Barriere
„Captain.“
Yama betrachtete seine linke Hand auf dem Steuerrad. Der Lederhandschuh begann sich an den Säumen aufzulösen; vielleicht war dies das Schicksal von Arbeitskleidung, die den Strapazen ausgesetzt war, Tag für Tag auf einem unsterblichen Schlachtschiff Dienst zu tun. Das Holz des Steuerrads hatte ein Jahrhundert überdauert, blank und glattgestrichen von so vielen Berührungen durch Hände in gestärktem Leder; doch selbiges Leder war wie viel, anderthalb Jahre alt? Sicher hatten die Handschuhe nicht lange ungetragen im Kleidungsfundus der Arcadia zugebracht, nachdem sie wessen Leiche auch immer abgenommen worden waren.
Yama wandte sich um. „Was gibt es?“
Alonso räusperte sich. „Sieht aus, als würden die Schwierigkeiten jetzt schon anfangen. Die Sensoren zeigen drei große Patrouillenschiffe an den Außenstationen des Mars-Jupiter-Sektors. Tiado-Klasse, mit Jägern und allem.“
„Die schmollen wirklich schlimm“, bemerkte Yattaran auf Yamas linker Seite. „Normalerweise ist der Wachposten doch immer ein lahmer alter Kasten mit fünfzig Hosenscheißern an Bord, die einen Satelliten nicht von einer Raumboje unterscheiden können.“
Kei rechts von Yama kicherte freudlos. „Hast du wirklich geglaubt, wir könnten sie überraschen? Die konnten sich doch denken, dass wir früher oder später hier auftauchen würden. Ich wette, im ganzen Orbit des Mars warten noch viel mehr auf uns.“
„Und wenn schon“, murmelte Yama. Die Heimatbasis der Gaia Sanction interessierte ihn nicht. Er hatte weder vor, sie direkt zu beschießen, noch irgendeinem Wachposten im Vorbeiflug den Antrieb lahmzulegen. Nur konnten sie das nicht wissen; sicher glaubten sie, er käme zurück, um Rache zu üben und ihnen endgültig den Garaus zu machen.
„Yama“, sagte eine ruhige, dunkle Stimme hinter ihm, und jetzt wandte Yama sich um und blickte zu Harlock, der im Schatten saß, ganz und gar verschmolzen mit dem hohen Umriss seines Throns. „Möchtest du meinen Rat hören?“
„Immer.“ Es war zu einem Ritual zwischen ihnen geworden. Harlock würde niemals Yamas Vorgehensweise kommentieren, ohne ihn vorher formal um Erlaubnis zu bitten, und Yama würde seine Hilfe niemals ablehnen. Zu vieles konnte Yama noch nicht wissen mit seinem begrenzten Erfahrungsschatz, doch diese Unzulänglichkeiten durften seine Autorität keinesfalls in Mitleidenschaft ziehen.
„Als du zum zweiten Mal zur Erde geflogen bist, hat dich niemand aufgehalten. Aber als du zuletzt mit Yattaran dort warst …“
„Dämliche Pseudo-Heimkehrer“, blaffte Yattaran seine Konsole an.
Yama verstand, worauf Harlock hinaus wollte. Es brauchte nie viele Worte, bis er den Gedanken des früheren Captains der Arcadia folgen konnte. „Der Bürgerkrieg hat sich ausgeweitet, wir haben selbst gesehen, wie viele Rebellen sich in der Milchstraße zusammengezogen haben. Die Gaia-Flotte macht jeden Tag Verluste. Das heißt, ihre Schiffe können nicht mehr voll bemannt sein.“ Das ergab Sinn. Er konnte die drei massiven Tiado-Schiffe selbst vom Ruder aus auf Yattarans Bildschirm sehen, große eckige Schemen; was dort fehlte, war der niederschlagsartige Schwarm aus Jägern, den diese Schiffe üblicherweise ausspuckten, sobald ihre Sensoren die Arcadia erfassten.
Falls sie sie erfassten. Immer wieder umkreisten die technisch unterlegenen, doch in ihrer Zahl lästigen Schiffe der Rebellen den Mars, um der Gaia Sanction zuleibe zu rücken – mutige Männer und Frauen, die Betrug und Lügen satt hatten. Noch waren sie nicht organisiert genug, um ernsthaften Schaden anzurichten, ein taktisch unkoordinierter Haufen, doch ihre Zahl stieg stetig, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie wirksame Angriffsstrategien entwickeln würden.
Es war das Gesetz der Natur. Die Gaia Sanction würde eines natürlichen Todes sterben, übermannt von stärkeren Konkurrenten um die Macht, nachdem sie ihre Autorität verloren hatten.
„Willst du’s versuchen?“, fragte Kei, ohne den Kopf zu heben, und Yama wusste, dass er gemeint war.
„Welcher von den dreien ist am stärken beschädigt?“
„Der in der Mitte.“
„Und welcher am wenigsten?“
„Der an Steuerbord.“
Yama schloss beide Fäuste fest um den Rand des Rads. Obwohl das Leder des Handschuhs spürbar weiter nachgab, lächelte er flüchtig.
***
19 Tage zuvor
Yama fragte sich, ob irgendjemand an Bord wusste, was sie getan hatten. Irgendjemand außer Miime. Niemand sprach ihn darauf an; nicht Kei, nicht Yattaran, nicht sonst irgendjemand der wechselnden Brückenbesatzung, deren Namen er beharrlich zu lernen versuchte, um sie korrekt ansprechen zu können. Mehr als einen kurzen Exkurs zum Thema Menschenführung hatte ihm die Ausbildung der Gaia Sanction nicht angedeihen lassen; nie war vorgesehen gewesen, dass Yama irgendetwas führte.
Zweifellos spürten die Männer, dass jetzt etwas anders war. War der erste Überfall unter Yamas Kommando noch in einem Desaster geendet, verlief der zweite so reibungslos nach Plan, dass sie es ahnen mussten.
Wie habt ihr es gemacht?, erwartete Yama Keis neugierige Frage beim Schichtwechsel am Ende des Tageszyklus. Was ist passiert zwischen dir und dem Captain? Sie nannte Harlock immer noch ‚den Captain‘. Gemeint war damit keine Funktion, sondern eine Identität.
Yama könnte es ihr einfach sagen. Kei war der vielleicht professionellste Offizier an Bord, sie würde nicht schockiert sein. Doch sie fragte nicht, niemand fragte, und Yama hielt den Mund.
Ebenso Harlock. Strenggenommen machte er den Mund kaum noch auf.
Das Schlimmste waren die Schwindelattacken. So heilsam die Nacht der Machtübergabe auch gewesen war, so zehrend waren die beiden, die folgten. Zu viele Sinneseindrücke drohten Yamas Verstand zu überwältigen. Zu viel giftige Dunkle Materie durchseuchte seinen Körper. Wenn ihm nicht gerade übel war, bewegte sein Bewusstsein sich schlingernd am scharfen Rand des Abgrunds, der Ohnmacht hieß. Zu oft war es das Steuerrad, das Yama aufrecht hielt, während er sein Gewicht darauf lehnte wie ein Betrunkener, den niemals jemand ans Ruder eines Schlachtschiffs gelassen hätte.
In solchen Momenten nannte niemand ihn „Captain“, und es dauerte, bevor es überhaupt jemand tat. Bis zum zweiten Tag nach dem Ritual fiel diese Anrede überhaupt nicht auf der Brücke. Harlock anzusprechen war fruchtlos; es schien, als habe er sich vorgenommen, auf den Titel, den er über hundert Jahre geführt hatte und der praktisch Teil seines Namens war, nicht mehr zu reagieren. Er saß nur noch schweigend auf seinem Thron, eine hartnäckige, aber stumme Präsenz, die Yama im Rücken fühlte, während bei jedem Richtungswechsel die schwarzen Dämpfe durch seine Knochen rauschten und seine Knie zu Gelee werden ließen. Harlock war im Moment keine Hilfe, und er konnte auch keine sein.
Es war Miime, die eine Hilfe war. Sie ging zu Yama, wenn er den Stand zu verlieren drohte, und ihre kühle Berührung war wie Balsam gegen das Kreischen des Antriebs, das Yamas Schädel zu sprengen drohte.
Ich habe keine Wahl, war alles, was Yama über Stunden denken konnte, ein einzelner, kreiselnder Gedanke im schwarzen Becken seiner Sinne. Ich habe schon Schlimmeres überstanden. Das … davor. Davor gab es etwas, das schlimmer war …
***
Der erste Schuss saß. Der zweite auch. Zwei der vier Triebwerke des fliegenden Bollwerks wurden dunkel, als ihre Energieerzeugung zum Stillstand kam.
„Immer noch keine Jäger“, meldete Alonso. „Haben wohl wirklich kaum Männer da drauf. Wollen nur stark aussehen.“
Dämlich, dachte Yama. Sie sind verzweifelt. Tiado-Klasse-Patrouillen sind zu langsam, um vor einem Angriff zu fliehen. Die Männer auf diesen drei Schiffen sind dort, um zu sterben.
Das backbord von ihnen liegende der drei Schiffe eröffnete das Feuer auf die Arcadia; das mittlere war offenbar nicht mehr in der Lage dazu. Selbst aus so großer Entfernung waren die fadenförmig entweichenden Gase an den Mündungen seiner Geschütze zu sehen.
„Feuer erwidern?“, fragte einer der Artilleristen via Intercom.
„Auf die Geschütze zielen“, antwortete Yama. „Macht sie nur kampfunfähig.“ Vielleicht sollten wir sie auch einfach zerstören. Das wäre ein schnellerer Tod für die Crew. Die Rebellen werden Schlimmeres mit ihnen anstellen. Andererseits würde für die Erzeugung von genügend Hüllenbrüchen auf so großen Schiffen eine große Menge Cygnus-Plasma draufgehen. Yama musste zuerst an seine eigenen Ressourcen denken.
Kurz kniff er die Augen zusammen, als die Wunden der Arcadia Dunkle Materie zu bluten begannen. Es war, als würde der Lebenssaft des Schiffes aus seinem eigenen Körper strömen, bis die Kompensation einsetzte. Sein Klammergriff um das Steuerrad löste sich wieder etwas, und er atmete auf. „… Feuer.“
Sektion 2 und 11 des Schützenstands nahmen das hartnäckig um sich schießende Schiff auf der linken Seite ins Visier und beendeten dessen sinnlosen Angriff mit einigen Treffern.
„Der Weg sollte jetzt frei sein“, meldete Kei. „Mann, was für ein Witz.“
„Gut. Wieder Kurs auf den Mars nehmen“, seufzte Yama.
„Aber langsam annähern“, ergänzte Yattaran feixed. „Manche dieser Rebellen fliegen wie Anfänger. Nicht dass wir noch einen mitnehmen, am Rumpf klebend.“
Die Arcadia kroch vorwärts. Yamas Eingeweide begannen wieder zu krampfen. Jeder Meter brachte ihn näher an sein früheres Zuhause, sein altes Leben – einen Ort, der jetzt das letzte Refugium des Feindes war. Er wollte nicht dorthin. Aber er musste.
***
11 Tage zuvor
Harlocks Führerschaft fußte auf Schuld.
Die Erkenntnis kam Yama, als er an einem der Tische in der Halle saß und ein Stück weiches Toast in seine Suppenschale tunkte. Die Übelkeit und der Schwindel nahmen nun jeden Tag ab, und dafür kehrte sein Appetit allmählich zurück. Jung und kräftig, wie sein Körper war, hatte er sich den Einwirkungen der Dunklen Materie rasch angepasst. Yama fühlte sich fast normal. Fast.
Heute war Shoda an ihn herangetreten und hatte ihm etwas mitgeteilt, das völlig logisch, aber von Yama zu keinem Zeitpunkt bedacht worden war: Harlocks Verrat an der Crew war nicht für jeden an Bord so einfach zu verkraften. „Ein paar von uns haben beschlossen, dass sie nicht auf der Arcadia bleiben wollen. Ist das, ich meine … ein Problem?“
Yama entsann sich, dass jeder von Harlocks Leuten an Bord war, weil Harlock ihn irgendwo vor irgendwas gerettet hatte. Nicht wenige von ihnen hatten einst zur Gaia Sanction gehört und waren dort in Ungnade gefallen; andere hatten in Gefängnissen gesessen oder sich an kleinen Rebellionen beteiligt. Sie waren Harlock gefolgt, weil er ihnen eine Perspektive geboten hatte im Austausch für laxe Regeln und flache Hierarchien, denen sie sich bereitwillig unterwarfen. Der Kampf für die Freiheit war eine romantische und noble Mission. Nun jedoch, da Harlock ihre Schuldgefühle ihm gegenüber missbraucht hatte, fühlten sie sich ihm nicht länger verpflichtet.
Yama hatte die Frage beantwortet, ohne nachzudenken. Nein, es sei kein Problem; er werde jeden, der nicht bleiben wollte, gehen lassen. Nur stellte sich die Frage: Wann? Und wo? Er brauchte sie; jeder von ihnen würde ersetzt werden müssen. Eine klare Aussage, bei welcher Gelegenheit die Abbrecher von Bord gehen durften, war Yama der Crew schuldig geblieben, und nun würden sie hoffentlich ein paar weitere Tage des Vertrauens für ihn erübrigen und auf ihren Posten bleiben.
Die Suppe schmeckte frisch genug, doch das Toast hatte sicher schon seit dem Frühstück herumgelegen. Keine Seltenheit, wenn Lebensmittel nur in unvorhersehbarem Rhythmus eintrafen. Yama konnte fühlen, wie die Energie, die er sich selbst zuführte, sich in den zähen schwarzen Nebel verwandelte, der die Triebwerke des Schiffes befeuerte. Seines Schiffes. Er hielt es am Leben, indem er selbst am Leben blieb.
Beinahe glaubte er, die Erschöpfung der vergangenen Woche spielte ihm einen Streich, als er Harlocks hohe, geschmeidige Gestalt auf sich zuhalten sah. Gehült in den Umhang, der ihm um die Schultern strich, war der frühere Captain auf den ersten Blick unverkennbar. Yama spürte eine seltsame Anspannung von sich Besitz ergreifen. Sie hatten kaum ein Wort gewechselt seit dem Ritual; nur Notwendiges, Unpersönliches. Änderte sich das nun endlich? Hatte Harlock ein freundliches Wort für ihn übrig, oder …
Suppe tropfte zurück in die Schüssel, als Yama den Löffel auf halbem Wege zu seinem Mund festhielt.
„Yama.“ Harlocks Stimme war ohne Wärme und passte nicht zu seinen Worten. „Ich hoffe, du fühlst dich besser.“
„Es geht.“
„Wann fangen wir mit dem Training an?“
Yama sah ihn verständnislos an.
„Du wolltest, dass ich dich darin schule, deine blinde Seite zu kompensieren.“
Das stimmte. Yama erinnerte sich daran, Harlock darum gebeten zu haben, nachdem sie … das Ritual abgeschlossen hatten. Als sie aus dem Bett geklettert waren, nachdem sie …
„Informiere mich einfach, wenn du bereit bist.“ In Harlocks Ton schwang eine leise Ungeduld mit. Als Yama nicht antwortete, schickte er sich an, kehrt zu machen, zweifellos bereit, mit einer Handbewegung seinen Umhang dramatisch aufzubauschen –
„Halt“, sagte Yama und stieß seinen Löffel so hart in die Schüssel, dass ein paar Tropfen Suppe über den Rand flogen. „Warte.“
Harlock sah ihn von der Seite an, die Braue aufmerksam erhoben.
„Ist das dein Ernst? Es ist zehn Tage her, dass wir – verdammt, du weißt, was wir gemacht haben. Und nach zehn Tagen ist das Erste, das du zu mir sagst, dass ich Training brauche?“
Harlock betrachtete ihn mit unbewegter Miene, dann wandte er den Blick ab. „Die Situation ist auch für mich nicht einfach“, sagte er. „Aber du weißt so gut wie ich, dass unser Krieg mit der Gaia Sanction noch nicht vorbei ist. Und Nahkampf ist ohnehin nicht deine starke Seite, Yama.“
„Oh, danke, das wusste ich noch gar nicht.“
„Du weißt, dass ich dir helfen will.“
„Natürlich. Um meinetwegen oder deinetwegen?“ Es war eine unnötige Frage, aber Yama wusste selbst, dass Denken und Handeln bei ihm oft in der falschen Reihenfolge stattfanden. Mit einem angespannten Atemzug hob er den Suppenlöffel wieder auf. Harlocks Vernunft war ätzend, aber angebracht; Yama hatte hundert Jahre davon aufzuholen. „Na schön. Wann und wo?“
„Iss erst auf. Wenn es auf der Brücke ruhig ist, gehen wir in den Salon.“
„Von mir aus.“
Harlock ging, ohne Umhangflattern. Erstmals kam Yama der Gedanke, dass auch Harlock … litt. Nach über hundert Jahren war er befreit von dem Fluch, den er selbst durch den Missbrauch alter und großer Mächte über sich gebracht hatte – doch wie befreiend war dieser Zustand wirklich nach so langer Zeit?
Sie schoben den altehrwürdigen Tisch, an dem Harlock und Miime zu trinken pflegten und der sehr viel massiver aussah, als er war, näher an die ausladende Fensterfront. Der Salon im Heck des Schiffes war kein Übungsraum, doch offenbar wollte Harlock dieses Training privat halten. Yama konnte es nur recht sein.
„Keine Waffen?“, fragte Yama, als sie beide mit leeren Händen dastanden.
„So weit sind wir noch lange nicht“, erklärte Harlock, während er den Kragen seines Umhangs löste und ihn ablegte.
Wie ermutigend.
Yama blieb in der Mitte des Raumes stehen, während Harlock sich aus verschiedenen Richtungen an ihn heranpirschte. Sehr erfolgreich, zu Yamas Missfallen. Er hatte nicht geahnt, welch enormen Unterschied es machen würde, wie viele Augen man zur Verfügung hatte. Anders als Isora hatte Yama stets scharfe Augen gehabt und sich immer auf sie verlassen; er war ein guter Schütze und stellte sich in vielen Dingen geschickt an, weil er gut sehen und räumliche Verhältnisse hervorragend abschätzen konnte. Das war nun anders. Die rechte Seite seines Gesichtsfeldes hatte sich in einen gigantischen toten Winkel verwandelt, und ohne räumliches Sehen waren Entfernungen ein Ratespiel. Selbst wenn er Harlock auf sich zuspringen sah, griff er fast immer ins Leere, wenn er ihn abwehren wollte.
„Du bist tot.“ Harlocks behandschuhter Daumen stieß in die weiche Seite seines Halses, nicht fest, aber nachdrücklich.
„Tot, Yama.“ Und wieder.
„Tot.“ Und wieder.
Yama fuhr auf dem Fuß herum, aber Harlock huschte außer Sicht wie ein Schatten.
„Tot.“ Auf seiner sehenden Seite!
Harlocks unbewegte Stimme ließ Yama in hilflosem Zorn die Zähne zusammenbeißen. Längst waren die Kopfschmerzen zurückgekehrt, strahlten aus seinen Schläfen in den Rest seines Körpers aus, während seine Erschöpfung die Dunkle Materie aus dem Geichgewicht brachte. Es war nicht fair. Yama war nicht halbblind wegen der Schussverletzung, sondern wegen des verdammten Fluchs. Vor dem Ritual hätte sein Auge sich vollständig erholen können! Wenn nun alle von Harlocks Schwächen auf ihn übergegangen waren, warum dann nicht auch seine Stärken – die überlegenen Sinne, die katzengleiche Geschmeidigkeit, die jahrzehntelange Kampferfahrung? Es war nicht fair.
„Das reicht jetzt!“, schnappte er. „Wie oft willst du mich noch umbringen, bis du glaubst, dass ich’s kapiert hab?“
Harlock ließ die Arme sinken. Kurz spiegelte sich Betroffenheit in seinem Auge.
„Ich hatte zwar nur ein kurzes Training bei Gaia, aber es war verdammt hart. Ich war nicht schlecht, sonst hätten sie mich nicht gehen lassen. Aber du, du hattest ein ganzes Jahrhundert, um zu trainieren, du kennst alles und ich kann nicht mithalten!“ Aus einem Impuls heraus gab Yama dem Tisch einen Tritt. Nur sein hoher Stiefel verhinderte das zu erwartende Hämatom an seinem Schienbein. „Was also soll das hier, Harlock? Was erhoffst du dir davon, mich fertig zu machen?“
Endlich wurde Harlocks ganze Haltung deeskalierend, und er schüttelte den Kopf. „Wenn du es so empfindest, dann hören wir auf. Dich fertig zu machen ist ganz sicher nicht mein Ziel.“ Er trat an die hohe Wanduhr heran, die mit reglosen Zeigern auf einem ornamentierten Ziffernblatt an der Wand ruhte. In ihrem Inneren, hinter der schmalen Tür auf Brusthöhe, lagerten diverse erbeutete Schätze mit variablem Alkoholgehalt. „Wein, Yama?“
Anscheinend konnte Harlock zu jeder Zeit trinken. Yama fragte sich, ob es seiner Lage helfen würde, ebenfalls zum Alkoholiker zu werden. „Sicher.“ Dennoch blieb er stehen, wo er war, und versuchte, sein von der Anstrengung hämmerndes Herz zu beruhigen.
Harlock stellte Yamas Glas dort ab, wo dessen Jacke über einer hohen Stuhllehne hing, und fragte: „Wie lange willst du noch um die Sperrzone kreisen? Du kannst nicht jeden Neugierigen von der Erde fernhalten, und wozu auch, es gibt noch nichts dort zu finden. Wolltest du nicht zum Mars und das Saatgut aus deinem Gewächshaus holen?“
„Das ist sinnlos.“ Yama nahm einen großen Schluck von dem schweren dunklen Wein. Schreckliches Zeug. „Ich war einmal unten, kurz nachdem wir …“ Ich sollte es endlich aussprechen. Vielleicht erinnert er sich dann wieder.
„Ich weiß.“
„Wir haben Samen aus der Küche hingebracht, Proben von allen Speisepflanzen, die von der Erde stammen – Tomatenkerne, Sonnenblumenkerne, irgendwelches Getreide. Kresse. Alles in der Nähe der Wasservorkommen, wo auch die Blumen stehen.“
Harlock sah ihn an und wartete auf die Pointe.
Widerstrebend nahm Yama einen weiteren großen Schluck. „Gestern war war ich noch mal dort, mit Yattaran. Nichts. Kein einziger Keimling. Ich hab alle Stellen markiert. Aber auch sonst wächst dort nichts, Harlock. Keine Kräuter, keine Gräser, nicht mal Algen oder Flechten. Nichts.“
Harlocks Blick wanderte zu dem halbleeren Glas in seiner eigenen Hand. „Warum wachsen dann die Blumen dort?“
„Ich weiß es nicht.“ Die Wahrheit brannte in Yamas Kehle, zusammen mit dem starken Wein.
„Vielleicht dauert es einfach länger. Die Samen hatten nur eine gute Woche Zeit zu keimen.“
„Kresse, Harlock. Streu das Zeug in irgendein Substrat und nach spätestens zwei Tagen keimt es.“
„Ich verstehe nicht viel von Pflanzen.“
Vielleicht solltest du dann aufhören zu klugscheißen, denn ICH verstehe was davon. „Ich will nicht zum Mars“, hörte Yama sich sagen. „Ich will nicht.“
„Du musst“, entgegnete Harlock ruhig. „Es ist dein früheres Zuhause. Alle deine Angehörigen sind tot, also gehört alles dort von Rechts wegen dir.“
Yama unterdrückte ein sarkastisches Auflachen. Stattdessen zwang er sich zu einem weiteren Schluck und spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg. „Denkst du wirklich, das interessiert irgendjemanden?“, murmelte er.
„Nein. Aber du brauchst einen Abschluss.“ Was Harlocks Blick wirklich sagte, war: Du musst Abschied nehmen. Du musst trauern. Sonst wird dein Schmerz dich zerstören.
Wahrscheinlich stimmte das sogar.
Yama stellte das leere Glas wieder auf den Tisch, und Harlock füllte es postwendend wieder bis zum Rand. „Bevor du wieder zu dir selbst kommst“, sagte er, „hat es keinen Sinn, dass wir weiter an dir arbeiten.“
„Sehe ich auch so“, schnaubte Yama, packte das aufgefüllte Glas sofort und kippte die Hälfte des Inhalts hinunter.
Plötzlich sagte Harlock in schneidendem Ton: „Glaubst du, ich wüsste nicht, wie es dir geht?“
„Tust du das?“
„Ich war an deiner Stelle, vor langer Zeit. Ich will dich nicht dieselben Fehler machen sehen. Ich will nicht sehen, wie du so wirst wie – …“ Doch Harlock brach ab und presste die Lippen zusammen.
„Wie wer?“, ätzte Yama. „Wie du? Ich dachte, genau deshalb sind wir hier.“
Harlocks Haltung verlor die Spannung. Stoisch nippte er an seinem Wein, die Miene wieder verschlossen, und sagte nichts.
Das machte Yama nur noch wütender. „Glaubst du, mein blindes Auge ist das einzige Problem hier? Ich kann nicht führen, Harlock. Du hast es gelernt, ich nicht. Ich war nur ein Soldat! Ich kann keine Strategien entwickeln, keine Feinde ausschalten, keine ganze verdammte Armee in Schach halten!“
„Das musst du auch nicht“, sagte Harlock nun unerwartet sanft. „Ich bin immer noch hier, bei dir. Wir werden viel Zeit haben, dich auf alles vorzubereiten.“
„Und wann sind wir damit fertig? Ich kann niemals du sein.“
Harlock seufzte. „Yama, das sind alles Dinge, die wir schon besprochen haben. Ich dachte, wir hätten deine Zweifel ausgeräumt.“
„Das dachte ich auch, danach. Weißt du noch? Wir haben uns großartig gefühlt. Danach. Aber das war dumm, nicht wahr?“ Ich muss aufhören zu trinken. Jetzt. Scheiße, ich vertrage nichts.
„Wenn du das alles hier nicht willst“, sagte Harlock scharf, „warum hast du es dann getan? Warum hast du die Augenklappe genommen und dich ans Ruder gestellt? Warum?“
„Weil wir sonst alle gestorben wären!“ Yama schrie nun fast, und seine Hand, die das Glas hielt, zitterte. „Du hast die Dunkle Materie aufgebraucht, du hast die Arcadia geopfert. Mit dir als Captain hätte sie nicht mehr abheben können! Du musstest den Fluch weitergeben, und leider war da nur noch ich!“ Er leerte den Wein, zwängte ihn gewaltsam durch die Enge seiner Kehle. Und ich kann nirgendwo anders mehr hin.
Jetzt lächelte dieser Mistkerl auch noch, ein mildes, nachsichtiges Lächeln. „Du hast keine Ahnung, wozu du fähig bist“, sagte er beinahe feierlich. „Du wirst stärker sein als ich, Yama, viel stärker.“
„Dass ich nicht lache“, fauchte Yama und knallte das Glas auf den Tisch. Dann machte er schwungvoll kehrt – schon zwei Gläser Wein störten seine Motorik so sehr, dass er sich kurz am Tisch festhalten musste – und ging. Irgendwie schaffte er es nach draußen, während Harlocks Blick ihm folgte.
***
Die endlose rote Wüste, die der Mars war, tat sich vor ihnen auf. Überall in den tiefen Gräben und Kratern zwischen den Felsen saßen die Bauwerke der Gaia Sanction, ihre fürstlichen Sitze, ihre Hangars, ihre Wasseraufbereitungsanlagen, ihre unzähligen nutzlosen Zierbauten, die glitzernd in die künstliche Atmosphäre aufragten.
„Was genau steuern wir an?“ fragte Yattaran.
„Fünfzehn Grad steuerbord“, sagte Yama müde. „Richtung Tharsis-Region.“
„Also zu ihrer Heimatbasis?“, hakte der Erste Maat nach.
„Ganz in der Nähe.“ Yama kannte die Anflugschneise sehr genau. Isoras Behinderung und die Limitierung der Energieversorgung hatten es nötig gemacht, dass sie in ein Herrenhaus in kleinstmöglicher Distanz zu den Tagungssälen des Hohen Ministerrats umzogen, damit Isora als Kommandeur der Flotte so oft wie möglich persönlich dort erscheinen konnte. Dort hatte Nami das neue Gewächshaus bauen lassen. Yama hatte es nie von innen gesehen.
Neben ihnen stieß ein kleines Raumschiff ohne Kennzeichnung tollkühn Richtung Oberfläche herab. Rebellen, was sonst. Sie sahen zu, wie das Treibstoffdämpfe ausstoßende kleine Blechding – zweifellos war es im Windschatten der Arcadia an den drei zahnlosen Wachhunden am Rand des Sektors vorübergeglitten – seine Nase senkte, vielleicht, um selbstgebaute Sprengsätze über den Wohngebieten der Marsbewohner abzuwerfen. Yama überlegte bereits, ob er es abfangen sollte, als etwas gänzlich Unerwartetes geschah.
Der kleine Kreuzer prallte wie von einer unsichtbaren Wand ab. Plasmagitter grellten auf beim Kontakt mit der Hülle, Lichtblitze sprangen über, als Pulsare sich in das Schiff entluden. Der Bug explodierte lautlos, dann der Rumpf, dann das Heck. Alles ereignete sich binnen weniger Sekunden. Der Schiffskörper brannte aus, seine Einzelteile landeten ebenfalls auf dem Plasmagitter, um dort zu verglühen und atomisiert zu werden. Einen Augenblick später war nichts mehr von dem Eindringling zu sehen.
„Hä?“, machte Yattaran.
Auch Kei drehte sich zum Steuer um, ihr Gesicht ein Fragezeichen. „Yama, was zum Teufel war das?“
„Ich kann nichts registrieren“, meldete Alonso unnötigerweise.
„Aber das war nicht nichts, was den Rebellen gebraten hat!“
Yamas Mund war trocken. Er hatte davon gehört, oder nicht? Ein letztes Ass im Ärmel der Gaia Sanction. Eine Verzweiflungswaffe. Ebenso wie das Kaleido-Star-System, ebenso wie der Jovian Blaster. Diese beiden hatten sich als wirkungslos erwiesen. Dies hier war das letzte ihrer geheimen Projekte, vielleicht ebenso ein Jahrhundert lang für genau diesen Zweck gehütet … Automatisch hatte Yama die salbungsvolle Stimme des Großen Ministers in der Ohren, wie er feierlich verkündete: „Ich genehmige den Einsatz von … was auch immer wir noch nicht ausprobiert haben.“ Es war –
„Ein Schild“, stellte Harlock hinter ihnen mit unbewegter Stimme fest. „Wir hätten wissen müssen, dass sie Mittel und Wege haben, ihre Heimatbasis für den Fall einer übermächtigen Bedrohung zu schützen.“
Yama drückte den Knopf für die Comverbindung. „Artilleristen, gebt einen Testschuss ab mit jeder Munition, die wir haben.“
Die Anweisung wurde mehr oder weniger geordnet ausgeführt. Piraten waren nun einmal keine Militärs. Etwas chaotisch krachten verschiedene Salven auf den unsichtbaren Schild, der bei jedem Treffer aufloderte und alles, was auf ihn traf, einfach auffraß: Er ließ die Geschosse explodieren und absorbierte die freigesetzten Energien. Nicht einmal das mächtige Cygnus-Plasma richtete auch nur den geringsten Schaden an.
Kei fluchte über ihren Monitoren.
„Diese Bastarde!“, knurrte Yattaran. „Denken die, sie könnten sich ewig hinter so einer Wand verschanzen?“
Yama schloss sein Auge. „Sie können. Der Mars ist autark, und dieser Schild scheint seinen eigenen Energiekreislauf zu haben. Sie können.“
Einen Moment lang starrten sie alle durch die große Frontscheibe hinunter auf den Mars, der zum Greifen nahe vor ihnen lag und nun doch unerreichbar war. Dann begann die Diskussion.
„Gibt es irgendeine Waffe, die so was kaputt kriegt?“, fragte Kei hitzig.
„Ich lass grad Simulationen laufen“, brummte Yattaran, die kräftigen Arme über dem ausladenden Bauch verschränkt. „Sieht aber nicht gut aus. Muss eine der vielen experimentellen Technologien sein, zu denen nur Gaia Zugang hatte.“
„Einige unserer Ingenieure waren doch früher bei Gaia“, wandte Yama behutsam ein.
„Ich weiß, ah! Die Sensoren haben Daten gesammelt, als die Nussschale auf den Schild gekracht ist. Ich stell sie allen zur Verfügung.“
Kei zischte: „Das muss doch schneller gehen!“
Alonso kratzte sich den blonden Schopf. „Wir alle kennen doch Gaia, oder? Ich wette, über deren Geheimwaffen konnte nichts nach draußen dringen. Wer davon wusste und nicht hundertprozenzig loyal war, dürfte tot gewesen sein, bevor er ‚Erde‘ sagen konnte.“
Frustriertes Schweigen schloss sich an, doch es dauerte nur einen Augenblick; dann erhob sich Harlock von seinem Thron und trat auf die Gruppe zu. „Yattaran“, sagte er. „Was sagen dir die Daten über den Schild?“
„Ah, was sollen die denn sagen? Wir haben drauf geschossen, nichts ist passiert. Tja, man müsste ihn überladen können, theoretisch. Aber wenn man sich die Daten so anschaut …“ Der Erste Maat beugte sich wieder über seine Konsole, und hinter den dicken Brillengläsern huschten seine Augen von einer Zahlenreihe zur nächsten. „… dann bräuchte man wohl eine ganze Menge Saft … um genau zu sein, wir bräuchten eine punktuell konzentrierte Energieentladung von über zweihunderttausend Terasparks. Ja, genau.“
Yama spürte, wie seine Kinnlade vor Erstaunen heruntersank. Harlocks Gesicht nahm einen zufriedenen Ausdruck an. „Welche Waffe könnte das schaffen?“, fragte er fast beiläufig.
Auf Yattarans Zügen begann es zu arbeiten. „Ah, naja, unsere nicht. Höchstens Gaias Jovian Blaster, der vielleicht.“
„Fällt aus“, sagte Kei. „Was noch?“
„Nichts. Am Arsch.“ Yattaran zuckte die Schultern.
Doch Yama hatte verstanden, wie Harlock das Genie in seinem übergewichtigen Ersten Maat wachzukitzeln wusste. „Sagst du das nicht immer, Yattaran? Ich höre ständig von dir, dass irgendwas nicht gehen wird, und dann …“
„Eine Stunde später präsentierst du eine Theorie“, beendete Harlock den Satz. „Wir vertrauen darauf, dass das auch jetzt passieren wird.“
Yattaran verdrehte die Augen. „Aaaach, zum Teufel! Von mir aus, ich geh nachdenken.“ Mit einem weiteren Achselzucken verließ er einfach seinen Posten. „Kommt mich nicht suchen. Ich geh mir in der Zero-Gravity-Dusche den Arsch schrubben, vielleicht fällt mir da was ein.“
Harlock, Yama, Kei und Alonso sahen zu, wie Yattaran von der Brücke stapfte, leise vor sich hin murmelnd.
Yama blickte zu Harlock. „Glaubst du wirklich, er findet einen Weg?“
„Wenn nicht Yattaran, dann niemand.“ Harlocks Mundwinkel zuckten aufwärts. „Er war derjenige, der ausgerechnet hat, wie viel Energie einen Zeitknoten löst – bevor ich mit ihm jemals über meine Mission gesprochen hatte. Bedenke, dass deine Crew aus den Besten besteht, Yama.“
Yamas Blick glitt wieder zum Mars, zu den schimmernden Bauwerken, die wie Tautropfen zwischen den Felsen saßen. Ein kleiner Teil von ihm wollte sie alle dem Erdboden gleich machen. Ein weit größerer Teil hoffte, dass Yattaran das Problem nicht lösen konnte.
Einfall
9 Tage zuvor
Harlock war betrunken.
Es war nicht das erste Mal seit dem Ritual, aber schon das dritte Mal seit seiner Übungsstunde mit Yama. Der Alkohol half ihm, die unerträgliche Stille in seinem Kopf zu betäuben. Vielleicht, sagte er sich, war das einfach seine Art, mit Problemen umzugehen. Andere Leute, die den wichtigsten ihrer Sinne verloren hatten, griffen zu drastischeren Maßnahmen als sich hin und wieder die Kante zu geben.
Und dieser Wein war gut. Sie hatten ihn im Venus-Sektor erbeutet, der erste erfolgreiche Überfall unter Yamas Kommando. So schlecht es Yama die ersten Tage gegangen sein mochte, die mentale Verbindung zur Arcadia führte ihn fehlerlos. Es war schneller gegangen als bei Harlock damals – oder? Hatte er nicht tagelang kotzend in einer Ecke gelegen, während sein verwandeltes Schiff, nun ein Piratenschiff, im Orbit des einzigen Planeten herumdümpelte, der ihm je wichtig gewesen war? Und den er in eine Wüste aus unfruchtbarem, von Dunkler Materie durchseuchtem Geröll verwandelt hatte.
Harlock streckte sich auf der Chaise longue aus, die früher stets Miime okkupiert hatte. Der einzige gespannte Muskel in seinem Körper war der in seinem Arm, der das Weinglas halbwegs gerade hielt. Wahrscheinlich bot er einen bemitleidenswerten Anblick. Aber wen interessierte das? Jeder andere auf diesem Schiff hatte gerade genug eigene Probleme.
Als Harlock Yama zu seinem Nachfolger ernannt hatte, hatte er nicht vorgehabt, Probleme zu haben, geschweigedenn zu verursachen. Er wollte wie ein Schatten in Yamas Nähe sein, wenn dieser sich ans Steuerrad klammerte und die ersten Befehle erteilte, wie ein Kleinkind am Treppengeländer das Gehen übt. Seine Präsenz sollte der Crew klarmachen, dass Harlock hinter Yama stand und nicht bereit war, das Feld schon jetzt zu räumen. Nichts, das sollten sie wissen, passierte ohne Harlocks Zustimmung. Er wollte eine stumme Erinnerung daran sein, dass er es war, der Yama auf diesen Platz gesetzt hatte, dass es noch immer seine Verantwortung war, was geschah, und dass niemand es wagen sollte, Yamas Kommando in Frage zu stellen, jene Autorität, die Harlock selbst ihm verliehen hatte.
Ha. Guter Plan, sehr militärisch. So hätte es laufen sollen.
Doch dann, als er wieder auf seinem Thron saß, wollten die Männer plötzlich nicht mehr unter ihm dienen. Wollten gehen.
Nimm das, du alter Narr.
Mmmh, noch ein Glas. Was machte das schon für einen Unterschied? Die Tage wurden nicht besser. Mit ungelenken Bewegungen schenkte er sich nach und dachte, dass seine Ablösung durch Yama gerade zur richtigen Zeit passiert war. Wie lange, fragte er sich, hätte die Crew einen Captain Harlock nach seinem Verrat noch toleriert? Wie lange hätten ihre Schuldgefühle es ihm noch erlaubt, sie zu kontrollieren? Sein Einfluss auf seine Männer schwand stetig, die Illusion vom rechtschaffenen, verkannten Helden verblasste ebenso wie das Hologramm auf der Erde und entblößte einen verbitterten, fehlgeleiteten alten Mann ohne Skrupel. Noch viel mehr Leute als die kleine Anzahl, die Shoda genannt hatte, hätten das Schiff verlassen wollen, stünde Harlock noch immer selbst am Ruder der Arcadia. Viele der Männer blieben wegen Yama. Das war ein erhebender und zugleich erschreckender Gedanke. Trotz seiner elitären Herkunft war Yama einer von ihnen; sie kannten seine Fehlbarkeit, hatten seinen inneren Zwist ebenso wie seine Menschlichkeit aus nächster Nähe gesehen. Nun hatte Yama den Abtrünnigen versprochen, dass sie gehen durften. Natürlich ließ er sie einfach gehen – wie Gäste, die wieder abreisten, und nicht als die Deserteure, die sie waren.
Ja, es stach. Früher waren die Männer wegen Harlock gekommen. Jetzt gingen sie wegen Harlock.
Das nächste Glas widmete er den verdammten Blumen. Yama hatte gesagt, dass nichts anderes auf der Erde wuchs, und Yama musste es wissen, denn Yama war nun schon dreimal dort gewesen. Warum waren sie so dumm gewesen, sich Hoffnung zu machen? Warum klammerten sich die Menschen an jede Hoffnung, die sie finden konnten? Weil sie gratis war? Wie Münzen, die auf der Straße lagen?
Er sollte Yama fragen, was für Blumen das überhaupt waren. Wahrscheinlich waren sie genmanipuliert, stammten aus einem der reichen Labore auf dem Mars, die zum Spaß schöne Pflanzen züchteten, die zu nichts nütze waren.
Noch ein Glas.
Zu guter letzt widmete er sich dem größten aller Probleme. Einem, das mit den anderen überhaupt nichts zu tun hatte, aber der Hauptgrund dafür war, dass Harlock nun seltener nüchtern war als in seinen Jahren als Student an der Militärakademie.
Er konnte nicht aufhören, an das Ritual zurückzudenken.
Yamas erboste Stimme, zwei Tage zuvor: Verdammt, du weißt, was wir gemacht haben.
Ja. Natürlich wusste Harlock, was sie gemacht hatten. Er wachte nachts auf und wusste, was sie gemacht hatten. Er stand unter der Dusche seiner eigenen Nasszelle, wusch sich die Seife ab und wusste, was sie gemacht hatten. Er wusste es, wenn er Yama am Ruder stehen sah, und er hatte es erst recht gewusst, als Yama ihn vor zwei Tagen angeschrien hatte mit seiner aufgeregten, verzweifelten Stimme, in der der beschleunigte Herzschlag zu hören war.
Mit unsicherer Hand goss Harlock den kleinen Rest Wein ins Glas und hielt die leere Flasche wie zum stummen Gruß in die Luft. Du hättest ihn gelobt, mein Freund, dachte er. Am liebsten hätte ich ihn mit dir getrunken. Yama trinkt wie ein Fünfzehnjähriger.
Harlock kniff die Augen zusammen und hielt ein leises Stöhnen zurück. Er begehrte Yama, wie er seit Jahrzehnten nichts und niemanden begehrt hatte. Er hatte geglaubt, er könnte nichts mehr dieser Art empfinden nach all der langen Zeit, doch Yama hatte von Anfang an etwas in ihm gerührt, vom ersten Moment an, als er mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf der Kante der Ladeluke gestanden hatte, die Augen groß und verunsichert wie die eines scheuen Tiers. Und nun … nun wurde es unerträglich.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen mechanischen Geräusch. Niemand konnte hier hereinkommen, da ein Sperrcode den Zugang verschloss. Niemand außer …
„Harlock“, sagte Miime sanft. Sie glitt auf ihn zu, lautlose Schritte auf dem künstlichen Parkett.
Er hob nicht einmal den Kopf. Er fühlte nichts. Miime war keine Hilfe mehr; er konnte nicht mehr nach ihr spüren, nicht mehr ihre Gedanken mit seinen berühren, um Wellen des Trosts und der Ruhe von ihr zu empfangen. Keine geistige Verbindung bestand mehr zwischen ihnen. Miime gehörte jetzt zu Yama. Genau wie das Schiff, und die Crew, und alles, was Harlock sich in über hundert Jahren aufgebaut hatte.
Würdelos lag er vor ihr auf dem Polstermöbel, das zerzauste Haar in der Stirn, eine Hand schlaff auf der Tischplatte neben dem leeren Glas. Miime setzte sich auf die Kante und bettete seinen Kopf in ihrem Schoß.
„Ich bin nutzlos“, murmelte er und glaubte, dass er ihr selbst über seine Gedanken niemals so ehrlich gesagt hatte, was er fühlte.
Doch Miime lächelte nur und küsste ihn auf die Nase. Ihr Haar umfloss ihn, als sie beide Arme über seiner Brust kreuzte und sich niederließ, die kühle Wange auf der Hitze seiner Stirn.
***
Ungefähr eine Stunde später kam Yattaran zurück, duftend wie ein ganzes Fässchen Zitronenöl. „Könnte sein, dass ich ’ne Idee habe“, verkündete er und genoss es vermutlich, alle Blicke der Brückencrew auf sich ruhen zu wissen. Harlock führte seinen Ersten Maat seit vielen Jahren und wusste, wie gut der Mann seine eigenen Stärken kannte. „Ich hab nachgedacht, ein paar Zahlen durch den Rechner gejagt … Möchte meinen, wir können mit zwei kleineren Energiequellen, wenn wir sie an Positionen mit besonderer Relation zueinander anbringen, den Schild knacken. Der ist gekrümmt, also … Wir müssten nur ein Trionisches Netz zwischenschalten, und wenn wir es richtig verkabeln, lässt sich der Energie-Output wie mit einem Verstärker verfünffachen, ja.“
Harlock sah das ehrliche Erstaunen auf Yamas Gesicht. Yama war immer so herrlich offen, was seine Gefühle betraf, wie ein aufgeschlagenes Buch. „Ein Trionisches Netz“, wiederholte er. „Sind die nicht ziemlich selten?“
„Das war nicht immer so“, übernahm Harlock die Antwort. „Früher wurden Schiffe serienmäßig mit Trionischen Netzen zur Energieverteilung ausgestattet, es war der neuste Stand der Technik.“
„Dann sind sie einfach veraltet?“
„Eher antiquiert.“
„Voltaire-Klasse vier und acht“, ergänzte Yattaran. „Die zum Beispiel haben eins.“
Yama dachte nach und schüttelte den Kopf. „Die Gaia Sanction fliegt keine Voltaire-Klasse-Schiffe mehr. Sie wurden ausgemustert, noch bevor ich geboren war.“
Yattaran lachte auf. „Das heißt aber nicht, dass die nicht mehr fliegen. Vor allem Schmuggler stehen auf restaurierte Voltaire-Schiffe, weil deren Steuerung bis heute bestens kompatibel mit moderner Tarnkappen-Technologie ist.“
„Wenn das so ist, gut. Wo finden wir so ein Schiff?“ Jetzt huschte Yamas forschender Blick zurück zu Harlock.
„Es gibt zwei Orte, die wir zuerst ansteuern sollten. Tizmah –“ Harlock hoffte, dass Yama über diesen Planeten bereits etwas gelernt hatte; dort Halt zu machen stand regelmäßig auf dem Programm, denn auf dem zentral gelegenen Tizmah gab es praktisch nichts, mit dem kein Handel getrieben wurde. „– und Themeisias.“ Letztgenannter Planet war gefährlich, eine Hochburg der Kriminalität. Die Patrouillen der Allianz der Planeten trauten sich dort schon lange nicht mehr hin.
Yama nickte wieder. Er hatte ohnehin keine andere Wahl, als den Erfahrungswerten seiner Offiziere zu vertrauen. „Einverstanden, wir beschaffen also ein Trionisches Netz. Wie geht es dann weiter – was ist mit den beiden Energiequellen?“
Yattaran kratzte sich hinter dem Ohr, wo sein Bandana noch nass war, als würde er selbst zum Haarewaschen nicht abnehmen. „Gut, dass du fragst. Die müssten es nämlich jede auf immerhin einundzwanzigtausend Terasparks bringen, und keine unserer Waffen kann das – jedenfalls keine, die wir an Bord haben.“
„Was soll das heißen?“, bohrte Kei, die Arme vor der Brust verschränkt.
Harlock kam ein unguter Verdacht. Yattaran bestätigte ihn, indem er die Nase feucht hochzog und erklärte: „Wir bräuchten nichts Geringeres als zwei Dimensionenschwingungssprengköpfe.“
***
5 Tage zuvor
Dieses Mal wurde er gestört.
Er hatte aufgehört, die Stunden, die er auf der Brücke in Yamas Schatten verbrachte, und die, die er betrunken im Salon herumlag, gegeneinander aufzurechnen; es konnte jedoch gut sein, dass in den letzten Tagen ein gewisses Missverhältnis entstanden war. Schon mehrfach hatte er den Weinvorrat in der Wanduhr aus den Frachträumen nachversorgen müssen, und dass er dies nachts persönlich getan hatte, konnte nur bedeuten, dass ihn das Ausmaß seiner einsamen Gelage selbst beschämte.
Hatte er sich während des letzten Zyklus überhaupt einmal auf der Brücke sehen lassen? Wie erging es Yama, während er stundenlang um die Erde kreiste und Neugierige vertrieb – aus Sorge, sie könnten seine Blumen pflücken, oder einfach weil er zu viel Angst hatte, sich stattdessen seiner Vergangenheit zu stellen und mit ihr abzuschließen?
Es brauchte Harlock im Grunde nicht zu interessieren. Yama machte den Job am Ruder mittlerweile sehr gut und schätzte die Kräfte des Schiffes richtig ein. Um im Orbit der Erde zu kreisen, dafür brauchte er Harlock schon lange nicht mehr.
Währenddessen zog sich das Gefühl von Isolation und Verlassenheit immer stärker um Harlock zusammen wie ein Tourniquet um eine blutende Gliedmaße. Er fühlte sich nicht mehr willkommen in seinem eigenen Zuhause. So hatte er noch nie zuvor empfunden.
Doch nun war an der versperrten mechanischen Tür ein hartnäckiges Klopfen zu hören, das einfach nicht aufhören wollte.
Miime konnte es nicht sein. Erstens konnte sie sich selbst hereinlassen, zweitens war sie schon den ganzen Tag bei Yama.
„Machen Sie auf. Sie wissen genau, dass ich hier reinkomme, wenn ich will!“ Kei. Der Klang ihrer Stimme bewirkte nur ein träges Zucken der Hand, die das halbleere Glas mit den silbernen Ornamenten festhielt.
„Was willst du?“
„Reden.“
„Rede mit Yama.“
„Yama soll das Thema sein. Also machen Sie auf oder ich schließe die Türsperre kurz. Irreparabel.“
Gegen seinen Willen schmunzelte er. Nichts auf diesem Schiff war irreparabel, wenn er – … wenn Yama es wollte.
„Ich zähle bis drei.“
Was wollte sie so dringend von ihm, dass es nicht warten konnte?
„Eins.“
Was konnte auf eine solche Art wichtig sein, dass sie es nicht mit dem Captain selbst besprechen wollte, sondern nur mit seinem ausgemusterten Vorgänger?
„Zwei.“
Vielleicht sollte er sich selbst einmotten und aufs Hangardeck stellen, um auf Tizmah an einen Antiquitätensammler verkauft zu werden.
„Zweieinhalb.“
Oder ganz einfach von Bord gehen, irgendwo, wo die Bürgerkriege weit weg waren, und sich unerkannt zur Ruhe setzen.
„Drei.“
Etwas zischte, und ein paar kleine Funken stoben an den Seiten der hydraulischen Türscharniere vorbei. Dann entstand zwischen den Türflügeln ein schmaler Spalt, in den sich zwei Paar schlanke Finger hineinschoben und die Salontür aufdrückten. In nicht mehr als zehn Sekunden stand Kei im Raum, die blauen Augen vor Missmut sturmumwölkt.
„Was zum Teufel machen Sie da, Captain?“
„Ich bin nicht der Captain“, korrigierte er sie automatisch.
„Nein, Sie sind nur ein Stück Altinventar, nicht wahr? Vergessen Sie’s. Von mir aus ist Yama der Junior-Captain und Sie der Senior-Captain, mir doch egal, wie ihr das aufteilt. Aber das hier hört jetzt auf.“
Es amüsierte ihn gar nicht, dass sie mit ihm sprach wie mit einem sich daneben benehmenden Teenager. Das hatte sie noch nie getan. Beim Versuch, das Glas elegant abzustellen und Haltung anzunehmen, rollte er fast über den Rand der Chaise longue und konnte sich gerade noch rechtzeitig mit der linken Hand am Boden abstützen. „Kei“, ächzte er, „ich verbitte mir diesen Ton. Wie du weißt, bin ich außer Dienst.“
„Am Arsch“, fauchte sie. „Soll Yama sich jetzt Ihren Umhang anziehen, mit Ihrem Säbel rasseln und sagen, ‚Seht her, ich bin’s, Captain Harlock‘?“
„Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. Er ist jetzt der Mittelpunkt dieses Schiffs, die Quelle der Dunklen Materie. Er ist nicht mehr Yama.“
Noch während er sprach, hatte Kei tief Luft geholt, wie um ihn noch einmal tüchtig anzuschreien; doch jetzt ließ sie den Atem mit einem theatralischen Stöhnen entweichen und reckte die Arme in die Luft.
„Wie viele von euch gehen?“, fragte Harlock plötzlich.
Kei ließ die Schultern fallen und blinzelte verwirrt. „Was?“
„Von der Crew. Wie viele?“
„Ah.“ Kei kreuzte die Arme und betrachtete ihn lauernd. „Was denken Sie denn?“
Er dachte an die Hälfte. Zwanzig. Mehr wären schlimm. Dreißig wäre katastrophal. Vor allem die Crewmitglieder mit Sonderfunktionen waren schwer zu ersetzen. Harte Zeiten kamen auf sie zu …
Kei zählte an den Fingern ab. „Sieben.“
„Sieben?“ Harlocks Augenbrauen wanderten aufwärts.
„Ja. Die meisten davon sind unsere Freunde von Berda – Sie wissen schon, die Ex-Söldner, die bei den Evakuierungen vergessen wurden. Aber fast alle anderen …“
„Und du bleibst ebenfalls?“, unterbrach er sie, unfähig, der ihn plötzlich durchströmenden Erleichterung über den Weg zu trauen.
Sie sah ihn an, als hätte er einen vierzig Jahre alten Witz erzählt. „Hatte ich das nicht klargemacht? Die Arcadia ist mein Zuhause. Was soll ich denn woanders? So sieht es übrigens auch Yattaran, auch wenn es manchmal so aussieht, als wäre er nie zufrieden. Unsere Brückencrew bleibt auch – Alonso, Norrel, Cervus, Caruso … und unsere Schützen … Sato, Roukan, Maji, Tiberius …“ Sie zählte weitere Namen auf, die durch Harlocks misstrauisches Gehör hindurchrauschten. „… und natürlich die Köchin und der Doktor, aber er wünscht sich neuen Strapaleci, wenn wir wieder auf Tizmah sind. Wie kann man diese Katzenpisse nur trinken. Habe ich jemanden vergessen? Oh, im Übrigen war meine Zeit auf der Arcadia die befriedigendste meines Lebens, und auch damit stehe ich nicht alleine da. Mag ja sein, dass ein Musikstück durch ein schlechtes Ende ruiniert wird, doch bei Lebensabschnitten bin ich großzügiger. Bis auf die Sache mit der Zerstörung des Universums waren Sie ein großartiger Captain. Es hat sich gut angefühlt, Teil einer solchen Mannschaft zu sein, eine Mission zu haben, für etwas zu kämpfen. Ich werde so lange damit weitermachen wie möglich.“ Einen Moment lang sah sie ihn so an, wie sie es früher getan hatte, bewundernd, beinahe liebevoll. Dann schien sie wieder zu bemerken, welch zerstörten Anblick er bot, und der Äger kehrte auf ihre Züge zurück. „Wenn wir uns einig sind, dass ich genug Süßholz geraspelt habe, dann bewegen Sie sich jetzt augenblicklich auf die Brücke.“
Harlock wich zurück, als sie mit forschen Schritten auf ihn zuhielt, doch sich ins Polster der Chaise zu drücken half ihm nicht; sofort war Kei bei ihm, ergriff seine schlaffe Hand und zog daran.
Ächzend richtete Harlock sich auf. Er fühlte sich wie ein alter Mann – wund und benommen.
„Los jetzt, Yama braucht Sie!“, drängte Kei.
Harlock stolperte auf die Füße, ließ sich weiter durch den Raum zerren. „Was ist mit Yama?“
„Wir hängen im Asteroidengürtel fest.“
„Weshalb?“, fragte er lahm.
„Yama hat kurz die Kontrolle über die Dunkle Materie verloren, weil er einfach verdammt müde ist. Jetzt ist er desorientiert und kriegt das Schiff nicht durch die vielen Gravitationsfelder durchgesteuert. Wir versuchen es schon seit ein paar Stunden.“
Harlock schüttelte ungläubig den Kopf, während er Kei durch die nun nutzlos offen stehende Tür folgte. „Das hättest du mir sofort sagen müssen.“
„Ach ja? Hätte Sie das aus Ihrer bequemen Suhle aus erbärmlichem Selbstmitleid rausgeholt?“
Natürlich!, dachte er und hielt den Mund. Ihr Spott schmerzte, und zu Recht. Doch das spielte überhaupt keine Rolle. Yama hatte Schwierigkeiten, nur das spielte eine Rolle.
Alle Köpfe drehten sich, als Harlock hinter Kei die Brücke betrat.
Sofort schlug ihm Yamas Erschöpfung entgegen; er glaubte sie am eigenen Körper zu spüren. So sollte es nicht sein. Das war nicht richtig.
Auch Miimes Kopf flog zu ihm herum, ihre Augen groß und sorgenvoll. Nur, wer sie nicht kannte, hielt ihre Augen für leer.
„Harlock“, murmelte Yama, als Harlock hinter ihn trat und seine Hände auf Yamas legte, um mit ihm das Ruder zu halten. Vor den Fenstern schwebten von Sternstaub glattgeschliffene Asteroidenbrocken, kleine und sehr große. Keiner von ihnen war eine Bedrohung – es sei denn, man hatte eine neu gewonnene Sensibilität gegen die im All wirkenden Kräfte zu überwinden.
„Atme tief durch, Yama. Hör auf, gegen die Arcadia zu kämpfen. Sie wird dir sagen, was du tun musst.“
Yama stöhnte leise. „Es geht nicht … Irgendwie schaffen wir es nicht, die Schwerkraft zu überwinden. Erst die eine, dann eine nächste, und die Asteroiden, sie sind überall, ich kann nicht … kann nicht …“
Nicht all die Anweisungen zeitgleich ausführen, dachte Harlock. Es sind einfach zu viele auf einmal. So viele Eindrücke, so viele Richtungen … Er wusste noch sehr genau, wie sich das anfühlte. Dem Gefühl der eigenen Unfähigkeit folgten Stress, Macht- und Hilflosigkeit, dann nackte Angst. Yamas blasses, ermattetes Gesicht sagte: Wir kommen hier nie mehr raus, wir sterben hier, weil ich versagt habe.
Fester umfasste er Yamas kalte Finger, die vor Anstrengung zitterten. „Konzentrier dich, Yama. Einmal noch. Und hab keine Angst. Lass mich führen.“
„Aber du kannst nicht …“
„Ich habe schon Schiffe geflogen, als du noch lange nicht geboren warst“, schnitt Harlock ihm sanft, aber bestimmt das Wort ab. „Ich werde auf Sicht steuern. Kümmere du dich nur um den Schub. Lass dir eingeben, wie du den Gravitationsring überwinden musst. Erfühle ihn.“
Yama atmete tief durch und nickte.
Harlock hielt Yamas Hände mit seinen eigenen und spürte, wie sie sich langsam unter den Handschuhen wieder erwärmten. Vorsichtig drehte er das Rad, ohne das riesige Frontfenster aus dem Auge zu lassen. Früher, als die Arcadia nichts weiter als eines von vier Deathshadow-Klasse-IV-Schiffen gewesen war, hatte er auf unzählige Monitore gestarrt, die ihm beim Navigieren und Rangieren halfen; nun hatte er nur noch das Fenster, das, was er mit dem bloßen Auge sehen konnte. Und Yama hatte die Dunkle Materie, um seine Hand zu führen. Um beides miteinander zu vereinen war Yama noch nicht erfahren genug im Umgang mit seinen neuen telepathischen Fähigkeiten, doch er würde es lernen. Es war nur zum Teil eine Kunst, zum anderen ein Handwerk. Bald würde Yama ohne Harlocks Hilfe Asteroidenfelder durchkreuzen können, um Verfolger abzuschütteln; er würde durch sie schweben wie ein Schlafwandler, eine Hand am Steuerrad, das die Dunkle Materie in seinem Kopf bewegte. Bald.
Aber nicht jetzt. Nicht, wenn er überfordert und dem geistigen Zusammenbruch so nahe war.
Ich hätte ihn nicht allein lassen dürfen.
Fünfunddreißig quälend lange Minuten kroch die Arcadia aus dem Asteroidengürtel heraus. Yama, halb ohnmächtig, dosierte den Schub, um die wirkenden Kräfte zu überwinden, während Harlock hochkonzentriert durch die Gesteinsbrocken hindurch manövrierte. Endlich, als die Anspannung kaum mehr auszuhalten war, drifteten sie ins freie All hinaus.
Harlock fing Yama auf, als dessen Knie unter ihm nachgaben und er gegen ihn sackte.
„Tut mir leid, ich wollte nich’ …“, kamen beschämte Worte als halb verständlicher Brei aus ihm heraus.
Harlock hielt ihn umfasst, drehte ihn um und schob ihn vom Steuerrad weg, bis sie seinen Thron erreichten. „Setz dich“, sagte er schlicht, bevor er Yama behutsam herunterdrückte. Unelegant plumpste Yamas Hintern auf den hohen Stuhl; er hatte dort noch nie gesessen, es wäre ihm im Traum nicht eingefallen, diesen Platz von Harlock einzunehmen. „Ruh dich aus. Ich übernehme das Ruder, bis wir wieder auf dem richtigen Kurs sind.“
Yama konnte nicht mehr tun als nicken. Er saß auf dem Thron wie jemand, der dort nicht hingehörte.
Harlock ging zurück zum Steuerrad und tauschte einen kurzen Blick mit Yattaran, dann mit Kei. Letztere formte mit den Lippen einen Satz, der wahrscheinlich lautete: Wagen Sie es nie mehr, ihn so lange allein zu lassen.
Hatte sich Yamas Nase nicht eben gekräuselt, als er den Alkohol an Harlock gerochen hatte? War sein Blick nicht halb erleichtert, halb enttäuscht gewesen?
Harlock drehte das Rad mit ruhiger Hand, um die Arcadia zu wenden. Bis zur Sperrzone musste Yama noch durchhalten, dann konnte er sich von einem Crewmitglied ablösen lassen und eine Mütze voll Schlaf nehmen.
Das war das letzte Mal, dachte Harlock und schob im Geiste die sabotierte Tür zum Salon zu. Er hatte beschlossen, seine Würde zu behalten.
Fracht
„Dimensionenschwingungssprengköpfe“, murmelte Yama. Er hatte geglaubt, mit diesen schrecklichen, hochzerstörerischen Waffen nie wieder etwas zu tun haben zu müssen. In ihrer besonderen Bedeutung symbolisierten sie für ihn vergangene Momente des Leids, des Vertrauensverlustes, des Endes seines früheren Lebens. Er wollte sie nicht sehen; sein Magen drehte sich schon um, wenn er nur an sie dachte.
Und noch immer lag der Zünder in seinem Quartier unter dem Nachttisch, eingewickelt in ein Handtuch. Unnötig und beinahe abergläubisch hielt Yama Erschütterungen von dem Gerät fern, obwohl es blanker Unsinn war.
„Naja, einen haben wir ja fast vor der Tür“, sagte Yattaran munter. „Den von der Erde können wir ohne Probleme einsacken. Klemmen ihn wieder in das Tragraster, koppeln es wieder ans Schiff …“
„Und der zweite?“, erinnerte ihn Kei. „Wenn wir jetzt das Sonnensystem verlassen, um auf Tizmah ein Trionisches Netz zu besorgen – du weißt doch genau, wo dann der nächste Sprengkopf ist, den wir installiert haben.“ Sie streifte Yamas Blick mit ihrem, ohne ihn richtig anzusehen. Das verriet ihm den Ort sofort.
„Tokarga“, murmelte er.
Yattaran nickte gewichtig. „Dein Lieblingsplanet, genau.“
Es gab kaum einen Planeten, den Yama mehr hasste als Tokarga. Und dann wieder war es ein besonderer Ort gewesen. Er hätte dort sterben sollen, aber Harlock hatte ihn zurück ins Leben getreten.
„Wie wir den Sprengkopf bergen, steht auf einem anderen Blatt“, sinnierte Yattaran weiter, „aber es sollte möglich sein. Tokargas Oberfläche ist ständig aktiv, wir müssen einfach vor Ort schauen, wo er gerade steckt.“
Yama traf eine Entscheidung. „Also gut. Tizmah als erstes, und wenn wir dort kein Glück haben, dann Themeisias. Und danach … Tokarga.“
Erneut nickte Yattaran bedeutungsvoll und tänzelte zu seinem Posten. „An alle!“, trompetete er ins Intercom. „Die Brücke wieder bemannen! Wir setzen Kurs aufs Euphrates-System!“
Yama wandte sich an Harlock. „Können wir den In-Skip-Modus nutzen?“
„Für Teile des Weges, ja. Wenn das Schiff einen Kurs einmal beflogen und die Route im Computer gespeichert hat, lassen sich Skip-In- mit Skip-out-Koordinaten verknüpfen. Bei Tizmah werden wir sehr schnell sein.“ Harlock musterte Yama ruhig, sein Auge dunkel und forschend. Es war gut zu sehen, dass der frühere Captain aufgehört hatte, allein im Salon seine finsteren Gedanken in Hochprozentiges einzulegen. Yama brauchte Harlock, wie er niemanden sonst auf diesem Schiff brauchte, mit Ausnahme vielleicht von Miime. So wenig Fortschritte ihr Kampftraining auch brachte, Harlocks Nähe war … wohltuend.
