Der Fluch des Erfolgs
Tatsuro starrte auf den Bildschirm seines Computers. Das leere, weiße Dokument brannte sich in seine Retina, während ihn der blinkende Cursor zu verhöhnen schien.
„Kommt raus, verdammt“, knurrte er, beide Hände in sein langes Haar geschoben und an den schwarzen Strähnen ziehend. Es war zum Verrücktwerden. Seit er vor fast einem Jahr seinen Erstlingsroman fertig geschrieben hatte, hatte er kein vernünftiges Wort mehr zu Papier gebracht. Vor seiner Veröffentlichung hatte er sich insgeheim immer über seine Bekannten amüsiert, die er durchs Schreiben kennengelernt hatte und die sich in schönster Regelmäßigkeit über Schreibblockaden beklagten. Ein Tatsuro Iwakami hatte noch nie eine Schreibblockade gehabt – bis jetzt.
„Ich werde noch wahnsinnig“, jammerte er in die Stille seines Appartements. Ein genervtes Schnauben entkam ihm, als er sich ruckartig von seinem Schreibtisch erhob, einige Male wie ein eingesperrter Tiger im Wohnzimmer auf und ab lief, bevor er sich leidend auf das weiche Sofa warf. Seinen frustrierten Aufschrei dämpfte eines der vielen kleinen und großen Kissen, die wild auf der schwarzen Ledercouch verstreut lagen. In Momenten wie diesen wünschte er sich seine schäbige Einzimmerwohnung mit dem hässlich braunen Cordsofa zurück, das am Ende vermutlich nur noch durch die verschmorten Ränder zahlloser Brandlöcher zusammengehalten worden war. Sein Reich war eine miese Absteige gewesen, im schlechtesten Viertel der Stadt gelegen und für das, was sie war, unverschämt überteuert. Aber sie war ehrlich gewesen, nicht dieses konstruierte Stück Schöner-Wohnen, in dem er seit seinem Durchbruch als Autor lebte. Es hatte ihm alles abverlangt, diesen einen Raum damals einigermaßen wohnlich zu gestalten, aber als es ihm endlich gelungen war, hatte er stolz auf seinen Erfolg sein können. Genauso wie er stolz auf seinen ersten Roman gewesen war. Die Betonung lag auf der Vergangenheitsform dieses Satzes, denn Stolz empfand er schon lange nicht mehr. Seinen Zustand mit Verzweiflung zu beschreiben, mochte für den einen oder die andere etwas dramatisch klingen, aber es war das passendste Wort, das ihm einfallen wollte.
Tatsuro drehte sich auf den Rücken und starrte angestrengt nach oben zur Zimmerdecke, als stünden dort die Antworten auf alle Fragen des Lebens geschrieben. Verflucht, wie überheblich er gewesen war.
Er, der seit er sich erinnern konnte Geschichten erdachte, sie erst gemalt und dann in kindlichen Zeichen auf Papier gebannt hatte.
Er, der bereits Hunderttausende von Wörtern ins Internet gestellt hatte, Menschen zum Gruseln, Mitleiden oder hingerissenen Seufzen gebracht hatte.
Er, dessen Erfolg vollkommen unerwartet gekommen war, weil sein Verleger ihn entdeckt und sofort unter Vertrag genommen hatte.
Er, der neue Stern am Autorenhimmel.
Er war ausgebrannt.
Die Ideen für neue Geschichten stapelten sich in seinem Kopf, drückten und pochten gegen die knochigen Wände seines Schädels, schrien nach Freiheit und blieben doch stur, wo sie waren. Er wollte schreiben, verflucht, er musste schreiben, wenn er nicht alles wieder verlieren wollte, was er sich zwar nie aktiv gewünscht, in den vergangenen Monaten jedoch durchaus zu schätzen gelernt hatte. Eine dieser schätzenswerten Veränderungen in seinem Leben machte gerade mit leisem Gurren auf sich aufmerksam, bevor ein nicht allzu leichtes Gewicht zielsicher auf seinem Magen landete.
„Ugh, Tetochi, ich hab dich auch lieb“, keuchte er und begann, die Glückskatze hinter dem rechten Ohr zu kraulen. Tetochi quittierte seine Aufmerksamkeit mit lautem Schnurren und bohrte ihre Vorderpfoten mit ausgefahrenen Krallen nur noch stärker und mit erstaunlichem Rhythmusgefühl in seinen Bauch. Tatsuro keuchte erneut, ließ den Kopf zurück auf das Kissen sinken und schloss die Augen. Liebe muss wehtun, sagte ein Sprichwort, und auf Katzenliebe traf das definitiv zu.
Doch nicht einmal Tetochis sonst so beruhigende Präsenz schaffte es, die Wogen seines innerlichen Aufruhrs zu glätten. Die Kleine hatte es sich mittlerweile auf seinem Brustkorb gemütlich gemacht und schien eingeschlafen zu sein, während er sich fühlte, als hätte er versehentlich an ein nicht isoliertes Stromkabel gefasst. Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen glitt sein Blick hinüber zum Schreibtisch, wo an der Wand ein großer Kalender hing. Ein Datum war mit fettem, rotem Marker eingekreist, eine Deadline, die Ende des Monats erreicht sein würde. Dreimal hatte sein Verleger ihm bereits Aufschub eingeräumt, aber bei ihrem letzten Treffen hatte Gara deutlich klargestellt, dass es keine weitere Schonfrist mehr für ihn geben würde.
Wie aufs Stichwort klingelte Tatsuros Handy. Sein Magen wurde zu einem Klumpen Blei, als er vorsichtig die schlafende Katze von seinem Brustkorb hob, sie neben sich auf das Sofa legte und schwerfällig aufstand. Das vibrierende Telefon schien von der Schreibtischplatte direkt in sein Gesicht springen zu wollen und Tatsuro umfasste es so vorsichtig, als könnte es ihn tatsächlich beißen. Wie befürchtet leuchtete der Name seines Verlegers in großen, weißen Zeichen auf dem schwarzen Hintergrund des Displays auf. Eigentlich hätten sie rot sein müssen, rot wie die Flammen der Hölle, die ihn in den nächsten Sekunden verschlingen würden.
„Hey, Gara!“, meldete er sich mit so heiterer Stimme, wie er nur aufbringen konnte. „Wie geht es dir? Was machen die Geschäfte?“
„Das hängt davon ab, was du mir zu sagen hast. Wie weit bist du, Tatsuro?“
„Ah, immer gleich zum Punkt, das ist der Gara, den ich kenne.“ Tatsuro lachte, ein Laut, der wie Tausende Rasierklingen in seine Kehle schnitt. „Es sieht gut aus, wirklich gut. Ich komme voran. Vielleicht nicht ganz so schnell, wie wir beide es gerne hätten, aber wenn du mir nur noch ein wenig mehr Zeit verschaffen könntest …“
Tatsuro zog den Kopf ein, als ein unwirsches Zischen aus der Leitung seinen Redeschwall unterbrach.
„Du hast bereits jeden Aufschub bekommen, den ich für dich herausschlagen konnte, also frage ich dich noch mal, wie weit bist du?“
„Ich, ehm …“ Mit panisch geweiteten Augen starrte er auf das leere Blatt seines Schreibprogramms, glitt vom blinkenden Cursor zum Dateinamen in der linken oberen Ecke. Prolog stand dort unversöhnlich geschrieben und erinnerte ihn an sein Totalversagen.
„Ich bin … mit dem Prolog und dem ersten Kapitel fertig und … bin gut im Schreibfluss“, hörte er sich durch taube Lippen hindurch lügen. Seine Gliedmaßen schienen zu Eis zu erstarren und sein Herz schlug so langsam und hart in seinem Brustkorb, dass er das Gefühl hatte, jeden Moment das Bewusstsein verlieren zu müssen.
„Zwei Kapitel also“, echote Gara und Tatsuro hätte nicht sagen können, ob Enttäuschung oder Erleichterung in der Stimme seines Verlegers mitschwang.
„Tatsuro, ich brauche handfeste Ergebnisse! Am Freitag trifft sich das Gremium, um über die Veröffentlichungen für das nächste Halbjahr zu entscheiden. Wenn du bis dahin nichts vorweisen kannst, war es das.“
Enttäuschung, eindeutig.
„Ich …“ Tatsuros wilder Blick huschte im Raum hin und her, aber die Lösung seines Dilemmas wollte sich nicht zeigen. „Ich bringe dir den Prolog und das erste Kapitel bis spätestens Freitagmorgen editiert und mit den Outlines für den Rest der Story vorbei, wie klingt das?“
„Du weißt also endlich, was in dem Roman passieren soll?“
„Ja, ich habe eben erst das Ende grob skizziert. Meine Schreibblockade ist überstanden, Gara, ich bin hoch motiviert!“
Die Lügen brannten wie heiße Asche auf seiner Zunge. Zwei Kapitel in fünf Tagen zu schreiben und dazu noch einen stichpunktartigen Handlungsstrang für den gesamten Roman zu entwerfen, wäre früher sportlich, aber machbar gewesen. Jetzt jedoch rückte jede Chance, seinen Kopf noch irgendwie aus der Schlinge zu ziehen, in so weite Ferne, dass er sie nicht einmal mehr erkennen konnte.
„Mh“, brummte Gara und ließ ihn für einen unendlich scheinenden Moment zappeln. „Okay.“ Sein Verleger atmete hörbar durch. „Okay, mein Junge, damit können wir arbeiten. Mach weiter so.“!
Tatsuro schloss die Augen – jetzt hieß es pokern, alles oder nichts. Wenn er Gara davon überzeugen könnte, seine Frist nur noch ein einziges Mal zu verlängern, wäre vielleicht noch nicht alles verloren.
„Aber du kannst nicht von mir verlangen, einen kompletten Roman in unter einem Monat zu schreiben. Selbst wenn ich Tag und Nacht daran arbeite, wäre das eine utopische Erwartungshaltung.“
„Lass das meine Sorge sein. Solange ich am Freitag Früh besagte Kapitel auf meinem Schreibtisch liegen habe, sollten wir die Deadline noch etwas hinauszögern können.“
„Ehrlich? Da fällt mir jetzt aber ein großer Stein vom Herzen.“ Vermutlich hatte seine Stimme nicht mehr so hoffnungsvoll und naiv geklungen, seit er zum ersten Mal erfolgreich einem seiner Lehrer ins Gesicht gelogen hatte.
„Wir müssen nur die Werbetrommel rühren. Unser Geschäft ist schnelllebig, wie du weißt. Ein knappes Jahr ohne eine Veröffentlichung genügt, um dich aus dem kollektiven Gedächtnis der Leserschaft zu tilgen. Aber dafür hast du ja mich, also enttäusch mich nur nicht noch einmal.“ Gara lachte, wohl um seine harschen Worte abzumildern, doch statt ihn zu beruhigen, schürte dieser Laut in Tatsuro nur noch größere Panik.
„Ich verstehe, dass ein Buch zu schreiben, ein Höchstmaß an Kreativität erfordert und es widerstrebt mir, dich unter Druck zu setzen, aber du bist nun einmal der Goldjunge unseres Verlags, das unverbrauchte Gesicht unseres Erfolgs. Alle Beteiligten wollen, dass dein zweites Buch genauso einschlägt wie das Erste.“
Sein eigenes Lachen klang schrill und überdreht in seinen Ohren, als er heftig nickte, als könnte Gara ihn durch das Handy hindurch sehen.
„Ja, ja natürlich. Das will ich auch“, plapperte er, ohne überhaupt noch nachzudenken, und schaufelte sich damit sein Grab immer tiefer. „Ich krieg das hin, Gara. Bis Freitag bekommst du auch noch das zweite Kapitel von mir, was hältst du davon?“
„Immer mit der Ruhe, verschieß dein Pulver nicht gleich auf einmal. Es genügt mir, wenn du mir den Prolog und das erste Kapitel vorbeibringst.“
„Ja klar, du hast recht, aber glaub mir, der Rest ist ein Kinderspiel. Du kennst mich. Wenn mich die Kreativität erst einmal gepackt hat, bin ich nicht aufzuhalten!“
„Das ist die richtige Einstellung. Dann will ich dich und deine Kreativität nicht länger von der Arbeit abhalten. Schönen Tag noch.“
„Dir auch.“ Gara hatte bereits aufgelegt, doch Tatsuro hielt das Handy, das nur noch ein Freizeichen von sich gab, immer noch am Ohr.
„Ich bin so was von geliefert.“
Wie in Zeitlupe ließ er das Telefon sinken und warf es aufs Sofa. Tetochi hob den Kopf, schaute erst das Wurfgeschoss und dann ihn vorwurfsvoll an, bevor sie sich auf ihren Kratzbaum vor der bodentiefen Fensterfront zurückzog.
„Sorry“, nuschelte er und fuhr sich mit zitternden Fingern durchs Haar.
Er versuchte gar nicht erst, sich an den Schreibtisch zu setzen; er hatte bis jetzt nichts auf die Reihe gebracht, da würde sich seine Kreativität durch Garas unterschwellige Drohungen nun auch nicht motiviert zeigen. Mit schlurfenden Schritten ging er zur Minibar hinüber, warf drei Eiswürfel aus dem integrierten Kühlfach in ein Glas – eine Spezialanfertigung, von der er nicht einmal wusste, wie viel sie ihn gekostet hatte – und goss zwei Finger breit Whiskey ein. Mit einem einzigen Schluck trank er aus, füllte nach und ging zurück zum Sofa, auf das er sich schwer seufzend sinken ließ. Seine Zigaretten lagen auf dem niedrigen Tischchen vor ihm, ebenso wie die Fernbedienung seines überdimensionierten Fernsehers. Das arme Gerät war sicher unterfordert, als es nicht den aktuellsten Blockbuster zum bestengeben durfte, sondern sich mit einer Dauerwerbesendung über die neusten Küchenhelfer begnügen musste. Aber die stupide Wiederholung der Vorzüge von Messern aus Damaszenerstahl oder die diversen Einsatzmöglichkeiten einer diamantveredelten Hightech-Bratpfanne zu hören, war gerade genau das, was Tatsuro brauchte. Das und eine Zigarette.
Er hatte nicht mitgezählt, wie oft er den Weg zwischen Sofa und Minibar zurückgelegt hatte, nur die verschwommenen Konturen am Rande seines Blickfelds zeugten davon, dass es sicher ein- oder zweimal zu oft gewesen war. Wieder war es sein Telefon, das ihn aus seinem Trott riss, nur diesmal leuchtete kein Name, sondern die Meldung auf, dass er eine Nachricht erhalten hatte. Tatsuro öffnete die App und starrte auf die Worte, die im ersten Moment keinen Sinn ergeben wollten.
Satochi, 19:52
Wo bleibst du?
Erst ein Blick in seinen Terminkalender, der ihm mitteilte, dass für 19:30 Uhr ein SM-Treffen angesetzt war, sorgte für Klarheit. SM; Tatsuro grinste. Dieser Witz wurde wirklich nie alt.
Tatsuro, 19:55
Sorry, hab unser Treffen verpennt. Gebt mir 30 Minuten.
Miya, 19:57
Typisch, die Zeche geht auf dich.
~*~
Die Writer's Lounge war nur dem Namen nach der perfekte Ort für einen Autor wie ihn, sich dem Schreiben hinzugeben. Weder die generell schummrige Beleuchtung des Klubs noch die vereinzelten grellen Lichtblitze aus Richtung der Tanzfläche luden dazu ein, sich mit einem Laptop an einen der Tische zu setzen und fiktive Charaktere zum Leben zu erwecken. Ebenso wenig trug die ohrenbetäubend laute Musik dazu bei, die eigenen Gehirnzellen anstrengen zu wollen, was nötig gewesen wäre, um verständliche Sätze aneinanderzureihen. Die Inneneinrichtung jedoch war von den Opiumhöhlen des neunzehnten Jahrhunderts inspiriert, in denen es angeblich vor Kreativität nur so gesprüht hatte. Schwere Vorhänge aus dunkelrotem und schwarzem Samt verdeckten Wände und Fenster gleichermaßen und sorgten für eine fast anheimelnde Atmosphäre. Auf geschickte Weise milderten sie so das Lagerhallen-Flair ab, das der weitläufige Raum sonst verströmt hätte. Unterstützt wurde dieser Eindruck von einem nicht zusammenpassenden Sammelsurium an Stühlen, Sesseln und Chaiselongues in sämtlichen Größen, Formen und Stufen an Bequemlichkeit, die um runde Tische verteilt standen. Auf jedem Tisch befand sich eine dicke, brennende Kerze, Kronleuchter hingen von der ebenfalls mit Stoffbahnen bespannten Decke und tauchten ihre Umgebung in gelbliches Licht. Nur direkt über der Tanzfläche zogen Discokugeln und andere Scheinwerfer bunte Ansammlungen aus farbigen Lichtkegeln hinter sich her. Hinter der Bar, die die komplette Längsseite des Klubs einnahm, konnte der geneigte Besucher neben altbekannten und außergewöhnlichen Spirituosen auch Dinge wie Schreibmaschinen, Federkiele und Pergamentrollen entdecken. Dekorative Details wie diese, die sich im ganzen Raum verteilt fanden, waren die perfekte Hommage an den Namen des Klubs.
Er war gerne hier, auch wenn er es noch immer nicht ganz fassen konnte, dass ausgerechnet Miya vor einigen Monaten mit diesem Geheimtipp angekommen war. Aber apropos Miya. Tatsuro hielt nach seinen beiden Freunden Ausschau und erspähte sie wie erwartet oben auf der Empore. Wie ein Laufsteg führte sie an allen vier Wänden der Halle entlang und konnte von zwei Seiten aus über Gittertreppen aus Stahl betreten werden. Ihr Tisch, den sie immer in Beschlag nahmen, wenn sie hier waren, stand verborgen vor neugierigen Blicken und doch perfekt, um die Tanzwütigen ein Stockwerk tiefer im Blick zu haben. Tatsuro nickte knapp, als Satochi ihn entdeckt hatte und ihm unauffällig winkte. Er musste sich am Handlauf der Treppe festhalten, denn obwohl er deutlich länger als die angekündigten dreißig Minuten hierher gebraucht hatte, zeigte der früher konsumierte Alkohol noch immer Wirkung.
„Du siehst so aus, wie ich mich nicht fühlen möchte“, begrüßte ihn Sato, wie immer die Direktheit in Person, während sich Miya damit begnügte, auffällig unauffällig auf seine Armbanduhr zu sehen.
„Ich fühl mich auch so“, seufzte er und ließ sich auf den freien Stuhl fallen.
„Ich schließe aus deiner Antwort, dass sich deine Schreibblockade noch immer nicht aufgelöst hat?“ Miya schob ihm mit gerunzelter Stirn einen giftgrünen Cocktail zu, der, dem Kondenswasser nach zu urteilen, das er auf dem Tisch verteilte, dort schon länger auf ihn warten musste. Tatsuro zog testend am Strohhalm, kräuselte wenig angetan von dem warmen Gebräu die Lippen und trank gleich noch einen größeren Schluck. Alkohol war Alkohol, egal wie er schmeckte.
„Schlimmer noch“, jammerte er, stützte sein Kinn in die Handfläche und schnitt eine gepeinigte Grimasse. „Ich hab mir endgültig meine Karriere versaut.“
„Was ist passiert?“ Die Frage war von Satochi gekommen und wenn er sich nicht täuschte, konnte er ehrliche Sorge in dem markanten Gesicht erkennen. Sato war zu gut für diese Welt, was nicht zuletzt der Grund dafür war, dass sie seit einer gefühlten Ewigkeit befreundet waren. Sie hatten sich während ihres Studiums kennengelernt und sehr schnell festgestellt, dass sie mehr als nur die Vorliebe für kreatives Arbeiten teilten. Satochi war ein begnadeter Maler, der sich hin und wieder an der Bildhauerei versuchte, und der es sich nicht hatte nehmen lassen, das Cover für seinen Roman zu entwerfen. Miya hingegen kannte Tatsuro erst seit etwas mehr als einem Jahr. Er erinnerte sich noch wie heute daran, mit welchen Worten Satochi ihn vorgestellt hatte.
„Das ist Miya, die Inspiration für meine besten Werke.“
Ja, so konnte man das natürlich auch nennen. Satochi war in dieser Beziehung schon immer etwas eigen gewesen. Wenn man Tatsuro fragte, musste Miya eine Granate im Bett sein, denn anders ließ sich nicht erklären, warum sein Freund so einen Narren an ihm gefressen hatte. Nicht, dass er den kleinen Kerl nicht mochte, aber im Gegensatz zu Satochis offener, quirliger Art wirkte Miya zugeknöpft und langweilig, also absolut nicht wie der Mann, der zu seinem Freund passte.
Tatsuro seufzte. „Was passiert ist? Ich hab Gara zugesichert, ihm bis Freitag Morgen den Prolog und das erste Kapitel zu liefern.“
„Und wie viel davon hast du schon geschrieben?“
Sato kannte ihn zu gut, sonst hätte er seine Frage anders formuliert.
„Nichts.“
„Ach du Scheiße“, hauchte sein Freund und selbst über Miyas Gesicht huschte so etwas wie Mitleid.
„Solltest du dann nicht lieber zu Hause vor dem Computer sitzen?“ Die rechte Braue des kleineren Mannes hob sich fragend und immer, wenn Tatsuro von ihm so angesehen wurde, fühlte er sich wie im tadelnden Blick einer enttäuschten Mutter gefangen.
„Das würde es jetzt auch nicht mehr besser machen. Es ist egal, ob ich mich zum Schreiben zwinge oder nicht, Worte bekomme ich so oder so nicht aufs Papier.“
„Du brauchst eine Muse“, schaltete sich Satochi mit einem eigenartigen Funkeln in den Augen ein.
Tatsuro schnaubte. „Ich brauche einen Mitbewohner. Wenn das so weitergeht, bin ich Ende dieser Woche nicht nur arbeitslos, sondern kann mir die Wohnung nicht mehr leisten, weil meine Ersparnisse die Durststrecke der letzten Monate nicht überlebt haben.“
„Ist das dein Ernst?“
„Ehm, was genau?“ Mit gerunzelter Stirn erwiderte er Miyas Blick, in dem nun der gleiche, eigenartige Glanz zu ruhen schien, der ihm auch bei Satochi eben aufgefallen war. „Leute, ihr benehmt euch heute wirklich noch seltsamer als sonst. Aber um deine Frage zu beantworten, ja, ich hab mir schon länger überlegt, die beiden Zimmer, die ich ohnehin nie nutze, an einen Studenten oder so zu vermieten. Wieso fragst du, kennst du jemanden, der daran Interesse hätte?“
„Wie der Zufall es so will, wüsste ich genau die perfekte Muse für dich.“
„Eh, was?“
„Mitbewohner, sorry, Satochi macht mich noch ganz verrückt mit seinem Gerede.“ Miya verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln, das es schaffte, ihm eine Gänsehaut zu verpassen. Wenn der Kleine lächelte, wusste man nie, ob er ehrlich glücklich über etwas war oder im nächsten Moment zum Massenmörder mutierte. Unheimlich war das.
„Na gut, je weniger ich mich mit dem Thema befassen muss, desto besser kann ich im Selbstmitleid versinken. Du kannst ihm meine Nummer geben, wenn du willst.“
„Er müsste morgen sowieso in der Stadt sein, ich würde ihn einfach gleich bei dir vorbeischicken.“
„Mach das, mach das“, winkte Tatsuro ab, das Thema für sich bereits abgehakt. „Aber jetzt genug von Schreibblockaden und Fehlentscheidungen. Solange ich es mir noch leisten kann, euch einzuladen, sollten wir das ausnutzen, oder?“
„Aber so was von!“ Satochi leerte sein halb volles Bierglas in nur einem Zug, als wollte er ihm so beweisen, dass er zu allen Schandtaten bereit war.
Tatsuro schmunzelte und entschied, dass er seinen eigenen Worten folgeleisten würde. Er hatte heute schon genug Zeit damit verschwendet, sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die er ohnehin nicht mehr ändern konnte. Es wurde also höchste Zeit, seinem Denkapparat eine wohlverdiente Auszeit zu gönnen. Er setzte sich gerader hin und reckte den Hals nach der Servicekraft, die er eben noch aus dem Augenwinkel erspäht hatte. So abgelenkt bekam er nicht mit, wie sich Satochi zu Miya beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, was mit einem Nicken beantwortet wurde und ein ausgewachsenes Grinsen auf die Lippen des Kleinsten ihrer Runde zauberte.
Mein Name ist Yukke
Am nächsten Morgen erwachte Tatsuro mit rasenden Kopfschmerzen und einem flauen Magen. Oh Gott, er hätte nicht so viel trinken sollen, das stand fest, aber natürlich kam diese Erkenntnis wie immer viel zu spät. Ein gepeinigtes Stöhnen entkam ihm, als er sich mehr schlecht als recht aus dem Bett ins Bad schleppte. Waren es die paar Stunden des Vergessens wert gewesen, sich so abzuschießen? Im Lichte des Tages betrachtet eher nicht. Aber viel wichtiger war die Frage, wie er letzte Nacht überhaupt nach Hause gekommen war. Irgendetwas sagte ihm, dass Miya etwas bei ihm gut hatte, denn dass Satochi, sein getreuer Saufkumpane, für diese Aufgabe gestern ebenfalls zu tief ins Glas geschaut hatte, war so sicher wie ihm speiübel war. Nach einer halben Ewigkeit, die er vor der Toilettenschüssel kniend zugebracht hatte, waren sein Magen und der Kreislauf soweit wieder zufriedengestellt, dass er sich erheben und zum Waschbecken schlurfen konnte.
„Mann, siehst du scheiße aus“, nuschelte er seinem Spiegelbild entgegen und rückte dem abartigen Geschmack auf seiner Zunge mit einer Wagenladung Zahnpasta zu Leibe. Mit Schaum vor dem Mund und der Zahnbürste zwischen den Zähnen kam das Klingeln an der Tür zum merklich schlechtesten Zeitpunkt. Tatsuro stöhnte leidend, als der schrille Ton seine Kopfschmerzen, die gerade erst Anstalten gemacht hatten, nicht mehr unerträglich zu sein, von Neuem anfachte. Wer auch immer vor seiner Tür stand, sollte wieder verschwinden. Er hatte nichts bestellt und selbst wenn, konnte der Paketbote seine Lieferung auch einfach abstellen. Doch sein geistiges Memo erreichte den unbekannten Besucher nicht, denn binnen der nächsten fünf Minuten läutete es weitere acht Mal. Acht Mal! Unter normalen Umständen schätzte Tatsuro zielstrebige Menschen, aber nicht, wenn sein Kopf kurz vorm Platzen stand und er nichts weiter als seine Ruhe wollte.
Mit nicht mehr am Leib als einer schwarzen Shorts und einem ebenso schwarzen Morgenmantel, den er sich zwar übergezogen aber nicht zugebunden hatte, stapfte er halb blind zur Tür. Verflucht, er hätte gestern die Jalousien schließen sollen, dann würde ihm die verdammte Sonne nun nicht seine Netzhaut frittieren.
„Was?“, keifte er unfreundlich und ohne jeden Versuch, zu verbergen, wie genervt er von der morgendlichen Störung war.
„Hey!“, trällerte ihm eine viel zu gut gelaunte Stimme entgegen, die ganz offensichtlich nicht zu einem Paketboten gehörte. Außer Paketboten trugen seit Neuestem hellblond gebleichte Haare, die aussahen, als hätte der Friseur für den Schnitt einen Topf als Schablone benutzt. Und was waren das bitte für Klamotten? Hatte sein Gegenüber einen Flohmarkt für Neunziger-Jahre-Retromode überfallen? Tatsuro hätte schwören können, dass die blaue Baggy-Jeans und das hellgraue T-Shirt mit dem grünen New-York-Aufdruck, welche seinem Träger mindestens drei Nummern zu groß waren, genau dem Outfit eines virtuellen Skater glich, den er vor Ewigkeiten in einem der Tony Hawks Spiele für die Playstation eins gesehen hatte. Es fehlten nur noch das verkehrt herum aufgesetzte Cap auf dem Topfkopf und das Skateboard unter dem Arm und die Zeitreise wäre perfekt.
„Ehm … Hallo?“ Skater-Boy wedelte vor seinem Gesicht herum, was ihn daran erinnerte, dass er noch immer wie ein Idiot in seiner halb geöffneten Tür stand und den Fremden wie eine Erscheinung anstarrte.
„Falsche Wohnung“, brummte er und war im Begriff, die Tür wieder zuzumachen. Der Typ musste sich im Stockwerk geirrt haben.
„Moment mal.“ Eine Hand schoss vor und verhinderte mit erstaunlicher Kraft, dass Tatsuro sein Vorhaben auch in die Tat umsetzen konnte.
„Miya meinte, du würdest einen Mitbewohner suchen?“ Skater-Boy schien selbst nicht zu wissen, ob er diese Aussage als Frage formulieren wollte oder nicht, denn seine Stimme verlor sich irgendwo zwischen einem Quietschen und Brummen am Ende. Tatsuros Braue wanderte fragend ein Stück nach oben, eine Bewegung, die er sich und seinen Kopfschmerzen rückblickend lieber erspart hätte.
„Du bist Miyas Bekannter?“
„Mein Name ist Yukke, freut mich, dich kennenzulernen.“
Er hätte nicht sagen können, was ihn mehr irritierte. Die Tatsache, dass ein zugeknöpfter Kerl wie Miya mit so etwas befreundet war oder der Fakt, dass sich dieser Satz gerade wie aus einem Sprachlehrbuch angehört hatte.
„Yukke, hu? Versteh mich nicht falsch, ich meinte gestern zwar zu Miya, dass ich eventuell einen Studenten zur Untermiete suche, aber ich hatte nicht von einem Erstsemester gesprochen. Zum Babysitten habe ich weder Zeit noch Muse.“
Für eine Millisekunde huschte ein eigenartiger Ausdruck über das jungenhafte Gesicht seines Gegenübers, bevor sich die vollen Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen.
„Ah, diesen Eindruck vermittle ich oft, aber keine Sorge, ich bin wirklich nicht so jung, wie ich aussehe. Warte.“
Yukke zog einen Geldbeutel aus der hinteren Tasche seiner Jeans und hielt ihm im nächsten Moment seinen Führerschein unter die Nase. Fukuno Yusuke stand dort geschrieben und ein Geburtsdatum, das behauptete, dass Skater-Boy bereits vierundzwanzig sein sollte. Wenn der tatsächlich nur drei Jahre jünger, als er selbst war, würde er einen Besen fressen, aber gut.
„Na schön, komm rein.“
Er machte eine halbherzig einladende Handbewegung und konnte so schnell gar nicht schauen, wie der andere seine Wohnung geentert hatte. Die riesige Reisetasche, die ihm bis eben nicht aufgefallen war, ließ Yukke unachtsam beinahe auf seine nackten Füße fallen und fuhr sogleich damit fort, sich die Schuhe auszuziehen. Fast als würde er befürchten, sonst wieder rausgeworfen zu werden. Mh, eine verlockende Vorstellung.
„Du kommst aus Ibaraki?“, erkundigte er sich, obwohl er diese Information gerade erst gelesen hatte. Tja, Small Talk war noch nie seine Stärke gewesen und verkatert, wie er war, konnte man nicht mehr von ihm erwarten.
„Ja, genauer gesagt aus Ishioka. Ibaraki ist eine sehr ländliche Präfektur, darum bin ich hier. Endlich mal Großstadtluftschnuppern, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Ich bin in Mito geboren. Ich weiß genau, was du meinst.“
„Ehrlich? Dann haben wir ja schon etwas gemeinsam, was für ein Zufall!“
Yukke musterte ihn mit unverhohlener Begeisterung, bis ihm deutlich verspätet aufzufallen schien, wie unpassend Tatsuro für diese Art von Konversation gekleidet war. Die Geschwindigkeit, mit der das Blut in die Wangen seines Besuchers stieg, war besorgniserregend.
„Oh, ich, es … Habe ich dich geweckt oder so? Das tut mir leid. Ich dachte … weil es doch schon zwei Uhr ist und Miya meinte …“
„Atme.“
„Wie bitte?“
„Du sollst Luft holen, bevor du mir noch vor die Füße fällst.“
„Ach so, ja, ich …“
„Komm mit.“
Kopfschüttelnd drehte er sich um, gab der Eingangstür einen Stoß, der sie unsanft ins Schloss fallen ließ, und ging voraus ins Wohnzimmer. Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf die Ledercouch.
„Setz dich. Ich zieh mir etwas an, dann können wir reden.“
„Ich, ehm, danke.“
Einen Augenblick musterte er den komischen Kauz noch, der mittlerweile weniger aufgedreht und dafür leicht eingeschüchtert wirkte, dann ging er aus dem Raum. Ein selbstzufriedenes Grinsen schlich sich auf seine Züge, kaum hatte er die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen. Man konnte sagen, was man wollte, aber selbst verkatert hatte er augenscheinlich nichts von seiner Wirkung auf andere eingebüßt.
Aus dem Plan, sich gemütlich etwas anzuziehen und eine Schmerztablette zu nehmen, wurde nichts, denn kaum zwei Minuten später Durchschnitt ein Schrei die vorherrschende Stille.
„Was ist!“, rief Tatsuro und eilte ins Wohnzimmer. Sein Bekleidungszustand war noch immer mangelhaft, denn zu viel mehr, als sich eine Jogginghose überzuziehen, war er nicht gekommen. Sein T-Shirt hielt er unverrichteter Dinge in beiden Händen und seine nackten Zehen sanken im flauschigen Teppich ein.
„Warum schreist du hier herum, als würde dich jemand abstechen?“ Erst jetzt erkannte er, in welcher Position Yukke auf dem Sofa saß oder besser gesagt, wie ein Frosch auf der Sofalehne kauerte. Sein starrer Blick war auf Tetochi gerichtet, die ob des Tumults um sie herum etwas eingeschüchtert vor ihm auf dem Boden hockte.
„Es … ich … das da!“ Ein zitternder Finger deutete auf die Katze, die erst diesen eigenartigen Neuling musterte, bevor sich ihre gelben Augen beinahe fragend auf Tatsuro richteten. So Angestarrter seufzte und zog sich erst einmal das T-Shirt über den Kopf. Er wollte nichts weiter als seine Ruhe, war das wirklich zu viel verlangt?
„Komm her“, lockte er seine Süße mit ruhiger Stimme, ging in die Hocke und streckte die Rechte nach ihr aus. Tetochi tapste langsam auf ihn zu, beschnupperte erst seine Finger, bevor sie ihr Köpfchen schnurrend in seine Handfläche drückte und sich daran rieb.
„So ist es gut.“ Er nahm sie unter dem Bauch und stützte ihren Hintern, damit er sie hochheben konnte. Erst als die Katze sicher gegen seine Brust lehnte, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Besucher.
„Du hast nicht allen Ernstes Angst vor Katzen, oder?“, fragte er mit skeptisch hochgezogener Augenbraue, ging zum Sessel hinüber und setzte sich, Tetochi auf seinem Schoß.
Yukke war derweilen von der Lehne geklettert und hatte sich an das Ende des Sofas gesetzt, das am weitesten von ihm und der Katze entfernt war.
„So, wie du reagierst, solltest du dich lieber nach einer anderen Wohnung umsehen.“
„Was? Ehm ich … Nein, nein, ich war nur überrascht. Die Katze ist kein Problem, ehrlich!“
„So so.“ Tatsuro war alles andere als sicher, dass ihm Skater-Boy gerade nicht doch einen Bären aufband, und die noch immer ängstlich geweiteten Augen trugen nicht gerade dazu bei, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.
„Schlechte Erfahrungen mit Katzen gemacht?“
„So kann man das auch nennen. Unsere Nachbarskatze war ein wahres Monster, das mir mit Vorliebe nach der Schule aufgelauert hat, um mich aus dem Hinterhalt anzuspringen. Ich hab heute noch Narben von ihren Krallen“, nuschelte Yukke und schien kurz in seine eigene Gedankenwelt abzutauchen.
„Darüber brauchst du dir bei Tetochi keine Sorgen zu machen. Sie ist eine ganz Liebe und sogar zu faul, Fliegen zu fangen. Von ihr hast du nichts zu befürchten.“
Tatsuro verstand selbst nicht, weshalb er versuchte, Yukke einen Teil seiner Angst zu nehmen. Sollte es ihm nicht recht sein, wenn sein Besucher zum Schluss kam, hier nicht wohnen zu wollen? Immerhin war sein erster Eindruck von Yukke nicht gerade überzeugend gewesen. War er wirklich der Mitbewohner, den er sich vorstellte? Bedachte man sein derzeitiges Glück, würde er keine ruhige Minute mehr in seiner eigenen Wohnung haben, sobald der andere eingezogen war. Und auch, wenn es sich noch immer nicht so anfühlte, als hätte er diese zermürbende Schreibblockade endlich überwunden, musste er wenigstens versuchen, bis Ende der Woche etwas aufs Papier zu bringen. Dafür brauchte er ein gewisses Maß an Ungestörtheit.
Dennoch … irgendwie hatte der Kerl etwas an sich, das Tatsuro reizte und außerdem hatte er keine Lust, sich aktiv um einen anderen Mitbewohner zu bemühen. Bei Yukke konnte er sich wenigstens weitestgehend sicher sein, dass er kein zweifelhafter Charakter war, der ihm im nächsten Moment die Bude ausräumte. Soweit vertraute er Miya und seiner Menschenkenntnis. Aber apropos zweifelhafter Charakter, was arbeitete Yukke überhaupt? Selbige Frage stellte er sogleich und schien dem anderen damit eine Rettungsleine zugeworfen zu haben, mit der er sich endgültig aus seiner Angststarre ziehen konnte.
„Ich bin Buchhalter, Miya und ich arbeiten im selben Konzern.“
Tatsuro hatte seine liebe Mühe damit, sein Kinn davon abzuhalten, auf dem Boden aufzuschlagen. Buchhalter? Dieser … Bursche? Miya war der Job auf den Leib geschnitten, aber jemanden wie Yukke konnte er sich beim besten Willen nicht in einem Büro vorstellen. Wie aufs Stichwort hörte Tatsuro ein leises, erstaunlich angenehmes Lachen, das von keinem anderen als dem Enigma kam, das es sich nun richtig auf dem Sofa bequem gemacht hatte. Seine Angst vor Tetochi schien er fürs Erste unter Kontrolle gebracht zu haben und die warmen, braunen Augen funkelten amüsiert in seine Richtung.
„Auch diese Reaktion ist typisch, wenn ich sage, was mein Beruf ist.“
„Tja, warum nur?“
„Ich kann die meiste Zeit im Homeoffice arbeiten“, entgegnete Yukke mit so viel Überzeugung in der Stimme, als würde diese Aussage alles, was für Tatsuro gerade nicht wirklich zusammenpassen wollte, erklären.
„Okay, dann sollte zumindest finanziell alles geregelt sein“, lenkte er ein, ohne sich seine Verwirrung weiter anmerken zu lassen. Miya verdiente gutes Geld, wenn er Satochi glauben konnte, und somit sollte auch Yukke finanziell gesehen gut dastehen.
„Tetochi braucht was zu futtern und ich einen Kaffee … und eine Schmerztablette“, setzte Tatsuro nuschelnd nach, als sich seine Kopfschmerzen mit ekelhaftem Stechen zurückmeldeten. Er setzte die Mieze auf den Boden und erhob sich, nicht ohne ein feines Schmunzeln unterdrücken zu können, als Yukke reflexartig die Beine anzog. Als würde Tetochi seine Zehen fressen wollen – eine Vorstellung, die ihn maßlos amüsierte.
„Danach zeige ich dir deine Zimmer, okay? Willst du auch einen Kaffee oder etwas anderes?“
„Einen Tee, wenn es dir keine Umstände macht?“
„Nee, schon gut, komm mit in die Küche.“
Die heißen Getränke waren schnell zubereitet und so standen sie sich gefangen in unangenehmem Schweigen gegenüber, ihre jeweiligen Tassen in den Händen. Tatsuro lehnte gegen die Küchenzeile, während Yukke seine Haltung an der Kochinsel spiegelte.
„Ehm, also, kochst du oft?“, bemühte sich sein Besucher irgendwann um eine Form der Kommunikation, während sich Tatsuro wünschte, wieder ins Bett gehen zu können. Große Augen sahen sich im Raum um und es hätte ihn nicht gewundert, würde Yukke plötzlich anfangen, sämtliche Schubladen und Schranktüren zu öffnen, um seine offenkundige Neugierde zu befriedigen.
„Wenn ein Fertiggericht warm zu machen, als kochen zählt, dann täglich.“
„Ist das dein Ernst? Die Küche ist der absolute Wahnsinn und so riesig, ich würde Stunden hier verbringen, wenn das meine wäre.“
„Tu was du nicht lassen kannst.“ Tatsuro winkte ab, stellte seinen Kaffee neben sich auf die Arbeitsplatte und rückte seinem dröhnenden Kopf endlich mit einer Schmerztablette zu Leibe. „Wenn du dich entscheidest, hier einzuziehen, versteht sich.“
„Was? Ehrlich?“
„Ja, warum nicht? Das ist die einzige Küche in der Wohnung, wenn du dich in deinen Räumen nicht irgendwie anders einrichten möchtest, wird dir nichts anderes übrig bleiben. Einmal die Woche lasse ich Lebensmittel liefern, wenn du dich daran beteiligen willst, musst du mir nur sagen, was ich für dich mitbestellen soll.“
„Ich kann mich doch um die Einkäufe kümmern. Immerhin wäre das günstiger und ich sagte ja schon, dass ich mich in der Großstadt umsehen will. Einkaufen ist dafür doch bestens geeignet, oder etwa nicht?“
Tatsuros Augenbraue machte sich wieder einmal selbstständig, als er den anderen fragend musterte. Yukkes und seine Auffassungen davon, wie man eine neue Stadt am besten kennenlernte, drifteten eindeutig sehr weit auseinander, aber wenn er das so wollte, sollte ihm das recht sein. Also zuckte er nur mit den Schultern und beließ es dabei.
„Na schön, dann folg mir, wenn du mehr sehen willst“, murmelte er, erneut mit seiner Kaffeetasse ausgerüstet und führte seinen wohl neuen Mitbewohner durch das weitläufige Appartement.
„Das hier ist mein Arbeitszimmer“, erklärte er und schob die nur angelehnte Tür auf. Dahinter befand sich ein gemütlich eingerichteter Raum, den die Nachmittagssonne in einladendes Licht tauchte.
„Miya hat dir sicher schon erzählt, dass ich Schriftsteller bin?“ Yukke nickte, den Hals gereckt und den Blick neugierig über die vielen Bücherregale, unzählige Topfpflanzen, den großen Schreibtisch und die Gemälde an den Wänden schweifen lassend. Die meisten Bilder stammten von Satochi, einige seiner frühesten Werke, die Tatsuro in Ehren hielt.
„Normalerweise schreibe ich im Wohnzimmer, aber ich werde versuchen, in Zukunft öfter hier zu arbeiten. Immer vorausgesetzt natürlich, ich bringe überhaupt etwas aufs Papier und stehe Ende der Woche nicht vor dem Scherbenhaufen meiner Karriere.“
Eine unerwartete Berührung an seinem nackten Unterarm ließ seinen Blick fragend zu Yukke schnellen, dessen Finger es waren, die kaum merklich dort ruhten. Sie waren warm, wie der Blick aus braunen Augen, der tiefer zu gehen schien, als das möglich sein sollte. Ein eigenartiges Gefühl bemächtigte sich ihm und reflexartig trat er einen kleinen Schritt zurück.
„Das musst du nicht“, stellte sein Gegenüber leise fest, beide Hände nun hinter dem Rücken verschränkt, als wäre er nicht minder erstaunt über den plötzlichen Körperkontakt. Die Stelle an Tatsuros Unterarm kribbelte leicht, als wollten sich seine Nervenenden unbedingt an die angenehme Wärme zurückerinnern. So ein Blödsinn. Und außerdem … was bitte war gerade in ihn gefahren, dass er einem Wildfremden von seinen Problemen erzählte?
„Was muss ich nicht?“
„Wegen mir ins Arbeitszimmer ausweichen, wenn du lieber im Wohnzimmer schreibst. Mich stört es nicht, leise zu sein.“
Das war erstaunlich rücksichtsvoll, stellte Tatsuro fest, verkniff es sich jedoch, das auch laut auszusprechen.
„Wir werden sehen, wie es sich entwickelt“, merkte er unverbindlich an und deutete den Flur weiter entlang, der einen Knick nach links machte, bevor er an seinem Schlaf- und Badezimmer vorbeiführte.
„Vor der Renovierung waren das hier drei kleine Wohnungen, darum ist der Grundriss etwas verwinkelt. Aber so hast du wenigstens deine Ruhe.“
‚Und ich hoffentlich auch.‘
Tatsuro blinzelte, als sich sein schlechtes Gewissen zu Wort meldete, obwohl er gerade nur in Gedanken unfreundlich zu Yukke gewesen war. Jetzt reichte es aber, was war heute nur los mit ihm?
„Das wären die beiden Zimmer.“
Er drückte die Tür nach innen auf, die den Blick auf einen überschaubaren Raum freigab. Das Zimmer war nur spärlich möbliert, ein kleines Sofa stand einer Kommode gegenüber, auf der Platz für einen Fernseher oder Ähnliches war. In der hinteren Ecke war eine kleine Arbeitsnische mit Schreibtisch, Regalen und Stuhl eingerichtet, den Rest der Wand nahm ein Fenster für sich ein. Schräg von der Tür, in der Yukke und er standen, führte eine weitere ins angrenzende Schlafzimmer. Auch dort standen die Möbel noch so, wie Tatsuro sie bei seinem Einzug vorgefunden hatte. Ein schmales Bett und ein Kleiderschrank, beides in hellem Holz gehalten. Doch trotz der unspektakulären Inneneinrichtung schien Yukke hellauf begeistert von den Räumen zu sein.
„Wow, ich hätte nicht gedacht, dass hier noch so viel Platz ist. Miya hat von Zimmern gesprochen, die du nicht nutzt, aber das ist ja beinahe eine kleine Wohnung für sich.“
„Du kannst dir also vorstellen, hier einzuziehen?“
„Ist das ein Witz? Ich wäre schön blöd, das nicht zu tun.“ Yukke grinste ihn an und die ehrliche Begeisterung in seinem Gesicht war eigenartig ansteckend.“
„Gut. Du hast ein eigenes Bad mit Dusche, die Tür ist hier. Wenn du mal in die Wanne springen willst, kannst du aber auch jederzeit das Große benutzen.“
„Und die Möbel?“
„Damit kannst du machen, was du willst. Wenn du sie nicht brauchst, müssen wir nur sehen, wo wir sie in der Zwischenzeit lagern.“
„Nein, nein. Es wäre großartig, wenn ich sie nutzen könnte. Ich bin mit leichtem Gepäck aufgebrochen und hatte schon die Befürchtung, mir alles neu kaufen zu müssen.“
„Aha.“ Tatsuro sparte es sich, Yukkes eigenartige Anwandlungen zu hinterfragen. Wer bitte setzte sich das Ziel, in der Großstadt ein neues Leben zu beginnen, und nahm nicht mehr mit, als in eine Reisetasche passte? Dass er selbst genau das vor einigen Jahren getan hatte, als er Hals über Kopf von zu Hause ausgezogen war, weil er sich mit seinem Vater überworfen hatte, vergaß er dabei geflissentlich.
