Kapitel 1
Sie ist gespannt. Mehr als nur gespannt. Forschen Schrittes ist Miyuki Sakanoshita auf dem Weg zu der Sporthalle der Volleyballmannschaft ihrer Schule. Seit ihre Mutter ihr gestern von dieser Sache erzählt hat, will sie unbedingt nachsehen gehen. Heute morgen war sie zu spät dran, aber jetzt wo der Unterricht vorbei ist, lässt sie sich nicht mehr aufhalten.
Laute Stimmen sowie das Geräusch abprallender Bälle hallen durch die offene Türe der Sporthalle nach draußen.
“Ich bin der Nächste!”
“Suga, du spielst mir zu.”
“Ich will auch! Los, Kageyama!”
“Klappe, Hinata!”
“Kagearsch!”
“Ruhe! Was soll das bitte? Los, weiterspielen und Klappe halten!”
Beim letzten Satz von der ihr bekannten Stimme, lacht Miyuki laut. Völlig normal, völlig normal. Sie streckt ihren Kopf durch die offenen Türe und tatsächlich, da ist er. Keshin Ukai. Also das ist ein sehr unerwartetes Bild, das kaum zu glauben ist.
“Entschuldige bitte, aber wenn du reinkommen willst, musst du bitte deine Straßenschuhe ausziehen”, erklingt eine helle Stimme.
Erstaunt dreht sich Miyuki herum, um sich gleich darauf Auge in Auge mit einer Schülerin zu finden. Das muss eine Drittklässlerin sein, wenn sie es richtig weiß. In ihrer Stufe ist ihre Gegenüber nicht und dass diese erst Erstklässlerin ist, ist sehr unwahrscheinlich.
“Oh, entschuldige bitte”, antwortet Miyuki und neigt ihren Kopf.
“Das ist gar kein Problem. Hast du Turnschuhe dabei?” Da die Antwort aus einem Kopfschütteln besteht, lächelt die Ältere. “Dann komm einfach mit Socken herein.”
Wie darum gebeten, zieht Miyuki ihre Schuhe aus und tritt in die Sporthalle ein.
“Kann ich dir helfen? Ich bin Shimizu Kiyoko, die Managerin des Volleyballclubs”, fragt die Ältere und schiebt ihre Brille zurück.
“Oh, nein, nicht wirklich. Ich bin nur hier, weil ich mir das unbedingt ansehen muss.” Mit einem Finger wird auf den neuen Trainer der Volleyballmannschaft gezeigt. Dieser nimmt sie gar nicht wahr, stattdessen jemand anderes.
“Oh, Sakanoshita, was machst du denn hier?”, durchschneidet eine weitere Stimme die Halle.
Verwundert blickt Miyuki auf und erkennt Hisashi Kinoshita, ihren Klassenkameraden. Stimmt ja, er ist auch Mitglied des Volleyballclubs. Trotzdem, sie hatte nicht auf dem Schirm, dass auch er hier sein würde.
“Miyuki?”, erklingt nun eine erstaunte Stimme. Grinsend dreht sie ihren Kopf in diese Richtung.
“Hallo Keshin.”
“Was machst du denn hier?” Keshin Ukai kommt auf sie zu, blickt sie verwirrt an. Ihre Augenbrauen heben sich.
“Weißt du, Mama hat erzählt, dass du Trainer der Volleyballmannschaft an meiner Schule geworden bist, hat sie von deiner Mutter. Auf jeden Fall konnte ich es nicht glauben. Warst nicht du es, der immer gesagt hat, dass du nicht mehr hierher kommen willst? Weil er irgendwelche alten Erinnerungen nicht zerstören will oder so?”
Ukai verschränkt seine Arme vor dem Oberkörper, runzelt die Stirn und verdreht seine Augen. “Meine Mutter ist so eine Tratschtante!”, knurrt er.
“Tja, meinst du nicht, ich hätte es sowieso irgendwann erfahren?” Miyuki grinst breit, erhält dafür nur ein Schnauben. “Also? Was ist der Grund, dass du hier bist? Es muss ja ein guter Grund sein. Hat man dir Geld geboten? Alkohol in Massen?”
Er grummelt irgendetwas unverständliches.
“Was?”, fragt Miyuki und beugt sich ihm entgegen.
“Die Entscheidungsschlacht am Müllplatz, klar? Die Krähen gegen die Katzen!” Er wirft seine Hände aufgebracht. in die Luft.
“Aha. Und das soll mir was genau sagen?”
“Gott, du hast keine Ahnung! Karasuno wird gegen die Nekoma spielen. Und das war schon zu meiner Zeit ein Gemetzel! Wir werden es ihnen zeigen und sie fertig machen! Die Krähen werden gewinnen!”
Ein Lachen unterdrückend nickt Miyuki verständlich. Damit kann man ihn gut dran bekommen! Sein Stolz lässt nichts unterkommen.
“Na dann, Volleyballtrainer. Da wird dein Großvater ja stolz sein.”
“Ach hör mir mit dem auf.” Noch etwas, mit dem man Ukai treffen kann. “Zudem werde ich die Mannschaft nur bis zu diesem Spiel trainieren, dann war es das auch schon.”
Leises Jammern um sie herum.
“Na dann. Gut, ich habe dich gesehen, wir sehen uns sicher nachher dann noch.”
“Vermutlich.” Ukai will gerade seine Hand zum Abschied heben, als …
“Ist das Ihre Freundin, Trainer?”
Blinzelnd und mit großen Augen blickt Miyuki zur Seite, wo ein Glatzkopf steht und seinen neuen Trainer mit großen Augen anstarrt, ehe sein Blick wieder auf ihr landet.
Ukai macht vor Schreck einen Satz nach hinten und hebt mit weit aufgerissenen Augen beide Hände abwehrend vor sich.
“Was? Nein. Nein! Das ist nur meine Cousine!”
Diese blickt lachend zu dem Glatzkopf, der ihr bekannt vorkommt. Müsste er nicht auch in der zweiten Stufe sein und eine ganz schön laute Stimme haben? Sie hat ihn sicher schon mehrfach über den Schulflur schreien hören. Sie verneigt sich leicht.
“Mein Name ist Sakanoshita Miyuki, schön euch kennen zu lernen.”
“Sakanoshita? Du heißt gar nicht Ukai? Wie kannst du dann mit ihm verwandt sein?”
Verwirrt sieht sie nun einen rothaarigen Jungen an, der sie mit schräg gelegtem Kopf anstarrt. Ist der nicht viel zu jung, um schon an der Oberschule zu sein?
“Häh? Wie kommst du denn jetzt auf so einen Schwachsinn?”, fragt Ukai seinen Schüler.
“Ah, der Konbini heißt doch auch Sakanoshita, nicht wahr?”, stellt ein dunkelhaariger Junge fest, der eine gewisse Autorität ausstrahlt.
“Richtig.”
“Was wiederum bedeuet, dass Sakanoshita mit Trainer Ukai über die mütterliche Seite verwandt sein müsste, Hinata”, erklärt ein grauhaariger, hübscher Junge, der bei dem Dunkelhaarigen steht. Vermutlich Drittklässler, ebenso der neben ihnen Stehende, der seine Haare auf dem Kopf zu einem Knoten geschlungen hat, so dass er wie ein Samurai wirkt. In der zweiten Stufe dürften sie nicht sein, sonst hätte sie sie doch sicherlich schon einmal auf dem Schulflur gesehen. Und Erstklässler sind sie auf keinen Fall, sie haben eine andere Ausstrahlung, zudem wirken sie auch älter.
“Ah.” Verstehen blitzt auf in den Augen Hinatas auf, “also sind die Mutter von Ukai und Sakanoshita Schwestern.”
Miyuki hebt ihre Augenbrauen. “Das … könnte richtig sein, aber ich trage den Namen meines Vaters … also falsch.”
“Häh?” Verwirrt sieht Hinata sie an. “Aua!”, gibt er gleich darauf von sich und sieht den Schwarzhaarigen neben sich an, der ihm gerade gegen den Hinterkopf geschlagen hat. “Was soll das, Scheißyama?”
“Bist du dumm? Wie kommst du denn jetzt auf den Mist?”
“Was willst du? Der Konbini ist doch von Trainer Ukais mütterlicher Seite, also müssen die Mütter miteinander verwandt sein!”
Es herrscht Stille in der Halle.
“Wie soll ich das aushalten?”, murmelt der autoritäre Junge, woraufhin der Grauhaarige ihm auf die Schulter klopft.
“Es ist nicht mehr ganz ein Jahr, Daichi. Kein Jahr mehr.”
“Stimmt. Kein Jahr mehr.” Ein erleichtertes Seufzen entkommt dem Angesprochenen, ehe seine Schulter herunter sacken. “Kein Jahr mehr …”, murmelt er.
“Kein Jahr mehr”, murmelt auch der neben ihm Stehende, der tatsächlich wie ein Samurai wirkt.
“Kein Jahr mehr”, stimmt auch der Grauhaarige zu.
Plötzlich wirken die drei niedergeschlagen. Spätestens jetzt beweist sich Miyukis Gedanke, dass die drei vermutlich Drittklässler sind. Kein Jahr mehr, dann werden sie ihren Abschluss gemacht haben.
Langsam nähert sie sich ihnen und stellt sich neben den Grauhaarigen.
“Hey”, begrüßt dieser sie und lächelt sie strahlend an, was ihr Herz einen Satz machen lässt. Oh Gott, der hat was. Das Lächeln, dazu wirkt er super sympathisch und gut aussehen tut er auch - das Gesamtpaket scheint zu stimmen.
“Hey”, erwidert sie die Begrüßung und lächelt ebenfalls. Sie deutet auf Hinata vor dem ihr Cousin gerade steht und ihn fragt, ob er eigentlich aufgepasst hat, als in der Schule Verwandschaftszweige erklärt wurden. Dahinter steht einer ihrer jungen Lehrer, der sich über den Hinterkopf reibt und verzweifelt aussieht. Herr Takeda, oder? Sie hat ihn gar nicht wahrgenommen, als sie hereingekommen ist.
“Ist der wirklich schon bei uns auf der Schule?”, fragt sie. “Der wirkt so klein.”
Ein Lachen entkommt den drei neben ihr Stehenden.
“Ja, ist er. Klein aber … ähm …”, erklärt der dunkelhaarige Junge.
“Er hat unglaublich gute Angriffsschläge drauf”, erklärt der Samurai.
“Aber beim Rest ähm … hapert es noch ein wenig.” Der Grauhaarige seufzt, dann wendet er sich wieder ihr zu und lächelt. “Ich bin übrigens Sugawara Koshi, das hier sind Azumane Asahi”, er deutet auf den Samurai, “und unser Kapitän Sawamura Daichi.”
Der Kapitän - doch, eindeutig autoritär, ihre Einschätzung hat gestimmt.
“Sakanoshita Miyuki und wie ihr jetzt alle wisst”, sie deutet auf Trainer Ukai, “die Cousine eures neuen, temporären Trainers.” Sie zwinkert den drei Jungen zu. “Also wenn ihr irgendwas braucht oder ich etwas für euch klären soll, wendet euch an mich. Ich kenne ihn bereits mein Leben lang. Und ich weiß, mit was man ihn bestechen kann.”
“Miyuki!”
Sie wendet sich grinsend zu dem Mann um, von dem sie gerade geredet hat. Er scheint gehört zu haben, was sie gesagt hat, denn er sieht wenig begeistert aus.
“Kann ich noch was für dich tun? Denn wenn nicht, dann verschwinde, wir müssen trainieren. Ich habe hier noch viel zu tun.”
“Hey!”
“Mit dir erst recht, Hinata. Hoch springen zu können reicht allein eben nicht aus!”
“Aber …”
“Ha ha, hab ich doch gesagt!”
“Klappe, Scheißyama!”
“Ruhe ihr zwei!” Sawamuras Stimme klingt durch die Halle und erstaunt stellt Miyuki fest, wie Hinata und der Schwarzhaarige zusammenzucken und tatsächlich ruhig sind. Der Kapitän scheint sie unter Kontrolle zu haben.
“Das wirkt nur so, aber frag besser nicht”, flüstert Sugawara neben ihr, der ihren erstaunten Gesichtsausdruck anscheinend erkannt und richtig gedeutet hat.
“Vielleicht mache ich das doch noch irgendwann”, flüstert Miyuki zurück.
“Gut, ich stehe bereit.” Er deutet mit dem Daumen auf sich und grinst sie breit an, was ihr ein Kichern entlockt.
“Miyuki, raus jetzt.”
“Schon gut, Cousin.” Die Angesprochene hebt beide Hände und zwinkert Ukai zu. “Wir sehen uns.”
“Lieber später als früher”, murmelt er hinterher, während sie lachend die Sporthalle verlässt.
Auf dem Weg lächelt Shimizu sie an, was von Miyuki erwidert wird. Sie könnte es sich nicht vorstellen, mit einem Haufen Jungs, der so chaotisch wirkt, regelmäßig und viel Zeit zu verbringen. Nein, sie bleibt lieber bei dem, was sie kann.
Kapitel 2
“Hey Sakanoshita!”
Die Gerufene bleibt stehen und dreht sich herum. Ihr Blick huscht über den Schulhof, bis er an drei Jungen hängen bleibt, von denen einer fleißig seine Hand über seinem Kopf hin und her schwingt. Ein Lächeln erscheint auf ihren Zügen.
“Sugawara, Sawamura, Azumane, guten Morgen”, grüßt sie sie der Reihe nach und neigt ihren Kopf.
“Nicht so förmlich, Sakanoshita.” Sugawara klopft ihr auf die Schulter und entlockt den neben ihm Stehenden ein Schmunzeln. Sie scheinen ihn so zu kennen.
“Wir sind doch jetzt fast so etwas wie eine Familie. Ich meine, unsere Volleyballmannschaft ist eine Familie, dein Cousin unser Trainer und damit gehörst du auch zur Familie.”
“Suga, hörst du dich manchmal eigentlich reden?”, seufzt Sawamura und schüttelt seinen Kopf.
“Vermutlich nicht …”, murmelt Azumane und steckt seine Hände in die Hosentaschen.
Neugierig mustert Miyuki ihn. Er ist so groß … warum macht er sich denn so klein?
“Jetzt stellt euch nicht so an. Sakanoshita kommt doch sicher, um uns regelmäßig anzufeuern, nicht wahr?” Sugawara wendet sich von seinen Freunden zu ihr und sieht sie begeistert an. Die Begeisterung schwankt, als sie ihr Gesicht verzieht.
“Tut mir leid, Volleyball ist … ähm … nicht so meines.”
Nun starren alle drei Jungen sie ungläubig an.
“Bitte?”
“Wie, nicht deines?”
“Wie kann Volleyball einem nicht gefallen?”
Miyuki schrumpft unter ihren fassungslosen Blicken zusammen. Dann zuckt sie zusammen, denn Sugawara tritt nach vorne, legt einen Arm um ihre Schultern und zieht sie einfach mit sich, wodurch ihr Puls in die Höhe schießt.
“Ganz ehrlich”, erklärt er dabei, “sag das niemals, ich wiederhole, niemals zu Hinata oder Kageyama. Die würden dich dafür töten.”
“Ach red nicht so einen Stuss, Suga”, gibt Sawamura schnaubend von sich.
“Eben, würden sie nicht. Sie würden versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen”, mischt sich auch Azumane ein.
“Eben. Und die Frage ist jetzt nur: Was davon wäre besser?”, richtet Sugawara an seine Freunde und lässt seinen Arm von Miyukis Schultern sinken.
“Das … kann ich tatsächlich nicht wirklich beantworten.” Sawamura grinst schief, während Azumane leise lacht.
“Ich auch nicht.”
“Dann sollte ich mich von den beiden besser fernhalten?”, fragt Miyuki neugierig.
“Das jetzt nicht unbedingt, denn immerhin würde das wohl bedeuten, dass du nicht noch einmal bei unserer Sporthalle vorbei kommen wirst, wenn du ihnen aus dem Weg gehst.” Sugawara schüttelt energisch den Kopf.
“Dort sind sie immer anzutreffen”, stimmt Sawamura zu.
“Ständig.” Azumane.
Ein Seufzen entkommt den Drittklässlern, was von Miyuki verwundert zur Kenntnis genommen wird.
“Komm ruhig ab und an vorbei”, richtet da Sawamura an sie und lächelt. “Wir freuen uns immer, wenn uns jemand zusieht.”
“Oh, und uns anfeuert. Das wäre super.”
“Wobei die Frage ist, ob die Jungs dann überhaupt trainieren können.”
“Oder sie ständig anstarren, das ist richtig”, stimmt Sugawara Azumane zu und legt eine Hand an sein Kinn, ehe er Miyuki ansieht. “Ich wüsste auch nicht so richtig, ob ich gut trainieren kann, wenn du da bist.”
Und wieder macht ihr Herz ein Satz, während Sawamura lacht.
“Du gibst echt viel Stuss von dir, Suga. Aber los, wir müssen rein. Der Unterricht geht gleich los.”
Erschrocken dreht Miyuki ihren Kopf zu der großen Uhr über dem Schuleingang. Tatsächlich, es sind nur noch ein paar Minuten, bis die Schulglocke läuten wird.
“Ah, dann muss ich! Vielen Dank euch und bis bald.” Schnell verneigt sie sich vor den Dreien, dreht sich herum und rennt los, um ja nicht zu spät zu sein.
“Nicht so förmlich, Sakanoshita! Hab ich doch vorher erst gesagt!”, ruft Sugawara ihr hinterher und entlockt ihr ein Lachen.
~🏐~
Okay, vielleicht ist genau dieser Typ der Grund, dass Miyuki sich tatsächlich am Ende ihrer Tanz-AG vor der offenen Türe der Sporthalle der Volleyballmannschaft findet und hineinsieht. Ihr Cousin lässt die Jungen hart trainieren, denn es gibt kein Gesicht, das nicht vor Schweiß glänzt. Und trotzdem lässt es keinen der Drittklässler, auf denen ihr Blick liegt, unattraktiv wirken.
“Asahi, für dich!”
Kageyama, von dem Miyuki inzwischen den Namen erfahren hat, spielt einen Ball hoch, den Azumane über das Netz auf das Gegenüberliegende Feld hämmert. Wow, da muss Kraft dahinter stecken.
“Hallo Sakanoshita.” Shimizu lächelt sie durch die offenen Türe an.
“Hallo Shimizu”, erwidert Miyuki.
“Willst du wieder nach deinem Cousin schauen? Oder willst du den Jungs zusehen?”
“Ich … weiß nicht genau”, antwortet die Gefragte und lässt ihren Blick über die Jungen schweifen. “Sugawara meinte, dass ich mal vorbei schauen soll … Ob Keshin davon so begeistert ist, wage ich zu bezweifeln.” Sie grinst schief. “Ich bin halt auch nur die jüngere, nervige Cousine.”
“Denkst du etwa, er findet es so schlimm?”
Miyuki dreht ihren Kopf. “Schlimmer. Sehr viel schlimmer.”
“Miyuki! Was machst du denn hier?”, tönt da schon die Stimme des Mannes, von dem sie gerade noch gesprochen hat, durch die Sporthalle.
“Sakanoshita, du bist tatsächlich gekommen”, erklingt Sugawaras Stimme und er grinst sie breit an.
“Ach, du hast sie eingeladen, Sugawara?” Ukai sieht ihn an, woraufhin er nickt.
“Richtig. Ich meine, jemand der uns zusieht animiert uns ja nur zu Höchstleistungen, nicht wahr?” Fragend sieht Sugawara zu seinen Teamkollegen.
“Das stimmt, Trainer! So wollen wir doch erst recht zeigen, was wir drauf haben!”, stimmt Nishinoya seinem Zuspieler sofort zu.
“Ganz richtig! So geben wir unser bestes. Nein, sogar noch mehr als nur unser bestes!” Tanaka nickte so stark, dass Miyuki sich einbildet, sein Genick krachen zu hören.
“Ähm …” Perplex starrte Ukai die drei an, ehe er seufzte und zu seiner Cousine sah. “Mach was du denkst, aber stör uns nicht!”
“Keine Sorge, ich bleibe nicht lange.” Miyuki grinst ihren Cousin an, ehe sie ihre Schuhe auszieht und in die Halle eintritt. Sie stellt sich zu der einzig anderen weiblichen Person und beobachtet erst eine Weile, wie das Volleyball-Team unter der Leitung ihres Cousins ihr Training wieder aufnimmt. Sie muss zugeben, Keshin macht es gut. Aber okay, vielleicht hat er doch was von seinem Opa gelernt, könnte ja schon gut sein. Er ist früher immer mit einem Volleyball rumgerannt, hat es geliebt zu spielen und tut es auch heute noch, auch wenn er es nur hobbymäßig macht. Doch für sie ist ihr älterer Cousin, immerhin trennen sie neun Jahre, immer untrennbar mit Volleyball verbunden. Nach einer Weile wird es ihr aber doch langweilig und sie blickt neben sich, wo Shimizu sich Notizen in ein Heft macht.
“Was schreibst du da denn auf?”, fragt sie neugierig.
“Ach, alles, was wichtig sein könnte. Wie die Jungs den Ball treffen, ob ins Feld oder daneben. Daraus kann man später auch schlussfolgern, was sie noch mehr trainieren müssen.” Ihr Augen weiten sich hinter ihren Brillengläsern. Ihr scheint etwas einzufallen. “Hast … hast du vielleicht Interesse an dem Ganzen? Ich mache dieses Jahr meinen Abschluss und dann haben wir keine Managerin mehr. Vielleicht willst du ja mitmachen, ich kann dir alles beibringen!” Shimizus Augen leuchten bei dieser Frage regelrecht.
“Das …” Miyuki hebt abwehrend ihre Hände. “Es tut mir wirklich sehr leid, aber nein. Ich bin in der Tanz-AG, das macht mir Spaß. Und im Gegensatz zu meinem Cousin habe ich kein Interesse an Volleyball. Ich wäre auch gar nicht hier, wenn Sugawara”, sie blickt zu dem Jungen, “mich nicht angesprochen hätte, ob ich nicht mal vorbeischauen will und dass es sie freuen würde. Na gut”, sie legt eine Hand an ihr Kinn, “er meinte auch noch, dass sie sich dann vielleicht gar nicht konzentrieren könnten.”
Ein Kichern lässt sie zur Seite blicken. Shimizu hat eine Hand vor ihrem Mund liegen.
“Suga lässt sich sicherlich nicht davon beeinflussen. Daichi auch nicht und auch Kageyama und Hinata oder Tsukishima.”
Miyuki folgt den fast nicht erkennbaren Fingerdeutungen auf die jeweiligen Personen.
“Denen ist das egal, die interessieren sich nicht für das, was um sie herum passiert, sie sind vollkommen konzentriert. Die anderen hingegen”, sie seufzt, “ja, denen merkt man an, dass sie unkonzentrierter sind. Sie scheinen sich mehr anzustrengen, doch dadurch unterlaufen ihnen mehr Fehler als sonst.”
“Oh …” Ein schlechtes Gewissen breitet sich in Miyuki aus. Das ist wirklich nicht ihr Begehren gewesen, als sie hierher gekommen ist.
“Mach dir keinen Kopf. Die müssen sich daran gewöhnen. Wenn sie wirklich mal bei richtigen Spielen mitspielen sind da noch sehr viel mehr Personen die ihnen zusehen als nur eine einzelne.”
“Das … stimmt wohl.”
“Das tut es, ja.” Shimizu sieht streng zu den Jungen hinüber, dann seufzt sie plötzlich. “Schade, dass du keine Managerin werden willst. Vielleicht muss ich jemanden suchen … es kann sicherlich nicht schaden. Wenn ich weg bin, dann gibt es jemanden, der sie einigermaßen unter Kontrolle hält.”
“Ich sehe, deine Aufgabe ist wichtig und sehr vielschichtig.”
Ein Schmunzeln huscht auf diese Aussage über die Züge der Managerin. “So habe ich es zwar noch nicht betrachtet, aber ja.”
“Na dann. Du findest sicher jemanden.” Miyuki lächelt. “Aber gut, ich gehe jetzt und störe nicht weiter. Vielleicht werden sie dann ja wieder besser. Wäre auf jeden Fall gut.”
“Ich werde dir berichten, ob es an dir lag, wenn wir uns das nächste Mal sehen.”
“Das würde mich freuen.”
Schmunzelnd dreht sich Miyuki herum und geht zum Eingang der Sporthalle. Dort hebt sie noch eine Hand zum Abschied. Ihr Cousin nickt ihr zu, ehe er sich wieder den Schülern zuwendet. Sugawara sieht sie fast enttäuscht an, doch nicht nur er. Sawamura blickt sie hingegen eher nachdenklich an. Als er bemerkt, dass sie ihn nun direkt ansieht, lächelt er, was sie einen Moment durcheinander bringt. Doch sie lässt sich das nicht anmerken, neigt ihren Kopf und verlässt die Sporthalle gleich darauf.
Kapitel 3
Es vergehen ein paar Wochen, in denen Miyuki immer mal wieder beim Volleyball-Team vorbeischaut. Und obwohl ihr Cousin zu Beginn groß rumgetönt hat, dass er nur der Trainer bleibt, bis die Krähen gegen die Nekoma, die Katzen, wie er sie genannt hat, gespielt haben, ist er es immer noch. Anscheinend hat ihn der Trainer der anderen Mannschaft ebenfalls herausgefordert. Doch nicht nur dieser. Keshin hat ihr erzählt, dass Herr Takeda ihn damals sogesehen so in die Falle gelockt hat. Aber auch wenn er so tut, als ob ihm das nicht gefallen hätte, weiß Miyuki, dass er seine Aufgabe wirklich sehr mag und er viel Spaß dabei hat. Würde es das nicht, wäre er schon längst weg. Anscheinend hat er auch die Jungen ins Herz geschlossen. Das wiederum kann sie verstehen, denn sie hat das irgendwie auch. Sie alle sind so nett und freundlich. Mit Sugawara versteht sie sich wirklich gut, er winkt ihr immer, sobald er sie sieht und kommt auch immer wieder zu ihr, um sich mit ihr zu unterhalten. Ihre Einschätzung von Beginn, dass er sehr sympathisch ist, hat sich auf jeden Fall bestätigt. Sie mag ihn, sehr sogar. Im Gegensatz dazu … Sawamura ist irgendwie seltsam. Er wirkt sehr distanziert ihr gegenüber. Zwar nickt er ihr zu, wenn er sie sieht, doch er bleibt nicht stehen und redet mit ihr, nicht so wie Sugawara. Manchmal, wenn er mit diesem zusammen unterwegs gewesen ist und Sugawara bei ihr stehen blieb, ist Sawamura einfach weiter gelaufen. Sie weiß auch nicht, was mit ihm los ist. So hat sie ihn nicht kennengelernt, damals wirkte er so offen und nett. Heute ist er wie ausgewechselt. Ob sie ihm unbewusst irgendetwas getan hat oder ihn stört? Sie kann es nicht sagen, doch es nervt sie sehr. Wenn sie ihn mit seinen Teamkollegen reden sieht, wirkt er auch ganz anders.
Seufzend richtet Miyuki das Band ihrer Tasche an ihrer Schulter und blickt auf ihre Uhr, während sie um die Ecke biegt. Gleich beginnt ihre Tanz-AG und da … Noch ehe sie ihren Gedanken zu Ende bringen kann, kracht sie mit jemanden zusammen und landet auf ihrem Hintern auf dem Boden.
“Oh verdammt.” Sie reibt sich über die Seite
“Oh, Sakanoshita, das tut mir wirklich sehr leid. Entschuldige bitte, ich habe nicht aufgepasst.”
Erstaunt hebt sie ihren Kopf und ihre Augen weiten sich, als sie direkt in Sawamuras Gesicht blickt. Er hebt ihr seine Hand entgegen, die sie nach kurzem Zögern ergreift. Er zieht sie hoch und legt beide Hände auf ihre Oberarme, während er sie besorgt mustert.
“Ist alles in Ordnung? Soll ich dich zum Krankenzimmer bringen? Zur Sicherheit, um alles abzuklären?”
Er scheint sich wirklich Sorgen zu machen, was Miyuki ein Schmunzeln übers Gesicht huschen lässt.
“Es ist alles okay, nur mein Hintern tut ein wenig weh und vielleicht auch mein Stolz, einfach so umgerannt zu werden”, erwidert sie, während sie über ihr Hinterteil reibt.
“Wirklich?”, fragt ihr Gegenüber nach, dessen Hände immer noch an ihren Oberarmen liegen.
“Ja, wirklich”, antwortet sie nachdrücklich und dann bemerkt sie erst, dass seine Daumen sanft über ihre Oberarme streicheln. Auch ihm scheint es erst jetzt bewusst zu werden, denn er reißt seine Augen auf, macht einen Satz nach hinten und entfernt sich sofort von ihr, bringt Abstand zwischen sie beide. Sein Gesichtsausdruck, der bis gerade noch besorgt war, verschließt sich plötzlich.
“Es … ähm, tut mir wirklich leid. Aber pass bitte auch besser auf, wenn du so um die Ecken gerannt kommst”, richtet er an sie, ehe er an ihr vorbeiläuft.
Ungläubig blinzelnd blickt Miyuki ihm hinterher, ehe sie ihr Gesicht verzieht.
“Was ist eigentlich dein Problem, Sawamura?”, entkommt ihr.
“Was?” Mit weit aufgerissenen Augen dreht er sich zu ihr herum. Miyuki macht einen Schritt auf ihn zu.
“Zu Beginn warst du noch so nett und freundlich zu mir, inzwischen verhältst du dich aber echt seltsam. Nicht einmal ein Lächeln hast du mehr für mich übrig. Habe ich dir etwas getan?”
Er macht abrupt einen Schritt nach hinten. “Nein, natürlich nicht”, presst er hervor.
Da ist sie schon bei ihm und sticht ihm mit dem Zeigefinger in die Brust.
“Was ist dann deine Erklärung dafür, dass du so komisch bist?”
Ein Schatten huscht über sein Gesicht, dann strafft er sich.
“Ich bin nicht komisch, Sakanoshita. Es ist nur …” Er scheint zu überlegen, was er sagen soll. “Tatsache ist, dass du das Volleyballtraining störst. Die Jungs können sich einfach nicht mehr konzentrieren und machen mehr Fehler, als sie müssten. Es ist zwar an sich ganz nett, wenn du mal vorbeischaust, aber das ist nicht zielführend für uns.”
Wie geschlagen tritt Miyuki einen Schritt zurück, löst ihre Hand von ihm und lässt sie neben sich fallen.
“Was?”
“Du hast mich schon verstanden. Es wäre besser, wenn du nicht mehr vorbeikommst.”
“Das … also …” Sie beißt sich auf die Unterlippe. Diese Aussage fühlt sich an, als hätte er ihr in den Magen geschlagen. Sie stört also? Na gut, dann tut sie das zukünftig eben nicht mehr. Sie presst ihre Lippen einen Augenblick zusammen. “Okay, ich habe dich verstanden. Keine Sorge, ich lasse euch in Zukunft in Ruhe!”
Und damit dreht sie sich herum und läuft weg. Sie bekommt nicht mehr mit, wie Sawamura hinter ihr steht, sein Gesicht zu einer Grimasse verzerrt, während seine Hände sich zu Fäusten ballen, wieder öffnen und das wieder und wieder. In seinen Augen steht ein seltsamer Ausdruck. Doch das fällt ihr nicht auf, während sie damit beschäftigt ist, die Tränen zu unterdrücken, die ihr in die Augen steigen. Nein, sie wird ihretwegen nicht weinen, niemals!
~🏐~
Okay, zuerst war sie traurig gewesen. Sawamuras Worte hatten sie gestern getroffen. Aber jetzt? Die Trauer hat sich über Nacht verabschiedet, jetzt ist sie nur noch wütend. Nicht einmal auf Sawamura allein, nein, auf alle! Entschlossen drückt Miyuki die Türe des Konbini auf. Ihr Blick wandert zur Kasse, doch diese ist leer. Ihre Tante hat ihr doch gesagt, dass ihr Cousin heute Schicht hat.
“Keshin!”, dröhnt ihre Stimme wütend durch den Raum. Da kommt er schon um ein Regal gebogen und sieht sie verwundert aus.
“Miyukilein?”, fragt er und verzieht seine Stimme ein wenig, um süß zu klingen. Will er sie so etwa besser stimmen? So?
“Ich heiße Miyuki!”
“Aber Miyuki-lein reimt sich auf klein und du bist doch eindeutig …” Als Ukai den blitzenden Blick seiner Cousine wahrnimmt, entscheidet er, lieber nichts weiter auszureizen. “Was ist los, Miyuki?” Er betont ihren Namen auf dem letzten i und tritt hinter die Kasse des Konbini, wo er sich setzt, nach seinen Zigaretten greift und sich gleich darauf eine ansteckt.
“Rauchen ist ungesund, sollte das dir als angeblichen Sportler nicht klar sein?”, kann sie sich nicht verkneifen zu fragen. Er verdreht darauf nur die Augen.
“Na zum Glück bin ich schon erwachsen und kann daher selbst entscheiden, was ich mit meinem Leben so mache. Also, was willst du von mir? Eines sag ich dir gleich, auf Zickereien habe ich keinen Bock. Wenn du also schlechte Laune hast, dann lass die doch bitte woanders raus und nicht bei mir. Ich bin da eindeutig die falsche Anlaufstelle!”
Sie tritt ihm gegenüber und stützt sich mit beiden Händen auf der Theke vor ihm ab, ehe sie ihren Oberkörper darüber beugt und ihn immer noch wütend anstarrt.
“Und ob du die richtige Anlaufstelle bist! Es geht um den Volleyballclub und von dem bist du immerhin der Trainer, oder?”
