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Crimson Eyes

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Frohe Ostern wünsche ich dir. Komplett anzeigen

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Freitag, 14. Juli, 07:08 Uhr

Yūgao Uzuki band ihr langes, violettes Haar zu einem hohen Pferdeschwanz, um sich wenigstens ein bisschen Abkühlung zu verschaffen, während sie den gepflegten Vorgarten der Familie Hyūga durchquerte. Die brütende Julihitze hatte Konoha seit beinahe zwei Wochen fest im Griff und der feinkörnige Sandweg, der sich zwischen Gartentor und Haustür spannte, beschmutzte ihre auf Hochglanz polierten Stiefel mit weißlichem Staub. Sie nahm es lediglich mit einem enervierten Seufzen zur Kenntnis – ihr war zu heiß, um sich wirklich darüber aufzuregen – und betätigte die antik aussehende Messingklingel zweimal schnell hintereinander. Während sie darauf wartete, dass ihr geöffnet wurde, schlug sie ihre Absätze in dem vergeblichen Bemühen, den Schmutz wenigstens ein bisschen abzuklopfen, geräuschvoll gegeneinander.

Als sich jenseits der schwarz lackierten Eingangstür nichts regte, klingelte sie erneut, versuchte, ihren Ärger auf die Klingel zu übertragen, die jedoch nur eine von diesen albernen Glockenmelodien abspielte.
 

Im Haus ertönten rasche Schritte und gleich darauf erschien der schemenhafte Umriss eines Frauengesichts in dem kleinen, in der Tür eingesetzten Buntglasfenster. Ein Sicherheitsriegel wurde zurückgeschoben und eine dunkelhaarige Frau öffnete ihr die Haustür. Yūgao schätzte sie kaum älter als zwanzig, obwohl das knöchellange, biedere Hauskleid nicht viel für sie tat, allerdings auch nicht über ihre offensichtliche Schönheit hinwegtäuschen konnte.
 

„Natsu Hyūga? Sie haben den polizeilichen Notruf kontaktiert“, sagte sie mit dem unterschwelligen Tadel in der Stimme, den sie immer bei Leuten anschlug, die den Notruf, statt die offizielle Nummer der Polizei wählten, obwohl es sich bei ihrem Anliegen eindeutig nicht um einen Notfall handelte.
 

„Ja“, bestätigte sie schüchtern, den Blick auf Yūgaos verstaubte Stiefelspitzen gesenkt. „Vielen Dank, dass Sie so schnell gekommen sind. Bitte treten Sie doch ein“, sagte sie und unterstrich die Worte mit einer unterwürfigen Geste.
 

Yūgao schob sich an der Grünhaarigen vorbei ins Innere des Hauses. Der Flur war in dunklem, fast schwarzem Holz gehalten und angenehm kühl. Nach der drückenden Hitze, die bereits um kurz nach sieben Uhr morgens herrschte, war es eine absolute Wohltat, das klimatisierte Anwesen zu betreten. Ihre verschwitzte Haut überzog sich mit einer leichten Gänsehaut.
 

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte die zierliche Natsu Hyūga höflich.
 

„Wasser wäre nett“, antwortete Yūgao und ging unaufgefordert ins Wohnzimmer durch, welches in ebenso dunklen Holztönen eingerichtet war. Die Ostseite des Zimmers war komplett verglast, die Morgensonne durchflutete den Raum mit Licht. Es roch nach Sandelholz und Möbelpolitur und nicht ein Körnchen Staub verunzierte das Mobiliar. Yūgao sah sich aufmerksam in dem Raum um, doch abgesehen von dem offensichtlichen Reichtum der Bewohner, verriet das für ihren Geschmack langweilig eingerichtete Zimmer nichts. Sie entdeckte keine Fotografien oder sonstige persönliche Gegenstände, ein Bouquet rosa Pfingstrosen sorgte für den einzigen Farbtupfer.
 

„Bitte nehmen Sie doch Platz“, sagte Natsu plötzlich hinter ihr. Yūgao, die soeben das Bücherregal inspiziert hatte, zuckte leicht zusammen. Sie hatte überhaupt nicht bemerkt, dass die Frau das Wohnzimmer betreten hatte, und auch als sie das Tablett mit dem kristallenen Wasserkrug, den Gläsern und einem Teller Kekse auf dem Kaffeetisch abstellte, bewegte sie sich vollkommen lautlos.
 

Als Polizistin hatte Yūgao diese Kunst, sich fortzubewegen, als würde man gar nicht existieren, schon ein paar Mal erlebt – meistens waren gewalttätige Ehemänner oder Väter dafür verantwortlich. Sie betrachtete das Gesicht der jungen Frau, entdeckte jedoch keine verblassenden Spuren häuslicher Gewalt, auch bewegte sie sich nicht, als hätte sie irgendwo Schmerzen, doch die Violetthaarige wusste, dass das nicht viel zu sagen hatte. Opfer häuslicher Gewalt waren zumeist erprobt darin, ihr Elend vor anderen zu verbergen, und wer konnte schon sagen, wie der Körper der Frau unter dem verhüllenden Kleid zugerichtet war.
 

„Wohnen Sie hier allein?“, fragte Yūgao und versuchte sich an einem freundlichen Lächeln. Es fühlte sich falsch auf ihrem Gesicht an; sie war von Natur aus eine eher ernste Person und die wenigen Momente, in denen ihr nach Lächeln war, waren größtenteils für Hayate reserviert. Auch jetzt sorgte der Gedanke an ihren Geliebten und Kollegen dafür, dass ein warmer Ausdruck über ihre Züge kroch.
 

„Oh, nein!“ Die junge Frau schüttelte beinahe panisch den Kopf. „Ich bin nur das Kindermädchen. Hyūga-sama und seine Töchter sind nicht zugegen.“
 

„Ach?“, machte Yūgao stirnrunzelnd. „Die Zentrale hat durchgegeben, dass der Notruf von einer Natsu Hyūga abgesetzt wurde.“

Sie zögerte, ihren verschwitzten Hintern auf dem tadellos sauberen, cremefarbenen Sofa abzulegen, und klopfte unmerklich möglicherweise vorhandenen Schmutz von ihrer Kehrseite, ehe sie sich setzte und sich ein Glas mit dem köstlich aussehenden, eisgekühlten Wasser befüllen ließ. Die Flüssigkeit fühlte sich herrlich in ihrem staubtrockenen Mund an.
 

„Das stimmt auch. Mein Name ist ebenfalls Hyūga.“
 

Yūgao stellte das zur Hälfte geleerte Glas zurück auf den Tisch und zog Stift und Notizblock aus ihrer Brusttasche. „Stört es Sie, wenn ich mir Notizen mache?“
 

„Nein, nur zu.“
 

„Name, Alter und Familienstand bitte.“
 

„Natsu Hyūga, neunundzwanzig Jahre.“ Yūgao blickte erstaunt auf, weil sie sich offensichtlich derart im Alter der jungen Frau getäuscht hatte, wodurch sie registrierte, wie Natsu errötete, als sie sich als unverheiratet outete. Die Grünhaarige war zwei Jahre älter als sie, sah aber wesentlich jünger aus. Yūgao, die sich eigentlich nicht für übermäßig eitel hielt, dachte automatisch an die kleinen Fältchen unter ihren Augen, die sie vor einigen Monaten zum ersten Mal an sich hatte entdecken müssen und die sich seitdem rasend schnell in ihre Haut einzugraben schienen. Vielleicht hatte ihre Mutter doch recht, dass es allmählich an der Zeit für Anti-Aging-Cremes war.
 

Sie schüttelte die unprofessionellen Gedanken ab und fuhr sich mit der Hand über den klebrigen Nacken. „In welcher Beziehung stehen Sie zu Hyūga-san?“
 

Yūgaos Wortwahl ließ Natsu abermals heftig erröten und die Polizistin beobachtete die Angestellte genau. Ihre langen, dünnen Finger verkrampften sich um das Wasserglas, das unangerührt auf ihren Oberschenkeln ruhte. Das Wasser kräuselte sich und verriet, wie sehr sie zitterte.

„Hyūga-sama ist mein Arbeitgeber.“
 

„Sind Sie blutsverwandt?“, unterbrach Yūgao, rügte sich jedoch gleich darauf für diesen Anfängerfehler.
 

„Hyūga-sama ist mein Großonkel, aber ich entstamme der Zweigfamilie. Wir sind entfernt blutsverwandt, ja.“
 

Yūgao verzog leicht den Mund. Sie hatte gehört, dass sich der Hyūga-Clan angeblich in eine sogenannte Haupt- und eine Zweigfamilie spaltete, dies jedoch als Geschwätz abgetan. Nun drängte sich ihr der Eindruck moderner Sklaverei auf, ein Gedanke, den sie aus Höflichkeit der jungen Frau gegenüber lieber für sich behielt. Sie wägte ihre nächsten Worte genau ab, fand jedoch keine höflichere Formulierung als: „Darf ich fragen, was Sie als Kindermädchen im Haus Ihres Arbeitgebers machen, wenn dessen Kinder gar nicht da sind?“
 

„I-ich…“ Natsu atmete hektisch und Yūgao machte sich lediglich eine gedankliche Notiz, um die Frau nicht noch mehr zu verstören. „Ich bewohne das Gästezimmer.“
 

Sie wartete geduldig ab, ob Natsu weitersprechen würde. Aus Erfahrung wusste sie, dass die meisten Menschen Schweigen nur schwer ertragen konnten und, um dieses irgendwie zu füllen, drauflosplapperten, jedoch schien die junge Frau zu sehr darauf geeicht, stets nur das Nötigste zu sagen, obgleich ihr die Situation merklich unangenehm war. Yūgao seufzte leise; sie hasste, wenn man seinem Gegenüber jedes Wort aus der Nase ziehen musste. „Wie lange arbeiten Sie bereits für Hyūga?“
 

„Nun…“ Natsu legte den Kopf leicht schief, als sie nachrechnete. „Es sind jetzt recht genau achteinhalb Jahre.“ Sie verfiel abermals in Schweigen und Yūgao bedeutete ihr mit einer ungeduldigen Geste weiterzusprechen. Die Grünhaarige war vielleicht immun gegen die Stille, aber gegen das Gefühl, die Erwartungen nicht zu erfüllen, wahrscheinlich nicht, und wie Yūgao sich erhofft hatte, rutschte Natsu nervös auf ihrem Platz hin und her. „Also, ich… äh…“ Sie schluckte geräuschvoll und nahm ein winziges Schlückchen von ihrem Wasser. „Ursprünglich wurde ich wegen Hinoiri-sama eingestellt, Hyūga-samas Gattin. Es gab Komplikationen während ihrer ersten Schwangerschaft, daher sollte ich ihr zur Hand gehen, als sie Hanabi-sama erwartete.“ Natsu senkte betreten den Kopf. „Unglücklicherweise verstarb Hinoiri-sama nur wenige Tage nach der Geburt… die armen Mädchen.“ Sie seufzte leise und schien aufrichtig betroffen. „Jedenfalls bin ich seitdem offiziell als Kindermädchen für Hanabi-sama eingestellt, kümmere mich aber auch um… den Haushalt.“

Sie errötete heftig und Yūgao kam der Verdacht, dass Natsu Hyūga nicht nur die Möbel ihres Arbeitgebers polierte.
 

Die Polizistin nickte verstehend, während der Kugelschreiber über das billige, gelbliche Papier kratzte, aus dem die Notizblöcke hergestellt waren. „In welchem Verhältnis stehen Sie zur Familie?“
 

„Das sagte ich doch: Ich bin das Kindermädchen.“ Allmählich schien sich ein gewisser Widerwille in der jungen Frau zu regen, Yūgaos Fragen zu beantworten. „Entschuldigung, aber ich versteh nicht, was dieses Verhör mit dem armen Tobi zu tun hat. Sollten Sie nicht, naja, überprüfen, ob man ihm helfen kann?“ Auf ihren Wangenknochen erblühten hitzige Flecke und die Art, wie sie die Lippen zusammenpresste, ließ sie wie einen schmollenden Teenager aussehen.
 

„Das sind Routinefragen, die muss ich stellen.“ Yūgao lächelte dünn. „Wer ist Tobi?“
 

„Na der Nachbarshund.“ Sie blies sich erregt eine Ponysträhne aus dem Gesicht.
 

„Wegen dem Sie den Notruf anwählten?“
 

„Ja!“
 

Yūgao überschlug die schlanken Beine und tippte sich mit dem Kugelschreiber gegen das Kinn, während sie Natsu Hyūga durch halb gesenkte Lider beobachtete. „Es ist ungewöhnlich, wegen einem Hund die Polizei zu rufen. Haben Sie Grund zur Annahme, dass eine Straftat vorliegt?“
 

„Ach du liebes bisschen, nein.“ Natsu erbleichte und schlug die Hände vor den Mund. „Ich hoffe nicht. Ich… Also, um ehrlich zu sein, habe ich Panik bekommen. I-i-ich…“
 

„Ganz ruhig, erzählen Sie einfach von vorn.“
 

Natsu atmetet tief durch, um ihre Nerven zu beruhigen, und nippte nochmals an ihrem Wasserglas. Sie war kalkweiß und Yūgao fürchtete, dass die zierliche Frau umkippen könnte. „Ich war heute Morgen, das muss so um Viertel vor sieben gewesen sein, im Garten, um eine… nun ja, zu rauchen.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Bitte verraten Sie das Hyūga-sama nicht. Ich darf strenggenommen nicht rauchen, aber wenn er und die Mädchen außer Haus sind, kann ich manchmal nicht widerstehen.“ Sie sah die Polizistin verschämt an, die eher verwerflich fand, wie sehr Hyūga das Leben seiner Angestellten zu kontrollieren versuchte. „Jedenfalls fiel mir dabei auf, dass eine Art…“, sie runzelte die Stirn, „Klumpen mitten im Nachbarsgarten herumliegt. Ich dachte erst – ich weiß gar nicht, was ich dachte –, dass es ein Sandsack wäre, oder so, aber dann wurde mir klar, dass es Tobi sein muss, weil Uchiha-sama ihn morgens immer in den Garten lässt, bevor er zur Arbeit fährt. Ich rief ihn, aber er reagierte nicht, obwohl er sonst immer sehr gehorsam ist, und ich habe mal gehört, dass so große Hunde anfällig für Hitze wären. Ich bin zurück ins Haus, um Mikoto-sama anzurufen, aber sie ging nicht ran, und da habe ich Angst bekommen, dass ihr kleiner Junge Tobi in diesem Zustand finden könnte. Er liebt den Hund.“
 

Yūgao vervollständigte ihre Notizen und erhob sich schließlich mit einem dankenden Nicken. „Mein Kollege ist bereits bei den Uchihas. Sie werden voraussichtlich nicht noch mal von uns hören.“
 

Natsu begleitete sie zur Tür und mit leichtem Ressentiment tauschte die Polizistin das wohlig klimatisierte Haus gegen die klebrig-schwüle Sommerhitze, schob ihre getönte Sonnenbrille auf die Nase und zog ihr Diensthandy aus der Westentasche, das einige Minuten zuvor vibriert hatte.
 

‚Komm in den Garten, wenn du fertig bist. Kletter über den Zaun.‘
 

Yūgao zog unwillig die Augenbrauen zusammen. Über den Zaun klettern? Das war so typisch für ihn; Hayate verlies sich immer viel zu sehr darauf, dass die Menschen nicht davon ausgingen, dass Polizisten in Ausübung ihres Dienstes gegen das Gesetz verstießen. Über den Zaun klettern! Eines Tages würde ihn das den Job kosten – und sie gleich mit. Immerhin waren die Uchihas nicht irgendwer, keine ahnungslosen Zivilisten. Fugaku Uchiha war Polizeipräsident, sie brachen quasi beim Chef ihres Chefs ein.
 

Natürlich tat sie es trotzdem, weil sie eine verdammte Idiotin war. Ihr Körper wehrte sich gegen die kurze sportliche Betätigung, indem er literweise Schweiß aus ihren Poren quetschte, und als sie sich vom Zaun abdrückte, um nicht in Mikotos pedantisch gepflegten Hortensiensträuchern zu landen, verdrehte sie sich das Sprunggelenk.

„Das büßt er mir“, maulte sie leise vor sich hin und stapfte durch den Garten, den weniger vermögende Menschen wohl eher als Park bezeichnet hätten. Sogar einen Koi-Teich gab es, der von einer traditionellen Bogenbrücke aus Akazienholz überspannt wurde. Die dicken, bunt gefleckten Karpfen schwammen neugierig gen Oberfläche.
 

Sie entdeckte Hayate nahe der Grundstücksgrenze zum Hyūga-Anwesen im Gras hocken. Das Tuch, das er normalerweise um seinen Kopf gewickelt trug, hatte er sich vor Mund und Nase gebunden. Sofort schmeckte sie süßlichen Speichel auf ihrer Zunge, den sie undamenhaft ausspuckte, dann ging sie mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend auf ihren brünetten Kollegen zu.
 

„Wenn du meine professionelle Meinung hören willst, würde ich sagen, das arme Vieh ist tot“, sagte er, als sie neben ihm zum Stehen kam, und zog das Tuch herunter.
 

„Was du nicht sagst.“ Yūgao betrachtete den ehemals sicherlich hübschen schwarzen Schäferhund, der mit ausgestreckten Beinen auf der Seite lag. Der Kopf war in einem unnatürlich erscheinenden Winkel nach oben verdreht. Seine aufgedunsene Zunge hing weit aus dem Maul und hatte eine dunkle blau-violette Färbung aufgenommen, blutiger Schaum war auf seinen Lefzen getrocknet. „Erdrosselt?“
 

„Hmm…“, brummte Hayate und beugte sich tiefer über das Tier. „Ich würde eher darauf tippen, dass unser Freund hier etwas Giftiges gefressen hat.“ Er hob eine Lefze mit seinem Kugelschreiber an. „Siehst du das? Das Zahnfleisch ist fast weiß, wäre er erdrosselt worden, hätte es sich bläulich verfärben müssen.“ Er vertrieb ein paar Fliegen, die sich auf dem toten Hund niederlassen wollten, obgleich Yūgao bereits die ersten Fliegeneier im dunklen Fell ausmachen konnte.
 

„Lange kann er noch nicht tot sein.“
 

„Schätze ich auch, bei dem Wetter dauert es maximal zwölf Stunden, bis Maden schlüpfen.“
 

„Danke für die Info.“ Yūgao verzog angewidert das Gesicht. „Das Dienstmädchen behauptet, Uchiha würden den Hund jeden Morgen in den Garten lassen, bevor er zur Arbeit fährt.“
 

„Das nennt man heute Raumpflegerin“, scherzte er, woraufhin sie nur die Augen verdrehte, stand auf und stupste die hintere Flanke mit der Schuhspitze an. „Also, ich bin ja kein Experte, aber die Leichenstarre ist bereits fortgeschritten, das heißt, der Hund ist seit mindestens vier bis sechs Stunden tot.“
 

„Komisch“, meinte Yūgao und knetete ihre Unterlippen zwischen Daumen und Indexfinger. „Die Hyūga hat gesagt, dass sie bei den Uchihas angerufen hätte, aber niemand rangegangen wäre.“ Sie blickte zu dem Anwesen auf und fröstelte den sommerlichen Temperaturen zum Trotz.
 

„Auf mein Klingeln hat auch niemand reagiert“, erzählte Hayate. „Vielleicht sind die nicht da, immerhin sind Sommerferien.“
 

„Und der Hund?“, merkte sie spitz an. „Den nimmt man doch mit, wenn man verreist. Man sperrt sein Haustier doch nicht in den Garten und denkt sich: C’est la vie.“
 

„Dann schlafen sie eben noch oder haben auch ein Dienstmädchen, das sich um den Hund kümmern sollte.“ Er betonte das Wort Dienstmädchen übertrieben, doch Yūgao war nicht zum Scherzen aufgelegt.
 

Sie nickte mit dem Kinn in Richtung des Hauses. „Klingeln wir die braven Bürger mal wach und versauen ihnen den Tag.“
 

„Dein Gesicht zu sehen, kann niemandem den Tag versauen.“
 

„Boah, das war echt eklig“, pfiff sie ihn an, musste jedoch unweigerlich schmunzeln, weswegen er letztlich doch ganz zufrieden mit sich war.
 

Sie betraten die edle Teakholzterrasse und Yūgao klopfte gegen die Scheibe. „Hallo? Polizei!“
 

„Du klingst wie aus einem schlechten Film“, lachte er, während er versuchte, mit seiner Taschenlampe zwischen den Vorhängen hindurch ins Innere zu leuchten.
 

„Mach’s besser, Officer Naseweis.“
 

„Polizei. Aufmachen“, rief er und ließ seine Faust gegen die Terassentür krachen.

Im ersten Moment glaubte sie, dass er die Tür tatsächlich eingeschlagen hatte. Sie blinzelte irritiert, dann begriff sie, dass die Tür nur angelehnt gewesen und unter Hayates Hieben aufgedrückt worden war. Er warf ihr einen bedeutungsschwangeren Blick über die Schulter zu. „Bleib hinter mir.“
 

„Du kannst doch nicht…“, widersprach Yūgao dünn, doch sie kannte ihn lange und gut genug, um zu wissen, dass er das Gleiche dachte wie sie – der tote Hund, der sich vielleicht vergiftet hatte – oder vergiftet worden war –, eine offene Terassentür, und die Uchihas waren reiche Leute, da war nicht abwegig, dass Diebe einen Einbruch für lukrativ hielten. Hayate legte die rechte Hand an seine M60, eine kleine Geste, die Yūgao Stromstöße durch den Körper zu jagen schien.
 

Er schob den dicken, dunkelroten Vorhang beiseite, spähte hinein und schob sich geräuschlos wie eine Katze ins Haus. Sie folgte ihm ebenso lautlos. In ihrem Magen klumpte sich eine ungute Vorahnung zusammen, die Hayate gern ihren sechsten Sinn nannte, und das machte sie wirklich nervös.
 

Die Vorhänge schirmten das Wohnzimmer vom Tageslicht ab, sodass es beinahe nachtdunkel in dem Raum war, nur ein riesiges Aquarium, in dem sich mehrere bunte Diskusfische tummelten, verströmte ein fahles, bläuliches Licht. Der Lichtkegel von Hayates Taschenlampe schnitt durch die Dunkelheit. Sie hörte das penetrante Ticken einer Uhr und das sanfte Plätschern des Wasserfilters. Es war eiskalt in dem Haus. Die Härchen auf ihren Unterarmen richteten sich auf.
 