Plötzlich schoss ihm ein Gedanke wie ein Blitz in den Kopf, dann noch einer und noch einer. Automatisch hielt er die Luft an. Halt mal, da bahnte sich etwas an! Ein Funke, eine Idee! Fast glaubte er, zu hören, wie sich die eingerosteten Zahnräder seines Denkapparates langsam in Bewegung setzten. Er blinzelte und sah, dass sich Yukkes Lippen bewegten, konnte jedoch nicht hören, was er sagte. Die Ideen riefen zu laut in seinem Kopf, formten sich zu Szenen, die vor seinen Augen wie eine Diashow aufflackerten.
Ein Zerwürfnis.
Seine Hauptprotagonistin, die trotz der unheimlichen Geschehnisse in Band eins noch immer ein viel zu großes Herz besitzt.
Übernatürliche Vorkommnisse, die eine Kleinstadt in Atem halten.
Eine Prise Horror.
Eine alte Bekannte, die nicht das ist, was sie zu sein scheint.
Und das Aufflammen einer unwiderstehlichen Anziehungskraft im denkbar ungünstigsten Moment.
Ja, ja, verdammt! Das war der Aufhänger für die Fortsetzung seines Romans, nach dem er die ganzen letzten Monate über gesucht hatte! Tatsuro spürte das Adrenalin durch seine Adern rauschen, fühlte das Kribbeln seiner Fingerspitzen, das perfekt mit dem elektrischen Knistern dutzender Gedanken in seinem Kopf harmonierte. Fahrig fuhr er sich durch die Haare. Er musste an seinen Computer, jetzt, bevor der Strom an Ideen ungenutzt versiegte.
Also …“, begann er gehetzt, „wenn du vorerst nichts weiter brauchst, lasse ich dich in Ruhe ankommen. Ich bin im Wohnzimmer, sollte etwas sein.“
In Wahrheit war es ihm egal, ob sein neuer Mitbewohner noch etwas zu sagen hatte oder tatsächlich etwas von ihm brauchte. Yukke hatte noch nicht einmal den Mund geöffnet, um ihm zu antworten, da hatte er sich bereits umgedreht und war davongeeilt.
Noch mal Glück gehabt
Drei Uhr morgens. Tatsuro lehnte sich in seinem Stuhl zurück und presste Daumen und Zeigefinger gegen seine Nasenwurzel. Der Druck half ein wenig gegen seine Kopfschmerzen, aber seine Augen fühlten sich nach wie vor an, als würde mit jedem Blinzeln Sandpapier über seine Bindehaut kratzen. Ihm blieben noch ungefähr sechs Stunden, bis er im Verlag sein musste, denn irgendetwas sagte ihm, dass es nicht genügen würde, Gara den Prolog und das erste Kapitel nur per Mail zu schicken. Aber das war nicht einmal das Problem und auch nicht der Grund, weshalb er seit gestern früh vor dem Computer saß, kaum etwas gegessen und nur Kaffee getrunken hatte, um sich wach zu halten. Gäbe es Tetochi nicht, die versorgt werden musste, hätte er sich vermutlich kein Stück weit von seinem offenen Dokument wegbewegt.
Er war in den letzten paar Tagen produktiver gewesen, als in all den Monaten zuvor. Unter normalen Umständen wäre dies ein Grund zu feiern und nicht, in wilde Panik auszubrechen. Dumm nur, dass er seinem Verleger versprochen hatte, ihm den Einstieg in die Story zu liefern, sein Gehirn sich aber nicht davon überzeugen ließ, linear zu arbeiten. Das Ende war ausformuliert, eine seiner Angewohnheiten, um von Anfang an den richtigen Tonfall für seine Geschichten zu finden. Sogar ein paar Kapitel hatte er fast fertig geschrieben, ob er sie am Ende alle für den Roman verwenden würde, für einen weiteren Teil aufbereiten oder komplett verwerfen, wusste er noch nicht. Aber die Szenen hatten geschrieben werden wollen und dagegen konnte und wollte er sich nicht wehren. Verdammt, er war heilfroh, überhaupt wieder schreiben zu können. Er hatte den kompletten Plot für den Roman skizziert und wusste endlich genau, wohin er damit wollte. Er hatte so viel geschafft, aber helfen tat es ihm nicht wirklich.
Das erste Kapitel hatte er zwar fertig bekommen und er war sogar recht zufrieden damit, aber den tatsächlichen Einstieg in seine Geschichte fand er nicht. Seit einer geschlagenen Stunde versuchte er, sich dazu zu zwingen, nun auch den Prolog zu schreiben, aber sein Kopf blockierte. Für Szenen, die viel später relevant waren, flogen zahlreiche Ideen in seinen Gedanken herum, aber unter ihnen war nichts, was er gerade gebrauchen konnte.
Mit einem erschöpften Ächzen erhob er sich und streckte seinen krummen Rücken durch. Sein Nacken fühlte sich bretthart an und zu allem Überfluss meldete sich sein rechtes Handgelenk mit unangenehmem Ziehen zu Wort. Als wüsste er nicht selbst, dass er es in den letzten Tagen mit dem ständigen Sitzen und In-den-Computer-starren übertrieben hatte, auch ohne, dass ihm sein Körper jede Schmerzstelle einzeln aufzählte. Wie ein alter Mann schlurfte er ins Bad, klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht, das hoffentlich seine Lebensgeister und seine grauen Zellen aufwecken würde, und begann, im Medizinschrank nach dem Tape zu suchen. Wo hatte er das letztens noch gleich hin geräumt?
Er hatte gerade mal eine Packung Magentabletten und die Verbandsschere beiseitegeschoben, als der gesamte Inhalt des untersten Fachs beschloss, mit lautem Scheppern aus dem Schränkchen zu fallen. Tatsuro seufzte abgrundtief und starrte die Misere am Boden unbewegt an. Er war zu müde, um das vorherrschende Chaos verarbeiten oder begreifen zu können, dass er sich nur bücken musste, um die Sachen wieder aufzuheben. Er fühlte sich, als liefe sein Gehirn nur noch mit halber Leistung. So war es auch nicht verwunderlich, dass er nicht hörte, wie die Tür am Ende des Flures aufgemacht wurde. Yukkes Tür. Erst ein leises Klopfen riss ihn aus seiner Erstarrung.
„Ist alles in Ordnung? Darf ich reinkommen?“
Sein Mitbewohner stand in der offenen Tür, die Knöchel der rechten Hand berührten noch den Türrahmen, gegen den er geklopft haben musste.
„Geh wieder ins Bett, es ist erst kurz nach drei. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
„Das kann passieren, lass mich dir helfen, okay?“
Tatsuro atmete lang gezogen aus, nickte aber schließlich und hockte sich auf den Wannenrand, um nicht wie ein unnützes Hindernis im Raum herumzustehen.
„Wonach hast du gesucht?“
„Nach dem Tape.“
„Dieses hier?“ Yukke hielt eine Rolle mit genau der blauen Haftbandage hoch, die er gesucht hatte. Wieder nickte er und streckte seine nicht schmerzende Hand auffordernd danach aus. Statt seiner stummen Bitte jedoch nachzukommen, räumte Yukke erst die letzten Dinge zurück in den Arzneischrank, bevor er sich vor ihn auf den Boden kniete.
„Was wird das?“
„Es ist dein Handgelenk, oder? Wofür du das Tape brauchst, meine ich. Welches ist es?“
„Das Rechte, aber ich kann …“
„Pscht“, zischte Yukke und schüttelte abwiegelnd den Kopf, bevor er ihn aus erstaunlich wachen und überraschend strengen Augen musterte.
„Lass mich einfach machen, ja?“
„O… okay.“
Vermutlich war seine Müdigkeit schuld daran, dass er sich nicht dagegen sträubte, als Yukke umsichtig seine Hand umfasste und damit begann, das Gelenk mit dem Tape zu umwickeln. Er mochte es nicht, von anderen abhängig zu sein, das hatte selbst Satochi schon zu spüren bekommen und den kannte er immerhin seit über acht Jahren. Wenn er es genau betrachtete, war Yukke noch immer ein Fremder, mit dem er erst seit einer Handvoll Tagen unter einem Dach lebte. Trotzdem verspürte er gerade keinerlei Wunsch, dieser Situation zu entfliehen. Im Gegenteil, der stärker werdende Druck um sein Handgelenk schwächte das schmerzhafte Ziehen auf ein erträgliches Maß ab und seine Lider begannen immer schwerer zu werden. Er würde hier gleich einschlafen, das spürte er.
„Fertig. Komm, ich mach dir einen Tee.“
„Ich brauch Koffein, muss wachbleiben“, nuschelte er und ließ sich von Yukke aus dem Bad schieben, als wäre er betrunken. Um ehrlich zu sein, fühlte er sich gerade auch ein bisschen so.
„Dann bekommst du eine Tasse grünen Tee, aber keinen Kaffee, der ätzt dir noch die Magenwände durch.“
„Ich dachte, du bist Buchhalter und keine Krankenschwester.“
„Nenn es mein verborgenes Talent oder einfach gesunden Menschenverstand, wie du möchtest.“
Gähnend ließ Tatsuro sich auf einen der drei Barhocker sinken, die immer vor der Kücheninsel standen, jedoch so gut wie nie genutzt wurden. Jetzt kamen sie ihm ganz gelegen, denn auf einem normalhohen Stuhl wäre er mit Sicherheit direkt eingeschlafen. Aber auch so fiel es ihm schwer, sich aufrechtzuhalten und so stützte er sein Gesicht in die linke Handfläche und den Ellenbogen auf der Holzplatte ab. Yukke indes tat, was er angekündigt hatte und kaum fünf Minuten später stand eine dampfende Tasse unter Tatsuros Nase.
„Warum gehst du eigentlich nicht endlich ins Bett? Du schreibst schon seit gestern früh durch. Langsam müsstest du doch fertig sein.“
„Hätte ich das schreiben können, was ich brauche und nicht das, was mein Hirn für richtig hält, wäre dem auch so. Aber ich habe erst das erste Kapitel fertig, der Prolog fehlt noch komplett.“
„Und jetzt?“
„Jetzt gehe ich rüber, setze mich wieder vor den Computer und hoffe auf ein Wunder.“
„Aha. Und du glaubst, damit Erfolg zu haben?“
Tatsuro lachte, ein kleiner, leicht irre angehauchter Laut, der in seiner Kehle brannte. Gierig trank er einen großen Schluck, verbrannte sich die Zunge dabei, aber das war nun auch egal.
„Nein, das sind nur noch die letzten Zuckungen eines Todgeweihten. Editieren muss ich das Ganze nämlich auch noch, das schaffe ich nie bis in …“ Er hob den Kopf und starrte die Küchenuhr an, die ihm schräg gegenüber an der Wand hing. Zwanzig Minuten nach drei stand dort und machte ihm schlagartig begreiflich, dass ihm die Zeit sprichwörtlich durch die Finger rann. „Ich hab nicht einmal mehr fünf Stunden, bis ich mich auf den Weg in den Verlag machen muss.“
„Okay.“ Yukke klatschte in die Hände, was Tatsuro erschrocken zusammenfahren ließ.
„Spinnst du?“
„Nein, aber ich sorge dafür, dass du ein kleines Wunder vollbringst.“
„Doch, du spinnst, eindeutig“, beantwortete Tatsuro seine eigene Frage und rieb sich über die Stirn.
„Genug gequatscht, park deinen Hintern vor den Computer und druck mir das erste Kapitel aus.“
„Und warum?“
„Damit ich es lesen kann.“ Die Fragen mussten Tatsuro quer übers Gesicht geschrieben stehen, denn Yukke schnaubte nur und schob ihn auffordernd vom Hocker.
„Ich hab ein gutes Auge für Rechtschreibfehler und sollte irgendwas unlogisch sein, kann ich das anmerken. Oder besser noch, schick mir die Datei. Ich hole nur schnell meinen Laptop. Magst du Schokolade oder Gummibärchen?“
„Eh, was?“
„Du brauchst Zucker für deine grauen Zellen, also was jetzt? Schokolade oder Gummibärchen.“
„Schokolade.“
„Kommt sofort.“
Tatsuro fühlte sich wie in einem Comic. Es fehlte nur noch, dass Yukke einen Kondensstreifen hinter sich herzog, so schnell war er aus der Küche verschwunden. Deutlich langsamer verließ er den Raum und setzte sich vor den Computer. Er hatte Yukkes E-Mail-Adresse noch gespeichert, weil er ihm den Vertrag zur Untermiete erst vor zwei Tagen geschickt hatte. Warum er sich auf diese Schnapsidee einließ, verstand er, um ehrlich zu sein, nicht wirklich, aber die Mail sendete er trotzdem. Vermutlich hatte er den Punkt erreicht, an dem er nach jedem Strohhalm griff, sei er auch noch so dünn.
„So, da bin ich wieder“, trällerte sein Mitbewohner, wenn man ihn fragte, viel zu wach und gut gelaunt. „Hier.“
Eine große Tafel Schokolade wurde ihm neben die Tastatur gelegt. Sie war bereits geöffnet und ein Stück fehlte, dafür kaute Yukke munter vor sich hin. Aha, so war das also. Ein kleines Schmunzeln zupfte an Tatsuros Mundwinkel, bevor er die Frage stellte, die ihm unter den Nägeln brannte.
„Warum machst du das?“
„Na hör mal, ich hab mich gerade erst häuslich eingerichtet, ich riskiere doch nicht, das jetzt zu verlieren. So tolle Zimmer zu dem Preis finde ich nie wieder.“
Tatsuro verkniff es sich, Yukke darauf hinzuweisen, dass er überhaupt erst hier hatte einziehen können, weil er befürchtete, seinen Job zu verlieren und sich die Wohnung nicht mehr leisten zu können. Die Gefahr war zu hoch, dass es sich sein Mitbewohner in dem Fall noch einmal genau überlegte, ob er ihm wirklich helfen wollte. Denn, ob es ihm nun gefiel oder nicht, er brauchte wirklich jede Hilfe, die er kriegen konnte.
„In Ordnung, du solltest das Kapitel schon in deinem Postfach haben.“
„Sehr gut.“
Yukkes Finger legten sich für einen Moment auf seinen Handrücken, der nicht mit Tape umwickelt war.
„Du schaffst das. Der Plot ist in deinem Kopf und die Story will geschrieben werden.“
Ihre Blicke verhakten sich ineinander und für einen irrwitzigen Moment überkam ihn das Gefühl, haltlos in die braunen Tiefen zu stürzen. Der andere trat einen Schritt zurück, löste den Kontakt ihrer Hände und wandte den Blick ab. Tatsuro blinzelte und schüttelte sacht den Kopf. Was war das gerade gewesen?
Diese und andere Fragen schwirrten in seinen Gedanken herum, doch keine schaffte es auf seine Zunge. So brach er ein Stück Schokolade ab, zerkaute es und schluckte es gemeinsam mit allem, was er gerade nicht verstand, herunter. Die Süße weckte einen Teil seiner Lebensgeister und als er sich seinem Dokument zuwandte, hatte er tatsächlich eine erste, vage Idee, wie er den Einstieg in den Roman formulieren wollte.
~*~
Yukke hatte darauf bestanden, ihn zu fahren. Um die Öffentlichen zu nehmen oder ein Taxi zu rufen, war Tatsuro viel zu spät dran und um selbst das Auto sicher durch den Straßenverkehr zu lotsen, war er zu übermüdet. Es missfiel ihm zwar, jemand anderen hinter das Steuer seines Flitzers zu lassen, aber schlussendlich war ihm nichts anderes übrig geblieben. Er hatte bis zur letzten Minute an dem Prolog gefeilt und die wenigen Anmerkungen eingearbeitet, die Yukke nach dem Durchlesen für ihn gehabt hatte. Er hatte es tatsächlich geschafft! In seinem Schoß lag ein brauner Umschlag, darin der ausgedruckte Prolog und das erste Kapitel sowie ein USB-Stick mit den Dateien.
Es war fünf nach neun, teilte ihm seine Armbanduhr nach einem schnellen Blick auf das Ziffernblatt mit, als Yukke in die Tiefgarage unter dem Verlagsgebäude einbog.
„Ich warte hier.“
„Musst du nicht zur Arbeit?“
„Nein, ich hab meinen Laptop mitgenommen.“ Yukke drehte sich im Sitz um und beugte sich nach hinten, um seine Laptoptasche vom Rücksitz zu nehmen.
„Ich hab einige Fälle offline gespeichert, an denen ich arbeiten kann, bis du zurück bist.“
„In Ordnung.“
„Setz am besten die hier auf.“ Yukke nahm die Sonnenbrille, die Tatsuro in weiser Voraussicht immer am Rückspiegel hängen hatte, und drückte sie ihm in die Hand.
„Du willst sicher nicht, dass dein Verleger deine knallroten Augen oder die Augenringe sieht, oder?“
„Gute Idee.“ Tatsuro grinste wie ein Mann, der wusste, dass seine Chancen, seinen Ausflug in die Höhle des Löwen unverletzt zu überstehen, recht überschaubar waren.
„Okay dann …“
Bevor er sich die Sonnenbrille aufsetzen und aus dem Wagen steigen konnte, wie es sein eben gefasster Plan gewesen war, spürte er plötzlich Yukkes Hände an seinen Wangen. Der andere tätschelte seine Haut leicht und grinste ihn dabei so spitzbübisch an, dass er spüren konnte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg.
„Ah, schon viel besser“, stellte sein lebensmüder Mitbewohner fest, nachdem er wieder von ihm abgelassen hatte. „Jetzt hast du wenigstens etwas Farbe im Gesicht.“
„Du spielst mit deiner Gesundheit“, knurrte Tatsuro, die Sonnenbrille auf der Nase und einen Fuß bereits aus der Beifahrertür gestreckt.
„Na, dann sind wir ja schon zu zweit. Bis später und viel Glück.“
„Danke, das kann ich brauchen“, nuschelte er und verkniff sich ein Seufzen, bis er die Wagentür hinter sich geschlossen hatte. Ein eigenartiges Summen vibrierte durch seine Gliedmaßen und irgendetwas sagte ihm, dass das nichts mit seinem Koffeinkonsum der letzten Stunden zu tun hatte. Was hatte sich Yukke dabei gedacht, ihn so zu überfallen? Er versuchte, empört zu sein, aber das einzige Gefühl, das sich einstellen wollte, war ehrliche Dankbarkeit für seine selbstlose Hilfe. Nicht, dass er Yukke das ins Gesicht sagen würde, dafür kannte er den anderen beim besten Willen weder lange noch gut genug, aber in der Stille seiner Gedanken konnte er sich das eingestehen.
Was er sich noch eingestehen konnte, war die Dankbarkeit für den Aufzug, der ihn hoch ins Verlagshaus brachte. Allein bei dem Gedanken daran, die sieben Stockwerke zu Fuß zurücklegen zu müssen, wurden ihm seine Knie noch weicher als ohnehin. Als die Türen sich öffneten, straffte Tatsuro die Schultern und rückte die Sonnenbrille zurecht. Er versuchte, die Aura eines exzentrischen Schriftstellers um sich zu legen und nicht auszusehen, wie der ausgebrannte Möchtegernschreiber, als der er sich fühlte.
„Guten Morgen Midori-san“, grüßte er die Mittfünfzigerin hinter dem Empfangstresen. „Ist Gara in seinem Büro?“
„Ah, guten Morgen, Tatsuro-san. Schön, dass Sie da sind. Gara-san wartet schon seit einer halben Stunde auf Sie. Gehen Sie doch bitte gleich rein zu ihm.“ Sie schenkte ihm ein mütterliches Lächeln und in ihren Augen glaubte er, so etwas wie Mitleid zu erkennen. Oje, sein Verleger schien schlechte Laune zu haben, wenn er die Vorzeichen richtig deutete.
„Der Verkehr, Sie wissen ja, wie das ist.“ Nonchalant zuckte er mit den Schultern, als könnte er überhaupt nichts dafür, zu spät eingetroffen zu sein. Und ganz ehrlich? Gara und er hatten keine Uhrzeit vereinbart, woher sollte er also wissen, dass der Verleger ausgerechnet heute mit seiner Routine brach, und schon vor neun im Büro aufschlug?
„Tatsuro!“, schallte es ihm entgegen, kaum hatte er die Bürotür geöffnet. „Komm schon rein, die Sitzung beginnt in zwanzig Minuten.“
Ah, das erklärte wenigstens, weshalb Gara so früh hier war und vermutlich auch einen Teil seiner miesen Laune.
„Dir auch einen schönen guten Morgen“, trällerte er mit süßlicher Freundlichkeit in der Stimme und energiegeladener, als er sich fühlte. Wenn er ehrlich war, hätte er an Ort und Stelle umfallen und einschlafen können, Gara hin oder her. Stattdessen ging er auf den Schreibtisch aus modernen Glas- und Stahlelementen zu und warf den Umschlag schwungvoll auf die Papierstapel, die die Tischoberfläche bedeckten. Die schmale Braue des Verlegers hob sich kaum merklich und für zwei Herzschläge lang taxierte er ihn, als könnte er direkt durch seine Fassade blicken. Dann jedoch griff er nach dem Umschlag, öffnete ihn und zog die Ausdrucke heraus.
Tatsuro biss sich auf die Innenseite seiner Unterlippe, um das erleichterte Aufseufzen zu unterdrücken, und ließ sich nonchalant in den Besucherstuhl fallen. Mit überschlagenen Beinen und seine zittrigen Finger im Schoß gefaltet, begann er sich mit gespieltem Interesse im Raum umzusehen. Garas Büro war ein unpersönlicher Ort, hauptsächlich in Weiß gehalten. Nur der dunkelblaue Teppichboden und der Benjamin, der hinter dem Schreibtisch stand und ein Drittel der Fensterfront mit seinen kleinen grünen Blättern verdeckte, sorgten für etwas Farbe. Seit seinem letzten Besuch schienen sich die Papierstapel noch höher zu türmen und die zahllosen Mappen und Ordner noch unordentlicher herumzuliegen. Dass der Verleger in diesem Chaos überhaupt noch irgendetwas fand, musste reiner Zufall sein. Tatsuro setzte alles daran, ruhig und gelassen zu wirken, aber mit jeder verstreichenden Minute, die Gara durch seinen Ausdruck blätterte, schwoll die nervöse Unruhe in seinem Inneren zu einem kaum noch zu ertragenden Maß an.
„Na, was hältst du davon?“, fragte er schlussendlich, als er das Warten nicht mehr aushielt.
„Warte, ich bin noch nicht fertig.“
Meine Güte. Tatsuro rollte verborgen hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille mit den Augen. Dafür, dass es Gara eben noch so eilig hatte, ließ er sich nun verdammt viel Zeit. Reichte es nicht, das Geschriebene zu überfliegen, um einen ersten Eindruck davon zu bekommen?
„Mh.“ Gara brummte, raffte die Blätter zusammen und legte den Stapel zu seinen Brüdern und Schwestern auf die Seite.
„Damit sollten wir was anfangen können.“ Plötzlich schlich sich ein breites Lächeln auf das magere Gesicht und ein kurzes Auflachen erhellte die bis eben grimmigen Züge.
„Ich muss zugeben, Tatsuro, zwischenzeitlich habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich einen Fehler gemacht habe, als ich dich unter Vertrag genommen habe. Du machst es einem wirklich nicht leicht.“ Gara fuhr sich durch seine schulterlangen, brünetten Haare und erhob sich. Langsam kam er um den Schreibtisch herum und legte seine schmale Hand auf Tatsuros Schulter. Die intelligenten Augen ruhten auf ihm, bis der Verleger sich selbst zunickte, als wäre er zu einer Entscheidung gekommen. Tatsuro wagte es kaum, zu atmen, zu groß war seine Sorge, der andere würde doch noch hinter seine selbstsichere Fassade blicken. Doch nichts geschah und einen Herzschlag später ließ der kleinere Mann wieder von ihm ab und deutete mit einer knappen Handbewegung an, dass Tatsuro nun aufzustehen und zu gehen hatte.
„Wenn du mir bis in sechs Wochen das Manuskript lieferst, ist aber alles Vergeben und Vergessen, mein junge.“
„Sechs Wochen?“ Überrumpelt holte er Luft, stand auf und ließ sich von Gara zur Tür schieben. „Das ist ziemlich sportlich, findest du nicht auch? Ich habe gerade erst meine Schreibblockade überwunden …“
„Du machst das schon. Und nun zurück an die Arbeit, ich habe einen Vorstand von dir zu überzeugen.“ Sein Verleger schenkte ihm ein wahrliches Haifischlächeln und bugsierte ihn aus der Tür. „Lass dir von Midori die Termine für die Promos geben, ja? Ich erwarte, dich auf jeder einzelnen Veranstaltung zu sehen.“
„Aber, Gara …“
Mit einem dumpfen Knall fiel die Tür direkt vor seiner Nase ins Schloss, sodass er nichts weiter tun konnte, als das dunkle Holz besiegt anzustarren. Gerade so unterdrückte er den Drang, seinen Kopf dagegen zu schlagen, drehte sich stattdessen zum Empfang um und schenkte Midori das schönste Lächeln, zu dem er fähig war.
„Gara sagte, Sie hätten Termine für mich?“
~*~
Tatsuro öffnete die Wagentür, sank mit einem abgrundtiefen Seufzen in den weichen Ledersitz und schloss die Augen.
„Oje, ist es so schlecht gelaufen?“
„Ja und nein.“
Er hörte, wie Yukke seinen Laptop schloss, ihn verstaute und wieder auf den Rücksitz legte. Keinen Moment später erwachte der Motor zum Leben und die leise Musik aus dem Autoradio begann augenblicklich, ihn einzulullen.
„Und was genau soll das nun heißen?“, hakte sein Mitbewohner nach, als Tatsuro auch nach einigen Minuten nicht mit der Sprache herausgerückt war. Er spürte die Kurven, die Yukke fahren musste, um aus der verwinkelten Tiefgarage nach oben zu kommen, registrierte den Halt an der Schranke und die Beschleunigung, als sie sich in den fließenden Verkehr einordneten. Auf eine eigenartige Art und Weise war es beruhigend, dass er gerade nicht beeinflussen konnte, wohin Yukke ihn brachte oder wie er das Auto durch die Straßen der Stadt lenkte. Denn genauso wenig konnte er jetzt noch kontrollieren, wie die nächsten sechs Wochen seines Lebens aussehen würden.
„Tatsuro? Bist du eingeschlafen?“
„Noch nicht ganz, aber fast.“ Er zog sich die Sonnenbrille von der Nase, blinzelte gegen die Helligkeit an und hängte sie zurück an den Rückspiegel.
„Gara war zufrieden und trotzdem verlangt er, dass ich ihm den ersten Entwurf in sechs Wochen vorlege.“
Yukke pfiff durch die Zähne, sagte aber vorerst nichts auf diese Information.
„Das eigentliche Problem sind aber die Promos, auf die er mich schicken will. Bei so vielen Terminen frage ich mich, wie ich die Zeit zum Schreiben finden soll.“
Yukke riskierte einen schnellen Seitenblick in seine Richtung und schenkte ihm ein verständnisvolles Lächeln.
„Du schaffst das. Schlaf dich erst einmal richtig aus, dann sieht das alles sicher nicht mehr so überwältigend aus.“
„Du redest dir echt leicht.“
„Stimmt, ich habe keine Ahnung, welchen Druck die Termine und die Deadline in dir aufbauen, aber eines weiß ich ganz sicher.“
„Und das wäre?“
„Dass ich dir helfen werde. Wir sind doch ein prima Team!“
Sind wir nicht ein tolles Team?
„Und, wie ist es so?“
„Was meinst du?“
„Na, das Zusammenleben mit Yukke natürlich.“
Tatsuro lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Beine überschlagen und spielte mit dem dünnen Stiel seines Rotweinglases. Die Writer's Lounge war auch heute wieder gut besucht und dennoch hatte er Satochis Frage ohne Probleme verstanden. Sein Freund saß ihm gegenüber an ihrem üblichen Tisch auf der Galerie und sah ihn mit erwartungsvoller Miene an. Tatsuro brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu sortieren und eine Antwort zu finden, die der eigenartigen Symbiose gerecht wurde, die Yukke und er in den letzten beiden Wochen geformt hatten.
„Es ist … interessant.“
„Interessant? Soso.“ Satochis Grinsen war eindeutig nicht jugendfrei, als er sein Bier leerte und vielsagend nach unten zur Bar schaute. Tatsuro folgte seinem Blick und blieb prompt an Yukkes hellblondem Schopf hängen.
„Schließ nicht immer von dir auf andere. Ich habe nicht vor, etwas mit meinem Mitbewohner anzufangen. Außerdem stehe ich auf ältere Männer, wie du weißt.“
„Ach komm. Du kannst mir nicht weismachen, dass Yukke nicht einige Knöpfe bei dir drückt. Die hübschen großen Augen, sein Lächeln, der Körperbau …“ Satochi wackelte vielsagend mit den Brauen, doch Tatsuro für seinen Teil verdrehte nur die Augen. Er wollte nicht so genau über Yukke nachdenken und vor allem hatte er keinen Bedarf, die Vorzüge des anderen aufgezählt zu bekommen. Als wären ihm diese nicht längst aufgefallen. Genau wie dieses sinnliche Kribbeln, das ihn jedes Mal packte, wenn sie sich bewusst oder unbewusst berührten. Das wurde langsam aber sicher unheimlich. Im Versuch, von sich und seinen Gedanken an Yukke abzulenken, deutete er auf eben jenen Mann eine Etage unter ihnen. Wie kontraproduktiv diese Aktion war, wurde ihm erst mit Verspätung bewusst, aber da war es schon geschehen.
„Erklär mir lieber, warum die beiden überhaupt an die Bar gegangen sind, wenn hier mehr als eine Servicekraft herumläuft?“
„Na, weil Miya wie immer überaus aufmerksam ist und bemerkt hat, dass ich alleine mit dir reden will.“
„Ach, ist das so?“, murmelte Tatsuro etwas abgelenkt vom Treiben an der Bar.
„Für mich sieht es eher danach aus, als hätten die beiden auch etwas zu besprechen.“ Mit steigender Neugierde kniff er die Augen zusammen und versuchte, ein paar Details zu erkennen. Leider war er zu weit entfernt, um Miyas oder Yukkes Lippenbewegungen interpretieren zu können, aber zumindest ihre Körpersprache ließ vermuten, dass sie sich mehr als lebhaft unterhielten.
„Ich frage mich, worüber die zwei reden? Für mich sieht das fast wie ein Streit aus.“
„Es geht sicher nur wieder um den Job.“
„Denkst du? Passieren in der Buchhaltung derart interessante Dinge, dass man mit so viel Elan und Körpereinsatz darüber reden kann?“ Tatsuro schüttelte den Kopf, als sich Yukke wild gestikulierend einige Schritte von Miya entfernte, nur um sich schwungvoll umzudrehen und beinahe vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herumzufuchteln.
„Wüsste ich nicht, dass du Miya fest am Haken hast, würde ich behaupten, die fechten dort unten eine handfeste Beziehungskrise aus.“
„Nee. Miya ist nur immer sehr leidenschaftlich, wenn es um seine Arbeit geht. Aber nun wieder zurück zu dir. Du warst auch schon mal besser darin, vom Thema abzulenken.“ Satochi schenkte ihm ein süffisantes Lächeln, das ihn wie jedes Mal, wenn er es sah, daran erinnerte, dass sein Freund nicht so unschuldig war, wie er andere oft glauben lassen wollte.
„Ach? Wovon lenke ich denn deiner Meinung nach ab?“
„Davon, mir zu sagen, was du damit genau meintest, das das Zusammenleben mit Yukke interessant ist. Inwiefern interessant?“
„Er hat sich in den Kopf gesetzt, mir mit dem Schreiben helfen zu wollen.“
„Ehrlich? Und wie kann ich mir das vorstellen?“
„Na ja“, druckste Tatsuro herum und trank noch einmal von seinem Rotwein. „Er hat mir erzählt, dass er in Ishioka Trainer der örtlichen Fußballjugend war.“
„Ehm, und was hat das nun mit dir zu tun?“
„Das hatte ich mich anfangs auch gefragt, aber mittlerweile weiß ich es.“
„Ja?“
„Er trainiert mich, zumindest fühlt es sich so an.“
Satochi blinzelte, bevor ein herzhaftes Lachen aus ihm herausbrach.
„Er tut was?“
„Ja, ernsthaft. Er kocht fast jeden Tag für uns, sagt mir, dass ich Pausen machen soll, stellt mir ständig irgendeinen neuen Smoothie unter die Nase, der angeblich meine Hirnleistung steigert…“
„Okay, das klingt besser, als ich angenommen hätte. Um genau zu sein, hört sich das fabelhaft an, besonders das mit dem täglichen kochen. Ich glaube, ich muss mich in nächster Zeit öfter mal bei euch einladen.“ Satochi lachte und boxte ihm über den Tisch hinweg gegen die Schulter.
„Ich verstehe ehrlich nicht, warum du so eine Miene ziehst. Yukke scheint dein Leben endlich in geregelte Bahnen zu lenken, das kann nur gut für deine Produktivität sein.“
„Warte es ab.“
„Okay, jetzt bin ich gespannt.“
„Er wirft mich jeden Morgen um neun aus den Federn und scheucht mich abends um elf ins Bett. Aber das Schlimmste ist das morgendliche Joggen.“
„Joggen? Du?“ Satochi bekam sich gar nicht mehr ein, so sehr musste er lachen. Tatsuro hingegen schmunzelte nur, bis die nächsten Worte seines Freundes seine Mundwinkel schnurstracks nach unten sinken ließen.
„Warum lässt du dich darauf ein, wenn es dir so offensichtlich zuwider ist?“
„Das … ich …“ Tatsuros Mund stand für geschlagene fünf Sekunden offen, bevor er sich räusperte, und erneut nach seinem Glas griff.
„Du verstehst das nicht. Ich meine … Seit Yukke eingezogen ist, klappt es endlich wieder mit dem Schreiben. Ich bin zwar nicht der Meinung, dass es diesen ganzen Hokuspokus braucht, den er veranstaltet, aber … nun ja.“
„Kann es sein, dass du ihm nichts abschlagen kannst? Daran ist ja nichts Verwerfliches, diese großen Augen würden es mir auch schwer machen.“
„Halt die Klappe, Sato, das ist es nicht.“
„Ach nein?“ Satochis rechte Braue hob sich skeptisch und mit einem eben solchen Blick begann er ihn zu mustern. „Was ist es dann?“
„Ich weiß auch nicht so genau. Irgendwie hab ich Sorge, diese eigenartige Routine zu verändern und damit die Schreibblockade wieder auf den Plan zu rufen.“
„Seit wann bist du so abergläubisch?“
„Na hör mal. Ich will sehen, was du machen würdest, hättest du fast ein Jahr lang nicht mehr malen können. Glaub mir, ich bin bereit, alles zu tun, um nicht wieder in diese Unproduktivität zu verfallen.“
~* Ein paar Tage zuvor *~
Tatsuro nieste, schniefte und rupfte ein Taschentuch aus der Box, die schräg hinter seinem Bildschirm auf dem Schreibtisch stand. Lautstark putzte er sich die Nase, entsorgte das gebrauchte Papier im Mülleimer und rieb sich übers Gesicht. Diese Beinahe-Erkältung raubte ihm noch den letzten Nerv. Wenn sie sich wenigstens entscheiden könnte, ob sie vollends ausbrechen wollte oder nicht, wäre ihm schon geholfen. Aber dieses Stadium zwischen sich krank fühlen, aber nicht krank sein, war nervig. Leise seufzend zog er sich den schmalen, schwarzen Gummi vom Handgelenk und band seine langen Haare zu einem unordentlichen Dutt im Nacken zusammen. Ihm war warm. Vielleicht sollte er die Klimaanlage kälter stellen? Nein, dafür hatte er keine Zeit. Seine Knöchel knackten, als er die Finger ineinander verschränkte und mit Druck über den Kopf nach oben streckte. Oh ja, das fühlte sich gleich viel besser an. Noch besser wäre es jedoch, wenn er endlich Ordnung in seine Gedanken bringen könnte. Sein Schreibprogramm zeigte geschlagene zehn Dokumente an, an denen er gleichzeitig arbeitete. Ständig wechselte er von einem Kapitel in das nächste, schrieb hier den Anfang einer Szene oder formulierte an anderer Stelle einen Dialog neu aus, aber wirklich vorankommen tat er nicht. Zwischendurch hatte er eine Kurzgeschichte verfasst, zu der ihm die Ideen so lange auf die Nerven gegangen waren, bis er sie nicht mehr länger ignorieren konnte. In seinem Kopf herrschte ein wahres Gewitter aus Geistesblitzen, als müsste er in Tagen alles an Kreativität nachholen, zu dem ihm in den letzten Monaten der Zugang gefehlt hatte.
Tatsuro senkte die Arme wieder, öffnete ein anderes Dokument und begann wie besessen, auf seine Tastatur einzuhacken. Manchmal hatte er das Gefühl, seine Gedanken würden schneller rasen, als er sie mit der bloßen Bewegung seiner Finger bannen konnte. Es war wie ein Rausch, ein Wahn und er hatte noch nicht herausgefunden, ob er diesen Zustand mochte oder nicht.
„Hier.“ Yukke stellte ihm einen bräunlich grünen Drink neben die Tastatur. Tatsuros Finger stoppten ihr Tun, während sein Blick von dem Gebräu zu seinem Mitbewohner und wieder zurückglitt.
„Und was soll das nun wieder sein?“ Seine Stimme klang ebenso angewidert, wie er sich fühlte, als er den Inhalt des Glases näher musterte. „Du verlangst nicht allen Ernstes von mir, dass ich das trinke?“
„Schau nicht so. Da sind nur gute Sachen drin, die gegen deine laufende Nase helfen, vertrau mir.“
„Ich hab keine laufende Nase“, nuschelte er und schniefte, weil sich sein verräterisches Riechorgan genau in diesem Moment erneut zu Wort meldete. Okay, er hatte selbst gerade festgestellt, wie sehr ihm diese Pseudo-Erkältung auf den Geist ging, aber das rechtfertigte nicht, dass er sich dieses grüne Zeug zu Gemüte führte.
„Versuch einfach einen Schluck. Wenn es dir nicht schmeckt, trinke ich es eben.“
Yukkes große Augen sahen ihn bittend an und obwohl sich Tatsuro das selbst nie eingestehen würde, konnte er diesem Blick nichts entgegensetzen. Sein Mitbewohner schien dies auch schneller bemerkt zu haben, als er selbst, denn seit Tagen brachte er ihn dazu, Dinge zu tun, die er unter anderen Umständen vehement verweigert hätte.
Tatsuro seufzte schicksalsergeben und nippte an dem dicken Strohhalm. Im ersten Moment glaubte er, gar nichts zu schmecken und befürchtete schon, dass seine Erkältung doch heftiger ausfiel, als er angenommen hatte, aber dann breitete sich eine erstaunlich angenehme Süße in seinem Mund aus.
„Mmmh!“, entkam es ihm, während er Yukke aus erstaunt geweiteten Augen musterte und gleich einen weiteren Schluck trank. „Was ist da drin?“
„Eine Banane, Heidelbeeren, etwas Spinat, Ingwer und ein paar Pülverchen, die meine Oma immer verwendet hat, wenn einer von uns krank war. Ich sagte dir doch, dass es dir schmecken wird, und helfen wird es sicher auch.“
Auf das Gesicht seines Mitbewohners legte sich ein Lächeln, das Tatsuro nur mit einem Wort beschreiben konnte – glücklich. Ja, Yukke schien ehrlich glücklich darüber zu sein, dass ihm sein Gebräu schmeckte. Himmel, wenn das so weiterging, hatte ihn der andere schneller um den Finger gewickelt, als er stopp sagen konnte. Was sollte das? Das war unfair. Einen langen Moment musterte er sein Gegenüber, bevor er innerlich resignierte und sich äußerlich entspannt in seinem Stuhl zurücklehnte.
„Ein Gutes hat meine laufende Nase“, merkte er an, um von dem Wirrwarr in seinem Inneren abzulenken.
„Ja, was denn?“ Yukke hatte sich aufs Sofa gesetzt, die Arme über den Kopf gereckt und streckte sich herzhaft gähnend. Bei dieser Bewegung rutschte sein T-Shirt nach oben und gab einen kleinen Streifen gebräunter Haut preis. Tatsuro ertappte sich dabei, dass er die Stelle wie magisch angezogen betrachtete und der Wunsch, mehr sehen zu wollen, schob sich plötzlich in den Vordergrund seiner Gedanken.
„Tatsuro? Ich hab dich was gefragt.“
„Ehm, ja … Sag noch mal, bitte. Mir ist gerade eine Idee für den Roman gekommen, ich hab dir nicht zugehört.“
„Aha“, machte sein Mitbewohner lang gezogen und ein vieldeutiges Schmunzeln lauerte in seinem Mundwinkel, das Tatsuro geflissentlich ignorierte.
„Du wolltest mir sagen, was gut an deiner aufziehenden Erkältung ist.“
„Du hast mich heute nicht zum Joggen nach draußen geschleift.“
„Ach komm, verdreh nicht die Tatsachen. Du wolltest doch, dass ich dich mitnehme.“
„Ja~. Das war einmal, aber seither wirfst du mich in aller Frühe aus den Federn und jagst mich dann durch den Park.“
„Nur, weil ich gemerkt habe, dass es deiner Kreativität guttut, wenn du etwas Frühsport machst.“
„Pfff“, schnaubte Tatsuro, weil ihm gerade tatsächlich die Argumente ausgingen, und drehte sich von Yukke weg, um erneut auf sein geöffnetes Dokument zu starren. Tetochi nutzte den Moment, um auf seinen Schoß zu springen und es sich schnurrend dort bequem zu machen.
„Wenigstens du verstehst mich, mein Mädchen.“, säuselte er der Mieze entgegen und begann, sie hinter den Ohren zu kraulen.
„Ich versteh dich auch“, murmelte Yukke plötzlich nah hinter ihm und bevor Tatsuro reagieren konnte, spürte er warme Hände, die sich an seinen Nacken legten. Prompt rann ihm eine dicke Gänsehaut über den Rücken, die sich verstärkte, als sein Mitbewohner begann, seine verspannte Muskulatur zu lockern. Finger bohrten sich zielsicher in die Knoten seines Nackens und der Schultern und ließen ihn in einer Mischung aus Schmerz und Genuss aufkeuchen.
„Du musst nur manchmal zu deinem Glück gezwungen werden, das ist alles.“
Tatsuro konnte auf diese Worte nicht reagieren. Was weniger an dem Gesagten selbst und vielmehr daran lag, dass er das Gefühl hatte, sein Gehirn würde ihm vor Verzückung aus den Ohren laufen.
„Oh Gott“, entfuhr es ihm, bevor er den Kopf hängen ließ, um Yukke mehr Spielraum zu verschaffen.
„Warum kannst du das so gut?“
„Ich hatte dir doch von meinem Trainerposten in Ishioka erzählt. Physiotherapie gehört zu einem gewissen Maße zur Trainerausbildung.“
Yukkes Finger glitten über seinen Nacken, den Hals hinauf und hinter seine Ohren. Er hätte nie geglaubt, dass er dort Verspannungen hatte, aber Yukke fand wirklich jede Einzelne. Als er an seinen Ohren vorbei höher glitt und die Fingerkuppen sanft gegen seine Schläfen rieb, konnte er nicht anders, als lang gezogen auszuatmen, die Augen zu schließen und sich nach hinten zu lehnen. Das meiste seines Gewichts trug die Rückenlehne des Stuhls, aber sein Hinterkopf ruhte gegen Yukkes Brust. Er konnte jedes Einatmen des anderen spüren, fast so, als wäre er voll und ganz von ihm umgeben. Tatsuro konnte das Gefühl nicht beschreiben, das sich immer stärker in ihm auszubreiten begann. Da waren Ruhe und Gelassenheit, Struktur und Ordnung, aber auch ein unstetes Flattern irgendwo zwischen seinem Brustbein und seinem Magen. Seine Gedanken, die immer wie ein Wirbelwind durch seinen Geist jagten und sich nur mit größter Mühe einfingen ließen, waren plötzlich gar nicht mehr so wild. Sie glätteten sich, ordneten sich zu Handlungssträngen, die ihm bis eben noch gefehlt hatten. Mit einem Mal wusste er, wie er weiterschreiben konnte, sah die weiteren Abläufe voraus und konnte dabei zusehen, wie sich kleine Löcher in seinem Plot mit sinnvollen Ereignissen schlossen. Es war, als würde Yukkes Gegenwart nicht nur seine Kreativität in einem Maße anregen, die er vorher nicht gekannt hatte, sondern ihm auch dabei helfen, Struktur in das Chaos zu bringen. Tatsuro wusste, wie unsinnig dieser Gedanke war, aber wie sonst sollte er sich das alles hier erklären?
„Was hältst du von Curryhühnchen zum Mittagessen?“, drang Yukkes Stimme durch die wohlige Entspannung, die sich über ihn gelegt hatte. Die sanften Finger verschwanden und auch die Präsenz in seinem Rücken. Tatsuro verkniff sich ein sehnsüchtiges seufzen und öffnete mühsam die Augen, um Yukkes blick über seine Schulter hinweg einfangen zu können. Die Frage, warum der andere das alles tat, lag erneut auf seiner Zunge, aber er schluckte sie unausgesprochen herunter. Wenn er ehrlich war, wollte er Yukkes Motive gar nicht kennen, nicht wissen, weshalb ihm die Gegenwart des anderen so guttat und warum sich seine Kreativität so zu ihm hingezogen fühlte. Warum sollte er diese Dinge auch hinterfragen, wenn sie sich im Moment ausschließlich positiv auf sein Schreiben auswirkten?
„Bestellst du oder kochst du selbst?“
„Was für eine Frage.“ Yukke schenkte ihm ein breites Grinsen und verließ den Raum, ohne eine Antwort abgewartet zu haben. Und warum auch? Tatsuro hatte die letzten Male, als sein Mitbewohner gekocht hatte, keinen Hehl daraus gemacht, wie gut es ihm geschmeckt hatte. Leise schnaubend rieb er sich über die kribbelnde Nase, blickte für einen langen Moment nachdenklich an die Zimmerdecke, bevor er sich wieder seinem Roman widmete.
