, aber dieser war mit der Situation sichtlich überfordert, dass er zu dem Stationsarzt sah. Er setzte auch schon zu einer Frage an, da wurde Bokuto nur quengeliger.
„Frag doch nicht ihn!“, verlangte er. „Warum ist das überhaupt wichtig?“, fragte Akaashi und Bokuto verschränkte die Arme vor der Brust. „Das sag ich nicht“
„Das ist kindisch, Dr. Komori, wir haben doch Besseres zu tun oder?“, fragte Tsukishima angestrengt, der nach einem Notfall von Dr. Iwaizumi heute in dieser Gruppe war, doch Komori schien im Genuss zu stehen. „Oh, zum Glück nicht, Tsukishima. Aber du kannst gerne gehen und Bettpfannen putzen, die Schwestern sind dir sicher für deine Unterstützung dankbar“, schlug er und verfolgte weiter die Situation.
Aber Akaashi war ein schneller Lerner. Er hat Bokutos Körpersprache in den letzten Tagen beobachtet und wusste, dass er gut auf Stimme und Satzmelodie reagierte, also setzte er ein zartes Lächeln auf um dem nächsten Satz mehr Wärme zu geben.
„Ich mache einen Vorschlag, nach der Operation, lasse ich mich noch einmal fragen und das wird das letzte Mal sein, einverstanden? Dann kann auch Ihr Herz besser damit umgehen“, klang auch seine Stimme einem Engel gleich, wie sein Gesicht eines waltete. Bokuto schien für einen Augenblick zu überlegen. Der trotzige Blick wich einer Schnute. Bokutos Augen wechselten zwischen Akaashi und dem Bettende, bis sich sein Gesichtsausdruck schließlich erhellte und er schnell nickte. „Einverstanden, Dr. Akaashi-sama“, kam die Anrede erstmals in förmlicher Manier von diesem Patienten. Akaashi bedankte sich mit einem Nicken und die Gruppe bewegte sich weiter.
Terushima war dieser professionelle Aspekt nicht so wichtig und so tauschte er einen Faustschlag mit Bokuto aus, worüber Kenma die Augen verdrehte und seufzte, weil er sich zu gut an Kuroos Worte erinnerte. „Du weißt schon, dass er heute draufgehen kann oder?“, fragte er Terushima, als sie weit genug entfernt waren.
„Kannst du ein bisschen positiver sein?“, verlangte Terushima, aber Akaashi mischte sich ein. „Er ist realistisch, es gibt keine Garantie dafür, dass man nach einer OP wieder aufwacht, selbst wenn Dr. Suna alles richtig macht, wovon ich ausgehe.“
„Apropos, alles richtig machen. Akaashi, du assistierst Dr. Suna heute bei Bokutos OP“, sagte Komori im Vorbeigehen, die Visite war abgeschlossen und die vier waren ihrem langsam eintretenden Alltag überlassen. Was bedeutete: Patientenvorbereitung, CTs, MRTs, Patientenüberwachung, Aktenupdates, Blutabnahmen, Labor, Unterstützung in der Notaufnahme, volles Programm einfach.
Akaashi aber ließ sich noch nicht ganz in die Routine überleiten.
„Dr. Komori? Ist das Ihr Ernst?“, fragte er, dass sich der Stationsarzt noch einmal kurz auf den Fersen umdrehte. „Es ist Dr. Sunas Ernst“, nickte er die Frage weg und scheuchte sie alle weiter. Kenma verzog sich mit Yamaguchi, der sich abseits seines heute präsentierten Patienten besonders ruhig verhielt. Er sprach ihn aber nicht darauf an, er wollte nur die Gesellschaft einer angenehmen Person vorziehen, nachdem der Start schon so idiotengeprägt war.
***
„Wenn wir die Testergebnisse nach dem Mittagessen bekommen und eintragen, können wir Akaashi zusehen“, sagte Yamaguchi später zu Kenma. Sie haben gerade noch Blutproben im Labor abgegeben und waren nun auf den Weg, die Patienten zu überprüfen. Einer, sein Name war Lev Haiba, lag nach seiner Mandel-Operation im Aufwachraum um blinzelte ganz schlaftrunken vor sich hin.
Kenma legte ihm die Finger ans Handgelenk, erspürte den Puls und deutete Yamaguchi, dem Patienten Wasser zu bringen, da stürmte jemand anderes in den Raum dazu scheuchte sie beide vom Bett weg um selbst heranzutreten.
Der kleinere Arzt, Morisuke Yaku wie Kenma der ID entnahm, zog sein Stethoskop vom Hals, legte es sich an und horchte Lev unter schnippen ab. „Hier“, sagte er und deutete mit beiden Finger auf sich um Blickkontakt mit Lev zu provozieren. Dem breiten wohligen Lächeln war zumindest abzulesen, dass die Narkose noch nachwirkte.
„Sehr gut“, sagte Yaku nachdem er auch den Hals abgehorcht und Lev mit einem Holzstäbchen tief in den Rachen geschaut hat. Das Hölzchen verschwand in einem Mülleimer und Yaku wollte schon kehrt machen, da griff Lev nach seinem Ärmel und hinderte ihn daran. „Danke, kleiner Arzt“, sagte er, dass Yaku augenblicklich in seiner Drehung innehielt und sich sofort wieder zurückdrehte.
„Sag mal, willst du mich verarschen? Ich schnippschnabbel dir deine kack Mandeln raus und du beleidigst mich? Ich hol die gleich wieder setz sie dir ein und du kannst schauen, wie du mit deiner Dauerentzündung davon kommst“, keifte Yaku energisch und stapfte fest mit dem Fuß auf den Boden. Kenma machte zwei gezielte Schritte zurück und zog auch Yamaguchi mit sich, dass sie dieser Situation ganz schnell entkommen konnten.
„Er ist absolut angsteinflößend“, stieß Yamaguchi aus. Kenma ließ von ihm ab und leitete den Weg zur Röntgenabteilung ein, weil sie da einen Patienten nach seinem CT holen und zurück aufs Zimmer bringen mussten.
„Kuro hat mir schon erzählt, dass man ihn nicht auf seine Körpergröße ansprechen darf“, murmelte er und erinnerte sich daran, wie viel sich sein bester Freund nach seinem ersten Tag über Yaku geärgert hat. Die beiden hatten aber auch einen besonders schlechten Start gehabt, denn sie waren in absolut allem anderer Meinung, nur bei ihrer Leidenschaft für den Job waren sie sich einig, was sie über das erste Jahr doch enger aneinander geschweißt hat, als Kenma es je erwartet hätte. Dass es ihm mit Terushima ähnlich gehen könnte, schloss er aber aus. Kenma verstand sich besser mit Akaashi, aber auch mit Yamaguchi kam er gut zurecht. Der Brünette hatte ein gutes Gespür für Menschen und wusste zu Kenmas Erleichterung, wann er die Klappe zu halten hatte.
Yamaguchi war auch beim Mittagessen sehr ruhig, wo sich Tsukishima über seinen Gruppenkollegen beschwerte. „Er spielt sich auf, als wäre er der König des Krankenhauses… war wohl auf der Uni schon in einer Teamarbeit mit Dr. Oikawa aus der Plastischen…“ – „Und der spielt sich noch viel königlicher auf“, klang Shirabu in die Beschwerden ein und knallte sein Tablett mit Rumms auf den Tisch, dass es Yachi hochriss. Einer Frage, bei wem Shirabu heute eingeteilt war, bedurfte es gar nicht.
„Und Akaashi, bist du eigentlich schon nervös? Du darfst heute am offenen Herzen operieren“, wollte Yachi wissen, sie war einerseits begeistert über die Chance, die ihr Kollege hatte, andererseits war sie auch sehr eingeschüchtert und scheute dem Druck, der damit kam. Kenma hielt seinen Blick bedacht gesenkt, aß und ließ, wie sonst auch, die Anderen reden.
„Ein wenig vielleicht, aber ich bin vorbereitet und Dr. Suna ist dabei und ich assistiere ja nur“, nahm der Schwarzhaarige direkt etwas Gewicht aus den Erwartungen an ihn.
„Also ich würde vermutlich ohnmächtig umfallen“, gestand Yamaguchi und wirkte so, als kriege er schon aus Mitgefühl kaum einen Bissen hinunter. Akaashi lächelte im Ansatz. „Du wirkst nervöser als ich, Yamaguchi-kun“, bemerkte er, aber die kleine Gruppe konnte nicht weiter auf das Gespräch eingehen, da kündigte sich der nächste Störfaktor an.
„Hey, Dr. KenKen!“, rief Kuroo von der Essensschlange über die Tische hinweg, schlug Yaku ab, wechselte ein paar Worte und eilte durch die Kantine direkt zu dem Tisch der Neulinge. Er legte Kenma eine Hand auf die Schulter, wollte erst wissen, ob er auch genug aß und vor allem während dem Tag trank. Kenma bejahte.
„Und du Akaashi! Heute ist dein großer Tag! Dass du mir Bokuto nicht umbringst, ja“, sagte er und klopfte auch dem Angesprochenen auf die Schulter, der nun nicht mehr ganz so ruhig aussah. Stattdessen schluckte er stark und sah blasser aus als sonst.
„Du kannst echt ein Arsch sein, Kuro“, sagte Kenma und drückte den Älteren weg. „Sorry, Akaashi, ich glaub an dich, ehrlich“, sagte Kuroo bevor er sich erfolgreich verscheuchen ließ.
„Das ist so eine unangenehme Person“, seufzte Tsukishima über den kurzweiligen Gast und erhob sich mit seinem leeren Tablett um es wegzubringen. „Komm, Yamaguchi“, forderte er diesen auf, mit ihm zu gehen, was er auch gleich tat. Das Sandwich, das er heute ausgewählt hat, wickelte er in die Serviette und würde es wohl erst verzehren, wenn Akaashis Einsatz erledigt war. Er war schlichtweg zu nervös für seinen Kollegen.
„Wo ist der Vollidiot eigentlich?“, fragte Shirabu. Yachi sah ihn fragend an, aber Kenma und Akaashi wussten natürlich, wer gemeint war.
„Terushima ist vorhin mit Futakuchi weitergegangen“, gab Kenma bekannt, was er wusste. Dann stand auch er auf und wollte sein Tablett wegbringen, blieb aber noch am Tisch stehen um auf eine Frage zu antworten.
„Dem Zweitjahr?“, wollte Yachi nämlich wissen und Kenma bejahte mit einem Nicken. Mehr hatte er dann nicht mehr beizutragen und ging. Nicht viel später taten es ihm die anderen gleich und jeder erledigte die Aufgaben, denen er oder sie zugeteilt war.
Tsukishima kümmerte sich Yamaguchi um die Laborergebnisse, dafür unterstützte Kenma Stationsärztin Saeko beim Einkugeln einer Schulter. Er war gerade zufällig vorbeigegangen und die blonde Ärztin hat ihn einfach am Kittel gepackt und unter ihre Fittiche genommen, dass er sich gar nicht großartig wehren konnte. Danach aber fand er sich am späteren Nachmittag mit den anderen in der Galerie zu Dr. Sunas Operationssaal ein. Kuroo hat ihm in der ersten Reihe einen Platz freigehalten, wo er sich umgehend hinsetzte. Neben ihm saß Kageyama und trank aus einer Milchtüte. Yamaguchi und Tusikishima setzten sich später in die letzte Reihe und traute sich kaum bei der Tür hereinzukommen. Shirabu lehnte an der Wand und starrte neugierig hinunter. Sie alle starrten neugierig. Immerhin stand dort nun einer von ihnen.
Akaashi fand sich vorbereitet mit Mundschutz, Handschuhen und Schutzunhang neben Suna ein.
„Dr. DamnHot“, flötete Terushima beim Eintreten und nahm am Rand in der zweiten Reihe Platz. „Und Dr. Vollidiot ist auch endlich hier, wie schön“, verdrehte Shirabu seine Augen. Hinter Terushima kam auch Futakuchi herein, deren große Augen sogleich nach unten in den Saal geheftet waren. Auch einige Assistenzärzte, die in Kuroos Jahrgang waren saßen hier und wollten den Neuling beobachten.
Die OP-Schwestern schoben die Tabletts mit den Werkzeugen und Utensilien bereit und dann wurde Bokuto auch schon unter einem ungewohnten Geräuschpegel in den Operationssaal geschoben. „Dr. Konoha?“, fragte Suna und der Anästhesist nickte. In der einen Hand hatte er bereits die Maske für die Narkose, die andere lag auf der Tastatur der Maschine, die die Dosierung kontrollierte. Sein Blick kreuzte den von Akaashi und dieser konnte sogar unter der Schutzmaske erkennen, dass Konoha lächelte. Es war ein schönes Gefühl, als würde er ihm Mut zusprechen, denn jetzt, wo er hier stand und Bokuto jeden Moment vom Krankenbett auf den OP-Tisch gelegt werden würde, versuchte ihn die Nervosität zu übermannen. Schmunzeln musste er selbst aber schließlich als er die Herkunft des wirren Geredes ausmachen konnte.
„Und ich werde Bergsteigen und Fallschirmspringen und um die Welt fliegen und ich werde alle kleinen Hundebabys streicheln, die mit zwischen die Finger kommen und Katzenbabys und Hasenbabys und Mäusebabys, oh und auch Ameisenbabys, auch die sind süß, alle Babys sind süß außer die von Spinnen, ich hab schreckliche Angst vor Spinnen, aber wenn ich sie nicht sehen muss, dann sind sie vielleicht auch süß, jemand anderes muss sie streicheln. Streichelst du die Spinnen für mich, Izuru?“, plapperte Bokuto munter vor sich her und konnte wohl nicht schnell genug abgegeben werden.
„Das geht so, weit wir ihn aus seinem Zimmer geholt haben, dachte nicht, dass die paar Meter vom Lift jemals so lang erscheinen können“, schnaufte Izuru, der blonde Pfleger mit der Dauerwelle und sah ergeben zu seiner brünetten Schwesterkollegin. „Hab schon viele nervöse Patienten gehabt, aber er toppt alles“; erwiderte sie und übergab Bokuto den Ärzten.
„Suzumeda, hat er sein Beruhigungsmittel nicht bekommen?“, fragte Konoha die Schwester. Ihm wurde vor der Narkose etwas verschrieben um die Dosierung nicht zu hoch zu fahren, eben wegen seines Herzens.
„Hat er, er ist auch schon viel ruhiger“, sagte Kaori und fuhr mit Izuru das Krankenbett wieder hinaus. Konoha drehte den Kopf zu Suna und dieser zuckte mit den Schultern. „Sie wissen, was Sie tun“, sagte der Oberarzt zu ihm und Konoha legte Bokuto mit der Bitte still zu halten die Atemmaske auf.
„Zähl von 10 runter Bokuto“, sagte er mit seiner ruhigen freundlichen Stimme. Aber Bokuto wollte weiter von kleinen Tieren reden. „Ich würde so gerne mal ein Eulenbaby streicheln“, sagte er und erblickte schließlich Akaashi über den Schlauch der Maske. Einmal tief eingeatmet, wurde sein Ausdruck weicher und man konnte ihm ansehen, dass seine Lider schwerer wurden.
„Agghashi~ ich vertrau dir“, sagte Bokuto und driftete in den Narkoseschlaf über. Akaashi seufzte und beobachtete mit Argusaugen wie Bokuto an die Maschinen angeschlossen und ließ sich erst durch die Frage des Oberarztes losreißen.
„Was machen wir als erstes, Dr. Akaashi“, fragte Suna. Akaashi erinnerte sich an die Worte Komoris und holte einmal tief Luft. Langsam atmete er wieder aus und wandte sich an den Anästhesisten, dem er vielleicht einen Augenblick zu lange seine volle Aufmerksamkeit schenkte, denn Suna räusperte sich und wollte, dass Akaashi antwortete. Und das tat er auch. Fokusiert gab er Anweisungen und führte den Oberarzt durch die Operation. Auch koordinierte er bereits den Umgang mit den Maschinen und hatte den Operationssaal voll im Griff.
Während jedem Wort, sah er Suna aber genau zu. Er wusste, dass er gerade nicht der Herrscher des Raumes war, das war immer noch Suna, der jedem Wort lauschte und entsprechend bestätigte. Akaashi beobachtete mit einer Faszination wie geschickt die des Oberarztes handelten. Millimeterarbeit wurde mit einer Präzession durchgeführt, die Akaashi nur bewundern konnte, genauso wie die anderen Ärztinnen und Ärzte, die von der Galerie aus zusahen.
„Akaashi ist mein Held“, sagte Terushima. Shirabu schnaufte und verdrehte die Augen. „Du bist echt leicht zu begeistert“, sagte der Assistenzarzt mit den Topfschnitt. Terushima drehte den Kopf zu ihm. „Willst du mich etwa mit etwas mehr Effort erobern? Nur zu“, sagte Terushima mit einem Zwinkern. „Danke, ich passe“, knurrte Shirabu und deutete wieder nach unten. Immerhin sollten sie alle lernen.
Sie alle sollten genau sehen, was es bedeutete im Operatiossaal zu stehen und das Leben eines Menschen in der Hand zu haben. Sie sollten Notizen machen und im Anschluss an die Operation gemeinsam mit ihren Stationsärzten darüber reden, deswegen durften sie hier sein.
Kenma schrieb in Steno alles mit, was er aus dem Saal mitnehmen konnte, dass ihn Kuroo sogar etwas aufzog, aber das ließ er nicht an sich rankommen. Er war konzentriert, es gab keine Ablenkung.
Ablenkung gab es auch für Akaashi keine, der ebenso In the Zone war und hervorragend dirigierte.
„Und jetzt nehmen wir ihn vom Herzlungenmaschine und warten auf den Herzschlag“, sagte er und mit Sunas Nicken wurden die Maschine abgedreht.
„Und dann schließen Sie, Dr. Akaashi, vorausgesetzt?“, eröffnete Suna, dass Akaashi erstmals an einem lebenden Menschen hantieren durfte und fragte ihn nach der letzten Bedingung.
„Vorausgesetzt, wir haben einen Herzschlag, aber selbst wenn nicht, werde ich ihn schließen“, antwortete Akaashi ruhig. Eine Schweißperle auf seiner Stirn verriet aber, dass er alles andere als ruhig war. Ruhig wurde es dafür auf der Galerie. Denn der Herzschlag blieb aus.
„Was tun Sie jetzt?“, fragte Suna. Seine Augen huschten alarmiert über den offenen Torso und zum Notfallwagen.
„Herzmassage“, sagte Akaashi schnell und zückte bereits die Hände hoch. „Zuerst?“, hielt ihn Suna auf. Der Assistenzarzt wurde nervöser. Er wollte das Vertrauen, das ihm Bokuto entgegenbrachte nicht verletzen, aber gerade übermannte es ihn. Die Finger über Bokuto Oberkörper begannen zu zittern.
„Schnell Dr. Akaashi, die Zeit läuft“, drückte Suna nach, sein Blick lag nun ernst und streng in Akaashis Augen. Dieser schluckte, nickte schnell, schloss die Augen und holte fokussierte sich wieder.
„Ich kontrolliere, ob die Nähte sitzen“, sagte er schnell, Suna nickte wieder. Akaashi vergewisserte sich der perfekten Arbeit des Oberarztes und ging schließlich zur Herzmassage über., dann gab er unter Sunas Zustimmung Anweisung zum Elektroschock.
Stille. Herzmassage. Elektroschock. Wiederholung. Drei Mal. Dann hielt er bei der Herzmassage fest.
„Komm schon, Bokuto, du kannst das“, sagte Akaashi. „Warum schocken wir nicht nochmal?“, fragte er mit dünner Stimme, man zuckte bereits, aber Suna hob die Hand und schüttelte enttäuscht den Kopf. „Lassen Sie ab“, sagte er und Akaashi stoppte mit bleichen Gesicht und bebenden Händen. Die Handschuhe und ein guter Teil der Ärmel seines Schutzumhanges waren befleckt mit Bokutos Blut, dass er trotz allem das Gefühl hatte, es nie wieder von der Haut waschen zu können. Sein Hals schnürte sich zu, er schluckte.
„Bitte! Bitte! Bitte!“, flehte er und sah vom stillen Herzen zum Gesicht. Konoha drehte seine Apparatur ab und sprach sein Bedauern aus, aber Akaashi wollte nicht aufgeben.
„Kotaro! Bitte!“, rief Akaashi und vernahm ein Geräusch, das ihm beinahe das Bewusstsein nahm.
„Wir haben einen Herzschlag“
Smile
Lächeln ist eine dem Lachen ähnliche Gesichtsregung, die Freude, Glückseligkeit, Liebe und Ähnliches ausdrücken kann. Ein Lächeln kann aber auch ein freches Grinsen sein und das Gegenüber aus der Reserve locken oder mit dem richtigen Ausdruck in den Augen für Spott und Argwohn sorgen. Es kann aber auch Ängstlichkeit kommunizieren oder Überraschung weitertragen.
Ein paar mehr oder weniger medizinische Dinge über das Lächeln und seinen großen Bruder das Lachen wissen wir aber auch: Ein Lächeln mag glücklich machen, Lachen dafür gesund, denn Lachen steigert das Immunsystem. Humor ist wie gute Medizin.
Zu Lächeln beansprucht weniger Muskeln im Gesicht, als böse dreinzuschauen. Lachen ist ansteckend, aber während ein Kind bis zu 400 Mal am Tag lacht, schafft es ein Erwachsener nicht einmal mehr auf 20 Mal.
Lachen ist ehrlich und gewährt uns einen Blick in die Seele eines Menschen.
Wir verlieben uns leichter in ein Lächeln als in einen starren Blick. Ein Lächeln muss das ganze Gesicht einnehmen, dann ist es ehrlich und echt. Es kann unser Herz dazu bringen, schneller zu schlagen. Und es ist das, was wir uns von einem geliebten Menschen am meisten wünschen, weil wir Glück damit verbinden. Lachen ist die Sprache der Freundschaft und der Liebe.
***
Der Schutzkittel, den Akaashi bei der ersten Operation, der er beiwohnen durfte, getragen hat wurde vor der Entsorgung bewahrt und nach einer entsprechenden Desinfektion zusammengelegt und im Spind des Assistenzarztes verstaut.
„Ich bin nicht abergläubisch, aber ich kann mich auch nicht davon trennen“, antwortete er mit ruhiger Stimme auf Kenmas Blick. Kenma saß auf der Bank im Umkleideraum und zog auf seinem Smartphone Linien und Formen zusammen. Für Terushima hat es wie ein IQ-Test gewirkt, dass er sich schnell mit einer unbedeutenden Ausrede verabschiedet hat. Es war nicht so, als wäre Kenma traurig darum.
Der Tag hat sich bereits dem Ende geneigt und der bis eben noch gut gefüllte Raum wurde immer leerer, bis Akaashi und Kenma alleine waren.
„Ich glaube, es ist nicht verwerflich“, sagte Kenma und stand auf um mit Akaashi nach draußen zu gehen. Sie hatten beide noch ihre Kittel und die arzttypischen Kasacks an und starteten ihre erste Nachtschickt.
Nach dem Ende des üblichen Tagdienstes sah das Krankenhaus umgehend anders aus. Wie in einem Film, der Potenzial zu einem Horrorstreifen oder einer fantasiereichen Post-Apokalypse hatte. Kenma schmunzelte bei dem Gedanken im Ansatz und sah wieder auf seine Linien und Formen am Handydisplay. „Hast du nicht Sorge, dass du etwas verpasst oder übersiehst?“, fragte Akaashi, weil Kenma nicht nur mit dem Blick an den Bildschirm gefesselt wirkte, sondern auch, weil ihm das kinnlange Haar das periphere Blickfeld verdeckte. „Mh Mh“, machte Kenma und schüttelte knapp den Kopf.
„Mein Pager ist geladen, ich verpasse also nichts Wichtiges und ich sehe auch so genug. Ich mag es nicht, wenn ich alles um mich herum sehen kann“, erklärte er, dass sich Akaashi durch sein kurzes strubbeliges Haar ging. Er war eigentlich sehr dankbar dafür, dass er seiner Meinung nach einen ganz passablen Anblick damit lieferte. Immerhin sah er gerne alles, was um ihn herum passierte. Nicht auszudenken, er würde eine Stufe übersehen oder einen Frisbee der rasant angeflogen kam.
Moment! Frisbee?
Akaashi duckte sich schnell unter dem quietsch-orangenen Geschoss davon, Kenma war stehen geblieben und neigte elegant den Kopf zur Seite. Keiner von beiden wurde getroffen, aber Kenma senkte mit einem lauten Seufzen sein Smartphone.
„Hast du nicht Dienstschluss?“, fragte er, als Kuroo angelaufen kam. Den Frisbee hat jemand anderes gefangen, dem Kenma gerade keine Beachtung schenkte. Akaashi fühlte sich mit der Gesamtsituation gerade etwas überfordert.
„Jep, hab ich, aber was wäre ich für ein Room-Mate, wenn ich dir zu deiner ersten Nachtdienst nicht viel Glück wünschen würde?“, fragte er mit einem Grinsen, das dem eines stolzen Bruders glich. Kuroo klopfte Kenma auf die Schulter und drückte mit der anderen Hand das Handy weiter hinunter. Kenma ließ ihn gewähren. Wie immer. Kuroo war aber auch der Einzige, der so mit ihm umgehen durfte.
„Wozu brauch‘ ich Glück? Es wird nichts passieren und wenn, dann wird es nicht schlimmer wie am Tag, nur dass ich in der Nacht fokussierter bin, somit ist es besser“, erklärte Kenma und mühte sich, seine Hände wieder höher zu ziehen, doch Kuroo drückte weiter und hinderte ihn daran. „Gibt’s noch was?“, fragte Kenma und sah zu ihm hoch. Sein Gesichtsausdruck wurde sanfter, wie er immer war, wenn er Kuroo ansah. Und der Ausdruck schwand auch genauso schnell wie er es sonst tat, wenn Kuroo weiterredete und eines ihrer kleinen Wortgefechte losging.
„Glaub mir, in der Nacht ist es hier immer anders, die gruseligsten Gestalten treiben sich hier rum“ – „andere würden mich als gruselig bezeichnen“ – „es ist dunkel“ – „es gibt Licht“ – „es sind weniger Leute hier, die dir helfen können“ – „Es sind weniger Leute hier, die mich nerven können, also geh endlich“
Kuroo ergab sich seufzend und wandte sich an Akaashi. „Bitte schau, dass er genug trinkt, n Snack wäre nicht schlecht, er mag gerne Apfelkuchen, in der Cafeteria gibt es meistens immer einen, aber im Automaten im dritten Stock hinter dem Schwesternzimmer gibt es Apfel-Müsliriegel oh und… tolle Sache mit Bokuto, danke, dass du sein Leben gerettet hast, er ist n klasse Kerl, wäre wirklich schade gewesen“, sagte er und klopfte nun Akaashi auf den Rücken. Kenma schnaubte genervt, war aber dankbar, dass Kuroo so von seinem Handy abgelassen hat und er nun wieder abdriften konnte. „Ignorier ihn einfach“, sagte er zu Akaashi, doch der nickte die Situation nur weg.
„Okay und jetzt raus, alle die hier nichts mehr zu suchen haben, die Patienten müssen schlafen und wir wachsam sein“, sagte Akaashi und stamperte Kuroo damit in die Richtung des großen Haupteinganges, wo er auch schon erwartet wurde.
„Bis später, Dr. KenKen“, rief er Kenma zu. Dieser seufzte und machte kehrt, nur um wahr zu machen, was er Akaashi eigentlich bestätigt hatte, dass nicht passieren würde. Er übersah etwas. Jemanden!
„Sorry“, sagte er knapp und hätte es fast nicht getan, hob aber der Höflichkeit wegen doch den Kopf und sah in das Antlitz des Neurospezialisten, Kiyoomi Sakusa, dem diese Interaktion nicht unangenehmer hätte sein können. Sakusa hob beide Hände und ging einen großen Schritt zurück. Sie waren einander um Haaresbreite, Kenmas Haaresbreite, einem Zusammenprall entronnen, dass der Oberarzt erst wieder atmete, als genügend Abstand zwischen ihm und dem Assistenzarzt war. Er trug zwar bereits Freizeitkleidung, aber die sah nicht besonders nach Freizeit aus, stattdessen ähnelte er mit der schwarzen Stoffhose und dem schwarzen Hemd mehr einem Banker, der am Casual Friday seine Krawatte weglassen durfte. Er hatte aber auch wie sonst seine Atemschutzmaske auf und den ernsten Blick, als wäre er, wie immer, fokussiert. Bemerkenswert.
„Gute Nacht, Dr. Sakusa-sama“, unterbrach Akaashi höflich den angespannten Moment, in dem wohl überlegt wurde, wie man Kenma am einfachsten aus dem Weg räumen konnte – wortwörtlich natürlich nur, einfach nur… bei Seite schieben ohne zu nah ran oder ihn gar berühren zu müssen.
„Gute Nacht“, sagte auch Kenma und wich den Schritt zur Seite, der Sakusa passieren ließ.
„Angenehme Nacht“, wünschte dieser mit einem letzten Blick zurück direkt in Kenmas katzenartige Augen und verließ rasch, nachdem er sich beim Desinfektionsspender noch etwas von dem Mittel nahm, das Krankenhaus. Kenma sah etwas eingeschüchtert zu Akaashi. „Er ist unheimlich“, sagte Akaashi gleich als wollte er ihn bestätigen. „Faszinierend“, ergänzte Kenma, dass er den Blick anders gemeint hat und ging mit Akaashi die ersten Punkte ihrer To-Do-Liste an.
Zuerst überprüften sie zwei Patienten, die am nächsten Morgen als erste in die Operationssäle gebracht werden sollten. Sie durften nun nichts mehr trinken, gerade einmal um den Mund zu befeuchten, aber nicht mehr.
Kenma ließ sich um die Ohren schmeißen, dass man Hunger hatte, er versicherte dem Patienten, dass er, sobald er schlief, nichts mehr davon merken würde. Akaashi versuchte dafür die aufgebrachte junge Dame zu beruhigen, die ihn davon überzeugen wollte, dass sie gar keine Schmerzen mehr im Unterleib hatte und ihren Blinddarm behalten konnte, sie würde auch gleich gehen können. „Dann mache ich keine Umstände“.
„Michimiya-san, bitte bleiben Sie hier, Dr. Sawamura ist ein wirklich fähiger Arzt, Sie sind in guten Händen, glauben Sie mir und es ist unser Job, also machen Sie keine Umstände, sie sichern unsere Daseinsberechtigung“, versuchte Akaashi sie zu besänftigen und navigierte die Patientin mit sanften tappsenden Berührungen an den Armen zurück ins Zimmer und wieder ins Bett, in dem sie sich unter Schmerzen krümmte.
„Sehen Sie? So gut geht es Ihnen nicht“, hob er gleich hervor.
„Dr. Sawamura, das ist der gutaussehende Arzt, der heute Morgen hier war oder?“, fragte Michimiya und legte sich auf Anweisung ein Stück weiter zurück. In Gedanken an den Oberarzt schien sie sich zu beruhigen. „Er war heute Morgen hier, ja“, antwortete Akaashi. Er würde nicht darüber urteilen, ob jemand gut aussah oder nicht, schon gar nicht, wenn es ein Vorgesetzter war. Das war unangebracht.
„Er hat so sanfte Augen, ihm würde ich mein Leben anvertrauen“, sagte Michimiya und Akaashi nickte darauf. „Dann tun Sie das, machen Sie die Augen zu und morgen früh wird er Ihre Lebensqualität verbessern indem er Sie von Ihren Schmerzen befreit“, sprach er ihr gut zu. Er erkundigte sich noch, ob sie bequem lag und wünschte ihr eine gute Nacht. Dann ging er mit Kenma weiter. Die meisten Patienten, denen sie einen Kontrollbesuch abstatteten schliefen oder sahen noch auf einem Multimediagerät fern.
Einem Patienten rettete Kenma das Handy vor dem sicheren Absturz als dieser einschlief, die Hand beiseite rutschte und das Smartphone gen Boden eilte.
„Gute Reflexe, wie eine Katze“, merkte Akaashi beeindruck an und verließ mit Kenma das Zimmer. Nun stand nur noch einer auf der Liste.
Die beiden Jungärzte betraten den Post-OP-Aufwachraum. Das Licht war gedimmt, die Maschinengeräusche zur Überwachung produzierten weißes Rauschen und die zwei Patienten, die hier lagen schliefen in aller Ruhe. Auf der einen Seite lag jemand, der Dr. Iwaizumi zugeteilt war und nach Übertragung der Werte in das Chart außer Acht gelassen werden konnte.
„Er sieht so friedlich aus“, sagte Akaashi und stellte sich direkt neben das zweite Bett. Bokutos Bett. Seine Hand zuckte einen Moment hoch, aber dann legte er die Finger rasch an den Matratzenrand und tippte dort etwas unruhig herum.
„Tat er während der OP auch schon“, murmelte Kenma und betrachtete Bokuto, der in seinen Augen nicht anders aussah, wie eben dann.
Akaashi schnaubte amüsiert. „Du hast wohl recht, aber da hat er mich aufgeregt“, sagte er wieder in aller Ruhe und Trockenheit. Er lehnte sich über Bokuto und zog den Krankenkittel weg, Kenma griff in der Zwischenzeit nach der Wunddesinfektion und den Wattestäbchen. Eines tränkte er in der Flüssigkeit und reichte es Akaashi, der umgehend begann, die lange Naht abzutupfen, die sich längs über Bokutos Brust erstreckte. Das andere tauchte Kenma auch darin ein und tat es nun Akaashi gleich.
„Es ist unglaublich… vor ein paar Stunden waren meine Finger da drinnen und ich hab sein Herz gesehen und… berührt“, murmelte Akaashi vor sich hin. Er klemmte das Stäbchen zwischen Index- und Ringfinger ein und strich mit den Finger ein gutes Stück neben der Naht.
„Ich glaub, du hast sein Herz schon vorher berührt, anders halt“, sagte Kenma und überraschte Akaashi damit. Der blonde Assistenzarzt war so abgebrüht und sagte Dinge, die eigentlich ziemlich romantisch waren, als wären sie die Beschreibung der Beilage zum Abendessen. Sie sprachen aber nicht mehr weiter darüber. Akaashi war die Richtung des Gespräches unangenehm und Kenma genoss die Stille. Sie mussten nicht reden.
Bokutos Wunde wurde versorgt, der Kittel wieder über den muskulösen Oberkörper gelegt und der Raum verlassen. „Träum schön, Kotaro“, flüsterte Akaashi, dass Kenma es kaum hören konnte.
„Achtung! Achtung! Fox on the run!“, rief jemand direkt zu ihrer Linken, dass beide sofort stehen blieben, den Kopf umwandten und den Anästhesisten erkannten, der auch zu Bokutos Operation anwesend war. „Ne Spaß, ist nur Sauerstoff, wäre doch zu komisch, wenn hier n Fuchs rumlaufen würde“, lachte der Arzt mit dem Rollwagen auf dem die Gasflasche thronte.
„Oh, Konoha-san“, sagte Akaashi und wich einen Schritt zurück um ihn vorbei zu lassen, doch dieser blieb direkt vor ihm stehen. Für einen Moment sahen sich die beiden an. Konoha fragte sich, ob Akaashi seinen Witz lustig fand, Akaashi überlegte, ob er jetzt noch darauf reagieren sollte, denn er mochte Sweet und den Song sehr. Konoha nahm ihm aber die Entscheidung ab.
„Wie geht’s unserem Herzchen?“, fragte er und sah zu Bokuto ins Zimmer. „Unserem?“, frage Akaashi, dass ihn Kenma seitlich einen kleinen Rempler gab und in die richtige Richtung deutete ihm, seine Aufmerksamkeit wurde direkt wieder auf sein Mobilegame gelenkt, da er ein Gespräch der beiden anderen erahnte.
„Oh, Bokuto-san“, erkannte Akaashi schließlich und sah zuerst nach hinten und dann wieder zurück zu Konoha, der ihn mit einem amüsierten Lächeln musterte. „Du gehörst zu den richtig Klugen, sonst hätte Dr. Suna dich nicht ausgewählt, aber etwas an dir ist erfrischend naiv. Hast du schon ne Pause gemacht? Ich schließe meine Schicht ab, sowie das hier an Ort und Stelle ist und würde mir noch nen Tee gönnen“, fragte Konoha, deutete auf seine Gasflasche und schob sie auch schon weiter um Akaashi deutlicher zu zeigen, was er vorhatte.
„Oh ich, wir haben gerade… ich sollte Kozume…“, unsicher sah er zu Kenma, doch der winkte ab. „Ich hol mir meinen Apfelkuchen selbst, geh nur“, sagte er und machte ganz schnell Kehrt auf den weichen Sohlen seiner medizinischen Hausschuhe.
„Ich kann dir gerne helfen“, hörte er Akaashi sagen, war aber erleichtert, dass er seine Hilfe Konoha anbot und dass er selbst sich eine Auszeit gönnen konnte. Dachte er zumindest, denn als er an der Schwesternkoje am Weg zur Kantine vorbeikam, hörte er bereits die Stimme, die ihn an diesem Morgen und eigentlich seit seinem ersten Tag hier, so unsäglich nervte.
„Schwester Azumane!“, sagte Terushima der ID-Karte entsprechend und lehnte sich über die Theke um besser in das angesprochene Gesicht zu sehen. Das lange brünette Haar wurde hinter ein Ohr geschoben, der Kopf gedreht und Terushima erkannte nicht nur recht dunkle Augenringe sondern auch einen Bart. „Pfleger! Pfleger Azumane! Bitte Hilfe? Ich kann nicht lesen, was das heißen soll… Dr. Komoris Handschrift ist schrecklich…“, sagte er unter Seufzen und hielt Asahi den Zettel mit dem notierten Medikament hin, das er holen sollte.
„Seh ich etwa aus, wie eine Frau?“, japste Asahi entgegen seinem eigentlich recht einschüchternden Erscheinen ganz kleinlaut. Terushima sah ihn etwas verdutzt an.
„Oh nein, gar nicht, du siehst nicht aus, wie ne Frau, eigentlich siehst du wie n Drogendealer aus, sicher, dass du genug geschlafen hast?“,
„Ich bin Pfleger… natürlich hab ich nicht genug geschlafen“, erwiderte Asahi mit einem Ausdruck in den Augen, der den Anflug einer Panikattacke verkündete. Kenma trat heran, nahm den Zettel und las Terushima das Medikament vor. „Ist das so schwer, Terushima?“, fragte er ihn und verließ die eher unangenehme Situation wieder um in der Kantine das letzte Stück Apfelkuchen und einen leeren einsamen Tisch zu ergattern.
Geheiligte Stille. Während der Nachtschicht war es den anwesenden Ärzten selbst ein Anliegen, leise zu sein, dass Kenma sofort für sich erkannte: Diese Schicht würde seine liebste sein. Er würde mit allen tauschen, so oft wie nur möglich. Vielleicht hatte er Glück und könnte sie oft mit Akaashi machen oder mit Yamaguchi, der mit Tsukishima und Kageyama für die nächste Nacht eingeteilt war. Kageyama konnte wohl von Glück reden, dass Yamaguchi als Tsukishimas Besänftigung dabei war, sonst würde die anschließende Nacht wohl im Chaos versinken. Irgendwie hoffte Kenma, dass er nicht bald mit Tsukishima eingeteilt werden würde, der blonde Brillenträger war ihm noch unangenehm. Vielleicht, weil er ihn noch nicht kannte, vielleicht, weil er mit seiner sarkastischen und stichelnden Art noch nicht ganz klar kam. Vielleicht war es auch nur Unsympathie, wie bei Terushima, nur anders.
Terushima war dafür bestimmt jemand, der lieber tagsüber arbeitete. Ein wenig überrascht war Kenma schon darüber, dass der Skaterboy von einem Arzt noch so fit war, aber er wirkte zumindest wie jemand mit viel Energie. Zu viel Energie… Denn nach seiner kurzen Pause und der Unterstützung, die er einer Schwester bei einem unruhigen Patienten gab, stand Terushima wieder neben Kenma, diesmal war er aufgeregt, unangenehm aufgeregt, als würde er ihm gleich die, für Terushima, tollste Geschichte erzählen, die ihm, Kenma, nicht egaler hätte sein können. Aber er konnte sich nicht wehren.
„Hab heut‘ schon wen von nem Herzstillstand bewahrt“, prahlte Terushima. Gut, vielleicht nicht ganz so egal. „Wie kams dazu?“, wollte Kenma ruhig wissen und lehnte sich langsam an die Wand. Die Arme verschränkte er vor der Brust und dann wartete er.
„Tja, richtige Zeit, richtiger Ort… Hab den Piep genau gehört, bin sofort reingestürmt und hab das Ding gerockt, bevor Bokuto auch nur anfangen konnte abzunippeln“, versetzte Terushima Kenma in Schock.
„Bokuto? Wir waren doch gerade noch bei ihm, da war alles gut“, sagte er mit großen Augen. Sofort analysierte sein Kopf, ob sie etwas übersehen hatten, ob er etwas übersehen hat.
„Was hast du gemacht?!“, beschuldigte er Terushima sofort, der umgehend die Arme hochhob. „Nichts! Außer ihm vermutlich das Leben gerettet!“ – „Akaashi hat ihm das Leben gerettet“ – „Tatsache, ich habs nur behalten“, sagte Terushima, zwinkerte Kenma zu und lief weiter um dem nächsten Arzt von seiner Heldentat zu erzählen. Kenma stieß sich von der Wand ab und traf kurz darauf auf Akaashi. Er sparte es sich, von Terushimas Rettung zu erzählen und behielt es bei einer sachlichen Nachfrage, wie der Tee im Krankenhaus war. Ungeahnt der Tatsache, dass dieser je nach Gesellschaft einen süßen oder auch bitteren Beigeschmack haben konnte. Akaashi schien den Tee süß genossen zu haben.
„Dr. Konoha hat mir von einer Operation erzählt, die ähnlich war, wie die von Bokuto-san, aber die ging nicht so wie seine aus, der Patient ist gestorben“, ging Akaashi auf seine Zeit mit dem Anästhesisten ein. Kenma nickte knapp. „Ärzte wie er sehen sicher viel, aber sie machen immer dasselbe“, gab Kenma klein bei. Zwar mochte er gerne eine Aufgabe, wo er sich nicht überanstrengen musste, aber er wollte nicht, dass ihm das Gehirn einschlief und die Ärzte, die dafür zuständig waren, dass die Patienten nicht aufwachten oder zu überdosiert schliefen, taten in seinen Augen einen langweiligen Job, wenn natürlich auch sehr wichtigen, das war dem Jungarzt bewusst, dennoch würde er nicht tauschen wollen. „Dafür ist er ein absoluter Spezialist“, verteidigte Akaashi ganz unbewusst die Tätigkeit des anderen. Kenma hatte nichts darauf einzuwenden. Er hatte die restliche Nacht nicht mehr viel einzuwenden und verabschiedete sich zum Schichtwechsel sowohl von Akaashi als auch von Terushima, der mit seinem Motorradhelm an ihnen beiden vorbeilief und kurz darauf mit qualmenden Reifen vom Parkplatz fuhr.
„Er wird früher Patient sein, als ihm lieb ist“, murmelte Kenma, hob die Hand zum Gruß und ging zur Busstation während Akaashi zu seinem Auto ging, nicht ganz sicher ob er amüsiert oder beunruhigt sein sollte.
Nach der seiner ersten Nachtschicht wurde Kenma von Kuroo sogar vom Bus abgeholt und sofort ausgefragt.
„Was ist passiert? Wie geht es Bokuto? Was war das Komischste, das du gesehen hast?“, fragte der Ältere und Kenma antwortete nur mit einem Wort, einem Namen sogar: „Terushima“
„Wenn du dich zu ganzen Sätzen bemühst, spiel ich daheim ne Runde Dash-Mania mit dir“, schlug Kuroo vor, weil er mehr von Kenmas erster Nachtschicht erfahren wollte, doch dieser lehnte dankend ab. Kuroo schnaubte.
„Okay, letztes Angebot: Wenn du mir mehr erzählst, lass ich dich den restlichen Tag in Ruhe!“
Kenma hob den Kopf und sah Kuroo ganz überrascht an. „Das würdest du schaffen?“, wollte er wissen und Kuroo nickte schnell. „Ich kann alles schaffen, wenn ich nur will“, erklärte er. „Mhm… und willst du es?“ – „Ich will wissen, wie es war!“
Kenma überkam der Anflug eines Lachens. Er kannte Kuroo schon so lange, dass er meinen könnte, er kannte ihn in und auswendig und dennoch überraschte ihn sein Mitbewohner gerade.
„Gut“, sagte er und erzählte ihm von seinen Erlebnissen. „Eher langweilig, ich weiß“, sagte er noch, aber Kuroo zuckte mit den Schultern. „Du hast für dich erkannt, dass es deine Schicht ist, was mich nicht wundert, hätte ich dir gleich sagen können, aber ich wollte dir natürlich selbst diese Erfahrung und Erkenntnis gönnen, du sollst ja selbst lernen“, sagte Kuroo und ging Kenma amüsiert durchs Haar.
„Ich dachte, du lässt mich danach in Ruhe“, knurrte dieser, dass Kuroo die Hand sofort zurück zog.
„Menno… gleich so streng, du hättest Lehrer werden sollen und nicht Arzt“, gab Kuroo kleinlaut bei. „Aber du hast Glück, ich treff mich mit ein paar Leuten vor der Uni, Studenten anquatschen, dass sie nächstes Jahr auch in unser Programm kommen“, sagte Kuroo. Kenma konnte ihn nicht schnell genug loszuwerden um vor seiner am nachmittag startenden Spätschicht noch ein paar Stunden Schlaf und ein paar mehr davon zum Spielen eines Online-Rollenspieles aufzuwenden.
„Essen ist im Kühlschrank, machs dir in der Mikro warm, wir sehen uns dann im Krankenhaus“, sagte Kuroo und verabschiedete sich.
Die Aufbewahrungsbox mit einer nicht unbedeutsamen Menge Curry wurde gerade mal bei Kenmas späterem Aufbruch kurz betrachtet, aber blieb unangerührt im Kühlschrank zurück. Seines Planes nach würde er sich wohl einen kleinen, vermutlich ungesunden, Snack im Krankenhaus holen.
***
„Dr. Kenken“, wurde Kenma bereits im Eingangsbereich von einer Stimme aufgehalten, die diese Benennung eigentlich nicht wählte. Die Stimme hatte ihm gegenüber aber auch sonst noch nie eine Betitelung gegeben. Trocken aber mit leicht erhobenen Augenbrauen sah er in das Gesicht des Arztes, der auf ihn zuging. Dr. Sakusa hatte seinen Blick wie Kenma ihn bereits gut kannte auf einem Klemmbrett fixiert, die Maske saß tadellos in seinem Gesicht über Nase und Mund und ließ nicht erahnen, ob der Arzt lächelte, eine Schnute zog oder sich vor Unbehagen auf die Lippen biss. Oder eben – wie Kenma vermutete – einfach keinerlei Mimik über seine Lippen kommen ließ, wenn die Maske nicht da gewesen wäre, so wie es seine Augenpartie tat, die erst reagierte, als Kenma ihn korrigierte.
„Eigentlich ist es Kozume, Dr Sakusa-sama“, wurde der Oberarzt aufgeklärt, dass dieser seinen Blick von seinen Unterlagen aufhob, ihn auf Kenmas ID-Tag richtete und zu Kenmas rechten Seite sah, wo Kuroo meistens stand, wenn man sie beide gemeinsam antraf, was nicht selten war.
„Aber Dr. Kuroo hat Sie gestern Nacht so adressiert“, hob Sakusa hervor. „Kuro und ich sind Freunde“, stellte Kenma klar. Sakusa zog die Augenbrauen angespannt zusammen. „Sowas Unprofessionelles hat hier nichts verloren, Dr. Kozume, ich hoffe, Sie nehmen das hier ernst“, war die erste Lektion, die Kenma von seinem Idol erhielt. „Natürlich nehme ich das ernst“, versicherte er ihm und steckte auch sogleich sein Mobiltelefon weg um es ihm ganz deutlich zu machen. Sakusa musterte ihn von oben bis unten. Er überlegte.
„Dr. Komori hat Sie empfohlen, ich hoffe, er erlaubt sich keinen Schalk mit mir, sehe ihm ähnlich… Aber seien wir nicht so. Ihre Noten und Auszeichnungen passen zu dem, was er sagt. Ich würde Sie für eine Gefäßoperation in meinen Operationssaal einladen, mir zu assistieren und zu lernen“, brachte Sakusa sein Anliegen heran ohne etwas von seiner familiären Verbindung zu Dr. Komori zu erwähnen. Wozu auch. Es tat ja nichts zur Sache. Kenma zögerte mit seiner Reaktion, nickte aber kurz darauf.
„Natürlich, Dr. Sakusa-sama, ich wundere mich nur, liegt Ihr Fach nicht in Neurochirurgie?“, fragte er ihn. Sakusa schnaubte, stand ihm aber zu, dass er gut aufgepasst hat.
„Meine Spezialität liegt in den kleinen sensiblen und komplizierten Dingen, Gefäße können sehr fragil sein, was schnell heikel werden kann, vor allem, wenn es sich um die Karotisgabelung handelt“, gab er bereits einen Hinweis auf die bevorstehende Operation.
„Wir operieren jemanden an der Halsschlagader?“, fragte Kenma. Dr. Sakusa nickte, gab Kenma die Patientenakte und schickte diesen sogleich zu Komori. Komori begrüßte ihn und auch Terushima und Akaashi, die rechtzeitig zur Spätschicht ankamen für die Patientenrunde am Nachmittag.
***
„Und das ist Tsukasa Iizuna, ein Patient von Dr. Sakusa, Dr. Kozume?“, sagte Komori und wies Kenma an, den Patienten zu präsentieren. Kenma zückte die Akte, die er von Dr. Sakusa bereits bekommen hat und trug vor.
„Iizuna Tsukasa, 27 Jahre alt, Gefäßpatient, wiederkehrender Glomustumor, wurde vor drei Jahren das erste Mal von Dr. Sakusa im St. Itachiyama operiert, restlos entfernt, hier weil der Tumor rückkehrt, liegt in der Norm des Gewächses, entdeckt an der linken Halsschlagader beim… Liebesspiel“, las Kenma die Fakten zusammenfassend vor, bei der Ortung fasste er sich selbst neugierig an die Stelle, wo der Tumor von Iizuna sitzen sollte, aber brach in seiner Patientenpräsentation ab, als das Wort Liebesspiel über seine Lippen kam. Da hob er auch seinen Kopf und sah Iizuna das erste Mal ins Gesicht. Mit stolperndem Herzen musste er feststellen, dass dieser junge Mann das wohl schönste Lächeln hatte, dass er je gesehen hat. Iizuna sah trotz seiner rötlichen Augen wie ein Engel aus und strahlte Kenma mit seinen hübschen geschwungenen Lippen direkt an.
„Hey“, sagte er, sein Lächeln formte sich dabei zu einem schelmischen Grinsen um, dass sich Kenma ertappt fühlte und nicht einmal wusste, warum. Er rang sich aber auch zu einem schwachen „Hey“ durch. Seine Augen wandten sich nur kurz ab um die Stelle zu erblicken, wo der Tumor entdeckt wurde und tatsächlich waren da noch die zarten rosaroten Spuren eines vermutlich ziemlich heftigen Liebesbisses zu sehen.
„Und was wird gemacht, Dr. Kozume?“, wurde Kenma zum Weitersprechen gebeten, aber mehr als ein weiteres schwaches „Hey“, kam nicht über seine Lippen. „Hey“, sagte auch Iizuna noch einmal und schenkte Kenma sein süßestes Lächeln.
Dramaroom
Trauma. Ein Trauma entsteht durch eine Verwundung oder Verletzung äußerlicher Gewalteinwirkung. Das kann ein Schlag sein, ein Sturz, ein Stoß oder ein Aufprall anderer Art. Ursachen dafür können häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Überfälle, Schlägereien oder Verkehrsunfälle sein. Ein Trauma steht aber oftmals in Verbindung mit der Bezeichnung eines traumatisierenden Erlebnisses und das muss nicht zwingend mit körperlicher Gewalt einhergehen. Dennoch erwarten Ärzte auf der Trauma-Station Unfallopfer. Menschen mit gebrochenen Beinen, verdrehten Armen, offenen Wunden, Blut, freigelegte Knochen und das durch Fremdeinwirkung, einen Aufprall, nicht selten selbstverschuldet, schlicht weg den Dingen, die nichts für schwache Nerven sind. Denn eine Operation, ein gezielter Schnitt mit dem Skalpell, der Organe freilegt, Blut fordert und Knochen zum Vorschein bringt, ist kein Trauma. Es sei denn, sie traumatisiert, dann ist sie ein anderes Trauma. Kontrollverlust. Doch die Trauma-Chirurgie beschäftigt sich mit Unfällen. Geplanten oder Spontanen.
***
„Drallcome? Was war das noch gleich?“, fragte Yamaguchi als beim Umziehen sein Pager losging, aber auch all die der anderen anwesenden Assistenzärzte und sogar die aller anwesenden Ärzte im Krankenhaus.
„Lesen kannste oder, Dr. Freckles-chan?“, konterte Terushima hinter ihm die Frage und schlüpfte dabei in seinen weißen Kittel. „Doctor All Come, alle Doktors kommen, also schnell, schnell sonst sind die Besten Sachen weg“, sagte er etwas lauter und klopfte Yamaguchi im Vorbeilaufen auf den Rücken, die anderen um Yamaguchi beeilten sich ebenfalls, dass er lieber auch hinne machte und neben Kenma und Akaashi schnellen Schrittes dem kleinen Auflauf folgte.
„Lesen kannste Dr. Freckles-chan… pfft Dr. … Playboy“, äffte Yamaguchi den motivierten Assistenzarzt nach, aber leise, dass er es nicht bemerkte, auffällig genug aber für Tsukishima, der sich eines Schmunzeln nicht verwehren konnte, wie er aufholte. „Nenn ihn doch Dr. Volltrottel, das passt zu ihm“, schlug er vor und Yamaguchi kicherte leise. Das würde er sich nie trauen, zu ihm zu sagen, was auch Kenma neben ihm ahnte und deswegen lieber auf den Alarm einging.
„Es bedeutet, dass es einen Notfall gibt, ein großer Unfall zum Beispiel oder eine Explosion mit vielen Opfern und dass sie alle Ärzte brauchen, die verfügbar sind. Da der Page von Trauma kommt, war es vielleicht ein Zugunglück, also stell dich darauf ein, dass es viel Blut geben wird und dass du das Weiße von den Knochen sehen wirst“ Yamaguchi schluckte eingeschüchtert. Natürlich, sie hatten das gelernt, aber sie haben so viel gelernt, er konnte unmöglich alles wissen. Zumindest aber wusste er, dass er dem Pager-Signal und nun auch der Lautsprecherdurchsage, die durch die Gänge hallte, zu folgen hatte.
Bevor sie den Empfangsraum für die Notaufnahme erreichten, trafen sie auf Dr. Iwaizumi, der ein zufriedenes Nicken in Dr. Komoris Richtung schickte, weil die beiden mit ihren Assistenzärzten zu den ersten gehörten und somit den ersten Schwall des eintreffenden Traumas abfangen sollten.
Während Dr. Komori Kenma, Akaashi, Terushima und Yamaguchi unter sich hatte, tummelten sich um Dr. Iwaizumi Kageyama, Tsukishima, der Kageyama nicht leiden konnte, Shirabu und Yachi. Das waren die acht Assistenzärzte die in ihrem ersten Jahr die Ausbildung abschließen würden.
Direkt hinter Dr. Iwaizumi stolzierte die Aschblonde Schwester mit dem Namen Kaori an ihnen vorbei in den großen Raum und richtete sich ihren hochgetragenen Pferdeschwanz.
„Dr. Iwaizumi“, summte sie und rempelte den Stationsarzt sanft, welcher mit einem kessen Grinsen konterte. Kaori war aber schon drauf und dran mit ihren Kolleginnen und Kollegen dafür Sorge zu tragen, dass die Notfallwägen bereit und nicht im Weg standen.
„Unauffälliger geht’s wohl bitte wirklich nicht mehr, oder?“, erklang eine verspielte Stimme hinter ihnen allen, die neben Dr. Iwaizumi auch Shirabu zum Seufzen brachte.
„Und Facey-kawa hat nichts Besseres zu tun als zu gaffen? Neidisch, hmm“, unterstellte Dr. Iwaizumi mit einem herausfordernden Blick.
„Gar nicht wahr! Meian und ich wurden extra urgiert“, sagte Dr. Oikawa, Oberarzt für plastische Chirurgie. Nach ihm trat auch Chefarzt Meian hinzu, stellte sich aber die Eilmeldungen mit Asahi abgleichend an die Schwesternkoje der Notaufnahme.
„[url=https://www.animexx.de/fanfiction/serie/5519/398167/1315611/default/#complete]Verkehrsunfall[/url], zwei PKW, ein Bus und ein Motorrad. Sieben Tote bereits am Unfallort, elf Schwerverletzte und fünfzehn Mittel- bis Leichtverletzte auf dem Weg hier her, ich korrigiere, acht Tote, zehn Schwerverletzte, Verbrennungen“, wurde das absolute Chaos angekündigt.
„Siehst du, Iwa-lein? Dafür bin ich da!“, neckte Dr. Oikawa, worauf Dr. Iwaizumi mit einem Augenverdrehen den Kopf schüttelte. „Schon gut, tu einfach dein Bestes“, sagte er zu ihm. Es wurde versichert, dass es gar nicht anders in Frage kam.
Terushima klatschte in die Hände und ließ sich nach Aufforderung von Yamaguchi den extra Unfallkittel umbinden. „Ich will nen Schwerverletzten“, forderte er und half nun Yamaguchi, der sich auch direkt frische Handschuhe überzog. Irgendwie konnte Yamaguchi den Enthusiasmus, Leben zu retten, ja gut verstehen, das wollte er auch, aber er wollte eigentlich auch nicht, dass es zu dramatisch wurde.
„Bei der Ansage werdet ihr alle ranmüssen, also blamiert mich ja nicht“, sagte Dr. Komori an seine vier Assistenzärzte gerichtet. Yamaguchi schreckte hoch, stellte sich sofort stramm gerade hin und nickte artig. Akaashi zog tief Luft ein, nickte und sah zu Kenma, der ruhig und abwartend auf die große Flügeltür starrte, auf deren anderen Seite sich die Krankenwageneinfahrt befand und die jeden Moment die Pforte zur Hölle öffnen sollte.
Auf der anderen Seite befand sich die Krankenwageneinfahrt. Draußen standen Chefarzt und Oberarzt der Unfallchirurgie, Dr. Ukai jun. und Dr. Tendou mit Assistenzärzten ihres zweiten Jahres, die bereits eine Spezialisierung auf Unfall gewählt haben.
Es wurde bereits unruhig, drinnen und draußen. Die Sirenen waren in der Ferne zu erahnen und Kenma erkannte, es waren fünf Signalhörner. Neben diesen hörte er aber auch einen Feuerwehrwagen. Sein Blick huschte zu Akaashi, dem er ansah, wie er den Raum akribisch analysierte. Die Augen des Assistenzarztes fixierten im Wechsel von Millisekunden unterschiedliche Positionen im Raum sowie die Ärzte, die hier bereits herumstanden. Kenma hat gar nicht bemerkt, wie sie alle hinzugekommen waren, er kannte auch noch nicht jeden von ihnen.
Die Sirenen wurden lauter.
„Kozume! Da vorne. Terushima, geh zur Seite, hier kommt gleich alles rein. Achtung! Yamaguchi“, waren schnelle knappe Hinweise, die der aufmerksame Assistenzarzt an seine Gruppe weiter gab und dem auch alle Folge leisteten, selbst wenn sich Terushima zu wehren versuchte, er wollte in der ersten Reihe stehen und hätte, wenn Yamaguchi nicht aufmerksam genug gewesen wäre seinen risikofreudigen Kollegen am Oberarm wegzuziehen, im Folgemoment sofort direkte Bekanntschaft mit einer Trage gemacht, die rammbockartig in die Notaufnahme preschte. Alles passierte in rasanter Geschwindigkeit, dass sich Kenma mühen musste, einen brauchbaren Überblick über die Situation zu haben.
Einerseits kam als erstes die Trage hereingeschoben, die Terushima um ein Haar erwischt hätte. Auf ihr befand nicht nur eines der Opfer, sondern auch ein junger Mann mit wilder Stachelfrisur kniend über ihn gebeugt. Er tat, wie Kenma bei genauerem Hinschauen erkannte, sein Bestes, einen tiefen Einschnitt am Hals zu punktieren um so ein Verbluten zu verhindern. Seine Kleidung war vollkommen in Blut getränkt, genauso wie die des Patienten .
„Nishinoya-sama!“, japste Asahi, der den Arzt trotz Freizeitkleidung als solchen
erkannte. Angesprochener wandte sich sofort um, hob die Hand, die gerade nicht mit lebensrettenden Maßnahmen besetzt war und deutete kess mit dem Daumen nach oben. Ein Zwinkern galt ganz alleine dem brünetten Pfleger.
„Yo, Asahi“, rief Nishinoya und bezeichnete seinen Auftritt noch als „Rollende Lebensrettung“ bevor er von der Trage abstieg. Seine Finger blieben weiter am Hals des Mannes, der nun besser zu erkennen war. Jung, schlaksig, sicherlich groß gewachsen, wie er die Trage ausfüllte, sein Haar war schmutzig kupferfarben und stand dem Umstand des Unfalles in alle Richtungen, kurz. Erst jetzt fiel auch auf, wie klein Nishinoya eigentlich war, aber das nahm ihm nichts an Coolness in diesem Moment. Asahi war außer sich. Nishinoya suchte und fand seine Unterstützung.
„Yo! Blondie, hier her!“, rief er Yachi zu sich, da sie gerade am nächsten stand. Die Blondine hopste einmal vor Überraschung auf, aber überbrückte schnell die zwei Schritte zu Nishinoya um die Halsschlagader des Patienten abzudrücken. Die beiden Sanitäter, die die Trage geschoben haben, einer mit lichtem Haar, rundem Gesicht und nun auch einem erleichterten Ausdruck, der andere, gut einen halben Kopf größer, mit kurzen brünetten Wellen und einem sehr entspanntem Gesichtsausdrück, als würde ihn nichts so schnell aus der Ruhe bringen, gaben Asahi die Personalien weiter, die sie einer Karte aus der Brieftasche entnehmen konnten.
Parallel kam die zweite Trage herein geschoben, nicht mit einem weniger Filmreifen auftritt. Denn die wurde von Feuerwehrmännern herein geschoben.
„Habt ihr noch nicht gesehen, Seitenspiegel in Motorradfahrer“, sagte einer der Feuerwehrmänner, weiße Igelfrisur, große runde Augen und im Vergleich zu seinem Kollegen sah er winzig aus. Der Kollege hob auch gleich seinen Fehler hervor. „Motoradfarherin, Korai“ – „Ja, ja Gao, schaust du?“, wollte der Kleinere den Fokus auf die Verletzung lenken. Die junge Frau, Mitte zwanzig wohl, goldblondes Haar, flackernde bildschöne grüne Augen, hatte den Seitenspiegel einer Mercedes S-Klasse im linken Beckenbereich stecken, das rechte Bein stand ungesund ab. Überall war Blut. Komori stand am nächsten.
„Tsukishima! Komm hier mit, Terushima, du auch!“, forderte er die beiden Assistenzärzte zu seiner Linken, wollte zu der Trage eilen, doch wurde selbst von Nishinoyas Rufen aufgehalten. „Jo, Komori, wir brauchen Sie hier, das ist ihr Gebiet“. Yachi hielt ihre Finger nervös am Hals des Patienten, seine Lippen bebten und er suchte ihren Blick mit seinen Augen. „Bitte sprechen Sie nicht“, sagte sie zu ihm und legte ihm die freie Hand an die Wange. Die Sanitäter schoben den Wagen fort und Yachi mühte sich, schritt zu halten.
„Hey, hebt die Kleine hoch“, orderte Nishinoya, was einer der Sanitäter, nach kurzer Vorstellung und Warnung – „mein Name ist Inunaki Shion und ich hebe Sie jetzt hoch“ sofort machte. Yachi nickte, ließ ihn machen aber rutschte für den Bruchteil einer Sekunde von der Druckstelle ab, sie fand sie schnell wieder und hielt die Blutung weiter unter Kontrolle. Ihr gesamter Körper zitterte, aber die Rettung dieses Mannes hatte nun oberste Priorität.
„Kawanishi Taichi“, sagte Inunaki und klopfte sowohl Yachi als auch Kawanishi auf die Schulter. Er war nun in guten Händen und hätte hier die einzige Chance zu überleben. Yachi nickte und drehte ihren Kopf wieder zu ihrem Patienten.
„Kawanishi-san?“, fragte sie und versuchte die flackernden Augen wieder für sich zu gewinnen. „Wir werden Sie nähen müssen, vielleicht sogar operieren“, sagte sie, so viel war ihr klar, denn die weit größere Wunde, die Nishinoya an der Seite und der Hüfte unter Schacht hielt, brauchte auch dringend mehr Zuwendung. Kawanishi wurde immer blasser. Er hat reichlich Blut verloren, was man an der Trage, den Sanitätern, Nishinoya und schlussendlich auch schon an Yachi erkennen konnte.
„‘kay“, hauchte er und fiel in Yachis rehbraunen Augen in Ohnmacht, dass die blonde Ärztin vor Schreck auffiepte, aber ihre Finger nicht von seinem Hals nahm.
„Gut, schnell, schnell“, rief Komori und lotste Inunaki und seinen Kollegen in den Not-OP-Saal. „Iwa?!“, rief er seinem Kollegen noch zu, der sich bereits mit einem „Natürlich“ zur zweiten Trage aufmachte. Er nahm dabei auch, wie Komori es ihnen aufgetragen hat, Tsukishima und Terushima mit.
„Du links, ich rechts, was machst du als erstes, Tsukishima?“, fragte er seinen Assistenzarzt, Terushima orderte er mit raschen drehenden Handbewegung zu sich, den Kopf der Motorradfahrerin zu stabilisieren. Sie waren immerhin ein Lehrkrankenhaus und die Assistenzärzte brauchten Praxis. Dass etwas geschah, würde aber keiner der hier Lehrenden zulassen.
Iwaizumi zog eine Taschenlampe aus seiner Kitteltasche und fixierte Tsukishima. „Reaktion“, sagte dieser schnell und Iwaizumi fuchtelte mit dem Licht vor ihren Augen. „Und die Wunde? Check die Wunde, Tsukishima“, sagte er zu ihm. Terushima hielt den Kopf gerade. „Komm schon, Bohnenstange“, stichelte er. Tsukishima blieb ungeahnt still. Iwaizumi wirkte so, als hätte er die Situation im Griff. Der Feuerwehmann mit der weißen Igelfrisur hielt den Seitenspiegel penibel still und sah auch fordernd zu dem blonden Arzt mit der Brille. „Komm schon Alter, die kratzt sonst jeden Moment ab!“ – „Hoshiumi!“, zischte sein Kollege, Gao. Die Situation für Tsukishima wurde nicht besser. Beide Feuerwehrmänner zogen scharf Luft ein, aber Iwaizumi entschärfte die Situation.
„Hey Sonnenschein“, sagte er zu der Verunglückten als sich ihre Augen endlich regten und ihr Mund aufklappte. „Wissen Sie, was passiert ist?“, fragte er, seine Augen huschten nervös zwischen ihr und Tsukishima her, aber er wollte nun nichts Harsches sagen, solange die junge Frau bei Bewusstsein war. Das würde sie nur beunruhigen. Es reichte schon Hoshiumis Ansage.
„Engelchen“, flüsterte sie, dann kippte ihr der Kopf weg und Terushima bekam sofort eine laute Rüge. „Willst du, dass sie sich das Genick auch noch bricht?!“, fuhr ihn Iwaizumi an. „Sorry, das kam unerwartet“, verteidigte sich Terushima, aber Iwaizumi schnaubte. „In diesem Bereich des Krankenhauses ist alles unerwartet, immer! Geh und hol Dr. Ushijima, das kann nur er, Dr. Ukai ist heute nicht da“, sagte er und jagte Terushima regelrecht weg. „Aber Dr. Ukai steht doch draußen, ich hab ihn gesehen“, erwiderte Terushima. „Das ist sein Enkel, du Hohlbirne, bist du etwa erst seit gestern hier?“, fragte Hoshiumi, Terushima streckte ihm frech die Zunge raus. „Ich kann nicht jeden nennen“ – „Dann merk dir meinen Namen, okay? Korai Hoshiumi und jetzt zieh endlich ab und schau nicht so auf mich herab, Punk“ Hoshiumi schien jeden Moment eine Sicherung durchzubrennen, dass ihm Gao die Hand auf die Schulter legte. Der Spiegel sollte ja nicht verrutschen. „Wage es nicht, was zu sagen, du Riesenlulatsch“, knurrte der Kleine den Großen an. Gao überragte Hoshiumi immerhin um mehr als dreißig Zentimeter, was schwer auf Hoshiumis Ego lastete, das merkte ihm jeder hier an.
„Danke, Hoshiumi“ Iwaizumi behielt wie immer Ruhe und versuchte so auch etwas Zunder aus dem Energiebündel zu nehmen, denn auch ihm war es ein Anliegen, dass der Seitenspiegel nicht verrutschte und dadurch noch größeren Schaden anrichtete als vermutlich eh schon.
Kenma half währenddessen einer Sanitäterin, sie war groß gewachsen, überragte hier so einige männliche Ärzte, aber hatte mit ihrem schwarzen Bobschnitt und dem in ihr Gesicht fallenden Pony ein unheimlich hübsches wenngleich kindliches Gesicht. Gemeinsam führten sie eine junge Frau in die Notaufnahme. Das war eindeutig ein Fall für Dr. Meian und Dr. Oikawa. Die Sirenen draußen kündigten auch schon den nächsten Schwall an, aber Kenmas Aufmerksamkeit lag vorerst auf der Frau. Ihr dunkelblonder Zopf hing absolut schief und das Gummiband hatte auch schon bessere Dienste geleistet, denn das Haar hing ganz durcheinander heraus. Die Augen starrten dem Schock geleitet nur gerade aus, dass Kenma sofort einen Reaktionstest machte. Er hielt ihr die Finger vor, fragte sie, ob sie erkannte, wie viele es waren, ob sie verschwommen sah und fragte: „Was ist passiert?“
Die Frau erzählte von einer Explosion im Bus, keine große und sie meinte, es lag an dem Gerät, das ihr Sitznachbar zu seinem Mund geführt hat, ihn hat sie nicht mehr gesehen, seit dem Unfall. Sie wusste auch nicht, ob der Unfall daher getragen war, dass der Busfahrer von dem Krach und dem Feuer abgelenkt war. Abgelenkt war auch sie gerade, denn sie sah suchend durch den Raum, in dem es vor Medizinern, Tragen und Verletzten nur so wimmelte. Die Panik in ihren Augen wurde sichtbarer, Tränen sammelten sich und ihr Mund klappte sprachlos auf.
„Hey, Mai! Hier hergesehen“, sagte die Sanitäterin. Kenma hatte gerade Mühe einzelne Strähnen aus den Verbrennungswunden zu lösen. „Hey! Das tut weh“, tadelte ihn Mai nicht gerade freundlich. „Entschuldigung“, murrte er ruhig, stoppte aber nicht in seinem Tun, ihre Wehleidigkeit war ihm gerade egal, wenn die Haare zu lange in der Wunde waren, bestand die Gefahr, dass sie sich entzündete und die Heilung damit verlangsamte geschweige denn, dass hässliche Narben gefördert wurden. Außerdem lag die Aufmerksamkeit nun wieder nicht mehr direkt auf dem gefühlten Weltuntergang.
„Jo, Kanoka, wir sind hier fertig, wir sehen uns später, ja?“, rief eine der Feuerwehrleute, klein, frecher Blick und Kenma fragte sich gleich, wer dieser Frau denn bitte die Haare geschnitten hat. „Klar“, erwiderte Kanoka, so hieß die Sanitäterin, mit der er sich um Mai kümmerte, und setzte sich wieder mit deren Verbrennungen auseinander.
„Ich hole Dr. Meian“, schlug Kenma vor, doch die plastischen Chirurgen waren schon anwesend.
„Kozume-san, Eis holen, OP buchen, ich will Konoha da drinnen sitzen haben, das braucht Fingerspitzengefühl, sie darf nicht zu sehr wegdämmern, gut gemacht mit der Wunde“, sagte Dr. Meian und Kenma nickte. Schnell machte er sich auf den Weg zu tun, was ihm aufgetragen wurde, hörte aber noch eine kurze Unterhaltung der beiden Ärzte mit. „Hast du Inunaki gesehen? Sieht wieder besonders schnittig aus in seiner Uniform mit dem ganzen Blut“, sagte Dr. Oikawa zum Chefarzt und lehnte sich bereits zu Mai nach vorne. „Nicht deine Frage zu stellen, Toru“. Aus dem Augenwinkel sah Kenma noch durch seine blondgefärbten Haare, wie Dr. Oikawa eine Schnute zog, aber Dr. Meian direkt mit der Wunddesinfektion anfing. Er ging rasch weiter. Der Nächste Rettungswagen kam an, die Notaufnahme füllte sich hinter Kenma noch mehr.
„Tsukishima, zur Seite, wenn du abschaltest. Shirabu!“, hörte er Iwaizumi im Vorbeigehen sagen und nach einem weiterenseiner Assistenzärzte rufen. Tsukishima stand überraschend aufgelöst neben der Trage mit der Motorradfahrerin, die den Seitenspiegel aus ihrer Hüfte stehen hatte. Kenma musste sich schon eingestehen, dass ihm bei dem Anblick auch anders wurde, irgendwie hätte er das Ding gerne selbst entfernt und alles drumherum nahtlos und perfekt zusammengenäht. Aber er würde vielleicht gleich mit Chefarzt Meian und Oberarzt Oikawa ein hübsches Gesicht vor der Entstellung retten.
Als er von der Notaufnahme in den allgemeinen Teil des Krankenhauses lief, wich er auch schon Konoha aus, den er umgehend ansprach.
„Konoha-san? Dr. Meian braucht einen OP für ein verbranntes Gesicht und er will Sie dabei haben“, sagte er an ihn gewandt und der für die Situation überraschend ruhige Anästhesist versprach ihm, dass er sich um den Saal kümmere.
Mit dem Eis zurück in dem regelrechten Schlachtfeld – besser konnte es Kenma nicht beschreiben, nachdem er wieder reinkam und den Raum ganz anders wahrnahm. Blutige Fetzen lagen auf dem Boden, Schuhe, Kleidung, alles blutgetränkt, Tsukishima stand immer noch wie angewurzelt in einer Ecke, aber die Trage mit der Motorradfahrerin war weg, auch Kawanishi wurde bereits in einem eigenen kleinen Not-OP-Saal genäht und versorgt. Kenma konnte Yachi durchs Fenster erkennen, wie sie gemeinsam mit Komori am Hals des Patienten arbeitete, sie hielt die Blutung wohl immer noch ich Schacht. Akaashi stand dabei und half Nishinoya bei der langen Wunde an der Seite. Was die Ärzte sprachen, konnte er nicht hören.
Yamaguchi stand mitten in der Notaufnahme vor einer Trage, deren Patient unter einem weißen Tuch lag. Tot. Yamaguchi war fast so bleich wie das Tuch, aber neben ihm gab ihm gerade ein Arzt, den Kenma von Kuroo kannte einen klapps auf den Rücken.
„Sie kam quasi tot rein, du hast nichts falsch gemacht, der Unfall war zu krass“, sagte der Arzt mit der grauen Stoppelglatze, zog sich die Handschuhe aus und ließ sie auf dem weißen Tuch nieder. „Ryu!“, hörte Kenma die Sanitäterin von vorhin rufen. Kanoka überwand die Schritte gegengleich mit Kenma, der Oikawa das Eis reichte. Hinter ihm gab es eine mittelprächtige Begrüßung von wohl alten Freunden. Wenn Kenma richtig vernahm, haben sie gemeinsam studiert, aber Kanoka hat sich für die Rettungsausbildung entschieden.
Und gerade kam noch der rothaarige Arzt mit dem verrückten Blick herein und koordinierte mit einem Sanitäter, dessen brünettes Haar irgendwie geordnet zu Berge stand. Ein bisschen als hätte sie sich abgestimmt, dachte Kenma kurz. Zwischen ihnen rollte die letzte Trage mit dem zehnten Schwerverletzten herein, neunten, wenn man den auf Yamaguchis Trage bereits wegrechnete und bei den Todesopfern hinzuaddierte.
„Hey, Normalo, hier her, für Schockstarre ist jetzt keine Zeit, du willst dich doch auch beweisen oder? Du auch“, lockte Dr. Tendou, Oberarzt der Unfallchirurgie, Tsukishima und Kageyama zu sich. Tsukishima gab sich auch direkt einen Ruck und schloss mit ihm auf.
„Ihn brauchen wir nicht“, sagte er und deutete auf Kageyama. „Als würdest du was taugen“, knurrte Kageyama einem gefährlichen Funkeln in den Augen. „Oh, wie herzallerliebst“, kicherte Tendou, wechselte aber in einen ernsteren Blick. „Ihr reißt euch zusammen“, mahnte er und ging auf den Patienten auf der Trage ein.
„Wie nennst du den Bruch da und welcher Knochen steht dort raus und wie bindest du hier das Blut ab, wenn Washio gleich weg ist?“. Sein Blick ruhte herausfordernd auf Tsukishima, der noch mit sich rang.
„Hmm?“, machte Tendou, Tsukishima holte einmal tief Luft und schon sprudelte es aus ihm heraus, was er sogleich tun sollte. Er kritisierte Tendou dabei bereits wegen der Reihenfolge, denn wie er die Baustellen genannt hat, waren sie nicht der Dringlichkeit ihrer Behandlung gereiht. Zuerst nahm er dem Sanitäter die Aufgabe der Blutstillung ab. „Gehen wir? Wenn wir das nicht gleich versorgen droht eine Embolie“, belehrte er Dr. Tendou auch noch, der überrascht nach Luft schnappte, aber gleich den Blick verdunkelte.
„Oh, wie nervtötend… ich kann die aus dem ersten Jahr eh nie leiden… aber du nimmst jetzt schon Platz eins ein, Klugscheißer!“, knurrte Tendou und peilte mit Tsukishima, Kageyama und der Trage einen weiteren Not-OP-Saal der Station an.
„Saeko, Liebes, hier her, knacki-knacki“, rief er noch im Singsang um die Orthopädiestationsärztin zu ihnen zu ordern, der wahnwitzige Ausdruck in seinem Gesicht tauschte sofort mit einem zuckersüßen ab. Gruselig, würden es Viele bezeichnen. Ungewöhnlich, dachte Kenma, er meinte, selbst nicht annähernd eine solche Bandbreite an Ausdrücken zu besitzen, geschweige denn, dass er so schnell hätte zwischen ihnen wechseln können.
„Das haben wir gleich“, sagte die blonde Stationsärztin mit dem schnittigen Bob und regelte den ersten Bruch direkt im Vorbeigehen, um den Weiteren würde sie gleich kümmern, sowie sie standen und sich die beiden Ärzte um die Versorgung der Wunden kümmerten.
Die Minuten vergingen wie Sekunden, die Stunden wie lange Minuten. Die Operationssäle wurden im wilden Wechsel belegt, Notoperationen folgten auf nicht geahnte Komplikationen. Kenma fand sich neben Dr. Meian ein und observierte seine ruhigen präzisen Fingerbewegungen. Es war schon bemerkenswert, wie still eine Hand unter Anspannung halten konnte, aber Kenma bemerkte auch, wie kontrolliert langsam Dr. Meians Atem ging. „Nehmen Sie nur alles auf, Dr. Kozume“, sagte Dr. Meian durchaus mit strengem Ton. Lehrendem Ton vielmehr. Kenma nickte. Er nahm alles auf.
In einem anderen Operationssaal, wusste Kenma, stand Dr. Oikawa mit Kageyama an einer gebrochenen Nase, er konnte sich von Dr. Tendou und Tsukishima lösen. Bevor Dr. Meian und sein Team diesen Saal besetzt haben, stand Dr. Sawamura, der Oberarzt für Allgemeine Chirurgie, hier und stoppte innere Blutungen. Innere Blutungen hatten sie fast alle, dass auch die Assistensärzte, die bereits in ihrem zweiten Jahr hier waren einiges zu tun hatten. So auch Kuroo, der Kenma im Vorbeigehen gedeutet hat, dass er heute ran durfte. Er war irgendwann wie all die anderen Ärzten in der Notaufnahme aufgetaucht, was Kenma sofort aufgefallen war, aber er konnte sich nicht lange damit aufhalten.
Auch mit dem Fakt nicht, den er nach der Operation an Mais Gesicht durch den Gang gehört hat, konnte er sich nicht lange auseinandersetzen.
„Er muss ganz rauf auf die Liste!“ Dr. Ukais Stimme war bestimmt, brummend und voller Stärker, dass Kenma gleich das Gefühl hatte, etwas angestellt zu haben. Aber so war einfach die Wirkung des Chefarztes für Unfallchirurgie. Die Information ging an eine Schwester, die einem Mauerblümchen nicht ähnlicher sehen konnte.
„Aye Aye, Sir“, rief sie aber mit ungeahnt starker Stimme zurück und war schneller ums nächste Eck gelaufen, als Kenma sich ein genaueres Bild der Brünetten Schwester hätte machen können. Später erfuhr er, dass es Hana Misaki war, die Oberschwester, die es wohl faustdick hinter den Ohren haben sollte. Er notierte, dass er es sich mit ihr nicht verscherzen wollte. Er wollte es sich aber mit niemanden verscherzen, am wenigsten mit Dr. Sakusa, der gegen Mittag zu ihm kam und die Vorgehensweise für Iizunas Operation durchging, die in zwei Tagen stattfinden sollte. Davor sollte er noch einen Ultraschall mit ihm machen, ihn zum CT bringen um ein möglichst genaues und zeitnahes Bild des Tumors zu bekommen und es musste noch ein psychologischen Gutachten gemacht werden. Kenma sollte sich darum kümmern, dass die Termine koordiniert wurden und er sollte sie natürlich ab morgen mit Iizuna einhalten. Allein beim Gedanken an dieses schöne Lächeln ahnte Kenma schon, dass er niemals so ruhig sein könnte, wie Dr. Meian es war, wenn er in zwei Tagen ein Skalpell an Iizunas Hals legen sollte. Seine Finger, das wusste er, würden still halten, aber sein Atem? Und sein Herzschlag? Er wusste, sie würden ihn verraten, aber er wusste auch, dass es nicht daran ändern würde, dass er Dr. Sakusa von sich überzeugen würde. Er war ein guter Arzt und er ging während seinen Praktika und auch bei anderen Lehreinheiten mit Training ausgesprochen gut mit dem Skalpell um. Was natürlich auch Dr. Sakusa zu Ohren gekommen war, weswegen er nun einmal der Auserwählte war.
Dieser Tag verging so rasant wie langsam. In der Notfallaufnahme konnte man die Gedanken manchmal nicht schnell genug fassen, während des Wartens konnte es nicht schnell genug gehen, das Mittagessen dauerte für Kenma eine Ewigkeit, denn Kuroo triezte ihn ungehalten damit zu essen. Kenma hat an diesem Tag aber so viel gesehen, dass er am Ende seiner Schicht nicht sicher war, ob er auch wirklich alles richtig mitbekommen hat.
Da war Kawanishi, der Nishinoya einen unheimlich coolen Auftritt ermöglicht hat, der erst so wirkte, als wäre seine gesamte linke Seite in Mitleidenschaft getragen worden, die einfach nur behandelt und viel genäht werden musste. Allerdings stellte sich später heraus, dass sämtliche seiner Organe zu versagen drohten, deswegen war es Dr. Ukai ein so dringliches Anliegen, ihn an die erste Stelle der Transplantatsliste zu bringen. Das gelang auch und sobald Kawanishi in einem stabilen Koma lag, würden morgen früh die Transplantatsspezialisten ran müssen. Yachi war außer sich. Sie hat beim Essen erzählt, wie Kawanishi sie nach seinem Ohnmachtsanfall um einen Tanz gebeten hat. Nach ihrer Zusatze wurde er dem künstlichen Tiefschlaf übergeben.
„Ich kann doch nicht nein sagen“, hat sie mit schwacher Stimme gesagt. Sie war noch immer vollkommen weggetreten, wie auch Yamaguchi, der wie versteinert vor seinen Fritten saß. Keine besonders ausgewogene Ernährung, aber Kenma war der Letzte, der darüber urteilen würde. Tsukishima hat sich über Dr. Tendou ausgelassen, der viel zu riskant arbeitete. „Von wegen Intuition, der ist vollkommen außer Kontrolle“, hat er gesagt, hat aber auch zugeben müssen, dass sie dadurch den Patienten retten konnten.
Später erfuhren die Ärzte auch, wie sich der Unfall zugetragen haben soll:
Ein Bus fuhr einen kurzen Teil seiner Linienstrecke zum Flughafen auf der Autobahn. Ein PKW, darin saß Kawanishi mit seinen Eltern und seiner Schwester, hat den Bus überholt, ein Motorrad, gesteuert von Kaede Sato, überholte den PWK, vor dem PKW bremste ein anderer, Kawanishis Vater riss das Steuer zur Seite und erfasste das Motorrad, durch den Rückprall verschlug es den Wagen, der so direkt vor den Bus kam, der wegen einer kleinen Explosion eines Verdampfers langsamer wurde. Der Busfahrer war abgelenkt. Der Bus rammte den PKW. Der PKW erfasste die Leitplanke, die fädelte ein und hatte die gesamte Familie auf dem Gewissen. Fast die gesamte. Denn Kawanishi lag gerade als einziger Überlebender aus dem PKW auf der Intensivstation im Koma und kämpfte um sein Leben.
Der zweite PKW, eine Mercedes S-Klasse, hat gebremst, weil der Fahrer einen Streit mit seiner Beifahrerin ausgefochten hat und wich dem Schrecken, der dem Bus und PKW Zusammenstoß gefolgt war nach links aus, wo die Motorradfahrerin ihr Gefährt gerade noch so in den Griff bekommen hat um der Überholspur nicht zum Opfer zu fallen. Der nächste Zusammenprall. Den Insassen in der S-Klasse ist nichts passiert. Ein paar Schrammen, die schnell versorgt waren, aber Kaede lag Stunden lang auf dem OP-Tisch von Dr. Ushijima. Der Bus hat ebenso die Leitplanke erwischt. Der Fahrer und die Fahrgäste aus den ersten Reihen hatten keine Chance. Nishinoya saß nicht unweit von der kleinen Explosion am Weg zum Flughafen, das Ziel hat er nicht verraten, weil es nicht mehr von Bedeutung war.
Nishinoya stand nach dem ganzen Trubel in kesser Haltung ans Schwesternpult gelehnt und erzählte Asahi haargenau und sehr lebhaft, was alles passiert war. Asahi war aufgelöst, vor Sorge und Entsetzen. Seine Augen weiteten sich von Mal zu Mal mehr. Kenma hat aufgehört mitzuzählen, wie oft sich der Pfleger an die Brust gefasst oder sich die Hand vor den Mund geschlagen hat. Aber Asahi war mitgerissen, sehr sogar, selbst seine gesunde Hautfarbe hat es erwischt, denn er war kreidebleich.
„War ein turbulenter Tag, hm?“, fragte Akaashi sanft und nahm Kenma im Vorbeigehen mit zum Umkleideraum. Eigentlich wollte Kenma noch gar nicht gehen. Nicht etwa, weil er hier noch weiter die Folgen dieses Unfalles verfolgen wollte, aber weil er genau wusste, dass es in der Garderobe laut war. Und wie laut es war. Jeder der Assistenzärzte erzählte lauthals was er erlebt hat. Tsukishima hatte sich mit Kageyama in den Haaren, wegen was Belanglosem, Shirabu stocherte, mit nicht weniger Belanglosem nach. Yachi saß schweigend daneben. Ihr Blick war starr auf ihre Hände gerichtet, die zitterten. Kenma setzte sich neben sie. Er fragte nicht nach, sie sprach dennoch.
„Er hat niemanden mehr…“, flüsterte sie den Tränen nahe oder war sie bereits am Ende ihrer Tränen? Yachis Augen waren ganz verquollen, rot vom Weinen gar. „Aber dank dir und Dr. Komori hat er eine Chance, sich ein eigenes Leben aufzubauen“, sagte Akaashi, der für solche Situation weit mehr Einfühlvermögen hatte als Kenma, der bereits angesetzt hatte, aber nur sagen wollte „Er weiß das noch gar nicht“ Zum Glück hielt er sich zurück. Er duckte sich unter dem Geplänkel hinweg, zog sich um und entzog sich dem Lärm zurück durchs Krankenhaus beim Hauptausgang hinaus zur Bushaltestelle. Er wartete nicht auf Kuroo, tat er nie, entweder wartete der Ältere auf ihn oder sie trafen sich später zuhause.
Und als Kenma bei der Haltestelle ankam, traf er ganz überrascht auf Terushima und erkannte, was er bisweilen übersehen hat. Der vorlaute Assistenzarzt war ruhig geworden und irgendwann aus Kenmas Beobachtungsfeld verschwunden.
„Hat man dir den Führerschein wegen unverantwortlichem Fahren abgenommen?“, fragte er und setzte sich damit neben ihn.
„Die Motorradfahrerin wird nie wieder laufen können“, sagte Terushima leise.
Wake Up
Schlafen. Es gibt zwei Seiten des Schlafs. Die erste, das ist der Beginn und dichtet das Einschlafen. Mal dauert es länger, mal geht es schneller, glauben wir, aber in Wirklichkeit dauert es immer gleich lang bis das menschliche Bewusstsein dem Schlaf überführt wird. Was wir als einen längeren Zeitraum vermuten, ist das nicht loslassen wollen des Bewusstseins. Es müssen noch Dinge zu Ende gedacht werden. Der Körper muss noch etwas verarbeiten, bis er ruhen kann und das Hirn den Tag aufarbeiten kann.
Die zweite Seite ist das Ende, das Aufwachen, wieder eine Bewusstseinsänderung. Das Endschlafen, nicht mehr schlafen. Dabei haben wir auch manchmal, das Gefühl, dass es länger dauert. Wie sagt man manchmal „Heute werde ich nicht so richtig wach“, aber wach sind wir ab dem Moment des Alarmtons, des liebevollen Weckruf der Mutter oder des aus dem Bett reißen eines Geräusches in unserer Wohnung, das da nicht hingehört. Davor haben wir geträumt, oder nicht – würden wir sagen. Tatsächlich träumen wir immer. Unsere Träume verarbeiten das Geschehene, unsere Wünsche und Ängste, unsere Erfahrungen und Befürchtungen. Was wir vergessen, woran wir uns erinnern. Wir können von Gerüchen träumen, ohne zu riechen oder Farben schmecken, die es gar nicht gibt. Im Traum ist alles möglich. Solange, bis es nicht mehr möglich ist. Bis der Traum zu Ende ist und…
***
Der Alarmton, der Kenmas Nachtruhe störte, war ein Nebengeräusch wie eh und je und mit Leichtigkeit verstummt. Die Nacht war kurz, wie so oft. „Nur noch ein bisschen“, sagte er sich selbst und schmiegte sich in den weichen Polster. Es war nicht so, dass er es besonders schön im Bett fand oder den Drang hatte, mit der weichen Garnitur zu kuscheln. Was ihn gerade, wie auch sonst, vom Aufstehen hinderte, waren die unsichtbaren Fänge der Bequemlichkeit. Kenma schlief nicht viel. Hat er noch nie. Er fühlte sich auch nie so, als bräuchte er mehr, ein paar Stunden reichten vollkommen aus. Sein Kopf war beim Alarmton auch immerzu hellwach, doch diesen Elan, wie ihn Kuroo zum Beispiel hatte, direkt aus dem Bett und unter eine kalte Dusche zu springen, hatte er nicht. Einmal hat er es auch versucht. Er war kreischend zusammen gefahren und hat Kuroo damit einen so großen Schrecken eingejagt, dass ihm dieser schwor, er würde ihn sein Leben lang mit einem Kaffee am Bett wecken, so lange bis Kenma jemanden findet, der es an seiner statt tun würde.
So war es auch an diesem Morgen. Kenma ruhte seine Augen aus während er das Prasseln der kalten Dusche hören konnte. Allein der Gedanke an das eiskalte Wasser ließ ihm einen unangenehmen Schauer über den Rücken laufen. Er krümmte sich im Bett zusammen, die wohlige Wärme über sich schmiegen zu lassen.
Das nächste Mal, als er die Augen öffnete, tat er das nicht wegen eines Alarms, sondern weil der angenehme Geruch von Kaffee an ihn herandrang. Das nervige Geräusch der Maschine hat er gar nicht gehört. „Mhhh“, machte er und rieb sich beim Aufrichten über die Augen. Die Decke wurde abgestreift und Kuroo bekam Aussicht auf das Shirt, das Kenma gestern nach dem Dienst übergezogen hat.
„Heute wollen sie Bokuto holen“, sagte er. Die Tasse Kaffee wurde übergeben. Für Kuroo und Kenma war es normal, dass der ältere einfach ins Zimmer kam.
Kenma nickte und nahm den ersten wohltuenden Schluck. Kuroo machte ihn eigentlich genau so, wie Kenma ihn mochte. Kein Zucker, ein kleiner Schuss Milch. “Wie bitter“, hat er damals gesagt. “Wie das Abbild meiner Seele“, war die spottende Erwiderung.
Was Kuroo eben gesagt hat, kam erst nach dem dritten Schluck richtig bei Kenma an, davor fragte er sich, was heute anders war. Bokuto holen… Sie würden ihn also wecken, die Regenerationsphase nach der Operation war abgeschlossen, ab jetzt würde er sich den Schmerzen stellen müssen, die man nach so einem Eingriff hatte, er würde Schmerzmittel einnehmen müssen, anders als jetzt, wo er sie mit der Infusion bekam.
„Was ist anders?“, fragte Kenma. Kuroo schüttelte amüsiert den Kopf. „Bist du gar nicht aufgeregt? Wie es Bokuto gehen könnte?“ Das Thema wurde umgelenkt. Warum?
Kenma zog skeptisch die Augenbrauen hoch. „Ich kenn ihn kaum, also?“ Er hob die Tasse höher und maß Kuroo eines unausweichlichen Blickes.
„Jaja, schon klar, du hast keine Bindung zu ihm, wie ich“, gluckste Kuroo, der sich mit dem Patienten bereits viel zu gut verstand. So viel zu “gut, dass du nicht zu involviert bist“ und “Man weiß nie, was passiert“. Kenma wartete ab. „Oder Akaashi“, kam Kuroo einfach nicht auf den Punkt und wackelte lieber mit den Augenbrauen, als dass er verriet, welch Schandtat mit dem Kaffee getrieben wurde.
„Okay“, sagte Kenma, stellte die Tasse auf sein Nachtkästchen, stand etwas wackelig auf aber ging tapfer ins Badezimmer. Kuroo blieb noch einen Moment im Zimmer zurück.
„Ich muss heute früher weg, geh nicht wieder ins Bett!“, wurde Kenma später durch die geschlossene Badezimmertür informiert. Das warme Wasser lief dabei bereits über Kenmas Haut und ließ ihn wohlig seufzten. Durch Kuroo hat er sich angewöhnt, morgens zu duschen. Auch zu duschen. Denn er duschte ebenso, wenn er vom Dienst nach Hause kam. Es war wie das Abwaschen der Geschehnisse des Tages. Deswegen stand er am vergangenen Abend besonders lange in der kleinen Kabine. Das Wasser hat ihm die Haare direkt in die Sicht gespült, aber er hat sowieso nicht gesehen, wie die Wassertropfen vor ihm über die weißen Fließen zu Bahnen gen Boden liefen.
Die Dusche nach dem wilden Tag in und nach der Notaufnahme hat ihn lange verarbeiten lassen, was er gesehen hat. So viel Blut, wie sie bereits gewarnt wurden, so viel Leid, es war laut gewesen und Kenma hatte das Gefühl, er würde Fieber bekommen. Kuroo hat ihm etwas zu essen hingestellt und darauf bestanden, dass er es auch isst. Ob er bereits geahnt hat, dass Kenma die ganze Aufregung zu schaffen gemacht hat?
Nach seiner kurzen Morgendusche stand Kenma in frischer Kleidung vor dem Kühlschrank und erkannte darin das Kräuel, das mit seinem Kaffee angerichtet wurde. Hafermilch. Kuroo hat also eine Veganerin kennengelernt. „Toll“, seufzte er, schlug die Kühlschranktür wieder zu und erkannte, dass es plötzlich auch mehr Sinn machte, dass sein gestriger Teller ausschließlich mit gedünstetem Gemüse belegt war. Die Schüssel Reis gabs fast immer.
Der nächste unerfreuliche Moment baute sich schon direkt am Weg zum Bus auf. Kenma konnte es kaum nennen, aber es fühlte sich ein bisschen wie eine Vorahnung an. Unheil. Nicht gut. Mit jedem Schritt schien er einer unaufhaltsamen Katastrophe näher zu kommen, dass er sich die Frage stellte, ob ein Umdrehen und zuhause bleiben vielleicht gar nicht so unangebracht gewesen wäre. Es ging ihm ja auch nicht richtig gut. Aber dann hätte er direkt liegen bleiben müssen. Hätte er nun Halt gemacht und wäre umgedreht, die Prozedur des Aufstehens wäre ganz umsonst gewesen. Also stellte er sich seinem Schicksal.
„Dr. Model~“, offenbarte sich seine Vorahnung im Bus. „Terushima“. Er seufzte und setzte sich entgegen des energischen Winkens nicht neben ihn, sondern in die Nähe des Ausganges. Eine weitere Vorahnung, die er just mit dem Hinsetzen hatte, erfüllte sich direkt darauf. Terushima war aufgesprungen und kam zu ihm.
„Ich find‘s richtig toll, dass wir jetzt zusammen Bus fahren“, sagte er. „Ich nicht“, antwortete Kenma bereits genervt. „Wo ist denn Dr. Hahnenkamm? Seid ihr nicht sowas wie best Buddys oder so? Ihr wohnt doch auch zusammen, habt ihr noch Platz? Meine WG löst sich auf… Mein Mitbewohner hat sein Jura-Studium abgeschlossen und geht weg, allein kann ich mir das nicht mehr leisten und such jetzt ab nächsten Monat was Neues“, plapperte Terushima munter drauf los. Kenma konnte dem Rande des Wahnsinns nicht näher kommen. Er lehnte seinen Kopf an den Vordersitz, schloss die Augen und mühte sich einer ruhigen Atmung.
„Erstens… Kuro ist nicht mein Buddy, er ist mein bester Freund. Seit immer… und zweitens“, begann er und richtete sich nun wieder mit einem sehr ernsten und vernichtenden Blick auf. „Warum um alles in der Welt sollten wir dich bei uns wohnen lassen?“, fragte er ihn entgeistert. Ja, sie hatten tatsächlich noch ein Zimmer in ihrer WG frei, aber Kuroo hat sich nie um eine dritte Person bemüht, weil er wusste, dass es Kenma nicht gefallen würde. Somit gefiel Kenma auch die Frage nicht, die Terushima da stellte und ihm gefiel dieses Geplaudere in aller Früh nicht. Kuroo kannte seinen Platz, er wusste, wie viel Kenma des Morgens sprechen und aufnehmen wollte. Von Können war keine Rede. Kenma hat genau wahrgenommen, wie aufgeregt Kuroo wegen Bokuto war und dass er vermutlich deswegen früher los wollte – Hoffentlich ja nicht wegen der Veganerin, die der Grund für die Hafermilch im Kühlschrank war.
„Okay, okay, ich merk schon, du bist kein Morgenmensch, wir reden einfach später darüber“, sagte Terushima und klopfte Kenma mit der Hand auf die Schulter. Kenma sehnte sich bereits jetzt nach dem Ende der Schicht, denn so wie dieser Tag anfing, konnte es nicht besser werden.
Was ihn aber am Kiosk am Weg zum Krankenhaus erreichte, schockierte ihn auf eine ganz besondere Weise.
„Laktosefrei, Hafermilch, wenn Sie haben“
Vor ihm und – zu seinem Leittragen – Terushima stand Dr. Suna und bestellte sich gerade Kaffee. Mit Hafermilch. Seine Körperhaltung drückte aus, dass er nicht angesprochen werden wollte, immer eigentlich und Kenma hätte es auch nie gewagt, dennoch schlug ihm das Kinn fast zu Boden. Terushima rempelte ihn mit einem wissenden Blick. „Na? Nach Dr. McArrogant jetzt die Herzchen für Dr. DamnHot?“, fragte er. Zur Antwort bekam er sofort den Ellenbogen in die Seite gestoßen. „Halt die Klappe oder er hört uns“, zischte er und schliff Terushima am Ärmel schleunigst weiter. Es war ja nicht auszudenken, der Herzspezialist würde bemerken, dass sie über ihn redeten.
„Also ist was vorgefallen, dass du die Flucht so ergreifst? Dachte nicht, dass du so umtriebig bist, naja, mit so einem hübschen Gesicht, ich würde dir ja auch mein Bett anbieten, wen-“ der nächste Stoß mit dem Ellenbogen folgte.
„Sag mal, hast du sie noch alle?“, fragte Kenma und schubste Terushima nun auch noch. Sowas musste er sich doch nicht anhören. Seine Augen zogen sich zu bedrohlichen Schlitzen zusammen, seine Lippen bildeten eine wütende Schnute und seine Augenbrauen richteten über Terushima.
„Nur weil du nicht mehr als deine Libido im Kopf hast, heißt das nicht, dass alle anderen Menschen auch notgeil durch die Gegend laufen!“, knurrte er ihn an und gab ihm noch einen Schubser mit. Kenma drehte sich um ehe Terushima etwas erwidern konnte und stapfte davon und über den restlichen Parkplatz ins Krankenhaus. Was allerdings nicht daran hinderte, ihm nachzulaufen und sich zu verteidigen.
„Ich bin nicht notgeil! Aber gewisse Vibes spürt doch jeder. Sorry, Dude, dann treibst du dich wohl nicht rum. Aber Single bist du schon oder?“, fragte er. Kenma blieb stehen. Sein Blick hatte sich eigentlich gerade beruhigt, doch wurde nun von einer kleinen Welle Unverständnis heimgesucht.
„Dude? Nein! Sicher nicht! Single? Geht dich das was an? Ich glaube nicht. Aber wenn dich das beruhigt, für mich gibt es niemanden“, sagte Kenma, drückte beim Lift angekommen den Kopf zum Türöffnen und setzte zum Einsteigen an, ließ Terushima aber den Vortritt und machte den Schritt wieder zurück. Er zeigte seinem Kollegen den Mittelfinger.
„Ich mag dich, ehrlich!“, lachte Terushima im Lift während die Tür zu ging und war dahin. Kenma atmete erleichtert auf. Für einen Augenblick wollte er seine Ruhe genießen, ehe er gleich in die Garderobe musste, sich mit dem wilden Rudel für die Schicht zu wappnen.
Ruhe genießen. Unmöglich. Was hätte er für eine einsame Liftfahrt mit Dr. Sakusa gegeben, in der man sich einfach nur anschwieg? Stattdessen kam Kuroo aus der Richtung des Haupteinganges angelaufen. In der Hand hatte er einen Becher mit der Aufschrift, des Kiosks, wo er Dr. Suna vorhin gesehen hat.
„Lass uns gleich zu Bokuto gehen, ja?“, gab es keine Chance auf die Situation einzugehen. Kenma wollte es auch gar nicht. Das wäre unangenehm gewesen und er wusste, dass Kuroo das auch wissen musste, also ahnte er, dass er es auch nicht ansprechen würde. Tat er auch wirklich nicht. Nicht während der Liftfahrt, nicht beim Umziehen und nicht am Weg zur Intensivstation.
Vor dieser trafen sie auf Akaashi, der bereits in ein Gespräch mit Dr. Suna vertieft war. Der Kaffeebecher ruhte noch in dessen Hand, wartete darauf, geleert zu werden. „Werte Kollegen“, sagte Kuroo mit einem Schneid auf den Lippen, wie Kenma ihn schon so häufig erlebt hat. Dr. Sunas Blick zu ihnen zurück wanderte zu Kuroos Hand, die den Pappbecher nach dem letzten Schluck im Mülleimer vor der verglasten Tür warf, dann trafen sich die Blicke der beiden Älteren. Kenma sah zu Akaashi und vermittelte ihm Unbehagen. Akaashis linke Augenbraue zuckte knapp, dann besah er die Szene ebenso.
„Schlaflose Nacht?“, fragte Kuroo kess, als auch Dr. Suna seinen Becher entsorgte. „Ich wüsste nicht, was Sie das anginge“, antwortete dieser mit scharfem Unterton, dem sich sogar Kuroo mit eingeschüchtertem Blick abwandte. Dr. Suna entnahm sich aus dem Spender ein Paar Handschuhe, zog sie auf und ging weiter indem er mit dem Handgelenk den Türöffner betätigte. Die drei Assistenzärzte machten ihm das mit den Handschuhen gleich und folgten zu Bokutos Krankenbett.
So friedlich wurde Kenma die Umgebung wieder bewusst. Aber nicht nur Bokuto lag hier. Etwas weiter von ihm entfernt lag Keade, die Motorradfahrerin vom gestrigen Verkehrsunfall. Nach der Operation, die Dr. Ushijima geleitet hat, musste sie die Nacht auf der Intensivstation verbringen, bestimmt noch eine weitere, denn der Eingriff war kein Einfacher und selbst, wenn der Oberarzt alles in seiner Macht stehende getan hat, war es ihm nicht möglich, ihre Beine zu retten. Leblos, nur durchblutet würde sie sie mit sich führen, aber Kaede würde ihr Leben lang an den Rollstuhl gebunden sein, würde sich nicht ein Wunder der Medizintechnik auftun, das zertrümmerte Knochen heilte und Nerven neu formte und Muskeln reparierte.
„Dr. Akaashi, darf ich bitten?“ Kenma sah von Kaede ab und beobachtete wie Akaashi unter Anweisung die Vorbereitungen machte, Bokuto aus dem Tiefschlaf zu holen, natürlich nicht ohne davor noch alles akribisch zu erklären und es sich bestätigen zu lassen. Viel war noch nicht zu tun, die Medikamente, die durch die Infusion verabreicht wurden, wurden nun vom Tropf genommen, der Tubus kontrolliert und schließlich mussten sie warten bis Bokutos Körper die letzte Dosis verarbeitet hat. Irgendwann würde die selbstständige Atmung wieder einsetzen und der Tubus müsste entfernt werden.
„Gut, Sie sind heute mit der regelmäßigen Kontrolle beauftragt. Pagen Sie mich sofort an, wenn er aufwacht“, sagte Dr. Suna und ließ Akaashi noch den Zustand des Patienten zusammenfassen. Alles war den Umständen entsprechend in bester Ordnung. Kenma spürte, dass er erleichtert war. Kuroo stand mit einem breiten zufriedenen Grinsen neben ihm, hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und nickte.
„Gut gemacht, Akaashi“, sagte er.
„Dr. Suna? Ich wollte Sie noch etwas fragen“, wandte er sich aber rasch an den Oberarzt, der bereits gehen wollte. Wieder bekam Kuroo einen urteilenden Blick, Kenma wollte flüchten. Musste er sich wirklich hier vor ihm ein Stelldichein ausmachen?
„Es geht um eine Patientin auf der Pädiatrie“, sagte Kuroo, er wies Dr. Suna, dass sie dabei gerne gehen konnten, was sie auch taten. An der Tür tauschten sie mit Dr. Iwaizumi, Shirabu und Terushima ab.
Dr. Iwaizumi ging zielstrebig auf Kaedes Bett zu. Shirabu folgte ebenso fokussiert nach, nur Terushima tanzte wieder aus der Reihe. „Ist Bo-Bro schon wach?“, fragte er aufgeregt. Kenma und Akaashi verdrehten im Gleichgang die Augen.
„Bist du gefälligst leise“, zischte Iwaizumi. Er hatte ja jetzt schon genug von diesem ungestümen Jungarzt. „Sorry“, flüsterte Terushima, aber deutete fragend zu Bokuto. „Wir haben gerade die Medikamente abgesetzt, er wird erst in den nächsten Stunden vielleicht sogar erst Tagen aufwachen“, sagte Akaashi ruhig und ging nachdem er vom Monitor noch ein paar Einstellungen in die Patientenakte übernommen hat. Kenma blieb noch ein wenig um die Ruhe in sich aufzunehmen.
Terushimas Aufruf zuvor hat bewirkt, dass Kaede nun blinzelte. Iwaizumi reagierte schnell und stellte sich mit einem entspannten Blick in das Sichtfeld der Patientin.
„Ihr Beide? Diesmal hört ihr zu, das nächste Mal macht ihr das selbst“, sagte er zu den beiden Assistsenzärzten, sie nickten, Terushima setzte zu einer laut vermuteten Antwort an, doch Shirabu stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite, dies zu verhindern. „Kay, kay“ er würde ja ruhig sein.
Iwaizumi gewahr Kaede einen Moment, aufzuwachen, sich zu sammeln und im Hier und Jetzt anzukommen, dann sprach er sie an.
„Guten Morgen, ich bin Dr. Iwaizumi, das sind Dr. Shirabu und Dr. Terushima. Sie sind im Haikyuu Medical Hospital, können Sie sich an etwas erinnern? Wissen Sie, wer Sie sind?“, fragte er. Shirabu beobachtete die Situation aufmerksam, Terushima presste die Lippen zusammen. Kenma stand etwas abseits und blieb still. Kaede blinzelte erneut. Iwaizumis Blick wurde besorgter, doch dann begann sie zu sprechen.
„Kaede, Sato Kaede ist mein Name, aber nennen Sie mich bitte nur Kaede… und ich… kann mich an… an einen Unfall erinnern, auf der Autobahn und… oh Fuck! Dieser scheiß Mercedes!“, kam sie direkt zu Sinnen und fluchte sofort, was Iwaizumi verblüffte. Terushima rempelte nun Shirabu an. „Die gefällt mir“, sagte er. Kenma musste gar nicht sehen, dass Shirabu die Augen rollte.
„Ja, sehr gut… also nicht sehr gut wegen dem Unfall, aber, dass Sie sich korrekt erinnern… nur Kaede“, fand Iwairzumi wieder zur Sprache und war sogar für einen kleinen Witz zu haben. Kaede schmunzelte. Iwaizumi sprach weiter. „Wir mussten Sie notoperieren“ Von Kaede kam ein abwartendes „Mhm“. Eine Erklärung folgte. Ihre Beine wurden regelrecht zertrümmert, Sehnen und Nervenstränge, auch welche im Rückenmark, beschädigt, Muskel zerrissen. Es glich einem Wunder, dass der Oberarzt und Iwaizumi während einer stundenlangen Operation dafür sorgen konnten, dass Kaede noch ganz war, wenngleich nicht mit allen Funktionen und in massig Gips gehüllt, die Schrammen auf ihrem ganzen Körper glichen einem Tropfen Wasser auf heißem Stein.
„Und warum schauen Sie so besorgt“, wollte die Patientin wissen. In ihren hübschen grünen Augen war nicht das zu erkennen, was man von jemanden erwartet hätte, der gerade erfuhr, dass die Hälfte des Körpers durch etliche Nägel und Schrauben zusammengehalten wurde und eigentlich keinen Nutzen mehr hatte. Kenma fragte sich, ob das eine normale Reaktion war oder ob das noch eine Nachwirkung der Narkose sein konnte.
„Das bedeutet, dass Sie Ihre Beine nie wieder bewegen können, sie werden auf einen Rollstuhl und ständige Hilfe angewiesen sein, Ihr Leben lang“, sagte Iwaizumi ernst und sah Kaede eindringlich an. Auch Terushima und Shirabu unterstrichen ihr mit unterschiedlichen Blicken die Schwere der Situation. Terushima zeigte Mitleid, Shirabu vermittelte bereits, dass eine Menge Arbeit auf sie zukommen würde, ihr Leben umzustellen. Die Stimmung in der Station hing am seidenen Faden und war zugleich zum Zerschneiden dick.
Kaede sah zu ihren Füßen hinunter. „Hmm..“, machte sie und seufzte. Iwaizumi legte seine Hand an ihre Schulter, sie zu trösten, wollte ihr gerade aufmunternde Worte sagen, ließ sich aber noch einmal von ihr überraschen.
„Das ist schon ziemlich scheiße“, sagte sie. „Voll Scheiße“, bestätigte Terushima. Kenma schüttelte den Kopf. Dieser Kerl hatte echt kein Feingefühl. Er wusste zwar von sich selbst, dass er auch keines hatte, deswegen sagte er lieber nichts. Er beobachtete stattdessen weiter von Bokutos Bett aus, wie Iwaizumi sein Beileid aussprechen wollte. Aber Kaede ließ ihn wieder nicht recht zu den Worten kommen. „Naja, besser als abkratzen oder?“, fragte sie. Sie hob den Kopf, sah von einem zustimmenden Terushima zu einem etwas perplexen Shirabu und einem nicht weniger irritierten Iwaizumi.
Kaede schloss für einen Moment die Augen aber lächelte mild. „Wissen Sie Dr. Iwaizumi, ich kann mich richtig gut an den Unfall erinnern. Man sagt doch immer, dass kurz vor dem Tod das ganze Leben an einem vorbezieht wie ein Film. Ich hab es gesehen. Ich hab mein ganzes Leben gesehen, alles, was ich liebe und alles, was ich bereue. Ich hab eigentlich Frieden geschlossen. Und verstehen Sie mich nicht falsch, auch wenn Sie wirklich gut aussehen, aber Sie sind kein Engel und darüber bin ich gerade wahnsinnig froh. Ich lebe. Und dafür bin Ich Ihnen sehr dankbar, Dr. Iwaizumi … und Dr. Shirabu war das? Und Dr. Teru-?“ Kaede stockte und sah von einem Arzt um ihr Bett zum Anderen.
„Dr. Terushima Yuuji, Teru tuts aber auch“, sagte Terushima "Dr. Vollidiot wäre passender", zischte Shirabu und Kenma ertappte sich eines amüsierten Lautes. Terushima verzog das Gesicht, aber Shirabu sprach weiter: „Dr. Ushijima hat Ihre Operation geleitet, Dr. Iwaizumi hat einen großen Anteil dazu beigetragen, dass Sie jetzt noch sitzen und mit uns sprechen können, ich… wir haben assistiert.“ Kaede nickte anerkennend.
„Dann danke ich für Ihre Unterstützung und Dr. Iwaizumi, danke, dass Sie mich soweit zusammengeflickt haben und dass ich Ihnen nun in die Augen sehen kann und nicht in die eines Engels“ Ihr Blick fand Iwaizumi und ließ ihn hadern. Ihr sanftes freundliches Lächeln stieß schließlich ein ungewohnt unruhiges Gerede des Stationsarztes los.
„Oh… natürlich, das ist unser Job. Also nicht das in die Augen sehen, schon auch, natürlich sehen wir unseren Patienten in die Augen und auch Operationen am Sehapparat führen wir durch, aber nicht ich und auch die beiden hier nicht, noch nicht zumindest, das kommt auf deren Spezialisierung an“ Kaede begann zu kichern. Kenma sah Iwaizumi im Rücken schon an, dass er sich am liebsten die Haare raufen würde, da wurde es ihm auch schon zu bunt und er ließ die vier lieber erst einmal unter sich. Das war ja kaum mitanzusehen. Dr. Iwaizumi machte immer einen so beherrschten Eindruck. Ob es daran lag, dass ihn diese Frau durch die Blume mit einem Engel verglich? Mehrmals? Kenma hätte ihr das wohl gleich abgewöhnt.
Engel.
So einen hatte er selbst als nächstes auf seiner Liste.
Der nächste Raum, den er betrat, war ein privates Krankenzimmer. Es war still. Unangenehm, denn er dachte, der Patient würde schlafen und er müsse ihn wecken. Als er aber um die Ecke schritt und zum Bett kam, saß Iizuna mit verschränkten Beinen und der Decke über den Schultern dort, seine Ellenbogen hatte er an den Knien angelehnt und in den Händen hielt er sein Smartphone. Die Finger wischten koordiniert über das Display, seine Augen fixierten konzentriert die Anzeige, als wäre er komplett versunken. In was auch immer. Kenma kam leise noch einen Schritt näher, wollte gerade auf sich aufmerksam machen, da zogen sich Iizunas Lippen schon zu diesem engelsgleichen Lächeln hoch.
Ja… Kenma dachte zwar, Dr. Iwaizumi würde sich zum Affen machen, für einen Moment zumindest, aber er spürte, hätte er selbst mehr Temperament, er würde dasselbe tun.
„Worin würden Sie investieren, wenn Sie zu viel Geld hätten, Dr. Kozume?“, fragte Iizuna und überraschte Kenma. Er fragte sich, wie er nur an den Schritten erkannt wurde, aber auch ob er etwa der Grund für dieses schöne Lächeln war. Und war es schön oder war es durchtrieben, weil Iizuna bereits geahnt hat, dass er Kenma eiskalt erwischen würde? Aber Kenma war schlagfertig.
„Pharmazie und Technik“, sagte er. Iizuna verharrte in seiner Haltung.
„Welche Unternehmen?“, wollte er wissen. Kenma nannte Johnson&Johnson und Takeda als solide Partner, aber meinte, dass unbekanntere Firmen wie Astra Zeneca und vielleicht sogar Moderna einen Durchbruch schaffen könnten. Bei Technik nannte er die Bluechips Apple und Microsoft, damit, meinte er, konnte man nichts falsch machen.
„Aber Nintendo und Nvidia sind bestimmt auch nie verkehrt, mit wie viel Geld spekulieren Sie? Ich schätze, dass Sie auch mit einer Investition in Cannabis gut fahren könnten, aber dazu können Sie sich bestimmt auch in den nächsten Jahren noch entscheiden, bevor das wirklich durch die Decke bricht“, ging er weiter darauf ein. Iizunas Daumen schnellten über das Display, Kenma erkannte ein paar Charts, rote Zahlen und auch grüne, aber besonders gut konnte er das Geschehen nicht verfolgen, Iizuna war zu schnell und er zu weit weg.
„Okay“ Das Handy wurde weggelegt und Iizuna richtete sich auf. Sein Lächeln traf Kenma wieder mitten ins Herz.
„Was machen wir jetzt?“, wollte er wissen. „Sie gehen zum Ultraschall und dann zum CT“, antwortete Kenma in aller Ruhe. „Kommen Sie nicht mit?“ Iizuna ließ die Decke von seinen Schultern rutschen und hob die Beine elegant aus dem Bett. Kenma streifte der Gedanke, dass Kaede Sato das nicht mehr tun konnte, aber hing mit diesem Gedanken etwas zu lange auf Iizunas muskulösen Beinen. „Meine Augen sind hier oben“, sagte dieser nämlich frech. Kenma riss den Blick sofort ertappt hoch in die warmen rötlichen Augen. „Nein, ich gehe nicht mit“, sagte er. Er hat nur alles organisiert. Zum Händchenhalten war er nicht da. Aber das wusste Iizuna ja nicht, der soeben nach Kenmas Handgelenk griff.
„Und wenn ich bitte sage, weil mir alleine langweilig ist?“ Kenma sah auf sein Handgelenk und die langen schlanken Finger, die Druck darauf ausübten. Nicht fest. Lieblich gar. Ein Kribbeln. Nicht unangenehm. „Dann haben Sie Ihr Smartphone, aber das müssen Sie beim Ultraschall selbst und beim CT ablegen“, erklärte er und entzog sich der ungewohnten Berührung.
„Sagen Sie mir zumindest, wo ich hin muss?“ Iizuna stand auf. Er überragte Kenma um gut zehn Zentimeter. Das war nichts, womit man ihn hätte einschüchtern können, viele hier waren größer als er, nur niemand war so schön wie Iizuna.
„Okay“ Kenma nickte, ging voran und Iizuna folgte ihm.
„Sie reden nicht viel, nicht wahr?“, fragte Iizuna aufgeweckt. Kenma zuckte mit den Schultern. „Man muss nicht immer etwas sagen“, bekundete er seine Meinung. „Glauben Sie nicht, dass Sie es mal bereuen werden, etwas nicht gesagt zu haben?“ Kenma dachte für einen Moment darüber nach, schüttelte aber den Kopf. „Wenn ich es nicht sage, ist es nicht wichtig“ und davon war er überzeugt. Es war nicht wichtig, Iizuna zu sagen, dass ihn sein Lächeln aus dem Konzept brachte und dass er so etwas bei noch keinem anderen Menschen je zuvor erlebt hat. Er meinte zu wissen, dass es nichts brächte, wüsste der hübsche Mann davon. Denn für Kenma gab es keine Konsequenz daraus. Es wäre nur unangenehm. Und unangenehm mochte er nicht.
Iizuna gab das Fragespiel schließlich auch auf. Musste er, denn er war recht schnell in der Radiologie abgestellt. „Sie finden zurück“, sagte Kenma und ging, ohne ihn noch einmal anzusehen. Denn dann hätte er den Anflug eines sehnsüchtigen Blickes erkannt und wäre sich der Nichtkonsequenz vielleicht gar nicht mehr so sicher gewesen. Aber es gab kein Ansehen mehr. Stattdessen gab es weitere Aufgaben.
Patientenakten aufarbeiten, die Runde mit Dr. Komori, der auch Akaashi, Terushima und Yamaguchi wieder beiwohnten und auch das Mittagessen, das er mit Yamaguchi, Tsukishima und Yachi zu sich nahm. Yachi war dabei sehr abwesend, auch Yamaguchi schien der Unfall vom Vortag noch tief in Mark und Bein zu sitzen, dafür wurde Tsukishima ein paar garstige Worte los. Ihm schien hier kaum jemand in den Kram zu passen und irgendwie machte ihn das sympathisch, zumindest seine Einstellung. Kenma dachte wieder an Iizuna und was er über das Aussprechen von Gedanken gesagt und was Kenma abgeschmettert hat. Er befand sich in einer Zwickmühle. Einerseits fand er Tsukishima sympathisch, weil er so wenige der Ärzte hier mochte, besondere Zuwendung bekam an diesem Tag Kuroo, was Kenma sehr amüsierte, und das wüsste er nicht, würde Tsukishima den Mund darüber halten und andererseits fand er ihn anstrengend, weil er darüber sprach und nicht einfach Ruhe walten lassen konnte. Kenma seufzte. Er stand auf, nahm sein Tablett und brachte es weg.
„Es nervt mich, wenn Leute zu viel reden“, sagte er zurück bei Iizuna, weil er ihn nun zu seinem psychologischen Gutachten und zu einem verhaltenen „Oh“ brachte.
„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht nerven“ Kenma hob beim Gehen den Kopf an und sah zu seinem Patienten. Sein Mund klappte zum Widersprechen auf, in Iizunas Augen war ein Funkeln zu erkennen, sein Mund klappte wieder zu. Kenma schwieg. Wieder fragte er sich, was es zur Sache tat, ob Iizuna nun wusste, dass er ihn nicht nervte. Für den Tag hätte er mit den nächsten Schritten seinen Kontakt zu ihm bereits abgeschlossen und nach der Operation würde Iizuna das Krankenhaus irgendwann wieder verlassen und Kenma würde ihn nicht mehr wiedersehen. Es war egal, wie sie zueinander standen. Kenma erkannte aber nun etwas anderes in Iizunas Gesicht. Bedauern. Er seufzte, denn das gefiel ihm nicht.
„Da vorne ist der Wartebereich, Sie sind schon angemeldet“, sagte er und deutete geradeaus. „Danke“, wurde knapp erwiedert.
„Iizuna?“ Kenma blieb stehen, auch Iizuna stoppte und drehte sich rasch um.
„Sie nerven mich nicht“, sagte er. Nun drehte er sich um, ließ seinen Patienten mit einem breiten Lächeln zurück und wusste, warum man manchmal doch etwas sagte.
Im Laufe des Nachmittages wurde ihm der Zustand des Schweigens aber immer dringlicher, dass er in seiner letzten Stunde die Intensivstation aufsuchte, mit Akaashi die Vitalwerte der Patienten zu kontrollieren. Auch Mai lag nach Dr. Meians Eingriff hier. Ihre Werte waren richtig gut, dass sie noch an diesem Tag auf die normale Station verlegt werden könnte. „Ein eigenes Zimmer, das wird schön, jeder Schritt hier reiß einen aus der Ruhe“, sagte sie und Kenma nickte er nur zustimmen zu. Wenn nur Schritte wären.
Bokuto war vor zwei Stunden aus seinem Tiefschlaf aufgewacht, Akaashi hat wie verlangt Dr. Suna angepaged und Bokuto wurde von der Maschine genommen. Künstliche Beatmung war nicht mehr notwendig, nur mehr die Überwachung vom Herzschlag blieb aufrecht. Das mit der Stimme hat etwas gedauert, bis sie von einem anfänglichen Krächzen zu einem erbärmlichen Hauchen wurde.
„Du hast mich Kotaro genannt“, sagte er nun gequält aber mit einem schelmischen Grinsen. Seine goldig glänzenden Augen fixierten Akaashi, den ein zarter Schimmer von roter Farbe um die Nase auflief. „Woher weißt du das?“, fragte er. Kenma fiel sofort die persönliche Anrede auf, aber nach so einem Erlebnis und dem Versprechen, das der schwarzhaarige Arzt gegeben hat, überraschte es ihn nicht sonderlich. Dennoch fand er es unangebracht. Bokuto war ihr Patient.
„Also stimmt es?“ Bokutos Gesichtsausdruck wechselte von tollkühn zu überglücklich. Akaashi zog die Augenbrauen hoch. „Ein Bluff“, meinte er, ihn durchschaut zu haben. Aber Bokuto verneinte. „Teruuji hats mir gesagt. Bist voll mein Held, du hast mein Leben gerettet“, wiederholte er, was Terushima vor einer Stunde hier herumposaunt hat.
Akaashi verzog das Gesicht. „So würde ich mich nicht bezeichnen“, sagte er und hinderte Bokuto daran, sich aufzurichten. Kenma verstand nicht, warum er sich immer wieder aufsetzen wollte, wo er doch in aller Ruhe liegen konnte. Gut, er hätte sich seine Konsole gewünscht in dieser Situation, er hätte dann Frieden gegeben. Er hätte sich bestimmt auch bei Akaashi bedankt, denn er fand ebenfalls, dass er Bokuto das Leben gerettet hat, aber dabei hätte er es belassen. Liegend.
Bokuto beließ es nicht dabei. „Aber ich lebe, weil du nicht aufgegeben hast“
„Dr. Suna hat die Reanimation abbrechen lassen“, sagte Akaashi nüchtern. Seine Hand verweilte auf Bokutos Schulter um ihn direkt wieder zurückzuhalten, wenn er sich verwehren wollte.
Dem aber stieg die Empörung ins Gesicht. „Warum wollte er mich umbringen?“, fragte er entsetzt. Kenma seufzte. „Er wollte Sie nicht umbringen, aber Sie waren tot“, sagte er. „Für einen kurzen Moment, klinisch tot“, ergänzte Akaashi schnell. Bokutos Augen weiteten sich und sein Grinsen wurde breiter.
„Und deine wunderschöne Stimme, die meinen Namen gesagt hat, hat mich wieder zum Leben erweckt“, Akaashis Finger schnellten hoch in sein Gesicht, er massierte sich die Schläfen und suchte nach Worten.
„Ach lass ihn doch in dem Glauben“, stöhnte Kenma angespannt und wollte gehen. Akaashi senkte die Hand wieder. „Bokuto-san…“ – „Kotaro! Du hast es versprochen!“ – „Kotaro, es ist wichtig, dass du dir Ruhe gönnst, du hattest eine anstrengende Operation am Herzen, wir haben das mit Dr. Suna bereits besprochen. Regeneration ist jetzt sehr wichtig“, wiederholte Akaashi nicht zum ersten Mal, so wie Bokuto mit dem Kopf mitwippte. „Für mich war es nicht anstrengend“, summte er. „Du hast geschlafen, dein Körper muss sich erholen“, warf Akaashi ein. Bokuto wollte nicht. Die Diskussion und Verhandlungen, wie Akaashi ihn dazu brachte, still zu halten und seinen Frieden zu geben, wollte sich Kenma nicht mehr anhören. Seine Schicht war vorbei, Akaashi sollte gerne alleine länger bleiben, wenn ihm dieser eine Patient so am Herzen lag.
Nicht nur Akaashi blieb länger. Beim Verlassen dieses Trakts kam Kenma auch bei dem Zimmer vorbei, wo Kawanishi in einem Einzelzimmer lag, weil sein Tiefschlaf nach dem Unfall länger geplant war. Er war Dr. Ukai Juniors Patient, dem Chefarzt der Unfallchirurgie. Kenma hat nur mitgehört, dass er weit oben auf der Liste für eine Spenderlunge stand.
Seine Lungen wurden so massiv gequetscht, dass sie ihren Dienst in den nächsten Wochen komplett aufgeben würden, wenn bis dahin nicht seine Leber und Nieren versagen würden. Er hat viel Blut verloren, es war ein Wunder, dass Nishinoya vor Ort war, denn hätte er nicht gehandelt, Kawanishi wäre noch am Unfallort verblutet und gestorben.
Yachi hat ihren Job auch gut gemacht, als der Patient in die Notaufnahme geschoben und behandelt wurde. Aber Yachi nahm ihren Job vielleicht ein wenig zu ernst, genauso wie Akaashi. Überstunden für die Patientenumsorge. Nichts, was Kenma tun würde.
Dennoch blieb er stehen und beobachtete Yachi für einen Augenblick.
„Dr. Romero ist einer der besten Transplantationsärzte im Land,. Das heißt, wenn wir bald eine Lunge bekommen, sind Sie in den besten Händen. Also… Sie sind jetzt schon in den besten Händen, wir passen sehr gut auf Sie auf…“, sagte Yachi. Sie gähnte. Kenma wunderte sich etwas darüber, sie hatten eigentlich eine normale Schicht. Er wusste nicht, dass Yachi seit dem Unfall nicht zuhause war und nachdem die anderen Assistenzärzte die Garderoben und das Krankenhaus verlassen hatten, beim Vorbeigehen an diesem Zimmer zurück geblieben ist.
Kenma fragte auch nicht nach und ließ Blondine sitzen. „Ich passe auf Sie auf“, sagte sie. Ihr Kopf nickte weg und Kenma machte sich lieber auf den Weg nach Hause. Es war nicht seine Aufgabe, ihr nahezulegen, heim zu gehen, sich auszuruhen und sich abzulenken um für die kommende Schicht gewappnet zu sein. Sie gehörte auch nicht seinem Team an.
Terushima gehörte seinem Team an und der schoss auch ganz plötzlich um die Ecke.
„Jo, Dr. Model, Dude, nein nicht Dude! Magst du nicht, hab ich mir gemerkt. Gut nicht? Egal, wir können heute leider nicht über die WG reden, ich muss bei Kaede bleiben, sie weint und sie kann nicht sprechen und Dr. Iwaizumi ist in ner OP und Shirabu meint, dass das nicht seine Aufgabe ist, aber ich kann keine Frauen weinen sehen, Männer vermutlich auch nicht… hmm ja, vermutlich nicht, bitte weine nie vor mir okay?“, kam es einerseits sehr praktisch aus Terushimas Mund, dass sich Kenma mit diesem nicht weiter beschäftigen musste, der restliche Inhalt des Gesagten hätte ihn in keine wildere Achterbahn der Reaktionen führen können. Wie konnte man in einem Satz so viel Blödsinn verzapfen und trotzdem noch wichtige Fakten rüberbringen?
„Wow… kannst echt stolz auf dich sein“, sagte Kenma und meinte das nicht einmal irgendwie gehässig. Er war tatsächlich ein bisschen beeindruckt. Aber nur ein bisschen und auch nicht für lange Zeit. „Wir sehen uns dann morgen“, rief ihm Terushima ein paar Schritte weiter zu. Der Weg zur Intensivstation war bereits eingeschlagen und Kenma sah seiner Art zu gehen, regelrecht zu hetzen, an, dass ihm wirklich etwas an der Patientin lag. Ob es nur deswegen so war, weil sie eine Leidenschaft teilten, die Kaede nun nicht mehr erfüllen konnte und die Terushima gerade (wegen ihr) mied? Kenma fand es auf psychologischer Ebene gerade auch sehr interessant, was sich unter den Assistenzärzten gerade entwickelte. Vielleicht würde dieses erste Jahr, bis er eine Spezialisierung gewählt hätte, ja auch auf zwischenmenschlicher Basis interessant werden. Das hat er nämlich eigentlich nicht angenommen. Er war davon ausgegangen, dass sie still nebeneinander her konkurrierten und dass das die einzigen Anschlussstellen mit den anderen sein würden. Tja.
Zuhause angekommen musste er noch etwas anderes Zwischenmenschliches ansprechen und unterbinden, denn er war nicht gewillt, seinen Vorgesetzten eines Morgens nackt durch die Wohnung spazieren zu sehen. Somit nutzte Kenma den Moment, wo er Kuroo am direkten Weg durch die Küche über den Weg lief und sprach seine Vermutungen und Befürchtungen aus.
„Waaas?!“ Kuroo entgleiste das Gesicht, kurz darauf brach er in schallendes Gelächter aus. „Wie kommst du denn bitte darauf? Ich meine… ja gut, Dr. Suna sieht schon wahnsinnig gut aus, aber ganz ehrlich? Der Kerl ist sogar mir ne Nummer zu groß“, gluckste er. Kenma verzog das Gesicht. Alles, was er dachte, an zwischenmenschlicher Analyse gelernt zu haben, war falsch, umsonst.
„Arsch“, sagte er nur zu Kuroo und ging auf sein Zimmer. Die nächsten Stunden verbrachte er spielend an seiner Konsole. Die Gedanken rasten dabei. Sie rasten um die falsch interpretierten Vibes zwischen Kuroo und Dr. Suna, um Yachi, die bei Kawanishi eingenickt war und um Bokuto, der bei Gott nicht stillhalten wollte und der so vielleicht auch Akaashi schlaflose Nächte bereiten würde. Irgendwie verstand er ja, dass man sich um Bokuto sorgte. Er war wie ein kleines Kind im Körper eines Erwachsenen, er war naiv und sprudelte über vor Lebensfreude. Bokuto hatte eine ganz besondere Art, das Leben locker zu nehmen, obwohl er solch ein Handicap mit seinem Herzen hatte.
Es war ähnlich wie bei Kaede, die ihm diesbezüglich vielleicht sogar einen Floh ins Ohr gesetzt hat oder hat sie ihm sogar unbewusst ins Gewissen geredet? Die Motorradfahrerin hat Kenma beeindruckt wie sie Dr. Iwaizumi erklärt hat, dass sie dankbar dafür war, noch am Leben sein zu dürfen. Auch das verstand Kenma. Er hat einen kurzen Gedanken daran verloren, dass er die Funktion seiner Beine abgeben würde, nie aber die seiner Hände. Und dann drängte sich Iizuna auf. Sein Lächeln lenkte Kenma beim Spielen ab, es ließ ihn beim Zähneputzen seufzten und es hinderte ihn daran, einzuschlafen ohne selbst ein Lächeln über seine Lippen kommen zu lassen.
Kenmas Augen klappten zu, eine angenehme Wärme machte sich in seiner Brust breit und mit zuckenden Fingern entglitt er dem Schlaf und seinen Träumen, von denen er am nächsten Morgen nichts mehr wissen würde.
Perfection
Was ist schon perfekt? Gibt es einen perfekten Menschen? Den perfekten Partner oder die perfekten Eltern? Gibt es einen perfekten Schüler? Vielleicht, wenn er den perfekten Lehrer hat. Perfektion liegt aber auch im Auge des Betrachters. Es gibt einen perfekten Kreis, er ist computergezogen, doch Computer sind nicht perfekt, genauso wenig wie ihre Erschaffer und Programmierer. Aber Technik hilft uns, der Perfektion entgegen zu streben.
Viele würden den perfekten Moment ganz ohne Computerunterstützung beschreiben. Gemeinsam eine Sternschnuppe zu sehen zum Beispiel, ein Nordlicht gar. Eine grüne Welle im Straßenverkehr kann genauso perfekt sein, wie das Lächeln im Antlitz einer geliebten Person.
Das Perfekt ist aber auch eine Zeitform und bekundet die Vergangenheit. Etwas, das nicht mehr ist.
***
Für Kenma gab es morgens kürzlich drei Möglichkeiten, den Weg ins Krankenhaus zu beschreiten. Möglichkeit eins, die übliche Variante und im Bus auf Terushima treffen, der ihm übertragen ein Ohr abkaute, somit für die Zukunft eigentlich ausgeschlossen.
Möglichkeit zwei war früher aufzustehen, früher im Krankenhaus zu sein, früher zu arbeiten. Früher. Abgelehnt. Und die dritte Option war zu spät zu kommen. Das kam auch nicht in Frage, wenn man verantwortungsbewusst war. Er war auf den Bus angewiesen und somit Terushimas Gesellschaft zugepflichtet.
Kuroo hatte nicht immer dieselben Schichten wie er, außerdem ging er neuerlich oft früher weg. Kenma konnte sich ihm also selten anschließen und so saß er Tag ein Tag aus neben Terushima im Bus. Mal ignorierte er ihn gänzlich, Mal ging er sogar auf ihn ein, vorrangig, wenn es um ihre Arbeit ging oder darum, Terushima als Mitbewohner abzulehnen.
"Aber Ende des Monats wird kommen und dann steh ich alleine auf der Straße", lamentierte er beim Aussteigen. Kenma sah das nicht als sein Problem an, ganz im Gegenteil, sich darauf einzulassen würde sehr schnell sein Problem werden.
"Ich kann mit besonderen Qualitäten auftischen", sagte Terushima und warf sich beim Gehen in Pose. Kenma besah ihn vom Schopf bis zu den Schuhsolen und wieder nach oben. "Ich glaube, deine ‘Qualitäten‘ interessieren mich nicht im Geringsten", schmetterte er ihn abermals ab und betrat den Lift. Terushima schlüpfte durch die sich schließenden Türen.
"Hey! Ich verkaufe doch nicht meinen Körper für ein warmes Bett! So war das nicht gemeint! Ich koche! Gut sogar, etwas ausgefallen vielleicht aber richtig lecker", Kenma wurde hellhörig. Kuroo kochte nicht gut. Es war nicht grottig, was ihm sein bester Freund vorsetzte, aber Ärzte konzentrierten sich eben auf andere Dinge.
Ob es gegen Terushima als Arzt sprach, wenn er die Wahrheit sagte? Nebenbei plapperte er bereits ein paar Rezepte, wenn man so wollte, aus, aber Kenma folgte ihm nur mehr mit einem halben Ohr.
Heute stand die Operation mit Dr. Sakusa an. Heute würde er Iizunas Hals aufschneiden. Und heute würde er mitverantwortlich dafür sein, wenn er dieses schöne Lächeln nie wieder sehen würde.
„Konoha-san hat gesagt, dass es immer etwas heikel ist, wenn man so lange unter Narkose steht“, hörte er Akaashi in der Garderobe reden, als er mit Terushima hereinkam und wohl unbemerkt seiner selbst beunruhigt aussah. „Aber er hat das unter Kontrolle“, versicherte Akaashi noch. Kenma nickte. Die Operation würde mindestens vier Stunden dauern und Dr. Sakusa würde eine exakte Bewegungsabfolge etliche Male wiederholen müssen. Genau und vorsichtig mussten sie alle sein und Kenma hoffte, er würde viel lernen und aufnehmen können.
„Dann war euer Gespräch letzte Woche beim Tee auf die Arbeit bezogen?“, fragte Kenma bemüht, sich auch für seine Kollegen zu interessieren. Ein Floh, den ihm Kuroo ins Ohr gesetzt hat.
Akaashi sah etwas beschämt zur Seite während sie aus der Garderobe gingen. „Das Gespräch zum Tee in der Nachtschicht hat eigentlich kaum die Arbeit beinhaltet, wir haben uns aber gut unterhalten und waren gestern noch in der Bar am Eck“, gestand er mit dem Anflug eines Lächelns. „Das ist ja Klasse! Das heißt, es hat richtig gefunkt zwischen dir und dem Schlafarzt?“, fragte Terushima rein. Akaashi und Kenma seufzten im selben Ton.
„Es geht nicht immer darum“, sagte Kenma. „Ja, irgendwie schon“, überraschte Akaashi. Das dreckige Grinsen würden sie so schnell nicht mehr aus Terushimas Gesicht bringen können.
„Hab gehört, die Anästhesisten vögeln alle miteinander“, sagte Shirabu, der sich der Gruppe gerade anschloss. Kenma und Akaashi sahen fragend zurück, da stand auch schon jemand anderes hinter ihnen.
„Achso? Und mit wem vögel ich? Oder sind’s alle?“ Shirabu wandte sich langsam aber mit einem missbilligendem Blick um und blickte in das Gesicht des wohl schönsten Mannes, den er je gesehen hat. Das beigeaschige Haar war an den Spitzen dunkel gefärbt. Wie Frost-Tipps nur anders herum. Umrahmend das hübsche Antlitz mit den mandelförmigen Augen, die eine Direktheit besaßen, dass einem wohlig unwohl werden konnte, zumindest so, wie Shirabu den Blick gerade erhielt.
Für den Bruchteil einer Sekunde entgleiste ihm das Gesicht, doch sein Stolz fing die Situation ganz schnell wieder auf. „Du lässt vermutlich jeden in dein Bett, Semi-san“, feixte er und beschleunigte den Schritt.
„Hmm, musst es ja wissen“, gab Semi den Assistenzärzten etwas zum Nachdenken. Die Blicke ruhten nun natürlich ausschließlich auf Shirabu, dass sich der Anästhesist unbemerkt davon machen konnte. „Es geht nicht immer nur darum… Am Arsch“, äffte Terushima Kenma nach und schlang Shirabu den Arm um die Schulter. „Du willst sicher mehr von Mr. Pretty Face erzählen hm? Wie ist er so?“
„Geht’s schon wieder um Sex?“, fragte Yamaguchi. Auch er hat gerade aufgeschlossen und ging mit seinen Kollegen. Kenma seufzte. Akaashi schmunzelte. „Scheint so, aber ich glaube, Dr. Komori wird uns schnell auf andere Gedanken bringen“ – und das tat er auch. Allein die Stimmung, die von dem Stationsarzt ausging, ließ jegliche sexuelle Schwingungen im Staub verkeimen. Shirabu hat sich aus Terushimas Griff befreit und sich mit Tsukishima davon gemacht, der seinen Unmut über Kageyama freien Lauf ließ, selbst wenn der keifend neben ihm herging. Hinter ihnen trappelte Yachi mit großen Augen aber mindestens genauso tiefen Augenschluchten nach.
„Wer von euch halben Portionen ist das?“, fragte Komori vorwurfsvoll. In seiner Hand hielt er die Miniskulptur einer Quietscheente. In hellgrün. Kenma hob die Augenbrauen. Komoris punktartigen Brauen zogen sich weiter zusammen. „Wie süüüüß. Haben Sie die geschenkt bekommen?“, japste Yamaguchi ob jeglicher Fühlung der Situation. Natürlich hat ihm die niemand geschenkt. Sie war aber nur der Anfang. Terushima wollte wissen, wo die herkam und ob es auch andere Farben gab.
„Auf der Kaffeemaschine sitzt auch eine und im Kühlschrank des Aufenthaltsraum im Erdgeschoß. Im Lift sitzt eine an der Spiegelbefestigung und im Eingangsbereich gleich mehrere. Also. Wer von euch Pappenheimer hat damit zu tun?“ Komori war angespannt. Es war nicht so, dass er sich beim ersten Mal ein Schmunzeln hätte verkneifen können, aber die Vermutung, dass sich jemand einen Spaß erlaubte, stieg nun einmal. Komori ahnte aber bei den Reaktionen der vier bereits, dass sie nicht involviert waren. Einen Moment gönnte er sich trotzdem noch auf jedem einzelnen ihrer Gesichter.
„Gut“, murrte er und zog eine nachdenkliche Schnute. Das grüne Entchen wurde unliebsam auf den Tresen geknallt, wo sich Terushima und Yamaguchi umgehend darum stritten – Terushima gewann, denn Yamaguchi wollte eigentlich nicht streiten und gab schnell nach.
„Irgendwie hätte ich lieber ein gelbes…“, seufzte der Gewinner und beäugte das Miniaturentchen aus Harz. Es sah richtig doof aus und andererseits machte allein der Anblick Laune, wo sogar Kenma zustimmen musste. Irgendwie gefiel ihm das kleine Entchen auch.
„Dann tauscht du es mit mir, wenn ich ein Gelbes finde?“, fragte Yamaguchi hoffnungsvoll. Terushima seufzte. „Du kannst es auch gleich haben, wenn‘s dich glücklich macht“, sagte er und gab seinen Gewinn auf. Yamaguchi fing es unter seinen Fingern. „Danke, Terushima-san“
Sah Kenma, dass Terushima eine Reaktion unterdrückte? Seltsam. Aber eigentlich nicht seltsamer als sonst mit seinen Kollegen.
„Okay, genug Gequacke!“, sagte Komori, klatschte in die Hände und eröffnete die Runde zu den Patienten, die an diesem Tag noch für Operationen vorgesehen waren. Start war bei Kyotani, der gestern von einem Sanitäter reingebracht wurde. Sein Bein wurde geschient, aber Dr. Tendou hat ihn direkt für einen Eingriff angemeldet, der Knochen war im Bruch zu verschoben, als dass er einfach heilen konnte. „Dr. Vanilla assistiert“, hat er gesagt und das Board wurde entsprechend ergänzt.
Kyotani war von nichts davon begeistert. Weder davon, dass ihm ein Sanitäter stützen musste, er hat es ja alleine versucht, aber vergebens, noch, dass er nun in einem Krankenhausbett in einem Arschoffenkleid, wie er es nannte, rumliegen musste und noch schlimmer, dass man ihn narkotisieren würde und er den Händen von komplett Fremden ausgeliefert war.
„Und dass ihr jetzt alle so blöd gafft, mag ich auch nicht“, knurrte er die vier Assistenzärzte und Komori an. „Dr. Iwaizumi wird das aber nicht gerne hören“, sagte Komori und Kyotani verstummte. Dr. Iwaizumi hat gestern dafür gesorgt, dass Kyotani das verhasste OP-Hemd anzog und seinen Ärger nicht noch mehr an dem armen Sanitäter ausließ, der sowieso schon ganz verstört neben der Spur stand, doch Kyotani bestand darauf, dass er, nachdem er ihn schon angefasst hat, auch der einzige blieb, der das tat. „Das macht der mit den irgendwie komisch braunen Haaren“, hat er es eingefordert.
„Die sind nicht irgendwie komisch braun! Das ist Karamell!“, hat Sanitäter Yahaba geschnauzt und war wütend davon gestapft.
Dass der Sanitäter heute bereits nach Kyotani gefragt hat, als er und sein Kollege eine gebrechliche alte Dame brachten, bliebt natürlich unerwähnt.
„Vielleicht hat Yahaba ja Dienst, wenn Sie nach der OP heimgebracht werden, aber zuerst, Dr. Yamaguchi? Was passiert nach der OP?“, wies Komori Yamaguchi an.
„Kyotani-san bekommt einen Spaltgips, übermorgen wird er nach Hause gebracht, seine Schwester kümmert sich um ihn, bis er zum Gips austauschen weder kommt und dann mobiler ist“, erklärte Yamaguchi und auch, dass Kyotani Thrombosemedikamente nehmen musste, viel Ruhe brauchte und vor allem, dass das Bein still zu halten war.
Kyotani knurrte darauf nur wie ein wilder Hund. „Und wenn Sie sich mürrisch anstellen, macht Dr. Iwaizumi Hausbesuche“, drohte Komori und die Runde ging weiter.
„Dr. Kozume? Der nächste Patient ist Ihrer, Sie bleiben anschließend auch hier und bereiten ihn für die OP vor, er wird in einer halben Stunde geholt. Dr. Sakusa erwartet Sie in 15 Minuten vor der Schleuse zum OP. Vorstellung“, wurde beim Eintreten in Iizunas Zimmer gefordert. Kenma nickte, wagte es aber nicht, noch einmal den Fauxpas zu begehen, vor versammeltem Team in Iizunas Gesicht zu sehen. Er würde sich wegen diesem hübschen Lächeln nicht noch einmal aus dem Konzept bringen lassen.
„Tsukasa Iizuna wird heute von Dr. Sakusa an der Carotisgabel operiert. Zu Grunde liegt ein gefäßumschließender Glomusturmor, dessen Materie ein Abdrücken verursacht. Das Gehirn könnte zu wenig Blut und somit zu wenig Sauerstoff bekommen, es ist in Verbindung auch schon zu Ohnmachtsanfällen gekommen, außerdem ist es bereits der zweite seiner Art, diesmal komplizierter als bei der ersten Operation, die Dr. Sakusa im St. Itachiyama durchgeführt hat. Der Tumor wird sozusagen von Kopfschlagader und Halsschlagader umarmt“, erklärte Kenma, dass auch der Patient es verstand. Iizuna seufzte. „Ich glaube, ich könnte jetzt auch eine Umarmung gebrauchen“, sagte er und sah hilfesuchend zu Kenma, doch der wagte den Blick nicht. „Oh… Terushima?“ schlug er stattdessen seinem Kollegen vor, das mit der Umarmung zu übernehmen, tat dieser sogar, auch wenn Iizuna etwas überrascht war. Komori entkam ein knappes amüsiertes Schnauben, doch er räusperte sich, die Integrität zu wahren und bat Kenma, weiter zu sprechen.
„Der mehrere kubikzentimetergroße Knoten behindert beim Schlucken. Er ist grundsätzlich gutartiger Natur, neigt aber zur Entartung, was alles Gründe für die operative Entfernung sind. Dr. Sakusa wird in einer für vier Stunden angesetzten OP das Gewächs von beiden Carotisabzweigungen trennen, die Carotis vernähen und die Haut mit einer internen Naht wieder schließen. Iizuna-san wird daraufhin zwei Wochen im Krankenhaus verbringen mit einer Drainage, die nach einer Woche entfernt wird. Die ersten beiden Nächte verbringen Sie auf der Intensivstation und…“, fasste Kenma den Grund für Iizunas Anwesenheit zusammen, erklärte die Operation knapp und versagte schließlich bei der Post-Operationsbeschreibung als er den Blickkontakt aufnahm und damit seinem stolpernden Herz unterlag.
„Werde ich dann rund um die Uhr von Ihnen beaufsichtigt?“, fragte Iizuna mit einem gewissen Schalk in der Stimme. Kenmas Pupillen fokussierten. „Nein, Sie sind kein Neugeborenes, das auf Hilfe angewiesen ist“, antwortete er rasch trocken und nahm seine Blutdruckmessmanschette aus der Umhangtasche. Iizuna war schnell zurechtgewiesen, sich gemütlich nach hinten zu lehnen, der Ärmel des OP-Hemdes, das des Morgens bereit gelegt und angezogen wurde, wurde hochgeschoben und Kenma legte die Manchette an. „Normal atmen bitte“, sagte er und pumpte am Druckball, dass er mit dem Stethoskop und Blick auf die Uhr und Anzeige einen eigentlich besorgniserregend hohen Blutdruck feststellte. „Hmm“ Kenma ließ ab, die Luft entwich der Manchette und er legte Iizuna erst für einen Moment Index- und Mittelfinger ans Handgelenk, dann an die rechte Halsschlagader.
„Sind Sie nervös?“, fragte er und sah ihm in die Augen. Iizuna nickte schnell. „Es ist ganz natürlich, vor einer OP nervös zu sein“, sagte Kenma und ging einen Schritt zurück. „Aber es wäre gut, wenn Sie sich irgendwie beruhigen könnten“ mit diesen Worten nahm er das Clipboard und notierte den Blutdruck inkl. Puls. Dr. Komori nickte zufrieden und verließ mit Akaashi, Terushima und Yamaguchi das Zimmer. Kenma konnte Terushima noch sagen hören, dass dieser nicht glaubte, dass Iizuna wegen dem Eingriff so nervös war, was er stattdessen glaubte, hörte er nicht mehr. Was ihn nun überraschte, war die rote Farbe in Iizunas Gesicht.
Seine Hand schnellte sofort in seine andere Tasche, wo er ein Ohrthermometer sowie dafür vorgesehene Schutzfolie herausnahm und die Körpertemperatur maß. „Sie haben kein Fieber, warum ist ihr Gesicht so rot?“, notierte er auch die Gradangabe und steckte das Clipboard wieder in die Halterung an Fußende des Bettes. Anschließend legte er Iizuna, der nun erstmals Kenmas Blick auswich, die Hände erst auf die Stirn, auf die Wangen und dann in den Nacken um sich auch so die Bestätigung zu holen, dass mit der Körpertemperatur alles in Ordnung war.
„Das ist wegen Ihnen“, sagte Iizuna leiser als Kenma es von ihm gewohnt war.
„Oh… dann geh ich besser. Dr. Sakusa erwartet mich sowieso“, wollte er sich bereits verabschieden, wurde aber am Handgelenk aufgehalten. Kenma stockte, drehte sich wieder zu Iizuna und sah ihn fragend an.
„So ist es nicht gemeint“, antwortete dieser schnell und wieder in normaler Lautstärke, wenn auch etwas unsicher, soweit Kenma das beurteilen konnte. „Wie ist es dann gemeint?“, wollte er wissen. Sein Blick zeugte weiters von Missverständnis, was Iizuna seufzen ließ. „Reden wir nach der OP darüber?“, fragte er. Kenma zuckte mit den Schultern. Das Gespräch war für ihn abgeschlossen und er hatte bereits wo anders zu sein.
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„Beschreiben Sie mir den Vorgang des Eingriffs“, verlangte Dr. Sakusa. Die beiden standen an den großzügigen Waschbecken vor dem leeren Operationsaal. Kenma hing ellenbogentief unter dem Wasserstrahl, nickte und begann zu Antworten.
„Glatter Schnitt durch-“ – „Nein“ Er wurde schier unterbrochen. Verwundert hielt er inne seine Hände und Arme einzuseifen und besah den Oberarzt für Neurologie. „Wenn Sie schneiden, bevor der Patient schläft und betäubt ist, werden Sie nicht weit kommen“ – „Natürlich, entschuldigen Sie, ich beginne von Vorne“, erwiderte Kenma und ging den ganzen Prozess vom Eintreten in den Operationssaal, dem Setzen der Uhr, den Anweisungen an die Umstehenden – Anästhesist, OP-Schwestern, Assistenten – über den ersten Schnitt nachdem man das [url=https://media.animexx.de/himitsu/mitglieder/bilder/9/3/8473939.jpg]CT-Bild[/url] noch einmal genau betrachtet hat, den unzähligen Abtrenn- und Verschlusstätigkeiten bis hin zur Entfernung des Tumors und der Kontrolle aller Nähte bis die Wunde verschlossen werden konnte. Während seinen Ausführungen blieb Dr. Sakusa stumm. Er wiederholte das Händewaschen drei Mal, sorgte sich gründlich um seine Finger, den Zwischenfingerbereichen sowie allem hoch bis zu seinen Ellenbögen und nahm sich schließlich vom Desinfektionsmittel, welches er auch bedacht an den Fingerkuppen anwandte.
„Was vergessen Sie?“, fragte er. Kenma erstarrte. Das Wasser lief weiter und war das Einzige, das er im Moment neben dem ohrenbetäubenden Rauschen seines Blutes hören konnte. Er wandte das Gesicht zu Dr. Sakusa und ging in Gedanken jeden Schritt noch einmal durch, alles was sie bereits etliche Male besprochen haben. Die Sekunden, in denen er in den tiefschwarzen Augen verharrte, wirkten wie Minuten.
„Zählen! Ich zähle jedes Instrument und kontrolliere alles, was verwendet wurde, ob es auch dort ist, wo es hingehört“, sagte er rasch, drehte das Wasser ab und erkannte ein mildes aber zufriedenes Lächeln auf den Lippen seines Gegenübers. Während der Pre-OP-Phase war der einzige Moment, in dem der Oberarzt keinen Mundnasenschutz trug, weil diese vor Betreten des Operationssaales angemacht wurden bevor sie in die Handschuhe schlüpften.
Die Erleichterung war groß und nahm Kenma die schwere Last und Furcht des Versagens ab. Dr. Sakusa reichte ihm Papiertücher, um die Hände und Arme zu trocknen, dann widmete er sich auch der Desinfektion.
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Die Operation verlief gut. Schritt für Schritt wurde der Tumor von der Halsschlagader abgetrennt, diese verschlossen, das Gewächs weiter abgetrennt und die Carotis wieder verschlossen.
„Tupfer“, sagte Kenma noch bevor Dr. Sakusa es sagen konnte und deutete Kaori dem Oberarzt zur Hand zu gehen. Die OP-Schwester tupfte daraufhin die Stirn des Chirurgen.
„Sehr aufmerksam“, sagte Dr. Sakusa. Kenma blieb es weiterhin. Er beobachtete jeden Handgriff mit Argusaugen, machte sie mit seinen eigenen Händen und Fingern im Trockentraining nach und bewunderte den Spezialisten im Stillen für seine Präzision. Keine Bewegung war zu viel, kein Ansetzen der Klinge anzupassen, alles war perfekt. Dr. Sakusa war perfekt in dem was er tat.
„Übernehmen Sie“, sagte er und ging einen Schritt zurück. Kenmas Augen weiteten sich, er blinzelte, stockte gar aber Dr. Sakusa bestand darauf, dass er nicht zögerte und Kenma zögerte nicht. Er schloss den Schritt auf, übernahm das Operationsbesteck und beendete mit den letzten Abtrennungen und Abschlüssen den komplizierten Teil. Als er voller Stolz den Tumor mit der Klemme in die Schale legte regnete es Applaus aus der Galerie, die er bis jetzt bewusst ignoriert hat, auf ihn hernieder und er ertappte sich unter der Maske versteckt eines stolzen Grinsen.
„Sehr gut, treten Sie nun bitte beiseite“, sagte Dr. Sakusa und kümmerte sich folglich um die heikle interne Naht, die eine hauchzarte Narbe versprach. Auch diesen Prozess verfolgte Kenma mit all seiner Aufmerksamkeit, selbst nach über vier Stunden, die er bereits konzentriert im Operationssaal an Dr. Sakusas Seite stand.
„Bemerkenswert“, flüsterte er in Bewunderung. „Das Mindeste, das von uns zu erwarten ist“, konterte der Oberarzt und knüpfte am Ende der Naht ein kleines Knöpfchen, welches in zehn Tagen abzutrennen war. Der verarbeitete Faden unter der Hautoberfläche würde sich selbst auflösen. Kenma besah die makellose Arbeit. Natürlich sollten ihre Patienten nicht weniger als Perfektion von ihnen erwarten, diese aber in ihrer Vollendung beobachten und von ihr lernen zu dürfen begeisterte ihn auf eine ganz eigene Weise.
Auch nach der Operation als Iizuna auf der Intensivstation lag und Kenma beim späten Mittagessen anstand, dachte er noch an die perfekte Skalpellführung, die kontrollierte Vorgehensweise und die feine Naht. So sehr, dass ihn Kuroo mit einem Schrecken aus den Gedanken riss.
"Hey Kenma, sitz heute bei mir! Ohne ihn!", sagte er und blickte von seinem besten Freund zu dem vorlauten Assistenzarzt, der direkt hinter ihm in der Schlange stand und irgendetwas davon faselte, dass Dr. Komori sich eigenartig verhielt, nicht nur wegen den Entchen. Kenma hat Terushima im Übrigen beim Vorbeigehen ein gelbes Entchen auf das Tablett gestellt, weil er das bei der Schwesternkoje entdeckt hat. Der überschwänglichen Danksagung inklusive angedrohter Umarmung hat er sich weggeduckt und den restlichen Worten nur wenig Gehör geschenkt. Aber aus dem Kauderwelsch konnte er zumindest herausfiltern, dass Terushima sich darüber wunderte, dass sie heute keine Laborergebnisse holen mussten und Dr. Komori sich selbst darum kümmerte.
"Okay", sagte Kenma, nickte und Kuroo ging weiter. Terushima lehnte sich sofort zu ihm. "Da will wohl jemand aus der Friendzone", gluckste er. Langsam aber doch fand Kenma das sogar irgendwie amüsant. "Du siehst auch immer und überall diese, wie hast du gesagt? Vibes, oder?", fragte er ihn und Terushima nickte. "Aber glaub mir, zwischen Kuro und mir gibt es keine Vibes", sagte er mit einem zufriedenen Grinsen.
„Gott sei Dank“, sagte Terushima, aber Kenma wollte sich den Grund für die Gotteslobung gar nicht erst anhören. Stattdessen ging er mit seinem Tablett bepackt mit einer Beilagenportion Reis und einen guten Stück Apfelkuchen zu dem Tisch, wo Kuroo ihn bereits erwartete.
"Halt dich von ihm fern und… Was soll das bitte werden?“, stutzte Kuroo mitten in seinem Satz über Kenmas mangelhaftes Gericht. „Das geht mal bitte gar nicht, aber ich habs ja geahnt, hier!“, sagte er und schaufelte dem Jüngeren etwas von seinem Gemüse auf den Reis. Kenma seufzte und stocherte daran vorbei, um den Reis aufzupicken.
„Aber nochmal zurück, der Kerl, der hinter dir stand, Terushima, der ist in deiner Gruppe oder? Halt dich fern von ihm, okay?“ Kuroos Stimme klang ernst, was Kenma gleich noch stutziger machte.
„Was? Ja… ja, ist er. Warum? Ich dachte, ihr werdet richtige Kumpel“, machte Kenma seiner Verwunderung Platz. Er stellte sogar das Picken ein und besah Kuroo ungläubig. Der protestierte sofort, dass er nein, mit dem niemals einen auf Kumpel machen könnte.
„Willst du mir auch sagen warum oder ist das ein no questions asked?“, wollte Kenma wissen.
Kuroo lehnte sich über den Tisch näher an Kenma heran, seine Augen zogen sich geheimnisvoll zusammen, sein Blick wurde dadurch ernster und seine Stimme auch leiser.
„Hat Bokuto einfach die Zunge in den Hals geschoben nachdem der ihn gefragt hat, wie sich das mit seinem Piercing beim Küssen anfühlt“ *)
Für einen Moment starrte Kenma Kuroo ausdruckslos an. Diese Information musste erst richtig zu ihm durchdringen, aber als sie das tat, schlug sie richtig ein.
Kenma schnaubte belustigt. Kuroo besah ihn mit großen Augen, sagte aber nichts, bis sich Kenma ihn mit einem amüsierten „und?“ nach dem Ergebnis erkundigte.
„Bokuto fands wohl toll, aber darum geht’s nicht! Halt dich fern, okay?“ Kuroo zog die Augenbrauen zusammen, richtete sich wieder auf und deutete auf Kenmas Gemüse-Reis-Schüssel. „Iss!“
„Ich werd‘ ihn einfach nicht darauf ansprechen“, entschied Kenma, zuckte mit den Schultern und fischte sich noch etwas Reis aus der Schüssel, auch ein paar Erbsenschoten und Karottenstückchen schafften es in seinen Mund, aber dann machte er sich lieber über den Apfelkuchen her.
Worauf Kenma Terushima auch nicht ansprach, war das unangenehme Aufeinandertreffen wenig später im Treppenhaus, bei dem er das Gefühl hatte, ihn und Futakuchi, jemanden, der eigentlich aus Kuroos Jahrgang war, zu erwischen, zumindest zu unterbrechen. Es war wie ein hitziges Gespräch einem Streit nahe, in dem sie beide nicht direkt gesprochen haben, nur ein paar Worte, die Kenma unter dem Aufprall ihrer Lippen kaum verstand und besser auch nicht verstehen wollte. Hände rutschten über den steifen Stoff der Krankenhauskleidung. Ein Körper prallte gegen das Geländer, ein verhaltenes Lachen folgte überraschtem Keuchen, Kenma schreckte auf. Ein „Shhhht“ ließ alle drei innehalten.
Es war als würden ihre drei Augenpaare Ping Pong spielen. Das Ausweichen der Blicke, die doch einander suchten brachte Kenma schließlich dazu das Treppenhaus mit erhobenen Händen und den Worten, nichts gesehen zu haben zu verlassen.
„Ist was passiert?“, fragte und überraschte ihn Yamaguchi. Kenmas Gesichtsausdruck verriet ihn zu seinem eigenen Leidtragen mehr als ihm lieb war. „Nichts, worüber ich reden wollen würde. Aber sag, sollten wir nicht irgendwelche Laborergebnisse holen oder sowas?“, fragte Kenma und wollte schnell vergessen, wovon er Zeuge geworden war und wollte noch schneller hier weg, die beiden konnten ja auch jeden Moment hier rauskommen, wenn sie so klug wären, ihr was auch immer es war einzustellen und in Räumlichkeiten zu verlegen, wo sie nicht gestört wurden.
„Oh nein, heute nicht, Dr. Komori kümmert sich drum“, sagte Yamaguchi aber ging auf das unausgesprochene Angebot, weiterzugehen, ein und folgte Kenma mit wippendem Gang. Das war für Kenma auch eine eher unübliche Beobachtung. Üblicherweise ging Yamaguchi kleiner als er eigentlich war so unauffällig wie möglich, meistens neben Tsukishima her oder er verschwand als größter in ihrer Gruppe, wenn sie mit Komori unterwegs waren.
„Das hat Terushima auch irgendwie erwähnt zu Mittag“, fiel ihm ein, was er aus Terushimas Gelabere in der Essensschlange mitgenommen hat. Das und dieses blöde Friendzonegerede bezüglich Kuroo. Lächerlich.
„Oh, Terushima, hast du ihn gesehen? Ich such ihn eigentlich, ich hab nämlich eine gelbe Ente mit Sonnenbrille gefunden, schau, findest du nicht auch, dass die zu ihm passt?“ fragte Yamaguchi und machte unbemerkt einen Sprung im Gehen. Die kleine Ente zwischen seinen Fingern sah mit der Sonnenbrille zumindest cool aus und erinnerte Kenma an den Abstieg Terushimas von seinem Motorrad, der ja zugegeben ziemlich cool ausgesehen hat. Aber ihm wurde auch unwohl im Magen. Waren das die Vibes, von denen Terushima gesprochen hat? Yamaguchis ungewohnte Art zu Gehen hatte eindeutig Verbindung mit dem Wunsch, Terushima diese Ente zu geben und somit dem Assistenzarzt, der gerade mit einem Älteren rumknutschte und wer weiß noch was trieb, eine Freude zu bereiten. Kenma seufzte. Das waren nicht seine Probleme, nicht seine Vibes und nicht seine Gedanken, die er sich zu machen hatte, auch wenn ihm die Vorstellung nicht gefiel, dass Yamaguchi deswegen vielleicht traurig oder enttäuscht sein würde.
„Lass uns lieber auf die Intensivstation gehen, Bokuto wird heute verlegt, weil Kyotani nach seiner OP dann dort hin muss, Tsukishima ist an der OP beteiligt oder?“, versuchte Kenma das Thema umzuleiten. Yamaguchi steckte das Entchen wieder weg und ging auf den Wechsel ein. „Jap, er assistiert Dr. Tendou, er mag ihn aber nicht“, kicherte er mit vorgehaltener Hand. Seine Gangart passte sich wieder seiner üblichen Weise an, in der sich Kenma fast so fühlte, als wären sie gleich groß.
„Aber du willst nicht wegen Bokuto hin oder? Du sorgst dich um Iizuna, nicht wahr?“ Kenma blieb stehen.
„Oh, bitte entschuldige, Kozume, ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sagte Yamaguchi schnell und wurde gefühlt sogar kleiner als Dr. Yaku, Kenma seufzte darauf. „Schon gut, er ist Dr. Sakusas und mein Patient, ich hab nicht nur assistiert, ich hab richtig an ihm operieren dürfen, natürlich will ich sehen, dass alles seine Ordnung hat“, formulierte er Yamaguchis Vermutung um. Harmloser.
„Zuna hat so ein schönes Lächeln“, wurden sie von einem viel zu aufgeweckten Bokuto empfangen. Kenma war direkt auf Iizunas Bett zugesteuert, hat das Clipboard genommen und Werte von der Überwachungsmaschine übertragen während dieser noch tief schlief.
„Zuna?“, fragte er etwas verwundert, machte noch ein paar Paraphen und steckte das Board wieder zurück. Die Naht an Iizunas Hals sah noch immer so einwandfrei aus, wie vor ein paar Stunden, nachdem Dr. Sakusa sie verknüpft hat. Die Haut drumherum war gerötet, aber das war ganz normal, sie war gereizt von dem Eingriff.
„Ja doch“, sagte Bokuto etwas lauter, dass Yamaguchi sich schnell umsah, die anderen Ruhenden sollten ja nicht gestört werden. Mai schlief und auch Kaede lag still in ihrem Bett. Durch die Operation und die Schmerzmittel schliefen sie viel, was auch ganz normal war.
„Er war wach, als sie ihn reingebracht haben, total gaga und hat komische Sachen gemurmelt, aber er hat sich als Zuna vorgestellt und er hat wunderschön gelächelt als ich gefragt habe, wer ihn operiert hat, aber hat nicht geantwortet, er ist gleich wieder eingeschlafen, da war ich beleidigt“, erzählte Bokuto und zog eine Schnute.
„Er hat ne vierstündige OP hinter sich, du hättest ihn gar nicht ansprechen sollen“, warf ihm Kenma vor und Bokutos Stimmung sank gleich noch mehr. „Jetzt ist es also mein Fehler?“, fragte er eingeschnappt. „Nein, Bokuto-san, Dr. Kozume wollte nur deutlich machen, in welchen Zustand Iizuna war, als er hier reinkam, das hat er nicht unter Kontrolle, da wirkt die Narkose noch und das Adrenalin von der OP selbst, er ist sicher nicht eingeschlafen, weil er es böse meint“, versuchte Yamaguchi die Situation zu besänftigen. Bokuto fixierte ihn mit seinem Blick. An der Stimmung änderte sich nicht viel. „Und wer hat ihn operiert?“, wollte er wissen.
„Dr. Sakusa-sama“, sagte Kenma. „Oh, dann hat er wegen ihm so gelächelt?“, fragte Bokuto, der Hauch von guter Laune schwang mit. „Ich glaube, er hat wegen Dr. Kozume gelächelt, weil er hat assistiert“, kicherte Yamaguchi, Kenma verdrehte die Augen.
„Also ich lächle ja wegen Dr. Aggaashi und ich darf jetzt Keiji zu ihm sagen, weil ich wieder aufgewacht bin“, sagte Bokuto ganz stolz und schon war das mit der schlechten Stimmung wieder passé. Bokutos breites glückliches Grinsen unterstrich seine Worte dabei auf eine Art und Weise, die auch Yamaguchi schön fand.
„Ich hoffe, mich bringt auch mal jemand zu sowas“, sagte er und schenkte Bokuto ein freundliches zustimmendes Lächeln. „Aber bestimmt“, steuerte ihm dieser bei. Kenma spürte, wie sich ihm der Magen umdrehte und sich sein Kreislauf meldete und nach Ruhe schrie.
Das war zu viel für diesen Tag.
Erst diese stundenlange Operation in der er keine Sekunde unachtsam sein durfte, dann das Gespräch mit Kuroo woraufhin der unangenehme Moment mit Terushima und Futakuchi folgte, nur um danach auf Yamaguchi zu stoßen, der mit der Mimik, die Bokuto für Akaashi aufgesetzt hat, von Terushima sprach und schließlich Bokutos Erwähnen von Iizunas wunderschönem Lächeln, das laut Yamaguchi ihm, Kenma, galt.
Er spürte, wie ihm kühl wurde, der Raum drehte sich und noch ehe er einen Schritt hätte machen können, um sich zu setzen, schränkte sich seine Sicht immer mehr ein, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Er hat nur noch gesehen, dass er kippt, einen Aufprall hat er nicht mehr gespürt.
Als er die Augen das nächste Mal aufmachte, sah er in Kuroos besorgtes Gesicht. Sein bester Freund raufte sich gerade das Haar und murmelte etwas von wegen, er hätte ihn nicht alleine lassen dürfen, nach der Operation.
„Kuro?“, Kenma blinzelte. Kuroo erkannte erst in diesem Moment, dass er wieder bei Bewusstsein war. „Kenma“, die Erleichterung war deutlich zu hören und unangenehm für den Angesprochenen. Kuroo hat sich seinetwegen Sorgen gemacht, wieder einmal, das wollte er nicht.
„Tut mir leid, Kuro“, sagte er aber der legte ihm sofort beide Hände an die Wangen und ließ es nicht zu, dass sich Kenma, wie er es geplant hatte, abwandte. Stattdessen starrte er nun in diese treulieben Augen, die sonst vor Schalk und Abenteuer nur so strahlten. „Dir tut gar nichts Leid, außer vielleicht, dass du so erbärmlich isst, das ändern wir! Ist das klar? Und deine Schlafenszeiten? Werden auch verlängert und wir sehen uns alle paar Stunden mal, ich will nicht, dass sowas nochmal passiert, Kenma. Ich hatte wahnsinnige Angst um dich, was wenn sowas passiert, wenn ich nicht da bin?“ Kenma spürte, dass Kuroo außer sich war, dass er sich sogar Vorwürfe machte, zu Unrecht seiner Meinung nach, weil er immer noch selbst dafür verantwortlich war und dennoch genoss er es sehr, dass Kuroo immer für ihn da war. Vermutlich war er sogar der Grund dafür, dass etwas dergleichen nicht schon während dem Studium passiert ist.
„Aber du warst nicht da und ich bin nicht umgekippt, weil du nicht da warst, sondern weil es ein sehr anstrengender Tag war und weil ich nicht, wie du gesagt hast, mehr Reis und Gemüse gegessen habe“, sagte Kenma nüchtern. Er war sich seiner eigenen Schuld ja auch bewusst. Dass ein bisschen Reis, ein paar Stücke Gemüse und etwas Apfelkuchen keine ausgewogene Ernährung waren, wusste er selbst und er hätte auch nicht darauf bauen dürfen, dass ihn diese Mahlzeit über den Tag brachte, der am Vormittag schon so viel Energie aus ihm gezogen hat.
Kuroo ließ von ihm ab und griff nach dem Thermometer um Kenmas Temperatur zu messen. Nach dem kurzen Piep bestätigte er, was Kenma bereits fühlte. „Erhöht, kein Fieber, immerhin“ Und damit wurde Kuroos Stimme auch endlich ruhiger.
„Na, wie geht’s unserem Patienten?“, Komori kam gerade ins Zimmer. Kenma fiel erst beim Blick zu ihm auf, dass er in ein Krankenzimmer gebracht wurde und auch in einem Patientenbett lag. Seine sorgenvollen Gedanken, was passiert war, als er weggetreten war, sah man ihm unweigerlich an, denn Komori erzählte ihm gleich, dass Bokuto den Schwesternknopf an seinem Bett gedrückt hat, weswegen Pfleger Asahi hereingerauscht kam, an seiner Seite auch Kuroo, der gerade nach Bokuto sehen wollte und Kuroo hat es sich nicht nehmen lassen, Kenma in das nächste freie Zimmer zu tragen, da war Asahi mit dem Holen einer Liege oder einem Rollstuhl zu langsam. Kenma war das sofort ausgesprochen unangenehm. „Immerhin nur du“, sagte er zu Kuroo, welcher eine theatralische Geste machte „Was heißt hier nur?“, fragte er mit gespielt beleidigter Stimme. Kenmas Blick hätte nicht verachtender sein können, dann wandte er sich dem Stationsarzt zu. „Mir geht es gut, Dr. Komori, danke, ich kann auch gleich wieder weiter machen“, sagte er und richtete sich auf. Kuroo unterband das sofort, auch Komori widersprach.
„Sie bleiben liegen oder lassen sich nach Hause bringen, Terushima hat sich bereits angeboten“, sagte Komori und bekam ein Synchrones „Was?!“, zurück. Aber es gab keine Widerrede. Kuroo hatte gemeinsam mit Yachi eine Korrektur von Hammerzehen auf dem Plan unter Aufsicht von Dr. Meian.
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„Und dich hats wirklich einfach umgehauen? Iizuna muss dir ja wirklich gut gefallen“ Kenma stöhnte am Weg zum Bus genervt auf. „Sorry, mein ja nur. Aber ganz im Ernst, ist das normal?“, wollte er wissen, Kenma zuckte mit den Schultern. „Hab wohl nicht den besten Kreislauf, wenn viel los ist, ist mein Körper schon mal überfordert“, sagte er. „Aber jetzt ist gerade alles okay oder?“ Machte sich Terushima wirklich Sorgen? Er wirkte gerade nicht neugierig oder sensationsgeil. „Ja, jetzt ist alles okay“, stimmte Kenma zu und setzte sich auf die Bank bei der Busstation. Terushima nahm neben ihm Platz. „Woran liegt es? Ist es der Blutdruck? Oder hast du was? Oder ist es einfach nur scheiße?“, fragte Terushima weiter und Kenma musste sogar auflachen. Irgendwie war es erfrischend, wie direkt Terushima war und wie unbedacht er sprach, fast schon herzlich.
„Wenn du Kuroo fragst, sollte ich mehr essen, mehr schlafen und weniger zocken“, antwortete Kenma.
Die Busfahrt darauf verlief ereignisfrei, Terushima bestand nur darauf, ihm ein paar seiner Geheimrezepte zu verraten, die sogar interessant klangen. Alles andere als herkömmlich, in einem Restaurant würde man so etwas vermutlich nie bekommen, aber das plante Kenma auch nicht. Restaurants plante er allgemein nicht. Wenn er auswärts aß, dann für gewöhnlich unterwegs etwas zum Mitnehmen.
„Du musst mich nicht rein begleiten“, sagte er zu Terushima vor dem Wohnkomplex. „Muss ich wohl, Dr. Komori hat mich schwören lassen“, erklärte er. Kein Entkommen.
Kaum waren sie in der Wohnung, wollte Kenma Terushima ein weiteres Mal gleich loswerden, doch der war so frei, oder eher unverschämt, und spazierte einfach hinein.
„Echt nett, habt ihr es hier“, bemerkte er und stapfte durch die Küche ins Wohnzimmer und bemerkte natürlich, wie Kenma es befürchtete, dass es drei Türen zu eigenen Räumen gab, die nicht direkt am Gang lagen und somit nicht Badezimmer waren. „Wer wohnt noch hier, außer dir und Dr. Hahnenkamm?“, fragte er gleich. Kenma zuckte unangenehm zusammen. „Geht dich nichts an“, sagte er aber schlagfertig und zog Terushima am Ärmel wieder hinaus.
„Danke, dass du mich begleitet hast, ich bin zuhause, alles ist in Ordnung. Du hast deinen Job gut gemacht“, sagte er. Terushima strahlte über beide Ohren, als er das Lob hörte und nickte stolz. „Sehr gut, aber dieses Thema ist noch nicht vorbei, ich wäre ein guter Mitbewohner!“, sagte er zum Abschied, weil auch er für den Nachmittag noch Verpflichtungen im Krankenhaus hatte. Kenma ließ sich darauf im Wohnzimmer auf der Couch hernieder und seufzte langezogen über den bisherigen Tag. „So anstrengend“, kam ihm über die Lippen und die Augen klappten ihm wieder zu.
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Als Kuroo nach Hause kam, stand Kenma in der Küche und tat etwas, was er noch nie bisher getan hat. Er kochte. Allerdings war Kuroo nicht begeistert.
Kenma machte Erdnussöl in einer Pfanne heiß, kochte Wasser mit dem Wasserkocher und legte Udonnudeln in eine Schüssel. Zum Erdnussöl tat er etwas Knoblauchpaste und seihte die Udonnudeln ab. Die kamen kurz in die Pfanne hinzu, es zischte und er rührte um. Kuroo war skeptisch, als Kenma daraufhin den Ahornsirup aus dem Vorratsschrank holte, meldete er sich erstmals zu Wort in dem er wissen wollte, was das sollte.
„Terushima meinte, das ist ganz klasse, du willst doch immer, dass ich was Neues ausprobiere und dass ich mehr esse“, sagte er und goss nicht gerade wenig von dem süßen Sirup über die Nudeln, die bereits diesen deftigen Knoblauchgeruch abgaben. Kuroo musste schlucken.
„Aber warum musst du dann gerade was kochen, was dir der Chaot gesagt hat? Wie nüchtern ist er, wenn er das isst?“, fragte Kuroo und Kenma zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wir reden nicht viel, aber ich mag Udonnudeln, ich mag Knoblauch und ich mag Ahornsirup“, erklärte Kenma und Kuroo seufzte.
„Und du liebst Apfelkuchen, aber tust du deswegen Äpfel und Zimt zu den Nudeln?“, fragte er mit angewidert verzogenem Gesicht. Kenma legte den Kopf schief. „Hmm… soll ich? Passt das zu Knoblauch?“, wollte er wissen und Kuroo schlug sich die Hand auf die Stirn. „Warum hast du dich nicht gefragt, ob Ahornsirup zu Knoblauch passt?“ – „Terushima hat gesagt, es ist lecker“ Kuroo ergab sich. Immerhin bekam er ja etwas, was er sich wünschte. Kenma probierte etwas Neues aus und er würde etwas essen, also ließ er ihn kochen und erzählte von seiner Operation.
„Yachi ist auch fast aus den Latschen gekippt. Ihren Augenringen zufolge schläft sie weniger als du, aber sie war trotzdem total fokussiert, Dr. Meian war zufrieden“, sagte Kuroo und deckte weiterhin skeptisch den Beistelltisch, einen richtigen Esstisch hatten sie nicht. Schüsseln und Stäbchen, zwei Gläser und einen großen Krug Wasser zum Nachspühlen.
