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Heartbeat

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Statt an meinen anderen Geschichten weiterzuschreiben, entspringt meinem wirren Geist eine ganz Neue xD
Dieses Mal AU, wird allerdings in 3 bis 5 Kapiteln abgeschlossen sein. Viel Spaß! Komplett anzeigen

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Ablenkung

Der Bass vibrierte durch meinen gesamten Körper, während in der Luft ein Geruch von Bier, Schweiß und billigem Aftershave lag. Das Licht flimmerte im Takt zur Musik, nicht wirklich meine Richtung, aber ich hatte mir ohnehin vorgenommen, etwas Neues auszuprobieren. Wobei vorgenommen zu viel gesagt war. Crow hatte mich fast schon genötigt mit ihm und Sherry in diesen Club zu gehen. Wieder ließ ich meinen Blick über die Tanzfläche schweifen, doch in der Masse konnte ich keinen der beiden ausmachen. An der Bar, an der ich stand, hatte man einen guten Ausblick auf den Eingang. Minütlich wanderte mein Blick dort hin, dann wieder auf mein Handy. Wo stecken die Beiden? Wir wollten uns vor gut einer halben Stunde hier treffen, und noch immer hatte ich keine Nachricht bekommen. Plötzlich ploppte eine Benachrichtigung auf. Crow.
 

Hey, man. Tut mir Leid, wir wurden aufgehalten. Kann noch ein bisschen dauern. Wir beeilen uns!
 

Seufzend steckte ich mein Handy weg. Jetzt drehte ich mich doch um und versuchte den Barkeeper auf mich aufmerksam zu machen. „Neu in der Stadt?“ Mein Kopf schnellte zur Seite, ich lehnte mich etwas weg. Der Typ, der mir die Frage gestellt hatte, war mir unheimlich nah. Ein belustigtes Grinsen legte sich auf seine Lippen. „Sorry, wollte dich nicht erschrecken. Ich hab dich hier nur noch nie gesehen. Ich bin Nico, mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Yusei“ antwortete ich zögerlich, schielte noch einmal zu dem Barkeeper, der alle Hände voll zu tun hatte.

„Bist du allein hier?“ Ich hatte Mühe, ihn durch die laute Musik zu verstehen. Wieder sah ich zu dem Kerl. Der Muskelprotz war sicher einen Kopf größer als ich, mit dunklen, kurzen Haaren.

„Nein, ich warte auf meine Freunde.“ Endlich bemerkte mich der Barkeeper und ich bestellte ein Bier. Dieser Nico machte zwei draus und bezahlte.

Irritiert bedankte ich mich, doch er winkte ab. „Schon gut. Willst du tanzen?“

Missmutig sah ich zur Tanzfläche. Dicht an dicht drängten sich die Partygänger und bewegten sich unkoordiniert in der Masse. Früher war ich schon nicht gern in solchen Clubs, warum hatte mich Crow dazu breitschlagen wollen? Ich sah wieder zu dem Typen. „Nein, Danke. Ich warte lieber.“

„Ach komm schon. Hier allein zu sitzen, ist doch langweilig. Amüsieren wir uns lieber!“

Mit jedem seiner Worte kam er mir schon wieder so unheimlich nah, dass ich seinen Alkoholatem riechen konnte. Was will der Kerl? Macht er mir etwa Avancen? „Danke, aber nein“ hielt ich dagegen. Versuchte noch einen Schritt zurückzusetzen, spürte aber einen Barhocker in meinem Rücken.

Plötzlich legte ein zweiter Typ Nico einen Arm über die Schultern, zog ihn so ein wenig von mir weg. „Hey, wo bleibst du denn so lange?“

„Ich bin beschäftigt!“ entgegnete er genervt.

Der Typ musterte mich einen Augenblick, dann drehte er sich zu seinem Freund. „Das seh ich, aber Frischfleisch kannst du dir später angeln. Danny will mit dir reden!“

Frischfleisch? Wo bin ich hier gelandet? Nico rollte mit den Augen und beugte sich, aber nicht ohne mir zuzuzwinkern, ehe er verschwand. Was zum Teufel ist gerade passiert? Ich atmete erleichtert auf, als die beiden in der Masse untergingen und fischte mein Handy aus der Tasche.
 

Ich gebe euch 30 Minuten, dann bin ich hier weg.
 

Genervt ließ ich das Gerät wieder in der Tasche verschwinden, schnappte mir mein Getränk und zog mich in den hinteren Teil des Clubs zurück. Dort war der Bass nicht ganz so allgegenwärtig. Ich setzte mich an einen der kleinen Tische und beobachtete das bunte Treiben. Die meisten Kerle auf der Tanzfläche sahen weit jünger aus als ich. Zwanzig, wenn es hoch kam. Moment mal… Ich suchte die komplette Tanzfläche ab, die Bar, die restlichen Tische. Ich sah tatsächlich keine einzige Frau. Statistisch äußerst unwahrscheinlich, es sei denn… Ich holte mein Handy wieder raus und tippte den Namen des Clubs in die Suchmaschine ein. Ein unwilliges Brummen entkam mir. Crow hatte mich tatsächlich in einen Schwulenclub geschickt. Das erklärte auch, warum dieser Nico von meiner sexuellen Orientierung wusste.

Ich ließ das Handy liegen und schnappte mir die Flasche, die vor mir stand. Seit Monaten lag mir Crow in den Ohren, dass ich doch mal wieder rausgehen sollte, um neue Leute kennenzulernen. Heute hatte er es anscheinend selbst in die Hand genommen und mich ohne mein Wissen in diesen einschlägigen Club gelockt. Dabei hatte ich nur zugestimmt, damit er und Sherry endlich Ruhe gaben. „Ist hier noch frei?“ Ich sah auf. Der Kerl war in etwa mein Alter, mit schulterlangem, blondem Haar. Mit einer Handgeste bedeutete ich ihm, dass er sich setzen konnte. „Danke“ sagte er mit einem freundlichen Lächeln und ließ sich seufzend auf den Stuhl mir gegenüber sinken. „Ist echt voll hier, hätte ich nicht erwartet. Was führt dich eigentlich hier her?“

„Ich warte auf jemanden“ antwortete ich bewusst vage. Auf so eine Unterhaltung wie eben konnte ich gut und gern verzichten.

Er zuckte mit den Schultern und war mit seiner Aufmerksamkeit wieder auf der Tanzfläche. Kurz sah ich auf mein Handy, aber ich hatte keine neue Nachricht erhalten. Sollte Crow in den nächsten 25 Minuten hier auftauchen, werde ich ihn ordentlich zusammenfalten. Was denkt er sich dabei? Ja, die ganze Sache war schon zwei Jahre her, aber konnte er nicht einsehen, dass es mich immer noch mitnahm? Wieder drifteten meine Gedanken zu den grauen Augen, die mich so warm anstrahlten. Seinem liebevollen Lächeln. Jedem noch so blöden Witz, über den er herzhaft lachen konnte. Unsere Hochzeit…

„Geschieden?“ riss mich eine Stimme aus meinen Erinnerungen. Irritiert sah ich auf. Der blonde Kerl sah mich abwartend an, deutete auf mich. „Der Phantomring.“ Langsam wanderte mein Blick auf den Tisch. Ich spielte schon wieder mit meinem Finger. An der Stelle, an der bis vor kurzem noch mein Ehering steckte. Schnell zog ich die Flasche an mich, puhlte stattdessen an dem Etikett. „Hatte ich auch ne Weile“ meinte er und setzte seine eigene Flasche an. „Aber das vergeht irgendwann. Wie lange warst du verheiratet?“

„Fast vier Jahre“ antwortete ich geknickt. Betrachtete das beschädigte Etikett, ohne es eigentlich zu sehen.

Eine Hand legte sich auf meine, zwang meinen Blick wieder nach oben. Der Mann lächelte aufmunternd. „Fühlt sich jetzt vielleicht nicht danach an, aber das vergeht wieder. Sich abzulenken tut manchmal ganz gut, aber gib dir die Zeit, die du brauchst.“

Ein kleines Schmunzeln schlich sich auf meine Lippen. „Danke.“ Kurz stutzte ich. Hat er mir seinen Namen schon verraten?

Sein Lächeln wuchs zu einem fröhlichen Grinsen, seine Hand entfernte sich wieder. „Breo.“

„Danke, Breo. Ich bin Yusei.“

„Freut mich. Was machst du eigentlich hier? Du siehst aus, als hätte man dich hier her gezwungen.“

Ich schnaufte belustigt. „Kann man so sagen, ja. Was ist mit dir?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich dachte es wäre ganz lustig, mal rauszukommen und neue Leute kennenzulernen, aber die Musik ist echt nicht meins. Spaßiger als im Büro ist es aber allemal.“

„Welchen Job hast du denn?“

„Den wahrscheinlich langweiligsten, den du dir vorstellen könntest. Rate mal.“

Einen Augenblick überlegte ich. Langweilige Bürojobs gab es wahrscheinlich wie Sand am Meer. „Bänker?“ riet ich ins Blaue.

Er gluckste belustigt. „Nein, vermutlich sogar noch langweiliger. Ich bin Steuerberater.“

„Also den ganzen Tag nur Quittungen durchblättern und Formulare ausfüllen?“ fragte ich zweifelnd.

„So ähnlich, aber es zahlt mir die Miete, also kann ich mich nicht beschweren. Was ist mit dir?“

„Ich habe eine kleine Werkstatt. Spezialisiert auf Motorräder.“

„Wie cool! Wo denn genau? Dann komme ich mit meiner Maschine mal rum. Die macht zurzeit nur Ärger.“

„Inwiefern?“ fragte ich interessiert.

Ehe er ausholen konnte, gesellte sich plötzlich ein Rotschopf zu uns und wandte sich an Breo. „Hey, bist du soweit? Jean und ich wollen weiterziehen.“

Unschlüssig sah mich der Blonde an. Ich schmunzelte. „Schon okay, meine Freunde sollten sowieso gleich hier auftauchen.“

Er nickte verstehend, kramte nach irgendetwas in seiner Hosentasche und hielt es mir entgegen. „Hier, falls du mal Hilfe bei deiner Steuer brauchst. Oder vielleicht einfach jemanden zum Reden.“

„Schlechtester Anmachspruch der Welt“ feixte seine Begleitung und auch ich musste schmunzeln, nahm die kleine Visitenkarte in seiner Hand entgegen.