Seine Finger flogen nur so über die Tastatur, die Gedanken erneut fast zu schnell, um sie alle sofort festhalten zu können. Diesmal jedoch konnte er mit Sicherheit sagen, dass er dieses getriebene Gefühl in vollen Zügen genoss. Auf seinen Lippen lag ein kleines Lächeln und in seinem Herzen herrschte ein Friede, den er so von sich nicht kannte. Yukkes Gegenwart war eigenartig und gleichzeitig würde er sie nicht mehr missen wollen.
~* Wieder in der Gegenwart *~
„Weißt du“, begann Tatsuro und leerte sein Glas in nur einem Zug. Jeder Weinliebhaber hätte bei diesem Anblick empört die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, aber ihm war es gerade herzlich egal, dass er das teure Getränk eigentlich genießen sollte.
„Was denn?“, erkundigte sich sein Freund, als er nicht gleich mit der Sprache herausrückte.
„Ich würde Yukke gern etwas Gutes tun. Ohne ihn hätte ich die Fortsetzung meines Romans gemeinsam mit meiner Karriere beerdigen können.“
„Solche Worte aus deinem Mund? Ich bin erstaunt.“ Satochi riss übertrieben die Augen auf und blinzelte ihn an.
„Was ist aus deiner Einstellung geworden, dass du deinen Erfolg nur dir selbst zu verdanken hast?“
„Daran hat sich nichts geändert. Es ist nur … Ist es wirklich so eigenartig, dass ich glaube, Yukke hätte mich aus meiner Schreibblockade geholt? Ehrlich mal. Es ist besser geworden, als er eingezogen ist, das kann doch kein Zufall sein?“
„Vielleicht ist er ja wirklich deine Muse, genau wie Miya die meine ist?“
Tatsuros Stirn legte sich in Falten, als er näher über Satochis Behauptung nachzudenken begann. Er hatte das Gerede seines Freundes immer abgetan, schließlich gab es so etwas wie Musen nicht. Die meisten Künstler, die von diesen fleischgewordenen Quellen unerschöpflicher Kreativität sprachen, meinten in Wahrheit nur ihre Bettgefährten, die ihre Fantasie anzuregen vermochten. Genau wie Miya es wohl bei Satochi tat – ein Gedanke, den er sehr schnell wieder verdrängen würde, vielen Dank auch. Doch mit Yukke war das etwas ganz anderes. Er fühlte sich nicht körperlich zu dem anderen hingezogen. Wie er schon Satochi gegenüber angemerkt hatte, stand er auf ältere Männer und außerdem … Als ob ihn seine Gedanken Lügen strafen wollten, schob sich das Bild von Yukkes nach oben gerutschtem T-Shirt vor sein inneres Auge, lockte ihn der kleine Streifen nackte Haut, näher hinzusehen.
„…suro, Tatsuro? Hallo, erde an Tatsuro, ist da drin noch jemand anwesend?“ Satochi klopfte mit den Fingerknöcheln gegen seine Stirn, was ihn erschrocken zurückzucken ließ.
„He~, was soll das?“
„Sorry, aber du warst gedanklich gerade nicht mehr anwesend.“
„Ja, ich …“ Tatsuro zuckte abtuend mit den Schultern und hob die Hand, um der Servicekraft, die gerade an ihrem Tisch vorbeigehen wollte, ein Zeichen zu geben.
„Noch ein Glas Lugano, bitte.“
„Kommt sofort.“
„Also, wo waren wir.“ Satochi lehnte sich in seinem Stuhl zurück und taxierte ihn mit steigendem Interesse. „Du willst Yukke etwas Gutes tun, soso.“
„Sag das nicht so, als wäre dass das Ungewöhnlichste, was du je aus meinem Mund gehört hast.“
„Es ist auf jeden Fall ganz oben in den Top Ten.“
„Haha.“
„Was mag er denn so, dein Yukke.“
„Er ist nicht mein Yukke und ich hab keine Ahnung.“
„Gar keine? Ihr lebt seit vierzehn Tagen unter einem Dach, redet ihr nicht miteinander?“
„Doch schon, aber …“
„Lass mich raten, du hast mal wieder vergessen, dass es außer dir auch noch andere Menschen gibt?“
„Ihr Rotwein, bitte sehr.“
„Ah, vielen Dank.“
Tatsuro nahm das Glas Wein entgegen, welches ihm die Servicekraft soeben an den Tisch gebracht hatte, und wendete sich von Satochi ab, ohne näher auf das Gesagte einzugehen. Er wusste, dass sein Verhalten oftmals egozentrische Züge aufwies und er nicht der Fürsorglichste war, das musste ihm niemand sagen. Aber mit einem hatte sein Freund tatsächlich recht, wenn er genauer darüber nachdachte, wollte er mehr über seinen Mitbewohner in Erfahrung bringen. Wie automatisch glitt sein Blick zur Bar, aber er konnte nicht erkennen, wo Yukke und Miya abgeblieben waren. Vermutlich würden sie jeden Moment an ihren Tisch zurückkehren, was ihre private Unterhaltung ohnehin beenden würde.
„So offen wie Yukke im ersten Moment wirkt, ist er gar nicht. Er erzählt eher wenig über sich.“
„Hast du schon mal versucht, ihn ein bisschen auszufragen?“
„Kommt das nicht komisch rüber?“
„Wenn du ihn nicht wie ein Polizist verhörst, sollte ihm das gar nicht großartig auffallen. Schließlich verhältst du dich dann nur wie ein ganz normaler Mensch, der Interesse an seinen Mitmenschen zeigt.“
„Ich hab es verstanden, Satochi.“
„Ich meine ja nur. Manchmal bist du so sehr mit dir selbst beschäftigt, dass du nichts und niemanden um dich herum wahrnimmst.“
„Willst du mir jetzt nur Vorwürfe machen?“
„Nein.“ Sein Freund schüttelte den Kopf und sah ihn dann so mitfühlend an, dass Tatsuro sich für einen Moment fragte, ob er irgendetwas verpasst hatte.
„Ich will dir nur helfen. Yukke scheint dir wirklich gutzutun und es wäre eine Schande, wenn du dir selbst im Weg stehst. Lern ihn besser kennen, unternimm was mit ihm, mehr braucht es gar nicht.“
Tatsuro legte den Kopf schief und musterte seinen Freund für einen langen Moment.
„Was schaust du mich so an?“
„Ich versuche gerade herauszufinden, ob das konstruktive Vorschläge sind oder ob du mich verkuppeln willst.“
„Wer will hier wen verkuppeln?“, mischte sich Miya schmunzelnd in ihre Unterredung ein und hob fragend eine Augenbraue. Der kleinere Mann hatte sich hinter Satochi in sein Blickfeld geschoben und stellte nun ein Tablett mit kleinen Gläsern darauf in der Mitte des Tischs ab, deren Inhalt in einem verdächtigen Quietschblau leuchtete. Keinen Moment später gesellte sich auch Yukke zu ihnen, während Tatsuros Kopf ihn mit einem blitzartigen Stechen an das letzte Mal erinnerte, als er es Miya überlassen hatte, für seinen abendlichen Alkohol zu sorgen. Oje.
„Mmmh, ich für meinen Teil brauche nicht verkuppelt zu werden“, säuselte Satochi, hob die Arme und schlang sie Rücklinks um Miyas Nacken.
„Das will ich hoffen“, nuschelte dieser, beugte sich vor und küsste Sato ungeniert leidenschaftlich. Tatsuro grinste und schüttelte den Kopf, während Yukke herrlich beschämt wirkte.
„Daran wirst du dich gewöhnen müssen.“
„Das hab ich befürchtet.“
Sein Mitbewohner schenkte ihm ein schiefes Lächeln und setzte sich neben ihn, den Blick betont von dem Pärchen abgewandt. Zielstrebig nahm er zwei Gläser vom Tablett und hielt ihm eines von ihnen hin.
„Willst du?“
Tatsuro schnaubte amüsiert, nickte aber.
„Ja, warum nicht? Ich muss es schließlich ausnutzen, wenn mir mein Trainer Alkohol anbietet.“
„Uh, stimmt, dann gibt es natürlich nichts für dich.“
„Her damit.“ Lachend zog er das Gläschen aus Yukkes Fingern, stieß mit ihm an und trank den süßen Likör in einem Zug aus. Der Alkohol brannte in seiner Kehle, aber der Geschmack nach fruchtiger Kokosnuss breitete sich auf angenehme Weise in seinem Mund aus.“
„He~, nur ein Schwein trinkt allein!“, meldete sich nicht unerwartet Satochi zu Wort und teilte gleich noch eine Runde aus.
„Beschwer dich nicht, du warst schließlich bis eben gut beschäftigt, oder etwa nicht.“
„Auch wieder wahr.“
Auf Miyas Lippen lag ein selbstzufriedenes Schmunzeln, während in Satos Augen ein verzückter Glanz lag. Hätte ihm jemand vor einem Jahr erzählt, dass der Mann, der zu Uni-Zeiten den Ruf eines Playboys innegehabt hatte, einem Buchhalter mit Haut und Haar verfallen würde, er hätte herzhaft gelacht. Tja, so änderten sich die Zeiten.
„Also, Yukke, dann erzähl doch mal …“ Schwungvoll drehte sich Tatsuro zu seinem Sitznachbarn und fing seinen etwas überrumpelten Blick ein. „Was magst du gerne.“
„Ehm … ich … wie meinst du das?“
„Na, Essen. Was isst du gerne? Hast du ein Lieblingsgericht? Erzähl mal etwas über dich.“
„Oh Mann“, flüsterte Satochi nah an Miyas Ohr und verdrehte die Augen. „Ich sagte ihm gerade noch, er soll Yukke nicht verhören. Der Kerl ist wirklich beratungsresistent.“
„Keine Sorge, Yukke macht das schon.“
„Glaubst du? Er sieht gerade nicht so aus, als würde er sich wohlfühlen, wenn Tatsuro ihn mit seiner ungeteilten Aufmerksamkeit überschüttet.“
„Tja, auch das muss er lernen.“
„Apropos lernen, war das der Grund, weshalb Yukke mit dir sprechen wollte?“
Miya nickte und trank einen Schluck seines Bieres.
„Von hier aus sah euer Gespräch recht energisch aus. Habt ihr euch in die Haare bekommen?“
Der kleinere Mann schüttelte den Kopf, seinen intensiven Blick auf Yukke und Tatsuro gerichtet, die jedoch so sehr mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie nichts um sich herum zu bemerken schienen. Sato folgte seinem Blick, schmunzelte, als sich Yukke mit geröteten Wangen durch die Haare fuhr, während Tatsuro triumphierend kicherte. Schade, dass er nicht mitbekommen hatte, worüber die zwei gerade gesprochen hatten.
„Ich bin der Meinung, dass sich Yukke sein aktuelles Projekt etwas zu einfach vorstellt.“
„Einfach? Oje, einfach ist daran wirklich nichts.“
„Meine Rede. Ich habe versucht, ihm ein paar Tipps zu geben, aber er stellt sich stur und will es auf seine Weise versuchen.“
„Ah, ich kann mir schon vorstellen, zu welchen Methoden du ihm geraten hast.“ Satochi grinste und zwinkerte seinem Liebhaber keck zu.
Auch auf Miyas Lippen legte sich ein schiefes Schmunzeln, das es jedes Mal aufs Neue schaffte, einen Schwarm Schmetterlinge durch Satochis Magen zu jagen.
„Er wird schon noch einsehen, dass er es sich nur unnötig schwer macht.“
„Ach, ich denke, er ist auf einem recht guten Weg.“
„Wer ist auf einem guten Weg?“, erkundigte sich Tatsuro, dem durchaus aufgefallen war, wie angeregt sich seine beiden Freunde unterhalten hatten. Etwas, das seine notorische Neugierde nicht unkommentiert lassen konnte.
„Na, ihr zwei.“ Satos grinsen war so breit, dass es einmal um seinen Kopf herumgereicht hätte, wären seine Ohren nicht im Weg.
„Sind wir?“ Tatsuro blickte von seinem Freund zu Yukke und wieder zurück. „Auf dem Weg wohin?“
„Euch besser kennenzulernen, oder etwa nicht?“ Sato wackelte mit den Augenbrauen und klatschte gleichzeitig in die Hände.
„Hab ich dir eigentlich schon von dem Tag erzählt, als Tatsuro dachte, es wäre eine gute Idee, unserem Philosophieprofessor einen Streich zu spielen?“
„Nein, hast du nicht, aber ich bin ganz Ohr.“ Yukke beugte sich interessiert etwas über den Tisch, während sich Tatsuro nur grinsend in seinem Stuhl zurücklehnte. Das konnte ja noch ein heiterer Abend werden.
„Also, das war so …“
Du hast wirklich schöne Finger
Tatsuro stand unter Strom. Nicht im wörtlichen Sinn, das wäre eher schlecht für seine Gesundheit, aber im Übertragenen. Er hatte die ganze Nacht nicht richtig schlafen können und selbst das morgendliche Laufen mit Yukke durch den Park konnte seine Nerven nicht beruhigen. Bislang waren die Termine, die Gara für ihn geplant hatte, nichts Großartiges gewesen. Ein Interview hier, ein Gespräch mit einem Buchblogger dort, und eine Autogrammstunde in einer großen Buchhandlung, um den ersten Teil seiner Romanreihe wieder in das Gedächtnis der Öffentlichkeit zurückzuholen. Aber heute Abend stand mehr auf dem Spiel. Je nachdem wie die Lesung verlaufen würde, konnte er abschätzen, ob er auch mit diesem Buch den Geschmack der breiten Masse treffen würde oder nicht. Immer vorausgesetzt, es würde überhaupt jemand aufkreuzen. Wäre es nicht auf ironische Weise passend, würde er heute Abend nur für die Handvoll Leute lesen, die Gara und er persönlich eingeladen hatten? Knurrend fuhr er sich durchs Haar – nein, so durfte er nicht denken!
Seit Tagen arbeitete er an nichts weiter als dem Textauszug, den er vortragen wollte. Eine Szene mitten im Buch, die alles hatte; Action, tiefe Gefühle und einen ersten Einblick auf das Übel, das an allem schuld zu sein schien. Eigentlich die perfekte Stelle, um Interesse für seinen Roman zu schüren, die Leser heiß auf mehr zu machen. Trotzdem war er unsicher. War die Szene spannend genug? Hatte er die Gefühle seiner Protagonistin nachvollziehbar dargestellt? Fragen über Fragen und er war kurz davor, alles zu löschen und noch einmal von Neuem zu beginnen.
Genau um sich vor so einer Übersprunghandlung abzuhalten, war er gerade ruckartig von seinem Platz vor dem Computer aufgestanden und lümmelte nun auf dem Sofa herum, als Yukke das Wohnzimmer betrat. Die Haare seines Mitbewohners waren noch feucht vom Duschen, wirkten dunkler als sonst und standen ihm wirr vom Kopf ab, als hätte er eben erst mit einem Handtuch über die Strähnen gerieben.
Tatsuros hysterisch herumflatternde Gedanken hielten plötzlich inne und schienen Yukke mit schief gelegtem Kopf zu mustern, als wären sie Vögelchen, die versuchten, den Menschen vor sich so besser ergründen zu können.
‚Mmmh, er gefällt mir mit wirren Haaren. Ob sie wohl so weich sind, wie sie aussehen?‘
Auf Tatsuros Lippen stahl sich ein kleines Schmunzeln, als er seine Gedankengänge weiterverfolgte und zum Schluss kam, dass seine Finger mit Sicherheit ein hübscheres Chaos auf Yukkes Kopf anrichten konnten, als es das Handtuch geschafft hatte.
„Was genau machst du da?“
Die Worte seines Mitbewohners rissen ihn aus seinen Träumereien, aber dieses feine Kribbeln blieb, was ein deutlich angenehmeres Gefühl war, als die Aufregung, die ihm Übelkeit bescherte. Verdammt, jetzt hatte er doch wieder daran gedacht.
„Ich versuche, meine Nervosität loszuwerden.“
Tatsuros Blick glitt erneut musternd über Yukke, der sich eine Jogginghose und eines seiner heiß geliebten T-Shirts übergezogen hatte, die ihm viel zu groß waren. Die Augen des anderen starrten ihn ebenso entgeistert an, wie seine Frage geklungen hatte. Zu verübeln war es ihm nicht, denn Tatsuro saß nicht wie jeder normale Mensch auf dem Sofa, nein, seine Beine hingen über der Rückenlehne und sein Kopf zeigte dafür in Richtung Boden. Ihm war schon ganz schummrig, weil sein Blut in die verkehrte Richtung floss. Es war ein Versuch gewesen, sich zu beruhigen, aber wirklich geholfen hatte es nicht.
„Alter Spinner, setz dich wieder richtig hin, bevor dir schlecht wird.“
„Ja, Mama.“ Seufzend richtete er sich auf und hielt, wieder in der Senkrechten, für einen langen Moment ganz still, bis die Welt aufhörte, vor seinen Augen zu tanzen. „Mist, jetzt ist mir übel.“
„Sag ich doch.“ Aus den Augenwinkeln sah er, wie Yukke wohl nach Geduld suchend an die Decke starrte, bevor er sich wieder ihm zuwandte. Unwillkürlich schlich sich ein verschmitztes Schmunzeln auf seine Lippen, das jedoch bei den nächsten Worten seines Mitbewohners gleich wieder verschwand.
„Hast du wirklich so große Angst vor der Lesung heute? Ich dachte, du hättest dir schon die perfekte Stelle herausgesucht, um die Menge für deinen Roman zu begeistern.“
„Ja, das dachte ich gestern auch noch, aber heute bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Was, wenn sie sich langweilen? Vielleicht sollte ich die Szene noch mal neu schreiben, etwas mehr von allem hineinpacken?“
„Hör bloß auf, jetzt noch daran herum editieren zu wollen. Die Szene ist perfekt, so wie sie ist.“
Yukke ließ sich schwungvoll neben ihn auf die Couch fallen und lächelte ihn von der Seite her an. „Außerdem werde ich im Publikum sitzen und dir so laut zujubeln, dass ich die anderen einfach mitreißen werde.“
„Du kommst also wirklich mit?“
„Na klar, das lasse ich mir nicht entgehen.“
Tatsuro lächelte ehrlich dankbar, aber noch bevor er in die Verlegenheit kam, dieses Gefühl auch in Worte fassen zu müssen, sprang Tetochi auf seinen Schoß. Die Katze schaffte es allein durch ihre Anwesenheit, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen. Er selbst streckte die Arme vor, um seiner Süßen auf seinen Oberschenkeln Halt zu geben, und Yukke zuckte gleichzeitig ein wenig vor ihr zurück.
„Es ist längst überfällig, dass du dich mit ihr anfreundest, findest du nicht auch?“
Tetochi hatte sich schnurrend eingerollt und genoss es sichtlich, von ihm gestreichelt zu werden, während Yukke ihm lediglich einen skeptischen Seitenblick zuwarf.
„Sieh sie dir an, sie kann kein Wässerchen trüben.“
„Schon, aber …“ Der abwägende Blick des Jüngeren glitt von ihm zu Tetochi und wieder zurück.
„Streichle ihr doch einfach mal übers Köpfchen. Ich schwöre dir, sie wird dir nichts tun.“
„Ehrenwort?“
„Großes Ehrenwort.“ Tatsuro lächelte aufmunternd, als Yukke zögerlich die rechte Hand ausstreckte und mit dem Zeigefinger über Tetochis Kopf fuhr. Die Berührung war so zart, dass seine Mieze nicht einmal blinzelte, sondern entspannt weiterschnurrte.
„Mh“, brummte Yukke und schien mutiger zu werden, denn nun waren es bereits zwei Finger, die sich hinter ein Ohr schoben, um dort leicht über das weiche Fell zu kraulen. Tatsuro lehnte sich stärker gegen die Rückenlehne des Sofas und ließ seine schwer gewordenen Lider ein Stück nach unten sinken. Tetochi zu streicheln und ihr Schnurren zu hören, war schon immer beruhigend gewesen, aber nun noch Yukkes Präsenz so nah an seiner Seite zu spüren, nahm ihm einen Großteil seiner Anspannung. Ein schönes Gefühl, zu dem sich Wärme in seinen Magen schlich, als sein Mitbewohner plötzlich den Kopf hob und ihn anlächelte.
„Ich streichle eine Katze.“
„Ja“, Tatsuro gluckste leise. „Das tust du ganz offensichtlich. Und du hast sogar noch alle Finger.“
„Mhmh …“ Yukkes blick ruhte bereits wieder auf Tetochi, die sich etwas anders hingelegt hatte, sodass nun ihr Bäuchlein für alle Streicheleinheiten gut zu erreichen war. Tatsuro folgte dieser stummen Aufforderung im selben Moment, als auch Yukke mutiger wurde. Das Endresultat war jenes, das sich ihre Finger berührten und er nicht anders konnte, als auch einmal kurz über sie zu streicheln.
„Du hast schöne Finger“, murmelte er, ohne groß darüber nachzudenken. Erst als er hörte, wie Yukkes bislang ruhiger Atem ins Stocken geriet, begriff auch er, dass seine ehrliche Feststellung eine Spur zu direkt gewesen sein könnte. Er hätte zurückrudern können, sich irgendwie aus der Affäre ziehen, aber zum einen war das nicht seine Art und zum anderen kannte er sich gut genug, um zu wissen, dass so ein Unterfangen nur in Peinlichkeiten enden würde. So zauberte er lediglich ein schiefes Grinsen auf seine Lippen, als Yukkes Blick zu ihm hoch flackerte und zuckte lapidar eine Schulter. „Hat dir das noch nie jemand gesagt?“
„N… nein.“
„Dann wurde es höchste Zeit, wenn du mich fragst.“
Auf eine Weise, die er sich nicht ganz erklären konnte, genoss er es, Yukke gerade in Verlegenheit gebracht zu haben. Es war schön mitanzusehen, wie sich die Wangen des Jüngeren leicht röteten, ihm sein Kompliment aber gleichzeitig gar nicht so unangenehm zu sein schien.
„Danke“, murmelte er, seine Aufmerksamkeit wieder auf die Katze gerichtet und nun seinerseits über ihr Bäuchlein und Tatsuros Finger streichelnd. Er sagte nichts dazu, genoss nur die zarten Berührungen und erwiderte sie, wenn ihm gerade danach war. Er versuchte gar nicht erst, zu analysieren, was oder ob etwas zwischen ihnen geschah, viel zu angenehm fühlte sich all das an.
„Hast du für heute Abend etwas anzuziehen?“, erkundigte er sich nach einer nicht näher zu definierenden Zeitspanne und streckte sich gähnend, nachdem Tetochi von seinem Schoß gesprungen war. Yukke sah ihr etwas vorwurfsvoll hinterher, aber daran würde er sich gewöhnen müssen.
„Katzen haben ihren eigenen Kopf.“
„Das merke ich … dabei war das gerade so schön.“
Tatsuro lächelte, was sich zu einem Grinsen weitete, als Yukke erst verspätet bemerkte, dass er ihm noch eine Frage gestellt hatte.
„Ehm, sag noch mal, was du wissen wolltest, bitte.“
„Ich hab dich gefragt, ob du etwas anzuziehen hast.“
Sein Mitbewohner schaute ihn entgeistert an, aber hey, seine Frage war berechtigt. Schließlich hatte der andere bei seinem Einzug nichts weiter dabei, als in eine große Reisetasche passte, und seine übergroßen Wohlfühlklamotten waren nicht das, was er zu einem Event wie dem heute Abend anziehen sollte.
„Natürlich hab ich etwas anzuziehen.“
„Ich rede von was Schickem. Einen Anzug oder wenigstens eine Stoffhose und ein Hemd?“
„Ehm … nun ja.“
„Das dachte ich mir. Dann werden wir wohl in die Stadt fahren müssen und etwas für dich einkaufen, was? Etwas Retailtherapy hilft bestimmt gegen meine Nervosität. Damit hätten wir dann gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.“
„Retail Terra was?“
Tatsuro lachte. „Ich meine Shopping. Einkaufen. Geld ausgeben. Wie auch immer du es nennen willst.“
„Muss das sein?“
„Absolut.“
~*~
Tatsuro war vollkommen in seinem Element. Er gab es zwar nicht gerne zu, weil es sich so klischeehaft anhörte, aber er liebte es, durch Boutiquen zu schlendern, sich die neuesten Trends anzusehen und auch zu kaufen, würde sein Kleiderschrank nicht schon aus allen Nähten platzen. Yukke hingegen sah aus, als wären sie beim Zahnarzt und seine Lust, von ihm mit Kleidungsstapeln in die Umkleide geschickt zu werden, hielt sich in Grenzen. Doch Tatsuro kannte kein Erbarmen, im Gegenteil, es machte ihm unheimlichen Spaß, seinen selbst ernannten Trainer auf diese Weise triezen zu können.
„Hast du schon mal auf die Preise geschaut? Wenn ich mir hier ein Hemd kaufe, bin ich für den Rest des Monats pleite“, zischte Yukke von der Seite her in sein Ohr und hielt ihm fast schon vorwurfsvoll das Etikett eines dunkelblauen Hemdes vor die Augen.
„Mmmh, ich glaube, die Farbe würde dir gut stehen. Nimm das gleich mit.“
„Tatsuro!“ Nun war das Zischen energischer und ein eben solcher Griff an seinem Ärmel verhinderte, dass er weitergehen konnte. „Hörst du mir nicht zu?“
„Nein, weil du dir über Dinge Gedanken machst, die absolut unwichtig sind. Lass das Finanzielle meine Sorge sein, okay?“
„Du bist doch verrückt. Nur weil gestern ein Scheck deines Verlegers ins Haus geflattert ist, musst du nicht gleich größenwahnsinnig werden.“
Tatsuro rollte mit den Augen, dirigierte Yukke in eine ruhige Ecke des überschaubaren Geschäfts und beugte sich etwas herab, um nun seinerseits in das Ohr des anderen flüstern zu können.
„Könntest du aufhören, dich so aufzuregen, und einfach akzeptieren, dass ich dir was Gutes tun will?“
„Tatsuro, ehrlich mal, das kann ich nicht annehmen.“
„Doch, das kannst du und das wirst du.“
„Aber …“
„Kein aber.“ Tatsuro lächelte und bemerkte erst jetzt, dass er noch immer Yukkes Arm festhielt. Statt ihn jedoch loszulassen, drückte er leicht zu und rieb mit dem Daumen über den Stoff seines Sweatshirts.
„Es ist ein Dankeschön, dafür, dass du heute Abend mitkommst.“
„Ich kann das nicht annehmen, ehrlich nicht.“
„Bitte.“
„Ich … o… okay. Aber ich zahl es dir zurück.“
„Jaja.“ Tatsuros Lächeln weitete sich zu einem triumphierenden Grinsen aus. „Dann komm jetzt.“
Er hakte sich bei seinem Mitbewohner unter und schlenderte zwischen den Reihen an Kleiderständern hindurch. Das meiste hier waren Designerstücke, die jedoch leider eher weiblichen Proportionen passen würden. Aber in der Nähe der Auslagen, wo Yukke zufällig dieses hübsche Hemd gefunden hatte, erspähte Tatsuro eine relativ gute Auswahl an Anzügen in den verschiedensten Farben, Schnitten und Qualitäten.
„Uh, wie wäre es mit anthrazit? Das wirkt elegant, aber nicht so steif wie schwarz. Oder dunkelrot? Aber dazu passt das Hemd nicht.“
„Mir würde ja dieser hier gut gefallen“, meldete sich Yukke kleinlaut zu Wort und deutete auf einen hellgrau melierten Dreiteiler.“
„Mh.“ Kritisch musterte Tatsuro das Kleidungsstück. Ihm persönlich wäre der Anzug zu steif, aber Yukkes lockere Art würde ihm genau das richtige Maß an Leichtigkeit verleihen.
„Du hast ein gutes Auge für Mode. Ich verstehe gar nicht, warum du dich im Alltag immer unter diesen übergroßen Teilen versteckst.“
„Ich mag es halt gemütlich“, murmelte sein Mitbewohner ausweichend und nahm zusätzlich zu seinem dunkelblauen Hemd noch den Anzug entgegen. „Außerdem brauchst du gar nicht reden. Wer meist in Jogginghosen und Tanktops herumläuft, sollte andere nicht verurteilen.“
„Touché.“
„Was wirst du heute eigentlich anziehen?“
Tatsuro schaute sich im Laden um, während sie zu den Umkleiden gingen, fand jedoch nichts, was ihm ins Auge stach. Aber das machte nichts. Schließlich waren sie hier, um Yukke einzukleiden.
„Ich hab genug zu Hause, was für die Lesung passend ist.“
~*~
„Nun komm schon raus, du brauchst länger im Bad als Miya und das soll was heißen.“
„Woher weißt du, wie lange Miya im Bad braucht?“ Kam es gedämpft durch die Tür und ließ Tatsuro grinsend mit den Augen rollen.
„Satos Berichte diesbezüglich schätze ich als sehr akkurat ein, aber jetzt lenk nicht ab, sondern komm endlich raus.“
„Warum bist du denn so ungeduldig?“ Endlich wurde der Schlüssel im Schloss der Badezimmertür herumgedreht und gab den Blick auf seinen Mitbewohner frei. Unwillkürlich pfiff Tatsuro durch die Zähne und machte keinen Hehl daraus, dass der andere in seinem neuen Dreiteiler wirklich, wirklich gut aussah.
„Ich bin so gut!“ Die Rechte zur Faust geballt streckte er sie in die Luft, ganz so, als hätte er gerade seiner Lieblingsfußballmannschaft dabei zugesehen, wie sie den Ball im Tor versenkte. „Ich wusste, dass dir die Kombination stehen wird, und du wolltest schon was anderes nehmen.“
„Ja, weil mir der Preis die Luft zum Atmen genommen hat. Tut er auch jetzt noch, danke der Nachfrage“, versuchte Yukke mürrisch zu entgegnen, aber die zarte Röte auf seinen Wangen machte deutlich, dass ihm Tatsuros bewundernde Blicke nicht entgangen waren. Oh, wie er es liebte, den Jüngeren auf diese Weise aus der Fassung zu bringen.
„Atmen ist überbewertet, wenn du mich fragst, und nachdem das jetzt geklärt ist, werde ich mich um meine Haare kümmern.“
„Du bist schrecklich.“
„Ich weiß.“
Lachend verließ er die Räume seines Mitbewohners und verschwand im großen Bad, um seinen Worten Taten folgen zu lassen. Yukke war ihm ohne Weiteres gefolgt und lehnte nun in der offenen Tür. Ihm entging nicht, wie der interessierte Blick des anderen einmal die Länge seines Körpers maß, bevor sich seine Wangen noch dunkler färbten. Yukke schien zu gefallen, was er sah, und Tatsuro hätte lügen müssen, würde er behaupten, es würde ihm nicht schmeicheln. Er machte in seinem blutroten Hemd und der schwarzen Stoffhose aber auch was her. Leger und dennoch elegant, besonders, nachdem er seine Haare vom Zopfgummi befreit und etwas mit dem Lockenstab bearbeitet hatte. Die tiefschwarzen Strähnen fielen ihm in großen Wellen nun weit über den Rücken und seine schwarz umrandeten Augen verliehen ihm den verwegenen Ausdruck, den seine Fans laut Gara so sehr an ihm mochten. Optisch würde er heute Abend also punkten können, blieb nur zu hoffen, dass sein Text dieselbe Wirkung auf die Anwesenden haben würde. Eigentlich missfiel es ihm, sein Talent hintanzustellen und seinen Erfolg von seinem Aussehen abhängig zu machen, aber gerade nahm er jede Hilfe in Anspruch, derer er habhaft werden konnte.
„Na, wie sieht’s aus, schöner Mann, nimmst du mich so mit?“
„Sag so was nicht!“
„Was genau meinst du?“ Da war es wieder, das verschmitzte Grinsen, das sich in Yukkes Gegenwart gar nicht mehr von seinen Lippen lösen wollte. Es war aber auch zu niedlich, wenn ihn der andere, so wie jetzt, ansah, als könnte er nicht fassen, was gerade aus seinem Mund gekommen war.
„Ich werde diese Frage und dein generelles Verhalten nicht mit einer Antwort würdigen. Außerdem bist du es, der mich mitnimmt, aber gut.“ Yukke versuchte sich an einem unbeeindruckten Schulterzucken, stieß sich vom Türrahmen ab und verschwand im Flur. Das kleine, verschämte Lächeln hatte sich jedoch zu plötzlich auf seine Lippen gelegt, als dass er es vor Tatsuro hätte verbergen können.
Gerade überaus zufrieden mit sich gab er sich einen kleinen Tupfen Parfüm hinter jedes Ohr und betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Es war seltsam, doch kaum war Yukke nicht mehr in seiner unmittelbaren Nähe, legten sich die unsichtbaren Finger der Nervosität erneut um sein Herz und begannen, gnadenlos zuzudrücken. Fest presste er die Lippen aufeinander und nickte seinem Spiegelbild zu. Er würde sich nicht unterkriegen lassen. Ruhiger, als er sich fühlte, schlenderte er ins Wohnzimmer. Vom Sofatisch nahm er den Ausdruck der Szene, die er später vorlesen würde, und überflog die Worte erneut, obwohl er sie mittlerweile schon auswendig konnte.
„Kommst du? Das Taxi wartet.“
„Ja!“, rief er und verließ das Wohnzimmer, um sich anzuziehen. Den Ausdruck steckte er in die Innentasche seiner Lederjacke und atmete noch einmal tief durch.
„Du schaffst das.“ Die Hand seines Mitbewohners ruhte mit einem Mal schwer und erdend auf seiner Schulter und der kleinere Mann war ihm so nahegekommen, dass ihn sein ruhiger Atem ganz leicht im Gesicht kitzelte.
„Ich hab noch was für dich“, murmelte Yukke und streifte ihm etwas über den Kopf. Sanfte Finger fassten seine Haare zusammen und zogen sie unter dem dünnen Lederband hervor, als das Tatsuro das unbekannte Etwas nun identifizierte. Ein wohliger Schauer rann ihm bei dieser Berührung über den Rücken und wie automatisch richteten sich seine Augen auf den kühlen Gegenstand, der nun etwa zwei Finger breit unter seinem Schlüsselbein ruhte.
„Eine Halskette?“, fragte er überflüssigerweise und hielt den tropfenförmigen Anhänger zwischen Daumen und Zeigefinger vor sein Gesicht, um ihn näher begutachten zu können. Das Licht brach sich in sämtlichen Spektralfarben in dem glatten Kristall, der eine kaum merkliche blaue Einfärbung aufwies.
„Das ist eine Musenträne, sie soll dir Glück bringen.“
„Eine Musenträne?“, wiederholte er, lies das Schmuckstück sinken und sah Yukke an, der noch immer ganz nah bei ihm stand. Ein aufgeregtes Flattern jagte durch seinen Magen und ein Gefühl, das er am ehesten mit verblüffter Dankbarkeit beschreiben konnte, füllte ihn komplett aus.
„Danke, das ist …“, wisperte er, wusste nicht, was er mehr hätte sagen sollen, zu aufgewühlt wirbelten seine Gedanken in seinem Kopf herum.
„Damit bin ich wirklich bei dir.“
„Ja.“ Ihre Blicke verhakten sich ineinander, als er wie in Zeitlupe nickte und sich ebenso langsam weiter vorbeugte. Immer weiter, immer näher, bis …
Das Läuten seiner Türklingel ließ nicht nur ihn zusammenfahren. Beinahe gleichzeitig sprangen Yukke und er auseinander und während sich sein Mitbewohner schwer atmend die Hand auf die Brust presste, entkam ihm ein fast hysterisches Lachen.
„Oh mein Gott“, japste er und wischte sich die Haare hinter die Schultern. „Gut, dass uns gerade niemand gesehen hat, was?“ Er versuchte, nicht zu genau darüber nachzudenken, dass er im Begriff gewesen war, seine ohnehin dürftigen Prinzipien über Bord zu werfen und Yukke zu kü… Nein, halt, nicht weiterdenken. Es genügte schon, dass der andere in den letzten Wochen viel zu viel seiner Gedanken für sich beanspruchte.
„Der Taxifahrer scheint sehr ungeduldig zu sein“, murmelte besagter Inhalt seiner Gedanken etwas kleinlaut und war sich vermutlich gar nicht im Klaren darüber, wie sehr dieses Verhalten und das verschüchterte Lächeln an Tatsuros Herzen zogen.
„Dann sollten wir den guten Mann nicht länger warten lassen.“ Seine Jacke zurechtrückend öffnete er die Wohnungstür und hielt sie fest, bis Yukke hinausgegangen war. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen, versuchte, sich zu sammeln, und hörte in seinen Gedanken nichts weiter als Satochis Stimme, die ihm wieder und wieder die Vorzüge seines Mitbewohners aufzählte.
Himmel, er war verloren, wenn das so weiterging.
~*~
Der Konferenzsaal des Hotels, den Gara für die heutige Lesung gebucht hatte, war brechend voll und noch immer öffneten sich die Doppeltüren und spuckten weitere Interessierte aus. Sitzplätze gab es schon lange nicht mehr und langsam aber sicher wurde auch der Raum zum Stehen eng. Mit jedem neuen Gesicht, das hereinkam, wuchs Tatsuros Nervosität. Obwohl er versuchte, seine Blicke ausschließlich auf Yukke, Satochi, Miya und Gara in der ersten Reihe gerichtet zu lassen, huschten sie immer wieder im Saal herum. Teils, weil er schlichtweg zu neugierig für sein strapaziertes Nervenkostüm war und teils, weil er den Blick seines Mitbewohners nur für eine begrenzte Zeit erwidern konnte. War er vorhin wirklich drauf und dran gewesen, Yukke zu küssen? Nicht, dass Übersprunghandlungen nicht seinem Naturell entsprochen hätten, aber hier war das etwas anderes. Er stand nicht auf Yukke. Der andere war zu jung, zu blond, zu nett … und dennoch war es gerade Yukkes herzliche Art, die sich in seine Seele gefressen hatte und sich dort nun tierisch wohlfühlte. Unfair war das. Hatte er mit der Deadline seines Romans nicht schon genug zu tun? Er hatte keine Zeit für … für, ja für was eigentlich?
Geradeso konnte er sich davon abhalten, sich nervös durch die Haare zu fahren, und biss sich stattdessen auf die Innenseite seiner Unterlippe. Just in dem Moment erhob sich Gara von seinem Sitz und trat ans Rednerpult, das mittig auf der leicht erhöhten Bühne stand. Tatsuro hibbelte von einem Fuß auf den anderen, froh darüber, dass man ihn von seinem Platz seitlich am Bühnenrand nicht sehen konnte.
„Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Freunde des gepflegten Schauderns“, begann Gara seine Rede und sorgte mit seinen Worten nicht nur für augenblickliche Stille, sondern auch für leises Lachen, nachdem sie verklungen waren. „Es ist mir eine besondere Freude, Sie heute zu dieser Veranstaltung begrüßen zu dürfen.“
Tatsuros eiskalte Finger schlossen sich um den Anhänger seiner Halskette, dem Glücksbringer, wie Yukke ihn genannt hatte. Unwillkürlich glitt sein Blick erneut zu seinem Mitbewohner und für einen Augenblick konnte er Garas Worte und selbst seine Nervosität ausblenden. Yukke würde für ihn jubeln, das hatte er ihm versprochen und er wusste, dass er sich diesbezüglich auch auf Satochi und Miya immer würde verlassen können. Sein Text war gut und er würde alles, was er hatte, in seine Stimme legen, um jeden Gast von sich und seinem Roman zu überzeugen. Außerdem sah es jetzt doch schon besser aus, als er befürchtet hatte, nicht wahr? Immerhin waren deutlich mehr Leute gekommen, als die Handvoll Bekannter, die persönlich von ihm und seinem Verleger eingeladen worden waren.
„… und daher begrüßen Sie nun mit mir den Grund, weswegen wir heute alle hier sind, Iwakami Tatsuro!“
Unter lautem Applaus trat Tatsuro aus den Schatten und auf Gara zu, der ihm kurz eine Hand auf die Schulter legte und mit dem anderen Arm eine ausladende Handbewegung machte.
‚Fast, als würde er mir mein Publikum präsentieren wollen‘, dachte er und für einen Augenblick überdeckte tiefe Zufriedenheit sogar das nervöse Flattern seiner Nerven.
„Vielen Dank!“, rief er aus, nickte seinem Verleger zu, der sich auf den Weg zurück zu seinem Platz gemacht hatte, und richtete seine Aufmerksamkeit dann erneut auf die versammelten Gäste. „Vielen Dank auch Ihnen, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind!“
Tatsuro legte seinen Ausdruck vor sich auf das Rednerpult, strich die oberste Seite glatt und überflog ein letztes Mal die Zeilen.
„Damit bin ich wirklich bei dir“, kehrten Yukkes Worte zu ihm zurück, über die ihm näher nachzudenken, bislang die Zeit gefehlt hatte. Als er jetzt jedoch erneut den Blick seines Mitbewohners suchte und das aufmunternde Lächeln sah, dass er ihm schenkte, fiel mit einem Mal jede Aufregung von ihm ab. Er atmete tief durch, erkannte mit Freuden Satos erhobene Daumen und das Nicken Miyas, bevor er sich wieder an die Anwesenden wandte.
„Folgen Sie mir in das ehemalige Fischerdorf Ine. Vom Meer her ziehen dicke Nebelschwaden heran, füllen die schmalen Gassen mit undurchdringlichem Dunst. Schnelle Schritte sind zu vernehmen, gehetzter Atem und unheilvolles Knurren.“
Wie aufs Stichwort wurde die Beleuchtung im Saal herabgedreht, bis nur noch ein schwacher Schein ihn und den Text auf dem Rednerpult beleuchtete. Tatsuro zauberte ein verschwörerisches Lächeln auf seine Lippen und begann, seine ausgewählte Szene vorzulesen.
Wer ist das?
Es war unbestreitbar, dass die Lesung ein voller Erfolg gewesen war. So begeistert wie das Publikum zu Beginn für Tatsuro geklatscht hatte, tat es das auch jetzt nach seiner kleinen Show. Ein zu gleichen Teilen erleichtertes wie zufriedenes Lächeln schien auf seinen Lippen festgewachsen zu sein, während er sich verneigte und immer wieder leise „Danke, vielen Dank“ murmelte. Yukke in der ersten Reihe war aufgestanden, genau wie Miya und Satochi und selbst Gara erhob sich nun, wie der Rest des Saals. Tatsuro konnte nicht fassen, wie sehr sein Text den Nerv der Anwesenden getroffen haben musste, dass sie ihn nun derart feierten. Verdammt, er hatte tatsächlich Chancen, dass sein Buch ein Erfolg werden würde! Sein Lächeln weitete sich.
„Bravo!“, hörte er seinen Mitbewohner rufen und wenn er ehrlich war, war Yukkes ernst gemeinte Begeisterung gerade das Wichtigste für ihn. Der andere kannte den Text bereits, hatte ihm beim Überarbeiten geholfen, und dennoch freute er sich nun so offenkundig mit und für ihn. In diesem Augenblick hätte Tatsuro trotz seiner Fähigkeit, wortgewaltige Geschichten zu erschaffen, das Gefühl nicht in Worte fassen können, welches ihn beim Blick in Yukkes strahlendes Gesicht durchströmte.
Sein Verleger kam zu ihm auf das Podium, hob beide Arme leicht an und bedeutete den Anwesenden damit, sich langsam wieder zu beruhigen. Tatsuro musste sich zusammenreißen, nicht dümmlich vor sich hin zu grinsen, so irreal fühlte sich alles gerade an.
„Sehr verehrte Gäste. In zehn Minuten werden Sie noch die Gelegenheit für eine kleine Autogrammstunde bekommen. Hierfür finden Sie sich bitte im Nebenraum ein; die Tür zu Ihrer Linken.“ Gara deutete auf eben diese Tür, die bereits einen Spalt offenstand.
„Wir würden uns freuen, Sie gleich dort wiederzusehen.“
Tatsuro hatte sich einen verblüfften Seitenblick nicht verkneifen können, während er von Gara bereits mit einem jovialen Lächeln von der Bühne dirigiert wurde.
„Das war so aber nicht geplant, oder hab ich ein Memo nicht erhalten?“
„Du weißt doch, dass wir in unserer Branche jede Publicity mitnehmen müssen, die sich auftut. Ich hätte ehrlich nicht damit gerechnet, dass so viele Leute kommen würden. Wir wären dumm, das nicht zu unserem Vorteil zu nutzen.“
„Aber … ich wollte mit Sato und den anderen etwas trinken gehen.“
„Mit deinen Freunden kannst du dich auch noch in einer Stunde treffen. Jetzt setzt du erst einmal dein Milliarden-Yen-Lächeln auf und kümmerst dich um deine Fans.“
Tatsuro verkniff sich ein geschlagenes Seufzen.
„Wie hast du das alles überhaupt so schnell organisiert bekommen, wenn du das nicht von Anfang an geplant hattest?“
„Wenn man diesen Job schon so lange macht wie ich, lernt man früher oder später, dass Vorbereitung der Schlüssel zum Erfolg ist.“
„Mh, das sollte ich mir wohl merken.“ Eines musste man seinem Verleger lassen, wenn es darauf ankam, wusste Gara, was zu tun war.
„Ja, das solltest du.“ Der ältere Mann klopfte ihm auf die Schulter und bedeutete ihm, sich hinter einen Tisch zu setzen, der vor ordentlich aufeinandergestapeltem Mobiliar stand. Vermutlich die Ausstattung dieses und des Raums nebenan, die vom Personal auf diese Weise beiseitegeschoben worden war. Kein ansehnlicher Ort für eine Autogrammstunde, aber aufgrund der Spontanität wohl das Beste, was Gara hatte auf die Beine stellen können. Er fragte sich noch immer, wie der andere das angestellt hatte, als die ersten Autogrammjäger den Nebenraum betraten. Zumindest war das Tatsuros anfängliche Vermutung, bis er die bekannten Gesichter von Satochi, Yukke und Miya erkannte.
„Hey Leute!“ Nun konnte er sich beim besten Willen ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen, war aufgestanden und ließ sich nur zu gern von Sato in eine knochenbrechend starke Umarmung ziehen.
„Ich war gut, oder?“, keuchte er, als der andere noch etwas fester zudrückte, bevor er ihn auf Armeslänge von sich schob.