Vielleicht auch nicht nur das, wenn er es sich recht überlegte. Doch dieser Gedanke hatte gerade nirgends Platz.
„Lass mich und Yattaran das Trionische Netz suchen“, bat Kei, als sie nach einigen Stunden in den Orbit von Tizmah einschwenkten. „Wir sind nicht zum ersten Mal da, und wenn uns jemand blöd kommt, wissen wir das zu händeln. Außerdem kann Yattaran die Schrotthändler bis auf die Unterhosen runterhandeln.“
„In Ordnung.“ Yama entließ sie mit einem Nicken. „Erstattet halbstündlich Bericht.“
„Verstanden.“
Der Handelsplanet sah bereits aus dem Weltall kunterbunt aus; eine der wenigen Welten, auf denen die Lebensbedingungen für Menschen noch akzeptabel waren. Was vielleicht daran lag, dass hier niemand wirklich sesshaft wurde: Man traf sich, um zu kaufen, zu verkaufen, zu tauschen und zu feilschen; kaum ein Händler lebte auf Tizmah.
Er sah zu, wie Kei und Yattaran von der Brücke trotteten, während Alonso und Cervus ihre Posten für den Notfall besetzten. Für Yama eine gute Gelegenheit, etwas Ablenkung zu suchen. Er hatte befürchtet, sich selbst auf Tizmah durch die viele Meilen langen Basare pflügen und Händler aushorchen zu müssen. Sicher nicht seine Lieblingsbeschäftigung.
Harlock saß auf seinem Thron, auf dessen Lehne Tori hockte, den langen Schnabel zum Schlafen unter den Flügel geschoben. Keine Weltraumschlacht konnte diesen Vogel wecken, wenn er schlief. Yama fing Harlocks Blick auf. „Noch eine Übungsstunde, bis wir Meldung bekommen?“
„Wann immer du möchtest.“ Wie üblich war Harlocks Ton leidenschaftslos, als er sich mit einem Rascheln seines Umhangs erhob. „Ich erwarte, dass Kei und Yattaran mindestens zwei Stunden beschäftigt sein werden. Reichlich Zeit für ein paar Lektionen.“
Wie üblich bereute Yama es schnell, Harlock um Nachhilfe dieser Art gebeten zu haben. Er brauchte das Training, das war ihm schmerzlich bewusst, doch zugleich gab es nichts, das mehr an seinem Selbstvertrauen nagte als die mühelosen Niederlagen gegen Harlocks Anpirschmanöver.
Diesmal hielt Harlock eine ungeladene Plasmapistole am Lauf und tippte Yama mit dem Griffstück an, um ihn wissen zu lassen, wann er tot war.
Jetzt zum Beispiel.
„Tot“, seufzte Harlock, und Yama riss aus seiner Reichweite aus, eine Ewigkeit zu spät. Das konnte doch nicht sein! Harlock brauchte ihm jetzt viel weniger nahe zu kommen, um ihn zu berühren, doch es machte überhaupt keinen verdammten Unterschied!
Harlock sah Yamas verletzten, flammenden Blick und schüttelte nur den Kopf. „Du tust es immer noch.“
„Was tue ich?“, fragte Yama hitzig.
„Du wartest ab. Du hoffst, dass dein Gehör dich warnt, aber das wird es nicht.“
Mühsam versuchte Yama, seine keuchende Atmung zu beruhigen. Mit dem Ärmel wischte er sich über die schweißfeuchten Schläfen. „Aber mein Gehör ist doch das Einzige, was mein Leben retten kann, wo ich nichts sehe!“
„Genau das ist ein Trugschluss. Dein Ohr wird sich nicht in ein Auge verwandeln, egal wie sehr du versuchst, damit zu sehen.“
„Aber du machst es doch auch so! Ich habe gesehen, wie du kämpfst.“
„So kämpfe ich jetzt“, sagte Harlock ruhig. „Aber es hat Jahre gedauert, bis ich es konnte. Damit andere Sinne einen fehlenden Sinn kompensieren können, muss sich dein Gehirn umstrukturieren.“
„Und was hast du bis dahin gemacht? Was mache ich bis dahin?“
„Ganz einfach, du drehst den Kopf.“
Yama sah ihn ungläubig an. „Das soll alles sein?“
„Genügt dir das nicht? Um ein eingeschränktes Sichtfeld auszugleichen, musst du ständig in Bewegung bleiben, deine Agilität und deine Reflexe verfeinern. Du darfst deinen Gegner nie aus dem Auge verlieren, oder er wird deine blinde Seite gnadenlos ausnutzen.“
Yama seufzte. Das klang nicht gerade nach einem realistischen Ziel.
„Irgendwann“, fuhr Harlock fort, „wirst du feststellen, dass dein Gehör dir hilft. Dass es vielleicht schneller ist als dein gutes Auge. Aber das wird sehr lange dauern.“
„Und was ist mit der Dunklen Materie?“, fragte Yama hoffnungsvoll.
Über Harlocks Züge glitt der Anflug eines Lächelns. „Das ist noch etwas anderes. Wenn sie dir Impulse gibt, setz sie um, nutze sie. Aber verlass dich auf keinen Fall auf sie. Niemals.“
„Aber was ist mit … du weißt schon. Der Unsterblichkeit. Was bedeutet sie?“
Daraufhin verfiel Harlock einen Moment in Schweigen. Schließlich sagte er: „Das habe ich nie ganz ergründet. Eins weiß ich, nämlich dass du keinesfalls unverwundbar bist. Dass der Körper nicht mehr altert, ist die eine Sache, sehr offensichtlich … aber ob die Dunkle Materie einen gewaltsamen Tod verhindern würde, kann ich dir schlicht nicht sagen. Ich bin nie tödlich verwundet worden. Irgendwann habe ich spekuliert, dass das vielleicht ein Teil dieser Unsterblichkeit ist … eine Art schicksalhaftes Tabu. Dass keine Kugel mich ins Herz treffen, keine Klinge mir die Kehle durchschneiden soll. Ich habe vieles geglaubt und vieles vermutet in diesen über hundert Jahren, und Gott weiß, ich habe es herausgefordert – den Tod. Eingetreten ist diese Situation nie. Tatsache ist, ich möchte nicht darauf vertrauen, dass der Tod dir ausweichen wird, Yama. Ich will, dass du ihm begegnen kannst, wenn du musst.“
Sie betrachteten einander, und Yamas Herz wurde eng in der Stille. Einen Augenblick lang glaubte er zu spüren, was die Ewigkeit, die Harlock mit sich trug, bedeutete. Natürlich hatte Harlock den Tod gesucht, wie könnte er nicht … Doch der irrwitzige Glaube an etwas Unmögliches hatte ihn, die Arcadia und den Fluch am Leben erhalten.
Yama ließ das Kinn auf die Brust sinken. Mit einem Mal fühlte er sich müde und unzulänglich. Harlock versuchte ihn zu schützen, ihn auf wirklich bedrohliche Situationen vorzubereiten, und Yama schaffte es nicht einmal, einem verdammten Pistolengriff auszuweichen. „Es tut mir leid, dass ich dich enttäusche, Harlock“, sagte er aufrichtig. „Es tut mir leid, dass ich nicht der bin, den du –“ Er stockte, denn im selben Moment sah er Harlocks Handbewegung, direkt auf seine blinde Seite zu. Blitzschnell drehte er den Kopf –
– und dann lag seine Wange an Harlocks Handfläche.
Yama schloss den Mund und rührte keinen Muskel. Wärme drang durch den Handschuh an seine Haut. Er sah in Harlocks Auge, dunkel und verschlossen, und spürte, wie der Daumen federleicht über das dünne, vernarbte Gewebe unmittelbar unter seiner Augenklappe strich. Dass Harlock ihn berührte, auf eine sanfte Weise, war nicht mehr vorgekommen seit – … seit dem Ritual, natürlich. Sie hatten so viele zärtliche Berührungen ausgetauscht in dieser kurzen Zeitspanne, die nur ihnen gehört hatte, doch bis jetzt war nichts mehr davon übrig gewesen. Dabei fehlte es. Verdammt, so vieles fehlte.
Yama schloss das Auge und lehnte sich vorsichtig gegen Harlocks Hand. Wie im Traum hörte er sich sagen: „Du weißt, außer dir … habe ich einfach nichts mehr. Wenn du dich entscheidest, mich aufzugeben, weil ich nicht gut genug bin, dann … bin ich allein.“ Er kniff das Auge zusammen, und die Lippen gleich mit. Bloß keine Tränen. Er wollte nicht mehr vor Harlock schwach wirken. Damit musste endlich Schluss sein.
Doch wie er mit den aufsteigenden Gefühlen rang, fühlte er auf einmal Harlocks Atem auf seinen Lippen. Und dann …
… oh.
Harlock küsste ihn weich und etwas keusch, eher fragend als fordernd. Yama hielt still, und Wärme stieg aus seiner Brust herauf. Das war … unerwartet. Das seltsame Gefühl kehrte zurück, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, wie damals, als es die Dunkle Materie selbst gewesen war, die einen Zustand der Vereinigung zwischen ihnen erzwingen wollte; einen Moment des perfekten Einklangs, um ihre Machtübergabe zu Ende zu bringen. Es war wie jetzt. Es war auf dieselbe Weise wohltuend, und Yama war nicht erstaunt, als seine Ängste sich unter der Berührung von Harlocks Lippen zu zerstreuen begannen. An ihren Platz trat eine Art Erwartung, ein leises Flattern in der Brust, das ihn den Kopf neigen und zaghaft die Lippen öffnen ließ.
Doch in diesem Moment löste Harlock den Kuss und trat zurück. „Das ist meine Antwort“, sagte er, Yama fest ins Auge sehend. „Allein zu sein ist eine Entscheidung, kein Schicksal.“
Yama schluckte hart.
Er zuckte zusammen, als Keis Stimme über den offenen Com-Kanal die Stille zerriss.
„Captain Eins und Captain Zwei, wir kommen zurück an Bord. Es hat keinen Sinn. Auf dem ganzen verdammten Planeten gibt es keinen einzigen verdammten Händler, der ein einziges verdammtes Trionisches Netz im Bestand hat.“
Yama schluckte wieder. Wenn er jetzt den Mund aufmachte, würde nur ein Krächzen herauskommen.
„Verstanden“, übernahm Harlock. „Sobald ihr an Bord seid, werden wir Themeisisas anfliegen.“ Sein Blick wanderte wieder zu Yama.
Yama hustete krampfhaft, um den angehaltenen Atem herauszubringen. Halbwegs kontrolliert stellte er die Distanz zwischen ihnen wieder her und nahm Haltung an. „Gut, dann … setzen wir wohl Kurs auf das Gamero-System.“
„Themeisias ist ein unangenehmer Ort“, merkte Harlock an.
„Kann er denn schlimmer sein als Tokarga?“
„Das wird sich zeigen.“
Yama drängte ein nervöses Lachen zurück. Harlock sah abgrundtief unglücklich aus. Sie wussten beide, was auf Tokarga auf sie wartete. „Harlock, ich … ich weiß, was ich damit anrichte. Du weißt schon.“ Den Sprengkopf zu bergen bedeutete, dass ein Neustart des Univerums endgültig keine Option mehr war. Und nie wieder sein würde.
Na und – ist das nicht etwas Gutes?
„Ich weiß, dass ich damit deinen Lebenstraum zerstöre“, endete er leise.
Harlock schnaubte. „Nenn es ist nicht Lebenstraum. Es war der irrsinnige Plan eines verzweifelten Narren.“
„Ich weiß.“ Unnötig, es zu leugnen. „Aber ich hatte vor, deine Sorge um die Erde zu respektieren und die Sprengköpfe zu lassen, wo sie sind. Doch jetzt …“
Entschieden schüttelte Harlock den Kopf. „Nichts mehr davon. Wir haben jetzt einen neuen, gemeinsamen Lebenstraum, Yama. Hol die Sprengköpfe …“ Wieder streckte er die Hand aus, doch nun war Yama außer Reichweite, sodass er sie wieder sinken ließ. „… und dann geh nach Hause.“
***
Alle Monitore zeigten das Landeshuttle mit Kei und Yattaran an Bord, das auf die Arcadia zusteuerte, als Harlock hinter Yama die Brücke betrat. Er fühlte sich seltsam – eine Mischung aus Verwirrung und Erleichterung darüber, wie undramatisch es ihm gelungen war, Yama einen Teil seiner Gefühle zu offenbaren. Er hatte nicht vorgehabt, ihn zu küssen; vor allem deshalb, weil er damit gerechnet hatte, dass Yama sich bestürzt vor ihm zurückziehen würde. Dass das nicht passiert war, ließ ihn etwas planlos zurück. Üblicherweise war Yamas Verhalten eher vorhersehbar.
Er würde später darüber nachdenken.
„Captain“, sagte Cervus, zwischen ihnen beiden hin und her sehend. „Vielleicht müssen wir doch nicht nach Themeisias. Die Sensoren detektieren ein Schiff im direkten Kurs auf Tizmah, Voltaire-Klasse vier. Ein alter Kasten, aber er dürfte ein Trionisches Netz haben.“
„Ein Schmuggler“, vermutete Yama und trat ans Ruder. Währenddessen meldete eine der internen Anzeigen das Öffnen der Luftschleuse im Hangardeck, um das Shuttle an Bord zu lassen. „Hat es eine Kennung?“
„Nein. Wird kein Händler der Allianz sein, die fliegen registrierte Schiffe. Modernere, vor allem.“
Harlock beobachtete Yama. Die Lösung des Problems lag nahe. Voltaire-Schiffe waren keine Frachter im eigentlichen Sinne, aber auch keine Schlachtschiffe; ihr Einsatzgebiet war beschränkt gewesen auf Forschungs- und Bergungsmissionen. Mit ihren großen Frachträumen und ihrer vergleichsweise effektiven Bewaffnung waren sie heute beliebt bei Händlern abseits des legalen Markts. Dass das jeder wusste, war nicht unbedingt ein Nachteil für die Kapitäne.
„Yama!“, meldete sich jäh Yattarans aufgeregte Stimme übers Com-System. „Wenn du das Voltaire-Schiff haben willst, dann hops los! Sobald die uns entdecken, sind sie weg!“
„Das Schiff ist In-Skip-fähig?“, folgerte Yama, bereits beide Hände am Steuerrad.
„Klar, hat garantiert einen Vanishing-Antrieb! Sagte ich ja, bestens kompatibel mit moderner Technik! Mach schnell. Kei und ich sind gleich oben!“
Eine weitere Ermunterung brauchte Yama nicht. Harlock lächelte grimmig, als er sah, wie Yama sein Auge zukniff, um in den Rapport mit der Dunklen Materie zu gehen. Bald würde diese angestrengte Mimik verschwinden, weil Yama in der Herstellung der Verbindung mehr Übung bekam. Aber noch war es … entzückend.
„Miime, aktiviere das Dunkle-Materie-System. Bereitmachen zum Sprung.“
Hinter ihnen ließ Miime den pulsierenden Ball aus Licht unter ihren Händen wachsen; die schwarzen Räder rotierten, und dunkle Gaswolken strömten aus dem Schiffskörper, hüllten die Arcadia in ihre undurchdringlichen Schatten.
Ein kurzes Schaudern durchlief das Schiff, kaum mehr als das Zucken elektrischer Entladungen in durchnervten Muskeln; dann wechselte die Arcadia blitzschnell ihren Standort, und unmittelbar vor ihnen schwebte das Heck eines Voltaire-Klasse-IV-Schiffes. Verblasste Markierungen waren auf der grauen Hülle zu erahnen, eine unleserliche Seriennummer nebst zahllosen geflickten Hüllenschäden. Falls Harlock je bezweifelt hatte, dass dieses Schiff einem Schmuggler gehörte, so waren diese Zweifel nun ausgeräumt.
Die Reaktion auf ihr erfolgreiches Anpirschmanöver kam prompt: Binnen einer Sekunde verschwand das Schiff aus dem Sichtfeld und von allen Sensoren.
„Tarnkappen-Funktion“, stellte Alonso fest. „Yattaran hat eben immer Recht bei so was!“
„Bereitmachen zum Auswerfen der Gravitationsanker.“ Yamas Auge war noch immer geschlossen, doch nun war seine Miene ruhig und hochkonzentriert.
„Äh, Captain, wir werden also nicht – ?“
Die Arcadia kippte zur Seite, als Yama hart am Steuer riss. Er fühlte das andere Schiff, weil die Dunkle Materie den Raum um es herum durchdrungen hatte. Es blind zu beschießen war nicht nötig; das Schiff würde eine unbemerkte Flucht versuchen, und die geringe Distanz schloss ein Feuergefecht bereits aus. Harlock genoss es zu beobachten, wie glatt und zielgerichtet Yama sich unter der Führung der Dunklen Materie bewegte.
Ein weiterer Sprung durch die Schatten, dann waren sie direkt vor dem Schmugglerschiff, das nur Yama sehen konnte. Mit allem Schwung, den er aufbringen konnte, drehte er das Rad und ließ es los. Volle drei Sekunden lang rotierte es wie wild.
Dann – eine Erschütterung, der lautlose Aufprall. Sofort flirrte der Raum vor den Fenstern, und flackernd erlosch die Tarnung des Voltaire-Schiffes und gab es dem Auge preis. Die Sensoren schlugen Alarm. Hüllenstücke blätterten vom Schiffsrumpf und trieben wie Ascheteilchen im Wind durch den Raum; der Rammkopf am Bug der Arcadia zog sich langsam aus der gerissenen Wunde zurück.
„Gravitationsanker auswerfen“, befahl Yama. Dann legte er den Kopf zurück und nahm einen tiefen, erleichterten Atemzug.
***
Er hatte erwartet, dass Harlock versuchen würde, ihn aufzuhalten, als er zusammen mit der Entercrew zu den Rüstungsstationen eilte. Der Platz eines Captains war auf der Brücke, doch Yama empfand es als seine Pflicht, in dieser Sache selbst vor Ort zu sein. Ein Schmuggler war kein Feind erster Güte.
Kei und Yattaran schlossen sich ebenfalls mit Freuden an und glitten in ihre Panzeranzüge. Die Suche auf Tizmah musste sie zu Tode gelangweilt haben.
Es war seltsam, wieder eine Pistole und eine Schlagwaffe zu tragen; die Rüstung immerhin war leichter als erwartet und folgte all seinen Bewegungen mit Leichtigkeit. Yama fragte sich, wer sie entworfen hatte. Woher stammte überhaupt das bemerkenswerte Design der transformierten Arcadia?
Als sie die Brücke des Voltaire-Schiffes stürmten, ergab sich deren Besatzung postwendend und widerstandslos. Kein Blutvergießen war nötig. Kei hielt den Kapitän der Schmugglerbande in Schach, einen großen, übergewichtigen Mann mit kahlem Schädel in einer langen, goldbestickten Robe, die für den Nahkampf denkbar ungeeignet war.
„Lasst uns gehen“, bat er in flehendem Ton, die puderweichen Hände fortwährend vor seinem ausladenden Bauch ringend. „Wir haben nichts verbrochen, wir sind nur Händler. Nehmt, was ihr wollt, aber tut meiner Crew nichts an.“
„Deine Fracht interessiert mich nicht“, erklärte ihm Yama. „Ich brauche ein Stück deiner Schiffstechnik.“
„Meiner Schiffstechnik?“ Der Captain blinzelte eingeschüchtert.
Yama nickte Yattaran zu. „Du weißt, wo sich das Trionische Netz befindet und wie man es ausbaut.“
„Worauf du wetten kannst“, bestätigte der Erste Maat, gedämpft durch das Visier seines Panzerhelms.
„Dann geh es holen. Wie lange wird das dauern?“
„Zehn Minuten, ah?“
„Schaffst du es in fünf?“
„Fünf mein Arsch. Maji? Abmarsch.“ Yattaran und sein Chefingenieur stapften von der Brücke, während sich Yamas übrige Männer nicht ablenken ließen. Es drängten sich mehr Crewmitglieder von der Arcadia als von dem Schmugglerschiff selbst um den engen Kommandostand.
„Gestattest du mir die Frage, was ihr damit vorhabt?“ Der Captain blickte nervös um sich, in Schach gehalten von mindestens drei Plasmakanonen aus verschiedenen Richtungen.
„Leider nicht“, antwortete Yama.
„Noch nie war jemand hinter einem veralteten Stück Technologie her, das ist sehr verwunderlich … Üblicherweise sind es die Frachträume, die die Piraten interessieren.“
„Und woraus besteht deine Fracht?“
Im Gesicht des Schmugglers war zu lesen, wie er sich plötzlich selbst dafür schalt, Yamas Aufmerksamkeit darauf gelenkt zu haben. „Nichts Besonderes. Das Übliche. Dieses und jenes …“
„Ich will einen Blick darauf werfen“, beschloss Kei und sah Yama an, um Erlaubnis bittend. „Was meinst du? Wir sind genug Leute hier oben.“
Yama nickte. „Sieh nach, ob du was findest, das wir nötig brauchen. Alles andere lassen wir hier.“
Kei ging, und der Captain verzog unglücklich das Gesicht. „Ich versichere, da findet sich nichts Spannendes. Nur der übliche Plunder, der sich auf Tizmah gut an die Besserverdienenden verkaufen lässt. Keine hochwertigen Dinge …“ Yama hörte mit halbem Ohr zu, wie er aufzuzählen begann, was sich in seinen Frachträumen alles befand; welche Art von Antiquitäten und Metallen, ein paar Nutztiere von besiedelten Planeten, eine Handvoll Passagiere, die illegal von ihren sterbenden Welten auf andere umsiedeln wollten und für den Transport horrende Summen zahlten, außerdem ein gut erhaltenes Teleskop aus einem gesprengten Labor aus der Venus-Basis, und oh, auch ein paar Waffen und Munition aus ausgeschlachteten Wracks, vielleicht war etwas Cygnus-Plasma dabei, man hatte noch nicht so genau nachgeschaut …
Ohne dass er es wollte, drifteten Yamas Gedanken zurück zu Harlock. Zu dem Moment im Salon. Sie hatten sich geküsst … Warum eigentlich? Was hatte dazu geführt? Und war es nicht … irgendwie unangebracht?
Yamas Aufmerksamkeit schaltete erst dann wieder in den Vollbetrieb, als Keis Stimme durch den Funkeingang in seinen Helm drang. „Yama! Komm in Frachtraum drei, aber schnell. Das musst du einfach sehen!“
Yama schaute wieder zu dem Captain, der blass wie ein Laken geworden war. „Ich bin unterwegs. Cervus, du übernimmst hier.“
„Aye.“ Cervus bestätigte mit einem Nicken und hob ostentativ den Lauf seiner Waffe ein wenig höher, zum Gesicht des Captains hin. „Keine Spielchen versuchen, Kumpel.“
Als Yama den von Kei genannten Frachtraum erreicht hatte, war er auf vieles vorbereitet gewesen. Auf alles, eigentlich. Nur auf das nicht.
Kei stand bei einer Reihe großer Metallkisten, und von derjenigen neben ihr, auf die sie mit triumphierender Geste deutete, hatte sie den Deckel abgesprengt. Yama sah Objekte darin, als er herantrat; Früchte waren es, rund, leicht herzförmig, mit glatter Schale in Schattierungen aus Rot, Gelb und Grün. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Das konnte nicht sein. Das waren –
„Äpfel!“, sagte Kei mit fast entrückter Stimme. „Ist das zu fassen? Zwanzig Kisten voller Äpfel!“
Yama konnte nicht sofort antworten; zu groß war die Überraschung. Einen Apfel hatte er zuletzt als Kind gesehen. Sie traten nicht in derart großen Mengen auf. Sie waren heilig.
„Ich dachte erst, es sind vielleicht ähnliche Früchte von anderen Welten“, fuhr Kei aufgeregt fort, „aber dann hab ich sie gerochen.“ Sie beugte sich über die offene Kiste und atmete tief ein. „Sie duften wie das Paradies. Echte Erdenäpfel!“
„Das kann nicht sein“, schaltete sich Yamas Verstand ein. „Kei, die Gaia Sanction verdient mit Früchten von der Erde ein Vermögen – es gibt nichts, das sie reicher macht als Obst, das auf anderen Planeten nicht angebaut werden kann.“ Nicht mal seltene Erden waren so teuer wie Äpfel. Nur ein winziger Teil der Oberschicht konnte sich einen solchen Luxus leisten. Es war einfach nicht möglich, dass ein Schmuggler kistenweise davon an Bord hatte.
„Ich weiß, aber sieh doch selbst.“ Kei nahm einen Apfel in die Hand und schnupperte daran. „Ich möchte reinbeißen … Ich möchte wissen, wie es ist, etwas zu schmecken, das drei Generationen meiner Familie nicht bezahlen könnten.“
Allmählich hörte Yamas Ratio auf, die Unmöglichkeit eines solchen Fundes zu behaupten. Fast ehrfürchtig trat er neben Kei, und aus der offenen Kiste schlug ihm der süße, rosenartige Duft entgegen. Erinnerungen an seine frühe Kindheit flammten auf, Bilder aus unbeschwerten Tagen – an Feiertagen oder zu besonderen Anlässen hatte seine Mutter manchmal ihm und Isora einen Apfel mitgebracht, oder eine Birne, oder eine Aprikose, oder eine Handvoll Kirschen oder Pflaumen … Jedes Mal hatte sie ihnen ausgemalt, wie selten und wunderbar diese Geschenke ihrer Heimatwelt waren, wie nichts diese Früchte ersetzen konnte und wie die Gaia Sanction das alleinige Anrecht auf ihren Anbau beanspruchte. Heilige Lebensmittel. Eine Erinnerung an die verlorene Welt, die die Menschheit geboren hatte.
Vielleicht geht es der Gaia Sanction jetzt schlecht genug, sinnierte Yama. Er musste unbedingt mehr darüber wissen.
Der Kapitän reagierte wie erwartet, als Yama und Kei auf die Brücke zurückkehrten. Er sah den Apfel in Keis lässiger Hand und brach in Zittern aus.
„Das ist nichts“, erklärte er. „Gypta-Früchte, mehr nicht. Lächerlich billig …“
„Und ihr habt zwanzig Kisten voll“, merkte Kei an. „Im Übrigen sind Gypta-Früchte hart und trocken, aber das hier … Ich wette, wenn ich meine Zähne da reinschlage, läuft mir süßer Saft in den Mund … Verdammt, Yama, darf ich endlich?“
„Bitte, nur zu“, willigte er ein, den dicken Schmuggler nicht aus dem Auge lassend.
Kei biss herzhaft in den Apfel. Ein klebrig-klarer Tropfen rann von ihrer Unterlippe über ihr Kinn, und ein fast obszönes Stöhnen begleitete die ersten Kaubewegungen. „Gaia“, seufzte sie mit vollem Mund. „So schmeckt also das wahre Leben.“ Sie hielt den Apfel hoch, zeigte die angebissene Stelle der Crew. Dezent breitete sich der unverkennbare Duft aus.
Endlich begriffen Yamas Männer, dass sie nicht hereingelegt wurden. Bestürzte Blicke wurden ausgetauscht.
„Sag mir, woher die Äpfel stammen“, verlangte Yama.
Vor ihm warf sich der Captain vor Angst fast in den Staub. „Ich weiß es nicht, Sir. Ich bin nur ein Zwischenhändler.“
„Wer hat sie dir gegeben und was hattest du damit vor?“
„Was sollte ich schon damit vorhaben?“, klagte der Mann. „Verkaufen natürlich! Fifty-fifty! Sie wissen doch selbst, wie Gaia sich über all die Jahrzehnte eine goldene Nase an Erdenfrüchten verdient hat. Jetzt, da ihr Betrug enthüllt ist, sollen alle ein Stück vom Kuchen bekommen! Sehen Sie das nicht auch so?“
Yama bezweifelte, dass der Schmuggler die Äpfel zu einem Spottpreis an die ärmeren Planeten abgeben wollte wie eine mobile Armenspeisung. Doch zum Teufel damit. „Natürlich sehe ich das so. Nur glaube ich nicht, dass die Gaia Sanction ihr lukrativstes Gut plötzlich über illegale Zwischenhändler in Umlauf bringt.“
„Nun ja, nun ja. Die Bürgerkriege tun Gaia nicht besonders gut, wenn Sie verstehen …“
Yama verstand durchaus. Doch es war nicht wirklich wichtig. Wo die Äpfel ursprünglich herkamen, war ihm vollkommen klar, und das war es, was ihn beschäftigte. Er aktivierte die Funkverbindung. „Yattaran, wie weit seid ihr mit dem Trionischen Netz?“
„Das haben wir inzwischen in Geschenkpapier und Schleifchen gewickelt, so viel Zeit hatten wir. Was ist denn los bei euch?“
„Alles erledigt. Gute Arbeit. Wir treffen uns auf der Arcadia.“ Er sah zu Kei und fing ihren Blick auf. Sie war damit beschäfigt, sich die Finger sauberzulecken, um ja nichts von dem Apfel zu verschwenden; offenbar hatte sie sogar das Kerngehäuse mit verputzt. „Kei, wir gehen.“
„Willst du die Äpfel etwa hierlassen?“, protestierte sie.
„Nimm einen für jedes unserer Crewmitglieder mit. Lass ihnen den Rest.“ Er machte eine Kopfbewegung zum Kapitän hin, der aussah, als wollte er vor Dankbarkeit auf die Knie fallen.
Keis Miene trübte sich ein wenig. „Du bist zu nett, Captain. Ich kriege keinen neuen Apfel, oder?“
„Ausnahmsweise. Weil du sie gefunden hast … und ich zu nett bin.“
Daraufhin lächelte Kei versöhnt, zwinkerte ihm zu und bedeutete einigen der Männer, ihr zu folgen.
Yama kehrte dem Schmugglerboss den Rücken und hörte diesen leise sagen: „Nun, ihr … habt unser Schiff beschädigt, und ohne das Trionische Netz wird es nie wieder vernünftig fliegen können. Man kann sagen, es ist ein Totalschaden …“
Ich bin wirklich zu nett, dachte Yama und drehte sich noch einmal. „In deinem Frachtraum liegt ein Vermögen. Kauf dir ein neues Schiff.“
„Oh … Ja, natürlich.“ Das letzte heischende Blitzen in den Augen des Schmugglers verschwand, und er hob die Hände, was seine Crewmitglieder ihm zögerlich gleich taten. Gegenwehr war nicht zu erwarten. Einmal noch musterte der Captain Yama und legte den Kopf schief, ehe er fragte: „Sie sind es … nicht wahr? Sie sind Captain Harlock.“
Kurz dachte Yama darüber nach, die Frage zu beantworten; dann ließ er es bleiben und ging, seine Männer im Gefolge, zurück auf die Arcadia.
Träume
Harlock wusste augenblicklich, was er vor sich hatte, doch sein Verstand weigerte sich, es zu glauben. Stumm starrte er hinunter in die Metallkiste, die Yattaran und Cervus auf die Brücke getragen hatten.
Echte Äpfel. Früchte von der Erde. Der Ursprung vom ungeheuren Reichtum der Gaia Sanction. Als sich herausgestellt hatte, dass einige Obstsorten auf fremden Planeten nicht kultiviert werden konnten, hatten sie dieses Obst für heilig erklärt und den Zugriff darauf genauso verboten wie das Betreten der Erde selbst. Nur Gaia produzierte und vertrieb Früchte wie Äpfel, Kirschen und Pfirsiche, aber niemand wusste, wo. Auf der Erde wohl kaum.
Yama, der ihn aufgeregt beobachtet hatte und auf eine Reaktion wartete, beeilte sich zu erklären: „Wenn sich die Gaia Sanction von ihren Reichtümern trennt, kann das nur ein gutes Zeichen für uns sein. Entweder geben sie das Obst freiwillig her, oder es ist inzwischen möglich geworden, es ihnen wegzunehmen. So oder so scheinen die Rebellionen Wirkung zu zeigen.“
Harlock sagte nichts; fast beklommen betrachtete er die Äpfel. Er hatte lange keine gesehen, selbst mit der Arcadia hatten sie nur äußerst selten heilige Früchte erbeutet.
„Meinst du, wir können noch mehr finden?“, fragte Kei. „Yama, wir müssen rausfinden, wo sie herkommen.“
„Wird nicht einfach“, stellte Yattaran fest, die Nase krausziehend. „Gaia hat das Geheimnis, wo sie Obst von der Erde anbauen, immer gut behütet. Natürlich munkelte man immer, dieser Ort wäre auf der Erde, aber da das nicht möglich ist … Tja, niemand weiß, wo es herkommt. Nicht mal der Captain, ah, Harlock hat das je rausgefunden, und er hatte verdammt viel Zeit, richtig?“ Er schenkte Harlock ein breites, aber trauriges Lächeln.
Harlock schüttelte den Kopf. „Leider hast du damit Recht.“
Fast beiläufig sagte Yama: „Das Obst stammt von Garfudias, im Kikya-System.“
Sofort erstarrten alle Gesichter. Sämtliche Blicke waren voller Verblüffung auf Yama gerichtet.
„Augenblick“, sagte Kei scharf, „du weißt, wo das verdammte Obst herkommt? Gaia hält doch sogar die eigenen Leute im Dunkeln, um das Geheimnis zu hüten!“
„Naja, sie können nicht alle Leute von diesem Wissen ausschließen“, erklärte Yama fast entschuldigend. „Meine Mutter hat an den Plantagen auf Garfudias gearbeitet, bis sie zu krank dafür wurde. Es gibt nicht viele Botaniker, die sich auf Pflanzen von der Erde spezialisiert haben. Manchmal war sie monatelang dort.“
Die Erkenntnis traf Harlock unvermittelt. Botaniker, die auf Erdenpflanzen spezialisiert waren … Natürlich. Dafür brauchten sie sie. Die allermeisten Nutzpflanzen hatten sich nach ausreichend Terraforming-Maßnahmen auf jedem neu besiedelten Planeten heranziehen lassen – zumindes eine Zeitlang. Gemüse, Getreide, Reis oder Pflanzen zur Textilherstellung, sogar einige wenige Beeren waren mit strengen Selektionsmaßnahmen umgezüchtet worden, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden, und schließlich hatte auch jede neu besiedelte Welt ihre eigene heimische Flora beigesteuert, bis eine nie dagewesene Fülle und Vielfalt an Nutzpflanzen zwischen den menschlichen Kolonien im ganzen All ausgetauscht wurde. Einige Pflanzen von der Erde jedoch hatten sich als nahezu unmöglich zu kultivieren erwiesen … Wenn Harlock sich recht entsann, gehörte dazu auch eine seit jeher sehr geschätzte Zierpflanze namens Rose, die er selbst nur von sehr alten Gemälden und Fotografien kannte.
„Rosaceae“, sagte Yama, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Das ist die Pflanzenfamilie, die nicht auf anderen Planeten gedeihen kann. Dazu gehören auch die Gattungen Malus, Pyrus und Prunus … also Äpfel, Kirschen, Mandeln, Pfir–“
Kei unterbrach ihn: „Yama, wenn diese Früchte nur auf der Erde wachsen können, warum bitte wachsen sie dann auf Garfudias? Das liegt fast am äußersten Saum des kartographierten Alls, weiter von der Erde entfernt kann ein Planet kaum sein!“
„Es ist trotzdem der Planet, der der Erde am ähnlichsten ist“, antwortete Yama. „Der Boden und die Luft stellen fast die gleichen Bedingungen an Lebewesen.“
„Bullshit“, sagte Yattaran.
Yama blinzelte. „Nein, es ist wahr. Das hat meine Mutter gesagt. Das haben sie ihr gesagt.“
„Es ist trotzdem Bullshit“, behauptete Yattaran und rückte seine Brille zurecht. „Ich weiß, Yama, du bist der Captain und alles, aber ich muss dir widersprechen. Garfudias ist nicht besser für irgendwas als, keine Ahnung, Mesillas, oder wo wir dich aufgeklaubt haben.“
„Das kann nicht sein. Warum sollten dann dort Äpfel wachsen? Dass Rosengewächse auf anderen Planeten kaum gedeihen, war schon lange vor der Gründung der Gaia Sanction bekannt. Sie waren nur diejenigen, die es schließlich verboten haben.“
„Und die offenbar wussten, wie es doch funktioniert“, merkte Kei an. „Warum hat Gaia dann ihren Sitz auf dem Mars und nicht auf Garfudias, wenn es da so ist wie auf der Erde?“
„Weil der Mars der nächste bewohnbare Planet in der Nähe der Erde ist. Warum sonst? Sie wollten die Erde im Auge behalten und jeden davon abhalten, sie zu betreten, das ist das erklärte höchste Ziel der Gaia Sanction. Es macht keinen Sinn, die Erde von Garfudias aus zu bewachen.“
Yama war sichtlich überzeugt von seinen Antworten, und sie klangen auch plausibel. Trotzdem hatte Harlock das Gefühl, dass hier Informationen fehlten. Nach allem, was er über Garfudias wusste, waren die Umweltbedingungen dort, abgesehen von einer atembaren Atmosphäre, nicht allzu erdähnlich. „Yama“, sagte er sanft. „Lass uns nachsehen, was wir darüber herausfinden können.“
Nur kurz schien Yama ablehnen zu wollen, dann begriff er, was Harlock im Sinn hatte. „Cervus, übernimm das Ruder, in Ordnung? Yattaran, du übernimmst die Verantwortung für das Trionische Netz. Bei dir ist diese Aufgabe am besten aufgehoben.“
„Stimmt genau“, nickte Yattaran.
„Setzen wir Kurs auf Tokarga?“, fragte Cervus, sichtlich erfreut darüber, wieder einmal das Ruder führen zu dürfen.
„Jetzt noch nicht.“ Yama zögerte, den Blick nachdenklich auf die Kiste mit den Äpfeln gerichtet. Schließlich griff er hinein und nahm einen heraus, dann trat er neben Harlock. „Gehen wir.“
Harlock schenkte ihm ein knappes Lächeln. Sie verstanden einander.
***
Yama folgte Harlock durch den schwach beleuchteten Korridor, den Apfel schwer in der Hand. Das Aufmischen des Schmugglerschiffs hatte ihn erfolgreich davon abgelenkt, was passiert war, als er zuletzt mit Harlock allein gewesen war. Jetzt kehrten die Gefühle wie eine Flutwelle zurück, und seine Kehle wurde eng.
Er empfand doch nicht wirklich etwas für Harlock, oder? Das waren nur Nachwirkungen des Rituals, ein Relikt der starken Verbundenheit während dieses Moments. Es konnte nichts anderes sein.
Aber er konnte das unangenehm heftige Klopfen seines Herzens nicht beruhigen, als er Harlock tief ins Innere des Schiffes folgte. Bis zum Herzen der Arcadia – dem Raum des Zentralcomputers. Hier war es wärmer als sonst irgendwo auf dem Schiff, denn die zahllosen simultanen Rechenoperationen erzeugten eine Menge Abwärme; umso mehr fühlte es sich an, als wäre die baumähnliche Struktur auf dem Plateau in der Mitte des hohen Raumes ein atmender, lebender Organismus.
Ehrfürchtig nahm Yama das Aufflackern der verschiedenen Lichtsignale auf, die für ihn keiner sichtbaren Struktur folgten. Harlock jedoch beobachtete sie mit höchster Aufmerksamkeit.
„Mein Freund“, sagte er schließlich in der bekannten sanften, fast liebevollen Stimme. „Wir brauchen deine Hilfe. Sag uns alles, was du über Garfudias weißt.“
Lichter glommen auf und erloschen wieder; einige langsam und weich, andere in schneller Folge, begleitet von blechernen Geräuschen, die für Yama nicht wie Worte klangen. Harlock jedoch schien sie deuten zu können.
„Salzhaltig … Ich verstehe. Gibt es nennenswerte Gemeinsamkeiten mit der Erde?“
Der Wechsel von einer bunten in eine einheitlich rote Beleuchtung war selbst für Yama nicht misszuverstehen. Nein.
„Hältst du es für möglich, dass dort Rosengewächse wachsen?“
Nein.
Yama hielt den Apfel hoch. „Wir haben Äpfel auf einem Schmugglerschiff gefunden, und ich weiß, dass sie von Garfudias stammen. Dort stehen die Obstplantagen der Gaia Sanction.“
Nun begannen die Lichter hektisch durcheinander zu leuchten. Ein wahres Blitzgewitter erhellte den Raum, ließ die armdicken Kabel, die über die Wände liefen, kunterbunt reflektieren.
„Wie kann es sein, dass das Obst dort wächst?“, fragte Harlock. „Du musst doch eine Idee haben.“
Yama beobachtete das Lichtflackern angestrengt. Es wirkte konfus auf ihn; aufgeregt, aber ratlos. Harlocks Freund freute sich, hatte aber keine Ahnung. „Harlock … Welcher Wissenschaft genau ist dein Freund nachgegangen? Tut mir leid, ich bin noch nicht so weit, dass ich alles verstehe.“
„Er war Bioingenieur“, antwortete Harlock. „Natürlich verstand er dadurch auch viel von Pflanzen. An vielen Projekten zur genetischen Verbesserung von Nutzpflanzen war er beteiligt. Wie du weißt, ist er auch derjenige, der versucht hat, Miimes Volk zu retten.“ Harlock lächelte traurig. „Die Wissenschaft war Tochiros einzige große Leidenschaft. Mit vielen anderen Fachbereichen hat er sich aus reiner Freude beschäftigt. Es gibt wenig, das er nicht weiß. Und alles Wissen, das wir mit der Arcadia sammeln, speichert er im Zentralcomputer ab. Seine Kapazitäten sind fast unerschöpflich.“
Ein sanftes weißes Leuchten schwoll ab und erlosch dann wieder. Es wirkte auf dieselbe Weise liebevoll wie Harlocks Worte, und Yama kam sich beinahe wie ein Eindringling vor. Kaum jemals verirrte sich ein Mitglied der Crew hierher, in Tochiros Reich. Er war sehr viel allein.
„Er hat alle Daten, die er über Garfudias gesammelt hat, für dich zusammengestellt, Yama. Außerdem einen direkten Vergleich mit den Umweltbedingungen, die auf der Erde herrschen. Wenn du dich damit beschäftigst, kannst du vielleicht herausfinden, warum wirklich auf Garfudias heilige Früchte wachsen.“
„Das werde ich tun“, versprach Yama. „Gleich, vor dem Schlafengehen. Sonst wird es mir keine Ruhe lassen.“ Er wandte sich um, blieb dann aber doch noch einmal stehen, als er sich des Gewichts in seiner Hand bewusst wurde. „Ähm … hier, Harlock.“ Etwas linkisch hielt er seinem Gegenüber den Apfel hin. „Der ist für dich.“
Harlock nahm den Apfel vorsichtig entgegen, als hätte er Angst, diesen wertvollen Schatz fallen zu lassen. Dann betrachtete er Yama mit einem schimmernden Auge, als wäre Yama und nicht der Apfel die verbotene Frucht, die er nicht haben durfte.
„Ähm. Wir sehen uns dann morgen früh“, sagte Yama etwas unbehaglich.
„Aber ja. Ruh dich aus.“
Als Yama den Computerraum verließ und in die kühle, gefilterte Luft des Hauptkorridors hinaustrat, hörte er hinter sich das unverkennbare Geräusch eines herzhaften Bisses ins Fleisch des Apfels, gefolgt von einem leisen, genussvollen Seufzen.
In dieser Nacht hatte Yama einen ziemlich unangemessenen Traum.
Er war zurück in Harlocks Quartier. Jedes Detail des Raums war ihm noch in Erinnerung, obwohl er nach dem Ritual nie wieder dort gewesen war; nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, diesen privaten Bereich des Captains für sich zu beanspruchen, auch wenn er Harlock auf diesem Posten abgelöst hatte. Es war ohnehin kein großer Unterschied zu seiner eigenen Offizierskabine, nur … das kleine Sofa, auf dem Miime diesmal nicht lag … was …?
War dies nun der Moment, in dem sie für das Ritual zusammenkamen und …?
Yama blickte zum Schreibtisch, und dort stand das geklebte Becherglas mit der Erde darin. Nur jetzt ragte ein kleiner grüner Keimling daraus hervor.
Plötzlich lag er auf Harlocks Bett, ausgestreckt auf der Überdecke aus grober Wolle. Er roch Harlock, fühlte seine Wärme, als wäre der andere gerade erst aus dem Bett aufgestanden …
„Yama.“ Harlock ließ sich auf der Bettkante nieder und schaute verschmitzt auf ihn herab. Er war voll bekleidet. Noch. „Hattest du nicht für jeden von der Crew einen mitgebracht? Dieser hier ist für dich.“ Und er hielt Yama einen Apfel hin, reif und rosig.
„Oh. Danke.“ Richtig. Er hatte für jeden einen mitgenommen, also auch für sich selbst … richtig? Yama nahm den Apfel entgegen und betrachtete ihn, seine makellose, glänzende Schale, den hölzernen Stiel und auf der Unterseite die kleine Rosette, die einst die Apfelblüte gewesen war. Sollte er ihn jetzt essen? Es war lange her, dass er einen genossen hatte …
Harlock schaute ruhig auf ihn herab. „Du musst dich entscheiden, Yama. Du weißt, wofür ich mich entschieden habe.“
Ja, richtig. Harlock hatte sich entschieden, den Apfel zu essen. Also konnte Yama seinen auch essen, oder nicht? Er führte die Frucht an die Lippen, atmete den Geruch ein. Unverkennbar. Keine Frucht von irgendeinem Planeten roch wie ein Apfel von der Erde. In Yamas Nase mischte sich der Duft mit dem von Harlock, der ihn umgab.
„Ich werde dich nicht drängen“, sagte Harlock sanft. „Ich werde dich nie zu etwas drängen.“
Yama berührte die Schale mit den Lippen, die kühl war, aber nicht kalt; dann drückte er die oberen Schneidezähne hinein. Sie durchbrachen die Haut und drangen in das süße Fleisch. Herrlich süßer Saft quoll ihm auf die Zunge, und dann …
… dann war es nicht mehr der Apfel, den er schmeckte, sondern Harlock. Sie lagen einander zugewandt auf dem Bett und küssten sich langsam und … sanft und … voller Ehrfurcht voreinander …
Yama wollte mehr davon, viel mehr. Der Geschmack allein reichte nicht. Er schlang beide Arme um Harlock, drängte sich an ihn, bis sie eng Haut an Haut lagen, erhitzt und etwas feucht, und zuletzt drückte er auch seine Hüfte gegen die von Harlock, rieb sich an seinem –
Das Stöhnen war zu laut, zu real. Yama schlug die Augen auf und fand sich in seinem Quartier wieder, nassgeschwitzt unter der Decke, mit hämmerndem Puls.
Hatte ihn etwa sein eigenes Stöhnen geweckt?
„Wirklich?“, murmelte er. „Was soll das?“
Zwischen seinen Beinen hatte sich jede Körperzelle zur Startposition für ein Feuerwerk begeben. Alles stand stramm und wartete nur noch auf den Zündbefehl.
Yama murrte und drückte sein Gesicht ins Kissen. Musste das sein?
Hau ab, dachte er. Das ist nicht richtig.
Er hat dich geküsst. Warum soll das nicht richtig sein?, fragte ein unschuldiger Gedanke aus seinem Unterbewusstsein.
Aber es ist nicht – … Ich bin doch nicht – …
Du hast von ihm geträumt.
Yama kniff die Augen zusammen. Aber das war wegen des Rituals. Weil ich – … Wir MUSSTEN doch, verdammt, es ging nicht anders! Und jetzt ist das in meinem Kopf, es kommt nicht aus mir selbst!
So? Selbst wenn das so wäre … Würde es eine Rolle spielen? Ist es nicht völlig egal, woher es kommt?
Darauf hatte er keine Antwort. Einige Minuten lang lag er mit klopfendem Herzen in der Dunkelheit und lauschte auf das Pochen in seiner Leistengegend, das einfach nicht nachlassen wollte. Der Apfel, Harlock, das Bett, die Gerüche … Hyperrealistisch, eine erotisch aufgeladene Kombination wie das Werk eines Künstlers. Seit wann hatte er so etwas in sich?
Schließlich entschied er, dass er, wenn er heute noch vernünftig Schlaf finden wollte, es zu Ende bringen musste. Sonst erledigte vielleicht der nächste Traum die Angelegenheit, und er hatte keine Lust, als erstes das Bett frisch zu beziehen.
Obwohl, so geschwitzt, wie er war, wäre das sowieso fällig.
Waren im Nachttisch noch Taschentücher? Ja. Es war nicht so, als würde er häufig eins brauchen. Jedes Quartier auf jedem Langstreckenschiff hatte Taschentücher im Nachttisch, das war auch bei der Gaia-Flotte so, und jeder wusste ganz genau, warum.
Na los, tu dir was Gutes. Vielleicht ist das auch nur ein Denkzettel deines Körpers, weil du dich seit mehr als drei Wochen überhaupt nicht mehr um ihn gekümmert hast.
Ja, das war es wahrscheinlich. Harlock war einfach nur das leichteste Ziel, auf das sich sein aufgestautes Verlangen ausrichten konnte.
Yama ergab sich, legte sich bequem hin und schob die Hand unter den Saum seiner Boxershorts. Hier würde nicht viel Arbeit nötig sein. Etwas schüchtern kehrten seine Gedanken zurück zu dem Traum. Mit Harlock auf dem Bett und … das Gefühl seiner warmen Haut …
Nein.
Nein, das ging wirklich nicht, das war einfach zu unangebracht. Harlock sollte ihn nicht auf diese Weise erregen. Yama hatte bis zu dem Unfall, der sein Leben zerstört hatte, nur mit Mädchen geschlafen. Manchmal hatte er seine Partnerinnen nicht einmal besonders gut gekannt. Danach waren seine wilden Jahre schlagartig vorbei gewesen … aber das hieß ja nicht, dass Mädchen sein Blut nicht mehr in Wallung bringen konnten. An Mädchen zu denken war sehr viel sicherer und sehr viel mehr in Ordnung.
Nur mit einem Mädchen hatte er nie geschlafen, demjenigen Mädchen, das er am besten kannte und das seine älteste Freundin war. Vielleicht war genau das der Grund; ihr gegenüber war er zu schüchtern gewesen, jemals einen kühnen Vorstoß zu wagen. Insgeheim wussten sie beide, dass sie Gefühle füreinander hegten, doch es kam nie zu mehr als Händchenhalten oder einem scheuen Kuss auf die Wange.
Nami …
Plötzlich kehrten die Gefühle der Schuld und des Verlustes zurück. Nami war tot. Isora hatte sie getötet, aber Yama hatte sie bereits davor getötet. Sie war zweimal gestorben, beide Male für seine Dummheit.
Seine Hand erstarb in der Bewegung. Die Hitze verebbte, die Feuchtigkeit begann zu trocknen.
Er hatte Nami nie mit ins Bett genommen, aber er hätte es tun sollen. Er liebte sie noch immer. Sie hätte so viel Liebe verdient gehabt, alle Liebe, die er geben konnte. Isora und Nami waren verheiratet gewesen, hatten aber nie miteinander schlafen können. Dafür hatte Yama gesorgt. War er nicht ein treu sorgender Bruder und Freund? Gönnte er den Menschen, die er am meisten liebte, nicht alles? Er hatte es verdient, Nami nicht zu bekommen. Aber Isora und Nami hatten es nicht verdient, zusammen einsam zu sein.
Plötzlich kamen Tränen, heiß und nass. Viele von ihnen.
Scheiße.
So schlimm war es seit Monaten nicht gewesen. Nächtliche Weinkrämpfe waren nicht ungewöhnlich für ihn, wenn er allein wachlag; seit dem Unfall hatten sie sehr regelmäßig stattgefunden, einmal im Monat oder öfter. Doch seit er Captain der Arcadia war und ein neues Leben begonnen hatte, hatte er gehofft, dass diese Zeit vorüber war. Sie war es nicht, so viel stand fest. Vielleicht würde sie es nie sein.
Harlock war keine Lösung. Seine Nähe hatte nicht wirklich etwas Beruhigendes oder Tröstendes an sich. Er sagte nie süße Worte oder umarmte jemanden; kein Mann, der gern offen Gefühle zeigte. Yamas Geist klammerte sich aus reiner Verzweiflung an ihn.
Trotzdem willst du es nicht allein tun, nicht wahr? Harlock hat dir gesagt, dass er es auch kaum tut, weil er sich dadurch einsam fühlt. Scheint, als hättest du das von ihm geerbt, zusammen mit der Narbe und der Blindheit. So wie Nami und Isora zu zweit allein waren, so werdet ihr das auch sein. Für immer.
Yama zog die Hand aus seiner Unterhose und rollte sich eng zusammen. Plötzlich fror er. Es würde noch dauern, bis seine Tränen trockneten und er schlafen konnte.
Am Ende des Nachtzyklus, als sein Tageslichtwecker ihn aus einem unruhigen Halbschlaf holte, fühlte Yama sich müde und verspannt. So viele dumme Gedanken. Und so unnötig. Er beschloss, sich heute nur auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig war, und alles andere zu verdrängen. Im Verdrängen war er Weltmeister.
„Und?“, begrüßte ihn Kei in der Halle zum Frühstück. Auf ihrem Teller lagen Gemüsestreifen, ein Schälchen Joghurt und eine Scheibe süßes Brot. „Irgendwie siehst du furchtbar aus.“
„Ich habe alles, was wir haben, über Garfudias gelesen“, murmelte er und nahm sich einen Teller vom Stapel. „Yattaran hat Recht. Die Beschaffenheit des Bodens ähnelt der der Erde überhaupt nicht. Die Gaia Sanction hat gelogen. Sie hat ihre eigenen Leute belogen.“
„Überrascht dich das etwa noch?“ Kei begleitete ihn zum Buffet, obwohl sie dort schon gewesen war. Offenbar hatte sie vor, ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten.
„Nein, aber … ja. Sogar die wichtigen Leute.“
„Pah.“
Yama nahm sich Reis und ein Stück kaltes Fischfilet. Kaffee brauchte er auch. Er mochte ihn zwar nicht besonders, aber seine Hirnaktivität musste irgendwie in Gang kommen.
Als sie sich an dem kleinen Tisch inmitten eines Geräuschpegels aus lauten Gesprächen und Geschirrklappern gegenübersaßen, eröffnete er Kei, was er beschlossen hatte. „Ich kann nicht erraten, was auf Garfudias die Rosaceae wachsen lässt“, sagte er. „Aber ich will es wissen. Auf der Erde wächst gar nichts außer Mutters Blumen, irgendwas fehlt. Vielleicht finden wir es dort.“
Kei hustete in ihre Teetasse. „Dort? Verstehe ich das richtig? Du willst hinfliegen – nach Garfudias?“
„Ja. Warum nicht?“
„Wenn du glaubst, dass dich das vor Tokarga bewahrt, liegst du falsch. Die anderen Sprengköpfe sind noch viel weiter entfernt. Nicht ohne Grund hat Harlock so lange gebraucht, um alle anzubringen.“
„Ich hab keine Angst vor Tokarga“, sagte Yama nachdrücklich und nippte an dem bitteren Gebräu, das die meisten Männer so sehr schätzten. „Wir fliegen dahin. Aber zuerst will ich nach Garfudias. Ich muss es einfach wissen.“
„Tja. Wird dann wohl eine längere Reise. Ich weiß nicht, ob Harlock Garfudias jemals angeflogen hat, und selbst wenn wir die Flugroute im Speicher hätten, würde der In-Skip-Modus für eine so lange Strecke mehr Energie verbrauchen, als du zur Verfügung hast.“
Er bemühte sich zu lächeln. „Seit wann bist du Expertin für Dunkle Materie?“
„Ich bin nicht erst seit gestern auf diesem Schiff, Frischling.“ Kei langte über den Tisch und knuffte ihn sanft in die Seite.
Yama kam der Gedanke, dass Frauen wirklich ein Gespür dafür zu haben schienen, wenn es anderen nicht gut ging. Sicher würde auch Miime bald an seiner Seite auftauchen; sie musste fühlen, wie aufgewühlt er war.
„Wo auch immer du hin willst, da fliegen wir hin“, versicherte Kei. „Deine Crew wird dir folgen. Du hast bisher keinem einen Grund gegeben, dir nicht treu zu sein.“ Anders als der frühere Captain, ergänzte ihr Ausdruck, aber sie sprach es nicht aus. Yama spürte einen Stich. Er wusste, was Kei für Harlock empfand, wie sehr sie ihn stets bewundert und ihm vertraut hatte. Und entgegen dem, was sie soeben gesagt hatte, hatte Yama der Crew allerdings eine Reihe guter Gründe geliefert, ihm zu misstrauen. Doch Harlocks handverlesene Mannschaft bestand nicht aus Idioten. Sie wussten, warum Yama Captain war und es sein musste.
Es half nichts. Sie hockten alle zusammen auf diesem Schiff, und wenn sie eine Zukunft wollten, dann mussten sie gemeinsam dafür kämpfen.
„Garfudias-Koordinaten als Ziel eingegeben“, bestätigte Alonso.
„Normaler Flugmodus, bis wir das Sonnensystem verlassen“, wies Yama an. „Relative Lichtgeschwindigkeit dreißig Prozent.“ Allmählich lernte er, auch den Energieverbrauch der Solarsysteme richtig einzuschätzen.
„Wird ein langweiliger Flug“, murmelte Yattaran. „Brauchst du mich hier, Cap?“
„Im Moment nicht. Was hast du vor?“
„Muss noch ein paar Berechnungen mit dem Trionischen Netz machen. Welche Verknüpfungen, genaue Abstände zu den Sprengköpfen, und so weiter. Damit will ich nicht erst anfangen, wenn wir die Scheißdinger im Schlepptau haben.“
„Gut, aber bitte bleib in Bereitschaft.“
„Aye.“
Yama führte eine Weile das Ruder, doch es fiel ihm schwer, nicht ständig zu gähnen. Als sie zuletzt den Sektor Pluto verließen, endeten schlagartig auch die Begegnungen mit anderen Schiffen. Lange hatte in der Milchstraße nicht so ein Getümmel geherrscht; außerhalb wirkte das All plötzlich geisterhaft verlassen.
Schließlich trat Miime von hinten an Yama heran und legte ihre schlanke Hand auf seine Schulter. „Yama. Vielleicht solltest du versuchen, noch etwas auszuruhen.“
„Oh … Nein, es geht mir gut. Ich sollte meinen Posten nicht verlassen, nur weil ich nicht gut geschlafen habe.“
„Das hast du wahrlich nicht“, stimmte Miime zu, und Yama schluckte und fragte sich, wie klar sie seine Gedanken und Empfindungen tatsächlich empfing. War er wie eine Funkstation für sie, bei der sie auf der richtigen Frequenz alles mithören konnte? „Etwas sagt mir, dass du deine Kräfte brauchen wirst, wenn wir Garfudias erreichen.“
„Wirklich? Ich habe nicht die geringste Vorstellung, was uns da erwartet. Vielleicht sind die Plantagen halb geplündert, vielleicht ist die Verteidigung der Gaia Sanction dort noch bestens intakt … Wir werden sehen.“ Er spürte Unruhe in ihr. Miime war beunruhigt.
Plötzlich erklangen erneut Schritte, die sich ihm näherten. Über die Schulter sah Yama Harlock auf sich zugehen. „Miime hat Recht, Yama. Ich kann das Ruder für eine Weile übernehmen, wenn du möchtest. Setz dich wenigstens hin.“ Jetzt versuchte auch Harlock, ihn zu überreden. Sah er denn so müde aus? Das war wirklich albern. Eigentlich musste überhaupt niemand am Steuer stehen, es drehte sich auch allein, ohne dass es jemand festhielt.
„Na schön, wenn ihr darauf besteht“, lenkte Yama ein und trat zurück. Im Grunde war er für Harlocks Beistand immer dankbar; sein Vorgänger könnte sich ebenso völlig von der Brücke zurückziehen, doch Harlock wusste, wie wichtig sein Erfahrungsschatz für Yama war, dafür, dass er mit verschiedenen Situationen umzugehen lernte. Anfangs hatte Yama darüber nachgedacht, Harlock stets die Brücke zu überlassen, wenn er selbst nicht dort war, wie einem Stellvertreter; später hatte er es überdacht und für unangemessen befunden. Im Militär, wo sie beide herkamen, wäre Harlock, nachdem er als Captain abgelöst worden war, zum Admiral aufgestiegen anstatt zu einem zweiten kommandierenden Offizier degradiert zu werden. Insofern war es lächerlich und erniedrigend, ihm irgendwelche Pflichten aufzuerlegen. Wenn Harlock dies nun anbot, war es eine andere Sache – würde Yama sich bloß nicht so unbehaglich in seiner Gegenwart fühlen, nach seinem beinahe feuchten Traum der letzten Nacht.
Gehorsam ließ er Harlock vorbeigehen und tauschte den Platz mit ihm. Sich auf dem Thron niederzulassen hatte sich ebenso verboten angefühlt und war für Yama nicht in Frage gekommen, bis Harlock ihn schließlich selbst dorthin gesetzt hatte. Zugegeben, er war bequem. Hier konnte man stundenlang sitzen, ohne dass einem irgendwann der Hintern schmerzte.
Man konnte aber auch gut darauf eindösen. Yama war nicht überrascht, als das passierte. Erst, als er schlagartig wieder wach wurde, stellte er fest, dass er überhaupt weg gewesen war.
Auf seinem Schoß lag ein Apfel.
Er erschrak so heftig, dass er zusammenzuckte und die Frucht zu Boden rollte.
„Mann, Yama, jetzt bekommt er eine Stelle!“, beklagte sich Kei. „Ich hab alle an die Crew verteilt, wie du wolltest. Das da ist deiner.“
Yama schüttelte den Sekundenschlaf ab und beruhigte sich. Miime, die neben dem Thron stand, hob den Apfel auf und reichte ihn ihm mit einem milden Lächeln. Geistesabwesend nahm er ihn und sah nach vorn; Harlock stand am Steuerrad, ein Bild wie aus alten Zeiten. Alles war sicher. Es gab keinen Zusammenhang zu seinem Traum. Das hier war nur ein Apfel.
Um sich selbst das zu beweisen, biss er hinein, unter den neidischen Blicken derjenigen, die ihren eigenen schon verspeist hatten. Mmmmh … Das war einer von der säuerlichen Sorte. Köstlich. Yama aß den Apfel in aller Ruhe auf, knabberte auch das Kerngehäuse ab und schluckte die Kerne im Ganzen, weil sie bitter waren. Tatsächlich ging es ihm jetzt besser. Obst von der Erde hatte wahrhaft etwas Belebendes, das Nahrung von anderen Planeten irgendwie nicht bieten konnte; womöglich geb es wirklich eine höhere Verbindung zwischen der Mutterwelt und ihren Kindern.
Harlock sah über die Schulter, und sein Blick ruhte unleserlich auf Yama. Allerdings zuckten seine Mundwinkel im Anflug eines stillen Lächelns.
Überraschung
„Wir treten in die Umlaufbahn von Garfudias ein.“ Cervus stand am Posten des Navigators.
Harlock sah über die Schulter. „Yama, wie lauten die Koordinaten der Obstplantagen?“
Yama sah immer noch müde aus, als er sich jetzt vom Thron erhob. „Ich glaube, zweiunddreißig Grad nördliche Breite und hundertachtzehn Grad westliche Länge“, grübelte er und verzog dabei das ganze Gesicht. „Vielleicht auch ein, zwei Grad daneben.“
„Korrigiere Kurs“, bestätigte Cervus. „Eintritt in die Atmosphäre in t minus neunzig Sekunden.“
Harlock sah hinunter. Der Planet war ausnehmend schön: Eine blaue Ozonschicht wie die der Erde hüllte ihn ein, und die Gaswolken, durch die die Arcadia nun hinunterglitt, hatten eine rosafarbene Tönung. Tochiro hatte gesagt, dass der Boden fast durchgehend mit vielen Salz- und Quarzgesteinen angereichert war, die farbige Kristallformationen in die Landschaft zeichneten. Harlock erblickte lange, violett angehauchte Landzungen, die in trübe grünliche Gewässer ragten. Keine größeren Pflanzen wuchsen auf dem Felsplateau, das unter ihnen lag, dafür vieles, das Moosen und Flechten ähnelte.
„Bist du sicher, Captain?“, fragte Cervus zweifelnd nach. „Die Plantagen müsste man doch sehen. Da unten ist nichts.“
Harlock hatte einen Verdacht. „Wartet, bis wir tiefer absinken.“
„Oh!“, rief Kei aus. „Da, sieh einer an!“
Er hatte Recht behalten: Das unveränderliche Bildnis aus Landschaft begann unmittelbar unter ihnen zu flirren, dann löste das Hologramm sich bröckelnd auf. Nun befand sich unter ihnen ein großflächiges, gleichförmiges Areal, das von oben wie ein Schachbrett aussah: riesige quadratische Felder, auf denen sich in strengen Reihen grüne, unscharf umrissene Formen erhoben. Vermutlich zahllose Bäume und Sträucher. Hohe Baumketten mit fast waagerecht abstehenden Ästen und sattgrüner Rinde umgaben die Plantagen wie ein Schutzwall.