„War sie wieder bei Kawanishi?“, erkundigte sich Kenma und trat mit der Pfanne ins Wohnzimmer um die Kreation zu servieren. „Koma-nishi?“, fragte Kuroo nach und Kenma nickte. Die Pfanne wurde in die Spüle gelegt, Wasser drauf gemacht und beide setzten sich auf die Couch. Während Kenma zulangte, wartete Kuroo noch ab. „Vermutlich, was hats damit auf sich?“
„Weiß nicht, fühlt sich wohl verantwortlich für ihn, irgendwas mit einem versprochenen Tanz“, sagte Kenma und aß auch nach dem ersten Bissen weiter. Kuroo beobachtete noch eine Weile, aber Kenma schien zu mögen, was er in der Schüssel hatte. „Irgendwie romantisch oder?“, sagte er, aber bekam keine Reaktion darauf. Dann sprang er auch über seinen Schatten. Entsetzen.
„Ich hasse es, dass ich das sagen muss, aber… okay, Terushima hatte recht, es ist richtig gut, aber wehe, du sagst ihm das“, gestand sich Kuroo ein. „Ich sag ihm doch nicht, dass ich für dich gekocht habe, dann glaubt er, ich koche für alle… Er möchte übrigens hier einziehen“, sagte Kenma trocken, leerte seine Schüssel und trug sie in die Küche während Kuroo wie vom Blitz getroffen auf der Couch sitzen blieb und in seiner Bewegung inne hielt. „Wie bitte?“, kam es etwas heiser von ihm und er räusperte sich erst einmal.
„Wie kommt er darauf und warum sagst du das so ruhig und … was?“ Kuroo stellte die Schüssel ab, stand auf und drehte sich zu Kenma, der gerade wieder zurück ins Wohnzimmer kam. „Irgendwie hätte ich kein Problem damit und er braucht zum Monatswechsel was Neues“, sagte er mit Schulterzucken. „Isst du das noch?“, fragte er und deutete auf Kuroos Schüssel, in der noch ein paar süße Knoblauchnudeln waren. Der Blick des Älteren wanderte von Kenma zur Schüssel und wieder zurück. „Ne, nimm nur“, sagte er. Über das Weitere wollte er erst einmal schlafen, was für ihn auch das Stichwort dazu war, Kenma ins Bett zu schicken. Da sie morgen zumindest beide die Frühschicht hatten, konnten sie sich zumindest am Weg zum Bus darüber unterhalten.
Rumors
“Ich hab gehört…“
So fängt es oftmals an. Ganz harmlos, nicht böse gemeint gar, die Neugier und der Wunsch nach Bestätigung schwingt mit. Wenn es um Positives geht weniger als wenn jemand sein Fett weg bekommt. Und wenn es negativer Natur ist, macht es noch viel schneller die Runden und wird Vielerort verändert und verhört.
Ein Gerücht. Krankenhaus Tratsch. Unterhaltung. Was gibt es Schöneres? Abgesehen davon, Leben zu retten und eine neue Operationsmethode zu finden, die sowohl den Chirurgen als auch finanziell das Krankenhaus entlastete?
Aber Gerüchte und Tratsch gibt es nicht an jeder Ecke und es ist nicht immer gewiss, etwas Neues zu erfahren. Manchmal muss man sich auch selbst auf die Lauer legen und Informationen einholen.
Was fällt dir so auf, wenn du dich in deiner gewohnten Umgebung umsiehst? Gibt es da gewisse Vibes? Gibt es Dinge, die immer gleich sind und plötzlich kommt Unruhe rein? Willst du nicht auch wissen, was der Grund dafür ist?
***
„Was ist an Tagen wie heute anders, wie an anderen?“ Terushima stand gemeinsam mit Yamaguchi und Kenma im Erdgeschoß vor dem Zugang zum Labor. Akaashi hatte zwei Nachtschichten in Folge und hat das Krankenhaus gemeinsam mit Konoha aus der Anästhesie verlassen, als die drei ihren Dienst angetreten waren. Ihre Beobachtung fokussierte sich aber nicht auf ihren Kollegen und den Schlafdoktor, wie Terushima Konoha gerne nannte, sondern auf Stationsarzt Komori, der sich an diesem Tag wieder selbst um die Laborergebnisse kümmerte und vor wenigen Minuten pfeifend hinter der großen Glastür verschwunden ist.
Kenma stand an die Wand gelehnt und könnte nicht weniger Interesse an der Beantwortung von Terushimas Frage haben. Yamaguchi hingegen stand eng an den neugierigen Assistenzarzt gedrängt um auch ja genug zu sehen. „Bis jetzt gibt‘s noch kein Muster außer, dass es nie an einem Donnerstag ist, aber so lange beobachten wir das noch nicht“, seufzte er, bemerkte dabei genauso wenig wie Terushima, wie nah sie einander waren. Kenma fasste sich an die Stirn, denn er hatte noch ganz genau diesen unangenehmen Moment von vor ein paar Tagen im Kopf, wo er Terushima bei Gott was mit Futakuchi erwischt hatte. Da ihm keiner der Beiden danach über den Weg gelaufen war, ging er davon aus, dass sie sich von ihm nicht haben stören lassen. Eigentlich wollte er sich auch gar nicht den Kopf darüber zerbrechen, aber die Tatsache, dass Yamaguchi auf diese blöden Flirtsprüche, die ihm Terushima hier und da entgegenwarf reagierte wie ein pubertäres Mädchen verstimmte ihm den Magen.
Eigentlich mochte er Yamaguchi gerne, weil er höflich, freundlich und zuvorkommend war, außerdem konnte er hervorragend den Mund verschlossen halten, was Terushima in den Wochen, die sie hier miteinander arbeiteten noch nicht ein Mal geschafft hat. Außer vielleicht, wenn ihm andere Ärzte an den Lippen klebten, aber diesen Gedanken wollte Kenma nicht weiter ausführen.
Und irgendwie, er verstand es ja selbst nicht, mochte er auch Terushima recht gerne, obwohl er laut und anstrengend war, aber Terushima war ehrlich und nahm kein Blatt vor den Mund, er verstellte sich nicht und er hat sogar sein blödes Geflirte bei ihm aufgegeben.
„Jo, Tadashi?“, hörte Kenma aufgeregtwa Flüstern und neigte nun auch den Kopf ums Eck. Vielleicht hat er ja was gesehen. „Hmm?“, kam es von Yamaguchi. Kenma sah nur, dass sich Terushima noch näher zu ihm lehnte.
„Willst du mir am Wochenende beim Ausziehen helfen?“ Und schon war Kenmas Interesse an der Situation wieder verflogen. Denn ja, er und Kuroo haben sich dazu entschieden, ihre WG zu erweitern und Terushima am Wochenende einziehen zu lassen.
„Ziehst du um?“, fragte Yamaguchi. „Auch, aber ich dachte da an was Anderes“
Stille trat ein. Kenma schämte sich in Grund und Boden gerade anwesend zu sein, Yamaguchi brauchte einen Moment länger, stieß seinen Kollegen aber mit der Realisierung von sich weg und trat mit dem Fuß fest auf den Boden. „Du bist echt ein Schwein!“ blaffte er ihn an und stapfte davon.
„Bin ich, im Horoskop“, rief ihm Terushima nach, Yamaguchi hörte es nicht mehr oder reagierte einfach nicht darauf. Kenma maß Terushima eines abschätzigen Blickes. „Was denn, ich mag ihn!“, sagte dieser, Kenma seufzte.
„Okay, ich versteh zwar nicht viel davon, aber ich glaube, so bekloppte Sprüche bringen es nicht oder warst du jemals erfolgreich damit?“, wand Kenma ein, bereute seine Frage aber umgehend. „Kenji mags, er lacht immer und irgendwann läufts dann“. Kenma verzog das Gesicht angewidert. „Warum machst du das überhaupt mit anderen, wenn du Yamaguchi magst?“ fragte er das Offensichtliche, Terushima schien nicht zu verstehen. „Weil wir nicht zusammen sind“ - „Was ihr nie sein werdet, wenn du so weitermachst. Aber warum misch ich mich eigentlich ein? Knutsch rum, mit wem du willst, es ist mir egal“, sagte Kenma und war des blöden Grinsen, das ihm nun entgegenstrahlte etwas überrascht, nicht aber, dass Terushima gleich den nächsten blöden Spruch auf den Lippen hatte: „Wie wärs mit uns beiden?“ Das Angebot wurde deutlich abgelehnt. Kenma trat ihm saftig auf das Schienbein und zog in ähnlicher Manier ab, wie Yamaguchi es zuvor getan hat.
Terushima ging in die Knie. „Verdammt! Model-chan! Das war doch nur ein Spaß“, zischte er schmerzerfüllt und übersah wegen dem Volltreffer, dass Komori mit einem breiten Lächeln aus den Räumlichkeiten der Labore kam und schnurstracks an ihm vorbeiging.
Die Mission, die die drei hatten, auch wenn Kenma nur mangels Alternative dabei war, war in allen Belangen gescheitert.
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Die nächste Mission, die Kenma und Yamaguchi vor sich hatten, war denkbar trocken. Sie hatten noch Post-OP-Dokumentation aufzubereiten. Dr. Komori meinte, dass sie in der Zeit, in der sie nicht gerade selbst tätig waren oder von der Galerie zusehen durften, so am meisten lernten. Terushima hat darauf eingewandt, dass der Stationsarzt die Dokumentation selbst sicher ungerne machte und sie deswegen auf sie abwälzte. Kenma hatte kein Problem damit und auch Yamaguchi nahm, was er bekommen konnte. „Theorie kann man nie genug erfahren“, hat er zu Terushima gesagt und der hat ihm nur neckend die Zunge gezeigt. Die Zunge mit dem Zungenpiercing, was Kenma an Kuroos Warnung erinnert hat, Yamaguchi aber ehrfürchtig hat aufschrecken lassen.
Vor der Erfüllung ihrer Aufgabe wurden die beiden aber aufgehalten, denn als sie am Science Lab vorbei gingen, erkannten sie Dr. Iwaizumi und seine vier Assistenzärzte durch die offene Tür. Auch Dr. Oikawa schob sich gerade präsentativ in die Szene. „Kommt schon, legt euch n bisschen ins Zeug, ihr wisst, was der Preis ist!“ Er klatschte in die Hände und stierte neugierig um sie herum. Dr. Iwaizumi stand mit verschränkten Armen vor einem Whiteboard, auf dem die Namen der vier in schwer lesbarer Arzthandschrift geschrieben standen, daneben waren Zahlen hingefetzt. Sein Blick war geduldig auf die Assistenzärzte gerichtet, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.
Kageyama war besonders gut wenn es um Instinkt ging, er arbeitete sehr sauber und legte ein ganz schönes Tempo vor, allerdings scheiterte es manchmal an Kleinigkeiten und vor allem, wenn es darum ging zusammenzuarbeiten. Mit der Zusammenarbeit hatte aber auch Tsukishima ein Problem, der dafür stehts die Ruhe behielt und selbst auf die kniffligste Fragestellung und Situation eine Idee hatte. Besonders klug stellte sich auch Shirabu an, er hatte eine exzellente Technik und war schon etwas teamfähiger als die anderen beiden Jungärzte, dafür hatte er ein Temperament, dass Iwaizumi manchmal an sich selbst erinnerte, vor allem, wenn er an diverse Zusammenstöße mit seinem besten Freund dachte, da ging es manchmal mit ihm durch. Mit wem es nie durchging und wer hier eindeutig am teamfähigsten war, der es aber an Selbstvertrauen fehlte, war Yachi. Sie war eine kluge Ärztin, achtete immer auf ihre Kolleginnen und Kollegen und war sehr einfühlsam mit den Patienten, selbst mit denen, die nicht einfach waren, aber sie war ein Mauerblümchen und bereitete Iwaizumi Sorgen.
„Tsukki hat gesagt, sie haben heute Field-Day. Dr. Iwaizumi gibt ihnen den ganzen Tag Aufgaben, praktische und theoretische und wer den Wettkampf gewinnt, darf eine OP von Dr. Oikawa übernehmen“, erklärte Yamaguchi, warum auch der Schönheitschirurg anwesend war und den Jüngsten über die Schultern sah.
„Tobio-chan~ ich bin Besseres von dir gewöhnt, wie willst du mir so nur nacheifern können?“, hagelte es Kritik, aber nicht gegen die Fingerfertigkeit, sondern gegen das miserable Theoriewissen.
„Kaum zu glauben, dass es unser König durchs Studium geschafft hat“ Tsukishima blies gehässig Luft aus und gab seinen Multiple Choice Fragebogen bei Dr. Iwaizumi ab, der eine zart getönte Brille aufsetze, weil der Raum in einem so grellen Licht erstrahlte und ihm das Lesen der Unterlage unangenehm machte. „Danke, Tsukishima“, sagte er, nahm den Bogen entgegen und zückte aus seinem Arztkittel einen roten Korrekturstift. Die Sache mit dem lehrenden Arzt nahm er sehr ernst, anders wie sein bester Freund, der sich gerade ein bisschen zu viel Spaß herausnahm, wie er mit seinen Assistenzärzten umging. „Jo, Trashy-kawa, bisschen mehr Teachy-kawa, hmm?“, ermahnte er ihn, biss die Kappe vom Stift und zog seine Linien über Tsukishimas Aufgabenblatt.
Dr. Iwaizumi war mit dem Kontrollieren noch nicht fertig, da stand auch schon Shirabu mit seiner Abgabe vor ihm und lieferte sich mit Tsukishima einen Blick- und Schnaubcontest. Der Rotstift zog schneller über das Papier, denn die beiden strebten beinahe die volle Punktzahl an.
„Pff“, drückten sie einander aus, bei der dümmsten Frage falsch gelegen zu haben. Ansichtssache. Der Stift bekam die Kappe wieder aufgesetzt, verschwand im Arztkittel und stattdessen zog Dr. Iwaizumi etwas anderes heraus.
Für die nächste Übung reichte er ihnen je ein Post-it wo mit Arzthandschrift etwas geschrieben stand, was sie ihm umgehend bringen sollten, außerdem wollte er bei ihrer Rückkehr auch den Einsatz einerseits des Medikaments anderseits des Utensils hören. Die beiden zogen zielstrebig ab, jeder in eine andere Richtung und Dr. Iwaizumi notierte die Punkte des Multiple Choice Testes und die Zeit auf dem Whiteboard mit den einhergehenden Aufgaben. Dann fiel sein besorgter Blick auf Yachi, die über ihrem Fragebogen hing und sich kaum rührte.
Wie lange sie dort schon saß oder viel eher lag, konnten Kenma und Yamaguchi nicht bestimmen, aber die Blondine schlief. Gerade, dass ihr nicht ein Speichelfaden aus dem Mundwinkel hing.
Dr. Iwaizumi stellte sich direkt vor ihren Tisch und räusperte sich einmal stimmvoll, dass die junge Assistenzärztin beinahe aus allen Wolken fiel, also fast vom Sessel und hoch aufjapste.
„Tja, ich jag meinen Zöglingen zumindest keine Todesangst ein“, neckte Dr. Oikawa, der bis eben tatsächlich den Beleidigten gemimt hat. „Du hast keine Zöglinge und es sind keine Zöglinge sondern Assistenzärzte, nicht wahr, Yachi?“, konterte der Stationsarzt, er ging dabei gar nicht erst auf die gespielte Empörung ein und beobachtete, wie sich die junge Frau wieder sammelte und schnell nickte. Sie hob rasch ihren Stift auf, der vom Tisch gerollt war und füllte den Rest des Fragebogen aus.
Auch ihre Punkt landeten kurz darauf am Whiteboard, nur auf Kageyama musste Iwaizumi noch warten. Ein Blick auf die Uhr ließ den Stationsarzt im Ansatz unruhig werden.
„Tsukki ist richtig gut“, bemerkte Yamaguchi stolz. Sein bester Freund führte gerade. „Ja, er und Shirabu geben sich ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen“, erkannte Kenma richtig. Wer von den beiden also an Dr. Oikawas Stelle Hammerzehen korrigieren durfte, ganz alleine, würde sich aber erst in den nächsten Stunden zeigen. Vielleicht würde auch noch Kageyama aufholen oder Yachi bekam einen Energieschub. Kenma wusste nur, dass er ein bisschen neidisch war. Nicht auf die Chance, mit Dr. Oikawa zu operieren, denn die Aufsicht hatte dieser ja dennoch, viel mehr wegen der Gerätschaften, die die vier Jungärzte hier auch bedienen durften. Die Apparaturen waren auf dem höchsten Stand der Technik und boten so viel Möglichkeit, sich Fertigkeiten anzueignen.
„Wir sollten den Papierkram endlich machen“, sagte Kenma aber zu Yamaguchi und die beiden lösten sich von ihrem Beobachtungsposten um einen der Aufenthaltsräume aufzusuchen.
Sie liefen dabei Schwester Suzumeda über den Weg, die die Richtung zum Science Lab eingeschlagen hat, was aber nicht weiter Kenmas Interesse bedurfte. Es reichte Dr. Oikawas gequältes „Dr. Iwa-chaaaaan! Lass mich nicht mit den Anfängern alleine“. Eine Tür wurde zugeknallt und Kenma schob Yamaguchi hastig weiter um in jedem Fall außerhalb der Schusslinie von was auch immer zu sein, nur um direkt in die Kreise des Fegefeuers der Hölle zu kommen.
„Ich sagte doch, ich hätte eine Idee Sayaka-chans Leben zu retten“, hörte er Kuroos Stimme. Kenma blieb augenblicklich stehen, er zog auch an Yamaguchis Umhang, dass dieser ebenso stehen blieb. „Ich versteh die Aufgabe nicht“, seufzte der Brünette merklich verwirrt. „Das ist keine Aufgabe, ich wollte von dem einen Problem weg, aber da vorne steht das nächste“, murrte Kenma leise und sah so neugierig um die Ecke, wie Terushima und Yamaguchi es zuvor beim Labor getan haben.
„Du hast mir lediglich den richtigen Arzt gebracht“, sagte Dr. Sugawara, Oberarzt für Pädiatrie. Seine Hände waren vor der Brust verschränkt und Kenma erkannte an Kuroos Haltung sofort, dass das kein normales Gespräch zwischen Ärzten war. Kuroo flirtete. Kenma stieß angespannt Luft aus. Yamaguchi lugte nun auch in den angrenzenden Gang. „Warum ist dein Mitbewohner ein Problem?“, fragte er Kenma, doch dieser schüttelte den Kopf. „Es ist nicht Kuro an sich, lass uns wo anders hingehen“, sagte er. „Okay“ Yamaguchi gewahr sich noch einen kurzen Blick auf die beiden Ärzte, folgte aber seinem Kollegen in die andere Richtung.
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„Ich hab total versagt“ jammerte Yachi. Sie hat sich nachdem der Feld-Tag mit Dr. Iwaizumi vorbei war neben Kenma in einem verlassenen Gang mit abgestellten Krankenbetten auf einem dieser niedergelassen und stieß ein erschöpftes Seufzen aus. „Du schläfst auch nicht, das ist nicht gut für das Gehirn“, sagte Kenma darauf und fühlte sich überraschend ertappt, denn etwas Ähnliches sagte Kuroo auch immer zu ihm. „Na toll, jetzt kling ich schon wie er“ Kenma verdrehte die Augen, aber Yachi legte den Kopf schief. „Wie wer?“, wollte sie wissen.
„Kuro“, antwortete Kenma knapp. Er blätterte in den Dokumenten, die er für Komori aufarbeitete, Yamaguchi wurde vor einer Stunde von Dr. Ukai jun. für die Unfallambulanz entwendet.
„Dr. Kuroo? Der große Arzt mit den komischen schwarzen Haaren?“, fragte Yachi. „Die sind nicht komisch“, verteidigte Kenma seinen besten Freund. „Er schläft seltsam, da sind die automatisch so“, ergänzte er und hob den Kopf um Yachis Blick einzufangen, der ihm nicht gefiel. „Ist er dein Freund?“, wollte sie wissen. Deswegen. Kenmas Pupillen weiteten sich und zogen sich wieder zusammen, wie die einer Katze, die fokussierte. „Nein!“, antwortete er harsch, dass Yachi zusammenzuckte. „Ent-Ent-Ent-“ –
„Ente?! Bist du das etwa?“ Noch während sich Yachi stotternd entschuldigen wollte, hastete Komori um die Ecke mit einer weiteren diesmal rosaroten Ente vom Haupttrakt des Krankenhauses in den verlassenen Gang. Kenma wandte sich seinem Stationsarzt zu, Yachi drohte am Schock zu ersticken. „Ich glaube nicht, dass es Yachi ist, Dr. Komori“, sagte Kenma ruhig. Die blonde Ärztin sah geschreckt wie ein junges Reh zwischen den beiden her, rang nach Worten aber auch nach Luft. Den Vorwurf verstand sie kein bisschen, was man ihr auch ansah.
„Dr. Komori fühlt sich seit kurzem von kleinen bunten Plastikenten verfolgt“, sagte Kenma trocken zur Aufklärung. Komori erhob tadelnd den Finger gegen ihn. „Harz, kein Plastik! Und aufpassen mit dem frech sein. Also?“, warnte er erst Kenma und sah Yachi wieder fragend an, die zu ihren tiefen Augenringen nun auch noch komplett weiß im Gesicht war.
„I-I-Ich hab gar nicht wo mit Enten“, japste sie. „Aber… aber ist es denn ein Problem? Vielleicht will hier jemand nur mehr Farbe reinbringen“ Yachi machte sich natürlich umgehend Gedanken, die sowohl Kenma als auch Komori mit erhobenen Augenbrauen hinterfragten. Yachi nahm die kleine Ente aus Komoris Hand, hielt sie auf Augenhöhe, dass sie entzückt zuerst zum Stationsarzt und schließlich zu ihrem Kollegen sah. Mit der freien Hand machte sie die Bewegung, die man vom berühmten Ententanz kannte und kicherte vergnügt. Kenmas Mimik blieb, Komori zog die Lippen zu einer Schnute. „Zu überzeugt, du bleibst auf der Verdächtigenliste“, sagte er, nahm Yachi die Ente wieder weg und wandte sich um. Im Gehen gab er einen letzten Auftrag: „Ach und Kozume? Du meldest dich bei Dr. Sakusa wegen Iizunas Drainage und danach kümmerst du dich ums Kramuri-Regal im dritten Stock, fürs frech sein.“ Kenma seufzte leise, aber wagte es nicht, zu widersprechen. Das hat er sich ganz alleine eingehandelt, auch wenn er der Meinung war, die Wahrheit gesprochen zu haben. Komori machte aus diesem Entending einen Elefanten.
„Was ist das Kramuri-Regal?“, fragte Yachi unverblümt. Kenma hievte sich bereits schnaubend von dem abgestellten Krankenbett hinunter. „Das ist das Regal mit den ganzen Utensilien, die wir irgendwie doch nicht brauchen und zu beschäftigt sind, korrekt einzuordnen“, antwortete er ihr. Warum das Regal im dritten Stock immer besonders unordentlich war, konnte er sich selbst nicht erklären. Vielleicht würde er im Laufe seiner Karriere noch einen Grund dafür finden und dann könnte er die Schuldigen ermahnen und eine solche Aufgabe, wie er sie bekommen hat, würde es dann nicht mehr für ihn geben. Auch wenn er von Natur aus nicht frech war und somit nicht davon ausging, jemals wieder eine Strafarbeit aufzubekommen.
Bevor er den Gang verließ, wandte er sich noch einmal zu Yachi um. „Schlafen!“, kam ihm bestimmend über die Lippen und schon ging er mit den Akten unter seinem Arm hinaus und brachte diese zu Asahi ans Schwesternpult, der sich vor Kenmas ungewohnt angespannten Art hinwegduckte und merklich erleichtert war, als dieser wieder ging. „Der tut dir nichts“, war Nishinoya noch zu hören, genauso wie ein erschrockener Laut, denn Asahi hat wohl auch nicht mit dem aufbrausenden Arzt gerechnet. Gut, dass er im Krankenhaus arbeitete und nicht bei der Feuerwehr oder bei der Rettung, an die Polizei wollte gar nicht gedacht werden. Der große einschüchternde Mann hätte dort zwar bestimmt eine tolle Wirkung, aber würde sich damit selbst ein Grab schaufeln.
Kenma musste nicht lange nach Dr. Sakusa suchen, gar nicht sogar, denn als er den Weg zu der Station einschlug, wo Iizuna seit ein paar Tagen in einem Einzelzimmer lag, stand der Neuro-Spezialist auch schon im Gang. „Folgen“ hat er gesagt. Kurz darauf standen sie an Iizunas Bett, Kenma hielt die Finger an dessen Hals und zog ihm den Schlauch vorsichtig heraus.
Iizuna kniff die Augen angestrengt zusammen und seufzte erleichtert auf, als es vorbei war. „Hab ich Ihnen wehgetan?“, fragte Kenma und zog den Faden um die kleine offene Wunde fester, dass sie gut verschlossen war und restlos heilen konnte.
„Nein, es ist nur… es fühlt sich sehr komisch an, ich spüre kaum etwas und irgendwie doch und wenn sie mich-“, sagte Iizuna.
„Das ist normal, das wissen Sie“, unterbrach Dr. Sakusa, besah Kenmas Werk und nickte anerkennend. „Sehr gut“, lobte er und machte noch eine Notiz am Chart, dann ließ er Kenma etwas perplex zurück. Natürlich wollte sich dieser nicht direkt an Dr. Sakusas Rockzipfel hängen und schätzte seine unnahbare Art, dennoch war er nun überfordert, weil er mit Iizuna alleine zurück blieb.
Stille waltete zwischen ihnen in der Kenmas Blick an Iizunas Hals haftete und dieser, wie er aus dem Augenwinkel sehen konnte, hier wieder mit seinem hübschen Lächeln hausierte. Einen Moment gewahr sich Kenma, dann hob er den Blick und sah in die sanften rötlichen Augen.
„Sie sollten Ihrer Freundin für ihre grobe Art wohl danken“, sagte er, wunderte sich aber gleichzeitig, warum diese Freundin noch nicht zu Besuch war. Kenma fragte diesbezüglich nicht nach, er wollte nicht aufdringlich oder gar neugierig sein.
„Ich habe keine Freundin, Dr. Kozume“, konterte Iizuna mit einer unabdeutbaren Betonung des Bezeichnungswortes ‘Freundin‘. Kenma musterte ihn für einen Moment. „Dann wohl Ihrem Freund“
„Ich hab auch keinen Freund. Es war ein kleines Abenteuer… mit einem anderen Mann wohl“, ging Iizuna weiter ins Details als Kenma erwartet hätte, aber seine Neugier war ihm dankbar darum. „Stört es Sie?“, fragte Iizuna noch. Kenma sah ihn nachdenklich an. „Was sollte mich stören?“, wollte er wissen.
„Dass ich auf Männer stehe“, antwortete Iizuna und griff nach Kenmas Hand. Er setzte alles auf eine Karte. „Auf hübsche kluge Männer und ich wäre auf der Suche nach etwas Echtem, glauben Sie, Sie könnten mir behilflich sein?“ Um seine Absichten zu verdeutlichen, streichelte er mit dem Daumen zärtlich über Kenmas Handrücken, was diesem ein ungewohnt schönes Gefühl durch den Körper jagte. Dennoch starrte er uneins mit der Situation auf ihre Hände.
„Dr… Akaashi ist sehr klug und ausgesprochen hübsch. Dr. Sakusa auch, aber bei ihm kann ich nicht behilflich sein“, sagte er, die letzten Worte sogar recht schnell. Iizunas Augen blitzten auf.
„Weil da etwas zwischen Ihnen läuft?“, fragte er nach. „Weil er Ihr Arzt ist und mein Vorgesetzter!“, stieß Kenma mit Empörung aus. Iizuna schmunzelte.
„Und wie sieht es mit Ihnen aus?“ er gab nicht auf. Kenma hat ihm auch seine Hand noch nicht entzogen, was als positiv zu deuten war. Er genoss die Berührung im Grunde ja auch, selbst wenn er wusste, dass das nicht klug war.
„Ich bin niemandes Vorgesetzter, aber auch Ihr Arzt“ Iizuna seufzte. „Sind Sie vergeben?“ Kenma stockte, Iizuna sprach weiter. „Darf ich denn Ihre private Handynummer haben um Sie nach all dem hier für eine Kontrolle zu konsultieren?“ Unverständnis war in Kenmas Augen zu erkennen.
„Wozu brauchen Sie dafür meine private Nummer? Sie bekommen einen Kontrolltermin direkt mit den Entlassungspapieren und dann machen Sie den nächsten aus“ Iizuna war zwar hartnäckig, aber gerade geriet auch er an seine Grenzen. Er lockerte den Griff um Kenmas Hand und ließ langsam ab.
„Sie haben recht, wie unklug von mir“, murmelte er aber Kenma schüttelte den Kopf. „Nicht doch, Sie sind noch durcheinander, die OP ist erst ein paar Tage her, das ist ganz normal“, munterte er ihn auf, entschuldigte sich aber, immerhin hatte er noch eine unliebsame Aufgabe zu erfüllen.
Während seiner Schritte zum Depot des medizinischen Unrats spürte er noch die Wärme von Iizunas Hand auf seiner. Kenma ergab sich eines zufriedenen Lächelns. Irgendwie fand er den Gedanken gar nicht so abneigend, dass dieser Patient seine private Telefonnummer haben könnte, wäre da nicht die Tatsache, dass Iizuna eben das war: Sein Patient. Außerdem suchte er jemanden mit dem er eine echte ernste Beziehung führen konnte und in dieser Position sah er sich nicht und wollte es einem unangenehmen Bauchgefühls zu urteilen auch nicht beobachten, wie es jemand anderes wurde.
„Hey! Was machst du?“ Yamaguchi stellte sich Kenma neugierig in den Weg und riss ihn damit und mit der Frage aus seinen unrunden Gedanken.
„Komori… Kramuri. Ähm… Dr. Komori hat mich gebeten, das Kramuriregal zu sortieren“, erklärte Kenma etwas ertappt und führte seinen Weg fort.
„Hast du was angestellt?“ Yamaguchi folgte ihm. Warum lag das nur so auf der Hand? Kenma seufzte. Wenn der andere es eh wusste, musste er es ihm nicht auch noch bestätigen. „Suchst du Tratsch oder hilfst du mir?“, fragte er ihn schlicht. Yamaguchi konnte gerne beides mit „Ja“ beantworten, es wäre Kenma nur recht.
„Okay, ich helf dir. Tsukki hat übrigens Dr. Iwiazumis Wettbewerb gewonnen“, sagte Yamaguchi. Kenma zog seine ID-Karte und öffnete die Tür zum Lagerraum, die hinter ihnen auch gleich wieder zufiel. Das Licht flackerte und offenbarte ein Schlachtfeld von einem Regal.
Yamaguchi begann die Utensilien auseinander zu sortieren, erst meinte er, dass sie grobe Sammlungen brauchten, dann könnten sie mit der Reinigung beginnen und die Dinge an ihre Plätze räumen.
Und wäre da nicht eine plötzliche Unterbrechung gewesen, hätten die beiden wohl gut die ein oder andere Stunde dahinarbeiten können. Aber die Tür wurde rasant aufgerissen, eine Hand langte in den Raum und warf einige Pflaster herein. Das blöde Kichern erkannte Kenma sofort, aber Terushima und wer auch immer, vermutlich Futakuchi, verschwanden noch bevor die Tür richtig offen war und wieder zufallen konnte. Vis-a-vis knallte die Tür des Bereitschaftsraumes zu, wurde verschlossen und Kenma wusste nun genau, warum der Lagerraum im dritten Stock so unordentlich war. „War das…“, Yamaguchi traute sich kaum zu Ende fragen. „Ich weiß nicht“, log Kenma und zuckte mit den Schultern, lieber nahm er die Pflaster, stapelte sie aber ließ sie genauso in der Mitte des Regals liegen. Sein Kopf neigte sich zu Yamaguchi, der ungewohnt ruhig war. Ruhiger als sonst, stumm regelrecht und sein Atmen hörte sich bedrückt an. Kenma seufzte. „Er ist ein Vollidiot, okay?“, sagte er zu ihm. Yamaguchi nickte abwesend. Seine Augen wurden glasig und die Situation für Kenma unangenehm.
„Möchtest du zu Koma-nishis OP gehen? Er bekommt heute seine neue Lunge“, schlug Kenma vor und zerstreute die Pflaster so, dass sie wieder so lagen, wie sie zuvor gefallen sind. Dass er Kawanishi bei seinem Krankenhaus-Spitznamen nannte, hatte rein aufmunternde Zwecke Yamaguchi gegenüber, denn eigentlich fand Kenma das sehr unangebracht und grotesk. War es und Yamaguchi konnte er damit auch nicht richtig ablenken. „Ich weiß, wo es auch jetzt noch Apfelkuchen gibt“, schlug er weiter vor und fragte sich, warum es so schwer war, Leute aufzumuntern. Er war doch nett und einfühlsam, warum ging es dem Brünetten nicht besser? Der zuckte stattdessen nur mit den Schultern, dass nun Kenma derjenige war, der Trost brauchte und deswegen wollte er zum Schwesternzimmer gehen, wo sich der Automat mit der süßen Wohltat befand. Yamaguchi folgte bedröppelt. Kenma fuhr sich angespannt durch das Haar, hatte aber wenig später, was er wollte. Auch Yamaguchi saß vor einem Stück, aber nestelte nur demotiviert an den Krümeln herum.
„Lass das bitte sein und iss“, forderte Kenma harscher als geplant. Wieder fühlte er sich unangenehm an Kuroo erinnert und fragte sich, ob es für den Älteren immer so war, wenn Kenma sich den vernünftigen Dingen verweigerte. Stille waltete, nur das Klackern der Gabel auf dem Teller war zu hören und etwas entfernt die Stimmen der Schwestern und Ärzte, aber die beiden hatten etwas Ruhe. Kenma kämpfte mit sich selbst, aber überwand sich schließlich doch einer Frage.
„Du magst Terushima oder?“ Yamaguchi schreckte ertappt hoch. Rote Farbe zierte seine mit Sommersprossen bedeckten Wangen und Kenma wusste, dass Terushima dieser Anblick gefallen würde, wie hat er ihm in einer der Busfahren gesagt? „Ich steh total auf Sommersprossen“.
„Ich versteh zwar nicht, was du an ihm findest, aber ich glaub, er brauchts, wenn man ihm die Meinung sagt“, erlaubte er sich einen weiteren Rat an diesem Tag. Yamaguchi verhielt sich weiter ruhig während Kenma seinen Kuchen aufaß. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er über das Gesagte nachdachte, vielleicht sogar bereits innere Monologe oder gar Dialoge führte, doch nichts davon kam über seine Lippen. Bis Kenma wieder das Wort erhob.
„Isst du den noch?“, fragte er den Brünetten und Yamaguchi gab das Stück gerne weiter.
„Terushima-san ist irgendwie all das, was ich gerne wäre… Er ist witzig und direkt, außerdem macht ihm alles, was er tut, Spaß und er sieht in allem das Positive oder zumindest scheint es so, er ist ein richtiger Optimist und hat vor nichts Angst und er ist sehr natürlich, ich glaube, er verstellt sich nicht“, sagte Yamaguchi schließlich und Kenma musste sich eingestehen, er hatte recht, bis auf eine Kleinigkeit, von der er in der Zwischenzeit wusste, weil er sonst in aller Ruhe Bus fahren hätte können. Vielleicht sollte er ihn demnächst einmal fragen, wie er sich das mit seinem Motorrad vorstellte. Und gewiss, Terushima gehörte zu den ehrlichsten Leuten, die er kannte. Er nahm kein Blatt vor den Mund und Filter hatte er auch keinen aber, und das mochte er wohl selbst sehr an ihm, er war immer 100% er selbst. Zumindest schätzte er ihn so ein. Wer würde sich schon so verstellen, dass dabei ein Charakter, wie Terushima ihn hatte, rauskam? Das wäre wirklich dumm. Und dumm war er nicht, immerhin hatte er ein Diplom.
„Er ist trotzdem ein Vollidiot“, sagte Kenma, stand nach dem Verspeisen des zweiten Stücks auf und schlug Yamaguchi vor, die Transplantation zu beobachten, die demnächst losgehen sollte. Vielleicht würde sich ja einer von ihnen für diese Spezialisierung entscheiden. Auch wenn Kenma meinte, er hätte seine Richtung bereits gefunden.
Leider zwang ihr Ziel die beiden unweigerlich dazu, am Lagerraum und somit auch wieder am Bereitschaftszimmer vorbeizugehen. Das Timing hätte nicht schlechter sein können, denn in dem Augenblick als sie schon fast passiert waren, kamen Terushima und Shirabu mit unordentlicher Kleidung und etwas zerzaustem Haar heraus. Ihnen war sehr deutlich anzusehen, was da drinnen passiert ist und dass es lange passiert, vermutlich mehrmals.
Auf Terushimas Lippen lag ein schmutziges Grinsen, Shirabu maulte etwas von einem Trostpreis, aber der Blonde winkte es nur weg. Als er sich umdrehte und Kenma mit Yamaguchi erkannte, entgleiste ihm dafür das Gesicht und etwas geschah, das Kenma für unmöglich gehalten hat: Er blieb stumm.
Dafür überraschte ihn Yamaguchi, der zwar wieder rote Farbe um seine Nase sammelte, diesmal aber nicht aus Verlegenheit, sondern aus Zorn.
„Wie lange habt ihr es da drinnen bitte getrieben? Das ist doch abartig!“ warf er Terushima vor. Er spuckte die Worte regelrecht aus, in seinen Augen flackerte Wut und die nervös geballten Hände verrieten Kenma, dass Yamaguchi sich wohl sogar davor behütete, einfach zuzuschlagen. Interessant. Shirabu hat sofort das Weite gesucht, für Drama war er gerade nicht zu haben, denn in diesem wäre er nun auch noch beteiligt gewesen.
„Abartig gut?“, fragte Terushima, aber bevor Yamaguchi vielleicht doch noch handgreiflich wurde, zog ihn Kenma weg. Er schüttelte über Terushima den Kopf und deutete ihm, zu bleiben, sein Blick transportierte die Aufforderung zu schweigen. „Abartig“, wiederholte er schnaubend, Terushima blieb mit Einsicht zurück.
Yamaguchi ließ sich gar nicht so einfach weiterzerren, erst als sie den Gang verließen und vor den Liften ankamen, wo Yachi nervös auf und ab ging, den Rufknopf betätigte und den nächsten Lift aber ziehen ließ, löste sich die Anspannung.
Die Blondine war unruhig, sehr sogar und aufgelöst, bleich gar im Gesicht und schien die beiden nicht zu bemerken, da hatte sich Yamaguchi sofort seiner Wut entzogen und ging auf die Kollegin zu. Vorsicht legte er ihr die Hand auf die Schulter, Kenma beobachtete.
„Yachi-san? Ist alles in Ordnung?“, fragte er bedacht. Yachi erstarrte. Ihr Blick traf den von Yamaguchi und kurz darauf Kenmas.
„Nein… ich meine Ja, naja also… ich weiß nicht. Kawanishi-san wird gleich operiert, aber ich trau mich nicht hinzugehen“, sagte sie.
„Du hast zu viel Nähe zu deinem Patienten aufgebaut“, sagte Kenma seufzend und verschränkte die Arme vor der Brust, doch Yachi schüttelte schnell den Kopf. „Nein, nein, daran liegt es nicht“, sagte sie behände. Auf die Nachfrage, woran es sonst läge, machte sie erst eine theatralische Pause.
„Dr. Ukai Junior ist auch dort“, sagte sie leise. Sie schämte sich eindeutig, wofür ahnte Kenma ja noch nicht und verstand es auch nicht so recht, als sie es nach Yamaguchis weiteren Nachfrage erklärte.
„Nunja… vielleicht ist es mir so unangenehm, weil ich mich etwas vor ihm fürchte. Ich hab ihn in der ersten Woche für einen Patienten von der Psychiatrischen gehalten… er sieht so gefährlich aus, mit seinen Piercings und den gebleichten Haaren und dann auch noch dieser finstere Blick.“
Kenma ging sich selbst durch das blondierte Haar und dachte an Terushimas Zungenpiercing und Shirabus finsteren Blick. Er wollte nicht nachfragen, ob Yachi auch vor ihm und den anderen Angst hatte, denn das spürte er ganz deutlich, war der Grund: Yachi hatte Angst vor dem jungen Dr. Ukai. Wie das wohl erst bei dessen Großvater wäre? Dem Chefarzt der Kardiologie.
„Ich finde ihn auch etwas unheimlich, aber wenn wir zu dritt gehen, dann kann uns nichts passieren“, sagte Yamaguchi mit einem liebevollen Lächeln, das nicht nur Yachi überzeugte. Kenma meinte zu wissen, dass das genau der Grund dafür war, warum sich Terushima so selten dämlich benahm und vermutete auch gleich, dass er vielleicht noch eine Angst hatte. Nicht weil Yamaguchi angsteinflößend war, nein, niemals, dafür war er viel zu entzückend, aber Terushima wirkte auf ihn – und das bewies er in den letzten Tagen sehr deutlich – nicht wie jemand, der bereit für etwas Ernstes war. Kenma meinte langsam zu verstehen, dass sich Terushima selbst boykottierte, weil er Angst vor Bindung hatte. So wie er… Eine interessante Gemeinsamkeit, die unterschiedlicher nicht sein und wirken konnte.
-
Dr. Ukai Junior saß bereits in der Galerie als die drei Jungärzte dazukamen. Auch ein paar Andere waren schon anwesend. Dr. Nishinoya und Dr. Tanaka zum Beispiel. Sie haben in der letzten Reihe Platz genommen und tauschten aufgeregte Zusprache dem Transplantationsarzt aus, der noch nicht im Operationssaal stand. „Er ist einfach der Allercoolste“, flüsterten sie, aber Dr. Ukai räusperte sich. „Sorry, Doc, Sie sind auch nicht übel“, folgte die Entschuldigung.
Kenma setzte sich direkt beim Eingang ganz hinten hin, dass er flüchten konnte, wenn ihm das Publikum hier zu bunt wurde, so sah er das Eintreten des erwarteten Arztes auch erst, als dieser schon fast am Operationstisch angekommen war und stutzend nach links zu Semi sah, der bereits die Narkotisierung überwachte.
"Onde está Sushi?", fragte er mit einem angenehmen brasilianischen Grollen in der Stimme, dem man gerne Stunden lang zuhören wollte. "Kommt erst zum Schichtwechsel, Sie müssen mit mir vorlieb nehmen, Dr. Romero", erwiderte Semi mit festem Blick. Für einen Moment verweilten die beiden als trägen sie einen stillen Wettkampf aus bis Dr. Romero akzeptierend nickte. "Okay", sagte er und tätschelte Semi den Kopf, was alle Anwesenden, auch die Zuseher, nach Luft japsen ließ.
"Dr. Romero!", mahnte Misaki. Die OP-Schwester eilte sofort zum Spender um frische Handschuhe in Größe L herauszuzupfen.
Yachi war richtig heftig erschrocken und verwehrte sich nun eines Schwächeanfalles, während Yamaguchi mehr einem verschreckten Grundschüler glich als einem ausgebildeten Arzt.
„Hinsetzen, ihr Knalltüten, oder raus“, knurrte Dr. Ukai, dass sich Yachi beinahe umgehend gesetzt hätte. Auf den Boden, wäre da nicht Yamaguchi gewesen, der sie in die erste Reihe schob. Kenma gab dem Getuschel der beiden nicht mehr viel, war aber ebenso empört über diesen hygienischen Fauxpas, OP-Häubchen hin oder her, das war nicht in Ordnung.
Misaki unterstützte den Arzt beim Handschuhtausch und schüttelte den Kopf dabei. Unter ihrer Maske schien sich dennoch ein amüsiertes Schmunzeln zu bilden. Impulskontrolle war wohl nicht Dr. Romeros Stärke.
Die Neulinge staunten nicht schlecht, als der nächste Punkt an der Tagesordnung die Beorderung war, das Handy und die kleine Blutoothbox anzumachen um die OP-Playlist abzuspielen.
Mit dem [url=https://open.spotify.com/intl-de/track/6efSwlK3LOlWOeKK9xlUKF?si=938c6f75b0954628]ersten Song[/url] wandte sich Dr. Romeros Kopf hoch zu Dr. Ukai. Die beiden nickten einander zu und die Operation ging los.
Kenma wollte sich nicht weiter durch die musikalische Begleitung oder irgendwelchen Bro-Handshake-Augengeplänkel durch eine Glasscheibe beirren lassen. Wenn der Mann dort am OP-Tisch so gut war, wie ihm sein Ruf einher ging, dann durfte er sich eine solche Eigenheit erlauben. Vorausgesetzt, es löste keinen Tick aus, wie das Tätscheln des Anästhesisten Kopfes.
Die Musik hat Kenma auch schon fast vollkommen ausgeblendet. In so etwas war er gut. Auch in Videospielen konnte er das Unwichtige für sich abschalten und sich auf das Wesentliche fokussieren. Bei Dr. Romero war es wohl gerade die Musik, die den Fokus einlenkte und ein klares Bild schaffte. Es war schwer zu erkennen, ob die Handgriffe taktangepasst oder taktgebend waren.
Das Wesentliche ließ im Laufe der Operation Kenmas Ohren zucken und den Fokus ablenken.
„Oh, Dr. Romero ist hier?“, fragte eine wohlbekannte Stimme neben ihm. Dr. Sakusa lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türbogen und sah erhobenen Hauptes durch die Scheibe hinunter zu Dr. Romero, der beim Besteckwechsel einen Schlagzeugtakt mitwippte. Kenma sah über seine Schulter hinweg zu dem Oberarzt, bot ihm den Platz neben sich an, aber Dr. Sakusa deutete ihm, zu rutschen. Er würde nicht lange bleiben.
„Wie er leibt und lebt und rockt“, sagte Dr. Ukai mit dem Gesicht weiterhin nach vorne gewandt. Dr. Sakusa verzog das Gesicht. „Idiotisch“, flüsterte er, was durch seine Maske kaum zu hören war, und würdigte den Chefarzt keines Blickes. Kenma blieb ruhig neben ihm sitzen und musterte ihn, soweit es sein Sichtfeld von der Seite und durch das blonde Haar erlaubte. Seine Gedanken fanden sich rasch in dem Moment, als Iizuna ihm gesagt hat, er würde auf kluge, hübsche Männer stehen und dass er selbst sofort an seinen Vorgesetzten gedacht aber erst einmal Akaashi als Alibi genannt hat (es war ja auch nicht gelogen).
„Sollten Sie sich nicht auf die OP konzentrieren, Dr. KenKen?“, kam es leise aber ernst von Dr. Sakusa. Und was hörte Kenma da raus? Den Hauch von Spott? Machte sich der Oberarzt über ihn lustig? Weil Kuroo ihn so genannt hat? Verdammter Kuroo!
Seine Augen huschten aber sofort wieder nach vorne. „Natürlich“, wisperte er und blieb bis zum erfolgreichen Schluss der Operation auf Dr. Romero fixiert. Auch als Dr. Sakusa vorzeitig gegangen war.
Yachi starb in der Zeit gefühlt tausend Tode, dass die junge Ärztin beim Verlassen der Galerie ganz weiß und durchgeschwitzt war und nur auf Yamaguchis Anweisungen hin ihre Schritte tat. Dr. Ukai hat sich nach ihrem Wohlergehen erkundigt, aber keine brauchbare Antwort erhalten, das war dann auch ihm unangenehm und er hat sich nach einem kurzen Pulscheck entschuldigt und verabschiedet.
„Das war astrein!“, jubelte Nishinoya und ging mit Fingerpistolen und einem aufbauenden Blick an Yachi vorbei, Tanaka folgte ihm.
„Ich bin so froh, dass alles gut gegangen ist“, flüsterte die Blondine. „Er muss erst noch aufwachen“, nahm ihr Kenma ganz unüberlegt die Hoffnung. „Entschuldige bitte“, sagte er sofort als die frische Farbe gleich wieder ihr Gesicht verließ.
„Nein, nein, du hast recht, Kozume-kun, ich sollte erst abwarten“, japste sie, schluckte und nickte rasch. „Du solltest schlafen“, ermahnte sie Kenma noch einmal. Schon wieder sprach Kuroo aus ihm. "Ja, das sollte ich wohl", seufzte Yachi. Auch die Letzten verließen die Galerie.
Für Kenma, Yachi und Yamaguchi sollte es schnurstracks zu ihren Stationen gehen. Am Gang erkannten sie aber, dass Dr. Ukai wartete und Dr. Romero direkt beim Heraustreten aus dem Post-OP-Saal abfing. Einem unerwarteten Handschlag, wie ihn Jugendliche gerne teilten, folgte Dr. Romeros zarte Enttäuschung. „Schade, dass ich dich nicht da drinnen hatte.“
„Die Zeiten, in denen ich an deinem Rockzipfel hänge-“ – „an meiner Schulter“ – „-dann dort, die Zeiten sind vorbei. Als Chefarzt hab ich meinen eigenen Fanclub“, sagte Dr. Ukai und deutete mit dem Kopf in die Richtung, in der Yachi sich umgehend wieder erschrocken hatte und die kleine Gruppe um sie langsamer wurde. „Naja, Fanclub würde ich jetzt nicht sagen“, murmelte Kenma an Yamaguchi gewandt, aber er würde es nicht wagen, einem Chefarzt zu wiedersprechen.
„Ach, sind wir wieder soweit? Ich glaube, als vogelfreier Transplantationsspezialist, der durchs Land reist und den coolsten Job der Welt macht, hab ich eindeutig gewonnen. Aber du hast das wirklich gut gemacht, bom bom“, säuselte Dr. Romero. Er tätschelte Dr. Ukai den Kopf, wie er es zuvor bei Semi gemacht hat. „Du weißt, ich kann das nicht ausstehen“, knurrte Dr. Ukai gleich darauf und richtete sich die Frisur wieder. Dr. Romero schmunzelte.
„Cerveja?“, fragte er. Ukais Grinsen kam wieder zurück, breiter denn je. „Dachte schon, du fragst nie“
"Wann ist deine Schicht vorbei?" - "Gib mir noch ‘ne Stunde" Die beiden Ärzte verabschiedeten sich und Dr. Romero wollte sich für einen Moment der Gruppe anschließen.
"Habt ihr schon eure Spezialitäten gewählt?", fragte er. Yachi und Yamaguchi schüttelten im Gleichtakt die Köpfe, Kenma nicht. "Neuro ist gut", sagte er. Dr. Romeros Mundwinkel zogen sich hoch. "Dann hast du hier gute Professores". Lange ging ihre Unterhaltung nicht, denn beim Lift trafen sie auf Konoha, der mit Akaashi ins Gespräch vertieft war und sofort Dr. Romeros Aufmerksamkeit auf sich riss.
"Olá, Sushi!", rief er. Die beiden wandten sich um. Der Rest blieb stehen und wunderte sich über die Anrede.
"Oh, Nicky", Konohas Augen funkelten auf, Akaashis Haltung wurde wachsamer und seine Augen verengten sich eine Spur. "Ich hab dich vermisst, hab sogar deinen Song weggedrückt", sagte Dr. Romero in Anspielung auf seine Operation und legte sich überzogen dramatisch die Hand auf die Brust. "Ich bin mir sicher, du kommst drüber hinweg", kam es kühl aber mit einem milden Lächeln von Konoha. "So wie du?" Dr. Romeros Blick galt nun Akaashi. Der junge Assistenzarzt untersagte es sich, seine Hände durchzukneten und hob stattdessen die Arme in eine verschränkte Haltung vor seiner Brust. "Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen, aber seien Sie unbesorgt, von ungestillter Sehnsucht hätte ich nichts bemerkt" Akaashi ging in den Angriff über, wurde aber nicht ausfällig, noch vergriff er sich im Ton oder an der respektvollen Gegenüberstellung. Er blieb höflich und diskret ganz im Gegenteil wie jemand anderes.
"Burn!" kam es von Terushima. Kenma wandte sich zu seinem neuen Mitbewohner um und fragte sich umgehend, wo der gerade hergekommen war und wie lange er bereits hinter ihm und neben Yamaguchi stand. "Schön, dich wohlauf zu sehen", sagte Dr. Romero zu Konoha und schenkte Terushima kein Fünkchen Aufmerksamkeit. Erst als er nach einem festen Griff auf Konohas Schulter kehrt machte und an Terushima vorbeiging. "Du wirst dich noch verbrennen" Die Blicke wurden auf Yamaguchi gelenkt und dann ließ der Transplantationsspezialist die Runder unter sich. Er hatte immerhin noch ein Bier zu trinken.
Oder zwei.
Oder drei.
Tell me more
Atmen. Einatmen und Ausatmen. Schwäche und Kraft. Wird Luft eingenommen, ist der Körper schwach, wird sie wieder ausgestoßen, zeigt er Stärke. Erschreckt sich der Mensch, holt er Luft, hält sie gar an. Ist der Mensch wütend, schreit er, stößt Luft aus und macht seiner Stimme Gebrauch. Kraftvoll. Der Mensch spricht mit dem Ausatmen. Die allgemeine Richtung ist nach vorne. Im Schrecken japst er. Die allgemeine Richtung ist nach hinten. Ein Stoß, ein Tritt, ein Schubsen wirft uns weiter zurück, wenn wir einatmen, atmen wir aus, stellen wir uns dagegen. Kraft. In der Stimme liegt Kraft. Sie vermittelt.
Stimme und das überbrachte Wort können verletzen, schwächen. Die Reaktion: Ein Einatmen.
Stimme kann auch Trost spenden und Freude bereiten. Die Reaktion: Ein Seufzen – Ausatmen.
Worte. Reden. Kommunikation. Des Menschen wertvollste Gabe, auch schrecklichste Waffe. Reden kann heilsam sein. Nicht umsonst ist Gesprächstherapie ein so gängiges Behandlungsmedium psychischen Schmerzes. Reden, eine liebe Stimme zuvördest, denn der Ton mach die Musik, wirkt wahre Wunder bei Komapatienten. Dabei scheint es, egal zu sein, worüber man spricht. Es ist wie bei einem Hund. Sagst du ihm nur süß genug, er sei ein Trottel, er wird sich freuen – Hecheln, ausatmen. Schrei ihn an, dass du ihn liebst und er wird sich fürchten – Zurückfahren, einatmen.
Vertraute Stimmen, besonderer die von Verwandten, wirken beruhigend. Wie viel vom Inhalt des Gesagten tatsächlich auch beim Patienten ankommt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. In der Regel beschränkt sich die Erinnerung auf das Gefühl.
Also sprich. Immer. Mit Liebe und Bedacht. Mit Wärme und sprich mit einem Lächeln, denn man hört es, auch am Telefon. Und hole vor dem Reden einmal tief Luft um dir deinen Raum zu nehmen. Denn wenn du sprichst, soll man dir zuhören.
***
„Hallo Kawanishi-kun. Heute war eine richtig verrückte Nachtschicht“ Kenma konnte im Vorbeigehen gerade noch sehen, wie sich Yachi an das Bett des Koma-Patienten setzte. Sie hat einmal tief Luft geholt und begann zu sprechen, da gewahr sich Kenma selbst auch einen Moment der Ruhe. Er blieb stehen, gewahr seiner Kollegin ihren Raum und lauschte ihren Worten.
Die Nachtschicht stand kurz vor ihrem Ende, es galt nur noch ein paar Momente auszuharren um schließlich mit der Frühschicht zu wechseln. Für Kenma hieß das heute, mit Terushima abzutauschen, der ihm eine Speziallasagne versprochen hat. Kuroo war auch zuhause, dass er nicht damit rechnete, etwas gar zu Ausgefallenes vorzufinden. Richtig ausgefallen war dafür Yachi, die Kawanishi von ihrem Tag erzählte. Ein zartes Seufzen verließ Kenmas Lippen, denn wie Yachi sprach, tat sie das wohl regelmäßig, vermutlich sogar seit dem Unfall von vor ein paar Wochen täglich.
„Aber ich fange einfach von ganz vorne an, denn heute hab ich Eri kennengelernt, sie ist schon das zweite Jahr hier und richtig nett auch wenn sie mich Anfangs richtig erschrocken hat und… naja…“, kicherte sie und erzählte munter von ihren Eindrücken der vergangenen Nachtschicht.
-
Yachi war überpünktlich, wie so oft, denn sie kam nicht wie alle anderen von zuhause, sie schlich sich aus einem der Räume des Krankenhauses selbst. Aus Kawanishis Krankenzimmer, der seit Wochen schon schlief und künstlich beatmet wurde. Seit er vor ein paar Tagen endlich die lebensnotwendige Transplantation erhalten hat, hing sein Leben nicht mehr ganz so sehr an einem seidenen Faden, aber Yachis Dasein verknüpfte sich immer mehr mit seinem. Sie saß nach ihrer Schicht noch lange bei dem jungen Mann und erzählte von ihrem Arbeitstag, so lange, bis sie mit dem Kopf auf ihren Armen auf dem Bett abgestützt einschlief.
Zu ihrem Glück gab es im Krankenhaus Duschen und die Möglichkeit, Wäsche zu waschen und sie zu trocknen. Es fiel auch kaum auf, dass sie seit Wochen nicht zuhause war, ihrer Mutter schrieb sie regelmäßig, redete sich auf unpassende Schichten aus und dass sie viel zu tun hatte. Auch Yachis Mutter hatte viel zu tun.
„Hey! Du bist doch die Kleine von Dr. Iwaizumi oder?“, wurde die Blondine in Angst und Schrecken versetzt. Sie kam gerade in ein Handtuch gewickelt aus der Dusche und hat gar nicht bemerkt, dass sich noch jemand in den Umkleiden befand.
„Oh, entschuldige bitte, ich wollte dich nicht erschrecken“, kicherte die andere Ärztin. Sie war größer als Yachi, wie die meisten Menschen und trug ihre schwarzen Haare zu zwei Zöpfen gebunden, was sie freundlich aber auch kindlich wirken ließ.
Yachi schüttelte sofort den Kopf, wenngleich ihre piepsige Stimme nicht von Überzeugung sprach.
„Alles gut, ich dachte nur… ich… ich hab nicht gedacht, dass noch jemand hier ist und ähm… aber ich bin niemandes Kleine“, sie klammerte sich fest an ihr Handtuch und sah sich um, ob sich vielleicht noch jemand hier aufhielt. Und um Himmels Willen, wie kam diese fremde Ärztin auf die Idee, dass sie etwas mit Dr. Iwaizumi hatte? Hatten sie etwa zufällig oft dieselben Schichten? Selbst die, die seine Assistenzärzte anders hatten als er oder war das Gerücht aufgekommen, weil sie durch ihren Aufenthalt hier immer zu Zeiten gewisse Wege ging, in denen es der Stationsarzt auch tat, ohne, dass Yachi es plante, wusste oder gar ahnte. Des Schocks der Erkenntnis, dass sie vielleicht bereits im ganzen Krankenhaus als Konkubine des gutaussehenden Arztes ihren Ruf hatte, ließ sie beinahe das Handtuch fallen lassen, ihre Kinnlade lag metaphorisch bereits am Boden, viel mehr Worte des Widerspruchs konnte sie gar nicht deutlich herausbringen. Außerdem wurde nun gelacht. Yachis Gegenüberüber lachte und in Yachi stieg die Scham hoch direkt in ihr Gesicht, das von normal auf weiß gewechselt hat und nun eine übergesunde Röte zierte.
„Oh nein! So hab ich das doch gar nicht gemeint. Entschuldige, ich hätte dich nicht auf deine Größe eingrenzen sollen, ich kenne nur deinen Namen noch gar nicht und weiß nur, dass du eine von Dr. Iwaizumis Assistenzärzten bist und… nun ja… recht klein bist. Ich bin Eri Miyanoshita“, sagte die Kollegin aus dem zweiten Jahr mit einem zuckersüßen Lächeln, dass ihr die Augen für einen Moment zudrückte. Darauf sah sie Yachi aber mit einem entschuldigenden Blick an, der an einen kleinen Hund erinnerte, der sich dessen bewusst war, etwas angestellt zu haben. Aber sonst hatte Eri nichts mit einem Hund gleich. Eine angenehme Person, wie Yachi nun schnell entschieden hat. Vermutlich auch eine sehr treue Seele und somit einem Hund doch nicht so unähnlich, dazu die Zöpfe, die wie Schlappohren wirken konnten. Yachi bemühte sich wirklich, ihre Kollegin nicht mit einem Hund zu vergleichen, das war unhöflich.
„Hitoka Yachi“, stellte sie sich auch vor, ihre Finger hatte sie immer noch fest um das Handtuch geschlossen. Nichts wäre peinlicher als vor einer Kollegin blank zu ziehen.
„Schön, dich kennenzulernen, treibst du dich öfter hier rum zwischen den Schichten?“, fragte Eri neugierig, verschwand aber hinter einer der Spindreihen, um sich umzuziehen und Yachi auch ihre Privatsphäre zu gönnen. „Ich bin ja heute selbst etwas früh dran, aber ich habs zuhause nicht mehr ausgehalten“, sagte Eri noch zu ihrer Verteidigung.
Yachi nutzte die Chance, ungesehen zu sein. Sie entledigte sich des Handtuches und zog sich rasch an.
„Ja ich, ich bin öfter hier, aber ich treib mich nicht rum“, verteidigte sie sich sofort. Sie traute sich nicht, weiterzugehen, weil sie auch Eri ihre Privatsphäre gewahr. Die summte nur. „Naja, vielleicht ein bisschen“, gestand Yachi. Eris Kopf lugte hinter den Spinden hervor. „Achso? Erzähl mir mehr!“, forderte sie. Das Oberteil wurde über den Kopf gezogen, sie klippte ihren Dienstausweis an den weißen Mantel und hielt ihr Stethoskop abwartend in den Händen, als würde sie es gleich verwenden.
„Ich weiß gar nicht, ob ich das laut aussprechen sollte“, murmelte Yachi vor sich hin, innerlich verfiel sie bereits wieder, weil es sich verboten und falsch anfühlte, dass sie ihre gesamte freie Zeit dafür aufbrachte, einem Koma-Patienten von den Geschehnissen im Krankenhaus zu erzählen. Nein nein, das würde sie Eri lieber nicht sagen, denn selbst, wenn der Worst Case nicht eintreffen würde und sie wegen dem Verstoß gegen den Ethikkodex fliegen würde, dann würde Eri sie doch mindestens für verrückt halten und dann würde sie, Yachi, auf der Psychiatrischen landen, wo sie Dr. Ukai Junior eigentlich vermutet hatte. Auch das wollte sie Eri lieber nicht sagen. Deren Blick aber blieb weich.
„Du musst über gar nichts reden, worüber du nicht reden willst“, sagte sie und ging mit dem Stethoskop zum Spiegel. Sie hing sich die Ohroliven an die Ohren und drückte sich das Bruststück unter das Schlüsselbein. Die Augen wurden geschlossen und es schien, als lauschte sie für einen Moment ausschließlich ihrem eigenen Herzschlag. Yachi wagte es nicht, etwas zu sagen. Mit einem Seufzen nahm Eri das Gerät ab, legte es sich um den Hals und wandte sich mit einem freundlichen Lächeln zurück zu Yachi.
„Du fragst dich sicher, was das soll, oder?“, kicherte sie. Yachi nickte. „Ehrlich gesagt, ja, aber du musst nicht“, gewahr sie ihr genauso das Recht zum Schweigen, aber Eri zuckte mit den Schultern. „Ich höre gerne, dass mein Herz noch schlägt“, sagte sie mit Wehmut in den Augen, den sie aber schnell weglächelte. „Aber du machst nichts Illegales oder? Medikamente stehlen und am Schwarzmarkt verkaufen?“, wollte sie von Yachi wissen.
„Nein, nein! Natürlich nicht! Ich bin bei einem Patienten“, japste sie und Eris Augen wurden größer. „Oooh, eine Romanze?“, fragte sie weiter und klatsche euphorisch in die Hände. Yachi schüttelte sofort den Kopf, fuchtelte wild mit den Händen und presste mit hochrotem Kopf hervor, dass es nicht so war.
Eris Blick wurde skeptisch. Diese Reaktion, so sagte sie, wäre verdächtig. So verdächtig, dass Yachi sprach.
Sie erzählte Eri von Kawanishi und dass er ihr leid tat und dass sie sich um ihn sorgte. „Und was machst du, wenn du bei ihm rumsitzt und wartest?“, fragte Eri.
„Ich erzähl ihm von meinem Tag und von den anderen Ärzten.“ - „Wirst du ihm nach der Nachtschicht von mir erzählen?“, wollte Eri wissen. Yachi formte ein sanftes Lächeln und nickte rasch. „Ja ganz bestimmt, also… außer, es stört dich. Oh mein Gott, glaubst du, es stört die anderen? Kawanishi-kun wird sich kaum erinnern können. Oh Himmel, was, wenn doch?“ Yachi schlug panisch die Hände vor den Mund. Sie überlegte, umgehend zu Kawanishi zu laufen um ihm zu sagen, dass er nichts davon weiterplaudern durfte, wenn er wieder aufwachte. Wenn… Falls. Für Yachi war es sicher, dass der junge Mann nach dem Massencrash wieder aufwachte. Alles andere wäre unfair gewesen. Sein Leben war jetzt schon so unfair. Eri kicherte vergnügt.
„Ach, ich glaube auch nicht, dass er es sich merkt, er bekommt es bestimmt mit, aber was er wissen wird, wenn er aufwacht, wird sein, dass du bei ihm warst, also erzähl ihm gerne von mir und wie nett ich bin“, sagte Eri mit einem Zwinkern, damit verabschiedete sie sich von Yachi, denn sie wollte vor dem Beginn der Nachtschicht noch etwas erledigen, worauf sie nicht weiter einging.
Für Yachi ging es direkt darauf etwas seltsam los. Sie hat sich gemeinsam mit Shirabu beim Schichtführenden Arzt, Dr. Sawamura, gemeldet und sich Aufgaben geben lassen. Nichts Kompliziertes, in Shirabus Augen auch nichts besonders Spannendes. Kontrollen und Datenübertragung auf der Intensivstation, da fing es auch schon an, seltsam zu werden, denn Dr. Iwaizumi saß bei der verunglückten Motorradfahrerin. Seltsam, weil er bereits Schichtende hatte, noch seltsamer, weil er ein ungewohnt liebevolles Lächeln auf den Lippen trug, während er mit ihr sprach. Yachi empfand Dr. Iwaizumi zwar nicht als unfreundlich oder gar grob, doch so gelächelt hat er, seit Yachi seine Assistenzärztin war, noch nie.
„Dr. Iwaizumi? Haben Sie nicht schon Feierabend?“, fragte Shirabu. Yachi riss es den Stift vor Schreck über das Blatt Papier. „Shh-Shirabu-kun, sowas fragt man doch seinen Vorgesetzten nicht“, ermahnte sie ihn vorsichtig. Der Tadel war dem Jungarzt aber egal.
„Gute Nacht, Kaede, morgen leiten wir dann alles für Ihr Einzelzimmer ein“, sagte Dr. Iwaizumi und ging, nachdem ihm auch Kaede einen guten Schlaf wünschte, zu seinen Assistenzärzten. Erst nickte er Yachi zu, aber dann zeigte er Shirabu seine ernste Miene, der die jungen Ärzte und manchmal sogar Dr. Oikawa Respekt zollten. „Bevor ich mir von dir etwas unterstellen lassen, lege ich dir Nahe auf deinen eigenen Ruf zu achten“, grollte Dr. Iwaizumis Stimme leise. Seine Augen blitzten im Bruchteil einer Sekunde an Shirabus Kragen und wieder zurück in dessen Gesicht. Yachi drehte sofort den Kopf um und erblickte unter dem festen Stoff einen roten Fleck, der gerade nicht abgedeckt war und so verdächtig aussah, dass die blonde Ärztin gleich wieder etwas rote Farbe im Gesicht bekam und ganz schnell wieder weg sah.
„Natürlich, Doktor Iwaizumi“ Shirabu schluckte seinen Stolz herunter. Eigentlich war er niemand, der sich vor einem Wortgefecht drückte, da war ihm der Rang auch reichlich egal, aber in diesem Fall war es doch ein bisschen anders. Dieser Arzt war für seine Karriere zuständig und das würde er sich nicht verscherzen. „Gut, angenehme Schicht“, sagte Dr. Iwaizumi wieder mit seiner üblichen ruhigen Art und ließ die beiden zurück. Shirabu schnaubte und verließ mit Yachi, die Kaede, freundlich wie sie war, auch noch eine gute Nacht wünschte, die Station. Die anderen beiden Patienten schliefen bereits.
„Shirabu-kun?“, fragte Yachi vorsichtig, doch dieser ging sofort auf Abwehr. „Das geht dich überhaupt nichts an“, fuhr er sie an, dass sie erstarrt stehen bleib und sich stotternd entschuldigte. Auch Shirabu blieb stehen. „Du könntest auch mal n bisschen mehr gerade stehen“, sagte er zu ihr und musterte sie. Er verschränkte seine Arme vor der Brust und musterte sie eingehend. „Aber du wolltest gar nicht wegen dem fragen, oder?“, fragte er und richtete sich schnell den Kragen, dass sein Knutschfleck wieder verdeckt war.
„Natürlich nicht! Das würde ich nie wagen. Das ist deine Sache“, sagte sie rasch und Shirabu nickte zustimmend. „Genau, ganz meine Sache und da muss sich Dr. Iwaizumi nicht wichtigmachen. Aber… was wolltest du dann fragen?“
Die beiden gingen weiter, Yachi stammelte etwas vor sich herum und Shirabu ermahnte sie ein weiteres Mal.
„Du hast doch Dr. Iwaizumi gerade wegen seinem Schichtende gefragt“, legte sie einen Fakt dar, dem Shirabu ein knappes „Ja“ bekundete aber auf die wirkliche Offenbarung wartete. „Meinst du, es ist nicht gut, wenn man nach seinem Dienst noch hier ist?“, fragte sie. Shirabu hob eine Augenbraue. „Ich glaub, das kommt drauf an. Was treibst du?“, fragte er sie. Yachi war natürlich umgehend durchschaut. „Naja… vielleicht bin ich etwas öfter bei Kawanishi-kun und rede mit ihm, weil ich nicht will, dass er alleine aufwacht und auch, dass er bis dahin nicht einsam ist“, gestand sie. Shirabu schwieg. „Bitte sag es niemanden!“, bat ihn Yachi und er schüttelte schnell den Kopf. „Ne… ich bin keine Petze… aber… wie vielleicht ist dieses öfter? Du bist ständig müde und schläfst fast ein, das ist doch öfter als öfter“ sein Blick wurde etwas sanfter, seine Stimme aber blieb ernst und streng.
Yachi lachte verlegen. „Ja… also…”, begann sie und Shirabu winkte ab. „Vergiss es, es geht mich nichts an, okay? Mach, was du für richtig hältst und ich sag es niemandem“. Damit ging Shirabu weiter und auch Yachi ging nun freudig hopsend neben ihm her. „Danke, Shirabu-kun“, summte sie vergnügt. Solange bis sie im Eingangsbereich angekommen waren. Dort sollte eine späte Lieferung von Medikamenten eingelangt sein, die sie gemeinsam mit Pfleger Izuru einordnen sollten.
„Dr. Sawamura sieht es gerne, wenn auch die Ärzte wissen, wo die Medikamente stehen, ihr könnt euch im Notfall nicht darauf verlassen, dass immer Pflegerinnen oder Pfleger hier sind, die euch sofort zur Hand gehen können“, erklärte Izuru mit ruhiger Stimme auf Shirabus Protest, dass das nicht seine Aufgabe sei. Yachi nickte zustimmend. „Das ist wirklich klug“, sagte sie und bekam ein begeistertes „Nicht wahr?“ zurück. „Das ist wirklich klug“, äffte Shirabu sie kurz nach und schnaubte wiederholt. Als sich beide umwandten und vor allem Yachi ihn mit einem schrecklich erbarmungswürdigen Dackelblick ansah, kam ihm sogar eine knappe Entschuldigung über die Lippen und er ließ diese unliebsame Einschuldung über sich ergeben.
Yachi wurde dabei das Gefühl nicht los, dass Izuru angespannt war und fragte sich, ob es Shirabu lag, der ja nicht gerade ein Sonnenschein war.
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„Und ganz wichtig ist, dass ihr immer alles zusperrt. Die Kästchen einzeln und natürlich den Raum selbst. Auch im Notfall! Ihr glaub nicht, auf welche Ideen die Patienten kommen“, sagte Izuru während dem Schließen der Tür und somit zum Abschluss der Aufgabe. „Auf welche denn?“, fragte Yachi mit großen unruhigen Augen. Izuru lachte etwas verhalten. „Also… nun ja, sie erfinden Notfälle, spielen mit ihren Reizen, manchmal arbeiten sie sogar zusammen, das ist wirklich ganz schlimm, wenn man eine Sucht bekämpfen muss“, seufzte er, plauderte aber nicht besonders lange aus dem Nähkästchen, denn am Schwesternpult im Eingangsbereich wartete bereits die nächste eigenartige Begegnung.
Eine junge Frau mit kurzem Haarschnitt in braun stand noch ein paar Schritte vor dem Empfangspult und wippte nervös von ihren Fußballen auf die Fersen und wieder zurück. Ihre Lippen bewegten sich, als würde sie sprechen, aber kein Ton kam dabei heraus. Yachi ahnte gleich, dass sie, was auch immer ihr Anliegen war, gerade übte auszusprechen. Izurus Angespanntheit löste sich kein bisschen und Shirabu machte gerade keine Anstalten, die Situation in Angriff zu nehmen, also ging Yachi vor. Sie erkannte, dass die Besucherin etwas in der Hand hielt, etwas Kleines, dass sie es nicht erkennen konnte. Sie räusperte sich kurz. „Kann ich Ihnen behilflich sein? Suchen Sie jemanden?“
Das Wippen stellte sich ein, der Kopf neigte sich zur Seite und haselnussbraune Augen trafen warmes Mahagoni. Yachi erkannte sofort, dass diese Frau nicht zu den Patienten gehörte, die Izuru erwähnt hatte, die Wärme ihres Blickes konnte nicht getäuscht sein.
„Ich ähm“ ein weiteres Räuspern, diesmal nicht von Yachi, folgte und die Frau verneigte sich knapp. „Ja, ich suche tatsächlich jemanden. Mein Name ist Yui Michimiya und ich wollte mich bei Dr. Sawamura bedanken“, sagte die hübsche Brünette.
„Oh, Dr. Sawaramura? Da haben Sie aber Glück, dass er heute in der Nachtschicht ist“, stolperte Yachi etwas über die Erkenntnis, schenkte Michimiya aber ein freundliches Lächeln. Dass sie ihr behilflich sein würde stand auch schon ganz außer Frage. Dass Shirabu es nicht tun würde, war aber genauso klar und er verabschiedete sich für einen Kaffee von den Dreien.
„Izuru, weißt du, wo Dr. Sawamura gerade ist?“, fragte Yachi den Pfleger, der zu ihrer Überraschung immer noch etwas angespannt wirkte. Vielleicht sogar ein klein bisschen mehr als zuvor. Er schüttelte rasch den Kopf. „Vermutlich macht er seine Runde oder ist auf der Pädiatrie, dort ist er oft“, sagte Izuru und stellte sich rasch wieder an seinen Posten. „Soll ich ihn anpagen?“, fragte er. Yachi schüttelte den Kopf, auch Michimiya tat es ihr gleich. „Bitte keine Umstände wegen mir“, sagte die junge Frau und Yachi lächelte ihr zu.
„Ich hab Zeit, ich bringe Sie“, sagte sie zu Michimiya. Wenn die Runde des Oberarztes in der Pädiatrie enden würde, dann wollte sie einfach schon einmal mit ihr dort hingehen und den Grund für den Besuch und die Dankbarkeit erfragen.
„Ich war vor einem Monat wegen meinem Blinddarm hier. Dr. Sawamura hat ihn entfernt und die Naht ist wirklich schön geworden. Sie ist natürlich noch ganz rot, aber ich glaube, wenn sie verheilt ist, sieht man es kaum. Bis zu meiner OP hatte ich so schreckliche Schmerzen und jetzt ist mein Leben so viel angenehmer und besser und nun ja, ich kann mich doch nicht einfach nicht bedanken, auch wenn ich jetzt das Gefühl habe, dass es übertrieben ist, ich hab… ich hab einen Talisman für ihn, dass er jeden seiner Patienten so eine Lebensverbesserung geben kann, also weiterhin, er macht das bestimmt jeden Tag. Er war ja so professionell, er ist sicher der Beste oder?“, erzählte Michimiya beim Gehen und endete schließlich in einer Frage, die Yachi einen Moment überlegen ließ.
„Also, wenn ich ehrlich bin, haben wir hier nur außerordentlich gute Ärzte, aber Dr. Sawamura ist auf seinem Gebiet einer der Besten, das ist wohl wahr“ wurde die Frage beantwortet. Michimiya lächelte sanft. In Gedanken war sie bestimmt bei dem Oberarzt für allgemeine Chirurgie.
„Und Sie? Was ist Ihr Fachgebiet?“, fragte Michimiya. Yachi schreckte für einen Moment auf.
„Oh ich… darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht, ich bin in meinem ersten Jahr hier. Also, wir sind alles ausgebildete Ärzte, aber dieses Krankenhaus hat ein Schulungsprogramm, in dem wir im ersten Jahr in alle Fachgebiete der Chirurgie eintauchen um uns ab nächstem Jahr zu spezialisieren, das dauert also noch“, sagte Yachi und MIchimiya wollte wissen, ob Yachi nicht vielleicht trotzdem schon eine Idee hatte, wo sie hin wollte. Aber das war schwer zu beantworten. Es waren alle Bereiche so unheimlich interessant. Während es in der Kardiologie und der Neurologie um die heiklen teils winzigsten Details ging, war aber auch die orthopädische Chirurgie, in der man richtig anpacken musste sehr spannend. Die plastische Chirurgie eröffnete so viele Wege und auf der Unfallstation gab es immer etwas, was es noch nie gab. Die Pädiatrie wäre für Yachi auch eine Überlegung, weil sie Kinder gerne mochte, aber vielleicht würde sie sich auch wie Dr. Sawamura allgemein halten und alles erledigen, wofür es keinen Wunderdoktor bedurfte. Wunder würden sie aber dennoch alle von Zeit zu Zeit bewirken oder zumindest beobachten dürfen.
Genauso wie Dr. Sugawara es wohl demnächst mit Dr. Suna schaffen könnte.
„Dr. Kuroo hat mich auf die Idee gebracht oder nun ja, man könnte fast sagen, er hat mir Dr. Suna auf dem Silbertablett gebracht“, kicherte Dr. Sugawara am Empfangspult der Station ins Gespräch vertieft mit Dr. Sawamura. Die beiden wirkten vertraut, Yachi vermutete, dass sie gute Freunde waren, wie wohl auch Dr. Suna und Dr. Sakusa, die allerdings alles andere als vertraut wirkten, denn die waren beide eher unnahbar und schüchterten dadurch ungemein ein. Dr. Iwaizumi führte aber wohl eine ähnliche Beziehung zu Dr. Oikawa, den er seit seiner Kindheit kannte, das hat Yachi am Field-Day erfahren, den Tsukishima gewonnen hat.
„Er hat mir auch schöne Augen gemacht“, sagte Dr. Sugawara und lehnte sein Kinn an seiner Hand ab, mit dem Ellenbogen lehnte er am Pult und sah verträumt nach oben. Dr. Sawamura hustete einmal stark. „Was denn? Denkst du nicht, dass man mir schöne Augen macht?“, fragte der Mann mit den grauen Haaren, die aber nicht von Alter sprachen. Er richtete sich auf und stemmte die Hände bereit zum Protest in die Hüften.
„Doch doch, natürlich, wer würde dir nicht schöne Augen machen wollen?“, japste Dr. Sawamura, bemühte sich aber schnell um Beherrschung. In dem Moment bemerkten die beiden aber wohl auch Yachi und Michimiya.
„Oh… Michimiya, was machen Sie denn hier? Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte der begehrte Arzt. Dr. Sugawara lehnte sich direkt wieder an das Pult aber beobachtete die Szene mit einem breiten Grinsen.
„Dok….Doktor Sawamura-sama… ich” Michimiya fing an zu sprechen. Yachi hob den Blick zu ihrer Seite und überlegte stark, warum die junge Frau nun so nervös wurde. Dr. Sugawara verkniff sich bereits ein Kichern. Dr. Sawamura stand dafür in aller Ruhe da und wartete, bis Michimiya ausgesprochen hatte. „Ich wollte mich bei Ihnen bedanken!“, sagte sie lauter heraus, als es ihr lieb war. Yachi staunte und wartete auf die Übergabe, die aber nicht kam.
„Ach wofür denn? Dass ich meinen Job gemacht habe? Wie sieht die Narbe aus? Darf ich sehen?“ Der Oberarzt kam die Schritte auf die beiden Frauen zu. Michimiya nickte. „Natürlich, Sie dürfen alles. Also… ähm, ja, Sie dürfen sehen“, haspelte sie und nun verstand auch Yachi, dass sich Michimiya nicht nur bedanken wollte, sie wollte den Arzt, der ihr Leben erleichtert hat, noch einmal sehen und vielleicht sogar noch ein paar Mal mehr? Das hatte auch Dr. Sugawara eindeutig verstanden und winkte Yachi zu sich um ihr wohl des Alibis wegen etwas zu zeigen. Michimiya zog einstweilen ihre Bluse aus dem Rock um die heilende Narbe zu zeigen. Yachi erkannte jetzt erst an der Kleidung, dass sie wohl von ihrer Schicht kam, denn die Kleidung ähnelte der einer Kellnerin, vielleicht war sie auch Flugbegleiterin? Wenn Yachi nun genauer hinschaute, dann erkannte sie, dass – „Hey, gib ihnen doch n bisschen Privatsphäre“, zischte Dr. Sugawara und Yachi sah sofort ertappt zu dem Oberarzt der Pädiatrie. „Bitte entschuldigen Sie“, sagte sie, aber Dr. Sugawara hielt sich nicht an sein eigenes Wort. Er spickte auch. Und er erkannte auch, wie zart und vorsichtig der andere Oberarzt nach Erlaubnis seine Finger an Michimiyas Taille legte und mit dem Daumen prüfend über die sich langsam erholende Narbe strich. „Wirklich schön“, sagte er.
„Äh… D-Danke Dr. Sawamura“, japste Michimiya mich hochrotem Kopf. Der Blick des Allgemeinchirurgen nach oben übermittelte ihm ein Missverständnis. „Oh! Ich meinte die Narbe, sie wächst schön zusammen“, klärte er auf. Die Situation wurde so unangenehm, dass Yachi nun ganz freiwillig wegsah und sich auch hinter ihren Händen versteckte.
„Ah! Entschuldigen Sie das-“ – „Nein, bitte entschuldigen Sie! Oh was ist-“ – „Autsch“ – „Verzeihung“ – „Pardon… das ist ein Talisman, ich wollte Ihnen den geben, für gutes Juju“
Die Szene, in der Michimiya der Talisman hinuntergefallen war und ihr und Dr. Sawamuras Kopf zusammen stießen sah Yachi nicht, aber Dr. Sugawara war sich nicht zu schade, das Ganze nach einer peinlichen Verabschiedung, in der sich der Oberarzt zwar aufrichtig bedankte, aber von den wahren Absichten der jungen Frau rein gar nichts verstand, wieder und wieder zu wiederholen.
Michimiya hat sich auch von Yachi verabschiedet, den Weg zurück hätte sie ganz schnell gefunden. Es war auch wirklich gut beschriftet, denn auf dem Boden des Krankenhauses waren Linien und Pfeile in verschiedenen Farben zu den unterschiedlichen Stationen gezeichnet und so auch zum Ausgang.
„Also dir muss man auch mit Schildern und blinkenden Farben deutlich machen, dass jemand mit dir flirtet, was? Ach Mann, Daichi, wie willst du so jemals jemanden finden?“, fragte Dr. Sugawara. Dem anderen Arzt fiel beinahe die Kinnlade hinunter. Er sah zu Yachi, als wollte er Bestätigung und die nickte sogar. Auch ihr war klar, dass Michimiya wohl nichts dagegen gehabt hätte, den Oberarzt näher kennenzulernen.
„Soll ich?“ – „Na klar laufst du ihr jetzt nach! Ich kümmer mich um die junge Dame hier“, sagte Dr. Sugawara und scheuchte Dr. Sawamura regelrecht weiter.
Yachi drehte den Kopf langsam zu Dr. Sugawara und der grinste sie nur breit an. „Wir beide werden jetzt auch Spaß haben, magst du Kinder?“, fragte er doch Yachi konnte gar nicht antworten, da schrie ihr Pager los.
„Huch“, rief sie, zückte das Ding aus ihrer Manteltasche und besah den Notfall. „Ein Unfall“, japste sie. „Na dann los“, scheuchte sie Dr. Sugawara weiter. Sein Pager ging nicht los, was bedeutete, dass es sich schonmal nicht um ein Kind handelte.
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„Und dann sind wir in die Notfallaufnahme gekommen, also auch Kenjiro und da war schon Dr. Tendou, er ist wohl öfter in der Nachtschicht da“, plauderte Yachi weiter, was für Kenma nun auch verständlich machte, warum er den verrückten rothaarigen Arzt so selten sah. Er kannte fast nur Erzählungen von Kuroo und ist ihm erst zwei Mal über den Weg gelaufen. Diese Begegnungen waren beide unterschiedlicher Natur. Das erste Mal war an Kenmas erstem Tag in diesem Krankenhaus, wo er sich vorgenommen hat, nicht über ihn zu urteilen, weil er keinen besonders seriösen Eindruck gemacht hat und das zweite Mal war bei dem Unfall, wo die Notfallaufnahme im Chaos versunken war und der Arzt mit den roten Haaren absolute Kontrolle über die Situation hatte, wenngleich auch seine Gesichtszüge dem Irrsinn näher waren als der Ordnung. Aber Kenma hat auf der Notfallstation auch erkannt, dass Ordnung dort schwer zu meistern war, wenn man in strikten Linien dachte und handelte.
„Es ist alles so schnell gegangen. Dr. Tendou ist den Sanitätern sofort entgegen gelaufen und dann hab ich erst gesehen, dass da ein Mann war. Er hat sich den Bauch gehalten. Blut war überall auf seinen Händen und der Kleidung und sein Gesicht… er muss solche Schmerzen gehabt haben, er hat schrecklich ausgesehen. Ich hab mich gar nicht richtig rühren können, aber Dr. Tendou hat uns zu sich gerufen und ich hab einfach gehandelt, weil es ja mein Job ist! Und Taichi- oh… ich wollte nicht… aber… ich darf doch Taichi sagen oder? Ich meine… du kennst schon so viel von mir und naja, ich hab schon so viel von dir gesehen und oh mein Gott! Bitte glaub nicht, dass ich dich so gesehen habe! Ich bin keine Perverse! Oh nein, jetzt denkst du von mir wohl wie ich von Dr. Ukai Junior anfangs und nein, bitte sag ihm das nicht!“ Yachi schien im Krankenzimmer zu eskalieren, dass Kenma gar nichts anderen übrig blieb. Er ging die wenigen Schritte von draußen in den Raum und versuchte, seine Kollegin zu beruhigen.
„Yachi? Ich glaube nicht, dass er dich für eine Perverse hält, erzähl lieber weiter von der Notfallaufnahme, ich glaub, das tut ihm gut“, sagte Kenma und deutete auf den Bildschirm, der den Herzrhythmus aufzeichnete. „Kozume-san?!“, japste Yachi erschrocken der Tatsache, dass sie nicht alleine mit Kawanishi war, aber folgte dem Finger zum Monitor. „Das ist gut“, seufzte sie leise.
„Also, was war mit dem blutenden Mann?“, fragte Kenma und setzte sich auf den freien Stuhl bei der Tür des Zimmers. Seine Augen hafteten auf der Szene vor ihm, die eigentlich nichts mit der einer Arzt-Patienten-Beziehung gemein hatte. Yachis Stuhl war nah an das Krankenbett geschoben, eine ihrer Hände lag auf Kawanishis Arm, die andere ruhte auf der Decke und ihre Körperhalterung zeugte von emotionaler Nähe. Oh Yachi.
„Oh ja, also der Mann wurde angeschossen! Könnt ihr euch das vorstellen?“ Yachi sah zuerst Kenma entgeistert an, dann Kawanishi. Ihre weiteren Worte waren wieder mehr dem Patienten zugetragen.
„Er ist schon richtig blass gewesen und hat fast nicht mehr sprechen können. Er ist uns direkt in der Notfallaufnahme zusammengebrochen und dann ist alles ganz schnell gegangen. Wir waren in dem Not-OP. Dr. Tendou hat die Schusswunde aufgeschnitten. Er hat meine Hand geführt, dass ich die Blutung stoppe. So wie bei dir damals, ich hab ganz fest gehalten, dass nicht noch mehr Blut verloren geht. Kenjiro hat mit Tüchern das überschüssige Blut weggemacht und Dr. Tendou hat alles getan um die Kugel rauszubekommen, aber die war so schwer zu erreichen. Es war so hektisch, ich hab versucht Platz zu machen, aber das war das mit dem Zudrücken nicht mehr so leicht und dann hat sich die Kugel verschoben und schließlich hat auch Dr. Tendou nichts mehr tun können“, erzählte Yachi. Ihre Stimme wurde immer hastiger und zitterte regelrecht. Ihre Hand um Kawanishis Unterarm drückte sich fester zusammen.
„Er ist verblutet… obwohl ich nichts falsch gemacht habe und auch Dr. Tendou hat nichts falsch gemacht.“ Mit diesen Worten sah sie zu Kenma auf, der mit den Schultern zuckte. „Manchmal kann man eben nichts mehr tun“, sagte er. „War die Polizei da?“, wollte er wissen und Yachi bestätigte.
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Die Polizei war da, aber sie haben nur noch Daten aufgenommen. Der Mann wurde in einer Kneipenschlägerei mit seiner eigenen Pistole angeschossen.
„Wenn man zu dumm ist, auf seine eigene Waffe aufzupassen…“, knurrte Shirabu. Er stand am Waschbecken des Notoperationssaales und versuchte das Blut so gut wie möglich aus seinem weißen Mantel zu waschen. Yachi stand neben ihm. Sie trug immer noch die blutigen Handschuhe und war bleich vor Schock. Der Mann war vor ihren Augen gestorben. Das laute durchgehende Piepgeräusch der Maschine, die den Herzschlag aufzeichnete, hallte noch in ihren Ohren, obwohl es längst abgedreht war.
„Wie sagt man? Den ersten vergisst man nicht“, sagte Shirabu. Yachi rührte sich immer noch nicht. Shirabu schnaubte.
„Jetzt sei nicht so, das ist die Natur des Lebens, wir können sie nicht alle retten“, schnauzte er sie an. Yachi drehte den Kopf langsam zu ihm. „Und Kawanishi liegt im Koma“, flüsterte sie. Shirabu legte den Kopf schief. „Was hat er damit zu tun?“
„Zwei Unfälle, zwei Patienten und keiner von ihnen lebt, also nicht richtig“, erklärte Yachi. Shirabu zog ihr endlich die Handschuhe aus, warf sie in den Müll und wusch sich sogleich das Blut wieder von den Fingern. „Kawanishi wird das schon durchstehen, wenn er keine Chance hätte, hätte er keine neue Lunge bekommen“, schlussfolgerte Shirabu und schob nun Yachi zum Waschbecken. Wie in Trance gab auch sie sich dem Akt des Händewaschens hin. Aber ihre Gedanken rasten. Die beiden Patienten, die ihr Leben in ihre Hände gelegt haben, noch nicht einmal freiwillig. Sie mussten! Weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Sie waren nicht bei Bewusstsein, oder kläglich, und Yachi war da. Sie war diejenige, die verantwortlich war.
„Dr. Tendou hat alles getan, ich hab gesehen, wo die Kugel eingedrungen ist, wie sie verrutscht ist und dass es zu spät war, noch bevor der Kerl mit der Rettung hier angekommen ist, also mach dich nicht fertig, es ist nicht deine Schuld“, sagte Shirabu und reichte Yachi.
„Wie geht’s Koma-nishi eigentlich?“, fragte er, da gab ihm Yachi den zärtlichsten Rempler, den er je erfahren hatte. „Nenn ihn nicht so! Das ist nicht nett!“, beschwerte sie sich. Shirabu sprach eine karge Entschuldigung ab, forderte aber auch eine Antwort.
„Er ist stabil, unverändert. Aber manchmal zucken seine Muskeln, dann hebt sich ein Finger oder seine Mundwinkel. Es sieht dann aus, als würde er kurz lächeln“, sagte Yachi selbst mit einem zarten Lächeln auf den Lippen. „Dir liegt wirklich was an ihm, hmm?“ Yachi wurde ertappt und sie wusste selbst nicht einmal so recht warum.
„Was ist das?“ Shirabu nahm beim Vorbeigehen eine kleine blaue Entenfigur vom Kästchen mit dem Feueralarmknopf. Yachi war sofort abgelenkt. „Das ist eines der Entchen, die Dr. Komori verrückt machen!“ Shirabu hob die Augenbrauen an, Yachi schlug sich die Hände auf den Mund. „Das wollte ich nicht sagen! Dr. Komori ist nicht verrückt“, japste sie. Shirabu musterte das Entchen. „Und wie machen ihn die Entchen verrückt?“, fragte er und Yachi erzählte vom Field-Day an dessen Nachmittag sie vor Kawanishis Transplantation eine Seite von Dr. Komori gesehen hat, die sie nicht kannte.
„Und ich hab auch eine“, schloss sie ab und griff rasch in die Brusttasche ihres Arztmantels. Sie stockte. Das Fummeln in der kleinen Tasche wurde hastiger. Yachi riss die Finger wieder heraus, weitete die Tasche und starrte von oben mit verzweifeltem Blick hinein nur um zu erkennen, dass sie leer war. Gleich darauf sah sie Shirabu panisch an.
„Ja und? Hast du sie halt verloren, wenn die hier eh überall rumstehen, kannst du jederzeit ein neues einstecken, hier nimm das“, sagte er und reichte Yachi das blaue Entchen.
„Nein! Das ist nicht das Problem! Ich hatte sie vorhin noch. Ich hatte die Ente bevor wir in die Notfallaufnahme gekommen sind“, sagte sie. Ihre Stimme wurde brüchig. „Nein!“, sagte Shirabu etwas lauter und schüttelte den Kopf. Yachi zog die Augenbrauen zusammen, ihre Augen wurden glasig und selbst Shirabu hatte einen unsicheren Gesichtsausdruck. „Wir müssen sofort zurück“, sagten sie zeitgleich und drehten um. Sie betraten die Notfallaufnahme und stellten zu allererst den kleinen Not-OP auf den Kopf. Alle Mülleimer wurden durchsucht, die Pfleger wurden befragt, auch das Reinigungspersonal hat die kleine rosarote Ente nicht gesehen.
„Sie ist in dem Mann drinnen“, hauchte Yachi einem Nervenzusammenbruch nahe. „Das kann nicht sein“, log Shirabu, der seinem bleichen Gesicht zur Folge auch davon überzeugt war, dass die Ente mit dem Patienten in die Pathologie geschoben worden war. Die beiden tauschten einen Blick aus. Ein Moment der Stille waltete, aber so wussten beide, dass sie in die Pathologie mussten.
„Was, wenn die Ente ihn umgebracht hat?“, presste Yachi unter Tränen heraus. „Der Schuss hat ihn umgebracht! Die Ente hat damit nichts zu tun“, verweigerte Shirabu jegliche Selbstanschuldigungen. „Was, wenn ich es schlimmer gemacht hab?“ Yachi war außer sich.
„Hast du nicht! Du hast gesehen, wie viel Blut er schon verloren hat und die Kugel ist verrutscht“ – „Was, wenn es nicht die Kugel war, sondern die Ente?“
Die Schritte wurden schneller. Yachi machte sich Vorwürfe, in ihrem Kopf waren sie bereits in der Leichenhalle und haben ihren Patienten gefunden, wieder aufgeschnitten und kramten nervös in dessen Innereien nach der rosaroten Ente. Ihre Vorstellung war so bildlich, dass sie augenblicklich stehen bleiben musste und gegen den Drang, sich übergeben zu müssen, kämpfte.
„Was ist los, Yachi? Komm schon!“ Shirabu war nervöser als sie ihn je gesehen hat. Yachi schluckte alles hinunter, was ihr hoch kommen wollte und sie folgte ihm weiter in das unterste Geschoss des Krankenhauses.
„Warum ist das Pathologische Institut immer im Keller?“, fragte sie mit einer weiteren anderen Nervosität in der Stimme. „Vermutlich, weil es dort von Haus aus kalt ist“, vermutete Shirabu. Warum die Lichter hier unten aber flackern mussten und die Gänge noch ausgestorbener waren, als der Rest den Krankenhauses in der Nachtschicht, ließ sich damit nicht erklären. Auch das mulmige Gefühl, das sich in ihrer beider Eingeweide ausbreitete war anderer Natur und dennoch hatte es einen direkten Zusammenhang damit, dass sie sich im Tiefgeschoss befanden.
„Shirabu-kun?“ Yachis Stimme flackerte genauso wie das Licht hier. „Bei dem, was wir gleich machen werden, kannst du Kenjiro sagen“, sagte Shirabu und packte sie am Oberarm um mit ihr gemeinsam ans Ziel, der Aufbewahrungshalle, zu kommen. „Okay“ Yachi nickte schnell, hielt Schritt und drückte sich gemeinsam mit ihrem Kollegen an der großen Glastür an die Scheibe um zu sehen, ob jemand dort drinnen war. „Mein Vorname ist Hitoka“, flüsterte sie. Ihre Augen huschten durch den verzerrten Raum. Das Licht dort war stabiler. Kein Flackern. „Gut, Hitoka, dann gehen wir mal hinein“, sagte Shirabu, tat den ersten Schritt aber noch nicht. Auch Yachi tat ihn nicht.
Keiner von beiden tat ihn, eine Weile nicht. Bis das Licht im Gang schließlich vollkommen ausfiel und Yachis Aufschrei Shirabu zur Flucht nach vorne getrieben hat.
„Was zur Hölle?!“, blaffte er sie an, sichtlich erschrocken. Yachi konnte das nachempfinden, hatte sie sich eben auch herzhaft erschreckt und war ihm Flott in die Halle gefolgt. „Ich hab mich erschrocken?“, fragte Yachi. Shirabu schnaubte. „Vor was? Der Dunkelheit? Oder hat dich was angegriffen?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, schnaubte noch einmal und ließ seinen Blick durch den Raum wandern.
„Ich hoffe nicht“, sagte Yachi und drehte sich rasch um. Nein, sie hatte tatsächlich nichts gespürt und es war auch niemand hinter ihnen. Nur die Panik war da, dass da vielleicht jemand sein konnte. Oder vielleicht sogar das Gegenteil? Denn wie sie sich wieder zu Shirabu wandte, erkannte sie wie er, dass auch hier drinnen niemand war. „Wir sind alleine“
„Dann lass ihn uns schnell finden, die Ente rausschneiden, wieder zumachen und ganz schnell zurück nach oben gehen“, drängte Yachi Shirabu weiter in den Raum zur nächsten Glaswand. Dahinter verbarg sich die Leichenhalle, so wie sie sie auch schon aus dem Studium kannten. Zwei Aufbahrungstische standen in der Mitte mit hohen Lampen und ähnlichen Bestecktischen, wie sie sie in den Operationssälen hatten, nur dass es hier nicht mehr darum ging, ein Leben zu retten, sondern darum, herauszufinden, was eines gekostet hat.
Einer der Tische war leer, auf dem anderen lag eine Person unter einem weißen Tuch. Yachi schluckte stark. „Das ist er, oder?“, fragte sie und Shirabu nickte. Dass er es nicht war, war ausgeschlossen. Dennoch interessierte ihn gerade etwas anderes mehr. „Was hier wohl sonst noch so rumliegt?“, fragte Shirabu und ging zu den Kühlladen. Er legte die Hand auf eine, betätigte den Zug und wollte bereits anziehen, doch Yachi hielt ihn auf. „Bitte lass uns das ganz schnell erledigen ja?“, flehte sie ihn regelrecht an. Shirabu seufzte. „Gut, vielleicht komm ich ein andermal noch hier her und schau mich um.“
Er trat näher an den Tisch heran. Yachis Hand bewegte sich bereits, ehe ihr etwas auffiel. „Hast du das gesehen?“, fragte sie mit hoher Stimme. „Was gesehen?“ Yachis Hand zitterte und sie deutete mit dem Finger auf den Körper unter dem Tuch. „Das da! Das bewegt sich“, fiepte sie. Shirabus Blick wandte sich kritisch auf den Tisch.
„Tatsache“, sagte er und schluckte. „Der Kerl atmet wieder? Und hat deine Ente drinnen?“ Nun wurde auch Shirabu wieder blass. Yachis Gesicht trug dafür wieder Farbe auf. „Das heißt, dass ihn die Ente nicht umgebracht hat“, freute sie sich. „Das bedeutet, dass wir ihm die Ente nicht einfach rausschneiden können“
„Fuck!“ – „Fuck? Hast du gerade Fuck gesagt?“ Yachi begann mit den Händen herumzufuchteln. Dahin war ihre gesunde Farbe wieder. „Was machen wir denn jetzt?“, fragte sie aufgelöst. „Ich weiß nicht. Zuerst. Ruhe bewahren?“, fragte er und Yachi nickte. „Genau. Ruhe bewahren“, wiederholte sie. Gesagt, getan, nicht getan, denn sie lief umgehend nervös um den Tisch herum. Auf und ab, hin und her. Shirabu blieb stehen und besah den sich rührenden Körper unter dem Tuch. „Und wenn‘s wer anderes ist?“ – „Wer sollte es sein? Ist gerade noch jemand gestorben?“
Beide überlegten. Nein, das ging sich nicht aus. Es gab keine Operationen in der Nacht, bis auf die in der Notfallaufnahme, weil eben das waren: Notfällte. Und sie hatten nur diesen. Sonst war es ruhig. Zu ruhig, wie Yachi gerade auch wieder bemerkte. Diese Halle war so gruselig.
„Dann sollten wir ihn aufwecken und fragen, ob wir die Ente rausschneiden sollen?“, fragte sie Shirabu. Der schien sogar zu überlegen, ob das eine Option. „Nein!“ war es offenkundig doch keine gute Idee.
„Aber aufwecken und ihn fragen, ob es ihm gut geht?“ – „Der Mann wurde angeschossen, dem geht’s nicht gut“ – „Mir geht’s auch nicht gut“
Yachi ließ sich auf den Boden nieder. Sie raufte sich die Haare und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch das war unmöglich. Der Mann würde sie verklagen, sie, Yachi, nicht das Krankenhaus, weil Yachi ihm eine Ente eingesetzt hatte und er nun damit leben musste. Vermutlich würde sie sich entzünden und Beschwerden bereiten, weswegen er noch mehr klagen würde. Yachi war ihren Job los. Da war sie sich ganz sicher. Sie könnte gleich ihre Sachen packen und Heimkehren zu ihrer Mutter und Kawanishi würde sie noch ein schönes Leben wünschen und sich bei ihm entschuldigen, dass sie nicht tanzen gehen könnten, weil sie kein Geld mehr hatte und vermutlich auch noch im Gefängnis sitzen würde, wegen fahrlässiger Entenimplantation.
Sie hätte auch gerade all ihre Energie in einen Nervenzusammenbruch gesteckt, hätte ihr Shirabu nicht die Hand vor den Mund gelegt und sie auf Geräusche hingewiesen, die weder von ihnen noch der Nicht-mehr-Leiche kamen. Ihre Augen wurden größer. Man wollte Angst haben, sie fielen ihr jeden Moment heraus.
„Da-da-das sind Schritte“, wisperte Yachi zwischen Shiarbus Finger hindurch, der nickte angespannt. „Jetzt sind wir am Arsch“, sagte er, von dem man es durchaus schon Mal gehört hatte, dass er fluchte. Yachi war auch gleich wieder nach fluchen, doch sie brachte keinen Ton mehr heraus.
Die Geräusche – es waren Schritte und leises Gerede – kamen immer näher. Yachis Herzschlag wurde schneller, sie drückte sich nach hinten und drückte sich so nah an Shirabu, dass sie sogar seinen beschleunigten Herzschlag hörte. Eine Entschuldigung dafür, dass sie sie beide in diese Lage gebracht hatte, blieb ihr im Halse stecken.
Das Gerede verstummte. Die Schritte wurden weniger, aber sie kamen dennoch näher. Yachi presste die Augen zusammen, drehte sich zu Shirabu um und wartete mit ihm auf ihre Entlassung. Sie würde aber dementieren, dass Shirabu auch nur im Ansatz damit zu tun hatte. Am besten würde sie sagen, dass er von nichts wusste und einfach nur da war.
„Yachi?“ Die junge Ärztin versteinerte augenblicklich. Diese Stimme kannte sie. Angespannt ließ sie von Shirabu ab, der überraschend ruhig blieb, und blinzelte ein paar Mal als sie die Ärztin aus dem zweiten Jahr erkannte.
„Eri-san! Er kann nichts dafür. Er hat nichts damit zu tun, ich wars, es ist nur meine Schuld! Der Mann wurde angeschossen und ich hab was in ihm verloren, aber er ist gestorben, aber er atmet noch“, platzte es aus ihr heraus.
„Du hast Matsukawa erschossen?!“ Eri schlug sich schockiert die Hand vor den Mund. „Warum?!“ „Wer?“
„Wer hat Issei erschossen? Ich hab keinen Schuss gehört. Was zur Hölle ist hier los?“ eine weitere Person kam in die Halle mit den zwei Tischen. Er war sehr groß, hatte kurze helle Haare mit einem gewissen Rosastich und Yachi meinte, ihn bereits in der Radiologie schon einmal gesehen zu haben. „Dr. Hanamaki?“, fragte sie.
„Ha, Dr. Iwaizumis Kleine!“ lachte der kurz auf aber machte umgehend eine ernste Miene. „Was ist jetzt mit Issei?“, fragte er.
Yachi war in ihrer Aufregung nicht drum herumgekommen, den Namen des vermeintlichen Patienten zu kennen und heulte ihre Geschichte aus. „Er wurde angeschossen, ich hab nicht geschossen, wir haben mit Dr. Tendou die Kugel rausschneiden wollen, aber er hat schon so viel Blut verloren, es war vergebens! Und ich hab meine Ente verloren und jetzt atmet er noch und ich weiß nicht, was ich tun soll und Ken- Dr. Shirabu trifft keine Schuld! Das ist alles an mir!“
„Was für ne Ente? Wer hat Enten im Krankenhaus?“, fragte Hanamaki. Yachi merkte, wie es um sie herum dunkel wurde. Sie ahnte, dass sie nun einen Schwächeanfall erleiden würde, doch dem war nicht so.
Neben ihr tauchte eine Hand mit der rosaroten Ente auf und eine tiefe ernste Stimme fragte: „Diese Ente?“ Die vermeintliche Leiche hat sich aufgerichtet.
Ein spitzer Schrei erfüllte die Leichenhalle und vermutlich auch das gesamte Kellergeschoss.
-
„Tja, es hat sich herausgestellt, dass die kleine rosa Ente gar nicht in dem Schussopfer drinnen war und dass Dr. Matsukawa aus der Pathologie sie neben der Leiche gefunden hat und Dr. Matsukawa hat einen Powernap auf dem Tisch gemacht und Dr. Hanamaki und Eri, also Dr. Miyanoshita wollten ihn für einen Mitternachtssnack besuchen und er war wirklich tot… also der aus der Notaufnahme, nicht Dr. Matsukawa, der lebt, auch wenn er irgendwie ein bisschen tot aussieht, aber ich glaube, das kommt daher, dass er da unten arbeitet. Das könnte ich nicht. Aber er wirkt so, als wäre es für ihn okay und Dr. Hanamaki ist sehr oft bei ihm, ich glaube ja, das läuft was. Eri hat auch immer so geguckt“, löste Yachi die Geschichte ihrer Nachtschicht auf. Kenma war selbst so gefesselt, dass er sich auf seinem Stuhl nach vorne gelehnt hat und wie an den Lippen seiner Kollegin hing.
„Ach ja und ich hab mir Gedanken über meine Spezialisierung gemacht. Ich glaube, ich will mich auf Transplantate spezialisieren, wie Dr. Romero. Er hat dein Lungentransplantat gemacht. Er ist ziemlich cool, Terushima-kun hat ihm noch keinen komischen Spitznamen gegeben, also… ich würde ihn Dr. Rockstar nennen“, kicherte Yachi. Sie seufzte leise und lächelte den schlafenden Kawanishi an.
„Du erzählst ihm wirklich alles, was du hier erlebst und erfährst oder?“, fragte Kenma. Yachi sah sich ertappt zu ihm um. „Ja… schon… ich hab das Gefühl, dass ich bei ihm ganz offen sein kann“, sagte sie, zog aber ihre Hände nun auch zurück, da sie Kenmas prüfenden Blick bemerkt hat.
„Ich hab das Gefühl, es hilft euch beiden“, sagte Kenma und stand auf. Natürlich hatte Kawanishi auch keine andere Wahl, aber Kenma wusste, dass Reden, Musik und Nähe bei Komapatienten helfen konnte. Bei Yachi merkte er dafür, dass sie unbekümmert war, wann sie mit ihm sprach, als würde sie mit einem alten Freund sprechen. Ob ihre Beziehung auch so sein würde, wenn Kawanishi aufwachte?
„Aber Yachi? Mach das nicht alleine, ich kann auch mal eine Schicht übernehmen und ihm ein Videospiel zeigen oder so“, schlug Kenma vor. „Das hat Kenjiro auch gesagt, ihr seid wirklich nett“, sagte Yachi. Sie stand auf und umarmte Kenma einfach. „Danke“, flüsterte sie. Kenma rührte sich kaum und ließ diese Geste erst einmal über sich ergehen. „Schon gut“, sagte er angespannt und fühlte sich erst wieder richtig wohl, als sie ihn losließ. „War das nicht okay? Entschuldige bitte. Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sagte sie sofort, als sie Kenmas schiefes Gesicht sah.
„Nein, es ist okay. Ich bin es nur nicht gewöhnt“, sagte er und steckte seine Hände in die Hosentaschen. „Sag mir einfach, wann ich mal übernehmen soll, okay?“, fragte er und ließ Yachi mit Kawanishi wieder alleine.
Am Gang bereute er aber sogleich, dass er nicht noch ein paar Minuten gewartet hatte oder eher, dass er nicht schon eher gegangen war.
„Er war der Erstbeste, den ich in die Finger bekommen hab, hättest dich ja anstellen können. Ich wüsste aber nicht, seit wann du Anspruch hättest“, keifte Shirabu im Vorbeigehen, hinter ihm jagte Dr. Semi von der Anästhesie her. „Heutzutage darf man nicht mal mehr neugierig sein, ohne eifersüchtig rüber zu kommen, was? Du sitzt ganz schön weit oben auf deinem hohen Ross.“
Kenma blieb wie angewurzelt stehen und ließ die beiden an sich vorbei wüten. Ob es um Terushima ging? Oder um Futakuchi? Nein, Futakuchi hatte ja etwas mit Terushima, wobei… ach, er würde einfach Kawanishi fragen, wenn dieser wieder wach war, denn so wie es schien, waren Yachi und Shirabu durch ihr kleines Abenteuer enger miteinander befreundet und somit würde der schlafende junge Mann davon erfahren, zumal Shirabu genau dieses Zimmer gerade anvisierte.
„Halt doch einfach deine Klappe, Semi-san, ich muss jetzt zu Kawanishi und Yachi ablösen, dass sie schlafen gehen kann“ – „Wow, was für eine nette Ausrede… soll ich jetzt auch noch gerührt sein?“
Kenma hat genug gehört. Er entschied, dass er auch einfach Terushima fragen könnte, wenn er ihn traf, würde es ihn noch interessieren.
Progress
Wer sind wir? Was macht uns aus? Ist es, wie wir erzogen wurden? Was wir tragen und wie wir uns in Accessoires hüllen? Ist es unser Job, die Musik, die wir hören, das Lächeln, das wir aufsetzen? Ist es die Stereotype, die man unsere Hautfarbe hat? Die Haarfarbe, das Make-Up? Sind wir unsere schulischen Leistungen? Der Wagen, den wir fahren oder die Tatsache, dass wir den Bus nehmen müssen? Ist es die Wohnung? Das Haus? Die Menschen, mit denen wir leben? Das ist alles ein Teil von uns.
Wir sind aber auch, was uns berührt. Wir sind die Sorgen, die wir uns machen, die Freude, die wir empfinden. Unsere Wünsche und Träume machen uns aus. Unsere Überzeugung. Nicht der Erfolg oder Misserfolg. Wir sind, was wir der Welt zurückgeben. Sei das ein ehrliches Lächeln, ein wahres Wort, eine echte Geste. Wir sind die Aufmerksamkeit, die wir anderen schenken und uns selbst. Unsere Fürsorge macht uns aus, aber auch die Möglichkeit, auf uns selbst zu achten. Wir sind nicht das auf und ab.
Depression macht uns nicht aus. Manie ist nicht, was uns formt. Krankheit macht uns nicht aus. Wir sind nicht die Steine, die man uns in den Weg legt, das Hindernis, das wir überwinden müssen.
Wir sind, was wir daraus machen und wir sind mehr.
***
Heute durfte Kenma seinen Fall das letzte Mal präsentieren und die Entlassungspapiere für Iizuna unterzeichnen. Erwartungsvoll dieses wunderschönen Lächelns ging er nach Dr. Komori in das Krankenzimmer und wurde nicht enttäuscht. Das wurde er von Iizuna in den vergangenen zwei Wochen nie. So erlaubte er seinem Mundwinkel selbst den Weg nach oben zu bahnen. Es machte ihn ungeahnt glücklich, dieses Lächeln zu sehen und dazu die funkelnden Augen, die immer dann aufleuchteten, wenn Kenma den Raum betrat. Auch, dass er bereits ein paar Dinge über Iizuna wusste, zum Beispiel, dass er auch mal einen ganzen Abend in einem Videospiel versinken konnten und ungeplant eine Nacht durchmachte. Aber auch, dass es nicht sehr oft passierte. Iizuna war lieber an der frischen Luft und unternahm etwas, er lernte gerne Menschen kennen und war durchaus geselliger Typ. Ganz anders als Kenma. Aber immer, wenn Iizuna erzählte, kam die Wärme bei ihm an und er war irgendwie froh, dass dieser Mann an ein Krankenbett gefesselt war. War. Nicht mehr lange.
Nach einer knappen Zusammenfassung trat Kenma näher heran. „Die Narbe sieht schon sehr schön aus“, sagte er und legte ihm beide Hände an den Hals. Vorsichtig tastete er die frische Narbe und gegengleich die andere Seite ab. Seine Finger kribbelten. Sein Herz machte komische Dinge. Sein Atem drohte, zu beschleunigen. Aber Kenma verdrängte jedes einzelne kleine Zeichen dafür, dass Iizuna vielleicht mehr als nur ein Patient war. Die Finger tasteten sich weiter hoch. Alles schien in bester Ordnung, wäre da nicht Iizunas Gesicht. Iizunas wunderschönes Gesicht, das sich unangenehm verzog. Kenma wusste genau, warum es das tat.
„Sie werden diese Taubheit noch einige Wochen spüren, dann sollten Sie eine Besserung erkennen, es kann Monate dauern, bis Sie volles Gefühl haben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es nicht zu einhundert Prozent zurück kommt“, sagte Kenma und löste die Hände wieder. Er wollte nicht, dass es zu unangenehm wurde. Weder für Iizuna, noch für ihn, weil er die Wärme der Haut des Patienten als angenehm empfunden hat und auch die Nähe zu ihm war nicht unangenehm, wie es vor ein paar Tagen bei der Umarmung von Yachi war.
„Ich weiß“, sagte Iizuna leise. „Ich hatte das ja schon mal, aber sagen Sie, Sie sind nun nicht mehr mein Arzt oder?“, fragte er und deutete auf die Unterschrift der Entlassungspapiere, die Kenma just setzte. „Sie haben Recht“, antwortete er knapp, was auch hieß, dass er einfach gehen konnte, aber seine Beine wollten nicht. Kenma erkannte im Augenwinkel wie Yamaguchi Terushima einen Stoß mit dem Ellenbogen verpasste, behielt seinen Blick aber auf Iizuna gerichtet.
„Dann gehen Sie bitte mit mir aus, wenn Sie mal Zeit haben“ Iizuna stand aus dem Bett auf. Er trug bereits seine Alltagskleidung. Schlicht, aber nicht locker, edel aber nicht aufgetragen, hübsch, wie Iizuna es war. Dr. Komori scheuchte Yamaguchi, Terushima und Akaashi so leise wie möglich raus, konnte sich ein breites Grinsen aber auch nicht ganz abschminken.
„Ich hab keine Zeit“, lehnte Kenma ab und machte einen Schritt zurück. Iizuna schüttelte den Kopf. „Sie müssen auch mal frei haben“, warf er ein. Das würde er nicht akzeptieren.
„Das hier ist ein strenges Programm, ich hab selten frei“, antwortete Kenma und schon hatte ihn sein Gegenüber. „Aber Sie haben frei“, sagte Iizuna und nahm einen Zettel, den er am Nachttischchen vorbereitet hatte. Er überreichte ihn Kenma. „Aber -“ – „Nichts aber, wenn Sie frei haben und an mich denken, rufen Sie an“ Er legte seine Hand um die von Kenma und ging damit sicher, dass seine Nummer auch in dessen Besitz war und blieb. Iizuna lehnte sich etwas nach vorne und wisperte ein zartes „Bitte“. Kenmas Herz schlug in diesem Augenblick schneller. In seinem Magen machte sich etwas breit, das er so nicht kannte.
„O-kay“, sagte er und entzog seine Hand, bereute aber umgehend. Das Gefühl war schön gewesen.
„Bitte ruhen Sie sich noch ausreichend aus. Nehmen Sie die Medikamente, bis sie aus sind. Mindestens eine Woche, erst dann dürfen Sie sich leicht körperlich betätigen. Passen Sie auf, schwere Dinge zu heben und betreiben Sie noch einen Monat keinen Sport“, fand Kenma schnell zur Routine zurück und ließ Iizuna zurück, der seinen Blick erst abwandte, wie Kenma ganz aus dem Raum war.
„Also, Dr. Model und Grinsebacke?“, fragte Terushima frech, als sie wieder komplett waren. Er bekam keine Antwort. „Ach komm schon! Irgendwas? Ich muss Kaede später Updates bringen über alles, was hier knistert“, hackte Terushima nach. Kenma wandte den Kopf ruckartig um. „Warum erzählst du ihr dann nicht einfach von Dr. Futakuchi und Shirabu und davon, dass sie dich beide abserviert haben und lieber miteinander… was auch immer machen?“, schlug er pampig vor. Woher Kenma das wusste? „Das hab ich dir im Vertrauen gesagt!“, zischte Terushima. Yamaguchi war gerade noch ruhiger als sonst und Akaashi strich sich angestrengt über die Stirn. „Shirabu-kun spielt wohl auch sein eigenes Bingo“, sagte er und überraschte mit seinem Zynismus und dem Seitenhieb gegen seinen Kollegen.
Dr. Komori lachte auf. Diese Assistenzärzte waren echt eine Nummer für sich. Amüsant, aufregend und sie brachten einen frischen Wind ins Krankenhaus.
„Glaub mir, das kommt hier sowieso alles raus…“, seufzte Kenma. „Exakt, alles kommt raus. Auch welcher von euch Halbstarken seinen Spaß mit diesen Enten treibt“, sagte Dr. Komori wieder ernster und fischte eine weitere kleine blaue Ente vom Schild des nächsten Patientenzimmers, das sie aufsuchten. Der prüfende Blick blieb wieder ergebnislos.
Im Zimmer trat Akaashi an das Krankenbett und zog seine Hand mit allerlei bunten Entchen heraus um sie auf dem Beistelltisch zu präsentieren. Da lagen sie in unterschiedlichen Farbe. Gelb, grün, rosa, blau, orange, violett… Nur die eine mit der Sonnenbrille fehlte. „Keiji! Du hast mir alle Farben geholt!“, japste Bokuto überglücklich. Akaashi drehte direkt zu Dr. Komori um, der bereits nach Luft rang. „Ich hab nur gesammelt, Bokuto-san mag sie so gerne“, erklärte er, aber Bokuto räusperte sich sofort, weil ihm nicht gefiel, mit welchem Namen hier hantiert wurde. „Kotaro sag ich vorerst nur zu dir persönlich“
Sowohl Komori als auch Bokuto gaben sich mit den Antworten zufrieden.
Akaashi präsentierte den Patienten. Bokutos Werte haben sich in den letzten Wochen sehr verbessert, was ihm erlaubte, ab diesem Tag auch das Bett zu verlassen.
„Gehst du dann mit mir?“, fragte Bokuto. Seine Finger fummelten nervös auf der Bettdecke herum. Seine Augen hätten nicht glanzvoller strahlen können. Akaashi neigte den Kopf verlegen zur Seite. „Wir können heute Nachmittag gerne spazieren gehen“, versprach er ihm. „Nehmt bitte einen Rollstuhl“, gab Komori zu bedenken. „Langweilig…“, maulte Bokuto. „Er dient deiner Sicherheit“, versuchte ihn Akaashi zu besänftigen. Bokuto hatte die Hände vor der Brust verschränkt und musterte die Ärzte.
„Und wenn nicht nur Keiji mit mir geht? Wie wäre es noch mit Dr. KenKen und Ku-Bro?“, fragte er. Kenmas Augen weiteten sich. „Dann können sie mich fangen, wenn mir der Boden unter den Füßen wegrutscht“, sagte Bokuto und sah dabei verstärkt in Akaashis Richtung. „Ich kann niemanden fangen“, sagte Kenma und war der erste, der das Patientenzimmer verließ.
Dass er nun tatsächlich mit Akaashi und Kuroo Aufpasser spielen musste, erfuhr er später direkt von Akaashi. Kuroo hat ihm in einem kurzen Moment während der Mittagspause gesagt, dass er sich schon darauf freute.
„Nach dem Vormittag kann ich einen ruhigen Nachmittag echt gebrauchen“, sagte Kuroo. Er ging mit Kenma links hinter Bokuto. Akaashi war direkt an Bokutos rechter Seite. „Dr. Sawamura hat mich echt hart in die Mangel genommen und ich darf erst nicht bei der OP dabei sein“, murrte Kuroo. „Welche OP?“, fragte Kenma. „Warum ist er gemein zu dir? Was hast du gemacht?“, wollte Bokuto wissen. Kuroo lachte erst verhalten, entwickelte aber ganz schnell einen richtigen Lachanfall, der die kleine Gruppe zum Stehenbleiben zwang.
„Glaubt ihr nicht, Leute. In der Tagesaufnahme kamen heute zwei Jungs rein, die um die Wette seltsame Gegenstände geschluckt haben. Einem steht nun eine Gürtelschnalle quer in der Speiseröhre kurz nach dem oberen Ösophagussphinkter und will nicht mehr weiter. Aber die haben echt die geilsten Sachen geschluckt. Der Andere hat sofort eine von Dr. Komoris bunten Enten weggehappst. Ernsthaft, als gäbe es da nichts“, erzählte Kuroo und zählte die skurrilsten Dinge auf. Büroklammern, Reißnägel, eine Pinzette, Schnur, ein Plastikhandschuh…
„Lass mich raten, du konntest dich vor den Patienten genauso wenig zusammenreißen, wie jetzt?“, erahnte Kenma den Grund für Kuroos Ausschluss an der Operation. „Schuldig… Aber er kann mich auch nicht leiden“, sagte Kuroo. „Weil du mit ihm um den süßen Kinderarzt kämpfst oder?“, fragte Bokuto auf wackeligen Beinen. Nach so langer Zeit des Liegens wurde ihm nun schmerzlich bewusst, dass so ein Rollstuhl wohl gar keine so schlechte Idee wäre. Vor Akaashi wollte er aber nicht Blöße zeigen, das sah ihm Kenma schon an und er fand es lächerlich.
„Was heißt da kämpfen? Ich bin konkurrenzlos. Sawamura ist in der Friendzone“, sagte Kuroo stolz. „Und er muss das einsehen! Und er muss mich ausbilden! Ich bin ein hervorragender Arzt und werde ein noch besserer Chirurg“ In einem Gespräch mit Kenma hat Kuroo bereits fallen gelassen, dass er sich für die Allgemeinchirurgie entschieden hat. Dass er vielleicht ein Problem mit Dr. Sawamura hatte, ließ er bei der Entscheidung außen vor. Er könnte ja auch unter Chefarzt Takeda lernen, war Kenmas Vorschlag gewesen, aber dieser Mann arbeitete zu sehr nach Lehrbuch. Dr. Sawamura war da anders. Er ging gerne neue Wege, aber setzte nichts im Operationssaal ein, was er davor nicht bereits im Trockentraining perfektioniert hat. So wollte auch Kuroo arbeiten. Und so war es nicht verwunderlich, dass die beiden Männer wohl auch denselben Geschmack hatten: Hübsch, klug, nicht ganz durchschaubar und ein freches Wesen. Der richtige Humor musste es schon sein und Sugawara, so hat Kuroo gesagt, hatte es faustdick hinter den Ohren.
„Wenn hier einer kämpfen musst, dann du“, sagte Kuroo etwas leiser zu Bokuto, dass Akaashi es nicht hören konnte, Kenma aber sehr wohl. „Aber warum das denn?“ Die Antwort darauf war der Anästhesist, der beim Hauptausgang stand und eine Zigarette rauchte. Bei ihm stand Dr. Meian, Chefarzt der plastischen Chirurgie. Kenma dachte an die Operation zurück, bei der er Dr. Meian assistieren durfte, als bei dem Autounfall auf der Autobahn damals eine Patientin dabei war, Mai Nametsu, die wegen eines explodierten Nikotindampfgerätes schwere Verbrennungen hatte. Schon einen Monat später sah man nur noch zarte Narben, die sich noch weiter zurückbilden sollten, bis man sie nur noch erkannte, wenn man von ihnen wusste. Dr. Meian war ein Meister seines Faches und damit nicht umsonst in dieser hohen Position.
Konoha brach sein Gespräch höflich ab und entsorgte den Rest der Zigarette im Aschenbecher, als die vier aus dem Krankenhaus traten um mit Bokuto die nächste Bank unter einem Baum aufzusuchen. Vor dem Krankenhaus ging eine Gasse aus Bäumen und Sträuchern zur Seite, die auch an der Dienststelle der Rettung vorbei führte, weiter an einer kleinen Wiese entlang neben der Haltestelle des Busses, die Kenma schon gut kannte.
„Wie geht’s unserem Herzchen?“, fragte Konoha und neigte sich zu Bokuto nach vorne. Bokuto hat ein paar Atemzüge benötigt um nun wieder einigermaßen geregelt zu atmen. Dass ihm der Schweiß auf der Stirn stand, tat sein strahlendes Gesicht ab. „Dank Keiji geht’s meinem Herzen wundervoll“, sagte er. „Aber warte mal! Dich kenn ich doch. Du bist der Arzt, der mir gesagt hat, ich soll so weit zählen, wie ich kann. Wie weit bin ich gekommen?“, fragte Bokuto neugierig.
„So weit, wie noch nie jemand“, sagte Konoha mit einem sanften Lächeln. Auf die wiederholte Frage, weil es Bokuto nicht reichte, nur der Beste zu sein, ergänzte er, dass es die Zwölf war. „Das ist total wenig“, murrte er. „Besser als dreizehn, das ist eine Unglückszahl“, sagte Kenma. Bokuto wollte also beim nächsten Mal bis vierzehn zählen.
„Ich hoffe, das nächste Mal ist noch ganz lange aus“, seufzte Akaashi. „Willst du mich etwa nicht so bald wieder sehen?“, fragte Bokuto geknickt und ließ dabei nicht nur den Kopf hängen. „Natürlich will ich dich bald wieder sehen, aber nicht als Patient“, sagte Akaashi, dass in Bokutos Gesicht ein Strahlen aufging, das mit der heißen Juni-Sonne konkurrierte.
„Es freut mich zu hören, dass es dir gut geht. Ich muss leider wieder rein, die Leute schlafen nicht von alleine ein“, sagte Konoha mit einem Zwinkern und verabschiedete sich mit einem zarten Kuss von Akaashi, dass Bokuto nun auch endlich verstand, was Kuroo gemeint hat. „Keiji… ist er dein Freund?“, fragte er. Dahin war es wieder mit Bokutos Leuchtkraft. Der sonst so beherrschte junge Arzt wurde umgehend nervös. Akaashi steckte seine Hände in die Kitteltaschen und drückte mit den Daumen seine Finger durch. Einen nach den anderen und wieder zurück.
„Darüber haben wir so noch nicht gesprochen“, gab er leise zu und schenkte Bokuto genau den Funken Hoffnung, den er brauchte um nun aufzustehen. „Dann möchte ich, dass du mich besser kennenlernst und ihn vergisst“, sagte er. Kenma rammte Kuroo den Ellenbogen in die Seite, weil dieser bereits Luft holte um die Situation schlimmer zumachen. „Bin schon still“, keuchte dieser und rieb sich die Stelle. „Seit Terushima bei uns wohnt, wirst du immer handgreiflicher“, beschwerte er sich. Kenma protestierte: „Er kennt seine Grenzen einfach noch nicht und tu nicht so, als würde ich euch schlagen“ Kenma musste Terushima oft von sich wegschieben, seine Hand abfangen oder ihm auf die Finger klopfen, wenn er ihm ins Spiel greifen wollte. Terushima verstand es einfach nicht anders.
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Bokuto wurde zwei Wochen später entlassen. Kenma war nicht dabei, aber er konnte sich schon vorstellen, dass der Patient deutlich gemacht hat, dass er und Akaashi sich treffen würden und dass es diesem schwer gefallen war, abzulehnen.
„Das heißt, du triffst dich jetzt mit Zwei?“, fragte Terushima beim Mittagessen und fuchtelte mit einem Stückchen Hähnchenfleisch zwischen den Stäbchen vor Akaashis Gesicht herum. Akaashi schob den Arm und somit die Geflügelinvasion höflich beiseite. „Es ist nicht so, als würde ich mit beiden schlafen“, sagte er. Seine Augen funkelten angriffslustig, dass sogar Terushima verstand, dass er sich nicht mit ihm anlegen sollte. Aber Wissen schützte nun einmal nicht vor Dummheit nicht. „Also gerade nur mit dem Schlafarzt?“ Terushima wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. Kenma verdrehte die Augen, aber war froh, dass es zur Abwechslung nicht um den Zettel in seiner Manteltasche ging. Seit Iizuna das Krankenhaus vor ein paar Wochen verlassen hat, hing ihm Terushima ständig in den Ohren.
„Hast du die Grinsebacke schon angerufen?“ – „Habt ihr schon ein Date ausgemacht?“ – „Was schreibt ihr so?“ waren die Fragen. Die Antworten waren: „Nein“ – „Nein“ und „Nichts“ und stellten Terushima nicht zufrieden. „Ich kann das auch machen und für euch ein Date ausmachen“, war einer seiner Vorschläge, den Kenma dankend ablehnte. Er lehnte alle Angebote seines Kollegens ab, egal, ob er ihm in der Nachtschicht damit die Stille versaute, im Bus die Heimfahrt oder den Weg zur Arbeit unangenehm machte oder ob er zuhause den Kopf bei der Tür reinsteckte und ihn beim Spielen vor dem Schlafen gehen unterbrach. Kenma hat sogar akzeptiert, dass Terushima sich neben ihn setzte – auf den Boden, denn Kuroo hat laut protestiert, als er Terushima in Kenmas Bett gesehen hat – und um die Rolle des Player 2 bat. „Oder ist Player 2 jemand Besonderes?“, hat er gefragt und von Kenma einen Stoß gegen die Schulter bekommen. „Klappe halten und die nächste Welle abwehren!“
So hat Kenma ihn zumindest daheim ruhig stellen können. Mit Ablenkung. Beim Kochen war Terushima überraschend konzentriert. Kenma mochte, was Terushima kochte, Kuroo war anderer Meinung.
„Kannst du eigentlich auch was anderes, außer Nudeln zu entweihen?“, fragte er eines Nachmittages, den sie alle drei frei hatten und Terushima über das Abendessen sinnierte. „Na klar“, sagte er. „Haben wir Reis?“ – „Finger weg vom Reis!“ Kuroo war aufgestanden und drohte Terushima mit dem Finger. Er wollte keine Perversitäten mit dem leckeren Reis, den sie vom Laborchef bekommen haben.
Kenma schob sich aus seinem Zimmer heraus. „Ich hätte gerne Reis“, sagte er, auch bereit, Terushima zu unterstützen. „Mit Ketchup?“ war die Frage, die er selbst nicht einmal verneint hätte. „Mit einem Tritt in den Arsch!“, polterte Kuroo und lief Terushima um den Tisch herum nach. „War nur ein Spaß! Nur ein Spaß! Bitte! Nicht. Kenma! Hilfe!“ Kuroo hatte ihn am Ohr erwischt und zog mahnend daran. Terushima hob die Schultern an und klärte unter Fiepen seinen Plan auf: „Ich mach ein Curry! Mit Fisch. Fisch ist doch okay oder?“, fragte er, weil er im Tiefkühlfach diese Filets gesehen hat, die in Quadraten portionierbar waren. Kuroo schnaubte, musterte Terushima eingehend und ließ von ihm ab. „Fisch ist okay, aber wehe, du machst was Verrücktes“, drohte er noch einmal und ließ die beiden Jüngeren in die Küche. Kenma entging dabei natürlich nicht, dass Kuroo den Fisch nicht abgelehnt hat. In letzter Zeit kam es zwar selten vor, dass sie gemeinsam aßen, aber Fleisch und Fisch hat er auf Kuroos Teller schon lange nicht mehr gesehen. Die Hafermilch war aber immer noch im Kühlschrank und somit hatte Kenma auch schon eine Theorie parat. Er vermutete, dass Kuroo, der ja eigentlich liebend gerne Fisch aß und Fleisch nicht verschmähte, nur dann auf Happy-vegan-Partner tat, wenn Dr. Sugawara anwesend war. In der Kantine somit und vermutlich hat er ihn sogar schon das ein oder andere Mal mit nach Hause genommen, wenn dieser Kaffeeveruntreuer hier weiterhin rumstand. Terushima mochte die Hafermilch. Vermutlich, so dachte Kenma, war ihm der Unterschied nicht einmal aufgefallen, weil Terushima einen anderen Geschmacksinn hatte als er. Bei Milch war Kenma etwas heikel. Wie eine Katze. Deswegen trank er den Kaffee zuhause mit immer weniger Milch. Im Krankenhaus gab es dann richtigen Kaffee mit echter Milch.
Kenma hatte den Reiskocher in Betrieb genommen und dank einen Tipp von Terushima mit einer großen Frühlingszwiebel verfeinert. „Beim nächsten Einkauf nehmen wir Gewürznelken mit. Die machen Reis noch besser“, sagte Terushima und taute den Fisch auf. Außerdem holte er aus den letzten Winkeln des Kühlschrankes noch Erbsen in der Dose, eine Paprika, die bald gegessen werden sollte und im Schränkchen über den Herdplatten entdeckte er sogar Pfirsichspalten in der Dose, die das Curry auf Kokosmilchbasis perfekt ergänzen sollten.
„Kuro wird das nicht mögen“, sagte Kenma. „Wegen den Pfirsichen? Aber da verpasst er was, das ist ‘ne ganz tolle Geschmacksexplosion“, wand Terushima ein. Er schnitt die Paprika nach einem kurzen Wasserbad auf, entfernte das Kerngehäuse und verarbeitete sie zu kleinen Würfeln. Kenma summte zustimmend. „Glaubst du, er mag mich mehr, wenn wir ihm eine Portion ohne Pfirsiche machen?“, fragte Terushima und Kenma schmunzelte. „Nur, wenn er den Abwasch nicht machen muss“ Einen Versuch war es den beiden wert. „Abtrocknen zählt mehr“, sagte Kenma. „Gar nicht wahr! Weißt du, was für einen Schaden man nimmt, wenn man zu viel abwäscht?“ Terushima war nicht auf den Kopf gefallen und konnte den Abwasch wirklich auf Kenma abwälzen.
Nach dem Essen gab es sogar Lob von Kuroo. Er hob zwar hervor, wie überrascht er war, aber auch dass Terushima einfach weiter an normalen Dingen arbeiten sollte und sie würden schon bald eine wundervolle Freundschaft führen.
Terushima vergas später beim Abtrocknen auch nicht, dass wenn man in einem Spiel Schaden nahm, man zu Heilung greifen konnte und so fischte er mit der Gabel eine der übrigen Pfirsichspalten aus der Dose und hielt sie Kenma hin. „Medi-Pack?“ – „Die wäschst du dann selbst nochmal ab“, sagte Kenma aber ließ sich füttern.
„Warum gibst du heute immer nach?“, fragte Kenma aber Terushima schüttelte den Kopf. Kenma schnaubte „Ich biete dir gerade an, zu reden, also entweder sagst du es oder du lässt es. Aber glaub nicht, dass mir das nicht auffällt“, gab er die Chance ein zweites Mal und diesmal wurde das Angebot angenommen. „Kaede hat heute mit ihrer Physio und dem Rollstuhfahren angefangen“ Terushima seufzte. Kenma auch, denn er wusste, dass Terushima zu dieser Frau einen besonderen Draht hatte. Seit sie im Krankenhaus war, ist er nicht mehr mit dem Motorrad gefahren. Das stand immer noch am Krankenhausparkplatz und gab ein erbärmliches Bild ab. Weil es die Tage mal geregnet hat und die trocknenden Tropfen mit dem Schmutz von der Schnellstraße, die am Krankenhaus vorbeiführte, grauenhafte Flecken hinterlassen haben.
„Ist nicht so gut gelaufen. Aber es war das erste Mal. Sie muss das jetzt täglich machen“, sagte Terushima. Kenma überlegte einen Moment und reichte Terushima in der Zeit die große Pfanne als letztes gewaschenes Geschirrstück.
„Es ist, wie die Steuerung von einem neuen Spiel zu lernen. Das ist auch manchmal frustrierend. Es kann echt dauern, bis man das raus hat. Sie kriegt das bestimmt noch hin“, sagte er und ließ Terushima mit der Pfanne zurück in der Küche. Auch Kuroo ließ er alleine im Wohnzimmer und ging stattdessen auf sein Zimmer. Er drehte die Konsole auf und wählte das Spiel aus, bei dem gerade eine Hubschraubermission anstand, die er nicht zum ersten Mal starten musste. Die Steuerung war frustrierend.
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„Und er sagt Sushi zu ihm… weißt du warum? Genau! Weil er beschränkt ist. Er hat so einen hübschen Vornamen und Dr. Ich-kann-ihn-nicht-ausstehen dachte, er heißt Nori und hat das mit Sushi in Verbindung gebracht. Dabei sind das Maki mit den Nori-Blättern und eigentlich sollte es egal sein, Aki- Konoha-san hat gesagt, es ist nichts zwischen ihnen, nicht mehr. Aber es ärgert mich und ich mags nicht, dass er ihn Nicky nennt, wie so n Blondchen, nichts für Ungut, Kozume, aber Dr. Romero ist alles andere als eine blonde Tussi. Der ist ein richtiger Kerl. Groß, muskulös, gutaussehend, er hat diesen brasilianischen Akzent und diese Arme… Schau dir meine Arme mal an, damit kann ich ihn gerade so umarmen, da ist nichts an Stärke und Sicherheit…“ Akaashi war außer sich. Er hat Kenma vollkommen überrumpelt, als sie aufeinander trafen. Mit geweiteten Augen folgte er. Die Schultern waren hochgezogen, weil Akaashi lauter sprach als sonst, nicht nur mehr, er hatte gerade das Pensum einiger Tage ausgesprochen wenn man die Relation der Lautstärke ebenfalls berücksichtigte. Aber Kenma hatte erstmal nur einen Einwand.
„Meint du, ich bin eine blonde Tussi?“, fragte er. Akaashi gewahr sich in allem Einhalt, das er gerade tat: Dem Durchblättern der Akte, die er gerade mit Kenma zu Dr. Romero bringen sollte, seine Schritte, die er auf den Weg dorthin tat und auch im Verlust seiner Selbstkontrolle.
„Das ist alles, was du aus dem herausnimmst?“ – „Naja, ich hab schon verstanden, dass du Dr. Romero nicht magst, aber das betrifft mich nicht, es wirkt außerdem so, als würdest du überreagieren, immerhin datest du gerade Bokuto und Dr. Konoha. Aber Blondchen und Tussi wie du es gesagt hast, betrifft mich eventuell schon, wenn du es ernst meinst.“ Kenma blieb neben Akaashi stehen und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Okay, entschuldige bitte Kozume-kun, du hast vollkommen recht, ich reagiere über und du bist keine blonde Tussi. Ich sollte mich nicht so aufregen, immerhin sind wir nicht… exklusiv“, sagte er. Kenma nickte und sie gingen weiter. Da war sie wieder, die angenehme Ruhe, die die beiden meistens teilten und die Kenma so genoss.
Kenma und Akaashi trafen Dr. Romero vor dem Krankenzimmer, in dem die Patienten lagen, denen die Akte angehörte. Akaashi räusperte sich. „Dr. Romero“, sagte er bemüht höflich und überreichte den Papierkram.
„Oh, obrigado, Dr. Akaashi“, bedankte er sich mit seinem warmen rollenden brasilianischen Akzent. „Kommen Sie bitte, Sie auch, Dr. Kozume“, sagte er und bat die beiden in das Patientenzimmer, in dem auch Dr. Sakusa bereits wartete. Kenma wunderte sich, weil die Akte nichts beinhaltete, was den Neuro-Spezialisten bedurfte.
„Das sind Atsumu und Osamu Miya, Gêmeos… Zwillinge“, sagte Dr. Romero, das korrekte Wort war ihm fast entfallen. Es gab sofort Protest „Er is‘ adoptiert!“ Kenma zog prüfend die Augenbrauen hoch, denn bis auf unterschiedlich gefärbtes und gegengleich gekämmtes Haar konnte man gerade noch eine Unterscheidung in ihren Blicken ausmachen. Was Kenma überraschte: Der Zwilling mit dem fertigen Blick war nicht derjenige im Krankenbett.
„Wie auch immer. Atsumu ist hier, weil man medikamentös nicht mehr gegen seine Autoimmunhepatitis ankommt. Es hat sich eine komplikationsreiche Leberzirrhose gebildet und sein… und Osamu wird einen Teil seiner Leber spenden“, stellte Dr. Romero weiter vor. Atsumu verschränkte die Arme im Bett und funkelte Osamu mit einem bitterbösen Blick an. „Wenn sich nich‘ noch zufällig n anderer Spender findet“, knurrte er. „Sei nich‘ so undankbar, Bastard“, knurrte Osamu zurück.
„Atsumu steht natürlich auf der Transplantationsliste und es besteht die Chance, eine ganze Spenderleber zu erhalten, aber wir müssen schnell agieren und ehestmöglich den Eingriff machen. Dr. Kozume? Sie bringen Atsumu zum psychologischen Gutachten. Dr. Akaashi? Sie gehen mit Osamu. Morgen ist die OP angesetzt. Kollege Udai wird die Hälfte von Osamus Leber entnehmen und ich werde sie Atsumu einsetzen. Wenn alles gut geht, werden beide für ein paar Tage auf der Intensivstation verbringen und anschließend zwei Wochen zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben“, erklärte er weiter. Sein Blick wanderte durch die Runde. „Noch Fragen?“
„Und Dr. Sakusa?“, fragte Kenma. „Ich bin gerade nicht als Arzt hier“, antwortete der Oberarzt und nahm Atsumus Hand. Sowohl Kenma als auch Akaashi waren überrascht. Schätzte vor allem Kenma den Oberarzt als unnahbar ein. „Mhm, is‘ ganz mein“, sagte Atsumu mit einem bewusst durchdringlichen Blick in Kenmas Richtung. Dann wandte er sich an Dr. Romero.
„Und wann seh‘ ich Dr. OmiOmi endlich in Action?“, fragte er. Dr. Sakusa verdrehte die Augen. Ihm war anzusehen, dass er den Spitznamen nicht besonders gerne mochte. Kenma ahnte auch, dass sich Terushima nun das Maul über ihn zerreißen würde, wüsste er darüber Bescheid. „Das wird ihr Companheiro Ihnen sicher selbst sagen können, ich stehe nicht über ihm“, antwortete Dr. Romero. „Nix da Kumpane! Amore! Grande Amore!“, wollte Atsumu das klarstellen, aber Dr. Sakusa mahnte ihn mit einem ernsten Blick. „Companheiro heißt Partner“, knurrte er und drückte Atsumus Hand fester.
„Leute… wenn ihr mich g‘rade nich‘ braucht, würd‘ ich mir was zu essen hol‘n, ab wann muss ich damit aufhör‘n?“, fragte Osamu und trat näher an Dr. Romero. „Es reicht, wenn Sie morgen nichts mehr essen“, sagte er und Osamu verabschiedete sich damit in die Cafeteria. „Nich‘, dass du mit ne Fettleber abgibst“, rief ihm Atsumu noch nach. Eine Fettleber würde Kenma auf den ersten Blick nicht erwarten, denn beide Zwillinge waren schlank, soweit er das sah und wirkten nicht ungesund, bis auf den müden Blick des gerade Davongetretenen, aber das konnte eine ähnliche Herkunft haben, wie bei Kenma.
„Solltest du nich‘ mit ihm zum Klapsdoktor?“, fragte Atsumu. Er bekam direkt einen Seitenhieb von Dr. Sakusa, aber Akaashi verstand die Message. „Natürlich, ich werde Ihren Bruder-“ – „Adoptiert!“ – „-gleich in meine Aufsicht nehmen und mit ihm in die psychiatrische Abteilung zu Chefarzt Sarukui gehen“, erklärte Akaashi und verabschiedete sich. Auch Dr. Romero verließ den Raum und Kenma blieb zurück. „Dann gehen wir jetzt auch gleich zu Dr. Sarukui“, schlug er vor. „Das ist nicht notwendig. Dr. OmiOmi geht mit mir“, blaffte Atsumu und sah zu seinem Freund, aber der schüttelte den Kopf. „Ich muss jetzt zu einem Patienten und in einer Stunde habe ich einen Gliom am Temporallappen, bei dem mir Dr. Kozume assistieren wird“, sagte Dr. Sakusa und lehnte sich für einen Abschiedskuss, den er aber noch nicht gab, zu Atsumu nach vorne. Kenma, der das Hadern verstand, wich einen Schritt zurück und wandte den Blick ab, den beiden ihre Privatsphäre zu gewähren. Es war ihm auch unangenehm. Vor dem gehen gab Dr. Sakusa noch eine Anweisung. „Passen Sie mir gut auf ihn auf“
Dann stand Kenma mit Atsumu da und musste sich seinem richtenden Blick fügen. Es wurde noch unangenehmer und Kenma wusste nicht einmal, warum.
Auf dem Weg in den Trakt, wo sich auch die psychiatrische Abteilung befand, trafen sie Terushima. „Hab ich dich nicht gerade mit ner anderen Haarfarbe in der Kantine gesehen?“, fragte er und musterte Atsumu prüfend. „Und dich hab ich heute Morgen im Spiegel gesehen“, konterte Atsumu. Kurz herrschte Stille, dann stellten sich die beiden unter Lachen vor. Kenma war Terushima sogar dankbar dafür, dass er nun hier war und sie auch begleiten wollte, weil er als nächstes auch bei Dr. Sakusas Operation dabei sein wollte, allerdings in der Galerie.
„Dann seh‘n wir uns das zusamm‘ an?“, fragte Atsumu. „Aber sowas von“, schlug Terushima mit ihm ein. Kenma seufzte. War ja klar, dass die beiden sich einwandfrei verstehen würden.
„Dr. Model hier und Dr. McArrogant sind echt ein super Team, das musst du mal gesehen haben“, sagte Terushima. Kenma wunderte sich einerseits über das Kompliment, andererseits war er wegen Atsumus Blick nun nicht gerade glücklich darüber. „Dr. Model also?“, fragte Atsumu und musterte Kenma genauer. „Wüsste nicht, wo das herkommen soll. Schlecht gefärbt, müder Blick, ständig die Haare im Gesicht“, richtete er und schüttelte den Kopf. „Aber hast du meinen Freund arrogant genannt?“, wandte er sich nun kritischer an Terushima. „Oh ähm ja also… Warte! Dr. Arrogant ist dein Freund?“, fragte er und Atsumu nickte stolzer als ein König. „Echt fett…“, sagte Terushima unter nicken aber sah zu Kenma, dann wieder zu Atsumu und zurück zu Kenma. „Ich find-“ – „Ich glaube, du hast echt genug geredet, wir sind jetzt eh da“, unterbrach Kenma und blieb stehen um an der nächsten Tür zu klopfen.
Mako Otaki, Dr. Sarukuis Assistentin, empfing sie und bat Atsumu direkt weiter. Kenma und Terushima blieben im Gang stehen um zu warten.
„Dr. Sakusa hat gesagt, ich soll auf ihn aufpassen“, schnaubte Kenma. Terushima grinste breit. „Weißt du, was mir da einfällt? Wenn Dr McArrogant mit so nem Dude zusammen ist, dann steht der absolut auf meinen Typ“, sagte er stolz. Kenma verdrehte die Augen, weil er an seinen ersten Tag erinnert wurde an dessen Ende Terushima erklärt hat, dass Dr. Sakusa das Abweisendste war, das er je erlebt hatte. „Hab schon verstanden, dass ihr beide ein und dieselbe Person seid… Anders als sein Zwillingsbruder, der ihn genauso vehement verneint, wie er selbst. Also… darf ich meine Aufgabe auf dich abwälzen? Passt du auf ihn auf?“, fragte Kenma. Terushima schien zu überlegen.
„Für mich?“ harkte Kenma nach. Terushimas Grinsen wurde wieder breiter. „Alles für dich, Prinzessin“, sagte er, aber Kenma ermahnte ihn: „Nur weil ich die Prinzessin spiele, heißt das nicht, dass ich eine bin! Aber Danke und viel Spaß“, musste Kenma diese Unterhaltung wohl so stehen lassen. Er vertraute Terushima auch auf gewisse Weise. Nun gut, er wusste, dass er die Operation sehen wollte und er wusste auch, dass Atsumu Dr. Sakusa sehen wollte somit konnte das gar nicht schief gehen.
Nichts konnte schief gehen. Dieser Überzeugung war Kenma auch, als er ein dreiviertel Stunde später mit Dr. Sakusa im Vorbereitungsraum stand und sich die Hände wusch. Feinsäuberlich, wie auch der Oberarzt es tat. Konzentriert und einen gewissen Spielablauf im Kopf, um die vom Krankenhaus vorgeschriebenen fünf Minuten des Reinigen einzuhalten.
„Woran denken Sie dabei?“, fragte Kenma, weil er erkannte, dass auch Dr. Sakusa in Gedanken schien. Ein ungeahnt sanftes Lächeln bildete sich auf den Lippen des Neurospezialisten, auch seine Augen fingen einen Glanz ein, den Kenma so noch nie gesehen hat. „Ich denke an Atsumu und wie er mich das letzte Mal um eine Verabredung gebeten hat, bevor ich mich auf ihn eingelassen habe. Sie?“, stellte er die Frage zurück, weil er gerade gute Laune hatte. „Ein Videospiel“, sagte Kenma, drehte das Wasser ab und trocknete sich mit den Papierhandtüchern ab. Die beiden besprachen die Schritte des Eingriffes und betraten den Operationssaal. Die Masken wurden angezogen und Kontrollblicke getätigt.
Kenmas Blick führte dabei nicht als erstes auf den Patienten oder den Scan oder den Bildschirm für die Überwachung der Vitalwerte, sondern direkt in die Galerie wo er Terushima und Atsumu erwartete. „Sie haben Atsumu doch wohlbehütet zurückgebracht, nicht wahr?“, fragte Dr. Sakusa und winkte Kenma an den Platz ihm vis-a-vis auf der anderen Seite des Patienten. Kenma schluckte. „Ich hab ihn wohlbehütet zurückgelassen“, sagte er. Hat er. Als er ging, war Atsumu in Dr. Sarukuis Händen. Dass er die Verantwortung auf Terushima abgeschoben hat und dass das in Dr. Sakusas Augen bestimmt nicht wohlbehütet war, konnte er sich selbst denken. Würde er es auch so sehen. Er hat Atsumu keinem guten Schicksal überlassen. Dr. Sakusa bemerkte auch, dass etwas nicht stimmte.
Doch just bevor er fragen konnte, gab es an der Glasscheibe der Galerie ein dumpfes Geräusch und ein Quietschen, dass die Aufmerksamkeit auf sich riss. Kenma wusste nicht, ob er erleichtert oder verärgert sein sollte, denn Terushima war gerade angekommen und Atsumu hat sich gegen das Glas geworfen und rutschte nun mit seinem Gesicht an die Scheibe gedrückt hinunter. Terushima deutete Kenma mit Fingerpistolen, die ihm wohl darbieten sollten, wie toll er seinen Job gemacht hatte.
„Es tut mir aufrichtig Leid, Dr. Sakusa-sama“, sagte Kenma. „Er ist so ein Vollidiot“, seufzte Dr. Sakusa und verdrehte die Augen. „Das ist er“, bestätigte Kenma. „Hey! Wie reden Sie über Atsumu? Das steht Ihnen nicht zu“, wurde er ermahnt, dass er sich gleich noch einmal entschuldigte und unter aufkommender Nervosität erklärte, dass er eigentlich Terushima gemeint hat. Stille trat ein.
„Okay, Missverständnis, Dr. Terushima ist auch ein Vollidiot und Sie haben recht, das zu bestätigen“, ließ Dr. Sakusa die Situation vergehen.
Er ließ auch die Zeit schnell vergehen, denn für Kenma war es wir bei einem seiner Videospiele: Er war so gefesselt von dem was passierte, dass er jegliches Gefühl für die Zeit verlor. Dr. Sakusas Handgriffe waren routiniert. Seine Konzentration lag voll auf seiner Arbeit, die Kenma mit Argusaugen beobachtete und der er sich im richtigen Moment anschloss. Es war sogar ein Leichtes für den Oberarzt, Kenmas Haltefehler auszukorrigieren und ihn höflich aber mit Nachdruck darauf hinzuweisen. „Natürlich“, sagte Kenma, passte seine Haltung an und sah hoch in Dr. Sakusas Gesicht. Er war fokussiert, hochkonzentriert und Kenma ertappte sich einmal mehr in der Bewunderung dieses Arztes. Noch bevor dieser es aber bemerkte, fing er seine Aufmerksamkeit wieder zurück zum Temporallappen und der letzten Klemme die gesetzt wurde ehe das Gewächs entfernt und in die Schale für medizinischen Abfall gelegt wurde.
Kenma saugte die Flüssigkeit ab, dass Dr. Sakusa noch einmal nachkontrollieren konnte, ob auch alles ordnungsgemäß verschlossen war. Ein Blick auf den Monitor schenkte auch Gewissheit und Kenmas Blick traf den zufrieden Gesichtsausdruck seines Lehrers. „Sehr gut“, sagte Dr. Sakusa und schloss die offene Stelle wieder und gab den Patienten für die Intensivstation frei, nachdem sie fertig waren.
Atsumu stand weiterhin in der Galerie und könnte glücklicher nicht aussehen. Seinem Freund bei einer komplizierten Operation zuzusehen war wohl ähnlich aufregend, wie von einem der besten Lehrern, die man haben konnte, zu lernen. Kenma verstand die Euphorie, aber er lebte sie nicht.
„Gute Arbeit heute, Dr. Kozume. Ich hoffe, ich kann mich in Zukunft weiters auf sie verlassen?“, stellte Dr. Sakusa die Frage, die Kenma niemals verneinen könnte. „Natürlich, Dr. Sakusa-sama, immer“, sagte er. Nun machte sich auch bei ihm die Euphorie breit. Kuroo würde sagen, er konnte von Glück reden, dass er schon so früh seine Spezialisierung gefunden hatte und Kenma empfand in diesem Moment auch wirklich unheimliches Glück.
„Danke, Dr. Sakusa für diese Chance“, sagte er ehe sie den Operationssaal verließen.
Am Gang warteten bereits Terushima und Atsumu auf die Beiden. Terushima hat tatsächlich sein Wort gehalten. „Mein Freund ist wirklich der großartigste Arzt“, sagte Atsumu und fiel besagtem großartigsten Arzt auch schon um den Hals. Dr. Sakusa wehrte den Zuneigungsangriff aber souverän ab. Er fing Atsumu an der Hüfte auf und nahm ihm die Geschwindigkeit. „Ist bin so stolz auf dich“ Atsumu gab nicht auf, dass Kenma sich entschied, mit Terushima zu gehen. „Auf wiedersehen“, sagte er und Terushima schlug zum Abschied mit Atsumu ein, der sich nun wieder versuchte an seinen Freund zu schmiegen.
„Ich mag es nicht, wie er dich ansieht“, sagte Atsumu ernst zu Dr. Sakusa. „Wie wer mich ansieht?“, war nicht klar, wer gemeint war. „Na diese schlecht gefärbte Blondine“, hörte Kenma ihn noch sagen und schnaubte. „So schlecht bist du gar nicht gefärbt“, sagte er zu Terushima, doch der lachte. „Oh, er meint nicht mich, er meint dich“, klärte er Kenma auf. Kenma blieb verblüfft stehen. „Mich?“
„Ja, mit seinen großen runden knuffigen Augen, er hängt förmlich an deinen Lippen. Was läuft da?“ Atsumu war immer noch zu hören, dass Kenma bereits umdrehen und sich empören wollte, doch Terushima hielt ihn auf. Denn Dr. Sakusa wusste das schon selbst zu entschärfen: „Da läuft gar nichts, ich bin sein Lehrer und er ist mein Schüler. Er lernt, Atsumu“ – „Er flirtet“ – „Vertrau mir, er lernt“
Kenma war außer sich und er wurde das Gefühl nicht los, dass Terushima mitverantwortlich für die Situation war. Den Vorwurf schlug dieser aber sofort ab und widmete sich einem ganz anderem Thema: Der Motorradfahrerin.
„Ich war mit Atsumu bei ihr… wollte sie aufmuntern, mit meinem unechten Zwillingsbruder. Hat aber nicht besonders geholfen. Das mit dem Rollstuhlfahren fällt ihr echt schwer, sie hat wenig Kraft und die Physio ist anstrengend“, sagte Terushima und senkte den Kopf. Kenma wusste inzwischen, dass ein kleines Stückchen von Terushimas Schicksal an dieser Frau hing, das Stückchen, das auch mit der gelben Kawasaki am Parkplatz zu tun hatte.
„Kaede ist so ne taffe Frau, aber sie ist so frustriert. Ich wünschte, ich könnte ihr helfen“, seufzte Terushima. „Schmollen wegen ihr bringt ihr sicher nichts. Aber du bist doch derjenige, der immer nur Spaß will. Warum zeigst du ihr nicht, dass es auch Spaß machen kann?“ – „Wie soll Rollstuhlfahren denn bitte Spaß machen?“, fragte Terushima regelrecht pampig. Kenma zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht, du bist der Spezialist für Spaß, dir fällt schon was ein“, sagte er. Sie gingen weiter aber wurden schier wieder zum Stehen bleiben gezwungen, zumindest wenn sie nicht in die Schusslinie gelangen wollten.
„Kaede, Kaede, Kaede! Ich kann es nicht mehr hören!“ Das Klagelied der Krankenschwester füllte den Gang, aber Dr. Iwaizumis Poltern war auch nicht zu überhören und gar zum Kopf einziehen.
„Ich versteh nicht, warum du so eifersüchtig reagierst!“ Dass Dr. Iwaizumi schon einmal laut werden konnte, wussten sie von Shirabu, aber auch von Tsukishima, der sich herrlich darüber amüsierte, wenn besagter Stationsarzt mit Dr. Oikawa ins Geschütz trat.
„Ich bin nicht eifersüchtig, Hajime. Ich bin angepisst, weil es kein anderes Thema mehr gibt“, blaffte Kaori. Die beiden kamen näher und Kenma wurde nervöser, aber seine Beine wollten sich nicht recht bewegen. Terushima war wohl zu neugierig, als, dass er geflüchtet wäre.
„Kannst du bitte aufhören, so herumzuschreien?“ ermahnte Dr. Iwaizumi, aber Kaori lachte. „Dann kannst du dir bitte eingestehen, dass du Gefühle für das Miststück hast?“, knurrte sie ihn an. „Dann gesteh du dir doch ein, dass du eifersüchtig bist! Und nenn sie nicht so. Du kennst sie gar nicht. Wenn du sie kennen würdest… du würdest nicht so über sie sprechen“ – „Ich hab ja wohl allen Grund dazu, eifersüchtig zu sein“, kam es wieder lauter von Kaori und sie blies kraftvoll Luft aus.
„Du bildest dir das ein“, beharrte Dr. Iwaizumi auf seinen Standpunkt und dann traten die beiden auch schon um die Ecke und Kenma hielt aus Reflex die Luft an. Terushima griff urplötzlich nach seiner Hand und zog ihn hinter sich in einen Raum. Die Tür wurde zugemacht und Terushima deutete mit dem Finger auf seine Lippen, dass er leise sein sollte. „Ich hätte nichts gesagt“, flüsterte Kenma und Terushima Shhhte noch einmal deutlich. Kenma nickte. Terushima hat sie in einen der Utensilräume gezogen, nicht den Kramuri-Raum vom dritten Stock, sie waren im zweiten Stock und vis-a-vis war zumindest kein Bereitschaftsraum, wo jemand, vorzugsweise Terushima, Shirabu und oder Futakuchi, herauskommen konnte.
Der Streit kam näher. Kenmas Herz wollte schon stehen bleiben, weil er hörte, dass die zwei vor der Tür standen. Es wurde zwar etwas leiser und vielleicht sprachen sie auch schon wieder halbwegs normal miteinander, die Panik stieg den beiden aber so richtig auf, als sie die Türschnalle bewegen sahen.
Da blieb Kenmas Herz dann auch stehen, aber nicht, weil Dr. Iwaizumi und Kaori bei der Tür hereinkamen, sondern, weil sich Terushima nah an ihn schob und mit einer ungeahnten Leidenschaft seine Lippen in Beschlag nahm. Terushima raubte ihm binnen Bruchteilen von einer Sekunde den Atem, den Herzschlag und das Gefühl für Zeit und Raum. Kenma kniff die Augen zu und realisierte nur, dass ihm das Aftershave des anderen nicht abneigte.
„Oh, Entschuldigung“, hörte er entfernt und auch, dass die Tür zugeknallt wurde. Von dem Gekichere draußen merkte er kaum etwas und dann löste sich Terushima von ihm und Kenma starrte ihn entsetzt an. „Was… was sollte das?“, fragte er ihn aufgelöst. Er fasste sich auf die Lippen. Seine Finger zitterten, aber er ließ Terushimas Hand nicht los, weil er fürchtete, der Boden würde ihm unter den wackeligen Beinen wegrutschen.
„Ich hab uns gerettet, wenn die beiden hier rein gekommen wären, hättest du was viel Schlimmeres über dich ergehen lassen müssen, als nen kleinen Kuss von mir“, sagte Terushima und nahm Abstand. „Ein kleiner Kuss? Das war mehr als ein kleiner Kuss!“, empörte sich Kenma, aber stolperte Terushima nach. Die Arme schlangen sich stützend um ihn, aber Kenma versuchte sich zu wehren.
„Sag nicht, das war dein erster Kuss“, befürchtete Terushima. Kenma schnaubte. „N-nein… natürlich nicht“, sagte Kenma. Er sah Terushima dabei nicht ins Gesicht, weil er nicht einer Lüge ertappt werden wollte.
„Dr. Model!?“ Nun war Terushima außer sich. „Vergiss es, lass mich einfach in Ruhe“, sagte Kenma und stieß Terushima von sich weg, er lief aus dem Raum, knallte die Tür hinter sich zu und beschleunigte seine Schritte auf ein Maximum.
„Kenma!“, rief ihm Terushima nach, aber er ignorierte ihn. Er wurde schneller und hoffte, dass er ihm nicht folgen würde. Tat er nicht.
Vollkommen außer Puste kam er an seinem Ziel an und erkannte, dass Shirabu da war. Kenma wechselte nicht gerne mit Shirabu ab, wenn es darum ging, Kawanishi etwas von seiner Zeit zu schenken. Denn er hörte dabei immer Dinge die er nicht hören wollte.
"Ich weiß ja nicht, ob du auf Frauen oder Männer stehst, aber Terushima und sein Zungenpiercing..."
Verdammt! Terushimas Zungenpiercing!
oder
"Kenji ist ganz schön herrisch im Bett!"
Diese Bilder!
Wenn es aber losging mit: "Boah ey, Semi-san hat...", dann suchte Kenma besonders schnell wieder das Weite, denn Semi hat Shirabu wohl mal das Hirn hinausgeblasen und wie sein Kollege das genau meinte, wollte er gar nicht näher erfahren, geschweige denn, was noch geblasen, gefegt und weggevögelt wurde.
Aber an diesem Tag sagte er nichts mehr. Er stand auf und übergab an Kenma, der wusste, dass Yachi in drei Stunden wieder hier sein würde.
„Terushima ist ein Arsch… aber das weißt du sicher schon“, sagte er zu Kawanishi und ließ sich neben ihm nieder. Sein Herz musste sich erst beruhigen. Er musste verarbeiten, was da gerade passiert war und er musste akzeptieren, dass Terushima nun etwas über ihn wusste, was sonst niemand wusste.
1042
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Von der 1042er Reihe Elektrolokomotive der österreichischen Bundesbahnen wurden seit den 60er Jahren 257 Stück geliefert. Die Lok wird auch als Universallokomotive bezeichnet und wird mit einem SSW-Gummiring-Federantrieb angetrieben. Die Lok gab es in Tannengrün (80), Blutorangefarben (die meisten anderen) und Kaminrot (versuchsweise am Anfang). In den 90er Jahren wurde das veraltete Modell auf die 1142er Reihe aufgerüstet.
1042 ist die Nummer eines Formulars der Armerikanischen Steuerbehörde, dem IRS, welches verpflichtend auf der ganzen Welt von entsprechenden Vermittlern ausgefüllt und übermittelt wird. Vermittler können Banken sein, Rechtsanwälte oder eigene Firmen, die nur für so etwas gegründet wurden. Um das zu dürfen, müssen sich diese Vermittler einer intensiven Prüfung unterziehen, die regelmäßig wiederholt werden muss um den sogenannten QI-Status positiv zu halten. QI steht für Qualified Intermediary und bezeichnet den geprüften Vermittler.
Im Formular wird die unter länderspezifischen Doppelbesteuerungsabkommen berücksichtigt abgeführte US-Quellensteuer in Verbindung mit Wertpapiergeschäften amerikanisch Ansässiger dargestellt. Fehler sind nicht erlaubt und werden teuer. Wer diese Beschreibung versteht ist entweder ein Genie oder hat jahrelang versucht, es zu verstehen, weil für einen solchen Vermittler gearbeitet wurde, und kann das Thema nun nicht mehr hören, weil es, sobald das Thema Steuer aufkommt, immer problematisch wird. Sobald die Amerikaner mit im Spiel sind, meint man gleich noch zusätzlich nervöser werden zu müssen.
In der Apostelgeschichte [url=https://bibeltext.com/acts/10-42.htm]10-42[/url] steht geschrieben:
"Und hat uns geboten, zu predigen dem Volk und zu zeugen, daß er ist verordnet von Gott zum Richter der Lebendigen und der Toten."
Die Koordinaten 10/42, also 10° 0' 0" N 42° 0' 0" E führen uns nach Äthiopien.
10:42 ist aber auch eine Uhrzeit. Zwei sogar, einmal vor Mittag und einmal nach Mittag, des Nachtens.
Beim Timestamp 10:42 dieser wunderschönen [url=https://www.youtube.com/watch?v=iU1T92_-eL8&t=642s]Coversammlung[/url] startet ein Song, richtungsweisend für dieses Kapitel.
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Die Nachtschicht war Kenmas liebste Schicht und sie war die Rettung für den Assistenzarzt. Durch sie konnte er ein unangenehmes Gespräch mit seinem Mitbewohner abwehren. Er konnte Terushima ausweichen und er konnte auch Kuroo auf Abstand halten, der sofort bemerkt hätte, dass etwas nicht stimmte. Aber was genau stimmte nicht? Der Kuss, den ihm Terushima gestohlen hat, um sie von Schlimmeren zu bewahren, wollte ihn eigentlich nicht stören. Kenma hat sich nie vorgestellt, wie toll oder nicht toll oder aufregend oder verrückt sein erster Kuss sein würde. Für Romantik hatte er keinen Sinn, auch Verlangen hatte er kaum bis keines danach. Nicht, bis Terushima ihn so überrumpelt hat und er zum ersten Mal dieses aufregende Gefühl hatte, das ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hat.
Immer wieder hat er sich bei Kawanishi, am Weg heim, in den Stunden im Zimmer, zum Einschlafen und nun auch im Bus am Weg ins Krankenhaus zu besagter Nachtschicht, dabei ertappt, dass seine Finger automatisch auf seine Lippen gewandert sind und er versuchte, das Gefühl für sich zu beschreiben. Erfolglos.
Auch war es schwer, zu entscheiden, ob es ein positives oder ein negatives Gefühl war. Es war, passé positiv, aber es verwirrte ihn, dass der negative Beigeschmack Terushimas so schwer wog. Terushima hat ihn geküsst. Und da war schon Leidenschaft drinnen, denn Terushima, so ahnte Kenma, machte keine halbe Sachen, selbst dann nicht, wenn es nur Tarnung war. Und diese Gefühle verwirrten.
Sie haben Kenma beim Verlassen des Krankenhauses am Vorabend nicht mehr in Yamaguchis Augen sehen lassen. Das tat er selten, aber diesmal konnte er nicht. Terushima war wirklich ein Arsch.
Aber dieser Arsch war gerade nicht da. Er hatte eine normale Schicht und Kenma saß allein im Bus. Wieder einmal mit den Fingern auf seinen Lippen. Am liebsten hätte er sie sich abgebissen. Ging aber nicht. Stattdessen trat er vollkommen unvorbereitet aus dem Bus.
„Dr. Kozume.“ Eine schwache Stimme sprach ihn an und er wandte sich zu Dr. Sakusa um. „Dr. Kozume, ich… ich kann die Zeit nicht rückwärts drehen“, sagte er als die beiden sich gegenüberstanden. Kenma musterte den Oberarzt. Er sah absolut fertig aus, hatte Augenringe, verquollene Augen und sein Haar war zerzaust. Er war blass und hatte einen irren Blick drauf.
„Sie können sie auch nicht vorwärts drehen“, vermutete Kenma. Dr. Sakusa lachte verhalten. „Sie haben recht… was… was kann ich eigentlich, Dr. Kozume?“, fragte er und packte den Assistenzarzt an den Oberarmen, ihn desillusioniert durchzuschütteln. Kenma spannte an, schluckte und starrte seinen Mentor überfordert an. „Entschuldigen Sie“, sagte Dr. Sakusa. Er nahm sofort die Hände von ihm und ging ein paar Schritt an ihm vorbei. Immer wieder murmelnd, dass er die Zeit nicht zurück drehen konnte. „Dr. Sakusa-sama, was ist passiert?“, fragte Kenma und schloss auf. Angepasst blieben beide Ärzte stehen und Dr. Sakusas Stimme erzählte brüchig, was in den letzten 24 Stunden passiert ist. Nicht, dass Kenma jedes Detail erfahren wollte, aber er ließ den Oberarzt reden.
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Sakusa hat in der Nacht kein Auge zugemacht. Es war nicht so gewesen, dass er Dr. Romero nicht vertraute. Ganz im Gegenteil, wenn jemand seinen Respekt verdiente, dann war es neben Dr. Nekomata, dem Chefarzt der Neurologischen Chirurgie, Dr. Romero, Spezialist für Transplantationen. Der Beste im Land. Weit und breit.Nein, es war nicht die Sorge. Nicht seine. Es war Atsumus Sorge, die diesen und somit Sakusa wach hielt.
„Und du schaust zu?“, fragte Atsumu und Sakusa nickte. „Und wenn was is, bist du da, yea?“, fragte er weiter. Sakusa nickte wieder.
Die ganze Nacht über gab es Fragen. Atsumu wurde auch richtig desillusionieret und fragte nach Kenma, er fragte nach anderen Männern und erkundigte sich auch, ob Terushima sein Typ war – war er nicht, Terushima war ein Vollidiot.
Sakusa wurde laut, als ihn Atsumu zum wiederholten Mal fragte, ob er schlief.
„Wie soll ich schlafen können, wenn du keine Ruhe gibst und schwachsinnige Fragen stellst?“, blaffte er ihn an und sah in verschreckte Augen. Er war Atsumu gegenüber selten laut. Er musste nur manchmal sehr deutlich werden, aber er hat ihn nie angeschrien. „Tut mir leid… aber du raubst mir den letzten Nerv“, seufzte er und stand auf. „Ich hol mir einen Kaffee, das wird heute eh nichts mehr mit dem Schlafen“, sagte er und stand auf. Den Wunsch nach einer Limo erfüllte er Atsumu nicht. Es gab Wasser, mehr durfte er vor der Operation nicht zu sich nehmen. Auf den Protest hin flog dann schließlich ein Polster vom zweiten Bett in diesem Zimmer und Osamu machte sich laut bemerkbar. „Wenn du so weiter machst, behalt ich meine Leber ganz“, knurrte er. „Mach nur! Dann bekomm ich ‘ne Bessere“ – „Bekommst du nicht, sei einfach still und versuch zu schlafen“, mischte sich Sakusa noch einmal ein und setzte sich wieder an Atsumus Bett. Ruhe kehrte ein. Aber nicht lange. Das Fragespiel ging weiter. Details über die Operation, wie das genau mit dem abklemmen funktionierte und warum sie das gleichzeitig machten – nämlich dass der Teil von Osamus Leber schnell eingesetzt werden konnte um so wenig Zeit wie möglich zu verlieren.
„Ich verhungere hier noch“, quengelte Osamu, als Sakusa ein paar Stunden später auch das Frühstück verwehrte, beiden. „So schnell geht das nicht“, antwortete dieser trocken und stand auf. „Jetzt kommt die Visite. Dann werdet ihr vorbereitet und für die OP geholt“, erklärte er und ging zur Tür.
„Und du? Gehst du jetz? Ich dachte, du bleibst bei mir!“, beschwerte sich Atsumu gleich. Sakusa seufzte. „Ich geh mich frisch machen, Atsumu. Ich bin wieder hier, bevor ihr im OP seid. Versprochen“, sagte er und sah dabei auch zu Osamu, der ihm verständig zunickte. Atsumu griff noch einmal nach seiner Hand, dass es Sakusa nun wirklich schwer fiel, einfach zu gehen, aber er fühlte sich schrecklich. Übernachtig, ungepflegt und unterkoffeiniert. Also ging er.
Eine angenehme warme Dusche mit einem kurzen Heiß-Kalt-Wechsel erledigte das meiste um den Rest kümmerte sich ein frisch gebrühter Espresso, den er mit Komori in der Krankenhauskantine geholt hat. Eigentlich wollte er sich einen Deckel für den To-Go-Becher nehmen, doch als er diesen vom Stapel hob, kam ein rotes Entchen in der Grüße eines Zuckerwürfels zum Vorschein und er verzichtete ob der Tatsache, dass jemand mit verunreinigten Fingern hier am Werk gewesen sein musste.
„Das ist unerhört“, schnaubte er, da auch ihm schon aufgefallen ist, dass seit geraumer Zeit kleine bunte Entchen diverse Bereiche des Krankenhauses zierten. Und er fand das gar nicht nett, süß, witzig oder auch nur irgendwie in Ordnung.
„Ich hab das Gefühl, sie verfolgen mich“, zischte Komori, der seit der Sichtung der roten Ente geweiterte Augen denn je hatte. Seine Iriden zischten wild von links nach rechts, etwas hoch und weiter hinunter, absuchend, wo das nächste intrigante Vogelgetier saß.
„Wie sollen sie dich verfolgen, Motoya. Die sind aus Plastik“, sagte Sakusa und nahm einen regelrecht erlösenden Schluck vom Espresso. „Harz“, korrigierte Komori, ignorierte aber den eigentlich Inhalt der Message. Denn auch Enten aus Harz konnten ihn nicht verfolgen.
„Ich finde es höchst unhygienisch. Wer auch immer sich hier einen Spaß erlaubt, versteht nichts davon“, sagte Sakusa. „Als würdest du was von Spaß verstehen, Kiyo“, kicherte Komori, kassierte aber umgehend ein Augendrehen. Darum ging es nicht. Und doch, Sakusa meinte, dass er gut ausgewählten Humor durchaus verstand und auch schätzte. Immerhin hat es auch Atsumu geschafft, sein Herz zu erobern. Natürlich nicht nur durch Humor. Bei Kiyoomi Sakusa brauchte es dann schon um einiges mehr. Atsumus einzigartiger Charme trug maßgeblich dazu bei, dass Sakusa sein Herz und seinen Kopf verloren hat. Nichts, was er ihm gerne und oft sagte, ihm aber ehrlich zugestand.
„Bist du nervös?“, fragte Komori nachdem sie aufgestanden waren und er dabei den letzten Schluck seines Milchkaffees nahm. Die beiden leeren Pappbecher wurden entsorgt und die Kantine verlassen. „Kiyo?“, fragte Komori nach, weil der Oberarzt in Gedanken war und ihn gar nicht recht hörte. Sakusa dachte an die Zeit, in der er Atsumu kennengelernt hat, damals, als er noch nicht hier gearbeitet hat, damals, als das mit Atsumus Krankheit gerade aufkam und er mit jedem Treffen hoffte, eine einfache Lösung dazu zu finden. Aber es war nicht einfach. Auch die Operation, die Dr. Romero und Dr. Udai heute an den Zwillingen durchführen würden, war nicht einfach. Sie gehörte für die Transplantationsspezialisten zur Routine. Aber es war nicht einfach. Und genauso war es nicht einfach für Sakusa, zu antworten.
„Es ist okay, wenn du nervös bist“, sagte Komori und legte seinen Cousin die Hand auf den Oberarm, auf eine Art und Weise, wie er wusste, dass dieser es akzeptierte. „Ich bin nicht nervös“, schüttelte Sakusa ab. „Aber… ich bin auch nicht… nicht nervös“ Er seufzte. Komori lächelte ihm aufmunternd zu. „Das ist wohl normal. Aber du hast heute selbst keine OP oder? Du kannst den ganzen Tag bei ihm sein, nicht wahr?“, fragte der Stationsarzt und Sakusa nickte. Er würde den gesamten Eingriff über in der Galerie sitzen, stehen… sich aufhalten und warten, bis Atsumu wieder auf sein Zimmer gebracht würde und dann würde er mit ihm gehen und seine Hand halten, so lange, bis er aufwachte und sich darüber beschweren konnte, dass er schlecht gelegen hat oder dass er Hunger hatte oder Limonade wollte.
Mit diesen Gedanken verabschiedete er sich von Komori, den selbst die Pflicht rief. Chefarzt Nekomata sogar, denn Komori hat sich wie sein Cousin für die Neurochirurgie entschieden und durfte heute bei der Behandlung eines Ruptur gefährdeten Hirnaneurysmas assistieren.
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Kenma erinnerte sich daran, dass er bei der Operation auch gerne dabei gewesen wäre, doch Dr. Nekomata wollte keine Neulinge in seinem Operationssaal haben. Nicht bei diesem Eingriff. Es hätte auch mit Kenmas Dienst nicht gut funktioniert, selbst wenn er für so etwas schon auf seine Freizeit und Schlaf verzichtet hätte. Aber das sagte er Dr. Sakusa nicht, denn der wirkte nicht so, als wäre er auch nur annähernd am Ende seiner Ausführungen.
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Der Weg zum Zimmer der Miyas fühlte sich schrecklich lange an, obwohl sich Sakusa so schnell mit Komori zum Kaffeetrinken getroffen hat. Seine Beine wurden schwerer und er spürte, dass ihm der Schlaf fehlte, wusste aber, dass er in den nächsten acht Stunde nichts davon nachholen würde und dann auch erst, wenn er Atsumu in die Augen gesehen hätte um sicher gestellt zu haben, dass es ihm gut ging. Erst noch aber hatte er nach dem Erreichen des Zimmers den Weg zum Operationssaal vor sich.Atsumus Gerede fühlte sich unheimlich wirr und weit entfernt an. Auch ein neuerlicher Streit, den die Zwillinge ausführten, kam nicht recht an ihn heran. Erst als Atsumu vor der Tür zum Chirurgietrakt seine Hand fester drückte, kam Sakusa wieder im Hier und Jetzt an. Mit einem sanften Lächeln sah er zur Liebe seines Lebens und ließ sich von ihm versprechen, dass er sich auf die letzten Meter benahm, aber auch, dass er es nicht wagen würde, irgendwelche außergewöhnlichen Zwischenfälle zu provozieren, für die er natürlich nichts könnte. „Hab dich im Griff. Übersteh das und komm wieder zu mir zurück“, sagte er zu ihm und Atsumu versprach ihm mit einem bedeutungsstarken Kuss, dass ihm nichts passieren würde und dass sie heute Nacht Arm in Arm einschlafen und all den Schlaf nachholen konnten, der ihnen der vergangenen Nacht abhandengekommen war.
„Du… Kiyoomi?“, fragte Osamu mit gesenktem Blick. Sakusa wandte sich von Atsumu ab und betrachtete dessen Zwillingsbruder. „Osamu?“, forderte er ihn zum Weitersprechen auf. „Ist Rin heute da?“, fragte der grauhaarige Zwilling. Sakusa wusste, warum, er fragte. Er mischte sich in diese Dinge aber nicht ein. „Ich kenne seinen Dienstplan nicht“, sagte er wahrheitsgemäß. Osamu nickte mit einem aufgezwungenen Lächeln. „Denkst du… wir haben noch eine Chance?“, stellte Osamu noch eine Frage, die Sakusa nicht zu beantworten vermochte. Nicht nur, weil er nicht wollte. Er konnte nicht. „Rintaro ist ein komplizierter Mann. Du wirst das Gespräch mit ihm direkt suchen müssen“, gab er ihm mit auf dem Weg. Wiederwillig versprach er Osamu Suna etwas auszurichten, würde das Schlimmste eintreffen.