„Du hast den Saal gerockt, würde ich sagen.“ Satochi erwiderte sein Grinsen mindestens genauso breit. „Jetzt, wo du mich mit dem Auszug deiner neusten Story so neugierig gemacht hast, muss ich deine Schundromane doch noch lesen.“
„He~! Ich dachte, den Ersten hättest du längst durch? Immerhin hattest du fast ein Jahr dafür Zeit.“ Sein Freund streckte ihm die Zunge heraus, statt zu antworten, und Miya nutzte die Gelegenheit, um ihm fest auf die Schulter zu klopfen.
„Gut gemacht. Selbst Gara ist zwischendurch die Luft weggeblieben und das soll was heißen.“
„Ach, nur Gara?“ Tatsuro rollte kurz mit den Augen und zog den kleineren Mann dann ebenfalls in seine Arme. Miya war nicht der Typ für zu viel Körperkontakt, aber da musste er jetzt durch.
„Ich will auch“, hörte er da ein Murmeln, aus dem ein Lächeln sprach, und wieder war da dieses Gefühl. Wärme, der unbändige Drang das Lächeln zu erwidern und sich ein ums andere Mal bei Yukke zu bedanken. Er ließ Miya los und zog seinen Mitbewohner in derselben Bewegung an sich.
„Ich hab dich für mich jubeln hören“, flüsterte er. Den anderen zu umarmen, war eigenartig anders. Inniger, obwohl er ihn nicht fester hielt wie Satochi und Miya zuvor.
„Hast du? Dann habe ich meine Aufgabe richtig gemacht.“
„Ja, definitiv.“ Er löste sich und sah Yukke direkt in die Augen. „Dein Glücksbringer hat auch geholfen“, murmelte er und legte für einen kurzen Moment seine Hand über den Kristallanhänger seiner Kette.
„Das freut mich sehr.“ Yukkes Lächeln war strahlend und gleichzeitig mit einer Verlegenheit unterlegt, die ihn plötzlich schrecklich jung wirken ließ. Tatsuro musste den Blick abwenden, um nichts Unüberlegtes zu tun, als im selben Augenblick erneut sein Verleger vor ihrer kleinen Gruppe auftauchte und die ersten Autogrammjäger mit sich brachte.
„Wir warten an der Hotelbar auf dich“, raunte ihm Satochi noch zu, bevor seine Freunde den Rückzug antraten. Tatsuro schenkte ihnen ein kurzes Winken, setzte sich hinter den Tisch und war die nächste Zeit damit beschäftigt, eine Widmung nach der anderen in seinen Erstlingsroman zu schreiben oder Porträtfotos zu signieren.
~*~
„Dein Projekt läuft also gut, mh?“ Miya trank einen Schluck seines Irish Coffees, den ihm die Servicekraft hinter der Hotelbar gerade über die Theke geschoben hatte. Satochi tat es ihm gleich, auch wenn seine Getränkewahl deutlich puristischer ausgefallen war, während Yukke mit einer Cola vorliebgenommen hatte.
„Tut es. Wie du siehst, sind meine Methoden doch nicht so schlecht, wie du immer behauptest.“
„Ich habe nie gesagt, dass sie schlecht sind, nur, dass du dir mehr Arbeit machst, als es nötig wäre.“
„Hat nicht jeder seinen eigenen Stil?“, schaltete sich Satochi als Stimme der Vernunft ein. Er kannte Miya schon lange genug, um zu wissen, dass diese bislang noch lockere Diskussion zwischen ihm und Yukke sehr schnell in einen handfesten Streit ausarten konnte, wenn man die beiden einfach machen ließ.
„Du hast recht, wie immer.“ Miya schenkte ihm ein warmes Lächeln, das sich zielsicher in seinen Magen grub und dort Wurzeln schlug. Himmel, der Kerl wusste wirklich, wie er es anstellen musste.“
„Was glaubt ihr, wie lange wird Gara Tatsuro dort drinnen festhalten?“, fragte er überlegend in die Runde und brachte die Eiswürfel in seinem Whiskeyglas zum Klirren.
„Wenn du das so sagst, hört es sich an, als würde Gara ihn als Geisel halten.“ Yukke lachte und fuhr sich durchs Haar, was seine sonst so akkurate Frisur durcheinanderbrachte.
„Gara ist Verleger durch und durch, wenn der eine Chance wittert, einen seiner Schützlinge ins Rampenlicht zu zerren, sind ihm alle Mittel recht.“
„Jetzt übertreibst du aber, Miya. Du weißt selbst, wie Tatsuro ist. Ohne etwas gut dosierten Druck neigt er dazu, alles schleifen zu lassen.“
„Mh, in den letzten Wochen arbeitet er wirklich konzentriert. Er scheint mir gar nicht so undiszipliniert zu sein, wie ihr ihn mir vor meinem Einzug beschrieben habt.“
„Och, Yukke, du musst ihn nicht verteidigen, wir kennen Tatsuro schon lange genug, um zu wissen, wie er sein kann.“
„Nein, ehrlich. Er ist hoch motiviert, diesen Roman nicht nur rechtzeitig fertig zu bekommen, sondern auch eine irrsinnig gute Geschichte zu erzählen. Das habt ihr doch vorhin mit eigenen Ohren hören können. Ich hab nur das Gefühl, dass er sich manchmal im Weg steht, besonders, wenn ihn sein Selbstbewusstsein verlässt.“
„Tatsuro und zu wenig Selbstbewusstsein?“ Miya lachte herzhaft auf. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“
„Doch ehrlich. Seine Schreibblockade hat ihm tierisch zugesetzt und …“
„Oh nein.“ Sato presste die Lippen aufeinander und ruckte mit dem Kinn in Richtung des Hoteleingangs, als Yukke und Miya ihn fragend ansahen.
„Wenn man an den Teufel denkt …“
„Das darf doch nicht wahr sein“, erwiderte Miya kurz darauf sein Entsetzen, als auch er erkannte, wer zielstrebig auf die Türen des Konferenzsaals zuging, hinter denen Tatsuro noch immer seine spontane Autogrammstunde abhielt.
„Leute, was ist?“
„Der Kerl, der gerade reingekommen ist“, murmelte Satochi, ohne eine wirkliche Erklärung abzugeben.
„Ja, was ist mit ihm? Wer ist das.“
„Hazuki.“
„Eh, der Name muss mir jetzt nicht bekannt sein, oder?“
„Das, mein lieber Yukke, ist der Grund für Tatsuros Schreibblockade.“
„Sein Ex, um genau zu sein“, hakte Miya ein und wenn Satochi Yukkes Gesichtsausdruck richtig deutete, hätte dieser Kommentar nicht tiefer gehen können, hätte sein Lover es darauf angesetzt. Oje, da schien sich zumindest auf Yukkes Seite etwas anzubahnen. So gern er Tatsuro vor einigen Tagen in der Writer's Lounge noch mit seinem unverkennbaren Interesse an seinem neuen Mitbewohner aufgezogen hatte, so wenig sicher war er sich nun, dass das eine gute Idee war.
„Sein Ex“, wiederholte der jüngste ihrer Runde flüsternd und folgte Hazuki so lange mit Blicken, bis dieser hinter den Doppeltüren verschwunden war.
„Er ist ebenfalls Autor und war … ist Tatsuros großes Vorbild. Er hat ihm während des Schreibprozesses seines ersten Buchs ziemlich unter die Arme gegriffen, aber als sich dann der Erfolg einstellte, hat er sich von heute auf morgen verabschiedet“, erklärte Miya und leerte seinen Kaffee.
„Nicht jedoch, ohne sich noch eine verdammt gute Idee von Tatsuro einfach unter den Nagel zu reißen“, knurrte Satochi und umfasste sein Glas so stark, dass es zerbrochen wäre, wäre es nicht so stabil gefertigt.
„Er hat was?“ Yukkes Augen weiteten sich in Unglauben und Besorgnis schlich sich in seinen Blick. „Glaubt ihr, dass das noch mal passieren könnte?“
„Tatsuro ist schlau genug, um nicht noch einmal auf ihn hereinzufallen, zumindest hoffe ich das“, murmelte Satochi und rieb sich übers Kinn.
„Bleibt also nur zu hoffen, dass ihn Hazukis Auftauchen nicht wieder aus der Bahn wirft, gerade jetzt, wo sein Roman fast fertig ist“, murmelte Miya überlegend und sprach damit das aus, was auch Satochi gerade dachte.
„Ich würde zu gern wissen, warum er ausgerechnet heute hier aufgetaucht ist? Wir haben monatelang nichts von ihm gehört und jetzt das.“
„Na warum wohl?“, brummte Miya und starrte die Doppeltüren so finster an, als könnte er durch sie hindurchsehen.
„Was meinst du damit?“, erkundigte er sich und auch Yukke betrachtete den kleinsten ihrer Runde interessiert, obwohl er so aussah, als würde er am liebsten aufspringen und zu Tatsuro eilen wollen.
Miya presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.
„Ich sollte ihm nichts unterstellen, aber … würde ich, wie Hazuki, im selben Genre schreiben, würde ich meinen Konkurrenten auch im Blick behalten wollen.
~*~
„Könnten Sie für Megumi schreiben?“
Tatsuro erwiderte das nervöse Lächeln des Teenagers und schrieb auf das Deckblatt seines Erstlingsromans ein paar nette Worte, setzte seinen Namen darunter und umrahmte ihn mit einem Herz, was der Kleinen eine entzückende Röte auf die Wangen trieb.
„Oh, vielen Dank!“, hauchte Sie und verneigte sich tief.
„Ich muss mich bedanken. Es freut mich sehr, dass du heute hier warst.“
In Momenten wie diesen fragte er sich ernsthaft, wie es noch immer Menschen geben konnte, die nach fast einem Jahr seinen Roman neu entdeckten. Wenn er alle Autogrammstunden, die er bislang gegeben hatte, zusammenzählte, fühlte es sich vielmehr so an, als hätte er bereits jedes veröffentlichte Buch mindestens einmal unterschrieben. Aber dem schien nicht so zu sein. Wie würde das erst werden, wenn seine neuste Geschichte auf den Markt kam? Mal ganz davon abgesehen, dass er sie noch fertig schreiben musste, sah er sich schon von morgens bis abends Bücher signieren. Unhörbar seufzend schüttelte er kurz sein Handgelenk aus, als sich auch schon eines seiner Bilder in sein Blickfeld schob. Sein Gesicht war wirklich gut getroffen, stellte er wieder einmal fest und hatte schon zum Schreiben angesetzt, als ihn eine dunkle Stimme, aber vor allem die Worte, in jeder Bewegung einfrieren ließen.
„Hallo, Ro-chan.“
Zwei schmerzhaft harte Herzschläge lang konnte er nichts tun, als vor sich auf das Foto zu starren, bis sich sein Körper überzeugen ließ, den Blick zu heben. Bereits beim ersten Ton, den der andere von sich gegeben hatte, war ihm klargewesen, wer dort vor ihm stand, aber ihn nun zu sehen, zog ihm sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weg. Für einen Übelkeit erregenden Moment hatte er das Gefühl, zu fallen, bis die Welt vor seinen Augen aufhörte, sich zu drehen.
„Hazuki“, entgegnete er ohne besondere Betonung und war überrascht, wie fest seine Stimme klang. „Was hat dich denn hierher verschlagen?“ Er übte sich in Lässigkeit, aber dem Schmunzeln zu urteilen, das den rechten Mundwinkel seines Gegenübers in einer viel zu vertrauten Weise hob, war er damit kläglich gescheitert. Er spürte, wie seine Handflächen feucht wurden, ein Umstand, den er bereits zu hassen gelernt hatte, als ihr Verhältnis noch ein deutlich besseres gewesen war. Hazuki hatte ihn schon immer nervös gemacht. Anfangs war das aufregend gewesen, genau das Gefühl, das ihm bei seinen bisherigen Partnern immer gefehlt hatte. Aber je enger ihre Beziehung geworden war und je mehr Zeit sie miteinander verbracht hatten, desto anstrengender war es geworden. Manchmal fragte er sich, ob auch seine Bewunderung für den anderen letzten Endes an ihrer Trennung schuld gewesen war.
„Bekomme ich nun ein Autogramm von dir oder nicht?“
Tatsuros rechte Braue hob sich, als er kurz den Blick durch den Raum schweifen ließ. Doch anders, als gedacht, verlangte niemand mehr nach seiner Aufmerksamkeit. Es befanden sich zwar noch Personen hier, allerdings standen diese in leise Gespräche vertieft in kleinen Grüppchen zusammen und beachteten ihn nicht weiter. Nun gut, das stimmte nicht ganz. Hier und da wurden ihm verstohlene Blicke zugeworfen oder war ein Handy auf ihn gerichtet, dennoch schien Hazuki den perfekten Augenblick abgepasst zu haben, um ihn anzusprechen.
„Du willst wirklich ein Autogramm?“
„Natürlich.“ Wieder lächelte er ihn an und ohne, dass Tatsuro sich dagegen hätte wehren können, begann sein Magen wie wild zu kribbeln. Dieses Lächeln. Er senkte den Blick und schrieb. Es war ungerecht, dass der andere noch immer so attraktiv für ihn war, obwohl er miterlebt hatte, dass sich hinter dieser engelsgleichen Fassade ein Charakter verbarg, dem der eigene Erfolg über alles ging.
„Hier.“
„Vielen Dank.“ Hazuki nahm das Foto an sich und las: „Für Hazuki-senpai, von Tatsuro. Ach, Ro-chan, als würdest du noch einen Mentor brauchen.“
„Du bist nun mal der Ältere und hast mehr Erfahrung als ich, also wirst du immer mein Senpai sein.“
„Ich überlege gerade, ob ich dir den Kommentar mit meinem Alter übel nehmen soll oder nicht.“
Tatsuros Lippen zuckten, ein missglückter Versuch, ein Lächeln zu unterdrücken. Es war beinahe komisch, dass ausgerechnet das Alter Hazukis wunder Punkt zu sein schien.
„Es war lediglich eine Feststellung, also kein Grund, irgendetwas miss zu verstehen. Spar dir deine Energie lieber für etwas Sinnvolles auf.“
„Oho, so viel Schlagfertigkeit ist man von dir gar nicht gewohnt. Das gefällt mir.“
Hazuki machte eine fragende Handbewegung in Richtung des Ausgangs und nach einem kurzen Blick zu seinem Verleger, der ihm zunickte, erhob Tatsuro sich.
„Dinge ändern sich.“
„Ja, eindeutig.“
Tatsuro erschauerte innerlich, als sich eine vertraute Hand an seinen unteren Rücken legte und Hazuki ihn mit leichtem Druck aus dem Raum lotste. Allein diese unscheinbare Berührung vermochte es, seine Nervenenden unter Strom zu setzen. Nach ihrer Trennung hatte es Monate gedauert, bis er endlich nicht mehr ständig an den anderen gedacht hatte und nun schien er innerhalb von Minuten zurück in alte Muster zu verfallen. Als wäre Hazuki eine Spinne und er selbst die Fliege, die sich mit jeder verzweifelten Bewegung nur hoffnungsloser in ihrem Netz verfing.
„Hast du meine Lesung gehört? Was hältst du von der Szene?“ Erwartungsvoll sah er zur Seite, musterte das schöne Profil, die ebenmäßigen Züge, die aussahen, als hätte ein Meister sie aus Stein gehauen.
„Ich hatte ein Geschäftsessen in der Gegend und gehofft, früh genug wegzukommen, um deine Lesung verfolgen zu können, aber ich bin eben erst eingetroffen.“
„Oh, verstehe.“ Die Enttäuschung war augenblicklich und ging so tief, dass ihm beinahe die Luft zum Atmen fehlte. Das war doch nicht die Möglichkeit, oder? Warum um alles in der Welt hatte der andere nach beinahe einem Jahr noch immer so eine Wirkung auf ihn? Warum war ihm so wichtig, was Hazuki von seinem Geschriebenen hielt?
„Aber ich würde sie gerne lesen. Natürlich nur, wenn du sie mir vorab schon anvertrauen willst.“
„Ich denke nicht, dass Tatsuro das möchte“, schaltete sich da unerwartet Satochi ein. „Wir sitzen an der Hotelbar, kommst du?“
Für einen Moment wusste Tatsuro nicht, wie er reagieren sollte. Einerseits war er seinem Freund dankbar, dass er ihn offenbar aus dieser unangenehmen Situation befreien wollte, andererseits war es erschreckend untypisch für Sato, derart unhöflich zu sein. Die Blicke, die die beiden Männer sich gerade zuwarfen, konnten gut und gerne als aggressiv bezeichnet werden.
„Ja, ich, ehm, Hazuki? Sato hat recht, ich denke nicht, dass es eine gute Idee ist, dir Teile meines Romans noch vor seiner Veröffentlichung zu zeigen. Wir wissen beide, was beim letzten Mal passiert ist, als ich dir etwas nur zum Lesen anvertraut habe.“
Och, Ro-chan, nimmst du mir das noch immer übel? Wir wissen doch beide, dass ich etwas viel Besseres aus deiner Idee gemacht habe, als du es je geschafft hättest.“
„Das ist deine Meinung“, erwiderte Tatsuro. Die Lockerheit, mit der Hazuki auf die Erwähnung seines Vertrauensbruchs reagierte, hätte ihn wütend machen sollen, stattdessen stellte sich lediglich knochentiefe Müdigkeit ein. Der Ältere hatte nie verstanden, warum es ihn so verletzt hatte, dass er eine seiner Ideen gestohlen und für seine eigenen Bücher verwendet hatte. Warum auch? In Hazukis Welt gab es nur ihn selbst und seinen Erfolg, da war kein Platz für die Gefühle anderer. Plötzlich wusste Tatsuro wieder, warum die letzten Monate ihrer Beziehung einem einzigen, nie enden wollenden Streit geglichen hatten und dennoch schmerzte es ihn noch immer, dass nicht er es gewesen war, der die Stärke für eine Trennung aufgebracht hatte.
„Wie dem auch sei. Ich bin morgen im Eden Blue“, richtete sich Hazukis Aufmerksamkeit wieder auf ihn und die durchdringenden Augen schienen ihn hypnotisieren zu wollen.
„Desire is a deadly sin.“ Ein Zwinkern folgte und eine gehobene Hand, mit der sich der Ältere lässig von ihnen verabschiedete.
„Wir sehen uns, Ro-chan.“
Tatsuro seufzte und anders als eben noch, war die Hand, die sich diesmal auf sein Schulterblatt legte, angenehm tröstlich.
„Komm, ich geb dir einen Drink aus, den hast du dir mehr als verdient.“
Mit sanftem Druck dirigierte Satochi ihn hinüber zur Hotelbar, von wo aus Miya und auch Yukke die Geschehnisse mit Interesse verfolgt hatten.
„Eigentlich sollte ja ich dir etwas spendieren, ohne deine Einmischung hätte ich ihm die Szene vielleicht doch gegeben.“
Tatsuro seufzte und wandte den Blick ab. Wenn es gerade eines gab, was er noch weniger ertragen konnte, als seine Unfähigkeit Hazuki etwas entgegenzusetzen, dann war es die unverkennbare Sorge in Yukkes Augen zu sehen. Was hatten Sato und Miya ihm alles erzählt? Seine Freunde sollten wirklich lernen, dass es Dinge gab, mit denen sie nicht hausieren gehen sollten. Aber auch jetzt konnte er nicht wütend sein, nein, im Gegenteil. So blieb es ihm wenigstens erspart, seinen Mitbewohner aufklären zu müssen, denn dass Yukke das Intermezzo mit Hazuki unkommentiert gelassen hätte, wagte er stark zu bezweifeln.
„Ich weiß, darum habe ich es getan“, meinte Sato mit einem Lächeln in der Stimme und lehnte sich für einen kurzen Moment gegen seine Seite. Wenn jemand wusste, wie groß der Tumult gerade in Tatsuros Innerem war, dann vermutlich sein langjähriger Freund.
„Danke.“ Ein letztes Mal drehte er den Kopf nach hinten und sah gerade noch, wie Hazuki durch die automatischen Türen des Hotels in die Nacht verschwand.
„Es ist so ungerecht.“
„Was denn?“
„Dass er noch immer so eine Wirkung auf mich hat.“
„Mh, daran solltest du arbeiten.“
„Du bist witzig, bis gerade eben dachte ich noch, dass ich genau das im letzten Jahr getan habe.“
„Was sollte eigentlich dieser komische Satz auf Englisch bedeuten?“
„Desire is a deadly sin?“
„Ja, genau den meine ich. War das ein plumper Versuch, dich zu beeinflussen?“
„Was?“ Tatsuro lachte auf und schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nun wirklich nicht Hazukis Stil.“
„Ich traue ihm alles zu.“
„Das hab ich gemerkt.“
„“Na schön, aber wenn es keine eigenartige Anmache war, was war es dann?“
„Ich schätze, er hat mir nur die Kennung gesagt, mit der man morgen ins Eden Blue reinkommt.“
„Dann ist das einer dieser exklusiven Geheimklubs in Shibuya, von denen man in letzter Zeit immer öfter hört?“
„Ja.“ Tatsuro nickte. „Wir waren früher einige Male dort.“
„Und, wirst du hingehen?“
„Ich …“ Tatsuro zuckte mit den Schultern und ließ sich neben Yukke auf einen der freien Barhocker sinken. „Keine Ahnung.“
„Du kennst meine Meinung dazu.“
„Ja.“
Den Kopf voller ungesunder Gedanken, die sich einzig und allein um Hazuki drehten, starrte er vor sich auf das polierte Holz der Bar, bis sich ein Glas in sein Blickfeld schob.
„Danke“, murmelte er und trank den hochprozentigen Alkohol in einem Zug aus. Er begrüßte das Brennen in seiner Kehle, das den Wirbelsturm seiner Gedanken zu einem gewissen Maß zu beruhigen begann. Er sollte wirklich aufhören, sich von Hazuki so beeinflussen zu lassen. Sie arbeiteten schließlich in derselben Branche und spätestens, wenn er wegen seines neuen Romans wieder stärker im Blick der Öffentlichkeit stand, würde es nicht zu vermeiden sein, dem Älteren bei der einen oder anderen Veranstaltung über den Weg zu laufen. Wenn er bei jedem Treffen derart neben der Spur laufen würde, könnte er seine Karriere auch gleich an den Nagel hängen.
„Hey.“ Eine warme Stimme riss ihn aus seinen Grübeleien und wie an unsichtbaren Schnüren gezogen, drehte sich sein Kopf, bis er die warmen Augen seines Mitbewohners fand, die ihn musterten. Sie waren so anders als der distanzierte, abwägende Blick, mit dem Hazuki ihn immer angesehen hatte. Sie strahlten Wärme, Sicherheit und Geborgenheit aus; Gefühle, die er im Umgang mit seinem Mentor immer vermisst hatte, das wurde ihm in diesem Moment bewusst.
„Willst du lieber nach Hause fahren? Du siehst blass aus.“
„Nein, ich …“ Tatsuro schluckte. Am liebsten hätte er sich nun nach vorne gebeugt, die Stirn gegen Yukkes Schulter gelehnt und darauf gewartet, bis sich die Arme des Jüngeren fest um ihn legten. Denn dass sie das tun würden, da war er sich sicher, und allein diese Sicherheit ließ seinen Hals eng werden.
„Was haltet ihr davon, wenn wir etwas Essen gehen? Ich hätte Lust auf Ramen“, lenkte er daher vom Thema ab und schaute abwartend in die Runde.
„Das Wohlfühlessen schlechthin, wie passend.“
„Lass deinen Sarkasmus stecken, sonst bezahl ich nicht für dich.“
Er streckte Miya die Zunge heraus, denn von niemand anderem war dieser unaufgeforderte Kommentar gekommen, und erhob sich.
„Essen macht schließlich gute Laune.“
„Vor allem, wenn du zahlst.“ Satochi grinste ihn breit an und er erwiderte, obwohl er sich noch immer nicht ganz danach fühlte. Aber er hatte keine Lust mehr, sich in alten Erinnerungen zu verlieren.
„Ganz genau, und außerdem gehört mein heutiger Erfolg gefeiert, oder etwa nicht?“
„Na aber so was von.“ Yukke schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und Tatsuro konnte nicht umhin, kurz über den Unterarm des anderen zu streicheln. Ein stummes Danke für seine anhaltende Unterstützung, das sein Mitbewohner hoffentlich verstehen würde.
Tu's für mich.
Tatsuro zog an seiner Zigarette, lehnte sich zurück, nur um im nächsten Moment erneut seine Sitzposition zu ändern. Immer wieder huschte sein Blick auf den niedrigen Tisch vor ihm, auf dem neben dem Aschenbecher ein Buch lag. Ein letztes Mal atmete er den Rauch tief ein, bevor er den Stummel entsorgte und seufzend den Roman in beide Hände nahm. Das Cover war schlicht gestaltet, eine neblige Seenlandschaft, der Titel in blassem Grau gehalten. Definitiv kein Einband, den er gewählt hätte, aber Hazuki brauchte keine aussagekräftigen Bilder oder ins Auge springende Titel, um auf sich aufmerksam zu machen. Hazuki war eine Institution, ein Name, den in der Autorenwelt Japans jeder kannte. Tatsuro war einst einer seiner glühendsten Fans gewesen, hatte nicht fassen können, als sein Vorbild erst zu seinem Mentor wurde und später noch zu so vielem mehr. Ein Freund sagte einmal, triff nie deine Idole, du wirst es bereuen, und dem war wirklich so. Er hatte geglaubt, die Sache mit Hazuki hinter sich gelassen zu haben, doch seit er ihm gestern über den Weg gelaufen war, war wieder alles da. Die Wut, die Trauer, die Verunsicherung, die ihm jeden Elan raubte, und gleichzeitig sehnte sich jede Faser seines Körpers nach dem älteren Mann.
Zu allem Überfluss hatte sich Yukke vor ein paar Stunden mit den Worten verabschiedet, er hätte einen wichtigen Termin in der Stadt und hatte ihn mit seinen Grübeleien allein gelassen. Tatsuro verzog das Gesicht. Es war seinem Mitbewohner gegenüber nicht fair, so zu denken, aber verdammt, warum hatte Yukke ausgerechnet heute verschwinden müssen? Sonst war er doch auch immer hier und schaffte es, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Obwohl er sich fest vorgenommen hatte, heute mit seinem Roman ein ganzes Stück weiterzukommen, hatte er seit dem Morgen gerade mal ein paar Hundert Worte geschrieben. Viel fehlte nicht mehr, dann wäre die Rohfassung fertig, leider blieb ihm auch kaum noch Zeit, bevor Garas Frist von sechs Wochen abgelaufen war. Eine Handvoll Tage noch, eigentlich zu schaffen, würde er sich nicht fühlen, als hätte ihm Hazuki gestern jegliche Kreativität geraubt. Er konnte an nichts weiter denken, als an den Verrat, der ihm vor knapp einem Jahr schon so zugesetzt hatte.
Lautlos schlug er das Buch auf, blätterte durch die Seiten und überflog Passagen, die er vor Monaten mit gelbem Leuchtmarker gekennzeichnet hatte. Nicht nur, dass Hazuki seine Idee gestohlen hatte, er hatte nicht einmal so viel Anstand besessen, um seine eigenen Worte zu verwenden. Tatsuro schätzte, dass ungefähr zwanzig Prozent des Romans eins zu eins aus seinen damaligen Texten bestanden.
Warum nur hatte er ihm das angetan?
Er hatte Hazuki … nun ja, geliebt wäre ein zu großes Wort, um das zu beschreiben, was er für den Älteren empfunden hatte. Er war verliebt gewesen, hatte ihn für sein Können verehrt und hätte vermutlich alles für ihn getan. Verdammt, hätte Hazuki ihn gefragt, ob er seine Idee für einen eigenen Roman verwenden durfte, Tatsuro wäre geehrt gewesen, aber so?
So war ihm alles genommen worden und dennoch hatte der andere nichts von seiner Anziehungskraft verloren.
„Ich bin so dumm“, murmelte er, legte das Buch beiseite, stand auf und schlurfte ins Schlafzimmer. Tetochi hob den Kopf, als er am Bett vorbeiging, auf dem sie es sich gemütlich gemacht hatte. Ein gelbes Auge musterte ihn kurz, bevor es sich wieder schloss und sich die Katze noch enger zusammenrollte.
„Ach, Süße, du hast ein Leben.“
Er lächelte auf seine Mieze herab, unterließ es jedoch, sie zu streicheln. Wenn er selbst schon keine Ruhe fand, sollte Tetochi wenigstens ihren faulen Nachmittag genießen. Apropos Nachmittag, ein schneller Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass es bereits sechs Uhr abends war und er sich mit seiner zeitlichen Einschätzung gehörig vertan hatte.
Dennoch öffnete er die Türen seines Kleiderschranks nur langsam und betrachtete für einen langen Moment den Inhalt, obwohl er bereits wusste, was er anziehen wollte. Seine Arme schienen sich mit einem Mal nur noch in Zeitlupe bewegen zu wollen; Tatsuro kannte diesen Trick seines Gehirns nur zu gut. Dieses Phänomen überkam ihn immer dann, wenn er im Begriff war, etwas zu tun, von dem er wusste, dass es eine Dummheit war.
Eine riesige Dummheit, um genau zu sein, und dennoch hatten ihn Hazukis Worte gestern Abend eingewickelt und zogen nun unnachgiebig an ihm.
„Ich bin morgen Abend im Eden Blue. Wir sehen uns, Ro-chan.“
Er wusste, dass er nicht hingehen sollte. Natürlich tat er das. Gleichzeitig versuchte er, sich schon seit Stunden einzureden, dass er sich nur mit Hazuki treffen würde, um sich endlich mit ihm auszusprechen. Obwohl der andere gestern deutlich gemacht hatte, dass er sich keinerlei Schuld bewusst war, mussten sie noch einmal über alles reden, oder etwa nicht? Tatsuro konnte die ganze Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen. Wenigstens eine ehrliche Entschuldigung sollte drin sein. Er lachte unterdrückt auf und rieb sich über die Nasenwurzel. Als würde ein Mann wie Hazuki sich bei jemandem wie ihm entschuldigen. Für den anderen war er ein Nichts, ein Kind, das in der Welt der Autoren gerade laufen lernte. In Hazukis Augen hatte er Tatsuro an die Hand genommen, ihn ein Stück des Weges in die richtige Richtung geführt und hatte sich dafür nur das genommen, was ihm zustand.
Seufzend zog er sich sein T-Shirt über den Kopf und erschauerte, als der tränenförmige Anhänger der Halskette, die ihm Yukke gestern geschenkt hatte, erstaunlich kühl auf seiner Haut zum Liegen kam. Die Empfindung war wie ein Schwall kalten Wassers, der den lethargischen Nebel über seinen Gedanken wegwusch. Automatisch griff er nach dem Kristall, drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und verlor sich im Spiel des Lichts, das sich in den filigranen Facetten brach. Er ließ den Anhänger in seine Handfläche gleiten, schloss die Finger zu einer festen Faust darum und lehnte seine Stirn dagegen. Die Augen zusammengekniffen, atmete er ein und wieder aus, ein und wieder aus, bis sich der Tumult in seinem Inneren wenigstens ein bisschen gelegt hatte. Wenn er Hazuki derart aufgewühlt gegenübertrat, würde er seine Chancen auf ein Gespräch auf Augenhöhe bereits sabotiert haben, bevor es überhaupt stattfand. Er würde sich nicht noch einmal überrumpeln lassen, das schwor er sich hier und jetzt.
Mit nun wieder sicheren Handgriffen zog er ein schwarzes, eng anliegendes Shirt aus dem Schrank, eine stilvoll zerrissene Jeans in derselben Farbe und Unterwäsche, bevor er sich auf den Weg ins Bad machte. Eine heiße Dusche würde ihm guttun und vielleicht half sie gegen seine Verspannungen, die ihn mit Nachdruck verleiten wollten, seine Schultern in einer typischen Abwehrhaltung nach oben zu ziehen. Es war wirklich nicht zu fassen, welche Wirkung Hazuki noch immer auf ihn hatte, selbst wenn er nicht in seiner Nähe war.
Kaum traf das Wasser auf seinen Körper, atmete er erleichtert aus und lehnte sich mit dem Hinterkopf gegen die Duschwand. Mit geschlossenen Augen fuhr er sich übers Gesicht, den Hals hinab über die Brust, bis er erneut an dem kleinen Kristall hängen blieb. Mit all den Eindrücken und aufgewühlten Erinnerungen, die seit gestern Abend ohne Unterlass auf ihn einstürmten, war er noch gar nicht richtig dazugekommen, genauer über Yukkes Geschenk nachzudenken. War es normal, dass ihm jemand, den er erst seit ein paar Wochen kannte, so etwas Schönes schenkte? Einfach so? Die Träne einer Muse… Eigenartig, wie oft er in letzter Zeit von diesen mythischen Wesen hörte. Er öffnete die Augen, blinzelte den Wasserschleier fort und betrachtete erneut das Schmuckstück.
„Damit bin ich wirklich bei dir“, hörte er wie aus weiter Ferne Yukkes Worte, die er ihm zugeraunt hatte. Sie waren sich so nah gewesen, hätten sich beinahe … Tatsuro leckte sich über die Lippen, ließ den Anhänger sinken und griff nach dem Shampoo. War er wirklich kurz davor gewesen, Yukke zu küssen? Seine Finger fuhren mit festem Druck über seine Kopfhaut, durch sein Haar in den Nacken. Ja, ja er hatte Yukke küssen wollen und anders, als er sich gestern noch eingeredet hatte, musste er jetzt zugeben, dass er das noch immer wollte.
Wie, als hätte sein Mitbewohner gespürt, dass er gerade an ihn dachte, hörte Tatsuro über das Rauschen der Dusche hinweg ein Poltern, das eindeutig aus Richtung des Eingangsbereichs kam. Wenn nicht gerade der tollpatschigste Einbrecher ganz Tokyos versuchte, ihn auszurauben, war Yukke gerade wieder nach Hause gekommen. Ein Schmunzeln schlich sich auf seine Züge, während er nach dem Duschgel griff und plötzlich gar keine Lust mehr hatte, lange unter der Dusche zu stehen. Viel lieber wollte er wissen, was den anderen dazu veranlasst hatte, so einen Trubel zu veranstalten.
~*~
Eine viertel Stunde später verließ Tatsuro das Bad. Seine Haare hatte er noch in einem Handtuchturban zusammengefasst, denn die Neugierde, was Yukke angeschleppt haben mochte, war größer als der Drang, sich für ein Treffen mit Hazuki herzurichten. Immerhin war er schon angezogen, das musste für den Moment genügen. Mittlerweile war er fest davon überzeugt, dass sein Mitbewohner irgendein dubioses neues Sportgerät gekauft haben musste, dessen Transport ihn nicht nur völlig verausgabt hatte, sondern zukünftig dafür sorgen würde, dass er Tatsuro noch effektiver quälen konnte. Oh, Entschuldigung, natürlich quälte ihn sein selbst ernannter Trainer nicht, er sorgte nur dafür, dass seine Kreativität sprudelte. Denn wie sagte schon Konfuzius … oder irgendein anderer Philosoph, nur in einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist. Tatsuro rollte über seinen Mitbewohner die Augen, genau in dem Moment, als besagter Mitbewohner ihm gegenübertrat.
„Ehm, hab ich dich gestört oder so?“ Yukke legte den Kopf schräg und musterte ihn ausgiebig.
„Nein, ich war nur duschen.“
„Aha und womit habe ich dann dein Augenrollen verdient?“
„Das hast du gesehen?“
„Jepp.“
Tatsuro grinste und hätte sich über den Hinterkopf gerieben, würde das Handtuch nicht noch immer dort thronen.
„Glaubst du mir, wenn ich sage, dass das nicht für dich bestimmt war?“
„Nein.“
„Dachte ich mir.“ Lachend schüttelte er den Kopf und schielte über Yukkes Schulter hinweg ins Wohnzimmer.
„Genau das hier ist der Grund für mein Augenrollen.“ Er deutete auf eine etwas unhandlich wirkende Kiste, die mitten im Wohnzimmer stand, und aus der Plastikverpackungen, Kabel und Papiere quollen, die stark nach einer Gebrauchsanleitung aussahen.
„Ich hab geahnt, dass du wieder irgendeine dubiose Foltergerätschaft angeschleppt hast, als es vorhin im Flur gepoltert hat.“
„Eine Foltergerätschaft, soso.“
Yukke stemmte beide Hände in die Hüften und erwiderte seinen Blick mit hochgezogener Augenbraue.
„Will ich wissen, woran du denkst, während du unter der Dusche stehst, dass dich Geräusche im Flur auf ein Foltergerät schließen lassen?“
„Na hör mal, bei dir kann man nie wissen.“ Mittlerweile hatte er sich an Yukke vorbeigeschoben und war ins Wohnzimmer gegangen, um das Mitbringsel näher begutachten zu können.
„Letztes Mal, als du eine große Kiste angeschleppt hast, waren diese komischen Metallschüsseln drin, wegen derer ich mir fast einen Bruch gehoben habe.“
„Du übertreibst maßlos. Das sind Klangschalen, die wiegen gar nicht so viel.“
„Sagt derjenige, der mich die Schachtel nach oben hat schleppen lassen.“
„Weichei.“
„Bitte, was?“
„Nichts, nichts.“ Yukke schenkte ihm ein schelmisches Grinsen und deutete auf Tatsuros Fernseher, auf dem die Meldung aufleuchtete, dass soeben ein Update durchlief.
„Ich bin mir sicher, dass dir das hier gefallen wird.“
Tatsuro betrachtete die Gerätschaften genauer, die wie Geschenke unter einem Weihnachtsbaum um seine Playstation fünf drapiert waren. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, dass es sich um eine vollständige Virtual-Reality-Ausrüstung handelte, mit der sich seine Geräte gerade synchronisierten.
„Wa…?“, entkam es ihm mit leicht offen stehendem Mund und geweiteten Augen.
„Na, du sagtest doch letztens erst, dass du überlegst, dir eine VR-Brille zuzulegen und da dachte ich, warum das Ganze nicht erst mal testen?“
„Hast du das alles gekauft?“ Tatsuro war gelinde gesagt fassungslos und fragte sich, wo sein Mitbewohner plötzlich all das Geld herhatte.
„Du bist witzig. Ich bin nicht derjenige, der regelmäßig dicke Schecks seines Verlegers im Briefkasten hat.“
„Das war bisher nur einer.“
„Siehst du, einer mehr, als ich je erhalten habe.“
„Aber wie kommst du dann zu all dem hier?“
„Ein Bekannter von mir ist hauptberuflicher Gamer. Frag nicht, ich weiß auch nicht, wie man damit Geld verdienen kann, aber praktischerweise hat er all diese Schätzchen bei sich zu Hause herumliegen und hat mir angeboten, sie mir mal auszuleihen.“
„Das ist …“ Tatsuro schüttelte erneut den Kopf, diesmal jedoch nicht vor Unglauben, sondern um endlich seine Erstarrung abzuschütteln.
„Das ist genial!“ Ein breites Grinsen schlich sich auf seine Lippen und begeistert wie ein Kind hockte er sich auf den Boden vor seinen Fernseher und nahm eine der Brillen in die Hand, um sie näher zu begutachten.
„Wir haben nur ein Problem.“
„Ach ja? Welches?“ Das einzige Problem, das Tatsuro gerade sah, war sein Turban auf dem Kopf, mit dem ein komfortables Tragen der VR-Brille eher unwahrscheinlich war. Aber dem wäre schnell Abhilfe geleistet, ein kurzer Abstecher ins Bad und er wäre bereit für alle Schandtaten. Sein Grinsen weitete sich.
„Hast du eine Ahnung, wie wir das alles zum Laufen bringen? Ich kenne mich damit nicht aus.“
Tatsuro rappelte sich wieder hoch, ging zu der offenen Schachtel hinüber und nahm die Papiere heraus, die er eben schon als Gebrauchsanleitung identifiziert hatte.
„Hier.“ Noch breiter grinsend als zuvor drückte er Yukke die Papiere in die Hand und zwinkerte ihm frech zu.
„Du kannst schon mal zu lesen anfangen, ich bin noch mal kurz im Bad, meine Haare trockenlegen.“
Bevor der andere etwas sagen oder gar protestieren konnte, spurtete er aus dem Wohnzimmer und rückte, noch immer debil vor sich hin grinsend, im Bad angekommen seinen Haaren zu Leibe. Das würde ein Spaß werden. Er hatte das VR-System vor Jahren bei einem Bekannten testen können, aber ein Zockerabend mit Yukke hatte das Potenzial, episch zu werden. Hatten sie noch genügend Knabbereien und Süßes vorrätig? Und wie sah es mit Alkohol aus? So ein bisschen die Sinne trüben, schadete schließlich nicht.
Plötzlich hielt er inne, die Bürste halb durch seine langen Haare gezogen und erwiderte den Blick seines Spiegelbildes. Er sah, wie das euphorische Grinsen langsam von den Lippen verschwand, das vorfreudige Glitzern in den dunklen Augen zu erlöschen begann.
Er konnte nicht mit Yukke hierbleiben und Videospiele zocken, nicht heute. Nicht nachdem Hazuki …
Tatsuro kniff die Augen zusammen, fuhr mechanisch damit fort, sich die Haare zu trocknen und versuchte krampfhaft, nicht zu denken. Als er wenig später das Bad verließ, war von seiner Freude nichts mehr übrig und seine Beine fühlten sich schwer und müde an, während sie ihn zurück ins Wohnzimmer trugen.
„Ah, gut dass du kommst. Das Update ist durchgelaufen, aber du müsstest dich bei deinem Playstation-Account anmelden, damit wir weitermachen können.“
„Du, Yukke, hör mal.“
„Es ist gar nicht so kompliziert, wie ich gedacht habe.“
„Yukke.“
„Das meiste synchronisiert sich von selbst, wir müssen nur …“
„Yukke!“
„Ja?“
„Können wir das auf morgen verschieben? Ich …“ Tatsuro deutete vage an sich herab, um auszudrücken, dass er für einen Zockerabend etwas zu gut angezogen war. Gleichzeitig versuchte er zu begreifen, woher plötzlich diese Übelkeit kam, die seinen Magen zum Krampfen brachte. Mit einem Mal war er sich noch weniger sicher als zuvor, ob es eine gute Idee war, Hazuki zu treffen. Yukke erwiderte seinen Blick stumm, ausdruckslos. Wie ein Tropfen Tinte auf Löschpapier breiteten sich Schatten in den großen Augen aus und verdunkelten das Strahlen, das bis eben in ihnen gelegen hatte.
„Hazuki hat mich gestern ins Eden Blue eingeladen, ich … du weißt ja mittlerweile, was zwischen uns passiert ist … Nun ja, ich bin der Meinung, wir sollten uns aussprechen, also werde ich da heute hingehen.“
„Mach das nicht.“
Tatsuro war gerade im Begriff, sich umzudrehen und zurück in den Flur zu gehen, hielt bei Yukkes Worten jedoch in jeder Bewegung inne. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass der andere tatsächlich versuchen würde, ihn zurückzuhalten. Enttäuschung hätte er verstanden, ja, weil sich Yukke große Mühe gegeben hatte, für eine coole Abendunterhaltung zu sorgen. Auch Zweifel wären angebracht gewesen, nach alldem, was Satochi und Miya ihm erzählt hatten und was sein Mitbewohner gestern live mitansehen hatte können, aber das?
„Warum?“, flüsterte er und drückte damit mehrere Fragen auf einmal aus.
Warum soll ich nicht gehen?
Warum interessiert es dich?
Warum ist es mir so wichtig, was du denkst?
Er sah dabei zu, wie Yukke langsam auf ihn zuging, bis er so nah vor ihm stand, dass er die kleinen, goldenen Sprenkel in seiner Iris hätte zählen können.
„Weil dir dieser Mann nicht guttut“, stellte Yukke ebenso leise fest und als sich eine warme Hand auf seine Brust legte, konnte Tatsuro nicht anders, als die schmalen Finger zu umfassen.
„Ich hatte den Eindruck, als würde seine bloße Anwesenheit dich kleiner machen, körperlich und mental, so hab ich dich bislang noch nie gesehen. Das warst doch nicht du.“
„Ich …“ Tatsuro wusste nicht, was er erwidern sollte. Yukke hatte recht mit allem, was er sagte und gleichzeitig verstand er nicht, warum diese Sache dem anderen so nahezugehen schien. Sie kannten sich erst seit ein paar Wochen, Yukke wusste gar nicht, wer er wirklich war und dennoch schien er ehrlich besorgt um ihn zu sein.
„Ich muss endlich mit Hazuki sprechen, ich schiebe das schon viel zu lange vor mir her.“
„Aber nicht jetzt.“ Yukke schüttelte sacht den Kopf. „Sei ehrlich zu dir selbst. Wenn du heute zu ihm gehst, wirst du nichts erreichen, oder liege ich da falsch?“
„Gestern hat er mich überrumpelt. Ich habe nicht damit gerechnet, ihm über den Weg zu laufen, aber das passiert mir nicht noch einmal.“
„Nein? Bist du dir da sicher?“
Tatsuro öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne dass ihm ein Wort über die Lippen kam. Yukkes Augen waren wie ein Spiegel, in dem er sich so sah und annehmen konnte, wie der andere ihn gestern im Umgang mit Hazuki wahrgenommen hatte. Verletzt, zweifelnd und noch immer ungesund beeindruckt von der überlebensgroßen Vision, zu der er Hazuki in seiner Vorstellung stilisiert hatte.
„Wenn du es nicht deinetwillen tun kannst, dann tu es für mich. Bitte, Tatsuro, geh heute nicht zu ihm.“
„Warum ist dir das so wichtig?“, wisperte er und senkte, ohne es bewusst beeinflussen zu können, ein wenig den Kopf, um dem anderen näher zu sein.
„Weil ich nicht will, dass er dich verletzt.“ Yukke leckte sich über die Lippen. Eine flüchtige Bewegung, die Tatsuro wie magnetisch anzuziehen begann.
„Weil ich mir Sorgen um dich mache.“
„Aber warum?“
Ihre Gesichter waren sich so nahe, dass er den Atem des anderen auf seiner Haut fühlen konnte und sich sein sachtes Zittern auf ihn übertrug, als er seine freie Hand hob, um die Finger sanft an Yukkes Wange zu legen.
„Weil du mir wichtig bist.“
Ein Herzschlag verstrich … ein Zweiter.
„Du bist mir auch wichtig“, wisperte er gegen Yukkes warme Lippen. Eine so zarte Berührung; noch zu wenig für einen Kuss und doch zu viel, um leugnen zu können, dass er sich genau das wünschte. Die Finger auf seiner Brust zuckten, überlegend, abwägend, bevor sich Yukke auf die Zehenspitzen stellte und den letzten Abstand zwischen ihnen überbrückte.