Nun sieht er sie verwirrt an. “Häh?”
“Es ist ja nicht so, als hättest du einfach mal mit mir reden können, nicht wahr? Ich meine, dass du, als mein Cousin, kurz zu mir kommst und mir einfach sagst, dass es vielleicht besser ist, wenn ich nicht mehr komme, um beim Training zuzuschauen, das wäre doch nun wirklich kein Hexenwerk gewesen. Das wäre ein Satz gewesen, ein einzelner. Von mir aus hättest du mir auch noch mehr Sätze sagen und es mir erklären können, hätte ich doch vollstes Verständnis für gehabt! Aber einfach nichts zu sagen und es mir dann von einem der Spieler vor den Kopf knallen zu lassen, das ist nicht in Ordnung!”
“Was? Halt, stopp!” Ukai drückt seine Zigarette aus und sieht seine Cousine an. “Jetzt bitte nochmal von vorne. Wer hat dir was vor den Kopf geknallt? Und warum hätte ich dir sagen sollen, dass du nicht mehr zum Training kommen sollst?”
“Weil ich doch schuld bin, dass die Jungs schlechter spielen.”
Kurz blinzelt Ukai, dann lacht er schallend los. “Oh Miyuki”, bringt er immer noch breit grinsend hervor, “ganz im Gegenteil. Seit du da bist, habe ich das Gefühl, geben sich die Jungs viel mehr Mühe. Wie als ob sie vor dir nicht schlecht dastehen wollen. Ich meine, Tanaka und Nishinoya haben das schon wegen Shimizu immer gemacht, aber der Rest - ich bemerke Unterschiede zwischen den Trainingstagen, an denen du zuschaust und an denen, an denen du nicht zuschaust. Und das ist Tag und Nacht, wirklich. Also warum sollte ich dir sagen, dass du nicht kommen solltest? Ganz im Gegenteil, du solltest immer dabei sein.” Das Grinsen verschwindet. “Im ernst, du solltest immer dabei sein. Willst du nicht unsere Managerin werden? Shimizu sucht jemanden.”
Miyukis Wut verraucht. “Was?”
“Ob du Managerin werden willst.”
Schon winkt sie ab. “Nein, das nicht. Außerdem hat Shimizu mich schon gefragt und ich habe ihr abgesagt. Ich bin in der Tanz-AG, das reicht mir.”
“Schade drum. Aber jetzt im ernst, wer hat dir bitte gesagt, dass du angeblich dafür sorgst, dass die Jungs schlechter spielen, wenn du da bist und du deshalb nicht mehr kommen sollst?”
“Das …” Miyuki stockt, dann schüttelt sie ihren Kopf. Sie kann das jetzt doch nicht einfach sagen, dann steckt Sawamura vielleicht in Schwierigkeiten und das will sie nicht wirklich, auch wenn er es verdienen würde. “Keshin, entschuldige bitte, dass ich dich so angefahren habe”, sagt sie stattdessen und neigt ihren Kopf.
“Schon okay”, winkt dieser ab, sieht sie aber immer noch nachdenklich an.
“Kannst du mir einen Gefallen tun?”
“Kommt drauf an. Was denn?”
“Bitte sprich im Volleyballclub nicht über das, was ich gerade gesagt habe. Vergiss es am besten.”
Schon runzelt ihr Cousin seine Stirn. “Wie soll ich es vergessen, dass dich einer der Jungs anscheinend dumm angemacht hat?”
Miyugi hebt beide Hände mit den Handflächen in seine Richtung. “Vielleicht habe ich da auch nur etwas falsch verstanden, kann ja auch gut sein.”
Ukai hebt seine Augenbrauen. “Darauf darf ich jetzt nichts erwidern, richtig?”
Augenbrauenhebend richtet sie ihren Blick auf ihn. “Richtig.”
“Gut, dann sage ich nichts.” Er seufzt. “Na gut, ich sage generell nichts, auch zu den Jungs. Aber falls was ist, komm bitte zu mir. Ich dulde es nichts, dass die Dummheiten machen. Machen sie schon genug, mehr muss da nicht noch dazu kommen.”
Schon nickt seine Cousine. “Werde ich. Und bis dahin muss ich auch noch etwas erklären. Na gut, ich verschwinde. Dann bis die Tage.”
“Bis dann.”
Ukai beobachtet, wie seine Cousine durch die Türe des Kombinis wieder verschwindet, dann seufzt er noch lauter und sieht auf seine Zigarette, die er nur teilweise geraucht hat, ehe er sie wieder ausgedrückt hat. Er hat es doch gewusst … er wird sich das Leben nur schwer machen, wenn er Trainer des Volleyballclubs wird.
“Verdammter Takeda, verdammter Nekomata …” Und dann greift er nach einer neuen Zigarette.
Kapitel 4
Immer wieder dreht Miyuki den Wasserhahn auf und zu. Sie steht im Freien an den Waschbecken und wartet darauf, dass Shimizu auftaucht, die hier im Normalfall vor dem Training des Volleyballclubs hier die Flaschen auffüllt. Sie muss dringend mit der Managerin reden, ehe sie weiterschauen kann. Die Wut, die sie gehabt hatte, ist verraucht, allerdings nur die, die sie ihrem Cousin und dem gesamten Volleyballclub entgegengebracht hat. Inzwischen konzentriert sich ihre Wut nur noch auf eine einzelne Person: Den Kapitän des Volleyballclubs höchstpersönlich. Sie versucht, diese zu unterdrücken, doch es gelingt ihr nur mehr schlecht als recht.
“Oh, hallo Sakanoshita”, erklingt da die Stimme der Person, auf die sie gewartet hat.
“Hallo Shimizu.”
Die Managerin beginnt, die Wasserflaschen aufzufüllen, während sie immer wieder abwartend zu Miyuki blickt. Diese kaut unsicher auf ihrer Unterlippe herum, ehe sie ebenfalls nach leeren Flaschen greift und ebenfalls beginnt, diese zu füllen. Sie muss ihre Hände einfach beschäftigen. Shimizu hebt zwar verwundert ihre Augenbrauen, sagt aber nichts. Dass sie so gelassen ist, hilft auch der Jüngeren, senkt die Unsicherheit ein wenig.
“Ähm, ich hätte eine Frage an dich”, bringt Miyuki schließlich hervor.
“Natürlich, was willst du denn wissen?”
“Du hast doch gesagt, dass du immer Notizen machst, also was das Training und die Spiele der Volleyballer angeht.”
“Das ist so, ja.”
“Das heißt ja im Umkehrschluss, dass du alles ziemlich genau beobachtest, richtig?”
“Auch das stimmt.”
“Findest du, dass ich die Jungs die letzten Wochen, wo ich doch ab und an mal vorbei geschaut habe, arg beeinflusst habe?”
Ein Lachen entkommt der neben ihr Stehenden.
“Wenn du willst, kannst du es gerne so nennen.” Shimizu schmunzelt. “Es wirkt manchmal so, als wollten die meisten der Jungs dich beeindrucken. Sie geben sich mehr Mühe als sonst. Also nicht, dass sie das sonst nicht tun, aber sie scheinen einfach gut dastehen zu wollen.”
“Oh …” Langsam fügt sich in Miyukis Kopf ein Zahnrad an das andere. Keshin hat gesagt, dass die Jungs sich mehr anstrengen und Shimizu hat das gerade bestätigt. Und was sie sagt, das ist wie geschrieben - ziemlich wahrscheinlich sogar in einem der Notizbücher. Es gab nur eine Person, die behauptet hat, dass sie einen schlechten, negativen Einfluss auf die Jungen hat. Er hat behauptet, dass seine Mannschaft mehr Fehler macht, wenn sie da ist. Doch das stimmt ja eindeutig nicht!
“Dieser …”, knurrt sie, als die Wut aus ihr hervorbricht. Sie dreht sich auf dem Absatz um und stürmt in Richtung der Sporthalle.
“Sakanoshita, warte”, hört sie Shimizus Stimme, nimmt diese aber gar nicht groß war. Sie ist viel zu sehr in ihrer Wut gefangen, um inne zu halten.
Sie stürmt in die Sporthalle hinein, sieht sich um, sucht eine bestimmte Person.
“Hey, Straßenschuhe ausziehen”, ruft einer der Zweitklässler.
“Miyuki, was willst du hier?”, ertönt die Stimme ihres Cousins.
Doch sie ignoriert alle. Ihr Blick hat denjenigen gefunden, wegen dem sie hier ist.
“Sawamura!”, brüllt sie wütend, woraufhin der Kapitän der Mannschaft sich umdreht. Seine Augen weiten sich, als sie auf ihn zugestürmt kommt.
“Oh hey, Sakanoshita”, begrüßt Sugawara sie, der bei seinem besten Freund steht. Doch auch er wird von ihr ignoriert.
Kaum dass sie vor Sawamura steht, rammt sie diesem ihren Zeigefinger in die Brust.
“Ich störe das Team? Ich bin schuld daran, dass sie ständig Fehler machen?”
Er wird blass. “Sakanoshita, ich …” Er darf nicht ausreden.
“Was bist du für ein verdammter Vollidiot?”, hallt ihre Stimme laut durch die Halle, sorgt dafür, dass sämtliche Gespräche eingestellt werden und alle Anwesenden zu den beiden sehen. Sugawara ist komplett verwirrt und blickt verunsichert zwischen seinem besten Freund und dem vor diesem stehenden Mädchen hin und her.
“Ich weiß, dass es nicht so ist! Ich weiß, dass du gelogen hast. Sowohl laut Shimizu als auch eures Trainers, hörst du, eures Trainers!, sorge ich nicht dafür, dass ihr schlechter spielt! Du bist so verlogen! Von wegen du hast kein Problem mit mir! Hättest du keines, hättest du nicht so einen Schwachsinn erfunden! Also los, was ist dein Problem mit mir, dass du dir irgendwelche Ausreden einfallen lässt, um mich so vor den Kopf zu stoßen und mich vom Volleyballclub fernhalten willst?”
“Miyuki, was soll das?” Ukai kommt näher und greift nach ihrer Schulter, will sie nach hinten ziehen, doch sie schüttelt ihn einfach ab, macht einen Schritt zur Seite, ohne Sawamura aus den Augen zu lassen. Dessen Blick huscht durch die Gegend. Von ihr zu seinem Trainer, der hinter ihr steht, wieder zu ihr, zu dem neben ihm Stehenden, der ihn immer noch verwirrt ansieht, zurück zu ihr, zu den anderen Anwesenden, die ebenfalls alle seine und Miyukis Richtung starren, wieder zu ihr. Er schluckt, dann stellt er sich aufrecht hin.
“Du willst wissen, was mein Problem ist, dass ich dir gegenüber behauptet habe, dass du einen schlechten Einfluss hast?”, fragt er mit emotionsloser Stimme.
“Natürlich!” Wütend funkelt Miyuki ihn an. Er blinzelt, wirkt einen Moment erneut unsicher, dann runzelt er seine Stirn und sein Blick wird kalt.
“Du bist es!”
“Was?” Nun ist sie es, die ihn verwirrt ansieht.
“Du bist mein Problem, Miyuki. Ich mag dich einfach nicht sonderlich.”
Es herrscht Stille in der ganzen Halle. Miyuki blinzelt ungläubig, leises Getuschel setzt ein.
“Was sagst du denn da, Daichi? Ich dachte …” Sugawara runzelt seine Stirn ebenfalls, blickt die ihnen gegenüber Stehende an, ehe er sich wieder seinem besten Freund zuwendet. “Was willst du damit sagen, Dai?”
Der zuckt mit seinen Schultern, sieht das Mädchen noch einmal kalt an, ehe er sich von ihr abwendet, stattdessen nur seinen besten Freund anblickt.
“Tut mir leid, Suga. Ich wusste bisher nicht, wie ich es dir sagen soll.”
“Okay, das hier ist alles sehr …”, Ukai stockt, weiß nicht so recht, was er sagen soll, ehe er seinen Kopf schüttelt und sein Gesicht verzieht, “ähm, nicht in Ordnung!”, beendet er den Satz. “Du”, er deutet auf seine Cousine, “gehst vielleicht besser. Wir reden später. Und du”, nun wendet er sich Sawamura zu, der sein Gesicht verzieht, “du kommst sofort mit mir mit! Der Rest von euch beginnt mit dem Aufwärmen, klar? Keine Gerüchte in die Welt setzen, es geht euch nichts an, was hier los ist! Und du Sawamura, los jetzt!”
Immer noch fassungslos sieht Miyuki zu, wie Ukai Sawamura eine Hand auf die Schulter legt und ihn unsanft aus der Halle schiebt. Als sich ihr ebenfalls eine Hand auf die Schulter legt, zuckt sie erschrocken zusammen und sieht neben sich. Ihr Blick trifft auf ein paar blaue Augen hinter Brillengläsern, die sie entschuldigend ansehen.
“Ist alles okay, Sakanoshita?” Shimizu lässt ihre Hand wieder sinken.
Ein langsames Kopfschütteln ist Antwort auf die Frage.
“Hey, Sakanoshita. Es tut mir wirklich leid. Daichi meint es sicherlich nicht wirklich so. Er … er ist sonst nicht so”, versucht Sugawara seinen besten Freund zu entschuldigen. Er wirkt auch überfahren, aber mit so etwas hat sicherlich keiner gerechnet.
“Lass es, Sugawara”, fährt Miyuki ihn an. Sofort hält er inne, macht einen kleinen Schritt zurück. Ihre Augen weiten sich. “Es … es tut mir leid, das … wollte ich nicht. Ich wollte dich nicht so anfahren, du hast nichts falsch gemacht.”
Ein sanftes Lächeln erscheint auf ihren Zügen und er tritt wieder zu ihr, streicht ist sanft über den Oberarm.
“Ich weiß, dass du nicht mir böse bist, daher musst du dich nicht entschuldigen.”
“Doch, denn egal wie, ich darf meine Laune nicht an dir auslassen, nur weil ich wütend auf deinen besten Freund bin.” Miyukis Blick verdüstert sich. “Aber du musst dich auch nicht für ihn entschuldigen. Mit “er meint es sicher nicht so” liegst du komplett falsch. Natürlich meint er es so, sonst hätte er es schließlich nicht gesagt! Aber gut, dann weiß ich wenigstens, woran ich bei ihm bin. Er ist es nicht wert, dass ich mir seinetwegen weiter den Kopf zerbreche.” Erneut knirscht sie mit ihren Zähnen, ehe sie sich zur Seite dreht. “Na gut, dann gehe ich jetzt lieber. Und ich werde auch nicht mehr vorbeikommen. Danke für alles.”
Miyuki verneigt sich noch leicht, dann verlässt sie die Sporthalle. Sie ist nicht weit gekommen, als eine Stimme hinter ihr ertönt.
“Sakanoshita.”
Erstaunt dreht sie sich herum. Sie hat nicht damit gerechnet, dass er ihr hinterher kommt. Generell nicht, dass ihr jemand folgt, aber wenn, dann hätte sie eher Shimizu erwartet.
“Sugawara.”
Er bleibt vor ihr stehen, sieht sie verunsichert an, ehe er sich mit einer Hand durch die Haare fährt, die daraufhin wild abstehen.
“Ähm … ich wollte nur …”
“Ja?”
Langsam lässt er seine Hand wieder sinken. “Ich hoffe, dass du nicht auch böse mit mir bist oder den Kontakt zu mir einschränken willst, nur weil …”
“Ich mag dich, Sugawara. Und nur weil du mit einem Vollidioten befreundet bist, heißt das nicht, dass ich nicht mehr mit dir befreundet sein will.” Sie stockt und ihre Wangen werden rot. Befreundet … was redet sie denn da? Sie weiß doch gar nicht, ob sie Freunde sind. Nur weil sie sich begrüßen, ab und an nett miteinander reden und sie manchmal beim Volleyballclub vorbei geschaut hat, sind sie doch noch keine Freunde. Doch als er lächelt, verschwinden alle ihre Bedenken.
“Ich bin auch gerne mit dir befreundet. Also ich würde sagen, du ignorierst den Vollidioten zukünftig einfach und gibst dich nur mit mir ab.” Plötzlich werden seine Wangen ebenfalls rot, was Miyuki irgendwie putzig findet. “Ähm, vielleicht auch mit den anderen aus unserem Volleyballteam. Ich weiß, dass dich alle mögen … also … fast alle.”
Und obwohl sie sich bis vor ein paar Minuten nicht dazu in der Lage gefühlt hat, muss sie lächeln. “Ich mag euch auch. Mit einer Ausnahme ab sofort.” Sie seufzt. “Na gut, ich denke nicht, dass ich in naher Zukunft bei eurem Training vorbeischauen werde, aber wir sehen uns ja sicherlich auch so und wir werden sicher auch ein wenig Zeit finden, miteinander zu reden, da bin ich mir sicher.”
“Das freut mich zu hören. Na gut”, Sugawara blickt über seine Schulter in Richtung der Sporthalle, “ich muss zum Training zurück. Und wenn du willst, dass ich Daichi einen Tritt verpasse, sag mir ruhig Bescheid. Das mache ich doch gerne für dich.”
“Vielleicht komme ich darauf zurück.”
“Jederzeit.” Er zwinkert ihr noch einmal zu, dann dreht er sich herum und läuft zurück.
Nachdenklich sieht Miyuki ihm hinterher, dann dreht sie sich stöhnend um. Super, auf das hätte sie gut verzichten können. Dummer Vollidiot!
Kapitel 5
Die nächsten Wochen geht Miyuki dem Volleyballclub aus dem Weg. So sehr sie die Jungs auch zu mögen begonnen hat, auf deren Kapitän hat sie immer noch eine ganz schöne Wut. Sie ist also sein Problem. Zähneknirschend ballt sie ihre Hände zu Fäusten. Oh, Sawamura sollte sich besser von ihr fernhalten!
Doch zumindest das tut er, sobald er sie sieht, schlägt er einen Haken oder läuft einen Bogen um sie, im Gegensatz zu den meisten anderen aus dem Volleyballclub. Sogar mit Kinoshita, mit dem sie zuvor kaum etwas zu tun gehabt hat, redet sie inzwischen öfter, von den anderen Zweitklässlern gar nicht zu schweigen. Auch die Erstklässler grüßen sie immer, wenn sie sie sehen. Hinata ist da immer allen voran. Und auch Sawamuras beste Freunde scheinen sich von diesem nicht beeinflussen zu lassen, vor allem Sugawara. Dieser hat sich sogar schon zu ihr gesetzt, wenn er sie in der Mittagspause sieht. Seinen besten Freund lässt er dabei oft einfach stehen, doch das ist ihr gerade recht. Er soll ruhig merken, dass man nicht einfach ein Idiot sein kann. Dummer Vollidiot!
“Hey Sakanoshita, na, alles klar bei dir?” Kinoshita erscheint neben ihrem Tisch und sieht sie fragend an. Miyukis Augen weiten sich minimal und sie löst langsam ihre Fäuste.
“Ähm, klar, alles okay.”
Ihr Klassenkamerad sieht sie zweifelnd an, trotzdem nickt er nur. Wer weiß, vielleicht ist es ihm ja einfach klar, dass sie sich gerade innerlich über seinen Kapitän aufgeregt hat.
“Kann ich irgendetwas für dich tun?”, fragt sie ihn nun.
Er hebt eine Hand an seinen Kopf und streicht sich über den Hinterkopf. “Ehrlich gesagt ja. Ich wollte fragen, ob ich vielleicht deine Aufschriebe der letzten Geschichts-Stunden haben könnte. Ich finde meine nicht mehr und bitte”, er grinst schief, “frag mich nicht, wo ich sie hin habe, ich habe nämlich keine Ahnung.”
Auf dieses Geständnis lacht Miyuki laut auf. Ihr war vorher nicht klar gewesen, wie sympathisch ihr Klassenkamerad ist.
“Klar, gar kein Problem. Hast du noch einen Moment, dann kann ich sie dir gleich geben. Sie sind in meinem Spind.”
Kinoshita lässt seine Hand sinken. “Oh bitte, hasse mich jetzt nicht. Ich muss direkt zum Club, der Trainer … ähm, also Ukai hat uns aufgetragen, dass wir sofort kommen sollen nach dem Unterricht. Kannst du mir sie vielleicht nachher in die Sporthalle bringen?”
“Ah ja, und hassen soll ich dich nicht, weil …?”, fragt Miyuki zögerlich, wobei ihr die Antwort schon irgendwie klar ist.
“Naja, Daichi ist ja auch dort und wir wissen ja auch alle, dass ihr beide euch hasst … Also …” Er wird rot, als ihm klar wird, was er gerade gesagt hat.
Kurz runzelt seine Klassenkameradin ihre Stirn. “Das soll jetzt aber keine Intervention werden, oder?”
“Eine was?” Kinoshita verzog sein Gesicht. “Ähm … ne, ich hätte nur gerne deine Aufzeichnungen und sollte nicht zu spät zum Training kommen …”
Miyuki winkte ab. “Alles gut. Ich bringe dir meine Aufzeichnungen gleich vorbei. Und ich hasse Sawamura übrigens nicht, das wäre zuviel gesagt. Er bedeutet mir nichts, null. Er ist ein Vollidiot, aber das ist er auch ohne dass ich über ihn nachdenke.”
“Äh, okay …”
Bei dieser zögerlichen Antwort ist Miyuko klar, dass Kinoshita ihr kein Wort glaubt. Sie seufzt und wedelt mit ihrer Hand. “Mach dass du wegkommst. Und falls mein Cousin schimpft, dann sag ihm Grüße von mir. Ich komme auch bald nach.”
“Oh super, vielen Dank, Sakanoshita. Du bist die Beste!”
“Ich weiß. Und du merkst dir das und sagst es auch weiter - vor allem eben meinem Cousin, der kann das ruhig öfter hören.”
Ihr Klassenkamerad lacht. “Okay, mache ich. Dann bis gleich.”
“Bis gleich.”
Seufzend beobachtet Miyuki ihn, wie er davon läuft und seufzt. Ach verdammt, sie hat echt keine Lust, auf Sawamura zu treffen. Aber sie hat jetzt ja auch nicht wie ein beleidigtes Kleinkind wirken wollen. Zudem will sie ja, dass zumindest er denkt, dass sie sich keinen Kopf seinetwegen macht. Auch wenn das Gegenteil der Fall ist, muss er das nicht wissen, ebenso kein anderer.
~🏐~
Eine Viertelstunde später streckt sie vorsichtig ihren Kopf zur Sporthalle hinein. Die Jungs sind schon beim Aufwärmen, Keshin ist noch nicht zu sehen. Das ist doch typisch ihr Cousin! Allen zu sagen, dass sie pünktlich sein sollen und dann selbst nicht auftauchen.
“Hallo Sakanoshita”, ertönt eine sanfte Stimme.
“Hallo Shimizu”, erwidert die Angesprochene die Begrüßung mit einem Lächeln. Sie streift ihre Schuhe ab, stellt ihre Tasche direkt am Eingang auf den Boden ab und geht zu der Managerin. “Hallo Yachi”, richtet sie dann noch an die Erstklässlerin die neben Shimizu steht und von dieser unter die Fittiche genommen wurde und die ebenfalls Managerin des Volleyballclubs ist beziehungsweise werden will.
“H-hallo”, erwidert diese stotternd.
Miyuki unterdrückt ein Seufzen. Oh Gott, Yachi ist einfach so schüchtern. Diese Erstklässler … aber auch das wird noch werden.
“Ich habe Unterlagen für Kinoshita”, erklärt Miyuki den Grund ihrer Anwesenheit, vor allem, nachdem sie bereits so lange Zeit nicht mehr hier war, was sicher auch die verwunderten Blicke in ihre Richtung erklärt. “Ich lege sie da drüben auf die Bank”, ruft sie in Kinoshitas Richtung und wedelt mit ihrem Heft über ihren Kopf.
“Super, danke dir, du bist die Beste, Sakanoshita!”, erwidert er laut und zeigt ihr einen hochgestreckten Daumen.
“Immer doch!”, erwidert sie nicht nur die Aussage sondern gleichzeitig auch den hochgestreckten Daumen. Dann trifft ihr Blick auf den von Sawamura und sofort spannt sie sich an. Auch ihm scheint es so zu gehen. Ein lautes Schnauben entkommt ihr und sie reißt ihren Kopf zur Seite. Der Idiot kann sie mal.
Es ertönt auch ein lautes “Pfft!”, das nur von einer Person stammen kann. Doch sie entscheidet sich, ihn einfach zu ignorieren.
Als sie die Aufzeichnungen für Kinoshita wie diesem gesagt auf der Bank abgelegt hat, stellt sie sich zu den beiden Managerinnen und wechselt noch ein paar Worte mit diesen, als ein lautes “Achtung!” ertönt.
Shimizu greift nach Yachis Arm und zieht diese mit sich zur Seite und auch Miyuki macht einen Satz, als ein Volleyball an ihnen vorbeifliegt, an der Wand abprallt und wieder zu den Mädchen zurückrollt. Er kommt direkt auf Miyuki zu, so dass sie sich bückt und ihn aufhebt. Mit dem Ball in den Händen dreht sie sich herum und erstarrt. Noch mehr, als der Blick des vor ihr Stehenden von einem tiefer gelegenen Punkt zu ihrem Gesicht wandert.
“Hast …”, ungläubig blinzelt sie. “Hast du mir gerade auf den Hintern gestarrt?”, bringt sie mit scharfem Tonfall hervor.
“Was? Nein, natürlich nicht!” Mit vor sich erhobenen Händen, die Handflächen auf Miyuki zeigend, stolpert Sawamura einen Schritt nach hinten.
“Von wegen! Du hast es sehr wohl?”
Er runzelt seine Stirn. “Hast du sie noch alle? Natürlich habe ich dir nicht auf den Hintern gestarrt, warum sollte ich auch?”
“Dir kann man sowieso kein Wort mehr glauben! Dass du lügst haben wir ja alle schon mitbekommen!”
“Du hast sie echt nicht mehr alle, Sakanoshita! Warum sollte ich das bitte machen?”
Wütend stehen sich die beiden Kontrahenten gegenüber, die Hände zu Fäusten geballt und sehen sich mit vor Zorn blitzenden Augen an.
“Was ist denn hier los?”, erklingt eine tiefe Stimme verwundert.
Schon drehen sich beide um und sehen den Angekommenen an.
“Er hat mir auf den Hintern gestarrt!” Anklagend deutet Miyuki auf Sawamura, der einen Schritt auf den Ankömmling zu macht und seinen Kopf schüttelt. “Das habe ich nicht!”
Ukai sieht seufzend von einem zum anderen, ehe er mit seinen Schultern zuckt.
“Kleiner Tipp, Cousinchen. Streck ihm einfach dein Hinterteil nicht mehr entgegen, dann kann er auch nicht darauf starren.”
“Was?” Ungläubig sieht sie ihn an, doch noch ehe sie sich beschweren kann, dreht er sich herum und sieht nochmal über seine Schulter zu ihr.
“Also, willst du hier noch irgendetwas? Bist du inzwischen auch eine unserer Managerinnen?”
Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund schüttelt Miyuki ihren Kopf, unfähig, irgendetwas zu sagen, so perplex wie sie auf seine Aussage ist.
“Gut, dann verschwinde jetzt, wir haben hier noch zu trainieren.”
Sie blinzelt, dann dreht sie sich ohne etwas weiteres zu sagen um und läuft zum Eingang der Sporthalle. Hinter sich kann sie ihren Cousin aber noch hören.
“Sawamura, starre niemals, ich wiederhole, niemals auf den Hintern einer Frau. Und erst recht nicht auf den meiner Cousine! Das ist echt seltsam!”
“O-okay”, stottert der Angesprochene.
Am Eingang angekommen, schlüpft Miyuki in ihre Schuhe und greift nach ihrer Tasche.
“Ist alles in Ordnung?” Shimizu taucht neben ihr auf und betrachtet sie wieder einmal besorgt.
“Klar”, antwortet Miyuki und winkt ab. “Er ist nunmal ein Vollidiot, das ist mir auch ohne solch eine Aktion klar.”
“Hmm …”
“Wirklich alles okay, Shimizu.” Miyuki sieht die Ältere ernst an. “Aber ich weiß, warum ich die letzten Wochen nicht hier war und warum ich es auch weiterhin nicht tun will.”
“Das kann ich verstehen. Es war trotzdem schön dich zu sehen, wenn auch nur kurz.”
Ein ehrliches Lächeln liegt auf den Lippen der Älteren.
“Das fand ich auch.”
“Vielleicht essen wir einfach mal zusammen zu Mittag, was meinst du?” Unsicher streicht Shimizu eine Haarsträhne hinter ihr Ohr.
“Das fände ich wirklich schön. Ähm, sollen wir unsere Nummern tauschen? Dann könnten wir schreiben und etwas ausmachen. Und vielleicht hättest du ja mal Lust, …”
“Miyuki! Raus jetzt!”, wird die Ältere durch eine laute, autoritäre Stimme unterbrochen.
“Ähm”, der Blick der gerade Genannten wandert zu ihrem Cousin, ehe sie Shimizu nochmal anblickt, “Sugawara hat meine Nummer, er soll sie dir geben, ja?”
“Natürlich. Also dann bis bald. Ich freue mich.”
“Ich mich auch. Bye, Keshin!”
“Ja, bye und tschüss jetzt!” Der Trainer hebt seine Hand und blickt gleich wieder auf seine Jungs, während Miyuki verschwindet.
Kapitel 6
Weitere Wochen vergehen, in denen Miyuki das gleiche tut wie zuvor - sie geht dem Volleyballclub aus dem Weg, allen voran dessen Kapitän. Doch mit den anderen versteht sie sich ganz gut. Immerhin etwas.
“Hey Sakanoshita”, erklingt da Sugawaras Stimme wieder einmal quer über den Schulhof und schon kommt er auf sie zu, was Miyuki ein Schmunzeln entlockt.
“Hallo Suga”, begrüßt sie ihn mit seinem Spitznamen, von dem er wollte, dass sie ihn ebenfalls damit anspricht.
“Na, wie geht es dir? Lust, mal wieder bei uns vorbei zu schauen?”
Schon verzieht sich ihr Gesicht vorwurfsvoll. “Ernsthaft?”
Da legt sich sein Arm um ihre Schultern, zieht sie eng an sich, was ihr Herz zum schneller schlagen bringt. Sie mag ihn schon sehr.
“Ach, wer wäre ich, wenn ich es nicht immer wieder probieren würde, dich davon zu überzeugen? Nicht vergessen, wir sind zwölf Mitglieder im Volleyballclub und du kannst nur einen davon nicht leiden. Zudem magst du auch unsere Managerinnen. Also, wie sieht es aus?” Sugawara grinst das Mädchen frech an. Diese schüttelt ihren Kopf, auch wenn sie schmunzeln muss.
“Ach Suga, lieber nicht. Ich habe wirklich keine Lust, auch nur in der Nähe deines besten Freundes zu sein.”
“Was wahrscheinlich auch der Grund sein wird, dass du meine nächste Frage oder Bitte, suche es dir aus, auch ablehnen wirst, nicht wahr?”
“Was meinst du denn?”
Er grinst schief, nimmt seinen Arm von ihren Schultern und fährt sich stattdessen mit der Hand durch die Haare.
“Wir wollen uns zum grillen treffen und ich dachte, ich frage dich, ob du gerne dazu kommen willst. Wäre sicher schön, wenn du dabei bist und ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der es so empfinden wird. Auch wenn … ich es vielleicht am meisten mögen würde?”
Erstaunt blinzelt Miyuki. Wird er gerade rot? Doch da lächelt er sie schon wieder an. “Kommst du mit?”
Sie seufzt und verschränkt ihre Arme vor ihrem Oberkörper. “Ihr grillt also als Volleyballclub?” Sugawara nickt. “Und was sagt dein bester Freund dazu, dass du mich einlädst? Ich kann mir mehr als nur vorstellen, dass er darauf keine Lust hat. Ich meine, es geht um euch als Mannschaft, vielleicht auch um euch als Freunde. Wie sagt man? Eine Art Team-Bildungsmaßnahme und dann soll ich da auftauchen? Wenn er dir dann nicht den Kopf abreißen sollte, hast du Glück gehabt, aber mir wird er ihn auf jeden Fall abreißen.”
“Ach …”
“Du weißt, dass ich recht habe, Suga! Immer wenn er mir nur über den Weg läuft, mutiert er zu einem Vollidioten.”
“Ich würde dir zu gerne widersprechen … Tatsächlich kenne ich ihn so gar nicht. Ja, er kann schon sehr … ähm … furchteinflößend sein, wenn er wütend wird, er ärgert auch Asahi ganz gerne, aber so wie bei dir … ne, so ist er normalerweise nicht. Und dabei …”
“Dabei was?” Fragend legt Miyuki ihren Kopf zur Seite.
“Ähm … eigentlich fand er dich zu Beginn auch sympathisch und erst als ich … Oh …” Verwundert stockt Sugawara mitten im Satz.
“Erst als du was?”
“Nichts, nichts.” Der Ältere lässt seine Hand sinken und grinst wieder, auch wenn das Grinsen seine Augen dieses Mal nicht erreicht.
“Sicher?”
“Klar, alles okay. Und? Wie sieht es aus? Kommst du mit zum grillen? Du kannst ja als … meine Begleitung dabei sein.” Hoffnung schimmert nun in seinem Blick auf, erlöscht aber sogleich wieder.
“Tut mir leid Suga, aber lieber nicht …”
Und das Grinsen vertieft sich. “Ist ja nicht so, dass ich diese Antwort schon erwartet habe. Trotzdem schade, ich hätte dich gerne dabei gehabt.”