„Polizei“, rief Hayate abermals, was Yūgao zusammenzucken ließ. „Uchiha-san, sind Sie da?“
 

„Wenn er nicht da ist, wird er dir kaum antworten“, dachte sie bissig. Sie fühlte sich angespannt. Die Stille war unheimlich. Natürlich war ihr klar, dass der oder die Einbrecher längst über alle Berge sein mussten – schließlich hatte ihr Freund und Kollege gemeint, dass der Hund – Tobi – seit mindestens vier Stunden tot wäre. Sie hatte keine Angst davor, einen Verbrecher auf frischer Tat zu ertappen, immerhin hatte sie die Polizei-Akademie mit Auszeichnung abgeschlossen, war ein Ass in Selbstverteidigung und wenn es hart auf hart kam, hatte sie immer noch ihre Waffe, mit der sie umzugehen wusste. Was ihr Sorge bereitete, war, was die Einbrecher möglicherweise zurückgelassen hatten.
 

„Ich sehe oben nach“, sagte sie, einen Fuß bereits auf der Treppenstufe.
 

Hayate packte sie am Arm und hielt sie zurück. „Wir sollten zusammenbleiben.“
 

„Sei nicht albern“, zischte sie und schüttelte seine Hand unsanft ab. In Wirklichkeit wollte sie sich hinter seinem breiten Rücken verstecken, wo ihr plötzlich so wahrscheinlich vorkam, etwas Grausiges vorzufinden – sie ärgerte sich über ihre eigene Zimperlichkeit und ließ es an ihm aus.
 

„Das gefällt mir nicht.“
 

„Mir auch nicht.“
 

Yūgao schlich vorsichtig die Treppe hoch, obwohl das Holz nicht knarrte und der Stufenteppich ihre Schritte dämpfte. Sie spürte ihren Herzschlag im Hals und das verursachte ihr Übelkeit, roch ihren eigenen säuerlichen Angstschweiß. Was war nur los mit ihr; sie war doch normalerweise die taffe Polizistin, die sich von nichts einschüchtern ließ, stets cool, calm, collected und jetzt schlotterten ihr die Knie wie bei einer blutigen Anfängerin. Sie zog ihre Dienstwaffe aus dem Halfter, um sich ein Stückchen Machtgefühl zurückzuerobern.
 

Sie erreichte den obersten Treppenabsatz, blickte in den dunklen Schlund, den der langgestreckte Flur vor ihr aufriss, und tastete nach einem Lichtschalter, fand jedoch keinen. Sie könnte sich verfluchen, dass sie ihre Taschenlampe im Auto gelassen hatte. Scheißding. Die Luft roch unangenehm, muffig und irgendwie organisch.
 

Yūgao öffnete die erste Tür und fand ein großzügig geschnittenes, marmorgefliestes Bad. Der Raum wurde von Tageslicht erhellt, eine hellblaue Chiffongardine bewegte sich in der sanften Brise, die durch das angekippte Fenster eindrang. Es roch nach ätherischen Badeölen und Zitrusputzmittel, die Luft war trocken, die Handtücher unbenutzt. Dieses Badezimmer war nicht kürzlich benutzt worden.
 

Sie ließ die Tür offen, damit etwas von dem Licht den Flur erhellte, und widmete sich der nächsten. Das Zimmer dahinter war dunkel und der Geruch, den sie bereits auf dem Flur wahrgenommen hatte, fand definit hier seinen Ursprung. Abermals tastete sie die Wand nach einem Lichtschalter ab, ihre Fingernägel kratzten über die Holzverkleidung – sie hoffte, gleich den Anschiss ihres Lebens zu kassieren, weil sie unbefugt in die Privatsphäre des Ehepaars Uchiha eingedrungen war –, dann erleuchtete ein stilvolles Ensemble aus Lampions und Papierleuchten den Raum.
 

Das Grauen übermannte sie derart heftig, dass sie mit weit aufgerissenem Mund in der Tür stand. Ein schriller Piepton klingelte in ihren Ohren. Das blütenweiße Bettzeug war in dunkles, feuchtes Blut getränkt. Rote Spritzmuster malten das perverse Bild roher Brutalität an die Wände und auf den Boden. Fugaku Uchiha lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, das Gesicht leicht nach links, in Richtung seiner Frau geneigt. Der tiefe Schnitt, der sich quer über seine Kehle zog, hatte ihn beinahe enthauptet. Mikotos Gesicht war unter einem langen, schwarzen Haarschleier verborgen, ihre Gliedmaßen erstreckten sich seltsam verdreht in alle Richtungen. Die Tatwaffe war zwischen ihre weit gespreizten Schenkel gerammt worden.
 

Yūgao schluckte trocken, ehe sie die Stimme fand, um nach Hayate zu rufen, der laut polternd die Treppe hochstürmte.

„Scheiße“, rief er entsetzt und drückte ihren Kopf, in dem Versuch, sie vor dem Anblick zu schützen, an seine Brust.

In jeder anderen Situation wäre sie wütend gewesen, dass er sie wie ein kleines Gör behandelte, doch nun inhalierte sie seinen vertrauten Duft, der ihr dabei half, klare Gedanken zu fassen.
 

„Das Kind“, wisperte sie und drückte ihn weit genug von sich, um ihn entsetzt anzusehen. „Hier muss noch irgendwo ein Kind sein.“
 

Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern stürmte zurück auf den Flur, froh, der Szene der hingerichteten Uchihas den Rücken zukehren zu können, und hoffend, dass den Jungen nicht das gleiche Schicksal ereilt hatte. Erst jetzt fielen ihr die blutigen Fußabdrücke auf, die aus dem elterlichen Schlafzimmer in ein anderes führten.

„Oh Gott“, keuchte sie und folgte den Spuren, darauf bedacht, diese nicht versehentlich zu verwischen. Sie hörte Hayate sprechen – vermutlich forderte er die Spurensicherung an –, konnte ihn aber nicht verstehen. Ihre Gedanken kreisten um das, was sie nicht hoffte, aber befürchtete. Yūgaos Finger schlossen sich um die Klinke, die sich eiskalt auf ihrer Haut anfühlte. Sie zögerte für eine halbe Sekunde, dann stieß sie dir Tür auf.
 

Die Fußspuren endeten vor dem Bett des Jungen, der mit dem Rücken zu ihr lag. Die blutbefleckte, dunkelblaue Decke bewegte sich im friedlichen Rhythmus seiner gleichmäßigen Atemzüge.

Freitag, 14. Juli, 10:11 Uhr

Inspector Obito Uchiha ließ Yūgao Uzuki, Hayate Gekkō, den Pathologen, die Leute von der Spurensicherung, die Staatsanwältin sowie die verstörte Natsu Hyūga bei den Leichen zurück, um sich den Lebenden zu widmen. Da der Chief Inspector ihm die Leitung der Ermittlungen übertragen hatte, konnte er guten Gewissens den Tatort verlassen. Während der vier Jahre, die Obito nun bereits in der Abteilung Gewaltverbrechen beim Konoha Police Department arbeitete, hatte er mehr als genug Mordopfer gesehen, dennoch verspürte er noch immer fast dasselbe Grauen wie am ersten Tag. Seine Entschlossenheit, diese brutalen, an Unmenschlichkeit teils kaum zu überbietenden Verbrechen aufzuklären, wurde dadurch nur geschürt. Und einen brutaleren Mord als den an Fugaku und Mikoto Uchiha konnte man sich kaum vorstellen.
 

Der Asphalt flimmerte in der brütend heißen Nachmittagssonne, als Obito seinen schwarz-weißen Dienstwagen auf den Parkplatz des örtlichen Krankenhauses lenkte. Er schob seine getönte Sonnenbrille den Nasenrücken empor und verließ die angenehme Kühle des Autos. Das Krankenhaus war ein moderner, unsympathischer Betonklotz mit in der Sonne grell blinkenden Glasfronten und großzügigen Grünflächen, in denen nur wenige Menschen anzutreffen waren. Es war einfach zu heiß, um sich draußen aufzuhalten.

Er meldete sich an der Information, zeigte seine Dienstmarke und erkundigte sich nach Sasuke Uchiha, der früher am Tag mit dem Krankenwagen eingeliefert worden war. Die bemüht freundliche Empfangsmitarbeiterin beschrieb ihm den Weg durch den labyrinthartigen Gebäudekomplex.
 

Die pädiatrische Abteilung war durch eine Panzerglastür gesichert, die von außen nur mit einem Code geöffnet werden konnte. Obito betätigte die Klingel und kurz darauf erschien eine gestresst aussehende, schwarzhaarige Ärztin, um ihm zu öffnen.
 

„Dr. Shizune Katō?“, fragte er und wartete ihr Nicken ab, obwohl ihr mit einer lachenden Sonne geschmücktes Namensschild ihm bereits verriet, wen er vor sich hatte. Sie starrte ihn für einen Augenblick mit leicht geöffnetem Mund an, fing sich jedoch deutlich schneller als die meisten Menschen, was sie ihm auf Anhieb sympathisch machte. Obito war das Starren gewohnt, seit er vor sechzehn Jahren schwere Verbrennungen bei einem Hausbrand davongetragen hatte, bei dem große Teile seiner rechten Körperhälfte entstellt worden waren, inklusive seines Gesichtes. Noch unangenehmer als das Starren war nur das Mitleid. „Ich bin Inspector Obito Uchiha, wir haben telefoniert.“
 

Shizune Katō warf einen prüfenden Blick auf seine Dienstmarke. „Inspector Uchiha“, grüßte sie unzeremoniell. „Ich habe keine andere Antwort für Sie als heute Morgen.“
 

„Ich würde mich dennoch gern mit Ihnen unterhalten, wenn es keine Umstände bereitet“, sagte er und bemerkte, wie sie missmutig das Gesicht verzog.
 

„Wir sind in einem Krankenhaus, natürlich bereitet es Umstände, wenn sie mich von der Arbeit abhalten“, erwiderte sie schroff.
 

„In dem Fall entschuldige ich mich“, meinte er, zog jedoch Notizblock und Kugelschreiber aus der Brusttasche seiner Uniform, um zu verdeutlichen, dass er sich nicht abwiegeln lassen würde. Die Ärztin seufzte. „Liegt er hier?“, erkundigte er sich bei ihr und deutete auf das einzige Zimmer, dessen Tür geschlossen war.
 

„Ja“, antwortete sie knapp.
 

Obito schaute durch die Glasscheibe in das gelb gestrichene Einzelzimmer. Die Augen geschlossen, lag Sasuke Uchiha regungslos da. Seine Arme, die auf der Bettdecke ruhten, waren blass, doch sein Gesicht war so weiß, dass es beinahe durchscheinend wirkte.

„Wie geht es ihm?“
 

„Wie soll es ihm schon gehen?“, sagte sie scharf und zog die vollen, dunklen Brauen ärgerlich zusammen. Diese Frau hatte Haare auf den Zähnen, dachte er seufzend.
 

„Hat er inzwischen etwas gesagt?“
 

„Kein Wort.“ Ihre rote Zungenspitze tippte gegen ihren linken Mundwinkel, dann ergänzte sie zaghaft: „Unter uns, ich würde nicht darauf wetten, dass der Junge überhaupt mitbekommt, was um ihn herum geschieht. Er war katatonisch bei Einlieferung. Wir haben ihm ein Beruhigungsmittel gegeben.“
 

„Ist das normal?“, fragte Obito und machte sich eine Notiz auf dem den nach billigem Papier riechenden Notizblock.
 

„Sie meinen, nachdem man die Leichen seiner brutal ermordeten Eltern in ihrem Bett gefunden hat?“, entgegnete Dr. Katō schnippisch, ehe sie sich rasch umsah, ob eines der Kinder – oder noch schlimmer: ein Elternteil! – sie gehört hatte, da sie in ihrer Erregung die Stimme erhoben hatte, doch der Gang war bis auf einen Krankenpfleger leer. „Das muss Ihnen natürlich ein Kollege aus der Psychiatrie beantworten“, fuhr sie deutlich leiser fort und trat einen Schritt an Obito heran, der den sauberen, pragmatischen Seifengeruch ihrer Haut wahrnehmen konnte.
 

„Hmm“, brummte er vor sich hin. Für einen Augenblick hörte man lediglich das Kratzen von Kugelschreibermine auf Papier. „Kann es sein, dass er simuliert?“
 

Dr. Katō zog die Schultern hoch und ließ sie ruckartig absacken, was sie gleichzeitig erschöpft und genervt wirken ließ. Obito machte sich den gedanklichen Vermerk, dass sie zögerte, was auf Voreingenommenheit hindeutete. „Theoretisch ist das selbstverständlich möglich. Psychische Symptome lassen sich schließlich nicht so leicht überprüfen, und ich bin keine Psychiaterin.“
 

„Aber Sie glauben nicht, dass er vortäuscht“, hakte Obito nach.
 

„Meine persönliche Meinung zu diesem Fall würde ich gern raushalten“, antwortete die Ärztin brüsk. „Aber wenn Sie mein fachliches Urteil interessiert, dann halte ich für unwahrscheinlich, dass ein Dreizehnjähriger diese Symptome so authentisch über einen verhältnismäßig langen Zeitraum vortäuscht. Der Patient befindet sich in einem sogenannten dissoziativen Stupor, das heißt, er spricht nicht, bewegt sich nicht und reagiert nicht auf äußere Einflüsse. Es ist nicht so leicht, sowas zu simulieren, vor allem nicht für ein Kind.“
 

Außer vielleicht dieses Kind hatte einen verdammt guten Grund zum Durchhalten, die Ermordung der eigenen Eltern etwa, spekulierte Obito. Im Gegensatz zu Dr. Katō war er nicht automatisch von Sasukes Unschuld überzeugt, weil dieser noch ein Kind war. Bösartigkeit war immerhin kein Alleinstellungsmerkmal von Erwachsenen. Aber diese Ansicht behielt er für sich. Stattdessen fragte er: „Kann ich zu ihm?“
 

Dr. Katō schüttelte unverzüglich den Kopf und obzwar Obito damit gerechnet hatte, knirschte er dennoch verärgert mit den Zähnen. „Sie wissen so gut wie ich, dass ich Ihnen das nicht erlauben kann. Der Junge ist nicht vernehmungsfähig, solange ein Psychiater nicht sein Okay gegeben hat, und ohne die Genehmigung eines gesetzlichen Vormundes darf ich Sie ohnehin nicht zu ihm lassen.“

In ihrem offenen, ausdrucksstarken Gesicht war deutlich abzulesen, was in ihr vorging und was sie von Obito hielt. Vermutlich hatte die Kinderärztin schon mehr Leid gesehen, als ihr lieb war.
 

„Wo ist Uruchi Uchiha?“, erkundigte sich Obito. Uruchi war Sasukes Tante väterlicherseits und somit die nächste Angehörige des Jungen.
 

„Sie liegt in einem anderen Zimmer und ruht sich aus“, erwiderte Dr. Katō. „Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Der Tod ihres Bruders und ihrer Schwägerin hat sie verständlicherweise sehr mitgenommen. Sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch, deswegen haben wir sie aus Sasukes Zimmer gebracht.“
 

„Hat Sasuke etwas zu ihr gesagt?“
 

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Dr. Katō genervt und strich sich das kinnlange schwarze Haar hinter die Ohren zurück. Ihre ungeschminkten Lippen pressten sich zu schmalen Strichen aufeinander. „Ansonsten hätte ich nicht behauptet, dass er kein Wort gesprochen hat.“
 

Obito lächelte sie versöhnlich an, traf allerdings nur auf ihren stählernen Blick. Nun, er war noch die der Typ Mann gewesen, der Frauenherzen zum Schmelzen brachte. „Wie lange wird es dauern, bis wir mit dem Jungen sprechen können?“
 

„Schwer zu sagen“, antwortete sie stirnrunzelnd. „Wer ist wir?“
 

Er hörte das Misstrauen aus ihrer Stimme heraus. „Ich, ein Jugendpsychologe, der Staatsanwalt, jemand vom Jugendamt.“
 

Dr. Katō rümpfte missbilligend die Nase. „Ist er etwa ein Verdächtiger?“
 

„Aktuell ist er erst mal unser einziger Zeuge“, erwiderte Obito. „Wir werden behutsam mit ihm umgehen.“
 

„Zwei Menschen wurden ermordet“, wandte sie bitter ein. „Da werden Sie kaum Rücksicht nehmen können.“
 

Obito zuckte die Achseln. „Wenn es nach Ihnen ginge, müssten wir ihn in Ruhe lassen, nicht wahr? Aber das können wir nicht.“
 

Shizune Katō kniff sich in die Nasenwurzel und seufzte erschöpft. Plötzlich sah sie sehr viel älter aus, obwohl Obito sie ursprünglich auf sein Alter geschätzt hatte. „Das ist mir klar, aber meine primäre Sorge gilt nun mal meinen Patienten. Ich bin auch nicht wirklich wütend auf sie. Ich entschuldige mich, falls der Eindruck entstand.“
 

„Entschuldigung angenommen“, sagte Obito und lächelte einseitig. Die so ernst dreinschauende Ärztin schenkte ihm ebenfalls ein schmallippiges Grinsen. „Solange Uruchi-san nicht ihr Einverständnis gibt oder sich der Tatverdacht erhärtet, kann ich ohnehin nichts tun.“
 

„Sie glauben doch nicht wirklich…“ Sie blinzelte. „Ich meine, er ist ein Kind.“
 

„Noch glaube ich gar nichts, aber es gab schon jüngere Mörder. Was soll ich der Sozialarbeiterin sagen, wie lange wir warten müssen?“
 

Shizune Katō schnaubte. „Ich weiß nicht. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, wenn man seine Eltern erstochen im Bett findet.“
 

Oder erstochen hat… Als Kriminalbeamter wusste er, dass Familienangehörige, die am Tatort aufgefunden wurden, zum Kreis der Verdächtigen zählten. Zweifelsohne musste er diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Seit er in den Polizeidienst eingetreten war, war Obito gleichsam in zwei Hälften geteilt: Die eine gehörte dem Polizisten, die andere dem Menschen. Und in diesem Augenblick betrachtete der Mensch Obito Uchiha den Jungen, der soeben der Hölle auf Erden entronnen war, und empfand tiefes Mitgefühl. Dennoch durfte und konnte er Sasuke nicht kategorisch ausschließen, denn er war nun mal von oben bis unten mit Blut beschmiert gewesen. Um wessen Blut es sich handelte, musste zwar noch getestet werden, doch da der Junge selbst unverletzt war, handelte es sich sehr wahrscheinlich um das Blut seiner Eltern.
 

Obito blickte erneut durch das kleine Fenster. Der Junge wirkte blass und verletzlich. Das schwarze Haar war feucht, doch an seinem Hals klebte noch ein Streifen getrocknetes Blut. Obito war nicht klar, wie man es hatte übersehen können; das Blut stach förmlich wie ein Mahnmal auf der hellen Haut hervor. Obito stellte sich vor, wie Sasuke geduscht worden war, wie er sich gefühlt haben musste, als man das Blut seiner Eltern von seiner Haut, aus seinen Haaren gewaschen hatte.

Plötzlich schlug der Junge die Augen auf. Obito fuhr zusammen. Seine Augen waren derart dunkel, dass man auf die Entfernung keine Pupillen erkennen konnte, doch sein Blick war glasig und benommen. Obito kannte diesen Blick von Drogensüchtigen und stark Alkoholisierten, doch bei dem Jungen musste es am Beruhigungsmittel liegen. Sasuke starrte ihn direkt an, seine Lippen formten Worte, die Obito nicht verstand.
 

„Meine Güte“, keuchte Dr. Katō und stürmte das Krankenzimmer, doch da hatte Sasuke die Augen bereits wieder geschlossen.

Samstag, 15. Juli, 19:47 Uhr

Heiße, abgestandene Luft schlug Rin Nohara entgegen, als sie ihre Wohnungstür am frühen Samstagabend aufschloss und den großen und vor allem schweren Reisekoffer ächzend über die Schwelle hievte. Die abendliche Sommerhitze hing wie eine staubige Glocke über Konoha und im Inneren ihrer Wohnung war es sogar noch heißer, obwohl sie vor ihrem Urlaub vorsorglich alle Vorhänge und Rollos geschlossen hatte. Rin zog die Tür hinter sich zu, ließ den Koffer mitten im Eingangsbereich stehen, wo er fast die gesamte Breite des schmalen Flurs einnahm, kickte die Keilabsatzsandalen von den Füßen und betrat die verstörende Stille einer Wohnung, die längere Zeit unbewohnt gewesen war und den vertrauten Eigengeruch ihrer Bewohner verloren hatte.
 

Zuerst öffnete sie die Vorhänge und Fenster, dann ging sie in die Küche, machte ihre Kaffeemaschine betriebsbereit und während das alte Gerät lautstark vor sich hin gluckerte und sich der verführerische Duft von frisch gebrühtem Kaffee in dem kleinen Raum auszubreiten begann, lehnte sie sich aus dem Küchenfenster, genoss die seichte Brise, die durch ihr kinnlanges, braunes Haar zauste, und den Ausblick auf den See, der nur zehn Gehminuten von ihrem Wohnblock entfernt lag. Sie sah Menschen als winzige Farbtupfen, die in Booten auf dem Wasser ruderten, picknickten, grillten und Volleyball spielten. Rin genoss diesen Moment des entspannten Nichtstuns, ehe der Stress des letzten Urlaubstages über sie hereinbrechen und von Wäsche waschen, putzen, einkaufen sowie liegengebliebener Post bestimmt sein würde.
 

Mit der dampfenden Kaffeetasse in der Hand und Zetsu, ihrem schwarz-weißen Mischlingsrüden, auf den Fersen, betrat sie den großzügigen Balkon, der an ihr Wohnzimmer angrenzte. Resignierend stellte sie fest, dass ihren Pflanzen die letzten zwei Wochen nicht bekommen waren. Rin fehlte der grüne Daumen, sodass es im Grunde eine Schnapsidee gewesen war, eigenes Gemüse anzubauen – nur eine ihrer Pflanzen hatte jemals Ertrag eingebracht, eine fingerlange und ebenso dünne Aubergine, die überdies scheußlich geschmeckt hatte –, dennoch ernüchterte sie, dass ihre Mühen nun endgültig gescheitert waren. Inmitten der gelb vertrockneten Pflanzen setzte sie sich im Schutz ihres Sonnenschirms auf einen Gartenstuhl und beobachtete das idyllische Treiben am See.
 

So gut erholt hatte Rin sich schon lange nicht mehr gefühlt. Zum einen war es ihr erster richtiger Urlaub seit beinahe fünf Jahren gewesen, zum anderen hatte sie die Angewohnheit entwickelt, ihre Arbeit als Jugendsozialarbeiterin nie ruhen zu lassen. Wann immer ein Kind oder ein Jugendlicher ihrer Hilfe benötigte, war die junge Frau zur Stelle.
 