Die warmen Lippen auf den seinen zu spüren, war wie eine elektrische Entladung, die sich ihren Weg seine Wirbelsäule hinab bahnte und ein wahres Feuerwerk in seinem Körper entfachte. Tatsuro hörte einen leisen Laut, den er weder hätte beschreiben können noch mit Sicherheit sagen, ob er von ihm selbst oder Yukke gekommen war. Seine Augen waren ihm zugefallen, seine Finger hatten sich in Yukkes Haar verirrt, kämmten durch die kurzen Strähnen. Erstaunlich, wie weich es war – so herrlich weich, genau wie seine Lippen. Tatsuro glitt mit der Zunge über sie, neckend, bittend, bis sie sich für ihn teilten. Eine wohlige Gänsehaut rann ihm über den Rücken, als Yukke ihm entgegenkam, ihren Kuss sogleich vertiefte.
Tatsuro war überrascht von der Nachdrücklichkeit, die der jüngere Mann plötzlich an den Tag legte, aber ihm würde im Traum nicht einfallen, sich darüber zu beschweren. Seine Hände glitten unstet über Yukkes Rücken, während sich die langen Finger des anderen in sein Haar verirrt hatten, gedankenverloren hindurchfuhren. Sie waren sich so nah, dass sich die Hitze ihrer Körper mischte, dass ihm selbst sein dünnes T-Shirt zu warm wurde. Sogar die Luft im Raum schien sich mit jeder verstreichenden Sekunde mehr aufzuheizen, während sein Herz wild und aufgeregt pochte, das Blut immer schneller durch seine Adern schickte. Erst jetzt, da er es tat, begriff er, wie sehr er Yukke hatte nahe sein, ihn küssen und halten wollen. Jeder Gedanke an Hazuki war aus seinem Kopf verschwunden, verdrängt von diesem Mann, der mit einer bislang ungekannten Hingabe nach ihm verlangte.
Er drängte Yukke nach hinten, bis seine Oberschenkel gegen die halbhohe Kommode stießen, welche ihren Platz neben der Wohnzimmertür hatte. Sein Mitbewohner begriff schnell, löste eine Hand aus seinem Schopf, um sich nach hinten abzustützen, und auf das Möbel zu ziehen. Kaum saß er, schlang Yukke nicht nur seine Arme, sondern auch die Beine um ihn, wie ein kleiner Oktopus, der seine Beute nicht loslassen wollte. Tatsuro schmunzelte, nur kurz, dann waren seine Lippen wieder mit deutlich Wichtigerem beschäftigt.
Vollkommen unerwartet begann plötzlich sein Handy zu vibrieren, das er vorhin auf dem Wohnzimmertisch hatte liegen lassen. Ein unwilliger Laut entkam ihm. Warum wurden sie immer gestört? Gestern das Klingeln seiner Türglocke, heute sein dummes Telefon. Reflexartig glitt seine Rechte in Yukkes Nacken, hielt ihn fest, als er bemerkte, wie er wegzucken wollte.
„Ignorier es“, wisperte er, leckte über die mittlerweile leicht geschwollenen Lippen, bevor er sich über Kinn und Kiefer seinen Weg bis zum Hals suchte. Er ahnte, wer ihn gerade zu erreichen versuchte, aber sowohl die Person als auch ihr Anliegen waren irrelevant geworden. Lächelnd begann er, Yukkes weiche Haut zu liebkosen, verlor sich im Duft des anderen und den leisen Lauten, die er ihm entlockte. Sein Handy war verstummt und machte auch nicht noch einmal auf sich aufmerksam. Natürlich nicht. Hazuki war zu stolz, um mehr als einmal anzurufen. Sein Lächeln weitete sich.
„Tatsue“, keuchte Yukke in diesem Augenblick und ließ ihn für einen kurzen Moment innehalten. Den Blick nach oben gerichtet, haschte er erneut nach den geröteten Lippen, zog die untere zwischen seine Zähne und schabte vorsichtig über sie.
„Ist das mein neuer Spitzname?“
„Was? Ich …“ Eine herrliche Röte breitete sich auf Yukkes Wangen aus, ließ ihn gleichzeitig unglaublich jung und endlos attraktiv wirken. Oh, wenn er Tatsuros Gedanken lesen könnte, er würde in Flammen stehen.
„Ich mag ihn“, entgegnete er mit einem Schmunzeln im Mundwinkel und küsste Yukkes Nasenspitze.
„Tatsue … ich darf dich also so nennen?“
„Ich bitte darum.“
Yukke erwiderte sein Lächeln, aber anders als bei ihm hielt es sich nicht lange, bis es einem zerknirschten Ausdruck Platz machte.
„Wir sollten das nicht tun.“
„Was meinst du?“, fragte er, obwohl ein unangenehmer Druck in seiner Magengrube deutlich machte, dass er bereits wusste, was der andere ihm sagen wollte.
„Das hier zwischen uns.“
„Und warum nicht?“ Tatsuro schluckte, versuchte jedoch, sich nicht entmutigen zu lassen. Sanft streichelte er über Yukkes Wange, fuhr mit dem Zeigefinger hinter sein Ohr und beobachtete fasziniert, wie sich eine leichte Gänsehaut über seinen Hals auszubreiten begann. Er senkte den Kopf, küsste die Stelle, bevor er Yukke wieder in die Augen sah.
„Falls ich die Zeichen falsch gedeutet habe, tut es mir …“
„Nicht.“ Ein Zeigefinger schob sich über seine Lippen und ließ ihn verstummen.
„Du hast sicher nichts falsch gedeutet.“
„Was ist es dann?“
Yukke seufzte, schloss die Augen und lehnte die Stirn gegen seine.
„Du musst dich auf deinen Roman konzentrieren. Die Frist endet in ein paar Tagen. Du kannst es dir nicht leisten, dich ablenken zu lassen.“
„Wenn das eine neue Taktik ist, mich zum Schreiben zu bringen, dann Hut ab. Ich bin hoch motiviert.“
Yukke hob den Kopf wieder und sah ihm direkt in die Augen. Ein Schmunzeln zupfte an seinen Lippen, das er eindeutig zu unterdrücken suchte, es jedoch mit einem belustigten Schnauben aufgab.
„Du bist unmöglich.“
„Das sagt man mir öfter nach.“
„Auch wenn ich gerne höre, dass du so motiviert bist, war das gerade sicher nicht geplant.“
„Wem sagst du das“, murmelte Tatsuro und hatte damit begonnen, mit dem Saum von Yukkes Kragen zu spielen.
„Mein Projekt ist in einer sehr kritischen Phase, da darf ich mir keine Fehler erlauben. Ich muss mich auf die Arbeit konzentrieren …“
„Und nicht auf mich, mh?“
Trotz der unerwarteten Wendung, die die Situation gerade nahm, konnte Tatsuro nicht anders, als amüsiert zu schnauben. Wenn man Yukke so reden hörte, klang sein Projekt mehr nach einem hochwissenschaftlichen Experiment, von dem das Schicksal der Menschheit abhing, und nicht nach einem Buchhalterjob.
„Ich bin also eine Ablenkung für dich?“, hakte er neckend nach und kassierte sogleich einen Stoß gegen die Schulter.
„Du weißt, wie ich das meine.“
„Nicht so ganz, aber trotzdem hast du recht.“
„Hab ich das?“
„Ja, das alles hier …“, er hielt kurz inne und horchte in sich hinein, ob er das, was er im Begriff war zu sagen, auch ehrlich so empfand. Yukkes Blick ruhte unverwandt auf ihm und noch immer waren sie sich so nah, dass er jedes Heben und Senken seines Brustkorbes fühlen konnte. Sie atmeten im Gleichklang und dieser Umstand war es, der ihn in seiner Entscheidung bekräftigte. Er wollte Yukke mit Haut und Haar und mehr, als er jemals einen anderen vor ihm gewollt hatte. Doch gleichzeitig hatte er Angst, etwas zu überstürzen, weil sich diese intime Nähe gerade eigenartig wertvoll und wie nichts anfühlte, das er je zuvor empfunden hatte.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen werde, aber vielleicht geht das alles gerade wirklich etwas schnell.“
Sein Zeigefinger zeichnete die Form von Yukkes Schlüsselbein nach, brachte ihn damit zum Erschauern.
„Das ist unfair.“
„Ich weiß.“ Tatsuro grinste, bevor er wieder ernst wurde.
„Wir könnten es doch einfach langsamer angehen lassen, oder? Dann laufen wir auch nicht Gefahr, zu sehr abgelenkt zu sein.“
„Das …“ Yukke leckte sich über die Lippen. Verdammt, machte er das mit Absicht?
„Ja, das klingt nach einem Plan.“
„Schön, dass du das auch so siehst“, krächzte er mit rauer Stimme, weil sein Hals sich mit einem Mal wie ein ausgetrocknetes Flussbett anfühlte.
„Wieso?“
„Weil ich dann trotzdem noch immer das hier tun kann.“
Keine Sekunde wollte er mehr warten, als er erneut nach Yukkes Lippen haschte, das verschmitzte Lächeln von ihnen küsste.
„Tatsue, so war das aber nicht gemeint.“ Himmel, dieser Spitzname machte ihn fertig. Yukke versuchte, ihn auf Abstand zu schieben, aber Tatsuro wollte davon nichts wissen.
„Tja, das hättest du dir früher überlegen sollen“, raunte er vielsagend und attackierte Yukkes Hals, als er sich wegdrehte, um ihm keine Chance für einen erneuten Kuss zu bieten.
„Nnnh, das ist gemein. Wie soll ich da standhaft bleiben, wenn sich das so gut anfühlt?“
„Gar nicht.“
„Aber …“
„Nur noch ein Kuss, danach zocken wir, einverstanden?“
„Und Hazuki?“
„Wer?“
„Ach, niemand.“
Yukke kicherte leise, bevor er beide Hände an Tatsuros Wangen legte und seinen Blick einfing.
„Ein Kuss.“
„Ja, nur einer.“
Tatsuro seufzte zufrieden, als Yukke sich vorbeugte und sich ihre Lippen erneut trafen. Es fühlte sich so gut, so richtig an, den anderen zu küssen, wenn da nicht ein klitzekleiner Haken an der Sache wäre. Er fragte sich allen Ernstes, wie er es schaffen sollte, sich zurückzuhalten, wenn dieser Kuss jetzt schon einen Flächenbrand in seinem Körper entfachte. Aber diese Überlegung würde er, wie einige andere auch, auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Viel später, wenn es nach ihm ging. Im Moment war sein Herz zu leicht und er zu glücklich für derart schwerwiegende Gedanken.
Von Zombies und (schlechten) Träumen
- ACHT -
Von Zombies und schlechten Träumen
„Oh mein Gott! Hinter dir! Tatsuro! Nein, jetzt rechts … das andere Rechts!“
„Yukke, jetzt hör doch mal auf“, entgegnete Tatsuro halb genervt, halb lachend und hämmerte auf die Tasten seines Controllers ein. Im nächsten Moment entkam ihm jedoch selbst ein erschrockener Laut, als ein Schatten am Rande seines Gesichtsfeldes auftauchte.
„Uwa~! Verdammt, das war knapp.“
Erneut versuchte er sich wegzuducken, als die verwesten Arme eines Zombies nun von links nach ihm grapschten. Eine vergebliche Aktion, wie er keinen Augenblick später feststellen musste, denn die VR-Brille schaffte zwar eine erstaunlich realistische Umgebung, reagierte jedoch nur mit Bewegung, wenn er die passenden Knöpfe auf dem Controller drückte. Diesen Fehler hatte er in den letzten Minuten bereits öfter gemacht und war dementsprechend schon dreimal gestorben. Yukkes panische Ausrufe, immer wenn ihm ein Gegner zu nahe kam, trugen auch nicht gerade dazu bei, dass er sich besser auf das Spiel konzentrieren konnte. Verärgert knurrend nahm er die VR-Brille ab, als blutige Lettern von oben herab über sein Blickfeld rannen und verkündeten, dass er erneut gestorben war.
„“Woa“, stieß er hervor und ließ sich mit einem hörbaren Ausatmen nach hinten auf das Sofa neben seinen Mitbewohner fallen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass das so anstrengend ist.“
„Tut mir leid, ich hätte mir meine unqualifizierten Kommentare besser sparen sollen, was?“ Yukke schenkte ihm ein schiefes Grinsen und sah dabei so herrlich zerknirscht aus, dass Tatsuro nicht anders konnte, als den Arm um ihn zu legen und ihn gegen seine Seite zu ziehen.
„Ach was, das macht es doch erst interessant. Willst du auch mal?“
„Ich? Im Leben nicht.“ Heftig schüttelte Yukke den Kopf, bevor er sich wieder gegen ihn lehnte.
„Vermutlich bekomme ich heute Nacht kein Auge zu, weil mich im Traum Zombies verfolgen.“
„Verstehe, du bist wohl kein Fan von Horror-Games?“
„Ich bin kein Fan von Horror-Irgendwas. Mir ist selbst dein Roman stellenweise zu unheimlich.“
Tatsuro versuchte, sein Kichern zu unterdrücken, schaffte es jedoch nicht wirklich und kassierte einen spitzen Ellenbogen zwischen die Rippen dafür.
„Autsch.“
„Lach mich nicht aus.“
„Ich lach dich nicht aus, ich lach dich an.“
Yukke hob den Kopf und die rechte Braue gleichermaßen.
„Das ist der dämlichste Spruch, den ich je gehört habe.“
„Wo du recht hast, hast du recht. Das war gerade wirklich keine sprachliche Meisterleistung. Aber mal zurück zum Thema, warum hast du nicht gesagt, dass du keine Horrorspiele magst?“
„Du warst so begeistert, als du das Game entdeckt hast, da wollte ich kein Spielverderber sein.“
„Ach Yukke.“ Tatsuro lächelte auf den kleineren Mann herab und ließ es sich nicht nehmen, einen schnellen Kuss auf seine Schläfe zu drücken. Die Wangen seines Mitbewohners röteten sich, eine Reaktion, die sich Tatsuro insgeheim erhofft hatte, bevor Yukke einladend das Kinn hob. Ihre Blicke trafen sich. Zwei Herzschläge ließ er verstreichen, um sicherzugehen, dass er nichts in das Verhalten des anderen hineininterpretierte, was nicht da war. Erst dann senkte er den Kopf, berührte nur sacht Yukkes Lippen mit den eigenen.
„Wir können etwas anderes zocken, wenn du magst?“
„Das ist eine gute Idee.“
Jede Silbe war wie ein Streicheln, ein neckendes Kitzeln, das ihn anlockte und aufforderte, mehr zu tun.
„Beat Saber? Das können wir auch gegeneinander spielen.“
„Wir finden doch sicher auch etwas, was wir miteinander spielen können, oder?“
Tatsuro schloss die Augen und verkniff sich das Seufzen, welches mit Nachdruck in seiner Kehle kitzelte. Machte Yukke das mit Absicht? Wieso sagte er solche Dinge? Oder war es seine eigene Schuld, weil er Zweideutigkeiten aus den Worten des anderen heraushörte, wo in Wirklichkeit keine waren?
„Wir finden sicher etwas.“
Wenn es nach ihm ging, hatten sie für den Moment ohnehin genug gespielt – und dies bezog sich ausnahmsweise nicht auf das im Hintergrund dudelnde Game, mit dem sie sich die letzten Stunden die Zeit vertrieben hatten. Tatsuro lehnte sich mehr gegen den warmen Körper, schob eine Hand in Yukkes Nacken und begann, den anderen endlich richtig zu küssen. Yukkes hingerissenes Seufzen war wie Musik in seinen Ohren und verleitete ihn dazu, mit den Fingerspitzen forschend unter das weite Shirt des anderen zu gleiten. Yukke erschauerte und eine feine Gänsehaut erblühte unter Tatsuros forschenden Fingerspitzen. Ein leises Keuchen bahnte sich seinen Weg zwischen ihren Lippen hindurch, als sich Yukkes Zunge schüchtern in seinen Mund vorwagte und kitzelnd ihr Gegenstück zu erkunden begann. Tatsuro fühlte sich, als würde sein Körper langsam in warmen, zähen Honig versinken und gleichzeitig feuerte jedes Nervenende in seinem Körper, als gäbe es kein Morgen mehr. Er stand unter Strom, wollte mehr und gleichzeitig wagte er es kaum, sich zu bewegen, aus Furcht, dieses unwiderstehliche Gefühl der bedingungslosen Nähe zwischen ihnen ungewollt zu zerstören. Es fühlte sich so fragil an, Yukke zu küssen. Fragil und gleichzeitig richtiger, als sich je ein Kuss angefühlt hatte.
~*~
Wie viel Zeit verstrichen war, hätte er nicht sagen können. Was er jedoch mit Sicherheit sagen konnte, war, dass es viel zu schnell vorbei war, als sich sein Mitbewohner leise seufzend von seinen Lippen löste und wieder etwas Abstand zwischen sie brachte. Tatsuros Lider weigerten sich, sich zu öffnen, erst ein warmer Finger, der die Kontur seines Mundes nachzeichnete, holte ihn in die Realität zurück. Er erwiderte Yukkes Lächeln vielleicht etwas zu breit, denn erneut hob sich eine feine Augenbraue, als er fragend gemustert wurde.
„Ich habe schon so oft geschrieben, wie meine Charaktere sich fühlen, wenn sie geküsst werden. Ich habe Worte wie schwerelos, elektrisiert oder betrunken benutzt, aber erst jetzt weiß ich, dass man sich tatsächlich so fühlen kann.“
Yukkes Mund öffnete sich leicht, als hätte er etwas erwidern wollen, aber mit einem sachten Kopfschütteln schloss er ihn wieder. Nur ein kleines Lachen war zu hören, bevor sein Oberkörper langsam nach vorn kippte, bis seine Stirn gegen Tatsuros Brust lehnte.
„Was ist?“, fragte er und kraulte mit der freien Hand über Yukkes Nacken, während seine Rechte noch immer wirre Muster auf der nackten Haut seines Rückens zeichneten.
„Mir ist nur gerade bewusst geworden, dass ich in einem Wortgefecht gegen dich nie eine Chance haben werde.“
„Ehm, okay, das nenne ich mal einen Gedankensprung, aber gut. Ist das etwas Schlimmes?“
„Das weiß ich noch nicht, aber … ich hätte unglaublich gern die Zeit, es herauszufinden.“
In Tatsuros Magen begann es, verräterisch zu kribbeln, und reflexartig verstärkte er die lockere Umarmung, in der er Yukke noch immer hielt.
„Soll das heißen, was ich denke, dass es heißt.“
„Und dahin ist seine Eloquenz, vielleicht bin ich doch nicht so chancenlos.“
Yukke kicherte und nippte an der Haut seines Halses, was Tatsuro spürbar erschauern ließ.
„Aber ja, du hast mich schon richtig verstanden. Ich würde dem hier …“ Yukke richtete sich auf und machte eine wage Handbewegung zwischen ihnen. „Gerne eine Chance geben.“
„Das will ich auch.“
„Aber langsam.“
„Im Schneckentempo, wenn es sein muss.“
Tatsuro sah seinem Mitbewohner … jetzt wohl eher festem Freund, direkt in die Augen und glaubte beinahe die Wärme und Zuneigung, die in ihnen lag, anschwellen zu sehen, wie eine Welle, die immer höher stieg. Würde sie irgendwann brechen, abschwellen und verschwinden, wie die Ebbe, die das Meer mit sich nahm, oder würde sie bestehen bleiben? Innerlich schüttelte er über seine pseudopoetischen Gedanken den Kopf. Wer wusste schon, was die Zukunft brachte. Yukke war genau in diesem Augenblick bei ihm und sah ihn mit diesen warmen Augen an, in denen die wachsende Zuneigung für ihn nicht deutlicher hätte geschrieben stehen können. Wer brauchte da einen Blick in die Zukunft? Er sicher nicht.
„Na ja, ein bisschen schneller darf es schon gehen.“ Yukkes Grinsen war ansteckend und das kleine Küsschen auf seiner Nasenspitze süßer als jede Liebesbekundung.
Was war dieses Gefühl nur, dass an seinem Herzen zog? Wieso wärmte ihn Yukkes Lächeln, wie eine heiße Tasse Kaffee am Morgen? Warum war dieser Kerl, dieser Skater Boy, der aussah, als dürfte er noch nicht einmal legal Alkohol trinken, der attraktivste Mann, den er seit Langem gesehen hatte?
Er kannte die Liebe, die man für einen Freund empfinden konnte. Er war vertraut mit der Lust, die das Zusammenleben mit Hazuki geprägt hatte und sogar mit dem leiseren Gefühl der Verehrung, das ihn überhaupt erst in die Arme des Älteren getrieben hatte, aber das hier?
Dieses zarte Band, welches sich zwischen Yukke und ihm zu formen begann, war umso vieles wertvoller. Er hatte nie geglaubt, etwas so Kostbares vom Leben erwarten zu dürfen, doch hier war es, er musste nur danach greifen und es nie wieder loslassen.
„Tatsuro?“
Ein Daumen streichelte über seine Braue und er lehnte sich in die Berührung, Yukkes Handfläche warm an seiner Wange.
„Da bist du ja wieder.“
„Wie?“
Yukke zuckte mit den Schultern, richtete sich auf und erhob sich von der Couch.
„Du sahst aus, als wärest du Meilen weit weg. Langweile ich dich etwa?“
„Was? Nein! Ich hab nur …“
„Irgendwie glaube ich dir nicht.“ Yukke verschränkte die Arme vor der Brust und sah mit strenger Miene auf ihn herab. Nun ja, seine Miene wäre streng gewesen, hätten seine Mundwinkel nicht bereits nach drei Sekunden verräterisch zu zucken begonnen. Himmel, konnte dieser Mann noch niedlicher sein?
„Ich könnte dir zeigen, wie aufmerksam ich sein kann.“ Die Worte entkamen ihm beinahe geschnurrt, als er beide Hände an Yukkes schmale Taille legte und langsam das weite T-Shirt nach oben schob, bis er einen erneuten Blick auf die gebräunte Haut seines Bauches werfen konnte. Oh wie ihn dieser schmale Streifen nackter Haut vorhin schon gereizt hatte. Wie gern er nun seine Lippen …
„Schon gut, schon gut, ich glaub dir ja.“ Lachend trat Yukke einen Schritt zurück, befreite sich von seinen Händen, nur um ihm einladend die Rechte entgegenzustrecken.
„Wir sollten ins Bett gehen. Es ist schon spät und du musst morgen dringend an deinem Roman weiterschreiben, sonst verpasst du auf den letzten Metern doch noch die Deadline deines Verlegers.“
„Aber …“
Tatsuro blinzelte nach oben und versuchte mit aller Macht, das Gefühl der Ablehnung zu unterdrücken, das wie gift in seine Gedanken kriechen wollte. Warum hielt Yukke ihn plötzlich auf Abstand, hatte er etwas falsch gemacht?
„Bitte, Tatsuro, ich … Es ist nicht böse gemeint, aber …“
Wieder waren es die ausdrucksstarken Augen, die ihn gefangen hielten und gleichzeitig den Anflug der Selbstzweifel verwischten. Langsam. Yukke wollte die ganze Sache langsam angehen. Natürlich.
Er rollte übertrieben mit den Augen, schnaubte, aber konnte das Zucken seiner Mundwinkel kaum unterdrücken.
„Na schön … Mama“, murrte er wie das verzogene Kleinkind, als das ihn Sato gerne bezeichnete und grinste, bevor er Yukkes Hand in die seine nahm und sich auf die Beine helfen ließ. Kaum stand er, bohrte sich ein spitzer Zeigefinger zielstrebig zwischen seine Rippen und ließ ihn japsend nach Luft schnappen.
„Was sollte das denn?“
„Tja, das kommt davon, wenn du so frech bist.“
„Ich werde es mir merken“, jammerte er übertrieben und rieb über die gepiesackte Stelle, während Yukke bereits geschäftig damit begonnen hatte, das VR-System herunterzufahren.
~*~
Wenig später standen sie vor Yukkes Zimmertür und schafften es nicht, sich gute Nacht zu sagen. Immer wieder fanden ihre Lippen zueinander, konnte Tatsuro es nicht lassen, den anderen zu streicheln oder ihn näher gegen sich zu bringen. Womöglich sollte er ihn einfach fragen, ob sie nicht gemeinsam in einem Bett schlafen wollten, das würde dieses Theater hier eindeutig abkürzen. Andererseits machte es Spaß und war urkomisch, sich noch einmal wie ein nervöser, unsicherer Teenager zu fühlen, der es einfach nicht übers Herz brachte, seine Flamme gehen zu lassen.
„Gute Nacht“, nuschelte Yukke zum zigsten Mal und versuchte mit eher mäßigem Erfolg, die Finger von ihm zu lassen.
„Gute Nacht“, echote er, mehr um seinen Freund zu bespaßen, und nicht, weil er sich ernsthaft verabschieden wollte. Wieder fanden ihre Lippen zueinander, aber diesmal drückten ihn Yukkes Hände nach wenigen Minuten auf Abstand. Leise seufzend ließ er es geschehen und erwiderte das schiefe Grinsen, das seinen Freund nun wirklich wie einen Lausebengel aussehen ließ.
„Ich meine es ernst, gute Nacht, Tatsuro.“
Tatsuro räusperte sich, ging noch einen halben Schritt zurück und ergriff Yukkes Hand, die er schmunzelnd an seine Lippen führte.
„Dann auch dir eine gute Nacht.“
Über Yukkes Handrücken hinweg sah er ihm tief in die Augen, berührte die Knöchel seiner Finger kaum spürbar mit den Lippen und sah mit Genugtuung, wie sich die Wangen des anderen nicht zum ersten Mal an diesem Abend herrlich röteten.
„Du bist unmöglich.“
„Ich weiß.“
„Schlaf gut.“
„Du auch und träum von mir.“
„Das hättest du wohl gerne.“
„Worauf du wetten kannst.“
~*~
Die weißen Seidenbezüge seines Bettes boten einen herrlichen Kontrast zu Yukkes leicht gebräunter Haut. Tatsuro konnte den blick nicht von ihm lösen, jedes Streicheln langer Finger, jedes Rekeln zu viel für sein erhitztes Gemüt und doch nicht genug. Die warmen Augen des anderen waren auf ihn gerichtet, während seine rechte immer tiefer und tiefer glitt, dem Zentrum der eigenen Lust gefährlich nahekam, bevor sie sich wieder zurückzog.
Oh nein, nicht mit ihm. Tatsuro schüttelte den Kopf, als sich auf die jungenhaften Züge ein verruchtes Lächeln legte. Yukke wusste genau, was er ihm mit dieser Hinhaltetaktik antat, aber genug war genug. Mit zwei langen Schritten war er am Bett angelangt, hatte seine Position als Voyeur aufgegeben, und sich über den kleineren Mann geschoben.
„Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr zu mir kommen“, raunte Yukke, die Lippen so nah an Tatsuros eigenen, dass er jede Silbe spüren konnte.
„Dein Tempo ist nicht auszuhalten“, knurrte er, schnappte mit den Zähnen nach Yukkes Unterlippe und biss nicht allzu zärtlich hinein, bevor er ihn tief und innig zu küssen begann. Sein Körper stand in Flammen, prickelte und kribbelte dort, wo sich ihre nackte Haut berührte. Yukke hob das Becken, presste seine Härte gegen Tatsuros Oberschenkel und stöhnte hemmungslos in ihren Kuss.
„Dann mach etwas dagegen“, keuchte er und ließ nun seinerseits Tatsuro die Zähne spüren.
„Worauf du wetten kannst.“
Er grinste auf den anderen herab, als er sich provokativ an seinem Körper entlang nach oben schob, um an die Schublade des Nachttischs heranzukommen. Erneut stöhnte Yukke auf, Finger krallten sich in Tatsuros Schulterblätter und verpassten ihm damit einen wohligen Schauer.
„Beeil dich.“
Fahrig wühlte er in der Lade, begleitet vom ... rhythmischen Klopfen auf Holz? Was zum …?
„Tatsuro~“
Immer hektischer wurde sein Kramen, doch gleichzeitig schien er vergessen zu haben, wonach er suchte. Wieder fiel sein Blick auf Yukke, hielten ihn die lustgetränkten Augen gefangen, als sich die rosigen Lippen teilten und …
„Tatsuro, kann ich reinkommen?“
„Was?“, nuschelte er in sein Kopfkissen und brauchte einen Moment, um sich bewusst zu werden, dass er gerade in seinem Bett aufgewacht war. Yukke war verschwunden, jedoch nicht die Hitze, die sich in seinem Unterleib gesammelt hatte. Er keuchte, als sich seine Finger reflexartig fester um seine Härte schlossen.
„Tatsuro?“
‚Oh fuck‘, seine Augen weiteten sich, als er Yukkes Stimme hörte und das untrügliche Knacken, mit dem der Griff der Schlafzimmertür heruntergedrückt wurde.
„Tatsuro?“ Wieder flüsterte der andere, wohl nicht sicher, ob er tatsächlich wach war.
Tatsuro brummte in der Hoffnung, verschlafen und nicht kurz vor einem Höhepunkt stehend zu klingen.
„Mann, bin ich froh, dass du wach bist. Darf ich reinkommen?“
„Was ist denn los?“, nuschelte er, zog mit zusammengebissenen Zähnen seine Hand aus seiner Shorts und setzte sich bemüht verschlafen wirkend auf.
„Ist was passiert?“
„N… nein, eigentlich nicht.“
„Und uneigentlich?“ So unangenehm die Situation für ihn gerade war, konnte er doch nicht umhin, Yukkes Stammeln unheimlich niedlich zu finden.
„Uhm … ich … also …“ Im schummrigen Licht, dass durch die nur halb zugezogenen Vorhänge in den Raum fiel, konnte er erkennen, wie Yukke unangenehm berührt die Hände knetete. Langsam dämmerte ihm, was Sache war und unwillkürlich legte sich ein breites Grinsen auf seine Lippen.
„Sag nicht, dass du nicht schlafen kannst.“
„Daran ist nur dieses Spiel schuld“, jammerte sein Gegenüber und klang nun wirklich wie ein kleiner, zu tiefst missverstandener Junge.
„Und, was soll ich nun dagegen tun?“
Es war einfach zu schön, den anderen zu necken, auch wenn alles in ihm danach verlangte, einladend die Bettdecke anzuheben, damit Yukke darunter krabbeln konnte. Allein die Vorstellung, ihn neben sich zu wissen, ihn halten zu können …
Ein eindeutiges Ziehen in südlichen Gefilden erinnerte ihn daran, warum es eine eher schlechte Idee war, Yukke ausgerechnet jetzt in sein Bett einzuladen.
„Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?“
Oh nein. Da waren sie also, die Worte, denen er nicht einmal hätte widerstehen können, würde sein Leben davon abhängen.
Bemüht unauffällig zupfte er seine Shorts zu Recht, bevor er die Beine über die Bettkante schwang und hoffte, Yukke würde seinen Zustand im Dämmerlicht nicht bemerken.
„Klar, mach es dir bequem, ich bin gleich wieder da.“
Sich an Yukke vorbei zu schieben, war eine Kraftanstrengung sondergleichen. Hatte der andere schon immer so gut gerochen? Und hatte sein Körper schon immer diese anziehende Wärme ausgestrahlt? Lange Finger legten sich auf seine Brust, auf seine gänzlich unbekleidete Brust, und verpassten ihm damit beinahe einen Herzinfarkt.
„Tut mir wirklich leid, ich wollte dich nicht wecken, aber …“
„Schon gut“, murmelte er, streichelte über Yukkes zerzaustes Haar, das wirklich so aussah, als hätte er sich Stunden im Bett hin und her gewälzt.
„Leg dich hin, bin gleich wieder da.“
„Danke.“ Warme Lippen pressten sich auf seinen Mund, doch er löste sich fast augenblicklich und ging auf Abstand.
„Sorry, die Sache ist wirklich dringend.“
Er schenkte dem anderen noch ein schiefes Grinsen, bevor er in Richtung Bad eilte, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihm her.
Das Yukke ihm mit leicht schief gelegtem Kopf nachsah und sich ein wissendes Lächeln auf seine Lippen gestohlen hatte, hatte Tatsuro zu seinem eigenen Glück nicht mehr mitbekommen. Die Scham war auch so groß genug, als er mit wild pochendem Herzen gegen die Badezimmertür gelehnt dastand und alle Entscheidungen, die ihn zu diesem Punkt in seinem Leben geführt hatten, ernsthaft infrage stellte.
Ob es zu auffällig war, sich nun unter die kalte Dusche zu stellen?
Vermutlich schon.
~*~
Letzten Endes hatte er sich nur sehr, sehr viel Zeit gelassen, bevor er wieder ins Schlafzimmer zurückgegangen war. Ein Teil in ihm hoffte, dass Yukke bereits schlafen würde, der viel größere war aufgeregt und freute sich darauf, seinem Freund endlich wieder nahe sein zu können.
‚Endlich.‘
Tatsuro grinste über sich selbst. Er tat ja gerade so, als hätten Yukke und er sich Tage und nicht nur ein paar Stunden nicht gesehen. Himmel, wenn das so weiter ging, verwandelte er sich wirklich noch in einen schwärmenden Idioten.
„Was ist?“ Wurde er begrüßt, als er das Zimmer betrat. Yukke saß im Bett, den Rücken gegen das Kopfende gelehnt und die Nachttischlampe angeknipst. Ein Buch lag aufgeschlagen in seinem Schoß – sein Erstlingswerk, wie Tatsuro erkannte.
„Nichts, was soll sein?“
„Keine Ahnung, darum frag ich ja. Du bist gerade kopfschüttelnd hier reingekommen.“
„Ach das.“ Tatsuro winkte ab. „Nichts weiter, nur ein Gedanke, den ich verscheuchen wollte.“ Er ging ums Bett herum, hob die Decke an und kroch darunter. „Sag nicht, du hast meinen Roman gekauft?“
„Sato hat ihn mir ausgeliehen“, antwortete Yukke und täuschte er sich, oder begann da gerade eine feine Röte über seine Wangen zu kriechen? War es ihm peinlich, das Buch nur geliehen zu haben, oder lag es vielleicht an der Stelle, die Yukke gerade gelesen hatte? Tatsuro versuchte, einen Blick auf das Geschriebene zu erhaschen, aber schneller, als seine Augen die Worte fixieren konnten, wurde das Buch zugeklappt.
Aha, also eher Letzteres, interessant.
Bevor Tatsuro jedoch einen passenden Kommentar zu seiner Entdeckung hätte formulieren können, knipste Yukke das Licht aus und tauchte sie für den Moment in undurchdringliche Finsternis.
„Danke, dass ich hier sein darf“, wisperte er und Tatsuro spürte, wie er langsam näher rutschte, tastende Finger die seinen suchten.
„Du bist wirklich eine Marke.“ Tatsuro schnaubte, rutschte nun seinerseits näher an den kleineren Mann heran und zog ihn in seine Arme.
„Als würdest du dich dafür bedanken müssen.“
„Aber ich hab dich aufgeweckt.“
‚Ja, und das war auch verdammt gut so‘, dachte er und entgegnete: „Schon gut. Versuch einfach, zu schlafen. Ich hab so eine Ahnung, dass ich deine Cheerleader-Qualitäten morgen dringend nötig habe, um endlich diesen Roman zu beenden. Ich verspreche dir auch, dass ich jeden Zombie eigenhändig köpfe, der den Weg hierein findet.“
„Mensch Tatsuro, musstest du das jetzt sagen?“
Tatsuro lachte, als ihn ein entrüsteter Schlag auf die Brust traf.
„Entschuldige, ich kann nicht anders.“
„Du bist schrecklich. Manchmal frage ich mich, warum ich dich überhaupt so sehr mag.“
Hitze stieg in Tatsuros Wangen, als er erst verspätet begriff, was Yukke gerade gesagt hatte. Er wartete darauf, dass er noch etwas sagen würde, aber der Kopf des anderen lag gegen seine Schulter gelehnt und Yukkes Atemzüge kamen langsam und gleichmäßig.
‚Er muss wirklich unheimlich müde sein, um einfach einschlafen zu können, nachdem er so eine Bombe hat platzen lassen.‘
Ein sehr Mögen war noch kein Ich-liebe-dich, aber für Tatsuro hatten diese wenigen Worte eine fast ähnliche Tragweite. Hazuki hatte nie gesagt, dass er ihn mochte. Er hatte noch nie zu jemandem, der nicht Satochi war, gesagt, dass er ihn mochte.
Es fühlte sich eigenartig an, fremd aber nicht unangenehm.
Leise seufzend drehte er sich mehr zu dem Mann in seinen Armen, bis er die nun entspannten Züge im Dämmerlicht ausmachen konnte. Yukkes lange Wimpern zeichneten dunkle Halbmonde unter seine Augen und die Lippen waren leicht geöffnet, wie eine Einladung, derer er sich kaum entziehen konnte.
Für einen Moment schloss er die Augen, atmete tief durch, bis sich sein eindeutig überstimuliertes Gemüt wieder beruhigt hatte.
„Schlaf du auch gut, Yukke … ich kann dich auch wirklich gut leiden“, flüsterte er und drückte der kleinen Nase einen Kuss auf, bevor er selbst die Augen schloss. Er betete nur, nun nicht die ganze Nacht wach zu liegen, sonst würde der morgige Tag ein sehr, sehr anstrengender werden.
Du bist meine Muse.
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Wo ist Yukke?
Garas mütterlich anmutende, aber nichtsdestotrotz rigorose Sekretärin schoss aus ihrem Bürostuhl und schickte ihnen nicht nur einen tadelnden Blick, sondern auch ebenso gesprochene Worte hinterher, kaum waren sie in einem Affenzahn an ihrem Empfang vorbeigehetzt.
„Tatsuro-san, Sie haben keinen Termin und Gara-san hat auch keine Zeit für Sie! Tatsuro-san! So ein rüpelhaftes Verhalten hätte ich nie von Ihnen erwartet. Ich …“
Tatsuro blendete die aufgebrachten Rufe ebenso wie sein schlechtes Gewissen aus, das jetzt schon an ihm zu nagen begann. Er konnte die Lady wirklich gut leiden und wusste, wie viel Wert sie auf Recht und Ordnung legte, aber darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Der Zweck heiligte schließlich die Mittel oder wie hieß es so schön?
Er festigte den Griff um Yukkes Hand, der automatisch langsamer geworden war, kaum hatte Midori-san sie angesprochen, und schenkte ihm ein breites Grinsen, das nur einen Hauch hysterisch wirkte. Hoffte er zumindest. Ihm ging die Pumpe und das hatte mehr mit dem ihm bevorstehenden Gespräch zu tun und tatsächlich weniger mit den sieben Stockwerken, die sie zu Fuß hinter sich gebracht hatten. Er begann wirklich, Aufzüge und deren Tendenz, in den unpassendsten Momenten den Geist aufzugeben, mit einer Passion zu hassen.
„Alles gut, lass sie schimpfen. Ich versichere dir, Gara wird froh sein, uns zu sehen.“
„Dich vielleicht, aber selbst das wage ich zu bezweifeln.“
„Kleiner Pessimist du.“
„Realist.“
Yukke blähte die Wangen auf und blies die Luft flatternd über seine Lippen, aber sagte nichts weiter. Sie waren ohnehin vor der großen Bürotür aus Milchglas angekommen und bevor ihn der Mut verlassen konnte, drückte Tatsuro die Klinke nach unten und trat ein. Gara hob den Blick von den Dokumenten, auf denen bis eben seine volle Aufmerksamkeit gelegen hatte, und musterte sie scharf.
„Tatsuro? Mir war nicht bewusst, dass wir einen Termin vereinbart hatten.“
„Kein Wunder, schließlich haben wir auch keinen vereinbart“, erwiderte Tatsuro schlagfertiger, als er sich fühlte, und schenkte Gara ein entwaffnendes Lächeln. Er fühlte sich wie unter Strom und hätte im Moment die ganze Welt umarmen können. Selbst den Mann ihm gegenüber, dessen Miene sich verfinsterte, als sich Tatsuro unaufgefordert auf einen der Besucherstühle vor dem riesigen Schreibtisch fallen ließ und Yukke neben sich auf den anderen zog.
„Gara-san!“
Midoris aufgeregte Stimme schnitt in die Sekunden der Stille, die sich eingestellt hatten, als die Mittfünfzigerin mit wehendem Seidentuch um den Hals in den Raum gestürmt kam.
„Es tut mir leid, die beiden sind einfach an mir vorbeigeeilt und ließen sich nicht aufhalten.“
„Ist schon in Ordnung, Midori. Mach bitte die Tür hinter dir zu, Tatsuro und ich scheinen etwas Wichtiges zu besprechen zu haben.“
Gara betonte die Worte ‚etwas Wichtiges‘ auf so intensive Art und Weise, dass sich vor Tatsuros geistigem Auge unverzüglich sämtliche für ihn sehr unangenehme Konsequenzen breitmachten, die ihn ereilen würden, würde sein Anliegen in Garas Augen nicht von außergewöhnlicher Wichtigkeit sein. Er schluckte, versuchte jedoch, sich nichts weiter anmerken zu lassen. Yukke neben ihm war schon nervös genug für sie beide. Wieder drückte er die Hand des kleineren Mannes, die er für keinen Moment losgelassen hatte, und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. Yukke verzog nur die Lippen zu einer leidenden Grimasse, dann fiel die Bürotür mit einem finalen Klick ins Schloss. Garas starrer Blick ruhte auf ihm, wie die leuchtenden Augen eines Raubtieres, und nun erst wurde Tatsuro bewusst, dass er vielleicht, ganz vielleicht, gründlicher über das Pro und Contra seines Handelns hätte nachdenken sollen.
„Also, Tatsuro, was genau bringt dich dazu, hier hereinzuplatzen und mich zu stören? Die Deadline zur Abgabe des Romans ist erst morgen und ich hoffe für dich, du veranstaltest dieses Spektakel nicht, um nach einer weiteren Verlängerung zu verlangen. Sollte dem nämlich so sein, kannst du gleich wieder gehen und von Glück reden, dass ich heute einen guten Tag habe.“
„Ach Gara, kennst du mich wirklich so schlecht?“
Mit großen Augen sah er seinen Verleger an und klimperte übertrieben mit den Wimpern.
„So etwas würde mir doch im Traum nicht einfallen.“
Garas ohnehin schmale Lippen pressten sich zu einem kaum sichtbaren Strich zusammen und verliehen seinem durchdringenden Blick einen eisigen Touch. Tatsuro schluckte, schon wieder, und aus Yukkes Richtung drang ein leises Wimmern an seine Ohren. Okay, er hatte es verstanden, Gara war eindeutig nicht für Spielereien zu haben.
„Hier ist der Roman“, verkündete er mit Pathos in der Stimme und zog einen braunen Umschlag unter seiner Lederjacke hervor. Mit Schwung warf er ihn auf den Tisch, ungeachtet der Papiere, die er damit durcheinanderbrachte. Garas rechte Braue hob sich, ansonsten zeigte der Verleger keine Regung. Von wegen, Gara habe einen guten Tag. Fragte man Tatsuro, schien es gerade eher so zu sein, dass er seinen Verleger auf dem falschen Fuß erwischt hatte, wenn nicht einmal die Ankündigung, dass er den Roman tatsächlich vor Ablauf der Frist beendet hatte, eine positive Reaktion in ihm auslöste.
„Was ist? Ich dachte, du würdest Freudensprünge machen oder so? Ich bin fertig!“
Mit Bewegungen, die eine Schnecke wie eine Rennmaus aussehen ließen, griff Gara nach dem Umschlag, zog die ausgedruckten Seiten des Romans heraus und förderte zusätzlich den USB-Stick zutage, den Tatsuro für die Bearbeitung durch den Lektor beigelegt hatte. Mit versteinertem Gesichtsausdruck blätterte der Verleger durch die Seiten, überflog die Stellen, die er bereits kannte, bis er schließlich beim letzten Viertel angekommen war. In den darauf folgenden Minuten war lediglich das Knistern der Seiten zu hören, immer wenn Gara umblätterte, untermalt von Tatsuros angespannter Atmung und dem Rascheln von Kleidung, wenn Yukke zum wiederholten Male nervös seine Position auf dem Stuhl änderte.
„Du bist tatsächlich vor der Deadline fertig geworden“, sagte Gara schließlich, hob den Blick und endlich legte sich ein selbstgefälliges Lächeln auf seine Züge.
„Wer hätte das noch für möglich gehalten?“
„Hast du wirklich so wenig Vertrauen in mich?“
„Das ist eine Frage, deren Antwort du nicht wissen willst“, konterte Gara und zum ersten Mal, seit sie, wie der Verleger es so schön formuliert hatte, hier hereingeschneit waren, fiel sein Blick auf Yukke, der zusammenzuckte, als hätte man ihn geschlagen.
„Und Sie sind?“
„Das ist Yukke“, sprang Tatsuro für seinen versteinert wirkenden Freund in die presche, „meine Muse.“
„Deine was bitte?“
„Meine Muse. Das ist auch der Grund, weshalb wir hier sind. Ich wollte, dass du die Person kennenlernst, der ich es maßgeblich zu verdanken habe, dass ich den Roman fertigstellen konnte. Yukke war mir eine unglaublich große Hilfe und deswegen möchte ich eine Widmung abdrucken lassen.“
„Du willst was?“
Erstaunlicherweise kam diese Frage nicht von Gara, sondern von Yukke, der ihn nun aus großen Augen anstarrte und für den Moment sogar vergessen zu haben schien, dass er in Garas Gegenwart Steinstatue spielen wollte.
„Ich teile Yukke-sans Überraschung“, murmelte Gara, stützte beide Ellenbogen auf der Schreibtischplatte auf und bettete sein Kinn auf den verschränkten Fingern.
„Erleuchte uns, Tatsuro, was genau schwebt dir vor?“
Garas lauernder Blick war wie eine stumme Warnung, sein heute ohnehin dünnes Nervenkostüm nicht weiter zu strapazieren. Aber Tatsuro ignorierte Blick und Warnung gleichermaßen, richtete sich in seinem Stuhl zu seiner vollen Größe auf und erklärte sich mit so viel Nachdruck und Selbstsicherheit in der Stimme, wie er nur aufbringen konnte.
„Ich will ein Vorwort schreiben und die Story Yukke widmen.“
„Ausgeschlossen. Keines unserer veröffentlichten Bücher hat ein Vorwort.“
„Komm schon, Gara, bitte.“
„Nein, das würde die komplette Kontinuität unserer Drucksachen über den Haufen werfen.“
„Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass seit der Lesung mehr Vorbestellungen für meinen Roman im Verlag eingegangen sind, als für jedes andere Buch, das du gerade in Arbeit hast.“ Garas Augenbraue hob sich fragend, aber Tatsuro gab ihm mit einem knappen Kopfschütteln zu verstehen, dass er seine Quellen nicht preisgeben würde.
