Schneesturm
Ein eiskalter Wind fegte Emma einen schier endlosen Schwall an Schneeflocken ins Gesicht.
Die Sicht war mehr als schlecht und… war da was?
Eine Bewegung irgendwo zwischen Dunkelheit und Schneegestöber. Oder war es nur Einbildung?
Emma hatte innegehalten, die Hand vor dem Gesicht erhoben um die Augen zu schützen und den verschwommenen Fleck besser zu fixieren.
Doch, dort zwischen den jungen Fichten bewegte sich etwas, musste sich etwas bewegen. Langsam, um nicht über eine verborgene Wurzel zu stolpern, stapfte sie durch den Schnee darauf zu.
Vielleicht sollte sie das blöde Ding nochmal rufen? Wenn es denn auf mehr als seinen verflixten Namen hören würde… Nein, sie wagte es nicht.
Es schien als würde der Schnee noch dichter fallen mit jedem Schritt den sie auf die Fichten zuging.
Wie war sie bloss plötzlich in diesen Schneesturm geraten?
Am Vormittag hatte die Sonne vom Himmel gelacht und die dünne Schneeschicht glitzern lassen. Die Umgebung sah nach den grauen Vortagen endlich einladend aus.
Meisen schwärmten lebhaft von einem Baum zum nächsten. Ihr zwitschern klang wie ein fröhliches Lied. Davon in Hochstimmung versetzt hatte Emma auch ihren Tieren den Stall geöffnet.
Die Hühner hatten einen kritischen Blick auf den Schnee geworfen, waren vorsichtig ein paar Schritte hinaus gelaufen. Nur um sofort wieder umzukehren.
Diese faulen Vögel waren zu verwöhnt geworden. Dabei schliefen sie im Sommer viel lieber in den Bäumen und versteckten die Eier an den unmöglichsten Orten. Für so kleine Tiere machten sie viel Arbeit. Nun, die Ziegen waren viel ärger, dachte sie seufzend.
Die Fichten standen dicht beieinander. Obwohl Emma während des Grübelns ein gutes Stück näher gekommen war, konnte sie nicht erkennen was sich dort verbarg. Oder ob sich überhaupt etwas verbarg.
Die Bäume würden ihr Schutz geben. Sie könnte sich darunter einen Moment ausruhen und ihren Plan überdenken.
Besser wäre natürlich, wenn ihre Suche da enden würde.
Die letzten Schritte zu den Bäumen rannte sie fast. Der Schnee fiel nun so dicht wie eine winterliche Hecke.
Sie nahm keine Rücksicht auf ihre Augen mehr, in die Schneeflocken wie eisige Nadeln stachen, während sie mit beiden Händen ihr Schultertuch umklammerte. Der Wind zerrte in einem Moment von der Seite daran, um im nächsten Schneeflocken von unten hinein zu treiben.
Emma wollte nur noch aus diesem Treiben entkommen. Den Mund zu öffnen und nach dem Untier zu rufen, kam ihr nicht mehr in den Sinn. An die wilden Tiere, denen sie schon im Wald begegnet war, mochte sie keinen Gedanken verlieren.
Es war ein Fehler gewesen blind zu eilen, ging ihr einen kurzen Moment durch den Kopf. Denn gleichzeitig verfing sich ihr Schuh an etwas.
Sie verlor das Gleichgewicht, stolperte vorwärts, Äste schlugen ihr ins Gesicht, einer traf sie zusätzlich am Hinterkopf. Ihr wurde schwarz vor Augen, die ausgestreckten Hände trafen auf Stoff,…
Die Schwärze lichtete sich nur langsam, aber trotzdem fühlte es sich an, als würden schlagartig viele Eindrücke gleichzeitig auf Emma zukommen.
Zu erst war da der Geruch von Erde. Und Tannennadeln drückten in ihre Wange.
Fichten, korrigierte Emma sich. Sie war auf Fichten zu gelaufen um Schutz zu suchen.
Dann war da Kälte an ihren Beinen.
Ihr Rock musste hoch gerutscht sein als sie fiel, dachte sie.
Gleich danach kam die Erinnerung an den Stoff, den sie gefühlt hatte.
Sie zuckte zusammen bei der Frage, woher der Stoff hier im Wald kam. Die Bewegung ließ ihren Kopf schmerzen. Dennoch versuchte sie die Augen zu öffnen.
Die Augen wollten nicht wirklich offen bleiben. Jedes Bild war hart erkämpft.
Blendende Helligkeit und brauner Waldboden.
Grüne Nadeln und ein rauer Stamm.
Brauner Stoff und abgewetzte Stiefelspitzen.
Ah, ein kleiner Sünder
Eiskalter Wind fegte ihr einen unendlichen Schwall an Schneeflocken ins Gesicht.
Die Sicht war mit jedem Blinzeln schlechter als zuvor und... war da was?