Er hob die Hand, salutierte locker mit zwei Fingern. „Also, man sieht sich hoffentlich.“

Auch ich hob die Hand kurz zum Abschied. Sah ihm und seinem Freund nach, bis sie von der Masse verschluckt wurden. Mein Blick wanderte zu meinem Handy. Die kleine Nachrichtenleuchte blinkte. Crow hatte mir geschrieben.
 

Sorry, wir schaffen es wohl doch nicht mehr. Aber ich mach es irgendwann wieder gut, versprochen!
 

Abermals seufzte ich und steckte das Handy weg. Zumindest war der Abend keine komplette Zeitverschwendung. Immerhin ein nettes Gespräch kam dabei rum. Nachdem ich mein Getränk geleert hatte, machte ich mich auf den Weg zur Bar, um die Flasche abzugeben. Als ich mich umdrehte, stellte sich mir eine Gestalt entgegen. Ich musste meinen Kopf heben, um dem Kerl ins Gesicht zu sehen. Es war der Typ von vorhin. Wie hieß er gleich? Nico. „Willst du schon gehen?“ fragte er. In jeder Hand hatte er einen kleinen Plastikbecher mit durchsichtigem Inhalt. Vermutlich zwei doppelte Wodka.

„Ja, ich bin müde“ versuchte ich mich aus der Affäre zu ziehen. Mein Blick wanderte Richtung Ausgang, doch wieder stellte er sich mir in den Weg.

„Der Abend ist doch noch jung. Hier!“ Mit einem schleimigen Lächeln hielt er mir einen der Shots entgegen.

„Nein, Danke. Ich würde jetzt wirklich gern gehen.“

„Zier dich nicht so.“

Ich atmete tief durch. Was ist der Typ so aufdringlich? „Ich sagte nein“ entgegnete ich bestimmt.

Sein Lächeln erstarb. Angriffslust meinte ich in seinem Blick zu erkennen. Ohne mich aus den Augen zu lassen, führte er den Becher, den er mir entgegenhielt, langsam zu seinen Lippen. Kippte den Inhalt mit einem Zug in seinen Mund. Ob er es jetzt begriffen hat? Ich versuchte mich an ihm vorbei zu winden, doch plötzlich packte er mich im Nacken und zog mich grob zu sich. Drückte mir einen harten Kuss auf die Lippen. Ich keuchte erschrocken, schmeckte im nächsten Moment den harten Alkohol, der in meinen Mund floss. In meinem Rücken war die Bar, wegdrücken konnte ich ihn nicht, dafür war er zu stark. Er gab mich nicht frei, bis ich den Inhalt runterschluckte. Als er sich endlich von mir löste, drehte ich hustend mein Gesicht von ihm weg. „Spinnst du?“ keuchte ich, versuchte noch immer zu Atem zu kommen. Er setzte den zweiten Becher an. Ich hatte schon Angst, dass er das Selbe noch einmal versuchen würde, doch den Inhalt schluckte er dieses Mal selbst.

Wieder legte sich ein Grinsen auf seine Lippen. „Entspann dich.“
 

Ich geb dir gleich entspannen! Mein Herz raste, endlich tat sich eine Lücke auf, durch die ich hindurchschlüpfen konnte und stolperte Richtung Ausgang. Auf dem Flur sah ich mich kurz um und hastete auf die Toilette. Spülte mir am Waschbecken den Mund aus, um diesen seltsam seifigen Geschmack loszuwerden. Mit beiden Händen stützte ich mich am Rand des Beckens ab, um mein Herz und meinen Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen. Mir war schlagartig heiß. Ein seltsamer Schwindel vernebelte meine Gedanken. „Brauchst du Hilfe?“ Ich riss die Augen auf. Zitterte. Der Atem in meinem Nacken stellte mir die feinen Härchen dort auf. Mehr schlecht als recht stolperte ich auf die Tür zu, riss sie auf und rannte an den Garderoben vorbei auf die Straße. Der kalte Märzregen ergoss sich erbarmungslos auf die Straßen. Die Kälte fraß sich durch meine Kleidung, konnte den Nebel in meinem Kopf und die Hitze in meinem Körper aber nicht vertreiben. Dabei hatte ich kaum etwas getrunken. Was ist nur los? Wieder ergriff ein starker Schwindel von mir Besitz. Ich stützte mich an der Wand ab, versuchte so irgendwie zur nächsten Haltestelle zu kommen. Plötzlich zerrte irgendjemand an meinem Arm, bugsierte mich in die nahegelegene Gasse und drückte mich gegen die Wand. Nico hatte sich vor mir aufgebaut, lächelte verschlagen. Ich versuchte ihn wegzudrücken, aber meine Gegenwehr kam mir lächerlich schwach vor. „Verschwinde“ versuchte ich ihn anzuschreien, doch war es nur ein kraftloser Versuch. Ich konnte seine Hand an meinem Hintern fühlen, versuchte noch einmal vergeblich ihn wegzudrücken. „Pfoten weg!“ keuchte ich. Im nächsten Moment spürte ich seine Lippen auf meinen. Die Hand an meinem Hals machte es mir unmöglich, meinen Kopf wegzudrehen. Fordernd drückte er mich weiter an die Wand. Als er mir in den Hintern kniff, keuchte ich erschrocken. Diesen Moment nutzte er, um mir seine Zunge in den Hals zu schieben. Seine Hand wanderte von meinem Hintern über meine Hüfte. Schob sich unter den dünnen Stoff meines Pullovers. Sie war rau, verschaffte mir eine Gänsehaut, wie sie über die Haut an meinem Bauch fuhr. Ich versuchte weiter mich zu wehren, erfolglos. Als seine Hand über meinen Schritt fuhr, wurde mein Stöhnen von seinem fordernden Kuss verschluckt. Mein Körper reagierte wie von selbst auf seine Berührungen und ich verstand beim besten Willen nicht warum.
 

„Lass ihn los!“ erklang eine mir bekannte Stimme. Es war, als käme sie direkt aus der Vergangenheit. Endlich löste er den Kuss und ich schnappte verzweifelt nach Luft, versuchte irgendwie zu Atem zu kommen.

„Was willst du? Verzieh dich!“ keifte Nico.

Langsam öffnete ich meine Augen, erkannte verschwommen eine Gestalt. Der blonde Mann hielt einen Regenschirm in der Hand, stand wenige Schritte von uns entfernt. „Ich hab gesagt, lass ihn los!“

Ich musste mehrmals blinzeln, erkannte ihn. „Jack?“ murmelte ich. Doch dann verschwamm meine Welt gänzlich.

Erwachen

Nur langsam gelang es mir meine Augen zu öffnen. Mein Kopf war schwer, ein dumpfer Schmerz ließ mich leise stöhnen. Ich lag auf dem Rücken, meinen Kopf zur Seite gedreht. Als ich meine Umgebung bewusst wahrnahm, sah ich mich um, ohne jedoch meinen Kopf zu bewegen. Aus Angst, mich übergeben zu müssen. Ich kannte keines der Möbelstücke. Auch das Bett, in dem ich lag, war mir unbekannt. Was ist passiert? Wo bin ich? Angestrengt versuchte ich mich an den Abend zu erinnern. Ich war in diesem Club. Crow hatte mir geschrieben, dass er nicht mehr kommen würde. Dann hatte mich dieser Kerl an der Bar geküsst. Er war mir nach draußen gefolgt. Hatte mich bedrängt, und dann… Nichts. Als hätte irgendjemand die Erinnerung aus meinem Kopf geschnitten. Ich fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht, drehte langsam meinen Kopf. Zum Glück wurde der Schwindel nicht stärker, auch die Übelkeit hielt sich in Grenzen. „Auch schon wach?“
 

Ich zuckte furchtbar zusammen, versuchte etwas Platz zwischen mich und die Stimme zu bringen und fiel dabei samt Decke vom Bett. Ich stöhnte schmerzerfüllt, als ich auf dem harten Boden landete. Langsam richtete ich mich ein Stück auf und massierte meine Hüfte, auf der ich aufgekommen war. Mit schrecken fiel mir dabei auf, dass ich komplett nackt war. „Ausgenüchtert?“ fragte wieder jemand. Ich hob meinen Blick. Musste die Augen zusammenkneifen, weil ich nicht glauben konnte, wer neben mir im Bett lag. „Jack?“ vergewisserte ich mich irritiert.

„Sag bloß, du hast einen Filmriss.“

Noch immer verwirrt kämpfte ich mich wieder auf die Matratze und legte mich hin. Bedeckte schnell das Nötigste. Die Aktion hatte meinem dröhnenden Kopf nicht wirklich gut getan. „Wo sind wir?“

„Also doch Filmriss“ sagte er mehr zu sich selbst. Ich sah ihn ernst an, versuchte dabei die Hitze in meinem Gesicht zu ignorieren. Ich hätte vor Scham im Boden versinken können. Er hatte sich mit dem Ellbogen im Kissen abgestützt und lag auf der Seite, den Kopf in seiner Hand gebettet. „Ich hab dich gestern Abend mit zu mir genommen. Du warst komplett neben der Spur. Wie viel hast du bitte getrunken, dass du nichts mehr weißt? Du warst doch sonst immer so abstinent.“

„Ich hab nichts getrunken!“ verteidigte ich mich. „Ein Bier, das war’s.“

Skeptisch musterte er mich. Erst jetzt fiel mir auf, dass er unter der dünnen Decke, die nur seine intimsten Stellen verdeckte, wohl ebenfalls nichts an hatte. Oh, bitte sag mir nicht, wir hatten Sex! Erneut fingen meine Wangen Feuer. Ich drehte meinen Kopf, legte mir den Arm übers Gesicht und seufzte ergeben. „An wie viel erinnerst du dich noch?“ fragte er.