„Ich weiß, wie gut ich bin und wie sehnsüchtig die Leser meines ersten Romans auf diese Fortsetzung warten. Im Augenblick bin ich quasi eine wandelnde Gelddruckmaschine und das sollte nicht nur mir bewusst sein, wenn du verstehst, was ich meine.“
Tatsuro atmete durch, gönnte sich eine künstlerische Pause, bevor er seinem Verleger das sprichwörtliche Messer auf die Brust setzte.
„Zwing mich nicht dazu, mir einen anderen Verlag suchen zu müssen.“
„Das würdest du nicht wagen, nicht wegen so einer Kleinigkeit.“
„Stell mich auf die Probe.“ Tatsuro verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte Garas Starren, ohne zu blinzeln. Yukke neben ihm hatte die Luft angehalten und er konnte spüren, wie der kleinere Körper vor Aufregung regelrecht zu vibrieren begann. Tatsuro gönnte sich einen langen Atemzug, dann löste er seine abweisende Haltung, um nach Yukkes Fingern greifen und sie aufmunternd drücken zu können. Ein warmes Gefühl zog sich durch seinen Magen, als sein Freund die Geste erwiderte, sich beinahe an ihm festkrallte. Himmel, Yukke war so verflucht niedlich.
‚Hab doch mal etwas Vertrauen in mich‘, dachte er und verkniff sich ein Schmunzeln. Natürlich bluffte er und Gara war sich dessen ebenso bewusst, wie Tatsuro selbst. Kein anderer Verlag würde ihn so hofieren, wie der Garas. Keinem anderen Boss hätte er eine Verlängerung der Deadline nach der anderen aus den Rippen leiern können. Aber er musste es versuchen und Gara war gut daran getan, ihn bei Laune zu halten, besonders jetzt, wo er ihn in nächster Zeit für den ein oder anderen Promotionstermin mehr als gut brauchen konnte.
„In Ordnung, dann will ich mal nicht so sein und eine Ausnahme machen. Du darfst dein Vorwort schreiben, aber ich habe das letzte Wort, was genau abgedruckt wird.“
„Ich wusste, wir finden eine gemeinsame Basis. Es ist immer wieder schön, mit dir Geschäfte zu machen, Gara.“
„Du klingst wie ein Möchtegern-Gangster, das nimmt dir keiner ab, glaub mir.“ Gara rollte mit den Augen, griff aber nach der Hand, die Tatsuro ihm über den Schreibtisch hinweg reichte. Tatsuro musste sich zusammenreißen, seine Hand nicht aus dem schraubstockartigen Griff zu befreien und stattdessen Garas intensives Starren mit gleicher Intensität zu erwidern.
„Bilde dir bloß nichts darauf ein, mein Guter.“
„Würde mir nie im Leben einfallen.“ Tatsuro lächelte jovial und widerstand dem Verlangen, seine armen, malträtierten Finger auszuschütteln, nachdem Gara ihn endlich losgelassen hatte.
„Das Vorwort bekommst du im Laufe der nächsten Woche, dann hast du noch genügend Zeit, es anzupassen, sollte es dir nicht zusagen.“
„Einverstanden. Und jetzt raus mit euch, ich habe zu arbeiten. Es war … interessant, Ihre Bekanntschaft zu machen Herr …“
„Fukuno“, quiekte Yukke, sprang auf und verbeugte sich. „Vielen Dank für Ihre Zeit und bitte entschuldigen Sie die Störung.“
Nun war es an Tatsuro, mit den Augen zu rollen. Deutlich langsamer als sein Freund erhob auch er sich, nickte Gara noch einmal zu und dirigierte Yukke mit einer sanften Hand am unteren Rücken aus dem Raum.
„Bye, Gara.“, sagte er noch über die Schulter, zog die Tür hinter sich zu und richtete seine nächsten Worte an Yukke: „Siehst du, war doch gar nicht so schlimm.“
„Gar nicht so schlimm? Ich bin froh, meinen Kopf noch auf den Schultern zu haben.“
„Ach Yukke, du übertreibst maßlos. Komm, ich geb einen aus, das beruhigt deine armen Nerven.“
„Das hättest du sowieso. Sind wir nicht ohnehin in einer halben Stunde mit Miya und Satochi in der Writers Lounge verabredet?“
„Sind wir.“
~*~
„Auf Tatsuro!“
„Auf mich!“
Klirrend trafen sich ihre Biergläser in der Mitte des Tisches und Tatsuro strahlte bis über beide Wangen. Satochis Gesichtsausdruck glich dem seinen fast aufs Haar, während Yukkes lächeln weniger atomar, aber dafür mit unendlich viel Wärme daherkam. Selbst Miyas schmale Lippen krümmten sich nach oben, was im Falle des eher stoischen Mannes einem Gefühlsausbruch gleichkam.
„Ich freu mich riesig, dass ihr gekommen seid“, meinte er an Sato und Miya gerichtet, denn Yukke hatte ihn von Garas Büro direkt hierher begleitet.
„Na hör mal, als würden wir es uns entgehen lassen, dass du mal die Spendierhosen anhast, oder Miya?“
„Eben. Kommt ja selten genug vor.“
„Was soll das denn heißen? Es ist ja nicht so, als hätte ich in den letzten Monaten so unglaublich viel zu feiern gehabt.“
„Auch wieder wahr“, stimmte Satochi zu und hielt ein weiteres Mal sein Glas Bier in die Mitte. „Dann sollten wir darauf trinken, dass es in Zukunft öfter vorkommt, dass du was zu feiern hast. Davon haben dann alle was.“!
„Absolut“, trällerte Yukke und war der Erste, der Satos wortloser Aufforderung nachkam. Über ihre klirrenden Gläser hinweg schenkte er Tatsuro einen derart intensiven Blick, dass dem gleich ganz anders wurde.
‚Meine Muse‘, erwiderte er wortlos und Satochis überschwängliches „Kanpai“ schluckte das leise Lachen, das ihm über die Lippen kam, als sein kleiner Skater-Boy prompt rote Ohren bekam. Dieser Mann war viel zu niedlich für diese Welt.
„Dann hole ich mal Nachschub, bevor es noch voller wird, was?“
„Hört, hört.“
Auch Miya stieß nun noch einmal mit Schwung an und Tatsuro beeilte sich, die letzten Schlucke seines noch angenehm kühlen Bieres zu vernichten, bevor er sich auf den Weg zur Bar machte. Die Writers Lounge hatte zwar erst seit einer Stunde geöffnet, aber bereits jetzt gab es für das Servicepersonal fast kein Durchkommen mehr. Er bahnte sich einen Weg die Balustrade entlang, über die Treppe hinunter bis auf die Tanzfläche, die kaum noch als solche zu erkennen war. Vor ihm baute sich eine wogende Masse aus zuckenden Leibern auf und für einen Moment bereute er die Idee, seinen Erfolg ausgerechnet an einem Donnerstag feiern zu wollen. Aber zu seiner Verteidigung musste gesagt werden, dass er schlichtweg zu euphorisch gewesen war, um sich daran zu erinnern, dass donnerstags immer Gremmlyn auflegten. Die DJ-Truppe war immer ein Garant für eine brechendvolle Lokation.
Ächzend, was über das Dröhnen der Synthesizer und Bässe nicht zu hören war, kämpfte er sich durch die Tanzenden und machte innerlich drei Kreuze, als er endlich an der Bar angelangt war.
„Hi, Tatsuro!“, schrie ihm die rothaarige Barkeeperin entgegen und schenkte ihm ein breites Grinsen.
„Du hier? Ich dachte, die Musik ist nichts für dich?“
„Hi, Rin. Ist nur ‘ne Ausnahme. Wir haben was zu feiern.“
„Habt ihr? Dann sag mal an, was ich euch Hübschen bringen kann.“
„Aber so was von.“ Seine gute Laune erklomm neue Höhen und dennoch verkniff er es sich, Rin den Grund für ihre Feierlaune mitzuteilen. Er mochte die junge Frau, ganz ehrlich, aber er war hier in der Writers Lounge nur ein Kunde wie jeder andere für sie und dabei wollte er es belassen.
„Vier Bier und ein Meterbrett Kurze.“
„Kommt sofort … nimmst du die Biere gleich mit und ich bring den Rest, sobald ich hier wegkann?“
„So war der Plan.“
„Guter Mann.“
„Ich verschwinde nur kurz nach hinten …“ Tatsuro deutete mit dem Daumen nach links in die vage Richtung der Toiletten. Rin verstand, schenkte ihm ein weiteres Lächeln und drehte sich weg, um seine Bestellung abzuarbeiten. Tatsuro tat es ihr gleich und bahnte sich einen Weg am Tresen vorbei. Als die schwere Tür, die aus dem Klub zu den Technikräumen und Sanitäranlagen führte, hinter ihm ins Schloss fiel, atmete er unwillkürlich tief durch. In seinen Ohren dröhnte es und die relative Ruhe gepaart mit der deutlich kühleren Luft tat gerade richtig gut. Mit zügigen Schritten ging er den in ungemütlich weißes Neonlicht getauchten Flur entlang, die beiden Treppenabsätze nach unten und durch eine weitere Tür, seinem Ziel entgegen.
Mit gerümpfter Nase machte er einen weiten Bogen um eine Pfütze, deren Ursprung er keinesfalls ergründen wollte, erledigte alles, was zu erledigen war und wusch sich kräftig die Hände. Wieder im Flur schüttelte er sich kurz und schwor sich, bei seinem leider unvermeidlichen nächsten Besuch der Toiletten deutlich betrunkener zu sein.
Ein Schwall lauter Musik schwappte durch die Gänge, als sich über ihm die Tür zum Klub öffnete, und dem Lärmpegel nach eine ganze Horde gackernder Frauen und Männer in seine Richtung ausspuckte. Mit gleichermaßen schnellen Schritten eilte er die Treppen wieder nach oben und traf auf halber Strecke auf die Gruppe. Er grüßte grinsend, denn die ausgelassene Stimmung der Meute war ansteckend. Das Feuer seiner eigenen Freude flammte erneut auf und plötzlich konnte er es kaum noch erwarten, zurück bei Yukke zu sein und seinen Erfolg weiter zu feiern. So in seinen Gedanken versunken bemerkte er die Person nicht, die lässig gegenüber der Tür zum Klub lehnte und auf ihn wartete.
„Ro-chan.“
Das Grinsen auf seinen Lippen gefror, ebenso wie jede seiner Bewegungen.
‚Geh weiter, ignorier ihn‘, schrie seine innere Stimme, aber sein Spitzname aus diesem Mund reichte aus, um jeden rationalen Gedanken aus seinem Gehirn flüchten zu lassen.
„Hazuki.“
Tatsuro wunderte sich, dass er überhaupt sprechen konnte, und noch viel mehr, dass seine Stimme klar und deutlich zu vernehmen war. Wieder rann ihm ein Schauer über den Rücken, der sich nicht entscheiden konnte, ob er aus Abneigung oder nervöser Erwartung geboren war. Spätestens jetzt musste er sich eingestehen, dass Yukke recht damit gehabt hatte, ihn davon abzuhalten, Hazukis Einladung vor einigen Tagen anzunehmen. Wie hatte er jemals glauben können, dem anderen ebenbürtig gegenüberstehen zu können? Es war pure Selbstüberschätzung gewesen und das machte ihm seine momentane Unfähigkeit, Hazuki einfach den Rücken zuzukehren und zu verschwinden, mehr als deutlich. Selbst das hoffentlich souverän wirkende Lächeln, dass er sich gerade auf die Lippen zwang, kostete ihm schier unmenschliche Kraft.
„Du hier?“, fragte er mit skeptisch hochgezogener Augenbraue. „Ich dachte immer, die Writers Lunge wäre unter deinem Niveau.“
Hazuki lachte, ein tiefer, melodischer Laut, der es trotz allem, was zwischen ihnen stand, noch immer schaffte, Tatsuros Eingeweide in flüssige Lava zu verwandeln.
„Du kennst mich einfach zu gut, Ro-chan“, erwiderte Hazuki mit einer Vertrautheit, die ihm in diesem Moment mehr als unangenehm war. Tatsuro verzog den Mund und schaffte es gerade noch so, die Bewegung in ein abschätziges Schmunzeln zu verwandeln.
„Ist dir die Gesellschaft in deinen elitären Kreisen zu langweilig geworden, dass du dich nun schon unters einfache Volk mischt?“
Innerlich war Tatsuro erstaunt über seine Schlagfertigkeit, ließ sich äußerlich jedoch nichts anmerken. Vielleicht war der Knoten nun geplatzt und sein anfänglicher Schock, Hazuki ausgerechnet hier über den Weg zu laufen, hatte sich gelegt? Aber noch bevor er sich über diesen kleinen Sieg freuen konnte, machte sein Ex erneut den Mund auf und zerstörte damit den Anflug von Selbstsicherheit.
„Glaubst du wirklich, auch nur einer dieser ordinären Partysüchtigen hier könnte mein Interesse wecken?“
Sein Gegenüber schüttelte den Kopf, als würde er bedauern, dass Tatsuro ihn für so banal hielt.
„Deine Gesellschaft ist die Einzige, die ich suche“, sprach der andere mit verführerischem Tonfall in der Stimme weiter und schenkte ihm einen vielsagenden Augenaufschlag. Bevor Tatsuro mehr tun konnte, als seine Lungen davon zu überzeugen, einfach weiterzumachen, war Hazuki zwei Schritte auf ihn zugekommen. Der wohlvertraute Duft seines Aftershaves kitzelte Tatsuros Nase und vernebelte ihm die Sinne. Ein immer leiser werdender Teil in ihm schrie danach, nach hinten auszuweichen, besser noch, nach der Klinke zu greifen und in der Anonymität der Partygänger zu verschwinden. Der weitaus prominentere Teil jedoch flutete seinen Geist mit lebhaften Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit. Er hasste es, hasste es so sehr und konnte sich trotzdem nicht gegen Hazukis Anziehung wehren.
„Ich hatte wirklich geglaubt, du würdest meine Einladung annehmen, Ro-chan.“
Die verführerischen Lippen verzogen sich zu genau dem Schmollmund, dem Tatsuro in der Vergangenheit nie etwas hatte abschlagen können.
„Ich habe den ganzen Abend auf dich gewartet.“
Mit jedem Wort war Hazuki ihm näher gekommen, bis sich schließlich lange Finger an seinen Hals legten und langsam in seinen Nacken glitten. Die feinen Härchen unter Hazukis Fingerkuppen richteten sich auf und Tatsuro musste sich kräftig auf die Innenseite seiner Unterlippe beißen, um nicht zusammenzuzucken. Beide Hände zu festen Fäusten geballt, starrte er in Hazukis Augen und wagte nicht zu blinzeln.
„Ich kann es nicht leiden, ignoriert zu werden, Ro-chan. Vor allem nicht von dir.“
Vielleicht war es die unpassende Anspielung in Hazukis Stimme, vielleicht die Absurdität seiner Worte und der Situation, in der sich Tatsuro wiederfand, aber plötzlich konnte er wieder klar denken.
„Du hast Nerven“, knurrte er, hob das Kinn, als Hazukis Mund dem seinen gefährlich nahekam und schubste den anderen mit einem kraftvollen Stoß gegen die Brust von sich. Hazuki stolperte zurück und Tatsuro rieb sich über den Nacken, wo soeben noch die Finger des anderen gewesen waren und wo die Haut nun eigenartig brannte. Hatte der Mistkerl ihn gekratzt? Tatsuros Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Wir haben uns nichts mehr zu sagen, Hazuki. Spiel deine Spielchen mit jemandem, der darauf steht. Ich bin fertig mit dir.“
„Das sind ja ganz neue Töne.“ Hazuki schnurrte diese Worte beinahe und leckte sich anzüglich über die Lippen. Die langen Finger fuhren durch das schwarze Haar, welches im kalten Licht bläulich schimmerte und in den dunklen Augen lag ein Ausdruck, der ein ungutes Gefühl in Tatsuros Magen aufsteigen ließ.
„Es ist beinahe Schade, dass dir ausgerechnet jetzt ein Rückgrat gewachsen ist, aber nun ja, das soll meine Pläne nicht behindern.“
Hazukis Gesichtsausdruck wandelte sich blitzschnell von einem verspielten Lächeln zu einer abweisenden Maske. Tatsuro blinzelte aus dem Konzept gebracht.
„Genieß deinen Erfolg, Tatsuro.“ Der Nachsatz ‚Solange du noch kannst‘, blieb unausgesprochen und dennoch hörte Tatsuro ihn klar und deutlich. Der andere nickte ihm geschäftsmäßig zu, als wären sie plötzlich nicht mehr als zwei Bekannte, die sich gerade über den Weg gelaufen waren, und drehte sich zum Gehen. Am Ende des Flures befand sich die Feuerschutztür des Lieferanteneingangs, die offensichtlich sein Ziel war. Tatsuro stand noch immer wie versteinert an Ort und Stelle, konnte weder die Energie aufbringen, um ebenfalls zu gehen, noch um verbal auf den anderen zu reagieren. Er fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen, wütend und unverstanden zugleich.
„Ach, Tatsuro?“ Hazuki hatte sich noch einmal zu ihm umgedreht, die Hand bereits an der Klinke. „Im Gegensatz zu deiner Aussage von vorhin hat mein Spiel soeben erst begonnen. Schönen Abend noch.“ Und weg war er.
Wie, als wäre Hazukis Zauber mit seinem Verschwinden gebrochen, sackte Tatsuro gegen die Flurwand und atmete so schwer, als wäre er gerannt.
„Verdammt“, zischte er und schlug mit der Faust gegen den glatten Beton. Warum nur hatte der andere noch immer so eine Macht über ihn. Warum schaffte er es nicht, Hazuki Paroli zu bieten? Aber noch viel wichtiger als all das war die Frage, was er damit gemeint hatte, dass sein Spiel eben erst begonnen hatte.
Stimmengewirr und betrunkenes Lachen schreckten ihn aus seinen Überlegungen und Tatsuro beschloss, dass es müßig war, sich weitere Gedanken über Hazuki zu machen. Sollte der andere seine Drohung tatsächlich wahr machen und ihm in Zukunft regelmäßig auflauern, würde er keine Skrupel mehr haben, erst Gara und dann die Polizei einzuschalten. Eine einstweilige Verfügung und diverse, gut platzierte Interviews würden ihn bestimmt davon überzeugen, dass Tatsuro es nicht wert war, seine blütenweiße Weste zu beschmutzen. Ganz sicher. Sich selbst zunickend drückte er sich von der Wand ab, ließ der feierwütigen Meute von vorhin den Vortritt und schob sich dann ebenfalls zurück ins Dröhnen und Flackern des Klubs. Er würde jetzt ihre Getränke abholen, sich wieder zu Yukke und den anderen gesellen und Hazuki vergessen. Zumindest für den Rest dieser Nacht.
Aber aus seinem Vorhaben sollte nichts werden, denn kaum hatte er sich durch den ersten Pulk tanzender und lachender Menschen geschoben, packte ihn jemand am Handgelenk und zog ihn in Richtung des Haupteingangs davon. Tatsuro war so überrumpelt, dass er zwei Schritte hinter dem anderen her stolperte, bis er die Füße in den Boden stemmen und seinen Möchtegern-Entführer damit zum Stehen bringen konnte.
„Komm schon, Tatsuro, wir müssen reden.“
„Sato?“
Durch das blitzende Stroboskoplicht hatte er seinen Freund zunächst nicht erkannt und selbst jetzt, als sich der andere zu ihm drehte und ihm ins Gesicht sah, konnte er den bestürzten Ausdruck nicht mit dem freudigen Grinsen in Einklang bringen, mit dem er seinen Freund vor nicht einmal einer halben Stunde verlassen hatte. Was war passiert?
Genau diese Frage stellte er, als sie den Klub hinter sich ließen und in die angenehm laue Sommernacht hinaustraten. Kaum fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss, atmete Tatsuro erleichtert auf, aber diese Erleichterung hielt sich nicht lange, denn zwei aufgewühlte Augenpaare richteten sich sogleich auf ihn.
„Was ist?“, wiederholte er und runzelte die Stirn. „Wo ist Yukke?“ Zu seiner Überraschung war es nicht Sato, der das Wort an ihn richtete, sondern Miya, dessen Gesicht sich weiter verfinsterte.
„Hör zu, Tatsuro.“
Miya räusperte sich und fuhr sich durch die Haare. Eine Geste voller Unbehagen, die gänzlich untypisch für den sonst so selbstsicheren, zielstrebigen Mann war.
“Yukke ist …“
Er stockte, schüttelte den Kopf, als würde es ihm helfen, so die richtigen Worte zu finden.
„Bevor ich dir erklären kann, wo Yukke ist, musst du mir eine Frage beantworten. Bitte, Tatsuro, es ist wichtig. Wir brauchen Gewissheit.“
„Was? Ich … ja, natürlich.“
Tatsuro hob die Schultern, ein sinnloser Versuch, dem kalten Schauer, der ihn bei Miyas missglücktem Erklärungsversuch überkommen hatte, zu entfliehen. Sein Unverständnis der Situation musste ihm ins Gesicht geschrieben sein, denn Miya schenkte ihm ein verkniffenes und doch aufmunterndes Lächeln. Aufmunterung war jedoch das Letzte, was er gerade verspürte, viel mehr legte sich ein tiefes Gefühl der Sorge wie Blei in seinen Magen. Wo war Yukke und warum rückten die beiden nicht endlich mit der Sprache raus?
„Was willst du wissen, Miya? Jetzt rede endlich mit mir!“
„Ja, schon gut. Kannst du mir sagen, wo der Anhänger ist, den dir Yukke geschenkt hat?“
„Der Anhänger?“
Tatsuro blinzelte und führte reflexartig die Hand zu seinem Hals.
„Ja, die Musenträne, wo ist sie?“
„Na hier!“, maulte er, weil das seltsame Verhalten seiner Freunde ihm langsam aber sicher auf den Geist ging. Zielsicher griff er nach dem Lederband, das er stets um den Hals trug, nur fassten seine Finger ins Leere.
„Was?“
Hektisch wischte er über seinen Nacken, lugte sogar in den Kragen seines Shirts und betastete seinen Oberkörper, aber die Kette war nicht aufzufinden.
„Das gibt es doch nicht, sie ist weg!“
Sato und Miya wechselten einen vielsagenden Blick, bevor Miya kurz das Gesicht hinter beiden Händen verbarg und ein entmutigtes Seufzen hören ließ.
„Hast du sie sicher nicht nur zu Hause vergessen?“, fragte Satochi mit einem Rest Hoffnung in der Stimme.
„Nein, ganz sicher nicht. Ich trage sie immer, seit Yukke sie mir geschenkt hat.“
„Lass gut sein, Satochi, es bestätigt doch nur, was wir ohnehin schon befürchtet haben.“
„Befürchtet? Verdammt noch mal, redet endlich Klartext mit mir! Was hat meine verlorene Kette mit Yukke zu tun und wo ist er?“
„Verschwunden“, murmelte Sato so leise, dass er ihn kaum verstehen konnte. Dennoch reagierte sein Körper, als hätte ihm sein Freund diese unfassbare Neuigkeit ins Gesicht geschrien.
Verschwunden. Yukke war verschwunden, aber wie?
„Das ist ein Witz, oder? Ja genau, ihr erlaubt euch einen Spaß mit mir. Als würden sich Menschen einfach so in Luft auflösen. Haha.“
Selbst in seinen Ohren klang sein gezwungenes Lachen mehr wie ein hysterisches Kreischen und absolut nicht belustigt.
„Kommt schon, genug mit den Scherzen“, forderte er, obwohl er innerlich bereits wusste, dass sein Freund ihm diesmal keinen Bären aufband. Satochi meinte seine Worte ernst, todernst, wenn er die Verbitterung in seinem und Miyas Gesicht richtig deutete.
Panik stieg in ihm auf und ein feines Zittern ergriff Besitz von seinen Gliedern. Yukke war fort und seine Kette verschwunden – die Puzzlestücke, die bislang nicht zusammenpassen wollten, ergaben plötzlich ein Bild.
„Hazuki“, wisperte er und riss seine Freunde damit aus dem dunklen Schweigen, in das sie verfallen waren.
„Was?“
„Ich …“ Tatsuros Rechte lag erneut an seinem Hals, an der Stelle, die vorhin geschmerzt hatte, als er Hazuki von sich gestoßen hatte.
„Hazuki war im Klub. Er hat mir vorhin aufgelauert. Die alte Leier, du weißt, wie er ist, seit wir nicht mehr zusammen sind.“ Sein Blick glitt zu Sato und dieser nickte, sodass es Tatsuro erspart blieb, das übergriffige Verhalten seines Ex-Partners näher erklären zu müssen.
„Ich dachte, er hätte mich gekratzt, als ich ihn von mir gestoßen habe, aber … er muss die Kette abgerissen haben. Ich bin mir tausendprozentig sicher, dass ich die Träne noch hatte, bevor mir Hazuki über den Weg gelaufen ist.“
„So etwas hatte ich vermutet.“ Miya schüttelte langsam den Kopf und wurde wenn möglich noch blasser um die Nase.
„Hättest du die Träne nur verloren, wäre unser Problem bedeutend kleiner.“
Tatsuro ballte die Fäuste. Das Verlangen, Hazuki zu finden und ihm sein überhebliches Lächeln mit Wucht aus dem Gesicht zu schlagen, war fast übermächtig. Was bildete sich dieser … dieser … Mistkerl überhaupt ein!
„Ich fasse es nicht, dass er mich beklaut hat. Was will er eigentlich mit meiner Kette? Die hat doch absolut keinen Wert für ihn.“
„Oh Tatsuro.“ Miya seufzte. „Es geht Hazuki nicht um die Kette an sich, sondern um das, was sie repräsentiert.“
„Ach? Was repräsentiert sie denn, außer Yukkes Gefühle für mich?“
„Sie repräsentiert Yukke, sein ganzes Sein, alles, was ihn ausmacht. Seine Loyalität, seine Freiheit.“
Miya rieb sich über die Augen und sah plötzlich so müde aus, als hätte er Tage nicht geschlafen.
„Ich begreife nur nicht, wie ausgerechnet Hazuki von uns …“
Die Augen des kleinsten in der Runde wurden groß, als er sich abrupt unterbrach, als wäre er kurz davor gewesen, etwas zu sagen, was er besser für sich behalten hätte. Tatsuros Stirn legte sich in Falten, aber wenn er ehrlich war, kreisten seine Gedanken gerade ausschließlich um Yukkes mysteriöses Verschwinden, als dass er Miya aufmerksam zugehört hätte. Dennoch hatte er genug mitbekommen, um seine Sorge um Yukke unproportional anwachsen zu lassen.
„Was?“, zischte er also, ohne seine wachsende Panik zu verbergen. „Was weiß Hazuki und wen meintest du mit uns?“
„Ich rede von Yukke und mir und davon, dass Hazuki offenbar weiß, wer …“, Miya räusperte sich, als ihm beinahe die Stimme versagte. „Oder besser, was wir sind.“
‚Was wir sind.‘, hallte es in Tatsuros Kopf nach, der ungläubig den Mann vor sich fixierte. Gleichzeitig begann das Blut so laut in seinen Ohren zu rauschen, dass es eine Leichtigkeit für ihn war, sich einzureden, Miya nur falsch verstanden zu haben. Natürlich, das musste es sein. Seine Mundwinkel zuckten, konnten sich nicht entscheiden, ob sie sich zu einem Lächeln formen wollten oder lieber doch nicht.
„Was ihr seid? Komm schon, Miya, jetzt reicht es aber.“
Doch Miyas Mine blieb grimm, kein Anzeichen dafür, dass er sich von Tatsuro ertappt fühlte oder sich selbst ein Schmunzeln verkneifen musste. Aber verdammt noch mal, das hier musste ein Witz sein, ein illustres Schauspiel, das sich Satochi und Miya ausgedacht hatten, um ihn auf den Arm zu nehmen und Yukke, gutmütig und nett wie er nun einmal war, hatte sich von den beiden einspannen lassen. Hektisch wanderten seine Blicke zwischen seinem langjährigen Freund und dem immer stoischen und ab und an scherzbefreiten Miya hin und her, in der verzweifelten Hoffnung, einen Anhaltspunkt zu finden, mit dem er die Finte der beiden überführen konnte. Doch da gab es nichts zu finden. Kein unterdrücktes Grinsen, kein schelmisches Blitzen in den Augen, nur Sorge und ein immer stärker werdendes Unbehagen auf Miyas Seite.
„Ich scherze nicht, Tatsuro“, wisperte Miya und sah so elend aus, dass er ihm einfach glauben musste.
Hinter ihnen öffnete sich die Tür, spuckte Lärm und eine bunt gemischte Personengruppe aus. Tatsuro wurde angerempelt und machte einen automatischen Satz nach vorn, um sein Gleichgewicht wiederzufinden. Satochis Hand legte sich haltgebend auf seine Schulter und riss ihn damit endgültig aus dem mentalen Vakuum, in das ihn die Ereignisse der letzten Minuten gestürzt hatte.
„Ich begreife nicht, was du andeuten willst“, gab er an Miya gewannt zu und straffte die Schultern. „Aber eines weiß ich, wenn Hazuki daran schuld ist, dass Yukke nun nicht bei uns ist, kann er sich warm anziehen.“
„Wir sollten nichts überstürzen“, raunte Sato nah an seinem Ohr und dirigierte ihn weg vom Klub.
„Erst einmal suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen, um dir alles zu erklären, dann sehen wir weiter, okay?“
Tatsuro nickte hölzern, auch wenn alles in ihm danach schrie, sofort nach Yukke zu suchen. Während sie schweigend über den Parkplatz gingen, griff Satochi nach Miyas Hand, der die Finger seines Freundes so fest drückte, als hinge sein Leben davon ab. Tatsuro hatte den anderen Mann noch nie so, so hilflos gesehen und nicht zuletzt dieser Umstand machte ihm eine Heidenangst.
„Wie kann es sein, dass Yukke einfach so verschwindet, nur weil Hazuki die Musenträne gestohlen hat? Oder hängt das eine gar nicht mit dem anderen zusammen?“, murmelte Tatsuro tonlos vor sich hin, ohne eine Antwort zu erwarten. Sein Kopf fühlte sich an, als müsste er jeden Augenblick explodieren und nur Satochis erdendem Griff an seinem Oberarm war es zu verdanken, dass er nicht stehen blieb.
„Wir finden Yukke und holen ihn zurück, versprochen.“
Wieder nickte er. Er achtete nicht darauf, wohin ihn seine Freunde führten, hatte keinen Blick für seine Umgebung übrig. Stattdessen dachte er an Yukke, an sein Lächeln, die Wärme in seinen Augen und seine Nähe, die er in diesem Augenblick schmerzlich vermisste.
‚Yukke, wo bist du nur?‘
Ich kann das nicht glauben.
„Seit du Yukke kennengelernt hast, ist des Öfteren das Wort Muse gefallen, nicht wahr? Du selbst hast ihn schon als deine Muse bezeichnet und damit hättest du nicht richtiger liegen können. Yukke und ich SIND tatsächlich Musen. Vermutlich ist jetzt dein erster Gedanke – und glaub mir, das habe ich schon sehr oft zu hören bekommen – dass wir einfach nur geschäftstüchtige Typen sind, die es auf irgendeine psychologisch erklärbare Weise schaffen, arme, ausgebrannte Künstler zu inspirieren und uns dafür aushalten zu lassen; aber das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Wir sind keine Menschen, sondern Wesen, die nicht nur die Macht, sondern auch den Auftrag haben, Kunstschaffende in ihrer Kreativität zu unterstützen. Wir sind pure Fantasie, wir tragen die Essenz der künstlerischen Schöpfungskraft in uns, und es ist seit Äonen unsere ureigene Pflicht, diese an die Menschheit weiterzugeben.“
Miya hatte in den letzten zehn Minuten so viel geredet, wie noch nie, seit er ihn kannte, aber Tatsuro hätte nichts von alldem wiedergeben können. Nur eine Aussage hatte sich wie Säure tief in seine Hirnwindungen gegraben und wiederholte sich in einer endlosen Schleife.
‚Yukke und ich sind Musen … keine Menschen …‘
Wie betäubt starrte er vor sich auf den fleckig braunen Tisch in der Sitzecke des Seven Eleven, den Satochi und Miya für ihre große Offenbarung auserkoren hatten. Die Gedanken rasten so schnell in seinem Kopf hin und her, dass ihm schwindlig wurde und ein penetranter Druck hinter seiner Stirn kündigte eine Migräne an. Er wollte nach Hause, sich in sein Bett legen, schlafen und morgen früh im Wissen aufwachen, dass Yukke wohlbehalten in seinem Zimmer war. Aber dieser Wunsch gehörte ebenso ins Reich des Unmöglichen, wie die Tatsache, dass sein niedlicher Skater Boy ein übernatürliches Wesen sein sollte.
„Ich kann das nicht glauben“, murmelte er zum wiederholten Mal und drehte den Ohrring zwischen Zeige- und Mittelfinger, den ihm Sato als greifbaren Beweis für Miyas hanebüchene Geschichte in die Hand gedrückt hatte. Das silberne Schmuckstück in Form eines Cannabisblattes, ohne das sein Freund freiwillig nicht das Haus verließ. Tatsuro hatte es schon so oft in Händen gehalten – weil Sato es beim Sport vergessen und er es für ihn bei seinem nächsten Besuch in ihrem Fitnessstudio abgeholt hatte. Weil er es beim Zocken verloren und Tatsuro es Tage später beim Staubsaugen wiedergefunden hatte. Oder weil Satochi das eine Mal das Tanzbein im Klub so leidenschaftlich geschwungen hatte, dass ihm der Ohrring auf den Boden gefallen und Tatsuro neben ihm darauf getreten war, sodass sie ihn zum Juwelier hatten bringen müssen, um ihn wieder geradebiegen zu lassen. Aber das war früher gewesen, bevor sein Freund Miya kennengelernt hatte. Seither hütete er den kleinen Anhänger wie seinen Augapfel. Als Tatsuro das Schmuckstück jetzt herumdrehte und die Rückseite betrachtete, legte sich seine Stirn erneut in Falten. Das Blatt war dort immer glatt gewesen, aber nun zierte es ein violetter Stein in Form einer Träne. Eben genau so eine Träne, wie Yukke sie ihm vor Wochen geschenkt hatte. Satochis Hand schob sich in sein Blickfeld, zog ihm den Ohrring aus den Fingern und Tatsuro beobachtete, wie er ihn sich wieder ansteckte.
„Das ist also Miyas Musenträne?“
Satochi und Miya nickten gleichzeitig, wie auch schon beim ersten Mal, als er diese Frage gestellt hatte. Sie waren geduldig mit ihm, extrem geduldig, und Tatsuro fragte sich im Stillen, wie lange noch. Miya sah noch immer so kränklich aus, auch wenn die mentale Anstrengung, die es ihm gekostet haben musste, Tatsuro die unglaubliche Wahrheit über sich und Yukke zu erzählen, rote Flecken auf seine Wangen getrieben hatte.
„Ich habe sie Satochi vor zwei Jahren geschenkt, damit ich ihn nicht verlassen muss“, führte der Kleinste ihrer Runde diesmal aus und presste für einige Sekunden Daumen und Zeigefinger einer Hand gegen seine Augen. Von ihm ungesehen nickte Tatsuro, als würde er tatsächlich alles begreifen, was er gehört hatte. Die Wahrheit sah jedoch ganz anders aus. Er hätte am liebsten laut aufgelacht, immer, wenn er versuchte, die ganzen Informationen zu etwas Sinnvollem zu komprimieren, dass sein Geist verarbeiten konnte. Miya und Yukke sollten also waschechte Musen sein, ja? Übersinnliche Wesen, von denen er vor Jahren gelesen hatte, als er über Umwege zur griechischen Mythologie gekommen war. Aber das waren Geschichten gewesen. Erzählungen von Helden und Ungeheuern, von Göttern und deren Kindern, die mit fantastischen Fähigkeiten gesegnet oder in manchen Fällen auch verflucht waren. Solche Sagen gehörten ins Reich der Fantasie, aber wenn er seinen Freunden Glauben schenken sollte, war dem eben nicht so. Musen gab es wirklich, nicht nur in Griechenland, sondern in allen Ecken der Welt, und genau wie ihre literarischen Vorbilder war es ihre Aufgabe, auserwählte Künstler bei ihrem kreativen Schaffensweg zu unterstützen.
„Wieso hättest du Sato sonst verlassen müssen?“, erkundigte sich Tatsuro irgendwann, als die Stille zwischen ihnen unangenehm zu werden begann und weil er irgendwo mit seinen vielen Fragen anfangen musste.
„Ich war zu Satochi gekommen, um meinen Auftrag zu erfüllen, wie ich es schon so oft getan habe. Ich weiß noch, dass ich dachte, es wäre ein Job, wie jeder andere, aber dann …“
Über Miyas Lippen zuckte ein kurzes, aber ehrliches Lächeln, das für den Bruchteil einer Sekunde den gehetzten Ausdruck aus seinen Augen vertrieb.
„Satochi war so anders, ganz anders. Wir haben sehr schnell bemerkt, dass wir uns mögen und der Gedanke, ihn verlassen zu müssen, sobald er sein Kunstwerk durch meine Inspiration vollendet hat, wurde schnell unerträglich für uns. Also entschloss ich mich, ihm meine Träne zu schenken und …“
Satochi lächelte und drückte Miya einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe, als klarwurde, dass er für den Moment nicht weiterreden konnte. Die Röte auf seinen Wangen hatte sich vertieft und der sonst so stoische Mann wirkte plötzlich wie ein Hals über Kopf verliebter Schuljunge. Selbst Tatsuros grimmig verkniffener Mund lockerte sich bei diesem Anblick für ein kurzes Lächeln und er zwinkerte seinem langjährigen Freund vielsagend zu. Sato schien seine unausgesprochene Aufforderung verstanden zu haben und fuhr dort fort, wo Miya aufgehört hatte.
„Wir haben viel gesprochen, an diesem Abend. Nicht nur über die Art unserer Gefühle füreinander, sondern auch über Miyas Geschenk und was es zu bedeuten hat.“
„Du wusstest also von Anfang an, dass er eine Muse ist?“
„Nein, das nicht, aber ab diesem Zeitpunkt wusste ich es.“
„Ich habe Yukke geraten, nicht zu lange zu warten, bis er dir die Wahrheit sagt und ich glaube, er wollte genau das heute noch tun“, murmelte Miya und war erneut ernst geworden.
Tatsuro schluckte und spürte das verräterische Brennen seiner Augen, dem er jetzt jedoch keine Beachtung schenken konnte. Stattdessen wischte er jegliche Sentimentalität aus seinen Gedanken und versuchte, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.
„Verstehe ich dich richtig“, begann er und räusperte sich, als seine Stimme ihm den Dienst versagen wollte. „Du hattest also keinen freien Willen, keine Wahl, wem du helfen wolltest?“
„Nein, die hatte ich nicht. Als ich damals meinen neuen Auftrag erhalten hatte, war mir klar geworden, dass ich Satochi verlieren würde, würde ich so weitermachen wie bisher und ihn annehmen, verstehst du?“
Tatsuro nickte und diesmal begriff er tatsächlich, was Miya ihm sagte. Allein der Schatten der unfreien Vergangenheit, der bei diesen Worten über das Gesicht der Muse huschte, war deutlich genug.
„Vereinfacht ausgedrückt, habe ich an dem Abend, als ich Satochi meine Träne gab, gekündigt.“
Trotz der greifbaren Anspannung, die über ihnen schwebte, zauberten Miyas flapsige Worte sowohl auf seine als auch auf Satochis Lippen ein amüsiertes Schmunzeln.
„Und, du bist …“ Tatsuro leckte sich über die Lippen, weil er sich nicht sicher war, wie er seine Frage so formulieren sollte, dass sie nicht respektlos oder übergriffig erschien.
„Frag einfach“, murmelte Miya, als hätte er seine Gedanken gelesen, und nickte ihm aufmunternd zu.
„Gab es keine Schwierigkeiten? Ich meine, du musst ja so was wie einen Chef gehabt haben, um deine Analogie zu nutzen, und der war sicher nicht begeistert, dass du dich auf diese Weise befreit hast.“
„Ganz im Gegenteil.“ Jetzt legte sich auf die Züge der Muse ein ehrliches Lächeln und für einen langen Moment verschränkten sich die Blicke seiner beiden Freunde ineinander.
„Es ist nicht unüblich, dass Musen irgendwann auf diese Weise ihre Unsterblichkeit aufgeben, um mit der oder den auserwählten Personen den Rest des Lebens zu verbringen.“
„Unsterblichkeit“, hauchte Tatsuro und die Tragweite dieses Wortes legte sich wie Blei in seinen Magen. Er konnte es nicht fassen. Zwischen tauben Lippen hindurch flüsterte er: „Das kann nicht dein Ernst sein. Willst du mir damit sagen, dass Yukke seine ewige Existenz in dem Moment für mich aufgegeben hat, als er mir seine Träne geschenkt hat? Das …“
Wie konnte er nur? Tatsuro hielt sich die Hand vor den Mund, weil er das Gefühl hatte, jeden Moment schreien zu müssen. Wie hatte Yukke das nur tun können? Wie hatte er sich sicher sein können, dass er, Tatsuro, der Richtige war? Was hätte Yukke getan, hätte Tatsuro dieses unfassbar wertvolle Geschenk nicht zu schätzen gewusst? Verdammt, bis gerade eben hatte er ja tatsächlich nicht einmal geahnt, wie wertvoll es tatsächlich war.
„Hey“, murmelte Satochi, streckte die Hand nach ihm aus, um seine Finger von seinem Gesicht zu lösen, und Miya fuhr fort: „Die Sache ist nicht so schwarz und weiß, wie sie sich für dich gerade anhört. „Solange der beschenkte Mensch die Musenträne sein Eigen nennt und sie in Ehren hält, kann die Muse bei ihm bleiben. Sie kann jedoch auch gehen und den Rest ihres Lebens als Mensch verbringen, wenn sie die Träne zurückfordert. Viele von uns leben schon sehr lange und die Aussicht darauf, die eigene Existenz irgendwann enden zu lassen, hat durchaus ihren Reiz. Ich kann mir vorstellen, dass das für dich schwer zu verstehen ist, aber …“
Tatsuro schüttelte den Kopf und unterbrach Miya damit.
„Warte … ich … verstehe ich das richtig, dass du Satochi verlassen könntest, sobald du deine Träne wiederhast?“
„Ja.“
„Und angenommen, Satochi würde sie dir nicht geben?“
„Das würde ich nie tun“, warf sein alter Freund aufgeregt ein, verstummte aber sogleich, als Miya ihm ein liebevolles Lächeln schenkte.“
„Das weiß ich, keine Sorge, aber, um deine Frage zu beantworten; sollte Satochi mir die Musenträne nicht zurückgeben, wäre ich weiterhin an ihn gebunden. Du siehst also, für eine Muse ist es eine große Sache, um nicht zu sagen, ein lebensverändernder Akt, Ihre Träne zu vergeben.“
Tatsuro stöhnte leise auf und verbarg für einen langen Moment das Gesicht hinter beiden Händen. Er hatte das Gefühl, spüren zu können, wie sich die Verantwortung für ein anderes Wesen plötzlich schwer und unnachgiebig auf seine Schultern legte. Hätte Yukke ihm nur gesagt, was er vorhatte. Hätte er ihm nur erklärt, wie groß das Geschenk war, das er ihm mit seiner Träne gemacht hatte. Tatsuro hatte es für eine süße Geste gehalten; er hatte doch nicht im Traum ahnen können, was das alles wirklich zu bedeuten hatte.
‚Yukke ist eine eigentlich unsterbliche Muse, die ihre Ewigkeit für dich aufgegeben hat und du? Du lässt dir das Wertvollste stehlen, was dir dieses wundervolle Wesen hat geben können, und statt ihm jetzt zu helfen, bist du unfähig, das alles hier zu begreifen.‘
„Oh Gott“, flüsterte er, noch immer nicht wirklich in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
„Heißt das …“, wieder schluckte er gegen den Kloß an, der sich in seiner Kehle gebildet hatte, bevor er die Hände vom Gesicht nahm, um Miya und Satochi wieder ansehen zu können.
„Sollte Hazuki mir Yukkes Träne tatsächlich gestohlen haben, ist Yukke nun bei ihm und kann nicht weg, korrekt?“
„Davon gehen wir aus“, sagte Satochi mit gesenktem Blick und Miya nickte niedergeschlagen.
Für ein paar Sekunden passierte nichts weiter, als dass Tatsuros Blick den Fokus verlor, als würde er plötzlich durch seine Freunde hindurchsehen. Dann endlich ging ein Ruck durch ihn und er schüttelte sich, als könnte er so seinen Gedanken helfen, sich zu ordnen. Zwei tiefe Atemzüge später blinzelte er, presste kurz die Lippen fest aufeinander und nickte sich zu.
„Okay“, sagte er und dann mit mehr Nachdruck: „Okay, worauf warten wir dann noch? Wir gehen jetzt sofort zu Hazuki, verpassen ihm eine Abreibung, schnappen uns Yukke und die Träne und dann ist wieder alles gut.“
Energisch legte er beide Handflächen auf die Tischplatte, stemmte sich hoch und war im Begriff, aufzustehen, da hob Miya abwehrend die Hand.
„Warte, so einfach ist das nicht.“
Die dunklen Augen der Muse bohrten sich in die Seinen, bis sich der eben erst geformte Elan in Luft auflöste, als hätte es ihn nie gegeben. Matt ließ er sich zurück auf die gepolsterte Sitzbank fallen und sah sein Gegenüber niedergeschlagen an.
„Und wieso nicht?“
„Weil du in den Augen der Träne Yukkes Akt des Vertrauens nicht in Ehren gehalten hast. Du konntest sie nicht gegen Hazukis Übergriff verteidigen, hast zugelassen, dass sie dir gestohlen wurde. Selbst wenn du sie ihm also wieder entwenden würdest, würde ihre Loyalität nicht mehr bei dir liegen und Yukke müsste …“
„Bei Hazuki bleiben“, beendete er Miyas Satz und schloss die Augen. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit wusch über ihn und da half auch Satochis Hand nicht, die sich über die seine schob und seine Finger drückte.
„Wir finden eine Lösung und holen Yukke zurück, Tatsuro. Steck den Kopf nicht in den Sand.“
„Aber …“
Er hatte fragen wollen, wie sie das anstellen sollten, wie sie einen Gegenstand, der über keinerlei Intelligenz verfügen dürfte, davon überzeugen konnten, dass er ihn nicht freiwillig Hazuki überlassen hatte. Doch bevor er seine zweifelnde Frage laut aussprechen konnte, vereitelte das Klingeln seines Smartphones diesen Vorsatz. Hektisch zog er das schmale Teil aus der Hosentasche und starrte dann wie gebannt auf die blinkenden Zeichen auf dem Display, ohne den Anruf anzunehmen.