Sie stößt ihm sanft die Hand gegen die Brust. “Wann anders, ja? Wir müssen einfach etwas ohne deinen besten Freund machen.”
“Wirklich?” Mit großen Augen sieht er sie an.
“Ja. Aber jetzt”, sie sieht auf die Uhr über dem Schuleingang, “müssen wir rein. Bis später, wir sehen uns sicher bald, Suga.”
“Das werden wir …”, gibt er leise von sich und blickt ihr mit immer noch großen Augen hinterher.
~🏐~
Okay, ernsthaft? Warum denn bitte? Hatte ihre Mutter das nicht anders regeln können? Es ist ja nicht so, dass sie ihre Schwester, Miyukis Tante, regelmäßig sehen würde. Stattdessen: “Ach bitte Miyuki, dein Cousin ist jeden Tag bei dir an der Schule, da kannst du ihm doch etwas geben, was er deiner Tante mitnehmen soll”. Danke Mama, vielen Dank auch. Augenverdrehend macht sich Miyuki nach dem Ende ihrer Tanz-AG auf dem Weg zur Sporthalle der Volleyballer. Wenn sie Glück hatte, würde sie nicht auf Sawamura treffen, weil diese schon weg waren. Wenn sie Pech hätte, wäre auch Keshin bereits auf und davon, aber gut, in dem Fall würde sie dann über den Konbini gehen und ihrer Tante die Tasche von ihrer Mutter direkt in die Hände drücken. Das würde natürlich den Sinn dessen stören, dass ihre Mutter gemeint hatte, dass sie ihren Cousin ja in der Schule sehen würde. Gleich würde sie mehr wissen. Aus der Sporthalle kommt ihr tatsächlich kein Lärm mehr entgegen. Ist es wirklich schon so spät? Aber gut, sie haben heute besonders lang trainiert, da es bald einen Auftritt gibt. Und tatsächlich die Sporthalle ist leer, alles ist dunkel. Ein Seufzen entkommt Miyuki. Also doch noch der Umweg über den Konbini, dabei wäre sie einfach nur gerne direkt nach Hause gegangen.
“Was machst du denn hier?”, erklingt da hinter ihr die Stimme, deren Besitzer sie eigentlich aus dem Weg hatte gehen wollen.
Genervt dreht sie sich herum und sieht Sawamura mit hochgezogenen Augenbrauen an.
“Das geht dich zwar nichts an, aber ich wollte eigentlich zu meinem Cousin.”
“Der ist bereits weg.”
“Stell dir vor, das hatte ich mir auch gedacht.” Augenrollend geht Miyuki an dem Kapitän der Volleyballmannschaft vorbei. Sie hört ein scharfes Ausatmen und ist sich sicher, dass auch er die Augen verdreht.
“Kann ich irgendwas für dich tun?”, fragt er und die Jüngere ist sich sicher, dass er sich dazu hat überwinden müssen, diese Frage zu stellen. Nein, ihr diese Frage zu stellen.
“Nein.”
“Wenn es um den Volleyballclub geht, dann …”
“Verdammt Sawamura, wenn ich mit meinem Cousin reden will, dann geht es zu einhundert Prozent um etwas anderes als um den Volleyballclub!” Wütend dreht sich Miyuki um, um ihn aus blitzenden Augen anzusehen. Auch er kneift seine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen.
“Oh, entschuldige bitte, dass ich auf die Idee gekommen, dass du etwas mit dem Volleyballclub zu tun haben wolltest!”
“Spar dir deinen Sarkasmus! Ich will mit dem Volleyballclub auch nichts zu tun haben, es ist reiner Zufall, dass mein Cousin euer Trainer ist. Wenn es nach mir geht, müsste ich nicht hierher kommen und dabei auf dich treffen! Ich stelle mir mein Leben schöner vor.”
“Ach, tust du das? Vielleicht tue ich das ja auch!”
“Ach wirklich? Ganz ehrlich, hättest du deine Antisympathie einfach für dich behalten, dann wären wir nicht an dem Punkt, an dem wir sind! Du hättest dich einfach zusammenreißen können. Du hättest ja auch nicht so tun müssen, als würdest du mich mögen, aber das hier, das ist lächerlich!”, zischt sie.
“Ach, denkst du etwa, dass mir das nicht klar ist? Ich hatte mir auch anderes gewünscht!” Wütend wirft er seine Hände in die Luft.
“Ach? Und was bitte? Dass ich nie aufgetaucht wäre und …”
“Das würde mir das Leben einfacher machen!”, unterbricht er sie.
“Oh, tut mir leid, dass ich dir das nicht mache!” Immer noch klingt die Wut in Miyukis Stimmlage mit.
“Verdammt, es wäre alles so viel einfacher, wenn du nicht aufgetaucht wärst! Dann wäre alles nicht so … so kompliziert!”
“Was bitte ist dein Problem? Warum bin ich es, die dein Leben kompliziert macht? Ich habe dir nichts getan!”
Auf diese Aussage herrscht Stille und Miyuki runzelt ihre Stirn. Warum erwidert Sawamura nichts sondern starrt sie nur so an? Er verunsichert sie.
“Ähm … ich glaube, ich gehe jetzt lieber und …” Sie dreht sich herum, um dieser plötzlich seltsamen Stimmung zu entfliehen.
“Ich wünschte mir auch, dass es anders wäre, anders stünde. Dass du mich nicht so unglaublich verunsichern würdest. Ich wünschte mir, dass ich und nicht …”
Verwirrt dreht sich Miyuki erneut um. Was?
“Es tut mir leid, aber ich verstehe kein Wort von dem, was du da sagst, Sawamura.”
Und dann nimmt ihr Herz plötzlich einen ganz anderen Rhythmus an.
“Verdammt, Sakanoshita”, knurrt er, als er auf einmal vor ihr steht, so schnell, dass sie es nicht einmal wahrgenommen hat. Da greift er nach ihrem Oberarm und zieht sie zu sich, so dass sie gegen seinen Oberkörper stößt. Die Fingerspitzen seiner großen Hand streifen rau über ihre Wange, ehe sie sich in ihre Haar und bis auf ihren Hinterkopf schieben. “Ich will das hier nicht! Ich will nicht so für dich empfinden, immerhin ist da …”
“Sawamura?” Miyukis Herz schlägt viel zu stark in ihrem Brustkorb, es muss diesen doch sicherlich gleich durchstoßen!
“Ich will nicht so für dich empfinden, aber ich kann nichts daran ändern, egal was ich mache. Selbst wenn ich versuche, dich gegen mich aufzubringen. Du gehst nicht aus meinem Kopf und dann ist da auch noch …”
"Wie? Was … was ist da?” Okay, Sawamura bringt sie so durcheinander, dass sie nicht einmal mehr in vollständigen Sätzen sprechen kann.
“Du … einfach nur du.”
Und dann zieht er sie plötzlich an sich und im nächsten Augenblick liegen seine Lippen auf ihren.
In Miyuki wird ein Sturm der Gefühle ausgelöst. Das hier … das ist so … Langsam legen sich ihre Hände auf seine Brust, krallen sich dort in sein Shirt. Er zieht sie noch enger an sich und da ist es auch um sie geschehen.
Es vergeht eine gefühlte Ewigkeit, als sie sich voneinander lösen und sich mit großen Augen ansehen.
“Das … das … Es tut mir leid”, bringt Sawamura stockend hervor und fährt sich mit beiden Händen durch die Haare. “Ich … ich wollte nicht … nein, eigentlich sollte ich nicht …”
Auch er bringt keinen vernünftigen Satz mehr hervor.
In Miyuki dreht alles durch. Das hier, der Kuss … Sawamura … dabei sind sie beide doch … Und da ist doch … ein anderes Gesicht erscheint vor ihrem inneren Auge. Sie läuft ein paar Schritte rückwärts und schüttelt ihren Kopf, hebt ihre Hände abwehrend vor sich.
“Nein … das hier … das ist nicht passiert, Sawamura, klar? Das ist nicht … das … nein.”
“O-okay”, bringt er hervor und sieht sie fassungslos an, doch schon im nächsten Augenblick stürmt sie davon. Er lässt seinen Kopf in den Nacken fallen und schließt seine Augen. Verdammt, das war der größte Fehler, den er hat machen können!
Kapitel 7
Die Gedanken in Miyukis Kopf drehen durch. Ihr Herz schlägt wie verrückt und immer noch zieht sich bei der Erinnerung alles in ihr zusammen. Langsam wandert ihre Hand zu ihrem Mund und die Fingerspitzen streifen über ihre Lippen.
Sawamura … Daichi, er hat sie einfach geküsst. Und das, obwohl er sie doch eigentlich nicht leiden kann. Nein, er hat es nur behauptet, um sie von sich zu stoßen. Weil … wegen was? Er meinte … was? Frustriert dreht sich Miyuki in ihrem Bett herum und drückt ihr Gesicht in ihr Kopf, ehe sie ihren Kopf zur Seite dreht und in die Dunkelheit starrt. Ihre Hände umfassen ihr Kopfkissen, drücken ihre Finger hinein. Gott, was war das? Und warum wühlt sie dieser Kuss so auf? Sie schließt ihre Augen, erinnert sich an das Gefühl seiner Lippen auf ihren zurück. Daran, wie er sie an sich gezogen hat, wie nahe sie ihm war. Wie alles in ihr geprickelt hat.
Wäre sie nicht so aufgebracht und durcheinander gewesen, hätte sie ihn weiter küssen wollen? Obwohl es Daichi Sawamura gewesen ist, der sie da geküsst hat? Der Typ, der sie die letzten Wochen echt fertig gemacht hat durch seine Abweisung? Den sie ständig als Vollidioten bezeichnet und ihn auch so empfunden hat? Die Antwort ist erschreckenderweise: Ja, hätte sie. Attraktiv hat sie ihn von Beginn an gefunden, auch wenn es da noch jemanden gibt, der … Nein, sie verbietet sich, darüber nachzudenken. Sie muss … sie muss herausfinden, was der Grund dafür ist, dass er sie so abgewiesen, sie von sich gestoßen hat, obwohl er Gefühle für sie hat. Ob wohl ihr Cousin Grund dafür ist? Hat er den Jungs aus dem Volleyballclub eine Ansage gemacht, dass sie sich von ihr fernhalten müssen? Aber … warum? Wie als ob Keshin damit ein Problem hätte, wenn … Ach quatsch, der ist nicht so. Aber … was sonst ist der Grund, weshalb Sawamura sich ihr gegenüber so verhalten hat?
“Argh!”, entkommt ihr und schnell presst sie ihr Gesicht wieder in ihr Kissen.
Und was will sie überhaupt? Mit einem Seufzen dreht sie sich zurück auf ihren Rücken. Sie mochte ihn zu Beginn ja, fand ihn ebenfalls nett und sympathisch. Und gut aussehend gefunden hat sie ihn ja auch von Beginn an. Aber so? Sie hat ihn nie in diese Richtung betrachtet, zumindest nicht, bis … Und wieder streifen ihre Finger über ihre Lippen. Bis vorher hat sie ihn dafür nicht in Betracht gesehen, zudem kommt auch noch sein Verhalten ihr gegenüber. Was soll sie jetzt nur tun? Wie soll sie ihm gegenüber treten? Was will er von ihr? Will er überhaupt mehr von ihr als nur diesen einen Kuss? Und wieder prickelt ihr ganzer Körper. Was will sie von ihm? Darüber sollte sie sich auch noch klar werden, oder? Sie muss doch erstmal wissen, was sie will, ehe sie sich da auf irgendetwas einlässt. Nein, was wäre, wenn sie sich sozusagen für ihn entscheidet und er gar nicht mehr von ihr haben mag als diesen einen Kuss? Aber er hat doch gesagt, dass er etwas für sie empfindet und sie nicht aus seinem Kopf bekommt und …
“Nein, nein, nein!”, stößt sie hervor und legt beide Hände auf ihr Gesicht. Sie muss jetzt aufhören darüber nachzudenken und stattdessen schlafen. In nur, ihr Blick schweift zu dem leuchtenden Zahlen des Weckers auf ihrem Nachttisch, vier Stunden wieder aufstehen. Sie muss aufhören, über Sawamura nachzudenken und … Hör gefälligst auf! Sie beißt sich auf die Unterlippe und dreht sich zur Seite, schließt ihre Augen, presst sie regelrecht zusammen. Sie muss einfach nur den Kopf ausschalten und schlafen, ganz einfach!
~🏐~
“Gott, du siehst echt scheiße aus!”
“Danke auch, Keshin!” Wütend funkelt Miyuki ihren Cousin an. Von wegen einfach nur schlafen, alles wäre vermutlich einfacher gewesen, als zu schlafen. Verdammter Sawamura! Verdammter Cousin, der sie mit einem Grinsen anblickt. Okay, er versucht es zu unterdrücken, doch sie kennt ihn und sieht es ihm an. Verdammter …
“Willst nen Kaffee?”
“Seh ich so aus, als würde ich Kaffee trinken?”
“Zumindest siehst du so aus, als hättest du ihn notwendig.”
Ein Seufzen entkommt Miyuki. “Dann bitte ja, aber mit viel Milch und Zucker.”
“Kommt sofort, Cousinchen. Und während ich dir einen Kaffee mache, erzählst du mir, warum du um diese Uhrzeit schon wach bist.”
Gähnend hebt die Angesprochene ihre Hand vor den Mund. “Konnte nicht schlafen”, bringt sie hervor.
“Ah, okay. Na gut, sieht man.” Ukai zuckt mit seinen Schultern. “Ein Typ?”
“Wie bitte?” Schon reißt sie ihre Augen weit auf. Sieht er es ihr etwa an.
“Schon gut”, er winkt ab, unterdrückt das Grinsen nun nicht mehr, “du bist sowieso noch so jung. Wie alt nochmal? Sechzehn Jahre? Du hast noch alle Zeit der Welt, bevor du etwas mit einem Jungen anfängst.” Er stellt ihr die Kaffeetasse auf den Tresen und damit auch unter die Nase.
Genervt rollt die Jüngere mit den Augen. Damit muss er gar nicht erst anfangen. Er ist weder ihre Eltern noch ihr Bruder. Und selbst wenn, keiner hat da was zu sagen. Es ist doch ihre Entscheidung, ob und wann sie etwas mit einem Jungen anfängt …
“Naja”, murmelt sie dann aber doch und greift nach dem Löffel, der in der Tasse steckt und beginnt damit in der Flüssigkeit zu rühren, “was, wenn doch ein Junge daran schuld wäre?”
Nun weiten sich Ukais Augen und er sieht sie ungläubig an. “Was? Ein Junge? Ich … ähm … ich weiß nicht so recht, ob …”
“Jetzt stell dich nicht so an, Keshin. Ich bin nicht erst sondern schon sechzehn. Und wie als ob ausgerechnet du in dem Alter unschuldig gewesen wärst!”
“Ähm …”, er reibt sich den Hinterkopf und grinst schief, “also … dagegen kann ich nicht so richtig argumentieren.” Er greift nach seinen Zigaretten und will sich eine anstecken.
Miyuki winkt ab. “Also fang gar nicht erst mit argumentieren an. Und lass die aus!” Sie reißt ihm die Zigarette aus dem Mund, noch ehe er sein Feuerzeug dran halten kann.
“Hey!”, empört er sich.
“Das Zeug stinkt und mir ist es dafür viel zu früh, also spar es dir! Und habe ich dir nicht erst demletzt einen Vortrag darüber gehalten, dass …”
“Hör du ebenfalls auf! Ich habe keine Lust, um diese Uhrzeit mit dir über meinen Zigarettenkonsum zu diskutieren, dafür bin ich zu müde!”
“Dann trink nen Kaffee. Und ich fange gar nicht erst mit deinem Alkoholkonsum an.”
“Besser so!”, murmelt Ukai, dann dreht er sich herum und steht an die Kaffeemaschine, um sich selbst eine Tasse rauszulassen.
“Aber jetzt im ernst … wenn … also wenn ich mit einem der Jungs aus dem Volleyballclub”, murmelt Miyuki, starrt stur auf die Tresenfläche vor sich und streicht mit den Fingern der einen Hand darüber, während sie mit der anderen ihre Kaffeetasse festhält.
“Was? Einer meiner Jungs?” Ukais Stimme wird hoch vor Überraschung. Sofort dreht er sich herum und starrt seine Cousine an. “Lass mich raten - Kinoshita. Ach wie schön. Das passt doch gut, immerhin heißt es ja auch, Pech im Spiel, Glück in der Liebe. Also verdient hat er es!”
Mit großen Augen sieht Miyuki ihn an. “Kinoshita?” Ihre Stimme klingt schrill. “Wie kommst du auf Kinoshita?”
“Nicht Kinoshita? Hmm, schade. Und wie ich auf ihn komme? Mit ihm hast du doch am meisten zu tun, nicht wahr? Ich meine, ihr seid doch auch in einer Klasse und …”
“Es ist nicht Kinoshita”, unterbricht sie ihren Cousin.
“Tja, wie gesagt schade. Hmm, wer kommt dann in Frage?” Ukai stützt sich auf dem Tresen ab, das Kinn auf einer Hand und beobachtet die Jüngere genau. “Vielleicht Sugawara? Mit ihm verstehst du dich doch auch sehr gut, nicht wahr?”
Etwas versetzt Miyuki einen Stich. Sugawara … Sie zwingt sich dazu, einen neutralen, höchstens etwas genervten Gesichtsausdruck zu behalten.
“Nein, nicht Sugawara. Und auch sonst sage ich es dir nicht!”
“Naja, zumindest von einem weiß ich, dass er es nicht ist. Du und Sawamura würdet euch die Köpfe einschlagen.” Seine Augen weiten sich. “Sag mir bitte nicht, dass es einer der Erstklässler ist! Ich meine, Yamaguchi, okay, wobei der schon recht schüchtern ist. Tsukishima … ähm, für den finde ich nicht einmal Worte. Aber Hinata oder Kageyama! Bring mir nur keinen der Chaoten mit nach Hause!”
“Also erstens würde ich sowieso keinen der Jungen zu dir nach Hause bringen! Und zweitens”, Miyuki seufzt erneut auf, “keine Sorge, auch von denen ist es keiner.”
“Ah, gut, gut. Ach, bei Tanaka hast auch keine Chance. Der ist ja mal sowas von ihn Shimizu verschossen und die … ach, ich sag lieber nichts dazu. Aber gut, was wolltest du eigentlich sagen? Beziehungsweise fragen?” Ukai richtet sich auf, nimmt seine Kaffeetasse in die Hände und sieht seine Cousine darüber hinweg an, während er einen Schluck des Wachmachers zu sich nimmt.
Kurz beißt sie sich auf die Unterlippe. Sie wünschte sich, sie hätte gar nicht damit begonnen, aber jetzt musste sie da durch. “Ich würde nur gerne wissen, ob du damit ein Problem hättest.”
“Wenn du mit einem der Volleyballer was anfängst?” Auf ihr Nicken schüttelt er schmunzelnd seinen Kopf. “Nö, gar nicht, keine Sorge. Und wenn du einen Volleyballer mitbringst habe ich davon ja auch was. Im ernst, die Jungs sind alle schwer in Ordnung, auch wenn du das vielleicht nicht unbedingt so siehst.” Und wieder trinkt er aus seiner Tasse.
“Okay. Danke …”
“Klar.”
“Und übrigens …”
“Ja?”
“Ich finde Kaffee echt ekelhaft!”
Kapitel 8
Vorsichtig lugt Miyuki am Eingangstor vorbei. Sie will Sawamura nicht begegnen, nicht nach gestern und nicht, nachdem ihr nicht einmal klar ist, was sie eigentlich will! Er hat sie gestern mehr als nur durcheinander gebracht. Erleichtert seufzt sie auf, als sie ihn nicht auf dem Schulhof erspäht. Jetzt muss sie einfach nur schnell in das Schulgebäude hinein und …
“Guten Morgen Sakanoshita, es ist schön dich zu sehen!”, erklingt eine begeisterte Stimme hinter ihr.
Oh Gott, wo Sugawara ist, da ist doch meistens auch … Langsam dreht die Angesprochene ihren Kopf und blickt über ihre Schulter, wo der Drittklässler steht und sie breit angrinst. Hinter ihm Azumane und … Sawamura. Oh Gott. Oh Gott! Oh Gott, oh Gott!
“G-guten Morgen”, stottert sie, während sie sich ganz herum dreht und ihr Blick gleitet automatisch zu Sawamura, der seine Zähne zusammen zu beißen scheint, denn seine Wangenknochen stehen stark hervor. “Ähm, ich …”, sie blinzelt unsicher, “ich muss rein …”
Sugawara sieht ihr seufzend hinterher, ehe er über seine Schulter blickt.
“Mensch Daichi, du verscheuchst sie echt die ganze Zeit über. Ich wollte sie ja eigentlich auch zu unserem Grillen mitnehmen, aber da deine Wenigkeit auch dabei war, hat sie von vorneherein abgelehnt.”
“Was ja auch Sinn macht. Wir hätten auf die Streitereien der beiden gar keine Lust gehabt”, erwidert Azumane trocken.
“Ach haltet doch eure Klappe, alle beide!”, knurrt Sawamura und läuft an seinen Freunden vorbei. Auf dem Weg ins Schulgebäude unterdrückt er ein Aufstöhnen. Verdammt, was soll das nur? Eigentlich war sein Plan, alles zu vergessen. Den Kuss gestern Abend und in allererster Linie sie selbst. Sie bringt ihn mehr als nur durcheinander und gestern hat er sich nicht mehr zurückhalten können, als sie so vor ihm stand. Dabei weiß er doch ganz genau, dass er das nicht tun sollte. Sie … sie ist nicht für ihn bestimmt, sicherlich nicht! Er muss sich zusammenreißen, er muss ein guter Freund sein. Er darf seinen Gefühlen und Sehnsüchten sie betreffend einfach nicht nachgeben! Nie wieder! Und trotzdem … alles in ihm schreit nach ihr, danach, sie wieder zu küssen. Sich mit ihr zu vereinen und ihr so nahe zu sein, wie es nur geht. Sie …
“Halt die Klappe”, knurrt er sich selbst an, gerichtet an seinen Kopf und seine Gedanken.
“Wir haben doch gar nichts gesagt”, bringt Azumane verwirrt hervor. Das Ass und Sugawara haben zu ihrem Kapitän aufgeschlossen, was dieser gar nicht mitbekommen hat.
“Äh …”
“Tja, anscheinend denkt Daichi, wir sind Hinata, Kageyama, Tanaka oder Noya! Denen muss man auch immer alles doppelt sagen. Aber so”, und schon schlägt Sugawara seinem besten Freund mit Schwung gegen den Rücken, “sind wir zum Glück nicht.”
“Na ein Glück”, bringt Azumane erneut trocken hervor.
Sawamura hält mit den beiden, die einfach weiterlaufen, mit, sagt jedoch kein Wort mehr. Was soll er auch sagen? Hey, ich hab Sakanoshita gestern einfach geküsst? Ich mag sie? Obwohl ich weiß, dass ich das nicht sollte? Nein, nichts davon kann er von sich geben.
Er und Sugawara verabschieden sich von Azumane, der in einer anderen Klasse ist.
Kaum dass er sich gesetzt hat, merkt Sawamura, dass Sugawara neben ihm stehen geblieben ist. Eigentlich sitzt dieser zwei Plätze hinter ihm.
“Ist was?” Fragend sieht er seinen besten Freund und Vize an.
“Ist bei dir alles okay, Dai?” Besorgt mustert der Ältere ihn.
Schon sieht sich alles in dem Angesprochenen zusammen. Was soll er antworten? Die Frage ist nein, es ist nicht alles okay. Aber … das kann er nicht sagen, nicht ihm. Daher:
“Klar.”
“Hmm.”
“Wirklich Suga.” Sawamura lacht auf. Hoffentlich merkt sein Gesprächspartner nicht, dass dieses Lachen nicht echt ist. “Mir geht es gut. Ich mache mir nur viele Gedanken. Ich meine, die ganzen Spiele, die noch vor uns liegen. Das Training. Die Stärke der Einzelnen … es ist einfach viel zu tun.”
“Aha.”
Okay, Sugawara durchschaut ihn, natürlich. Wie als ob er ihm etwas vorspielen könnte … Doch dieser wäre nicht sein bester Freund, wenn er nun nicht richtig handeln würde.
“Gut, alles klar. Sag, wenn du Hilfe brauchst.” Er zwinkert und deutet mit einem Daumen auf sich. “Ich bin schließlich dein Vize, dafür bin ich da.” Damit klopft er ihm noch einmal auf die Schulter, ehe er sich auf seinen eigenen Platz begibt.
Wieder unterdrückt Sawamura ein Seufzen. Wie gerne würde er mit seinem besten Freund über alles reden, aber das geht nicht. Nicht bei diesem Thema.
~🏐~
Mit einer Hand öffnet sie ihren Spind, um im nächsten Moment die Bücher, die sie in der anderen Hand hält, hinein zu legen. Sie holt die Bücher für die nächste Stunde heraus und macht einen Schritt nach hinten, um den Spind zu schließen. Doch soweit kommt sie gar nicht, denn kaum dass sie nach hinten getreten ist, erhält sie von der Seite einen ordentlich Stoß und noch ehe sie reagieren kann, landet sie bereits auf dem Boden.
“Autsch”, entkommt ihr, als sie mit dem Ellenbogen auf den Schulflur kracht.
“Oh nein, das tut mir wirklich leid!”
Bei der Stimme spannt sich Miyuki an. Das ist jetzt nicht wirklich passiert! Nicht er, bitte nicht er!
“Sakanoshita, alles in Ordnung?” Besorgnis klingt in seiner Stimme mit und da kniet er schon neben ihr und seine Hand berührt sanft ihre Schulter.
Mit großen Augen blinzelt sie Sawamura an, dessen dunkle Augen auf ihre gerichtet sind.
“A-alles okay”, stottert sie und rutscht ein Stück zur Seite, um dadurch seine Hand von sich zu lösen.
“Wirklich? Du hast einen Schmerzlaut von dir gegeben.”
Warum klingt seine Stimme so besorgt? Er ist doch sonst nicht so und … Nein, sie muss das vergessen. Er hat die Anti-Sympathie ihr gegenüber nur vorgespielt, das hat er gestern doch zugegeben. Als er sie … Ihr Blick wandert zu seinen Lippen, starren darauf. Als er sie geküsst hat. Ein Räuspern entkommt ihm und da wird ihr klar, dass er ja immer noch vor ihr sitzt und voll mitbekommen hat, dass sie ihn anstarrt. Nein, auf welcher Stelle von ihm ihre Augen gerade noch gelegen haben. Denkt er jetzt auch an ihren Kuss? Nicht nur jetzt, die ganze Zeit über, so wie sie?
“Alles gut”, murmelt sie und sieht schnell vor sich auf den Boden, wo sich das Zeug von ihr verteilt hat, das aus ihren Händen gefallen ist. Auch ihr Gegenüber nimmt es wahr und fängt mit flinken Fingern an, die Sachen aufeinander zu stapeln. Als er alles hat, richtet er sich auf und auch Miyuki macht, dass sie auf ihre Beine kommt. Da drückt ihr Sawamura den Stapel in die Hände. Er blickt auf und erstarrt, ehe er sich wieder ihr zuwendet, ihr aber nicht in die Augen sieht.
“Ich habe es dir übrigens schon mal gesagt”, bringt er auf einmal laut und mit eiskalter Stimme hervor, “du sollst nicht so gedankenlos rumlaufen, auf dem Flur sind noch mehr Menschen als nur du unterwegs!” Und dann läuft er einfach los, an ihr vorbei und macht, dass er weg kommt.
Verwirrt dreht sich die Stehengelassene um und sieht ihm hinterher. Was war das schon wieder? Dieser Stimmungswechsel von besorgt zu eiskalt, der sich auch auf seine Augen ausgewirkt hat. Erst hat er sie schon fast liebevoll betrachtet, dann plötzlich verachtend. Doch da entdeckt sie, was der Grund dafür ist, dass er plötzlich wie ausgewechselt gewesen ist. Sie verdreht ihre Augen, ehe sie eine Hand hebt und Narita und Ennoshita zuwinkt, die im Schulflur stehen und in ihre Richtung sehen. Beide erwidern das Winken, wirken dabei aber ertappt.
Genervt macht sich Miyuki auf den Weg zurück in ihr Klassenzimmer, wo sie sich gleich darauf auf ihren Stuhl gleiten lässt. Er soll sich dieses Verhalten einfach sparen! Entweder mag er sie und steht dazu oder er lässt es! Er darf sie nicht küssen und sie dann wieder von sich stoßen! Was soll das? Ist ihm nicht klar, was das in ihr anrichtet? Sie mag ihn schließlich auch! Sie erstarrt plötzlich, als ihr dieser Gedanke klar wird. Sie. Mag. Ihn. Sie mag Daichi Sawamura, der sie die letzten Monate wie den allerletzten Dreck behandelt hat. Und dann küsst er sie und plötzlich kann sie ihn leiden? Verdammt, was soll das?
Genervt von sich selbst und auch ein wenig von dem dummen Kerl, der ihre Gedanken einfach nicht mehr loslässt, sich regelrecht darin verbissen hat, greift sie nach dem Stapel, den er ihr vorher in die Hände gedrückt hat, nachdem er ihre Sachen aufgesammelt hat. Sie steckt die Unterlagen, die sie in dieser Stunde nicht braucht, in ihre Tasche. Und dann hält sie plötzlich einen kleinen, zusammengefalteten Zettel in den Händen. Verwundert faltet sie ihn auseinander. Ihre Augen weiten sich erstaunt, als sie den darauf geschriebenen Text liest.
Sakanoshita, bitte triff dich nach dem
Volleyballtraining um 18 Uhr mit mir
bei der Sporthalle.
Bitte komm, ich warte auf dich.
D.S.
Ungläubig sieht sie den Brief an. Was? Er will sich mit ihr treffen? Aber … Nachdenklich kaut sich Miyuki auf der Unterlippe herum, ihre Finger graben sich in das kleine Papier und reißen es dabei ein. Er will sie wirklich treffen. Was soll sie machen? Hingehen? Wegbleiben? Aber … Nein, sie muss die Sache endlich klären! Sie muss wissen, was los ist, was sein Problem ist! Was das Problem ist, dass er sie angeblich nicht mögen darf! Denn wenn er es wollen würde, dann dürfte es doch kein Problem sein, oder? Keshin hat ja gesagt, er hätte damit kein Problem, wenn einer seiner Volleyballer und sie … Und vielleicht … würde er sie ja auch nochmal küssen. Unbewusst landen Miyukis Finger auf ihren Lippen, die zu prickeln beginnen, als sie sich an gestern zurückerinnert. Kaum dass ihr bewusst wird, was sie da tut, reißt sie ihre Hand herunter und ihre Wangen werden warm. So ein Quatsch aber auch! Mit der anderen Hand knüllt sie Sawamuras Brief zusammen. Sie beißt ihre Zähne zusammen. Von wegen küssen! Sie wird ihn zur Rede stellen, ganz klar! Ihm sagen, dass er das nicht bringen kann und ihm sagen, dass er ein Vollidiot ist! Jawohl, genau das wird sie machen. So und nicht anders!
Kapitel 9
“Ich gehe noch die Sporthalle abschließen.”
“Das kann ich auch machen, Daichi.”
“Das passt schon, Tanaka.” Sawamura winkt ab, ehe er sich den anderen beiden Drittklässlern zuwendet. “Ihr könnt auch schon mal vorgehen, ich muss sowieso noch etwas für meine Mutter besorgen.”
“Ich kann auch mitkommen”, erwidert Sugawara schulterzuckend.
Sawamura muss sich zusammenreißen, um nicht lauthals abzulehnen. Daher schüttelt er nur seinen Kopf.
“Ich habe wirklich keine Ahnung, wie lange das dauert. Geh du lieber und wir sehen uns ja morgen früh wieder.”
“Hmm.” Sein bester Freund sieht ihn mit schief gelegtem Kopf an, ehe er erneut mit den Schultern zuckt. “Okay. Dann bis morgen.”
“Ja, bis morgen.” Auch Azumane verabschiedet sich.
Es dauert nur noch kurz, dann steht Sawamura allein in ihrem Clubraum. Sein Kopf lässt ihm keine Ruhe. Ob Sakanoshita kommt? Er könnte verstehen, wenn sie sich von ihm fernhalten will, immerhin war das, was er gemacht hat, alles andere als in Ordnung. Ihr vorzuspielen, dass er sie nicht leiden kann und sie dann aus dem Nichts heraus küssen, obwohl … Er lässt seinen Kopf in den Nacken fallen, presst seine Augen und Lippen zusammen, während seine Hände zu Fäusten geballt an seiner Seite hängen. Was macht er hier überhaupt? Er sollte auf Abstand gehen, so wie die letzten Monate auch schon. Stattdessen hat er sie jetzt zu einem Treffen gebeten, bei dem nur sie beide sind? Eigentlich will er sich dafür entschuldigen, dass er sie gestern geküsst hat. Ihr sagen, dass er trotzdem Abstand von ihr haben will, haben muss und hoffen, dass sie zum einen seine Entschuldigung annimmt und zum anderen, dass sie akzeptiert, dass er weiterhin nichts mit ihr zu tun haben will. Er kann, will es ja auch eigentlich gar nicht verleugnen, dass er Gefühle für sie hat, die auch der Grund dafür sind, dass er sie geküsst hat. Doch er muss sich zurückhalten und er ist sich nicht sicher, ob er das kann, wenn sie nur zu zweit sind, hat gestern ja schließlich auch nicht gut funktioniert. Sollte er vielleicht einfach nach Hause gehen und … Verdammt, Sawamura! Reiß dich zusammen! Du kannst sie nicht hierher bestellen und dann selbst verschwinden. Nein, so ein Mensch ist er nun auch nicht, er wird das jetzt durchziehen und dann damit klarkommen, dass er nicht derjenige ist, der für sie vorgesehen ist. Er reißt sich zusammen, greift nach seinen Taschen und verlässt den Clubraum der Volleyballmannschaft, den er hinter sich abschließt. Anschließend macht er sich auf den Weg zur Sporthalle. Vor dieser bleibt er stehen schiebt beide Hände in die Hosentaschen und wippt auf seinen Füßen unsicher vor und zurück. Er ist so unglaublich nervös, wie er es sonst vermutlich selten ist.