„Arsch! Behalt‘ deine ganze Leber und sag’s ihm selbst! Willst nur als Held vor ihm da stehen“, knurrte Atsumu und sah von Schwester Misaki zu Pfleger Izuru. „Ihr habt doch sicher ‘nen besser’n Spender gefunden, als den da“, fragte er ein letztes Mal nach der Möglichkeit, Osamu aus seiner selbstauferlegten Pflicht zu nehmen. Beide verneinten. Atsumu wandte seinen Blick zu Osamu um. Er deutete die Krankenbetten näher aneinander zu schieben, dass er nach der Hand seines Bruders greifen konnte. „Danke…“, flüsterte er. „Du würdest dasselbe für mich tun“, sagte Osamu und zuckte mit den Schultern. Atsumu nickte. Würde er. Ohne auch nur im Ansatz darüber nachzudenken. Er würde sein Leben geben für Osamu. Das wusste auch Sakusa und war froh um die Konstellation, nicht besonders stolz, aber froh, dass Osamu etwas für Atsumu gab und nicht anders herum.
„Vergib mir, falls ich es nicht schaffe“, sagte Atsumu zum Abschied. Sakusa schüttelte energisch den Kopf. „Das würde ich dir nie vergeben“, sagte er streng und sah zu, wie Atsumu in den ersten Operationssaal geschoben wurde. Er sah ein letztes Lächeln und die Lippen, die „Bis gleich“ formten. „Bis gleich“, flüsterte auch er.
Osamu wurde direkt darauf in den zweiten Operationssaal geschoben und dann stand Sakusa alleine im Gang. Die Türen schwangen hörbar nach. Sie vertonten beinahe Sakusas Herzschlag, der immer langsamer wurde. Es wurde still.
Einen Augenblick blieb er so stehen, dann begab er sich einen Halbstock höher.
Entsprechend seiner Erwartungen betrat Dr. Romero den Operationssaal wieder mit dem Start seiner Playlist. Alles andere hätte Dr. Sakusa wohl verunsichert, weil es nicht der Norm entsprochen hätte. Auch saß nun wieder Konoha am Narkosegerät und verlangte dem leitenden Arzt ein erfreutes Lächeln ab, das aber sofort mit einer Maske bedeckt wurde. Der Anästhesist reagierte kaum. Seine Augen huschten auf den Monitor und er nickte Dr. Romero zu.
„Skalpell“, sagte dieser, warf einen Blick auf die Vitalwerte und schnitt durch Atsumus Haut. Sakusa biss sich angespannt auf die Lippen und lehnte sich auf seinem Sitz nach vorne. Es hätte ihm wirklich gut getan, wenn Komori jetzt bei ihm gewesen wäre. Er hatte niemanden gebraucht, der ihm die Hand hielt, die Schulter tätschelte oder ihn umarmte. Das würde Atsumu alles machen, wenn dieser nach der Operation in seinen Armen aufwachen würde. Aber er hätte gerne die beruhigende Präsenz einer familiären Person bei sich gehabt.
Soweit Sakusa das beurteilen konnte, verlief der erste Teil der Operation gut. Atsumus Galle wurde abgeklemmt und die schier unbrauchbar gewordene Leber und gerade herausgehoben, da ertönte das Klirren des OP-Telefons. Dr. Romero hielt inne und bat OP-Schwester Misaki, den Hörer abzunehmen.
„Es ist Dr. Udais OP. Izuru sagt, die Spenderleber ist unbrauchbar“
“Die Spenderleber ist unbrauchbar“
“Unbrauchbar“
Unbrauchbar
Sakusa hörte nichts anderes mehr als dieses Wort. „Unbrauchbar“. Kein Geräusch aus dem Operationssaal oder der Galerie kam auch nur annähernd an ihn heran. Seine Ohren machten komplett zu. Wie in Zeitlupe sah er, wie Schwester Misaki den Hörer fallen ließ, wie Dr. Romero zu ihm hochsah aber Yachi, seiner Assistenzärztin, Anweisungen mit dem Skalpell in der Hand gab. Das Besteck wurde ausgetauscht und die zur Entsorgung beiseitegelegte Leber von Atsumu wurde wieder in den Kreislauf gebracht. Das Skalpell fiel Yachi aus der Hand. Misaki tauschte es sofort aus.
Sakusas Ohren surrten. Ein Piepen ertönte, von dem er wusste, dass es eine Schockreaktion war und kein Gerät aus dem Operationssaal.
Beinahe hätte er vergessen zu atmen, da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Dass Surren und Piepen verging und der Ton des echten Lebens kam umgehend zurück, auch die Zeit verlief nicht mehr wie in Zeitlupe und Sakusa hob den Kopf um in Sunas scharfe grüne Augen zu sehen. „Osamus Leber versagt“, informierte er ihn, blasser als sonst. Sakusa spürte das Zittern von Sunas Fingern auf seiner Schulter. Sie waren auch kälter als üblich. Er ließ ihn gewähren. Die beiden waren so lange befreundet und arbeiteten in diesem sterilen Bereich, dass er ihm vertraute.
Doch dann geschah etwas, dem er nicht vertraute. Dr. Romero deutete Misaki, die Musik verstummen zu lassen.
„Was machen sie mit Atsumu?“, fragte Sakusa schwach. „Was machen sie mit Atsumu?!“ Sakusa wurde lauter. Er stand auf und Sunas Hand rutschte von seiner Schulter.
„Dr. Romero! Was-“ Sakusa war an das Telefon in der Galerie gegangen. „Dr. Sakusa. Schön, Ihre Stimme zu hören, aber wenn Sie wollen, dass er überlebt, lassen Sie mich in Ruhe arbeiten“, sagte Dr. Romero ernster und strenger als Sakusa ihn jemals erlebt hat. Yachi war angespannt, selbst Konoha wirkte unruhig. Unter drückender Stille setzte Dr. Romero die beschädigte aber nicht ganz verlorene Leber wieder ein. Hoch konzentriert suchte er dabei die Möglichkeit, an bereits absterbendem Gewebe vorbeizuarbeiten. Sakusas wiederholte Fragen über den Fortschritt, das Vorhaben und Atsumus Überlebenschancen blieben unbeantwortet. Er wurde nervöser. Aber auch Dr. Romero kämpfte mit seiner Ruhe. Nicht nur, weil ihn Sakusa störte, das konnte er ignorieren.
Etliche Minuten später, in denen Sakusa bereits überlegt hat, selbst in den Operationssaal zu gehen und dafür zu sorgen, dass Atsumu überlebte, legte Dr. Romero das Besteck ab. Sakusa hielt sich an die Vorgaben des Krankenhauses und auch denen der Ethik. Er durfte nicht an einem Angehörigen operieren. Er war zu involviert und eigentlich hätte er nicht einmal in der Galerie sein sollen.
Dr. Romero trat einen Schritt zurück. Atsumu blieb offen. Sakusa blieb stehen.
Seine Augen hafteten wie die gesamte Zeit des Rettungsversuches auf den flinken Fingern des Chirurgen.
„Er ist soweit stabil, jetzt heißt es abwarten“, sagte Dr. Romero mit erhobenen Händen. Misaki hatte bereits die Informationen weitergetragen. Osamu stand auf der Transplantationsliste nun ganz oben. Sakusa stand stockend atmend immer noch am Hörer.
„Wir müssen die Spenderleber teilen“, sagte er mit gestandener Stimme. Sein ganzer Körper zitterte vor Angst, aber seine Stimme klang fest und bewusst.
„Das werden wir, wenn wir eine bekommen“, sagte Dr. Romero. Er wandte den Kopf nicht von Atsumu ab. Sakusa nun in die Augen zu sehen, wenn auch über eine sichere Entfernung, war keine gute Idee, das erkannte Yachi umgehend, denn ihr schien ein kalter Schauer über den Rücken zu laufen. Sie schüttelte sich am ganzen Körper und öffnete den Mund um Dr. Romero anzusprechen. „Wir können nichts anderes tun“, sagte dieser, noch ehe sie ihn fragen konnte. Yachi nickte. Sie seufzte und sah auf den offenen Torso vor sich. Die Maschine mit den Vitalwerten machte regelmäßige Geräusche, die sie alle erhofften.
Stille. Ewig währende markerschütternde Stille, die Sakusa wie mit einer Katanaschneide durchtrennte. „Rintaro… ihr habt dieselbe Blutgruppe“, sagte er. Suna schwieg, wagte es nicht, seinen Freund anzusehen. „Du kannst-“ – „Kann ich nicht“ Sakusa stockte. Unverständnis schmetterte auf Ablehnung.
„Das kann ich unserer Beziehung nicht antun“, sprach Suna weiter. Das Unverständnis stieg. „Aber sterben lassen kannst du ihn?“ – „Kann ich nicht, verdammt! Aber…“ Suna unterbrach sich selbst mit Stille. Beide hielten inne, maßen einander nur mit Blicken. Sakusa verachtete seinen Freund in diesem Moment mehr als das Schicksal, das Atsumu in diese Situation gebracht hat.
„Samu würde mich mehr hassen als jetzt schon. Ich will, dass unsere Beziehung eine neue Chance hat und das geht nicht, wenn er mir sein Leben verdankt“, erkläre Suna schließlich. Sakusa schnaubte. „Du bist so ein verdammter Sturkopf“, knurrte er und ballte die Fäuste. Just in dem Moment, als sie beide noch etwas sagen, vielmehr schreien wollten, erklang das Telefon im Operationssaal. Misaki ging umgehend ran. Die Schwester nickte mit einem Laut, der kommunizierte, dass sie verstanden hatte. „Sie haben eine Spenderleber. Dr. Kuroo und Dr. Yaku sind auf dem Weg“, gab sie die Information an alle im Raum und darüber hinaus weiter. Sakusa atmete erleichtert aus. Er schloss die Augen und senkte den Kopf. „Glück gehabt“, sagte er zu Suna als wäre es ein Vorwurf. „Gleichfalls“, kam es nicht weniger verwerflich zurück. Sakusa verstand ihn manchmal einfach nicht. Gerade hatte er aber auch keinen Nerv dazu, sich mit Suna und seiner Art auseinanderzusetzen. Die beiden hatten jetzt nichts mehr zu reden. Das würde sich in den nächsten Tagen und Wochen wieder ausbügeln, so wie immer, wenn sie nicht einer Meinung waren.
Und dann waltete Stille.
So lange Stille, bis es wieder unruhig wurde. Atsumus Werte sanken ab und Dr. Romero reagierte mit Punktation der Leber, Beigabe von Adrenalin, das Herz stark zu halten und Konoha passte das Narkosemittel an.
„Wir verlieren die Leber“, sagte Dr. Romero und bestätigte der gesamten Mannschaft im Saal als auch den Zusehern oben, dass Atsumus Leben nun am seidenen Faden hing.
Sakusa reagierte. Er lief aus dem Raum. Suna ließ er einfach stehen. Hastig eilte er die Treppen hinunter und riss die Tür zum Vorbereitungssaal auf. Dr. Romero drehte sich im Operationssaal um. „Dr. Sakusa, sehen Sie mich oben nicht gut genug?“, fragte er mit ruhiger Stimme. Seine Körpersprache vermittelte allerdings alles andere als Ruhe und das spürte nicht nur Sakusa, der seine Hände hastig zu waschen begann. „Bei allem Respekt, Dr. Romero, aber das benötigt-“ – „sicherlich keinen Neurochirurgen!“, polterte Dr. Romero dagegen. Sakusa erstarrte. „Sie gehen wieder hoch! Holen Sie sich einen Kaffee oder sorgen Sie dafür, dass Dr. Kuroo und Dr. Yaku unbehindert zu uns stoßen können“ Die Stimme des Transplantationsspezialisten bebte. Alles in Sakusas Körper sträubte sich dagegen, nun zu gehen. Aber Dr. Romero machte plötzlich einen erleichterten Ton, denn die nervösen Geräusche der Maschinen regulierten sich. Atsumus Zustand hat sich stabilisiert. Sakusa atmete einmal ruhig durch. Er drehte das Wasser wieder ab. „Dr. Romero, ich bin gezwungen, ihnen zu vertrauen“, sagte er. „Und das können Sie. Ich werde alles dafür tun, dass mein Patient überlebt“, erwiderte der Chirurg im Saal. Sakusa nahm ihn beim Wort und verließ nach dem Abtrocknen seiner Hände den Vorbereitungsraum wieder. Er war gezwungen zu vertrauen. Im Grunde vertraute er Dr. Romero. Mehr als vielen anderen Chirurgen, aber es ging um Atsumu. Es ging um den Mann, dem Sakusas Herz gehörte und dem er sogar eben dieses überlassen würde, wenn es ihn retten konnte.
Wie ihm Dr. Romero aber nahegelegt hat, ging er nun schnellen Schrittes zu den Aufzügen und sorgte dafür, dass der Lift in das Erdgeschoss fuhr wo auch schon beim Öffnen der Tür der Blick auf die beiden Assistenzärzte fiel, die mit dem Organcontainer auf Sakusa zuliefen. „Dr. Sakusa, schnell!“, rief Kuroo und die beiden schlüpften an ihm vorbei in den Lift. Der Stock wurde gewählt und die längsten 42 Sekunden in Sakusas Leben vergingen. Schweigend. Angespannt. Wie vor dem Startschuss beim Wettlauf. Kaum war der Stock erreicht sprinteten sie alle drei los. Kuroo und Yaku liefen zu den Operationssälen und Sakusa stürmte die Treppe in den Halbstock zur Galerie hoch. Mit unruhigem Atem erkannte er, dass Suna nicht mehr hier war, vermutlich war er bei Osamu und beobachtete mit Unbehagen, wie Dr. Udai um dessen Leben kämpfte. Es tat ihm leid, dass er Suna so angeknurrt hatte und dass er ihm noch viel schlimmere Dinge an den Kopf werfen wollte, als hervorzuheben, wie stur er sein konnte. Aber er kam schnell vom schlechten Gewissen wegen ein paar Worten ab, den im Operationssaal herrschte erneut Chaos.
Sakusas Augen stierten durch die Scheibe in Dr. Romeros Nacken. Die Gerätschaften brachten den Operationssaal in Aufruhr. Yachi stand mitten im Raum mit dem Tablett voller Operationswerkzeug, das ihr Misaki gerade abnehmen wollte. Der Tisch dafür stand in einer Ecke, als hätte man ihn willkürlich weggetreten und rollen lassen. Dafür stand der Notfallwagen neben Atsumu und Dr. Romero legte die Elektrodenstäbe des Defibrillators gerade weg.
Das Gerät, das Atsumus Puls überwachte, gab wieder regelmäßige Töne.
„Was ist passiert?“ Sakusa war ans Telefon getreten und nahm wieder Kontakt mit dem chirurgischen Team auf.
„Wir hatten einen Herzstillstand. Gerinnsel im Herzkranzgefäß direkt an der linken Kammer. Es ist unter Kontrolle, aber wir brauchen die Leber. Dringend“, sagte Dr. Romero ernst mit bebender Stimme. Sakusa schluckte. „Sie sind da“, presste er heraus.
Stille. Sakusa liebte Stille. Gerade hasste er sie. Sein Herz schlug so schnell, das Blut in seinen Venen wurde lauter und betäubte ihm die Ohren. Er war dem Schwindel nahe, weil er sich so machtlos fühlte. Die Finger tippten nervös gegen den Hörer, aber er vernahm die Geräusche dadurch gar nicht richtig. Auch den trällernden Ton, den das OP-Telefon gerade machte.
Schwester Misaki legte das Operationsbesteck wieder auf dem Wagen ab und deutete Yachi, es zu Dr. Romero zu schieben. Ihr Gesichtsausdruck als sie den Anruf des benachbarten Operationssaales entgegen nahm, gefiel Sakusa nicht.
Ihr klappte der Mund auf und ihr Blick suchte verzweifelt den des leitenden Chirurgen. Nur im Ansatz schüttelte sie den Kopf, aber das reichte, dass Sakusa den Hörer fallen ließ und aus der Galerie in die andere lief.
„Kiyoomi… es tut mir so leid“, sagte Suna. Er stand vor der Glasscheibe und hatte den Kopf nur im Ansatz zurück gedreht. Auf das fragende Gesicht hin, sprach Suna weiter. „Sie haben eine Masse auf der Leber entdeckt und können nicht die ganze verwenden“
Sakusas Herz setzte aus. Das bedeutete, dass nur einer der Zwillinge überleben würde. „Nein!“ Sakusa protestierte. Er schüttelte den Kopf schnell und lief vor zur Glasscheibe um mit beiden Fäusten dagegen zu schlagen. Im Saal unter ihnen zuckten die Ärzte zusammen. „Das darf nicht wahr sein! Das ist nicht fair!“, rief er aus. Dr. Udai räusperte sich im Operationssaal. „Wer bekommt die Leber?“, fragte er und Izuru, gab die Frage über das Telefon an Misaki weiter.
Wer bekam eine Organspende, wenn die Patienten auf den Operationstischen Zwillinge waren und beide einen ähnlich kritischen Zustand hatten? Das war eine Frage, die niemand der Anwesenden jemals hätte beantworten wollen. Denn sie bedeutete: „Wen retten wir?“ und „Wen lassen wir sterben?“
Sakusas Hände zitterten vor Angst. Suna sah ihn flehend an. „Wehe, du sagst es“, bebte Sakusas Stimme. Suna schüttelte den Kopf. Die Ärzte im Saal diskutierten wild. Hoben die Zustände hervor. Dr. Udai wurde über Atsumus Herzstillstand informiert und die Spezialisten wogen die Chancen ab. Auch Sakusa hat abgewogen und nahm den Hörer in die Hand.
„Dr. Udai? Geben Sie Osamu die Leber“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Kiyoomi!“ Suna trat heran, aber Sakusa gebar ihm, stehen zu bleiben. „Atsumus Zustand ist kritischer, er muss auf der Liste ganz nach oben gesetzt werden“, sagte er und hing den Hörer wieder in die Gabel. Dann ging er. Langsam, ohne Suna noch einmal anzusehen. Sakusa blieb am Gang vor der Galerie zu Atsumus Operationssaal stehen. Er bereute, was er gesagt hat. Damit hat er Atsumus Schicksal besiegelt. Aber er wusste auch, Atsumu war der stärkere Zwilling. Wenn jemand noch etwas auf ein Spenderorgan warten konnte, dann war er es. Und dennoch wollte Sakusa umgehend zurück laufen und Dr. Udai sagen, er solle die Leber zu Dr. Romero bringen, aber er konnte sich nicht rühren. Es war, als stünde er in Beton gemeiselt.
Später konnte er nicht sagen, wie lange er dort stand und einfach nur mit stummen Gebeten in die Luft starrte. Sakusa war nicht gläubig. Er glaubte nicht daran, dass irgendein übernatürliches Wesen Atsumu retten würde. Er wusste, dass es nur die Medizin konnte und er wusste, dass es manchmal eben nicht ging. Aber Sakusa war dem Verzweifeln nahe und so betete er an alles, was er für möglich hielt. So lange, bis ihn Sunas Stimme wieder ins Hier und Jetzt rief.
„Dr. Yamagata und Dr. Yaku holen eine Leber für Atsumu. Dr. Kuroo assistiert bei Osamu“
Sakusa brach in Tränen aus. Die Beine versagte der Erleichterung und er ging auf die Knie. Suna bot seinen Halt an, aber Sakusa lehnte ab, er lehnte auch ab, dass er ihm in die Galerie folgte. Dort pinnte er sich direkt an die große Glasscheibe. Dr. Romero wandte sich zu ihm um. Wohl mit einem Lächeln im Gesicht, denn seine Augen übermittelten eines. Die Maske verdeckte den Rest der Mimik.
„So kenne ich Sie gar nicht, Dr. Sakusa“, neckte er, aber bekam keine Reaktion. Stattdessen schniefte Sakusa ein tiefes „Danke“, dass sich neben ihm jemand räusperte. Mit einem erbarmungswürdigen Ausdruck blickte er in Dr. Ushijimas Gesicht, der wohl schon die ganze Zeit hier saß und die Operation beobachtete. Neben ihm saß Dr. Tendou, so still und ruhig, wie den Unfallchirurgen noch niemand erlebt hat „Hier“, sagte Dr. Ushijima mit tiefer Stimme und reichte ein Stofftaschentuch. Sakusa nahm es wortlos entgegen, tupfte sich die Tränen weg und nutzte es auch, nicht weiter eine laufende Nase ertragen zu müssen. „Ich gebe es wieder zurück“, sagte er. Dr. Ushijima nickte mit einem angenehm brummenden Ton und beide sahen wieder in den Operationssaal nach unten.
„Alles wird gut“, dachte Sakusa und atmete ruhiger. „Ich kann es kaum glauben, wie spannend es der kleine macht“, gluckste Dr. Tendou. Sakusa ignorierte ihn. Ushijima schwieg auch während sich der rothaarige Arzt neugierig so weit nach vorne beugte, dass jeder andere wohl bereits den Schwerpunkt verloren hätte und gekippt wäre.
Die Anspannung war im Raum deutlich spürbar, stärker noch, als Atsumus Leber komplett zu versagen begann. [url=https://open.spotify.com/intl-de/track/38DvL85E3xGpgJVhxoDc93?si=50a7adea9b214f85]Plötzlich ging auch Dr. Tendous Pager los[/url].
„Oh!“, stieß er aus, nahm das Gerät zu den Augen und japste nervös auf. „Unfall!“, erklärte er knapp und klopfte Dr. Ushijima auf den Oberarm. „Wir sehen uns“, sagte er noch und wuselte mit einer ungeahnten Entschuldigung an Sakusa vorbei.
Dr. Romero rief Misaki bereits das dritte Mal zu, sie solle nach Yamagata und Yaku fragen. „Dr. Romero! Ich komme nicht durch“, erwiderte sie. Der Notfallwagen kam wieder zum Einsatz. Atsumus Leber wurde punktiert, vergebens. Der Sinusrhythmus wurde durcheinander gebracht. Eine Maschine nach der anderen wurde laut und Sakusa verfiel wieder in seine Schockstarre.
„Die sollen hinne machen“, knurrte Dr. Romero nun deutlich angespannt. Die Schockpanele kamen wieder zum Einsatz. Die Kurve beruhigte sich. Nur wenige Sekunden, dann versagte das Herz abermals. „Atsumu“, hauchte Sakusa. „Bitte“, flehte er mit den Händen an die Scheibe gepresst und beobachtete die Ärzte, wie sie aufgeregt alles taten, um Atsumus Zustand wieder zu stabilisieren. Dr. Romero entfernte nun die Leber komplett. Yachi machte die Herzmassage mit einer Hand in Atsumus Brustkorb versenkt.
Auch Dr. Ushijimas Pager ging plötzlich los und er erhob sich. Schweigend ging er aus dem Raum. Zumindest vernahm Sakusa keinen weiteren Ton von ihm. Das Pfeifen in seinen Ohren kam wieder zurück, sowie das Gefühl unter Wasser zu stehen und ertrinken zu müssen.
„Wo bleiben die zwei?!“ Dr. Romero wurde lauter. Misaki verfiel am Hörer das Gesicht. „Sie hatten einen Unfall“, sagte sie und schließlich trat Stille im Saal ein. Kein aufgeregtes Treiben mehr. Kein Besteckscheppern. Keine Zurufe. Nur die Maschinen, die einen unerbittlichen Kampf austrugen, welche die lauteste war.
„Dr. Yachi! Lassen Sie es“, sagte Dr. Romero bestimmt. Die Assistenzärztin sah von ihrem Mentor hoch zu Sakusa, der kreidebleich hinunter starrte. Er wünschte, er hätte das nicht gehört. Yachi pumpte weiter. Dr. Romero wiederholte seine Forderung. Yachi stoppte irgendwann. Langsam zog sie ihren Arm zurück, voller Blut. Ihre Lippen bebten, sie war den Tränen nahe. Dr. Romero sah auf die Uhr.
„Zeitpunkt des Todes – 10:42“ In Sakusas Ohren pochte es laut. In diesem Moment spürte er alles und gar nichts. Es war, als bräche die Decke über ihm herein und würde ihn unter sich begraben. Sein Hals zog sich zu, sein Herz verengte sich. Er spürte die Hand nicht, die er sich auf die Brust legte. Der Herzschlag wechselte zwischen Rasen und beinahem Aussetzen. Sakusa vergaß das Atmen. So lange, bis er in Dr. Romeros Augen sah, da durchfuhr es ihn wie ein Blitzeinschlag.
„NEIN!!!“, rief er, schlug gegen das Glas, wiederholt. So lange bis er sich die Handballen aufgeschlagen hatte und Dr. Romero Yachi hochgeschickt hat, ihn zu beruhigen. Aber das nutzte nichts. Er riss sich aus der liebgemeinten Geste heraus. Das Herz startete ein neues Rennen, genauso wie Sakusa. Er lief aus der Galerie, stolperte beinahe die Treppen hinunter und hastete in den Operationssaal, wo Dr. Romero gerade am Schließen war. Die Widerworte, dass er nicht hier zu sein hatte, hörte Sakusa nicht. Das Rauschen in seinen Ohren war zu laut. Er eilte zu Atsumu und legte ihm die Hände an die Wangen. „Atsumu!! Bitte sieh mich an. Bitte wach auf“, japste er und tätschelte die immer kühler werdende Haut. Seine Finger zitterten, sein ganzer Körper bebte. Atsumu sah ihn nicht an. Er wachte nicht auf.
Dr. Romero hielt inne. Konoha stand auf. Er legte Sakusa eine Hand auf die Schulter, die aber sofort weggeschlagen wurde noch ehe etwas gesagt werden konnte. Weggeschlagen wurde auch das Tablett auf dem das chirurgische Besteck lag. Es schellte unter lautem Klirren zu Boden. Kurz darauf wurde auch der Tisch umgerissen, auf dem das Tablett gelegen hat. Die Kabel und Schläuche , die an Atsumus leblosen Körper hingen, wurden mit unerwarteten Sänfte entfernt, mit der Sakusa vorsichtig und beruhigend versprach, dass alles gut werden würde. Dr. Romero machte einen Schritt zurück und trug Misaki auf, Suna zu suchen. Währenddessen forderte Sakusa immer wieder von Atsumu aufzuwachen. Er wurde immer lauter, energischer und wütender. „Du tust mir das nicht an! Ich vergeb‘ dir das nicht“, schrie er ihn an und rüttelte ihn sogar und schließlich fanden sich Dr. Romeros Finger mit festem Druck auf seinem Handgelenk. Sakusa zuckte auf und starrte panisch auf die Armbanduhr des Chirurgen. „10:42“, flüsterte er und griff mit der zweiten Hand rasch an das Rädchen der silbernen Uhr, den Minutenzeiger zu drehen. So lange zurück zu drehen, bis wieder der Morgen bekundet wurde, dann riss er sich aus dem Griff und lief ans andere Ende des Saals. Er hob sich an einem Hocker hoch um die Wanduhr herunter zu nehmen. Nervös drehte er auch hier am Rad und stellte den Minutenzeiger zurück. Als nächstes zückte er sein Smartphone und stellte dort die Uhrzeit manuell um, ebenso auf seinem Pager. Die Uhr wurde wieder aufgehängt. „Ich bin gleich wieder da“, sagte er im Vorbeilaufen zu den sterblichen Überresten Atsumus und verließ fluchtartig den Operationssaal.
Sakusa lief auch in den Saal, in dem Dr. Udai Osamu gerade verschloss und drehte dort ebenfalls die Uhren zurück, die er zu greifen bekam. Das tat er genauso darauf im Gang, wo immer ihm eine auffiel. Er nahm Kolleginnen und Kollegen ihre Smartphones, Pager, Tabletts und Armbanduhren ab um sie zurück zu stellen. Weit zurück zu einer Zeit, wo Atsumu nicht tot war und ihm noch frech ins Gesicht lachte.
Sakusa tat es mit jeder Uhr, die er auch vor dem Krankenhaus fand. Passanten wurden überrumpelt. Den Kollegen bei der Rettung stellte er das Autoradio um und auf dem Weg zu seiner Wohnung nutzte er jede Gelegenheit, jede Uhr, jeden Funken Hoffnung und versuchte, die Zeit zurückzudrehen.
Aber er konnte nicht.
Sakusa konnte die Zeit nicht zurück drehen, auch nach Stunden nicht, in denen er durch die Stadt gelaufen war und in Cafés, Bars, Wäschereien, dem Bahnhof und wo er noch ran kam, die Uhren umstellte.
Erst als es dunkel wurde kam er wieder am Krankenhaus an. Es war, als wäre es früher morgen und die Operation stünde erst an. Er würde Suna zwingen können, sich mit Osamu auszusöhnen und er würde Atsumu retten können.
Als er aber Kenma aus dem Bus steigen sah, erschlug ihn seine eigene herbeigesehnte Lüge wie ein Baseballschläger.
„Dr. Kozume“, sagte er schwach.
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„Es tut mir leid, dass Ihr… Freund gestorben ist“, sagte Kenma unsicher. Mit diesen Situationen, Angehörige über den Tod zu informieren, war er noch nicht besonders vertraut. Dafür gab es keinen Crash-Kurs. Auch nicht für das, was darauf geschah. Sakusa ging vor ihm zu Boden. „Er war nicht einfach nur mein Freund…“, sagte er und fasste in seine Hosentasche, eine kleine schwarze Schatulle herauszuholen. „Ich wollte ihn nach der OP fragen, ob er…“ Er stockte. Kenma presste die Lippen zusammen und ging langsam in die Hocke. Er legte seine Hand auf die kleine Box und schob sie mit Sakusas Hand zu diesem zurück. „Bitte stehen Sie auf, Dr. Sakusa. Die Leute schauen schon“, sagte er und neigte den Kopf zur Seite. Auch Sakusa wandte sich um. Mit Schrecken stellte er fest, dass er auf dem Boden saß und schmutzig wurde. Schnell riss er sich hoch. Auch Kenma erhob sich wieder und beobachtete, wie Sakusa panisch all den Schmutz abklopfte. Dabei fiel die Schatulle herunter, wurde aber nicht länger von Sakusa beachtet, erst als Kenma sie hoch hob und ihm wieder reichen wollte.
„Nein, ich kann das nicht behalten“, sagte er und schob die Hand wieder zurück zu Kenma. „Und ich kann ihn noch viel weniger behalten! Dr. Sakusa!“ empörte sich Kenma und starrte auf die Ringschachtel. Auch wenn das nicht das war, wonach es für Passanten aussah und Kenma keinerlei romantische Gefühle für den Oberarzt empfand, machte ihn die Situation nervös und ließ sein Herz schneller schlagen. Man hatte auch eben nicht täglich mit einem Verlobungsring zu tun. „Bitte…“, sagte Sakusa wiederholt und ließ Kenma mit dem Ring stehen. Dieser folgte ihm aber rasch und redete weiter auf ihn ein.
Ungläubig der ganzen Situation wegen stand Kenma kurz darauf vor seinem Spind und starrte auf Schatulle mit dem Ring, den er natürlich bis jetzt nicht gesehen hat und es auch nicht anders plante. Sakusa war nicht mit ins Krankenhaus gegangen und Kenma hat sich vorgenommen, bei der nächsten gemeinsamen Schicht die Sache klarzustellen, denn er verstand, dass Sakusa unter Schock stand.
Unter Schock stand der Oberarzt auch nach Kenmas ruhigen Nachtschicht noch. Stumm stand er vor dem Haikyuu Medical Hospital und starrte auf die Uhr. Irgendwann wurde es auch durch die umgestellte Zeit wieder 10:42 und Sakusa senkte die Hand mit dem Smartphone.
„Atsumu ist tot“, sagte er und Kenma nickte.
„Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte er und hoffte auf eine Ablehnung. Sakusa neigte den Kopf und die beiden Augenpaare trafen sich. Kenma ahnte, dass er nichts anderes getan hat, als seiner Trauer freien Lauf zu lassen. Seine Augen waren rot, verquollen, glasig und er konnte die salzigen Spuren der Tränen auch noch auf Sakusas Wangen erkennen.
„[url=https://open.spotify.com/intl-de/track/2amcFbekZvqOS5CusQc4jK?si=54be06078ab444cb]Ich will ihn sehen[/url], aber ich kann das nicht alleine“, sagte er. „Ich kann Dr. Suna anpagen“, schlug Kenma vor. Das war unvorsichtig. „Nein!“, wurde die Hoffnung abgeschmettert. Kenma seufzte. „Okay, ich gehe mit Ihnen“, sagte er und drehte wieder um.
Auf dem Weg zur Pathologie wechselten sie kein Wort. Auch Dr. Matsukawa nahm sie stumm in Empfang, zeigte ihnen nur, wo Atsumus Leichnam lag. Am Aufbereitungstisch. Dr. Romero hatte ganze Arbeit mit der Verschließung geleistet und Dr. Matsukawa hatte wohl auch seinen Teil dazu beigetragen, dass dieser geliebte Mensch nun so da lag, als würde er friedlich schlafen. Jetzt sah er auch wirklich so aus, nur wusste Sakusa es besser. Schmerzlich.
Mit zögernden Schritten trat er näher an den Tisch heran. Zitternd hob sich sein Arm und er legte seine Hand auf Atsumus. Ruckartig packte er zu und ließ eine neue Welle Trauer über sich hereinbrechen. Sakusa lehnte sich hinunter. Er bebte unter den Tränen. „Ich kann dir das nicht vergeben“, schluchzte er tief zerbrochen und legte sich neben den toten Körper. Er nahm ihn in den Arm und versuchte ihn zu wärmen.
Dr. Matsukawa tippte Kenma an und deutete ihm, mit ihm zurück zu gehen. Für Kenma war das auch die gewünschte Möglich, Abstand zu nehmen.
„Die Toten nehmen immer was von uns mit und es ist oft unsere Contenance“, sagte Dr. Matsukawa im Vorraum des kalten Leichensaals. Kenma verstand nicht recht, hatte aber auch kein Interesse an einer Erklärung.
„Ich muss dann auch gehen“, sagte er und duckte sich unter dem prüfenden Blick hinweg. Dr. Matsukawa verfolgte ihn noch mit den Augen, bis er den Gang zurück zum Lift betreten hat, das spürte Kenma genau und dann beeilte er sich, nach Hause zu kommen.
Aus diesem Moment hat er weit mehr mitgenommen, als er jemals gedacht hätte und schritt er nach dem in der WG direkt an die Tür seines Mitbewohners. Er klopfte schwach.
„Terushima? Ich hab heute was gelernt“, sagte er und lehnte sich an das Holz. „Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, also… das weiß ich schon immer, aber mir ist klar geworden, dass wir Dinge nicht ungeschehen machen können und dass wir nicht einfach alles vergessen sollten und dass wir auch daraus lernen müssen, also… Mir bedeutet unsere Freundschaft etwas und auch wenn ich die Zeit genauso wenig vor drehen kann an einen Punkt, wo ich nicht immer daran denken muss, was du gemacht hast, will ich, dass du das weißt…“
Five Stages of Grief
Wenn jemand stirbt, sprechen wir unser Beileid aus. Wir kondolieren der Familie des Patienten. Wir sagen „Mein aufrichtiges Beileid“. Es ist eine Standardphrase. Völlig inhaltsleer. Es würdigt nicht mal annähernd, was die anderen durchmachen. Wir drücken Mitgefühl aus, ohne selbst den Schmerz empfinden zu müssen. Es schützt uns davor, diesen Schmerz zu spüren. Diesen dunklen, sich niedersenkenden, unnachgiebigen Schmerz, der einen am lebendigen Leib auffrisst.
Wir sagen „herzliches Beileid“. Und hoffen, dass es Trost gibt. Ein bisschen Unterstützung. Ein bisschen Frieden. Eine kleine Hilfe, abzuschließen. Etwas Positives. Ein kleines Stück Schönheit mitten in der Dunkelheit. Ein unerwartetes Geschenk. Dann, wenn man es am meisten braucht.
***
Man hat Dr. Sakusa Beileid ausgesprochen Es tat leid, dass Atsumu bei der Operation gestorben ist. Für Kenma war es fraglich, ob diese Worte halfen oder in irgendeiner Weise ein Geschenk waren. Schönheit, Hoffnung… Das wirkte falsch und heuchlerisch. Aber er schirmte sich damit ab. Es war, als hätte er seine Pflicht getan und er schützte sich damit, das Leid eines anderen, eines Fremden gar, zu nahe an sich herankommen zu lassen. Es schützte ihn davor, sich nicht selbst zu viele Gedanken zu machen, über den Verlust einer geliebten Person. Auch wenn Kenma der Meinung war, dass er so einen Menschen, den er so sehr liebte, wie Dr. Sakusa Atsumu geliebt hat, gar nicht hatte.
Er wusste, es würde ihm das Herz zerreißen, würde er Kuroo verlieren und ein kleiner Teil in ihm würde wohl in ewiger Dunkelheit versinken, wüsste er, Iizunas helles Lächeln würde niemals wieder strahlen. Seine Eltern eines Tages beerdigen zu müssen, war unausweichlich. Der Gedanke daran war kein schöner. Aber er vertiefte sich nicht weiter in derlei Überlegungen, immerhin würde er es nicht verhindern können. Dem würde er nur entkommen können, wenn er-
„Kenma?! Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Kuroo. Kenma hat sich nach seiner Nachtschicht und dem Besuch in der Pathologie noch etwas zu essen genommen als Kuroo mit seinem Toast schon fast auf dem Weg nach draußen war.
„Natürlich… du hast dich gewundert, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Zwillinge dieselbe Autoimmunkrankheit haben können, aber diese so unterschiedlich im Ausbruch sein kann“, wiederholte Kenma und sah in Kuroos weiterhin entsetzte Augen. Der Ältere hat am vergangenen Tag bei Dr. Udai assistiert und war schockiert über den Zustand, den Osamus Leber hatte. Genauso wie Dr. Udai und die anderen Ärzte und auch Assistenten. Die zwei Wochen alten Scans waren einwandfrei und Osamu hatte keine Anzeichen einer Änderung gezeigt, wie also konnte es soweit kommen, dass die Leber akut so entzunden war, dass sie kollabierte?
„Das und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Yakkun und Yamagata einen Unfall haben. Zum Glück ist ihnen nichts passiert außer ein paar Schrammen und einer Platzwunde“ Kuroo fuhr sich mit den Fingern angespannt durchs Haar. Kenma hob den Kopf. „Die Wahrscheinlichkeit ist wohl gering, aber nicht null“, sagte er trocken. Kuroo schnaubte. „Manchmal regt mich deine Gleichgültigkeit richtig auf“, sagte er harsch. Kenma blinzelte. Er neigte den Kopf leicht zur Seite aber hielt den Blickkontakt aufrecht, auch wenn er das nicht gerne mochte. „Ich bin nicht gleichgültig, Kuro. Als ich gestern Nacht meine Schicht angefangen hab, hat mir Dr. Sakusa alles erzählt und weißt du, wie niedergeschmettert er war? Ich konnte ihm nach der Schicht nicht einmal abschlagen, mit in die Leichenhalle zu gehen. Das war so unangenehm anzusehen“, sagte er und Kuroo schnaubte wiederholt. „Unangenehm anzusehen? Hast du dir mal vorgestellt, wie schrecklich es ist, jemanden zu verlieren, den man liebt? Ich mein… oder stell dir vor, mir passiert sowas, wärst du nicht traurig und am Boden zerstört?“, fragte er. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er die Antwort eigentlich gar nicht wissen wollte.
„Das ist nicht vergleichbar“, konterte Kenma. „Natürlich nicht. Das hast du sehr deutlich gemacht“, sagte Kuroo lauter. Die Tür schlug mit einem lauten Knall zu und Kenma blieb alleine am Frühstückstisch zurück. Er hat es ihm deutlich gemacht. Damals. Vor Jahren schon.
Aber jetzt war es nicht an der Zeit, darüber nachzudenken. Er musste ins Bett, schnell, bevor Terushima aufstand und ihn direkt auf seine Worte ansprach. Denn dafür hatte er auch gar keine Energie mehr und die brauchte er. Am Abend stand eine Doppelschicht an, die ihn bis zum Nachmittag des nächsten Tages im Krankenhaus behalten würde.
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Das Erste, das er zu Beginn der Schicht sah, war nicht etwa Tsukishima, mit dem er diese teilte, sondern Dr. Suna, der unruhig und nervös vor der Intensivstation auf und ab ging. So wie Dr. Sakusa ihm erzählt hatte, hegte der Herzspezialist eine Beziehung zu dem überlebenden Zwilling. Eine komplizierte wohl.
Osamu war seit der Operation noch nicht aufgewacht, aber das war unter den Umständen etwas ganz Normales. Er war einer enormen Belastung ausgesetzt. Transplantationen waren schwere Eingriffe in den Körper. Da bedurfte es nicht nur der Heilung der Nähte und der Anpassung des Gewebes. Bei einer Transplantation musste ein neues Organ vom Körper angenommen werden. Verheerend, es würde abgestoßen.
Das nächste Mal, dass er Dr. Suna wieder sah, war als er nach einer ereignislosen Nacht mit Tsukishima ihren letzten Stopp wieder auf der Intensivstation machte. Danach würde er sich planmäßig bei Dr. Komori für die morgendliche Visite melden und Tsukishima würde zu Dr. Iwaizumi gehen.
Tsukishima. Kenma konnte den großen Assistenzarzt mit der Brille schwer einschätzen. Zwar mochte er an ihm, dass er keinen unnötigen Smalltalk führte und gewissenhaft arbeitete, aber der verurteilende Blick, den er stets aufgesetzt hatte, mochte ihm nicht gefallen. Er fragte sich, wie jemand wie Yamaguchi so gut mit ihm befreundet sein konnte, dachte dabei aber auch an sich und Kuroo, die eigentlich nicht unterschiedlicher hätten können. Nun ja, ganz so wie Kuroo und er waren die beiden wohl nicht. Aber das war eine andere Geschichte über die Kenma schon lange nicht nachgedacht hatte und er wollte an diesem Tag nicht wieder damit anfangen.
Als die beiden die Station betraten, war es still wie immer. Man hörte die metronomartigen Geräusche der Vitalmessgeräte. Die Patienten schliefen und da war es meist egal, ob es Nacht war oder Tag. Dr. Suna saß auf einem Stuhl neben Osamus Bett und war halb über ihn gebeugt. Sein langsamer Atem verriet, dass er schlief. Kenma tat der Anblick leid, auch wenn er für Dr. Suna nicht viel Mitgefühl aufbringen konnte. Aber der Anblick erinnerte ihn an seinen Mentor, der sich verkrampft an Atsumus Leichnam geklammert hatte und die Realität verdrängen wollte.
Rasch wandte er sich zu Tsukishima und bat ihn, die letzten Übertragungen ohne ihn zu machen und verließ die Intensivstation. Es wühlte ihn unangenehm auf.
Am Stützpunkt der Chirurgie traf er bereits Akaashi vor der großen Tafel, auf der die Operationen und Eingriffe für den Tag gelistet waren.
Operationssaal | Uhrzeit | Dauer | Patient | Eingriff | Chirurg | Assistenz | Anästhesist
„Dr. Sakusas Aneurysma wird ja von Dr. Nekomata gemacht“, erkannte Kenma überrascht. Akaashi neigte den Kopf mit seichter Verwunderung zu ihm um. „Dr. Sakusa hat sich auf ungewisse Zeit freistellen lassen, kein Wunder“, seufzte er und da schlug es auch bei Kenma ein.
Dr. Sakusa war nicht der unmenschliche perfekte Mentor, für den er ihn gehalten hat. Er war ein Mensch wie jeder andere. Es sollte ihn nicht überraschen und dennoch war er wie vor den Kopf gestoßen.
„Wie lange, denkst du, ist er weg?“, fragte er. „Schwer zu sagen, Kozume. Jeder trauert anders. Konoha und ich sind zwar noch nicht so weit, aber ich glaube, ich würde mich Wochen lang unter einer Decke verkriechen“ Die Antwort war unzufriedenstellend. Kenma schnaubte. Nicht abwertend. Er war enttäuscht von der Gesamtsituation und konnte sie selbst nicht so recht begreifen.
„Ich weiß nicht, wie es ist“, sagte er. Er vermutete im Stillen, dass er mit so viel Trauer nicht zurechtkommen und sie in Arbeit ertränken würde. Ablenkung war in seinen Augen die beste Entscheidung. Naheliegend wäre auch, dass er in einem seiner Videospielen versinken würde.
„Das mag nun gut oder schlecht sein. Ich weiß auch gar nicht, ob ich es dir wünschen soll. Nur eines weiß ich. Liebe kann richtig schön sein“, sagte Akaashi mit dem Hauch eines Lächelns. „Und kompliziert und schwer und traurig und einem geht es immer schlecht“, erwiderte Kenma darauf. „Das ist keine besonders schöne Einstellung“, bemerkte Akaashi, aber die beiden ließen das Thema so vor sich stehen. Akaashi würde Kenma nicht von der Liebe überzeugen wollen und Kenma wollte nicht näher darauf eingehen. Und es funktionierte. Sein Kollege verstand ihn.
Kenma warf noch einmal einen Blick auf die Tafel. Es war ihm ein Dorn im Auge, dass Dr. Nekomata nun den Eingriff machte, den er mit Dr. Sakusa gemacht hätte. Aber noch mehr ärgerte ihn, dass der Chefarzt der Neurochirurgie seinen eigenen Lieblingsassistenzarzt aufgestellt hatte. Somit fiel nicht nur der Mentor für Kenma weg, sondern die gesamte Erfahrung. Verdammter Shirabu! Der war ihm schon länger ein Dorn im Auge
„Irgendwie ist es hier richtig kalt, hat jemand bei der Klimaanlage herumgespielt?“, fragte Yamaguchi plötzlich hinter ihnen und machte eine Bewegung als würde ihm frösteln. Weder Kenma noch Akaashi reagierten darauf. Da kam also die kurzweilige Kälte her.
„Dann… wollen wir zur Visite? Dr. Iwaizumi ist sehr pünktlich, wenn wir nicht rechtzeitig da sind, müssen wir in die Tagesklinik und die komischen Sachen machen“, wollte er den beiden Beine machen. Kenma wunderte sich für einen Moment darüber, dass sie zu einem anderen Stationsarzt mussten. Hatte er etwas versäumt?
„Wusstet ihr, dass Dr. Komori und Dr. Sakusa verwandt sind? Er ist bei ihm… Schrecklich. Einfach schrecklich. Könnt ihr euch das vorstellen, wie schlimm, das sein muss?“, klärte Yamaguchi einerseits die Umstände auf und stellte andererseits eine Frage, die Kenma umgehend mit einem knappen aber bestimmten „Nein“ beantwortete. Wieder herrschte Stille und vermehrt Kälte zwischen ihnen. Ein Zustand, den Terushima umgehend geändert hätte, stünde bei ihm heute nicht der Wechsel in die Nachtschicht an. Kenma erinnerte sich, wie sich sein Mitbewohner darüber beschwer hat, weil er diese Schicht nicht mochte. Sie war langweilig und das einzig Spannende waren Aufeinandertreffen mit Dr. Tendou und die fand er sogar oft etwas gruselig.
Punkt acht Uhr standen sie gemeinsam mit Shirabu und Tsukishima vor dem ersten Krankenzimmer. Yachi hatte den selben Schichtwechsel wie Terushima und würde die Runde nicht begleiten. Vermutlich saß sie mit ihren Frühstück bei Kawanishi und erzählte ihm die neuesten Erkenntnisse. Wer auch immer heute mit ihr wechselte, würde ihm wohl auch erzählen, dass Kageyama zu spät gekommen war und in die Tagesklinik verbannt wurde.
„Was für ein Pech aber auch“, sagte Tsukishima mit einem selbstgefälligen Grinsen als der Kollege weggeschickt wurde. Die Runde startete bei einer Patientin, die bereits seit über zwei Monaten im Haikyuu Medical Hospital war und die von der Motorradfahrerin zur Rollstuhlfahrerin geworden ist.
„Wie fühlen Sie sich heute, Kaede?“, fragte Dr. Iwaizumi. Die Patientin schnaubte. „Hervorragend“ Kenma stockte bei dem gewaltigen Sarkasmus in der Stimme der Atem. So sprach niemand mit Dr. Iwaizumi, nur Dr. Oikawa. Nun gut, er konnte das eigentlich nicht gut beurteilen, aber so wie auch Kuroo bereits von ihm erzählt hat und seine anderen Kollegen bestätigt hatten, war Dr. Iwaizumi kein Arzt, mit dem man blöde Scherze machte, man kam ihm nicht zynisch oder war sarkastisch. Man war höflich, korrekt und folgsam. Und das war, wie Kenma fand, eine wichtige Qualität für einen Lehrer. Dr. Komori fand er dabei nicht immer so ansprechend. Der war gerne einmal für einen Scherz zu haben und wirkte in manchen Belangen selbst wie ein Assistenzarzt, weil er neugierig war. Undenkbar, dass er und Dr. Sakusa verwandt sein sollten. Aber Dr. Komori war immer bei der Sache und konnte streng sein, wenn es verlangt war.
„Na, na, Sie werden doch nicht frech werden?“, fragte Dr. Iwaizumi und besah die junge Frau mit einem Blick, den ihm Kenma nicht zugetraut hätte. Er war sanft, etwas herausfordernd und bediente sich eines schelmischen Lächelns. Kaede verschränkte die Arme vor der Brust. Im Ansatz zog sie eine Schnute und schnaubte fest durch die Nase, wie ein angespanntes Pferd. Auch ihre Körperhaltung zeugte von Anspannung.
„Wie klappt es mit dem Rollstuhl?“, fragte Dr. Iwaizumi weiter. Kenma wies er dabei an, ihren Katheter zu kontrollieren.
„Schleppend… Wann werde ich das Ding da eigentlich los? Das stört und ist unappetitlich“, antwortete Kaede und sprach sich gegen den Katheter aus. „Der kommt weg, sobald Sie mit dem Rollstuhl selbstständig umgehen können. Sie werden das alles meistern, da bin ich mir sicher“ Iwaizumi versuchte es mit ruhiger Stimme und einem Lächeln. Für einen Augenblick legte ihr die Hand auf den Oberarm. Das hat auch Kenma bereits gelernt, dass kleine Gesten des Körperkontaktes unterstützen sollten. Er mied es allerdings, wenn es nicht unbedingt notwendig war.
„Ja. Schon klar“, kam es seufzend von Kaede. Sie rang sich auch zu einem Lächeln durch. „Na sehen Sie? So kenn ich Sie. Das gefällt mir gleich besser“, sagte Dr. Iwaizumi und mit dem Klang seiner Stimme drang auch Leben in Kaedes Gesicht und Lächeln. „Bis später“, verabschiedete er sich und scheuchte die fünf Assistenzärzte aus dem Zimmer.
Einfacher sollte es für den nächsten Patienten sein, der auf ihrer Liste stand. Nicht aber für Kenma, denn er grämte sich, als Shirabu den Fall mit seiner unangenehmen Selbstsicherheit vorstellte.
„Aoi Himekawa, 21 Jahre alt, Sakkuläres Aneurysma“, begann er und erklärte, wie er und Dr. Nekomata die Läsion, die sich an der großen Hirnarterie angesetzt hatte, entfernen würden. Es wäre eine offene Operation. An Kenmas Schläfe zuckte eine Ader, weil dieser Eingriff eigentlich der von ihm und Dr. Sakusa gewesen wäre. “Es heißt ja sogar fast wie er. Verstehst du? Sakusa und Sakkulär?“, hörte er Terushima in seinem Kopf sagen, obwohl der gar nicht da war. Irgendwie vermisste er den aufgedrehten Arzt sogar.
„Wer kann mir sagen, wo die Mehrheit dieser Aneurysmen auftauchen?“, fragte Dr. Iwaizumi in die Runde. Shirabus Hand schnellte hoch. Auch Akaashi symbolisierte, dass er es wusste. Ebenso wie Yamaguchi, wenngleich dieser es schüchtern machte. Tsukishima zeigte es mit einem selbstgefälligen Blick und Kenma weigerte sich.
„Dr. Kozume“, wurde er aufgrund seines Trotzes gewählt. „Im Karotis-Kreislauf. Man kann sagen 90% sakkulärer Aneurysmen befinden sind im vorderen Teil des Hirnkreislaufes“, erklärte er korrekt und erhielt ein anerkennendes Nicken.
Die folgenden Patienten waren nicht weiter aufregend. Da waren verkalkte Beinarterien dabei, die ausgeputzt werden mussten, ein Stent, der am Nachmittag ausgetauscht würde und ein paar Gallensteine. Die gehörten sogar Yamaguchi, der Dr. Sawamura assistieren durfte.
„Da kann ich nicht viel kaputt machen“, hat er verlegen zu Kenma gesagt und sich kurz darauf ermahnt, weil man so etwas nicht sagte.
Die jungen Ärzte wurden nach der Visite auf unterschiedliche Stationen weitergeschickt. Kenma folgte Dr. Iwaizumi. „Ich möchte, dass Sie Dr. Ukai in der Notaufnahme unterstützen. Nishinoya und Tanaka sind auch dort. Versuchen Sie, nicht im Weg zu stehen und lernen Sie von den beiden. Sie mögen chaotisch wirken, aber-“, sagte er zu ihm und stockte bevor er vor Kaedes Zimmer langsamer wurde. Auch Kenma wurde langsamer, weil er das aber abwartete. Unsicher sah er den Stationsarzt an. „Aber?“, fragte er. Dr. Iwaizumi schien wie aus der Konzentration gerissen. „Aber was?“ – „Dr. Nishinoya und Dr. Tanaka sind chaotisch, aber…?“, half Kenma nach und Dr. Iwaizumi war sofort wieder dabei. „Aber sie haben ein Händchen dafür.“
„Und weißt du, wofür ich ein Händchen habe?“ Schwester Kaori kam gerade aus dem Zimmer vis-a-vis. Sie zupfte sich die Handschuhe herunter und warf sie in den dafür vorgesehenen Mülleimer. Kenma hatte sie gekonnt ignoriert, der hätte auch am liebsten die Flucht ergriffen, bei dem Blick, denn die Schwester dem Arzt zuwarf. Als er das letzte Mal auf die beiden getroffen war, ja nicht einmal direkt, da ging das Ganze nicht besonders gut für ihn aus. Oder doch? Oder nein! Er wollte sich darüber nicht zu viele Gedanken machen. „Oh… ja, das weiß ich sehr gut.“ Dr. Iwaizumi räusperte sich. Für einen Moment herrschte Stimme, dann seufzte Kaori.
„Bemitleidest du sie wieder?“, fragte sie, weil ihr ganz bewusst war, vor wessen Zimmer sie standen. „Nein. Ich bewundere sie, für ihre Stärke“, sagte Dr. Iwaizumi und Kaori schnaubte. Sie nahm Dr. Iwaizumis Hand und zog ihn von dem Zimmer weg Richtung Mitteltrackt, wo die beiden wieder langsamer wurden und weitersprachen. Kenma empfand, dass es höchste Zeit wurde, sich zu verziehen, aber er wollte nun auch nicht direkt an ihnen vorbeigehen.
Fast wie verloren, stand er da, vor Kaedes Zimmer.
„Dr. Kozume?“, rief die Patientin plötzlich heraus. Kenma zuckte zusammen, bewegte sich aber mit einem Schritt in ihr Zimmer. Fragend sah er sie an. „Ja?“
„Bringen Sie mich heute zur Physio?“, fragte Kaede, aber Kenma schüttelte den Kopf. Das hätte ihm ja gerade noch gefehlt.
„Nein, Dr. Iwaizumi hat gesagt, ich soll-“ – „Wenn Sie Dr. Iwaizumi sagen, dass Sie sich um mich gekümmert haben, drückt er sicher ein Auge zu. Sonst rede ich mal mit ihm“, sagte Kaede. „Ich möchte vor den blöden Übungen lieber noch ein nettes Gespräch führen und das kann ich mit Schwester Suzumeda nicht“, versuchte die Kenma nun auf diese Weise weich zu bekommen.
„Ich führe keine netten Gespräche“, sagte Kenma, schüttelte aber darauf den Kopf. „Also ich führe lieber gar keine Gespräche, das meine ich“, besserte er sich aus. Kaede schmunzelte. „Ich glaube, wir werden uns bis dahin gut unterhalten“, sagte sie und winkte ihn zu sich. „Bitte… Sie müssen mir doch sagen, wie der Kuss mit Teru war“ Und damit hat Kaede nun fast für einen Totalausfall bei Kenma gesorgt. Sein Puls stieg an, die Nackenhaare stellten sich auf und ein unangenehmer Schauer lief ihm den Rücken hinunter.
„Wo…woher“ – „Woher ich das weiß? Teru natürlich, er erzählt mir alles, was hier so passiert und ich will schon meinen, das ist echt eine Menge. Können Sie sich was Ernsteres mit ihm vorstellen? Er hat echt schon zu viele Bekanntschaften, wenn Sie verstehen, was ich meine“
Kenma stöhnte genervt auf. „Ich kann mir mit Terushima sicher gar nichts vorstellen“ – „Außer mit ihm zusammenzuwohnen, nicht wahr? Das sind doch die besten Voraussetzungen, nicht wahr?“ Kaede ließ einfach nicht locker. „Ich bin nicht für sowas“, sagte Kenma und schüttelte behände den Kopf. Kaede lächelte sanft. „Ich weiß. Teru hat von Ihnen und dem Mann mit dem schönen Lächeln erzählt. Vermutlich wäre es schöner gewesen, wenn er Ihren ersten Kuss bekommen hätte“, sagte sie und seufzte verliebt. Da wurde es Kenma zu bunt. „Das geht Sie nichts an. Was nehmen Sie sich da heraus?“, kam es harscher als geplant. Kaede zuckte zusammen. „Es tut mir leid… Ich war zu aufdringlich. Ich dachte nur, nun ja, Teru erzählt immer so nett von Ihnen, es fühlt sich fast so an, als würden wir uns auch schon gut kennen. Und der Krankenhaustratsch ist das Einzige, das mir hier ein bisschen Abwechslung bringt, aber außer den Geschichten von Teru und dem, was mir Dr. Iwaizumi erzählt, erfahre ich sonst nichts“ Kaede seufzte. Dass sie mit Dr. Iwaizumi aber über ganz andere Dinge als den Tratsch im Krankenhaus sprach, erwähnte sie dabei nicht. Musste sie auch nicht, denn Kenma hielt den Stationsarzt nicht für jemanden, der da tat. Anders wie Terushima eben.
„Schon gut. Tut mir leid, dass ich laut geworden bin“, entschuldigte sich nun Kenma. In Kaedes Augen funkelte etwas auf. „Ich verzeihe Ihnen, wenn Sie mit zur Physiostation bringen“
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Und Kenma brachte sie zur Physiostation. Kaede saß im Rollstuhl und Kenma schob an. Sie sollte ihre Kräfte für Übungen schonen, da würden ihre Arme schon genug gefordert werden.
„Spürt man sein Zungenpiercing eigentlich?“, fragte Kaede schon als sie auf den fast leeren Gang kamen. Von Dr. Iwaizumi und Kaori war nichts mehr zu sehen. Kenma würde die beiden aber auch nicht suchen wollen. Und natürlich. Kaede wollte ja reden… plaudern. Tratschen viel mehr. Kenma seufzte.
„Ja“, antwortete er knapp. Kurz herrschte Stille und er hoffe, dass das alles war. War es natürlich nicht. „Ist es gut?“. Kenma konnte schwer antworten. Er wusste es nicht. „War der Kuss gut? Teru prahlt immer, dass er so ein guter Küsser ist. Aber ich will das selbst nicht testen und irgendwie trau ich mich die anderen Ärzte nicht fragen. Dr. Shirabu schaut immer so grimmig und Dr. Futakuchi hab ich erst einmal gesehen. Der macht auch nicht den freundlichsten Eindruck“ Das war wohl eine Sache, an der Kenma arbeiten musste, wenn er nicht noch einmal in so eine Situation geraden wollte. Grimmig schauen. Schade nur, dass er das laut Kuroo nicht konnte.
„Er war… gut“, gestand er. Komisch. Irgendetwas an Kaede brachte ihn dazu, dieses Gespräch zuzulassen. „Uuuuh“, machte sie und drehte sich im Rollstuhl um. Ihre warmen grünen Augen funkelten zu Kenma hoch und der wusste sogar ohne viel Sozialkompetenz, dass sie mehr wissen wollte. Das durfte sie ihm aber gerne aus der Nase ziehen. Plante sie auch.
„Warum sagen Sie das so komisch? Es ist doch nicht schlecht, einen Kuss gut zu finden oder?“, fragte sie und Kenma seufzte. „Ich sollte ihn nicht gut finden“ – „Warum? Wollen Sie mehr?“ Kaede sah hoch in Kenmas Gesicht, das sich verzog, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Warum fragte diese Frau all die Fragen, die er seit Stunden verdrängte und in seinem Kopf vehement schreiend mit “Nein!“ beantwortete oder unbeantwortet beiseiteschob, weil er das Gefühl nicht mochte? Sein Schweigen schien Antwort genug zu sein. Kaede drehte sich wieder nach vorne. „Hmm… ich glaube, Sie wollen auf jeden Fall mehr solcher Küsse, aber vermutlich ist Teru die falsche Person. Schade eigentlich. Er redet viel von Ihnen und strahlt dabei. Er hat sie richtig gerne aber-“ – „Aber Yamaguchi hat ihn gern, okay?“
Kenma krallte seine Finger um die Griffe des Rollstuhles. Seine Schritte wurden lauter, aber nicht unbedingt schneller. Ein bisschen vielleicht. Kaum merklich. „Das ist Dr. Freckles-chan, oder? Teru mag ihn auch gerne. Aber irgendwas hindert ihn, dass er das anspricht“, seufzte Kaede. Da fühlte sich Kenma gleich noch schlechter. Aber diesmal nicht wegen Yamaguchi, sondern weil er sich nun wie einer von Vielen fühlte, der seinem ersten Kuss nachtrauerte und sich dagegen wehrte, einen weiteren haben zu wollen.
„Ich glaube, er hat Angst vor etwas Ernstem… Sie kennen ihn doch, er kann nicht ernst sein“, sagte Kenma und da drehte sich Kaede wieder rasch um. „Genau das denke ich mir auch, Dr. Kozume! Wir müssen die beiden verkuppeln! Bitte…“ Sie sah ihn mit plötzlich ganz großen Augen, denen man schwer einen Wunsch abschlagen konnte. Schwer. Aber nicht unbezwingbar. „Nein!“, empörte sich Kenma. „Eifersüchtig?“, fragte Kaede mit einem schelmischen Schmunzeln. „Sicher nicht, aber ich misch mich in sowas nicht ein“, antwortete er. Kaede legte ein zufriedenes Grinsen auf und drehte sich um. Sie hatte wohl schon ein richtig pikantes Liebesdreieck im Kopf, das Kenma durch und durch widersträubte.
„Gut, dann muss ich das alleine machen. Zum Glück sind Sie nicht eifersüchtig, sonst hätte ich es nicht gemacht. Ich mag Sie irgendwie. Sie sind direkt und ehrlich, auch wenn Sie nicht viel reden, aber ich unterhalte mich gut mit Ihnen. Besser als mit… Schwester Suzumeda“ Und plötzlich schwang die Stimmung um. Kaede wandte sich wieder ab. Kenma war unzufrieden. Er hat natürlich von Terushima schon das ein oder andere gehört. Vieles von ihrer Stärker und dem Wunsch, bald aus dem Krankenhaus zu kommen um ihre zweite Chance zu erleben. Er hat ihre Lebensfreude selbst mitbekommen und fand, dass sie eine ganz einzigartige Persönlichkeit besaß, die ihn sogar über Dinge sprechen ließ, die er mit sich selbst nicht ausmachen hatte wollen. Kaede hatte die Rückschläge so gut weggesteckt und stand über den Dingen. Zumindest wirkte es so. Kenma wusste, dass man nicht in einen Menschen hineinschauen konnte und er ahnte, dass Kaede sich weit mehr Gedanken machte, aber sie ließ sich davon nicht beherrschen. Außer eben gerade.
„Kaede? Bitte verlieren Sie wegen ihr nicht Ihre Lebensfreude“, sagte er. Kaede nickte langsam. „Tun Sie mir dann auch einen Gefallen?“, fragte sie ohne ihn anzusehen. Kenma wartete ab. „Bitte reden Sie mit Terushima und vertragen sich wieder mit ihm und… ich weiß, es geht mich nichts an, aber… rufen Sie ihn an. Sie wissen schon. Den Patienten.“ Wieder wurde die Stimmung anders. Sie war nicht unangenehm. Die Vorstellung war unangenehm. Bestimmt war es sogar einfach, mit Terushima zu sprechen. Terushima war unkompliziert. Aber Kenma dachte an die Telefonnummer, die auf dem Zettel stand, den er irgendwann aus seiner Kitteltasche genommen und in das Fach seines Spindes gelegt hat. Dort, wo nun auch der Verlobungsring von Dr. Sakusa weilte. Unangenehm. Alles äußerst unangenehm.
„Wenn ich bereit bin“, sagte Kenma. Kaede sah wieder zu ihm auf. „Mehr will ich gar nicht“ und da war es wieder. Ihr herzliches Lachen. Leider begleitet von einem trüben Schleier über den Augen. Aber was sollte er nun sagen? Er war nicht gut in sowas. Kuroo wusste immer, was zu sagen war. Yamaguchi hätte bestimmt auch ein tröstendes Wort gehabt. Verunsichert sah er von ihr ab und lenkte den Rollstuhl um die letzte Ecke ehe sie auf der Physiostation ankamen.
„Sie müssen nichts sagen. Danke, dass sie mich gebracht haben“, sagte Kaede, weil sie Kenma weit mehr abgelesen hat, als es diesem bewusst war. Er war ihr ebenso dankbar. „Gut, dann… wo genau müssen wir hin?“, fragte er und Kaede deutete ihm den Weg.
Sie waren pünktlich und eine hochgewachsener Mann mit schwarzen Haaren kam ihnen im Trainingssaal entgegen. „Hallo Kaede, ich hoffe, Sie sind wohlauf“, sagte er freundlich. Kenma sah sich für einen Moment um. Hier gab es allerhand Geräte, ganz ähnlich wie in einem Fitnessstudio, nur mit viel Platz und auch komplizierten Konstrukten, die für spezielle Bereiche waren und auch nur ganz eigene Leiden behandeln sollte.
„Hallo, Ennoshita-san. Den Umständen entsprechend“, antwortete Kaede und Kenma übergab die Patientin. „Danke, Dr?“ der Physiotherapeut musterte Kenma. „Kozume“, war die knappe Reaktion. „Danke, Dr. Kozume, dass Sie mir Kaede gebracht haben“, sagte Ennoshita. Kenma nickte nur und sah zu, dass er sich rasch verabschieden konnte. Kaede erinnerte ihn an ihre Bitte. Da, wusste er, würde er nicht drum herum kommen.
„Hey! Bist du jetzt Pfleger geworden, wo Dr. Sakusa nicht mehr hier ist? Das ging ja schnell!“, wurde er beim Verlassen des Saales angesprochen. Dr. Tanaka und Dr. Nishinoya standen am Eingang und lugten hinein. Kenma war sich sicher, die beiden zuvor noch nicht gesehen zu haben. Sie mussten also gerade erst gekommen sein. Die Frage aber fand er wirklich unverschämt.
„Sollten Sie nicht bei Dr. Ukai sein?“, fragte er deswegen mit einem Funken von Herausforderung. „Sollten Sie nicht bei Dr. Ukai sein? Werd hier mal nicht frech, Klugscheißer“, sagte Dr. Tanaka mit hervorgerecktem Kinn.
„Machen Pause und bewundern Kiyoko“, sagte Dr. Nishinoya und zupfte an Dr. Tanakas Ärmel. Der ließ sich umgehend wieder ablenken und stierte durch die große Tür. Eine weitere Therapeutin räumte gerade Utensilien beiseite, weil ihre Stunde mit dem Patienten vor Kaede bereits vorbei war.
„Hallo, Kiyooookooo~ können wir dir irgendwie helfen?“, bot Tanaka äußerst freundlich an, dass Kenma die Stirn runzelte. Was war das denn für eine Art? Shimizu reagierte nicht.
„Hach, ich liebe es, wie sie mich ignoriert“, seufzte Tanaka und Nishinoya kicherte.
„Bitte gehen Sie wieder an Ihre Arbeit“, sagte die sanfte Stimme der Therapeutin plötzlich ganz nah neben ihnen und die Tür wurde zugeschoben. „Wenn Kiyoko sagt, ich soll arbeiten, mach ich mein ganzes Leben nichts anderes mehr“, trällerte Tanaka und machte sich mit Nishinoya auf den Weg in die Unfallstation. Kenma seufzte und folgte ihnen.
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In der Mittagspause setzten sich beide Ärzte auch zu Kenma. Als hätte er nicht schon genug Zeit mit den Chaoten verbracht. „Du hast dir echt den langweiligsten Tag ausgesucht, auf die Unfall zu kommen“, sagte Nishinoya und ließ sich mit seinen Hühnerspießen neben ihm nieder. Tanaka saß ihnen gegenüber und hing über seinem Nudelauflauf. Vor Kenma stand eine kleine Schüssel Reis mit Brokkoli und Rindfleisch.
In den vergangenen Stunden hatten die drei an Dr. Ukais Seite ein paar mindere Fälle. Sie mussten einen Finger schienen, leichte Verbrennungen von Jugendlichen behandeln und für eine ausgerenkte Schulter hatten sie Saeko gerufen. Tanakas ältere Schwester, wie Kenma nach kurzer Zeit erfahren hat. Saeko zeigte ihnen, wie das richtig gemacht wurde und Kenma entschied sich im selben Moment sowohl gegen die Unfallstation als auch die Orthopädische Abteilung.
Nach dem Mittagessen hat er sich mit einem angestrengten Blick in die Galerie gesetzt und beobachtete das Clipping des Sakkulären Aneurysmas.
„Ich hab heute ein Baby zur Welt gebracht“, sagte Yamaguchi, als wäre es das Normalste der Welt. Kenma sah stockend zu ihm hinüber. „Ein Patient hatte Besuch von seiner hochschwangeren Frau und dann sind die Wehen plötzlich losgegangen und das Fruchtwasser ist geplatzt. Also die Wehen hatte sie schon länger, aber sie hat nichts gesagt und dann ist das auf einmal total schnell gegangen. Aihara-san war nur leider selbst im Kreissaal beschäftigt, sie ist die Geburtshilfe und Akiteru, Tsukkis Bruder, hat mir dann geholfen, er ist auch Geburtshilfe, aber Tsukki spricht nicht gerne über ihn. Er hat das trotzdem richtig toll gemacht. Und… ich will auch mal ein Baby haben“, erzählte Yamaguchi aufgeregt und seufzte schlussendlich verträumt. Kenma zog die Augenbrauen hoch. “Mit Terushima?“, ploppte die Frage direkt in seinem Kopf auf, er stellte sie aber nicht. Yamaguchi lachte dennoch so verlegen, als hätte Kenma sie ausgesprochen.
Zu Kenmas ungeahnter Missgunst ging die Operation gut aus. Es war nicht so, als hätte er sich eine Niederlage gewünscht, aber wenn Shirabu einen Fehler gemacht hätte und von Dr. Nekomata aus dem Saal geworfen worden wäre, wäre er schon zufrieden gewesen, wenn die Operation dann gut ausgegangen wäre. Doch Shirabu glänzte und Kenma verließ mit einem Knurren die Galerie. Seine Doppelschicht war sowieso jeden Moment vorbei und so machte er noch einen letzten Kontrollblick auf der Intensivstation, wo alles ruhig und normal war.
Anders war das zu Beginn seines Dienstes am Morgen des nächsten Tages. Schon am Gang drang eine ganz miese Stimmung an ihn heran. Es war unruhig, aufgewühlt, beklemmend. Stimmen wurden erhoben, immer lauter, bis Kenma die Tür lautlos öffnete.
„Du hast dieselbe Blutgruppe!“, schallte Osamus leidige Stimme durch die Station. Dr. Suna versuchte, ihn zu beruhigen, aber Osamu schlug aus. Er zerrte an der Decke und den Schläuchen und an allem, das ihn daran hinderte, aufzuspringen und auf den Oberarzt loszugehen, der ihn zurück ins Bett drückte. “Samu, bitte! Du verletzt dich!”, knurrte Dr. Suna mit Nachdruck. Osamu holte erneut aus, doch seine Hand wurde abgefangen. “Warum… Warum hast du nich‘?” Sein Vorwurf schwang in Bedauern um. Auch Dr. Suna wurde ruhiger. Er ließ die Hand sinken.
„Ich weiß doch, dass du es nicht angenommen hättest, außerdem…“ Er stoppte. Und er wurde auch nicht angehört. Osamu war zu tief in seiner Trauer. „Du hättest Tsumu retten können. Du hättest… Rin! Du hättest ihn retten können…“, schluchzte er erbarmungswürdig. Verzweiflung stieg auf. Den roten Augen zu Folge weinte er schon eine ganze Weile. Sein ganzes Gesicht war tränengetränkt.
Dr. Suna versuchte es erneut. Er hob die Hand zu Osamus Gesicht. Sie wurde wieder weggeschlagen. „Hätte ich nicht… Ich bin nicht kompatibel als Spender“, sagte er. Osamus Hand hielt inne. Dr. Suna griff nach ihr.
„Aber… hast du ‘nen Test gemacht?“ Beide Arme sanken. Dr. Suna schüttelte den Kopf. „Nein, das musste ich nicht. Samu, ich bin für niemanden ein kompatibler Spender“, sagte er und wieder wurde ihm die Hand entrissen. „Was soll das denn heißen, du Spinner?“, fragte Osamu perplex. Stille herrschte zwischen den beiden. Nur für einen kurzen Moment.
„Ich bin positiv. Meine Leber hätte ihn erst recht umgebracht“, sagte Dr. Suna angespannt. Osamus Augen weiteten sich. Es brauchte einen Moment, dann verengten sie sich.Verzweiflung wechselte in Wut über. “Du und deine scheiß Bettgeschichten!” Osamu griff auf das Kästchen neben sich und warf alles, was er dort greifen konnte, nach dem Oberarzt. Ein Becher, ein Krug Wasser - Scherben, nass - ein Stift und eine Pappschale, die für den Abfall beim Injektionswechsel parat stand. “Du Mistkerl” Er fasst auch hinter sich und riss den Polster hervor. Auch dieser prallte an Dr. Suna ab und fiel zu Boden. Osamu sank erschöpft zurück und schnappte angestrengt nach Luft.
„Dann hättest du sie mir gegeben und Tsumu hätte die Gute bekommen. Rin… Du hättest Tsumu retten können. Was soll ich denn ohne ihn machen? Ich bin unvollständig… Mein Leben is‘ wertlos! Ich hätt‘ statt ihm sterben sollen. Er war immer der Bessere… ich… ich wollte ihn retten, Rin… Du hättest ihn statt mir retten müssen!“ Osamus Stimme wurde immer brüchiger. Die Tränen liefen unaufhaltsam über seine Wangen. Sein ganzer Körper bebte unter dem Schluchzen. Ein weiterer Versuch, die Hand aufzulegen, wurde abermals verwehrt.
„Ich hätte dich infizieren sollen? Weißt du eigentlich, was du da redest?!“ Dr. Suna bemühte sich gar nicht mehr, ruhig zu bleiben. Er schrie Osamu mit Unverständnis an. Aber der nahm sich auch kein bisschen zurück. „Ich weiß, dass es Tsumu gerettet hätte! Und du hast ihn sterben lassen! Weil dir dein Schwanz und deine scheiß Kinks wichtiger sind als alle anderen, du scheiß beschissenes Arschloch. Verschwinde! Ich will dich nie wieder sehen! Verschwinde!“
Und da stieg plötzlich Panik in Kenma auf. Wenn Dr. Suna Folge leisten würde, würde er ihn bemerken und dann würde er mächtig Probleme bekommen, weil das nun wirklich nichts für seine Ohren war.
Beinahe wäre er rückwärts über seine eigenen Füße gestolpert, doch konnte sich gerade noch fangen. Nicht zuletzt, weil er mit Terushima zusammenstieß.
„Weg, ganz schnell weg“, zischte er ihm entgegen und griff nach seiner Hand, ihn weiter zu zerren, weil Terushima nicht reagierte. „Woow… Kenma, was ist los?“ – „Shhhhh!“ Der Druck seiner Finger wurde stärker. Warum verstand Terushima den Ernst der Lage nicht sofort?
Seine Beine führten sie beide in den nächsten freien Raum – den Bereitschaftsraum. Hinter ihnen wurde die Tür zugeknallt und Kenma japste erst einmal eilig nach Luft.
Terushima musterte ihn und legte ihm eine Hand an die Hüfte, mit dem Daumen der anderen Strich er ihm über den Handrücken. Ein kurzer Ruck und Kenma war ihm näher denn je.
„Du hättest auch was sagen können, wenn du mehr davon willst“, hauchte Terushima mit einem Klang in der Stimme, den Kenma bei ihm nicht kannte. Er stieß ihn sofort von sich weg, entriss ihm auch seine Hand und maß ihn eines bitterbösen Blickes.
„Jetzt versteh ich gar nichts mehr“, sagte Terushima nun wieder mit seiner üblichen Stimme, vielleicht etwas dümmlicher als sonst aber durchaus gewohnt für Kenmas Ohren.
„Wir sind geflüchtet, du Idiot! Ich will sicher nicht mehr vor dir“, blaffte er ihn an und vergewisserte sich, dass sie alleine waren. „Und vor was? Oder vor wem? War laut auf der Intensiv“, fragte Terushima nach. Kenma ließ sich auf einem der Betten nieder. „Vor Dr. Suna… ich hab ihn und Osamu bei etwas gehört, was ich nicht hören sollte“, seufzte Kenma und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
„Was ist es denn?“, fragte Terushima naiv nach, aber Kenma richtete sich umgehend wieder auf und schüttelte den Kopf. „Nein, dir sag ich das sicher nicht. Dann weiß es das ganze Krankenhaus und ich bin Schuld“, stellte er schnell klar. Da brachten es auch die lächerlichen Versuche, das abzustreiten nichts. Kenma würde es keiner Menschenseele sagen. Wenn etwas raus kam, dann weil die beiden so laut waren und es jemand anderes auch mitbekommen hätte. Aber Kenma würde sicher nicht nach außen tragen, dass Dr. Suna wohl zumindest mit dem HI-Virus infiziert war oder einer Hepatitis Variante. Nein. Nein, sicher nicht.
Terushima schwieg für einen Moment. Kenma war ihm dafür auch dankbar. Aber realisierte nun auch, dass er mit ihm alleine war.
Stille.
„Warum weiß Kaede davon?“, fragte er nach einer Weile. Terushima machte einen peinlich berührten Ton. Ja, er wusste genau, wovon Kenma sprach, da war keine Frage.
„Naja…“, begann er. „Ich brauch keine blöde Ausrede“ Kenma wollte wissen, warum Terushima dachte, es wäre richtig über so einen intimen Moment vor irgendeiner Patientin zu reden. Nun gut, soviel musste er Kaede beisteuern, sie war alles andere als irgendeine Patientin, aber das machte Terushimas loses Mundwerk nicht akzeptabler.
"Okay, okay, aber eigentlich hab ich sie nur darauf angesprochen, wie ihre Stimmung immer besser wird, wenn Dr. Iwaizumi in der Nähe ist. Mit der ganzen Physio hat sie nämlich ganz schön zu nagen und naja, dann war schon irgendwie klar, dass sie bisschen verknallt ist in ihn, oder vielleicht auch so richtig, da hab ichs nur für richtig empfunden, ihr von Schwester Kaori und Iwaizumi zu erzählen und dann war sie ganz traurig und dann hab ich was Dummes gesagt und sie hat nicht gelacht und dann hab ich ihr erzählt, dass ich dich geküsst hab und dass du mich jetzt hasst und dann hat sie mir gesagt, dass ich zurecht Dr. Vollidiot bin, voll gemein"
„Du bist wirklich ein Vollidiot… Aber ich hasse dich nicht“
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Wie ein Vollidiot fühlte sich Kenma selbst Wochen später. Der Herbst war in vollem Gange und er fand sich in einer Situation, die er nicht so recht erklären konnte.
Er war wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort und in ein Wortgefecht zwischen Kaori und Dr. Iwaizumi zu geraten. Dem Stationsarzt schien sein Kreuzen gerade recht gekommen zu sein.
„Dr. Kozume! Helfen Sie Schwester Suzumeda, ihren Job zu machen“, verlangte er harsch von ihm, dass sich Kenma die Nackenhaare aufstellten und ein kalter Schauer seinen Rücken hinunter lief. Mehr noch als Kaori ablehnte. „Ich brauch keine Hilfe!“ – „Er braucht Erfahrung, auch mit sowas.“ Unangenehm. So unangenehm.
Und dann stand Kenma mit Kaori bei Kaede im Zimmer. Es war eigentlich ein warmer Oktobertag, aber in diesem Zimmer herrschte der siebirische Winter. Aus der sonst so leidenschaftlichen Schwester wurde eine straffe Anstandsdame und die junge Frau, die durch ihre Lebensfreude selbst nach dem Unfall so überrascht hat, strahlte puren Trotz aus. Kenma wünschte sich wieder in den Utensilraum. Er würde sogar Terushimas Gesellschaft auf sich nehmen, nur diesmal würde er ihm beide Hände auf den Mund pressen.
„Guten Morgen Miss Sato, heute begleitet uns Dr. Kozume. Ich hoffe, das ist kein Problem für Sie“, formulierte Kaori es höflich, doch ihre Stimme klang kühl. „Guten Morgen Schwester Suzumeda, Dr. Kozume“, kam es ähnlich temperiert von Kaede. „Es ist okay“ mit diesen Worten wandte sie sich an Kenma. Er fragte sich wirklich, warum Dr. Iwaizumi meinte, er brauchte Erfahrung hiermit. Immerhin war er Arzt und nicht Pfleger. Dennoch würde er sich nicht widersetzen.
„Gut“, sagte Kaori knapp. Sie ging zu Kaede ans Bett, schob die Decke zur Seite und entblößte ihre Beine. Sie waren in spezielle Kompressionsstrümpfe gehüllt, die Kaori deutete abzutragen. Kenma zögerte. „Ist schon okay, ich bin‘s gewöhnt“, seufzte Kaede. Handschuhe wurden angezogen und Kenma entschuldigte sich für seine kalten Finger, doch Kaede hob hervor, dass sie das gar nicht spürte. Ein bitteres Lächeln zierte ihre Lippen.
Kaori war ins Badezimmer gegangen und bereitete Waschtücher und Wasser im Becken vor. „Sie können Miss Sato dann bringen“, rief Kaori heraus.
Kenma und Kaede starrten sich einen Moment lang an. Ihm war klar, dass sie nicht einfach ins Badezimmer spazieren würde, das war ja der Grund für diese ganze Situation. Er sah aber auch keinen Rollstuhl, in den sie sich hieven könnte, wenn sie das denn überhaupt schon konnte. Darüber hatte er keine Informationen. Aber nach den Wochen Physiotherapie sollte seiner Meinung bereits möglich sein. Es änderte aber nichts an der Tatsache, dass gerade kein Rollstuhl im Zimmer war.
„Ich würds ja selbst tun, aber leider…“, sagte Keade und deutete schnaubend auf ihre Beine.
„Sie legen mir einen Arm um den Rücken und den anderen unter die Kniekehlen. Ich halte mich an ihren Schultern fest. Keine Sorge, ich bin nicht so schwer“, erklärte Kaede und hing kurz darauf in Kenmas Armen. Eher schlecht als recht und als sie verrutschte, klammerte sie sich so fest und eng um seinen Hals, dass es an den Haaren zog. Kenma machte einen angespannten Zischlaut. „War keine Absicht“ – „Schon gut, Sie können nichts dafür“ Kaede legte ihren Kopf an Kenmas Schulter ab, dass er ihren verschämten Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. Mit einem kurzen Ruck hatte er sie besser im Griff. „Vergessen Sie den nicht“, sagte Kaede und deutete auf den Katheter, er noch am Bettgestell hing. Kenma fragte sich, wie er den denn nun bekommen sollte, aber Kaede bot ihre Hilfe an. Das Ganze war so schon unangenehm genug.
Der Weg ins Badezimmer war mühsam, schwankend, aber dort angekommen, setzte er Kaede am bereitgestellten Duschstuhl ab. Kaori half ihr aus dem Krankenhaushemd und Kenma wandte den Blick ab.
„Bitte, Dr. Kozume, wenn Sie die Patientin nicht ansehen, wird das nichts“, mahnte sie ihn. Kenma wollte mehr flüchten denn je. Er hatte kein Problem damit, einen entblößten Körper vor sich liegen zu haben und mit dem Skalpell aufzuschneiden. Der Patient schlief dabei. Das war nichts Intimes, aber das hier, das war ein Level an Intimität, den er nicht mochte. Aber es war sein Job. Er erinnerte sich an Tanakas Worte von damals, als er Kaede zu Ennoshita gebracht hat. Seit Dr. Sakusa nicht mehr da war, lief etwas schief für Kenma. Er konnte zwar bei anderen Operationen assistieren, sogar bei Chefarzt Dr. Nekomata. Aber das war nicht dasselbe. Kenma vermisste Dr. Sakusa. Auf einer rein professionellen Ebene.
„Natürlich“, riss er sich zurück in die Realität. Kaori zeigte ihm, dass sie von unten nach oben mit dem Waschen begannen. Der Duschkopf wurde abgenommen und direkt über Kaedes Beine gesetzt. Das Wasser, so wurde ihm aufgetragen zu testen, war angenehm warm, was Kaede erst weiter oben entsprechend wahrnehmen konnte. Mit den Waschtüchern und Seife arbeiteten sie sich von den Füßen über die Waden hoch. Kenma erkannte die tiefen Narben. Sie würden nie ganz verschwinden, aber sie würden in ihrem Ausmaß noch zurückgehen. Sie wären dann nicht mehr rot, sondern würden blassrosa bis weiß werden. Kaedes Haut war gut gepflegt und darauf wollte sich Kenma konzentrieren. Die Waschung ging über die Oberschenkel weiter, bis schließlich…
„Und dann-“ – „Das mach ich alleine“, unterbrach Kaede bestimmt und griff nach dem Waschtuch in Kaoris Hand. „Und dann geben Sie ihr Halt, dass sie nicht aus dem Stuhl fällt“, sprach Kaori weiter und zeigte Kenma, wie er die Patientin am besten hielt und stützte.
„Kanns kaum erwarten, wenn ich das alles alleine machen kann“, sagte Kaede mürrisch. „Das wird noch eine Weile dauern“, wusste Kaori. Sie nahm bei den Fakten wirklich kein Blatt vor den Mund. Und es schlug ein. Auf Kaedes Gesicht wechselte Trotz mit Enttäuschung ab. Mit nur einem Satz hatte Kaori ihr Wesen wieder vollkommen verändert. Zum Negativen. Noch mehr.
Seit Kaede nach dem Unfall auf der Intensivstation aufgewacht war, hat sich viel verändert. Damals hat sie Dr. Iwaizumi mit ihrer positiven Energie etwas überrumpelt, auch Kenma war überrascht gewesen, aber Kaede war so dankbar dafür, zu leben. Jetzt wirkte es so, als wäre sie von ihrem Leben genervt, angestrengt und vielleicht sogar etwas überdrüssig. Nun gut, es war ihr nicht zu verdenken. Sie würde nie wieder laufen können, geschweige denn Motorradfahren, was – das wusste er von Terushima – eine Leidenschaft war, die Freiheit ausdrückte und nun würde sie bis an den Rest ihres Lebens an den Rollstuhl gefesselt sein. Die einfachsten Dinge waren nun Herausforderungen. Ein schreckliches Schicksal wohl.
Langsam ließ Kenma Kaede wieder zurück in den Stuhl sinken und half ihr beim Rest. Er war froh, dass Kaede ihren Oberkörper selbst im Griff hatte und ihm auch gar nicht erlaubte, sie dort zu berühren. Nach Kaoris Anweisungen hielt er ihre Haare zur Seite und achtete beim Abduschen darauf, dass sie nicht nass wurden. Seine Kleidung müsste dafür später gewechselt und aufgehängt werden. So geschickt sich Kaori auch tat, so schlug bei Kenma die Unerfahrenheit durch.
Nach dem Abtrocknen half er ihr wieder in das Krankenhaushemd und trug sie zurück ins Bett. Kaori machte den Katheter wieder an und musterte Kenma. „Fürs erste Mal, okay. Stützstrümpfe wieder anziehen und dann war’s das“, sagte sie und verließ das Zimmer mit den gebrauchten Waschtüchern. Kenma zog Kaede die Strümpfe an und fragte sie, ob sie noch etwas brauchte. Nur ihre Bluetooth Stecker um Musik zu hören.
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„Kaede ist so anders“, eröffnete er Terushima in der Mittagspause, die er heute recht früh machte. Er hat sich mit seinem Mitbewohner und einem Sandwich in einen der Ausweichräume gesetzt. Kurz nach elf. Nach diesem Vormittag wollte er sich nicht in die volle Kantine setzen. Terushima war ihm nachgelaufen, weil er Ideen für das Abendessen hatte. Kuroo war für die Nachtschicht eingeteilt und so meinte er, könnten sie sich mal wieder Udonnudeln mit Knoblauch und Ahornsirup machen. Kenma mochte den Vorschlag, war aber anfänglich nicht so angetan davon, Gesellschaft zu haben. Irgendwann hat er sich auf das Gespräch eingelassen und schwenkte nach einer kurzen Pause selbst zu Kaede um.
„Ja… sie wird immer trauriger. Manchmal hat sie wieder mehr Energie und ist auch ganz schön frech, aber das wird immer seltener. Sie hat auch geschimpft mit mir, weil ich noch… naja… mich mit Kenji und Kenjiro treffe… Ha! Hast du gecheckt, dass die beiden fast gleich heißen?“, lachte Terushima plötzlich auf. Kenma seufzte. „Ich hab vor allem gecheckt, dass sie nicht Tadashi heißen“ Kenma erinnerte sich an sein Gespräch mit Kaede und dass er ihr gesagt hat, dass er sich nicht einmischen wollte, aber es war schrecklich mitanzusehen, wie Terushima mit Yamaguchi flirtete und der dann aus allen Wolken fiel, wenn er ihn wieder mit jemand anderes sah. Das war nicht fair und das konnte Kenma nach all der Zeit, die sie alle miteinander verbrachten, nicht mehr mit ansehen. „Hey! Wir haben beschlossen, das Thema ist tabu! Ich hab auch aufgehört wegen Grinsebacke zu fragen“, empörte sich Terushima. Kenma resignierte. „Hast ja recht“, sagte er und sah hoch auf die Uhr. Sie ging fast genau eine Stunde nach, aber niemand hat sie je korrigiert.
Diese Uhr war seit Ende Sommer falsch. Oder richtig? In Kenmas Augen war sie richtig, als liefe die Zeit hier auf einer anderen Linie. „Wieder 10:42“, sagte Terushima beim Klacken des Minutenzeigers.
Eine Zeitlinie, in der Atsumu noch lebte und Dr. Sakusa noch Kenmas perfekter Mentor war. Diese Uhr war die ein Denkmal.
„Wir sehen uns dann. Spätestens beim Bus“, sagte Kenma nach einer Schweigeminute und hievte sich von dem herrenlosen Krankenbett hoch. „Ja klar, bis später.“ Terushima aß sein Sandwich noch auf und Kenma machte sich auf den Weg zu den Operationssälen, weil er bei Dr. Nekomata assistieren durfte. Es handelte sich um ein besonders großes Akustikusneurinom, ein Tumor im Gehörtrakt, der bereits Gehörverlust verursachte.
Bevor er aber dort ankam, wurde er von Schwester Kaoris aufgebrachter Stimme zum Stoppen gezwungen. Kenma blieb an der Ecke zum Hauptgang stehen und erkannte, dass Dr. Konoha bei ihr war.
„Was los ist, willst du wissen? Ihr Männer seid los oder zumindest die, die ich mir aussuche!“, fauchte Kaori und stieß ihre Fäuste gegen Konohas Brust, der ließ das überraschenderweise auch noch mit sich machen.
„Kaori…“, seine Stimme klang ruhig, wie immer, aber wehmütig, wie sonst nie. „Weißt du, bei dir war es ja einfach, du stehst auf Kerle, da kann ich nichts machen, aber Hajime… Er steht auf richtige Frauen! Eine wie ich es bin! Und trotzdem hat er in letzter Zeit immer nur dieses… dieses… dieses Miststück auf Rädern im Kopf“ Wut und Frust brüllte aus der Krankenschwester, dass sich Kenma gleich noch ruhiger verhielt. Er mochte es zwar nicht, wie sie über Kaede sprach, denn so viel war ihm klar, aber er würde jetzt nicht den Helden spielen, denn dann würde er Dinge kassieren, für die er gar nichts konnte. Sollte lieber der Anästhesist das ausbügeln, denn wie es schien, war er nicht unweigerlich daran beteiligt.
„Dr. Iwaizumi scheint mir, seinen guten Geschmack abzugeben und ich… nun ja… du weißt selbst, dass ich mit so einer Bombenfrau, wie du es bist, einfach nicht umgehen könnte, ich würde dir nur langweilig werden“, sagte Konoha. Er hob die Hand und strich Kaori tröstend über die Wange und wischte ihr mit dem Daumen eine Träne weg. Sie lachte verhalten auf. „Du kannst sogar Ablehnungen smooth, das ist unfair. Ich kann dir doch gar nicht böse sein“, seufzte sie.
„Das muss du auch nicht, lenk all deinen Zorn auf Dr. Iwaizumi, hab ich gar nichts dagegen“ Konoha legte ein liebevolles Lächeln auf, das wohl auch Akaashi gut gefallen hätte und rutschte mit der Hand an Kaoris Kinn um ihr Gesicht hoch zu neigen. „Kopf hoch, schöne Frau, vielleicht wartet der perfekte Mann für dich bereits um die Ecke“, sagte er und das war Kenmas Stichwort umgehend die Richtung zu wechseln und lieber einen Umweg zu gehen. Er war niemandes perfekter Mann. Schon gar nicht der von Kaori, die auch Konohas Zureden noch eine Entscheidung und ein Gespräch zu führen hatte.
Am Ende des Umweges wartete nun endlich eine brauchbare Operation auf ihn, in der Kenma sogar weit mehr machen durfte, als er sich erwartete. Dr. Nekomata war ein sehr ruhiger und gelassener Lehrer. Er schien zu verstehen, wie viel Leidenschaft Kenma für diese Fachrichtung hatte und wollte das fördern. Aber für Kenma fühlte es sich nicht richtig an. Es fehlte etwas und er sehnte sich wieder in den Gang, in dem die Zeit gefühlt stillstand. In den Gang, in dem Atsumu noch lebte und Dr. Sakusa noch da war. Wo es keine Freistellung auf unbestimmte Zeit gab und wo Kenma den für ihn besten Lehrer hatte.
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Wenige Wochen später konnte Kenma kaum glauben, wem er mit Terushima in der großen Eingangshallte über den Weg lief.
Dr. Sakusa hat sich Wochen lang, ja Monate nicht im Haikyuu Medical Hospital sehen lassen. Der Winter stand bereits vor der Tür und Kenma fiel ein riesiger Stein vom Herzen. „Dr. Sa-“, begann er, doch Angesprochener ging stur an ihm vorbei und richtete seine ersten Worte an Terushima: „Du. Fünzehn Minuten. Gewaschen. Bereitschaftsraum. 3. Stock!“ Terushima sah ihm verdattert hinterher und wechselte rasch zu Kenma. „Hast du das gerade gehört?“, fragte er. Kenma nickte. „Ja… beeil dich, bevor ich das ausbaden muss“, seufzte er und Terushima zog ab.
Auf irgendeine Weise musste Kenma es ausbaden, denn für ihn ging ein weiterer Tag ohne seinen Mentor los. Terushima verlor bei ihrem nächsten Aufeinandertreffen kein Wort über sein unangenehmes Stelldichein mit dem Oberarzt. Dafür fragte er ihn nach seinen Plänen am Abend.
„Ich bin mit Kuro beim Grab seiner Mom. Allerheiligen, weißt schon“, antwortete er und lehnte Terushimas Angebot ab, mitzugehen, weil sie ja Mitbewohner waren. Nein, das wusste er, wollte Kuroo sicher nicht. Das war etwas, das sie gemeinsam seit Jahren alleine machten. „Du kannst was mit Fisch kochen“, schlug er vor und folgte einem Pager-Ruf in die Gefäßstation.
Dabei war er Kaede über den Weg gelaufen. Sie fuhr selbstständig zur Physio. Kenma erkannte, wie kräftig ihre Arme bereits waren. Das Training machte sich bezahlt und dennoch war es nicht zu viel. Auch eines Lächelns hatte Kaede keines zu viel. Terushima hat ihm erzählt, dass sie das immer seltener trug. Die kalte Jahreszeit verlangte ihren Tribut. Sie schlug sich auf alle irgendwie aus. „Wie geht es dir?“, wagte er, sie zu fragen. „Sie müssen mich nicht bemitleiden“, sagte Kaede. Es war wie ein Vorwurf. Kenma seufzte. „Hatte ich nicht vor… Aber… Sie machen doch Fortschritte“, merkte er an. Kaede seufzte. „Aber ich kann nichts alleine, zumindest nichts, was etwas bedeutet“
Bedacht setz Kenma seine Schritte neben Kaede. „Hilfe ist nichts Schlimmes“; sagte er. Er nahm selbst auch Hilfe an. Vor allem von Kuroo, der ihn bereits sein Leben lang unterstütz hatte. Deswegen ging er auch am 1. November immer mit ihm zum Grab und war sein Ruhepol, wenn er wieder einmal zu aufgeregt war. Aber davon wollte Kaede nichts hören.
„Das ist nicht das Gleiche“, sagte sie angespannt und dann wurde sie leiser. „Ich brauche immer Hilfe… für alles…“
Sie wurde in den nächsten Tagen immer leiser, sie wurde regelrecht still, bis es während Kenmas nächsten Nachtschicht plötzlich immer lauter wurde.
[Url=https://open.spotify.com/intl-de/track/653QMEuurQeEMP6Nt58yFD?si=8338d32d763747ab]”Kaede!”[/url]
Kenma stand auf der Brücke, wo er auch an seinem ersten Tag mit den anderen Assistenzärzten gestanden hat und wo Dr. Sakusa das erste Mal seine Sicht eingenommen hatte. Jetzt war es stockfinster draußen und die Nachtschicht gewahr ihm einen Moment Stille. Zumindest so lange, bis Terushimas Rufen sie unterbrochen hat.
Sein Kollege kam aus dem Trakt der Ortho-Chirurgischen Abteilung gelaufen. Gehetzt. Kenma richtete sich auf. „Kaede!“, rief Terushima noch einmal und prallte neben ihm gegen das Geländer der Brücke. Hastig atmend. Er hatte etwas in der Hand. Einen Zettel? Ein Kuvert?
Der Blick nach unten ließ die gesuchte Patientin entdecken. Sie durchquerte gerade die Haupthalle Richtung Ausgang. „Kaede warte! Kaede! Bleib stehen!“, wurde er lauter und lehnte sich über die Brüstung, aber Kaede blieb nicht stehen. Sie drehte sich auch nicht einmal zu ihm um.
„Was ist los?“, fragte Kenma, aber Terushima riss sich mit einem Schlag beider Fäuste gegen das Geländer weg und lief wieder zurück. Panisch drückte er auf den Rufknopf der Aufzuganlage. Immer wieder, immer schneller. Die Füße tappten nervös. So aufgebracht hat Kenma ihn noch nie gesehen. „Fuck!“, fluchte Terushima und machte umgehend kehrt zum Treppenhaus. Die Tür wurde aufgerissen, Terushima verschwand und das Signal des eintreffenden Lifts ertönte.
Kenma sah irritiert zurück nach unten, wo Kaede gerade durch die Drehtür das Krankenhaus nach draußen auf den Parkplatz verließ. Sein Herz begann unweigerlich schneller zu schlagen, obwohl er die Situation noch nicht ganz begreifen konnte. Sein Körper wusste Bescheid, aber er war starr vor Schock und konnte nur nutzlos hier stehen bleiben und das Unheil beobachten.
„KAEDE!“
Unten schlug die Tür aus dem Treppenhaus Schwung brachial gegen die Wand und erschütterte die Halle. Terushima sprintete auf den Ausgang zu. Kaede wurde draußen immer schneller und fuhr zügig die Zufahrt entlang auf die große Durchfahrtsstraße zu. Terushima drückte sich durch die schwere Glastür und nahm am Asphalt noch einmal Geschwindigkeit auf.
In der Ferne kam ein Licht näher. Scheinwerfer eines LKWs. Schnell.
Kenmas Atem stockte, dafür raste sein Herz und dennoch fühlte sich jeder Schlag wie verlangsamt an. Die Ohren beschlugen. Alles fühlte sich langsam an. Alles war unheimlich schnell.
Kaede rollte auf die Straße zu, schneller als man sie von dort hätte erkennen können.
Terushima sprintete bereits in einem Tempo über den Parkplatz, das unmenschlich war und dennoch war klar: Er würde es nicht rechtzeitig schaffen. Verzweifelt rief er nach ihr. Kaede reagierte nicht. Sie ließ sich nicht abbringen. „Kaede bitte!“ Die Straße war erreicht. Kenma schlug sich die Hände auf den Mund.
Das Abblendlicht des LKWs erfasste Kaede in Gänze. Ein lautes Hupen ertönte. Ihre Arme stoppten. Terushima stolperte. Er war nur wenige Meter von ihr und der Straße entfernt, aber sein Körper stieß an die Grenzen der Physik. Seiner eigenen Physik.
„Kaede!“ eine weitere Stimme drang laut durch die rabenschwarze kalte Nacht und Dr. Iwaizumi ließ nicht nur die zerberstete Glastür hinter sich zurück, sondern auch Terushima, dem es verwehrt blieb, Kaede zu erreichen. Ohne zu überlegen, lief der Stationsarzt auf die Straße.
Es hupte erneut. Laut anhaltend. Der LKW verriss die Spur. Die Reifen quietschten am Asphalt. Der Anhänger verriss. Kenma kniff die Augen zu. Es knallte. Es knarrte. Es schepperte. Der Rollstuhl landete im Graben. Leer. Zwei bewegungslose Körper neben ihm. Der LKW hat sich quer über die Straße gestellt und war frontal gegen den hohen roten Ahorn gefahren, der an der Ecke stand. Der Baum war in die Busstation gekippt. Nicht mehr zu retten.
„Dr. Iwaizumi! Kaede!“
Kenma konnte sich nicht vom Fleck rühren. Ihm stockte der Atem. Es war so still, er hörte den Minutenzeiger der großen Uhr über ihm umschlagen.
11:42.
Auf Atsumus Zeitlinie war es 10:42.
Nachts.
Acceptance
[url=https://open.spotify.com/intl-de/track/4Kdlc1IE7zMnX3R3m16PSc?si=d344b4694ec2427a]Herbst[/url]
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
(Rainer Maria Rilke, 1875-1926, österreichischer Dichter, Schriftsteller)
Ein langer Herbst, so sagt man, verspricht einen harten aber kurzen Winter. Viel Nebel im November, sagt einen schneereichen Dezember voraus. Wenn rote Blätter spät aber dann schnell fallen, erwartet das neue Jahr, so sagt man, ein Unglück noch in der ersten Hälfte.
Bauernregeln. Sogesagtes. Humbug. Erfahrung. Hokuspokus und Aberglaube. Man nenne es, wie man mochte. Ein bisschen Wahres ist an allem dran. Manchmal. Nicht immer. Fakt ist: Nach dem Herbst folgt der Winter. Regen wird zu Schnee, wenn die Temperaturen fallen. Und auf das alte Jahr folgt das neue.
***
Der eisige Wind veranlasste nicht nur Kenma, den Kragen der Jacke hochzustellen und den Hals vor der Witterung zu schützen. Kuroo neben ihm sah damit aber viel cooler aus. Verwegen gar.
„War ne harte Nachtschicht, hmm?“, fragte der Ältere. Kenma nickte nur. So recht hat er das auch noch gar nicht verarbeitet. Auch die Straße hat das nicht. Da waren immer noch die Markierungen von der Polizei. Officer Sasaya hat sie aufgesprüht. Grüne Linien für den stehengebliebenen LKW sowie dessen Fahrbahn, weiters den Verlauf von Kaedes Weg über die Straße in den Graben in gelb.
Direkt bei der Bushaltestelle am gestürzten Ahorn erkannten sie eine der älteren Assistenzärzte. “Eri?”, fragte Kuroo überrascht, aber sie rührte sich nicht. Sie sah starr auf den Baum. Die Blätter waren sogar im November noch rot und waren erst jetzt gefallen. Dafür alle auf einmal.
Für Kenma spielte sich der gesamte Unfall wie in Zeitlupe noch einmal vor seinem geistigen Auge ab. Am liebsten hätte er vergessen, was er gesehen hat. So schnell hat sein Herz noch nie geschlagen und so eng hat er sich noch nie um den Hals einer anderen Person geschlungen, wie um den von Terushima.
“Ich vergeb dir! Es ist alles wieder gut!”, hat er ihn angebrüllt. “Nur mach sowas nie wieder", er hat am ganzen Leib gezittert, weil er plötzlich eine unheimliche Angst um seinen Mitbewohner gehabt hatte. Jedes noch so kleine Restgefühl der Verärgerung wegen diesem Kuss von damals war wie in Luft verpufft.
Terushima war der Schock selbst noch so tief gestanden, dass er nicht einmal etwas Unangebrachtes gesagt hat. Nur eine Entschuldigung.
Die restliche Nachtschicht war wie in Trance vergangen. Die Zeit lief neben ihm vorbei, genauso wie die anderen Ärzte. Kenma wusste nicht einmal aus erster Hand, wie es um Kaede stand oder Dr. Iwaizumi. Terushima war dann auch so schnell weggelaufen. Nicht auf die Straße, den anderen Ärzten nach.
Erst Kuroo hat sich ein genaues Bild gemacht und den Stand der Dinge geklärt. Aber Kenma hat es nicht aufnehmen können.
Er konnte jetzt auch nicht mit Eri umgehen, die wegen einem Baum zu weinen schien.
„Ich mach dir daheim nen Tee und dann schläfst du mal richtig“, sagte Kuroo im Bus zu ihm. Im Bus. Kenma konnte sich nicht erinnern eingestiegen zu sein. Er konnte sich auch nicht daran erinnern, dass Kuroo seinen Arm tröstend um Eri gelegt hatte und, dass sie dadurch noch heftiger weinte.
Erst in der WG angekommen kamen kurze Bilder bei ihm an. Mit einem heißen Kamillentee saß er auf der Couch und starrte auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers. Seine Finger wärmten sich angenehm und der Geruch wirkte auch bereits beruhigend. Kuroo setzte sich neben ihn und bot ihm eine Decke an, doch Kenma lehnte sie ab.
„Was ist mit Eri los?“, fragte er mit müder Stimme. Kuroo stellte sein Glas Wasser nach einem ersten Schluck auf den Tisch. „Eri hat ihren Verlobten verloren… Ist schon ein paar Monate her, aber an dem Baum, also eigentlich beim Bus haben sie sich kennengelernt. Chigaya war Pathologe, aber glaub mir, ganz anders als Matsukawa. Der war fröhlich und man hat ihm nicht angesehen, dass er den ganzen Tag mit Leichen arbeitet, das merkt man bei Matsukawa schon. Hast du den schonmal reden gehört? Hat auch nen super seltsamen Humor“, begann Kuroo zu erzählen. „Du schweifst ab“, mahnte Kenma. Er war sich aber gar nicht sicher, ob er das alles überhaupt wissen wollte. Immerhin reichte es ihm zu wissen, dass Eri wohl trauerte. Aber er hatte bereits gestartet. Kein Abwürgen möglich, außerdem fehlte ihm die Energie, aufzustehen und sich fürs Bett zu richten.
„Sorry, sorry. Also ja, Chigaya war Pathologe und Eri hatte ihre Praxis zum Studium im Haikyuu Medical Hospital. Sie war also noch so ne richtig unverdorbene Studentin und Chigaya war mit seiner positiven Energie auch noch so richtig grün hinter den Ohren. Eigentlich kein Wunder, dass die zwei zueinander gefunden haben. Wie genau das gelaufen ist, hat sie nie erzählt, ich hab sie ja erst vor anderthalb Jahren kennengelernt seit unserer Assistenzarztzeit halt. Aber er hat ihr wohl am ersten Tag schon den Weg im Krankenhaus gezeigt und beim Bus haben sie sich richtig unterhalten. War ein verregneter Tag – ja, das weiß ich noch genau, weil das total romantisch ist – und deswegen ist der Bus lange nicht gekommen. Glaub, da war ne Verkehrsbehinderung. Der Grund ist ja egal, weil die zwei sich da unter dem alten Ahorn untergestellt und sich so richtig ineinander verliebt haben. Wie Schicksal, was sagst du?“, fragte Kuroo. Kenma schüttelte den Kopf. Schicksal war doch Schwachsinn. „Naja… auf jeden Fall sind die zwei zusammengekommen und Eri ist natürlich für ihre Chirurgenausbildung auch ins Haikyuu Medical gegangen, so wie ich. Am ersten Tag hätte ich es auch schon bei ihr versucht, aber ja, sie war nunmal vergeben, daher weiß ich das nämlich“ Kenma seufzte. War ja klar, dass Kuroo sich nicht aus reinster Nächstenliebe für Eris Geschichte interessiert hatte.
Es stand vollkommen außer Frage, dass Kuroo ein aufmerksamer Mensch war, der ehrliches Interesse an anderen hatte, aber das wäre wohl eine Spur zu viel des Guten gewesen.
„Und warum weint sie dann jetzt am Baum?“, fragte Kenma. Der Tee hatte inzwischen Trinktemperatur und wärmte von Innen wohlig, dass das mentale Toben der Nachtschicht langsam nachließ.
„Er ist gestorben. Herzstillstand. Einfach so. Hat einfach aufgehört zu schlagen“, sagte Kuroo. Kenma stockte der Atem. Er konnte den Schmerz, den die ältere Assistenzärztin durchgemacht haben muss, zwar nicht nachfühlen. Genauso wenig wie den von Dr. Sakusa. Aber mit all dem Tod, mit dem er in seinem ersten Jahr bisher konfrontiert war, bedrückte ihn das Thema. Mit seinem Beruf kam es unweigerlich näher an ihn heran und eigentlich hätte er gedacht, dass es ihm nicht passieren würde. Und dennoch hing es nun wie ein schwerer Mantel auf seinen Schultern.
„Am alten Ahorn hat er ihr den Heiratsantrag gemacht. Hat das Verkehrsamt kontaktiert und die haben einen Bus mit der Aufschrift ‘Willst du mich heiraten?‘ geschickt. Super kitschig, viele vom Krankenhaus waren da und er ist unter dem Baum gestanden mit dem Ring als Eri das gelesen hat“, erzählte Kuroo weiter. Kenma wurde unwohler im Magen. „Warum denn bei der Bushaltestelle?“, fragte er. Von Romantik verstand er zwar sehr wenig und interessierte sich auch nicht dafür. „Gott Kenma, weil das ihr Ort ist und es ist weniger die Haltestelle und vielmehr der Baum. Der Baum, Kenma, wo alles für sie begonnen hat und jetzt ist dieser Baum umgefallen und kaputt und Eri hat auch das verloren und deswegen sitzt sie jetzt bei dem Baum und weint“
Und dann waltete Stille. Kenma starrte in seine Tasse und folgte gedankenverloren den kleinen Bläschen, die sich gebildeten hatten, schon als das kochende Wasser über den Teebeutel gegossen wurde.
Kuroo lehnte sich nach vorne, nahm sein Wasserglas vom Tisch und trank es aus. „Ich geh ins Bett, war eindeutig lang genug“, sagte er und brachte das Glas in die Küche. „Geh dann auch schlafen, okay?“, bat er Kenma und verschwand nach einem sanften Streichen über Kenmas Schulter und Oberarm im Badezimmer. Kenma neigte den Kopf zur Seite und berührte mit der Wange die Stelle, wo gerade noch Kuroos warme Hand war. Ja, er würde bestimmt auch gleich zu Bett gehen.
***
"Heute spiel ich Zelda, du kannst zuhören, ich erzähl dir auch was davon. Aber am wichtigsten ist, dass du weißt, dass der Held nicht Zelda heißt. Er heißt Link und die Prinzessin heißt Zelda und sie muss nicht gerettet werden. Sie braucht nur manchmal etwas Hilfe und die bekommt sie auch. Vielen fällt es echt schwer, nach Hilfe zu fragen. Kaede zum Beispiel. Sie nimmt nicht gerne Hilfe an und sie fragt auch nicht danach, aber davon hat dir Teru bestimmt schon erzählt. Er hat sie echt gerne und ich glaube, sie ist einer der wenigen Menschen, die er wirklich ehrlich mag.
Aber Prinzessin Zelda kann Hilfe annehmen und sie fragt auch danach, wenn es notwendig ist. Wie Yachi eigentlich. Hmm… Irgendwie ist das alles hier, the Legend of Yachi, wir unterstützen sie dabei, für dich da zu sein. Naja, wir Ärzte, du nicht, du bist eher wie das schlafende Königreich in Breath of the Wild..."
Kenma saß ein weiteres Mal bei Kawanishi. Seine übliche Tagschicht war vorbei und er hat mit Yachi zu ihrer Nachtschicht abgetauscht.
Als er an diesem Morgen mit dem Bus angekommen war, war der alte Ahorn weg, über den er mit Kuroo vor ein paar Nächten gesprochen hatte. Auch Eri war nicht mehr dort und hat somit auch nicht an der Bushaltestelle geweint. Aber sie war ihm im Krankenhaus über den Weg gelaufen. Mit ihrem üblichen Lächeln. Sie hat es Hana geschenkt und ihr gesagt, es würde alles gut werden. Worum es gegangen war, hat Kenma nicht mitbekommen und er hat sich auch nicht darum erkundigt. Eri schien es gut zu gehen und auch, wenn er sie nicht besonders gut kannte, wirkte es eine Art der Erleichterung auf ihn.
„Hast du eigentlich vor, demnächst mal aufzuwachen?“, fragte Kenma. Der Spielsoundtrack füllte seine Redepause, genauso wie die Aktionstöne, wenn er einen Gegenstand aufhob, eine Schatztruhe öffnete, einen Gegner bekämpfte oder einfach nur das Gras zerschnitt oder Tontöpfe für Rubine zerschlug. Kawanishi antwortete natürlich nicht und so sprach Kenma weiter.
„Keine Ahnung, wie lange es gut ist, dass Yachi so leidet. Es ist schon komisch, dass sie sich so verbunden zu dir fühlt, obwohl du die ganze Zeit nur im Koma liegst. Muss ein guter erster Eindruck gewesen sein“, sagte er und sah hinüber zu dem schlafenden jungen Mann. Besonders sah er für ihn nicht gerade aus. Das rötliche Haar war eindeutig etwas Unübliches und Kenma wusste von Kuroo, dass man einer Haarfarbe besonders zugeneigt sein konnte. Kuroo mochte zum Beispiel helle Haare gerne, was er ihm erst gesagt hat, als Kenma seine während dem Studium blondieren hat lassen. Dass er allerdings auch mal bei Eri hatte landen wollen, deutete darauf hin, dass das mit der Haarfarbe nicht so ein starkes Kriterium sein konnte.
Ob es die Augen waren? Kenma hatte die von Kawanishi nie gesehen. Aber er hat sich selbst schon einmal in einem Paar Augen so verloren, dass ihm anders wurde. Dazu kam aber auch ein Lächeln, das seine Welt auf den Kopf gestellt hat und so fand er sich nun in der Realisierung, dass er seine freie Zeit vielleicht auch an Iizunas Bett verbracht hätte.
Iizuna, dessen Nummer noch immer nur auf einem Stück Papier stand, das irgendwo in seinem Spind lag und dort seine Ewigkeit erleben zu dürfen schien.
Kenma seufzte. Okay. Er verstand Yachi nun ein Stückchen mehr. Sich selbst aber etwas weniger. Denn so etwas war ihm noch nie passiert.
„Wenn du dann irgendwann aufwachst, nenn sie doch Hitoka. Ihr ist mal dein Vorname rausgerutscht und ich glaube, es würde ihr gut tun. Vermutlich aber hörst du kein einziges unserer Worte. Also hören tust du sie bestimmt, aber du verstehst sie nicht. Nur die Schwingungen sind da. Deswegen hat Teru gesagt, ich soll lächeln, wenn ich mit dir spreche, weil man das spürt. Aber mir tuts leid, ich lächle nicht. Das ist nicht so mein Ding, also musst du mit der Spielmusik leben“, sprach Kenma weiter und hoffte wirklich instendig, dass Kawanishi das tun würde: Leben.
Leben sollte auch Kaede, denn nicht allen war dies gegönnt. Das wurde Kenma bei einer Operation mit Dr. Sakusa noch einmal mehr aufgetischt. Sein Mentor war wie ausgetauscht. Zwar war der Neurochirurg nie ein Sonnenschein gewesen, der sein Herz auf der Zunge trug – das war etwas, das Kenma ja sehr an ihm schätzte – aber seit Atsumu gestorben ist, war Dr. Sakusa noch mehr in sich gekehrt. Er sagte bei den Operationen nur das Nötigste und übernahm sofort, wenn Kenma zu hadern drohte.
Es herrschte eine Eiseskälte im Operationssaal, mehr als sonst schon, weil es dort nie besonders warm sein sollte. Zwischen 19 und 26 Grad Celsius herrschten üblicherweise in einem Operationssaal und Dr. Sakusa bestand immer auf die niedrigste Einstellung, da sich Keime bei Wärme verbreiteten. Für ihn galt somit: Je kühler, desto besser.
Für Kenma war es genau richtig, weil er lange Ärmel unter dem Chirurgengewand trug und es nicht gerne mochte, wenn es zu warm war. Aber die kalte Stimmung erschütterte ihn. Auch die anderen im Raum und vermutlich sogar die Beobachter in der Galerie schienen es zu merken und zu spüren, denn es war totenstill. Da konnte sich Kenma nicht einmal richtig freuen, dass er nach dem Öffnen des Patienten (Kengo Nanasawa, 24 Jahre alt, hatte neurologische Beschwerden, die auf einen auf das Rückenmark drückenden Tumors zurückzuführen waren) nun auch die ersten Gewebestränge schneiden durfte, die zur Herausnahme des Tumors abzutrennen waren.
Nur einen Moment des Überlegens hat er sich genommen um bestmöglich weiter zuschneiden, da hat ihn Dr. Sakusa gebeten, zur Seite zu gehen.
„Dr. Sakusa, sind Sie nicht etwas überstreng? Dr. Kozume hat sicherlich nur den Winkel neu überdacht“, hat sich Dr. Irihata, der Chefarzt der gesamten Chirurgie, eingemischt, weil der Neurospezialist nach seiner Rückkehr noch unter Beobachtung stand.
„Haben Sie das auch bei Dr. Romero hinterfragt, bevor Atsumus Herz versagt hat?“, entgegnete Dr. Sakusa. Er hat dafür nicht einmal die Augen von der Stelle genommen, wo er das Skalpell als nächstes anzusetzen hatte und beendete darauf den Eingriff, ohne weiter ein Wort zu sagen.
„Ich erwarte Sie danach in meinem Büro, Dr. Sakusa“, kam es wie zu erwarten happig von Dr. Irihata. Der Abteilungschef hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete.
Kenma ging die Antwort noch einmal durch den Kopf. Der Verlust von Atsumu hat seinem Mentor noch so viel mehr genommen. Das Vertrauen in sich selbst wohl und auch das in seine Kollegen. Vor allem das in seine Kollegen. Dr. Romero kam als Landesweiter Spezialist zwar gut drum herum, aber Dr. Suna, eigentlich Dr. Sakusas guter Freund, spürte die Stimmung des Oberarztes fast täglich. Wie hatte Dr. Matsukawa gesagt? “Die Toten nehmen immer was von uns mit und es ist oft unsere Contenance“ Die Beherrschung hat Dr. Sakusa wieder gefunden, aber er hat seine Menschlichkeit abgegeben.
Nach Operationen war es für Dr. Sakusa eigentlich üblich, als Erster zu gehen und als Erster die Hände zu waschen, während Kenma immer der Letzte war, weil er dann seine Ruhe hatte. Aber diesmal ließ sich auch der Chefarzt Zeit und so stand Kenma nun neben ihm. Nur das Wasser schlug geräuschvoll in der Blechwanne auf. Die Seife wurde abgelegt, neu aufgenommen, wieder abgelegt. Ein Paar Hände war bereits ganz rot.
„Dr. Sakusa?“, fragte Kenma und drehte auf seiner Seite den Wasserhahn ab.
„Atsumu ist tot“, sagte der Chefarzt abwesend und ließ die Hände kraftlos sinken. Seine Stimme war schwach und klang ungläubig. „Atsumu ist tot“, wiederholte er etwas fester, als sagte er es sich selbst. Das Stück Seife fiel ihm aus den Fingern und kam mit einem dumpfen Aufprall im Waschbecken auf. Kenma setzte zum Reden an, aber blieb stumm, denn er wusste nicht, was er sagen sollten. Jedes Wort hätte sich falsch angefühlt. Selbst zu atmen wirkte, als wäre es zu viel. Der Raum war bereits wie voll.
„Atsumu ist tot.“ Ein letztes Mal. Diesmal sehr bestimmend und als kam es gerade erst bewusst an. Unweigerlich. Dr. Sakusa drehte das Wasser ab und wandte sein Gesicht zu Kenma. „Es ist, als hätte man mir das Herz herausgerissen“, sagte er. Seine Finger tippten nervös über das Blech. Dann nahm er die Seife hoch, wandte den Blick ins Becken und drehte das Wasser wieder auf ums sich ein letztes Mal die Hände zu waschen.
„Kann ich… etwas für Sie tun?“, fragte Kenma mehr aus Höflichkeit, denn er hätte nicht gewusst, was er wirklich hätte machen können. Außerdem fühlte er sich unwohl in die Situation. Dr. Sakusa schüttelte den Kopf. Seine Augen waren glasig, aber er zwang sich zu einem Lächeln, was ihm nur im Ansatz gelang. „Nein“, sagte er und ging.
***
„Nein“, hat Kenma im Laufe der Woche auch zu Terushima gesagt, als der fragte, ob sie nicht eine Weihnachtsfeier in der WG haben konnten. „Nur ganz wenige?“ – „Gar niemand, wenn’s dir so wichtig ist, feier wo anders“, schlug Kenma den Wunsch ein zweites Mal ab.
„Aber ich will dich auch dabei haben“, sagte Terushima mit diesem schrecklichen Hundeblick, dem man nicht widerstehen konnte. Selbst für Kenma war es schwer, der Hunde doch eigentlich gar nicht mochte. „Warum?“, fragte er und verzog das Gesicht dabei.
„Weil man Weihnachten mit seinen Liebsten feiert“ – Kenmas Gesichtsmuskeln verzogen sich weiter in eine schier von Unverständnis geprägte Grimasse. „Hast du keine Familie?“, fragte er und merkte in dem Moment, dass er rein gar nichts über seinen Kollegen wusste. Allgemein: Er wusste außer über Kuroo über niemanden mehr als das Notwendige und das Notwendige war eventuell der Name und wichtiger, ob man ihm seinen Platz als Dr. Sakusas Lieblingsassistenzarzt streitig machen konnte – denn ja, das war er in der Zwischenzeit allemal. Niemand durfte dem Oberarzt so oft assistieren wie Kenma, da war es ihm auch nebensächlich, dass Shirabu bei Chefarzt Nekomata diesen Rang bekleidete. Er fand Dr. Sakusa sowieso besser, genialer und er war ihm ähnlicher. Nun ja, bis zu dem Moment, wo er sich von Atsumus Verlust so auffressen hat lassen.
„Pff… meine Schwestern sind in Europa und Amerika, mit meinem Vater sprech ich nicht und meine Mom ist nicht mehr. Also seid ihr das Nächste, was ich zu einer Familie hab“, erklärte Terushima und Kenma seufzte. „Wir? Kuroo und ich?“, fragte er und erhielt ein wildes Kopfschütteln. „Nicht nur, auch die anderen, Yamaguchi zum Beispiel und natürlich Kaede“, sagte er mit einem freudigen Lächeln.
„Warum feierst du dann nicht im Krankenhaus? Kaede kommt hier doch eh nicht weg.“ Kenma meinte es gar nicht böse, es war einfach eine Tatsache. Für Kaede bedeutete das Näherkommen von Weihnachten danach noch einen letzten Monat hier im Krankenhaus zu verbringen, ehe sie nach Hause durfte.
„Wie geht es ihr eigentlich?“, fragte Kenma, obwohl es ihn nicht recht interessierte, aber er wollte das Thema wechseln, bevor Terushima wilde Überlegungen über eine Krankenhausparty machen konnte. Da hätte er in jedem Fall gepasst.
„Kaede? Naja… Mal so, mal so. Sie kommt richtig schwer mit der Situation zurecht. Die letzte Woche war alles andere als leicht. Wir haben viel gesprochen und es tut mir so weh, sie so zu sehen. Willst du sie nicht auch einmal besuchen? Ihr habt euch doch ganz gut verstanden, oder?“ Terushimas Mimik nahm etwas an, das sie selten hatte. Der blonde Assistenzarzt war noch nie traurig oder bedrückt gewesen. Zumindest hat er es nie gezeigt. Nicht einmal die Information, dass seine Mutter bereits gestorben war und er im Grunde kaum Kontakt zu seiner Familie hatte, hat ihn so betroffen gemacht wie Kaedes Zustand und Situation.
Kenma schüttelte den Kopf. „Nein, ich will sie nicht sehen“, sagte er und wandte den Blick ab. „Warum nicht?“ Terushima verstand die knappe Geste nicht. „Weil sie das Leben mit Füßen tritt“, platzte es dann aus Kenma heraus. Der Blickkontakt wurde wieder aufgenommen und nun war in Kenmas Gesicht etwas zu sehen, was da selten herrschte: Wut und Zorn.
„Wie kommst du denn jetzt darauf? Hast du ne Ahnung, was sie durchgemacht hat?“, fragte Terushima, darauf hatte Kenma sofort etwas zu erwidern. „Ja, hab ich. Ich war dabei! Ich war dabei, als sie hier rein kam. Ich war dabei, als Schwester Kaori ihr die kalte Schulter gezeigt hat und ich war dabei, als du wegen ihr auf die Straße gelaufen bist. Aber ich war auch dabei, als Dr. Sakusa zusammengebrochen ist, weil Atsumu das Leben verloren hat. Das Leben, das Kaede noch hat und in dem sie mit dieser Aktion auf Atsumu herum springt und auf jedem anderen. Sie schätzt das Leben nicht und ihr wurde es geschenkt, während es anderen genommen wird. Ich kapier das nicht!“ Er zitterte am ganzen Körper. Das würde er nie verstehen, warum ein Mensch die Entscheidung traf, sich das Leben zu nehmen. Niemals. Aber auch Terushima begann nun zu beben.
„Ja! Und du kannst gehen! Du kannst dich alleine waschen und alles, was du willst. Keade muss sich von einer Frau herumschubsen lassen, die sie nicht leiden kann und die sie auch nicht mag und dann ist da Dr. Iwaizumi und was da mit Schwester Kaori ist… war… wie auch immer und sie sieht uns alle rumlaufen und da fällt es mir auch schwer, vor ihr nicht zu springen, weil ich bei einer coolen OP assistieren darf, aber du denkst einfach nicht so weit, dass wir ihr alle vorzeigen, was sie nicht mehr kann. Für dich ist es selbstverständlich, dass du alles tun kannst, was du willst, nur dass du eben nicht viel willst und das ist dein Problem. Aber Keade will das und in Wirklichkeit springst du auf ihr herum”, blaffte Terushima Kenma an, dass dieser einen Schritt zurückging. „Du solltest nicht über andere urteilen, wenn du keinen Plan hast, was eigentlich abgeht!“ Terushima ging den Schritt nach. Er war wütend, weil Kenma absolut keine Empathie an den Tag legte.
„Ich versteh ja, dass dir das mit Atsumu irgendwie nahe geht, tuts mir doch auch. Mann, der Kerl war super cool und er hats echt nicht verdient, zu sterben, aber so ist das Leben nun einmal. Da kann man nichts machen und man darf es nicht an anderen auslassen. Man kann es sich nur zu Herzen nehmen und selbst die besten Entscheidungen treffen, mit dem was wir lernen und was uns gegönnt ist und glaub mir, Kaede weiß, dass sie noch eine Chance bekommen hat und sie wird das rumdrehen und sie wird das toll machen und wenn sie hier raus darf, wirst du noch Augen machen und dich vor ihr verneigen, weil ich ihr helfe! Und Dr. Iwaizumi, und du kannst ihr auch helfen, indem du da bist, verdammt. Sei da!“
Und dann war Kenma da. Irgendwie. Es hat ihn überrascht, wie Terushima mit ihm gesprochen hat und wie erwachsen er geworden ist, seit Kaede hier war. Wie viel erwachsener er war, seit ihrem Selbstmordversuch. Er verstand es immer noch nicht, musste er auch nicht. Jeder Mensch traf in seinem Leben seine eigenen Entscheidungen und damit musste er umgehen. Kaedes Aktionen hatten keinen Einfluss auf Atsumu gehabt, hatte auch keinen auf Dr. Sakusa und somit seine Ausbildung. Nur auf sie und ihr direktes Umfeld. Auf Dr. Iwaizumi zum Beispiel, dessen Verhältnis zur Kaori sich gewendet hatte aber auch sehr auf Terushima, der seine Prioritäten anders setzte. Er war sogar eine halbe Stunde mit ihr bei seinem Motorrad am Parkplatz gesessen und hat darüber gesprochen, dass er im Frühjahr wieder fahren wollte. „Neues Jahr, neuer Yuuji, neue Kaede“
Das war zu Weihnachten.
Kenma hat sich verabschiedet, weil er nicht mit den anderen feiern wollte. Es waren einfach zu viele Menschen. Zuhause hatte er auch nicht gefeiert, weil Kuroo den Abend auf der Pädiatrie verbrachte.
„Ewig schade, dass Dr. Sawamura so eine große Familie und somit keine Zeit für ein Weihnachts-Date hat“, hat er schadenfroh gelacht und war mit Eierlikör aufgebrochen. Ob ihm klar war, dass Eierlikör nicht vegan war? Den Gedanken hat Kenma aber schnell wieder beiseite geschoben, weil er ihn nicht betraf. In der WG hat er eines Tages selbst für richtige Milch gesorgt, die nun ganz ihm gehörte, denn Terushima war irgendwie auf den Zug der Hafermilch angesprungen „Die schmeckt total geil im Abgang“, hat er gesagt und lobte damit genau das, was Kenma hasste.
***
Für den Jahreswechsel konnte er sich nicht mehr rausreden und so stand er nun neben Dr. Tendou, der einem Metronom gleich mit den Fingern von links nach rechts und wieder zurück wippte und dazu schnalzende Geräusche mit der Zunge machte. „Die Ersten kommen ab acht, das sind die Teenies, die das erste Mal mit Böllern spielen. Also die Dummen“, lachte er schräg. „Du wirst nicht glauben, was wir hier schon alles gesehen haben. Aber nichts, was wir nicht wieder richten könnten. Dafür ist Dr. Wakatoshi hier. Er muss oft richtig krasse Knochenbrüche bearbeiten und für den Feinschliff haben wir Dr. Toruu“, summte er vor sich hin und lobte damit auch die Expertise seiner Kollegen. Dass Dr. Tendou die meisten seiner Kollegen mit dem Vornamen ansprach, war für Kenma auch nichts Neues. Der Unfallchirurg mochte auch Spitznamen und hat für Kenma Kuroos Dr. KenKen übernommen und irgendwie störte es ihn nicht. Vermutlich, weil es keine Sonderbehandlung war und er damit nicht herausstach.
„Aber sag mal, Dr. KenKen, ihr habt doch auch Spitznamen, oder? Erzähl mir mal davon“, forderte Dr. Tendou und neigte seinen Kopf mit Schwung zu Kenma hinüber und auch etwas hinunter. Gruselig, wie Kenma immer wieder fand. Die Physik dieses Mannes sollte eigentlich nicht funktionieren. Und dieser Gedanke kam von ihm, der mit seiner PSP von Zeit zu Zeit Positionen auf der Couch oder auf seinem Bett einnahm, bei denen Kuroo etwas blass im Gesicht wurde und ihn in der Vergangenheit nicht nur einmal gefragt hat, ob er in Ordnung war oder Hilfe brauchte. Es hat irgendwann aufgehört und irgendwann hat es wieder angefangen, nur dass Terushima ihm diese Fragen stellte. Beim ersten Mal hat er nicht einmal ein Wort herausgebracht, es war nur ein erschrockener Ton. Dabei sollte ein Arzt doch wissen, was der menschliche Körper fähig war zu bewerkstelligen.
Tja und Dr. Tendous Körper zeigte Kenma ganz neue Grenzen auf.
„Die meisten kommen von Terushima“, erwiderte Kenma höflich ablehnend. Dr. Tendou lachte auf. „Oh, das ist Dr. Vollidiot nicht wahr? Von dem hab ich schon gehört. Scheint fest in der Scheiße zu stecken“, gluckste er. Kenma zog die Augenbrauen hoch. Auf die Frage hin, was gemeint war, schnalzte Dr. Tendous Kopf Haltung wieder in eine Aufrechte, ein bitterböses Grinsen blieb auf seinen Lippen. „Ach, ich würde dir nur den ganzen Spaß verderben“, sagte er und winkte ab. „Aber mach dich mal lieber nützlich und schau, ob der da noch lebt“ Mit einer scheuchenden Handgeste wurde Kenma zu einem der Betten geschickt, wo vor zehn Minuten der neue Kantinenbursche zusammengebrochen war, weil er sich mit dem neuen scharfen Küchenmesser so tief in die Handfläche geschnitten hat.
„Yamamoto?“, fragte Kenma. Eine Hand wurde aufs Handgelenkt gelegt, den Puls zu fühlen, der Hals hätte es auch getan, aber da fasste Kenma ungerne hin. Die Lider zuckten etwas, auch die Lippen wollten sich öffnen, etwas zu sagen.
„Lebt noch“, sagte er trocken und wandte sich ab. Der Puls war in Ordnung, auch die Farbe im Gesicht war wieder satter. Nichts zu befürchten außer der Langeweile, die aufkommen wollte, weil keine Operationen angesetzt waren und auch auf der Notaufnahme kaum Patientenverkehr war.
„Gut so, der geht nicht auf unsere Kappe“, kicherte Dr. Tendou über Kenmas Schulter hinweg, dass es diesen komplett verschreckte, dann ging sein Pager auch noch los und hätte ihn fast in Dr. Tendous Arme hüpfen lassen. Stattdessen aber schnellte seine Hand an das Gerät und führte es hoch, zu lesen.
Dr. Tendou wusste zwar um die Bedeutung von Privatsphäre, aber er handhabte es ganz ähnlich wie der Arzt, von dem der Notruf ausging.
911 im Orthotrakt
„Ach geh schon, hier läuft dir nichts weg, noch nicht, schon gar nicht der da“, schickte ihn der Oberarzt weiter und Kenma beeile sich, in den Trakt der Orthopädischen Chirurgie zu kommen.
Die wildesten Gedanken machten sich Raum in seinem Kopf. Allem voran stand natürlich das Unbehagen, dass er gerade in diese Abteilung gerufen wurde. Denn das alles andere als sein Fachgebiet. Er würde es nie wählen und er stand auch erst einmal neben Dr. Ushijima und hat ihm assistiert. Die Stunden in der Galerie, wenn Chefarzt Washijo operierte, konnte Kenma auf seinen zehn Fingern abzählen. Da bemühten sich andere Ärzte darum. Dr. Saeko zum Beispiel, die Stationsärztin. Aber sie war an diesem Abend nicht hier. Kenma hat sie mit einem kleinen brünetten Mädchen auf dem Arm nach draußen gehen gesehen. Das Kind konnte nicht älter als drei Jahre alt gewesen sein und hat die Schicht der Mutter – wie er vermutete – in der Kindertagesstätte des Krankenhauses verbracht. Er hat nicht viel Aufmerksamkeit darauf gelegt, aber ganz schön markante Augen hatte dieses Kind. Sie haben ihn an jemanden erinnert, doch das fehlende Interesse an Kindern und deren mutmaßlichen Eltern hat ihn den Gedanken verdrängen lassen.
Kenma fragte sich auch, warum Dr. Ushijima nicht gerufen wurde. Nun gut, vielleicht war der auch bereits am Weg. Im Lift traf er jedenfalls nicht auf den Schrank von einem Arzt.
Während die Etagenzahl höher kletterte, ging Kenma in Gedanken ihre aktuellen Ortho-Patienten durch. Da lag einerseits wieder einmal Hinata mit einer ausgekugelten Schulter, die einfach nicht mehr zurück poppen wollte und deswegen am ersten Nachmittag des neuen Jahres operativ korrigiert wurde – Kageyama aus der Gruppe von Dr. Iwaizumi hatte ein ungewohntes Interesse an der Operation bekundet und so sollte er dem Chefarzt gemeinsam mit Dr. Yaku zur Seite stehen. Da sollte nichts sein, außer jemand hätte ihm den Arm ausgerissen und das hielt er für unwahrscheinlich.
Auch von dem Meniskuspatienten erwartete er sich keine ausgefallene Situationsveränderung. Dann war da noch Dr. Nishinoyas Großvater, dessen neue Hüfte vor einer Woche durch eine Prothese ersetzt wurde. Zwar wirkte der alte Mann mit dem Aufwachen bereits so fit wie sein Enkel, doch er war dadurch auch ungeduldig und wollte die zehn Tage nicht abwarten, bis die Klammern und Fäden entfernt wurden. Am liebsten hätte er umgehend mit der Physiotherapie begonnen. Das lag auch sehr im Interesse der beiden Assistenzärzte Nishinoya und Tanaka, denn die hatte bereits eingerichtet, dass Opa Noya, wie Terushima ihn nannte, von Dr. Shimizu betreut wurde.
„Ich kann kaum erwarten, ihn zu ihr zu bringen, ich darf doch, oder?", hat sich Dr. Tanaka gefreut und sein Kumpel hat ihm das Selbstverständnis entgegengebracht.
Also war die Überlegung, ob dem Großväterchen etwas passiert war. Kenma hielt es aber für ausgeschlossen, dass dann gerade er gerufen wurde. Immerhin waren Dr. Nishinoya und Dr. Tanaka auf Bereitschaft und hatten ausdrücklich verlangt, dass sie gepaged wurden, wäre etwas mit dem Senior.
Und somit blieb nur noch Kaede und ein unwohles Gefühl übrig. Ein kalter Schauer lief Kenma über den Rücken, weil er seine Auseinandersetzung mit Terushima noch so deutlich vor sich hatte. Aus dem Aufzug ausgestiegen wurden seine Schritte schneller und er musste bei jedem einzelnen daran denken, dass Kaede ihn nicht machen konnte. Dass sie ihn darum beneidete und dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, zwei gesunde Beine zu haben, die ihren Zweck und mehr erfüllten.
Als er aber am Ziel ankam, sah es absolut nicht nach Notfall aus. Am Ende des Ganges saß Kaede in ihrem Rollstuhl. Von Neid, Argwohn oder gar selbstvernichtenden Gedanken war für Kenma nichts zu sehen. Auch nicht als er näher kam und Terushima ihn mit einem breiten Lachen empfing.
„Yo! Kenma! Wir machen ein Rollstuhlrennen“, sagte der Assistenzarzt und ließ sich in dem Rollstuhl neben Kaede nieder. Kaede selbst saß aufrecht in ihrem. Sie hatte ein freundliches Lächeln auf den Lippen und strahlte eine ähnliche Energie aus wie Terushima.
Kenma musste gestehen, er erkannte sie kaum wieder. In ihren Augen war so viel Leben, wie er es noch nie bei ihr gesehen hat. Ihre Haut hatte eine gesunde Farbe und im Vergleich zu ihrem letzten Aufeinandertreffen hatte sie wieder etwas Fleisch an den Knochen und nicht nur Haut. Bei dem Anblick erkannte Kenma auch, dass Kaede zurecht noch eine Chance bekommen hatte. Er erkannte aber auch die Worte seines Kollegen wieder. Das Leben hat dieser jungen Frau so vieles genommen. Selbst die Lust zu leben, die Freude daran und hat sie zu einem so radikalen Schritt geführt. Ein Glück, dass sie die Vernunft in Dr. Iwaizumis Armen gefunden zu haben schien, als dieser sie von der Unfallstelle getragen hat.
Kaede hat endlich Hilfe angenommen.
Viel, wie es schien. Von dem Stationsarzt, Terushima, Dr. Ennoshita in der Physio und natürlich von ihrer Familie, die nach Terushimas Aussagen regelmäßig hier waren. Ein schöner Anblick, wie Kenma gestehen musste. Aber kein guter Ausblick!
„Ich mache sicher nicht bei einem Rollstuhlrennen mit“, sagte er laut und deutlich und drehte auch gleich wieder um. War ja klar, dass so ein Notruf von Terushima nur Blödsinn sein konnte.
Terushima sprang auch sogleich aus seinem Rollstuhl und lief Kenma die wenigen Schritte nach. „Hey“ Kenma spürte eine Hand an seinem Arm und einen sanften Ruck, der ihn zum Umdrehen zwang. „Du sollst doch nicht mitmachen, nur Schiedsrichter sein“, sagte Terushima und reichte ihm eine Trillerpfeife. Kenma sah von der einen Pfeife zur anderen und blieb in Terushimas aufgeregten Augen hängen. Im Hintergrund vernahm er weitere Schritte, konnte an ihnen regelrecht erkennen, dass auch Akaashi und Yamaguchi zu diesem Event eingeladen wurden.
„Und wozu hast du die beiden dann hier?“, fragte er ob des Offensichtlichen, dass er mehr als nur einen Schiedsrichterkandidaten hatte.
„Ich dachte nicht, dass du kommst“, nuschelte Terushima. Kenma schüttelte den Kopf. „Du hast einen Notfall gepaged. Natürlich komm ich da sofort“, sagte er und motivierte Terushima zu einem entzückten Seufzen.
„Ihr seid wirklich herzallerliebst, aber könnten wir uns nun bitte auf das Wesentliche konzentrieren?“, mischte sich Kaede ein, sie war mit dem Rollstuhl herangefahren und hatte nun einen erwartungsvollen Blick auf dem Gesicht.
„Sie hat recht. Zumindest stimme ich soweit zu, dass wir diese Sache schnell hinter uns bringen sollten, bevor wir Probleme bekommen“, sagte Akaashi, der die Situation wohl bereits soweit für sich abgeklärt hatte, dass ihm bewusst war: Widerstand war zwecklos und weder Terushima noch Kaede waren von ihren Plänen abzubringen. Yamaguchi hatte die Schultern hochgezogen, schon seit dem Moment, als ihm bewusst wurde, was sich abspielte.
„Kluger Mann“, sagte Terushima und deutete mit bestätigenden Fingerpistolen auf Akaashi, der daraufhin angespannt Luft ausstieß. Er bereute seine Entscheidungen, die ihn in diese Situation gebracht haben. Nun gut, bestimmt nicht jede einzelne, denn er hatte seinen Dienst heute mit Kageyama getauscht, um der unangenehmen Situation zu entkommen, sich entscheiden zu müssen, ob er Silvester mit Konoha oder mit Bokuto verbrachte. Er wusste allerdings nicht, dass Terushima heute auch hier war, denn eingeteilt war er nicht. Der war wohl wirklich nur wegen Kaede hier oder weil nun ja, weil seine Familie hier war.
Aber da standen sie jetzt. Drei von ihnen. Terushima und Kaede saßen in den Rollstühlen, bereit, das Rennen ihres Lebens zu fahren. Doch zuerst!
Kaede stieß Terushima mit dem Ellenbogen gegen den Oberarm. Der Blick, der folgte, war einer, der zu verstehen gab, dass sie noch etwas von ihm erwartete. Terushima stockte einen Moment, dann setzte er wieder sein verschmitztes Grinsen auf. „Und wer gibt mir jetzt nen Glückskuss? Kaede ist immerhin schon voll der Pro, da brauch ich ne Menge Glück“, sagte er und ließ seinen Blick von einem seiner Kollegen zum nächsten wandern. Kenma und Akaashi machten gleichzeitig einen Schritt zurück, um außer Reichweite zu stehen. Yamaguchi zuckte hoch. Aber Terushimas Augen nahmen ihn soweit gefangen, dass er es den beiden anderen nicht nachmachen konnte. Er wollte auch gar nicht und das war kaum zu verstecken.
Akaashi öffnete bereits den Mund, das Ganze zu beschleunigen, aber Kaede hob die Hand um ihn zur Geduld zu bitten, da beugte sich Yamaguchi auch schon zu Terushima hinunter, der in freudiger Erwartung die Augen schloss und die Lippen spitzte. Yamaguchi drückte ihm aber nur einen Kuss auf die Wange und hob sich ganz schnell wieder zurück. Mit hochrotem Kopf.
„Jetzt kann ich ja nur gewinnen“, jubelte Terushima und grinste nun Kaede an. Seine Wingwoman in dieser Operation.
„Gut, dann… Kenma? Du machst den Schiedsrichter vorne. Jemand muss das Startzeichen hier geben und dann rauschen wir an ihm vorbei“, teilte Terushima gleich ein. „Oh und sollte nicht jemand aufpassen, dass auch niemand kommt?“, fragte Yamaguchi nervös.
„Mensch Jungs, wenn ihr so weiter macht und herum diskutiert, was wir alles machen müssen, erwischt man uns bestimmt. Es ist fast so, als würde jemand Zeit schinden wollen, weil er Angst vor einer Niederlage hat“, unterstellte Kaede. Ihre Lippen zogen sich spottend zusammen und ihre Augen funkelten gefährlich. „Niemals! Ich hab keine Angst“, japste Terushima und winkte die drei weiter. Kenma schlenderte somit mit Yamaguchi zum anderen Ende des Ganges, während Akaashi bei den Teilnehmenden zurückblieb und ihnen die Regeln erklärte.
Er wollte bis drei zählen und dann “los” sagen. Es gab kein Ablenken, kein Reingreifen in das Momentum des Gegners, kein Austreten – das ging vor allem an Terushima – und sie sollten natürlich fair sein, wer auch immer gewann.
„Möge die bessere gewinnen“, jubelte Kaede und wartete aufgeregt wie auch Terushima auf das Startzeichen. Kenma stand bereits an seiner Position und Yamaguchi hatte den Seitengang im Blick.
„[url=https://open.spotify.com/intl-de/track/5iJfzXKvQXlYOBtEQhEmpA?si=e2e744fc15e7413b]Eins… Zwei… Drei… Los![/url]“, sagte Akaashi mit leicht erhobener Stimme. Nicht viel lauter als sonst. Dafür preschten die beiden Rollstühle mit quietschenden und qualmenden Reifen los – zumindest in den Köpfen der beiden Rennfahrer. Kaede hatte von Anfang an die Zehenspitzen vorne. Ihre Fahrt war sauber, sehr geradlinig, während Terushima schon nach zwei passierten Zimmertüren so wirkte, als hätte ihn die Startkraft verlassen. Aber er ließ nicht locker, holte sogar auf, aber Kaede fuhr ihm mit einem herzhaften Lachen davon. Terushima konnte es zwar nur hören, aber Kenma sah im Gesicht seines Kollegen ganz genau, dass er des lauten Lachens wegen genau wusste, wie unbekümmert Kaede gerade in diesem Moment war.
Kenma machte einen Schritt zurück und zur Seite, um nicht jeden Moment Ziel von Terushimas Rollstuhl zu werden, der nicht annähernd so perfekt gerade fuhr wie der von Kaede und da stolperte er urplötzlich gegen etwas. Jemanden!. Ein Japsen war etwas weiter weg von Yamaguchi zu hören, aber die Stimme, die direkt hinter ihm ertönte, war eine andere. Eine feste und tiefe und eine, die noch vor dem ersten Wort dafür sorgte, dass die Bremsen quietschten.
„Sagt einmal habt ihr sie noch alle?“, grollte Dr. Iwaizumi über Kenma hinweg direkt an Terushima und Kaede, die beide ihre Köpfe einzogen und diesen Blick drauf hatten, den auch Kinder an den Tag legten, wenn sie etwas ausgefressen hat. Nun gut, die beiden hier waren ja auch nicht gerade Unschuldslämmchen. Anders als Kenma es eigentlich wäre, der sich ganz schnell an Dr. Iwaizumis an die Hüfte gestemmten Arm davon machen wollte. „Moment“, hielt ihn dieser am Arztkittel zurück. Yamaguchi stand schon bereit, seine Strafe aufzunehmen, auf der anderen Seite. Kenma verdrehte die Augen. Er wäre wohl der Einzige gewesen, der hätte fliehen können, denn auch Akaashi war vom Startpunkt langsam nachgegangen und stand nun ertappt in der Mitte des Ganges, den er nur an Dr. Iwaizumi vorbei verlassen konnte. Sich in einem Patientenzimmer zu verstecken, war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich.
„Warum überrascht es mich nicht, dass ich Dr. Komoris Team hier beisammen habe, hmm?“, Dr. Iwaizumi seufzte. Enttäuscht sah er Kaede an, aber auch Akaashi. „Von Ihnen hätte ich mir sowas am wenigsten erwartet“, sagte er zu dem Arzt mit der Minimalmimik. Akaashi breitete seine offenen Handflächen vor sich aus und schob sie zur Seite.
„Tja, busted“, zischte Terushima leise. Beinahe so, als hätte er Akaashis Geste synchronisiert. „Das wird ne Menge Arbeit bedeuten. Keine Operationen nächste Woche, Klinikdienst und ihr macht den Papierkram von-“ aber Dr. Iwaizumi wurde unterbrochen. Kaede hat ihre Hand auf seinen Unterarm gelegt und seine Aufmerksamkeit umgehend auf sich gezogen. Kenma erkannte von der Seite die zuckenden Mundwinkel, als wolle er seine Strenge behalten, aber etwas an der Interaktion mit Kaede ließ diese schnell abbröckeln als wäre sie nur eine Fassade.
„Das ist alles meine Schuld. Es war meine Idee. Ich hab mir das gewünscht und Teru.. Dr. Terushima hat mir nur diesen Wunsch erfüllt. Die Jungs… Ärzte sollten dafür nicht bestraft werden. Sie haben nur für mein Strahlen gesorgt“, sagte sie und besänftigte damit den Stationsarzt. Dr. Iwaizumi atmete einmal tief ein und langsam wieder aus.
„Kaede…“, er seufzte und sah die anderen an. Kenma hielt das Intervenieren der Patientin für einen sehr guten Zug. Yamaguchi auf der anderen Seite war einem Ohnmachtsanfall nahe. Für ihn schien das Urteil bereits gefallen zu sein. Akaashi wartete ähnlich ruhig wie Kenma ab. Sie konnten gerade ja sowieso nichts tun. Wenn Kenma nun gesagt hätte, dass er nur da gewesen wäre, weil Terushima ihn gerufen hatte, dann hätte er seinen Kollegen und Mitbewohner unter die Räder geworfen. Aber nicht die von einem Rollstuhl. Akaashi war ebenso ein Ehrenmann. Mitgehangen, mitgefangen, egal wie tief man in der Sache drinnen war. Und wenn die vier eines gelernt hatten, dann dass sie ein Team waren und zusammenhalten sollten. Was sie nun auch taten. Nun gut, und sie ließen das Mädchen die Sache klären.
„Das war verantwortungslos. Keiner der vier hätte das unterstützen dürfen. Was, wenn etwas passiert wäre?“, fragte er. Sorge war in seiner Stimme zu hören, genauso wie die eigentliche Frage: “Was, wenn dir etwas passiert wäre“. Er hob auch hervor, dass aus den Zimmern Patienten hätten kommen können, ein Notfall eingerufen hätte werden können oder dass sich jemand verletzen hätte können. Im schlimmsten Fall eben Kaede. „Aber es ist nichts passiert“, sagte sie mit beruhigender Stimme und zog Dr. Iwaizumi am Arm etwas zur Seite. Sie verwickelte ihn in ein Gespräch und so nutzte es Terushima, aus dem Rollstuhl zu steigen und wie auch Akaashi an Dr. Iwaizumi vorbei zu schleichen. Die vier eilten sich nach einer knappen Verneigung zu Kaede, die auch nur diese sehen konnte, zum Lift.
„Ich werde Dr. Komori von Ihren Veranstaltungen unterrichten!“, rief ihnen der Stationsarzt nach, denn so leicht ließ er sich natürlich nicht ablenken und was er ausgesprochen hatte, war für ihn ebenso fixiert: Keine Operationen für eine Woche. Klinikdienst und die Dokumentationen für sein Team würden sie also übernehmen.
Während Terushima Yamaguchi wiederholt angelobt hatte, dass er das Rennen dank seinen Kuss gewonnen hätte – hätte er nicht – hat Kenma den Moment genutzt und sich mit Akaashi aus dem Staub gemacht.
„Und du traust dich Konoha nicht sagen, dass du auch mit Bokuto ausgehst?“, fragte Kenma, weil er der Tatsache, dass Akaashi die Schicht getauscht hatte, dennoch sehr überrascht war.
„Nein, so ist es nicht. Er weiß, dass ich ihn treffe und so, also nicht und so. Ich bin nicht wie Terushima. Aber nun ja, es sind keine einfachen Treffen. Bokuto ist so faszinierend. Er sprüht vor Lebensenergie und er reißt sogar auf der Straße jeden mit sich mit, wenn er erzählt. Die Blicke sind immer auf ihn gerichtet. Alle. Aber er schenkt seine Aufmerksamkeit nur mir und das ist richtig schön“, erzählte Akaashi mit einem zarten Hauch von rosa auf den Wangen.
„Hmm… Bokuto ist sehr einnehmend“, bestätigte Kenma, aber Akaashi schnaubte das mit einem sanften schmunzeln weg. „Er ist nicht nur einnehmend. Weißt du, er könnte jeden haben, jede. Aber er ist nur an mir interessiert.“ Akaashi schien es selbst nicht zu glauben.
Kenma besah ihn von der Seite. „Und Konoha?“
Darauf seufzte Akaashi angespannt. „Der hat gefühlt jeden gehabt…“ Kenma blinzelte irritiert und drehte den Kopf nun ganz zu Akaashi. „Wie meinst du das?“, fragte er und dann erzählte Akaashi von dem Gespräch, das man wohl in jeder Beziehung einmal hatte, das über die Verflossenen.
An dem Gerücht, dass in der Anästhesie alle etwas miteinander hatten – Kenma erinnerte sich an Shirabus Ausbruch vor ein paar Monaten – schien etwas dran zu sein. Denn Konoha hatte nicht nur etwas mit Semi gehabt, als sie im Haikyuu Medical Hospital angefangen haben, sondern auch mit einem Kollegen, der das Krankenhaus in der Zwischenzeit gewechselt hat. Von Dr. Romero wusste Kenma nach Akaashi Triade vor einiger Zeit bereits. Es schien ein Fling gewesen zu sein, der auf einem Wortwitz im Operationssaal folgte. Noch viel früher, während seinem Studium hatte er etwas mit einem älteren Studenten, der nun Kenmas Mentor war.
„Nicht dein ernst!“ So hatte es sogar Kenma wieder eine außergewöhnlich aussagende Mimik ins Gesicht getrieben. „Mhm… Dr. Sakusa ist nur einer der Vielen“, seufzte Akaashi und erzählte weiter, dass Konoha sich über irgendeine Trennung letztes Jahr mit Dr. Futakuchi getröstet hatte und auch, dass Dr. Romero einen Sohn hatte, der sehr an Konoha klebte, wenn dieser in der Stadt war. Was Akaashi dem Jungen nicht verübeln konnte. Konoha war wundervoll, er war sehr einfühlsam und liebevoll. Er hatte Humor und strahlte eine Ruhe aus, die sogar Akaashi voll einnahm. Somit war also auch Konoha sehr einnehmend, auf eine wundervolle sanfte Weise.
„Er hat sogar Washio von der Rettung rumgekriegt und der soll ziemlich hetero sein. Was ja kein Problem ist, er soll seinen Spaß gehabt haben, aber… naja…“ Akaashi verstummte. Seine Augen wurden traurig.
„Du fühlst dich nicht besonders?“, fragte Kenma, weil er an den Kuss mit Terushima dachte. Terushima, der von Konohas Liste auch was abhaken konnte. Akaashi schüttelte den Kopf. „Nein, er lässt mich sehr besonders fühlen, weil er, nun ja, mich eben noch nicht so rumgekriegt hat. Aber ich fühle mich so, als wäre ich ihm so weit hinten nach, verstehst du? Ich hab während der Schule gelernt und mich für Clubs engagiert und während dem Studium hab ich viele Zusatzcurricula genommen und hab bei Projekten mitgemacht, ich hatte keine Zeit für eine Beziehung oder viele Dates. Das blieb ziemlich auf der Strecke und manchmal hab ich das Gefühl, jeder hier sieht mir das an der Nasenspitze an“, nuschelte Akaashi immer mehr und sah Kenma schlussendlich gar nicht mehr an. Der zuckte dafür nur mit den Schultern.
„Ich seh das Problem nicht. Sowas ist nicht lebensnotwendig. Meinen ersten Kuss hatte ich auch erst vor kurzem mit Teru und auf einem Date war ich noch nie“, sagte er als wäre es etwas ganz Belangloses, doch da blieb sogar Akaashi überrascht stehen. „Teru? Wie in… Terushima unser Kollege?“, fragte er. Kenma blieb nun auch stehen und drehte sich zu Akaashi um. „Ja, war nichts Besonderes“, log er so ein bisschen, denn natürlich war sein erster Kuss etwas Besonderes. Er würde sich immer daran erinnern, selbst wenn es nicht geplant war und er keine Gefühle für Terushima hatte, eher für Yamaguchi und das waren Schuldgefühle.
„Und davor hattest du sowas nicht? Entschuldige bitte, wenn ich zu direkt bin“, fragte Akaashi und revidierte sofort wieder, aber Kenma wollte darauf eingehen. „Nein, naja… nur fast. Kuro hat mal, hmm… das war anders. Ich mag ihn sehr gerne und ich mochte ihn früher noch mehr, aber Kuro ist bei Beziehungen ähnlich wie Konoha. Er hat schon viel gesehen und mir wäre es recht, wenn ich das alles nicht sehen müsste. Wir hatten mal so einen Moment, aber ich bin ausgewichen, weil es sinnlos ist.“ Kenma war etwas über sich selbst überrascht, aber bei Akaashi fiel es ihm leicht, sowas auszusprechen. Vermutlich, weil er jetzt wusste, dass sie sich vielleicht gar nicht so unähnlich waren. „Also stehst du auf ihn?“ Kenma schüttelte den Kopf. „Nicht mehr, nicht so und ja, nicht mehr. Ich hab ihn lieber als meinen besten Freund. Das ist besser und schöner“, sagte Kenma bestimmt und sprach damit die absolute Wahrheit aus und dann gingen ihre beiden Pager los, die sie in die Notfallaufnahme riefen.
„Danke für das Gespräch, Kozume. Das hat mir geholfen“, sagte Akaashi. Kenma verstand zwar nicht wie, aber er war froh, dass er ihm diese Dinge nicht ganz sinnlos anvertraut hatte.
Unter dem Kommando von Dr. Tendou verarzteten sie eine Hand eines Teenagers, der sich, wie der Unfallchirurg vorhergesagt hat, mit einem Knallkörper verletzt hat. Platzwunden standen and er Tagesordnung genauso wie gesplitterte Finger, Verbrennungen an den unkonventionellsten Stellen sowie eine gebrochene Nase, weil ein Müllcontainer explodiert ist und ein großes Stück das Gesicht eines der Jungs mit viel Schwung getroffen hatte.
Die Hälfte konnten sie gleich verarzten, ein Teil ging weiter zu Dr. Oikawa und Dr. Ushijima hatte die Nase außerhalb seiner Zuständigkeit einfach mit einem gut gesetzten Ruck wieder gerade gesetzt und Kenma damit dazu getrieben, sich auf der Toilette Erleichterung zu suchen. Das war für diese Uhrzeit eine Spur zu viel gewesen.
***
Erleichterung suchte Mitte Januar auch Schwester Hana auf der Toilette und stand danach schwer atmend neben Inunaki, der mit einem Fall gekommen war, vor dem Kenma sich gerade nur so weit wie möglich entfernen wollte. Ein Sexunfall, mit dem er nichts zu tun und zu schaffen haben wollte. Deswegen wich er aus und kam in der Nähe der Schwester und dem Rettungssanitäter zum Stehen. Hinter einer Säule, dass ihn Dr. Ukai Junior nicht herbeirufen konnte.
„Seiji hat sich getrennt von mir. Die übliche Leia… Haben mal wieder gestritten, weil ihm meine Dienste nicht passen und er versteht nicht, dass ich meinen Job liebe, auch wenn er mich Tag ein Tag aus fordert. Er hat gesagt, ich soll mich entscheiden. Zwischen ihm und dem Krankenhaus und naja… Er hats mir wohl angesehen, dass ich mich fürs Krankenhaus entscheiden würde, aber ich hab ja nicht gedacht, dass er dann wirklich gleich Schluss machen würde. Hat er. Er ist auch mit so einem Notfallköfferchen abgehauen, als hätte er das schon geplant… Aber eigentlich glaube ich, dass er nur vorbereitet auf alles war… wie immer. Sehr vorausschauend und ich… ich bin auch abgehauen und hab mich volllaufen lassen, hab den Erstbesten genommen und ich weiß nicht mal, ob wir n Gummi verwendet haben. Das war im Oktober letztes Jahr“, erzählte Schwester Hana vom größten Fehltritt ihres Lebens.
„Im Oktober? Mensch, Hana! Wir haben Januar! Warum erfahre ich erst jetzt davon?“, fragte Inunaki aufgebracht und Hana schenkte ihm ein schiefes Lächeln. „Denk doch mal nach, wer letztes Jahr zu der Zeit auch seine Problemchen hatte, hm? Da wollte ich dich damit nicht auch noch belasten, aber keine Sorge, ich hab mit jemanden darüber gesprochen“, sagte die Oberschwester ruhig und Kenma dachte an den Tag, wo er Eri hat sagen hören, dass alles gut werden würde.
„Touché… Aber ehrlich, Hana, du hättest was sagen können“, nuschelte der Sanitäter herum. „Ich weiß, trotzdem.“ Hana schenkte ihm einen aufmunternden Blick, als wäre er nun derjenige, der Trost brauchte, dabei schien dieser seit seiner Trennung regelrecht aufzublühen wie eine Zimmerpflanze, die endlich ihren richtigen Platz mit den passenden Bedingungen gefunden hatte.
„Und… wer war der Kerl? Kennt man ihn?“, fragte Inunaki neugierig nach. Hana seufzte langezogen. „Dr. Unverantwortlich oder wie sie den Vollidioten nennen“, sagte sie. Kenma klappte der Mund auf. Er kannte zwar niemanden, den Terushima Dr. Unverantwortlich nannte, auch sonst keiner von ihnen, aber er kannte jemanden, der ein Vollidiot war.
***
Kenma hat Terushima nicht auf das belauschte Gespräch angesprochen. Ein guter Monat war seitdem vergangen und auch Hanai hatte wohl noch keine Anstalten gemacht, dem Assistenzarzt von ihrer Misere zu erzählen, denn der hat ihm vor ein paar Tagen vollkommen außer sich vor Freude erzählt, dass er Yamaguchi zu einem Date eingeladen hatte. Zu einem Richtigen. Mit Essen gehen, Wein trinken und einem Spaziergang im Anschluss. So wie man das aus Film und Serie kannte. So, wie Terushima es normalerweise nicht machte und genau deswegen war Kenma der Überzeugung, dass er recht gehabt hat. Auch Kaede hatte Recht behalten, denn sie hatte Terushima nicht nur einmal übertragen dazu getreten, endlich um dieses Date zu fragen. Selbst bei ihrer Entlassung im Januar war ein Teil ihrer letzten Worte an Terushima in diese Richtung gegangen.
Und dann geschah für Kenma etwas Unvorhergesehenes. Etwas schier Unmögliches gar. Er fand sich in einer Situation, wo auch er bald von einem Date sprechen konnte, denn er hatte einen vollends freien Tag vor sich. Keine Schicht, kein neues Spiel, keine Verabredung mit seinen Eltern und keine Unternehmung mit Kuroo.
“Dann gehen Sie bitte mit mir aus, wenn Sie mal Zeit haben“
Iizunas Worte an dessen letzten Tag im Krankenhaus hallten in seinem Kopf wieder. Es war schon sehr lange her, aber so ganz hat sich der Patient nicht aus seinen Gedanken verbannen lassen. Immer wieder hier und da war Kenma abgeschweift oder Terushima hat ihn darauf angesprochen oder der Zettel mit der Handynummer war ihm aus dem Spind gefallen. Irgendwann hat er ihn zerknüllt und zurückgeworfen. Nie hatte er sie eingespeichert und so suchte er nun aufgebracht nach diesem Zettel, wurde das Gefühl aber nicht los, dass er sich zu lange Zeit gelassen hatte und dass der Zettel einfach weg war. Dass er verloren gegangen war, an diesem Dreizehnten Februar.
“Wärst du ne Frau, würd ich dich fragen, ob du zu spät bist und nen Schwangerschaftstest suchst, aber da dem ja nicht so ist… was suchst du bitte?”, fragte Terushima plötzlich neben ihm. Für einen Augenblick war Kenma starr vor Schreck, kramte dann aber weiter.
“Iizunas Nummer”, sagte er und schob dabei alles aus seinem Spind hervor. Terushima fiel dabei ein schwarzes Schächtelchen ganz deutlich auf.
“Und du setzt direkt alles auf eine Karte?”, fragte er und hielt Kenma diese Schachtel hin. Der verstand aber nicht, weil seine Aufmerksamkeit in den Tiefen des eigentlich gar nicht so geräumigen Schränkchens versank. “Was?”, fragte er nur und fischte leider nur eine alte Quittung hervor. Von dieser fiel sein Blick auf die Schachtel. “Hey! Der gehört Dr. Sakusa”, sagte Kenma, nahm ihm die Box rasch ab. “Wie bitte?”, empörte sich Terushima und sah Kenma mit einem berechtigt verwirrten Blick “Er hat ihn mir gegeben”, klärte ihn Kenma auf. Nicht ausreichend, den geweiteten Augen. “Und du trägst ihn nicht? Hast du ja gesagt? Und… hast du jetzt was mit beiden?”
“Was? Nein! Ich hab mir gar niemandem was. Er hat ihn mir doch nicht deswegen gegeben!”, sagte Kenma und begann ihn dann endlich entsprechend aufzuklären.
“Wow… sag das doch gleich, ich dachte hier schon, ich muss mich drauf vorbereiten, Trauzeuge zu werden. Wär schon n bisschen akward, nachdem ich den einen Bräutigam geküsst habe und den anderen… nun ja, reden wir nicht darüber”, Terushima wurde gegen Ende hin etwas nervöser. Nicht, dass es Kenma interessierte, was damals im Bereitschaftsraum passiert war.
“Was lässt dich glauben, dass du Trauzeuge wärst? Ist das zwischen dir und Dr. Sakusa wieder besser?”, fragte Kenma, weil für ihn außer Frage stand, dass Terushima gemeint haben könnte, sein Trauzeuge zu sein. Das wäre in jedem Universum Kuroo gewesen. Außer natürlich in einem, in dem Kenma vor Jahren auf Kuroos Avancen eingegangen wäre und sie sich ineinander verliebt hätten und Kuroo diesen Schritt mit ihm hätte gehen wollen. Aber in diesem Universum waren sie nicht. Der Ring wurde in der Schachtel wieder zurück in den Spind gestellt, wo Kenma direkt wieder auf Tauch- und Suchgang ging.
Sie waren in dem Universum, in dem Kenma verzweifelt nach einer Nummer von einem Mann suchte, der ihm mit seinem schönen Lächeln den Kopf verdreht hat.
„Ehehe… ne, ist nicht so pralle, aber zum Glück will ich mich ja nicht in Neuro spezialisieren“, winkte Terushima ab und lehnte sich über Kenma in den Spind hinein. „Suchst du das da?“, fragte er und griff tatsächlich nach dem gesuchten Gut.
„Teru! Du hast es gefunden! Danke!“ Der Zettel war schnell aus den Fingern des Anderen geschnappt, wie auch der Schrank versperrt wurde und Kenma mit seinem Handy nach draußen eilte. Terushima blieb zurück.
Tuuuut~
Klick klack
„Sie haben die Mailbox der Nummer-”
Tut Tut Tut
Attraction
Attraktion. Ein Wort ohne Plural. Gleichbedeutend mit Anziehung oder auch Anziehungskraft. Ferner mit Faszination und Begehren.
Etwas, was große Anziehungskraft ausübt, gespanntes Interesse auf sich zieht in der Definition. Etwas, das schön anzusehen ist, dem man gerne seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.
Attraktiv, ein Mensch, dessen Ausstrahlung etwas in uns auslöst. Bewunderung, Entzücken. Platonisch zugeneigt, erregt von Lust eingenommen.
Attraktivität liegt im Auge des Betrachters. Auch, was damit angefangen wird. Menschen werden aufeinander aufmerksam. Finden zueinander, wenn sie handeln. Versinken in langen ‘Was wäre wenn’-Spielen, wenn sie zurück halten. Doch es gibt keine Garantie. Jemandes Interesse wird nicht durch Gleichweises geweckt. Attraktion funktioniert nicht wie ein Magnet und dennoch spricht man von Anziehungskraft. Nicht immer decken sich Vorstellungen, Wünsche und Begierden. Abneigung.
In einer allodominierten Welt steht Attraktivität, sich zu jemanden hingezogen fühlen, in Verbindung mit sexueller Anziehung, ferner folgt Liebe. Berücksichtigend aller unserer Vorlieben, Neigungen, Abneigungen und Bedürfnissen sammelt sich ein wahres [url=https://queer-lexikon.net/glossar/]Lexikon[/url] über Liebe und sexuelles Verlangen und nicht Verlangen und das Ausbleiben romantischer Gefühle.
Welch verwobenes Konstrukt Attraktivität und Anziehung nicht sind. Wie unendlich die Komplexität der Liebe divergiert. Und wie trivial ein einziger Blick, ein sanftes Lächeln all das erscheinen lassen kann.
Jemandem verfallen. Sich für jemanden aufopfern. Jemandes ‘Ein und Alles’ sein. Sich selbst erkennen, akzeptieren. Seine Wünsche nennen und mit den Bedürfnissen anderer arbeiten.
***
Dieses unsägliche Grinsen war kaum auszuhalten.
Kenma saß in der Wohnung bei Tisch, tippte auf seinen Essesnstäbchen herum und sah in Kuroos Gesicht, das eindeutig etwas aufgeschnappt oder ausgefressen hatte. Terushima schlief, sonst hätte er sich wohl angeschlossen. Kenma schwieg, aber Kuroos Grinsen wurde breiter.
“Du glühst”, sagte Kuroo, aber Kenma verweigerte sich weiterhin.
“Wie eine Schwangere” Kenma ließ von den Stäbchen ab und würdigte Kuroo mit einem vernichtenden Blick. “Wo kann ich denn bitte schwanger sein?”, fragte er platt, aber Kuroo hatte just eine Antwort drauf. “Dein Herz ist schwanger!”, säuselte er und machte eine theatralische Geste, Herzklopfen zu symbolisieren. Kenma verdrehte die Augen und seufzte. “Es ist der Typ mit dem hübschen Lächeln, nicht wahr? Da läuft was!” - “Läuft nichts” Kenma wehrte ab, doch Kuroo ließ nicht locker. Er stellte all die Fragen. Ob sie sich mal getroffen haben oder ob bereits im Krankenhaus was gelaufen war und wie lange es bereits lief und warum er, Kuroo, von allen Menschen in Kenmas Leben, erst jetzt davon erfuhr.
“Vielleicht liegt es daran, dass wir morgen erst unser erstes Date haben”, platzte es aus Kenma heraus. Er machte dasselbe Gesicht wie sein Mitbewohner: Große Augen, aufgeklappter Mund, ein bisschen dümmlicher Ausdruck, zusätzlich liefen seine Wangen rot an.
"Na, das hat aber gedauert”, murmelte Kuroo und konzentrierte sich endlich wieder aufs Essen. Auch Kenma nahm seine Stäbchen wieder und führte gemächlich Hühnchen und Reis über seine Lippen. Es hätte so ein angenehmer Abend sein können, wäre Kuroo da nicht noch mit einem Fakt gekommen.
“Voll romantisch, so ein Date am Valentinstag”, sagte er und Kenma drohte die Schüssel davon zu rutschen. Kuroo lachte. “War ja klar, dass du darauf keinen Fokus hast, man könnte meinen, man spricht mit Dr. Ushiwaka.” Kenma hob die Augenbrauen. Mit dem Orthospezialisten wurde er noch nie verglichen, sah auch selbst kein bisschen Ähnlichkeit zwischen ihnen. Kenma führte das Stochern in seinem Reis fort. Kuroo gab sich seinen Gedanken hin und leerte die Schüssel vor sich.
“Naja, wie auch immer. Was habt ihr denn vor? Soll ich Terushima aus der Wohnung locken?”, fragte Kuroo neugierig mit einem Blick, so verschlagen, dass sogar Kenma ihn deuten konnte.
“Nein!”, sagte er rasch und zuckte dann mit den Schultern. “Er holt mich ab. Wir werden zu mittag essen und dann spazieren gehen. Ich hoffe, nicht zu weit”, erklärte Kenma. Nicht, weil er besondere Pläne hatte, sondern weil er nicht lange unnötig rumlaufen wollte, denn das war Spazierengehen für ihn. Er wusste ja nicht, wie schön es sein konnte, dabei die Hand einer umschwärmten Person zu halten und all die wichtigen Dinge über sie zu erfahren, aber auch Informationen über sich selbst preiszugeben.
“Wie, er holt dich ab? Das heißt, er weiß, wo wir wohnen? Soll ich zuhause bleiben? Ich wechsel meine Schicht! Und wie holt er dich? Ist er auch sicher unterwegs?” Kuroo schaltete vollends in den Muttermodus um. Kenmas Gesichtszüge verzogen sich. Sie zeugten eine Mischung aus Skepsis, Genervtheit aber auch Unsicherheit. “Ja, er weiß, wo ich wohne und woher soll ich wissen, wie er mich abholt und ob er sicher fährt?” Kenma hätte das alles nicht egaler sein. Er war froh, dass er sich nicht um die Navigation kümmern musste. Iizuna würde irgendwann anläuten, er würde ihm die Tür öffnen und ihm folgen, wo er ihn hin brachte. Sollte das Lokal weiter weg sein, hoffte er natürlich schon sehr, dass sie fahren würden, aber er hatte das nicht unter Kontrolle und Gedanken hat er sich augenscheinlich auch nicht gemacht. Ganz zu Kuroos Leidwesen. “Kenma!” Ein Klageruf seines Namens folgte.
“Und was soll das eigentlich heißen? Du hoffst, ihr geht nicht zu weit? Willst du den restlichen Tag direkt bei ihm im Bett verbringen?”, fragte Kuroo weiter Fragen, um deren Beantwortung Kenma nicht bemüht war. “Weiß nicht, kommt drauf an, ob er Videospiele mag. Ich möchte morgen eigentlich noch ein paar Sidequests abschließen” Kuroo seufzte. “Dir ist schon klar, dass ich Sex gemeint habe?”
Das war’s. Kenma legte die Stäbchen zur Seite und schob sie mit der Schüssel in die Mitte des Tisches. “Warum geht’s immer nur darum? Teru hat nichts anderes im Kopf, ständig. Im Krankenhaus werden immer wieder Witze gemacht und Akaashi ist deswegen und wegen Konoha beleidigt und die Bereitschaftsräume riechen danach! Ja, ich weiß wie das riecht, weil du ununterbrochen Leute dafür heim bringst. Aber warum kann es mal nicht einfach nur um ein Treffen gehen?”
Stille.
Kuroo schluckte und starrte Kenma überrascht an. Eine Weile. Kenma schnaubte noch einmal wütend aus, bedachte seinen besten Freund aber mit einem Blick, der durchaus eine Reaktion forderte.
“Also ich bring nicht ununterbrochen Leute heim…”, murmelte er. Für Kenma war es zum Verrücktwerden. Er wusste, dass Sex eigentlich ein ganz normales Thema war und dennoch hasste er es, dass es ihn so sehr zu verfolgen schien. Ständig diese Vibes, immer Leute, die er mal direkter, mal indirekter dabei erwischte und dann dieses Wissen, dass Terushima auch noch gravierende Konsequenzen davon tragen würde, weil er und die Oberschwester nicht vorsicht genug waren. Ob er doch um Iizunas Verkehrssicherheit bedacht sein sollte? Und hat Kuroo das gemeint vorhin?
“Aber nein, okay, es muss eh nicht immer darum gehen. Nur… warum regt dich das so auf? Es ist doch was ganz Natürliches” Die beiden haben noch nie über dieses Thema gesprochen. Warum auch?
Und Kenma legte die Karten auch direkt auf den Tisch: “Für dich vielleicht, aber für mich nicht”
Kuroo stockte. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und die Augen wurden schmaler. Kenma wich dem Blick aus und brachte Kuroo damit auch auf die richtige Spur. “Es ist nicht schlimm, wenn du noch keinen Sex gehabt hast. Bei Manchen dauert es eben länger”, winkte sein bester Freund und Mitbewohner mit einem sanften Lächeln ab. Aber wie es eigentlich Sicherheit schüren sollte, löste die Situation Unbehagen in Kenma aus.
“Und wenn ich es gar nicht will?”, warf er den Ball zurück. Wieder breitete sich für einen Moment Stille zwischen ihnen aus.
Kuroo schien zu überlegen, Kenma wünschte sich die Situation einfach vom Tisch. Dafür entschied er sich dann auch. Er stand auf und wollte gehen, hätte sein Gesprächspartner da nicht wieder seine Stimme gefunden.
“Hast du mich deswegen damals weggestoßen?”, fragte Kuroo, aber Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, das war, weil ich den Gedanken komisch fand, dich zu küssen”, antwortete er plump und wäre am liebsten auf sein Zimmer gegangen, hätte er nicht im Gespür, dass dieses Gespräch noch nicht vorbei war. Denn natürlich, Kuroo musste es auf sich und sich alleine wenden, denn er erwiderte: “Oh wow, das andere wäre mir lieber gewesen… Was ist so komisch an mir?”
“Weiß nicht, ich kenn dich zwar als fürsorglichen Freund, aber auch als aufgedrehten Nerd und die Vorstellung, dass du mit mir so bist, wie mit den anderen ,das ist eben irgendwie seltsam. Ich will nicht, dass du anders bist”, erklärte Kenma und Kuroo kam nicht drum herum, seine sanften Gesichtszüge zu zeigen. “Und Iizuna?”, fragte er vorsicht.
“Ich will nicht mit ihm schlafen”, antwortete Kenma sofort. “Also… nicht so, ich würde schon… in seiner Nähe schlafen, vermutlich, wenn ich mich wohl fühle, so wie bei dir früher”, diese Offenbarung traf tief. “Sag ihm das bitte nicht so”, war Kuroos Ratschlag, den Kenma hinterfragte und was Kuroo meinte, dass Iizuna sicherlich falsch verstehen würde. Wusste er ja nicht, dass Kenma damals romantische Gefühle für Kuroo gehabt hat, sie aber nie in Worte gefasst hat und in Taten noch weniger.
Kenma ließ sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Ihm war schon bewusst, dass er anders war als die meisten, dass seine nicht vorhandene Libido und das fehlende Verlangen für Viele nicht normal war, aber für ihn war es das und er wusste, dass die Meinungen anderer nicht zählten. Zumindest nicht, bis es Konfliktpotenzial gab.
“Denkst du, er will mit mir schlafen?”, fragte Kenma deswegen unsicher. Er wusste um Kuroos Libido und seinen Sexualdrang Bescheid, schon damals, also konnte er das Thema mit sich gut selbst ausdiskutieren und ersticken, ehe es zu einem Konflikt kam.
Kuroo seufzte. “Gott, Kenma, du stellst Fragen… wenn er Augen im Kopf hat und da unten alles intakt ist, wird er es wollen” Ihm war anzusehen, dass er bereute, was er gesagt hat. “Aber es ist okay und absolut normal, wenn du es nicht willst und das kannst du ihm sagen und er hat das zu respektieren und wenn er es nicht tut, dann hat er das hier zu respektieren”, sprach Kuroo schnell weiter und erhob seine Faust, womit er Kenma zu einem verhaltenen Lachen brachte.
“Und meine bekommt er auch!”, sagte Terushima plötzlich hinter Kenma, dass dieser zusammen zuckte. Vorsichtig drehte er sich um und fragte ihn, ob er alles gehört hatte. “Na klar, du bist unsere heilige Jungfrau und ich bin dein Retter in Nöten”, sagte er und stemmte seine Hände stolz in die Hüften. Kenma seufzte, verdrehte die Augen und sah geplagt zu Kuroo. “Wir!”, sagte dieser und Kenma ging nun wirklich auf sein Zimmer.
***
Iizuna würde irgendwann anläuten, er würde ihm die Tür öffnen und ihm folgen, wo er ihn hin brachte.
Das waren Kenmas Erwartungen ab dem Moment, als sowohl Kuroo als auch Terushima am Valentinstag zu ihrer Schicht aufgebrochen waren. Alles ganz locker. Bis zu dem Moment, als es dann wirklich geläutet hat und die Aufregung ihn überkam.