„Hazuki“, wisperte er durch taube Lippen hindurch und war froh um Satochis blitzschnelles Denken. Die langen Finger seines Freundes zupften ihm das Telefon aus der Hand und drückten auf den grünen Hörer, der den Anrufer durchstellte, bevor dieser auf Tatsuros Mailbox umgeleitet werden konnte.
„Hi Hazuki“, trällerte Sato ins Mikro und sähe Tatsuro nicht den mörderischen Ausdruck im Gesicht seines Freundes, er hätte glauben können, Satochi würde sich tatsächlich über Hazukis Anruf freuen. Er hatte gar nicht gewusst, was für ein begnadeter Schauspieler Sato war.
„Schön, dass du anrufst“, redete Satochi weiter und pflasterte ein breites Grinsen auf seine Lippen, das seine Augen gefährlich aufblitzen ließ.
„Ich muss ja ehrlich zugeben, dass wir deutlich früher damit gerechnet hatten, von dir zu hören. Nun ja, lieber spät als nie, oder wie heißt es so schön? Sag an, Hazuki, was können wir für dich tun?“
Es folgte eine längere Pause, in der Satochi gespannt dem lauschte, was sein Gesprächspartner zu sagen hatte, dann sprach er weiter und sah dabei Tatsuro an.
„Natürlich ist er hier, was denkst du denn?“ Satochi lachte, als würde er sich über den anderen lustig machen.
Wenn er danach ging, wie energisch Hazuki auf Satos Worte reagierte – der aufgebrachte Tonfall war selbst von seiner Position aus zu vernehmen – hatte sein Freund es geschafft, den Tiger ordentlich zu reizen. Tatsuros Mundwinkel zuckte kurz, als Schadenfreude wie eine wohltuende Brise durch seinen aufgewühlten Geist jagte. Allerdings war dieses Gefühl nicht von langer Dauer, denn mit verkniffener Miene hielt Satochi ihm im nächsten Augenblick das Smartphone hin. Tatsuro schluckte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass es vielleicht keine gute Idee gewesen war, Hazuki so vorzuführen. Seine Finger zitterten sichtbar, als er sie um das Telefon schloss und es langsam, als wäre es plötzlich explosiv geworden, an sein Ohr führte. Hazuki würde nicht so weit gehen und Yukke etwas antun, oder? Das Blut rauschte so laut in seinen Ohren, dass er zunächst nichts weiter hören konnte.
„Hallo“, meldete er sich mit rauer Stimme und musste sich räuspern, weil ihm die wieder aufgeflammte Panik die Kehle zuzuschnüren begann. Nein, Hazuki war ein Mistkerl, aber er würde einem anderen Menschen keinen körperlichen Schaden zufügen, sicher nicht.
„Na endlich“, kam die Antwort des älteren Mannes und er konnte nur zu genau hören, wie genervt Hazuki durch Satochis Einmischung war. Keine guten Voraussetzungen für Verhandlungen, schoss es Tatsuro durch den Kopf, aber für Bedauern war es nun zu spät.
„Hat dich unsere kleine Unterhaltung vorhin so erschüttert, dass du jetzt schon deinen unkultivierten Freund vorschickst, weil du dich nicht traust, mit mir zu reden?“, stichelte er, aber Tatsuro presste die Lippen hart aufeinander, um ja nicht auf diese billige Provokation einzugehen.
„Ich war gerade um die Ecke, wenn du verstehst“, stellte er zu seiner Verteidigung klar, auch wenn Hazuki natürlich recht mit dem hatte, was er ihm vorhielt. Aber das musste der andere nicht wissen.
„Du hast etwas, was mir gehört“, behauptete er und sah sich in seiner Befürchtung bestätigt, als Hazuki am anderen Ende der Leitung ein selbstzufriedenes Lachen von sich gab.
„Oho, ist es zwischen Yukke und dir bereits so ernst, dass du Besitzansprüche anmeldest?“
„Ich rede von meiner Kette“, knurrte Tatsuro, „aber wenn wir schon beim Thema sind, wo ist Yukke?“
„Er ist hier, bei mir.“
„Lass mich mit ihm sprechen.“
Hazuki schnalzte missbilligend mit der Zunge, als wäre er ein Lehrer und Tatsuro sein Schüler, der einfach nicht begreifen wollte.
„Glaubst du wirklich, du bist gerade in der Position, Forderungen zu stellen? Ich denke nicht. Also hör mir gut zu. Ich gebe dir … mh, sagen wir eine halbe Stunde, um zu mir zu kommen – die Adresse ist dir sicher noch geläufig?“
Tatsuro nickte mit grimmig verzogener Miene, bevor ihm auffiel, dass Hazuki dies nicht sehen konnte.
„Ja, natürlich weiß ich, wo du wohnst.“
Das Telefon knirschte, so fest drückte er es zusammen und wünschte sich dabei, es wäre Hazukis Kehle. Zu der Sorge um Yukke gesellte sich mit jeder verstreichenden Sekunde mehr Wut, bis er die Stille am anderen Ende der Leitung nicht mehr ertrug und fauchte:
„Verdammt noch mal, was willst du eigentlich von Yukke und mir?“
„Ah, ich habe schon darauf gewartet, dass du deine Nerven verlierst. Wie schön, dass sich manche Dinge nie ändern.“ Hazuki lachte und Tatsuro war drauf und dran, das Handy gegen die gegenüberliegende Wand zu schleudern. Nur Miyas Griff um sein Handgelenk und sein warnender Blick hielten ihn davon ab. Gepresst atmete Tatsuro aus, schloss für einige Sekunden die Augen und drängte den roten Schleier der Rage zurück.
„Hast du dich nun wieder beruhigt, ja?“
„Ja“, brummte er tonlos und klammerte sich an dem Gedanken fest, dass er Yukke schneller wiedersehen würde, wenn er tat, was Hazuki von ihm verlangte.
„Gut, dann beeil dich. Alles Weitere können wir besprechen, wenn du hier eingetroffen bist.“
„In dreißig Minuten stehe ich vor deiner Tür und dann will ich Antworten, Hazuki.“
„Natürlich, Ro-chan, alles, was du willst.“
Die süßliche Stimme und der Spitzname, mit dem Hazuki ihn bedachte, drehten ihm den Magen um.
„Ach und noch was, denk gar nicht erst daran, deine ‚Freunde‘ als Beistand mitzubringen, sonst haben wir uns nichts zu sagen. Hast du mich verstanden?“
„Ich habe verstanden.“
„Gut, dann bis gleich. Ich freue mich schon, dich zu sehen.“
Die Leitung wurde tot und ersparte es Tatsuro, sich eine Abschiedsfloskel zu überlegen, die nicht sofort verriet, wie unfassbar groß die Wut in seinem Bauch war. Seufzend ließ er das Telefon sinken und verbarg seine Augen hinter einer Hand. Er fühlte sich erschöpft, vollkommen ausgelaugt und wieder schrie die Angst um Yukke so laut in seinen Ohren, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. War es ein gutes Zeichen, dass Hazuki ihn sehen wollte? Hieß das, Yukke ging es gut? Aber wozu brauchte Hazuki ihn? Der andere musste wissen, was Yukke war, warum hätte er sonst die Musenträne gestohlen?
„Ich muss los“, sagte er nach einigen Minuten der Stille und richtete seinen Blick auf seine beiden Freunde.
„Hazuki will, dass ich allein zu ihm komme …“ Tatsuro hob die Hand, als Satochi den Mund öffnete; sicher, um ihm zu widersprechen.
„Ich kann nicht anders, Sato. Ich hab keine Ahnung, was er Yukke antun wird, wenn ich nicht auf seine Forderung eingehe. Er … du hättest ihn gerade hören müssen … er klingt komplett verrückt und zu allem fähig.“
„Dann werden wir zumindest in der Nähe bleiben“, schaltete sich Miya ein und tippte geschäftig auf seinem Smartphone herum.
„Ich habe dir gerade einen Link geschickt. Sobald du die App installiert hast und sie im Hintergrund laufen lässt, musst du nur den Ausschaltknopf und die Taste zum leiser machen gleichzeitig für drei Sekunden gedrückt halten, dann bekomme ich eine Benachrichtigung aufs Handy und weiß, dass wir eingreifen müssen.“
„Eingreifen?“, murmelte Tatsuro, hatte den Link jedoch bereits geöffnet und war dabei, die Anwendung zu installieren.
„Nichts für ungut, aber was genau wollt ihr machen, sollte Hazuki komplett austicken und Yukke und mich bedrohen?“
„Die Polizei rufen, zum Beispiel.“ Satochi zwinkerte ihm zu und drückte erneut seine Hand.
„Außerdem wollte ich schon immer mal eine Wohnung stürmen wie die Typen vom FBI. Hazuki hat keine Chance, glaub mir.“
Trotz seiner Anspannung, seiner Sorgen und Ängste musste Tatsuro lachen. Was würde er nur ohne diese verrückten Kerle tun, die er seine Freunde nennen durfte?
Du wirst tun, was ich dir sage!
Nervös wischte er die schweißfeuchten Handflächen an seiner Hose ab und atmete noch einmal tief durch. Miya und Satochi hatte er eine Querstraße von Hazukis Stadthaus entfernt verlassen und stand nun vor der schmucklosen Eingangstür. Es war seltsam gewesen, den Weg hierher zu gehen. So lange war es noch nicht her, da hatte er diese Strecke nahezu täglich hinter sich gebracht, aber heute hatte sich alles anders angefühlt. Sein Magen war ein einziger, schmerzhafter Knoten, seine Atmung kam ihm nur gepresst über die Lippen und seine Hände zitterten, als stünde er unter Strom. Am liebsten hätte er sich eine Zigarette angezündet, um sich zu beruhigen, aber er konnte nicht noch mehr Zeit vergeuden. Schlimm genug, dass er bereits seit einer Minute hier stand und es einfach nicht über sich brachte, zu klingeln. Würde erst der bekannte Dreiklang der Türglocke durch die Räume hinter der schützenden Holzbarrikade schallen, wäre es endgültig. Dann hätte Tatsuro akzeptiert, dass sein früherer Partner nicht nur ein Blender und Egoist war, sondern auch ein Dieb, ein Entführer und komplett größenwahnsinnig.
„Verdammt, Tatsuro, reiß dich zusammen!“, knurrte er sich selbst zu und presste die Zähne so fest aufeinander, dass es schmerzte. Mit einem Ruck streckte er die Hand nach vorn, um den Zeigefinger hart auf den unscheinbaren Klingelknopf zu drücken, bevor er es sich wieder anders überlegen konnte. Ein Schauder rann ihm über den Rücken, als er das Läuten hörte und kurz darauf Schritte, die sich der Tür näherten. So schnell, wie Hazuki auf sein Klingeln reagierte, musste er tatsächlich auf ihn gewartet haben. Was ihn wohl dazu trieb, eine solche Eile an den Tag zu legen? Immerhin war es doch Tatsuro, dessen Freund entführt worden war.
„Da bist du ja endlich“, stellte Hazuki statt einer Begrüßung fest und winkte ihn mit einer genervten Handbewegung herein. Tatsuro sagte nichts. Er konnte nicht, denn der Anblick seines Ex-Partners machte alles plötzlich real. Als hätte jemand einen Filter vor seinen Augen weggezogen, die mit einem Mal die volle Wahrheit in ungetrübter Schärfe zu Gesicht bekamen.
„Wo ist Yukke“, verlangte er ein weiteres Mal zu wissen, kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen.
„Im Wohnzimmer.“ Hazuki rollte mit den Augen und ging voraus, im vollen Wissen, dass Tatsuro sich hier noch immer so gut auskannte, wie in seiner eigenen Wohnung.
„Hätte ich ihn im Keller einschließen und an die Wand ketten sollen, um deine schlechte Meinung von mir zu zementieren?“
„Na, mach dir meinetwegen keine Umstände. Deine Taktik, mir aufzulauern, mich zu bestehlen und meinen Freund zu entführen, hat mir ziemlich deutlich vor Augen geführt, mit wem ich es zu tun habe.“
Hazuki blieb stehen und warf ihm einen unergründlichen Blick über die Schulter zu. Vermutlich war er ebenso erstaunt über Tatsuros Schlagfertigkeit wie er selbst in diesem Moment. Aber es hatte gut getan, der Angst um Yukke und der Wut auf diesen Mann vor ihm verbal Luft zu machen.
„Ich verstehe“, murmelte Hazuki, setzte sich wieder in Bewegung und verschwand durch eine Tür am Ende des Flures, hinter der sich, so wusste Tatsuro, das Wohnzimmer befand. Einen Moment verharrte er und starrte nachdenklich auf die Stelle, an der der ältere Mann bis eben noch gestanden hatte. Hatte er gerade tatsächlich so etwas wie Enttäuschung in den fast schwarzen Augen gesehen? Tatsuro schüttelte den Kopf. Blödsinn, er musste sich das eingebildet haben. Er beeilte sich, dem anderen hinterherzugehen, und konnte sich gerade so einen verräterischen Laut verkneifen, als er auf dem cremefarbenen Sofa niemand anderen als Yukke sitzen sah, kaum hatte er die Tür durchquert.
„Tatsue!“
Yukke hatte deutlich weniger Skrupel, sich seine Erleichterung anmerken zu lassen. Mit einem Satz war er auf den Beinen, Hazuki, dem er bis eben noch ängstliche Blicke zugeworfen hatte, für den Augenblick vergessen. Tatsuro hatte den Bruchteil einer Sekunde Zeit, sich zu wappnen, bevor sich Yukkes Arme mit solcher Kraft um seine Mitte legten, dass ihm kurzzeitig die Luft wegblieb. Aber das war egal. Alles, was gerade zählte, war der kleinere Mann, den er so fest an sich presste, als könnte er ihn so vor Hazukis Blicken verbergen.
„Yukke“, wisperte er in den brünetten Haarschopf und vergrub seine Rechte in den weichen Strähnen. „Geht es dir gut? Hat er dir was getan?“
Tatsuro hörte ein ungläubiges Schnauben aus Hazukis Richtung, aber schenkte dem keine Beachtung. Wie sollte er auch, wenn Yukke sich in sein Oberteil verkrallt hatte, das Gesicht gegen seine Brust gepresst, und wie Espenlaub zu zittern begann. Er wusste nicht, ob sein Freund weinte, ob ihn die Angst nun gänzlich übermannt hatte oder Rage knapp unter der Oberfläche brodelte. Es war auch nicht wichtig, den genauen Grund für Yukkes Not herauszufinden, denn es war schlimm genug, dass sein kleiner Skater Boy überhaupt so empfinden musste.
„Ich bin hier“, flüsterte er, „ich lass dich nicht allein. Es tut mir leid, dass du so lange warten musstest. Jetzt wird alles wieder gut.“
„Ich will diesen rührenden Moment der Wiedervereinigung ja nicht unterbrechen, aber wir haben Dinge zu besprechen.“
„Wir.“ Tatsuro betonte dieses kleine Wort, als würde er Hazuki vor die Füße spucken, „haben nichts zu besprechen. Yukke und ich werden jetzt gehen und du kannst von Glück reden, wenn uns unser Weg nicht direkt zur nächsten Polizeistation führt, wo wir dich anzeigen werden.“
Yukke in seinen Armen versteifte sich und als Tatsuro, dessen Blick bis eben verachtungsvoll auf Hazuki gerichtet gewesen war, auf ihn hinunter sah, stutzte er. Die warmen, braunen Augen des kleineren Mannes waren geweitet und ein reuevoller Ausdruck lag in ihnen, den Tatsuro nicht verstand. Von Hazuki war auf seine Drohung hin nur ein abfälliges Schnauben zu hören, während er es sich beinahe desinteressiert in seinem Sessel bequem machte.
„Es tut mir leid, Tatsue, ich kann nicht mit dir gehen.“
‚Aber warum denn nicht?‘, wollte er fragen, als ihm Miyas Worte wieder in den Sinn kamen. Über die Sorge um Yukke und die Freude, ihn unversehrt wiedergefunden zu haben, hatte er das Gespräch mit seinen Freunden ganz verdrängt.
„Ich weiß“, erwiderte er so leise, dass nur Yukke ihn hören konnte, und sah ihm tief in die Augen. „Du musst dich nicht entschuldigen, ich hätte besser auf deine Träne achten müssen. Mir tut es leid. Wäre ich aufmerksamer gewesen, wärest du jetzt nicht …“
„Nicht.“ Yukke legte einen Finger auf Tatsuros Lippen und schüttelte den Kopf. „Du hast es nicht wissen können.“
„Seid ihr euch jetzt endlich einig geworden, dass im Moment niemand irgendwohin geht, ja? Dann bitte … der Tag wird nicht jünger“, mischte sich Hazuki erneut ein und Tatsuro schloss für einen Moment die Augen, bevor er die Schultern straffte, sich behutsam von Yukke löste und seine Hand umfasste.
„Na schön, Hazuki, was willst du von uns?“
Mit hoheitsvoller Geste wies ihr ‚Gastgeber‘ auf das Sofa, und als weder Yukke noch er Anstalten machten, sich zu setzen, hob Hazuki beide Brauen. Himmel, wie gern ihm Tatsuro diese Überheblichkeit, diese unumstößliche Sicherheit, bereits gewonnen zu haben, aus dem Gesicht schlagen wollte. Allerdings befürchtete er, dass er damit seiner Frustration nur kurzfristig Luft machen konnte, sich Yukkes und seine Situation dadurch jedoch nur verschlechtern würde. Genauso wie es ihnen nichts bringen würde, weiterhin herumzustehen und Hazukis offensichtliche Aufforderung, sich zu setzen, stur zu ignorieren. Tatsuro kannte seinen Ex zu gut, um sich der Illusion hingeben zu können, sein Atem wäre länger als der des älteren Mannes. Innerlich seufzte er, ließ sich äußerlich allerdings nichts anmerken, als er seine Rechte sanft in Yukkes Rücken schob, um ihn zum Sofa zu dirigieren.
Erst, als sie sich gesetzt hatten, kroch erneut ein Lächeln auf Hazukis Lippen. Die Beine überschlagend stützte er beide Ellenbogen auf einem Oberschenkel ab und legte das Kinn auf die verschränkten Finger. Die Wut auf sein Gegenüber drohte überzukochen, doch diesmal war es Yukke oder besser noch seine Hand, die sich auf Tatsuros Bein schob und kurz, beruhigend darüber streichelte. Zwei Sekunden gönnte er es sich, Blickkontakt mit seinem Freund aufzunehmen, dann lag seine volle Aufmerksamkeit erneut auf Hazuki. Tatsuro wusste, dass Yukke und er sich inmitten eines Machtspiels befanden, in dem sie die erste Runde gerade mit wehenden Fahnen verloren hatten.
„Also?“
„Ich gehe davon aus, dass dir deine Freunde erzählt haben, was genau Yukke ist?“
Tatsuro nickte kurz und spürte, wie sich Yukke neben ihm noch mehr verkrampfte. Reflexartig zuckte seine Hand vor, griff nach der seines Freundes und drückte die eiskalten Finger. Wie gern hätte er Yukke nun in die Arme genommen, ihm versichert, dass alles gut war, dass er ihm sein Schweigen nicht nachtrug, aber dafür musste später Zeit sein.
„Ich habe mir die Träne geborgt …“ Tatsuro konnte nicht anders; ein leises Schnauben verließ nach diesen Worten seine Lippen, aber Hazuki tat so, als hätte er nichts gehört und fuhr unbeeindruckt fort. „Weil ich Yukkes, sagen wir es einmal blumig, Dienste in Anspruch nehmen möchte. Leider weigert sich unsere kleine Muse hier, mir diesen Wunsch zu erfüllen.“
„Ich weigere mich nicht, ich kann dir deinen Wunsch nicht erfüllen, versteh das doch“, presste Yukke hervor und versteifte sich nur noch mehr.
„Ich habe versucht, es dir zu erklären, ich kann nicht beeinflussen, wem ich helfe und wem nicht. Du wurdest mir nicht zugeteilt und Tatsuro die Träne zu stehlen, ändert daran überhaupt nichts.“
„Ach? Warum nur glaube ich dir das nicht? Wir sind uns einig, dass ich mit deiner Träne in meinem Besitz eine gewisse Macht über dich habe, oder? Warum wärest du sonst aus dem Nichts in meinem Wohnzimmer erschienen, als ich nach dir gerufen habe?“
„Das … ich …“
„Ich werde dich zwingen, wenn du mir nicht freiwillig hilfst.“
„Du kannst mich zu nichts zwingen, was ich dir nicht geben kann.“
„Das werden wir sehen“, entgegnete Hazuki kühl und so, als würde ihn die offensichtliche Angst seines Gegenübers nicht kümmern. Vielleicht war dem auch so, überlegte Tatsuro. Vielleicht war Hazuki von seinem Erfolg so geblendet, dass er glaubte, sich alles erlauben zu können. Tatsuro wollte sich gegen diesen Kerl auflehnen, ihm ins Gesicht brüllen, dass er so nicht mit Yukke umgehen konnte, aber er war zu geschockt, wie eiskalt der Mann sein konnte, zu dem er einmal aufgesehen hatte. Es hätte ihm längst klar sein sollen, dass Hazuki ihm jegliche Zuneigung, jegliches ehrliche Interesse an seiner Person nur vorgespielt hatte, aber es jetzt so deutlich zu sehen, machte etwas mit ihm. Außerdem war da immer noch diese Musen-Sache, die er noch nicht einmal im Ansatz verarbeitet hatte. Er konnte kaum begreifen, dass Yukke kein Mensch war, und konnte daher auch überhaupt nicht einschätzen, wer von den beiden die Wahrheit sagte. Konnte Yukke wirklich nichts für Hazuki tun oder wollte er ihn damit nur hinhalten? So ungesund blass, wie sein Freund aussah, konnte Tatsuro an Letzteres jedoch nicht glauben. Aber warum war Hazuki sich so sicher, Yukke zwingen zu können? Er konnte keine wirkliche Macht über Yukke haben, das war absolut unmöglich … oder?
„Du willst dich nicht mit mir anlegen, denn ich habe meine Quellen, kleine Muse, und ich weiß haargenau, was ich tun muss, um dich dazu zu bringen, mir bei der Vollendung meiner Trilogie behilflich zu sein. Dieser Roman wird mein Meisterstück, mein Lebenswerk, mein Vermächtnis und du WIRST mir dabei helfen, hast du mich verstanden!?“
Tatsuro hatte noch nie erlebt, dass Hazuki laut wurde. Demzufolge war es nicht nur Yukke, der zusammenzuckte, sondern auch er. Fassungslos sah er in das gerötete Gesicht des älteren Mannes, registrierte den schneller gewordenen Atem und das manische Glänzen in den beinahe schwarzen Augen. So schnell dieser Ausbruch gekommen war, hatte sich ihr Gegenüber wieder beruhigt und lehnte sich tief durchatmend in seinem Sessel zurück.
„Ich würde sagen, genug der Spiele und Drohungen, findest du nicht auch, Yukke? Wir sind uns doch einig, dass du, solange ich die Träne habe, mein … Gast bist. Wenn du also willst, dass ich meine Gastfreundschaft dir gegenüber beibehalte, solltest du tun, was ich von dir erwarte.“
„Ich …“ Yukke leckte sich über die trockenen Lippen und als seine Schultern geschlagen nach unten sackten, rückte etwas in Tatsuro an die richtige Stelle. Endlich verschwand dieses lethargische Gefühl in seinem Kopf und mit plötzlicher Klarheit wusste er, dass er eingreifen musste, bevor sein Freund Hazukis Drängen nachgab. Niemand würde seine Muse zu irgendwas zwingen, auch Hazuki nicht. Keiner konnte diese Macht über einen anderen haben!
„Es reicht, Hazuki!“, rief er aus und sprang auf, die Ausweglosigkeit ihrer Situation für den Moment vollkommen verdrängt. Er hatte keine Ahnung, was genau hier vor sich ging oder was der ältere Mann dachte, gegen Yukkes Willen mit ihm anstellen zu können. Alles, was er wusste, war, dass er nun gehen würde und Yukke mit ihm.
„Ach, Ro-chan“, kam es in beinahe überzeugend bedauerndem Tonfall aus Hazukis Richtung und Tatsuro musste sich auf die Unterlippe beißen, um ihn nicht anzufauchen.
„Was denkst du, was du da tust?“
„Ich gehe“, zischte er, „und ich nehme Yukke mit. Du kannst nicht wirklich glauben, uns gegen unseren Willen hierbehalten zu können! Hast du dir in letzter Zeit eigentlich mal selbst zugehört? Du denkst, du hättest Macht über andere, weil du erfolgreich bist. Newsflash, Hazuki, du bist ein Nichts und wirst in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sobald den Medien ein Vögelchen zwitschert, dass du sogar vor Freiheitsberaubung nicht zurückschreckst, weil du glaubst, irgendein übernatürliches Wesen könnte dir über deine Schreibblockade hinweghelfen. Sie werden dich für den Freak halten, der du schon immer warst!“
„Na na, was ist das bitte für eine Ausdrucksweise?“, tadelte Hazuki in einem viel zu ruhigen Tonfall, aber das fiel Tatsuro gar nicht auf. Sein Blickfeld hatte sich zu einem schmalen Tunnel verengt, ebenso wie seine Gedanken nur noch in eine Richtung gingen. Sie mussten hier raus, weit weg von Hazuki. Er musste Yukke in Sicherheit bringen, das war alles, was im Moment zählte.
Wieder fasste er nach der Hand seines Freundes, zog ihn auf die Beine und hinter sich her. Ohne auf das amüsierte Glucksen zu hören, das ihnen aus dem Wohnzimmer folgte, eilte er mit Yukke den kurzen Flur entlang und riss die Wohnungstür weit auf. Seine Schritte waren so schwungvoll, dass er ins Stolpern geriet, weil Yukke stehen geblieben war, kaum hatte Tatsuro die Türschwelle überschritten. Irritiert drehte er sich herum, sah seinen Freund fragend an, der sich keinen Millimeter mehr rührte.
„Was ist denn, komm schon.“
„Ich sagte dir doch, dass ich nicht gehen kann. Es tut mir leid.“
Yukke sah kränklich aus, als er seinen Blick erwiderte und er musste Tatsuros fassungslose Miene richtig gedeutet haben, denn im nächsten Moment hob er eine Hand, die er flach gegen eine bislang unsichtbare Barriere drückte. Sie schimmerte bläulich, als sie mit Yukkes haut in Berührung kam und waberte gallertartig, als sein Freund sich probeweise dagegen stemmte.
„Ich bin gefangen, solange er die Träne hat und mich hierbehalten will.“
Die warmen, braunen Augen, die Tatsuro so liebte, wurden glasig, als Tränen aus ihnen zu fallen drohten.
„Das … es ist in Ordnung“, wisperte er, trat auf Yukke zu, ohne dass die seltsame Barriere irgendeinen Einfluss auf ihn hatte, und nahm ihn fest in die Arme. „Alles ist in Ordnung.“
Wie lange sie schweigend so dastanden, Kraft aus der Nähe des anderen zu schöpfen versuchten, hätte Tatsuro hinterher nicht sagen können. Aber es war egal, wie viel Zeit verstrich, egal, ob sie Hazuki durch diese Verzögerung wütend machten oder nicht. Der Wirbelsturm in seinem Kopf ebbte nach und nach ab, bis nur noch der Gedanke, Yukke zu schützen, im Vordergrund stand.
„Ich bleibe hier, ich lass dich nicht allein, versprochen. Es ist mir auch vollkommen egal, was Hazuki dazu zu sagen hat.“
Tatsuro atmete tief durch, als sich ein Plan zu formen begann, wie er sein Versprechen in die Tat umsetzen konnte.
„Ich werde sein Buch schreiben. Wenn er also will, dass ich das für ihn tue, wird er dich freigeben müssen.“
„Was? Aber … darauf wird er sich nie einlassen.“, protestierte Yukke und wollte zu ihm aufsehen, aber Tatsuro schüttelte nur den Kopf und vergrub seine Nase am Hals des anderen.
„Ich muss es versuchen, ich werde nicht zulassen, dass er dich zu irgendetwas zwingt.“
„Ich werde dir nicht helfen können, verstehst du, Tatsue?“
Die Worte kitzelten über seine Ohrmuschel und Yukkes warmer Atem ließ trotz allem eine feine Gänsehaut auf seinem Nacken erblühen.
„Die Träne, sie fühlt sich verraten und wird nicht zulassen, dass ich mich einmische.“
„Ich weiß. Miya hat mir gesagt, dass ich das Vertrauen der Träne verloren habe. Aber vielleicht kann ich sie von meinen guten Absichten überzeugen, wenn ich Hazukis Buch ohne deine Hilfe schreibe. Ich weiß, dass ich es schaffen kann, auch wenn mir diesmal dein übersinnliches Mojo nicht zur Verfügung steht.“
Er grinste schief auf Yukke herab, der diese Geste wacklig erwiderte, bevor er sein Gesicht wider gegen Tatsuros Brust verbarg.
„Alles, was zählt, ist, dass du bei mir bist und ich ein Auge auf dich haben kann, solange wir nicht mindestens drei Blocks zwischen uns und diese Schlange gebracht haben.“
Je mehr er redete, desto sicherer war er sich, dass sein Plan funktionieren konnte. Zumindest der Teil mit Hazuki, ob die Träne sich dadurch überzeugen ließ, dass er Yukkes Vertrauen in ihn nicht mutwillig verraten hatte, würde sich zeigen. Mit größtem Widerwillen löste er sich von seinem Freund und strich mit dem Daumen über Yukkes Wange.
„Kopf hoch, wir schaffen das gemeinsam, okay?“
Yukke nickte, schien für den Moment jedoch nichts sagen zu können. Noch einmal beugte sich Tatsuro vor, presste einen viel zu kurzen Kuss auf die vollen Lippen und kehrte dann der Tür und der dahinter liegenden Freiheit den Rücken, um zu Hazuki zurückzukehren.
„Da seid ihr ja wider“, begrüßte sie ihr unerwünschter Gastgeber und schenkte ihnen ein joviales Lächeln, als würde er sich tatsächlich darüber freuen, dass sie ihre Meinung geändert hatten. Hazuki hatte ihre Abwesenheit genutzt, um eine Flasche Rotwein zu öffnen, und als sich Yukke und Tatsuro erneut auf der Couch niederließen, standen zwei bauchige Gläser für sie bereit.
„Merlot?“
Yukke schüttelte den Kopf, aber Tatsuro ergriff sein Glas und hielt es seinem Ex-Partner mit einer Selbstverständlichkeit hin, die schon an Dreistigkeit grenzte. Hazukis Brauen hoben sich, dann folgte er jedoch seinem eigenen Angebot und goss ihm großzügig ein.
„Danke“, sagte Tatsuro mit gespielter Freundlichkeit und erwiderte das Lächeln. Zwei konnten dieses Spiel spielen, auch wenn er sich keine Sekunde der Illusion hingab, im Vorteil zu sein.
„Yukke und ich würden dir gerne einen Vorschlag unterbreiten, der für uns alle … zufriedenstellend sein sollte.“
„Oh? Lass hören.“
„Erst hätte ich noch eine Frage.“
„Immer raus damit.“
„Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich bei dem von dir vorhin erwähnten Roman um das Ende der Trilogie handelt, für dessen zweiten Band du dich bereits an meinen Ideen bedient hast?“
„Bedient; das klingt so harsch. Ich habe mich lediglich von deinen Gedankenspielen inspirieren lassen.“
Die Augen seines Gegenübers blitzten kampfeslustig auf, als er diese bodenlose Lüge aussprach, und wieder kostete es Tatsuro nahezu unmenschliche Anstrengung, nicht auf diese offenkundige Provokation einzugehen. Sie wussten beide, dass seine Notizen mehr als nur Gedankenspiele gewesen waren. Ebenso wie sie beide wussten, dass sich Hazuki nicht lediglich hatte inspirieren lassen, sondern dass er alles gestohlen und für sich benutzt hatte, was Tatsuro ihm im Vertrauen gezeigt hatte. Vertrauen, pah! Wie sehr er sich doch in ihm getäuscht hatte.
„Wie dem auch sei, reden wir von dieser Trilogie?“ Hazuki nickte und nippte an seinem Wein.
„Gut, dann lass Yukke und mich gehen und ich verspreche, den finalen Band für dich zu schreiben.“
„Mmmh“, summte der ältere Mann überlegend und rieb sich übers Kinn. „Du würdest den Roman schreiben? Ein interessanter Vorschlag.“ Wieder blitzte es in den dunklen Augen berechnend auf und Tatsuro merkte zu spät, dass er der Spinne soeben ins Netz gegangen war. Am liebsten hätte er sich gegen die Stirn geschlagen; wie hatte er nur so dumm sein können? Hazuki hatte gewollt, dass er ihm genau diesen Vorschlag machte, wieso sonst hätte er vorhin angerufen und ihn zu sich beordert?
„Ich mache euch ein Gegenangebot. Du und deine kleine Muse seid meine Gäste, während du an dem Roman arbeitest, wie klingt das?“
Tatsuro öffnete den Mund, um zu widersprechen, schloss ihn nach einem kurzen Blick auf Yukke jedoch wieder. Sie hatten keine andere Wahl; Yukke steckte hier fest, solange Hazuki ihn nicht freigab, und er würde seinen Freund nicht alleinlassen.
„In Ordnung, aber nur unter der Voraussetzung, dass du Yukke und mich nach getaner Arbeit nicht nur gehen lässt, du gibst Yukke auch die Musenträne zurück.“
„Einverstanden.“ Hazuki streckte die Hand über den Tisch und nach kurzem Zögern schlug Tatsuro ein. Schwer schluckend zog er seine Hand zurück, hätte sie am liebsten am Hosenbein abgerieben, so beschmutzt fühlte er sich. Seine innere Stimme schrie ihn an, dass er gerade einen entscheidenden Fehler gemacht hatte, aber was zum Teufel hätte er sonst tun sollen? Ihm fehlten die Alternativen, verdammt!
„Gut, nachdem nun alles geklärt ist: Ihr könnt das Gästezimmer im ersten Stock haben. Tatsuro, du weißt sicher noch, welches ich meine.“
Hazuki erhob sich und ging mit einer Selbstverständlichkeit in Richtung der Tür, die wie Tatsuro wusste, in sein Arbeitszimmer führte, als hätte er nicht gerade so etwas wie Haftbedingungen mit ihnen verhandelt.
„Ach übrigens, du solltest versuchen, noch etwas Schlaf zu bekommen. So ein Roman schreibt sich nicht von allein und zwei Wochen sind schon ein straffer Zeitplan, wenn du mich fragst.“
Entgeistert blickte ihm Tatsuro hinterher und fragte sich, ob er das gerade richtig verstanden hatte.
„Zwei Wochen?“, hauchte Yukke neben ihm ungläubig und beantwortete ihm damit seine unausgesprochene Frage. „Das kann er nicht ernst meinen, wie sollen wir das schaffen?“
Tatsuro ließ sich seufzend nach hinten gegen die weiche Polsterung der Couch sinken und schloss die Augen. Hazuki war verrückt, er musste verrückt sein – aber das änderte nichts an der Tatsache, dass Tatsuro soeben zugestimmt hatte, einen Roman, nein, schlimmer noch, das Ende einer Trilogie in nur vierzehn Tagen aufs Papier zu bringen. Da war er also, der Fehler in seinem Plan.
Wir schaffen das!
Tatsuros Blick haftete an der weiß gestrichenen Decke des Gästezimmers, in das sich Yukke und er nach ihrer Einigung mit Hazuki zurückgezogen hatten. Pah! Einigung, von wegen. Er schnaubte und blinzelte, was seine überanstrengten Augen mit heftigem Brennen quittierten. Hazuki hatte sein Netz ausgebreitet und er war wie ein naiver Idiot in die Falle getappt. Yukke, der an seine Seite gekuschelt dalag und ihn so festhielt, als hätte er Angst, Tatsuro könnte verschwinden, seufzte im Schlaf. Unwillkürlich musste er lächeln, auch wenn es ein geschlagenes Lächeln war. Er hätte gar nicht anders handeln können, als sich auf Hazukis Erpressung einzulassen. Nichts und niemand hätte ihn dazu bringen können, Yukke im Stich zu lassen. Und was sollte es schon? Dann würde er eben den Roman für Hazuki schreiben. Dann würde er dies eben innerhalb von zwei Wochen tun und dann würde er eben wieder unter Hazukis Dach leben, auch wenn er sich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß in dieses Haus zu setzen. Er würde das schon schaffen, irgendwie.
Tatsuro atmete tief ein und wieder aus und versuchte, seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen. Es war egal, wie sehr er sich die Harmlosigkeit seiner Situation einzureden versuchte, in Wahrheit waren sowohl sein Kopf, als auch sein Körper im Fluchtmodus. Alles in ihm schrie danach, Yukke zu packen und von hier zu verschwinden, aber …
„Kannst du nicht schlafen?“
„Nein“, murmelte er leise seufzend und drückte Yukke einen Kuss auf die Stirn. „Ich hab dich aufgeweckt oder? Tut mir leid.“
„Nein, hast du nicht, alles gut.“
Tatsuro begann, über Yukkes nackte Schulter zu streicheln, zeichnete verworrene Muster auf die kühle Haut.
„Ist dir kalt?“, fragte er und zog den kleineren Körper noch näher gegen sich.
„Ja, aber das kommt von innen“, flüsterte Yukke und vergrub sein Gesicht an Tatsuros Brust. „Ich habe Angst, Tatsue. Was passiert, wenn du nicht rechtzeitig mit dem Roman fertig wirst?“
„Mach dir keine Sorgen, ich schaffe das. Wir schaffen das“, ergänzte Tatsuro, rollte sich über Yukke und küsste ihn lange und zärtlich. „Du bist mittlerweile doch ein Meister darin, mir in den Allerwertesten zu treten. Das wird jetzt auch nichts anderes sein als die letzten Wochen. Wir kriegen das hin, hörst du? Ich lass dich nicht im Stich.“
Yukkes große, dunkle Augen glänzten verräterisch, aber auf seinen Lippen lag ein zaghaftes Lächeln, als er meinte: „Heißt das, meine ganzen Pläne, dich zu motivieren, die ich noch nicht in die Tat umsetzen konnte, waren nicht umsonst?“
„Oje, will ich wissen, von welchen Plänen genau du redest?“
Yukke grinste frech und schüttelte den Kopf. „Lass dich überraschen, ich hab noch so einiges in der Hinterhand.“
Wieder beugte sich Tatsuro nach unten und küsste das Lächeln von den vollen Lippen. „Dann kann ich ja froh sein, dass ich dich habe.“
Yukke nickte, aber wirkte mit einem Mal wieder so niedergeschlagen wie gerade eben noch. „Ich wünschte, ich könnte dir wirklich helfen. Mit meinen Fähigkeiten als Muse wäre Hazukis Forderung zwar noch immer ein ganzes Stück Arbeit, aber ich wäre zuversichtlich, dass es zu schaffen ist.“
„He, hast du etwa kein Vertrauen in mich? Du wirst sehen, wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann schaffe ich das auch.“
„Du bist eben doch ein Dickkopf.“
„Genau das.“
„Halt mich fest, Tatsue, okay?“
„Nichts lieber als das.“
~*~
Das leere Dokument des Textverarbeitungsprogramms starrte ihn an und das Blinken des Cursors verwandelte sich in seinen Ohren zu einem höhnischen Lachen. Ihm wollte nichts einfallen, er war blockiert, ausgebrannt von seiner eigenen Geschichte, die er erst vor Kurzem fertig erzählt hatte. Er hing in Gedanken noch bei seinen Charakteren, ihm schwirrten Szenen im Kopf herum, die er womöglich für eine Fortsetzung nutzen konnte, aber für Hazukis Roman waren sie nicht zu gebrauchen.
Er wusste genau, woran es lag, er wollte nicht, und er konnte sich noch so oft einreden, dass es eben sein musste, um seinetwillen und um Yukkes willen, aber es half alles nichts. Sein Hirn streikte, seine Finger fühlten sich verkrampft an und in seinem Magen rumorte die Wut. Wut auf sich, Wut auf Hazuki und Wut auf die Ungerechtigkeit ihrer Situation.
Vorsichtig schielte er zur Couch hinüber, die sich wie auch der Computer in Hazukis Arbeitszimmer befand und auf der sich Yukke niedergelassen hatte. Sein kleiner Skaterboy wirkte verloren zwischen den kühlen weißen Kissen und der sterilen Atmosphäre in diesem Raum. Yukke saß verkrampft und kerzengerade da und starrte vor sich auf den Glastisch. Tatsuro wusste, dass das Verhalten seines Freundes gerade einzig und allein seine Schuld war. Er hätte ihn nicht so angiften dürfen. Schwungvoll drehte er sich mit dem Bürostuhl um und seufzte leise.
„Es tut mir leid, dass ich dir gerade so über den Mund gefahren bin. Wenn wir ehrlich sind, ist es vollkommen egal, ob du mir beim krampfhaften Versuch, irgendwas kreativ aufs Papier zu bringen, zuguckst oder nicht. Erfolgreich bin ich so oder so nicht.“
„Alles gut, Tatsue, ich versteh das. Ich würde auch nicht gern angestarrt werden, wenn ich mich unwohl fühle und mich konzentrieren soll.“
„Ja, genau das ist das Problem. Ich kann mich schlicht und einfach nicht konzentrieren!“
Endlich hob Yukke den Kopf und schaute in seine Richtung. Ein dünnes Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als er sich erhob und auf ihn zukam.
„Darf ich etwas ausprobieren?“
„Klar, schlimmer kanns nicht werden.“
„Du hast ja viel Vertrauen in mich.“ Gespielt empört schüttelte Yukke den Kopf und begann, seine Handflächen aneinander zu reiben. Interessiert beobachtete Tatsuro ihn, bis Yukke ihn auf seinem Bürostuhl in Richtung des PC-Bildschirms zurückdrehte und seine warmen Hände von hinten an Tatsuros Schläfen legte.
„Versuch dich zu entspannen und an nichts zu denken.“
„Ersteres wird schwierig, Letzteres ist gerade mein Dauerzustand“.
„Nicht reden.“
„Na schön“, brummte Tatsuro noch, bevor er die Augen schloss und versuchte, auf nichts weiter als die wohltuende Berührung von Yukkes Händen zu achten. Erst jetzt bemerkte er die leichten Kopfschmerzen, die hinter seinen Schläfen klopften und die Yukke jetzt mit sanften, kreisenden Bewegungen wegmassierte.
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis Yukke ihr Schweigen mit leisen Worten brach.
„Hazuki hat seinen Hauptcharakter an den deinen angepasst, oder? Also ich meine, an den Protagonisten der Geschichte, die er dir gestohlen hat?“
„Ja, hat er, ganz schamlos und offensichtlich. Wenn man den ersten und zweiten Band seiner Romanreihe aufmerksam liest, merkt man Veränderungen im Verhalten nicht nur des Hauptcharakters, sondern auch von anderen Charakteren, die nicht so ganz Sinn ergeben. Aber das ist außer mir und vielleicht dem ein oder anderen Hardcorefan niemandem aufgefallen.“
„Gut, dann kennst du diese Personen und ihre Agenda vermutlich besser, als Hazuki es je könnte. Versuch, dich in sie hineinzuversetzen, was sind ihre nächsten Schritte, wo willst du mit ihnen hin. Das ist nun wieder ganz deine Geschichte, nicht mehr Hazukis. Du bist am Steuer, du entscheidest.“
Tatsuro atmete tief ein und wieder aus, ließ Yukkes Worte das Feuer der Wut in seinem Magen löschen, bis er tatsächlich ein erstes Kribbeln der Vorfreude auf eine neue Story fühlen konnte.
Tatsuro öffnete die Augen, dehnte seine Finger und legte sie auf die Tastatur. Langsam, dann immer schneller begann er zu tippen. Er machte sich Notizen, arbeitete Zeitstränge aus und skizzierte erste Szenen. So vertieft war er in sein Tun, dass er gar nicht bemerkte, wie sich Yukke irgendwann wieder aufs Sofa zurückzog und ihn mit einem feinen Lächeln beobachtete.
*~*
Vor den hohen Fenstern des Arbeitszimmers war die Sommersonne bereits auf dem Weg gen Horizont, als Tatsuro zum ersten Mal länger in seinem frenetischen Schreiben innehielt und den schmerzenden Rücken durchdrückte. Zufrieden schaute er auf die Taskleiste des Computers, auf der sich mehrere Dokumente tummelten. Schnell speicherte er seinen Erfolg und stand dann auf, um an eines der Fenster heranzutreten. Unter ihm erstreckte sich Hazukis parkähnlicher Garten, den Tatsuro schon geliebt hatte, als er hier noch regelmäßig ein und aus gegangen war.
„Wollen wir eine Runde spazieren gehen?“, murmelte er, den Blick auf den Ahornbaum gerichtet, in dessen Krone sich gerade ein ganzer Schwarm Krähen sammelte und ihr Nachtlager aufschlug. „Yukke?“
Erst jetzt drehte er sich zum Sofa, auf dem Yukke ausgestreckt lag und friedlich schlummerte. Tatsuro lächelte, ging auf ihn zu und strich ihm vorsichtig eine Haarsträhne aus der Stirn, um ihn nicht zu wecken. Hazuki hatte sein pompöses Stadthaus früh am Morgen verlassen und war seither nicht wiedergekommen. Somit hatte Tatsuro keine Bedenken, Yukke für ein paar Minuten aus den Augen zu lassen. Er brauchte jetzt frische Luft und musste sich seine Beine vertreten. Außerdem war er dank seiner kleinen Muse heute weitergekommen, als er für möglich gehalten hatte. Das musste gefeiert werden und wenn dies nur mit einer Runde durch den Garten laufen geschehen würde.
Draußen angekommen atmete er die angenehm frische Abendluft ein und lauschte den Krähen, die sich offenbar gerade bettfertig machten, so sehr wie sie glucksten und leise vor sich hin krächzten. Tatsuro lächelte. Diese friedliche Stimmung täuschte beinahe darüber hinweg, dass Yukke und er so etwas wie Hazukis Gefangene waren und dass er ein Buch schrieb, für das er nie Anerkennung, geschweige denn eine finanzielle Entschädigung erhalten würde. All seine Zeit, all seine kreative Energie würde verpuffen, sobald er Hazuki das Skript übergeben HATTE. Nichts würde er davon haben, gar nichts.
Nein, das stimmte so nicht.
Wieder lächelte er, als sein Blick wie automatisch zu dem Fenster hinaufglitt, hinter dem er eben noch gestanden hatte und hinter dem Yukke schlief. Er würde sich Yukkes Freiheit durch diesen Roman erkaufen und spätestens dann würde er nie, niemals wieder etwas mit Hazuki zu tun haben müssen.