Es ist bereits nach der Uhrzeit, die er ihr geschrieben hat und er ist sich nicht sicher, ob sie überhaupt noch auftaucht. Unsicher beißt er sich auf die Unterlippe. Soll er noch warten, ob sie doch kommt? Oder hat es keinen Zweck und er geht besser einfach nach Hause? In dem Moment ertönen Schritte und mit schneller schlagendem Herzen dreht sich Sawamura herum. Da kommt sie tatsächlich.
“Sakanoshita”, bringt er hervor, macht einen Schritt auf sie zu, als Erleichterung ihn überkommt.
“Sawamura …”, Miyuki verschränkt ihre Arme vor dem Oberkörper, wirkt aber total verunsichert, “was willst du?” Ihr Stimme klingt leise.
Er macht einen weiteren Schritt auf sie zu.
“Ich … wollte nochmal mit dir reden.”
“Und über was genau? Dass du mich monatelang wie blöd dastehen lässt, mich bei jeder Begegnung von der Seite aus dumm anmachst und mich dann plötzlich küsst?”
Der Ältere ist wie erstarrt, ehe er langsam nickt. “Ja, genau über das …”
“Na gut.” Sie hebt ihren Kopf, sieht ihn aus blitzenden Augen an und versucht, jede Emotion vor ihm zu verbergen, denn in ihr sieht es ganz anders aus.
Wieder macht er einen Schritt auf sie zu, überlegt, was er sagen soll, seine Finger spielen nervös mit dem Band seiner Tasche.
“Es … es ist einfach …”
“Kannst du es bitte einfach aussprechen? Es ist irgendwie … unangenehm, hier so zu stehen und nicht zu wissen, was du sagen willst, sagen wirst.”
Auf ihre Aussage hebt Sawamura verwundert seinen Kopf zu ihr, ehe ein leichtes Lächeln seine Mundwinkel umspielt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, was unter anderem ja auch der Grund dafür ist, dass er sie so mag.
“Du hast recht, entschuldige bitte, Sakanoshita. Ich wollte mich bei dir dafür entschuldigen, dass ich dich die letzten Monate so behandelt habe und in jeder Minute Streit mit dir gesucht habe. Und dann gestern, zum krönenden Abschluss oben drauf, dich einfach geküsst habe.”
“Abschluss?”, fragt Miyuki leise, woraufhin sie erstaunt angesehen wird.
“Was meinst du damit?”
“Ist …”, sie beißt sich verunsichert auf die Unterlippe, “es wirklich ein Abschluss oder vielleicht …”
Sein Gesichtsausdruck verschließt sich und er tritt einen Schritt nach hinten, auch wenn es in ihm anders aussieht. Sein Herz jubelt - das was sie da andeutet, das bedeutet doch …
“Es tut mir leid, Sakanoshita, aber es geht nicht, völlig egal was ich empfinde.”
“Warum? Erkläre es mir bitte!”
“Es … es gibt da noch jemand anderen”, bringt er hervor.
Ihre Augen weiten sich und sie wird blass. “Sag mir jetzt bitte nicht, dass du eine Freundin hast! Das … das wäre … Das wäre nicht okay! Ich fange auf keinen Fall etwas mit einem Vergebenen an und dazu gehört schon ein einzelner Kuss!”
Auch Sawamuras Augen weiten sich und er macht vor Schreck einen Satz nach hinten, hält beide Hände abwehrend vor sich.
“Nein. Nein! Ich habe keine Freundin! Es gibt keine andere!”
“Aber was wolltest du dann damit sagen?”
Ernüchterung überkommt ihn und er lässt seine Hände wieder sinken. “Es gibt jemanden”, er schluckt, “der dich mag. Ich kann und ich will ihm nicht im Weg stehen. Er … er hat es mir gesagt, ehe ich Gefühle für dich entwickelt habe und daher muss ich mich zurückhalten.”
“Aber was”, Miyuki runzelt ihre Stirn, “wenn ich dich mag. Dich auch mag?”
“Du magst mich?” Wieder zeichnet sich Erstaunen auf seinem Gesicht ab und etwas wie Hoffnung erscheint in seinen Augen, die aber sogleich wieder erlischt. “Aber … vielleicht magst du ihn mehr.”
“Das weiß ich nicht, wenn ich nicht weiß, wer es ist. Tatsache ist, dass du mich gestern mehr als nur überrascht hast und … ich dachte bis vor einigen Stunden, dass ich dich auch überhaupt nicht ausstehen kann. Aber … ich kann es wohl doch.”
“Sakanoshita, ich …”
Noch ehe Sawamura aussprechen kann, ertönen Schritte in der Nähe und zwei Stimme sind zu hören, laut. Beide sind dem Kapitän der Volleyballmannschaft gut bekannt.
“Komm mit”, bricht aus ihm heraus. Er umgreift Miyukis Handgelenk und zieht sie kurzerhand mit sich in die Sporthalle hinein. Er öffnet eine Türe an der Seite, schiebt das Mädchen hinein, folgt ihr und lehnt die Türe an, ehe er seinen Kopf dreht, um zu hören, was da draußen vor sich geht.
“Mensch Tanaka, wenn Daichi mitbekommt, dass du dein Zeug in der Halle vergisst, schimpft er, das weißt du doch!”
“Hab ich doch nicht mit Absicht gemacht, Noya! Ah, da ist sie schon. Gut, hab meine Jacke. Und … ähm, sollte Daichi die Sporthalle nicht abschließen?”
“Schon, oder? Hat er es nicht zu dir gesagt, als du gemeint hast, dass du abschließen kannst?”
“Ja. Hah, das werde ich ihm morgen ja mal sowas von auf die Nase binden. Und ich schreibe ihm gleich eine Nachricht, warte noch kurz, Noya.”
Sawamura wird blass. Er löst seinen Griff um Miyukis Handgelenk und wühlt in seiner Tasche, um gleich darauf sein Handy hervor zu ziehen. Er stellt es auf lautlos und sein Puls, der ihm gerade noch bis zum Hals geschlagen hat, beruhigt sich wieder. Rechtzeitig! Und genau da geht Tanakas SMS ein. Ein leises Seufzen entkommt ihm. Er hätte hier nicht mit Sakanoshita entdeckt werden wollen.
“Ich hab ihm geschrieben. So, komm, gehen wir wieder, Noya.”
“Ja, lass uns verschwinden. Ich liebe es im Normalfall zwar hier zu sein, aber heute bin ich auch froh, dass wir Feierabend haben. Mensch, Ukai lässt uns zur Zeit echt schwitzen, was?”
“Oh ja. Aber gut, er will ja auch, dass wir besser werden und gewinnen!”
Ein Knallen ertönt, das anzeigt, dass die Türe der Sporthalle wieder geschlossen ist.
Sawamura entspannt sich, aber nur einen kurzen Augenblick. Ein Ausatmen vor ihm zeigt ihm verschiedene Dinge an.
Erstens: Er ist nicht allein hier.
Zweitens: Sakanoshita ist ihm unglaublich nahe.
Drittens: Sie ist ihm zu nahe. So nahe, dass er, als sie nun zu ihm aufsieht, direkt in ihre Augen blicken kann, jede einzelne Wimper erkennen und wenn er wollte, vermutlich auch ihre süßen Sommersprossen zählen könnte.
Sein Puls, der sich eigentlich wieder beruhigt hat, steigt wieder an. Und nicht nur dieser. Das Verlangen, ihr näher zu sein, sie wieder zu küssen wird übermächtig und ehe er nachdenken kann, liegen seine Hände auf ihren Wangen, ziehen sie zu sich und wieder vereinnahmt er ihre Lippen mit seinen. Und was sein Herz vor Freude Sprünge machen lässt ist, dass sie den Kuss erwidert.
Miyuki kann nicht mehr richtig nachdenken, als Sawamura sie küsst. Sie lässt sich in den Kuss fallen, in das, was er auslöst. Langsam lässt sie ihre Hände zu dem Reißverschluss seiner Jacke gleiten, öffnet diesen mit zitternden Fingern. Auf diese Aktion löst er den Kuss.
“Was …?”
Mit großen Augen erwidert sie seinen Kuss und zuckt mit ihren Schultern. Sie weiß gerade auch nicht so recht, was sie hier gerade tut.
“Hast … hast du schon mal …?”, fragt Sawamura mit kratziger Stimme.
Sie schüttelt ihren Kopf als Antwort. “Du?”
Nun schüttelt er den Kopf. “Ich weiß nicht, ob wir …”
“Ich denke, dass eigentlich nicht …”
“Nein, eigentlich nicht.”
Sie sehen einander an, versuchen abzuwägen, der Stimme der Vernunft nachzugeben, doch das ist in dem Moment nicht mehr möglich. Wer den ersten Schritt gemacht hat, keine Ahnung, doch da liegen ihre Lippen plötzlich wieder aufeinander.
Sawamura nimmt seine Taschen von den Schultern, lässt diese auf den Boden fallen, gefolgt von seiner Jacke. Nachdenken ist nicht mehr möglich, so sehr sind sie von ihrem Verlangen eingenommen, während sie zum Mattenwagen stolpern, weitere Kleidungsstücke fallen lassen, ehe sie auf den Matten landen.
~🏐~
“Was … was bedeutet das jetzt genau für uns?”, ertönt Miyukis Stimme leise durch den dunklen Raum, während sie und Sawamura sich wieder anziehen. Dieser erstarrt.
“Ich … ich weiß nicht, ich meine … es hat sich ja nichts zu vorher geändert. Da ist immer noch er und …”
“Verdammt Sawamura!”
Okay, seine Aussage war die falsche, so wie sie nun reagiert und sich wütend anhört. Er dreht sich um und blickt zu ihr, froh darüber, dass sie wieder angekleidet ist, denn dann hätte er sicher nicht richtig denken können.
“Wir haben gerade … miteinander geschlafen! Mein erstes Mal. Und auch deines! Ich dachte immer, das erlebe ich mal mit einem Jungen, den ich wirklich liebe, das wichtigste aber: Mit einem Jungen, mit dem ich fest zusammen bin!”
“Miyuki”, wechselt er zu ihrem Vornamen, “du musst mir glauben, dass ich das sicherlich nicht geplant hatte. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich weiter Abstand von dir halten muss!”
“Ist dir ja super gelungen”, knurrt sie und entlockt ihm ein Schmunzeln.
“Das kann man wohl so sagen”, murmelt er, ehe er auf sie zugeht. “Ich …” Er sieht sie an, betrachtet sie und sein Herz macht einen Satz. Und genau das bringt ihn dazu, eine Entscheidung zu treffen. “Okay, hör zu.” Er greift nach ihren Oberarmen. “Ich kläre das, ja? Ich kläre das ab und dann … dann können wir …”
Noch ehe er aussprechen kann, tritt sie einen Schritt zurück und löst sich so von ihm.
“Es tut mir leid, Sawamura. Ich … ich muss darüber nachdenken …” Sie reibt sich über ihr Gesicht. “Das, was hier gerade passiert ist … Lass uns schauen, ja? Ich muss mir auch erst klar werden, was ich will. Du … ich mag dich, ja. Obwohl du so ein Arsch warst in den letzten Wochen, Monaten. Und ja, ich habe mit dir geschlafen, dachte, dass wir beide … aber ich weiß es nicht. Gerade bin ich einfach nur verunsichert.” Was auch daran liegt, dass er es bis vor wenigen Minuten versucht hat zu vermeiden, dass mehr zwischen ihnen entsteht. Und so eine Ablehnung fühlt sich nicht gut an.
Sawamura erstarrt, ehe er sich nun ebenfalls unsicher durch die Haare streicht. “Okay. Denk darüber nach und dann sag mir, was du willst, damit ich weiß, was ich machen soll. Aber bitte sei dir bewusst darüber”, er sieht sie ernst an, “dass du mir etwas bedeutest.”
Sie nickt und greift nach ihren Sachen. “Ich werde es im Hinterkopf behalten”, murmelt sie und verlässt gleich darauf ohne Verabschiedung sowohl den Geräteraum als auch die Sporthalle.
Mit gerunzelter Stirn blickt Sawamura auf die Türe, durch die sie gerade regelrecht geflohen ist. Was war das? Er hat ihr doch sagen wollen, dass er keinen Kontakt mehr zu ihr haben kann … und jetzt hat er sogar mit ihr geschlafen! Das ist viel schlimmer als nur ein Kuss. Was soll er ihm jetzt nur sagen? Es wird ihm doch das Herz brechen. Er ist so ein verdammt schlechter Freund!
Kapitel 10
Oh verdammt, schießt es Miyuki wieder und wieder durch den Kopf, während sie relativ planlos durch den Park läuft. Wie hat das passieren können? Wie konnte es soweit kommen, dass sie mit Sawamura geschlafen hat? Vielleicht könnte sie sich einreden, dass sie es sich nur eingebildet hat, aber das Gefühl und Prickeln zwischen ihren Beinen macht ihr klar, dass es keine Einbildung ist. Sie kann es sich nicht erklären. Gerade haben sie doch noch miteinander diskutiert, sich dann plötzlich vor zwei seiner Mannschaftskameraden versteckt und im nächsten Augenblick liegen sie auf dem Mattenwagen und … Nein, so hat sie sich ihr erstes Mal nicht vorgestellt, wirklich nicht. Und dann war da auch noch … Ein Gesicht erscheint kurz vor ihrem inneren Augen, so wie vorher auch, während sie und Sawamura … Schnell kneift sie ihre Augen zusammen und schüttelt ihren Kopf. Nein! Sie muss dringend aufhören, weiter darüber nachzudenken, denn das bringt ihr nichts! Tatsache ist jetzt nun einmal, dass sie ihre Jungfräulichkeit einem Jungen geschenkt hat, der eigentlich gar nicht mit ihr zusammen sein will und das angeblich wegen einem anderen Typ. Hat Sawamura eigentlich einen Dachschaden? Okay, ja, hat er. Schon allein aus dem Grund, dass er sie so dumm behandelt hat, weil er sie mag, obwohl auch jemand anderes sie mag. Und dann küsst er sie trotzdem? Und schläft noch dazu mit ihr! Ja okay, sie hat auch mit ihm geschlafen, es ist ja jetzt nicht so, als hätte er ihr etwas angetan oder es sich mit Gewalt genommen, ganz im Gegenteil. Eher ist es so, als hätte sie sich ihm an den Hals geworfen, richtig? Und ja, sie hat gesagt, eigentlich wollte sie ihr erstes Mal mit einem Jungen verbringen, der ihr fester Freund ist. Warum also hat sie ihm jetzt doch irgendwie einen Korb gegeben? Sie schließt seufzend erneut ihre Augen. Sie weiß es doch eigentlich. Wegen der Person zu dem Gesicht, an das sie dabei denken musste. Überhaupt total oft denken muss. Erschöpft von ihren ganzen Gedankengängen fährt sie sich mit beiden Händen über das Gesicht. Sie kann jetzt nichts mehr daran ändern. Sie hat mit Sawamura geschlafen und so wie er er ihr doch gesagt hat, würde er auch mit ihr zusammenkommen, wenn sie es will. Weil er Gefühle für sie hat, die er wohl nicht mehr zurückhalten kann , vielleicht auch will Sie ist es, die jetzt eine Entscheidung treffen muss. Ob sie ihn stark genug mag, genug Gefühle für ihn hat oder eben nicht. Wenn sie das doch nur wüsste! Sie mag ihn, erstaunlicherweise sogar sehr, sonst hätte sie nicht mit ihm geschlafen, da ist sie sich sicher. Aber kommt er an diese andere Person ran, an die sie so oft denken muss? Und genau das ist es, was ihr so Kopfschmerzen bereitet. Sie kann sich nicht einfach auf Sawamura einlassen, wenn da noch jemand anderes ist. Auch wenn sie mit ihm geschlafen hat, was doch eindeutig zeigt, dass sie nicht zurechnungsfähig ist. Warum hat sie ihr erstes Mal einfach so hergegeben? Ja, sie mag ihn, ja, er sieht sehr gut aus, ja, anscheinend berührt er sie in dieser Hinsicht sehr. Aber was soll sie jetzt tun? Miyuki beißt sich auf die Unterlippe und bleibt stehen. Was soll sie nur machen?
“Sakanoshita?”
Was? Warum? Wieso? Mit großen Augen sieht sie zur Seite und erkennt Sugawara, der sie freudestrahlend ansieht.
“Hey, was machst du denn hier? Bist du spazieren? Oder musstest du noch etwas erledigen?”
“Oh, ähm …”
“Kommst du von der Schule?”
Miyuki sieht an sich herunter. Stimmt, sie trägt noch ihre Schuluniform. “Ich, ähm, ich bin auf dem Heimweg …”
“Ah, dann begleite ich dich noch.”
“Du musst wirklich nicht, Suga”, bringt sie kläglich hervor.
Der Angesprochene runzelt seine Stirn. “Also … wenn du nicht willst, muss ich natürlich nicht.”
Schon weiten sich ihre Augen. “Nein, das nicht. Es …” Als er sie anlächelt, muss auch sie lächeln. “Ich würde mich freuen.”
“Sehr gut.” Sugawara reibt sich die Hände und grinst sie breit an. “Na dann, los geht es.”
Nun muss auch Miyuki lachen. Er hat diese Wirkung auf andere. Er ist immer so gut gelaunt und überträgt das auch auf alle anderen. Sie hat ihn schon beobachtet, sowohl beim Training, bei Spielen oder sonst. Alle wirken automatisch lockerer und besser gelaunt, wenn er auftaucht. Und ihr geht es ebenso, wenn er da ist, kann sie gar nicht trübselig sein. Und sie mag es. Sie mag diese Seite an ihm, sie mag aber auch die nachdenkliche, die sie ebenfalls schon erfahren hat.
Sie betrachtet ihn, während sie neben ihm läuft, hört nicht einmal groß zu, was er so sagt. Sie fühlt sich wohl bei ihm, schon von Anfang an. Ihr erster Gedanke damals, als sie nach ihrem Cousin gesehen hat und dabei auf Sugawara getroffen ist, war, dass er sympathisch ist. Das hat sich bewahrheitet. Er ist vermutlich einer der nettesten Menschen der Welt, auch wenn er ganz schön chaotisch sein kann und auch sehr frech, zumindest kommt er ihr oft so vor.
“Na, hast was Interessantes zum Angesehen gefunden?” Seine Stimme klingt zur gleichen Zeit sowohl amüsiert als auch irgendwie ernst.
Miyukis Wangen laufen rot an. Schnell dreht sie ihren Kopf zur Seite, um seinem Blick auszuweichen.
“Hey.” Sugawara klingt plötzlich ganz sanft. Er bleibt stehen, umfasst ihren Arm und zieht sie zu sich. Mit einer Hand greift er nach ihrem Kinn und dreht es mit sanften Druck in seine Richtung, so dass sie ihn wieder ansehen muss. “Ist doch okay, wenn du mich ansiehst. Ich nehme dir das sicherlich nicht übel.”
In dem Augenblick ist Miyuki sich sicher, dass ihre Wangen noch wärmer und damit sicherlich noch röter werden.
“Zumindest ich”, sind es nun seine Wangen, die rot werden?, “schaue dich gerne an.”
Ihr Herz nimmt einen Schlag zu.
Sugawara dreht sich zu ihr, nimmt seine zweite Hand und legt sie auf ihre Wange.
“Ich tue mehr, als dich nur gerne anzuschauen, auch wenn das schon sehr viel Freude macht, so hübsch wie du bist. Ich bin gerne in deiner Nähe, liebe es, wenn du lachst. Ich mag deine Kappeleien, sowohl die mit mir als auch mit anderen.”
Miyukis Herz flattert wie ein kleiner Vogel in ihrem Brustkorb hin und her. Sugawaras Stimme ist ernst, ebenso sein Blick. Ansonsten blitzt in seinen Augen immer ein gewisser Schalk mit, jetzt gerade aber nicht. Alles was er gerade sagt, meint er vollkommen ernst. Jetzt er grinst er schief.
“Naja, was ich eigentlich sagen will ist, dass ich total in dich verliebt bin und das bereits, seit ich dir das allererste Mal in die Augen gesehen habe. Du bist etwas ganz besonderes.”
Seine Augen sind direkt auf ihre gerichtet, scheinen bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen. Miyuki kann nichts anderes mehr wahrnehmen als ihn. Sein Blick. Sein schiefes Lächeln. Die Wärme seiner Hände an ihrer Wange und ihrem Kinn. Sugawara …
Da tritt er noch näher zu ihr, so, dass er direkt vor ihr steht und sie ihren Kopf noch etwas weiter anheben muss. Seine Augen huschen ein wenig hin und her, scheinen in ihren nach etwas zu suchen. Er scheint das für ihn richtige gefunden zu haben, denn er beugt sich auf einmal zu ihr, zögerlich, dann liegen seine Lippen plötzlich sanft auf ihren. Erst ist es nur ein sanfter Druck, ein Austesten, ob sie zurückweicht. Doch das macht sie nicht, im Gegenteil. Miyuki hebt ihren Kopf weiter und ihre Augen schließen sich wie von selbst, während alles in ihr prickelt, sämtliche anderen Empfindungen und Gefühle einfach wegwischt. Jetzt ist nichts anderes mehr wichtig, nicht jetzt, wo Sugawara sie küsst. Er! Küsst! Sie! Einfach so, wie aus dem Nichts heraus.
Er hält inne, scheint auf etwas zu warten. Doch sie will nicht, dass das hier endet. Miyuki greift nach dem vor ihr Stehenden, legt ihre Hände an seine Wangen und das scheint es gewesen zu sein, denn gleich darauf liegen seine beiden Hände auf ihren Wangen und er küsst sie erneut, etwas stürmischer, als gerade noch.
Es vergehen sicher einige Minuten, ehe er sich wieder von ihr löst, sie ungläubig ansieht, ehe sich ein breites Lächeln auf seinen Zügen ausbreitet.
“Sakanoshita … nein, Miyuki.”
Auch sie muss lächeln.
“Ich habe echt lange mit mir gekämpft, mir zig Gedanken gemacht, wie ich dir das hier am besten sagen soll. Wie ich dir beichten soll, was ich für dich empfinden soll, wenn du es so nennen willst. Aber jetzt, hier, in diesem Augenblick. Es war einfach richtig.”
Ein leises Lachen entkommt ihr. Doch dann sagt er etwas, das alles zum Einsturz bringt und sämtliche Freude aus ihrem Körper weichen lässt.
“Und ich muss gestehen, ich habe befürchtet, dass du mir von Anfang an einen Korb gibst, weil Daichi doch mein bester Freund ist und ihr beide euch ja mal so etwas von gar nicht leiden könnt.”
Es ist, als würde sich eine eiskalte Faust um ihr Herz schlingen und es zusammendrücken, nein, zusammenquetschen. Sawamura … Er … Sie hat mit ihm geschlafen und das ist noch nicht lange her, noch keine Stunde. Doch jetzt steht sie hier mit Sugawara und hat ihn geküsst, dabei viel mehr empfunden als bei allem, was sie vorher erlebt hat. Dieser einzelne Kuss hat mehr in ihr ausgelöst, als mit Sawamura zu schlafen. Der Kuss des besten Freundes … Sein bester Freund … Ihre Augen weiten sich augenblicklich und etwas blitzt in ihrem Inneren auf, eine Erkenntnis. Sugawara ist Sawamuras bester Freund. Und dieser hat sich ihr bezüglich zurückgehalten, weil er einen Freund hat, der etwas für sie empfindet. Hat deshalb behauptet, dass er sie nicht leiden könnte. Wusste er, dass Sugawara in sie verliebt ist? Ist dieser der Grund für Sawamuras Verhalten? Und dann findet ein Puzzlestück ans andere. Vermutlich wusste er wirklich, dass sein bester Freund sich in sie verliebt hat, so wie auch er und hat deshalb für Abstand gesorgt, sowohl für den tatsächlichen als auch für den emotionalen. Verzweiflung steigt in ihr auf, ebenso Blässe auf ihren Gesichtszügen. Ihre Augen weiten sich noch mehr, als ihr bewusst wird, was das alles bedeutet. Wenn es wirklich Sugawara war, wegen dem Sawamura sich zurückgehalten hat, dann hat er so gesehen seinen besten Freund hintergangen. Mit ihr. Sie kann das nicht. Sie kann es ihm nicht antun. Nicht ihm, nicht dem immer so glücklichen und gut gelaunten Sugawara. Sie kann ihm nicht das Herz brechen und das wird es, sobald er erfährt, dass sie und sein bester Freund miteinander geschlafen haben.
Ihre Hände sinken an sich herab und ihre Finger krallen sich um den Saum ihres Rockes, als sie einen Schritt zurück macht und ihren Kopf schüttelt, wodurch Sugawaras Hände sich von ihr lösen.
“Miyuki?”, bringt er hervor und man kann seinen Augen die Unsicherheit entnehmen, die ihn bei ihrer Reaktion überkommt.
“Es … es tut mir leid, Suga … ich … ich kann nicht …”
Die nächste Reaktion besteht darin, dass sie sich herum dreht und losrennt, in Richtung ihres Zuhauses, einfach nur weg von ihm. Heiße Tränen rollen über ihre Wangen, als ihr klar wird, wie beschissen gerade alles in ihrem Leben verläuft. Einfach alles …
Kapitel 11
Die nächsten drei Tage sind ein Spießrutenlauf für Miyuki. Sie ist überfordert, mehr als nur ein wenig. Sie hat keine Ahnung, was sie machen soll. Da sind zwei junge Männer, die ihr beide gesagt haben, dass sie Gefühle für sie haben. Mit dem einen hat sie sogar geschlafen, während ein einzelner Kuss von dem anderen mehr in ihr ausgelöst hat, alles alles mit dem anderen zusammen. Das was aber das Schlimme daran ist: die beiden sind beste Freunde. Und der eine weiß vom anderen nicht, dass dieser auch etwas für sie empfindet. Sie kann Sugawara und Sawamura nie wieder unter die Augen treten. Wie soll sie sich verhalten, wenn einer der beiden sie anspricht? Was soll sie sagen? Tun? Und vor allem: Was wollen die beiden von ihr hören?
Verzweifelt reibt sich Miyuki mit beiden Händen ihr Gesicht, während sie ihre Ellenbogen auf ihrem Pult abgestützt hat. Bereits seit drei Tagen geht sie den beiden aus dem Weg, bisher voller Erfolg. Doch das wird sie das restliche, noch knapp halbe und vor allem letzte Schuljahr der Drittklässler sicherlich nicht schaffen. Wie denn auch? Vor allem, wie als ob sowohl Sawamura als auch Sugawara das zulassen würden. Im nächsten Augenblick ist zwei Plätze hinter ihr Kinoshitas Stimme laut zu hören.
“Suga, was machst du denn hier?”
Miyuki erstarrt, alles an ihr spannt sich an, während sie es schafft, nur ihre Augen leicht zur Seite zu drehen, so dass sie den Drittklässler in der Türe ihres Klassenzimmers erkennt. Nein, bitte nicht! Sie weiß doch noch nicht, was sie tun soll! Er darf nicht … Sie erkennt, dass sein Blick auch auf sie gerichtet ist und zwingt sich dazu, ihr Buch in die Hand zu nehmen und hinein zu schauen, ihn nicht mehr anzublicken! Er darf auf keinen Fall zu ihr kommen! Trotzdem nimmt sie ihn mit jeder Faser ihres Körpers war, als er direkt an ihr vorbei läuft und zu seinem Mannschaftskollegen tritt.
“Hey Hisashi.”
“Was kann ich denn für dich tun, Suga? Du kommst doch sonst nie hierher.”
“Äh, ja, das stimmt wohl.” Ein leises, leicht peinliches Lachen, entkommt dem Älteren. “Du hast doch demletzt mal von dem Buch erzählt, das du gerade liest. Und ich wollte es mir auch mal anschauen. Kannst du mir bitte den Titel nochmal sagen?”
Kurz herrscht Stille. Miyuki blinzelt ungläubig. Wie bitte? Angeblich ist er wegen einem Buch hier? Das … das ist doch so etwas von vorgeschoben!
“Ähm, also … es ist ein Manga, den ich gerade lese …”, erklingt Kinoshitas Stimme ungläubig. Anscheinend kann er auch nicht ganz glauben, dass die Frage ernst gemeint ist.
“Ah, ein Manga. Das … ja, den meinte ich wohl.”
“Wenn du willst, bringe ich ihn dir morgen mit …”
“Oh ja, sehr gerne. Danke dir. Dann … sehen wir uns nachher beim Training.”
“Ja, das tun wir, Suga. Bis dann.” Immer noch schwingt Verwirrung in Kinoshitas Stimme mit.
Es erklingen Schritte, die anzeigen, dass Sugawara wieder zurückläuft. Auf der Höhe von Miyukis Tisch bleibt er stehen, während ihr Herz einen ungesunden Rhythmus annimmt.
“Sakanoshita”, gibt er leise und verunsichert von sich.
Anstatt zu antworten schmeißt sie ihren Oberkörper auf der anderen Seite des Tisches zu ihrer Tasche, die dort steht, hinunter. Fieberhaft kramt sie darin herum, wie als ob sie etwas suchen würde. Da spürt sie seine Finger auf ihrer Schulter und erstarrt, während ihr Herzschlag sich nun nicht mehr gesund anfühlt. Die Rettung erklingt in Form der Schulglocke, die das Ende der kurzen Pause zwischen den Stunden bekundet.
Erleichtert nimmt Miyuki war, wie sich seine Finger zurückziehen und er nach einem kurzen Zögern davon geht. Vorsichtig richtet sie sich auf und schielt ihm hinterher. Kaum dass er den Raum verlassen hat, sackt alles in ihr zusammen und sie stößt die Luft aus, von der ihr gerade erst klar wird, dass sie sie angehalten hat. Vorsichtig sieht sie hinter sich, wo Kinoshita steht und Sugawara verdutzt ebenfalls hinterher sieht. Dann legt sich sein Blick auf sie. Er öffnet seinen Mund, will wohl etwas sagen, ehe er innehält und ihn wieder schließt. Stattdessen runzelt er seine Stirn. Schnell dreht sich Miyuki wieder nach vorne. Nein, sie kann und will ihm nicht Rede und Antwort stehen müssen, denn dass bei ihrem Klassenkameraden gerade einige Fragen aufgetaucht sind, ist ihm anzusehen.
Aber wie soll sie Fragen beantworten, wenn sie noch nicht einmal Antworten auf ihre eigenen Fragen hat?
~🏐~
Seitdem Sugawara in ihrem Klassenzimmer aufgetaucht ist, ist Miyuki mehr als angespannt. Bei jedem kleinen Geräusch zuckt sie zusammen. Wie soll sie ihm und Sawamura aus dem Weg gehen, wenn die beiden da auftauchen können, wo sie ist? Und wie wirkt es, wenn sie verschwindet, sobald einer der beiden kommt? In was ist sie da eigentlich reingeraten? Sawamura wird so etwas doch sicherlich nicht machen! Er ist viel zu beherrscht und ruhig. Er denkt lieber zweimal nach, bevor er etwas tut. Obwohl, als er mit ihr geschlafen hat, hat er eindeutig auch nicht nachgedacht. Nicht ein einziges Mal sogar. Trotzdem, er wird nicht das gleiche machen wie Sugawara. Vermutlich wird er sie eher nach dem Training oder so abfangen, das würde schon mehr zu ihm passen.
Doch sie hat die Rechnung ohne den Kapitän des Volleyballclubs der Karasuno gemacht, den bereits in der nächsten Pause ist er es, der in der offenen Türe des Klassenzimmers auftaucht. Als sein Blick auf Miyukis fällt, ist diese erneut wie erstarrt. Warum macht er das? Schnell dreht sie ihren Kopf und beugt sich zu ihrer Tasche hinunter. Einfach so tun, als würde sie etwas suchen, so tun, als wäre er gar nicht da! Ist er auch nicht, ist er nicht, ist er nicht …
“Hey Daichi.” Kinoshita klingt verunsichert. Dass Sugawara zu ihm kommt, ist unwahrscheinlich. Dass Sawamura zu ihm kommt, noch sehr viel unwahrscheinlicher. Und doch sind nun beide da gewesen beziehungsweise jetzt gerade vor Ort.
“Kinoshita.” Sawamura klingt unsicher, dann scheint er sich einen Ruck zu geben. “Ich hätte da eine Frage an dich.”
“Aha. Und was genau?” Der Angesprochene klingt misstrauisch, was ihm Miyuki nicht übel nehmen kann, wäre sie auch.
“Du, ähm, hast du demletzt nicht von … ähm …” Sawamura scheint krampfhaft einen Grund dafür zu suchen, hier zu sein. “Du hast von einer Serie geredet, die du geschaut hast. Wie hieß die noch einmal?”
Miyukis Kopf schießt in die Höhe und nach hinten. Ernsthaft? Das ist ja noch unglaubwürdiger als Sugawaras Frage nach dem Buch, das Kinoshita gelesen hat. Eine Serie? Noch deutlicher kannst du gar nicht sagen, dass du nicht deswegen hier bist!