„Keine Ahnung“ murmelte ich. Bildfetzen drangen in meinen müden Geist. Der Kerl fasste mir in den Schritt, dann tauchte Jack plötzlich auf. Er hatte uns gesehen und griff ein. Vorsichtig lugte ich unter meinem Arm zu ihm. Er sah mich abwartend an. „Nachdem du in der Gasse aufgetaucht bist, weiß ich nichts mehr.“

„Und was war davor?“

Ich ließ den Arm sinken und starrte angestrengt an die Decke. „Dieser Kerl aus der Gasse hat mir an der Bar einen Kuss aufgedrückt. Dabei hat er mir irgendein Getränk aufgezwungen. Es war widerlich. Vermutlich mit irgendwelchen Drogen gepanscht, anders kann ich mir die Sache nicht erklären. Dann bin ich rausgerannt und er ist mir hinterher. Den Rest weißt allerdings nur du.“ Ernst betrachtete ich ihn. „Klär mich bitte auf. Was ist da gestern passiert?“

Sein Blick war unergründlich, während er mich musterte. „Das mit den Drogen ergibt Sinn. Das würde auch dein Verhalten erklären.“ Langsam wurde ich ungeduldig, doch er setzte zu einer Erklärung an. „Ich hab den Kerl von dir weggezerrt. Als ich mit ihm fertig war, hast du am Boden gehockt und warst fast schon apathisch. Ich dachte, das wäre der Alkohol. Weil du weder Ausweis noch sonst was dabei hattest, wusste ich nicht, wo du wohnst. Also hab ich dich mit nach Hause genommen. Rückblickend wäre ein Krankenhaus wohl die bessere Alternative gewesen.“

Kein Ausweis? Hatte ich in dem ganzen Chaos auch meine Brieftasche verloren? Aber eine andere Frage lag mir dringlicher auf der Zunge. Wieder wurden meine Wangen warm. „Und warum bin ich nackt?“

Ein kleines Grinsen erhellte seine Züge, das mich gleich schlucken ließ. „Als wir hier waren, hast du dich praktisch an meinen Hals geworfen.“

Ich zog die Decke über den Kopf und stöhnte verzweifelt. Inständig hoffte ich, gleich im Boden zu versinken. Sein darauffolgendes Lachen machte die Situation auch nicht besser. Peinlich berührt sah ich ihn wieder an. „Also, hatten wir…“

Er schüttelte belustigt den Kopf. „Nein, keine Angst. Du bist nackt, weil du komplett durchnässt warst. Deine Klamotten sind im Trockner. War allerdings nicht einfach, dich da raus und endlich still ins Bett zu bekommen. Irgendwann hab ich dich in die Decke eingewickelt, dann bist du schnell eingeschlafen.“

Seine Worte beruhigten mich etwas, trotzdem war mir die Sache unendlich unangenehm. „Tut mir wirklich leid.“

Er schüttelte nur den Kopf, sein Blick wurde wieder ernst. „Muss es nicht, aber vielleicht solltest du dich im Krankenhaus mal durchchecken lassen und dann eine Anzeige aufgeben.“

Ich nickte, konnte mir meine folgende Frage aber nicht verkneifen. „Warum hast du eigentlich nichts an?“

Er zuckte mit den Schultern, stand langsam auf. „Ich schlafe immer so.“
 

~*~
 

Nahezu geräuschlos rollten die Räder langsam über den Asphalt, blieben vor dem Eingang zur Notaufnahme schließlich stehen. „Ich kann dich noch reinbringen, aber dann muss ich los“ meine Jack, während er sich abschnallte. Ich nickte flüchtig, betrachtete mit schnell schlagendem Herzen den Eingang zum Krankenhaus. Keinen Ort hasste ich mehr, als diesen hier. Die Tür auf meiner Seite öffnete sich. Überrascht blickte ich auf. War ich so in Gedanken? „Was ist? Abschnallen schaffst du wohl noch.“ Zögerlich drückte ich den Knopf, ließ den Gurt von allein zurückschnellen. Den Kloß in meinem Hals versuchte ich runterzuschlucken. Mit mäßigem Erfolg. Jack stützte mich ab, schlug die Tür hinter mir zu. Ohne seine Hilfe hätte ich es nicht einmal von seiner Wohnung bis zum Auto geschafft.

„Danke“ sagte ich matt. Sah flüchtig zu ihm. „Für einen Rennfahrer war das eine wirklich sanfte Fahrt.“

Er zuckte mit den Schultern, den Blick auf unser Ziel gerichtet. „Ehrlich gesagt, hatte ich einfach keine Lust, dass du mir ins Auto kotzt.“

Ich schnaufte belustigt, ließ mich von ihm zum Wartebereich begleiten. Vorsichtig setzte ich mich. Dieser Schwindel war mehr als anstrengend. „Ich melde dich an, dann muss ich los.“ Wieder nickte ich flüchtig, beobachtete ihn, wie er zum Empfang schritt. Jahre hatten wir uns jetzt nicht gesehen, aber er verhielt sich noch immer wie damals. Schroff, aber führsorglich. Ich schmunzelte. Wenn ich das Crow erzähle, glaubt er mir sicher kein Wort.

Nach wenigen Minuten kam er mit einem Krankenpfleger im Schlepptau zu mir. „Herr, Fudo, würden Sie mich bitte gleich ins Behandlungszimmer begleiten?“ Überrascht sah ich ihn an, warf einen kurzen Blick in den Wartebereich. Da waren sicher ein Duzend Leute vor mir dran.

Wenig später hatte eine Krankenschwester mir mehrere Ampullen Blut abgenommen und einen Zugang gelegt. Sie hatte mir ein Schmerzmittel und etwas gegen die Übelkeit gespritzt. Langsam drehte sich nicht mehr alles und auch die Kopfschmerzen ließen nach. Jetzt lag ich hier, den Oberkörper frei und an einem Tropf angeschlossen, auf dem Behandlungstisch und wartete auf den Arzt. Der Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft, während die grellen Neonröhren auf mich herabschienen. Ungewollt drangen beklemmende Erinnerungen in mir hoch. Mit jeder Minute wurde es schwerer sie zu verdrängen, mein Herz beruhigte sich kaum. Alles in mir schrie danach von hier zu verschwinden, aber ich wusste, dass es vernünftiger war, abzuwarten. Mittlerweile war ich mir ganz sicher, dass dieser Kerl mir irgendwelche Drogen untergejubelt hatte, und ich brauchte die Untersuchungsergebnisse, um ihn dranzubekommen. Wer weiß, wie oft er die Sache schon abgezogen hatte, und sicher kamen nicht all seine Opfer so glimpflich davon wie ich. Zu meiner inneren Unruhe gesellte sich Wut. Bei unserer nächsten Begegnung werde ich nicht mehr so wehrlos sein. Den Überraschungsmoment hatte er gekonnt ausgenutzt.

Ein Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Die Tür zum Behandlungszimmer wurde geöffnet. Überrascht musterte ich die Ärztin. „Aki“ murmelte ich.

Ein dezentes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, konnte die Sorge in ihrem Gesicht jedoch nicht verbergen. „Hallo, Yusei. Lange nicht gesehen.“

Ich hatte ganz vergessen, dass sie in diesem Krankenhaus arbeitete. Sie zog sich einen Rollhocker an die Liege heran und nahm Platz. Steckte eine ihrer roten Strähnen hinters Ohr, während sie das Tablet betrachtete. Schließlich sah sie mich besorgt an. „Ich würde dich gern nochmal abhören und deine Vitalwerte untersuchen.“

„Das hat doch deine Kollegin schon gemacht“ entgegnete ich irritiert.

Doch sie ließ sich nicht beirren, legte mir bereits die Blutdruckmanschette an. „Doppelt hält besser.“
 

Als sie fertig war, tippte sie irgendwelche Daten in das Tablet ein. „Wie lange hab ich noch?“ scherzte ich, um die unangenehme Stille zu durchbrechen.

Das entlockte ihr ein kleines Lächeln. „Mit ausreichend Sport und der richtigen Ernährung, sicher noch um die 70 Jahre.“ Doch dann wurde sie wieder ernst. „Aber dein Blutdruck ist extrem niedrig, bei einem zu hohen Puls. Bis sich das normalisiert hat, bleibst du bitte hier.“

Ich brummte unwillig.

„Ich meine es ernst, Yusei. Die nächsten Stunden stelle ich dich unter Beobachtung.“

„Mir geht’s schon besser“ verteidigte ich mich schwach.

Doch sie hob nur eine Augenbraue.

„Hast du schon die Ergebnisse?“ versuchte ich das Thema zu wechseln.

„Noch nicht alle“ erwiderte sie gedankenverloren. Sah dabei stur auf meinen Arm. Irritiert folgte ich ihrem Blick. Die Haut an meinem Oberarm war gequetscht und begann allmählich, sich bläulich zu verfärben.

„Mir geht’s wirklich gut“ versuchte ich sie zu beruhigen.

Das riss sich anscheinend aus ihren Gedanken. Besorgt musterte sie mich. „Was ist eigentlich passiert? Im Bericht stand nur etwas von kongrader Amnesie und Verdacht auf Drogenkonsum.“

„Unfreiwillig“ stellte ich klar.

Sie nickte verstehend. „Soll ich jemanden von der Polizei herkommen lassen?“

„Nein, lass nur. Ich fahre morgen hin, heute habe ich dafür keinen Nerv.“

Unschlüssig sah sie mich an. Schien anscheinend hin- und hergerissen. Doch sie beließ es dabei. Plötzlich ertönte ein leiser Signalton und sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Tablet. Scrollte durch irgendwelche Berichte.

„Und?“ hakte ich nach.

Sie sah wieder auf. Sorge war in ihrem Blick zu erkennen, auch wenn sie versuchte, es zu verstecken. „Du hast gesagt, du hast unfreiwillig etwas zu dir genommen. Weißt du zufällig, wann das genau war?“

Ich überlegte. Das war kurz, nachdem Crow mir abgesagt hatte. „Gegen elf, schätze ich.“

Sie nickte, sah wieder auf das Gerät in ihrer Hand. „Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sind da. Du wurdest positiv auf Amylnitrit und GHB getestet.“ Dadurch wurde ich auch nicht schlauer und sah sie fragend an. „KO Tropfen“ sagte sie knapp. „Das erklärt auch die Amnesie. GHB wirkt sedierend, in Verbindung mit Amylnitrit steigert es nochmal die aphrodisierende Wirkung beider Substanzen. Man wird, wenn du so willst, willenlos gemacht. Die Dosis war ziemlich stark. Du kannst wirklich froh sein, dass dein Körper es vergleichsweise gut aufgenommen hat.“

Ich nickte flüchtig. Dann hatte es der Kerl wirklich darauf angelegt, mich zu vergewaltigen. Gruselig. Wäre Jack nicht aufgetaucht, hätte das ein böses Ende genommen. Wieder sah mich Aki unschlüssig an. „Ist… noch irgendwas passiert?“ fragte sie behutsam.