„Ach nee, was für ein Zufall. Damit, dich hier draußen anzutreffen, hätte ich ehrlich nicht gerechnet.“
Tatsuro erstarrte, als er die Stimme hinter sich erkannte. Hazuki. Wenn man an den Teufel dachte. Ob es unhöflich war, einfach so zu tun, als hätte er Hazuki nicht gehört? Er könnte nach drinnen gehen, Yukke wecken und gemeinsam mit ihm überlegen, was sie zu Abend essen wollten. Niemand konnte ihn dazu zwingen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und auf Hazukis Small-Talk-Versuch einzugehen.
„Hast du dich zu sehr verausgabt, um mir antworten zu können?“
Tatsuro ballte die Fäuste und biss für einen Moment die Zähne zusammen, um ja nichts Unvernünftiges zu sagen oder zu tun.
„Nein, ich wusste nur nicht, dass meine Gefangenschaft auch Konversation mit meinem Wärter beinhaltet.“
„Oho, wie melodramatisch du doch mal wieder bist.“ Hazuki schnalzte mit der Zunge, wie er es auch früher immer getan hatte, wenn Tatsuro nicht so reagierte, wie er es für richtig und angemessen hielt.
„Was willst du, Hazuki? Wenn es dir nicht darum geht, mir zu sagen, dass Yukke und ich gehen können und du deinen Roman allein schreibst, dann lass mich in Ruhe.“
„Wo kommt nur diese Aggression mir gegenüber her? Du hast hier alles, was du dir nur wünschen kannst, und das bisschen Schreiben schaffst du sicher mit links.“
Tatsuro öffnete den Mund, den Bauch voller Wut und mit dem unbändigen Wunsch, seine Faust in Hazukis Gesicht schlagen zu wollen. Stattdessen atmete er mehrmals tief durch, um sich wieder zu beruhigen, und drehte sich zu seinem Gegenüber um. Beinahe hätte er sich anmerken lassen, wie sehr ihn Hazukis Anblick erschreckte. Wann war der andere so … alt geworden? Hatte er gestern eine Tonne Make-up getragen oder wie war dieser krasse Unterschied in so kurzer Zeit zu erklären? Hazukis Gesicht wirkte eingefallen, der Teint fahl und gräulich. Tiefe Schatten lagen unter den Augen und die grinsenden Lippen sahen trocken und spröde aus. Tatsuro schluckte, bevor er seine Stimme wiederfand.
„Hast du ein konkretes Anliegen, worüber du mit mir reden willst? Wenn nicht, haben wir uns nichts zu sagen.“
„Ich wollte mich lediglich erkundigen, wie du vorankommst.“
„Gut.“
„Soll heißen?“
„Genau das, was ich gesagt habe. Ich komme gut voran, mehr brauchst du nicht zu wissen. Ich werde dir den ersten Entwurf fristgerecht vorlegen und danach hast du deine Villa wieder ganz für dich.“
„Villa, wie nett“, amüsierte Hazuki sich leise glucksend. „So hast du mein Häuschen auch früher immer genannt, weißt du noch?“
„Ich hab nicht vor, mit dir in der Vergangenheit zu schwelgen.“
„Wie du meinst.“ Hazuki zuckte mit den schmalen Schultern. „Meinetwegen können du und Yukke gern länger bleiben.“
Tatsuro schnaubte und schüttelte den Kopf. „Wenn du denkst, ich würde auch nur eine Sekunde länger in deiner Gegenwart verbringen, als ich zwingend muss, hast du dich geschnitten.“ Für einen Sekundenbruchteil glaubte Tatsuro, ehrliche Enttäuschung über Hazukis Gesicht huschen zu sehen, aber diese Gefühlsregung war so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Vermutlich hatte er sich das ohnehin nur eingebildet, denn warum sollte ausgerechnet Hazuki enttäuscht sein?
„Wie dem auch sei“, begann Hazuki und räusperte sich. „Ich bin die nächsten drei Tage nicht in der Stadt. Meine Haushälterin weiß Bescheid und wird euch weiterhin mit allem Notwendigen versorgen.“
„Okay.“
Beinahe machte es den Anschein, als wollte Hazuki noch etwas sagen, aber dann drehte er sich grußlos um und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war.
„Ach Hazuki!“, rief Tatsuro ihm nach und verspürte ehrliche Genugtuung, als der andere ohne Zögern stehen blieb und sich zu ihm umdrehte.
„Ja?“
„Egal, welcher Trenddiät du gerade folgst, du solltest es lassen. Dieser Vogelscheuchen-Look steht dir nicht.“ Mit diesen Worten war es nun Tatsuro, der sich wegdrehte und zurück ins Haus ging. Ein breites Grinsen lag auf seinen Lippen, obwohl ein kleiner Teil in den tiefsten Tiefen seines Herzens so etwas wie Mitleid für Hazuki verspürte. Irgendwas musste vorgefallen sein, dass der andere plötzlich so kränklich, beinahe fragil wirkte. Aber was? Von sich selbst genervt, schüttelte Tatsuro den Kopf. Am liebsten hätte er sich geohrfeigt: Warum dachte er überhaupt über diesen Kerl nach? Das Letzte, was Hazuki verdient hatte, war sein Mitleid! Dennoch … der andere hatte nicht nur wirklich körperlich schlecht ausgesehen, Tatsuros letzte Bemerkung schien ihm auch nahegegangen zu sein. Komisch. Bislang hatte Tatsuro sagen können, was er wollte, jede Art von Kritik, die er auch nur im Ansatz geäußert hatte, war von Hazuki entweder komplett ignoriert worden oder hatte eine disproportionale Gegenreaktion zur Folge gehabt. Irgendetwas stimmte mit Hazuki nicht …
„Hör auf jetzt!“, knurrte sich Tatsuro zu und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf. Im Arbeitszimmer lag Yukke noch immer friedlich schlafend auf dem Sofa und Tatsuro ließ es sich nicht nehmen, sich vor seine kleine Muse zu hocken. Vorsichtig strich er über das friedliche Gesicht, zeichnete die Augenbrauen nach und lächelte, als er über Yukkes Nase fuhr und diese sich leicht kräuselte.
„Mmh?“, brummte Yukke und blinzelte ihn aus kleinen Augen an. „Bin ich eingeschlafen?“
„Scheint so“, antwortete Tatsuro noch immer lächelnd und beugte sich tiefer, um Yukke einen Kuss auf die Lippen drücken zu können. „Stell dir vor, Hazuki hat mir gerade eben erzählt, dass er die nächsten drei Tage nicht hier sein wird. Wir stecken zwar weiterhin in diesem goldenen Käfig fest, aber jeder Tag ohne die Chance, diesem Idioten über den Weg zu laufen, ist ein guter Tag, wenn du mich fragst.“
„Das sind tolle Neuigkeiten“, freute sich Yukke, setzte sich auf und reckte beide Arme über den Kopf. Mit einem lauten Gähnen streckte er sich, bevor er Tatsuro anlächelte. „Pizza?“
„Gehört es zu den Fertigkeiten einer Muse, Gedanken lesen zu können?“
„Nicht wirklich, aber ich kenne dich und deinen Appetit, wenn du fleißig geschrieben hast. Apropos geschrieben: Bist du gut vorangekommen? Tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin.“
„Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen, es wäre sowieso langweilig gewesen, mir stundenlang beim Planen und Schreiben zuzusehen. Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, ich bin gut vorangekommen.“
„Das höre ich gern.“
„Du, mal was anderes: Sollen wir Satochi und Miya bitten, vorbeizukommen? Mir würde es guttun, die beiden hierzuhaben und vielleicht hast du mit Miya auch einige … Musendinge zu besprechen?“
„Musendinge, was?“ Yukkes Lächeln wandelte sich in ein verschmitztes Grinsen, das jedoch nicht lange anhielt, als sein Blick auf den Garten hinter der Fensterfront fiel. „Ich hätte nie gedacht, mich so schnell eingesperrt zu fühlen. Ich kann nicht einmal nach draußen gehen oder wenigstens den Kopf aus dem Fenster strecken.“
„Yukke“, murmelte Tatsuro, setzte sich neben seinen Freund und zog ihn in seine Arme. „Zwei Wochen, hörst du, nur zwei Wochen und dann ist dieser Albtraum vorbei.“
Yukke nickte, schmiegte sich gegen Tatsuros Brust und schloss die Augen.
„Ich fühl mich schlecht, weil ich dir nicht helfen kann. Die ganze Verantwortung liegt auf deinen Schultern und ich kann nur zusehen.“
„Quatsch. Du tust so viel. Du motivierst mich, du bist für mich da, was sollte ich mehr wollen?“
„Danke, du bist lieb, weißt du das?“
„Genug jetzt mit der Gefühlsduselei “, murrte Tatsuro gespielt knurrig und bohrte Yukke seinen Zeigefinger in die Seite.
„Nicht! Das kitzelt!“, japste dieser und robbte so schnell es ihm möglich war auf dem Sofa nach hinten, weg von seinem Angreifer.
„Das ist Sinn und Zweck der Sache“, entgegnete Tatsuro und schickte sich an, seinem flüchtigen Freund auf dem Fuße zu folgen.
„Tatsue!“, hörte man Yukke noch verzweifelt ausrufen, bevor jegliche Artikulation in quietschendem Lachen unterging.
~*~
„Danke, dass ihr gekommen seid“, sagte Tatsuro und schloss hinter Miya und Satochi die Tür. „Wir sind oben im ersten Stock. Irgendwie ist das Gästezimmer hier der einzige Raum, in dem Yukke und ich uns wenigstens ein bisschen wohlfühlen.“
„Verständlich“, nuschelte Satochi und sah sich in der steril wirkenden Eingangshalle des Stadthauses um. „Ich fühle mich hier ehrlich gesagt wie in einem Krankenhaus.“
„Ja“, meinte Miya nickend. „Oder wie in einem hypermodernen Museum. Gemütlichkeit kommt da nicht wirklich auf.“
„Von der Präsenz eines gewissen jemands mal gar nicht zu reden“, stimmte Tatsuro ein und fühlte sich durch die Worte seiner Freunde und auch Miyas mitfühlendem Blick gleich um Längen besser.
„Na kommt, Yukke wartet schon.“
Satochi schlüpfte nur noch schnell aus seinen Schuhen und packte dann Tatsuro am Schlafittchen, bevor dieser die Treppen nach oben verschwinden konnte, um ihn fest an sich zu ziehen.
„Wie schlagt ihr euch? Wie geht es Yukke?“
„Gut, auf beide Fragen, denke ich. Yukke zeigt schon die ersten Anzeichen von Lagerkoller, weil er eben gar nicht nach draußen kann, bei mir ist es eher …“ Tatsuro zuckte mit den Schultern und löste sich mit einem schiefen Lächeln von seinem Freund. „Reden wir erst einmal nicht darüber, okay? Die Pizza ist schon vor euch angekommen, es ist also alles bereit.“
„Ich konnte heute Vormittag mit Gara sprechen“, wechselte Miya sogleich das Thema. „Er war nicht begeistert, zu hören, dass er zwei Wochen auf dich verzichten muss, aber ich konnte ihm klarmachen, dass du die Auszeit brauchst und dass es sicher in seinem Interesse liegt, dass du auf deine Gesundheit achtest.“
„Hast du ihm wirklich den Bären mit dem Aufenthalt im Rehazentrum aufgebunden?“
„Aber sicher. Mila, die Bekannte, von der ich dir erzählt habe, wird zuverlässig unser Spielchen mitspielen, sollte Gara dort anrufen und nach dir fragen. Du hast quasi ein nahezu hieb- und stichfestes Alibi.“
„Wer hat ein Alibi?“, begrüßte sie Yukke, als sie das Gästezimmer betraten. Yukke hatte aus der Küche Geschirr und Besteck organisiert, eine Flasche Wein geöffnet und die großen Pizzaschachteln auf dem Bett schon so drapiert, dass sich alle nur noch bedienen mussten.
„Tatsuro“, flötete Satochi und schloss Yukke so fest in die Arme, dass dieser zu röcheln anfing.
„Lässt du bitte meinen Freund am Leben, den brauch ich noch.“
„Willst du das?“, fragte Satochi scheinheilig und lachte, als Yukke wie wild zu nicken begann. „Du weißt ja gar nicht, was gut ist.“
„Und du unterschätzt mal wieder deine Kraft. Miya!“, maulte Yukke, nun an den kleinsten ihrer illustren Runde gerichtet. „Hab ich dir nicht gesagt, du sollst Sato davon abhalten, jeden Tag ins Fitnessstudio zu gehen?“
„Das wäre so, als würde ich von ihm verlangen, nicht mehr zu atmen. Ganz ehrlich, das kannst du nicht von mir erwarten.“
„Hmpf“, machte Yukke und verschränkte gespielt schmollend die Arme vor der Brust.
Tatsuro hatte sich in der Zwischenzeit ein Stück Käsepizza organisiert und sich schweigend gegen das Fensterbrett gelehnt, um sich das Schauspiel der drei anderen in Ruhe ansehen zu können. Die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen und das gleichzeitig amüsierte Lächeln auf seinen Lippen machten den Konflikt deutlich, der gerade in ihm tobte.
Einerseits war es erfrischend, Miya, Satochi und Yukke so locker miteinander umgehen zu sehen, andererseits erinnerte es ihn daran, dass Yukke zumindest Miya schon viel länger kannte, als er ihm anfangs weisgemacht hatte. Die beiden musste eine Freundschaft verbinden, die viel älter war, als Tatsuro sich vorstellen konnte.
„Was ist?“, fragte Yukke und riss ihn damit aus seinen Grübeleien. Er hatte gar nicht bemerkt, wie sein Freund sich ihm genähert hatte, und sah ihn nun dementsprechend entgeistert an.
„Nichts, wieso?“
„Du sahst gerade so aus, als würden dir ziemlich schwere Gedanken im Kopf umhergehen.“
„Wie lange kennst du Miya schon?“
„Wie?“ nun war es an Yukke, überrumpelt dreinzusehen. „Wie meinst du das?“
„Na, als wir uns kennenlernten, wusste ich nur, dass du Miyas Arbeitskollege“, das letzte Wort setzte er mit den Fingern in Anführungsstriche, „bist, aber selbst da hast du mir nie gesagt, wie lange ihr euch bereits kennt.“
„Bist du irgendwie … böse auf mich?“ Yukke sah ihn von unten her an und Tatsuro konnte nicht anders, als ihm einen Kuss auf die Stirn zu drücken.
„Nein, bin ich nicht. Ich versuche bloß immer noch zu begreifen, dass du und Miya Musen seid. Ich weiß gar nicht, was genau das bedeutet und gerade … nun ja, ich habe gemerkt, wie vertraut ihr miteinander seid. Also wie lange kennt ihr euch schon?“
„Mehrere Hundert Jahre.“
Tatsuros Mund klappte auf, dann schloss er ihn wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Mehrere Hundert Jahre, dann war Yukke …
„Und bevor du fragst, ja, ich bin auch mehrere Hundert Jahre alt. Vierhundertvierundzwanzig, um genau zu sein. Und nein, ich hab nicht all diese Jahre auf der Erde verbracht. Wenn wir Musen nicht arbeiten, leben wir in Elysium, das kannst du dir als eine Art Parallelwelt vorstellen. Dort vergeht die Zeit deutlich schneller als auf der Erde. Und ja, im Prinzip sind wir schon allein damit vollkommen ausgelastet, immer auf dem neusten Stand der menschlichen Innovationen zu bleiben. Unsere Klienten bei ihren kreativen Vorhaben mit unseren Musenkräften zu unterstützen, ist dann noch die Kür, wenn du verstehst.“ Yukke grinste, als wäre das, was er ihm gerade offenbart hatte, nicht das Fantastischste und Unglaublichste, was Tatsuro jemals gehört hatte.
„Elysium, vierhundertvierundzwanzig“, murmelte er kopfschüttelnd und wusste nicht, ob er lachen oder sich die Haare raufen sollte.
„Du meinst das alles ernst, ja? Du nimmst mich nicht auf den Arm?“
„Tut er nicht“, meldete sich Miya zu Wort und legte Yukke lächelnd eine Hand auf die Schulter. „Lass dir Zeit, Tatsuro. Es ist viel zu begreifen.“
„Stimmt“, nuschelte Satochi vom Bett her, wo er gerade schwer damit beschäftigt war, die Pizza mit Anchovis und Thunfisch bis auf den letzten Krümel zu vernichten. Gut, dass Tatsuro mit Fisch auf Pizza nicht viel anfangen konnte, sonst hätte er sich mit seinem Freund nun um das letzte Stück duellieren müssen. „Mach dir keine zu großen Gedanken, Tatsuro, ich verstehe bis heute nur die Hälfte von all dem, was mir Miya über das Dasein als Muse zu erklären versucht hat.“
„Ehrlich?“, murmelte Tatsuro und versuchte, seine innere Unruhe wieder einzudämmen. Er atmete einmal tief durch, rieb sich übers Gesicht und sah die drei anderen dann erneut eindringlich an. „Mir ist durchaus klar, dass ihr mir nichts sagen konntet, aber … hättet ihr mir nicht wenigstens ein bisschen was verraten können? Ich fühle mich gerade so dämlich, irgendwie. Yukke ein Buchhalter wie Miya, sorry, aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das eine wirklich unglaubwürdige Tarnung gewesen. Und überhaupt … Miya, arbeitest du wirklich als Buchhalter?“
„Klar, seit ich mit Satochi zusammen bin. Ich brauchte schließlich irgendeine Beschäftigung.“
Tatsuro runzelte die Stirn, was Miya dazu veranlasste, weiter auszuholen.
„Als Satochi sich für mich entschieden hat, habe ich mein Dasein als Muse aufgegeben.“
„Das geht? Aber … was ist mit deiner Unsterblichkeit? Oder leben Musen nur extrem lange? Musst du dann Hunderte von Jahren hier auf der Erde verbringen, auch wenn Satochi, sorry dafür, das Zeitliche gesegnet hat? Was ist…“
Tatsuro fuchtelte mit den Händen herum, weil sich die Gedanken in seinem Kopf schier überschlugen und er am liebsten fünf Fragen gleichzeitig stellen wollte.
„Setz dich jetzt erst mal hin“, befahl Satochi, stand auf und ging auf Tatsuro zu. Mit festem Griff zog er ihn erst für ein paar Sekunden in seine Arme, dann schob er ihn in Richtung Bett. „Wir beantworten dir alle Fragen, nicht wahr, Miya, Yukke?“
Beide Musen, oder Ex-Musen, oder was auch immer nickten. Satochi drückte ihm ein weiteres Stück Pizza in die Hand, Miya schenkte ihm einen Becher Wein ein und Yukke setzte sich neben ihn aufs Bett und kuschelte sich an. So ausgerüstet fühlte sich Tatsuro schon ein bisschen wohler in seiner Haut, auch wenn er ahnte, dass diese Nacht eine sehr lange werden würde.
Tage zäh wie Honig
Tatsuro streckte sich ausgiebig und atmete die vom vorhergehenden Regenschauer noch feuchte Luft tief ein. Im selben Moment meldete sich sein schlechtes Gewissen, weil er im Freien sein konnte und Yukke im Haus gefangen war. Er seufzte, was einen fragenden Blick Miyas nach sich zog.
„Was ist?“
„Nichts, ich … ich bin es nur leid, hier zu sein.“
„Verständlich.“ Miya nickte und setzte sich in Bewegung. „Worüber wolltest du mit mir reden?“
Tatsuro hatte seine beiden Freunde heute bereits am frühen Morgen angerufen und sie gebeten, nach der Arbeit zu Yukke und ihm zu kommen. Es war einer dieser Tage, an denen sich Hazuki wer weiß wo befand und sie das Stadthaus für sich hatten.
„Ich wollte noch einmal über die ganze Musen-Sache mit dir sprechen. Alleine, wenn du verstehst.“
„Ich dachte mir so etwas schon.“
„Ach ja?“
„Mhmh. Ich weiß noch, wie lange Satochi gebraucht hat, um alles zu verdauen, da ist es kein Wunder, dass auch bei dir immer mal wieder Fragen hochkochen.“
„Versteh mich nicht falsch, mir ist bewusst, dass ich darüber eigentlich mit Yukke sprechen sollte, aber…“
„Es ist in Ordnung, Tatsuro, frag mich einfach.“
„Okay, gut, wie fange ich an?“
„Am besten von vorne, würde ich sagen.“
„Haha.“ Tatsuro seufzte und straffte die Schultern. „Also … weißt du, ich habe schlicht und einfach Sorge, dass sich Yukke auf mich einlässt und damit unglücklich wird. Schließlich gibt er so viel auf. Seine Unsterblichkeit, seine Kräfte … Kann ich das von ihm verlangen?“
„Verlangst du das etwa von ihm?“
„Wie meinst du das?“
„Na, ist es nicht vielmehr so, dass sich Yukke aus freien Stücken für dich entschieden hat, obwohl er die Konsequenzen kennt, seit er eine kleine Muse ist?“
„Schon, aber …“
„Du liebst ihn, oder?“
„Ja“, erklärte Tatsuro ohne eine Sekunde des Zögerns.
„Siehst du. Auch ich habe mir die Entscheidung damals nicht leicht gemacht, aber um ehrlich zu sein, habe ich sie bislang noch für keinen Augenblick bereut.“
„Aber was ist, wenn Yukke und ich uns auseinanderleben? Wenn wir uns entschließen, nicht länger zusammen sein zu wollen? Was ist, wenn ich morgen von einem Zug überrollt werde?“
„Letzteres wäre ein absolutes Wunder, wenn du mich fragst.“
„Bitte?“
„Na, wenn du es schaffst, von einem Zug überrollt zu werden, während du hier in Hazukis haus festsitzt, hat das schon etwas von einem Wunder, findest du nicht auch?“
„Mann Miya, du weißt genau, wie ich das meine.“
Miya grinste ihn von der Seite her an, während sie wie automatisch den Weg zum kleinen Ahornhain einschlugen. Jetzt am Nachmittag hatte sich die Sonne stellenweise durch die grauen Wolken gekämpft, die schon seit dem Morgen schwer wie Blei am Himmel hingen. Tatsuro sah nach oben und blinzelte, als einer dieser vorwitzigen Sonnenstrahlen durch die kräftig roten Blätter hindurch direkt in seine Augen fiel. „Um deine Fragen zu beantworten: Was soll dann sein? Yukke gibt seine Unsterblichkeit für ein Menschenleben auf, mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind. Er wird sterblich, er wird eine gewisse Zeit auf dieser Erde leben, wie alle anderen Menschen auch. Egal, ob ihr bis an euer Ende zusammenbleibt, oder durch selbstverursachte oder fremdbestimmte Umstände getrennt werdet, Yukke wird sein Leben leben. Wie nach jeder Trennung oder nach jedem Verlust kann auch er wieder neue Beziehungen eingehen oder allein Freude und Zufriedenheit finden, verstehst du? Im Prinzip gibt er nichts auf, er verzichtet nur für eine gewisse Zeit auf die Dinge, die uns Musen ausmachen.“
„Ist das wirklich so einfach? Kein Haken, nichts Kleingedrucktes?“
„Nun ja, wie man es nimmt. Manche der Alten erzählen davon, wie sehr sie ihre Kräfte vermisst haben, während sie sterblich waren. Andere haben ihre menschliche Liebe auch nach Jahrhunderten nicht vergessen und leiden darunter. Aber das sind Risiken, die zumindest ich willens bin, auf mich zu nehmen.“
„Ich fühle mich trotzdem, als würde ich Yukke etwas wegnehmen.“
„Dann sprich mit ihm.“
„Ja“, sagte Tatsuro und seufzte mal wieder. „Sobald ich das Skript fertig habe und mit Yukke von hier verschwinden kann.“
„Apropos Skript, wie läuft es mit dem Schreiben?“
„Besser, als befürchtet. Yukke ist eine unglaublich große Unterstützung für mich, aber trotzdem wird es knapp. Eigentlich sollte ich auch gar nicht hier mit dir durch den Park flanieren, weil mir die Zeit davonrennt. Ende der Woche will Hazuki den Romanentwurf auf dem Tisch liegen haben und mir fehlt noch circa ein Viertel.“
Miya riss die Augen auf und schaute ihn ungläubig an. „Du machst Scherze oder? Bis Ende der Woche sind es noch drei Tage. DREI! Was machst du hier draußen und quatscht mit mir? Rein, los, hinter den Computer!“ Mit erstaunlicher Kraft packte Miya ihn am Oberarm und schleifte ihn hinter sich her zurück ins Haus. Tatsuro ließ es geschehen. Um ehrlich zu sein, war er sogar froh um die Panik seines Freundes, denn nur so würde er sich aufraffen können, weiterzuschreiben. Seine Finger fühlten sich seit Tagen verkrampft an, sein Nacken war, trotz Yukkes göttlicher Massagen, schon wieder ein einziger Haufen steinharter Muskeln, und jeden Morgen begannen seine Augen bereits wenige Minuten nach dem Aufwachen zu brennen. Wenn er ehrlich war, war er völlig ausgelaugt– mental und körperlich – aber er durfte nicht aufgeben. Nicht jetzt, wo er so kurz vorm Ziel stand.
Zurück im Arbeitszimmer klemmte er sich hinter den Computer, während Yukke, Miya und Satochi Kriegsrat auf dem Sofa zu halten schienen. Er hörte sie leise miteinander reden, nahm das Rascheln von Blättern und das gelegentlich zustimmende Brummen eines der Beteiligten wahr. So vergingen die Stunden, unterbrochen nur kurz vom gelegentlichen Glas Wasser, einem Toilettenbesuch oder dem Abendessen, um das seine drei Freunde sich gekümmert hatten. Alles in allem machten sie ihm das Schreiben so angenehm wie möglich und trotzdem fühlte es sich so an, als würde er sich nur im Kreis drehen. Die Kapitel wurden länger, immer wieder fiel ihm etwas auf, das er zu Beginn des Schreibprozesses noch anders geplant hatte, das aber nun nicht mehr mit der Entwicklung der Geschichte zusammenpasste. Also sprang er kapitelweise zurück, änderte mal große, mal kleine Dinge und verbrannte damit wertvolle Zeit, die er eigentlich dafür nutzen sollte, den Roman fertig zu erzählen.
„Ich prokrastiniere und ich hasse es!“, rief er irgendwann, als sich seine Gedanken ineinander verhakten und jedes einzelne Wort nur noch zäh wie Honig durch seine Gehirnwindungen floss. „Ich kann nicht mehr.“ Ermattet ließ er den Kopf auf die verschränkten Arme sinken und hatte gerade noch genug Hirnleistung übrig, die Tastatur ein Stück aus dem Weg zu schieben, um sein Dokument nicht auch noch mit sinnlosem Kauderwelsch zu füllen.
„Dann lass es gut sein für heute“, sagte Yukke leise und keinen Augenblick später fühlte Tatsuro zärtliche Finger, die ihm durch die Haare fuhren. „Es ist schon halb zwei.“
„Halb zwei?“, echote er ungläubig und hob den Kopf, nicht ohne sein Gesicht zu verziehen, als ein stechender Schmerz durch seinen Nacken jagte. „Sind Satochi und Miya noch da?“
„Nein.“
„Oh, ich habe gar nicht mitbekommen, dass sie gegangen sind.“
„Das war auch Sinn und Zweck der Sache, wir wollten dich nicht stören.“
„Sato meinte, er kommt morgen früh und bringt Frühstück vorbei, Miya schlägt dann am Nachmittag hier auf, um zu helfen.“
„Um zu helfen?“ Tatsuro fühlte sich wie ein defektes Aufnahmegerät, das nur noch in der Lage war, den letzten Teil einer Konversation stupide zu wiederholen. „Was habt ihr eigentlich die ganze Zeit über gemacht?“
„Alle Kapitel, die du ausgedruckt hast, schon mal auf Logikfehler durchgelesen.“
Tatsuro seufzte. „Danke, aber damit könnt ihr dann morgen gleich von vorn anfangen. Ich hab einiges geändert.“
„Kein Problem“, sagte Yukke und klang dabei so optimistisch, dass sich ein kleiner Teil der Last, die seit Beginn ihrer Gefangenschaft auf Tatsuros Schultern lag, langsam zu lösen begann. „Was würde ich nur ohne euch tun? Was würde ich ohne dich tun?“, murmelte Tatsuro und drehte seinen Stuhl so um, dass er den Kopf gegen Yukkes Bauch pressen konnte. Yukke schlang die Arme um ihn und so verharrten sie für eine ganze Weile, bis sein kleiner Skaterboy flüsternd das Schweigen brach.
„Ohne mich wärest du nie in diese Lage gekommen.“
Wieder hob Tatsuro den Kopf und stand im nächsten Moment auf, um Yukke nun seinerseits fest in die Arme zu schließen.
„Das mag stimmen, aber um ehrlich zu sein, will ich mir nicht vorstellen, wo ich heute ohne dich wäre.“ Er schob Yukke leicht von sich, grinste ihn an und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Lass uns schlafen gehen, okay? Ich bin durch für heute.“
„Okay. Verrätst du mir, was du mit Miya besprochen hast?“
„Hat er dir nichts erzählt?“
„Nein, er hat sich ausgeschwiegen und nur gemeint, dass wir das gemeinsam bereden sollen.“
„Guter Mann“, murmelte Tatsuro schmunzelnd und wandte sich ein letztes Mal zum Computer um, um alle Dokumente zu speichern, die Sicherungskopie zu Aktualisieren und das Gerät dann endlich herunterzufahren.
„Verrätst du es mir nun?“
„Mh, eigentlich wollte ich damit warten, bis wir wieder zu Hause sind, aber gut, lass uns im Bett darüber reden, okay?“ Schwungvoll zog er Yukke gegen seine Seite, legte ihm einen Arm um die Schultern und dirigierte ihn aus dem Arbeitszimmer. Seine kleine Muse kicherte, schmiegte sich an ihn und Tatsuro wollte ihm gerade einen Kuss auf die Stirn drücken, da hörte er Schritte, die sich ihnen näherten.
„Wie praktisch, ihr seid noch wach.“
Ein unangenehmer Schauer rann Tatsuro über den Rücken und Yukke versteifte sich prompt in seinen Armen.
„Hazuki“, knurrte Tatsuro. „Du bist also auch wieder da. Ich kann nicht behaupten, mich darüber zu freuen.“ Letzteres hätte er sich besser verkneifen sollen, aber verdammt, er war müde und überarbeitet, da funktionierten seine sozialen Filter nur noch mit extremer zeitlicher Verzögerung.
Hazuki presste die Lippen aufeinander; beinahe blutleere Lippen in einem erschreckend blassen Gesicht, wie Tatsuro erneut feststellen musste.
„Ich verbitte mir diesen Tonfall in meinem Haus.“
„Tust du das, ja?“, fragte Tatsuro lauernd und ging seinerseits einen Schritt auf den anderen zu, nicht ohne aber vorher Yukke hinter sich zu schieben. „Und was genau willst du dagegen tun? Mir den Mund verbieten? Das wäre ganz dein Stil, nicht wahr? Aber ich hab eine bessere Idee: Lass Yukke und mich gehen und schreib deinen Roman selbst, dann brauchst du dich nicht über meinen Umgangston echauffieren.“
„Das würde dir so passen.“
Tatsuro schwieg und starrte den älteren Mann unverwandt an. Hazuki seinerseits seufzte kaum hörbar und gab seine angriffslustige Körperhaltung auf.
„Wie dem auch sei“, sagte er plötzlich so nonchalant, als wären er und Tatsuro nicht gerade kurz davor gewesen, sich an die Gurgel zu gehen. In Tatsuros Fall hatte dieses Verlangen definitiv noch bestand und es kostete ihn einiges an Selbstbeherrschung, seine zu Fäusten geballten Hände wieder zu lockern.
„Ich wollte dich darüber informieren, dass ich den Romanentwurf schon Sonntagfrüh auf meinem Schreibtisch haben will. Mein Terminkalender ist voll und Zeit ist Geld, wie du weißt. Sollte ich damit zufrieden sein, könnt ihr gehen, wenn nicht, finden wir sicher eine Übereinkunft.“
Tatsuro presste die Zähne so fest aufeinander, dass seine Kiefermuskulatur zu protestieren begann.
„Was soll das heißen: Wir können gehen, wenn du zufrieden bist? Das war so nicht vereinbart. Ich habe zugesagt, den Roman zu schreiben, ohne weitere Bedingungen. Wenn dir nicht passt, was ich aufs Papier bringe, mach es selbst!“ die letzten Worte hatte er Hazuki ins Gesicht geschrien. Wer brauchte schon Selbstbeherrschung? Wer legte wert darauf, den Schein zu wahren? Er sicher nicht mehr. Er hatte die Schnauze dermaßen voll …
„Tatsue, nicht“, flüsterte Yukke hinter ihm und legte ihm eine Hand beruhigend zwischen die Schulterblätter. „Lass dich auf nichts ein, das will er doch nur provozieren.“
Hazuki lachte in sich hinein und zog sich in Yukkes Richtung gewandt einen imaginären Hut vom Kopf.
„Chapo. Wenigstens die kleine Muse hat verstanden, wer hier am längeren Hebel sitzt.“
Tatsuro spürte, wie sich Yukkes ganzer Körper anspannte und beschloss, dass sie dieser Situation entkommen mussten, bevor er tatsächlich alles noch schlimmer machte. Er fühlte den Faden seiner Zurückhaltung unter der Last vibrieren und wusste, dass es nur noch ein Wort, eine Tat Hazukis bedurfte und er würde reißen.
„Lass uns gehen, Yukke.“
Er drehte sich um, legte demonstrativ seinen Arm um Yukkes Mitte und ging in Richtung des Gästezimmers davon, ohne Hazuki auch nur noch eines Blickes zu würdigen.
„Sonntagfrüh, Tatsuro, und vergiss nicht, wer hier das Sagen hat!“
Er konnte nicht. Er konnte Hazukis Provokationen nicht auf sich sitzen lassen. Abrupt blieb er stehen, wirbelte herum und pflasterte ein falsches Lächeln auf sein Gesicht.
„Ach Hazuki“, sagte er süßlich und legte den Kopf schief, als könnte er kein Wässerchen trüben. „Ich an deiner Stelle wäre etwas vorsichtiger mit meinen Drohungen. Nur so ein Tipp am Rande. Aber du kennst das Problem mit diesen lästigen Schreibblockaden sicher auch, oder? Wäre doch nicht auszudenken, wenn du durch deine Worte so eine Blockade in mir auslöst. Immerhin scheinst du es ja sehr eilig zu haben. Yukke und ich sind zwar nicht unbedingt begeistert davon, länger als nötig deine Gäste zu sein, aber wie du selbst schon festgestellt hast, eigentlich haben wir hier ja alles.“ Tatsuros Lächeln weitete sich zu einem bösen Grinsen aus. „Wäre doch eine Schande, wenn wir doch noch auf den Geschmack kämen, hier wie die Maden im Speck zu leben, und deine Deadline bis Sonntagfrüh …“, er machte Anführungszeichen in der Luft, „so ein wenig ins Hintertreffen geraten würde, oder?“
„Das wagst du nicht“, knurrte Hazuki und kam einen Schritt auf Yukke und ihn zu.
„Fordere mich heraus und du wirst es feststellen.“
Tatsuro sah seinem Gegenüber direkt in die Augen. Augen, die er einst so sehr geliebt hatte und die er heute kaum wiedererkannte.
„Geht mir aus den Augen“, flüsterte Hazuki in diesem Moment und Tatsuro konnte nicht anders, als sich übertrieben unterwürfig zu verneigen, bevor er erneut in Richtung des Gästezimmers davonging. Diesmal sagte Hazuki nichts mehr und Tatsuro fragte sich im Stillen, ob das nun eine gute Sache war oder nicht.
„Warum tut er das?“, wollte er an niemand bestimmten gerichtet wissen, als Yukke und er endlich die Tür des Gästezimmers hinter sich schließen konnten. „Was bringt ihm das?“
„Genugtuung, schätze ich“, murmelte Yukke und ließ sich auf die Bettkante sinken. „Du hättest das nicht tun sollen, Tatsue.“ Sein Freund sah blass aus, und als er sich nun das T-Shirt über den Kopf zog, konnte Tatsuro sehen, dass seine Finger zitterten. Yukke hatte Angst, und wenn Tatsuro ehrlich war, hatte er die auch. Was, wenn Hazuki der Roman tatsächlich nicht gefiel? Natürlich hatte er gerade großspurig behauptet, ihm würde es nichts ausmachen, länger hierbleiben zu müssen, aber das war eine Lüge. Eine riesige Lüge und allein die Vorstellung, weitere Tage oder sogar Wochen in diesem Haus gefangen zu sein, ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Yukke und er waren voll und ganz von Hazuki abhängig. Sie hatten nichts in der Hand, um sich gegen jegliche Art von Willkür zur Wehr zu setzen. Hazuki hatte die Musenträne und damit die Macht darüber, wo Yukke sich aufhalten konnte.
Gedankenversunken richtete er den Blick aus dem Fenster, aber konnte nichts weiter, als seine eigene Spiegelung im Glas wahrnehmen.
„Denkst du, er hat die Musenträne gerade bei sich getragen?“
„Mh?“ Yukke blinzelte in seine Richtung und war in diesem Moment eindeutig mit den Gedanken ganz wo anders. Zu verdenken war es ihm nicht. „Was meinst du?“
Tatsuro lächelte gequält und zuckte mit den Schultern. „Ich rede von Hazuki. Konntest du vielleicht spüren, ob er die Träne eben einstecken hatte?“
„Ich …“ Yukkes Nase kräuselte sich, wie sie es immer tat, wenn seine kleine Muse schwer überlegte. Trotz ihrer misslichen Lage wurde es Tatsuro bei diesem Anblick ganz warm ums Herz. Verdammt, er liebte diesen Mann so sehr. „Ich hab nicht aufgepasst, ich war von eurem Schlagabtausch abgelenkt. Tut mir leid. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht einmal, ob ich unterscheiden könnte, ob die Träne nur irgendwo hier im Haus ist oder ob er sie sogar um den Hals trägt. Ich bin noch nie in die Verlegenheit gekommen, so genau darauf achten zu müssen.“
„Aber du kannst fühlen, dass die Musenträne in der Nähe ist.“
„Ja, das auf jeden Fall.“
„Gut, dann achte mal darauf, was du fühlen kannst, wenn Hazuki das nächste Mal unterwegs ist. Vorausgesetzt er lässt uns jetzt überhaupt noch allein, nachdem ich ihm Kontra geboten habe.“ Tatsuro setzte sich neben Yukke und verbarg seufzend das Gesicht hinter den Händen. „Ich bin so ein Idiot, es tut mir leid.“
Warme Arme legten sich sanft um seine Schultern und Yukke drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel.
„Alles gut. Ich versteh dich ja. Du müsstest schon ein Mönch oder ein Heiliger sein, um Hazukis Provokationen völlig ignorieren zu können.“
„Danke“, murmelte er und vergrub sein Gesicht an der duftenden Haut von Yukkes Halsbeuge. „Ich will einfach nur, dass dieser Albtraum endlich vorbei ist. Ich will … ich kann dich nicht verlieren, verstehst du das?“
„Das wirst du auch nicht.“
„Aber was …“ Tatsuro hob den Kopf und wollte seine Frage beenden, aber Yukkes Zeigefinger auf seinen Lippen stoppte ihn.
„Schsch. Das WIRD nicht passieren. Du knallst Hazuki den fertigen Romanentwurf auf den Schreibtisch und er wird davon so begeistert sein, dass er uns quasi aus dem Haus wirft. Wirst schon sehen.“
Tatsuro lächelte und küsste Yukkes Fingerkuppe. „Ich liebe deinen Optimismus.“
„Nur den?“
„Nee. Ich kann aufzählen, was ich alles an dir liebe. Soll ich?“
„Mh, wie verlockend.“ Yukke blinzelte ihn von unten her an und legte nachdenklich den Zeigefinger an die Lippen. „Mmh, wissen will ich das auf jeden Fall, aber … können wir das verschieben, bis wir wieder zu Hause sind?“
„Natürlich.“ Tatsuros Lächeln wurde sanft, als er nach Yukkes vollen Lippen haschte und ihn zärtlich zu küssen begann. „Wenn du es geschickt anstellst, schreibe ich dir die Dinge, die ich an dir liebe, sogar auf. Ist ja schließlich meine Berufung und so.“
„Bring mich nicht auf Ideen.“ Yukke ließ sich nach hinten auf die Matratze sinken, machte sich lang und zog Tatsuro über sich. „Aber eine Frage hab ich noch. Warum soll ich darauf achten, ob ich die Musenträne auch spüren kann, wenn Hazuki nicht da ist?“ Tatsuro zuckte mit den Schultern. „Wir könnten sie zurückholen und endlich von hier verschwinden. Wenn Hazuki nichts mehr gegen uns in der Hand hat, kann er sich seine Drohungen an den Hut stecken.“
„An sich ist das eine gute Idee, aber so funktioniert die Träne leider nicht.“
„Nicht? Aber wieso? Schließlich hat Hazuki sie mir gestohlen und kann nun darüber bestimmen, wo du dich aufhalten musst.“
„Ja, und genau das ist der Haken an der Sache. Hazuki weiß über die Möglichkeiten und Grenzen der Träne Bescheid, anders als du.“ Yukke sah ihn zerknirscht an und senkte den Blick. „Ich hätte viel früher ehrlich mit dir sein müssen, dann hätte ich dir das alles erklären können.“
„Ja, das wäre schön gewesen, ist jetzt aber nicht mehr zu ändern.“ Tatsuro zuckte mit den schultern und ließ sich nicht anmerken, dass der Gedanke, wie wenig Yukke ihm vertraut hatte, immer noch stach, obwohl er verstand, warum seine Muse geschwiegen hatte.
„Tut mir leid.“
„Muss es nicht.“ Wieder küsste er Yukkes Lippen, dann sah er ihm fest in die Augen. „Kannst du mir erklären, wie du das gerade gemeint hast? Wieso hat Hazuki einen Vorteil mir gegenüber, nur weil er weiß, wie die Musenträne funktioniert?“
„Nun ja, sagen wir es so. Hättest du gewusst, dass du ab dem Zeitpunkt, an dem ich dir die Träne gegeben habe, über mich verfügen kannst, hättest du mich quasi an dich binden können. Dann hätte Hazuki mit der Träne auch einen Voodoo-Tanz aufführen können; es wäre ihr egal gewesen und sie wäre nach kürzester Zeit zu dir zurückgekehrt. Da du das aber nicht wusstest, hast du, nun ja, wie soll ich das sagen? Du hast die Träne quasi als Einladung für jeden um den Hals getragen, der weiß, was sie bedeutet, und ihre Macht für sich nutzen will.“
Tatsuro schnappte nach Luft und richtete sich auf. „Wie bitte? Aber warum hast du mir die Träne gegeben, wenn du damit so ein großes Risiko eingehst?“
„Weil …“ Yukke schluckte schwer und richtete sich auf, um ihm wieder ins Gesicht sehen zu können. „Für eine Muse ist es ein Beweis größter Zuneigung, einem anderen die Träne anzuvertrauen. Ich … Ich konnte irgendwie nicht anders. Der Wunsch, dir dieses Geschenk zu machen, war einfach so stark. Miya hat auch schon ganz zu Recht mit mir geschimpft, aber was hätte ich denn machen sollen?“
In den schönen Augen seiner Muse stand die Verzweiflung so deutlich geschrieben, dass sich Tatsuros Herz schmerzhaft verkrampfte. „Komm her“, murmelte er und zog Yukke in seine Arme. „So habe ich das nicht gemeint, entschuldige bitte. Ich hätte das auch einfühlsamer ausdrücken können, aber … Mir war bis gerade ehrlich nicht klar, was für ein unendlich wertvolles Geschenk du mir gemacht hast. Ich wünschte, ich hätte es beschützen können. Denkst du, die Musenträne wird mir jemals verzeihen?“
„Das wird sie, da bin ich mir sicher“, flüsterte Yukke an seiner Halsbeuge und kuschelte sich noch näher. „Schließlich hättest du auch einfach gehen und Hazukis Roman bei dir zu Hause schreiben können. Er hat ja nicht verlangt, dass du hier bei mir bleibst, nur eben, dass du seinen Roman schreibst. Was wäre also dabei gewesen, mich allein zu lassen?“
„Das hätte ich nie getan.“
„Siehst du, das meine ich und das wird auch die Musenträne so sehen.“
„Schon irgendwie witzig, oder?“ Tatsuro schnaubte und grinste in sich hinein.
„Was meinst du?“ Yukke hob den Kopf und sah ihm fragend in die Augen.
„Wir reden hier über eine Musenträne; ein Schmuckstück, wie ich noch vor ein paar Tagen dachte, so, als wäre sie am Leben und hätte einen eigenen Willen.“
„Im Prinzip ist das ja auch so.“
Tatsuro öffnete den Mund und schloss ihn wieder, während ihm zahlreiche Momente durch den Kopf gingen, an denen er die Träne getragen und sich gänzlich unbedarft allein geglaubt hatte. Tatsuro fühlte, wie seine Ohren heiß wurden.
„Hey, Tatsue, alles gut.“ Jetzt war es an Yukke, ihn anzugrinsen. „Die Träne denkt nicht wie du und ich, aber sie ist auf ihre ganz spezielle Art und Weise lebendig. Du brauchst jetzt also nicht rückwirkend einen Anfall von falscher Scham zu bekommen.“ In den Augen seiner Muse funkelte der Schalk, als er ihm leicht gegen die Brust schlug. „Gestehe. Was hast du angestellt?“
„Das, meine liebe Muse, bleibt allein mein Geheimnis. Nun ja, meines und das deiner Träne.“
„Unfair.“
„Nö, so etwas nennt man Eigenschutz.“
„Ich nenne es trotzdem unfair.“
„Wie du meinst.“
„Lass uns schlafen, mh?“
„Gute Idee.“
Tatsuro verschwand kurz im Bad, um sich die Anstrengung des Tages vom Körper zu waschen, und als er zurückkam, lag Yukke bereits unter der Decke und atmete tief und gleichmäßig. Eine ganze Weile blieb er mitten im Raum stehen und betrachtete seinen Skaterboy, seine Muse, seine … Liebe, bis sich sein Herz mit so vielen Gefühlen für dieses wundervolle Wesen füllte, dass er es kaum noch aushielt. Er hätte Yukke niemals allein bei Hazuki lassen können und jedes unschöne Aufeinandertreffen zwischen ihm und seinem Ex-Partner, jede noch so anstrengende Schreib-Session waren es wert, seine Muse beschützen zu können.
Leise gähnend schlüpfte er unter die Decke, löschte das Licht und seufzte glücklich, als Yukke sich im gleichen Augenblick an ihn kuschelte.
Yukke war alles wert, so was von.