“Ich bin gleich fertig”, hat er durch die Sprechanlage gesagt und Iizuna die Tür zum Haus geöffnet. Es war wie ein Reflex. Kenma wusste auch nicht, ob Iizuna einfach reingehen würde, wie er überhaupt die richtige Wohnung fand und dennoch stand er direkt vor der Tür, als Kenma heraustrat.
“Oh”, sagte er und musterte seine Verabredung. Iizuna war eindeutig schicker gekleidet als er. Iizuna stand in einem verfluchten Anzug da. Grauer Nadelstreif, sehr edel und wahnsinnig gut auftragend. Kenma hat sich in seine schwarzen Jeans geworfen, weil Kuroo meinte, dass die gesellschaftstauglicher waren, als seine alten Trainingshosen aus Studienzeiten. Der Schlichtheit wegen hat er sich für ein gemütliches schwarzes T-Shirt entschieden, aber wollte sich gerade noch die Trainingsjacke fischen, weil es doch noch recht kühl war. Mit dieser hätte er auch etwas rote Farbe in sein Outfit gebracht - als ob er sich darüber Gedanken gemacht hätte.
“Scheiße”, kam es Kenma deutlicher über die Lippen und er schlug die Tür direkt vor Iizunas Nase zu. “Dr. Kozume?”, drang es fragend in die Wohnung, aber Kenma war leise weiter fluchend in sein Zimmer gelaufen und riss den Kleiderschrank auf. Irgendwo musste er hier noch ein Hemd haben und dann den schwarzen Blazer, den ihm Kuroos Schwester vor Jahren geschenkt hat, weil er ihr gesagt hat, dass er ihn hübsch fand. Er hatte kein Problem damit, ein Kleidungsstück einer Frau zu tragen, zumal es ein Stück von Coco Chanel war, die Kenma heimlich bewunderte. Er hatte einen Blick für Schönes, mühte sich aber selten darum, es an sich selbst anzuwenden. Lieber genoss er Schönheit. In einem Spiel, wenn die Grafik toll war, zum Beispiel oder wenn er beim Auto aus dem Fenster sah und die Landschaft betrachten konnte oder… gerade eben, wo er Iizuna erblickt hatte.
Ein paar Augenblicke und das absolute Chaos im Schrank später, wurde Iizuna die Tür wieder geöffnet, der mit einem sanften Lächeln und strahlenden Augen ein erleichtertes Seufzen tönen ließ. Kenma hat das dunkelrote Hemd gefunden, angezogen und auch den leicht taillierten Blazer übergeworfen.
“Mir hat das von eben auch gefallen”, sagte Iizuna höflich, besah Kenma aber deutlich von oben bis unten. Ein wenig unangenehm, es war, als verglich er mit dem, was vorhin da war. Aber vorhin hat gefallen.
“Soll ich mich nochmal umziehen?”, fragte Kenma und war schon drauf und dran, das mit der Tür zu wiederholen, doch Iizuna griff rasch nach Kenmas Handgelenk, ihn aufzuhalten. “Bitte nicht, ich halte es kein drittes Mal aus, auf Sie warten zu müssen”, sagte er etwas verlegen. Er war hier draußen schon zwei Mal fast einem Herzinfarkt vor Nervosität erlegen. “Außerdem steht Ihnen das rote Hemd unbeschreiblich gut”, sagte er und lockerte die Finger. Er legte sie stattdessen an den schiefen Kragen und richtete ihn kurzerhand. “Okay, danke”, sagte Kenma. Einen Augenblick musterten sie einander. Ausschließlich.
“Ihre Haare wachsen schnell”, fiel Iizuna auf, dass Kenmas Haare im Vergleich zu ihrem letzten Mal, als sie sich gesehen haben, bereits seine Schultern umspielten. Damals waren sie kinnlang und der Ansatz war noch nicht so breit. Ein Impuls für Kenma, auch Iizunas Frisur genauer zu betrachten. Ihm war nicht entgangen, dass die hellen Haare gestyled waren und ordentlicher lagen als damals im Krankenhaus, was ihn nicht überraschte. Im Krankenbett sahen die meisten Menschen mit der Zeit eher erbärmlich aus. Nur manch eitle Dame saß schon früh morgens mit einem Spiegel im Bett und versuchte zu retten, was Krankheiten und Umstände zu plätten versuchten. Aber um ein Komplement war sich Kenma zu verlegen.
“Oh und ich hab was für Sie”, sagte Iizuna und reichte aus der anderen Hand eine Karambole. Kenma betrachtete die gelbe Frucht. “Ich wollte nicht ins Klischee fallen und Blumen oder Schokolade bringen und eigentlich wollte ich eine Ananas nehmen, weil die auch so dekorativ aussieht, aber ich wollte Ihnen keine falschen Signale übermitteln”, erklärte Iizuna die Geste, aber Kenma verstand kein Wort. Wozu hätte er ihm Blumen bringen sollen? Den Brauch mit der Schokolade am Valentinstag kannte er nicht, auch wenn die WG-Küche aussah, als hätten zwei Chocolatiers dort den Krieg der Sterne nachgespielt und was eine Ananas nun für Signale übermitteln sollte, wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen. Iizuna klärte ihn nicht auf. Stattdessen erklärte er ihm, dass er gelesen hat, dass Sternfrüchte wohl in der Welt der Gamer eine besondere Bedeutung hatten und, dass er diese deswegen gewählt hat.
Kenma schmunzelte.
“Da geht's eigentlich um eine Papu-Frucht”, sagte er. Iizuna wurde neugierig und ließ sich den schönen Mythos erzählen, während Kenma die falsche Sternfrucht in seinen Fingern drehte und begutachtete. Die Sternfrucht, die in der Videospielwelt ein gelber Stern war, mit grünem Blattwerk und auf den Inseln des Schicksals wuchs. Iizunas Augen wurden größer und sein Wesen aufgeregt, als Kenma die Bedeutung in Worte fasste. “Wenn zwei Menschen eine teilen, dann verbindet sich ihr Leben, ganz gleich, was passiert”
“Das ist ziemlich romantisch”, erwiderte Iizuna mit seinem Blick auf die Frucht in Kenmas Händen. Kenma zuckte mit den Schultern. “Vermutlich”, sagte er und legte die Frucht kurzer Hand durch die offene Tür im Vorzimmer auf den Schlüsselschrank und verschloss die Tür. Iizuna klappte der Mund auf, als wollte er protestieren. “Wir können sie später essen, wenn Sie möchten”, sprach Kenma unüberlegt zwei Einladungen aus: Die, dass Iizuna nach ihrem Date noch mit zu ihm konnte und viel bedeutender: Die, ihre Leben zu verbinden.
Kenma bekam ein mulmiges Gefühl im Magen.
***
Iizuna hat Kenma zu einem kleinen Italiener gefahren. Mit dem Auto. Sicher. Nur ein Stückchen am Rande Tokios und somit nicht weit weg vom Getümmel der Stadt und genau recht, um sich danach die Füße zu vertreten, ohne im urbanen Dunst unterzugehen.
Der kleine Italiener wurde durch einen Hof betreten, wo sich für die warmen Sommermonate genügend Platz für einen Gastgarten bot, wo sie jetzt aber wie zu einem Geheimtipp gingen. Kenma war doch sehr erleichtert, sich umgekleidet zu haben, denn die Restaurantmanagerin am Empfang hätte ihn bestimmt direkt wieder umdrehen lassen.
“Das ist eine echt schicke Pizzaria”, murmelte Kenma als er und Iizuna an ihren Tisch begleitet wurden. Seine Augen scannten das Gewölbe ab, durch das sie geführt wurden. Idyllisch verziert mit Malereien des italienischen Meeres. Fischerboote, Strände, Weinberge.
“Das ist keine Pizzaria, das ist ein traditioneller Italiener, eine Trattoria. Die haben hier zwar auch echt gute Pizzen, aber was ich Ihnen gerne zeigen würde, sind die Gnochi, die machen sie täglich von Hand und die sind das beste, das ich je gegessen habe”, klärte Iizuna auf, als sie am Tisch mit den Karten zurückgelassen wurden. Kurz darauf wurde ihnen Wasser eingeschenkt und Zeit zum Entscheiden gelassen. Neben dem Tisch stand eine schwarze Klavierreparatur, die Kenma nur schlicht als Flügel abtun konnte. Er war nicht musikalisch begabt, fand diese Instrumente aber immer schon wunderschön, nicht nur im Klang.
“Dann werde ich Ihrer Empfehlung gerne folgen. Ich hab keine Ahnung, was die Hälfte der Dinge hier ist”, sagte er und legte die Karte ergeben ab. Auf Iizunas Lippen bildete sich ein stolzes Grinsen. Nicht, weil Kenma mit der Karte überfordert war, sondern weil er ihm sein Vertrauen entgegenbrachte. “Sie werden es nicht bereuen”, versprach er ihm. Wie er auch einen guten Wein auswählte, den Kenma aus mangelndem Wissen genauso vertrauensvoll auswählen ließ. Kenma ließ Iizuna auch das Gespräch leiten.
Während des Essens versuchte er weiter sein unruhiges Gefühl im Bauch zu verdrängen und nahm all die Informationen auf, die er über sein Date bekam, antwortete aber auch auf die Fragen. So erfuhr er, dass Iizuna das mittlere von drei Kindern war und zwei Schwestern hatte. Im Gegenzug gab er preis, Einzelkind zu sein, aber Kuroo wie sein großer Bruder für ihn war. Vielleicht sah er dabei auch Erleichterung in Iizunas hübschem Gesicht, das während des ganzen Gespräches über mit einem Lächeln geziert war.
Iizuna war Konzertpianist und wollte später auf dem [url=https://showcasepianos.com/wp-content/uploads/2019/07/img-ebonybw-main-570x530.jpg]Fazioli[/url] etwas für ihn spielen, zumal exakt dieser Flügel das Instrument war, auf dem Iizuna das Spielen gelernt hat. Denn Iizuna lebte schon immer in Tokio, ganz hier in der Nähe, dass man wahrlich von einem Geheimtipp zum kleinen Italiener sprechen konnte. Er war aber wegen seines Jobs schon gefühlt überall auf der Welt gewesen. Am liebsten in Italien. Er liebte die italienische Küche und das mediterrane Flair am Meer. Kenma hat die Großstadt kaum verlassen. Nur für Praktika und er hatte keinen Lieblingsort, außer vielleicht sein Bett, wenn er dort einen Controller in der Hand hatte und ein gutes Adventure Game spielen konnte.
Der rote Faden führte über das Angebot, sich zu duzen, auch irgendwann unweigerlich zu Iizunas Tumor und den Operationen, die er bereits hatte.
“Und man weiß nicht, woher es kommt?”, fragte Kenma und Iizuna schüttelte den Kopf. “Mir wurde nur gesagt, dass es erblich bedingt sein kann, aber sowas hatte bei uns noch niemand.” Zum Dessert haben sie sich für einen italienischen Klassiker entschieden. Das Tiramisu, weil Kenma es auch kannte und es wurde mit zwei Löffeln in der Mitte ihres kleines Tischchens geteilt. Wobei Kenma nicht sonderlich viel davon aß. Sein Magen wollte sich nicht beruhigen.
“Hmm, also man weiß schon ein paar Dinge darüber. Manchmal ist es einfach so, das ist nicht sonderlich befriedigend als Information, aber was du hast, das ist anders. Es gibt zwei Arten, wie diese Art der Tumore vorkommen. Einmalig, ohne Verbindung oder als Syndrom. Wiederkehrend und es wäre interessant herauszufinden, was dieses fördert. Es kann an deinem Blut liegen, an den Genen, wie du schon gesagt hast. Oft hängt es auch einfach nur mit Stress zusammen. Das ist eine häufige Ursache vieler Krankheiten in der heutigen Zeit”, ging Kenma darauf ein und behielt recht. Es war nicht besonders befriedigend, das zu wissen. “Mir wurde nur gesagt, es kann sein, dass er wieder kommt… das jetzt klingt irgendwie wie ein Schicksal”, seufzte er. Kenma presste die Lippen aufeinander. “Tut mir leid, ich wollte dir nicht vor den Kopf stoßen”, entschuldigte er sich, aber Iizuna winkte ab.
„Weißt du, jeder bekommt im Leben, was er ertragen kann und wie es aussieht, kann ich so ne Sache ertragen, wohl auch mehrmals im Leben”, nahm er die Situation hin und Kenma dachte umgehend an Terushima. Ja, den konnte er gerade noch ertragen. Er nickte. “Solange du es noch lange ertragen kannst”, sagte er und ergab sich bereitwillig des Lächelns, das Iizuna ganz unaufdringlich forderte.
Aufdringlicher, aber willkommen war dafür seine Hand, die sich prompt auf die von Kenma legte, die nicht weg zuckte. Kenmas Augen huschen rasant hinunter zu der Quelle des wilden aufregenden Kribbelns, das sich durch seinen ganzen Körper ausbreitete und dann hoch in die Augen des Mannes, der dafür verantwortlich war.
“Ich war verrückt nach Ihnen, als Sie das erste Mal in mein Zimmer kamen und ich weiß… Sie… du… dir ging es ähnlich, oder? Da war doch was” Iizunas Stimme klang bittstellend. Er wollte Bestätigung und Kenma drehte sich der Magen um.
Er wusste nicht, ob er sich jeden Moment vor Nervosität, Aufregung oder doch Unbehagen übergeben würde oder ob ihm gleich ein Regenbogen der Freude aus der Brust platzen würde. Das war so ungewohnt und dennoch fühlte es sich richtig an und schön, also schluckte er den unheilvollen Beigeschmack hinunter und nickte. Aber ein Thema musste er noch klären.
“Ich werde nicht mit dir schlafen, okay”, sagte er etwas schärfer, als er es hätte sagen wollen. Iizuna hielt inne. “Oh”, machte er und musterte Kenma. “Ähm… das ist natürlich okay. Ich hab dir doch nicht das Gefühl gegeben, dass ich nur?”, fragte er mit unruhiger Stimme, konnte es auch nicht direkt aussprechen. Kenma schüttelte sofort den Kopf. “Nein, gar nicht, ich wollte nur, dass du es weißt”, erklärte er und Iizuna nickte. “Gut, gut also… ja, das ist okay nur… sprechen wir von heute? Oder… von der goldenen 3 Dates Regel oder von immer?”, fragte er. Die Frage war nicht unangenehm, obwohl es der Inhalt irgendwie erahnen ließ, aber Iizuna stellte sie sichtlich aus Neugier, er wollte eine Information haben und Kenma offenbarte ihm, dass es sich vielleicht immer handelte.
“Okay, das ist absolut in Ordnung und es ist gut, dass ich das weiß”, sagte Iizuna mit sanfter Stimme und streichelte vorsichtig über Kenmas Handrücken. “Es gibt so viele schöne Dinge, die wir tun können und ich will die Möglichkeit nicht verspielen, weil es um Körperliches geht, wo ich einen Seelenverwandten suche”
***
“Und du bist wirklich kotzen gegangen?”, fragte Terushima mit großen ungläubigen Augen. Kenma knurrte und schenkte ihm einen Blick der Verachtung. “Und du bist Schuld dran! Du und dein blödes Frühstück!” - “Das war kein Frühstück! Das waren Überreste von meinen Bemühungen und ich hab dir nicht gesagt, dass du die kiloweise in dich reinstopfen sollst.” Terushima verteidigte, dass er in der Nacht von dreizehnten auf vierzehnten die Küche in einen Schokoladenkriegsschauplatz verwandelt hat. Fahrlässig von ihm, die Reste rumstehen zu lassen. Aber Kenma musste ihm zugestehen, dass er ihm wahrlich nicht gesagt hat, davon zu naschen. “Ich hab das nicht kiloweise gegessen…”, murrte er. So ganz hatte sich sein Magen noch immer nicht erholt und er bedauerte es, dass sein Date mit Iizuna so prompt ein Ende gefunden hat.
“Hat sich die Aktion zumindest ausgezahlt?”, fragte Kenma Terushima, der sich darauf die flache Hand ins Gesicht schlug.
“Dieses Date war ein absolutes Desaster!”, klagte er…
“Es war so romantisch”, hörte er am nächsten Morgen von Yamaguchi, dass er ein wundervolles Date mit Terushima gehabt hatte. Kenma hatte nicht nachgefragt, als sein Mitbewohner gejammert hat, nun aber fehlte ihm die Logik und die Verbindung, wie ein und dasselbe Date so unterschiedlich wahrgenommen werden konnte.
“Was habt ihr denn gemacht?”, fragte er deswegen nach, erwähnte aber noch nicht, dass Terushima es wohl nicht so toll empfunden hat. Und Yamaguchi erzählte aufgeregt und überschwänglich und begann gefühlt auch 24 Stunden vorher.
Am Krankenhauseingang beobachtete Yamaguchi, wie Akaashi von Bokuto mit einem Strauß Rosen begrüßt wurde. Aber der Herzpatient wirkte seltsam aufgewühlt. Yamaguchi hat in der Zeit, als Bokuto aktiv Patient war, zwar mitbekommen, dass seine Stimmung manchmal vom Wind abhängig war, aber in dem Moment vermutete er viel Nervosität. Yamaguchi verstand es. Er wäre auch sehr nervös in seiner Situation.
“Weißt du… das ist unser drittes Treffen. Also… so in diesem Kontext und nun ja, das dritte Date ist irgendwie immer was Besonderes. Und ich würde gerne… also ich weiß, dass du mit Konoha… nun irgendwie-“ Yamaguchi wollte eigentlich gar nicht lauschen, aber Bokutos Stimme war schon ziemlich laut und er wollte auch nicht direkt ins Krankenhaus gehen, weil er zu früh war. So bekam er auch mit, was Akaashi sagte, als dieser Bokuto unterbrach.
„Ja, ich bin so irgendwie mit Konoha zusammen." Er klang unsicher dabei, aber dennoch deutlich. Sofort war der Schwung aus Bokuto gewichen. Seine ganze Körperhaltung neigte sich gen Boden, sogar sein Haaransatz schien die Kraft zu verlieren, dass man an ein in den Regen geratenes Käuzchen erinnert wurde.
„Weiß er, dass wir uns treffen?“, fragte Bokuto gedrückt und Akaashi nickte. „Ja, das weiß er“, antwortete er und begann dennoch langsam auf seinen Fingern herumzudrücken. „Und weiß er auch, dass ich… also, dass wir… Weiß er, dass es Dates sind?“, war die nächste Frage worauf Akaashi nickte. Er schmunzelte auch etwas. „Ich glaube, das ist nicht zu übersehen” Der Assistenzarzt deutete auf den Blumenstrauß an dessen Rosen er gerade noch einmal roch und es zu genießen schien. Dann wurde sein Ausdruck wieder sehr ernst.
„Aber Konoha und ich, wir haben gerade sowas wie eine Pause. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt zu ihm passe. Ich brauch Abstand und ich brauche…“, seufzte er. Bokuto richtete den Kopf mit einem raschen Ruck auf. „Blödsinn! Du passt zu jedem, der dich haben will, wenn du das willst. Wenn, dann passt er nicht zu dir! Akaashi, du bist wundervoll“, sagte er und griff nach der Hand, die sich gerade selbst mit den Fingern bearbeitete. Er drückte etwas fester zu und suchte den direkten Blick in die Augen, die das Meer widerzuspiegeln vermochten.
Akaashi war gerührt von diesen Worten, aber er wusste gar nicht recht, darauf zu reagieren. Das Schweigen machte wohl auch Bokuto unruhig. „Tut mir leid, ich bin zu direkt“, murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart und wollte die Hand gerade zurückziehen, da hinderte Akaashi ihn daran und schüttelte den Kopf. „Entschuldige dich nicht dafür, wie du bist“ - Ein besonderes Stichwort für Yamaguchi, der sich am laufenden Band bei Tsukishima entschuldigte. Jetzt nicht direkt dafür, dass er so war, wie er war, aber für Dinge, die ihn ausmachten. Für Gedanken, Wünsche und Vorschläge, die sein bester Freunde gerne direkt abschmetterte. Wie auch die Sehnsucht, Terushima hätte ihn für diesen Tag gefragt, nach ihrer Schicht auszugehen. “Sorry Tsukki”, hatte er gesagt und hat den Kopf gesenkt, während Tsukishima den anderen blonden Jungarzt schlecht redete.
Tja, Yamaguchi wusste ja selbst nicht, wie, aber Terushima hat es geschafft, mit seinen plumpen Anmachsprüchen und den eindeutigen Gesten, aber vor allem mit seinem herzhaften, ehrlichen Lachen, ihn weich zu machen. Wenn Terushima lachte, dann spürte Yamaguchi, dass er es aus ganzem Herzen tat und in seinen Augen sah er dabei, dass es auf der ganzen Welt nichts Schöneres gab, als diesem Moment beizuwohnen.
Yamaguchi mochte auch den liebdoofen Gesichtsausdruck, den Terushima machte, wenn man ihn mit Tatsachen überrumpelte, dabei war er medizinisch gar nicht schlecht drauf. Sein Kollege war wirklich nicht so doof, wie er oft sprach. Es war, als trafen zwei Welten in einer Person aufeinander. Der gebildete junge Chirurg in Ausbildung und der heiße Aufschneider, dem es manchmal an Menschenverstand haperte, der dafür aber jede Menge Spaß und Lebensfreude hatte, dass es ansteckend war. Zumindest für Yamaguchi, der bereits beim Gedanken an Terushima dieses wilde Achterbahngefühl bekam.
Aber leider, Terushima hat ihn nicht gefragt, ob sie ausgehen wollten. Kein Date zum Valentinstag. Valentinstag. Tag der Liebe. Tag des Kitsch. Sein Tag der Niederlage. Nun gut, das war für ihn nichts Neues. Also riss er sich von dem Pärchen oder zumindest den beiden Personen, die heute ihr drittes Date hatten, ab und ging durch die Pforten des Haikyuu Medical Hospitals direkt zu seiner zugeteilten Station. Dr. Komori teilte ihn mit einem breiten zufriedenen Grinsen ein, genauso wie die anderen seiner Schicht. Sein erster Auftrag, einen Patienten zu kontrollieren, führte ihn direkt am Schwesternstützpunkt vorbei, wo Dr. Nishinoya gerade eintrat und schon von weitem die Aufmerksamkeit eines gewissen Pflegers auf sich zog.
“Yo, Asahi! Date Night, heute. Ich hol dich ab”, sagte Nishinoya mit einem selbstsicheren Zwinkern und der obligatorischen Fingerpistolengeste.
“Wow, wusste gar nicht, dass die beiden zusammen sind”, sagte Yamaguchi zu Kageyama, der plötzlich neben ihm stand, aber nur mit den Schultern zuckte. “Weiß nicht, ob die wirklich zusammen sind”, sagte er und dann schob auch schon Kuroo seinen Kopf zwischen Yamaguchi und Kageyama. “Also so, wie Azumane reagiert, sind sie das auch nicht. Noya ist einfach nur wahnsinnig selbstbewusst”, sagte er und legte den beiden jüngeren seibe Arme um die Schultern.
Asahi hätte tatsächlich nicht erschrockener aussehen können. Seine gestammelte Antwort - eine Zusage zwar - hätte nicht schwerer zu verstehen gewesen sein können. Aber zu ihrer beider Glück sprach Nishinoya fließend Asahi.
“Und? Wer sind eure heißen Dates?”, fragte Kuroo weiter. “Heißes Date? Wozu? Ähm niemand”, stammelte Kageyama. “Niemand”, stimmte Yamaguchi seufzend ein. “Ach, ihr seid doch wirklich hoffnungslose Fälle. Kopf hoch, kommt vielleicht noch”, sagte der Assistenzarzt aus dem zweiten Ausbildungsjahr und klopfte beiden auf den Rücken. “Hast du etwa eines?”, fragte Kageyama mehr ihn zu trizen, als dass es ihn wirklich zu interessieren schien und damit traf er auch voll ins Schwarze.
“Neeeeeiiiin! Sugawara hat die Schicht getauscht und geht mit Miesepeter Sawamura aus” gab Kuroo gequält von sich und legte sich den Handrücken auf die Stirn, sein Leid durch eine überzogene Pose weiter zu unterstreichen.
“Oh, das tut mir leid”, sagte Yamaguchi, der zum ersten Mal von Kuroos Interesse Oberarzt Sugawara gegenüber hörte. Aber er hatte auch recht wenig Kontakt zu dem Älteren. Das war immerhin Kenma und der sprach nicht viel über solche Dinge. Er sprach allgemein nicht viel. Und das fand Yamaguchi nicht schlimm. Kenma gehörte zu den Menschen, die genau dann sprachen, wenn man es brauchte und jetzt ahnte er, dass er Kuroo gesagt hätte, er sollte sich nicht so anstellen.
“Ach, muss es nicht. Ich schnapp ihn mir in einem Monat und dann gehen wir in dieses österreichische Schnitzelhaus, das in der Innenstadt neu aufgemacht hat”, sagte Kuroo mit einem verschlagenen Grinsen, merkte aber schnell, dass er nicht auf das richtige Publikum traf. “Education Guys! Ernsthaft, lasst euch das erklären” damit verabschiedete er sich und Yamaguchi starrte Kageyama genauso verwirrt an wie dieser ihn.
Und dann ging ihre Schicht erst richtig los. Sie und die anderen Assistenzärzte eilten von einem Patienten zum nächsten. Yamaguchi durfte Dr. Takeda, dem Chefarzt der allgemeinen Chirurgie assistieren. Kageyama landete bei Dr. Ushijima, was in einem langgezogenen gequältem Laut von Dr. Oikawa endete.
“Bitte reiß dich doch zusammen. Ist deine Konferenz-Freundin nicht zufällig in der Stadt und frei für Abendgestaltung?”, versuchte ihn Dr. Iwaizumi von der Schmach abzulenken, aber das endete in einer Dramaturgie ganz anderen Levels, der Yamaguchi sich schleunigst entzog, nur um seinem eigenen Desaster zu begegnen.
“Yo, Dr. Freckles-chan! Und? Was hast du heute besseres tun, als mit mir auszugehen?”, fragte Terushima und kam ihm näher. Nicht zu nah, fast so, als stünde etwas zwischen ihnen, dabei stand da nichts. Nicht physisch und auch sonst nicht. Zumindest dachte dann Yamaguchi, der mit einem Japsen antwortete: “Nichts!”
Terushima legte den Kopf schief. “Wie nichts? Warum hast du mir dann nicht geantwortet?”, fragte er und Yamaguchi machte einen weiteren überraschten Ton. “Wie? Nicht geantwortet? Hast du geschrieben?”, retournierte er die Frage und zog sofort sein Handy, um zu überprüfen, ob er jemals je eine Nachricht von dem anderen Assistenzarzt erhalten hat.
“Ja Mann!”, rief Terushima aus und zückte auch sein Smartphone, um ihm die Nachricht zu zeigen. Yamaguchi konnte ihn auch gleich auf ein wichtiges Indiz hinweisen. Da gab es kein Empfangshäkchen und kurz darauf war auch geklärt, dass Terushima mit einem Zahlendreher die Handynummer seines Kollegen verpatzt hatte. 69 statt 96 am Schluss. “Naja… 69 ist schon sexier”, meinte er auf den Fauxpas, bedauerte die Situation aber umso mehr. Er hätte ihm pagen sollen. Hätte er nicht, denn Pager Nachrichten galten für Notfälle und ausschließlich fürs Krankenhaus.
Und dann las Yamaguchi die Nachricht erstmals.
Bock mit mir am Valentinstag Schokolade
auszutauschen? Du musst auch nicht auf
nächsten Monat für deinen Blowjob warten
Da war es wieder. Der nächste Monat. Aber Yamaguchi lief im Moment der Realisierung, dass es da einen Zusammenhang geben konnte, knallrot im Gesicht an. Außerdem stand da dieses Wort. B l o w j o b. Terushimas schneidiges Grinsen änderte sich nicht. Stattdessen zwinkerte er ihm zu und zeigte ihm seine Zunge, das Piercing zu zeigen, das in diesem Krankenhaus schon der ein oder andere gesehen, aber auch erlebt hatte.
“Ich will den Zusammenhang gar nicht wissen”, unterbrach Kenma, bevor Yamaguchi weitererzählen konnte. In der Zwischenzeit stand auch Shirabu bei ihnen und lauschte den Ausführungen mit einem skeptischen Blick.
“War klar, dass Teru damit kommt”, sagte er, aber Kenma war ihm dankbar, dass es nur das war. Keine Erklärung, wie der 14. März, überbackenes Fleisch und spezielle Lippenbekenntnisse zusammenhängen könnten.
“Und dann seid ihr einfach Essen gegangen und er war… nett?”, fragte Kenma unbedacht etwaiger anderer Rückfragen.
“Ähm… naja… also ja, irgendwie schon”, sagte Yamaguchi und erzählte weiter.
Als Yamaguchi und Terushima das Krankenhaus verließen, offenbarte sich ihnen ein seltener unwirklicher Anblick. Dr. Tendou umspielte Tsukishimas Hand mit seinen Fingern und zog sie zu einem übertriebenen Handkuss mit verneigender Haltung. “Es war mir eine ausgesprochene Freude, den Tag mit dir zu verbringen”, sagte er und tänzelte aus der Position und ins Krankenhaus hinein. Tsukishima warf Yamaguchi umgehend einen bitterbösen Blick zu, ihm zu vermitteln, die Klappe zu halten.“Sorry Tsukki”, sagte dieser dennoch und sah bedrückt zur Seite, weil er gerade von einem wohl so offenen Geheimnis seines besten Freundes erfahren hat, dass es diesem nichts auszumachen schien, wenn man es sah, Yamaguchi aber nicht persönlich von ihm davon erfahren hat, dass Tsukishima wohl den Oberarzt der Unfallchirurgie datete.
“Warum entschuldigst du dich bei ihm?”, fragte Terushima neugierig und neigte seinen Kopf Yamaguchis Sichtfeld. “Und warum schaust du so? Du hast doch eindeutig das bessere Date abbekommen. Oder hast du was anderes im Sinn? Willst du, dass wir die beiden dazuholen, wenn wir die ganze Nacht miteinander verbracht haben? Oh, ich werde dir gar keine Möglichkeiten geben, noch an jemand anderes zu denken”, versprach er etwas, wovon Yamaguchi nie im Traum gedacht hatte auch nur davon zu fantasieren. “Nein! Nein! Das will ich nicht, ich will nur dich!”, platzte es aufgeregt aus ihm heraus und auf Terushimas Lippen bildete sich ein selbstgefälliges Grinsen.
"Ach, ist das so?”, fragte er mit wackelnden Augenbrauen. Yamaguchi realisierte, dass er aus dieser Sache nun nicht mehr rauskam und noch viel mehr wurde ihm klar: Er wollte aus dieser Sache nicht raus. Er atmete tief ein, nahm Terushimas Hand in seine und nickte. “Ja! So ist das!”, schrie er ihn regelrecht an, weil er so mit sich selbst gekämpft hat, dass es rauskam, aber es gab keine Gegenwehr, nicht von seinen Stimmbändern, nicht von seiner Zunge oder seinen Lippen und erst recht nicht von Terushima, der diesen Lippen mit einem Kuss versprach, dass Yamaguchi genau das bekommen würde. Ihn. Voll und ganz.
Der weitere Abend verging für Yamaguchi wie in Watte gepackt. Terushima hat ihn in eine Skybar ausgeführt. Dort hat er ihm die selbstgemachte Schokolade überreicht, die er, wie er sagte, nicht der Rede wert war, für Yamaguchi aber von hoher Bedeutung war. Noch nie hat ihm jemand selbst Schokolade gemacht. Noch nie hat er am Valentinstag Schokolade bekommen.
Zum Abschluss bestellen beide eine heiße Schokolade, weil Terushima meinte, Kaffeegeschmack mache keinen Spaß und Yamaguchi mochte Kaffee auch nicht besonders, schon gar nicht vor dem Schlafen gehen.
Yamaguchi hat während ihrer gemeinsamen Zeit zwar bemerkt, dass Terushima öfter mal die Toilette aufgesucht hat, aber er war immer mit leicht feuchtem Gesicht zurückgekommen und er wollte nicht fragen, vermutete er, er hätte sich abgekühlt, weil er ja wusste, wie direkt Terushima immer war und wie schnell es bei ihm geschah, dass er mit jemandem im Bett landete. Oder am Tisch oder gegen die Wand oder - nein, er wollte diese Gedanken nicht weiter spinnen, denn er bemerkte, wie sehr sich Terushima für ihn gerade bemühte und das war weit bedeutsamer als jeglicher Sex zwischen Tür und Angel. Zumal dies wohl auch schon Thema war. Nicht aber zwischen ihnen beiden.
Für Yamaguchi war Terushima ein ausgesprochener Gentleman und er war beim Nachhauseweg nicht einmal so unverschämt, zu fragen, noch mit hoch zu kommen. Da gab es nur den märchenhaften Abschiedskuss, den zu beschreiben er nicht mehr vermochte.
“And the rest, as they say, is history”, unterbrach Terushima gerade, als Yamaguchi offenbaren wollte, wie denn nun wirklich ein echtes Date mit dem blonden Chaos-Doktor ablief. (“Wild rumgeknutscht?” - “Wild rumgeknutscht!”, ließ sich Kuroo später in der WG bestätigen.)
“Wir wollen doch nicht, dass die anderen ihre Dates bedauern, weil unseres so toll war”, sagte er und besah Yamaguchi mit einem Blick, den niemand von ihnen je gesehen hat. Weich, wie Kenma ihn beschreiben würde. Verliebt, würde ihn Akaashi, der auch irgendwann zum Lauschen gekommen war, benennen, weil er dieses Gefühl bereits sehr gut kannte.
“Als ob die Welt für einen romantischen Dr. Vollidiot bereit wäre”, kicherte Yachi müde und eindeutig nicht Herrin ihrer Sinne. Sie war soeben aus dem Zimmer gekommen, in dem Kawanishi immer noch lag. Ohne Veränderung.
Ihre Augen standen auf Halbmast, ihr sonst so verspielt gesetzter Zopf hing kraftlos vom Ansatz und ihr Kichern überraschte mit dem Gesagten. Terushima lachte verhalten und Yamaguchi verkniff sich seine Antwort mit einem verzückten Grinsen.
“Yachi? Ist alles in Ordnung?”, fragte Akaashi und legte der Kollegin eine Hand auf die Schulter. Yachi nickte. “Ja, ja natürlich. Ich wollte mir nur etwas Wasser holen”, antwortete sie und hob ihr Glas. Das just darauf in der angrenzenden Kaffeeküche aufgefüllt wurde.
“Hab von deinem Schokoladen Debakel gehört”, sagte Tsukishima plötzlich hinter Terushima. In seiner Stimme lag so viel Argwohn, dass es selbst Kenma die Nackenhaare aufstellte. “Solltest Dr. Tendou fragen, der hat das echt drauf”, stichelte Tsukishima weiter und gab dem vorlauten Arzt mit einem sanften Schubser wohl sowas wie seinen Segen für Yamaguchi, der mit brüchiger Stimme sagte: “Danke Tsukki.” Tsukishima schnaubte und Kenma sah wieder zu Yachi, die fertiger denn je aussah.
Das Glas war schnell ausgetrunken, bevor sie es erneut füllte und so zielstrebig ansetzte, dass ihr das Wasser an den Mundecken über das Kinn, den Hals und auf ihre Kleidung tropfte. Kenma zupfte ihr rasch Papiertücher aus dem Spender, doch bevor Yachi sie annehmen konnte, drang ein Signalton an die Ohren der Anwesenden, der umgehend Leben in die junge Ärztin rief, aber auch Aufregung in die gesamte Gruppe brachte.
Das Glas fiel zu Boden, zerberstete in viele kleine Scherben, doch weder das Geräusch noch das kalte Nass an ihren Füßen kam bei Yachi an. Sie war schneller als alle anderen aus der Küche und in Kawanishis Zimmer gelaufen, wo die Vitalsignale ungeahnte Wellen schlugen.
“Taichi!”
Yachi war aufgebracht an das Bett geeilt, griff nach der Hand des Koma-Patienten. Kenma drückte schnell auf der Maschine herum und entfernte den Beatmungsschlauch. Niemand anderes wagte es, etwas zu sagen. Es war still und dennoch so laut, als könnte man Gefühle hören, spüren und im Raum herumtragen.
Und dann kam der Moment, der die Zeit anzuhalten vermochte. Sogar Shirabu und Kageyama waren angehalten und sahen beim Türrahmen herein bevor Kageyama die Schicht wechselte und Shirabu von seinem Aufenthalt auf der Notfallstation nach Hause humpelte.
Gespannt waren die Augen aller acht Assistenzärzte auf den Patienten gerichtet, der gerade zurück ins Leben kam.
„Prinzessin Hitoka“, waren die ersten gekrächzten Worte, die nicht nur Yachi in Tränen ausbrechen ließen.
News
Es gibt gute und es gibt schlechte Nachrichten. Für den Einen sind die Guten negativ gewichtet, für den Anderen fallen die Schlechten positiv aus. Es liegt immer im Auge des Betrachters. Im Auge desjenigen, den sie erreichen.
Freudige Ereignisse für den Einen sind alles andere als freudig für den Anderen, beschwören vielleicht noch viel Schlimmeres bei einem Dritten aus.
Man kann aus schlechten Nachrichten aber auch eine Chance ziehen. Gemeinsam an einem Strang zu ziehen und zusammenzuwachsen. Eine Lösung finden, die für alle passt. Einen Prozess ändern, dass er in Zukunft besser läuft.
Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille.
“Wir können nichts mehr für ihn tun” - Verlust. Jemand stirbt.
“Aber, wenn Sie das Einverständnis geben, kann seine Lunge ein Menschenleben retten” - Das Beste, was man daraus machen kann.
***
Bei Kawanishi war alles so schnell gegangen. Die Assistenzärzte wurden aus dem Zimmer gescheucht, die höherrangigen Ärzte waren heran geeilt. Kenma hat das erste Mal Chefarzt Ukai Senior gesehen. Der Herzspezialist hatte umgehend den Überblick und arbeitete Chefarzt Nekomata wie im perfekten Einklang zu, obwohl es um Herz und Kopf ging. Zwei so unterschiedliche Fachrichtungen, obwohl sie beide denselben Ursprung hatten.
Die Chefärzte waren auf allgemeine Chirurgie spezialisiert, aber haben ihrer starken Konkurrenz Wegen gewechselt, nur um jetzt mehr zu brillieren denn je. Es war selbst vom Gang aus, unglaublich zu beobachten, wie jeder Handgriff aus Instinkt zu passieren schien.
Die Aufmerksamkeit wurde aber schier aus Kawanishis Zimmer gerissen, als Kernma etwas an seinem Ärmel fühlte. Erst knapp und sanft, dann mit einem so starken Ruck, dass es ihn selbst Richtung Boden gerissen hatte.
“Hitoka!” Shirabu fing die blonde Ärztin auf. Kenma fand sich in Terushimas Armen wieder. Kurz. Nur für einen flüchtigen Moment, da hatte er sich wieder aufgerappelt und den Kittel glatt gestrichen. “Danke”, murmelte er, sorgte sich aber mehr um Yachi, als um Terushimas plumpen Spruch. Irgendwas von umwerfend. Irgendwas ohne Bedeutung auf jeden Fall.
“Wann hat sie das letzte Mal gegessen oder geschlafen?”, fragte Kenma und fühlte sich umgehend ertappt, weil das auch die Frage war, die Kuroo stellte, wenn Kenma die Schwäche überkam. Langsam musste er sich wirklich mal bei ihm entschuldigen, ihm derlei Sorgen zu bereiten.
Yachi wurde auf eine Trage gelegt, an den Tropf gehängt und von ihrem Team umsorgt. Auch Kawanishi wurde vorerst anderen überlassen, dass Dr. Komori sein Team wieder ausscharen ließ.
***
Bis zum Mittagessen verlief der Tag ohne weitere Zwischenfälle. Kuroo hatte sich nach Yachi erkundigt, denn ein aus den Latschen kippender Arzt machte immer schnell seine Runden. War auch bei Kenma damals so. Unangenehm. Deswegen hat er Kuroo auch die Details erspart.
“Hauptsache, ihr geht's besser und Koma-nishi ist endlich wach. Wie krass ist das eigentlich?”, fragte Kuroo. “Tatsächlich ziemlich krass”, passte sich Kenma sogar dem Vokabular an.
“Und woran kann er sich erinnern? Alles?”, wollte Kuroo weiter wissen. “Er kann sich auf jeden Fall daran erinnern, als ich bei ihm Breath of the Wild gespielt habe”, antwortete Kenma.
“Tja, an dich hätte ich mich auch erinnert”, grinste Kuroo und Kenma verdrehte die Augen. “An das, was ich ihm gesagt hab. Dass Yachi sowas wie Prinzessin Zelda ist und… dass er sie Hitoka nennen soll, wenn er aufwacht.” Kuroo lachte. Kenma stellte das Essen ein. Ein Blick genügte schon, dass er für Erklärung sorgte.
“Bist wohl so n Sleeping Beauty Flüsterer. Aber wie geht's deiner Beauty eigentlich? Werdet ihr ein zweites Date haben?” Es war unfassbar, wie Kuroo das Thema manchmal wechseln konnte. Unangenehmer hätte es dabei nicht sein können. Kenma drehte den Kopf weg. “Glaub nicht”, murmelte er leise. Kuroo schob sich mit seinem besorgten Gesichtsausdruck wieder direkt in Kenmas Blickfeld. “Weil du…?” - “Weil ich glaub, dass er nach der Aktion sicher nichts mehr mit mir zu tun haben will. Das war verdammt peinlich”, wurde Kenma nun etwas lauter und stand auf. Er wollte flüchten. Vor dem Gespräch und auch vor der Situation und am liebsten vor der kürzlichen Vergangenheit.
Eigentlich wusste er aber, dass er nicht fliehen konnte, am wenigsten vor einem neugierigen Kuroo. Schon am Ausgang der Kantine hatte er ihn eingeholt, obwohl er die Tabletts noch weggebracht hatte.
“Kann doch jedem mal passieren. Du könntest ihm ja erklären, dass du was schlechtes gegessen hast. Oder halt die Wahrheit sagen. Dass du zu viel von jemandes anderen Valentinsschokolade genascht hast”, neckte ihn Kuroo und stieß ihm provokant den Ellenbogen an die Seite. Kenma schnaubte. “Ja, ist eh klar, dass du das unwissentlich gemacht hast und so. War halt ein doofer Start, aber davon solltest du dich nicht abhalten lassen, wenn du ihn magst. Du magst ihn doch, oder?” Ah! Da wollte Kuroo also schon die ganze Zeit hin. Kenmas Wangen wurden warm. Er antwortete nicht, aber sein Kopf nickte ganz automatisch. Denn er mochte Iizuna. Er mochte, wie er sprach, wie er dabei immer seinen Blick suchte und wie er lächelte, wenn Kenma ihn ansah. Und er mochte, dass Iizuna höflich war und dass seine Augen zu glänzen begannen, wenn er von seiner Arbeit und Italien erzählte.
“Dann meld dich bei ihm”, sagte Kuroo. Seine Hand legte sich auf Kenmas Oberarm, drückte sanft zu und dann machte sich der Ältere auf den Weg in die Unfallambulanz. Kenma zog dafür sein Handy aus der Kitteltasche und bemerkte eine Nachricht:
Hi, ich hoffe, es geht dir besser und
du hast ausreichend geschlafen.
Wusstest du, dass sie in Europa sagen, man
bekäme Schluckauf, wenn jemand an einen denkt?
Ich hab gerade ziemlich Schluckauf ;)
Wie auch immer, ich denk an dich
Unweigerlich zogen sich Kenmas Mundwinkel höher, als er die Worte immer und immer wieder las. Iizuna hatte Schluckauf wegen ihm und er dachte an ihn. Dass die Europäer so sagten, wusste er natürlich nicht. Es war ein neuer Fakt, den er zu den vielen anderen ablegte.
Iizuna dachte hoffentlich nicht daran, wie Kenma vom Tisch aufgesprungen war und dass er nach einem unangenehmen Besuch auf der Toilette ganz bleich wieder zurückgekommen war. Er dachte hoffentlich auch nicht daran, dass sich Kenma auch am Weg nach Hause noch einmal erleichtern musste und dass ihr Date im Grunde ein Reinfall war, wie das von Terushima. Wie dieser ja gesagt hat. Terushima stand auch urplötzlich vor ihm.
“Yo, Grinsekatze”, sagte er und legte den Kopf vor ihm schief. “Wer schreibt denn?”, wollte er wissen, aber so viel Menschenkenntnis hatte Kenma bereits, dass er wusste, dass auch Terushima schon wusste, wer geschrieben hat. Dennoch steckte er das Handy schnell wieder weg.
“Warum war dein Date mit Yamaguchi eigentlich so schlimm?”, fragte er, weil es für Yamaguchi das ja eben nicht war. Er hat so glücklich erzählt gehabt. “Weil ich dasselbe gemacht hab wie du. Kotzen im Strahl und glaub mir, wenn ich dir sage, nicht nur das! Dieses ständige zum Klo laufen, dann Mund spülen und Kaugummis kauen und dann bin ich nicht mal zu Base 2 gekommen”, beschwerte sich Terushima mit einem markerschütterndem Seufzen. Auch Kenma seufzte. “Auf die Gefahr hin, dass ich meine Frage bereue, aber… was ist Base 2 und was war Base 1?”, fragte er und sein Mitbewohner erzählte ihm am Weg zur Kinderchirurgischen Station, dass die erste Base Küssen und Rumknutschen war. Base 2 hatte man durch Berührungen über der Taille erreicht und schlüpfte über Base 3 darunter. Base 3 beinhaltete auch sowas wie das Vorspiel, bevor es zur Home Base ging: Sex.
Und ja. Kenma bereute es, gefragt zu haben. Dennoch: “Hm, das würde ich jetzt nicht als Desaster sehen und ich glaube, es ist für euch beide besser, dass es nur Base 1 gab. Ich hätte das nach dem Brechen nicht mehr tun können und das hätte ich Iizuna auch nicht antun wollen”, sagte er offen und schüttelte sich ab. Mund ausspülen hin oder her und Kaugummis waren auch nicht das Zauberwort für ihn. Terushima wirkte gerade aber so, als hätte er ein anderes Zauberwort gehört. “Also hättest du ihn geküsst, wenn du nicht gekotzt hättest?”
Kenma blieb stehen. Er starrte Terushima an. Sein Bauch begann wie wild zu kribbeln und er dachte daran, dass Iizuna an ihn dachte. Kenma hat sich keine Gedanken darüber gemacht, ob er ihn hätte küssen wollen. Irgendetwas in ihm aber sagte ihm, dass es ganz natürlich gewesen wäre. Terushima legte den Arm um ihn und lehnte sich mit dem Kopf näher. “Dann solltet ihr auf ein zweites Date gehen und du holst das nach”, sagte er fest und schob Kenma weiter. Da waren sie wieder, diese Vibes. Und diesmal gingen sie von Kenma selbst aus und Terushima hat sie verstanden, denn ja: Er hätte Iizuna küssen wollen. Der Konzertpianist war so sanft gewesen, er hat so verständnisvoll gesprochen und er hat Kenma aufmerksam zugehört. Er war fürsorglich und, wenn Kenma so darüber nachdachte, hat ihm Iizuna auch zum Schluss nicht das Gefühl gegeben, dass ihr Date irgendwie zerstört war. Das hat nur er selbst gedacht.
“Denkst du, er will das?”, fragte er dennoch Terushima um seine Einschätzung. Es störte ihn nicht mal, dass er seinen Arm immer noch um ihn geschlungen hatte. Terushima lachte. “Also wirklich… wenn er dir vorhin geschrieben hat, dann denkt er bereits daran, wie er dir diesen Kuss abnehmen kann und dann wird er schnurstracks Richtung Home Base laufen” und damit wurde der Arm um seine Schulter unangenehm. Er wurde schwer, drückte und wurde heiß, als würde er sich verbrennen. “Das will ich nicht”, sagte Kenma und riss sich von Terushima weg.
“Ja gut… so wie ich das sehe, sollte das wirklich nicht so schnell gehen. Also, du kennst dich ja mit Dates nicht so aus, glaube ich, deswegen bekommst du jetzt ein paar Tipps von mir”, fing Terushima ganz ungefragt an, seine Weisheiten abzugeben. Zum Beispiel, dass es oft keinen Sex vor dem dritten Date gab. Und dass er sich rar machen sollte, erst 48 Stunden nach dem letzten Kontakt sollte er zurück schreiben und Ex-Partner sollten tabu sein. Darüber sprach man nicht.
Kenma fragte sich, ob sich Terushima selbst an diese Regeln hielt. Nun gut, über seine Ex Partner sprach er vermutlich wirklich nicht. Musste er auch nicht. Man wusste es ja. Zumindest den kleinen großen Teil, den man hier im Krankenhaus schon mitbekommen hat.
Die Regel um das dritte Date machte Kenma trotzdem Sorgen, denn auch Iizuna hatte sie erwähnt und Kenma hat sie ausgehebelt, indem er ihm gesagt hat, dass es vielleicht gar keine Zahl gab. Dass ”Ich werde nicht mit dir schlafen” vielleicht für immer war. Vielleicht. Kenma schüttelte es. Der Gedanke gefiel ihm nicht. Und so wollte er sich zumindest an Terushimas zweite Regel halten: Er würde Iizuna erst in 48 Stunden schreiben. Irgendwie bedrückte es ihn.
Mehr noch aber bedrückte ihn die Stimmung in der Frühchenstation. Dr. Sugawara hat sie beide hergerufen. “Das ist Hope. Ihre Mutter ist gestern Nacht gestorben und wir mussten eine Notsektio machen”, sagte der Oberarzt und deutete auf das kleine Häufchen Elend von einem Baby.
"Einundzwanzigste Schwangerschaftswoche… starkes Trauma. Sie hat uns schwören lassen, dass wir den Embryo… das Baby retten. Aber es steht nicht gut um sie”, erklärte Sugawara knapp den Grund, warum ein nicht alleine lebensfähiger Embryo aus dem toten Mutterleib geschnitten wurde. Terushima war plötzlich still. Er stellte sich an den Brutkasten und legte die Hand auf den durchsichtigen Deckel. “Niemand sollte so hilflos alleine gelassen werden”, flüsterte er mit belegter Stimme. Kenma erkannte seinen Mitbewohner kaum wieder. “Was passiert mit ihr?”, fragte Terushima und sah zu Dr. Sugawara. Der zuckte mit traurigem Blick mit den Schultern. “Wenn sie es wider Erwarten überlebt, wird sie zu ihrem Vater kommen. Wir sind bereits beim Kontaktaufbau. Aber…”, Dr. Sugawara verstummte. Kenma wurde ganz klamm. Er wusste, was der Arzt sagen wollte. Terushima ballte eine Faust. “Das ist nicht fair”, sagte er. Sugawara nickte. “Das Leben ist nicht immer fair”, bestätigte er.
“Darf ich sie halten? Kein Baby sollte sterben, ohne jemals gehalten zu werden”, fragte Terushima. Kenma blinzelte verdattert. Auch Sugawara sah Terushima unsicher an. “Das ist keine gute Idee. Sie hat quasi kein Immunsystem”, erklärte er. Das wollte Terushima nicht hören. Und auch Kenma nicht, wenn er ehrlich war. Er konnte mit Kindern nichts anfangen, noch weniger mit Babys, aber das hier? Das war nochmal surrealer für ihn.
“Sie stirbt doch sowieso”, sagte Terushima bedrückt und ließ die Hand zur Öffnung des Brutkastens wandern. Kenma sah auf die spärlichen Vitalzeichen. Vermutlich verstarb Hope noch bevor ihr Vater sie je zu Gesicht bekommen hat. “Es wäre herzlos, sie einfach so sterben zu lassen”, sagte Sugawara und erlaubte Terushima, Hope herauszunehmen. Vorsichtig löste er sie von der Überwachung. Einzig die winzig kleinen Beatmungsschläuche ließ er dran.
Hope war so klein, dass sie in eine einzelne Hand von Terushima passte und auch Kenma hätte keine Mühen gehabt, sie mit seiner Hand zu verdecken. Hätte er nie gemacht. Er wagte es nicht, sie anzufassen und beobachtete stattdessen wortlos, wie Terushima sie in den Arm nahm.
Stille herrschte im Raum. Terushima sah so friedlich aus wie noch nie und dann, ganz plötzlich fiel Kenma etwas auf. “Teru! Zieh dein Shirt aus!”, sagte er hastig, bekam aber nur ein breites Grinsen und den Konter zurück: “Zieh du doch dein Shirt aus”
Aber dann mischte sich auch der Oberarzt ein. “Nein Dr. Terushima. Ziehen Sie sofort Ihr Shirt aus”, japste er nach und nahm ihm Hope ab. Terushima war schneller aus seinen Ärztekasack geschlüpft, als es oft in den Bereitschaftsräumen der Fall war, und dann legte ihm Dr. Sugawara Hope auf die nackte Brust. “Ihre Hautfarbe ist rosiger geworden, als sie Ihre Körperwärme gespürt hat”, sagte Dr. Sugawara und strahlte über beide Ohren. “Ich hab in einer Studie davon gelesen, dass der Körperkontakt zur Mutter so wichtig für die Entwicklung ist”, erklärte Kenma jetzt seinen Ausruf. Ihm war als erstes aufgefallen, dass Hopes Hautfarbe satter wurde. Und jetzt wurde sie mit jedem Moment an Terushimas nackter warmer Brust immer gesünder. “Aber ich bin nicht die Mutter”, maulte Terushima. Dr. Sugawara zog die Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen hoch. “Oh nein, du bist sicher keine Mutter, aber du erfüllst den Zweck. Sei froh. Du bleibst heute hier. Setz dich und pass auf, dass es ihr gut geht”, sagte der Oberarzt und wandte sich dann Kenma zu. “Sehr aufmerksam, Dr. Kozume”, lobte er. Da plusterte sich Terushima wieder auf. “Hey! Ich hab sie halten wollen. Das ist alles wegen mir”, empörte er sich und bekam von beiden anderen Ärzten ein scharfes "Shhhh"-Geräusch, um leise zu sein. Kenma schob Terushima einen Sesseln hin. Dr. Sugawara wieß Terushima ein und verließ mit Kenma schließlich die Frühchenstation.
Es war unangenehm.
Unangenehm, weil Kenma sich sicher war, dass er gerade neben dem Grund der Hafermilch in seinem Kühlschrank ging und unangenehm, weil vielleicht nicht ausschließlich Hope auf Terushimas Brust reagiert hat und noch unangenehmer, weil er fand, dass Terushima einen schönen Körper hatte.
“Sie haben Dr. Sakusa assistiert und er war sehr zufrieden. Ich hätte Sie gerne bei der nächsten Adenotomie dabei”, sagte Dr. Sugawara und lenkte Kenma zu einem Kaffeeautomaten mit Instantkaffee. Mit seinem Chip für diesen Automaten war schnell eine Auswahl getroffen: Milchkaffee.
Milchkaffee. Mit Milch.
Kenma starrte auf den Becher und starrte weiter, wie er an Sugawaras Lippen geführt wurde. “Ist das ein Problem? Sie haben sich doch noch nicht spezialisiert, oder? Das kommt erst”, sagte der Oberarzt und nahm seinen ersten Schluck vom heißen Kaffee mit Milch. Mit. Echter. Milch.
“Sie sind nicht Veganer”, sagte Kenma trocken. Der Kinderchirurg legte den Kopf schief. “Ne, niemals, ich liebe Milch und Käse und Hühnchen”, sagte er und lachte. “Aber was hat das mit der OP zu tun?”
Nichts. Es hatte rein gar nichts mit der Mandel-Operation zu tun. Es hatte auch nichts damit zu tun, dass Kenma das Angebot annahm. Nun gut. Dass Dr. Sugawara nicht Veganer war, damit nicht der Grund für Hafermilch in seinem Kühlschrank war, war der Grund, warum es ihm leichter fiel, bei der Operation zu assistieren.
***
“Wer ist die Veganerin?”, fragte er Kuroo zuhause. “Welche Veganerin?”, verstand dieser aber nicht und Kenma klärte schnaubend seine Bedenken auf: “Der Grund, warum Hafermilch im Kühlschrank ist”, knurrte er regelrecht. “Das ist das Schlimmste, das ich je getrunken habe”, schnaubte er und Kuroo begann zu lachen. “Was? Das wusste ich nicht! Sag das doch. Aber, die ist wegen Bokuto da”, erklärte er. Nun wurde es Kenma zu bunt.
“Bokuto? Bokuto ist… die Veganerin, die du datest? Ich dachte Dr. Sugawara und davor Dr. Suna und… ich dachte Bokuto will mit Akaashi zusammen sein?” Aus Kuroo war gerade aber auch nichts Brauchbares rauszubringen, denn er brach los in unaufhaltbares Lachen. Er krümmte sich und wurde langsam leise, weil ihm die Luft ausging. Fast wie ein Teekessel, der mit Pfeifen signalisierte, dass er fertig war. Kenma verschränkte die Arme vor der Brust und maß seinen besten Freund mit seinem Todesblick.
“Hab Erbarmen”, krächzte Kuroo und ging lachend vor ihm auf die Knie. Kenma zog die Lippen zu einer Schnute. Seine Nasenflügel zuckten nervös, genauso wie eine Ader auf seiner Stirn.
“Was hat Bokuto damit zu tun?”, fauchte er regelrecht. Kuroo erbat sich noch einen Moment zu verschnaufen und dann ging er mit Kenma ins Wohnzimmer.
“Das ist das Geilste, das ich seit langem gehört habe. Ich und ne Veganerin!”, sagte er und drohte gleich noch einmal in einen Lachanfall zu verfallen, bei dem ihm Kenma am liebsten den finalen Stoß gegeben hätte. Aber er beruhigte sich. Kuroo sammelte sich und erzählte.
“Also, Bokuto kennst du ja” - “Spucks endlich aus, oder es gnade dir Gott”, knurrte Kenma. Kuroo nickte. “Okay, okay. Alles gut. Also. Bokuto darf ja keinen Alkohol trinken. Ist so. Aber er wollte unbedingt ein Trinkspiel mit mir spielen. Nichts leichter als das. Haben uns mal so Regeln ausgemacht. Sowas wie, dass wir immer trinken müssen, wenn sich Dr. Oikawa beim Vorbeigehen durchs Haar geht, glaub mir, das macht er immer!” - “Du schweifst ab” - “Ja, klar. Also sowas oder wenn Teru vorbeigeht und nicht rafft, dass er bei Bokuto vorbeigeht und deswegen nochmal umdreht und winkt. Wenn im Fernsehen die Werbung zu den neuen Hörgeräten kommt. Wenn Dr. Suna bei der Visite die Nase rümpft. Glaub mir, das hat mich gekillt”, plauderte Kuroo die Begebenheiten aus. “Und was habt ihr getrunken, wenn er keinen Alkohol trinken darf?”, fragte Kenma. Kuroo gluckste. “Naja, was glaubst du, wenn ich Hafermilch mitnehme? Genau, Milch. Ich konnts nicht mehr sehen, weil ich so übel darauf gekotzt hab, deine Date-Misere war ein Witz dagegen”, wurde das Mysterium endlich aufgeklärt, aber es fühlte sich für Kenma irgendwie… unzufriedenstellend an.
“Ich hab wegen deinem Milchtrinkspiel tagelang Hafermilch getrunken?”, fragte er und Kuroo nickte. “Dr. Suna aber hat mich darauf gebracht, weißt du. Der ist nämlich laktoseintolerant”, gab Kuroo einen Fakt weiter, der Kenma absolut egal war.
“Ich geh dann schlafen”, sagte er und seufzte stark. Ein Milchtrinkspiel. Das war doch ein Witz!
***
“Wenn Hitoka die Prinzessin ist und ich das schlafende Königreich… Wer ist dann der Prinz?”, fragte Kawanishi mit gedrückter Stimme, als Kenma bei ihm stand und die Vitalwerte prüfte. Kenma hob fragend die Augen. “Prinzessinnen brauchen nicht immer einen Prinzen”, sagte er. Ihm wurde dabei aber klar, wie deutlich Kawanishi ihm zugehört hatte. Auch das mit dem schlafenden Königreich war noch da. “Aber Sie sollten sich erstmal erholen und fit werden”, sagte er weiters und Kawanishi seufzte. “Hitoka will mit mir tanzen… das ist gerade das Einzige, an dem ich mich festhalten kann. Wissen Sie, Dr. Kozume, ich hab niemanden mehr. Meine Familie ist bei dem Unfall gestorben” Mit jedem Wort wurde Kawanishis Stimme leiser und regelrecht brüchig. Kenma schluckte. Genau. Da war ja was. Der Koma Patient hatte seine Eltern und seine kleine Schwester bei dem Autounfall mit dem Bus und der Motorradfahrerin, Kaede, verloren. Bitter. Richtig bitter. Er presste die Lippen aufeinander. Er sah auch, wie Kawanishi sich über die Augen fuhr und allen Anschein nach Tränen weg wischte. “Hab gehofft, ich hätte mich verhört”, sagte er mit schwacher Stimme.
Kenma setzte zum Reden an, auch wenn er nicht recht wusste, was er sagen sollte, da schüttelte Kawanishi den Kopf. “Ich will nicht bemitleidet werden. Irgendwie fällts mir auch schwer, einen Filter anzuwenden, es ist… als würden die Worte einfach aus mir rauskommen und ich hör sie selbst das erste Mal, wenn ich sie sage”, seufzte er und rieb sich noch einmal Tränen weg.
“Das ist ziemlich normal für ihren Zustand. Ihr Körper ist auf Notprogramm gefahren und Ihr Hirn hat keinen Unterschied gemacht, was ausgegeben und angenommen wird. Ausgeben konnten Sie gar nichts, aber angenommen haben Sie wohl einiges”, erklärte Kenma und Kawanishi nickte. Er schüttelte schnell den Kopf, aber nicht, weil er widersprechen wollte. Es war, als schüttle er die Situation weg. Dann räusperte er sich und nickte. “Danke, Dr. Kozume, auch dafür, dass Sie mir Gesellschaft geleistet haben”, sagte er mit einem schmalen Lächeln. Kenma erinnerte sich an die wenigen Stunden, die er für diese Aktion geopfert hatte. Es war nicht schlimm. Ob er nun in der WG oder hier bei Kawanishi seine Tempelquests machte, war im Grunde egal. In der WG sprach er dabei allerdings nicht. “Habs für Yachi gemacht”, sagte er und wollte schon gehen, doch da kam Shirabu gerade herein. Kawanishi räusperte sich und legte einen neutralen Gesichtsausdruck auf.
“Du musst Kenjiro sein”, sagte er und Shirabu blieb sofort stehen. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und er legte den Kopf schief. “Achso? Muss ich das?”, kam es trocken von ihm. “Ja, eindeutig”, erwiderte Kawanishi mit einem milden Lächeln. “Und ich glaube, du bist mir noch einen Bericht schuldig. Wie war dein Date mit Kenji? Und weiß Semi schon Bescheid?”, fragte Kawanishi und das war für Kenma das Stichwort zu gehen. Er wusste immerhin, wie das Date mit Kenji ausgegangen war. Kenji Futakuchi lag auf der Unfallstation und Shirabu humpelte.
Außerdem war es auch tatsächlich bereits Zeit für die Mittagspause und in die Kantine zu gehen.
“Hope gehts total gut. War die ganze Nacht bei ihr”, sang ihm Terushima in der Schlange zur Essensausgabe fast schon vor. Er strahlte über beide Ohren und auch seine Augen leuchteten wie sonst nie. Nur wenn er über Yamaguchi sprach, waren sie noch leuchtender und glänzender und sein Lächeln war breiter. “Das ist echt toll”, erwiderte Kenma und griff nach einem Apfel, der sich neben seine kleine Portion Reis mit Hühnchen süß sauer gesellte. Essen würde er ihn sicher erst am Nachmittag, aber auf den freute er sich an diesem Tag am meisten.
“Echt toll… sag das doch auch so, als würdest du es meinen oder bist du griesgrämig, weil die Grinsekatze nicht nochmal geschrieben hat?”, forderte und fragte Terushima. “Du hast doch gesagt, ich soll mich rar machen”, konterte Kenma in Unverständnis. “Ja eh, aber er sollte doch hartnäckiger sein”, meinte Terushima. Kenma begrüßte es eigentlich sehr, dass Iizuna nicht hartnäckig war und dass er nicht nervte und Kenma seine Zeit ließ. Eigentlich noch so ein Pluspunkt. Dieser Mann war im Grunde ein laufender Pluspunkt.
Bei Terushima erkannte er am Tablett sowas wie Schonkost und sogar eine Tasse Tee. “Tadashi hat gesagt, Tee tut mir gut”, erklärte Terushima, weil er durchaus aufmerksam war. Kenma nahm es mit einem leisen “Hm”-Ton ab und die beiden suchten ein passenden Tisch. Akaashi war hier und bei ihm saßen Tsukishima und Yamaguchi. Natürlich setzen sie sich zu der Gruppe, denn selbst, wenn Terushima sich nicht zu gerne mit Tsukishima abgab, er wollte bei Yamaguchi sein, der sich über einen Kuss freute, aber ebenso über Terushimas Annahme des Tipps wegen des Tees.
“Ist der Finger oben, wird man dich loben”, sagte Terushima nach dem Essen und sippte stolz an der Tasse Tee. Der kleine Finger war dabei weggespreizt und symbolisierte zu seiner Überraschung eigentlich Folgendes:
“Dir ist schon bewusst, dass sich im gehobenen Mittelalter die Leute so zu erkennen gegeben haben, dass sie Syphilis haben, oder?", fragte Kenma und Terushima klappte der Mund auf. “Ernsthaft?”, fragte er stockend. “Ernsthaft”, sagte Kenma. “Ernsthaft?!”, fragte Terushima lauter und starrte Akaashi an, der bereits in die Tageszeitung vertieft war und nun davon aufsah. “Ernsthaft”, sagte er und stand auf. Sein Blick wurde auf Kenma gerichtet. “Kozume?”
Kenma nickte und stand ebenso auf. “Bis dann”, sagte er und sie verabschiedeten sich von der illustren Runde, die unterschiedlicher nicht hätte reagieren können. Terushima war noch immer im Realisieren. Yamaguchi schmunzelte beschämt und Tsukishima lachte gehässig.
“Aber es ist schon auch das Zeichen feiner englischer Art”, klärte Akaashi Kenma im Gehen auf. Der unterdrücke ein Grinsen. “Ich weiß”, sagte er und Akaashi wandte den Kopf überrascht zu ihm. “Kozume… Hast du dir einen Spaß mit Terushima erlaubt?”, fragte er sichtlich überrascht und Kenma grinste nun wirklich. "Ja, und es war außergewöhnlich witzig. Hast du sein Gesicht gesehen?”
Akaashi schnaubte amüsiert. “Ich lerne immer wieder Neues über dich”, sagte er mit seinem sanften Lächeln. Dieses wurde umgehend weiter, als sie ihren ersten Stopp der Nachmittagsschicht einschlugen.
“Kotaro Bokuto, Kontrolle nach Herzklappenoperation. Testplan steht bereits. Morgen geht es wieder nach Hause”, sagte Akaashi und Bokuto hätte im Bett nicht aufgeregter sein können. “Und morgen geht es mit dir nach Hause, Dr. Keiji”, sagte er. Noch so ein Stichwort, das Kenma zum Gehen veranlasste. “Du hast das hier im Griff”, sagte er zu Akaashi, machte auf seinen Sohlen kehrt und verließ das Krankenzimmer wieder. Draußen ging gerade Dr. Sakusa vorbei zum Schwesternstützpunkt um eine Akte abzugeben wohl, aber Kenma konnte sich gar keine detaillierteren Gedanken dazu machen, was der Neurospezialist in der Cardioabteilung suchte, da hing Bokuto urplötzlich hinter ihm an ihm.
“Dr. KenKen! Nicht weglaufen”, sagte er viel zu laut und drückte richtig fest zu, dass Kenma die Luft weg blieb.
"Hey, gewürgt wird nur, wenn ich es erlaube, das gilt auch für Umarmungen und andere Berührungen!", krächzte Kenma und drängte Bokuto nicht ganz unsanft wieder zurück ins Zimmer. Dass er kurz darauf Dr. Sakusas Blick auffing - und was für einen Blick - ließ ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen und nun doch in Bokutos Krankenzimmer verweilen.
“Sorry… aber ich freu mich einfach so, dich wieder zu sehen”, sagte Bokuto. Kenma streifte sich den Umhang wieder gerade und richtete sich das Stethoskop. “Schon gut”, sagte er mit einem Seufzen und half Akaashi Bokuto zurück ins Bett zu pflanzen, dass der Testplan durchgesprochen werden konnte. Allerdings kam da auch schon die nächste Unterbrechung.
“Leute! Leute, ich hab nen Zauberpenis!”, hörte Kenma die Stimme seines Mitbewohners und stöhnte bereits vor Unbehagen, noch bevor er auch nur die Erklärung davon hörte. Bokuto weitete die Augen und Akaashi blinzelte ungläubig.
“Was kann er? Was kann er? Zeig!”, fragte Bokuto neugierig und Terushima kam nun auch ins Zimmer hereingestürmt. “Drillinge! Hana und ich bekommen Drillinge!”, brüllte er, dass es allen Dreien die Ohren schlackerte. Aber tatsächlich jedem von ihnen aus einem anderen Grund.
“Wer ist Hana?”, fragte Bokuto. “Was ist mit Yamaguchi?”, sorgte sich Akaashi. “Drillinge?”, staunte Kenma, weil er durch das Gespräch zwischen Hana und Inunaki, dem Sanitäter, bereits wusste, dass Terushima Mist gebaut hatte.
“Oh ähm, Hana ist die Ober-OP-Schwester und ähm… naja, Tadashi hat damit eigentlich nichts zu tun”, antwortete Terushima und wurde dann immer leiser und bedrückter noch bevor er die Drillinge bestätigen konnte. “Tadashi wird das nicht mögen, oder? Aber Tadashi mag Kinder”, versuchte er, die Situation irgendwie besser zu reden, aber alle drei schüttelten den Kopf. “Wenn Yamaguchi nicht von Hana weiß und ihr nicht… naja, irgendwie zu dritt…”, Akaashi fand sich erstmals an einem Punkt, wo ihm die Worte fehlten. “Nein… er weiß nichts davon… aber das war bevor wir… naja, das war vor ihm”, sagte Terushima. Er sah verzweifelt aus. Hilflos. Ertappt und irgendwie, als würde er gerade erst verstehen, dass er ein großes Problem hatte. Ein Dreifaches. “Aber wenn es drei sind, dann könnt ihr doch alle eines haben, oder? Du und Tadashi und Hana, nicht wahr?”, schlug Bokuto vor.
“So einfach ist das nicht, Kotaro”, meinte Akaashi, aber Terushima schnippte mit beiden Händen und deutete wie mit Fingerpistolen auf Bokuto. “Alter, du bist ein Genie!”, sagte er. Akaashi und Kenma schlugen sich gleichzeitig je eine Hand an die Stirn. “Das kann nicht gut ausgehen”, murmelte Kenma. “Unmöglich”, bestätigte Akaashi.
***
“Auf gar keinen Fall werd ich mit dir und Misaki-san drei Kinder haben! Was geht eigentlich in deinem Kopf vor?” Yamaguchis Stimme überschlug so schrecklich, dass Kenma beinahe den Schmerz spürte, der durch den Körper seines Kollegen schoss. Er fühlte sich selbst schlecht, nur weil er davon wusste und nun auch noch hier stand. Hätte Terushima ihm nicht ein leises Heads-up geben können, dass Kenma hätte flüchten können? Nein. Natürlich nicht. Terushima dachte eben nicht nach und das stand nun wirklich ganz groß in Leuchtreklame am Gang. Übertragen. Jeder, der vorbeikam, wusste, dass der vorlaute Arzt zu Recht den Spitznamen Dr. Vollidiot trug. Auch Kenma konnte nichts mehr dagegen sagen. Nun ja, außer der Tatsache, dass das passiert war, bevor Yamaguchi und Terushima auf das Date gegangen waren. Leider schon, nachdem Yamaguchi hoffnungslos verliebt war.
“Was denkst du dir eigentlich dabei?”, fragte Yamaguchi aufgelöst, als Terushima nochmal versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass drei Kinder und drei Menschen eine ganz tolle Idee waren. “Wir arbeiten alle! Kinder brauchen Eltern und ganz viel Zeit und… die brauchen eine funktionierende Familie… das… das funktioniert einfach nicht”, klagte Yamaguchi mit Tränen in den Augen. Terushima wollte ihn beschwichtigen, aber Yamaguchi schlug die Hand ab. “Nein! Nein! Du fasst mich jetzt nicht an. Du denkst erstmal drüber nach, was du gemacht hast und wir reden erst wieder, wenn du ne richtige Lösung gefunden hast”, lehnte er jegliche Zärtlichkeit ab und brauste davon. Terushima starrte Kenma an.
“Also, wenn wir nochmal über die Definition eines Desasters sprechen wollen. Das ist eines. Nicht Reflux in beide Richtungen. Das ist zwar nicht optimal, aber hiermit hast du es richtig verkackt”, war Kenmas Analyse der Situation.
"Und was soll ich jetzt machen?” Terushima sank in seiner Haltung zusammen und starrte Yamaguchi nach. “Ihm nachlaufen, du Vollidiot”, sagte Kenma energisch und deutete Terushima sehr strickt die Richtung, in die Yamaguchi gerade abgehauen war. Er verstand nichts von Beziehungen und so einem Kram, aber wenn so ein Thema im Raum stand, dann wusste sogar er, dass sie darüber sprechen mussten. Das und gemeinsam eine Lösung finden. Am besten sogar noch gemeinsam mit Hana. Und dann war Terushima weg und Kenma stand alleine im Gang. Nicht lange.
“Hey! Kozume! Mitkommen!” Er drehte sich um zu seinem Facharzt Dr. Komori, nickte schnell und folgte ihm umgehend. “Dr. Romero hat heute seine letzte Transplantation hier, dann ist er für ein paar Wochen in Osaka und Kyoto und was weiß ich wo. Das solltet ihr euch alle noch ansehen”, sagte er. Neben ihm gingen Dr. Fukunaga aus dem Labor und auch Yachi, lief mit ihren kurzen Beinen hinter den beiden Ärzten nach. “Taichi will immer noch mit mir tanzen”, sagte sie aufgeregt zu Kenma, der nickte. “Und wie geht es ihm sonst?”, fragte er vorsichtig. Da stieß Yachi angestrengt Luft aus. “Das mit seiner Familie ist so schrecklich”, sagte sie. Auch darauf nickte Kenma.
Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich, wie der Laborant in seinen Umhang griff und kurz darauf eines der bunten Mini-Harzentchen am Inneren eines Fensterrahmen stand. Stockend blieb er stehen, weil Dr. Komori direkt neben Dr. Fukunaga ging und nichts mitbekommen hat. “Was ist los?”, fragte Yachi und blieb genauso abrupt stehen. Kenma deutete auf das Entchen. Yachi japste und schlug sich die Hände vor den Mund.
Auch das zweite hat Dr. Komori nicht bemerkt, obwohl es direkt neben ihm passierte! Und dann? Nummer drei? Doch? Nicht? Ja! Endlich!
“Du!”, rief Dr. Komori aus und sowohl er als auch Dr. Fukunaga blieben stehen. Der stumme Arzt starrte Dr. Komori an und deutete mit fragendem Blick auf sich selbst. “Ja du! Du bist der Grund, warum ich nachts nicht schlafen kann! Du füllst alle meine Träume! Die guten und vor allem damit meine Albträume! Was ist falsch mit dir?”, fragte er und hielt Dr. Fukunaga die kleine blaue Ente vor die Nase. “Süß, oder?”, sagte dieser das erste Mal etwas, das auch Kenma hörte. Wohl auch das erste Mal für Dr. Komori, denn er starrte ihn genauso perplex an. “J-ja… sehr süß sogar” und Kenma wurde das Gefühl nicht los, dass es gerade nicht um die Enten ging. Höchste Zeit, mit Yachi zu verschwinden. Sie wussten ja, wo Dr. Romero operieren würde.
Doch noch vor der Schleuse zu den Operationssälen wurden sie Zeugen des nächsten unangenehmen Gesprächs. Ein Bote stand direkt vor Dr. Romero. In der Hand hielt er einen großen braunen Umschlag und erkundigte sich neben den Vorweisen seines Ausweises um die Identität seines Gegenübers:
“Dr.Dr. Nicollas Romero?” - “Sim. Ja” - “Das hier ist für Sie. Sie sind vorgeladen”
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48 Hours
In 48 Stunden kann sich dein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Vieles kann sich ändern. Eine Entscheidung kann gefällt werden, aber auch eine Einstellung geändert werden.
Eine Diagnose kann den ganzen Alltag umstellen.
In 48 können sich neue Beziehungen aufbauen, neue Dynamiken entstehen. Synergien entwickeln.
Wenn man 48 Stunden auf Etwas wartet, dann kann es ruckartig weg sein. Manchmal muss man aber genau 48 Stunden geduldig sein um das Bestmögliche zu erzielen.
In 48 Stunden werden wir nicht zu Spezialisten, aber in 48 Stunden können wir uns viel aneignen. In 48 Stunden kann man lernen, üben. Nicht durchgehend. Man muss auch mal schlafen.
48 Stunden, das sind zwei Tage. Was kann in zwei Tagen schon passieren?
***
Vor dem Operationssaal lief warmes Wasser über Kenmas Hände, nachdem er diese ausgiebig mit Seife gewaschen hat. Mit dem Ellenbogen betätigte er den Hebel, das Wasser abzudrehen. Darauf schüttelte er die Hände ab und sorgte darauf ebenso mit seinem Ellenbogen dafür, dass ausreichend Desinfektionsmittel in seinen Händen landete. Bis knapp vor der Armbeuge verteilte er die stark riechende Flüssigkeit. Kenma mochte den Geruch von Desinfektionsmittel. Er stand für ihn für Sauberkeit. Keimarm wurde er dadurch. Ein zweites Mal desinfizierte er seine Hände, diesmal bis zur Mitte der Unterarme, darauf folgte ein drittes Mal bis zu den Handgelenken. Sorgfältig, dass er keine Stelle ausließ. Die Zwischenräume der Finger wurden berücksichtigt, ebenso wie die Fingernägel inklusive Nagelbett und jedes Fingergelenk. Er war gut darauf bedacht, keine durch Beugung gebildete Fältchen auszulassen. Mit der letzten Portion Desinfektionsmittel hat er mit dem Fuß den Sensor für den Operationssaal betätigt und betrat diesen, während er die letzten Stellen versorgte.
Überraschend stellte er fest, dass Terushima direkt neben dem Kleinkind am viel zu großen Operationstisch saß. Ohne OP-Maske. Grimassen schneidend und lachend. Auch der junge Patient lachte, während Dr. Semi den Zugang für das Narkosemittel setzte.
“Oh und schau, das ist einer von den Ärzten, die dich operieren werden”, sagte Terushima und deutete auf Kenma. Der Junge drehte den Kopf direkt zu ihm. Bei Kenma waren nur die Augen gut zu sehen, der Rest seines Gesichts war hinter der OP-Maske versteckt, seine rausgewachsenen blonden Haare unter der OP-Haube zurückgebunden. Der Operationssaal war der einzige Ort, wo er es duldete, dass seine Haare nicht in sein Blickfeld hingen, denn hier war es notwendig, dass er alles sehen konnte. Er musste jede Rolle im Saal orten können, jeden Mitarbeiter berücksichtigen, wissen, wem er sagen musste, was er zu tun hatte. Wenn er dann einmal alleine operierte.
“Warum bist du hier?”, fragte Kenma trocken. “Der kleine Nagaru hat ihn als Bezugsperson gewählt”, sagte Dr. Sugawara, der direkt hinter Kenma den Operationssaal betrat. “Und Hope?”, fragte Kenma, weil Terushima eigentlich bei ihr Aufsicht hatte. “Geht’s soweit gut, ich schätze aber, Terushima geht wieder zu ihr, sobald Nagaru schläft.”
So war das. Bei Kindern im Operationssaal war immer alles anders. Es war wärmer, das mochte Kenma nicht. Und ein Kind wählt immer eine Bezugsperson vom Krankenhauspersonal. Das wurde nicht ausgesprochen, sondern erkannt und es war egal, wer diese Person war. Von einer Reinigungskraft über eine Schwester zum geplant operierenden Arzt konnte das jeder sein. Kenma würde sich wirklich vor der Kinderstation sputen. In so eine Situation wollte er nie kommen. Denn es hielt vom Operieren ab.
“Und wenn du jetzt an Eiscreme denkst, dann träumst du auch davon und ich glaube, deine Eltern werden dann auch welches für dich haben, wenn du aufwachst”, sagte Terushima mit einem breiten Grinsen, das sogar Dr. Semi schmunzeln ließ. “Er macht sich gut”, sagte Dr. Sugawara. Kenma seufzte nur. Der Anästhesist nickte.
Dr. Sugawara und Kenma ließen sich von der OP-Schwester, heute stand Hana bei ihnen und instrumentierte, in die sterilen Mäntel helfen und Handschuhe überziehen. Dann konnte Kenma zumindest wieder seine eigenen Finger berühren. Auch den Mantel durfte er anfassen, tat es aber nicht.
“Wir leiten ein”, sagte Dr. Semi und der Operationssaal wurde ganz still. Niemand hantierte mit Geräten, verschob etwas oder packte Material aus. Sowie Nagaru schlief, intubierte Dr. Semi und Terushima verabschiedete sich. Hana sah ihm mit einem sanften Blick nach und reichte dem unsterilen Beidienst die Utensilien zur Waschung des Operationsgebiets. Der OP-Asstistent klebte eine Neutralelektrode für die Diathermie. Kenma half beim sterilen Abdecken des jungen Patienten und dann startete Dr. Semi das Team Time Out, in dem noch einmal die Einzelheiten des Eingriffs durchgegangen wurden.
“Die Lagerung ist korrekt. Hautschnitt starten”, sagte Dr. Sugawara zum Abschluss und machte den ersten Schnitt.
***
Nach der Operation verschlug es Kenma auf die Frühchenstation. Er wollte sich selbst davon überzeugen, dass es Hope gut ging. Es war nicht so, als hätte er eine Verbindung zu dem Säugling aufgebaut, aber auf dieser Station war es immer leise, man hörte nur die Geräte und Kenma fand das entspannend. Terushima war nicht hier, denn er wurde am OP-Ende wieder in den Raum gebeten, den aufwachenden Nagaru unter Aufsicht zu nehmen.
Dr. Sugawara und Kenma hatten den Saal als erste verlassen. So war das immer. Die Chirurgen kamen als letzte rein und gingen als erste. Das OP-Team um sie herum kümmerte sich um den Saal, die Vor- und Nachbereitung und um den Patienten. Kenma wusste aber, dass es nicht lange dauern würde, bis Terushima wieder hier war. Denn Nagaru würde ehestmöglich aus dem Aufwachraum gebracht werden, um bei seinen Eltern zu sein. Auch das war so eine Sache bei Kindern. Sie sollten so wenig Zeit wie möglich fern der Mutter und dem Vater verbringen müssen.
“Hey”, sagte Kenma leise zu Hope, die mit gesunder Farbe in ihrem Brutkasten lag und immer noch unter den Unmengen an Kabeln zu versinken drohte. Sie wäre vor 50 Jahren nicht lebensfähig gewesen, selbst vor 10 Jahren hätte es mau ausgesehen und eigentlich hatten sie hier und jetzt auch alle bereits gedacht, dass sie es nicht packen würde. Irgendwie hatte das schier unfertige Baby eine beruhigende Wirkung auf Kenma. Sie kämpfte für etwas, von dem sie nicht wusste, was es war. Auch er wollte dafür kämpfen. Für etwas anderes und gegen sich selbst und seine Zurückhaltung. 48 Stunden. Lange müsste er nicht mehr warten.
Doch erst war er abermals in eine Situation geschlittert, die ein paar Minuten wie Stunden in die Länge ziehen konnte. Hana kam ebenfalls auf die Station. Suchend. “Oh, Dr. Kozume, schöne Arbeit heute. Hast du zufällig Yuuji gesehen?”, fragte sie ihn. Hana redete nie um den heißen Brei herum. Zumindest soweit Kenma das beurteilen konnte. “Ist wohl noch bei Nagaru”, antwortete er und wollte sich verabschieden. “Wie ist es so, mit ihm zu wohnen?”, hielt ihn Hana davon ab. Kenmas Nackenhaare stellten sich auf. “Ist okay”, sagte er schnell. “Er kocht. Gut sogar”, fügte er noch hinzu und hoffte, dass das alles war. “Er kocht?”, fragte Hana neugierig und folgte Kenma die paar Schritte, die er Richtung Tür ging. Kenma blieb stehen. Es brachte ja nichts.
“Mhm”, machte er und nickte. Stille für einen Moment. Perfektes Stichwort, doch zu gehen. “Und dann… oh… bitte entschuldige. Ich muss total verzweifelt wirken”, lachte Hana verhalten. Kenma hatte sein Stichwort genau versäumt. “Naja… vielleicht”, antwortete er ehrlich. Es war, als suche Hana einen Grund, das mit Terushima machbar zu machen. Soweit er das sagen konnte. Hana seufzte, aber sie lächelte. “Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Wegen, naja… du weißt schon”, sagte sie und deutete auf ihren Bauch, als könnte sie es nicht aussprechen. Ob sie davon ausging, dass es bereits das ganze Krankenhaus wusste? Oder dachte sie, Kenma wusste es, weil er Terushimas Mitbewohner war? Am besten sagte er ihr nicht, dass der andere Assistenzarzt mit seinem Zauberpenis geprahlt hatte.
“Er hat die ganze Nacht bei Hope gesessen und war heute bei Nagaru”, erklärte Kenma, weil er dachte, dass das helfen könnte. Hana lächelte. Kenma war erleichtert. So konnte er nun ja sicher- nein, er konnte nicht gehen, denn Terushima versperrte ihm den Weg und nicht nur das, er legte den Arm um ihn und brachte ihn zum Wenden. “Wie geht’s unserem Baby?”, fragte er und meinte augenscheinlich Hope, die er auch ansteuerte. Erst vorm Brutkasten konnte sich Kenma wieder befreien, denn Terushima war von da an auf den Säugling fixiert. Kenma sah zu Hana, die skeptisch beobachtete, wie Terushima durch die Öffnung fasste und das kleine Menschlein streichelte. “Ich bin so stolz auf dich, kleine Killerprinzessin”, sagte er zu ihr. Kenma hob die Augenbrauen. “Killerprinzessin?”, fragte er. “Na weil sie absolut Killer ist und naja, ne kleine Prinzessin eben”, lachte Terushima und strahlte über beide Ohren.
“Hmm, du könntest wohl doch Vatermaterial sein”, sagte Hana plötzlich und da bemerkte Terushima sie wohl auch erst. Er hatte eben gerade nur Augen für seine Prinzessin gehabt. Eine Seite, die Kenma an ihm erst kennenlernte.
“Was? Dachtest du etwa nicht?”, fragte Terushima überrascht. Hana nickte. “Nein, du bist der wahrscheinlich unverantwortungsvollste Mann, den ich kenne”, sagte Hana ehrlich, traf Terushima aber schmerzlich, dass sogar Kenma das Gesicht verzog. “Der hat gesessen”, murmelte er. “Das hat wehgetan… aber… naja, vermutlich ist deine Sorge nicht ganz unbegründet. Aber es ist egal, wie ich als Mensch drauf bin. Hana, ich werde ein toller Vater sein”, sagte er bestimmt und Kenma meinte gerade das erste Mal, Zeuge zu sein, dass Terushima etwas wirklich richtig ernst meinte.
“Wow… also… willst du …?”, fragte Hana. Terushima nickte rasch. “Natürlich will ich! Ich will sie alle drei mit dir bekommen und aufziehen. Auch wenn das Probleme mit Tadashi bringt, aber das ist meine Verantwortung”, sagte Terushima überzeugt. Hanas Blick wechselte von skeptisch über irritiert zu komplett verwirrt. “Wie kommst du auf drei?”, fragte sie. Nun war Terushima verdutzt und auch Kenma, wenn er ehrlich war.
"Na, du hast doch drei Schwangerschaftstests gemacht”, sagte Terushima. Kenma schlug sich sofort die Hand ins Gesicht und behielt sie dort. Hana brauchte etwas länger. Aber auch ihr ging der Knoten auf. “Und ich dachte, um Arzt zu werden, verlangt zumindest ein bisschen Hirnschmalz… Drei positive Tests heißen doch nicht, dass ich drei Embryos habe! Sag mal, spinnst du eigentlich? Was geht in deinem Spatzenhirn vor?”, warf ihm Hana vor, aber ließ Terushima gar nicht antworten. Sie stapfte wütend davon, zumal es wirklich unangebracht war, in der Frühchenstation laut zu werden.
“Was hat sie denn?”, fragte Terushima. Kenma zog die Hand aus seinem Gesicht. “Ich glaube, sie hat Angst, dass euer Baby nach dir kommt”, sagte er und ließ Terushima bei Hope zurück.
Kenma wusste nicht recht, warum, aber er war unheimlich erleichtert, dass Terushima und die OP-Schwester nur ein Baby bekommen würden. Irgendwie hat er die Wohnung bereits als Krabbelstube gesehen. Bei dem Gedanken lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Wenn da bei Zeiten nun doch nur ein so ein kleines Menschlein rumlungern würde, dann wäre das okay, denn dann wäre der Vater anwesend und musste sich darum kümmern. Eines war nämlich jetzt schon klar: Kenma würde sicherlich nie, niemals nie den Babysitter spielen!
Auch Yamaguchi würde sich so bald sicher nicht als Babysitter anbieten. Für was auch? Dass sich der Mann, auf den er sich fast eingelassen hätte, mit der Frau, die das alles irgendwie - wenn auch unabsichtlich - zerstört hatte, treffen konnte?
“Glaubst du denn, er will mit Hana zusammen sein?”, fragte Kenma bei einem Schluck verdünnten Apfelsaft. Yamaguchi schnaubte. “Er hat gesagt, er ist all in und wird für seine Familie sorgen”, knurrte er, aber Yamaguchis Gesichtsausdruck passte nicht zu der strengen Stimme. Er war weich. “Er ist wohl doch ein guter Mann, der zwar irgendwie nichts richtig machen kann, aber zumindest zu dem Mist steht, den er baut… Ich kann ihm irgendwie nicht böse sein”, seufzte er. Auch Kenma ergab sich eines Seufzers, denn Yamaguchi hatte recht. Terushima war schon ein guter Kerl, aber eben ein Vollidiot.
Kenma dachte daran, wie glücklich Terushima ausgesehen hatte, als er von den Drillingen, die er erwartet hatte, erzählte und wie begeistert er von der Idee war, mit Hana, Yamaguchi und den Kindern eine Synergie zu bilden. Terushima ging in seinem Leben irgendwie immer davon aus, dass das Bestmögliche passierte, auch wenn das Timing nicht passte oder auch, wenn schlimme Dinge passierten. Eine Art des Optimismus, dem selbst Kuroo nacheifern musste, der für Kenma manchmal schon zu optimistisch war. Optimismus. Etwas, das Kenma noch lernen musste. Er wollte sich darin üben. Und wann war der beste Moment dafür, wenn nicht jetzt?
“Dann sei ihm nicht böse und findet gemeinsam eine Lösung, die für alle passt”, schlug Kenma vor. Yamaguchi nickte. Er drang sich zu einem Lächeln durch. “Du magst ihn wirklich, oder?”, fragte Kenma, und Yamaguchi nickte wiederholt. Sein Lächeln wurde wärmer und erreichte auch seine Augen. “Dann solltest du dafür kämpfen”, sagte Kenma und stand auf. Denn auch für ihn galt es, etwas zu kämpfen, das ihm wichtig war.
Kenma stellte das Glas in die Spüle des Gemeinschaftsraumes und verließ diesen.
Der Patientenverkehr wurde langsam weniger, denn die Abendstunden brachen an und die Tagschicht wechselte in die Nachtschaft. Wenn Kenma am nächsten Morgen nach Hause gehen würde, hätte er eine 21-Stunden Schicht hinter sich und etwas mehr als einen ganzen freien Tag. Wenn er heim gehen würde, dann wären auch die 48 Stunden um, die er laut einer von Terushimas irrsinnigen Regeln abzuwarten hatte. Er wusste, wie dumm diese Regeln waren, aber es fühlte sich wie eine Stütze an, die er gerne annahm.
Doch bevor er sich um dieses Unterfangen kümmern konnte, stand noch die Abnahme von den Operationsdokumentationen an. Er musste für Dr. Sugawara noch einen Histobrief ausdrucken, denn die entnommenen Mandeln des Jungens heute vormittag wurden eingeschickt. Alle Präparate wurden eingeschickt. Nichts wurde einfach weggeworfen, außer vielleicht die Knochenspäne, die in der Ortho weggebohrt wurde, wenn künstliche Gelenke eingesetzt wurden.
***
In der Notfallambulanz war es in dieser Nacht sehr ruhig gewesen. Kenma war eigentlich nie gerne dort, weil es schnell hektisch werden konnte, aber an diesem Abend sah er dort ein bekanntes Gesicht, über das er sich irgendwie freute. Nun ja, so sehr man sich über einen verunfallten Patienten freuen konnte.
“Was machst du denn hier?”, fragte Kenma und ging auf Hinata zu. Sein Arm war in einen Gips gehüllt und im Grunde hätte sich Kenma die Frage schon selbst beantworten können. “Hab nen mega coolen Stunt mit dem Fahrrad gemacht, nur leider hat der Lenker nachgegeben und ist abgebrochen. Dabei bin ich voll gestürzt und hab mir den Arm gebrochen”, erklärte Hinata, strahlte dabei aber, als hätte er keine Schmerzen. Vermutlich hatte er die vor lauter Adrenalin und Endorphinen auch gar nicht. Kenma schmunzelte. “Und dein Fahrrad ist jetzt Schrott?”, fragte er. “Nein, das bekommen wir wieder repariert. So wie mich”, strahlte er über beide Ohren und hielt Kenma den Gipsarm hin. “Bitte schreib mir was drauf”, verlangte er und hatte auch fix einen Filzschreiber parat. Kenma nahm den Stift perplex an. “Und was?”, fragte er. “Irgendwas”
Auf dem Gips erkannte er bereits Terushimas Handschrift. “Fun Rulez” - typisch Terushima. Dr. Ushijima hat einfach unterschrieben und zwar mit seinem Kurzzeichen, auch das empfand Kenma bereits als sehr typisch. “Kann ich auch was zeichnen?”, fragte er. “Aber natürlich!”, rief Hinata aus und Kenma malte einen Katzenkopf auf den Gips. “Sieht müde aus”, sagte Hinata. “Ich bin auch etwas müde, ist schon eine lange Schicht”, erklärte er und ließ sich auf etwas Smalltalk mit dem aufgeweckten Patienten ein.
Hinata wollte mehr von seinem Alltag erfahren, aber auch von all den anderen Leuten, die im Krankenhaus arbeiteten.
“Ich würde auch gerne hier anfangen, aber ich will nicht einfach nur operieren oder so Werkzeug, wie hast du gesagt? Instrumente reichen. Ich will was machen, wo ich immer mal woanders bin und ganz viele coole Aufgaben habe”, sagte er. “Dann solltest du dich vielleicht mal mit einem von unseren OP-Assistenten unterhalten”, sagte Kenma und verabschiedete sich von Hinata, ohne ihm einen passenden Ansprechpartner zu empfehlen. Es wurde ihm einfach schon etwas zu anstrengend und Hinata nahm es ihm nicht übel. “Danke für die Katze”, rief er ihm nach und winkte angeregt. Kenma hob nur die Hand zum letzten Gruß und wollte sich ein paar Minuten im Gemeinschaftsraum gönnen. Hoffentlich war niemand dort.
Am Weg dorthin kam er an der verlassenen Eingangshalle vorbei. Die Patienten kamen um diese Uhrzeit direkt bei der Notfallambulanz hinein. Hintereingang sozusagen. Vorne hielt sich nachts selten jemand auf. Nur vereinzelt hier und da. Die, die nicht schlafen konnten oder die, die von der Unfallstation kamen und heim gingen, weil sie nicht über Nacht bleiben mussten.
Diesmal sah Kenma nur Eri, die Assistenzärztin, die mit Kuroo gemeinsam hier angefangen hatte. Sie hatte wie so oft zwei Zöpfe, die sich in ihrer Bewegung anpassten und sie trug die OP-Hose hochgekrempelt, dass man ihre bunten Kompressionsstrümpfe sehen konnte, die sie fast alle trugen. Nicht alle bunt. Kenma trug sie in den üblichen Farben: Schwarz, Dunkelblau und Grau. Die von Eri waren gemustert. Außerdem trug sie auch die leichte OP-Jacke drüber, hatte aber die Druckknöpfe nicht genutzt, sondern einen russischen Knoten in den Zipfeln der Jacke, so dass diese auf ihrem Bauch verknotet waren. Eigentlich ein Stil, den er Terushima andichten würde. “Hab ich mir von den OP-Assistenten abgeschaut”, würde sie ihm eines Tages sagen. Aber jetzt sagte sie nichts. Es war so still, dass Kenma hören konnte, dass Eri [url=https://open.spotify.com/intl-de/track/6OIFsi2ov9nSjRrnJWVZIM?si=9bf4713c008a48a4]summte[/url]. Beim genaueren Hinschauen sah er auch, dass sie sich nicht einfach nur die Beine vertrat, sie tanzte. Angedeutet. Passend zu ihrem Gesumme. Es war eigentlich ganz angenehm zu hören und hübsch anzusehen. So lange, bis Eri sich ausdrehte und ihre Hand zögerlich zu einem Partner streckte, der gar nicht da war. Von der Seite erkannte Kenma, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Ihre Hand zitterte. Sie sah so sehnsüchtig aus und Kenma fühlte, dass es das Richtige gewesen wäre, einfach hinzugehen, ihre Hand zu nehmen und den Tanz mit ihr zu Ende zu führen. Aber Kenma tanzte nicht und er fühlte sich nicht in der Position, einer Älteren Trost zu spenden.
Just als er vielleicht doch noch über seinen Schatten gesprungen wäre, zog Eri die Hand zurück, konnte sie aber nicht ganz anlegen, da hatte Dr. Hanamaki aus der Radiologie danach gegriffen und Eri in einer Drehung zu sich gezogen.
“Schrittchen für Schrittchen. Stückchen für Stückchen. Immer langsam”, sagte er, schloss seine Arme fest um Eri und die Assistenzärztin begann bitterlich zu weinen. So, dass es ihren ganzen Körper durchschüttelte. “Er hat versprochen, dass wir gemeinsam alt werden”, schluchzte sie und Kenma zog es das Rückenmark zusammen.
Ob das mit dem Kämpfen und sich verlieben wirklich so eine gute Idee war?
***
Kenma haderte mit sich selbst und so rief er Iizuna nicht nach seiner Schicht an. Stattdessen hat er sich von Terushima überreden lassen, in die Bar am Eck zu gehen. Da wo die meisten Assistenzärzte, aber auch einige Oberärzte gerne einmal nach einer langen Schicht noch etwas tranken, nur dass Kenma sich nicht zum Alkohol hat überreden lassen. Eine Limonade reichte schon. Frisch mit Minze, dass er den Frühling hätte schmecken können durch die Erdbeeren.
“Tadashi spricht nicht mit mir und Hana hat übermorgen ihren ersten Ultraschall, da will ich unbedingt dabei sein”, sagte Terushima und sprach grad die beiden schweren Themen in seinem Leben an. “Lass nicht locker”, riet Kenma und beobachtete mit großen Augen, wie Terushima sein erstes Bier weg kippte und ein zweites bestellte. Das blieb erstmal so stehen, wie es ihm vorgesetzt wurde.
“Und wegen dem Ultraschall. Es spricht doch nichts dagegen, dass du mit gehst. Du willst doch die Familie mit ihr, oder?”, fragte Kenma. Terushima schüttelte den Kopf. “Ich will das Baby mit ihr, aber… eine Familie werden wir nicht. Dazu müsste ich sie lieben und sie mich, aber das tun wir nicht”, erklärte Terushima. Kenma spürte, wie sich die Erleichterung in ihm breit machte. Terushima liebte Hana nicht. Hana liebte Terushima nicht und es war Terushima deutlich anzusehen, dass er wirklich aufrichtige Gefühle für Yamaguchi hatte. Kenma wusste ja auch, dass Yamaguchi starke Gefühle für Terushima hatte. “Dann ist doch alles gut”, schlussfolgerte er laut. Terushima nickte. “Irgendwie ja, aber irgendwie nicht”, meinte er. Er schaute auf sein Bier. Nicht ganz. Es wirkte, als sehe er hindurch. “Vielleicht braucht es nur noch etwas Zeit?”, fragte Kenma. Darauf nickte Terushima. “Bestimmt. Ich sollte mich nochmal bei Yamaguchi entschuldigen”, sagte er. “Ja, und vielleicht zeigst du es auch mit Taten”, mehr Ratschläge konnte Kenma nicht geben, denn er wusste nicht, wie solche Taten aussehen sollten. Terushima überlegte. “Du hast vollkommen Recht”, sagte er. Kenma war froh, dass Terushima nun nicht nach Vorschlägen fragte, er hätte ihm keine geben können. “Da fällt mir bestimmt was ein. Nun aber zu dir. Die 48 Stunden sind um”, sagte er und dann war Terushima wie ausgewechselt. So wie immer. Mit seinem frechen verschlagenen Grinsen. Kenma fühlte sich umgehend ertappt.
“Ich hab mich noch nicht bei ihm gemeldet”, murmelte er. “Was?! Warum nicht?!”, brüllte Terushima fast schon. Kenma zog den Kopf ein. “Ihr seid so perfekt! Ruf ihn an!”, forderte er laut.
“Oder sags ihm einfach direkt ins Gesicht” Kenma erstarrte. Auch Terushima war augenscheinlich überrascht. Er starrte an Kenma vorbei, direkt in Iizunas Antlitz, so viel war Kenma schon bewusst, er erkannte die Stimme ja und er hörte, dass sie von hinter ihm kam. Er schluckte und drehte sich langsam um. Doch statt der Nervosität, die er nun erwartet hatte, wurde ihm warm. Ein Lächeln bildete sich auf seinen Lippen und in seinem Bauch begann es, wie wild zu kribbeln.
“Geh mit mir auf ein zweites Date, bitte”, sagte Kenma, war aber überrascht über seine Direktheit. Iizuna grinste zufrieden. “Gerne, ich hol dich heute um fünf?”, schlug Iizuna vor und Kenma nickte rasch. Der Moment verging so schnell, Kenma konnte gar nicht hinterfragen, warum Iizuna gerade in der Bar war, was er hier suchte und warum es plötzlich so einfach war. Aber vielleicht war genau das der richtige Weg. Anzunehmen, dass es auch einfach sein konnte. Nicht so schwer wie bei Kuroo, der mit einem Oberarzt um die Gunst eines anderen kämpfen musste und nicht so kompliziert wie bei Terushima und Yamaguchi, die nun auch noch Hana und bald ein Kind in der Gleichung hatten.
“Dann geh dich lieber ausschlafen, ich schaff mein Bier auch alleine. Außerdem muss ich nachher noch mit dem Bike in die Werkstatt”, sagte Terushima. Kenma trank seine Limonade aus und nahm das Angebot gerne an. Terushima machte auch nicht mehr den Eindruck, dass er unter seinen Zweifeln zerbrechen würde. Hat er auch zuvor nicht getan, aber er wirkte nachdenklich und das war er zuvor noch nie und bereitete Kenma genau aus diesem Grund Sorgen. Es brachte aber auch Gewissheit.
***
Als Kenma pünktlich um fünf die Wohnungstür öffnete, lehnte sich Iizuna direkt zu ihm und hauchte ihm einen zarten Kuss auf die Wange. “Das hätte ich am Valentinstag schon machen wollen”, sagte er leise mit einem schelmischen Lächeln. Kenma blinzelte überrascht und fasste sich abwesend an die warme Wange. Er spürte, wie sehr er diese Geste hatte haben wollen. “Tut mir leid, dass ich das versaut habe”, murmelte er, aber Iizuna winkte ab. “Hast du nicht. Ich hatte ja jetzt die Chance dazu und… ich hoffe, es ist nicht die letzte”, erwiderte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Ist es nicht”, versprach er und ließ sich von Iizuna aus dem Wohnkomplex geleiten.
“Wo gehen wir heute hin?”, fragte Kenma neugierig. “Nun ja, vielleicht müssen wir da etwas improvisieren. Kam ja doch sehr spontan”, lachte Iizuna. “Aber uns fällt schon was ein und ich hab vielleicht ein Ass im Ärmel.”
Für den Anfang verschlug es die beiden in ein kleines Café, wo sie sich zu heißer Schokolade niedergelassen hatten.
“Warum warst du heute in der Bar?”, fragte Kenma schließlich über den Tassenrand hinweg. Iizuna wirkte etwas ertappt. “Naja”, sagte er und fuhr sich mit der Hand in den Nacken. “Ich war zur Kontrolle im Krankenhaus und wollte dich sehen, aber deine Kollegen meinten, du seist in der Bar, also hab ich mein Glück versucht”, erklärte er. Kenma legte den Kopf schief. “Warum hast du nicht gesagt, dass du einen Kontrolltermin hast?”, fragte Kenma. “Weil ich das alleine machen will und weil ich nicht dein Patient sein will. Ich will dein potenzieller Partner sein”, sprach der hübsche Mann mit dem schönen Lächeln gerade raus seine Ambitionen aus. Kenma senkte den Blick. Dann suchte er wieder Iizunas Augen wieder. “Und warum hast du dich nicht mehr bei mir gemeldet?”, fragte Iizuna mit bedrückter Stimme. “Wo es doch am Vormittag sehr deutlich war, dass du mich wieder sehen willst”, fügte er hinzu und Kenma begann von Terushimas dummen Regeln zu erzählen. Iizuna nahm es mit einem Schmunzeln an und zuckte mit den Schultern.
"Tja, ich spiel nicht nach irgendwelchen Regeln. Das ist bei der Musik so wie in der Liebe. Manchmal spielt man gewisse Passagen etwas schneller und manchmal langsamer und vielleicht wiederholt man eine auch, weil sie so schön war", sagte er darauf und griff über den Tisch auf Kenmas Hand. “Und manchmal muss man den Anfang vielleicht etwas öfter üben, dass er sitzt”, legte er die Metapher weiter aus. Kenma verstand und er nickte. “Dann ist es in Ordnung, wenn wir erstmal nur so weitermachen?”, fragte Kenma. Iizuna kicherte. “Was meinst du mit nur so? Dich zu treffen ist das Highlight meines Tages. Ich will es ganz oft genau so machen. Wir müssen Nichts überschnellen und Nichts überstürzen und wir können das ganz langsam angehen”, sagte Iizuna und wurde im Reden immer schneller, dass Kenma schmunzeln musste. “Du bist ganz schön aufgeregt, für langsam angehen” - “Wie könnte ich auch nicht? Ich bekomm grad ne Chance mit dir”, sagte Iizuna und zog Kenmas Hand zu sich, um einen sanften Kuss darauf zu platzieren. Kenmas Wangen wurden warm. “Ich wusste nicht, dass das so toll ist”, gab er leise zu. “Und ich hätte nicht gedacht, dass ich dich so verlegen machen könnte.” Iizuna streichelte Kenmas Hand und ließ sie wieder sinken, aber nicht los. “Also?”, fragte Iizuna und Kenma nickte. “Ja, wir gehen es langsam an”, stimmte Kenma ein.
“Dann erzähl mir einfach mal von deinem Tag”, erbat Iizuna und Kenma erzählte von seiner Operation mit Dr. Sugawara. “Dr. Sugawara? Die Veganerin?”, fragte er und Kenma schüttelte schmunzelnd den Kopf. “Nein, auch das hat sich nun anders aufgelöst. Es war nur eine dumme Wette. Aber ich hab von Akaashi erfahren, dass Dr. Konoha wohl Veganer ist. Ich glaube aber nicht, dass mich das je betrifft. Die beiden werden mich nicht zu sich nach Hause einladen”, plauderte Kenma für seine Verhältnisse locker vor sich hin. Auch Iizuna erzählte von seinem Tag. Die Kontrolle war gut verlaufen und er hatte sich den restlichen Tag Überlegungen für ihr Date gemacht, das nach der heißen Schokolade erst richtig losging.
Nach dem Café fuhr Iizuna mit Kenma etwas aus der Stadt, nahm beim Aussteigen eine Tüte aus dem Kofferraum und danach wie automatisch Kenmas Hand. Aber nicht, weil es nur ums Händchenhalten ging, er wollte den Weg weisen, aber war wie auch Kenma glücklich darüber, dass sich ihre Hände darauf nicht lösten. Sie hatten angrenzend an einen Park gehalten und den Wagen stehen lassen. Iizuna zeigte Kenma den Weg zur großen Grünfläche, wo gleich klar wurde, was die beiden tun würden. Zumindest für Kenma. Er erahnte ein Picknick und fürchtete schon, dass er Iizuna enttäuschen würde, weil er keinen Hunger hatte. Als sein Date dann stehen blieb und offenbarte, was in der Tüte war, war Kenma überrascht.
“Wir lassen einen Drachen steigen”, sagte Iizuna mit einem breiten Lächeln und vor Begeisterung großen Augen. Auch Kenmas Augen weiteten sich, als er den bunten Stoff sah, den Iizuna auspackte. Gleich half er beim Zusammenstecken und hielt kurz darauf einen ganz handelsüblichen Drachen in der Hand, der zwar sicher nichts Besonderes konnte, aber schöne Kindheitserinnerungen aufleben ließ. Die Bemalung war simpel gehalten. “Wir könnten das nächste Mal selbst einen bauen, diesmal müssen wir damit vorlieb nehmen", sagte Iizuna und Kenma wollte die Idee vom gemeinsamen Drachenbau gefallen, also nickte er. “Können wir so einen chinesischen Drachen machen?”, fragte er. Iizuna sah ihn erstaunt an. “Das ist doch voll High Level, oder?”, fragte er. “Wir machen einfach langsam”, erwiderte Kenma darauf und ließ sich zu einem frechen Zwinkern hinreißen. Von wem er das wohl hatte?
“Du hast recht. Langsam”, bestätigte Iizuna und nickte. Dann hielt er den Drachen hoch. “Willst du laufen, oder soll ich?”, fragte er. “Du läufst”, sagte Kenma wie aus der Pistole geschossen, auch wenn er wusste, dass er selbst ebenso ein paar Schritte laufen müsste, bis der Drachen Fahrt aufnehmen würde.
Gesagt, getan. Iizuna lief voraus und kurz darauf beschleunigte auch Kenma mit erhobenen Händen. Er ließ den Drachen los und sah zu, wie er in einem Looping direkt in die Wiese krachte. Iizuna blieb stehen und lachte kurz auf. “Das war wohl nichts. Noch mal”, sagte er und sie wiederholten es ein paar Mal. Mal mit längerer Schnur. Mal verkürzt und zum Schluss mit so kurzer Schnur, dass Kenma stolperte, weil Iizuna sich zu ihm umdrehte und ihm das Herz das Stocken vormachte. Iizuna reagierte schnell. Er war stehen geblieben, in der Drehung aber selbst umgeknickt und mit Kenma samt Drachen zu Boden gestürzt.
“Hast du dir weh getan?”, fragte er besorgt. Er richtete sich auf und betastete Kenmas Arme und sah auf seine Finger. Unverzeihlich, er hätte einem Chirurgen die Finger verletzt. Aber seine Finger waren heil. Kenma antwortete nicht. Stattdessen legte er die begutachteten Finger auf Iizunas Wange. Sie waren eiskalt, das spürte Kenma an Iizunas warmer Haut. “Es gibt da was, was ich am Valentinstag auch machen wollte, aber nicht getan hab”, sagte Kenma leise. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er ahnte, dass es Iizuna ähnlich ging, denn dieser schien sein Herz gerade wieder hinunter zu schlucken. “Und.. hmm… und das wäre?”, fragte Iizuna ebenso leise.
“Dann solltet ihr auf ein zweites Date gehen und du holst das nach”, hallten Terushimas Worte in Kenmas Kopf wider.
Für einen Augenblick sahen sie einander einfach nur an. Kenma lehnte sich zu Iizuna und auch er kam näher. Kenma wusste, er hatte es verstanden. Kenma wusste, dass Iizuna wusste, dass er ihn küssen wollte. Und so schloss er die Augen und spürte neben seinem Herz, das ihm fest gegen den Brustkorb schlug und dem Kribbeln, das ihn den Magen umdrehen wollte, gegen das er sich diesmal aber verwehrte, endlich Iizunas Lippen auf seinen. Für Kenma blieb die Zeit stehen. Dieser Kuss war so sanft, so viel intensiver, als der mit Terushima, der Kenma zwar auch aus der Bahn geworfen hat, aber nur, weil er so unvorbereitet war. Auf das hier war er auch nicht vorbereitet. Anders. Er war nicht darauf vorbereitet, wie schön es sein würde, wie wenig er wollte, dass es aufhörte, wie sehr er sich in ein paar Stunden schon nach diesen Lippen sehnen würde. Wie sehr er Iizuna vermissen würde und wie wild es in seinem Magen abgehen würde.
***
“Yo! Kenma! Teru! Ich hatte heute meine erste Solo Operation! Mit Dr. Sawamurmel als Assist, aber voll egal. Hab den Sublay voll gerockt.” Mit diesen Worten krachte Kuroo nachts in die Wohnung und erzählte von seiner offenen Bauchoperation mit Netzprothese. Kenma war alleine, denn Terushima wollte noch etwas besorgen und mit Yamaguchi sprechen. Kenma war das aber egal. Er drehte sich zu Kuroo um und strahlte ihn mit seinem Lächeln an, das sein Kindheitsfreund noch nie gesehen hat. Kuroo hielt sofort inne. Sein erst noch begeistertes Gesicht wurde besorgt. “Was ist los?”, fragte er perplex.
“Kuro, können wir reden?”, fragte Kenma. Kuroo ließ umgehend seine Umhängetasche fallen und setzte sich neben Kenma. “Natürlich. Brauchen wir starken Alkohol? Was ist passiert?”, konterte er. Kenma seufzte ergeben, schüttelte den Kopf und lehnte sich verträumt gegen die Lehne der Couch. “Ich glaub… ich bin verliebt”, gestand er. Kuroo stockte. Seine Haltung wurde langsam entspannter. Es wirkte, als würde er jedes Wort einzeln noch einmal für sich im Kopf wiederholen und überlegen, ob er die Reihenfolge und das Pronomen richtig verstanden hatte.
“Bist du? In mich?”, fragte er überfordert. “Es tut mir so leid, ich… da… ich weiß nicht, ob wir… das ist keine gute Idee”, begann er wie wild zu brabbeln, aber Kenma schüttelte den Kopf. “Nicht in dich”, hauchte er.
“Was? Warum nicht?”, nun wirkte Kuroo schockiert und Kenmas Blick wurde auch wunderlich. “Warum solltest du es sein?”, fragte er. “Weil ich seit jeher Teil deines Lebens bin und weil du dir das Leben ohne mich nicht vorstellen kannst”, protestierte Kuroo. Plötzlich war er mehr empört darüber, dass Kenma nicht in ihn verliebt war, als er war, als er noch dachte, er wäre es.
“Korrekt”, bestätigte Kenma. “Aber deswegen… nein. Nicht in dich”, stellte er klar und wollte endlich offenbaren, in wen er verliebt war, doch Kuroo hinderte ihn daran.
“Aber Moment, nochmal einen Gang zurück. Warum glaubst du? Bist du dir nicht sicher? Und ich wusste, dass dir Iizuna schöne Augen macht”, fragte er und offenbarte direkt, dass er im Grunde schon über alles Bescheid wusste. Für ihn war selbst Kenma ein offenes Buch, aber das hatte er sich in vielen Jahren Freundschaft erstmal erarbeiten müssen. “Woher weißt du, dass es um ihn geht?”, fragte Kenma dennoch überfordert. Kuroo lachte. “Denkst du echt, ich bin blöd? Also! Warum nur glauben?” - “Ich weiß nicht, es ist… alles so neu”, erklärte Kenma. Kuroo legte sich die Finger ans Kinn und tat so, als würde er das nächste Thema für den Nobelpreis ausklügeln.
“Hmm, dann müssen wir erst ein paar Vergleiche aufstellen, okay? Also. Fühlst du dich in meiner Nähe wohl?”, fragte er. Kenma hob die Augenbrauen hoch. “Ähm… ja, schon”, sagte er. Kuroo zog eine Schnute. “Das war zu lange überlegt”, murmelte er.
“Schmoll nicht und hilf mir!”, forderte Kenma. “Okay, okay… Fühlst du dich in Iizunas Nähe wohl?” Kenma nickte. “Sehr, aber auch anders” - “Wie anders?” Volltreffer. Nun musste Kenma dieses eigenartige, aber schöne Gefühl beschreiben.
“Naja… mir wirds wie übel, nur ohne übergeben”, sagte er. Kuroo schlug sich die Hand ins Gesicht. “Wow, du bist so unromantisch… das nennt man Bauchkribbeln oder Schmetterlinge oder so”, klärte er auf. Kenmas Gesichtsausdruck wurde eher fade. “Aha… und wie hilft mir das jetzt?” Kuroo seufzte. “Vermutlich gar nicht. Ist ja auch egal, wie es heißt. Also freust du dich, wenn du ihn siehst oder hast Herzklopfen, wenn du an ihn denkst?”, fragte Kuroo weiter, und Kenmas Herz schlug umgehend höher. Er nickte rasch und lächelte dabei. “Ja”, antwortete er verträumt. “Mehr als bei mir?”, wollte Kuroo nun wissen und Kenma antwortete wieder mit “Ja.” Da empörte sich Kuroo. “Zu schnell reagiert!” Kenma schnaubte. “Was jetzt?”, fragte er erpicht nach einer Antwort. Kuroo schmunzelte und wuschelte Kenma durchs Haar.
“Diagnose: Hoffnungslos verliebt”
Chances
”Er liebt mich. Er liebt mich nicht” - diese und andere orakelähnliche Spiele praktizieren junge Mädchen, wenn sie verliebt und vielleicht ein bisschen verzweifelt sind. Auch Burschen spielen so etwas. Auch Burschen sind mal verzweifelt, hoffnungslos, verliebt. Mehr vielleicht noch.
Gefühle machen uns manchmal blind. Sie machen uns schwach.
Wir können dadurch aber auch Dinge sehen, die wir sonst nie gesehen hätten und sie macht uns gewisser Weise stark. Für jemand anderes. Und dieser Andere wird zu unserer größten Schwachstelle.
***
Als Kenma zu seiner nächsten Schicht ins Haikyuu Medical Hospital kam, war die Stimmung förmlich zum Schneiden. Doch seine eigene Laune ließ er sich davon nicht vermiesen, denn er hatte vor Dienstbeginn eine Nachricht von Iizuna bekommen. Er wünschte ihm einen angenehmen Tag und Kenma hat sofort darauf geantwortet. Er hat sich bedankt und ihm eine gute Zeit gewünscht. Darauf hat der Konzertpianist mit einem Herz reagiert und das von Kenma höher schlagen lassen.
In der Personalschleuse stockte er aber. Sie war bis auf eine Person vollkommen leer. “Yamaguchi?”, fragte er, denn sein Kollegen stand nur vor seinem Spind und starrte auf die Schuhe, die er hineingestellt hatte. “Yamaguchi?”, wiederholte Kenma und Angesprochener drehte sich langsam um. Seine Augen waren rot und verquollen. Er hatte eindeutig geweint und Kenma wusste leider ganz genau, was oder vielmehr wer der Grund dafür war. Er presste die Lippen zusammen.
"Ich liebe ihn", sagte Yamaguchi schließlich. Kenma seufzte. "Das tut mir wirklich leid für dich", sagte er und reichte ihm ein Taschentuch aus seiner Umhängetasche. Yamaguchi nahm es an. “Er hat mich gestern gefragt, ob ich ihn heiraten will”, ging Yamaguchi weiter darauf ein. Kenmas Blick wurde irritiert. “Teru?” Yamaguchi nickte. “Und?”, fragte Kenma. “Ich hab nein gesagt. Das ist doch nur ein Move von ihm!”, presste Yamaguchi sauer und laut hervor. So hat Kenma ihn noch nie erlebt. Er fühlte sich schlecht, weil er derjenige war, der Terushima gesagt hat, dass er Taten sprechen lassen sollte. An sowas Dummes, wie in dieser Situation einen Heiratsantrag zu machen, hatte er nicht gedacht und er hätte sich im Traum nicht erwartet, dass Terushima so schwachsinnig war. “Er ist jetzt mit ihr beim Ultraschall”, sagte Yamaguchi und fing endlich an, seine Straßenkleidung abzustreifen.
“Das mit dem Reden hat nicht geklappt?”, fragte Kenma, sperrte seinen eigenen Spind auf und tat es Yamaguchi gleich. “Nein”, war die knappe Antwort. Dann blieb es still zwischen ihnen. Kenma wusste nicht, wie er seinen Kollegen aufmuntern konnte. Da hatte Terushima ganze Arbeit geleistet.
Umgezogen verließen sie die Schleuse, betraten den OP-Bereich und sichteten das OP-Programm. Immerhin war Yamaguchi nicht mit Terushima eingeteilt. Terushima hatte den Vormittag auch frei, denn, nun ja, er war ja mit Hana beim Ultraschall.
“Taichi hat heute seine erste Physio”, unterbrach Yachi an der großen Tafel mit freudiger Stimme die Stille und trübe Stimmung. “Oh, das ist großartig”, sagte Yamaguchi. Er setzte ein Lächeln auf, das diesmal nicht seine Augen erreichte. Kenma verzog das Gesicht, wandte sich aber auch so neutral wie möglich an Yachi. “Das ist ein guter Fortschritt", sagte er. Er hatte Kawanishi nicht mehr gesehen, seit er vor wenigen Tagen aus dem Koma aufgewacht war und er hatte jetzt auch keinen Grund mehr, dort zu sein. Der Junge war übern Berg und Yachi hatte auch endlich Schlaf gefunden. Die blonde Assistenzärztin wirkte wie das blühende Leben. Schön, dass es an diesem Tag noch jemanden gab, der positiv gestimmt war, so wie Kenma. Auch Yachi war verliebt, das wusste er nun. Er konnte erkennen, dass es ihr so ging wie ihm.
Das OP-Programm trennte die drei schließlich. Kenma musste zur Ortho-Trauma-Station, wo er mit Dr. Ushijima oder Dr. Ukai (oder beiden) arbeiten würde. Beide waren nicht seine bevorzugten Mentoren, aber das lag nicht an ihnen, das lag an der Fachrichtung. Kenma wollte zur Neurochirurgie und damit zu Dr. Sakusa.
Yamaguchi war an diesem Tag bei den Herzchirurgen eingeteilt und Yachi folgte den Allgemeinchirurgen. Bestimmt würden sie sich zu Mittag sehen.
Am Weg zu seiner Abteilung kam Kenma bei der Uro/Gyn-Station vorbei und damit am Warteraum, wo ihm Terushima auffiel, der akribisch seine eigene Brust betastete. Es sollte ihn nicht wundern. Immerhin war es Terushima und dennoch fragte er sich, was da gerade passierte. Wusste er ja nicht, dass Terushima zuvor eine Broschüre über Brustkrebs und Früherkennung gelesen hatte. Kenma blieb nicht stehen. Er sputete sich, seinen Tag voller Überraschungen anzutreten, denn so hat Dr. Tendou die Ortho/Trauma-Abteilung mal beschrieben. Auf den anderen Stationen wurden fast ausschließlich geplante Operationen durchgeführt. Die Traumachirurgen fingen die Notfälle ab und die meisten davon landeten auf der Orthopädie, weswegen die beiden Stationen zusammengefasst wurden. Sie gingen irgendwie Hand in Hand. Und dadurch konnte man die Eingriffe selten lange im Voraus planen. Viele Überraschungen.
Die erste Überraschung erblickte Kenma dann auch wieder in Form von Hinata, der geschäftig hinter Operationsassistenten her lief und unermüdet auf sie einredete. “Oh Dr. Kenma! Hallo!”, sagte er plötzlich und ließ den bereits etwas genervten Kollegen abdampfen. “Ist was mit dem Gips nicht in Ordnung?”, fragte Kenma, aber Hinata schüttelte den Kopf. “Nein, nein, da ist alles gut. Ich dachte mir nur, da ich eh nicht viel machen kann, häng ich hier rum und schau mir an, was mein neuer Job so macht. Ich hab auch schon geschaut, die Ausbildung dauert nur 9 Monate und geht nächsten Monat los. Ich brauch dann auch Praktikumsplätze. Denkst du, ich kann das gleich hier machen?”, überforderte Hinata im Wasserbrunnenstyle. Kenma blinzelte rasch. “Die Entscheidung hast du aber schnell getroffen”, erkannte er nur. “Ja natürlich. Wichtige Entscheidungen muss man sofort treffen, sonst verliert man es”, sagte er und Kenma dachte wieder an die dumme 48 Stunden-Regel, an die er sich gehalten hatte. Ja, eigentlich hätte er Iizuna sofort schreiben sollen und er hätte ihn auch damals nicht so lange warten lassen dürfen, bevor er ihn angerufen hat. Aber es wirkte nicht so, als hätte er etwas verloren.
“Da hast du wohl recht. Ich find’s gut, wie überzeugt du bist. Da bekommst du sicher ein Praktikum bei uns”, sagte er. “Denkst du, du kannst ein gutes Wort für mich einlegen?”, fragte Hinata. Kenma verzog das Gesicht. “Ich hab eigentlich kaum etwas mit Primarius Irihata zu tun”, wich er aus. War auch nicht gelogen.
“Achso… na dann frag ich einfach den Griesgram da”, sagte Hinata und hüpfte zu Kenmas Kollegen, der Dr. Iwaizumi unterstellt war. Kageyama. Noch ehe Kenma Hinata wirklich hätte warnen können, handelte sich der kleine Sonnenschein bereits die erste Zurechtweisung ein.
“Man springt nicht im Krankenhaus!” Die Faust für eine Kopfnuss hielt Kageyama gerade so noch hinter seinem Rücken zurück. Denn es war auch so, dass man Patienten nicht schlug im Krankenhaus. Gar nicht! “Erste Lektion gelernt!”, rief Hinata aus und verneigte sich vor dem Assistenzarzt. Kageyamas irritierter Blick brachte sogar Kenma zum Schmunzeln, allerdings wurde dieser direkt von Dr. Ukai herangezogen.
“Nun Kozume, wie gut sind deine Gipskünste? Unser Gipser sitzt heute selbst in der Notfallaufnahme. Mit dem Nageln hat er es wohl nicht so drauf”, lachte der Chefarzt und führte den geduckten Kenma in den Wartebereich, wo Yusuke Takinoue saß. Auf seinem Schoß hatte er seine Hand gebettet, umwickelt mit Küchenpapier, wo das Blut durchdrang und man auch deutlich zwei Nagelköpfe sehen konnte, die Richtung Hand gingen. “Das gipsen wir doch nicht, oder?”, fragte Kenma. Dr. Ukais linke Augenbraue zuckte hoch, sein Grinsen wurde finster und auch seine Augen verengten sich. “Oh nein, du sollst nicht Yusuke, den Deppen, vergipsen. Den sollst du nur verbinden, sobald wir die Nägel raus haben, aber dann wirst du unter seiner Aufsicht und Anweisung den anderen Gipse anlegen”, sagte Dr. Ukai und deutete mit einem Hauch von Mystik durch die Notfallaufnahme. “Also Dalli, ich brauch noch ne Zigarette”, forderte er und sowohl Kenma als auch Takinoue folgten dem Chefarzt der Unfallchirurgie in den Schockraum.
“Echt seltsam, mal auf dieser Seite zu sitzen”, lachte Takinoue und legte den Arm auf den Eingriffstisch. “Wie ist das überhaupt passiert?”, fragte Kenma, während er Tupfer und Desinfektionsmittel für die Wunden bereit legte. Er zog sich steril Handschuhe an und ließ Dr. Ukai das Küchenpapier abnehmen, während Takinoue erzählte, dass er vor Dienstbeginn noch seinen Eltern beim Dach geholfen hatte. Der letzte Sturm hatte ein paar Platten verschoben. “Und du Trottel schießt gleich zwei mal mit der Nagelpistole”, lachte Dr. Ukai. “Den Letzten wollte ich eben noch versenken. War nur leider etwas abgelenkt…”, murrte Takinoue. Dr. Ukai gewahr Kenma Einhalt. “Worauf achtest du, bevor du die Nägel raus ziehst?”, fragte er und Kenma nannte ihm die Nerven der Mittelhand. Er zeigte ihm auch, wie er testen konnte, ob sie betroffen waren, aber bei Takinoue schien alles gut zu sein. Er konnte die Finger anziehen, abstrecken und auch das Handgelenk in alle vorgesehenen Richtungen bewegen.
“Hast echt Schwein gehabt”, lachte Dr. Ukai. “Makoto hat heute Mittag Schwein”, spielte Takinoue auf den gemeinsamen Freund Makoto Shimada an, den Kantinenchef. “Kriegst du nur, wenn du den hier im Griff hast. Ich kann euch allein lassen? Perfekt. Nicht kaputt machen”, verabschiedete sich Dr. Ukai. Seine Hand ging bereits in die Tasche seines weißen Ärztekittels. Kenma ahnte, er griff nach den Zigaretten.
Er richtete den Blick wieder auf Takinoues Hand. “Im Grunde sind es saubere Eintrittsstellen. Die Nerven sind gesichert und auch die Arterien haben Sie nicht erwischt. Wie Dr. Ukai gesagt hat, hatten Sie wirklich Glück”, sagte Kenma und riss dann ohne Vorwarnung die beiden Nägel aus der Hand. Während Takinoue Protestschreie ausspieh schüttete Kenma das Wunddesinfektionsmittel darüber und drückte die Tupfer auf die Wunden.
“Man sagt ja immer, die Unfallchirurgen wären sterile Fleischhauer, aber das war wirklich unmenschlich”, erklärte Takinoue zischend. Kenma legte den Kopf schief. “Haben Sie noch Schmerzen?", fragte er. Stille trat ein. “Ich hatte davor auch keine, weil ich keinen Nerv erwischt hab, aber ich hatte welche, als du angezogen hast”, feixte der Patient. “Und jetzt?” Takinoue schnaubte. “Nein, alles vergessen”, gestand er Kenma bei, und ihr Tag als Gipsmeister und -lehrling begann.
Kenma reponierte mit Dr. Ukai ein paar Schienbeine, aber auch Ellen. Zwei Finger waren dabei. Und gemeinsam unter Takinoues Anweisungen legte er Gipse an.
Zu Mittag beschwerte er sich darüber, wie pingelig Takinoue war, weil Kenmas Gipse nicht gut waren. Sie waren muggelig und deforniert.
“Aber sie erfüllen ihren Zweck”, sagte er zu Yamaguchi, der eine ungewohnte Ausstrahlung hatte. “Ich würde sofort mit dir tauschen. Also wegen der Fachrichtung, aber heute nicht. Heute ist ein guter Tag auf der Herz”, sagte er und kicherte, als er von der Essensschlange zurück zum Tisch sah und sich über sein Schweinefilet her machte. Kenma versuchte auszumachen, wo das Kichern seinen Ursprung hatte, fand ihn aber nicht. Nur Dr. Semi und Dr. Konoha sah er ins Gespräch vertieft. Hinter ihnen wählte Akaashi gerade zwischen Schwein, Huhn und Tofu.
“Was ist denn so gut?”, fragte Kenma, weil Yamaguchi sogar zu summen begann. Da war doch was faul!
“Ich versteh mich total gut mit dem Anästhesieteam”, erklärte der Assistenzarzt. “Konoha ist echt nett”, erwiderte Kenma darauf, weil er ahnte, dass Yamaguchi mit Akaashis Freund oder Teilfreund oder zumindest mit dem Arzt, mit dem Akaashi viel seiner Freizeit verbrachte, arbeitete. Doch Yamaguchi schüttelte den Kopf.
“Nein, ich arbeite mit Dr. Semi. Er ist sehr nett und wir gehen heute Abend nach der Schicht auch noch in so einen Sushi Laden in der Innenstadt”, erzählte Yamaguchi gut gelaunt. “Wie ein Date?”, fragte Kenma. “W-was? Ähm… naja… so hab ich da noch nicht drüber nachgedacht. Aber… ja, vielleicht wie ein Date”, sammelte Yamaguchi seine Worte und wurde gleich rosa auf den Wangen.
“Was habt ihr beide zu gackern?”, fragte Tsukishima beim Hinsetzen. Kenma zog eine Schnute. “Ich gackere nicht”, murrte er, war aber von Yamaguchis Gesichtsausdruck und Gesten abgelenkt, die ihm sehr deutlich sagten, dass sie das Thema nun nicht mehr besprechen sollten. Vermutlich sollte Kenma auch sonst mit niemandem darüber reden. Wollte er auch nicht. Das Ganze gefiel ihm gar nicht. Sein Kopf drehte sich wieder zur Essensschlange. Akaashi und die Anästhesisten waren bereits am Auschecken, aber Dr. Semis Blick wanderte durch die Kantine. Just als sein Blick bei Kenmas und somit auch Yamaguchis Tisch hängen blieb, zwinkerte er und ging mit den anderen beiden zu einem eigenen Tisch. Anästhesieschwester Rinko Sudo setzte sich auch zu ihnen. Kenma entging nicht, dass Dr. Semi immer wieder zu ihnen herüber sah und er merkte natürlich auch, was das mit Yamaguchi machte und dass es Tsukishima nervte wie sonst was. Für Kenma war es unangenehm, weil Yamaguchi vor ein paar Stunden noch so niedergeschlagen wegen Terushima war und weil er wusste, dass Terushima eigentlich für Yamaguchi kämpfen wollte und er wusste nunmal auch, dass Yamaguchi Terushima liebte, das hat er ja gesagt. Ob Yamaguchi Parallelen zwischen Terushima und Dr. Semi sah? Das kesse Zwinkern hatten sie beide drauf, soviel war sicher. Aber sonst? Dr. Semi war viel reifer, auch wenn er schon gehört hat, dass er sehr zickig sein konnte und damit der Hauptgrund war, warum Shirabu oft miese Laune hatte. Oh, Shirabu. Da war doch diese Sache, die dieser mal erwähnt hatte. Dass die Anästhesisten so umtriebig waren und was auch Akaashi irgendwie bestätigt hatte, als er sich über Dr. Konohas Vergangenheit beschwert hatte.
Dann musterte er Yamaguchi wieder. Kenma seufzte. Warum musste es in diesem Krankenhaus eigentlich immer um solche Dinge gehen?
“Hab gehört, Dr. Vollidiot ist so blöd, der rasselt sogar beim Schwangerschaftstest mit 3 Punkten durch”, sagte Tsukishima mit gehäßiger Stimme. “Ja… das war schon selten dämlich", murmelte Yamaguchi.
“Ach komm, zieh nicht so ein Gesicht. Wenn er dich so traurig macht, ist er es nicht wert”, sagte Tsukishima streng. Yamaguchi nickte. “Sorry, Tsukki. Du hast recht.”
Am Tisch von Akaashi und den Anästhesisten ging ein Lachen durch die Runde. Nur Akaashi blieb stumm und fasste sich verlegen oder gar nervös in den Nacken. Kenma wusste nicht, welcher Unterhaltung er mehr fernbleiben wollte, also entschied er sich dazu, zu gehen. Er hatte seinen Reis und das gegarte Hühnerfleisch sowieso schon fast aufgegessen. Man konnte nicht von ihm verlangen, es zu vollenden. Kuroo war auch nicht da, der das als einziger wagte.
“Wir sehen uns”, sagte er und hoffte, dass er gerade Tsukishima nicht so bald über den Weg lief. Er mochte Yamaguchis besten Freund nicht besonders gerne. Vielleicht lag es daran, wie gemein er manchmal war, dass man ihm nicht ansehen konnte, was er dachte oder daran, dass er mit dem Oberarzt der Unfall zusammen war und sich nicht anmerken ließ, wie irre er eigentlich war. Tsukishima, nicht Dr. Tendou, der machte keinen Hehl daraus.
-
Kenmas Nachmittag war gut gefüllt mit gebrochenen Knochen, Repositionen und Gipsen. Im Grunde war das Arbeiten mit Takinoue auch sehr angenehm, ab dem Moment, als Kenma den Dreh langsam raus hatte. In einer kurzen Verschnaufpause, wo Dr. Ukai und Takinoue Kenma zum Rauchen mit hinaus genommen hatten, plauderten die beiden Älteren darüber, dass Takinoue schon seit einer Weile bei der Anästhesieschwester Ono landen wollte. “Viel zu alt für dich”, meinte Dr. Ukai. Takinoue zuckte mit den Schultern. “Alter ist nur eine Zahl und ich mag’s, wie ernst sie manchmal schaut”, erwiderte er und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette, wie auch Dr. Ukai. Kenma stand daneben, wie hinbestellt und nicht abgeholt. Aber er ließ seinen Blick schweifen. Dr. Meian war auch Raucher, aber er war heute immer nur kurz für genau eine Zigarette draußen. Wenig Smalltalk und irgendwie so, als wäre er auf der Flucht. Auch die Sanitäter hatten den ein oder anderen Raucher. Kenma fragte sich, wie Menschen, die im Medizinsektor arbeiteten, überhaupt noch rauchen konnten und wollten. Man wusste doch, wie schädlich das war und dass so gut wie jedes Leiden durch das Rauchen nur noch mehr gefördert wurde. Viele ihrer Patienten auf den Stationen waren hier, weil sie rauchten. Viele hätten schwere Verläufe vermeiden können, wenn sie nicht geraucht hätten. Dass das Schicksal manchmal einen Strich durch jede Rechnung machte, wollte Kenma nicht recht akzeptieren. Er glaubte daran, dass wenn man sich an die Regeln und Vorgaben hielt, dass auch alle Konsequenzen so kamen, wie sie zu kommen hatten. Deswegen rauchte er nicht. Und weil es widerlich war.
Am Abend war Kenma froh, dass er die Gipsreste abwaschen konnte. Noch im Krankenhaus zupfte er die weißen Bröckchen aus seinen Haaren und freute sich auf eine angenehme warme Dusche zuhause. Er warf die Bereichskleidung in den Wäscheschacht und schlüpfte rasch in seine Straßenkleidung. Schicksal. Timing. Schwer zu sagen, ob das nun eine angebrachte Konsequenz dafür war, dass er sich etwas Zeit gelassen hatte, aber als er zum Lift ging, standen dort bereits Dr. Semi und Yamaguchi.
“Das steht dir”, sagte Dr. Semi, weil er Yamaguchi, der die Kapuze von seinem orangenen Hoodie über den Kopf gezogen hatte, gerade seine Sonnenbrille aufsetzte. Wer bitte brauchte Mitte Februar eine Sonnenbrille? Bei dem Gedanken fielen ihm Worte ein, die Dr. Tendou einmal über Dr. Semi fallen gelassen hatte. Irgendwas von wegen schlechtem Style. Kenma konnte das schwer beurteilen. Ihm war nur klar, dass der Anästhesist in seinen Freizeitklamotten ganz anders aussah. Er trug einen schwarzen Beanie, eine silberne grobgliedrige Kette um den Hals, ein weißes Shirt und schief darüber ein schwarzes. Die graue Jacke hielt er in der Hand und trug sonst schwarze Jeans und am Mittelfinger einen silbernen Ring. Da noch die Sonnenbrille dazu, wäre wirklich etwas too much gewesen. Und als Yamaguchi sich zu Kenma umdrehte, merkte dieser, dass es ihm wirklich ganz gut stand. Sie hatte orange getönte Gläser mit dicken schwarzen Rahmen und machte Yamaguchi fast zum Badboy. Terushima wäre stolz.
“Hey”, sagte Yamaguchi. “Hey”, sagte auch Kenma. “Guten Abend, Dr. Kozume”, kam es von Dr. Semi und der Lift wurde betreten. “Ab nach Hause?”, fragte Dr. Semi. Kenma nickte. “Wir nicht”, sprach der Anästhesist weiter. Kenma nickte abermals. Er war dem Lift dankbar, dass sie rasch im Erdgeschoß waren, da ließ er die beiden vor gehen und seufzte ergeben.
Bei der Bushaltestelle traf er überraschend auf Akaashi. “Fährst du nicht immer mit dem Auto?”, fragte Kenma. Akaashi sah in seinen Straßenklamotten sehr edel aus, nur das chaotische Haar machte dem Gesamtbild einen kleinen Abstrich. Ein dunkelgrauer Rollkragen bekleidete ihn bis zum Hals, darüber trug er einen gut geschnittenen schwarzen Mantel und auch seine Umhängetasche hatte viel mehr Stil als die von Kenma, die mehr einer Sporttasche glich. Akaashi könnte in diesem Aufzug auch auf einer Bank arbeiten oder einer Agentur.
“Der Wagen ist in der Werkstatt. Service und Begutachtung”, erklärte er knapp und Kenma verstand. Auch Terushima hatte die Begutachtung für sein Motorrad irgendwann diese Tage. Vielleicht war er so umsichtig und hatte das heute gleich erledigt. Unwahrscheinlich. Aber vielleicht hatte Hana dafür einen Riecher.
Akaashi und Kenma standen ein paar Minuten an der Bushaltestelle. Kenma erkannte, dass Akaashi ungewohnt nervös auf und ab wippte. Er wusste, andere würden fragen, was los war. Auch Kenma wollte eigentlich fragen, zumal er die Situation beim Mittagstisch noch im Kopf hatte. Etwas war seinem Kollegen unangenehm. Aber wollte er sich wirklich noch so eine Baustelle auftun? Eigentlich wollte er nur seinen Frieden haben. Ruhe und nach der Dusche und einem Snack oder gar während dem Snack mit Iizuna telefonieren. Kenma haderte. Aber Akaashi nahm ihm die Wahl, zu fragen.
“Weißt du was?”, fragte er und Kenma reagierte vielleicht zu schnell “Nein! Ich weiß gar nichts!”
Akaashi hob skeptisch die Augenbraue. “Das klingt verdächtig. Was weißt du?”, fragte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Nichts, ich weiß gar nichts. Aber du wolltest doch was sagen, oder?" Kenma wollte nicht über irgendwas reden, von dem er etwas wusste. “Ja…”, zog Akaashi lang. Er überlegte einen Moment, entschied sich dann aber dazu, sein ursprüngliches Thema anzusprechen. “Ich wollte darüber reden, dass Konoha heute meinte, er findet Bokuto heiß und ich weiß nicht, was ich davon halten soll”, sagte er und bereute das Ansprechen. Kenma verdrehte die Augen. “Wow… die zwei Männer, mit denen du dich triffst, finden einander auch anziehend? Teru würde das den Jackpot nennen”, seufzte Kenma. Es ärgerte ihn, dass er in diesem ganzen Gespann von Vibes bereits einen so guten Riecher hatte. “Naja, eigentlich nicht. Zumindest weiß ich das noch nicht von Bokuto und ich weiß nicht, ob ich mit ihm darüber sprechen soll, aber ich merk schon, dass ich damit bei dir nicht an der richtigen Adresse bin. Sagst du mir trotzdem, was du weißt? Ich merk doch, dass es dich zerreißt”, schlug Akaashi den Ball wieder zurück und dann platzte es wirklich aus Kenma heraus, was ihn bereits den ganzen Nachmittag und noch mehr seit der Liftfahrt so sehr beschäftigte: “Und wie es mich zerreißt! Yamaguchi ist heute auf einem Date, nicht mit Teru, nur weil er Teru eins auswischen will. Oder vielleicht auch nicht, weil er irgendwie schon so ausgesehen hat, als würde er sich freuen. Und Dr. Semi geht doch nur mit Yamaguchi aus, weil er Shirabu eins auswischen will, der irgendwie zum Schein noch versucht zu zeigen, dass er und Futakuchi funktionieren. Tun sie aber nicht, sonst würde Futakuchi nicht mit seinem gebrochenen… Ding… auf der Unfall liegen. Und Tatsache ist ja, dass die beiden, also Shirabu und Futakuchi was mit Teru hatten und jetzt ist Dr. Semi eben mit Yamaguchi aus und ich fühl mich so seltsam. Eigentlich sollte mir das egal sein, aber es zermartert mir den Kopf. Ich will, dass endlich Ruhe rein kommt und ich will, dass Teru und Yamaguchi zusammen sind. Aber Yamaguchi hat nein zu Terus Antrag gesagt und Teru ist vermutlich bei Hana und tastet ihre Brüste ab oder reibt ihr den Bauch ein.” Kenma war außer sich. Er fuchtelte auch wie wild vor sich herum und erkannte erst, wie sehr er überreagierte, als Akaashi nach seinen Händen griff und sie betüchtigend nach unten drückte. “Hey, Kozume. Hol mal ganz tief Luft”, sagte er ruhig und übte weiterhin Druck auf Kenmas Hände aus. Kenma hielt inne. Er nickte und atmete tief ein. Gemeinsam mit Akaashi, der auch das Ausatmen dirigierte.
“War heute ein anstrengender Tag auf der Unfall, nicht wahr?”, fragte Akaashi. Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, war okay. Mit sowas komm ich klar”, antwortete er. Gemeinsam mit Akaashi übte er sich weiter im langsamen Atmen. “Dann überfordert dich privat etwas, dass diese ganze Sache mit Yamaguchi und Terushima dir so nahe geht? Das ist deren Problem und sie werden eine Lösung finden und wenn nicht… nun ja, dann ist es immer noch deren Problem. Und ich weiß, dass du das weißt, also was beschäftigt dich wirklich?”, analysierte Akaashi auf eine ganz unangenehme Art und Weise. Akaashis Blick durchdrang Kenma nahezu, dass er fast herauskatapultiert hätte, wie unsicher ihn die verqueren Liebeleien seiner Freunde und Kollegen machten, wenn er an seine eigene Chance auf Liebe dachte. Da wurde Akaashis Ausdruck sanft. “Bitte entschuldige, Kozume. Ich trete dir zu nahe. Das ist nicht fair. Das ist dein Bus, oder? Ich muss den nächsten nehmen”, sagte Akaashi. Kenma Bus blieb an der Haltestelle stehen. Akaashi hob die Hand zum Abschied und Kenma stieg überfordert mit der Situation ein. Abwesend setzte er sich direkt in die erste Reihe und sah beim Wegfahren nach draußen und beobachtete, wie Akaashis Blick hinter den Bus ging. Im Rückspiegel sah Kenma auch den nächsten Bus zufahren. Was für ein seltsames Aufeinandertreffen.
Ein solches hatte er auch, als er zuhause war. Schuhe, Jacke und Tasche blieben im Vorzimmer zurück und Kenmas Kleidung fand schnell ihren Platz am Boden vor der Duschkabine, wo er übertragen den ganzen Ballast abspülen konnte.
Mit geschlossenen Augen ließ Kenma das warme Wasser über seinen Kopf hinweg über sich prasseln. Er fummelte die letzten Gipsklumpen aus ein paar Strähnen und genoss, wie mit jedem Grad Temperatur Entspannung in seinem Körper Einkehr fand.
Jemand betrat die Wohnung und Kenma ging davon aus, dass es entweder Kuroo oder Terushima waren. Wäre es Kuroo, wusste er, dass er bis nach der Dusche seine Ruhe hatte. Wäre es Terushima… ja dann würde er es zumindest gleich wissen, denn was auch immer bei dem Ultraschall passiert war, Kenma wusste, Terushima würde nicht lange ein Geheimnis daraus machen. Und Kenma wusste auch schon, dass Türen keine Hürden für seinen Mitbewohner waren. Tatsächlich für keinen der beiden.
Da ihm niemand im Badezimmer überfiel, ging er somit von Kuroo aus und fühlte sich nach der Dusche auch sicher, sich in aller Ruhe anzuziehen. Seine alte Jogginghose, die er noch aus Schulzeiten hatte, zog er an und warf einen schwarzen Hoodie über, der auch schon bessere Zeiten gesehen hatte.
Mit dem Schließen der Badezimmertür hinter sich, knallte auch gleichzeitig die Wohnungstür ins Schloss und Terushima stand aufgebracht im Wohnzimmer. Kuroo saß mit dem Smartphone auf der Couch und spielte ein Rätselspiel. Kenma wollte sich gerade auf den Weg in sein Zimmer machen. Doch Terushimas aktueller Allgemeinzustand ließ erahnen, dass sie eine lange Nacht haben würden. Noch ehe einer der beiden Fragen konnte, was los war, ließ Terushima seinem Frust freien Lauf.
“Ich wollte in der Früh hinfahren, aber sie ist nicht angesprungen. Batterie leer. Total beschissen. Aber Hana hat einen Abschleppservice organisiert. Sie kennt sich so gut aus im Leben… Naja, wie auch immer. Das Bike ist gerichtet. Die haben die Batterie geladen und ein bisschen Flugrost vom langen Stehen weggemacht. Nächste Saison brauch ich neue Reifen, aber das ist okay. Nur jetzt kommts. Als ich dann dort war zum Heimfahren… ich konnte nicht. Ich hab’ den Motor gehört und ich konnte den Kupplungshebel nicht loslassen. Steht jetzt dank Hana wieder beim Krankenhaus… Ich glaub, wegen Kaede hab ich Angst”, erzählte Terushima und gab endlich zu, was Kenma schon lange wusste. Kuroo versuchte, das ganze Gerede noch zu verbinden.
“Und ich hab Angst vor dem Baby und Hana, also nicht Hana direkt… wobei… naja, sie kann schon sehr streng sein, aber ich hab Angst davor, mit ihr diese Familie zu gründen und ich hab Angst davor, mit Yamaguchi eine Beziehung zu haben, weil ich so viel falsch mache und ich will es mit ihm nicht versauen. Ich hab Angst, dass ich mir das mit ihm zerstöre.”
“Ich glaub, der Zug ist abgefahren. Hab ihn heute gemeinsam mit SemiSemi ins Auto steigen sehen. Hatte seine Sonnenbrille auf”, warf Kuroo ein, der zumindest auf den Zug des Monologs aufgesprungen war und erntete von Kenma einen bitterbösen Blick. “Was denn?”, fragte Kuroo und Kenma deutete auf Terushima, der gerade aussah wie ein begossener Pudel. “Wirklich?”, fragte Terushima mit bebender Stimme. Na toll, wenn Terushima jetzt auch noch anfing zu weinen, dann wäre für Kenma der Abend vollends gelaufen. Wie konnte das alles nur so eskalieren? In weniger als 24 Stunden war alles auf den Kopf gestellt.
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Terushima hat nicht begonnen zu weinen. Stattdessen hat er mit Kuroo die Köpfe zusammengesteckt und einen Masterplan entwickelt. Denn auch Kuroo meinte, besondere Schachzüge zu benötigen, um - wie hat er gesagt? - Dr. Sawamura auf allen Ebenen zu übertrumpfen. Kenma war damit auch der Meinung, dass er die beiden alleine lassen und Iizuna anrufen konnte. Allein, seine Stimme zu hören, erdete Kenma ungemein, dass er einfach nur seufzte und “Tsukasa…”, langgezogen aussprach. Auf der anderen Seite der Leitung ging die Panik über. “Nein! Nein bitte Kenma nicht. Bitte sag mir nicht, dass es zu schnell geht und wir eine Pause brauchen. Bitte, ich will dich wieder sehen und nicht erst in ein paar Wochen oder Monaten. Es tut mir leid. Ich war zu aufdringlich” - “Tsukasa”, unterbrach Kenma, der von dem Ausbruch ganz überrascht war, aber irgendwie auch verstand, dass er sich das selbst eingebrockt hatte, indem er Iizuna stets so lange hat warten lassen. “Ich will dich auch bald wieder sehen, aber die nächsten Wochen sind so stramme Dienste. Deswegen wollte ich dich fragen, ob es für dich okay wäre, einfach mit mir in der Krankenhauskantine zu essen", schlug er vor und musste bei Iizunas erleichterten Seufzen lächeln. “Tut mir leid, wenn ich dich verunsichere”, schob er nach. “Schon gut. Ich halt das aus. Und ich würde sehr gerne mit dir im Krankenhaus essen. Wir können aber auch im angrenzenden Park picknicken. Ich richte alles her, du musst nur zum Essen kommen und ich räum wieder auf. Dann kannst du deine Mittagspause einhalten”, plapperte Iizuna vor sich hin, als hätte er schon längst alles akribisch durchgeplant.
“Tsukasa… du bist unglaublich”, sagte Kenma. “Ich weiß. Also, wann darf ich dich mit einem Picknick verwöhnen?”
Mit Iizuna Pläne zu machen, fühlte sich für Kenma überraschend leicht an. Vermutlich lag es daran, dass er selbst nicht viel planen musste. Iizuna wirkte, ein Organisationstalent zu sein. Iizunas Stimme war auch der Grund, warum Kenma schneller einschlief.
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Nur ein paar Tage später, hatte es das Wetter gut gemeint und einen richtig warmen Tag Ende Februar gebracht. Die Sonne wärmte die Haut, aber im Schatten war es weiterhin zu kalt. Mit der OP-Jacke und einer Kappe, die er Terushima ausgehängt hatte, war Kenma geschützt gegen den frischen Wind und die Mittagssonne, die Iizuna mit einem dünnen roten Beanie abschirmte. “Ich hab Sandwiches gemacht und hab Obst mitgenommen, außerdem hier noch Apfeltee, eine Empfehlung meiner Mutter”, erklärte Iizuna während er Kenma auf die orange/gelb karierte Picknickdecke zog. Kenma war aus den Schuhen geschlüpft und setzte sich bequem. “Danke, das ist sehr aufmerksam”, sagte er. Um sie herum hatten sich nur vereinzelt Leute getraut, dem sonnigen Tag eine Chance zu geben, war es in den letzten Tagen ja doch oft so, dass die Sonne trügte und es dennoch kalt war. Aber langsam, so merkte es auch Kenma, kam der Frühling und er fand ihn in Iizunas Augen, die wärmer nicht auf ihn hätten wirken können.
“Nicht der Rede wert”, sagte dieser und öffnete die Box mit den zusammengestellten Leckereien. “Oh, ich hab auch was mitgenommen, also eigentlich eh du, nur… sie war bei mir”, sagte Kenma und nahm eine kleine Plastikdose aus der Jackentasche.
Iizuna lachte vergnügt, als der Deckel abgenommen wurde. “Du hast sie aufgehoben”, sagte er. Kenma nickte. “Kuro hat sie in den Kühlschrank getan und gesagt, ich soll sie heute mitnehmen. Hoffentlich ist sie noch gut”, ging Kenma auf die Sternfrucht ein, die Iizuna am Valentinstag in der vergangenen Woche mitgenommen hatte. Iizuna nahm ein Messer und sie überzeugten sich davon, dass eine Sternfrucht unter richtiger Aufbewahrung auch nach einer Woche noch genießbar und zu teilen war.
“Ist unser Schicksal jetzt verbunden?”, fragte Iizuna und griff nach Kenmas Hand. “Das war es schon an dem Tag, als du ins Krankenhaus gekommen bist”, gestand Kenma und provozierte durch diese Antwort einen Kuss, den er gerne auf sich nahm. Kenma schloss die Augen und spürte, wie ihn dieser Kuss gleichzeitig aus dieser Welt riss und ihn ebenso erdete. Das war ganz anders als das, was er damals mit Terushima erlebt hatte. Terushima war wild und aufregend gewesen. An Iizunas Lippen spürte er auch Aufregung, aber er war nicht wild. Iizuna war sehr sanft und liebevoll, auch wie er sich langsam wieder von ihm löste, dass Kenma es bedauerte.
“Das werde ich sehr vermissen, Kenma”, hauchte Iizuna gegen seine Lippen und legte ihm die Hand auf den Hinterkopf. Iizunas Stirn lehnte an Kenmas. Ihre Nasenspitzen berührten sich. Kenma lächelte verliebt und Iizuna seufzte. “Ich muss dir was sagen.” Kenma neigte den Kopf und erwiderte den Blick, mit dem ihn Iizuna einfing. “Was denn?”, fragte Kenma. Iizuna holte tief Luft.
“Ich fliege Anfang nächste Woche mit dem Orchester nach Italien und von dort sind wir dann einen Monat in Europa unterwegs”, sagte Iizuna und wurde mit jedem Wort bedrückter. “Oh”, machte Kenma und drückte Iizunas Hand fester. “Wie viele Stunden sind da Zeitdifferenz? Wann werden wir telefonieren?”, fragte Kenma. Iizuna lachte mit einem breiten Lächeln auf “Jederzeit”, hauchte er. “Du darfst mich jederzeit anrufen und wenn ich nicht gerade am Klavier sitze, werde ich abheben”, versprach er und entfernte sich ein Stück, dass sie einander wieder direkt ansehen konnten. “Ich genieße die Zeit mit dir sehr. Du wirst mir fehlen”, sagte er und seufzte. Kenma zuckte mit den Schultern. “Ein Monat ist nicht lang”, erwiderte er und griff zu dem Tee von Iizunas Mutter. Er mochte ihn umgehend.
“Ein Monat ist lang, wenn man sich gerade in jemanden verliebt…”, murmelte Iizuna gerade noch so, dass Kenma ihn verstehen konnte.
“Ich sollte langsam wieder zurück”, sagte Kenma. Er haderte, wäre er doch noch gerne mit Iizuna hier geblieben, aber es war nicht nur so, dass die Zeit zu schnell verging, wenn er mit ihm zusammen war, es wurde auch langsam kühl und außerdem spürte er, dass er gerade vielleicht auch Angst hatte. Ähnlich wie Terushima.
“Ja… ja klar.” Iizuna nickte und rappelte sich auf. “Geh Leben retten. Ich räume hier auf und freu mich auf deine Nachricht oder deinen Anruf. Je nachdem, wonach dir ist”, sagte er und ließ Kenma gehen. Kenma kam nicht drum herum, zu vernehmen, dass Iizuna anders wirkte. Ertappt? Überrumpelt? Enttäuscht? Sein Lächeln aber ließ ihn wohl und sicher fühlen. “Bis dann”, sagte er und ging schnellen Schrittes, weil es wirklich kalt wurde mit dem Wind, zurück ins Krankenhaus, wo er noch einen Nachmittag noch als Takinoues Gips-Vertretung verbrachte. Ab morgen durfte er endlich wieder unter seinem Mentor in der Neurochirurgie arbeiten. Er durfte sich um Dr. Sakusas Patienten kümmern und dürfte im OP neben ihm stehen und wenn es Dr. Sakusa recht war, auch assistieren. Er dürfte sicherlich assistieren. Er spürte ja, dass er der Liebling des Oberarztes war. Dr. Sakusa verschmähte Shirabus arschkriecherisches Getue. Das zog vielleicht bei Dr. Nekomata, aber Dr. Sakusa hatte dafür keine Sensoren.
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Kenma stand gerade am Stützpunkt der Neurochirurgie und scrollte am Computer durch das OP-Programm. Er war früh dran diesmal, weil er Terushima ausgewichen ist. Zu spät kommen, war keine Option, früher eigentlich auch nicht, aber die bessere für diesen Tag.
Am äußersten Ende seines Sichtfeldes sah er, dass jemand einen Becher abstellte und ihn langsam zu ihm rüber schob. Kenma wandte den Blick vom Bildschirm ab und sah mit aufgeklapptem Mund, der fragen wollte, was das sollte, in Dr. Sakusas Gesicht. “Hier”, sagte der Oberarzt und übergab den Becher in Kenmas Obhut.
“Danke, aber… wofür ist das?”, fragte Kenma, weil Assistenzärzte von Fachärzten oder Oberärzten nur Aufmerksamkeiten bekamen, wenn sie etwas wirklich gut gemacht hatten und Kenma war gerade erst angekommen.
“Manchmal ist Kaffee einfach nur Kaffee”, sagte Dr. Sakusa. Seine dunklen Augen hafteten auf dem Kaffeebecher, schweiften kurz ab und landeten dann auf dem eigenen Becher. “Danke”, sagte Kenma und nahm den Deckel ab. Er mochte die nicht. Dr. Sakusas Mundwinkel zuckten hoch. “Und manchmal erkennt man dadurch aber wohl auch Gemeinsamkeiten”, sagte er darauf und nahm einen Schluck von seinem eigenen Becker, der ebenfall ohne Deckel war.
“Dr. Sakusa, darf ich Ihnen eine Frage stellen?”, fragte Kenma. Dr. Sakusa nickte. “Nur zu”, ging der Oberarzt darauf ein. “Mir ist aufgefallen, dass Sie im März weniger Operationen haben und auch ganze Wochen ausfallen”, sagte Kenma und deutete auf den Bildschirm. Dr. Sakusa musste nicht hinschauen, er wusste den Grund dafür ja.
“Ich bin nächsten Monat vor Gericht geladen und weiß nicht, wie lange sich das hinauszögern wird. Diese Operationen sind sowas wie Notfälle, die dringend gemacht werden müssen. Da kann auch das Gericht nichts machen”, erklärte Dr. Sakusa. Kenma erinnerte sich an den Moment, den er vor Dr. Romeros letzter Transplantation im Haikyuu Medical Hospital beobachtet hat. “Oh, ist es wegen Dr. Romero?”, fragte Kenma deswegen. Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. “Ich schätze viel mehr, was auch immer mit DrDr. Romero ist, ist tatsächlich wegen mir”, sagte Dr. Sakusa. Kenma verstand nicht. Man sah es ihm wohl auch an, denn der Neurospezialist sprach weiter: “Osamu hat mich angeklagt, seinen Bruder umgebracht zu haben”, sagte Dr. Sakusa so gefasst, dass Kenma den Inhalt noch einmal stumm wiederholen musste.
“Aber…”, begann er und Dr. Sakusa nickte. “Ich weiß. Und er weiß das eigentlich auch. Mir wäre es auch lieber, wenn Ats- wenn sein Bruder noch leben würde. Ich hab die Entscheidung getroffen, die ethnisch korrekt war”, sagte Dr. Sakusa. Kenma merkte, dass er Atsumus Namen nicht aussprach und vermutete, dass er es schlichtweg nicht konnte. Er hat ja gehört, dass er gestockt hat und er sah jetzt auch, dass seine Augen wieder trüber wurden. “Dann wird das Komitée auch so entscheiden”, warf Kenma ein. Dr. Sakusa nickte. “Wird es, aber ich muss mir dann wieder Schritt für Schritt anhören, was DrDr. Romero gemacht hat. Dass er keinen Fehler gemacht hat. Dass ich niemanden habe, auf den ich es schieben kann, außer Rintaro und das ist unfair.” Dr. Sakusa trank noch einmal an seinem Kaffee. “Wie dem auch sei. Ich erwarte Sie vorbereitet in meinem OP, Dr. Kozume”, sagte er zum vorübergehenden Abschied und ließ Kenma mit dem Kaffee stehen, der genau so gerichtet war, wie er ihn selbst immer machte. Mit viel Milch und ein bisschen Zucker. Kuhmilch, keiner Hafermilch. Es war ein Genuss, genauso wie das Assistieren im Operationssaal seines Mentors.
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Im Bus am Weg zurück in die Wohnung schrieb Kenma Iizuna, dass er einen spannenden Tag hatte. Iizuna schreib, dass er den ganzen Tag am Klavier gesessen hatte. Wenig später lag Kenma frisch geduscht in seinem Bett. Am Bauch und das Handy lag mit dem Lautsprecher an neben ihm, während er sein aktuelles Adventure spielte und von den Eingriffen erzählte, bei denen er Dr. Sakusa assistiert hatte. Iizuna nutzte ein paar freie Minuten und spielte Kenma eines seiner [url=https://open.spotify.com/intl-de/track/2KMtBbjtFw2PaqANFNOF2V?si=b04e32fef72b47e6]Lieblingsstücke[/url] vor. Kenma stellte sogar das Spielen ein und legte den Kopf neben das Handy. Er lauschte verträumt.
“Spielst du mir das auch mal live vor?”, fragte er. Iizuna spielte die letzten Noten aus. “Nichts lieber als das”, antwortete er und spielte Kenma auf dessen Wunsch noch bis zum Einschlafen Musik vor. “Ich könnte mich dran gewöhnen”, flüsterte Kenma mit müder Stimme. Der Fernseher und die Konsole waren bereits ausgemacht und Kenma war unter die Decke gekuschelt. Er fragte sich, wie es wäre, wenn Iizuna neben ihm liegen würde, oder wenn er jetzt bei ihm wäre und in dessen Wohnzimmer, von dem er noch gar keine Vorstellung hatte, auf der Couch liegen würde und Iizuna beim Spielen zusehen könnte. Wie schön es wäre, wenn er sehen könnte, wie Iizuna in der Musik versank und die Passagen länger spielte, die ihm gefielen, sie wiederholte, mal um mal, weil er eine Bedeutung dahinter spürte und er fragte sich, ob er die Bedeutung verstehen würde. Aber am meisten fragte er sich, ob es in Ordnung war, neben Iizuna einschlafen zu wollen. So wie jetzt, nur nicht mit dem Handy verbunden, sondern Arm in Arm.
Irgendwann musste Iizuna nur noch Kenmas Atem hören, denn er war eingeschlafen. “Träum schön”, flüsterte er ins Handy, was Kenma unterbewusst lächeln ließ, dann wurde aufgelegt.
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So wie den vergangenen Abend verbrachten Kenma und Iizuna auch die nächsten. So lange, bis Iizuna seinen Flug nach Italien hatte. Iizuna flog am Nachmittag, etwas nach Kenmas Schichtende, so dass sie noch telefonieren konnten.
“Wird es denn teuer, wenn wir interkontinental telefonieren?”, fragte Kenma während er in der Umkleide gerade noch seine Schuhe zu machte. Neben ihm stand Terushima mit skeptischem Blick. Kenma war ihm eine Weile ausgewichen. Zumal er beobachtet hat, dass Yamaguchi und Dr. Semi gut klar kamen und Terushima Hana wie am Rockzipfel hing.
“Wir können die Internetverbindung nutzen, ansonsten ist es mir das wert”, sagte Iizuna und Kenma lächelte. “Wie lange musst du jetzt warten?”, fragte er. “Etwas mehr als drei Stunden. Wir gehen auch noch nicht direkt durch den Sicherheitscheck. Ist wenig los und draußen kann man noch halbwegs günstig Kaffee trinken. Warum fragst du? Kommst du mich aufhalten wie in den ganzen Liebesfilmen?”, fragte Iizuna mit einem frechen Beiton. Kenma aber antwortete mit einem plumpen “Nein.” Iizuna lachte verhalten. “Schade, du wirst mir fehlen”, sagte er. “Du mir auch, aber wir hören uns”, wusste Kenma. Länger ging das Gespräch dann auch nicht mehr, weil Kenma im Bus nicht telefonieren wollte. Er würde sich zuhause melden. Iizuna freute sich darauf.
“Warum wird dir wer fehlen?”, fragte Terushima. “Iizuna… weil er jetzt einen Monat in Europa ist”, erklärte Kenma knapp und ging voraus. Terushima folgte ihm und stellte weiter Fragen, die ihm auch verrieten, dass Iizuna eben erst am Flughafen angekommen war und dort nun einsam sein musste. “Warum fährst du nicht zum Flughafen?” - “Weil der Bus ewig dorthin braucht”, erklärte Kenma. “Aber du würdest gerne, oder?”, fragte Terushima und Kenma nickte ergeben. “Ich halt den Gedanken nicht aus, dass ich ihn noch einen ganzen Monat nicht sehen kann und… ich würde ihm so gerne etwas sagen, aber ich weiß, dass man das nicht übers Handy macht”, sagte Kenma. Terushima blieb stehen. Es war als hadere er mit sich. “Sollen wir ein Taxi rufen?”, schlug er vor. “Nein, es ist Feierabendverkehr…”, antwortete Kenma mit dem Blick auf die Straße, die genau das bereits bestätigte. Für den Bus gab es zwar die Busspur, aber die brachte ihm nichts, wenn der langsam war. “Dann…”, Terushima atmete tief ein. “Komm mit! Ich hab ne Idee”, sagte er und griff grob nach Kenmas Handgelenk. Er zog ihn über den Parkplatz, dort hin, wo sein Motorrad stand. Mit einem Schlüssel nahm er die beiden Helme herab, die mit einer Kette angebunden waren und reichte Kenma einen. “Hier”, sagte er, aber Kenma zögerte. “Du sagtest doch… du kannst nicht fahren”, warf er ein. “Ja… aber da ging es um nichts. Jetzt geht's um Liebe. Oder? Ich lass nicht zu, dass du auch nur einen Moment darauf verzichten musst. Es reicht, dass ich es verbockt habe. Du fährst jetzt mit mir zum Flughafen und gestehst ihm deine Gefühle”, forderte Terushima. Kenma verzog das Gesicht. “Bist du nicht etwas überdramatisch?”, fragte er, doch Terushima schüttelte den Kopf. Er war überzeugt. Er setzte auch rasch den Helm auf, schwang sich auf die gelbe Maschine und deutete Kenma es ihm gleich zu tun, während er den Schlüssel ins Schloss steckte und den Motor brummen ließ. Ein Impuls brachte Kenma dazu, auf Terushima zu hören. Es mochten die Hormone sein, die von der schwangeren Hana abfärbten, aber Terushima hatte recht und Kenma musste noch vor Iizunas Abflug mit ihm über seine wachsenden Gefühle sprechen. Er wollte ihm sagen, dass er dabei war, sich in ihn zu verlieben, so wie Iizuna es bei ihrem Picknick angesprochen hatte und wovor Kenma irgendwie geflüchtet war. Er verliebte sich. Aufrichtig. Langsam. Immer mehr. Jeden Tag mehr. Jedes Telefonat mehr. Jedes Klavierstück mehr und immer mehr, wenn er Iizunas Stimme hörte und an ihn dachte. Und er wollte ihn sehen. Er wollte ihn wirklich echt sehen und noch einmal küssen, bevor es ihm für so lange verwehrt bleiben würde.
Schneller als er es noch einmal hätte überdenken können, hatte Kenma den Helm aufgesetzt und saß hinter Terushima auf der Kawasaki. “Arme um mich und los geht's", rief Terushima über das Motorgeräusch hinweg und Kenma schlug wie aus Reflex beim Wegfahren die Arme um Terushimas Taille. Des tosenden Windes wegen drückte er sich fest an ihn, kniff die Augen zu und hinterfragte für einen Moment jede Entscheidung seines Lebens, die ihn dazu gebracht hatte, Terushima so blind zu vertrauen.
Kenma musste aber zugeben, dass er sich sicher fühlte hinter Terushima mit dem brummenden Motor knapp unter sich und dem peitschenden Wind um sich. Bald machte er auch die Augen wieder auf und sah, wie sie sich zügig durch den Berufsverkehr schlängelten. Eine gute Portion Adrenalin jagte durch seine Adern und regten seine Pläne an. Anstatt Iizuna zu sagen, dass er sich aufrichtig in ihn verliebte, wollte er ihm nun auch sagen, dass er sich wünschte, er würde bleiben. Er würde ihm kein Ultimatum stellen, er wollte ihm einfach nur all das ins Gesicht sagen, was ihm durch den Kopf ging und was sein Herz und seinen Magen verrückt spielen ließ. Er musste wirklich verrückt geworden sein.
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Terushima hielt am Flughafen vorm Haupteingang. “Beeil dich, ich such nen Parkplatz und finde dich dann”, sagte er und scheuchte Kenma weiter.
Kenma sprang vom Motorrad und lief so schnell er konnte in die Richtung des Terminals, von dem er durch die Anzeigetafel wusste, dass Iizunas Flug gehen würde. Den Helm hatte er abgezogen und in am Kinnriemen in der Hand. Er lief quer über den Flughafen, an suchenden, aber auch wartenden Leuten vorbei. Er hoffte so sehr, dass Iizuna noch nicht zum Gate gegangen war. Verdammt.
Vor der nächsten Abbiegung zückte er sein Handy und wählte Iizunas Nummer. Aber das Laufen hatte sich bereits ausgezahlt, denn er sah, wie Iizuna einige Meter vor ihm tatsächlich gerade zum Aufzug ging, der zur Sicherheitskontrolle fuhr. Kenmas Herz schlug schneller.
Die Lifttür ging auf. Drinnen stand ein Mann, nochmal etwas größer als Iizuna es war, und zog den Konzertpianisten vor Kenmas Augen mit sich schließenden Lifttüren and sich und in einen Kuss. Kenma stoppte abrupt ab. Das Handy fiel ihm aus der Hand, auch der Helm entglitt seinem Griff.
Nach zwei weiteren tut-Geräuschen hörte er Iizunas Stimme aus dem Lautsprecher.
“Kenma?”
Aber Kenma ließ sein Handy am Boden liegen.
Consequences
”Übung macht den Meister.” Das hat man uns in der Schule bereits gesagt, vermutlich sogar schon im Kindergarten und im Laufe unseres Lebens immer wieder.
“Irgendwann geht es ganz von alleine.” Auch das ist so ein Satz, der uns bei Neugelerntem gerne gesagt wird. Dann kommt irgendwann der Begriff “Muscle Memory” dazu und wir sehen, dass Dinge, die wir früher im Leben noch nie gemacht haben, Gewohnheit werden können.
Das kann alles sein: Tätigkeiten, die wir im täglichen Leben brauchen, wie einen Löffel zu halten, um uns Suppe einzuflößen. Schlucken gar vorab bis über zu Talenten und Geschick, aber auch Fertigkeiten, die uns unseren Beruf durchführen lassen.
Manchmal verlernen wir aber auch. Wir verlernen, eine leserliche Handschrift zu führen, wenn wir nur noch tippen.
Verlernen, auf uns zu achten, wenn unsere Sorge stets auf anderen Menschen liegt. Manchmal müssen wir etwas neu lernen, weil wir es lange nicht getan haben und die Erinnerung fehlt. Es ist ein steiniger Weg, wenn es darum geht, Muskel neu aufzubauen. Nach langer Bettlägerigkeit, Koma, Paralyse.
***
Die Vorhänge waren zugezogen, das Licht abgedreht und als reichte das nicht, hatte Kenma seinen Kopf unter die Bettdecke gesteckt. Kenma hat nicht geweint. Er hat nicht gewütet oder geschimpft. Er war einfach wieder zurück gegangen und hat Terushima gesagt, es sei alles erledigt und in Ordnung.
Terushima saß nun bei ihm neben dem Bett, weil er nicht mehr glaubte, dass alles erledigt, geschweige denn in Ordnung war. Kenma ignorierte ihn. Er ignorierte jeden einzelnen Versuch, zu reden, herauszubekommen, was passiert war und die Decke zu heben. “Lass mich”, war das höchste der Gefühle, das Terushima bekam.
“Yuuji, hol die Schaufel aus dem Keller”, platzte Kuroo aufgebracht in das Zimmer. “Wir haben ‘nen Keller?”, fragte dieser, anstatt sich zu erheben. Kuroo verzichtete aber darauf, das mit dem Kellerabteil zu erklären.
“Kenma, was ist los?”, war es nun wichtiger, sich um das Häufchen Elend zu kümmern. Kuroo stapfte auf das Bett zu und riss die Decke erfolgreich herunter. Kenma drehte sich zur Wand um. Er spürte, dass Kuroo die Grenzen der Privatsphäre überschritt und sich ins Bett stemmte.
“Was ist passiert?”, fragte er und mühte sich, Kenma an der Schulter auf den Rücken zu drehen.
“Wir sind zum Flughafen gefahren, dass er der Grinsekatze sagen kann, dass er ihn liebt”, erklärte Terushima. Kenma versetzte es einen Stich ins Herz. Er hätte es so nicht ausgedrückt. Er wollte nicht die drei Worte sagen, aber er wollte Iizuna erklären, dass er Gefühle für ihn entwickelte. Dass er Angst hatte, aber es auch schön fand, weil er so sehr hoffte, dass Iizuna ähnlich empfand. Nun war er sich aber sicher, dass dem nicht so war.
“Und er hat dich abblitzen lassen? Was ist das für ein Arsch? Weiß er überhaupt, was er an dir hat?”, wütete Kuroo in einer Art und Weise, die eigentlich für Kenma angebracht gewesen wäre. Kenma aber schüttelte den Kopf. “Dann bist du so aufgelöst, weil er deine Gefühle erwidert?”, fragte Kuroo uneins. Kenma schnaubte.
“Jetzt mach dich nicht lächerlich”, knurrte er und drehte sich wieder weg. Kuroo wandte sich an Terushima. “Was zur Hölle ist passiert?” - “Ich weiß es nicht” - “Du warst bei ihm” - “P.A.R.K.E.N!” und dann reichte es Kenma. Er riss sich hoch und schlug mit den Fäusten auf seine Oberschenkel. “Er hat nen Anderen geküsst, okay?”, fauchte er heraus.
“Was?!”, Terushima klappte der Mund auf. “Jetzt mach aber du dich mal nicht lächerlich”, warf Kuroo ein. “Ich hab gesehen, wie er jemanden geküsst hat. Im Lift”, sagte Kenma und stand auf. Er ging an den beiden vorbei ins Wohnzimmer und weiter in die Küche. Suchend. Terushima und Kuroo tauschten die Blicke des Unglaubens aus, stürmten Kenma aber nach.
“Und wen?”, fragte Terushima. Er handelte sich eine Kopfnuss von Kuroo ein. “Sicher, dass er es war?”, fragte dieser stattdessen. “Keine Ahnung, wer das war. So n großer Kerl. Und ja, ich bin mir sicher, dass er es war”, antwortete Kenma, während er weiter durch die Kästen und auch den Kühlschrank suchte. “Und der Kuss war im Consent?”, fragte Kuroo. Terushima hob die Augenbrauen. “Consent?”, fragte er. “Gegenseitiges Einvernehmen?”, konterte Kuroo und Terushima nickte, erstarrte dann aber. “Oh” sein Blick blieb auf Kenma. Da war ja auch was ohne gegenseitigem Einvernehmen gewesen. Aber das lag in der Vergangenheit und sie hatten das geklärt. Begraben sozusagen.
“Sah nicht so aus, als wäre es ihm unangenehm gewesen”, antwortete Kenma. Er ging weiter ins Wohnzimmer und öffnete da ein Kästchen nach dem anderen.
“Was verdammt nochmal suchst du?!”, fragte Kuroo aufgebracht. Terushima verfolgte mit dem Blick Kenmas Route. “Alkohol! Sowas macht man doch in so einer Situation, oder?”, offenbarte Kenma und Kuroo seufzte. Terushima war schon drauf und dran den Aufenthaltsort einer Flasche Rum bekannt zu geben, da bat Kuroo Kenma, sich zu setzen.
“Lass uns das alles doch nochmal langsam durchgehen, okay?”, fragte er und so saßen sie zu dritt um den kleinen Wohnzimmertisch und Kenma erzählte davon, wie Iizuna in den Lift gestiegen und regelrecht in die Arme des Mannes gelaufen ist, der ihn schließlich geküsst hatte. “Ich hab mein Handy aufgehoben und bin zu Teru gegangen.”
Kuroo überlegte. Terushima brach in Schimpftiraden aus.
“Was, wenn es eine Verwechslung war?”, fragte Kuroo. “Oh, eine Verwechslung! Das wäre logisch”, meinte Terushima plötzlich wieder beruhigter. “Bro, du solltest echt mal deine Impulsivität kontrollieren lassen”, sagte Kuroo zu ihm und verdrehte die Augen. “Ich erwarte ein Baby, meine Hormone sind komplett durcheinander!” Die nächste Kopfnuss folgte. “Hana ist schwanger, sie hat das Hormonchaos. Und sie hat das übrigens perfekt im Griff”, klärte Kuroo auf. Kenma schnaubte belustigt. Ein zweites Mal und dann brach er plötzlich in Gelächter aus.
Wie sagte man? Alle guten Dinge waren drei und deswegen kassierte Terushima gleich noch eine dritte und letzte Kopfnuss für diesen Abend. “Du hast ihn kaputt gemacht”, feixte Kuroo der Kopfnuss hinzu. Terushima rieb sich unter Protest den Kopf. “Gar nicht wahr. Ich hab ihn schon so von dir übernommen” - “Was heißt hier übernommen? Als würde ich ihn aus meiner Obhut geben” - “Solltest du wohl, siehst ja, wozu es geführt hat.” Ein Gerangel ging los, während sich Kenma überraschend amüsierte.
Nach einer Weile stand er aber auf.
“Danke, ihr habt mich irgendwie aufgemuntert. Es ändert zwar nichts, aber… naja, ich weiß immerhin, dass ich euch hab”, sagte Kenma und ging wieder auf sein Zimmer. Dort ließ er die Tür offen, weil er wusste, dass es sowieso nichts brachte und setzte sich wieder hinter seine Konsole. Das Handy blieb blinkend am Nachtkästchen liegen.
***
Auch am nächsten Morgen blieb das Handy am Nachtkästchen liegen. Kenma hatte spontan entschieden, das ganze Thema mit Iizuna zu vertagen. Denn er wusste, dass es nichts brachte, wenn er sich nun einen Monat lang den Kopf zermarterte, auch wenn er tief gekränkt und traurig war. Aber durch Kuroos und Terushimas Fragespiel wusste er, dass er nur eine Seite kannte. Er wusste durch Dr. Sakusa und Osamu, die sich vor Gericht bald gegenüberstehen würden, dass es immer zwei Seiten gab. Er wusste durch Yamaguchi und Terushima aber auch, dass es in Ordnung war, dass Menschen, die vielleicht perfekt zusammenpassten, nicht immer zueinander finden mussten. Durch Dr. Sugawara, Dr. Sawamura und Kuroo wusste er, dass man manchmal um Liebe kämpfen musste. Ihm war aber auch bewusst, dass dazu alle anwesend sein mussten. Zumindest Iizuna müsste hier sein, dass Kenma um ihn kämpfen könnte. Und das würde er. Sogar gegen einen Kerl, der einen guten Kopf größer war als er.
Und dann stand Yachi neben ihm, deren Herz einem jungen Mann gehörte, der zwei ganze Köpfe größer war als sie.