Fragend legte ich die Stirn in Falten.

„Naja, wenn so eine Straftat im Raum steht…“

Endlich verstand ich und versuchte sie zu beruhigen. „Nein, keine Angst. Ein Freund von mir hat mich da rausgeholt und bei sich schlafen lassen.“

Erleichtert atmete sie auf. „Glück im Unglück.“

Ich schnaufte belustigt. „Kann man so sagen, ja.“

„Soll ich jemanden anrufen, der dich später nach Hause bringt?“

„Nein, schon gut. Ich nehme mir ein Taxi.“

Wieder setzte sie diesen strengen Blick auf. „Was das angeht, bist du ein furchtbarer Patient! Ich lasse dich nicht allein nach Hause fahren. Wenn du das vorhast, weise ich dich ein und lasse dich erst morgen früh hier raus.“

Ich seufzte ergeben, mied ihren Blick. „Schön, dann rufe ich Crow an.“ Nach der Sache gestern, war er mir ohnehin etwas schuldig.

Sie schien zufrieden mit dem Ausgang des Gesprächs und erhob sich. „Ruh du dich aus, ich rufe ihn für dich an. Es wird regelmäßig jemand nach dir sehen und deine Vitalwerte checken. Dein Körper muss sich erst wieder erholen.“

Behutsam nahm sie mein Handgelenk und fühlte meinen Puls. Schließlich ging sie zu den Schränken und holte eine Ampulle heraus, zog etwas von dem Inhalt in eine Spritze. „Das ist zur Beruhigung“ erklärte sie. „Es stabilisiert deinen Blutdruck, hilft deinem Körper sich zu entspannen, und gönnt dir vielleicht etwas Schlaf.“

Sie spritzte das Mittel durch den Zugang. Fast augenblicklich wurde ich in eine wohlige Erschöpfung gehüllt. Meine Lider wurden schwer und mein Herz fühlte sich allmählich nicht mehr so an, als würde es jeden Moment zerspringen. Ich bekam noch mit, wie sie den Raum verließ, schließlich dämmerte ich in einen traumlosen Schlaf.

Vergangenheit

Ich zog die Mutter fest, sodass das gesamte Motorrad wippte und sah, langsam genervt, zu Crow. „Jetzt hör endlich auf, dich zu entschuldigen. Ich hab dir schon nach dem ersten Mal im Krankenhaus vergeben.“

„Das sagst du so einfach“ antwortete er geknickt. Verschränkte dabei seine Arme und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Werkbank. „Dass du mal ein paar Tage nicht arbeitest, dafür braucht es schon einiges.“

Ich verdrehte die Augen, widmete mich wieder dem Verdeck. „Jetzt bin ich doch wieder in der Werkstatt. Es ist auch gar nicht viel passiert. Du hast doch meine Aussage gelesen.“

Ein Schnaufen war zu hören. „Ich schwör dir, wenn der Kerl hops genommen wird, wenn ich im Dienst bin, mach ich ihn einen Kopf kürzer!“

„Und verlierst dann deinen Job“ gab ich zu bedenken, während ich die Verbindungen kontrollierte.

„Das gibt höchstens eine Verwarnung und Bürodienst.“

Nun sah ich doch wieder auf und sah ihn mahnend an. Er zuckte mit den Schultern.
 

Das Geräusch eines sich nähernden Motorrads war zu hören. Dem Klang nach ein Kunde hoffte ich, denn so sollte ein Motor nicht klingen. Abwartend beobachtete ich den Eingang der Werkstatt. Tatsächlich tauchte einen Augenblick später eine Maschine samt Fahrer auf. Ich zog die Handschuhe aus und warf sie zu meiner Jacke, während ich auf den Neuankömmling zuging. Als er seinen Helm abnahm, hielt ich überrascht inne. Der Mann mit den schulterlangen, blonden Haaren kam mir bekannt vor. „Breo“ entkam es mir.

Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er den Helm unter den Arm klemmte und auf mich zukam. „Dann habe ich wohl bleibenden Eindruck hinterlassen, wenn du dich an meinen Namen erinnerst“ bemerkte er zufrieden.

„Ähm… ja. Tut mir Leid, dass ich nicht angerufen habe, ich war ein paar Tage krank.“

Er winkte ab. „Schon gut, wirklich. Ich wusste ja, dass du eine Motorradwerkstatt hast und hab im Internet gesucht. Ich brauche wirklich dringend Hilfe mit meiner Maschine.“ Kurz hielt er inne und grinste schief. „Halte mich jetzt bitte nicht für einen Stalker.“

Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. Dezent schüttelte ich den Kopf. Meine Werkstatt war nur eine von vielen. Außerdem war sie mit zwei Mitarbeitern eher winzig. Es hat sicher etwas gedauert, sie im Internet zu finden. „Was ist denn das Problem?“

„Was nicht?“ sagte er seufzend. Sah zu seiner Maschine. „Ich hab das Gefühl, das einzige was noch richtig funktioniert, ist der Blinker.“

Auch ich sah zu seinem Motorrad, umrundete es. Optisch sah es sehr gepflegt aus. „Eine Kawasaki 900 Z1“ stellte ich fest, fuhr mit den Fingern über das Leder der Sitzbank. Wahnsinn. Solche Räder sieht man nicht oft.

„Gutes Auge“ bemerkte er und ließ mich wieder zu ihm sehen. „Mein Großvater hat sie damals gekauft, als er in meinem Alter war. Ist alles, was ich noch von ihm habe. Deswegen will ich sie unbedingt solange wie möglich in einem guten Zustand behalten.“

Ich nickte verstehend, sah flüchtig durch die Werkstatt. In den letzten Tagen war einiges liegen geblieben. „Eilt es sehr?“ fragte ich.

„Nein, ich komme auch eine Weile ohne aus. Denkst du, dass du irgendwie an Originalteile kommst?“

„Bei den Verschleißteilen kann ich dir keine Garantie geben, aber das bekommen wir schon irgendwie hin, keine Sorge.“

Ein fröhliches Grinsen erhellte sein Gesicht. „Klasse! Kann ich dich zum Dank vielleicht zu einem Kaffee einladen?“

„Ich habe doch noch gar nichts gemacht“ bemerkte ich belustigt.

„Dann eben einfach so. Ich kann dich doch nach deiner Schicht abholen.“

„Hm. Heute nicht, aber wenn du morgen Zeit hast, gern.“

Ein leichter Rotschimmer legte sich auf seine Wangen. Sein Lächeln wurde breiter. „Gern. Dann bis morgen“ sagte er mit einem Zwinkern. Wieder salutierte er locker mit zwei Fingern und verabschiedete sich. Ich schmunzelte. Was für eine seltsame Marotte.
 

Ich schob sein Motorrad zu den anderen in der Warteschlange und wollte mich dann meinem aktuellen Projekt widmen. Doch kurz vor der Maschine hielt ich inne. Crow sah mich mit einem breiten Grinsen an. Er war so still, dass ich ihn völlig vergessen hatte. „Was schaust du so?“ fragte ich skeptisch, nahm mir einen Schraubenschlüssel von der Halterung an der Wand.

„Ich hab dich nur ewig nicht flirten sehen.“

Vor Schreck rutschte mir das Werkzeug aus der Hand und fiel klirrend zu Boden. „Was?!“

Er krümmte sich vor Lachen, brauchte einen Augenblick, um mir eine Antwort zu geben. Währenddessen griff ich mir meine Handschuhe und hob den Schraubenschlüssel auf. „Jetzt mal ehrlich“ sagte er immer noch belustigt. „Das ist, als würde man ein Einhorn sehen. Und dann macht ihr auch noch ein Date aus. Ich freu mich für dich, ehrlich.“

„Das ist kein Date“ verteidigte ich mich. Irgendwie war mir die ganze Sache peinlich.

„Mhm. Ihr flirtet und trefft euch morgen auf einen Kaffee. Was soll das sonst sein?“

„Ich habe nicht geflirtet“ entgegnete ich trotzig. Stutzte. Oder doch? Hat er…?

„Wie kann man gleichzeitig so schlau und so schwer von Begriff sein?“ fragte er fast schon verzweifelt. „Woher kennt ihr euch überhaupt?“

Während ich mich wieder dem Motorrad widmete, gab ich ihm meine Antwort. „Ich habe ihn letzten Samstag in diesem Club kennengelernt.“ Einen Moment war es still, was mich wieder aufsehen ließ. Crow grinste schon wieder so dümmlich. „Was?“

Er schüttelte nur den Kopf. „Ich fasse es nicht, dass du tatsächlich jemanden aufgerissen hast.“ Ich verdrehte die Augen, widmete mich wieder meiner Arbeit. „Ach komm schon! Du kannst das Thema doch nicht einfach beenden! Was lief denn da zwischen euch? Der Kerl scheint doch genau dein Typ zu sein.“

„Mein Typ?“ hakte ich zweifelnd nach, während ich meine Arbeit noch einmal kontrollierte.

Er zuckte mit den Schultern. „Groß, motorradaffin, freundlich. Außerdem sieht er gar nicht so übel aus.“

„Findest du?“ fragte ich belustigt. „Ich kann mich nicht erinnern, je so eine Unterhaltung mit dir geführt zu haben.“

„Weil ich den Anfang deiner Beziehungen nie mitbekommen habe“ entgegnete er fast schon beleidigt. „Du redest ja nie über solche Dinge.“

Das Heulen des Motors hallte von den Wänden meiner Werkstatt wider. Zufrieden schaltete ich die Maschine wieder ab. Endlich springt sie wieder an.

„Was hast du heute eigentlich noch vor?“ fragte er plötzlich. Fragend sah ich ihn an. „Naja, du hast doch vorhin gesagt, du kannst dich erst morgen mit diesem Breo treffen. Warum nicht heute?“

„Ich treffe mich mit Jack, warum?“

Überrascht musterte er mich. „Hm… Nichts, nur… Warum? Ich meine, er hat dich jahrelang ignoriert, und jetzt trefft ihr euch wieder? Versteh mich nicht falsch, ich bin ihm echt dankbar, dass er dich aus der Scheiße gerettet hat, aber ich kann den Kerl nicht mehr einordnen.“

„Er hatte wegen seiner Krankheit doch einiges durch in der Zeit. Vielleicht ist er in der Hinsicht wie ich.“ Ich atmete angespannt aus. Vor zwei Jahren hatte ich jeden, der mir nahestand, auf Abstand gehalten. Und das, obwohl mir meine Freunde nur helfen wollten. Mein Blick verlief sich ins Leere, als mich die Erinnerungen von früher einholten.