Eine Bewegung irgendwo zwischen Schatten und Schneegestöber. Oder war das nur Einbildung?
Sie rief nach ihrem Liebsten. Horchte in den Wind hinein. War es seine Stimme, die sie ganz schwach vernehmen konnte?
Da, sie sah erneut eine Bewegung. Diesmal war sie sich sicher.
Sie rief erneut nach ihm. Damit sie sich nicht verpassten. Wann hatte sie ihn nur verloren?
Eilig raffte sie ihre Röcke und eilte auf ihn zu. Versuchte die Schneeflocken aus ihren Augen zu blinzeln um die Stelle nicht aus dem Blick zu verlieren.
Sie sank mit einem Fuß bis zum Knöchel im Schnee ein. Der Fuß blieb stecken. Sie musste ihre Röcke loslassen und mit ihrem ganzen Gewicht... ihr Fuß kam frei. Sie fiel in den Schnee, so schnell ging es.
Die Benommenheit hielt nur einen Moment an, dann biss ihr die Kälte in den Fuß.
Irritiert sah sie ihren Schuh im Schnee stecken. Noch schmolz der Schnee an der Stelle, an die ihr Fuß gehörte. Doch schon bald wäre er bei diesem Schneefall hoffnungslos verschwunden.
Auf Knien grub sie den Schuh mit beiden Händen aus und zog ihn wieder an. Ihr Fuß war schon so kalt, es brauchte einen Moment.
Hastig richtete sie sich danach wieder auf. Aus Gewohnheit klopfte sie ihre Röcke aus, auch wenn sofort neue Schneeflocken darauf hängen blieben.
Suchend schaute sie sich um. Sie hatte die Bewegung aus den Augen verloren! Was sollte sie nun tun?
Für einen Moment schien es, als würde der Wind nachlassen und der Schnee weniger werden.
Wieder schaute sie sich um. Niemand war zu sehen.
Verzweifelt rief sie nach ihrem Liebsten.
Ein neuer Schwall Schnee schlug ihr ins Gesicht. Etwas davon gelangte in ihren Hals und ließ sie husten.
Tränen behinderten jetzt ihre Sicht. Alles was sie sah war weiß.
Sie hatte ihn verloren! Sie war wieder allein auf der Welt.
Ein Geräusch ließ sie aufhorchen. Sie unterdrückte den Husten so gut sie vermochte.
Wieder nur der Wind in ihren Ohren. Hatte sie das Geräusch nur gewünscht?
Mit dem Ärmel wischte sie sich über die Wangen, bevor die Tränen dort gefrieren würden.
Schon wieder das Geräusch! Sie riss den Kopf herum.
Da war wieder eine Bewegung zwischen den wirbelnden Schneeflocken. Konnte es sein? Diese dünne Silhouette?
Sie wollte vor Glück aufschreien, ihr Mund öffnete sich von selbst dazu... der Klang einer Glocke hielt sie auf.
Eine Glocke! Mitten in diesem Schneesturm?!
Ihr war als gefror sie von innen. Sie konnte sich nicht mehr bewegen oder sich freuen.
Langsam kam die Gestalt näher. Schritt für Schritt wurde sie deutlicher. Der Schnee fiel unverändert dicht um sie beide herum.
Trotzdem wurde die Gestalt immer deutlicher vor ihr.
Zu der Glocke gesellte sich das leisere Rasseln von Ketten.
Hinter der dunklen Gestalt, die immer höher über ihr aufragte, tauchte langsam eine zweite Gestalt aus den Schneeflocken auf. Diese Gestalt schien sich auf einen langen Stab zu stützen.
"Was hast du denn?"
Die erste, dunkle Gestalt hielt inne und drehte sich zur zweiten. Ob sie antwortete war nicht zu hören, aber ihre Hörner wurden im Schneegestöber sichtbar. So nah war er schon?
"Ah, ein kleiner Sünder?"
Zwei schnelle Schritte rückwärts. Bloß weg von dieser Gesellschaft. Ein dritter...
Sie fiel rückwärts. Schneller als der Schnee. Immer schneller fiel sie rückwärts.
Sie wollte schreien, sich drehen, irgendwas.
Mit einem Ruck saß sie aufrecht im Bett.
Neben ihr schlief friedlich ihr Liebster. Vollkommen in die gemeinsame Decke eingewickelt.
Obwohl der Raum vom Tag noch aufgeheizt war, zog sie sich ein Stück der Decke heran. Kuschelte sich an die Seite ihres Liebsten.
Sie betrachtete seinen Umriss im Dunkeln. Er würde nicht verstehen, warum sie von den Schreckgestalten und der Kälte der alten Heimat geträumt hatte. Wie furchteinflößend sie auch hier noch waren, mindestens vier Wochenseereise entfernt. Doch er würde sie nicht verlassen.