Kenma war an diesem Tag Dr. Sakusa zugeteilt und begleitete gerade einen seiner Patienten zur Physio. Shinji Watari arbeitete im Sea Life Park und war dort in einen Unfall mit Seeteufeln verwickelt. Streitschlichtung oder so. Dr. Sakusa und Dr. Meian (Dr. Sakusa mochte Dr. Oikawa nicht) hatten gemeinsam an der Wiederherstellung von Wataris Hand mit vollständiger Funktion gearbeitet. Nun musste er aber zur Physio.
Watari wurde an Shimizu übergeben und Yachi stand bereits hier, weil sie zusah, wie Kawanishi Fortschritte mit Ennoshita machte.
“Hätte nicht gedacht, dass Fische so aggressiv sein können”, murmelte Yachi etwas gedankenverloren. “Naja, es gibt schon einige Biester im Meer. Haie, Piranhas, Buntbarsche auch. Anscheinend sind auch Zwergkugelfische nicht ohne. Naja und Seeteufel eben”, erklärte Kenma. Yachi nickte anerkennend. “Oh… das stimmt wohl. Bei Seeteufeln steckt schon irgendwie im Namen, dass sie teuflisch sein können”, sagte sie. “Dabei sehen die total faul aus”, erwiderte Kenma. “Wie geht es Kawanishi?”, fragte er noch. Er wusste ja, warum Yachi hier war.
“Schwer zu sagen. Er geht gerne zur Physio, weil es ihn ablenkt und aus dem Bett bringt. Aber seine Muskeln haben vom langen Liegen sehr abgebaut. Das wird dauern. Aktuell übt er aufstehen und hinsetzen und das Beugen der Knie und Ellenbogen. Strecken und bewegen. Sogar das aufrechte Sitzen fällt ihm schwer”, erklärte sie. Kenma seufzte. “Kein Wunder”, meinte er. Nun seufzte Yachi. “Aber Ennoshita-san ist sehr einfühlsam”, sagte sie wieder mit einem Lächeln. Kenma beobachtete die beiden einen Moment. Ennoshita unterstützte beim Aufstehen, nickte Kawanaishi euphorisch zu und half beim Hinsetzen. Das war anders als bei Shimizu, die mit Watari Übungen mit einem Stressball machte. Sie lächelte nicht, aber sie sprach ruhig auf ihn ein. Shimizu wirkte kalt. Kenma fand das sehr sympathisch, weil sie dadurch keine falschen Versprechungen machte und es sich nicht so lächerlich anfühlte wie bei Ennoshita und Kawanishi. Kenma würde es nicht wollen, dass ihm jemand wegen Aufstehen und Hinsetzen so viel Lob zusprach. Aber Kenma war auch nicht in der Situation, wo das ein wichtiges erstrebenswertes Ziel wäre.
“Solltet ihr nicht wo sein?”, drang es tadelnd an sie heran. Kenma wandte sich um und erkannte Dr. Tanaka und Dr. Nishinoya. So wie die beiden da standen, hatten sie selbst nichts Besseres zu tun. Yachi verneigte sich umgehend: “Entschuldigen Sie. Sie haben vollkommen recht”, japste sie und machte sich kurz darauf davon. “Und selbst?”, fragte Kenma. “Hey, nicht frech werden, Firstyear”, drohte Dr. Nishinoya. Ach, da war es wieder. Kenma wurde des Frechseins bezichtigt. “Keine Sorge, ich bin schon weg”, sagte er und verzog sich nun auch. Er wollte keinen Aufstand anzetteln. Sollte Dr. Tanaka doch gerne unter Dr. Nishinoyas Aufsicht die Physiotherapeutin beobachten. Shimizu tat sowieso immer gut darin, die beiden zu verscheuchen, wenn sie zu aufdringlich wurden.
***
In der Mittagspause trieb es Kenma in den Gang mit den ausrangierten OP-Tischen. Der Gang, wo die Uhr noch immer falsch lief. Dr. Sakusas Uhr. Atsumus Zeit. Kenma seufzte. Er fühlte sich schuldig, weil er nun doch wegen Iizuna trübsal blies. So sehr, dass er keinen Appetit hatte und vor Kuroo geflüchtet war, der ihn mit Sicherheit zum Essen gezwungen hätte. Schuldig, weil er sich einen Moment gefragt hat, was schlimmer war. Iizuna auf diese Weise zu verlieren, wie es gerade den Anschein machte, oder wenn er starb. Kenma schüttelte den Gedanken schnell ab. Dr. Sakusa würde ihn bestimmt nicht mehr unter seine Fittiche nehmen und dann müsste er mit Shirabu um die Gunst von Chefarzt Nekomata kämpfen. Niemals. Lieber wollte er um Iizuna kämpfen.
Wie, wusste er aber noch nicht. Die Möglichkeit, in Ruhe darüber nachzudenken, bekam er leider nicht, denn Yamaguchi setzte sich mit gesenktem Kopf neben ihn. Anscheinend reichte nur Kenmas musternder Blick, denn Yamaguchi sprach gleich aus, was ihn bedrückte.
“Yuuji hat mich schon wieder gefragt, ob ich ihn heirate.” Kenma biss die Zähne zusammen. “Was sagt Dr. Semi dazu?”, fragte er. Yamaguchi zuckte mit den Schultern. “Weiß nicht, war nicht dabei. Ich sag’s ihm auch nicht”, antwortete er. “Also seid ihr nicht zusammen?”, fragte Kenma weiter und Yamaguchi schüttelte ganz schnell den Kopf. “Nein, wir waren doch erst auf einem Date. Außerdem… Er ist schon sehr nett und freundlich und irgendwie süß, außerdem hat er einen guten Humor, aber… es funkt nicht”, erklärte er. Nun war es an Kenma, hervorzuheben, dass sie ja erst auf einem Date waren. Yamaguchi machte ein amüsiertes Geräusch. “Das stimmt, aber trotzdem. Irgendwas sollte da sein. Wie war das denn bei dir und Iizuna? Da hat’s doch auch gleich gefunkt, nicht wahr?”, fragte er. Kenma wandte den Kopf ab. “Möglich”, murmelte er. “Was ist denn los?” Na toll, Yamaguchi hat es bemerkt. Natürlich hat er es bemerkt. Yamaguchi war aufmerksam und feinfühlig.
“Tsukasa ist für nen Monat in Europa”, entschied sich Kenma dafür, das Schlimmste wegzulassen. Wobei sich dieser Monat schon ziemlich schrecklich anfühlte. “Und du vermisst ihn?”, fragte Yamaguchi wie zu erwarten. Kenma nickte.
“Hmm… also… so, wie wir hier eingeteilt werden, wird der Monat sicher schnell vergehen und Iizuna ist in Null komma nichts wieder bei dir”, sagte Yamaguchi mit seiner fröhlichen Art und schien dabei sogar über seinen eigenen Kummer hinwegzukommen. Vorerst.
Kenma wusste dafür nicht, ob er das wirklich wollte. Dass Iizuna schnell wieder bei ihm war. Denn dann müsste er mit ihm reden. Er hatte keine Angst davor, ihn zur Rede zu stellen, aber er hatte Angst davor, seinen Glauben in die Liebe zu verlieren. Den Glauben, der bereits am seidenen Faden hing.
“Hopes Vater kam heute”, wechselte Yamaguchi das Thema. Da sah Kenma auch wieder zu ihm. “Und?”, fragte er. “Er wird sie natürlich mitnehmen, sobald sie bereit dazu ist. Hanayama heißt sie. Hope Hanayama”, antwortete Yamaguchi. Kenma machte einen knappen Ton, der zeigen sollte, dass er aufgepasst hatte. Er vermutete auch, dass diese Information in Verbindung mit Terushimas wiederholtem Heiratsantrag lag. Es sah ihm ähnlich, so eine Situation für sich zu nutzen oder auch emotional zu werden. Kenma wusste ja, welche Bindung Terushima zu Hope aufgebaut hatte. “Sie ist echt stark”, murmelte er. Yamaguchi nickte. “Sie trägt den Namen nicht umsonst. Ich will mir das von ihr abschauen. Ich will auch Hoffnung haben”, sagte er. “Weshalb Hoffnung? Ist was passiert?”, fragte Kenma. Yamaguchi schüttelte den Kopf. “Nein, nur wegen Yuuji…”
Schweigen trat ein. Kenma verstand nicht so recht. Er begann unruhig mit den Beinen zu wippen, während er noch einmal überlegte. Yamaguchi hat ihm vor ein paar Tagen gesagt, dass er Terushima liebte, aber er gab ihm keine Chance, das mit Hanas Baby wieder gut zu machen, was Kenma irgendwie verstand. Er würde sich so sicher nicht zum Stiefvater machen lassen. Auch der Vorschlag, das zu Dritt zu machen, war absurd. Selbst wenn es nur noch um ein Kind ging und nicht mehr und drei. Bei diesem Gedanken stellte es ihm immer noch die Haare im Nacken auf. Drillinge von Terushima. Zum Glück war Terushima manchmal so unbeschreiblich dumm. Allerdings hätte etwas mehr Hirnschmalz, wie Hana es genannt hatte, sicherlich nicht geschadet und die Situation mit Yamaguchi nicht so zum Überlaufen gebracht. Vielleicht.
Und dann waren da die Heiratsanträge, die sich wohl noch weiter wiederholen würden, weil Terushima ziemlich stur war. Aber gleich zu heiraten war auch dumm. Dümmer noch als Drillinge.
“Wie hat er denn gefragt? Also Teru… wegen dem Heiraten?”, fragte Kenma schließlich doch. Yamaguchis Wangen wurden rot und seine Augen funkelten für einen Moment. Unerwartet.
“Er hat gesagt, er will mich nicht verlieren und sein Leben mit mir verbringen und dass wir dann ja auch gleich heiraten könnten und als er bei Hope gefragt hat, oder ja, eher den Vorschlag gebracht hat, da meinte er, dass wir auch noch gemeinsam ein Baby adoptieren könnten, wenn wir heiraten und so auch eine glückliche Familie sein und gemeinsam alt werden können”, erzählte Yamaguchi. Kenma merkte, wie Yamaguchis Lächeln mit jedem Wort größer wurde. “Und du willst keine glückliche Familie mit ihm?”, fragte er. Yamaguchi seufzte verliebt. “Doch…”
“Und warum sagst du dann nicht ja zu seinem Heiratsvorschlag?” - “Weil man als Entschuldigung nicht heiratet. Weißt du, ich bin ihm nicht böse wegen Hana und dem Baby. Irgendwie freu ich mich. Hana macht auch sehr deutlich, dass sie keine Beziehung mit Yuuji haben will. Ich glaube, das macht es schon besser für mich. Aber es ärgert mich, wie er alles immer so nimmt, wie es ist und wie er von mir erwartet, dass ich es annehme, obwohl wir noch nicht mal offiziell ein Paar sind. Deswegen kann ich ihm ja das mit Hana und Shirabu und Futakuchi und wer weiß mit wem noch, nicht übel nehmen. Wir waren nie exklusiv. Wir waren nur kurz davor. Aber dann ist eben diese Bombe geplatzt und ich weiß gar nicht mehr, wo wir stehen”, erklärte Yamaguchi und seufzte langgezogen aus. “Ihr steht wohl kurz vorm Heiraten”, unterbrach plötzlich jemand die Unterhaltung. Yamaguchi zuckte zusammen und Kenma sah von diesem zu Akaashi.
“Entschuldigt bitte, ich wollte nicht lauschen. Ihr wart so vertieft, da wollte ich auch nicht einfach dreinreden, aber irgendwie wirkt es so, als bauscht sich da ein Problem auf, das eigentlich keines ist. Ihr solltet wohl nur mal in Ruhe darüber reden, wo ihr euch seht, was eure Pläne sind und wie ihr die erreichen könnt und am besten hat Schwester Misaki da auch zumindest ein bisschen Mitspracherecht, was die gemeinsame Tochter angeht.”
“Tochter?”, japste Yamaguchi aufgeregt. “Yuuji bekommt ein Mädchen?”, fragte er ganz aufgeregt. “Das ist so schön” Und während Yamaguchi eine solch plötzliche Freude für den künftigen Misaki-Terushima-Spross hatte, fragte sich Kenma, wie Terushima ein Mädchen großziehen wollte.
“Oh, ich dachte, ihr wüsstet es schon. In der Kantine gibt es gerade kein anderes Thema”, sagte Akaashi sichtlich ertappt, etwas ausgeplaudert zu haben. “Das sind großartige Neuigkeiten. Danke Akaashi-kun”, schüttelte Yamaguchi jegliche Zweifel ab. “Kozume? Danke fürs Reden”, wandte er sich dann noch einmal an Kenma und stürmte aus dem verlassenen Gang. “Nicht der Rede wert”, murmelte Kenma und sah zu, wie sich Akaashi neben ihn setzte.
“Und was bedrückt dich?”, fragte dieser. Kenma schmunzelte. Also wusste er schon, dass Yamaguchi es nicht wusste und dass er ihn so aus seinem Trübsal reißen konnte. Akaashi besaß ein unglaubliches Talent dafür, andere aufzubauen. Ob Kenma auch davon Gebrauch machen sollte?
“Tsukasa hat jemand anderes geküsst”, sagte Kenma ergeben. Es drückte auch beim zweiten Mal aussprechen seltsam in der Brust und erschwerte ihm das Atmen. “Konoha hat mit der halben Belegschaft geschlafen”, erwiderte Akaashi abgebrüht. “Ich meinte kürzlich”, korrigierte Kenma.
“Oh! Wie hast du es erfahren?”, fragte Akaashi. "Hab's gesehen”, sagte Kenma trocken. Ihm blieb ja selbst die Spucke weg. Akaashis Blick wurde nachdenklich. “War es leidenschaftlich?”, fragte er. Kenma zog die Augenbraue hoch.
“Naja, hat er sich voll reingehängt oder war es nur annehmend? Und wie kam es zustande? Wie kamst du überhaupt dazu, es zu sehen?”, fragte Akaashi und Kenma erzählte. Dann machte Akaashi ein ähnliches Gesicht wie Kuroo und Terushima, nur auf seine eigene Weise.
“Vielleicht hat ihn jemand überrumpelt. Du weißt nicht, wie er darauf reagiert hat”, sagte er, aber Akaashi überlegte noch weiter. “Ich weiß nicht, wie ich das finden würde. Es käme wohl darauf an. Wenn DDr. Romero Konoha plötzlich küssen würde, ich würde ausrasten. Aber… wenn es Bokuto wäre… oder Terushima, der bedeutet nichts oder du. Also nicht, weil du nichts bedeutest, aber du hast kein ehrliches Interesse an ihm, verstehst du, was ich meine?” Nein. Kenma verstand nicht, was Akaashi meinte. “Ich würde Dr. Konoha nicht küssen und Bokuto auch nicht”, antwortete er, weil er nicht wusste, wen er nun genau in Bezug auf ihn meinte. Akaashi schmunzelte. “Deswegen wäre es bei dir okay. Aber dazu kommt es vermutlich wirklich nie”, sagte er mit einem milden Lächeln. “Dennoch, lass Iizuna es doch erklären”, schlug Akaashi vor und Kenma fragte sich, ob Iizuna es erklären wollte oder gar sollte. Was, wenn da wirklich jemand anderes war? Was, wenn… ja… was, wenn Kenma ihm nicht genügte. Er wurde wieder nachdenklich. Akaashi schien das zu bemerken.
“Er ist verrückt nach dir. Das haben wir alle bemerkt, als er noch Patient war und auch, als er dich vor ein paar Tagen zum Picknick im Park geholt hat. Das war ausgesprochen süß. Sowas macht kein Mann, der es nicht ernst meint. Ich schätze, es ist alles nur ein großes Missverständnis. Der andere Typ hat sicher ne rote Wange von der Ohrfeige, die du nicht gesehen hast”, sagte Akaashi, zwinkerte ungewohnt und stemmte sich vom abgestellten OP-Tisch ab. “Sprich mit ihm. Ganz direkt”, schloss er das Thema mit einem langen Seufzen ab. Kenma war ihm auch dankbar. Denn er war beruhigter. Für den Moment.
“Wie sieht es denn bei dir aus?”, wollte er den Gefallen zurückgeben. “Ich zerdenke das wohl ähnlich wie du. Bei jemand anderes fällt es einem leichter”, gab er zu. Kenma ahnte, dass Abstand bestimmt gut tat für eine gewisse Objektivität. “Und wenn ihr das auch gemeinsam besprecht? Ich meine… es gibt doch auch Beziehungen zu dritt, nicht wahr?”, sagte er und überraschte Akaashi damit eingehend. “Kozume, sowas hab ich von dir nicht erwartet”, erwiderte er belustigt. Kenma zuckte mit den Schultern. “Hab ja genug Abstand” und Kenma lernte schnell. Zwar nicht, was Beziehungen anging, aber, dass man über Dinge sprechen musste und wenn mehr beteiligt waren, dann mussten auch mehr sprechen.
“Aber du hast recht. Wir werden reden. Danke Kozume”, mit diesen Worten verabschiedete er sich und Kenma fragte sich, was er schon groß getan hatte.
Dann fiel ihm aber auch ein, dass er sich noch für einen Kaffee revanchieren wollte.
Seiner Meinung nach trank Dr. Sakusa seinen Kaffee schwarz. Ohne Hafermilch, ohne Kuhmilch, ohne Zucker, ohne nichts, dafür viel davon.
***
“Sie haben kürzlich über das Würgen mit Erlaubnis gesprochen. Mit einem Patienten. Bokuto, wenn mich nicht alles täuscht”, sagte Dr. Sakusa und nahm den Kaffee an, den ihm Kenma gerade anbot. Kenma stockte. “Oh… das… ähm”, stotterte er, zog aber schließlich die Hand zurück.
“Sie müssen nicht mit mir darüber sprechen. Jeder tut in seinem Schlafzimmer, wie ihm geliebt”, dämpfte Dr. Sakusa das Gespräch, aber für Kenma wurde es nicht leichter. “Nein es, so ist es nicht. Also… glaube ich”, wurde Kenma immer leiser. Die Vorstellung, zwei Hände würden sich um seinen Hals ziehen und einfach zudrücken. Das war… Er vermochte selbst in Gedanken nicht, die richtigen Worte dafür zu finden.
“Mit Verlaub, Dr. Kozume, ich glaube, Ihrem Hals würden derlei Spuren zu sehr auftragen. Aber das ist nur meine Meinung. Passen Sie auf”
Kenma schluckte, nickte aber rasch. “Natürlich, Dr. Sakusa”, sagte er und fuhr sich ganz automatisch über den Hals. Dr. Sakusa warf noch einen kurzen Blick an die Stelle, die Kenmas Finger gerade berührten. Darauf griff er nach seinem Kaffee. “Danke, für den Kaffee”, sagte er und ging mit einem mysteriösen Gesichtsausdruck, der dem von damals glich, als Kenma Bokuto gesagt hat, dass man ihn nur mit Erlaubnis würgen durfte. Und umarmen! Eigentlich ging es um Umarmen. Kenma wollte nicht an Würgespiele denken. Nicht im Schlafzimmer und auch sonst nirgendwo und dennoch kribbelte es unter seinen Fingern.
***
Die nächste und letzte OP, der Kenma an diesem Tag beiwohnen durfte, stand nicht mehr in Verbindung mit Dr. Sakusa. Er war nach diesem Gespräch auch erleichtert darüber. Es waren seltsame Vibes entstanden. Aber nicht die, die Terushima immer spürte, hervorhob und in jeder kleinen Handlung förmlich zu schmecken schien. Nun ja, vermutlich würde er auch hierin sowas interpretieren, aber das wäre, weil es Terushima war und nicht, weil da echt etwas dahinter war. Gut auch, dass Terushima nicht assistierte, denn der hätte ihm wohl nun an der Nase abgelesen, dass etwas faul war.
Stattdessen operierte Dr. Sawamura und ihm assistierte Eri, bei einer totalen Strumektomie. Entfernung der Schilddrüse. Bösartiges Gewächs. Kenma durfte nur zusehen.
“Und Dr. Miyanoshita? Haben Sie sich schon für eine Fachrichtung entschieden?”, fragte Dr. Sawamura noch vor dem Hautschnitt. “Mich verschlägt es in die Kardiochirurgie", sagte sie. Über die Maske hinweg konnte Kenma ihr Lächeln bis in die Augen sehen. Die Eri, die hier professionell vor ihm stand, hatte nichts mehr mit der Eri gemein, die vor kurzem noch weinend in Dr. Hanamakis Armen getanzt war. “Hm, ich schätze dennoch, dass Sie sich in der Allgemeinchirurgie gut machen würden”, konterte der Oberarzt. “Danke, Dr. Sawamura, meine Entscheidung ist noch nicht vollends gefallen”, erwiderte Eri und setzte nach Gabe den Spreizer. “Tisch zu mir neigen”, sagte Dr. Sawamura und der OP-Assistent neigte den OP-Tisch mit der Fernbedienung.
Kenma beobachtete, wie der Chirurg die Nerven präparierte und das Neuromonitoring an den OP-Assistenten dirigierte. Diese Operation führten sowohl Allgemeinchirurgen als auch Neurochirurgen durch. Es kam immer darauf an, wie komplex der Eingriff war. Unter schwereren Umständen hätte wohl Dr. Sakusa den Eingriff geleitet. Somit war er für Kenma auch wichtig. Es war etwas, das er später einmal mit seinem Mentor gemeinsam machen konnte.
“Patient bewegt sich! Anästhesie!”, rief Dr. Sawamura plötzlich intraoperativ. Dr. Konoha drückte mit unvergleichbarer Ruhe etwas am Monitor, das Kenma nicht sah und wieß Anästhesieschwester Mao an, mehr Propofol zu geben. “Seid ihr schleißig?”, scherzte Dr. Sawamura, als der Patient wieder entspannt war und ruhig schlief. “Nein, Dr. Sawamura”, sagte Konoha. “Sicher, dass dich nichts beschäftigt?”, fragte der Chirurg. Konoha schnaubte. “Nichts, was mich von der Arbeit ablenkt. Du weißt, dass das passieren kann”, gab er nüchtern zurück. “Weiß ich. Lass dich aufziehen”, erwiderte Dr. Sawamura und führte die Operation fort.
Eine weitere Komplikation trat auf, aber damit hatte Konoha nichts zu tun. Der linke Vagusnerv war so gut versteckt, dass die totale Entfernung zu einer Teilentfernung abgeändert werden musste.
Der OP-Asstistent war bereits zwei Mal mit Präparaten in der Pathologie gewesen und hat über die Freisprechanlage des Saaltelefons mitteilen lassen, dass zumindest auf der rechten Seite alles Maligne, also Bösartige, entfernt wurde.
“Kann passieren, oder?”, neckte Konoha. Dr. Sawamura war nicht zu Scherzen zu mute. “Das muss Sakusa richten. Wird wohl noch so ein Akutfall für ihn”, seufzte er. Kenma merkte ihm an, dass es ihn ärgerte, dass er die Operation nicht alleine schaffte, aber der Vagus- und der Rekurrensnerv waren heikel. Damit waren grob einerseits die Stimmbänder verbunden und andererseits die Kehlkopfmuskulatur. Fatal, Dr. Sawamura würde hier etwas beschädigen. Heiserkeit war nämlich das Mindeste, das eine Schädigung mit sich bringen würde.
Dr. Sawamura versorgte das Operationsgebiet soweit und übergab an Eri, als es nur noch um die Naht am Hals ging. “Passen Sie mir nur auf die Anästhesie auf, der Patient darf sich nicht bewegen”, neckte Dr. Sawamura noch einmal. Konoha unterdrückte ein Schnauben und setzte sein übliches schiefes Lächeln auf. “Wird nicht passieren, Doc”, sagte er und behielt recht.
Kenma fragte sich, ob Akaashi Konoha bereits gesagt hatte, dass sie reden mussten und er dachte auch daran, dass diese Worte: “Wir müssen reden” niemals gut ankamen. Ob der Anästhesiearzt somit nicht doch etwas abgelenkt war? Ob dieses Reden nun zu Problemen führen könnte? Und ob Kenma die Sache mit Iizuna nicht doch ganz falsch einschätzte? Wenn er ehrlich war, schätzte er sie je bereits in ganz viele Richtungen ein. Vom schlimmsten Fall, dass Iizuna neben ihm noch einen Mann hatte, einen, der auch auf ihn einging, bis hin zum großen Missverständnis, vielleicht doch einer Verwechslung, war einfach alles dabei und nahm ihn aufs Neue ein.
Akaashi hatte was von Zerdenken gesagt, was Kenma eigentlich nicht wollte und gerade, weil Konoha so betroffen wirkte, kippte Kenma wieder in die negative Richtung. Die Richtung, in der er und Iizuna keine Zukunft hatten. Und er dachte an Yamaguchi, der eigentlich eine Familie mit Terushima haben wollte und dass so kleine Dinge alles kaputt machen konnten. Kleine Dinge… die eigentlich richtig groß waren.
Je mehr er darüber nachdachte, was er wollte und wie er es wollte, desto mehr zog es Kenma den Brustkorb zusammen. Nicht physisch, denn das funktionierte noch einwandfrei. Er hatte keine Luft oder Flüssigkeit im Thorax, die seine Lunge hätte kollabieren lassen können. Dennoch griff er sich luftrangend ans Brustbein und lehnte sich mit der anderen Hand an der Wand im Sterilgang ab.
Die Operation mit Dr. Sawamura war die letzte geplante und dauerte ob der Operationstechnik auch entsprechend lange. Somit herrschte am Gang hinter den Operationssälen nun gähnende Leere, die Kenma sehr begrüßt hätte, hätte er einen Sinn dafür. Stattdessen kämpfte er mit der aufkommenden Panik, die ihm einreden wollte, er wäre zu spät an Iizuna herangetreten. Er wäre nicht genug für ihn und er hätte es verbockt, noch bevor er es hätte richtig machen können.
Seine Sicht schränkte sich ein, aber Kenma wollte gerade auch nichts sehen. Am wenigsten, die Bilder der Erinnerung an das, was er am Flughafen gesehen hat. Seine Finger gruben sich in den Kasack, zitterten. Auch seine Beine wollten nachgeben. Kenma gewahr es ihnen und ging in die Hocke. In seinen Ohren begann es zu piepen, als hätte er einen plötzlich einsetzenden Tinnitus. Ob er schnell zur HNO zu Dr. Moniwa sollte? Oder sollte er erst den Thorax röntgen lassen? Oder aber war es sein Herz, das er als erstes checken lassen sollte, weil ihm dieses gerade einen Stich nach dem anderen versetzte. Vielleicht war es auch etwas Neurologisches, das Dr. Sakusa klären musste, aber das wollte er nicht. Er wollte vor seinem Mentor keine Schwäche zeigen, das würde ihn nicht weiterbringen.
Und dann, genauso plötzlich, wie diese Attacke kam, stand jemand hinter ihm. Die Panik stieg ins Unermessliche, denn Kenma wusste, dass es weder Kuroo noch Terushima sein konnten.
“Kozume? Ist dir nicht wohl?”, fragte eine sanfte weibliche Stimme. Kenmas Herz schlug schneller, stach mehr, machte es schwer, richtig hinzuhören. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Eigentlich war er geneigt, sich abzuwenden, die Hand abzuschütteln, aber er wusste, er würde dann vollends zu Boden stürzen. Er tat nichts. Er versuchte einfach nur zu atmen, tat dies aber sehr knapp und flach.
Eri schob sich in sein sehr verengtes Blickfeld.
“Kenma?”, fragte sie weicher. Ihre sanften Augen blinzelten. “Alles gut”, log Kenma. Eri erkannte die Lüge. Sie schüttelte den Kopf. “Das glaub ich nicht”, sagte sie und setzte sich einfach vor ihm auf den Boden. Mit ihren Händen wieß sie Kenma vorsichtig ein, es ihr gleich zu machen. Sie lenkte nur seine Arme und wendete minimalsten Druck auf und Kenmas Körper gab ganz alleine nach. Sanfte Impulse, große Wirkung, denn zu sitzen entspannte die Muskulatur und Kenma musste sich nicht mehr darauf konzentrieren, nicht zu fallen. Was den schrecklichen Szenarien in seinem Kopf mehr Raum gab.
Eri fummelte etwas vor ihm herum und drückte ihm schließlich die geputzten Ohroliven ihres Stethoskops in die Ohren. Kenma stockte. Eri legte sich den Zeigefinger auf die Lippen um Ruhe zu provozieren, dann legte sie Kenma das Bruststück auf Herzhöhe auf den Stoff. "Reinhören", sagte sie und Kenma lauschte seinem rasenden Herz. “Warum klopft es so schnell?”, fragte Eri. Kenma schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht” Eri nahm ihm die Hörteile wieder ab und lauschte nun selbst. Sie nickte resignieren. “Mhm… ganz wie ich vermutet habe. Die Liebe”, sagte sie und setzte ein bittersüßes Lächeln auf. “Die kann schon verrückte Dinge tun, nicht wahr? Vor allem mit dem Herz, aber sie wirkt sich auch auf die Lunge aus, weil der Körper mehr Sauerstoff braucht und die Lunge überfordert. Unser Sehsinn ist auch oft beleidigt wegen der rosaroten Brille”, kicherte sie und sprach munter weiter darüber, wie sich die Liebe auf den Körper auswirkte. Wie die Hormone verrückt spielten, Endorphine ausgestoßen wurden. Dass Farben intensiver wurden, man manche Dinge weniger hörte, andere dafür mehr oder gar zum ersten Mal. Dass sogar der Geruchsinn betroffen war und sie wollte meinen, ein handelsübliches Sandwich schmeckte mit der Person, die man liebte, besser als ein Gourmetmenü im Haubenrestaurant.
Kenma fragte sich, was diese Unterrichtseinheit Liebe sollte, aber er war ihr dankbar dafür. Eri lenkte ihn mit diesen Fakten ab. Ganz automatisch suchte Kenma nämlich eine medizinische Erklärung dafür.
"Das ist auch immer unterschiedlich. Einmal von Mensch zu Mensch und dann… von Liebe zu Liebe… aber darüber kann ich keine Erfahrungsberichte geben. Für mich gab es immer nur den einen”, sagte Eri und entfernte das Stethoskop von Kenma um es sich selbst aufzulegen. Gedankenabwesend lauschte sie ihrem eigenen Herzen. “Wer liebt, der lebt, oder?”, fragte sie. Kenma sah sie verwundert an. “Deswegen prüfe ich, ob mein Herz noch schlägt. Es schlägt immer noch für ihn, obwohl seines das nicht mehr tut” - “Sollte es nicht für dich schlagen?”, fragte Kenma, da hob Eri den Blick wieder. “Du hast recht, Kozume”, sagte sie und lächelte. “Schlägt dein Herz denn auch nur für dich? Oder was ist der Grund, warum es gerade so außer Kontrolle war?” Kenma erkannte, dass sein Herzschlag wieder ganz normal war. Ob es daran lag, dass Eri ihn so zugetextet hatte? Ihre Frage aber traf ihn schier direkt.
“Kann man denn nach so kurzer Zeit schon von Liebe sprechen?”, fragte er. Eri zuckte mit den Schultern. “Mal geht es schnell, mal dauert es lange. Aber wenn es echt ist, ist das doch total egal, nicht wahr?", lenkte sie die Frage zurück. Kenma legte sich die Hand flach auf die Brust und spürte seinen Herzschlag. Ja, sein Herz schlug eindeutig auch für Iizuna und er war dem Begriff Liebe wohl näher als er es geahnt hatte.
***
“Er hat schon wieder nein gesagt”, murrte Terushima als Kenma in die Garderobe kam. Er war einerseits überrascht darüber, dass er ganz genau wusste, worum es ging, er war aber auch froh, weil er sich das Nachfragen so sparte.
“Glaubst du, ich sollte es größer machen? Kenma! Plan mit mir einen Flashmob, so wie in dem einen Video!” Terushima zückte sein Handy, um Kenma besagtes [url=https://www.youtube.com/watch?v=T71K7CInH9Q]Video[/url] zu zeigen.
“Das ist ja mal total blöd. Und Peinlich! Mach das nicht. Aber… wie wär's, wenn ihr es erst auf der Beziehungsebene versucht? Ohne Heiraten?”, fragte Kenma, doch Terushima schüttelte energisch den Kopf. “Ich will nicht nur eine Beziehung mit ihm. Ich will alles. Ich will, dass er meinen Namen trägt. Besser, ich seinen, dann kann ich damit endlich abschließen. Aber ich will das alles. Zusammen leben, lieben, schlafen, Kinder haben. KenKen… Warum hängt er mit Dr. SemiSemi ab?”, panschte Terushima so viel auf einmal in seine Leidklage, dass Kenma erstmal nur starren konnte.
“Ja, ich weiß… das ist irgendwie schnell und so, aber ich bin mir eben das erste Mal in meinem Leben sicher. Er ist mein Seelenverwandter. Wie soll ich ihm denn sonst beweisen, dass er was Besonderes ist?”, fragte Terushima. Er sah verzweifelt aus. So kannte Kenma ihn kaum, aber in den letzten Tagen zeigte Terushima immer mehr von dieser Seite, was für Kenma schon sehr deutlich machte, dass Yamaguchi etwas besonderes für ihn war.
“Wie wär's, wenn du es ihm zeigst? Dass es dir ernst ist? Unternimm was mit ihm. Etwas, das ihm Spaß macht und nicht nur dir. Geht mal Drachensteigen oder was ganz anderes Banales. Ein Picknick, nur ihr zwei. Telefoniert, bis ihr dabei einschläft. Schätze ihn. Lern ihn wirklich kennen und zeig ihm, dass du dich aufrichtig für ihn interessierst. Heiraten könnt ihr dann immer noch”, sagte Kenma und erkannte, wie sehr ihn das gerade selbst traf. Genau das hatte Iizuna auch mit ihm gemacht. Iizuna war voll auf ihn eingegangen. Das mit dem Drachensteigen war ja auch nur von Kenmas Adventurespielen gedient, in denen er Drachen erschlug. Andere. Aber verdammt, Kenma wurde erst bewusst, wie viele Gedanken sich der Konzertpianist überhaupt gemacht hatte. Auch beim Picknick hat er sich voll auf ihn eingestellt. Mit der Nähe zum Krankenhaus und damit, dass er alles genau durchgeplant und organisiert hat, und Iizuna spielte Kenma Musik vor, bis er einschlief. Iizuna war so einfühlsam, so bedacht darauf, Kenmas Bedürfnisse zu treffen, dass es Kenma schmerzte, ihm unterstellt zu haben, dieser Kuss, der so aus dem Nichts kam, wäre etwas gewesen, was Iizuna gewünscht hatte. Nein. So konnte es nicht sein. Kenma war unfair und eigentlich wollte er das sofort klären, aber sein Handy lag zuhause auf dem Nachtkästchen und schepperte sich vermutlich den Akku aus dem Titaniumgehäuse.
So eilig hatte er es noch nie gehabt, das Krankenhaus zu verlassen. Er schleuderte seine Dienstkleidung in den Wäscheschacht und riss die Spindtür auf, um schnellstmöglich in seine Straßenklamotten zu schlüpfen. Terushimas Worte drangen gar nicht mehr an ihn und er ließ sogar die Schnürsenkel offen, weil er die auch im Bus noch binden konnte. Nur stolpern durfte er nicht. Auch nicht vor jemandes Füße wie Dr. Sakusas.
Aber das blieb ihm erspart.
Yamaguchi rief ihm am Haupteingang noch etwas nach, aber Kenma ließ sich nicht aufhalten. Akaashi schnappte das Gespräch auf. Das war in Kenmas Ansicht auch viel besser so.
Kenma eilte sich zum Bus, der die Strecke zu seiner Station gar nicht schnell genug hinter sich bringen konnte. Seine Finger tippten nervös auf der Armlehne herum, so lange, bis er aus dem Bus springen konnte und nun doch über seine offenen Schnürsenkel stolperte, weil er sie vor lauter Aufregung nicht zugemacht hat. Unbeeindruckt des durch die Hose aufgeschlagenen Knies rappelte sich Kenma wieder auf und lief den Weg zur Wohnung schneller, als er je in seinem Leben gelaufen war.
Zuhause angekommen, konnte er das Handy bereits leuten hören. Ihm war bewusst, dass es das den ganzen Tag schon machte. Nachrichten, Anrufe, Voice-Messages und weil Kenma nun einen Entschluss gefasst hatte, lief er noch in Schuhen durch den Gang, das Wohnzimmer und in sein eigenes Schlafzimmer, um den Anruf anzunehmen.
“Tsukasa?”, japste er aufgeregt, mehr schaffte er nicht, denn er musste erstmal nach Luft ringen. Doch Kenma hörte nicht Iizunas Stimme. Es war eine tiefe Männerstimme.
Field of Drama
Jeder von uns hat sie, die ein oder andere Schicksalsentscheidung, eine Entscheidung, die das gesamte Leben verändert. Schlüsselereignisse könnte man diese Situationen auch nennen. Beginnt man das Medizinstudium oder sucht man sich einen einfachen Job, der schnelles, aber weniger Geld bringt? Entscheidet man sich, eine Party zu besuchen oder bleibt man lieber daheim? Würde man dann auch diese eine Person treffen, die das Leben komplett auf den Kopf stellt? Würde man seine Seelenverwandten treffen, wenn man Entscheidungen anders fällt? Würden wir in parallelen Universen auch zusammen finden, weil wir den Tanz mit dem Schicksal nicht ablehnen können? Tanzen wir mit zwei linken Füßen?
Ist es ratsam, diese eine Zigarette zu rauchen? Wird sie uns umbringen oder macht es erst die tausendste oder streckt uns etwas anderes nieder? Ein Verkehrsunfall zum Beispiel? Oder erkranken wir auch ohne Zigaretten am Krebs?
Wir können uns nicht aus dem Tanz mit dem Schicksal winden. Wir sind eingefangen und dennoch gibt es sie. Diese Momente, die uns glauben lassen, wir hätten die Kontrolle.
Man sagt auch: Nimm dein Schicksal in die Hand. Denn ja, vielleicht lässt sich der aufregende Tango wenden und eine gekonnte Drehung versetzt den Endpunkt, vielleicht kommen wir auch an den Startpunkt zurück und haben eine neue Chance.
Genieße den Tanz mit dem Schicksal, als würdest du führen.
***
Nach einem kurzen Telefonat mit seinem Vater, in dem es vorrangig darum ging, einen Termin zu finden, wann er seine Eltern mal wieder besuchte, ging Kenma all die Versäumnisse durch. Schon nachdem er mit Terushima vom Flughafen zurückgekommen war, hatte er drei verpasste (ignorierte) Anrufe und etliche Nachrichten, aus denen deutlich hervorging, dass Iizuna etwas zu besprechen hatte. Kenma antwortete auf keine der Nachrichten, stattdessen rief er an.
“Kenma, ich hab mir solche Sorgen gemacht”, nahm Iizuna ab. Im Hintergrund waren Geräusche des täglichen Lebens zu hören. Es musste Mittag sein in Italien. “Das wollte ich nicht”, sagte Kenma, dann schwieg er.
“Kenma, es ist was passiert”, eröffnete Iizuna. Die Hintergrundgeräusche wurden leiser. Kenma wurde nervös. “Ich weiß”, murmelte er. “Was?” Iizuna war überrascht. “Ich hab euch gesehen. Am Flughafen. Im Lift” Kenma wollte nicht drum herum reden. Nun schwieg Iizuna. Er hatte das Gespräch bestimmt anders geplant. “Wer war das?”, fragte Kenma. Iizuna atmete auf der anderen Seite der Leitung tief ein. Auch Kenma tat das. Es ließ sein wild schlagendes Herz für einen Augenblick zur Ruhe kommen. Dann ging es wieder los, als Iizuna weiter sprach.
“Unser Dirigent. Mein… Es ist ein bisschen kompliziert”, begann das wahre Drama hinter der ganzen Sache. Kenma schwieg weiter. Eigentlich mochte er komplizierte Dinge. Rätsel, Matheaufgaben, medizinische Phänomene. Das hier, das spürte er aber, war die Art von Komplexität, die er nicht mochte.
“Er ist mein Ex-Freund. Er ist auch der, der den Tumor letztes Jahr entdeckt hat. Wir arbeiten noch zusammen. Aber es läuft nichts zwischen uns, wirklich. Er hat mich geküsst, nicht ich ihn und ich hab ihn weggestoßen. Bitte glaub mir. Ich hab ihm keine Hoffnungen gemacht. Er hat mich überrumpelt.” Iizunas Worte drängten nach einem ‘aber’, doch das kam nicht. Zumindest nicht von ihm.
“Aber, du hast damals gesagt, es war… nur ein Abenteuer”
“Ja, ich weiß. Ich hab ihn als weniger dargestellt, als er es ist, war. Er hat da erst kürzlich mit mir Schluss gemacht, also nicht deswegen, aber ich war beleidigt und wollte ihn im Wert senken”, erklärte Iizuna. “Und jetzt? Ist er jetzt mehr wert?”, fragte Kenma, weil der Typ ja nun den entsprechenden Titel zugeschrieben bekommen hatte: Ex-Freund. Jemand, dem Iizuna bestimmt ’Ich liebe dich’ gesagt hat.
“Nein, aber du bist mir so viel wert, dass ich es offen kommunizieren will. Es tut mir leid, dass ich gelogen habe", entschuldigte sich Iizuna. Kenma überlegte einen Moment, denn einerseits mochte er es nicht, angelogen zu werden, andererseits hatte diese Lüge damals keine Bedeutung. “Ich war mal in Kuro verliebt”, sagte er ob ihrer offenen Kommunikation. “Oh… dein Mitbewohner?”, fragte Iizuna und Kenma nickte, trotz des Wissens, dass Iizuna es nicht sehen konnte. “Ja, mein Mitbewohner und Teru hat mich mal geküsst. Ich hab ihn damals auch weggestoßen”, folgte die nächste Offenbarung. Iizuna machte einen unsicheren Laut. “Und beide leben mit dir?”, fragte er mit leiser Stimme. “Ja, und ich glaube, dann ist es nicht so schlimm, wenn du noch mit deinem Ex-Freund arbeitest. Nur…” - “Er wird mich nie wieder küssen, aber… wegen Kuroo und Terushima…” Iizuna klang unruhig. Verunsichert. “Sie werden mich auch nicht küssen”, sagte Kenma schnell. Wobei man sich bei Terushima nie sicher sein konnte. Iizuna machte ein kurzes, amüsiertes Geräusch, aber wurde dann wieder ernst. “Ich lebe nicht mit meinem Ex-Freund, weißt du?”, fragte er. “Das ist gut”, erwiderte Kenma. “Aber du wohnst mit den beiden Männern, für die du Gefühle hattest und die du geküsst hast”, kam er zum springenden Punkt, den Kenma direkt noch einmal aufdrosseln wollte. “Nur Gefühle für Kuro, und geküsst nur Teru und er mich. Und das hat nichts mit dem Zusammenwohnen zu tun. Teru hat mich geküsst, bevor er hier eingezogen ist.” Iizuna seufzte. “Das macht es irgendwie nicht besser und ich weiß, dass ich nicht in der Position bin, das zu sagen, aber… ich fühl mich nicht wohl dabei”, sagte er. “Warum? Ich hab für keinen der beiden Gefühle und Teru küsst jetzt andere. Es ist wie bei dir und…”
“Ryosei”, gab Iizuna die fehlende Information kund. Nun fühlte es sich anders für Kenma an. Bedrohlicher, jetzt wo er einen Namen hatte. “Und nein, es ist nicht wie bei mir und ihm. Wir sind keine Freunde. Und du… nein, warte… ich reagiere über. Ich bin eifersüchtig. Das tut mir leid. Ich sollte dir vertrauen und eigentlich… Ich hab doch gar kein Recht, eifersüchtig zu sein. Ich meine, wir… Kenma, wir sind nicht zusammen. Ich hab keinen Anspruch auf dich, also auch nicht, wenn wir zusammen wären, weil man auf einen Menschen keinen Anspruch hat, aber… ich bin trotzdem eifersüchtig.” Iizuna redete sich den Mund fußelig. “Willst du denn… mit mir zusammen sein?”, fragte Kenma. Iizuna stockte. “Willst du das übers Telefon klären?” - “Ich will, dass du Anspruch auf mich hast und ich will nicht warten, bis du wieder hier bist. Kuro hat keine Gefühle für mich und ich nicht für ihn. Er hat da so ein Ding am Laufen mit Dr. Sugawara, das weißt du, und Teru will Yamaguchi heiraten, er hat auch keine Gefühle für mich und ich auch nicht für ihn. Ich hab Gefühle für dich und wenn du welche für mich hast, dann… naja, dann ist doch die logische Schlussfolgerung, dass wir zusammen sein sollten, oder?” - “Terushima will was? Stopp! Egal. Zurück zu deiner logischen Schlussfolgerung. Könnten wir es vielleicht eine romantische Schlussfolgerung nennen?”, fragte Iizuna, und Kenma konnte heraushören, dass er schmunzelte. “Ich bin wohl nicht besonders romantisch”, sagte er in Gedanken an sein kürzliches Gespräch mit Kuroo. “Dann bin ich doppelt so romantisch für uns beide”, schlug Iizuna vor. “Einverstanden”, nahm Kenma an und hörte einen lauten Jubelschrei. Iizuna hatte sicher das Handy weggehalten und das Mikrofon mit der Hand verdeckt, aber Kenma konnte deutlich hören, dass er sich freute. Es ließ auch ihn Freude empfinden und diese ganzen aufregenden Gefühle in seinem Bauch, seiner Brust verrückt spielen und auch bis in seinen Kopf kribbelte es. “Dir ist schon bewusst, dass dieser Monat jetzt noch viel schlimmer wird, oder?”, fragte Iizuna. “Wegen der Gefühle?” - “Ja, wegen der Sehnsucht. Ich will dich so sehr küssen und halten und deinen Geruch aufnehmen. Ich will dir durchs Haar fahren und Dates! Ich will so viele Dates mit dir haben, wo ich mich bei jedem mehr und mehr in dich verliebe” - “Zuna!” eine Stimme unterbrach auf Iizunas Seite die Schwärmereien. “Komme gleich”, rief er wieder mit vorgehaltener Hand zurück. “Warum nennen sie dich eigentlich Zuna?”, fragte Kenma, weil er um die wörtliche Bedeutung des Spitznamen kannte: Sie ist schön. Iizuna war ohne Frage schön, aber er war keine Frau. “Kam so. Spitznamen kann man sich nicht aussuchen”, erklärte Iizuna. “Soll ich dich auch so nennen?”, fragte Kenma. “Nur wenn du willst. Du kannst mich auch… Herzblatt nennen.” Iizuna wurde gegen Ende leiser. Es war ihm unangenehm, aber er wollte Kenma wohl die Möglichkeit für Kosenamen eröffnen. “Nein, ich bleibe bei Tsukasa”, antwortete er trocken. Iizuna lachte. “Das ist absolut okay”, sagte er, seufzte dann aber. “Ich muss leider auflegen. Darf ich dir schreiben, wenn die Probe und das Konzert vorbei sind?”
Iizuna durfte immer schreiben. Er durfte auch jederzeit anrufen, wollte er nur nicht, weil er Kenmas eh schon gestörten Schlafrhythmus nicht noch mehr durcheinander bringen wollte.
***
“Die meisten sagen ja, Paris wäre die Stadt der Liebe, aber für mich ist es Verona”, erzählte Iizuna eines Nachts am Telefon. Nun ja, bei ihm war Nachmittag, Kenmas Tag sollte noch genau eine Stunde gehen.
“Warum?”, fragte Kenma. “Warum Paris für andere oder warum Verona für mich?”, stellte Iizuna die Gegenfrage. “Beides”, wollte Kenma wissen. Für Paris hatte Iizuna nicht einmal eine Erklärung. Er dachte, es kam daher, dass irgendjemand es einmal beschlossen hatte und dann gab es da viele Filme, die das so handhabten. Es war wie Allgemeinwissen, von dem niemand wusste, wo es herkam. Zumindest Iizuna wusste es nicht. “Es gibt dort schon sehr hübsche romantische Straßen mit ihren Lichtern und so. Auch die Kirchen und Gebäude sind schön erhalten, aber ich finde die Stadt zu groß und geschäftig. Verona gilt zwar auch als Großstadt, aber hier ist alles noch so mediterran und die Altstadt wirkt verträumt. Außerdem spielt hier die wohl älteste und schönste Liebesgeschichte von William Shakespeare: Romeo und Julia. Der Balkon von Julia ist hier. Ich hab da heute Vormittag schon ein Paar gesehen. Sie war oben und er hat von unten einen Heiratsantrag gemacht. Das war echt schön”, erzählte Iizuna, seine Stimme wurde gegen Schluss brüchig und er schniefte kurz. “Aber das ist nur mein romantisches Herz, vermutlich würde es dir hier gar nicht gefallen, es ist total alt und man geht überall zu Fuß hin”, unterbrach er seine eigene Faszination. “Wenn es dir dort gefällt… ich wäre gerne einmal mit dir dort”, sagte Kenma, war sich aber unsicher, ob er eine so lange Reise auf sich nehmen wollte. Im Flugzeug allerdings, das wusste er, hätte er die Möglichkeit, sich mit seinen Videospielen zu beschäftigen. Und gegen langes Herumsitzen hatte er noch nie etwas gehabt, wenn er sich selbst unterhalten konnte. Außerdem wäre ja Iizuna bei ihm.
“Würdest du?”, fragte dieser aufgeregt. Kenma ahnte, dass er auch stehen geblieben war. Vielleicht stand er sogar gerade an der Etsch, dem Fluss, der durch Verona und an der Altstadt vorbei ging. “Ich schätze schon, wenn ich irgendwann Urlaub habe und du mir zeigen willst, wo dieses Romeo und Julia stattgefunden hat”, gab Kenma klein bei. Da japste Iizuna. “Moment! Kennst du Romeo und Julia nicht?”, fragte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Schüttest du den Kopf?”, fragte Iizuna. “Ja”, antwortete Kenma etwas ertappt. “Okay, heute, oder besser gesagt morgen, es muss ja fast Mitternacht bei dir sein, gehst du in einen Buchladen und holst dir eine Ausgabe davon. Es ist nicht besonders lang, aber Kenma, das musst du kennen. Habt ihr auf der Schule nie Shakespeare gelesen?” - “Ich weiß nicht, lesen ist nicht so mein Ding. Ich spiele lieber, da les ich auch alle Dialoge. Und wenn ich sonst lese, dann sind es Fachartikel und Unterlagen zur Weiterbildung”, gab Kenma kund. Iizuna seufzte. Wie es aussah, würde er ihm noch einiges über Literatur beibringen müssen. “Wir können auch Filme oder Theaterstücke sehen. Oh Kenma, gehen wir ins Theater, wenn ich wieder in Tokio bin?”, bat Iizuna und Kenma konnte es ihm nicht abschlagen. Theater klang doch eigentlich nett. Er konnte sitzen, andere arbeiteten und er konnte bestimmt Iizunas Hand dabei halten. Außerdem musste er im Theater nicht reden. Er musste nur zuhören. Auch wenn er am liebsten Iizuna zuhörte. “Spielst du auch Stücke aus Romeo und Julia? Also, gibt es da Musik?”, fragte Kenma. Iizuna machte ein leises Summgeräusch. “In den modernen Stücken schon. Es wird auch als Musical aufgeführt, aber im Original gab es eher nur Geräuschkulisse, glaube ich. Das kam alles erst, aber es gibt schöne Musik, die fürs Theater geschrieben wurde mit der Zeit. Wir spielen sie aber nicht. Wenn du willst, kann ich eines lernen für dich”, schlug Iizuna vor. “Ne, lass nur. Ich höre lieber die Lieder, die du kannst und magst. Die sind schön”, lehnte Kenma ab und gähnte einmal herzhaft. Iizuna kicherte. “Ich glaube, du solltest schlafen gehen. Hach, wie gerne würde ich dir jetzt etwas vorspielen, aber hier ist weit und breit kein Klavier”, sagte er und ließ Kenma mit einem sanften “Träum schön” dem Schlaf entgleiten.
***
Die beiden telefonierten auch, als Iizuna in Zürich war und in Basel. Ebenso in Wien, München und natürlich in Paris, wo Iizuna den Eiffelturm beschrieb, der Kenma keinen Reiz gab. Ihm gefiel die Arena von Verona besser. Auch auf den Fotos, die er im Internet recherchiert hatte, war sie schön. Kenma hatte auch Romeo und Julia angefangen zu lesen. Im Krankenhaus. Dass es nicht zu wunderlich war, folgenden Satz bei der Anästhesie zu hören:
“O Romeo, Romeo, warum bist du Romeo?”, raunzte Dr. Semi und suchte darauf kichernd den Blick von Yamaguchi, der sich an die roten Wangen griff. “Er ist so süß… und trotzdem…”, er seufzte. Auch Kenma seufzte, aber mehr, weil er selbst gerade erst diese Stelle gelesen hatte und die Liebesgeschichte schon sehr tragisch fand. Ob all die europäische Literatur so war? Und ob Iizuna das mochte? Iizuna mochte in jedem Fall Europa, am meisten Italien und seine Lieblingsstadt war Verona. Kenma machte sich Gedanken, ob er so etwas auch hatte. Eine Lieblingsstadt oder eben einen Ort, wo er am liebsten war.
Einen Ort gab es da: Dr. Sakusas Operationssaal, in dem er Ende Februar zwar nur zusehen durfte, aber beobachten konnte, wie der Neurochirurg einen Tumor in der Größe eines Golfballes aus der Hemisphäre des Kleinhirns schnitt. Shirabu saß mit Block und Stift in der Galerie und beobachtete von dort aus. Genau so fühlte sich Kenma wohl. Der Rivale weit weg, sehend, dass er, Kenma, näher dran war.
Dr. Sakusa war nach dem Eingriff schneller weg als sonst. Er verließ sowieso immer als erstes den Saal, dennoch wirkte es diesmal noch mehr nach Flucht denn je. Kenma ahnte aber, dass es mit dem mau besetzten März ab nächster Woche zu tun hatte.
Als sich Kenma selbst auf den Weg aus dem OP und zur Kantine machte, lief ihm Futakuchi über den Weg. Unter dem Arm hatte er ein Sitzkissen. Das hatte eine direkte Verbindung mit der Sache am Valentinstag. Futakuchi sprach aber nicht mit Kenma, die beiden sprachen nie. Sie hatten keine Anknüpfpunkte, denn selbst Shirabu war kein Thema, worüber die beiden reden könnten. Weil Kenma es schlichtweg nicht wollte und Futakuchi lieber mit Shirabu über Shirabu sprach. Über Terushima sprach er wohl schon lange nicht mehr.
Gut, denn auch über Terushima und vor allem seine erfolglosen Heiratsanträge an Yamaguchi wollte er nicht reden. Das war doch lächerlich!
“Gib mir den Ring von Dr. McArroganz”, forderte Terushima am Ende der Schicht. “Sicher nicht, den will er bestimmt irgendwann wieder haben”, antwortete Kenma und fragte sich, ob er den Oberarzt darauf ansprechen sollte. Lieber nicht. Durch Kuroo und Yamaguchi wusste er um das Wunden Aufreißen Bescheid und entschied sich dafür, den Neurochirurgen diesbezüglich selbst auf ihn zukommen zu lassen. Das war auch viel bequemer so. Es kam auch sicher nicht gut an, wenn er als Assistenzarzt seinem Mentor mit einem Ring hinterher lief. Nein, nein, in so eine Situation würde er sich nicht begeben. Selbst wenn Kuroo es ausgesprochen köstlich gefunden hätte.
“Es ist schon okay”, hörte Kenma Dr. Semi am nächsten Morgen sagen. Es war an Yamaguchi gerichtet, der mit eingezogenen Schultern vor dem Anästhesisten stand. “War eine schöne Abwechslung”, sagte er noch und strich Yamaguchi sanft über die Wange, er zog die Finger über eine lose Strähne und seufzte ergeben. “Du hast ja recht. Außerdem merk ich doch, dass dein Herz jemand anderem gehört. Viel Erfolg, süßer Tadashi”, sagte Dr. Semi und verabschiedete sich mit einem Kuss auf Yamaguchis Schläfe. Er nickte Kenma im Vorbeigehen zu, dem die Situation unangenehm war. Er wollte nicht spitzeln. Yamaguchi sah dadurch auch ertappt aus und kicherte verlegen.
“Habt ihr Schluss gemacht?”, fragte Kenma, als sie alleine waren. Yamaguchi wackelte uneins mit dem Kopf. “Ja, naja, so in der Art, ja. Also ja, irgendwie schon.” Kenma zuckte mit den Schultern. Irgendwie erleichterte es ihn. Er wusste aber, dass er das Yamaguchi nicht einfach sagen konnte oder eher nicht sollte. Nun hoffte er nur insgeheim, dass Terushima es endlich richtig machte.
Yamaguchi aber wich Terushima aus.
Auch am Tag, an dem Hope mit ihrem Vater entlassen wurde. Für Terushima war das sehr emotional und Kenma wusste, er würde Yamaguchi sofort wieder einen Antrag machen, sollte er ihn nur in die Finger bekommen.
“Sie ist so stark geworden. Ich kann nur hoffen, dass mein Mädchen nur halb so stark wird, wie Hope es ist”, sagte Terushima mit glasigen Augen. “Sie wird bestimmt stärker sein, weil Misaki sie neun Monate im Bauch behalten wird”, erklärte Kenma. “Du weißt nicht, was ich meine”, maulte Terushima. Hana und dem Baby ging es soweit auch gut. Einzig, dass Hana aus dem OP vertrieben wurde. Die Röntgengeräte, die Infektionsgefahr, der Stress und das lange Stehen waren nichts, was man einer werdenden Mutter zumuten durfte. Hana hatte einen Aufstand gemacht, weil sie sich zur schlichten Pflegekraft degradiert fühlte und selbst auf den Stationen wurde sie nur spärlich eingesetzt.
“Es ist, als würden sie glauben, ich zerbreche mit jedem Handgriff”, maulte sie eines Tages in der Kantine. “Und du bist Schuld!”, fuhr sie Terushima an, der daraufhin in Deckung ging. Hanas Stimmungsschwankungen waren nicht ohne. Aber Terushima erzählte bald, dass es nicht nur ihn traf. Die Mutter seines ungeborenen Kindes traf sich mit Washio von der Sanitäter-Leitstelle nebenan. Nur einmal traute sich Terushima zu sagen, sie sollte aufpassen, welchen Mann sie sich ins Bett holte und dass der ja keine krummen Dinge tun sollte. “Wenn Yuna größer ist da drinnen, dann ist Sex tabu, ja? Ich will nicht, dass das erste, was sie sieht, ein Penis im eigenen Haus ist”, warnte er, aber darauf war er gewarnt. Sein größter Fehler war, dass er es in der Schwesternkoje gesagt hat und sofort sämtliche Stifte, Klammermaschinen, Locher und sogar der Telefonhörer nach ihm geworfen wurden.
“Du hast kein Mitspracherecht auf dieser Ebene! Und auch über den Namen reden wir noch”, jagte ihn Hana zum Teufel. Tatsächlich hatte das Kind jedes Mal einen anderen Namen. Terushima übte und versuchte, herauszufinden, was sich richtig anfühlte. Hana war bisher mit noch keinem Namen einverstanden.
Aber sie hatten ja noch Zeit bis zum Sommer.
“Gibt es Kenma auch als Mädchennamen? Ich finde den Klang schön und du bist auch schön und klug. Das wären doch tolle Voraussetzungen für ein Mädchen”, war so ein Satz, der Kenma den Sommer schnell herbeisehnen ließ, obwohl er die heißen Monate nicht mochte.
“Eri ist ein schöner Name”, sagte die gleichnamige Assistenzärztin kichernd als sie Hanas Bauch streichelte. Hana ließ das bei den Wenigsten zu. Zumal es noch viel zu früh war. Aber Eri meinte immer zu spüren, dass da drinnen ein glückliches kleines Mädchen heranwuchs. “Das ist, weil ihre Mutter so strahlt”, meinte sie. Der Vorschlag ihres Namen war auch gar nicht ernst gemeint. “Der Name bringt ihr vielleicht nur Unglück in der Liebe”, seufzte Eri. “Naja, dann werde ich sie auch nicht Hana nennen”, sagte die Schwangere und beide Frauen lachten.
“Seltsamer Humor”, dachte Kenma bei sich und machte sich auf den Weg zum Schulungssaal.
Für die nächste Schicht war Field-Day angesagt, wie Kenma ihn vor einiger Zeit bereits bei Dr. Iwaizumis Assistenzärzten beobachtet hat.
“Bei Pop-Quizes bin ich nicht gut”, sagte Yamaguchi und biss die Zähne zusammen. Neben ihm stand schon Terushima und verzog schmerzlich das Gesicht. “Ja… du antwortest auf spontane Fragen immer automatisch falsch”, sagte er und spielte auf einen wiederholt abgelehnten Heiratsantrag an. “Sogar, wenn man öfter dasselbe fragt, immer falsch”, sprach er weiter und schüttelte den Kopf, während sich Yamaguchis Gesichtsausdruck verfinsterte.
“Vielleicht lässt du solche Fragen heute aus”, schlug Kenma vor. Akaashi wirkte indess hochkonzentriert.
Dr. Komori betrat den Raum. “Guten Morgen, ihr Halbstarken. Schön, euch mal wieder alle auf einem Haufen zu sehen. Lasst mich das nicht bereuen”, begann er und trat an das große Whiteboard heran. Er griff nach einem Marker und schrieb in blauer Schrift die Punkte auf, die er für den Tag geplant hatte.
* Pop-Quiz
* Geschicklichkeitsübung
* Dr. Tendous Field of Drama-Chaos
Yamaguchi japste beim Lesen des ersten Punktes, Terushima beim zweiten und Kenma beim letzten. Akaashi knackte mit den Fingern und war bereit, bei allen drei Punkten als Bester abzuschneiden.
“Belohnung ist eine Sublay mit Dr. Takeda. Was uns auch schon zur ersten Frage bringt. Was ist die Sublay Operation, was ist zu beachten?”, erklärte und fragte Dr. Komori. Akaashis Hand schnellte hoch. Auch Kenma meldete sich.
“Eine Sublay ist eine offene Operation, die bei Bauchhernien angewendet wird, wenn laparoskopisch keine Alternative ist, zum Beispiel bei reversiven Hernien. Ein Netz wird retromuskulär, also unter den Muskel gesetzt”, begann Akaashi und erklärte weiter, dass der Bauch längs aufgeschnitten wurde und dieses Netz zwischen Bindegewebe und Muskel gesetzt und vernäht wurde. Zu beachten war, dass es sich um eine große Bauchoperation handelte und man deswegen mit der Anästhesie enger zusammenarbeiten musste. “Als wäre das bei unserem Dr. Apathie ein Problem”, murmelte Terushima mit einem schelmischen Grinsen. Akaashi drehte den Kopf langsam zu ihm. “Ich glaube, Yamaguchi-kun versteht sich auch gut mit der Anästhesie. Für Kozume ist die Kommunikation im OP kein Problem, wir müssen uns wohl nur um dich sorgen machen”, sagte Akaashi kühl und wandte sich wieder Dr. Komori zu, der ein Schmunzeln abwehrte.
“Wunderbar, welche Techniken werden bei Hernien sonst noch eingesetzt?”, fragte Dr. Komori und nun schoss Kenmas Hand als erste hoch. Mit einem auffordernden Nicken des Facharztes zählte Kenma auf: “Um bei den offenen Verfahren zu bleiben, haben wir die Operation nach Lichtenstein oder auch die nach Gilbert oder Rutkow. Beide kleinere Eingriffe. Minimal operativ gibt es die TAPP Operation, die laparoskopisch gemacht wird, oder auch die TEP, die in Deutschland sehr beliebt ist, mit Dehnungsballon.”
“Ausgezeichnet, Kozume. Und wofür steht TAPP?”, fragte Dr. Komori und fixierte Yamaguchi, der sich daraufhin zu verhaspeln drohte. “Ganz ruhig, ich weiß, dass du es weißt, leite es ab”, sagte Dr. Komori mit einem sanften Lächeln. “Ja, ja natürlich… also, weil wir durch die Bauchdecke gehen, sind wir transabdominal und wir sind vor dem Bauchfell, also präperitoneal. TAPP steht somit für transabdominale präperitoneale Netz-Plastik”, antwortete er schließlich zu Dr. Komoris Zufrieden. “Und was hat Kozume nicht genannt?” - “MILOS!”, posaunte Terushima nun heraus. “Und?” - “eMILOS” - “Und wofür steht das, Terushima?”, der Ball blieb bei dem blonden Assistenzarzt. “Eigentlich sind es Sublay, nicht wahr?”, fragte er. “Sind sie das?”, konterte Dr. Komori mit skeptischen Blick, aber Terushima ließ sich nicht beirren. “Natürlich. MILOS steht für Mini or Less open Sublay und ist eine kleine Sublay und das e bei eMILOS steht für endoskopisch”, antwortete Terushima, dass sogar Akaashi und Kenma anerkennend nickten. “Und für welche dieser Techniken ist Chefarzt Takeda eine Koryphäe?", fragte Dr. Komori nun. Da huschte Yamaguchis Hand hoch, weil er bereits bei ihm assistiert hatte. “TAPP, niemand macht es schneller als er”, gab er seine Erfahrung bekannt. “Korrekt und deswegen werdet ihr als nächste je bei einer TAPP von ihm assistieren und die Woche darauf und die darauf. Schaut euch auch gegenseitig zu. Im Sommer will ich, dass jeder von euch eine als Lead machen kann”, eröffnete Dr. Komori und sah dabei in acht strahlende Augen.
“Wie hoch lässt ihr den CO2 Druck einschalten? Ihr müsst das dem OP-Assistenten auftragen”, ging die spezifische Fragerunde weiter. “Acht” - “Elf” - “Fünfzehn” Das waren die ersten Vorschläge, die Dr. Komori alle annahm, allerdings unter einer Bedingung: Sie alle waren richtig, aber eben jede für unterschiedliche Patienten. Er hob hervor, dass das Alter und die Muskulatur des Patienten ausschlaggebend waren. Mit einem Druck von Acht anzufangen war aber im Grunde nie verkehrt. Wenn sich der Bauch nicht genügend aufblies - das wurde dafür gemacht, um genügend Platz für die Instrumente zu erhalten - konnte man den Druck immer noch erhöhen. Wichtig war auch, dass der High Flow erst später aufgedreht wurde. All das mussten die Chirurgen dem OP-Assistenten sagen. Die Verantwortung lag aber immer beim Operierenden.
Nach diesem kleinen Pop-Quiz waren die Jungärzte nicht überrascht, dass die Geschicklichkeitsübungen das Fingerspitzengefühl mit den laparoskopischen Geräten innehatten. Es war ein regelrechtes Heimspiel für Kenma. Sensibelste Feinmechanik mit dem Blick auf einen Bildschirm, das übte er bereits seit er ein kleines Kind war.
“Mir fallen die Finger ab”, quengelte Terushima nach kürzester Zeit. “Weil du sie auch total verkrampft hältst”, ermahnte Akaashi. Yamaguchi schwieg die ganze Zeit über. Er starrte wie hypnotisiert auf den Bildschirm. Er biss konzentriert auf seiner Zunge herum und war Kenmas Leistung gar nicht so weit hinterher. Leider verdrehte er in der Simulation auf die letzten Minuten und durchtrennte den Samenstrang. Ein scharfer Zischlaut ging von Dr. Komori aus. “Kinderplanung abgeschlossen”, sagte er und klopfte seinem Schüler auf die Schulter. “Aber der Rest war richtig gut”, lobte er und wandte sich dann Kenma zu, der gerade die Wunde am Dummy vernähte. “Ausgezeichnete Arbeit, Kozume”, sagte er. Der Nächste auf seinem Weg war Akaashi, der noch mit der richtigen Lage des Netzes kämpfte. “Es rutscht immer wieder heraus”, wurde er auch langsam ungeduldig. “Instrumente raus, Finger durchschütteln und nochmal versuchen”, gab Dr. Komori einen Tipp und blieb schließlich neben Terushima stehen, dessen Netz sich mit den zu- und ableitenden Gefäßen verheddert hatte. “Sowas hab ich auch noch nie gesehen”, kicherte er.
Nachdem schlussendlich auch Terushima einen Weg gefunden hatte, sein Netzimplantat auszustreichen und den Dummy zu vernähen, fand die Nachbesprechung statt. Dr. Komori hob an jeder Technik etwas hervor. Kenma war mit Abstand der Schnellste, dafür waren Akaashis Nähte sowohl im Bauchinneren als auch außen auf der Haut wie von der Maschine gemacht. Yamaguchi hatte den besten Erfolg mit der Netzpositionierung und Terushima hatte ein Händchen dafür, wie weit er wo schneiden durfte. Sein Zugang war der kleinste und sauberste.
“Wenn ihr nicht gerade einen Samenstrang durchschneidet, dann trau ich jedem von euch zu, unter Dr. Takeda Assistenz im Sommer selbst eine TAPP am realen Patienten durchzuführen. Das habt ihr echt gut gemacht”, freute er sich und gab die aktuelle Reihung bekannt.
Yamaguchi schämte sich indess für den Fauxpas. “Mach dir nichts draus, wenn der Patient alt ist, braucht er keine Kinderplanung mehr”, sagte Kenma aufmunternd. Terushima war bezüglich dieses Themas überraschend still.
"Gräm dich nicht”, sagte er stattdessen zu Akaashi, der den vorletzten Platz besetzte. Der Samenstrangschnitt hatte Yamaguchi vorerst ausgeschieden und Terushima hinkte knapp hinter Kenma her.
“Eine perfekte Naht bringt eben leider nichts, wenn das Netz nicht sitzt”, erklärte Dr. Komori. “Und es ist in Ordnung, wenn man mit dem Netz etwas zu kämpfen hat. Terushima hat es sich aber auch schwerer gemacht, als es hätte sein müssen”, sprach der Facharzt weiter und schickte seine Schützlinge dann erst einmal zur Mittagspause.
***
Die wahre Herausforderung war, wie zu erwarten, Dr. Tendous Field of Drama-Chaos. Ein Trauma-Schlachtfeld, das nicht nur Dr. Komoris Assistenzärzte zur alten Notzufahrtstelle orderte, sondern auch per Pager-Signal alle anderen Assistenzärzte im ersten und zweiten Jahr.
Dr. Tendou lief den Eintreffenden auch bereits im Gang entgegen. “Planänderung! Riesentrauma! Bus gegen LKW. Jede Menge Verletzte! Los, alle raus. Go go go!”, rief er und teilte dabei Schutzmäntel aus. Kenma nahm einen davon und schlüpfte in den fast durchsichtigen leichten Stoff. Yamaguchi kümmerte sich ums Verschließen und so revanchierte sich Kenma. Terushima half Akaashi und andersherum. Die Stimmung erinnerte an letztes Jahr im Mai, als der Mercedes einen Großunfall verursacht hatte. Autos, Bus, Motorrad. Kawanishi und Kaede. Mai. Viele Tote. Etliche Verletzte.
Als sie aber alle draußen ankamen, war alles anders. Die ganze Zufahrt war abgesperrt und ausgefüllt mit Dummy-Puppen. Zettel lagen darauf und beschrieben die Zustände der verunglückten unechten Patienten.
“Wir sind irgendwo fern von Zivilisation. Reisebus kollidierte auf einer Bergstraße mit einem LKW. Ihr werdet in Viererteams arbeiten. Eigentlich hätte ich euch gerne durchgemischt, aber eure Hüter haben darauf bestanden, dass ihr in euren Gruppen bleibt. Also Dalli, hier Team Komori, da Team Iwaizumi. Dort drüben Team Saeko und da hinten Team Onagawa”, teilte Dr. Tendou die 16 Assistenzärzte ihren Einsatzgebieten zu.
“Hier ist ein Notfallwagen, alles was da drinnen ist, könnt ihr benutzen. Was fehlt, habt ihr nicht. Werdet erfinderisch”, lachte Dr. Tendou und scheuchte die Meute auseinander. “Viel Glück”, rief Kuroo zu Kenma, doch der ging bereits mit Akaashi, Terushima und Yamaguchi zu ihren Patienten. Acht wurden jedem Team zugeteilt. Auf Zetteln stand geschrieben, wie es um sie stand. “Ich will nicht schon wieder einen Toten”, japste Yamaguchi, weil er wie Kenma noch bei ihrem letzten echten Massentrauma hing. “Die leben alle noch. Wir sollten eine Triage machen”, sagte Kenma und versuchte erst einmal alle Daten aufzunehmen. Vor ihnen lagen ein Pneumothorax, einige stumpfe Brüche, Luxationen, zwei offene Brüche, einer davon am Oberschenkel. Eine große offene Bauchwunde und in einem Oberschenkel steckte ein Stück Blech. Auch mit Glas hatten sie zu tun und viele Schürfwunden.
“Die drei sind Kategorie 1. Yamaguchi, leg einen Tourniquet an. Bei dem müssen wir eine Thoraxdrainage machen, wer kann das?”, war Akaashi schneller als Kenma und teilte die Patienten bereits in Prioritäten auf. Er selbst drückte dem Dummy mit der großen offenen Bauchwunde bereits ein Tuch auf, um die Blutung zu stoppen. “Ich schneid ihn auf!”, rief Terushima schnell und lehnte bereits über dem Patienten mit dem Pneumothorax. Kenma plünderte einstweilen den Notfallwagen. Für Terushimas Thoraxdrainage brachte er ein Notfallmesser und einen Schlauch. Yamaguchi drückte bereits einen Oberschenkel ab und nahm dankend einen Stift an um den Tourniquet, eine Abschnürmethode, imitieren zu können, denn die Fachausrüstund war nicht lagernd. Dazu hatte er die Jacke des Dummies ausgezogen und mit dem Ärmel gearbeitet.
“Ich glaub, der machts nicht lange”, gluckste Dr. Tendou im Vorbeigehen, da huschte Kenma zu Akaashi und begann Verband um den Bauch zu wickeln. Akaashi sorgte für Kompression und half beim Hochheben, dass Kenma gut um den Patienten wickeln konnte. Aus dem Augenwinkel beobachtete Kenma, wie Terushima die Rippen abzählte um in den vierten oder fünften Interkostalraum zu kommen. Als er sich entschieden hatte, setzte er einen ca 5 cm langen Hautschnitt und fuhr direkt mit dem Finger hinein um Platz für den Schlauch zu machen. “Dem gehts besser”, jubelte er und kümmerte sich um einen Kategorie 2 Patienten. Der mit dem Blech im Bein. Er blutete nicht, deswegen war er nicht umgehend zu behandeln, aber nachdem die drei Erstkategorien umsorgt waren, ging es nun um diesen. “Wehe, du ziehst das… Mensch, Teru!”, fluchte Kenma. Ein Zettel wurde von Dr. Tendou auf den Dummy gelegt: starke Oberschenkel-Blutung
“Schnell, schnell, sonst verblutet der Arme noch”, kicherte Dr. Tendou und ging weiter seine Update-Zettelchen verteilen.
Kenma besah Terushima mit einem urteilenden Blick. “Toll gemacht”, murrte er. “Sorry, ich dachte nur…” - “Du hast gar nicht gedacht, jetzt mach dich ran, Tourniquet!”, schmetterte ihm Akaashi entgegen. Kenma erkannte einen weiteren Patienten, der ein schneller Notfall werden könnte. Eine Patientin mit weit gespreizten Beinen. Er zog diese umgehend zusammen und festigte sie mit etwas Verband zusammen. Schambeinbruch war naheliegend, die Frau, wenn sie denn kein Dummy wäre, könnte innerlich verbluten.
“Ein Rettungshubschrauber ist unterwegs! Wer seine Kategorie 1 Patienten rechtzeitig abtransportieren lassen kann, gewinnt”, rief Dr. Tendou das Ziel der Übung ein. Dr. Komoris Team nickte einander zu. “Das schaffen wir”, sagte Yamaguchi zuversichtlich, während er ein Schultergelenk reponierte.
“Hey! Was ist da los?”, fragte Kenma plötzlich, weil ein neuer Zettel auf einer bisweilen unproblematischen Puppe lag. “Schädelhirntrauma”, las Terushima vor. “Oberkörper hoch”, sagte Yamaguchi und kümmerte sich umgehend darum, genau das zu machen. “Und da?”, warf Kenma wieder ein. Noch ein neuer Zettel. “Herzkreislaufstillstand! Shit”, rief Terushima und begann umgehend mit der Herzdruckmassage.
“Scheiße!”, hörten sie etwas entfernt Futakuchi fluchen, dem wohl ein Patient weggestorben war. Kenma hob den Kopf und sah, wie sich Kuroo angestrengt über die Stirn strich und anschließend ebenfalls eine Herzdruckmassage ausübte. Ein weiterer Zettel fiel neben Kenma zu Boden und kurz darauf auch schon etliche Regentropfen.
“Nicht dein Ernst”, schrie Shirabu. Auch Yachi stieß einen spitzen Schrei aus, weil Kageyama mit einem Topf rot gefärbtem Wasser überschüttet wurde. “Spritzblutung”, gluckste Dr. Tendou und Yachi warf sich auf den Dummy, um die Blutung aufzuhalten. Kageyama rührte sich erstmal nicht. Tsukishima hielt sich die Hand vor den Mund und amüsierte sich köstlich.
“Ich kann gar nicht so viele Verbände anlegen, wie die Leute hier verbluten”, rief Yaku aus. Yamagata stolperte gerade über ihn, fing sich aber gerade noch und drohte ihm, er haue ihm eine rein, wenn er sich nicht fangen würde. Kuroo drückte immer noch an seiner Puppe herum, Futakuchi hatte die Beatmung übernommen, meckerte in den Pause aber unentwegt darüber, was für eine beschissene Aktion das war, nun auch noch bei Regen weitermachen zu müssen.
Bei der vierten Gruppe herrschte überraschenderweise Ruhe. Eri verband summend eine Platzwunde. Ein Assistenzarzt, den Kenma noch nicht kannte - Tamahiko Teshiro, legte eine Halskrause an und Nishinoya und Tanaka sangen während ihrer Reanimation “Staying alive”, denn dieses Lied gab als eines von vielen den perfekten Herzdruckmassage-Rhythmus vor.
“Kann es nicht endlich aufhören zu regnen”, stieß Shirabu gen Himmel aus und sprach Kenma damit aus der Seele. Anfangs, musste er gestehen, hatte das Ganze ja noch irgendwie Spaß gemacht, aber in der Zwischenzeit war er vollkommen durchnässt.
“Kalt, nicht wahr? Was macht das mit euren Patienten?”, fragte Dr. Tendou.
"Hypotonie!", rief Kenma und lief zum Notfallwagen, um Aludecken zu holen. Um ihre Patienten vor Unterkühlungen zu schützen, bedeckte sie diese spärlich mit den silbernen Decken, denn es waren nicht genug für alle da.
“Der da ist übrigens tot”, sagte Dr. Tendou und zeigte auf den Patienten, dem Kenma und Akaashi den Bauch verbunden hatten. “Was? Warum?”, fragte Akaashi. Der Zettel verriet, dass der Körper durch den Blutverlust unter Schock geraten war. “Ihr müsst auch bereits notfalltechnisch betreute Patienten überwachen. Lasst euch nicht ablenken”, summte Dr. Tendou und verteilte noch ein paar Todeskarten.
“Das ist doch ausgemachte Scheiße!”, schrie Futakuchi und gab auf. “Hey! Bleibst du gefälligst hier?”, rief ihm Kuroo nach, der in seiner Reanimation mit Yaku abwechselte. “Da waren es nur noch drei bei euch”, kicherte Dr. Tendou. Aber Kuroos Gruppe blieb nicht die einzige, die sich verringerte. Dr. Iwaizumis Assistenzärzte arbeiteten um einen ausgefallenen Kageyama herum, weil dieser sich nach seinem Moment der Schwäche nicht von Shirabu anschaffen lassen wollte, was er zu tun hatte. “Ich brauch keine Sublay. Dr. Oikawa bietet mir was Besseres”, mit diesen Worten war er abgedampft. Auch Kenma fühlte ähnlich. Der ganze Zirkus war es nicht wert für eine Sublay mit Dr. Takeda zu durchleben. Er wollte aber auch nicht direkt aufgeben.
“Der Hubschrauber kommt sicher gleich”, sagte Yamaguchi hoffnungsvoll, da fing er einen neuen Zettel auf. “Oh, schnell Kozume, der erstickt! Luftröhrenschnitt”, erkannte er korrekt und Kenma packte noch eines der sterilen Skalpelle aus, um den Schnitt zu machen. Eine Kugelschreiberhülle sollte den Rest tun. Ach wäre da nicht wieder Dr. Tendou bei ihnen.
“Hmm… gute Sache, nur leider zu tief. Du hast die Arteria thyreoidea superior erwischt… Patient tot”, sagte er mit gespieltem Bedauern. Die obere Schilddrüsen Arterie blutete schrecklich, wenn sie durchtrennt wurde. In der Realität hätte ein Mensch unter solchen Umständen keine Chance. “Das ist doch Scheiße”, gab sich nun auch Kenma dem Fluchen hin.
“Der Hubschrauber kommt sicher gleich”, wiederholte Yamaguchi. “Tut er nicht! Dr. Tendou testet, wie weit er gehen kann! Der will uns doch fertig machen”, fauchte Kenma. “Das ist nicht fair”, maulte Terushima. “Er will uns zeigen, dass Notfälle nicht fair sind”, vermutete Akaashi. Terushima schnaubte. “Er wird nicht aufhören, bis alle Dummies tot sind”
“Nein!”, rief Yamaguchi rein. “Nein! Der Hubschrauber wird kommen”, seine Stimme klang angespannt, aber irgendwie auch aufgeregt. In seinen Augen war ein Leuchten zu sehen, das Kenma bei ihm noch nie gesehen hatte. Und dennoch: “Das reicht!”, sagte Kenma.
Nachdem sein Patient nun gestorben war, warf auch er das Handtuch. “Sorry Leute, aber ihr schafft das ohne mich”, sagte er und stapfte durch die sich bereits bildenden Wasserlacken hindurch. Yamaguchi hat ihm noch nachgerufen, dass er nicht einfach aufgeben sollte. Terushima meinte, dass die Chance für ihn damit größer war.
Kenma ignorierte alle Rufe, die ihn treffen sollten. Er ging stattdessen tropfnass direkt zu den Umkleiden und wechselte nach einer kurzen Dusche seine Kleidung. Die Haare rubbelte er sich soweit handtuchtrocken und betrat wieder den OP-Bereich, der an diesem Tag überraschend ruhig war.
“Kiyomi, du bist der Einzige, dem ich noch vertrauen kann”, hörte Kenma nicht unweit Dr. Sunas Stimme und blieb umgehend stehen, noch ohne die beiden zu sehen. “Und du warst der Einzige, auf den ich mich verlassen konnte, aber wegen deinen Eskapaden hab ich jetzt ein Gerichtsverfahren am Hals”, sagte Dr. Sakusa streng. Kenma biss die Zähne zusammen. “Das war zur Abwechslung nicht meine Eskapade”, schnaubte Dr. Suna. Seine Stimme kam näher und Kenma entschied, sich schnellstmöglich woanders die Beine zu vertreten. Irgendwo gab es bestimmt eine Operation, die er von der Gallerie aus beobachten konnte.
Er wurde fündig, denn Dr. Ushijima hatte gerade eine Knie-TEP, das Einsetzen einer totalen Knieendoprothese. Ihm assistierte Dr. Tanaka, Saeko, die Fachärztin, die Kuroos Gruppe unter sich hatte. Sie hatte sich auf die Ortho-Chirurgie spezialisiert. Mit dieser Fachrichtung konnte Kenma am wenigsten anfangen, denn sie war alles andere als elegant und sauber. Mit dem Knochenbohrer wurde die Knochenspäne nur so durch den Raum geschleudert und unter ständiger Spülung mit der Jet-Lavage wurde der OP-Saal regelrecht unter Wasser gesetzt. OP-Assistenten tummelten sich mit Tüchern und dem Bodensauger, während Dr. Ushijima nun vom Bohrer auf den Hammer wechselte und das Metall in den Oberschenkelknochen einschlug. Das hatte nichts mit Kunst zu tun, zumindest nicht für Kenma. Die Ortho-Chirurgen waren für ihn nichts anderes als sterile Fleischhauer. Das war brutal, laut und nass. Selbst, wenn er nicht schon seine Neigung für die Neurochirurgie hätte, wusste er, dass er sich für Ortho nie entscheiden würde.
Auch bei Chefarzt Washijo wollte er nicht dabei sein, der etwas harmloser operierte als der Oberarzt, der Saeko gerade Anweisungen zum Ansetzen des Gegenstücks gab. Dr. Washijo war außerdem auf Amputationen spezialisiert. Ein Teilgebiet der Ortho-Chirurgie, die Kenma als besonders unangenehm empfand.
Lange hielt er sich hier nicht auf. Dr. Nekomata operierte im Saal daneben gerade eine Schilddrüse. Entfernung des ganzen Organs. Bei ihm war Dr. Onagawa, der Nishinoya, Tanaka, Eri und diesen Teshiro unter sich hatte. Er sah aus, wie jemand aus einer Band, die Terushima hören könnte.
Bei dieser Operation blieb Kenma bis zum Schluss. Er beobachtete, wie Dr. Nekomata über das Neuromonitoring die Nerven prüfte und wie er sich Stückchenweise voran tastete. Ob er bei so etwas auch bald einmal assistieren durfte? Er wünschte es sich sehr. Auch, wenn diese Operationen lange dauerten. Stunden. Mindestens zwei, oft mal drei, aber es gab auch Ausreißer und so ein Eingriff dauerte den ganzen Tag.
***
Nachdem Dr. Nekomata die positive Rückmeldung für den Gefrierschnitt von Dr. Matsukawa aus der Pathologie erhalten hatte, ging es nur noch darum, den Patienten wieder ordnungsgemäß zu vernähen. Dazu unterwies er Dr. Onagawa akribisch, Kenma aber wollte diesen Part nicht mehr sehen, auch wenn das Verschließen der Patienten immer die erste Tätigkeit war, die die Assistenzärzte als alleine machen durften.
Stattdessen ging er wieder zur alten Notfallzufahrt und musste feststellen, wie dunkel es bereits geworden ist. Es regnete auch immer noch und nur noch zwei Assistenzärzte hantierten an den letzten beiden Dummies. Yamaguchi war nun an der Herzmassage und Terushima kontrollierte an seiner Puppe Blutdruck, Temperatur und was wusste Kenma, was noch.
Dr. Tendou zückte gerade wieder seinen Notizblock, der genauso durchnässt war wie die Ärzte.
“Nein!”, rief Yamaguchi. “Nein! Kein neuer Zettel! Ich weiß genau, was da drauf stehen wird. Er hat eine Herzbeuteltamponade mit Hypotonie und Bradykardie. Das geht nicht! Ich hab eine Perikardpunktion gemacht und intravenös Flüssigkeiten gegeben!”, ließ er Dr. Tendou innehalten. “Oooooh”, sang dieser in überraschtem Ton. “Los, Yuuji! Nimm seine Füße”, schrie Yamaguchi. Terushima zögerte. “Mach schon!”, brüllte Yamaguchi, dass Terushima nun umgehend aufsprang, die Füße des Dummys nahm und ihn mit Yamaguchi zum Krankenwagen, der die Notfallartikel beherbergt hatte, brachte. Terushima sah vollkommen überrumpelt, aber mit einem begeisterten Grinsen zu Kenma. “Er ist vollkommen durch”, lachte er und verfrachtete die Puppe in den Krankenwagen. Yamaguchi lief an ihm vorbei, knallte die Türen zu und sprang auf den Fahrersitz. Dr. Tendou lachte vergnügt. “Das steht so nicht im Skript”, sagte er, aber Yamaguchi ließ sich nun nichts mehr sagen. “Auf die Seite, Dr. Tendou, oder fahr Sie über den Haufen!”, warnte Yamaguchi laut. Das Haar klebte ihm nass übers Gesicht. Irgendwo hatte er sich schmutzig gemacht. Der blanke Wahnsinn stand ihm im Gesicht.
Er drehte den Schlüssel in der Zündung. Der Motor sprang an und Dr. Tendou zur Seite.
“Was ist denn hier los?” Tsukishima kam auch gerade aus dem Krankenhaus, wohl ebenfalls interessiert, wer übrig geblieben ist. “Yamaguchi dreht komplett durch”, erklärte Kenma und Tsukishima nickte anerkennend. “Wird Zeit”, sagte er und die beiden sahen zu, wie Yamaguchi davon fuhr und Terushima und Dr. Tendou zurückblieben. “Ich liebe diesen Mann”, sagte Terushima und Dr. Tendou lachte laut. “Oh ja, der ist ein besonderes Schmuckstück”, steuerte er ihm bei.
Yamaguchi kam sogar wieder, er fuhr mit dem Krankenwagen bis vor Kenmas und Tsukishimas Zehenspitzen und sprang bei der Tür heraus. “Patient mit Polytrauma, noch hypoton trotz großer Dosen IV am Unfallort”, rief er den beiden entgegen und lief zum Heck des Krankenwagens. Dort riss er die Türen auf, schulterte den Dummy und forderte weiter: “Er braucht Vollversorgung und eine Thorakotomie. Eventuell hat er eine Blutung in der Brust.”
“Sagen Sie ihm doch endlich, dass er gewonnen hat”, sagte Terushima zu Dr. Tendou, doch der schüttelte begeistert den Kopf. “Niemals! Das ist großartig”, lachte er.
“Tsukki! Ruf den OP an. Wir kommen. Buch einen Saal!”, brüllte Yamaguchi seinen besten Freund an, der mit einem breiten Grinsen seinen Pager zog, doch dann unterbrach Dr. Tendou das Spektakel. “Buch keinen Saal. Er hat gewonnen!”
Yamaguchi blieb erstarrt stehen. “Ich hab gewonnen?”, fragte er, und Dr. Tendou nickte. “Ich hab gewonnen!”, rief Yamaguchi und schleuderte den Dummy euphorisch auf den Boden. “Yuuji! Ich hab gewonnen!”, rief er noch einmal lauter und lief auf den sowieso schon ganz verstörten Kollegen zu, der ihn aber geistesabwesend auffing. “Ich hab gewonnen!”, wiederholte Yamaguchi. “Das hast du”, lachte Terushima und erwiderte den leidenschaftlichen Kuss, der seine Lippen ganz plötzlich traf.
Nur nicht für lange.
“Frag mich nochmal! Yuuji, frag mich noch mal!”, forderte Yamaguchi. “Was?”, fragte Terushima und sah Yamaguchi verwirrt an. “Ob ich dich… Nein. Vergiss es. Yuuji! Willst du mich heiraten?”, platzte es aus ihm heraus, dass Dr. Tendou erpicht in die Hände klatschte.
“Willst du dafür nicht auf die Knie gehen?”, fragte Terushima perplex, handelte sich aber umgehend einen Schlag von Tsukishimas flacher Hand in den Nacken ein. “Willst du einfach ja sagen, du Vollidiot?”, gab er damit indirekt seinen Segen.
“Ja, Tadashi! Hundertmal… nein, tausendmal… unendlich Mal: Ja”, war das Thema endlich vom Tisch und Kenma seufzte erleichtert, wie die Übung ihr Ende nahm und damit auch die Schicht.
Last Dance
Wintermücken treten mit dem endgültigen Abschied der kalten Jahreszeit zum Gruße des Frühjahrs ihren letzten Tanz an. In so großen Schwärmen, dass man vermuten will, die Abenddämmerung geht mit einem Schneesturm einher.
Frühling schimmert in den Lüften,
Gleisset in der Sonne Glanz,
Spielt in süßen, lauen Düften,
Spielt im wirren Mückentanz.
So fasziniert schrieb es Karl Freiherr von Lemayer in seinem Gedicht “Frühling”.
Wem ein romantischer Sonnenuntergang gefallen will, der beobachte ihn nicht zur Frühjahrswende am Waldesrand, es sei denn, man tut es mit einem gewissen Abstand. Dann lenkt der Tanz wohl gar von der schwindenden Sonne ab. Wenn Sonnenschein auf Flügeln spiegelt und die Umgebung in bezauberndes Funkeln und Glitzern hüllt. Und wer dabei besonders gut lauscht, der höret das Summen der flatternden Flügel. Ein einmaliges Erlebnis, denn…
Ach, wer weiß, ob uns morgen ein Wiedersehn lacht
- August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
***
“Auf die Seite, Dr. Tendou, oder ich fahr Sie über den Haufen!”
Kuroo unterhielt seine Jahrgangskollegen bereits beim Frühstück des nächsten Arbeitstages mit den letzten Minuten der vergangenen Trauma-Trainingseinheit. Yamaguchi zog neben Kenma den Kopf ein.
“Sorry… ich hab’s ihm gestern Nacht erzählt”, sagte Kenma. “Schon gut… es ist ja nicht so, als würde er was erzählen, was nicht passiert ist. Mir ist es nur so schrecklich peinlich, dass ich das gesagt habe. Zu einem Oberarzt”, sagte Yamaguchi und biss die Zähne zusammen. Kenma zuckte mit den Schultern. “Ich hätte es verwerflicher gefunden, wenn du ihn ohne Vorwarnung über den Haufen gefahren wärst”, sagte er ruhig. “Und danach hast du echt Terushima gefragt, ob er dich heiratet? Nachdem du ihn so oft abgelehnt hast?”, fragte Akaashi, der sich gerade mit einem Müsliriegel zu ihnen setzte. Yamaguchi lief die rote Farbe in die Wangen. “Das war total impulsiv”, fiepte er. “Also willst du es gar nicht?”, fragten Kenma und Akaashi gleichzeitig. Yamaguchi setzte einen verträumten Blick auf. “Doch, ich will es sehr. Aber er muss erst alles mit Hana klären. Die zwei werden zwar nie zusammenkommen, aber sie müssen regeln, wie sie das mit dem Baby machen”, antwortete Yamaguchi ruhig, dann kicherte er. “Irgendwie freu ich mich schon, mit Yuuji und der Kleinen unsere Tage zu verbringen. Aber Hana muss das auch erlauben. Immerhin ist es ja ihre Tochter” - “Genauso wie sie Terus Tochter ist. Sie haben beide gleich viel Mitspracherecht”, warf Kenma ein und stand dann auf. Sein Apfel war aufgegessen und auf ihn wartete ein Tag auf der Allgemeinchirurgischen Abteilung. Die Solo-Sublay-Operation gehörte zwar Yamaguchi, doch der machte diese mit Chefarzt Takeda. Kenma stand an diesem Tag bei Dr. Sawamura im Operationssaal und würde dort auch eine solche zu sehen bekommen.
Auf dem Operationsplan standen eine MILOS, eine Sublay und außerdem ein paar Faszienverschlüsse und TAPPS und schließlich eine Sigmaresektion mit anschließender Anastomose für den Schluss. Auf dem Plan stand aber auch ein zweiter Assistenzarzt. Kageyama würde mit Kenma abwechseln. Das störte Kenma nicht. Die Allgemein- oder auch Viszeralchirurgie interessierte ihn nicht. Kageyama stand im Grunde auch schon mit einem Bein in der plastischen Chirurgie bei Dr. Oikawa. Zumindest, wenn er den Gerüchten glauben durfte, auf die er sowieso nicht besonders viel gab.
-
“Kozume”, sagte Kageyama am Waschbecken vor dem Operationssaal mit ruhiger Stimme. Es sollte eine Begrüßung sein, wirkte aber wie eine Feststellung und Benennung dessen, was er sah. “Kageyama”, gab Kenma kühl zurück.
Dr. Sawamura hing im OP-Saal gerade die Kornzange an den Abwurf und gab der OP-Pflege Details zum geplanten Netzimplantat.
“Bei Daichi könnt ihr echt was lernen”, sagte plötzlich Dr. Nishinoya, der am Weg in den Ortho-OP die zwei jüngeren Assistenzärzte passierte. Beide nickten. Der kleine Zweitjahr blieb stehen. “Ihr seid richtige Spaßmaschinen”, sagte er und begann selbst mit der chirurgischen Handwäsche und Desinfektion. Kenma sah zu Kageyama, der sah ihn ebenso überfordert an und so entschieden sie mit zuckenden Schultern und angewinkelten Armen, den Operationssaal für die Bauchraumeingriffe zu betreten. Kageyama assistierte als erstes. Das war beim MILOS, einer Minimalinvasiven Sublay, direkt danach wurde auch schon gewechselt und Kenma hielt beim Sublay das Gewebe auseinander um offen das Transplantat-Netz einzulegen, nachdem die Hernie präpariert wurde.
Er hatte den perfekten Blick auf die Muskelschicht der Bauchwand und beobachtete, wie Dr. Sawamura sie Stück für Stück durchtrennte.
“Der Musculus rectus abdomis wird in der Plastischen als Graft verwendet. Dr. Kageyama, können Sie mir sagen, für was?”, fragte Dr. Sawamura und wies Kenma mit einem Nicken an, den Spatel etwas weiter zu sich zu ziehen. “Ausgezeichnet. Danke, Dr. Kozume”, sagte er, aber wandte seinen Blick kurz zu Kageyama, der sich umgehend gerade stellte, als wäre er bei der Armee. “Beim TRAM Lappen nach einer Ablatio-Mammae zum Beispiel, Dr. Sawamura”, antwortete er. “Und das ist, Dr. Kozume?”, ging die Frage weiter. “Eine sekundäre Brustrekonstruktion”, antwortete Kenma ruhig. “Und warum frage ich euch das?”
Kenma blinzelte zu Kageyama, der aber legte den Kopf schief.
“Weil die Entfernung auf der Allgemeinen gemacht wird und der Lappen auf der Plastischen”, vermutete Kenma. Dr. Sawamura nickte. “Und weil ich möchte, dass Sie fachrichtungsübergreifend denken. Nutzen Sie die Jahre ihrer Assistenzarztzeit, um genau solche Verbindungen zu knüpfen.”
Eine besondere Verbindung mussten Kenma und Kageyama auch zum Programmende herstellen, denn die Sigmaresektion bedeutete die Entfernung des letzten S-förmigen Teil des Dickdarms, bevor dieser in das Rektum überging und die Anastomose beschrieb die Verbindung des Rektums mit dem übrigen intakten Dickdarm.
Kenma stand neben Dr. Sawamura rechts vom Patienten und präparierte mit ihm den Darm. Kageyama ging gerade auf Anweisung des Oberarztes ans distale Ende, zwischen die Beine des Patienten. Hinter ihm stellte der OP-Assistent gerade die zweite OP-Lampe so, dass Kageyama einen exzellenten Blick auf den After hatte. Dass ihm der Anblick nicht gefiel, erkannte Kenma trotz Maske, die Kageyamas Mundmimik verdeckte. Er würde nicht mit ihm tauschen wollen. Lieber ließ er sich nun von Dr. Sawamura in der Anbringung des Anastomosekopfes unterweisen. Kageyama würde jeden Moment mittels Staplernutzung den Gegenpart übernehmen. Doch erst musste sich dieser einen Zugang verschaffen.
“Rektoskop für Dr. Kageyama bitte”, sagte der Oberarzt und dem Assistierenden wurde eine Gerätschaft gereicht, die den After und das Rektum eröffnen sollte. Kenma hielt die Hände ruhig und beobachtete über die mit Stützen angewinkelten Beine des Patienten wie Kageyama hochkonzentriert das Rektoskop ansetzte.
Es machte ein kurzes, reißendes Geräusch und Kageyama hielt in seiner Bewegung inne. Auch Kenma erstarrte und sogar Dr. Sawamura stockte.
“Da war noch Stuhl drinnen”, sagte Kageyama trocken. Kenmas Augen weiteten sich, weil der OP-Mantel des Kollegen voller brauner Substanz war. Ein Glück, dass das Gesicht ausgespart blieb. Er machte sich umgehend die Notiz, bei derlei Eingriffen immer, aber auch wirklich immer eine Schutzbrille zu tragen. Am besten noch, würde er solch einen Eingriff nie an Kageyamas Stelle durchführen. Nein. Kenma wollte sicher nicht in der Allgemeinchirurgie bleiben und auch Kageyama war das eine Lehre.
Hinter Kageyama verzog sich nun der OP-Assistent schnellstmöglich aus dem Saal. Dass er lachte, konnte man erahnen. Auch Dr. Sawamura riss sich wohl zusammen. Er schwieg neben Kenma noch, aber hielt nicht ausschließlich ruhig.
Die Tür vom Sterilgang schob sich wieder auf und der OP-Assistent trat wieder herein.
“Kuguri? Bringen Sie Dr. Kageyama doch bitte einen Eimer”, sagte Dr. Sawamura. Bemüht beherrscht. “Warum denn, der ist doch eh schon oben bis unten ange- Okay, okay”, sagte Kuguri und stellte Kageyama kurz darauf einen Eimer hin.
Der Darm war entleert und Dr. Sawamura konnte zu seinem Ausbildungsauftrag zurückkehren.
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“Und ohne diesen Zwischenfall, wäre es eigentlich eine ziemlich coole OP gewesen”, sagte Kenma bei Schichtende zu Akaashi. “Du kannst echt froh sein, dass du am absteigenden Kolon dran warst”, sagte dieser und Kenma nickte. “Ich bin froh, wenn ich in den Bauch-OP gar nicht mehr rein muss. Da bin ich lieber mit Dr. Tendou auf der Unfall”, gab Kenma zu, obwohl er die Unfallchirurgie auch nicht besonders mochte. “Ja, mit Dr. Tendou ist es zumindest nie langweilig und das liegt nicht nur an den unglaublichen Patienten”, sagte Akaashi. “Was hattest du denn heute?”, fragte Kenma, weil er aus dem Gesagten bereits erahnte, dass Akaashi auch etwas Spezielleres erlebt hatte.
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Akaashis Tag hat direkt neben Konoha begonnen. In Gedanken aber war er bei Bokuto. Nicht, weil seine Kontrolle schlechte Ergebnisse gebracht hat. Im Gegenteil. Bokutos Herz war gesünder denn je. Aber Akaashi dachte sehnsüchtig an das schöne Date am Valentinstag. Der Ausgang davon war im Grunde alles, was er sich je hätte wünschen können.
“Wir sehen uns zum Schichtwechsel”, sagte Akaashi und hauchte Konoha einen zarten Kuss auf die Stirn. Konoha lächelte im Dämmerschlaf und ließ sogar ein verschlafenes Schmatzen tönen. “Bis später”, murmelte er und schmiegte den Kopf in das weiche Kissen. Akaashi schob sich noch vor Sonnenaufgang aus dem Bett und machte sich bereit für einen ereignisreichen Tag auf der Notaufnahme.
Was ihn dort schon in den frühen Morgenstunden erwartet hatte, war nichts für einen schwachen Magen. Wäre nichts für Kenma gewesen, nichts für Yamaguchi und für Yachi erst recht nicht. Tsukishima stand neben ihm, als er den Tourniquette lockerte. Dr. Tendou sah ihm über die Schulter. “Immer langsam”, sagte er, da zuckte die bis eben noch bewusstlose Patientin auch schon und versuchte zu schreien, doch das ging nicht.
Bei ihrer Einlieferung war sie bewusstlos und mit einem Blasebalg beatmet worden, der bei der Übergabe durch das Beatmungsgerät ersetzt wurde. Sie war intubiert und nicht in der Lage, Stimme und Atmung selbst zu steuern.
Anästhesieschwester Ono eilte herbei und verabreichte über den Zugang am Arm Propofol zum Einschlafen, aber auch ein Schmerzmittel, Fentanyl, wurde gegeben.
“Du kannst das Muskelrelaxan auch schon spritzen, wir fahren gleich in den OP”, sagte Dr. Tendou, der die Arme der Patientin herunter drückte, weil sie sich sonst den Schlauch aus dem Rachen gerissen hätte. Die Schwester gab noch Lysthenon, um die vorübergehende Muskellähmung herbeizuführen.
In kürzester Zeit war die Patientin wie ausgeschaltet und das Team konnte weiter vorbereiten.
Um den Hals hatte sie noch eine Krause, die erst nach Abklärung im Operationssaal abgenommen werden würde, denn im OP sollte ein Röntgen gemacht werden, um die Halswirbelsäule zu checken.
“Was habt ihr hier?”, fragte Dr. Ukai jun. neugierig. “Sprung vor einfahrenden Zug. Linkes Bein, Tibia exartikuliert im Patellargelenk. Rechtes Bein, Fuß geschält, exartikuliert vom Sprunggelenk und ein paar Nebeneffekte”, sagte Dr. Tendou und machte eine Handgeste, als würde er Streusel über einen Kuchen streuen. Akaashi sah erst auf das linke Bein, dem ab dem Knie alles fehlte und dann auf das rechte, dessen Fuß abgerissen war. Mit der Fleischwunde rechts war nichts zu machen. Links hat der Notarzt, der für so einen Einsatz notwendig war, das replantationsfähige Bein mitgeben lassen. Es wurde gerade präpariert. “Holt ihr Ushiwaka?”, fragte Dr. Ukai aber bekam erstmal ein Kopfschütteln zur Antwort. “Natürlich, steht bestimmt schon beim Waschen”, sagte Dr. Tendou und winkte die überflüssige Frage ab. Akaashi legte die Blutsperre an und Tsukishima säuberte gerade die Wunde am rechten Bein. “Da ist nichts zu retten”, sagte Dr. Tendou trübselig. “Aber Wakatoshi macht ihr ein hübsches Fischmäulchen, wo wir eine schöne Prothese dran machen können”, gab der Oberarzt bereits die Operationstechnik bekannt. Amputationen wurden üblicherweise mit einer Fischmaulnaht verschlossen, vor allem an den Beinen, wenn eine Bein- oder Fußprothese zum Einsatz kam. Patienten sollten nicht auf der Narbe gehen.
“Ich würde echt einiges geben, um heute mit Kageyama oder Kozume zu tauschen”, murmelte Tsukishima, der mit einer Pinzette die bereits abgestorbenen Hautteile herausfutzelte. “Aber warum denn? Willst du langweilige Därme sehen den ganzen Tag? Oder noch schlimmer: Netze vernähen ohne spannende Herausforderungen?”, fragte Dr. Tendou. Tsukishimas Augen verdrehten sich. Akaashi erinnerte sich daran, dass Dr. Tendou Tsukishima bereits am Anfang Dr. Normalo genannt hat und Akaashi dachte auch, dass Tsukishima damit kein Problem hatte. Er fand auch, dass die allgemeine Chirurgie gut zu ihm passen würde, würde das aber nie aussprechen. Sowas machte man nicht.
Dr. Tendous Telefon läutete schrill. “Hoi!”, nahm er ab und winkte Akaashi und Tsukishima zu, aber auch einem der OP-Assistenten, dass er den Tisch in den Operationssaal bringen sollte.
Akaashi bereitete sich mit Tsukishima auf den Eingriff vor. Nur einer von ihnen würde assistieren dürfen, aber sie stritten nicht darum. Tsukishima war zu wenig ehrgeizig und Akaashi zu höflich. Schnell gehen musste es allemal, denn die Blutsperre durfte maximal zwei Stunden am Bein bleiben.
Als Akaashi in den Saal trat, schob der Röntgenassistent gerade das mobile Röntgengerät wieder aus der sterilen Zone. “Danke, Komi-san”, sagte Dr. Ushijima. Er war immer höflich, das hatte Akaashi schon beim ersten Eingriff mit ihm vor einigen Monaten bemerkt. Der Ortho-Spezialist schwieg zwar sonst, aber er sagte immer bitte und danke und auch sehr deutlich, was er brauchte. Es gab nie Missverständnisse.
Der Tisch mit dem präparierten Unterschenkel wurde hineingefahren.
“Wer hat das gemacht?”, fragte Dr. Ushijima. “Dr. Miyanoshita”, antwortete der OP-Assistent und der Oberarzt nickte anerkennend. “Sagen Sie ihr bitte, dass sie sich dazu waschen soll. Ich möchte, dass sie mir assistiert”, gab er mit und schon war die Entscheidung, wer an den Tisch durfte, geklärt: Weder Tsukishima, noch Akaashi.
Eri kam kurz darauf mit angewinkelten Armen herein und ließ sich von Izuru den sterilen Mantel anziehen. “Danke, Dr. Ushijima”, sagte sie, als sie neben dem Oberarzt stand, aber dieser brummte nur zur Zustimmung. Auf der anderen Seite saß Dr. Tendou auf einem steril überzogenen Hocker und versorgte den Stumpf am Sprunggelenk. Tsukishima und Akaashi beobachten hinter ihm jeden Schritt. “Wenn sich keiner von euch dazu wäscht, mach ich's alleine”, summte der Unfallchirurg. Tsukishima und Akaashi tauschten rasch Blicke aus und dann war es urplötzlich wie ein Wettlauf, nur dass es im OP-Bereich kein Laufen gab. Luft würde so nur aufgewirbelt werden. Ungünstig für offene Wunden.
Als sie zurückkamen, waren Dr. Ushijima und Eri bereits drauf und dran, das abgetrennte Bein wieder anzunähen. Um das Kniegelenk machten sie sich erstmal keine Sorgen, das, so wusste auch Akaashi, würde bei einem zweiten Eingriff gemacht werden. Nun war es wichtig, die Gefäße, Muskeln und Nerven zu reconnecten. Denn wenn dies nicht einwandfrei klappte, dann würde auch eine perfekte Knieprothese nichts bringen. Das Bein würde absterben und müsste samt Prothese entfernt werden.
“Ich brauche hier noch jemanden mit ruhigen Fingern, Dr. Akaashi bitte”, sagte Dr. Ushijima und erweiterte damit sein Team am linken Bein auf drei. “Das bringt dich zu mir”, gluckste Dr. Tendou zu Tsukishima. Nachdem die beiden ebenfalls steril angezogen waren, stellte sich Akaashi auf die andere Seite des ausgelagerten linken Beines und setzte sofort mit den Verbindungsnähten an. Dr. Ushijima kontrollierte sowohl ihn, als auch Eri, die ebenfalls eine saubere Nahtführung hatte. Dr. Tendou und Tsukishima kümmern sich indes gemeinsam um das rechte Bein, das ebenfalls ausgelagert war. Anders hätten nicht fünf Ärzte gleichzeitig arbeiten können.
“Ich bin ja gespannt, was sie uns erzählen wird, warum sie das gemacht hat”, summte Dr. Tendou und ließ sich die Knochensäge reichen, weil sie zur Stumpfbildung zu wenig Haut hatten - etwas Knochen musste weichen.
“Liebe… sie hatte einen Abschiedsbrief dabei”, sagte Eri bedrückt. Sie war bis zu diesem Moment sehr still gewesen und arbeitete ruhig vor sich hin. Nicht verwunderlich in einem Operationssaal mit Dr. Ushijima, der ja selbst immer sehr leise arbeitete. “Ihr Ex-Freund, für den sie seit Jahren kämpft, heiratet”, sprach Eri langsam weiter. “Oh, das ist aber bedauerlich”, meinte Tendou.
“Das ist dumm. Warum kämpft sie so lange und gibt jetzt auf?”, fragte Dr. Ushijima. Eri neigte den Kopf. “Ich schätze, sie hat keine Chance mehr gesehen”, vermutete sie. “Sie war chancenlos ab dem Moment, wo er ihr Ex-Freund war, oder? Warum hat sie weitergemacht? Derselbe Grund hätte sie jetzt nur noch mehr anspornen sollen. So macht das keinen Sinn”, machte Dr. Ushijima seinen Gedanken Platz.
“Manchmal ist unser Herz nicht stark genug, weiterzumachen”, sagte Eri und zog den nächsten Faden satt durch. “Aber ihr Herz hat nicht aufgegeben. Sonst würden wir jetzt nicht operieren. Ihr Herz ist sehr stark. Nicht jeder Mensch überlebt so einen Zusammenprall”, hob der Oberarzt hervor.
"Sie hatte wohl Glück", sagte Eri mit einem Seufzen. "Ich finde nicht, dass das Glück ist", murrte Tsukishima und deutete auf die Operationsgebiete. Akaashi wusste auch nicht, ob die Situation der Patientin eine glückliche war. Sie war zwar mit dem Leben vereinbar. Außerdem gab es gute Prothesen, um die sich aber zu sorgen hatte. Was schwer werden würde, wenn sie nicht am Leben hing.
"Warum müssen wir solchen Menschen überhaupt helfen?", frage Tsukishima. "Sie hat sich doch aktiv gegen das Leben entschieden", untermauerte er seine Frage. "Manchmal braucht es einen solchen Moment. Wir Menschen machen Fehler. Emotionen lassen uns nicht immer klar denken", wandte Eri ein. Akaashi hatte das Gefühl, dass sie aus Erfahrung sprach. Entweder im Familien- oder Bekanntenkreis. Vielleicht sogar am eigenen Leib.
"Das ist dumm. Gefühle sollten keine Entscheidungen begründen", sagte Dr. Ushijima. "Sie haben recht. Aber es gibt viele dumme Menschen", ging die Assistenzärztin auf den Orthochirurgen ein und tauschte einen Blick mit ihm aus. "Das stimmt wohl", nahm er an und führte die Replantation darauf ordnungsgemäß weiter durch.
“Gefühle sind schon beängstigend, nicht wahr, Wakatoshi?”, mischte sich Dr. Tendou in das Gespräch ein. Bis eben hat er mit Tsukishima relativ leise vor sich hingearbeitet. Summend, aber leise. Auch mit einem ziemlich schiefen Blick im Gesicht. Aber ja, leise.
“Ich hab keine Angst vor Gefühlen”, erwiderte Dr. Ushijima fest. Dr. Tendou legte die Zange auf den Instrumententisch und schüttelte die Hand leicht durch. “Natürlich hast du keine Angst, aber du verstehst sie nicht, oder? Deswegen magst du sie nicht.” Akaashi empfand Dr. Tendous Fragespiel etwas unangenehm. Über sowas sprach man doch nicht während einer Operation.
“Nein, so ist das nicht”, antwortete Dr. Ushijima. “Aber sie machen Menschen dumm", gab er eine Einschätzung, die Akaashi seufzen ließ. “Dumme Menschen machen die witzigsten Dinge”, gluckste Dr. Tendou, aber Dr. Ushijima deutete nach dem Abschneiden der letzten Naht auf die Patientin. “Und die Dümmsten”, damit überließ er Akaashi die Versorgung der Nahtnarbe am Bein und ließ die Blutsperre nach insgesamt anderthalb Stunden lösen.
Danach kümmerte er sich mit Eri um die anderen Verletzungen. Knochenbrüche an den oberen Extremitäten. Daran war zu erkennen, dass sich die Patientin die Hände zum Schutz heben wollte, als hätte sie die Tat just bereut.
Dr. Meian war gegen Ende des Eingriffs dazugekommen und kümmerte sich um die Einrenkung der Nase und die Stützung des linken Kieferknochens.
"Sie haben eine sehr stabile Nahtführung, Dr. Akaashi und ruhige Hände. Ich werde Sie morgen für mich beanspruchen", sagte der Chefarzt. Akaashi nickte langsam, zustimmend. "Danke, Dr. Meian", nahm er das Angebot leise an. Akaashi hatte sich noch nicht für eine Fachrichtung entschieden. Musste er auch nicht. Er wusste nur, dass er eine besondere Verbindung zur Herzchirurgie hatte. Bokutos Herzklappe war damals die erste Operation, bei der er assistieren durfte und die war bereits sehr einschneidend und bedeutsam gewesen.
Der restliche Tag verging sehr schnell. Aber das war oft so auf der Unfallchirurgie. Da gab es immer einen Notfall nach dem anderen. Eine Kuriosität nach der anderen, die es eigentlich zu begrüßen galt, denn die waren besser, als das, womit Akaashi in den Tag gestartet war.
Als letzten Punkt standen Dr. Tendou, Tsukishima und Akaashi vor einem Röntgenbild und hielten die Köpfe schief. “Es ist rund”, sagte Dr. Tendou. Die Köpfe neigten sich zur anderen Seite. “Und es hat kleine Luftflecken”, erwähnte Tsukishima zumindest eine Luftblase. “Umringt von Flüssigkeit”, sagte Akaashi. Ihre Köpfe neigten sich wieder zur anderen Seite. Sie erkannten auch einen weiteren Gegenstand. Ein rechteckiger, direkt an der Kugel. “Was sagten Sie, haben Sie gemacht?”, fragte Dr. Tendou den Patienten. “Ich bin gefallen. Ich weiß nicht, auf was”, war die rasche Antwort. Dr. Tendous Mundwinkel zuckte hoch. Er lehnte sich zu den beiden Assistenzärzten. “Erstens, er ist nicht gefallen und zweitens, er weiß genau, worauf er ‘gefallen’ ist”, sagte er leise, dann klatschte er. “Gut, auf, auf, in den OP. Wir holen das Ding raus”, orderte er und eine Gegenstandsentfernung wurde vorbereitet. Aufgrund der Größe fand die Entnahme unter Vollnarkose statt.
Dr. Tendou reichte Akaashi das Rektoskop und wies ihm an, den ersten Blick zu tun. “Und? Was sehen Sie, Dr. Akaashi?”, fragte der Oberarzt neugierig. Akaashi führte den Spreizer ein und verschaffte sich freie Sicht - geschützt durch eine Proktoskopie-Brille - in den Enddarm des Patienten. Aber was er da sah, verwunderte ihn. “Was denn, was denn?”, wurde Dr. Tendou ungeduldiger.
“Es schneit”, sagte Akaashi und der gesamte OP-Saal wurde still. “Ich glaub, bei dir schneits”, sagte Tsukishima und sah selbst durch das Rektoskop. “W-Was? Da steht was!”, sagte er ungläubig. Akaashi verdrehte die Augen. “Und was steht da?”, fragte Dr. Tendou nach und drängte Tsukishima weiter. Nun sah auch Dr. Tendou in die Tiefen des Patienten und reckte sich mit einem schrillen Lachen zurück. “Das ist ja unglaublich!”, brüllte er los und wies die OP-Pflege an, einen weiteren Spreizer zu holen. “Da müssen wir sehr aufpassen, dass es nicht kaputt geht”, sagte er und nun sah auch Akaashi noch einmal nach.
“Schöne Grüße aus Wien”, stand da und Akaashi klappte der Mund auf. “Der Typ hat eine Schneekugel im Arsch”, sagte Tsukishima plump heraus, was Akaashi gerade noch etwas sensibler ausdrücken wollte. Aber sei's drum: Ihr Patient hatte eine Schneekugel im Rektum.
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“Und das war jetzt erst?”, fragte Kenma mit überraschtem Gesichtsausdruck. “Mhm”, machte Akaashi und nickte. “Wir haben große Bauchtücher eingebracht und gehofft, dass so zumindest keine Splitter zurückbleiben, falls das Ding zerberstet, aber sie ist komplett raus”, erklärte er.
“Was ist komplett raus?”, fragte Terushima, der nun auch in die Umkleide kam. “Die Schneekugel aus dem Arsch von Akaashis Patienten”, antwortete Kenma trocken und verabschiedete sich von seinen Kollegen. Akaashi durfte die Geschichte nun auch Terushima erzählen und kurz darauf Yamaguchi, der Terushima darauf erstmal noch keinen Kuss geben wollte. Und wann immer er ihn sah, bestimmt noch Dr. Konoha. Wenn er das nicht sogar schon getan hatte, denn ihre Schichten hakten heute ineinander.
Aber dafür hatte Kenma gar keine Gedanken mehr. Er dachte nicht mehr daran, dass Akaashi neben Konoha aufgewacht war und dessen Gedanken bei Bokuto waren. Nein. Stattdessen bemerkte er, dass er selbst mit dem Verlassen des Krankenhauses an Iizunas Stimme dachte und dass er sich bereits darauf freute, von ihm zu erfahren, was er so erlebt hat und was bei ihm am Plan stand. Es müsste Mittag sein in Europa, eine Stunde auf oder ab.
Bin auf dem Weg nach Hause
So schrieb er es Iizuna und stieg kurz darauf in den Bus. Es kam umgehend eine Herz-Reaktion und Kenma sah, dass Iizuna tippte.
Paella oder Tapas?
Kenma schmunzelte und tippte Paella. Seit ein paar Tagen fragte ihn Iizuna immer, was er zu essen bestellen sollte. Nicht, weil er sich nicht entscheiden konnte, sondern, weil er mit ihm gemeinsam essen wollte. Kenma hatte zuhause zwar eine Tiefkühl-Paella und würde diese zu Abend essen, während Iizuna eine echte spanische vor sich haben würde und diese zu Mittag hatte, aber es fühlte sich mit Facetime fast wie ein echtes Date an.
Kurz darauf folgte ein Selfie aus dem Lokal. Iizuna war alleine und hinter ihm eröffnete sich ein ulkiges kleines Restaurant. Ziemlich bunt. Gar nicht nach Kenmas Geschmack und er fand auch, dass Iizuna da gar nicht so rein passte. Aber das war egal. Iizuna musste dort nicht reinpassen. Er musste hier in Japan, in Tokio an Kenmas Seite passen und das tat er.
Nachdem Kenma bei seiner Station ausgestiegen war, nahm er auch die Beine übertragen in die Hände und eilte sich nach Hause. Dort schleuderte er die Schuhe im Flur in eine Ecke und huschte rasch in die Küche, um die Paella aus dem kleinen Tiefkühlfach zu holen und sie in einem Topf heiß zu machen. Kenma hatte erst einmal Paella und das war gar nicht so lange her. Dr. Fukunaga aus dem Labor hatte eine ganze riesige Pfanne gemacht und sie mit Dr. Komori im Aufenthaltsraum mit den vier Assistenzärzten geteilt. Das war konkurrenzlos die beste Paella, die Kenma je hatte und das sollte sie auch bleiben.
“Tiefgekühlt und aufgewärmt schmeckt die ganz anders”, sagte er und sah dabei auf das Handy, das mit Iizuna im Videochat am Tisch vor ihm aufgestellt war. “Selbstgemacht schmeckts immer besser”, schmunzelte Iizuna und hielt Kenma eine kleine Muschel in die Kamera. “Machst du mir eine, wenn du wieder hier bist?”, fragte der und suchte verzweifelt auch eine Muschel in seiner gelben Masse. Als er eine gefunden hatte, hielt sie auch vor die Linse. “Also bei so einer mickrigen Ausbeute, ist das gleich das erste, das ich dir koche. Direkt, wenn ich ankomme? Ich kann am Flughafen noch was im Supermarkt besorgen und dann-” Kenma unterbrach Iizunas liebevolles Angebot. “Nein, wenn du heim kommst, solltest du das nicht. Wir könnten… Pizza bestellen, wie in Italien. Oder ich koche was für dich”, schlug er vor und dachte dabei an die Udon Nudeln mit Knoblauchöl und Ahornsirup, die ihm Terushima damals gemacht hat. “Du würdest für mich kochen?”, fragte Iizuna überrascht. “Ich hatte gehofft, du willst Pizza”, murmelte Kenma. Iizuna winkte ab. “Die hatte ich jetzt oft genug.” Und so war es ausgemacht und für Kenma durchaus in Ordnung, dass er für Iizuna kochte. “Wann genau kommst du denn an?”, fragte Kenma mit einem sehnsüchtigen Seufzen. Er mochte ihre Videodates, aber er mochte ihre In Person-Dates noch mehr. Weil er dann Iizunas Hand halten konnte. Sein Eau de Toilette riechen konnte, das immer leicht nach frischem Basilikum roch, und er konnte ihn am Ende des Tages küssen.
“Vermisst du mich?”, fragte Iizuna. Kenma zog eine Schnute. “Ja… Also?”, konterte er. Iizuna legte das Lächeln auf, von dem Kenma fast schon behaupten konnte, dass er es liebte. Es ließ seinen Bauch verrückter kribbeln als die VR-Brillen-Simulation und sein Herz machte einen größeren Sprung, als wenn er las, dass er zwei Tage hintereinander auf der Neurochirurgie eingeteilt war.
“Sonntag gegen 19 Uhr sollten wir landen. Du wirst mich doch nicht etwa holen?”, fragte Iizuna. Sein Lächeln wurde frecher. Auch das ließ Kenmas Herz höher schlagen. “Ich schau, was sich einrichten lässt”, versprach er. Diesmal würde er keine Überraschung daraus machen. Nicht, weil er Angst hatte, wieder etwas zu sehen, was er nicht sehen wollte, und dennoch fühlte es sich so an, als hätte er daraus gelernt.
“Schickst du mir dann eine Aufnahme von der Probe?”, fragte Kenma, weil er wusste, dass er während der Probe schlafen würde. Iizuna stimmte zu. Er würde die Aufnahme aber später schicken, weil er Kenma nicht wecken wollte, selbst wenn ihm dieser versicherte, dass das nicht der Fall sein würde.
Im Laufe der Woche, in der Nacht des Samstages, war es doch der Fall. Kenma war aus dem Schlaf gerissen worden, weil eine Voice von Iizuna kam. Während dem Zurücksinken ins Bett öffnete er die Aufnahme und hörte Iizunas Finger über die Tasten des Konzertflügels klappern. Er versuchte in der Luft die Töne des [url=https://open.spotify.com/intl-de/track/6ujYgJuuMoDJMnJ8N7iKrm?si=2a2c4701164f4f80]Stückes[/url] nachzuempfinden, aber er hatte kein Gefühl dafür, ob es richtig war oder nicht. Er ahnte ja, dass es nicht annähernd richtig war, aber er hatte trotz feiner Bewegungen und geschulten Muskeln keine Ahnung, wie man Klavier spielte. Er wollte auch keine Ahnung haben. Lieber wollte er Iizuna dabei zuhören. Er lauschte, bis er dem Schlaf noch einmal entsackte und hörte die Aufnahme am Morgen gleich noch einmal.
Ein weiteres Mal, als er im Bus war, und wollte es gleich noch einmal hören, als er sah, dass er mit Akaashi bei Dr. Suna eingeteilt war. Sein Unbehagen galt dabei nicht Akaashi.
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"Kardioplegische Lösung ist drinnen. Dr. Akaashi, hören Sie auf, mit dem Kardiotechniker zu flirten”, sagte Dr. Suna und sowohl Akaashi, als auch Hiroo, der Kardiotechniker, aber ebenso Kenma schreckten auf.
“Ich flirte nicht”, empörte sich Akaashi. “Ich hätte auch nichts davon mitbekommen, aber auch nichts dagegen”, erwiderte Hiroo. Seinem müden Blick war dabei keine Reaktion zu entnehmen, ob er sarkastisch war oder das ernst meinte. Kenma war der Meinung, dass Akaashi sehr wohl geflirtet hatte, so wie dieser Hiroo angestarrt hatte. Oder war das nur der schlechte Einfluss von Terushima? Dr. Sunas Augen funkelten zwischen den Assistenzärzten hin und her, auch der Kardiotechniker wurde noch einmal begutachtet, hängen blieb er aber natürlich an Akaashi. “Sie sind doch der Assistenzarzt, der meint, er könnte Dr. Konoha bändigen, nicht wahr? Das halte ich für ein sehr schweres Unterfangen, aber wenn Sie dem wirklich nachgehen wollen, sollten Sie Ihre Konzentration auf ihn richten. Aber es ist ja nicht mein Platz, mich einzumischen. Was mich dazu bringt, dass ich hier keinen Raum für sowas habe. In meinem OP ist der Eingriff das einzige Thema, haben wir uns verstanden? Mir gefällt Ihre Arbeit, es wäre schade, wenn ich mich statt auf Sie auf Dr. Sakusas Liebling verlassen müsste”, sagte Dr. Suna mit süffisanter Stimme. Kenma fand den Oberarzt vom ersten Moment an schon unsympatisch. Gerade hatte er auch noch etwas von einer Schlange.
“Ihre Sorge ist unbegründet, Dr. Suna. Mein Fokus liegt bei Ihnen und auf dem Patienten”, sagte Akaashi nüchtern. Er wusste wohl, dass Rechtfertigung nicht angebracht war, selbst wenn er wirklich nicht geflirtet hätte. Später würde Kenma auch erfahren, dass Akaashi sich Sorgen gemacht hat, Hiroo könnte eine verschwiegene Nummer auf der Liste sein, denn so viel musste Kenma ihm zugestehen: Dieser apathische Blick des Kardiotechnikers hatte schon eine gewisse Ähnlichkeit mit dem seines Kollegen.
Kenma hielt sich aber nicht länger mit dem Thema auf, denn Dr. Suna hatte etwas gesagt, das ihm sehr schmeichelte und ihn freute. Er war wahrlich Dr. Sakusas Liebling. Ob die beiden wieder sprachen? Durch die Gerichtsverhandlungen wären sie bestimmt gewisserweise dazu verpflichtet. Kenma bedauerte, dass er nicht wusste, wie es in dieser Sache gerade stand. Nach Dr. Sunas Worten des Fokusses traute er sich auch nicht danach zu fragen. Der Fokus oblag dem Patienten.
“Mir wäre lieber, Ihr Fokus wäre im Patienten”, sagte Dr. Suna und deutete am offenen Herzen auf die Herzkranzgefäße. “Hiroo? Wir können den Kreislauf nun ausschalten”, sagte er und der Kardiotechniker stellte die Herzlungenmaschine so ein, dass sowohl Herzschlag als auch Atmung ausgesetzt wurden. Die Maschine oxygenierte das Blut des Patienten während der Operation. Dazu hatte Dr. Suna den rechten Vorhof über eine Kanüle angeschlossen. Durch diese sank das Blut passiv in die tiefer gelegte Herzlungenmaschine. In der Apparatur wurde Sauerstoff beigefügt und Kohlenstoffdioxid abgeholt. Über eine weitere Kanüle, die Dr. Suna an der aufsteigenden Aorta gesetzt hatte, ging das sauerstoffreiche Blut wieder in den Körper. Die Herzkammern wurden ausgelassen, denn die Maschine ersetzte den kleinen Körperkreislauf, der sauerstoffarmes Blut vom Herzen über die Arterien zu den Lungen brachte, die wiederum Kohlenstoffdyoxid durch Sauerstoff ersetzen und dem Herzen durch die vier Lungenvenen das sauerstoffhaltige Blut für den großen Körperkreislauf lieferten. Dadurch wurde bis in die Peripherie auch die letzte Zelle versorgt.
Erst nachdem Dr. Suna mit Akaashi und Kenma die beiden Bypässe gesetzt hatte, wurde die Klemme, hinter dieser die kardioplegische Lösung in den Aortenbogen zum Stilllegen des Herzens gespritzt wurde, entfernt. Dadurch wurde der Kreislauf wieder reaktiviert und das Herz begann zu schlagen.
So wäre das damals auch bei Bokuto gewesen, wenn dessen Herz sich nicht so auf Akaashi verlassen hätte. Kenma mochte diese Metapher nicht, aber er selbst hatte bei der Operation damals keinen Grund gesehen, warum Bokutos Herz nicht umgehend hätte schlagen sollen. In der Zwischenzeit hatte er aber genug Bypassoperationen gesehen und auch Herzklappenoperationen wie bei Bokuto, die mit der Herzlungenmaschine gemacht wurden, wo auch nie etwas derartiges geschehen war. Bokuto war eine Ausnahme und Akaashi würde dies wohl auch in allen Lebensbereichen bestätigen.
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“Und wie geht es dir nun mit Bokuto und Konoha?”, fragte Kenma, als er und Akaashi nach der OP und der Nachbereitung zu den Garderoben gingen. “Wir haben geredet und… Bokuto und Konoha sind heute aus. Irgendwie bin ich nervös. Ich weiß nicht, wie ich mir die Zeit vertreiben soll, weil ich in Gedanken nur bei ihnen bin und ich frage mich, ob wir das irgendwie hinkriegen. Bokuto ist nämlich ziemlich eifersüchtig. Ich zugegebenerweise auch. Es ist kompliziert”, antwortete Akaashi. Kenma zuckte mit den Schultern. “Es ist nur kompliziert, wenn ihr es kompliziert macht”, wiederholte er etwas, das er Dr. Komori schon einmal sagen gehört hat. Akaashi schmunzelte. “Du hast wohl recht”, sagte er. “Was sind deine Pläne für heute noch?”, fragte er und Kenma presste die Lippen aufeinander. “Eigentlich wollte ich Teru fragen, ob er mich zum Flughafen bringt, weil Tsukasa heute Abend landet, aber er wollte heute Kaede überraschen und mit ihr eine Motorradausfahrt machen”, seufzte Kenma. Er würde Iizuna wohl erst morgen sehen. Akaashi hob die Augenbrauchen. “Kaede? Die Rollstuhlfahrerin?”, fragte er und Kenma bestätigte mit einem Nicken. “Na, er wird schon wissen, was er tut. Aber wegen dem Flughafen… wäre das nicht eh etwas kompliziert, wenn ihr dann zu dritt wärt und den Koffer hättet und so?”, fragte Akaashi weiter. Darüber hatte sich Kenma tatsächlich noch gar keine Gedanken gemacht. Akaashi hatte aber vollkommen recht. “Ich hätte mich nur gefreut, ihn zu sehen.” Darauf lachte Akaashi verhalten. “Ich glaube nicht, dass du ihn nach so langer Zeit dann einfach hättest gehen lassen, oder?” Volltreffer. Kenma fühlte sich ertappt. In seiner Vorstellung wären sie wohl ewig am Flughafen gestanden und hätten einander gehalten. Er spürte die Aufregung auf und ab gehen, weil diese Vorstellung nun nicht mehr Wirklichkeit werden konnte.
“Naja… falls du dennoch hin willst und jemanden brauchst, der dich fährt… ich hätte Zeit und brauch die Ablenkung”, damit hielt Akaashi Kenma die Garderobentür auf und ergatterte einen fragenden Blick. “Soll ich dich fahren und euch beide dann zu ihm nach Hause?”, machte er es deutlicher und die Aufregung in Kenmas Inneren steigerte sich wieder. “Das würdest du tun?”, fragte er. Akaashi ließ ein Lächeln blitzen. “Besser, als daheim sitzen und zu warten, ist es allemal. Und bei dir muss ich mir ja auch keine Sorgen machen, dass ihr euch auf der Rückbank gehen lässt”, erwiderte Akaashi. Kenmas Wangen wurden rot. Akaashi musterte ihn skeptisch. “Muss ich doch nicht, oder?”, fragte er und Kenma schüttelte schnell den Kopf. “Nein, natürlich nicht”, versprach er und es war abgemacht. Nachdem die beiden sich umgezogen hatten, gingen sie zum Bus und Kenma stieg diesmal nicht in seine Stammlinie. Er wartete, bis sein eigentlicher Bus gefahren war und stieg dann mit Akaashi in den nächsten, der die beiden in eine weit schickere Gegend führte, als die, wo Kenma mit Kuroo und Terushima in der WG lebte. Hier war deutlich zu sehen, dass Akaashi aus gutem Hause kam. Es war ja nicht so, als lebte Kenma in ärmlichen Verhältnissen, aber so ein Medizinstudium war teuer und wohnen in Tokio so nah am Krankenhaus auch. Außerdem mochte er die WG. Er mochte es, mit Kuroo und Terushima zu leben. Akaashi wohnte hier allen Anschein nach alleine.
“Möchtest du noch etwas trinken, bevor wir fahren?”, fragte Akaashi beim Öffnen der Tür. Wie erwartet. Nur ein Paar Schuhe. Akaashi wohnte alleine. “Vermutlich sollte ich das”, sagte Kenma. “Hast du vielleicht auch eine Aspirin?”, fragte Kenma und Akaashi hatte auch das für ihn. “Kopfschmerzen vor Aufregung?”, fragte er. Kenma neigte den Kopf hin und her. “Eher, weil ich kaum geschlafen hab”, antwortete er und Akaashi sparte sich die Frage, ob dies der Aufregung gedient war.
“Sollen wir dann noch zu dir? Willst du dich umziehen?”, fragte Akaashi, aber Kenma winkte ab. “Ich wüsste nicht, was ich anziehen sollte. Das passt so. Und wenn wir Zeit am Flughafen haben, dann könnte ich Tsukasa einen Kaffee kaufen. Er mag die schrecklich süßen gerne”, antwortete Kenma. Akaashi lächelte mild. “Dann lass ich dich einen Moment hier alleine, setz dich ruhig, ich wechsel nur das Oberteil”, sagte er und verschwand darauf in der gar nicht zu klein geratenen Wohnung. Kenma blieb aber stehen und trank seine Aspirinlösung.
Dabei huschten seine Augen nicht zu neugierig durch den Wohnbereich. Sehr sauber, ordentlich und mit wenig Schnickschnack. Nur ein paar Dinge, die man als Urlaubsmitbringsel deklarieren hätte können. Eine Krawatte hing über einem Stuhl. Sie konnte von Akaashi oder auch von Konoha sein. Farblich passte sie in ihrem Ockerton besser zu Konoha. Vielleicht sogar Bokuto. Doch dem sagte er eher die Stoffeule am Sofa zu. Die sah Bokuto viel ähnlicher.
“Gut, lass uns fahren”, sagte Akaashi. Er nahm die Schlüssel aus einer Schale und ließ Kenma das Glas in der Küche abstellen und dann fuhren sie mit dem Lift auch schon in die Tiefgarage des Wohngebäudes. Akaashi fuhr einen weißen Toyota Prius, wie er vor fünf Jahren neu verkauft wurde. Auch der Wagen war sehr gepflegt, außen und innen, und gab beim Fahren kaum Geräusche. Elektro eben. In der Stadt die beste Lösung.
“Yachi-san hat erzählt, sie geht heute mit Kawanishi tanzen”, sagte Akaashi als sie sich langsam aus der Stadt schlängelten. “Tanzen? Kann er das denn schon?”, fragte Kenma. “Nein, eigentlich nicht. Aber wollte wohl gerne und mit dem Stehen und Gehen ist es schon recht gut. Vermutlich will er nur zur Musik schwenken. Er ist doch Turniertänzer… also gewesen. Schätze, das hilft ihm”, erzählte Akaashi unter ständigen akribischen Blicken durch die Spiegel und um das Auto herum. Beinahe fragte sich Kenma, ob Akaashi ein wirklich geübter Fahrer war. Er wirkte nervös. Vielleicht täuschte es auch und vielleicht war da noch die Unsicherheit wegen Bokuto und Konoha.
“Ich würde nicht zur Musik schwenken wollen”, sagte Kenma. “Ich auch nicht. Ich hab zwei linke Füße, was das angeht. Nichtmal Schwenken und Schunkeln geht da”, gab Akaashi kund. Das wunderte Kenma. Akaashi machte einen so anmutigen Eindruck, da hätte er vermutet, dass er ein guter Tänzer wäre.
An der nächsten Ampel nahm Akaashi die Hand vom Lenkrad und drehte das Radio auf. Leise. Mit einem Sender, der klassische Musik spielte. Es störte Kenma nicht und steigerte nur die Vorfreude auf das Treffen mit Iizuna. Sein Bauch kribbelte beim Gedanken daran. Ob sie sich wie in so einem kitschigen Film in die Arme laufen würden? Kenma war eigentlich nicht der Typ dafür, er dachte aber auch nicht, dass er jemals seinen Freund vom Flughafen abholen würde, weil er es nicht mehr aushielt. Er seufzte und lächelte mild. Auch dafür war er eigentlich nicht der Typ.
“Du bist richtig auf Wolke sieben, oder?”, fragte Akaashi. Kenma sah ertappt zum Fenster hinaus, wo sich der Sonnenuntergang schon ankündigte. “Ja, aber… es ist okay. Nicht wahr?”, fragte er und drehte langsam den Kopf zurück. Akaashi nickte. “Das ist total okay. Ich freu mich sehr für dich”, sagte Akaashi und fuhr weiter, als die Ampel auf grün schaltete. Zu Kenmas Überraschung nahm er nicht die Autobahnauffahrt, die Terushima genommen hatte. “Fahren wir nicht da lang?”, fragte er und deutete zurück.
“Nein. Weißt du, ich fahr mit dem Auto nur ins Krankenhaus und wieder zurück, die Autobahn bin ich nicht gewöhnt. Aber wir haben genug Zeit”, erklärte Akaashi. Er erklärte auch, dass Konoha ihn dazu überredet hatte, ein paar Wochen auf das Auto zu verzichten. Der Umwelt zu Liebe. Und das obwohl Akaashi eh schon den Prius hatte.
“Mit dem Busfahren muss ich mich echt noch anfreunden”, sagte er. “Aber es ist gar nicht so unangenehm, nicht selbst fahren zu müssen”, gestand er der Situation zu. “An die Umwelt hab ich eigentlich noch gar nicht gedacht. Kuro und ich fahren seit jeher mit dem Bus. War immer schon so”, erklärte Kenma. “Kuroo-san und du seid sehr eng, nicht wahr?”, fragte Akaashi. “Er ist mein bester Freund seit wir Kinder sind”, antwortete er und Akaashi fand das sehr schön.
Langsam verließen sie die Stadt und fuhren auf die Landstraße, die die Autobahn umfuhr. Die auch wenig befahren war, weil so gut wie jeder die vielbefahrene Autobahn nahm. Beruhigend für Akaashi, der nun ohne Anspannung fahren konnte.
Kenma sah dabei auch beim Fenster hinaus und genoss die schöne Aussicht.
Mit der Zeit ging die Sonne unter, die Musik spielte nebenbei eine schöne Melody und sie genossen es, auch mal nicht reden zu müssen. Hier und da sah Kenma ein besonders Glänzen am Straßenrand, maß dem aber nicht viel bei.
[url=https://open.spotify.com/intl-de/track/38DvL85E3xGpgJVhxoDc93?si=472214942dd24fb9]Erst als es immer mehr wurde.[/url]
“Was ist das?”, fragte Kenma, weil sich vor ihnen gerade ein feiner Nebel aufbaute, der im Glanz der untergehenden Sonne immer dichter wurde. “Ich weiß es nicht. Muss eine optische Täuschung sein, vielleicht ist da ein See und es dampft?”, vermutete Akaashi, doch eh die beiden sich versahen, waren sie vom Nebel umgeben und dann ging alles ganz schnell. Akaashi reduzierte die Geschwindigkeit, stieg sogar fest in die Bremse, als sie nicht umgehend aus dem Nebel waren und dann wurde es laut. Ein ohrenbetäubendes Surren übertönte das Radio. Das Heck des Prius kam aus. Sie schleuderten. Kenmas Hand schnellte an den Haltegriff der Beifahrertür. Er kniff die Augen zu. Der Wagen kam von der Straße ab. Es rüttelte, der Boden war uneben. Feld. Und dann ein dumpfer Aufschlag und es wurde finster.
Kenma knallte hart gegen den Airbag. Er spürte nur noch die Erleichterung, dass es endlich stoppte, aber dann schwand sein Bewusstsein dem Schmerz, der seinen ganzen Körper einnahm.
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“-kaashi?”, krächzte Kenma. Er wusste nicht, wie lange er ausgeknockt war. Wusste nur, dass es nicht so dunkel war, als es passiert war. Alles tat weh. Der Kopf dröhnte und es wirkte, als schrie um sie herum alles, obwohl sie alleine waren. Zumindest hatte es durch den Mückenschwarm so gewirkt. Als Akaashi nichts sagte, wandte Kenma den Kopf zum Fahrersitz. Akaashis Gesicht wirkte noch apathischer als sonst. Seine Augen waren offen, starrten gerade aus. Auch sein Mund war leicht geöffnet. Atmete er? Kenma hob seinen Arm, versagte aber ob des Schmerzes, der ihm bis ins Rückenmark zog. Er hustete. Blut. Verdammt. Auch vor Akaashi auf dem Airbag erkannte er nun Blut. “A-kaashi”, versuchte es Kenma nochmal verbal, da wurde ihm schwindelig und die Sicht schränkte sich mehr ein, als er es für nötig empfunden hatte. Der Schmerz ging dafür auch und das Letzte, das Kenma sah, war die Anzeige des Autoradios. Blinkend.
10:42
History
Jeder hat eine Vergangenheit. Jeder hat ein Päckchen, das er mitträgt und jeder hat Erfahrungen unterschiedlichster Natur.
Fast jeder hat diese eine Sache, die er zutiefst bereut, gemacht zu haben, oder auch nicht gemacht zu haben. Die er aus den Fingern gleiten hat lassen.
Es gibt diese Situationen, die wir uns wünschen, wir wären schneller da gewesen und welche, von denen wir wissen, dass sie kommen werden, wir sie aber vor uns herschieben. In der utopischen Hoffnung, ihr zu entrinnen.
Die Vergangenheit birgt aber auch die schönsten Erinnerungen, die wir haben. Die, die wir nie verlieren wollen. Manchmal sind sie nur Momentaufnahmen, aber das Wertvollste, das wir mit uns tragen. Etwas, das uns antreibt, weiterzuleben. Etwas, das uns ermutigt, das Leben, so wie es ist, aber auch nicht ist, bestreiten zu wollen, weil es eben nur eine Erinnerung ist. Und weil das Leben jetzt ganz anders ist. Und manchmal ist genau das das Richtige.
Das Wichtigste aber ist, dass wir aus unserer Vergangenheit lernen.
Auch die neuen Assistenzärzte hatten eine Vergangenheit. Die unangenehmste aber wohl rückte Akira Kunimi gerade sehr präsent in den Vordergrund. Er hatte an diesem Morgen bereits ein ungutes Gefühl gehabt, er war mit einem ganz bestimmten Geruch in der Nase aufgewacht. Ein Geruch, den er nur einer einzigen Person seiner Vergangenheit zuteilen konnte.
Als Kunimi der Aufforderung des Leiters des Facharztprogrammes Folge leistete, drang dieser Geruch wieder an ihn heran. Nein, er ging nicht von Dr. Komori aus, er hatte keine Vergangenheit mit ihm. Niemals, dazu war er zu gut gelaunt und lächelte zu breit. Dr. Komori war nicht der Typ Mann, auf den er sich einließ.
Kunimi stand am Stationsstützpunkt und betrachtete die blonde Ärztin, die auf die neuen Assistenzärzte wartete. “So, ihr vier Promenadenmischungen. Ihr gehört ab heute mir und seid mir hilflos ausgeliefert”, lachte sie und maß Kunimi und die drei um ihn herum.
“Also, dann tun wir mal so, als würde mich interessieren, wer ihr seid, denn wenn ihr dieses Internship erstmal abgeschlossen habt, wird von euch maximal einer übrig bleiben, wozu also der ganze Zinober?”, sagte die Stationsärztin und die Vorstellung ging reihum. Als erstes stellte sich Tsutomu Goshiki vor, der bereits in der vergangenen Nacht versucht hatte, sich mit allen irgendwie zu verbinden. Socializing. Nicht Kunimis Ding. Dann war da Takeharu Futamata, von dem Kunimi gedacht hätte, er würde ihn heute mit dem Kater seines Lebens wiedersehen. Er war aber das blühende Leben und strahlte die Ruhe aus, die Goshiki nicht zu bewahren vermochte, denn der wirkte so, als zerreiße es ihn jeden Moment vor Freude. Schrecklich. Ganz und gar nicht Kunimis Art von Menschen, mit denen er sich üblicherweise abgab. Und dann war da noch jemand. Kunimi kannte sie nicht. Runa Kuribayashi. Sie war bestimmt so eine graue Maus auf der Party gewesen, weshalb er ihr kein Fünkchen Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sie war auch aufgeregt, aber sie schluckte es hinunter und strahlte eine unangenehme Nervosität aus. Na toll, da hatte er ja ein hervorragendes Team um sich. Kunimi würde sich nicht in den Mittelpunkt drängen wollen, den überließ er gerne Goshiki, aber wenn Futamata und Runa auch bei den Visiten und anderen Aufgaben so ruhig wären, dann wusste Kunimi, würde er fest anpacken müssen.
Am Schlimmsten aber fand er, dass von einem dieser Leute hier dieser Geruch ausging. Goshiki und Futamata schloss er gleich aus, das hätte er bereits gestern realisiert. Runa war für ihn auch nicht der Typ für so ein aufdringliches Parfüm und so blieb er an der Stationsärztin hängen. Sie roch nach Vergangenheit. Aber er kannte sie nicht. Warum klebte er also so hartnäckig an dieser Frau? Kunimis Augen verengten sich bei ihrem Anblick. Groß war sie, für eine Frau zumindest, blond und in einem kurzen Bob mit geradem Pony trug sie ihre Haare und auf den Lippen zierte ein verschlagenes Grinsen. Kunimis Blick blieb bei ihr. Warum roch sie nach ihm?
“Und du bist?”, die Frage ging direkt an Kunimi. Er seufzte. “Akira Kunimi, hier, um Neurospezialist zu werden. Und Sie?”, antwortete Kunimi und gab der Vorstellungsrunde die letzte Station. Die Frau, die so schrecklich nach ihm roch, grinste breit.
“Saeko Tanaka, Fachärztin auf der Ortho. Macht euch nicht die Illusion, ihr würdet direkt in der Fachrichtung landen, wo ihr jetzt hin wollt. Ich wollte eigentlich auch auf die Neuro und in Hirnen rumstochern. Abgetrennte Beine sind aber weit cooler. Das ist mein Tipp, den ich euch gebe: Seid offen”, sagte sie und lachte darauf. “Oh Mann, den muss ich mir merken. Seid offen. Chirurgen”, prustete sie heraus und drehte sich um. Dann deutete sie den vieren, ihr zu folgen und Kunimi ging mit gemischten Gefühlen nach.
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“Oh, Dr. Sakusa. Darf ich Ihnen gleich die neuen Assistenzärzte vorstellen? Das hier ist zum Beispiel Kunimi. Er möchte gerne in die Neurochirurgie", sagte Dr. Tanaka und stellte auch den Rest ihrer Truppe vor. Dr. Sakusas Augen blieben aber auf Kunimi haften. “Du bist das also”, sagte der Oberarzt ungewohnt vertraut. Kunimi spürte, wie ihn ein schier unbekannter Hass auffressen wollte. Dr. Tanakas Grinsen wurde breit, direkt verschwörerisch und seine drei Kollegen starrten Kunimi irritiert an. “Wer denn?”, wollte Goshiki wissen.
Dr. Sakusa hob das Kinn etwas an. Er sah förmlich auf Kunimi herab. “Der Grund, warum er tot ist”, sagte er kalt und wandte sich ab, ohne die anderen drei auch nur eines Blickes zu würdigen. Kunimi entschied in diesem Moment, dass die Neurochirurgie als Ziel in weite Ferne rückte. Denn natürlich wusste er, wer Dr. Sakusa war. Wie gut sein Ruf war und dass er unter ihm unter diesen Voraussetzungen nicht arbeiten würde.
“Wer ist gestorben?”, fragte Goshiki neugierig. Kunimi verdrehte die Augen. “Jeden Tag ungefähr 160.000 Menschen”, erwiderte er und gab deutlich zu verstehen, dass er nicht darüber reden wollte. Es gab in seinem Leben nur einen einzigen Menschen, dessen Tod er sich vielleicht ankreiden lassen könnte und daran wurde er seit dem Betreten des Krankenhauses schon genug erinnert. Kunimi sah der Stationsärztin auch ganz genau an, wie sehr sie auf Details brannte, doch sie fragte nicht. Kunimis Gesicht drückte deutlich genug aus, dass er nicht darauf eingehen würde. Seine Antwort war im Grunde doch auch schon ein starkes Indiz.
“Spannend”, summte Dr. Tanaka anstatt zu fragen und führte ihre Tour durch das Krankenhaus fort. Sie endete auf der Intensivstation.
Dort schwang sogar die Stimmung der blonden Ärztin um. Kunimi schätzte sie nicht so ein, als hätte sie mit den Intensivpatienten besonders viel Mitleid. Irgendwas lag hier in der Luft. Nicht nur sein Geruch, aber wenn es nicht sofort aufhören würde, nach ihm zu riechen, Kunimi würde sich eine Toilette suchen müssen, um sich zu erleichtern.
“Seit heute Nacht liegt hier ein Kollege. Ich bitte euch also um besondere Diskretion”, sagte Dr. Tanaka eindringlich, da stockte auch Kunimi. Er kannte hier ja kaum jemanden näher. Bei niemanden hätte er somit das Gefühl, es würde ihn berühren, wenn er oder sie auf der Intensivstation liegen und um sein oder ihr Leben bangen würde. Aber das Gefühl, dass dieser jenige genauso Arzt war wie er. Vielleicht sogar ein Assistenzarzt im zweiten oder dritten Jahr, ließ ihm das Blut gefrieren.
Plötzlich wurde der Geruch noch so viel intensiver. Kunimi unterdrückte, zu würgen. Nein. Das konnte nicht sein!
Hinter ihnen trat zielstrebig ein Arzt an das Krankenbett heran.
“Wir müssen sein Herz stabil halten, sonst wird diese schwachsinnige Heldentat gleich noch lächerlicher”, sagte der Arzt zu Dr. Tanaka.
“So herzlos, wie immer… Darf ich bekannt machen. Oberarzt der Cardiochirurgie Dr.-” - "Rin!", platzte es aus Kunimi heraus, bevor Dr. Tanaka die Vorstellung beenden konnte. "Rintarou Suna und ich würde Dr. Suna bevorzugen", sagte der Herzchirurg scharf. Das war er, der Mann, dessen Geruch Kunimi bereits den ganzen Tag verfolgte, und er schenkte Kunimi ein Grinsen direkt aus den tiefsten Tiefen der Unterwelt. Ein eiskalter Schauer lief Kunimi durch den ganzen Körper und hinderte ihn daran, sich zu rühren, gar noch etwas zu sagen. Stattdessen jagten die Momente ihrer gemeinsamen Nacht durch Kunimis Zellen. Die Berührungen brannten auf seiner Haut, die Zunge fühlte sich taub an, wie vom vielen Alkohol, seine Augen brannten und der kalte Schauer wurde zu einer Gänsehaut, die ihm die Nackenhaare aufstellte. Dr. Rintarou Suna hat vor Monaten etwas mit ihm geteilt, was Kunimi seitdem je suchte und nicht zu finden vermochte.
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Es war eine sehr bedenkliche und wild umstrittene Szene-Party, wie Kunimi sie schon öfter besucht hatte. Er war dabei die Munition. Sie spielten mit dem Risiko, tanzten mit dem Schicksal, brauchten das Adrenalin. Kunimi suchte das nicht. Er suchte nur jemanden, der verrückt genug war, ungeschützt mit ihm zu schlafen. Im Optimalfall sah er gut aus und war noch besser im Bett.
Sein Blick war schon bei dessen Eintreten sofort auf Rin, wie er sich später knapp vorgestellt hatte, gefallen. Aber er war in Begleitung. Ein Typ, der Kunimi nicht so gefallen wollte. Nicht, weil er nicht attraktiv war, aber er hatte nicht Kunimis Vibes. Er wirkte mit seinen müden Augen nicht sonderlich motiviert. Gut, das tat Kunimi auch nicht. Aber zwei dieser Sorte brauchte es nicht in den Laken. Lieber wollte er den schwarzhaarigen Mann mit den markanten Augen, die bereits gefährlich zu ihm blitzten. Er tauschte ein paar Worte mit seiner Begleitung aus und dann gehörte seine Aufmerksamkeit Kunimi.
“Dein erstes Mal?”, fragte Kunimi und nahm einen Schluck seines Drinks. Sunas Lippen zuckten. “Wer weiß”, antwortete dieser und beschaffte sich zügig eine Glasflasche mit einem sprudeligen Mischgetränk. Schwach. Vermutlich, um seine Performance nicht zu trüben. Ganz nach Kunimis Gusto. “Bei mir auch nicht. Akira”, vermutete er und stellte sich vor. Da gab Rin auch diesen Rufnamen bekannt. Kunimi interessierte sich nicht dafür, für was die Kurzform stand. Wenn Rin sich nur so vorstellte, würde er später auch nur so seinen Namen stöhnen.
Und er sollte recht behalten. Rin ließ kaum zu, dass Kunimi mehr Silben als eine von sich gab. Selbst nach dem Sex lag er in Rins Armen und keuchte ein letztes Mal seinen Namen.
“Und? Bist du nun der Jackpot?”, fragte Rin. Kunimi blinzelte und sah zu ihm hoch. “Ich weiß nicht, was du meinst”, sagte er, weil man es nicht einfach sagte. Das gehörte zur Essenz der Party. Die Ungewissheit. Bis zum Schluss. Bis zum Testergebnis. Positiv oder Negativ. Alle hofften auf das negative Ergebnis, aber der Nervenkitzel, es könnte positiv sein, sie könnten sich mit dem Virus angesteckt haben, war das, was sie zu solchen Treffen trieb.
“Ist auch egal. Ich werde es früh genug erfahren. Oder auch nicht. Und wir werden uns sowieso nie wieder sehen”, sagte Rin. Er gewahr Kunimi dennoch einen weiteren Moment in seinem Arm. “Wirst du nicht mehr auf so eine Party kommen?”, fragte Kunimi neugierig. Suna schüttelte den Kopf. “Nein, war eine Idee von Samu. Er wollte mal was Gefährliches machen, aber sowas wie von Klippen zu springen ist nicht unser Ding”, erklärte Rin. Kunimi schmunzelte. “Sex ist euer Ding. Zumindest deines”, sagte Kunimi und bemerkte enttäuscht, dass sich der Arm unter seinem Körper wegzog. “Ja, Sex ist mein Ding”, bestätigte Rin. Er richtete sich im Bett auf und sammelte seine Klamotten ein. Ein klassischer One Night Stand. Nun ja, fast. Wenn Kunimi jemand Wildfremdes in einer Bar aufgabelte, dann hatte er geschützten Sex. Mit Rin nicht. “Schade, dass es eine einmalige Sache war. Ich hatte schon lange keinen mehr, der gut war.” Auch Kunimi schob sich nun aus dem Bett. Er sah Rin zu, wie er das schwarze Hemd zu knöpfte. “Du suchst vielleicht an den falschen Orten. In so Studentenbars wirst du nichts Brauchbares finden. Geh in noblere Bars und lass dich aushalten”, sagte Rin und grinste ihn ein letztes Mal schmutzig an. Die Augen funkelten gefährlich. “Auf Nimmerwiedersehen”
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Auf Nimmerwiedersehen, am Arsch, dachte Kunimi, wurde aber schier von Dr. Tanaka unterbrochen. “Dr. Akaashi hatte gestern einen Verkehrsunfall. Ursache ungewiss. Aber das hat die ganzen Nachtstunden in Anspruch genommen. Er hat beide Lungen gesprengt und hängt deswegen an der Herzlungenmaschine, bis er eine Lunge bekommt. Dr. Konoha durchläuft gerade die Kompatibilitätschecks”, beschrieb Dr. Tanaka den Fall. Dr. Akaashi sah grausam aus. Blaue Flecken überall, Fixateure von extern, die klobige Herzlungenmaschine an der sein Leben hing, überall noch Blutkrusten. “Dr. Kozume… sein Beifahrer… an ihm wird immer noch operiert. Sein Kreislauf ist so schwach, sie müssen immer wieder pausieren. Es ist schrecklich. Wir haben noch nie so viele Blutkonserven gebraucht”, drückte Dr. Tanaka heraus. Kunimi merkte ihr an, dass sie es kaum über die Lippen brachte.
“Wisst ihr, wenn es jemand der Eigenen ist, dann ist es nicht mehr cool und spannend”, sagte sie und winkte die vier Assistenzärzte aus der Intensivstation. “Das ist absolut schrecklich", murmelte Kuribayashi. Goshiki war verstummt und Kunimi blieb ebenso bei der Stille. Futamata war es, der sich an Kuribayashi wandte. “Aber das ist das beste Krankenhaus des Landes. Wenn es also wo wieder gut wird, dann hier”, sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter. Dr. Tanaka wollte dann aber nicht mehr darüber reden.
“Jetzt werde ich euch in die OP-Säle bringen. Dr. Futamata, Sie sind bei Dr. Sawamura im Viszeral-Saal. Ein bisschen Gedärme Wühlen", sagte sie und brachte den ersten Assistenzarzt fort. Dann kam Goshiki auf die Plastische zu Dr. Oikawa, der ihn feierlich annahm und erst mal ein Patientengespräch mit ihm geplant hatte. Kuribayashi wurde auf die Pädiatrie gebracht und der letzte Stopp war für Kunimi. “Tja, und Sie, Dr. Kunimi, sind tatsächlich im Neuro-OP. Komplexe Strumektomie mit Dr. Sakusa”, sagte die Stationsärztin und ließ Kunimi beim Händewaschen mit Dr. Sakusa zurück. Na toll.
Mit scharfem Blick musterte dieser Kunimi. “Sie sind nicht Dr. Kozume”, stellte er fest. “Nein Sir, Dr. Sakusa. Ich bin Akira Kunimi, Assistenzarzt. Erstes Jahr, erster Tag”, sagte Kunimi. “Ich weiß, das war nicht der Grund meiner Feststelltung. Sie sind nicht Dr. Kozume, also werden Sie auch nicht tun, was er bereits tun würde. Sie werden heute nur zusehen. Unsere OP-Assistenten sind auch sehr knapp aufgestellt, also werden Sie mit dem Präparat zum Gefrierschnitt in die Pathologie gehen. Sie wissen ja schon, wo das ist”, war die Ansage, die Kunimi stark aufstieß. Dieser Mann kam ihm jetzt schon so ausgesprochen arrogant vor, dass er ahnte, dass er ihm das Fachgebiet wahrlich mies machen würde.
Außerdem durfte er sich nicht einmal dazu waschen und musste auch noch die Drecksarbeit machen. Aber darauf wurden sie vorbereitet. Die Assistenzarztzeit würde eine herausfordernde sein, in der sie Dinge machen mussten, die sie später nie wieder taten, weil es, wie Kunimi es nannte, unter ihrer Würde als Chirurgen stand. Dafür gab es eigenes Personal, das keine so lange Ausbildung erfahren hat wie er. Die gingen ja noch nicht mal auf die Uni und verdienten auch entsprechend weniger. Dass die OP-Assistenten aber einen sehr wertvollen Job im Operationssaal übernahmen, lernte Kunimi umgehend kennen.
“Yutaro Kindaichi. Ich bin heute Springer, weil wir so wenige sind. Krankenstände und so. Aber du, ähm Sie wissen ja, wie das im OP läuft. Ich bin natürlich hier um dich-Sie zu unterstützen” ein junger Mann, sicher in Kunimis Alter, verneigte sich knapp vor ihm und zeigte ihm dann auch schon all die Geräte, die sie für den Eingriff brauchten. Das Neuromonitoring kannte Kunimi. Aber er wusste im Grunde nur, was er sagen musste, dass die OP-Assistenten die richtigen Knöpfe drückten. Nun war es an ihm, diese Einstellungen vorzunehmen. Kindaichi machte nur die Grundeinstellung. Er half noch bei der Lagerung, die für Kunimi wahnsinnig anstrengend war, weil er keine körperlich schwere Arbeit gewohnt war. Der Patient lag zu sehr fußwärts und sie mussten ihn zum Kopf schieben. Wobei Kindaichi erklärte, dass schieben falsch sei. Sie könnten die Haut des Patienten mit der Reibung beschädigen. Und sie mussten aufpassen, dass sie nicht zu große Bewegungen provozierten, weil der Patient auch nicht vom Tisch fallen durfte. Alles Dinge, die Kunimi bekannt waren. In der Theorie.
“Und jetzt lässt du mich alleine?”, fragte Kunimi, und Kindaichi nickte. “Natürlich. Sie haben das doch im Griff”, sagte er, und weg war er. Dann kam Dr. Sakusa in den Saal und begutachtete die Lagerung. Er nickte zustimmend. “Lagerung in Ordnung”, sagte er und ließ sich von der OP-Pflege Mantel und Handschuhe anziehen. Wie gerne Kunimi sich auch hätte steril kleiden lassen. Stattdessen machte er nun den Mantel zu und stand kurz darauf mit den Kabeln für das Diathermiegerät da und wusste nicht recht, wie er es anzuschließen hatte.
“Was ist das Problem, Dr. Kunimi?”, fragte Dr. Sakusa etwas schärfer. Kunimi schluckte. Er starrte auf den Stecker in seiner Hand und die Anschlüsse am Gerät. Man hat ihm gesagt, es wäre immer eindeutig, wo was hin gehörte. Aber so eindeutig war das gerade nicht. “Die Mono kommt oben links rein”, sagte Izuru und deutete aus sicherer Entfernung an die Stelle. “Oh, danke”, sagte Kunimi und schloss korrekt an. Den Sauger hatte er leichter gefunden, quälte sich aber etwas, weil der Schlauch das erste Mal gleich wieder herausgehüpft war.
“Sauger aufdrehen bitte, Dr. Kunimi”, ordnete Dr. Sakusa an. Damit war Kunimi genauso überfordert. Er bediente diese Geräte nicht. Er nutzte sie nur. Die OP-Assistenten waren dafür zuständig. Er biss sich auf die Lippen, da näherte sich Izuru mit Sicherheitsabstand. “In der Mitte hast du einen Hebel, den drehst du auf die Seite, wo du den Schlauch angesteckt hast”, erklärte er und dann war das Ding auch schon am Laufen. Beim Anlegen des Neuromonitorings unterstützte Dr. Semi von der Anästhesie, weil das etwas tricky war.
Dr. Sakusa war ein unheimlich schneller Chirurg und hatte ununterbrochen etwas anderes für Kunimi zu tun. Sauger schwächer, Sauger stärker. Diathermie stärker. OP-Tisch weiter runter und wieder hoch. Kopftieflagerung, aber ja nicht zu viel. Tisch schwenken, von Dr. Sakusa weg.
“Sag bitte immer, wenn sich der Tisch bewegt”, sagte Dr. Semi, der hinter der Abdeckung sein eigenes Monitoring Auge hatte. “Okay”, gab Kunimi klein bei und war dann schon gefordert, das Neuromonitoring zu bedienen. Dr. Sakusa schnaubte, blieb aber ansonsten ruhig. “Es wäre schon von Vorteil, wenn Sie auch wüssten, wie die Maschinen hier bedient werden. Was sie tun und auf dieser Seite vom Patienten wissen, ist eine Sache, aber Sie müssen auch die andere Seite kennen. Nehmen Sie sich das bitte während Ihrer Assistenzarztzeit zu Herzen”, gab er ruhig den Tipp, den Kunimi wahrlich befolgen wollte. Die Situation mit dem Neurospezialisten war so schon angespannt genug - auch, wenn er nicht wusste, was Dr. Sakusa eigentlich gemeint hatte.
Zwischen dem Zuteilen der Signale am Neuromonitoring, ließ sich Kunimi während der Operation die Schritte erklären und musste gestehen, dass Dr. Sakusa sehr deutlich und logisch erklärte, was er gerade tat. Von ihm könnte er wohl doch sehr viel lernen. Wäre da nicht Dr. Kozume, der wohl einen besonderen Stellenwert bei dem Oberarzt hatte. Zu schade, dass dessen Leben gerade noch am seidenen Faden hing. Moment. Kunimi schüttelte den Kopf. Er wollte solche Gedanken nicht zulassen. Das war nicht fair. Er kannte den verunglückten Arzt nicht und selbst wenn, wäre das keine Art, einen Konkurrenten auszuschalten. Nein, er würde Dr. Kozume durch sein Können übertrumpfen und nicht, weil er derjenige war, der selbstständig atmen konnte.
“Präparat für den Gefrierschnitt”, sagte Dr. Sakusa schließlich und es war an Kunimi, die bereits vorbereitete Nierentasse zu Izuru zu halten, nicht zu nah, um ihn oder auch den Instrumententisch nicht unsteril zu machen. Izuru übergab das Präparat mit einer Klemme. Und dann stand Kunimi mit dem Teil der Schilddrüse da, den Dr. Sawamura nicht entfernen konnte. “Du musst damit auf die Patho”, sagte Izuru mit freundlichen Augen. Vermutlich lächelte er unter der Maske.
“Oh, natürlich”, erwiderte Kunimi und versuchte, sich an den Weg in die Pathologie zu erinnern. Dr. Tanaka hat sie nämlich nicht direkt hingeführt, nur im Vorbeigehen, den Lift und Stock und dann zumindest eine Richtung genannt. “Nehmen Sie auch das Saaltelefon mit. Warten Sie bei Dr. Matsukawa. Er soll umgehend anrufen, wenn er das Ergebnis hat”, sagte Dr. Sakusa und Kunimi machte sich auf den Weg.
Seine Aufmerksamkeit lag auf dem Organklopps in der Nierenschale und darauf, dass er damit niemandem in die Quere kam. Fatal, er würde stolpern oder Ähnliches.
Beim Lift angekommen, wählte er das Untergeschoss, weil es so zumindest auch immer war: Die Pathologie war im Keller. Dort war es kalt und wie Kunimi kurz darauf feststellen musste, auch ziemlich gruselig. Das Lichtflackern, wovon ihm ältere Assistenzärzte sagen würden, wäre immer schon so, bahnte ihm regelrecht den Weg. Schnellen Schrittes, aber nicht laufend eilte sich Kunimi in die pathologische Abteilung, nur um festzustellen, dass niemand hier war. Auf dem Präpariertisch lag ein Zettel. “13” stand darauf und Kunimi sah sich um. Die Laden waren nummeriert und tatsächlich gab es eine mit dieser Nummer.
Was das wohl für ein krankes Spiel war? Schnitzeljagd in der Patho? Langsam näherte sich Kunimi der dreizehnten Lade, doch ehe er an den Griff fassen konnte, ging die große Glastür auf und eine tiefe Stimme jagte ihm einen Heidenschrecken ein.
“Was suchst du hier?”, fragte Dr. Matsukawa. Kunimi drehte sich hastig zu ihm. “Präparat, Struma, Dr. Sakusa”, sagte er und hielt ihm die Nierenschale hin. “Du bist nicht Dr. Sakusa”, sagte der Pathologe, nahm die Nierenschale aber an. Der Gefrierschnitt war ja angemeldet. Kunimi aber seufzte. Wer ihm heute nicht noch alles sagen würde, wer er nicht war? “Akira Kunimi, Assistenzarzt im ersten Jahr, erster Tag”, stellte er sich vor. “Oh, sehr schön. Frischfleisch. Leg mir das Telefon da hin und mach mir Lade 13 auf”, sagte Dr. Matsukawa und Kunimi tat, wie ihm gesagt wurde.
Das Telefon lag darauf neben dem Tisch, wo Dr. Matsukawa den Gefrierschnitt startete, eine Methode, wo unter Nutzung von Flüssigstickstoff und Blaufärbung schnellstmöglich bestimmt werden konnte, ob es sich um bösartiges Gewebe handelte und wenn, ob auch gänzlich alles entfernt wurde.
Etwas zögerlich ging Kunimi dann zur Lade 13. Er hatte sie ja eben schon aufmachen wollen, nun hatte er sogar die Erlaubnis. Ob da Dr. Matsukawa nächster To-Do-Punkt drinnen lag?
Ruckartig riss er die Lade auf und sprang kurz darauf mit einem spitzen Schrei zurück. Die Person in der Lade hatte sich aufgerichtet. Sie lag auch nicht in einem schwarzen Sack und war nicht zu gezippt. Nein, diese Person, diese Frau war kein To-Do, keine zu obduzierende Leiche.
“Hey! Wer bist du denn? Du hast mir nen heiden Schrecken eingejagt”, sagte die Frau mit den schwarzen Haaren. Sie trug sie in zwei Zöpfen zusammengebunden. Stirnfransen hingen ihr ins Gesicht. “Was heißt hier, ich hab dich erschreckt?”, gab Kunimi patzig zurück. “Warum liegst du als unverkennbar Lebende überhaupt da drinnen?”, fragte er. Sein erschrockenes Herz beruhigte sich langsam wieder.
“Eri! Verschreck die Welpen nicht immer”, mahnte Dr. Matsukawa mit dem Gesicht im Mikroskop. Eri sprang dafür von der Lade und verneigte sich vor Kunimi. “Entschuldige bitte, Eri Miyanoshita, Assistenzärztin im dritten Jahr seit heute”, sagte sie stolz und Kunimi gab bekannt, dass er seit heute hier war. “Das ist schön. Ach und um auf deine Frage zurückzukommen”, sagte Eri und sah zurück zur Nummer 13. “Manchmal, wenn mich die Traurigkeit übermannt, dann leg ich mich da rein und stell mir vor, dass es vorbei ist”, erklärte sie. Kunimi hob die Augenbrauen. “Und dann gehts dir besser?”, fragte er. Eri schüttelte den Kopf. “Nein, dann geht es mir schlimmer und ich bin umso trauriger, dass er nicht mehr hier ist. Dann ist es nicht mehr nur das Vermissen. Dann bedaure ich ihn dafür, dass er all die schönen Dinge im Leben nicht mehr haben kann”, schluchzte sie, aber zwang sich zu einem Lächeln. “Dennoch bin ich unendlich dankbar für die Zeit, die ich mit ihm hatte. Auch wenn sie so kurz war”, sagte sie und Kunimi stellte die offensichtliche Frage, worauf Eri zu erzählen begann: “Wer denn?” - “Eikichi”
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Es war der erste Tag von Eris Praxisstunden im Haikyuu Medical Hospital. Ein Jammer, dass dieses Krankenhaus so riesig war und sie die einzige Praktikantin im Moment war. Es würde noch welche kommen, in den nächsten Wochen und Monaten und auch hatten welche erst ihre Praktikumszeit abgeschlossen, aber weil sie gerade die einzige war, hat man sich darauf geeinigt, sie einfach im Aufenthaltsraum zu begrüßen. Nur, dass Eri nicht wusste, wo dieser war und an der Information konnte man es ihr auch nicht sagen. Die waren mehr für Patienten da und die durften nicht in Personalräume.
“Kann ich dir irgendwie helfen?”, eine angenehme ruhige Stimme riss Eris Aufmerksamkeit auf sich. Sie drehte sich rasch um und sah mit ihren großen Kulleraugen in die dunkelblauen Iriden ihres Helden. “Ja, ich hab ab heute meine Praxistage hier und ich muss zum Aufenthaltsraum der Chirurgen”, sagte Eri mit positiver Aufregung. Ihr Gegenüber lächelte. “Tja, ich gehöre zwar nicht zum Chirurgenteam, aber ich kann dir trotzdem helfen”, sagte er und ging mit ihr zu den Liften. “Ich danke dir. Bist du auch Praktikant oder so?”, fragte sie neugierig. Er lachte. “Nein, ich bin schon etwas länger hier, aber man hat mir schon öfter gesagt, dass ich wie ein Praktikant aussehe”, lachte er und legte dabei die Hand in den Nacken. Eri mochte sein Lachen sofort. “Du siehst eben sehr jung aus, wo bist du denn? Oh und ich bin Eri. Eri Miyanoshita, Praktikantin für die Chirurgie”, sagte Eri und verneigte sich schwungvoll. “Zum Glück jung und nicht unerfahren. Eikichi Chigaya, sag gerne Eikichi”, auch Chigaya verneigte sich knapp. “Ich bin seit zwei Jahren hier auf der Pathologie”, erzählte er und stieg mit Eri in den Lift. Eri staunte nicht schlecht. “Du siehst viel zu gut aus für die Pathologie. Also, zu gut gelaunt und… naja, auch viel zu gut allgemein”, plapperte sie drauf los, aber senkte immer mehr den Kopf vor Verlegenheit. Chigayas Wangen färbten sich in einem zarten Rosaton. “Oh… das hat mir auch noch nie jemand gesagt”, kicherte er verhalten. “Du siehst dafür etwas gar süß für eine Chirurgin aus”, gab er zurück. Beide sahen peinlich berührt zur Seite. Eri presste die Lippen aufeinander. “Danke”, murmelte sie und stieg mit Chigaya aus, als sie im richtigen Stock waren. Schweigend folgte sie ihm, konnte dabei aber nicht verhindern, dass ihr Herzschlag an Tempo gewann.
“Da vorne ist die Personalschleuse. Wie das funktioniert, weißt du ja, oder?”, fragte Chigaya und deutete auf die nächste Tür im langen Gang. Eri nickte. “Sind nicht meine ersten Praxistage, also hier schon, aber ich war schon in anderen Krankenhäusern”, antwortete sie. “Dann hoffe, dass diese Tage die besten werden. Wäre schön, wenn du bleibst”, sagte Chigaya. Er konnte den Blick nicht ganz halten, aber auch für Eri war es schwer. “Hab schon einen guten ersten Eindruck”, sagte Eri mit einem süßen Lächeln. “Sehr gut. Also, nach der Schleuse musst du nur ein paar Schritte gehen, dann ist zu deiner Linken auch schon der Personalraum. Kannst du nicht übersehen. Und ähm… wenn du mal etwas Zeit tot schlagen willst, in der Patho geht das gut”, sagte Chigaya und zwinkerte. Eri kicherte. “Oh, du meinst wegen tot?”, fragte sie. Chigaya lachte ertappt auf. “Oh, der ist gut. Also… bis später vielleicht?”, fragte er und Eri nickte, bevor sie die Tür durch die Schleuse nahm, um sich umzuziehen und kurz darauf im Aufenthaltsraum anzukommen.
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“So hab ich dann auch Issei kennengelernt und Takahiro”, sagte Eri mit einem wehmütigen Lächeln. Sie hatte mit einem ganz besonderen Glanz in den Augen von Chigaya erzählt. Chigaya, der wohl mal auf der Pathologie hier gearbeitet hat, denn so wie sie zuvor gesprochen hatte, war ja etwas vorgefallen, dass er nun wohl nicht mehr lebte. “Was war dann?”, fragte Kunimi deswegen. Eri seufzte ergeben.
“Das, was man wohl die echte wahre Liebe nennt”
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Eri war am Ende ihres ersten Tages hinunter in die Pathologie gefahren und wurde mit dem schönsten freudigsten Lächeln, das sie je gesehen hat, begrüßt. Dr. Hanamaki von der Radiologie war mit ihr im Lift gefahren und am Weg zu Dr. Matsukawa, dem Chigaya unterstellt war. So lernte Eri auch das Weirdo-Trio kennen, denn Dr. Hanamaki hielt sich sehr oft hier auf und Dr. Matsukawa und Chigaya sowieso. Es dauerte auch nicht lange, da wurden sie das Weirdo-Quartett, denn Eri hat sich schnell entschieden, hier ihre Assistenzarztzeit zu verbringen. Hier, im Haikyuu Medical Hospital. Hier, im selben Krankenhaus, wo auch Eikichi Chigaya arbeitete.
“Und du weißt wirklich noch nicht, worauf du dich spezialisieren willst?”, fragte Hanamaki beim Mittagessen, dass die vier in der Leichenhalle zu sich nahmen. Daher auch der Beiname des Weirdo-Quartetts. Die wenigsten Menschen konnten neben einer offenen Leiche essen. Weit genug entfernt, aber viele konnten nicht mal einen Schluck trinken, wenn sie in den Räumlichkeiten der Pathologie waren.
“Ne, es ist alles so spannend. Außer Pädiatrie, also das ist schon auch spannend, aber die kleinen Kinder… ich kann das nicht. Die weinen immer so bitterlich und ich versteh das auch, aber ich könnte die nicht aufschneiden”, sagte Eri und schlürfte ihre Ramen Bowl weiter. “Dann könntest du es ja an die Oberärzte ausmachen, mit denen du gerne arbeitest”, schlug Chigaya vor. Eri zuckte mit den Schultern. “Sie sind eigentlich alle sehr nett”, sagte sie, denn Eri hatte an niemandem etwas auszusetzen. “Komm zu uns runter”, sagte Matsukawa und knabberte das letzte Stückchen Hühnerfleisch von seinem Spießchen. Eri kicherte, aber Hanamaki klopfte auf den Tisch. “Nein, nein, dann bin ich wieder der Einzige von uns, der nicht hier arbeitet”, beschwerte er sich. Matsukawa legte ihm die Hand auf den Oberschenkel. “Ich hab dir schon oft genug gesagt, dass für dich hier immer ein Plätzchen ist”, sagte er und Hanamaki schnaubte. “Ja, ich weiß. Ich Reihe 3, Lade 7” und alle vier begannen zu lachen.
Weder Eri noch Hanamaki entschieden sich für den Umzug in die Pathologie. Hanamaki sah viel zu gerne die verrückten Dinge, die Patienten in sich hatten. Seien es wilde Gewächse, krasse Brüche oder die unvorstellbarsten Gegenstände im Rektum.
“Ich meine, wer steckt sich da ne Tomate rein? Ne Banane oder ne Gurke versteh ich ja noch. Aber ne Tomate? Und einen Apfel und eine Paprika? Warum?”, erzählte Hanamaki vor Dienstschluss in der Pathologie. Eri und Chigaya würden noch ein paar Stunden bleiben, denn zumindest Chigaya hatte Spätschicht und Eri wollte ihm Gesellschaft leisten. Und eigentlich, viel wichtiger, ihm endlich eine besondere Frage stellen.
“Möchtest du vielleicht mit mir zu Abend essen gehen? Auch wenn es schon sehr spät ist?” Chigaya ließ den Bericht sinken, den er gerade als einer der letzten Arbeitsschritte in Angriff genommen wurde. “Oh, Eri… es tut mir so leid”, sagte er. Sein Mund klappte auf, als suche er nach den richtigen Worten und Eri verstand, dass sie alles falsch gedeutet hatte. Doch auch ihr fehlten die Worte.
“Ich hätte dich viel eher fragen sollen, aber ich wusste nicht… ich dachte, vielleicht. Naja, dass ich das alles ganz falsch einschätze und du nur nett bist. Oh oder… du bist auch jetzt nur nett, weil ich so überarbeitet bin” Chigaya ging sich angespannt durch die krausen Haare. Eris Gesichtsausdruck wechselte von heartbroken zu erfreut zu verwirrt und schließlich zu freudig amüsiert. “Eikichi. Ich bin vielleicht nett, aber ich will nicht aus Nettigkeit mit dir essen gehen”, erklärte sie. Chigaya lächelte verlegen, lachte sogar über sich selbst. “Wow, was bin ich doch für ein Glückspilz”, sagte er und willigte auf das Abendessen ein, das als ihr erstes Date zählen sollte, dem noch mehr folgten und noch etwas viel Bedeutenderes.