„Ja, aber jetzt scheint es ihm ja wieder gut zu gehen. Ich habe gehört, dass er bei der Qualifikation für die nächste Saison dabei ist.“

Jetzt sah ich doch wieder auf. Ich wusste nicht warum, aber mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Die MotoGP war schon immer unser Traum, aber er stand kurz davor, ihn sich zu erfüllen. Und das trotz allem, was passiert war. Eine wohlige Wärme breitete sich in meinem Körper aus, ließ mich schmunzeln.

Crow sah mich unschlüssig an, schließlich schnaufte er belustigt. „Oh Mann. Dich hat es ja echt erwischt.“

Jetzt war es an mir, ihn irritiert anzusehen. Doch er beließ es dabei.
 

~*~
 

Ich zog den Reisverschluss meiner Jacke höher und vergrub meine Hände in den Jackentaschen. Für Anfang März war es immer noch verdammt kalt, aber zumindest regnete es nicht mehr. Dafür war die Luft wie gereinigt und ich nahm ein paar tiefe Atemzüge. Sah nach oben in den sternklaren Himmel. Was für ein schöner Abend. „Hey“ erklang eine bekannte Stimme und ließ mich zu ihr sehen. Jack hatte seine Hände in den Taschen seines langen Mantels vergraben. Sein Blick wirkte unschlüssig.

„Hey“ erwiderte ich. „Deine Nachricht hat mich wirklich überrascht. Was wolltest du denn mit mir besprechen?“

Tief atmete er durch, bedeutete mir mit einem Kopfschwenk, ihm zu folgen. Ich kam seiner stummen Aufforderung nach und wir steuerten den nahegelegenen Park an. „Wie geht’s dir?“ fragte er irgendwann in die Stille.

„Ich bin wieder fit. Und… Danke nochmal. Ohne dich hätte das übel für mich enden können.“

Seine gesamte Haltung spannte sich an. Er sah stur geradeaus, als er mir seine Antwort gab. „Also hat der Kerl dir wirklich irgendwas untergejubelt?“

Ich nickte. „KO Tropfen. Aber wie gesagt, ich bin wieder fit. Er wird polizeilich gesucht und hat dank Crow in so ziemlich jedem Club der Stadt Hausverbot.“ Angestrengt atmete er aus, sagte aber nichts. „Was ist mit dir?“ wollte ich wissen. Irritiert sah er mich an, also formulierte ich meine Frage anders. „Ich habe gehört, du willst dich für die neue Saison qualifizieren. Geht’s dir wieder gut? Du hattest doch diese Sache mit deinem Herzen.“

„Ja, geht schon. Eine Weile stand es auf der Kippe, aber seit meiner letzten OP geht’s wieder bergauf.“

Ich schmunzelte. „Freut mich, dass du deinen Traum nicht aufgegeben hast und ihn dir jetzt erfüllen kannst.“

„Unseren Traum“ verbesserte er mich, sah mich ernst an. „Warum bist du damals ausgestiegen? Du warst der beste Fahrer der WSBK. Dein Gefühl für die Bikes ist der Wahnsinn. Jeder Sponsor hätte dich mit Kusshand genommen. Also, warum bist du nicht mit mir gewechselt?“

Überrascht betrachtete ich ihn. Irgendwie wirkte er… verletzt. Ob ihn das damals gekränkt hat? „Du kennst den Grund.“

Er schnaubte, sah wieder auf den Weg vor uns. „Bruno. Schon klar.“

Ich blieb stehen, ballte meine Hände zu Fäusten. Ernst sah ich ihn an, als er sich zu mir umdrehte. „Ist es so schwer zu verstehen, dass ich mich gegen eine Fernbeziehung entschieden habe? Wir waren frisch verheiratet und ich wäre über Monate von ihm getrennt gewesen. Saison für Saison. Ich habe mit ihm die Werkstatt aufgebaut, war glücklich. Vielleicht habe ich meinen Traum dafür aufgegeben, aber das war meine eigene Entscheidung! Mein Leben gefiel mir. Als Rennfahrer hätte ich kaum noch Zeit für uns gehabt. Warum ist das so schwer für dich zu verstehen?!“

Ich blinzelte den Schleier der aufkommenden Tränen beiseite. Kurz war ich geneigt einfach zu verschwinden, doch er sprach weiter. „Weil du, verdammt nochmal, auf die Rennstrecke gehörst! Das war dein Leben. Was hält dich noch hier?“

„Was?“ erwiderte ich verwirrt.

„Ist mir nicht entgangen, dass du deinen Ring nicht mehr trägst.“
 

Mein Herz raste. Ungläubig starrte ich ihn an. War es das, was er mit mir besprechen wollte? Hatte er in dieser Nacht gesehen, dass ich den Ring nicht mehr trug, und wollte mich zur Qualifikation überreden? Flüchtig schüttelte ich den Kopf und wandte mich ab. Wollte einfach nur Abstand zu ihm. Doch ich kam nicht weit, da hielt er mich am Arm fest und hinderte mich daran, weiterzugehen. „Lass los!“ zischte ich, versuchte ihn erfolglos abzuschütteln.

Er seufzte. „Schon gut, tut mir leid.“

Ich gab meine Gegenwehr auf und musterte ihn. „Was willst du?“

Wieder ein leises Seufzen, er gab mich frei. Lächelte gequält. „Ich wollte die Sache von damals aus der Welt schaffen. Stattdessen schaffe ich es schon wieder, dich zu verletzen. Ich bin echt nicht gut in solchen Dingen.“

Das beantwortete mir meine Frage auch nicht, also sah ich ihn abwartend an.

Tief atmete er durch, sein Blick wurde durchdringend. „Also schön. Von vorn. Ich wollte mich entschuldigen, dass ich mich damals wie ein Idiot aufgeführt habe. Nicht nur die Sache mit den Rennen. Auch, dass ich dich jahrelang ignoriert habe. Am Anfang war ich wirklich sauer, weil du alles aufgegeben hast. Aber irgendwann hab ich es verstanden. Ich hab deine Nachrichten trotzdem ignoriert, weil mir mein Stolz im Weg stand. Als die Sache mit meinem Herzen so schlimm wurde, dass ich keine Rennen mehr fahren konnte, hat es das Ganze nicht besser gemacht. Nach der letzten OP, als es anfing mir besser zu gehen, wollte ich meinen verdammten Stolz runterschlucken, aber ich habe es nie geschafft.“ Sein Blick senkte sich, seine Haltung fiel immer weiter in sich zusammen. „Ende letzten Jahres wurden mir die Augen geöffnet. Ich wollte einfach, dass mein Leben wieder wie vor dieser ganzen Scheiße wird. Nur hatte ich keine Ahnung, wie ich dich ansprechen sollte, oder ob du das überhaupt wollen würdest. Schließlich hatte ich das letzte Mal vor über zwei Jahren was von dir gehört. Als… ich in dieser Nacht gesehen habe, dass du keinen Ring mehr trägst, hatte ich Hoffnung, dass vielleicht wirklich alles werden könnte wie früher.“ Wieder ein tiefes Seufzen. „War wohl nur eine Wunschvorstellung. Klar, bist du sauer. Und natürlich verstehe ich, dass du nicht alles stehen und liegen lassen kannst, nur weil ich dich darum bitte. Tut mir echt Leid.“
 

Die Momente verstrichen, in denen ich ihn einfach nur anstarrte. Noch nie hatte ich es erlebt, dass er sich irgendjemandem so öffnete. Langsam überwand ich die kurze Distanz und legte meine Hand beruhigend auf seinen Unterarm. Traurig sah er auf. „Ich bin nicht sauer auf dich“ stellte ich klar. „Noch bis vor zwei Jahren habe ich selbst alle Hilfe abgeblockt, also weiß ich, wie du dich fühlst.“

Lange sah er mich an. Ich hätte mich in seinen unergründlichen Augen verlieren können. „Was ist eigentlich passiert?“

Ich ließ meinen Arm wieder sinken, mied seinen Blick. Ein seichter Windstoß umspielte meinen Körper, ließ mich frösteln. Aber nicht allein durch die Kälte. Die Erinnerungen, die ich glaubte überwunden zu haben, drängten sich in mein Bewusstsein. „Bruno ist tot.“

Scharf zog er die Luft ein, aber ich wagte es nicht, aufzublicken. „Tut mir leid“ erwiderte er plump, doch ich wehrte ab.

„Schon gut. Mittlerweile habe ich Frieden damit geschlossen. Nur manchmal ist es immer noch schwer. Ich sehe ihn heute noch in ganz alltäglichen Situationen vor mir. In der Werkstatt oder zuhause. Aber es wird besser.“

„Hm… Wie ist es denn passiert?“

Ich sah auf, musterte ihn unentschlossen. Aber er wirkte ehrlich interessiert. „Vor… zwei Jahren. Da war er auf dem Weg nach Hause, als ein heftiger Regen aufzog.“ Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter, atmete tief durch. „In einer Kurve auf der Landstraße hat er die Kontrolle über sein Motorrad verloren. Der entgegenkommende LKW tat sein Übriges.“ Wieder mied ich seinen Blick, versuchte nicht in der Erinnerung zu ertrinken. „Die nächsten sechs Wochen hatte ich Hoffnung, dass er wieder aufwacht. Jeden Tag saß ich im Krankenhaus an seiner Seite, aber er rührte sich einfach nicht. Nur die Maschinen, an denen er angeschlossen war, sagten mir, dass er noch lebte. Zumindest bis mir die Ärzte klarmachten, dass er Hirntot wäre und nie wieder aufwachen würde.“ Meine Hände zitterten. Immer klarer sah ich Bruno, wie er so blass unter Verbänden in diesem verfluchten Bett lag. Angeschlossen an zahllose Maschinen. Da war nichts mehr von der Lebensfreude, die er immer ausstrahlte. Doch dann fiel mir etwas ein, und ein trauriges Lächeln kämpfte sich in mein Gesicht. „Es hätte ihn sicher glücklich gemacht, wenn er wüsste, dass er nach seinem Tod einige Leben retten konnte.“

„Wie meinst du das?“ fragte er behutsam.