„Das müssen sie sein!“, rief Kei. „Die Plantagen! Sie sind riesig. Wie viele Äpfel und Kirschen und Himbeeren da unten wohl wachsen? Das ist gigantisch …“
Yama trat neben Harlock, und er machte ihm Platz. Endlich glänzte Yamas Auge wieder. Bei diesem Anblick wurde ihm wärmer ums Herz.
„Wieso begrüßt uns denn niemand?“, fragte Kei. „Oder sind die Abwehrgeschütze hier leise und unsichtbar?“
Tatsächlich feuerte niemand auf sie. Es waren auch weit und breite keine Verteidigungsanlagen zu entdecken.
„Wir werden gerufen“, meldete Caruso.
Yama sah nach vorn. „Antworten.“
Die Monitore erwachten zum Leben und zeigten einen uniformierten Wachposten. „Hier spricht Lieutenant Salvador. Ich nehme an, wir haben die Ehre mit der Arcadia.“
„Ganz recht“, bestätigte Yama.
„Wer von Ihnen beiden ist Captain Harlock?“
Harlock verspürte ein gewisses Amüsement. Das war keine ganz einfache Frage. Seit ‚Captain‘ und ‚Harlock‘ zwei verschiedene Personen waren, gab es keine klare Antwort mehr darauf.
Lt. Salvador betrachtete unschlüssig seinen Bildschirm, entschied sich dann für den Harlock-Harlock und nahm ihn ins Visier seines prüfenden Blicks. „Sie haben also jetzt einen Welpen am Ruder, Harlock. Darf ich wissen, was Sie hier wollen?“
Yama ließ sich nicht das Wort nehmen. „Wir planen keine feindlichen Handlungen“, antwortete er souverän, „auch keine Plünderungen. Ich möchte nur die Plantagen sehen.“
Ein kurzes Schweigen schloss sich an. „Woher wissen Sie von den Plantagen?“
„Sie sind von hier aus gut zu sehen.“
„Das war nicht meine Frage, und das wissen Sie.“
„Lieutenant Salvador, es gibt keine andere Lösung für dieses Problem, als dass Sie uns landen lassen. Sie wissen, wer wir sind und was wir tun können. Ihr Widerstand ist zwecklos.“
Salvadors Miene war glatt, doch immerhin erkannte er Yamas überlegene Position an. „Allerdings. Dieser Stützpunkt kann und wird die Arcadia nicht aufhalten. Die Landeflächen befinden sich nördlich.“
„Danke.“
Die Übertragung endete.
„Die kooperieren also wirklich“, wunderte sich Kei.
„Was sollen sie denn sonst auch tun? Der Einfluss der Gaia Sanction schwindet immer mehr. Jetzt wissen sie, dass wir sogar ihr größtes Geheimnis gelüftet haben. Es bleibt ihnen nichts übrig. Ich bringe uns runter.“
„Mein Welpe“, wiederholte Harlock amüsiert, und Yama sah etwas verlegen beiseite. „Ich fürchte, Situationen dieser Art werden sich wiederholen.“
Als die Detektoren beim Abtasten der näheren Umgebung immer noch keine aktiven Waffenanlagen aufspüren konnten, ließ Yama die Arcadia auf dem riesigen Stellfeld nördlich der Plantagen niedergehen. Im angrenzenden offenen Hangar waren zwei große Transportschiffe der Gaia-Flotte abgestellt, beides nicht die neusten Modelle.
„Warum gibt es keine Luftabwehranlagen?“, wunderte Kei sich noch immer. Anscheinend kam sie über das Ausbleiben feindlicher Angriffe gar nicht hinweg.
„Weil dieser Ort geheim ist“, vermutete Yama wie zuvor.
Harlock konnte ihm nur teilweise zustimmen. Natürlich lag Garfudias am äußeren Rand des vielbereisten Weltraums, und rein zufällig geriet wohl kaum ein Schiff jemals hierher; dennoch war der Planet an sich kein Geheimnis, er galt nur nicht als besonders lohnendes Ziel. In jeder Raumkarte und jeder weltraumtopographischen Sammlung war Garfudias als großer, habitabler Planet erwähnt, jeder kannte den Namen, nur die große Entfernung zum aktiven Zentrum hatte ihn nie zu einer besonders reizvollen Wohnstätte gemacht. „Wie viele Menschen leben hier?“, fragte er an Yama gewandt. „Wenn ich mich recht erinnere, ist Garfudias noch nicht vom Weltensterben betroffen.“
Bereitwillig teilte Yama sein frisch erworbenes Wissen mit ihm. „Die Kolonien befinden sich vor allem auf dem Kontinent Euros, das dürfte auf der anderen Seite liegen. Fünfundzwanzig Millionen Menschen, also sehr wenige. Der Planet bietet nicht viele Ressourcen, man exportiert vor allem Steinsalz und andere Mineralien. Die Vegetation genügt nicht für intensive Landwirtschaft, und die Böden … Yattaran hatte Recht, die Böden geben nicht viel her. Zu salzig. Nicht wie auf der Erde.“
„Das heißt, man ist auf den Import von Lebensmitteln angewiesen.“
„Nun ja …“
Oder es hängt davon ab, was wir auf den Plantagen finden, dachte Harlock.
Plötzlich gab es einen Ruck, und der Sinkflug der Arcadia endete abrupt. Verwirrte Blicke wurden getauscht, dann geschah etwas, das Harlock innerlich zusammenzucken ließ: Yama und Miime schrien gleichzeitig auf und pressten sich die Hände an die Schläfen. Mit einem Satz war er bei Yama, der ihm ächzend in die Arme taumelte.
„Hey! Was ist da los?“, rief Kei.
„Wir sind in ein Kraftfeld geraten!“, analysierte Caruso. „Der Dunkle-Materie-Antrieb wird blockiert!“
Harlock rang darum, Yama aufrecht zu halten; er wand sich und hielt sich immer noch den Kopf, als wäre dieser kurz vor dem Explodieren. „Die Bodenstation anrufen!“, befahl er scharf.
Kei öffnete den Kanal. Wieder erschien das Bild von Lt. Salvadore auf den Bildschirmen.
„Was ist das für ein Hinterhalt!“, schrie Kei ihn an.
„Welcher Hinterhalt? Meinen Sie das Kraftfeld?“
„Was soll ich denn sonst meinen, Spatzenhirn!“
„Es gibt keinen Grund, ausfällig zu werden. Das Kraftfeld ist nur eine Landehilfe, es wird Ihr Schiff sicher zu Boden bringen. Diese Maßnahme ist nötig wegen der extrem starken Winde hier im Landesinneren. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass hier weder Felsen noch Pflanzen stehen, aus genau diesem Grund.“
Wie auf ein Zeichen hörten Miime und Yama in Harlocks Armen auf, in Agonie um sich zu schlagen, und sanken erschöpft zusammen. Ganz sanft begann die Arcadia Richtung Planetenoberfläche herabzuschweben. Das Hangargebäude, dies war nun zu sehen, war von allen Seiten an armdicken Drahtseilen im Gestein verankert, an denen unsichtbare Stürme rissen; um die Wände flirrte ebenfalls ein stabilisierendes Kraftfeld.
„Es geht mir gut“, murmelte Yama und unternahm einen schwachen Versuch, sich aus Harlocks Griff zu lösen. Harlock ließ ihn nur sehr widerwillig los.
„Interferenzen mit der Dunklen Materie?“, fragte Kei. „Durch ein Kraftfeld?“
„Ich kann keine Schäden feststellen“, meldete Caruso, dessen Blick über seine Monitore huschte. „Alles scheint normal zu funktionieren.“
Harlock drehte sich um und sah Miime, die sich an ihrer Steuervorrichtung langsam wieder aufrichtete. Die Lichtkugel glomm wieder in einem ruhigen Pulsieren. Alles wirkte in Ordnung. „Wir müssen misstrauisch bleiben, Yama. Einen derartigen Energieabfall habe ich noch nie erlebt.“
„Gut, wir … werden auf Nummer sicher gehen.“ Yama schüttelte den Kopf und fuhr sich durch das zerzauste Haar. Dann aktivierte er die Com-Verbindung. „Yattaran, ich brauche dich auf der Brücke.“
„Verstanden“, meldete sich Yattarans Stimme zurück. „Eine Sekunde.“
Sie warteten, während die ferngesteuerte Landung sich dem Ende neigte. Sie waren noch dreißig oder vierzig Meter von der Oberfläche entfernt. Trotz des mobilen Kraftfelds drückten und schoben starke Winde abwechselnd aus verschiedenen Richtungen gegen den Schiffskörper.
Kei drückte erneut den Funkknopf. „Yattaran, wo bleibst du? Wenn dein Captain sagt, er braucht dich auf der Brücke, dann schiebst du deinen Arsch auf die Brücke. Sofort.“
„Ist ja gut, ist ja gut!“ Noch vor dem Abbruch der Verbindung war zu hören, wie Yattaran losrannte. In weniger als dreißig Sekunden war er da. „’Tschuldigung, Yama. Captain. Das Trionische Netz ist programmiert und einsatzbereit. Wo brennt’s denn hier?“
Mit noch immer leicht schwankender Stimme erzählte Yama von dem Zwischenfall. „Es war, als würde jemand meinen Kopf mit einer Kreissäge durchschneiden“, schloss er ratlos. Währenddessen setzte die Arcadia weich auf der riesigen zementierten Fläche auf.
„Ich bin hier, weil du einen Migräneanfall hattest?“, fragte Yattaran, und Harlock warf ihm einen Blick zu, der sein Grinsen ersterben ließ.
„Miime ging es ebenfalls schlecht. Solche Interferenzen dürfen nicht auftreten.“
„Ah, na gut. Ich bin aber auch kein Zauberer, wisst ihr. Kann mir mit Miime den Antrieb ja mal ansehen …“ Das immerhin war ein deutliches Zugeständnis. Harlock wusste, dass Yattaran Miime unheimlich fand und ihr, wenn möglich, aus dem Weg ging.
„Gehen wir dann jetzt von Bord?“, fragte Kei. Ungeduldig zu sein wie ein kleines Mädchen war eine ganz neue Seite an ihr. „Ich will die Plantagen sehen! Äpfel, so weit das Auge reicht!“
Yama rang sich ein Lächeln ab. „Natürlich begleitest du mich. Harlock, du doch auch?“ Fragend sah Yama zu ihm auf, und Harlock tat es fast weh, den Kopf zu schütteln. Yama wollte ihn gern bei sich haben. Wenn dies ein Teil seiner Welt war, dann wollte er sie mit Harlock teilen … Dennoch wies Harlock ihn ab. „Ich werde auf der Arcadia bleiben.“
In Yamas Gesicht erlosch das Licht. „Aber warum?“
„Ich habe noch etwas anderes zu tun.“ Fiel ihm denn wirklich keine bessere Lüge ein? Warum ließ seine übliche Wortgewandtheit ihn dermaßen im Stich, wenn es darum ging, Yama traurig zu machen?
„Oh … Gut. Dann sehen wir uns später. Kei?“
„Allzeit bereit.“ Sie tätschelte die Waffe im Holster an ihrer Hüfte. „Wir prüfen erst mal, ob alles sicher ist, dann können die anderen ja nachkommen.“
Als sie gingen, verbarg Harlock vor den Zurückgebliebenen, wie unglücklich er mit seiner Entscheidung war. Doch er konnte es sich nicht ansehen. Es war einfach zu früh. Er war noch nicht so weit.
„Bald“, murmelte er.
Dann half er Miime, Yattaran und Maji bei der Überprüfung des Dunkle-Materie-Antriebs.
***
„Was hältst du von Landurlaub für die Crew?“, fragte Kei. Yama hatte sie lange nicht so aufgekratzt gesehen.
„Ich weiß nicht. Vielleicht.“
Unter dem Schutz des Kraftfeldes gingen sie auf das Hangargebäude zu, hinter dem ein noch viel größeres Bauwerk aufragte. Dies musste der hiesige Außensitz der Gaia Sanction sein, und sicher lebten hier auch die Arbeiter. Die Luft war kühl und schmeckte sauber und etwas salzig, das Licht einer fernen Sonne fiel wie durch einen milchigen Filter.
Aus dem Hangar trat ihnen Lt. Salvador persönlich entgegen, gefolgt von zwei seiner Soldaten. Alle drei trugen die Uniformen der Gaia-Flotte, mit ihrem Symbol auf der Brust und den Rangabzeichen auf den Schultern. Dennoch wirkten sie weniger adrett als etwa Isoras Leute; Salvadors Uniform hatte Knitterfalten, seine Hose sah verwaschen aus und sein Haar etwas ungekämmt, vielleicht eine Begleiterscheinung der ständigen Stürme auf dieser Ebene. „Nun“, sagte er. „Ich hoffe, die Landung gestaltete sich dann doch noch einigermaßen angenehm.“ Er hob eine Braue in Richtung Kei. „Ich würde wirklich allzu gern wissen, wie Captain Harlock das Wissen, das Sie hierher geführt hat, erlangen konnte. Warum ist er eigentlich nicht selbst hier?“
Yama hatte keine Lust, sich auf diese Unterhaltung einzulassen. Kei neben ihm war hibbelig wie ein Kind vor der Bescherung an Weihnachten. Ihr Blick glitt ständig umher, in der Hoffnung, einen Blick auf die Plantagen zu erhaschen, doch von hier aus waren sie nicht zu sehen. „Ich wiederhole gern, dass wir keine feindlichen Absichten haben. Mein Wissenschaftsoffizier möchte die Plantagen besichtigen. Und ich möchte mit dem Chefbotaniker sprechen.“
Der Lieutenant und er musterten einander einen Moment lang, auch die Plasmapistolen am Gürtel des jeweils anderen. Salvadors Männer trugen ebenfalls die Standardbewaffnung der Flotte, das machte drei gegen zwei, und kurz kam Yama der Gedanke, dass es unklug gewesen sein mochte, mit Kei allein zu gehen – ein, zwei Männer mehr hätten auch nicht geschadet.
Doch augenscheinlich hatte auch Salvador keine Lust darauf, sich mit dem Rest einer berühmten ruchlosen Piratenbande anzulegen. Er nickte knapp. „Folgen Sie mir.“
Sie gingen durch den offenen Hangar hindurch an den beiden geparkten Schiffen vorbei und traten am anderen Ende wieder ins Freie, wo ein Steinpfad zum Hauptgebäude führte. Ein interaktiver Lageplan im Eingangsbereich wies die Ankommenden auf die Einrichtungen hin, die hier untergebracht waren, bereit, zu jeder davon den Weg zu weisen. Yama las Baracken, Labore, Küchen, Kommandozentrale, Tagungshalle, Versorgungsräume und anderes, das er nur noch mit dem Blick streifte.
„Zu den Plantagen geht es – …“, setzte der Lieutenant an, doch Kei hatte sich bereits vor dem Lageplan postiert und tippte darauf herum.
„Ich finde selbst hin, danke.“
Salvador musterte sie despektierlich. „Wenn Sie alles sehen wollen, werden Sie sich ein paar Tage Zeit nehmen müssen.“
Yama hielt sie sanft auf. „Kei, warte noch. Lass uns zusammenbleiben, bis ich mit den Botanikern sprechen kann.“ Beim Gedanken daran klopfte sein Herz schneller. Dies hier war … ein Stück der heilen Welt seiner Kindheit. Auch wenn er nie selbst hier gewesen war, hatte seine Mutter früher viel von der Arbeit in den Laboren und Treibhäusern berichtet. Vieles von dem, was sie erzählt und in ihren eigenen Gewächshäusern empirisch überprüft hatte, hatte in Yama den Wunsch geweckt, ihr in der Berufswahl nachzueifern.
„Unser Chefbotaniker, wie Sie ihn nennen, trägt leider keinen Peilsender, also kann ich Ihnen nicht sagen, wo auf diesem riesigen Gelände Sie ihn gerade finden“, informierte ihn Lt. Salvador mit bemühter Geduld. „Mein Vorschlag ist, dass Sie beide sich beim Übergang zu den Plantagen einfinden und ich unseren Mann anfunke und zu Ihnen schicke.“
Das klang akzeptabel. Yama rechnete nicht mit einem Hinterhalt; die Plantagen waren heilig, und ein Feuergefecht würde dort niemals riskiert werden. Mit einer ungeduldigen Kei im Schlepptau machte er sich auf den Weg, den der Lageplan mit blinkenden Pfeilen vorgab, außen um das Hauptgebäude herum, während der Lieutenant mit hinter dem Rücken verschränkten Händen in selbigem verschwand. Er trug nicht mal ein Funkgerät bei sich.
„Kommt es mir nur so vor, oder sind die hier wirklich mies ausgerüstet?“, raunte Kei ihm zu, während sie gingen.
Yama drängte sich dieser Gedanke ebenfalls auf. Vielleicht gab es Gründe dafür, warum dieser Außenposten der Gaia-Flotte ihnen nur so halbherzig Widerstand leistete.
***
„Es gibt keine messbaren Interferenzen zwischen dem Kraftfeld und der Dunklen Materie.“ Harlock ließ den Blick fragend über das Innere des Zentralcomputerraums schweifen. „Was hat Yama und Miime dann solche Schmerzen zugefügt?“ Zusammen mit Miime und Yattaran hatte er alle Tests durchlaufen lassen, die zur Verfügung standen, und Yattaran hatte das Lande-Kraftfeld des Planeten sogar simulieren können – ohne Ergebnis. Die Dunkle Materie folgte ihren eigenen physikalischen Gesetzen und entzog sich oft einer Analyse.
Tochiro drückte seine Ratlosigkeit aus. Ich Versuch gemacht. Ursache finden. Sensor nicht Entdeckung … Unwissen. Auch wenn er nicht wirklich zu ihm sprach, wusste Harlock das Zusammenspiel aus Lichtern, Tönen und Geräuschen zu deuten; es war ein Code, den sie über Jahrzehnte verfeinert hatten. Harlock konnte Tochiros Kommunikationssignale ebenso verstehen, wie er bei Menschen die Kombination aus Worten, Gestik und Mimik verstand.
„So lange ich keine harmlose Ursache finde, gehe ich von einem Sabotageversuch aus.“
Achtgeben. Ich. So gut wie möglich.
„Hoffentlich genügt das.“
Warum nicht gehen Ansehen Plantage. Du. Wegen Sorge? Hinterhalt?
Tochiro kannte ihn zu gut. „Falls etwas passiert, muss jemand hier sein, der einen kühlen Kopf bewahrt“, behauptete er dennoch.
Nicht ertragen. Du. Recht?
„Ich werde später nachkommen. Wenn Yama und Kei berichten, dass es sicher ist, kann die Crew sich ein wenig ausruhen. Sie haben viel hinter sich.“
Gut. Ablenkung. Wirklich.
Harlock fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Warum habe ich Yama überhaupt gehen lassen? Ein Captain gehört auf die Brücke.“
Entscheiden allein. Was tun. Und dann: Deine Schuld. Frage? Du. Nicht hier. Wegen Reden darüber. Sondern anderes. Ich spüre.
Er seufzte resigniert. „Na schön. Ich muss …“ Jetzt kam der schwere Teil. Doch Tochiro hatte Recht, deswegen war er hier. „… beichten.“
Achso. Tochiro kicherte, ein Flackern, das zu deuten Harlock damals absurd viel Zeit gekostet hatte. Ich glaube nicht. Du. Beichten nötig.
„Doch, alter Freund. Du siehst vieles, aber nicht alles.“ Er schloss das Auge, um sich die Überwindung zu erleichtern. „Yama …“
Passend. Gut zusammen. Ihr.
Harlock erstarrte innerlich.
Ich sehe nicht alles. Aber. Du. Ihn ansehen. Deutung nicht schwer.
„Du meinst …“ Sollte er wirklich dermaßen leicht zu durchschauen sein? Selbst für Tochiro, der ihn mehr als ein Leben lang kannte, war er doch nicht so ein offenes Buch …
Harlock. Die Lichter wurden etwas dunkler, das grelle Leuchten des roten Rings weicher. Ich sage oft. Du. Schonung mich. Lange genug. Pause. Was damals. Wir. Nicht Wiederholung möglich. Nicht jetzt. Zeit umkehren. Nicht möglich. Aber. Vorangehen. Möglich. Pause. Ewigkeit. Ich sehe. Du. Leid. Nun wurde das Licht warm, beinahe zärtlich; Tochiros Art einer Umarmung. Ich überglücklich. Du. Liebe. Endlich. Jemand.
Ein bitterer Geschmack breitete sich auf Harlocks Zunge aus. Er schluckte dagegen an. „Lieben … Ich weiß nicht, ob es das ist. Es ist so lange her … Ich weiß nicht mehr, wie sich Lieben anfühlt.“
Blödsinn. Ein spöttisches Aufgrellen des roten Auges. Behauptung. Du. Nur körperlich. Frage? Wahrscheinlich denken. Du. Nur Dunkle Materie. Schuld.
„Nein.“ Die Antwort tat sich ganz klar auf. „Nein. Das Körperliche könnte ich ignorieren, das konnte ich immer. Es gab so viele Gelegenheiten, Frauen, Männer … Nein. Bei Yama ist es mehr. Seine Entschlossenheit, wenn er glaubt, das Richtige zu tun … seine Unsicherheit, wenn er ahnt, dass er es nicht tut … seine Hoffnung, dass am Ende alles gut sein wird.“ Harlock schüttelte den Kopf. Er verstand es selbst nicht. „Und vor allem, dass er immer alles richtig machen will, selbst wenn er gerade alles falsch gemacht hat.“
Tochiro kicherte wieder. Dasselbe Flackern, begleitet von einem metallischen Geräusch.
„Er ist so naiv, so vertrauensselig, so impulsiv … aber dennoch ist er klug … neugierig, und lernfähig …“
Ich froh. Klärung das. Jetzt. Zu ihm gehen. Du. Rätsel lösen. Früchte Erde. Pause. Dann schnappen. Den Kleinen. Nicht mehr loslassen.
Harlock lehnte seine Wange an den kühlen Stamm aus Metall und Glasfaser. „Mein Freund. Das ist alles nicht leicht für mich.“
Ich bin hier. Harlock. Ich bin bei dir. Immer.
„Ich weiß.“
***
Sie warteten bei einer Obstplantage unter dem Energiefeld, das die Stürme fernhielt. Kirschbäume standen hier nahe den pavillonähnlichen Bauten, die die Labore und Treibhäuser beherbergten. Reihe an Reihe standen die Bäume, gerade weit genug auseinander, dass ihre Zweige sich nicht berührten. Die hinteren Reihen schienen Früchte zu tragen, die vorderen standen in Blüte. Yama bestaunte sie voller Faszination. Er hatte noch nie echte Kirschblüten gesehen, nur Bilder, Hologramme oder Repliken zur Dekoration.
Kei hatte sich längst getrollt; sie war nicht mehr aufzuhalten gewesen, als die Plantagen tatsächlich in Sicht kamen. Yama sah sie zwischen den Bäumen umherspazieren, an Blüten riechen und Blätter befühlen. Zu Yamas Überraschung standen die Bäume nicht in künstlichem Substrat, was er erwartet hatte; eine Deckschicht aus Kolonkit hätte ihre Pflege vereinfacht und die Wasserversorgung sichergestellt. Aber nein, diese Pflanzen steckten in reiner Erde, bis über die Wurzeln. Erde, deren Geheimnis Yama kennen wollte.
Schließlich erklang hinter ihm das Geräusch der sich automatisch öffnenden Tür zum Forschungstrakt. Yama drehte sich um, bereit, einen zweifellos sehr widerwilligen Wissenschaftler aus den Reihen der Gaia Sanction davon zu überzeugen, dass er nur die besten Absichten hatte. Er hatte sich zurechtgelegt, was er sagen wollte: dass es um die Wiederbelebung der Erde ging, dass es Anzeichen dafür gab, dass dies möglich war, und sie unbedingt zusammenarbeiten mussten, wenn die Menschheit eine Zukunft haben wollte. Es musste einfach funktionieren; die Wissenschaft war eine eigene Welt, die sich ungern von politischen Belangen beeinflussen ließ, und vernünftige Menschen konnten auf Augenhöhe miteinander sprechen.
Als der Mann aus der Tür ins milchige Licht trat, erstarrte Yama mitten in der Bewegung. Er hatte zuerst grüßen und das Gespräch freundlich eröffnen wollen, doch nun versagte ihm die Stimme.
Gaias Chefbotaniker war ein älterer untersetzter Mann mit kreisrunder Brille und fast kahlem Schädel, der ein adrettes Jackett aus grauer Schurwolle mit dunklen Manschettenknöpfen trug. Seine Gesichtszüge entgleisten in demselben Maße, wie Yama es an sich selbst fühlen konnte, und er blieb abrupt stehen; dann sagte er ungläubig: „… Yama?“
Und Yama konnte nichts Schlagfertigeres erwidern als: „… Professor?“
Erkenntnisse
Sie gingen am Rand der Plantagen entlang, bis Kirschen in Aprikosen übergingen. Am anderen Ende, auf das sie zuhielten, markierte eine hohe Reihe einheimischer Bäume den Übergang der sturmumtosten Ebene in eine ruhigere Landzone.
„… Und das ist alles“, schloss Yama. „Es sind viele Dinge passiert, die außerhalb meiner Kontrolle waren, aber ich denke, so ist es jetzt … irgendwie richtig.“
Professor Calli nickte gedankenversunken. „Es klingt beinahe schicksalhaft“, sagte er mit seiner warmen, freundlichen Stimme. „Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie du dem gesamten Universum diese Blume zeigst und behauptest, dass es Hoffnung gibt. Ich habe nicht erwartet, dich je wiederzusehen, nicht nach diesem Affront gegen die Gaia Sanction.“ Er lächelte milde. „Und jetzt bist du hier, auf Garfudias, wie damals deine Mutter. Ich hätte mir denken können, dass du dich erinnerst, wo du suchen musst.“
Er war sichtlich älter geworden, fand Yama. Seit er in seinen Vorlesungen gesessen und eifrig Notizen zur Biodiversität der Erdenpflanzen gemacht hatte, war eine lange Zeit vergangen, die Spuren hinterlassen hatte.
Calli sah das offenbar auch so. Fast schüchtern deutete er auf Yamas Augenklappe. „Die trägst du doch aber nur zur Zier, oder? Weil du jetzt ein Pirat bist?“
„Nein.“ Yama hob die Augenklappe an, um Calli zu zeigen, was sich darunter befand. Allzu schlimm war der Anblick nicht: Der Ausläufer der Narbe, die quer über seinen Nasenrücken verlief, endete am Rand des Auges in leicht narbiger Haut, doch das Auge selbst sah intakt aus, bis auf die versengten Wimpern und die trüb gewordene Linse.
„Du bist tatsächlich halb blind“, erkannte Calli betroffen.
„Ja.“
„Diesen Feind hast du hoffentlich dafür niedergestreckt.“
Yama seufzte. „Man könnte es so sagen.“
Sie erreichten das Ende der Plantagenreihen und bogen nach rechts ab, an der Reihe der hohen, blau berindeten Bäume entlang.
„Sind das Seidenholzbäume?“, fragte Yama. Auch diese kannte er nur von Projektionen.
„Allerdings. Ist noch nicht lange her, dass du selbst eine Uniform aus Seidenholzfaser getragen hast, nicht wahr?“
Die schimmernden Äste der Bäume standen fast waagerecht vom Stamm ab. Auf ihnen räkelten sich Buschkatzen, eine einheimische Spezies. Sie waren kaum größer als eine Männerfaust und in Braun, Schwarz und Weiß gemustert. Ihre wuscheligen Schwänze hingen senkrecht herab, ihre blauen Augen mit den runden Pupillen blinzelten träge, als die Männer vorübergingen.
„Die Buschkatzen sind äußerst liebenswert“, sagte Calli. „Möchtest du nicht eine, Yama? Sie sind gute Begleiter auf Schiffen, halten das Ungeziefer in Schach. Außerdem braucht jeder gute Kapitän ein Tier auf seinem Schiff, das bringt Glück.“
„Ich weiß. Ich habe einen Vogel auf der Arcadia.“ Yama wollte nicht unnötig Zeit verlieren, so sehr er auch das Wiedersehen mit seinem Professor genoss. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. „Professor, es gibt etwas, das ich wissen muss“, begann er. „Vielleicht ist es eine dumme Frage.“
„Du hast nie dumme Fragen gestellt, Yama. Unbedarfte vielleicht, aber keine dummen.“
„Und zwar … Dass alle Rosaceae nur auf der Erde wachsen können, das stimmt doch … oder?“
„Ja“, antwortete Calli aufmerksam. „Das ist nichts, was die Gaia Sanction sich ausgedacht hat, um sich das Monopol zu sichern. Auch wenn sie das natürlich trotzdem getan haben.“
„Aber wir sind hier nicht auf der Erde, wir sind auf Garfudias. Trotzdem wachsen hier die Erdenfrüchte, und Gaia macht ein Vermögen damit. Wie ist das möglich?“
Der Professor sah ihn an und zog fragend die Brauen hoch. „Du weißt es wirklich nicht?“
„Nein.“
„Ich dachte, deine Mutter hätte es dir gesagt.“ Er wies in Richtung der endlosen Reihen von Sträuchern, die sie gerade passierten. Reife Himbeeren hingen schwer daran. „Diese Erde, in der all diese Pflanzen stehen, stammt von unserer Heimatwelt.“
Yama zog die Stirn kraus. „Was? Das Substrat ist … Mutterboden von der Erde?“
„Aber ja. Wie sonst sollte hier etwas wachsen, das auf anderen Planeten nicht kultivierbar ist?“ Ein Lächeln zupfte an den Lippen des Mannes.
„Aber wie kann das sein? Die Erde, sie ist doch …“
„Erst seit etwas über hundert Jahren. Bevor Captain Harlock die Erde steril machte, war sie lediglich tabu, aber intakt. Du weißt inzwischen, dass die Gaia Sanction ihr eigenes Gebot, nämlich die Erde nicht zu betreten, häufig selbst gebrochen hat. Unter anderem, um Mutterboden für jene Pflanzenfamilie abzutransportieren, die auf anderen Welten einfach nicht gedeihen wollte. Weißt du, das Geheimnis unserer Erde ist ihre Zusammensetzung. Sehr variabel auf dem ganzen Planeten, aber voller Leben, so klein, dass man es mit bloßem Auge nicht sieht. Es war nicht nötig, den Planeten selbst als ständige Quelle für Mutterboden anzuzapfen, da das Leben im Boden sich selbst erhält. Ich bin sicher, es könnte sich auch auf anderes, unfruchtbares Substrat ausbreiten. Ich weiß, was du jetzt denkst, Yama … Wenn man dieses Substrat von Garfudias auf die heutige Erde brächte, könnte sich dort vielleicht wieder Leben ansiedeln? Es wäre denkbar.“
„Natürlich!“ Yamas Herz wollte ihm fast aus der Brust springen. „Warum hat das nie jemand versucht?“
„Fragst du mich das wirklich, nachdem du weißt, was Gaia insgeheim als ihre wahren Ziele hochhält? Die Erde wieder fruchtbar werden zu lassen, auch wenn es nur eine Theorie ist und länger dauern würde, als ein Mensch überschauen kann, würde ihnen einen Teil ihrer Macht nehmen. Außerdem könnten sie nicht länger Captain Harlock als Sündenbock hinstellen.“
„Aber die Menschen wussten doch gar nicht, dass die Erde …“
„Aber Gaias eigene Leute wussten es.“
Yama schloss den Mund. Politik war für ihn noch nie leicht zu verstehen gewesen.
„Was hast du jetzt vor, Yama?“
„Ich weiß es nicht. Ich muss darüber nachdenken.“ Tatsächlich musste er über gar nichts nachdenken. Erde von der alten Erde, das war des Rätsels Lösung. Das, was von der alten Erde übrig war, konnte die neue Erde wieder in die alte verwandeln. Mit sehr viel Zeit und Mühe … Doch er würde den Anfang machen. „Professor“, fragte er. „Was machen Sie hier? Warum sind Sie nicht mehr an der Universität von Tharsis?“
Callis Lächeln wurde wehmütig. „Du erinnerst dich sicher, dass ich aufgrund meiner Spezialisierung auf irdische Pflanzen an der Fakultät immer ein wenig belächelt wurde. Ich dachte, das wäre vorbei, als die Gaia-Flotte mich bat, hier den Posten als Kopf des Forschungsteams zu übernehmen. Das war vor zwei Jahren.“
Zu der Zeit, als ich die Explosion in Mutters Gewächshaus verursacht habe, dachte Yama. Als Isoras Karriere meinetwegen plötzlich zu Ende war … „Das alles muss nicht so weitergehen, Professor. Ich bin jetzt in der Lage, Dingen nicht mehr nur zuzusehen, sondern sie zu ändern.“ Yama schaute auf die Himbeersträucher, die Zweige schwer unter ihrer Last, und traf eine Entscheidung. „Ich möchte Sie fragen, ob Sie mich begleiten werden. Ich will, dass aus der Erde wieder ein Garten wird, und Sie haben viel mehr Wissen darüber als ich. Bitte werden Sie Teil meiner Crew.“
***
Harlock wartete auf Yama im Salon, um den Bericht zu hören. Er entsprach damit dem von Yama via Com übermittelten Wunsch, mit ihm über die Neuigkeiten zu sprechen. Harlock war dies nur recht, denn auch er hatte vor, den Weg der offenen Kommunikation zu gehen und Yama zu sagen, dass er mehr für ihn empfand, als gut für sie beide war. Es mochte nicht der ideale Zeitpunkt dafür sein, doch ein idealer Zeitpunkt für irgendwas war sowieso eine Illusion.
Aus der Küche war ihm zusammen mit dem Tee, um den er gebeten hatte (und den Yama sich ebenfalls gewünscht hatte), auch etwas süßes und salziges Gebäck gebracht worden, das er mehr oder weniger liebevoll auf dem viel zu großen Tisch verteilt hatte. Nun gestaltete sich das Warten schwierig. Wieder einmal erschlug ihn die Einsamkeit, die Stille in seinem Bewusstsein, wo der Rapport mit der Arcadia und Miime einem großen Nichts Platz gemacht hatte. Es half nicht. Er musste sich daran gewöhnen, wieder ein normaler Mensch zu sein.
Als Yama endlich atemlos eintraf, hatte er Kei dabei.
„Ich schlage vor, der Crew Landurlaub zu gewähren, solange wir hier sind“, sagte sie ohne Umschweife, blickte über den Tisch und nahm sich einen Keks. „Die haben hier massig Ressourcen für nur eine Handvoll Leute. Die Plantagen werden mit High-Tech überwacht und mit Robotern beerntet und gepflegt, es ist der Wahnsinn.“
„Ich bin dafür, aber wir wollten deine Meinung dazu hören, Harlock.“ Yama setzte sich.
„Und wozu?“, fragte Harlock, der sich wie ein Unbeteiligter fühlte. „Du scheinst bereits entschieden zu haben.“
Kei entschied sich derweil für einen weiteren Keks. „Die sind da unten ziemlich erleichtert darüber, was für eine wohlerzogene Piratencrew wir sind. Dieser Salvador hat eine gigantische Plünderung erwartet. Dachte, wir würden alles Obst von den Bäumen reißen und keinen Stein auf dem anderen lassen. Stattdessen kommen nur zwei Diplomaten runter und führen vernünftige Gespräche mit ihnen – das stimmt sie kooperativ.“
Und verwirrt, dachte Harlock.
„Hast du denn Obst an den Bäumen gelassen?“, fragte Yama, sachte neckend.
„Ich habe eine Kirsche genascht. Eine! Ich komme aus gutem Hause, Yama.“ Sie angelte einen dritten Keks von einer entfernt stehenden Platte.
Harlock sah den beiden missmutig zu. „Wir sollten nicht zu sorglos sein. Wir mögen weit vom Zentrum der Aktivitäten Gaias entfernt sein, aber wenn wir den Eindruck erwecken, länger bleiben zu wollen, dann suchen sie ganz sicher nach neuen Möglichkeiten, uns hier zu attackieren. Sie werden kommen, Yama, das ist dir doch klar.“
„Ja, natürlich.“ Yama schenkte sich Tee in eine Tasse ein und verschüttete dabei einige Tropfen auf die Tischplatte. Harlocks Blick schärfte sich. „Der Ältestenrat verschanzt sich auf dem Mars, aber die Flotte wird kommen. Sie sind verzweifelt genug, Risiken einzugehen.“ Er wirkte nervös, und erst jetzt sah er Harlock direkt ins Gesicht. „Ich muss mit dir reden.“
„Gut. Ich auch mit dir.“
„Ich verstehe.“ Kei drehte ab Richtung Tür. „Was darf ich verkünden?“
Yama hielt Harlocks Blick, während er antwortete: „Nimm jeden der Männer mit nach Garfudias, der möchte. Schärfe allen ein, dass sie sich benehmen sollen. Dies ist keine feindliche Übernahme. Niemand stiehlt Früchte oder andere Vorräte, niemand vandalisiert die Plantagen, niemand fängt Streit mit der Bodencrew an. Wir wollen respektiert werden. Du führst die Aufsicht.“
„Verstanden.“ Kei ging. Hinter ihr wäre die automatische Tür zugerauscht, hätte sie jemand repariert.
„Das klingt, als wären wir auf einer Friedensmission“, murmelte Harlock.
„Ich beantworte Gewalt mit Gewalt, wenn nötig, aber ich fange nicht damit an.“ Yama sprach mit fester Stimme, doch die Zeichen der Unruhe waren noch da. „Harlock, ich weiß, warum auf Garfudias Rosengewächse wachsen. Es ist sehr einfach, es hätte auf jedem anderen Planeten funktioniert, und es wird auch auf der Erde, wie sie jetzt ist, funktionieren.“
Damit hatte er Harlocks volle Aufmerksamkeit. „Ich höre.“
„Sie haben einfach Erde von der Erde mitgenommen, bevor du sie zerstört hast. Das ist alles.“
Harlock sagte nichts.
„Die Erde ist was Besonderes. Sie überdauert. Sie erholt sich immer wieder. Manchmal braucht sie ein wenig Hilfe. Verstehst du? Wir bringen das Substrat von Garfudias auf die Erde.“
„Das heißt, du wirst die Plantagen stilllegen“, folgerte Harlock.
„Oh … Ja, ich schätze schon. Je mehr Mutterboden wir mitnehmen, desto besser.“
„Du weißt selbst, wie viel unsere Frachträume fassen können.“
Yama sah ihn argwöhnisch an. „Ich hatte erwartet, dass du dich freuen würdest.“
„Ich freue mich“, versicherte Harlock, doch sein Versuch zu lächeln missglückte.
Yama wirkte nicht überzeugt. „Noch etwas. Der Chefbotaniker auf Garfudias ist mein früherer Mentor von der Universität, Professor Tiro Calli. Ich habe Irdische Botanik bei ihm studiert, er hat mir alles beigebracht, was ich heute weiß, nachdem meine Mutter gestorben war. Wir haben mehrere Forschungsprojekte gemeinsam betreut, bis … du weißt schon. Ich will ihn an Bord nehmen.“
Eine Mitteilung dieser Art hatte Harlock befürchtet. Unwillkürlich legte er die Stirn in Falten. „Du willst einen Forscher im Dienste der Gaia Sanction entführen?“
„Nicht entführen. Ich denke, er wird freiwillig mitkommen.“
„Yama, wie gut kennst du diesen Mann wirklich? Wie weit traust du ihm?“
„Ich kenne ihn schon eine Ewigkeit“, erwiderte Yama trotzig. „Er ist kein Soldat, Harlock, er ist Wissenschaftler, und natürlich will er genauso wie wir, dass die Erde wieder bewohnbar wird. Er ist nur bei Gaia, weil er keine andere Wahl hat.“
„Dennoch, sich einer Crew aus Verbrechern und Rebellen anzuschließen, ist das genaue Gegenteil. Solche Männer sind konfliktscheu, und das sollten sie auch sein, weil sie lebendig am wertvollsten für die Gesellschaft sind. Du kannst nicht erwarten, dass er einem Piratenkapitän loyal sein wird.“
„Harlock. Dieser Mann hat genau das Wissen, das wir brauchen“, insistierte Yama. „Blumen auf der Erde bringen uns nicht weiter, wir brauchen ein ganzes neues Ökosystem! Er kann das, ich nicht. Wir brauchen ihn.“ Es war das, was Harlock an Yama besonders liebte und zugleich besonders fürchtete. Seine Überzeugung. „Ich werde das Risiko eingehen.“
„Dann soll es so sein“, murmelte Harlock.
Yamas Ton wurde schneidend. „Als du selbst Captain der Arcadia warst, hast du dir nie Sorgen wegen Gaia gemacht. Warum jetzt? Ich kann auf uns aufpassen.“
„Die Lage ist jetzt anders …“, begann Harlock eine lahme Rechtfertigung.
„Ist sie nicht, Harlock. Wir sind anders. Du und ich.“ Yama sah ihn über den Tisch an, jetzt wieder warm und auch etwas besorgt. „Wir fühlen uns beide noch nicht richtig wohl damit, aber deshalb können wir nicht stehen bleiben und abwarten.“ Er schob die Teetasse von sich. „Du, hm, du wolltest mir doch auch was sagen … Was ist es?“
Nichts Wichtiges, dachte Harlock. „Ich habe überlegt, dass ich dich doch begleiten sollte“, log er. Eine sehr spontane Lüge, der er Taten folgen lassen musste. „Ich möchte deinen Professor treffen.“ Es sollte ein Zugeständnis sein, ein Signal der Bereitschaft, sich mit den Dingen, die Yama beschäftigten, vertraut machen zu wollen. Doch er hätte ahnen müssen, dass Yama es missverstand.
Dessen Miene verfinsterte sich. „Er ist harmlos, Harlock. Du brauchst ihn nicht zu überprüfen. Ich plane kein Rekrutierungsinterview und schon gar nicht, ihn über Bord zu werfen, wenn er eine Frage falsch beantwortet.“
„Davon war keine Rede“, widersprach Harlock. „Ich möchte nur sehen, welche Art von Mann er ist.“
„Ja, weil du ihm nicht traust“, zischte Yama. „Und wenn du feststellst, dass er dir nicht gefällt?“
Das Gespräch hatte eine unangenehme Wendung genommen. Harlock hatte das genaue Gegenteil bezweckt.
„Na schön, wie du willst. Ich sage ihm, dass Captain Harlock ihn erst persönlich unter die Lupe nehmen muss. Er wird sich nicht davor drücken.“
Harlock erwiderte nichts, weil es zwecklos war. Er sah zu, wie Yama die Schultern sinken ließ, noch einmal mit beherrschter Frustration über den gedeckten Tisch blickte und sich schließlich zum Gehen wandte. „Und ich dachte, die Rettung der Erde steht für dich genauso an erster Stelle wie für mich“, murmelte er, ehe er hinausging.
Harlock sah ihm noch lange nach. Er fragte sich, wann er endlich lernen würde, dass Halbwahrheiten niemals Sympathien einbrachten.
***
Als Yama das nächste Mal Garfudias betrat, war der Stützpunkt wie verwandelt. Überall tummelten sich Crewmitglieder, besichtigten die Einrichtungen, bewunderten die Plantagen, spielten mit den Buschkatzen. Natürlich gab es Reibereien mit den abgestellten Soldaten, aber anscheinend nichts, das Kei nicht regeln konnte. Auch jene ehemaligen Söldner, die die Arcadia verlassen wollten, schienen sich auf dem Planeten wohlzufühlen. Yama fasste den Entschluss, ihnen anzubieten, sie auf den gegenüberliegenden Kontinent Euros überzusetzen, wo die menschliche Kolonie angesiedelt war. Sicher war Garfudias schlecht ans interstellare Verkehrsnetz angebunden und das Leben dort alles andere als spektakulär – doch vielleicht war dies für Männer mit zweifelhafter Vergangenheit, die wegen mehrerer Vergehen auf der Fahndungsliste der Planetenallianz standen, eine reizvolle Option. Hier würde man zu allerletzt nach ihnen suchen.
Yama fand Prof. Calli in einem der Gewächshäuser, das Erdenpflanzen zog. Es ähnelte sehr dem, das seine Mutter unterhalten hatte, nur dass der Fokus hier weniger auf Blüh- denn auf Nutzpflanzen lag. Begleitet wurde Yama von Tori, der sich ihm, als er von Bord gehen wollte, mit trägem Flügelschlag angeschlossen hatte. Nun thronte er auf Yamas Schulter und beäugte das Geschehen vom Ende seines überlangen Halses aus.
Calli sah von einer Reihe Tomatensprösslingen auf und lächelte. „Ah, ein Prepenti!“, bemerkte er mit Blick auf Yamas Gesellschaft. „Sehr kluge Tiere, und äußerst langlebig. Sie stammen von Pasbucao, nicht wahr?“
„Ich weiß es nicht.“ Yama hatte für das Thema Tiere wenig übrig. „Eigentlich wollte ich Ihnen jemand anders vorstellen.“
„Oh.“ Der Gesichtsausdruck des Professors veränderte sich; er wirkte nun eingeschüchtert und geschmeichelt zugleich. „Ich nehme an –“
„Er hat Bedenken“, sagte Yama schnell.
„Nun, da ist er völlig im Recht.“
Wahrscheinlich stimmte das. Yama bezweifelte, dass Harlock sich so einfach überzeugen lassen würde. Er wusste selbst nicht, warum es ihm so wichtig war, dass die beiden Männer sich mochten. „Haben Sie schon über … meinen Vorschlag nachgedacht?“, fragte er.
Calli ließ den Blick über seine Pflanzen schweifen. „Nun, Yama, ich muss dir sagen, dass ich keine Kämpfernatur bin. Ehrlich gesagt bin ich sogar ein ziemlicher Feigling.“ Er lächelte traurig.
„Meine Besatzung wird Sie beschützen.“
„Sicher. Gib mir noch etwas mehr Bedenkzeit, ja?“
Yama war nervös, als er Calli in die Lounge führte, wo Harlock angeboten hatte zu warten. Aus irgendeinem Grund wollte er die Plantagen nicht aus der Nähe sehen. Würde ein Gespräch der beiden Männer zu irgendetwas führen, oder würde das Misstrauen auf beiden Seiten nur zunehmen?
Harlock wirkte an einem der Kaffeetische so deplatziert wie nur möglich. Seine Miene war sorgenvoll, seine Hände ruhten reglos auf der Tischplatte. Yama spürte das kleine Zusammenzucken von Calli, der neben ihm ging. Dennoch nahm der Mann Haltung an und ging direkt auf Harlock zu. Hatte er sich nicht gerade selbst als feige bezeichnet?
„Der berühmte Captain Harlock höchstpersönlich“, sagte Calli sanft und neigte den Kopf.
Harlock erwiderte den Gruß mit dem Anflug eines Lächelns. „Der berühmte Professor Calli. Yama ist voll des Lobes über Sie.“
Yama räusperte sich. „Ich hole uns was zu trinken. Wünsche?“
Die beiden Männer beachteten ihn nicht. Sie blickten einander über die kaffeefleckige Tischplatte hinweg an, hinter der Calli ebenfalls Platz genommen hatte, Harlock gegenüber.
Der ehemalige Captain nahm das Wort. „Yama besteht darauf, dass wir Sie mit zur Erde nehmen. Hat er Ihnen von seinem Plan erzählt?“
Yama öffnete den Mund, um zu verneinen, aber Calli antwortete selbst: „Ich kann mir denken, was er vorhat. Das Substrat von den Plantagen mitzunehmen. Die Gaia Sanction wird das mit allen Mitteln zu verhindern suchen.“
„Wir haben auf einem Schmugglerschiff kistenweise Äpfel vorgefunden. Hat die Gaia Sanction wirklich noch die volle Kontrolle über diesen Ort?“
Darauf gab Calli erst mal keine Antwort. Er wandte den Blick ab, ehe er sagte: „Soweit ich weiß, haben Sie noch nie eins der Schiffe der Gaia-Flotte, die die Früchte von hier wegbringen, überfallen, Harlock.“
„Doch, das habe ich. Einmal. Wir haben die Fracht erbeutet, aber es war die Opfer nicht wert.“ Harlocks Auge flackerte. „Diese Transportschiffe sind wehrhafter als viele Schlachtschiffe der Flotte. Wie also gelangen so viele Äpfel auf ein Schmugglerschiff? Jemand auf diesem Stützpunkt, oder mehrere, nutzen es aus, dass die Gaia Sanction instabil wird … und die Sicherheit der Plantagen dafür vernachlässigt.“
Calli schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich fürchte, über die genauen Umstände weiß ich nichts. Ich bin nur ein Akteur im Hintergrund. Harlock … Was Yama vorhat, ist äußerst gefährlich.“
„Richtig. Yama ist nicht gut darin, Gefahren einzuschätzen.“
Yama hustete. „Ich sitze neben euch.“
„Aber Yama ist auch äußerst kühn“, fuhr Harlock fort, „wie jeder an Bord der Arcadia. Die Frage ist, ob wir uns auf Sie verlassen können oder ob Sie sich gegen uns stellen werden, sobald die Gefahr zu groß wird.“
„Ich bin kein Freund der radikalen Wege der Gaia Sanction, schon gar nicht, seit ich auf allen Kanälen Yama mit dieser Blume gesehen habe“, behauptete der Professor. „Ich gestehe, dass ich Angst habe. Ich habe Familie, wissen Sie – eine Frau, einen Sohn und zwei Enkel. Ich möchte nicht als Verbrecher auf einem Piratenschiff sterben.“ Er verschränkte die Hände ineinander und betrachtete sie. „Aber ich möchte auch nicht zusehen, wie die offensichtliche Lüge der Gaia Sanction über eine intakte Erde unter den Teppich gekehrt wird. Ich wünschte, es gäbe eine diplomatische Lösung für all das.“
„Das ist unwahrscheinlich“, sagte Harlock ruhig.
Yama blickte zwischen den beiden hin und her und kam sich vor wie jemand, der in ein geheimes Spiel nicht eingeweiht war. In diesem Moment beschloss Tori, sich von seiner Schulter abzustoßen und über den Tisch zu Harlock zu gleiten, um auf diesem Platz zu nehmen und stolz das Brustgefieder aufzuplustern.
Calli gluckste. „Sagtest du nicht, der Prepenti sei dein Vogel, Yama?“
„Das tut doch gar nichts zur Sache“, beklagte sich Yama. „Ich will nur, dass ihr euch auf unser gemeinsames Ziel verständigt. Stattdessen sprecht ihr über mich, als würdet ihr über die Zukunft von einem Scheidungskind entscheiden.“
Harlocks Miene blieb reglos, aber Callis wurde weich – wie früher, als er als väterlicher Mentor seinen ungestümsten Studenten zu bändigen hatte. „Ich glaube, Yama, dieser Mann möchte dich unbedingt beschützen. Zu zweit wird euch nichts aufhalten, und das soll mir genügen. Wenn du glaubst, ich könnte eine Hilfe sein, dann komme ich mit dir auf dein Piratenschiff.“
Wie zu erwarten fiel Harlocks Urteil nüchterner aus: „Dein Professor scheint ein ehrlicher Mann zu sein – in dem Maße, wie es ihm möglich ist. Aber er hat nicht alle meine Fragen beantwortet. Wenn er dich aufrichtig schätzt, wird er dich nicht zu Schaden kommen lassen. Es ist deine Entscheidung.“
Yama hatte mit genauso einer abwertenden Antwort gerechnet. Harlock versuchte gar nicht erst, sich für Calli zu erwärmen oder ihn zu verstehen. Er würde niemandem, der für Gaia arbeitete, einen Vertrauensvorschuss geben. Aber das war sein Problem.
„Wie du meinst“, sagte Yama steif. Er fühlte sich müde von der abgefallenen Anspannung, und das allein vom Zusehen. „Wir verlassen Garfudias in drei Tagen. Bis dahin organisieren wir die Räumung des Stützpunktes und fliegen die hier stationierten Männer nach Euros. Das Obst … Wir werden es aufteilen.“ So viele Gedanken, die er sich noch machen musste, so vieles, das es zu planen gab … Reichten drei Tage überhaupt dafür? „In den Frachträumen müssen wir Platz für die Erde schaffen. Und für die Crewmitglieder, die uns verlassen, vielleicht möchten –“
„Yama.“ Harlock schob seine Hand über den Tisch und berührte sacht die von Yama. Tori auf seiner Schulter krächzte: „Yamayamayama, ääähk.“
„Nein, ich habe nichts vergessen“, nahm Yama die Frage vorweg. Ich DARF nichts vergessen.
„Du hast eine feindliche Übernahme ausgeschlossen“, erinnerte ihn Harlock. „Aber genau das wird es jetzt werden.“ Er warf einen kühlen Blick hinüber zu Professor Calli, und Yamas Mentor schaute nicht zurück.
„Reichen dir hundertzwanzig Kubikmeter für die Erde?“, fragte Kei. „Sonst kann ich noch mehr frei machen.“
„Stell so viel zur Verfügung wie möglich. Du weißt, wie groß die Plantagen sind.“ Yama hatte Harlock heute noch nicht gesehen und befürchtete, dass dessen Frühstück aus Rotem Bourbon bestanden hatte. Harlocks Laune schien immer schlechter zu werden, seit sie auf Garfudias waren, vor allem seit dem Gespräch mit Prof. Calli. Aber gut, sollte er doch schmollen.
„Ähem. Was ist mit den Früchten?“
„Wir nehmen die Hälfte“, antwortete Yama, „und die andere geben wir denen mit, die sie erwirtschaftet haben.“ Er hatte wieder nicht besonders gut geschlafen. Seinen gefassten Entschluss in die Tat umzusetzen erforderte eine Menge Organisation. Gute Organisation. Nach seiner selbst gesetzten Frist hatte er noch einen Tag Zeit – und ein Tag auf Garfudias hatte nur 21,72 Stunden.
„Klingt fair.“ Kei schlenderte weiter voran Richtung Hangardeck. „Ich habe schon einen guten Platz für die heilige Fracht ausgesucht, weil ich nicht glauben wollte, dass du alles weggibst.“
„Wir sind Piraten“, murmelte Yama.
„Na endlich kommt das bei dir an. Übrigens habe ich auch mit unseren Ausscheidern gesprochen. Auf Garfudias zu bleiben erscheint ihnen akzeptabel.“
„Gut, dann bringen wir sie nach Euros und …“ Yama legte die Stirn in Falten. „Bezahlen wir unsere Leute?“
Kei drehte sich um und sah ihn groß an. „Hast du so was nie mit dem Captain besprochen? Ja, wir bezahlen unsere Leute. Nicht üppig, aber dafür sind Kost und Logis ja inbegriffen. Was unsere Deserteure betrifft: Wir schließen keine Heuerverträge ab, wie du weißt, also wenn du ihnen was mitgibst, dann aus reiner Nächstenliebe.“
Sie bestiegen das kleine Landeshuttle, und Yama startete die Triebwerke. Heute würde er Salvador und seinen Leuten sagen müssen, was er vorhatte – und sich auf den massiven Widerstand vorbereiten. Er hatte es lange hinausgezögert, denn es bedeutete sehr wahrscheinlich, dass die letzten kampfbereiten Schiffe der Gaia-Flotte sich sofort auf den Weg nach Garfudias machen würden. Vielleicht sogar die ganze Planetenallianz; schließlich suchten alle nach der Arcadia und trachteten ihr nach dem Ende.
Während Kei also die Besatzung zusammentrommelte, um die Übernahme zu beginnen und die Plantagenarbeiter zum schnellen Ernten und Verladen der Früchte anzutreiben, ging Yama auf direktem Weg zu Lt. Salvadors Büro. Zwei Wachposten waren vor diesem postiert und dachten nicht daran, ihn einzulassen; doch zu seinem Erstaunen kam der Lieutenant selbst heraus, nachdem er die Diskussion vermutlich bis in sein Zimmer gehört hatte.
„Sagen Sie mir hier und jetzt, was Sie wollen“, forderte er Yama auf dem Flur auf. „Werden Sie jetzt das tun, was jeder andere Pirat schon längst getan hätte?“
„Nicht ganz“, korrigierte Yama. Er sah, wie die Hände beider Wachposten über ihren Waffenholstern schwebten. „Und mich zu töten wird es auch nicht ändern. Wir evakuieren diesen Stützpunkt.“
Salvador lachte freudlos. „Also wollen Sie am Ende doch nur die heiligen Früchte. Natürlich. Das, was die Gaia Sanction reich gemacht hat.“
„Ich will nicht die Früchte, ich will die Erde“, zischte Yama. Ebenso gut hätte er sagen können, dass er Pudding und ein Paar Sandalen wollte. Salvador interessierte es gar nicht.
„Tja, dann nehmen Sie sie“, antwortete er achselzuckend. „Ich ergebe mich. Was soll ich auch tun? Ich habe immer gesagt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Verbrecher uns hier entdecken, aber es hat niemanden interessiert. Die Besetzung dieses Stützpunktes ist lächerlich dünn. Den Reichtum, den die Plantagen einbringen, nimmt die Gaia Sanction gerne, aber um unsere Sicherheit auf diesem Hinterwäldler-Planeten schert sie sich einen Dreck. Wen interessiert Garfudias? Ein Hologramm wird schon genügen. Schließlich hat es hundert Jahre lang genügt.“ Sein morbides Lachen bescherte Yama eine Gänsehaut. „Nun ist die Arcadia hier, und ich hatte Recht, nicht wahr? Ich kann nicht sagen, dass es mir besonders leid tut.“ Mit einer lässigen Handbewegung veranlasste er die Soldaten, ihre Hände von den Waffen zu nehmen. „Wir ergeben uns kampflos. Gegen eine Piratenbande können wir nicht bestehen, selbst wenn es nur vierzig Mann sind.“ Er streckte Yama die leeren Hände hin. „Wollen Sie mich fesseln?“
Yama wich zurück. „Es passiert niemandem etwas. Alle Anwesenden werden zu den Kolonien nach Euros gebracht. Hier zu bleiben ist sinnlos, weil es hier nichts mehr geben wird, wenn wir weg sind.“
„Da könnten Sie Recht haben“, stimmte Salvador kichernd zu. „Es wird nichts mehr geben.“
Yama führte ihn und die beiden Wachposten ab. Im Grunde wusste er, dass er die Plasmapistole nicht brauchte, doch das Verhalten des kommandierenden Offiziers war ihm unheimlich; also hielt er die Waffe auf den Rücken Salvadors gerichtet, während sie Richtung Hangar gingen.
Gegenwind
„Hältst du es für ’ne gute Idee, erst nur die Leute an Bord zu nehmen?“, fragte Yattaran mit hinter der Brille gerunzelter Stirn.
„Nach Keis Berechnungen brauchen wir einen Teil des Platzes, den die Menschen einnehmen, später für die Erde“, erklärte sich Yama.
„Soso, und wie viel Zeit willst du ihnen geben, um die Erde zusammenzukratzen, bis du sie alle verschleppst?“
„Yattaran, bitte. Stell mich nicht in Frage, sondern hilf mir. Ich brauche deinen klugen Kopf hierfür.“
„Genau den kriegst du doch!“ Yattaran warf die Arme in die Luft. „Die armen Idioten graben ja schon wie die Irren. Wenn wir die Arbeiter weggebracht haben, schaufeln wir deinen kostbaren Modder selber in die Silos, ja?“
„Ja“, sagte Yama ungeduldig. Sie mussten sich beeilen. Seit er Salvador festgenommen hatte, waren schon fast dreizehn Stunden vergangen; es war schwer einzuschätzen, wie lange feindliche Schiffe verschiedener Klassen brauchen würden, um diesen Sektor zu erreichen. Hoffentlich hatte keins von Gaias Kriegsschiffen eine In-Skip-Route für Garfudias programmiert … Aber warum sollten sie? Er atmete tief durch. „Wie weit sind die Ernten?“
„Kann dich beruhigen. An Bord ist schon so viel Obst, wie mit den vielen Passagieren noch reinpasst. Der Rest muss hier bleiben, fürchte ich. Freut sich jemand anders drüber.“
„Oder wir holen es später.“ Yama versuchte sich zu konzentrieren. „Was fehlt noch bis zum Start?“
„Nur ein Captain.“ Yattaran zuckte die Achseln. „Aber ich seh nur einen, der rumläuft wie ein aufgescheuchtes Huhn.“
Zum Teufel mit den dummen Bemerkungen. „Ich gehe ans Ruder“, sagte Yama knapp.
Dann ging er an Bord.
Es war eng auf dem Hangardeck. Neben den uniformierten Soldaten des Stützpunkts drängten sich dort auch die Plantagenarbeiter, Callis kleines Forscherteam, die Köche, die Hausmeister, die Gärtner und alle anderen, die die Basis unterhalten hatten. Weitere Menschen waren in den Frachträumen versammelt.
Yama überlegte fieberhaft, was er vergessen haben könnte, beschloss dann aber, dass sie dadurch nur Zeit verloren. Sie mussten nach Euros und dann schnell wieder zurück, um das Erdensubstrat einzuladen und zu verschwinden.
Es war seltsam, die Plantagen desolat zurückzulassen. Vom Steuer aus sah Yama hinunter auf die endlosen Baum- und Strauchreihen, bis sie wieder unter dem Hologramm verschwanden und nur noch eine trostlose Ebene zu sehen war. Vorerst würde keine der wertvollen Nutzpflanzen eingehen; die aufwändige Pflege, die sie hier erfuhren, wurde großteils nicht von Menschen getätigt, sondern von Robotern und Computern. Menschen brauchte die Anlage lediglich zur Beaufsichtigung, für die Wartung der Systeme und für die komplexere Gärtnerarbeit. Ich habe nichts zerstört, sagte er sich. Ich kann wiederkommen. Ich WERDE wiederkommen.
„Kurs setzen auf die Euros-Kolonie“, ordnete er an.
Ein Flug innerhalb der Atmosphäre beanspruchte den Dunkle-Materie-Antrieb nicht. Somit bestand auch kein Grund, die vielen unfreiwilligen Passagiere mit schwarzen Wolken und Ionenstürmen zu verängstigen. Die Innenarchitektur der Arcadia war verstörend genug.
Da Alonso und Cervus im Hangar und in den Frachträumen die Aufsicht führten, hatte Yama die Brücke mit Norrel und Caruso besetzt. Kei und Yattaran waren wie gewohnt auf ihren Posten. Wer fehlte, war Harlock.
„Vielleicht haben wir ihn unten vergessen“, witzelte Kei. „Wenn der Captain nicht will, dass man ihn kommen oder gehen sieht, dann sieht man ihn auch nicht.“ Ihre gute Laune verriet, dass sie sich nicht wirklich Sorgen machte. Vermutlich löste der Gedanke, dass Frachtraum 3 voll mit Äpfeln, Kirschen und anderen guten Dingen war, ungewohnte Glücksgefühle in ihr aus.
Yama dachte darüber nach, Harlock aufzusuchen – Miime würde ihm sagen können, wo er war –, entschied sich aber dagegen. Erst hatte er seine Mission auszuführen, schließlich leitete er sie. Warum auch immer Harlock sich wieder einmal isolierte, er konnte jetzt keine Rücksicht darauf nehmen.
Der Flug verlief ereignislos. Die schön gefärbten Landschaften des Planeten wechselten ein wenig ab, aber großteils waren triste violette Wüsten zu sehen, so salzig, dass selbst die Seidenholzbäume es nicht mochten; der Grund dafür, warum dieser Kontinent nicht für die Kolonisierung geeignet gewesen war. Später glitten sie über ein trübes smaragdfarbenes Meer dahin. Lange gezackte Flossen tauchten hier und dort aus olivgrünen Schaumkronen auf.
Die Kolonie auf Euros war nicht unter einem Hologramm verborgen. Sie glitzerte wie ein Perlenband umgeben von blaugrüner Vegetation. Yama zählte drei große Ballungszentren, von denen sie auf dasjenige zuhielten, das der Küste am nächsten war.
„Die Stadt heißt Nunes“, informierte ihn Kei, „und sie hat eine Präsidentin. Ungewöhnlich. Ich kann sehr gerne das Reden für dich übernehmen, Captain, wenn du willst.“
„Danke, Kei.“ Yama hatte überhaupt keine Lust darauf, der Regierung beizubringen, dass sie nun ein paar neue Einwohner bekamen. Mit den Einwanderungsformalitäten von Garfudias hatte er sich nicht auch noch befassen können. Allerdings wusste er von anderen Fällen, dass angesichts des Weltensterbens die Migration in andere Kolonien nicht mehr so kompliziert war wie früher einmal.
Ja, während Kei die Passagiere einbürgerte, würde er nach Harlock suchen. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht.
„Lass dir nicht so viel Zeit“, bat er sie.
„Ich hab nicht vor, eine große Show daraus zu machen, dass wir Leute hier lassen“, antwortete Kei, und Yattaran lachte.
***
Harlock war nicht betrunken, und er konnte nur hoffen, dass das so blieb. Seltsam – so lange hatte er nun schon keine geistige Verbindung mehr zur Arcadia, und doch hatte er jetzt ein starkes, drängendes, schlechtes Gefühl. Wie eine Intuition.