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“Ich hab schon so viele Beziehungen zerbrechen sehen. Nicht zuletzt die meiner Eltern und das wäre alles zu verhindern, würde man sich an ein paar ganz einfache Regeln halten. Somit… wenn wir das wirklich wollen, wenn du eine Beziehung mit mir haben willst, dann musst du in diese sieben Regeln einwilligen”, sagte Chigaya Wochen später, als es begann, wirklich ernst zu werden. Er hielt Eris Hände in seinen und sah ihr tief in die Augen. Eri nickte. “Dann lass sie mich hören”, flüsterte sie, weil sie bereits spürte, dass sie dabei waren, einen lebenslangen Pakt einzugehen. Chigaya räusperte sich und zählte die [url=https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=9axjBEY9aeQ]sieben Regeln[/url] auf, die er über die Zeit als stummer Beobachter von Liebe und Beziehungen aufgestellt hatte.
“Erstens, lass uns nie sauer ins Bett gehen, oder auf der Couch schlafen. Das Leben ist kurz. Wie wissen nicht, ob wir morgen aufwachen. Lass uns Dinge lösen, bevor wir schlafen gehen. Zweitens, mindestens einmal Date-Night in der Woche, weil das gut für unsere mentale Gesundheit ist und unseren Zusammenhalt stärkt. Drittens, keine Geheimnisse. Lass uns immer ehrlich miteinander sein, auch wenn es wehtut. Geheimnisse zerstören Beziehungen und zerbrechen die Kommunikation. Viertens, wir dürfen nie miteinander schreien. Eri, wir können anderer Meinung sein, aber schreien ist nicht in Ordnung. Lass uns nicht in Wut verlieren. Fünftens, wenn einer von uns eine schwere Phase hat, der andere hat sich zurückzunehmen und muss der Stärkere sein. Wir sollten ein Team sein und einander ausgleichen und immer füreinander da sein. Sechstens, in der Öffentlichkeit übereinstimmen, diskutieren zuhause, nicht vor anderen. Lass uns unsere Beziehung hüten. Manche Dinge müssen einfach unter uns bleiben. Und siebtens, lass uns immer “Ich liebe dich” zueinander sagen. Das ist für mich die wichtigste Regel. Ich will nicht, dass wir Routine werden. Eri. Ich liebe dich und hätte gerne, dass du bei mir einziehst”, sprach Chigaya mit jeder Regel tiefer aus seinem aber auch aus Eris Herzen. Mit jeder Regel schlug ihr Herz schneller. Mit jeder Regel drückte sie etwas fester zu und nickte schließlich rasch mit Tränen in den Augen. “Ich akzeptiere jede einzelne Regel und ich würde sehr gerne bei dir einziehen”, sagte sie von Freude überrumpelt. Chigaya lachte erleichtert auf und holte schnell seinen Schlüsselbund aus der Tasche, um den Reserveschlüssel für Eri abzutrennen. Eri nahm den Schlüssel an und steckte ihn schnell auf ihren Schlüsselbund.
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“Damals dachte ich, es ging vielleicht etwas schnell. Heute ging es mir viel zu langsam. Ein paar Monate später hat er mir draußen beim alten Ahorn… den gibt es gar nicht mehr… aber er hat mir dort einen Heiratsantrag gemacht und ich hab ihn angenommen. Wir waren mitten in der Planung. Es war alles so harmonisch, weil wir uns an seine Regeln gehalten haben. Aber es war auch nicht schwer. Nicht mit ihm. Er war so perfekt”, Eri seufzte. Kunimi bemerkte nicht, dass Dr. Matsukawa bereits mit Dr. Sakusa telefoniert hatte und dass der Gefrierschnitt bestätigte, dass alles maligne, also bösartige, entfernt wurde.
“Und dann?”, fragte Kunimi. Eri schwieg. Sie presste die Lippen aufeinander. “Und dann…”, sie schluckte stark. Dr. Matsukawa tätschelte ihr die Schulter. “Und dann-”, sprach er statt ihr.
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“Code Blue!”, rief Hanamaki aus und Matsukawa war umgehend zur Stelle. Hanamaki war an der Herzdruckmassage dran. “Was ist passiert?”, fragte Matsukawa und tauschte mit dem Drücken ab.
“Ist einfach umgefallen. Hat von Eris Brautkleid erzählt und über beide Ohren gestrahlt und dann haben wir übers Wetter geredet und dann ist er einfach umgefallen”, sagte Hanamaki außer Atem. “Keine Anzeichen?”, fragte Matsukawa. Hanamaki schüttelte den Kopf. “Nein, es war aus dem Nichts”, sagte er und wechselte wieder mit dem Drücken ab.
Matsukawa wusste nicht, wie lange sie reanimierten. Er wusste nicht, wie oft er sich mit Hanamaki abwechselte, wann sie Code Blue ausgerufen hatten. Er wusste nur, dass er ununterbrochen an Eri dachte und nicht wusste, wie er es ihr erklären sollte, denn er wusste bereits, als er zu Hanamaki hereingekommen war, dass es vorbei war. Chigaya hatte keine Chance. Er wusste durch seinen täglichen Umgang mit dem Tod, wie ein Körper aussah, wie ein Gesicht aussah, das nicht mehr zum Leben zurückkehrte. Matsukawa wusste, dass er und Hanamaki auf verlorenem Posten kämpften. Auch Hanamaki hat es irgendwann verstanden, denn ihm liefen die Tränen über die Wangen, auch während er seine Hände immer wieder in den Brustkorb des Kollegen stemmte. “Eri wird das nicht verkraften”, sagte er mit zittriger Stimme. “Dann müssen wir für sie da sein, aber es hat keinen Sinn. Makki, hör auf”, sagte Matsukawa. Aber Hanamaki machte weiter. Matsukawa atmete tief ein. “Makki bitte”, sagte er mit Nachdruck. Hanamaki schüttelte den Kopf. “Ich tu das Eri nicht an”, sagte er. Sie hatten schon eine Weile nicht mehr gewechselt, weil Matsukawa nicht übernahm. Hanamaki machte es alleine. “Makki! Hör endlich auf!”, brüllte Matsukawa. Auch ihm lief eine Träne über die Wange. Er wandte sich von Hanamaki ab und ließ sich neben Chigaya nieder. “Es reicht”, sagte er mit bebender Stimme. Hanamaki hielt inne just als die Notfalltruppe kam und alles wie in Zeitlupe neben ihnen passierte. Schock. Herztontest. Nichts. Drücken, Schock, Test. Negativ.
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“Das war heute vor einem Jahr. Ich war gerade das zweite Assistenzarztjahr angetreten. Eikichi war so stolz auf mich, weil ich direkt bei Dr. Sakusa, dem Stararzt assistieren durfte. Aber ich konnte ihm nie erzählen, wie ausgesprochen dumm ich mich angestellt habe”, sagte Eri mit einem Lächeln auf den Lippen, aber Tränen in den Augen. “Ich war so nervös, etwas falsch zu machen, dass alles schief gegangen ist. Hab das Skalpell runtergeschmissen und die Nadel aus dem Nadelhalter fallen lassen. Kannst du dir das vorstellen?”, sagte sie zu Kunimi, der sich nach dieser Geschichte gar nichts mehr vorstellen konnte. Er erinnerte sich nur an seinen Start heute. “Ich war heute auch bei Dr. Sakusa, aber ich durfte mich nicht mal dazu waschen, weil ich nicht Dr. Kozume bin”, sagte er. Eri seufzte. “Ja… tragisch… Dr. Kozume ist Dr. Sakusas Lieblingsassistenzarzt, aber er hatte einen Autounfall. Mattsun, weißt du da schon mehr?”, fragte Eri und beide sahen zum Pathologen. “Laut Iwa ist er etwas stabiler und sie können die letzten Schritte durchführen. Ich mach mir jetzt mehr Sorgen um den von Konoha”, sagte Matsukawa. Kunimi schluckte. “Sie meinen Dr. Akaashi?”, fragte er. Beide nickten. “Der Junge braucht ne Lunge, am besten zwei und Konoha hat sich ohne mit der Wimper zu zucken für einen Kompatibilitätstest gemeldet”, sagte Dr. Matsukawa. Er schüttelte den Kopf. “Wie steht ihr so zum Organspenden?”, fragte Eri. Es war, als wollte sie das Thema wechseln, aber nicht zu stark. “Würde ich nicht wollen”, murmelte Kunimi. Dr. Matsukawa zuckte mit den Schultern. “Solange Makki meinen Schwanz bekommt, ist mir der Rest egal.” Kunimi starrte den Arzt mit großen Augen an. Der schnalzte mit der Zunge. “Habs ihm versprochen. Mein Schwanz ist für immer sein”, sagte er und scheuchte die beiden nun raus. “Ihr habt sicher was zu tun. Eri, lass uns doch nach der Schicht zum Schrein gehen, ja? Makki kommt auch” Und mit der Annahme dieses Vorschlages gingen sie beide.
“Und du? Wie stehst du dazu?”, fragte Kunimi. “Wenn ich damit auch nur ein Leben retten könnte, wäre ich glücklich”, sagte Eri.
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Nach seinem unfreiwilligen Debüt als OP-Assistent und der herzzerreißenden Geschichte in der Pathologie ging Kunimis Tag träge weiter. Er hat das, was Eri erzählt hat, noch nie erlebt. Er kannte bisher auch niemanden, der von so einer Liebe, so einer Verbundenheit erzählt hat, wie Eri es mit Chigaya erlebt hat.
“Ob Liebe wirklich so erstrebenswert ist?”, fragte er am Mittagstisch. Futamata stopfte sich gerade einen ganzen Knödel in den Mund und legte ob der Frage den Kopf schief. “Liebe ist doch, was uns am Leben hält”, sagte Goshiki. Runa schwieg. Aber vermutlich mehr, weil sie von ihren männlichen Kollegen eingeschüchtert war. “Ich weiß ja nicht…”, sagte Kunimi. Irgendwie brachte er nichts runter. “Isst du das noch?”, schmatzte Futamata und deutete auf Kunimis Teller mit Reis, Gemüse und ein paar Fleischstückchen. “Ne, tu dir keinen Zwang an”, sagte Kunimi und schob den Teller zu seinem Kollegen.
“Ich glaube auch nicht, dass ich wie Dr. Konoha einfach eine meiner Lungen für jemand anderes hergeben würde”, sagte er. “Und wenn du diesen jemanden wirklich liebst?”, fragte Goshiki. Kunimi schnaubte. “Ich glaube nicht, dass es so einen Menschen für mich gibt”, sagte Kunimi und stand auf.
Wie selbstverständlich zog es ihn auf die Intensivstation, wo nun auch endlich Dr. Kozume lag. Beatmet, im künstlichen Tiefschlaf, wegen des Polytraumas. Er sah nicht weniger grausam als Akaashi aus, hatte aber innerlich wohl geringere, dafür mehrere Baustellen und massive innere Blutungen. Am Bett saß jemand mit blonden Haaren. Gefärbt. Der Kopf gesenkt. In seiner Hand lag die des verunfallten Kollegen.
“Weißt du, Dr. Model, also sorry, dass ich die alte Nummer jetzt wieder raus hole, aber damals, als ich dich so genannt hab, da warst wach as hell… und Pissig. Was würde ich jetzt für dein Fauchen geben. Und Kuroo erst… Gott, was macht er sich Sorgen. Er war im OP die ganze Zeit bei dir. Unter der Abdeckung. Hat deine Hand gehalten. Der Tag ohne dich war heute ziemlich doof. Wie auch immer… ich wollte dir sagen, dass Tadashi und ich nicht so bald heiraten werden. Er hat mir ja den Antrag gemacht und so, aber irgendwie geht es zu schnell. Deine Worte, was? Siehst du deinen Einfluss auf mich? Tja… außerdem kann ich doch nicht ohne meinen Trauzeugen heiraten. Ich brauch dich, Kenma.”
Kunimi seufzte. Kenma Kozume hieß er also, der Kollege, der bis vor kurzem wie Schrödingers Katze war.
Und dann, ganz plötzlich kam noch jemand durch die Pforte der Intensivstation geprescht. “Akaashi! Akaashi! Bitte nimm meine Lungen. Bitte lass mich für dich Atmen. Akaashi bitte, bitte”, ein Mann mit hellen Haaren, weiß und grau meliert, stürmte herein und eilte an das Bett von Dr. Akaashi. Ihm folgte ein anderer Mann im Arztkittel. “Bokuto! Sei gefälligst leise und hör auf. Du kannst ihm keine Lunge spenden, du bist selbst vorbelastet”, sagte der andere Arzt. “Aber was soll ich denn machen? Ich kann ihn nicht sterben lassen. Kons, reiß mir die Lunge raus, bitte”, flehte der Mann, der Bokuto genannt wurde. Der Arzt nahm beide von Bokutos Händen in die seinen. “Du weißt, dass das genau das ist, was ich selbst gerne gemacht hätte. Aber wir müssen jetzt auf ein Wunder hoffen”, sagte er und Kunimi versuchte zu kombinieren. Lungen rausreißen. Kons. Es selbst gemacht. Also ging es wohl nicht. Somit war das wohl Dr. Konoha und allem Anschein nach war er nicht kompatibel. Ach ja, das gab es ja auch noch. “Was machen wir denn nur?”, fragte Bokuto und Kunimi ging, weil es ihm zu intensiv wurde. Es war erst kurz nach Mittag und hier zerriss es gefühlt ein Herz nach dem anderen, wo Kunimi mit Herzensangelegenheiten kaum etwas zu tun hatte.
“Wie war die Strumektomie mit Dr. Sakusa?”, fragte Kindaichi als Kunimi wieder im OP-Bereich war und sich dort die Hände wusch. “Hätte besser sein können”, antwortete Kunimi. Kindaichi lächelte. “Aber sicher auch schlimmer”, sagte er. Kunimi verdrehte die Augen. “Vermutlich, aber warum soll ich mich mit nicht schlimm abgeben, wenn alle hier nach den Sternen greifen?”, fragte Kunimi etwas angespannt. “Weil es erst der Anfang ist. Die Sterne wurden auch nicht an einem Tag geschaffen”, erwiderte Kindaichi. Kunimi schnaubte. “Laut Bibel schon”, sagte er und zeigte Kindaichi die Zunge, dann ging er in den OP, wo Dr. Sakusa an einer akuten Carotis operieren sollte.
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Nach einem langen anstrengenden Tag wollte Kunimi so schnell wie möglich nach Hause. Er ließ sich beim Umziehen in der Personalschleuse mehr Zeit, weil er dann nicht mit allen, die gerade Dienstschluss hatten, im Lift stehen würde und weil er dann auch mehr Zeit für sich hatte.
Als er dann selbst zum Lift kam, stand da bereits Dr. Hanamaki drinnen. “Na? Ersten Tag gut überstanden? Komm doch noch mit auf die Patho, da gibts n Feierabendbierchen”, sagte er und schlug den Arm um Kunimi. “Ich glaube nicht”, sagte der junge Assistenzarzt und wollte sich aus der halben Umarmung befreien. Außerdem hatte Dr. Matsukawa was vom Schrein gesagt. Da wollte Kunimi nicht mit hin. “Weißt du, die Leute, die in einem Krankenhaus arbeiten, brauchen eine gute Work-Life-Balance und auch im Krankenhaus gute Freunde. Sonst wird das nichts. Und du gehörst seit heute zu uns, das haben wir entschieden”, sagte Dr. Hanamaki und Kunimi akzeptierte. Für den Moment. Außerdem war er zu erledigt, um sich angemessen zur Wehr zu setzen. Sollten sie doch ein Bier mit ihm trinken. Dagegen hatte er noch nie etwas einzuwenden gehabt. So fuhr Kunimi mit Dr. Hanamaki ganz hinunter in den Keller und bemerkte mit dem Flackern der Halogenlampe bereits, dass das ein Teil seiner Work-Life-Balance werden würde.
Aber nicht heute.
Denn heute lag kurz vor der großen Glastür zur Pathologischen Abteilung ein lebloser Körper und Kunimi stockte das Herz.
“Mattsun! Issei! ISSEI!”, rief Dr. Hanamaki und lief sofort auf den Körper zu. “Mattsun, komm sofort raus, wir brauchen dich hier”, rief er und drehte Eri zu sich. “Eri! Eri, wach auf, bitte”, flehte er sie an als auch Kunimi bei ihnen angekommen war. Kunimi erkannte auch den Ernst der Lage, denn Eri war schon kreidebleich. Er lief ums Eck und holte den Defibrillator. Als er kurz darauf zurückkam, war Dr. Matsukawa schon da, aber er wieß Kunimi, stehen zu bleiben.
“Erst, wenn wir erkennen, dass es nicht noch ein weiterer Tag ist, sondern einer weniger… dann beginnen wir, die wirklich wichtigen Dinge wertzuschätzen”, sagte Dr. Matsukawa und hob Eris toten Körper hoch. “Es tut mir so leid, dass du so leiden musstest. Sag ihm, dass wir ihn vermissen, ja”, sagte er mit unterdrückten Tränen und hauchte Eri einen sanften Kuss auf den Schopf. “Und dich… werden wir auch vermissen”, sagte er und drückte den kalten Körper fester an sich. Dr. Hanamaki legte eine Hand auf Eris Schulter und rutschte ihren Arm hinab. In ihrer Hand lag immer noch das Stethoskop, auf ihren Lippen ein Lächeln. Als wüsste sie, sie würde heim kehren. *)
“In 100 Jahren oder so kommen wir zu euch”, sagte er und küsste die kalte Hand. Dann trugen die beide sie weiter in die Pathologie. “Ich glaub, das Bier verschieben wir”, sagte Dr. Hanamaki zu Kunimi, der ihnen daraufhin nur nachsehen konnte. Er blieb wie angewurzelt mit dem Defibrillator stehen. Er wusste nicht wie lange. Denn irgendwann kamen Dr. Matsukawa und Dr. Hanamaki mit Eri wieder zurück. Eine weiße Decke war über sie gelegt und sie eilten zum Lift.
“Das ist genau das, was sie sich gewünscht hätte”, sagte Dr. Hanamaki zu Dr. Matsukawa. “Und deswegen dürfen wir keine Zeit verlieren”, sagte der Pathologe, und sie waren dahin. Kunimi hatte das Gefühl, als hätte er das für den Abschluss des Tages gebraucht. Er brachte den Defibrillator zurück und fuhr schließlich ins Erdgeschoss.
“Sie haben einen Spender für Akaashi gefunden”, hörte er Bokuto im Eingangsbereich jubeln. Kunimi schluckte, weil er genau wusste, wer dafür sterben musste. Er ging weiter.
“Er hat nach Kuroo gefragt, nicht nach mir”, hörte er einen anderen jungen Mann sagen.
Freude und Trauer. Totenstille folgte. Weil Kunimi sich seine Noice Cancelling Earbuds einsetzte. Er konnte das nicht mehr hören. Er hoffte im Stillen, dass morgen all die Wunder geschahen, von denen die Menschen sprachen, sonst würde ihn dieser Job in eine bodenlose Depression reißen. Und das, obwohl er im tiefsten Inneren Menschen helfen wollte.
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Memory
Die Erde dreht sich weiter. Die Welt unter unseren Füßen dreht sich. Wir drehen uns. Um die eigene Achse. Um die jemand anderes. Mit der Erde um die Sonne. Mit unseren Gedanken im Kreis. Mit unseren Handlungen und manchmal macht es einen Sinn und manchmal nicht.
Manchmal hängen wir unseren Gedanken nach, manchmal können wir sie nicht fassen und manchmal scheint es sie gar nicht zu geben. Und wir drehen uns weiter. Im Kreis. Aus einer Pirouette in die nächste und weiter unseren Weg, bis wir sehen, der Kreis ist eine Spirale nach vorne.
***
Kenmas Sicht war eingeschränkt und verschwommen. Ungewohnt, denn er hatte eigentlich einen Visus von 200 Prozent. Er sah doppelt so scharf wie andere Menschen und sein Blickfeld war viel weiter als das der anderen. Es hatte ihn so lange überreizt, dass er stets darauf geachtet hatte, sein Blickfeld mit seinen Haaren selbst einzuschränken. Aber jetzt, wo es so unverhofft von alleine kam, störte es ihn. Kenma blinzelte. Es wurde nicht besser. Seine Ohren waren belegt. Er hörte nichts, zumindest nicht mehr als dumpfe Geräusche.
Er spürte auch, dass er nichts spürte. Das Morphium beherrschte seinen Körper und dieses Wirken spürte er. Das Atmen fühlte sich komisch an. Dann folgte wieder Dunkelheit.
Der nächste Augenaufschlag sorgte für Kopfschmerzen. Unsägliche Kopfschmerzen und das tiefsitzende Gefühl, etwas wäre falsch.
Ein angenehm monotones Piepen drang an sein Ohr. Beruhigend, was viele nervtötend fanden. Für ihn war es wie ein gewohntes Geräusch der Heimat, das er gerade trotzdem nicht zuteilen konnte.
Aber die Sicht war verschleiert. Er blinzelte noch weitere Male. Ein helles Licht war bald allgegenwärtig und er wünschte sich, die Augen geschlossen gehalten zu haben.
Um ihn herum wuselten Ärzte, die er nicht erkannte. Vielleicht hetzten sie auch um das Bett neben ihm herum. Kenma hatte kein Gefühl für Raum und Zeit. Wenn man ihn gefragt hätte und er hätte antworten können, er hätte nicht sagen können, ob Stunden, Tage oder sogar Wochen vergangen waren und er hätte nicht nennen können, wo er war.
Irgendwann wurden die Worte verständlich. Kenma hörte Namen, die ihm nichts sagten. Er fühlte sich einsamer denn je und es störte ihn zum ersten Mal. Da zog ihm der Schock durch den ganzen Körper. Kenma wollte Luft holen, aber etwas hinderte ihn. Er ballte seine Hände zu Fäusten, spürte dabei den Schmerz durch seine Schultern ziehen. Kenma wollte reden, er wollte sprechen. Nach ihm rufen. Aber es gelang nicht. Er kämpfte so lange alleine, bis ihn endlich jemand bemerkte. Es wurde noch hektischer. Ein schmerzhaftes Gefühl zog durch seinen Hals sowie das Entfernen des Tubus, seinen Würgereiz zur Tagesordnung rief. Er hustete heiser. Den Becher mit Wasser lehnte er ab und verlangte einzig, was er in diesem Moment mehr brauchte denn je:
"Kuro"
Seine Stimme war ein reines Krächzen und sie näselte aus für Kenma unerfindlichen Gründen. Die Tränen liefen ihm aus den Augenwinkeln, doch als er Kuroo endlich erblickte, war ihm egal, dass ihm das Sprechen schmerzte. “Was ist passiert?”, fragte Kenma. Kuroos Blick war wie zu erwarten besorgt. Immerhin war sich Kenma in der Zwischenzeit bewusst darüber, dass er in einem Krankenhaus, vermutlich auf einer Intensivstation lag. Kuroo war unversehrt, also war Kuroo, in was auch immer passiert war, nicht verwickelt. “Kenma! Gott, ich bin so froh, dass du wach bist”, sagte Kuroo und ließ sich erschöpft neben Kenma am Bett nieder. Er griff nach Kenmas Händen, doch es fühlte sich für Kenma anders an, als sonst. Anders, als er dachte, dass es sonst war. “Ich bin mir da nicht so sicher”, krächzte er und schluckte. Kuroo brachte ihn zum Trinken. Kleine Schlucke. Und dennoch kam ihm das wenige Wasser sofort wieder hoch.
“Kuro… was?”, fragte Kenma. Er konnte keinen ganzen Satz sprechen, aber Kuroo verstand. “Du hattest einen Unfall. Also Akaashi. Ihr wart auf dem Weg zum Flughafen, um Iizuna zu holen, aber ihr seid irgendwie von der Straße abgekommen. Keiner weiß warum”, erklärte Kuroo. Kenma sah ihn verwundert an. “Wer ist Akaashi? Und… wer ist Iizuna?”, fragte Kenma und konnte förmlich sehen, wie Kuroo das Herz in den Schoß rutschte. “Und wo sind wir? Kuro… ich will heim.” Kenma wurde unruhig. Die Reaktion von Kuroo gefiel ihm nicht. Und die Reaktion seines Körpers verwirrte ihn. Ihm wurde kalt. Er zitterte und sein Kopf kribbelte unangenehm.
Kuroos Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus. Die Lippen versiegelten wieder. Kuroo dachte nach. Und noch ehe er wirklich was sagen konnte, es erklären konnte, schallte eine laute unangenehme Stimme an Kenmas Ohren.
“Dr. Modell! Kenma! Gott! Kenma, du bist endlich wach! Ich hatte echt Schiss, du gehst drauf!” Ein junger Arzt, ungefähr in Kenmas Alter, stürmte auf das Krankenbett zu und warf sich um Kenmas Hals. Kenma konnte sich nicht wehren. Irgendwie sagte ihm sein Körper auch, dass es irgendwie normal war. “Ist das… Iizuna?”, fragte er an Kuroo gerichtet, doch dieser schüttelte den Kopf. Kuroo presste die Lippen aufeinander. Ihm kamen die Tränen.
“Iizuna? Ich? Sag mal, wie stark hast du dir eigentlich den Kopf geschlagen?”, fragte derjenige, der wohl nicht Iizuna war. Kuroo zog ihn dann auch schon mit freundlicher Gewalt von Kenma. “Das ist Yuuji Terushima, du sagst Teru zu ihm und er ist unser Mitbewohner”, erklärte Kuroo bemüht ruhig. Kenma merkte ihm aber an, wie unruhig er war und dass er dem Explodieren nahe war. “Wir haben keinen Mitbewohner”, sagte Kenma trocken. Er griff nun selbst nach dem Becher mit Wasser und nahm einen kleinen Schluck, um seine Kehle zu befeuchten. Diesmal blieb es auch drinnen.
“Du verarscht uns doch”, sagte Terushima etwas lauter, da wurde er von einer Pflegekraft ermahnt, leise zu sein.
“Ich bin aber kein so vertrottelter Spaßvogel geworden, oder?”, fragte Kenma Kuroo, da ihm langsam klar wurde, dass ihm ein paar Erinnerungen fehlten. Kuroo schnaubte, versucht belustigt, aber er war verzweifelt. “Nein, keine Sorge. Du bist so trocken und faul wie immer. Nur… eigentlich ziemlich verliebt und glücklich”, sagte er und Kenma wich dem Blick aus. Er wusste um seine Gefühle für Kuroo, die gab es schon so lange, aber er hatte wohl den Zeitpunkt vergessen, als sie zusammengekommen sind. Oder?
Kenma wollte sich etwas aufrichten, da durchfuhr ein Schmerz seinen gesamten Körper.
“Sag, Kuro… was ist alles kaputt? Bei mir”, fragte er.
“Außer deinem Erinnerungsvermögen tatsächlich einiges…”, sagte Kuroo und zählte langsam auf, was Kenma bei dem Unfall alles widerfahren war. Seine Milz und Leber waren gerissen und auch seine Pankreas hatte Schaden erlitten und ein Team aus Unfall- und Viszeralchirurgen hatte die ganze Nacht und viele Stunden des heutigen Tages daran gearbeitet, alles wieder zu flicken. Die Knochenbrüche bezogen sich auf den Rumpf und die Nase, was die nasale Aussprache erklärte. Kenmas Schlüsselbein war gebrochen, auch ein paar Rippen, aber damit hat er schon irgendwie gerechnet.
“Ich war die ganze Zeit bei dir”, sagte Kuroo und griff wieder nach Kenmas Hand, wie er es die ganze Operation über gemacht hatte. “Danke, Kuro… dass du da warst”, näselte Kenma. “Was hätte ich denn sonst tun sollen? Ich war absolut machtlos”, sagte Kuroo. Er schenkte Kenma ein müdes Lächeln.
“Und es tut mir leid, dass ich Iizuna irgendwie beschuldigt habe. Er macht sich genauso Sorgen. Er war die ganze Zeit hier. Also im Krankenhaus. Ich konnte ihm nicht unter die Augen treten, weil ich ihm vermutlich auch so ein schickes Accessoire verpasst hätte”, sagte Kuroo und deutete in Kenmas Gesicht. Da hob Kenma das erste Mal die Hand und griff sich ins Gesicht. Tatsache, da lag eine Schiene auf seiner Nase. “Hat Dr. Meian gemacht”, sagte Kuroo und zwinkerte, weil er wusste, dass Kenma mit Dr. Oikawa noch nicht ganz warm geworden war und das obwohl die beiden noch nie zusammengearbeitet haben. Es war einfach ein Vibe, mit dem er nicht gehen konnte; wollte.
“Okay… dann müssen wir jetzt nur noch über Iizuna reden. Wer ist Iizuna?”, fragte Kenma wiederholt und diesmal war Kuroo bereit, es ihm zu erklären: “Er ist der Grund, warum du vermutlich bald ausziehen wirst. Ich spür das schon”, sagte er und Kenmas Herz blieb für einen Moment stehen. “Er ist was?”, fragte er.
“Das ist doch absolute Scheiße”, sagte Terushima und seufzte laut aus. “Kannst du dich echt an nichts erinnern? Ich mein… wie lange? Was ist das Letzte, was du weißt? Weißt du noch, dass ich dich geküsst habe?”, fragte er. Kenmas Augen weiteten sich. Er sah rasch von Terushima zu Kuroo. “Wann soll das bitte passiert sein?”, fragte er. “Hey! Du mochtest es! Hast du Kaede gesagt”, mischte sich Terushima wieder ein. “Und wer ist Kaede?” Terushima verstummte. Der perfekte Zeitpunkt, denn gerade trat noch jemand an Kenmas Bett heran und neben ihm eine besorgte Krankenschwester.
Kenma erkannte den Mann; den Arzt. Er senkte seine Stimme und neigte den Kopf leicht zu Kuroo.
"Ist das Dr. Kiyomi Sakusa an meinem Bett? Warum ist Dr. Kiyomi Sakusa an meinem Bett?", fragte er. Terushima verschränkte eingeschnappt die Arme vor der Brust. “Natürlich… an den erinnert er sich”, schnaubte er. Dr. Sakusa versuchte die Angehörigen erstmal zu ignorieren. Denn das waren die Assistenzärzte gerade: Nur Angehörige. Kein medizinisches Personal im Falle Kenma Kozume.
Er richtete sein Wort an Kenma. “Dr. Kozume, Sie müssen sich jetzt zusammenreißen! Sie sind der beste Assistenzarzt, den ich je hatte. Ich dulde nicht, Sie zu verlieren. Folgen Sie bitte dem Licht hier”, sagte er und leuchtete ihm mit einer kleinen Taschenlampe vor den Augen. Kuroo und Terushima hatten etwas Platz gemacht. Terushima war immer noch sauer, aber Kuroo schien Hoffnung zu haben. Wer war in so einer Situation schon besser als Neuro-Genie Dr. Sakusa?
“Ich bin Ihr Assistenzarzt? In Ihrer Praxis?”, fragte Kenma und folgte, wie ihm geheißen, dem Licht. “Nein, ich bin seit einem guten Jahr hier im Haikyuu Medical Hospital. Genauso wie Sie. Sie haben letztes Jahr Ihre Assistenzarztzeit hier begonnen und sind nun im zweiten Jahr”, erklärte Dr. Sakusa ruhig. Kenma schluckte. “Ein ganzes Jahr?”, fragte er. Ihm fehlte mindestens ein ganzes Jahr. Er konnte sich an seine Abschlussprüfung erinnern. Aber dann? Dann wurde es schwammig. Die Prüfung hatte er wohl bestanden.
Dr. Sakusa zog Handschuhe auf und tastete Kenmas Schläfen ab. “Schmerzen hier? Sehen Sie mich an”, fragte und forderte er. Kenma starrte in die nahezu schwarzen Augen des Arztes. “Nein”, antwortete er und Dr. Sakusa tastete ihn weiter am Kopf ab. Keine Schmerzen, dafür sehr intensiver Blickkontakt. “Sie haben die kühlsten und dunkelsten Augen, die ich je gesehen habe”, sagte Kenma fasziniert. Dr. Sakusa reagierte kaum darauf. “Wenn ich richtig informiert bin, stehen Sie mehr auf warme Augenfarben”, sagte Dr. Sakusa mit dem Anflug eines Lächeln. Kenma versuchte, sich an Iizunas Augen zu erinnern. Aber er erinnerte sich an nichts. “Wir werden ein MRT machen. Schwester Misaki, setzen Sie sofort eines an”, sagte Dr. Sakusa und die Krankenschwester ging, um ihren Auftrag auszuführen. “Wann ist es soweit?”, fragte Dr. Sakusa. Sein Blick wanderte zu Terushima, der ihn etwas verdattert ansah. “Was?” - “Schwester Misakis Entbindung. Sie sind doch der Erzeuger”, klärte Dr. Sakusa auf, worauf er hinaus wollte. Vermutlich nicht mal aus Neugier und auch nicht aus Freundlichkeit. Es war, als wollte er Kenma noch eine Erinnerung zeigen, die sich gerade noch versteckte.
“Oh… ja, der bin ich. Also ich bin der Vater von ihrem Baby und ähm, Juni. Ende Juni ist es soweit”, antwortete Terushima etwas holprig. Dr. Sakusa stand auf. “Gut. Bis dahin erwarte ich von Ihnen, auch von Ihnen, Dr. Kuroo, dass Sie alles daran setzen, dass das hier wieder funktioniert”, sagte er und deutete auf Kenma. Die Handschuhe wurden ausgezogen und im Müll entsorgt. Dann verließ Dr. Sakusa die Intensivstation. Nicht aber ohne zuvor noch eine Portion Desinfektionsmittel auf seinen Händen zu verteilen.
“Ich bin also sowas wie sein Lieblingsassistenzarzt? Bitte… helft mir, mich zu erinnern”, sagte Kenma. Nun war er wirklich verzweifelt. Den Kuss mit Terushima wollte er getrost vergessen wissen. Der Typ war jetzt schon so unfassbar anstrengend. Schrecklich, dass Kuroo ihn bei ihnen hat einziehen lassen. Das konnte Kenma ja kaum genehmigt haben. “Hol Iizuna, sofort”, sagte Kuroo zu Terushima. “Warum ich? Hol du ihn doch”, protestierte Terushima, doch Kuroo bestand darauf, dass Terushima es tat.
So lange der laute Kollege weg war, setzte sich Kuroo wieder zu Kenma. “Sag ihm vielleicht nicht sofort, dass du keinen Plan hast, wer er ist”, sagte er. Kenma seufzte. “Du sagtest vorhin, du hättest ihm die Schuld gegeben. Wann? Wofür?”, fragte Kenma. “In Gedanken… und weil du ihn unbedingt abholen wolltest und… naja, weil der Unfall am Weg zum Flughafen war und… aber es war dumm. Es muss irgendwas passiert sein, wofür keiner was kann. Auch Akaashi kann nichts dafür”, erklärte Kuroo. “Ach ja… wer war noch gleich Akaashi?”, fragte Kenma, obwohl er wusste, dass Kuroo es zuvor nicht beantwortet hatte. “Er ist dein Kollege. Er und Terushima und Yamaguchi. Ihr seid zu viert ein Team. Dr. Komori ist euer Stationsarzt. Er ist in der Zwischenzeit Leiter des Schulungsprogramms, aber er ist voll in Ordnung. Akaashi natürlich auch. Ihr versteht euch ziemlich gut”, sagte Kuroo und sah langsam zur Seite
“Ich kann einfach niemandem die Schuld geben. Ich kann sie auch nicht Akaashi geben… den haben sie vorhin geholt, weil…”, Kuroos Stimme versagte. Er richtete sich auf und holte tief Luft. Kenma blickte in der hinüber zum leeren Platz. Deswegen waren sie vorhin also hier so herumgewuselt.
“Kuro… was ist mit Akaashi?”, fragte Kenma nun auch besorgt. Kuroo fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. “Ihm hat der Airbag die Lungen gesprengt. Aber es ist das wohl das schlimmste Wunder passiert”, sagte Kuroo. Kenma verstand nicht. Kuroo war das auch klar. Er holte noch einmal tief Luft. “Eri ist heute Abend zusammengebrochen. Plötzlicher Herzstillstand…”, sagte Kuroo gedrückt. Es fiel ihm denklich schwer, das auszusprechen. Kenma analysierte nur. “Also bekommt Akaashi ihre Lungen?”, fragte er; immer noch sehr heiser und schwach. Es strengte ihn auch jedes einzelne Wort an. Kuroo nickte. “Wusstest du, dass man an einem gebrochenen Herzen sterben kann?”, fragte Kuroo. Kenma seufzte. “Das Herz ist ein Muskel”, sagte er. Kuroo winkte ab. “Ich meine emotional”, stellte er klar. Kenma schüttelte den Kopf und spürte, wie sehr ihm nun auch der Nacken schmerzte. “Kuro… ich bin müde”, sagte Kenma. Kuroo nickte. “Schon gut, schlaf etwas. Iizuna versteht das sicher”, sagte er und Kenma schloss die Augen. Die ganzen neuen Eindrücke wurden laut in seinem Kopf, aber er verfiel irgendwann dem Schlaf, noch bevor er Iizuna sehen konnte.
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Als Kenma das nächste Mal die Augen öffnete, war seine Sicht schon besser. Weiter und er erkannte, dass neben ihm jemand saß; lehnte. Ein seidengrauer Haarschopf war zu erkennen. Kenma kannte niemanden mit so einer Haarfarbe, aber das Gesicht war an einen Unterarm gelegt und der zweite Arm ragte bis zu Kenma heran. Da sah er auch die Finger der fremden Person um seine geschlungen. Nach allem, was Kuroo und Terushima erzählt hatten, konnte das nur Iizuna sein. Kenma fühlte sich aber unwohl und zog seine Hand aus der Liebkosung zurück, da rührte sich Iizuna auch schon und hob den Kopf an. “Kenma”, sagte er mit einem milden Lächeln. Seine Augen waren glasig und dennoch gezeichnet von Hoffnung und voller Wärme. Kenma schwieg.
“Wie geht es dir?”, fragte Iizuna, aber schüttelte darauf den Kopf. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. “Dumme Frage, tut mir leid. Dir geht es nicht gut. Du musst dich ausruhen. Aber… ich bin so erleichtert, dass du lebst und dass ich dir in die Augen sehen kann. Alles ist noch dran an dir und du bist trotzdem wunderschön und-” Iizuna begann zu viel zu reden und griff mit seiner Hand Richtung Kenmas Gesicht, der sofort auswich. Er wandte den Blick ab. “Mir tut's leid…”, sagte Kenma. Iizuna sah ihn verwundert an. “Dir? Warum?”, fragte er.
Kenma atmete tief ein. Ein Fehler, denn tiefes Atmen tat unbeschreiblich weh. Er räusperte sich. “Du bist… Iizuna, nicht wahr?”, fragte er und Iizunas Gesicht entgleiste. “J-ja”, antwortete er nur. Kenma sah ihm an, dass nun die Gedanken mit ihm durchgingen. Ihm war bewusst, dass er Iizuna gerade ordentlich ein Brett vor den Kopf geschlagen hatte. “Es tut mir leid, aber ich kann mich nicht an dich erinnern”, sprach er aus, was Iizuna nun sichtlich das Herz brach. Iizuna nahm beide Hände zu sich und richtete sich auf dem Stuhl, von dem aus er am Bett gelehnt hatte, auf.
Für einen Moment blieb es still zwischen ihnen.
“Dann… werde ich alles tun, dass du dich wieder erinnern kannst. Oder mich neu vorstellen und du lernst mich neu kennen”, sagte Iizuna mit brüchiger Stimme. Kenma erkannte, wie ernst es ihm war und es erschreckte ihn, wie tief ihre Verbindung gehen musste, denn sein Herz schien in diesem Augenblick nur für den jungen Mann zu schlagen, den er nicht kannte. Kenma musterte Iizuna. Er blieb an seinen Augen hängen, die jetzt noch mehr Wärme ausstrahlten und Leidenschaft, eine Leidenschaft für seine Überzeugung, nicht für… Dinge, die Kenma nie wollte.
“Wie haben wir uns kennengelernt?”, fragte Kenma und Iizuna erzählte mit einem verträumten Blick von ihrer ersten Begegnung, aber auch von dem Moment, als Iizuna Kenma seine Nummer gegeben hatte und davon, dass Kenma ihn sehr lange hat warten lassen. Die unangenehmen Details ihres ersten Dates ließ er aus, aber ging tiefer in die Gespräche ein, die sie geführt hatten und ließ auch ihren ersten Kuss und die danach nicht aus.
“Dann… lieben wir uns?”, fragte Kenma. Iizuna blickte verlegen weg, dann wieder in Kenmas Augen. “Wir haben es so noch nicht gesagt”, gab er zu. Kenma war erleichtert. “Das ist gut… ich würde mich gerne an das erste Mal, also das erste erste Mal, wo ich es sage, erinnern können”, sagte er und legte seine Hand neben sich. Es war wie eine Einladung, dass Iizuna nach ihr griff, aber er tat es nicht.
“Wie fühlst du dich denn nun damit?”, fragte Iizuna vorsichtig. Kenma hob eine Schulter etwas an. “Ich weiß nicht, aber ich bin froh, dass du es bist. Also… ich fühl mich wohl bei dir irgendwie. Ich kann es auch nicht erklären”, sagte er und lächelte im Ansatz. Da strahlten auch Iizunas Augen wieder und Kenma spürte, wie es warm um sein Herz wurde.
“Dr. Kozume”, wurden die beiden plötzlich von Dr. Sakusa unterbrochen. Iizuna stand sofort auf und verneigte sich vor dem Arzt. Genau, Kenma wusste von ihm ja auch, dass Dr. Sakusa Iizunas Neurochirurg mit dieser gewissen Gefäßspezialisierung war.
“Dr. Sakusa”, sagte Kenma und der Oberarzt trat an ihn heran. “Ich sehe, Sie sind am Aufarbeiten. Irgendwelche Erinnerungen?”, fragte er und nahm dazu die Akte Kenmas herbei. Kenma schüttelte den Kopf. “Nichts Neues, nur…”, begann Kenma und sah mit einem Lächeln zu Iizuna. “Ich glaube, mein Körper erinnert sich”, sagte er. Dr. Sakusa klappte die Akte wieder zu. “Das ist… gut”, sagte Dr. Sakusa etwas verhalten. “Schwester Misaki wird Sie jetzt zum MRT bringen und dann sehen wir, was für Probleme sorgt”, sprach der Arzt weiter und übergab Hana, die hinter dem Oberarzt herantrat, die Akte.
“Guten Tag, Dr. Kozume. Ich bin Schwester Misaki, aber Sie haben eigentlich schon Hana zu mir gesagt. Sie können es aber handhaben, wie es Ihnen leichter fällt”, sagte sie und schob einen Rollstuhl heran. “Okay… Hana”, sagte Kenma. Er erkannte auch, dass dies die Schwester ist, die sein vermeintlicher zweiter Mitbewohner geschwängert hat. Sie sah gar nicht wie die Sorte Frau aus, die auf jemanden wie Terushima stand. Aber was wusste er schon von Frauen? Kenma meinte zu wissen, dass er immer schon auf Männer stand. Nicht direkt stand… sie mochte. “Iizuna-san, wenn Sie mit möchten, können Sie gerne mitkommen. Zumindest bis zum Vorraum”, sagte Hana. “Nur, wenn Kenma das auch will”, antwortete dieser und Kenma nickte. “Klar”, sagte er und ließ sich von den beiden in den Rollstuhl helfen. Zu sitzen, so richtig zu sitzen, war unbeschreiblich unangenehm und gerade auch sehr ungewohnt. Kenma hatte das Gefühl, er kenne nur liegen.
So wie sie dann die Intensivstation verließen, sah Kenma auch das Bett von Akaashi. Noch so ein Kollege, den er nicht kannte, mit dem er aber wohl eine engere Beziehung führte, sonst wären sie beide kaum gemeinsam im verunfallten Auto gesessen. Neben Akaashi lagen noch zwei junge Männer. Einer hatte wirren vom Kopf stehendes weißgraues Haar und trug Alltagskleidung. Der andere trug die Dienstkleidung des Ärzteteams und hatte aschblondes Haar. Sie beide wirkten sehr vertraut. Miteinander und mit Akaashi. “Das erklär ich dir gerne auch noch. Hat mich auch etwas überrascht”, sagte Iizuna und schenkte Kenma ein liebevolles Lächeln, das die Schmetterlinge in Kenmas Bauch aufscheuchte. Ja. Er hatte eindeutig Gefühle für diesen Mann.
Nach dem MRT, das Kenma ein schrecklich einengendes Gefühl gab, ließ er sich von Iizuna zurückfahren. Sie hatten Hana versichert, ohne Umwege auf die Intensivstation zu fahren, und so war es auch. Iizuna stand zu seinem Wort. Das gab Kenma auch Sicherheit in seiner Nähe.
“Na, ihr Turteltäubchen? Sieht aus, als wäre alles wieder wie beim Alten”, sagte Kuroo begeistert. Er hatte die Blicke gesehen, die die beiden sich schenkten. Aber Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, aber das ist egal. Ich fühl mich wohl”, sagte er. Kuroo seufzte. Sein Blick galt Iizuna. “Wenn du ne Pause brauchst, sags mir, ich mach heute früher Schluss. Oh und morgen komme ich später. Es ist Eris Begräbnis”, sagte Kuroo bedrückt. Iizuna schüttelte den Kopf. “Schon gut, ich bin ja gerne bei ihm und mach dir wegen morgen keine Sorgen. Ich bin da”, versicherte Iizuna während Kenma nun anfing, sich seltsam zu fühlen. Er wusste, dass er Eri kennen sollte und irgendetwas sagte ihm, dass es nicht fair war, dass sie gestorben war, aber er konnte nichts an seiner Situation machen. “Gut, ich komme dann, wenn ich die Schicht beende”, sagte Kuroo und winkte den beiden.
Iizuna lenkte den Rollstuhl auf die Intensivstation. Kenma war froh, wenn er gleich wieder im Bett liegen konnte. Sitzen war anstrengend geworden.
Kenma konnte beim Heranfahren erkennen, dass Akaashis Bett wieder da war, mit ihm und dass nun zwei Männer bei ihm saßen. Jeder eine Hand von Akaashi in der eigenen.
“Achso… ja, also das…”, sagte Iizuna leise und erklärte Kenma, was dieser Iizuna bei einem ihrer Videodates erzählt hatte. Dass Konoha, der Anästhesist und Bokuto, Akaashis erster Patient, beide ihr Herz an Akaashi verloren hatten und dass sich Akaashi nicht recht entscheiden konnte. Ganz leise, so dass man Iizuna nicht hören konnte. Anders waren die Stimmen der beiden Männer.
“Ich hab’ solche Angst”, sagte Konoha, da griff Bokuto auch nach dessen Hand und streichelte sie sanft, dann ließ er wieder ab. “Hättest du um mich genauso Angst?”, fragte er. Konoha hob rasch den Kopf und suchte Blickkontakt mit Bokuto. “Natürlich! Wie kommst du auf die Frage?”, erwiderte er fast schon empört. “Weiß nicht… ich dachte nur, du und Keiji, ihr habt ne tiefere Verbindung… aber… ich hätte um dich dieselbe Angst”, sagte Bokuto, aber sah nicht von seinem kranken Freund ab.
“Kotaro…”, seufzte Konoha, aber legte Bokuto liebevoll die Hand an die Wange, um seinen Blick endlich von Akaashi auf sich zu lenken. Glasig gelbe Augen trafen auf sanft graue, dass einem bewusst wurde, warum man den Sehapparat in der Lyrik gerne Seelenspiegel nannte. Sie drückten einander gerade so viel aus.
“Meine Gefühle für dich sind so aufrichtig, wie die für Keiji”, sagte Konoha. “Du liebst ihn also nicht mehr als mich?”, fragte Bokuto und Konoha schmunzelte. “Nein, nur ein bisschen länger, aber nicht mehr. Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn du auch noch hier liegen würdest”, seufzte Konoha und sah wieder zu Akaashi, der just in diesem Augenblick Reflexe zeigte und damit ganz viel Bewegung in die Intensivstation brachte. Konoha sprang auf, betätigte den Schwesternknopf und schob den Vorhang vor,um zu verhindern, dass Kenma und Iizuna beobachten konnten, wie Akaashi extubiert wurde und zurück unter die Wachen kehrte.
Kenma spürte, wie ihn die Erleichterung überkam.
“Ich bin müde”, sagte er leise zu Iizuna. Dieser nickte und deckte ihn liebevoll zu. “Dann schlaf. Wenn was ist, wirst du geweckt”, sagte er. Kenma merkte, dass er haderte, ihm näher zu kommen, aber er schätzte Iizunas Rücksichtnahme.
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Es war Dr. Sakusa, der Kenma weckte. Er und zwei Leute vom Fahrdienst, die sein Bett bereits bewegten und die Tatsache, dass er bereits durch die Gänge des Krankenhauses geschoben wurde.
“Dr. Kozume, gut, dass sie wach sind. Wir haben eine Subdurale Blutung entdeckt, die beim Kontroll CT noch ganz harmlos ausgesehen hat. Aber wie Sie wissen sollten, sind es oft die harmlosen Blutungen, die noch einmal für Probleme sorgen. Hier ist der Aufklärungsbogen für die Kraniotomie. Ihre Amnesie hat mich sofort alarmiert. Ihre linke Pupille war auch etwas weiter, was auf den erhöhten Hirndruck fassen ließ. Bitte unterschreiben Sie das. Sie haben das im Studium gelernt”, erklärte der Oberarzt zügig und ward schneller verschwunden, als dass Kenma eine Frage hätte stellen können. Er sah sich nach Iizuna um, der nicht mehr hier war. Vermutlich durfte er nicht hier sein. Aber auch Kuroo war nicht da und Kenma fühlte sich alleine, denn die Pflegekräfte um ihn herum waren ihm nicht bekannt. Hana war nicht da. Nur der Zettel auf dem Klemmbrett war ihm bekannt. Er kannte die Aufklärungsbögen. Er hat sie in den Praktika gesehen und mit Patienten durchgesprochen. Er hasste das. Aber es war notwendig. Er wusste, dass die Blutung für noch viel mehr Schaden außer ein paar Erinnerungslücken führen konnte.
“Ist es denn schon akut?”, fragte Kenma. Aber die Leute um ihn herum antworteten genau so, wie sie mussten. Sie hatten keine Befugnis, Details zu besprechen, weil sie nicht entsprechend ausgebildet waren. Auch das wusste Kenma eigentlich. Es ärgerte ihn.
Der Aufklärungsbogen wurde unterschrieben und in der Patientenschleuse im OP-Bereich kam einer der Anästhesisten zu ihm. “Guten Abend Dr. Kozume. Mein Name ist Dr. Semi, Sie kennen mich vielleicht, hoffentlich in ein paar Tagen wieder, wenn dem nicht so wäre”, stellte er sich vor und Kenma fühlte, wie sich Bilder in seinem Kopf vermischten. Da war noch jemand, der dem Anästhesisten ähnlich sah. Vielleicht hatte er ihn am Gang gesehen oder er gehörte zu den Bekanntschaften seiner verlorenen Erinnerung. “Leider nicht”, sagte Kenma, aber ließ die Patientenidentifikation über sich ergehen. Name abfragen, Geburtsdatum, der Grund für die OP und ob er nüchtern war. Kenma wusste nicht, wann er das letzte Mal gegessen hatte. Auch eine Allergie musste er nicht nennen und was Lagerungseinschränkungen anging, sah man doch selbst, wie es war. “Sitzen ist sehr unangenehm”, sagte er.
“Das werden wir dann erst machen, wenn sie sediert sind”, sagte jemand, der sich kurz darauf als Kuguri und damit als OP-Assistent vorstellte. “Es wird Ihnen vermutlich nicht recht sein, wenn wir ihnen die Haare abrasieren, oder?”, fragte Kuguri. Kenma sah ihn erschrocken an. “Ich würde es bevorzugen, so viel wie möglich davon zu behalten”, sagte er und Kuguri nickte. “Gut gut, dann halten wir es beim Minimum”, sagte er ruhig. Kuguri war angenehm. Er sagte nur das Notwendigste und ging vorsichtig mit Kenma um.
Es war seltsam, diesen Prozess als Patient mitzuerleben, wo er bei Operationen seiner Praktika oft nur gesehen hat, wie die OP-Assistenten das übernommen hatten.
Gemeinsam unter Kuguris Anweisungen rutschte er hinüber auf den OP-Tisch und ließ sich mit dem Sicherheitsgurt festmachen. Als wäre er weggelaufen. Aber er wusste auch, dass es nicht darum ging. Das wurde alles zu seiner eigenen Sicherheit gemacht. Auch Während und nach der Operation sollte er angegurtet sein, um nicht von Reflexen überrascht zu werden. Einer von Kenmas Dozenten hatte von einem Fall erzählt, wo dieser K.O. gekickt wurde, weil jemand nicht daran gedacht hat, die Beine anzugurten. Ein fataler Fehler. Er hoffte, dass die OP-Assistenten hier davon wussten. Er wollte niemanden K.O. kicken oder schlagen. Schon gar nicht Dr. Sakusa, der sich gerade die Hände wusch, als Kenma von Kuguri in den OP-Saal geschoben wurde.
“Dr. Sakusa bereitet sich immer etwas länger vor. Er hat auch eine Infektionsrate von 0”, sagte Dr. Semi als Kenma im Saal angekommen war und er immer noch dem Neurochirurgen nachgesehen hatte. “Das ist gut”, sagte er und ließ sich durch das Narkoseprozedere leiten.
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Nach der Operation konnte sich Kenma an gar nichts erinnern. Nicht einmal daran, dass sich Dr. Sakusa nach dem Aufwachen über ihn gelehnt und die Maske abgenommen hat, die ein erleichtertes Lächeln offenbart hat. Unter den Anästhesiemedikamenten befand sich ein Wirkstoff, der für eine auf den Zeitraum um die Operation beschränkte Amnesie sorgte. Nur wenige Menschen konnten danach noch etwas über diese Phase sagen. Kenma gehörte nicht dazu.
“Wie fühlst du dich?”, fragte Kuroo. Kenma drehte sich zu ihm, suchte aber auch noch jemand anderes, der auf der anderen Seite seine Hand hielt. “Benommen”, sagte er müde und schlief direkt wieder ein, als er Iizunas sanfte rote Augen erblickte.
Irgendwann wurde er wieder aus dem Schlaf gerissen, als sie eine neue Patientin neben ihn schoben. Die andere Seite, nicht da, wo Akaashi lag. Kenma spürte den Verband um seinen Kopf. Ein Kontrollgriff ließ ihn erleichtert fühlen, dass seine Haarpracht noch da war. Man hat ihm für den Eingriff wohl nur einen kleinen Teil weggemacht, den man hoffentlich nicht sah, wenn erst alle Verbände entfernt wurden.
“Und wann wird die richtige Operation gemacht?”, fragte eine aufgeregte Frauenstimme. “Das besprechen wir, sobald sie wach ist”, hörte Kenma eine der Pflegekräfte sagen. Er richtete sich auf. Es war stockdunkle Nacht. Akaashi schlief, neben ihm Konoha und Bokuto. Neben Kenma saß Iizuna. Auch er sah neugierig auf die neue Patientin.
“Sie wird das wissen wollen”, sagte die Besucherin mit Nachdruck. “Und sie wird es erfahren, sobald sie wach ist”, wurde wiederholt. Das Bett wurde gebremst, die Geräte des Monitorings eingestellt und das Pflegepersonal verließ den Raum. Die Frau neben der Patientin schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust. “Kannst du dir das vorstellen? Die wollen mir nichts sagen”, empörte sie sich der Patientin gegenüber und sah nun zu Kenma und Iizuna. “Was guckt ihr so?”, fragte sie an die beiden gerichtet, die umgehend ihre Blicke abwandten, aber es war zu spät. “Hey, ich hab euch gesehen, das ist total frech”, sagte sie und trat an die beiden heran. “Was ist denn mit dir passiert?”, fragte sie und musterte Kenma. “Autounfall”, antwortete er aus der Erinnerung der Erzählung. “Hmm… Yukie ist gestürzt”, erklärte die Frau und deutete auf die schlafende Patientin. “Bei was? Das sieht wild aus”, sagte Kenma und besah nun doch nochmal den externen Fixateur der Neuen. “Eiskunstlauf… hat sich das Sprunggelenk zertrümmert. Ist total geschwollen, deswegen hat sie das komische Gestell”, antwortete die Frau und strich sich selbst über den eingebundenen Oberarm. “Hast du dich auch verletzt?”, fragte Iizuna. “Oh wow, da hat ja jemand Augen im Kopf”, fuhr ihn die Frau an. Sie hatte sogar noch ihr Kostüm an. Ziemlich freizügig, wie Kenma fand. Deswegen gefiel ihm Eiskunstlauf nicht so. Vor allem die Frauen waren dabei oft sehr knapp bekleidet. Iizuna schwieg von da an lieber.
Neben dem auffälligen Kostüm fiel bei der Frau auch auf, dass sie ganz weiße Haare hatte. Sie trug sie in einem kurzen asymmetrischen Bob-Schnitt und hatte auch recht kühle grüne Augen. Ganz anders als Iizuna und dennoch waren sie beide besorgte Angehörige.
“Wie auch immer… ich bin Kori und das ist meine Partnerin Yukie und fragt nicht gleich blöde, wir sind auch romantische Partner und es geht euch nichts an”, sagte Kori schnippisch und setzte sich neben Yukie. “Wir auch, also… so irgendwie”, antwortete Kenma und Iizuna schreckte hoch. “Wirklich?”, fragte er. Kori sah die beiden skeptisch an. “Ja, wirklich… also. Ich hab’ nach dem Unfall Gedächtnislücken, die genau unsere Beziehung umfassen, aber… ich hoffe, die Erinnerung kommt wieder”, sagte Kenma weiter an Kori gewandt. Iizunas Ausdruck wurde erleichtert und sein Lächeln breit und glücklich, seine Augen strahlten. “Wenn du so redest, bin ich mir sicher”, sagte er und Kori machte Würgegeräusche. “Ihr seid ganz schön kitschig… sowas hab ich ja noch nie erlebt”, sagte er und rutschte am Sessel nach vorne. Sie ließ den Kopf in den Nacken fallen und starrte an die Decke. Kenma wurde wieder müde und Iizuna schnappte irgendwann ein tieferes Gespräch mit Kori auf.
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“Schlafen ist gar nicht so übel, was?”, fragte Kuroo mit einem schneidigen Grinsen. Kenma merkte aber, dass es aufgesetzt war. Kuroo wirkte aufgewühlt. Kenma analysierte rasch den Raum. Auf der Intensivstation konnte sich alle paar Stunden etwas ändern. Und Kenma mochte es nicht, nicht zu wissen, was um ihn herum geschah. Er musste nicht immer alles sehen, aber er brauchte ein Gefühl für den Raum.
“Ich hab ihn essen geschickt”, sagte Kuroo. Kenma sah ihn verwundert an. “Iizuna, du suchst ihn doch, nicht wahr? Echt krass, du kannst dich nicht an ihn erinnern und trotzdem kannst du nicht ohne ihn sein”, lachte er verhalten. Kenma seufzte. “Nein, es ist nur so ungewohnt hier”, antwortete er. Kuroo sah ihn mitleidig an. Ach, wie Kenma das hasste. “Aber ich bin froh, dass du hier bist und nicht…”, Kuroos Stimme versagte. So kannte Kenma seinen besten Freund nicht. Hatte sich in dem Jahr so viel verändert? Er konnte sich nicht vorstellen, dass Kuroo weinerlich geworden war. Da fiel ihm noch etwas auf. “Warum trägst du den Anzug?”, fragte Kenma. Kuroo ging sich durch die zerzausten Haare und begann zu erzählen.
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Kuroo trug zum Begräbnis denselben Anzug, den er auch zu den Beisetzungen seiner Großeltern getragen hatte. Er hatte auch ein schwarzes Hemd und die matte schwarze Krawatte angezogen, die er mal von Kenma bekommen hatte.
Er ging mit Terushima hin, aber stand dann nicht bei ihm.
Kuroo stand neben Yaku.
“Und? Wie gehts dir eigentlich mit deinen Tonsillen?”, erkundige sich Kuroo um Yakus Beziehungsstatus, der seit diesem einen Patienten mit den chronisch entzündeten Gaumenmandeln im Schwanken war. “Darüber redet man nicht bei einer Beerdigung”, zischte Yaku. Kuroo hob verteidigend die Arme. “Sorry… wollte nur irgendwie die Stimmung lockern”, sagte er. Yaku verdrehte die Augen. “Musst du nicht. Die Stimmung kann ruhig am Arsch sein”, murmelte er. “Eri hätte nicht gewollt, dass du bei ihrem Begräbnis fluchst”, ermahnte ihn Kuroo. “Eri hätte so einiges nicht gewollt, und es ist passiert. So ist das scheiß Leben”, sagte Yaku. Jeder ging anders mit Trauer um. Yaku fluchte.
Kuroo verstummte.
Es war fast das ganze Krankenhaus hier. Nur die Notbesetzung war im Dienst und die, die verreist waren oder die, die selbst im Krankenbett auf der Intensivstation lagen, waren nicht hier. Auch von der Rettungswache waren Leute gekommen und von der Polizei und Feuerwehr. Und dann trat Issei Matsukawa von der Pathologie hervor.
“Schön, dass die Sonne heute scheint. Eri war ein Sonnenschein und sie hat jeden Funken Licht verdient, auch wenn mir nach Regen und Wolken zumute ist.
Aber für Eri nehm’ ich das in Kauf.
Für Eri nehm’ ich auch in Kauf, hier vor euch allen zu sprechen. Sie hätte keinen dahergelaufenen Pastor gewollt. Pardon Monsieur, aber es ist so. Ich bin ja froh, dass Sie für die Segnung und das alles hier sind.
Aber ja… an dieser Stelle spricht man doch immer über die Vergangenheit und die Geschichte der Verstorbenen. Für mich fühlt sich das irgendwie seltsam an. Ich weiß, dass Eri jeden einzelnen von uns berührt hat, dass sie alle von erreich hat. Da bringt es nichts, wenn ich was von ihr erzähle, wenn sie jeder auf seine eigene Weise kennengelernt hat.
Jeder hat seine ganz eigene wundervolle Erinnerung an diesen Engel und ich will, dass ihr diese Erinnerungen immer wieder aufleben lässt. Deswegen fordere ich euch jetzt auf, dass ihr euch eine Minute lang ein erstes Mal nach ihrem Tod daran erinnert.
Wie sagt man? Die Lebenden schließen die Augen der Toten, aber die Toten öffnen die Augen der Lebenden. Und damit, macht bitte eure Augen zu… denkt an Eri und lasst eure Augen wieder öffnen”, sagte Matsukawa und schloss die Augen. Auch Kuroo schloss die Augen und dachte daran, wie ihm Eri das erste Mal über den Weg gelaufen war. Wie sehr ihn ihr Lächeln mitgerissen hatte und wie entzückt er von ihrer liebevollen Art gewesen war. Kuroo erinnerte sich an die erste Operation, bei der er assistieren hat dürfen und wo Eri neben ihm gestanden und den Spatel gehalten hatte. Kuroo war sich unsicher gewesen und er hatte nur einmal zu seiner Rechten in Eris Augen sehen müssen, um das Feuer zu erkennen. Eri hatte ihn angefeuert. Stumm. Er erinnerte sich auch daran, als ihm bewusst geworden war, dass er mehr als nur einen kleinen Crush auf Sugawara, den Oberarzt der Pädiatrie, hatte. Eri hatte ihm geraten, ihm sein Herz sofort auszuschütten, aber der Typ war Kuroo nicht. Jetzt wusste er, dass er es hätte tun sollen, denn jetzt hatte er einen Rivalen. Da fiel Kuroo auch auf, wie lange er nicht mehr mit Eri gesprochen hatte, denn er hätte ihr gerne von seinen kürzlichen Dates mit Sugawara erzählt. Dass es eigentlich auch ganz gut aussah, wenngleich Dr. Sawamura noch nicht weg vom Fenster war. Oh, Dr. Sawamura… der auch hier war und mit seiner Beherrschung kämpfte. Sugawara stand neben ihm, weil die Oberärzte alle gemeinsam standen. Kuroo hasste es, noch kein Oberarzt zu sein und er hasste es, dass er Eri nicht davon erzählen konnte, dass er in der Allgemeinchirurgie promovieren wollte. Er wollte Dr. Sawamura auf allen Ebenen schlagen. Im Beruf und in der Liebe und das wollte er Eri so gerne sagen, weil er ihr liebes Lächeln sehen wollte und hören wollte, wie sie ihm alles Gute dafür wünschte und er wollte hören, worauf sie sich spezialisieren wollte. Aber ihm wurde klar, dass er ihre aufgeweckte Stimme nie wieder hören würde, und das rührte ihn nun tatsächlich zu Tränen.
Nach der Minute ging Matsukawa direkt zu Eris Urne und hing ihr das Stethoskop um, mit dem Eri stets herumgelaufen war und ihr eigenes Herz sowie das ihrer Patienten und Kollegen abgehorcht hatte. Danach kam Hanamaki zu ihm und nahm die Urne, um sie zum Urnengrab zu bringen. Direkt neben Chigaya.
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“Dr. Ushiwaka war auch da und er hatte sogar glasige Augen. Hat irgendwas von ner Wintermücke oder so nem Märchen gesagt, aber der hat voll geheult wegen Eri… Versteh ich… Sie hat sogar Dr. Ushiwakas Herz erreicht…”, sagte Kuroo mit einer Hand auf seinem Herzen, da riss es Kenma hoch.
“Wintermücken! Kuro, es war ein Mückenschwarm”, sagte Kenma, weil ihm die wirren Bilder kurz vor dem Unfall wieder ins Gedächtnis schossen. Er hielt sich den Kopf. Die Erinnerung war verschwommen und nur Stückchenweise ganz klar.
“Kenma? Kenma?! Ist alles in Ordnung?”, fragte Kuroo und legte ihm beide Hände an die Oberarme. “Kenma? Kannst du dich an was erinnern?”, fragte er weiter. Kenma rang nach Luft, ihm war unwohl. “Nein… Ja, schon, aber nicht viel”, sagte Kenma und sah hinüber zu Akaashi. “Akaashi und ich sind in diesen verrücken Mückenschwarm gekommen. Da war eine Kurve. Man hat aber gar nichts mehr gesehen und dann hats gerumpelt und gequietscht und dann… dann war der Baum da, aber vorher der Graben und… Kuro… Ein Schwarm Mücken hat uns von der Straße abkommen lassen”, erklärte Kenma so gut es ging, seine neuesten Erinnerungen zu beschreiben. “Und mehr? Ist da mehr? Kannst du dich an Iizuna oder Teru erinnern?”, fragte Kuroo sofort. Doch Kenma schüttelte den Kopf. “Nein…”, seufzte er und war froh, dass Iizuna für diese Ernüchterung gerade nicht hier war.
“Überall war Blut… Akaashi hat so viel geblutet”, sagte Kenma und suchte Akaashi, doch der Vorhand war vorgezogen. “Ihm gehts besser. Er ist wieder bei Bewusstsein”, sagte Kuroo. “Kann er sich erinnern?”, fragte Kenma. “Ja, nur den Unfall hat er wohl komplett ausgeblendet. Aber das passt zum Trauma… anders wie bei dir. Das war die Subduralblutung. Ich hoffe so sehr, dass es alles wieder zurückkommt, wenn die Schwellung erst zurück geht”, sagte Kuroo und Kenma gab sich damit erstmal zufrieden. Er wusste, dass Blutungen im Gehirn viel Schaden anrichten konnten und dass er, selbst wenn die Erinnerung nie wieder kommen würde, unheimliches Glück hatte.
“Sag es Iizuna bitte noch nicht. Ich hab Angst, dass er sich zu viele Hoffnungen macht”, sagte Kenma und Kuroo nickte. “Du sagst ihm alles zu seiner Zeit”, versprach ihm Kuroo mit einem Lächeln. Nun war sich Kenma nicht sicher, ob Kuroo nicht derjenige mit den fragilen Hoffnungen war. “Schlaf jetzt lieber”, sagte Kuroo, was sich Kenma nicht zweimal sagen ließ.
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“Du willst mich doch verarschen!”, rissen Kenma zwei Stimmen gleichzeitig wieder aus dem Schlaf. Er schreckte auf und starrte, wie auch Iizuna, hinüber zu Akaashis Bett, wo dieser aufrecht saß und einen seiner beiden Freunde entrüstet anstarrte. Am Fußende des Bettes stand eine Krankenschwester, ebenso entrüstet. Konoha war der Angesprochene, sogar Bokuto sah ein wenig bedröppelt drein. “Das ist nicht dein verdammter Ernst. Du willst mir sagen, dass du doch auch auf Frauen stehst?”, die Stimme der Schwester überschlug sich. “Kaori, es… Keiji”, Konoha wollte sich erklären, aber die Schwester, Kaori, fuhr ihm noch einmal drüber. “Es reicht ja echt schon, was er angerichtet hat, da… nein! Ich hab genug von diesem Gespräch. Ich dachte echt, ich wüsste alles über dich, aber du bist genauso verlogen wie alle anderen Scheißkerle!”, wurde Kaori immer lauter, bis ihr wohl bewusst wurde, dass sie sich auf der Intensivstation befand und in der Zwischenzeit alle drei Betten wach waren und sie die ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. Sie hob harsch den Finger, um Konoha zu verdeutlichen, wie ernst sie es meinte und rauschte dann aus der Station. Konoha seufzte. Er sah zu Akaashi, dessen Blick nicht sanfter geworden war. “Wie viele von deinen Bettgeschichten werde ich eigentlich noch treffen?”, fragte er und Konoha seufzte. “Ich will das nicht verharmlosen, aber Keiji… ich kannte dich und Kotaro damals noch nicht. Das ist jetzt alles anders. Und ja, vielleicht hab ich mit dem ein oder anderen geschlafen, aber wirklich ernst war es mir davor nur mit einem”, begann Konoha, sich zu erklären. Akaashi schnaubte. “Ja, wie wichtig dir Dr. Sakusa war, weiß ich”, sagte er und verschränkte die Arme soweit es ging. Auch den Blick wandte er ab. Da mischte sich nun auch Bokuto ein.
“Naja… so viel es Wert ist. Kons hat ne Menge Erfahrung gesammelt und ich mag’s richtig gerne, wie er dieses Ding mit seinen Fingern macht, wenn wir-” und dann wurde es Kenma zu bunt. Er scheuchte Iizuna auf, den Vorhang zuzuziehen und stülpte die Enden des Kissens hoch über seine Ohren.
Auf der anderen Seite neben ihm saß Yukie, die Eiskunstläuferin, auch aufrecht in ihrem Bett und schien der Grund für diese unerträgliche Unruhe zu sein. Kori saß neben ihr und versuchte es nicht einmal, sich das schelmische Grinsen zu unterdrücken. Yukies Ausdruck war anders. Sie sah wie ertappt aus. “Die Welt ist schon klein”, gluckste Kori. Yukie seufzte. “Ja… wer hätte gedacht, dass dein Cousin mein Erster war”, sagte sie und lehnte sich wieder zurück in ihr Kissen.
Kenma sah zurück zu Iizuna und der machte ganz ohne Aufforderung den Vorhang weiter zu.
“Ich fühl mich umzingelt”, flüsterte Kenma. Iizuna nickte. “In diesem Krankenhaus gibt es ganz schön viel sexuelle Spannung”, erwiderte er, und dann schwiegen sie einander an. Kenma wusste ja, dass es auch zwischen ihm und Iizuna etwas gab. Er fand nicht, dass es dieselbe Spannung war, die gerade zwischen den anderen hier bemerkte. Er wusste auch aus Iizunas Erzählung, dass sie beide nicht miteinander geschlafen haben, das hätte Kenma überrascht. Aber ein bisschen hatte er gedacht, dass der Satz “Der Richtige kommt schon noch” vielleicht doch einen gewissen Wahrheitswert hatte. Vielleicht war Iizuna auch nicht der Richtige, aber allein der Gedanke, dass es so wäre, tat ihm weh. Kuroo hatte davon gesprochen, dass Iizuna der Grund war, warum Kenma wohl bald ausziehen würde.
“Sag, Iizuna… haben wir Pläne? Also… größere? Sowas wie zusammenziehen”, fragte er deswegen. Iizuna blinzelte ihn perplex an. “Nein… noch nicht. Es ist nicht so, als hätte ich nicht schon so einen Gedanken gehabt, aber wir haben noch nicht darüber gesprochen”, sagte er. “Gut”, antwortete Kenma und sah, dass Iizunas Ausdruck traurig wurde. Kenma fühlte sich schuldig. “Es tut mir leid”, sagte er, aber Iizuna schüttelte den Kopf. “Nein, das muss es nicht. Wir haben gerade andere Prioritäten”, nannte er etwas, das Kenma an dieser Stelle bestimmt ein Problem bezeichnet hätte. Iizuna ging wirklich sehr bedacht mit ihm um, was Kenma sehr schätzte.
“Lass uns auf ein Date gehen”, schlug Kenma vor. Er richtete sich ein Stück weit auf und nestelte etwas unbeholfen an seiner Decke herum. In Iizunas Augen ging sofort ein Funken auf. Er nickte. “Gerne, aber wie stellst du dir das vor?”, fragte er. Kenma neigte den Kopf zur Seite und hob eine Schulter an. “Fahr mit mir mit dem Rollstuhl wohin", schlug er vor. “In den Blumenladen vom Krankenhaus?”, fragte Iizuna und Kenma gab einen amüsierten Ton von sich. “Ist das etwas, was wir machen würden?”, fragte er. Iizuna zuckte mit den Schultern. “Ist doch egal, was wir machen würden. Es kommt drauf an, ob du es jetzt willst”, sagte Iizuna. Kenma überlegte für einen Augenblick und nickte dann. “Okay, lass uns los”, sagte er und ließ sich von Iizuna in den Rollstuhl helfen.
Es war gleicherweise der Wunsch nach sowas wie einem Date, als auch der Fluchtgedanke, während sich hier alles nur aufbauschte.
“Kozume! Du bist wohl auf!”, japste eine junge kleine blonde Ärztin. Ihr schossen sofort die Tränen in die Augen. “Du musst Yachi sein”, sagte Kenma und mühte sich eines milden Lächelns. Yachi nickte auch schnell. Ihr Lächeln war nicht bemüht. Es war ehrlich und die Tränen kamen ihr aus Freude. “Wir hatten alle solche Angst um dich und Akaashi. Und das mit deiner Erinnerung… ich… es tut mir so leid für dich und Iizuna-san. Aber, wenn eure Liebe echt war, dann ist sie es auch jetzt und ich bin mir ganz sicher, dass ihr das schafft”, sagte sie und Kenma fühlte sich an jemand anderes erinnert. Ihm wurde heiß und kalt, dann fühlte er sich traurig. “Ich glaube, Eri hätte sowas auch gesagt”, sagte er und erntete einen überraschten Blick von Iizuna. “Du kannst dich an Eri erinnern?”, fragte er. Kenma nickte, selbst etwas überrascht. “Ja, ich glaube… sie hat mir gesagt, dass es kein zu schnell gibt… oder so”, versuchte sich Kenma zu erinnern. “Aber es gibt auch kein zu langsam. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus", sagte Iizuna. Yachi nickte. “Mit Taichi geht auch alles ganz langsam, aber es ist einfach wundervoll”, schwärmte sie. “Das ist gut”, sagte Kenma, nicht wissend, wer Taichi war. Aber wenn Yachi so von ihm sprach, war er bestimmt ihr Freund. “Es ist zwar auch ziemlich schwer… wegen seiner Familie und so… aber… er ist sehr stark”, sagte Yachi noch. Nun sah sie wieder traurig aus und Kenma fragte sich, wie schnell die Stimmung mancher Menschen schwanken konnte. Auch in Iizunas Augen hatte er solche Wechsel erkannt oder bei Kuroo. Terushima trug sein Herz sowieso auf der Zunge und war voller Energie. Immer noch wunderte er sich, was in Kuroo gefahren war, diesen Typ in ihrer WG aufzunehmen.
“Ist Yamaguchi heute hier?”, fragte Kenma. Yachi schüttelte den Kopf. “Er hatte die Nachtschicht und heute zuhause. Er kommt aber am Abend wieder. “Was habt ihr denn vor? Wollen wir in die Kantine gehen? Die anderen, die da sind, freuen sich bestimmt, dass es dir soweit gut geht”, schlug Yachi kurz darauf vor. Aber Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, danke. Wir sind verabredet”, sagte er gab deutliche Signale, dass er weiter wollte.
“Oh! Ich will euch gar nicht aufhalten. Viel Spaß euch und… ähm alles Gute Kozume. Hoffentlich ist bald alles wieder gut”, sagte sie und verneigte sich sogar zum Abschied knapp. Kenma nickte nur. “Bis bald Yachi-san”, sagte Iizuna und fuhr mit Kenma weiter.
“Gut, dass du wohlauf bist”, sagte ein Assistenzarzt, der sich danach als Shirabu vorstellte. “Ich hätte es nicht ertragen, auf so eine Weise der Beste zu werden”, gab er gewisser Weise bekannt, dass er und Kenma wohl Rivalen waren. Mehr sprachen die beiden aber nicht. Kenma war überfordert und Shirabu kein großer Redner.
“Es ist unheimlich, dass mich jeder kennt und ich hab’ keine Ahnung, wer die alle sind”, seufzte Kenma, denn am Weg zum Blumenladen grüßten ihn einige Ärzte und Schwestern und wünschten ihm das Beste und eine gute Genesung. “Du wirst sie alle wieder kennenlernen”, sagte Iizuna neutral. Kenma hörte dennoch eine gewisse Enttäuschung heraus. Es war, als hätte sich Iizuna damit arrangiert, dass Kenma ihn nicht kannte, aber glücklich war er damit nicht. Es musste schwer sein, so viel konnte sich Kenma zumindest denken. “Tut mir leid”, sagte er leise. “Nein… es ist wie es ist. Ich bin dankbar dafür, dass es dir soweit gut geht und… dass wir noch eine Chance haben”, sagte Iizuna.
Im Blumenladen nahm Kenma den frischen Geruch auf. Er schloss die Augen und gewährte sich einen kurzen Moment. Als er sie wieder öffnete, stand Iizuna bei den Nelken und Kamelien. “Du hast mal gesagt, du magst Rosen nicht”, sagte er und zupfte eine der pinken rosenähnlichen Blumen heraus. “Ich mag die Bedeutung dieser”, sagte er und reichte sie Kenma. Kenma nahm sie an und roch daran. Lieblich. Sanft. Irgendwie weich. “Was bedeutet sie?”, fragte Kenma. “Sehnsucht”, stellte sich jemand zu ihnen. Seine Augen waren müde, sein Blick traurig. Sehnsüchtig. Er sah nicht aus, als würde er hier arbeiten. Nur zu Besuch.
Kenma senkte den Arm mit der Blume und besah die rosaroten Blüten. Dann hob er den Kopf wieder und sah hoch zu Iizuna. Auch sein Ausdruck war sehnsüchtig und Kenma wusste, dass er der Grund dafür war. Leider auch, dass er nichts dagegen tun konnte. Also schwieg er.
“Was auch immer zwischen euch steht, lasst es nicht alles kaputt machen”, sagte der Mann und zupfte sich ebenso eine der rosaroten Kamelien heraus. Er ging sie zügig bezahlen und verschwand dann. Kenma traute sich nicht, etwas zu sagen. Auch Iizuna schwieg. “Hach, Osamu”, sagte die Dame am Tresen, nachdem der Kunde weg war. Kenma kannte keinen Osamu. Aber er schien öfter hier zu sein, wenn die Verkäuferin ihn beim Vornamen kannte.
“Iizuna? Ich will wieder zurück”, sagte Kenma, weil ihm unwohl wurde. Er hatte gedacht, dass ein Blumenladen gute Stimmung brachte, aber er narrte sich selbst, wenn er dachte, irgendwo in einem Krankenhaus eine gute Stimmung zu bekommen. Im Krankenhaus waren die Kranken, die Sterbenden, die Trauernden. Zumindest fühlte er dieses Stigma gerade sehr stark. Iizuna nickte. Er bezahlte die Blume und fuhr mit Kenma wieder zurück. “Tut mir leid, dass unser… erstes Date nichts war…”, sagte Iizuna. “Es war gut. Bei dem Italiener war es bestimmt schön”, erwiderte Kenma, weil er von Iizuna ja wusste, dass sie schon aus waren. “Aber daran kannst du dich nicht erinnern”, seufzte Iizuna. “Aber ich vertrau dir”, sagte Kenma. Es frustrierte ihn, dass er sich nicht erinnern konnte. Und dennoch war er erleichtert, dass die ein oder andere kleine Erinnerung schon da war. Vielleicht brauchte es auch nur einen besonderen Moment zwischen ihm und Iizuna und alles würde wieder zurückkommen. Aus den Märchen seiner Kindheit wusste er, dass der wahren Liebe erster Kuss immer wahre Wunder wirkte, aber das traute er sich nicht. Es fühlte sich nicht richtig an. Was, wenn ein Kuss nichts bewirkte? Was, wenn Iizuna danach noch trauriger war? Was, wenn Kenma es nicht mochte? Es war zum Verzweifeln.
Kenma dachte wieder daran, dass es nie zu schnell, aber auch nicht zu langsam sein konnte. Nur gerade war Kenma sehr ungeduldig mit sich selbst. Diese verdammten Erinnerungen ließen sich zu viel Zeit.
Das taten sie auch in den nächsten Tagen auf der Intensivstation. Die Eiskunstläuferin wurde schon am Folgenachmittag entlassen und würde in sechs Wochen wiederkommen, wenn der Fixateur externe entfernt und Platten und Schrauben gesetzt werden würden. Vielleicht hatte sie sogar Glück und es musste nicht verplattet werden.
An einem der Tage hatte sich Kenma auch mit Akaashi unterhalten, der den Unfall bedauerte. Aber wie alle anderen sagte ihm auch Kenma, dass sie froh sein konnten, dass sie noch lebten. Akaashi musste von nun an einen Medikamentencocktail zu sich nehmen, der verhinderte, dass sein Körper Eris Lungen abstieß. Damit hatte er mit Bokuto etwas gemeinsam, der auch täglich Medikamente nehmen musste, um die künstliche Herzklappe zu behalten.
“Ich hör sie, wenn ich in seinem Arm liege”, erklärte Akaashi. Kenma nickte. “Es ist eine mechanische Klappe, die hört man”, sagte Kenma trocken darauf. Akaashi schmunzelte. “Zumindest bist du immer noch so wie früher. Denkst du, du musst dein erstes Jahr als Assistenzarzt wiederholen, wenn es nicht zurück kommt?”, fragte Akaashi. Kenma seufzte. “Vermutlich…”
“Das wäre voll beschissen”, empörte sich Terushima. “Ich bin dagegen!”, sagte er entschlossen. Yamaguchi, den Kenma in der Zwischenzeit neu kennengelernt hat, saß neben ihm und bezichtigte ihn, sich leise zu verhalten. “Wir sind auf der Intensivstation, Yuuji”, sagte er, aber Terushima dachte nicht daran, sich zu zügeln. “Das ist mir egal! Kenma gehört zu uns, er kann nicht sitzen bleiben”, bestand er darauf.
Kenma fühlte sich in der Runde wohl und irgendwie mochte er auch Terushima langsam. Terushima war immer gerade aus ehrlich. Er sagte, was er dachte und manchmal waren das wirklich dumme Dinge und er amüsierte Kenma damit.
Einen Schock hatte Kenma zwar schon erlitten, als er Terushima das erste mal lauthals loslachen hat sehen, denn dabei hatte er den Mund weit offen und Kenma erkannte das Zungenpiercing, dass ihm just die Erinnerungen an den erwähnten Kuss einbrannte. Er hat Terushima nichts davon gesagt. Auch mit Iizuna hat er nicht darüber gesprochen, denn so wie Terushima vor Tagen gesagt hat, hat es ihm irgendwie gefallen und er hatte es Kaede gesagt. Was Kenma daraus schloss, war die Tatsache, dass er ehrlich sagen konnte, dass Yuuji Terushima aufregend war und dass er ihn auf eine Art und Weise mochte, die ungewohnt war. Er wusste, dass er ihn nicht so mochte wie Kuroo einst, als seine Gefühle für seinen besten Freund so intensiv waren, dass er von Liebe hatte sprechen wollen. Aber auch nicht so, wie er Iizuna vor dem Unfall gemocht haben musste. Iizuna, wegen dem er vielleicht ausziehen wollte. Terushima, dessen Einzug von Kenma bei Kuroo vorgetragen wurde. Kenma fragte sich, ob er vielleicht doch auch für Terushima tiefere Gefühle gehabt hätte, weil er diese Konstellation gefördert hatte. Aber er sah, wie glücklich Terushima und Yamaguchi waren. Wie verliebt sie einander ansahen und dass Terushima bei ihm ruhig und zahm wurde, was Kenma auch sehr angenehm fand. Yamaguchi war dafür sehr gewissenhaft, ein bisschen frech und er trug das Herz auf dem richtigen Fleck. Er war vielleicht etwas ungeschickt, wenn man den Erzählungen so folgte, aber wenn er konzentriert war, war er besser als alle anderen. Das zweite Jahr würde für ihn bestimmt noch viel besser laufen.
Und dann war da noch Akaashi in ihrer Vierergruppe, der Kenma so ähnlich war. Er war auch trocken, analysierte und hatte gerne Übersicht über alles. Aber er war auch ganz anders als Kenma. Denn Akaashi führte eine Beziehung mit zwei Männern, von denen einer einen ziemlich pikanten Ruf im Krankenhaus hatte, aber Konoha hatte einen angenehmen Charakter. Anders als Bokuto, der laut und auftrabend war, dafür war er ein so herzensguter naiver Mensch, dass es fast schon weh tat.
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Zum Mittagessen war Iizuna wieder bei ihm und aß ein Sandwich, wie sie es bei ihrem Date im Park gegessen hatte, während Kenma das Krankenhausessen am Tisch hatte. Viel aß er nicht, tat er nie und das hat sich auch nach dem Unfall nicht geändert.
Als Kenma das Dessert, einen Obstsalat, öffnete, erkannte er darin eine ganz besondere Frucht.
“Wir haben einmal eine zusammen gegessen”, sagte er und nahm die Scheibe einer Sternfrucht in die Finger. “Teil sie wieder mit mir”, sagte er, aber Iizuna rührte sich nicht. Er starrte Kenma an. Er presste die Lippen aufeinander und seine Augen wurden immer glasiger, bis die Tränen zu fließen begannen. “Du erinnerst dich daran”, hauchte er mit brüchiger Stimme. Direkt darauf schluckte er einen Kloß herunter, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Kenma sah auf das Stück Obst und wieder zu Iizuna. “Du hast recht”, sagte er und lächelte. “Ich erinnere mich daran, dass wir die im Park gegessen haben, weil ich… oh… ich hab unser erstes Date total versaut”, erklärte Kenma. Iizuna schüttelte schnell den Kopf. “Nein”, sagte er und räusperte sich, weil ihm die Stimme versagen wollte. “Nein, Kenma, du hast absolut nichts versaut. Nie und niemals”, sagte er unter Tränen. Kenma sah, wie hilflos und überfordert Iizuna war, da griff er nach seiner Hand und drückte sanft zu.
“Tsukasa, ich erinnere mich und…”, ihre Blicke trafen sich. Kenma erkannte das Strahlen in Iizunas Augen, das ihm bereits beim ersten Anblick einen Herzschlag gestohlen hatte und was es auch jetzt tat.
“Tsukasa, ich liebe dich”, sagte Kenma und bei Iizuna war der Damm nun vollends gebrochen. Er warf sich Kenma um den Hals, drückte ihn fest an sich, sog seinen Duft ein, wie auch Kenma den von Iizuna und es fühlte sich umgehend wie zuhause an. Iizuna drückte ihn fester. Er rang nach seiner Stimme, Kenma spürte, wie sein Krankenhaushemd feucht wurde, aber es war ihm egal. Er legte seine Arme um Iizuna und strich ihm zärtlich durch die Haare. “Es tut mir so leid, dass ich dir das angetan habe”, sagte er leise, aber Iizuna neigte den Kopf von einer Seite zur anderen. “Nein… nein, mir tut’s leid… ich zerdrück’ dich… aber ich kann nicht anders”, zerbrach seine Stimme fast. “Es ist okay”, flüsterte Kenma. Er schloss die Augen und spürte, wie auch ihm eine Träne über die Wange lief. Er sah all die schönen Erinnerungen mit Iizuna vor seinem geistigen Auge. Er sah, wie sie Drachen haben steigen lassen, wie sie beim Italiener geplaudert hatten und wie ihre letzten Wochen über den Bildschirm verlaufen waren und wie er sich von Tag zu Tag mehr und mehr in Iizuna verliebt hatte und dass er sich ein Leben ohne nicht mehr vorstellen konnte. Er spürte, wie sein Körper erleichtert war, dass sein Gehirn endlich angekommen war, wo er selbst längst war.
Als Iizuna sich schließlich von ihm löste, fühlte Kenma aber auch Erleichterung. Die Knochenbrüche waren noch nicht verheilt und bekamen nun wieder Raum. Aber Kenma hätte es auf sich genommen, dafür, dass Iizuna glücklich war, und daran hatte er auch erkannt, dass er ihn liebte: Er wollte ihn glücklich machen.
“Kenma… ich liebe dich auch. Ich liebe dich so sehr. Ich hätte es nicht verkraftet, wenn du dich nicht mehr erinnert hättest”, sagte er. Kenma lächelte. “Du warst auf dem besten Weg, dass ich mich ganz neu in dich verliebe”, gestand er. Iizuna lächelte verlegen. “Ich würde mich wohl auch immer wieder aufs Neue in dich verlieben”, gestand er.
Kenma griff wieder nach der Scheibe Sternfrucht. Er biss einmal davon ab und hielt Iizuna den anderen Teil hin. “Auf ein Neues?”, fragte er. Iizuna nickte und aß Kenma aus der Hand.
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Ein paar Tage später fuhr Terushima mit Kenma im Rollstuhl spazieren. Kenma war bereits auf der normalen Bettenstation und genoss ein Einzelzimmer, aber sein Kollege meinte, er müsste auch mal raus und Menschen sehen. Sozialisieren, wie auch Kuroo es immer wieder förderte.
Mit Terushima machte er nun aber einen Ausflug in den verlassenen Gang, in dem sie im ersten Jahr immer mal wieder gesessen hatten. Ein Gang, der für Kenma eine besondere Erinnerung darstellte, wenngleich sie eine traurige war. Doch da saßen die vier neuen Assistenzärzte von Saeko gerade und richteten über die Uhr, die falsch ging.
“Wir könnten sie einfach umstellen. Ist doch voll gefährlich, wenn man sich hier in der Zeit vertut”, sagte der mit dem schiefen Topfschnitt, Goshiki, und forderte die anderen auf, ihm zu helfen. Kunimi lehnte sofort ab und Futamata sprang voller Tatendrang auf. Kuribayashi schwieg und rührte sich kaum.
“Das ist Dr. Sakusas Uhr”, sagte Kenma erbost. Terushima stellte sich mit verschränkten Armen neben ihn. “In dieser Zeitzone lebt Atsumu noch”, sagte er überraschend ernst.
“Und wer ist Atsumu?”, fragte Futamata. “Lass es”, zischte Kunimi und stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. “Lasst die Uhr einfach so, wie sie ist. Hier ist eh sonst niemand”, sagte Kuribayashi. “Genau, hört auf das Mädchen”, erwiderte Terushima. Er lockerte die Arme wieder und ging mit Kenma weiter. “Magst du Apfelkuchen?”, fragte er. Kenma schmunzelte. “Hat Kuroo dir aufgetragen, mich zum Essen zu überreden?”, fragte er. Terushima empörte sich. “Als würde ich nicht selbst merken, dass dir vom blöden Rumliegen und nichts tun die Knochen überall rausstehen. Iizuna ist zu gütig zu dir, also müssen Ku-Bro und ich dich wieder aufpäppeln”, erklärte er und die beiden fuhren in den dritten Stock zum Automaten hinter dem Schwesternzimmer.
Doubt, no doubt
Ob wir immer in die Umgebung passen, in der wir uns befinden, sei dahingestellt. Wichtig ist doch, ob wir uns passend finden. Und müssen wir passen? Reicht es nicht, wenn wir da sind, wo wir sein wollen? Sind wir fehl am Platz, wenn uns die Orientierung fehlt? Wenn wir die Orientierung verloren haben? Oder sind wir genau am richtigen Weg?
Sind wir schon fehl am Platz, wenn wir einen Moment lang zweifeln? Ob wir wirklich die richtige Entscheidung getroffen haben? Den richtigen Beruf gewählt haben? Uns auf den richtigen Menschen einlassen? Wie viele Zweifel rechtfertigen einen Rückzug? Wer bestätigt uns, dass eine Entscheidung falsch war? Wer außer uns kann bestimmen, ob wir fehl oder gerade richtig sind? Kannst du mir sagen, wo ich sonst hingehöre, wäre es nicht genau hier her?
***
Kenmas Heilungsprozess würde gut drei Monate in Anspruch nehmen. Drei Monate, in denen er anfangs so wenig Bewegung wie möglich machen sollte - Kein Problem - und drei Monate, wo er schließlich Schritt für immer mehr tun konnte und auch sollte - mühsam. Den Rollstuhl bräuchte er schon bald nicht mehr, seine Beine waren ja bis auf ein paar Schrammen und Blutergüsse unversehrt. Aber Knochenbrüche, vor allem das gebrochene Schlüsselbein, brauchten ihre Zeit.
Am meisten hatte er das beim Strecken nach dem Aufwachen bemerkt, das schmerzte anfangs noch höllisch und wurde erst erträglich, als er sich angewöhnt hatte, es zu unterlassen.
Seine Erinnerungen waren auch alle wieder zurückgekehrt und er konnte all die schönen Dinner-Dates mit Iizuna nachholen, die sie nur über einen Bildschirm abgehalten hatten. Iizuna kannte eine Menge schöner Restaurants.
Mitte April hatte Kenma aber das erste Date davon verschieben müssen, denn ein nur zu bekannter Dauerpatient der orthopädischen Abteilung war am Nachmittag eingeliefert worden.
“Ich muss mich vergewissern, dass es Shoyo gut geht”, sagte er zu Iizuna am Telefon und Iizuna hatte diese Absage mit vollstem Verständnis angenommen. “Ich wünsch ihm nur das Beste. Er merkt sicher, dass du da bist.” Bedauern klang mit. Geteiltes. Einerseits, weil sich Iizuna klar Sorgen um Kenmas Freund machte, aber auch, weil er sich auf das Date gefreut hatte, das nun ins Wasser fiel.
Als Kenma in die Notaufnahme gehumpelt kam, saßen dort unbestreitbar Hinatas Mutter, seine kleine Schwester und jemand, der sein Bruder oder auch ein guter Freund sein konnte oder, wie Kenma gerade einschoss, weil er die rote Uniform der Sanitäter trug, der Rettungssanitäter, der Hinata gebracht hatte. Wie nett von ihm, dass er sich um die Angehörigen kümmerte.
“Hinata-san?”, fragte Kenma und setzte sich im Warteraum gegenüber von den dreien hin. “Hey! Es bist du!”, sagte der vermeintliche Sanitäter und verwunderte Kenma. Woher kannten die beiden sich denn?
So jung dieser Bursche hier aussah, war er sicher ein Neuling. Ein Azubi vermutlich. Kenma wunderte somit aber auch, dass man den alleine mit der Familie hier ließ? Das erschien ihm etwas seltsam. Auch, dass der Sanitäter die Hand von Hinatas Mutter hielt und das kleine Mädchen halb auf seinem Schoß lehnte.
“Ja, ja, die bin ich. Wissen Sie, wie es meinem Jungen geht?”, fragte Frau Hinata, aber Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, leider nicht. Ich bin gerade selbst Patient”, sagte Kenma und meinte auch, dass man ihm das wohl ansehen konnte. Aber Kenma wusste auch, dass der Schock über solchen Dingen stand. “Ich hab nur gehört, dass er eingeliefert wurde. Dr. Nekomata hat ihn operiert, aber das wissen Sie bestimmt. Und auch, dass sich Dr. Ushijima und Dr. Tanaka um seine Knochenbrüche kümmern, sobald er stabil ist”, sagte Kenma bemüht ruhig, weil er im Aussprechen selbst merkte, dass die Lage nicht gerade toll aussah.
“Wie meinst du, stabil? Ist er etwa nicht stabil? Was heißt das?”, fragte der Sanitäter schnell. Er sah viel zu besorgt für seinen Job aus. Sollte Kenma ihm raten, sich eine neue Berufung zu suchen? Man konnte doch nicht bei jedem Patienten so ausflippen.
“Das heißt, dass er frisch operiert ist, niemand ist sofort danach putzmunter und Shoyo wurde am Kopf operiert. Da dauert es immer etwas länger. Aber bei Chefarzt Nekomata war er in guten Händen”, antwortete Kenma. “Was heißt war?”, fragte Frau Hinata. “Chefarzt Nekomata ist Neurochirurg, die Operation ist vorbei, jetzt ist er auf der Intensivstation und wird überwacht. Das ist immer so.” erklärte Kenma weiter. Beiden schien sowas wie ein Licht aufzugehen. Kenma schob es weiter auf den Schock. War doch klar, dass der Chirurg nicht 24/7 bei seinem Patienten war. Sie hatten ja auch noch andere Menschen zu versorgen. Kenma wusste auch, dass gerade ein komplizierter Hirntumor operiert wurde, was er gerne gesehen hätte, aber das hatte er für sein Date ausfallen lassen, welches er nun dafür sausen hat lassen, dass er hier mit Hinatas Mutter, der schlafenden Schwester und dem viel zu mitfühlenden Sanitäter-Azubi saß.
“Tomo-chan, alles wird gut”, sagte Frau Hinata und drückte die Hand des jungen Mannes etwas fester. Da fiel es Kenma wie Schuppen von den Augen.
“Du bist Shoyos Freund, oder?”, fragte er und Yaotome nickte. “Ja… und ich mach mir solche Sorgen”, sagte er mit brüchiger Stimme. “Ich bin nicht besonders gut in sowas, aber… so wie ich Shoyo kennengelernt hab, übersteht er das schon”, sagte Kenma mit einem milden Lächeln. Yaotome bemühte sich, es ihm gleich zu machen.
“Du bist Kenma, oder? Also… Dr. Kozume, nicht wahr?”, fragte er darauf. Kenma nickte. “Er hat mir so viel von dir erzählt”, kam nun raus, warum Yaotome Kenma kannte. “Oh, ich verstehe… aber… du kannst das mit dem Siezen lassen, ich halte nicht viel von diesen Förmlichkeiten”, sagte Kenma und Yaotome verneigte sich knapp vor ihm. “Danke. Danke auch, dass du ihm zu seiner Ausbildung geraten hast. Er blüht darin richtig auf, auch wenn er jetzt wohl ne kleine Pause davon machen muss… aber er wird das alles sicher aufholen können”, sagte Yaotome dann auch schon so, als sei Hinata über den Berg. Kenma lächelte. “Ja, so hab ich ihn auch kennengelernt”, erwiderte er und verbrachte die Abendstunden noch mit der kleinen Familie. Als Natsu aufgewacht war, schenkte sie Kenma mehr Zuwendung als dieser es sich gewünscht hatte. Natsu war sehr aufgeweckt, genau so wie Hinatas kleine Schwester sein musste. Sie war auch davon überzeugt, dass ihr Bruder alles schaffen konnte und dass er die Knochenbrüche sicher mit Willenskraft noch schneller heilen lassen würde. Von der Kopfverletzung hat man ihr nicht erzählt. Kenma fand auch, dass dieses Wissen zu viel für ein kleines Mädchen war.
Kenma saß so lange mit ihnen, bis Hana mit beruhigenden Nachrichten zu ihnen kam und ein kurzer Besuch auf der Intensivstation möglich war. Hinata sah schrecklich aus. Blessuren im Gesicht, Verband am Kopf, Gips am Arm und ein Fixateur externe am Bein. Dieser würde so lange bleiben, bis die Schwellungen zurückgingen und die Orthochirurgen den komplizierten Bruch mit Schrauben und Platten versorgen konnten.
“Dann… wünsch ich eine gute Nacht”, verabschiedete sich Kenma etwas holprig, unangenehmer wurde es, als ihn Hinatas Mutter und auch die kleine Natsu zum Abschied umarmten und ihm sogar Yaotome um den Hals fiel. “Danke, dass du da warst”, sagte er. “Schon gut, ich hab mir ja auch Sorgen gemacht”, sagte Kenma und verließ die Intensivstation.
Am nächsten Abend schon holte er sein Date mit Iizuna nach.
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“Du könntest auch mit zu mir und über Nacht bleiben und dann mach ich morgen Frühstück. Ich steh auch früher auf”, schlug Iizuna am Abend vor. Kenma wurde umgehend nervös. “Über… Nacht?”, fragte er. Iizuna nickte. “Aber nur, wenn du möchtest. Ich… ich habe keine Erwartungen und du keine Verpflichtungen”, antwortete Iizuna sofort, aber Kenma hatte Erwartungen. Erwartungen, dass Iizuna insgeheim doch Erwartungen hatte. “Mal sehen, vielleicht nach dem Kongress”, lehnte Kenma es für die nächste Zeit erst einmal ab. Denn erst Anfang Juli würde es für ihn und seine Kollegen auf den nationalen Ärztekongress in Kyoto gehen.
“Das ist okay”, sagte Iizuna und die beiden verließen ihren Tisch und schließlich das Lokal.
“Sag es nochmal, bitte”, forderte Iizuna sanft. Kenmas Wangen färbten sich rosa. Er sah etwas beschämt zur Seite. Seit er Iizuna das erste Mal gesagt hatte, dass er ihn liebte, forderte er es immer wieder ein. Denn wenn Iizuna es von sich aus sagte, antwortete Kenma jedes Mal mit “Ich weiß”. Er mochte es nicht, zu sagen, er liebte ihn auch. Er sagte es lieber separat. Doch Timing war nicht sein Ding. Nicht für sowas. Und Iizuna hatte ein ganz besonderes Gespür für Kenma. Sein “Sag es nochmal, bitte”, war wie eine Warnung, dass Iizuna im Begriff war, es zu sagen, nur dass er Kenma die Chance geben wollte, den Anfang zu machen. Als wollte er nicht nur “Ich weiß” darauf hören.
Kenma hob den Kopf wieder, sah in Iizunas Gesicht und sagte ehrlich: “Ich liebe dich.”
Iizunas Mundwinkel zogen breit und seine Augen strahlten vor Freude. “Und ich liebe dich”, sagte er und küsste Kenma, so wie Kenma es mochte. Vorsichtig, zart. Mit geschlossenen Augen und so, dass er die Welt um sich herum vergessen konnte. Für einen Moment zumindest. Mehr noch, als er es durch seine Videospiele konnte.
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“Wusste gar nicht, dass du nen Anzug besitzt”, sagte Kuroo mit einem frechen Grinsen, als Terushima zu ihm und Kenma in der Schlange zur Registrierung kam. Terushima trug einen schwarzen gut anliegenden Anzug mit blitzblauem Hemd. Sogar eine Krawatte hatte er aufgezogen und machte einen richtig professionellen Eindruck. Außerdem sah er richtig gut aus. Einzig die weißen Schuhe wollten Kenma bei dem Gesamtbild etwas stören, doch was verstand er schon von Mode? Er selbst trug eine schwarze Stoffhose und über dem weißen Hemd den Blazer von Kuroos Schwester, den er bereits bei seinem ersten Date mit Iizuna getragen hatte. “Natürlich besitz ich nen Anzug. Und einen der zusammenpasst auch noch. KenKen, was soll der Hybrid?”, fragte Terushima regelrecht verurteilend, dass sowohl Kuroo als auch Kenma sich wunderten.
“Ich hab nichts Anderes”, sagte Kenma. Kuroo stand dafür in seinem schicken grauen Nadelstreifenanzug da und machte Terushima in Professionalität keinen Abstrich. “Wir gehen mal shoppen. Tadashi kann auch nen neuen gebrauchen”, sagte Terushima und deutete auf Yamaguchi, der sich der kleinen Gruppe gerade in seinem gut ausgetragenen Zweiteiler näherte. Schick, wie Kenma fand, aber hier waren alle sehr schick angezogen und machten im Vergleich zu ihrer grünen Dienstkleidung einen äußerst ordentlichen Eindruck.
“Hey, grad hast du noch gesagt, ich sehe gut aus”, schmollte Yamaguchi und Terushima zog ein breites Grinsen auf. “Weil du auch in einem Kartoffelsack scharf aussiehst. Scharf! Das war das Wort, das ich verwendet habe”, belehrte er seinen Verlobten, so dass Yamaguchi die rote Farbe in die Wangen stieg. “Wisst ihr, wer wirklich scharf aussieht?”, fragte Kuroo und hob seinen Blick. Er sah zur Rezeption, wo die Nametags für die Mediziner ausgeteilt wurden und wo einer der Oberärzte des Haikyuu Medical Hospitals gerade seinen Namen bekannt gab. “Koshi Sugawara”, sagte Kuroo, noch ehe Terushima Dr. Sakusa in seinem Dreiteiler hervorheben konnte. Neben dem stand Dr. Suna. Die beiden sahen besser aus als Danny Ocean und Rusty Ryan aus der Oceans-Reihe. “Als würden wir ins Casino gehen”, war nur ein Kommentar, aber Kenma beobachtete Dr. Sugawara. Zu seiner Überraschung war Dr. Sawamura nicht bei ihm und er ahnte, dass Kuroo sich gleich von ihnen verabschieden würde und seinen Kreuzzug weiterziehen würde.
“Ob ihm kalt ist? Ich sollte ihm meine heiße Gesellschaft anbieten”, sagte Kuroo, weil Dr. Sugawara noch einen Trenchcoat geschultert hatte. Terushima wackelte mit den Augenbrauen. “Mit dir in seiner Nähe wird ihm sicher warm”, sagte er und Kenma verdrehte die Augen. Dr. Komori hatte ihnen gesagt, sie sollten sich benehmen und ihm keine Schande bereiten, wenn er nicht dabei sein konnte. Ob Dr. Tanaka Kuroos Team dasselbe gesagt hatte, bezweifelte er nun stark.
Die Schlange bewegte sich weiter. Auch Akaashi, Yachi und die anderen standen irgendwann in der großen Eingangshalle. Nur Kageyama ließ sich Zeit. Tsukishima hatte sich dafür just nach der Registrierung wieder verabschiedet. Er war Dr. Tendous Zuruf gefolgt. Nicht, weil er gefolgt hatte, wie ein Hündchen, sondern um ihn zu tadeln, dass man sich hier zu benehmen hatte. Die Oberärzte gaben sich auf diesen Veranstaltungen aber anders als die Assistenzärzte, die noch sowas wie Zurückhaltung hatten. Alles war groß, breitläufig und der Dresscode wirkte seinen ganz eigenen Respekt.
Shirabu stand nur ein Stück weiter hinter ihnen, mied die Gruppe und unterhielt sich mit seiner Begleitung: Kenji Futakuchi.
“Ich will das sehen”, sagte Terushima nach der Anmeldung und deutete bei Konferenzraum C auf einen Vortrag: New XP for XP. Kenma hob die Augenbrauen. Er wusste, wofür eines der XP stand, aber das zweite war ihm unbekannt. Er konnte ja auch nicht jede Krankheit kennen. “Warum?”, fragte er deswegen und wo Terushimas Finger wirklich hinzeigte und zwar auf den Namen der Referentin: Asuna Kurasaki. Kenma hatte nie von ihr gehört. “Die ist mega heiß”, sagte Terushima und bekam von Yamaguchi den Ellenbogen in die Rippen gestoßen. Sanft. Weil Yamaguchi Terushima nie wehtun wollte. “Hey”, maulte er dazu. “Was? Ich darf doch wohl noch andere Menschen toll finden. Im Bett gehör ich ganz dir”, sagte Terushima zu seiner Verteidigung. Kenmas und Akaashis Augen wollten aus den Verdrehungen gar nicht mehr rauskommen.
Dabei erkannte Kenma auch, dass einige Security-Leute hier positioniert waren. Besonders auffällig waren die zwei Herren, die direkt bei Konferenzraum A standen. Beide sehr groß, aber verhältnismäßig schlaksig und sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der eine, er war etwas größer, hatte schneeweißes Haar und trug eine runde schwarze Sonnenbrille. Ihm stand auch der Schalk ins Gesicht geschrieben und er würde sich bestimmt gut mit Terushima verstehen, so Kenmas erste Einschätzung. Der zweite wirkte so, als hätte er gar keine Lust, aber schien aufmerksamer zu sein. Sein Blick war finster, was die schwarzen Haare nur noch mehr unterstrichen. Beiden standen die Haare unterschiedlich wirr vom Kopf ab. Der Schwarzhaarige war wohl auch ungefähr in Kenmas Alter und seine Frisur erinnerte an Kuroos Bedhair, während das weiße Haar des anderen geplant so abstehend schien. Irgendwie wie bei Dr. Tendou, nur eben weiß und nicht rot. Als er die Lache des Weißhaarigen hörte, fand er auch, dass Dr. Tendou mit ihm wohl noch besser auskommen würde, als Terushima, der vielleicht sogar etwas eingeschüchtert wäre.
Aber Kenma sah nicht nur die Sicherheitskräfte, er sah auch viele andere Ärzte. Immerhin war es eine japanweite Ärztekonferenz. Einer kam ihm da sofort bekannt vor, so dass Kenma sich stillschweigend von seiner Gruppe entfernte.
“Seishiro”, sagte er und musste den ehemaligen Studienkollegen, der in einem anderen Krankenhaus angefangen hatte, erstmal aus seinem Handheld holen. Seishiro Nagi galt schon während ihrem Studium als absolutes Genie und wollte sich wie auch Kenma auf die Neurochirurgie festlegen.
“Oh, Kenma. Hi”, sagte Nagi und stielte mit seinem müden Blick über die portable Spielkonsole hinweg. “Hab’ gehört, du arbeitest mit Dr. Sakusa”, schob er gleich nach und Kenma nickte. Er spürte sowas wie Stolz aufkommen, war doch Nagi derjenige gewesen, der schon am ersten Studientag davon gesprochen hatte, eines Tages mit dem Neurospezialisten zusammenarbeiten zu wollen und Kenma war es gelungen, noch ohne es je geplant zu haben. “Nun ja, vielleicht transferiere ich ja nach meiner Assistenzarztzeit zu euch”, überlegte Nagi, hatte in seinen müden grauen aber kaum Ausdruck von Freude, Ambition oder sonstiger Emotion. Ganz wie Kenma.
“Wo ist eigentlich-” - “Yo! Kozume!”, rief auch schon hinter ihm die Person, nach der sich Kenma erkundigen wollte. Es war aus reiner Höflichkeit, dass er wegen Reo Mikage fragen wollte, der der Grund für Nagis Medizinstudium gewesen ist. So schnell konnte Kenma gar nicht reagieren, hatte er Mikages Arm um seine Schultern und wurde mit Druck und Zug an den bestgelauntesten Neuroanwärter überhaupt herangezogen. Mikage hatte, sofern sie nicht in der Prüfungsphase waren, immer ein Lächeln auf dem Gesicht, vor allem, wenn Nagi da war, und hatte immer schon mehr Energie, als Kenma und Nagi gemeinsam hätten aufbringen können. Die Lernabende mit ihm waren nervenaufreibend, aber hatten Kenma und auch Nagi den ausgezeichneten Abschluss garantiert. Nicht, weil Mikage so viel klüger gewesen wäre, doch den Ansporn, sich hinzusetzen und zu lernen? Den hatte nur er in ihrer Dreiergruppe während des Studiums.
“Was guckst du dir heute an, KenKen?”, fragte Mikage neugierig, Kenma merkte ihm an, dass er eigentlich gleich teilen wollte, welche Vorträge er auf dem Plan hatte.
“Ich möchte den T-Zellen-Vortrag von Professor Hibarida sehen und Teru möchte zu dem XP-Ding”, sagte Kenma. Er hatte noch einige andere Planpunkte, doch Mikage schien sofort zu wissen, was der Vortrag behandeln sollte. “Ihr schaut euch den hochgepriesenen Derma-Punkt an? Mega spannend, da will ich auch hin und davor gibt's noch was zu Huntington, glaube die Vortragenden arbeiten teilweise auch zusammen”, sagte er und nahm seinen Arm nun von Kenma, um Nagi damit in die Mangel zu nehmen. “Der ist aber erst am Nachmittag, bis dahin gehen wir jetzt zur Demenzforschung. So faul, wie der hier ist, hat er n höheres Risiko, das muss man ihm erst mal richtig vortragen. Würde dir auch nicht schaden, KenKen”, sagte er. Kenma seufzte. Ja, er war faul, aber um Demenz machte er sich nun wirklich keine Sorgen. Er und auch Nagi setzten ihre Gehirne mehr als ausreichend ein.
“Hey! Wer sind die denn?”, drängte sich dann auch schon Terushima auf. “Ganz dein, wenn du willst”, sagte Kenma und überließ die Vorstellung den anderen. Stattdessen wollte er sich nun mit Akaashi beratschlagen. Akaashi hatte nämlich vor, zur Sportkardiologie zu gehen. Etwas, was er zuhause mit Bokuto besprechen wollte, da dieser mit seiner künstlichen Herzklappe und seinem Bewegungsdrang, der zur Überanstrengung neigte, nicht die optimale Kombination darstellte. Kenma hätte kein Problem damit, sich den Vortrag auch anzusehen.
Am Weg zu Akaashi ging er an Kageyama vorbei, der von Dr. Oikawa im Schwitzkasten gehalten wurde. “Und das hier, meine liebreizende Kura-chan, ist Dr. Kageyama, mein ganz persönlicher Zögling. Darf ich vorstellen, mein lieber Tobio, das ist Dr. Kurasaki, eine ganz vortreffliche Dermatologin, die den Aufsprung auf die Chirurgie leider nie gewagt hat. Eine Ikone aber, keine Frage”, schmierte der plastische Chirurg sowohl Kageyama als auch seiner Gesprächspartnerin Honig ums Maul. Beide waren unbeeindruckt. Aber Dr. Kurasaki war beeindruckend. Sie würde den Vortrag über die XP-Forschung halten, den Terushima sehen wollte. Kenma gestand ihr auch zu, dass sie gut aussah.
“Fühlst du dich hier auch so überfordert?”, fragte Akaashi, als Kenma die letzten Schritte zu ihm aufgeholt hatte. Kenma nickte. “Viel zu viele Leute, wir sollten uns einfach in einen Raum setzen und irgendeinen Vortrag anschauen, nur um diesen Massen zu entkommen", sagte Kenma, weil er sich schon in der Eingangshalle bedrängt fühlte. “Und welchen Vortrag hast du im Sinn? Bis der Sportcardiologe kommt, dauert es noch etwas. Wir könnten auch direkt zur Bar gehen und uns dort die Zeit vertreiben”, schlug Akaashi vor. “Danke, ich passe”, sagte Kenma ernst. Akaashi seufzte. “Dir ist schon klar, dass das ein Scherz war?”, fragte Akaashi. “Vermutlich, ja… Hätte nicht zu dir gepasst”, antwortete Kenma. Irgendwie stand etwas zwischen ihm und Akaashi. Kenma wusste auch, dass es seit dem Unfall so war. Es war, als wäre Akaashi vorsichtiger und versuchte dennoch irgendetwas abzustecken.
“War schon seltsam, als dieser Verkehrspolizist mit uns gesprochen hat, oder?”, fragte Kenma, und Akaashi schreckte ertappt auf. “Ja… schon… Danke, dass du mich nicht verklagst”, sagte er, aber Kenma schüttelte den Kopf. “Vollkommener Schwachsinn. Wir sind doch wegen mir erst in diese Situation gekommen”, sagte Kenma. Sie sprachen zum ersten Mal richtig über den Unfall, weil Kenma und Akaashi in unterschiedlichen Zimmern gelegen hatten und beide ihre ganz eigene Regenerationszeit durchgemacht hatten. “Aber ich hab’ die Kontrolle über den Wagen verloren”, sagte Akaashi. Er war angespannt, das sah ihm Kenma an, denn er drückte seine Knöchel abwechselnd mit den Daumen. So fest, dass die Stellen eine Weile weiß blieben. “Aber ich geb’ dir nicht die Schuld”, sagte Kenma. “Und ich dir nicht, okay?”, fragte Akaashi. Kenma atmete tief ein. “Okay… wir könnten auch einfach Teru die Schuld geben”, lachte Kenma leise auf, weil Terushima gerade mit Yamaguchi an ihnen vorbei eilte, um einen Vortrag im Konferenzraum B zu sehen. Dort ging jeden Moment eine Filmpräsentation zu laparoskopischen Eingriffen los, die die neuesten Techniken vorstellte. Kuroo wollte diesen Film auch sehen und sich das ein oder andere abschauen, dafür wenn er das nächste Mal gegen Dr. Sawamura antreten würde. Nur, dass es bei den Chirurgen eigentlich keine Bewerbe gab, das lief alles unter der Hand und auf Egobasis.
“Du meinst, weil er selbst Pläne hatte und wir beide deswegen erst dazu kamen, gemeinsam zu fahren?”, fragte Akaashi und Kenma nickte. “Dann könnten wir auch dem Wetter die Schuld geben und der Natur oder Iizuna-san”, ging Akaashi darauf ein. “Tsukasa hat keine Schuld. Wenn… dann bin es wieder ich, weil ich doch irgendwie sicher gehen wollte, dass er nicht da raus kommt und sein Ex-Freund an ihm klebt”, erklärte Kenma. Da sah ihn Akaashi verblüfft an. “Sag nicht, du bist eifersüchtig, Kozume, das passt garnicht zu dir”, sagte er mit Verwunderung. “Ich bin… verliebt und das passt noch weniger zu mir. Aber es ist so und ich weiß jetzt auch, dass ich Tsukasa blind vertrauen kann. Ich meine… wie geht es dir da mit Bokuto und Dr. Konoha?”, drehte Kenma ganz schnell den Spieß um. Es war ihm unangenehm, so über seine Gefühle zu reden, da musste er einfach Konter geben.
“Es ist… speziell, aber irgendwie gut. Kotaro und Akinori verbringen die Tage jetzt auch zusammen”, antwortete Akaashi mit einem milden Lächeln. Kenma verstand diese Art der Beziehung nicht recht. Allein der eine Tag, an dem er gedacht hatte, Iizuna hätte einen Anderen, hatte ihn absolut fertig gemacht und hier stand er nun vor Akaashi, der mit zwei Männern etwas hatte, die auch noch miteinander in ähnlicher Romantik interagieren.
“Es ist schwer zu verstehen, nicht wahr? Aber ich hätte es vor einem Jahr auch nicht gedacht. Ich glaube, sowas muss einfach passieren und dann… naja, dann passt es einfach”, erklärte Akaashi, ohne dass Kenma die Frage stellen musste. Kenma nickte. “Dann passt es einfach”, wiederholte er. Mit Iizuna passte es auch einfach. Mehr sogar. “Bei dir und Iizuna doch auch, oder?”, fragte Akaashi. Kenma nickte wiederholt. “Aber ich würde nicht wollen, dass er noch jemanden hat und ich will nicht noch jemanden haben. Das wäre anstrengend”, sagte Kenma und Akaashi lachte kurz auf. “Ich versteh, was du meinst. Es ist wohl gut, dass Akinori so ein Ruhepol für mich ist. Er tut auch Kotaro gut. Wir gleichen uns aus”, erklärte Akaashi. Da dachte Kenma einen Moment nach. “Tsukasa ist perfekt, wie er ist. Er gleicht mich auch aus, irgendwie. Er redet immer, wenn ich nicht reden will und es ist nicht aufdringlich. Und wenn es mir zu laut ist, ist er leise. Er… es ist, als hätte er einen sechsten Sinn für sowas”, überlegte Kenma laut. “Ich glaube, Iizuna-san ist ein sehr empathischer Mensch”, vermutete Akaashi. Dann schwiegen sie beide.
Um sie herum war es sowieso laut genug, dass man sich eigentlich nicht unterhalten musste. Es reichte, den Gesprächen der anderen zu lauschen, zumal Kenma genug über seine Gefühle gesprochen hatte.
Da war es nun ein Leichtes, seine Aufmerksamkeit wieder auf Dr. Kurasaki und Dr. Oikawa zu richten.
“Wie fehl am Platz er jedes mal aussieht”, sagte Dr. Kurasaki mit einem Schmunzeln und Dr. Oikawa verzog das Gesicht. “Weil er hier auch absolut fehl am Platz ist, dieser Fleischhauer…”, sagte er und Kenma folgte den Blicken bis zu Oberarzt Ushijima. Dr. Oikawas Miene verfinsterte sich als Dr. Ushijima tatsächlich zu ihnen kam. “Dr. Kurasaki”, sagte der Oberarzt, blieb mit seinem Blick aber bei Dr. Oikawa. “Du hättest dich wirklich in der Orthopädie spezialisieren sollen. Ich habe soeben mit Dr. Kiryu darüber gesprochen”, sagte er. “Dr. Iwa-chan muss dir genügen”, sagte Dr. Oikawa und prallte die Brust. “Durchaus, er wird den Oberarzttitel genauso bekommen, wie ich. Ich habe große Hoffnungen in ihn”, erwiderte Dr. Ushijima. “Wo ist Dr. Iwaizumi eigentlich?”, fragte Dr. Kurasaki. Auch ihr schien klar zu sein, dass Dr. Oikawa und Dr. Iwaizumi viel Zeit miteinander verbrachten. “Kommt noch”, sagte Dr. Oikawa und vertiefte sich in eine Diskussion mit Dr. Ushijima.
“Oh… da fällt mir ein. Mein aufrichtiges Beileid, Wakatoshi. Ich habe gehört, deine Assistenzärztin ist gestorben”, sagte Dr. Kurasaki mit tröstender Stimme. Dr. Ushijima seufzte. “Sie war nicht meine Assistenzärztin”, erwiderte er darauf, aber nickte der tröstenden Worte wegen. “Aber du hattest viel Aufwand in sie gelegt”, ging Dr. Kurasaki näher darauf ein. Dr. Ushijima nickte erneut. “Ja, aber sie war wohl zu sanft für die Orthochirurgie… oder den Job an sich…” Dr. Ushijima wirkte bedrückt. “Hä? Was meinst du denn damit Ushiwaka?”, fragte Dr. Oikawa und bekam eine Erklärung.
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Ein klirrendes Geräusch brachte Unruhe in den Operationssaal. Ushijima hob den Blick. Eris Hände waren frei. Sie zitterten. Der Nadelhalter lag am Boden, die Nadel selbst baumelte am Faden die sterilen Abdeckung entlang. “Dr. Miyanoshita?”, fragte er. Eri schüttelte den Kopf. Sie schluchzte stark und räusperte sich darauf. “Monosyn 2-0 und einen neuen Nadelhalter bitte”, sagte Eri zu Izuru, der vom OP-Assistenten das entsprechende Material gereicht bekam. Eine neue Nadel mit Faden wurde aufgezogen und wurde gerade in Eris Richtung gereicht, da hob Ushijima die Hand. “Nein, Dr. Miyanoshita, Sie verlassen bitte den Saal”, sagte er streng. “W-was?” Eris Stimme war brüchig. Izuru biss die Zähne zusammen. Er wollte sich nicht einmischen, aber wie Eri gerade hinausgeworfen wurde, war ihm sichtlich ein Dorn im Auge. Dennoch: alles für die Patientensicherheit, nicht wahr? Eri war nicht in ihrer besten Verfassung, den ganzen Tag schon nicht. Ihre Finger zitterten immer noch. “Tupfer für Dr. Miyanoshitas Tränen”, orderte Ushijima. “Schon gut… ich gehe”, sagte Eri und trat zurück. Sie riss sich den sterilen Mantel vom Leib und fetzte ihn beim Rausgehen in den Abwurf. “Ist Ihnen bewusst, welche Probleme wir hätten, wenn die Wunde unsteril gemacht worden wäre? Eine Wundheilungsstörung wäre das Mindeste und unverantwortlich”, erklärte Ushijima. Dr. Tendou seufzte. “Aber wir müssen dringend an deiner Sänfte arbeiten, Wakatoshi-kun”, sagte er. “Ich habe bitte gesagt” - “Ja… das hast du wohl”
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“Das war am Tag ihres Todes…”, sagte Dr. Tendou, der gerade zu der kleinen Gruppe kam. Er legte seine Hand auf Dr. Ushijimas Schulter und tätschelte ihn dort. “Wakatoshi macht sich seitdem Vorwürfe. Aber du kannst nichts dafür. Das hat andere Gründe”, erklärte er weiter. “Eri-chan ist an einem gebrochenen Herzen gestorben. Glaub nicht, dass du das hervorgerufen hast, Ushiwaka, so toll bist du nicht”, warf Dr. Oikawa ein, aber er hatte nicht sein gehässiges Grinsen drauf, wie man es erwartet hätte. Er neckte Dr. Ushijima, aber er war genauso betroffen wie alle anderen Ärzte. “Sie ist am gleichen Tag verstorben wie ihr Verlobter, nicht wahr? Pathologe war er, oder?”, fragte Dr. Kurasaki und die anderen Ärzte nickten. “Und ihre Organe wurden transplantiert?”, fragte sie weiter, wieder erhielt sie ein einstimmiges Nicken. “Ihre Lungen haben einem unserer Assistenzärzte das Leben gerettet. Nieren und Leber gingen auch raus. Ihr Herz war unbrauchbar und Dr. Matsukawa hat untersagt, ihre Netzhaut zu verwenden. Er fürchte sich davor, jemandem mit Eris Augen über den Weg laufen zu müssen”, erklärte Dr. Tendou und machte eine ganz theatralische Geste.
“Ihr seid immer so wahnsinnig dramatisch…”, seufzte Dr. Kurasaki. “Aber ehrlich, mein aufrichtiges Beileid”, verabschiedete sich Dr. Kurasaki schließlich, immerhin wollte sie sich auf ihren Vortrag vorbereiten.
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Die Vorträge, Präsentationen und Filme zogen sich bis in die Abendstunden, wo Kenma sich dann doch den anderen angeschlossen hatte, nicht aber, um in Gesellschaft noch ein Getränk zum Ausklang des ersten Tages zu trinken, sondern, weil Terushima überraschend teilnahmslos geworden war. Es musste irgendwann am Nachmittag passiert sein, dass der sonst so aufgedrehte Mitbewohner seine Energie verloren hatte.
“Was ist mit Teru los?”, fragte Kenma deswegen gleich mal Yamaguchi, der aber selbst ratlos war. “Er ist seit dem XP Vortrag so”, antwortete der Kollege. Kenma dachte an den Forschungsbeitrag zurück. Dr. Kurasaki forschte an einer UV-Therapie für Xeroderma pigmentosum, einer Erbkrankheit, die den Träger hilflos gegen UV-Strahlung, Sonnenlicht, machte. Im Volksmund wurden die Erkrankten gerne ‘Mondscheinkinder’ genannt, nicht nur, weil die Träger meist nicht erwachsen wurden. Nur bei der geringsten Exposition von Sonnenlicht, waren schwere Hautkrebsreaktionen zu erwarten. “Also wollte er den Vortrag vielleicht nicht nur sehen, weil ihm Dr. Kurasaki gefallen hat?”, fragte Kenma. Yamaguchi sah verzweifelt aus. “Ich weiß es nicht… Aber der Vortrag danach hat ihn auch irgendwie runtergerissen… Glaubst du, er ist in Wirklichkeit einfach nur sehr einfühlsam?”, fragte Yamaguchi, da lachte Kenma ganz unkontrolliert. “Oh, bitte entschuldige. Aber nein… das glaub ich nicht”, erwiderte Kenma und sah hinüber zu Terushima, der an der Bar in ein Gespräch mit Dr. Nice Rodriguez vertieft war. “Dr. Rodriguez hat den Vortrag Fehler auf Chromosom 4 gehalten. Der hat Yuuji auch ganz betroffen gemacht. Er wollte auch mit Dr. Kurasaki sprechen, aber die ist sofort mit Dr. Oikawa abgehauen. Ich glaube, die haben auch eine gewisse Geschichte”, vermutete Yamaguchi.
“Die beiden lieben sich, aber sie geben es nicht zu”, mischte sich plötzlich Dr. Ushijima in ihr Gespräch ein. Kenma und Yamaguchi verstummten umgehend und starrten den Orthopäden mit großen Augen an. “Oh, entschuldigt, Satori meinte, ich sollte mich unter das Volk mischen, so hat er es gesagt. Und da Sie gerade über Dr. Oikawa und Dr. Kurasaki sprachen, dachte ich, wir hätten ein gemeinsames Gesprächsthema”, erklärte Dr. Ushijima. In der Hand hielt er ein Sektglas, das Eingangs-Getränk, an dem auch Kenma noch immer arbeitete. Yamaguchi war da bereits drüber.
“Dr. Kurasakis Forschung ist sehr interessant, auch dass sie mit ihrem Experiment zu uns möchte”, sagte Kenma, um eine unangenehme Stille zu vermeiden. Er merkte ja, dass sich Yamaguchi bereits irgendwie in die Hosen machte. Vielleicht sollte er sich noch ein Getränk holen.
“Ja, das hat einen ganz einfachen Grund”, begann Dr. Ushijima. Kenma hob die Augenbrauen, da überwand auch Yamaguchi seine Wortkargheit. “Aber nicht Dr. Oikawa, oder?”, fragte er. Dr. Ushijima schüttelte den Kopf. “Dr. Kurasaki ist sehr selbstständig, ihre Beziehung zu Dr. Oikawa beläuft sich ausschließlich auf diese Veranstaltungen, auch wenn ein Blinder sieht, dass da mehr dahinter ist. Aber nein, der Grund, warum sie damit zu uns kommt, ist die Patientin. Sie kann keine langen Reisen übernehmen und hat unser Krankenhaus als ihr Wunschkrankenhaus genannt und Primarius Irihata war ganz begeistert, das Projekt bei uns aufzunehmen. Ich muss auch sagen, das ist eine sehr spannende Sache und ich mag es auch, wenn Dr. Kurasaki in Dr. Oikawas Nähe ist. Ich glaube, sie macht ihn glücklich”, plauderte Dr. Ushijima etwas aus dem Nähkästchen, dass Kenma klar wurde, dass das Glas Sekt, das er in der Hand hatte, nicht sein erstes war. Der Oberarzt hatte wohl schon ordentlich einen sitzen. Ein Grund mehr, warum er einfach bei Kenma und Yamaguchi blieb. Seine Beine wollten ihn gar nicht mehr weitertragen.
“Wie haben die beiden sich kennengelernt? Dr. Kurasaki arbeitet so weit weg”, fragte Yamaguchi. Kenma fühlte sich etwas unwohl, den Oberarzt so auszufragen, aber Dr. Ushijima gab zumindest gerade noch das Gefühl, dass er gerne mit ihnen plauderte.
Oh, wenn Kenma Kuroo erst davon erzählen würde, dass er locker flockig mit Dr. Ushijima geplaudert hatte. Aber Kuroo hatte gerade seine ganz eigene Mission. Und dann schwelgte Dr. Ushijima auch schon mit den beiden Assistenzärzten in Erinnerungen.
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”Ladies, Ladies, es ist genug für alle da. Jede von euch darf mir im Laufe dieser Konferenz einen Drink ausgeben.” Ushijima beobachtete, wie bereits zum Start seiner ersten Ärztekonferenz so ein dahergelaufener Pfau von einem Mann alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Ja tatsächlich sogar seine eigene, denn Ushijima wusste, wer da von Damen umzingelt und umgarnt wurde. Nun gut, wenn ihn jeder auf einen Drink einladen durfte, dann würde Ushijima das später in Angriff nehmen und versuchen, Oikawa für die Orthopädie zu gewinnen. Neben Ushijima ließ sich ein anderer Arzt nieder. Er schnaubte und man konnte sein Augendrehen fast schon hören. Ushijima nahm seinen Blick aber nicht von Oikawa ab. Nicht, bis eine Frau an ihnen vorbei tackelte und sich genauso genervt wie der andere Arzt in der kleinen Sitzecke niederließ. “Solche Assistenzärztinnen sind der Grund dafür, dass jedermann da draußen glaubt, wir würden nur Medizin studieren, um uns auch einen Arzt zu angeln”, sprühte sie aus. Der andere Arzt lachte auf. “Du bist also nicht an einem klugen Partner interessiert, der noch dazu gut Geld macht?”, fragte er. Ushijima hing immer noch bei Oikawa, der seine Meute junger Assistenzärztinnen gut im Griff hat. “Wenn ich mir das so ansehe, bin ich erstmal gar nicht an einem Partner interessiert. Während meiner Assistenzarztzeit hab’ ich dafür sowieso keine Zeit”, sagte die Frau und der andere Mann lachte. “Ja, das mit der Zeit ist wahrlich so ein Ding. Man könnte es ja zeitlich beschränken. So Konferenzen und Kongresse kommen und gehen”, sagte er. “Oh und so Männer wie Toruu Oikawa kommen und gehen und mir will der Gedanke gefallen, dass er geht”, sagte die Assistenzärztin. Da mischte sich Ushijima das erste Mal ein. “Ich würde Toruu Oikawa gerne kommen sehen. Und dann nicht mehr gehen”, sagte er und beide starrten ihn an. “Du bist doch Wakatoshi Ushijima, nicht wahr? Du zählst als einer der erfolgreichsten Assistenzärzte im Land”, sagte der junge Mann neben ihm. Ushijima nickte. “Ja, der bin ich. Und ihr seid?”, fragte er. “Hajime Iwaizumi und ich bin mit Oikawa hier, aber ich will ihn nicht kommen sehen”, sagte Iwaizumi und die Frau in der kleinen Runde konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. “Asuna Kurasaki, ich werde Toruu Oikawa übertrumpfen”, sagte sie und erntete überraschte Blicke. “Was? Nicht, so wie ihr meint. Ich bin nicht zum Frauen- oder Männerabschleppen hier. Aber sein Ruf eilt ihm halt voraus, besonders, was sein Können betrifft. Der steht unserem Wakatoshi hier doch in nichts nach”, sagte Kurasaki.
Wie es nach dieser Unterhaltung soweit kam, dass Ushijima nachts als er sich noch Eiswürfel für seinen Proteinshake holen wollte, am Gang auf Kurasaki und Oikawa stieß, eng umschlungen, küssend, mit den Fingern nicht voneinander lassend können, das konnte er sich nicht erklären.
“Kurasaki mag ihn doch nicht”, sagte er am nächsten Morgen beim Frühstück zu Iwaizumi. Der verdrehte die Augen. “Es sind immer die, die ihn offenkundig nicht mögen, die ihm schlussendlich nicht widerstehen können. Sie sind auch diejenigen, die ihm am meisten Spaß machen”, sagte Iwaizumi und nippte an seinem Kaffee. Ushijima trank zum Frühstück heiße Schokolade.
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“Und dann wurde es für die beiden zur Tradition?”, fragte Yamaguchi. Ushijima sah ihn ernst an. Nickte dann aber. “Ja, Tradition ist wohl das passende Wort dafür. Jeder von Ihnen wird vermutlich eine gewisse Tradition eingliedern. So habe ich bisher noch auf jeder dieser Konferenzen neue Freunde kennengelernt. Erst waren da natürlich Dr. Iwaizumi und Dr. Kurasaki. Das Jahr darauf habe ich Dr. Tendou hier kennengelernt”, erzählte Dr. Ushijima und auch von weiteren teils sehr berühmten Ärzten. “Und jetzt sind wir Freunde”, sagte er mit einem Schluckauf und legte je links und rechts einen Arm um Kenma und um Yamaguchi. Kenma verzog das Gesicht. Yamaguchi kicherte verlegen.
“Oh! Na wenn das nicht Dr. Thor ist”, unterbrach eine belustigte Frauenstimme den seltsam trauten Moment mit dem Oberarzt der Orthopädie. Dr. Ushijima richtete sich der Stimme entgegen auf und Kenma war sichtlich überrascht, die Frau zu kennen, die dem Oberarzt da diesen seltsamen Namen gegeben hatte. “O-nee-san?”, fragte er. Alle drei drehten sich zu den beiden Frauen, die von der Bar auf sie zukamen.
Eine, Kenma hatte sie angesprochen, hatte lange schwarze Haare, die sie in einem hohen Pferdeschwanz hochgebunden trug, so wie Kenma es an ihr kannte. Die Andere hatte einen platinblonden, schulterlangen Haarschnitt. Die Farbe war fast schon grau und der Ansatz schimmerte dunkel durch. Beide waren dem Kongress entsprechend sehr schick angezogen. Während die schwarzhaarige Frau ein dunkelrotes knielanges Kleid trug, das mit einem gleichfarbigen Blazer ihre schmale Taille kaschierte, trug die Blondine eine Kombination aus einer grauen Stoffhose mit weiten Beinen, dazu ein schwarzes Top, dem ein grauer Crop-Blazer den letzten besonderen Touch gab. Braune und gelbe Augen funkelten ihnen entgegen.
“Oh! KenKen, stimmt ja, du arbeitest ja auch mit unserem Dr. Thor zusammen! Wie ist das so? Ach und das ist meine liebreizende Kollegin, wir nennen sie Stella. Ist sowas wie ein Codename”, erklärte die Frau im roten Gewand und zwinkerte Kenma zu. Yamaguchi lehnte sich vor Dr. Ushijima zu Kenma hinüber. “Woher kennst du die Frau?”, fragte er. “Das ist Kuros ält-” - “Pssst! Nichts da! Wir sprechen hier nicht über Alter! Ich bin Tetsuros junge Schwester. Du, mein Lieber, darfst mich aber Coco nennen”, wurde Yamaguchi unterbrochen und Kenma verdrehte die Augen. Hoffentlich kam gleich nicht noch Terushima dazu und fasste das mit den Spitznamen wieder auf.
“Ich darf sie auch Coco nennen”, murmelte Dr. Ushijima als wäre er stolz auf diesen Rang.
“Und KenKen, warum guckst du mich so verwirrt an? Du weißt doch, dass ich als Pharmavertreterin arbeite. Wir sind auf diesen Veranstaltungen genauso gerne gesehen, wie ihr Ärzte”, sagte Coco und kniff Kenma sanft in die Wange. Oh, wie sehr er das hasste. “Und ich sehe, du trägst meinen Blazer”, kicherte sie noch oben drauf. Eigentlich war es höchste Zeit für Kenma, die Flucht zu ergreifen, doch ein immer schwerer werdender Oberarzt hing ja immer noch an ihm.
“Ich glaube, meinen süßen kleinen Bruder kennt ihr auch”, warf sich nun auch Stella in das Gespräch ein. “Bei süß und klein bin ich leider raus”, erwiderte Kenma darauf. Eigentlich hätte er starke Ähnlichkeiten mit Bokuto sehen wollen, doch auf die Beschreibung hin war Bokuto als Bruder raus.
Später stellte sich heraus, dass sie wahrhaftig Bokutos Schwester gegenübergestanden hatten und dass diese ein stark abweichendes Bild von ihrem Bruder hatte wie Kenma. Aber Kuroos Schwester war genauso. Vermutlich war das bei älteren Schwestern so.
“Es war schon richtig cool, die beiden kennenzulernen und mit so einer Frau mit Coco aufzuwachsen war bestimmt prägend”, sagte Yamaguchi am Weg zu den Zimmern, die die beiden hier bezogen hatten. Kenma schüttelte den Kopf. “Es ist schrecklich… sie hat mich fast sofort wie ihren eigenen Bruder aufgenommen und war genauso gemein zu mir, wie zu Kuro”, schnaubte er und erinnerte sich daran, wie sie den beiden das Leben schwer gemacht hat, indem sie ihnen den Zugang zum Fernseher verwehrt hatte oder die Fernbedienung versteckt. Wie sie Kenmas Lieblingsjoghurt immer gegessen hatte und immer nur die blöden Süßigkeiten übrig gelassen hatte, dass Kenma gar keine mehr haben wollte. “Aber jetzt ist euer Verhältnis besser, oder?”, fragte Yamaguchi. Kenma nickte. “Ja, es ist besser”, bestätigte Kenma und da kam ihnen auch plötzlich ein ganz aufgeregter Terushima entgegen. Kenma war froh, dass Terushima kein langes Gesicht mehr zog. Was wohl der Grund dafür war?
“Sagt mal, habt ihr die heißen Pharma-Girls gesehen? Also wenn ich die Berechtigung hätte, ich würde alles bei uns aufnehmen, was sie mir vorstellen”, sagte Terushima mit einem schneidigen Grinsen. Yamaguchi verzog auch schon das Gesicht. “Naja, soviel es wert ist, haben sie einen neuen Knochenkleber an Dr. Ushijima gebracht. Der ist allerdings so dermaßen betrunken, dass er nicht mehr geschäftsfähig ist und die beiden für einen Termin ins Krankenhaus bestellt hat”, sagte Kenma. Terushima machte einen freudigen Sprung in die Luft. “Oh, das ist aber schön, dass ich die beiden dann noch einmal sehen kann. Nur sehen, Tadashi!”, verteidigte er sich sofort. “Ja, schon klar, nur sehen…”, murrte Yamaguchi. “Ach Babe… du bist so süß, wenn du eifersüchtig bist”, kicherte Terushima. “Aber ich schau doch nur, du kannst auch schauen”, sagte Terushima. Kenma erahnte einen Super GAU. “Ich will aber nicht…”, bäumte sich Yamaguchi auf. “Oder weißt du was? Ich schau einfach Kozume an”, sprach er weiter und sah zu Kenma. Kenmas Gesicht verzog sich verzweifelt. “Bitte schau mich nicht an”, sagte er leise, aber Yamaguchi musste nun wohl seinen Standpunkt setzen. “Geiler Arsch Kozume. Zufrieden?”, sagte er und sah dann zu Terushima, der ihn entsetzt ansah. “Nein!”, sagte er strickt. Yamaguchi wirkte nun, als hätte er seinen Punkt gemacht. “Warum denn nicht? Eifersüchtig?”, stichelte er sogar, aber Terushima schüttelte den Kopf. “Nein! Ich schau Kenma auch gern an, aber sowas sagt man nicht über ihn! Kenma ist unschuldig und rein wie eine Blume. Würdest du einer Blume sagen, dass sie nen geilen Arsch hat?”, fragte Terushima vorwurfsvoll. Yamaguchi senkte den Kopf. “Nein… sorry Kozume”, entschuldigte er sich. Kenma hob die Arme um zu signalisieren, dass er damit nichts zu tun haben wollte. “Ok, mir reichts. Gue Nacht”, sagte er und fragte sich nichtmal, wo der vergleich mit der Blume herkam. Terushima war ja derjenige, der sich vor Monaten als Retter der Jungfrau in Nöten angepriesen hatte. Es hing bestimmt damit zusammen.
Und das Thema, das die beiden nun hatten? Sollten sie das gerne alleine klären. Kenma wollte seine Nachtruhe nutzen und auch endlich einmal auf sein Handy schauen, wo schon einige Nachrichten voller Liebe von Iizuna auf ihn warteten.
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“Wer ist eigentlich der gut aussehende Kerl, mit dem Tetsu die ganze Zeit abhängt?” Coco hatte sich gerade neben Kenma gesetzt. Kenma saß beim Frühstück, welches er als einer der Letzten einnahm. Die ersten Vorträge interessierten ihn nicht und später hatte er noch einen Bericht über neue Arzneimittel und deren Wirkungen im Gehirn auf dem Plan.
“Du meinst wohl Dr. Sugawara”, vermutete Kenma, weil Kuroo auch am vergangenen Abend mit dem Oberarzt an der Bar gestanden hatte und vermutlich auch die Nacht mit ihm verbracht hatte. Sonst wäre er wohl in das Zimmer gekommen, das sie sich für dieses Wochenende teilten. “Hmm… Dr. Sugawara… und was ist er? Was kann er? Hat er gute Absichten mit meinem kleinen Bruder?”, fragte Coco weiter. Kenma zuckte mit den Schultern. “Er ist Kinderchirurg und Kuro versucht schon seit einiger Zeit bei ihm zu landen. Er ist gut und kein Veganer. Mehr kann ich nicht sagen”, antwortete Kenma wahrheitsgetreu. Coco seufzte. “Aus dir ist ja mal wieder genauso viel rauszukriegen wie aus einer ausgesaugten Fruchtsaftpackung”, sagte sie und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Auch Kenma hatte Kaffee vor sich stehen und die letzten Krümel eines wirklich vorzüglichen Apfelkuchens. “Ich misch mich da nicht ein”, sagte Kenma. Cocos Grinsen wurde breit. “Du meinst anders als sich Tetsu bei dir einmischt? Oh, ich weiß genau von dir und deinem Patienten. Das ist ja mal wirklich eine ganz entzückende Wendung. Wie läuft es bei euch?”, stellte Coco weiter Fragen, auf die Kenma eigentlich gar nicht eingehen wollte. “Gut”, antwortete er knapp und entlockte Coco noch so einen Seufzer. “Ich hoffe, du bist bei ihm ein bisschen herzlicher”, sagte sie mit einem genervten Ton in der Stimme. Natürlich war Kenma bei Iizuna herzlicher. Iizuna beherrschte sein Herz gewissermaßen. Und allen Anschein auch die Wallungen seines Blutes, denn Coco fing kurz darauf an zu kichern und sagte: “Oh! Und wie du herzlicher mit ihm bist! Du wirst ja ganz rot!”
Peinlich! Kenma wollte am liebsten im Erdboden versinken.
“Und wo ist jetzt Konferenzraum 10B?” Eine schier unwahrscheinliche Frage lenkte die Aufmerksamkeit der Beiden zur Frühstücksbar, wo Kenma Kageyama erkannte. Er war genauso herausgeputzt wie die anderen und sah weit professioneller aus als seine Frage. “Der ist ja auch von vorgestern”, lachte Coco. Kenma verdrehte die Augen. “Das ist Dr. Kageyama… sein Orientierungssinn ist denklich schlecht”, erwiderte Kenma darauf. “Dr. Kageyama? Ist das der Zögling von Dr. Oikawa? Interessant. Für den hab ich vielleicht was”, sagte sie, stand auf und bot sich an, Kageyama den Weg zum Konferenzraum 10B zu zeigen. Kenma ahnte, dass Kuroos Schwester durch Kageyama nur an Dr. Oikawa ran wollte. Nicht für das, wofür sich hier viele andere Frauen anstellten und was nur Dr. Kurasaki bekam, sondern wegen ihren Pharmazeutikern.
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“Bei manchen Assistenzärzten frag ich mich ja echt, wo da das Feuer brennt. Warum ziehst du immer so ein Gesicht, als würde dich das alles gar nicht interessieren?” Als Kenma nach dem Frühstück zu seinem ersten Vortrag gehen wollte, traf er im Empfangsbereich auf Kuroo und Tsukishima. “Vielleicht, weil ich nicht Feuer und Flamme für diesen Job bin? Keine Frage, es macht schon irgendwie Spaß, aber mir geht’s mehr um das Einkommen und die Tatsache, dass ich nicht mit nervtötenten Patienten zu tun habe, weil sie schlafen. Zu schade, dass du kein Patient bist”, konterte Tsukishima und Kenma unterdrückte sich ein Lachen. So konnte man Kuroo auch sagen, dass er die Klappe halten sollte. “Und mit dieser Einstellung willst du Leben retten?”, fragte Kuroo entsetzt. “Ich will mit dieser Einstellung Medizin praktizieren. Man kann nicht jedes Leben retten”, erklärte Tsukishima. “Und was ist es Wert, ein Gott in Weiß zu sein, wenn das Ziel nicht ist, jedes Leben zu retten? So gehen dir mehr Leute drauf, als du dir denken magst”, blaffte Kuroo etwas entsetzt zurück. “Willst du mir damit sagen, dass meine Dienstberechtigung weniger wert ist als deine, weil ich kein Träumer bin?”, wurde nun auch Tsukishima etwas harscher, gab Kuroo aber keine Chance mehr, ihm richtig zu antworten. “Wenn du es so ausdrücken willst, dann ja”, warf er ihm noch um den Kopf, aber es war nicht klar, ob Tsukishima das auch gehört hatte und wenn, dann dachte Kenma, würde er es sich bestimmt nicht zu Herzen nehmen.
“Machst du schon wieder Probleme?”, fragte Kenma, nachdem er an Kuroo herangetreten war. “Oh! Kenma. Was machst du schon wach? Sorry, dass ich nicht aufs Zimmer gekommen bist, aber ich hatte eine wahrlich bessere Nacht erlebt, als ich sie neben dir gehabt hätte, neben deinem und Iizunas Geschnulze am Telefon”, sagte Kuroo und erntete ein Gesicht, das Terushima als resting ‘Bitch-Face’ bezeichnet hätte. Kenma wandte sich auch auf der Stelle um und ging zu Konferenzraum A.
“Ha! Ich verstehe, den Vortrag will ich auch sehen. Den hat Stella gemeinsam mit Dr. Yamiji von der Fukurodani Privatklinik aufgezogen”, sagte Kuroo und tackelte Kenma nach.
“Wusstest du, dass sie Bokutos Schwester ist? Ich kenn sie also schon länger als ihn und vielleicht hab ich sogar schon die ein oder andere peinliche Geschichte über seine Kindheit erfahren. Ich sollte dann dringend noch mit Akaashi reden”, plapperte Kuroo munter weiter. Kenma schloss mit seinem Seelenfrieden ab. Oder aber?!
“Wie wärs, wenn du dann Akaashi gleich suchst und ihn zu diesem Vortrag bringst?”, schlug Kenma vor und nahm sich selbst vor, sich wo hinzusetzen, wo Kuroo sicher nicht sitzen wollte. Oder er setzte sich zwischen zwei unabhängige Ärzte. Das wollte er zwar nicht, aber so konnte er Kuroo ausweichen, der heute für Kenma besonders unausstehlich war. Vielleicht würde es sich zum Nachmittag legen, wenn sie sich zum großen Viszeraltisch trafen. Denn auch, wenn Kenma sich in Neurochirurgie spezialisieren wollte, gab es in dieser Fachrunde einiges Interessantes, was er aufsaugen wollte.
“Guten Morgen” - “Guten Morgen… wie du guten Morgen sagst. Mensch, Megumi. Ein bisschen mehr Begeisterung. Diese Leute hier retten täglich Leben”, wurde Kenma mehr oder weniger von den beiden Sicherheitsfachkräften begrüßt, die sich unähnlicher nicht hätten sein können. “Morgen”, gab Kenma in ähnlicher Manier zurück, wie dieser Megumi es gehalten hatte. “Siehste? Die sind genauso Menschen wie du und ich”, sagte Megumi zu seinem Partner. “Also keiner von denen ist so ein Mensch wie ich”, erwiderte der Weißhaarige. “Das ist wohl wahr… und auch gut so”, gab Megumi zurück und die weitere Diskussion bekam Kenma nicht mehr mit, denn er betrat den Konferenzraum und musste feststellen, dass hier bereits viele Ärzte und Pharmazeuten vertreten waren. Das war wohl wirklich ein Vortrag, der viele Interessen traf.
Kenma erkannte, dass Yachi und Shirabu recht weit vorne saßen und in ein Gespräch vertieft waren. Gerne hätte er sich jetzt neben Yachi gesetzt, weil sie verstanden hätte, dass er seine Ruhe haben wollte, aber er wollte nicht in Shirabus Nähe sein. Er mochte ihn nicht. Sie waren sowas wie direkte Konkurrenten.
Etwas weiter hinten erkannte er einen Arzt aus Kuroos Team, mit dem Kuroo aber selten zu sehen war, wenn es nicht gerade beruflicher Natur war. Ein gutes Zeichen.
Wortlos setzte sich Kenma also neben den Drittjahr mit den abstehenden braunen Haaren und begrüßte, dass dieser genauso wortkarg war wie er. Auf ein Brummen hin nickte Kenma nur und das wars mit ihrer Konversation. Non-verbal. Sehr angenehm, wie Kenma gerade empfand.
Womit Kenma aber nicht gerechnet hatte, war, dass Terushima ohne Yamaguchi zu ihm kam. Er ahnte ja schon, dass es eifersuchtsbedingt war und seufzte prophylaktisch vor.
“Es ist nicht, wonach es aussieht”, sagte Terushima gleich und setzte sich dennoch mit einem gedrückten Ausdruck im Gesicht. Kenma versuchte, stur geradeaus zu schauen. Vielleicht verstand Terushima ja. Vermutlich verstand er es wirklich, aber hatte zu viel Bedarf, sich auszusprechen.
“Tadashi wollte heute lieber mit Tsukishima zu den Vorträgen. Er hat gesagt, es hat nichts damit zu tun, dass ich anderen Frauen hinterher schaue und er hat gesagt, es ist alles gut zwischen uns und wir hatten ja noch ne ziemlich heiße Nacht”, erklärte Terushima. Kenma schloss die Augen. Er hoffte, es gab jetzt gleich keine Details. “Ist ja dann gut, oder?”, fragte er leise und hoffte, dass wirklich alles gut war. Yamaguchi hatte es ja so gesagt.
“Es ist sicher nicht alles gut”, sagte der Assistenzarzt neben ihnen. Kenma öffnete die Augen wieder und sah zu Kuroos Teamkollegen. “Warum nicht?”, fragten er und Terushima gleichzeitig. “Also, wenn es um den hier geht. Sorry, aber Dude, du hast echt nen Ruf ab im Krankenhaus, dann würde ich dir nicht trauen. Es geht doch um den süßen Kerl, der vor ein paar Monaten Dr. Tendous Gruselkabinett gewonnen hat, oder? Das ist so n sensibler Dude mit wenig Selbstbewusstsein. Weißt du, wie sehr du ihn verletzt, wenn du dann anderen Weibern nachschaust? Das geht echt gar nicht”, kam der Kollege ganz direkt. Terushima klappte der Mund auf. Kenma fand sich wiederholt in einer Situation, in der er am liebsten die Flucht ergriffen hätte.
“Und was soll ich dann machen?”, fragte Terushima plump. “Nicht nachschauen und wenn doch, mach es zumindest heimlich” - “Aber wir wollen keine Geheimnisse haben”, überlegte Terushima laut. “Jeder hat Geheimnisse. Ich mein, schau dir den mal an”, sagte der Andere und deutete auf Kenma. Kenma hob ungläubig die Augenbrauen. “Sein Kerl ist doch dieser Patient. Der hat auch Geheimnisse, vermutlich arbeitet er immer noch mit seinem Ex oder sowas. Die sehen sich also bestimmt regelmäßig. Warum er es ihm nicht sagt? Weil jeder Geheimnisse hat und er selbst sagt ihm vermutlich nicht, dass er im Bett ganz seltsame Vorlieben hat”, plauderte der Kerl weiter und schockierte Kenma zutiefst. “Woher weißt du, dass Tsukasa mit seinem Ex arbeitet?”, fragte Kenma. “Ist nur ne Vermutung oder… warte… ist es so? Und du weißt es? Na gut, es gibt Ausnahmen. Vielleicht hat er aber auch ein anderes Geheimnis. Und dein Schätzelein? Oh… der hat sicher auch das ein oder andere Geheimnis”, wurde einfach wild weiter spekuliert.
“Und wer bist du, dass du das behaupten kannst?”, fragte Terushima etwas aufgebracht. “Hayato Yamagata und ich spreche aus Erfahrung, klar?”, stellte sich der Assistenzarzt vor und lehnte sich dann mit verschränkten Armen wieder auf seinem Stuhl zurück. Auch Terushima verschränkte die Arme vor der Brust. “Tadashi darf alles von mir wissen”, murmelte er. “Ich bin mir nicht sicher, ob er das überhaupt will”, flüsterte Kenma und machte sich Gedanken über Iizunas mögliche Geheimnisse. Wenn es nichts war, was Kenma traurig machen würde, wäre es okay für ihn. Er fragte sich auch, was Yamagata mit den Vorlieben im Bett meinte. Klar wusste er, was er meinte. Dass bei Kenma etwas anders war. Aber warum sah er ihm das an? Wie gut konnte ein Mensch einen anderen lesen?
Terushima schüttelte sich beide Hände ab und lehnte sich dann vor Kenma zu Yamagata hinüber. “Und was hast du für Erfahrungen? Hast wohl nicht nur geschaut, hm?”, fragte er und Kenmas Wünsche, einfach zu verschwinden wurden wieder intensiver. Yamagata drehte sich mit einem bitterbösen Blick zu Terushima, der ihn tatsächlich etwas einschüchterte.
“Meine Freundin war wegen nem Nervenzusammenbruch mal ein paar Tage auf der Psych und wenn man da auf Besuch ist und mal nur n bisschen zuhört, dann merkt man schon, was Sache ist und dass in Wirklichkeit jeder Mensch seinen ganz eigenen Knacks hat”, erklärte Yamagata. Terushima wusste darauf nicht recht zu antworten und abgesehen davon ging zu Kenmas Erleichterung endlich der Vortrag los. Ironisch, dass es nun um Gedärme ging, wo ihm die Eingeweide gerade ganz unwohl wurden.
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Nach einem weiteren Tag voller interessanter Vorträge und mal mehr mal weniger interessanten Unterhaltungen mit seinen Kolleginnen und Kollegen fiel Kenma erschöpft in das große Bett, dass er sich diese Nacht tatsächlich mit Kuroo teilte. Später aber, weil Kuroo noch lange an der Bar war.
“Und? Wird er eifersüchtig sein, weil wir im selben Bett schlafen?”, fragte Kuroo, Kenma wusste natürlich, worauf er hinaus wollte. Er verdrehte die Augen. Kuroo sah es nicht, aber er ahnte es wohl. “Ich tu ja nichts, nicht wahr?”
“Natürlich tust du nichts. Du bist ja gut erzogen, auch wenn ich das nicht jeden Tag behaupten würde”, sagte Kenma. Kuroo lachte auf. “Du bist echt frech.”
Na toll… schon wieder jemand, der ihn als frech bezeichnete. War er nicht. Kenma war nur offen ehrlich. Keine Geheimnisse und so.
“Du, Kuro?”, wollte er dann ein spezielles Gespräch starten. Kuroo schien zu spüren, dass es wichtig war und riss sich sofort aus der liegenden Position auf. “Was hat er gemacht?”, fragte er umgehend. Kenma seufzte. “Nichts… Mensch, Kuro…” Sie schwiegen beide einen kurzen Moment. Kuroo gab ihm die Zeit.
“Er möchte, dass ich bei ihm übernachte und ich weiß nicht, was das bedeutet. Wenn du bei wem die Nacht verbringst oder jemand bei dir, dann… habt ihr immer Sex und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll”, erklärte Kenma. Kuroos Augen funkelten im Licht der vorbeifahrenden Autos.
“Dass ich Sex habe?”, fragte er und wollte damit die Anspannung rausnehmen. “Vergiss, dass ich angefangen hab”, sagte Kenma und drehte sich von Kuroo weg. “Ach komm, war doch nur n Spaß. Du bist nervös, weil es dein erstes Mal wäre und weil du nicht weißt, ob es überhaupt ein erstes Mal für dich geben sollte, oder?”, fragte er. “Ja”, murrte Kenma.
“Naja… also ich schätze, er wird schon Erwartungen haben und vielleicht versuchst du es ja mal. Geh mit ihm ins Bett und dann geh soweit du gehen willst. Vielleicht reicht ja n Handjob fürs erste Mal”, sagte Kuroo. Kenma presste die Lippen aufeinander und schob seine Hand vor sein Gesicht. “Und wie weiß ich, dass ich es richtig mache?”, fragte er. Kuroo schnaubte amüsiert. “Glaub mir, das wirst du schon merken”, sagte er und ließ sich daraufhin ins Bett zurückfallen. “Aber mach nicht zu schnell und auch nicht zu fest. Ein bisschen Druck ist schon ganz geil, aber schau ihm in die Augen, du bist ja ein guter Beobachter”, erklärte Kuroo. Kenma schluckte. Er hätte nie gedacht, jemals so ein Gespräch mit Kuroo zu führen. Er war aber auch froh, dass er nicht mit Terushima darüber sprach. Oh, der hätte ihm sicher schreckliche Flausen in den Kopf gesetzt.
“Kuro?”, fragte Kenma nach einer kurzen Pause. Kuroo reagierte nur mit einem sanften Murren. Kenma war jetzt egal, dass Kuroo so gut wie schlief. “Was, wenn ich nicht der Richtige für ihn bin?”, fragte er. Kuroo seufzte. “Tja… das wärst du wohl nicht der Richtige. Probieren geht über studieren. Die Frage für mich ist dann aber, ob er der Richtige für dich ist und jetzt hör auf, dir solche Gedanken zu machen und schlaf”, forderte Kuroo. Kenma schlief mit einem Lächeln ein. Denn er spürte ganz genau, Iizuna war der Richtige für ihn.
“Danke Kuro. Gute Nacht” - “Gute Nacht, Kenma”
Then, Than, Ten
Ein Mensch hat bis zu 70.000 Gedanken pro Tag im Kopf. Viele davon wiederholen sich und sind ganz unterbewusst. Manchmal machen uns unsere Gedanken verrückt. Die Sorge macht uns krank, die Vorfreude impulsiv. Manchmal sind Gedanken nur Hirngespinste, Wünsche und Befürchtungen. Ideen. Keine Fakten. Etwas, das nicht eingetreten ist. Noch nicht oder vielleicht nie wird.
80% deiner Sorgen? Zeitverschwendung, denn die meisten Katastrophen passieren nur in deinem Kopf.
Warum also zweifeln? Warum mit dem Schlimmsten rechnen? Warum flüchten, bevor etwas Gutes passieren kann?
***
Wie Kenma versprochen hatte, machte er nach dem Kongress ein Date mit Iizuna aus, bei dem er über Nacht bei ihm bleiben wollte. Kuroo hatte ungehalten auf ihn eingesprochen. Worauf er achten musste, worauf er sich nicht einlassen sollte, was deutliche Zeichen dafür waren, dass Iizuna weitergehen wollte. Wann er mit ihm ins Bett gehen sollte, aber das es am allerwichtigsten war, dass er immer - und das hatte er fest entschlossen gesagt - dass Kenma immer “Nein” sagen konnte, auch wenn er bereits Schritte mitgegangen war.
“Ruf mich an, wenn du Probleme hast”, hatte Kuroo zum Abschied gesagt und dann saß Kenma neben Iizuna auf dessen Couch und beide wirkten vollkommen überfordert. Kenma saß angespannt und aufrecht auf den weichen Kissen, die eigentlich dazu einluden, es sich richtig bequem zu machen. Er hatte seine Hände auf den Oberschenkeln und Fäusten geballt und versuchte angestrengt locker zu sein. “Ich ähm-” - “Hast du-” - “Oh! Du zuerst” - “Nein, du zuerst”
Wieder herrschte Stille.
Dann seufzte Iizuna. “Okay… Ich werd das Gefühl nicht los, dass irgendwas zwischen uns steht”, sagte er und lehnte sich ein Stückchen nach vorne, um dann zu Kenma zu sehen, der Iizuna durch seine Haare bereits deutlich wahrnahm. “Eigentlich nicht”, murmelte Kenma. Iizuna lächelte. “Gut, das ist schonmal gut… Ist denn bei dem Kongress was vorgefallen? Wir können gerne darüber reden. Außer, das fällt unter so ne ärztliche Schweigepflicht”, schlug Iizuna vor. Kenma schüttelte erst den Kopf, neigte ihn dann aber uneins hin und her. “Es ist okay, wenn du Geheimnisse vor mir hast”, sagte er und wandte nun den Kopf zu Iizuna um, der ihn verwirrt musterte. “Meinst du wegen Ryosei? Das war kein Geheimnis… das war… ungeschickt und glaub mir, ich hätte nie ein Geheimnis darum machen wollen”, sagte er sofort. “Das ist es nicht. Nur… ich hab mit einem Kollegen gesprochen und er meinte, jeder hätte Geheimnisse”, erklärte Kenma. Iizuna wirkte erleichtert. “Du kannst mich alles fragen, ich werde dir ehrlich antworten”, sagte er und lächelte. Kenma musste allein wegen Iizunas Ausstrahlung auch sanft lächeln. “Hast du denn… ein Geheimnis?”, fragte Iizuna dann aber etwas unsicher. “Vermutlich”, antwortete Kenma. “Ich kann dir gar nicht alles sagen, aber ich verheimliche dir nichts absichtlich”, sprach er weiter. Iizuna musterte ihn. “Du hast recht… es wird immer Dinge geben, die wir nicht übereinander wissen”, sagte er. Es klang, als wäre er enttäuscht. Iizuna ließ den Blick durch seine eigene Wohnung schweifen. “Ich kann dir sagen, wo jedes einzelne Ding her ist. Frag mich einfach, wenn du zu einem was wissen willst”, schlug Iizuna vor, dann sah sich auch Kenma um. Sie saßen ja im Wohnzimmer, also war hier wahrlich das meiste Leben.
Iizunas Wohnung war großzügig geschnitten, weshalb Kenma vermutete, dass er gut verdiente, um sich eine so große Wohnung zu leisten. Das musste er somit nicht hinterfragen und Kenma war egal, ob sie gemietet oder gekauft war. Im Wohnzimmer stand die Couch, auf der sie saßen, mitten im Raum. Eine graue Wohnlandschaft tatsächlich mit Platz für viele Leute. Iizuna war sehr freundlich und herzlich und Kenma wusste von seinen Erzählungen, dass er viele Freunde hatte, die waren bestimmt auch oft hier und somit brauchte Iizuna ausreichend Sitzgelegenheiten. Vor ihnen stand ein schwarzer Holztisch. Darauf eine Ascheschale für Räucherstäbchen, natürlich sauber. Iizunas Wohnung war sehr rein. Weiter hinter dem Tisch und direkt in Kenmas und Iizunas Blickfeld stand ein großer Fernseher auf einem breiten Lowboard, das zum Wohnzimmertisch passte. Darüber waren schwebende Regale angebracht, die einige DVDs und BluRays beherbergten. Kenma vermisste schmerzlich eine Spielekonsole, fand aber direkt ein perfektes Plätzchen dafür. Sollte Iizuna also interessiert sein, würde Kenma mal eine mitnehmen. Der Fernseher bot sich ja auch sehr zum Zocken an.
Als Kenma zu seiner Rechten sah, wo auch Iizuna saß, sah er hinter ihm einen klassischen schwarzglänzenden Flügel stehen. Die Tasten waren verdeckt. Die Fenster waren mit schlichten Vorhängen sichtgeschützt und auf der anderen Seite waren der Gang und Türen zum Schlafzimmer und zur Küche. Außerdem ein kleines Regal vollgestopft mit Büchern, darauf stand eine Grünpflanze, die schon mehr braun als grün war.
“Von wem hast du die?”, fragte Kenma und deutete auf das verendende Häufchen Elend. Iizuna zuckte ertappt zusammen und sprang direkt auf, um aus der Küche ein Glas Wasser für das arme Ding zu holen. “Die hab ich von meiner Mutter bekommen… Sie meinte, es würde der Harmonie der Wohnung irgendwie gut tun… Sie hat auch dafür gesorgt, dass hier alles nach den Regeln des Feng Shuis ausgerichtet ist. Aber glaub nicht, dass meine Mutter hier eingerichtet hat. Das hab alles ich ausgesucht, sie hat nur gesagt, wo was hin muss”, erklärte Iizuna und schwang von peinlich berührt, zu eigentlich ganz stolz und schließlich wieder etwas ertappt, als wolle er nicht als Muttersöhnchen dastehen.
Kenma schmunzelte. “Ich kann mit Blumen auch nicht umgehen”, sagte er nur. Irgendwie fühlte er sich jetzt schon viel lockerer. “Was wolltest du denn vorhin sagen?”, fragte Iizuna dann. Das Glas Wasser blieb, nachdem er die Pflanze gegossen hatte, erstmal am Regal stehen. “Oh… ich wollte nur fragen, ob du was geplant hast für heute”, antwortete Kenma. Iizuna nickte. “Ja, also… ich dachte, wir suchen uns einen Film aus. Ich hab am Nachmittag Mini Quiches vorbereitet, die nur ins Rohr müssen, wenn du Hunger hast", sagte Iizuna. Er war auch direkt auf dem Weg in die Küche, wohl drauf und dran, den Ofen aufzudrehen und besagte französische Mini-Spezialitäten warm zu machen. Kenma nickte. “Ja, ich könnte was essen”, gab er zu und schon war Iizuna wieder in der Küche verschwunden. “Such dir doch derweil einen Film aus”, rief er heraus und dann stand auch Kenma auf und forstete durch die ausgewählte Sammlung, die in alphabetischer Reihenfolge in den Schweberegalen stand. Natürlich waren da Klassiker dabei, wie Der Pate und Goodfeller, aber auch Filme, die Kenma deutlich Iizunas Profession zuteilen konnte, The Pianist zum Beispiel oder The Last Note und dann waren da eine Hand voll Filme, die nicht zu Iizuna passen wollten. Hangover, die ganze Triologie oder ein paar Fantasy Filme, die Kenma dafür sehr ansprachen.
Iizuna kam nach ein paar Minuten aus der Küche. Er klopfte sich die Hände ab und sah mit einem verliebten Lächeln zu Kenma. “Und? Was gefunden?”, fragte er. Kenma zuckte mit den Schultern. “Ich bin mir uneins… aber…”, sagte er und ging ein paar Schritte zum Flügel. “Würdest du… also, nur wenn es dir nicht unangenehm ist. Aber würdest du mit mir eine Fantasie ausleben wollen?”, fragte Kenma. Iizuna stand sofort hab Acht “Jede”, sagte er umgehend und starrte Kenma neugierig an. Kenma lächelte nun auch. “Würdest du mir etwas vorspielen und… mir vielleicht die ein oder andere Note zeigen? Oder so?”, fragte Kenma. Er kannte sich wirklich nicht mit Musik aus. Er wusste auch nicht, ob man jemanden einfach ’eine Note zeigen’ konnte. Iizuna rang nach Luft. Er nickte, aber Kenma merkte, dass er haderte. “Tut mir leid, ich verlange zu viel”, sagte er und ging sofort einen Schritt vom Flügel weg. Iizuna schüttelte schnell den Kopf. “Nein! Nein, tust du nicht. Ich würde das wirklich gerne mit dir machen”, sagte er. Seine Wangen waren rosa gefärbt. “Ich freu mich sehr, dass du danach fragst”, sagte er und atmete dann erstmal tief durch. Kenma war erleichtert.
Kurz darauf saßen sie beide am Klavierhocker, Iizuna links von Kenma und er deutete ihm, seine Finger auf die Tasten zu legen, nachdem der Deckel hochgeklappt war.
Kenma legte erstmal nur die rechte Hand so, dass der Daumen auf dem hohen C lag und die anderen Finger auf den weißen Tasten bis zum hohen G.
“Das ist die Grundhaltung, aber wenn du je einen Ton hier tiefer rutscht, dann hast du eine bessere Haltung hierfür”, erklärte Iizuna und zeigte Kenma auch, wo er seine Finger nun haben wollte. Exakt einen Ton weiter nach links versetzt.
“Wenn du hier den Ringfinger am E spielst und dann den Mittelfinger hoch legst auf die schwarze Taste, das ist das Dis, dann fällt es dir leichter hier den Rest zu spielen”, erklärte Iizuna und legte seine linke Hand auf den Bass-Teil der Klaviatur, die rechte vorsichtig über Kenmas Finger. Zögerlich sah er hinüber zu Kenma und Kenma blinzelte zu ihm. Es war ein zauberhafter Moment in dem Iizunas Finger zärtlich über Kenmas streichten um dann langsam ein klassisches Stück anzuspielen*). Iizuna spielte langsam mit Kenma. Er spielte die linke Hand alleine und die rechte über und mit den Fingern von Kenma und Kenma genoss es. Er erkannte das Lied. Es war ein europäisches klassisches Musikstück.
“Das ist Für Elise, oder?”, fragte Kenma. Iizuna nickte und spielte langsam weiter. In der Zwischenzeit wusste Kenma auch um seinen Einsatz und spielte ihn von alleine. “Beethoven hat es geschrieben, da war er schon taub. Für die Frau, die er über alles geliebt hat”, erklärte Iizuna und just begann das Stück aufzutraben. “Sie hat ihn betrogen, sagt man. Verlassen zumindest, deswegen diese Stelle… aber er liebte sie über alles. Therese sagt man, hieß die Frau, für die er es geschrieben hat. Für Therese. Beethoven soll eine schreckliche Handschrift gehabt haben. Außerdem hat er ihr dieses Lied im Zuge eines Heiratsantrages geschrieben und sie hat ihn abgelehnt… Er soll geweint haben. Auf seine Noten. Aber die Notenblätter blieben unversehrt, nur der Titel, Für Therese soll so verschwommen sein… man hat es als Für Elise interpretiert und so macht ein Lied unter falschem Namen seine Reise”, erzählte Iizuna und schloss während dem Spielen auch die Augen. Für Kenma war es unglaublich, wie viel Gefühl er in das Tippen und Tappen der Tasten steckte.
Als Iizunas Finger langsamer wurden, lehnte sich Kenma näher an ihn. Er nahm die Hand von den Tasten und legte sie Iizuna an den Hals, um ihn zu sich zu drehen und ihn zu küssen. So sanft und liebevoll wie die letzten Töne der linken Hand ihre Noten spielten, ehe Iizuna so gefesselt war, so raus war aus dem Lied, dass er beide Hände vom Flügel nahm und sie auf Kenma bettete.
Beethoven hatte den Übergang zur Romantik eingeleitet und genauso so geschah es gerade für Iizuna und Kenma. Kein Ton wurde mehr gespielt, doch Kenma wollte das jetzt wie mit der Musik machen. Er spielte die Passage schneller, die ihn an Iizuna heran drängte, aber zügelte das Tempo als es darum ging, dass sich ihre Zungen trafen und dann wollte er wiederholen. Immer und immer wieder wiederholen den Augenblick, wo Iizunas weichen Lippen sein Herz einnahmen und Kenma in den Sog einer atemberaubenden Melodie versank.
Iizuna küsste gut, so vorsichtig, so auf Kenma abgestimmt, dass es Kenma leicht fiel, sich einfach fallen zu lassen, nicht aber ohne sich doch an Iizuna festzuhalten. Sich nahezu festzuklammern, als hielte er sich vom Ertrinken auf. “Kenma”, hauchte Iizuna. Ihre Lippen nahmen Abstand. Der Atem ging schwer. Kenma war etwas schwindlig. Iizuna merkte das sofort. “Lass uns… was trinken”, sagte Iizuna. Kenma senkte den Kopf und sah etwas verlegen zur Seite. “Ja… lass uns was trinken”, sagte Kenma darauf schnell und erhob sich vom Flügel. Sein Herz raste wie wild und er fragte sich, was das alles zu bedeuten hatte. Dieser Moment war absolut magisch, Kenma hätte beinahe vergessen, dass sie beim Flügel saßen.
Iizuna folgte ihm. Er stellte ihm ein Glas Wasser parat und Kenma trank. Ihm war unheimlich warm, aber er wollte keines seiner Kleidungsstücke loswerden. Daher war er um das kühle Getränk dankbar und er sah auch Iizuna an, dass er abzukühlen hatte. Da sah er ihn auch gar nicht mehr an und setzte sich wieder auf die Couch. Es war ihm unangenehm, ihn so zu sehen. Und dennoch fand er es süß, wie rot Iizunas Gesicht war. Wie nervös er nun plötzlich wieder wurde. “Hey.” Kenma griff nach Iizunas Hand. Ihre Blicke trafen sich wieder. “Es ist alles okay, oder?”, fragte er. Iizuna nickte rasch. “Ja, alles ist wunderbar okay. Für dich auch?”, retournierte er die Frage und Kenma nickte. “Ja, alles okay”, sagte er. Da wurde der Blick wieder intensiver und Iizuna nahm neben Kenma Platz. Er strich ihm durchs Haar, während sich Kenma in Iizunas Augen verlor. “Ich sag es gleich wieder”, flüsterte Iizuna. Kenma lächelte. “Ich liebe dich”, sagte er leise. “Und ich liebe dich”, erwiderte Iizuna, da prallten auch ihre Lippen wieder aufeinander. Kenma konnte gar nicht ausmachen, wo diese Leidenschaft herkam, zumindest bei ihm. Iizuna sprühte davon, aber für Kenma war es unüblich. Doch er wollte das gerade sehr. Er wollte Iizuna nahe sein, er wollte seinen Körper an sich spüren und er wollte ihn so lange küssen, bis es ihm schwer fiel zu atmen. Auf der Couch war auch viel mehr Platz als auf dem kleinen Hocker beim Flügel. Kenma merkte, dass ihm Iizuna näher kam, dass er drauf und dran war, sich über ihn zu beugen und es war okay. Kenma wich etwas zurück, doch Iizuna folgte ihm nicht. Er blieb zurück und sah zu Kenma hinunter. Er atmete stärker, bemüht langsam. “Hab ich… was falsch gemacht?”, fragte Kenma, doch Iizuna schüttelte den Kopf. “Nein… nur… wenn wir so weiter machen, geht der Feueralarm los”, sagte Iizuna und just in dem Moment ging der Timer für das vorbereitete Abendessen los. Kenma schreckte für eine Sekunde hoch, ehe ihm einfiel, was gerade geschah. “Das wäre nicht gut”, sagte er. Iizuna nickte. “Ja, das wäre nicht gut… aber ich bereue es gerade, dass wir noch essen”, sagte er. Kenma schmunzelte im Ansatz. “Wir machen danach weiter, okay?”, schlug er vor, und Iizuna nahm den Vorschlag sofort mit einem kurzen aber festen Kuss an. “Ich bin gleich zurück”, sagte er und verschwand in der Küche, während Kenma sich von der Intensität ihres Kusses erholte. “Wow”, hauchte er, ohne dass Iizuna es hörte. So hatten sie sich noch nicht geküsst.
Als Iizuna mit einer Servierplatte und zwei kleinen Tellern zurückkam, fühlte es sich für Kenma wieder etwas unangenehm an. Nicht, weil Iizuna ihn so fühlen ließ, aber weil sie unterbrochen wurden und nun etwas taten, was sie zwar geplant hatten, wonach ihnen beiden aber nicht die Lust stand. Dennoch, Kenma musste sich eingestehen, es tat gut, eine und kurz darauf eine zweite kleine Quiche zu essen. Iizuna hatte Rotwein und Wasser beigestellt und so selten Kenma Wein trank, so fühlte er sich gerade in der Stimmung dazu.
Die Stimmung schwank nach dem ersten Glas auch wieder direkt an Iizunas Lippen.
Es wurde hitziger zwischen ihnen und Kenma stellte die Frage der Fragen: “Sollen wir ins Schlafzimmer gehen?” Er klang unsicher dabei. Eingeschüchtert. “Was? Wie kommst du jetzt darauf. Wir… küssen uns doch nur… etwas intensiver, aber… Kenma, warum fragst du?”, schlug Iizuna tatsächlich ab. Er sah zwar für einen Augenblick auf seine Hand, die auf Kenmas Oberschenkel lag, doch außen und nicht zu anzüglich. Halt gebend. Kenma schluckte. Nun wurde er noch unsicherer. Das waren doch die Zeichen, oder?
“Kuro hat gesagt-”, begann er, doch Iizuna unterbrach ihn sofort. “Hey... ist Kuroo-san in dieser Beziehung mit mir oder du?... Warte... Vergiss das... Mir ist klar, dass er irgendwie Teil davon ist... weil ich weiß, wie wichtig er dir ist und das ist absolut in Ordnung, aber... Ich will nur mit dir da reingehen, wenn du nicht an Kuroo-san denkst”, sagte Iizuna. Er sah kurz zur Schlafzimmertür und dann wieder zurück zu Kenma. Seine Augen waren voller Sehnsucht, aber nicht nach dem, was Kenma bereits falsch interpretiert hatte. Kenma sah betroffen zur Seite.
“Aber ich werde immer an Kuro denken. Weil ich immer zu ihm geh, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll”, erklärte er. Iizuna seufzte. Dann legte er eine Hand an Kenmas Wange und stellte mit sanftem Druck wieder Blickkontakt her. “Wie wär's, wenn du nicht darüber nachdenkst, was du tun sollst, sondern einfach nur das tust, was du tun willst? Du weißt, es geht mir nicht darum und ich lege keinen großen Wert darauf. Ich will, dass du dich wohl fühlst bei mir und dazu brauchen wir Kuroo-san nicht... oder?”, sprach Iizuna liebevoll auf ihn ein. Kenma schmiegte sich in die Hand an seiner Wange. Dabei schloss er die Augen und nickte. “Du hast recht”, sagte er mit einem Lächeln. “Gut”, sagte auch Iizuna und küsste Kenmas andere Wange. “Also, willst du ins Schlafzimmer, oder willst du lieber hier noch einen Film starten und in meinem Arm einschlafen?”, fragte er. Kenma öffnete die Augen. Es fühlte sich so schön an, wie Iizuna auf ihn einging. Wie nah er ihm war und der Gedanke, wie ihre Nacht weitergehen könnte, stimmte ihn glücklich. “Hier einschlafen”, sagte er und lehnte sich an Iizuna. Der Film, den sie an machten, war nebensächlich. Wichtig war nur, dass Kenma Iizunas Wärme und Nähe genoss.
-
Zum Start von Kenmas nächstem Tag im Krankenhaus war es umgehend Kuroo, der seine entspannte ausgeschlafene und ausgekuschelte Laune augenblicklich wendete.
“Ich versteh einfach nicht, was ich noch tun soll!”, stieß Kuroo genervt und auch etwas verzweifelt aus. Kenma schielte zu ihm hinüber. Die Frage nach “Wer denn?” oder “Was denn?”, erübrigte sich. Kuroo sprach sowieso weiter.
“Ich dachte echt, wir hätten es festgemacht. Der Kongress war so magisch. Er hatte nur Augen für mich und was ist jetzt? Kaum sind wir wieder hier und Oberarzt Sawa-Murmel stolziert vorbei, gehen ihm die Sicherungen durch… Kenma! Wie werd ich ihn los? Wie bist du Iizunas Ex losgeworden?”
So wendete sich das Blatt. Ungünstig! Denn nun war Kenma in der Situation, wo man Beziehungstipps von ihm erwartete und verdammt noch mal, das konnte er nicht.