Ich sah ihn wieder an. Auch in seinen Augen meinte ich Schmerz zu erkennen. „Organspende“ sagte ich knapp. „Fünf Leuten konnte er an seinem Todestag das Leben retten. Mit einigen stehe ich in Kontakt.“

„Ich dachte, das wäre komplett anonym.“

Ich nickte, sah wieder hoch zu den Sternen. Ihr Anblick hatte etwas Tröstliches. „Schon, aber es gibt eine Initiative des Transplantationszentrums. Durch die kann man anonym Kontakt zu den Angehörigen des Spenders, oder andersherum herstellen. Das Ganze läuft über Briefe. Letztes Jahr, in der Weihnachtszeit, habe ich das genutzt. Es hat mir geholfen mit Brunos Tod klarzukommen, als ich erfahren habe, dass diese Menschen überlebt hatten.“ Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen. „Vier von ihnen haben mir geantwortet.“

„Was stand in deinen Briefen?“ fragte er rau.

Das ließ mich wieder zu ihm sehen. In seinem Blick lag eine tiefe Traurigkeit, dabei war er überhaupt nicht betroffen. Es überraschte mich, dass er sich das so zu Herzen zu nehmen schien. „Hauptsächlich habe ich über Bruno geschrieben. Was für ein Mensch er war. Und, dass sie diese Chance nutzen sollten, die er ihnen durch seinen Tod gegeben hat. Das… war mir vor allem bei dem Patienten wichtig, der sein Herz erhalten hat. Schließlich lebt durch ihn immer noch ein kleiner Teil von Bruno weiter.“ Ein belustigtes Schnaufen entkam mir. Langsam wanderte mein Blick auf den Kiesweg. Einen kleinen Stein kickte ich weg. „Kitschig, ich weiß. Aber die Vorstellung hat mir gefallen.“

„Du hast recht, es ist kitschig“ sagte er. Ich sah ihn wieder an. Ein kleines Lächeln lag auf seinen Lippen und aus einem mir unerfindlichen Grund spürte ich eine wohlige Wärme in mir. „Aber irgendwie passt das zu dir. Du hattest schon früher manchmal so romantische Anwandlungen.“

Auch ich musste lächeln und boxte ihn gegen die Schulter. „Und du hast schon früher immer einen auf unnahbar gemacht. Dabei steckt hinter deiner harten Schale eigentlich ein guter Kern.“

Er zuckte mit den Schultern, intensivierte sein Lächeln. „Das streite ich ab“ sagte er, sah mich dann aber ernst an. „Aber sag mal… könntest du dir mein Angebot nicht durch den Kopf gehen lassen?“

„Welches Angebot?“

„Wieder in den Rennsport zurückzukommen. Die Qualifikation ist nur Formsache. Mein Sponsor würde sich ein Bein rausreißen um dich an Bord zu haben, glaub mir. Ich meine… Jetzt, wo Bruno tot ist, gibt es doch keinen Grund mehr, oder?“

Ich stutzte. „Und die Werkstatt? Ich habe nur einen Mitarbeiter. Der ist zwar absolut fähig, aber allein schafft er die ganzen Aufträge nicht. Mal ganz abgesehen von der Buchhaltung.“

„Such dir einen zweiten Mitarbeiter, lern ihn an. Aber gib deine Träume nicht für etwas auf, an dem dein Herz nicht hängt.“

Ein kleines Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. „Wer hat jetzt romantische Anwandlungen?“

„Ich meine es ernst, Yusei. Überleg es dir.“

„Schon klar. Es ist auch nicht so, dass ich es mir gar nicht vorstellen könnte, aber ich muss realistisch bleiben. Ich kann nicht alles aufgeben, was ich mir in den letzten Jahren erarbeitet habe.“
 

Wieder dieser unschlüssige Blick, doch dann erhellte ein Funkeln seine Augen. Er seufzte und im nächsten Moment spürte ich warme Lippen auf meinen. Ich riss die Augen auf, konnte mein schnell schlagendes Herz kaum beruhigen. Seine Hand wanderte in meinen Nacken, intensivierte die sanfte Berührung. Die Wärme, die meinen Körper einhüllte, war so angenehm. Langsam senkten sich meine Lider und ich erwiderte den sanften Kuss. Mein Verstand schien sich aufzulösen, während ich seinen Atem in meinem Gesicht spüren konnte. Seinen Duft intensiv wahrnahm. Doch dann verschwanden die weichen Lippen. Ich öffnete meine Augen. „Überleg es dir bitte“ sagte er leise, löste sich von mir. Mein Herz beruhigte sich auch nicht, als er bereits verschwunden war. Auch die Hitze in meinem Gesicht blieb. Ich wusste nicht, wie lange ich so dastand und auf die Stelle blickte, an der verschwunden war. Und noch weniger konnte ich begreifen, was gerade geschehen war.

Erinnerungen

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee stieg mir in die Nase als ich einen kleinen Schluck davon nahm und die Nachrichten auf meinem Tablet durchsah. „Irgendwas neues?“ fragte eine Stimme, die mich schmunzeln ließ. Ich blickte auf, genoss die flüchtige Berührung unserer Lippen.

„Nein, nichts Interessantes.“

Bruno schenkte sich ebenfalls eine Tasse ein, setzte sich zu mir. „Dafür hab ich was“ sagte er gut gelaunt und deutete auf das Tablet. Ich reichte es ihm, beobachtete, wie er grinsend darauf herumtippte. „Hier“ sagte er schließlich und reichte es mir.

Ich stutzte, stellte die Tasse ab. „Eine Anzeige?“

„Ja, ich finde es ziemlich perfekt. Was sagst du?“

Die Lagerhalle war sehr geräumig und lag zentral. Eigentlich perfekt, nur eine Sache gab mir zu denken. „Sieht gut aus. Nur der Preis ist höher, als wir veranschlagt hatten.“

Er zuckte mit den Schultern, nahm das Gerät wieder an sich. „Schon, aber irgendwo müssen wir Abstriche machen. Wir könnten es noch heute besichtigen. Was sagst du?“

Gedanklich war ich wieder bei der Preisliste. Das Budget war so schon knapp. Um die Halle zu mieten, musste der Start unserer Werkstatt perfekt laufen. Ein belustigtes Glucksen war zu hören und ich sah wieder auf. „Bevor du Pläne schmiedest, wie wäre es, wenn wir uns alles ansehen? Danach können wir immer noch überlegen.“

Ein leises Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. „Ich weiß doch jetzt schon wie das abläuft. Wir gehen hin, du hast schon eine klare Vorstellung wo alles hinpasst und ziehst eine Schnute, bis ich ja sage.“ Prompt hatte er eben besagtes Gesicht gezogen und musste ebenfalls lachen. Ich schüttelte dezent den Kopf. „Na schön, mach den Termin. Aber wir nehmen sie nur, wenn es sich wirtschaftlich lohnt, und wir nicht noch Geld in die Renovierung stecken müssen.“

Schlagartig erhellte sich sein Gesicht und er beugte sich zu mir. Zu gern erwiderte ich seinen zärtlichen Kuss. Als er das Tablet wieder an sich nahm, um den Termin zu machen, sah ich in meine Emails. Seufzte lautlos. „Immer noch Funkstille, Hm?“

Flüchtig nickte ich. Jack war schon seit der Hochzeit so seltsam, aber jetzt, ein Jahr später meldete er sich gar nicht mehr. Zurzeit war er in Deutschland auf dem Sachsenring. Also konnte ich nicht mal eben zu ihm fahren und mich nach ihm erkundigen. „Ich weiß nicht mal warum er mich ignoriert“ murmelte ich. Seit wir Kinder waren, waren er und Crow meine besten Freunde. Ich hatte nie daran gezweifelt, dass sich das jemals ändern würde.

„Ehrliche Meinung?“ fragte er plötzlich.

Ich sah auf, nickte.

Behutsam nahm er meine Hand und lächelte traurig. „Ich glaube, er ist verletzt, weil du ihn doch nicht begleitet hast.“

Ich schnaufte abfällig. Den Streit hatte ich noch gut in Erinnerung. „Er ist 26 Jahre alt und sollte die Entscheidungen anderer akzeptieren können.“

Doch er schüttelte nur sacht den Kopf. „Ganz ehrlich, ich glaube da geht es um mehr. Er ist eifersüchtig.“ Ungläubig sah ich ihn an, was ihn zum Schmunzeln brachte. „Das hat man schon auf der Hochzeit gesehen. Er hat die ganze Zeit total steif gewirkt und mich immer so seltsam angesehen. Tut mir leid dir das sagen zu müssen, aber ich glaube er liebt dich.“

Meine Augen wurden immer größer. Jack soll in mich verliebt sein? Gut, er war Männern ebenfalls nicht abgeneigt, aber er hatte nie den Eindruck gemacht, dass er mehr von mir wollte, als nur Freundschaft. Ich schnaufte belustigt. „Bruno ernsthaft. Er ist einer meiner ältesten Freunde. Sollte ich nicht merken, wenn er mich lieben würde?“

Er schüttelte nur lächelnd den Kopf. „Nein. Du wärst vermutlich der letzte, der es merken würde.“
 

Das Licht der aufgehenden Sonne blendete mich durch die geschlossenen Lider. Nur mühselig öffnete ich die Augen. Blinzelte, um sie an die Helligkeit zu gewöhnen. Seltsam. Warum träume ich ausgerechnet jetzt davon? Das Gespräch hatte ich schon ganz vergessen. Wieder schweiften meine Gedanken zu dem Kuss von gestern Abend. Ob Bruno damals Recht hatte? Und wenn ja, ob sich an Jacks Gefühlen in der Zeit irgendwas geändert hatte? Und was fühlte ich eigentlich für ihn? Er war einer meiner besten Freunde, klar. Aber war da mehr? Sein Kuss war so… sanft. Gefühlvoll. Nie hätte ich erwartet, je in so einer Situation zu stecken. Mein Herz machte einen Satz, wenn ich daran zurückdachte. Aber ob das wirklich Liebe war? Ich seufzte, drehte mich vom Licht der Sonne weg. Mein Blick fiel auf mein Handy und die kleine Nachrichtenanzeige. Neugierig nahm ich es an mich.
 