Dabei gab es nichts Bedrohliches zu sehen, wenn man aus den großen Fenstern des Salons schaute. Garfudias bot die üblichen bunten Farben und simplen Formen, wie ein impressionistisches Gemälde. Und wenn Gefahr im Verzug war, was machte er, Harlock, dann hier, anstatt bei Yama auf der Brücke zu sein?
Schmollen vielleicht?
Unsinn. Über solche infantilen Unmutsbekundungen war er erhaben.
„Harlock!“ Yama rief nach ihm. Wie üblich wusste er genau, wo er suchen musste.
Da trat er auch schon ein, sein junger Captain. Noch immer trug Yama die Lederjacke, die ihm an seinem ersten Tag auf der Arcadia aus dem Kleidungsfundus zugewiesen worden war, mit dem Totenschädel auf der rechten Brust und auf herrliche Weise seine athletische Figur betonend. Unwahrscheinlich, dass er jemals seinen Kleidungsstil wechseln würde, um ihn Harlocks eigenem anzupassen. Umhänge passten einfach nicht zu Yama. Harlock gestattete sich, den Anblick in vollen Zügen in sich aufzunehmen.
„Harlock, was machst du hier?“ Yama legte den Kopf schief. „Starr mich nicht so an. Du benimmst dich immer seltsamer.“
Er konnte Yama unmöglich sagen, dass er Angst hatte. Angst war etwas, das nicht zu ihm gehörte. „Ich habe dir nicht gesagt, warum ich die Plantagen nicht sehen will. Das werde ich noch tun, eines Tages. Es hat nichts mit dir zu tun.“
„Wie beruhigend. Warum machst du es schon wieder – dich verbuddeln? Wolltest du nicht an meiner Seite sein?“
„Ich bin dir im Moment keine Hilfe“, erwiderte Harlock ruhig und sah wieder aus dem Fenster. Ich würde dich nur verrückt machen. Dir ins Steuer greifen. Dich bevormunden. Das, was du am meisten hasst. „Hast du die Männer abgesetzt?“
„Ja. Wir haben sieben Besatzungsmitglieder weniger. Ich habe jedem ein paar Credits mitgegeben.“
Harlock schüttelte den Kopf. „Ein Piratenkapitän, der die Männer bezahlt, die ihm den Rücken kehren.“
„Tut mir leid, Harlock, aber einige Dinge ändern sich nun mal. Ich bin anders als du.“
„Und das ist gut. Du bist gütiger als ich. Was Freundlichkeit betrifft, bin ich verbraucht. Hoffentlich wirst du das in hundert Jahren nicht auch sein.“ Er sah zu, wie die Arcadia wieder abhob und an Höhe gewann. Die Euros-Kolonie schrumpfte zu einem bunt schillernden Reif zusammen. „Yama, ich bin … nicht so zuversichtlich, wie ich gern wäre.“
„Ist mir aufgefallen“, gab Yama ungeduldig zurück. „Könntest du bitte damit aufhören und mir vertrauen? Oder besser noch, mich unterstützen?“ Er kam zwei Schritte näher. Mit Bestürzung stellte Harlock fest, wie stark Yamas Präsenz auf ihn wirkte; obwohl noch mehrere Meter sie trennten, glaubte er, Yamas Wärme zu spüren, seinen Duft zu riechen. Er wusste genau, wie Yama roch. Während des Rituals hatte er die Nase in seinem Haar vergraben und ihn eingeatmet wie berauschende Dünste. Er kannte jeden Zentimeter von Yamas Haut, wusste, wie er schmeckte, welche Geräusche er machte, wenn er erregt war.
Er wollte ihn wieder küssen. Er wollte nichts mehr als das.
Yama begann, in dem langen Raum auf und ab zu gehen. „Ich glaube, die Art, wie ich die Dinge angehe, gefällt dir nicht, obwohl du das Gegenteil behauptest.“
Harlock wollte protestieren: „Das ist nicht wahr. Ich …“
„Auch Miime glaubt das. Sie kennt dich schon ewig. Harlock, ich kann es nicht rückgängig machen – nicht deine Entscheidung und nicht meine. Wir würden nicht mehr leben, wenn wir uns anders entschieden hätten.“
Und wir hätten keinen Sex gehabt, wenn wir uns anders entschieden hätten, dachte Harlock. Ich hätte dich nicht auf eine Weise kennenlernen müssen, die ich jetzt nicht mehr aus meinem Kopf bekomme.
„Ich will mich nicht vor meiner Verantwortung drücken“, sagte Harlock schwerfällig.
„Dann tu es auch nicht, und komm auf die Brücke. Wir müssen von Garfudias verschwinden, sobald wir die Erde haben.“
Aber das Ritual, dachte Harlock, ohne es zu wollen. Denkst du manchmal daran? Er konnte die Frage nicht stellen; er sprach nicht über solche Dinge. Es wäre nicht schwer gewesen, den Mund aufzumachen und es herauszulassen, mit Yamas ganzer Aufmerksamkeit auf sich. Doch stattdessen sah er Yama nur an, ohne auf dessen Worte einzugehen.
Yama versteifte sich unter dem intensiven Blick, und ein Hauch von Röte kroch über seine Wangen. „Was soll das?“, fragte er mit unsteter Stimme. „Du siehst mich an, als ob du mich verschlingen willst.“
Nicht auf diese Weise, dachte Harlock und wandte den Blick ab. „Es sind nur Gefühle“, brachte er irgendwie hervor. „Vielleicht liegt es an der Dunklen Materie, daran, dass wir … verbunden waren.“ Das war eine ungelenke, aber ehrliche Antwort, ein Schritt in die richtige Richtung. Viel zu anstrengend. Über die Jahrzehnte hatte er sich daran gewöhnt, stoisch zu schweigen, da niemand wirklich hören wollte, was er fühlte. Außer Tochiro vielleicht.
Yamas Blick war unverwandt auf ihn gerichtet. „Das könnte sein“, sagte er vorsichtig. „Vor ein paar Tagen haben wir uns geküsst, obwohl …“ Er räusperte sich. „Ich meine, das Ritual ist eine Weile her, aber vielleicht dauert es länger, bis sich die Bindung ganz auflöst.“
Warum muss sie sich überhaupt auflösen? Wer sagt, dass das so sein muss?
„Das ist auch in Ordnung“, fuhr Yama fort. „Ich habe nichts dagegen, dich zu küssen. Es ist ja nicht … nicht unangenehm.“ Die zarte Röte stand ihm gut, ließ ihn lebendiger aussehen. Harlocks Kehle war trocken. „Aber erst mal will ich Erde auf die Erde schaffen. Und dann will ich nach Hause gehen.“ Endlich überbrückte Yama die letzten Meter zwischen ihnen und blieb unmittelbar vor Harlock stehen. „Lass uns das gemeinsam tun, bitte.“
Harlocks Hirn hatte Mühe, seine Gedanken zusammenzuhalten. Er wollte alles sagen, was Yama hören wollte. Nur wo sollte er anfangen?
In die unangenehme Stille schnitt plötzlich Keis Stimme über die Com-Verbindung: „An alle, gleich tritt Phase zwei in Kraft. Alle bereitmachen zum Verladen der Erde nach dem besprochenen Schema. Captain, wir gehen in den Landeanflug über.“
Es war so weit. Gleichzeitig schauten Yama und Harlock aus dem Fenster, wo das Hologramm sich langsam auflöste und die weiten Felder mit Rosengewächsen freigab.
„Kommst du jetzt mit oder nicht?“, fragte Yama eindringlich.
Harlock mochte seine Kommandostimme. Wenn Yama etwas wollte, konnte er so überzeugend sein … „Die Gelegenheit wird sich so bald nicht wieder ergeben“, stellte er fest. „Gehen wir.“
***
Die riesigen Ladeluken öffneten sich geräuschlos. Yamas Männer stürmten hinaus, als würde ein All-you-can-eat-Buffet auf sie warten. Irgendwie musste er es geschafft haben, sie von seinem Vorhaben zu überzeugen.
Vor der Evakuierung hatte Kei angeordnet, dass die Gärtner und Arbeiter all ihre Schaufeln und Gerätschaften zum Bewegen der Erde am Eingang sammelten. Alle leeren Silos in den Frachträumen warteten darauf, den kostbaren Mutterboden (oder den ‚heiligen Dreck‘, in Yattarans Worten) für die Reise aufzunehmen. Nun glich dieses gut geplante Unterfangen einem schwer zu koordinierenden Chaos. Yama schlängelte sich, Zurechtweisungen in alle Richtungen schreiend, durch das emsige Gewusel, das sich auf die Plantagen stürzte. Er musste Calli finden; sie hatten verabredet, dass er letzte Einstellungen an den Automatismen der Plantagen vornahm und zudem alles zusammenpackte, was er für ihr gemeinsames Projekt auf der Erde brauchen würde. Jetzt war die Zeit gekommen, ihn an Bord zu nehmen.
Yama fand den Mann im Korridor zu den Laboratorien. Calli kam mit schweren Schritten auf ihn zu, hinter ihm ein muskulöser Mann mit unordentlichem Haar, das an den Schläfen ergraute, der den großen, gepflegten Lederkoffer des Professors auf einer Hoverplatte zog.
„Yama“, seufzte Calli, „ich bin bereit.“ Sein Gesicht sah irgendwie grau aus, als hätte er wenig Schlaf gefunden. „Das hier ist mein Gehilfe, Bouko. Er darf doch mit an Bord?“
„Natürlich“, antwortete Yama. Er wollte keine Zeit verlieren. „Aber wir müssen uns beeilen.“
„Schon in Ordnung.“ Bouko nickte ihm zu. „Der Professor und ich haben alles beisammen, was benötigt wird.“
„Du bist was, Laborassistent?“, fragte Yama, während er die Führung übernahm und schnellen Schrittes voranging.
„Yep, und auch alles Praktische wie Einsetzen, Beschneiden, Fällen, wo die Maschinen mal versagen. Stets zu Diensten, Captain.“
„Sehr gut.“ Bis zum Ziel ihrer Mission war eine zusätzliche Hand an Bord nicht schlecht, dachte Yama. Nur noch sechs Mann weniger, nicht sieben. Bouko sah kräftig aus, ließ sich sicher in die eine oder andere Fleißarbeit einbinden.
Die Arcadia kam in Sicht. Callis Blick klebte voller Unbehagen am furchterregenden Rammbock an der Bugspitze, ehe sie das Schiff umrundeten und sich der offen stehenden Hangarluke näherten. Noch waren alle übrigen Helfer emsig damit beschäftigt, die Erde in stapelbare Gefäße umzufüllen. Mutterboden konnte nicht in allen Materialien transportiert werden, schließlich war er lebendig und atmete.
„Ich packe mit an, sobald ich die Ausrüstung des Professors verstaut habe“, kündigte Bouko an.
„Nur zu. Hier lang.“ Yama führte ihn an Bord, und Calli schlich sichtlich eingeschüchtert hinter ihnen her. Das Schiff schluckte sie wie ein riesiges dunkles Maul aus schwarzem Metall.
Kei stand am Eingang zu den Frachträumen, bereit, ihre Leute anzuweisen. Sie nickte ihnen zu. An ihnen vorbei eilte Caruso, sein tätowierter Stiernacken glänzte von Schweiß. Yama sah über die Schulter in Callis blasses Gesicht. „Das sind meine Leute, und ich würde jedem von ihnen mein Leben anvertrauen“, betonte er. Sein früherer Mentor nickte nur. Bouko wirkte recht unbeeindruckt.
In diesem Moment stürmte Yattaran von draußen herein. „Kei!“
Sie lief ihm entgegen; der Erste Maat stoppte und entdeckte Yama. „Captain, wir haben ein Problem!“
„Was für ein Problem?“, riefen Yama und Kei gleichzeitig.
„Ein Schiff hat direkt über den Plantagen materialisiert! Ein verdammtes Schlachtschiff, Skyraider-Klasse!“
Yama gefror das Blut in den Adern. Die Okeanos war ein Skyraider-Schiff gewesen. Das konnte nur bedeuten … „Sie haben ein neues Flaggschiff“, brachte er tonlos hervor. Obwohl sein Herz galoppierte, waren seine Fingerspitzen plötzlich eiskalt. „Sie sind hier, und … Sie müssen verfolgt haben, wie wir nach Euros geflogen sind …“ Warum kommen sie so früh?
„Yama, am Boden können wir uns nicht verteidigen!“, rief Kei. „Wir müssen sofort starten!“
„Ich habe Harlock bei den Plantagen gelassen. Er wollte sie nicht sehen, aber vorhin …“ Sein Mund schmeckte nach Galle. Kurzentschlossen schob er Calli und Bouko in Keis Richtung. „Bringt euch in Sicherheit. Bereitet alles für den Start vor. Schießt nicht, bevor sie es tun. Sobald wir an Bord sind, heben wir sofort ab.“ Alles andere war sowieso unmöglich – ohne sein Zutun konnte die Arcadia nicht starten.
Yama stürzte wieder nach draußen, wo seine Männer alles fallen gelassen hatten und in die Deckung ihres Schiffes flüchteten. Die Geschütztürme der Arcadia rotierten mit bedrohlichem Rattern, richteten sich auf den Feind aus. Yama sah nach oben; dort hing es, das Schiff, tief in der Atmosphäre. Das Schwesternschiff der Okeanos, die Astraios. Wer war der Kommandeur? Er erinnerte sich nicht. Irgendjemand, den er nicht kannte.
So schnell ihn seine Beine trugen, stürmte er geradewegs zu den Plantagen zurück. Sie waren riesig. Wie weit war Harlock in das Gelände hineingegangen? Zweifellos hatte er gesehen, was los war – entweder war er auf dem Rückweg oder er hatte irgendwo Deckung gesucht.
Hinter ihm krachte eine Plasmasalve in die Arcadia. Fast trotzig warfen ihre Dunkle-Materie-Schilde einen Teil der energetischen Ladung zurück. Yamas Ohren waren schon jetzt taub. Er rannte in das Gebäude, um den Weg abzukürzen. Um eine Biegung herum kam ihm wild kreischend Tori entgegen und streifte ihn mit den Krallen. Yama riss die Arme über den Kopf und wehrte ihn ab, doch der Vogel flog einen Bogen und stieß wieder auf ihn zu. Falsche Richtung, erkannte Yama. Harlock hatte ihm gesagt, dass Tori ziemlich deutlich kommunizieren konnte, wenn er wollte, und tatsächlich fühlte es sich jetzt in Yamas Kopf an, als spräche der Prepenti mit drängender Stimme zu ihm. Hier lang, mir nach!
Yama folgte ihm. Tori flog nicht zum Ausgang, der zu den geplünderten Plantagen führte, sondern Richtung Labor. In diesem Trakt, der kühler und steriler war als alle anderen, hielt er auf einen Raum zu, der die Aufschrift ARCHIV trug. Yama fragte sich, was Harlock dort suchte, und rannte auf die Tür zu, bereit, sie aufzustoßen. Harlock kam ihm um eine Sekunde zuvor und zog sie auf; Yama rammte die Hacken in die Fliesen und stolperte ihm ungelenk in die Arme.
„Yama.“
„Harlock, was machst –“
„Ich wollte die Gelegenheit nutzen, aber es scheint, unsere Zeit ist abgelaufen.“ Harlock ergriff Yama am Handgelenk und zog ihn zurück in den Korridor. Tori flatterte wieder schrill krächzend voraus.
Der Lärm eines Einschlags ganz in der Nähe zerriss ihnen beinahe das Trommelfell. Yama warf den Kopf herum; das war die Richtung, in der die Plantagen lagen … „Sie werden doch nicht …“, stieß er atemlos hervor.
„Doch, ich denke, sie werden.“ Harlock hielt an, um sich umzusehen. Tori landete auf seiner Schulter und hielt endlich den Schnabel. „Ich bin nicht sicher, was ihr Ziel ist … wir oder –“
Die nächste Salve krachte in den angrenzenden Trakt, und die Druckwelle riss sie beide von den Füßen. Trümmer polterten in den kreuzenden Korridor und verwandelten ihn in eine Sackgasse.
Harlock zerrte Yama hoch und schlug einen anderen Weg ein. „Hier lang. Dieser Weg ist sicher.“ Er wirkte nicht im Mindesten agitiert, jedenfalls nicht nach außen. Yama beneidete ihn um diese Fähigkeit.
Wieder ein Krachen, und wieder in die Plantagen. Yamas Herz schmerzte bei jedem Einschlag. „Die Pflanzen … unsere Erde …!“
„Vermutlich ist genau das ihr Plan.“
Yama wurde klar, dass das stimmte. Die Astraios beschoss nicht nur die Arcadia, die sich vom Boden aus kaum wehren konnte; sie beschoss auch die Plantagen, weil sie wussten, was Yama vorhatte. Sie wollten nicht, dass er mit dem Mutterboden davonkam. Deshalb zerstörten sie ihre eigenen Einrichtungen. Sie hätten auch ihre hier stationierten Männer geopfert, hätte die Arcadia diese nicht bereits in Sicherheit gebracht. Und das Schlimmste daran war: Sie taten es aus reiner Bosheit.
Als Yama und Harlock ins Freie eilten, schlugen ihnen die Hitze und die Dämpfe der Brände entgegen. Ein großer Teil des Gebäudes stand in Flammen, obwohl die Löschroboter, die den ständigen Angriffen noch nicht zum Opfer gefallen waren, ununterbrochen über ihm kreisten. In der Ferne brannten die Obstplantagen nieder. Yama sah Brombeer- und Himbeersträucher als glühende, funkensprühende Dickichte; die Bäume wurden Reihe für Reihe zu lebenden Fackeln. Zwischen ihnen schmolz die Erde. Und sie schmolz auch in den vielen aufgetürmten Kästen, aus denen die Flammen hoch in den milchigen Himmel schlugen und undurchdringliche, schwarze Rauchwolken spuckten.
Yama rannte, sein Handgelenk in Harlocks eisernem Griff, auf die Arcadia zu, und seine Sicht wurde unscharf, seine Wangen nass. Nur der Rauch, dachte er, er brennt in den Augen … Aus zurückgelassenen, auseinander gesprengten Obstkisten waren verkohlte Äpfel gerollt, schwarz und schwelend. Der Rest der Ernte verbrannte an den Bäumen. Alle heiligen Erdenpflanzen, die es bis jetzt noch gegeben hatte, fanden auf Garfudias den Feuertod. Von diesem Ort würde nichts als Asche übrig bleiben.
Erst als sie ins Innere der Arcadia stürzten, merkte Yama, dass er wirklich weinte.
Kei wollte ihn offensichtlich ohrfeigen. Yama wich vor ihr zurück und wischte sich hastig das Auge und die Nase am Ärmel ab. Da sah er, dass sie ein Taschentuch in der Hand hielt.
„Ich wollte dir nur die Wange abwischen. Du hast schwarze Spuren im Gesicht“, sagte sie und meinte damit vermutlich seine Tränen.
Yama schüttelte den Kopf, mied sowohl ihren als auch Harlocks Blick und trat auf die Brücke.
Dort war der Rest seiner Brückencrew versammelt. Plasmageschosse zischten in beide Richtungen, doch nur milde Erschütterungen durchliefen den Körper der Arcadia.
„Verzieht euch! Jaaah!“, heulte Yattaran, als ein guter Treffer mit Cygnus-Plasma eine der Geschützanlagen der Astraios lahmlegte.
Ja, sie würde sich verziehen, denn ein Kampf mit der pfeilschnellen Arcadia im Flug würde für ein einzelnes Schlachtschiff der Gaia-Flotte viel zu verlustreich enden. „Wir starten!“, befahl Yama und umklammerte das Steuerrad mit krampfenden Fingern. Hinter ihm nahm Harlock auf seinem Thron Platz.
„Und die Erde?“, fragte Cervus lahm.
„Hier gibt es keine Erde mehr, du Trottel!“, keifte Kei. „Der Plan ist gescheitert!“
Yama wusste nicht genau, woran dieser Plan gescheitert war, aber es hatte zweifellos mit seinen Entscheidungen zu tun. Er hätte den Stützpunkt auf Garfudias übernehmen und die Besatzung als Geiseln nehmen sollen, wie ein richtiger Pirat es getan hätte. Harlock hätte es so gemacht. Aber er hatte ihm nicht reingeredet. Er ließ zu, dass Yama Konflikte friedlich zu lösen versuchte und seine Lektionen auf die harte Tour lernte.
„Schadensbericht“, sagte Yama, seine Stimme so fest wie nur möglich.
„Sie hat ein paar Löcher, aber nichts Ernstes“, antwortete Yattaran. „Die Selbstreparaturen laufen schon.“
„Was ist mit dem Kraftfeld?“, fragte Kei.
„Wir stecken noch drin. Etwas mehr Schub und wir kommen raus. Gleich wird’s etwas holprig!“
Das war eine akkurate Vorhersage. Sobald die Arcadia den Widerstand des Kraftfeldes überwand, griffen starke Böen nach ihr und rüttelten sie durch. Yama klammerte sich ans Steuerrad, um sich aufrecht zu halten, doch ein paar der Männer gingen laut fluchend zu Boden. Erst als der Spuk eine halbe Minute später vorbei war, konnten sich alle wieder aufrappeln. Es kostete sie wertvolle Sekunden.
Rasch gewann die Arcadia an Höhe, ließ das Flammenmeer unter sich zurück, bis es unter dem lächerlichen Hologramm verschwand. Als sie kurz davor waren, zur Astraios aufzuschließen, drehte diese wendig auf der Stelle und dematerialisierte in den In-Skip-Modus.
„Wohin springen sie?“, knurrte Yama. In seiner Kehle pulsierte der Hass wie ein schwarzer Klumpen. Er wollte sie zerstören, diese Feiglinge, die seine Hoffnung zunichte gemacht hatten.
„Ich kann es nicht ermitteln, die Koordinaten sind verschlüsselt“, sagte Kei hilflos.
„Diese Mistkerle!“, schäumte Yattaran. „Die haben gewartet, bis wir damit fertig waren, ihre Leute zu evakuieren!“
„Immerhin haben wir einen großen Teil der Früchte“, merkte Cervus beschwichtigend an, „und sie selber haben gar nichts mehr. Sie haben die Quelle ihres Reichtums selbst dem Erdboden gleichgemacht.“
Beipflichtendes Gemurmel bezeichnete die Gaia Sanction als Idioten, Loser und Schwanzlose. Angesichts der Bestätigung seiner eigenen Gefühle lockerte sich die Enge in Yamas Brust etwas. Er sah zu Kei. „Ich muss nachdenken.“
„Welchen Kurs sollen wir setzen?“
„Wir werden wie besprochen nach Tokarga fliegen.“
Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Sehr gut. Wenn wir den Mars-Schild erst vernichtet haben, können diese Feiglinge was erleben.“
Ihr Hass tat Yama gut. Er überließ ihr das Ruder und trottete von der Brücke. Zum ersten Mal seit Übernahme der Kapitänschaft hatte er Lust auf etwas Starkes zu trinken.
***
„Verzeihen Sie, Harlock.“ Etwas schüchtern trat ihm Prof. Calli in den Weg.
Harlock hatte nicht erwartet, dass der Mann von sich aus Kontakt zu ihm aufnehmen würde. „Was kann ich für Sie tun?“, erwiderte er leidenschaftslos.
Calli schürzte die Lippen. „Sie gehen zu Yama, nicht wahr? Bitte sagen Sie ihm, dass es mir leid tut. Ich habe das Vorhaben voll unterstützt.“
Harlock hatte nur eine Vermutung, wohin Yama gegangen sein könnte. Außerdem missfiel es ihm, dass Calli und Bouko – für ihn Männer der Gaia Sanction, bis sie ihm das Gegenteil bewiesen – sich in den Fluren herumdrückten. „Falls Ihnen noch keine Quartiere zugewiesen wurden in all der Aufregung, dann folgen Sie mir. Sie sollten sich ausruhen.“ Tatsächlich sah der Botaniker immer noch so grau und betrübt aus, vielleicht noch mehr als zuvor. Sicher traf ihn der Verlust der Plantagen, die er in den letzten Monaten betreut hatte, ebenfalls hart, und der Jüngste war er auch nicht mehr. „Yama hält große Stücke auf Sie“, sagte Harlock versöhnlich. „Die Arcadia mag ein gewöhnungsbedürftiger Ort sein, aber Sie sind hier in Sicherheit. Die Crew besteht aus fähigen Personen. Es wird Ihnen auch nicht an Komfort mangeln.“
Calli entspannte sich ein wenig und folgte ihm. „Bouko ist bereits auf eigene Faust unterwegs. Er ist sehr neugierig, wissen Sie, versteht sich nicht nur auf Pflanzen, sondern auch Maschinen. Studierter Bioingenieur.“
Wie Tochiro, dachte Harlock. „Er kann nicht verloren gehen. Alle Decks sind bemannt.“ Und falls er doch einen leeren Raum findet, ist Miime überall.
Er brachte Prof. Calli zu den Kabinentrakts und wies ihm und auch Bouko, in dessen Abwesenheit, ein Quartier zu. Dann entschuldigte er sich und nahm seine Suche wieder auf. Yama sollte nicht allein sein, nicht jetzt. Außerdem wusste Harlock, wie er ihn aufheitern konnte.
Er fand Yama, seiner Vermutung entsprechend, im Salon mit einer Flasche Rotem Bourbon. Er saß mit gesenktem Kopf vor einem unberührten, bis zum Rand gefüllten Glas.
„Trink das aus und du schaffst es nicht mehr bis ins Bett“, ließ Harlock ihn wissen.
„Mmmh. Wer sagt, dass das nicht meine Absicht war.“ Yama hob nicht einmal den Kopf.
„Lass mich behilflich sein.“ Harlock setzte sich neben ihn, zog Yamas Glas zu sich und nahm einen großzügigen Schluck.
Yama warf ihm einen Blick zu und lächelte schwach. „Ich wusste, du würdest mir folgen.“
„Ich habe es immer bevorzugt, allein zu sein, wenn ich wütend war. Du bist anders.“ Harlock griff in sein Waffenholster, wo unter Cosmo-Dragoner etwas verborgen war. „Hier. Ich habe aus dem Archiv etwas retten können.“ Er schob den kleinen Gegenstand zu Yama, wie im Tausch für das Glas.
Yama nahm die kleine staubige Holodisc an sich. „Was ist da drauf? Sie sieht uralt aus.“
„Der Beschriftung der Fächer nach stammt sie aus der Zeit der Errichtung der Plantagen, kurz nach dem Heimatkrieg. Streng geheime Aufzeichnungen zu dem Thema, wie die empfindlichen Erdenpflanzen auf Garfudias lebensfähig werden sollten.“
„Verstehe.“ Yama drehte die Disc in den Händen, dann setzte er sie auf dem Tisch ab und aktivierte sie. Es bedurfte einer mehrfachen nachdrücklichen Betätigung des Startknopfes, um das Relikt aus vergangenen Zeiten zum Leben zu erwecken; dann begann die Aufzeichnung mit Flackern und Störblitzen. Die Silhouette eines grauhaarigen Mannes war zu erahnen. „Es folgen die gesammelten Laborberichte von Professor Tanjou Gerkin, Kopf des wissenschaftlichen Teams der Garfudias-Einheit. Der Umfang beträgt etwa fünfunddreißig Stunden visueller und akustischer Einträge. Wir schreiben das Jahr …“
Yama deaktivierte die Disc wieder und nickte. „Ich werde das alles sichten, wenn ich wieder klarer denken kann. Vielleicht hilft es uns wirklich. Gut, dass du an so was gedacht hast … ich habe es natürlich nicht.“
„Du warst mit anderem beschäftigt“, sagte Harlock milde. „Zum Beispiel damit, eine Koryphäe wie deinen Professor für unser Vorhaben zu akquirieren. Mit seiner Hilfe besteht noch Hoffnung.“ Seine Stimme wurde weicher, als er fortfuhr: „Noch etwas, Yama. Erinnerst du dich an … meine Pflanze?“
Yama dachte nach. „Du meinst … die im Becherglas? Der Keimling, der erschienen ist, nachdem wir …“
„Ja.“
„Oh.“ Yama sah etwas verlegen beiseite. „Ja … sicher. Was ist damit?“
„Sie sitzt in Erde von der Erde“, erklärte Harlock. „Es war eine Probe, die Tochiro von Kundschaftern gebracht worden war. Mein Freund war nach der Umrüstung der Dunkle-Materie-Antrieben mit vielen anderen Projekten beauftragt, unter anderem damit, Pflanzen zu züchten, die die Versorgungsleistung der Erde verbessern sollten.“
Yamas Augenbraue hob sich. „Also hat Gaia insgeheim daran gearbeitet, die Erde doch wieder für alle bewohnbar zu machen?“
„So haben sie es uns damals verkauft“, schnaubte Harlock. „Natürlich war das nicht der Fall, die Erde sollte ein Paradies für die Privilegierten werden. Tochiro aber glaubte daran, dass er einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung des Zustands der Erde leisten könnte – obwohl sie, wie ich heute weiß, schon immer perfekt war, so wie sie war“, fügte er traurig hinzu. „Jedenfalls fiel das Glas in unserer Schlacht gegen die anderen Deathshadow-Schiffe zu Boden und zerbrach. Als ich später begriff – oder glaubte zu begreifen –, dass diese Erde das Einzige war, das von unserer gesunden Heimatwelt übrig war, klebte ich das Glas wieder zusammen und klaubte die Erde auf, so gut ich konnte. Ich fand einen Samen darin, den Tochiro hineingesetzt hatte. Dass er jemals keimen würde, habe ich nicht erwartet. Es war für mich nur noch eine Art … Andenken.“
Yama sah bewegt zu ihm auf. „Du hast diesen Samen über hundert Jahre lang behütet, obwohl du ihn für tot hieltest.“
„Ja.“
„Wieso ist er … Wie konnte er keimen, als wir …?“
„Ich weiß es nicht. Aber es zeigt uns eines: nämlich dass die Erde in diesem Becherglas noch nicht leblos ist. Es ist nur eine kleine Menge, kaum mehr als eine Handvoll, aber es ist … ein Anfang.“
Wie die Blumen auf der Erde, fügte er im Geiste hinzu. Die Erde fängt neu an.
Yama schniefte leise und kniff das Auge zusammen. Er war so verletzlich, so bezaubernd. So liebenswert.
Harlock nippte an dem Roten Bourbon, schmeckte die scharfe, rote Flüssigkeit, die seine Speiseröhre warm hinabrann. Dann hielt er Yama das Glas an die Lippen. „Die andere Hälfte für dich.“
Abweisung
Harlock entschied, dass sie es hier tun konnten, im Salon. Die Chaise Longue war nicht so bequem wie sein Bett, aber er hatte schon schlechter gelegen. Dass Kei die Tür sabotiert hatte, war kein Hindernis – das Schiff hörte nicht mehr auf Harlock, aber es hörte auf Yama.
Und Yama schmeckte bereits so sehr nach Rotem Bourbon, dass er kaum noch nach Yama schmeckte. Harlock hielt ihn halb an die Brust gedrückt, eine Hand in Yamas Haar vergraben und so die Neigung seines Kopfes vorgebend, um ihn so tief wie möglich küssen zu können. Yama gab sich hin wie ein Kätzchen, den Mund offen und alles erwidernd, was Harlock zu geben hatte. Ihre Lippen waren miteinander versiegelt, Atmen ging nur durch die Nase, ihre Zungen glitten genüsslich umeinander und badeten im Geschmack der exzellenten Spirituose.
Yama seufzte leise und glitt auf seinem Stuhl noch näher an Harlock heran. Gut so. Harlock streichelte federleicht seine Schläfe, schob ihm seine Hüften etwas mehr entgegen. Er musste ganz vorsichtig sein. Yama tat sich schwer damit, seinen Kopf auszuschalten. Harlock wollte nicht, dass Yama sich unwohl fühlte, nicht ein bisschen; er musste ganz sicher sein, das Yama willig war, ehe er versuchen konnte, ihn in Richtung der Chaise zu dirigieren. Er zog sich ein wenig aus Yamas Mund zurück, widmete sich mehr seinen Lippen, stieß nur noch kurz und neckend mit der Zunge vor.
Yama gab ein ganz leises Lachen von sich. Es klang entspannt. „Dieses Zeug“, murmelte er schließlich. „Wie schaffst du es nur, so viel davon zu trinken? Ich wusste nicht, dass so was Starkes überhaupt legal ist …“
Piraten tun keine legalen Dinge, dachte Harlock. „Möchtest du lieber schlafen gehen?“ Er fragte es aus Höflichkeit. Prüfte die Stimmung.
„Jetzt noch nicht.“ Yama war gelöst, aber eindeutig noch Herr seiner Sinne. „Dann würde ich nur grübeln … Es tut gut, mal an nichts denken zu müssen. In letzter Zeit mache ich nichts anderes als denken …“
„Solche Zeiten wird es immer geben, aber sie gehen vorüber.“ Harlock versuchte zu deuten, wie bereit Yama inzwischen war. Er hatte viel Geduld, Disziplin war eine seiner großen Stärken. Eigentlich, das spürte er, brauchte Yama diese Zuwendung; Berührung, Intimität – Grundbedürfnisse des Menschen. Alle Cremitglieder, das wusste Harlock, hatten hin und wieder sexuelle Begegnungen auf dem Schiff, das war ganz natürlich; doch da Yama die Crew anführte, war es für ihn kaum möglich, sexuelle Beziehungen aufzubauen, ohne seine eigene Autorität zu untergraben. Harlock hatte nie eine Lösung für dieses Problem gefunden und war ihm schlicht aus dem Weg gegangen – was ihm leicht gefallen war, wenn er nur an Tochiro dachte. Tochiro war noch immer um ihn, nah, aber unerreichbar, und was sie gehabt hatten, war weder zurückzubringen noch zu ersetzen. Disziplin, ja. Harlock war ein disziplinierter Mann, diszipliniert durch den Schmerz und den Verlust. Keine Ermunterung von Tochiro hatte genügt, um Harlock dazu zu bringen, nach einer neuen Liebe zu suchen. Und er hatte nicht gesucht. Ein Jahrhundert lang hatte er nicht gesucht, und dann … dann hatte er, erzwungen durch das Ritual, mit Yama den Liebesakt vollzogen. Und das hatte etwas in ihm erweckt, das er vor Urzeiten bewusst ins künstliche Koma versetzt hatte.
Plötzlich wollte er wieder Sex. Nicht nur einen Orgasmus, etwas Profanes, das er mit seiner eigenen Hand hätte auslösen können. Sondern Liebe machen. Haut auf Haut, warmen Schweiß, den Geruch und Geschmack des Körpers eines geliebten Menschen. Harlock hatte geliebt, wild, grimmig, leidenschaftlich. Dass eine andere Person diese Gefühle je wieder in ihm auslösen würde, war für ihn undenkbar gewesen.
Doch jetzt hatte er Yama im Arm, ein hämmerndes Herz in der Brust und ein fast schmerzhaftes Pochen zwischen den Beinen.
Yama löste sich von ihm, wie um noch einmal seinen lustvernebelten Verstand zu konsultieren, und sah Harlock offen ins Auge. Harlock blickte ebenso offen zurück. Er wollte nicht verschlossen sein, nicht jetzt.
***
Yama fühlte sich angenehm entspannt durch den Alkohol. Nicht so sehr, dass seine Sinne oder seine Motorik darunter leiden würden – Harlock hatte nicht versucht, ihn betrunken zu machen, im Gegenteil. Er wollte Yama aufheitern, ihm helfen, zur Ruhe zu kommen. Der Kuss erschien wie eine natürliche Folge ihres Beisammenseins. Körperliche Nähe war etwas, das einem Captain nicht oft vergönnt war und das sie beide nur selten zuließen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Yama versuchte, in Harlocks Ausdruck zu lesen. Seine Züge waren weich, die Narbe an den Rändern ein wenig gerötet durch den beschleunigten Herzschlag. Harlock verbarg sein Verlangen nicht vor ihm. Er ließ Yama alles sehen. Vertraute ihm.
Es fühlte sich plötzlich nicht mehr so unangemessen an. Kurz dachte Yama an seinen Traum, an den Apfel und daran, was er repräsentierte. Seinem Unterbewusstsein war längst klar gewesen, was sein Verstand vehement geleugnet hatte.
„Yama.“ Harlocks Lippen streiften bei diesem Wort seine Ohrmuschel, und Yama bekam eine Gänsehaut. „Würdest du es noch einmal tun wollen?“
Würde ich?, dachte Yama. Er wusste, was gemeint war, und zögerte. „Glaubst du denn, es würde noch mal funktionieren?“ Ohne das Drängen der Dunklen Materie …
„Warum sollte es nicht? Es ist die simpelste, normalste Handlung des Universums. Keine Zauberei.“ Er küsste Yama erneut.
Alles daran fühlte sich an wie Zauberei. Die Wirkung, die ihre Körper aufeinander hatten, glich keiner anderen Erfahrung, die Yama je mit einem Mädchen gemacht hatte. Er war versucht, sehr versucht, dem Drang nachzugeben. Harlocks Hände schwebten bereits an Yamas Seiten, bereit, ihn zu führen. Würde ich? Harlock strahlte keine Dunkelheit aus wie früher, nicht den Hauch von schwarzer Asche, den die Dunkle Materie auf seine Haut geatmet hatte. Er war nun voller Gesundheit und Wärme, ein geschmeidiger und doch starker Mann, der Mann, der Yama seine Freiheit geschenkt hatte. Die herrliche Intimität während des Rituals … das Gefühl, das völlig Richtige zu tun … Yama wollte Harlocks Verlangen nachgeben und sich in ihm verlieren, ganz egal, was auf Garfudias passiert war, ganz egal, was sie beide ihren liebsten Menschen angetan hatten …
Und dann, plötzlich, spürte Yama es. Ganz tief unter Harlocks sanftem Drängen spürte er es, las es unter dem warmen Glanz in seinem Auge. Das Alleinsein. Die Isolation. Frustration.
„Ich kenne es“, hörte er sich leise sagen.
Harlock sah ihn fragend an. „Was meinst du?“
„Einsamkeit. Ich weiß, wie sich das anfühlt.“
Harlocks Blick wurde noch etwas verwirrter, und auch eine Spur ungeduldig. „Ich weiß das auch sehr gut, Yama, glaub mir. Niemand kennt Einsamkeit besser als ich. Worauf willst du hinaus?“
„Du suchst eigentlich etwas anderes. Das hier … das willst du gar nicht wirklich.“
Nun wirkte Harlock fast gekränkt, doch sofort verschwand der Ausdruck hinter der üblichen stoischen Miene. „Warum glaubst du zu wissen, was ich brauche oder was ich will?“ Als Yama nicht antwortete, fuhr er weicher, aber eindringlich fort: „Wir haben es doch schon getan, du und ich. Was ist jetzt anders?“
„Ich kann nicht“, sagte Yama, und es war die Wahrheit. „Mein Körper … Ich bin noch nicht so weit.“
Harlock sah ihn einen Augenblick lang forschend an, dann nickte er und seufzte; der leise Anflug von Verletztheit verschwand zur Gänze aus seiner Körpersprache. Etwas steif zog er sich von Yama zurück und stand auf. „Ich verstehe. Nun, wenn du mich brauchst, dann weißt du, wo du mich findest.“ Er berührte Yama an der Schulter, freundlich, aber unverbindlich, und ging ohne Eile hinaus.
Yama ließ das Kinn auf die Brust fallen. Er fühlte sich plötzlich abgehärmt, überbeansprucht wie ein Kleidungsstück, an dem zu viel herumgezerrt worden war. Vor ihm stand das leere Glas.
Warum war es nicht gegangen? Warum konnte er nicht loslassen? Harlocks Gründe brauchten ihn nicht zu interessieren. Es war nicht richtig, mit seinen verbesserten Sinnen Harlocks Seelenwelt zu durchschnüffeln, nur weil sie einmal offen vor ihm lag. Harlock hatte mit ihm intim sein wollen, hatte versuchen wollen, den Zauber des Rituals zurückzuholen, als einen schönen Augenblick für sie beide. Er hatte nicht vorgehabt, Yama zu benutzen. Warum konnte Yama nicht einfach mitziehen, zumal sein Körper mehr als willig gewesen war? Selbst jetzt ließ die Erektion nur langsam wieder nach. Er mochte Harlock, und warum, das spielte doch gar keine Rolle. Er dachte oft an den Akt zurück; daran, wie Harlock nackt und verletzlich vor ihm gelegen hatte, daran, wie ihre Gedanken sich während des gemeinsamen Höhepunktes vereinigt hatten. Ein solch tiefes Gefühl von Verbundenheit hatte er nie zuvor empfunden. Er sehnte sich danach. Auch wenn es vielleicht nicht aus ihm selbst kam.
Er fühlte Miimes Ankunft, bevor er sie eintreten sah. Ihre langen Beine durchschnitten die Luft wie Seidenbahnen das Wasser. Mit ihr war er immer mental verbunden; sie konnte kommen und gehen, wie sie wollte, und es gab nichts, das er vor ihr geheimzuhalten wünschte. Auch jetzt tat er nichts, um vor ihr zu verbergen, was passiert war. Sie schaute ihn an, und er ließ sie alles sehen: die zarte Röte auf seinen Wangen, das leichte Zittern seiner Fingerspitzen, die noch sichtbare Wölbung in seinem Schritt.
Sie blinzelte langsam. Die silbrigen Nickhäute glitten über ihre winzigen, schlitzförmigen Pupillen und wieder zurück.
„Ich konnte nicht“, sagte er tonlos. „Warum konnte ich nicht? Ich mag ihn, Miime.“
„Ich weiß.“
„Ich kann ihm doch nicht sagen, dass … ich auch nicht weiß, was ich …“ Er gab auf. Es war nicht nötig, sich ihr zu erklären. „Harlock und ich, wir haben uns nie richtig unterhalten über … Dinge. Wir wissen immer noch rein gar nichts über einander. Ich meine, er hat Tausende von Menschen kennen gelernt in seinem langen Leben … Will er das überhaupt noch? Hat er noch echtes Interesse an anderen Menschen? An jemandem wie mir?“
„Obwohl ich ihn lange kenne, länger als ein Leben, musst du diese Antwort selbst finden, Yama. Das müsst ihr beide.“
Sie kam zu ihm und tröstete ihn auf dieselbe unaufdringliche und dennoch zärtliche Art, wie sie es stets bei Harlock getan hatte. Sie legte die Hand auf die Seite seines Kopfes und zog ihn sanft an ihre Brust, und ihre freie Hand begann seine Schläfe zu streicheln. Yama schloss die Augen, lauschte dem ruhigen Schlag ihrer zwei Herzen, eines in der linken, eines in der rechten Brust, und erlaubte es ihrer taukühlen Haut, seine Unruhe zu lindern.
***
Der Nachgeschmack des Roten Bourbons saß bitter in seiner Kehle. Ich habe mich selbst zum Narren gehalten, dachte Harlock. Hundert Jahre genügen nicht, diese menschliche Schwäche abzulegen.
Es hatte alles danach ausgesehen, als wäre Yama einverstanden. Harlock hatte nichts überstürzt, es war nicht sein Ziel gewesen, Yama um jeden Preis zu verführen, sondern zu ergründen, ob Yama verführt werden wollte. Eine Frage brachte immer zwei Antwortoptionen mit sich, und beide mussten akzeptiert werden. Doch es fiel ihm schwer.
Das Schlimmste war, dass Yama vermutlich Recht hatte. Sie wussten beide, wie sich Einsamkeit anfühlte, und natürlich war Einsamkeit einer der treibenden Motoren hinter Harlocks starkem Bedürfnis nach Nähe. Die Abwesenheit der telepathischen Verbindung löste Gefühle der Isolation in ihm aus, die ihn fast wahnsinnig machten; er hatte Alpträume vom Alleinsein, jede Nacht. Die Leere in seinem Kopf konnte er nicht ignorieren, und Yama hätte diese Leere füllen können, zumindest für einen Moment. Yama hätte seine Droge sein können. Sein Rauschmittel.
Und was dann?
Ich will ihn auf keinen Fall benutzen. Niemand darf Yama jemals wieder benutzen.
Wahrscheinlich war es völlig richtig von Yama, Harlock zurückzuweisen. Sie waren ein lächerliches Paar. Dysfunktional, zu unterschiedlich. Yama war ein junger Mann voller Energie und Entschlossenheit. Seine frühere Liebe war ein hübsches junges Mädchen gewesen, so wie es sich gehörte. Genau das brauchte Yama – ein Mädchen, keinen verbitterten alten Mann. Wie alt war Yama überhaupt, zweiundzwanzig? Kaum ein Erwachsener.
Harlock starrte sein Bett an, groß und leer. Hier hatten sie gelegen in jenem Moment, während die Zeit um sie herum stillstand und Miime in einem tiefen Koma lag, und hatten sich geliebt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sie hatten es nicht nur auf eine Art getan, sondern gleich auf mehrere Arten. Er hatte es genossen. Und Yama ebenfalls, das wusste er. Allerdings … und dieser Umstand ließ sich nicht einfach ausblenden … war es in einer Art Trance geschehen. Keiner von ihnen hatte in Frage gestellt, was passierte; sie hatten es einach zugelassen. Ihre Körper, getränkt in Dunkle Materie, hatten allein das Sagen gehabt, über jede Handlung, jede Berührung. Sie waren … wie … ferngesteuert gewesen. Nie hätten sie ohne diese Impulse etwas getan, das so weit außerhalb ihrer Kontrolle lag. Und doch … Wären sie gar nicht Herren ihrer Sinne gewesen, so würde sich die Erinnerung an den Akt falsch anfühlen – bizarr, erzwungen, vielleicht sogar abstoßend. Sie würden vor sich selbst leugnen, dass es passiert war, würden nie darüber sprechen, es hartnäckig verdrängen, voller Scham. Sie würden sich nicht so leidenschaftlich daran erinnern …
Nein, genug davon. Es reichte. Er würde aufgeben, bevor es zu schmerzhaft wurde. Vor dem Ritual hatte er über hundert Jahre lang keinen Sexualpartner gehabt, also würde er es auch schaffen, diese neuen Begierden im Zaum zu halten. Yama hatte Besseres verdient als einen emotionalen Krüppel wie ihn.
Er würde hier allein schlafen. Heute und auch weiterhin.
***
Am nächsten Morgen hatte Yama große Mühe, sich wieder seinen Aufgaben zu stellen. Er fühlte sich, als hätte er wieder einmal einen Fehler gemacht, den er lange bereuen würde. Doch es half nichts.
„Was weißt du über das Schiff, das uns angegriffen hat?“, fragte Kei, als sie sich zusammengefunden hatten, um den Einsatz zu planen. Yama hatte die Frage kommen sehen; eigentlich hätte er sie unmittelbar nach ihrer Abreise von Garfudias erwartet. Offenbar war er nicht der Einzige gewesen, der eine Weile gebraucht hatte, um das Scheitern seiner Pläne und den Verlust der Obstplantagen zu verwinden.
„Nicht viel, fürchte ich“, sagte er nachdenklich. „Es ist die Astraios, fast baugleich mit der Okeanos. Ich glaube nicht, dass die Flotte viel Zeit hatte, ihr Upgrades einzubauen. Trotzdem macht es Sinn, dass sie das neue Flaggschiff ist.“
„Wer kommandiert sie?“, fragte Yattaran, die Arme über der Brust verschränkt.
„Ich erinnere mich nicht. Es war jemand, den ich nie persönlich getroffen habe. Vielleicht ist er auch ersetzt worden.“ Er überlegte, wer Isora als Flottenkommandeur beerbt haben könnte. Levary war zu alt, Amedes zu jung … Wen gab es da noch? Yamas Hirn weigerte sich, Namen aus seinem früheren Leben auszugraben.
„Und warum haben wir dieses neue Vorzeige-Exemplar und seinen Captain einfach ziehen lassen?“, fragte Yattaran weiter. „Mit ein bisschen Grips hätten wir ihre Skip-out-Koordinaten entschlüsseln können.“
„Und dann?“ Yama fixierte ihn. „Du kennst die Skyraider-Klasse. Wir hätten die Astraios entern und die Crew im Nahkampf Mann für Mann töten müssen, der gleiche Kampf wie mit der Okeanos. Hättest du Lust auf gehabt?“ Er nicht. Überhaupt nicht.
„Er hat Recht“, stimmte Kei zu. „Gegen die Okeanos hätten wir am Ende den Kürzeren gezogen. Auch wenn das neue Schiff weniger erfahrene Männer hat, es wäre kein Spaß geworden.“
Yattaran ließ die Schultern fallen. „Ihr habt ja Recht. Mich wurmt nur, dass sie uns jetzt hinter der nächsten Ecke wieder auflauern werden. Hit-and-run, ihr wisst doch, wie unfair die kämpfen. Ich wünschte, wir könnten sie einfach aus der Ferne erledigen.“
Auch Yama war sicher, dass sich ihre Wege nicht zum letzten Mal mit denen der Astraios und ihrem unbekannten Captain gekreuzt hatten. Doch er musste hoffen, dass sie sich lange genug fernhielten, um nicht auch den zweiten Teil ihres Plans zu durchkreuzen. „Also“, seufzte er, „Tokarga.“
„Aye, Tokarga“, murmelten Yattaran und Kei ziemlich unisono. Niemand mochte den Plan.
„Die Koordinaten, zu denen wir den Sprengkopf geflogen haben, sind noch gespeichert“, sagte Kei. „Dass er sich noch genau dort befindet, ist aber unwahrscheinlich. Tokargas Erdoberfläche hat eine starke seismische Aktivität, das liegt an den vielen unterirdischen explosiven Gasvorkommen, Lavaflüssen, Magmakammern und nicht zuletzt an den Tunneln, die die Mudouwds ins Gestein graben.“
Und Yama hatte geglaubt, es wäre die schlechte Luft gewesen, die zur Aufgabe der Besiedelungsversuche geführt hatte.
„Jedenfalls“, übernahm Yattaran, „kann der Sprengkopf entweder ganz tief im Gestein feststecken, durch den Lavafluss kilometerweit weggetragen worden sein oder durch die Erdbewegungen ganz oben auf einem Hügel liegen, wo wir ihn nur pflücken müssten. Alles etwa gleich wahrscheinlich.“
„Könnte er hochgegangen sein?“, fragte Yama.
„Hochgegangen?“ Yattaran zog die Brauen hoch. „Dimensionenschwingungssprengköpfe wurden erbaut, um Sonnen auszulöschen. Mit einem Satz von zwanzig Stück kannst du einem Stern fast jeder Klasse das Licht ausknipsen. Glaub mir, ein bisschen Lava und Mudouwd-Zähne hält der aus.“
„Es könnte aber durchaus sein, dass wir ihn nicht bergen können“, räumte Kei ein. „Wie Yattaran schon sagte. Wenn er vom Magma abtransportiert wurde und dieses um ihn herum erkaltet ist, müssten wir ihn aus vielleicht kilometerdicken Gesteinsschichten heraussprengen. Das wäre wochenlange Arbeit.“
„Wenn die Scanner ihn in so einem Fall überhaupt lokalisieren könnten“, ergänzte Yattaran.
Yama seufzte. „Wir brauchen also etwas Glück.“ Und wir haben es verdient. Sehr sogar.
Kei begann etwas in ihr Pad zu tippen. „Gut, ich schlage folgendes Vorgehen vor: Falls der Sprengkopf frei zugänglich ist, sollten Caruso und Cervus das Trägershuttle erst zu einem sicheren –“
„Ich gehe allein“, unterbrach Yama sie ruhig.
Keis Mund blieb offen stehen.
„Hast du gerade gesagt, du gehst allein?“, wiederholte Yattaran ungläubig.
„Du hast mich richtig verstanden.“
„Bei allem Respekt, das wird nichts!“, empörte sich der Erste Maat. „Der Platz eines Captains ist auf der Brücke!“
„Ich weiß. Aber ich riskiere nicht das Leben eines Crewmitglieds für ein Ziel, das nur meins ist.“ Weiß der Geier, warum Harlock das getan hat.
„Also erstens haben alle hier an Bord das Ziel, es Gaia heimzuzahlen nach alldem, glaub mir. Und zweitens –“
„Ich bin aber der Einzige, dem nichts passieren kann“, fiel Yama ihm gnadenlos ins Wort. Yattaran schloss den Mund, stierte ihn aber weiter trotzig an. Yama hielt dem Blick Stand. „Nenn mir einen von euch, der unsterblich ist, und ich schicke den auf die Mission.“
„Yama.“ Kei legte ihm die Hand auf den Arm. „Du bist nicht unverwundbar. Falls etwas passiert, können wir das Schiff ohne dich nicht fliegen.“
„Nun, solange ich nicht sterbe, werdet ihr einen Weg finden, mich zu retten. Und sterben werde ich nicht.“
„Yama, bitte. Über diese Unsterblichkeit wissen wir zu wenig. Vielleicht ist es gar nicht so …“
Er nahm ihre Hand und löste sie sanft von seinem Arm. „Ich habe es entschieden, Kei. Und ich bin nicht mehr so wankelmütig wie früher. Ich bleibe bei meiner Entscheidung.“
Sie biss die Zähne zusammen. „Der Cap– … Harlock wird das furchtbar finden.“
„Genau deshalb bespreche ich es nicht mit ihm.“
Yattaran schnaubte und zuckte die Achseln. „Ja, bitte, mach es, wie du willst. Du bist der Captain. Aber wenn du am Ende doch tot bist, sag nicht, wir hätten dich nicht gewarnt.“
Und Kei zischte: „Als ob du dich überhaupt genug mit den Sprengköpfen auskennen würdest.“
„Ich habe alles darüber gelesen, was im Speicher ist.“ Yama würde vor ihnen nicht nachgeben. Er war nicht mehr schwach, nicht mehr unentschlossen. Sie konnten keine Argumente liefern, die er nicht aushebeln konnte. Sie würden ihn nicht aufhalten. „Als wir Nummer neunundneunzig installiert haben, wusste ich noch gar nichts darüber. Aber das spielte keine Rolle, denn du brauchtest du mich gar nicht für das Handling des Sprengkopfes, Kei, nicht wahr? Du hast alles allein gemacht. Ich war nur dein Backup. Harlock schickte zwei Leute auf solche Missionen, damit zumindest einer lebendig mit der Ausrüstung zurückkommen konnte.“ Und den anderen versuchte er dann aus Schuldgefühlen zu retten.
Kei bleckte die Zähne. „Rede nicht über ihn, als hätte er ständig unsere Leben aufs Spiel gesetzt!“, fuhr sie ihn an.
„Aber das hat er getan. Er hat den Sprengkopf nicht selbst installiert, obwohl er es problemlos gekonnt hätte“, hielt Yama schonungslos dagegen. „Du hast selbst gesehen, wie mühelos er mir in den Krater gefolgt ist und die Situation korrigiert hat. Er hätte von Anfang an selbst gehen sollen. Ich werde selbst gehen. Bitte akzeptiert es.“
Seine beiden Offiziere musterten ihn mit kühlen, fast gekränkten Blicken. Sein versöhnlicher Ton schien sie nicht erreicht zu haben.
„Wie du willst“, sagte Yattaran schließlich. Kei hielt die Lippen stumm zusammengepresst.
Bis sie Tokarga erreichten, war Yama nicht dazu gekommen, sich die Holodisc anzuschauen, die Harlock ihm mitgebracht hatte. Er stellte fest, dass sie noch in seiner Hosentasche war, als er sich für den Einsatz vorbereitete. Noch waren sie nicht tief genug in die Atmosphäre eingetaucht, um die Oberfläche des Planeten nach dem Sprengkopf abtasten zu können, doch es würde jeden Moment so weit sein. Er fragte sich, ob die Gaia-Flotte ihn auf irgendeine Weise beobachtete. Theoretisch war es unmöglich, doch die Gnadenlosigkeit, mit der sie die Plantagen dem Erdboden gleichgemacht hatten, schürte in Yama eine neue Angst. Irgendetwas daran hatte seine Welt ein Stück weiter aus den Fugen geraten lassen. Er hasste sie.
Trost gebracht hatte ihm heute Morgen ein Besuch im Frachtraum, wo das viele Obst in kühlen, trockenen Behältern lagerte. Die Köchin hatte angekündigt, damit köstliche Dinge zubereiten zu können – eine weitere Kunst, die sehr selten geworden war, Wissen, das in Vergessenheit zu geraten drohte. Die Menschen vergaßen ihre Heimat, aber zum Glück nicht alle von ihnen.
Zu diesen gehörte offenbar auch Bouko, Callis Gehilfe, den er ebenfalls im Frachtraum antraf. Statt eines Grußes rief er Yama zu: „Aus jeder diese Früchte lässt sich theoretisch eine neue Pflanze ziehen. Wir müssen nur irgendeine Möglichkeit finden. Wir haben hier viele verschiedene Sorten von jeder Frucht an Bord … Wenn Sie möchten, Captain, kann ich von jeder ein Exemplar auswählen, und wir könnten sie konservieren.“
Yama war dankbar für jeden konstruktiven Vorschlag. „Ja, das klingt gut. Bitte tu das.“
Bouko nickte bestätigend. „Ich habe gehört, dass vor uns eine Mission auf Tokarga liegt.“
„Die liegt nur vor mir. Die Crew bleibt in Bereitschaft, bis ich zurück bin“, informierte Yama ihn. Er hoffte, Bouko würde keine neugierigen Fragen stellen, und er tat es auch nicht.
„Mal sehen, ob ich mir etwas überlegen kann, wie wir die Obstplantagen wieder aufbauen können“, sinnierte er stattdessen. „Vielleicht ist ein Teil des Substrats noch nutzbar, wenn es einige Jahre in Ruhe gelassen wird. Wer weiß, ob sich nicht einige Pflanzen auf Garfudias wieder erholen.“
Yama hielt das für illusorische Träumerei. Allerdings hatte er großen Respekt vor Prof. Callis Wissen. Wenn die beiden zu dem Schluss gelangt waren, dass noch Hoffnung bestand … Kurz dachte er darüber nach, Bouko die Holodisc auszuhändigen, damit sie sie anschauen konnten, während er fort war. Doch er verwarf den Gedanken. Es war nicht so, dass diese Sache eilig war, und außerdem wollte er seine eigenen Ideen spinnen, sobald er Zeit dazu hatte. Er könnte das Material auch mit den beiden Botanikern gemeinsam sichten, sobald der Sprengkopf geborgen war. Bis dahin konnte es warten.
„Ich hab ihn“, meldete Cervus ohne große Euphorie in der Stimme.
Tokargas violett umwölkte Oberfläche, die nur aus tiefen Schluchten und schwindelnd hohen Plateaus zu bestehen schien wie eine mit riesigen Gabeln aufgebrochene Kruste, schwebte ihnen entgegen. Yama erinnerte sich plötzlich Wort für Wort, wie Cervus damals die Stelle benannt hatte, an der Harlock den Sprengkopf platzieren wollte: „Östlich des Waidar-Plateaus, südlich der Gimlis-Schlucht.“ Sein Blick suchte die Gegend ab. Er erkannte nichts wieder. „Wo ist er?“
„Zweiunddreißig Grad drei Minuten nördliche Breite, hundertfünfundzwanzig Grad eine Minute westliche Länge. Er … scheint frei zu liegen, nicht im Gestein.“
Innerlich stieß Yama ein erleichtertes Seufzen aus. Kein Freisprengen. „Wie sieht die Umgebung aus?“
„Sieh es dir selbst an, Captain“, forderte Yattaran ihn auf, der neben Cervus auf die interaktive Karte starrte.
Yama trat zu ihnen. Er sah Tokargas Oberfläche in verschiedenene Farben getaucht; die vielen topographischen Unebenheiten machten die Darstellung schwer lesbar.
„So sieht die Stelle für unsere Biosensoren aus“, erklärte Yattaran. „Die Sonaransicht bringt uns nichts zur Gefahrenabschätzung.“
„Du meinst die korrosiven Hochdruckgase?“
„Die sind nicht überall, sonst hätte man wohl kaum versucht, hier Menschen anzusiedeln. Hier, die blaue Fläche zeigt an, dass der Ort stabilisiert ist. Siehst du? Keine Geodynamik. Die violetten Felder hier sind in Bewegung, hohe Temperaturen, vielleicht vulkanische Aktivität. Die grünen Flecken sind Höhlen, in denen sich explosive Gase sammeln. Die gelben sind giftig oder ätzend. Aber alles, was blau ist, ist sicher, da kannst du dich ohne Gefahr frei bewegen.“
Yama betrachtete das Interface. Er wusste nicht, auf welche Weise Tokarga weniger feindlich aussah. „Können wir auch Mudouwds auf der Karte sehen?“
„Nur, wenn wir gezielt nach ihnen suchen. Sonst wäre euer Fast-Unglück damals wohl kaum passiert. Die Haut eines Mudouwds ähnelt in ihrer Zusammensetzung so sehr dem Gestein, dass nur die feinste Einstellung des Bioscanners sie unterscheiden kann.“
„Aber er müsste eine dynamische Umgebung bewirken, oder? Sobald er sich bewegt, wäre er in einem violetten Feld.“
„Natürlich“, seufzte Yattaran. „Aber wenn du dich sowieso in einem violetten Feld befindest, wie du und Kei und der Captain damals, dann nützt das nicht viel als Warnung.“
Yama nickte. „Ich mache mich jetzt auf den Weg zum Hangardeck.“
„Viel Glück“, sagte Yattaran. „Ich mein’s ernst.“
Bruch
Harlock betrat die Brücke und entdeckte niemanden am Ruder. Das Rad bewegte sich ganz leicht von allein, während Kei und Yattaran konzentriert auf ihre Monitore starrten.
„Wo ist Yama?“, fragte er, als würde es ihn irgendetwas angehen. Das tat es nicht. Entgegen dem, was Yama vor ein paar Tagen zu ihm gesagt hatte, schien ihm in dieser Angelegenheit nicht viel an Harlocks Ratschlägen gelegen zu haben.
„Hangardeck“, antwortete Yattaran wenig auskunftsfreudig.
Harlock sah sich um. Er hatte fest damit gerechnet, dass Yama Alonso und Caruso für die Bergung des Sprengkopfes abkommandieren würde, aber beide waren auf ihren Posten.
Er fragte sich, ob Yama die Crew womöglich angewiesen hatte, Harlocks Fragen zu der Mission nicht zu beantworten. Unabhängig davon keimte ein schlimmer Verdacht in ihm. „Fliegt Yama selbst zu dem Sprengkopf?“
„Ja“, bestätigte Kei knapp.
„Nicht allein, wie ich hoffe.“ Bitte nicht. BITTE NICHT.
„Doch, allein.“ Keis Stimme verriet, wie wenig ihr Yamas Entscheidung gefiel, doch ihr Missfallen konnte es mit Harlocks nicht aufnehmen.
Die sinnlose, ungerichtete Angst der letzten Tage kehrte mit einem Schlag zurück und drohte ihn zu erdrücken. Er wollte nach irgendetwas greifen, um sich festzuhalten. „Sag mir, warum ein Captain etwas so Kurzgedachtes tut.“
Kei holte tief Luft, um loszulassen, was sie darüber dachte, doch Yattaran kam ihr zuvor: „Der Sprengkopf liegt in einem stabilisierten Gebiet. Es gibt nichts zu befürchten, also beruhigt euch.“
Doch Harlock konnte sich nicht beruhigen.
Durch die Scheibe sah man das rostiggelbe Trägershuttle durch die Wolkenschwaden hinabstoßen. Ehe Harlock sich selbst davon abhalten konnte, war er an die nächstbeste Konsole getreten und griff über die Hände des dort stationierten Crewman – es war Cervus – hinweg nach der Ruftaste.
„Yama, melde dich sofort.“
„Ich habe alles unter Kontrolle, Harlock.“
„Wie viele Bücher hast du über das Führen eines Schiffes gelesen? In wie vielen Exemplaren von diesen albernen Wie man Captain ist-Anleitungen steht etwas von Außeneinsätzen im Alleingang?“
„Leider habe ich Wie man Captain Harlock ist in unserem Bestand nicht gefunden“, gab Yama schnippisch zurück. „Außerdem bist du selbst kein Musterbeispiel. Danke für deine Sorge, aber das hier schaffe ich allein.“
Zum Teufel mit Yamas Uneinsichtigkeit.
Harlock brach die Verbindung ab. Er würde nicht auf der Brücke vor der Crew einen Sandkastenstreit mit Yama führen. Schlimm genug, dass er kurz die Kontrolle über sich verloren hatte. Etwas steif nahm er Haltung an, machte mit flatterndem Umhang kehrt und ging zu seinem Thron. Tori begrüßte ihn von der Lehne aus mit einem schrillen „Captain!“ Zumindest er schien keine Gefahr zu wittern.
Täusche ich mich womöglich? Spielen alle meine Instinkte verrückt, weil ein Teil meiner Sinne verloren gegangen ist? Er zwang sich zu warten.
Mehrere Minuten vergingen, bis Yama sich wieder meldete. „Er liegt offenbar in einer Art halboffenen Kaverne.“
„Korrekt“, bestätigte Alonso, zwischen Bioscan- und Sonaransicht hin und her schaltend. „Der Durchmesser beträgt fast fünfzig Meter, zum Manövrieren trotzdem etwas eng.“
„Sei vorsichtig beim Reinfliegen“, setzte Kei hinzu.