Genau diese Gedanken scheint Kinoshita auch zu haben. Trotzdem beantwortet er verwirrt die Frage, wobei ihm anzusehen ist, dass er nicht glaubt, dass diese ernst gemeint ist.
“Okay, danke dir. Dann bis nachher.” Sawamura grinst schief und fährt sich mit einer Hand durch die Haare, die daraufhin vom Kopf abstehen.
“Ja, bis nachher.”
Dann dreht sich der Kapitän um und sein Blick fällt auf Miyukis. Ein sanftes Lächeln erscheint um seine Lippen, ehe er wieder ernst wird. Er macht einen Schritt auf sie zu und bleibt abrupt stehen, als Miyuki aufspringt.
“Ich … ich muss … zur Toilette.” Und wie als ob eine Horde wilder Löwen hinter ihr her ist, rennt sie aus dem Klassenzimmer.
Als sie ein paar Minuten später zurückkommt, sich dabei immer umsehend, dass Sawamura wirklich weg ist, steht Kinoshita an ihrem Pult. Er sitzt sogar leicht darauf, die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und hebt seine Augenbrauen, als sie sich setzt.
“Was?”, fährt Miyuki ihren Klassenkameraden an.
Der hebt eine Hand und greift mit den Fingern der anderen Hand nach seinem Zeigefinger. “Vorher war zuerst Suga da.” Die Finger greifen nach dem Mittelfinger, den er zusammen mit dem Zeigefinger in die Höhe hebt, alle anderen eingeklappt. “Und dann Daichi. Beide mit total sinnlosen Fragen, die auch überhaupt keinen Sinn ergeben. Suga will einen meiner Mangas lesen? Daichi die Serie schauen, die ich auch sehe? Von der ich ihm noch nie erzählt habe? Alles unlogisch. Aber dann deine Reaktion. Wie beide bei dir stehen bleiben und du dich daraufhin verhältst als wärst du ein Kaninchen, das Unterschlupf in seinem Bau sucht und das total verzweifelt. Ich meine, erst wärst du fast in deine Tasche gekrochen und jetzt gerade fliehst du ganz aus dem Klassenzimmer? Beide danach total geknickt? Das lässt für mich nur einen Schluss zu.”
Langsam zieht Miyuki ihren Kopf ein.
“Sie sind nicht meinetwegen oder wegen einem Manga oder einer Serie hier gewesen sondern nur deinetwegen. Bei Suga glaube ich das ja auch sofort, ich meine, der steht total auf dich, was wir aus dem Volleyballclub inzwischen alle wissen und …” Kinoshita wird rot, anscheinend hat er das nicht sagen wollen. “Ähm, okay, falls du es bisher noch nicht wusstest, weißt du es eben jetzt. Aber Daichi? Ich dachte, ihr beide könnt euch nicht ausstehen.”
“Bitte Kinoshita”, verzweifelt sieht Miyuki ihn an, “stell mir keine Fragen, die ich dir nicht beantworten kann.”
“Aber …”
Schnell hebt sie ihre Hand. “Bitte. Es ist … ich bin gerade auch … ich weiß nicht … ich …”
Sie stammelt nur herum, bringt keinen sinnvollen Satz hervor, was ihm wohl klar macht, dass es ihr wirklich nicht sonderlich gut geht und damit auch ihr blasses Gesicht, die Augenringe und ihr fahriges Verhalten der letzten Tage erklärt. Er legt ihr eine Hand auf die Schulter und lächelt sie aufmunternd an.
“Alles okay, Sakanoshita, ich werde nicht weiter fragen oder nachbohren. Aber wenn du jemanden zum reden brauchst, auch über die beiden Schwachköpfe”, er zeigt mit seinem Daumen auf sich und zwinkert ihr grinsend zu, “dann bin ich dein Mann.”
Ein ehrliches Lächeln erscheint auf ihren Zügen, vermutlich das erste aufrichtige in den letzten Tagen. “Ich danke dir.”
“Jederzeit.” Er stellt sich aufrecht hin, ehe er sich schnell nochmal zu ihr herum dreht und sie mit weit aufgerissenen Augen anblickt. “Bitte sag ihnen nicht, dass ich sie Schwachköpfe genannt habe!”
“Keine Sorge, das werde ich ihnen nicht sagen, niemals. Versprochen.” Falls sie überhaupt jemals wieder mit ihnen sprechen wird …
“Danke dir”, ist es nun an Kinoshita zu sagen, ehe er zu seinem Platz zurück geht.
Ein Seufzen entkommt Miyuki, während sie ihre Arme vor sich auf den Pult legt und ihren Kopf darauf sinken lässt. Sie will das alles einfach nicht. Wie ist sie nur hier herein geraten?
Kapitel 12
Als Miyuki aus dem Schulgebäude tritt und kurz darauf das Schulgelände verlässt, ist sie froh, dass dieser Tag vorbei ist. Sie hat sowohl Sawamura als auch Sugawara gesehen und ihnen einigermaßen aus dem Weg gehen können. Aber wenn sie jetzt tatsächlich bis zu ihr ins Klassenzimmer kommen, wer weiß, was ihnen sonst noch so einfällt. Sie tritt durch das Tor der Schule, wendet sich zur Seite und erstarrt augenblicklich.
“Miyuki.” Sawamura stößt sich von der Wand ab, an der er gelehnt ist. Er hat beide Hände tief in den Taschen seiner Jacken vergraben und sieht sie unsicher an. “Könnten wir bitte miteinander reden? Du gehst mir aus dem Weg, was ich ja auch irgendwie verstehen kann, aber ich …” Er zieht seine Hände hervor und kommt zwei Schritte auf sie zu. “Ich … ich kann nicht mehr aufhören, an dich zu denken, an das, was zwischen uns beiden war. Ich dachte davor schon, dass das, was ich empfinde, stark ist, aber seitdem wir beide … Es ist so viel stärker als zuvor und ich muss wirklich wissen, was mit uns beiden …”
Er wird von einer anderen Stimme unterbrochen, die laut durch die Luft tönt und alles an ihm spannt sich an.
“Hey Miyuki!”
Auch in der Gerufenen zieht sich alles zusammen und ihr wird anders. Mit großen Augen blickt sie zur Seite, wo Sugawara vom Schulgebäude her auf sie zugelaufen kommt.
“Bitte lauf nicht weg”, gibt er von sich, kurz bevor er bei ihr ankommt. Er streckt eine Hand nach ihr aus, berührt sie am Oberarm. “Bitte rede mit mir. Über das, was vor ein paar Tagen passiert ist. Da muss doch mehr zwischen uns beiden sein, sonst hättest du meinen Kuss nicht erwidert und … Daichi?”
Verwundert blickt Sugawara zur Seite, wo sein bester Freund steht. Dieser ist blass und sieht aus, als hätte er ihn bei irgendetwas ertappt.
Doch anstatt etwas zu Sugawara zu sagen, richtet sich Sawamura erneut an Miyuki.
“Ihr … ihr habt euch geküsst? Wann? Bevor oder nachdem wir …”
Nun ist es Miyuki, die blass wird.
“Was?” Sugawara sieht ungläubig von seinem besten Freund zu dem Mädchen, in das er verliebt ist und wieder zurück. “Was genau … Was genau meint Daichi damit? Was habt ihr beide vor oder nach unserem Kuss miteinander gemacht?” Wieder sieht er das Mädchen an, das schneeweiß ist, deren weit aufgerissenen Augen zwei große, braune Flächen in ihrem Gesicht darstellen. Sie krallt ihre zitternden Finger in den Saum ihres Rockes, macht einen Schritt zurück und schüttelt panisch ihren Kopf, bringt kein Wort hervor.
“Suga, hör zu, es … ich wollte mit dir reden, wirklich. Es ist nur, dass ich … dass wir …” Sawamura tritt auf ihn zu, hebt ihm eine Hand entgegen, versucht ihn durch diese Geste zu besänftigen. Da macht es bei Sugawara klick und Entsetzen steigt in ihm auf.
“Was? Ihr beide? Du … du willst mir nicht wirklich sagen, Daichi, dass du und Miyuki …”
“Es ist passiert, es tut mir leid, wirklich. Ich hätte vorher mit dir darüber reden sollen, dass ich auch Gefühle für Miyuki entwickelt habe. Aber … ich du hast mir davor schon gesagt, dass du sie magst und daher habe ich … ich bin auf Abstand gegangen.”
“Du hast also nur behauptet, dass du sie nicht leiden kannst, damit sie … damit du sie von dir stoßen kannst?” Man kann in Sugawaras Augen regelrecht die Erkenntnis sehen, die sich in ihm breit macht.
“Das war so, ja. Und es tut mir wirklich leid. Dir gegenüber, weil ich nicht ehrlich war und Miyuki gegenüber”, Sawamura blickt diese an, “weil ich sie mit meinem Verhalten verletzt habe.”
Das Mädchen sieht ungläubig zwischen den Jungen hin und her. Ihr Herzschlag schmerzt schon fast, so hart wie es gegen ihren Brustkorb schlägt. Das hier - das ist doch nicht gut! Wie konnte es nur passieren, dass sie zwischen den beiden steht? Sie will es nicht!
“Du hast sie also auch geküsst?”
Sawamura zögert. “Ja.”
“Wann?”
“Was genau tut das zur Sache?”
“Wann, Daichi?”
Dieser runzelt seine Stirn. “Am Montag”, beantwortet er die Frage schließlich.
“Am Montag … dann hast du sie vor mir am Dienstag geküsst.” Da sein bester Freund nichts sagt, nicht wirklich reagiert, außer plötzlich noch schuldbewusster auszusehen, runzelt Sugawara seine Stirn. “Was war da noch?”
“Was?” Die Stimme des Gefragten ist höher als zuvor.
“Was war da noch? Da kann nicht nur ein Kuss gewesen sein, sonst würdest du mich nicht so ansehen! Und lüg mich nicht an, ich kenne dich!” Zorn ertönt in Sugawaras Stimme.
Miyuki beißt sich auf die Unterlippe. Nein, nein! Sie will das nicht! Sie will nicht hier sein, nicht hier an dieser Stelle, in dieser Situation und sie will eigentlich auch kein Teil davon sein! Verunsichert wandert Sawamuras Blick zu ihr, scheint ihren Beistand zu suchen, aber das kann sie nicht. Wieder wird dem Älteren der beiden Jungen klar, was los ist. Wie geschlagen stolpert er einen Schritt zurück.
“Nein! Nein, das hast du nicht, Daichi. Du hast nicht mit dem Mädchen geschlafen, von dem du weißt, dass ich in es verliebt bin!”
“Es tut mir leid, Suga. Ich wollte dir nicht in den Rücken fallen. Es ist einfach passiert. Ich weiß auch nicht wie …”
“Wann? Wann habt ihr miteinander geschlafen?” Der Zorn wird stärker, springt einem regelrecht ins Gesicht, als Sugawara diese Frage ausspricht und Miyuki dabei direkt anblickt.
“D-Dienstag”, stottert sie mit krächzender Stimme.
Seine Augen weiten sich und die letzten Puzzleteile setzen sich zusammen. “Deshalb bist du verschwunden, nachdem wir uns geküsst haben. Du bist direkt von ihm gekommen? Deshalb hattest du deine Schuluniform noch an.” Seine Stimme klingt gepresst.
“Nein, ich war nicht bei ihm. Wir waren hier …”
“Hier?” Auf Miyukis Aussage entkommt Sugawara ein trockenes Lachen. “Ernsthaft? Hier an der Schule? Am besten noch bei uns im Clubhaus.”
“Nein, nicht dort … aber … es ist doch egal, nicht wahr?”, versucht Sawamura die Situation zu deeskalieren.
“Ach, ist es nicht? Es ist zumindest mir nicht egal, dass du dich erstens an das Mädchen heran machst, von dem du zweitens weißt, dass ich in es verliebt bin und dann, drittens, es mir verschweigst! Du hättest mit mir reden können! Stattdessen lügst du mich an! Behauptest, du könntest sie nicht leiden. Und stattdessen vögelst du auch noch hinter meinem Rücken mit ihr?”
“Ich habe sie nicht gevögelt, ich habe mit ihr geschlafen!”, schießt Sawamura dagegen, immerhin geht Sugawara ihn ziemlich an.
“Sugawara, es tut mir wirklich leid. Das alles, das ist so überfordend.” Miyuki macht einen Schritt auf ihn zu und streckt ihm verunsichert die Hand entgegen. Er kommt ihr entgegen, greift nach ihrer Hand, schließt seine darum.
“Miyuki, warum … warum hast du mit ihm geschlafen? Ich war mir sicher, dass dir unser Kuss etwas bedeutet hat!”
“Das … das hat er auch, Suga. Er hat mir sehr viel bedeutet!”
“Warum hast du dann mit ihm geschlafen?” Anklagend hebt sich eine Hand auf Sawamura.
“Ich … ich weiß es auch nicht …” Tränen schießen in Miyukis Augen, laufen gleich darauf über ihre Wangen.
“Wer von uns bedeutet dir mehr? Er oder ich?”
Auf diese Aussage macht Miyuki einen Schritt zurück, zieht ihre Hand aus seiner.
“Ich … ich weiß nicht.”
“Bedeute ich dir überhaupt etwas? Geschweige denn er?” Sugawara deutet mit dem Kinn in Richtung seines besten Freundes, ohne diesen anzusehen. Sein Blick ist durchgehend auf dem Mädchen vor sich gerichtet. Dieses blickt panisch zwischen ihnen hin und her, ehe sie aufschluchzt.
“Ja, das ist doch mein Problem. Ich mag euch beide. Ich mag dich und unser Kuss … er hat mir viel bedeutet. Aber … ich mag auch Sawamura und ich habe mit ihm geschlafen, ihm mein erstes Mal geschenkt. Das hätte ich doch nicht, wenn er mir nichts bedeuten würde, oder?”
“Und wer von uns beiden bedeutet dir mehr?” Sawamura tritt weiter auf sie zu.
Verunsichert huscht Miyukis Blick von einem der beiden Jungen zu dem anderen und wieder zurück, wieder und wieder. Sie macht einen weiteren Schritt nach hinten, schüttelt ihren Kopf und schluchzt noch einmal.
“Ich weiß es nicht. Ich weiß es doch einfach nicht. Und ich kann nicht. Ich kann das hier nicht, das mit euch … es ist … Ich kann einfach nicht!”
Und dann tut sie, was sie schon die letzten Tage ständig gemacht hat und was vielleicht nicht wirklich erwachsen ist. Sie dreht sich um und rennt los, verschwindet. Sie will einfach nur weg. Nein, sie muss weg. Von den beiden! Einfach nur weg von hier und von ihnen.
“Miyuki, warte!”
“Lauf nicht weg, Miyuki!”
Sawamura und Sugawara laufen ihr ein paar Schritte hinterher.
“Ich folge ihr”, erklärt Ersterer, doch da landet Sugawaras Hand an dessen Oberarm und krallt seine Finger hinein.
“Warum solltest ausgerechnet du ihr nachlaufen?”
Sawamura sieht seinen besten Freund an und das schlechte Gewissen ist ihm anzusehen. Er wollte ihn nicht hintergehen, das war nie sein Begehren. Im Gegenteil, er wollte sich doch zurückhalten, aber was hatte er gegen seine Gefühle anrichten können? Überhaupt nichts und deshalb steht er jetzt hier an dieser Stelle und in dieser Situation.
“Es tut mir wirklich leid Suga, das musst du mir glauben. Aber sie … Miyuki ist etwas ganz besonderes.”
“Ich weiß!”
“Meinst du nicht, dass sie entscheiden sollte, wer von uns beiden …”
“Wen von uns beiden sie will, meinst du?”, unterbricht Sugawara ihn mitten im Satz. Er hat seine Hand wieder sinken lassen.
“Richtig. Sie hat doch gerade gesagt”, Sawamura runzelt seine Stirn, “dass sie uns beide mag und nicht weiß, wer von uns derjenige ist, den sie mehr mag, oder?”
Zögernd nickt Sugawara. Er tritt zurück und Hass blitzt in seinen Augen auf.
“Gut, Miyuki soll entscheiden. Aber du solltest eines wissen, Daichi. Du bist das Allerletzte und ich wünschte, dass ich dich nie als meinen besten Freund bezeichnet hätte, denn beste Freunde tun sich so etwas nicht an! Sie sind ehrlich zueinander, reden miteinander, so wie ich mit dir! Du wusstest, was ich für sie empfinde, von Anfang an. Was, wenn du einfach ehrlich zu mir gewesen wärst? Dann wäre vielleicht einer von uns beiden mit ihr zusammen und ich gehe stark davon aus, dass wir dann noch Freunde wären. Denn wie gesagt, wahre Freunde tun so etwas nicht und das wiederum bedeutet, wir beide, wir sind keine Freunde mehr!” Und nun ist es Sugawara, der einfach wegläuft und Sawamura stehen lässt.
Der sieht ihm mit weit aufgerissenen Augen hinterher. “Suga”, ruft er, erhält jedoch keine Antwort, woraufhin er ihm schnell hinterherläuft und versucht, ihn einzuholen.
Kapitel 13
“Suga, bitte, rede mit mir.” Sawamura folgt seinem besten Freund, der ihm gerade die Freundschaft gekündigt hat, in den Clubraum, in dem alle anderen bereits versammelt sind und sich umziehen. Als der Kapitän und sein Vize hereinkommen, sehen alle auf. Was ist da denn los? Die Stimmung zwischen den beiden wirkt so angespannt, irgendwie eigenartig.
“Lass es einfach, Daichi!”, zischt Sugawara und greift nach seiner Tasche, die er vorher schnell hergebracht hat, ehe er Miyuki aufgesucht hat. Er kramt seine Sportkleidung hervor, um sich diese anziehen.
“Es tut mir leid, wirklich. Ich hätte mit dir reden sollen und …”
“Hast du aber nicht und jetzt musst du gar nicht erst mit anfangen! Spar es dir einfach, ich bin durch mit dir!”
“Was ist denn mit euch beiden los?” Azumane drängt sich vorsichtig zwischen seine Freunde, seine Augen springen dabei verunsichert von einem zum anderen. So kennt er sie nicht. Die beiden haben noch nie miteinander gestritten, aber das hier gerade? Sugawara wirkt, als würde er Sawamura gleich ins Gesicht springen, während dieser irgendwie verzweifelt aussieht.
“Spar es dir einfach, Asahi”, knurrt Sugawara nun diesen an.
“Suga, lass es nicht an Asahi aus, ich bin derjenige, der das verbockt hat.”
Sofort dreht sich der Angesprochene um, greift mit einer Hand nach Azumane, um diesen zur Seite zu schieben und deutet mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf Sawamura.
“Richtig! Du hast es verbockt! Dir war sowas von scheißegal, was ich empfinde! Du hast nur an dich gedacht, du egoistischer Mistkerl! Und genau deshalb will ich nichts mehr mit dir zu tun haben! Halte dich von mir fern!”
Erschrocken schnappen alle Anwesenden nach Luft. Das hier scheint schlimmer zu sein, als sie zu Beginn noch vermutet haben.
“Was ist denn los?” Der dritte Drittklässler grinst schief und schüttelt seinen Kopf. “Kommt schon, so schlimm kann es doch gar nicht sein, dass du die Freundschaft zwischen euch beendest, Suga. Ihr beide seid seit eurem ersten Tag hier doch unzertrennlich.”
Und wieder landet Sugawaras Blick aus blitzenden Augen auf Azumane. “Halte dich gefälligst raus! Du hast keine Ahnung, worum es geht!”
“Ähm … aber es hat nicht zufälligerweise etwas mit Sakanoshita zu tun?”, durchdringt Kinoshitas Stimme die angespannte Atmosphäre im Clubraum. Es fühlt sich für alle an, als würde der geringste Funke alles zum explodieren bringen und vermutlich ist das nicht einmal so unwahrscheinlich.
Sofort richten sich alle Augen auf den Zweitklässler, Sawamuras und Sugawaras sind weit aufgerissen.
“Ähm ja …”, murmelt Kinoshita und reibt sich verunsichert über den Hinterkopf.
“Woher weißt du das?”, bricht es aus Sawamura heraus.
“Warum sonst solltet ihr beide in unserem Klassenzimmer auftauchen? Sicherlich nicht, um mich tatsächlich nach einem Buch oder einer Serie zu fragen. Das passt doch gar nicht zu euch. Und Sakanoshita war total durch den Wind, war sowieso die letzten Tage über so eigenartig drauf. Als ihr aufgetaucht seid, war es noch schlimmer”, erklärt Kinoshita seine Frage.
“Tja, warum sollen wir dir dann überhaupt noch sagen, wenn du dir das doch selbst schon alles beantwortet hast”, knurrt Sugawara, ehe er sich wieder daran macht, sich umzuziehen.
Sawamura blickt von dem Zweitklässler über die anderen Volleyballer, die ihn alle abwartend und auch verwirrt ansehen. Er weicht ihren Blicken aus, dreht sich herum und greift nach seiner eigenen Tasche.
“Macht euch fertig”, schnauzt er über seine Schulter. Durch den finsteren Blick, den er aufgesetzt hat, traut sich keiner mehr, ihn anzusprechen und tun sofort, was er von ihnen verlangt hat.
~🏐~
“Was herrscht hier denn für eine Stimmung?”, fragt Ukai nach einer Weile verwirrt und dreht seinen Kopf über die Schulter, um Herrn Takeda anzusehen, der daraufhin neben ihn tritt und mit seinen Schultern zuckt.
“Ehrlich gesagt frage ich mich das auch schon die ganze Zeit. Die sind alle sehr ruhig, das ist man von ihnen nicht gewohnt.”
“Nein, wirklich nicht. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Die ganze Stimmung fühlt sich so schlecht an.” Mit einer Hand am Kinn, mit dem Zeigefinger darauf tippend und gerunzelter Stirn, betrachtet Ukai seine Schützlinge. Schließlich dreht er sich kurzerhand um und geht zu den Managerinnen, die an der Seite stehen. Im Normalfall dürften diese mehr mitbekommen als sie.
“Hey, Shimizu”, richtet er an die Ältere. Diese hält inne und sieht zu ihm auf. Sie scheint Yachi gerade etwas erklärt zu haben. Auf die Ansprache lässt sie ihr Heft sinken.
“Ja, Trainer Ukai?”
“Hmm, weißt du zufälligerweise”, er sieht in Richtung der Volleyballer, “was da los ist? Die Stimmung ist ja mal unterirdisch. Ist irgendetwas vorgefallen?”
Kurz erstarrt Shimizu, ehe sie ihren Kopf schüttelt. “Das wird sich alles schon wieder regeln, bitte warten Sie einfach ab.”
Seine Augenbrauen heben sich. “Mit anderen Worten, du weißt es, willst es mir aber nicht sagen.”
Yachi ist neben der Älteren regelrecht erstarrt, aber gut, die Kleine ist schließlich auch ein echter Angsthase.
Shimizu sieht ihn ernst an, wendet ihren Blick nicht eine Sekunde ab. “Das ist so, ja. Aber das ist eine Sache, die die Beteiligten unter sich ausmachen müssen. Ich bin mir auch sicher, dass sich alles klären wird.”
“Aha.” Ukai seufzt. “Na gut, wenn du das sagst vertraue ich einfach mal darauf. Wenn es sich aber nicht gibt, dann werde ich es herausfinden und dann werden wir auch sehen, wie das ganze hier weitergeht. Die Jungs haben sich zu konzentrieren und auch wenn das jetzt hart klingt: ihre privaten Angelegenheiten haben beim Training außen vor zu bleiben, vor allem, wenn sie die nächsten Spiele gewinnen wollen.”
Seine Gegenüber nickt. Sie hat ihn verstanden. “Ja.”
“Gut. Dann schauen wir mal, dass das hier besser funktioniert.” Und damit dreht sich der Trainer herum und klatscht in die Hände, um sich die Aufmerksamkeit der Schüler einzuholen.
~🏐~
“Was soll das denn?”, explodiert Ukai einige Tage später. “Langsam reicht es mir! Es ist mir so etwas von scheißegal, welches Problem ihr gerade habt! Reißt euch gefälligst zusammen! Wir sind nicht zu einem Kaffeekränzchen hier sondern um zum Frühlingsturnier zu kommen! Was also ist hier bitte los? Ich will, dass ihr mir sofort sagt, was das Problem ist!”
Er hat seine Hände in die Seiten gestemmt und sieht wütend über die Schüler, von denen jeder einzelne seinem Blick ausweicht.
“Also?”, fragt er erneut, doch immer noch nichts. Die Stimmung ist mehr als niedergeschlagen. “Okay, dann eben anders. Sawamura, Sugawara, sofort zu mir. Ihr anderen übt jetzt die Aufschläge! Und wehe ich höre irgendwelches Geplapper, dann lasse ich mir etwas anderes einfallen, klar? Strafrunden werden dann euer kleinstes Problem sein!”
Eingeschüchtert nicken alle, während sich der Kapitän und der Vize aus den Reihen der Volleyballer lösen und auf ihren Trainer zulaufen, nicht ohne sich gegenseitig giftige Blicke zuzuwerfen.
“Kommt mit”, richtet Ukai an sie und verlässt sogleich die Sporthalle, nachdem er seine Schuhe gewechselt hat. Kurz darauf steht er mit den beiden draußen, die sich mit Abstand zueinander aufgestellt haben, sich nun keines Blickes mehr würdigen.
“Ihr sagt mir jetzt sofort, was hier los ist!” Wieder hat Ukai seine Arme vor seinem Oberkörper verschränkt und sieht die beiden mit mürrischem Gesichtsausdruck an. Keine Antwort. “Ernsthaft? Denkt ihr etwa, ich bin so dumm?”, explodiert der Trainer in dem Augenblick. “Meint ihr etwa, es fällt mir nicht auf, wenn der Kapitän und sein Vize kein Wort mehr miteinander wechseln, sich aus dem Weg gehen und, wenn sie dann doch aufeinandertreffen, tödliche Blicke austauschen? Ich habe keine Ahnung, was genau das Problem zwischen euch beiden ist, aber das hat jetzt ein Ende! Das ganze Team funktioniert euretwegen nicht mehr! Wenn ihr es also nicht hinbekommt, euch wenigstens zum Wohl des Volleyballclubs zusammenzureißen, dann werfe ich euch beide raus!”
“Was?”
“Das können Sie nicht machen, Trainer!”
“Doch, das kann ich, Sugawara. Ihr alle wollt, dass ihr es bis zum Frühlingsturnier schafft. So”, Ukai deutet zur Sporthalle, “wird das nichts werden. Also entweder ihr beide bekommt das hin oder ihr seid raus.”
“Was erwarten Sie jetzt?”, fragt Sawamura.
“Regelt das, um was auch immer es sich handelt.”
“Das ist nicht so einfach.”
“Ist nicht mein Problem.”
“Tja, und dann? Was bitte sollen wir tun, wenn es einem von uns scheißegal ist, wie es dem anderen geht?”
“Suga, ich habe dir oft genug gesagt, dass es mir leid tut, aber ich kann auch nichts für meine Gefühle”, richtet Sawamura an seinen früheren besten Freund.
“Du hättest mit mir reden können, bevor du sie küsst und dann sogar mit ihr-”, Sugawara stockt mitten im Satz und schielt zu seinem Trainer, immerhin geht es bei dem Gespräch gerade um dessen Familienmitglied.
“Da hast du recht, vollkommen. Aber ich wollte mich doch zurückhalten, deinetwegen!”
“Das ist dir ja super gelungen.”
“Und ich verachte mich selbst dafür. Das haben weder du, noch …” Sawamura kann es gerade noch verhindern, den Namen auszusprechen. Wie Sugawara ist ihm klar, dass Keshin Ukai Miyukis Cousin ist. “... sie verdient.”
Ein lautes Seufzen entkommt Ukai. “Es geht also um ein Mädchen? Wirklich? Mensch, das hätte ich mir denken können. Da dreht jeder sonst noch so vernünftige Kerl durch.” Er schüttelt seinen Kopf, ehe er auf Sawamura deutet. “Du hast also seine Freundin”, der Finger schwingt auf Sugawara, “geküsst.”
“Nein, so ist es nicht. Sie ist nicht meine … Freundin”, antwortet Sugawara stockend.
“Aber du hättest es gerne.”
Ein zögerliches Nicken folgt.
“Du hättest sie auch gerne als deine Freundin.” Nun zeigt der Finger auf Sawamura. Der zuckt mit seinen Schultern.
“Ich mag sie, sehr gerne sogar. Aber …” Sein Blick weicht zu Sugawara.
Ein neues Seufzen entkommt Ukai und er streicht sich über die Haare. “Ich hätte ja echt nicht gedacht, dass zwischen euch mal eine Frau kommt. Ihr beide seid doch sonst immer so dicke gewesen. Ist sie es wirklich wert, dass eure Freundschaft ihretwegen zerbricht?”
“Das ist es nicht”, sofort schüttelt Sugawara seinen Kopf, “es geht mir nicht darum, dass er sie auch mag. Hätte er mit mir vorher gesprochen, dann hätten wir sehen können. Aber dass er mich anlügt und dann hinter meinem Rücken etwas mit mir anfängt, das ist es, was mich so wütend macht. Wäre ihm die Freundschaft zwischen uns wirklich wichtig, dann hätte er mit mir geredet.”
“Es tut mir leid, Suga, wirklich.” Sawamura sieht geknickt aus, doch sein ehemals bester Freund funkelt ihn wütend an.
“Spar es dir, Daichi. Davon kann ich mir auch nichts kaufen.”
“Jetzt mal ganz ruhig, ihr zwei.” Ungläubig schüttelt Ukai seinen Kopf. Normalerweise sind die beiden doch so vernünftig, haben immer einen ruhigen Kopf behalten. Aber dann kommt eine einzelne Frau, die … Ein Gedanke schießt ihm durch denk Kopf. Die Frau wird doch nicht etwa … Nein, das kann nicht sein. Er kneift seine Augen einen Moment zusammen. “Was ist mit ihr? Ist einer von euch beiden jetzt mit ihr zusammen?”
Sofort schütteln die beiden Jüngeren ihre Köpfe.
“Sie wollte sich klar werden, was sie will”, antwortet Sawamura.
“Aber sie geht uns aus dem Weg”, fügt Sugawara hinzu.
Schon heben sich die Augenbrauen des Älteren. “Wundert mich nicht, würde ich euch beiden auch am liebsten, denn ganz ehrlich? Ihr nervt so unglaublich. Na gut. Ihr beide, klärt das, irgendwie. Und bis dahin, reißt euch zusammen! Ich verlange vollste Konzentration, verstanden? Wir sind hier beim Volleyball und nicht auf einer Pärchenschau! Ich bleibe bei meiner Drohung: Bekommt das hin oder ihr seid raus, verstanden?”
Beide Schüler nicken zögerlich.
“Gut, dann jetzt wieder rein. Und bei der geringsten Uneinigkeit fliegt ihr.”
Finster sieht Ukai den beiden hinterher, ehe er sein Handy aus seiner Tasche zieht und in der Kontaktliste zu einem Namen scrollt. Er schaut darauf und sein Daumen schwebt bereits über der Anruftaste, ehe er sein Telefon kurzerhand zusammenklappt und wieder einpackt. Nein, dieses Gespräch sollte er persönlich führen.
Kapitel 14
Es dämmert bereits, als Miyuki vom Joggen zurückkommt. Jetzt noch schnell eine Kleinigkeit essen, dann duschen und anschließend ab ins Bett. In der Hoffnung, dass das auspowern durchs joggen geholfen hat, denn die letzten Nächte ist sie mehr dagelegen und hat grübelnd im Dunkeln an die Decke gestarrt als geschlafen. An Schlaf ist generell zur Zeit nicht sonderlich viel zu denken und das bereits, seit sie erst mit Sawamura geschlafen hat und anschließend von Sugawara geküsst wurde. Anschließend auch noch das Aufeinandertreffen mit beiden gleichzeitig, das hat ihr den Rest gegeben. Ihre Augenringe sind inzwischen nicht mehr zu übersehen, selbst wenn sie jede Menge vom Make up ihrer Mutter darauf schmiert. Sie will doch einfach nur, dass alles wieder normal ist. Von ihr aus bedeutet das, dass Sawamura sie nicht ausstehen kann, in Ordnung. Dafür würde sich dann wenigstens Sugawara wieder normal mit ihr unterhalten. Seine gute Laune fehlt ihr, ebenso sein Lächeln. Ein Seufzen entkommt ihr, als sie ihr Elternhaus eintritt.
“Ich bin wieder da”, ruft sie laut, während sie ihre Sportschuhe auszieht und gleich darauf in die Küche läuft, wo sie ihre Mutter hört.
“Hallo Liebling”, begrüßt diese sie lächelnd. “Schau mal, wer zu Besuch gekommen ist.”
Erstaunt bleibt Miyuki stehen und etwas in ihr zieht sich zusammen, trotzdem zwingt sie sich zu einem Lächeln, das vermutlich nicht ganz so echt ausfällt. Was bedeutet es, dass ihr Cousin hier ist? Er ist für sie zu eng mit den beiden Jungen verbunden, die ihr das Leben gerade so schwer machen und deshalb befürchtet sie das Schlimmste.
“Keshin ist deinetwegen da”, richtet ihre Mutter da schon an sie und sorgt dadurch dafür, dass ihr Herz sich zusammenzieht.
“Wenn du Hunger hast, ich habe dir etwas auf die Seite gestellt.” Miyukis Mutter reibt sich die Hände an einem Handtuch trocken und blickt ihren Neffen an. “Willst du auch noch etwas, Keshin?”