Sie gähnte ausgiebig, pustete auf die dampfende Kaffeeoberfläche und nahm einen vorsichtigen Schluck, während sie ihre sonnengebräunten Beine auf der Holzbrüstung ausstreckte. Es tat unendlich gut, einfach nichts zu tun und auf das hübsche, beinahe kitschige Panorama zu blicken.
 

Zetsu lag hechelnd im Schatten unter ihrem Stuhl und wedelte mit dem Schwanz.
 

Rin hatte es sich soeben richtig gemütlich gemacht, fest entschlossen, diesen Abend keinen Gedanken an Wäsche waschen, putzen oder eine der anderen liegengebliebenen Aufgaben zu verschwenden, als das Festnetztelefon klingelte. Sie ignorierte es, doch als der Anrufer nach über einer halben Minute noch immer nicht aufgegeben hatte, erhob sie sich seufzend und nahm den Anruf entgegen.
 

„Nohara“, meldete sie sich.
 

„Wird auch langsam mal Zeit, dass du dich ans Telefon bequemst“, sagte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Rin erkannte sie als die ihrer Kollegin Samui, deren Tonfall gewohnt kühl war, obzwar sie sich gestresster als sonst anhörte.
 

„Ich hatte einen wundervollen Urlaub. Lieb, dass du fragst“, erwiderte sie sarkastisch.
 

„Na, du hast Nerven. Kushina ist fuchsteufelswild. Sie versucht seit einer Ewigkeit, dich zu erreichen.“ Rin hörte sie missbilligend mit der Zunge schnalzen.
 

„Ich bin gerade erst vor einer halben Stunde zur Tür rein. Was will sie denn so dringend von mir, das nicht bis Montag warten kann?“, fragte Rin.
 

Samui schnaubte. „Du lebst doch unter einem Felsen. Hast du es noch nicht gehört?“
 

Rin stieß geräuschvoll Luft durch die Nase aus, was ihre blonde Kollegin als Amüsement oder Enervation interpretieren konnte, ganz wie sie wollte. „Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber ich würde mal zu einem vorsichtigen Nein tendieren“, sagte sie beunruhigt, doch Samui hörte ihr ohnehin nicht mehr zu, da sie mit jemandem auf ihrer Seite der Telefonverbindung sprach. Rin hörte gedämpfte Stimmen, konnte aber nichts verstehen, dann Gepolter und Kushina Uzumaki-Namikaze meldete sich: „Kannst du ins Büro kommen?“
 

„Wa-? Jetzt?“, fragte die Brünette fassungslos und warf gewohnheitsmäßig einen Blick auf die chromefarbene Wanduhr. Nicht nur, dass sie offiziell noch Urlaub hatte, das örtliche Jugendamt, in dem sie arbeitete, war am Wochenende eigentlich geschlossen.
 

„Natürlich jetzt“, schnappte Kushina gereizt.
 

„Oh, okay“, erwiderte Rin verstört, doch offensichtlich hatte ihre Chefin den Telefonhörer bereits wieder an Samui übergegeben, denn diese pfiff leise durch die Zähne und meinte: „Kushina reißt dir die Rübe runter.“
 

„Aber was ist denn passiert?“, wollte Rin wissen, in deren Magen sich ein ungutes Gefühl zusammenballte. Sie bereute den heißen Kaffee, der ihr nun ein Loch in den Bauch zu brennen schien.
 

„Das soll Kushina dir erklären. Fahr vorsichtig“, seufzte Samui und das Nächste, was Rin hörte, war das Freizeichensignal in der Leitung.
 

Zweiundzwanzig Minuten später fuhr Rin mit quietschenden Reifen auf den Angestellten-Parkplatz des örtlichen Jugendamtes. Im Kopf ging sie durch, was sie angestellt oder verbockt haben könnte, um Kushinas Zorn zu verdienen, doch ihr fiel beim besten Willen nichts ein, zumal sie die vergangenen zwei Wochen im Urlaub gewesen war. Auf der Lippe kauend stellte sie den Motor aus und wurde vom Sicherheitsgurt zurückgehalten, als sie vor lauter Eile auszusteigen versuchte, ohne den Gurt zu lösen. Mit bebenden Fingern schnallte sie sich ab, blieb dann allerdings noch eine halbe Minute sitzen und atmete tief durch. Sie war eine erwachsene Frau und es gab keinen Grund, dass sie wie ein kleines Mädchen zitterte. Hoffte sie jedenfalls.
 

Rin hastete über den Parkplatz und fuhr mit dem uralten, bedrohlich ratternden Fahrstuhl in den dritten Stock. Sie drückte die gläserne Automatiktür auf, die seit den fünf Jahren, die sie hier arbeitete, defekt war, und betrat den nüchternen, in grau und dunkelrot gehaltenen Flur. Sofort steckte Samui den goldblonden Schopf aus ihrem Büro, tiefe Augenringe verunzierten ihr hübsches Gesicht und dunkle Schweißflecke zeichneten sich unter ihren Achseln ab.
 

„Geh am besten gleich zu ihr“, sagte sie ernst, sodass Rin ihr nur im Vorbeigehen zunickte und schnellen Schrittes an ihr vorbeizog.
 

Die Brünette steuerte das Büro von Kushina Uzumaki-Namikaze an und klopfte an die angelehnte Tür. Die rothaarige Frau blickte von ihren Dokumenten auf und winkte Rin herein. Ihr langes, feuerrotes Haar bauschte sich auf, wie immer, wenn Kushina nicht ausgeglichen war, und obgleich Rin schon vor langer Zeit zu der Überzeugung gelangt war, dass es sich um eine Art optische Täuschung handeln musste, faszinierte es sie deswegen nicht weniger. „Setzen“, befahl sie und knallte das Aktenmäppchen in ihren Händen mit so viel Schwung auf ihren ohnehin überfüllten Tisch, dass Tee aus ihrer Tasse spritzte und sich über die Akten und die Tastatur ergoss. Kushinas Lid zuckte aggressiv.
 

„Ist was passiert?“, fragte Rin vorsichtig, während sie Dokumente von einem der Besucherstühle auf den anderen stapelte, um sich setzen zu können.
 

„Das kann man wohl sagen“, blökte die Rothaarige und schüttete den restlichen Tee in einen traurig aussehenden Ficus. Rin verzichtete darauf, ihre Chefin darauf hinzuweisen, dass diese Art der Bewässerung der Pflanze sicherlich alles andere als guttat. Kushina wirkte aufgewühlt, mehr noch als sonst, was Rin das Schlimmste befürchten ließ. Das letzte Mal, dass sie derart nervös gewesen war, war ihr Sohn Naruto beim Erkunden eines baufälligen Hauses durch die morsche Decke gebrochen und hatte sich einen multiplen Beinbruch sowie einen Milzriss zugezogen. Hätte sein bester Freund Shikamaru damals nicht zu viel Angst gehabt, um die Ruine gemeinsam mit Naruto zu inspizieren, hätte er keine Hilfe holen können und Naruto wäre verblutet. Kushina und ihr Mann Minato hatten wochenlang im Ungewissen ausgeharrt, ob ihr Junge überleben würde, der nach mehreren aufwendigen und komplizierten Operationen auch noch eine Sepsis entwickelt hatte.
 

Kushina schlug die Aktenmappe auf und drehte sie Rin zu. Darin befanden sich unvollständig ausgefüllte Formulare und ein Passbild von einem ernst in die Kamera blickenden Jungen, das mit einer Büroklammer festgeheftet war. Ihr fiel sofort auf, dass der Junge außergewöhnlich hübsch war, aber auch, dass er außergewöhnlich emotionslos aussah. Normalerweise konnte sie bereits anhand eines Fotos erkennen, wie es einem Kind in seinem Elternhaus erging, doch der starre, gleichgültige Blick des Jungen verriet nicht die kleinste Gefühlsregung.

„Sasuke Uchiha, dreizehn Jahre, klassischer Einserschüler, fiel in der Vergangenheit anscheinend ein paar Mal wegen aggressiven Verhaltens seinen Mitschülern und Lehrern gegenüber auf. Die Leichen seiner Eltern wurden gestern Morgen von der Polizei gefunden. Ich kenne keine Details, aber wenn ich mich nicht komplett irre, wurden sie ermordet.“
 

„Ermordet?“, echote Rin dünn und schluckte das bittere Wort mühsam herunter. In ihrer Tätigkeit als Sozialarbeiterin hatte sie Einiges erlebt – Eltern, die ihre Kinder schlugen, und Kinder, die ihre Eltern schlugen, ein Mädchen, das in der Schule so sehr gemobbt worden war, dass sie sich umzubringen versucht hatte, eine sechzehnjährige Obdachlose, die ihr Baby gegen Heroin getauscht hatte –, aber ein Kind, das durch Mord zur Waise geworden war, gehörte nicht dazu und überstieg ihren Erfahrungshorizont.
 

Kushina nickte düster. „Ich würde den Fall gern dir überantworten, wegen deiner Erfolge bei der Arbeit mit schwer traumatisierten Kindern.“

Automatisch berührte Rin ihre Wange, auf der einst eine violette Tätowierung geprangt hatte.

„Inzwischen ist der Junge aus dem Krankenhaus entlassen und wohnt bei der Schwester seines Vaters. Nähere Verwandte hat er nicht mehr. Über das, was geschehen ist, will er nicht sprechen.“
 

„Kein Wunder“, murmelte Rin und knetete die Hände auf dem Schoß.
 

Kushina berichtete weiter, dass sich die behandelnde Ärztin Dr. Shizune Katō, seine Tante Uruchi Uchiha, Inspector Obito Uchiha sowie zwei Sozialarbeiter des Krankenhauses um den Jungen bemühten, jedoch noch keine Aussage von ihm erhalten hatten.
 

„Dir ist klar, dass es mir vielleicht nicht anders ergeht?“, wandte Rin ein.
 

„Sicher, aber wenn den Jungen jemand zum Reden bringt, dann du.“ Kushina machte eine Pause. „Wir müssen herausfinden, was der Junge weiß.“
 

„Vielleicht ist das gar nicht viel.“
 

„Egal.“
 

„Ist die Tante einverstanden?“
 

„Sie sagt, ja. Du kannst morgen früh mit ihm reden.“
 

„Gibt es irgendwelche Vorschriften, wie ich mit den Informationen umzugehen habe, die Sasuke mir anvertraut – falls er überhaupt was sagt?“
 

Kushina kratzt sich am Kinn. „Nein, unsere Sorge gilt dem Jungen, nicht der Polizei. Dieser Inspector wird es dir aber bestimmt nicht leicht machen.“
 

„Demnach gehört Sasuke nicht zu den Verdächtigen?“
 

Kushina wägte ihre Worte sorgfältig ab, ehe sie sagte: „Nicht zum jetzigen Zeitpunkt, soweit mir bekannt ist. Was uns betrifft, ist er lediglich das Opfer eines Verbrechens.“
 

Rin angelte sich Bleistift und Zettel von Kushinas Schreibtisch. „Dann brauche ich die Adresse.“
 

Die Rothaarige nannte ihr die Anschrift und Telefonnummer.
 

Rin verließ das Jugendamt. Zwar schien noch die Sonne, doch das Gefühl der Leichtigkeit und der Wärme hatte sich verflüchtigt.

Sonntag, 16. Juli, 10:00 Uhr

Fugaku Uchihas Schwester wohnte im ehemaligen Uchiha-Viertel, einer der ältesten Gemeinden in Konoha. Sie besaß ein ansehnliches, grauweißes, zweistöckiges Haus, zu dem ein Senbei-Geschäft gehörte. Dunkelblaue Fensterläden zierten die Fenster und in einem üppig bepflanzen Vorgarten wuchsen Ginkgobäume, Rhododendren und Hortensien.
 

Uruchi Uchiha war eine gemütlich aussehende Mittvierzigerin. Ihr dunkles, graumeliertes Haar, normalerweise sicherlich zu einem eleganten Knoten verschlungen, hing ihr strähnig ums Gesicht; was sie an Make-up aufgelegt hatte, war von Tränen verschmiert. In dem schwarzen Kleid, in dem sie unter besseren Umständen wahrscheinlich attraktiv ausgesehen hätte, wirkte sie plump und verhärmt. Die Frau war sichtlich aufgewühlt und mit den Nerven am Ende. Rin konnte es ihr nicht verdenken.
 

„Sasuke hat sich hingelegt“, sagte Uruchi Uchiha, nachdem sie Rin ins Haus gebeten und ihr einen Platz auf der weichen, weißen Couch angeboten hatte. „Er soll sich ausruhen.“ Sie schüttelte den Kopf und schloss für einen Moment erschöpft die Augen. „Oder es zumindest versuchen. Das arme Kind. Ich glaube nicht, dass er viel geschlafen hat, seit es passiert ist.“
 

„Und wie sieht es bei Ihnen aus?“, fragte Rin mitfühlend.
 

Uruchi winkte ab. „Ich schlafe normalerweise schon nicht besonders gut“, erklärte sie und erinnerte sich plötzlich an ihre Pflichten als Gastgeberin. „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“
 

„Das wäre nett“, sagte Rin, die eigentlich gar keine Lust auf Tee hatte, der trauernden Hinterbliebenen allerdings etwas zu tun geben wollte. „Wenn es keine Umstände bereitet.“
 

„Überhaupt nicht“, sagte Uruchi, stand auf und ging leicht schwankend zu einer Tür, hinter der vermutlich die Küche gelegen war. Kurz vor der Tür blieb sie jedoch abrupt stehen und drehte sich zu Rin um. „Möchten Sie, dass ich Sasuke jetzt gleich hole, oder wollen Sie zuerst mit mir sprechen?“
 

„Was Ihnen lieber ist“, erwiderte Rin. „Und was Ihnen leichter fällt.“ Obwohl für diese Frau im Moment sicherlich nichts leicht war.
 

„Dann…“ Uruchi schien aufrichtig überfordert, als eine Stimme hinter ihr sagte: „Ich bin hier, Tante Uruchi.“

Da der Besitzer der Stimme direkt hinter der korpulenten Frau stand, konnte Rin ihn von ihrem Platz aus nicht sehen. Die Stimme klang jung und leise.
 

Uruchi Uchiha drehte sich um. „Sasuke, Schätzchen, du bist wach?“ Sie streckte die Hand aus, um ihrem in schwarze Jogginghosen und weißes T-Shirt gekleideten Neffen über die Schulter zu streichen, doch er drehte sich unter der Berührung weg und trat ins Wohnzimmer.
 

Rin stand auf. Ihr Herz klopfte schneller und sie merkte, dass sie nervös war, was ihr noch nie zuvor passiert war. „Hallo Sasuke“, sagte sie. „Ich bin Rin Nohara.“
 

Etwa einen Meter vor ihr blieb er stehen. „Die Sozialarbeiterin.“
 

„Genau.“ Rin lächelte ihn an.
 

„Die haben schon im Krankenhaus ständig Leute zu mir geschickt, die mit mir reden wollten. Aber dann sind sie wieder gegangen, weil ich nichts gesagt habe.“
 

„Sasuke.“ Offenbar peinlich berührt, war Uruchi Uchiha an der Tür stehen geblieben.
 

„Schon gut“, sagte Rin lächelnd. Sie klang mitfühlend, als wäre die Ältere auf Zuwendung angewiesen und nicht der Junge. „Jetzt sprichst du wieder, das ist eine große Leistung“, wandte sie sich an Sasuke.
 

Sasuke zuckte resigniert und abweisend die Achseln. „Tante hat gesagt, ich war… katatonisch.“ Er blickte sich zu ihr um, um sich zu vergewissern, dass er es richtig gesagt hatte. „Ich erinnere mich eigentlich nicht richtig daran, im Krankenhaus gewesen zu sein.“
 

„Und wie ist es jetzt?“
 

Abermals zuckte der Junge die Schultern. „Ich will es versuchen“, sagte er gleichgültig.
 

Das war mehr, als Rin erwartet hatte. Sie wusste aber auch, dass sie sich nicht zu früh freuen durfte.
 

„Ich wollte gerade eine Tasse Tee für Nohara-san aufbrühen“, warf Uruchi ein. „Möchtest du auch etwas?“
 

Sasuke schüttelte den Kopf und Uruchi verließ das Zimmer. Offenbar war sie froh, die beiden allein lassen zu können.
 

„Wollen wir uns hier unterhalten?“, fragte Rin den Jungen. „Oder möchtest du woanders hingehen?“
 

„Ich will hier bleiben.“
 

„In Ordnung.“ Rin nahm zuerst Platz, um Sasuke die Entscheidung zu überlassen, in welchem Abstand er zu ihr sitzen wollte. Die meisten Menschen hielten anfangs schließlich gern räumliche Distanz. Sasuke wählte das andere Ende der Couch, was Rin als Zeichen von Zurückhaltung, jedoch keineswegs von Unsicherheit deutete. Er zog die Beine an und Rin gestattete sich eine erste Musterung. Sasuke war überdurchschnittlich hübsch, beinahe puppenhaft für einen Jungen. Er war schlank, hatte jedoch muskulöse Arme, als würde er Sport treiben, große dunkelgraue Augen, die beinahe schwarz wirkten, und schwarzes, weich aussehendes Haar. Die Haut war blass und makellos und das Gesicht wohlgeformt, wirkte jedoch irgendwie leer. Unter normalen Umständen hätte Rin wohl vermutet, dass noch keine einschneidenden Lebenserfahrungen ihre Spuren hinterlassen hatten, doch in Anbetracht der Ereignisse, die Sasuke Uchiha in den letzten achtundvierzig Stunden erlebt hatte, nahm Rin an, dass dieses Gesicht eine Wahrheit verbarg, wenn nicht sogar leugnete. Unvorstellbar schreckliche Gewalttaten, den Mord an seinen Eltern.
 

„Ich kann Ihnen nicht viel sagen, Nohara-san.“
 

Rin merkte, dass sie unwillkürlich die Luft angehalten hatte, und atmete langsam aus. „Du kannst mich Rin nennen. Erzähl mir, was du erzählen kannst, Sasuke.“
 

„Darüber was passiert ist?“
 

„Wenn es geht. Oder darüber, wie du dich fühlst. Ganz gleich.“

Rin wartete. Die klaren dunklen Augen des Jungen fixierten sie eine Weile, dann wandte Sasuke sich ab und starrte ins Leere. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Kein Laut kam über seine Lippen. Sasuke verlagerte sein Gewicht, die Couch knarzte leise.

„Würde es dir helfen, wenn ich Fragen stelle?“, wollte Rin wissen.
 

„Ich weiß nicht, könnte sein“, antwortete er. Seine Augen blieben wachsam.

Rin durchforstete ihr Gehirn nach einer der vielen einstudierten, unverfänglichen Ausgangsfragen, doch es wollte ihr partout keine einfallen. Ein Anflug von Panik überkam sie. Offenbar hatte sie den Fehler gemacht und sich innerlich bereits auf Erfolgskurs gewähnt, als Sasuke sich einverstanden erklärt hatte, mir ihr zu sprechen. Nun hatte sie Angst, den Jungen zu enttäuschen.

„Ich habe geschlafen“, sagte Sasuke plötzlich. „In meinem Zimmer.“

Rin fasste sich wieder.

„Irgendwas hat mich geweckt.“ Sasuke runzelte angestrengt die Stirn. „Aber ich weiß nicht, was.“
 

„Ein Geräusch?“
 

Sasuke zögerte. Sein Blick verriet, wie sehr er sich zu erinnern versuchte. „Schon möglich. Aber ich weiß, wie spät es war, kurz vor drei. Es war noch dunkel.“

Rin, die eine Bewegung wahrgenommen hatte, blickte auf. In der Tür stand Uruchi Uchiha, ein Kaffeetablett in den Händen haltend, das Gesicht ausdruckslos. Einen Moment rührte sich die ältere Frau nicht vom Fleck, unentschlossen, womöglich hin und her gerissen zwischen dem Widerwillen, zu stören, und dem Wunsch, etwas von dem Gespräch mitzubekommen. Dann wandte sie sich ab und verschwand zurück durch die Tür. Sasuke ließ sich nichts anmerken, obwohl er sie ebenfalls gesehen haben musste.

„Ich bin im Bett liegen geblieben.“ Er hielt kurz inne und leckte sich die Lippen. „Ich hatte Angst.“
 

„Weißt du auch, wovor du Angst hattest?“
 

„Nein.“ Er schluckte.
 

Sasuke hatte gemeint, er hätte nicht viel zu sagen, und vom Standpunkt der Polizei mochte das wohl stimmen, doch Rin fand, dass sich der Junge an mehr als genug erinnerte. Er wusste noch, dass er trotz seiner Angst irgendwann aufgestanden war, konnte sich jedoch nicht erinnern, was danach passiert war, versicherte er mit stumpfer, ausdrucksloser Stimme. Rin war sowas schon öfter bei schwer traumatisierten Kindern aufgefallen; als glaubten sie, sämtliche Gefühle unter Kontrolle halten zu können, wenn sie diese unterdrückten und fest in ihrem Inneren verschlossen.
 

„Ich erinnere mich erst wieder richtig, als Tante Uruchi mich aus dem Krankenhaus abgeholt hat“, fuhr er fort und sah Rin in die Augen. „Wie kann das sein?“, fragte er mit einem plötzlichen Anflug von Verzweiflung, zum ersten Mal flog ein Hauch von Entsetzen über das sonst leere Gesicht. „Wie kann ich mich an nichts erinnern? Wieso hat das ganze Blut an mit geklebt? Wie konnte ich einfach wieder einschlafen? Wie konnte ich sowas tun?“
 

Rin merkte, wie verzweifelt er nach Antworten auf seine Fragen suchte. Sie faltete die Hände im Schoß wie zum Gebet. Das war nicht das erste Mal, dass sie nicht die Hilfe geben konnte, die eines ihrer Kinder brauchte, aber dadurch wurde die Erfahrung nicht weniger schmerzlich und frustrierend.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie.

Sonntag, 16. Juli, 19:07 Uhr

Rin versuchte, sich ihre Verblüffung nicht anmerken zu lassen, als sie Obito Uchiha zum ersten Mal sah. Der Inspector war um einiges jünger, als sie erwartet hatte, und musste circa in ihrem Alter sein. Er hatte in alle Richtungen abstehendes schwarzes Haar, ebenso dunkle Augen wie Sasuke Uchiha und maß mindestens ein Meter achtzig. Er trug eine dunkelblaue Stoffhose und ein weißes Hemd, unter dem sich sichtlich Muskeln spannten, hohe Wangenknochen und volle Lippen verliehen ihm eine kantige Attraktivität, doch seine rechte Gesichtshälfte war von schlimmen Brandnarben gezeichnet. Rin spürte ihre Augen vor Mitleid ganz weich werden.
 