“Gar nicht”, sagte Kenma. “Wie gar nicht?”, japste Kuroo aus und machte ein entsetztes Gesicht. Kenma verdrehte die Augen. “Tsukasa hat gesagt, es läuft nichts mehr zwischen ihnen, wir haben keine Geheimnisse und so ist es”, erklärte Kenma. “Aber der Kerl arbeitet noch mit ihm”, warf Kuroo ein. Kenma nickte. “Ja, und das ändert nichts an Tsukasas Worten und daran, dass ich ihm vertraue”, gab Kenma zurück. Kuroo war nicht zufrieden. Nicht, weil er sich nicht für Kenma freute, sondern weil ihm das nun absolut nicht weiterhalf.
“Und was soll ich nun gegen Sawamura machen?”, fragte Kuroo. Kenma zuckte mit den Schultern. “Werdet doch Freunde. Vielleicht könnt ihr dasselbe machen wie Akaashi, Dr. Konoha und Bokuto”, schlug Kenma vor. Kuroo stöhnte genervt aus. “Niemals!” War ja klar. Es war auch nur ein Verzweiflungsakt, das vorzuschlagen.
“Kuro? Weiß Dr. Sugawara eigentlich, dass du was Festes willst?”, fragte Kenma schließlich. Kuroos Gesichtsausdruck wurde umgehend ernst. “Nein, sowas sagt man heutzutage nicht mehr. Das fängt irgendwie an und festigt sich von alleine”, erklärte Kuroo. Kenma dachte daran, wie Iizuna und er das am Telefon besprochen hatten. Nun gut, Kenma war auch bewusst, dass er und Iizuna ihre Beziehung ganz anders aufgebaut hatten als Kuroo und Dr. Sugawara. Die beiden hatten einen One Night Stand und haben sich nicht daran gehalten. Bei Kenma und Iizuna waren irgendwie von Anfang an Gefühle im Spiel.
“Dann solltest du es ihm zumindest etwas mehr andeuten als Dr. Sawamura”, sagte Kenma und deutete auf die beiden Oberärzte, die just gut ins Gespräch vertieft an ihnen vorbei gingen. “Dr. Sawamura macht es sehr deutlich”, bemerkte Kenma noch. Kuroo ballte die Fäuste, zog eine Schnute, aber hatte umgehend einen Plan. “Ich mach ihn kalt”, sagte er und stürmte direkt in die andere Richtung. Kenma blieb irritiert zurück, da streifte auch Dr. Sakusa an ihm vorbei. Er blieb aber stehen. “Dr. Kozume… Sind Sie schon wieder für Operationen freigegeben?”, fragte der Oberarzt. “Leider nicht, Dr. Sakusa”, erwiderte Kenma. “Was tun sie dann hier? Gehen Sie auf der Stelle zum Psychiater und regeln das. Ich brauche Sie”, sagte Dr. Sakusa mit Nachdruck und ließ Kenma dann auch stehen.
Kenma hasste diese Situation. Weil er in einen so traumatischen Unfall verwickelt war, mit der Operation und auch der Amnesie, musste er erst ein ärztliches Attest einholen, das ihm bestätigte, dass er wieder bereit war, zu operieren. Geistig fühlte er sich sehr bereit dafür, aber körperlich spürte er leider, dass er sich noch vermehrt setzen und ausruhen musste und das hasste er. Aber Dr. Sakusa brauchte ihn und das erfüllte Kenma mit Stolz.
Leider konnte er gerade nicht mal auch nur versuchen, einem Psychiater etwas vorzugaukeln, weil wie aus dem Nichts Terushima neben ihm auftauchte und ihn am Handgelenk packte.
“KenKen! Du musst mir helfen!”, scheuchte ihn Terushima weiter. Noch bevor Kenma fragen konnte, wobei und was überhaupt los war, zog Terushima ihn hinter sich nach. Soviel war klar, die Sache, die Terushima gerade wie von der Tarantel gestochen mit Kenma abziehen ließ, war wichtig. Also gaben Kenmas Beine auch nach und er folgte, so gut es ging.
“Hey! Laufen ist hier untersagt”, rief ihnen Dr. Oikawa nach, aber sowohl Terushima als auch Kenma ignorierten es. Terushima hatte andere Pläne und Kenma hatte nicht einmal die Chance, was zu erwidern.
“Teru… was ist denn los?”, japste Kenma hervor, als sie bei der Personalschleuse ankamen. “Ich brauch da drinnen wen zur Unterstützung”, sagte Terushima. “Wo drinnen?”, fragte Kenma, und Terushima deutete auf die Schleuse der Damen. “Was ist da drinnen?”, fragte Kenma.
“Du musst jetzt sehr stark sein, Kenma”, sagte Terushima und atmete tief ein. Kenma tat es ihm gleich, rein aus Reflex. Als er das letzte Mal plötzlich mit Terushima hinter einer Tür verschwunden war, hatte das zu seinem ersten Kuss geführt. Aber das hier war anders. Was auch immer in der Schleuse lauerte, musste Terushimas ernsthaften Ausdruck zufolge wirklich entsprechend vorbereitungswürdig sein.
“Gut, los”, sagte Terushima und knallte mit Kenma bei der unsterilen Seite in die Damenschleuse rein.
“Du hirnamputierter Vollhorst hast Dr. Kozume gebracht? Bei all den Ärzten, die da auf der anderen Seite sind, bringst du ausgerechnet ihn? Nichts für ungut, Kozume…”, brüllte Hana am Boden erst Terushima an und rang sich dennoch zu einem freundlichen Lächeln für Kenma durch. Kenma wusste nicht, was er gerade erschreckender fand. Von Hana so angebrüllt zu werden, oder dieses absolut geistesgestörte Lächeln, weil Hana eindeutig Schmerzen hatte. Ihr Gesicht war rot, sie schwitzte und verzog das Gesicht auch sonst vor Schmerzen. “Er war der erste, den ich zu fassen bekommen hab”, sagte Terushima zu seiner Verteidigung. Kenma seufzte. Na toll, wieder einmal wurde er in eine Situation gezogen, die ihn rein gar nichts anging, weil er körperlich unterlegen war.
“Schon gut, Schwester Misaki”, sagte Kenma und zählte eins und eins zusammen. Die hochschwangere OP-Schwester lag schmerzverzerrt zu ihren Füßen, Terushima wirkte mehr aus dem Häuschen als sie und außerdem war es um Hana herum nass.
“Die Fruchtblase ist geplatzt. Wir müssen sie in die Notaufnahme bringen”, sagte Kenma. “Was? Warum in die Notaufnahme?”, fragte Terushima schockiert. Kenma sah ihn unsicher an. “Keine Ahnung. Wo muss sie sonst hin?” - “In den Kreißsaal, ihr Vollpfosten! Ich wär euch sehr verbunden, wenn ihr mir hoch helfen könntet”, knurrte Hana dazwischen. “Sie sollten jetzt nicht gehen, Schwester Hana”, erwiderte Kenma. “Ich werde auch nicht gehen… ihr bringt mich da raus, stellt mir nen Rollstuhl zur Verfügung und dann fährt ihr mich verdammt noch mal in den verdammten Kreißsaal!”, gab Hana Anweisungen, mit denen die beiden sogar arbeiten konnten.
-
Wäre Kenma nicht in der misslichen Lage gewesen, eh nichts anderes zu tun zu haben, wäre er nun nicht ein paar Minuten später neben Hana und Terushima im Kreißsaal gestanden. Selbst mit schmerzverzerrtem Gesicht, weil Hana seine Hand gepackt hatte und ihm die Finger zerdrückte. Das war somit einer dieser Momente, wo Freunde füreinander da waren. Und Kenma wollte da sein für Terushima, nur lieber nicht an der Hand der Mutter seines Kindes. Diese Frau hatte aber auch Kraft! Kenma hörte Dr. Sakusa in seinem Kopf sagen, dass Hana sich zurückhalten sollte, weil er Kenmas Hände noch brauchte.
“Was dauert da so lange?”, brüllte Hana durch den Kreißsaal, wo im Grunde schon das gesamte benötigte Personal herum wuselte. Hana saß auf dem speziellen Geburtstisch, der Kenma die blanke Panik ins Gesicht trieb. Terushima scheuchte die Schwestern auf und sprach schließlich auf die Hebamme ein. “Mao… du warst bei allem dabei. Alle Gespräche. Du weißt, was Hana braucht”, erklärte er ihr. “Das musst du mir nicht sagen, Terushima”, ermahnte ihn Mao ruhig und ließ sich von ihrer Assistentin einen Schutzmantel anziehen. Sie zog sterile Handschuhe an und platzierte sich zwischen Hanas ausgelagerten Beinen.
“Hana, wir werden jetzt schauen, wie weit wir sind und herausfinden, wann die Kleine zur Welt kommt”, sagte Mao, aber Hana drückte Kenmas Finger nur noch fester zusammen. “Was heißt hier rausfinden? Sie kommt jetzt!”, presste Hana heraus und auch Kenma ging nun vor Schmerzen in die Knie. “Soviel ich dazu sagen kann, ich glaube auch, sie kommt jetzt”, keuchte Kenma. “Also, es geht mich ja nichts an, aber wer sind Sie eigentlich? Sie sind weder der Kindsvater noch Washio”, fragte und stellte Mao klar. “Das ist Kenma! Terus Mitbewohner”, stieß Hana aus. Mao hob skeptisch eine Augenbraue. “Ich bin auch Assistenzarzt hier und war zur falschen Zeit am falschen Ort”, sagte Kenma und ging unter dem nächsten Pressen wieder in die Knie.
“Ich muss das nicht verstehen, Hauptsache, wir bringen ein gesundes Mädchen zur Welt, nicht wahr?”, sagte Mao und alle waren sich einig. Alle, bis auf das gesunde Mädchen, das wohl doch noch nicht so weit war, wie Hana es gerade gerne hätte. “Madame hat sich noch nicht ganz gedreht”, sagte Mao und überlegte einen Moment. “Den Wehen nach, sollte sie schon längst am Weg nach draußen sein”, gab Hana beunruhigt kund. “Kannst du sie nicht drehen?”, fragte sie, aber Mao schüttelte den Kopf. “Nein, das wird nichts. Ultraschall richten”, sagte Mao und eine der Assistentinnen reichte ihr den Schallkopf. Kenma merkte, wie angespannt die ganze Situation nun wurde. Keine Frage, es war angespannt, ab dem Moment, wo er Hana so zusammengekrümmt und hilflos am Boden gesehen hatte, aber das war nun ein anderes Kaliber. Kenma wusste, wie das mit der Geburt lief und auch, dass das Baby sich längst hätte komplett drehen müssen und er wusste auch, dass es Gründe gab, wenn das nicht geschah. Nun drückte er auch gegen Hanas Finger. Seine und ihre Augen trafen sich und Kenma nickte. Er war nicht nur für Terushima da, er war nun auch für Hana da. Vor allem, als die Hiobsbotschaft kam.
“Wir müssen eine Akut-Sectio einleiten. Die Nabelschnur liegt um den Hals”, sagte Mao und es wurde umgehend Still im Kreißsaal, nur um kurz darauf wieder turbulent zu werden. Terushima war ganz schnell an Hanas Seite und nahm ihre andere Hand. “Wir schaffen das. Ich bin bei dir. Ich tu alles, was du brauchst”, sagte er. Hana nickte nur. “Danke”, sagte sie leise und versuchte so ruhig wie möglich zu atmen. Sie wusste, würde sie nun die Presswehen annehmen, würde sie ihrem Kind schaden. Kenma spürte auch, dass Terushima gerade aufgebrachter als Hana war. Sein Gesicht war Kreidebleich und der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Hana wurde von Kollegen aus dem OP-Bereich auf eine Transportliege verfrachtet und Terushima und Kenma liefen Hand in Hand neben Hana und dem Transporter her. Hana ließ nicht locker und war konzentriert auf ihre Atmung. “Du machst das sehr gut, Hana. Wir haben darüber gesprochen, was passiert, wenn wir eine Sectio einleiten müssen”, sagte Mao und Hana nickte. “Ja… ihr müsst mir keinen Kreuzstich geben, wenn es der Kleinen schadet”, sagte Hana und schluckte. Auch Kenma musste da schlucken. Hana war unglaublich. Frauen waren unglaublich!
Der Gyn-OP war auch direkt bereit für die werdende Mutter. In einem großen Krankenhaus wurde immer dafür gesorgt, dass einer der OP-Säle für eine akute oder eine Notsectio vorbereitet war.
Hana wurde auf den OP-Tisch umgebettet. Kenma und Terushima stützten und sicherten sie und dann ging es auch schon in den Saal.
Die Beinstützen wurden angebracht und Kuguri, der OP-Assistent, wollte gerade den Bügel für den Sichtschutz anbringen. “Den brauch ich nicht, Mäuschen, ich seh das täglich”, hielt ihn Hana davon ab. Kenma hätte den Sichtschutz in Bezug auf seine Beziehung zu Hana gerne gehabt.
Hanas Beine wurde in die Beinstützen gelagert, die Beinsegmente vom Tisch wurden abgenommen und die Gynäkologin trat herein.
“Hana, Liebes, bist du dir sicher, dass wir keinen Kreuzstich setzen sollen?”, fragte diese Erscheinung von einer Frau, dass sogar Kenma zweimal schauen musste, so hübsch war sie. Terushima schob zur Abwechslung keinen blöden Spruch, er war mit seiner Aufmerksamkeit ganz bei Hana. “Keine Sorge, Alisa, ich steh das durch. Ich hab ja meine zwei Jungs”, sagte Hana und hielt Kenmas und Terushimas Hände hoch. “Du kannst meine Finger so fest drücken, wie du willst. Ich steh das für dich durch”, sagte Terushima. Kenma hingegen wünschte sich umgehend einen Kreuzstich für Hana, weil ihm die Finger jetzt schon abfallen wollten.
Kenma war noch nie bei einem Kaiserschnitt dabei. Weder selektiv, noch akut noch im Notfall. Das war nicht seine Sparte und das wusste er schon vor Beginn seines Studiums. Er hatte eigentlich keine Bestätigung gebraucht, aber, was in der nächsten halben Stunde alles passierte, machte es ihm deutlicher denn je. Auch, wenn er nie damit gerechnet hatte, dass die werdende Mutter einem Lachanfall verfallen würde und dass er maßgeblich daran beteiligt sein würde…
Terushima starrte schon nach dem Hautschnitt wie hypnotisiert und aus der Welt geschossen auf Hanas Bauch. Ein intensiver Blick von Kenma auf seinen Kollegen ließ dann auch schon ahnen, was gleich passierte.
“Teru nicht! Bitte Teru. Bitte fang nicht an zu kotzen”, sagte Kenma, er drückte nun Hanas Finger fester, so dass Hana zwischen den beiden Assistenzärzten hin und her sah. “Doch… ich… hngh… das…”, begann Terushima sich einzugestehen, dass ihm des Speiens übel war und ergab sich erstmal nur einem Würgereiz, der ohne Munition vonstatten ging. Da reckte es auch umgehend Kenma. “Teru bitte, ich kann das nicht hören”, sagte Kenma angespannt. “Sorry, aber…”, Terushima nächstes Würgegeräusch reizte ein weiteres von Kenma. Oh, wie er dieses Geräusch hasste. Und wie die beiden sich mit ihrem Würgereiz abwechselnden, begann Hana schließlich zu lachen. Alisa Haiba kicherte einmal vergnügt. “Schön, dass wir zumindest gute Laune haben”, sagte sie. Hana lachte, Terushima und Kenma würgten und kurz darauf hob Alisa das nun Neugeborene aus der Gebärmutter und übergab es an das Team der Kinderärzte. Die Plazenta wurde an Izuru zur histologischen Versorgung gereicht und der Schrei des Babys ließ den gesamten Saal aufatmen. Terushima schluckte ein Würgen weg, auch Kenma war weiterhin bemüht, nicht die Beherrschung zu verlieren. Mehr noch spürte er, dass es nun ein Kampf um die Kontrolle seines Kreislaufes wurde. Das war einfach zu viel.
“Stuhl für Dr. Kozume”, hörte er Hana noch sagen, als er ihren Händedruck immer weniger spürte und sich sein Sichtfeld einschränkte. Nein! Nein! Er würde jetzt nicht ohnmächtig werden. Aber ein Stuhl würde nicht reichen. Kenma musste hier raus, er musste- Schwäche. Kenma taumelte zurück. Er spürte, wie ihm Hanas Hand entglitt und plötzlich fühlte er, wie ihm der Boden unter den Füßen wegrutschte. Nein. Er rutschte nicht weg. Jemand… verdammt! Der OP-Asstistent hatte ihn aufgefangen und trug ihn gerade aus dem Operationssaal. Verdammt! Wie peinlich war das denn? Und dennoch klammerte sich Kenma um Kuguris Hals, weil er fürchtete, ihm aus den Armen zu gleiten und doch noch auf dem Boden aufzuschlagen.
“Keine Sorge, Dr. Kozume. Ich hab Sie. Ich lass Sie nicht los”, sagte Kuguri mit monotoner Stimme. Na immerhin war der Kerl ruhig und gelassen.
Kenma konnte sich später wenig daran erinnern, aber wusste, Kuguri hatte ihn in den nächstgelegenen Aufenthaltsraum gebracht und ihm Wasser gereicht. Aus seinem Kasak hatte er Kenma auch Traubenzucker gegeben und hatte auf ihn eingeredet, dass er erstmal durchatmen sollte und dass er nicht der erste Assistenzarzt war, den er auf diese Weise aus einem Operationssaal getragen hatte. “Passiert am laufenden Band und grad im Sectio-Setting müssen wir uns oft um die Väter kümmern”, sagte er. Kenma seufzte. “Ich bin aber nicht der Vater”, sagte er. “Oh… dafür waren sie der Mutter aber eine tolle Unterstützung. Oh… Dr. Terushima ist der Vater. Ist Hana-san sowas wie Ihre Leihmutter?”, fragte der OP-Assistent. Kenma verschlug es die Sprache. Bitte was unterstellte ihm dieser Kerl da gerade?
“Entschuldigen Sie bitte, Dr. Kozume. Ich hab mir einen Scherz mit Ihnen erlaubt. Ich wollte die Stimmung etwas lockern, weil Sie doch noch sehr mitgenommen aussehen”, sagte Kuguri. Bei jeder anderen Konstellation hätte das vielleicht auch funktioniert, aber nicht bei Kenma, der gegen solche Späße immun war und nicht mit Kuguri, der einfach keine Miene verzog und immer super gleichgültig aussah.
“Na gut, wenn es Ihnen nun besser geht, geh ich wieder hinein. Der Kleinen geht es gut. Trinken Sie noch was und dann können Sie Hana auf der Station besuchen”, sagte Kuguri und ließ Kenma im Aufenthaltsraum zurück.
Herein kam daraufhin Dr. Sakusa. Er sagte nichts, stellte Kenma nur ein kleines Fläschchen auf den Tisch. “Ich glaube, das könnte Ihnen helfen”, sagte er und verschwand wieder. Kenma konnte weder nachfragen, was es war, noch sich bedanken, noch fragen, wie es zu dieser Situation kam. Oh. Hoffentlich hatte Dr. Sakusa nicht bemerkt, was da gerade passiert ist.
Sein Blick auf das Fläschchen bestätigte ihm leider, dass Dr. Sakusa wohl im Bilde war. Korodin Tropfen stand da. Herz-Kreislauf-Tropfen, die unter anderem den Blutdruck steigerten. Kenma seufzte. Aber vermutlich hatte Dr. Sakusa recht. Vielleicht sollte sich Kenma endlich mal mit seinem Kreislauf auseinandersetzen. Aber erst einmal trank er das Glas aus und nahm seine Schicht wieder auf, die aktuell darin bestand, dass er dabei stand. Kenma arbeitete nicht als Assistenzarzt, er war Beobachter, wie ein Statist, schlimmer noch wie ein Praktikant, denn ohne seine Freigabe durfte er gar nichts. Und dennoch fiel es ihm schwer, dem OP fernzubleiben.
“Kozume, du solltest dich in die Galerie setzen oder dir zumindest ein Pony nehmen”, sagte Dr. Komori während einer Discus-Operation und meinte den OP-typischen dreibeinigen Hocker. “Ich kipp schon nicht um”, erwiderte Kenma. Darauf löste Dr. Komori den Kopf vom Mikroskop. “Das hab ich aber anders gehört”, sagte er und Kenma seufzte.
Ihm blieb irgendwann nichts anderes mehr übrig, als zumindest zu Hana zu gehen.
“Hey! Da bist du ja, Kenma”, sagte sie und Kenma musste bewundernd feststellen, wie frisch sie aussah. Man würde ihr nicht andichten, dass sie gerade eine Geburt hinter sich hatte. “Hey…”, sagte Kenma und trat zur frischgebackenen Mutter heran. Das kleine Mädchen lag in ihren Armen, Terushima war wohl für den Moment ausgeflogen. “Setz dich doch zu mir, Tatsuki kommt später noch nach seinem Dienst. Magst du sie halten?”, schlug Hana vor und bei der Frage weiteten sich Kenmas Augen mehr denn je. Hana kicherte. “Keine Sorge, du machst sie nicht kaputt. Sie ist eine Terushima und eine Misaki”, sagte Hana und winkte Kenma zu sich. Es mochte die Tatsache sein, dass sie frisch gebärt hatte, aber Hana wirkte gerade so friedlich und voller Liebe und Leben, dass Kenma zu ihr ging. “Hier”, sagte Hana dann und Kenma konnte kaum reagieren, hielt er das kleine wehrlose Mädchen in seinen Armen. Ein unglaubliches Gefühl überkam ihn und sogar ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Langsam setzte er sich auf den Stuhl neben dem Bett. “Wow”, flüsterte er und erkannte sofort Terushimas Gesichtszüge in dem kleinen Ding. Es war nur zu hoffen, dass sie Hanas Charakter hatte. “Wie heißt sie denn nun?”, fragte Kenma. Er blieb starr mit dem Baby sitzen und sah es einfach nur an.
“Kanna, wie ihre Großmutter”, sagte Hana mit einem Lächeln. “Kanna”, wiederholte Kenma mit einem Lächeln. “Hallo Kanna, schön, dich kennenzulernen”, sagte er und das Mädchen spuckte ihn wie aus einer Laune heraus an. Na toll, sie hatte doch Terushimas Charakter. Kenma gab das Baby wieder in die Obhut seiner Mutter und verabschiedete sich von Hana. “Danke, Kenma, dass du da warst”, sagte sie, als Kenma fast schon bei der Tür angekommen war. “Schon gut, ich hatte ja sonst nirgendwo zu sein”, sagte er und erkannte, dass er auch jetzt im Grunde nirgendwo zu sein hatte.
So wählte Kenma Iizunas Kontakt und hoffte, dass sein Freund rangehen konnte.
“Kenma! Was ist passiert?”, fragte Iizuna sofort, weil Kenma eigentlich nie einfach so anrief. Sie schrieben mehr und wenn telefoniert wurde, dann kündigte Kenma es immer an. “Nichts… also naja, doch schon. Einiges. Ich hab gerade ein Baby gehalten”, sagte er und hörte, wie Iizuna am anderen Ende der Leitung der Verzückung verfiel. “Ja, war schon irgendwie süß”, gestand Kenma der ganzen Sache zu und erzählte Iizuna von seinem Tag. Dass er zusammengebrochen war, ließ er vorerst aus. Er wollte kein Geheimnis darum machen, aber er wollte es ihm lieber erst unter vier Augen sagen. Sonst hätte Iizuna vielleicht seine Einladung, heute Abend zu ihm in die WG zu kommen und über Nacht zu bleiben, abgelehnt oder ihm nicht erlaubt, auch nur einen Handgriff selbst zu machen.
Die Einladung kam aus einer einfachen Sache heraus. Einerseits wusste er nun, dass Terushima die Nacht sicherlich im Krankenhaus verbringen würde und von Kuroo wusste er auch, dass er auf einer Art Mission war, bezüglich Dr. Sugawara. Das hieß, sie beiden würden alleine sein. Kenma konnte Take-out ordern und sie konnten sich in der Wohnung ausbreiten und es gab von niemandem Erwartungen. Außerdem konnten weder Kuroo noch Terushima irgendwie unangenehm werden.
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“Ich bestell eigentlich nie was. Da gibt’s ja ne riesige Auswahl!”, sagte Iizuna überrascht, als er auf Kenmas Handy durch das Angebot scrollte. Kenma sah Iizuna von der Seite aus an und zog den Ansatz einer Schnute. “Ja, ist klar… du kochst immer selbst und bist wohl der perfekte Hausmann”, murmelte er. Iizuna japste ertappt auf. “Naja… ich koche schon viel und gerne. Aber ich gehe auch gerne aus. Vor allem mit dir”, erwiderte Iizuna darauf, da drehte Kenma den Kopf ganz zu ihm. “Gehst du auch mit anderen aus?”, fragte er. Iizuna ruderte sofort zurück. “Nein! So meinte ich das doch gar nicht. Aber… man kann auch mal alleine in einem Restaurant sitzen oder was mitnehmen für unterwegs”, erklärte Iizuna rasch. Kenma verstand. “Ich würde nie allein in ein Restaurant gehen”, sagte er. Iizuna kicherte. “Ich glaube, ohne mich würdest du gar nicht in ein Restaurant gehen”, sagte er und Kenma zuckte mit den Schultern. “Ich finde nicht, dass ich was verpasst hätte… Ich mach das nur wegen dir. Also… es ist schön, essen zu gehen. Mit dir. Wegen dir.” - “Und es ist bestimmt genauso schön, mit dir was zu bestellen”, nahm Iizuna an und lehnte sich zu Kenma, um ihm durch die langen, rauswachsenden blonden Haare zu streichen. “Aber wenn ich hier durchblättere, kann ich mich noch weniger entscheiden, als wenn ich in einem Restaurant sitze und die Speisekarte rauf und runter durchforste”, gab er zu und setzte sich wieder gerade hin. Kenma neigte sich nun zu ihm und legte den Kopf auf Iizunas Schulter ab. “Also die da”, sagte er und scrollte zu einem koreanischen Lokal “Haben ziemlich gutes Beef Bulgogi”, sagte er und blätterte gleich etwas weiter. “Dafür mag ich hier die Chicken-Pops sehr gerne”, zeigte er Iizuna nicht nur eine gute Möglichkeit, die ihnen zur Auswahl stand.
Wenig später hieß es auch schon abzuwarten und Kenma drückte Iizuna dafür einen Controller in die Hand und lud ihn damit in die Welt der Monster Hunter ein. Iizuna die Steuerung beizubringen war nicht so einfach wie bei Terushima, der grundsätzlich Gaming-Erfahrung hatte, dafür war Iizunas Lernkurve unglaublich. Kaum hatte er den Dreh raus, war er Kenma schneller eine bessere Unterstützung im Spiel als Kuroo. Iizuna gehörte aber auch zu den Menschen, die beim Spielen absoluter Konzentration verfielen. Wie Iizuna auf den Fernseher starrte und konzentriert auf seiner Unterlippe herum biss, konnte Kenma nur als attraktiv aufnehmen. Wenn er mit Terushima oder Kuroo spielte, rissen die beiden die Hände herum, als wäre der Controller eine Bewegungssteuerung. Ja, Kenma hatte auch solche Spiele, aber die hatte er nur als Einzelspieler und spielte sie kaum, weil ihm dann tatsächlich übel wurde.
Jetzt wurde ihm nicht übel. Zumindest nicht auf die herkömmliche Weise. Es war wieder diese Übelkeit, ohne sich übergeben zu müssen, weil, wie Kuroo es ihm erklärt hat, die Schmetterlinge in seinem Bauch verrückt spielten.
Iizuna war ein unbeschreiblich gutaussehender Mann und das fiel Kenma, als er ihn gerade von der Seite ansah, ein weiteres Mal auf.
“Kenma?”, sagte Iizuna seinen Namen plötzlich besorgt und ließ den Controller sinken. “Ich hab da doch ein Geheimnis… Eines, das ich wirklich ansprechen sollte”, sagte er und Kenma empfand nun doch richtige Übelkeit. Die mit dem Übergeben, nur dass sein Magen leer genug war, ihn nicht zu überrumpeln. “Es ist so… also allem voraus. Ich arbeite nicht mehr mit Ryosei”, begann Iizuna. Kenma blinzelte überrascht. “Also hast du gekündigt?”, fragte er. Iizuna wippte uneins mit dem Kopf. “Ich bin dabei sozusagen… Es ist so… ich hab gelogen, was meinen Job angeht… Denn der Beruf, den ich mache, hat eigentlich nichts mit dem Klavierspielen zu tun. Ich kanns nur einfach gut. Es war meine Deckung, seit ich damit angefangen habe", erklärte Iizuna. Kenma rutschte ein Stück weit von ihm weg. Ihm wurde kalt, dann heiß und wieder kalt. Iizuna griff nach seiner Hand, zuckte aber selbst wieder zurück, als wüsste er, dass es nicht angebracht war, was Kenma nur nervöser machte. Seine Gedanken rasten. Die Sorgen breiteten sich aus. Iizuna sprach von Deckung. War er etwa bei der Yakuza und versuchte auszusteigen? War er deswegen in Europa gewesen und liebte er deswegen Italien so sehr? Wegen der Mafia? Kenmas Herz schlug immer wilder. Er konnte gar nichts sagen.
“Ryosei war sowas wie mein Kunde”, sprach Iizuna weiter. Kenmas Augen weiteten sich. Vielleicht war er auch ein Drogendealer? Kenma schluckte.
Iizuna atmete tief ein. Kenma sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, weiterzureden, aber er gab ihm die Zeit. Klar tat es weh, zu hören, dass er angelogen wurde. Aber wenn Iizuna zur Yakuza gehörte, dann würde er lieber weiter angelogen werden. Oder, wenn er gar Spion war. Uh, das wäre vielleicht sogar spannend. Nun wurde Kenma neugierig, doch dann jagte Kenma ein schrilles Geräusch einen Heiden Schrecken ein. Auch Iizuna war aufgeschreckt und sah nun nervös zur Tür.
Kenma war ja klar, dass es das bestellte Essen sein musste, also stand er auf, ging zur Tür. Das Geheimnis musste noch ein paar Minuten warten, auch wenn sich Kenma absolut seltsam fühlte.
Er ließ die Haustür per Knopfdruck öffnen und hörte durch die Gegensprechanlage, dass sie aufging und dann wieder ins Schloss fiel. Kurz darauf klopfte es und Kenma sah perplex in das Gesicht eines Mannes, der sicher kein Essenslieferant war.
“Officer Sasaya?”, fragte er entgeistert aber laut genug, dass Iizuna ihn hören konnte. Wenn er wirklich bei der Yakuza, Mafia oder ein Spion war, dann würde er jetzt sicher einen Weg finden, zu verschwinden, ohne dass der Polizist ihn bemerkte. “Oh, Dr. Kozume. Witzig, Sie hier zu treffen. Also für Sie vermutlich nicht, Sie wohnen ja hier, aber Sie haben wohl auch nicht mit mir gerechnet”, lachte der Polizist. Tatsache, Kenma hatte nicht mit einem Polizisten gerechnet. “Nein… und… ich bin auch ganz alleine hier”, sagte Kenma, wissend, er hatte gerade einen Gesetztesdiener belogen. Nicht wissend, dass dies als ganz besondere Einladung gelten könnte.
“Oh ähm… Ich bin noch im Dienst”, erwiderte Officer Sasaya. Das sah Kenma. Der Polizist hatte seine Uniform an. Schick. Keine Frage. Aber was das jetzt sollte, wusste er auch nicht.
“Also… es ist so. Wir haben Ihren Lieferanten beim zu schnellen Fahren erwischt und es war nicht das erste Mal, also mussten wir ihn festnehmen. Allerdings war Ihre Lieferung noch im Wagen und ich dachte mir… naja, Sie können ja nichts dafür”, erklärte der Polizist die Lage und reichte Kenma die Tüte. “Oh”, gab Kenma erleichtert von sich. “Danke”, sagte er leise.
“Gerne, wir sehen uns… oder so. Gute Nacht, Dr. Kozume”, verabschiedete sich der Officer, der aus unerfindlichen Gründen rote Farbe im Gesicht aufgezogen hatte, etwas holprig. Kenma sah ihm nur kurz nach und machte dann die Tür zu.
“Hast du den Polizisten gerade angelogen?”, fragte Iizuna. Kenma presste die Lippen zusammen. “Ich hab ihm nur klar gemacht, dass du nicht hier bist”, sagte er und stellte die Tüte auf den Tisch. Es roch gut, aber ihm war nicht zu essen zumute. Auch Iizuna machte diesen Eindruck.
“Warum sollte ihm wichtig sein, ob ich hier bin?”, fragte Iizuna skeptisch. Nun wurde auch Kenma wieder unsicher und durcheinander.
“Weil du… Tsukasa… was willst du mir die ganze Zeit sagen? Wo steckst du drinnen? Was ist passiert? Ist es die Yakuza? Die Mafia? Du bist doch kein Spion, oder?”, fragte Kenma aufgebracht und setzte sich auf die Couch, weil ihn der Kreislauf wieder verlassen wollte. Iizuna klappte der Mund auf. “Oh… nein… Ich bin… war ein Escort”, sagte er und es war, als stünde die Zeit still. Die Luft zwischen ihnen wurde zum Schneiden dick. In Kenmas Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er konnte nicht einmal einen davon richtig fassen und zu Ende denken. “W-Was?”, fragte er, obwohl er ihn genau verstanden hatte. Obwohl er genau wusste, was das zu bedeuten hatte. Obwohl er wusste, dass es unmöglich war, dass er sich verhört hatte, aber weil er es sich wünschte.
“Ich war ein Escort”, wiederholte Iizuna. “Frauen, aber auch Männer, wie Ryosei, haben mich gebucht und dafür bezahlt, dass ich sie begleite. Meistens waren es Geschäftsessen oder Familienfeiern. Es hat damit angefangen, dass ich für eine Freundin den Freund gespielt habe, weil ihre Eltern so darauf bestanden haben, dass sie jemanden kennenlernt. Naja… das ging richtig gut und ich dachte, ich könnte das auch für andere Menschen machen und dann… ist es irgendwie aus dem Ruder gelaufen”, erklärte Iizuna nun auch in entsprechendem Ausmaß. Kenma starrte ihn nur noch an. Er konnte gar nicht jedem Wort folgen, sein Puls beschlug seine Ohren, während sein Bild von Iizuna vor seinem geistigen Auge zersprang.
“Kenma… es tut mir leid, dass ich nicht von Anfang an ehrlich mit dir war, aber… das gehört leider auch zum Geschäft”, sagte Iizuna. Da traf es Kenma mitten ins Herz. “Zum Geschäft? War ich… war ich auch Teil des Geschäfts?”, fragte Kenma und sprang von der Couch auf. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals, erschwerte es ihm, gar zu atmen. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Das durfte nicht wahr sein. Oder? Iizuna sagte sicher gleich, dass es ein Scherz war. Und Kuroo würde irgendwo hervorspringen und lachen wie eine Hyäne, weil die beiden sich endlich richtig angefreundet hatten. Bitte. Bitte! Es musste irgendein Streichtag sein, den Kenma nicht auf dem Radar hatte. Officer Sasaya gehörte doch bestimmt auch dazu.
Doch Iizuna sagte nichts. Verdammt. Es war kein Scherz und noch schlimmer: Kenma war ein Geschäft.
“Wer? Wann?”, fragte Kenma den Tränen nahe. Iizuna holte tief Luft.
“Kenma bitte, ich schwöre! In dem Moment, als ich dich gesehen habe, habe ich das alles hingeschmissen”, sagte er. Doch Kenma blieb nun streng. Er blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick zwang Iizuna zum Weitersprechen.
“Er ist auf mich aufmerksam geworden, als ich stationär aufgenommen wurde. Er meinte, er kennt mich woher. Und ja, ich war mal mit einer Freundin seiner Schwester aus und daher wusste er auch um… meinen Job. Er hat gefragt, wie das so läuft und er meinte, er würde mich bezahlen, wenn ich mit dir ausgehe… Bitte… Kenma… Bitte glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich mich im ersten Augenblick Hals über Kopf in dich verschossen hab. Ich kann's selbst kaum glauben, dass ausgerechnet mir das passiert ist. Dass jemand wie ich… sowas wie Liebe auf den ersten Blick… Als du dich damals so lange nicht gemeldet hast, dachte ich, er hätte es dir verraten und das war’s”, sagte Iizuna mit entsprechenden Pausen. Seine Augen waren glasig, er klang verzweifelt. Kenma verstand. Er war gerade auch verzweifelt. Er begann zu zittern. “Wer?!”, wollte er dennoch wissen.
“Kenma… bitte… lass mich nicht auch noch zum Verräter werden”, flehte ihn Iizuna an, da hatte Kenma auch schon eine leise Ahnung. Die hatte er bereits, als er das erste Mal gefragt hatte.
“Es war Kuroo, oder? Deswegen… ist er auch so, wenn es um dich geht”, sagte Kenma. Iizuna schwieg.
“Okay…”, sagte Kenma und atmete einmal tief aus. “Danke für deine Ehrlichkeit. Aber ich will, dass du jetzt gehst”, sagte er entschlossen und ging wieder zur Tür, um sie Iizuna zu öffnen. “Aber-” - “Nichts aber. Ich will dich nicht mehr sehen”, sagte Kenma streng und ließ nach Erfüllung seiner Forderung hinter Iizuna die Tür ins Schloss fallen. Er stemmte sich selbst gegen die Wand gegenüber und starrte auf die blanke Tür. Er versuchte, seinen Atem zu normalisieren. Er hörte nur seinen Puls in den Ohren. Das wilde Rauschen seines Blutes und immer wieder die Worte: ‘Männer, wie Ryosei, haben mich gebucht.’
Die Tränen liefen ihm über die Wangen, die Brust schnürte sich zu, das Herz schmerzte. Alles um ihn herum drehte sich, so dass er auf den Boden rutschte. Kenma presste sich die Faust auf die Lippen und begann, auf seinen Knöcheln rumzubeißen, als könnte er den Fokus umlenken. Kenma wusste auch nicht, was ihn mehr schmerzte. Dass der Mann, der sein Herz erobert hatte, ihn so belogen hatte oder dass ihn sein bester Freund erst in dieses Messer gestoßen hatte.
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“Ich hätte ihm die Augen ausgestochen und ihm das schöne Gesicht zerkratzt”, sagte Akaashi trocken, als er ein paar Tage später mit Kenma im Warteraum des Psych-Trakts saß. Sie warteten auf ihre Freigabe für den OP. Mit Kuroo hatte Kenma bis dahin nicht gesprochen. Was sein bester Freund getan hatte, war Verrat einer ganz üblen Art. Er wusste auch nicht, wie er es ansprechen sollte. Es war ja immer noch Kuroo. Außerdem meinte es Kuroos Dienstplan gut mit Kenma.
“Das will ich nicht… ich wollte nur, dass er weg geht, dass ich ihn nicht anfange zu hassen”, sagte Kenma mit gesenktem Kopf. “Ich würde ihn hassen”, erwiderte Akaashi und seufzte. “Aber für dich ist das alles neu, nicht wahr? Du willst ihm vergeben, oder?”, fragte Akaashi. Kenma nickte. “Ja… irgendwie… aber ich kann es jetzt nicht”, sagte er. “Das ist kein Wunder. Aber das ist schon krass. Er hat seinen Körper verkauft. Das ist schon irgendwie widerlich.” Akaashi hatte recht. Der Gedanke widerte Kenma an. Aber es tat ihm weh, weil Iizuna so traurig ausgesehen hat, als er das gesagt hat. “Ich weiß nicht wann, aber irgendwann muss ich mit ihm drüber reden”, sagte er. Akaashi schnaubte. “Von mir würde der keinen Mucks mehr bekommen.” Das verstand Kenma auch irgendwie. Aber Akaashi war anders als er. Vermutlich war jeder anders als er.
Vor allem Terushima war anders als er.
“Von Iizu-Bro könnte ich sicher ne Menge lernen. Der hat ganz schön viel Erfahrung gesammelt und hat sicher in den unterschiedlichsten Positionen mit den unterschiedlichsten Leuten geschlafen. Glaubst du, er war mit den Männern immer der Mann? Er kommt mir ja mehr vor wie der Typ, der die Frau ist. Meinst du nicht auch?”, fragte Terushima. Kenma verstand überraschenderweise die Intention dahinter, aber es wirkte nicht. Er dachte dennoch, dass Terushima von Iizuna viel lernen hätte können. Iizuna war immerhin… trotz allem… ein Gentleman.
“Teru… das ist nicht lustig”, erwiderte Kenma und verließ mit ihm die Umkleide. Terushima seufzte. Kenma sah ihm an, dass es ihm leid tat, da tat es ihm selbst auch fast leid, aber nur fast. Immerhin saß er gerade in einer besonders beschissenen Situation.
“Ich weiß… wollte die Stimmung nur mit nem kleinen Witz auflockern”, sagte Terushima. Ja, Kenma wusste das. “Toll”, sagte er knapp und verdrehte die Augen. Kleiner Witz. Das war nicht witzig. Aber wie wäre es mit ein wenig Selbstironie? Ob Kenma einen Witz darüber machen sollte? Konnte er überhaupt Witze machen? Er hob den Kopf und sah zu Terushima, dem sein Bedauern wahrlich ins Gesicht geschrieben stand. Na gut. Dann wollte er es mal probieren. Vielleicht war Humor wirklich die beste Medizin.
“Wie wärs dann damit”, begann er und holte tief Luft, weil, das auszusprechen wehtun würde: “Tsukasa hat sich wortwörtlich um die halbe Welt gevögelt, aber mich hat er nicht angefasst” - “Was?”, japste Terushima sofort. “Ich dachte… willst du das denn überhaupt?”, fragte er. Darauf blieb Kenma am Gang stehen. Er ging sich fahrig durchs Haar und seufzte schier verzweifelt. “Ich weiß es doch auch nicht… nein… eigentlich nicht. Aber… es wäre irgendwie schön gewesen, wenn er es gewollt hätte. Verstehst du? Er scheint es ja so sehr zu mögen, dass er es sogar zu seinem Beruf gemacht hat”, schnappte er mehr nach Terushima aus, als er es gewollt hatte. Daraufhin schlug er sich beide Hände ins Gesicht und schluchzte einmal stark. Schnell wurden die Tränen weggewischt und ehe Terushima irgendetwas zum Trost hätte sagen können, hatte Kenma die Beherrschung wieder gefunden und stapfte weiter zum Haupteingang des Krankenhauses.
“Du liebst ihn trotzdem, oder?", fragte Terushima. Kenma schüttelte den Kopf. “Ich liebe ihn nicht trotzdem… ich liebe ihn… Punkt, aber… ich kann es jetzt nicht”, sagte Kenma. Es war wirklich schwer, das alles in Worte zu fassen, zumal ihm seit dem Abend, wo er Iizuna weggeschickt hatte, nur noch übel war und er noch weniger gegessen hat als sonst. Ein Wunder, dass er das körperliche Attest bestanden hatte.
Terushima zuckte mit den Schultern. “Dann tu es jetzt nicht. Lass es mal sacken und dann sprich mit ihm drüber. Das ist er dir dann schuldig. Und soviel meine Meinung zählt… ich glaube, er meint es wirklich ernst mit dir. Es ist halt Kacke, wenn einen die Vergangenheit so einholt”, sagte Terushima. Kenma sah ihn skeptisch an. Einerseits war Terushima der Letzte, der sagen sollte, dass sich jemand Zeit lassen sollte und wer anderes darauf warten musste, denn genau das hatte er bei Yamaguchi nicht gebacken bekommen und weiters war da noch was. Sprach er da etwa aus Erfahrung? Da fiel Kenma auch auf, wie wenig er eigentlich über Terushima wusste. Zumindest über seine längere Vergangenheit. Über das letzte Jahr wusste Kenma mehr als genug. Nein, er wollte lieber doch nicht mehr über Terushima wissen.
“Denkst du denn, er will noch mit mir reden, nachdem ich ihn rausgeworfen habe?”, fragte Kenma. Terushima lachte auf. “Grinsekatze wartet sicher schon auf deinen Anruf und macht sich krank vor Sorge, aber nimm dir alle Zeit, die du brauchst”, sagte er und legte Kenma den Arm um die Schulter. So ging er mit ihm -zwar wohl unter etwas Protest von Kenma, aber einigermaßen akzeptierend - zum Ausgang, wo sich ihr Gesprächsthema umgehend änderte.
“Was ist das denn?”, fragte Kenma beim Verlassen des Krankenhauses. Es war bereits stockdunkel, aber ein lausches Sommerlüftchen zog durch Kenmas Haar und brachte Terushimas Frisur durcheinander. Vor dem Haupteingang des Krankenhauses war gerade eine Limousine zugefahren. Noch tat sich nicht viel und die beiden Assistenzärzte blieben auch erstmal neugierig stehen. Eigentlich sollten sie nicht neugierig sein, aber es kam eben nicht alle Tage vor, dass so ein Wagen vorfuhr.
Und dann wurde die Tür geöffnet und Kenma erkannte die externe Dermatologin, die da ausstieg. “Dr. Kurasaki”, murmelte er und eine weitere Frau stieg aus. Terushima erstarrte.
“Midori”
Fade
Es gibt Menschen, mit denen verstehen wir uns wortlos. Ein Blick genügt. Ein zaghaftes Zögern reicht, dass wir wissen, dass wir uns falsch verhalten. Und dann gibt es Leute, denen können wir noch so oft sagen, wie sie uns fühlen lassen, sie werden es nie verstehen. Das nennt man Chemie. Die muss zwischen zwei Menschen stimmen, dass Kommunikation funktioniert. Kommunikation kann einfach sein, an ihr kann aber auch alles scheitern. Was sind die richtigen Worte? Und genügen die richtigen Worte, wenn die Intention nicht stark genug ist? Werden wir durchschaut? Ist unser Wort wertlos oder ist eine kurze ehrliche Geste wertvoller?
Wie sprichst du dich aus? Mit Worten oder deinen Augen?
***
“Midori?”, fragte Kenma verwirrt. Sollte er wissen, wer Midori war? Er kannte keine Frau mit so einem Namen. “Wer ist sie? Kennst du sie?”, fragte er Terushima. Terushima nickte. Natürlich nickte er. Er hatte ihren Namen ja auch genannt. Er kannte die Frau.
“Sie ist die Liebe meines Lebens”, sagte Terushima und beide sahen zu, wie Midori, eine schlanke Frau, ca in Kenmas Größe, mit langen asch- fast platinblonden Haaren unter einer schwarzen Kappe, mit Dr. Kurasaki an ihnen vorbei ging. Als sie Terushima passierte, schob sich Midori die Sonnenbrille auf der Nase zurecht, auch sonst war sie gekleidet, als würde sie sich vor der Sonne schützen. Mitten in der Nacht.
Kenma sah von der Frau, die er nun eindeutig als Dr. Kurasakis XP-Patientin identifzierte, zu Terushima. Der Arm lag schon lang nicht mehr über Kenmas Schulter, da griff Kenma an Terushimas Oberarm. “Wir gehen jetzt was trinken, okay?”, sagte er, denn wenn er eines wusste, dann, dass diese Frau sicher nicht Terushimas Liebe des Lebens war. Das war Yamaguchi! Und sie mussten jetzt reden. Auch, wenn Kenma reden hasste. Gerade spürte er aber zum ersten Mal das, was wohl Kuroo und viele anderen in sich trugen. Das Wissen, wann man für einen Freund da sein musste. Und jetzt musste er für Terushima da sein.
“Nein… ich will jetzt nichts trinken”, sagte Terushima betrübt und setzte sich einfach auf den Boden. Kenma blieb neben ihm stehen. Er würde sich bestimmt nicht setzen. “Dann… lass uns über Midori reden, ja? Und über Yamaguchi”, schlug Kenma vor.
“Ich dachte… sie wäre tot…”, schluchzte Terushima plötzlich. Oh. Damit konnte Kenma noch weniger umgehen. Ihm waren selbst erst die Tränen gekommen, aber er war er. Er war Kenma und er wusste, wo es herkam: Von der Enttäuschung, die Kuroo in ihm ausgelöst hatte.
Kenma musste jetzt nicht die Frage stellen, warum Terushima dachte, dass Midori gestorben war. Es war klar. Er hatte gedacht, dass die Frau, damals wohl mehr das Mädchen, ihrer Krankheit erlegen war. Aggressiver Hautkrebs, wie es üblicherweise die Folge und Todesursache solcher Patienten war.
“Woher kennt ihr euch?”, fragte Kenma schließlich. Terushima atmete tief ein. “Sie hat bei mir in der Siedlung gelebt…”, begann er und ging sich gedankenabwesend durch das blondierte Haar. Kenma beobachtete ihn. “Ich hab sie eher zufällig getroffen. Sie durfte nur nachts raus und da auch nur in den Garten der Familie… Ich hab mich immer gewundert, warum dort so viele coole Sachen sind, aber nie Kinder zu sehen waren und dann bin ich mal von ner Party heim. Das war noch auf der Highschool und dann hab ich die Schaukel quietschen gehört und das wohl schönste Mädchen auf der ganzen Welt gesehen”, erzählte Terushima und Kenma versuchte, sich das Gesicht der Frau wieder ins Gedächtnis zu rufen, aber das war schwer. Sie hatte ja eine Kappe getragen und eine Sonnenbrille. Gut möglich, dass sie schön war. Bestimmt aber nicht so schön, wie Dr. Haiba. “Sie ist schöner als Dr. Alisa Haiba”, sagte Terushima, als hätte er Kenmas Gedanken gelesen. Kenma hob die Augenbrauen. Also musste sie ein Schwarm gewesen sein, bei dem Terushima nie eine Chance gehabt hatte - No Way, dass Terushima so jemanden für sich gewonnen hätte, schon gar nicht als vorlauter Teenie, den Kenma deutlich vor sich sah. Ach, was war er froh, dass er Terushima damals noch nicht kannte. Der Kollege war als Erwachsener schon anstrengend genug.
Und dann erzählte Terushima weiter, wie er Midori kennengelernt hat. Er berichtete vom ersten Treffen, als das Mädchen auf Terushimas Zurufen ohne ein Wort ins Haus gelaufen war. Davon, dass er es ab dann täglich versucht hatte, bis sogar ihr Vater ihn verscheucht hatte und davon, dass sie irgendwann doch ins Gespräch gekommen waren. Dass sie sich ineinander verliebt hatten und Terushima eine Kur finden wollte. Dass Terushima Midori heilen und retten wollte. Aber auch davon, dass Midori eines Tages wie vom Erdboden verschluckt verschwunden war und Terushima sie nie wieder gesehen hatte.
Terushima war ein Vollidiot, aber er war nicht dumm. Midori hatte ihm damals alles von ihrer Krankheit erzählt. Dass ihre Lebenserwartung nicht hoch wäre und dass sie in ein paar Jahren an Krebs gestorben wäre. Terushima war sich damals sicher gewesen, dass sie die Sonne erwischt hatte und dass das Unaufhaltbare passiert war. Dennoch hat er Medizin studiert. Er hatte es nur nicht übers Herz gebracht, Dermatologie als Fachrichtung zu wählen. Ein Jahr lang hatte er es sogar versucht, aber war auf die Chirurgie umgestiegen, weil - und das überraschte Kenma nach dieser Geschichte tatsächlich wenig - sein Herz es nicht ausgehalten hätte, eine Kur zu finden, wo Midori lange gestorben war. Nur dass sie lebte und Terushima sich nun Vorwürfe machte.
“Ich hätte längst mit Dr. Kurasaki arbeiten können… wir könnten Midori gemeinsam heilen”, sagte Terushima und wischte sich die Tränen weg. Da setzte sich Kenma nun doch zu ihm auf den Boden und legte ihm die Hand auf die Schulter. “Aber Dr. Kurasaki wird sich jetzt ohnehin um sie kümmern”, sagte er. Terushima neigte den Kopf zu Kenma. “Und ich? Ich hab sie quasi vergessen”, gestand er, aber Kenma schüttelte den Kopf.
“Nein… du hast sie nicht vergessen… Sonst wärst du nicht so, wie du jetzt bist”, sagte er. Terushima sah ihn verwirrt an. “Huh?”, machte er. Kenma atmete tief ein. “Ist doch klar, dass du so ein gestörtes Verhältnis zur Liebe hast, wenn dir sowas passiert ist. Weil du Midori verloren hast, dachtest du wohl, du würdest jeden verlieren. Deine Mutter ist doch auch gestorben, als du jung warst, oder? Und mit deiner restlichen Familie hast du keinen guten Draht. Ich glaube, irgendwie denkst du, du hättest keine Liebe verdient oder so… Deswegen hast du deine Beziehung mit Yamaguchi sabotiert und das versuchst du jetzt auch wieder. Als wäre Midori sowas wie eine Mahnung. Aber Teru? Ich glaube, du hast Liebe verdient und ich glaube, dass Midori gerade jetzt auftaucht, wo du und Yamaguchi heiraten wollt, das ist sowas wie eine Bestätigung, dass eigentlich alles gut ist, was meinst du?”, griff Kenma ganz tief in die Kiste des Verständnis und überraschte Terushima damit gleich noch mehr. “Ich meine, du hast dir ne ganz schöne Scheibe von Eri abgeschnitten”, sagte Terushima und lächelte sanft.
Schritte kamen näher.
“Dr. Kozume! Stehen Sie sofort auf!”, polterte eine strenge Stimme über die Köpfe der beiden hinfort. Kenma zuckte zwar zusammen, tat aber nicht wie ihm geheißen. Er drehte sich um und sagte ruhig: “Entschuldigen Sie, Dr. Sakusa, aber die Situation erfordert es gerade.” Ihre Blicke trafen sich und aus Dr. Sakusas strenger Miene wurde ein besorgter Ausdruck. “Haben Sie die Tropfen eingenommen?”, fragte er. Kenma war sofort klar, dass der Oberarzt zu vermuten hatte, dass es wegen dem Kreislauf war. “Oh… nein. Also ja schon. Danke nochmal dafür. Aber das… es ist wegen Teru”, sagte Kenma. Dr. Sakusa nickte. “Oh okay… Dann gute Nacht”, erwiderte er und ging an den beiden vorbei. Nicht aber, ohne noch ein letztes Mal zu Kenma zurückzusehen. “Stehen Sie dennoch auf. Sie werden sonst krank, auch Dr. Terushima”, sagte er und ging. Vermutlich zu seinem Auto. Kenma sah zu Terushima.
“Danke, KenKen… fahren wir heim”, sagte Terushima, stand auf und reichte Kenma die Hand, die dieser auch nahm und dann einfach weiterhin hielt, bis sie zuhause angekommen waren. Denn Terushima brauchte das.
-
Die nächsten Tage im Krankenhaus waren für Kenma Nächte und nahmen ihm die Chance, mit Iizuna zu sprechen. Er schlief tagsüber und hatte dann keine Energie mehr, sich mit dieser Situation zu beschäftigen. Er ließ Iizuna wieder warten. In der Zwischenzeit war es der hübsche Pianist - wenn jetzt auch nur mehr Hobbypianist - ja auch irgendwie gewohnt.
Und die Nächte waren gefüllt mit Unfällen. Einer dieser Unfälle hatte Kenma in den frühen Morgenstunden in einen Operationssaal mit Dr. Sawamura gebracht. Messerstecherei. Nicht die erste der letzten Tage.
“Ich verstehe nicht, was da draußen los ist. Was ist los mit unserem Polizeisystem, dass wir sowas ununterbrochen reinkriegen?”, warf der Oberarzt eine Frage, die mehr ein Vorwurf sein sollte, in den Raum. Kenma schwieg. Er hielt den Elektrokauter und koagulierte, wo Dr. Sawamura es ihm anwies.
“Vielleicht solltest du dich diesbezüglich mit dem Polizeidirektor bereden”, schlug Dr. Semi vor und erhob sich von seinem Stuhl auf der Seite der Anästhesie.
Dr. Sawamura gab ein unbegeistertes Brummen von sich. “Und was soll ich dem sagen? Dass ich besorgt bin?”, fragte er. Dr. Semi zuckte mit den Schultern. “Zum Beispiel. Und vielleicht hast du ja nen Vorschlag für ihn, wie er seine Leute besser einsetzen kann”, vermutete Dr. Semi.
“Ich glaube, es liegt an der Menge. Ein Kumpel meines Bruders klagt immer wieder über die knappe Besetzung”, warf Anästhesieschwester Sudou ein. “Na dann ist das Problem ja schnell gelöst. Join the Force, Daichi”, hatte Dr. Semi die Lösung. Kenma verdrehte die Augen. Neben ihm stand Kunimi und drehte die Augen in die andere Richtung. Als ob der Oberarzt zur Polizei wechseln würde. “Stellst du dir das nicht etwas gar einfach vor, Eita?”, fragte Dr. Sawamura. “Nein, je mehr Polizisten wir haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir solche Einsätze, wie diesen hier, nicht haben. Du würdest einen Teil deines Jobs also vorab schon abfangen können”, sagte der Anästhesist. Dr. Sawamura schnaubte. “Willst du mich loswerden?”, fragte er. Dr. Semi lachte und setzte sich wieder. “Niemals, ich hab zu viel Spaß mit dir”, sagte er und das Gespräch verlor sich irgendwie.
Kenma kannte Dr. Semi als unerbittlichen Flirt, nicht ganz so unverschämt wie Dr. Konoha, aber ähnlich wie bei Dr. Konoha, waren Dr. Semis Flirts in letzter Zeit anders. Kenma war ein guter Beobachter. Bisher sah er immer so ein angriffslustiges Funkeln in den Augen des Anästhesisten, wenn er flirtete, aber das war irgendwie verflogen. Sein sonst so schneidiges Grinsen glich mehr einem frechen Grinsen, wie es Jungs aufsetzten, die sich gegenseitig aufzogen. So war es nun auch mit Dr. Sawamura. Dr. Semi zog ihn ehrlich auf. Nicht, dass Dr. Sawamura es verstanden hätte, wenn Dr. Semi mit ihm geflirtet hätte, da schien dieser Oberarzt eine ganz eigene Immunität aufgebaut zu haben. Was Kenma noch aufgefallen war, war dass Shirabu letztens beim Händewaschen gesummt hatte. Shirabu hatte noch nie gesummt! Und Dr. Futakuchi aus Kuroos Jahrgang war irgendwie aufbrausender als sonst. Terushima hätte ihm bestimmt die Details erläutern können, wäre dieser nicht mit seinem eigenen Problem beschäftigt.
“Sie lassen mich keine Nachtschichten machen…”, murrte Terushima beim nächsten Wechsel, wo diesmal Kenma direkt mit ihm abtauschte. “Ich glaube, es ist gut, so wie es ist”, sagte Kenma. Denn nicht nur Terushima hatte in letzter Zeit keine Nachtschichten, auch Kuroo, und das bedeutete, dass Kenma dem Gespräch mit seinem eigentlich besten Freund ausweichen konnte. Apropos Gesprächen ausweichen.
“Hast du mit Yamaguchi gesprochen?”, fragte Kenma. Terushima nickte, aber er sah alles andere als glücklich aus. “Er hat die Verlobung erstmal aufgelöst, bis ich mir im Klaren bin und weiß, was ich will”, sagte Terushima. Kenma seufzte. “Dann sollten wir vielleicht die nächste Schicht tauschen… du machst Nacht, ich Tag und dann kannst du mit Midori sprechen… vielleicht… brauchst du das und ich kann mit Kuroo reden”, sagte Kenma. Er wollte eigentlich nicht mit Kuroo reden. Aber er wusste auch, dass er ihm nicht ewig ausweichen konnte. Das war auch während ihrer Schulzeit einmal schief gegangen. Damals, als er das erste Mal bemerkt hatte, dass er mehr für Kuroo übrig gehabt hatte, als einfach nur Freundschaft. Er war ihm so lange ausgewichen, bis Kuroo mitten in der Nacht ins Haus der Kozume eingebrochen war und Kenma zur Rede stellte. Blöd war damals nur, dass Kenmas Vater den Einbruch bemerkt und die Polizei gerufen hatte.
Und bevor diesmal vielleicht Kuroo zur Polizei ging und Kenma wegen unterlassener Hilfeleistung - denn das würde er meinen, wäre das Ausweichen - anzeigen würde, musste Kenma reden. Kuroo war in solchen Belangen unberechenbar.
Terushima nahm das Angebot an, die beiden tauschten Schichten und dann stand Kenma gedankenverloren in der Küche der WG. Er hatte keinen Hunger und ein Glas mit Wasser stand eigentlich in seinem Zimmer. Es bestand also kein Grund, warum er in der Küche war. Außer, dass er jeden Moment damit rechnete, dass Kuroo heim kam. Kuroo, dem er am liebsten jedes Geschirrstück aus der Küche um die Ohren schmeißen wollte. Oh. Genau. Deswegen war er in der Küche. Er hatte große Lust, etwas zu zerdeppern. Seit Tagen schon.
“Oi! KenKen! Dich sieht man ja gar nicht mehr. Mensch, bist du groß geworden”, scherzte Kuroo als er rein kam. Er ging gerade noch ein paar Schritte zurück, um sich die Schuhe auszuziehen. Zur Küche war er wohl nur gegangen, um sich zu vergewissern, dass Kenma wirklich daheim war. Kenma war daheim, aber er schwieg.
“Ne ernsthaft, wie lange haben wir uns schon nicht gesehen? Ist ja jetzt fast ne Woche. Mensch… und wir wohnen zusammen”, sagte Kuroo und kam dann ohne Schuhe in die Küche. Er ging zum Wasserhahn, drehte auf und streckte die Hand zu Kenma. “Kannst du mir bitte n Glas geben?”, fragte er. “Bezahl doch wen dafür”, murrte Kenma, öffnete aber den Schrank mit den Gläsern und nahm eines für Kuroo heraus. Nur, dass er es ihm nicht in die Hand gab, er ließ es kurz davor fallen. “Oh, entschuldige, dass ich dir was kaputt gemacht habe”, sagte er und ging einfach ins Wohnzimmer. Ja, er wollte Dinge zerschlagen und zerbersten sehen. Kuroo blieb verdattert in der Küche stehen. “Yo… Kenma! Was sollte das? So wild war es im Krankenhaus heute doch gar nicht”, meinte Kuroo und schlürfte aus der Küche ins Vorzimmer, um Besen und Schaufel zu holen. Er machte die Scherben weg und nahm sich selbst ein Glas, das er mit Wasser füllte. Damit ging er ins Wohnzimmer und setzte sich neben Kenma.
“Kenma? Was ist los?”, fragte er wiederholt. “Warum? Läuft denn etwas nicht so, wie du es dir erwartet hast?”, konterte Kenma mit einem provokanten Unterton in der Stimme. Kuroo richtete sich auf. “Ich glaub, um ein Glas anzunehmen, muss ich mir nicht besonders große Erwartungen”, erwiderte er. Kenma schnaubte. “Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?”, fragte Kuroo. Kenmas Augen funkelten. “Weiß nicht, welche hast du denn dafür bezahlt?”, fragte er angriffslustig. Kuroo schnappte nach Luft, knurrte dann und verschränkte die Arme vor der Brust. “Er hat mich also verpetzt?”, fragte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, er hat sich partout gewehrt, deinen Namen zu bestätigen. Aber ich kenn dich, Kuroo”, sagte Kenma und sprach Kuroos Nachnamen das erste Mal so aus, wie er auch geschrieben wurde. Kein Kuro, kein Spitzname. Kuroo schwieg.
“Ich frag mich nur, warum du das gemacht hast… und warum du es mir nicht gesagt hast, nachdem ich mit ihm ausgegangen bin”, sprach Kenma aus, was ihn tatsächlich am meisten beschäftigt hatte. Verrat schön und gut, aber selbst so ein durchtriebener Kater wie Kuroo brauchte einen Grund.
“Das ist nicht so einfach zu erklären”, sagte Kuroo. Kenma zuckte mit den Schultern. “Dann erklär’s mir halt kompliziert”, gab er trocken von sich. Kuroo besah er nur von der Seite, dann schaute er wieder auf den abgedrehten Fernseher. Kuroo seufzte.
“Es war wegen Suga… Er hat mir die Nähe zu dir vorgeworfen”, begann Kuroo. “Dann hättest du ihm gesagt, dass wir nicht aneinander interessiert sind”, warf Kenma ein. Kuroo schüttelte den Kopf. “Das ging nicht”, sagte Kuroo. Kenma drehte den Kopf zu ihm. “Warum nicht?” - “Weil es gelogen gewesen wäre”, antwortete Kuroo. Kenma schnaubte. “Was zwischen uns war… oder nicht war, war vor Dr. Sugawara. Das war erledigt”, erklärte Kenma. Kuroo nickte etwas verhalten. “Für dich vielleicht”, murmelte er. Da stockte Kenma. “Wie meinst du das?” - “So, dass es für mich eben nicht erledigt war, okay?” Nun stand Kuroo auf und ging hinter die Couch. Dort ging er nervös auf und ab. “Aber… du wolltest was von Dr. Sugawara”, sagte Kenma und verfolgte Kuroos Gang irritiert. “Ja… ja schon… aber Kenma… ich war… ich bin über das mit uns noch immer nicht so ganz hinweg”, sagte Kuroo. Kenma schluckte. “Warum? Es war doch nichts. Wir… wir haben uns doch noch nicht mal geküsst”, hob Kenma hervor. Kuroo blieb stehen und ging sich durch die Frisur. “Glaub mir, das ist mir sehr bewusst”, sagte er angespannt. “Kuro? Was willst du mir damit sagen?”, fragte Kenma. Kuroo strich sich mit der Hand vom Haar übers Gesicht. “Ich weiß es nicht… Ich weiß auch nicht, was ich mit Iizuna geplant hatte. Erst wollte ich nur Suga zeigen, dass du wen haben kannst und dass du keine Gefahr bist, aber dann wurde ich eifersüchtig. Eifersüchtiger als auf Dr. Sawamura…”, erklärte Kuroo. Kenma senkte den Kopf. “Was erwartest du dir jetzt?”, fragte Kenma. Kuroo lachte verzweifelt auf. “Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das mit uns nicht funktioniert”, sagte er nüchtern. Kenma nickte. “Wenn du das weißt, warum bist du dann nicht drüber hinweg?”, fragte Kenma. Da schnaubte Kuroo. “Als ob das so einfach wäre… Es ist ja auch nicht so, als ob ich dich lieben würde, aber… es ist auch nicht nicht so”, würfelte Kuroo Worte zusammen, die für Kenma nur verwirrend waren. “Das ergibt keinen Sinn. Entweder liebt man jemanden oder nicht, also… was ist es?”, fragte Kenma. Kuroo atmete tief ein. Und genauso fest wieder aus und nochmal ein.
“Ich liebe dich”
Stille.
Kenma wagte es nicht, etwas zu sagen. Er rührte sich auch kaum. Seinen Körper überkam das Gefühl von Übelkeit, aber nicht das, was er bei Iizuna stets zu beschreiben versuchte. Diese Übelkeit brachte ihn wirklich dem Brechen nahe. Ihm war schlecht. Richtig schlecht. Er hielt sich auch die Hand vor den Mund, aber beherrschte sich. Er atmete langsam, aber intensiv.
“Und deswegen sabotierst du mein Leben und spielst damit”, fragte er und drehte sich wieder zu seinem besten Freund um. Ihre Blicke trafen sich. Kuroo sah schrecklich aus. Verzweifelt. Unsicher. So, wie er sonst nie war. “Das wollte ich nie… Ich wollte… mich selbst überzeugen… Aber alles, was ich geschafft habe, ist, mich mehr denn je davon zu überzeugen, dass ich hoffnungslos bin und dass es nie funktionieren würde, weil ich gesehen habe, wie glücklich du mit Iizuna bist und wie ernst es mit euch wird. Ich hab immer versucht, dir ein guter Freund zu sein, aber… ich hab’s echt verschissen”, sagte Kuroo. Kenma nickte. “Das hast du… außerdem bist du kein guter Freund, Kuro… du bist mein bester Freund, aber wir müssen das zwischen uns aus dem Weg bekommen, sonst sabotieren wir uns gegenseitig”, sagte Kenma, denn er wollte, dass Kuroo glücklich mit Dr. Sugawara wurde. Die beiden passten ja eigentlich gut zusammen, wäre diese ganze Scheiße drum herum nicht…
“Und wie willst du das anstellen?”, fragte Kuroo ungläubig, dass man sowas einfach angehen und bearbeiten konnte. Kenma positionierte sich auf der Couch um, dass er mit den Knien in den Kissen stand und über die Lehne zu Kuroo sah. Er nahm seine Hand und zog ihn zu sich.
“Küss mich”, sagte er. “Küss mich und ich bin mir sicher, du wirst spüren, dass wir nicht zusammen gehören", weitete er es aus und Kuroos Augen wurden größer. Er starrte Kenma an. “Und… Iizuna?”, fragte Kuroo. “Er wird es verstehen”, sagte Kenma und Kuroo küsste ihn. Kenma schloss die Augen, weil man das beim Küssen so machte. Aber er schloss sie auch, weil Kuroos Lippen weich waren und er Kuroos Aftershave riechen konnte und es ihn dazu zwang. Kuroo küsste anders als Iizuna. Er küsste von Anfang an mit Leidenschaft und Kenma spürte, dass er dem Rhythmus nicht nachkam. Auch Kuroo schien das zu spüren und legte ihm die Hand in den Nacken, den Daumen rückte er nach vorne und versuchte Kenmas Kopf zu bewegen. Kenma wurde dadurch zögerlich und alles, was auch nur annähernd eine Verbindung zwischen ihnen hätte aufbauen können, war für ihn dahin. Sie lösten sich nach einem Kuss, den Kenma nicht schön fand. Sogar der Kuss mit Terushima war besser. Aber das sagte er Kuroo nicht, weil er wusste, dass er ihn so nur beleidigen würde.
“Ich liebe dich, Kenma…” - “Und ich liebe Tsukasa”
Kuroo lächelte. “Das ist auch besser so. Denn… naja, es stimmt schon. Das zwischen uns… das würde nie funktionieren”, sagte Kuroo, nahm Kenma in den Arm und küsste seinen Kopf. “Danke… jetzt kann ich drüber hinwegkommen”, sagte er und löste sich von Kenma. “Es tut mir leid, dass ich so gehandelt habe”, sagte er noch. Kenma nickte. “Schon gut… du wusstest nicht, wie du es sonst machen sollst. Du bist wohl manchmal etwas begriffsstutziger als Teru”, sagte Kenma. “Hey!”, empörte sich Kuroo. Kenma besah ihn mit einem ernsten Blick. Kuroo seufzte. “Okay… hast recht… “, gestand er Kenma zu und ging ins Badezimmer.
Kurz darauf war auch Kenma im Bad gewesen und lag in seinem Bett. Mit dem Gesicht nach oben an die Decke starrend. Als nächstes musste er mit Iizuna sprechen und er musste ihm auch von diesem Kuss erzählen, denn er wollte keine Geheimnisse vor ihm haben.
-
Der nächste Morgen begrüßte Kenma mit gewaltigen Regenschauern, die sich auch über den ganzen Tag nicht verziehen wollten. Schlagabtauschend war die Notfallambulanz voll mit Sturzopfern und auf der Unfallchirurgie wurde der ein oder andere Knochenbruch, der nicht konservativ mit Gips versorgt werden konnte, akut im OP behandelt. Aber auch die anderen Fachdisziplinen hatten mehr als genug zu tun. Hernien, Discen, Sectios, Caroten, Brustvergrößerungen, endoskopische Eingriffe und Bypässe am Herzen.
Kenma wurde an diesem Tag durch den gesamten Zentral-OP gereicht. Er war überall dabei und hatte sogar ein paar lehrreiche Stunden bei Dr. Suna, mit dem er überraschend gut auskam.
Dr. Suna gab deutliche Anweisungen und Kenma führte sie exakt so aus. Er fragte nicht nach, er verstand einfach. Außerdem waren seine Hände ruhig und er hatte das nötige Feingefühl für die fragilen Materialien und dünnen Instrumente.
“Gut, Dr. Kozume”, sagte Dr. Suna und zeigte den Verlauf der Herzkranzgefäße. Natürlich hatte Kenma das schon mal gesehen. Im Lehrbuch, in Videos, sogar von weiter weg bei einer Bypassoperation, aber gerade war er so nah dran wie noch nie und bekam durch Dr. Sunas Erklärung ein besseres Gefühl für das menschliche Herz. Wer hätte das gedacht? Und diesmal stand Dr. Futamata hinter Kenma. Einer der neuen Assistenzärzte. Seit Kenma wieder voll einsetzbar war, merkte er auch den Unterschied zwischen dem ersten Jahr und dem zweiten. Die im zweite durften viel mehr. Die im ersten waren wie Statisten. Oh, was hatten sie sich damals eingebildet, das möglich sein könnte. Glück hatten sie manchmal. Aber oft war es ja nicht vorgekommen, dass ihnen große Verantwortung zu Teil wurde.
Im Herz-OP bekam Kenma auch nichts vom aktuellen Wetter mit.
Auch später nicht, als er Dr. Sakusa bei einem Discus half. Erst wieder, als Dr. Ushijima einen komplexen Oberschenkelbruch auflegen ließ - Goshiki war umgekippt, schwacher Erstjahr… - wurde ihm bewusst, dass es immer noch wie aus Eimern schüttete. Da hatte er gar keine Lust, später auf den Bus zu warten und noch weniger, mit dem Bus heim zu fahren. Er hasste es, bei Regenwetter im Bus zu sein, weil alles nach nassem Hund roch und im Sommer müffelte. Denn irgendwo war immer mal ein Hund eingestiegen. Oder ein Mensch, der mit einem Hund lebte. Oder einfach ein alter Mann, der selbst schon etwas - wie sagte man? - hundelte.
Kenma blieb nach seiner Schicht aber nichts anderes übrig. Am Weg nach draußen lief er Kuroo über den Weg, der sich bei ihm entschuldigte und ihm damit sagte, dass er bestimmt erst in den Morgenstunden heim kommen würde, denn er wollte mit Terushima noch einen trinken gehen. Gut, wie Kenma empfand. Kuroo war für Terushima der bessere Drinking Buddy und Kuroo würde es bestimmt auch gut tun. Er hoffte nur, dass es beiden danach gut ging.
Die Busfahrt verlief ereignisarm. In seiner unmittelbaren Nähe saß Runa Kuribayashi, auch aus dem ersten Jahr. Sie wohnte wohl in Kenmas Richtung. Doch sie wahrte respektvollen Abstand. Und natürlich roch es nicht angenehm, aber Kenma war in Gedanken sowieso bei Iizuna. Ob er ihm endlich schreiben sollte, dass sie sich treffen und ausreden konnten? Die Antwort war ‘ja’, doch er entschied sich dazu, die Nachricht erst Zuhause zu schreiben. Er wollte nicht, dass ihm hier im Bus jemand über die Schulter spähte und ihn ausspionierte. Das war für ihn immer unangenehm. Wenn er ein Handygame spielte, war das egal, aber dafür hatte er jetzt den notwendigen Fokus nicht. Der lag auf Iizuna.
Auf Iizuna, der just vor dem Wohnblock der WG stand und umgehend mit der Tür ins Haus fiel. “Es tut mir leid. Ich hätte warten sollen. Sollte dir die Zeit geben, die du brauchst… und ich hab gar kein Recht darauf, ein Gespräch einzufordern… aber… Kenma… ich werde wahnsinnig…”
Kenma blieb vor Iizuna stehen. Natürlich wollte er mit ihm reden. Er wollte ihm ja auch gleich jeden Moment schreiben und er hätte damit rechnen müssen, dass Iizuna danach sofort zu ihm eilen würde. Also war das, was hier nun geschah, eigentlich nur das, was sonst in einer halben Stunde passieren würde. Dennoch. Kenma hätte sich eine halbe Stunde darauf vorbereiten können.
Ihm klappte der Mund auf.
“Das war so dumm… bitte verzeih… Ich geh wieder”, sagte Iizuna und setzte zum Gehen an. Doch Kenma stellte sich ihm in den Weg. “Warte… ich bin bereit, zu reden”, sagte er. Nun musste er noch eine Entscheidung treffen. Er wollte nicht, dass Iizuna gleich mit ihm in die Wohnung ging. Dafür wollte er sich erst mit ihm ausgesprochen haben. Er wollte nicht, dass ein möglicher Streit in der Wohnung stand.
“Lass uns da hin gehen”, sagte Kenma und deutete auf ein kleines Café. Nicht besonders schick oder aussagekräftig, aber trocken. Denn es regnete immer noch. “Natürlich! Danke”, sagte Iizuna sofort und bot Kenma auch sogleich seine Regenjacke an, die dieser aber ablehnte. Sie waren ja gleich da.
Und dann sprachen sie.
“Also… Du bist ein Callboy?”, fragte Kenma ruhig. Iizuna seufzte. “Nicht ganz… Im Grunde geht es bei uns Escorts um die Begleitung, aber… Sex ist dabei nicht unüblich”, erklärte er, sah sich aber immer wieder um. Es war ihm merklich unangenehm. Auch Kenma war es unangenehm. Deswegen senkte er die Lautstärke noch etwas mehr als sonst. “Mit wie vielen Menschen hattest du Sex?”, fragte er. Iizuna rutschte etwas näher und griff nach Kenmas Hand, aber Kenma zog sie weg. “Wie viele!”, fragte er etwas lauter. Iizuna senkte den Blick. “Die tun nichts zur Sache”, sagte er. Kenma sah ihm nun tief in die Augen. “Sie tun für mich was zur Sache. Ich will wissen, mit wie vielen Menschen ich konkurriere. Weil, Tsukasa… ich liebe dich”, sagte Kenma ernst. Sein Puls stieg. Die Situation war nicht angenehm. Es tat ihm weh, so eine Frage zu stellen und er fürchtete sich vor der Zahl.
“Zumindest… wie viele, seit wir uns kennen”, flüsterte Kenma. “Kein einziger”, antwortete Iizuna sofort und Kenma zog japsend Luft ein. Das freute ihn gerade ungemein.
“Davor mehrere Dutzend… aber niemand von ihnen hat mir je was bedeutet”, versprach Iizuna. “Als du mir damals, als wir das erste Mal aus waren, gesagt hast, dass wir vielleicht nie miteinander schlafen werden, da war ich erleichtert, denn… weißt du… wenn man so lebt wie ich es getan hab, dann ist da nichts besonders Inniges mehr. Deswegen… will ich gar nicht, dass du mit mir schlafen willst”, sagte Iizuna und Kenma spürte, wie seine Schultern leichter wurden. Ins Gesicht konnte er Iizuna aber gerade noch nicht sehen. “Und… Europa? Was war in Europa?”, fragte er. “Das war mein letzter Job für Ryosei… nur… Sex war vom Tisch. Ich war ein letztes Mal sein Fake-Partner. Wir mussten das irgendwie bei seinen Geschäftspartnern glaubhaft machen, weil… naja… ich hab meinen Job leider gut gemacht und wir waren sehr glaubwürdig, aber unsere Trennung war genauso glaubwürdig. Kenma, ich hab das alles für dich aufgegeben. Ich brauch das nicht mehr. Das viele Reisen, die teuren Geschenke… die Aufmerksamkeit… ich brauch und will nur noch deine Aufmerksamkeit und deine Zuneigung, Kenma. Ich liebe dich… Ich liebe dich von ganzem Herzen”, sagte Iizuna und Kenma glaubte ihm. Jedes Wort. Dennoch war es gerade noch etwas schwer zu verdauen. Und Iizuna war aufmerksam. Kenma auch, er spürte, dass sich Iizuna zurückhielt. Dass er so viel mehr sagen und sich noch mehr entschuldigen wollte, aber Kenma konnte das gerade nicht hören.
“Kuro trinkt, wenn er überfordert ist”, erklärte Kenma und bestellte für sie beide Reisschnaps. Iizuna schwieg. Die Information, die an ihn herangetragen wurde, war deutlich: Kenma war überfordert.
Kenma starrte aber auch uneins auf seine Tasse Kaffee.
“Ich sollte nicht, wenn ich noch fahre und das bei dem Wetter”, wollte Iizuna den Schnaps ablehnen. “Bleibst du nicht bei mir?”, fragte Kenma und hob den Blick. Iizuna sah ihn perplex an. “Du… du willst, dass ich bei dir bleibe?”, fragte er. Dann lösten sich plötzlich Tränen aus Kenmas Augen. “Willst du denn, dass ich dich wieder wegschicke?”, fragte er. Iizuna schüttelte den Kopf. “Nein! Nein! Ich will bei dir bleiben. Aber… ich verstehe, wenn dich das alles durcheinander bringt und wütend auf mich macht und… ich würde auch verstehen, wenn du mich nie mehr wieder sehen wollen würdest”, sagte er. Kenma seufzte. “Ich bin durcheinander… und wütend… aber nicht auf dich… irgendwie. Ich bin wütend auf Kuro gewesen, aber wir haben das geklärt. Er hat es aus Verzweiflung gemacht… er hatte noch Gefühle für mich und wir haben uns gestern deswegen geküsst”, gestand Kenma und sah in Iizunas überraschtes Gesicht. “Du hast… Kuroo gestern geküsst?”, fragte er. “Naja… eigentlich er mich, aber ich hab es ihm angeboten. Weil ich wusste, dass ich nichts mehr für ihn fühle und ich wusste, dass er das merken wird und… genau so war es. Der Kuss hat nichts mit mir gemacht. Es hat mir nichts bedeutet”, erklärte Kenma. Iizuna schloss erstmal die Augen und versuchte Wut oder Impulsivität weg zu atmen. “Okay… okay… ich glaube, das ist gut… es ist fair und es ist gut und… ich bin so froh, dass es dir nichts bedeutet hat… Weil… um ehrlich zu sein. Ich hatte etwas Angst vor Kuroo-san”, sagte Iizuna und zwang sich ein Lächeln auf. Auch Kenma lächelte. “Du musst vor Kuro keine Angst haben”, versprach er und griff nach Iizunas Hand. Dann kamen die Schnäpse.
“Nur eines noch… Warum hast du es verheimlicht?”, fragte Kenma.
"Weil es mir peinlich war… immer noch ist. Das ist kein besonders ehrenwerter Job und ist nunmal damit verbunden, dass ich im Grunde meinen Körper verkauft habe”, fasste Iizuna es mit den schlimmsten Worten zusammen. Es tat weh. Ab wer war Kenma, dass er jemanden wegen der Art und Weise Geld zu verdienen verurteilte, wenn es nicht illegal war?
“Ich bin froh, dass du nicht zur Yakuza gehörst”, sagte er leise. Iizuna lachte kurz verlegen auf“Sorry… tatsächlich bin ich jetzt arbeitslos und weiß nicht recht, was ich machen soll”, sagte er. Kenma überlegte für einen Moment. “Ich würde einen ehrlichen und normalen Job in Erwägung ziehen”, sagte er und lachte dann auch. Irgendwie konnte er Iizuna nicht böse sein. Er hatte ihn nie betrogen. Ja, er hatte eine wilde Vergangenheit und hat sie aus Scham für sich behalten. Nun verstand Kenma auch, wie sehr Akaashi von Konohas Vergangenheit verletzt war, aber soviel es wert war, hatte sich Konoha dazu entschieden und es aus Spaß gemacht. Für Iizuna war es nur ein Job. Keine Gefühle. Und er, Kenma, war kein Job. Das waren echte Gefühle. Sind echte Gefühle.
Die beiden sahen einander an. Lächelten und dann tranken sie den Reisschnaps.
“Puh” - “Woah” Beide verzogen das Gesicht. Kenma schüttelte sogar den Kopf. Das war grauenhaft.
“Willst du was essen?”, fragte Iizuna. “Nein… danke… und ich will auch keinen Schnaps mehr”, sagte Kenma. Iizuna nickte. “Ja… geht mir auch so… Wie wär's, wenn wir reden? Über Vergangenheit und so? Wie war deine Kindheit? Mit… Kuroo?”, fragte Iizuna. Kenma lächelte und begann gerne zu erzählen. Er sprach davon, wie Kuroo mit seinem Vater damals nebenan eingezogen war und wie sie sich langsam angefreundet hatten. Dass Kuroo immer derjenige mit den Ideen war und dass er Kenma aus dem Haus locken konnte. Er sprach über die harmlosen Doktorspiele und Iizuna lächelte beim Lauschen. Kenma berichtete aber auch von der Uni und seinen Freunden Nagi und Mikage. Davon, dass er nie eine feste Freundin oder einen festen Freund hatte und dass Kuroo manchmal versucht hatte, ihn diesbezüglich rauszubringen und ihm was aufzuschwatzen. So verstand er auch ein bisschen die Intention hinter der ganzen Aktion mit Iizuna, selbst, wenn es weh tat und Kenma enttäuschte.
“Ich wäre nie auf seinen Deal eingegangen, wenn ich dich vorher gekannt hätte und ich wäre dir dennoch verfallen”, erklärte Iizuna und Kenma glaubte ihm. Es war… okay, wie es war. Es war schmerzlich, es nicht direkt gewusst zu haben, aber was brachte es, sauer zu sein, wenn doch alles zu dem geführt hat, was sie nun hatten? So ließ sich auch Kenma von Iizunas Vergangenheit erzählen. Davon, dass er immer schon das Klavierspielen liebte und wirklich gerne Konzertpianist geworden wäre, dass seine Familie aber nicht reich war und mehr aus armen Verhältnissen kam, was ihn den Deal mit seiner Freundin so einfach hat eingehen lassen. Iizuna erzählte von den Reisen, die er mit Klienten unternommen hatte und hob nur die Dinge hervor, die er dort alleine erlebt hatte, weil er diese Zeit doch am meisten genossen hatte. Er gestand ihnen allen zu, dass sie schöne Ausflüge und Dates mit Iizuna unternommen hatten und dass Iizuna aus ihnen allen gelernt hatte, vor allem, was er selbst als schön empfand. Er sagte Kenma, dass er kein einziges Date mit ihm wiederholt hatte, und dass er nur das gemacht hatte, was er sich gewünscht hätte. Mit keinem von ihnen war er beim kleinen Italiener, wo er das erste Mal Klavier gespielt hatte und wo er auch sein erstes Date mit Kenma hatte. Als er einmal mit einer Frau spazieren war, haben sie Kinder beim Drachensteigen beobachtet. Iizuna hätte es so gerne selbst gemacht, aber sie fand es kindisch. Auch Verabredungen danach hatten es abgeschlagen und so hatte es ihm wahnsinnig viel bedeutet, dass Kenma darauf eingegangen war. Iizuna hatte es mit ihm riskiert und es hatte geklappt.
“Ich mochte das Drachensteigen sehr”, sagte Kenma. Er hielt Iizunas Hand weiterhin und stützte den Kopf an der freien Hand. Kenma erfuhr, dass Iizunas Großmutter eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt hatte und dass ihr Tod sehr einschneidend für ihn war. Iizuna hatte zwei Schwestern, eine jüngere und eine ältere. Die jüngere arbeitete in der Tierhandlung und war vernarrt in alles, was mit Tieren zu tun hatte und die ältere arbeitete bei einer Versicherung. Ein langweiliger Job, wie Iizuna fand, aber er brachte Routine, ein geregeltes Einkommen und hatte eine gute Work-Life-Balance.
“Die hab’ ich nicht”, sagte Kenma. Iizuna nickte. “Ich weiß… aber… wir schaffen das doch, oder?”, fragte er. Kenma nickte auch. “Wenn du mir nicht wieder irgendwas vorlügst…”, erwiderte Kenma ernst. "Das war hart… aber fair”, gestand Iizuna. “Ich werde dich nie wieder anlügen”, sagte er. “Und Ryosei… hat er dir mehr bedeutet?”, fragte Kenma. “Ich hab mich gewissermaßen an ihn gewöhnt. Er war ein langjähriger Klient. Der, den ich am längsten hatte”, erklärte er. Kenma nickte wieder. “Und was wirst du jetzt arbeiten?”, fragte er. Daraufhin ließ Iizuna den Kopf in den Nacken sinken. “Das ist eine gute Frage… ich hab nichts so richtig gelernt. Vielleicht find ich was, wo ich flexible Arbeitszeiten habe. Dass wir unsere freie Zeit gemeinsam nutzen können”, sagte Iizuna und sah zu Kenma. Kenma sah zu ihm hinüber. “Das klingt schön”, sagte er.
“Und Kuroo? Was ist mit Kuroo-san und seiner Veganerin?”, fragte Iizuna. Kenma lachte, weil das irgendwie ein Synonym für Dr. Sugawara wurde. “Die dated parallel noch Dr. Sawamura aber wenn Kuro Glück hat, geht der zur Polizei”, kicherte Kenma und erklärte Iizuna auch diesen Aspekt. Dass der Oberarzt mit der Polizeiarbeit unzufrieden war, oder zumindest mit dem System und dass Dr. Semi ihm empfohlen hatte, bei der Polizei anzuheuern.
“Das wäre verrückt” - “Sicher nicht das Verrückteste”, meinte Kenma und beide lachten. “Terushima und Yamaguchi waren verlobt und sinds grad nicht… Pause oder so, wegen Midori”, erklärte Kenma dann auch, was den zweiten Mitbewohner anging. “Du hast recht, Oberarzt bei der Polizei wäre nicht das Verrückteste… wer ist Midori?”, fragte Iizuna und Kenma erklärte auch das.
Irgendwann beglich Kenma die Rechnung und dann ging er mit Iizuna wieder nach draußen. Es regnete immer noch. Kenma wollte schnell über die Straße laufen und in die Wohnung gehen, doch Iizuna hielt ihn am Handgelenk auf.
“Kenma… ich liebe dich”, sagte er und Kenma ließ sich zu ihm heranziehen. Selbst im kühlen Regen, fühlte sich Kenma ausgesprochen wohl und auch gewärmt, weil er bei Iizuna war. Er lächelte ihn an und sagte: “Mein Herz gehört mit jeder Faser dir und dir allein, Tsukasa”
Dann schloss er die Augen, spürte den Regen auf seinem Gesicht und kurz darauf Iizunas Lippen auf seinen Lippen und vor allem spürte er, wie es funktionierte.
Fehler auf Chromosom 4
Ein Fehler ist nicht immer das Ende. Er ist ein Rückschlag, ein Umweg, eine Lehre. Eine Kerbe im Holz kann Charakter geben. Missverständnisse können ganz neue Interpretationen aufdecken. Eine verhunzte Metapher kann wahrer als die eigentliche Absicht, sich auszudrücken, sein.
Wir lernen das Gehen nur, weil wir das Gleichgewicht verlieren, und wir finden neue Wege, weil wir uns verlaufen haben.
Auch im tiefsten Inneren unserer Zellen, in den Strängen unserer DNA, herrscht die produktive Unvollkommenheit. Wie vergessene Satzzeichen, Wortwiederholungen oder Vertipper geht auch in der DNA mal was verloren oder wird an einer Stelle gedoppelt, wo es nicht sein soll und wenn der Output lesbar ist, dann ist er gültig. Und entsteht so ein Fehler im Übermaß, dann entstehen Krankheiten, so entsteht Krebs, so geht Perfektion verloren, die wir nie zu sein vermochten.
Was, wenn der Fehler kein Buchstabendreher mehr ist, den man korrigieren kann? Was, wenn der Code stottert? Was, wenn dieses Stottern zu einem Echo wird, das über Generationen weitergegeben wird?
***
Im Krankenhaus war irgendwie der Wurm drinnen. Auch in der WG, aber das lag an Dingen, die mit dem Krankenhaus verbunden waren. Terushima und Kuroo waren besonders leidig, nicht nur wegen ihrem Kater, der sich an ihre kürzlich regelmäßigen Barabende haftete.
Dr. Suna war freundlicher als sonst. Selbst Akaashi hatte das erwähnt. “Ich glaube, er und Dr. Sakusa haben sich wieder angenähert”, vermutete Kenma. Akaashi nickte darauf. “Das Gerichtsverfahren ist auch abgeschlossen. Das macht ihn bestimmt… entspannter”, sagte er und Kenma empfand das als sehr naheliegend. Dr. Sakusa hingegen wirkte instabil. Er stand immer wieder nach OP-Schluss in der Galerie des Saales, in dem Atsumu damals gestorben war. Das bemerkte Kenma auch, als er nach einer weiteren eigentlich ganz normalen unnormalen Tagschicht an besagtem Operationssaal vorbeiging. Er blieb stehen und trat an seinen Mentor heran.
“Es ist so friedlich hier”, sagte Dr. Sakusa noch bevor Kenma ihn ansprechen konnte. Er hätte auch gar nicht recht gewusst, was er sagen sollte. “Weil niemand hier ist”, erwiderte er. Dr. Sakusa wandte sich zu ihm um. “Manchmal, wenn ich hier bin, spür ich Atsumus Anwesenheit. Wissen Sie, Dr. Kozume, ich glaube nicht an solchen Hokuspokus, aber in letzter Zeit… da beruhigt es mich irgendwie”, sagte der Oberarzt. Kenma zuckte mit den Schultern. Er glaubte auch nicht an solchen Schwachsinn. “Vermutlich holen Ihre Erinnerungen Sie hier ein”, vermutete er. Dr. Sakusa nickte. “Das mag eine gute Erklärung sein”, sagte er und setzte in der ersten Reihe vor die Glasscheibe. “Haben Sie einen Moment?”, fragte Dr. Sakusa. “Eigentlich wollte ich gerade gehen, aber… ich nehm einfach den späteren Bus”, sagte Kenma und setzte sich neben den Neurochirurgen.
“Haben Sie den Ring noch? Den, den ich Ihnen damals überlassen habe”, fragte der Obrearzt. Kenma bekam ein ungutes Gefühl. “Ja, natürlich”, antwortete er und Dr. Sakusa nickte. “Gut. Bewahren Sie ihn bitte weiterhin für mich auf”, verlangte Dr. Sakusa, dann stand er auf und ging. Und Kenma wunderte sich, warum er deswegen später nach Hause kommen sollte.
Sollte er nicht. Als er das Krankenhaus verließ, schoss Terushima auf seiner gelben Ninja haarscharf an ihm vorbei, riss die Maschine auf einer riskanten Wende herum und hielt direkt vor ihm.
“Yo! Kenma! Bus weg?”, fragte Terushima und reichte ihm wortlos den zweiten Helm. Eine Frage stand in seinem Gesicht, doch Kenma antwortete noch ehe sie gestellt wurde. “Heim”, sagte er bestimmt und kletterte hinter Terushima. Er schlang die Arme fest um Terushima und schmiegte sich an seinen Rücken - der einzige Ort, an dem sich die Geschwindigkeit sicher anfühlte. “Ihr streitet aber nicht wieder… oder?”, fragte Terushima gegen den Wind. Kenma schüttelte den Kopf, so dass das Visier an Terushimas Jacke streifte. “Nein, wir sind fertig mit Streiten”, sagte er zufrieden und Terushima gab Gas. Kenma drückte sich fester an seinen Mitbewohner und erfuhr erst zuhause, wie zufrieden er am Grinsen war, als Terushima ihm beim Absteigen darauf aufmerksam machte.
“Schön, dass zumindest einer von uns glücklich ist… Du und Grinsekatze seid so das eine Paar, das einfach funktioniert. Ihr gebt mir Hoffnung”, sagte Terushima und klopfte Kenma auf die Schulter, der umgehend so etwas wie Erwartungsdruck empfand. “Meinst du? Ich glaube, Yachi und Kawanishi sind viel stabiler”, sagte Kenma. “Die sind langweilig”, winkte Terushima ab. “Bei euch gibts Spannung. Aber… ich hoffe trotzdem, dass ihr jetzt einfach mal nur zusammen sein könnt, ohne Drama und so…”, erklärte Terushima. Er machte die Lenkersperre rein und ging mit Kenma zur Haustür.
“Wegen dir und Yamaguchi?”, fragte Kenma im Aufzug. Terushima nickte. “Spannung ist toll, aber ich hab Angst, dass ich es endgültig verschissen habe”, sagte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Glaub ich nicht. Wie war dein Gespräch mit Midori?”
-
Terushima war schon den ganzen Abend nervös. Er hatte Midori noch nie bei Tageslicht gesehen und das sollte sich auch so bald nicht ändern. Obwohl er wusste, dass sie im Krankenhaus entsprechend vor der Sonne geschützt war, brachte er es nicht übers Herz, sie einfach am Tag zu besuchen. Es fühlte sich nicht richtig an. Er wollte Midori am Tag in der Sonne sehen. Er wollte sehen, wie sie mit der Sonne um die Wette strahlte und er wollte sehen, wie sie die Augen schloss, weil es ihr so blendete und nicht aus Angst. Er wollte, dass Midori die Schönheit des Tages spüren konnte. Dass die warme Sonne ihre Haut küsste und sanft liebkoste, anstatt sie krank zu machen und langsam umzubringen. Er wollte, dass Midori ein normales Mädchen sein konnte.
Als er sich ihrem Zimmer näherte, hörte er ein Lachen. Ein Kicher wie von einem Engel. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Die Erinnerung an Midori im Mondschein traf ihn mit voller Wucht.
“Herein”, sagte eine Stimme, doch es war Dr. Kurasaki. Terushima trat ein.
“Hey”, sagte er etwas unbeholfen und blieb im Türrahmen stehen. Midoris Lachen verstummte. Sie starrte Terushima mit großen Augen an. Jetzt trug sie keine Kappe und ihre platinblonden Haare fielen in wunderschönen sanften Wellen über ihre Schultern.
“Hey”, sagte Midori. Auch sie wirkte unbeholfen. Da stand Dr. Kurasaki auf und tätschelte Midoris Hände, die locker auf der Decke lagen. “Wir reden später weiter”, sagte sie und bedachte beim Hinausgehen Terushima mit einem Blick, der in einem Fantasy-Roman töten könnte. Eine stumme Mahnung zur Achtsamkeit. Terushima war immer achtsam mit Midori gewesen. Das würde sich jetzt nicht ändern. Auch nach all den Jahren nicht.
“S-Setz dich doch”, bat Midori leise. Terushimas Schritte fühlten sich wackelig an, als wären ihm die Beine eingeschlafen gewesen und er würde nach dem Kribbeln nun das erste Mal wieder gehen.
Nachdem er sich gesetzt hatte, sahen sie sich eine Weile nur an. In ihren Augen stand dieselbe Sehnsucht geschrieben. Nach einer Zeit, die sie nie gemeinsam hatten.
“Ich wollte dich nicht verlassen”, brach Midori die Stille. Terushimas Blick wurde ernst. “Warum hast du es dann getan?”, fragte Terushima ehrlich, ohne Umschweife. “Ich dachte, du wärst tot.”
Midori seufzte. „Das war der Plan“, murmelte sie. „An dem Tag, als wir weg zogen, wollte ich einfach nur rauslaufen. Ich hielt es nicht mehr aus, dich draußen in der Sonne zu sehen, während ich eingesperrt war. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich mich…“
„Umgebracht“, beendete Terushima den Satz leise. Er fühlte sich nicht mehr wie ihr Prinz. Er fühlte sich wie die Ursache ihrer Verzweiflung.
„Du warst immer meine Hoffnung, Yuuji“, sagte Midori mit einem traurigen Lächeln.
„Und was bin ich jetzt?“ - „Du wirst die Liebe meines Lebens bleiben. Aber wir haben keine Zukunft. Das wäre zu märchenhaft. Aber… wir können Freunde sein? Ich möchte zu deiner Hochzeit kommen.“
Terushima stockte. „Hochzeit?“
Midori kicherte. „Du bist doch mit diesem süßen Arzt verlobt. Er ist perfekt für dich.“
Terushima wich ihrem Blick aus. „Naja… war…“
„Yuuji Terushima! Was hast du angestellt?“, fuhr sie ihn an.
„Es war wegen dir, Midori. Ich dachte, ich hätte nie jemanden so geliebt wie dich.“
„Du bist ein Feigling! Ich werde nicht der Bösewicht in eurer Geschichte sein“, knurrte sie und boxte ihm kraftlos gegen den Arm. „Glaubst du, ich frage nicht jeden,d er mir hier über den Weg läuft, über dich aus? Das mit euch ist echt. Das mit uns… war eine wunderschöne Romanze. Aber das echte Leben wartet draußen.“
Ihre Augen waren glasig, doch sie zwinkerte ihm zu. Terushima spürte den Schmerz, aber er lächelte auch. Sein altes, schelmisches Grinsen kehrte zurück. „Schon mal was von Abschiedssex gehört?“
Midori lachte, aber sie schob die Decke beiseite und zog ihn zu sich. „Du bist unverbesserlich.“
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“Also habt ihr?”, fragte Kenma schockiert. Terushima zuckte mit den Schultern. “Ein Gentleman genießt und schweigt”, sagte er und winkte ab. Kenma zog die Augenbrauen skeptisch zusammen. “Seit wann bist du ein Gentleman?”, fragte er.
Terushima seufzte. Er atmete tief ein und lächelte sanft. “Seit mir klar ist, dass Midori eben nicht die Liebe meines Lebens ist, sondern Tadashi. Ich muss ihn zurückgewinnen”, sagte Terushima und Kenma war erleichtert.
Doch die Erleichterung währte nur kurz. Am nächsten Tag, bei der Visite, erstarrte die Gruppe vor einem neuen Patienten. Das Zimmer duftete nach Blumen, übervoll mit Genesungswünschen.
Yamaguchi wurde rot. Sein Blick blieb an dem jungen Mann mit den langen, pinken Haaren hängen. „Tadashi?“, fragte der Patient mit einer unerträglichen Eleganz.
“H-Hyoma?”, stammelte Yamaguchi.
“Oh? Wer ist das denn?”, fragte Terushima und musterte den jungen Mann. Hyoma, wie Yamaguchi ihn nannte, war ausgesprochen hübsch. Er hatte einen eher faden Gesichtsausdruck, aber er strotzte nur so vor Eleganz. “Eh… ähm… Das ist Hyoma Chigiri… Er ist ähm…”, begann Yamaguchi ihn vorzustellen. Terushima hing ganz an seinen Lippen. Kenma griff einstweilen nach der Akte. Er hatte Chigiri erkannt, aber hatte das Gefühl, dass Yamaguchi ihn nicht aus denselben Gründen kannte wie er.
“Ich bin Tadashis Ex-Freund”, sagte Chigiri, da klappte nicht nur Kenma der Mund auf. Sogar Akaashi staunte und Dr. Komori schlug sich die Hand auf den Mund. “Das ist faszinierend", murmelte er. Terushima nickte anerkennend. “Noice!”, sagte er und zwinkerte Yamaguchi zu, der das irgendwie nicht ganz so ‘noice’ fand.
“Und er ist Dr. Ushijimas VKB-Patient, Profi-Fußballer”, mischte sich nun Kenma ein. Terushima riss sich von dem hübschen Chigiri weg und sah zu Kenma. “Woher weißt du das denn?”, fragte er. Kenma reichte ihm die Akte. “Steht da, außerdem kennt man die Nationalmannschaft”, erklärte Kenma. Terushima nahm die Akte an und sah überrascht zu Yamaguchi. “Tut man? Tadashi? Ich wusste gar nicht, dass du auf Fußball stehst”, sagte er. Yamaguchi zog den Kopf ein. “Tu ich auch nicht… das ist schon lange her mit uns”, murmelte er, da empörte sich Chigiri. “Jetzt machst du mich aber alt! Wer ist das denn?”, fragte er, weil er eindeutig gewisse Vibes zwischen Yamaguchi und Terushima spürte. Ja, Kenma fand das in der Zwischenzeit ja auch sehr eindeutig.
“Ich bin Tadashis Verlobter”, drängte sich Terushima dazwischen. Kenma seufzte und massierte sich die Schläfen. Es ging wieder los. Konnte er nicht einmal einen Tag verschnaufen? Musste mit dieser ganzen Midori-Geschichte nun auch noch Chigiri auftauchen? Und musste er so verdammt hübsch sein, dass es so wirkte, als wüsste Terushima nicht, ob er eifersüchtig oder angeturnt sein sollte? Was war bloß los mit ihm?
“Oh!”, machte Chigiri und schaute zwischen Terushima und Yamaguchi hin und her. Kenma linste zu Yamaguchi, der eindeutig was sagen wollte. Doch Chigiri sprach mit dem Fokus auf Yamaguchi weiter. “Aber ich wusste, dass du mehr den Rockstar-Typ stehst”, sagte er und zwinkerte dann Terushima zu. Der grinste zufrieden. “Danke”, sagte er stolz. “Keine Ursache. Also! Wann wird geheiratet? Bin ich eingeladen?”, fragte Chigiri, da teilten auch Terushima und Yamaguchi endlich einen Blick. “Naja… eigentlich”, begann Terushima unruhig. Da nahm Yamaguchi Terushimas Hand. “Wir sind gerade noch in der Planungphase”, sagte Yamaguchi. “Sind wir?”, fragte Terushima. Yamaguchi nickte mit einem süßen Lächeln. “Sind wir”, bestätigte er.
Dr. Komori räusperte sich. “Mit Vorstellung habe ich eigentlich was anderes gemeint”, sagte er tadelnd. Yamaguchi ließ von Terushima ab und nahm die Akte an sich. Auch er räusperte sich nun und präsentierte endlic den Fall: “Hyoma Chigiri, 27 Jahre alt, männlich, vorderes Kreuzband wird noch heute Vormittag von Dr. Ushijima stabilisiert.”
“Und er wird dabei den besten Assistenzarzt haben, den er sich vorstellen kann”, sagte eine laute Stimme hinter Kenma und Dr. Yaku betrat den Raum. Kenma erinnerte sich gut an ihn. Er war im selben Jahr wie Kuroo und war ihm schon hin und wieder über den Weg gelaufen. Viel hatte er aber noch nicht mit ihm zu tun gehabt. Dr. Yaku spezialisierte sich auf Orthopädie, da war Kenma selten.
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“Woher der plötzliche Sinneswandel?”, fragte Kenma Yamaguchi, als sie nach der Visite zu den ihnen zugeteilten Station gingen. Kenma war heute auf der plastischen Chirurgie eingeteilt und stand somit unter Dr. Meians und Dr. Oikawas Fuchtel. Kenma war nicht begeistert. Er mochte die Plastische nicht. Er bewunderte Dr. Meian zwar, aber kam sonst kaum mit ihm klar und Dr. Oikawa war er bisher bei Möglichkeit noch immer ausgewichen.
Yamaguchi sollte gleich auf die Dermatologie abbiegen.
“Ich konnte mit Midori sprechen. Sie ist ein wundervoller Mensch”, sagte Yamaguchi und lächelte. Kenma sah ihn verwundert an. “Wann?”, fragte er. “Gestern… und vorgestern und die Abende davor. Eigentlich jeden Abend, seit sie hier ist”, erklärte Yamaguchi. “Anfangs war es total seltsam, aber irgendwie mag ich sie sehr gerne. Sie ist total nett und sie hat gesagt, sie lässt nicht zu, dass Yuuji und ich uns trennen”, erklärte Yamaguchi. Kenma sah ihn ernst an. “War eine Trennung denn in Sprache?”, fragte er. Klar, sie haben das mit der Verlobung erstmal auf Eis gestellt, aber eine Trennung? Das war next Level und davon wollte Kenma, wenn er sich ehrlich war, nichts hören. Yamaguchi druckste etwas rum, aber schüttelte schließlich den Kopf. “Nicht wirklich… aber… ich war mir so unsicher wegen ihm…”, sagte er. Kenma nickte. “Kann ich verstehen. Aber wenn ich mir einer Sache sicher bin, dann sind es Terus Gefühle für dich. Er meint das mit dir wirklich ernst”, sagte Kenma. Nun staunte Yamaguchi nicht schlecht. “Meinst du wirklich?”, fragte er. Kenma nickte wiederholt. “Ja, er liebt dich wirklich”, sagte er. Yamaguchis Augen wurden glasig. “Hat er das gesagt? Er hat es mir noch nie gesagt”, wollte er wissen. Kenma schüttelte den Kopf. “Nein… es sind mehr seine Handlungen und Reaktionen. Er kann zwar den ganzen Tag reden, vor allem Schwachsinn, aber die Wahrheit steht in seinen Augen und die strahlen mehr, wenn er von dir spricht, als bei allem anderen, von dem er so spricht”, gab Kenma seine Terushima-Beobachtungen kund und Yamaguchi grinste nun so breit und zufrieden, dass Kenma lachen musste. “Sehr schön”, sagte er und verabschiedete sich von seinem Kollegen, um einen Tag unter Dr. Oikawa zu arbeiten, denn wie sich herausstellte, war Dr. Meian an diesem Tag nicht im Dienst.
Mit Dr. Oikawa zu arbeiten hieß aber auch gleichzeitig, mit Dr. Iwaizumi zu arbeiten, dem Stationsarzt der Unfallchirurgie, der auch oft genug auf der Ortho aushalf. So auch heute.
“Hab gehört, Dr. Ushiwaka hat nen schönen Patienten”, sagte Dr. Oikawa zu Dr. Iwaizumi und stupste ihn mit dem Ellenbogen an. Dr. Iwaizumi konnte das aber nicht egaler sein. Er verdrehte die Augen und musterte Dr. Oikawa ernst. “Sollte deine Aufmerksamkeit wirklich Dr. Ushijimas schönem Patienten gehören?”, fragte er. Nun verdrehte der Schönheitschirurg die Augen. “Ja ja… meine Aufmerksamkeit sollte deiner Meinung nach wohl darauf liegen, dass Kura-chan hier ist. Nein, wir waren noch nicht aus. Ja, ich werd sie mal schön ausführen. Aber nein, wir werden kein Paar. Aber ja, ich finds irgendwie nett, dass sie hier ist”, sagte Dr. Oikawa und schwang beim Reden hin und her. Ein bisschen kannte Kenma das von Dr. Tendou, nur dass der oft auch noch sang, was er zu sagen hatte. Dr. Iwaizumi zog Dr. Oikawa überraschend eine von hinten über den Hinterkopf. “Ich meinte deinen Assistenzarzt!”, knurrte er und ließ die beiden alleine stehen. Kenma sah zu Dr. Oikawa. Dr. Oikawa rieb sich den Hinterkopf. “Dr. Iwa-chan ist ne richtige Tsundere! Aber sag ihm das so nicht”, sagte der Oberarzt. Kenma hob verteidigend die Arme. Er würde niemandem irgendwas sagen. Er hoffte nur, dass er diesen Tag schnell hinter sich lassen konnte. Schade, dass Dr. Meian frei hatte.
Dennoch erkannte Kenma, dass er bei Dr. Oikawa etwas Wichtiges lernen würde und das betraf die millimetergenaue Schnittführung und die sauberen Hautnähte, die er auch für die Neurochirurgie anwenden konnte. Dr. Oikawa hatte dafür auch eine ganz besondere Technik, die er bereits Kageyama beigebracht hatte und nun auch Kenma zeigen würde, der seine ganz eigene Technik aus dieser und der von Dr. Sakusa und den anderen Ärzten hier entwickeln würde.
Und Dr. Oikawa führte Kenma auch in den Umgang mit den Patientinnen und Patienten nach dem Eingriff ein. Im Aufwachraum war Kenma selten, für Dr. Oikawa war es ein wichtiger Part der Arzt-Patientenbeziehung.
Nach einer Operation zogen sich die Ärzte normalerweise rasch zurück und schrieben ihre Berichte und fassten Histologiescheine aus, wenn es denn ein histologisches Präparat gab. Das war zum Beispiel bei Dr. Sawamura öfter der Fall als bei Dr. Oikawa. Dr. Sakusa hatte seine Histologiescheine immer schon vorab vorbereitet. Sehr vorbildlich. So wollte auch Kenma arbeiten.
“Wie schade, unsere Patientin schläft noch. Wir können später nochmal kommen”, sagte der plastische Chirurg und drehte direkt wieder um. Kenma erblickte in einem der Betten Dr. Ushijimas Patienten von heute morgen. Hyoma Chigiri.
“Hey!”, sagte dieser auch direkt etwas schlaftrunken und winkte Kenma zu. Kenma nickte und wollte weiter, doch der Patient legte nach: “Hey… bleiben Sie. Ich hab eine wichtige Frage.”
Kenma hielt inne. Ein kurzer Blick über die Schulter verriet ihm, dass die Pflegekräfte gerade beschäftigt. Mit einem ergebenden Seufzer trat er ans Bett heran. “Wie kann ich Ihnen helfen?”, fragte er. Chigiri lächelte breit. Immer noch etwas benommen von der Narkose wohl.
“Kennen Sie Dr. Ushijima?”, fragte er. “Natürlich kenne ich ihn”, antwortete Kenma stumpf. Na wenn das seine wichtige Frage war, dann hätte er sie sich sparen könne. Er wollte sich bereits abwenden, als Chigiri nach dem Saum seines Kasacks griff. Kenma erstarrte. Warum zog er die Lästigen immer magisch an?
“Ist Dr. Ushijima single?”, flüsterte Chigiri. Kenmas Augenbrauen wanderten nach oben. “Was?”
Ob Dr. Ushijima single ist, hab ich gefragt”, wiederholte Chigiri. Kenma hatte es akustisch durchaus verstanden, aber das Warum entzog sich seiner Logik.
“Ich weiß nicht”, antwortete er knapp und ehrlich. “Sie sind aber nicht gut vorbereitet”, schmollte Chigiri. “Wissen Sie denn, ob er mich nochmal besuchen kommt?”, fragte er weiter. Kenma schüttelte den Kopf.
“Aus Ihnen ist ja gar nichts rauszukriegen… schicken Sie mir Tadashi, wenn Sie ihn sehen”, murmelte Chigiri und verschränkte die Arme eingeschnappt vor der Brust. Kenma war das egal. Er kannte ihn ja im Grunde nicht und wenn er Yamaguchis Ex-Freund war, dann könnte er Probleme machen. Ex-Freunde machten immer irgendwie Probleme.
Beim Verlassen des Aufwachraums prallte er fast gegen Kageyama, der ihn erstmal einfach nur anstarrte. Einschüchternd! Kenma zögerte auch, den nächsten Schritt zu machen: Einfach nur an ihm vorbei gehen. Langsam und mit gewissem Sicherheitsabstand passierte er den anderen Assistenzarzt und wäre am liebsten losgelaufen.
“Kozume”, sagte Kageyama plötzlich.
Die Nackenhaare stellten sich ihm auf, aber Kenma blieb stehen. “Kageyama”, erwiderte er. Doch anstatt einer Frage oder eines Ausbruchs folgte: Nichts. Kageyama starrte weiter, räusperte sich kurz, nickte dann fast unmerklich und ging wortlos an ihm vorbei. Gruselig. Kenma schüttelte den Kopf und ging schon allein als Vorsichtsmaßnahme in die andere Richtung.
Wenig später erreichte er die Galerie und blickte hinunter in OP 3. Was er dort sah, ließ ihn den Atem anhalten. Dr. Sawamura stand am Tisch, Kuroo assistierte, aber die Luft war zum Schneiden dick. Es war sehr angespannt und dann wandte sich das Blatt in eine Richtung, die Kenma nie erwartet hätte und die dazu führte, dass er und Kuroo ihre erste Operation im Soloflug realisierten.
“Mir reicht's!", polterte Dr. Sawamura. “Dr. Kuroo! Das ist jetzt Ihr Patient. Nehmen Sie einen Assistenzarzt hinzu und versorgen Sie das. Ich vertraue Ihnen”, sagte der Oberarzt und stürmte davon.
Danach kam er nie wieder in seinem Kittel ins Haikyuu Medical Hospital.
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“Und dann steht Kenma in der Galerie und mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn in den Saal zu rufen”, erzählte Kuroo später am Mittagstisch. “End of the Story: Dr. Sawamura hat sich verpisst, ich hab Koshi endlich meine Gefühle offenbart und Kenma und ich haben im Alleingang ein Leben gerettet.”
Um sie herum saßen Yaku, Yamagata und Futakuchi. Letzterer war für Kenma nur eine weitere Randnotiz in der komplizierten Beziehungsmatrix der WG – eine ehemalige Bettgeschichte von Terushima und Shirabu, die Kenma heute nicht mehr tangierte.
“Krasse Sache”, sagte Yamagata und tätschelte Kenma den Rücken. Etwas grob, so dass Kenma sich an dem Bisschen Reis in seinem Mund verschluckte.
“Mensch Yato! Wenn du Kinderchirurg werden willst, musst du an deiner Kraftdosierung arbeiten“, schimpfte Yaku. “Bei Kindern muss man stark sein”, hielt Yamagata dagegen. Yaku tippte sich an die Stirn. “Im Kopf, du Rohdiamant. Im Kopf”, sagte er. “Mein Kopf ist stark”, plädierte Yamagata. Kenma legte das Besteck weg. Sein Appetit war ohnehin begrenzt. Als Tanaka und Nishinoya lärmend auftauchten, verabschiedete er sich diskret.
Auf dem Gang kollidierte er fast mit einem gehetzten Yamaguchi. “Tadashi, wo brennt’s?“, fragte er.
“Ach, Kenma… ich muss nur schnell…“ - “Bevor ich es vergesse“, unterbrach ihn Kenma, “Chigiri hat nach dir gefragt.”, sagte Kenma, biss sich dabei aber auf die Zunge. “Hyoma? Was will er denn?”, fragte Yamaguchi. Kenma zuckte mit den Schultern. “Wissen, ob Dr. Ushijima single ist, oder so”, sagte er und verdrehte dabei die Augen. Yamaguchi sah ihn überrascht an. “Soweit ich weiß, ja”, murmelte er. Kenma war etwas überrascht darüber, dass Yamaguchi das wusste, aber vermutlich hatte es mit der Verbindung zwischen Dr. Tendou und Tsukishima zu tun und der Tatsache, dass Tsukishima Yamaguchis bester Freund war. Kenma wusste immerhin auch, dass Dr. Sugawara sowohl Dr. Sawamura als auch Kuroo gedated hatte. Nun ja. Bis jetzt zumindest. Wenn er sich an das Gespräch zurückerinnern, dann konnte man wohl sagen: Das hat sich erledigt.
“Wie auch immer. Ich wollte sowieso gerade zu ihm”, sagte Yamaguchi und machte sich schneller aus dem Staub, als Kenma es hätte hinterfragen können. Nun blieb er mit seiner Unsicherheit alleine.
Nach einem Telefonat im Bus mit Iizuna gab es Zuhause dann eine Situation, die absolut keine Unsicherheiten auftischte. Im Wohnzimmer saß Dr. Sugawara breitbeinig auf Kuroos Schoß, die beiden vollkommen ineinander verschlungen und in einen wilden Kuss vertieft. Kenma wagte es nicht, sie anzusprechen und verzog sich sofort in sein Zimmer, wo die nächste eigenartige Überraschung auf ihn wartete.
“Ich konnte nicht an ihnen vorbei gehen”, murmelte Terushima. “Aber ich hab das Bett für dich warm gemacht und den Controller eingespielt”, sagte er schon mit mehr Begeisterung und reichte Kenma einen Controller, der irgendwie zu warm und schwitzig war. “Was hast du in meinem Bett gemacht?”, fragte Kenma. Terushima drehte sich zur Seite und machte Kenma unter der Decke Platz.
“Zuerst hab ich mich nur hingelegt. Dann hab ich mich gefragt, was die beiden da draußen wohl so machen, wurde davon n bisschen geil, aber irgendwie hat es sich falsch angefühlt, in deinem Zimmer diese Art von Spaß alleine zu haben, also hab ich meine Finger lieber an deine Kronjuwelen hier gelegt”, erklärte Terushima und Kenma linste zum Fernseher auf dem Link gerade auf einer Ebene in Hyrule stand und ihm der Wind durchs Haar wehte. Kenma atmete erleichtert auf und nickte. “Gut, du kannst gerne weiterspielen und bleiben”, sagte er, weil dieses Spiel kein Mehrspieler war und nach diesem Tag mit Dr. Oikawa wollte Kenma sich eigentlich nur hinlegen und nichts tun. Er wollte seinem Kopf Ruhe gönnen und deswegen war er auch froh, dass Terushima bereits mit Midori gesprochen hatte und dass Yamaguchi die Hochzeit wieder zurück auf den Weg gebracht hatte und irgendwie war er auch froh, dass Kuroo und Dr. Sugawara endlich zusammen waren.
Wie er sich so neben Terushima legte und erleichtert ausatmete, erkannte er, dass sich gerade alles fügte und das war schön.
“Wie geht's Hana und Kanna?”, fragte Kenma. Die Augen hatte er geschlossen und er rechnete auch schon damit, dass er die Antwort vielleicht gar nicht hören würde, weil er so schnell einschlief.
Terushima erzählte von dem aufgeweckten kleinen Mädchen und davon, dass er Kaede bald mit ihr besuchen wollte. Auch Kaede schien es gut zu gehen und nach all dem, was ihr widerfahren war, war Kenma glücklich für sie. Er war auch glücklich für Hana, die mit Washio einen Mann an ihrer Seite hatte, auf den man sich verlassen konnte. Und Terushima mochte zwar chaotisch sein, aber er war ein aufrichtiger Vater.
“Ich glaub, Tadashis Ex steht auf Dr. Ushiwaka”, sagte Terushima plötzlich. Kenma öffnete ein Auge. “Wie kommst du darauf?”, fragte er. “Ich glaub, Tadashis Ex steht auf Dr. Ushiwaka”, sagte Terushima plötzlich. Kenma öffnete ein Auge. “Wie kommst du darauf?”, fragte er. “Er hat ihn so angesehen, wie ich Tadashi ansehe.“ Terushima grinste selbstbewusst. “Ich muss ja checken, ob der heiße Ex eine Gefahr ist. Aber ich sag dir: absolut kein Problem“, plauderte Terushima munter weiter.
Kenma bekam die restlichen Details – über Sugawaras Nominierung für einen Preis in der Pädiatrie und das lautstarke Liebesglück im Wohnzimmer – nur noch wie durch Watte mit. Er schlief friedlich neben Terushima ein, wissend, dass dieser am nächsten Tag ausschlafen konnte, während für ihn die nächste Schicht wartete.
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Das nächste Mal, als die beiden sich sahen - oder auch nicht - jagte Terushima Kenma aus seinem Zimmer. “Ich will jetzt niemanden mehr sehen”, brüllte er und Kenma stolperte bei der Tür raus, gerade so, dass er nicht rückwärts zu Boden stürzte. So hatte er Terushima noch nie erlebt. Traurig, wütend, vollkommen außer sich und Kenma kam nicht drum rum, zu vermuten, dass es mit Chigiri und Yamaguchi zusammen hing. Terushima war so aufgelöst bei der Tür hereingeprescht, dass Kenma aus seinem Spiel gerissen worden war und sich erkundigen wollte. Gerade bereute er es. Terushima gab ihm auch nicht die Möglichkeit, sich zu entschuldigen - für was auch immer - denn die Tür wurde kurz darauf auch schon zugedroschen und Kenma blieb alleine am Boden sitzen, in dem Eck der Wohnung, wo Kuroos und Terushimas Zimmer aneinander grenzten.
Eine Aufklärung, warum Terushima so früh vor seinem Schichtende heimgekommen war, bekam Kenma erst, als Kuroo später auch ankam, der eigentlich die gleiche Schicht wie Terushima hatte.
“Heute war’s verrückt im Krankenhaus…”, sagte Kuroo und ließ seinen Rucksack im Vorzimmerflur zu Boden fallen. “Ist Teru okay?”, fragte er. Kenma saß in der Zwischenzeit mit einer Tasse Kakao im Wohnzimmer und war etwas aufgelöst, ohne recht zu wissen, warum eigentlich. Terushimas Stimmung hatte ihn umgehend mitgerissen. “Ich glaub nicht”, antwortete er. Kuroo seufzte. “Hätte mich auch gewundert… Wo ist er?”, fragte er. Kenma deutete auf Terushimas Zimmertür. “Was ist passiert?”, fragte er. Kuroo ging zu Terushimas Tür, doch noch bevor er die Klinke runterdrücken konnte, warnte ihn Kenma: “Keine gute Idee”, sagte er und blieb erstmal stehen. “Wir sind für dich da, Teru”, sagte er lauter und ging zu Kenma. Er ließ sich angestrengt auf der Couch nieder und begann zu erzählen.
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Kuroos Tag hatte bereits beim Aufstehen beschlossen, ein Desaster zu werden. Erst hatte er den Bus verpasst, weil Terushima das Bad blockiert hatte – und das, obwohl der Blondschopf im Sommer eigentlich mit dem Motorrad fuhr und dann hatte er sich im Bus in eine Pfütze von einem ausgeschütteten Latte gesetzt.
Im Krankenhaus setzte sich die Pechsträhne fort:Fast wäre er mit den Rettungssanitätern kollidiert und als er endlich umgezogen war und am Weg in den OP-Bereich war, wurde ihm eröffnet, dass er Notfallambulanz Dienst hatte.
„Na toll“, brummte er, fügte sich aber in sein Schicksal. Dr. Ukai jr. war wenigstens ein fähiger Oberarzt. Mit im Team war Yachi, die Assistenzärztin aus der Inneren, die zeitgleich mit Kenma angefangen hatte und normalerweise unter Iwaizumi rotierte. Zu Kuroos Überraschung erwies sie sich als äußerst versiert im Umgang mit dem Notfallequipment; sie war flink, aufmerksam und sich für keinen Handgriff zu schade. Bemerkenswert. Aber Kuroo war auch nicht zum ersten Mal auf der Notfallambulanz und konnte mit Yachi ein gutes Teamwork aufbauen, das die miese Laune des Morgens vergessen ließ.
Terushima war an diesem Tag wohl auf der Orthopädie eingeteilt und hatte auch den ein oder anderen Blick auf die Unfall riskieren dürfen, zumal einige der heutigen Patienten auf der Unfallstation die Eingriffe für die nächsten Wochen waren.
Und dann geschah es, dass der Tag aus dem Ruder geriet. So richtig.
Der Rettungswagen fuhr mit Blaulicht und Sirene an die Notfallstelle. Yahaba sprang aus dem Heck und begann sofort mit dem Übergaberapport, während er Ukai half, den Patienten auszulagern. “Männlich, Mitte fünfzig, Kollaps im Supermarkt, seither persistierendes Krampfgeschehen. Midazolam intranasal ohne Wirkung.”
Im selben Moment sprang Notarzt Izumi aus dem Begleitfahrzeug. “Lorazepam i.v. wurde bereits verabreicht, keine Durchbrechung des Status.“
Sie rissen die Trage in den Schockraum.
"Patient hat zu zucken aufgehört”,rief Kuroo alamiert. “Defi her”, kommandierte Dr. Ukai jun.
Die Szenerie schlug in kontrolliertes Chaos um. Während die Kleidung des Mannes aufgeschnitten wurde, war Yachi bereits auf das Gestell der Trage geklettert. Mit gestreckten Armen begann sie die Herzdruckmassage, rhythmisch und unnachgiebig. Kuroo blieb für einen Moment nur die Rolle des Beobachters.
Dr. Ukai die klebte Pads für den Defibrillator.
“Alle weg vom Patienten!“, wies der Oberarzt sie an. Der Schock ließ den Körper des Mannes kurz aufbäumen. Sofort drückte Yachi weiter. Schock, Massage, Adrenalin. Erst als nach der dritten Runde endlich ein Sinusrhythmus auf dem Monitor flimmerte, löste sich der Knoten in Kuroos Brust.
“Sofort auf die Intensiv mit ihm”, ordnete Dr. Ukai jun. an. “Kuroo, du gehst mit!”, sagte er, weil immer ein Arzt bei so einem Transport dabei sein musste und Yachi sollte erstmal eine Pause machen, nachdem sie so heldenhaft gehandelt hatte. Kuroo schämte sich, denn Yachi war schneller als er. Geübter auch.
Auf der Intensivstation übernahm Asahi die Patientendaten. “Das war ne knappe Kiste mal wieder”, murmelte der Pfleger, während er die Akte digital anlegte und ausdruckte.
Kuroo nahm die Unterlagen entgegen und warf einen Blick auf den Namen. Er erstarrte. „Das ist nicht wahr…“
“Dr. Terushima!”, rief von draußen jemand und Terushima stürmte auf die Station. “Das heißt Professor Terushima”, krächzte der Patient und Kuroo starrte fassungslos zwischen seinem Mitbewohner und dem Mann im Bett hin und her.
“Was hast du hier zu suchen, alter Sack?!”, knurrte Terushima und riss Kuroo die Akte weg. Er blätterte wie von Sinnen durch die Zettel.
“Woher soll ich das denn wissen? War im Laden, Bier holen und was ist dann? Dann ist das erste, was ich sehe, deine undankbare Visage”, polterte der Patient Terushima entgegen. Kuroo trat einen Schritt zurück. “Teru, wer ist das?”, fragte er, auch wenn er es längst ahnte, er brauchte die Bestätigung.
“Das… ist mein Vater”, sagte Terushima und spuckte das letzte Wort förmlich aus. “Was steht da drin?”, verlangte Professor Terushima mit wackeligem Arm nach der Akte. “Dass du nen Vollschuss hast”, fauchte sein Sohn. Schwester Suzumeda schob sich dazwischen. “Dass wir nicht wissen, woher Ihr Krampfanfall kam. Kommt das öfter bei Ihnen vor?”
“Ja, hab ich häufig…”, knurrte der Mann. Er sah seinen Sohn wütend an. “Nennt sich Chorea Huntington und wird mich bald unter die Erde bringen”, sagte er und verstummte abrupt.
Im nächsten Moment begannen seine Gliedmaßen erneut unkontrolliert zu zucken. Ein neuer Anfall. Die Pflegekräfte eilten herbei. Kuroo riss die Seitengitter runter und stellte sich selbst als weiche Barriere auf, dass Professor Terushima nicht herunter fiel, während Terushima wie versteinert daneben stand.
“Es wurde vom Rettungsteam und Notarzt schon Midazolam und Diazepam verabreicht”, sagte Kuroo und Schwester Suzumeda zog eine weitere Portion Diazepam auf. Die Dosis der Schwester stoppte den Krampfanfall. Kuroo half dabei, Herrn Terushima in die stabile Seitenlage zu bringen, dann sah er zu Terushima. “Dein Vater hat Huntington?”, fragte er. Terushima schluckte. “Ja… ich wusste nur nicht, dass es schon so schlimm ist”, sagte er. Er war kreidebleich und sichtlich überfordert. “Du solltest das melden und dich für heute entschuldigen lassen”, sagte Kuroo, doch Terushima schüttelte den Kopf. “Ich werd mir sicher nicht ansehen, wie der Kerl vor mir verreckt”, sagte Terushima und stapfte davon.
“Gehen Sie ihm nach. Wir übernehmen hier”, kam Dr. Semi nun zum Krankenbett.
Die Anästhesie hatte auch die Intensivmedizin in ihrem Aufgabenbereich und heute war es Dr. Semi, der hier Aufsicht hatte.
Kuroo nickte dankbar und eilte Terushima hinterher. Er fand ihn im Aufenthaltsraum der Chirurgie.
“Hoi… Teru… was sollte das? Willst du nicht bei deinem Alten bleiben?”, fragte er. Terushima schüttelte vehement den Kopf. “Er war damals auch nicht da”, kam die schroffe Antwort.
“Setz dich wenigstens kurz“, sagte Kuroo und drückte Terushima ein Glas Wasser in die Hand, das dieser jedoch sofort beiseite schob.
“Was ist zwischen euch vorgefallen?”, fragte Kuroo vorsichtig. “Nichts. Er ist ein Arschloch, das ist alles”, sagte Terushima und verschränkte die Armen vor der Brust. “Irgendwie hab ich das nun fast erwartet”, seufzte Kuroo und schenkte sich selbst Wasser ein. Er setzte sich zu Tersuhima und legte die Arme offen auf den Tisch.
“Ich höre zu”, bot er sanft an.
"Er hat unsere Mom allein gelassen. Er hat sie einfach in die Psychatrie gesteckt, weil er nicht mit ihr klarkam… Und er hat sie dort sterben lassen. Wir durften sie nicht mal besuchen, weil wir noch nicht alt genug waren. Sie ist ganz allein und einsam gestorben und er soll genauso einsam und verlassen krepieren. Er war immer nur auf Leistung fixiert, auf Noten, auf Perfektion. Wir durften gar nichts”, brummte Terushima weiter. “Das klingt nach einer harten Kindheit… Und deine Mutter?”, fragte Kuroo. Terushima zog die Arme enger an sich. “Sie ist durchgedreht”, sagte er. Kuroo ahnte, dass er selbst um die Umstände nicht näher Bescheid wusste. Dann seufzte er.
“Er meinte, sie wollte das Haus anzünden und uns alle umbringen. Ich glaube das nicht. Er hat sie in den Wahnsinn getrieben.”, erzählte Terushima weiter. Kuroo musterte Terushima. “Wow… ich hab ja schon vermutet, dass du eine weirde Kindheit hattest, aber das…” - “Spar dir dein Mitleid. Hab’s auch so geschafft. Den Alten brauch ich auch nicht”, knurrte Terushima.
Kuroo setzte sein typisches, schiefes Grinsen auf. “Kein Mitleid. Bewunderung. Dass du unter diesen Umständen fast normal geworden bist, ist eine medizinische Sensation”, sagte er. Ein kurzes Schmunzeln stahl sich auf Terushimas Lippen, dann mussten sie beide trocken lachen.
“Und weißt du was?”, fragte Terushima mit Lachtränen in den Augen. Kuroo schüttelte den Kopf. “Ne, hat er euch geschlagen?”, fragte er lachend. Terushima winkte ab. “Das auch. Aber der wahre Witz ist: Wir könnten den Scheiß auch haben”, sagte Terushima und lachte weiter. Kuroo verstummte. Er hätte die Frage nicht stellen sollen. Jetzt tat ihm Terushima doch leid.
“Aber was meinst du? Was habt ihr auch?”, fragte Kuroo. Terushima wischte sich die Tränen weg. Sein Lachen wurde leiser. Dann presste er die Lippen zusammen und sah Kuroo leidig an.
“Chorea Huntington is ne scheiß Erbkrankheit, Autosomal-dominant”, sagte Terushima. Dann stand er auf und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Kuroo blieb zurück. Die medizinischen Fakten hämmerten in seinem Kopf: Der Defekt auf Chromosom 4. Die CAG-Wiederholungen. Kenma wäre besser darin gewesen, die Genetik zu erklären, aber Kuroo wusste genug. Es war ein Todesurteil. Unheilbar. Ein schleichender Zerfall von Körper und Geist. Der Zustand des Vaters deutete auf ein baldiges Ende hin – er war bereits reanimiert worden. Es war nur eine Frage von Tagen.
-
“Ich hätte nicht gedacht, dass er noch heute stirbt…”, flüsterte Kuroo und fuhr sich angespannt durch das zerzauste Haar.
Kenmas Augen waren geweitet, er sagte kein Wort. Er hob nur den Kopf und sah lange zu Terushimas Zimmertür. Iregndwann sah er wieder zu Kuroo und stand auf. “Komm…”, sagte er und nahm Kuroos Hand. Er ging mit ihm zu Terushimas Zimmer und öffnete einfach die Tür. Auf die Schimpftiraden reagierte er nicht. Sie machten auch das Licht nicht an. Kenma kletterte zuerst zu Terushima unter die Decke und zog ihn in eine feste Umarmung. Kuroo legte sich auf die andere Seite und bildete so einen schützenden Wall im Rücken seines Freundes.
In dieser Nacht brauchten sie keine Worte. Die Stille und die Wärme ihrer Körper reichten Terushima. Es war schön, dass jemand da war und so konnte er einschlafen.
Uncertainty unsaid
Was ist da zwischen uns, wenn wir schweigen? Es ist die Schwere der Ungewissheit und die Leichtigkeit des Unausgesprochenen.
Jemandes Unausgesprochenes ist jemand anderes Ungewisses. Angst vermischt sich mit Sicherheit.
Die Ungewissheit ist ein ganz klares Vielleicht. Im Existenzialismus ist sie der Weg zur Freiheit. Ungewissheit macht zwar Angst, aber nur in diesem Raum, zwischen dem, was wir wahrnehmen und dem, was wir beweisen können, sind wir fähig, Entscheidungen zu treffen. Die Möglichkeit von allem.
Das Unausgesprochene ist kein leeres Nichts. Es ist ein Monument der Stille. In der Musik sind es die Pause zwischen Noten, die den Rhythmus bestimmen. In einem Gespräch ist es das, was zwischen den Zeilen steht.
Oft fürchten wir das Ungewisse, dabei ist es das Unausgesprochene, das uns eigentlich lähmt.
Wenn du heute eine Sache erfahren könntest, die bisher ungewiss war – und eine Sache aussprechen müsstest, die bisher unausgesprochen ist: Welche davon würde dein Leben mehr verändern?
***
Am nächsten Morgen war es, als wäre nie etwas gewesen. Nur, dass Kenma neben Terushima aufgewachte. Eng an ihn geschmiegt und Kuroos Arm über sie beide geschlungen. Terushimas Gesicht war ihm erst ein einziges Mal so nah gewesen. Auch damals hatte er die Augen geschlossen, aber diesmal blieb Kenma die Luft nicht weg. Er konnte in Ruhe Terushimas Gesichtszüge mustern, ohne dass es ihm unangenehm war.
Die Augenbrauen ruhten sanft, waren nicht, wie so oft, vor Aufregung in die Höhe gerissen. Oder durch Skepsis zusammengezogen. Sie sahen fast weich aus. Auch sonst wirkte Terushimas Gesicht sehr weich. Wenn er schlief, war er wie ein anderer Mensch. Entspannt, ruhig, leise. Kenma lächelte mild.
“Teru, wach auf… ich will aufstehen”, flüsterte er, weil er ihn nicht ruckartig wecken wollte. Weil er ihn eigentlich gar nicht wecken wollte. Terushima sollte schlafen, sich ausruhen, den Tod seines Vaters erstmal verdauen, auch wenn es ihm, wie er gesagt hatte, egal war.
Dann war Terushima plötzlich nicht mehr so ruhig und leise. Er schnarchte laut auf und drehte sich mit einem Schmatzen um. Seine Arme griffen um Kuroo und er drückte sich an den starken großen Körper auf der anderen Seite. Kenma atmete erleichtert auf und wurschtelte sich aus dem warmen Bett.
Er tapste langsam und leise aus dem Zimmer, schloss die Tür hinter sich und ging in die Küche, um sich Kaffee zu machen.
“Unglaublich”, seufzte er vor sich hin, weil es wahrlich unfassbar war, dass Kenma in dieser WG einmal derjenige war, der als erster wach war. Noch vor den Weckern. Aber Kenma war es nunmal nicht gewohnt, neben jemanden zu schlafen. Obwohl er schon neben Iizuna geschlafen hatte. Auch das war ungewohnt. Aber es war schön. Und dennoch konnte er es nicht lange.
Kenma dachte beim Kaffeetrinken daran, seine Eltern anzurufen und sie zu fragen, ob sie Iizuna kennenlernen wollten, doch bei dem Gedanken wurde er unruhig und nervös. Kenmas Eltern waren okay, niemand wofür man sich schämen müsste. Seine Mutter war etwas aufdringlich und wollte immer alles wissen und sein Vater versuchte mit allem cool zu sein. In Ordnung eigentlich, und Iizuna würde mit den Fragen der Mutter und dem Buddy-Getue des Vaters sicher klarkommen, nur wusste Kenma nicht, ob er das wollte. Sie würden Iizuna sofort in der Familie aufnehmen und sie würden ihn auch öfter sehen wollen und Kenma würde Iizuna teilen müssen und vielleicht würde Kenma dann auch Iizunas Eltern und seine Schwestern kennenlernen müssen und dann würde er mit ihm immer wieder dorthin müssen; seine Freizeit war so schon begrenzt genug.
Wie auf ein Stichwort kam in diesem Moment eine Nachricht von Iizuna.
Iizuna Tsukasa:
-Guten Morgen ☀
ich hoffe, du hast gut geschlafen. :-*
Sehen wir uns heute?
Kenma ertappte sich bei einem Lächeln, das sogar fast seine Zähne zeigte. Schnell versiegelte er seine Lippen wieder und antwortete mit einem gepressten Lächeln, weil er ja doch nicht anders konnte.
Du:
-Morgen, war okay
ja, gerne. Ich hab um 1900 Schluss.
Iizuna Tsukasa:
-Ich hol dich dann ab
Freu mich auf dich <3
Du:
-ich freu mich auch
Keine Emojis, keine Zeichen. Nur Worte, von denen Kenma wusste, dass sie Iizuna nicht zu wenig waren.
“Grinsebacke?”, fragte Kuroo, und Kenma schreckte hoch, weil sich sein bester Freund regelrecht angeschlichen hatte. “Mach das nicht”, knurrte er ihn an. Kuroo lachte und machte sich auch einen Kaffee. “Schon seltsam, dass du schon hier sitzt. Hättest mir aber auch mal Kaffee ans Bett bringen können”, sagte er. Kenma verdrehte die Augen. “Teru schläft, oder?”, erwiderte er. Kuroo nickte. Sein bis eben doch recht frecher Ausdruck wurde wieder ernst. So wie gestern, als sie über Terushima gesprochen hatten.
“Ja, er schläft”, antwortete Kuroo und setzte sich mit seiner Tasse zu Kenma. Dann schwiegen sie sich an.
-
Die Stimmung im Krankenhaus war seltsam. Sie war immer angespannt, wenn Patienten verstarben, immer trauriger, wenn es um Angehörige ging, aber diesmal war es irgendwie kalt. Die Unfaller, die gestern in der Notaufnahme waren, arbeiteten wie mechanisch. Dr. Ukai tappte nervös mit dem Fuß. Yachi machte Anstalten, Kenma anzusprechen, verstummte aber und senkte den Kopf. Kuroo nahm sie zur Seite, weil er wohl ahnte, was sie fragen wollte. Es ging um Terushima.
Yamaguchi war nicht anwesend.
Die neuen Assistenzärzte hatten sich schon ein bisschen eingelebt und sehnten sich nach der ersten OP, die sie im Alleingang erledigen durften. Keiner war so schnell an das Privileg geraten, das Terushima im ersten Jahr hatte. Kenma verdrängte den Gedanken, dass die Strenge von Terushimas Vater wohl doch etwas gebracht hatte und dachte wieder an seinen eigenen Vater, der mit einem freudigen Gesicht jeden Erfolg von Kenma gefeiert hatte. Jeden Abschluss, jede Entscheidung. Terushimas Vater war bestimmt einfach nur okay mit den Entscheidungen seines Sohnes gewesen. Wie es Terushimas Schwestern wohl ging? Er hat noch nicht viel von ihnen erzählt. Nur erwähnt, dass es sie gab und dass sie quasi abgehauen waren.
“Wie geht's ihm?”, fragte Akaashi am Weg zur Visite. Kenma zuckte knapp mit den Schultern. “Schwer zu sagen. Er schläft vermutlich noch”, antwortete er. Akaashi nickte.
“Zieht nicht so lange Gesichter”, tadelte Dr. Komori, zog aber selbst ein genauso langes Gesicht. Kenma wollte diesen Tag nur schnellstmöglich hinter sich bringen. Er wollte eigentlich zurück zu Terushima und sichergehen, dass es ihm gut ging. Es war ein seltsames Gefühl. Es war wie damals, als Kuroos Mutter gestorben war. Wenn die Menschen, die immer für gute Laune sorgten, selbst am Rande des Abgrunds standen, dann fühlte sich alles plötzlich schwer und trist an. Es war wie im Frühjahr, als Eri gestorben war. Das helle Lachen des Krankenhauses hatte sie alle verlassen. Wie wenn die Sonne untergegangen war, die Kenma eigentlich nicht so gerne mochte und dann, wenn es lange dunkel war, merkte, dass sie ihm fehlte. Eris Lachen fehlte ihm plötzlich und er fürchtete um das von Terushima. Auch, wenn der Tod seines Vaters ihm wirklich egal sein sollte, so lag nun ein ganz anderer Schatten über dem sonst so positiven und chaotischen Assistenzarzt. Der Schatten seiner Genetik. Eine Matrix, aus der er nicht ausbrechen konnte. Eine Gleichung, die sie alle nicht lösen wollten, weil das Ergebnis scheiße war. Das erkannte auch Oberschwester Misaki, die an diesem Vormittag mit Kanna zu Besuch kam.
Mit Kanna kam Terushimas Lachen zurück ins Krankenhaus, aber Misaki teilte es nicht. “Guten Morgen”, sagte sie zu Kenma, der in einem Diktierzimmer über einer Patientenakte lungerte. Er würde erst am Nachmittag im OP sein: Resektion einer AVM. Bei dem Patienten, dessen Akte gerade vor ihm lag. Und damit war seine Stimmung wieder insgeheim etwas seltsamer und unruhiger geworden. Wieder traf es Krankenhauspersonal. Shohei Fukunaga aus dem Labor. Er klagte, wie auch Dr. Komori hervorgehoben hatte, seit jungen Jahren an ständigen Kopfschmerzen. Er hatte es für Migräne gehalten, bis Dr. Komori auf ihn eingeredet hatte, ein MRT zu machen.
Diagnose: arterio-venöse Malformation, eine Arterien-Venen-Verbindung im Gehirn. Der Verbund sorgte für so etwas wie ein - gut durchblutetes - Knäuel, das jederzeit platzen konnte.
Die besondere Problemstellung: Fukunagas Fehlbildung, das “Knäuel”, lag direkt am Broca Areal, dem Sprachzentrum.
Das würde eine sehr nervenaufreibende Operation werden, die Dr. Sakusa mit äußerster Präzision durchführen würde, und Kenma würde sein Navigator sein und deswegen studierte er nun die MRT- und CT-Bilder eingehend. Auch ein paar Ultraschallbilder hatte er vor sich liegen. Als Misaki ihn aber ansprach, hob er den Kopf.
“Oh… Hana. Guten Morgen”, sagte er. Misaki schluckte stark. “Ich weiß nicht, was ich denken soll”, sagte sie. Kenma musterte sie. “Worüber?” Misaki zog tief Luft ein. Ihr Atem zitterte. “Yuuji”, hauchte sie, ihre Tränen unterdrückt. Kenma spürte die Schwere in der Luft zwischen ihnen. “Und diese Krankheit”, presste sie hinterher. Kenma schwieg.
Er wusste, was man darüber denken musste.
Man machte sich Gedanken, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass Terushima sie auch hatte. Er trug den Fehler allemal auf seiner Erbsubstanz. An Misakis Stelle musste man wohl darüber nachdenken, dass die Möglichkeit bestand, dass auch Kanna diesen Fehler in sich trug. Denn ihre DNA bestand zu einer Hälfte aus der von Terushima. Kenma aber dachte anders.
“Ich weiß so gut wie gar nichts über Teru und seine Familie”, murmelte er. Es war ein Schock, zu erfahren, dass Terushimas Vater so krank gewesen war. Er wusste, dass seine Mutter bereits länger verstorben war und er kannte nur die wenigen Details über seinen Vater, die Kuroo erzählt hatte, aber über Kuroo wusste er alles. Kuroo war auch sein bester Freund. Und Terushima? Nun ja, auch Terushima stand in diesem Kreis seiner engsten und wichtigsten Freunde. Ein Jahr eher hätte er sich selbst herzhaft ausgelacht, hätte ihm sein zukünftiges Selbst davon erzählt. Jetzt seufzte er traurig.
“Hier Kenma, nimm die Kleine mal, dann erzähl ich dir von Professor Terushima”, sagte Misaki und setzte sich neben ihn. Kenma nahm fast schon intuitiv das Baby an sich und starrte in Kannas blaue Augen. Weder Misaki noch Terushima hatten blaue Augen. Doch Kenma wusste, dass sich die Augenfarbe bei Babys erst entwickelte. Dennoch war es interessant anzusehen, dass jemand, der wie Terushima aussah, so sanfte blaue Augen hatte. Dann hob er den Kopf und lauschte Misakis Erzählung über Professor Terushima. Terushimas Mutter, nicht Vater.
Als sie das erste Mal von Naomi Terushima hörte, hatte Hana erst ein paar Monate Universität hinter sich und war sich noch gar nicht sicher, in welche Richtung sie sich entwickeln wollte. Krankenpflege mit Diplom. So viel war klar. Doch noch wusste sie nicht, ob sie mal in einem Krankenhaus arbeiten wollte, auf einer Station oder im OP oder ob sie im Altenheim ihre Erfüllung finden würde oder ob sie die psychologische Richtung einschlagen würde. Hana war also wichtig, so viele Eindrücke wie möglich zu erhaschen, und so saß sie nach einem halben Jahr in Professor Terushimas Gastvortrag:
“Die Architektur der Unruhe”
Hana war der aufgeweckte Junge im Hintergrund gar nicht aufgefallen. Erst als Professor Terushima über die Illusion der Ruhe sprach und ganz hinten im Hörsaal ein lauter Knall vonstattenging, entdeckte Hana den Teenager mit seinem Skateboard. Er biss die Zähne zusammen und hatte den Kopf eingezogen, während er das Skateboard langsam wieder zu sich zurückzog.
Professor Terushima lächelte. “Manche Menschen haben zu viel Rhythmus, um stillzusitzen”, sagte sie und holte die Aufmerksamkeit wieder auf sich nach vorne zurück. “Krankheiten wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Huntington beginnen nicht mit dem großen Zittern, sondern mit dem Verlust der Mikro-Rhythmik. Es sind kleinste Veränderungen in eingefleischten Gewohnheiten, wie den Schlüssel ins Schlüsselloch zu führen oder das Ansetzen eines Füllers; wie wir unsere Kaffeetasse halten”, sprach sie weiter und baute eine künstliche Pause ein, in der sie einen Schluck aus besagter Kaffeetasse nahm.
Die Vorlesung befasste sich mit den subtilen Abweichungen in der menschlichen Motorik und der Möglichkeit, Früherkennungen für neurodegenerative Erkrankungen daraus zu filtern. Professor Terushima meinte, dass jede noch so kleine Abweichung einen Grund hatte und wenn es zu viel Koffein war, Überarbeitung, die Unauslast eines Kindes oder Teenagers.
Sie sprach über Mikro-Expressionen der Motorik, über klinische Intuition und darüber, dass die Körpersprache bereits die Diagnose erzählte, noch bevor der Patient den Mund aufmachte. Sie erkannte Tourette am Blickkontakt und schilderte von einem Mädchen mit huntington’schen Symptomen.
“Sie hat über ein kleines Mädchen mit Sydenham gesprochen, das nach zwei Wochen Behandlung wieder Klavier spielen konnte. Sie hatte dabei Tränen in den Augen. Wir dachten, es sei Mitgefühl - heute glaube ich, es war Neid”, sagte Misaki, selbst mit Tränen in den Augen. Kenma schwieg. “Professor Terushima war eine Ikone der Neuropsychiatrie. Ich glaube, sie hat jede von Yuujis Bewegungen analysiert und auch die ihres Mannes… also von Yuujis Vater. Der war ein wahres mathematisches Genie. Naja, zumindest so lange, bis er nach der Einlieferung seiner Frau dem Alkohol verfallen ist”, seufzte Misaki und erzählte von ihrem psychiatrischen Praktikum.
“Guten Morgen, mein Name ist Hana Misaki, Praktikantin, Krankenpflege, viertes Jahr”, stellte Hana sich vor. Es war ihr letzter “erster Tag”. Nach diesen zehn Wochen würden nur noch die Abschlussprüfungen und die Diplomarbeit zwischen ihr und ihrem Ziel stehen: Der Sonderausbildung für den OP. Doch nun wartete erstmal die Psychiatrie. Es war ein Wahlpraktikum, nachdem sie das Frühjahr zwischen den Beatmungsgeräten der Intensivstation verbracht hatte. Sie wollte auch verstehen, was passierte, wenn nicht der Körper, sondern der Geist versagte.
“Madoka Yachi, Stationsleitung. Schön, dass du hier bist”, kam die prompte Antwort einer Frau, die keine Zeit für Floskeln hatte. “Du kennst den Stationsablauf? Gut. Vergiss ihn. Hier ist es anders. Die Patienten stehen im Fokus, nicht die Bürokratie. Wenn das Signal geht, lässt du alles fallen. Kein Material einräumen, kein ‚nur kurz fertig machen‘. Du rennst. Da hinten ist der Monitor mit dem Ampelsystem für die Einstufung der Gefährdungslage. Als Praktikantin stehst du nicht im Weg. Du folgst deiner Zuteilung wie ein Schatten und hältst Sicherheitsabstand. Noch Fragen? Nein? Gut. Viel Erfolg.”
Hanas Erstgespräch dauerte keine zwei Minuten. Keine Lernziele, kein Eingehen auf Vorstellungen, nur die nackte Effizienz des Klinikalltags.
Sie stand nun vor Ai Nakashima, die sich freundlich verneigte. Hana erwiderte die Geste tief, wie es sich für die Rangniedrigste gehörte.
“Das ging… schnell”, lachte Hana etwas verlegen. “Ach, mach dir da keinen Kopf, ich zeig dir alles. Du kannst auch gerne Ai sagen. Wir sind hier alle sehr familiär. Müssen wir auch irgendwie sein", sagte die Krankenschwester und Hana war erleichtert. Beim Beschatten, wie die Oberschwester es ihr aufgetragen hatte, sprach Hana über ihre Ausbildung und ließ sich alle wichtigen Checkpoints zeigen. Wo der Dienstplan auflag, wo das Materiallager war und die Medikamentenausgabe.
“Du hast Glück”, sagte Nakashima plötzlich und ihre Stimme wurde ernster. “Wir bekommen heute eine Neuaufnahme. Du kannst direkt den Prozess miterleben. Schreib dir das gut auf!”. Hana nickte und zückte ihr Notizblöckchen aus dem Kasak. Nakashima nickte anerkennend, denn der Block war nicht neu, war bereits beschrieben und bot somit Platz für Ergänzungen, auch wenn die Pflege auf der Psychiatrischen ganz anders war als auf den normalen Stationen. Das hatte Oberschwester Yachi bereits gesagt.
Hana folgte mit Ai dem Lärm in den Aufnahmebereich.
Dort brach das Chaos ohne Vorwarnung los. Schreie drangen ihnen entgegen. Hana hielt die Luft an. So anders also.
Ai ließ Hana wortlos stehen und rannte auf eine Gruppe von Pflegern zu, die versuchten, eine tobende Frau zu bändigen. “Ich gehöre hier nicht hin!”, brüllte die Patientin. Ein Pfleger schrie auf - sie hatte ihn gebissen. Hana schluckte hart. Sie sah das Blut an seinem Arm und dachte unwillkürlich an die Infektionsgefahr; menschliche Bisse waren durch die Keimbelastung oft gefährlicher als die von Raubtieren.
Ai und ein Kollege versuchten, die Arme der Frau zu fixieren. Ein Schlag traf den Kollegen hart im Gesicht. Hana sah das Zögern der Pfleger. Zu festes Zupacken verletzte, zu lockeres gefährdete das Team. Der gebissene Kollege wurde zur Wundversorgung geschickt, während weitere Kräfte herbei eilten.
“Kann ich irgendwas tun?”, fragte Hana. Sie war näher herangetreten, als sie eigentlich sollte. Instinktiv stellte sie sich direkt hinter Ai, da fuhr die Hand der Patientin wieder aus, aber Hana fing sie wie aus Reflex ab. Die Berührung war fest, aber ruhig. In diesem Moment sah Hana das Gesicht der Frau zum ersten Mal richtig. Das Herz wollte ihr aussetzen.
“Geh in Sicherheit, Hana”, sagte Ai und wollte dazwischen gehen, doch etwas seltsames geschah. Die Patientin wurde schlagartig still.
Dann begann sie, bitterlich zu weinen und griff hilfesuchend nach Hanas Arm. “Ich gehöre hier nicht hin”, wiederholte sie mit gebrochener Stimme. Hana setzte ein sanftes Lächeln auf. “Dabei ist es hier so nett”, erwiderte sie leise und legte die freie Hand beruhigend auf die zitternden Finger der Frau.
Die Patientin legte den Kopf schief. Ihr Körper entspannte sich. Eine unsichtbare Verbindung baute sich zwischen ihr und Hana auf. “Wirklich?”, fragte die Frau. “Natürlich”, sagte Hana und streichelte betüchtigend über ihren Arm. Die Frau lehnte den Oberkörper erschöpft gegen Hana. “Aber ich gehöre hier nicht hin…” Ein Kollege von Ai wollte die Patientin, nun, da sie ruhiger war, übernehmen, doch Ai gebot ihm Einhalt. “Ich will das sehen”, sagte sie und Hana legte den Arm um die Patientin. “Sind wir nicht alle immer mal wieder an Orten, wo wir nicht hingehören?”, flüsterte Hana. “Ich glaube, Sie sind hier, dass wir herausfinden, wo Ihr Platz ist.”
Die Patientin sah auf. Ein schwaches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. “Helfen Sie mir?”, fragte sie. Hana nickte freundlich, während ihr Inneres vor Ehrfurcht und Trauer schrie. “Wo ich kann, Terushima-sensei”
Kanna lachte herzhaft auf, während ihrer Mutter die Tränen in den Augen standen. Kenma fand seinen Finger gefangen in der kleinen Hand des Babys auf seinem Schoß. Er streichelte mit dem Daumen über die kleinen Fingerchen mit ihren weichen Fingernägeln, dann hob er den Kopf und sah zu Misaki. “Dann kennst du Teru schon länger?”, fragte er. Misaki schüttelte den Kopf. “Nicht direkt. Ich hab ihn nur das eine Mal gesehen und wir haben nicht mal ein Wort gewechselt. Er war ein Kind… Teenager, wie auch immer”, sagte sie und lachte dann auf. “Ich hätte nie gedacht, dass das alles passiert”, sagte sie mit einem Seufzen. “Also hast du nicht wegen seiner berühmten Mutter…?”, begann Kenma eine Frage, die er gar nicht richtig aussprechen konnte. Misakis Augen weiteten sich. “Kenma! Wie kannst du sowas fragen?”, erwiderte sie darauf. Kenma schüttelte überrascht den Kopf. “Entschuldige, das hätte ich nicht fragen dürfen”, sagte er. Misaki nickte zustimmend. “Absolut korrekt”, sagte sie und nahm ihre Tochter wieder zurück.
“Um ehrlich zu sein, hab ich das in dem Moment gar nicht bedacht gehabt. Als Yuuji hier angefangen hat, dachte ich schon daran. Also an seine Mutter und ich habe mich gefragt, ob er irgendwie in ihre Fußstapfen tritt. Ist er nicht, immerhin war sie Neuropsychiaterin und Yuuji geht den Weg zur Chirurgie… aber es hätte ja sein können, dass er auch ein absolutes Genie ist, wie seine Mutter und auch wie sein Vater”, erklärte sie. Die beiden tauschten einen Blick aus und mussten kurz auflachen.
“Naja, so viel es wert ist… Albert Einstein meinte, die Grenzen von Genie und Wahnsinn lägen sehr nahe beisammen”, musste Kenma feststellen. Misaki nickte. “Diese Grenze hat auch Professor Terushima irgendwann überschritten. Wir hatten leider nicht viel Zeit und als sie sich… das Leben genommen hat, war ich schon gar nicht mehr in dem Praktikum. Ich hab es irgendwann im Sprektrum gelesen”, seufzte sie und drückte ihre kleine Tochter an sich. “Ich hoffe, in dir steckt mehr Genie als Wahnsinn und wenn es nichts von beidem ist, ist es auch okay”, sagte sie und küsste den brünetten Haarschopf. Dann erhob sie sich und lächelte Kenma freundlich an. “Danke fürs Zuhören, irgendwie hat es gut getan, in diesen Erinnerungen zu schwelgen”, sagte sie, auch wenn Kenma ihr ansah, dass es ihr nicht ausschließ gut getan hatte. Misaki war traurig, aber Kenma vermutete, dass diese Schwankungen und überschreitenden Grenzen der deutlichen Gefühle in nächster Zeit noch öfter vorkommen würden. Nicht zuletzt waren Misakis Hormone bestimmt immer noch etwas durcheinander und mit einem Kindsvater wie Terushima würde es mit und ohne Krankheit kein Kinderspiel werden. Auf ihre Worte konnte er trotzdem nichts erwidern. Er widmete sich wieder seinen Unterlagen und Misaki verließ das Diktierzimmer.
-
In der Mittagspause fand sich Kenma am selben Tisch wie Tsukishima und Dr. Tendou. Und Dr. Tendou war wie eh und je am Plaudern und Singen und dabei, Geheimnisse auszuplaudern, die dem Inhaber vielleicht egal waren, dass sie geteilt wurden, Kenma aber war es auf eine ganz besondere Weise unangenehm, Folgendes zu hören, als sie entdeckt hatten, dass ein gewisser Patient immer noch hier war, vielleicht sogar zivil und vor allem mit einem entzückten Lächeln die Hand eines der Ärzte hielt.
“Hat sich in der Nacht einfach ins Bereitschaftszimmer zu Wakatoshi geschlichen. Und so sanftmütig Wakatoshi ist, hat er ihm Platz gemacht und als er ihn sozusagen erklimmen wollte, oh, Wakatoshi hat ihn gepackt, mit beiden Händen an den Oberarmen. Kraftvoll. Ja, Wakatoshi hat ne Menge Kraft, das seht ihr ja im Saal immer wieder. Aber er hat seinen Überraschungsgast ganz sanft mit seiner ganzen Kraft unter sich manövriert und ja, wer ihn kennt, der weiß, dass Wakatoshi bei Bitten schwer nein sagen kann und Hyomaleinchen hat seine Bitte nichtmal aussprechen müssen. Das muss das erste Mal gewesen sein, dass Wakatoshi non-verbal kommuniziert hat und es ist so wundervoll ausgegangen! Hach… Can you feeeeeeeel the love tonight?” Dr. Tendou legte nach seinen Ausführungen eine Sondervorstellung des Elton John Klassikers hin. Tsukishima verdrehte die Augen und stand einfach mit seinem Tablett auf, das Weite zu suchen. Kenma blieb mit einem unwohlen Gefühl zurück. Er hatte sich gerade erst gesetzt und wollte zumindest ein paar Bissen essen,;Kuroo hätte ihn sonst anderweitig dazu gezwungen und das wollte er nicht.
Als sie alleine zurückblieben, schwenkte die Stimmung des Unfallchirurgen sofort um. Dr. Tendou wurde ernst. Er setzte seine Arme an den Ellenbogen auf den Tisch und bettete seinen Kopf über den in sich verhakten Fingern. Seine wahnsinnigen Augen (dahinter versteckte sich kein Genie!) fixierten Kenma und Kenma wagte es erst gar nicht, einen Bissen zu nehmen, um sich nicht daran zu verschlucken.
“Und du, du kleiner Herzensbrecher. Was führst du gerade im Schilde?”, fragte Dr. Tendou. Kenma blinzelte verwirrt. “Was? Wer? Ich?”, erwiderte er. Dr. Tendou verdrehte die Augen. “Natürlich du! Du hast es geschafft, einen Mann an dich zu binden, der schier unanbindbar ist”, kicherte er. Der Ernst war wieder verflogen. Warum musste Kenma nur alleine zurückbleiben? “Ich weiß nicht, was Sie meinen. Es war Tsukasas Entscheidung”, erklärte er. Dr. Tendou nickte. “Ja, das meine ich ja. War total aufgebracht, der arme Kerl, als du da auf der Intensiv gelegen bist. War ja für uns alle nicht cool. Sogar Tsukki-lein hat sich Sorgen gemacht und Wakatoshi-kun… Mensch, was war er nervös, als wir deine Rippen gefixt haben und die von Akaashi-lein. Aber das ist ja alles Schnee von gestern”, winkte er schließlich ab. Kenma seufzte. Ja, es lag in der Vergangenheit und dennoch war es doch oft so, dass gerade diese einen einholte. So war es ja auch bei Terushima gerade.
“Was ich sagen will, dieser ganze Mr. Unnahbar-Act muss sich im Bett ziemlich auszahlen, so wie bei Wakatoshi-kun”, sprach Dr. Tendou ein Thema an, das Kenma eigentlich mit niemandem besprechen wollte. Er war umgehend froh drum, dass er das Essen eingestellt hatte und nun nicht drohte, an einem Bissen davon zu ersticken. Es hinderte ihn aber nicht daran, sich an seinem eigenen Speichel zu verschlucken. “Was? Nein… das… nein, so ist es nicht”, hustete er heraus. Dr. Tendous Augen funkelten auf. “Achso? Ist es nicht? Wie ist es dann? Hast du ihn etwa noch gar nicht rangelassen? Oh, dieser arme junge Mann!”, stieß er überrascht aus und machte einen mitleidigen Blick. Kenma wich ihm aus. Er sah auf das Tablett mit seinen traurigen Kartoffeln. Die Hände des Oberarztes knallten auf den Tisch. “Ich hab recht!”, rief er und legte den Kopf so auf den Tisch, dass Kenmas Augen automatisch auf ihn fielen. “Ja… schon… aber ist das so schlimm?”, fragte er. Dr. Tendou richtete sich wieder auf und so folgte ihm Kenmas Blick. “Naja… das kommt immer drauf an”, begann der Unfallchirurg und machte ein Gesicht, als überlege er stark. “Warum schiebst du es denn auf?”, fragte er ganz direkt. Kenma wurde nervös. Dennoch zuckte er souverän mit den Schultern. “Ich mag es nicht”, sagte er trocken und begann mit den Fingern am Tisch zu scheren. Er fragte sich, ob Akaashi sich immer so fühlte, wenn er seine Fingerverkrampfungen praktizierte und ob es das eben auch eine Ablenkung war. Stille waltete zwischen den beiden Ärzten. Dr. Tendou musterte Kenma. Aber irgendwie fühlte es sich nicht so unangenehm und schrecklich an, wie er vermutet hatte, dass es sich anfühlte, wenn man für sowas verurteilt wurde.
Um sie herum herrschte das übliche Kantinenleben. Ärzte, Schwestern und Pflegekräfte tummelten sich. Assistenten aus allen Bereichen waren darunter gemischt, sowie Praktikanten und Famulanten. Ob Hinata bald auch zu diesen Praktikanten gehörte? Doch Kenma konnte sich keine Gedanken darüber machen, denn Dr. Tendou hatte seine Sprache wiedergefunden, nicht, dass es sie ihm verschlagen hatte, aber er tüftelte wohl etwas aus in seinem verrückten Kopf.
"Also, soviel ich weiß, ist das Wichtigste doch, dass man einander liebt, nicht wahr? Manche können das nur körperlich zeigen und andere brauchen es nicht körperlich und solange es für Zuna in Ordnung ist, dann ist doch alles perfekt”, sagte er. Zuna. Das war Iizunas Spitzname und Kenma hatte ihn bisher nur einmal gehört. Durchs Telefon. Ausgesprochen durch Iizunas letzten… Klienten. Ein unangenehmes Gefühl machte sich in seiner Brust breit.
“Woher kennen Sie diesen Namen?”, fragte er. Dr. Tendous Augen wurden weiter, sein Blick dadurch noch wahnsinniger als sonst schon. “Kennen?”, fragte er und zuckte mit den Schultern. “Ich habs nur n bisschen abgewandelt. Ist was damit? Ist das euer eigener kleiner Name?”, wollte er wissen, aber Kenma schüttelte den Kopf. Genauso schüttelte er die negativen Gedanken ab. Das war ein dummer Gedanke, der sich da gerade bilden wollte. Dr. Tendou gab so ziemlich jedem Spitznamen, er hatte Iizuna nicht gebucht.
“Aber… ist es wirklich in Ordnung, wenn ich nicht mit ihm…”, begann nun Kenma, das Thema weiterzuführen, selbst wenn er seine Frage nicht ganz aussprechen konnte. Da hatte er auf eine irgendwie verquere Art und Weise Glück, dass er gerade mit Dr. Tendou sprach, denn er wusste, worauf er hinaus wollte.
“Schau mal, wir alle machen irgendwie Kompromisse. Kompromisse. Das ist wichtig. Es darf nichts sein, was man aufgibt. Weder du noch er. Also, solltest du merken, dass es ihm doch wichtiger ist, dann müsst ihr schauen, wie ihr das lösen könnt. Es gibt eine Menge asexueller Menschen, die in funktionierenden Beziehungen leben. Entweder mit anderen Asexuellen oder mit Demisexuellen, mit so kleinen Dingen, die auch irgendwie hinhauen. Bestimmt findet ihr was auf dieser Ebene, was ihm gefällt und was für dich auch schön sein kann. Weil Sex ist nicht gleich Sex und es geht nicht immer darum, das Ding wo reinzustecken. Es gibt Handstuff und andere Sachen… und wenns doch nicht klappt, naja, es gibt auch offene Beziehungen, wo der Sexpositive seine Bedürfnisse anderswo auslebt. Je nachdem, wie du das dann finden könntest, kann das eine Lösung für euch sein, wenn es jemals ein Problem sein sollte, aber naja, darüber macht ihr euch dann Gedanken. Man soll den Teufel ja nicht an die Wand malen”, sprach Dr. Tendou das erste Mal etwas aus, was Kenma noch nicht in Worte gefasst hatte, weil er sich noch nie damit beschäftigt hatte, oder zumindest nicht nach einem Namen dafür gesucht hatte, aber es drückte bereits mit dem vorgestellten A, das im Lateinischen für das Fernbleiben stand, genau das aus, was Kenma fühlte, oder eben nicht.
Kenma war asexuell. Und es war in Ordnung. Das zeigte ihm der Arzt, von dem Kenma am wenigsten erwartet hatte, jemals eine solche Unterhaltung zu führen.
“Danke, Dr. Tendou”, sagte Kenma, aber der Oberarzt winkte nur ab. “Nicht für sowas, du kleiner Herzensbrecher”, erwiderte Dr. Tendou und stand mit einem Kichern auf. “Also, ihr regelt das so, wie es für euch passt und ich schneid jetzt einen Oberschenkel ab”, sagte er, nahm sein Tablett und ließ Kenma mit einem angewiderten Blick zurück. Kenma mochte die Unfallchirurgie einfach nicht. Ihm war aber bewusst, dass er als angehender Neurochirurg gut mit den Unfallern stehen sollte, denn gerade bei Schädelhirntraumata mussten die beiden Abteilungen eng zusammenarbeiten.
Für diesen Nachmittag stand für Kenma aber nur noch die sehr enge Zusammenarbeit mit Dr. Sakusa bevor, denn die Resektion der arteriovenösen Fehlbildung bedeutete genaueste Abstimmung zwischen Chirurg und Assistenzarzt. Es blieb somit auch keine Möglichkeit, sich Gedanken darüber zu machen, was Sex alles sein konnte und wie er dazu stehen könnte.
“Ich vertraue Ihnen, Dr. Kozume”, sagte Dr. Sakusa, als Kenma überpünktlich an der Waschstelle vor dem Operationssaal ankam und die chirurgische Händedesinfektion erst einmal mit gründlichem Waschen seiner Hände startete. Im Operationssaal wurde bereits das Mikroskop bereitgestellt, sowie die Satelliten-Lampen auf den Kopf gerichtet und die Anästhesie kümmerte sich um die Narkose des Patienten.
“Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen”, erwiderte Kenma. Er hatte schon im Studium immer ein besonderes Händchen für die Neuronavigationsgeräte gehabt, egal welche Marke, egal, welche Version.
“Shohei Fukunaga, Resektion AMV, Antibiotikum wurde gegeben, Allergien sind keine bekannt. Die Lagerung ist korrekt, das Team ist komplett und eingespielt. Hautschnitt.” Dr. Sakusa stand über dem Kopf des Patienten und machte das Team Time Out nach der Vorbereitung direkt von sich aus und hatte, noch bevor er es aussprechen konnte, das Skalpell für den Schnitt in der Hand. Fukunaga war komplett abgedeckt. Nur ein kleines Fenster der kahl rasierten Kopfhaut war freigelegt, wo der Schnitt angesetzt wurde.
Kenmas Blick verharrte einstweilen auf dem Bildschirm. Die bunten Linien der Traktographie machten die Nervenfaserbahnen sichtbar.
“Der Nidus liegt 3 Millimeter tiefer als im Scan, Dr. Sakusa“, teilte Kenma mit, ohne den Blick vom Bild zu nehmen. „Die Pulsation des Liquors hat die Lage verschoben. Wenn Sie den Standard-Winkel nehmen, treffen Sie eine der Drainage-Venen zu früh.“
“Sehr gut beobachtet”, erkannte Dr. Sakusa Kenmas Beobachtung an. “Bohrer”, sagte er schließlich. Der Saal wurde erfüllt vom hochfrequenten Surren der Maschine und der Geruch von Knochenstaub machte sich in Kenmas Nase breit. Dann blieb das monotone Piepen des Überwachungs-EKGs zurück.
Im Hintergrund wurde das Mikroskop steril abgedeckt und auf Anweisung in Dr. Sakusas Wirkungsbereich gelenkt. Die Einstellung war schnell gemacht und Dr. Sakusa präparierte sich neben kontrollierten Blicken auf die Neuronavigation den Weg frei, bis er plötzlich anstand.
“Schauen Sie, Dr. Kozume. Dieses Knäuel ist unordentlich. Es passt nicht in die Anatomie. Das ist unser Problem”, sagte er und wies Kenma damit an, selbst einen Blick durch das Mikroskop zu erhaschen. Er war ja schließlich auch zum Lernen hier. Weil Kenma aber ein gutes Stück kleiner war als Dr. Sakusa, wurde ihm von Kuguri eine Stufe bereitgestellt.
So hatte er den perfekten Blick auf das eröffnete OP-Gebiet: pulsierende Hirnmasse, wenig Blut und Dr. Sakusas präzise Finger, die gerade eine kleine Oberflächenader mit der bipolaren Pinzette koagulierten. “Wow”, flüsterte er. Das Bild direkt durch die Okulare war ein ganz anderes Level als der Bildschirm, der die Live-Übertragung am Kontrollmonitor lieferte. Kenma hatte aber auch einen kleinen Einwand. “Wenn Sie zu weit nach links kommen, kappen Sie sein Sprachzentrum.”
Dr. Sakusa hielt inne. Er schob den Kopf am Mikroskop hervor und sah zu Kenma an seiner linken. “Das ist mir bewusst, Dr. Kozume”, erwiderte er und widmete sich wieder den Okularen des Mikroskops. Kenma stieg von der Treppe. “Natürlich nicht, Dr. Sakusa”, sagte er und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Navigation und das Ultraschallgerät, aber auch auf den Kontrollmonitor: Das Knäuel pulsierte im Rhythmus des Herzschlags. Dr. Sakusa arbeitete sich Millimeter für Millimeter vor, die bipolare Pinzette in der rechten, den Sauger in der linken Hand. Izuru, versetzt hinter ihm, bereit, mit einem Tupfer und auch eines der Geräte auszutauschen, wenn es benötigt wurde.
Doch dann geschah es. Ohne Vorwarnung. Ein hässliches, nasses Ploppgeräusch.
Es war kaum hörbar, aber im Mikroskop wirkte es wie eine Explosion. Ein feiner, aber heftiger Strahl Blut schoss aus dem Knäuels hervor und traf direkt die Linse des Mikroskops.
“Verdammt“, murmelte Kenma, während er auf dem Kontrollmonitor sah, wie Dr. Sakusas Sichtfeld augenblicklich rot wurde. Gleichzeitig änderte sich der Rhythmus im Raum. Das bisher monotone, regelrecht beruhigende Piepen des EKG-Monitors beschleunigte sich schlagartig. Der Puls des Patienten schoss in die Höhe. Das war eine physiologische Panikreaktion auf den plötzlichen Druckabfall im Gefäßsystem.
Kenma beobachtete aber auch, was seinen Mentor auszeichnete: Im Gegensatz zu anderen Chirurgen, die hektisch zurückgezogen oder mehr Absaugung verlangt hätten, bewegte er sich keinen Millimeter. Er erstarrte, während das Blut über seine Handschuhe quoll. Seine Augen hinter den Okularen weiteten sich, aber blieben ruhig. Er fixierte nicht das Chaos, er suchte den Ursprung. “Dr. Kozume, Lokalisierung”, forderte er nach Unterstützung.
Auch Kenma geriet nicht in Panik. Er analysierte die 3D-Map des Gehirns. Pulsierende rote Linien der Arterien. Er ignorierte das rote Chaos auf dem Hauptmonitor und konzentrierte sich auf die Datenströme.
“Das ist kein Oberflächenschaden, Dr. Sakusa”, sagte er rasch und änderte den Winkel der Map. “Sie haben einen versteckten Feeder bei 2 Uhr getriggert. Er liegt näher als in den Scans, das liegt am Brain Shift. Die Anatomie ist eingesunken, als der Liquor raus ist.”, erklärte Kenma die arterielle Zuführung zum AVM-Knäuel, der durch das zusätzliche Hirnwasser verschoben wurde. “Das ist wie ein versteckter Spawn-Punkt”, murmelte Kenma mehr zu sich selbst und zoomte in die digitale Rekonstruktion, um die exakte Abzweigung der Arterie zu finden.
Dr. Sakusa hielt den Sauger mit unnatürlicher Ruhe direkt in den Quell des Blutes. Das zuvor noch dezente Rauschen des Gerätes verwandelte sich umgehend in ein tiefes, gurgelndes Schlürfen.
“Keine Sorge, Motoya”, sagte Dr. Sakusa und ein kurzer Augenschwenk ließ Kenma erkennen, dass Dr. Komori in der Galerie verweilte und sie akribisch beobachtete. Kenma verstand. Würde Iizuna am OP-Tisch liegen, so würde er nun auch dort oben sitzen. Er würde wohl nicht wie Dr. Komori an der Scheibe kleben, aber er wäre genauso angespannt und würde Dr. Sakusa vertrauen. Wie dieser auch ihm vertraute.
“Gut, Dr. Kozume”, sagte der Neurochirurg. “Ab jetzt sind Sie meine Augen. Sagen Sie mir, wo ich den Clip setzen muss, bevor das Sprachzentrum im Blut ertrinkt.”
Die weiteren Minuten waren für Kenma die wohl fordernsten, aber auch aufregendsten in seinem Leben. Er gab die genauen Koordinaten durch und wagte es erst wieder, zu blinzeln, als er das Klicken des Clips vernahm. Das EKG wurde wieder ruhiger, das Geräusch des Saugers kehrte zum beruhigenden Rauschen zurück und Dr. Sakusas Arme entspannten sich. “Sehr akzeptabel”, sagte er. Das größere Lob für Kenma lag aber in der Ruhe von Dr. Sakusas Stimme. Er klang erleichtert und durchaus zufrieden. Vielleicht lächelte er im Ansatz auch unter der Maske sogar, doch Kenma wollte sich keine zu großen Hoffnungen machen. Er war froh, dass die Gefahr gebannt war und sie sich nun hindernisfrei um die Entfernung des AVM kümmern konnten.
Nachdem das Knäuel sauber abgetrennt in der Pathologieschale lag, wurde der Rest zur reinen Formsache. Dr. Sakusa überließ Kenma den duralen Verschluss und verließ den Saal, noch bevor der letzte Faden geknotet war.
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Beinahe Schlag 19 Uhr betrat Kenma die Personalschleuse im OP-Bereich und wechselte von der grünen Bereichskleidung in die blaue Dienstkleidung mit seinem weißen Kittel. Danach kostete es ihn nur noch ein paar Minuten, bis er schließlich in der allgemeinen Umkleide in seine Straßenkleidung wechseln konnte. Eigentlich wollte er Iizuna nicht warten lassen, doch wäre er etwas eher gegangen, wären die Umkleiden voll mit Kollegen gewesen und dem wich Kenma immer bestmöglichst aus.
Das Strahlen in Iizunas Gesicht, als Kenma endlich durch den Haupteingang trat, war unbeschreiblich und ließ auch Kenmas Herz höher schlagen. Iizunas Lächeln war für ihn immer etwas Besonderes, auch wenn Iizuna es oft auf den Lippen trug. Es stand ihm nunmal und Iizuna war auch sonst wunderschön anzusehen. Hinzu kam, dass die Abendsonne seine Haut sanft küsste und ihm einen speziellen Teint verpasste. Mit dem Strauß Blumen in der Hand sah er aus, als hole er Kenma für ein Date ab. “Oh”, entkam es Kenma, als er so überlegte und realisierte, dass Iizuna vermutlich wirklich ein Date im Sinn hatte. Dabei war vor allem der Nachmittag so anstrengend und nervenaufreibend gewesen, dass Kenma den Abend am liebsten auf der Couch ausklingen lassen wollte.
“Hey”, sagte Iizuna freundlich und lehnte sich bei Kenmas Ankunft etwas nach vorne, um einen zärtlichen Kuss auf dessen Wange zu platzieren. “Hey”, sagte auch Kenma und schloss für den Moment der süßen Begrüßung seine Augen.
“Wie war dein Tag? Erzähl mir alles! Ich will dir auch was erzählen. Aber zuerst du”, sprudelte es dann schon aus Iizuna heraus. “Und die sind für dich. Haben nen Hintergrund, aber das erzähl ich dir erst”, sagte er und überreichte den Strauß mit weißen Kamelien, blauen Hortensien und etwas Eukalyptus zur Abrundung. Kenma nahm die Blumen erstaunt an und betrachtete sie eine Minute schweigend. “Danke, Tsukasa…”, murmelte er und hob den Blick in Iizunas aufgeregtes Gesicht. Da musste er selbst schmunzeln. “Erzähl lieber du zuerst, du wirkst, als würdest du jeden Moment platzen wie ein Aneurysma unter Druck”, lud Kenma Iizuna zum Erzählen ein. Iizuna verzog bei diesem Vergleich zwar kurz das Gesicht, aber gestand Kenma zu, dass es treffend war: Es würde ihn jeden Moment zerreißen, wenn er seine guten Neuigkeiten nicht gleich loswerden würde.
“Ich hab einen Job gefunden! Ab nächster Woche arbeite ich in einer Zweigstelle von der Kette, die den Blumenladen bei euch im Krankenhaus hat”, erzählte er stolz. Seine Augen funkelten und die Mundwinkel schienen einzig von Iizunas Ohren aufgehalten zu werden, einmal rund um seinen Kopf zu ziehen. “Blumenladen?”, wiederholte Kenma überrascht und dachte an die eher knusprig braune als saftig grüne Pflanze in Iizunas Wohnung. Die, die er von seiner Mutter bekommen hatte und die den Geist aufgegeben hatte. “Bist du dir sicher, dass das das Richtige für dich ist?”, fragte Kenma und Iizuna nickte eifrig. “Ich weiß genau, woran du denkst und ich habe mir nun vorgenommen, meinen grünen Daumen erwachen zu lassen. Ich lass mir alles erklären und werde lernen und alle Pflanzen hegen und pflegen.” Während Iizuna überzeugt war, war Kenma es nicht. Aber er fand, dass er das auch gar nicht sein musste. Es war Iizunas Entscheidung und seine kürzlichen Entscheidungen waren alle gut: Die Aussprache mit Kenma. Sein Leben als Escort aufgeben. Nicht eifersüchtig auf Kuroo sein.