Der hebt eine Hand und schüttelt seinen Kopf, während er die Ältere anlächelt. “Nein, vielen Dank, Tante Eriko, ich habe vorher etwas gegessen.”
“Na gut, aber wenn du Hunger hast, es ist genug da. Dann lasse ich euch beide mal in Ruhe.”
Miyuki sieht ihrer Mutter hinterher und würde sie am liebsten zurück rufen, mit ihr über alles mögliche reden, nur um nicht mit ihrem Cousin reden zu müssen, denn der will sicher über seine Zöglinge reden, zumindest über die beiden, über die sie überhaupt nicht reden will. Schnell geht sie am Küchenblock, an dem Ukai auf einem Hocker sitzt und vorbei und holt sich eine Schüssel aus einem Schrank. Sie füllt sich etwas Reis aus dem Reiskocher hinein und anschließend von dem Curry, das in einem Topf ist, der noch auf dem ausgeschalteten Herd steht. Schließlich hat sie nichts mehr zu tun, sodass sie dazu gezwungen ist, sich ihrem Cousin zu stellen. Vorsichtig dreht sie sich herum und erstarrt, dass sein Blick direkt auf sie gerichtet ist. Er hat einen Ellenbogen vor sich abgestützt und das Kinn auf der dazugehörigen Hand.
“Ich habe ein Problem, Miyuki”, richtet er dabei an sie. Er ist so ernst, dass sie schlucken muss.
“Ein Problem?”, fragt sie mit viel zu hoher Stimme.
“Ja, ein Problem. Aber jetzt setz dich mal und ess was, nicht dass du noch vom Fleisch fällst.”
Und schon verdreht sie ihre Augen, lässt sich aber ebenfalls auf einem Hocker am Küchenblock nieder, extra darauf achtend, dass zwischen ihnen noch ein Stuhl frei ist. Zögernd nimmt sie sich mit ihren Stäbchen etwas von dem Essen auf und schiebt es sich in den Mund. Trotzdem ist sie so angespannt, wartet darauf, dass er endlich redet.
Doch das tut er nicht, im Gegenteil. Er lässt sie in Ruhe ihre Schüssel leeren. Erst als sie alles gegessen hat, fängt er an.
“Miyuki”, spricht er ihren Namen so seufzend aus, dass sich erneut alles in ihr zusammenzieht, “wie gesagt, ich habe ein Problem. Und ich habe die starke Vermutung, vermutlich auch Befürchtung, dass du der Grund dafür bist.”
“W-wie meinst du das?”, fragt sie leise, konzentriert sich auf ihre Stäbchen, mit denen sie durch die leere Schüssel fährt.
“Sawamura und Sugawara reden nicht mehr miteinander, ist dir das klar?” Aufmerksam beobachtet Ukai das neben ihm sitzende Mädchen, das bei der Nennung der beiden Jungen merklich zusammenzuckt.
“Das ist … das tut mir … leid …”, bringt sie stockend hervor.
“Mir auch, denn das ist das Problem, das ich meinte, denn dadurch funktioniert das komplette Volleyballteam nicht mehr. Sawamura ist der Kapitän, Sugawara sein Vize. Die beiden sind die Säulen der kompletten Mannschaft. Wenn sie nicht mehr stehen, dann bricht alles zusammen. Verstehst du, was ich damit sagen will?”
Miyuki nickt.
“Sie stehen nicht mehr, ganz im Gegenteil. Und das heißt, es bricht alles zusammen. Die Mannschaft funktioniert nicht mehr, nicht so. Beide sind nicht bei der Sache, komplett abwesend, mit ihrem Kopf nicht da. Ich befürchte, der ist bei dir. Was sagst du dazu?”
“Ich … ich weiß nicht.”
“Sicher? Du warst vor einiger Zeit frühmorgens bei mir im Konbini und da hast du gefragt, was ich davon halte, wenn zwischen dir und einem meiner Jungs etwas wäre. Wen von beiden meintest du damit? Sawamura oder Sugawara?”
Ihre Wangen laufen rot an, geben ihm eigentlich schon die Bestätigung, dass es wirklich um einen der beiden geht.
“Das … um keinen der beiden!”
“Miyuki, bitte lüg mich nicht an.”
Es herrscht Stille und sie fährt sich verzweifelt mit beiden Händen durch das Gesicht.
“Irgendwie beide, ja?”
“Was heißt hier beide?” Nun wirkt Ukai schockiert. “Du willst mir jetzt nicht wirklich sagen, dass du es auf beide abgesehen hast!”
“Was?” Mit weit aufgerissenen Augen sieht Miyuki ihren Cousin an. “Nein! Natürlich nicht! Wie kommst du darauf?”
“Naja, du sagtest gerade, dass es irgendwie um beide ging und beide scheinen Gefühle für dich zu haben.”
“Woher … weißt du davon?”, fragt sie leise und sieht wieder vor sich auf die leere Schüssel, um die sie beide Hände schließt, um sich festhalten zu können.
“Ich habe sie zur Rede gestellt. Und bevor du dich das jetzt fragst, nein, sie haben deinen Namen nicht erwähnt. Die zwei haben vermutlich Angst vor mir.”
“Mhm … Aber wie kommst du dann auf mich?”
“Wegen deinem Besuch im Konbini und weil ich dich die letzten Tage nicht gesehen habe. Und als ich dich gerade darauf angesprochen habe, hat deine Reaktion meine anfänglich eigentlich nur Überlegungen bestätigt. So wie du zusammengezuckt bist, kaum dass ich ihre Namen ausgesprochen habe. Aber nun, zurück auf meine Frage kommend: Hast du es auf beide abgesehen?”
Schnell schüttelt die neben ihm Sitzenden ihren Kopf. Was soll sie jetzt auch noch verleugnen?
“Sawamura … er hat mich geküsst, plötzlich, aus dem Nichts heraus. Das hat mich total überfordert. Und dann hat mich auch Sugawara geküsst und er … Ich mochte ihn, von Anfang an. Sehr gerne sogar.”
“Okay, das macht es kompliziert. Sawamura küsst dich, aber eigentlich ist Sugawara der Junge, den du magst. Ausgerechnet der beste Freund.”
Kompliziert … wenn ihr Cousin wüsste … Wenn es nur um einen Kuss ginge, käme man doch noch irgendwie damit klar, oder? Aber nicht, wenn man mit dem Kerl dann noch sein erstes Mal verbringt, obwohl da nichts und überhaupt nichts geklärt ist … Doch das wird Keshin niemals erfahren!
“Es ist nicht so, dass ich Sawamura nicht mag. Ich mag ihn, auch wenn er mich die letzten Monate echt dumm behandelt hat. Aber als er mich plötzlich geküsst hat, da habe ich den Kuss erwidert … und mein Herz hat so unglaublich schnell geschlagen und ich war richtig glücklich.”
“Oh, also ein schöner erster Kuss.”
“Ja. Beides. Mein erster Kuss und ein sehr schöner noch dazu.” Miyuki seufzt, während sie Ukais Aussage nickend bestätigt. “Aber dann hat mich Sugawara geküsst und das … das war … mehr.”
“Mehr Gefühl für dich?”
“Ja.” Diese Antwort ist einfach und schlicht, drückt aber genau das aus, was sie fühlt.
“Aber da ist auch noch sein bester Freund, der sich von Sawamura betrogen und belogen fühlt, weil er ihm nichts von seinen Gefühlen für dich gesagt hat. Zumindest hat er das vorher gesagt.”
Miyuki sieht ihren Cousin an und Tränen steigen in ihre Augen, ehe sie zur Seite sieht. Nicht nur das … Hart ist es für Sugawara auch, dass Sawamura mit ihr geschlafen hat und sie mit diesem. Sie schließt ihre Augen und wischt sich über ihre Wangen.
“Es ist beschissen”, presst sie hervor.
“Das glaube ich dir, aber es wird wieder werden, Kleines.” Ukai legt eine Hand auf ihre Schulter und drückt diese sanft zusammen. “Hör in dich rein und entscheide was du willst. Aber eines musst du machen und zwar dringend: Du musst das klären! Die beiden schlagen sich noch die Köpfe ein. Und so ungern ich dich zu irgendetwas drängen will, was du hoffentlich weißt, du musst es schnell machen! Wie gesagt leidet die komplette Mannschaft darunter. Also bring das in Ordnung. Sage ihnen, was du empfindest. Die Freundschaft der beiden geht kaputt oder ist es schon. Du bist die Einzige, die hier noch irgendetwas retten kann. Also tue es. Bitte, für mich und die Mannschaft. Und irgendwie auch für euch drei.”
Miyuki schluckt. Ihr Cousin sieht sie unglaublich ernst an. Sie senkt ihren Kopf.
“Okay”, murmelt sie leise, ohne noch einmal aufzusehen.
“Danke dir.” Der Druck auf ihrer Schulter verstärkt sich, ehe er seine Hand wieder wegnimmt.
“Ist ganz schön scheiße, was?”, fragt er leise.
Ein trockenes Lachen entkommt Miyuki während sie nickt. “Oh ja. Und wie.”
Kapitel 15
Mit stark schlagendem Herzen steht Miyuki vor der Klassenzimmertüre im obersten Stockwerk und knetet nervös ihre Hände vor ihrem Oberkörper. Sie hat es ihrem Cousin versprochen, also muss sie es auch durchziehen. Immerhin hat er sie das Wochenende über in Ruhe gelassen, so dass sie nachdenken konnte.
“Entschuldigung.” Ein Schüler drückt sich an ihr vorbei, um in das Klassenzimmer einzutreten. Er bleibt stehen und sieht sie an. “Kann ich dir irgendwie helfen?”
Auf seine Frage erstarrt Miyuki einen Moment. “I-ich wollte mit …” Sie stockt, schließt einen Augenblick die Augen und holt tief Luft, während sie ihren ganzen Mut zusammen nimmt. “Ich müsste mit Sawamura und Sugawara reden …”
“Klar, einen Augenblick.” Der Drittklässler vor ihr dreht sich ins Klassenzimmer. “Sawamura, Sugawara, Besuch für euch!”
Miyukis Herz nimmt einen Schlag zu und sie geht ein paar Schritte zurück, bis sie beim Fenster an der gegenüberliegenden Wand ankommt. Gleich darauf erscheint Sawamura im Türrahmen und bleibt wie erstarrt stehen, als er sie erkennt. Seine Augen weiten sich überrascht, mit ihr hat er wohl nicht gerechnet.
“Mensch Daichi, bleib nicht einfach so dämlich stehen! Lauf gefälligst weiter!”, hört man Sugawara hinter diesem verärgert sagen. Seiner Stimme ist zu entnehmen, dass er nicht sonderlich gut gelaunt ist.
“Entschuldige, aber … Da, sieh selbst.” Sawamura macht einen Schritt nach vorne und dann einen zur Seite, so dass Sugawara ebenfalls sehen kann, weshalb er so abrupt stehen geblieben ist. Dieser reagiert ebenfalls überrascht und blickt Miyuki mit großen Augen an.
“Miyuki!!”
“Ähm”, bringt sie leise und unsicher hervor. Dann reißt sie sich zusammen und tritt einen Schritt in ihre Richtung. “Ich muss mit euch beiden reden. Habt ihr heute Zeit?”
“Ähm, ja, ich schon.” Sugawara sieht Sawamura an, der bestätigend nickt.
“Ich auch. Also, nach dem Training.”
“Ja, das meinte ich.” Ersterer sieht das Mädchen an. “Ist es für dich okay?”
“Ja. Also, ich meine, das passt gut. Ich komme einfach zur Sporthalle und …”
“Nein, lieber nicht!”, unterbricht Sawamura sie.
“Was?” Überrascht sieht sie ihn an.
“Ja, warum nicht bei der Sporthalle?”, fragt auch Sugawara verständnislos.
“Weil da die anderen sind. Und Hinata und Kageyama bekommen wir nur unter der Androhung von Prügel aus der Halle. Das heißt, das wird lange genug dauern. Ich dachte halt”, nun fährt Sawamura sich mit einer Hand durch die Haare am Hinterkopf, “dass es vielleicht nicht sein muss, dass alle es mitbekommen oder … Ähm … ja. So wie es euch lieber ist.”
“Hmm, ich finde eigentlich, dass Daichi damit ganz recht hat.” Sugawara sieht von diesem zu Miyuki. “Aber so, wie es für dich am besten ist.”
Sie nickt schnell. “Doch, das ist gut so. Ähm, dann im Park. An der Stelle, wo wir uns getroffen haben, ja, Sugawara?”
Dieser erstarrt und sie schimpft sich selbst. Verdammt. Sie haben sich im Park getroffen und dort hat er sie geküsst! Nachdem sie, ihr Blick huscht zu dem anderen Jungen, mit Sawamura geschlafen hat.
“Oder vielleicht …”
“Nein, schon gut. Wir kommen.” Sugawara nickt bestätigend und da ertönt die Schulglocke, erklärt das Gespräch für beendet.
“Gut, dann … bis nachher.” Miyuki sieht die beiden Drittklässler noch einmal an, dann dreht sie sich herum und läuft schnell davon, um in ihr eigenes Klassenzimmer zu kommen. Beide sehen ihr hinterher, warten, bis sie aus ihrem Sichtfeld verschwunden ist. Anschließend treten sie beide in das Klassenzimmer ein, setzen sich ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln an ihren jeweiligen Platz.
“Sawamura, alles okay bei dir?”, fragt Yui Michimiya den vor ihr Sitzenden. Der dreht seinen Kopf leicht und nickt.
“Klar, passt schon alles.” Damit dreht er sich wieder nach vorne.
Sugawara beobachtet die Interaktion der beiden und schüttelt genervt den Kopf. Es hätte ja auch alles anders laufen können! Und das ärgert ihn sehr!
~🏐~
Wieder steht Miyuki da und ist einfach nur nervös. Sie kaut auf ihrer Unterlippe, zuppelt mit der einen Hand am Daumen der anderen die Nagelhaut ab und wippt unruhig auf ihren Füßen vor und zurück. Das hier, das was sie jetzt machen muss, wird für gebrochene Herzen sorgen, das weiß sie, unter anderem auch dafür, dass auch ihres brechen wird, denn ihre Entscheidung wird wehtun, ihnen allen. Aber es gibt nur eine richtige Entscheidung, was das ganze angeht.
Schließlich sieht sie die beiden Jungen auf sich zu kommen. Etwas in ihr schnürt sich zusammen. Die beiden, die waren sich immer so nahe. Sie haben gelacht, Sugawara hatte oft einen Arm um Sawamuras Schultern liegen oder hatte sich auf ihm abgestützt, ihn mit den Ellenbogen angestupst. Die beiden hatten geredet und gelacht. Und jetzt? Jetzt laufen sie mit Entfernung voneinander in ihre Richtung, Sugawara vornedrauß, immerhin weiß er, wo sie wartet. Sie haben beide verbissene Gesichtsausdrücke, von einem Lächeln keine Spur.
Oh Gott, warum ist sie nur hier rein geraten? Sie will das nicht! Immer noch nicht. Doch sie muss das hier klären, es zum Abschluss bringen, da hatte Keshin vollkommen recht!
“Danke, dass ihr gekommen seid”, geht sie ihnen entgegen. Die Jungen bleiben stehen, mit genug Abstand zueinander.
“Das ist selbstverständlich”, entgegnet Sawamura ernst.
“Das ist es wirklich.”
“Nicht unbedingt, nicht, nachdem …” Miyuki hält inne und ihr Blick huscht zwischen den beiden hin und her, als sie entscheidet, dass sie den Satz nicht zu Ende bringt. Sie schluckt, ehe sie die zwei ernst ansieht. “Ich habe euch deshalb um dieses Gespräch gebeten, weil …”
“Miyuki”, unterbricht sie da Sugawara und macht einen weiteren Schritt auf sie zu, “bevor du etwas sagst, muss ich dir noch etwas sagen. Ich mag dich, immer noch. Meine Gefühle für dich, dass ich in dich verliebt bin, das hat sich nicht geändert. Ich will mit dir zusammen sein. Dass du und Daichi”, kurz huscht sein Blick zu diesem, ehe er das Mädchen wieder anblickt, “miteinander geschlafen habt, das ist egal, ich kann darüber hinwegsehen, wenn du nur …” Er hält mitten im Satz inne, als sie ihm eine Hand mit der Handfläche in seine Richtung entgegenstreckt.
“Sugawara, nein, bitte nicht. Ich … nein, es tut mir leid.”
Es wirkt, als hätte sie ihn geschlagen, denn alles an ihm sackt zusammen. Seine Augen verlieren jeglichen Glanz, ehe er seinen Kopf sinken lässt.
“Heißt das etwa, dass ich …” Sawamura tritt ebenfalls näher, Hoffnung hüllt ihn regelrecht ein und seine Augen leuchten.
Kopfschüttelnd sieht ihn Miyuki traurig an. “Nein, Sawamura. Nein.”
Auch er wirkt, als würde alles über ihm zusammenbrechen. Man kann erkennen, dass er seine Hände, die an seiner Seite herunterhängen, zu Fäusten ballt.
“Bitte versteht mich nicht falsch, es liegt nicht daran, dass ich euch beide nicht mag, ihr bedeutet mir etwas, alle beide. Aber”, Miyuki beißt sich auf die Lippen, während Tränen in ihren Augen stehen, “ich will nicht zwischen euch beiden stehen. Ihr beide, ihr wart beste Freunde. Ihr wart immer ein so gutes Team, habt miteinander harmoniert, alles zusammen im Griff. Und dann bin ich aufgetaucht und der Grund dafür, dass alles kaputt geht.”
“Was? Nein!” Sugawara schüttelt entsetzt seinen Kopf.
“Was sagst du denn da? Du bist nicht der Grund dafür, dass alles kaputt geht”, stimmt Sawamura ihm zu.
“Wie wollt ihr das denn sonst nennen? Ihr zwei, ihr wart die besten Freunde! Und dann habt ihr beide Gefühle für mich und zerstreitet euch so, dass alles zwischen euch zerbrochen ist und ihr eure Freundschaft beendet habt!”
“Das liegt daran, dass Daichi nicht ehrlich zu mir war und hinter meinem Rücken …”
Wieder lässt Miyuki Sugawara nicht aussprechen.
“Was auch nur daran liegt, dass er, ebenso wie du, Gefühle für mich entwickelt hat.” Passend zu ihren Worten tippt sie auf ihre Brust. “Egal wie du es drehst und wendest, es ist nur meinetwegen soweit gekommen. Und ich bin nicht bereit einzugehen, dass ich schuld daran bin, dass ihr beide keine Freunde mehr seid. Und auch der Volleyballclub braucht euch beide, als Team und Einheit!”
Verunsichert wechseln die beiden einen Blick und schütteln ihren Kopf.
“Tu das nicht Miyuki.” Sawamura sieht sie ernst an. “Wirklich nicht. Wir beide”, er blickt Sugawara an, “bekommen das schon wieder hin.”
“Daichi hat recht, Miyuki. Er und ich”, Sugawara blickt Miyuki auch ernst an, “wir haben schon mehr erlebt, als das jetzt wirklich alles kaputt macht. Wir haben einfach beide Zeit gebraucht.”
“Und wie soll es aussehen, wenn ich mich für einen von euch beiden entscheide? Was fühlt dann der andere? Was, wenn ich mit einem zusammen bin und der andere sieht nur, dass sein Freund mit dem Mädchen zusammen ist, in das er selbst verliebt ist. Gefühle sind nichts, was man einfach mal kurz ausschalten kann! Also nein, es tut mir leid, ich kann mich nicht für einen von euch beiden entscheiden.”
“Und damit willst du sagen”, beginnt Sugawara zögerlich.
“... dass du keinen von uns willst?”, beendet Sawamura den Satz.
Tränen beginnen über Miyukis Wange zu laufen, als sie nickt.
“Ja. Ich entscheide mich gegen euch beide und damit für eure Freundschaft. Ich werde mit keinem von euch zusammen sein. Und ich werde euch das restliche Schuljahr aus dem Weg gehen, damit ihr mich vergessen könnt.”
“Aber … Miyuki. Das … das ist doch Quatsch!”
“Suga hat vollkommen recht! Das ist Quatsch!”
Die beiden Jungen sehen das Mädchen fassungslos an. Sie zwingt sich zu einem Lächeln, von dem sie sich bewusst ist, dass es ihre Augen nicht erreicht.
“Vielleicht ist es dumm, aber alles andere wäre es auch. Und so habt ihr die Chance, eure Freundschaft zu retten. Wenn ich mit einem von euch zusammen wäre, dann würde eure Freundschaft nicht mehr repariert werden können. Jetzt habt ihr die Chance dazu. Also nutzt diese. Und bevor ihr jetzt irgendetwas sagt”, sie sieht sie ernst an, “ich habe meine Entscheidung getroffen und ich werde nichts daran ändern!”
“Miyuki, tu das nicht.”
“Bitte, Miyuki.”
Sie schüttelt ihren Kopf. “Ich habe es schon getan. Also lebt wohl!”
Sie dreht sich herum und läuft los, drückt eine Hand auf ihrem Mund, um jeden Schluchzer, der ihr entkommt, zu unterdrücken. Auch wenn diese Entscheidung nicht nur ein sondern jetzt drei Herzen gebrochen hat, sie weiß, dass es die richtige war. Und daran muss sie sich jetzt festhalten!
Ungläubig sehen ihr sowohl Sawamura als auch Sugawara hinterher. Sie sagen beide nichts. Was sollten sie auch sagen? Miyuki ist schon eine Weile nicht mehr zu sehen, als sich Sawamura dem neben ihm Stehenden zuwendet.
“Geht es dir einigermaßen gut? Den Umständen entsprechend natürlich.”
Sugawara lacht trocken auf. “Den Umständen entsprechend … Klar.”
Wieder schweigen sie, ehe der Ältere sich ebenfalls zur Seite dreht.
“Und dir, Daichi?”
Auch dieser hebt kurz einen Mundwinkel, ziemlich schief. “Vermutlich so wie dir …”
Ein verstehendes Nicken folgt, ehe Sugawara seufzt.
“Ach verdammt.”
“Ja.”
Erneutes Schweigen, dann machen sie sich nebeneinander langsam auf den Rückweg.
“Es tut mir wirklich leid, Suga. Ich wollte das nie. Ich wollte dir nicht so in den Rücken fallen und dich auch nicht anlügen. Ich wusste nur nicht, wie ich … Ich weiß nicht. Ich hatte den Gedanken, dass ich dir nicht das nehmen darf, was dich glücklich macht. Zumindest war das der Grund, dass ich dir nicht gesagt habe, dass ich mich auch in sie verliebt habe. Und dann … wusste ich nicht, wie ich dir sagen sollte, was passiert ist”, bricht Sawamura das Schweigen.
Sugawara sagt zuerst nichts, doch er runzelt seine Stirn, scheint sich die Worte des neben ihm Laufenden durch den Kopf gehen zu lassen.
“Warum hast du mit ihr geschlafen?”, durchbricht er die Stille schließlich.
Ein verzweifeltes Lachen entkommt Sawamura, der sich mit einer Hand durch die Haare streicht.
“Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Ich … ich wollte ihr nur sagen, dass mir der Kuss leid tut und dass wir uns voneinander fernhalten müssen. Ich weiß doch nicht einmal, warum ich sie am Tag zuvor geküsst habe. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass du und sie … dass ihr beide zusammenkommen solltet. Und dann sind wir einmal nur zu zweit aufeinander getroffen, haben uns gestritten … und uns dann geküsst. Und am nächsten Tag … Oh Gott, es tut mir wirklich leid, Suga.”
Der seufzt. “Daichi, du hättest das nicht müssen, nicht eine Sekunde lang. Du hättest ehrlich sein sollen, von Anfang an. Schlussendlich war es an Miyuki, zu entscheiden, wen von uns beiden sie lieber mag, dich oder mich. Jetzt hat sie eine Entscheidung getroffen, gegen uns beide.”
“Mhm …”
Wieder laufen sie eine Weile schweigend nebeneinander her.
“Es tut mir auch leid”, ist es dieses Mal Sugawara, der das Wort ergreift und damit die Stille zwischen ihnen beiden niederreißt, “dass ich dir nicht zugehört habe sondern dich von Anfang an angegiftet habe.”
“Meinst du …”, Sawamura runzelt die Stirn, “dass wir beide das wieder hinbekommen?”
Nach einem kurzen Augenblick nickt Sugawara.
“Doch, schon.”
“Das wäre schön.”
“Ja, wäre es wirklich.”
Als sie an die Stelle kommen, an der sie sich trennen und unterschiedliche Wege einschlagen müssen, sehen sie sich an.
“Bis morgen, Daichi.”
“Bis morgen, Suga.”
Als sie schon ein paar Meter voneinander entfernt sind, ertönt Sawamuras Stimme laut.
“Hey Suga!”
Der dreht sich fragend herum und erkennt, dass der Rufer ihn schief angrinst.
“Das Wort angegiftet verwendet übrigens kein Mensch!”
Kurz blinzelt Sugawara überrascht, dann muss er laut lachen.
“Ach halt doch deine Klappe, Daichi!”
Und damit hebt er seine Hand, ehe er davon geht. Sein Grinsen lässt langsam nach. Okay, er hat zwar das Mädchen verloren, in das er verliebt ist, aber er hat seinen besten Freund wieder. Es wäre schlimmer gewesen, wenn er beide ganz verloren hätte … Auch wenn sein gebrochenes Herz jetzt erst einmal heilen muss …
Kapitel 16
April, drei Jahre später
Etwas nervös zieht Miyuki einen Block und Stift aus ihrer Tasche und legt diese vor sich auf den Tisch, ehe sie sich neugierig in dem Raum umsieht, in dem sie an einem der zu einem O aufgestellten Tischen sitzt. Sie hat mit diesem Semester begonnen Grundschullehramt zu studieren und wird heute ihre erste Stunde mit ihrem Tutor haben. Sie ist gespannt darauf, wie das alles ablaufen wird. In dem Augenblick geht die Türe auf und ein junger Mann mit grauen Haaren kommt herein.
“Hallo miteinander”, begrüßt er und lächelt strahlend in die Runde. “Mein Name ist Koshi Sugawara. Ich studiere jetzt im fünften Semester Grundschullehramt und bin für dieses Semester euer Tutor. Wenn ihr Fragen habt, dann zögert bitte nicht, mir diese zu stellen. Ob ich sie beantworten kann, werden wir dann ja sehen.” Er grinst, als Gelächter erklingt und lässt seine Augen über die anwesenden Studenten gleiten. Plötzlich stockt er und Erkennen tritt in seinen Blick. Seine Augen weiten sich ungläubig. Miyuki starrt ihn mit weit aufgerissenen und leicht geöffneten Mund ebenso an. Da fängt er sich wieder und lässt seinen Blick weitergleiten.
“Ich würde vorschlagen, wir stellen uns alle kurz vor und dann machen wir die Einführung, was ihr alle erwartet. Ich fange an. Wie gesagt, ich heiße Koshi Sugawara und bin jetzt im fünften Semester. Früher habe ich gerne Volleyball gespielt, mehr oder weniger erfolgreich. Hier an der Uni hat es eine Hobbymannschaft, also wenn ihr Lust habt, wir freuen uns über Zuwachs. So, weiter geht es. Du bist dran.” Er deutet auf den jungen Studenten, der ihm am nächsten sitzt.
“Oh Gott, sieht der süß aus”, flüstert Kaori Miyuki zu, die neben ihr sitzt. Diese nickt nur, ohne groß wahrzunehmen, was ihre Mitstudentin sagt.
“Ob er wohl noch Single ist? Was meinst du, Miyuki?”
“Ich … weiß nicht”, erwidert sie leise, ohne ihren Blick von dem Mann zunehmen, für den sie vor so langer Zeit Gefühle hatte. Ihr Herz schlägt viel zu schnell in ihrem Brustkorb.
Als die erste Tutor-Stunde schließlich zu Ende ist, packt sie froh ihre Sachen wieder ein. Als ein Schatten vor ihr auf den Tisch fällt, sieht sie vorsichtig auf. Sugawara steht direkt vor ihr und lächelt sie an, doch auch er wirkt verunsichert.
“Sakanoshita”, richtet er an sie, “es ist lange her.”
Schüchtern nickt sie. “Das ist es, Suga. Ähm, Sugawara.”
Nun schmunzelt er und seine Augen blitzen auf. “Bleib ruhig bei Suga, so hast du mich ja früher auch genannt. Alles andere wäre doch komisch.”
“Ihr kennt euch?” Mit großen Augen sieht Kaori zwischen den beiden hin und her.
“Ähm, ja, wir …”
“Wir sind auf die gleiche Oberschule gegangen. Ich war ein Jahr über ihr”, beantwortet Sugawara die Frage und unterbricht damit Miyuki, die erneut verunsichert zu ihm aufblickt. Ob er es ihr übel nimmt, wie sie damals gehandelt hat? Doch da wendet er sich ihr erneut zu.
“Hättest du vielleicht Lust, einen Kaffee mit mir trinken zu gehen? Ich würde gerne wissen, wie es dir geht und wie es dir auch die letzten Jahre ergangen ist. Also … wenn du magst, natürlich. Ich könnte auch verstehen, wenn du, in Anbetracht dessen was war, nicht magst.”
Nun ist er es, der verunsichert wirkt, doch das lässt ihn irgendwie süß wirken. Miyuki lächelt ihn aufrichtig an.
“Sehr gerne, Suga.”
“Jetzt gleich?”
“Ja, warum nicht, ich habe keine Termine mehr.” Sie steht auf und schultert ihre Tasche.
“Cool!” Wieder sieht er sie lächelnd an.
“Kaori, wir sehen uns morgen”, wendet Miyuki sich dieser zu. Ihr ist jetzt schon klar, dass sie morgen Rede und Antwort wird stehen müssen.
“Ja, bis dann.”
“Bis zum nächsten Mal”, richtet auch Sugawara an Kaori, ehe er sich seiner Verabredung zuwendet. “Sollen wir?”
“Natürlich.”
~🏐~
“Ich wusste noch nicht so genau, was ich machen will, als ich mit der Schule fertig war. Also bin ich erst ein halbes Jahr herumgereist und habe im nächsten Halbjahr noch Praktikas gemacht, unter anderem an einer Grundschule. Das hat mich darin bestärkt, Grundschullehramt zu studieren. Und so bin ich hier gelandet”, erklärt Miyuki und schließt ihre Hände um eine Tasse mit heißer Schokolade. Sie kann Kaffee bis heute nichts abgewinnen. “Ansonsten habe ich tatsächlich nicht so viel zu erzählen. Und du?”
Sugawara schmunzelt, trinkt einen Schluck Kaffee aus seiner eigenen Tasse, während er die ihm gegenüber Sitzende die ganze Zeit über aufmerksam betrachtet, sie nicht aus den Augen lässt.
“Hmm, auch nichts spektakuläres. Nachdem ich die Schule abgeschlossen habe, was du ja vielleicht noch mitbekommen hast, hab ich direkt angefangen zu studieren.”
Schon werden Miyukis Wangen rot. Natürlich hat sie es mitbekommen. Auch wenn sie sowohl Sugawara als auch Sawamura damals aus dem Weg gegangen ist, hat sie den Abschluss der damaligen Drittklässler mitbekommen. Und um nicht zu lügen, sie war froh darüber, denn so musste sie sich keine Sorgen machen, dass sie einem der beiden über den Weg laufen würde. Die letzten Monate der beiden an ihrer Schule waren ein regelrechter Hindernislauf für sie gewesen. Sobald sie einen von ihnen erblickt hatte, hatte sie einen Haken geschlagen, um ihnen bloß nicht zu begegnen. Sie war sich sicher, dass es für sie alle drei so besser gewesen war.
“Natürlich habe ich das mitbekommen.” Sie grinst schief. “Ich meine, unsere berühmten Volleyballer, zumindest drei, nehmen wir Shimizu dazu dann vier, haben unsere Schule verlassen. Nachdem sie uns zu den Nationalmeisterschaften gebracht haben.”
Sugawara lacht laut und nickte.
“Genau richtig! Wir sind die berühmten Volleyballer gewesen. Das muss ich Hinata unter die Nase reiben, wenn ich ihn mal wieder sehe.”
“Hast du zu ihnen noch Kontakt?”, fragt Miyuki und spielt mit ihrer Tasse herum, ohne aufzusehen. In dieser Frage schwingt auch ein wenig die Frage mit, ob er noch zu Sawamura Kontakt hat.
Der Ältere nickt. “Ja, haben wir. Wir versuchen in Kontakt zu bleiben. Es verbindet uns ja doch viel miteinander, beziehungsweise wir haben viel erlebt, was uns miteinander verbindet. Wusstest du, dass Tanaka und Shimizu inzwischen ein Paar sind?” Aufgeregt beugt er sich über den Tisch.
Ein Lachen entkommt Miyuki bei seiner Reaktion.
“Ja, das weiß ich. Nicht vergessen”, sie hebt einen Finger ermahnend nach oben, “ich war ebenso wie Tanaka noch an der Schule, als die beiden schon zusammen waren. Und ebenfalls nicht zu vergessen, euer Trainer …”
“Ist dein Cousin, stimmt, wie konnte ich das vergessen?”
“Richtig.” Miyuki kichert, ehe sie ihren Kopf lächelnd zur Seite legt. “Aber jetzt weiter im Text. Du als Grundschullehrer? Irgendwie hätte ich das nicht erwartet.”
“Echt?” Er schnaubt, lehnt sich nach hinten und zieht seine Augenbrauen nach oben. “Warum das denn? Denkst du, ich bin so ein schlechter Lehrer?”
Erschrocken weiten sich ihre Augen und sie schüttelt schnell ihren Kopf. “Nein, natürlich nicht!”