„Uchiha“, murmelte sie, nachdem er sich vorgestellt und mit einer einladenden Geste auf einen Stuhl gedeutet hatte. „Sind Sie mit Sasuke Uchiha verwandt?“
 

„Sehr entfernt“, antwortete er. „Wie Sie wahrscheinlich wissen, waren die Uchiha einer der Gründer-Clans Konohas. Einst waren wir ein großer, weit verzweigter Clan, mittlerweile gibt es zwar deutlich weniger von uns, aber im Gegensatz zu den Hyūgas besteht keine nähere Blutsverwandtschaft untereinander. Aber so faszinierend meine Familiengeschichte auch sein mag, haben wir doch anderes zu besprechen.“
 

Es war kurz nach neunzehn Uhr und sie saß an dem mit Aktenstapeln beladenen Schreibtisch von Inspector Uchiha in einer Ecke des weitläufigen Großraumbüros der Mordkommission. Die Etage des beeindruckenden sandgelben Präsidiums wimmelte vor Geschäftigkeit. Der rot-weiße Uchiha-Fächer auf dunkelblauem Grund war allgegenwärtig. Obwohl Sonntagabend war, kamen und gingen ständig Polizisten, manche telefonierten, andere sprachen miteinander oder tauschten ein paar Worte mit Obito Uchiha oder legten ihm Zettel auf den Schreibtisch. In seiner Funktion als leitender Ermittler im Fall Fugaku und Mikoto Uchiha musste ihm alles, was seine Kollegen in Erfahrung brachten, umgehend vorgelegt werden, erklärte er Rin. Obzwar seit dem Mord noch keine drei Tage vergangen waren, konnte man ihm die Anspannung ansehen.
 

„Natürlich“, beeilte sie sich zu sagen und nickte bekräftigend, sodass ihr kinnlanges, braunes Haar in ihr Gesicht fiel. Sie strich es mit einer nachlässigen Handbewegung zurück. „Es handelt sich zwar nur um einen ersten Eindruck meinerseits, aber ich glaube nicht, dass Sasuke etwas weiß, dass Ihre Ermittlungen weiterbringt. Mir ist allerdings klar, dass Sie selbst noch einmal mit dem Jungen sprechen müssen, und vielleicht erfahren Sie dann weitere Einzelheiten, aber ob er dazu beitragen kann, den Täter zu finden, wage ich zu bezweifeln.“
 

„Zumindest spricht der Junge wieder.“
 

„Soweit es ihm möglich ist“, schränkte Rin ein. „Er befindet sich noch immer in einem Schockzustand.“
 

„Glauben Sie, er blendet etwas aus?“
 

„Selbstverständlich.“ Rin betrachtete das schmale Gesicht Obitos und versuchte abzuschätzen, was für einen Menschen sie vor sich hatte. Er blendete aus, wie seine abgeschlachteten Eltern ausgesehen haben. Er blendete aus, wie es dazu gekommen war, dass er über und über mit ihrem Blut beschmiert war. Er blendete den gesamten Horror dieser Nacht aus.
 

„Wie könnte es auch anders sein“, murmelte Obito und rieb sich das Kinn. Seine Stimme klang tief und sanft, doch in seinen Augen glomm eine gewisse Härte, die Rin verriet, dass er nicht bedingungslos auf Sasukes Seite stand. Rin wurde ein wenig mulmig.
 

„Wann wollen Sie Sasuke vernehmen?“, fragte sie. In einer gerechten Welt müsste sich ein Opfer wie Sasuke Uchiha keiner polizeilichen Befragung aussetzen, dachte sie, doch ihr war klar, dass ihm, bevor er die Erlebnisse geistig hinter sich lassen konnte, eine wahre Inquisition bevorstand.
 

„Ich werde den Jungen morgen vernehmen“, antwortete Obito. „Länger kann ich es nicht hinauszögern.“

Die Mordwaffe, teilte er ihr mit, sei zwar noch nicht gefunden worden, doch es stand fest, dass Sasukes Eltern mit einem dünnen, scharfen Messer getötet worden waren. Der Polizeiarzt vermutete, dass es sich dabei um eine Art Kunai handelte.
 

„Ein Kunai?“, hakte Rin nach. „Ist das nicht eine Art Ninjamesser?“
 

Obito nickte bestätigend. „Bei der Durchsuchung des Hauses sind wir auf ein Lederetui gestoßen, dass alte und ziemlich wertvolle Kunai enthält. Jedes war in dem dafür vorgesehenen Fach, nur eines hat gefehlt. Nach Angaben von Uruchi Uchiha gehört das Etui Sasuke – es handelt sich um ein Erbstück.“
 

„Seltsames Erbstück“, bemerkte Rin mit einem flauen Gefühl in der Magengegend. Ihr war nicht der Ton entgangen, mit dem Inspector Uchiha erwähnt hatte, dass die Tatwaffe rechtmäßig Sasuke gehörte.
 

„Die Uchiha sind ein ehemaliger Ninja-Clan, insofern ist das nicht verwunderlich. In meiner Familie wird seit Generationen ein uralter Foliant weitergegeben, in dem es um die Herstellung von Giften und Halluzinogenen geht.“
 

„Dann muss der Mörder von dem Etui gewusst haben“, schlussfolgerte Rin betroffen.
 

Obito leckte sich die trockenen Lippen und nahm anschließend einen Schluck Kaffee. „Möglicherweise“, erwiderte er. „Wir haben Spuren eines Einbruchs gefunden – die Terrassentür wurde aufgebrochen –, aber weder wurde das Haus durchsucht noch wurde etwas gestohlen. Allerdings…“ Er zögerte.
 

„Was? Dürfen Sie mir das nicht sagen?“, hakte Rin nach und ließ ihm einen Augenblick Zeit. „Ich verstehe Sie, Inspector, aber erinnert Sie sich bitte daran, dass wir beide mit Sasuke Uchiha arbeiten und Verschwiegenheit auch zu meinem Beruf gehört.“
 

Er musterte sie einen langen Moment prüfend, ehe er zu einem Entschluss gelangte und sagte: „Die Leute von der Spurensicherung halten es für möglich, dass die Tür von innen aufgebrochen wurde.“
 

Abermals wartete Rin, doch offenbar wollte er nicht mehr preisgeben und ihr war sowieso klar, was das bedeutete. „Also wollte es jemand nur so aussehen lassen, als wäre jemand eingebrochen.“
 

„Kann sein“, erwiderte Obito vage. „Aber wenn, hat der Täter schlechte Arbeit geleistet.“
 

„Könnte die Tür nicht schon vorher beschädigt gewesen sein?“
 

„Vielleicht. Vielleicht hat es auch gar nichts mit dem Mord zu tun. Da fällt mir ein: Hat Sasuke sich nach seinem Hund erkundigt?“
 

„Seinem Hund?“
 

„Ja, Tobi – seltsamer Name für einen Hund. Die Haushälterin von Hyūga hat ihn im Garten liegen sehen und daraufhin die Polizei gerufen. Nach eigener Aussage hatte sie Angst, dass der Junge den Hund tot auffindet. Nur deswegen haben wir die Leichen überhaupt gefunden. Seltsam, dass er nicht nach ihm gefragt hat.“
 

„Ich will die Liebe zu einem Haustier gewiss nicht kleinreden, aber seine Eltern wurden ermordet, da hat er sicherlich andere Sachen im Kopf. Wo ist der Hund jetzt?“
 

„In der Pathologie.“
 

Rin wurde blass. „Nicht auch noch das.“
 

„Tja.“ Obito schnalzte mit der Zunge. „Die Untersuchung hat ergeben, dass der Hund vergiftet wurde. Leider lassen sich daraus keine nützlichen Erkenntnisse ziehen.“
 

„Sie mögen keine Hunde, oder?“
 

„Ich mag Katzen lieber. Wieso?“
 

„Nur die Art wie Sie über Tobi sprechen. Bedenken Sie, dass es Sasuke vermutlich das Herz brechen wird, dass sein geliebter Hund zu einem Beweisstück geworden ist.“

Obito hatte den Anstand, sich verlegen am Hinterkopf zu kratzen.

„Wie geht es der Haushälterin?“
 

„Sie meinen Natsu Hyūga? Sie kommt zurecht.“
 

„Das ist ein Satz, dem ich nicht traue“, wandte Rin ein.
 

„Mehr bleibt den Leuten auch nicht übrig“, erwiderte Obito gereizt. „Sie kommen zurecht. Sie leben weiter.“
 

Rin zog eine Grimasse und spürte, wie Röte ihren Hals emporkroch. „Ja, und legen damit den Grundstein für künftige Probleme. Wenn man Sasuke sieht, könnte man auch meinen, er käme zurecht, doch wie wissen beide, dass das nicht stimmt. Er kann gar nicht damit zurechtkommen. Das wäre widernatürlich.“

Plötzlich fiel ihr auf, dass Obito Uchiha sie aufmerksam musterte, und sie spürte Missmut in sich aufsteigen.

„Habe ich einen Fleck im Gesicht, oder so?!“
 

„Tut mir leid.“ Er wurde rot und schwieg einen Moment. „Es ist nur…“
 

„Meine Wangen“, unterbrach Rin unterkühlt. „Ich wurde nicht geschlagen.“

Nach einigen bitteren Erfahrungen hatte Rin lernen müssen, Anspielungen auf ihr Aussehen seitens Männern und Frauen zu übergehen. Dass sie einst tätowierte Wangen gehabt hatte, deren violette Farbe nie vollständig hatte entfernt werden können, änderte nichts an ihrer Kompetenz und spielte gerade gewiss keine Rolle. Darüber hinaus war sie sich bewusst, dass man sie durchaus als attraktiv bezeichnen konnte. Sie hatte dunkelbraunes Haar und große haselnussbraune Augen, mit gerade einmal ein Meter fünfundfünfzig und ihrer schlanken Figur war sie zudem eine elfenhafte Erscheinung und sie hatte ein jugendliches Gesicht, dem es nicht an Ausdrucksstärke mangelte.

„Die Terrassentür“, sagte Rin, um sich wieder den Ergebnissen der Spurensicherung zuzuwenden. „Glauben Sie, sie wurde von innen aufgebrochen?“
 

„Wir müssen es in Betracht ziehen“, sagte Obito, der eindeutig wieder auf der Hut war.
 

„Wer hat einen Schlüssel zu dem Haus?“
 

„Die Haushälterin und Uruchi Uchiha.“ Rin öffnete den Mund, doch Obito hob die Hand und fuhr fort: „Die Haushälterin ist im Urlaub. Wir überprüfen das selbstverständlich noch, aber aktuell zweifeln wir das Alibi nicht an.“
 

„Uruchi Uchiha kommt als Verdächtige ja wohl nicht infrage“, meinte Rin.
 

„Sie wusste von dem Lederetui“, gab Obito zu bedenken.
 

Rin dachte an die verstörte Frau und sagte: „Ich glaube, wir können sie ausschließen.“
 

Obito stützte die Ellbogen auf der überladenen Tischplatte ab und faltete die Hände unter dem Kinn. „Und was ist mit dem Jungen?“
 

„Was soll mit ihm sein?“, schnappte sie.
 

„Was war Ihr erster Eindruck? Ganz allgemein, meine ich“, erwiderte er gelassen.
 

Rin presste die Lippen aufeinander; sie wunderte sich selbst über ihre Wut, die in ihr aufstieg. „Auf gar keinen Fall“, sagte sie verärgert.
 

„Aber es besteht die Möglichkeit“, wandte er ein, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. „Ihm gehören die Kunai.“
 

Sie schnaubte wie ein störrisches Pferd durch die Nase. „Aber nur, weil es Erbstücke sind“, fauchte sie, ehe sie sich in Erinnerung rief, dass Sasuke nun mal zum Kreis der Verdächtigen gehörte und der Inspector nur seine Arbeit tat. „Wenn ich mir ein Urteil erlauben darf“, fuhr sie mit ruhigerer Stimme fort, der dennoch ein leichtes Zittern anzuhören war, „für mich ist Sasuke ein Opfer.“ Sie spürte einen Knoten im Magen. „Er ist kein Mörder.“
 

„Wissen Sie, wie viele Morde heutzutage von Minderjährigen begangen werden – gerade mit Stichwaffen?“
 

Rin merkte, dass er eine simple Tatsache feststellte, dennoch fühlte sie sich, als wollte er unbedingt einen Treffer landen. Sie sah sich gezwungen, den Jungen weiterhin zu verteidigen. „Sasuke ist sehr fragil“, sagte sie.
 

„Gefühlsmäßig, meinen Sie.“
 

„Wieso?“ Misstrauen trat plötzlich an die Stelle von Wut und Entsetzen.
 

Inspector Uchiha sah ihr fest in die Augen. Rin hatte Mühe, seinem glühenden Kohleblick standzuhalten. „Mir sind im Haus eine Reihe Sportauszeichnungen aufgefallen – Karate und Laufen. Der Junge ist fit und verhältnismäßig stark, sicherlich bereits stärker als eine durchschnittliche Frau.“ Er hielt kurz inne, in seinem Gesicht stand etwas wie Ekel. „Nicht, dass es in besonderem Maße auf Körperkraft ankommt, jemandem im Schlaf die Kehle durchzuschneiden.“
 

„Sie glauben also, dass er es getan hat?“, fragte sie nüchtern.
 

Obito löste die Verschränkung seiner Finger und lehnte sich zurück. „Aktuell glaube ich noch gar nichts, aber Sie haben sicherlich ebenfalls schon eine Reihe jugendlicher Gewalttäter kennengelernt und wissen so gut wie ich, dass Jugendliche ebenfalls morden können.“
 

„Natürlich“, sagte Rin gereizter als ihr lieb war. „Kinder aus schlechten Verhältnissen, mit Schusswaffen, Messern, Schlagwaffen oder den Fäusten.“ Sie rang um Fassung. „Aber ein behütetes Kind aus reichem Hause und dann auch noch mit einem Kunai?“ Sie musterte den Inspector, suchte im Gesicht des Mannes nach Spuren von Freundlichkeit oder Mitgefühl. Sie fand sie nicht.
 

„Der Junge ist nichts das Lämmchen, als das Sie ihn hier darzustellen versuchen“, sagte Obito ruhig. Rin hasste ihn dafür, dass er sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. „Der Junge ist durch sein aggressives Verhalten aufgefallen, seit dem Verschwinden seines älteren Bruders.“
 

„Moment mal! Wie bitte?“, hakte Rin nach. „Was meinen Sie damit, dass sein Bruder verschwunden ist?“
 

Obito seufzte frustriert. „Genau das, sein Bruder gilt als verschollen. Die Mission ist als geheim klassifiziert, deswegen habe ich keine weiteren Informationen darüber. Verschollen bedeutet in so einem Fall, sehr wahrscheinlich tot, allerdings ohne Leichenfund.“ Er ließ den Blick durch den Büroraum schweifen, in dem sich zurzeit niemand außer ihnen beiden befand. Er biss die Zähne zusammen, fuhr dann fort: „Itachi Uchiha galt als Wunderkind. Er war gerade mal neunzehn Jahre und gehörte bereits einer Spezialeinheit an. Es ist leicht, sich vorzustellen, dass der Junge seine überambitionierten Eltern für dessen Tod verantwortlich macht.“
 

Sie schwiegen beide. Ein Telefon klingelte und verstummte wieder. „Und die Waffe, sagen Sie, wurde noch nicht gefunden?“, fragte Rin.
 

„Nein, noch nicht. Allerdings…“ Er zögerte und musterte sie für einen Augenblick, als wöge er ab, wie viel er ihr zumuten könnte.
 

„Allerdings?“
 

„Was ich Ihnen nun sage, ist sehr verstörend.“ Er zögerte abermals, als wollte er abwarten, ob sie Einwände hatte. „Ein zweites Messer wurde bei den Leichen gefunden, ein haushaltsübliches Fleischmesser. Zuerst dachten wir, dabei handele es sich um die Tatwaffe, doch die Untersuchungen ergaben, dass Mikoto Uchiha damit vergewaltigt wurde, nachdem man ihr die Kehle mit dem Kunai durchgeschnitten hatte.“
 

Rin wurde schlecht. „Und sie ziehen ernsthaft in Erwägung, dass ein dreizehnjähriges Kind…?“
 

Obito strich sich über das Kinn. „Zugegeben, die Tat ist an Frauenfeindlichkeit kaum zu überbieten und damit eher untypisch für einen Täter dieses Alters. Allerdings könnte ein Fall von Kindesmissbrauch vorliegen.“
 

„Sie glauben, die Mutter könnte sich an ihrem eigenen Kind vergangen haben?“
 

„Oder, was meines Wissens weitaus häufiger geschieht, den Missbrauch zugelassen haben, indem sie nichts unternimmt. Fugaku Uchiha war ein strenger Mann, er wird seine Kinder mit eiserner Hand erzogen haben. Aber wie gesagt, aktuell glaube ich noch gar nichts. Ich lege mir lediglich Möglichkeiten zurecht.“
 

Rin musste zugeben, dass sich der Hass in solchen Fällen öfter auf den passiven Part richtete. „Hat man Sasuke auf Spuren untersucht?“
 

„Selbstverständlich, aber angesichts der Umstände war nicht zu erwarten, dass wir etwas finden, das ihn be- oder entlastet, schließlich handelt es sich um Eltern und Sohn.“
 

„Und das Blut an Sasukes Körper stammte von den Eltern“, mutmaßte Rin leise.
 

„Ja“, bestätigte Obito.

Montag, 17. Juli, 00:37 Uhr

Es war bereits nach Mitternacht, als Obito zu seiner Wohnung zurückkehrte, nur wenige Querstraßen vom Polizeipräsidium entfernt. Das Appartement befand sich in einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus, das Dach und die erste Etage waren in baulich schlechtem Zustand und hatten, wie der Vermieter selbst, schon bessere Zeiten gesehen.
 

Mit einem kalten Bier und koreanischem Take-out stieg Obito auf die Dachterrasse, die eigentlich nur ein nacktes, mit der Klimaanlage und unzähligen Rohren bestücktes Betonquadrat war. Dennoch zog er sich an schönen Abenden am liebsten hierher zurück, um sich zu entspannen. Außerdem konnte er hier am besten die Shamisen spielen. Obito liebte das Kabukitheater und da er eine volltönende Baritonstimme besaß, übertrug man ihm regelmäßig große Partituren in den Aufführungen des örtlichen Laientheaters. Bald würde das Vorsprechen für Yotsuya Kaidan stattfinden und Obito wollte nichts lieber, als die Rolle des Tamiya Iemon zu übernehmen. Vorausgesetzt die anderen duldeten weiterhin, dass er regelmäßig bei den Proben fehlte.
 

Obito hatte soeben den ersten Bissen seines Take-outs genommen, als er durch die Tür, die von der Feuertreppe aufs Dach führte, das Festnetztelefon klingeln hörte. Nach dem fünften Klingeln schaltete sich der Anrufbeantworter an. Die Einzige, die ihn noch auf dem Festnetztelefon anrief, war seine Großmutter, die sich beharrlich weigerte, die Existenz von Mobiltelefonen anzuerkennen. Sehnsüchtig seufzend betrachtete er das Essen und das Bier, wandte den Blick dann zum klaren Sternenhimmel und beschloss, sich nicht stören zu lassen.
 

Aber warum, um Himmels willen, rief seine Großmutter noch nach Mitternacht bei ihm an? Im nächsten Moment war er auf den Beinen, rannte die Treppe herunter, stürmte ins Wohnzimmer und rief sie beunruhigt zurück.
 

Seine Großmutter nahm beim ersten Klingeln ab. „Obito Uchiha, wo treibst du dich nach Mitternacht noch herum?!“, fragte seine Großmutter in einem vorwurfsvollen Tonfall, den nur sie zustande brachte. Da mochte ihr Enkel achtundzwanzig Jahre zählen und ein gut gebauter Polizist sein, Oma wollte trotzdem wissen, wo er sich nachts aufhielt. Obito grinste.
 

„Was ist los, Oma?“
 

„Was soll los sein?“, entgegnete sie kalt.
 

„Du hast mich doch gerade erst angerufen.“
 

„Aha! Also warst du doch zu Hause.“
 

„Ich bin gerade erst zur Tür rein“, verteidigte er sich.
 

„Hmm, na gut“, brummte sie.
 

„Oma, was ist los? Mir ist fast das Herz in die Hose gerutscht, weil du um diese Uhrzeit noch anrufst. Ist alles okay bei dir?“
 

„Nein“, sagte sie kaltschnäuzig. „Du bringst mich um den Schlaf, und das jetzt schon die halbe Nacht.“
 

Obitos Sorge verschwand augenblicklich. „Was ist los, Oma?“
 

„Ich will wissen, was mit Freitag ist?“
 

„Freitag?“ Obito überlegte vergeblich.
 

„Du hast es also vergessen.“
 

„Scheint so. Was ist Freitag?“
 

„Du wolltest zum Abendessen vorbeikommen.“
 

„Ich weiß nicht, ob ich am Freitag Zeit habe“, sagte er und wappnete sich gegen die zu erwartenden Vorwürfe.
 

„Weshalb wundert mich das nicht“, erwiderte sie sarkastisch.
 

„Du weißt doch, wie es bei der Polizei zugeht“, erwiderte er kleinlaut.
 

„Das ist mir klar“, seufzte sie und machte eine kurze Pause. „Also, kommst du am Freitag oder kommst du nicht?“
 

„Ich will es versuchen“, versprach Obito.
 

„Du weißt, dass ich ansonsten ganz alleine bin.“ Ein erneuter Angriff, der automatisch dafür sorgte, dass Obito sich schuldig fühlte.
 

„Du weißt, dass ich die Ermittlung in einem Doppelmord leite.“ Er zwang sich, ruhig zu bleiben. „Wenn ich Freitag überhaupt kommen kann, wird es spät.“
 

„Tja, dann…“ Ihre Resignation war nicht zu überhören.
 

„Gehst du jetzt ins Bett?“
 

„Ja, aber erwarte nicht, dass ich schlafe“, erwiderte die Frau bockig.
 

Obito grinste. „Gute Nacht, Oma.“
 

Er kehrte auf die Dachterrasse zurück. Da das koreanische Take-out inzwischen kalt geworden war, begnügte er sich mit dem Rest lauwarmen Bier. Seufzend streckte er seine Glieder auf der Luftmatratze aus, die ihm in warmen Nächten als Bett diente. Er liebte das funkelnde Sternenlicht, die lebendige Nacht um sich herum, und fühlte sich auf der kargen Dachterrasse längst nicht so einsam wie in seinem weitaus bequemeren, klimatisierten, aber schrecklich leeren Schlafzimmer.
 