„Verstanden.“
Wieder ein paar Minuten nichts. Angespannt wartete Harlock auf die Meldung, dass Yamas Arbeitsboot gegen eine Felswand geprallt war. Wie gut konnte Yama eigentlich fliegen? Wie viele Stunden Flugtraining hatte die Gaia Sanction in ihn investiert?
„Ich sehe ihn“, meldete Yama. Endlich. „Er hängt mittig in der Wand der Schlucht. Zwei der Stahlanker stecken noch im Fels.“
„Nur zwei?“, hakte Yattaran nach. „Wenn das stimmt, hast du wirklich den Hauptpreis gezogen, Cap. Zwick sie durch, koppel ihn an und mach, dass du wieder raufkommst.“
„Ich bin gleich dort. Nur noch ein paar Meter.“
Harlock zwang sich, den Atem kontrolliert entweichen zu lassen. Niemand sollte sehen, wie sehr er sich sorgte, und offenbar ohne Grund. Er regte sich auf dem Thron, ließ ein wenig die Finger spielen, um wieder Blut in sie zu bekommen.
Dann – ein Schrei.
Miimes Schrei.
Hohl und zitternd wie ein haardünner Faden hing er in der Luft, während sie von ihrer Dunkle-Materie-Konsole zurücktaumelte. Harlock sprang auf und war sofort bei ihr, früher als irgendjemand anders. Ein Déjà-vu stellte sich ein: Genauso hatte er Yama aufgefangen, als das Landekraftfeld von Garfudias sich um die Arcadia geschlossen hatte. Damals hatten sich Yama und Miime in Qualen gewunden, beide Hände an den Kopf pressend, genau wie Miime es jetzt wieder tat. Er begriff: Es war nicht das Landekraftfeld gewesen, das diese vermeintlichen Interferenzen ausgelöst hatte.
„Yama!“, schrie Kei ins Com. „Yama, melde dich!“
„Ich hab ihn!“, rief Alonso. „Das Trägershuttle ist abgestürzt. Schwere Schäden werden gemeldet …“
„Schwere Schäden am Arsch! Scan nach Lebenszeichen!“
Jeder hämmerte auf irgendwelche Armaturen ein. Fiebrig wurden die Sensoren auf die Absturzstelle ausgerichtet, die Abtastdichte verringert.
Harlocks Kopf war seltsam leer, während er Miimes nun wieder reglose Gestalt im Arm hielt. Schwach strömte ihr Atem gegen seine Brust. Seine Gedanken kreisten wild, doch er zwang sich zur Ruhe. „Miime, bitte, komm zu dir.“ Er schüttelte sie sanft in seinem Griff. Ihre Augenlider hoben sich quälend langsam, und endlich glitten auch die Nickhäute zurück. Ihre Pupillen waren verstörend weit.
„Harlock …“
„Miime, such nach Yama. Verbinde dich mit ihm. Sag mir, dass er am Leben ist.“ Wieder schüttelte er sie, ohne es zu wollen. Halt dich zurück! Doch es ging um Yamas Leben, wie konnte er sich jetzt diszipliniert verhalten?
Plötzlich meldete Cervus: „Unautorisierter Start des zweiten Trägershuttles!“
„Was?“
„Rufen!“, befahl Kei.
Cervus versuchte es. „Keine Antwort.“
Harlock war außer sich. Etwas unsanft hob er Miime vom Boden auf und hielt schnellen Schrittes auf das Ruder zu. „Sofort im Landeshuttle folgen. Abfangkurs.“
Kei und Alonso stürzten los Richtung Hangardeck.
„Captain, ich hab ihn gefunden!“, rief Alonso. „Seine Lebenszeichen sind stabil.“
Harlock wollte antworten, doch seine Kehle war zu eng und zu trocken, um ein Wort zu produzieren. Diese Szene fühlte sich zu surreal an, zu sehr wie damals, als Yama auf Tokarga in Lebensgefahr geschwebt hatte. Ich muss zu ihm, dachte er, wie damals … Doch jetzt lag Miime in seinen Armen, er hatte keine Dunkle Materie mehr in sich, und in seinen Gedanken herrschte Chaos statt Ordnung. Er musste es anderen überlassen, Yama zu retten. Kei würde diese Aufgabe besser erledigen. Mit einem kühleren Kopf.
Sie sahen zu, wie das zweite Trägershuttle sich Richtung Oberfläche fallen ließ. Wer saß am Steuer und was hatte er vor? Mit nur sehr geringer Wahrscheinlichkeit war es jemand von der Crew, der Yama zu Hilfe kommen wollte; das war nicht die Art, wie diese Mannschaft agierte, niemand unter Harlocks Kommando hatte jemals unautorisiert ein Shuttle auch nur bestiegen. Es gab nur eine zweite Möglichkeit, was diese Person im Schilde führte. Und diese war sehr unangenehm.
Kei meldete sich via Intercom. „Captain, beide Landeshuttles wurden sabotiert! Sie starten nicht. Yattaran, schick Maji und ein Mechanikerteam hier runter!“
„Unterwegs, Ma’am. Scheiße.“
Miime begann sich zu winden. Harlock setzte ihre Füße auf den Boden und stellte sie vorsichtig aufrecht hin. Kurz sank sie gegen das Steuerrad, und er hielt ihre Schultern, bis sie ihre Balance wiedergefunden hatte.
„Miime … Warum hast du mir nichts gesagt? Darüber, dass Yama allein auf diese Mission gehen wollte?“
Sie wimmerte leise. „Ich kannte seine Pläne nicht. Du weißt, ich kann nicht seine Gedanken lesen.“
Er biss die Zähne zusammen. Wie konnte Yama Miime nicht unterrichten über das, was er vorhatte? Sie bediente den verdammten Antrieb.
„Harlock.“ Ihre Finger strichen leicht über seinen Arm.
„Empfängst du etwas von ihm? Irgendetwas? Dann sag es mir. Bitte, Miime.“
Sie nickte müde. „Ich … Ich weiß, wer ihm gefolgt ist.“
***
Alle Anzeigen standen auf Rot. Ihr Blinken und Piepsen, das ihn auf all die Beschädigungen des Rumpfes aufmerksam machen sollte, schnitt quälend in Yamas dröhnenden Schädel. Das Trägershuttle, das mächtige Ungetüm mit seinen drei riesigen Schubdüsen, lag auf der Seite, was bedeutete, dass er im rechten Winkel zur Wand saß, und das machte es nicht einfacher, sich aus dem nach innen gedrückten Sitz zu befreien. So schwer gepanzert die Arbeitsboote auch waren, sie waren nicht dazu konzipiert, in vollem Schub mit der Oberseite auf Felsnasen zu prallen.
Sobald Yama über die Lehne gekrabbelt war, hielt er auf die Tür zu. Schmerz durchzuckte sein Gehirn im Rhythmus seines Herzschlags, während er sich vorankämpfte. Hoffentlich hatte er kein Schädel-Hirn-Trauma. Er musste seinen Kopf nach Blutungen abtasten, und am besten auch den Rest seines Körpers, der sich seltsam taub anfühlte und nur widerwillig gehorchte. Doch bevor er Untersuchungen an sich vornehmen konnte, musste er hier raus. Der schrille Alarm des Shuttles machte ihn beinahe verrückt.
Die Automatik der Tür versagte, aber gegen eine manuelle Öffnung hatte sie nichts einzuwenden. In seiner Verwirrung bedachte Yama nicht, dass er diesmal weder auf der Oberfläche eines Sprengkopfes noch auf der Einstiegsrampe des Hangardecks aufsetzen würde. Seine Füße trafen auf nichts, und er fiel mit einem überraschten Aufschrei aus dem Shuttle und landete viele Meter tiefer in einem Bett aus winzigen Kieseln, das zum Glück unter seinem Gewicht nachgab. Vielleicht war es Tuff … aber im Grunde war es ihm egal, sein Körper beschwerte sich so oder so.
Mit schweren Lidern ließ er den Blick durch die Felskaverne wandern, in die er hineingeflogen war. Immerhin wusste er, wo er war. Was war passiert? Ein rasender Schmerz hatte plötzlich seinen Schädel zu sprengen versucht, ganz genau wie kurz vor der Landung auf Garfudias, und er hatte die Kontrolle über die Steuerung verloren, weil er zu sehr damit beschäftigt war, seinen Kopf am Explodieren zu hindern. Er wusste nicht, wie viele Sekunden dieser Zustand angehalten hatte, doch jede davon hätte genügt, ihn gegen die Felswand zu schmettern. Wenn er sich so umsah, hatte er wohl großes Glück gehabt: Hier, wo sein Shuttle senkrecht an der Wand stand, war das Bett der Schlucht mit den kleinen Steinchen ausgekleidet, doch an anderen Stellen um ihn herum sah das ganz anders aus. Die Höhle war zerklüftet und gezackt. Die Luft fühlte sich warm und feucht an, und ein leises stetes Tropfen war in der Nähe zu hören. Das bedeutete, dass es irgendwo Wasser gab.
Einen Moment lang blieb er einfach ausgestreckt auf dem Bauch liegen und horchte in sich hinein. Das Pochen in seinen Schläfen nahm bereits ein wenig ab. Der Rest seines Körpers sendete ein paar dumpfe Schmerzsignale, aber nichts Unerträgliches. Blut sah er keins. Sogar seine Kleidung war bis auf ein paar aufgeraute Stellen intakt. Also nur ein paar Prellungen. Alles nicht schlimm. Er würde einen Moment ausruhen, dann würde er zurück ins Trägershuttle klettern und versuchen, es zu starten. Falls ein paar kleine Reparaturen nötig waren, so würde er sie schon bewerkstelligen können.
Und wenn er es nicht konnte …
Er hob den Kopf. Sein Schiff – er war nicht allein. Sicher hatten sie die Alarmsignale des Trägershuttles empfangen. Er sollte sie anfunken und beruhigen. Wenn er dann feststellte, dass er Hilfe brauchte, dann hatte die Arcadia noch ein weiteres Trägershuttle und zwei Landeshuttles im Hangardeck. So oder so, sie würden ihm helfen können.
In dem Moment drang das bekannte Fauchen von Steuerraketen an seine Ohren. Das klang exakt wie sein Trägershuttle, ergo musste es das zweite sein. Wahrscheinlich Kei. Sie warteten gar nicht erst, bis er sich meldete, sondern eilten sofort zu seiner Rettung. Yama atmete tief aus. Gute Leute, auf sie war Verlass. Wann hatte er sich zuletzt in einer Gruppe so gut aufgehoben gefühlt?
Er rappelte sich auf und hinkte schwerfällig in Richtung des Eingangs der Schlucht, der weit oben über ihm klaffte. Nur einen Augenblick später kam das zweite Trägershuttle in Sicht, seine Schubdüsen drosselnd, während es in den Sinkflug überging.
Yama überlegte, was er sagen sollte. Bei aller Erleichterung darüber, abgeholt zu werden, schämte er sich doch für das, was passiert war. Sein Beharren darauf, allein den Sprengkopf zurückzuholen, ließ ihn nun alt aussehen. Auch wenn er nicht hatte vorhersehen können, dass es wieder zu Interferenzen mit der Dunklen Materie kommen würde (woher? warum?), so hätten diese außer Miime und ihm niemanden beeinträchtigt.
Das Trägerschuttle landete unweit von ihm auf der flachen Erhebung inmitten der Höhle, und das Dröhnen der Steuerraketen erstarb. Dieser Anflug war beneidenswert mühelos gewesen. Vielleicht sollte er Kei um Nachhilfe im Fliegen bitten. Die Tür glitt auf und entließ – nicht Kei. Yama blinzelte verständnislos, als sich Bouko aus dem Cockpit schwang und auf die oberste Sprosse der Metalltreppe in der Seite des Shuttles trat. Im Nu war er abgestiegen und blickte auf Yama hinab, der wenig elegant auf allen Vieren vor ihm lag. Yama öffnete den Mund, um die fällige Frage zu stellen, da zog Bouko völlig gleichmütig eine langläufige Pistole aus dem Holster an seinem Gürtel und richtete sie auf Yama. „Jetzt weißt du, wie es sich anfühlt, verraten zu werden, Agent F111.“ Dann, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, drückte er ab. Schmerz explodierte in Yamas Brust, und alles versank in Dunkelheit.
Irgendwann kam er wieder zu sich. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Noch immer lag er an derselben Stelle am Grund der halboffenen Höhle, und um ihn herum hatte sich eine Lache seines eigenen Blutes ausgebreitet. Warm und klebrig hatte es sich tief in seine Kleidung gesogen.
Yama versuchte den Kopf zu heben. Sofort rauschte Schmerz durch seinen Oberkörper, strahlte bis in seine Gliedmaßen aus. Er stöhnte leise. Ein Geräusch trocken wie Sandpapier.
„Damit wäre die Theorie bestätigt“, sagte Bouko. Offenbar stand er irgendwo neben ihm. Seine Stimme klang verstörend: Verschwunden war der freundliche, teilnahmsvolle Ton, in dem er Yama versprochen hatte, sich um die Früchte zu kümmern. Jetzt klang er kalt und gleichgültig.
Yama versuchte vergeblich, seine Zunge anzufeuchten, um Worte zu produzieren. „Bouko“, ächzte er, „warum – …“
„Mein Name ist nicht Bouko. Ich bin Parcipel, Kommandeur der Gaia-Flotte, Kapitän der Astraios.“
Parcipel. Da war er, der Name, der Yama nicht hatte einfallen wollen. Das also war Isoras Nachfolger am Steuer des neuen Flaggschiffes.
Ich bin so dumm, dachte Yama. Ich habe nichts gelernt, gar nichts. Derselbe Fehler, immer wieder. Harlock hatte Recht damit, mir nichts zuzutrauen. Ich habe es nicht anders verdient, als hier zu sterben. Elend wimmerte er gegen den Schmerz in seiner Brust an. Hoffentlich geht es wenigstens schnell … Doch danach sah es nicht aus. „Warum“, brachte er mühsam hervor, „hast du mich nicht getötet?“
„Das habe ich“, erwiderte Parcipel sachlich.
Yama kniff die Augen zusammen. Also stimmte es. Er konnte nicht sterben. Nur leiden.
Er versuchte zu schlucken. „Sie werden mich suchen.“
„Nicht mit Erfolg. Ich habe eine Strahlenbombe mit Zeitzünder am Dunkle-Materie-Generator angebracht. Die Detonation erfolgt in zwei Minuten. Wenn die Dunkle Materie neutralisiert ist, wirst du sterblich, und dann beende ich das hier.“ Einen Moment lang schwieg er, und Yama spürte seinen verächtlichen Blick auf sich ruhen. „Harlock hat seinen Nachfolger nicht sehr klug gewählt.“
„Sie werden die Bombe finden“, beharrte Yama. Alles in ihm klammerte sich an diese Hoffnung. Er wollte nicht glauben, dass seine schlaue, erfahrene Crew sich übertölpeln lassen würde.
Bouko jedoch schon. „Ich denke nicht. Ich habe euch beobachtet. Deine Männer halten sich vom Dunkle-Materie-Antrieb fern. Er wartet sich selbst, nicht wahr? Niemand kann etwas mit dieser Technologie anfangen.“
Nein. Nein. NEIN. „Aber Miime … wird sie finden.“
„Das Alien? Es wird damit beschäftigt sein, nach dir zu suchen statt nach einer Sabotage. Sobald du tot bist, kann dein Schiff nicht mehr fliegen, selbst wenn der Antrieb sich regeneriert.“
Yama unterdrückte ein neuerliches Stöhnen. Klar erinnerte er sich an seine eigenen Worte bei Harlocks Befreiung aus der Hochsicherheitszelle seines eigenen Schiffes. Ohne Sie können wir das Schiff nicht in Bewegung setzen.
„Darauf werden wir nun beide warten“, fuhr Bouko leidenschaftslos fort. „Es ist gleich so weit.“
Ich bin tot, dachte Yama. Und nicht nur ich. ALLE sind tot. Nur wegen meiner Dummheit. Wie konnte ich ein so schlechter Captain sein und so etwas zulassen …
Wenn die Strahlenbombe wirklich den Antrieb außer Gefecht setzte, dann gab es keine Hoffnung. Yama erinnerte sich, wie schlecht es Harlock gegangen war, sobald die Blockadekammern um die Arcadia herum begonnen hatten, die Dunkle Materie zu absorbieren. Sie hatten sicher keine Mühen gehabt, ihn in Ketten zu legen.
Miime … Harlock … Bitte, findet diese Bombe … Ich habe bei allem versagt, wie immer, und ihr müsst die Lage retten … wie immer …
„Vierzig Sekunden“, sagte Bouko.
***
Harlock starrte Miime ungläubig an. Er konnte nicht verhindern, dass seine Miene sich im Zorn verfinsterte. „Ich hätte es wissen müssen.“
„Das hätten wir alle.“
Harlock wandte sich wieder ans Intercom. „Hangardeck, Status.“
„Sieht scheiße aus, Captain.“ Das war Yattaran. Es ärgerte Harlock, wie ihn sofort alle wieder Captain nannten, nur weil Yama gerade nicht an Bord war. „In beiden Shuttles sind etliche Kabel durchgeschmort. Da hat jemand seine Sache gründlich gemacht.“
„Der Saboteur ist der Helfer des Professors. Er ist Yama nach Tokarga gefolgt.“
„Ah, na großartig. Kei! Wo hatte der Kerl überall Zugang?“
Harlock wollte gar nicht hören, wie der Dialog zwischen seinen beiden Offizieren weiterging. Sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben brachte sie nicht voran. Was er jetzt brauchte, waren Antworten.
Er überließ Cervus das Ruder und auch Miime und machte sich auf den Weg zu den Quartieren. Hier hatte er Prof. Calli wenige Tage zuvor abgesetzt. Das Quartier, das er Bouko – oder wie auch immer sein wahrer Name war – zugewiesen hatte, fand er leer vor, als würde dort niemand wohnen. Bei Prof. Calli sah es anders aus. Noch ehe Harlock sich dieser Tür zugewandt hatte, öffnete sie sich vor seiner Nase.
„Harlock … Ich wusste, Sie würden kommen.“ Der Professor sah aus wie ein gebrochener Mann; seine Augen waren rot, als hätte er geweint, und unter ihnen saßen tiefe Schatten von Gram. „Sie brauchen keine Fragen zu stellen. Ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß. Was nicht viel ist.“
Harlock betrachtete ihn schweigend. Calli ging ihm nur bis zum Schlüsselbein, und dorthin war auch sein Blick gerichtet. Vor dem meistgesuchten Verbrecher des Universums hielt er sich so gerade wie möglich, doch dessen brennendem Blick zu begegnen gelang ihm nicht.
„Urteilen Sie nicht vorschnell über mich. Alles, was ich bei unserem Treffen sagte, ist wahr. Erst kurz vor unserer Abreise erhielt ich Nachricht von Salvador, dass Gaia meine Familie auf dem Mars inhaftiert hätte. Hat Yama Ihnen erzählt, dass ich zwei Enkel habe? Ich werde nicht leugnen, dass ich, um diese Familie zu schützen, mit der Gaia-Flotte kooperiert habe. Bouko ist nicht mein Gehilfe. Er kam am Tag vor unserer Abreise mit einem Shuttle aus Euros an und ist in Wahrheit ein hochdekorierter Offizier, Kommandeur eines eigenen Schiffes.“
„Welches Schiffes?“, fragte Harlock mit unbewegter Stimme, ohne sein Auge von Callis zitternder Gestalt abzuwenden.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich will die Einzelheiten des Plans.“
„Ich kenne sie nicht. Ich sollte nur dafür sorgen, dass Bouko als mein Assistent auf dieses Schiff gelangt. Was genau seine Befehle sind, das brauchte ich nicht zu erfahren …“ Neue Tränen stiegen in den Augen des Professors auf, und seine Stimme brach, als er fragte: „Ist Yama in Gefahr?“
Was für ein rückgratloser Mann, dachte Harlock. Natürlich ist Yama in Gefahr. Was sonst sollte das Ziel des Komplotts sein? „Wenn Sie das fragen, dann kennen Sie die Antwort“, erwiderte Harlock kalt. „Yama ist auf Tokarga abgestürzt und Gaias Mann ist ihm gefolgt. Zuvor hat er unsere Shuttles sabotiert.“
Calli schniefte laut.
„Ein Schiff wie die Arcadia auf Tokarga zu landen, zumindest in dieser Region, ist kaum möglich. Wir werden nach Optionen suchen, aber selbst wenn wir es schaffen, wird es wahrscheinlich zu spät sein. Sie haben Ihren früheren Schützling zum Tode verurteilt.“
„Ich weiß. Ich weiß.“ Calli schüttelte den Kopf, immer wieder, als wollte er das negieren, was aus seinem Mund kam. „Ich weiß, ich … ich hatte keine Wahl. Ich weiß nicht, was sie ihnen sonst antun werden.“ Er fuhr sich mit dem Ärmel des Jacketts über die Augen, vergeblich. „Yama ist mir lieb. Ich hätte ihn niemals geopfert, wenn nicht so viel mehr auf dem Spiel stünde. Das müssen Sie mir glauben.“ Ein zittriger Seufzer hob seine Brust. „Ich weiß, dass Sie mich jetzt töten werden. Ich werde nicht um mein Leben flehen. Ich habe Yama verraten und verdiene es nicht anders. Aber lieber sterbe ich, als dass ich meine Lieben sterben lasse.“
Harlocks Miene blieb steinern, doch er spürte einen Stich von Mitleid. „Ich bin kein grausamer Mann, was auch immer die Gaia Sanction über mich sagt. Meine Ehre erlaubt es mir nicht, Opfer für ihr Handeln zu verurteilen.“ Brüsk wandte er sich um. „Folgen Sie mir, Professor.“
Hinter ihm setzten sich Callis Schritte zögerlich in Bewegung. „Wohin bringen Sie mich?“
„Wenn Sie auch nur das Geringste zu Yamas Rettung beizusteuern haben, erwarte ich, sofort davon zu hören. Bis dahin sperre ich Sie ein, wie es sich für einen Feind gehört.“
Dieses Mal fiel es Harlock besonders schwer, seine Gefühle im Zaum zu halten. Obwohl er – zumindest ein Teil von ihm – mit einem Hinterhalt gerechnet hatte, traf es ihn unerwartet hart, dass jemand, dem Yama so tief vertraute, ihn ans Messer lieferte. Callis Beteuerungen, er habe es für seine Familie getan, trafen zwar Harlocks Ohren, aber kaum sein Herz. Der Gedanke, Yama zu verlieren, löste die schlimmsten Ängste in ihm aus. Er wollte den Mann anschreien, ihm wehtun, wenn es auch nur das Geringste nützen könnte; er wollte in irrationale Panik verfallen, aufs Hangardeck stürmen und versuchen, ein defektes Shuttle zu starten, selbst wenn es unter ihm explodieren könnte.
Er tat nichts davon. Harlock war ein Mann seines Wortes. Er würde Yamas früherem Mentor kein Haar krümmen – das konnte Yama selbst tun, wenn er wollte. Doch er würde es nicht wollen. Yamas Güte und sein Mitleid würden den Sieg davontragen.
Sobald er den leise schniefenden Professor in die Arrestzelle geführt hatte und die Energiestäbe mit einem roten Zischen zum Leben erwachten, machte Harlock auf dem Korridor wieder kehrt. Leuchtsignale flackerten aus den Deckenlichtern, suchten seine Aufmerksamkeit. Vielleicht bedeutete es, dass ein Shuttle repariert war – hoffentlich. Jede Sekunde, die Yama mit Gaias Spion allein auf Tokarga war, brachte ihn seinem Tod näher. Harlock konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann etwas anderes mit Yama vorhatte, als ihn für seinen Verrat hinzurichten. Es könnte schon zu spät sein, wenn – … Nein, daran würde er nicht denken. Er musste besonnen bleiben, die nagende Angst im Zaum halten, wenn er Yama von Nutzen sein wollte.
Die Lichter flackerten stärker, drängender. Harlock beschleunigte seinen Schritt. Sollte er wirklich zum Hangardeck, seiner Hoffnung folgend, oder zuerst in den Computerraum, um Tochiro zu fragen, was er ihm mitteilen wollte? Beides könnte falsch sein und wertvolle Zeit kosten.
Pragmatisch hielt Harlock an einer der Com-Stationen im Hauptflur an. „Yattaran, Status.“
„Kei hier. Die Zwei kann in zwanzig Minuten einsatzbereit sein.“
Harlocks Herz sank. „Das ist zu spät, und du weißt es.“
„Und wie ich das weiß!“ Keis Stimme überschlug sich fast. „Alonso und ich haben Ausschau nach einer Landemöglichkeit gehalten, aber die nächste ist noch viel mehr als zwanzig Minuten von Yamas Standort entfernt.“
„Haben wir seine Lebenszeichen noch?“
„Ich überwache sie ständig!“ Das glaubte er ihr aufs Wort. Es beruhigte ihn bloß nicht. „Vorhin …“ Sie stockte kurz. „Vorhin waren sie einen Moment lang ganz schwach. Vielleicht eine Signalstörung.“ Ihr Ton sagte etwas völlig anderes, und er verstand.
„Ich bin im Computerraum.“
Dorthin ging er, so schnell er konnte. Inzwischen wies Tochiro ihm mit rotem Aufblinken der Leuchtdioden den Weg, als wüsste Harlock diesen nicht im Schlaf. Es war dringend. Sehr dringend.
Er begann zu rennen, und in seiner Brust krampfte sich etwas zusammen. Intuition, wie in den letzten Tagen? Was auch immer es war, es sagte ihm, dass er nicht stehen bleiben durfte. Eine diffuse Bedrohung am Rande seines Bewusstseins, wie damals … Ja, wie damals …
Er bog um die Ecke und stürzte auf den Zentralcomputer zu. Das rote Auge im Zentrum strahlte so stark, dass es den ganzen hohen Raum mit Rot flutete. Jeder Bildschirm an der Rückwand warf Harlock ein einziges Wort entgegen, weiß auf Schwarz:
GENERATOR
Und dann, als er nur darauf starrte:
LAUF
Harlock lief.
Er erinnerte sich nicht, irgendwann in den letzten Jahrzehnten so schnell gelaufen zu sein. Gewöhnlich war er festen und gemessenen Schrittes unterwegs, selbst dann, wenn der Feind dabei war, sein Schiff einzunehmen. Er wusste nicht einmal, dass er so schnell laufen konnte, trotz flatterndem Umhang, trotz allem –
Atemlos erreichte er sein Ziel. Miime kam dort zeitgleich mit ihm an. Strahlend wie ein Stern flog sie auf den Dunkle-Materie-Generator zu, dessen Räder ratterten und Dunkelheit ins All spien, Finsternis, die selbst die Sterne verlöschen ließ –
Er war dort, sie war dort. Sie hörten es, im letzten Augenblick, doch es war zu spät.
Piep.
Dann ein Knall wie ein Faustschlag, dem ein schrilles Kreischen folgte wie ein tierischer Schrei. Die Räder stoppten, krachten. Die geschmeidigen Ketten schlugen schwarze Funken. Das Licht erlosch – erst das an den Wänden, dann auch das geisterhafte rot-blaue Glühen. Der Ball aus Licht zerfloss …
Mit einem Aufkeuchen sackte Harlock auf die Knie und presste eine Hand auf die Brust. Der Schmerz war so jäh und heftig, dass er ihm den Atem raubte, seine Muskeln lähmte. „Yama – …“ Mit einem Ruck wurde sein Herz aus seiner Brust gerissen, und dann klaffte dort nur noch ein schwarzes Loch, so groß wie seine Hand. „… Yama …“ Dunkle Tropfen fielen von seinen offenen Lippen, kaum wahrgenommen von seinem verwaschenen Blick, hinter dem Schwarz und Rot pulsierten. Blut. Seine Zunge klemmte zwischen seinen Zähnen und sandte Wellen von Schmerz aus. Alles schmeckte und roch nach Blut. „… Yama.“
Yama war tot.
Überleben
Er konnte nicht aufgeben, nicht jetzt. Parcipel stand über ihm, wartete die Sekunden ab. Yamas Herz raste vor Schmerz und Angst. Seine Zeit lief ab. Wenn Miime und Harlock die Bombe nicht fanden …
Er zwang sich still zu liegen, bäuchlings in seinem eigenen trocknenden Blut, und fühlte, wie die Dunkle Materie versuchte, die Wunde zu schließen. Finsternis pulsierte in ihm, stärker als sonst, sang in seinen Ohren. Arbeitete in ihm. Jede Sekunde war wertvoll.
Mit trockenem Mund versuchte er, Worte an seinen Feind zu richten: „Parcipel … Sie müssen das nicht tun.“
„Doch, ich muss“, war die gelassene Antwort.
„Sie hätten bei dem Angriff auf Garfudias sterben können …“ Die Verzweiflung drängte Gedanken in Yamas Kopf, suchte Wege, das Ende hinauszuzögern. „… Die Gaia-Flotte hätte Sie mit uns zusammen ausgelöscht.“
Der Captain der Astraios blieb unberührt. „Natürlich. Opfer müssen gebracht werden. Auch du hast vor deiner Mission nicht damit gerechnet, lebendig zurückzukommen – oder etwa doch?“
Yama presste die kalten Lippen zusammen. Er kam nicht zu Parcipel durch, und jeden Moment –
„Fünf“, zählte der Captain. „Vier. Drei. Zwei. Eins …“
Niemand brauchte Yama zu sagen, dass die Zeit um war. Wie aus dem Nichts brach ein Gefühl unsäglicher Schwäche über ihn herein. Er hatte nicht gemerkt, wie angespannt sein Körper gewesen war, bis er plötzlich zusammensackte, die Wange auf dem kalten Stein, während das Leben aus ihm herausfloss und floss und floss …
„Na endlich“, bemerkte Parcipel sachlich. Yama hörte das Klicken der Waffe.
Nein, das konnte nicht das Ende sein …
Harlock …
Etwas Kaltes wurde an Yamas Schläfe gedrückt. „Du wirst nichts spüren“, erklärte Parcipel. „Ruhe in Frieden.“
Frieden? Plötzlicher Zorn durchzuckte Yama wie eine Stoßwelle. Er sollte sich ermorden lassen wie ein Tier auf der Schlachtbank? Niemals. Nicht mehr. Mit einem Aufgebot letzter Kraft, von der er nicht wusste, wo sie herkam, stieß er sich hoch.
Seine Schläfe kollidierte hart mit Parcipels Hand. Diese schlug hoch, und mit einem die Stille zerreißenden Knall löste sich das Hartkerngeschoss. Parcipel schrie auf, schrill und beinahe animalisch. Taumelte zurück.
Yama hatte keine Zeit. Er konnte sich kaum bewegen. Er warf die Hände vor, zog sich vorwärts, robbte durch die klebrige Lache seines eigenen Lebenssaftes durch das Kiesbett. Leder und Metallbeschläge knirschten auf dem Gestein. Bittere Galle stieg in seiner Kehle auf, flutete seinen Mund.
Parcipels Schreie ebbten ab zu dumpfem Grunzen und Stöhnen. Yama sah ihn nicht; irgendwo rechts von ihm wälzte sich der Mann am Boden. Was auch immer passiert war, Yama wollte es nicht wissen. Er kroch weiter.
Vor ihm endete der nachgiebige Grund abrupt, und der Fels fiel steil ab. Er musste hinunter, in die Deckung. In die Sicherheit. Yama schob seinen Körper vor, die Hände ausgestreckt, in der Hoffnung, sich abfangen zu können, wenn sein Gewicht über die Kante kippte …
Doch er war zu schwach, und all seine Muskeln gaben nach. Haltlos stürzte er über den Rand, purzelte hinunter wie eine weggeworfene Puppe. Von Wind und Regen abgestumpfter Fels stieß in seine Rippen, Schultern, Wirbel, einmal gegen seinen Schädel. Benommen, mit grau flimmerndem Sichtfeld und pochenden Schmerzen am ganzen Leib kam er am Fuß des flachen Abhangs zu liegen.
Gerade als er mühsam den Kopf hob, um gegen die Übelkeit anzukämpfen, beugte sich Parcipel über den Felsrand.
Ein Teil seiner Schläfe fehlte. Ein Loch schwelte in seinem Fleisch, ein Fleck von verkohltem Schädelknochen rauchte in die kalte Luft. Glitzernde Augen starrten auf Yama herab.
„Das wirst du büßen, F111“, zischte er mit heiserer, vor Schmerz wahnsinniger Stimme. „Ich wollte dir einen schnellen Tod gewähren … aber jetzt werde ich zusehen, wie du elendig verreckst.“
Yama rang ein trockenes Würgen nieder. Er hatte keine Energie, um diesem Reflex nachzugeben.
„Mich werden sie abholen, sobald dein wehrloses Schiff nur noch Staub im All ist.“ Der Mann grinste, ein furchtbarer Anblick. Eine zitternde Hand wischte Asche aus seinem Haar, die in feinen Flöckchen herabschwebte. „Ich bin nicht derjenige, der hier sterben wird. Ich werde … dich jagen …“ Parcipels Gestalt geriet ins Taumeln, und er wich von der Kante zurück. Alle Geräusche erstarben jäh.
Yama wartete nicht, bis sein Feind wieder zu sich kam. Er wollte nur weg von ihm, so weit weg wie möglich. Sobald er seinen Körper irgendwie wieder bewegen konnte, kroch er auf Händen und Knien tiefer in den Fels hinein. Die Höhle eröffnete sich weiter vor ihm, senkte sich in die Tiefe, wurde immer schmaler, und er hörte wieder das Tropfen von Wasser, stärker als vorhin. Jede Minute, die er seinen völlig ermatteten Körper zur Anstrengung zwang, quälte ihn; Schmerz pochte rot und heiß in seinem Schädel und seiner Brust. Er musste es schaffen. Er musste sich in Sicherheit bringen, alles andere war nicht wichtig. Er musste nur überleben …
Mit jedem Meter wurde die Höhle wärmer. Die zugige Kälte wich der feuchten Wärme eines Brutkastens, und Yama spürte, wie sie seinen Geist einzulullen begann. Als er am Boden der Höhle ankam, gaben seine Arme und Beine unter ihm nach, und er klappte einfach zusammen.
Wärme … Ruhe …
Sein Atem wurde flacher. Die Schmerzen waren nun nicht mehr punktuell, sondern vereinnahmten ihn ganz, dumpf und pulsierend. Ehe Yama einen letzten klaren Gedanken fassen konnte, entglitt ihm jede Wahrnehmung, und er sank in eine tiefe Ohnmacht.
***
„Captain … Captain … Bitte …“
Eine Hand strich über seine vernarbte Wange, aber es war nicht die, die es sein sollte. Es war auch nicht die Stimme, die es sein sollte. Es war nicht die Anrede, die es sein sollte.
„Gib dir keine Mühe. Der ist ganz weit weg.“
„Aber das kann doch nicht sein!“ Wieder die Hand. „Captain, wir brauchen Sie!“
Kei. Ihre Stimme zerrte an seinem Geist, versuchte ihn ins Bewusstsein zu reißen. Harlock wehrte sich. Das Bewusstsein war ein Ort, an dem er nicht sein wollte.
„Willst du ihn wachküssen oder hilfst du mir endlich im Maschinenraum?“, nölte Yattaran. „Der Doc hat die beiden schon im Griff. Wir erfahren es, wenn er wach wird. Naja, falls er dann zu irgendwas zu gebrauchen ist.“
Kei fauchte etwas zurück, etwas darüber, wie man so reden könnte in einer solchen Situation. Dann verstummten beide plötzlich.
„Geht es … dir besser?“, war schließlich Keis vorsichtige Frage zu hören.
Die Antwort war Stille; dann aber verschwand Keis warme Hand von Harlocks Wange, und an ihrer Statt kam dort eine kühlere zu liegen, mit langen, glatthäutigen Fingern.
„Miime …“ Harlock spürte seine Lider flattern. Eines von ihnen, das gesunde, öffnete sich wie das Tor zu einer anderen Welt.
Miimes bleiches, vertrautes Gesicht schwebte über ihm. Ihr langes, seidiges Haar floss federleicht über seine Brust, als sie sich herabbeugte und seine Stirn küsste.
Kei und Yattaran standen hinter ihr, blass, mit von Schlafmangel verschatteten Augen. Sie beobachteten Harlock verschämt und gleichgültig auf einmal.
Dann tauchte hinter ihnen der Arzt auf. „Na endlich!“, posaunte er. „Sie sind wach, Captain. Fast vierzehn Stunden waren Sie weg. Und Miime auch … Bei ihr weiß ich nie, was zu tun ist, puh.“ Er trat neben Harlocks Pritsche, wobei Miime und Kei seinem umfangreichen Bauch aus dem Weg gehen mussten, und beugte sich über ihn, betastete seine Stirn und fühlte ihm den Puls. „Wie fühlen Sie sich?“
Harlock sah sich außerstande, die Frage zu beantworten; er war nicht einmnal sicher, dass er sie verstand.
„Der Dunkle-Materie-Antrieb“, sagte Miime weich, „ist außer Funktion.“
„Ich erinnere mich“, murmelte Harlock. Seine Stimme klang rau, unbenutzt. In seinem Mund war ein metallischer Geschmack. „Wie ist … die Lage?“ Er wusste nicht, warum er fragte, denn er wollte nicht das Geringste darüber hören.
Miime sagte nichts. Kei sagte nichts. Yattaran räusperte sich und antwortete: „Wir haben versucht, den Generator zu reparieren, aber er … lässt uns einfach nicht. Es passiert das genaue Gegenteil von dem, was wir kennen: Jedes Teil, von dem wir zumindest glauben, dass wir es an den richtigen Platz gesetzt haben, löst sich wieder. Der Antrieb de-repariert sich, sozusagen.“ Er seufzte tief, was seinen Bauch anhob und wieder sinken ließ. „Also ist alles wie vorher: Wir sind ohne Antrieb und driften. Der Zentralcomputer ist offline. Ein paar Funktionen lassen sich noch manuell ausführen. Unsere gespeicherte Solarenergie sollte, ah, für die Lebenserhaltung und basalste Verteidigung noch eine Weile vorhalten, wenn wir sparsam sind … Ich weiß nicht, Sie sind ja schon etwas länger mit diesem Schiff unterwegs als wir, haben Sie irgendwelche Erfahrungswerte?“
„Nein.“ So weit war es noch nie gekommen. Es hätte unzählige Möglichkeiten gegeben in den hundert Jahren, Möglichkeiten, bei denen Harlock später allen Schutzgeistern für sein Glück gedankt hatte. Die Dunkle Materie zu absorbieren, ja, dies war vor kurzem gelungen, da auch die Gaia Sanction in all den Jahren herausgefunden hatte, wie dies zu bewerkstelligen war; doch den Generator außer Betrieb zu setzen, das war …
… das war blasphemisch …
„Die Sensoren“, fuhr Yattaran fort, „arbeiten auch nur noch eingeschränkt. Die Langstrecken-Bioscanner sind lahmgelegt. Wir kriegen ein schwaches Signal vom Trägershuttle – von beiden, tatsächlich –, aber Lebenszeichen … Fehlanzeige. Wir wissen nicht, ob … einer tot ist, beide tot sind, einer lebt …“
Harlock schloss das Auge wieder. Seine Brust drohte plötzlich zu zerspringen von aufgestautem Schmerz. Und Zorn. Am Ende hatten sie es geschafft, ihm Yama zu nehmen. Seine Hoffnung, sein neues Licht. Am Ende hatte er etwas gefunden, für das es sich voranzugehen lohnte, und sie hatten es ihm doch noch geraubt. Über hundert Jahre Erfahrung im Kampf gegen die Gaia Sanction hatten nicht genügt; Yamas Wunsch, Menschen zu vertrauen, war ihm zum Verhängnis geworden.
„Captain, die Gaia-Flotte wird bald hier sein“, sagte Kei mit brüchiger Stimme. Eine überflüssige Information, und sicher wusste sie das selbst.
„Lasst sie kommen“, erwiderte Harlock.
Kei japste. „Captain! Wir wissen nicht mit Sicherheit, dass Yama – … dass er tot ist!“
„Sie hat Recht“, sprang Yattaran ihr sofort bei. „Wir sind nicht in der Lage, auch nur den kleinsten Beweis dafür zu erbringen. Verlangen Sie von uns, dass wir uns auf den Rücken legen und uns erschießen lassen? Bei allem Respekt, da hat mir der Schwachsinn mit den Zeitknoten besser gefallen.“
Es war unverblümt und traf einen Nerv. Harlock holte mühsam Atem. Schon einmal hatte er von seiner Crew verlangt, mit ihm zu sterben, weil er nicht mehr kämpfen wollte. Zweimal, um präzise zu sein. Ein drittes Mal kam das nicht in Frage.
Endlich schloss er seine Finger um den kalten Metallrand der Liege und setzte sich auf. Plötzlicher Schwindel zwang ihn kurz zum Innehalten. Lange hatte er sich nicht mehr so schwach gefühlt, so menschlich schwach. „Miime“, murmelte er. „Welche Möglichkeiten haben wir?“
Seine älteste Freundin erwiderte seinen Blick teilnahmsvoll. Nur er war in der Lage, die feinen Regungen auf ihren Zügen zu erkennen. „Ohne die Dunkle Materie kann die Arcadia sich nicht selbst heilen. Sicher ist unserem Feind das bewusst. Wenn wir eine Konfrontation überleben wollen, dann …“
„Dann brauchen wir eine List“, folgerte Harlock. Innerlich fluchte er. Es gab eine lange Liste von Spielereien, der er sich gewöhnlich bediente und die beliebig erweiterbar war; bis heute fiel die Gaia-Flotte, die immer wieder neue junge Männer an die Spitze ihrer Truppen setzte, auf Projektionen, Spiegelbilder und Finten herein. Doch jeder dieser kleinen Zaubertricks bedurfte der Macht der Dunklen Materie. Wenn die Arcadia nur noch ein antiquiertes Schiff war, dazu noch eines ohne Antrieb, dann nützten alle bestens erprobten Manöver nichts. Er stöhnte leise. „Ich muss nachdenken.“
Er wusste nicht, ob er das können würde. In seinen Eingeweiden saß ein schwarzer Klumpen aus Angst und Kummer. Dass Yama noch lebte, war unmöglich. Die Verbindung zur Dunklen Materie war das, was ihn bei Kräften hielt, ein Teil seiner Lebensenergie – den anderen Teil brachte er als Opfer dar, um solch gewaltige Kräfte beherrschen zu können. Yama und die Dunkle Materie waren aneinander gebunden wie ein Symbiont und ein Wirt. Er konnte nicht existieren, wenn sie ihn verließ, nicht lange. Und schon gar nicht konnte er einen Kampf gewinnen.
Innerlich betäubt ließ Harlock sich von der Pritsche gleiten, nahm kurz Miimes angebotenen Arm als Stütze an und richtete sich dann auf. Seine Offiziere sahen ihn an. Erwartungsvoll. „Wir beratschlagen uns auf der Brücke.“
„Augenblick“, schaltete sich der Doktor ein. „Ich würde Sie gern noch einmal untersuchen.“
Harlock zögerte, dann willigte er ein. Kei und Yattaran verließen das Schiffslazarett, doch Miime blieb, wo sie war.
„Eins interessiert mich“, fuhr der Arzt fort. „Nämlich, wenn Sie nicht mehr mit dem Schiff und der Dunklen Materie verbunden sind … Warum hat es Sie dann auf die Bretter geschickt, als der Generator beschädigt wurde, und nicht nur Miime?“ Er kreuzte die Arme vor der Brust und hob die Augenbrauen.
Harlock schüttelte matt den Kopf. „Darauf habe ich keine Antwort.“ Er brauchte Miime nicht anzusehen, um zu wissen, dass auch sie keine hatte.
***
Yama erwachte eine Ewigkeit später. Dämmriges Licht sickerte zu ihm hinunter in die feuchtwarme Höhle. Er konnte nicht abschätzen, wie lange er bewusstlos gewesen war, da er nicht wusste, wie lange ein Tag auf Tokarga dauerte.
Immer noch wurde sein Körper beherrscht von langsam pulsierendem Schmerz. Er war nicht mehr so grell und alles vereinnahmend wie zuvor, doch das Loch in seiner Brust sendete stetig wie ein Funkturm. Atmen fiel schwer. Etwas rasselte in seinen Lungen mit jedem angestrengten Zug, vielleicht Blut. So viele Details, auf die er unmittelbar nach dem Absturz nicht hatte achten können … Zum Beispiel auch darauf, dass er völlig ungeschützt war. Bei seiner Mission mit Kei hatten sie beide immerhin basalste Raumanzüge getragen, wegen der Nähe zur Magmakammer mit ihren aufsteigenden korrosiven Gasen und auch als Schutz gegen die hohen Temperaturen des Magmaflusses. Jetzt trug er nur seine Kleidung, abgenutzt vom Kriechen und Stürzen über Gestein. War die Luft hier unten gefährlich? Vermutlich nicht, da das digitale Kartenwerk eine blaue Zone angezeigt hatte. Habitabel. Stabil. Jedenfalls im Moment. Die Wärme konnte nur bedeuten, dass sich eine Ansammlung von geschmolzenem Gestein in entfernter Nähe befand. Um darüber besorgt zu sein, fehlte ihm die Energie. Im Moment war er nur dankbar, dass die Höhle ihn warm hielt und vor Bouko schützte.
Bouko?
Parcipel, entsann er sich. Das grausam angeschossene Gesicht des Mannes tauchte wieder vor seinem geistigen Auge auf, wie er auf Yama herunterstarrte und ihm einen qualvollen Tod ankündigte. Diese Drohung konnte er wahrmachen. Er hatte alles, was er brauchte: die beiden Shuttles samt Verpflegung, Trinkwasser, Wundverbänden und Arzneien. Die Arbeitsboote der Arcadia waren gut ausgestattet, Kei hatte Yama alles vorgeführt, nachdem er mit ihr eins der beiden bestiegen hatte.
Ja, Parcipel hatte alles, und Yama hatte nichts.
Langsam lichtete sich die Watte in seinem Kopf und erlaubte dem Terror wieder heineinzusickern. Er war hier nicht sicher. Parcipel würde sich selbst verarzten mit der medizinischen Ausstattung des Trägershuttles, und dann würde er hier herunterklettern und nach ihm suchen …
Vielleicht stirbt er auch, dachte Yama mit klopfendem Herzen. Er ist verwundet, auf andere Weise als ich, aber nicht weniger schwer … Die Verletzung kann ihn töten, wenn sie nicht richtig versorgt wird …
Genau wie seine eigene. Und Yama war noch dazu so kraftlos, dass er nicht einmal aufstehen konnte. Was würde es auch nützen, Parcipel zu überleben? Die Arcadia hatte keinen Antrieb, keinen Captain … Niemand konnte ihm zu Hilfe kommen …
Am liebsten wäre er wieder in die Ohnmacht geflüchtet. Doch da war ein Drang in seinem Körper, der seine Aufmerksamkeit mit aller Macht auf sich zog. Durst. Er hatte schrecklichen Durst. Blutverlust und Schwitzen hatten seinem Körper lebenswichtige Flüssigkeit entzogen. Er zwang sich, den Kopf zu heben, und da kehrte auch das Geräusch zurück – das Tropfen, regelmäßig wie ein Uhrenticken. Es war die ganze Zeit da gewesen, doch er hatte es ausgeblendet. Jetzt rief es ihn. Zog ihn magisch an.
Yama zwang sich, auf Händen und Knien weiter zu kriechen. Sein ganzer Körper protestierte gegen die Anstrengung. Seine Zunge klebte am Gaumen. Instinktiv wusste er, dass er dem Tod gerade näher war als dem Leben.
Doch Yama wollte nicht sterben. Noch nicht. Er kämpfte sich vorwärts. Die Kaverne wurde nicht mehr tiefer, nur noch enger. Die letzten Meter zu krabbeln war so beschwerlich, dass er einige Male auf dem Bauch liegen blieb, fast bereit aufzugeben; doch dann zwang ihn das Verlangen nach Wasser wieder hoch, und schließlich, endlich, zwängte er seinen Oberkörper bis zur Hüfte durch den hintersten Spalt, und da war er. Im spärlichen einfallenden Licht glitzernd lag er vor ihm, ein unterirdischer See. Hier sammelte sich das Wasser. Nichts kräuselte die glatte Oberfläche, nichts Lebendiges schien darunter zu hausen. Mit aller Macht versuchte Yama, sein Becken durch den Spalt zu winden. Sein Gürtel mit dem Waffenholster verhinderte es, doch er hatte keinen Nerv dafür, zurückzukriechen und ihn zu lösen. Stattdessen riss er einen seiner Handschuhe herunter, streckte den Arm damit aus, tauchte die zittrige Hand in die Flüssigkeit und schöpfte etwas davon zum Mund. Das meiste perlte zwischen seinen Fingern hindurch, doch ein kleiner Teil erreichte seine Lippen. Wasser. Tatsächlich. Es war lauwarm und schmeckte fad und abgestanden, doch es war Wasser. Yama schöpfte und schöpfte, bis sein Arm ermattet war und der Stein unter ihm eine einzige Pfütze. Endlich hatte er das Gefühl, tatsächlich noch am Leben zu sein.
Halb in dem Spalt steckend, die Wange in der warmen Wasserlache liegend, die sich unter seinem Gesicht gebildet hatte, trübte er wieder ein. Sein Schlaf war erschöpft, aber nicht tief, einer Ohnmacht näher als erholsamem Schlummer. Schatten drifteten durch seinen Geist, immer wieder zuckten seine Hände oder Füße unruhig. Die dumpfen Schmerzen strahlten bis in sein Unterbewusstsein aus. Irgendetwas rumorte ihn ihm, wühlte in seinen Eingeweiden herum. Seine Lungen lagen schwer in seiner Brust, wie mit Blei gefüllt.
Yama erwachte zitternd, fröstelnd von einer Kälte, die nicht aus seiner Umgebung kam, sondern aus ihm selbst.
Fieber.
Er hatte kein Fieber mehr gehabt, seit er sich von dem Unfall im Gewächshaus erholt hatte. Damals hatte sich eine seiner vielen Wunden trotz der guten Behandlung infiziert, und er hatte drei verschiedene Antibiotika ausprobieren müssen, bis die Bakterien endlich klein beigaben. Ganz genauso fühlte er sich jetzt – das Pochen der Wunde, die Hitze, die von ihr ausging und seine Brust durchzog, gleichzeitig das Gefühl von Kälte, die in seinem Inneren saß.
Was hatte er auch erwartet? Mit einer Schussverletzung, die ihn hätte töten müssen, die nicht verbunden, nicht behandelt, nicht einmal desinfiziert worden war? Und er neigte zu Infektionen, das hatte ihm zuletzt die Wunde um sein Auge gezeigt.
Langsam kehrte das furchtbare, alles verschlingende Gefühl von Verzweiflung zurück. Das Wissen, dass die Situation ausweglos war und mit seinem Tod enden würde – egal, wie gut er sich vor Parcipel versteckte, egal, wie viel Wasser er trank, egal, wie eisern er sich ans Leben klammerte …
Yama zog die Beine enger an den Körper. Er würde hier liegen bleiben, in der Wärme, beim Wasser. Etwas anderes konnte er nicht tun. Wenn er schon sterben würde, dann hier in seinem Versteck, so komfortabel wie möglich.
Zweiunddreißig Stunden lag er so da, während die Fieberträume ihn schüttelten.
***
Die Gaia Sanction erschien pünktlich, als Harlock und Miime die Brücke betraten.
Es fühlte sich seltsam an, wieder ans Steuerrad zu treten und die Finger über das polierte Holz gleiten zu lassen. Er gehörte hier nicht hin. Er empfing nichts von der Arcadia; sie war still unter ihm, und er fühlte sich nackt und unbeholfen.
Seine Leute waren auf ihren Posten.
„Captain, da ist sie!“, meldete Alonso. „Die Kurzstreckenscanner registrieren ein Schiff, vierzig Grad Steuerbord, Skyraider-Klasse!“
„Die Astraios.“ Harlock fixierte das imposante Schiff, das noch weit entfernt vor ihnen schwebte, angestrahlt von einem nahen Stern und weiß leuchtend.
„Was sollen wir tun, Captain?“, fragte Cervus. Harlock sah sich um. Alle blickten ihn an, jeder war bereit, den erstbesten Befehl auszuführen, den er geben würde. Doch er hatte keinen für sie. In-skip, Dunkle-Materie-Schild, Ausweichmanöver … nicht einmal die Zielerfassung der Geschütze würde funktionieren.
„Nichts“, antwortete Harlock schlicht. „Wir lassen sie kommen.“
„Waaas?“ Yattaran starrte ihn an, als hätte Harlock vollends den Verstand verloren. „Aber wir hatten doch darüber geredet! Wir können nicht …“
„Unternehmt nichts“, sagte Harlock ruhig.
„Aber die eröffnen gleich das Feuer auf uns!“
„Das werden sie nicht tun.“
„Was, warum denn nicht?“ Yattaran blinzelte irritiert.
„Weil sie wissen, was wir an Bord haben.“
Kei verstand; ein Blick zu seiner Rechten zeigte ihm, wie sich ein wissendes Lächeln auf ihre Züge stahl. „Ein Vermögen.“
Die Astraios näherte sich weiter, langsam, mit relativer Lichtgeschwindigkeit von fünfzehn Prozent, wie Alonso verlauten ließ. Ihre Hauptkanonen waren drohend auf die Arcadia gerichtet, doch sie feuerte nicht; stattdessen legte sie sich seitlich neben die Arcadia, bis die Hüllen gegeneinander schrammten – und dann, in einer schnellen Folge von scharfem Krachen, schlugen die Ankerkabel ein wie Harpunen.
Rums.
Rums.
Rums.
„Alles bereitmachen zum Nahkampf“, befahl Harlock. „Heißen wir sie willkommen.“
Es fühlte sich an wie ein Déjà-vu. Zu vertraut war diese Situation, zu kurz die Zeit, die vergangen war, seit Yamas Bruder mit der Okeanos versucht hatte, die Arcadia zu entern. Damals war Harlocks Crew geschwächt gewesen, Isoras Männer ausgeruht und erfahren. Dieses Mal jedoch kämpften sie nicht gegen die handverlesene Elite der Gaia Sanction – diese war, sofern nicht zuvor von Harlocks Männern abgeschlachtet, vom Jovian Blaster pulverisiert worden. Noch bevor der Kampf begann, spürte Harlock ein Gefühl grimmigen Triumphs. Sie hatten ihm Yama genommen, sie hatten Yamas Träume zerstört und mit ihnen die Hoffnung darauf, die Erde wiederzubeleben. Doch sie würden keine einzige ihrer wertvollen Früchte zurückbekommen.
Hatten sie auch bereitwillig ihre besten Männer geopfert, dieses Opfer würde endlich wehtun.
Eilige Fußtritte von vielen schweren Stiefeln näherten sich durch die brutal in die Hülle gerammten Gangways. Gaias Männer stürmten heran, mit gezogenen Waffen. Harlocks Crew stand in ihren Rüstungen bereit, Äxte und Knüppel fest in den Händen. Lautlos ließ Harlock seinen Säbel aus der Schlinge an seinem Gürtel gleiten.
Für Yama.
Trank
Die Gaia Sanction hatte einen großen Fehler damit gemacht, ihre besten Männer zu opfern. Die Crew der Astraios bestand überwiegend aus Grünschnäbeln und Feiglingen. Ihr Angriff erfolgte weit weniger koordiniert als der der Okeanos-Besatzung vor einigen Wochen; nur wenige Männer waren erfahren, gingen entschlossen in die Offensive und hielten die Hierarchien ein. Viele waren eingeschüchtert vom aggressiven Widerstand, der ihnen in Form von Hieb- und Stichwaffen entgegenschlug, ganz zu schweigen davon, dass Harlocks Piraten trotz ihrer Brutalität taktisch geschickt und geschlossen agierten.
Einmal mehr auf seine wilde, starke Crew vertrauend, schlug Harlock sich einen Weg durch die Wellen von Angreifern hindurch, wich Plasmageschossen aus, streckte Feinde mit gezielten Schüssen oder Säbelstreichen nieder. Er wollte sie nicht nur von seinem Schiff vertreiben, sondern auch auf ihres gelangen, und das möglichst unbemerkt. Allzu beschwerlich war es nicht, denn alle Reihen weiß gekleideter Gaia-Männer waren in derbe Kämpfe auf Leben und Tod verwickelt. Harlock glitt zwischen ihnen hindurch wie ein Schatten. Manch ein Soldat erfuhr nie, was ihn im Vorbeigehen tötete.
Harlock wollte den Captain.
Auf der Okeanos hatte er den Weg zur Brücke mühelos gefunden; das strukturelle Innendesign der Gaia-Schiffe hatte sich seit seiner Dienstzeit vor vielen Jahrzehnten kaum verändert. Er eilte durch die Gänge, schlüpfte in den Aufzug.
Ein Mann trat ihm entgegen, höher dekoriert als das Enterkommando. Harlock blockte den sehr geistesgegenwärtig abgefeuerten Laserstrahl mit der Parierglocke des Schwerkraftsäbels und führte einen kraftvollen Hieb gegen die Mitte des Mannes aus. Tödlich. Ein Schritt über den zusammengesackten Körper brachte Harlock in die Kommandozentrale.
Zwei Soldaten duckten sich hinter ihre Konsolen und feuerten auf ihn. Einer der Strahlen streifte Harlocks Schulter und versengte seine Haarspitzen, der andere ging weit an ihm vorbei. Harlock antwortete mit zwei schnellen Schüssen aus Cosmo-Dragoner, und mehr bedurfte es nicht.
Der dritte Mann in der Mitte des Raumes, auf dem Kapitänssessel, hatte keine Waffe gezogen. Er starrte Harlock nur mit wutverzerrter Miene an. Er war jung, doch sein Rangabzeichen wies ihn bereits als Commander aus. Wahrscheinlich hatte er exzellente Bewertungen an der Militärakademie gesammelt.
„Harlock“, knurrte er, und da war ein ganz leichtes Zittern unter dem drohenden Ton. „Es stimmt also, du bist noch immer auf der Arcadia zu Hause. Einige Männer haben erwartet, du würdest dich wie ein Geist in Luft auflösen, nachdem deine Herrschaft geendet hat.“
„Aber dann habt ihr Meldung von Garfudias bekommen“, folgerte Harlock glatt. Seine Hand mit dem Säbel hing entspannt an seiner Seite herab.
„Ganz recht. Es gibt also einen neuen Captain Harlock … oder besser, es gab ihn.“
Harlock schluckte seinen Zorn. Er hatte hier keinen Platz. „Du bist nicht der Captain dieses Schiffes.“
„Ich bin Commander Amedes, Erster Offizier und Stellvertreter des Captains. Ich habe das Kommando an Bord.“
„Und warum?“
„Unser Captain ist auf einer Außenmission.“ Trotz seiner sichtbar unterdrückten Furcht brachte der Mann einen festen Blick zustande.
Harlock war nur für den Bruchteil einer Sekunde verwirrt – das Flaggschiff der Gaia-Flotte griff die Arcadia an, während sein Captain auf einer Außenmission war? –, dann zählte er eins und eins zusammen. „… Also so ist das. Ich verstehe.“ Mit beherrschten Zügen kehrte er sich langsam von Amedes ab. „Wir sehen uns wieder.“
„Augenblick“, rief der Commander ihm nach. „Warst du nicht gekommen, um mich zu töten?“
„Du bist nicht der, den ich suche.“ Harlock ging weiter. Sah aus dem Winkel seines guten Auges das Zucken von Amedes’ Waffenhand.
„Ist dir deine Ehre so wichtig, dass du einem erklärten Feind den Rücken kehrst?“
Einem nicht würdigen Feind, dachte Harlock, ohne sich umzudrehen.
Dann rauschte an Amedes’ Pult das Intercom. „Commander, sie sind zu stark. Die Verluste sind zu hoch!“
„Zieht euch zurück“, antwortete Amedes bemüht ruhig. Seine Waffe blieb gesenkt.
„Verstanden, Sir.“
Harlock blieb nicht, um den Rest zu hören. Er ging, und sie blieben beide am Leben.
Die Soldaten flohen an ihm vorbei, als würden sie ihn nicht bemerken, wie er gemessenen Schrittes zurück auf die Arcadia ging. Niemand hielt ihn auf, und er hielt niemanden auf. Im Vorbeigehen schnappte er Funksprüche auf – „Verstärkung ist angefordert“, „Müssen erst unsere Schäden reparieren“, „Die Arcadia läuft uns nicht davon“, „Stimmt, die geht nirgendwohin“ –, doch leider nichts über den Captain, der auf seiner Außenmission war. Auf Tokarga. Um Yama zu töten. Bedeutete es auch nur den kleinsten Lichtblick, dass dieser Mann immer noch nicht auf sein Schiff zurückgekehrt war? Wäre Yama tot und die Mission erfüllt, hätte ihn die Astraios dann nicht aufgelesen? Harlock wagte, ganz vorsichtig Hoffnung zu schöpfen. Nur ein wenig, mahnte er sich, nicht zu viel, doch dieser Funken genügte, um sein Herz wild klopfen zu lassen.
Begrüßt wurde er von seiner jauchzenden Crew, die ihre Waffen schwang.
„Sind abgehauen wie die Kaninchen!“, verkündete Yattaran durch das Visier seiner Rüstung. „Wir haben so viel Schaden angerichtet, wie wir konnten. Leider haben sie sich viel zu schnell entschlossen, den Schwanz einzuziehen. Sollten aber genug Pfeffer gekriegt haben, dass wir sie eine Weile nicht wiedersehen werden.“
„Aber sie werden wiederkommen“, mahnte Harlock. „Mit mehr Schiffen. Und vielleicht sind ihnen ihre Äpfel dann nicht mehr so wichtig.“
Angesichts dieser düsteren Prophezeiung flaute der Jubel ab. Seine Crew ging wieder auf ihre Posten und kümmerte sich um die Schäden, die die Arcadia davongetragen hatte und die sie nun manuell reparieren mussten, so weit es ging. Verletzte wurden zur Krankenstation begleitet.
Harlock ging in sein Quartier und versuchte sich auszuruhen, doch er kam nicht zur Ruhe. Seine Gedanken kreisten unentwegt um die Möglichkeit, dass Yama noch lebte, wie ein Planet um seinen Stern. Wenn Yama noch nicht tot war, dann möglicherweise kurz davor. Vielleicht kämpfte er gegen Bouko – den Captain – in einem zermürbenden Todesmatch, das sich über Stunden und Tage hinzog …
Er musste ihm helfen. Irgendwie musste er einen Weg finden, Yama zu holen. Und sei es nur, um seinen Körper in den Armen zu halten und Gewissheit zu haben …
Der Gedanke hielt ihn endlos wach.
***
Yama erwachte zu sonderbaren Geräuschen. Er kannte sie, doch es dauerte, ehe sie seinen fiebrigen Verstand bis zu seinem Gedächtnis durchdrangen. Ein Giggeln und Kieksen, fast wie in einem Cartoon, und dann plötzlich …
… berührte etwas sein Gesicht.
Er schreckte hoch, krampfte und stöhnte vor Schmerzen auf. Sein ganzer Körper fühlte sich an wie eine riesige, schwärende Wunde, und die Schwäche zwang ihn sofort wieder in die Waagerechte. Als der Blick unter seinem flatternden Augenlid sich endlich klärte, sah er eine kleine, astförmige Gestalt, bedeckt mit Auswüchsen, die wie blau schimmernde Blätter aussahen. Es stakste erneut auf sein Gesicht zu, und er sah noch eins, und weitere … Ihre Umrisse verloren sich weiter hinten im Dunkel der Höhle entlang des Sees, der vor ihm lag.
Tok pli, dachte er benommen. Die kleinen, auf Tokarga heimischen Kreaturen, die unentwegt sinnlos anmutende Handlungen ausführten und, so hatte Kei zumindest behauptet, damit bereits eine Wissenschaftlerin in den Wahnsinn getrieben hatten.
Wahnsinn war nichts, das Yama gerade gebrauchen konnte. Es gefiel ihm nicht, dass sie ihn so neugierig einkreisten und zu berühren versuchten. Womöglich waren sie am Ende Fleischfresser, die nach geschwächter Beute ausspähten …
Erneut versuchte er, den Oberkörper aufzurichten. Sofort überfluteten ihn Schwindel und Übelkeit, und jäh kehrte auch der Durst mit vernichtender Intensität zurück. Yama konnte ihn nicht ignorieren – so gern er auch gewollt hätte, so sehr sein Zustand auch die Angst vor dem Tod überlagerte –, er musste zum Wasser.
Doch er steckte noch in der Spalte. Nach einem langsamen, tiefen Atemzug, um sich gegen den Ansturm von Schmerz zu wappnen, schob er sich auf allen Vieren rückwärts, bis er einen Arm zu seiner Taille bringen konnte. Mühsam, mit starren Fingern, löste er seinen Gürtel. Es schien Jahre zu dauern, bis er die Schnalle geöffnet hatte und das Pistolenholster zur Seite fiel. Nun konnte er einen neuen Anlauf nehmen, sich ganz in die Kaverne mit dem Wasser hineinzuschlängeln.