Schon lacht Sugawara wieder. “Keine Sorge, ich veräpple dich doch nur ein bisschen. Aber ernsthaft, warum hast du es nicht erwartet?”
Ein Schulterzucken folgt als Teil der Antwort. “Ich weiß nicht, ich habe es halt nicht auf dem Schirm gehabt. Also, Lehrer?”
Nun zuckt er mit den Schultern und lächelt, während er seine Hände wieder um seine Kaffeetasse schloss. “Das wollte ich eigentlich schon, seit ich in der Grundschule war. Daher war ich auch in der Leistungsklasse. Und so bin ich hier gelandet.”
Miyuki schmunzelt, als er ihre Formulierung von vorher verwendet.
“Und sonst so? Wohnst du noch Zuhause? Pendelst du? Oder bist du auch im Wohnheim untergekommen?” Neugierig mustert er sie.
“Ich habe mit meinen Eltern besprochen, dass ich es erst einmal mit pendeln versuche. Wenn das nichts ist, dann schaue ich nach einem Zimmer im Wohnheim. Deiner Aussage nach kann ich entnehmen, dass du hier im Wohnheim wohnst, Suga?”
“Ja, richtig.”
“Ist sicherlich entspannter, als immer noch eine Weile im Zug zu sitzen.”
“Ach, wäre auch gegangen, ist ja nur ne knappe Stunde von hier. Aber trotzdem, so ist es es ganz angenehm. Und das Beste”, er deutet auf Miyuki, “ich wohne allein. Naja”, er seufzt und verzieht sein Gesicht, “weißt du, was der Nachteil daran ist?”
“Was?” Fragend blickt sie ihn an.
“Ich wohne allein.”
Während sie verwirrt blinzelt, grinst er sie an.
“Ich bin für mein Essen selbst verantwortlich. Und auch für meine Wäsche. Das war daheim doch entspannter.”
Ein Lachen entkommt der jungen Frau, während sie ihren Kopf schüttelt.
“Verhungerst du oder kannst du dich versorgen?”
“Hey, ich kann inzwischen ganz annehmlich kochen … behaupte ich jetzt mal.”
“Ah ja. Wie viele sind bisher gestorben?”
Kurz legt Sugawara seinen Kopf schräg, ehe er gespielt seinen Finger hin und her schwenkt. “Niemand.”
“Na hoffentlich.”
“Ich beweise es dir gerne. Hast du Lust, mal zum essen zu mir zu kommen? Du bist herzlich eingeladen. Ich koche dir etwas Leckeres.”
“Und wenn ich dann drauf gehe?”
“Keine Sorge, ich kenne da einen Polizisten … ähm, angehenden Polizisten, der mich sofort rausboxen würde.”
Wieder lacht Miyuki. “Da hast ja dann nur du gewonnen.”
“Einer von uns beiden reicht doch …”
“Hey!” Sie langt über den Tisch und stößt ihm die Hand gegen den Oberarm, ehe sie wieder lachen muss.
“Autsch, du hast ja einen Schlag drauf”, jammert Sugawara und reibt sich den Arm.
“Erzähl keinen Quatsch, Suga! Aber”, kurz wirkt seine Gegenüber unsicher, “war das ernst gemeint?”
“Was denn?”, fragt er und lässt seine Hand sinken.
“Dass du für mich kochen würdest …”
Ein Lächeln erscheint auf seinen Zügen, das alles an ihm einnimmt.
“Ja, habe ich. Egal was vorgefallen ist”, er dreht seine Tasse ebenfalls verunsichert vor sich hin und her, “ich finde es wirklich schön, dich wieder getroffen zu haben. Ich habe oft an dich gedacht und mich gefragt, wie es dir wohl geht … daher … ich fände es schön, ein wenig mehr von dir zu erfahren.” Als sie ihn mit geweiteten Augen anblinzelt, richtet er sich abrupt auf. “Das soll nicht heißen, dass ich mehr von dir will. Ich will nicht da anschließen, wo wir aufgehört haben … Ich will dich kennenlernen, neu kennenlernen … Wenn du es auch magst.”
Auch Miyuki lächelt und nickt. “Das würde ich wirklich sehr gerne, Suga.”
Kapitel 17
“Sakanoshita!”, erklingt ihr Name, woraufhin die Gerufene ihre Hand um das Schulterband ihrer Tasche festigt und sich herum dreht. Da kommt Sugawara bereits auf sie zu.
“Hey”, begrüßte er sie mit einem breiten Lächeln, als er vor ihr stehen bleibt.
“Hey Suga”, erwidert sie ebenfalls lächelnd.
“Ich hoffe, du hast Hunger”, richtet er zwinkernd an sie.
“Oh ja, das habe ich. Also hoffe ich, dass du gut kochen kannst. Bei allem anderen wäre ich schwer enttäuscht. Vor allem, weil du es so angepriesen hast.”
Kurz hält er inne, dann reibt er sich über den Hinterkopf.
“Ich befürchte, ich kann dich nur enttäuschen.”
Miyukis Herz macht einen Satz.
“Ich denke, das wirst du nie können …” Kurz wird ihr Herz schwer und sie senkt ihren Blick. Nur sie war es, die ihn enttäuscht hat, ihm das Herz mit ihrer Aktion gebrochen hat …
“Hey”, wiederholt er und da spürt sie, wie er mit einem Finger sanft ihr Kinn nach oben drückt, um ihr gleich darauf in die Augen sehen zu können. Er löst seine Hand und tippt gegen ihren Mundwinkel. “Ich vermute, dass ich ungefähr weiß, was in deinem Kopf gerade vorgeht und dazu will ich sagen: alles gut. Die Vergangenheit kann nicht geändert werden. Wir können entweder daran zugrunde gehen oder nach vorne schauen. Ich persönlich bin für zweiteres, was für mich auch bedeutet, dass wir neue Erinnerungen schaffen. Am besten noch schönere, die die alten vielleicht ein wenig überschreiben. Also, nach vorne schauen und wieder lächeln, das gefällt mir an dir besser.” Als sie aufblickt und sich ihre Augen treffen, muss er kurz schlucken. “Also … das heißt nicht, dass ich … das wir …” Er blinzelt, sammelt sich, ehe er schmunzelt. “Ich hätte gerne, dass wir Freunde werden, Sakanoshita, das fände ich wirklich schön.”
Sie holt tief Luft und nickt. “Das fände ich auch schön.”
“Gut, dann lass uns jetzt gehen und gemeinsam kochen.”
“Ich dachte”, Miyuki hebt ihre Augenbrauen, “du wolltest für mich kochen.”
“Ähm … ja, da war wohl was. Schade drum, dachte, ich kann es mir einfacher machen.”
Ein Kichern entkommt ihr und kurzerhand hakt sie sich bei ihm ein. Er schafft es immer wieder, die Stimmung zu lockern. Das konnte er schon früher immer und sie hat diese Seite an ihm sehr gemocht.
“Ich helfe dir gerne beim vorbereiten, aber schlussendlich musst du kochen.”
“Na gut, das ist ja schonmal etwas, ich denke, damit kann ich arbeiten”, erwidert Sugawara und läuft los.
“Bring mich halt nicht um, dann kann ich dir vielleicht auch zukünftig helfen.”
“Das ist auf jeden Fall auch ein guter Grund dafür, es nicht zu tun.”
“Ach, ist es das?”
“Glaube mir, Sakanoshita”, er sieht an seiner Seite zu ihr hinunter, “da gibt es noch sehr viel mehr Gründe.”
~🏐~
Gemeinsam sitzen sie auf dem Boden von Sugawaras Wohnheimzimmer vor seinem kleinen Tisch. Gemeinsam haben sie Mapo Tofu gekocht. Das ist seine Leibspeise, hat Sugawara erklärt und auch, dass es deshalb eines der Gerichte war, die er sich zuerst beigebracht hat, zu kochen.
“Es war erstaunlich gut”, erklärt Miyuki, als sie ihre leere Schüssel nach hinten schiebt, die Stäbchen daneben legt. Sie lehnt sich nach hinten und legt beide Hände auf ihren Bauch. “Gott, ich platze.”
“Also die Todesursache, kannst du dann aber nicht meinen Kochkünsten zuschieben!”, wehrt sich Sugawara zufrieden grinsend.
“Doch. Dass du zu gut kochen kannst, zählt sicher auch als Mordwaffe.”
“Jetzt ist es schon Mord? Ich wäre bisher eher von einem Unfall ausgegangen.”
“Das lassen wir mal schön die Polizei entscheiden.” Zufrieden mit der Welt lässt sich Miyuki nach hinten auf den Boden sinken, schiebt ihre Arme unter ihren Kopf und schließt ihre Augen. Doch, so kann sie es aushalten. Leckeres Essen und zusätzlich in der Nähe eines Menschen, dessen Anwesenheit sie mag.
“Na zum Glück habe ich Verbindungen”, erklärt Sugawara und stellt die Schüsseln auf dem Tisch zusammen, ehe er innehält. “Okay, vergiss es. Der Sack würde mich absichtlich ins Gefängnis stecken, nur um mich auszulachen.”
Fragend öffnet Miyuki eines ihrer Augen, um zu ihm zu sehen.
“Welcher Sack?” Als er erstarrt und sich sein gerade noch belustigter Ausdruck ändert, setzt sie sich wieder auf. “Suga?”
Er seufzt und lehnt sich nach hinten.
“Irgendwann werden wir ja über ihn reden müssen, nicht wahr?”
Bei dieser Aussage ist es ihr klar, wen er meint.
“Sawamura …”
“Ja. Daichi. Er”, wieder grinst Sugawara schief, aber nicht so strahlend wie den Abend sonst bisher, “er ist zur Polizeischule gegangen und macht gerade eine Ausbildung zum Polizisten.”
Miyuki schluckt. Bereits bei ihrem ersten Treffen, als sie in dem Café waren und auch dieses Treffen haben sie ihn nicht mit einem Wort erwähnt. Aber Sugawara hat recht, irgendwann wären sie vermutlich trotzdem auf ihn zu sprechen gekommen …
“Er ist bei der Polizei?”, fragt sie erstaunt nach.
“Da staunst du, nicht wahr? Ach, so blöd haben wir alle geschaut, als er es uns erzählt hat.” “Ich schaue nicht blöd”, wehrt sich seine Gegenüber mit beleidigter Stimme, was ihn nur zum lachen bringt.
“Also, was ist erstaunlicher für dich? Daichi als Polizist oder ich als Lehrer?”
“Eindeutig er! Polizist? Ne, das hätte ich noch weniger erwartet.”
“Er will vermutlich böse Jungs fangen. Aber ob er das schafft?”
“Na wenn er dich ins Gefängnis steckt, weil du mich mit deinem Essen umgebracht hast, hat er immerhin einen geschnappt”, erklärt Miyuki und trinkt von ihrem Saft, der in einem Glas auf dem Tisch stand.
Sugawara erstarrt erneut. “Ähm, ja … das … stimmt wohl. Gut”, er zuckt mit seinen Schultern, “dass ich dich nicht umbringe.”
“Das finde ich tatsächlich auch.” Miyuki zwinkert ihm zu.
Während Sugawara aufsteht und die Schüsseln und Stäbchen zu der kleine Küchenzeile trägt, die in seinem Zimmer an einer Wand angebracht ist, folgt ihr Blick ihm nachdenklich.
“Suga”, bringt sie schließlich hervor.
“Ja?” Fragend landen seine Augen auf ihr.
“Du und Sawamura, seid ihr beide … also habt ihr …”
Ein Lächeln erscheint auf seinen Zügen, als er zu ihr zurück kommt und sich ihr gegenüber am Tisch wieder auf den Boden setzt.
“Er und ich haben uns ausgesprochen, ja. Wir haben uns versöhnt und ja, ich würde ihn wieder als meinen besten Freund bezeichnen. Nein, ich würde es nicht nur, ich tue es. Und er weiß das. Soviel ich weiß, sagt er das Gleiche auch über mich. Ja, das was damals war, das war heftig. Inzwischen denken wir beide auch, dass du damals genau die richtige Entscheidung getroffen hast, auch wenn wir es lange nicht wahrhaben wollten. Doch es musste so sein. Wir beide, also Daichi und ich, wir waren schon lange Freunde, beste Freunde. Wir hätten fast den Volleyballclub zum Zusammenbrechen gebracht und das hätte alles kaputt gemacht. Doch so, wir haben es geklärt, haben es hinter uns gelassen. Hey, wir haben es bis zum Frühlingsturnier geschafft. Wir haben die Katzen besiegt und …” Als er Miyukis verwirrten Gesichtsausdruck wahrnimmt, muss er lachen. “Die Volleyballmannschaft von Nekoma wird auch “Die Katzen” genannt. Und man hat lange auf ein Spiel zwischen Karasuno und Nekoma gehofft - die Entscheidungsschlacht am Müllplatz. Wir haben es für uns entschieden. Was Yaku und die anderen der Nekoma uns immer noch ein wenig vorhalten. Auch zu der Mannschaft haben wir noch Kontakt.”
“Das ist schön.”
“Ja, ist es.”
Kurz herrscht Stille, dann stellt Miyuki eine Frage, die ihr auf der Seele brennt.
“Weiß er es? Also dass wir beide, du und ich, dass wir uns wieder getroffen haben?”
Sugawara ist völlig ernst, als er nickt.
“Ja, er weiß es. Ich habe ihn auf meinem Heimweg, nachdem ich dich nach unserem ersten Treffen zum Bahnhof gebracht habe, angerufen und es ihm erzählt.”
Auf dieses Geständnis weiten sich Miyukis Augen überrascht.
“Und er … was … ähm … es tut mir leid, das sollte ich nicht fragen.”
“Sakanoshita”, Sugawara legt eine Hand auf eine der ihren, die sie inzwischen vor sich auf den niedrigen Tisch gelegt hat, “es ist okay. Wir beide, wir haben die Sache hinter uns gebracht, wir sind über damals hinweg. Also alles gut.”
Ein erleichtertes Seufzen entkommt der jungen Frau. “Das ist gut.”
“Finde ich auch. So, und um jetzt wieder bessere Laune zu bekommen. Ich habe Mochi gekauft. Was meinst du?”
Und schon weiten sich ihre Augen.
“Oh, das klingt sehr gut!”
“Das hoffe ich doch. Also, Mango oder Kokos.”
“Kokos!”
“Gut, kommt sofort.”
Und damit steht Sugawara erneut auf, wobei er seine Hand von ihrer löst und geht wieder zu seiner Küchenzeile, neben der ein kleiner Kühlschrank steht, der ein Eisfach hat, in dem er gleich darauf herum wühlt.
Miyukis Blick liegt durchgehend auf ihm. Sie ist froh, dass er und Sawamura ihre Freundschaft haben retten können. Das war es gewesen, weshalb sie ihnen beiden einen Korb gegeben hat. Trotzdem … es fühlt sich seltsam an.
Da dreht er sich herum, hebt ihr ein Kokos-Mochi entgegen, lächelt sie strahlend an, was auch sie zum lächeln bringt. Nein, sie will nicht weiter an früher denken, sondern das Hier und Jetzt genießen. Es ist wirklich schön, hier zu sein, bei ihm. Und das auch, ohne dass die Frage beantwortet wurde, wie Sawamura darauf reagiert hat, dass Sugawara und sie sich wieder getroffen haben. Es ist nicht wichtig, wirklich nicht. Gerade zählt nur eines für sie: Dass Sugawara und sie gemeinsam hier sind und eine gute Zeit miteinander verbringen. Mehr braucht es nicht, nicht in diesem Augenblick.
Kapitel 18
“Versuche es doch einfach mal, Sakanoshita. Gib dir einen Ruck.”
“Suga, bitte.”
“Es wird dir Spaß machen, versprochen!”
“Warum sollte es mir Spaß machen?”
“Weil es dir im Blut liegt.”
“Jetzt bin ich verwirrt, kläre mich bitte auf.”
“Hallo? Dein Cousin spielt Volleyball, das schon von klein auf. Sein Großvater auch. Und damit auch …”
Eine Hand hebt sich vor Sugawaras Gesicht und schon hält er mitten im Satz inne.
“Okay, das musst du mir jetzt ganz genau erklären. Mein Cousin und sein Großvater?”
“Ja, beide waren leidenschaftliche Volleyballer und deshalb muss es doch auch in dir stecken.”
Ein Seufzen entkommt Miyuki und sie schüttelt ihren Kopf, während sie ihre Hand wieder sinken lässt.
“Wirst du zu Hinata? Denk mal nochmal über meinen Nachnamen nach.”
Kurz runzelt Sugawara seine Stirn und schon im nächsten Augenblick schlägt er seine flache Hand dagegen.
“Vergiss alles, was ich gesagt habe. Also fast alles.”
Ein Lachen entkommt der jungen Frau, die neben ihm steht.
“Und was soll ich nicht vergessen?”
Schmunzelnd zwinkert er ihr zu. “Dass es dir Spaß machen wird.”
“Das würde ich nicht unbedingt unterschreiben.”
“Probiere es wenigstens.”
“Suga”, sie seufzt und streckt eine Hand aus, um diese auf seine Schulter zu legen, “Keshin Ukai, dein ehemaliger Trainer, ist mein Cousin. Ich musste ständig Volleyball spielen, als ich jünger war und mich von ihm noch überreden lassen musste. Und ich kann dir sagen, nein, ich mag es nicht.”
Schockiert reißt der junge Mann seine Augen weit auf. “Das ist nicht dein ernst!”
“Doch.” Sie nickt, sieht im direkt in die Augen. “Du musst jetzt wirklich stark sein.”
“Das geht nun wirklich nicht, Sakanoshita.” Und damit greift er nach ihrer Hand und zieht sie kurzerhand mit sich mit.
“Suga”, entkommt ihr, erschrocken über seine abrupte Handlung.
“Vertrau mir”, richtet er über seine Schulter an sie, zwinkert ihr dabei zu, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder vor sich richtet.
Miyuki folgt ihm, während ihr Herz angenehm in ihrer Brust schlägt, ein wenig schneller als gerade noch. Ihr Blick fällt auf ihre Hand, die in seiner großen liegt. Es fühlt sich gut an. Schön. Schnell presst sie ihre Lippen zusammen und blickt zur Seite, während sie sich mitziehen lässt. Nein, sie muss aufhören, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen. Er war es, der bei ihrem Wiedersehen gesagt hat, dass er über sie hinweg ist und einfach nur mit ihr befreundet sein will. Und auch wenn sie sich jetzt seit ihrem ersten Treffen, als er sich als ihr Tutor entpuppt hat, wirklich oft treffen, er hat nie mehr gewagt. Alles was er getan hat ist, ein guter Freund zu sein. Ein Seufzen entkommt ihr, das sie nicht aufhalten konnte.
“Alles in Ordnung?”, fragt er über seine Schulter und wird ein wenig langsamer. Wieder liegen seine Augen eindringlich auf ihr. Sie blinzelt, ehe sie schief grinst.
“Du willst mich in die Sporthalle bringen, wo euer Volleyballteam trainiert, oder?”, rät sie ins Blaue hinein. Sein ertapptes Zusammenzucken bestätigt ihre Überlegung. “Na gut, dann bring mich hin, ich werfe dir einmal den Ball gegen den Kopf und dann gibst du hoffentlich zukünftig Ruhe!”
“Ähm.” Abrupt bleibt er stehen, fährt mit seiner freien Hand durch seine Haare, während die andere immer noch Miyukis festhält, kein Anzeichen dafür anzeigt, dass er vor hat, diese loszulassen. “Also … es wäre zwar schön, wenn es ohne Verletzungen abgehen würde, aber gut, das werden wir dann ja sehen.”
“Ich werde dich pflegen, wenn es soweit kommen wird, versprochen.”
“Oh.” Ein Grinsen erscheint auf Sugawaras Zügen. “Dann wirf ruhig mehrere Bälle nach mir.”
Sie kichert und schüttelt ihren Kopf. “Suga, ich bin wirklich schlecht. Ich würde dich vermutlich gar nicht treffen.”
“Na dann, zeig es mir, beweise es mir, dass du nicht in der Lage bist, mir wehzutun.”
Eine Erinnerung kommt und sie zieht an ihrer Hand, um diese aus seiner zu befreien. Sie hat ihn bereits schon einmal verletzt. Schlimmer wird sie es nicht schaffen können. Ein gebrochenes Herz tut unglaublich weh, das hat sie selbst aus dieser Erfahrung mitgenommen. Eine Erfahrung, auf die sie zu gerne verzichtet hätte. Und wieder scheint ihm klar zu sein, was ihr durch den Kopf geht.
“Sakanoshita. Hör auf an damals zu denken. Es geht mir gut. Es ist alles okay.” Dann überrascht er sie, denn er ergreift ihre Hand erneut, legt diese kurzerhand auf der Höhe seines Herzens auf seine Brust. “Spürst du es? Es ist alles in Ordnung, wirklich.”
Ihr Blick liegt auf ihrer Hand. Schlägt sein Herz darunter nun wirklich auch schneller? Ist er auch aufgeregt? Sie hebt ihren Kopf, schluckt, als seine Augen erneut auf ihre gerichtet sind. Er … hier, so nahe, bei ihr … Wird er sie küssen? Das wäre doch der perfekte Moment und …
“Hey Sugawara!”, reißt eine laute Stimme sie beide aus ihrer kleinen Blase.
Der Gerufene macht einen Schritt nach hinten, löst sich damit von Miyuki, die ihre Hand schnell zurück zieht und ihre andere darum schließt.
“Hey Akira”, begrüßt Sugawara einen jungen Mann, der auf sie zugelaufen kommt.
“Bist auf dem Weg zur Halle?”, fragt dieser, als er bei ihnen ankommt.
“Ja, wohin sonst um diese Uhrzeit?” Sugawara grinst breit.
“Wer weiß, was du vorhast, wenn du mit Begleitung unterwegs bist. Mit so einer hübschen noch dazu.” Der Blick des Ankömmling gleitet über Miyuki und zwinkert ihr zu.
“Akira, darf ich vorstellen? Das ist Sakanoshita. Sie ist eine meiner Studentinnen. Zudem kommt sie mit zum Volleyball, ich habe ihr extra gesagt, sie muss Sportsachen anziehen. Sakanoshita, das ist Akira. Wir spielen zusammen.”
“Guten Abend.” Miyuki verbeugt sich, dann richtet sich ihr Blick wieder auf Sugawara.
“Na dann können wir ja alle zusammen zur Sporthalle. Sugawara, hast du eigentlich schon gehört …”, verwickelt Akira diesen in eine Gespräch und läuft los.
Miyuki blickt den beiden Männern hinterher. Ihr Herz geht immer noch unglaublich schnell. Soll sie froh sein oder nicht, dass sie unterbrochen wurden? Sie hätte es sich gerade schon sehr gewünscht, dass Sugawara sie einfach küssen würde, doch sie wäre noch enttäuschter gewesen, wenn er es nicht gemacht hätte. So kann sie es nun auf die Unterbrechung schieben und nicht ganz so enttäuscht sein. Das ist auf jeden Fall besser so.
“Hey Sakanoshita, kommst du?”, erklingt da seine sanfte Stimme. Er ist stehen geblieben und blickt lächelnd zu ihr.
“Ja, bin da”, erwidert sie schnell und schließt zu ihm auf. Als sie neben ihm läuft, stößt er sanft seinen Ellenbogen in ihre Seite.
“Denke nicht, dass ich dich vergessen würde. Du musst mit mir Volleyball spielen.”
“Schade drum. Oder sag nur, du willst unbedingt einen Ball abbekommen?”
“Ach Sakanoshita”, er zwinkert ihr zu, “ich setze auf dein Nichtkönnen und dass du deswegen nicht triffst.”
Kurz blinzelt sie ihn überrascht über diese Aussage an, dann lacht sie auf.
“Immerhin hat jeder von uns seine eigene Mordkraft.”
“Mordkraft?” Er sieht sie fragend an.
“Mordkraft?”, fragt auch Akira, der sehr verwirrt klingt.
“Ja, Mordkraft”, antwortet Miyuki auf Sugawaras Frage. “Du bringst mich mit Essen um, ich dich mit einem Ball.”
“Oh, das stimmt wohl.” Er nickt bestätigend.
“Und soll ich dir was sagen?” Sie lehnt sich ein Stück in seine Richtung.
“Immer.”
“Mich würde Sawamura sicherlich vorm Gefängnis retten. Im Gegensatz zu dir.”
Ein schallendes Lachen erklingt. “Oh ja, das würde er. Du bist einfach hübscher als ich.”
“Und liebenswerter.”
Sofort wird er ernst, sieht sie mit einem undefinierbaren Blick an. Nach einem kurzen Augenblick, der Miyuki wie eine Ewigkeit vorkommt, nickt er.
“Das bist du, ja.”
Sie blinzelt verwirrt.
“Mordwaffe und Gefängnis? Würde mich mal jemand aufklären?”, erklingt Akiras Stimme erneut und reißt sie beide aus diesem Moment.
~🏐~
“Okay, das wars. Du bekommst keinen Volleyball mehr in die Hände”, presst Sugawara zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während eine Hand auf seinem Hinterkopf liegt. Mit der anderen nimmt er Miyuki den Ball aus den Händen und deutet anschließend zur Seite. “Mach, dass du an den Rand kommst, wo du keine anderen Menschen gefährdest.”
“Es tut mir so leid, Suga! Wirklich!” Händeringend steht sie vor ihm und sieht ihm aus weit aufgerissenen Augen an. “Ich habe vorher doch nur Witze gemacht! Ich wollte dich nicht abwerfen!”
“Das weiß ich doch”, erwidert Sugawara und lässt den Volleyball einfach auf den Boden fallen, ehe er mit der Hand über Miyukis Kopf streicht. “Ich habe ja auch nicht damit gerechnet, sonst hätte ich meinen Hinterkopf besser geschützt.”
“Tut es sehr weh?” Immer noch sieht sie ihn mit großen Augen entschuldigend an.
Ein schiefes Grinsen entkommt ihm.
“Ich würde gerne nein sagen, um wie ein starker und unverletzbarer Mann rüberzukommen, aber … autsch, ja. Man hast du einen Schlag drauf. Wenigstens musst du mich jetzt pflegen.”
“Okay, komm mit, das will ich mir ansehen.” Kurzerhand ergreift Miyuki seine Hand, zieht diese von ihrem Kopf und den ganzen Mann anschließend mit zum Rand der Halle.
“Macht ihr mal weiter”, bringt dieser noch schnell in Richtung seiner Mannschaftskollegen hervor.
“So, hinsetzen”, weißt Miyuki ihn am Rand an und beugt sich über ihn.
Sugawara schließt seine Augen, als sie ihm mit den Fingern durch die Haare und über die Kopfhaut fährt, ihn vorsichtig abtastet.
“Keine Beule'', bringt sie hervor. Als er seine Augen öffnet, erstarrt sie. Ihr war nicht bewusst, dass sie ihm so nahe ist. Sie blinzelt und spürt seinen Atem auf ihrer Wange. Wann ist sie ihm so nahe gekommen.
“Sakanoshita”, bringt er leise hervor. Er hebt eine Hand und da …
“Achtung, Ball!”, ertönt eine laute Stimme und schnell zieht Sugawara die junge Frau zur Seite, um sie beide aus der Wurfbahn des Volleyballs zu bekommen.
“Passt besser auf”, richtet er an seine Mannschaftskollegen.
“Sorry, Sugawara!”
Dieser hebt nur eine Hand, ehe er sich wieder Miyuki zuwendet.
“Alles in Ordnung bei dir?”
“Das fragst du mich? Ich habe dir einen Ball gegen den Kopf geworfen! Das sollte ich dich fragen.”
Ein Lachen entkommt ihm. “Mach dir keinen Kopf, mir geht es gut. Weißt du was, ich gehe weiterspielen. Du setzt dich hier an die Wand und siehst mir zu. Dann weißt du, wie man es richtig macht. Und wer weiß, vielleicht lernst du ja noch etwas …”
“Mein Cousin ist auch ein ziemlich guter Zuspieler gewesen … Bei ihm habe ich auch nichts gelernt, wie kommst du also jetzt darauf, dass ich bei dir etwas lernen sollte?”
“Autsch, das tut weh.” Sugawara legt beide Hände an sein Herz und verzieht sein Gesicht gespielt. “Du brichst mir das Herz.”
Sofort verdüstern sich ihre Züge. “Naja, damit habe ich ja Ahnung …”
Er hält inne, ehe er schief grinst. “Ich weiß nicht, welche Erfahrung schmerzhafter ist. Dein Korb damals oder dass du meine Fähigkeit als Zuspieler anzweifelst.”
Mit großen Augen sieht sie ihn an, dem Aufblitzen in seinen Augen kann sie jedoch eindeutig entnehmen, dass er nur einen Witz macht. Kurzerhand schlägt sie ihm mit der flachen Hand gegen den Oberarm.
“Hör auf Sprüche zu reißen und zeig mir lieber, was du besser kannst als mein Cousin.”
Schon lächelt er und steht auf. Mit seinem Daumen deutet er auf sich.
“Sieh mir zu und lerne.” Er hält inne und lässt die Hand sinken, während sich sein Grinsen ausbreitet. “Wie cool wäre es, wenn ich der Cousine meines alten Trainers mehr beibringen könnte als er. Das würde doch bedeuten, dass ich besser als er bin!”
“Dann mach endlich weiter, du Besserkönner!”, ruft einer seiner Mitspieler.
“Von wegen Besserkönner, Besserwisser!”, fügt ein anderer laut hinzu und entlockt Miyuki ein Lachen. Als Sugawara ihr zuzwinkert, lehnt sie sich zufrieden an der Wand hinter sich an. An das hier könnte sie sich gewöhnen.
Kapitel 19
“Also, kommst du mit?”
Miyuki beißt sich verunsichert auf die Unterlippe und zieht zu Sugawara auf, der vor ihr auf dem Tisch sitzt und zu ihr hinunter sieht.
“Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau”, murmelt sie verunsichert.
“Ich kann verstehen, wenn es dich verunsichert. Aber”, der Ältere hält inne, scheint zu überlegen, was er sagen, wie er es ausdrücken soll, “es sind meine Freunde und du gehörst auch zu meinen Freunden. Sie freuen sich sicherlich alle, wenn du dazustößt. Sie mochten dich zu Schulzeiten schon. Als los, gib dir einen Ruck. Shimizu will auch kommen, vielleicht sogar Yachi. Und du magst die beiden doch, hast dich immer gut mit ihnen verstanden.”
“Ja, das schon.” Es ist schon ein wenig gemein von ihm, ihr damit zu kommen. “Kommt … er auch?”
Sugawara wirkt auf diese Frage, als würde sich alles an ihm verschließen. Er setzt sich aufrechter hin.
“Daichi kommt, ja. Ich habe ihn gefragt, ob es für ihn okay ist, wenn du mitkommen würdest. Er meinte, es würde ihn freuen, dich zu sehen. Natürlich”, er seufzt und steht auf, “kannst du entscheiden, ob du willst oder nicht. Wenn du nicht magst, dann ist das selbstverständlich in Ordnung. Trotzdem auch schade, wäre sicher schön gewesen.” Er steht auf. “Du kannst es dir ja noch überlegen. Gib mir einfach Bescheid, falls du doch noch mitkommen willst. Du weißt ja, wie du mich erreichen kannst.” Er dreht sich herum und geht zu dem Tisch an dem er seine Sachen abgelegt hat und räumt diese in seine Tasche. Sie sind nur noch zu zweit, alle anderen Studenten sind bereits weg.
Miyuki beobachtet ihn. Auch wenn er es nicht zeigen will, sie scheint ihn mit dieser Frage getroffen zu haben. Natürlich hat sie ein wenig Angst davor, auf Sawamura zu treffen. Er ist derjenige, mit dem sie ihr erstes Mal verbracht hat und das, obwohl es da einen anderen Jungen gab, den sie sehr gemocht hat. Und das hat diesen sehr getroffen. Sie hat ihn damals verletzt, sie will es nicht noch einmal machen. Sie greift nach ihrer eigenen Tasche und steht auf, während sie das Schulterband über ihre Schulter legt.
“Okay”, tönt ihre Stimme gleich darauf durch den Raum.
“Was?” Verwundert sieht Sugawara sie auf die Aussage an.
Mit schief gelegtem Kopf lächelt Miyuki den Älteren an.
“Ich komme mit zu eurem Treffen. Wenn du wirklich willst, dass ich mitkomme und es keine allzu seltsame Situation wird.”
Zum wiederholten Male überrascht er sie mit einer Reaktion, die sie so nicht erwartet hätte. Freudestrahlend kommt er auf sie und zieht sie für eine feste Umarmung in die Arme.
“Oh, das wird toll. Ich freue mich schon so auf all ihre Gesichter! Sakanoshita, das wird toll, glaube mir!”
Sie blickt lächelnd zu ihm auf. “Das glaube ich auch.”
“Sehr gut!” Er löst sich von ihr, greift nach seiner Tasche, deren Band er ebenfalls über seine Schulter legt. “Und jetzt? Holen wir uns noch ein paar Yakisoba?”
“Sehr gerne.”
“Na dann, los mit uns.”
Und damit tritt Sugawara zu Türe und öffnet diese, um anschließend Miyuki strahlend anzulächeln, die nicht anders kann, als dieses Lächeln zu erwidern.
~🏐~
Verunsichert zieht Miyuki am unteren Teil des Rockes ihres Kleides. Ob das wohl zuviel war, zu schick? Aber nochmal nach Hause gehen und sich umziehen ist nunmal nicht mehr drinnen! Ein Blick fällt auf die schmale Uhr an ihrem linken Handgelenk. Nein, das hätte sie sich überlegen sollen, als sie noch Zuhause gewesen ist.