Während er den Blick über den Sternenhimmel schweifen ließ, dachte er an Sasuke Uchiha und das Horrorszenario, in dem sich der Junge aktuell befand. War der Junge tatsächlich dieser Tat fähig? Wenn es nach Rin Nohara ging, offensichtlich nicht. Der Gedanke an die junge Frau versetzte ihm einen merkwürdigen Stich. Diese Selbstsicherheit und Kühle, gepaart mit etwas Warmem, das unter der Oberfläche schimmerte, und die innere Ruhe, die sie selbst im Zorn behielt. Deshalb war ihr wohl auch dieser Fall zugeschobene worden, dachte er.
 

Allmählich drifteten seine Gedanken ab, die Erinnerungen an den Tag verflüchtigten sich in einem Nebel aus Müdigkeit und kehrten zu seiner Großmutter zurück, die vor vielen Jahren zu Ersatzmutter für ihn geworden war. Dieser Auftritt gehörte zu ihrer theatralischen Seite, die auch dafür gesorgt hatte, dass sie bei seiner Schulabschlussfeier oder an seinem zwanzigsten Geburtstag unablässig geweint hatte. Doch das war nicht ihre wahre Seite. Die nämlich hielt sich bescheiden im Hintergrund und trat nur dann zum Vorschein, wenn Not an der Frau war. Sie wachte ohne Pause an seinem Bett im Krankenhaus, als er zum ersten Mal angeschossen worden war, und vergoss keine einzige Träne. Sie hatte ihm beigestanden, als seine Eltern bei dem Großbrand umgekommen waren, der die Hälfte seines Körpers verschlungen hatte, durch die jahrelange Reha, die Schmerzen, das Trauma. Sie hatte ihn aufgerichtet, als Naru gestorben war und Hana, seine Exfrau, ihn für den Tod ihrer Tochter verantwortlich gemacht hatte.

Nur in sorgenfreien Zeiten kehrte sie die überfürsorgliche Großmutter raus, und obgleich sie manchmal eine Nervensäge sein konnte, liebte Obito sie.
 

Den Schmerz über seinen größten Verlust würde er wohl nie überwinden, doch wenigstens litt er jetzt nicht mehr so häufig unter seiner Einsamkeit. Er packte die Tage voll bis an den Rand, meist mit Arbeit, aber auch mit Besuchen bei der Familie und, wenn Zeit blieb, mit dem Kabukitheater. Nur manchmal, wenn Obito abends im Bett lag und nicht einschlafen konnte, fuhr ihm dieser nagende, quälende Schmerz in die Glieder.

Montag, 17. Juli, 12:42 Uhr

Rin war soeben aus der gemeinsamen Mittagspause mit Kushina und Samui gekommen, als Obito Uchiha sich bei ihr meldete.
 

„Ich war heute Morgen bei Sasuke Uchiha.“
 

„Und?“ Rin spürte, wie ihre Anspannung wuchs.
 

„Nichts.“
 

„Das wundert mich nicht“, erwiderte sie und konnte nicht verhindern, eine Spur naseweis zu klingen.
 

„Mich auch nicht.“ Obito Uchihas Stimme klang müde.
 

„Was ist los?“, fragte Rin.
 

„Nichts. Es sei denn, es gefällt einem, wenn ein Kind sich verdächtig fühlt, das um seine Eltern trauert.“
 

„Wie ging es Sasuke?“
 

„Schlecht.“ Er hielt kurz inne. „Würden Sie sich noch einmal mit ihm treffen?“
 

„Möchte er das denn?“
 

„Offenbar möchte es Sasukes Tante.“
 

Rin benötigte nur einen kurzen Augenblick. „Dann komme ich natürlich.“
 


 

Die Mittagssonne brannte von einem wolkenlos blauen Himmel, als Rin in ihrem froschgrünen Subaru Richtung Uchiha-Viertel tuckerte. Sie machte sich Sorgen, aber das war nichts Neues. Sie machte sich immer Sorgen, wenn sie es mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu tun hatte, und diese Sorge war durchaus rational und begründet. Auch wenn sie noch so behutsam vorging, konnte es passieren, dass sie irgendwas aufrührte und dadurch verborgene Ängste und Schmerzen vorzeitig an die Oberfläche zerrte. Andernfalls verblasste das Aufgestaute mit der Zeit zwar, wurde aber zumindest verdaulich. Obwohl sie Inspector Uchiha am Tag zuvor wegen des Begriffs zurechtkommen getadelt hatte und ihn auf die Gefahr hingewiesen hatte, dass Gefühle blockiert wurden, gab es Umstände, wo ein Mensch besser durch eine Krise kam, wenn er seinen Schmerz bis zu einem gewissen Grad unterdrückte. Das war zu akzeptieren, zumal sie es selbst so gehalten hatte. Rin hatte Gefühle unterdrückt, blockiert, ausgeblendet, war zurechtgekommen. Sie hatte eine schlimme Krise bewältigt und zu einem erfüllten Leben gefunden.
 

In Uruchi Uchihas sauberem, elegantem Wohnzimmer hatte sich nichts verändert. Uruchi selbst jedoch sah um einiges schlechter aus als einen Tag zuvor.

„Die Polizei lässt uns keine Ruhe“, erklärte sie Rin mit bebender Stimme, aber so leise, dass ihr Neffe es nicht hören konnte. „Sie waren den ganzen Morgen da und haben das Haus durchsucht. Mein Haus! Als ob ich etwas zu verbergen hätte. Um Himmels willen, Fugaku war mein Bruder.“
 

„Das ist Routine“, beschwichtigte Rin sie und drückte die eiskalten Hände der aufgewühlten Frau. „Der Polizei bleibt nichts anderes übrig, ihr darf nicht die geringste Kleinigkeit entgehen.“
 

„Welche Kleinigkeit?!“, empörte sich Uruchi, während sie an dem spitzenbesetzten Taschentuch in ihren Händen zupfte. „Fugaku und Mikoto wurden in ihrem Haus ermordet, nicht in meinem. In ihrem Bett…“ der Satz ging unbeendet in einem feucht klingenden Schluchzer unter. „Die Polizei glaubt, dass ich sie ermordet habe. Ist es nicht so?“ Aus verquollenen Augen starrte sie Rin wütend an. „So ist es doch, nicht wahr?“
 

„Nein, die Polizei verdächtigt sie nicht“, widersprach Rin entschieden. „Ich habe mich mit Inspector Uchiha unterhalten und weiß, dass er nichts dergleichen denkt. Die Hausdurchsuchung ist ein routinemäßiger Vorgang. Sasuke und Sie sind die engsten Angehörigen der Ermordeten, und Sasuke war zum Tatzeitpunkt in dem Haus. Die Polizei muss so vorgehen.“
 

„Aber für Sasuke wird das alles allmählich zu viel“, erwiderte Uruchi Uchiha uneinsichtig. „Ich habe Angst, dass er das nicht durchsteht.“ Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. „Es ist so ungerecht. Nach all dem Elend, das seine Mutter und er…“ Uruchi hielt inne. Offenbar bedauerte sie ihre Worte. Rin wartete, doch die Frau wollte anscheinend nicht weitersprechen.
 

„Welches Elend?“, fragte Rin vorsichtig.
 

Uruchi schüttelte den Kopf. „Das… das ist jetzt nicht wichtig.“ Sie hob den Blick und schaute Rin in die Augen. „Letzte Nacht – ich habe wohl ein bisschen geschlafen –, da bin ich aufgewacht und Sasuke stand vor meinem Bett. Er schaute mich an. Er sagte nichts, er weinte nicht, er stand einfach nur da und starrte mich an. Aber ich hatte das Gefühl, als würde er in mich hineinsehen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Rin nickte. „Das Kind ist völlig durcheinander“, fuhr Uruchi verzweifelt fort. „Und wenn die Polizei ständig zurückkommt und sie zwingt, das Ganze wieder und wieder zu durchleben, dann weiß ich nicht, was…“ Sie unterbrach sich und wandte den Kopf zur Tür.
 

Auch Rin hatte Sasukes leise Schritte gehört. Sanft strich sie Uruchi über den Arm. „Ich bin jederzeit für Sie da.“
 

Sasuke trat ins Zimmer. Er trug wieder Jeans, ein locker sitzendes Hemd und Turnschuhe. „Guten Tag Nohara-san.“ Er hielt inne und korrigierte sich: „Rin.“
 

Rin lächelte warm. „Hallo Sasuke.“
 

Uruchi erhob sich von der weißen Couch. „Ich lasse euch jetzt allein, dann könnt ihr reden.“
 

Sasuke blieb an der Tür stehen. „Können wir ein bisschen rausgehen, Rin?“
 

„Ja, das wäre schön.“
 

Sasuke schaute seine Tante an. „Einverstanden, Tante?“
 

Uruchi Uchiha brachte ein kleines Lächeln zustande. „Warum nicht. Die Bewegung und die frische Luft tun dir sicher gut.“
 


 

Rin und Sasuke schlenderten gemächlich das Uchiha-Viertel entlang, vorbei an den traditionellen Häusern mit ihren üppig bepflanzten Gärten. Die Luft war heiß und feucht. Vor ihnen strampelte sich ein Fahrradfahrer ab und auf dem nahegelegenen Tennisplatz schwangen zwei Paare lachend die Schläger. Selbst Rin erschien diese Normalität unerreichbar fern. Sasuke ging unbeirrt geradeaus. Das schwarze Haar fiel ihm locker in die Stirn und sein Gesicht zeigte keinerlei Regung, doch für Rin war nicht schwer zu erraten, dass das Grauen ihn bei jedem Schritt begleitete.
 

„Anscheinend gibt es für mich kein Entkommen“, sagte er plötzlich, ohne innezuhalten oder Rin anzuschauen. „Ich tue, was ich tun muss; ich zwinge mir einen Bissen herunter, wenn meine Tante mir etwas zu essen hinstellt, ich gehe auf die Toilette, ich lege mich ins Bett und schlafe ein bisschen, und dann fängt alles wieder von vorne an. Dabei kommt es mir so vor, als wäre gar nicht ich es, der all das macht.“ Rin hörte aufmerksam zu. „Inspector Uchiha hat mich gefragt, ob ich mich inzwischen an irgendetwas erinnern kann, aber da ist nichts.“ Sasuke blieb abrupt stehen. „Ich habe ihm gesagt, dass ich mich gern erinnern würde, aber das war gelogen. Ich will es gar nicht.“ Seine Augen verengten sich und wirkten noch dunkler. „Ich sehe manchmal Blitze von dem, was geschehen ist.“
 

„Meinst du so etwas wie einen Film?“, fragte Rin.
 

„Nein, es geht viel schneller“, erwiderte Sasuke. „Oftmals merke ich gerade erst, dass die Bilder da sind, da sind sie auch schon wieder fort.“ Er zuckte die Achseln. „Aber das habe ich nicht erst, seit meine Eltern ermordet wurden. Das habe ich schon länger.“
 

Rin fiel ein, was Uruchi Uchiha gesagt hatte – irgendwas von Elend, das Sasuke und seine Mutter durchlebt hatten.

„Diese Blitze“, hakte sie vorsichtig nach, „wie sind die?“
 

Sasuke schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wichtig.“

Er schwieg und ging schneller als zuvor weiter. Rin beschleunigte ihren Schritt, um mithalten zu können. Plötzlich wandte Sasuke sich zur Seite und überquerte die Straße, ohne nach rechts oder links zu sehen. Ein junger Fahrradfahrer konnte ihm gerade noch ausweichen. Der Mann rief ihm wütend etwas zu, doch Sasuke schien es nicht zu bemerken. Rin blieb stehen und schaute sich um, ehe sie Sasuke folgte. Sie musste laufen, um den Jungen einzuholen.

„Es tut gut, draußen zu sein“, sagte er und blieb abermals stehen. „Ich würde gern ein bisschen Lauftraining machen.“ Seine dunklen Augen schimmerten klar, sein Blick war eindringlich. „Darf ich?“
 

„Das ist eine gute Idee“, antwortete Rin leichthin. „Soll ich mitkommen oder möchtest du lieber allein laufen?“
 

„Allein, wenn es geht.“
 

„Natürlich. Soll ich hier auf dich warten?“ Rin wies mit einer Kopfbewegung zu einer einsamen Holzbank. „Ich kann mich solange hinsetzen.“

Sasuke nickte knapp.

„Dann lauf los“, sagte Rin.
 

Sie sah dem Jungen nach, wie er davonrannte, und als er ihrem Blick entschwunden war, schlenderte sie zur Bank und setzte sich. Sie versuchte, ruhig zu werden. Rin spielte ein riskantes Spiel, denn es war keineswegs ausgeschlossen, dass Sasuke davonlief und nicht zurückkam. Doch da der Junge unter schrecklichem Druck stand, brauchte er das Gefühl der Freiheit. Weil er nicht entkommen konnte, wie er selbst ganz richtig festgestellt hatte, könnte es ihm sicher nicht schaden, einen kurzen Moment der Freiheit zu genießen.
 


 

Mit geröteten Wangen, außer Atem und zumindest körperlich frischer als zuvor, kehrte Sasuke zurück. „Das hat gut getan“, sagte er, während er ein paar Dehnübungen machte, und nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „Danke.“
 

„Ich habe doch gar nichts getan“, wandte Rin ein.
 

„Sie haben mich ohne großes Theater gehen lassen. Jeder andere scheint zu denken, dass ich mich vom nächsten Bus überfahren lasse, sobald ich mal allein bin.“
 

„Du hast mir versprochen, dass du wiederkommst“, sagte Rin.
 

„Und Sie haben mir vertraut.“
 

In gemütlichem Schlenderschritt kehrten sie zum Haus Uruchi Uchihas zurück. Beide sprachen nicht viel. Rin wollte Sasuke nicht drängen, Dinge preiszugeben, über die er nicht sprechen wollte. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Allerdings fragte sie Sasuke beim Abschied, ob er sich wieder mit ihr treffen wolle.

„Von mir aus“, erklärte Sasuke.
 

„Bloß, um zu reden“, spezifizierte Rin. „Worüber du willst.“
 

„Also nicht über das, was passiert ist?“, fragte er misstrauisch.
 

„Nein, das müssen wir nicht. Wenn dir danach ist, sprechen wir über deine Eltern, über die schönen Dinge, die ihr erlebt habt.“ Rin machte eine kurze Pause. „Oder über die Blitze.“
 

„Die sind nicht wichtig“, wiederholte Sasuke, doch seine Augen schweiften dabei in die Ferne.
 

„Ich sehe sie auch manchmal“, vertraute Rin ihm an. „Jedenfalls so was Ähnliches, glaube ich. Ich nenne sie Schnappschüsse. Sie kommen und gehen so schnell, dass ich sie nicht deutlich sehen kann.“
 

Sasuke schüttelte den Kopf. „Meine sind anders.“
 

Rin zuckte nonchalant die Achseln. „Na, dann ist es wohl doch nicht das Gleiche.“
 

Nachdenklich sah der Schwarzhaarige sie an. „Ich glaube, ich würde mich doch gern weiter mit Ihnen treffen.“
 

„Das freut mich.“
 

„Wenn ich mitmache“, fragte er vorsichtig nach, „muss ich also über nichts reden, über das ich nicht reden will?“
 

„Nein, das habe ich dir versprochen“, sagte Rin ernst.
 

„Ich bin nämlich früher mal zu einem Therapeuten gegangen. Ich mochte ihn nicht besonders.“ Er überlegte sich jedes Wort. „Ich habe ihm nicht getraut.“
 

„Sowas kommt vor“, erwiderte Rin.
 


 

„Er hat ziemlich viel Einfühlungsvermögen“, erklärte Rin Obito Uchiha später am Telefon.
 

„Das ist mir auch schon aufgefallen.“
 

„Gibt es irgendwelche Fortschritte?“
 

„Nicht von der Art, wie Sie meinen, Nohara-san.“ Rin glaubte, beinahe zu hören, wie er seine Worte abwägte. „Wir haben die Asche analysiert, die wir im Müllverbrennungsofen der Uchihas gefunden haben“, berichtete er schließlich. „Sie stammt offenbar von dem gleichen Stoff wie der Pyjama, den Sasuke anhatte.
 

„Und was heißt das?“ Rin bekam ein ungutes Gefühl, das sich wie ein Tumor in ihrem Magen zusammenballte.
 

„Meiner Meinung nach heißt das vorerst gar nichts. Wir werden wohl herausfinden müssen, wer es war und warum er es getan hat.“ Obito hielt inne. „Kollegen in meiner Abteilung glauben allerdings, dass Sasuke seine Eltern ermordet und dann den Pyjama, den er dabei trug, verbrannt hat, anschließend duschte, frische Schlafsachen anzog und sich wieder ins Bett legte.“
 

Rin schwieg einen Moment und spürte, wie eisiges Entsetzen in ihr aufstieg. „Mir kommt das alles höchst unwahrscheinlich vor.“ Sie merkte selbst, wie steif ihre Worte klangen.
 

„Ich habe nichts anderes erwartet.“
 

Obwohl Rin nicht wusste, ob dies als bissige Bemerkung oder als Ermutigung gemeint war, fuhr sie fort: „Ich habe inzwischen mehr Zeit mit Sasuke verbracht und nach allem, was ich bisher gesehen habe, halte ich ihn für ein trauerndes und verstörtes Kind, das seine Mutter und seinen Vater geliebt hat.“
 

„Hat er mit Ihnen über das Verhältnis zu seinen Eltern gesprochen?“
 

„Nein, bis jetzt nicht“, erklärte Rin. „Keine demonstrativen Erklärungen der Liebe und Zuneigung. Dafür ist das Erlebte noch zu frisch. Sasuke ist noch nicht klar geworden, dass er die Liebe zu seinen Eltern unter Beweis stellen muss.“
 

„Aber besteht nicht auch die Möglichkeit, dass er ein guter Schauspieler ist?“
 

Rin unterdrückte den Impuls, mit einer scharfen Antwort zu kontern. „Wenn mein Gefühl mich nicht völlig täuscht“, entgegnete sie unbeirrt, „hat der Junge mir heute Nachmittag nichts vorgespielt.“
 

„Dann wollen wir hoffen, dass Sie sich auf Ihr Gefühl verlassen können“, antwortete Obito leise.

Dienstag, 18. Juli, 14:45 Uhr

Sasuke traf bereits um Viertel vor drei im Jugendamt ein. Rin hatte mit Uruchi Uchiha vereinbart, dass Sasuke mit dem Taxi kam. Die Tante sollte ihn dann um vier Uhr abholen.

„Tut mir leid, dass ich zu früh bin“, sagte Sasuke, als Rin den Kopf auf sein Klopfen hin aus ihrem Büro streckte. Er war ernst. Seine Augen und die zuckenden Mundwinkel verrieten seine Nervosität.
 

„Kein Problem“, meinte Rin. Wegen des elfjährigen Jungen, der auf sie wartete, sprach sie leise. Sie hatte ihn gemeinsam mit Zetsu in ihrem Büro zurückgelassen, doch er war frech und konnte nicht still sitzen, sodass er bestimmt lauschte. „Hoffentlich macht es dir nichts aus, zu warten. Ich beeile mich.“

Sie führte Sasuke durch den Flur in den Wartebereich, einem bunt dekorierten Zimmer mit Bücherregalen, gerahmten Bildern und farbenfrohen Kinderzeichnungen. „Es dauert höchstens eine Viertelstunde. Meinst du, du hältst es so lange aus?“
 

Sasuke hatte sich bereits gesetzt und schaute aus dem Fenster. „Keine Sorge“, sagte er, ohne Rin anzublicken.

Rin verließ das Wartezimmer und kehrte in ihr Büro zurück.
 


 

Nachdem der Elfjährige von seiner Mutter abgeholt worden war, holte Rin einen Teller mit Keksen und eine Kanne Tee aus der Büroküche. Begleitet von Zetsu, dem Mischlingsrüden, ging sie mit Sasuke in ihr Büro. Sie setzten sich auf zwei der alten, abgenutzten Korbsessel. Das Rohr war vom Gezappel zahlreicher Kinder abgewetzt, was es aber nur umso gemütlicher machte. Zetsu begutachtete den Besucher aus schwarzen Knopfaugen und wurde pflichtschuldig von Sasuke gestreichelt, ehe er sich zu Füßen seines Frauchens niederlegte.
 

„Zetsu ist toll“, stellte Sasuke mit leuchtenden Augen fest.
 

„Meine Chefin hat es eigentlich nicht so gern, wenn ich ihn mitbringe, aber die Kinder lieben ihn, deswegen sagt sie nichts“, erklärte Rin lächelnd.
 

„Ich hatte auch mal einen Hund – Tobi –, aber das wissen Sie vermutlich bereits.“
 

Rin nickte mitfühlend. „Er muss dir sehr fehlen.“
 

„Schon“, sagte Sasuke. „Aber Tante Uruchi hätte Tobi sowieso nicht im Haus geduldet. Sie findet Tiere unhygienisch.“
 

Schweigend saßen sie eine Weile beisammen. Sasuke trank einen Schluck Tee und knabberte an einem Keks. Als ein Krümel zu Boden fiel, stand Zetsu auf, trabte zu ihm hinüber und leckte ihn auf. Sasuke suchte bei Rin mit einem Blick nach Zustimmung, dann fütterte sie dem kleinen Hund den restlichen Keks. Zetsu machte kurzen Prozess damit, bevor er sich neben Sasuke auf den Boden legte.
 

„Jetzt bist du sein Freund“, erklärte Rin.
 

„Welche Rasse ist das?“, erkundigte sich Sasuke.
 

„Ein Terrier-Mix.“ Rin sah den Jungen an. „Nun, Sasuke, gibt es etwas, worüber du sprechen möchtest?“ Bei vielen Kindern war aller Anfang schwer, doch bei dem schwarzhaarigen Jungen erwies es sich als besonders heikel, das Eis zu brechen, fühlte Rin.
 

„Nichts Besonderes“, erwiderte Sasuke.
 

„Wie geht es dir?“, bohrte sie sanft nach.
 

Sasuke zuckte lediglich die Achseln. „Das wissen Sie doch.“
 

„Nicht genau.“
 

„Wie würde es Ihnen denn gehen?“
 

„Ich weiß nicht“, sagte Rin.
 