Auch das dauerte ewig, und die Anstrengung ließ ihn fast erneut das Bewusstsein verlieren. Die Tok pli glucksten in den Schatten um ihn herum, trauten sich aber nicht wieder an ihn heran, solange er in Bewegung war. Ihre bläulichen Wedel leuchteten schwach, als enthielten sie Biolumineszens. Yama sah sie überall, auf dem Boden, an der Decke, an den Wänden – trotz ihrer winzigen Beinfortsätze liefen sie wie Gliederfüßer mühelos an allen Seiten hinauf und hinunter, tanzten und riefen und alberten. Es wirkte grotesk, im Dunkeln noch weit mehr als bei Tageslicht, und Yama fürchtete sich vor ihnen. Beinahe panisch wurden seine Bemühungen, die Enge zu überwinden, sodass er sich würde wehren können, wenn sie an ihn ansprangen …
Dann, endlich, war er durch. Nichts war passiert. Er konnte zum flachen Ufer des kleinen Sees robben, sich darüber beugen, das Gesicht hineintauchen …
Er hatte nicht erwartet, wie viel Kraft es erfordern würde, den exakten Abstand zur Wasseroberfläche einzuhalten. Er kippte nach vorn, bekam Wasser in die Nase, zog sich hustend wieder hoch. Das Husten brachte ihn fast um, so sehr tat es weh. Dabei wollte er beinahe lachen – wie lächerlich kurz er davor war, in einer Wasserlache zu ertrinken, die nicht mal eine Handbreit tief war –, doch zu lachen hätte er nicht überlebt. Als er so viel getrunken hatte, dass sein Körper wieder Ruhe gab, lag er eine weitere gefühlte Ewigkeit elend auf dem Bauch. Sein Geist regte sich allmählich wieder, jenseits von bloßen Reflexen und Triebbefriedigung. Was tat er hier überhaupt? Warum tauchte er nicht absichtlich sein Gesicht in dieses leblos schmeckende Wasser, um die Dinge zu beschleunigen? Wie lange wollte er sich hier quälen – bis Parcipel ihn fand und genüsslich hinrichtete? Lieber sollte er sich selbst ein Ende setzen. Harlock würde es sicher so machen …
Harlock.
Der Gedanken an Harlock jagte einen Stromstoß durch Yama, eine andere Art von Schmerz. Harlock und die Arcadia trieben hilflos im All, weil das Schiff keinen Captain hatte. Waren sie noch am Leben oder hatte die Gaia-Flotte schon kurzen Prozess mit ihnen gemacht? Vielleicht wehrten sie sich noch verzweifelt, kämpften mit den letzten Mitteln, die ihnen geblieben waren, und verfluchten Yama und seine dummen, undurchdachten Einfälle.
Starke Schuldgefühle überkamen ihn. Wieder einmal hatte er, indem er Menschen, die er liebte, etwas Gutes tun wollte, diesen Schreckliches angetan. Diesmal hatte er nicht impulsiv gehandelt, er hatte wirklich geglaubt, die beste Entscheidung zu treffen. Vielleicht sollte es nicht anders sein … Er hätte auf seine Leute hören müssen. Er hätte …
… hätte mit Harlock ins Bett gehen sollen.
Ja, das sogar ganz besonders. Er hatte Harlock abgewiesen, und nun starben sie beide. Er hätte es tun sollen mit ihm – nicht nur an jenem Tag, sondern an allen weiteren danach, solange es möglich gewesen war. Er hätte Harlock und auch sich selbst seine Gefühle eingestehen sollen, ganz egal, woher sie kamen. Zum Teufel damit.
Doch nun war es zu spät.
Die Tok pli kamen wieder näher, und er verscheuchte sie mit so wenigen Bewegungen wie möglich. Ehe er sich von ihnen fressen ließ, würde er sich lieber ertränken. Vielleicht würde er das tun, beim nächsten Mal, wenn er Durst bekam.
Plötzlich ließen Geräusche ihn zusammenzucken, andere Geräusche. Sie kamen aus dem Spalt, durch den er in die dunkle See-Kaverne gekrochen war, und Yama wusste sofort, was sie bedeuteten: Parcipel. Er kam.
Yama versuchte, am schmalen Ufer der Wasserlache weiter ins Dunkel zu kriechen, doch schon nahm das Scharren von Stiefeln und Handschuhen auf Stein weiter zu, nur um kurz zu verharren, und dann –
– jagte ein Schuss herein. Der Knall fegte durch den Spalt, tausendfach verstärkt und hallend wie ein Donnerschlag. Kurz leuchtete es hinter dem Durchlass grell auf und entblößte Parcipels wutverzerrte Miene. Sicher hatte er Yama im kurzen Lichtschein gesehen.
Hilflos kroch Yama weiter rückwärts, immer weiter in die schummrige Finsternis. Die rasche Bewegung raubten ihm erneut fast die Sinne, doch er konnte nicht von einer Ohnmacht in die nächste sinken, nicht, wenn der Tod ihn im Visier hatte. Wenn er schon starb, dann nicht durch die Gaia Sanction. Niemals.
Das verräterische Geräusch seines lauten Keuchens ließ sich unmöglich unterdrücken. Sicher hatte Parcipel auf ihn angelegt wie ein Jäger auf seine Beute. Yama sah ihn nicht, denn das zuvor durch die Enge im Gestein gesickerte dämmrige Licht war nun verdeckt.
Einen quälend langen Moment, in dem Yamas Herz jagte und seine Lungen brannten, geschah nichts. Sein rechte Ohrmuschel begann schmerzhaft zu stechen, und er begriff, dass Parcipels erster Schuss ihn durchaus getroffen hatte. Er biss die Zähne zusammen.
Dann, plötzlich, wieder das glucksende Giggeln rings umher. Die Tok pli staksten auf den Spalt zu, eins nach dem anderen, ihre kleinen Gestalten nur schemenhaft abgehoben. Dann entdeckte auch Parcipel sie: Mit einem Fluchen wich er vor ihnen zurück. Dadurch fiel wieder Licht herein, und Yama sah, wie die Tok pli an die verbundene Stirnwunde des Mannes zu gelangen versuchten. Der Verband war schmutzig und blutdurchtränkt. Immer wieder hüpften die kleinen Wesen darauf zu, nur um von Parcipels um sich schlagenden Armen davon gestoßen zu werden. Er war viel muskulöser als Yama, konnte sich dadurch nicht so geschmeidig durch den schmalen Gang schieben und passte erst recht nicht durch den Spalt.
Kurz wurde es wieder dunkel. Yama erstarrte, befürchtete, dass sein Feind ihn erneut ins Visier nahm. Doch die flinken Tok pli ließen es nicht dazu kommen: Immer mehr von ihnen kletterten von Yamas Unterschlupf aus durch die Enge hinaus und sprangen den Mann an. Zu seiner Überraschung hörte Yama das Zischen seiner eigenen, vor dem Spalt liegen gelassenen Plasmapistole, als Parcipel versuchte, die Plagegeister abzuwehren – natürlich wollte er nicht seine eigenen Geschosse dafür verschwenden, die er für Yama aufsparte. Grelle Strahlen zischten durch die Enge des Tunnels, und plötzlich schrie Parcipel auf vor Wut und Schmerz, als die Ladung zurückschlug und ihn selbst traf. Aus dem kurzen Aufschrei wurde ein unbeherrschtes Aufbrüllen des Zorns.
In diesem Moment begriff Yama etwas Essentielles: Die Kopfwunde, die er Parcipel beigebracht hatte, hatte diesen nicht nur körperlich verletzt. Unter dem verkohlten Schädelknochen hatte sich mehr getan, als der Verband verdecken konnte.
Auf einmal verschwand Parcipel von dem Spalt. Das scharrende Geräusch entfernte sich zusammen mit den Gluckslauten.
Yama wartete. Lauschte. Hinter seiner Stirn drehte sich alles, doch er hielt seine Sinne beisammen, bereit, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.
Doch auf der anderen Seite regte sich nichts mehr. Parcipel blieb fort, zusammen mit einigen der Tok pli, und es wurde gespenstisch still in der Höhle.
Yamas schwerer Atem beruhigte sich nur langsam. Mühsam drehte er den Kopf, um sich umzusehen; hinter ihm in der Felswand prangte ein tellergroßer Krater, wo das Hartkerngeschoss eingeschlagen war, Yama knapp verfehlend. Das hieß, nicht ganz. Dunkle Blutspritzer klebten dort, und als Yama eine zitternde Hand an seine rechte Ohrmuschel hob, kamen die Finger rot und klebrig zurück. Die Kerbe würde bleiben. Er hatte erneut unverschämtes Glück gehabt.
Die übrigen Tok pli schlichen wieder hinein und kamen giggelnd auf ihn zu. Das Blut zieht sie an, dachte Yama, doch schon wieder wurde die Müdigkeit unerträglich und ließ seine Glieder schwer wie Blei werden. Er konnte sie nicht mehr abwehren, nicht halbtot, wie er war. Anscheinend brauchte er sich gar nicht selbst zu ertränken. Und darüber sollte er froh sein …
Kleine spitze, bläuliche Zungen begannen sein Blut zu lecken. Das in seinem Gesicht, am Ohr und auch das getrocknete auf seiner Brust. Dort war sein Shirt, über dem die gerissene Jacke offen lag, getränkt von gelblichen Wundsekreten, teils getrocknet und teils klebrig-nass. Erst jetzt bemerkte Yama, dass die Wunde entsetzlich stank. Nach Eiter und Fieber und entzündetem Fleisch.
Die Tok pli wurden immer mehr und immer zudringlicher, einander beiseite tretend, um besser an die Wunden heranzukommen. Seltsam, dachte Yama, sie haben doch gar keine Münder … Er wehrte sich nicht. Sein Körper war wie ein defektes Gerät. Und es waren doch nur kleine Zungen … etwas rau wie die von Katzen, aber harmlos. Sie hatten keine Widerhaken. Keine Zähne kamen aus den winzigen Gesichtern, keine Säure spritzte irgendwo heraus, nichts, das die Wunden schlimmer machte. Das Lecken tat nicht einmal weh. Es war beinahe zärtlich.
Als Yama wieder einschlief, war er sehr, sehr sicher, dass es das letzte Mal sein würde.
***
Am dritten Tag kehrte die Gaia-Flotte nicht zurück, und am vierten auch nicht.
Harlock hatte seinen Platz auf der Brücke nur noch verlassen, wenn es absolut nötig war. Was sollte er in seinem Quartier, oder sonst irgendwo? Also saß er den Tages- wie Nachtzyklus hindurch auf seinem Thron, starrte hinaus ins All und … existierte. Seine Crew kam und ging, führte nutzlose Handlungen aus, versuchte zu helfen, die Lage irgendwie zu verbessern; doch am Ende gab es nicht viel, das sie tun konnten. Yattarans Schätzung, wie lange die gespeicherte Energie sie auf der Arcadia am Leben halten würde, hatte längst auch den letzten Mann erreicht. Wenn es nicht gelang, den Dunkle-Materie-Generator wieder in Gang zu setzen, konnten sie nichts weiter tun, als ihrem Ende entgegenzusehen. Dieses würde – und wahrscheinlich mussten sie dafür dankbar sein – in Form eines triumphalen Militärschlags der Gaia-Flotte kommen.
Hin und wieder kam der Doktor zu ihm und bat ihn, etwas zu essen. Harlock nahm seine Anweisungen zur Kenntnis, fühlte sich aber außerstande, sie zu befolgen. Nahrungsaufnahme war ihm noch nie so lächerlich trivial erschienen. In Gefangenschaft würde er nie in einen Hungerstreik treten, weil es dumm war, sich aus Protest selbst zu schwächen; doch seine jetzige Appetitlosigkeit war eine ganze Dimension von Protest entfernt. Ob er aß oder nicht, spielte schlicht keine Rolle.
Er vermisste Tochiro. Jener hätte es verstanden, Harlock zu trösten und zu ermutigen, wie immer, wenn sie in ausweglos erscheinende Situationen geraten waren. Doch das Ausfallen des Zentralcomputers hatte seinen ältesten Freund ins Koma versetzt. Was seinen zweitältesten Freund betraf, so sah Harlock nicht viel von Miime. Sie wusste, wie wenig sie für ihn tun konnte, und verschwendete ihre Zeit nicht damit, ihn zu bemuttern. Stattdessen verbrachte sie Stunde um Stunde am sabotierten Generator, versuchte herauszufinden, warum auch durch ihre Hände keine Art von Reparatur akzeptiert wurde. Harlock fühlte mit ihr. Einmal mehr hatte sie, ohne das über Jahrtausende gehütete Wissen ihrer Ahnen, sich der schier unlösbaren Aufgabe verschrieben, mit den alten Mächten des Universums in Kontakt zu treten, mit ihnen zu kommunizieren, ihre Wege zu ergründen. Wie damals vor dem Ritual, als die Systeme der Arcadia nach und nach zu versagen begonnen hatten, laugten diese Versuche zu helfen Miime aus, trieben sie an den Rand der Erschöpfung. Trotzdem würde sie niemals aufgeben, um seinetwillen. Harlock hatte den Schaden selbst gesehen – wie eine Wunde sah der Krater aus, den die Explosion ins Herz des Schiffes gerissen hatte, schwarz und schwärend und lebendig. Das Leck schien zu pulsieren, und immer wieder lösten sich spinnwebfeine Fäden Dunkler Materie aus dem Material, um kraftlos in der gefilterten Luft zu zerstäuben.
Während das Gros der Besatzung Trübsal blies und auf Bildschirme starrte, die kaum etwas anzeigten, hielt Kei ihren Posten genauso eisern wie Harlock. Unentwegt beobachtete sie, soweit es noch möglich war, die Situation auf Tokarga. Die Arcadia stand lotrecht über der Stelle, von der die Ortungssignale der beiden Shuttles ausstrahlten. Kei hielt die Scanner darauf ausgerichtet, als könnten wie durch Zauberhand auch die Biosensoren plötzlich wieder anschlagen und Lebenszeichen detektieren. Harlock wusste, welcher Gedanke Kei so unermüdlich arbeiten ließ, denn er hatte ihn ebenfalls gefasst.
Als Yattarans schwere Schritte hinter ihm die Brücke betraten, drehte er kaum den Kopf. Sein Blick blieb auf Keis Rücken gerichtet, wie sie alle dreißig Sekunden die Scanner neu kalibrierte, minutenlang auf Tokargas blaue Atmosphäre herabstarrte oder – ein Zeichen mühsam verhohlener Frustration – die herabhängenden Fäuste krampfhaft öffnete und schloss.
Yattaran, der etwas in der Hand hielt, schenkte Harlock im Vorbeigehen einen lässigen Salut und wandte sich, als er wenige Schritte später bei ihr ankam, an Kei. „Irgendwas Neues?“
„Warum fragst du überhaupt?“, brauste sie auf. „Glaubst du nicht, dass ich es nicht sofort jedem sagen würde?“
„He, reg dich ab. Ich hab dir ’nen Kaffee mitgebracht.“
Kei atmete tief aus, und ihre Züge glätteten sich. Sie nahm den Becher, schaute sekundenlang hinein und brummte dann: „Danke.“
„Ich will dir nicht zu nahe treten, aber du und der Captain, ihr richtet hier nicht viel aus, egal wie lange ihr wach bleibt. Ihr solltet beide mal ’ne Mütze voll Schlaf nehmen.“
„Ich kann sowieso nicht schlafen“, gab Kei zurück. Harlock stimmte ihr im Stillen zu.
Yattaran versuchte es noch einmal: „Ich will dir nicht mit Wahrscheinlichkeitsrechnung kommen, aber seine Chancen –“
„Es gibt Hoffnung“, fiel Kei ihm ins Wort. „Die Flotte ist noch nicht gekommen, um ihren Captain von Tokarga abzuholen, das hätten wir registriert. Das bedeutet, dass er seine Mission noch nicht abgeschlossen hat.“
„Oder dass sie beide tot sind“, relativierte Yattaran todernst.
„Aber wenn nicht, dann besteht die Chance, dass Yama sich vor ihm verstecken konnte. Wir wissen nicht, welche Befehle dieser Mann der Astraios gegeben hat. Vielleicht kommen sie am Ende doch, um einzugreifen, wenn …“
„… Wenn ihr Kommandeur es nicht allein schafft, Yama umzulegen.“ Yattaran schnaubte. „Kei, lass uns realistisch sein. Wenn sie Mann gegen Mann kämpfen müssen, hat Yama keine Chance. Er ist ein Kätzchen.“
Diese Bemerkung brachte Kei augenblicklich wieder zur Weißglut. „Er ist kein Kätzchen! Er ist klug! Warum denken immer alle, Yama müsste ein Kriegertyp sein? Er ist ein Denkertyp. Nur hat er keine Brille auf, und deshalb erwarten alle von ihm, dass er gut darin sein muss, andere umzubringen!“
„Klar, nenn es, wie du willst. Wie soll er bitte da unten überleben? Es sind sind schon fünf Tage, und er hat wahrscheinlich keinen Zugang zu Nahrung oder Arzneien. Hat sein Assassinen-Crashkurs bei Gaia ihn etwa darauf vorbereitet?“
Kei wollte etwas Hitziges erwidern; selbst aus der Distanz und im trüben Licht des Notstroms sah Harlock von seinem Platz aus das Wechselspiel der Gefühle auf ihrem Gesicht, ehe sie den Kopf resigniert sinken ließ. „Ich hatte doch nur so große Hoffnung in das alles … Ich wollte genauso wie Yama, dass auf der Erde wieder Bäume wachsen und all das. Hattest du jemals zuvor eine Blume gesehen, Yattaran? Ich meine, aus der Nähe? Ich noch nie. Als Yama sie in der Arrestzelle aus dem Probenbehälter nahm und ins Licht hielt …“ Ein feiner Schauder durchlief sie. „Ich habe so viel gelesen über Blumen … Über den Duft von Rosen oder die Farbe von Vergissmeinnicht. Ist das alles wahr? Werde ich es je wissen?“
Yattaran berührte ihre Schulter, flüchtig und etwas unbeholfen. „Naja, weißt du … Wenn es dir hilft, Hoffnung zu haben, dann bringe ich dir gerne jede Stunde einen Kaffee.“ Dann wandte er sich ab und trottete wieder davon.
Harlock lehnte sich in seinem Thron wieder zurück. Sein Kokon aus körperlicher und geistiger Gefühllosigkeit lichtete sich ein wenig und ließ einen dünnen Strahl aus Emotionen herein. Sofort regte sich wieder der Wunsch in ihm, zu irgendetwas nützlich zu sein, irgendetwas zu tun … Sicher fühlte Kei sich die ganze Zeit so.
„Harlock.“ Miime war neben ihm erschienen, lautlos und geschmeidig. Weiche, schwach glimmende Funken umschwirrten sie. Auch sie hielt einen Becher in der Hand, den hohen schlanken weißen, der eher einer Vase glich und aus dem sie selbst ihren Nährtrank zu trinken pflegte. „Ich … habe eine Theorie. Sie ist nur sehr vage, denn wie du weißt, kann ich die Antworten, die ich erhalte, nur näherungsweise deuten.“ Sanft nahm sie seine Hand und schob den Becher hinein. Eine schwarze Flüssigkeit kreiste darin, viel dunkler als Kaffee. Etwas schien sich darin zu regen, ein bläulicher Schimmer wie eine flüssige Flamme.
„Miime …“, setzte Harlock an, doch er schloss den Mund wieder, ohne die Frage zu stellen. Er brauchte nicht zu fragen. Sie würde ihm nicht antworten können. Einen Augenblick lang schaute er in den Becher, beobachtete die Oberfläche, die sich kräuselte, als hauste etwas Lebendiges darunter; dann setzte er das Gefäß an die Lippen und sog den Inhalt in tiefen Zügen in seine Kehle. Die Flüssigkeit schmeckte wie Asche und zeichnete brennend die Konturen seiner Eingeweide nach. Harlock schluckte ohne Eile, fühlte, wie das Getränk in ihm schwer herabsank wie ein bleiernes Lot.
Miimes Hand lag auf seiner, kühl und ruhig. Ihre großen Augen hielten seinen Blick.
Harlock spürte einen Anflug von Übelkeit. Er schluckte, dann noch einmal und noch einmal. Dann, mit einem Mal, beruhigte sich sein Magen, und dann wurde er … müde. So müde, dass er auf der Stelle in Schlaf fallen und nie wieder erwachen wollte. Er griff nach den Armlehnen und stemmte sich hoch, wankte kurz und wurde von Miime gestützt.
„Ich begleite dich“, sagte sie.
Harlock schaute zu Kei, die ihm weiterhin den Rücken kehrte und auf ihre Monitore starrte. Dann nickte er und ließ sich von Miime von der Brücke führen. Ohne sie, das wusste er, würde er es nicht bis zu seinem Quartier schaffen.
In seinem Bett lag er wie ein gefallener Stern, reglos und mit schweren Gliedern.
„Wie hat es sich für dich angefühlt?“, fragte Miime sanft von der Bettkante aus.
Harlock wusste, dass sie nicht ihren Trank meinte, sondern den Moment, in dem der Dunkle-Materie-Generator zerstört worden war. „Es tat weh“, murmelte er. Dabei hätte er gar nichts spüren dürfen. Er hatte alle Verbindung zur Arcadia und zur Dunklen Materie an Yama abgetreten. „Aber warum?“
„Das ist es, was wir herausfinden müssen“, erklärte Miime.
„Es fühlte sich an, als würde etwas aus mir herausgerissen. Yama … Als wäre er in mir gewesen, wie ein … Anker. Ich fühlte seinen Schmerz und seine Angst.“
Miimes Handrücken strich federleicht über seine vernarbte Wange. „Such nach ihm. Versuch ihn zu finden, stell die Verbindung wieder her.“
Wenn er noch lebt, dachte Harlock. „Wenn ich nichts finde …“
„Dann haben wir Gewissheit“, schloss sie.
Dann gibt es nichts mehr für uns. Nur noch den Tod.
Harlock schloss die Augen. Er hörte nicht, wie Miime ihn verließ, doch er spürte ihre Präsenz von seiner Seite weichen. Auch das war etwas, das nicht möglich sein sollte. Er blieb allein in der Dunkelheit und Stille seines Quartiers zurück, den Blick eines äonenalten Auges auf sich ruhen fühlend, und lauschte in sich hinein, wo die Schwärze nun unruhig auf und ab wogte.
Yama …
Hier hatte er mit ihm gelegen, auf der wollenen Überdecke, später auf dem Laken. Er ließ zu, dass seine Gedanken davondrifteten, zurück zu diesem Moment der vollkommenen Einheit mit Yama. Sie kannten einander noch immer nicht lange, doch schon bei ihrer ersten Begegnung war der Funke übergesprungen. Harlock hatte gewusst, dass Yama ihn verändern würde, seine Pläne durchkreuzen und ihn zu einem besseren Menschen machen würde. Sie hatten beide gelitten, erst getrennt, doch dann gemeinsam.
Harlock streckte den schweren, kaum gehorchenden Arm aus und griff unter das Bett. Dort war es – das verschraubte Glas mit dem wertvollen Gleitmittel von Thulis. Yama hatte feierlich das goldene Siegel gebrochen. Jetzt kostete es Harlock einige Mühe, den Deckel abzuschrauben, doch als es geschafft war, flutete sofort der beinahe magische Duft über ihn herein. Mit Yama hatte er ihn zum ersten und letzten Mal gerochen. Schon wurden die Erinnerungen an Worte und Berührungen, an Geräusche und Gefühle wieder lebendig … Harlock erschauerte unter der Heftigkeit der aufsteigenden Lust. Er wusste nicht, was Miimes Trank tun würde, doch er vertraute ihr blind. Fest kniff er das Auge zusammen, roch an dem Glas, steigerte sich hinein in den Moment der Ekstase, den er im Geiste noch einmal auferstehen ließ.
Yama ist am Leben. Die Erkenntnis kam ihm unvermittelt und machte ihn ganz schwindelig. Er ist nicht tot … und hat noch nicht aufgegeben.
Harlock klammerte sich an Yamas Lebenskraft. Sie war irgendwo in ihm, und er spürte ihr nach, verfolgte sie, während seine Erregung weiter wuchs. Als er endlich, endlich Hand an sich legte, war augenblicklich Yamas Wärme bei ihm. Atem auf seiner Haut. Fingerspitzen in seinem Haar. Ein gieriger Kuss, und Yamas Hüften drängten ihn nieder, tiefer in die Laken …
Welch eine unglaublich realistische Halluzination. Harlock erzitterte voller Genuss und gab sich Yama hin. Yamas Stärke und Lebensenergie waren damals so überwältigend gewesen, und jetzt musste Harlock sie ihm zurückbringen. Yama brauchte ihn. Harlock musste ihm alles geben, was er hatte.
Er biss die Zähne zusammen, als er kam, krümmte sich auf der Decke und fühlte den klebrigen Erguss erst warm, dann kalt auf seinen Fingern. Plötzlich war er schwach. Unsäglich kraftlos. Es fühlte sich an, als sei mit dem Höhepunkt alle Lebenskraft aus ihm herausgeflossen, hinaus ins All, ins Nirgendwo. Er schwitzte, und sein Atem ging schwer und schleppend. Eine schiere Ewigkeit blieb er so liegen. Kaum fähig, einen Muskel zu regen.
Er hätte doch etwas essen sollen.
Yama …, war sein letzter Gedanke, ehe er in einen tiefen, erschöpften Schlaf fiel.
Teilsieg
Yamas Fieberträume wurden immer schlimmer. Er wand sich und schwitzte und wurde immer wieder von seinem eigenen Stöhnen und Keuchen geweckt. Schattenhafte Gestalten umtanzten ihn auf seinem Krankenbett am schmalen Ufer des unterirdischen Sees, alptraumhafte Kreaturen kreisten ihn ein, ohne dass er sie in seinem Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachsein erkennen oder gar abwehren konnte. Fetzen aus einem älteren Traum mischten sich dem ängstigenden Brei bei – jenem Traum, den er vor dem Ritual gehabt hatte und der ihm beinahe prophetisch erschienen war: Skelettierte Leichen in allen Korridoren der Arcadia, die grabesstill im Raum schwebte, ohne die Präsenz von Miime oder Tori oder Tochiro. Yama wusste, wie der Traum weiterging, wusste, dass er Harlock mit schimmernden Ketten ans Steuerrad gefesselt vorfinden würde, nur um schaudernd zu entdecken, dass das verhärmte Gesicht des Captains sein eigenes war. Als er schon glaubte, die Stressreaktionen seines krampfenden Körpers nicht mehr ertragen zu können, wurden die wilden Bilder endlich weicher. Er begann von Harlock zu träumen, von seiner Nähe, seiner Wärme; schließlich glaubte er, Harlock dicht bei sich zu spüren, ohne ihn wirklich sehen oder berühren zu können. Allein dieses Gefühl, nicht mehr allein zu sein, beruhigte sein aufgewühltes Unterbewusstsein. Ihm war nicht klar gewesen, wie verzweifelt er war.
Die Harlock-Träume begannen in schnellerer Folge über ihn hinweg zu fluten, bis es nur noch Bilder waren, Eindrücke, die Yama zu seinem eigenen Erstaunen wiederzuerkennen glaubte – Erinnerungen lange vor Yamas eigener Geburt …
Harlock und Tochiro als junge Männer in der Kantine der Militärakademie, die sich über ihre dampfenden Tassen hinweg neugierige Blicke zuwarfen.
Schwärze, dann Wärme, eine hauchzarte Berührung …
Ein junger Captain Harlock, der in den Spiegel starrte, das Gesicht blutüberströmt, die medizinische Heftmaschine aus dem Schiffslazarett fest in der Hand. Der Säbelhieb hatte seine Gesichtsarterie durchtrennt, doch sein Schiffsarzt war tot – er musste die Wunde allein versorgen, wenn er die Tethys zurückerobern wollte. Er setzte die Heftmaschine an, und eine nach der anderen bissen die Klammern in seine Haut, zogen sie über dem klaffenden Schnitt in seiner linken Wange zusammen …
Yama wand sich. Schwarze Wirbel umgaben ihn wie ein Schutzwall vor der Gewalt, die ihn da draußen erwartete …
Harlock, wie er einen jungen Mann auf der ausgeklappten Rampe des Hangardecks betrachtete, schlank und mit großen scheuen Augen, die Hände im Nacken verschränkt und nicht in der Lage, eine Antwort auf eine einfache Frage zu geben. Gleich würde Yattaran ihn in die Tiefe stürzen lassen, wenn er seine Zunge nicht fand. Welch ein hübscher, mutiger Junge … und so fehl am Platz wie ein Blütenkelch in einer leblosen Wüste.
Yama japste auf. Eine plötzliche heftige Erregung packte ihn und löste sich mit dem Gefühl, Harlock um sich, bei sich, in sich zu haben. Mit einem Mal zogen sich die Fratzen der Träume von ihm zurück, sanken hinein in die Schatten, aus denen sie emporgestiegen waren.
Yama erwachte in der Ruhe und Behaglichkeit seines warmen Refugiums. Langsam, wie aus großer Tiefe, tauchte er ins Bewusstsein auf. Seine Atemzüge waren jetzt ruhig und tief, und je klarer er wurde, desto deutlicher wurden auch die neuen Signale, die sein Körper an seinen noch ziemlich wirren Verstand sandte.
Die Schmerzen hatten deutlich nachgelassen. Noch immer pochte die Wunde in seiner Brust, wie um ihn auf ihre Existenz hinzuweisen, doch sie drängte sich nicht länger in den Vordergrund seiner Wahrnehmung. Ebenso war sein Schweiß getrocknet, sein Fieber fort – als hätte es eine höhere Macht einfach aus ihm hinausgesogen. Yama fühlte sich noch immer geschwächt, aber nicht mehr so elend und krank wie zuvor. Es erschien ihm wie ein Wunder.
Als er sich vorsichtig aufrappelte, bemerkte er ein unangenehmes Gefühl zwischen den Beinen. In seinem Schritt war es klebrig und nass, und … seine rechte Hand lag dort. Unnötigerweise errötete er, als er sie wegzog. Hatte sein leidender Körper wirklich dafür Energie aufgewendet?
Er konnte die Frage nicht weiter verfolgen, denn im selben Augenblick traf ihn eine weitere, starke Empfindung, plötzlich und heftig und kaum beherrschbar: Hunger.
Yama ächzte und drehte sich um. Seine Muskeln reagierten träge und seine Gelenke beschwerten sich nach dem langen Liegen in unbequemer Position, doch es bestand kein Zweifel daran, dass seine Genesung deutlich – und unerwartet – fortgeschritten war. Dafür forderte sein Körper nun die Bezahlung ein. Er hatte enorme Regenerationsarbeit geleistet und eine Menge Energie ins Heilen investiert; jetzt schlug er Alarm, wie groß die Not war.
Ich muss hier raus, dachte Yama schwindelig. Ihn verlangte nach einer Wäsche, sauberer Kleidung, aber vor allem nach Nahrung. Sein wertvolles Trinkwasser würde er nicht für ein Bad missbrauchen, also hatte er sowieso keine andere Wahl, als sein Refugium zu verlassen. Seine Hoffnung konzentrierte sich auf sein Trägershuttle, der einzige Ort, an dem es Proviant gab – doch die Aussichten waren nicht gerade gut. Zweifellos wartete Parcipel dort auf ihn, bereit, Yama bei genau solch einer Dummheit zu erwischen. Doch es gab keine Alternative.
Halb gehend, halb krabbelnd machte Yama sich auf den Weg zum Spalt vor dem Höhlengang. Auf halbem Weg hielt er inne und horchte. Wie viel Zeit war überhaupt vergangen, seit er eingeschlafen war? Die Tok pli waren nicht mehr um ihn; das Licht sickerte noch genauso schräg in den Durchlass hinein wie zuvor. Hätte er, um so weit zu heilen, nicht wochenlang schlafen müssen? Er hob die Hand, die immer noch ohne Handschuh war, ans Gesicht, doch da waren nicht die bekannten weichen Stoppeln zu fühlen. Sein Bartwuchs war nie exorbitant gewesen; zumindest hatte Nami immer gescherzt, dass er, abgesehen von seinen gelegentlichen impulsiven Ausbrüchen, der sanfteste Junge wäre, den sie kannte, und daher nicht viel Testosteron im Blut haben könnte. Wahrscheinlich stimmte das. Schon als Junge war er von Gleichaltrigen dafür belächelt worden, sich für Blumen statt für Waffen zu interessieren und lieber Dinge zu pflegen als zu bekämpfen. Eigenschaften, die mit Weiblichkeit assoziiert waren und in einer Welt, die von Männlichkeit dominiert wurde, wenig Raum hatten.
Jedenfalls waren offenbar nur Stunden vergangen. Stunden voller unangemessener Harlock-Träume … und auch die Tok pli hatten ihn nicht verspeist. Als Yama unter der Jacke und dem Shirt vorsichtig seine Wunde betastete, fühlte er weder Krusten noch Schmutz. Sie war ganz sauber und reagierte nicht allzu empfindlich auf die Berührung.
Erstaunlich. Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken.
Vor dem schmalen Durchlass lag noch immer das Pistolenhalfter, doch die Waffe war fort; Parcipel hatte sie natürlich mitgenommen. Mit zittrigen Gliedern begann Yama den Aufstieg zurück in die große Kaverne. Er war auf einer gefährlichen Mission: Zwar war er fieber- und nahezu schmerzfrei, aber trotzdem noch immer in einem sehr schlechten Zustand.
Die Helligkeit blendete ihn beinahe, obwohl das Gestein der größeren Grotte, in denen die beiden Trägershuttles lagen, nicht direkt vom Sonnenlicht beschienen war. Yama schaute sich um, sah Parcipel nicht und begann hoffnungsvoll, auf sein abgestürztes Raumfahrzeug zuzukrabbeln. Geduckt, immer eine Hand am Boden. Hoffentlich würden ihn sein Keuchen und sein Magenknurren nicht verraten …
An der Tür hoch über ihm blinkte noch immer das Warnlicht. Die Notfallautomatik des Shuttles war also intakt. das Notsignal wurde fortwährend an die Arcadia gesendet. Nach einem kurzen Verharren mit laut klopfendem Herzen ließ Yama seinen Blick langsam durch die Grotte schweifen. Nichts war zu hören oder zu sehen; Parcipels Shuttle stand in Parkposition nur wenige Meter entfernt. Lange hielt Yama das Warten nicht aus und setzte zum Versuch an, an der Schubdüse seines aufrecht an der Wand lehnenden Gefährts hinaufzuklettern. Schon nach dem Absturz hatte sich das Entkommen als Herausforderung erwiesen, und auch jetzt verließen ihn rasch wieder die Kräfte. Mit einem unterdrückten Schmerzlaut plumpste er auf sein Hinterteil.
Nur einen Sekundenbruchteil später zappte ein Plasmastrahl an ihm vorbei und fraß mit hohem Zischen ein Loch in die gelbe Shuttlehülle, wo eben noch Yamas Nacken gewesen war. Yama presste sich auf den Boden und erstarrte.
„Weg da!“, knurrte Parcipel. Er hockte in der Tür seines intakten Shuttles und hielt Yamas Waffe auf ihn gerichtet. „Denkst du wirklich, du könntest da drinnen noch was finden?“ Sein Kopfverband war schmutzig und seine Stimme klang verwaschen, wie unter Drogen. Sicher hatte er Medikamente aus dem Versorgungsbestand eingenommen, das hochdosierte Morphium oder auch etwas anderes.
Yama zitterte unkontrolliert. Angst und Unterzuckerung mischten sich in seinem Blut. Tapfer sagte er: „Sie müssen das nicht tun … Wir – wir können zusammenarbeiten und beide überleben.“
„Nein. Verräter.“ Parcipel gab einen neuen Feuerstrahl in seine Richtung ab, ganz kurz, wie um ihn zu vertreiben.
Yama drückte sich an die Felswand. „Bitte … Wenn Sie ein Schiff führen, dann sind Sie ein kluger Mann …“, redete er weiter, doch Parcipels Augen waren kalt wie Kiesel.
„Du weißt, dass du damit dein eigenes Grab schaufelst.“ Er lachte freudlos. „Ich werde dich nicht am Leben lassen, F111, egal was du tust.“
„Mein Name ist Yama …“
„Ich will deinen Namen nicht hören. Ich will dich nicht kennen.“ Noch ein letzter, sehr schlecht gezielter Schuss. „Mach, dass du wegkommst!“
Yama trat die Flucht an. Das hier war aussichtslos, eine neue Schusswunde würde ihm den Rest geben. Hektisch brachte er sich hinter seinem senkrecht stehenden Trägershuttle in Sicherheit. Einen Augenblick verharrte er dort, kam wieder zu Atem und spähte schließlich hinter dem lädierten Gefährt hervor. Parcipel war aus der Tür verschwunden, diese hatte sich automatisch wieder geschlossen. Für den Moment war die Luft rein.
Aber was jetzt?, schoss es ihm durch den Kopf. Er war der Verzweiflung nahe. Selbst wenn es ihm gelang, in sein Shuttle zu klettern, ohne von einem unter Drogen stehenden Parcipel durchsiebt zu werden, würde dort nichts mehr zu holen sein. Als ausgebildeter Stratege hatte der Mann zweifellos als erstes die Vorräte beider Shuttles an sich genommen – Zeit genug hatte er schließlich gehabt.
Yamas Gedanken rasten. Wo sollte er hin, was sollte er tun? Seine zurückerlangte Gesundheit half ihm nicht, wenn er keine Nahrung fand. Er brauchte sie jetzt. Aber das hier war Tokarga, ein Planet, von dem er mit seiner Spezialisierung auf Erdenpflanzen nicht die geringste Ahnung hatte. Ohne große Hoffnung begann er, die Anhöhe auf der anderen Seite hinabzukriechen, so gut sein wackeliger Körper es vermochte. Einen Teil der Strecke purzelte er wie ein Spielball. Wäre Yama nicht ein geübter Kletterer, hätte er diese Etappe längst nicht mehr bewältigen können. Doch er war immer körperlich stark gewesen, stärker als andere Jungen in seinem Alter, und das allein hatte ihn befähigt, die schwindelerregend hohen Klippen auf Mesillas zu erklimmen, wo die Arcadia ihn ausgewählt und mitgenommen hatte …
Der Fels wurde kälter unter seinen Händen und Knien. Die sich ständig erweiternde Grotte bot nichts als nacktes Gestein. Doch je weiter er auf die offene Ebene zukroch, desto mehr sandiges Substrat sammelte sich zwischen den hervorstehenden Steinkanten und erlaubte es einer grasähnlichen Vegetation, sich festzuklammern. Yama starrte die dünnen, bläulich-grünen Halme an. Er konnte nicht wahllos irgendetwas kauen … Jede Verdauungsstörung war potenziell tödlich. Und er war verdammt noch mal nicht nach einem feuchten Traum von Harlock gesund geworden, um an einer Vergiftung zu sterben.
Mühsam kämpfte er gegen die aufkeimende Panik an und hielt seine Gedanken zusammen. Konzentrier dich, dachte er, benutz deinen Kopf … Kei hatte doch gesagt, der Planet wäre einst besiedelt gewesen. Menschen hatten versucht, hier Kolonien zu gründen. Welche Nutzpflanzen könnten sie hier angesiedelt haben? Unter Krämpfen kämpfte Yama sich weiter nach oben, bis auf die Oberfläche, wo ihn sofort ein schwacher, kühler Wind umwehte. Nichts als verstreut liegende Steine, soweit das Auge reichte, inmitten der kärglichen, grasähnliche Vegetation.
Denk nach, befahl er sich selbst. Du bist Botaniker, verdammt!
Es kam nicht in Frage, dass er hier verhungerte. Dies war eine stabile Fläche, oder nicht? Blau auf Yattarans Bildschirm, verschont von Geodynamik. Nur hier konnte sinnvoll etwas angebaut worden sein. Aber was? Yama zwang sich, lange ungenutztes Wissen abzurufen. Im Studium hatte er sich kaum mit Grenzplaneten beschäftigt, doch er hatte lernen müssen, welche Ansprüche die gängigsten Nutzpflanzen an ihre Böden stellten. Während er sich vorwärts kämpfte, ging er alles im Geiste durch, eine Pflanze nach der anderen. Wie lange war Tokarga schon verlassen, welche Feldfrüchte würden ohne Pflege überleben und einfach verwildern?
Als seine nackten Finger plötzlich in eine kleine Wasserpfütze zwischen zwei Felszacken stießen, blinzelte er verwirrt. Wasser … Richtig, das Wasser auf diesem Planeten schmeckte schal, nicht wahr? Er schöpfte eine kleine Menge mit der hohlen Hand und schlürfte sie auf. Ja, auch diesem Wasser, sicherlich Niederschlag, fehlte es an Geschmack. Daraus ließ sich schließen, dass auch der Boden äußerst arm an Mineralien war. Diese Feststellung schloss viele Pflanzen von seiner Liste aus …
… Und da hatte er den perfekten Kandidaten. Den einzigen, strenggenommen, wenn er annahm, dass die Pflanze überdauert hatte. Yogeria orthodoxa – eine energiereiche, langsam wachsende Knolle von Berda, die nur im Abstand mehrerer Jahre gute Erträge brachte und dafür mit kargen, salzarmen Böden zufrieden war. Überirdisch bemerkte man sie kaum, denn ihre zierlichen Lanzettblätter waren leicht mit Gräsern zu verwechseln. Yamas Blick schärfte sich.
Während er schwerfällig weiterging, bückte er sich immer wieder und betastete dem Boden, bohrte einen Finger ins weiche Erdreich. Hier wurde die Substratschicht endlich dicker. Nicht aufgeben. Lange würde er die Anstrengung nicht mehr durchhalten, er war einfach zu ausgelaugt. Sein Magen krampfte, und seine Kehle schmeckte nach Galle.
Doch seine botanischen Kenntnisse ließen ihn nicht im Stich.
Nach unermüdlichem Wühlen im sandigen Erdboden, als ihm bereits die Schultern schmerzten und er sich vor Schwindel kaum noch aufrecht halten konnte, umschlossen seine fast tauben Finger endlich eine knubbelige Knolle. Sie war fester und kleiner, als Yama sie kannte, doch von Erde befreit wies sie die vertraute blaugekörnte Schale auf. Endlich – er hielt Nahrung in der Hand! Yama konnte sein Glück kaum fassen. Hastig bohrte er seine Fingernädel in die Schale. Sie war dicker als die der Kulturform und widerstand seinen Angriffen, also begann er sie mit den Zähnen durchzubeißen und abzuziehen. Yogeria orthodoxa war zum rohren Verzehr nicht geeignet, doch dieser Umstand konnte Yama gerade nicht weniger interessieren. Er wusste, was zu erwarten hatte: ein sehr fettreiches, schwammiges Fleisch, angereichert mit einem starken Süßstoff. Das Durchgaren der Knolle machte die Konsistenz bissfest und eliminierte die Süße, doch das war ein Luxus, den Yama nicht zur Verfügung hatte. Kaum dass er die Schale abgebissen hatte, begann er das Innere zu kauen.
Er hatte es sich etwas angenehmer vorgestellt. Die Knolle war wabbelig wie ein Weichtier und schmeckte grässlich süß. Yamas Magen verkraftete den Bissen nur dank seines eisernen Willens. Er kaute mit zusammengekniffenen Augen und sagte sich mantraartig auf, wie wertvoll und nahrhaft diese Knolle war; er konnte es sich nicht leisten, sie wieder von sich zu geben.
Nach dem Schlucken kostete es ihn viel Überwindung, eine zweite und dritte Knolle zu essen, und danach war ihm übel. Doch er fühlte sich kräftiger. Nur darauf kam es an. Er würde weitere Knollen essen, wenn es nötig war.
Mit dem gesunden Auge betrachtete Yama seinen verbliebenen Handschuh. Wie lange war es her, dass er über die verschlissenen Nähte sinniert hatte? Eine Ewigkeit. Jetzt würde das Kleidungsstück einem letzten Zweck dienen. Mit der neu gewonnenen Stärke grub Yama vier weitere Knollen aus dem Erdboden und stopfte sie in den Handschuh; das isolierende Material würde sie trocken halten, wenn er in seine feuchtwarme Höhle zurückkehrte.
Einen langen Moment lang starrte Yama einfach nur hinauf in den trüben Himmel, dankbar dafür, noch am Leben zu sein. Trotz der Übelkeit fühlte er einen stillen Triumph: Zum ersten Mal hatte es sich für ihn als nützlich, vielleicht sogar lebensrettend erwiesen, dass er Botaniker war.
Er war dem Überleben ein Stück näher gekommen.
***
Später in der Nacht kam der Schüttelfrost. Harlock hatte kein Zeitempfinden, während er immer wieder fröstelnd zwischen Schlafen und Wachen hin und her driftete. Er hatte ganz vergessen, wie es sich anfühlte, krank zu sein.
Irgendwann erschien Miime an seinem Bett und legte eine kühle Hand auf seine erhitzte, schweißfeuchte Stirn. Alles, was er hervorbringen konnte, war: „Etwas stimmt nicht.“ Dabei war das Gegenteil der Fall. Es stimmte alles.
Miime lächelte. „Deine Crew macht sich Sorgen. Du wurdest seit fast zwanzig Stunden nicht mehr gesehen.“ Ihre Finger strichen über seine Schläfe. „Ich werde den Arzt zu dir schicken.“
Harlock schloss sein Auge, und als er es wieder öffnete, stand der Doktor über ihn gebeugt – etwas umständlich, da ihm sein Bauch im Weg war – und betrachtete ihn skeptisch. „Scheint Sie ja ganz schön erwischt zu haben, Captain. So habe ich Sie noch nie gesehen. Wie fühlen Sie sich?“
Harlock dachte darüber nach, ob diese Frage wirklich einer Antwort bedurfte.
„Nun gut. Darf ich Sie untersuchen und Ihnen die Temperatur abnehmen?“
Als Bestätigung seiner Kooperation unternahm Harlock einen Versuch, sich aufzusetzen. Der Raum begann sich zu drehen, sodass er sich schwer gegen zwei Stützen lehnen musste – die großen Hände des Arztes. Sie lehnten ihn behutsam gegen die Wand seiner Kabine, strichen dann das Haar über seinem linken Ohr zurück und stecken etwas hinein. Es piepste leise.
Der Schiffsarzt runzelte die Stirn. „Ein so steiler Temperaturanstieg in so kurzer Zeit deutet meist auf eine Infektion hin. Sind Sie verletzt, Captain? Haben Sie Schmerzen?“
„Nicht richtig.“ Seine Stimme klang wie ein Reibeisen. Ja, er spürte diffuse Schmerzen, hätte aber weder Ort noch Stärke benennen können.
„Wir müssen den Infektionsherd finden, damit ich das richtige Antibiotikum auswählen kann.“
Gleichmütig ließ Harlock zu, dass der Doktor ihn abtastete und, wo nötig, entkleidete; er half mit, so gut er konnte, doch seine unkoordinierten Bewegungen schienen dem Mediziner eher im Weg zu sein. Eine gefühlte Ewigkeit später befand der Arzt, dass er äußerlich nichts finden konnte.
„Höchstseltsam. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als Ihnen auf Verdacht ein Breitband-Penicillin zu geben. Gleich werde ich noch eine Blutprobe nehmen, und dann sehen wir mal.“
Harlock war mit allem zufrieden, das nicht seine Mitarbeit erforderte. Aus irgendeinem Grund wollte er nichts mehr als Schlafen, obwohl er das soeben stundenlang getan hatte.
Yama, dachte er matt. Ich hoffe, meine Gesundheit hilft dir zu überleben …
Der Arzt räusperte sich. „Captain?“
„Hmm.“
„Ich habe gefragt, ob Sie das Kommando auf Yattaran übertragen, solange Sie das Bett hüten.“
„Ja … natürlich.“ Wem sonst? Yattaran war sein Erster Maat und Stellvertreter, ihn einzusetzen entsprach dem Protkoll. Dann fiel ihm ein, dass dieser Fall bislang nie eingetreten war. Noch nie zuvor war er zu krank gewesen, um selbst auf der Brücke zu stehen. „Warten Sie“, krächzte er, als er den Rücken des Arztes in der Tür sah. „Wie ist … die Lage?“
Der Doktor drehte sich um. „Soweit ich weiß, ist alles wie zuvor. Die Crew geht allmählich die Wände hoch vor Tatenlosigkeit. Es laufen Wetten, wann die Gaia-Flotte uns vernichtet.“
Das war zu erwarten, dachte Harlock matt. Wir driften im Orbit eines menschenleeren Planeten wie Treibholz … wie Weltraummüll. Auf einem Silbertablett.
„Rufen Sie per Com durch, wenn Sie mich brauchen. Ich melde mich spätestens mit den Ergebnissen. Einstweilen überlasse ich Sie der fürsorglichen Pflege Ihrer Krankenschwester.“
Der Doktor ging, und kaum dass er weg war, kehrte lautlos Harlocks genannte Krankenschwester an sein Bett zurück. Miime betrachtete ihn ohne das geringste Anzeichen von Sorge. „Alles wird gut werden“, versprach sie. „Hier an Bord hast du die besten Bedingungen, um Yamas Krankheit auszukurieren.“
„Zumindest … ist er sicher noch am Leben.“
„Kei hat Recht mit dem, was sie sagt. Es ist noch nicht an der Zeit, Yama aufzugeben. Er hat einen stärkeren Willen und mehr Fähigkeiten, als viele der Männer denken.“
Und das muss auch so sein … Er ist der Captain … „Miime … Bitte … bleib bei mir.“ Er sagte es ohne nachzudenken. Yamas Einsamkeit lastete auf ihm wie ein bleiernes Gewicht, und er fürchtete sich vor der Leere eines selbst so kleinen Raumes.
„Aber natürlich.“ Miime strich über die empfindliche Haut unterhalb seiner Augenklappe. „Ich bin an deiner Seite.“
Harlock schlief wieder ein.
***
Yama kehrte nicht in die Grotte zurück. Stattdessen erkundete er weiter die Ebene, auf der er die verwilderten Yogeria-Knollen geerntet hatte. Inzwischen war er sich fast sicher, dass es sich um das Waidar-Plateau handelte, das er schon beim ersten Anflug auf Tokarga damals auf einem von Alonsos kreisrunden Monitoren gesehen hatte. Er konnte nicht sehen, wo es endete, aber ganz sicher fiel es steil in schroffen Fels ab. Abwechslungsreich war die Umgebung nicht; die Vegetation war karg und die Felsen zackig und grau, und immer wieder rumpelte und zitterte es in der Ferne, als tobten unterirdische Gewitter unter der Felskruste.
Inzwischen war seine Übelkeit wieder verschwunden und er fühlte sich einigermaßen gestärkt. Er musste sich vorsichtig bewegen, da seine Wunden bei allem Fortschritt noch empfindlich waren und bei Belastung brannten. Er hatte Schmerzen so satt wie noch nie. Während er mit bedächtigen, überlegt gesetzten Schritten voranging, hatte er genug Zeit, seine Situation zu überdenken. Seine einzige Chance zu entkommen bestand darin, das Trägershuttle, mit dem Parcipel ihm gefolgt war, für die Rückkehr zur Arcadia zu nutzen. Sein Gegner war ähnlich angeschlagen wie er, hatte jedoch die medizinische Versorgung und den nahrhaften Proviant zur Verfügung, und ganz sicher würde Yama sich beidem nur über seine Leiche nähern können. Ich habe ihn dazu gebracht, sich selbst in den Kopf zu schießen, dachte Yama, noch immer erstaunt. Diese Verletzung hatte Parcipel auch im Wesen verändert, ihn unbeherrschter und dadurch noch gefährlicher gemacht. Es führte kein Weg daran vorbei: Yama würde ihn besiegen müssen, um das Shuttle zu nehmen. Doch die fehlende Verbindung zur Arcadia und zur Dunklen Materie verhinderte, dass er seine Kräfte ganz zurückgewann, egal wie lange er hier ausharrte und sich von den widerwärtigen Yogeria ernährte.
Er hatte über noch etwas nachgedacht, als er eine Pause machte (nach wie vielen Stunden? Der Himmel schien sich nicht verändert zu haben) und eine der eklig süßen, glibberigen Knollen zwischen den Backenzähnen zerquetschte, den Würgreiz unterdrückend. Und zwar über den Sprengkopf. In der Kaverne hatte er ihn erblickt, oben in der Wand steckend, und Yattaran hatte Recht: Das war geradezu unverschämtes Glück. Es hatte keinen Grund zur Annahme gegeben, dass sich der Sprengkopf sicher in einer stabilen Zone befand. Das Ding war in die verdammte Magmakammer gestürzt, nachdem es Yama und Harlock mit vereinten Kräften gelungen war, die Halteklammern zu öffnen. Am Boden der Höhle, bei seinem Wasservorrat, hatte Yama die Wärme des nahen Lavaflusses durch das meterdicke Gestein gespürt. Warum war der Sprengkopf nicht weiter auf Reisen, sondern wie durch ein Wunder in einer stabilen Zone gelandet? Magma spülte nichts an wie ein Meer. War es möglicherweise ein Teil von Parcipels Mission, auch den Sprengkopf zu bergen, sodass Harlock nie wieder hundert Stück davon auf einmal besitzen konnte?
Darüber zu grübeln war müßig. Doch eins stand fest: Falls es Yama gelang, das Trägershuttle zu kapern, musste er auch den Sprengkopf holen, oder all das hier wäre umsonst.
Falls es ihm gelang …
Mit leichten Magenkrämpfen machte Yama sich wieder auf den Weg, und endlich wurden seine beharrlichen Anstrengungen belohnt. Aus einem höher hervorragenden Felsengebilde, eingebettet wie zwischen schützenden Steinsäulen, hörte er es plätschernd rauschen. Er umrundete die Felsformation und entdeckte in seiner Mitte ein natürlich entstandenes Quellbecken. Das Wasser sprudelte schäumend aus dem Fels und speiste das Bassin; an allen Seiten quoll es über den Rand und rann in breiten Bahnen am Stein herab. Dieser zeigte sich unbeeindruckt: Das Wasser war so frei von Radikalen, dass der Fels nirgends Abtragungsspuren zeigte.
Ungläubig schlich Yama um den erstaunlichen Brunnen herum und suchte eine geeignete Stelle, um ihn zu erklimmen. Nach Klettern war ihm zwar nicht gerade zumute, seine Glieder waren so schwer von Ermüdung, als würden sie gar nicht mehr richtig wach werden. Doch er musste dort hinauf. Mit viel Geduld und Konzentration, und auch dank seiner Erfahrung als Kletterer gelang es ihm schließlich, über den scharf gezackten, glitschigen Rand zu steigen, und dort zuckte er so heftig zurück, dass er fast hintenüber gefallen wäre. Er hatte nicht erwartet, dass das Wasser heiß sein würde, als es seine nackten Hände umspielte. Nach einem scharfen Atemholen hielt er noch einmal die Finger über den leicht dampfenden Schaum, in der Befürchtung, das Wasser könnte kochen; doch er verbrannte sich nicht, und als er schließlich die Hand ganz eintauchte und sich zwang, sie dort zu lassen, erwies sich die Flüssigkeit als zwar sehr warm, aber nicht unerträglich heiß. Das war die nächste wirklich gute Nachricht dieses Tages.
Eine Thermalquelle, dachte Yama mit keimender Hoffnung. Auf dem Mars hatten sie so etwas künstlich eingerichtet, große Becken zwischen Marsgestein, rot und glatt und ohne jede scharfe Kante. Einmal war er als Kind mit Nami dort gewesen. Das Wasser dort war salzig und roch muffig und aufregend zugleich. Hier roch das Wasser natürlich nach nichts, schal wie es war. Doch dass es hier echte heiße Quellen gab, hätte er eigentlich vermuten können. In den geodynamisch aktiven Zonen Tokargas reihte sich sicher eine an die andere, und diese kochten bestimmt.
Aber was er hier gefunden hatte, war ein Geschenk. Genau wie der kleine unterirdische See. Genau wie die verwilderten Yogeria.
Gott, er fühlte sich so schmutzig.
Es schien ewig zu dauern, bis er sich die durchgeschwitzten, staubigen (und nicht zuletzt vom feuchten Traum beschmutzten) Kleider vom Leib geschält hatte, und ganz in das heiße Wasser einzutauchen war eine Überwindung. Er fühlte sich wie in einem brodelnden Suppentopf und hielt es nicht einmal eine Minute in der Hitze aus. Auch musste er die Fußsohlen sehr vorsichtig platzieren, denn der Grund des Beckens war voller scharfer Kanten. Als er wieder auftauchte, war er rot wie ein gekochtes Schalentier, seine Haut dampfte in Tokargas kühler Luft. Hoffentlich war er wenigstens sauberer geworden.
Seiner Kleidung verpasste er ohne langes Überlegen ebenfalls ein heißes Bad. Das Leder würde ihm diese Heißwäsche nie verzeihen, doch ohnehin waren Jacke und Hose vom ständigen Durch-den-Dreck-und-über-Stein-Robben stark verschlissen. Es ließ sich nicht ändern: Falls er aufs Schiff zurückkehrte, würde er ein neues Outfit brauchen. Hoffentlich erwarte niemand von ihm, dass er sich kleidete wie Harlock.
Harlock …
Yamas Herz zog sich schmerzhaft zusammen beim Gedanken an seinen noblen Senior Captain. Bei allen Mächten, er musste zurückkehren, und sei es nur, um Harlock noch einmal auf die Lippen zu küssen und ihm für alles zu danken … für sein Vertrauen, seine Zuversicht, seine Zuneigung.
Yama zog sein Hemd über den Rand des Beckens und schüttelte es, dass die Tropfen in alle Richtungen flogen. Das schwarze Kleidungsstück aus enger gewebter Wolle landete über dem Rand, und sogleich griff Yama nach seiner Jacke, auf deren Brustseite der weiße Jolly Roger nur noch ein verwaschener heller Fleck war.
Plötzlich ging alles zu schnell für seine Sinne.
Er hatte den Ärmel in der Hand, da begann mit einem Mal das Wasser im Becken emporzusteigen und schoss plötzlich haushoch aus dem Becken wie Lava aus einem Vulkan. Heißes Wasser ergoss sich über ihn, und eine ungeheure Wucht riss ihn rückwärts von den Füßen. Yama flog wie auf der Druckwelle einer Explosion, prallte gegen einen meterweit entfernt aufragenden Fels und fiel benommen auf den Boden.
Mit dröhnendem Schädel und vernebeltem Sichtfeld blieb er liegen und versuchte einfach nur zu atmen. Es war kaum möglich, sein ganzer nackter Körper schmerzte von unzähligen frischen Prellungen. Irgendwo in der Nähe sank das aufgeschäumte Wasser in das Becken zurück wie ein Ungeheuer, das sich wieder beruhigte. Aus dem Augenwinkel sah Yama seine restliche Kleidung im spärlichen Gras verteilt liegen, wo sie von der jähen Flut hingespült worden war.
Yama kniff die Augen zusammen, atmete tief durch und versuchte, sein heftiges Zittern wieder unter Kontrolle zu bringen. Jetzt wusste er, dass er sich ganz am Rande der stabilen Zone befand. Das ständige Getöse im Boden waren unterirdische Gasexplosionen. Und seine neu entdeckte Badewanne war zu allem Unglück eine Art Geysir. Er wusste nicht viel über Geysire, nur eins: Wäre er während der Eruption noch im Teich gewesen, hätte ihn das von unten hochgedrückte siedende Wasser gargekocht.
Vielleicht, dachte er entmutigt, war das Überleben in Tokargas Wildnis am Ende doch eine Prüfung, die er nicht bestehen konnte.
Erkenntnis
Kei wusste, dass Yattaran neben sie getreten war, ohne sich nach ihm umdrehen zu müssen. Sie kannte seinen festen, etwas watschelnden Schritt schon so viele Jahre. „Das Notsignal von Yamas Trägershuttle wird schwächer“, teilte sie ihm ihre Beobachtung mit. „Die Energiesignatur des anderen ist noch ganz stark. Irgendwas tut sich da unten.“
„Glaube nicht, dass das Yama ist.“ Yattaran, der Optimismus in Person, dachte sie säuerlich.
„Selbst wenn nicht, dann ist zumindest der Captain der Astraios auch noch da unten. Also hat er Yama noch nicht gekriegt.“
„Vielleicht wartet er auch nur gemütlich darauf, dass die Gaia-Flotte ihn endlich holen kommt. Kei, es ist über eine Woche her, dass Yama da unten verschollen ist.“
Er sagte ihr jeden Tag, wie lange es her war. Kei schaltete auf die geodynamische Ansicht und wechselte das Thema: „Irgendwas Neues vom Captain?“
„Schläft immer noch wie ein Stein.“ Yattaran fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase. „Hab gehört, Miime muss stündlich die Laken wechseln, weil er sie durchschwitzt. Und aufs Klo schafft er es auch nicht alleine.“
Kei betrachtete die rote, aktive Fläche neben dem in Blau dargestellten Waidar-Plateau. Sie fragte sich, was dort wütete: Lava, Gas, ein Mudouwd, unterirdische Stürme …
Plötzlich schnellten ihre beiden Köpfe hoch. Blitzschnell materialisierte ein Kampfkreuzer vor der Arcadia, Panthera-Klasse. Daneben erschien ein weiterer. Zack, der nächste. Im Abstand von Sekunden skippten Schiffe zu ihrem Standort, erst kleine, dann größere, Tiado- und Goido-Klasse, und alle trugen das Emblem der Gaia-Flotte.
„Es geht los“, bemerkte Yattaran tonlos.
Kei nickte, die Kehle trocken. „Wir wussten, dass dieser Moment kommen würde.“
„Konntest du alles umsetzen?“
„Aye, Captain.“
„Na dann. Ich hab ’ne brillante Idee.“
Kei furchte die Stirn. Yattarans Ideen waren in aller Regel brillant, was sicherlich der Grund dafür war, dass er nach Harlock den höchsten Rang an Bord bekleidete.
Er richtere beide feiste Zeigefinger auf sie. „Du übernimmst.“
„Bitte was?“
„Dein Plan, dein Kommando.“
„Yattaran, du bist der Erste Maat.“
„Und jetzt bin ich stellvertretender Captain, also schiebe ich die Verantwortung auf dich ab. Im Ernst, du kannst das besser. Ich bin Maschinentyp, mich mit Menschen auseinanderzusetzen ist nicht mein Ding. Ich vertraue darauf, dass du die Typen fertigmachst.“
Kei hatte den Mund zum Protest geöffnet, doch jetzt schloss sie ihn. In der Tat war es ihr Plan, ihre Strategie, deren Anwendung sie in den letzten beiden Tagen vorbereitet hatten. Ihn selbst durchzuziehen reizte sie durchaus. Nicht dass sie scharf auf das Kommando gewesen wäre, aber Yattaran schätzte sich selbst vollkommen richtig ein: Das Führen von Menschen interessierte ihn nicht die Bohne.
„Du Arsch. Ausnahmsweise, klar?“ Erst jetzt sahen sie einander in die Augen, fanden das tiefe Verständnis und Vertrauen, das sie trotz gelegentlicher Querelen hegten und pflegten. „Na dann los. Auf Position“, befahl Kei.
Yattaran grinste und brüllte ins Com: „Brücke bemannen! Na los, ihr Flachpfeifen, genug rumgegammelt!“
Kaum eine Minute später erschienen Alonso, Caruso und Cervus.
„Uff, sind das viele“, ächzte Cervus. Caruso war nur von der Hüfte abwärts bekleidet, sein breiter Rücken war noch nass. Alonso fletschte die Zähne wie ein Terrier.
„Ist da unten alles klar?“, fragte Yattaran den Maschinenraum.
„Aye!“, bestätigte Sato eifrig. „Habe alle Finger auf den Knöpfen!“
„Na dann.“ Kei ließ bewusst langsam den Atem ausströmen. „Ruhe bewahren. Halten …“
Immer noch kamen weitere Schiffe dazu. Sie waren umringt wie in einem Asteroidenfeld.
„Achtundvierzig“, meldete Alonso. „Neunundvierzig. Fünfzig.“
Dann, mit einem grellblauen Aufflackern beim Skip-out, erschien die Astraios in ihrer Mitte, unmittelbar vor der Arcadia. Auch die letzten Hüllenschäden vom Kampf auf Garfudias waren nun ausgebessert, und das Flaggschiff strahlte wie frisch von der Werft.
Alle Männer auf der Brücke spannten sich bei diesem Anblick.
„Halten“, presste Kei hervor.
„Was ist, wenn sie uns mit einem Schuss zerlegen?“, knirschte Yattaran.
„Werden sie nicht. Sie wollen uns leiden sehen.“
Die Astraios nahm sie ins Visier, beinahe gemächlich, und schickte dann eine kräftige Ladung Cygnus-Plasma scheinbar planlos Richtung Arcadia. Die Salve krachte in die Hülle und ließ das Schiff zittern.
„Jetzt!“, befahl Kei.
„Ist raus!“, bestätigte Sato.
