Vorwort
Ich muss wohl um Verzeihung bitten, dass diese Geschichte keine lustige Geschichte sein wird, gleichwohl in ihrem Titel ein Wunderrabbi hockt und es der Humor immer wieder schafft, sich bemerkbar zu machen. Er ist ebenso schwer abschirmbar wie die Lebensfreude, die gerade dann wie toll umherspringt, wenn man zwar ein Dach über dem Kopf hat, jedoch nicht weiß, ob es morgen noch immer da ist. Sei es, weil der Wind zu sehr an ihm zerrt, sei es, weil es irgendjemandem gefällt, Holz und Menschen brennen zu sehen. Umso mehr sei das Heute zum Feiertag erhoben, da das Schtetl nicht brennt.
Ein Bild - eine Reise
Ich bin gewiss nicht omentreuisch, aber als ich dein Bild in Joseph Roths Buch Juden auf Wanderschaft sah, wusste ich sofort, dass ich zu dir müsse – komme, was da wolle. Dass du schon lange nicht mehr lebst, interessiert mich überhaupt nicht. Ich las nur 1917, Brody, Rabbiner-Deputation zum Empfang von Kaiser Karl I. und du als junger Rabbiner, wohl in deinem 30. Lebensjahr. Ich sah dir in die Augen, sah dein Lächeln und spürte, dass du mir aus deinem Leben erzählen möchtest: Also auf nach Brody in Ostgalizien – heute eine heruntergekommene Kleinstadt in der Westukraine, einst Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.
Tewje der Milchmann
Ich lese gerade Scholem Alejchems Tewja der Milchmann – eine Sammlung von Geschichten, die ins Herz des Ostjudentums blicken, in die Schtetlach, die winzigen Städtchen des ausgehenden 19. Jhs. in Russland, Polenn, der Ukraine. Ihre Bewohner sind Schneider, Schuster und Milchhändler. Sie leben in bitterer Armut, hoffen jedoch darauf, dass es einst besser werde. So Gott will. Aber meist will der nicht. Derweil nehmen sie den Leser auf ihrem Pferdekarren mit, fahren von Ort zu Ort und liefern ihre Waren an reiche Kiewer Juden aus, die zu ihnen in die Sommerfrische kommen und sie von der großen, weiten Welt träumen lassen.