„Wenn Ihre Eltern ermordet worden wären“, fuhr Sasuke mit einem Anflug von Feindseligkeit fort. „Wie würde es Ihnen da gehen?“
 

Auf Rin wirkte Sasukes Verhalten durchaus normal. Sie hatte schon häufig den Eindruck gehabt, dass ihre Anfangsfragen, mit denen sie den Ball ins Rollen bringen wollte, sich wie bei einem Nachrichtenreporter anhörten, der jemandem nach einer schrecklichen Tragödie auf die Pelle rückte. Die Brünette entschloss sich zu einer ehrlichen Antwort. „Ich komme mit meinen Eltern nicht gut aus.“
 

„Oh.“ Sasuke dachte nach. „Würde es dadurch schlimmer oder leichter?“
 

Rin schüttelte den Kopf und ein paar dunkelbraune Strähnen fielen ihr in die Stirn. „Schwer zu sagen. Ich hoffe, ich finde es nie heraus.“
 

„Das hoffe ich auch“, meinte Sasuke und schwieg einen langen Moment, ehe er sagte: „Ich bin mit meinen Eltern gut ausgekommen.“ Seine Stimme klang sanft.
 

„Das freut mich.“
 

„Ja.“

Rin ließ dem Jungen Zeit. Sasuke hielt den Kopf gesenkt, sodass man seine Augen nicht sehen konnte, doch er nagte an der Unterlippe. „Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass das alles geschehen ist“, sagte er nach einem Augenblick. „Ich meine… Ich war da… Ich habe sie gesehen.“ Er schluckte schwer. „Trotzdem warte ich ständig darauf, dass sie mich bei Tante Uruchi abholen. Wenn ich draußen ein Auto höre, renne ich zum Fenster und denke, jetzt kommt meine Mutter mich holen.“ Er blickte auf. In seinen Augen schimmerten Tränen.
 

Rin schwieg. Sie griff nach einer Packung Papiertaschentücher und reichte ihm die Box. Ohne eine Uhr und eine Schachtel Taschentücher kommt eine gute Sozialarbeiterin nicht aus, hatte sie ihm Studium gelernt. Rin hasste die Uhr. Es fiel ihr nicht leicht, sich in den Gesprächen mit den Kindern nach der Uhr zu richten. Sie fühlte sich dadurch eingeschränkt und überwacht. Dennoch achtete sie auf die Zeit, wenn ein Kind bei ihr war. Zudem hatte die Zeitbegrenzung eine wichtige Funktion; sie machte dem Gespräch und Rins Anteilnahme vorübergehend ein Ende, sobald sie die Aufzeichnungen angefertigt hatte. Es war wichtig für Rins Seelenhaushalt, zeitlichen Grenzen zu ziehen.

„Möchtest du über deine Mutter sprechen, Sasuke?“

Sasuke schüttelte den Kopf.

„Es könnte dir helfen.“
 

„Wirklich?“ Er klang skeptisch.
 

„Vielen Menschen hilft es, zu reden.“
 

„Ich werde meine Mutter nicht vergessen“, erklärte Sasuke.
 

„Das glaube ich dir.“
 

„Und Vater auch nicht. Er war…“ Sasuke zögerte kurz und leckte sich über die Lippen. „Sehr streng.“
 

Rin wartete einen Moment, ehe sie nachhakte. „Zu dir?“
 

Sasuke befeuchtete abermals die Lippen. „Itachi war sein Liebling. Ich konnte es ihm nie recht machen.“
 

Rin wandte keinen Blick von ihm. „Du hast von diesen Blitzen gesprochen, Sasuke.“ Der Junge rutschte unruhig auf dem Sessel hin und her. „Ist es dir unangenehm, darüber zu reden?“
 

„Ja.“
 

„Wir müssen es nicht, wenn du nicht willst.“
 

„Gut.“
 

„Vielleicht ein andermal.“
 

„Vielleicht.“
 

Sasuke griff nach seinem Saftglas. Zetsu setzte sich auf, bereit, in Aktion zu treten, falls der Junge sich einen weiteren Keks nahm.
 

„Darf ich ihm noch was geben?“, fragte er.
 

„Nur, wenn du auch etwas isst.“

Rin schaute zu, wie Sasuke einen Schokoladenkeks zerbrach, sich ein Stück davon in den Mund schob und den Rest in kleinen Brocken an Zetsu verfütterte. Er war liebevoll und trieb keine bösen Späße mit ihm. Rin achtete stets ganz genau darauf, wie junge Menschen mit Tieren umgingen.

„Fällt es dir schwer, zu essen?“, fragte sie nach einer Weile.
 

„Ein bisschen, glaube ich.“
 

„Das ist ganz normal unter den Umständen“, erklärte Rin. „Obwohl es Leute gibt, die sich nicht mehr bremsen können, wenn sie traurig sind.“
 

„Tante Uruchi sagt mir immer wieder, dass ich noch magersüchtig werde.“ Er verzog verärgert das Gesicht. „Aber sie isst auch nicht mehr als ich.“
 

„Ihr solltet euch beide an leichte Dinge halten. Ich selbst esse lieber ein Sandwich als eine richtige Mahlzeit, wenn ich unter Druck stehe.“

Sasuke setzte zu einer Erwiderung an, hielt dann jedoch inne.

„Was wolltest du sagen?“, fragte Rin.
 

„Gestern, als wir draußen waren, haben Sie gesagt, Sie würden auch diese Blitze sehen.“ Sasuke überlegte. „Und dass Sie sie Schnappschüsse nennen.“
 

„Weil sie für mich so aussehen.“
 

„Unsicher tastete Sasuke sich voran. „Ist Ihnen mal etwas Schlimmes passiert? Ist das der Grund, weshalb Sie diese Schnappschüsse sehen?“
 

Rin antwortete fest: „Ich hatte keine leichte Kindheit. Jetzt geht es mir wieder gut. Aber ich glaube, wir alle tragen auf die eine oder andere Weise böse Dinge mit uns herum, die wir früher erlebt haben.“
 

„Ich hasse sie!“, brach es aus ihm hervor. „Diese Blitze, meine ich.“

Gestern hatte Sasuke gesagt, er sähe die Blitze schon seit langer Zeit. Dies und das Wenige, das Rin von Uruchi Uchiha über Sasukes Vergangenheit erfahren hatte, weckte in ihr den Wunsch, mit dem Jungen in dessen Kindheit zurückzukehren. Doch sie wusste, dass sie einen solchen Schritt behutsam angehen musste. Sasuke Uchiha wollte reden, da war Rin sicher, aber den Zeitpunkt würde er selbst bestimmen.

„Die Polizei ist schon wieder zu uns gekommen“, sagte Sasuke plötzlich.
 

Rin war verdutzt. „Wann?“ Als sie mit Obito Uchiha telefoniert hatte, hatte dieser nicht erwähnt, dass er Uruchi Uchiha noch einmal aufsuchen wollte.
 

„Heute Morgen“, antwortete Sasuke.
 

„Und was wollten die Polizisten?“
 

„Sie haben uns eine Menge Fragen gestellt.“ Er schwieg. „Tante Uruchi hat sich furchtbar aufgeregt und mir gesagt, ich solle das Zimmer verlassen.“
 

„Deine Tante will dich beschützen.“
 

„Ich weiß. Inspector Uchiha hat gemeint, ich könne gehen. Ich… ich habe gehört, wie Tante Uruchi ihm Vorwürfe gemacht hat. Es sei ungeheuerlich, dass die Polizei mich wie einen Verdächtigen behandele.“ Sasuke sah auf Zetsu, streichelte ihn. „Ich hätte nicht lauschen sollen.“
 

„Ich kann das verstehen“, versicherte Rin. „Ich mag es auch nicht, wenn die Leute hinter meinem Rücken über mich reden.“
 

Sasuke blickte wieder zu ihr auf. „Sie glauben doch nicht, dass ich verdächtigt werde, oder?“ Rin hörte das leiseste Zittern in seiner Stimme, das Flehen in seinem Blick war offenkundiger. „Sie glauben doch nicht, dass man mir so etwas Schlimmes zutraut, oder?“
 

Rin entschloss sich, die Wahrheit zu sagen. „Ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen.“
 

„Ich habe gar nicht kapiert, warum Tante Uruchi sich so aufgeregt hat“, fuhr Sasuke fort. „Sie ist richtig wütend geworden.“
 

„Ich kann deine Tante verstehen.“

Abermals schwiegen sie. Rin ließ eine Weile verstreichen. Innerlich zog sie einen Schlussstrich unter das Thema. Die Minuten vergingen. Trotz ihrer Abneigung, auf die Zeit zu achten, wusste Rin auch ohne einen Blick auf die Uhr stets ziemlich genau, wie spät es war. Es blieb noch genügend Zeit, obwohl sie die Absicht hatte, früher Schluss zu machen und mit Sasuke und Zetsu in den an das Jugendamt angrenzenden Park zu gehen, um in der Sonne zu sitzen. Sie wollte Sasuke nicht überfordern. Der Junge sollte gern zu ihr kommen. Eine Sache allerdings gab es noch, die sie ansprechen wollte.

„Du hast erzählt, dass du schon mal bei einem Therapeuten warst.“
 

„Hmm.“
 

„Und du hast gesagt, du hättest kein Vertrauen zu ihm gehabt.“
 

„Habe ich das?“
 

„Ja.“
 

Sasuke zögerte. „Er hat alles aufgenommen.“
 

„Und das hat dir nicht gefallen?“
 

„Nein.“ Augenblicklich wirkte er zurückhaltend. „Sie nehmen doch nicht auf, was ich sage?“
 

„Nein.“
 

Sasuke blickte auf den Schreibblock, der auf Rins Schoß lag. „Sie haben auch nichts aufgeschrieben.“
 

„Stimmt. Notizen mache ich nur manchmal. Wenn es etwas Wichtiges gibt und ich Angst habe, dass ich es vergessen könnte. Aber eigentlich habe ich ein ziemlich gutes Gedächtnis. Ich mache mir ein paar Notizen, wenn du gegangen bist, und bei deinem nächsten Besuch – vorausgesetzt, du möchtest wiederkommen – werfe ich vielleicht einen Blick darauf, was ich mir beim letzten Mal aufgeschrieben habe. Bist du damit einverstanden?“
 

„Ich glaube schon.“
 

Offenbar war er mit Rins Erklärung zufrieden, aber die Leichtigkeit war verflogen. Rin spürte, dass Sasuke neue Barrieren errichtete. Sie wusste, dass er mit dem Therapeuten irgendein heikles Thema angesprochen hatte, und beschloss, auf sicheren Boden zurückzukehren, ehe Sasuke abgeholt wurde.

„Ich hoffe wirklich, du hast das Gefühl, mir vertrauen zu können, Sasuke.“
 

„Das hoffe ich auch“, antwortete er.
 


 

Fünf Minuten später, früher als verabredet, klopfte Uruchi Uchiha an der Tür. Sie wirkte hektisch und schien es nicht erwarten zu können, ihren Neffen mitzunehmen. Rin zweifelte nach einem solchen Termin oft, ob die Kinder – oder ihre Eltern oder Betreuer – Vertrauen zu ihr hatten und ob sie wiederkommen wollten, wenn sie selbst darüber entscheiden dürften. Das war ihr sehr wichtig. Doch wenn sie ehrlich mit sich war, musste sie zugeben, dass sie sich um ihre anderen Kinder nicht so viele Gedanken machte wie um Sasuke Uchiha.

Mittwoch, 19. Juli, 12:16 Uhr

Am frühen Nachmittag betraten Obito Uchiha und Inspector Kōtarō Fūma den Garten des Hauses in Tanzakugai. Es war unangenehm schwül und die Luft wimmelte von kleinen Insekten, dennoch war Obito froh, dem Gestank des Blutes entronnen und für einen Augenblick an der frischen Luft zu sein. Er fragte sich, weshalb das Opfer, Hiruzen Sarutobi, ein neunundsechzigjähriger, geschiedener Psychotherapeut, keine Fliegengitter vor seinen Fenstern aufgezogen hatte. Allerdings hätte ihn auch der beste Fliegendraht nicht vor der dünnen, scharfen Waffe geschützt, die seine linke Schläfe durchbohrt hatte.
 

„Was hältst du von der Sache?“, fragte Obito seinen Partner.
 

„Du bist der Chef. Was glaubst du?“

Fūma hatte ein intelligentes Gesicht, stechend hellbraune Augen, die von dichten Brauen gekrönt wurden, und kurzes, braunes Haar. Der kräftig gebaute Mann war beinahe so groß wie Obito, der mit seinen ein Meter zweiundachtzig nicht gerade klein war. Er hatte stets eine feste Meinung, war jedoch eher ruhig, und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit.
 

„Ist noch zu früh, um was zu sagen.“
 

„Ich wette, hier war der gleiche Typ am Werk“, brummte Fūma.
 

„Ich wette nie“, erinnerte ihn Obito.
 


 

Der Anruf des Gerichtsmediziners, der fünf Tage zuvor im Haus der Uchihas im Einsatz gewesen war, hatte Obito überrascht. Erstens war es purer Zufall, dass man den gleichen Arzt zu den beiden Mordfällen gerufen hatte. Zweitens erfuhren die ermittelnden Kriminalbeamten für gewöhnlich erst sehr viel später, wenn einem Arzt in zwei verschiedenen Kriminalbezirken Ähnlichkeiten zwischen zwei Mordfällen auffielen. Außerdem hätte Obito normalerweise darauf warten müssen, dass die andere Polizeibehörde – in diesem Fall die der Stadt Tanzakugai – bereit war, Informationen von Bedeutung an die Polizei von Konoha weiterzuleiten. Der leitende Gerichtsmediziner jedoch, ein großer, schlaksiger Mann, verließ sich lieber auf seinen gesunden Menschenverstand, und da ihm die Ähnlichkeit zu den Morden an dem Ehepaar Uchiha sofort ins Auge gefallen war, hatte er keinen Grund gesehen, warum er den Mann, der die Ermittlungen im Konoha-Fall leitete, nicht darauf aufmerksam machen sollte. Er hatte die zuständigen Kriminalbeamten aus Tanzakugai gebeten, Obito Uchiha kommen zu lassen, damit er einen Blick auf den Tatort werfen konnte.

Obito und Fūma waren von dieser Entwicklung dermaßen überrascht, dass sie keinen Augenblick zögerten, das Angebot anzunehmen. Und tatsächlich sah die Wunde des Ermordeten so aus, als wäre sie mit einem Kunai zugefügt worden.
 

„Glauben Sie, es handelt sich um die gleiche Tatwaffe?“, fragte Obito den Pathologen, als dieser aus dem Haus trat und sich zu ihm und Fūma gesellte.
 

„Das lässt sich noch nicht sagen.“ Der Pathologe wischte sich die schweißnasse Stirn mit einem Taschentuch ab und zündete sich eine Zigarette an. Für einen Arzt setzte er sich über ziemlich viele Gesundheitsregeln hinweg; er rauchte bei jeder Gelegenheit, aß unregelmäßig und trank zu viel Sake, doch seine Mitmenschen waren sich einig, dass der Mann, der den Großteil seines Tages in der Gesellschaft von Leichen verbrachte, ein ausgesprochen angenehmer Mensch war.
 

„Wann ist der Tod eingetreten?“, fragte Obito.
 

„Der Mann ist seit ungefähr acht Stunden tot.“ Der Gerichtsmediziner schaute auf die Uhr. „Also seit etwa vier Uhr heute Früh.“ Er fächerte sich mit seinem Notizblock Luft zu. „Was haben wir heute für ein Waschküchenwetter?! Und drinnen ist es auch nicht besser.“
 

„Die Klimaanlage ist kaputt.“

Fūma hatte sich im Haus ein wenig umgesehen und versucht, irgendetwas herauszubekommen, ohne seine Kollegen zu verärgern. Das Opfer, so hatte er erfahren, war von einer Nachbarin aufgefunden worden, nachdem zum zweiten Mal ein Patient des Therapeuten bei ihr geklingelt und gefragt hatte, wo Dr. Sarutobi sei. Der Patient, ein Teenager, war vernommen und nach Hause geschickt worden, während die beinahe hysterische Nachbarin von einer Streifenbeamtin, die als Erste am Haus eingetroffen war, in ihre Wohnung begleitet und mit einer Tasse Tee versorgt worden war.
 

„Ist Ihnen sonst noch was aufgefallen?“, fragte Obito den Pathologen.

Obwohl in diesem Fall längst nicht so viel Blut geflossen war wie im Schlafzimmer der Uchihas, gab es eine kurze, knapp einen Meter lange Blutspur von der Couch aus, auf der man Sarutobi gefunden hatte. Womöglich war es von der Klinge getropft, ehe der Mörder sie hatte abwischen können. Von der Waffe selbst und dem Stoff, mit dem er das Blut möglicherweise abgewischt hatte, gab es noch immer keine Spur. Außerdem deutete nichts darauf hin, dass der Täter sich gewaltsam Zutritt zum Haus verschafft hatte. Die Hintertür stand weit offen und bis auf einen zerschlagenen Computer gab es keine Sachschäden.
 

Der Pathologe blickte auf seinen Notizblock, obwohl er auch alles aus dem Gedächtnis hätte aufsagen können. „Ein einziger Schnitt, direkt durch die Temporalarterie.“
 

„Also ist ihm jemand sehr nahe gekommen“, stellte Fūma fest.
 

„Und es gab keinerlei Anzeichen für einen Kampf“, fügte Obito hinzu.
 

„Erliegt auf der Couch“, meinte der Pathologe. „Vielleicht hat er geschlafen.“
 

„Aber der Fernseher war nicht eingeschaltet“, wandte Obito ein. „Die meisten Menschen schlafen nur dann auf der Couch ein, wenn der Fernseher läuft.“ Er überlegte. „Vielleicht war er nicht allein auf der Couch.“
 

„Möglich“, sagte der Gerichtsmediziner. „Vielleicht hatte er jemanden an sich gekuschelt, der ein Kunai in der Tasche hatte.“
 

„Sofern sie angezogen waren“, meinte Fūma.
 

„Er hatte Kleider an“, gab Obito zu bedenken.
 

„Der Täter hätte das Kunai unter einem Kissen versteckt haben können“, sagte Fūma.
 

„Sind Sie sicher, dass es ein Kunai war?“, wandte sich Obito an den Arzt.
 

„Soweit man es bis jetzt beurteilen kann, ja. Auf jeden Fall etwas Ähnliches wie ein Kunai, ebenso wie im Fall der Uchihas.“
 

„Also vielleicht dieselbe Tatwaffe“, resümierte Fūma. „Eine Waffe, die dem kleinen Uchiha gehört.“
 


 

Gegen drei Uhr nachmittags ließ die Betriebsamkeit am Tatort allmählich nach. Obito hielt es für besser, dass Fūma und er aufbrachen, schließlich wollten sie die Kollegen aus Tanzakugai nicht verärgern. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit beendet, die notwendigen Fotos geschossen und der Leichnam war sorgfältig auf jeden Hinweis untersucht worden, der auf dem Transport in die Pathologie womöglich hätte zerstört werden können. Die Kriminalbeamten durchforsteten die Patientenkartei des Ermordeten und befragten die Nachbarn, obwohl es unwahrscheinlich war, dass jemand um vier Uhr nachts etwas gehört oder gesehen hatte, was die Ermittlung hätte weiterbringen können. Da offenbar kein Kampf stattgefunden hatte, war die Hoffnung der Beamten, Zeugen zu finden, praktisch gleich null, schließlich machte ein Kunai, das in die Schläfe eines vermutlich schlafenden Mannes gestoßen wurde, kaum einen Laut. Und was die Geräusche beim Zertrümmern eines Computers betraf, war nicht zwangsläufig damit zu rechnen, dass sie jemanden außerhalb des Hauses weckten.
 

Kurz nach halb vier trat Fūma in das Schlafzimmer von Dr. Sarutobi, wo er Obito antraf. „Glaubst du, dass die Klimaanlage absichtlich manipuliert wurde?“, fragte Fūma.
 

„Damit Sarutobi die Fenster offen lassen musste?“ Obito schüttelte den Kopf.
 

„Er hätte eigentlich so schlau sein müssen, die Tür nicht zu öffnen“, meinte Fūma.
 

„Hat man auf der Klimaanlage Fingerbadrücke gefunden?“, fragte Obito.
 

„Keinen einzigen.“ Fūma blickte Obito an. „Worin also besteht die Verbindung zum Fall Uchiha?“
 

„Wir wissen noch nicht genau, ob in beiden Fällen dieselbe Tatwaffe benutzt wurde“, erinnerte Obito ihn.
 

„Zweimal in einer Woche ein Kunai?“ Fūma klang skeptisch.
 

„Ja, ich weiß.“ Auch Obito glaubte nicht an Zufälle.
 


 

Während die Kollegen aus Tanzakugai sich mit Leben und Tod von Hiruzen Sarutobi beschäftigten, fuhren Obito und Fūma ins Uchiha-Viertel. Die Frage war, wo Uruchi Uchiha und ihr Neffe sich in der vergangenen Nacht aufgehalten hatten. Uruchi Uchihas Antwort fiel aus wie erwartet: „Hier. Zu Hause. Wo hätten wir sonst sein sollen?“

Sie standen im Wohnzimmer. Uruchi Uchiha hatte den beiden Kriminalbeamten keinen Sitzplatz angeboten. Obito verstand das als deutlichen Hinweis, dass sie so schnell wie möglich wieder gehen sollten.
 

„Sind Sie sicher, dass Sasuke die ganze Nacht hier war?“, fragte Fūma.
 

„Natürlich“, entgegnete Uruchi konsterniert.
 

„Schlafen Sie denn mit Ihrem Neffen in einem Zimmer?“
 

„Nein“, antwortete sie. „Aber ich habe die ganze Nacht wieder kein Auge zugetan, deshalb weiß ich auch genau, dass Sasuke die gesamte Zeit in seinem Zimmer war.“
 

„Sie waren die ganze Nacht wach, Uchiha-san?“

Obito ließ Fūma weitermachen, obwohl er persönlich keinerlei Zweifel an ihrer Aussage hatte. Uruchi Uchiha sah grässlich aus.
 

„Inspector, seit mein Bruder und seine Frau ermordet wurden, habe ich nicht mehr als ein paar Stunden geschlafen“, erklärte sie Fūma. „Mein Arzt hat mir zwar Tabletten verschrieben, aber die machen mich ganz benommen. Das mag ich nicht.“
 

„Also hätten Sie bemerkt, wenn Sasuke sein Zimmer oder gar das Haus verlassen hätte?“
 

„Ja, das hätte ich.“ Uruchi Uchiha warf Obito einen bösen Blick zu. „Was soll das Ganze?“
 

„Das sind Routinefragen“, erklärte Obito. „Hätten Sie etwas dagegen, dass wir Ihrem Neffen auch ein paar Fragen stellen?“
 

„Ja, ich hätte etwas dagegen“, sagte Uruchi aufbrausend, senkte dann jedoch die Stimme und zischte: „Wollen Sie, dass der Junge zusammenklappt? Nur weil bei Ihnen alles nach Scheme F laufen muss…“
 

„Nur eine Frage noch, Uruchi-san“, lenkte Obito ein. „Kennen Sie einen Mann namens Hiruzen Sarutobi?“
 

„Nein, ich glaube nicht. Wer ist das?“
 

„Ein Psychotherapeut“, erwiderte Obito.
 