Kein zweiter Schuss folgte. Die Astraios hatte erneut auf sie angelegt, hielt jedoch irritiert inne, als winzige bunte Objekte zwischen sie und die Arcadia zu schweben begannen. Hier eine Pflaume … dort eine Nashi … hier ein roter Apfel, dort ein grüner …
„Ich gebe zu, das tut weh“, seufzte Kei. „Bitte verzeiht mir, ihr köstlichen Schätze.“
Die ersten kleineren Schiffe begannen ihre Reihen zu verlassen, um hastig die im All kaum sichtbaren Früchte einzusammeln. Diese machten es ihnen nicht leicht, trieben ungebremst zwischen den eng positionierten Raumkreuzern hindurch, und es wurden immer mehr. Es dauerte nicht lange, bis die vielen Schiffe umständlich umeinander herum manövrierten, um das kostbare Treibgut in ihre geöffneten Raumschleusen zu käschern. Die Angriffslinie war völlig zerfallen, niemand hatte ein freies Schussfeld. Wäre die Arcadia nicht völlig wehrlos, hätte wer auch immer die Flotte gerade befehligte diese spontane Einsammelaktion wohl niemals genehmigt.
„Kann man die überhaupt noch essen?“, sinnierte Yattaran.
„Ich hoffe nicht. Ich gönne denen keine einzige Himbeere.“ Verächtlich betrachtete Kei das vor ihnen herrschende Chaos. „Wenigstens machen sie sich richtig lächerlich. – Maschinenraum? Ist alles bereit für Phase zwei?“
„Positiv. Warte auf Auswurfbefehl.“
Die Astraios versuchte ihre Geschütze wieder auszurichten. Noch immer glaubten sie, mit ihrem ersten Schuss den Frachtraum der Arcadia beschädigt zu haben – dabei sollten sie doch Zeit gehabt haben, die Baupläne zu studieren, sollte man meinen –, und suchten nun nach einem strategisch sinnvolleren Ziel. Welches eigentlich? Waffen, Antrieb? Beides unnötig. Ohnehin hatten sie noch immer keine freie Sicht. Kei malte sich genüsslich das Befehlsgeschrei aus, das gerade via Com zwischen den Flottenschiffen hin und her gehen musste.
Plötzlich rief Alonso alarmiert: „Sie scheinen mit mindestens zwei Cygnus-Bänken direkt auf unsere Brücke zu zielen!“
„Dann raus damit!“, befahl Kei.
„Aye!“, kam es von Sato.
Einen Moment später zuckten die ersten verräterischen Energieblitze durch den scheinbar leeren Raum zwischen den beiden großen Schlachtschiffen.
„Oh, oh, oh – haben ihre Scanner was aufgeschnappt?“, raunte Yattaran und klemmte seine wulstige Unterlippe zwischen die Zähne.
„Ich glaube nicht.“ Alonso beobachtete die Astraios genau. „Sie visieren uns weiter an. Freies Schussfeld in vier … drei …“
Keis Finger zitterten. Sie wünschte, Harlock stünde hinter ihr und erfüllte die Brücke mit seiner ungebrochenen Selbstsicherheit.
„… eins …“
Die Astraios feuerte.
Im All zwischen ihr und der Arcadia entfachte sich ein gleißender, lautloser Funkenregen, als die Plasmageschosse auf das ausgebreitete Trionische Netz trafen. Immer heller zuckten die Blitze, als die Rückkopplungen ausgelöst wurden, und dann zündeten die Raumgranaten, die Yattaran an jeder der acht Ecken des Netzes befestigt hatte. Die aufgefangene Energie wurde fünffach zurückgeworfen und hüllte die Astraios und sämtliche Schiffe in der Nähe in das zerstörerischste Feuerwerk, das es je gegeben hatte.
„Jaaah!“, jauchzte Yattaran und zog die Lippen weit von den blanken Zähnen zurück. „Nehmt das, ihr Lutscher!“
Kei ließ ihn seinen Triumph auskosten, still in sich hineinlächelnd. Ihr Herz flatterte in der Brust. Der Boss zu sein war purer Stress, doch wenn es funktionierte, fühlte es sich verdammt gut an. „Toll gemacht, Yattaran.“
„Tja, weil ich ein Genie bin, Kei“, brüstete er sich. „Sieh es ein. Für Gaia ist das eine veraltete Technologie, mit der keiner von denen mehr was anfangen kann. Komisch, oder? Trionische Netze schmeißen die auf den Müll, aber ihren arschlahmen Jovian Blaster halten sie bis heute für die größte technische Errungenschaft. Pah.“
Weitere kleine Explosionen erblühten munter, wo immer ein Schiff mit dem unsichtbaren Netz in Berührung kam. Eigentlich fehlte nur noch eine alberne Melodie zur Untermalung dieser Pannenserie.
„Schade, dass es sie nicht lange aufhalten wird“, seufzte Kei düster. „Wenn sie erst mal rauskriegen, wie sie ihre Sensoren ausrichten müssen, können sie unsere Minen umfliegen. Für eine flächendeckende Abwehr haben wir zu wenige davon.“
„Leider hast du Recht. Ich gebe ihren Technikern ein, zwei Stunden, dann müssen wir uns was Neues einfallen lassen.“
So würde es sein. Doch bis dahin konnten sie sich zurücklehnen und die Show genießen.
***
Yama zog die Beine dichter an den Körper. Er wusste nicht, wie viele Stunden (oder Tage) er sich schon auf dem Waidar-Plateau in der Nähe der Heißwasserquelle aufhielt, doch zurück in seine Kaverne zu gehen wagte er nicht. Erstens war der Weg weit und seine Kraft gering, zweitens würde er erneut an den Trägershuttles vorbei durch Parcipels Schussfeld schleichen müssen, drittens gab es beim unterirdischen See keine Nahrung.
Allerdings: Dort unten war es warm, und hier auf der Ebene war es kalt.
Trotz der Kälte wagte Yama sich nur selten in die Nähe des Felsbrunnens. Die Ausbrüche des Geysirs folgten keiner Regelmäßigkeit, und die Temperatur im Becken schwankte stark. Wenn er durstig war oder durchgefroren – was häufiger der Fall war, wann immer die Sonne Tokargas für wenige Stunden hinter den Horizont sank und kalte Winde über das Plateau brausten, um sich an den aufragenden Felssäulen in Wirbel zu brechen –, beobachtete er das Sprudeln einige Minuten lang, um dann schnell hinzuhuschen, mit einem Finger die Wärme des Wassers zu prüfen und es, wenn es nicht zu heiß war, in eiligen Schlucken aus der Hand geschöpft zu trinken. Es wärmte ihn durch wie Tee, und wenn er sich einen Moment lang an den Fels drückte, wurde ihm warm. Sobald er das Sprudeln jedoch zunehmen hörte, brachte er sich eilig wieder in Sicherheit. Von seiner Kleidung konnte man inzwischen nicht mehr erwarten, dass sie ihn wirksam zu isolierte: Die Wolle räufelte sich an allen Säumen auf, das Leder war nur noch ein dünner Lappen und zerfiel an den Nähten.
Heute war außerdem der Tag gekommen, den er gefürchtet hatte. Er konnte die Yogeria-Knollen nicht mehr essen. Sein Hunger war groß, doch sein Magen weigerte sich, ihn das wabbelige, süße und ölige Fleisch überhaupt noch schlucken zu lassen. Geschmack und Konsistenz bereiteten ihm zu starke Übelkeit. Yama sehnte sich nach Proteinen, am liebsten gerösteten, doch davon gab es hier nichts. Er hatte versucht, die Yogeria im Geysir zu kochen, um sie weniger abstoßend zu machen, doch die nächste Eruption hatte sie wieder hinausgeschleudert, und die kurze Zeit im Wasserbad genügte nicht, um die hartschalige Knolle durchzugaren. Als Yama mit zusammengekniffenen Augen versucht hatte, sie dennoch hinunterzuzwingen, hatte sein Körper sie würgend wieder hervorgebracht. Da wusste er, dass es vorbei war; er hatte nichts mehr zu essen.
Jetzt war die Sonne seit gefühlt einer Stunde untergetaucht, und er fror und fühlte sich elend und war wieder an einem Tiefpunkt angekommen, an dem er der Verzweiflung nahe war. Ein Teil von ihm hoffte, dass er einfach einschlief und nicht mehr erwachte.
Der andere Teil lag wach und haderte und dachte an die Arcadia, an seine Crew, an Harlock. Alle dem Tod geweiht, nur weil er den Sprengkopf allein hatte bergen wollen.
Es hilft nichts, dachte er. Ich kann mich nicht im Kreis drehen und mir immer wieder selbst vorjammern, was für ein schlechter Captain ich bin. Das Schicksal wird kein Mitleid haben und es wird sich kein Wunder ereignen, um uns alle zu retten.
Er griff in die Tasche und fischte die letzten harten Knollen heraus, um sie im hohen Bogen über die Ebene zu schleudern und zuzusehen, wie sie im dämmrigen Licht der zwei Monde durchs Gras davonrollten. Eine … zwei … dann noch eine … und dann –
Yama hielt inne, weil er keine Knolle in der Hand hielt, sondern etwas anderes. Er hob es vor sein Auge; es war die Holodisc, die Harlock mit besten Absichten aus dem Archiv auf Garfudias mitgenommen hatte. Oh, großartig … Was nützten diese Aufzeichnungen ihm jetzt noch? Er würde nirgends mehr irgendwas anpflanzen. Ebenso gut könnte er sich jetzt die fünfunddreißig Stunden Studienaufzeichnungen von Prof. Tanjou Gerkin anschauen und dabei hoffentlich vor Langeweile einschlafen. Warum eigentlich nicht? Vielleicht würde er ausnahmsweise keine Alpträume vom Sterben haben, davon, wie Parcipel ihm irgendwo auflauerte und ihn mit Blei spickte, von allen Seiten, aus jeder Richtung, bis Yama mit rasendem Herzen und Phantomschmerzen am ganzen Leib durch seine eigenen Schreie zurück ins Bewusstsein gerissen wurde.
Es gab schlimmere Arten zu sterben.
Yama aktivierte die Holodisc. Flackernd sprang das kleine Gerät an und der eröffnende Eintrag wurde abgespielt. Wieder berichtete der Studienleiter: „Es folgen die gesammelten Laborberichte von Professor Tanjou Gerkin, Kopf des wissenschaftlichen Teams der Garfudias-Einheit …“
Yama rollte sich noch enger zusammen und folgte den Ausführungen verschiedener Beteiligter des Botaniker-Teams um Prof. Gerkin. Tatsächlich war es interessanter, als er erwartet hatte. Garfudias hatte mit seinen übermineralisierten Böden Erdenpflanzen nichts zu bieten gehabt, schon gar nicht den Rosengewächsen, die sich ohnehin weigerten, auf irgendeinem anderen Substrat außer Mutterboden Fuß zu fassen. Die ersten Versuche, die Plantagen zu errichten, schlugen jämmerlich fehl. Prof. Gerkin hatte die Versuche nicht mit Obstbäumen oder Beerensträuchern begonnen, sondern mit einfach zu ziehenden Blumen, auch Rosen. Er zeigte Bilder von Hundsrosen, Zierrosen und kleinen krautigen Blumen. Sie sahen mickrig aus, doch schließlich, als größere Schiffsladungen voll Erde aus der Heimatwelt eintrafen, blühten sie auf. Stolz berichtete ein Assistent des Professors, dass das terrestrische Substrat in der Lage wäre, in einem Mischverhältnis von vier zu eins auch den Garfudias-Boden nach und nach fruchtbar zu machen, nachdem diesem der überschüssige Salzanteil chemisch entzogen worden war. Yama sah wie gebannt zu und vergaß kurzzeitig sein Elend, saugte das Wissen dieser Pioniere gierig auf.
„Es gibt eine neue innerpolitische Entwicklung, die ich höchst problematisch finde“, eröffnete Gerkin den nächsten Eintrag. „Nach allem, was ich gehört habe, hat die Gaia Sanction begonnen, auch ranghohen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft Boden von unserer heiligen Mutter Erde zuzusagen. Ich begrüße das gar nicht. Warum hat die Menschheit die Erde einst verlassen? Weil sie ausgelaugt war und uns nicht mehr alle versorgen konnte. Dass wir Boden von dort entnehmen, um hier in anderen Teilen des Universums unsere vertraute Nahrung anzubauen, ist genug Eingriff in ihr sensibles Ökosystem. Auch noch Erde an Privatleute abzugeben, aus welchen Gründen auch immer, damit diese sich einen Garten ziehen können, wo von der Natur keiner vorgesehen ist, halte ich für falsch. Zudem ist der Preis, den diese Privilegierten zahlen, unverhältnismäßig hoch und nicht allein materiell begleichbar. Hoffen wir, dass diese unethische Praktik nicht Schule macht und noch weitere Existenzen zerstört. Widmen wir uns lieber wieder unseren –“
Yama stoppte die Aufzeichnung. Prof. Gerkins besorgt-verärgerte Miene gefror.
Einen Moment lang blinzelte Yama wild und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Was hatte der Professor gesagt? Erde für ranghohe Mitglieder der Gesellschaft … zu einem hohen Preis …? „Eine Blume, die nur auf der Erde wachsen kann“, drang Namis Stimme wie aus weiter Ferne in seinen Geist. Und mit einem Mal wurde Yama alles klar.
Er fragte sich, wie dumm und blind er hatte sein können, für so lange Zeit. Natürlich stimmte es, was Nami in ihrer letzten Aufzeichnung gesagt hatte – auf ewig festgehalten auf der Holodisc, die Isora ihm nach ihrem Tod achtlos überlassen hatte, als hätte er vorhergesehen, dass Yama nichts verstehen würde von dem, was Nami ihm zu sagen hatte. Eine Blume, die nur auf der Erde wachsen kann. Er hatte diese Aussage zum Anlass genommen, auf der Erde nach Mutters Blumen zu suchen, und er hatte sie dort gefunden – doch nur aus Zufall, denn das war nicht, was Nami ihm hatte sagen wollen. Wie hätte sie auch davon wissen können? Die vielen verschiedene Pflanzenarten im Wintergarten waren keine Rosengewächse, sondern eine Sammlung subtropischer und mediterraner Erdenpflanzen, die Yamas Mutter nach der Aufgabe ihrer Arbeit auf Garfudias auf den Mars umgesiedelt hatte. In ihre Heimat und die ihrer Kinder. Ihr ganzer Stolz war die unscheinbare Blume, die Yama jüngst auf der Erde entdeckt hatte – ein Produkt genetischer Manipulation, erschaffen aus Genen der Glockenblume Campanula isophylla und der Hainblume Nemophila menziesii. Es war erwartet worden, dass sie Blüten in einem wunderschönen Blau hervorbringen würde, doch die Blüten waren schneeweiß geworden, mit nur einem bläulichen Gynoceum. Ein Fehlschlag. Seine Mutter hatte keine Anerkennung für die Züchtung diese Blume erhalten, und doch war sie fortan ihr Liebling gewesen. Zu gern hätte sie ihre vielen Schätze auf dem Mars gedeihen sehen, doch es sollte ihr nicht vergönnt sein.
Yama hatte sich nicht besonders für diese eine Blume interessiert. Als er das Gewächshaus übernahm, um den Traum seiner Mutter doch noch wahr werden zu lassen, begannen alle Blumen im neu errichteten Wintergarten einzugehen, und Yama mit all seinen Kenntnissen von der Universität war unfähig, etwas dagegen zu tun. Seine Frustration darüber, vermengt mit seiner Impulsivität, hatten zur tragischsten aller Dummheiten geführt, die er je begehen sollte. Nie wieder hatte er nach dem Unfall das Gewächshaus betreten; erst Namis Abschiedsnachricht an ihn hatte ihm gezeigt, wie es heute aussah, und hinter ihr blühte die Blume, die nur auf der Erde wachsen kann.
Wie sie dieses Kunststück bewältigt hatte, daran hatte er keinen einzigen Gedanken verschwendet. Dabei hatte Nami es ihm gesagt. Nicht direkt, denn das wäre einem Dolchstoß in den Rücken Isoras gleichgekommen, aber dennoch auf eine Weise, die Yama hätte verstehen müssen. Der Preis, den diese Privilegierten zahlen, ist unverhältnismäßig hoch und nicht allein materiell begleichbar. Unethisch. Existenzen zerstörend.
Der Preis war ich, dachte Yama. Zusammen mit Harlocks Beseitigung. Das war die geheime Bezahlung für die Erde, die Nami brauchte, um Mutters Blumen zu retten. Mutterboden von Garfudias für mein Leben – und Harlocks Tod.
Kein Wunder, dass Nami dieses Vorgehen gehasst hatte und versucht hatte, Yama zu helfen.
Kein Wunder, dass Yamas Seitenwechsel Isora so mit Hass erfüllt hatte. Kein Wunder, dass er alles tun wollte, um Harlocks Exekution zu beschleunigen.
Er hat das alles aus Liebe zu Nami getan … seinen Titel und sein Vermögen riskiert. Vielleicht wollte er … gar nicht unbedingt, dass ich sterbe, sondern … Harlocks Tod durch jemanden, der für Gaia entbehrlich war, war der Preis, den er zahlen musste.
Yama hörte auf zu zittern und rappelte sich auf. Die Feuer auf Garfudias hatten nicht alle Hoffnung verbrannt, wie er geglaubt hatte. Stattdessen hatte er nun einen Grund mehr, nach Hause zu gehen. Im Gewächshaus war der Mutterboden, den er brauchte.
„Wenn du eines Tages selbst jemanden gefunden hast“, sang Nami in ihrer Abschiedsnachricht voller Inbrunst, „dann kommt her. Wir sind eine Familie.“
Ich habe jemanden gefunden, dachte Yama mit klopfendem Herzen. Dank Isora habe ich Harlock gefunden, und ich bringe ihn mit.
Er wusste, was er tun musste. Dieses eine musste er noch tun.
Entschlossen machte er sich auf den Weg zurück zu den Shuttles.
***
Leider hatte der Trick sie wirklich nicht lange hingehalten. Immer mehr Schiffe, vor allem die kleinen, begannen das Trionische Netz, das abgesehen von gelegentlichen elektrischen Entladungen unsichtbar im Raum schwebte, zu umfliegen und die Arcadia wieder einzukreisen.
„Da sind eine Menge Waffen auf uns ausgerichtet“, meldete Cervus überflüssigerweise. „Warten wohl nur auf den Feuerbefehl.“
Keis Blick zuckte über die riesige Frontscheibe von einem Jäger zum nächsten. Wenn schon die Kurzstreckensensoren so viele feindliche Waffen anzeigten, was hätten die feineren Scanner dann erst zu sagen …
Eine Hand landete weich auf ihrer Schulter. Sie wusste, zu wem sie gehörte, aber trotzdem wandte sie sich um, um der anderen Frau in die Augen zu sehen.
„Es ist noch nichts verloren“, sagte Miime. „Eine Veränderung zeichnet sich ab. Ihr müsst Zeit gewinnen.“ Mehr sagte sie nicht; kein Kommentar zu ihrer verdammt schlechten Lage, keine Aufmunterung, kein Lösungsvorschlag.
„Und wie?“, fragte Kei die leere Luft, wo Miime eben noch gewesen war. Yattaran neben ihr fluchte vernehmlich. Sie sah wieder nach vorn; die Astraios war weiter entfernt, umgeben von kleineren Schiffen wie der Saturn von seinem Asteroidenring. Plötzlich kam ihr eine Idee – keine geniale, aber vielleicht genügte es. Brüsk drehte sie sich um. „Yattaran, deine Brücke.“
„Äh?“ Er blinzelte ihr nach. „Wo willst du hin?“
„Unsere Geisel holen.“ Vielleicht kamen ihr unterwegs noch weitere Einfälle. Manchmal reichte einer, um eine ganze Lawine von ihnen loszutreten.
Prof. Calli, oder wie Yamas früherer Mentor hieß, folgt ihr wort- und widerstandslos. Wahrscheinlich ahnte er, was sie vorhatte. Kei zog ihn an der Kette um seine Handgelenke hinter sich her und trat ans Steuer.
„Alonso, ruf das vermaledeite Schiff. Sofern es klappt.“
„Aye.“ Er tippte auf seiner Konsole. „Kanal offen. Sollte gehen.“
Zumindest ein paar Dinge funktionierten ohne den Zentralcomputer. „Hier die spricht die Arcadia. Astraios, hört mich jemand?“
Die Bildschirme sprange an, dann war jemand zu sehen – ein bartloser junger Mann in makelloser Uniform. „Hier spricht Commander Amedes, stellvertretender Captain der Astraios.“
„Na bitte. Kennst du diesen Mann?“ Sie schüttelte Callis Fesseln, sodass sie rasselten.
„Dass ihr ihn gefangen haltet, ist bekannt“, erwiderte Amedes glatt.
„Ihr wolltet ihn also opfern? Den vielleicht einzigen Mann, der euch mit seinen Kenntnissen zurück zu Reichtum verhelfen kann?“
„Alle auf dieser Mission sind notfalls bereit zu sterben.“
„Ich bin auf keiner Mission!“, rief der Professor ärgerlich. „Ich habe nur einen Mann als meinen Gehilfen ausgegeben, um ihn an Bord zu bringen. Dafür sollte meine Familie verschont werden. Es war nie die Rede davon, dass ich geopfert werde!“
Amedes seufzte. „Es war auch nie die Rede davon, dass Sie heil zurückgebracht werden, Professor. Oder etwa doch?“ Sein Widerwille gefiel Kei; Amedes mochte seinen Auftrag nicht, war jedoch loyal. „Ich weiß nichts darüber, welches Vorgehen für Sie oder Ihre Familie vorgesehen ist. Ich kenne nur meine eigenen Befehle.“
„Das überrascht mich nicht“, klinkte Kei sich geschmeidig ein. „Unschuldige zu opfern ist schon lange nichts Neues für euch.“
Der Commander sah sie durch die Bildübertragung hindurch an wie etwas, das sein Mitleid verdiente. Dann blickte er kurz beiseite, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich. „Euer Captain Harlock gebärdet sich wie ein Mann aus dem letzten Jahrhundert. Er hat mich verschont, als er mich leicht hätte töten können.“ Amedes schürzte die Lippen und fuhr nachdenklich fort: „Es hat mich erstaunt. In unserer Zeit scheint ein Mann kein ehrenvolles Verhalten mehr von seinen Vorgesetzten zu lernen. Ich sehe Harlock nicht bei euch, wo ist er?“
Schweigen antwortete ihm. Kei fragte sich, wie sich Harlocks Zustand beschreiben ließ, ohne ihn zu demütigen.
Amedes fuhr fort: „Ich kommandiere dieses Schiff in Abwesenheit des Captains, so wie du, Mädchen. Der Feind, den ich angehalten bin zu vernichten, ist Harlock. Auch ohne seine Führung seid ihr äußerst listig, wie sich gezeigt hat. Ich schulde dir Respekt.“
„Schieb ihn dir in den Arsch“, gab Kei zurück. „Wollt ihr weiter dumm sein oder zur Abwechslung mal was Intelligentes tun?“ Sie zog Calli mit einem scharfen Ruck ins Bild. „Ich möchte euren Professor eintauschen. Er hat seinen Zweck erfüllt und sollte zu seiner Familie zurückkehren dürfen.“
„Einverstanden“, stimmte Amedes zu eilig zu. „Was verlangst du für ihn?“
Inzwischen wusste Kei, was sie verlangte. „Wir beenden das hier auf dem kurzen Dienstweg. Captain gegen Captain.“
Seine Brauen schossen in die Höhe. „Du gegen mich? Nein. Das ist ausgeschlossen.“
Auch Yattaran, das sah Kei aus dem Augenwinkel, sah sie an wie eine Geistesgestörte. Seine Augen ploppten hinter den dicken Gläsern fast aus den Höhlen.
„Einen solchen Kampf würde ich nur gegen deinen Captain führen. Den bin ich angewiesen zu töten, nicht dich. Ohne dich beleidigen zu wollen.“
Als ob. „Ach, gegen eine Frau zu kämpfen wäre also nicht ehrenwert für dich? Tja, leider kann unser Captain im Moment nicht mal alleine pissen gehen, und ich habe keine Ahnung, wann er gesund wird. Willst du so lange warten auf dein … Captain-Duell?“ Endlich bewegte sich alles in die richtige Richtung. Sie unterdrückte ein Kichern.
Amedes zögerte. „Vierundzwanzig Stunden“, entschied er dann. „Dann wird Harlock, egal in welchem Zustand er ist, noch einmal die Chance bekommen, mich zu töten. Wenn es ihm gelingt, werden meine Männer sich zurückziehen. Dann könnt ihr mit eurem Piratenschiff durchs All driften und verhungern, was ihr einem schnellen Tod durch unsere Geschütze vorzuziehen scheint. Akzeptierst du die Bedingungen?“
„Perfekt“, säuselte Kei. „Unsere Frist beginnt …?“
„Drei – zwei – jetzt. Bis in vierundzwanzig Stunden. Und viel Glück.“ Amedes beendete die Übertragung mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er ein Stück schimmeligen Kuchen im Mund.
Kaum waren die Bildschirme dunkel geworden, rastete Yattaran aus. „Spinnst du! Was soll dieses bescheuerte Captain-Duell? Sollen wir den Captain da hin schleifen, jeder an einem Arm? Wohin überhaupt? Welche Waffen? Ihr habt nichts vereinbart! Und von wegen, die ziehen sich zurück und lassen uns in Ruhe! Das denkt er vielleicht, dieser Möchtegern, aber der ist ja noch grün hinter den Ohren! Ich sag dir, der erstbeste Ranghöhere wird ihn auslachen und suspendieren und uns in Stücke schießen! Was hast du dir bloß –“
Kei drückte ihm eine behandschuhte Hand auf den Mund und beendete die Schimpftirade. „Glaubst du wirklich, ich hätte das alles nicht auf dem Schirm? Ich denke, du bist ein Genie, Schätzchen?“ Ihr Lächeln wurde breiter. „Ich habe Miime gerade vierundzwanzig Stunden verschafft, und wenn das nicht reicht, um irgendwas zu bewegen, dann – ja, dann ziehe ich mir selbst den Umhang an, setze eine Augenklappe auf und kämpfe mit diesem Trottel, was soll’s. Aber dazu wird es nicht kommen.“ Sie vertraute Miime. Die Alienlady hatte ihre eigenen Wege, aber sie log niemals – und machte einem nie falsche Hoffnungen.
Yattaran grunzte einige weitere Flüche hervor. „Vierundzwanzig Stunden … Na, ich bin gespannt.“
„Ich auch“, gab Kei zu.
Jetzt lag alles beim Captain.
Entscheidung
Die Antibiotika schlugen an. Harlock fühlte sich besser, oder präziser: Er fühlte sich weniger elend. Das bedeutete nicht, dass er sich in der Lage sah, einen Muskel zu bewegen. Die letzten Stunden – oder Tage? – waren als merkwürdiges Durcheinander in seinem Gedächtnis abgespeichert, bei dem er nicht mehr sagen konnte, was davon Traum und was Wirklichkeit gewesen war. Er erinnerte sich, immer wieder Miime und den Arzt gesehen zu haben, aber auch Yama – und Yama war jeder Logik zufolge nicht in seinem Zimmer gewesen, um ihm mit sanft gemurmelten Worten die Stirn zu kühlen.
Miime trat an sein Bett. „Wie fühlst du dich?“
Wieder diese Frage. Sie hatte sie ihm einhundertmal gestellt, und er hatte nie geantwortet. Er hatte nie solche Fragen von Miime beantworten müssen, damals … Jetzt aber fragte sie, wieder und wieder, und er antwortete mit Schweigen. Doch jetzt war etwas anders.
„Harlock. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Ich wollte dich länger ruhen lassen, doch das Schiff ist in Gefahr. Wir müssen es jetzt tun.“
Harlock öffnete den Mund, und als endlich ein Ton herauskam, war er trocken wie Mondgestein. „… Ich fühle mich nicht gut.“
„Das muss genügen.“ Fast zärtlich nahm Miime seine beiden schwer herabhängenden Hände und faltete sie über seiner Brust. Dann nahm sie den hohen Becher von seinem Nachttisch. Er war wieder gefüllt.
Diesmal musste Harlock fragen. „Was … ist das …?“
Miime nahm einen tiefen Zug aus dem Becher; dann half sie ihm, sich aufzusetzen, und hielt ihm das Gefäß so lange an die Lippen, bis er es geleert hatte. Harlock hustete schwach. Der Trank brannte auf seiner Zunge, und Taubheit begann sich aus seiner Mitte in seinen ganzen Körper auszubreiten. Noch einmal krächzte er: „Miime, was … ist das?“
„Es ist Dunkle Materie, die sich aus dem Generator löst“, antwortete sie, „vermengt mit … Blut.“
„Blut … Wessen …?“
„Meinem.“ Sie ließ ihn wieder in die Kissen sinken, beugte sich über ihn und küsste ihn auf den Mund. Ihre Lippen waren warm, nicht kühl wie ihre Haut. Wann hatte sie ihn zuletzt auf den Mund geküsst? Damals, als sie beide vor Einsamkeit fast gestorben waren …
Sie schmeckte nach Wein und Eisen und schwarzem Staub.
Harlock glitt zurück ins Dunkel, doch diesmal blieb er bei Sinnen. Er fühlte, wie er hinabsank wie ein bleibeschwertes Gewicht in einen Ozean, immer tiefer und tiefer unter die Oberfläche des Bewusstseins und der Realität. Miimes Gesicht war das Einzige, das er noch sehen konnte, doch von ihrem Anlitz blieben nur schwach leuchtende Konturen, die aus der lichtlosen Finsternis hervorschimmerten. „Wo sind wir?“, fragte er, ohne die Lippen zu bewegen.
„Wir sind auf dem Weg zu ihnen“, drang Miimes Antwort in seinen Geist. „Du warst noch nie bereit, zu ihnen zu gehen … und ich weiß nicht, ob du es jetzt bist.“
„Wie finden wir zurück?“ Er sah den Weg nicht. Er sah überhaupt nichts. Er wusste nicht mehr, wo oben und unten war.
„Wenn wir sie finden, können sie uns führen.“
Harlock versuchte, seine Hände zu betrachten, doch er fand sie nicht. Er hatte keinen Körper. „Gehen wir“, sagte er schwach und begann, in seinen Gedanken zu suchen. Er versuchte, sich Licht vorzustellen, einen anderen Ort, irgendetwas. Es war, als würden sie durch zähe, endlose Schwärze gleiten.
„Es wird lange dauern. Sie werden nicht alt, sie haben so viel Zeit, wie sie wollen.“
„Aber Zeit spielt hier keine Rolle, nicht wahr? Das hat sie auch damals nicht. Die Crew war bereits tot, als Yama und ich das Ritual begannen. Ihre Zeit hatte geendet, doch dann lief sie weiter. Die Arcadia wurde wieder jung …“
Da – in der Ferne leuchtete etwas auf, schwach wie ein Stern. Es war ein Stern. Er flackerte ganz leicht, eine ferne Sonne durch ein Teleskop betrachtet. Seit Jahrhunderten verglüht.
„Nur weiter“, flüsterte Miime.
„Yama ist auch an diesem Ort. Ich war nie von ihm getrennt, habe ich Recht?“ Harlock hörte seine eigene Stimme, laut und fest. „Seit dem Ritual haben wir eine Verbindung, zu schwach, um sie zu spüren.“ Der Stern kam schnell näher, glühte heller, immer heller. Er blendete sie.
Willig tauchte Harlock in das Licht hinein. Es hüllte ihn in Wärme, ein Tor aus der Dunkelheit hinaus in eine andere Dimension. Hier herrschten Millionen Jahre alte Gesetze, gemacht von Millionen Jahren alten Geschöpfen.
„Ich bin schon einmal zu Yama gelangt. Durch meine …“ Das Licht war zu hell. Er wollte sich abwenden, doch er hatte keine Augen, die er schließen konnte.
„Sag es“, hauchte Miime.
„… durch meine Sehnsucht nach ihm. Ich wollte ihm unbedingt helfen … also nahm ich seine Krankheit und gab ihm meine Gesundheit. Er lebt … ich weiß es.“
Plötzlich spürte er, dass Miime und er nicht mehr allein waren. Jemand glitt zu ihnen – etwas Großes, Altes. Es berührte seinen Geist, und aus Reflex wich er davor zurück. Es war so stark. Stärker als alles, das er kannte. Mit aller Kraft, die noch in ihm war, riss Harlock sich zusammen. „Ich kann es“, behauptete er kühn, obwohl sein Verstand vor Angst schrie. „Ich kann es tun. Lasst mich zu ihm …“
Plötzlich verschwand Miime von seiner Seite. Und das andere Wesen – es verließ ihn ebenfalls. Entsetzt sah Harlock um sich. Er horchte in alle Richtungen, durchsuchte das Licht und seine Gedanken, doch er fand nichts. Er war allein – verloren in einer endlosen Leere. Hatte er versagt? Ja … So musste es sein. Hier in der Finsternis würde sein Geist auf ewig umherirren. Niemals einen Weg zurück finden, körperlos existieren bis ans Ende des Universums.
Panik brach über ihn herein. Erfüllte sein ganzes Sein.
Er schrie.
***
Keuchend erreichte Yama die gähnende Höhlenöffnung. Seine Lungen schmerzten, und damit stimmte etwas nicht. Vielleicht enthielt die Luft hier doch etwas, das ihn langsam vergiftete. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen.
Er hörte den Lärm der Schubdüsen, noch bevor er die Mündung der Grotte einsehen konnte. Gerade noch rechtzeitig warf er sich auf den Bauch und rollte sich weg. Das Trägershuttle tauchte lärmend herab, wo er eben noch gestanden hatte, und das Raketenfeuer überzog den Felsboden mit rußiger Schwärze. Yama krabbelte zurück Richtung Ebene, versuchte auf die Beine zu kommen und fiel stolpernd wieder auf die Knie. Der Schatten des Gefährts fiel über ihn. Ein Aufschrei entkam ihm, als die Metallfinger des Greifarms sich um seine Mitte schlossen und ihn vom Boden hochhoben. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Schultern anzuspannen – das Greifwerkzeug sollte seine Ladung unbeschädigt lassen und hörte auf, sich zu schließen, sobald es auf Widerstand traf.
Parcipel ließ das Arbeitsboot aufsetzen und lehnte sich aus der offenen Tür des vergleichsweise winzigen Cockpits. „Ich wusste, wenn du noch lebst, würdest du zurückkommen!“, schrie er herunter, sobald der Lärm der Maschine aussetzte. „Ich wollte gerade nach dir suchen! Die Schmerzmittel wirken nicht mehr, der Proviant ist verbraucht. Es wird Zeit, dass ich meine Mission zu Ende bringe, auf mein Schiff zurückkehre und wieder Captain bin.“
„Ich könnte dasselbe sagen!“, brüllte Yama zurück. Er legte die Arme enger an den Körper, schlüpfte aus der Metallklaue heraus und landete auf dem Boden. Jetzt musste er schnell sein. Schon sah er Parcipels beeindruckende Pistole in seiner Hand aufblitzen.
Er rannte los, hakenschlagend wie ein Kaninchen in die Höhle hinein. Er musste unvorhersehbar die Richtung ändern, durfte seinem Feind keine Gelegenheit geben, ihn ins Visier zu nehmen. Zum Glück war der Weg zu seinem eigenen, hochkant stehenden Shuttle nicht weit, und mit einem langen Satz sprang er hinter das Raumfahrzeug. Der erste Schuss verfehlte seine Hüfte nur ganz knapp, der zweite schlug scheppernd in die Hülle des Shuttles ein. Yama duckte sich, füllte seine Lungen tief mit Luft und hielt sie dann an. Alles, was er hörte, war sein eigener hämmernder Herzschlag und das Rauschen seines Blutes. Die nächsten Minuten würden alles entscheiden.
Seine Hände gruben sich im Schatten des Trägershuttles in die dicke Schicht aus Kies und Felsbrocken und wählten rasch die geeignetsten Steine aus. Faustgroß, schwer, einigermaßen gleichmäßig geformt. Würden halbwegs gerade fliegen. Er wartete. Ließ den Atem ganz langsam heraus.
Parcipels Pistolenlauf drang zuerst in seine Deckung, früher als der Captain selbst. Yama warf einen Stein. Den Lauf verfehlte er, aber dafür schlug der Brocken gegen Parcipels Schulter und ließ ihn aufheulen, wohl eher aus Überraschung denn Schmerz. Yama hatte keine Zeit. Er rannte wieder los, zurück in Richtung des intakten Shuttles. Nach wenigen Sprüngen sah er kurz über die Schulter und warf den zweiten Stein. Er ging meilenweit daneben. Parcipel folgte ihm weiter mit erhobener Waffe. Mit einem Keuchen warf Yama den dritten und letzten. Mühelos wich sein Verfolger dem Wurfeschoss aus, verlor jedoch sein Ziel aus dem Visier. Die letzten Meter überbrückte Yama irgendwie, ohne zu sterben – es war ihm selbst ein Rätsel. Er preschte um das Trägershuttle herum und begann auf der von Parcipel abgewandten Seite, die Stufen in der Hülle hinaufzuhetzen. Er musste schnell sein, oder er wäre tot. Seine Schenkelmuskeln brannten wie Feuer. Dass er es geschafft hatte, wurde ihm erst klar, als er plötzlich im Cockpit saß und die Tür hinter ihm zurauschte.
Ein weiteres von Parcipels Hartkerngeschossen schlug in das Gefährt ein und ließ es erzittern. Yama hatte kein Ohr dafür. Mit aller Konzentration, die er aufbringen konnte, startete er das Trägershuttle. Die Schubraketen zündeten, der Flugkörper hob sich –
– und dann sank er wieder herab. Das Brausen der Raketen ebbte ab, stotterte und erstarb. Das Shuttle sackte vollends auf den Fels zurück. „Was – …!“ Hektisch suchte Yama die Anzeigen nach einer Fehlermeldung ab, und da war sie, fett und leuchtend rot vor seinen Augen: KEIN TREIBSTOFF. Mit leerer Kerosinanzeige. Was? Verwirrt blickte er durch das Panzerglas nach draußen, wo Parcipel ohne jede Überraschung im Gesicht näherkam. Und da begriff er. Der letzte Schuss war gut gezielt gewesen – er hatte den Kerosintank leckgeschossen. Er hatte dafür gesorgt, dass sie beide Tokarga niemals wieder verlassen würden.
Jetzt saßen sie endgültig auf dem Planeten fest.
Ohne Vorwarnung schlug Yamas Angst in heftige, alles verzehrende Wut um. Er vergaß, wie nahe er dem Tod war. Nun wollte er diesen Mann, der ihn so quälte, nur noch umbringen. Würde das Arbeitsboot irgendeine Art von Bewaffnung aufweisen, hätte er sofort davon Gebrauch gemacht.
Parcipel begann die Stiege zu erklimmen, die Pistole erhoben. Wie viel Munition konnte noch darin sein? „Meine Geduld geht langsam zu Ende, F111“, sagte er lapidar.
Yama explodierte. „Nenn mich nicht so, du Bastard! Mein Name ist Yama. Ich bin Harlocks Nachfolger, und für das, was du meiner Crew angetan hast, werde ich dich töten!“ Ein Teil von ihm wusste, dass er es zu sich selbst sagte. Mit dem Hacken trat er gegen das kleine Fach im Fußraum des Co-Piloten, und es klappte auf. Ihn traf fast der Schlag, als er sah, was darin lag, und er glaubte zu halluzinieren.
Seine Plasmapistole.
„Ich weiß, du glaubst jetzt, du hättest deine Rettung gefunden“, kommentierte Parcipel, schon ganz nahe am Cockpit. „Aber sie ist leer. Denkst du, ich würde sie sonst nicht bei mir tragen?“
Mag sein, dachte Yama und bebte innerlich, aber ich kenne diese Shuttles gut und du nicht. Kei hatte ihm auf ihrem Flug mit dem Sprengkopf eine gründliche Einweisung gegeben, auch darüber, wo sich alles befand. Notrationen, Wasser, Erste-Hilfe-Kit und sogar den kleinen Sprengstoffvorrat hatte Parcipel leicht finden können, doch das kleine Fach hinter dem großen war nicht zufällig zu entdecken. Yama beugte sich tief hinunter, bis er hineingreifen konnte, schob den Zeigefinger in die kleine Mulde, die nur tast-, aber nicht sichtbar war, und zog die geheime Klappe auf. Dahinter lagen zwei Signalfeuerraketen, eine faustgroße Flasche Maschinenöl und eine Plasmaspule für die Standardbewaffnung.
Endlich kämpften sie unter gleichen Bedingungen. Was nicht hieß, dass dieser Kampf fair war. Für einen von ihnen würde er mit dem Tod enden.
Lässig drückte Parcipel den Knopf zum Öffnen der Cockpit-Tür. Sie war nicht von innen verschließbar, daher rauschte sie widerstandslos vor ihm auf.
Ein Plasmastrahl zischte nach draußen und fraß brennend ein Loch in die Schulter des Flottenkapitäns. Parcipel brüllte auf und klammerte sich am Türgriff fest, um nicht rücklings hinunterzufallen. Yamas Nase füllte sich mit dem stechenden Gestank von verbranntem Fleisch und Stoff und Leder. Als die Tür wieder zurück glitt, krachte verspätet Parcipels Geschoss in das Metall und stoppte den Schließvorgang auf halbem Weg. Yama feuerte durch den Spalt, und der Mann schwang sich zurück, nur noch einen Fuß auf der obersten Stufe.
Seine Munition muss doch enden, schrie Yamas Verstand. Wie viel Schuss hat er noch? Er konnte keinen Nahkampf gegen einen erfahrenen Offizier gewinnen. Als Schütze war er annehmbar, aber mehr auch nicht. Falls es auf ein direktes Duell hinauslief, egal auf welche Art, dann würde er den Kürzeren ziehen.
Er war nicht Harlock. Er würde niemals Harlock sein.
Doch wenn auch nur die geringste Hoffnung bestand, dann musste er jetzt überleben.
***
Harlock irrte durch das Nichts. Er hatte vergessen, was Mut und Tapferkeit waren; an sinnlose Werte wie Ehre erinnerte er sich schon lange nicht mehr. Seine ganze Existenz bestand nur noch aus Angst. Er hatte Schicht für Schicht von dem abgeschüttelt, was ihn einst zu dem gemacht hatte, was er war, und ohne Überraschung war sein nackter Kern ein schwarzer, pulsierender Knoten aus Furcht. Wer hätte das gedacht … Eine komplexe Formel wie Captain Harlock, reduziert auf die einzige Unbekannte. Erbärmliche Angst.
Angst, allein zu sein.
Angst, allein zu sterben.
Angst, nie zu sterben.
Angst, unendlich zu sein.
Ein schwach glimmender Stern in der Unendlichkeit des Alls, unerreichbar für jeden, der ihn sah, und unfähig zu verglühen.
Stundenlang bestand er aus roher Panik. Irrte. Schrie. Schlug um sich. Bis Erschöpfung ihn zwang, zu verstummen und lautlos zu leiden.
Erst dann fühlte er wieder einen Stich aus Licht. Eine leuchtende Nadel, die nicht wehtat. Sie impfte Wärme in ihn hinein, nur ein kleines Bisschen. Er umklammerte sie gierig. Sie begann zu wachsen. Langsam, wie eine kleine, schwache Pflanze.
Wofür fürchtest du dich?, fragte ihn das Alte. Hast du nicht viel Schlimmeres erlebt? Wir erinnern uns an dich, bevor wir den Pakt mit dir schlossen. Du warst voller Furcht, wie jetzt. Doch seither sind selbst für deinesgleichen immens viele Jahrzehnte vergangen.
Ich erinnere mich nicht daran, antwortete er. Das stimmte. Sein früheres und sein späteres Leben waren wie durch einen Schleier voneinander getrennt, und er wusste nur noch ganz vage, was dazwischen lag. Zu traumatisch, hätte der Doktor diagnostiziert. Verdrängt, vergraben, versenkt.
Unser Kind erinnert sich.
Für Miime war es immer qualvoll, wenn ich ihre Dienste brauchte. Sie wurde nie dafür ausgebildet. Sie kann einen Dunkle-Materie-Antrieb bedienen, aber alles darüber hinaus treibt sie wieder und wieder an den Rand des Todes.
Und doch erinnert sie sich.
Harlock dachte an Miime. Er dachte mit Liebe an sie, eine Freundschaft älter als ein Menschenleben. Das warme Licht in ihm begann wieder zu wachsen. Etwas mehr von der Schwärze floh.
Bereust du den Pakt?
Nein, wollte Harlock antworten, doch das Wort gefror ihm auf den nicht vorhandenen Lippen. Würde er heute wieder die Finsternis wählen? Er wusste es nicht. Als die Dunkle Materie die Erde umhüllt hatte und mit ihr die Arcadia, hätte Harlock dasselbe Ende nehmen müssen wie sie. Seine Crew, oder was von ihr übrig war, tat es. Sie atomarisierten vor seinen Augen, schreiend zersetzt von flüssiger Schwärze und verstreut in alle Unendlichkeit. Nur er blieb übrig, er und seine beiden engsten Freunde, die Mitschuld an seinem Verbrechen trugen. Doch er allein stand vor der Wahl.
Ich weiß es nicht, antwortete Harlock verwirrt. Ich weiß es einfach nicht.
Und dennoch bist du hier, um uns um einen neuen Pakt zu bitten.
Harlock schluckte seine Scheu. Nicht ganz, korrigierte er. Ich möchte eher … den alten neu verhandeln.
Obwohl du nicht länger derjenige bist, der an uns gebunden ist?
Das ist nicht wahr. Anfangs glaubte ich die Täuschung, doch nun weiß ich es besser. Ich werde ewig an euch gebunden sein, ich und jeder, der den Pakt übernehmen muss. Es ist ein unbrechbarer Fluch.
Du nennst es Fluch … Dieses Wort hat für uns keine Bedeutung. Das Alte schwieg einen langen Moment. Dann fragte es: Du siehst dich also in der Position, um Bedingungen zu stellen?
Ja, sagte Harlock tapfer.
Wir werden darüber nachdenken, ob wir dich anhören.
Es log wieder. Er spürte es. Es wollte ihn auf die Probe stellen, wie damals. Damals, als er noch so viel mehr Angst gehabt hatte … Harlock begann sich zu erinnern. Stück für Stück stiegen die Teile des Puzzles empor und setzten sich wieder vor ihm zusammen.
Und das Licht in ihm wuchs.
„Oh, hoppla. Dachte, das wäre mein Kaffee. Du nimmst auch zweimal Milch, hm? Sorry.“ Der untersetzte junge Mann nahm die andere Tasse etwas linkisch, als erwartete er, noch eine Ohrfeige hinterher zu bekommen, und trottete davon. Er trug eine starke Brille, und sein Wildwuchs von Haar hätte einen modernen Schnitt gut gebrauchen können.
Das war Harlocks erste Begegnung mit Tochiro an der Akademie. Auf den ersten Blick war ihm klar gewesen, dass der Kerl nicht, wie er, die Offizierslaufbahn eingeschlagen hatte; stattdessen erfüllte er schon damals alle Klischees des zerstreuten Wissenschaftlers. Noch hatte Harlock keine Ahnung, wie verschlagen, verwegen und unverblümt Tochiro darüber hinaus sein konnte – er wusste nur, dass etwas an ihm seinen Blick gefangenhielt. Der Mann war zu klein und zu dick, um ansehnlich zu sein, und er wusste es. Und wie er es wusste. Beleidigungen über sein Äußeres prallten deswegen an Tochiro ab, weil er ihnen sämtlich zustimmte. Gegen alles, was darüber hinausging, wehrte er sich, vor allem gegen Herabwürdigungen seines Intellekts. Dessen bediente er sich für jede Art von Rache.
Harlock war sofort in ihn vernarrt.
Sich mit Tochiro anzufreunden war nicht herausfordernd, denn wenn man erkannte und vor allem anerkannte, wie klug und listig er war, dann war er die freundlichste und sanfteste Person, die es geben konnte. Zugegeben, am Anfang war er misstrauisch – warum sollte ein so hochgelobter Offiziersanwärter wie Harlock, der zweifellos eine steile Karriere vor sich hatte, sich mit jemandem wie ihm abgeben? –, doch sobald Harlock ihm mit Geduld und Hartnäckigkeit vermittelt hatte, wie aufrichtig sein Interesse war, schmolzen sie zusammen wie zwei Metalle im selben Herdfeuer. Als Offizier und Ingenieur dienten sie auf denselben Schiffen, und ohne Überraschung entdeckte Harlock schließlich seine tiefere Zuneigung zu dem anderen Mann, die über Freundschaft hinausging.
„Sag mal, wenn wir nicht bei Gaia wären – was glaubst du, was wir wären?“
„Keine Ahnung. Konditoren vielleicht? Wir würden die schönsten Tortentoppings kreieren.“
„Haha, das würde ich zu gerne sehen … Kann besser Torten essen als backen, glaub ich. Aber mal im Ernst, Harlock. Ich kann nur Schiffe bauen, und du kannst nur Schiffe fliegen. Oder kannst du sonst noch was? Nee.“
„Gut, dann wären wir eben Pioniere auf den Grenzwelten. Ein Abenteuer nach dem anderen, und nie weißt du, was der neue Tag bringt.“
„Das ist aber kein Zuckerschlecken. Viele, die ich kenne, sind auf solchen Expeditionen bei Gaia in Ungnade gefallen.“
„Und wenn schon. Dann würden wir eben Piraten werden. Stell es dir vor: ein tapferer Captain und sein genialer Wissenschaftler – wer würde uns aufhalten wollen?“
„Uuh, großartiger Gedanke. Ich würde dir das beste Schiff konstruieren. Es hätte lauter Tricks auf Lager, wie ein Zauberkasten.“
„Ach so? Ich dachte, du wärst auf lebende Konstruktionen spezialisiert.“
„Ich bin ein Multitalent, Harlock, ich kann dir ALLES konstruieren. Und wer sagt, dass ein Schiff nicht lebendig ist?“
„Du weißt schon, dass ich mehr kann als ein Steuerrad drehen, Monitore lesen und Marstrander zitieren.“
Sie hätten ein traumhaftes Piratenpaar abgegeben. Unbesiegbar. Wie in den romantischen Erzählungen, die heute nur noch als Gute-Nacht-Geschichten taugten.
Tochiro hatte sich eng mit Miimes Volk, den Nibelungen, angefreundet. Sie verdankten ihm ihr Überleben, da seine Fähigkeiten das Massensterben beendeten und vier von ihnen retten konnten. Ohne das Geschenk der Nibelungen hätte Harlock die Erde nicht zerstören können.
Im ungebändigten Strom der Dunklen Materie wurden nur sie drei verschont. Aus gutem Grund. Alle drei mussten Buße tun für den Missbrauch einer Macht, die sie nicht kontrollieren konnten. Für das Leid, das sie verursacht, und die Leben, die sie genommen hatten.
Miime bezahlte, indem sie alle Übrigen ihrer Spezies vernichtete.
Tochiro bezahlte, indem er seinen Körper verlor.
Harlock bezahlte, indem er alles verlor.
Es tut mir leid.
An diesen Gedanken erinnerte er sich jetzt ganz klar.
Es tut mir so leid, Tochiro, Miime. Ich liebe euch.
Miime blieb bei ihm, wurde ein Teil von ihm. Genau wie die Arcadia. Die telepathische Verbindung schlummerte fortan in Harlocks Unterbewusstsein, warnte und lenkte ihn und erlaubte ihm, die Arcadia so präzise zu steuern wie kein anderer Kapitän sein Schiff.
Doch Schmerz und Verlust zerfraßen ihn.
Crewmitglieder kamen und gingen, lebten und starben. Harlock blieb unberührbar für sie. Er überdauerte sie alle, bis er nach Jahren des Leids jenen wahnhaften Plan fasste, der ihn noch tiefer in seine Schuld hinein trieb.
Ich werde ihnen versprechen, dass sie ihre Erde zurückbekommen können. Sie können dazu beitragen, dass die Menschheit nicht ausstirbt. Das ist keine Lüge. Sie werden keine Fragen stellen.
Und wenn die Zeit endlich aus den Fugen geriet und alles zu seinem Ursprung zurückkehrte, wäre niemand mehr da, um sich an sein Verbrechen erinnern. Es würde keine Rolle mehr spielen. Er würde keine Rolle mehr spielen.
Alles wird für mich zugrunde gehen.
Damals hatte ihn dieser Gedanke nicht einmal berührt. Heute erschreckte er ihn bis tief in die Grundfesten seines Wesens.
Wenn wir es nicht beenden, können wir nie mehr zusammen sein, Tochiro! Wir haben keine andere Wahl. Ich ertrage keine Ewigkeit ohne dich!
Harlock, weißt du was? Ich liebe dich auch, aber jetzt gerade bist du ein egoistisches Arschloch.
„Warum quälst du mich mit diesen Erinnerungen?“, stöhnte Harlock. „Ich habe es bereut. Ich habe mich geändert.“
Hast du das wirklich?, fragte das Alte. Dann triff deine Entscheidung.
Plötzlich wurde es wieder hell. Ein unwirkliches, lautloses Feuer erhob sich um Harlock herum, ein hoher Ring aus Flammen ohne echte Hitze. Er sah an sich herab. Sein Körper war wieder da, auch wenn er nicht real war; er konnte ihn fühlen und steuern wie in einem hyperrealen Traum. In seiner Hand lag Cosmo-Dragoner, seine Schusswaffe. Sein Schwerkraftsäbel fehlte.
Vor ihm teilten sich die Flammen.
„Nein“, hauchte Harlock, als er begriff, was geschehen würde. „Nein, bitte.“
Triff deine Entscheidung, forderte das Alte erbarmungslos.
Auf der linken Seite der Flammenwand kniete Yama auf der Brücke der Okeanos. Der frische Streifschuss entstellte sein viel zu junges, von Schmerzen verzerrtes Gesicht, das getroffene Auge weinte blutige Tränen. Vor ihm richtete sein wahnsinniger Bruder die Waffe auf ihn. Sein Finger begann den Abzug zu drücken. Es würde ein direkter Schuss ins Herz sein. Yama unternahm keinen Versuch, dem Tod zu entgehen.
Auf der rechten Seite stand die Brücke der Arcadia in Flammen. Tochiro stellte sich den hereinstürmenden Soldaten tapfer in den Weg, die Hände schlichtend erhoben. Er war nicht bewaffnet. Es würde sie nicht kümmern. Mindestens drei Waffenläufe zielten auf Tochiros Herz.
„Bitte.“ Harlock begann zu weinen, ungehemmt und hilflos wie ein verlassenes Kind. Er konnte diese Entscheidung nicht treffen. Er konnte nicht einen von ihnen sterben lassen.
Wenn du deinen alten Freund vor dem Tod bewahrst, bringen wir ihn zurück, wie wir dich zurückgebracht haben. Ihr werdet wieder vereint sein. Eure Zeit der Buße endet.
„Aber Yama …“
Du wirst dasjenige nicht mehr brauchen. Wir wissen, warum du hier bist – du willst wieder mit der Dunklen Materie verbunden sein. Diesen Wunsch werden wir dir erfüllen. Du kannst dein Schiff und deine Crew retten.
Und Yama würde dafür auf Tokarga sterben. Harlock würde wieder als Captain am Ruder stehen, Tochiro an seiner Seite. Endlich würden sie das unbesiegbare Piratenduo sein, das sie in ihrer Jugend so lustvoll ersponnen hatten.
Und Yama würde auf Tokarga ein kaltes, einsames Grab finden.
Harlock barg das Gesicht in den Händen. Seine Schultern bebten, und er hörte nichts außer seinem eigenen verzweifelten Schluchzen.
Diese Prüfung war zu schwer. Zu schwer.
Endkampf
„Du kannst dich nicht ewig da drin verstecken, F111!“
Yama lauschte angespannt auf die Stimme, ständig den Finger am Abzug der Pistole. Seit Stunden waren sie in dieser Pattsituation gefangen. Noch immer kauerte er im Cockpit hinter der defekten Tür; Parcipel war draußen und rumrundete das Cockpit auf der schmalen Plattform, die es ringsum einfasste. Die halb offen stehende Shuttletür würde Yama jeden Moment zum Verhängnis werden. Parcipel konnte hinein schießen – vorausgesetzt, er konnte im richtigen Winkel anlegen, was Yama mit kurzen warnenden Plasmaschüssen durch den Türspalt zu verhindern suchte. Er selbst schaffte es nicht, von innen einen tödlichen Schuss abzugeben, da er dafür seine Deckung hätte verlassen müssen. Und selbst dann war zu bezweifeln, dass er treffen würde. Am liebsten sähe er, dass Parcipel all seine Munition verschoss, doch natürlich tat der Mann das nicht. Stattdessen umkreiste er ihn wie ein Räuber seine Beute, lauerte geduldig auf den Moment, in dem Yama mürbe und unvorsichtig wurde.
Er hat so was schon hundertmal gemacht. Ich bin nur Routine.
Yama war inzwischen ziemlich am Ende. Das Atmen fiel ihm schwer, sein Magen schmerzte vor Hunger, er war durstig, und seine Glieder zitterten vor körperlicher und geistiger Erschöpfung. Er wollte nur noch, dass all die Strapazen endeten. Er konnte einfach nicht mehr.
Und Parcipel wusste das. „Nun komm schon raus. Wir beenden es. Ich werde dich ganz schnell und sauber töten.“
Das klang fair. Beinahe war Yama versucht, das Angebot anzunehmen, wenn das hier bloß endete …
Doch nein. Nein, nein, nein. Noch war er nicht so weit, dass er freiwillig zur Schlachtbank trottete. Es musste einen Ausweg geben. Parcipel könnte das Shuttle, in dem Yama sich verschanzt hatte, mit seiner hochzerstörerischen Munition sicherlich noch übler zurichten, doch offenbar erschien ihm dies nicht lohnenswert. Yama saß in einer Festung, aber es stimmte: Ewig konnte er sie nicht verteidigen.
Ich muss ihn einfach zuerst erwischen … Sonst habe ich keine Chance. Sonst wartet er einfach nur, bis ich nicht mehr schnell genug reagieren kann.
Er musste es versuchen.
Beherzt stürzte Yama zur Tür, lehnte sich hinaus und feuerte wild. Parcipel ergriff geduckt die Flucht, er war der Tür schon erschreckend nage gekommen. Yama hielt das Feuer auf ihn, gab ihm keine Gelegenheit, sich umzudrehen und zurück zu schießen. Parcipel floh schnell, seine Schritte auf dem Metallring hallten laut in der Höhle wider. Dann war er auf der anderen Seite des Cockpits, in Sicherheit. Kurz erwog Yama, die Tür gegenüber zu öffnen und weiter auf ihn zu feuern, ihn im Kreis zu treiben, doch das wäre verdammt riskant. Etliche schwarze Schmauchspuren zierten die Plattform und auch die drei Arme des Arbeitsboots, wo die Plasmaladungen sie getroffen hatten. Yama hörte Parcipel fluchen. Hatte er ihn erwischt? Er musste ihn erwischt haben.
Vorsichtig beugte Yama sich weiter aus dem Türspalt.
Plötzlich knallte ein Hartkerngeschoss von unten zu ihm herauf und schlug unmittelbar neben ihm in die halboffene Tür ein. Ein rauchender Krater erblühte. Gott, Parcipel zielte so schnell und scharf, sselbst aus dieser Entfernung! Er war hinuntergeklettert; Yama sah ihn neben einer der Schubdüsen stehen, die rauchende Waffe erhoben. Mit rasendem Herzen drückte Yama sich ins Polster des Pilotensitzes. Er wartete, lauschte, hörte eine kurze Folge von Geräuschen, und als er sich endlich traute, wieder aus dem Spalt zu spähen, sah er Parcipel gerade noch in Yamas umgestürztem Trägershuttle verschwinden. Er war an der Hülle hinaufgeklettert, das, was Yama in seiner Schwäche nicht gelungen war, und kletterte nun von oben hinein.
Aber das Shuttle startet nicht, dachte Yama im Versuch, sich selbst zu beruhigen. Der Absturz hat den Antrieb lahmgelegt. Ich habe es ausprobiert …
Plötzlich vibrierte das gegenüber liegende Gefährt, und die Klappe am Bug öffnete sich. Ruckelnd fuhr der Greifarm heraus und bäumte sich auf wie eine Kobra. Dieses Shuttle hatte einen intakten Treibstofftank, während Yamas eigener Greifer tot am Boden lag. Scheiße.
Panisch versuchte Yama, sich aus der halb offen stehenden Tür herauszuquetschen, doch wegen der Enge war er nicht schnell genug. Die aufgerichtete Metallklaue schwenkte über ihn und fiel dann wie ein Stein herunter. Das Dach des Trägershuttles wölbte sich unter dem Gewicht nach innen und drückte Yama im Türrahmen zu Boden. Yama stöhnte und hielt die Pistole fest umklammert. Parcipel war sofort auf dem Weg zu ihm.
Nein!
Yama sah ihn und feuerte. Sein eingeklemmter Arm ließ sich noch leidlich bewegen. Der kurze glühende Strahl traf Parcipel unter dem rechten Schlüsselbein, und mit einem Aufschrei ließ er die Waffe fallen.
Das war die Chance. Yama kämpfte und strampelte. Sein Körper schmerzte und protestierte, doch schließlich kam er frei. Ungelenk hangelte er sich bis zur Schubdüse, rutsche an dieser herab und landete bäuchlings im Kies.
Parcipel presste noch immer stöhnend die linke Hand auf die Wunde. Das erste Zeichen dafür, dass auch er endlich ermüdete. Die Rechte streckte er nach seiner Waffe aus. Sein entstelltes Gesicht war schmerzverzerrt.
Yama kämpfte sich auf die Füße und war den Bruchteil einer Sekunde schneller. Mit einem beherzten Tritt beförderte er die langläufige Feuerwaffe weit aus ihrer beider Reichweite. Parcipel stieß einen Fluch aus und stürmte auf Yama zu, tauchte sofort in die Schwärze seines blinden rechten Auges ab. Yama drehte sich nach ihm um, so schnell er konnte, wollte feuern, doch längst hatte sein Feind einen neuen Stein in der Hand, und die geringe Distanz zwischen ihnen erforderte kein großes Zielvermögen. Der scharf geworfene Felsbrocken schlug auf Yamas Hand, und diese brach mit dem schrecklichsten Knacken, gefolgt vom Klappern der Plasmapistole auf den Steinboden.
Yama konnte einen spitzen Schrei nicht unterdrücken. Der neue Schmerz schien die letzte Kraft aus seinem Körper zu rauben. Sein Sichtfeld flimmerte grau, er sackte auf ein Knie und würgte. Bittere Galle kam hoch und tröpfelte auf den Steinboden. Vor Elend konnte er nicht den Kopf heben. Parcipel war wieder in seinen toten Winkel geglitten, unsichtbar. Yama hörte und spürte ihn auf sich zu stapfen, schwer atmend und selbst halb betäubt von Schmerz, doch er kam einfach nicht auf die Beine. Sein Bewusstsein drohte ihm zu entgleiten. Die Welt wurde immer dunkler.
Da schlug ein neuer Schmerz gegen Yamas Brust und warf ihn hinten über. Er fiel um wie eine Puppe. Als er Luft holen wollte, gab es ein ziehendes Geräusch, und der metallische Geschmack von Blut flutete seinen Mund. Er sah gerade noch, wie Parcipel einen zweiten Stein fallen ließ und die letzten Meter zu ihm überbrückte. Er packte Yamas Hinterkopf an den Haaren, riss ihn hoch und ergriff ihn dann mit beiden Händen – eine presste sich auf seinen Mund, die andere verschloss seine Nase.
Blitzartig kam wieder Leben in Yama. Der Adrenalinrausch jagte einen Stromstoß durch seine Glieder, alle seine Sinne schlugen Alarm, und er begann gegen Parcipels schraubstockartigen Griff zu kämpfen. Seine Arme schlugen nutzlos um sich, die gebrochene Hand baumelte wie die einer Marionette. Der Griff lockerte sich nicht. Er konnte nicht atmen.
Doch er musste. Er musste noch einmal Kraft finden, irgendwo. Schon spürte er, wie seine Gedanken wieder auseinanderglitten, während seine Lungen nach Luft schrien. Sein Herz begann zu brennen wie ein glühendes Eisen.
In seiner Verzweiflung riss Yama plötzlich wild den Mund auf, und Parcipels Hand, die in dieser einen Position verkrampft war, geriet zwischen seine Kiefer. Yama biss zu. Er hatte kaum noch Kraft. Zwischen den Zähnen sog er Luft in sich hinein, langsam, aber stetig, und da begann Parcipel endlich, an seiner Hand zu ziehen, nur um festzustellen, dass Yamas Kiefer sich weiter schlossen. Mit dem Sauerstoff floss wieder Energie in seinen Körper hinein. Seine Zähne sanken tiefer. Drangen durch den Stoff in das Fleisch, durch die Muskeln und Sehnen, dann bis auf den Knochen. Parcipel riss an seiner Hand und begann zu brüllen. Blut spritzte zwischen Yamas Zähnen hervor, erst zarte Sprenkler, dann rote Sturzbäche.