Und da traf es Kenma wie ein Blitz: Sein Leben als Escort aufgeben. Aufgeben.
Dr. Tendous Worte hallten in seinem Kopf wieder. Iizuna hatte auch gesagt, er hätte alles für Kenma aufgegeben. Ihm wurde auch schmerzlich bewusst, wie sehr er Iizunas Leben wohl gerade umkrempelte. Mit dem neuen Job, der Bindung an nur einen Menschen. Und obwohl Iizuna auch gesagt hatte, er würde gar nicht wollen, dass Kenma mit ihm schlafen wollte. Aber war es wirklich so einfach?
“Hab ich was Falsches gesagt?”, fragte Iizuna. Kenma schüttelte den Kopf. “Nein… nein… ich dachte nur… ich hab mich gefragt, ob ich etwas falsch mache. Du stellst dein ganzes Leben für mich um und ich… ich mach gar nichts”, sagte er. Iizuna setzte wieder eines seiner unwiderstehlichen Lächeln auf. “Du machst so viel für mich. Dank dir bekomme ich mein Leben gerade erst in den Griff und außerdem opferst du deine Freizeit für mich und willst bei mir sein. Was könnte ich mir mehr wünschen, Kenma?” Iizuna hatte wirklich ein Händchen dafür, die richtigen Worte zu finden, so dass auch Kenma sich zu einem Lächeln durchringen konnte. “Danke”, sagte er und griff nach Iizunas Hand. Dann sah er auf den Blumenstrauß. “Hast du die von dem Laden, wo du anfängst?”, fragte er. Iizuna nickte. “Ja! Und ich hab mich auch beraten lassen und schon einiges gelernt. Die dunkelblauen Hortensien hab ich genommen wegen deiner Ärzteuniform, die du anhast und der Eukalyptus ist da, weil er eine ähnliche Farbe hat, wie alles im Operationssaal und die weißen Kamelien… naja… die hab ich ausgesucht, weil weiß die Farbe der Unschuld ist, aber sie stehen auch für Perfektion, Beständigkeit und Sehnsucht und ich hab immer Sehnsucht nach dir, wenn du nicht bei mir bist”, erklärte Iizuna und kicherte beim letzten Teil verlegen. Kenma spürte, dass ihm die rosa Farbe in die Wangen stieg. “Du bist ganz schön romantisch”, murmelte er mehr in sich hinein, doch Iizuna verstand. “Das sollte dich nicht mehr überraschen, oder?”, fragte er. Kenma holte tief Luft. “Du hast recht… Tut es auch nicht. Und es ist irgendwie schön”, sagte er und roch erstmal an den vielen Blüten. “Irgendwie schön… das nehm ich”, sagte Iizuna und musste lachen. Kenma musste nicht lachen, er musste niesen.
“Oh nein! Bist du allergisch?”, fragte Iizuna alarmiert. Kenma blinzelte ein paar Mal schnell. “Nein, eigentlich nicht”, sagte er selbst überrascht. Iizuna presste die Lippen zusammen, um sich ein freches Schmunzeln zu verkneifen. “Du hast wohl etwas Blütenstaub in die Nase bekommen”, sagte er und wischte mit einem Stofftaschentuch, dass er just aus der Hemdtasche zog, über Kenmas Gesicht.
“Wow… du hast sogar sowas… Bist du eigentlich for real?”, fragte Kenma und rümpfte die Nase, weil es einen Moment lang noch gekitzelt hat. Iizuna machte einen besorgten Gesichtsausdruck.
“Ist es… too much?”, fragte er, sein Blick deutlich zwischen Kenma, dem Stofftuch und dem Blumenstrauß wechselnd. Kenma holte tief Luft. Iizuna verfiel das Gesicht noch mehr. Doch Kenma seufzte zufrieden. “Nein, du bist absolut perfekt”, erwiderte er und zog sanft an Iizunas Hand, ihm zu signalisieren, dass sie Richtung Parkplatz gehen sollten. Wo auch immer Iizunas Wagen stand.
Iizuna übernahm zufrieden die Führung und öffnete Kenma beim Auto angekommen, ganz gentlemanlike die Tür. “Danke”, hauchte Kenma und wusste aus vollstem Herzen: So ein Gentleman wie Iizuna war eben wirklich nicht for real.
Kenma saß seit dem Unfall das dritte Mal in einem PKW. Es war immer Iizunas Auto gewesen und dennoch fühlte es sich immer noch seltsam an. Er hatte keine Angst, aber ein beklemmendes Gefühl begleitete ihn auch in dieser Fahrt bis zu Iizunas Wohnblock, dass mit einem leisen erleichterten Seufzen ausstieg, als sie endlich da waren.
“Es wird besser”, sagte er zu Iizuna, der einen besorgten Blick aufgelegt hatte. “Ich hätte den Bus nehmen sollen”, murmelte dieser. Kenma schüttelte den Kopf. “Dann wären wir erst in einer halben Stunde hier. Es ist okay. Ich kann nicht davon weglaufen. Diesmal hatte ich auch die schönen Blumen, die mich abgelenkt haben”, sagte er und versuchte, Iizuna die Sorge zu nehmen. Es war übertrieben von ihm, das wusste er selbst. “Okay, ich will nur nicht, dass du dich unwohl fühlst”, sagte Iizuna und reichte Kenma beim Aussteigen die Hand. Der nickte. “Ich fühl mich sehr wohl bei dir”, erwiderte er und ging mit dem Blumenstrauß im Arm an Iizunas Hand ihm nach zum Lift, der sie aus der Parkgarage in Iizunas Etage führte.
In der Wohnung hatte Kenma bereits ein ihm designiertes Paar Hausschuhe und Iizuna stellte die Blumen erstmal in eine schöne Vase. Ein Blick über die Schulter verriet Kenma, dass die Grünpflanze immer noch ein Knusperprojekt war, das keine Rettung mehr ereilen konnte. Nun ja, eine Nachfolgerin würde vielleicht überleben, wenn Iizuna seinen Job gut machte.
"Mach's dir nicht zu gemütlich, wir brechen gleich wieder auf”, sagte Iizuna und stellte die Vase auf den Tisch. Kenma sah ihn fast schon enttäuscht an. “Wo gehen wir hin?”, fragte er mit sehnsüchtigem Blick auf Iizunas Couch.
“Also ich dachte, wir gehen noch raus, ein paar Blöcke weiter hat ein neuer Laden aufgemacht. The Nordic Box. Da gibt es skandinavisches Essen”, eröffnete Iizuna. Kenma sah von der Couch zu seinem Freund. Ein paar Blöcke. Das würde nicht schlimm sein, oder?
“Was essen die so?”, fragte Kenma. “Fisch und Kartoffeln, aber ich glaube auch Wild. Und natürlich Gemüse.” Für Kenma fühlte sich das wie eine vage Vermutung an, aber er nahm es hin.
“Okay”, stimmte Kenma zu und sie machten sich auf den Weg.
Es dauerte auch wirklich nicht lange, bis sie dort waren. Als sie eintraten, scannten Kenmas Augen sofort das Lokal ab. Viel helles Holz, minimalistisch eingerichtet, nicht viele Leute anwesend und es gab nach hinten hinaus wohl auch einen Gastgarten, der mit warmweißem Licht durch Lichterketten ausgeleuchtet wurde. Kenma konnte auch das Flackern von kleinen Laternen sehen. Dann wandte er sich zu Iizuna, der gerade fragte: “Und? Was sagst du?”
“Es ist… leise. Das gefällt mir”, antwortete Kenma und die beiden ließen sich zu einem Tisch im Gastgarten führen. Draußen plauderten zwei Gruppen von Menschen miteinander, Kenma und Iizuna bekamen einen Tisch, etwas abseits hinter einem Trog mit hohem Dünengras. Im Hintergrund spielte aus dem Lokal leiser Indie-Folk und sonst war noch das Rascheln des Dünengrases im Wind zu hören. Eine der Gruppen orderte gerade zum Bezahlen, da blätterten Iizuna und Kenma schon durch die Speisekarten.
Iizuna bestellte einen nordischen Cidre, während sich Kenma für einen alkoholfreien Preiselbeer-Drink entschied. Zu essen gab es für beide Lohikeitto, eine finnische Lachssuppe mit Sahne und Dill und Kenma hatte Iizuna dazu überredet, gegrillte Fjord-Äpfel als Nachtisch in Erwägung zu ziehen.
Während dem Essen erzählte Kenma von seinem Tag und auch vom Abend davor. “Das ist ja schrecklich”, kommentierte Iizuna das Schicksal von Terushimas Vater. “Was macht er jetzt?”, fragte er. Kenma neigte den Kopf uneins hin und her. “Ich weiß es nicht, wir haben seit dem nicht gesprochen”, erklärte er. Was er noch verschwiegen hatte, war das Gespräch mit Dr. Tendou, das sich wieder in Kenmas Gedanken schlich. Ob er es ansprechen sollte? Vielleicht später.
Für die gegrillten Fjord-Äpfel, wurden sie zur Feuerschale im kleinen Rondell des Gastgarten geführt. Dort wurden diese in Alufolie in den Kohlen warm gemacht. Nachdem auch die zweite Gruppe bezahlt hatte, blieben sie alleine zurück.
Das Feuer flackerte und wärmte Kenmas Gesicht mehr, als es notwendig war, und dennoch genoss er die Nähe zum Feuer, weil Iizunas Augen in seinem Schein so schön funkelten. Die Musik im Hintergrund hatte über die Zeit von rhythmischem Folk zu instrumentaler Musik gewechselt und es wirkte, als tanzten die Flammen im Gleichklang mit den andersartigen Tönen. Beinahe trächtig von Bedeutung, umspielte ein Windzug Kenmas Haar.
“Kenma” - “Tsukasa”
Gleichzeitig sprachen sie einander an. Kenma blinzelte, Iizunas Hand auf seiner Wange, die wilde Strähne hinter das Ohr streichend.
“Du zuerst”, sagte Iizuna mit einem liebevollen Lächeln. Doch Kenma schüttelte den Kopf.
“Nein, du…. bitte”, sagte er, gefüllt von einer plötzlichen Nervosität. Iizuna ließ ein zartes, amüsiertes Lachen lauten.
“Sagen wir es einfach gleichzeitig”, schlug er vor. Sichtlich aufgeregt, angespannt, aber vor allem entschlossen. Kenma holte tief Luft und nickte. Iizuna lächelte und zog auch noch einmal tief Luft ein.
“Ich will Sex mit dir haben” - “Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen”
Und dann verstummte die Musik.
Borderline
Wir alle haben unsere Grenzen. Physische und psychische. Manche können wir ganz klar sehen, andere müssen wir erst definieren und vor allem kommunizieren. Es gibt Grenzen, die wir selbst noch nicht kennen. Wir müssen sie erst erfahren und dann Schritt für Schritt mit ihnen umgehen.
Manche Grenzen müssen wir auch einfach überwinden, als wären sie nur ein Hindernis. Mal größer, mal kleiner.
Nicht jede unserer Grenzen ist für jeden Gegenpart gleich definiert. Was eine regelrechte Grenzgänger-Matrix entstehen lässt und die Menschen, die sie verstehen, auch wortlos, sind die, für die wir Grenzen überschreiten, die auch Grenzen für uns überschreiten.
***
“Ich will Sex mit dir haben” - “Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen”
Die Musik verstummte für einen Augenblick, auch das Rauschen des Windes nahm Kenma für einen Moment nicht wahr und er spürte die Wärme des Feuers nicht mehr. In seinem Körper herrschte eine ähnliche Stille. Es war, als setzte ihm das Herz aus, die Ohren beschlugen. Er musste blinzeln, um Iizuna deutlich zu sehen.
“Was?!” Dann kam alles mit einem Schlag wieder zurück. Das Feuer trieb ihm die Hitze ins Gesicht, der Wind fuhr ihm durchs Haar und die Musik setzte wieder ein.
“Kenma… ich dachte, du bist asexuell”, wunderte sich Iizuna. Er lehnte sich etwas nach vorne und legte seine Hand auf die von Kenma. Sein Blick war eindringlich, etwas suchend, aber warm und voller Liebe. Voller Verständnis und Hingabe und irgendwie dennoch so verwirrt. Auch Kenma war unsicher.
“Und da willst du dann den Rest deines Lebens mit mir verbringen?”, fragte er und versuchte Iizunas Gesichtszüge zu interpretieren: Er war nicht verärgert, nicht traurig, aber auch nicht hellauf begeistert, weil Kenma gerade Sex in den Topf geworfen hatte. Er wirkte… amüsiert?
“Was hat denn das Eine mit dem Anderen zu tun?”, fragte er mit einem großen Lächeln, seine Augen warm; er lachte ihn nicht aus. Kenma spürte, wie sich der Druck auf seiner Brust löste. Iizuna war wirklich genau das, was Dr. Tendou beschrieben hatte. Kenma hatte die ganze Zeit über die Worte des Unfallchirurgen nachgedacht. Darüber, wie viel ihm Iizuna bedeutete und dass Sex nicht Sex war. Darüber, dass sie es nur ausprobieren müssten, sich herantasten und somit darüber sprechen müssten. Dazu gehörte aber auch, dass er Iizuna erklärte, warum er ihm gerade so ein Brett vor den Kopf geschlagen hatte. Und so fing er an, ihm zu erklären, dass ihm Dr. Tendou gewissermaßen einen Floh ins Ohr gesetzt hat. Iizuna ließ Kenma aussprechen. Jeder andere wäre ihm wohl ins Wort gefallen, doch Iizuna war wichtig, das gesamte Spektrum zu kennen, zumindest von Kenmas Gedanken und Sorgen. Die Hand blieb, wo sie war, gab mit Druck und Sänfte weiter, dass jedes Stocken in Kenmas Worten in Ordnung war, und dass er weiter sprechen konnte, so wie es für ihn passte.
Kenma erklärte, dass er Sex eigentlich nur durch Kuroos Fingerspalte kannte, wenn dieser ihm in ihrer Kindheit die Hand vorgehalten hatte, wenn Filme etwas prickelnder geworden waren - im Gegenzug hatte Kenma Kuroo bei Horrorfilmen die Augen zu gehalten. Er erzählte, dass ihn Gespräche mit seinen Eltern verstört hatten und dass seine Real-Life Anknüpfpunkte fast ausschließlich mit Kuroo verbunden waren. Entweder hatte er den Mitbewohner durch die Wand gehört oder es am Tag danach ohne Qualitätsverlust erzählt bekommen. Manchmal hatte er Details noch am Folgetag, in Form von Knutschflecken, zwinkernden Frauen oder Männern und eindeutigen Gesten gesehen.
Und selbst, wenn es irgendwie spannend war, Kuroo auf diese Weise zu hören, sich gar vorzustellen, was auf der anderen Seite der Wand passierte, hatte sich Kenma nie so gefühlt, an solchen Erlebnissen teilhaben zu wollen.
Doch dann kam Iizuna - und Dr. Tendou mit seinen Ausführungen.
“Also willst du es tun, weil dir ein durchgeknallter Arzt gesagt hat, dass ich dir weglaufen könnte?”, fragte Iizuna, schon bereit, seine Verteidigung zu sprechen. Dass es ihm darauf nicht ankam, dass er ohne konnte, wenn Kenma es so wollte, dass ihm Liebe mehr bedeutete als Sex, doch Kenma hinderte ihn daran, indem er schlicht “Nein” sagte.
“Ich will es, weil ich dich liebe… ein bisschen, weil ich neugierig bin und vor allem, weil ich dir vertraue.”
-
In dieser Nacht schmeckten Iizunas Küsse nach süßem Apfel und seine Nähe roch nach Zimt. Die Neugier löste ein aufregendes Kribbeln aus, für Nervosität aber war kein Raum, weil Iizuna das nicht zuließ.
Langsam löste er sich von Kenma und strich ihm sanft das Haar aus dem Gesicht. Nicht hinter das Ohr, weil er wusste, dass Kenma das nicht mochte. Auch, wenn ihm die Umgebung in Iizunas Wohnzimmer bereits wohlbekannt war.
“Gut… dann fangen wir jetzt an, okay?”, fragte er und Kenma nickte. Er lehnte sich an die Rückenlehne der Couch und wartete auf Iizuna.
“Also… wenn wir weitergehen würden, dann würde ich meine Küsse nicht mehr nur auf deinen Lippen setzen. Ich würde zwar hier beginnen”, sagte er, legte ihm die Hand an die Wange und strich ihm mit dem Daumen über die Lippen.
“Aber dann würde ich hier weitermachen und zu deinem Hals wandern”, sprach Iizuna weiter. Sein Daumen setzte sich an Kenmas Mundwinkel, strich über sein Kinn hinunter zu seinem Kehlkopf, mit ganz leichtem Druck, Kenma musste dennoch schlucken, weil es ein ganz typischer Reiz war, wenn man dort berührt wurde. Iizunas Hand lockerte sich etwas und rutschte hinunter an Kenmas Hals. “Ich würde hier deinen Geruch ganz tief einnehmen und an deiner Haut saugen und dir vermutlich einen Knutschfleck machen, weil sie hier so dünn ist.” Iizunas Daumen zog kleine Kreise, wo er ansprach, Kenma zu markieren, es fühlte sich schön an. Mit dem Zeigefinger streifte er über Kenmas Ohr. “Ich würde auch hier hoch küssen und dich vielleicht beißen”, sagte er. Kenma weitete die Augen. “Beißen?”, fragte er. Iizuna schmunzelte. “Nicht fest, nur ein bisschen. Ungefähr so”, sagte er und zwickte wirklich nur ganz leicht in Kenmas Ohrläppchen. Kenma neigte den Kopf dagegen und kniff das Auge leicht zusammen. "Hat's wehgetan?”, fragte Iizuna überrascht und zog die Hand weg, doch Kenma schüttelte den Kopf. “Nein, hat nur gekitzelt”, gab er zu und Iizunas Lächeln kehrte wieder zurück.
Kenma nahm Iizunas Hand und legte sie sich wieder an den Hals. “Was würdest du dann machen?”, fragte er neugierig und Iizuna sprach weiter. “Ich würde testen, wie fest du es magst. Aber ich würde mit meinen Küssen hier weitermachen.” Iizunas Finger wanderten von Kenmas Hals zu seinem T-Shirt-Kragen. Er strich am Schlüsselbein entlang zu Kenmas Schulter. “Mit den Händen würde ich dich streicheln, wo auch immer ich hinkomme”, sagte er noch. “Wo?”, fragte Kenma.
Iizuna legte die freie Hand zögerlich an Kenmas Taille, wo ein angenehmes Kribbeln losgelöst wurde. Kenma sah sofort hinunter. “Nicht okay?”, fragte Iizuna umgehend. “Doch, ist okay”, sagte er und wartete ab, was Iizuna als nächstes machte. “Gut. Also… ich würde, wenn du das nicht an hättest, hier mit meinen Küssen weitermachen”, sprach Iizuna weiter und tapste von Kenmas Schulter zu seiner Brust. Kenmas Atem beschleunigte sich und er folgte Iizunas Fingern, die ihre Kreise zogen, immer enger wurden, bis Kenma plötzlich die Hand auffing. “Nicht da”, sagte er abrupt und ließ locker. Auch Iizuna ließ locker. “Nicht da”, wiederholte er und nickte. “Und da?”, fragte er und legte die Finger an Kenmas Brustbein. Kenma nickte.
“Ab dann würde ich dich ins Bett drücken und mich über dich beugen”, sagte Iizuna. Kenma hob den Blick und sah in Iizunas warme, rotbraune Augen. Er merkte, wie ein Funke übersprang und lehnte sich die Couch entlang zurück. Iizuna folgte ihm. “Ich würde meine Küsse weiter nach unten führen und dich hier streicheln”, sagte er. Die Hand, die seine Küsse simulierte, wanderte über Kenmas Bauch an seine Taille. Die andere Hand streichelte von der Hüfte hoch, wohl darauf bedacht, Kenmas Shirt nicht verrutschen zu lassen.
“Hier würde ich dir noch einen Knutschfleck machen”, sagte Iizuna und strich mit dem Daumen über Kenmas Hüftknochen. “Und dann hier”, sprach er weiter und sein Daumen rutschte mittiger. “Und dann würde ich am Bund deiner Hose entlang küssen und dich eher hier berühren.” Iizunas Hände befanden sich nun an Kenmas Hosenbund und der Außenseite seines Oberschenkels. Kenma holte tief Luft. Sein Herz schlug schneller. Es war nicht unangenehm, was Iizuna mit ihm tat, an diesen Stellen aber Küsse spüren zu können, geschweige denn, seine Hand auf nackter Haut, war aufregend. Es verunsicherte ihn aber, weil er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte.
“Und dann würde ich wohl merken, dass es dir zuviel ist und würde meine Finger wieder von dir lassen und dich einfach nur auf die Lippen küssen”, sagte Iizuna und Kenma legte ihm die Arme in den Nacken um ihn in den versprochenen Kuss zu ziehen.
Der Kuss, der nach süßem Apfel schmeckte und ihm Nähe bescherte, die nach Zimt roch.
-
Am nächsten Morgen wachte Kenma durch seinen Wecker auf. Iizuna lag nah an ihn gekuschelt. Das war ganz anders als am Vortag, wo er neben Terushima und Kuroo aufgewacht war und die Arme beider Mitbewohner um sich geschlungen hatte. Diesmal schmiegte er sich in die Umarmung und lächelte, als Iizuna auch wach wurde und ihm gleich darauf zart über den Kopf streichelte. “Das ist so viel schöner als wenn ich nach dem Sex neben jemanden aufgewacht bin”, sagte er mehr um Kenma zuzureden, dass das, was sie in der vergangenen Nacht gemacht haben, viel bedeutsamer war.
“War es denn auch genug für dich?”, fragte Kenma und rieb sich die Augen. Eigentlich wollte er noch gar nicht reden. Es war zu früh am Morgen; die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen.
“Genug? Kenma… Es war perfekt, so wie es war”, sagte Iizuna und küsste ihn auf die Stirn. “Und es wäre absolut in Ordnung, würde es dabei bleiben”, sagte er noch und küsste Kenmas Nase.
Kenma schob das Gesicht in das Kissen, dann blinzelte er zu Iizuna. “Du darfst gerne mal wahr machen, was du gesagt hast.”
Iizuna schlang sofort beide Arme um Kenma und drückte ihn fest an sich. “Werd ich”, flüsterte er und sie verweilten einen Moment so. Der Geruch von Zimt war vergangen. Zurück blieb nur der angenehme Duft von Iizunas Weichspüler.
“Kaffee?”, fragte Iizuna irgendwann. “Mhm”, murrte Kenma und kuschelte sich nochmal fest ein, während Iizuna aufstand und sich um das Frühstück kümmerte.
Als Kenmas zweiter Wecker losging, roch es bereits nach frischem Reis und gedünstetem Lachs. Er seufzte nicht zum ersten Mal über Iizunas Perfektion.
Nach einem kurzen Aufenthalt im Badezimmer kam Kenma zum gedeckten Tisch in die Küche und bekam sogleich eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt. Milch war bereits drinnen, genauso wie etwas Zucker. Genau so, wie er es mochte.
Das Frühstück war in Kenmas Interesse still gehalten und Iizuna brachte ihn danach ins Krankenhaus, anschließend fuhr er selbst in den Blumenladen, wo er von nun an arbeitete.
“Teru ist heute wieder da”, informierte Kuroo in der Personalschleuse. “Wie geht es ihm?”, fragte Kenma, da lauschten auch schon die neuen Assistenzärzte. Natürlich hatte es seine Runden gemacht, dass etwas vorgefallen war. So ein Krankenhaus war eine massive Gerüchteküche, die auf vollen Touren kochte.
Kuroo zuckte mit den Schultern. “Stabil”, vermutete er. Kenma nickte. Mehr hatte er nicht erwartet; mehr wollte er auch nicht wissen.
"Geht es ihm wirklich gut?”, fragte Shirabu später am Weg zur Visite. Im zweiten Jahr waren alle ihre Dienste so gelegt, dass die beiden Gruppen aus dem ersten Jahr nun immer bunt durchgemischt waren. Mal gingen sie mit Dr. Komori, mal mit Dr. Iwaizumi.
Heute gingen Kenma, Shirabu, Terushima und Yachi hinter Dr. Iwaizumi her. Yachi hatte Terushima schon im Aufenthaltsraum aufgesammelt und ihn in ein Gespräch verwickelt, das Kenma nicht näher verfolgte.
Dass nun ausgerechnet Shirabu ausgerechnet ihn fragte, hatte Kenma nicht kommen sehen. Er schielte langsam zu seinem insgeheimen Rivalen. “Kuro hat gesagt, er ist stabil”, antwortete er und wandte den Blick wieder nach vorne. “Das ist echt schrecklich, was passiert ist”, sprach Shirabu weiter. Kenma unterdrückte ein Seufzen. Warum war der Kerl denn heute so gesprächig? Kenma gab ihm nur ein kehliges Brummen zur Antwort.
“Hat er denn was gesagt? Hat er das auch?”, fragte Shirabu weiter, und Kenma blieb abrupt stehen. “Frag ihn doch selbst, Mann”, sagte er etwas lauter. Shirabu blieb auch stehen. Er stellte sich aufrecht vor Kenma. Kenma sah zu ihm hoch. Es war nicht daran zu denken, dass er nun irgendwie klein beigab. “Er ist doch dein Mitbewohner. Interessierst du dich nicht für ihn?”, fragte Shirabu. Nun auch lauter. “Das geht dich nichts an”, antwortete Kenma und stieß Shirabu etwas zurück, weil der sich bedrohlich zu ihm lehnte.
“Hey!”, bellte Dr. Iwaizumi im leisesten Befehlston, weil man im Krankenhaus nicht rumschrie, dennoch war ordentlich Wums und Autorität dahinter, dass beide Assistenzärzte umgehend vor Dr. Iwaizumi gerade standen - fast wie beim Militär. Terushima und Yachi standen vor dem ersten Patientenzimmer auf der allgemeinen Station und sahen verwundert zu Kenma und Shirabu zurück.
“Habt ihr Pappenheimer sie noch alle? Benimmt man sich so in einem Krankenhaus? Als Arzt? Was glaubt ihr, wer ihr seid?”, pflaume Dr. Iwaizumi sie an. Allein der Blick hätte gereicht, dass Shirabu sich freiwillig entschuldigte. “Tut mir leid, kommt nicht wieder vor”, sagte er und neigte den Kopf zu Kenma. “Entschuldigung, Dr. Iwaizumi”, kam es auch von Kenma. Er würde sich bestimmt nicht bei Shirabu entschuldigen. Er hatte in seinen Augen nichts falsch gemacht.
“Ihr beide habt heute auf der Derma Abszesstag. Los. Ich will euch heute nicht mehr sehen. Und nein, auch in der Kantine nicht. Wenn ihr mich seht, weicht ihr aus. Mir reichts mit aufmüpfigen Assistenzärzten”, knurrte er sie an und wies ihnen die Richtung.
“Aber” - “Hab ich mich undeutlich ausgedrückt?” Dr. Iwaizumis Schultern spannten sich an, auf seiner Stirn drohte eine Ader zu platzen. Er überlegte Kenma, ob er sich irgendwie rausreden konnte, dann aber hörte er Dr. Oikawas Stimme.
Oh und wie Kenma wusste, würde Dr. Oikawa gleich um die Ecke kommen, würde hier eine Bombe losgehen, also entschied er sich für das kleinere Übel. “Natürlich nicht”, sagte er zu Dr. Iwaizumi und drehte sofort um und ging zum Lift, wo er ins Erdgeschoss fahren würde und dann zur dermatologischen Ambulanz kommen würde. An den Schritten hinter ihm bemerkte er, dass ihm Shirabu folgte. Klar, er wurde je genauso verbannt. Dennoch mochte Kenma es nicht.
Kenma mied an diesem Tag den OP-Bereich. Ein Grund war natürlich Dr. Iwaizumi, dem er wirklich nicht mehr über den Weg laufen wollte, der zweite war Terushima. Eine mögliche Konfrontation mit ihm fühlte sich unangenehm an.
In seiner Pause ging Kenma somit nicht in die Kantine. Er saß sowieso lieber in dem verlassenen Gang mit Dr. Sakusas Uhr, die Atsumus alternative Zeitzone in Erinnerung hielt.
In diesem Gang, in dieser Zeitzone war es für Kenma an diesem Tag so, als wären die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate nie geschehen:
Atsumu lebte noch und sein Mentor musste sich nicht durch ein Gerichtsverfahren kämpfen. Kaede hatte nicht versucht, sich das Leben zu nehmen und Dr. Iwaizumi war noch kein Held. Es gab dieses eigenartige Liebesdreieck zwischen Akaashi, Dr. Konoha und Bokuto nicht. Terushima und Yamaguchi wären nicht verlobt, nicht aufgelöst und nicht wieder verlobt. Tsukishima hatte nichts mit Dr. Tendou - oder doch? Hafermilch stand im Kühlschrank und Kenma wusste nicht warum. Überall standen kleine Enten herum, auch da wusste niemand warum. Er kannte Hinata nicht, der auch nicht in einen Unfall verwickelt war. Auch Kenma hatte keinen Unfall, der ihm vorübergehend die Liebe seines Lebens vergessen ließ. Und er hatte den Streit mit Iizuna nicht gehabt, weil dieser sich durch die Weltgeschichte gevögelt hatte. Kenma hatte Kuroo nicht geküsst; er wusste nichts von seinen Gefühlen und Kuroo hatte noch nicht gegen Dr. Sawamura gewonnen in seinem Kampf um Dr. Sugawara und Dr. Sawamura war noch hier. Kawanishi lag noch im Koma. Yachi war traurig und schlief nicht. Kanna wäre noch nicht geboren. Und Eri lebte noch, genauso wie Terushimas Vater und es gab keine Erbkrankheit, die wie das Schwert des Damokles über dem Kopf des aufgedrehten Assistenzarztes schwebte.
Und vor allem gab es keine neuen Assistenzärzte, die Kenmas Ruhe störten.
“Hey!”, murrte er die Störenfriede an und schhhte mit dem Finger auf den Lippen. Futamata, Goshiki, Kunimi und Kuribayashi blieben wie angewurzelt stehen. “Verstehst du keinen Spaß?”, fragte Futamata und Kunimi verschränkte die Arme vor seiner Brust, während die anderen beiden sich hinter ihnen versteckten. Kenma verdrehte die Augen. Er nahm den letzten Bissen Apfelkuchen zu sich, stand auf und ging.
Das Schnattern ging ihm tierisch auf die Nerven, aber er hatte nicht die Energie, ihnen die Grenzen aufzuzeigen. Das sollte jemand anderes machen. Jemand wie Tsukishima.
Am Abend dieses Tages lief er Dr. Kurasaki über den Weg. Sie war immer abends hier, weil sie dann persönlich die Rollläden in Midoris Zimmer hoch ließ.
“Dr. Kozume war das, nicht wahr? Sie sind schon den ganzen Tag auf der Derma. Überlegen Sie, sich hier zu spezialisieren?”, fragte die externe Ärztin. “Ja”, log Kenma prompt, weil er dieser Frau sicher nicht erklären wollte, dass er mit einem anderen Assistenzarzt gestritten hatte und nun zur Strafe hier war. Dr. Kurasaki schmunzelte. Ahnte sie etwas?
“Naja, vielleicht kann ich es Ihnen etwas schmackhafter machen”, sagte sie und winkte ihn hinter sich her. “Warum wollen Sie das?”, fragte Kenma, folgte ihr aber.
“Weil wir immer kluge Leute brauchen. Wissen Sie, die meisten denken, wir poppen ein paar Pickel, verschreiben Rezepte für Hautcremes und lassen es uns gut gehen. Also, verstehen Sie mich nicht falsch, das machen wir auch hin und wieder, aber die Wahrheit liegt hier”, sagte sie und trat mit Kenma in Midoris Zimmer.
“Guten Abend Midori”, sagte Dr. Kurasaki und nahm die Patientenakte zu sich. Midori selbst stand mitten im Raum vor einer Staffelei, auf der für Kenma nur bunte Farben erkennbar waren. Sie drehte sich zu ihnen um. Midori war eine schlanke mittelgroße Frau mit der wohl hellsten Haut, die Kenma je gesehen hatte. Auch ihre Haare waren sehr hell, beinahe Platinblond und ihre Augen waren so strahlend blau wie der Himmel bei Tag an einem Tag wie diesem im Sommer. Midori trug auch nicht Krankenhaushemd, sie trug ihre persönliche Kleidung. Blue Jeans, ein graues Shirt und eine Lederjacke darüber.
“Heute hab ich dir Dr. Kozume mitgebracht. Er hat eigentlich kein Interesse an der Derma, aber ich dachte, ich zeig ihm was Cooles”, sagte sie und zwinkerte der Patientin zu. Kenma fühlte sich ertappt, aber Midori lächelte ihm freundlich zu. “Sie sind der Arzt, der mit Yuuji draußen war, als ich hier angekommen bin”, sagte sie und verneigte sich vor ihm. Auch Kenma senkte den Kopf.
“Wie geht es Yuuji? Er war schon ein paar Tage nicht hier”, erkundigte sich Midori und Kenma wäre am liebsten wieder gegangen. Das war unfair. “Er ist zuhause”, antwortete er knapp. Midori nickte anerkennend. So weit war der Tratsch also nicht gekommen. Gut so. Eine Patientin mit einer unheilbaren Erbkrankheit sollte sich nicht auch noch um Terushima Sorgen machen.
Da fiel es Kenma auf: auch Midori hatte eine seltene Erbkrankheit in der Familie.
“Dr. Asuna? Wie steht es um die Testergebnisse?”, fragte Midori. Natürlich war ihr der Verlauf der Studie wichtiger als Kenma.
Dr. Kurasaki sah mit einem auffordernden Nicken zu Kenma. Kenma wusste gar nicht, was er machen sollte. Tatsächlich wollte die Ärztin nur, dass er jetzt richtig gut aufpasste, denn dann wandte sie sich ihrer Patientin zu und sagte folgendes: “Midori, der Reagenzglas-Test ist positiv abgeschlossen. Wir können bald mit den Injektionen beginnen.”
Midoris Körper erstarrte, ihr Mund klappte auf und ihre Finger wurden schwach, sodass ihr die Farbpalette und der Pinsel aus den Händen fielen. Sie schnappte nach Luft, schluckte und kämpfte mit den Tränen.
“Kein Scherz?”, fragte sie mit brüchiger Stimme. Dr. Kurasaki lächelte mild und schüttelte den Kopf. “Nein, kein Scherz”, bestätigte sie und Midori startete los. Sie ließ die Staffelei und die Farbe hinter sich und legte einen Sprint auf Dr. Kurasaki los, dessen Impact diese gerade noch auffangen konnte. Kenma wich einen Schritt zur Seite. “Danke! Danke Danke Danke Danke!”, wiederholte Midori wieder und wieder. Dr. Kurasaki legte vorsichtig die Arme um ihre Patientin, klopfte ihr den Rücken und führte sie dann zum Bett, wo sie sie sich setzen ließ. Die Dermatologin selbst nahm einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber hin.
“Dr. Kozume, Stuhl, hier”, sagte sie noch zu Kenma und begann dann alles genau zu erklären.
Midori trug die seltene Erbkrankheit Xeroderma pigmentosum in sich. Sie hat es von ihrer Mutter geerbt, die früh an Hautkrebs gestorben war; das Schicksal aller XP-Patienten. Ein Gendefekt sorgte dafür, dass UV-Strahlung wie hoch potentes Gift auf den Körper wirkte. Das Enzym fehlte, das bei einem gesunden Menschen UV-Schäden reparierte.
Es gab bereits klinische Studien zu Lotions. Die Enzyme wurden durch Auftragen direkt in die Hautzellen geschleust und sorgten auch bereits für positiv bestätigte Ergebnisse zur Senkung der Hautkrebsrate. Aber die Quote war der Ärztin zu gering.
Dr. Kurasakis Ansatz war die systematische Herstellung der Reparaturfähigkeit von Midoris Haut. Sie begann mit mRNA-Technologie und setzte dort an, wo auch BioNTech mit ihren Studien zur Krebstherapie startete. Ein mRNA Code, der wie eine Bauanleitung für das fehlende Reparatur-Enzym arbeiten sollte, wurde in winzige Fettkügelchen, sogenannte Liposomen, verpackt und diese würden in Midoris Blutkreislauf injiziert werden.
Die Liposomen waren so programmiert, dass sie an die Rezeptoren von Hautzellen andockten. Diese Zellen nahmen die mRNA auf und begannen, das Enzym selbst zu produzieren - so der Plan, der im Reagenzglas bereits funktionierte.
Midori wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Kenma verstand, was die Ärztin gemeint hatte, als sie gesagt hatte, sie würde ihm etwas Cooles zeigen. Dieser Ansatz war wie das Umprogrammieren von Midoris Zellen. Ein Update sozusagen. Die DNA blieb zwar dieselbe, aber mit dem injizierten Enzym erhielt sie ein Power-Up, das sie unter der Sonne nachhaltig lebensfähig machen sollte.
“Und… wo ist der Haken? Es gibt immer einen Haken”, fragte Midori. Dr. Kurasaki lehnte sich nach vorne, nahm Midoris Hände in die ihren und erklärte den Haken: “Das Immunsystem. Dein Körper könnte das Enzym abstoßen. Wir müssen erst die Dosis exakt bestimmen. Dein Immunsystem darf nicht Amok laufen, aber deine Haut muss lernen, sich selbst zu heilen. Das ist riskant, aber es ist der richtige Ansatz. Und ich werde mich sofort an die Berechnungen machen.”
“Das klingt doch gut. Ich lerne auch gerne Neues, da soll es meine Haut auch mal machen", sagte Midori und lachte vergnügt. Kenma schmunzelte. Ganz so einfach war es nicht. Midori konnte ihren Körper nicht auf diese Weise beeinflussen. Der Schlüssel lag in Dr. Kurasakis Berechnungen.
“Asuna?”, fragte plötzlich eine Stimme, die Kenma heute schon einmal die Beine in die Hand nehmen hat lassen. Dr. Oikawa stand in der Tür und Dr. Kurasaki drehte sich zu ihm. “Oh, Toru, ist es schon so spät?”, fragte sie und der plastische Chirurg nickte. “Ist es, aber ich sehe, du bist gut unterhalten. Wir können gerne verschieben”, bot er an, aber Kenma sah ihm an, dass er es nicht ernst meinte. Dr. Oikawa wusste einfach nur, was Frauen hören wollten und wie man mit ihnen sprechen musste.
“Das ist lieb, danke Toru, ich melde mich morgen bei dir”, sagte Dr. Kursakai und dem Oberarzt verfiel das Gesicht. Er warf Kenma einen bitterbösen Blick zu und machte danach hastig kehrt.
Ein spitzes “Iwa-chan” war im Gang noch zu hören. “Er ist immer so eine Diva”, winkte Dr. Kurasaki die Situation ab und wandte sich an Kenma.
“Dr. Asuna, Sie können gerne auf ihr Date mit Dr. Handsome gehen. Es macht mir nichts aus, einen Tag länger zu warten”, sagte Midori mit einem frechen Grinsen. Es ähnelte dem von Terushima. Sie zwinkerte auch exakt so wie der Assistenzarzt. Kenma seufzte. Er war Terushima ausgewichen, weil es unangenehm für ihn war. In Wirklichkeit aber fehlte er nun in einem Prozess, wo man echte Freunde brauchte.
“Ach, Männer wie Toru muss man warten lassen”, erwiderte Dr. Kurasaki den frechen Blick und stand auf. Sie wandte sich an Kenma. “Aber ich habe auch für Sie keine Zeit mehr, ich muss ins Labor”, sagte sie und dampfte dann schneller ab, als Kenma hätte reagieren können.
“Grüßen Sie Yuuji bitte von mir, Dr. Kozume”, sagte Midori und ließ sich ins Bett zurückfallen. “Irgendwann kann ich einen echten Regenbogen sehen und den Topf voll Gold suchen”, sagte sie zu sich. Sie schloss die Augen und streckte alle Gliedmaßen von sich. Kenma fühlte sich bereits fehl am Platz und verließ das Zimmer und bald darauf auch schon das Krankenhaus.
-
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. In der WG war alles wie immer. Terushima machte keine Anzeichen, dass ihm der Tod seines Vaters nahe ging. Stattdessen machte er öfter Motorradausflüge mit Yamaguchi und besuchte auch Kaede daheim. Er erzählte auch von Midori und davon, dass die ersten Injektionen gemacht wurden und nun die nächste Testphase begann. Er wirkte tatsächlich stabil.
Iizuna hatte ein paar der Dinge tun dürfen, die er beschrieben hatte. Küsse an neuen Stellen. Zarte Bisse am Ohr und dann war da Wochen später dieser erste Knutschfleck an Kenmas Hals, der für ein besonders breites Grinsen auf Kuroos Gesicht sorgte.
“Na? Wie weit seid ihr schon?”, fragte er neugierig beim chirurgischen Händewaschen, weil die beiden gemeinsam bei Dr. Washijo für eine totale Hüftendoprothese eingeteilt waren. Kenma mochte die Ortho immer noch nicht, aber er musste nun einmal alles sehen. Dr. Washijo war immerhin nicht so massiv und brutal wie Dr. Ushijima, dafür war er strenger und sorgte für erhöhte Anspannung für jeden Beteiligten im Operationssaal. Normalerweise war Hana seine sterile Schwester, aber die durfte noch nicht arbeiten, somit übernahm Izuru. Angespannt wohl.
“Genau so weit, wie du es siehst”, antwortete Kenma und ging nach dem dritten Waschdurchgang mit angewinkelten Armen zur OP-Tür, die er mit dem Fußtaster öffnete. Izuru reichte ihm im Saal das sterile Waschzeug und Kenma desinfizierte das OP-Gebiet. Das Bein des Patienten wurde von Hiroo hochgehoben und nach der Präparation in das Extensionsanbauteil des Tisches eingehängt.
Nach der Operation eilten die Unfallchirurgen in die Notaufnahme, weil der Krankenwagen einfuhr. Später erfuhr Kenma von einem Todesfall, der die Rettungswache nebenan wohl ziemlich durchgeschüttelt hatte, aber er kannte weder den Verstorbenen noch die Angehörigen. Zumindest nicht gut genug. Dennoch war der schwere Schleier der Trauer wieder spürbar, selbst im Krankenhaus, selbst, wenn hier niemand den Mann kannte, der ums Leben gekommen war.
“Morgen laufe ich für Kaede”, sagte Terushima Anfang September erhobenen Hauptes. “Und ich warte auf der Ziellinie auf dich”, sagte Yamaguchi und küsste ihn stolz auf den Mund. Sie waren gerade auf dem Weg aus dem Krankenhaus.
Es glich einem Wunder, dass sie am Folgetag alle frei hatten. Auch Kuroo hatte frei, doch er wirkte nicht besonders erfreut darüber. Oder hatte ihm etwas anderes die Laune verdorben?
In der Wohnung sprachen sie nicht darüber, weil Kuroo mit dem Handy direkt in sein Zimmer gegangen war. Terushima saß mit Yamaguchi am Küchentisch und trank dort noch ein Glas Saft, ehe sie genauso im Zimmer verschwinden wollten. Da geschah es.
Ein klirrendes Geräusch und Kenma stand vor einer Lacke orangener Flüssigkeit, umringt von Scherben.
“Nicht bewegen, Kenma!", sagte Yamaguchi, der bereits aufgesprungen war und Küchenpapier holte. Kenma hob nur die Arme. “Hatte nicht vor, hinein zu treten”, sagte er. Terushima blieb sitzen und starrte auf seine Hand. “Sorry… war voll rutschig”, sagte er und stand dann auch auf, Yamaguchi zu helfen.
“Hattest du vor, dich testen zu lassen?”, fragte Kenma und die Stimmung schwang noch einmal um. Es wurde eiskalt. Yamaguchi blieb am Boden, Terushima starrte Kenma an. “Warum sollte ich mich testen lassen? Ist dir noch nie ein Glas aus der Hand gefallen?”, fragte er und stapfte an ihm vorbei. Yamaguchi seufzte, während Kenma Terushima nachsah.
“Er hat Angst”, sagte er und entsorgte den Rest des Missgeschickes. “Aber so viel es wert ist… ich hab heute den Wundhaken fallen lassen. Sowas passiert. Nicht jede Anomalie ist pathologisch”, sagte Yamaguchi noch und ging Terushima nach.
Kenma blieb für einen Moment zurück und erinnerte sich an Hanas Erzählung über Terushimas Mutter. Vielleicht sollte er sich in die Terushima-Skala einlesen.
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Am nächsten Morgen war alles wieder wie immer. Terushima war früh auf, hatte seine Laufsachen an und Kenma hing über seinem Kaffee, weil er eigentlich noch gar nicht wach sein wollte. Er hatte frei und wollte ausschlafen, aber was Freundschaften so mit sich zogen, waren nun mal auch solche Events und als Terushima Kenma das erste Mal auf den “Wings for Wheels”-Run angesprochen hatte, war dieser noch davon überzeugt, dass Kenma mit ihm laufen würde. Da war das frühe Aufstehen und dann nur dort zu stehen eindeutig die bessere Variante.
“Ich könnte doch auch nachkommen und wie Yamaguchi am Ziel warten. Das dauert doch eh ewig lang…”, murmelte Kenma mehr in die Tasse als an Terushima gerichtet.
“Aber ich brauche Leute, die mich an der Seitenlinie anfeuern! Du und Ku-Bro müsst auch die Stationen abklappern”, sagte Terushima begeistert. Natürlich würde auch Yamaguchi das machen, der die Nacht hier verbracht hatte und immer noch ein bisschen an dem kleinen Vorfall des vergangenen Abends zu hängen schien.
“Da könnten wir ja gleich mitlaufen”, sagte Kuroo, der für seine Verhältnisse spät aus seinem Zimmer kam. Seine Haare standen an diesem Morgen besonders chaotisch vom Kopf, sein Gesicht wirkte müde, auch seine Stimme klang tiefer und kratziger als sonst. Beinahe so, als wäre er verkatert. Wie ferngesteuert ging er zur Kaffeemaschine und versorgte sich erstmal mit dem schwarzen Lebenselixier. Keine Milch, kein Zucker, pure Energie.
Kenma aber schüttelte nur den Kopf, weil er an seinen Worten hängen blieb. Als Zuseher hatte man eigene Routen, die über Abkürzungen die Laufstrecke absteckten. Keine Chance also, dass er selbst gelaufen wäre.
“Bro… du siehst aus, als hätte dich die Hölle ausgespuckt”, sagte Terushima zu Kuroo, aber der lachte nur einmal kehlig auf. “Und trotzdem seh ich besser aus als du”, konterte er mit einem selbstgefälligen Grinsen. “Blödsinn! Sags ihm Babe”, erwiderte Terushima und stellte sich hinter Yamaguchi. “Du bist halt mein Typ”, sagte dieser und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück für mehr Körperkontakt. Kenma trank seinen Kaffee aus und ging lieber ins Badezimmer, als hier auch noch zwischen die Fronten zu geraten.
Da der Herbst bereits langsam seinen Einzug hielt, entschied er sich dazu, die Trainingsjacke seiner alten Oberschule über seine sonst auch sehr lockere Garderobe zu ziehen, auch wenn die Temperaturen für weniger sprachen. Anfang September war wie April. Man wusste nie, wann das Wetter plötzlich umschwang, und Wetterprognosen glaubte Kenma sowieso nicht. Das war eine Wissenschaft, die auf Zahlen der Vergangenheit basierte und wenn er eines wusste, dann, dass die Vergangenheit die Zukunft nicht voraussagte.
Das zeigte ihm am Startpunkt der Laufstrecke auch Kaede, die mit ihrem Bruder bei Dr. Iwaizumi stand. Der Unfallchirurg war seiner Aufmachung nach auch für den Lauf angemeldet. Er trug ein enganliegendes helltürkises Kompressionsshirt, das wenig Raum für Interpretationen ließ. Ebenso die schwarze Kompressionshose dazu, aber zu Kenmas Interesse, trug er darüber noch weite weiße Sportshorts. Vielleicht war es auch eine Kombination.
Terushima hatte nur ein gelbes T-Shirt und weiße Shorts an. Als wäre er aus dem Sportunterricht der Schule direkt hierher gelaufen. Er war auch schon hyped, als hätte er sich bereits eingelaufen. Seine Aufmerksamkeit lag allerdings mehr bei Kaede und ihrem Bruder. Vorerst, denn irgendwo in der Menge, die sich bereits an der Startlinie sammelten, erkannte er etwas, oder eher jemanden.
“Yo! Police-Bro hat sich genau 100 Leute nach mir angemeldet”, rief Terushima und deutete auf Officer Sasaya mit der Startnummer 1142. Der Polizist wandte sich auch direkt zu der kleinen Gruppe um, als hätte er einen sechsten Sinn für Ärger. Nun ja, in seinem Beruf musste das wohl auch so sein. Dennoch blieb sein Blick an Kenma hängen und Kenma erinnerte sich an den peinlichen Vorfall, als Iizuna bei ihm war, sie Take-out bestellt hatten und Officer Sasaya ihren Lieferanten verhaftet hatte. Damals hatte er dem Polizisten vorgelogen, er wäre allein daheim und nicht verstanden, dass das eine indirekte Einladung war. Officer Sasaya winkte ihm kurz zu, wandte sich dann aber einer Freundin oder einer Kollegin um. Es war schwer zu erkennen, da hier niemand seine Dienstkleidung trug.
Auch Dr. Ushijima trug nicht blau oder grün wie im Krankenhaus. Er trug ein etwa fliederfarbenes violettes Kompressionsshirt und lange Kompressionshosen, die sogar die Linien seiner Unterwäsche preisgaben. Kenma drehte sich um zu der Gruppe, die sich um ihn gegründet hatte.
Yamaguchi kam gerade von der Trinkstation und brachte Terushima einen Becher mit einem isotonischen Getränk. Für Kenma hatte er Wasser dabei und auch Kuroo bekam etwas ab. “Solltest du dich nicht langsam einreihen?”, fragte er Terushima, der den Inhalt des Bechers gleich austrank.
“Klar, kommst du mit? Mir noch ne besondere Motivation mit auf den Weg geben?”, fragte er und zwinkerte frech. Yamaguchis Wangen wurden rot, aber er nickte und ging mit Terushima Richtung Startlinie. Dr. Iwaizumi verabschiede sich ebenfalls von der Gruppe und schummelte sich sogar noch an Yamaguchi und Terushima vorbei.
“Oh Dr. Iwa-chan!!”, rief plötzlich eine Stimme, die Kenma immer Unbehagen bescherte. Auch Dr. Oikawa lief wohl mit, er tackelte nämlich am Weg zur Startlinie gerade Dr. Iwaizumi. Da sah Kenma das erste Mal eine Gemeinsamkeit mit dem plastischen Chirurgen. Nicht etwa den Tackle, auch nicht das laute Rufen und schon gar nicht die Tatsache, dass er hier mitlief, weil sein bester Freund es tat - Kuroo stand absolut teilnahmslos neben ihm - sondern die Tatsache, dass er gut eingepackt war. Auch Dr. Oikawa trug lange Hosen - schwarz - und unter der weißen Trainingsjacke mit türkisen Highlights trug er dasselbe helltürkise Shirt wie Dr. Iwaizumi.
“Boah… Oikawa… voll peinlich”, knurrte Dr. Iwaizumi und zippte dem bereits schmollenden Arzt die Trainingsjacke zu. “Wir sind keine Geschwister oder Zwillinge”, sagte er laut, da lachte der Plastiker auf. “Aber beste Freunde”, sagte er und handelte im Anlauf einer Umarmung eine Kopfnuss ein. Kenma nickte zufrieden. Das hätte er auch gemacht.
Hinter sich hörte er ein fröhliches Lachen und drehte sich sogleich zu Kaede um. Sie sah ganz anders aus, als damals, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie saß immer noch im Rollstuhl, das würde sich nicht mehr ändern. Aber ihre Haare waren gepflegt, hingen in ordentlichen Wellen um ihre Schultern und die Stirnfransen fielen ihr locker ins Gesicht. Ihre Augen strahlten und ihr Lächeln war ehrlich. Ihre Gesichtsfarbe war gesund und sie wirkte nicht mehr so schwach, sie war voller Energie.
“Wie geht es dir?”, fragte er sie unbeholfen. Kaede nahm ihren Blick von den beiden Ärzten und sah zu Kenma hoch. Kenma wusste immer noch nicht recht, mit ihr umzugehen. Blieb er stehen? Beugte er sich hinunter? Ging er in die Hocke? Mangels Fachwissen blieb er stehen.
“Danke Dr. Kozume, mir geht es wirklich gut”, antwortete sie und Kenma glaubte ihr. Ihren Bruder konnte er nicht recht einschätzen, aber er wollte auch gar nicht. Eigentlich hatte er mit diesen Menschen nichts zu tun. Er kannte Kaede, kannte ihre Geschichte und durch Terushima hörte er immer wieder etwas von ihr. Die Frage war somit eigentlich auch vollkommen umsonst, denn er wusste ja, dass es ihr gut ging. Dass sie ihr Leben trotz Querschnitt im Griff hatte.
“Und Ihnen? Teru hat erzählt, Sie ziehen vielleicht bald aus”, sagte Kaede und Kenma hörte das erste Mal davon, dass er einen Umzug plante. “Was?”, fragte er, unbeantwortet blieb die Eingangsfrage. “Oh… also… Teru meinte, Sie und Iizuna-san haben eine so schöne Beziehung, dass Sie bestimmt bald zusammenziehen würden”, erklärte sie. Kenma fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Es war ihm unangenehm. Nicht nur, weil er mit einer ehemaligen Patientin nun über seine Beziehung sprach, denn Kuroo stand auch noch da und der fremde Angehörige. Kenma atmete tief ein. Kuroo wandte sich nun auch zu der Gruppe. “Ja toll, verlasst mich nur alle”, sagte er und schnaubte angespannt aus. Kenma hob die Augenbrauen. “Verlassen? Alle?”, fragte er. Zog Terushima etwa auch bald aus? Zu Yamaguchi? Ob das dessen Mitbewohner gefallen würde? Soweit Kenma informiert war, lebte Yamaguchi mit Tuskishima. Da Tsukishima aber schon eine Weile mit Dr. Tendou zusammen war - oder so - war es vielleicht naheliegend, dass sich diese Wohngemeinschaft bald auflösen würde.
“Ich habe nicht vor, auszuziehen”, sagte Kenma trocken. Eine weitere Frage von Kaede kam nicht, oder er hörte sie nicht, denn seine Gedanken kreisten nun um einen eventuellen Umzug. Oder vielmehr die potenzielle Frage Iizunas, bei ihm einzuziehen. Daran hatte Kenma nie gedacht. Er mochte ihre aktuelle Situation. Er mochte, dass er mit seinen Eltern noch nicht über ihn gesprochen hatte und er mochte, dass er Iizunas Familie noch nicht vorgestellt wurde. Er mochte, dass es einfach zwischen ihnen war. Aber irgendwie war ihm klar, dass diese ganzen Schritte langsam auf ihn zukommen würden.
“Red einfach mit ihm drüber”, sagte Kuroo und legte seinen Arm um Kenma. Da war wieder die beruhigende Stimme, wie er es von seinem besten Freund gewohnt war. “Reden ist Key”, fügte er hinzu, und Kenma nickte. “Wie geht's dir eigentlich?”, fragte Kenma. Das hatte er Kuroo schon lange nicht mehr gefragt. Kuroo zuckte mit den Schultern. “Das reden wir später”, antwortete er. Da räusperte sich Kaede.
“Also, wir werden schon mal ein Stückchen vorfahren, dass wir dann besser sehen können, wenn sie vorbeilaufen”, sagte sie und bewegte sich mit ihrem Bruder weg. Nicht aber, ohne davor noch ein letztes Mal freundlich zu lächeln und zu winken. Kenma hob auch die Hand und winkte ihr nach.
“Oder wir reden gleich drüber, weil es nie für irgendwas den perfekten Zeitpunkt gibt”, sagte er und sah Kuroo nun ernst an. Kuroo lehnte sich an das Geländer der Absperrung.
“Koshi hat nen Award gewonnen”, sagte er. Kenma schwieg, weil er nicht wusste, warum Kuroo das die Laune verdarb. Wenn Terushima es gewesen wäre, würde er es verstehen, weil Terushima unausstehlich gewesen wäre, aber Dr. Sugawara traute er das nicht zu. Auf der anderen Seite hätte er auch nicht gedacht, den Kinderchirurgen jemals auf dem Schoß seines Mitbewohners sitzen zu sehen. Mitten im Wohnzimmer.
“Und er soll bei einem Forschungsprojekt mitmachen”, sprach Kuroo weiter. Auch das wirkte für Kenma nicht schlimm. Nun ja, vermutlich hieß das, dass Kuroo den Oberarzt im Krankenhaus nicht mehr so oft sehen würde. Forschungsprojekte nahmen viel Zeit ein und je nachdem, wo die Forschungseinrichtung war, musste Dr. Sugawara vielleicht sogar wechseln. Oh, oder er machte es zusätzlich und die gemeinsame Freizeit der beiden würde dadurch noch weiter reduziert, als sie es bei Ärzten auf unterschiedlichen Abteilungen eh schon war.
Während Kuroo den ausschlaggebenden Satz sagte, wurde allerdings der “Wings for Wheels”-Lauf gestartet. Eine Lautsprecherstimme jagte über ihre Köpfe hinweg, genauso wie ein lautes Tröten, das den Startschuss imitierte. Die Leute um sie jubelten, während Kenma Kuroos Worte versuchte zu verstehen, aber es gelang nicht. In Kuroos Gesicht stand Trauer geschrieben.
“Was?”, fragte Kenma. Die unterschiedlichsten Leute liefen an ihnen vorbei - unter ihnen auch Washio, Hirugami und Kanoka von der Rettungswache nebenban und Hoshiumi und Gao von der Feuerwehr. Die Menge, in der Kenma mit Kuroo stand, begann sich irgendwann auch zu bewegen und sie blieben beinahe alleine zurück. Irgendwann wurde es immerhin leise um sie herum.
“Kannst du dich noch an letztes Jahr erinnern? Als du dachtest, ich hätte was mit Dr. Suna?”, fragte Kuroo. Kenma verdrehte die Augen. “Mhm”, machte er nur.
“Tja.. damals hab ich ihm ja von einem Fall von Koshi erzählt. Das kleine Mädchen mit Loch im Herzen. Koshi wusste nicht mehr weiter, weil die Belastungstests die Diagnose nicht bestätigt haben, obwohl es auf den Bildern ganz deutlich war. Er hat dann noch ein 4D MRT gemacht, aber das hat die Unklarheiten noch wilder gemacht, deswegen hab ich Dr. Suna darauf angesprochen. Koshi war vielleicht zu stolz oder auch einfach nur zu fokussiert, um nach einem Herzspezialisten zu fragen. Wie auch immer. Dr. Suna hat da was voll krasses entdeckt und Koshi konnte dank ihm das kleine Mädchen retten. Wenn das nicht aufgekommen wäre, wäre die Kleine bei der eigentlich geplanten OP gestorben… Koshi wusste, dass etwas nicht stimmt und der Fall wurde auch irgendwo eingereicht und er hat nen Preis dafür bekommen. Also beide, Dr. Suna steht auch auf dem Paper und alles. Aber in Europa gibt es da so ein Krankenhaus, Spitzenreiter für Kinderkardiologie und die machen so ein Forschungsprojekt… Tja und nun sollen die beiden da mitmachen und Koshi ist total begeistert”, erklärte Kuroo mit einem wechselnden Auf und Ab in der Stimme, weil ihm der Fall wirklich ans Herz gegangen war, aber auch, weil es eine unangenehme Situation des frischen Paares mit sich zog.
“Das ist eine unglaubliche Chance”, sagte Kenma. Kuroo starrte ihn für einen Moment an, dann schlug er sich selbst die Hand ins Gesicht. “Mensch… Koshi hat die Chance seines Lebens und ich bin sauer, weil er mich verlässt”, seufzte er über sich selbst.
“Aber er verlässt dich doch nicht. Er geht nach Europa für ein Projekt. Er kommt doch wieder, oder du kannst doch auch mit ihm gehen", sagte Kenma, ungeachtet der Schwere seines Vorschlags. “Mit ihm gehen?”, wiederholte Kuroo den offensichtlichen, aber einschlagenden Teil. Kenma schwieg darauf; Kuroo driftete sowieso in seinen Gedanken ab.
Da läutete Kenmas Handy.
“Hey! Wo seid ihr? Yuuji ist gleich beim ersten Checkpoint”, hörte er Yamaguchi durch den kleinen Lautsprecher rufen; im Hintergrund war es laut. “Oh… wir gehen gleich zum zweiten Checkpoint”, sagte Kenma, legte auf und sah zu Kuroo. “Komm”, forderte er und ging vor. Dass er Kuroo nun einen Floh ins Ohr gesetzt haben könnte, erfüllte ihn mit Unbehagen. Zwar ahnte er, dass sowohl Kuroo als auch Dr. Sugawara diese Möglichkeit bei Zeiten bestimmt selbst eingefallen wäre, aber nun fühlte es sich so an, als würde er seinen besten Freund wegschicken. Er spürte umgehend die Leere in sich aufbauen, die Kuroos Abwesenheit hinterlassen würde.
“Wie lange geht das Projekt?”, fragte er, als Kuroo nachkam. “Ein Jahr”, antwortete er sofort.
Ein Jahr. Das war wie das eine Jahr, dass er Kuroo in der Grundschule nicht in der Schule gesehen hatte, oder in der Mittelschule, oder auf der Oberschule und dann auf der Uni. Immer dann, wenn Kuroo Schule gewechselt hatte und Kenma noch ein Jahr zurückbleiben musste, weil er eben ein Jahr jünger war. Aber da hatten sie ihre gemeinsame Freizeit. Kuroo war immer wieder nach der Schule bei den Kozumes aufgeschlagen. Er war immer da gewesen.
Wenn Kuroo nun aber für ein Projekt ein Jahr in Europa wäre, dann wäre er nicht bei Kenma.
"Jetzt, wo es mit dir und der Grinsebacke so gut läuft, könnte ich wohl wirklich gehen”, sagte Kuroo überraschend. Kenma drehte sich im Gehen zu ihm um. “Was hat das mit mir zu tun?”, fragte er. Kuroo grinste. “Ich kann dich doch nicht einfach allein lassen und ich vertrau ihm”, antwortete er. Kenma verdrehte die Augen und sagte: “Ich kann ganz gut allein auf mich aufpassen und Teru ist auch noch da.” Kuroo schnappte erschrocken nach Luft. “Das heißt, Teru wäre dann mein Ersatz?”, fragte er. Kenma schüttelte den Kopf. “Dich kann man nicht ersetzen”, sagte Kenma und Kuroo legte seinen Arm um ihn. Er drückte ihn näher und Kenma akzeptierte es, er lehnte sogar seinen Kopf gegen Kuroo und genoss den kurzen Moment.
“Wann wäre das dann?”, fragte Kenma. Und Kuroo eröffnete ihm, dass das Projekt im nächsten Frühjahr starten würde. Genug Zeit, sich vorzubereiten. Genug Zeit, dass Kuroo seine Assistenzarztzeit am Haikyuu Medical Hospital abschloss und genug Zeit, in Europa eine Stelle als Allgemeinchirurg zu finden, denn diese Spezialisierung stand für ihn fest.
“Ich werd dich vermissen”, gab Kenma zu. “Du hast mich noch ein ganzes halbes Jahr”, sagte Kuroo.
Balance
Wir haben in unserem Leben drei fundamentale Säulen: Familie, Freunde, Beruf.
Ist eine Säule brüchig, gleichen die anderen beiden es aus. Sind zwei im Ungleichgewicht, legen wir einen Balanceakt der Superlative hin. Fallen alle drei weg, fallen auch wir.
Deswegen ist eine ausgeglichene Work-Life-Balance so essenziell. Wir brauchen im Leben zumindest zwei Haltepunkte für ausreichend Stabilität, mindestens eine, um uns über dem Wasser zu halten. Deswegen pflegen wir soziale Kontakte, behüten unsere Beziehungen und suchen uns einen Job, der das möglich macht.
Aber ist das auch für medizinisches Personal möglich?
***
Für ein paar Läufer war der Wings for Wheels Run schneller vorbei als geplant. Kenma war dennoch überrascht, Bokuto in der Herzambulanz vorzufinden, als er zu seiner Spätschicht ankam.
“Was machst du hier?”, fragte er, zumal der Herzpatient im Laufdress da saß, durchgeschwitzt war und ziemlich fertig aussah. Bokuto hob den Kopf und sah Kenma gleich mit einem breiten freundlichen Lächeln an, so dass Kenma damit rechnete, er würde ihm nur offenbaren, dass er direkt nach dem Run hierher gelaufen war, um Akaashi zu besuchen oder abzuholen.
“Ich hab heute Kontrolle”, sagte Bokuto und deutete auf den Stuhl neben sich, aber Kenma schüttelte den Kopf. Er war immerhin im Dienst.
“Und er lacht sich schon den nächsten Arzt an”, sagte Dr. Konoha, der plötzlich mit einem Becher Wasser um die Ecke kam. In Zivilkleidung. “Ach Kons, du musst nicht eifersüchtig sein. Meine Beziehung mit Dr. KenKen geht schon viel länger”, sagte Bokuto und nahm den Becher dankend entgegen. Dr. Konoha sah skeptisch zu Kenma. “Ich bezweifle, dass er das auch eine Beziehung nennen würde”, nahm er Bokuto den Wind aus den Segeln und Kenma nickte zustimmend. Er kannte Bokuto, mehr war da nicht und ein Eifersuchtsdrama wollte er sich auch sparen. Gut, dass Dr. Konoha so realistisch war.
“Also hat sein Besuch hier nichts mit dem Lauf zu tun?”, erkundigte sich Kenma. Dr. Konoha neigte den Kopf uneins. “Sagen wir es so, Keiji und ich haben ihm erlaubt, mitzulaufen, wenn er danach umgehend die Kontrolle macht. Wer hätte gedacht, dass er direkt her läuft”, antwortete er. “Ging schneller so”, sagte Bokuto und die beiden erzählten Kenma, dass Bokuto einem Rettungswagen nachgelaufen war, so lange, bis er ihn nicht mehr sah und kurz darauf wieder einer fuhr. So eine Laufveranstaltung war nichts für schwache Herzen - oder genau das, denn es sortierte sie aus. Diese und schwache Lungen und miserable Kreisläufe.
“Man möchte meinen, jemand, der für einen guten Zweck läuft, wüsste, wo seine Grenzen sind”, sagte Dr. Konoha und seufzte. “Ich kenne meine Grenzen”, sagte Bokuto stolz. Dr. Konoha lachte. Kenma musterte ihn. “Aber solltest du dich nach einer Herzklappen-OP wirklich so verausgaben?”, fragte er. Bokuto sprang auf und schnellte rasch über Kenmas Kopf hoch. “Ich hab eine zweite Chance bekommen und die will ich auch nutzen!”, sagte er ernst, da wurde er auch schon aufgerufen und Kenma verabschiedete sich.
Wenn Dr. Konoha da war, dann würde er vermutlich noch mit Dr. Semi im Saal stehen oder mit einem anderen Anästhesiearzt. Nicht, dass es für Kenma einen Unterschied gemacht hätte. An diesem Tag war er auf der Plastischen eingeteilt, was ihn erleichterte. Nicht wegen der Fachrichtung, aber weil er durch das Laufevent wusste, dass Dr. Oikawa an diesem Tag nicht derjenige war, der ihn herumkommandierte - denn genau das tat der Oberarzt gerne. Herumkommandieren.
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“Dr. Kozume, wissen Sie, warum Brillenträger in der Verbrennungschirurgie im Nachteil sind?”, fragte Chefarzt Meian während der chirurgischen Händedesinfektion. Kenma neigte den Kopf leicht zur Seite und sah seinen Vorgesetzten fragend an. Dr. Meian schmunzelte. “Weil es da drinnen so feuchtwarm wird, dass sie nach zwei Minuten im Nebel stehen. Das ständige Putzenlassen durch die OP-Gehilfen kostet Zeit, die wir nicht haben.”, erklärte er.
Als sie den auf 32 Grad geheizten Saal betraten, schlug Kenma die stehende Hitze wie eine Wand entgegen. Er wusste, dass dieser “Sauna-Modus“ lebensnotwendig war: Nur bei Kindern und Brandopfern wurde der OP so extrem gewärmt, um den Temperaturverlust der fehlenden Hautbarriere auszugleichen.
Ein Laie würde vermuten, dass dies auch für Erfierungsopfer galt. Aber durch eine Erfrierung waren die Gefäße eng gestellt, die bei einem zu warmen Saal zu schnell geweitet werden würden und das konnte fatale Folgen haben: Zu schnelles Weitstellen der Gefäße konnte die Gefäßwände zum Platzen bringen; Schadstoffe durch die Erfrierung würden mit einem Schlag in den restlichen Körper gespült werden und konnten Herzrhythmusstörungen und oder Nierenversagen mit sich ziehen. Erfrierungen wurden in der Regel auch nicht sofort operiert, man ließ dem Körper Zeit, zu zeigen, was noch zu retten war.
Ein Merksatz besagte: Gefroren im Januar, operiert im Juli.
Doch jetzt herrschte keine Geduld und Dr. Meian hatte nicht zu viel versprochen.
Als es Kenma zu viel wurde, arbeitete der Chefarzt bereits am Mesh-Grafting - einer faszinierenden Technik, bei der ein kleines Stück Eigenhaut wie ein Netz gedehnt wurde, um große Hautdefekte zu decken. Für Kenma war die Geometrie dahinter spannend, doch die körperliche Belastung durch die Hitze forderte ihren Tribut. Die klassische Musik im Hintergrund verschwamm zu einem fernen Rauschen.
“Einen Stuhl für Dr. Kozume, bitte”, hörte er Izurus Stimme und just stand Kuguri mit einem Dreibein hinter ihm. “Das muss Ihnen nicht unangenehm sein, Dr. Kozume. Die erste Verbrennungs-OP haut fast jeden um”, sagte Dr. Meian ruhig, ohne seinen Blick vom Oberschenkel der Patientin abzuwenden.
“Dr. Meian? Benötigen Sie weitere Assistenz?”, fragte Arata Tshuchiyu, der seit August seine Famulatur auf der Plastischen absolvierte. Er war Medizinstudent mit dem Wunsch, Chirurg zu werden. Plastischer Chirurg. Und Kenma war nicht entgangen, dass er und Dr. Meian in einer besonderen Beziehung zueinander standen, hatte aber nicht dasselbe Radar wie Terushima, der sofort eine Affäre erkannt hätte.
Dr. Meian warf Kenma einen kurzen, prüfenden Blick zu. “Arata, du darfst die letzten Hautklammern setzen.” Eigentlich wäre das Kenmas Aufgabe gewesen, doch der war dankbar, sitzen bleiben zu können.
“Kuguri, helfen Sie Dr. Kozume bitte aus der sterilen Wäsche.”
Mit diesem Satz gab Meian ihn für diese OP frei. Kenma spürte, wie ihm der OP-Assistent die Verschlüsse - einen im Nacken, einen an der Hüfte - öffnete, und ließ sich den sterilen Mantel abnehmen, der daraufhin im Wäschecontainer landete.
Am Abend stand noch eine Z-Plastik für eine Narbenrekonstruktion an, bei der Kenma bereits beim Anzeichnen der Schnittführung glänzte und später auch die letzten Nähte in einwandfreier Nadelführung setzte.
“Sollte ich mir jemals was richten lassen, dürften Sie nähen”, verabschiedete Dr. Meian sich und nickte ihm noch einmal zu, ehe er sich aus der sterilen Wäsche schälte, diese an Kuguri übergab und den Saal verließ.
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“Spätschicht ist die schlimmste von allen”, murrte Kenma, als ihn Iizuna um 22 Uhr vom Krankenhaus abholte. “Hmm… dann ist es: Nachtschicht, Frühschicht, Spätschicht?”, fragte er nach der Reihung von Kenmas bevorzugten Schichten und der nickte. Er hatte nie ein Geheimnis darum gemacht, dass er die Nachtschicht am liebsten hatte. Es war ruhig und selbst, wenn er dann oft in der Notaufnahme aushelfen musste, so war die Stimmung eine ganz besondere. Er hätte nie gedacht, dass er diese Einschätzung mit Dr. Tendou teilte, der die Nachtschicht wegen der Stimmung bevorzugte.
“Was ist so besonders schrecklich an der Spätschicht?”, fragte Iizuna. Kenma hob den Kopf und sah in den dunklen Nachthimmel mit dem Vollmond.
“Es ist alles angefangen und man bringt nichts fertig. Wenn ich heim komme, nutze ich an solchen Tagen zwar die Nacht zum Zocken oder mit dir, aber du musst früh schlafen, und aufstehen ist trotzdem irgendwie früh, nicht so früh, wie Frühschicht, wo man zumindest danach noch mehr vom Tag hat. Es ist einfach schrecklich”, erklärte Kenma und Iizuna nickte. “Na dann ist ja gut, dass ich morgen nicht arbeite. Wir können lange wach bleiben, du kannst morgen etwas ausschlafen und ich bring dich wieder ins Krankenhaus.” Kenma nahm daraufhin Iizunas Hand und lehnte sich an seinen Oberarm beim Gehen. “Aber gerne doch”, hauchte Iizuna, weil er bereits wusste, dass es Kenmas Art war, Danke zu sagen.
Sie gingen über den Krankenhausparkplatz und Iizuna öffnete Kenma wie auch sonst die Wagentür. Kenma setzte sich ins Auto, kurz darauf saß Iizuna neben ihm und sie fuhren los.
“Heute wollte ich mit dir noch etwas raus fahren, wenn das okay ist. Nichts Großes, nur ein Spaziergang im Park”, sagte Iizuna.
“Wie weit raus?”, fragte Kenma. “Zirka ne halbe Stunde westlich von hier. Inokashira Park.”
Für den Moment war die Strecke noch dieselbe, als würden sie zu Iizunas Wohnung fahren. Kenma nickte. “Okay.” Er lehnte mit dem Ellenbogen an der Beifahrertür. Dabei sah er beim Fenster raus und beobachtete, wie die Lichter der Stadt an ihnen vorbei flitzen. Wie ein Rettungswagen an ihnen vorbei fuhr und auch ein Feuerwehrtruck mit Sirene über eine Ampel preschte.
Irgendwann wurde es ruhiger und es wirkte, als flohen sie der Betonwüste hinaus ins Grüne. Der Himmel wurde klarer, die Lichtverschmutzung legte sich etwas und Kenma konnte neben dem Mond sogar Sterne erkennen. Iizuna sah mit einem milden Lächeln zu ihm hinüber und fuhr wie angekündigt eine gute halbe Stunde nach ihrer Abfahrt auf den Parkplatz vor dem Park zu. Es war kaum jemand hier. Vereinzelt standen Autos, aber überlaufen war es bestimmt nicht. Kenma war erleichtert.
Der Park erstreckte sich über 42ha Fläche und beherbergte einen großen See mit Brücken und vielen Bäumen, die im Frühling in vollen Blüten standen. Springbrunnen sorgten bei Tag für schöne Wasserspiele und Enten, Schwäne und andere Wasservögel wuselten hier herum - wenn die Sonne da war.
Abends war es still. Man hörte die Zikaden zirpen und vereinzelt Käuze und Eulen rufen.
Während sie einen der vielen Wege entlang gingen, hing sich Kenma in Iizunas Arm ein. Iizuna hatte seine Finger auf Kenmas Hand gelegt.
“Ist dir kalt?”, fragte er; Kenma schüttelte den Kopf. Es war ein warmer Herbsttag, Ende September und die Temperatur hielt noch gut in die Nacht hinein. Über dem See hatte sich Nebel gebildet und wurde gen Himmel immer dünner. Es war, als dampfte der See. Die Luftfeuchtigkeit war gut zu spüren und machte Kenma müde.
“Möchtest du im Frühling oder im Sommer mal hierherkommen? Da kann man mit kleinen Booten über den See fahren”, schlug Iizuna vor. Kenma sah zum See. Der Mond erhellte den Nebel, wurde zurückreflektiert in kleinen Prismen und spiegelte sich minimal auf der Wasseroberfläche.
“Ich mag es jetzt hier”, antwortete Kenma und sah zurück in Iizunas Augen, in denen sich der Mond und die Sterne spiegelten. Intensiver als auf der Wasseroberfläche. Iizuna lächelte wie so oft. Seine Augen strahlten Wärme aus und Kenma erkannte jede Farbe in ihnen. “Deine Augen sind so bunt heute”, sagte er fasziniert und Iizuna löste den Blick von Kenma. Er sah zum See, auf den Nebel und hoch zum Mond. “Ich glaube, es sind nicht meine Augen”, sagte er, drehte Kenma mit sanftem Druck so, dass er unweigerlich dasselbe sah wie er.
Vor Kenma eröffnete sich ein seltener Anblick.
Im Dunst des Wasser spiegelten sich alle Farben und drangen hoch zum Mond. Je höher der Nebel ging, desto dünner wurde er und umso blasser wurden die Farben und dennoch bildete ein zarter, mit freiem Auge gut erkenntlicher und wunderschöner Mondregenbogen, der im Nebel des Sees tanzte.
“Oh”, hauchte Kenma. Iizuna legte den Arm in Kenmas Rücken, die andere Hand legte er ihm an den Hinterkopf und drehte ihn wie beim Tanzen in eine Position, wo er ihn unter dem Mondregenbogen, mit der Brücke im Hintergrund und davon flatternden Nachtschwärmern mit so viel Gefühl küssen konnte, dass Kenma in seinen Armen beinahe geschmolzen wäre.
“Ich liebe dich, Kenma”, hauchte Iizuna gegen seine Lippen und öffnete nur langsam die Augen wieder. Auch Kenma tat das und fand seinen Blick wieder. “Lass uns heute tun, was du beschrieben hast.”
-
“Bitte sag mir, wenn ich aufhören soll”, flüsterte Iizuna gegen Kenmas Ohr. Seine Lippen streiften die weiche Haut der Wange, wanderten in zarten Küssen übers Kinn und schließlich zum Hals. Kenma neigte den Kopf zur Seite. Er ließ Iizuna gewähren. Sein Herzschlag beschleunigte mit jeder Berührung; eine Gänsehaut bildete sich ausgehend von den kleinen Impactstellen; sein Atem wurde schneller, aufgeregter, bis Iizuna innehielt.
“Alles in Ordnung?” Kenma nickte. Küsse auf den Hals hatte er von Iizuna schon oft bekommen. Das erste Mal hatte es gekitzelt und Iizuna war ihm nicht böse, weil er gedacht hätte, dass er ihn ausgelacht hätte, er hatte gelächelt und ihm gesagt, wie entzückend er es gefunden hatte.
“Ich werde dich jetzt etwas fester küssen und… leicht beißen”, kündigte Iizuna an. Kenma gab mit einem gedämpften “In Ordnung” seine Zustimmung. Der leicht erhöhte Druck löste ein angenehmes Kribbeln aus; das vorsichtige Beißen entlockte ihm ein leises Seufzen. Er hörte einen erleichterten Atemzug.
“Darf ich… dich ablecken?”
Kenma suchte Iizunas Blick. “Du meinst… wie ein Hund?”, fragte er plump. Iizuna lachte verlegen.
“Nein… eher, als wollte ich dich mit all meinen Sinnen aufnehmen”, sagte er. Kenma seufzte leise. Wer drückte sich denn so aus? Iizuna war wirklich nicht for real. “Du darfst”, erlaubte er und Iizuna leckte ihm einmal quer über das Gesicht. “Hey!”, protestierte Kenma. Iizuna lachte. “Vielleicht doch wie ein Hund?”, fragte er und zwinkerte ihm frech zu. Es war ihm gelungen, die Anspannung zu lockern. Kenma schmunzelte. Sowas hätte er von Kuroo erwartet, aber nicht von Iizuna.
“Was würdest du jetzt tun, wenn du mit jemand anderes hier wärst?”, erkundigte sich Kenma nach dem nächsten Schritt.
“Ich würde Tee machen, übers Wetter reden und ihn dann heimschicken - weil es nicht du bist.”
Kenma lachte. “Du weißt, was ich meine”
“Ich weiß. Aber wir tun nur, was du willst”, erwiderte Iizuna und legte ihm eine Hand an die Wange. Er streichelte sanft mit dem Daumen über die weiche Haut und lächelte so schön, Kenma könnte sich sofort wieder in ihn verlieben.
“Was würdest du dann mit mir machen?”
“Ich würde dich jetzt an der Hüfte berühren und den etwas Pullover hoch schieben”, antwortete Iizuna. Kenma richtete sich auf. “Zieh ihn aus.” Iizuna blinzelte schnell, nickte aber und half Kenma aus dem Pullover. “Darf ich auch?”, fragte Kenma und legte seine Finger an die Knöpfe von Iizunas Hemd. “Natürlich.”
Iizuna beobachtete regelrecht hypnotisiert, wie Kenma Knopf für Knopf öffnete.
“Das ist aufregend”, gestand Kenma trotz weißem T-Shirt, das zum Vorschein kam und streifte Iizuna das Hemd über die Schultern. Beim weiteren Abstreifen berührte er die Haut auf den Armen und bemerkte, wie sich bei Iizuna eine Gänsehaut bildete. “Das ist es”, bestätigte dieser.
Er streichelte Kenmas Arm hinab und verhakte ihre Finger miteinander.
Mit der zweiten Hand nahm er Kenmas Hand und zog sie zu sich, er legte sie auf seine Brust und machte einen Vorschlag: “Wie wär's, wenn du an mir machst, was für dich in Ordnung ist und ich spiegle deine Berührungen?”
“Okay”, nahm Kenma an und sie setzten sich einander gegenüber. Kenma legte seine Hand auf Iizunas Brust und spürte den schnellen Puls, wie das Echo seines eigenen Herzens, was auch Iizuna nicht entging. Es fühlte sich schön an, Iizunas Hand auf der Brust zu spüren, aber auch, Iizunas hebenden und senkenden Torso so deutlich zu fühlen. Die warme Haut strahlte durch das T-Shirt durch. Kenma erkannte auch, dass Iizuna muskulöser gebaut war als er. Nicht annähernd so wie Dr. Ushijima oder Officer Sasaya oder die Kollegen von der Feuerwehrwache oder Washio von den Sanitätern. Gut gebaut. Und mit dem Absenken seiner Hand spürte er auch den flachen Bauch seines Freundes.
Als er bemerkte, dass Iizuna etwas verkrampft daran arbeitete, sehr aufrecht zu sitzen, schmunzelte er. Kenma wusste doch, dass in ihrer Position ein flacher Bauch schwer zu halten war. Es war Anatomie, aber Iizuna war in diesem Moment irgendwie süß. Er streichelte auch Kenmas Bauch, der daraufhin selbst anspannte. Es war wie ein Reflex.
“Du musst nicht einziehen, ich mag es, wenn er weich ist”, sagte Iizuna und Kenma zog eine Schnute. “Machst du doch selbst”, murmelte er und drückte demonstrativ gegen Iizunas Bauchmuskeln, was prompt in einer Kitzelattacke endete.
Kenma genoss es, ausgelassen lachen zu können. Seine Gegenangriffe fanden irgendwann endlich Früchte und auch Iizuna kicherte unter ihrem Tun. So lange, bis es ihm zu wild wurde und er hastig nach Kenmas Handgelenken griff und sie über Kenmas Kopf in das Kissen drückten. Kenma verstummte und sah überrascht hoch in Iizunas Gesicht. Sein Herz setzte einen Schlag aus und seine Augen weiteten sich. Die Stille wurde augenblicklich intensiv. Iizuna stockte. Er wollte sich zurückziehen.
“Bleib”, hauchte Kenma. “Das ist sexy.” Iizunas Blick fixierte ihn prüfend. “Ja… und… ist es in Ordnung?”, fragte er. Kenma nickte. “Sehr… mach weiter”, forderte er leise und Iizuna drückte ihn bestimmter in das Kissen.
“Ich würde jetzt-” Kenma unterbrach ihn. “Hör auf, mir zu sagen, was du machst. Überrasch mich. Mach, was dir gefällt. Ich sag dann stopp.” Er vertraute Iizuna, der durch den friedlichen Kitzelkampf auf ihm saß und ihn so nicht nur mit den Händen angepinnt hatte.
Iizuna nickte und küsste ihn wieder. Kenma schloss die Augen. Er spürte Iizunas Oberkörper an sich gedrückt, sanft. Die Hände lösten sich von seinen Gelenken, aber nicht, um ihn freizugeben, sondern um über die Unterarme zu den Ellenbogen zu wandern. Etwas fester über die Oberarme, weil Iizuna ihn nicht mehr kitzeln wollte und schließlich über die Schultern weiter. Kenma behielt die Arme über seinem Kopf, nestelte die Finger in den Bezug des Kissens und ließ sich voll von Iizunas Lippen einnehmen.
Er genoss die Wanderung der neugierig fordernden Hände, bis Iizuna an seinen Flanken etwas fester zupackte. Kenma versuchte ihm durch das Antreiben ihres Kusses zu zeigen, dass alles in Ordnung war. Dass er die Berührungen mochte und dass Iizuna weitermachen durfte.
Iizuna erprobte sich weiter an Kenmas Taille. Ungeachtet dessen, dass sein Shirt dadurch verrutschte. Einerlei, dass Iizuna mehr nackte Haut berührte.
Angetan davon, dass Iizunas Atem schlagartig wilder wurde und sie sich leidenschaftlicher küssten, wurde auch Kenma tätig. Er spiegelte Iizuna, fasste ihm an die Hüfte und rutschte hoch zur Taille. Durch ihre Position hatte er sogleich viel mehr nackte Haut zu berühren, die unter seinen Fingern erstmal wegzuckte. Iizuna schnellte hoch und griff an Kenmas Hände. Das Shirt rutschte darüber.
“Deine Hände sind kalt”, japste er und umhüllte die kühlen Finger sogleich. “Tut mir leid”, murmelte Kenma, aber fühlte, wie er sich durch Iizunas Halt aufwärmte. Ein Moment der Stille brach über sie herein, in dem Iizuna Kenma einfach nur anlächelte und Kenma die Aussicht bewunderte. Jeder andere hätte den Anblick wohl als heiß beschrieben, aber Kenma fand es einfach nur schön. Iizuna war schlichtweg wunderschön. Er spürte, wie ihm warm wurde, nicht nur seine Hände. Iizunas Hitze ging langsam auf ihn über und fand in einem wohligen Gefühl im Bauch seinen Hafen.
“Was willst du jetzt tun?”, fragte Iizuna mit einem sanften Lächeln.
“Ich will wissen, was dir gefällt”, antwortete Kenma mit einem herausfordernden Blick, frech gar. Iizuna atmete einmal tief durch, dann schob er eine von Kenmas Händen unter seinem T-Shirt höher. Wieder mit beschleunigter Atmung und erhöhtem Puls.
Der Stoff sorgte für kleine Geheimnisse zwischen ihnen, die in diesem Moment in Ordnung waren, nicht aufgedeckt zu werden. Kleine Geheimnisse, die Kenma nur ertasten konnte; Iizunas Bauch war auch weich, aber seine Brust war fester; Iizuna reagierte intensiver, als Kenma über die sensible Verhärtung fuhr.
Iizuna lockerte seinen Griff und gab die Kontrolle ab.
Kenma genoss die Freiheit, die ihm geschenkt wurde, und dehnte seine Erkundung aus, bis er auf Iizunas Hüftknochen stieß, den er sanft mit dem Daumen umspielte, weil Iizuna es genauso bei ihm tat.
Er spürte, dass Iizunas Oberschenkel fester waren und dass seine Berührungen Reaktionen im Gesicht seines Freundes auslösten.
“Was fühlst du, wenn ich das tue?”, fragte Kenma und streichelte auf der Oberseite des Schenkels entlang Richtung Knie. “Es fühlt sich aufregend an. Mir wird warm und ich spür ein Kribbeln überall, wo deine Finger sind”, antwortete Iizuna offen. “Und wenn du nach oben streifst, dann… wird das Kribbeln im Bauch ganz wild und zieht weiter nach unten”, sprach er weiter, wie Kenma das tat, und wurde mit jedem Wort leiser, als würde er die Stimmung zerstören.
“Und ist das schön?”, fragte Kenma ebenso leise. Iizuna schmunzelte und nickte. “Es ist unbeschreiblich schön.”
“Und ist es schöner hier?” Kenma streichelte die Außenseite hinunter. “Oder hier?” Er wanderte auf der Innenseite hoch, was Iizuna ein überraschtes Keuchen entlockte. “Eindeutig hier”, sagte er rasch, hielt Kenmas Hand dann aber fest. “Nur… ich glaube, so sollten wir nicht weitermachen. Du erregst mich zu sehr.”
“Ist das nicht das Ziel?”, fragte Kenma irritiert.
Iizuna biss sich auf die Lippe. “Ist es das? Ist das dein Ziel?”, revidierte er die Frage und Kenma nickte, wenn auch zögerlich, weil ihn Iizunas Reaktion verunsicherte. Lehnte er es ab? Wohl kaum, denn was da zwischen Iizunas Beinen bereits passierte, war für Kenma ein deutlicher Zuspruch. Kenma war nicht blind und er war nicht blöd.
“Ist es dir unangenehm, dass du so erregt bist und ich nicht?”, fragte Kenma. Iizuna presste die Lippen zusammen, aber nickte zustimmend. “Tut mir leid”, seufzte Kenma, doch darauf schüttelte Iizuna den Kopf.
“Nein! Nein, Kenma! Bitte, das muss dir nicht leid tun. Jeder Körper reagiert und funktioniert anders. Und wenn es dir nicht gefällt, ist das okay. Nur ich fühl mich so, als würde ich dich ausnutzen”, erklärte er.
“Du nutzt mich nicht aus”, sagte Kenma sofort, dann wurde sein Blick verlegen. “Ich fühl mich eher so, als würde ich dich wie ein Experiment behandeln.”
Iizuna lachte befreit. “Ich bin gerne dein Experiment. Versprich mir nur, dass wir keine Deadline haben.”
“Keine Deadline”, bestätigte Kenma und holte sich die Erlaubnis, sein Experiment fortzuführen.
Er entlockte Iizuna Töne und Geräusche, die ihm selbst ein Kribbeln bescherten, provozierte Gesichtsausdrücke, die er spannend fand, und Reaktionen, die Puls und Atmung überstiegen.
Irgendwann wandelte sich die Neugier in reine Geborgenheit. Im Ausklang von zärtlichen Küssen verfiel er schließlich an Iizunas Seite dem Schlaf.
-
Am nächsten Morgen wachte Kenma von alleine auf. Neben ihm war es noch warm, doch das Rauschen der Dusche verriet, dass Iizuna bereits aufgestanden war.
Mit leisen Schritten kam er aus dem Schlafzimmer und ging direkt zum Badezimmer.
“Tsukasa?”, fragte er und klopfte an die Tür. “J-Ja?”, kam die prompte, aber überraschte Antwort. “Hast du Kaffee?”, fragte Kenma. Das Prasseln der Dusche verstummte. “Ja, ja klar. In der Küche ist eine Kapselmaschine, bedien dich. Im Kühlschrank ist Milch. Ich komme gleich zu dir” und dann ging das Prasseln wieder los.
Kenma wollte Iizuna seine Privatsphäre lassen und richtete sich seinen Kaffee, so wie er ihn mochte.
Er setzte sich mit der Tasse an den kleinen Küchentisch und genoss die Stille mit dem Rauschen aus dem Badezimmer.
Als das Rauschen nach dem Zweiten nicht verstummte, klopfte er nochmal, diesmal beunruhigt.
“Tsukasa? Ist alles in Ordnung?”
“Ja!”, rief Iizuna, nur um sofort nachzuschieben: “Nein. Eigentlich nicht.”
Kenma öffnete die Tür. “Kann ich dir helfen?”, fragte er. Iizuna zog den Vorhang ruckartig zu sich; nur sein Kopf lugte hervor. “Nein! Nein… wirklich nicht.” Er klammerte sich hinter dem Duschvorhang fest. “Was ist los?”, wollte Kenma wissen. Iizuna druckste herum. “Ich hab ein Problem… es geht nicht weg.”
“Falls es ein Knutschfleck ist, das ist normal. Der geht nicht weg”, sagte Kenma. Iizuna lachte verhalten. “Wenn es nur das wäre”, seufzte er. Auch Kenma seufzte. Er wusste, dass Männer manchmal mit einer Situation aufwachten, die man mit kaltem Wasser zu lösen versuchte. Und Kenma hatte bereits an dem fehlenden warmen Dunst bemerkt, dass Iizuna kalt duschte. Er kam einen Schritt näher.
“Tsukasa… wenn wir das nicht lösen, komm ich zu spät ins Krankenhaus”, sagte er, seine Hand bereits auf halbem Weg zum Duschvorhang.
“WIR lösen hier mal gar nichts! Das ist nicht deine Aufgabe”, japste Iizuna und versuchte, die Hand abzuwehren. “Außerdem glaube ich nicht, dass man es noch schmerzlos lösen kann… es tut echt weh.”
Kenma sah Iizuna ja an, dass ihm das alles wahnsinnig unangenehm war. Aber die Uhr tickte und sie kamen hier nicht weiter.
“Lass mich hier zurück, das wird sich schon irgendwie lösen”, sagte Iizuna ergeben, doch Kenma schüttelte den Kopf. “Wie lange?” Iizuna versteckte sich nun wieder komplett hinter dem Vorhang.
“Seit gestern Nacht”, murmelte er.
Kenmas Augen weiteten sich. “Du musst ins Krankenhaus. Das ist ein Notfall!”, sagte er ernst und griff nach einem Handtuch. “Trockne dich ab, wir fahren sofort!”
“Ich geh damit doch nicht ins Krankenhaus”, empörte sich Iizuna. Kenma stemmte die freie Hand in die Hüfte und sah vorwurfsvoll auf den Vorhang.
“Dann lass mich mal schauen”, sagte er. “Nein!”
Kenma seufzte erneut.
“Tsukasa… Ich bin Arzt. Ich hatte eine Famulatur auf der Uro. Ich hab schon genug Penise gesehen, um eine Einschätzung zu machen, ob das normal ist”, erklärte Kenma trocken. “Das beruhigt mich grad kein Bisschen”, fiepte Iizuna, aber griff nach dem Handtuch.
“Dann fahren wir ins Krankenhaus”, bestimmte Kenma und ließ Iizuna wieder alleine im Badezimmer zurück. Wenn er so nicht von ihm gesehen werden wollte, dann nicht. Es war in Ordnung. Er würde es auch nicht wollen. Noch nicht zumindest.
Stattdessen ging er wieder in die Küche und drückte sich den dritten Kaffee, den er nun eindeutig brauchte, herunter.
Da Iizuna vor Schmerz kaum stehen oder sitzen konnte und Kenma keinen Führerschein besaß, endete der Morgen in der wohl peinlichsten Rettungswagenfahrt ihres Lebens.
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In der Notaufnahme übernahm sofort das urologische Team. Kenma blieb zurück, bis Dr. Tendou mit einem schmutzigen Grinsen im Gesicht neben ihm auftauchte.
Er lehnte sich gefährlich nahe an ihn heran, so dass seine Lippen beim Flüstern an seiner Haarsträhne streiften, die stets seine Sicht einschränkte. “Na? Gleich ein bisschen ausprobiert und direkt kaputt gemacht?”
Kenma zuckte weg, seine Wangen waren heiß.
“Ich kann das nicht”, murmelte er. Dr. Tendou richtete sich wieder auf und zuckte mit den Schultern. “Musst du ja nicht”, erwiderte er. Dann blieb er erstmal nur da stehen, als erwartete er, dass Kenma von selbst darüber sprach. Aber Kenma würde einen Teufel tun, jetzt ausgerechnet mit ihm darüber zu reden.
“Ach, wie es aussieht, hast du Glück.” Dr. Tendou schnalzte mit der Zunge. Kenma sah ihn verwundert an. “Warum hab ich Glück?”, fragte er und der Unfallchirurg deutete auf Dr. Irihata, der mit einem anderen Mann, einem Arzt ganz eindeutig, im Schlepptau auf sie zukam. “Den mag ich nicht”, zischte Dr. Tendou und tänzelte zurück in den Notfallbereich.
Kenma drehte sich zum Chefarzt der gesamten Chirurgie um, der auch mit seinem Anhängsel direkt zu ihm kam.
“Dr. Kozume, warum sind Sie nicht in Dienstkleidung?”, fragte er. Kenma richtete sich gerade. “Primar Irihata, ich bin noch nicht im Dienst”, sagte er. Er hatte tatsächlich noch ein paar Stunden, weil ihn diese ganze Situation mit Iizuna zu früh ins Krankenhaus geführt hatte. “Oh verstehe, dann sind Sie gerade Angehöriger, dennoch möchte ich Ihnen gerne schonmal Oberarzt Naoi vorstellen.”
Kenma ertrug die Höflichkeiten wie in Trance; sein Geist war bereits bei der Prozedur, die Iizuna gerade durchlaufen musste: Lokalanästhesie, Punktion, Absaugen des angestauten Blutes, Aufwachraum.
Doch als er Iizuna später aufsuchte, lag dieser nicht im Aufwachraum, sondern auf der Intensivstation.
Der Anblick war ein Schock: Es war nichts Neues für ihn. Selbst bei Iizuna nicht. Er hatte ihn schon einmal so gesehen, aber er hatte gehofft, es nie wieder zu müssen, selbst wenn seine Tumorsituation von damals zu Rezidiven führen konnte.
Wie es auf der Intensivstation üblich war, hing Iizuna am EKG, hatte einen Pulsoxy am Finger und einen arteriellen Zugang für den Blutdruck. Über einen Zentralen Venenkatheter war er an eine Infusion angeschlossen, die mit Schmerzmitteln versetzt war. Sauerstoff wurde durch eine Nasenbrille zugeführt und Kenma erkannte auch, dass eine Wärmematte angesteckt war.
Das war nicht üblich für einen Patienten, dem durch Punktion Blut abgesaugt wurde. Leise, aber rasch ging er zu dem Bett - Iizuna schlief - und griff nach der Krankenakte, als Dr. Sakusa neben ihm auftauchte.
“Ich wurde wegen eines neurologischen Konsils gerufen, warum hängt da ein Uro-Tag?”, fragte der Neurochirurg. “Und warum tragen Sie keine Bereichskleidung?”, fragte er kurz darauf Kenma, der ihm die Krankenakte überließ. “Ich bin erst gekommen”, sagte er knapp.
“Iizuna?”, fragte Dr. Sakusa und blätterte durch die Papiere. “Priapismus? Dickflüssiges schwarzes Blut? Sichelzellen? Was ist passiert? Iizuna hat keine Sichelzellenanämie”, murmelte er die Erkenntnisse vor sich hin.
Dr. Kita, der Laborchef persönlich, trat an sie heran und überreichte Dr. Sakusa die neuesten Werte.
“Ein pathologischer Anstieg der Sichelzellen. Das Hämoglobin ist im Keller, der HbS-Anteil massiv erhöht.” Dr. Sakusa fixierte Kenma mit einem harten Blick.
“Dr. Kozume! Was ist vorgefallen, was nicht in der Akte steht? Fesselspiele? Sauerstoffentzug? Würgen?”
“Was? Nein!”, stieß Kenma hervor. “Wir sind uns nähergekommen… nicht weit. Wir haben danach einfach nur geschlafen und als ich aufgewacht bin, war er mit dem Problem unter der Dusche”, erklärte er rasch.
Dr. Sakusa wirkte skeptisch, fachlich, nicht persönlich. “Das hätte zumindest eine Erklärung geliefert. Wir brauchen ein MRT und ein CT. Dr. Kita, wiederholen Sie den Bluttest”, sagte Dr. Sakusa, steckte den ersten Bluttest in die Akte.
Dr. Kita musterte Dr. Sakusa. “Weil Sie denken, ich hätte einen Fehler gemacht, oder weil Sie es hoffen?”, fragte er. “Weil ich etwas anderes vermute”, sagte der Oberarzt und steckte die Akte in den Hänger.
Als die Ärzte weg waren, brach es über Kenma herein. Sein Herz begann zu rasen. Die Handflächen wurden schwitzig und das Schlucken fiel ihm schwer. Speichel sammelte sich in seinem Mund, ein saurer Geschmack kam auf und sein Magen verkrampfte sich. Hastig griff er nach dem Fußende des Bettes und versuchte, sich zu beruhigen. Er atmete viel zu schnell. Das Rauschen in seinen Ohren übertönte das Piepen der Monitore.
Erst als ihm Schwester Ono einen Rollstuhl unterschob, bemerkte er, dass er mitten in einer Panikattacke steckte.
Die Intensivschwester hielt ihm auch das Telefon hin. Kenma nahm es abwesend an. Er sagte nichts. Atmete nur.
“Heeeeeey…” Es war Dr. Tendou. “Da hast du ja einiges kaputt gemacht. Du bist heute mir zugeteilt, aber bleib oben.”
Kenma starrte auf das schlafende Gesicht seines Freundes. Er hatte das nicht kaputt gemacht.
Oder doch? Kenma schluckte.
Nein, bestimmt bestand Dr. Tendou auf seinen ursprünglichen Scherz. Unter anderen Umständen wäre das vielleicht sogar irgendwie witzig gewesen, aber für Kenma war es das nicht. Vermutlich auch nicht für Dr. Tendou, sonst hätte er nicht so abrupt aufgelegt.
Der saure Geschmack von Angst blieb zurück.
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Entgegen Dr. Tendous Empfehlung meldete er sich pünktlich zum Dienstbeginn in der Notfallaufnahme. Iizunas klinisches Bild wurde unter den Spezialisten geklärt und Kenma musste wie jeder andere Angehörige auf die Diagnose warten. Die Arbeit war der einzige Anker, der ihn davon abhielt, im Wartebereich der Intensivstation zu zersplittern.
Und Iizuna konnte so den Schlaf nachholen, den er in der Nacht versäumt hatte.
“Du bist ja doch da!”, trällerte Tendou, während er sich Handschuhe anzog. Er deutete auf den Vorhang, hinter dem gedämpftes Stöhnen hervorging. “Schulterluxation nach Sturz beim Fensterputzen. Pack an, wir müssen das Ding wieder an Ort und Stelle bringen, bevor die Muskulatur dicht macht."
Auch Kenma zog Handschuhe an und trat an das Bett hinter dem Vorhang. “Dr. Kozume, wir renken Ihren Arm wieder ein”, informierte er den Patienten - Yukinari Mori, 28 Jahre alt, hatte seiner Mutter im Haushalt geholfen und den Fenstersturz zelebriert - Informationen, die Kenma nicht interessierten. Für ihn stand die Behandlung im Fokus. Das ausgekugelte Schultergelenk war reine Blickdiagnose.
Er griff nach dem Arm des Patienten und spürte die pulsierende Hitze über dem Gelenk.
Das Gewebe war prall geschwollen, die Muskulatur bereits so hart verspannt, dass jede Bewegung einen Schmerzensschrei provozierte. Kenma konzentrierte sich auf den Griff, auf den massiven Gegendruck, den Tendou von ihm verlangte. “Anatomie”, sagte er leise zu sich selbst. “Mechanik und Hebelwirkung.” Doch während er half, das Gelenk mit einem dumpfen Geräusch wieder in seine Ursprungsform springen zu lassen, sah er vor seinem inneren Auge Iizunas blasses Gesicht
“Sehr gut. Sie haben sich soeben eine Operation gespart", summte Dr. Tendou; Yukinari bedankte sich mit schmerzverzerrter Stimme und die Ärzte zogen weiter.
”Schnittwunde am Unterarm. Ein Hobby-Koch, der die Schärfe seines neuen Messers unterschätzt hat.“ Der nächste Vorhang wurde aufgezogen.
Der Patient, Tatsumi Osado, Mitte 40, drückte sich ein blutgetränktes Tuch auf den Arm. Als Dr. Tendou es wegnahm, klaffte eine saubere, tiefe Wunde auf. “Keine Sehnenbeteiligung, nur Haut und Subkutanfett“, stellte er fest und drückte Kenma das Lokalanästhetikum in die Hand.
“Näh ihn zusammen. Ich muss rüber in den Schockraum, da kommt gleich ein Motorradfahrer rein.“
Kenma blieb allein mit dem Patienten und einem unangenehmen Gefühl im Magen zurück. Dennoch holte er sich von der Unfallstelle in seinem Kopf zurück zu seinem Patienten.
Er desinfizierte die Wunde mit einem alkoholfreien Antiseptikum, zog die Einweghandschuhe aus und packte sein Material auf eine sterile Ablage. Nach Anziehen der sterilen Handschuhe setzte er die Betäubungsspritze, ließ es kurze Zeit wirken und zwickte mit der Pinzette in die Haut um die Wunde. „Spüren Sie das noch?“, fragte er und setzte den ersten Stich, als Osado “nur Druck, kein Schmerz” gesagt hatte.
Mit Pinzette und Nadelhalter versorgte er die Wunde, konnte sich aber nur schwer von den Bildern vor seinem geistigen Auge ablenken. Terushima hatte dieselbe Schicht wie er, aber hatte ihn heute noch nicht gesehen. Terushima fuhr bereits auch wieder regelmäßig mit dem Motorrad ins Krankenhaus. Auch Yamaguchi hatte er nicht gesehen. Das war bestimmt nur ein Zufall, denn er hatte auch Akaashi und Tsukishima noch nicht gesehen. Nur Dr. Suna, der bereits am frühen Nachmittag das Krankenhaus verlassen hatte. Das Kleinkind mit den markanten Augen, das Kenma schonmal gesehen hatte, im Arm. Zu wenig Fokus oder Energie, es noch einmal zuordnen zu können.
„Alles okay, Doc?“, fragte der Patient vorsichtig. „Ihre Hand zittert.“ Kenma hielt inne. Er schloss für eine Sekunde die Augen, atmete flach durch und fixierte dann wieder die Wundränder. „Nur die Konzentration“, log er und setzte die letzten Nähte in neurochirurgischer Präzision.
Später hielt er eine Pause mit Kuroo ab, in der ihm dieser eröffnete, bereits mit Dr. Sugawara über Europa gesprochen zu haben. Der Entschluss des besten Freundes traf ihn nicht mehr so hart, weil er ihn bereits als gegeben angesehen hatte und weil seine Gedanken gerade auf der Intensivstation waren.
“Das wird schon wieder”, sagte Kuroo und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
Am späten Nachmittag und Abend legte Kenma noch eine Bülau-Drainage bei einem Pneumothorax nach einem schweren Autounfall und brachte mit Dr. Tendou einen Fixateur externe bei einem komplex zersplitterten Schienbein ein. Operieren würden sie den Patienten in zirka sechs Wochen.
Kurz vor Dienstschluss fand sich Dr. Sakusa in der Notaufnahme ein und nahm Kenma zur Seite. Sie gingen schweigend zum Büro des Neurochirurgen, das er sich mit Dr. Suna teilte, der bereits gegangen war. Bevor sie eintraten, desinfizierten sie sich beide die Hände und Dr. Sakusa setzte sich an seinen Schreibtisch. Er wies Kenma an, sich mit einem Stuhl zu ihm zu setzen und entsperrte den Bildschirm, wo die Dokumente bereits auf zwei Bildschirmen geöffnet waren.
“Es ist ein Rezidiv des Glomustumors, Kozume. Aber diesmal ist er funktionell”, begann er ohne Umschweife. “Das CT zeigt eine Raumforderung von etwa drei Zentimetern direkt im Spatium parapharyngeum. Er umschlingt die Arteria carotis interna fast vollständig.” Kenma schluckte. Er wusste, was das bedeutete. Die innere Halsschlagader war die Hauptleitung zum Gehirn. Dass der Tumor funktionell war, bedeutete, dass er Hormone ausstieß, Katecholamine, vorrangig Noradrenalin.
Die Aufregung der vergangenen gemeinsamen Nacht musste eine Kaskade ausgelöst haben.
“Der massive Hormonschub hat eine systemische Vasokonstriktion verursacht. Bei Iizunas HbS-Werten hat das gereicht, um den Blutfluss so weit zu verlangsamen, dass die Erythrozyten sichelförmig zerfallen sind”, sprach der Oberarzt weiter und lenkte Kenmas Aufmerksamkeit auf das CT-Bild.
“Das primäre Problem ist nicht der Tumor an sich, Kozume. Es ist das Rezidiv-Umfeld”, sagte er dann und führte den Mauscursor um den Knoten an der Darstellung von Iizunas Halsbereich.
“Das Gewebe um die Karotisgabel ist massiv vernarbt. Der Tumor umschlingt nicht nur die carotis interna, er drängt gegen die Hirnnerven IX und XII. Wenn ich jetzt operiere, während sein System mit Noradrenalin geflutet ist, riskiere ich eine hypertensive Krise auf dem Tisch noch vor dem ersten Schnitt.” Er machte eine kurze Pause, um Kenma Zeit zu geben und es zu verarbeiten. Dass er es verstand, wusste er: Erhöhtes Schlaganfallrisiko.
“Das zweite Problem ist sein aktueller HbS-Wert; der liegt gerade über sechzig Prozent. Er braucht Austauschtransfusionen, bis wir stabil unter dreißig Prozent liegen.” Kenma nickte. Ihm war unwohl im Magen, aber er vertraute Dr. Sakusa.
“Wir fahren zweigleisig: Die Hämatologen waschen sein Blut aus, und ich stelle ihn auf eine hochdosierte Alpha Blockade mit Phenoxybenzamin ein. Wir müssen seine Rezeptoren besetzen, damit sein Herz-Kreislauf-System nicht mehr auf die hormonellen Schübe des Tumors reagiert.” Langsam stieg Kenma aus. Nicht, weil ihm das Fachwissen fehlte, aber der Kopf spielte ihm Streiche. Die wildesten Szenarien, die ihm kalten Schweiß an die Stirn trieben. Gefolgt von Heiß-Kalt-Wechseln.
“Wann?”, fragte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Dr. Sakusa zeigte nun den Zeitplan. “Frühestens Dezember“, beantwortete er die Frage prompt und bestimmt. “Wenn seine Werte bis dahin mitspielen, die Metanephrine im Keller sind und das Blut stabil bleibt, operieren wir in der Vorweihnachtszeit. Wenn nicht, schiebe ich es gnadenlos in den Januar. Ich werde kein Risiko eingehen, nur um einen Feiertag einzuhalten.“
Kenma nickte langsam. Dezember. Über zwei Monate des Wartens, der Medikamente und der ständigen Angst vor einem neuen Schub. Aber es war ein Plan.
“Achten Sie auf seine neurologischen Ausfälle beim Schlucken“, fügte Dr. Sakusa hinzu, während er die Dokumente eins nach dem anderen zumachte. “Sobald der Tumor mechanisch mehr Druck ausübt, ziehen wir das MRT vor. Bis dahin: Geduld, Dr. Kozume. Kein Stress, kein Sex, keine außerordentlichen Belastungen“, mahnte er und schickte Kenma mit hochrotem Kopf weg.
Dass ihm sein Mentor einmal Sexverbot geben würde, hätte er in seinen wildesten Albträumen nicht erwartet.
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Auf der Intensivstation erfuhr Kenma, dass Iizunas Medikation bereits gestartet wurde. Er hatte da im Grunde auch gar kein Mitspracherecht. Es war Iizunas Entscheidung und der wollte so früh wie möglich starten, denn: “Dann haben wir ein friedliches, gesundes Weihnachten”, sagte er mit einem matten Lächeln. Kenma nahm seine Hand. Ihm war nie viel an Weihnachten gelegen, weil es das Fest der Liebenden war und Kenma war nie in einer Beziehung gewesen. Der Ausblick darauf, dieses Fest mit Iizuna zu genießen, entlockte ihm dennoch ein mildes Lächeln.
“Aber du darfst dir keinen Stress machen”, mahnte er. Iizuna nickte sogleich und Kenma setzte sich neben ihn ans Bett.
“Was ich dich fragen wollte”, begann er und Iizuna sah ihn abwartend an. “Du hast doch… also du hattest doch schon sehr oft Sex… Warum hat dich das gestern Nacht so überfordert?”, fragte Kenma die Endgegnerfrage. Iizuna streichelte mit dem Daumen über Kenmas Handrücken.
“Ich hab mir wohl etwas zu viel Druck gemacht, weil ich wollte, dass alles perfekt ist für dich”, antwortete er. Kenmas Schuldgefühle machten sich wieder breit - in seinem Bauch, in der Brust und auch im Kopf, wo es leise zu surren begann. “Aber mach dir bitte keine Vorwürfe. Es ist doch gut, dass der Tumor entdeckt wurde. So können wir das Problem lösen”, versuchte Iizuna, ihn zu beruhigen. Es funktionierte. Denn er hatte recht.
“Dann ist das Experiment erstmal auf Eis gelegt”, sagte Kenma. Irgendwie war er erleichtert, warum, wusste er selbst noch nicht so recht. “Scheint so”, erwiderte Iizuna. Nicht enttäuscht.
Er rutschte im Bett etwas zur Seite und Kenma legte sich für einen Moment zu ihm. Kenma schloss seine Augen. Durch das Piepen der Maschinen wurde er müde, aber er richtete sich schon bald wieder ob der schönen Geborgenheit in Iizunas Arm wieder auf.
“Du wirst noch acht bis zehn Tage hier bleiben müssen, bis deine Medikamente richtig eingestellt sind”, sagte er. Iizuna nickte. “Geh nach hause, schlaf dich aus und komm mich in einer Pause mal besuchen”, sagte Iizuna, weil er wusste, worauf das Gespräch hinauslaufen sollte. Kenma lächelte leicht, Iizuna breiter.
“Ich liebe dich”, sagte Kenma und beugte sich für einen Kuss auf die Wange noch einmal kurz zurück. “Und ich liebe dich”, hauchte Iizuna. Dann ging Kenma.
Nach dem Umziehen traf Kenma am Haupteingang auf Terushima mit seinem Motorradhelm. Ein Stich traf sein Herz, weil er gar nicht mehr an ihn gedacht hatte, aber ihm fiel auch ein Stein vom Herzen.
“Teru”, rief er und lief auf seinen Mitbewohner zu, der ihn ganz überrascht in den Arm schloss. “Kenma”, sagte Terushima sanft und streichelte ihm über den Kopf und den Rücken. “Ich hab gehört, was passiert ist.” Kenma drückte sich fester an Terushima. “Ich dachte, dich hats erwischt”, sagte er. Terushima lachte verwirrt auf. “Was? Wo?”, fragte er.
“Motorradfahrer auf der Unfall.” Da lachte Terushima schon herzhafter. “Nur weil mein Dad an so einer scheiß Krankheit gestorben ist, heißt das nicht, dass ich sie auch habe und schon gar nicht, dass ich dran krepiere”, sagte Terushima und löste die Umarmung, um Kenma in die Augen zu sehen. “Hey! Ich habs nicht, okay?”, sagte er und Kenma fiel gleich noch ein Stein vom Herzen. Er atmete erleichtert aus. “Warum bist du noch hier?”, fragte er, weil Terushimas Schicht auch längst um war.
Terushima grinste. “War bei Midori. Die wird auch wieder gesund”, sagte er mit einem strahlenden Lächeln.
“Tadashi hat Nachtschicht. Du fährst bei mir mit”, sagte Terushima und kramte einen zweiten Helm aus seiner Tasche.
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“Wie kannst du mit ihm Leben?”, fuhr Akaashi Kenma zum Ende der nächsten Schicht in der Garderobe an. Er fetzte seine Dienstkleidung in die Richtung der Wäschecontainer und schlüpfte wütend in seine private Kleidung.
Kenma zog hinter dem Vorhang seiner Haare die Augenbrauen hoch. Er wunderte sich, ob Akaashi von Kuroo oder Terushima sprach. Beide verdienten es, einer solchen Frage Opfer zu werden.
“Er ist so eine Nervensäge”, knurrte Akaashi weiter. Kenma meinte nun, besser zuordnen zu können, von wem die Rede war.
“Wenn man sich lange genug kennt, gewöhnt man sich daran”, sagte er und schulterte seine Umhängetasche. Akaashi schnaubte. Nein, Kenma würde nicht nachfragen, was Kuroo getan hatte. Oder nicht getan hatte.
“Du bist echt härter im Nehmen, als man denken mag, Kozume”, sagte Akaashi schon etwas ruhiger. Er hatte seine Hände zu Fäusten geformt und drückte mit den Fingerkuppen auf seine Handballen, dann ließ er locker und griff auch zu seiner Tasche. “Und du hast auch noch Terushima”, fügte er hinzu und die beiden Assistenzärzte verließen die Garderobe. Kenma zuckte mit den Schultern. “Sie sind beide sehr liebe und fürsorgliche Menschen, wenn man ihnen die Chance gibt”, erwiderte er darauf und war von sich selbst überrascht, beide in Schutz zu nehmen.
“Aber… hast du mit Bokuto nicht auch so ein Paradebeispiel zuhause?”, fragte er. Wieder überrascht, dass er nun doch voll in das Gespräch investierte. Akaashi seufzte.
“Er ist anders… Kuroo ist ein Großkotz, Kotaro ist einfach… viel”, antwortete er. Kenma nickte. Ja, Bokuto war wirklich viel. “Wie war seine Kontrolle?”, fragte Kenma und lenkte das Thema etwas um.
“War gut. Alles so, wie es sein soll. Sogar nach dem Lauf.” Akaashi wirkte erleichtert. Kenma konnte sich gut vorstellen, dass er Sorge gehabt hatte. Er war sich ja auch unsicher gewesen, ob es eine kluge Idee war, den Herzklappenpatienten laufen zu lassen.
“Außerdem bringt Akinori die nötige Ruhe rein”, sprach Akaashi mit einem sanften Lächeln weiter. Da war wohl etwas Wahres dran. Dr. Konoha war, wenn man seine Bettgeschichten außer Acht ließ, eine sehr vernünftige, angenehme Person. Er hatte hier und da einen frechen Spruch auf den Lippen, aber er wusste, wann es angebracht war und da ahnte Kenma, lag das Problem mit Kuroo: Kuroo wusste nicht immer, wann seine blöden Scherze angebracht waren und wann er lieber den Mund halten sollte. Akaashi war sicher einer solchen selbstüberschätzten Situation zum Opfer gefallen.
“Wo gehst du hin, Kozume?”, fragte Akaashi, weil Kenma nicht die Richtung des Haupteingangs einschlug. “Auf die Station. Zu Tsukasa”, antwortete Kenma und verabschiedete sich von Akaashi, der wie all die anderen Bescheid wusste. Er hatte von allen noch am Neutralsten reagiert. Selbst von Tsukishima hatte er einen hämischen Blick geerntet. Yachi war vor Mitgefühl beinahe umgefallen. Yamaguchi war neugierig gewesen und Kageyama hatte ihn mit offenem Mund angestarrt. Terushima hatte Tipps und Tricks gehabt, von denen Kenma nichts wissen wollte und Shirabu hatte er angesehen, dass er bei der OP assistieren wollte, aber das hatte Dr. Sakusa sofort ausgeschlossen. Teshiro sollte ihm assistieren. Ein Kollege aus Kuroos Jahrgang. Ruhig, entspannt, ein Liebling von Dr. Nekomata. Das war für Kenma eine gute Wahl, denn er wusste bereits, dass er als Angehöriger nicht zugelassen worden wäre.
Run - Hide - Fight
Manche sagen, es ist leise. Andere sagen, es ist laut. Manche hören einen Knall, andere hören nichts. Für manche ist es wie ein Flüstern, ein gefühlloser Atemzug voller Rauch. Für andere ist es wie der Gruß eines alten Bekannten.
Eine Theorie besagt, dass das Gehirn nach dem Tod, nach dem letzten Herzschlag einen finalen, intensiven Anstieg an Aktivität erlebt und das gesamte Leben noch einmal an einem vorbeizieht. Eine andere Theorie besagt, dass das Gehirn ab diesem Zeitpunkt für etwa 7 Minuten die schönsten Erinnerungen unseres Lebens wiedergibt. Uns erlaubt, glücklich und friedlich abzuschließen. All das Schöne noch einmal zu sehen.
***
Iizunas Therapie begann bereits auf der Intensivstation mit der ersten Erythrozytapherese. Ein Akt der Befreiung, der den dumpfen Schmerz in den Gefäßen auflöste.
Danach wurden die Alphablocker eingestellt. Erst niedrig dosiert, dann gesteigert.
Das Phenoxybenzamin arbeitete gegen die Adrenalinschübe des Tumors, aber auch gegen Iizunas Kreislauf. Der Blutdruck sank, der Ruhepuls stieg.
Nach etwas mehr als einer Woche wurde er nach Hause entlassen.
Anfangs war es auch fast noch alltäglich gewesen. Iizuna hatte darauf bestanden, zu arbeiten. Es war wie eine Zuflucht für ihn, vor allem in der Zeit, wo Kenmas Schichten ihnen kaum gemeinsame Zeit gewährten.
Aber es war nur unter besonderen Bedingungen möglich. So trug er spezielle Handschuhe und durfte nicht schwer heben. Am Bindetisch stand ein Stehstuhl für ihn und Stress musste um jeden Fall vermieden werden - das war beim Verkauf von Blumen glücklicherweise kein Thema.
Er war auch nie darum verlegen, Kenma immer wieder welche mitzunehmen.
Im ersten Monat wurde die Wohnung des frischen Floristen immer grüner. Irgendetwas hatte Ende Oktober sogar der knusprigen Grünpflanze wieder Leben eingehaucht. Die braunen Blätter wurden abgeschnitten und sie trieb von Neuem aus. Sie wurde stärker, je schwächer Iizuna wurde. Erwachte, während Iizuna immer müder wurde. Auch an Kenma nagte die Therapie.
"Du siehst müde aus", hatte Hinata im OP zu ihm gesagt, weil er sein erstes Praktikum im Haikyuu Medical Hospital machte. "Ich seh immer so aus", hatte Kenma gelogen und Hinata hatte es hingenommen. Viel Zeit hatten sie nicht zusammen verbracht. Hinata war gut eingeteilt.
Genauso wie Iizuna.
Er musste täglich Tabletten nehmen. Alle drei Wochen musste er zur Austauschtransfusion ins Krankenhaus kommen. Eine Nacht stationär, danach durfte er wieder heim. Nach der Blutwäsche fühlte er sich für ein paar Tage wie aufgefrischt.
Bis die Schwäche und die Blässe wieder Überhand nahmen. Hinzu kamen Hämatome an den Einstichstellen an der Leiste, sowie regelmäßige Kreislaufkrisen und Schwindel.
Der November war am belastendsten. Plötzliche Schweißausbrüche und Herzrasen beim schieren Sitzen. Die Stimmung rutschte in den Keller. Iizuna bekam bei den kleinsten Belastungen Atemnot, so dass er seit Ende des Monats nicht mehr arbeitete. Da hatte er auch zu näseln begonnen, was Kenma Sorge bereitete, Iizuna hätte sich erkälten können. Aber es war nur eine der vielen Nebenwirkungen seiner Therapie. Genauso wie die Gereiztheit, die er immer nur mit sich selbst ausmachte.
Er war Kenma gegenüber nie ausfallend geworden, obwohl Kenma spürte, wie angespannt Iizuna war, schlief er ja kaum und war ständig müde. Sogar wütend wegen seiner Situation zu sein, riss Iizunas Kreislauf hinunter.
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Während dieser Zeit waren Terushimas Schwestern aufgetaucht, weil das Erbe des Vaters bearbeitet werden musste. Ayumi, die Älteste, war als erste in der WG aufgeschlagen und hatte sogar einen recht vernünftigen Eindruck gemacht. So lange, bis Koharu ankam.
Koharu wollte ständig etwas unternehmen, während Ayumi die Planung übernahm und Terushima selbst mal mehr, mal weniger an Board war.
Kuroo verbrachte viel Zeit mit und bei Dr. Sugawara, wenn sie nicht gerade im Krankenhaus waren. Kenma war zu Iizuna geflohen. Dennoch saß er im November einmal mit den drei Terushimas in der WG beisammen, weil Iizuna für seine Blutwäsche im Krankenhaus war.
"Tadashi ist so ein Herzchen", sagte Ayumi und seufzte zufrieden. "Ja, aber dieser Schatten nervt", murrte Koharu und meinte damit Tsukishima, den Kenma nun wirklich nicht als Yamaguchis Schatten betitelt hätte. Früher war es einmal andersherum gewesen.
"Dafür ist sein Kater umso süßer", kicherte Ayumi und Koharu stimmte mit einem entzückten Seufzen ein. Kenma hob den Kopf. "Yamaguchi hat eine Katze?", fragte er neugierig und beide Frauen nickten eifrig. "Ja! Und wenn man bei ihnen ist, also bei Tadashi daheim, und die grad irgendwo sind - Küche oder so - dann haben wir schon ein Rätselspiel begonnen zu spielen", erklärte Koharu. Kenmas Blick wurde skeptisch. Der Gedanke daran, was man hören konnte, wenn Terushima und Yamaguchi nicht zu sehen waren, ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
"Es heißt Yuuji oder Kiko", sagte Ayumi.
"Und wie geht das?", fragte Kenma dann doch nach.
"Wir versuchen zu erraten, ob Tadashi gerade mit Yuuji oder Kiko spricht. Wenn er zum Beispiel sagt… hmm… Runter von der Theke oder Ja, du bist aber ein Braver", ging Koharu darauf ein und Kenma verstand sofort, warum das ein Rätsel sein konnte.
"Runter von der Theke sagt er wirklich oft zu Yuuji, aber er lobt den Kater sehr. Ich glaube, Yuuji ist da ein bisschen eifersüchtig", kicherte Ayumi.
Von da an überlegte auch Kenma immer wieder, zu wem Yamaguchi gewisse Dinge sagte.
Als er zum Beispiel in einer Schicht erzählte: "Und dann schaut er einen mit seinen großen Augen an und diesem süßen bekloppten Blick, da kann man doch nur nachgeben", war sich Kenma sicher, er sprach von Terushima. Er wurde bestätigt, als Yamaguchi auflöste, dass dies zu seinem ersten prickelnden Abenteuer im Rufbereitschaftszimmer geführt hatte.
"Wenn er zu viel Gras hatte, kotzt er immer auf den Teppich…" war eine Beschwerde darüber, als Terushima eines Abends mit Dr. Konoha aus war, einen Patiententot zu verarbeiten.
"Und dann hing sein Schwanz in der Suppe", stellte sich zu Kenmas Erleichterung als Beschwerde über den Kater heraus. Als Yamaguchi dann über Schokosoße zu sprechen begann, zog sich Kenma aus dem Gespräch zurück, weil das durchaus Potenzial hatte, unangenehm zu werden.
"Ich liebe es, wenn wir Löffelchen liegen. Er ist oft mein kleiner Löffel", kicherte Yamaguchi und Terushimas Schwestern lösten auf, dass er dies bereits über beide gesagt hatte.
"Er ist echt reinlich, aber manchmal passiert ein Missgeschick am Klo", sagte Yamaguchi eines Tages beim Mittagessen und Kuroo schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: "Yuuji oder Kiko?"
Irgendwann lachte auch Yamaguchi schon über dieses Spiel, fühlte sich aber manchmal ertappt, wie ähnlich er über die zwei wichtigsten Jungs in seinem Leben sprach. Terushima fand das weniger lustig.
"Ihr seid nur neidisch, weil ich jemanden habe, der mich verehrt, wie die Ägypter ihre Katzen", sagte er und streckte der Gruppe die Zunge raus.
"Leckst du dir damit auch den Hintern?", fragte Kuroo und "Ne, aber den von Tadashi" war die Antwort, die keiner von ihnen hören wollte.
Zum Besuch von Terushimas Schwestern gehörte aber nicht nur dieses Rätselspiel. Es kamen Familiengeschichten auf. Kenma lernte Dinge über Terushima, die er sich nicht erwartet hätte, je zu erfahren. So war er begnadeter Gitarrist und hatte auch andere Saiteninstrumente gelernt. Er sprach fließend drei Sprachen neben japanisch und war geübt in allen Standardtänzen, weil sein Vater Wert darauf gelegt hatte und Terushima früher immer gefallen wollte. Auch seine Schwestern waren wahnsinnig kultiviert und sehr gebildet. So war Ayumi Meeresbiologin und erforschte mit einer Crew die Tiefen der Ozeane. Koharu hatte ihre eigene Psychologische Praxis und gerade Jobangebote von Harvard, Stanford und Boston als Lehrkörper. Sie musste sich bis zum Jahreswechsel entscheiden und wollte dies auch zeitnah tun.
Im Elternhaus der Geschwister wurden Unterlagen zu den Krankheitsverläufen der beiden Professoren gefunden, über die sie aber nicht sprachen. An diesem Tag waren sie alle drei sehr ruhig und redeten kaum.
An einem Abend waren die drei bei Iizuna zu Besuch und musizierten. Terushima spielte Gitarre, Ayumi Geige, Koharu Cello und Iizuna stimmte am Flügel mit ein. Es war ein schöner Abend. Und auch Iizuna lachte beherzt über "Yuuji oder Kiko".
Zu den ganzen Familienangelegenheiten gehörte natürlich auch reichlich Zeit mit Kanna, die von ihren Tanten redlich verhätschelt und Hana entlastet wurde.
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Nach dem ersten Advent saß Kenma neben Iizuna in der neurologischen Ambulanz zur Blutabnahme.
Iizuna war am Vortag bereits stationär aufgenommen worden und hatte die vorerst letzte Austauschtransfusion über sich ergehen lassen. Nun mussten nur noch die Werte stimmen und er würde in den nächsten Tagen operiert werden.
"Sicher, dass du das noch vor Weihnachten machen willst?", fragte Kenma und reichte Iizuna seine Wasserflasche. Durch die Therapie musste er mehr hydrieren als andere Menschen. Vier Liter waren Pflicht, fünf optimal.
Iizuna nahm die Flasche und davon gleich einen großen Schluck.
"Ja… ich halte das nicht noch einen Monat aus." Seine Stimme war schwach, sein Gesicht blass und er hatte stark Gewicht verloren. Auch Kenma war ein paar Kilos leichter geworden. Er sah es im Grunde genauso wie Iizuna: Auch er hätte das keinen weiteren Monat ausgehalten.
Als er ihn am Morgen im Badezimmer gesehen hatte, wie er sich am Waschbecken festhalten musste, nur weil er den Kopf zu schnell gehoben hatte, wusste er im Grunde, dass sie nicht länger warten konnten. Dass ein weiterer Monat Iizuna komplett zerbrochen hätte.
"Es tut mir leid", hauchte Iizuna. Kenma wandte den Kopf langsam zu ihm. "Was? Warum?", fragte er. Iizunas Mundwinkel zuckte nur im Ansatz hoch. Er hatte schon lange nicht mehr richtig gelächelt. Immer nur gezwungen, um Kenma zu beruhigen, aber er war nicht ruhig.
"Dass du das…" Iizuna hielt inne, weil er Sauerstoff brauchte. "Dass du das mitmachen musst", sagte er und hob die Hand zittrig, weil er klarmachen wollte, dass er noch nicht ausgesprochen hatte. Kenma wartete, auch wenn es ihm auf der Zunge brannte, zu protestieren.
"Ich wünschte, ich wäre gesund für dich", seufzte Iizuna und ließ die Hand sinken. Kenma griff danach. Sie war kalt, wie alles an Iizuna.
"Du wirst wieder gesund", sagte Kenma und lächelte Iizuna an, so wie er es für ihn getan hätte.
"Tsukasa Iizuna. Bitte in Kabine 2", wurde er plötzlich aber endlich aufgerufen. Kenma stand auf und half ihm hoch. Langsam. Zu schnell, und der Kreislauf hätte nachgegeben. Iizuna wehrte sich immer noch gegen einen Rollstuhl.
Azumane nahm ihm Blut ab. Er hatte auch einen mitfühlenden Blick für Kenma über.
Danach hieß es wieder abwarten.
Wäre das Sichel-Hämaglobin unter dreißig Prozent, konnte Iizuna direkt stationär bleiben.
Als das Ergebnis da war, hatte Iizuna noch einen ganzen Liter getrunken gehabt und war an Kenmas Schulter gelehnt eingeschlafen. Da wurde Kenma der Ausdruck gereicht. Er blätterte durch die Seiten und sackte erleichtert ein paar Zentimeter im Stuhl hinab. Es war, als könnte er das erste Mal seit Wochen richtig atmen. Stumme Tränen lösten sich, Azumane reichte ihm ein Taschentuch. "Iizuna-san wurde bereits zugewiesen. Sobald er bereit ist, können Sie wieder mit ihm aufs Zimmer in der Station gehen", sagte er gedämpft und ließ sie wieder allein.
"Tsukasa?", flüsterte Kenma. Eigentlich wollte er ihn nicht wecken, jetzt wo er einmal eingeschlafen war. Die unbequeme Haltung ließ ihn aber handeln. Vorsichtig ging er durch Iizunas Haar, das gar nicht mehr gestylt war und bereits wieder einen Friseur vertragen hätte. Iizuna blinzelte abwesend. "Hm?", machte er leise. "Wir können aufs Zimmer", sagte Kenma leise. Da war Iizuna plötzlich hellwach. Er richtete sich in einem Ruck auf. Die Pupillen weiteten sich und fokussierten, wie bei einer Katze.
"Heißt das?", fragte er, und Kenma nickte. "Ja, das heißt, dass deine Werte passen", antwortete er und Iizuna fiel ihm um den Hals.
"Danke, dass du die ganze Zeit über bei mir warst."
Kenma schloss die Augen. "Ich bleib es auch weiterhin", flüsterte er und legte die Arme um Iizuna, den plötzlichen Energieschub zu genießen. Es fühlte sich an, als hätte er Iizuna wieder genau so wie vor dieser ganzen Eskapade.
Unter seinen Fingern spürte er dennoch, wie dünn er war und wurde einmal mehr darin bestätigt, dass die Operation schnellstmöglich stattfinden sollte.
Im Zimmer verging keine halbe Stunde, da betrat Dr. Sakusa mit einem anderen Mann den Raum.
"Dr. Romero?", fragte Kenma überrascht. Der Mann schmunzelte.
"Es ist Dr.Dr. Romero, aber nein. Oliver Aiku", stellte er sich vor; er sah dem Transplantationsspezialisten zum Verwechseln ähnlich. Beim genaueren Betrachten fielen Kenma aber die kleinen Unterschiede auf.
Dr. Aiku war zwar genauso muskulös gebaut, aber er hatte längere Haare. Der untere Teil davon war sogar in einem grellen Grün gefärbt. Seine Stimme war nicht ganz so tief, außerdem fehlte ihm der brasilianische Akzent und er war vielleicht etwas kleiner, aber bestimmt nicht viel.
Das eindrücklichste Merkmal, das die beiden deutlich unterschied, war Dr. Aikus Heterochromie. Sein linkes Auge war grün und das rechte blau.
Er stellte sich als ehemaliger Studienkollege von Dr. Sakusa und Gefäßchirurg vor. Anfänglich waren die beiden sowas wie Rivalen gewesen. Er war der Grund dafür, dass Dr. Sakusa im Haikyuu Medical Hospital auch die Gefäßeingriffe machte, und er war der Einzige, dem der Neurochirurg bei so einer komplizierten Operation vertraute, ihm zu assistieren.
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"Dr. Sakusa hat bemerkenswerte Freunde", sagte Kenma zu Akaashi. Er hatte sich zu ihm in den leeren Gang auf eines der ausrangierten Betten gesetzt, weil Iizuna mit einer Nährlösung eingeschlafen war.
Akaashi neigte den Kopf zu ihm. "Dr. Suna hat heute Nacht eine Aortenruptur in Rekordgeschwindigkeit geflickt", erwiderte er, aber Kenma schüttelte den Kopf.
"Ich meine nicht Dr. Suna. Dr. Aiku, er ist-"- "Gefäßchirurg", nahm Akaashi bereits vorneweg. Nun wandte Kenma den Kopf zu seinem Kollegen.
"Kennst du ihn? Hat er bei euch vorgetragen?", fragte er, weil er dachte, der neue Arzt hätte vielleicht an Akaashis Privatuniversität Einheiten gehalten. Er hatte zumindest den Eindruck gemacht, so sachlich und selbst für Iizuna verständlich, wie er seinen Teil des Eingriffes erklärt hatte.
Akaashi schüttelte den Kopf.
"Nein… das ist etwas komplizierter", murmelte er.
"Was ist kompliziert?" Yamaguchi setzte sich zu ihnen.
"Oliver Aiku." Akaashi seufzte. Er legte sich die Finger an die Stirn und massierte dort bereits, als würde sich eine Migräne loslösen.
"Ich hatte meine Famulatur im Blue Lock Institut für Gesundheit auf der Gefäß bei ihm vor drei Jahren. Ich wollte mich ursprünglich dort spezialisieren, aber zwischen Oliver und mir hat sich eine… es hat sich was entwickelt", erklärte Akaashi bemüht neutral.
"Deswegen war es so… ärgerlich, dass Akinori was mit Romero hatte…" gab Akaashi noch gedämpft zu, weil die Blicke bereits Bände sprachen. Yamaguchi kicherte. "Ihr habt ja schon irgendwie einen ähnlichen Männergeschmack. Yachi hat mir vorhin schon gesagt, dass ein Arzt hier ist, der aussieht wie Dr.Dr. Romero." Klar, dass Yachi der Doppelgänger aufgefallen war.
Akaashi nickte langsam.
"Sie sind Halbbrüder, haben optisch einiges von ihrem Vater", erklärte Akaashi. Yamaguchi besah ihn gleich nochmal mit großen Augen. "Hattest du mit dem etwa auch was?", fragte er unüberlegt. Akaashis Mimik ließ ihn umgehend zusammenzucken. "Sorry, Akaashi"
"Olivers Mutter ist Japanerin, Nicolas’ Mutter Brasilianerin. Der Vater ist Deutsch-Schwede"
"Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht. Aber anderes bin ich von dir nicht gewohnt, Keiji-chi-chan." Dr. Aiku hatte sich zu ihnen verirrt, Akaashi würde ihnen später versichern, dass es durchaus geplant war. Denn dieser Mann überließ nichts dem Zufall.
"Oliver", sagte Akaashi und erhob sich vom Bett. Kenma blieb mit Yamaguchi sitzen während Akaashi einem herzlichen Wiedersehen auswich.
"Ach, zier dich nicht so. Ich hab’ auch keine Hintergedanken. Sen und ich sind verlobt. Ich bin ein treuer Mann", säuselte Dr. Aiku und zeigte Akaashi den Ring an seinem Finger. "Oh, schön für euch", erwiderte dieser, ging aber trotzdem an dem Gast-Arzt vorbei und verließ den einsamen Gang, der für Kenmas Geschmack bereits viel zu voll und aufgeweckt war.
"Was ist mit der Uhr kaputt?", fragte Dr. Aiku ganz losgelöst von seiner Abfuhr - er kannte das wohl. "Das ist eine Erinnerung", antwortete Kenma und ergriff auch zügig die Flucht. Yamaguchi würde mit dem fremden Arzt bestimmt selbst zurechtkommen oder sich auch irgendwie aus der Atmosphäre ziehen können.
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Kenma arbeitete am Tag von Iizunas Operation. Dr. Sakusa hatte darauf bestanden, dass er sich so ablenkte und Dr. Tendou hatte ihn sofort bei sich eingeteilt, als der OP-Termin stand.
"Ich glaube, er hat noch immer ein schlechtes Gewissen, weil er diese Scherze gemacht hat", überlegte Kenma Yamaguchi in der Personalschleuse gegenüber.
"Oder er braucht jemanden, der ihm die kalte Schulter zeigen kann", vermutete Yamaguchi. "Wozu?"
Yamaguchi nahm eine der Ortho-Hauben und band sie sich um den Kopf. Er war heute bei Dr. Ushijima eingeteilt, was auf seine eigene Art und Weise unangenehm war, wo der Oberarzt wohl allen Ernstes mit seinem Ex-Freund zusammen war.
"Tsukki hat mit ihm Schluss gemacht", erklärte er knapp. Kenma nickte. Er hatte diese Beziehung nie verstanden. Aber er wusste auch, dass man Beziehungen nicht verstehen musste. Es musste für die Beteiligten passen.
Und dennoch tat ihm Dr. Tendou leid, weil er derjenige war, der ihm Mut zugesprochen hatte und so offen und ehrlich mit ihm gewesen war.
"Wir sehen uns", sagte er zu Yamaguchi und ging vor der Notaufnahme noch einmal auf die neurologische Station, wo Iizuna gerade von Schwester Suzumeda vorbereitet wurde. Es wurden die üblichen Fragen gestellt. Toilettengang, Wohlbefinden, Möglichkeit für offene Fragen.
"Oh, Dr. Kozume. Guten Morgen", grüßte sie, als Kenma hereinkam. "Morgen", erwiderte auch er. Sein Blick traf sofort Iizuna, der noch die Frische der Blutwäsche trug. Es war ein guter Anblick. Iizuna informierte auch, dass es ihm gut ging.
"Sie kennen das ja schon. Hier ist ihr Dormicum", sagte die Schwester und reichte Iizuna die Beruhigungstablette. "Und wir werden an Ihrem Oberschenkel wieder eine Stelle frei machen, für den Fall, dass Dr. Sakusa einen Venenersatz benötigt", erklärte sie weiter. Iizuna schluckte die Tablette mit etwas Wasser und nickte. Er zog die Decke zur Seite und gab den Blick auf ein blasses, mit blauen Flecken übersätes Bein frei.
"Darf ich?", fragte Kenma und ließ sich von Suzumeda den Einwegrasierer geben. Er setzte sich neben Iizuna aufs Bett und strich sanft über den Oberschenkel an die Innenseite. "Experimentierst du schon? Du musst noch etwas warten", scherzte Iizuna und schob das Bein zur Seite, dass Kenma gut ran kam.
"Nein", antwortete dieser nur knapp und setzte die Klinge an, um vorsichtig ein großzügiges Areal freizulegen, wo ein Stück der Vena saphena magna entnommen werden könnte, wäre es notwendig.
"Kenma?!", holte Iizuna die Aufmerksamkeit sofort in seine Augen. "Hm?"
"Ich weiß… das klingt total dumm und kindisch… aber bisher hatte ich noch vor jeder OP zuhause Abschiedsbriefe geschrieben", begann Iizuna. Kenmas Blick wurde ernst. "Wofür brauchst du die?", fragte er ablehnend. Iizunas Mundwinkel zuckten kaum merklich.
"Für den Fall der Fälle. Ich hab einfach wahnsinnig Angst davor, nicht mehr aufzuwachen", erklärte er. Kenma nahm einen tiefen Atemzug. "Dr. Sakusa ist der Beste", sagte er. Iizuna nickte. "Ich weiß… und trotzdem… du weißt, wie die Anästhesiegespräche verlaufen. Wie sie einem erklären, auf wie viele unterschiedliche Arten man bei einer OP sterben kann." - "Das müssen sie sagen."
Iizuna nahm Kenmas Hand. Schwester Suzumeda hatte den Raum bereits verlassen.
"Weil es möglich ist. Ich bestehe ja nicht darauf, zu sterben. Aber ich will einfach, dass alles gesagt ist, sollte es doch so sein. Also… falls etwas passiert, hab ich in meinem Nachttisch daheim eine Hand voll Briefe. Einer ist für dich und die anderen… es ist mir egal, ob sie zur Post gebracht werden. Das Wichtigste ist deiner", sprach Iizuna weiter. "Was hast du mir noch nicht gesagt?", fragte Kenma. Iizuna lächelte. "Nichts, was du nicht schon wüsstest", antwortete er und zog Kenma zu sich in einen Kuss, der ihn wissen ließ, auch ohne Worte, dass Iizuna ihn liebte.
"Tsukasa Iizuna?" Der Fahrdienst unterbrach die beiden. Kenma ließ von Iizuna ab. Fukiage, ein großer Mann mit kurzen dunkelbraunen Haaren, stand im Türrahmen. Kenma erhob sich und ließ den Mann seinen Job machen. Erst fragte er wie alle anderen nach Geburtsdatum, Eingriff, Nüchternheit, Allergien und checkte das Patientenbändchen an Iizunas linkem Arm. Dann wurde die Bremse vom Bett gelöst und Iizuna damit aus der Koje gezogen.
Im Vorbeifahren griff Iizuna noch einmal nach Kenmas Hand.
"Nach der OP werde ich dir sagen, dass ich dich liebe und ich werde dich fragen, ob du bei mir einziehen willst, also mach dir bitte Gedanken darüber", sagte er, ehe er aus dem Zimmer gefahren wurde. Kenma blieb mit einem mulmigen Gefühl zurück. Es war, als wollte er noch etwas sagen, aber er bekam den Mund nicht auf. Er wollte nicht sagen "Okay, bis dann" oder so etwas. Er wollte noch nicht antworten, obwohl er tief in sich bereits die Antwort wusste. Und er wollte nicht sagen "Ich liebe dich", weil er Angst hatte, dass Iizuna nicht mehr zurückkam.
Stattdessen setzte er sich für einen Moment. Er atmete tief ein und wieder aus und sah zu Schwester Suzumeda, die kurz hereinkam, das Fenster zu öffnen und Iizunas Wasserkrug wegzuräumen, um später einen neuen zu bringen. "Dr. Kozume? Ist alles in Ordnung?", fragte sie und Kenma hob den Kopf. "Natürlich", sagte er schnell, stand auf und verließ den Raum genauso schnell.
Die Krankenschwester konnte nur den Kopf über dieses Verhalten schütteln.
Kurz darauf fand sich Kenma in der Notaufnahme ein.
"Na? Schon abgeholt?", summte Dr. Tendou. Kenma nickte. "Hast du ihm auch gesagt, dass du auf ihn wartest und ihn liebst und dass er ja wieder aufwachen soll?", fragte Dr. Tendou weiter. Kenma legte den Kopf schief.
"Nicht? Wie soll er es denn dann wissen?", fragte der Unfaller. Kenma musterte ihn skeptisch. "Muss man immer alles sagen? Er weiß, dass ich warte", erklärte er. Dr. Tendou zuckte mit den Schultern. Kenma dachte an damals, als er Iizuna als Patienten kennengelernt hatte und er ihn gefragt hatte, ob er es vielleicht nicht einmal bereuen würde, etwas nicht gesagt zu haben.
Er wurde umgehend unruhig. "Dr. Tendou?", begann er, und der Oberarzt grinste breit. "Na los, geh schon. Aber dann gehörst du mir", trällerte er und winkte Kenma weg.
"Tsukasa!", Kenmas Stimme schallte laut durch den Operationssaal. Er hatte sich in der Galerie den Telefonhörer geschnappt und hatte so direkte Verbindung zum Saal. Iizuna wurde am Tisch gerade vorbereitet. Der Arm wurde für die Anästhesie ausgelagert und Dr. Sakusa sprach noch ein letztes Mal mit ihm über den Eingriff. Dr. Aiku ließ sich steril ankleiden. Man konnte sein Schmunzeln sogar unter der Maske sehen.
"Entschuldigen Sie, Dr. Sakusa, es dauert nicht lange", sagte Kenma hastig und der Oberarzt verdrehte die Augen. "Aber schnell, Dr. Kozume."
"Tsukasa, ich hab über das nachgedacht, was du mal gesagt hast. Dass man Dinge immer aussprechen soll und... ich muss was… ich will was aussprechen", begann Kenma und Iizuna stützte sich auf dem Operationstisch im Ansatz auf. Dr. Konoha deutete ihm an, sich nicht zu viel zu bewegen. Kuguri lockerte den Gurt am Arm.
"Ich liebe dich, Tsukasa. Ich liebe dich mehr als du dir vorstellen kannst und ja, ich will. Ich will mit dir zusammenziehen und ich will, dass du das jetzt weißt", platzte es aus Kenma heraus. Dr. Sakusa schnaubte, aber Iizuna lächelte glücklich. "Das ist gut. Ich liebe dich nämlich auch sehr und ich freu mich ehrlich über deine Antwort", sagte er und Kenma spürte, wie eine Welle des Glücks über ihn schwappte. Er lächelte so breit, wie er es noch nie getan hatte, und schwieg. Glücklich.
"Wir würden dann jetzt fortfahren, wenn es sonst nichts mehr gibt. Dr. Kozume", rügte Dr. Sakusa und deutete Konoha an, mit der Narkose zu beginnen. Kenma legte als Antwort nur den Hörer auf und verharrte noch einen Moment. Dass all die Augenpaare auf ihn gerichtet waren, war unangenehm. Sehr sogar. Aber seine gesamte Aufmerksamkeit lag auf dem jungen Mann, der Dr. Konoha mit einem seligen Grinsen erklärte, dass Kenma die Liebe seines Lebens war.
"Dr. Kozume? Haben Sie nicht wo zu sein?", fragte Dr. Sakusa beim Desinfizieren von Iizunas Hals. Er warf nur einen flüchtigen Blick hoch zur Galerie, den Kenma mit einem Nicken erwiderte. Dr. Tendou wartete bereits auf ihn und hatte sogar etliche Worte für ihn übrig, die er hätte ignorieren können, aber irgendwie nicht wollte.
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Für Tendou war es ungewohnt, regelmäßig neben derselben Person aufzuwachen. Es erfüllte ihn nicht mit der Wärme, die man erwartet hätte. Tendou hatte sie nicht erwartet. Nicht, seit er dieses Spiel immer und immer wieder versucht hatte und nie in den richtigen Rhythmus gekommen war und dennoch war er zufrieden, wenn er Tsukishimas entspanntes Gesicht sah. Seine Finger tapsten wie von alleine über Tsukishimas Wange hoch an die Schläfe, wo sie mit seinen Lippen für einen zarten Kuss abtauschten. "Heute ist ein guter Tag für einen guten Tag", sagte er und sprang aus dem Bett, noch ehe Tsukishima antworten oder meckern konnte.
Ihre unterschiedlichen Schichten erlaubten es dem Pärchen gar nicht oft, einen solchen Morgen gemeinsam zu genießen. Abgesehen davon, war Tsukishima nicht der Typ dafür, sowas zu genießen. Er war pragmatisch und begrüßte die Nähe zum Krankenhaus, die Tendous Wohnung in der Innenstadt bot. Das wusste Tendou und das war für ihn in Ordnung. Er wollte gar nicht, dass Tsukishima aus reiner Zuneigung bei ihm blieb.
Ihre Beziehung war so kompliziert, wie sie einfach war. Nicht viele Worte, stattdessen guter Sex und hin und wieder eine liebe Geste. Aber mehr war nicht dahinter, auch wenn es dieses Mal für Tendou schon viel länger lief, als es sonst der Fall war.
Doch irgendwie war ihm an diesem Morgen mulmig im Magen.
Tendou setzte sich mit seinem Kaffee an die Küchenzeile und merkte kaum, dass Tsukishima gut sieben Minuten später ebenfalls an der Kaffeemaschine stand. Kaum. Natürlich wusste er es genau, aber die direkte Realisierung war noch schwammig. Erst als…
"Ich liebe dich, weißt du das eigentlich?", fragte Tsukishima und setzte sich zu Tendou. Auch ihm war mulmig im Magen, das spürte Tendou. Aber er reagierte nicht. Zumindest nicht äußerlich. Innerlich ging ein Sturm in ihm los, der ihn am liebsten die Flucht aus seiner eigenen Wohnung ergreifen lassen wollte.
Tsukishima seufzte.
"Wir entfernen uns voneinander", murmelte er. Tendou nickte. Es war für ihn nur eine Frage der Zeit. Er war selbst verwundert, rechnete gar mit einem Wunder. Aber es war alles wie immer. Nur verzögert, weil Tsukishima es für ihn möglich gemacht hatte. Tsukishima war immer ablehnend gewesen. Immer irgendwie unerreichbar, wenn auch in Tendous Bett.
"Was hab ich falsch gemacht?", fragte Tsukishima regelrecht genervt. Tendou schüttelte den Kopf. "Nichts", antwortete er knapp. "Das ist das Problem."
"Das ist doch absurd… Du hast dich so aufgespielt, mich für dich zu gewinnen und jetzt, wo du mich hast, willst du mich nicht mehr… Bist du wirklich so grausam?", fragte Tsukishima. Tendou richtete sich auf. Sein Gesichtsausdruck war ungewohnt ernst, aber sein Blick schweifte ab. "Ich will nicht grausam sein. Aber es liegt in meiner Natur. Es war immer schon so für mich, dass ich das Interesse verloren habe, sobald ich gewonnen habe. Mit dir war es anders. Du hast mir nie das Gefühl gegeben, dich gewonnen zu haben. Seit ein paar Wochen aber ist es anders. Ich spüre, wie wohl du dich fühlst, dass du meine Nähe suchst, Zeit für mich machst", erklärte Tendou. Tsukishima schnaubte. "Ist das nicht das, was man in einer normalen Beziehung macht?", fragte er. Tendou nickte.
"Ja… Nur, dass ich sowas nicht kann. Normal. Je näher du mir kommst, desto mehr will ich weg."
Eine wortloser Moment entstand zwischen ihnen, wo sie beide nur Kaffee tranken. Tsukishima überlegte. Tendou fühlte sich schuldig. Erst fanden die leeren Tassen ihren leeren Platz an der Theke, dann stand Tendou auf, sie wegzuräumen. Er spürte dabei den Blick bei jeder Bewegung im Nacken.
"Ich hab noch nie jemanden geliebt wie dich", sagte Tsukishima schließlich. Tendou lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er räusperte sich und wandte sich zu Tsukishima um. Die Küchenzeile zwischen ihnen, wie eine sichere Barriere, die Tendou gerade brauchte.
"Das vergeht wieder", erwiderte er. Tsukishima lachte verhalten. "Das ist doch echt ein schlechter Scherz, oder?", fragte er. Tendou schüttelte den Kopf.
"Kannst du es mir erklären?", forderte Tsukishima ein. Tendou nickte.
"Natürlich… ich weiß nur nicht, ob du es verstehen wirst", sagte er. Tsukishima richtete sich gerade auf und verschränkte die Arme vor der Brust. "Try me."
"Als ich dich das erste Mal gesehen habe, war ich nicht so schockverliebt wie sonst. Und ich war genervt", begann Tendou. Tsukishima schnaubte, aber Tendou sprach weiter. "Als wir dann das erste Mal im Bett gelandet sind und du einfach abgehauen bist, war es anders. Ab da ging es um Eroberung und du hast mir ständig die kalte Schulter gezeigt. Das war heiß."
Tsukishima stand auf. "Ich verstehe… Wenn du Ablehnung willst… die kannst du haben", sagte er deutlich angepisst und ging ins Schlafzimmer, um seine paar Sachen zu packen. Er ging auch ins Badezimmer und holte von dort seine wenigen Hygieneprodukte. Tendou ließ ihn gehen. Er fühlte sich schuldig, aber gleichzeitig erleichtert.
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"Liebe ist kompliziert und nicht immer findet man einen Kompromiss", sagte Dr. Tendou zu Kenma. "Haben Sie denn einen gesucht?" Dr. Tendou zuckte mit den Schultern. "Ich hab für mich keinen gefunden und Kei-chan ist kein Mensch für Kompromisse. Aber es ist besser so. So können wir beide unsere Leben leben", erklärte der Unfallchirurg zwar mit schwerer Stimme, aber einem ehrlichen, wenngleich etwas verrückten Lächeln im Gesicht, da wurden sie auch schon zur Rettungszufahrt gerufen.
Yahaba und Koganegawa brachten eine Open-Book Fraktur. Ein Fußgänger wurde von einem Auto erfasst; die Straßen waren eisig, der Mann kam nicht rechtzeitig zum Stehen, auch der Wagen nicht. Ein Frontalzusammenstoß war unausweichlich gewesen. Das Becken des Mannes war aufgeklappt, wie ein offenes Buch, wovon der Name der Fraktur kam.
Kenma und Dr. Tendou entfernten im Schockraum die Beckenschlinge, die von den Sanitätern angelegt worden war und setzten stattdessen einen Fixateur externe im Operationssaal.
Als er nach der Not-OP am Neuro-Saal vorbei ging, blieb Kenma der Blick durch das kleine Fenster der Saaltür verwehrt. Dr. Sakusa arbeitete immer mit runtergezogenen OP-Jalousien.
Später kam noch eine offene Trümmerfraktur in den Schockraum - Laufunfall im Freien.
Vor der Mittagspause kümmerte sich Kenma um die Verschließung einer Schnittwunde, die beim Zurückschneiden irgendwelcher exotischer Sträucher, die nur im Dezember zu schneiden waren, entstanden war. Kenma hatte sich nicht gemerkt, welche und er hatte auch keinen Fokus dafür.
Als er sich dann gerade mit dem Mittagessen gesetzt hatte, ließ ihn sein Pager gleich wieder aufspringen. Iizuna war auf der Intensivstation angekommen.
In der schnellsten Gehgeschwindigkeit - weil man im Krankenhaus nicht lief, es sei denn, es war ein absoluter Notfall - ließ er die Gänge hinter sich und fuhr mit dem Lift in den Stock der Intensivstation. Auch dort wurden seine Beine schneller als sie es von ihm gewohnt waren, so dass er beim Betreten der Station sogar stolperte. Schwester Ono wies ihm den Stellplatz von Iizunas Bett.
"Tsukasa", seufzte er erleichtert, als er neben ihm endlich zum Stehen kam. Die rotbraunen Augen blinzelten und Iizuna lächelte. Die Nasenbrille für den Sauerstoff verrutschte und Kenma richtete sie aus Reflex.
"Hey", krächzte Iizuna. "Hey", hauchte Kenma etwas außer Atem.
"Ich liebe dich. Ziehst du bei mir ein?", fragte Iizuna mit schwacher Stimme. Kenma schmunzelte. Er wusste, dass die Narkose die Erinnerung an die Zeit um die Operation auslöschen konnte und er hatte Iizuna seine Antwort kurz davor gegeben. Also sagte er es noch einmal: "Ich liebe dich, Tsukasa. Ich liebe dich mehr als du dir vorstellen kannst und ja, ich will."
Iizuna lachte glücklich auf. "Und Kuroo?", fragte er. "Der wird mindestens ein Jahr in Europa leben." Iizuna nickte. "Und Terushima?" Kenma seufzte. "Der sollte nicht alleine leben", murmelte er. Iizuna lachte. "Wir müssen es ja nicht von heute auf morgen machen", sagte er und gähnte weit. Kenma strich ihm liebevoll über den Arm. "Du solltest schlafen." Iizuna seufzte, nickte aber und Kenma ließ ihm seine Ruhe. Er war nun beruhigt. Iizuna hatte die OP gut überstanden und musste viel Energie für die nächste Regenerationsphase sammeln.
"Kommst du nach deiner Schicht noch mal?", fragte Iizuna, als Kenma aufstand.
Natürlich wollte Kenma nach seiner Schicht zu ihm kommen.
Er war auch am nächsten Tag vor seiner nächsten Schicht auf der Intensivstation und an den folgenden. Auch in der Mittagspause und nach jedem Dienstende. So lange, bis er Iizuna zwei Tage vor Weihnachten mit nach Hause nehmen konnte.
Das letzte Mittagessen im Krankenhaus nahm Iizuna mit Kenma in der Kantine ein. Sie saßen zu sechst am Tisch. Als hätten sie sowas wie ein Triple Date.
"Ich kanns nicht glauben! Ihr beide hattet was mit Brüdern", lachte Kuroo und schaute schmunzelnd von Konoha zu Akaashi.
"Ich hasse mein Leben", murrte Akaashi, Konoha stupste ihn leicht von der Seite an. "Was sagt Bokuto dazu?", fragte Kuroo mit einem provokanten Gesichtsausdruck. Akaashi verengte die Augen. "Du bist echt ne Pain in the ass, Kuroo-san", zischte er. Kuroo lehnte sich mit einem selbstgefälligen Grinsen zurück. "Bin ich nicht, frag Koshi", sagte er und blinzelte zu seinem Freund hinüber. Da legte Akaashi beide Hände auf den Tisch und verhakte seine Finger ineinander. "Achso? Ist er so klein?", fragte er herausfordernd, so dass Kuroo das Gesicht verfiel. "Hey! So war das nicht gemeint!" Aber Dr. Sugawara lachte. Akaashi zog eine Augenbraue hoch, aber der Kinderchirurg schüttelte den Kopf. "Nein, nein. Es ist alles gut so wie es ist", sagte er und Kuroo nickte zufrieden, wenngleich seine Augen Unsicherheit ausstrahlten.
Für Kenma war das Thema wieder an einem Punkt gelandet, wo der Zeitpunkt des Heimkommens nicht früh genug kommen konnte.
Heimkommen in das Zuhause, wo er bald mit Iizuna alleine leben wollte, sobald das mit der WG geklärt war. Noch war nicht der richtige Moment dafür.
Terushimas Schwestern waren geplant noch über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel da. Danach sollte wieder Ruhe einkehren - nun gut, ruhig war es bei ihnen nie, nicht, seit Terushima eingezogen war.
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"Wir hatten gar keine Zeit, schön zu dekorieren", sagte Iizuna am Weihnachtsmorgen. Sie saßen mit Kaffee im Wohnzimmer, weil das Sitzen auf der Couch angenehmer war. "Ist doch egal. Das Wichtigste ist, dass es dir gut geht", erwiderte Kenma und strich über die Haut um Iizunas frische Narbe. Die Nähte waren selbstresorbierend, also auflösend und nur die Knöpfchen an den beiden Enden hatten abgeschnitten werden müssen. Die Narbe selbst war sehr dünn; Dr. Sakusa und Dr. Aiku hatten fein gearbeitet.
"Apropos gut gehen", begann Iizuna ein anderes Thema. "Möchtest du heute… du weißt schon. Ein bisschen weiter experimentieren mit mir?" Kenma sah ihn unsicher an.
"Solltest du nicht noch etwas mehr Ruhe haben?", fragte er. Iizuna lachte schwach. "Ich hab’ so viel Ruhe… Und wenn du vorsichtig mit mir bist, sehe ich kein Problem. Aber wenn du nicht möchtest, ist das absolut in Ordnung", versicherte Iizuna. Kenma lächelte mild. "Ich möchte es nur nicht überstürzen und… nun ja, das letzte Mal…" Kenma stockte. Iizuna legte ihm die Hand an die Wange; er lenkte so seinen Blick, der gerade abschweifen wollte, wieder auf sich.
"Kenma, du machst dir doch keine Vorwürfe?", fragte er besorgt. Kenma schlug die Augen mit einem ertappten Ausdruck auf. "Kenma!" Iizunas Stimme klang tadelnd. "Wäre das nicht passiert, wer weiß, was dann gewesen wäre?"
Iizuna hatte recht. Aber Iizuna verstand Kenmas Sorge auch.
"Weißt du was? Verschieben wir es auf nächstes Jahr", schlug er mit einem liebevollen Lächeln vor. So liebevoll und breit, wie es auch sonst war. Nur diesmal folgte ein verzerrter Blick.
"Hast du Schmerzen?", fragte Kenma, ohne auf den Vorschlag einzugehen. Iizuna schüttelte langsam den Kopf, um die Narbe nicht zu reizen. "Es fühlt sich nur alles taub an hier", antwortete er und deutete an seinen Hals, aber strich sich auch über das Kinn. "Ich kenn das ja… aber es ist wieder intensiver seit der OP." Kenma nahm die Hand weg. "Das ist normal", sagte er. "Ich weiß…"
Iizuna wusste, dass es normal war, dass es sich erneut ziehen würde und dass er wieder zurücktreten und sich schonen musste. Aber er hatte augenscheinlich keine Lust dazu.
"Nächstes Jahr", versprach Kenma schließlich und ihm wurde wieder das Lächeln geschenkt, in das er sich vor einiger Zeit wie auf den ersten Blick verliebt hatte. Es wurde ihm auch den ganzen Weihnachtstag über geschenkt, den er frei bekommen hatte, weil er dafür den Jahreswechsel angenommen hatte. Es fiel auch praktisch, weil Iizuna am 31. Dezember noch eine letzte Blutabnahme hatte, nachdem er kurz nach Weihnachten zum chirurgischen Check-off da war.
Die Termine im Krankenhaus hatten sich immer an Kenmas Schichten und denen von Dr. Sakusa angepasst. So dass Iizuna am Silvesterabend darauf bestand, im Krankenhaus zu bleiben. Die Blutwerte aus dem Labor abzuwarten und mit Kenma den Jahreswechsel zu feiern, sofern kein medizinischer Notfall eintrat.
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Zu Silvester trat kein Notfall ein. Zumindest nicht am Morgen und auch die Mittagspause konnte Kenma beinahe in Ruhe mit Iizuna in der Krankenhauskantine verbringen. Iizuna plauderte gerne angeregt mit Terushima und Yamaguchi, aber hatte auch aus Tsukishima eine Antwort herausbekommen - Kenma vermutete, dass der Kollege nur endlich seine Ruhe haben wollte.
"Und dein Bluttest war gut?", fragte Terushima schließlich, was noch niemand angesprochen hatte. Die Runde verstummte. Jeder starrte Iizuna an. Sogar Tsukishima. "Sowas fragt man nicht, wenns nicht direkt angesprochen wird", flüsterte Yamaguchi, aber Iizuna winkte ab.
"Nicht doch, ich wollte nur nicht zum Mittelpunkt werden", lachte er verhalten. Tsukishima verdrehte die Augen. Natürlich war ein Patient, der mit einem Arzt zusammen war und hier mit Ärzten an einem Tisch saß, der Mittelpunkt.
"Lieb, dass du fragst, Terushima. Die Werte sind sehr gut", beantwortete Iizuna die Frage und Terushima und Yamaguchi atmeten erleichtert auf. "Gratuliere", sagte Tsukishima knapp.
"Das freut mich so!", japste Yachi hinter ihnen. Sie hatte ihr Tablett gerade weggebracht und wollte mit Tsukishima zurück zu Dr. Iwaizumi gehen.
"Danke." Iizunas Gesicht bekam eine leichte rosa Farbe und er ging sich langsam durch durch das frisch geschnittene Haar. Seine Bewegungen waren noch vorsichtig, seine Haut am Hals zog, das Taubheitsgefühl hielt auch an.
Dann neigte Kenma den Kopf zu seinem Freund.
"Und du bist dir sicher, dass du noch den ganzen Nachmittag und Abend hier rumlungern willst?", fragte er. Iizuna zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht mach ich doch noch ein paar Erledigungen, aber am Abend bin ich auf jeden Fall hier und zu deiner Pause, wenn du dir Apfelkuchen holst", sagte er und stupste Kenma mit dem Zeigefinger auf die Nase. Der wandte sich sofort ab und verzog peinlich berührt das Gesicht. Terushima grinste ihn auch schon mit diesem blöden Gesicht an.
"Silvester ist sowieso der perfekte Tag, hier rumzulungern", sagte Terushima und schwenkte mit seinem blöden Grinsen zu Iizuna um. Yamaguchi sorgte für Erklärung.
"Wir sind minimal besetzt und es sind keine Eingriffe geplant. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Notfall und in den Dienstzimmern bei den Akten. Heute wird es ruhig sein."
"Zumindest bis in den Abendstunden die ersten Feuerwerksopfer reinkommen", sagte Futakuchi, der mit seinem leeren Tablett an der Gruppe vorbei ging. "Weggesprengte Finger, verbrannte Gesichter, Löcher im Körper, wo sie nicht hingehören." Futakuchi schnaubte noch und gab sein Tablett ab.
Auch die Ärzte um Iizuna verabschiedeten sich langsam, brachten ihre leeren Tabletts weg und wünschten teilweise bereits einen guten Rutsch, sollte man sich nicht mehr sehen.
"Ruh dich doch daheim noch etwas aus", schlug Kenma vor und gab Iizuna vor dem Gehen einen sanften Kuss auf die Wange ehe er seine Schicht fortsetzte.
-
Nachts, kurz vor zehn, wurde er beim Lift von einem Mann aufgehalten.
"Entschuldigen Sie bitte." Kenma blieb tonlos stehen. Er hob den Kopf und sah dem großen Mann in die Augen. Er wirkte aufgebracht, etwas nervös vielleicht, aber im Grunde ruhig.
"Wo finde ich Dr. Sakusa oder Dr. Suna?", fragte er.
"Entweder in ihrem Büro oder auf den Stationen. Neuro und Cardio", antwortete Kenma prompt und ging weiter. Er wollte sich nicht aufhalten lassen und er würde bestimmt nicht mit einem Angehörigen durch die Gänge laufen und Ärzte suchen, weil dieser noch Fragen hatte. Geschweige denn, dass er in die Verlegenheit kommen wollte, selbst irgendwelche Fragen zu Patienten beantworten zu müssen. Außerdem wollte er Iizuna nicht warten lassen.
Iizuna, der ihn bereits mit einem weiten, liebevollen Lächeln begrüßte, als Kenma im richtigen Gang um die Ecke ging.
"Wie war dein Tag soweit?"
"Ruhig."
"Nicht mehr lange, hat Dr. Tendou gesagt." Iizuna lächelte schief. Kenma nahm seine Hand. "Wann hast du mit ihm gesprochen?", fragte er und sie gingen die letzten Schritte zum Automaten. "Vorhin. Wir sprechen immer, wenn ich hier bin. Er wirkt auch irgendwie ruhig." Kenma nickte. "So eine Trennung macht wohl mehr mit einem, als man denken mag", erwiderte er. Iizuna drückte seine Hand fester. "Lass uns das nie durchmachen, okay? So wie Kuroo und Dr. Sugawara. Kuroo folgt ihm sogar übers Meer und darüber hinaus", sagte Iizuna. Kenma erwiderte den festen Händedruck. Stumme Bestätigung.
"Viel kann passieren in einem Jahr. Wir könnten… heiraten", warf Iizuna ein. Kenma lachte auf. "Und ein Kind adoptieren." Der Blick, den er darauf von Iizuna erhaschte, ließ ihm das Lachen vergehen.
"Tsukasa…" Kenma blieb stehen, aber Iizuna schüttelte den Kopf. "Es war eigentlich ein kleiner Scherz. Aber… lass uns einfach eine Null dranhängen, okay? In zehn Jahren kann viel passieren. Ich mein… ich will mit dir alt werden und bis dahin haben wir noch eine Menge Zeit, mehrfach zehn Jahre, außerdem haben wir Kanna. Also Terushima hat Kanna, aber…" - "Ja, wir haben Kanna. Und ja, zehn Jahre klingen gut. Da können wir heiraten und über Kinder nachdenken", stimmte Kenma ganz trocken zu, so dass Iizuna stehen blieb.
Er musterte Kenma eindringlich. "Meinst du das ernst?", fragte er. Kenma nickte. "Warum sollte ich nicht?"
Iizuna schmunzelte. "Da gibt's keinen Grund. Es ist nur… Wir reden gerade darüber, in der Zukunft zu heiraten”, hob er hervor. Kenma zuckte mit den Schultern. "Ja, wir werden irgendwann heiraten", antwortete er und Iizuna ließ seine Hand los. Stattdessen schob er beide Hände unter Kenmas Armen durch, drückte ihn fest an sich und drehte sich mit ihm im Hochheben einmal schnell um seine eigene Achse.
"Tsukasa! Deine Narbe! Pass auf", japste Kenma. Die plötzliche Bewegung hatte ihn nicht nur körperlich vom Boden weggerissen, auch seine Gedanken waren wie abgerissen. Er tastete an Iizunas Hals. Iizuna zuckte leicht zur Seite. "Es war unangenehm, aber das wars wert", sagte er und küsste Kenma. Ihm fielen die Augen zu und die Zeit blieb für einen Moment stehen, da hörten sie einen lauten Knall, der von überall hätte kommen können.
"Jugendliche?", fragte Iizuna.
"Der Startschuss für die Unfallambulanz", seufzte Kenma und lehnte seinen Kopf an Iizunas Hals, die Seite, die nicht frisch vernarbt war. "Das heißt, dass du schon gehen musst?" Kenma nickte in Iizunas Halsbeuge, aber blieb noch für einen Moment. Er genoss den kurzen Augenblick. Wie frisch verlobt mit der Aussicht auf Kinder.
Kenma hatte sich nie Gedanken über Kinder gemacht, weder adoptiert noch leiblich. Er hatte nie den Wunsch, so lieb er Kanna auch gewonnen hatte. Aber irgendetwas an Iizunas Art ließ die Vorstellung einer Familie mit Haus und Garten, mit Kindern und Haustieren ganz natürlich und passend wirken. Iizuna war der geborene Vater. So hatte er sich bisher auch immer bei Kanna verhalten. Er war der Erste gewesen, der ihr Weinen verstummen lassen konnte und der ihr auf den ersten Blick angesehen hatte, ob sie einen Schnuller wollte, oder Hunger hatte.
"Schade, dass es schon so spät ist, sonst hätte ich jetzt einen Ring besorgen können", sagte Iizuna und zog Kenmas Hand an seine Lippen, um den Ringfinger zu küssen. So mitten in der Nacht war er damit wirklich spät dran, nicht, dass Kenma einen Ring einforderte - er hatte im Grunde ja einen Verlobungsring, selbst wenn er nicht ihm gehörte und er ihn nie tragen würde, so würde er auch selten zum Tragen eines Ringes von Iizuna kommen, selbst wenn der dann ihm gehörte.
"Das musst du nicht", gab Kenma klein bei, genoss die Geste des sanften Kusses aber irgendwie. Und Iizunas überglückliches Lächeln sowieso.
An der Bereichstür, die von der neurologischen Station in den Mitteltrakt führte, wechselte das Lächeln mit einem irritierten Blick
Kenma rüttelte an der Klinke, doch sie gab nicht nach. "Das ist eigenartig", murmelte er, während ein unangenehmes Gefühl seinen Rücken hoch wanderte.
"Dr. Kozume, Iizuna-san… Was machen Sie hier?"
Dr. Sakusa trat aus einem der Patientenzimmer heraus. Sein sonst so unerschütterliches Gesicht wirkte seltsam verzerrt, seine Haltung war von einer nervösen Stimmung geprägt, die Kenma so nicht an ihm kannte.
"Ich hatte Pause. Wir wollten gerade zurück auf die Unfall, aber die Tür ist verriegelt", erklärte Kenma, während Iizuna instinktiv näher an ihn herantrat.
"Es ist Lockdown", stieß Dr. Sakusa mit gepresster Stimme hervor, fast als hätte er ihn anbrüllen wollen, doch er hielt die Lautstärke bewusst gedämpft. "Haben Sie Ihren Pager nicht gecheckt?"
Kenma schreckte ertappt auf. Mit zitternden Fingern nestelte er das Gerät aus seiner Tasche. Das Display verkündete ohne Beschönigung: CODE SILVER
Er sah zu seinem Mentor auf und umklammerte dabei Iizunas Hand.
"Code Silver? Warum? Was ist los?"
Noch vor einer Antwort gellte ein weiterer Knall durch den leeren Korridor, diesmal viel näher.
"Amoklauf…", sagte Dr. Sakusa knapp, beunruhigt.
"Und was machen wir jetzt?", fragte Iizuna mit leiser Stimme.
Dr. Sakusa fixierte Kenma. "Wie lautet das Standardprotokoll nach Richtlinie?"
"Run - Hide - Fight. Die Flucht ist uns durch die verriegelten Türen bereits versagt, also verstecken wir uns", antwortete Kenma mechanisch. Doch noch bevor sie sich in Bewegung setzen konnten, tauchte am anderen Ende des Flurs eine Gestalt auf.
Dr. Sakusa schob sich sofort vor Kenma und Iizuna.
"Sir, hier ist es nicht sicher. Gehen Sie zurück", rief er mit einer Autorität, die den Ernst der Lage zu übertönen versuchte. Doch als der Mann näher kam, blieb Kenma die Luft weg. Es war der Mann vom Lift. Derselbe, der ihn vor einer halben Stunde nach Dr. Suna und Dr. Sakusa gefragt hatte.
"Du hast recht, hier ist es nicht sicher", erwiderte der Mann. Seine Stimme war brüchig. "Hier ist es ganz und gar nicht sicher."
"Kyoomi! Wo bleibst-" Dr. Suna kam aus dem Querflur um die Ecke und erstarrte mitten in der Bewegung.
"Miya-san?"
"Oh, wie praktisch", sagte der Mann und hob die Hand, die eine Pistole offenbarte. Ein hohles, freudloses Lachen entwich seiner Kehle. "Ich hab’ euch gleich beide."
Er zielte direkt auf Dr. Suna, dessen Hände zügig in die Luft gingen.
"Du hast meinen Sohn auf dem Gewissen. Wegen deinem Egoismus", schrie Miya, er bebte vor unterdrücktem Schmerz.
Kenma war wie versteinert. Jede brauchbare Fluchtmöglichkeit war abgeschnitten.
Miya riss den Lauf herum, direkt auf Dr. Sakusa.
"Und du! Du hast Gott gespielt. Hättest du richtig entschieden, würde Atsumu noch leben. Osamu hätte seine Lebensfreude noch… und meine Frau…" Miyas Stimme brach ab. Er wirkte schwach. Am Ende seiner Kraft. Die Hand mit der Pistole wackelte, blieb eine tickende Zeitbombe.
Er fixierte den Neurochirurgen mit seinem Blick. "Na? Wie gefällt es dir, wenn jemand anderes über dein Leben entscheidet?"
Dr. Sakusa blickte mit erhobenen Händen dem Lauf der Waffe entgegen. Er schluckte schwer. Kenma sah in seinem Rücken, wie angespannt er war. Aber er behielt Haltung.
"Miya-san… Ich wünschte, ich hätte diese Entscheidung nicht treffen müssen. Ich hätte Atsumu mein Herz gegeben, wenn es ihn gerettet hätte. Aber… Atsumu war in Wirklichkeit tot, schon bevor wir die Operation geplant hatten. Das Einzige, was diese Tragödie gelassen hat, ist Osamus Leben… Seine Leber hätte versagt, hätten wir auf einen anderen Spender gewartet."
"Halt die Klappe", brüllte Miya.
Sein Blick schnellte herüber zu Suna, der immer noch wie angewurzelt dastand. Ein grausames Lächeln stahl sich auf Miyas Lippen. "Und du? Wie ist es, wenn er sich weigert, dich zu retten?"
Dr. Sakusa verstummte sofort. Kenma schreckte zusammen. Die fuchtelnde Hand mit der Pistole ließ ihn kaum atmen. Er hatte Angst. Angst um sein Leben, das seines Mentors und vor allem um das des Mannes, dessen Hand er gerade noch gehalten hatte.
"Miya-san war das, richtig? Mein Name ist Tsukasa Iizuna und ich verdankte Dr. Sakusa mein Leben."
Iizuna trat plötzlich einen Schritt nach vorne. Der Pistolenlauf schwenkte augenblicklich in seine Richtung.
"Tsukasa… bist du wahnsinnig?", zischte Kenma, kaum hörbar. Iizuna hielt beide Arme hoch. Er wirkte beängstigend ruhig, während es Kenma vor Panik den Brustkorb zu schnürte.
"Sie wollen kein Mörder sein, Miya-san", sprach Iizuna weiter.
"Was tut das zur Sache?", brüllte Miya verzweifelt. Seine Hand zitterte wilder. "Ich werde kein weiteres Jahr ohne meine Familie beschreiten! Und diese beiden auch nicht!"
"Tsukasa bitte…", hauchte Kenma. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, als wollte es ausbrechen.
"Miya-san", sagte Iizuna sanft. "Wissen Sie… ich würde heute nicht hier stehen, wenn Dr. Sakusa nicht gewesen wäre. Er rettet Leben. Genau wie Dr. Suna. Ihr Sohn… Atsumu… er hat es verdient gehabt, zu leben. Aber manchmal… hat das Schicksal andere Pläne, die wir nicht verstehen können. Es war nicht geplant, dass Sie an diesem Schmerz so zerbrechen. Aber Sie haben noch eine Chance mit Osamu. Was soll aus ihm werden, wenn er erfährt, dass sein Vater zum Mörder wurde?"
Kenma hätte Iizuna am liebsten einen Sack über den Kopf gezogen und ihn aus der direkten Schusslinie gerissen.
Miya hielt inne. Sein Arm senkte sich ein Stück. "Osamu braucht einen Vater wie mich nicht", sagte er mit schwacher Stimme. "Dann werden Sie der Vater, den er braucht. Es ist noch nicht zu spät", erwiderte Iizuna. Kenma sah sein Gesicht nicht, aber er hörte das sanfte Lächeln in seiner Stimme - jenes Lächeln, das immer alles gut machte.
Einen Moment lang schien die Welt stillzustehen. "Der Vater, den er braucht?", fragte Miya, Iizuna nickte. "Ja genau."
Miya senkte die Waffe fast ganz. Suna atmete hörbar auf.
Dann blendete plötzlich ein Schimmern herein. Wie wenn im Sommer das Licht an einer Armbanduhr reflektiert oder wie ein Laserpointer. Exakt wie ein Laserpointer!
Ein winziger, rubinroter Punkt tanzte plötzlich auf Miyas Brust.
Miyas Augen weiteten sich. Er verstand sofort. Das Adrenalin der Todesangst riss seinen Arm wieder hoch.
Dann fielen Schüsse.
Kenma konnte sie nicht zählen. Nach dem ersten Knall erlosch jedes weitere Geräusch. Die Welt wurde stumm, als wäre er unter Wasser getaucht worden. Er sah, wie sein eigener Körper auf die Knie sank, doch er spürte den harten Aufprall auf dem Boden nicht. Seine Sicht verschwamm zu einem brennenden Weiß, durchzogen von Schlieren aus Rot.
Manche sagen, es ist leise. Andere sagen, es ist laut. Manche hören einen Knall, andere hören nichts. Für manche ist es wie ein Flüstern, ein gefühlloser Atemzug voller Rauch. Für andere ist es wie der Gruß eines alten Bekannten.