Hey, gute Nachricht. Der Typ wurde letzte Nacht festgenommen. Ein Clubbesitzer hat ihn erkannt und die Polizei gerufen. Er sitzt grad in Gewahrsam. Kannst du kurz vorbeikommen und ihn identifizieren? Wird auch nicht lange dauern.
 

Zufrieden bestätigte ich Crow, dass ich mich gleich auf den Weg machen würde und legte das Handy auf meinen Nachttisch zurück. Zumindest eine Sorge weniger.
 

Eine Stunde später glitten die automatischen Türen auf und ich betrat das Polizeipräsidium. Der Beamte am Empfang begrüßte mich freundlich. Auch ich hob die Hand und lief anschließend durch die Gänge zu den Büroabteilen. Dort entdeckte ich Crow. Ein Berg von Akten lag neben ihm und missmutig betrachtete er ein aufgeschlagenes Exemplar vor sich. „Verwarnung und Bürodienst?“ fragte ich skeptisch. Hatte ich doch Sorge, dass er seine Drohung vom Vortag wahr gemacht hatte.

Er grinste nur schief. „Nein, der ganz normale Wahnsinn. Ich war brav, versprochen.“

Auch ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Also, wo ist er?“

Crow schnappte sich eine Akte, stand auf und führte mich durch einen langen Gang, von dem Etliche Türen abgingen. „Bevor du mich lynchst: Der Typ sah vorher schon so aus. Mit der Sache hatte ich nichts zu tun, ich schwör’s.“

Ich betrachtete ihn irritiert, doch ehe ich nachfragen konnte, öffnete er eine Tür und wir traten ein. Der Raum war nur spärlich beleuchtet. Eine Wand bestand fast gänzlich aus einer Glasscheibe, durch die man in den benachbarten Raum sehen konnte. Darin befanden sich lediglich ein Tisch und vier Stühle. Auf einem saß ein großer, muskulöser Typ mit kurzen, dunklen Haaren. Seine Haltung war in sich zusammengesunken. Das Veilchen an seinem linken Auge begann gerade damit zu verblassen, seine Nase war krumm. Abgesehen davon war er das genaue Ebenbild des Mannes aus der Gasse. Ein Schauer lief mir bei der Erinnerung über den Rücken. Die feinen Härchen in meinem Nacken stellten sich auf. Unwillkürlich strich meine Hand über die Stelle am Oberarm, die er vor einigen Tagen gequetscht hatte. „Das ist er“ bestätigte ich.

Das Rascheln von Papier war neben mir zu hören, während ich ihn noch immer ansah. „Nico Jones, 32, hat schon Vorstrafen wegen tätlichen Angriffs und sexueller Belästigung. Du bist dir sicher?“

Ich nickte. Sein Gesicht hatte sich in meinem Gedächtnis eingebrannt.

„Gut, dann musst du das hier nur noch unterschreiben. Die Verhandlung wird sich wahrscheinlich noch hinziehen.“ Ich sah wieder zu Crow, der mir die Akte und einen Kugelschreiber reichte. Seiner Aufforderung kam ich nach und unterschrieb an der ausgewiesenen Stelle.

„War’s das?“

„Im Großen und Ganzen schon. Du wirst in den kommenden Wochen noch einen Brief wegen der Verhandlung bekommen und müsstest eine Aussage vor Gericht machen. Aber dann siehst du den Penner nie wieder.“

„Und wenn er alles abstreitet? Dann steht es Aussage gegen Aussage.“

Ein verschlagenes Lächeln bildete sich in seinem Gesicht. „Das soll er ruhig versuchen. Wir haben in seiner Wohnung kleine Päckchen mit Pulver gefunden. Das wird gerade untersucht. Und wir haben deine Blutuntersuchung aus dem Krankenhaus. Wenn das dasselbe Zeug ist, und davon gehe ich aus, dann wird er die nächsten Jahre im Gefängnis verbringen. Da kann er sich noch so viele Anwälte holen.“
 

~*~
 

Am frühen Abend war ich so in die Reparatur des alten Kawasakis vertieft, dass ich nur am Rande mitbekam, wie Blister Feierabend machte. Einige Originalteile von ausgeschlachteten Fahrzeugen hatten wir tatsächlich noch im Lager. Ich war gerade dabei den Stoßdämpfer auszubauen, als ich plötzlich eine Stimme hinter mir hörte. „Du arbeitest schon daran?“ Erschrocken fuhr ich herum. Eine Mutter fiel klirrend zu Boden. Breo hob beschwichtigend die Hände. „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“

Angespannt atmete ich aus. „Schon okay. Wie spät ist es denn?“

„Kurz nach sieben.“

Ach, verdammt! Ich wollte schon vor einer halben Stunde Schluss machen, damit ich nicht verdreckt wie ich war losgehe. „Tut mir leid, ich habe die Zeit ganz vergessen. Hast du noch fünf Minuten? Dann zieh ich mich schnell um.“

Er grinste. „Klar mach nur. Aber in dem Aufzug können wir auch los.“

„Bis zu den Ellbogen vollgeschmiert mit Motoröl?“ fragte ich belustigt, während ich die Handschuhe abstreifte.

„Auch, aber die Klamotten stehen dir.“

Ich sah flüchtig an mir hinab. Mein schwarzes Tanktop war über die Jahre ausgewaschen und die enge Jeans hatte auch schon bessere Tage. Zweifelnd sah ich ihn an, doch er zuckte nur mit den Schultern. „Ich finde es heiß.“

Die leichte Röte, die mir vermutlich gerade ins Gesicht schoss, versuchte ich zu verbergen. Solche Worte hatte ich ewig nicht gehört.

Ein belustigtes Glucksen war zu hören. „Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Lass dir Zeit, ich warte draußen.“
 

Nachdem ich mich notdürftig gewaschen und mir zumindest ein neues Oberteil angezogen hatte, schnappte ich mir meine Jacke und schloss die Tore ab. Draußen zog ein frischer Wind auf und ein Geruch nach Regen lag in der Luft. Meine Idee das Motorrad wieder rauszuholen, bereute ich spätestens jetzt. „Können wir?“ fragte er lächelnd.

Ich nickte und wir machten uns auf den Weg in ein nahegelegenes Café. Dabei redeten wir hauptsächlich über die Reparaturarbeiten an seiner Maschine.

„Du bist echt begeistert von meinem Motorrad, kann das sein?“ fragte er, als wir einen Tisch gefunden hatten.

Ich schmunzelte und setzte mich ihm gegenüber. „Das ist schließlich mein Job.“

„Nein, das meine ich nicht. Ich habe noch nie einen Mechaniker getroffen, der derart begeistert über Geschwindigkeiten und Modelle spricht. Normalerweise kennen die Leute nur die Teile. Naja, du weißt schon, was ich meine.“

„Ursprünglich komme ich aus dem Rennsport. Da schnappt man zwangsläufig viel über die verschiedenen Modelle auf.“

„Wow, ehrlich?“

Ich nickte. „Drei Jahre bin ich in der WSBK angetreten. Ich war einer der jüngsten Fahrer.“

Ungläubig sah er mich an, was mich lächeln ließ. Ungewollt schweiften meine Gedanken zu dieser Zeit zurück. Das Gefühl des Asphalts unter meinen Rädern, das Adrenalin während des Geschwindigkeitsrauschs. Jack und ich hatten uns damals immer wieder gegenseitig zu Höchstleistungen angetrieben. „Ich bin damals eine leicht modifizierte Variante der Kawasaki Ninja H2R gefahren. Mit der konnte ich in 26 Sekunden auf 400km/h beschleunigen. Das war ein unglaubliches Gefühl.“

Seine Augen wurden immer größer. „Wahnsinn. Mit meiner komme ich knapp über 200, aber selbst bei 140 fühle ich mich schon unwohl. Ich will gar nicht wissen, wie sich das bei 400 anfühlt.“

Mein Lächeln intensivierte sich. „Das Rennbike, was ich damals für die MotoGP gebaut habe, hat es auf knapp 450 gebracht. Aber bis heute hat es nur Trainingsstrecken gesehen.“

Eine Kellnerin kam an unseren Tisch, um unsere Bestellungen aufzunehmen. Breo war mit seinen Gedanken scheinbar ganz woanders, denn er starrte mich nur an, bis ihn die Kellnerin in die Realität zurückholte und auch er seine Bestellung aufgab.

„Daher kommt mir dein Gesicht so bekannt vor“ sagte er schließlich.

Ich sah ihn nur fragend an.

„2016 in Frankreich. Da hast du ein total abgefahrenes Manöver gebracht!“

Ich musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was er meinte. „Ja, das war ziemlich heikel. Du hast das Rennen gesehen?“

„Klar, das war der Hammer! Du hast dir in der letzten Runde den Sieg geholt.“

Wieder schweifte ich gedanklich ab. Jacks wütendes Gesicht nach dem Rennen sah ich förmlich vor mir. Er meinte, das Manöver war viel zu halsbrecherisch, und dass ich vorsichtiger sein sollte. Damals war ich erstaunt, dass er nur so wütend war, weil er einen Moment Angst um mich hatte, und nicht wegen meines Sieges. Aber ob das wirklich Liebe war, wie Bruno behauptet hatte? Eine Tasse stellte sich in mein Blickfeld und ich sah überrascht auf. Breo lächelte amüsiert. „Warst du gerade bei dem Rennen?“

„Ja, entschuldige.“

Er winkte ab. „Aber ich bin echt positiv überrascht.“

Fragend hob ich eine Augenbraue.

Ein leichter Rotschimmer legte sich auf seine Wangen, als er lächelte. „Naja, hätte nicht gedacht, dass ein so erfolgreicher Fahrer so bodenständig ist. Ich dachte, das wären alles egozentrische Adrenalinjunkies. Du bist komplett anders.“

„Man muss den Adrenalinrausch mögen, das ist richtig. Aber viel wichtiger ist, dass man seine eigenen Fähigkeiten kennt. Wer kopflos Rennen fährt und eine verdrehte Sicht über seine Fähigkeiten hat, landet schnell im Krankenhaus oder unter der Erde.“

„Ja, aber das führt doch auch dazu, dass viele Fahrer sehr selbstverliebt sind. Eben weil sie wissen, dass sie es drauf haben.“

Ein kleines Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen, als ich an einen gewissen blonden Fahrer dachte, der sehr von sich selbst überzeugt war. „Stimmt wohl“ sagte ich knapp.