Parcipels freie Hand schlug Yama gegen die Schläfe, mehr panisch als koordiniert. Einmal, noch einmal, und dann so fest, dass Yama mit einem heftigen Ruck den Kopf wegzog. Zu seiner eigenen Überraschung blieben die Finger zwischen seinen Zähnen. Er spuckte sie aus, es waren Zeige- und Mittelfinger. Fetzen von rotem Fleisch ragten aus den gebrochenen Gelenken. Yama hatte sie durchgebissen. Ihm war schwindelig, doch gleichzeitig rauschte das Adrenalin wie eine Droge durch sein Blut.
Er drehte sich um. Parcipel wand sich auf dem Felsboden, seine blutspritzende Hand umklammernd. Ohne zu denken stürzte Yama sich auf ihn. Mit einer Kraft, von der er nicht wusste, woher sie kam, rollte er den Mann auf den Rücken und nagelte ihn mit seinem Gewicht fest. Die Wunden, die sein Feind ihm beigebracht hatte, pochten dumpf und betäubt und spielten keine Rolle. Als seine gebrochene Hand ihm nicht gehorchte, benutzte Yama einfach die andere, um den nächstbesten Felsbrocken heranzuziehen. Mit Hand und Unterarm hob er das Ding über den Kopf, so weit er konnte, und ließ es schwungvoll auf Parcipel niederkrachen. Einmal, und eine rote Delle entstand auf der Stirn, noch mal, und Blut spritze auf, und ein drittes Mal, mit aller verbleibender Kraft, während er seinen Hass und seine Angst und seinen Schrecken herausbrüllte. Parcipels Schädel brach mit lautem, ekelerregendem Knacken. Blut sprudelte aus dem Bruch auf der linken Stirn. Der hektische Blick aus den weit aufgerissenen Augen kam zur Ruhe und defokussierte sich. Der Atem kam in einem letzten, schleppenden Stoß.
Dann starb der Captain der Astraios.
***
Harlock sah zu, wie seine Tränen auf dem unwirklich weißen Boden zu einem breiten Fluss zusammenflossen. Er war gefangen in seinem Dilemma. Vor ihm, im kalten Feuer, waren beide Szenen in der Zeit erstarrt, wie auf Eis gemalt. Yama … Tochiro …
Du wolltest doch die Zeit zurückdrehen. Jetzt kannst du es tun: Du kannst den Lauf der Zeit verändern. Nimm eine Entscheidung zurück und triff eine andere.
„Nein“, wimmerte er. „Ich kann nicht Yama gegen Tochiro eintauschen. Das ist eine grausame Wahl.“
Weshalb? Du hast so viele Jahre getrauert. Hast davon geträumt, wieder mit ihm vereint zu sein. Er war dein Opfer für die Herrschaft über die Dunkle Materie. Warum fällt es dir so schwer, unser Geschenk anzunehmen?
„Weil es keines ist!“, schleuderte er dem Alten entgegen. „Stattdessen zwingt ihr mich zu einem neuen Opfer, getarnt als Zugeständnis. Das akzeptiere ich nicht.“ Abscheu regte sich in ihm. Abscheu gegen sich selbst. Wie hatte er so tief sinken können, erneut mit diesen grausamen Geschöpfen verhandeln zu wollen? Seine Erinnerung an sie war unter einem Panzer des Vergessens verschüttet gewesen, doch daran hätte er sich erinnern müssen – daran, Tochiro geopfert zu haben, um seine Strafe, das ewige Leben, antreten zu können.
Wir verstehen nicht. Du musstest dein Schiff an einen Nachfolger abtreten, weil du deine geliehenen Kräfte missbraucht hattest. Unser Kind half dir, die Machtübergabe durchzuführen. Und doch strebst du jetzt danach, die Macht wieder an dich zu nehmen. Alles, was du dafür tun musst, ist, deinen Nachfolger aufzugeben.
„Ihr wisst genau, wie qualvoll das für mich wäre. Nur deswegen fordert ihr Yama. Ihr seid grausam.“
Nein. Wir kennen keine Grausamkeit. Erkläre dich.
„Mein Nachfolger bedeutet mir etwas!“, schrie er. „Wenn ihr verlangt, dass ich es in Worte fasse: Ich werde Yama nicht opfern.“
Interessant, gurrte das Alte. Dein Nachfolger hat den Platz deines geopferten Partners eingenommen?
Nein!, wollte Harlock rufen, doch das Wort erstarb in seinem Mund. War es so? Hatte er Tochiro wahrhaftig gegen Yama eingetauscht? Nein, niemals. Er liebte Tochiro, auch nach all den Jahrzehnten der phyischen Trennung. Yama liebte er ebenfalls, aber auf eine andere Weise. Die beiden waren sich nicht ähnlich. Sie beide verdienten seine Liebe.
Das dort will leben, sagte das Alte, und die erstarrte Szene um Tochiro erhellte sich. Das andere … wünscht zu sterben.
Es hatte Recht. Yama blickte Isora mit offenen Augen entgegen, doch er tat nichts mehr, um sich zu schützen. Er war an einem Punkt angelangt, an dem er den Tod von der Hand seines Bruders willkommen hieß.
„Das ist nicht … richtig.“ Harlock schüttelte den Kopf, während seine Gedanken miteinander rangen. „So sollte es nicht …“
Die Entscheidung liegt klar vor dir.
Harlock konnte nicht widersprechen.
Erst zu sehen, wen du opferst, wird uns wissen lassen, ob du würdig bist.
Da endlich begriff Harlock. Nämlich, dass es nicht die Entscheidung zwischen Yama und Tochiro war, um die es ging. Seine Zuneigung zu beiden Männern war nicht das, was das Alte interessierte. „Na schön“, sagte er, hob Cosmo-Dragoner und lud durch. „Ich entscheide mich.“
Er atmete tief ein, duckte sich und sprang mit einem Satz mitten in die Flammenwand, die beide Szenerien voneinander trennte. Sie war nicht heiß. Nur eine Illusion, wie alles in dieser falschen Scheinwelt. Er legte auf Isora an und schoss ihn in den Rücken, wie er es bereits einmal getan hatte, um Yama zu retten. Isora ließ die Waffe fallen, und Yama, das gesunde und das blutende Auge weit vor Überraschung, blickte schreckstarr geradeaus.
Tochiro konnte nicht gerettet werden. Doch dafür war es ohnehin über hundert Jahre zu spät. Er war damals vom Kugelhagel gefällt worden, und so würde es wieder geschehen, immer, egal wie oft Harlock diesen Augenblick in seinen Alpträumen wieder erlebte.
Wir können nicht rückgängig machen, was geschehen ist, dachte er. Ich liebe dich, mein Freund.
Das hohe, misstönende Gelächter des Alten erhob sich, ein abstoßender Klang aus unzähligen unsichtbaren Kehlen, der das Universum durchdrang und in Millionen von Lichtjahren Entfernung verhallte.
Du bist noch immer derselbe, nach all deinen Jahren. Du magst dich nicht erinnern, doch bereits damals hast du mit einem kühnen Manöver deinen starken Willen, deine Entschlossenheit demonstriert. So vorhersehbar. Euch Menschen kann man eine Ewigkeit schenken – ihr ändert euch nicht.
Die Bilder verzerrten sich und rückten langsam in die Ferne. Harlock sah zu, wie die Farben um ihn herum zerflossen; auch sein Körper löste sich wieder auf, und Schwärze umschloss ihn von allen Seiten. Nun war er wieder allein. Wieder verlassen …
Oder?
„Harlock.“
Er hörte sie. „Miime.“
Sie schwebte auf ihn zu, nur sanft glimmende Konturen, als wären all ihre Farben ins Gegenteil verkehrt. Nur ihre Augen strahlten wie kleine Sonnen. Etwas lag in ihrer Hand – ein Ball aus Licht, der rasch an Größe gewann. Er ähnelte dem, den sie zum Steuern der Dunklen Materie benutzte. „Hier.“ Feierlich legte sie das leuchtende Knäuel in seine Hände, die er weder spüren noch sehen konnte. „Und nun setze sie ein. Schnell.“
Harlock drückte das Licht mit Händen, die nicht existierten, an sein Herz, das nicht schlug. Es begann zu pulsieren und stärker zu strahlen, immer heller, bis es ihn und Miime ganz und gar vereinnahmt hatte.
Der Anker der Arcadia. Harlock rammte diesen Anker aus Licht in sein Herz. Er erinnerte sich jetzt. Er wusste wieder, was er zu tun hatte. Diesmal würde er nicht vergessen, wie er den Fluch auf sich genommen hatte. Dunkle Materie begann in seinem Inneren zu quellen und zu fließen. Sie durchströmte sein Sein, strahlte aus ihm heraus, und die Arcadia antwortete. Sie hörte seinen Ruf. Ihre Stimme wurde zum Echo seiner eigenen.
Harlock suchte nach Yama und fand ihn mühelos. Er lag im Sterben; sein Lebenslicht flackerte nur noch schwach. Harlock griff in Yama hinein und schlug den zweiten Anker gewaltsam in den Kern seines Wesens. Yama krümmte sich lautlos. Dann öffnete er sein verschleiertes Auge und begann wieder zu sehen.
„Solltest du die Dunkle Materie jemals ganz verbrauchen“, hallte Miimes Stimme durch den Raum, „wird dein Schiff sich nicht mehr erheben. Deine Crew wird sterben, und du … du wirst langsam und allein zugrunde gehen.“
„Ich weiß“, sagte Harlock erleichtert. „Lass uns nach Hause gehen.“
***
Kei lebte nur noch von Kaffee. Ihr Blut schien Kaffee zu sein und ihr Hirn vollgestopft mit dem aromatischen Pulver. Sogar ihr Sichtfeld, scharf und verschwommen zugleich, hatte eine schwärzliche Tönung angenommen.
Vielleicht war es aber auch Einbildung.
Scheiße, sie musste aufhören mit diesen Vierundzwanzig-Stunden-Schichten. Die kurzen Nickerchen zwischendurch hatten nicht viel genützt – an Schlaf war einfach nicht zu denken.
Yattaran kam von hinten herangeschlurft. Vielleicht brachte er neuen Kaffee. Wahrscheinlich brachte er neuen Kaffee.
„Zwanzig Minuten noch“, brummte er.
„Zwanzig Minuten bis was?“ Ihr Verstand lief nur noch im Energiesparmodus.
„Bis du zu deinem Captain-Duell antreten musst.“ Er hielt eine Tasse hoch. „Kaffee?“
Um Gottes Willen.
Plötzlich durchschnitt ein Piepsen die Stille. Alonso, der mit dem Kopf auf seinen Instrumenten gedöst hatte, schreckte hoch. „Nanu, wir … scheinen wieder Saft in die Langstreckenscanner zu kriegen …“
Keis Herz beschleunigte seinen Schlag. „Tokargas Oberfläche abtasten.“ Miime und der Captain haben es geschafft … Weiß der Geier, wie …
„Uhmmm …“ Es dauerte einen Moment, bis Alonso seine Benommenheit abgeschüttelt hatte und die Konsole richtig bediente. „… Die Bioscanner zeigen Lebenszeichen an. Das heißt … nur eins.“
Jetzt setzte Keis Herz unvermittelt einen Schlag aus. „Wessen? Verdammt, kannst du nicht rausfinden, wer noch lebt?“
„Es werden Spuren angezeigt“, stammelte der Crewman. „Spuren von … Dunkler Materie.“
Endlich.
Alle verfielen in seltsames Schweigen. Zu überwältigend war die Erkenntnis, dass Yama lebte – und den Überlebenskampf gewonnen hatte.
Die Brückenbeleuchtung fuhr an allen Enden wieder zu voller Stärke hoch. Der Zentralcomputer ging online, alle Signalleuchten begannen wild zu blinken.
Kei atmete gegen die Enge in ihrer Brust an. Kurz verschwamm ihre Sicht so stark, dass sie heftig blinzeln musste.
„Die Astraios ruft uns“, meldete Alonso.
„Durchstellen.“
„Auf die Sekunde pünktlich“, kommentierte Yattaran.
Auf den Bildschirmen erschien Amedes’ ernstes Gesicht. Auch er wirkte übernächtigt. „Die Frist ist um“, informierte er sie. „Unser Zweikampf steht an.“
„Eigentlich nicht“, korrigierte Kei mit einem Lächeln. „Wir haben nie festgelegt, dass du oder ich oder Harlock diejenigen sein würden, die gegeneinander antreten. Mein Captain ist auf Tokarga, und deiner auch, nicht wahr? Es hat schon ein Duell gegeben, und mein Captain hat gewonnen. Wenn du mir nicht glaubst, sieh nach.“
Zu ihrer Zufriedenheit sah der junge Commander einen Moment lang verwirrt aus. Dann bellte er Anweisungen an seine Männer, mit den Scannern nach Captain Parcipel Ausschau zu halten. Die leisen Antworten verstand Kei nicht, doch es war sehr gut zu sehen, wie alle Gesichter in Sichtweite einige Nuancen blasser wurden. Eine lautere Stimme schaltete sich ein: „Kommandeur Amedes, Admiral Levary hat angeordnet, dass Sie vorübergehend außer Dienst gestellt werden. Die Originalnachricht finden Sie im –“
„Herrgott, ich bin nicht taub!“, schnappte Amedes.
„Auf seinen Befehl wird die Arcadia sofort zerstört, Ihre Zusagen an die feindliche Crew sind ungültig. Bitte räumen Sie Ihren Posten.“
Kei erlaubte ihrem Gesicht, das Lächeln zu einem Grinsen zu verbreitern. Die waren gerade zu beschäftigt, um zu erkennen, dass die Arcadia binnen Sekunden wieder im Vollbesitz all ihrer erstaunlichen Fähigkeiten sein würde.
Amedes wandte sich noch einmal an Kei, senkte den Blick und sagte: „Tja, das hast du nun von deiner List, Mädchen. Tut mir leid.“ Die Übertragung endete.
Schritte erklangen von hinten und traten auf die Brücke. Kei drehte sich um und sah Harlock, der mit flatterndem Umhang auf sie zuhielt. Seine Rüstung trug er nicht, und auch ansonsten konnte er ihr Auge nicht täuschen: Seine Schritte wirkten bemüht fest, doch tatsächlich hatte sie ihren Captain noch nie so wackelig auf den Beinen gesehen. Die Unsicherheit in seinem Gang schimmerte durch, wenn man ihn kannte, sein Gesicht war erschöpft und blass. Kein Wunder, wenn man tagelang mit Fieber im Bett lag und nichts außer Brühe zu sich nahm.
„Dunkle-Materie-Antrieb aktivieren“, befahl er. „Alle Geschütze bemannen.“
„Aye!“, erhob sich der dünne Chor aus drei Personen.
Harlock blieb am Steuerrad stehen und sah über die Schulter; Miime stand hinter ihm, und seine Hand strich kurz über ihr Haar, ehe sie sich abwandte und zu ihrer eigenen Steuerkonsole zurückging. Die schwarzen Ringe begannen zu rotieren.
Harlock wandte sich an die leere Luft und sagte leise: „Mein Freund … Du hast doch sicher noch einen Trick auf Lager.“ Falls eine Antwort kam, so war sie für niemanden sonst wahrnehmbar. Harlocks Mundwinkel zeigten den Anflug eines Lächelns, dann schaute er Yattaran an. „Nutzt den Schutz des Dunkle-Materie-Schattens und holt das Trionische Netz wieder ein. Ortet den Sprengkopf auf Tokarga.“
Eilfertig beeilte sich der Erste Maat, die Anweisung auszuführen. Kei sah den Captain erwartungsvoll an. Eine Erklärung würde er ihr nicht geben, aber mit Sicherheit eine Aufgabe. Ihre Blicke trafen sich.
„Ich werde Yama holen gehen“, sagte er.
Ohne nachzudenken schüttelte Kei wild den Kopf. „Bei allem Respekt, Sir, Sie haben ein paar grauenvolle Tage hinter sich. Versuchen Sie nicht, mir was anderes zu erzählen, ich hab Augen.“ Sie deutete auf die genannten Sinnesorgane, und er blinzelte irritiert. „Ich werde Yama holen. Und den Sprengkopf.“
Harlock dachte darüber nach.
„Sie erledigen derweil die Astraios.“
Endlich nickte er. „Einverstanden. Aber Kei –“ Sein Auge verengte sich. „– du gestattest mir die Bemerkung, dass auch du nicht besonders ausgeruht aussiehst.“
„Pah.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Noch ein bisschen mehr Kaffee, und ich fliege den Sprengkopf gleich bis zum Mars.“
***
Es fühlte sich so gut an, so richtig. Endlich war Harlock wieder am richtigen Platz. Die Dunkle Materie rauschte durch ihn, er fühlte das Schiff, er fühlte Miime – und Yama. Sie waren nun zu dritt mit der vertrauten und doch so rätselhaften Energiequelle verbunden.
Yama brauchte dringend Hilfe. Er war noch immer in Lebensgefahr.
Tochiro hatte das Schiff bereits in einen Dunkle-Materie-Schatten gehüllt; somit konnten sie ihre Position verändern, ohne dass der Feind es registrierte. Für die Gaia-Flotte sah es aus, als befände die Arcadia sich noch an derselben Stelle, doch in Wirklichkeit tauchten sie gerade unter dem Belagerungsring hindurch.
„Achtunddreißig Grad Backbord“, befahl Harlock, und die noch dösige Brückencrew beeilte sich zu folgen. „Kampfsysteme hochfahren. Machen wir die Astraios kampfunfähig.“
Endlich erwachte auch der letzte Teil des Schiffes, die Gefechtsstationen, wieder zum Leben. Geschütztürme wurden ausgerichtet, Cygnus-Plasma aufgeladen. Mit einigen direkten Treffern würden sie den nichtsahnenden Gegenspieler schnell schachmatt setzen.
Harlock war so mit Erleichterung erfüllt, dass er seine körperliche Schwäche völlig ausblendete. Im Moment kompensierte die Dunkle Materie jede Unzulänglichkeit. Sobald Yama wieder an Bord war, würde er sich Ruhe gönnen; und wenn sein Junior Captain sich erst von seinen Verletzungen erholt hatte, dann konnte er sich gern wieder ans Ruder stellen.
„Türme zwei bis fünf Feuer, volle Ladung.“
Lautlose Blumen aus Feuer erblühten im Rumpf des Gaia-Flaggschiffes über ihnen. Laut dagegen war das Gejauchze von Yattaran und den Schützen.
Kei schnalzte mit der Zungen. „Die Armen“, seufzte sie in aufgesetztem Bedauern. „Jetzt kriegen sie wohl Ärger mit Admiral Levary.“
„Tut dir der Kleine, den du verarscht hast, nicht wenigstens ein bisschen leid?“, fragte Yattaran.
„Ein bisschen“, räumte sie ein. „Immerhin, Captain, haben Sie ihn dazu inspiriert, sich ehrenhaft zu verhalten.“
Harlock gab einen leisen Laut der Geringschätzung von sich. Dass er bei Männern der Gaia Sanction etwas bewirkte, damit rechnete er nicht wirklich. „Wieder in die Atmosphäre von Tokarga einschwenken“, ordnete er an. „Scanner auf Yama und den Sprengkopf ausrichten.“
Kei verabschiedete sich mit einem Salut und verließ die Brücke Richtung Hangardeck. Hinter der großen Frontscheibe war zu sehen, wie ein feindliches Schiff nach dem anderen, Kreuzer wie Jäger, davon skippte. Ein blaues Glühen kündigte den In-skip an, dann dematerialisierten sie im Bruchteil einer Sekunde. Ein geordneter taktischer Rückzug. Eine halbe Minute später war die Arcadia von leerem Raum umgeben.
„Haben wir noch heilige Früchte?“, fragte Harlock unvermittelt. Sein Magen wünschte sich nichts mehr als einen saftigen, sauren Apfel.
„Öh“, druckste Yattaran herum. „Wir, ah. Brauchten welche für ein Ablenkungsmanöver. Aber mindestens die Hälfte dürfte verarbeitet worden sein.“ Er unterdrückte ein Gähnen.
Harlock übersah es nicht. „Wie lange war die Crew in Bereitschaft?“
„Vierundzwanzig – …“ Nun brach das Gähnen doch hervor. „… – Stunden.“
„Es besteht keine Gefahr mehr. Alle Männer sollen schlafen gehen. Bis auf den Arzt, wir werden ihn brauchen. Melde Yamas Ankunft an. Ich übernehme das Ruder bis zum Schichtwechsel.“
„Aye.“ Yattaran nickte und schaltete das Intercom ein.
Harlock richtete den Blick wieder hinaus auf Tokargas graublaue Wölbung. In etwa einer Stunde würde Yama endlich wieder wohlbehalten an Bord sein.
Sein Herz gab ein kleines, warmes Schaudern von sich.
Ankunft
Yama hörte das Landeshuttle nahen. Es flog sehr langsam in die Grotte hinein, und schließlich fiel sein Schatten erst über das eine, dann das andere Trägershuttle.
Er wusste nicht, wie lange er schon im tieferen, engeren Teil der Kaverne zusammengekauert lag, und ebenso wenig wusste er, wie er dort hin gekommen war. Er hatte weg gewollt, weg von Parcipels Leiche und den vielen erkaltenden Blutlachen. Doch sein Körper hatte nicht mehr gehorcht. Das Atmen war immer schwerer und schmerzhafter geworden, sein Sichtfeld hatte sich eingeengt, Blut war ihm mit jedem gurgelnden Hustenstoß aus dem Mundwinkel gequollen. Er hatte wirklich geglaubt, dass er nach seinem teuer erkauften Sieg doch noch sterben würde.
Doch dann … war er in eine Art Trance gefallen. Er hatte Harlock über sich gebeugt gesehen, seine Silhouette scharf abgehoben gegen Tokargas immergrauen Himmel, und das konnte nicht wahr sein. Trotzdem hatte er Harlocks Nähe ganz stark gespürt, und sein Geist hatte darauf reagiert. Er hatte sich beruhigt und getröstet gefühlt und war irgendwann in eine samtweiche Dunkelheit geglitten.
Jetzt, da das Shuttle ihn geweckt hatte, merkte er, dass es ihm etwas besser ging. Die Schmerzen waren nicht mehr so vernichtend, dass sie ihn ausschalteten, und wenn er ruhig lag, bekam er einigermaßen Luft. Woran das lag, wurde ihm auch sofort klar: Er war wieder mit der Dunklen Materie verbunden. Sie pulsierte wieder in ihm, heilte allmählich seine schweren Wunden.
Aber wie kann das sein?, fragte er sich staunend. Ich habe nichts getan …
Aber Harlock. Harlock musste etwas getan haben. Irgendwie hatte er einen Weg gefunden, die Arcadia wieder mit Dunkler Materie zu versorgen. Als Yama einen Mund voll blutigem Speichel ausspuckte und den Kopf hob, um das Landeshuttle zu beobachten, wusste er sofort, dass Harlock nicht darin war. Eine klare, intuitive Gewissheit.
Kurz darauf kamen die Steuerraketen zum Schweigen. Yama spähte aus seiner halb versteckten Position aus nach aufwärts und sah, wie Kei aus dem Shuttle stieg. Erst jetzt verwandelte sich seine leise Hoffnung endlich in wahre Erleichterung. Er wollte ihren Namen rufen, doch nur ein schwaches Krächzen kam über seine Lippen. Noch immer konnte er kaum den Oberkörper heben.
Kei stieg über das Chaos hinweg, und Yama sah, wie ihre Miene kurz entgleiste. Bei Parcipels Leiche blieb sie einige Sekunden stehen, das Gesicht eine starre Maske; dann wandte sie sich ab und begann ängstlich zu rufen: „Yama? Yama, melde dich. Wo steckst du? Fuck, hier sieht’s aus wie in den Schlachthöfen auf Orma. Gib mir ein Lebenszeichen!“
Yama versuchte erneut zu rufen, robbte ein Stück auf dem Bauch vorwärts. Das Geräusch von Leder auf Kieseln schien dasjenige zu sein, das Keis Ohren erreichte. Sie richtete ihren Blick suchend auf den dunkleren Teil der Grotte, entdeckte Yama, und ihre Augen weiteten sich. Dann rannte sie los. Ehe Yama sie warnen konnte, war sie vor ihm auf die Knie gefallen und hatte die Arme um ihn geworfen.
„Yama! Großer Gott, bist du schmutzig!“ Doch sie umarmte ihn noch fester.
„Kei …“, brachte er protestierend hervor, und sie ließ ihn los.
„Oh, Scheiße. Ist das dein Blut?“
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Er hatte keine Ahnung.
„Leg dich hin, sei ruhig. Ich hole den Sprengkopf und dann hauen wir hier ab, klar?“ Sie riss ihren Lederrucksack vom Rücken und zerrte eine Decke heraus, die sie über ihm ausbreitete. „Hier. Ich bin gleich zurück.“
„Kei“, versuchte er es erneut. „Das Shuttle … der Tank …“
„Ich weiß, der Kerosingestank ist ja nicht auszuhalten. Ich flicke das Leck mit dem Notfall-Kit, das hält, bis wir oben sind, dann kann Maji es ordentlich machen …“ Sie redete, um sich selbst zu beruhigen, etwas, das Yama von jedem außer Kei erwartet hätte. „… Dann tanken wir Treibstoff vom Landeshuttle ins Trägershuttle um und schleppen das Landeshuttle ab. Ich hab alles dabei.“
Yama stellte keine Fragen. Er hatte auch keine Kraft dazu. In dem Moment, als Kei davon huschte, fielen ihm unter der Wärme der isolierenden Decke wieder die Augen zu.
Als er das nächste Mal zu sich kam, wusste er nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen waren. Kei rüttelte sanft an seiner Schulter, und er hob den verschleierten Blick.
„Alles ist bereit. Geht’s dir besser?“
„Was machen wir mit … mit ihm?“, murmelte Yama. Die Frage war ihm plötzlich in den Sinn gekommen. Schuldgefühle nagten an ihm, obwohl er wusste, dass er keine Wahl gehabt hatte.
Keis Brust hob sich unter einem tiefen Seufzen. „Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Ich hab keine Pläne für ihn. Du?“
„Harlock bereitet sicher allen besiegten Feinden ein ordentliches Begräbnis.“
„Nur wenn es die Umstände zulassen. Und nur wenn er der Meinung ist, es sei verdient.“
Yama dachte darüber nach, während Kei ihm auf die Beine half. Er beschloss, dass er Parcipel nicht so liegen lassen wollte. Und dass er sich selbst um ihn kümmern würde.
Die Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt; der Körper des Mannes war noch nicht einmal ganz erkaltet. Yama schloss ihm die Augen und faltete ihm die Hände über der Brust, während Kei mit verschränkten Armen zusah, ihr Gesichtsausdruck unleserlich. Zuletzt nahm er aus dem Erste-Hilfe-Kit etwas Verbandsstoff und wusch, so gut es ging, das Blut von Parcipels Gesicht. Die beiden schrecklichen Kopfwunden – aus der frischeren ragten scharfe Schädelstücke heraus, und Hirnmasse quoll darunter hervor – ließen sich nicht kaschieren. Yama wusste, dass dieser Anblick sich ihm einprägen würde. Er fragte sich, ob der Kapitän der Astraios eine Familie hinterließ.
Es spielte keine Rolle mehr.
„Ich bin fertig“, entschied Yama. Kei half ihm aufzustehen, und gemeinsam gingen sie zum notdürftig reparierten Trägershuttle.
Der Sprengkopf lag sicher in den starken Klammern, als sie mit feuernden Schubdüsen und dem Landeshuttle im Schlepptau von Tokarga abhoben. Am Ende war die Mission nach vielen Umwegen und wider Erwarten erfolgreich beendet.
„Deine Hand ist gebrochen“, diagnostizierte Kei stirnrunzelnd. Sie hatte sofort nach dem Start den Autopilot aktiviert. „Der Doc wird das hinkriegen.“
Yama nickte nur. Die Schmerzmittel hatten seinen Geist in Watte gehüllt.
„Du atmest schwer.“
„Das war schon vor der Verletzung so“, brummte er undeutlich.
Kei griff erneut in ihren Rucksack und präsentierte einen kleinen Gesteinsbrocken von bläulicher Farbe, etwa walnussgroß. „Man nennt es das Tokarga-Syndrom. Das Wasser enthält zu wenig Elektrolyte, das hat die Kolonialisierungsversuche zusätzlich erschwert, weil es auf Dauer krank macht. Hier, ein Stück Steinsalz von Garfudias, hat der Doc mir mitgegeben. Leck dran, das hilft.“
Etwas dümmlich starrte Yama den Stein in seiner Hand an, dann tupfte er seine Zungenspitze dagegen. Es war tatsächlich Salz. Köstliches Salz! „Is’ hundertmal besser als das aus der Küche.“
„Da sind viele Mineralien drin. Leck weiter, du kannst es nicht überdosieren.“
Daraufhin begann Yama wie ein Süchtiger an dem Salz zu lecken. Den ganzen Flug über tat er nichts anderes. Langsam ließen seine pochenden Kopfschmerzen wieder nach, doch dort, wo der Schmerz verschwand, blieb ein seltsames Gefühl der Leere zurück. Irgendwie war er … betäubt. Nicht nur vom Morphium. Kei gab ihm eine äußerst vage Zusammenfassung dessen, was sich während seiner Abwesenheit ereignet hatte. Yama befürchtete, dass vieles davon an seinem Verstand vorbei driftete.
Schließlich empfing das Hangardeck der Arcadia sie wie ein Mutterschoß. Yama spürte, wie die letzten tiefsitzenden Knoten der Angst sich langsam zu lösen begannen.
„Ich bringe dich erst auf die Krankenstation“, beschloss Kei.
Yama war inzwischen alles egal. Er ließ sich von ihr führen, während er das Steinsalz lutschte wie einen Lolli.
„Der Doktor ist übrigens betrunken.“
„Oh.“
„Nein, das ist gut. Dann arbeitet er besser. Zittert nicht so viel.“ Kei schob ihn sanft vor sich her, bis sie vor der Tür zum Schiffslazarett anhielten. „Du hättest Harlock sehen sollen, während du da unten warst“, fuhr sie leiser fort. „Er war völlig am Ende. Hat kaum gesprochen, nichts gegessen.“ Nach kurzem Zögern ergänzte sie: „Er liebt dich.“
„Ich weiß“, war alles, das Yamas gedämpftem Verstand dazu einfiel.
Keis prüfender Blick ruhte noch eine Sekunde länger auf ihm, dann drückte sie die Ruftaste neben der Tür. Der Arzt rief sie herein.
Während der Behandlung durch den ziemlich betrunkenen und sehr präzise arbeitenden Doktor wurde Yama langsam wieder wacher.
„Du hast zwei gebrochene Rippen. Eine hat sich in deine Lunge gebohrt, aber sich offenbar von selbst wieder gerichtet. Inzwischen sehen die Verletzungen aus, als wären sie schon ein paar Tage alt. Dunkle Materie ist ein erstaunliches Zeug … heilt und vernichtet, und nie weiß man, was man kriegt.“
Yama korrigierte ihn nicht.
„Dehydriert scheinst du nicht zu sein, aber du hast Gewicht verloren. Deine Hand ist ein glatter Bruch. Kein Problem. Wir stecken sie für zwei Wochen in ein Exoskelett, dann sehen wir mal, wie’s aussieht. Brutale Kämpfe streichen wir für Erste von deiner Agenda.“ Der Arzt reichte Yama eine kleine Dose. „Das sind Salztabletten. Die werden dir helfen, die Ödeme loszuwerden und das Wasser in der Lunge. Ansonsten kann ich nicht viel für dich tun … Was du brauchst, sind Ruhe, viel Schlaf und gutes Essen. Am besten fängst du gleich damit an.“
Yama nickte nur. Der Doktor konnte nicht aus seiner Haut, wie es aussah. Doch heute hatte Yama nichts dagegen, wie ein Kind behandelt zu werden. Er fühlte sich wie eins. Und zugleich fühlte er sich alt – abgenutzt und verbraucht.
„Kann ich gehen?“
Der Doktor betrachtete ihn und nickte. „Ich will dich jeden Tag einmal hier sehen. Und wenn etwas ist, zögere nicht, dich zu melden.“ Er tätschelte Yama kurz die Schulter, unverbindlich wie jeder Mediziner. „Dann ab mit dir, Captain. Geh was essen.“
Kei hatte an der Tür zum Lazaretts gewartet wie ein gut erzogener Begleithund.
„Es ist so still überall“, murmelte Yama.
„Der Cap– … Harlock hat alle ins Bett geschickt. Die Männer waren lange auf den Beinen, sind hundemüde.“
Yama schluckte hart. „Und wo ist …?“
„Harlock?“ Kei lächelte flüchtig. „Ich wünschte, ich wüsste immer, wo der sich rumtreibt. Wahrscheinlich ist er auch im Bett, das wäre vernünftig.“
Ein Teil von Yama stimmte ihr zu, ein anderer konnte nicht umhin, ein wenig enttäuscht zu sein. Er wollte zu ihm. Er wollte ihn sehen. Wollte sich vergewissern, dass es ihm gut ging, und … dass sie wieder …
Er blieb stehen, runzelte die Stirn und blickte an sich herab.
Kei sah ihn über die Schulter an. „Stimmt was nicht?“
„Ich brauche eine Dusche“, stellte er plötzlich fest. Vorher hatte er keinen Gedanken daran verschwendet. „Ich muss furchtbar riechen.“
Kei beugte sich vor und schnupperte. „Naja, geht gerade noch. Ich hab die Aufgabe, dich erst zu füttern.“
„Um diese Zeit?“
Kei packte ihn am Handgelenk und zog ihn beharrlich hinter sich her, bis sie vor der zweiflügeligen Tür zur Speisehalle standen. „Und da wären wir!“ Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf den Saal frei. „… Oh, wow.“
Yama musste ein paar mal blinzeln. Der Speiseraum sah aus, als würde die Arcadia ein Königspaar samt Gefolge zum Dinner erwarten. Das Buffet bestand aus so ziemlich allem, was die Vorratskammer zu bieten hatte, darunter auch Leckerbissen, die die Köchin üblicherweise nur unter Murren in winzigen Mengen herausrückte. Zwischen Gemüse, kleinen Kuchen, kalten Platten und Desserts tummelte sich liebevoll angefertigte Dekoration aus den Blättern und Blüten von Küchenkräutern. Nur sehr selten wies einen die Köchin derart deutlich darauf hin, dass sie nicht in einer Militärkantine zu kochen gepflegt hatte, bevor Harlock sie rekrutiert hatte, sondern in einer Sterneküche.
Yamas Kehle wurde ganz eng vor Rührung. „Wer soll denn das alles essen?“, krächzte er.
„Ach, mach dir keine Sorgen, das wird nach dem Schichtwechsel schon alle. Die Köchin konnte sich nicht bremsen, als sie gehört hat, dass ich dich abhole. Glaubt, du hättest die ganzen zehn Tage nichts gegessen. Und erstaunlicherweise hatte sie auch ganz viele freiwillige Helfer, zum Gemüseschneiden und so.“
Zehn Tage, dachte Yama.
Kei wies auf eine Schüssel mit gelblichem Kompott. „Selbst in unseren Konservierungsboxen hält sich frisches Obst nicht ewig, wie wir feststellen mussten. Und es matschig werden zu lassen, wäre eine Schande gewesen. Das, was wir nicht opfern mussten, haben wir verarbeitet: Gebäck, das sich einfrieren lässt, außerdem Konfitüre und so. Unsere Küchenchefin versteht sich auf die alte Kunst des Einmachens.“
Yama lernte die Köchin gerade ganz neu zu schätzen. Sein Magen meldete sich begeistert zu Wort angesichts dieses Festessens.
Kei brach ein Stück vom Kirschkuchen ab und steckte es in den Mund. „Mmmmh, köstlich. Na los, worauf wartest du?“
Wie im Schlafwandel ließ Yama sich an einem Tisch neben dem Buffet nieder. Langsam begann er wieder Dinge zu fühlen, ganz allmählich. Er hörte, wie Kei leise um die Tafel herumging, doch dort hielten ihre Schritte noch einmal an.
„Oh, Cap– … Harlock! Gerade rechtzeitig. Dann können Sie sich weiter um ihn kümmern. Ich bin hundemüde.“ Keis Schritte gingen hinaus, und schwerere, weichere kamen herein.
Yama ließ den Schöpflöffel wieder in die Fischsuppe sinken und sah beklommen auf.
„Yama!“ Das war nicht Harlock, sondern Tori, der in diesem Moment von Harlocks Schulter aufflog, um auf Yamas Platz zu nehmen und mit dem Schnabel durch sein verfilztes Haar zu wühlen. „Captain. Ääähk!“
„Yama.“ Harlock nahm am anderen Ende des langen Tisches Platz, in gebührlichem Abstand. Er sah mitgenommen aus, doch sein Auge funkelte, und seine Mundwinkel hielten ein leises Lächeln zurück. Er trug weder seine Rüstung noch den Umhang, und die Schmalheit seiner Schultern ließ ihn furchtbar verletzlich wirken. „Es tut gut, dich zu sehen.“
„Ich … ich meine, dich auch.“ Yamas Herz begann schneller zu klopfen. Was für eine unnötige Reaktion. „Ähm, hast du schon gegessen?“
„Nicht richtig. Darf ich dir Gesellschaft leisten?“
„Bitte, nur zu. Das hier reicht ja für zwanzig von uns.“ Er wusste nicht, warum er nervös war.
Beinahe feierlich begannen sie zu essen, und erst dann entspannte Yama sich ein wenig. Er hatte ganz vergessen, wie köstlich richtiges Essen war und wie sehr er es gebraucht hatte. Yogeria-Knollen waren nicht Teil des Buffets – zum Glück. Er würde sie wohl zeitlebens meiden, auch gegart.
Irgendwann bemerkte Harlock: „Deine Crew war sehr besorgt um dich.“
„Mmh.“ Yama schluckte den Mundvoll Reissalat. „Kei hat mir knapp erzählt, was passiert ist, während ich weg war.“
„Mir nicht. Ich war die meiste Zeit krank.“
„Sodass ich es nicht war“, folgerte Yama ohne Überraschung.
Harlock nickte.
„Wer war dann Captain?“
„Kei.“
„Oh. Das hat sie gar nicht erwähnt.“ Was ebenfalls nicht überraschend war.
Tori hatte genug davon, den beiden Männern beim Essen zuzsehen, und flatterte in einem Tiefflug über die Tafel davon – nicht ohne mit dem langen Schnabel noch eine Sardine zu stibitzen.
Noch immer fragte Harlock nicht, was auf Tokarga passiert war. Yama war seltsam dankbar dafür. Die Erinnerung fühlte sich wie ein ferner Alptraum an. Dann jedoch deutete Harlock mit einem Kopfnicken zu Yamas Hüfte. „Du hast seine Pistole behalten.“
„Oh, ja“, stammelte Yama. „Sie gefällt mir.“
„Eine fürstliche Waffe. Kein Gaia-Sanction-Standard.“
„Nein, ich glaube, das ist eine Spezialanfertigung. Hast du Ideen für einen Namen?“
„Dafür bin ich nicht kreativ genug“, wich Harlock aus.
Sagt der Mann, der Cosmo-Dragoner trägt. Yama atmete tief durch. „Weißt du, ich … ich hab wirklich versucht, ihn zu überreden, dass wir … zusammenarbeiten, aber … er wollte nicht.“ Er wusste nicht, warum er plötzlich das Gefühl hatte, sich rechtfertigen zu müssen. „Schließlich musste ich, ich musste …“ Ihm den Schädel einschlagen. Mit einem Stein. Ihm Finger abzubeißen hat ihn nicht aufgehalten.
Der letzte Bissen sank ihm schwer in den Magen. Sein Blick, auf das wächserne Tischtuch gerichtet, wurde undeutlich.
Ich hab ihn getötet wie ein Monster. Ich wollte nicht sterben, deshalb … musste er.
Klare Tropfen fielen auf seinen halbleeren Teller, einer, dann noch einer, und noch zwei … Wo kamen die her? Seine gesunde Hand flog zu seinem Gesicht, und oh, da schien die Quelle der Nässe zu sein. „Ich … oh, ich weiß nicht, warum … Ich will gar nicht …“
Da sah er, dass Harlock ihm nicht mehr gegenüber saß, sondern sich still Yamas sehender Seite genähert hatte. Etwas linkisch legte sich sein geschmeidiger Arm um Yamas Schultern und zog ihn sacht heran. Yama ließ es zu, lehnte sich widerstrebend gegen ihn. Dann begann er zu schluchzen. Unfähig, es zurückzuhalten. Er fühlte zu viel. Die Betäubung war weg, und jetzt war es zu viel. Wasser lief aus ihm heraus, und er konnte nichts dagegen tun, nur sich selbst zusehen, wie all seine Beherrschung zerfiel. Er heulte wie ein verdammtes Kleinkind.
Harlock sagte nichts. Er war nicht gut im Trösten. Er hielt Yama einfach nur in einem engen, aber sanften Griff mit beiden Armen an seiner Brust.
***
Yama war zu jung, um solche Erfahrungen zu machen. Junge Geschöpfe zerbrachen schneller als alte. Doch als Harlock Yama hielt und durch die neue Verbindung seinen aufgewühlten Geist betasten konnte, fand er dort nichts, das er für irreparabel hielt. Junge Geschöpfe heilten auch besser als alte. Yama würde heilen.
Schließlich hörten Yamas Schultern auf, sich zu schütteln, und das ziel- und haltloses Schluchzen ebbte ab zu einem nassen Schniefen. Sichtlich beschämt löste er sich aus Harlocks Armen.
„Tut mir leid“, murmelte er, auf den Boden starrend. „Ich weiß nicht, wo das herkam.“
Harlock wusste es.
„Ich wollte dich nicht … naja.“
„Es ist in Ordnung, Yama.“
„Du weinst bestimmt nie.“
Wenn du wüsstest. Eines Tages, dachte Harlock, würde er diesen Irrtum korrigieren. Yama seine Verwundbarkeit zeigen. Und eines Tages würde Yama ihm erzählen können, was er auf Tokarga erlebt hatte. Aber noch nicht jetzt.
Yama rieb sich mit dem Ärmel über das rotgetränte Auge. „Also, ich … ich sollte mich wirklich waschen gehen. Ich hasse es zu stinken.“
„Wie du möchtest.“ Harlock kümmerte es nicht. Er wusste, wie Menschen rochen, die tagelang in Frachträumen gehockt hatten oder jahrelang in Kerkern verwahrlost waren. Er kannte den Geruch von schwärenden Wunden, verrotendem Fleisch und auf der Haut getrockneten Exkrementen. Yamas abgetragener Geruch aus Blut, Kerosin und Schweiß war lange nicht das Schlimmste, das seiner Nase je begegnet war.
Sie ließen das Bankett für die Frühschicht stehen und traten hinaus in den stillen Korridor. Harlock schlug wie selbstverständlich den Weg zu seinem Quartier ein und sah zufrieden, dass Yama ihm folgte. Natürlich hätte er sich auch in den Großraumbädern für die Crew oder gar in den Zero-Gravity-Duschen waschen können, doch es war schön zu sehen, dass Yama Harlocks enge private Nasszelle bevorzugte. Nirgendwo anders gehörte er jetzt hin.
Mit Erleichterung stellte Harlock fest, dass der unangenehme Geruch nach Krankheit und Fieberschweiß restlos aus seiner Kabine verschwunden war. Die Luftfilter liefen auf höchster Stufe, und Miime hatte ihm zum bestimmt hundertsten Mal frische Laken auf das Bett gezogen. Er musste sich noch bei ihr dafür bedanken, dass sie ihn gepflegt hatte wie eine Nachtschwester und auch vor den unangenehmsten Herausforderungen, die seine Unpässlichkeit mit sich gebracht hatte, nicht zurückgeschreckt war. Miime war unbezahlbar. Doch sicherlich wusste sie das.
Yama verabschiedete sich mit einem Murmeln ins Bad und blieb dort eine beachtliche Weile. Harlock wusste sehr gut, wie paradiesisch sich sauberes, heißes Wasser nach langer Entbehrung anfühlte, und er lauschte auf das Rauschen der Brausen, während er an seinem winzigen Schreibtisch auf den Monitor starrte. Kei hatte im System einen knappen Bericht über Yamas Rettung hinterlegt, über den Zustand der beiden Trägershuttles und des Sprengkopfs, der sich im Hangardeck befand – an der Stelle, wo das Arbeitsboot gestanden hatte, mit dem Yama abgestürzt war. Vielleicht konnten sie zurückkommen und es bergen, falls Yattaran und Maji eine Reparatur für machbar hielten.
Kei erwähnte auch den Zustand von Captain Parcipels Leiche. Die Beschreibung gab Harlock eine vage Vorstellung davon, wie erbittert dieser Mann und Yama gekämpft hatten, ein Duell auf Leben und Tod. Dass Yama siegreich daraus hervorgegangen war, grenzte an ein Wunder. Es musste eine Initiationserfahrung für ihn sein, der Eintritt in eine härtere und grausamere Welt als die, in der er aufgewachsen war. Das Leben eines Gesetzlosen war nicht vorgesehen für einen Akademikerspross aus gutem Hause – das zumindest hätte Harlock behauptet, wären er und Yama sich nicht in vielerlei Hinsicht, auch in dieser, so erschreckend ähnlich.
Im Bad begann Yama sich die Zähne zu putzen, begleitet von gelegentlichen Seufzern des Genusses. Selbst den Geschmack von Zahnpasta lernte man zu vermissen.
Harlock ließ die unterste der automatischen Schubladen seines Schreibtisches aufspringen und entnahm ihr eine Flasche Wein, aus der er einen tiefen Zug nahm und sie dann wieder verstaute. Die nächste Zeit, eine geraume Zeit, würden er und Yama damit verbringen müssen, ihre neue mentale Verbindung zueinander zu erforschen. Tiefere Einblicke in Yamas Geist hatte er bislang nicht erhalten, stattdessen schien es sich ähnlich wie mit Miime zu verhalten, sodass er gewisse Gefühlsregungen und Impulse mit ihm teilen konnte.
Vielleicht brauchte Yama auch gar kein Training mehr …
In der linken oberen Ecke der Tischplatte stand das Becherglas mit dem Keimling, den sie gemeinsam während des Rituals zum Sprießen gebracht hatten. Seine Blätter waren sattgrün, aber seither kaum gewachsen. Was auch immer Tochiro in Form dieser Pflanze hatte erschaffen wollen, sie würden lange warten müssen, bis sie es herausfanden.
Ein Signalton erklang. Das Intercom meldete sich.
„Cap, äh, Harlock, sind Sie da?“ Yattarans leicht nervöse Stimme.
„Ich höre.“ Offenbar hatte der Erste Maat Besseres zu tun gehabt, als Schlaf nachzuholen.
„Geht’s dem kleinen Captain gut?“
„Den Umständen entsprechend.“
„Ah. Wir haben Kurs auf die Erde genommen, da hab ich mir gedacht, ich fange an mit Basteln. Das Trionische Netz hat keinen Schaden genommen. Den einen Sprengkopf hab ich schon angebaut, für den zweiten fehlen mir theoretisch ein paar Kleinteile, aber wenn Maji die Werkzeugkammer zur Abwechslung mal aufräumt, wird sicherlich alles auftauchen. Wenn wir den Sprengkopf von der Erde eingesackt haben, fliegen wir dann direkt zum Mars weiter?“
„Das wird Yama entscheiden, sobald er sich etwas erholt hat.“
„Gut. Ich brauche nämlich noch den Zünder, wo auch immer der versteckt ist. Muss ihn zerlegen und achtundneunzig von hundert Kopplungen deaktivieren, damit nicht der ganze Satz in die Luft fliegt, sondern nur unsere beiden. Stundenlange Fummelarbeit, ganz zu schweigen davon, dass ich bei unserem Stopp auf der Erde auch noch die Systeme in den Sprengköpfen selbst durchwühlen und sie umprogrammieren muss, ah.“
„Du wirst alles bekommen, was du brauchst“, versprach Harlock.
„Gut, gut. Ich bin jedenfalls in Bereitschaft.“
„Geh schlafen, Yattaran.“
„Pah. Wenn ich tot bin, Sir.“ Die Übertragung endete.
Harlock lächelte flüchtig. Die Geräusche im Badezimmer waren verstummt. Erst jetzt fragte er sich, warum Miime Yama noch nicht begrüßt hatte und warum sie sich offenkundig von ihnen fernhielt. Dann aber verstand er es. In dem Mfoment, als Yama in einer duftenden Dunstwolke aus dem angrenzenden Raum trat mit nichts am Körper außer einem Handtuch.
***
Er fühlte sich wie neu geboren. Oder eher, wie neu erschaffen. Er war in Sicherheit, satt, sauber, warm, trocken. Es war paradiesisch. Keis Angabe zufolge war er nur rund zweihundertvierzig Stunden auf Tokarga gestrandet gewesen, doch es fühlte sich an wie ein Trip in eine andere Welt. Eine, in die er nie zurückkehren wollte.
Harlock hob den Blick von seinem in Stand-by schaltenden Computer, sah Yama an, und seine Züge wurden sofort weich, wertschätzend, und fast ein wenig … lüstern.
Schlagartig wurden Yamas Wangen heiß. Er hielt das Handtuch, Harlocks Handtuch, über Bauch und Hüften fest; nach der Wärme der Dusche waren seine Haut und Muskeln gut durchblutet. Seine Kehle wurde trocken und sein Herz klopfte härter, als er mit festen Schritten auf Harlock zuhielt. Es waren ja nur wenige Meter Raum. Harlock stand auf, den Blick fest auf ihn gerichtet. Sie nahmen sich wortlos und fast ehrfürchtig in die Arme, und Yama hob das Kinn und küsste Harlock weich auf den Mund. Es wurde ein langer, tiefer Kuss voll unterdrückter Sehnsucht und Erleichterung darüber, dem Anderen wieder nahe zu sein. Yama ließ das Handtuch los, um die Hand in Harlocks Nacken zu legen, und nur ihre aneinandergepressten Körper hielten es noch in Position.
Wieder löste Harlock sich in genau dem Moment von ihm, als Yama für ihn den Mund öffnete. Nein, nicht dieses Mal. „Küss mich richtig, Harlock“, verlangte Yama mit ruhiger, fester Stimme.
Über Harlocks Gesicht huschte so etwas wie ein entzücktes Schaudern. „Ich mag deine Kommandostimme.“
Yama wartete nicht auf eine Einladung. Er drängte sich wieder gegen Harlock, gegen seine Brust und auch gegen seine Lippen, bis Harlock nachgab und Yamas Zunge in seinen Mund dringen ließ. Er schmeckte nach Wein. Sein Atem kam erhitzt und stoßweise. Yama zog die Hüften etwas zurück, sodass das Handtuch zu Boden glitt.
„Ich will dich“, sagte er, kaum einen Moment die Lippen von Harlocks lösend, bevor er sich wieder in den stürmischer werdenden Kuss stürzte.
Er spürte, wie es wirkte. Spürte, wie Harlock hart wurde, während er sein Becken gegen das des Anderen rieb. Yama wollte das hier so sehr, wie er kaum jemals etwas gewollt hatte. Dabei könnte der Kontrast zu seinen früheren sexuellen Begegnungen nicht größer sein: Junge Mädchen waren seine Partner gewesen, klein und weich und duftend nach Vanille oder Zimt. Harlock war weder klein noch weich, und sein Duft war dunkel und satt und maskulin; dennoch sprach sein Körper zu Yamas eigenem in einer Sprache, die nur sie beide verstanden.
Harlock seufzte und löste sich erneut von ihm, spürbar widerwillig. „Du bist noch sehr schwach, Yama. Deine Wunden sind noch nicht verheilt. Wir sollten warten, bis du dich erholt hast.“
„Hierfür bin ich nicht zu schwach“, hielt Yama ihm entgegen, ihm fest ins Gesicht sehend. „Und ich will nicht warten.“
Harlock erwiderte seinen Blick, das dunkle Auge beinahe glasig vor unterdrückter Lust. Seine Unterlippe bebte kaum merklich. Schließlich brachte er hervor: „Ich verstehe.“
Heimkehrer
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Epilog
In der Zitadelle des Ältestenrates hielt Commander Amedes, flankiert von zwei Soldaten, auf den Tagungssaal zu. Er hasste den Gedanken, persönlich dort erscheinen zu müssen. Üblicherweise ließen sich militärische Abgesandte als Holoprojektionen zuschalten. Ihn wunderte daher nicht, dass er vor der noch geschlossenen, mit Gold beschlagenen Tür, auf der das Symbol der Gaia Sanction prangte, auf Admiral Levary traf. Der bärtige Mann trug eine makellos saubere Uniform, und die Beschläge auf seiner Kapitänsmütze glänzten. Der alte Mann war rasch im Rang aufgestiegen, nachdem die Okeanos samt Besatzung zerstört worden war, ebenso wie Amedes selbst – und natürlich Parcipel.
Amedes gäbe viel dafür, dass sein früherer Captain jetzt an seiner Stelle wäre. Doch nein, er hatte Parcipels letzten Bericht gesichtet, und da sie sein Lebenszeichen auf Tokarga nicht hatten finden könnten, musste es wahr sein: Dieses halbe Kind von einem Piratenkapitän hatte ihn getötet.
Levary betrachtete Amedes mit einem herablassenden Blick, der ihm sagte, dass er nicht hierher gehörte. Das jedoch war das Einzige an der Situation, das Amedes unbeeindruckt ließ: Als junger Offizier mit steiler Karriere hatte er nicht genug Finger und Zehen, um abzuzählen, wie oft ein Ranghöherer ihn so angesehen hatte.
„Die Abgesandten der Flotte mögen eintreten“, kam die Durchsage. Die hohe Tür schwang majestätisch auf.
Der große Ratssaal wirkte indes nicht mehr sehr majestätisch. Die alten Männer in ihren dekorierten Roben saßen nicht auf den Rängen, unnahbar und über dem Geschehen thronend, sondern standen im Rondell in der Mitte versammelt, dort, wohin Amedes Levary mit festem Schritt folgte. Aus der Nähe sahen die Vertreter dieser mächtigsten Kaste der menschlichen Gesellschaft lange nicht so erhaben und ehrwürdig aus wie in den vielen Bildübertragungen. Stattdessen waren sie einfach nur alte Männer, müde oder verbittert oder beides, mit zerfurchten Gesichtern und kühlen Augen. Ihre ungelenken Bewegungen und teils beachtlichen Körperumfänge zeugten von dem hohen Lebensstandard, den sie pflegten. Wurden sie auch verehrt wie Götter aufgrund ihrer Hingabe und ihrer beinahe religiös anmutenden Entsagung profaner Freuden, ihre Leben einzig und allein dem Wohlergehen der Menschheit gewidmet, so unterschieden sie sich am Ende doch nicht von anderen Machthabern.
Amedes nahm Haltung an und faltete die Hände hinter dem Rücken, wie es auch Levary tat. Die Soldaten hinter ihnen setzten ihre Gewehre auf den Boden und standen still.
„Die Arcadia hat das Homeguard-System durchbrochen“, verkündete der Hohe Minister mit brüchiger Stimme. Seine schmalen Augen richteten sich auf die Militärs. „Nun besteht nur noch die Möglichkeit des letzten Rückzugs in unsere Schutzbunker.“
Amedes sah, was gemeint war: Die genau gegenüberliegende Tür, üblicherweise in den Bildübertragungen verschlossen und mit einem goldenen Riegel versperrt, stand nun weit offen. Ein dunkler Fluchttunnel führte hinter ihr ins Ungewisse.
„Wir wissen, dass unsere Auslöschung nicht das primäre Ziel Harlocks ist“, erklärte Levary. „Sie werden das Herrenhaus ansteuern, in dem Isora lebte. Das verschafft uns etwas Zeit.“
Amedes glaubte zu schrumpfen, als die volle Aufmerksamkeit des Hohen Rates sich auf die Besucher richtete.
Gelassen fuhr Levary fort: „Captain Parcipel von der Astraios hat sich wie geplant eine Zeitlang unter Tarnung auf der Arcadia aufgehalten und mittels eines Mikro-Kommunikators viele interessante Informationen übersandt. Wir werden neue Wege finden, Harlock zu bekämpfen.“
„Bitte führe dies aus, Levary. Warum sind Parcipels Berichte dem Hohen Rat noch nicht zugegangen?“, fragte ein anderes, für Amedes namenloses Ratsmitglied.
„Zugegeben, es gab einige Schwierigkeiten während der Mission auf Tokarga. Schwierigkeiten, die das Zutun von Parcipels Erstem Offizier –“ Nun sah Levary herablassend über die Schulter. „– Commander Amedes möglicherweise noch vergrößert hat. Doch beginnen wir von vorn. Nachdem die Arcadia durch den Jovian Blaster schwer beschädigt worden war und Harlock den Schutz der Dunklen Materie verloren hatte, war es den Piraten dennoch gelungen, die Erde wieder zu verlassen und den Patrouillen der Planeten-Allianz zu entkommen – und wir wussten nicht, wie. Doch es gibt eine einfache Antwort auf das Rätsel: Unser Piratenkönig hat einen Welpen.“
„Einen Welpen?“, brummte der Älteste. „Du meinst, einen Nachfolger?“
„Allerdings. Einen Jungen, Anfang Zwanzig, kühn – und offenbar von der Crew respektiert.“
„Sehr interessant. Um die Metapher aufzugreifen … Könnte es sein eigener Welpe sein?“
„Das glaubten wir zunächst. Immerhin wird dieser Bastard nicht älter, nicht wahr? Bei näherem Hinsehen gab es jedoch eine weitere Überraschung: Wir kennen den Jungen. Mag er auch jetzt eine Narbe und eine Augenklappe wie Harlock tragen, der Milchbart ist unverkennbar.“ Der Admiral gluckste. „Parcipel kannte ihn aus der Harlock-Akte.“
„Ich verstehe nicht“, knurrte ein anderes Ratsmitglied.
„Hoher Rat, erinnert Ihr Euch an denjenigen, den die Flotte geschickt hatte, um Harlock zu ermorden? Es war offensichtlich, dass er instabil ist, doch Isora bestand darauf.“
„Isora hatte eine Schuld zu begleichen“, stimmte der Hohe Minister zu.
„Dann ist er es?“, rief sein Kamerad aus. „Harlocks Welpe ist Agent F111?“
„So ist es.“
Amedes, der während all dessen brav den Mund gehalten hatte, zog die Brauen hoch. In der Tat hatte Parcipel den jungen Mann, mit dem er auf Tokarga festsaß, als F111 bezeichnet, doch Amedes hatte dies für den Verbrechercode gehalten, unter dem er gesucht wurde. Stattdessen war es eine interne Kennung und der Junge war ein Überläufer? Ich hätte auch die Harlock-Akte lesen sollen, dachte Amedes. Doch es war keine Zeit gewesen. Parcipel zu vertreten hatte ganz andere Anforderungen an ihn gestellt.
„Wie kann das sein?“, erregte sich ein weiteres Ratsmitglied. „Der Junge war ein psychisches Wrack. Wir glaubten nur deshalb daran, dass er Harlock zu Fall bringen könnte, weil er depressiv und selbstmordgefährdet war. Er tat alles, was Isora wollte.“
„Nun, jetzt hat er ziemlichen Mumm gezeigt“, hielt Levary dem entgegen. „Dicke Eier, wie wir salopp zu sagen pflegen. Die Vergangenheit hinter sich zu lassen kann dies bewirken. F111 hat schlicht beschlossen, jemand anders zu werden.“
„Ein neuer kleiner Harlock“, schnaubte jemand. „Das ist lächerlich.“
„Er hat Parcipel umgebracht“, sagte Levary hart, „geradezu hingerichtet. Die Nereide hat seinen Leichnam geborgen, sobald die Arcadia das Gorham-System verlassen hatte. Wer einen anderen so zurichtet, hängt an seinem Leben.“
Die Männer wurden still. Skeptische Blicke wurden getauscht.
„Wir können damit arbeiten“, sagte der Hohe Minister schließlich ruhig. „Niemand kann seine Vergangenheit wirklich hinter sich lassen. Harlock ist das beste Beispiel dafür. Er wurde jemand anders, und seine Schuld verfolgt ihn dennoch seit über hundert Jahren … und bringt ihn dazu, Dinge zu tun, die seinen eigenen Überzeugungen widersprechen.“
Levary brummte nachdenklich.
„Dass Harlock ausgerechnet F111 als seinen Nachfolger auserkoren hat, ist ein Geschenk für uns. Wir wissen alles über den Jungen, dank Isora.“ Mit gefalteten Händen wandte sich der weißhaarige Mann mit der dünnen Stimme und dem messerscharfen Verstand nun seinen Ratsmitgliedern zu. „Harlock ist ein Bollwerk, das zu durchbrechen uns mit keiner Waffe und keiner Kriegslist gelungen ist. Seit er das Hologramm über der Sperrzone zerstört und die Bevölkerung mit der Wahrheit erreicht hat, sind die Menschen mehr an ihm interessiert denn je. Die Rebellenbewegung bereitet uns bei der Aufrechterhaltung der Ordnung enorme Schwierigkeiten, die Revolten lassen sich immer schwerer zerschlagen. All diese Menschen glauben, Harlock würde sie befreien, und dichten ihm etwas Göttliches an … sehr zu unserem Nachteil. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um die Legende zu Fall zu bringen. Dann können wir den Teil des Universums, den wir einst kontrollierten, wieder in unsere Gewalt bringen.“
Was eine offene statt einer heimlichen Diktatur wäre, dachte Amedes. Er wusste, dass es zum Wohle der im All verstreuten Menschheit geschah, doch der Beigeschmack ließ sich nicht ignorieren. So ungern er es auch zugab: Die Begegnung mit Harlock hatte auch ihn beeindruckt. Vielleicht war es diese Ausstrahlung, die es Harlock ermöglichte, Leute für seine Sache zu gewinnen. Der Mann war mehr das Symbol der Freiheit denn je.
„Ich verstehe“, nickte Levary schließlich. „Harlock selbst ist zu erfahren nach hundert Jahren der Kriegsführung gegen uns. Aber F111 auf seinen Thron zu setzen, war ein fataler Fehler.“ Er schüttelte den Kopf. „Zu dumm für ihn, dass er keine Wahl hatte. Er musste den Fluch weitergeben, so heißt es in Parcipels Berichten. Aber F111 ist jung, gutgläubig und vor allem labil. Er kann kein Schiff führen, ganz zu schweigen von der Arcadia.“
„Und das wird unsere Gelegenheit sein, das Gefüge um Harlock von innen heraus zu zerstören“, schloss der Hohe Minister feierlich. „Denn jetzt sind sie hier, auf dem Mars, in unserem Territorium, wo wir sie beeinflussen können. Die Arcadia wird fallen.“
Amedes wollte anmerken, dass er das bezweifelte; dass nicht nur Harlock klug war, sondern auch seine Offiziere, wahrscheinlich seine ganze handverlesene Crew. Auch die unverschämt mutige junge Frau am Steuer hatte Amedes zum Narren gehalten, ihn wie einen Idioten dastehen lassen. Und er war noch nicht einmal wirklich wütend auf sie.
Ein junger Fähnrich kam in den Saal gestolpert, die Schultern eingezogen vor Ehrfurcht. „Admiral, Commander“, kiekste er, „Hoher Rat … Die Arcadia befindet sich am Anflug auf das Anwesen des gefallenen Kommandeurs Isora. Ihr solltet Euch in die Fluchttunnel begeben, Exzellenzen. Alles ist vorbereitet, es wird euch in den Bunkern an nichts fehlen.“
„Wir werden dort Zeit haben, unsere Pläne reifen zu lassen“, erklärte der Hohe Minister, „auch wenn wir keine Zeit zu verlieren haben. Die Gaia-Flotte wird sich wie vereinbart dem Feind stellen.“
„Ja, Sir“, bestätigte der Soldat eilig.
Die Ratsmitglieder wandten sich ohne ein Wort des Abschieds dem Tunneleingang zu und traten ihre geordnete Flucht an. Amedes starrte ihnen nach, bis Levary ihn unsanft am Ärmel fasste und heumdrehte.
„Wir kehren auf unsere Schiffe zurück, Commander.“
„Verstanden“, sagte Amedes. „Welche Position weisen Sie mir –“
„Welche schon, Sie Frischling? Es mangelt uns an guten Männern. Bis auf Weiteres werden Sie die Astraios kommandieren. Wir warten auf Anweisungen des Hohen Rates, wie gegen Harlock vorgegangen werden soll. Behalten Sie die Arcadia genau im Auge, verfolgen Sie jede Bewegung.“
„Ja, Sir.“
„Und Amedes …“ Levarys kühle Kieselaugen fokussierten sich noch einmal auf ihn. „… keine Missgeschicke mehr.“
„Nein, Sir.“
Ohne jeden Umweg kehrte Amedes auf die Astraios in ihrer Werft zurück, um das Kommando über sie zu übernehmen. Währenddessen hielt die Arcadia weiter auf die marsianische Hauptkolonie zu. Sie griff nicht an, beschoss keins der edlen Bauwerke, nicht einmal jene, die frei von Zivilisten waren.
Von innen heraus zerstören, dachte Amedes auf dem Weg in sein neues Quartier, das Quartier des Captains. Was mag das bedeuten?
Er hatte nicht die leiseste Vorstellung. Doch ohne jeden Zweifel würde er es bald erfahren.
ENDE