“Hey Sakanoshita”, ruft da schon derjenige ihren Namen, mit dem sie zusammen zu dem Treffen des alten Volleyballclubs gehen will.
“Hallo Suga”, begrüßt sie ihn und lächelt dabei. Auch er lächelt, während er seine Augen bewundernd über sie gleiten lässt.
“Wow, du siehst toll aus. Ich habe dich noch nie so herausgeputzt gesehen.”
“Ach quatsch doch nicht!” Passend zu ihren Worten winkt Miyuki ab, doch die roten Wangen zeigen, dass sie sich über das Kompliment freut.
“Hmm, ein bestimmter Grund. Oder jemand bestimmtes, dass du dich so hübsch gemacht hast?”, fragt Sugawara in dem Augenblick.
Verwundert blickt sie auf und erkennt, dass sein Gesicht sich verzogen hat. Er scheint über den Gedanken nicht so begeistert zu sein. Warum das denn?
“Nein, eigentlich …”, sie zögert, ehe sie schief grinst, “keine Ahnung so richtig. Es kommen einfach so viele Leute und ich will ein gutes Bild abgegeben.”
Ihr Gegenüber scheint sich zu entspannen und lächelt wieder. Er tritt zu ihr und legt ihr sanft eine Hand auf den Rücken.
“Das tust du immer, Sakanoshita. Auch wenn du so sehr gut aussiehst. Das bedeutet aber nicht, dass du es ansonsten nicht tust.”
“Danke.” Bei der Hitze, die ihre Wangen nun abstrahlen, ist sich Miyuki sicher, dass diese noch röter geworden sind.
“Na dann, gehen wir los.” Sugawara lässt seine Hand sinken und schiebt diese in seine Hosentaschen, während er los läuft. Er hat ihr zugesagt, dass er sie am Bahnhof abholen wird, so dass sie gemeinsam zu dem Restaurant gehen können, in dem das Treffen heute Abend stattfindet. Auf dem Weg unterhalten sie sich angeregt, bis sie schließlich ankommen. Wieder nimmt Miyukis Herzschlag einen Takt zu, wenn auch aus anderem Grund, als vorher, als Sugawara ihr das Kompliment bezüglich ihres Aussehens gemacht hat.
“Na dann, rein mit uns”, erklärt der Ältere und hebt die Türe auf, sodass seine Begleitung vor ihm eintreten kann. Anschließend nimmt er ihre Hand und zieht sie mit sich bis zu einem Tisch, an dem sich schon einige junge Männer und auch die ein oder andere Frau tummeln.
“Hallo miteinander! Schaut mal, wenn ich mitgebracht habe!”
“Suga!”
“Koshi, du alter Sack!”
“Oh wow, Sakanoshita!”
Diese sieht sich mit erneut oder immer noch? - roten Wangen um.
“Sakanoshita”, ertönt ihr Name laut und einer der jungen Männer taucht breit grinsend direkt vor ihr auf.
“Kinoshita”, begrüßt sie ihn lachend und wird im nächsten Augenblick von ihm in eine Umarmung gezogen.
“Echt cool, dich hier zu sehen!”, bringt er hervor, schiebt sie ein Stück von sich und betrachtet sie von oben bis unten. “Hübsch wie eh und je.”
Auf diesen Satz entkommt ihr ein lautes Lachen.
“Wenn ich das nur entgegnen könnte.”
“Und so ein freches Mundwerk wie eh und je.”
Nun lachen sie beide.
“Miyuki!” Nachdem Kinoshita von ihr abgelassen hat, dreht sie auf diese Aussage ihren Kopf und lächelt gleich darauf strahlend.
“Kiyoko, Hitoka, Keiko!” Gleich darauf findet sie sich bei den drei Frauen wieder, die sie zu sich an den Tisch winken und begeistert auf sie einreden. Während sie alle Fragen zu beantworten versucht, hebt sie ihren Kopf und sucht denjenigen, mit dem sie hierher gekommen ist. Sie entdeckt ihn ebenfalls am Tisch sitzend. Als ihre Blick sich treffen, zwinkert er ihr amüsiert zu, woraufhin sie grinsend ihren Kopf schüttelt. Er wendet sich wieder dem neben ihm sitzenden Asahi zu, um diese wohl zu trietzen, wie sie es oft erlebt hat. Aber so wie dieser lacht, scheint er es seinem Freund nicht übel zu nehmen. Sie will sich auch wieder den Frauen neben sich zuwenden, als ihr Blick auf den von Sugawaras anderem Nebensitzer trifft. Kurz bleibt ihr Herz stehen, ehe es doppelt so schnell weiter schlägt. Ein Lächeln liegt auf Sawamuras Zügen, bringt sie dazu, ebenfalls kurz lächeln zu müssen, ehe sie ihren Blick abwendet. Sie weiß nicht, wie sie ihm begegnen soll. Mit Sugawara hat sie alles klären können, aber mit dem Jungen, der damals auch ein Teil ihres Dreieckes war, mit diesem nicht. Doch um abschließen zu können, ist das vielleicht auch irgendwann noch notwendig. Vielleicht nicht heute, aber irgendwann der richtige Zeitpunkt dafür wird kommen. Doch jetzt wendet sie ihre Aufmerksamkeit wieder den jungen Frauen zu, die sich sehr zu freuen scheinen, dass sie hier ist. Und sie freut es auch, wenn sie ganz ehrlich zu sich ist. Es ist schön, alle wieder zu sehen.
~🏐~
“Noya sieht sich die Welt an. Ein wenig beneide ich ihn schon darum.” Shimizu liegt ein sanftes Lächeln auf den Lippen. “Ryu hat schon die Idee vorgebracht, dass wir ihn doch irgendwo in Europa oder so treffen. Zwei Fliegen sozusagen mit einer Klappe schlagen. Wir sehen die Welt und er seinen Kumpel endlich wieder.”
Ein Lachen entkommt Miyuki auf diese Aussage.
“Kann ich verstehen. Oh man, Europa, ein Traum. Und das macht er jetzt schon seit Ende der Schulzeit?”
“Ja. Er hat sozusagen einen Rucksack gepackt, sich verabschiedet und los ging es. Aber zuvor sind er und Ryu sich gefühlt stundenlang heulend in den Armen gelegen”, erklärt die Freundin des zweiten Genannten.
“Tja, die vermissen sich halt. Aber eine Auslandsreise? Warum nicht? Überlege es dir doch.” Izumo greift nach ihrem Glas und trinkt daraus, während ihr Blick auf der Ältesten der vier Frauen liegt.
“Solang du jetzt nicht auch so anfängst”, erklingt ein Murren an ihrer Seite.
“Klappe, Kei. Wie als ob du nicht auch gerne mal ins Ausland willst”, erwidert sie sofort.
“Klar.” Die Ironie in Tsukishimas Stimme ist klar heraus zu hören.
“Ach, will mein kleiner Schmetterling nicht einen großen Ausflug machen?” Auch der triefende Sarkasmus in Izumos Stimme ist zu entnehmen.
“Du nervst, Keiko.”
“Ja, ja, ich dich auch, Kei.” Passend zu ihren Worten tätschelt sie ihm den Oberschenkel, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Freundinnen zuwendet.
Yamaguchi und Yachi kichern, Shimizu und Miyuki können sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
“Ansonsten, Shoyo ist in Brasilien, das ist sicher auch eine Reise wert.” Yachi hebt einen Zeigefinger nach oben.
“Würdest du gerne nach Brasilien? Wir könnten uns auch überlegen, ihn zu besuchen.” Yamaguchi klingt erstaunt, als er seine Freundin ansieht.
Diese zieht ihren Kopf zwischen die Schultern und schüttelt ihn dann.
“Nein, lieber nicht! Ich will nicht so lange mit dem Flugzeug fliegen. Was, wenn es abstürzt?”
Und während Keiko und Kiyoko der Jüngeren erklären, wie sicher Flugzeuge sind, betrachtet Miyuki sie immer noch schmunzelnd. Doch, es ist schön, hier zu sein und die Menschen wiederzusehen, die sie sehr gerne gemocht hat.
Kapitel 20
Mit einer schnellen Handbewegung drückt Miyuki auf die Armatur des Waschbeckens, um den Wasserfluss zu beenden, ehe sie ihre Hände abtrocknet. Noch ein schneller Blick in den Spiegel, ob sie noch vorzeigbar ist, ehe sie die Toilette verlässt. Sie bleibt abrupt stehen, als ihr gegenüber die Türe der Herrentoilette aufgeht und Sawamura herauskommt. Auch er bleibt stehen, sieht sie an, während die Türe hinter ihm zufällt.
“Hey Miyuki”, richtet er an sie und lächelt sie erneut an.
Auch sie lächelt, auch wenn dieses vielleicht ein wenig schief ausfällt.
“Wie geht es dir?”, fragt er da und macht ein paar Schritte zur Seite, von der Türe weg, um niemanden im Weg zu stehen, falls jemand auf die Toilette will. Unsicher folgt Miyuki ihn und streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.
“Ganz gut. Und dir?”
“Ebenfalls.” Er lacht leise. “Suga hat erzählt, dass er dich an der Uni getroffen hat. Ich weiß also, dass du auch Lehramt studierst. Macht es dir Spaß?”
Sie nickt ernsthaft. “Das macht es wirklich. Ich hätte es früher noch nicht gedacht, aber ich bin mir sicher, dass das genau das Richtige für mich ist.”
“Das klingt wirklich gut.”
“Ja.” Sie lacht leise und legt ihren Kopf auf die Seite. “Und du wirst tatsächlich Polizist?”
“Oh ja. Irgendwann”, er sieht plötzlich auch ganz ernst aus und ballt eine Hand vor sich zur Faust, “werde ich ganz viele Bösewichte fangen.” Er lacht laut los. “Entschuldige, das behauptet Suga immer.”
Auch Miyuki muss lachen. “Oh, das passt zu ihm. Sehr sogar. Aber du, Sawamura, als Polizist … das ist wirklich unglaublich.” Als er sie nachdenklich mustert, runzelt sie erneut verunsichert seine Stirn. “Was … ist los?”, bringt sie hervor.
Er zuckt mit den Schultern, lächelt wieder ein kleines bisschen.
“Hast du mich jemals anders angesprochen als mit Sawamura? Hast du mich je beim Vornamen genannt, Miyuki?”
Sie hält inne, runzelt nachdenklich die Stirn, ehe sie langsam ihren Kopf schüttelt.
“Ehrlich gesagt … ich … ich weiß es nicht.”
“Ich auch nicht. Zumindest erinnere ich mich nicht daran. Weißt du”, er lacht schief, streicht sich über den Hinterkopf, “sag doch einfach Daichi zu mir, das machen alle anderen auch. Zudem, bei dem, was wir beide miteinander erlebt haben … ist das nicht normal?”
Da - er hat es angesprochen. Miyuki schlingt ihre Arme um ihren Oberkörper. Irgendwie hat er ja recht und er nennt sie auch bei ihrem Vornamen.
“Daichi”, bringt sie unsicher hervor.
“Genau so!” Ein breites Grinsen erscheint auf seinen Zügen. “Siehst du? Du kannst es!”
Durch seinen Optimismus muss auch sie lachen.
“Okay, Daichi.”
“Immer noch sehr schön.”
“Weißt du, was ich auch kann?”, fragt sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
“Was?”
“Daichi Sawamura!”
“Oh oh. Jetzt wird es ernst, oder?”
“Oh ja, wird es. Lass mich mal aussprechen.”
Mit einer Handbewegung und einem Schmunzeln deutet er ihr an, weiterzusprechen und entlockt auch ihr ein Schmunzeln, bevor sie wieder verunsichert ist. Wie soll sie das jetzt sagen?
“Zwischen uns”, sie stockt, überlegt, wie sie es am besten formuliert, “ist da alles in Ordnung? Suga hat zwar gesagt, dass ihr beide euch versöhnt und ausgesprochen habt, auch, dass anscheinend ihr beide, vielleicht auch nur er, Verständnis für die Entscheidung habt, die ich damals getroffen habe, trotzdem … ähm …”
“Miyuki”, beginnt er, als sie nicht weiter spricht, “ja, ist es. Das damals, das war alles nicht so schön, natürlich nicht. Es war eine dumme Situation. Doch es ist gut so. Wir hatten genug Zeit, um das Ganze zum Abschluss zu bringen, über unsere Gefühle hinweg zu kommen, zumindest ich, immerhin kann ich nur für mich sprechen.”
“Das ist … gut.”
“Ja, ist es. Ich wünschte, damals wäre viel anders gelaufen, auch das mit uns beiden. Aber es ist so, wie es ist. Und es ist gut so, wirklich.”
“Ja?” Man kann Miyuki die Erleichterung ansehen.
“Ja. Weißt du, kurz bevor wir mit der Schule fertig waren, da habe ich auch einen, nennen wir es netten, Anstoß von Suga und Asahi bekommen.” Er hält inne. “Du verstehst, dass Suga nicht nett ist.”
Seine Gegenüber lacht leise auf und nickt. “Ja.”
“Gut.” Wieder grinst Sawamura. “Sie haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass Yui Michimiya, ähm, sagt dir der Name was?” Auf Miyukis Nicken spricht er weiter. “Dass sie mich wohl ein wenig mehr mag als nur freundschaftlich. Nun gut, lange Rede, kurzer Sinn. Wir sind seit kurz vor Schulende ein Paar. Sie kann heute Abend leider nicht dabei sein, sonst wäre sie es. Miyuki”, sein auf sie gerichteter Blick ist ernst, “ich habe dich damals wirklich sehr gemocht, so sehr, dass das zwischen uns beiden auch passiert ist. Doch so wie es gekommen ist, so sollte es auch sein. Ich hoffe sehr, dass wir beide Freunde werden können, vor allem in Anbetracht dessen, dass du und Suga …”
“Halt, was meinst du mit Suga und ich?”, fällt sie ihm ins Wort und er hält inne, versteift sich ein wenig.
“Ähm”, er streicht sich erneut durch die Haare am Hinterkopf und grinst schief, “ihr beide … ihr hättet doch eine Chance, oder? Oder”, er lässt seine Hand sinken, blickt sie verunsichert an, “hast du einen Freund? Gibt es da jemanden, weshalb du …”
“Daichi”, unterbricht sie ihn erneut, wendet ihren Kopf zur Seite, um ihn nicht ansehen zu müssen, “nein, da gibt es niemanden, aber”, sie seufzt, “er hat es mir von Anfang an klar gemacht, dass ihr beide, dass er, über mich hinweg ist. Dass er nur mit mir befreundet sein will. Daher ist alles andere egal. Ich bin ja froh, wenn wir beide Freunde sein können.” Sie sieht ihn wieder an, zwingt sich zu einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreicht.
Nachdenklich erwidert Sawamura ihren Blick. Eine Erkenntnis scheint ihm zu kommen.
“Es war damals er, oder?”
“Was?” Sie wirkt auf diese Frage verwirrt.
“Hättest du dich damals nicht gegen uns beide sondern für einen von uns entschieden, dann wäre er es gewesen, richtig?”
Ihre Augen weiten sich, dann sieht sie schnell zur Seite und presst ihre Lippen aufeinander.
“Oh man.” Sawamura schüttelt seinen Kopf, während er versucht die Erkenntnis zu verarbeiten. “Okay, damit muss ich auch erstmal klarkommen. Also nicht falsch verstehen, ich will nichts von dir, wirklich nicht, aber das ist doch unerwartet.”
Miyuki zuckt mit ihren Schultern. “Es ist völlig egal, was damals gewesen wäre oder was heute ist. Er hat seine Entscheidung getroffen.”
“Hmm …”
“Wirklich Sawa-, Daichi, es ist in Ordnung wie es ist. Ich bin froh, dass er und ich Freunde sind. Und ja, ich fände es auch schön, wenn wir wieder Freunde werden.” Damit tätschelt Miyuki seine Schulter, dreht sich herum und macht, dass sie wieder raus und in den Restaurantbereich kommt, wo die anderen sind und sie sich ablenken kann. Sie hat sich bisher selbst noch nicht eingestanden, dass sie wieder, vielleicht sogar immer noch etwas für Sugawara empfindet und dann sagt Sawamura es ihr auf den Kopf zu. Doch wie sie ihm gesagt hat - Sugawara hat eine Entscheidung getroffen und diese wird sie akzeptieren.
“Hey Sakanoshita.”
Sie bleibt stehen, sieht erschrocken auf den Mann, der plötzlich vor ihr zu stehen kommt.
“Suga.”
Er lächelt sie an, doch als er ihren Ausdruck erkennt, hält er inne.
“Ist alles okay?”, fragt er besorgt.
“Ja ja, alles okay”, antwortet sie und macht, dass sie an ihm vorbeikommt.
Verwirrt und auch etwas besorgt sieht ihr der einfach Stehengelassene hinterher.
“Suga”, erklingt die Stimme seines besten Freundes hinter sich.
“Daichi.”
“Wenn du sie wirklich noch magst, Suga, dann solltest du ihr das sagen.”
“Was?” Ungläubig sieht Sugawara ihn an.
Sawamura hebt mit in den Hosentaschen steckenden Händen seine Schultern an.
“Ich glaube, sie mag dich auch noch sehr. Sie geht aber davon aus, dass du sie nicht magst. Sie sollte es also wissen. Daher, wie gesagt, wenn du wirklich noch Gefühle für sie hast, sei ehrlich mit ihr. Nicht, dass nochmal ein Nebenbuhler auftaucht und sie dir wegschnappt.”
Sugawara blinzelt, ehe er seinen Kopf schüttelt, während er ernst in die Richtung sieht, in die Miyuki gelaufen ist.
“Du hast recht. Einmal reicht.”
“Sehe ich auch so.” Sein bester Freund klopft dem Älteren noch auf die Schulter, dann läuft er ebenfalls zu seinen Freunden.
Eine Weile sieht der Zurückgelassene immer noch in die Richtung, in der seine Freunde und auch Miyuki sind. Dann nimmt er seine Schultern zurück. Sawamura hat recht. Er darf es nicht wieder zu weit kommen lassen … nicht dieses Mal!
~🏐~
“Danke, Suga. Also zum einen fürs zum Bahnhof bringen, zum anderen dafür, dass du mich eingeladen und mitgenommen hast. Es war wirklich ein sehr schöner Abend.” Miyuki schenkt ihrem Begleiter ein ein strahlendes Lächeln.
Auch er lächelt und nickt. “Ich fand es auch sehr schön, dass du dabei warst. Und so wie ich gesehen und auch gehört habe, alle anderen auch.”
“Vielleicht”, sie wirkt einen Augenblick schüchtern, “nimmst du mich mal wieder mit.”
“Sehr gerne. Immer und jederzeit.”
“Das ist gut. Dann … sehen wir uns am Montag an der Uni, oder?”
“Ja, werden wir.” Sugawara lächelt sie an, ehe er seinen Kopf hebt. Man kann die Lichter des Zuges schon sehen, der gleich einfahren wird und mit dem Miyuki nach Hause kommen will.
“Dann eine gute Nacht.”
“Gute Nacht, Sakanoshita.”
Sie hebt nochmal eine Hand, ehe sie sich herumdreht und in Richtung der Stelle geht, wo sie in den Zug einsteigen will.
“Hey, Sakanoshita, nein, Miyuki”, erklingt ihr Name erneut und fragend dreht sie sich noch einmal zu Sugawara um. Dieser hat eine Hand in seine Hosentasche geschoben und kommt erneut auf sie zu. Direkt vor ihr bleibt er stehen und lächelt zu ihr hinunter. Dann geht es schnell. Mit seiner freien Hand greift er nach ihrem Kinn, drückt dies ein Stück nach oben, ehe er sich zu ihr beugt und seine Lippen im nächsten Augenblick auf ihre legt. Es ist ein sanfter Kuss, er wirkt nur sehr wenig Druck aus. Gleich darauf löst er sich wieder von ihr, steckt auch seine zweite Hand in die Hosentasche und tritt zurück. Ein freches Grinsen liegt auf seinen Lippen.
“Du kannst dir ja überlegen, was du damit machst”, richtet er an sie, dreht sich herum und geht davon.
Ungläubig sieht Miyuki ihm hinterher, ihr Herz schlägt unglaublich schnell in ihrem Brustkorb. Sie sieht neben sich, wo gerade ihr Zug einfährt. Dann kommt Leben in sie. Sie läuft los, lässt den Zug Zug sein, holt Sugawara ein, greift nach seinem Arm und dreht ihn so zu sich. Er sieht sie mit einem Blick an, in dem jede Menge Emotionen zu erkennen sind. Sie legt beide Händen an seine Wangen, zieht ihn zu sich und dieses Mal sind es ihre Lippen, die auf seine treffen. Im Gegensatz zu seinem Kuss, ist an ihrem jedoch rein gar nichts sanft. Sie küsst ihn, legt alle ihre Emotionen und Gefühle hinein. Er soll wissen, was sie für ihn empfindet. Im ersten Moment rührt er sich nicht und sie fühlt Unsicherheit in sich aufsteigen, doch dann schlingen sich seine Arme um sie, drücken sie fest an sich und er erwidert den Kuss, vertieft ihn noch mehr. Endlich, nach so langer Zeit, ist sie da angekommen, wo sie sein sollte.
Kapitel 21
“Hmm”, seufzt Miyuki, als sich Sugawaras warme Hand in sanften Kreisen über ihren nackten Rücken bewegt.
“Geht es dir gut”, fragt er leise.
Auf diese Frage dreht sie seinen Kopf zu Seite, den sie wieder auf ihren Armen ablegt, die sie vor sich auf dem Kissen verschränkt hat. Er liegt auf der Seite, den Kopf mit einer Hand abgestützt, während sich die andere über ihren Rücken bewegt.
“Mir geht es sehr gut, ja”, erwidert Miyuki mit einem Lächeln. “Und dir?”
Das Lächeln, das schon auf seinen Zügen liegt, vertieft sich.
“Mir geht es auch sehr gut.”
“Das ist gut.”
“Ist es, nicht wahr?”
Ein leises Lachen entkommt der neben ihm Liegenden, während sie ihre Augen wieder schließt und weiterhin das Gefühl seiner sanften und warmen Fingern auf ihrem Rücken genießt. Sie fühlt sich angekommen, hier, neben ihm. Doch eine Frage beschäftigt sie doch.
“Du, Suga?”
“Ja?”
“Zwischen damals und heute … gab, ähm … was ich wissen mag … gab es da jemanden?”
Seine Bewegungen stoppen.
“Du willst wissen, ob das mein erstes Mal war?”, fragt er mit trockener Stimme, woraufhin sie ihre Augen aufreißt, sich auf den Armen aufstützt und ihren Kopf schüttelt.
“Nein, so war das nicht gemeint! Nur ob …”
“Alles gut, Miyuki.” Sugawara muss lachen. “Du bist so leicht zu veräppeln.”
“Du bist ein Depp”, murmelt sie, als sie sich wieder auf das Kissen sinken lässt.
“Ein Depp, den du”, er senkt seinen Kopf zu ihr, “sehr magst.”
“Da ist tatsächlich was dran.”
“Das wollte ich hören.” Sugawara schmunzelt, ehe er seine Lippen sanft über ihre Schläfe gleiten lässt und sich wieder aufrichtet. Auch seine Finger auf ihrem Rücken nehmen ihre Arbeit wieder auf. “Aber um auf deine Frage zurückzukommen, nein, das war nicht mein erstes Mal. Ehrlich gesagt”, ein schiefes Grinsen ziert nun seine Mundwinkel, “ich habe mich ganz schön versucht von dir abzulenken. Zu Beginn an der Oberschule mit dem Volleyball spielen. Mit den Vorbereitungen für das Frühlingsturnier. Dann mit der Qualifikation und anschließend dem Frühlingsturnier selbst. Dann kamen die Abschlussprüfungen, danach der Start an der Uni. Trotzdem … Tja, dann bin ich ausgegangen und ja, ich habe Frauen kennengelernt, es war aber nie so wirklich was ernstes dabei …” Er hält inne und seine Stimme klingt bei der nächsten Frage unsicher. “Und … bei dir? Nach der Sache mit … Daichi?”
Miyukis Zähne bearbeiten ihre Unterlippe einen Moment, ehe sie ihren Kopf im Liegen schüttelt.
“Nein, niemand. Nach der Sache mit euch beiden und eben auch der Tatsache, dass ich einfach so mit Daichi geschlafen habe … ich wollte das nur mit demjenigen erleben, für den ich wirklich etwas empfinde und da gab es seitdem niemanden mehr. Bei Daichi habe ich mir das immer vorgeworfen.”
“Du …” Sugawaras Augen stehen weit oben. “Das … bedeutet das … Also … dass du für mich …”
Als er keinen richtigen Satz hervorbringt, muss Miyuki kichern. Sie stützt sich auf ihren Armen auf und bringt ihren Kopf zu seinem.
“Hmm, das bedeutet wohl, dass ich dich sehr mag.” Schnell haucht sie ihm einen Kuss auf die Lippen, ehe sie sich wieder fallen lässt und ihn belustigt betrachtet. Seine Wangen sind rot angelaufen und er blinzelt verwirrt, ehe er lächeln muss.
“Das ist gut.”
“Ist es das?”
“Natürlich, immerhin mag ich dich auch sehr.”
“Das finde ich gut.”
“Gut.”
“Ja, gut.”
Sie lächeln sich an, ehe Sugawara seine Hand von ihrem Rücken nimmt und sich durch die sowieso schon verwuschelten Haare fährt.
“Ich … muss ehrlich zu dir sein, Miyuki.”
Kurz runzelt sie ihre Stirn. Was will er damit sagen?
“Ich habe dich angelogen”, kommt nach einem kurzen Augenblick von ihm.
Unsicherheit nimmt Miyuki ein. Langsam dreht sie sich herum und setzt sich auf, wobei sie Sugawaras Bettdecke vor ihren nackten Oberkörper presst.
“Was?”, bringt sie hervor und hasst sich dafür, dass ihre Stimme so dünn und unsicher klingt.
Auch er setzt sich auf, wodurch die Decke auf seiner Seite auf seinen Schoß fällt. Er greift nach einer ihrer Hände, nimmt diese in seine und drückt sie sanft.
“Als wir uns hier wieder getroffen haben, da habe ich dir gesagt, dass ich über dich hinweg bin. Aber das stimmt nicht. Das war ich nicht, war ich noch nie. Ich habe zwar versucht, jemanden zu finden, der mir über dich hinweg hilft, aber Fehlanzeige, da gab es nie die richtige Person für. Egal was ich gemacht habe, da warst immer du vor meinem inneren Auge. Tanaka hat es mal so beschrieben, dass es war, als hätte ihn ein Blitz getroffen, als er Shimizu das erste Mal gesehen hat. Und so war es, als du damals in die Sporthalle gekommen bist, als du nach deinem Cousin sehen wolltest. Vielleicht nicht ganz so extrem wie bei Tanaka, aber du hast mir von Beginn an gefallen und ich habe mich in dich verliebt. Diese Gefühle für dich abzustellen war nicht möglich, auch wenn ich es nach deinem Korb gerne gemacht hätte.”
Ungläubig blinzelt Miyuki ihn an. Mit diesem Geständnis hat sie nicht gerechnet, überhaupt nicht! Ein Lächeln erscheint auf ihren Zügen.
“Dann will ich auch ehrlich zu dir sein”, sagt sie leise, was dafür sorgt, dass er sich anspannt. “Als ich damals zu euch in die Sporthalle gekommen bin und du das erste Mal mit mir gesprochen hast, dachte ich auch, der gefällt mir. Es war jetzt nicht die Liebe auf den ersten Blick, aber du hast mir gefallen. Und dann … ich habe die Zeit mit dir zusammen so sehr genossen, egal wie dämlich auch dein bester Freund war. Ich … ich weiß immer noch nicht, wie es dazu kommen konnte, dass ich mit Daichi geschlafen habe, aber”, ihre Wangen laufen rot an und sie blickt vor sich auf die Bettdecke, weicht Sugawaras Blick aus, ihre Stimme wird leiser, “ich habe dabei an dich gedacht.”
“Was?” Seine Stimme klingt ungläubig. “Du willst mir gerade allen ernstes sagen, dass du an mich gedacht hast, als du mit Daichi …”
Schnell presst sie ihre Augen zusammen, während sie nickt.
“Okay, wow. Also damit … damit habe ich nicht gerechnet. Ich glaube … gerade ist es das erste Mal, dass ich irgendwie damit klarkomme, dass du mit meinem besten Freund geschlafen hast …” Er blinzelt ungläubig, ehe er breit grinst. “Oh, das muss ich ihm aufs Brot schmieren und-”
Er wird unterbrochen, als Miyuki ihre Hand aus seiner zieht und diese im nächsten Augenblick auf seinen Mund presst.
“Du wirst ihm kein Wort davon sagen, klar? Ich habe damals auch ihn verletzt und egal wie glücklich er jetzt mit Michimiya ist, das wird ihm trotzdem einen Stich versetzen. Ich habe es dir gesagt, Suga, weil ich will, dass du es weißt. Ich will auch, dass du weißt, dass wenn ich mich damals für einen von euch hätte entscheiden müssen, ich dich gewählt hätte! Er weiß es bereits, trotzdem muss man ihm nicht noch einen Tritt hinterher geben.”
Auf diese Aussage starrt Sugawara die junge Frau vor sich mit großen Augen an und zieht ihre Hand von seinem Mund, ohne sie loszulassen.
“Du … hättest mich gewählt?”
Sie nickt, lächelt ein wenig. Auch er beginnt zu strahlen.
“Okay.”
“Okay? Das ist alles?”
Er zuckt mit seinen Schultern, kann sein Grinsen aber nicht unterdrücken.
“Ich habs ja schonmal gesagt, ich verstehe deine Entscheidung sowohl gegen mich als auch Daichi damals und denke auch, dass du das richtige gemacht hast. Jetzt zu hören, dass ich damals deine Wahl gewesen wäre, macht mich glücklich. Aber weißt du, was mich noch glücklicher macht?”
“Was?”
“Dass du jetzt hier bist. Bei mir, wir beide hier zusammen.” Sanft zieht er sie an sich, lässt sich mit ihr an seiner Brust wieder ins Bett sinken. “Ich will nirgends anders sein.” Kurz runzelt er seine Stirn. “Also nicht unbedingt im Bett. Nicht, dass ich nicht gerne hier mit dir bin. Ich meinte mit meiner Aussage dass du an meiner Seite bist.”
“Da bin ich auch gerne.” Miyuki lässt ihren Kopf an seine Schulter sinken, genießt das Gefühl in seinen Armen zu liegen.
“Weißt du, was noch besser wäre?”
“Was denn?”
“Irgendwie … ärgert es mich, dass du Daichi mit seinem Vornamen ansprichst, mich jedoch nicht. Du sagst immer nur Suga zu mir. Okay, das ist mein Spitzname, aber …”
“Dazu sollte ich deinen Vornamen wissen, oder?”, erklingt trocken.
“Was?” Sugawara hält inne und denkt fieberhaft nach. Hat er ihr diesen tatsächlich nie gesagt? Da ertönt ein Lachen und Miyuki richtet sich auf. Mit beiden Händen umfasst sie seine Wangen.
“Ich liebe dich, Koshi”, haucht sie ihm entgegen.
Er blinzelt, dann lächelt er sie strahlend an, zieht sie erneut an sich.
“Ich dich auch, Miyuki.”
“Gut.”
“Gut.”
Und dann treffen sich ihre Lippen erneut.
Epilog
“Jetzt hetz nicht so, Koshi!”, ruft Miyuki laut, während sie von ihrem Freund hinter diesem her gezogen wird.
“Wir müssen uns beeilen, wir sind schon zu spät dran!”, antwortet er, wird jedoch ein wenig langsamer.
“Selbst wenn wir den ersten Aufschlag verpassen, dann sehen wir immer noch den Rest des Spiels! Und ansonsten können wir sicher später eine Aufzeichnung ansehen, immerhin wird es übertragen.”
Ungläubig bleibt Sugawara auf diese Aussage stehen und starrt seine Freundin an.
“Den Aufschlag verpassen? Hast du sie noch alle? Der ist genauso wichtig wie der Rest des Spiels! Es handelt sich um ein Spiel der Nationalmannschaft, in der unsere Freunde spielen! Wir müssen alles davon sehen, klar?”
Ein Lachen entkommt Miyuki. So lange sind sie und er nun schon zusammen und immer noch weiß sie, wie sie ihn ärgern kann. Unter anderem eben damit, dass ihr Volleyball bis heute nicht im entferntesten so wichtig ist wie ihm.
“Na dann los. Da ist das Haus schon.”
Nun ist sie es, die ihn mit sich zieht. Sie drückt auf die Klingel unter dem Namensschild Tanaka und hebt anschließend ihren Kopf zu dem neben ihr Stehenden, der immer noch fassungslos seinen Kopf schüttelt. Gleich darauf dreht er diesen, sieht sie an. Nachdenklich runzelt er seine Stirn, dann zuckt er mit den Schultern.
“Ach, vergiss den Aufschlag, es gibt wichtigeres”, murmelt er, zieht sie kurzerhand in seine Arme und im nächsten Augenblick liegen seine Lippen auf ihren. Und während im Hintergrund Tanakas Stimme aus der Sprechanlage schnarrt, gibt es für Miyuki und Sugawara nur sie beide. Es hat zwar einen Umweg gebraucht, bis sie endlich zusammen gekommen sind, doch schlussendlich war alles genau so richtig. Wichtig ist nur, dass sie beide zusammengehören und das tun sie.
~🏐~Ende~🏐~