„Aber sag mal… Wenn du ein Motorrad extra für die MotoGP konstruiert hast, warum bist du dann nie dort gefahren?“

„Ich habe geheiratet. Und weil ich nicht über Monate von meinem Mann getrennt sein wollte, und er mir wegen seines eigenen Traums nicht nachreisen konnte, blieb ich in der Stadt. Meine letzte Saison bin ich zu Ende gefahren, dann habe ich dem Motorsport den Rücken gekehrt.“

„Hm… Hast du es je bereut?“

Ein sanftes Lächeln schlich sich auf meine Lippen. „Nicht einen Tag.“

Auch er lächelte. „Darf ich fragen, warum du geschieden bist? Du wirkst so glücklich, wenn du über deinen Ex sprichst.“

„Ich bin nicht geschieden“ antwortete ich geknickt. Fuhr mit den Fingern über die Stelle, an der mein Ehering angesteckt war.

Einen Augenblick musterte er mich irritiert, schließlich schien er zu verstehen. „Oh, das tut mir leid.“ Behutsam legte er seine Hand auf meine. Ich betrachtete sie, wie sie mit dem Daumen sanft über meine Haut fuhr.

Doch ich schüttelte den Kopf. „Es ist schon zwei Jahre her. Klar vermisse ich ihn oft, aber es wird besser. Langsam habe ich meinen Frieden damit gemacht.“

„Verstehe… Entschuldige, dass ich das Thema angeschnitten habe.“ Langsam zog er seine Hand zurück.

„Das konntest du nicht wissen“ sagte ich mit einem kleinen Schmunzeln.

Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee, musterte mich einen Moment schweigend. „Sag mal… würdest du gern wieder zurück?“

„Hm?“

„Auf die Rennstrecke, meine ich.“

Langsam wanderte mein Blick auf den Inhalt meiner Tasse. Ich starrte die Reflexion auf der schwarzen Oberfläche an, ohne sie eigentlich wahrzunehmen. Das ist schon das zweite Mal, dass ich das gefragt wurde. „Keine Ahnung“ murmelte ich. „Vielleicht, aber was soll dann aus meiner Werkstatt werden? Wir kommen mit den Aufträgen kaum hinterher, ich kann Blister nicht allein lassen.“ Außerdem wollte ich Brunos größten Traum nicht einfach zurücklassen.

„Hättest du denn finanziell die Möglichkeit, neue Mitarbeiter anzustellen?“

Ich schnaufte belustigt. „Daran scheitert es nicht, aber gute Mechaniker sind rar. Zwei musste ich kurz nach der Einstellung entlassen, weil sie nur gepfuscht haben.“

„Da hätte ich vielleicht was für dich.“

Überrascht sah ich auf.

„Ich habe einen recht großen Kundenstamm. Einer meiner Kunden hat eine Werkstatt, die finanziell nicht mehr gut läuft. Größtenteils liegt es an der Lage der Immobilie. Er wird wohl in den nächsten Monaten Insolvenz anmelden müssen. Ich kann ihm vorschlagen, dass er sich bei dir melden soll. Dann hättest du zumindest mehr Mitarbeiter.“

Ungläubig musterte ich ihn. Wenn sie halbwegs begabt und vor allem interessiert wären, wäre das tatsächlich hilfreich. Ich schüttelte den Gedanken ab, wunderte mich selbst über die Euphorie, die sich in mir breit machte. Aber die Aussicht auf zusätzliche Hilfe war wirklich verlockend. „Wenn das ginge, wäre ich dir sehr dankbar.“

Ein breites Lächeln erhellte sein Gesicht. „Kein Problem. Nächste Woche ist er ohnehin bei mir, dann spreche ich das Thema an. Ich bin sicher, er wäre dankbar, weiter als Mechaniker arbeiten zu können. Auch wenn es dann nicht mehr seine eigene Werkstatt ist.“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Doch er winkte ab. „Schon gut. Ich freue mich, wenn ich helfen kann. Aber… wenn das alles klappt, würdest du tatsächlich wieder Rennen fahren?“

Dieser leichte Hauch von Enttäuschung in seiner Stimme entging mir nicht. Ich stutzte. Würde ich das wirklich wollen? Ein Leben auf Reisen, nur wenige Monate in meiner Heimat. Getrennt von meinen Freunden. Ein ständiger Wechsel von Rennbahn zu Rennbahn auf der ganzen Welt? Eine wohlige Wärme flutete meinen Körper. Es wäre ein Leben mit Jack an meiner Seite. Während wir beide unseren Traum verfolgen. Ich sah auf. Unsicherheit lag in seinen Augen. „Nicht diese Saison, aber… ja, wenn alles klappt, würde ich wieder fahren.“

„Verstehe.“ Er lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht. „Wenn es dir so viel bedeutet, solltest du es tun. Und wenn du nur halb so gut fährst wie früher, gewinnst du sicher jedes Rennen.“

Unschlüssig nickte ich. Aber irgendwie schien ihn etwas zu bedrücken. „Alles in Ordnung?“ fragte ich deshalb.

„Klar, warum?“

„Ich weiß nicht… Du wirkst enttäuscht.“

Jetzt wurde sein Lächeln wieder ehrlich. „Naja… Ich mag dich. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir nicht mehr mit dir erhofft habe. Aber versteh mich nicht falsch, ich will dir wirklich helfen. Und wenn es dein Traum ist, wieder auf die Rennstrecke zu fahren, dann freue ich mich für dich. Schade ist es trotzdem.“

Ich seufzte lautlos, sah ihn mitfühlend an. Das letzte was ich wollte, war ihn zu verletzen.

„Hey, ich wollte dir kein schlechtes Gewissen machen. Schon okay, ehrlich. Du wirkst schon die ganze Zeit irgendwie abgelenkt.“

„Ist das so sehr aufgefallen?“ fragte ich. Lächelte etwas gequält. Ich bin ein Idiot. So vor den Kopf stoßen wollte ich ihn nicht.

Er zuckte nur mit den Schultern. „Wie heißt er denn?“

„Wie…?“ Schlagartig stieg mir die Hitze in den Kopf.

Sein Lächeln wurde breiter. „Also hatte ich Recht? Das war ein Schuss ins Blaue.“

Ein leises Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. „Na schön, erwischt. Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht wie ich fühle. Er hat mich geküsst, das war alles. Seitdem ist es… verwirrend. Seit dem Tod meines Mannes habe ich nie darüber nachgedacht, dass ich mich wieder verlieben könnte.“

„Eigentlich ist es ganz leicht.“

Fragend musterte ich ihn.

Ein Lächeln zierte seine Lippen. Langsam beugte er sich zu mir und gab mir einen sanften Kuss. Doch ich spürte nichts. Keine Hitze, die meinen Körper flutete. Kein Kribbeln in meinem Bach. Mein Herz flatterte nicht… Nicht so wie am Abend zuvor. Als er sich von mir löste, lag ein leichter Rotschimmer auf seinen Wangen. „Und?“ flüsterte er.

Zögerlich schüttelte ich den Kopf, sah ihn traurig an. Ich mochte ihn, aber mehr leider nicht.

„Und wie war es bei ihm?“

Nun stieg mir die Hitze ins Gesicht. Ich mied seinen Blick. Der Kuss gestern war tatsächlich ganz anders. Intensiver, dabei war er genauso sanft. Ein kleines Lächeln legte sich auf meine Lippen. Hatte ich mich wirklich verliebt? Ausgerechnet in Jack?

„Geh zu ihm.“ Überrascht sah ich auf und erntete sein sanftes Lächeln. „Man muss kein Hellseher sein, um zu sehen, dass du verliebt bist. Sag es ihm.“

Da gab es nur ein Problem… Ich hatte Angst. „Was ist, wenn er mich zurückweist? Ich will nicht, dass es seltsam zwischen uns wird.“ Wenn ich wirklich auf die Rennstrecke zurückkehre, dann würden wir zwangsläufig viel Zeit miteinander verbringen.

„Ganz ehrlich? Dann macht er den größten Fehler seines Lebens. Außerdem wirst du es nie wissen, wenn du nicht auf ihn zugehst. Willst du dich wirklich für den Rest deines Lebens fragen ‚Was wäre wenn‘?“

„Hm.“ Wo er recht hat… Da fielen mir Crows Worte wieder ein und ich sah Breo peinlich berührt an. „Tut mir Leid für das verpatzte Date.“

Er zuckte mit den Schultern, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Ist immer noch in den Top 3.“

Sehnsucht

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]


Nachwort zu diesem Kapitel:
Hat es mich in den Fingern gejuckt, dass sich Yusei ein Glas Milch an der Bar bestellt? Vielleicht :D
Hat mich der Gedanke mehr amüsiert als er sollte? Definitiv xD Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (3)

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Von:  Amy-Lee
2023-03-01T15:32:34+00:00 01.03.2023 16:32
Hi, es war toll.

Ich freue mich für die Zwei, dass sie endlich zusammen sind und ganz ehrlich auch Bruno ist noch da,
Er lebt in Jack weiter.
Yusei soll wieder Rennen fahren und da Er auch ein Super Mechaniker ist, weiß Er immer genau wo sich der Fehler befindet.

Bis demnächst.
Bye
Von:  Amy-Lee
2022-12-15T02:41:19+00:00 15.12.2022 03:41
Hi, tolle Story.

Das mit Bruno ist echt schlimm und das Yusei fast Missbraucht wurde auch, aber Jack (der das Herz von Bruno hat) hat Ihn gerettet.
Ich hoffe aus den beiden wird was, ich habe nichts gegen Breo, aber Jack passt besser zu Ihm.

Bis demnächst.
Bye
Antwort von:  stardustrose
15.12.2022 15:38
Ich mag breo auch :) so dargestellt hat er auch echt viel von bruno. Kein wunder, dass sich yusei auf ihn eingelassen hat^^

Dass du natürlich den finalen plot errätst, finde ich witzig xD war es so dermaßen offensichtlich?
Antwort von:  Amy-Lee
15.12.2022 16:52
Na ja, ich habe zwischen den Zeilen gelesen, oder so.


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