„Aber ich kenne ihn.“
 

Obito, Fūma und Uruchi Uchiha fuhren erschrocken herum. Sasuke hatte das Zimmer betreten. Er trug abermals eine Jeans, dazu ein dunkelblaues Shirt und keine Schuhe. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, die Obito zuvor noch nicht bei ihm gesehen hatte. Ansonsten wirkte er den Umständen entsprechend gefasst. Obito fragte sich, wie lange Sasuke bereits an der Tür gestanden und ihnen zugehört hatte. Da er barfuß war, war nicht verwunderlich, dass niemand ihn bemerkt hatte. Dennoch störte es Obito, wie Sasuke sich leise, fast schon verstohlen angeschlichen hatte. Zudem weckte es Zweifel an Uruchi Uchihas Behauptung, ihr wäre aufgefallen, wenn Sasuke sein Zimmer oder das Haus verlassen hätte.
 

Obito lächelte den Jungen an. „Hallo Sasuke, möchtest du dich nicht setzen?“
 

„Nein, danke.“
 

Alle standen verlegen herum; einzig Fūma schien ungerührt.
 

„Die Polizisten wollen wissen, wo wir letzte Nach gewesen sind.“ Uruchi Uchiha, deren Stimme vor Zorn bebte, schien entschlossen, dem nächsten Schritt der Beamten zuvorzukommen. „Natürlich habe ich ihnen gesagt, dass wir im Bett waren.“
 

Obito und Fūma beobachteten Sasuke schweigend.
 

„Warum wollen Sie das wissen?“, fragte Sasuke Obito schließlich. „Und was hat das mit Dr. Sarutobi zu tun?“
 

„Er wurde letzte Nacht ermordet“, erklärte Fūma.
 

„Wie?“ Sasukes Gesicht war ausdruckslos.
 

„Er wurde erstochen.“
 

„Wie schrecklich“, sagte er und wurde mit einem Mal kalkweiß.
 

„Willst du dich nicht doch setzen, Sasuke?“, fragte Obito.
 

Schweigend ließ der Junge sich aufs Sofa sinken. Rasch setzte Uruchi sich neben ihn. Da Obito und Fūma kein Platz angeboten worden war, blieben sie stehen.
 

„Warum…“ Uruchi hielt inne. Ihr Gesicht wirkte noch verhärmter als zuvor, mit aufgerissenen Augen starrte sie Obito an. „Was hat der Tod dieses Mannes mit uns zu tun?“
 

„Wie wir schon sagten“, wiederholte Fūma, „alles nur Routine.“
 

„Ich kann es nicht fassen“, rief Uruchi Uchiha aus und schüttelte den Kopf, sodass sich vereinzelte Haare aus ihrem festen Knoten lösten.
 

„Schon gut, Tante Uruchi“, sagte Sasuke.
 

„Du sagst, du hast Hiruzen Sarutobi gekannt?“, fragte Obito den Jungen.
 

Er nickte. „Aber nur kurz.“ Er sprach langsam und so leise, dass man ihn kaum verstehen konnte. „ich wusste, dass er Therapeut war.“
 

„Und woher?“, fragte Fūma.
 

„Ich war mal bei ihm in einer Sitzung“, erklärte er und sah seine Tante an, die mit zusammengepressten Lippen dasaß.
 

„Zu einer Therapiestunde?“, fragte Fūma nach, und Sasuke nickte.
 

„Kannst du uns sagen, warum?“, wollte Obito wissen.
 

„Nein, das kann sie nicht!“, fuhr Uruchi Uchiha dazwischen.
 

„Ist schon gut“, beschwichtigte Sasuke sie erneut. Dann blickte er Obito an. „Ich bin zu ihm gegangen, weil mein Vater es so wollte.“
 

„Und warum wollte er das?“
 

„Antworte nicht, Sasuke.“ Uruchi Uchiha stand auf. „Tut mir leid, aber ich finde, mein Neffe sollte jetzt keine weiteren Fragen mehr beantworten.“
 

„Aber ich habe doch nichts zu verbergen, Tante Uruchi.“
 

„Das weiß ich.“ Uruchi Uchiha hielt ihren zornigen Blick unbeirrt auf Obito gerichtet, während sie Fūma ignorierte. „Braucht mein Neffe einen Anwalt, Inspector Uchiha?“ Sie schnaubte wutentbrannt. „Es ist unglaublich, dass ich diese Frage stellen muss, aber sie scheint mir jetzt angebracht.“
 

Obito erwiderte ihren Blick. Die Frau hatte anfangs so verletzlich gewirkt, doch kaum hatte sie in voller Tragweite erfasst, weshalb die beiden Beamten sie erneut zu Hause aufgesucht hatten, schien sie Haltung und Kraft wiedergefunden zu haben.
 

„Unsere Fragen sind reine Routine“, wiederholte Fūma.
 

Uruchi wandte sich ihm zu. „Ist es wirklich Routine, einem Kind, das gerade seine Eltern verloren hat, so zuzusetzen? Einem Kind, das die Hölle auf Erden erlebt?“
 

Fūma bewahrte die Ruhe, wie immer, wenn es heikel wurde. „Ja“, bestätigte er. „Unter diesen Umständen ist das leider so.“
 

„Dann kann ich Ihre Methoden nur als barbarisch bezeichnen.“
 

Insgeheim musste Obito ihr zustimmen.

Donnerstag, 20. Juli, 10:57 Uhr

Gegen elf saß Rin gemeinsam mit Samui in der Büroküche und trank eine Tasse Kaffee, als Obito Uchiha anrief.
 

„Wir stehen vor einer neuen Entwicklung und ich finde, Sie sollten darüber Bescheid wissen, Nohara-san“, erklärte er.
 

„Welche Entwicklung?“, fragte Rin, die den Anruf auf ihrem privaten Handy entgegennahm. Samui schnappte sich ihre Kaffeetasse, schenkte Rin zum Abschied eine La-Ola-Welle ihrer Finger und ging aus der Küche hinaus.
 

„Vielleicht steht beides gar nicht in Zusammenhang“, sagte Obito, „aber da ich bereits mit Sasuke und seiner Tante darüber sprechen musste, sollten Sie meiner Meinung nach ebenfalls darüber informiert sein.“

Er berichtete ihr von dem Mord an Hiruzen Sarutobi, dem Psychotherapeuten, der vorübergehend auch Sasuke behandelt hatte. Rin war erschüttert, und als ihr der Beamte – streng vertraulich – mitteilte, dass es sich bei der Tatwaffe erneut um eine kunaiähnliche Klinge gehandelt haben könnte, bekam sie eine Gänsehaut.

„Wussten Sie, dass Sasuke früher mal bei einem Therapeuten war?“
 

„Er hat es erwähnt.“ Rin gab sich alle Mühe, ihr Entsetzen zu verbergen. „Den Namen hat er mir allerdings nicht gesagt.“
 

„Es war Hiruzen Sarutobi“, sagte Obito. „Das hat Sasuke selbst zugegeben. Wissen Sie, warum der Junge behandelt wurde?“
 

„Nein.“
 

„Und wenn doch, würden Sie es mir wahrscheinlich nicht sagen.“
 

„Wahrscheinlich nicht“, gab Rin zu.
 

„Jedenfalls mussten wir Uruchi Uchiha und Sasuke gestern einen Besuch abstatten und ihnen die üblichen Routinefragen stellen. Die gute Dame hat sich ziemlich aufgeregt.“
 

„Was für Fragen“, fiel Rin ihm ins Wort.
 

„Reine Routine.“
 

„Das haben Sie bereits gesagt“, setzte Rin nach. „Hat Sasuke sich auch aufgeregt?“
 

„Nur im ersten Augenblick“, erwiderte Obito. „Anschließend war sie ziemlich ruhig, zumindest an der Oberfläche. Jedenfalls…“, fuhr er unbeirrt fort, als hätte Rin ihn nicht unterbrochen, „könnte es durchaus nützlich sein, wenn Sie sich noch mal mit den beiden treffen.“
 

„Nützlich für wen?“
 

Obito entging die Spitze nicht. „Ich will Sie nicht als Polizeispitzel benutzen.“
 

„Sind Sie da sicher?“
 

„Sie haben offenbar das Vertraue von Sasuke und seiner Tante“, erklärte er unbeeindruckt. Obwohl Sasuke äußerlich ruhig wirkte, habe ich das Gefühl, dass er jede Hilfe gebrauchen kann.“
 

„Dann erwarten Sie also nicht, dass ich Ihnen Bericht erstatte?“, fragte Rin.
 

„Sind Sie immer so misstrauisch?“
 

„Meistens“, antwortete Rin.

Ihre Wangen glühten, als sie auflegte. Dass sie Inspector Uchiha so angegriffen hatte, lag zum Teil an ihrem schlechten Gewissen, weil sie ihm etwas verschwieg. Was hatte Sasuke noch über den Therapeuten gesagt? Dass er kein Vertrauen zu ihm gehabt hatte, weil er ihre Gespräche aufgenommen hatte.

Eigentlich hatte Rin Obito Uchiha die ganze Zeit fragen wollen, ob die Unterlagen des Therapeuten in irgendeiner Weise zu Schaden gekommen waren, ob sie gestohlen oder zerstört worden waren. Aber sie hatte kein Wort davon gesagt. Schließlich unterlag sie der Schweigepflicht, und objektiv betrachtet stimmte das natürlich, dennoch fühlte sie sich von widersprüchlichen Empfindungen hin und her gerissen – von ihrer Loyalität gegenüber Sasuke Uchiha und der vor dem Gesetz. Und dieses Gefühl war keineswegs angenehm.
 


 

Rin scrollte gerade durch ihre Kontakte nach der Telefonnummer von Uruchi Uchiha, während Zetsu, zum Spielen aufgelegt, mit seinem roten Ball im Maul durchs Büro lief, als erneut das Telefon klingelte.
 

„Hallo Rin, ich bin’s“, sagte Ren.
 

„Hallo Schwesterherz“, grüßte Rin und lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück. Ihre Schwester Ren, die mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Kyoto lebte, rief nur äußerst selten zur Bürozeit bei ihr an. „Ist alles in Ordnung?“
 

„Papa hat angerufen“, erklärte Ren ohne Umschweife. Rins Magen verknotete sich.
 

„Asaki hat angerufen?“ Rin nannte ihren Vater nicht mehr Papa, seit Ren und sie vor vielen Jahren aus der Tokioter Kommune, der ihre Eltern angehörten, geflüchtet waren. „Er ruft doch sonst nicht an.“
 

„Mama hat Krebs“, sagte Ren. „Sie muss operiert werden.“
 

„Welche Art von Krebs?“
 

„Ich weiß es nicht. So eine Frauensache, hat Papa gesagt.“ Ren schwieg. „Er möchte, dass wir nach Hause kommen.“
 

Rin schloss die Augen und holte tief Luft. Ein leiser, dumpfer Laut zeugte davon, dass Zetsu den Ball hatte fallen lassen. Rin schlug die Augen wieder auf. Der schwarz-weiße Mischlingsrüde saß vor ihr und blickte sie erwartungsvoll an.

„Wie geht es dir damit?“, fragte Rin leise.
 

„Ich weiß es nicht“, antwortete Ren. „Wie steht’s mit dir?“
 

„Ich weiß es auch nicht.“

Rin konnte nicht einschätzen, welches Gefühl die Erkrankung ihrer Mutter in ihr wachrief. Seltsamerweise hatte ihre erste Frage nicht gelautet, wie schlimm es um ihre Mutter stand. Andererseits hatte sie kein Verhältnis zu ihren Eltern, das in ihr den Wunsch weckte, alles stehen und liegen zu lassen und nach Tokio zu eilen, wenn einer der beiden krank wurde. In Wahrheit hatte sie zu ihren Eltern überhaupt kein Verhältnis mehr.
 

Vor vielen Jahren waren Rin und Ren vor ihren Eltern nach Konoha geflüchtet und zumindest Rin hatte seitdem nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen. Ren war knapp ein Jahr älter als Rin, doch immer wieder war sie es gewesen, die bei Rin Trost gesucht und Kraft geschöpft hatte, wenn sie von ihrem Vater geschlagen oder ihr Schlimmeres angetan worden war. Asaki Nohara hatte sich als Zielscheibe seiner Wutausbrüche stets Ren erwählt, die sanftere und mitfühlendere der beiden Schwestern. Rin hingegen, die Jüngere, Stürmischere und weniger Anpassungsbereite, war weitestgehend von ihm verschont geblieben – sah man von den violetten Tätowierungen auf ihren Wangen ab.
 

Jahre später stellte Rin es gerne so dar, als wäre sie Ren nach Konoha gefolgt, dabei war es umgekehrt gewesen. Die Idee stammte von Rin und war ihr gekommen, als sie eine Klassenkameradin von Onkel und Tante schwärmen hörte, die im fernen Konoha lebten. Von diesem Augenblick an erging sich Rin in Fantasien, nach Konoha zu ziehen, fort von einem Vater, der seine Tochter missbrauchte und misshandelte, und einer Mutter, deren Verbrechen darin bestand, dass sie nie die Stimme erhob oder eine Hand rührte, um ihre Töchter zu schützen.
 

Rin hatte die Flucht geplant und eines Nachts waren sie geflohen. Jede hatte lediglich einen Rucksack bei sich gehabt, doch erst als sie ihre Schwester in der Dunkelheit vor der Tür stehen gesehen hatte, das Gesicht eingefallen, aber entschlossen, hatte Rin begriffen, dass es kein Zurück mehr gab.

„Wenn du bleibst, stirbst du“, hatte Rin damals geflüstert. „Vielleicht nicht körperlich, aber innen drin.“

Ren war mitgegangen. Keine Fragen. Kein Zögern.
 

Auf dem Kopfkissen hatten sie eine Botschaft hinterlassen, dass, wenn ihre Eltern sie unbehelligt gehen ließen, sie sie nicht anzeigen würden. Asaki hatte es Erpressung genannt, doch Rin bezeichnete es als Kompromiss. Es war das erste Mal gewesen, dass sie Psychologie eingesetzt hatte, um eine traumatische Situation zu beenden, auch wenn ihr letztlich klar war, dass es nur funktioniert hatte, weil den Eltern nichts an Rin und Ren lag. Dennoch war Rin stolz auf ihren Erfolg, insbesondere, als sie gesehen hatte, wie die sechzehnjährige Ren aufgeblüht war, nachdem sie Asaki Nohara hinter sich gelassen hatten. Die neue Ren hatte darauf bestanden, dass Rin weiter zur Schule ging. Sie – Ren – hatte sich einen Job gesucht und hart gearbeitet, damit Rin, die klügere und ehrgeizigere der Schwestern, die Highschool abschließen und auf die Universität hatte gehen können.
 

Seit ihrer Flucht aus Tokio hatte Rin Asaki nicht wiedergesehen und ihre Mutter nur einmal, als sie vor sechs Jahren unangekündigt mit dem Bus eingetroffen war, zerschlagen und erschöpft. Obwohl sie eine Pause von ihrem Ehemann dringend nötig gehabt hatte, war ihre Mutter letztlich nur von der Absicht getrieben gewesen, ihren Töchtern ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie die eigene Mutter im Stich gelassen hatten. Sie schien ernsthaft überzeugt, dass sie keinerlei Schuld trug und dass es die Pflicht der Mädchen gewesen wäre, um ihrer Mutter willen zu Hause zu bleiben und den Schmerz und die Angst zu ertragen. Rin hatte schnell erkannt, dass, wenn es um die geheimsten Winkel der Seele ging, keine Logik und nur wenig Gerechtigkeit herrschte.
 

„Hat Asaki gesagt, wie krank Riko ist?“, fragte Rin jetzt.
 

„Nein“, antwortete Ren. „Nichts Genaues. Ich habe ihn gefragt, ob ich mit Mama sprechen kann, aber sie war nicht in der Lage, ans Telefon zu kommen. Oder er wollte sie nicht mit mir reden lassen.“ Sie klang zwar ruhig, doch in ihrer Stimme schwang eine Spur der alten Bitterkeit mit. „Als ich mich erkundigte, was für eine Operation gemacht werden soll, wollte er mir nicht antworten, also fragte ich rundheraus, ob es sich um eine Hysterektomie handelt, aber das war dann schon wieder zu viel.“
 

„Ist er wütend geworden?“
 

„Beinahe. Er war beleidigt und erklärte, er habe seine Pflicht und Schuldigkeit getan, indem er uns Bescheid gesagt hat. Jetzt sei es an uns. Er hielte es aber für unsere Pflicht, zu kommen.“ Ren hielt kurz inne. „Ich glaube, er möchte im Grunde nur jemanden, der ihm die Last abnimmt und sich nach der Operation um Mama kümmert.“
 

„Aber dieser Jemand bist sicher nicht du!“, warf Rin rasch ein, um jedes Schuldgefühl im Keim zu ersticken. „Du hast eine Familie, um die du dich kümmern musst. Unsere Eltern gehören da sicher nicht dazu, nur weil Asaki Nohara mal nach zwölf Jahren anruft.“
 

„Das weiß ich“, erklärte Ren leise. „Ich habe auch nicht gesagt, dass ich fahren werde.“
 

„Gut!“ Die Wut, die plötzlich in Rin aufbrandete, machte sie beinahe schwindelig. Sie schloss die Augen und dachte an ihre Mutter, stellte sich vor, wie sie krank und verängstigt im Krankenhaus lag und nach der Operation zu Hause niemand anders auf sie wartete als dieses Arschloch von einem Ehemann. „Scheiße“, stieß sie zornig hervor und schlug die Augen wieder auf.
 

„Alles in Ordnung, Imōto?“
 

„Ja, ich glaube schon.“ Sie wusste selbst, dass ihre Stimme sie Lügen strafte. „Mir ist nur gerade klar geworden, dass ich dich vor Schuldgefühlen wegen Riko bewahren will, aber meine eigenen Gefühle selbst nicht abstellen kann.“
 

„Du bist auch nur ein Mensch“, gab Ren zu bedenken. „Also, was tun wir?“
 

„Ich finde, wir sollten noch abwarten“, sagte Rin. „Außerdem haben wir andere Verpflichtungen.“ Sasuke Uchiha kam ihr in den Sinn. „Ich zum Beispiel muss gleich jemanden anrufen.“
 

„In Ordnung“, sagte Ren. „Bleibt es bei diesem Wochenende?
 

Bei dem Gedanken, zwei Tage mit ihrer Schwester, ihrem Schwager und ihren beiden Neffen in Kyoto zu verbringen, wurde es Rin warm ums Herz. „Das lasse ich mir nicht entgehen“, sagte sie.
 


 

Uruchi Uchiha reagierte am Telefon ausweichend, fast schon feindselig, was aber wohl daran lag, dass sie Rin mittlerweile mit Obito Uchiha und den anderen Polizeibeamten von Konoha in Verbindung brachte. Da sich durch den Mord an Hiruzen Sarutobi der Verdacht gegen ihren Neffen erhärtet hatte, konnte Rin ihr das nicht einmal verübeln. Allerdings, gestand sie sich widerstrebend ein, konnte sie es Obito Uchiha ebenso wenig verübeln, dass er tat, was der Steuerzahler von ihm erwartete.

Freitag, 21. Juli, 10:09 Uhr

Um ein neues Treffen mit Sasuke zu vereinbaren, hatte Rin am nächsten Morgen zwei Hürden zu bewältigen. Erstens musste sie Uruchi Uchiha überzeugen, dass sie nach wie vor auf der Seite ihres Neffen stand, wie immer sie die Art der polizeilichen Ermittlungen auch beurteilte. Zweitens musste sie von der Polizei die Erlaubnis einholen, ihr Gespräch mit dem Jungen an jenem bestimmten Ort zu führen, den sie im Sinn hatte. Offiziell war das Haus der Familie Uchiha als Tatort gesichert und versiegelt, doch Rin hatte das Gefühl, es würde sich lohnen, wenn sie dort mit Sasuke spräche – vorausgesetzt, der Junge war einverstanden.
 

Er war es, wie Rin vermutet hatte.
 

„Aber nur, wenn wir nicht in dieses Zimmer gehen“, schränkte Sasuke ein.
 

„Bestimmt nicht“, versicherte Rin.
 

Sie wollte sich nicht mit Sasuke in dem Haus treffen, um mit ihm an den Ort des Schreckens zurückzukehren. Vielmehr bestand ihrer Meinung nach eines der traumatischen Erlebnisse für den Jungen darin, von einem Augenblick zum anderen aus seinem Zuhause gerissen worden zu sein. Als würde es noch nicht reichen, auf diese schreckliche Weise die Eltern zu verlieren, war Sasuke auch noch eines weiteren wichtigen Halts in seinem Leben beraubt worden. Ein Mensch brauchte sein Zuhause, um seine Wunden zu lecken und sich wieder zu erholen. Im Haus der Tante – so gut Uruchi Uchiha es auch meinte – konnte Sasuke nicht er selbst sein. Dort musste er auf die trauernde Tante und den makellos gepflegten Haushalt Rücksicht nehmen. Zwar hatte er ein Zimmer für sich, doch es war nicht sein eigenes. Natürlich zog Rin auch in Betracht, welche Belastung es für Sasuke darstellte, in das Haus zurückzukehren, das für ihn zweifellos zu einem Haus des Schreckens geworden war. Doch in diesen Mauern hatte er viele Jahre lang gelebt, während jener Albtraum nur eine Nacht angedauert hatte. Vielleicht tat es ihm gut, wieder mit seinen Wurzeln, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, und zwar in Begleitung von jemandem, der nicht mit alledem in Verbindung stand, der ihm die Möglichkeit gab, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.
 

Auch Obito Uchiha hielt das für eine gute Idee. Er hatte bereits bei Uruchi Uchiha die Möglichkeit zur Sprache gebracht, mit Sasuke in sein Elternhaus zurückzukehren, weil er hoffte, dort würde er sich an bestimmte Dinge erinnern, aber die Tante hatte entschieden abgelehnt. Deshalb war er froh, dass sie Rin nun ihr Einverständnis gab.
 

„Ich glaube, Sie werden von Uruchi Uchiha auch nicht als Feind der Familie betrachtet“, sagte Obito, nachdem er Rin die polizeiliche Genehmigung erteilt hatte, den Tatort zu besuchen.
 

„Wahrscheinlich weil sie nicht befürchten muss, dass ich Sasuke dort überführe“, meinte Rin. „Obwohl ich nicht glaube, dass Sie das im Sinn hatten.“
 

„Und warum, glauben Sie, wollte ich den Jungen dorthin bringen?“
 

„Um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.“
 

„Wollen Sie das nicht auch, Nohara-san?“
 


 

Das Haus im japanischen Stil war groß, aber nicht protzig, umgeben von einem weitläufigen, parkähnlich gestalteten Garten. Rin sah drei verschiedene Arten von Ahornbäumen, Hortensien, Azaleen, Jasmin, Rosen und eine vorbildlich gepflegte Rasenfläche, ehe sie vom teilweise zerrissenen Klebeband der polizeilichen Absperrung und den achtlos fortgeworfenen Getränkedosen und Kaffeebechern an die grausame Wirklichkeit erinnert wurde.
 

Sie betraten das Haus durch den Vordereingang, durchquerten den Flur und gingen ins Wohnzimmer. Rin brauchte Sasuke nicht ins Gesicht zu schauen; die Anspannung, die von dem Jungen ausging, traf sie in spürbaren Wellen. Zum ersten Mal empfand Rin Selbstzweifel und Schuldgefühle.

„Wohin möchtest du gehen, Sasuke? Wo fühlst du dich sicher?“
 

Der Angesprochene überlegte nicht lange. „In den Garten hinter dem Haus.“
 

„Dann lass und dorthin gehen.“

Rin folgte ihm zum Hintereingang. Als sie den Garten betraten, verstand Rin den Jungen sofort. Er war für einen Jugendlichen wie geschaffen – weiträumig, den Blicken anderer versperrt und eingefasst von Schatten spendenden Bäumen und üppigen Hortensiensträuchern. Inmitten des weiten Rasens befand sich ein hübscher Koi-Teich, ein gemauerter Grillplatz, ein japanischer Pavillon und eine Hängematte.

Rin vermutete, dass Sasuke hier mit seinen Freunden viel Zeit verbracht hatte. Falls er überhaupt Freunde hatte. Plötzlich fiel Rin auf, dass bisher nie von Gleichaltrigen die Rede gewesen war, die Sasuke bei seiner Tante besuchten oder dort anriefen. Aber das hatte nicht viel zu bedeuten. Bei Todesfällen, gleich welcher Art, hielten viele sich gern auf Distanz.

„Der Garten eignet sich gut für Partys“, meinte Rin leise, während sie Sasuke beobachtete, froh, dass zumindest hier die Erinnerungen glücklicher Natur zu sein schienen.
 

„Meine Eltern haben gelegentlich ein Fest gegeben“, antwortete Sasuke, „wenn Vater nicht zu viel zu tun hatte. Mutter hatte gern Gäste.“
 

„Und was war mit deinem Vater?“
 

„Er was nicht so sehr fürs Feiern. Er war eher der ruhige Typ, wissen Sie.“ Er schwieg. „Nein, das können Sie nicht wissen.“
 

„Aber ich würde gern etwas über deine Eltern hören, wenn du mir von ihnen erzählen möchtest.“
 

„Darf ich meine Schuhe ausziehen und die Füße ins Wasser stecken?“
 

„Es ist dein Teich“, erwiderte Rin. „Du brauchst mich nicht um Erlaubnis zu bitten.“
 

„Inzwischen habe ich das Gefühl, ich muss bei allem um Erlaubnis bitten.“
 

„Nicht bei mir.“

Sasuke streifte sich die Turnschuhe ab, ohne die Schnürsenkel zu öffnen. Nachdem Rin es ihm gleichgetan hatte, setzte sie sich an den Rand des Teichs. Sasuke trug Shorts und ein kurzärmliges Shirt. Rin bedauerte es mittlerweile, statt der hellen Leinenhose nicht auch Shorts angezogen zu haben. Das Wasser war angenehm und Sasuke seufzte behaglich. Es klang nach einer großen Erleichterung.

„Was ist?“, fragte Rin.
 

„Es fühlt sich an wie vorher“, antwortete er.
 

„Es ist wie vorher.“
 

„Nein, nichts ist wie vorher“, entgegnete Sasuke.
 

Dem konnte Rin nichts entgegenhalten. Sie schwiegen eine Zeit lang. „Ich würde gern mehr von deiner Mutter hören“, sagte Rin schließlich.
 

„Was wollen Sie denn wissen?“
 

„Alles.“ Und dann genauer: „Seid ihr gut miteinander ausgekommen?“
 

„Eigentlich schon.“ Sasuke starrte auf das blaue Wasser unter dessen Oberfläche sich orangene Silhouetten tummelten. „Mutter war nicht besonders fröhlich, wissen Sie. Sie hat versucht, es zu verbergen, aber sie hat oft gegrübelt. Vater war in dieser Hinsicht nicht sehr hilfreich. Er war eher ein ruhiger Typ.“ Er hielt inne. „Aber das habe ich ja schon gesagt, nicht wahr?“
 

„Das spielt keine Rolle.“
 

„Sie hat sich viele Sorgen gemacht“, fuhr Sasuke fort.
 

„Worüber?“
 

„Ich weiß nicht.“
 

„Hat sie dir das nicht erzählt?“
 

„Hat Ihre Mutter Ihnen was von sich erzählt?“

Das Gleiche wie damals; wieder so eine Gegenfrage wie zu Beginn ihrer vorherigen Sitzung, ehe Sasuke ein wenig ruhiger wurde.
 

„Meine Mutter hat mir nur dann etwas von sich erzählt, wenn ihr danach war.“ Nach wie vor hielt Rin Ehrlichkeit für die beste Methode, mit Sasuke umzugehen.
 

„Sind Sie deshalb Sozialarbeiterin geworden?“
 

„Ja, vielleicht lag es auch daran.“

Rin hatte Obito Uchiha bereits gesagt, dass sie Sasuke für äußerst einfühlsam hielt. Nicht wie dreizehn, sondern wie dreiundzwanzig, dachte Rin jetzt und fragte sich, ob dies dem Jungen bei der Polizei von Konoha eher nutzte oder schadete.
 

„Ich glaube, meine Mutter wollte mich beschützen“, sagte Sasuke unvermittelt.
 

„Und wovor?“
 

„Vor schlimmen Dingen.“

Da war es wieder. Jahre des Elends, hatte die Tante mit rätselhaften Worten angedeutet. Und diese Blitze, über die Sasuke nicht reden mochte. Oder glaubte, nicht reden zu dürfen. Wieder schwiegen sie eine Weile. Sasuke zog mit den großen Zehen Kreise ins Wasser. Rin genoss den warmen Sonnenschein und die sanfte Brise, und ein wenig fiel die Anspannung von ihr ab. Sie hatten Zeit.

„Sie haben doch sicher gehört, was mit dem Therapeuten passiert ist, nicht wahr, Rin?“
 

Rin hatte beschlossen, von sich aus nicht über den Mord an Hiruzen Sarutobi zu reden, aber sie hatte geahnt, dass Sasuke das Thema ansprechen würde.

„War das der Therapeut, von dem du mir erzählt hast?“, fragte sie vorsichtig. „Der euer Gespräch aufgezeichnet hat?“
 

„Ja.“ Sasuke zögerte. „Ich habe ihn nicht umgebracht.“
 

„Das habe ich auch nicht angenommen“, erklärte Rin in sachlichem Tonfall.
 

„Aber Inspector Uchiha und der andere Beamte wollten wissen, ob ich Dienstagnacht bei Tante Uruchi zu Hause war.“
 

„Ich weiß“, sagte Rin.
 

„Haben Sie ihnen erzählt, was ich über Dr. Sarutobi gesagt habe?“
 

„Nein.“
 

„Warum nicht?“
 

„Zum einen, weil ich es für nicht wichtig hielt.“
 

Sasuke schlug mit der Ferse auf die Wasserfläche, sodass die Tropfen hochspritzten. „Ist es bei Ihnen das Gleiche, wie wenn ich etwas einem Priester erzähle?“, fragte Sasuke. „Ich meine, Sie müssen es nicht weitersagen, wenn die Polizei Sie fragt?“
 

„Wie das Beichtgeheimnis? Ja, mehr oder weniger“, antwortete Rin. „Man nennt es Schweigepflicht. Ich darf über das, was du mir anvertraust, nicht berichten, es sei denn, du gibst mir die Erlaubnis.“ Oder wenn die Gefahr besteht, dass du dir selbst oder einem anderen Schaden zufügst, fügte sie in Gedanken hinzu.
 

„Auch nicht, wenn Sie glauben, dass ich etwas wirklich Schlimmes getan habe?“ Sasukes Stimme klang hart, dennoch schwang unüberhörbar Angst darin mit. Unvermittelt stand sie auf. „Ich finde, wir sollten wieder ins Haus gehen.“
 

„Willst du das wirklich?“ Auch Rin erhob sich.
 

„Nein.“ Sasuke zuckte die Achseln. „Aber jetzt weiß ich ja, dass ich notfalls hierher fliehen kann. Da will ich es riskieren.“
 

„Außerdem können wir jederzeit zurückfahren.“
 

Sie gingen in die Küche. Sasuke wollte einen Blick in den Kühlschrank werfen, weil er Durst auf etwas Kaltes hatte, doch Rin hatte eher den Eindruck, er wollte sich vergewissern, dass alles noch an seinem Platz war. Eisfächer waren etwas höchst Persönliches und jeder stellte seine Lieblingsspeise auf ganz bestimmte Weise ins Kühlfach. Allerdings wusste Rin nicht, was für ihn schlimmer war: wenn er den Kühlschrank der Familie von Fremden geplündert vorfand oder wenn alles noch so war wie zuvor.
 

Er war gut bestückt und Sasuke erlebte sichtlich einen kleinen Schock. Offenbar hatten Mikoto oder die Haushälterin noch etliche Lebensmittel vom Markt dort verstaut, ehe der Mord geschah. Einen Moment lang starrte Sasuke regungslos auf die Fächer. Rin hätte gern gewusst, was der Junge vor sich sah. Seine Mutter, wie sie Brot, Eier und Milch herausnahm? Seinen Vater, wie er eine der Flaschen Weißwein öffnete, die in der Tür des Kühlschranks standen? Die Familie am Küchentisch beim Frühstück? Vielleicht erinnerte er sich an eine Auseinandersetzung oder er bedauerte, dass er seiner Mutter nie dabei hatte zuschauen können, wie sie das Frühstück oder eine andere Mahlzeit bereitete, weil die Mutter das Kochen der Haushälterin überlassen hatte?

Doch irgendwie erschien es Rin im Augenblick nicht passend, Sasuke zu fragen. Leise schloss Sasuke die Kühlschranktür. „Ich muss hier raus.“
 

„In Ordnung“, sagte Rin. „Aus der Küche oder aus dem Haus?“
 

„Ich möchte in mein Zimmer.“
 

„Allein oder mit mir?“
 

„Nicht allein.“ Die Antwort kam rasch, beinahe ängstlich.
 

„Dann lass uns gehen.“
 

Leider kamen sie dabei am Schlafzimmer der Eltern vorbei. Rin brauchte keine Erklärung, um welchen Raum es sich handelte, Sasukes Körpersprache verriet ihr genug. Er hielt die Luft an und ging mit abgewandtem Gesicht an der geschlossenen Tür vorbei. Vielleicht würde er den Raum in seinem ganzen Leben nie mehr betreten wollen.
 

Sein eigenes Zimmer lag am Ende des Flurs. Er öffnete die Tür, trat rasch ein und ließ sich aufs Bett sinken.

„Soll die Tür offen bleiben?“, fragte Rin, die noch an der Schwelle stand.
 

„Bitte machen Sie zu.“
 

Rin schloss leise die Tür. „Wenn du ein bisschen allein sein willst, kann ich draußen warten.“
 

„Nein“, erwiderte Sasuke. „Vielleicht beim nächsten Mal.“
 

Rin kam sich vor wie ein Eindringling. Seltsam, dachte sie, wo es doch in ihrem Berufsleben immer darum ging, in das Privatleben der Menschen einzudringen, sich in einem langsamen Prozess in die Seele eines Kindes zu schmuggeln. Doch wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie trotz ihrer inzwischen ausgefeilten Gesprächstechniken am Ende eines Arbeitstages meist nichts anderes erreicht hatte, als eine zensierte Momentaufnahme zu sehen. Sasuke Uchiha hatte sie zwar in sein Zimmer gebeten, doch der Besuch in dem Haus beruhte auf Rins Vorschlag, und sie war sich bewusst, dass sie jetzt ein höchst heikles, weil privates Gebiet betrat.
 

Es war das typische Zimmer eines Dreizehnjährigen. Erinnerungen an die Kindheit. Ein paar ausgeblichene Stofftiere auf dem Regal, zwischen Videospielen und verstaubten Manga-Bänden. Ein Fußball lag in der Ecke. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Schulbücher. Dann die Zeichen der beginnenden Pubertät: zwei Poster von hübschen Schauspielerinnen und ein anderes von einer koreanischen Girl-Group. Und die Siegerurkunden für die Lauf-, sowie Karatewettbewerbe, von denen Obito Uchiha gesprochen hatte. Dann noch Familienfotos. Eins zeigte ihn gemeinsam mit einem hübschen rosahaarigen Mädchen.
 

„Wer ist das?“, fragte Rin.
 

„Meine Freundin Sakura.“ Er schwieg. „Am Sonntag hat sie mich besucht, nachdem Sie gegangen waren. Sie ist ungefähr eine halbe Stunde geblieben, und dann hat ihr Vater sie abgeholt.“ Sein Blick war verzweifelt. „Seit damals haben wir ein paar Mal telefoniert, aber ich glaube, ihre Eltern sehen es jetzt nicht mehr so gern, dass sie wieder zu mir kommt.“
 

„Das ist sehr schade.“ Sasuke zuckte die Achseln. Rin betrachtete die Fotos. „Hast du ein Bild von deinem Bruder?“
 

„Nein.“ Sasuke ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. „Sie haben mein Tagebuch mitgenommen.“

Rin hatte sich noch immer kaum von der Tür entfernt. Schlimm genug, dass sie überhaupt mit Sasuke hier drinnen war und die ursprüngliche Atmosphäre veränderte; da wollte sie nicht noch mehr durcheinanderbringen. Zumindest nicht heute. „Was wollen Sie mit meinem Tagebuch, Rin?“
 

„Ich weiß es nicht.“ Sie überlegte. „Hast du viel Persönliches hineingeschrieben?“
 

„Eigentlich nicht“, erwiderte Sasuke. „Mein richtiges Tagebuch ist im Computer.“
 

„Ist er hier?“ Rin konnte keinen PC im Zimmer entdecken.
 

Sasuke schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn zu Tante Uruchi mitgenommen. Es ist ein Notebook.“
 

„Das mit dem Tagebuch tut mir leid“, sagte Rin.
 

„Ist nicht schlimm.“ Sasuke stand auf, ging zum Fenster und schaute in den Garten. „Ich nehme an, hier werde ich nie mehr wohnen, oder?“
 

„Ich weiß nicht. Möchtest du das denn gern?“
 

„Vielleicht.“
 

„Kann deine Tante nicht hier bei dir einziehen?“
 

„Nein.“ Sasuke schaute immer noch aus dem Fenster. „Ich habe sie gefragt. Sie sagt, das würde sie nicht ertragen.“
 

„Tut mir leid“, sagte Rin noch einmal.
 

„Vielleicht hat sie Recht. Womöglich würde ich es auch nicht ertragen.“
 

Rin studierte noch einmal die Fotos von Sasuke und seinen Eltern. Sie machten einen glücklichen Eindruck. Diese Art von Glück, die in Momenten aufblitzte und sich in Bildern konservieren ließ, auch wenn sie in der Realität vielleicht schon längst verblasst war. Gleichzeitig wunderte sie sich, dass ein Foto von Sasukes Bruder fehlte, und beschloss, das Thema noch einmal anzusprechen.

„Sasuke…“ Rin wählte ihre Worte mit Bedacht. „Ich sehe viele Fotos von dir und deinen Eltern, aber keines von deinem Bruder.“ Er sah nicht zu ihr. Seine Finger verkrampften sich ein wenig. „Ist das Absicht?“
 

Ein langer Moment des Schweigens, dann zuckte Sasuke kaum merklich mit den Schultern. „Weiß nicht. Vielleicht.“

Rin wartete. Nicht drängend, nicht neugierig, einfach offen. „Er war halt immer woanders“, sagte Sasuke schließlich. „Schon immer. Schule, Training, irgendwas mit Vater. Ich habe ihn selten gesehen. Und wenn, dann…“ Er brach ab.
 

„Dann?“ Rin fragte sanft.
 

„Er hat nicht viel geredet. Mit mir jedenfalls nicht. Immer ernst. Fast wie ein Erwachsener. Ich war nur das kleine Anhängsel.“ Sasukes Stimme war fest, beinahe nüchtern, aber Rin hörte den leisen Ton darunter, die Mischung aus Enttäuschung und Sehnsucht, die unter Geschwistern oft entstand, wenn es an Nähe fehlte.
 

„Vermisst du ihn?“ fragte sie.
 

Er hob den Kopf, sah sie direkt an. Seine Augen waren dunkel, klar, fast trotzig. „Ich weiß es nicht.“
 

Rin nickte langsam. „Manchmal ist das die ehrlichste Antwort, die man geben kann.“
 

Die Mittagssonne fiel in schrägen Streifen ins Zimmer, tanzte auf dem verstaubten Regal.

„Er war immer der Beste in allem. Vater hat ihn geliebt. Mutter hat ihn bewundert. Ich habe versucht, ihn zu verstehen.“
 

„Und jetzt?“
 

„Jetzt ist er weg.“ Es war kein Vorwurf in seiner Stimme, kein Drama. Nur eine Feststellung. Und etwas, das fast wie Resignation klang. „Tante Uruchi hat mir erzählt, dass es Mutter damals sehr schlecht ging, aber Mutter selbst hat nie mit mir darüber gesprochen.“
 

„Hast du sie nicht gefragt?“
 

„Doch, sogar oft. Mutter hat gesagt, sie will das alles vergessen.“
 

„Was hat dir deine Tante sonst noch darüber erzählt?“
 

„Nicht viel.“ Er wandte sich abrupt Rin zu. „Ich würde jetzt gern gehen.“
 

„Aus dem Zimmer oder aus dem Haus?“
 

„Können wir nicht einfach gehen?“ Sein Blick war beinahe flehend.
 

„Natürlich.“ Plötzlich merkte Rin, dass sie die Tür versperrte und Sasuke sich womöglich wie in einer Falle fühlte. Rasch trat sie zur Seite und öffnete.
 


 

Während sie das Haus verließen, in Rins Subaru stiegen und losfuhren, fragte sich Rin, ob der Besuch Sasuke geholfen oder ihn zurückgeworfen hatte. Im Nachhinein stellte sie ihre eigenen Ideen und Entschlüsse oft infrage, besonders in den schwierigen Anfangswochen, wenn sie ein Kind erst allmählich kennenlernte. Sie sprach heikle Themen an, drang in Tabubereiche vor, sah hilflos mit an, wie Mauern errichtet wurden, und erlebte alle Arten von Schmerz und oft auch schreckliche Schuldgefühle mit. Und jetzt musste sie sich eingestehen, dass es Sasuke nach dem Besuch in seinem Elternhaus nicht besser ging, sondern schlechter, wenn vielleicht auch nur vorübergehend. Andererseits war sie der festen Überzeugung, dass dies irgendwann einmal hatte geschehen müssen, auch wenn es womöglich erst der Anfang war.



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Kommentare zu dieser Fanfic (2)

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Von:  jakne
2025-05-23T04:19:56+00:00 23.05.2025 06:19
Hallo,
Ich bin endlich mal dazugekommen weiterzulesen, Stück für Stück. :)
Mir gefällt es bis jetzt richtig gut, auch wie du soviele Charaktere einbeziehst, über die man vielleicht normalerweise nicht viel liest. Auch der Perspektivenwechsel der Charaktere finde ich toll, und deine FF liest sich wirklich wie ein kleiner Roman aus einem Buch. Ganz stark!
Bis bald! :)
Antwort von:  MyHeartInTheAttic
24.05.2025 05:55
Hallo jakne,

vielen lieben Dank für deine wunderbare Rückmeldung. Ich freue mich riesig darüber. Es bedeutet mir viel zu hören, dass dir die Geschichte gefällt und du dir Zeit nimmst, Stück für Stück weiterzulesen.
Gerade die Perspektivenwechsel und das Einbeziehen weniger beachteter Charaktere machen mir beim Schreiben diesmal besonders viel Spaß (wobei ich natürlich genau so gerne wie jeder andere über die populären Charaktere schreibe ^^), umso schöner, dass das bei dir gut ankommt!
Ich hoffe, du hast weiterhin Freude beim Lesen, und freue mich schon darauf, bald wieder von dir zu hören. :)
Von:  jakne
2025-04-14T19:34:57+00:00 14.04.2025 21:34
😯 Wow. Richtig spannender Anfang. Mir gefällt es richtig gut, wie du erst im Haus der Hyugas anfängst und sich das scheinbar unwichtige Gespräch plötzlich ganz schnell zu einer Tragödie wendet. Auch wenn ich es schrecklich finde, dass du dafür Tobi umbringen musstest. Massenmorde, Hororfilme - alles kein Problem, aber wenn Tiere in Filmen sterben, schalte ich meistens grundsätzlich aus, hier hab ich mich trotzdem durchgekämpft. 😄🤝 Das ganze gibt mir auf jeden Fall ein bisschen Krimi-Vibes und ich bin sehr gespannt wo die Geschichte hinführt. Ich würde am Liebsten alles direkt durchlesen, aber die Zeit lässt es nicht zu. 🥲 Aber ich freue mich sehr, dass jetzt schon soviele Kapitel online sind, hehe.

LG
Antwort von:  MyHeartInTheAttic
19.04.2025 22:15
Hallo jakne,

vielen lieben Dank, dass du dir mal wieder die Zeit genommen hast, mir ein liebes Review zu hinterlassen. Das versüßt mir immer den Tag. <3
Lieben Dank auch für das Lob. Ich hoffe freilich, der Rest der Geschichte wird dir ebenfalls gefallen. Der Plot steht, nur geschrieben muss er noch werden.
Das kann ich so gut nachempfinden. :S Gewalt gegen Tiere/Tierleid kann ich gar nicht vertragen, nicht in der Fiktion und im realen Leben erst recht nicht. Allerdings soll man ja auch über Dinge schreiben, die einem schwerfallen. Auch der Mord an Mikoto fiel mir schwer; ursprünglich hatte ich alles etwas detaillierter beschrieben, den Inhalt dann aus Jugendschutzgründen aber entschärft, aber das Bild der toten Mikoto hängt mir noch immer vor Augen…
Das freut mich, denn die Geschichte soll auch in die Thriller/Krimi-Richtung gehen.
Frohe Ostern wünsche ich dir, falls du feierst.

Alles Liebe.


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